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-The Project Gutenberg eBook, Novellen, by Melchior Meyr
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Novellen
- Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn
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-
-Author: Melchior Meyr
-
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-
-Release Date: May 1, 2017 [eBook #54640]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-Internet Archive (https://archive.org)
-
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-
-Note: Images of the original pages are available through
- Internet Archive. See
- https://archive.org/details/novellen00meyruoft
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert.
-
- Text, der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua
- gesetzt war, wurde mit _ markiert.
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-
-NOVELLEN
-
-von
-
-MELCHIOR MEYR.
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-
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-Stuttgart.
-Cotta'scher Verlag.
-1863.
-
-Buchdruckerei der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
-in Stuttgart und Augsburg.
-
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-
- Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Die zweite Liebhaberin 1
-
- Verlust und Gewinn 319
-
-
-
-
- Die zweite Liebhaberin.
-
-
- I.
-
-An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof
-der Residenz, um unter dem prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt
-zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom
-wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von
-Bekannten und Verwandten begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo man
-das »Passagiergut« zurück erhielt.
-
-Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefähr
-achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft
-gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas größer als
-gewöhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein
-hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht
-um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen durften, den Hinterhals
-beschatteten. In anständig modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte
-man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng
-weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu
-wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fuß nachzugehen.
-
-Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige
-Abend hatte eine ungewöhnliche Zahl Spaziergänger auf die Straße
-und auf den schönen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling
-schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was
-sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die
-neuen Häuser der Vorstadt und die zierlichen Gärtchen, die davor oder
-dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die
-einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend bemerklich machten. Er
-faßte mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmädchen in's
-Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die
-feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa
-nachlässig hingegossen saß; den Proletarier, der mit freiem Hals und
-nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den
-Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein Racepferd durch
-die Straße lenkte. Ja, wenn er hie und da zurückschaute, warf er auch
-in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der
-allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half,
-einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen Weg fortzusetzen.
-
-Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen setzt eine wohlwollende
-Seele und gleicherweise ein begnügtes, zuversichtliches Herz voraus.
-In der That hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem
-hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der gutmüthigen
-Freude, die es zunächst verschönte, sah auch ein tiefes Selbstgefühl
-aus ihm, und zuweilen ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er
-lächelnd auf die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer »Masse«
-zusammengeflossen waren.
-
-Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, und der Leser
-wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren. In der Reisetasche des jungen
-Mannes befand sich nicht nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit
-einen Winter anständig zu leben war, sondern neben andern unschätzbaren
-Papieren auch das stattliche Manuscript eines Trauerspiels, das in
-seiner Heimath die günstigsten Urtheile erfahren hatte und das er nun
-auf der Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal den
-gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik angereiht zu sehen.
-Die Wirkung, die er beim Vorlesen des Stückes erzielt hatte, war so
-entschieden, die Lobsprüche, die er von Männern und Frauen erhalten,
-waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden Effekt
-auf dem Theater mit vollkommener Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte.
-Manchmal, wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés gelehnt,
-über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn allerdings auch wohl
-Zweifel angewandelt und sein Herz in eine nicht unbedeutende Gährung
-versetzt; allein das Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das
-Spiel ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und wie er
-nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz herfuhr, die ihm durch das
-Seitenfenster in all ihrer Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das
-reinste Vertrauen in seiner Seele Platz.
-
-Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger hingleiten
-ließ, schien er nun zu denken: »Ihr laßt mich jetzt unbeachtet
-vorübergehen, ihr guten Leute; ich bin euch nichts -- ein junger
-Mensch wie jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, wenn ich
-unter allgemeinem Applaus und Zurufen meines Namens auf die Bühne
-trete und euch für den Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt
-meiner Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht haben für
-euch und den Weg des literarischen Ruhmes fortsetzen können unter den
-herzerfreuenden, ermuthigenden Zeichen der Achtung meiner Nation.«
-
-Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so gewannen seine
-Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck, der ihnen entsprach. Er
-strahlte in einer Mischung von Zuversicht und Selbstgefühl, die
-von Selbstgefälligkeit nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit
-einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann das Gesicht einen
-ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah aus wie einer, der sich freut
-um der Freude willen, die er geliebten Andern zu bereiten hofft.
-
-In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen fort.
-Der Anblick, der sich ihm bot, war ihm nicht ganz neu, denn er hatte
-vor einem Jahrzehnt schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber
-wegen verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der Neuheit
-auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so begreift man den Sinn für
-charakteristische Gegenstände, die er in seiner Auffassung gleich
-idealisirte und dichterisch empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der
-Gedanke leitete, das so Geschaute als Zierde in einem seiner Werke
-verwenden zu können. Aus diesem Grund -- um die Physiognomie der
-Residenz rein in sich aufzunehmen -- hatte er den Weg vom Bahnhof eben
-zu Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit waren ihm jetzt
-nicht nur werthvoll an sich, er nahm sie auch behaglich als günstige
-Vorbedeutung. Auf einmal blieb er stehen und besann sich. Die Lage
-des ihm empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben
-lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er dahin gelangen könne. Eben
-kamen indeß zwei Damen gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu
-fragen.
-
-Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und die
-Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er Mutter und Tochter
-vor sich habe. Sie waren es in der That und auch abgesehen von
-seinem Anliegen gar sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen
-bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich abgemagert; sie
-machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens und ihr braunes Aug
-zeigte anmuthig heitern Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das
-Antlitz der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein wenig
-in's Bräunliche spielte und auf den Wangen nur von sehr zartem Roth
-überflogen war. Aus ihrem gleichfalls braunen Auge leuchtete noch
-mehr und schöneres Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war
-eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit und
-Schalkheit.
-
-Während unser junger Mann die Aeltere fragte, den Weg sich bezeichnen
-ließ, wieder fragte, um eine nähere Explikation zu erlangen, sah ihn
-die Tochter mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein
-schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth den Mann der
-Provinz, der seine gesellige Bildung in einer mittleren Handelsstadt
-und zwei kleinen Universitätsstädten erlangt hatte, nicht nur durch den
-Dialekt, der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, sondern
-er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen Verlegenheit, in der
-sein gutmüthiges Wesen so ziemlich den Charakter der Unbeholfenheit
-annahm. Gewandt und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten
-oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte er die schöne
-Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich im geselligen Verkehr eine
-bestimmte Haltung zur Pflicht machen sollte; und das war ihm jetzt
-sichtlich begegnet. Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das
-ergötzlich vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht der Mutter hing
-und auf sie selber auch nicht einen Blick zu werfen sich getraute. Dieß
-verrieth ihr den Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der
-junge Mann begann sie zu interessiren.
-
-Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten Theilnahmlosigkeit
-verharrend sich empfehlen werde, that sie ihm doch Unrecht. Sobald
-er hinlänglich unterrichtet war, sah er nach warm accentuirtem Danke
-rasch auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, und
-da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte, so erröthete
-sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich wieder und dankte auf
-die Abschiedsverbeugung mit einer Freundlichkeit, die eben so viel
-Theilnahme wie Herablassung verrieth.
-
-Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren gerettet, wenn auch
-die Tournüre noch vieles zu wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens
-gewußt, wie reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem
-noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. Unser Poet wurde
-durch Gestalt und Miene -- trotz einer entfernten Ahnung der Bedeutung
-ihres Lächelns -- so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht
-ein tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges Bild von
-innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte weibliche Liebenswürdigkeit
-nur mehr einen leichten, flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in
-seinem Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung eines
-Liebenden und Dichters empor sah und der allein zu huldigen das Glück
-und der Stolz seines Lebens war.
-
-Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im dritten Stock und auf den
-Hof, was ihm gerade recht war. Er hätte allenfalls noch in's Theater
-gehen können; aber man gab eine Oper von einem Meister zweiten Rangs,
-die ihn nicht reizen konnte, und er wußte sich zu Hause schöner zu
-unterhalten. Nachdem er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte
-er sich auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche
-und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor, sondern auch eine
-Anzahl Briefe, mit denen eine noch nicht ganz getrocknete, halb offene
-Rose herausfiel. Sein blaues Auge leuchtete, als er diese theuren
-Gegenstände erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und drückte
-sie an seine Lippen. Dann nahm er einen Brief, las, lächelte und las
-weiter, bis sein Gesicht in einem innig glücklichen Schein erglänzte.
-
-Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit einer nur wenig
-gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender Stirn und stark ausgeprägtem
-Vorderkopf ähnelte er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister
-selbst gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere,
-weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und Gutmüthigkeit, die
-den Grundton bildete, gesellte sich ein modern schwärmerisches Gefühl,
-worin er zwar die ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer
-Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten und
-Aussichten hing.
-
-Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, in Ihren Briefen lesend,
-nur Sie vor Augen hatte und nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter
-Autor vor ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen
-zu können? War er doch mit ihr so gut wie verlobt und bedurfte es zu
-seinem höchsten Glück nichts als des Beweises, daß er der Mann war,
-sie als glückliche, gefeierte, beneidenswerthe Frau durch's Leben zu
-führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er hoffte sich zu
-legitimiren als Dramatiker, als produktiver Geist, dem auch bei den
-dermaligen Verhältnissen im deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt
-genügend, wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein
-verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde versagen wollen,
-um wie viel weniger mehrjährig befreundete Verwandte die geliebte und
-liebende Tochter. Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser
-Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß, über das der
-Leser ohne Zweifel näher unterrichtet zu werden wünscht.
-
-Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, dem nach mühseligem
-Ringen und Streben nicht nur die Stelle eines Oberlehrers in einem
-Städtchen, sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft
-zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens nachkommen und
-den einzigen begabten Sohn studiren lassen konnte. Die Preise, die
-derselbe auf dem Gymnasium davon trug, erfreuten ihn außerordentlich;
-er schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der Studiosus im
-dritten Semester erklärte, die begonnene Theologie unmöglich absolviren
-zu können, sondern sein Leben und seine Geisteskraft der Literatur
--- der Dichtkunst widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen
-eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in unbedingtem
-Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge von Gegengründen zu Gebote,
-und als zu diesen noch Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen,
-als der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob,
-dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung bringen würde, da gab der
-gute Vater nach und versöhnte sich, dem Talente des Einzigen selber
-vertrauend, endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen
-Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls gesunkene Hoffnung
-neu wieder anfachten.
-
-Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht von diesem schlichten
-Manne, sondern von der Mutter, der er auch viel ähnlicher sah und
-die ihn mit ihrer zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer
-Beistimmung gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, sondern
-auch immer wohl unterstützt fortsetzen, indem sie bei den ehelichen
-Berathungen über den »Wechsel« immer einer verhältnißmäßigen Zulage
-das Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften, die ihn
-reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien, die er zum Theil
-ausführte, und imponirte zuletzt auch dem Vater noch ganz ernstlich,
-indem er nach dem fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors
-der Philosophie heimkehrte.
-
-Schon als Gymnasiast und angehender Student pflegte er in den Ferien
-einen Verwandten zu besuchen -- Geschwisterkind seiner Mutter -- der
-in einer nahe gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte
-Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen hübschen Vetter
-um so lieber auf, als das poetische Gemüth sich für die erwiesenen
-Freundlichkeiten immer sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur
-Unterhaltung beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien
-regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam, so erwartete man ihn
-um so bestimmter im folgenden Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung
-des gastfreien Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging;
-denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre weniger zählte
-als er, zu einer so auffallenden Schönheit herangeblüht, daß sie beim
-ersten Wiedersehen sein Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos
-seines Lebens für entschieden halten mußte.
-
-Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die Gestalt in allen
-Verhältnissen untadelig, das Gesicht regelmäßig schön und die Wangen
-sanft geröthet; Augen wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und Arme
-nicht von jener gerühmten »blendenden Weiße,« sondern wie von einem
-ätherischen Goldton angehaucht, der ihnen eine holde Wärme gab und
-ihren Verehrern über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge
-konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem Wesen lag etwas
-natürlich Selbstbewußtes, Sicheres und zum Herrschen Geneigtes; und da
-sie bald im Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte sie sich
-etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten entgegennehmen,
-als ob sie sich von selber verständen. Vor dem Mißbrauch der so
-rasch erlangten Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn
-und klarer Blick in's Leben, ein durch ihr Temperament begünstigter
-Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer auch bedachte, was die andern
-wünschen mochten. Wenn ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende
-als dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch so freundlich
-aus, daß man ihr immer gern nachkam; und wenn sie von ihren Verehrern,
-alten und jungen, sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte
-sie die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich jeder
-belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet fühlte.
-
-Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast im Hause war und
-sie mit Interesse beobachtet hatte, sagte dem Vater, als er von ihm
-Abschied nahm: »Zu deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist
-nicht nur sehr schön -- und, nebenbei gesagt, von einer dauerhaften
-Schönheit -- sondern eines der verständigsten Mädchen, die mir
-vorgekommen sind. Die laß nur immer gehen, und wenn's zum Heirathen
-kommt, selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die beste
-Wahl, für sich und für dich.«
-
-Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von ihrer ersten
-Bekanntschaft an geduzt und außerdem herablassend mit ihr gespielt, wie
-sich dieß bei einem um so viel älteren Jüngling von selber versteht.
-Noch beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen, obwohl er für
-den Reiz der werdenden Schönheit nicht ganz unempfindlich war, blieb
-er ruhig und fühlte sich selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie
-er sie aber nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher
-Schönheit wieder sah, da war's um ihn geschehen. Er erschrack förmlich,
-als sie ihm den Willkomm bot; der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn
-etwas so Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit der
-Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken verwirrten sich, und erst
-nach einigen ungeschickten Versicherungen, die auf den Gesichtern der
-Anwesenden ein Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung
-stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.
-
-Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem Einen Ziel ein
-zweites, das er mit jenem zusammen erreichen mußte. In dem Verkehr mit
-ihr, der sich weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es
-ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden sollte, daß er nur
-im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen könnte, nach dem seine Hand
-sich streckte. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er
-nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar auszeichnete, so
-glaubte er ihr doch mehr als irgend ein anderer zu seyn und die völlige
-Gewinnung ihrer Liebe hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie
-verdienen auf seine Weise. War doch auch das jetzige Glück in ihrem
-Umgang schon unendlich; gingen doch die süßesten Gefühle durch sein
-Herz und gaben seinen poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber
-entzückte. Er fühlte sich wie in einem Garten voll der mannigfaltigsten
-Blumen, die ihn in frischester Blüthe magisch anleuchteten und deren
-Wohlgerüche stromgleich in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens,
-der Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen Gehalt
-nicht sogleich in die rechte Form bringen zu können, er hätte sich
-damit gewiß den ersten Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was
-jetzt nicht möglich war, das geschah später -- und am Ende noch besser
-als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne sich hingeben, die
-Zauberbilder des Liebelebens in sich aufnehmen, um sie später in reinen
-Kunstwerken zu unwiderstehlicher Wirkung vorzuführen.
-
-Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller Vorzüge, welche die
-Geliebte zierten, sich bewußt zu werden und sie in Versen und Prosa
-für sich wiederzugeben. Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder
-zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte in ihrer
-Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem gesteigerten Zauber besonders
-holder Momente wieder und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an
-ihr poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung
-entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens erschien ihm edel im
-schönsten Sinne des Worts, das höhere Bewußtseyn, das nicht selten
-aus ihren Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch
-ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der sichere Takt und der
-Verstand, den sie im Gespräch mit ihm zeigte, verrieth ihm einen
-geradezu genialen Geist. Sie herrschte in ihrem Hause -- das gebührte
-ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als Fürstin ein Volk zu
-regieren; und wenn ihr dieses Loos nicht zufallen konnte, so war es
-am Ende auch schön, als Gattin eines Dichters durch's Leben zu gehen
-und als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation gefeiert zu
-werden.
-
-Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten Sinne, konnte das
-eine Frage seyn? Wenn er bisher keine Gewißheit hatte, jetzt war
-sie gegeben: mit dem glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen,
-hochstrebenden Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie
-gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf die höchsten
-Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften des Weibes
-anschaute und die ihm zugleich die ausdauerndste Anstrengung, den
-reinsten Kunstfleiß zur frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon
-=sie= erquicken sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung,
-seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und das Ziel
-seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. Alles stimmte zusammen.
-Zu der Leidenschaft und dem glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die
-lieblichsten Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen ihm
-und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm wieder einmal ein Poet
-ausreifen, der, in eigenster Seele glücklich, auch die andern beglückte
-und den himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen ergoß.
-
-Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter, indem die beiden Herzen
-vertrauter und in Momenten schöner Erregung die liebenden Blicke des
-Dichters gar warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen
-Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch nicht. Der Grund lag
-in der Zurückhaltung Auguste's, die in ihrer Freundlichkeit, auch bei
-lebhafterer Wallung des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und
-auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu halten oder doch
-wieder in sie zurückzuführen wußte. Außerdem war Heinrich so glücklich,
-sie immer wieder sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit
-der Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre es auch eine
-glückerhöhende gewesen, kaum wünschte. Was er hatte, war so hold, so
-voller Duft und Poesie! Und das Andere mußte ja kommen -- in schönster
-Weise kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine bloße
-Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war!
-
-Die Liebe macht jedes Wesen klug und -- nach Möglichkeit -- praktisch,
-sogar den poetischen Idealisten. Heinrich sah wohl, daß die Verwandten
-ihre Tochter nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und wenn er
-sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen und eigener Arbeiten
-angenehm und interessant machte; wenn er bei Gelegenheit ein wirksames,
-die betreffenden Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn
-er hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in Journale zu
-liefern begann, so versäumte er nicht, bei natürlichen Anlässen die
-Vortheile jetzt lebender Schriftsteller vor ihren ehemaligen Genossen
-in's Licht zu setzen und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn
-er thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen zu
-beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut besoldeten Staatsdieners
-gleich komme, ganz abgesehen von den möglichen Erfolgen als Lyriker
-und Erzähler, und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den
-deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche Ehrensolde zu
-erlangen vermöge.
-
-Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen, so rechnete er genau
-vor, was man durch Lieferung so und so vieler Bogen in politische und
-literarische Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen,
-die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen und Honorar ein
-Stück abwerfe, das den Siegeszug über die Bühnen Deutschlands mache
--- der wackere Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und
-Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst mäßigen Gebrauch
-machte und es für ehrenvoller und natürlicher hielt, seine Bezüge
-fortgehenden Anstrengungen des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte
-die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen Sinn des
-Poeten einen vortheilhaften Begriff und sprach einmal seine ernstliche
-Freude darüber aus, daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter
-wie solide Menschen zu leben vermöchten. »Freilich,« setzte er lächelnd
-hinzu, »müssen ihre Gedanken auch durchgehen!« Der Jüngling, in seiner
-vollkommenen Sicherheit, stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der
-Alte freundlich hinzufügte: »Nun, bei dir hoffen wir das Beste, nach
-den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen hast....«
-
-Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden, in
-Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten Mannes diente
-dem jungen Mann nachhaltig. Seine dichterischen Arbeiten wurden mit
-größerem Antheil gehört, und als er am Geburtstag der Mutter ein
-kleines Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle gab
-und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen rührenden Eindruck machte,
-gratulirte man ihm auf's wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die
-Eltern glaubten auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen
-setzen zu können und sagten sich, daß er am Ende doch der Mann wäre,
-ihre Tochter glücklich zu machen. Unser Musensohn durfte unter den
-Verehrern der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich
-machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich auch angenommen, daß
-er der Bevorzugte, der Erwählte sey, und daß man eines schönen Morgens
-die Verlobungsanzeige lesen könnte.
-
-Während einer längeren Abwesenheit nach jenem poetischen Sieg drohte
-seinen Hoffnungen indeß einen Moment große Gefahr. Ein Anbeter
-Auguste's bewarb sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der eine
-bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren stand und sich
-einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die Eltern, geschmeichelt, wußten
-die Ehre sehr zu schätzen, gaben aber die Entscheidung der Tochter
-anheim; diese, in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen
-Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das Ereigniß von einem
-Bekannten gemeldet wurde. Nun hatte er den vollen Beweis, daß ihr
-Herz ihm gehörte, auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht
-länger säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen, um die
-Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen.
-
-Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen, die ihn bald
-vor allen andern Arbeiten anzog, und wenn er sich an sie hingab, ihn
-anmuthete wie eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der
-Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer fürstlichen
-Familie gegeben, die wirksamsten Momente hatte er aber selber erfunden,
-indem er die Hauptpersonen zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und
-den Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act schien ihm
-Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf die Zuschauer ergreifende,
-erschütternde Eindrücke hervorbringen mußten. Es gibt eine Poesie der
-Situation und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und diese
-Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, daß er über
-die gleichmäßige Hinausführung des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn
-brauchte. Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den Entwurf
-und das richtige, farbensatte Treffen des Anfangs an; dieser führt
-dann zum entsprechenden Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem
-das Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken in das
-Gemälde kommt, von dem überwiegend Großen und Mächtigen immer selbst
-wieder ausgestoßen wird.
-
-Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn ein wundersames,
-reiches, romantisch holdes und großes Bild vor ihr steht und sie
-dasselbe Zug für Zug, ja noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es
-anschaut, auf's Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse dem
-liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das Herz an Alles, was
-erhaben, schaurig und süß in der Welt ist, dabei erinnert wird! In den
-beglücktesten Momenten ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt,
-etwas Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben. Und wenn
-das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten Schauspielern
-dargestellt, auf die Herzen der Zuschauer eindringt? -- Der Sieg ist
-unvermeidlich und die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln!
-
-Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung brachte Heinrich das
-Stück zu Ende. Er ging es kritisch genau durch und opferte manchen
-Vers, der ihm an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend
-erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte, welchen Effekt die
-wesentlichsten Scenen auf der Bühne zu machen im Stande wären. Durch
-Erfahrung belehrt, wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte
-er das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien Freunden mit
-und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden Aenderungen und
-Streichungen bestimmen. Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn
-und wollte das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es im
-Hause der Geliebten vorlas.
-
-An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten Versammlung, die
-den runden Theetisch im Gartenhaus umsaß, machte er den Versuch, der
-über Erwarten gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen
-glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die Verse weckten den
-Muth des Autors, und bald las er mit einer Wärme, die sich nach und
-nach zur Begeisterung steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen
-Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, zermalmenden
-Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig und schweigsam, dann erfreut,
-gerührt und nach den effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht
-karg, waren am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten Acten
-nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, gehobene,
-glückliche Gesichter. Am glücklichsten war freilich der Autor. Er
-empfing -- wie das nach einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt
--- von allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr besagten,
-als es die Anerkennenden am andern Tage gutgeheißen hätten; sein
-Antlitz, mitten im Fluß bescheidener Ablehnungen, strahlte in beinahe
-mädchenhafter Wonne; und als er endlich einen Moment allein gelassen
-wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten auch abgehen
-möchte, ein würdiger Erfolg seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl
-ganz gesichert. »Ein würdiger Erfolg?« rief eine Stimme aus den
-Tiefen seiner Seele. »Das ist nicht genug! Ein durchschlagender, ein
-hinreißender muß es seyn!«
-
-Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern und Geliebte mit
-vertrauensvolleren Blicken an. Man gratulirte nochmals, der Vater
-namentlich mit bedeutungsvoller Miene, und endlich wünschte man sich
-mit einer so ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon
-Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre.
-
-Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um durch Schilderung
-seines Triumphs die Mutter zu entzücken, den Vater im Glauben zu
-stärken und ihn zu einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft
-letzten Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem Lächeln,
-aber auch wieder mit bedenklicher Miene, sorgte für das bereits
-erwähnte Päckchen Papiergeld, das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg
-an entscheidender Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen. Mit
-dem elterlichen Segen ging dieser wieder zum Vetter zurück, um allerlei
-Einkäufe zu machen, ein paar Tage in der Familie zu verleben und dann
-auf Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.
-
-Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen mit heiterer
-Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, der dem Dichter ganz
-besonders wohlthat. Am Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und
-eilte, sie aufzusuchen.
-
-Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten begann er mit einem
-gewissen Lächeln: »Morgen also, liebe Auguste, geht's fort -- in's
-Feld.« -- »Ich wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,« erwiederte sie
-mit ernster Empfindung; »von ganzem Herzen.« -- »Es gehört viel Muth
-zu dem Unternehmen,« fuhr der junge Mann fort, indem er sie bedeutsam
-ansah; »denn für mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!«
-
-Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: »Mögest du gewinnen --
-Alles gewinnen -- das ist mein Wunsch und meine Hoffnung!« -- Sie
-schaute auf, ihm in's Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten
-Theilnahme -- der Liebe, der ihn traf und entzückte.
-
-Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend mit
-überwallender Herzlichkeit: »Ich danke dir, Auguste -- und gehe
-getrost. Es muß mir ja gelingen -- wenn nicht um meinetwillen, so doch
-um deinetwillen, da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen. Wenn
-nur,« setzte er mit einem eigenen Ausdruck von Sorge und Hoffnung
-hinzu, »die Prinzessin gut gespielt wird!«
-
-Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu dieser Figur sie
-gesessen und der Dichter alles aufgeboten hatte, sie darin zu
-verherrlichen. »Wie mir der Doktor sagte,« bemerkte sie, »haben sie in
-der Residenz gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!« --
-»In Gottes Namen,« versetzte der Autor. »Mir,« fügte er halb lächelnd
-hinzu, »wird sie freilich nicht ganz genügen können, wie gut sie's
-auch machen mag, aber dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum
-ergreift und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden. Nun, und wenn
-ich dann wiederkehre -- mit dem Lorbeer wiederkehre --?«
-
-Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine eben aufbrechende Rose
-zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe bot, sagte sie, mit einem leisen
-Hauch von Verlegenheit, gütig: »Zum Andenken -- an unsern Garten, wo
-wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie dir Glück -- alles Glück
-bedeuten!«
-
-Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende, und wäre dieser gern
-um den Hals gefallen, wenn es auf dem häuser- und fensterumgebenen
-Platz nur irgend hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre
-Hand, preßte sie zärtlich und rief: »Dieser Rose wird der Kranz
-folgen, nach dem ich trachtete von Jugend auf; und dann, dann hoff'
-ich auf deinem Haupt einen noch schöneren zu sehen --« -- Das Mädchen,
-unwillkürlich, erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer und sah
-den schönen und liebenden Dichter mit dem reinsten Wohlwollen an. -- --
-
-Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den ersten Abend in der
-Residenz ganz dem Cultus der Geliebten widmete? Er hatte ihr lange
-gedient, und ihr eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn
-in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte machen lassen;
-aber endlich hatte er das geliebte Herz gewonnen -- gewonnen für Zeit
-und Ewigkeit.
-
-Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus verschiedenen Jahren.
-Er hatte den ersten, den ihm die noch nicht erwachsene Cousine
-schrieb, glücklicherweise nicht verloren und besaß also jede Zeile,
-die sie, anfragend oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch
-diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine gewisse ruhige
-Zurückhaltung; in denen aus der letzten Zeit herrschte aber ein
-wärmerer Ton, und wenn die freundlichsten Stellen an hingebender
-Empfindung auch nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen,
-so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung auf ihn.
-Im übrigen war ihm alles köstlich, was er las; alles war bezeichnend
-für sie und rief ihm ihr himmlisches Bild vor die Seele.
-
-Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, indem er das
-schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht ersetzte. Ein Ausspruch, auf
-den er traf, erinnerte ihn an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug
-sie auf und las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder konnte er
-nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. -- Endlich legte
-er das Manuscript weg. Es waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht
-entgehen lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: »Gedanken
-und Entwürfe,« schrieb, sann weiter nach, schrieb wieder, und blickte
-zuletzt mit eben so innig vergnügten als selbstzufriedenen Mienen in
-dem kerzenhellen Zimmer umher.
-
-Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte eine Art
-Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr spielend und sich gelegentlich
-selbst darüber belustigend, ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle
-Einwirkung auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon wurde er sich
-mit angenehmer Empfindung seines Namens »Born« bewußt, da er ihm in
-seiner Kunst eine unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien;
-und auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer, unter andern der
-größte deutsche Kaiser getragen, war er sehr zufrieden. Denn im Grunde,
-sollte im _nomen_ nicht dennoch ein _omen_ gegeben seyn können? Daß
-jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, in der That etwas
-bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; aber das war auch noch
-nicht erwiesen, daß hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht
-gefallen sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen
-durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf ernstere Ereignisse
-vorzubereiten und zum Abwarten zu ermuthigen -- wer weiß es?
-
-Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund unwillkürlich seinen
-Eintritt in die Residenz, den heitern Abend und die in ihm angeregten
-frohen Gefühle; die interessante und anziehende Begegnung der beiden
-Damen; das traute Zimmer im Gasthof und die seligen Eindrücke, welche
-Geschenk und Briefe der Geliebten auf ihn gemacht; die Tragödie, die
-ihm unwiderstehlich wieder imponirte, und endlich die Fülle neuer,
-schöner Ideen. Aber noch blieb etwas übrig.
-
-Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei sich führte, suchte
-den Namen des heutigen Tages, und las auf der katholischen Seite
-»Justinian,« auf der protestantischen, zu seinem großen Vergnügen,
-»Herkules.« Herkules! welch glorioser Patron! Und noch dazu bei
-wachsendem Mond! -- Der folgende Tag war bezeichnet durch »Magnus,« der
-dritte durch »Regina;« bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die
-große Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht wünschen
-können.
-
-Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd, erhob er sich,
-um in's Speisezimmer hinunterzugehen; denn bei der idealistischen
-Beschäftigung hatten sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar
-eingestellt. Er vollendete nun die guten Auspicien, indem er eine
-bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche vom Besten ausstach,
-wobei er das erste Glas für sich auf das Wohl der Geliebten leerte,
-und endlich zu Bette gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.
-
-
- II.
-
-Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefühl, als wenn ein
-phantasiebegabter Mensch nach gesundem Schlaf in einem Zimmer erwacht,
-das dem überraschten Auge fremd erscheint und auf das er sich erst
-wieder besinnen muß. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so wirkt der
-Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer Dämmer webt vor seinen
-Blicken. Das ist recht die Zeit der wachen Träume, der beglückenden
-Vorstellungen, die dem hoffenden Gemüth in der wachsenden Morgenhelle
-wundersam, ungleich muthiger und frischer gelingen, als Abends zuvor.
-
-Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der Tag ließ sich
-so heiter an wie der gestrige. Ein goldener Reflex der Wetterfahne,
-die er von seinem Bett aus erblickte, verkündigte dem Liegenden die
-aufgegangene Sonne, und nun ließ es ihn doch nicht länger ruhen.
-Denn nicht zum Phantasiren und Träumen, sondern vielmehr zum klaren
-Ueberlegen und Handeln war er in die Residenz gekommen.
-
-Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das Frühstück. Im
-Sopha zurückgelehnt überdachte er die Aufgaben des Tages. Er hatte
-ein Empfehlungsschreiben von einem Universitätsfreund an einen
-Schriftsteller, ein zweites von einem älteren Schauspieler, den er
-in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge Kunstgenossin,
-Mitglied der hiesigen Hofbühne, und eine Karte von einem Schulrektor
-der Handelsstadt an einen Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten.
-Sein Beschluß war, die Gänge gleich den Vormittag zu machen. Er wollte
-zuerst den Schriftsteller, dann den Professor und zu guter Letzt die
-Künstlerin aufsuchen.
-
-Nach gemüthlichem Schlendern und Betrachten der Hauptstraßen und
-Plätze, wobei er sich am längsten vor dem Kunsttempel aufhielt, in
-dessen Innern die für ihn so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab
-er sich in die Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fächern
-der Erzählung und der Kritik bekannt gemacht hatte.
-
-Er fand einen untersetzten, wohlgenährten, ruhig blickenden Mann von
-mittlerem Alter. Betroffen sah er ihn an; denn nach dem Feuer und
-der blühenden Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz
-anders vorgestellt. _Dr._ Willmann -- so hieß der Schriftsteller --
-nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf auf den Empfohlenen einen
-prüfenden Blick und sagte dann: »Sie sind, wie ich aus dem Brief
-abnehme, Literat?« -- Man kennt den Begriff, den Heinrich von sich
-selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der Wirksamkeit eines Dichters
-im hohen Styl, konnte sich eine ehrenvollere und segensreichere nicht
-denken, und wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber für
-die Männer der Feder die Bezeichnung »Literat« im Gebrauch, allgemein
-genug, um die besten und die schlechtesten in sich zu begreifen,
-und darum den Behörden und dem Publikum sehr handlich, dagegen für
-den Ehrgeizigen und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner
-Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr übel anzuhören. An sich ein
-Ehrentitel, hatte der Name durch allzuweite Ausdehnung auf Solche, die
-sich mit _literis_ fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten,
-eine Zweideutigkeit erlangt, daß er auf gewisse Nerven geradezu
-peinlich wirkte; und zu diesen gehörten die Heinrichs. Das konnte
-jetzt freilich nichts helfen; nach einer augenblicklichen unangenehmen
-Empfindung und momentanem Zucken fühlte er, daß er in den sauern Apfel
-beißen müsse, und sagte dann, ohne indeß ein gewisses vornehmes Lächeln
-unterdrücken zu können: »Wenn Sie wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens
-ist aber die Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prädikat eines
-=Dichters= verdienen zu können!«
-
-Der Erfahrene lächelte. »Um so besser,« erwiederte er. »Sie haben bis
-jetzt noch nichts Größeres veröffentlicht?« -- »Noch nicht. Allein ich
-will hier --« -- »Ein Stück aufführen lassen -- das steht im Brief. Ist
-es ein Schauspiel? -- ein Lustspiel?«
-
-Heinrich schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: »Bah!« -- »Eine
-historisch-romantische Tragödie« erwiederte er. -- »Ah!« rief der
-Andere; und heiter setzte er hinzu: »In Versen?« -- »Das meiste:
-einzelne Scenen in Prosa.« -- »Wo Volk spricht -- shakespearisch! --
-Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.«
-
-Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten auf dessen
-Befragen Gegenstand und Verlauf des Stücks im Allgemeinen mit. Willmann
-horchte -- bald mit Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen
-des Poeten, wie er dieß und jenes ausgeführt zu haben glaube, ein
-Schein von ironischer Beistimmung in dem runden Gesicht aufging, so
-verfehlte doch die ehrlich überzeugte, nach und nach begeisterte Art
-der Darstellung nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er
-fühlte, daß der junge Mann Talent habe -- guten Willen obendrein -- und
-im Grund verdiene, damit auf den rechten Weg gewiesen zu werden.
-
-»Sehr interessant!« rief er, nachdem Heinrich das Referat geschlossen;
-»und wenn das Alles gut und schön motivirt ist -- darauf kommt freilich
-Alles an -- dann kann's auf der Bühne schon eine Wirkung machen.
-Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind eigentlich nicht
-mehr zeitgemäß. Man will heutzutag erheitert, unterhalten seyn und
-wohlthuende Eindrücke empfangen, und man liebt daher vor allem den
-sogenannten guten Ausgang.« -- »Mag seyn,« versetzte der Poet nach
-einem unwillkürlichen Mundverziehen. »Aber zur Abwechslung wird doch
-wohl auch eine Tragödie, wenn sie wirklich poetisch ist --« -- »Ihr
-Publikum finden?« ergänzte der Andere; »allerdings; aber ein kleines
-und minder treues,« fügte er lächelnd hinzu. »Sicherer werden Sie immer
-gehen, wenn Sie das Lustspiel und Schauspiel cultiviren und darin
-hauptsächlich moderne Gegenstände behandeln.«
-
-»Am sichersten,« versetzte Heinrich mit selbstgewissem Lächeln, »geht
-der Dichter, wenn er seinem Genius folgt. Das hab' ich bei diesem
-Stücke gethan, und ich hoffe, es wird sich rechtfertigen.« -- »_A la
-bonne heure_,« erwiederte der Doctor erheitert. »Wenn das ist, dann
-haben Sie freilich gewonnen und können Ihren Weg gehen nach Belieben.
-Der Erfolg entscheidet. Indessen,« fuhr er nach momentanem Schweigen
-fort, »wie sehr er durch die Güte der Arbeit verbürgt seyn mag, der
-Erfolg auf der Bühne muß doch auch sonst noch vorbereitet werden. --
-Haben Sie das Stück schon eingereicht?« -- »Noch nicht. Ich möchte
-vorher noch eine Copie -- der Sicherheit wegen --« -- »Ich begreife.
-Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich Ihnen, die Herren Regisseure
-zu besuchen. Es sind meine Freunde, und Sie können sich bei jedem
-auf mich berufen.« -- »Sehr dankbar.« -- »Und dann -- unnütz wär's
-nicht, wenn Sie auch die persönliche Bekanntschaft der hiesigen
-Theaterkritiker bald zu machen suchten. Es ist immer besser, sich ihnen
-empfohlen zu haben.«
-
-Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte nach einigem
-Zögern: »Herr Doctor, wenn ich offen reden soll, das widersteht mir
-einigermaßen, und ich meine, ich kann's überhaupt unterlassen. Macht
-mein Stück die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker schon
-gezwungen seyn --« -- »Es zu loben, meinen Sie? Da sind Sie doch wohl
-im Irrthum. Kritiker lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur
-Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums oft im direktesten
-Widerspruch.« -- »Womit sie sich dann aber nur selber schaden!«
-versetzte der Poet mit Nachdruck.
-
-Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg. Nach einer Pause
-erhoben sich beide und jener sagte: »Mein lieber Herr College, Sie
-sind mir von einem guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum
-auf Alles aufmerksam machen zu müssen, was Ihnen nützlich seyn kann.
-Was Sie thun wollen, ist natürlich ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen
-aber künftig in etwas dienen können, so bitte ich Sie, wenden Sie
-sich an mich. Unter allen Umständen ist es mir sehr angenehm, Ihre
-Bekanntschaft gemacht zu haben.«
-
-Heinrich verließ den Schriftsteller mit gemischter Empfindung. Eine
-gewisse Höflichkeit in den Formen konnte er ihm nicht absprechen;
-indessen von einer höheren Gesinnung hatte er nicht sehr viel
-wahrgenommen und das gelegentliche sarkastische Lächeln, das ihm nicht
-entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. »Ein Freund,« sagte er sich,
-»wird das nicht werden, das ist klar. Allein dienstfertig scheint er
-doch zu seyn, und am Ende muß man jeden nehmen, wie er ist.«
-
-Nach kurzem Luftschöpfen begab er sich zum Professor. Durch ein
-Dienstmädchen, dem er die Empfehlungskarte übergeben hatte, angemeldet,
-wurde er in der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte, ihr
-Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn und freue sich, den
-Herrn Doctor kennen zu lernen. Sie fragte ihn nach der Familie des
-Schulrektors, die sie kannte, ließ sich von ihm über seine Herfahrt und
-die ersten Eindrücke der Residenz berichten und schaute ihn bald mit
-offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjähriges hageres und ziemlich
-bleichsüchtiges Mädchen trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von
-der Frau als ihre älteste Tochter vorgestellt. Da sie mit der behaglich
-aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit hatte, so glaubte
-Heinrich von ihr einen Schluß auf den Vater ziehen zu können. Auch
-sie thaute bald auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten,
-wofür sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur Mutter gewendet,
-verstohlenerweise einen sehr beifälligen Blick. Endlich wurden in dem
-entgegengesetzten Seitenzimmer Schritte hörbar, die Thüre ging auf
-und eine lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief: »Herr
-Doctor, darf ich bitten?«
-
-Heinrich verfügte sich in das Studirzimmer, stellte sich vor und
-betrachtete die Züge, die er schon einigermaßen errathen hatte, während
-der ersten Begrüßungsreden mit Interesse. Professor Sartorius war
-Lehrer der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher
-Pfleger der classischen Philologie, daß es ihn schwer ankam,
-diejenigen, die in der Sphäre derselben nicht heimisch waren, ernstlich
-zu schätzen. Er hatte sich durch zwei scharfsinnige Werke voll kühner
-Hypothesen einen Namen und Gegner gemacht, und dieß erfüllte ihn mit
-einem galligen Stolz, der für gewöhnlich mit richterlicher Strenge
-gepaart aus seinem raubvogelähnlichen Gesicht hervorsah. Freundlichkeit
-war ihm eine schwierige Sache; er mußte dazu ein gewichtiges Motiv
-haben oder einen besondern Anlauf nehmen. Dießmal war sie aber doch,
-nach Möglichkeit, vorhanden, und die eigenthümlichen Züge, welche
-lächelten, erschienen unserem jungen Mann sehr charakteristisch.
-
-Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten Fragen gab, mußten
-ihm gefallen, denn er sah diesen mit dem humansten Blick an, dessen
-er fähig war, und sagte: »Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich
-gleichfalls dem Lehrfach widmen?« -- Heinrich sah ihn überrascht an.
--- »Sind Sie nicht Philolog?« fuhr jener fort. -- »Nein,« versetzte
-Heinrich. »Ich habe --« -- »Ah so,« fiel der Professor ein; »ein
-anderes Fach. Nun, und was für eines? -- Geschichte -- Mathematik --
-Naturwissenschaft -- Philosophie?«
-
-Bei diesen schwerwiegenden Namen schüttelte unser Poet den Kopf,
-erwiederte aber, mit ahnender Seele, zögernd: »Ich habe -- ich bin
--- Dichter.« -- »Dichter!« wiederholte der Gelehrte, indem er ihn
-mit einer Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch
-erschienen wäre. »Dichter! -- Und sonst nichts?«
-
-Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkürlich aus dem Munde
-kam, fühlte sich nun aber begreiflicherweise der Poet verletzt. »Ich
-meine, das wäre genug,« entgegnete er mit einer gewissen Schärfe.
-»Wenn man's recht ist --« -- »Allerdings,« versetzte der Professor mit
-einem Ausdruck, der bezeugte, daß er den jungen Mann bereits völlig
-aufgegeben habe. Dieser sah, wie er mit dem Herrn daran war, und
-sann auf eine Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte sich
-wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen ihm Empfohlener müsse
-doch irgend eine Bedeutung haben; und indem er seinem Gesicht mit
-Anstrengung einen gewissen Schein von Höflichkeit zu geben suchte,
-fuhr er fort: »Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische Werke der
-Oeffentlichkeit übergeben? Ich bin in der neuesten deutschen Literatur
-nicht sehr bewandert, wie ich Ihnen bekennen muß. Berufsgeschäfte und
-Fachstudien --«
-
-»O,« versetzte Heinrich, »wenn Sie die neuesten Werke auch alle
-angesehen hätten, von mir würden Sie doch keines darunter getroffen
-haben; denn ich habe bis jetzt noch keines herausgegeben.« -- »So?«
-erwiederte der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich
-wurde. -- »Ich habe aber,« fuhr Heinrich trotz allem wieder mit
-einem gewissen Bewußtseyn fort, »ein größeres Werk vollendet, eine
-historisch-romantische Tragödie, die ich bei dem hiesigen Hoftheater
-einreichen will.«
-
-Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. Heinrich,
-in seiner Zuversicht, fügte hinzu: »Wenn es gegeben wird und Sie der
-Aufführung beiwohnen --« -- Nun war aber die Geduld des Mannes zu Ende.
-Mit offenster Geringschätzung und gereizt scharfem Ton erwiederte er:
-»Ich gehe =nie= in's Theater! -- Finde keine Zeit dazu, Herr =Doctor=,«
-setzte er etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch
-accentuirte, »und muß also schon bedauern --«
-
-Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern Hierseyns,
-»glaubte also die kostbare Zeit des Herrn Professors nicht länger
-in Anspruch nehmen zu dürfen,« und empfahl sich mit dem ernsten
-Stolz eines Verletzten. Die Miene des Gelehrten, der sich einer
-Last überhoben sah, erhellte sich wieder einigermaßen; er trug dem
-Abgehenden seltsam lächelnd einen Gruß an den Schulrektor auf,
-geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthüre, indem er sagte: »Wenn ich
-Ihnen sonst in etwas dienen kann --« -- Heinrich, seinerseits ironisch,
-verbeugte sich tief und entfernte sich.
-
-Dem Rückkehrenden trat die Frau neugierig entgegen. »Nun,« rief sie,
-»wie hat dir der junge Mann gefallen? Ist er wirklich --?« -- »Ein
-Literat!« fiel der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf
-ließ; »ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich begreife
-nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen in's Haus schicken
-konnte. Es sieht beinahe aus, als ob er mich damit ärgern wollte. Nun,«
-setzte er mit einem selbstzufriedenen grimmigen Lächeln hinzu, »er wird
-so bald nicht wiederkommen.« -- Die Frau stand überrascht, ja betrübt,
-und sagte endlich mit Bedauern: »Schade!«
-
-Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der Straße weiter. »Ein
-fataler Mensch!« sagte er sich endlich, »und kein gutes Omen! Dieser
-Pedant, der seine Weisheit aus Büchern gezogen hat, glaubt ein großer
-Geist zu seyn, brüstet sich mit Verachtung der Kunst, und weiß nicht,
-daß er vor Gott und Menschen eine widerliche Figur ist. Ah, bah!«
-
-Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lächelte über sich selbst
-und schritt mit erneutem Muthe weiter. Körperlich fühlte er sich aber
-ziemlich ermattet und folgte daher der Einladung eines Schildes, der
-ihm eine Auffrischung versprach. Er ließ einen guten Jahrgang kommen,
-trank mit Bedacht und konnte nicht umhin, dankbar auf das Gewächs zu
-sehen, das es so gut mit ihm meinte und so poetisch duftete, während
-ihm die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm
-wurden.
-
-Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die Stimmung, seinen dritten
-und wichtigsten Gang zu unternehmen; und ein gewisses Gefühl sagte
-ihm, daß er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin konnte
-einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhieß, unmöglich anders
-als liebenswürdig empfangen; und sein Freund, der alte Schauspieler,
-hatte ihm die Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber als
-durchaus verständig, edeldenkend und gutartig geschildert. Er machte
-sich auf den Weg und stand bald im zweiten Stock eines hübschen Hauses
-vor der gesuchten Thüre. Auf sein kräftiges Klingeln erschien eine alte
-Magd; er übergab ihr das Schreiben, nannte seinen Namen und wurde von
-der Wiederkehrenden in einen kleinen Salon geleitet: Fräulein Rosa
-werde sogleich erscheinen.
-
-Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mußte sich sagen, daß
-er nicht leicht ein reizender eingerichtetes Zimmer gesehen. Die
-Vertheilung der Möbeln, Wandbilder und sonstigen Zierden war so
-geschmackvoll, daß sich die Augen unmittelbar wohlthuend berührt
-fühlten, und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah überaus traulich
-her. Die Bilder waren zum Theil Porträts berühmter Schauspielerinnen,
-und unser Dramatiker, der die wenigsten davon gesehen, begann sie
-zu mustern. Eben betrachtete er den genialen Kopf einer großen noch
-lebenden Tragödin, als die Thüre aufging und ein Kleid rauschte. Er
-sah hin und stand auf's lebhafteste betroffen: es war die junge Dame
-von gestern. Auch sie hatte ihn erkannt. »Ah,« rief sie nach momentan
-überraschtem Blick mit heiterer Freundlichkeit, »das ist ja ein alter
-Bekannter. Nun,« fuhr sie fort, indem sie auf ihn zuging und ihm
-die Hand bot, »willkommen in der Residenz, willkommen im Namen des
-Theaters!«
-
-Heinrich, etwas erröthet, drückte die zierliche Hand stärker, als er's
-im Sinne gehabt, und dankte für den gütigen Empfang mit der Miene
-eines Glücklichen. Ein paar Minuten später saßen sie beisammen auf der
-Rohrbank in der Laube.
-
-»Ein dramatischer Dichter,« begann Rosa, indem sie ihn lächelnd ansah.
-»Etwas Poetisches hab' ich gestern in Ihnen vermuthet; aber daß Sie
-dramatische Werke schreiben, für uns arbeiten, das hätte ich nicht
-zu hoffen gewagt. Nun, um so besser,« fuhr sie fort. »Wir sehnen uns
-Alle wieder nach einem guten, effektvollen Stück; ich für meine Person
-wünschte dringend, eine neue hübsche Rolle zu bekommen, und würde mich
-sehr freuen, wenn in Ihrer Dichtung eine für mich vorkäme.«
-
-Heinrich sah sie an, überlegte, und schaute zweifelhaft. Die
-Schauspielerin errieth ihn sogleich. »Ihr Stück hat keine Rolle
-für mich?« entgegnete sie. -- »Ich fürchte --« -- »Ah,« rief sie
-bedauernd, »das ist ja ein Mangel! Was ist es denn aber für eine
-Gattung? Freund Holler hat mir darüber nichts geschrieben.« -- »Eine
-historisch-romantische Tragödie,« versetzte der Poet. -- »Eine
-historisch-romantische Tragödie!« wiederholte sie. Und indem sie ihn
-ansah, fügte sie mit einem gutmüthigen, aber noch mehr schelmischen
-Lächeln hinzu: »Das hätt' ich mir denken sollen.«
-
-Heinrich, dem der Sinn dieser Rede nicht entging, wurde verlegen,
-oder, wie er meinte, ärgerlich. »Also die dritte Opposition gegen mein
-Streben!« rief's in ihm; »erneuerter Unglaube, und ein neuer unnützer
-Besuch!«
-
-Die Künstlerin, seine Gedanken ahnend, fuhr fort: »Ja, ja, so machen
-es uns die ehrgeizigen Dichter heutiger Zeit! Nur das Erhabenste und
-Größte soll von ihnen über die Bretter gehen, damit sie sich gleich den
-ersten Classikern an die Seite stellen! Recht schön, aber es gibt ein
-Publikum, das auch etwas Anderes sehen, und Schauspieler, die etwas
-Anderes spielen wollen.« Sie schwieg und betrachtete den Schweigenden.
-Dann, mit anmuthiger Laune, fuhr sie fort: »Also nicht einmal eine
-hübsche Nebenfigur haben Sie für mich? So eine Vertraute z. B.,
-munter, fröhlich, schalkhaft, und doch vollkommen treu und anhänglich,
-ein leichteres, irdisches Wesen, das sich aber neben der idealen
-Hauptheldin noch recht gut ausnehmen kann?«
-
-Der Poet, halb erheitert, schüttelte den Kopf. -- »Wie?« rief sie, »gar
-nichts?« -- »Leider!« erwiederte der Poet. »Wie ich's auch überlege,
-ich finde keine Rolle darin, die Ihrer würdig wäre. Die Hauptfigur ist
-Heroine, heroische Liebhaberin --« -- »Das begreift sich,« warf die
-Schauspielerin dazwischen. -- »Und von den übrigen keine so bedeutend,
-daß ich Sie Ihnen anbieten könnte; abgesehen davon, daß alle wesentlich
-ernsthafter Natur sind.« -- »Also die reine Tragödie! Gar kein Humor?«
--- »Ausgenommen in den Volksscenen, denen ich eine naturwahre Derbheit
-zu geben suchte, die vielleicht belustigend wirkt.«
-
-Die Künstlerin schwieg, dann sagte sie: »Wissen Sie, verehrter Herr
-Doctor, daß Sie im Grunde genommen sehr naiv sind? Sie wollen ein Stück
-aufführen lassen, in dem ich keine Rolle habe, und bringen mir einen
-Brief mit der Aufforderung, Ihnen dabei behülflich zu seyn! Kennen Sie
-das Theater? Kennen Sie die Leute vom Theater? Glauben Sie, daß eine
-zweite Liebhaberin -- welches zu seyn ich die Ehre habe -- sich berufen
-sehen kann, der ersten zu einem Triumph zu verhelfen? Wissen Sie, was
-Künstlereifersucht ist? -- Ach, mein bester Herr, Sie sind Dichter und
-kennen das menschliche Herz im Allgemeinen gewiß vortrefflich, aber die
-Schauspielerherzen im Besondern haben Sie noch nicht kennen gelernt!«
-
-Sie hatte das Letzte mit so ernst resignirtem Tone gesagt, daß der
-Poet fast wieder irre wurde. Jedenfalls nahm er sich zusammen und
-entgegnete: »Unter diesen Umständen muß ich dann freilich um Verzeihung
-bitten und meinen Wunsch zurücknehmen. Eigentlich hat aber den Fehler
-doch Herr Holler gemacht. Er, obwohl er mein Stück so weit kannte, hat
-mir Sie genannt --« -- »Weil er mich kennt,« fiel Rosa heiter ein;
-»weil er weiß, daß ich ein gutes Herz habe, das sogar uneigennützig
-seyn kann.« Und mit ernsterem Tone fuhr sie fort: »Keine Sorge, Herr
-Doctor, wir Schauspieler sind nicht so schlimm, wie man uns macht,
-wenigstens lange nicht alle. Eifersucht und Neid können wir allerdings
-fühlen, und ich wollte Ihnen große Künstler nennen, die auch darin
-nicht klein sind. Wir mögen auch wohl mehr Anfälle davon erleiden, als
-andere Sterbliche: das liegt im Handwerk; aber in der Regel bleiben
-sie auf der Oberfläche und sind bald wieder verflogen. Eigentlich und
-für gewöhnlich sind wir ein gutmüthiges Völkchen; wir versöhnen uns
-außerordentlich leicht, und wenn wir uns schön thun, sind wir dabei so
-ehrlich, wie andere gebildete Menschen.«
-
-Der Poet, mit befreiter Seele, ließ auf die letzte Bemerkung ein
-bescheidenes Lachen hören, und die Schauspielerin fuhr fort: »Was mich
-betrifft, so kommt Ihnen eine Tugend zu statten, die ich habe, wenn
-Sie's nicht lieber einen Mangel nennen wollen. Ich besitze keinen
-Ehrgeiz. Natürlich, wenn man, wie ich, seit Jahren zweite Liebhaberin
-ist und meist für Nebenfiguren lodern muß, da wird man nach und nach
-bescheiden, und das bischen höheres Streben, das man in seine Stellung
-noch mitgebracht hat, verfliegt einem gänzlich. In der Regel haben wir
-die Aufgabe, der hochgesinnten und tief fühlenden ersten Liebhaberin,
-die sich natürlich nicht zu rathen und zu helfen weiß, freundlichen
-Beistand zu leisten, und das gewöhnt man sich zuletzt förmlich an, so
-daß man sich auch außer dem Theater ein Vergnügen daraus macht, zu
-helfen, wenn's eben geht. Sie sehen, so gar übel sind Sie bei mir doch
-nicht angekommen, und ich wünsche nur, daß es auch in meiner Macht
-steht, etwas für Sie zu thun.«
-
-Die letzten Worte hatten einen verbindlichen, ja herzlichen Klang, in
-welchen die Künstlerin von dem scherzenden mit Anmuth übergegangen
-war; und Heinrich konnte nicht umhin, ihre Hand zu fassen und ihr mit
-Wärme zu danken. Sie antwortete mit einem Blick, der fast lauter Güte
-war und durch ein flüchtiges Licht von Schalkheit nur um so reizender
-wurde. Dem Poeten, unter dem Strahl desselben, ging das Herz auf;
-er ahnte, daß er verstanden wurde, empfand einen Drang, gegen die
-fühlende Seele sich vertrauensvoll über sein Streben auszusprechen,
-und sagte: »Es ist mir sehr lieb, verehrtes Fräulein, zu sehen, daß
-Sie die höhere dramatische Poesie nicht verwerfen. Ich bin nicht gegen
-das Schauspiel und die Darstellung des gewöhnlichen Lebens auf dem
-Theater; im Gegentheil, es können da recht gute Sachen entstehen,
-rührende und erheiternde, und man kann auch eine schöne poetische
-Wirkung herausbringen; aber die Hauptsache bleibt doch immer die
-Tragödie, die Tragödie, die uns in die tiefsten Abgründe des Herzens
-hinabführt, um uns zu den höchsten Höhen der Menschheit emporzutragen.
-Der Dichter soll uns über die gemeine Wirklichkeit hinwegheben und
-die Welt des Ungewöhnlichen, des Außerordentlichen erschließen. Wir
-wollen mit ihm eintreten in das Reich der Poesie, wo wir Alles, was
-wir im gewöhnlichen Leben entbehren, in erquickendster Schönheit und
-Fülle haben. Und dazu muß er sich den rechten Stoff wählen und den
-rechten Schauplatz der dramatischen Handlung. Die Menschen, die er
-schildert, müssen außerordentlich seyn =dürfen= -- er muß durch sie
-nicht nur nicht gehindert, sondern selbst emporgehoben werden. Da
-sind nun Stoffe, die auf dem Grenzgebiet der Geschichte und der Sage
-liegen, besonders günstig; der Dichter hat volle Freiheit zum höchsten
-poetischen Ton und kann Alles herausgeben, was an Größe, Tiefsinn
-und romantischem Gefühl in ihm liegt. -- Wollte Gott,« setzte er mit
-herzlichem Ernst hinzu, »daß es mir mit meinem Versuch gelungen wäre!
-Ich würde gewiß das Publikum ergreifen, begeistern -- und Sie, mein
-Fräulein, wie ich zuversichtlich hoffe -- bekehren.«
-
-Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme zugehört und
-erwiederte nun auf die artig betonten Schlußworte: »Sie haben nicht
-weit mehr dazu. Wer so gut über eine Sache reden kann und sie so
-lebendig vor Augen hat, dem muß es mit ihr auch gelingen. Und nehmen
-Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg würde mir große Freude machen, denn
-ich sehe, Sie meinen es ehrlich mit Ihrer Kunst.«
-
-Diese Worte erfüllten den Poeten mit tiefer Genugthuung. Seine Augen
-glänzten und sein männlich schönes Gesicht gewann so sehr den Ausdruck
-eines Dichters, daß es den von ihm geäußerten Hoffnungen förmlich zur
-Bestätigung diente. Die Künstlerin betrachtete ihn, und über ihre
-Wange floß eine Röthe froher Anerkennung. Heinrich, von ihrem Anblick
-seinerseits bewegt, rief: »Mein Fräulein, Sie werden nicht immer zweite
-Liebhaberin bleiben und nicht immer die bloß muntern oder bürgerlich
-rührenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein höherer Geist, ein
-dichterisches Gemüth! Sie dürfen nur wollen, und Sie werden uns die
-poesievollsten Gestalten vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe
---«
-
-Rosa hatte diese Rede betroffen angehört; nach den letzten Worten
-erheiterten sich indeß ihre Mienen plötzlich und der gemüthlich
-schelmische Ausdruck erlangte wieder die Oberhand. »Nicht weiter,
-mein begeisterter Freund!« entgegnete sie; »es könnte Sie gereuen!
-Wollen Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich zum Einstand
-einen Rollenstreit veranlassen? Nein, mein lieber Herr: jedem das
-Seine, das ist ein guter Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in
-der That einige Anlagen zum »Höheren« in mir liegen, so will ich sie
-hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um nach und nach einer passenden
-Rolle in einem Ihrer =künftigen= Stücke zuzureifen.«
-
-Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg, und seine Miene
-hatte bereits eine kleine Wendung zur Verlegenheit gemacht, als man die
-äußere Thüre gehen hörte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich
-nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob sich rasch. Jene,
-die ihn erkannte, sah ihn verwundert, aber vergnügt an.
-
-»Unsere gestrige Begegnung,« rief die Tochter, zu ihr tretend. »Herr
-Doctor Born, dramatischer Dichter, der mir durch Freund Holler
-empfohlen ist und ein fertiges Stück mitgebracht hat.« -- »Ah,« rief
-die Frau mit einem so wohlwollenden als feinen Lächeln; »seyen Sie
-doppelt willkommen!« Sie reichte ihm die Hand, und der Poet schüttelte
-sie kräftig. -- »Du siehst,« bemerkte Rosa zu ihr, »wir haben gestern
-nicht weit davon gerathen: ein schöner Geist, Schriftsteller oder
-Maler, der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg und die Ehren zu
-finden, die ihm gebühren.«
-
-Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden Blick auf sie,
-erkundigte sich bei dem jungen Mann theilnehmend nach seinem Vorhaben
-und der mitgebrachten Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen,
-und Heinrich gab den beiden Damen alle gewünschte Aufklärung. Unter
-Anleitung der Erfahrenen nahm das Gespräch eine praktische Wendung. Was
-ist zu thun? Was kann zur Annahme des Stücks beitragen? Dieß war die
-Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz, die Regisseure zu besuchen,
-wurde Heinrich im Lauf der Unterredung bestärkt: seine erklärte
-Abneigung, den Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen
-lächelndes Kopfschütteln zur Folge. »Vor der Aufführung,« sagte Rosa,
-»sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn. Aber die Sache geht ja ganz
-einfach, wofür habt ihr Herrn denn das Wirthshaus?«
-
-»Es ist wahr,« versetzte der Poet. »Und einen literarischen
-Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein kennen gelernt hat, kann
-man am Ende besuchen.« -- »Ich sollt's meinen,« entgegnete die
-Schauspielerin, nicht ohne ein spöttisches Mundrümpfen.
-
-Die Mutter sah ihn lächelnd an, dann sagte sie: »Was nun aber die
-Annahme betrifft --« -- »Ich hab' einen Gedanken,« rief hier die
-Tochter. »Da Sie uns,« fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, »das Stück
-zu lesen geben wollen --« -- »Sobald die Abschrift fertig ist.« --
-»Und ich voraussetze, daß außer unserer Heroine auch unser heroischer
-Liebhaber, unser Heldenvater und unser Charakterspieler dankbare, sehr
-dankbare Rollen darin haben werden --« -- Heinrich, nach einem Moment
-der Erwägung, erwiederte zuversichtlich: »Ich meine.« -- »So will ich
-gelegentlich gegen diese Herrschaften ein Wort fallen lassen über das
-Stück, was sie ruhig vernehmen, dann über die verschiedenen Rollen und
-die Möglichkeit eines Triumphes, was sie mit großem Interesse hören
-werden. Sie können das Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn
-namentlich unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht lebhaft den
-Wunsch ausspräche, die Rolle zu spielen, dann hätten wir Aussicht.«
-
-Der Autor nickte vergnügt und dankte für die gütige Theilnahme und die
-freundlichen Rathschläge auf's wärmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber,
-daß die Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er mit der
-Copie bald möglichst wiederzukommen versprach.
-
-Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden Frauen zugewendet,
-fühlte er sich in tiefster Seele ermuthigt; er sah die Angelegenheit
-in bester Einleitung begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den
-Gasthof zurück.
-
-Noch am selben Tage schrieb er an die Geliebte. Aus dem langen Brief
-heben wir folgende Stellen aus: »Die persönliche Bekanntschaft mit
-Friedrich Willmann hat mich über diesen Autor einigermaßen enttäuscht.
-Im Grunde hat er mich gut aufgenommen und scheint mir nützlich werden
-zu wollen. In seiner Art liegt aber etwas Ironisches, das mir nicht
-recht gefallen kann. Er ist ein großer Verehrer der Klugheit -- mehr
-als es sich für einen Dichter geziemen will -- und scheint mir bei
-seinen Arbeiten doch hauptsächlich auf die Vortheile zu sehen, die sie
-ihm bringen sollen. -- Mir ist die Poesie eine heilige Sache. Ich liebe
-sie um ihrer selbst und des Glückes willen, das man fühlenden Herzen
-damit bereiten kann. Wenn ja noch eine ihrer Folgen mich locken und
-reizend vor meiner Seele stehen mag, so ist es der Ruhm -- der Lorbeer,
-der die Schläfe des Siegers krönen soll. An Weiteres denk' ich kaum,
-wie ich dir, edle und große Seele, frei bekennen will. Aber der wahre
-Dichter steht unter dem Schutze der Götter und er hat die Verheißung,
-daß ihm alles Uebrige zufallen wird.
-
-»Unserem Rektor kannst du sagen, daß er mich an einen sonderbaren Kauz
-empfohlen hat. Ich meinte bisher, die Stockphilologen im schlimmen
-Sinne seyen ausgestorben und die Männer der Erudition trachten darnach,
-dem Studium der Humaniora einige Humanität im wirklichen Leben
-beizugesellen; allein es gibt doch noch einzelne Exemplare und ich bin
-hier auf eines gestoßen. Ein Mensch, der sich sein gelerntes Wissen
-mühselig erworben hat, kann freilich einen andern, der sich das seine
-fröhlich selber producirt, nur geringschätzen! -- Ich hab' mich aber
-doch geärgert, als der Pedant seine Empfindung so deutlich merken ließ
-und sich mit der groben Ungerechtigkeit seines Vorurtheils sogar noch
-etwas zu wissen schien. Das Gute ist, daß nicht nur dem Gottseligen,
-sondern auch dem Poeten Alles zum Besten dienen muß. Jetzt, wo ich
-dieß schreibe, steht der Mann als ein Original vor meiner Seele, das
-mich ergötzt, und es wird höchstens so viel Groll in mir bleiben, daß
-ich ihn gelegentlich einmal satirisch verwenden kann.
-
-»Ich bin vergnügt, meine geliebte Auguste, denn mein dritter Besuch
--- der eigentlich bedeutsame -- ist über Erwarten gut ausgefallen. In
-der Schauspielerin, an die ich, wie du weißt, ein Schreiben hatte,
-und in ihrer Mutter, die ebenfalls beim Theater war, habe ich zwei
-außerordentlich theilnehmende, liebenswürdige Personen kennen lernen,
-und ich darf wohl sagen, Freundinnen gewonnen. Die junge Dame ist
-hübsch und könnte manchem Andern gefährlich werden -- ich freilich
-bin gefeit und in mein Herz dringt kein anderes Bild, als das der
-Einen, die allmächtig in ihm regiert. Ein Wesen von heiterem Humor
-und einem Trieb, neckisch mit den Menschen zu spielen, aber dabei ein
-freundliches Gemüth, das es nicht beim bloßen Wünschen läßt, sondern
-für Andere auch zu handeln vermag. Der Weg des Stückes zur Bühne wird
-geebnet, und wenn nur dieses erste Ziel erreicht, die Annahme erfolgt
-ist, dann bin ich außer Sorge.
-
-»Die Hauptrolle wird in sehr gute Hände gelangen, das hab' ich schon
-erkundet, und wenn sie der Künstlerin, die das Stück lesen wird,
-einleuchtet, so wird dieß auch bei der Frage der Annahme von großem
-Gewicht seyn. -- Du siehst, es läßt sich wirklich Alles gut an, und
-meine Zuversicht ist keine Thorheit.
-
-»Wie unendlich gespannt bin ich darauf, das herrlichste Gebilde meiner
-Phantasie, das gleichwohl nur ein schwaches Nachbild der geliebtesten
-Wirklichkeit ist, auf der Bühne verwirklicht zu sehen! Wie höchst
-seltsam wird mir dabei zu Muthe seyn! -- Zauberei! Blick in eine Welt
-voll unaussprechlicher, magischer Erscheinungen! -- O Auguste! -- ich
-hab immer nur dich vor Augen, ich beziehe Alles, was ich erfahre,
-schaue, denke, auf dich, und wenn dein Bild vor mir aufleuchtet,
-scheint mir alle Kraft und Kunst nur gegeben zu seyn, daß ich dich
-verherrliche und dir ein Leben der Ehre und Wonne bereite! -- O Liebe
--- Poesie der Poesie! Das liebende Auge sieht nicht nur die Geliebte in
-wunderholdem Licht; von dem Glanz, den es in sich aufgenommen, bleibt
-auch so viel zurück, daß es die ganze Welt verklärt und jeden Winkel
-der Erde in süßem Scheine malt!
-
-»Laßt mir's gelingen, gute Geister! laßt mich den Sieg erstreiten,
-nur um der Einen Lust willen, Ihr ihn zu melden! Ich wollte ja gern
-entsagend warten und ausdauern in Verkanntheit und Undank der Welt!
-Aber um deinetwillen darf's nicht seyn -- um deinetwillen muß es, wird
-es glücken!
-
-»Lebe wohl, Theuerste! Wenn du nur ein Tausendtheil der Freude
-empfindest, dieses zu lesen, die ich fühle, es zu schreiben, so bin ich
-glücklich!«
-
-
- III.
-
-Die Tragödie wurde einem Copisten übergeben, der langsam schrieb, aber
-eine deutliche, charaktervolle Hand nachgewiesen hatte. Der Autor
-wartete indeß zum Wiederbesuch seiner Gönnerinnen die Vollendung der
-Copie nicht ab. Man führte im Hoftheater Minna von Barnhelm auf und
-Rosa gab darin die Franziska. Es war eine ihrer besten Rollen und sie
-übertraf sich dießmal selber darin. Das Publikum war hingerissen und
-unser Poet außerordentlich erfreut. Zum erstenmal erkannte er die
-eigenthümliche Bedeutung eines wahren Schauspiels oder Lustspiels, wenn
-er auch den Mangel der Gattung und das Einseitige des Lessing'schen
-Stücks (was er dafür halten mußte) nicht übersah. Hauptsächlich
-überzeugte er sich aber, was in einer Partie wie Franziska geleistet
-werden kann, wenn die Schauspielerin mit reizender Laune sie völlig
-wieder zu beleben wußte, und er eilte daher gleich am andern Vormittag
-zu der Künstlerin, um ihr seine Freude, seinen Dank mit Enthusiasmus
-auszusprechen.
-
-Rosa lächelte befriedigt, glücklich und antwortete von ihrer Seite mit
-dankendem Blick. Die Mutter trat aus dem Seitenzimmer und sie rief ihr
-heiter entgegen: »Ich hab' ihm gestern gefallen, dem Tragödiendichter!
-und er ist gekommen, ein wahres Füllhorn des Lobes vor mir auszugießen!«
-
-Vergnügt erwiederte die Frau: »Das ist freundlich. Aber du hast die
-Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich habe sie noch nicht so von dir
-gesehen.« -- »Gott weiß, warum,« entgegnete die Künstlerin. »Zuweilen
-ist man eben voller Lust und Uebermuth -- und das ist die Hauptsache
-bei der Schauspielkunst.« -- »Bei jeder Kunst!« versetzte Heinrich.
-
-Die Schauspielerin sah für sich hin. »Nun,« bemerkte sie dann etwas
-scheinheilig, »Sie haben sich also überzeugt, daß man in einer Rolle,
-die aus dem gewöhnlichen Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung
-machen kann?« -- »Das habe ich nie bezweifelt,« entgegnete Heinrich,
-»aber in dieser Ausdehnung allerdings nicht für möglich gehalten. Es
-war eben ein _non plus ultra_,« fügte er lächelnd hinzu, »und die
-reißen immer hin.«
-
-Die Künstlerin wiegte den Kopf. »Sie geben also zu, daß es auch gar
-keine so schlechte Aufgabe wäre, ein Schauspiel zu schreiben?« -- »Um
-so lieber,« versetzte der Poet, »als ich's nie geläugnet habe. Das
-Schauspiel in Prosa hat seine Vorzüge und seine Vortheile, obschon --«
--- »Es natürlich tief unter der Tragödie in Versen steht,« ergänzte
-Rosa, »das ist klar! Aber wenn es nun so ausfiele, wie Minna von
-Barnhelm --?« -- »Dieses Stück,« erwiederte Heinrich nach einigem
-Besinnen ernsthaft, »ist vortrefflich in seiner Art; aber im Grunde ist
-doch zu viel bürgerliche Moral und Tugend darin, wodurch es einen etwas
-hausbackenen Charakter erhält, und die Sphäre, in die wir blicken,
-hat etwas Enges, ja hie und da Gequältes. -- Das poetische Drama, die
-Schöpfung der idealisirenden Phantasie, die uns in eine große, weite,
-farbenreiche Welt führt, ist doch was ganz anderes.«
-
-Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit Heinrich dieses Urtheil
-fällte, betroffen, ja gereizt, schüttelte unwillkürlich den Kopf. »Ei,
-ei,« entgegnete sie, »das heißt leicht fertig werden mit einem Stück,
-das eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen! Diese
-Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Aufführung überall auf dem
-Repertoire geblieben, und das muß doch seinen Grund in einem Werth
-haben, den wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln dürfen.«
-
-Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer Querfrage dazwischen,
-um ihm über eine angehende Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht
-eine empfindliche Replik zur Folge gehabt hätte. Während der
-Beantwortung sammelte sich der Getroffene und fühlte nun, daß =er=
-etwas gut zu machen habe. Er kam auf die Lessing'sche Komödie zurück,
-rühmte mit dem Ausdruck wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso
-kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn in den
-Regionen der Ethik und Aesthetik, die Geistesbildung des Dichters,
-vermöge deren er dem bürgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu
-verleihen gewußt habe. Rosa hörte mit Vergnügen zu, und als er zum
-Schluß wieder auf die Franziska zu reden kam und über ihre Auffassung
-und Durchführung bestimmte ästhetische Urtheile fällte, die fast noch
-schmeichelhafter klangen als die Ausdrücke allgemeiner Bewunderung, da
-sah völlig wiederhergestelltes Vertrauen aus den braunen Augen.
-
-Nach einer Weile begann sie: »Wann bekommen wir aber Ihre Schöpfung,
-die Tragödie zu lesen?« -- Der Poet versetzte: »In einer Woche soll ich
-die Abschrift erhalten. Diese wird in's Bureau der Intendanz wandern,
-mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu Füßen legen.« -- »Sehr viel
-Ehre,« erwiederte sie heiter. -- »Aber,« fuhr sie nach einigem Besinnen
-fort, »können Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen --
-oder selbst vorlesen? -- Sie haben gewiß lyrische Gedichte gemacht.« --
-»Allerdings.« -- »Liebeslieder!« -- »Auch solche,« versetzte der Poet
-lächelnd. -- »Natürlich,« rief sie, indem sie ihn vergnügt ansah. »Nun,
-wissen Sie was? Kommen Sie übermorgen, wo ich frei bin, Abends zu uns
-und bringen Sie Ihre Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch näher kennen,
-auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen, dann können
-Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stück selber vorlesen, was unter
-Umständen sehr nützlich seyn kann.«
-
-Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit Vergnügen zu. Man schied
-im besten Einvernehmen und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme.
-
-Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa zur Mutter:
-»Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch vornehm, im Grund aber doch
-ein guter Mensch!« -- »Das erste,« versetzte die Mutter, »hast du ihn
-vorhin beinahe zu deutlich fühlen lassen.« -- »Konnte nicht schaden,«
-erwiederte sie. Und lächelnd fuhr sie fort: »Auf seine Liebesgedichte
-bin ich begierig; wird wohl viel Einbildungskraft dabei seyn.« --
-»Wer weiß!« bemerkte die Mutter. »Es ist ein hübscher Mann und die
-Poeten --« -- »Phantasiren und idealisiren. Nun, wenn es nur schön
-herauskommt, dann soll er doch Lob haben.«
-
-Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im Grunde vergnügt den
-Gang in die kleine Wohnung, die er sich nicht allzuweit vom Theater
-gemiethet hatte. »Sie hat Recht,« sagte er zu sich, »wenn sie das
-Stück von Lessing hoch hält; aber ich hab' auch Recht. Wie geistreich
-und fein die Comödie seyn mag, das eigentliche Aroma der Poesie
-ist doch nicht darin. Und hier allein liegt der wahre Zauber, das
-überschwängliche holde Leben, und wir können uns baden in einem Meer
-von Wohlgerüchen.«
-
-Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den Damen mit zwei
-Heften ein, in die er seine Gedichte eingeschrieben hatte. Man setzte
-sich um den runden Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte.
-Das Getränk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa ermuntert,
-begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher durchgegangen und genau
-bestimmt, was und in welcher Folge er vortragen wollte. Trotz der
-geistigen Zuversicht, die er mitgebracht, fing er nun doch mit
-unsicherer Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu lesen.
-Glücklicherweise hatte er zum Eingang Lieder gewählt, die eben so
-anspruchslos wie hübsch waren; der aufrichtige Beifall der Hörerinnen
-entband ihn und gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nöthige Freiheit.
-Bald war er in der höheren Stimmung, wo man im Schwunge des Gefühls gar
-nicht mehr weiß, daß es eine Befangenheit gibt.
-
-Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen finden. An
-den einen widersprachen Uebertreibungen ihrem Geschmack, an andern
-vermißten sie den wahrhaft schließenden Schluß. Der Dichter, jetzt
-durch herzliches Lob erfreut, mußte sich ein andermal mit einem
-ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurückhalten als Anerkennung ausdrücken
-sollte, oder mit einem Ausruf begnügen, der etwa bedeutete: »Nun ja,
-lassen wir's passiren!« -- In seinem Eifer machte er sich aber nicht
-viel daraus, wenn er's auch richtig deutete, und im Ganzen war die
-Lobernte doch überwiegend. Endlich, beim Aufschlagen eines neuen
-Gedichts, wurde seine Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine
-entsprechende Haltung an und begann mit herz- und klangvollem Ton zu
-lesen. Es war eine begeisterte Schilderung der Geliebten und eine
-leidenschaftliche Erklärung völlig und ewig sich hingebender Liebe.
-
-»Sehr schön!« rief die Mutter, als er geendet hatte; und Rosa bemerkte
-mit Ernst: »Bei weitem das schönste! Das innigste Gefühl, edler
-Schwung, der wahrste, herzlichste Ausdruck! Das,« setzte sie mit
-einem leisen Lächeln hinzu, »das ist Poesie!« -- Heinrich antwortete
-auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten Freude. Er sah
-dann auf den Tisch und sagte: »Wenn mir dieses Gedicht gelungen ist,
-so ist's auch nicht zu verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen
-abgeschrieben, und an das Mädchen gerichtet, mit dem ich verlobt bin!«
-
-Mutter und Tochter fuhren bei diesem Geständniß unwillkürlich zusammen
-und sahen sich an. Auf dem Gesicht Rosa's folgte einer leichten Blässe
-rasch eine tiefere Röthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der
-Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: »Sie haben eine Braut? Und
-davon haben Sie uns noch nichts gesagt?« -- »Es fand sich noch kein
-Anlaß dazu,« erwiederte Heinrich. -- »Nun,« rief das Mädchen, die sich
-völlig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, »davon müssen Sie uns
-mehr erzählen! -- Das Idealbild,« fuhr sie nach kurzem Innehalten mit
-Lächeln fort, »haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber wer ist
-sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt in uns noch viel größern
-Antheil.«
-
-Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab dann Antworten
-auf weitere Fragen. Da die beiden Frauen das lebendigste Interesse
-zeigten, so glaubte er mit genauem Bericht über Entstehung und Gang
-des Verhältnisses und namentlich mit dem freudigen Lob Auguste's ihnen
-eben die größte Freude zu machen, und that sich nun Genüge nach dem
-Bedürfniß eines Liebenden, ohne zu ahnen, welche Eindrücke er damit auf
-das geheime Innere der jungen Hörerin hervorbrachte.
-
-Es wäre für den, der in dieses Innere zu schauen vermocht hätte, ein
-eigenes Schauspiel gewesen, das Mädchen zu beobachten, deren Herz,
-mehr als sie selber geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die
-menschliche Seele ist reicher an Fähigkeiten und Affekten, als die
-meisten Menschen gewahr werden, und gute und schlimme Gedanken, liebe
-und leide Gefühle können in ihr so rasch wechseln, daß man an ein
-förmliches Zugleichseyn glauben möchte. In Rosa spielten sie wunderbar
-durcheinander, als der Poet sein Liebesleben schilderte, sein Glück
-ausmalte und seine Hoffnungen aussprach. Und sie ließ nicht nach mit
-Fragen, als ob es jetzt für sie nichts Süßeres gäbe, als die Antworten
-zu vernehmen. Doch ein geübter Wille und geübte Kunst standen ihr bei,
-und mit ihnen gelang es ihr, die Theilnahme einer Freundin zu beweisen,
-in nichts zu verrathen, daß sie den Verlobten der Andern liebgewonnen
-hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz des Weibes und ein im
-tiefsten Grunde zartes Gefühl eingab.
-
-Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte, sagte die Mutter:
-»Unter diesen Umständen muß es Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit
-einem ausgezeichneten Erfolg heimzukehren, und wir müssen über alles
-wünschen, daß Sie ihn erringen.« -- »Allerdings,« fügte Rosa hinzu, die
-ihn von der Seite mit einem Blick angesehen, wie man einen kindlich
-Glücklichen betrachtet; »und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird
-immer ernsthafter. Hören Sie meinen Vorschlag! Sie können, was nicht
-von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn
-Sie nämlich dreinkommen, und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein,
-wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflößen. Machen Sie nun, daß wir
-Ihre Tragödie erhalten. Wir laden dann die Darsteller der Hauptrollen
-ein, und Sie lesen ihnen das Stück. Tragen Sie es vor, wie Ihr letztes
-Gedicht, dann wird man die Rollen um so richtiger auffassen, um so
-lieber lernen und um so besser spielen.«
-
-Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner natürlichen und
-poetisch eingenommenen Seele nun doch fast eine Ahnung aufstieg, daß
-die Schauspielerin ihm eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den
-eigentlichen Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht, und
-verließ darum das Haus mit vollkommen ruhigem, glücklichem Gemüth.
-
-Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen schweigend hin
-und her. Die letztere that eine häusliche Frage und horchte auf
-die gewissenhafte Beantwortung mit halbgeschlossenen Augen und
-einem ernsten Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer
-Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an zu lesen.
-Unwillkürliche Zeichen von Ungeduld und Abwesenheit verriethen aber der
-Mutter deutlich, von welchen Gefühlen sie beherrscht war.
-
-Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr zweiundzwanzigstes
-Jahr hinter sich, ohne daß sie in eine ernstliche Herzensbeziehung
-wäre verflochten worden. Vor leichtsinnigem Vertrauen schützte sie
-nicht nur eine erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter
-verständiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung, was die Franzosen
-sage nennen, und ließ sich nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen
-Annäherungen immer einen Schritt zurück, was dann die Folge hatte, daß
-sie als »kalt« verschrieen wurde. Eigentlich war sie aber nur so klar,
-hinter gewissen Betheurungen die egoistische Absicht wahrzunehmen und
-darüber die entsprechende Geringschätzung zu empfinden. Sie sammelte
-sich daher in dieser Hinsicht keine »Erinnerungen,« und ließ sich an
-ihrem Beruf, an geselligem Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender
-Lektüre genügen. Auf der Bühne traf sie gleichwohl nicht nur den Ton
-einer fröhlichen und schalkhaften Liebhaberin, der ihr unmittelbar
-von Herzen ging, sondern auch den Ausdruck tieferer Neigung, worüber
-sich nur diejenigen wundern können, denen die Schöpferkraft der wahren
-Künstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen, muß man nicht, was
-man sagt, geliebt haben, so daß man darnach seine eigenen Erfahrungen
-spielt, es genügt die Liebefähigkeit. Und diese besaß die Künstlerin,
-mächtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie nun zu ihrem
-Leide erfuhr.
-
-Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in ihr hinterlassen
-nach der ersten Begegnung auf der Straße. Davon war die Ursache nicht
-nur seine jugendlich männliche Schönheit, sondern der Schein des
-Genius in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines Wesens, der das
-lächelnerregende gelinde Ungeschick eher nützte als schadete. Als sie
-in dem ihr Empfohlenen den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell
-interessant geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung, und
-die erste Unterredung ließ geradezu eine Neigung in ihr aufkeimen,
-wobei Streben und Vorhaben des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor
-ihre Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska klang ihr
-um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen sehen zu können
-glaubte; und wenn sie ihm bei zu geringer Schätzung des classischen
-Stücks mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag der Grund
-eben in der näheren Theilnahme, der an dem Liebgewordenen eine Schwäche
-ärgerlich war. Die leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die
-ersten erotischen, aus denen kein natürlicher Ernst hervorsah, stimmten
-zu ihrer Hoffnung; und nun mußte die Erklärung des Verlobten die zarte
-Maienblüthe ihres Glücks mit einemmal hintilgen!
-
-Die Mutter, als Rosa sich endlich in's Lesen zu finden schien,
-ging in die Küche. Nach einer Weile kam sie wieder und jene, das
-Heft weglegend, bemerkte: »Da hab' ich nächstens wieder ziemlich
-geschraubte Dinge zu sagen. Was doch die Poeten manchmal für Reden
-drechseln, die wir dann natürlich und zierlich vortragen sollen, mit
-einem Ernst, als ob sie uns just aus dem Herzen kämen!« Die Mutter,
-ernst lächelnd, erwiederte: »Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens
-gehört das eben zum Komödiespielen. Wenn die guten Dichter uns helfen,
-so müssen wir dagegen den mittelmäßigen beistehen.« -- »Eine Pflicht,
-die zuweilen sehr lästig werden kann,« erwiederte Rosa mit einem
-Seufzer. Sie fuhr über ihre Stirn und sagte: »Ich bin müde und mein
-Kopf ist eingenommen. Am Ende,« fuhr sie mit halbem Lächeln fort,
-»ist's der Duft der Poesie, die wir heute vernommen haben. -- Sey's was
-es wolle, ich geh' zu Bette.« Sie reichte der Mutter die Hand und sagte
-mit weicher Stimme: »Gute Nacht, Mutter!«
-
-Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, küßte sie auf die Stirn und
-erwiederte herzlich: »Schlafe wohl, mein Kind!« Beide sahen sich an und
-der feuchte Glanz ihrer Augen ließ sie wechselseits in ihren Herzen
-lesen. Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns. Da hob
-Rosa den Kopf empor, lächelte und rief: »Dummes Zeug! Gute Nacht,
-Mutter!«
-
-Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau eine Weile
-nachdenkend und sagte dann: »Ich hoffe, es wird vorüber gehen.
-Allerdings ist's ihre erste Neigung und sie geht tiefer, als sie
-selber zu wissen scheint. Aber das Mädchen ist verständig und hat
-Charakter -- sie wird's überwinden.«
-
-Nach Verfluß einiger Tage sah die wackere Frau den Liebling in einer
-Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung bestärkte. Am andern Morgen nach
-jenem aufklärenden Abend hatte sie über Kopfweh geklagt und endlich
-unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden zeigte sie ein
-heiteres Gesicht, scherzte zärtlich mit der Mutter und benahm sich
-fast ganz wie ehedem. Die Rolle, über deren Unnatur sie geklagt hatte,
-spielte sie mit mehr Leben und Beifall als früher, lächelte darnach
-über sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemüth nach Hause zurück.
-
-Als Heinrich einen Tag später mit der Tragödie kam, wurde er von Mutter
-und Tochter so heiter wie freundlich empfangen und das Manuscript von
-der Künstlerin mit einem Ausruf des Vergnügens begrüßt. »Endlich,« rief
-sie, indem sie es mit beiden Händen faßte, »haben wir es! -- Und das
-andere?« fuhr sie nach einem Moment fort, »haben Sie's eingereicht?«
--- »Heute,« erwiederte der Poet. »Der Herr Intendant war nicht zu
-sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen, das Manuscript mit einem
-Schreiben eingesiegelt --« »Gut,« rief die Künstlerin. »Mögen unsere
-Geschicke sich nun erfüllen! -- Ich bin sehr neugierig, besonders nach
-der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlüpft ist -- auf die Heldin.«
-
-Heinrich lächelte mit einer gewissen Unruhe. »Ich bitte nur,« sagte
-er dann, »das Stück im Zusammenhang, Scene für Scene, und da es denn
-doch eine Tragödie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen.« --
-»Mit dem günstigsten Vorurtheil, mit =Liebe= werde ich's lesen,«
-erwiederte Rosa lächelnd. -- »Um so besser,« versetzte Heinrich. »Eine
-Dichtung kann nur wirken, wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung
-entgegen kommt. Es ist natürlich, die Gaben des Poeten sind eine Art
-von Speise, die nur munden kann unter Voraussetzung des entsprechenden
-Appetits.« -- »Da haben Sie's bei mir eben getroffen,« versetzte die
-Schauspielerin. »Was ich vor Ihrem poetischen Mahl fühle, ist nicht nur
-Appetit, sondern geradezu Hunger zu nennen. Das ist aber bekanntlich
-der beste Koch und kann auch --« Sie unterbrach sich selbst und fuhr
-mit zurückgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort: »Genug,
-ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu seyn, Ihre Dichtung zu
-würdigen, sondern ich verspreche Ihnen auch, mit allem Ernst an die
-Lektüre zu gehen und mit aller Andacht dabei auszuharren.« -- »Und
-ich,« versetzte der Poet mit glänzenden Augen, »glaube Ihnen und sage
-Ihnen dafür den besten Dank.«
-
-Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr fort: »Es ist ein
-großes Glück für mich, daß ich so liebenswürdige Gönnerinnen gefunden
-habe. Ich weiß es aber auch zu schätzen. Lassen Sie mir's nur auch
-ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen nicht! Ich werde
-Ihres Raths und Ihrer Hülfe nur immer mehr bedürfen -- und sie mit der
-dankbarsten Verehrung erwiedern.«
-
-Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte die Mutter:
-»Rechnen Sie auf jeden Dienst, den wir ihnen leisten können. Sie sind
-uns von einem braven Mann und bewährten Freund empfohlen, und in der
-kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie liebgewonnen, erwarten
-von Ihnen das Beste --« -- »Nun,« rief die Tochter mit gütigem Blick,
-»und wenn es Sie beruhigen kann -- so lassen Sie uns Freundschaft
-schließen, treue Freundschaft! --« Sie bot ihm die Hand, Heinrich
-ergriff und drückte sie, indem ein Strahl des Dankes ihm aus dem Auge
-ging.
-
-»Sie sind verlobt und glücklich,« fuhr das Mädchen mit edlem Ausdruck
-fort, »und wenn der Erfolg hinzu kommt, haben Sie kaum noch etwas zu
-wünschen. Aber eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker immer
-noch nützlich seyn, denn hier findet sich immer was zu thun.« -- Sie
-hielt ein wenig inne, und indem ihre Miene sich anmuthig aufheiterte,
-fügte sie hinzu: »Nun, und für alle Dienste, die ich Ihnen zu erweisen
-gedenke, verlange ich nichts, als daß Sie mir gelegentlich eine hübsche
-Rolle schreiben.«
-
-»Oh,« rief Heinrich, »mit dem größten Vergnügen! Seit ich Sie als
-Franziska gesehen, ist mir ein Licht aufgegangen über den bezaubernden
-Reiz einer ächten Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schön es
-wäre, wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelänge. Aber lassen wir
-den Vortheil; ich verehre Sie, mein Fräulein -- Ihre Kunst, Ihren
-Charakter, Ihre Herzensgüte, und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen
-könnte, würde ich mich unendlich glücklich schätzen.«
-
-Dieß war mit einer Wärme gesprochen, daß Rosa, beglückt, gerührt, ihm
-nochmal die Hand gab, und die ernstfreundliche Mutter deßgleichen.
-
-Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte, sagte Rosa zur
-Mutter: »Ich wünsche von Herzen, daß das Stück sich bewährt und auf dem
-Theater etwas macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des besten
-Willens und kein Falsch in ihm. Eine rührende Mischung von Geschick
-und Ungeschick, Verstand und Naivetät -- von einer Naivetät, die
-andere vielleicht Blindheit nennen möchten --« -- »Ein Dichter,« fiel
-die Mutter mit dem halb ironischen Lächeln des Wohlwollens ein, »der
-mehr in einer Welt der Träume als in der wirklichen zu Hause ist. Die
-Erfahrung wird ihn schon klüger machen, obwohl ich sehe, daß er auch
-schon mit seiner Naivetät gar sehr zu wirken und die Herzen für sich zu
-gewinnen vermag.« -- »Vielleicht,« erwiederte Rosa, die nachdenklich
-dagestanden, »hilft sie ihm auch beim Publikum durch -- es gelingt der
-erste Wurf, und wir haben einen Glücklichen mehr.«
-
-Die Künstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz, welcher nach dem
-plötzlichen Versinken einer lieblichen Hoffnung ihr Herz angefallen,
-in Wahrheit erholt. Es war still geworden in ihr, nachdem sie mit
-ausdauerndem Wollen den letzten Unmuth der Enttäuschung überwunden
-hatte, und da sie dem jungen Mann, für den eine Neigung in ihr
-entstanden war, doch eigentlich keinen Vorwurf machen konnte, so
-glaubte sie in dem erhebenden Gefühl der Genesung ganz zu seiner
-Freundin, seiner uneigennützigen Freundin geeignet zu seyn.
-
-Nun mußte sie aber doch erfahren, daß eine Neigung, die, wie rasch
-immer, sich einmal in's Herz gesenkt hat, nicht so leicht wieder
-vergeht oder in ein anderes Gefühl sich wandeln läßt. Das Bild des
-jungen Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fühlte mehr und mehr
-einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und Wohlgefallen, welches nicht das
-der Freundschaft war. Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch
-immer noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen andern
-Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich selber nährt und aus
-der stillen tiefen Freude an dem Geliebten; die Liebe, die sich mit
-Großmuth paart und im Bunde mit ihr auch die Entsagung versüßen kann.
-Es ist auch eine schöne Flamme, die heimlich im Herzen lodert und deren
-Strahlen geistig hold um den Geliebten spielen. Wenn sie unerwiedert
-bleibt, so ist eben damit ein eigenthümliches Glück verbunden; die
-liebende Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens bewußt
-seyn. Und wenn Geben, von Empfangen belohnt, seliger ist, Geben ohne
-Lohn ist edler und größer.
-
-Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde in einen Strom von
-Empfindungen getaucht, die ihr gänzlich neu waren und deren Schauer
-sie mit Staunen erfüllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt,
-und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es war doch nur
-eine Leidenschaft der Phantasie, wobei das Herz nur in gewissem Sinn
-mitwirkte. Die Gefühle, die jetzt in ihr erstanden, waren That und
-Wahrheit, von Natur getränkt, und übten auf sie eine unwiderstehliche
-Anziehungskraft.
-
-In diesen Tagen einer verhängnißvoll sich entwickelnder Neigung war
-das Mädchen durch ein Zusammentreffen von Umständen an der Bühne nicht
-beschäftigt. Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit
-der Mutter in alter Gemüthlichkeit, die jetzt nur einen stilleren,
-sanfteren Charakter hatte, und die Mutter konnte wohl an eine
-vollendete Heilung glauben. Aber die Krankheit war eine Liebe, die
-vielmehr gepflegt und genährt wurde.
-
-Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum Verlangen wurde und
-sich plötzlich die Hoffnungslosigkeit vor sie stellte, begann es
-freilich in ihr zu beben und zu glühen, und sie fühlte: wenn das
-dauerte, wär' ich verloren! Aber sie riß sich heraus aus diesen
-Empfindungen, die Kraft der Entsagung überwog, ihr natürlich frischer
-Sinn half, und es blieb von dem Leidgefühl nichts zurück, als eine
-milde Trauer, die sie gleichfalls in sich zu verschließen wußte.
-
-Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf. »Was ich jetzt habe,«
-sagte sie sich einmal, »ist mir doch lieber, als meine frühere leichte
-Fröhlichkeit. Ich würde mir's nicht mehr nehmen lassen! -- Wer weiß?
-Vielleicht ist das eben recht für eine Schauspielerin! Die Andere ist
-glücklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde, und vielleicht spielt nur
-die Entsagung mit wahrer Innigkeit und Leidenschaft, und ich gewinne an
-Ruhm auf dem Theater, was ich an Glück im Leben verliere.«
-
-Eine Woche ging hin, ohne daß sie zum Lesen der Tragödie gekommen war.
-Wie stark erst ihre Neugierde gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu,
-das Manuscript anzusehen, die mächtiger wurde und sie immer wieder
-zögern ließ. War es die Besorgniß, die Dichtung möchte nicht gelungen
-seyn, der Geliebte möchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer
-Poet und sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden zur
-müssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin, deren Urbild der Autor
-hatte errathen lassen? Die Furcht, sie möchte diesem Idealbild allzu
-unähnlich seyn, allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher
-Demüthigung, unwiderstehlicher Eifersucht überliefert werden?
-Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefühl indeß wieder und
-wieder nachgegeben, kam zu der innern Mahnung, ihr Versprechen zu
-halten, größeres Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines
-Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie das Heft vor und las.
-
-Das Verzeichniß der Personen mit den Namen und Titeln alter Zeiten
-ermangelte nicht, ein gewisses romantisches Verlangen in ihr zu
-erregen. Sie ging die erste, zweite, dritte Scene durch und fühlte
-sich angezogen. Warme Situationen, und ein warmer, inniger Ton, dem
-die Ueberschwänglichkeit, zu welcher sich einzelne Worte und Zeilen
-verstiegen, nicht eigentlich schadete; glühende, tiefe Liebe zweier
-Personen, die für einander geschaffen und einander werth waren;
-heroische, opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mächten in Kampf zu
-treten und zu siegen in Triumph oder Untergang.
-
-Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter. Die geahnten,
-gefürchteten Wolken steigen am Horizont der sonnebeglänzten Landschaft,
-in welche das Liebespaar gestellt erscheint, rasch empor und entfalten
-sich drohend. Ein erster Zusammenstoß erfolgt, und die Liebe, die Treue
-siegt. Aber andere Menschen mit andern Leidenschaften und Zwecken
-treten auf, nähern sich der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr
-angezogen, beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knüpft
-sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und dem giftigen Groll
-unwiderstehlich dienen zu können scheint.
-
-Der erste Akt ist zu Ende. Für die Aufführung allerdings zu lang und
-einzelne Scenen in der zweiten Hälfte nicht klar, nicht schlagend
-genug. Aber beiden Uebelständen kann durch Streichen und theilweises
-Umarbeiten abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur als Exposition
-seine Schuldigkeit thun, sondern bereits wirklich ergreifen, einen
-großen romantischen Prospekt eröffnen und durch die eigenthümliche
-dichterische Sprache das Publikum anziehen und erheben.
-
-Die Künstlerin, die über ihre bisherige Rollensphäre hinaus begabt war,
-fühlte sich zufrieden und wahrhaft glücklich. Sie freute sich im Namen
-des Poeten, der sich als dramatischen, als Bühnendichter bewiesen;
-sie freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele strömte;
-und -- sie freute sich über sich selber, daß die ihr allerdings
-nicht ähnliche Heldin, mit der sie aber dennoch fühlen konnte, ihr
-vielmehr lieb geworden war. Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn
-die Seele zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefühle
-und Leidenschaften, und bewußt oder unbewußt sieht der Geist die
-Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen.
-
-Rosa, wie gerührt sie war und wie sehr sie auf das Kommende sich
-freute, wollte für jetzt doch nicht weiter gehen. Sie fühlte sich durch
-das Bisherige schon eingenommen und gewissermaßen gesättigt. Es war
-ein guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich ergötzen, ihn
-wollte sie in der Seele tragen und den Genuß des verheißenen guten
-Fortgangs auf die folgenden Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne
-doch schon jetzt vertieft und erhöht -- durch die Achtung, die er ihr
-eingeflößt! Wie schön, wenn er durchdrang mit seiner ersten Dichtung,
-um ihr immer bedeutendere, reifere nachfolgen zu lassen! -- Sie stand
-auf, ernst und gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn
-wollenden Gemüths.
-
-Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz umgesehen, neue
-Bekanntschaften gemacht und, da er nicht feiern konnte, sogar eine
-neue dramatische Arbeit begonnen -- wieder ein Trauerspiel. Dieses
-freilich nicht aus Trotz gegen die Rathschläge der Klugheit und auf
-seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er nur dazu einen Entwurf
-besaß und nicht zu einem Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin
-dem Schauspiel bereits etwas näher, und sehr schmeichelte ihm nun der
-Gedanke, die Vorzüge der Tragödie und des Dramas in der neuen Dichtung
-vereinigen und beide Parteien zufrieden stellen zu können. Das allein
-schien ihm auch die seiner in der That würdige Aufgabe, während er
-sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es wünschte, von der Höhe, zu
-der er sich berufen halten mußte, doch einigermaßen herabzusteigen
-schien.
-
-Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht; er suchte ihn
-wieder auf, benahm sich schon freier, kameradschaftlicher gegen ihn,
-und der Schriftsteller nahm ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit,
-die sich in einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist
-jüngere Männer, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere und mit Willmann
-drei Literaten. Heinrich wurde von seinem Einführer als Dramatiker
-vorgestellt und dann besonders mit einem der Schriftsteller bekannt
-gemacht, der ungefähr seine Jahre hatte. Doctor Dorn -- so hieß
-derselbe -- bot ihm einen Stuhl neben sich, und es zeigte sich bald,
-daß er, unter anderem, auch Theaterkritiker war. Als Heinrich dieß
-vernommen, konnte er nicht umhin, seine Freude darüber auszusprechen
-und in seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergnügen an den Tag zu
-legen. Dem Kritiker gefiel dieß; er erkundigte sich nach dem Stück,
-und auf unsern Poeten hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt,
-daß er unwillkürlich über die Aufgabe mit Wärme, über die Leistung
-aber bescheiden sich ausdrückte und dem andern dadurch als ein Mensch
-erschien, dem man seiner Bravheit wegen unter die Arme greifen könne.
-Das Bier, das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die neuen
-Bekannten stießen wiederholt an, tranken nach Durst und gingen um
-Mitternacht fast als gute Freunde nach Hause, indem sie unter dem
-dunkeln Nachthimmel mit Köpfen hinwandelten, die durch Getränk und
-Gesprächeslust hell erleuchtet waren.
-
-Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren Feuilleton
-hauptsächlich der Feder Dorns offen stand: »An der hiesigen Hofbühne
-ist eine neue Tragödie eingereicht, welche durch effektvolle Scenen und
-durch eine edle, schwungvolle Diktion große Hoffnungen erweckt. Der
-Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum durch geistreiche
-Aufsätze und Kritiken bekannt, weilt hier und ist bereits wieder mit
-einem neuen Stück beschäftigt.« -- Heinrich, der das Blatt in einem
-Speisehaus arglos zur Hand genommen hatte, fühlte sich durch die
-öffentliche Hervorhebung so betroffen, daß er ordentlich zurückfuhr.
-Nach der ersten Ueberraschung wog aber das Vergnügen, mit so viel Ehren
-genannt zu seyn, als es zunächst irgend möglich erschien, doch bei
-weitem vor; er las die Notiz wiederholt, überlegte den wahrscheinlichen
-Effekt auf Publikum und Intendanz und verließ die Restauration mit den
-angenehmsten Empfindungen.
-
-Zufällig kam ihm auf der Straße Willmann entgegen. Mit einem Lächeln,
-worin Bonhomie und gemüthliche Satire bis zur Liebenswürdigkeit
-gemischt waren, rief dieser: »Nun, ich gratulire! Sie haben doch
-gelesen?« -- »So eben,« erwiederte Heinrich, indem er ihm die Hand
-reichte. »Es freut mich, und ich muß Ihnen für die Bekanntschaft
-nochmal herzlich danken.«
-
-Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte: »Er muß sehr für
-Sie eingenommen seyn; sonst ist er mit Lob und Empfehlung nicht so
-rasch bei der Hand.« Heiter für sich hinsehend schwieg er einen Moment.
-»Apropos,« setzte er dann hinzu, »haben Sie die beiden Herrn schon
-besucht?« -- »Besucht wohl,« erwiederte der Dramatiker, die Regisseure
-verstehend, »aber nicht zu Hause getroffen.« -- »Ich habe vorgestern,«
-sagte der Andere, »mit ihnen gesprochen. Gehen Sie morgen früh zu
-ihnen, beide werden zu Hause seyn.«
-
-Sie trennten sich händeschüttelnd, und Heinrich sagte sich im
-Weitergehen, daß er, mit Ausnahme eines Einzigen, bis jetzt eigentlich
-doch lauter freundliche, liebenswürdige Leute hier getroffen habe und
-alles nur immer besser sich anlasse.
-
-Andern Tages machte er sich bald auf den Weg und besuchte zuerst den
-Regisseur des ernsten Dramas. Er fand einen stattlichen Mann von reifem
-Alter, dessen bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht eben
-so viel Würde als Wohlwollen ausdrückte. Man sah ihm an und fühlte
-auch durch seine Höflichkeit hindurch, daß er seit Jahren Heldenväter
-spielte und eben so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf dem
-Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem ersten Willkomm gestand er
-dem jungen Dramatiker, daß er sein Stück nur dem Titel und den Personen
-nach kenne, sich aber freuen würde, eine Tragödie im höheren Styl
-darin zu finden, die er zur Aufführung befürworten könnte. Denn man
-möge sagen was man wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache
-für das Theater und müsse namentlich an Hofbühnen, wie die hiesige,
-gepflegt werden.
-
-Heinrich war damit freudig einverstanden und drückte die Hoffnung aus,
-daß seine Tragödie, für deren höhere Haltung er einstehen könne, auch
-als wirksames Theaterstück sich erproben möchte. Nur zu lang würde sie
-wohl noch seyn!
-
-Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte in seinem
-Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit. »Wenn das Stück nur sonst
-gut gebaut ist,« sagte er dann, »den Uebelstand der Länge wollen wir
-schon beseitigen.« Der Poet nickte begreifend, mit einem Lächeln,
-in das die Ahnung eines mörderischen Einbruchs in seine Verse einen
-leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit brachte. Der Heldenvater, dieß
-gewahrend, fuhr fort: »Ich weiß wohl, daß wir den Herrn Dichtern an's
-Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen, die sie gern für
-ihre schönsten zu halten pflegen. Aber es geschieht doch nur zu ihrem
-Besten, und ich würde Ihnen rathen --«
-
-Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete: »Herr
-Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragödie zur Verfügung. Verfahren
-Sie damit ganz, wie es Ihnen gut dünkt; denn ich weiß, ein Künstler
-wie Sie, streicht nur das Ueberflüssige und wirklich Schädliche,
-damit das Aechte, Schöne und Reine um so besser wirke.« -- »Darauf,«
-erwiederte der Regisseur, »können Sie sich verlassen! Das Theater und
-der Dichter haben Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit
-man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stück zum Lesen und ein
-Stück zum Aufführen ist zweierlei. Was beim Lesen charmant seyn kann,
-wird auf der Bühne, wenn es die Handlung aufhält, unangenehm, sehr
-unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie würden die meisten
-deutschen Bühnendichtungen an ihrer eigenen Poesie zu Grunde gehen. --
-Vertrauen Sie,« fuhr er lächelnd fort, »in dieser Beziehung ganz den
-Schauspielern. Wenn Ihr Stück angenommen wird, so dürfen Sie später
-auch den Vorschlägen der einzelnen Darsteller unbedenklich folgen und
-noch mehr aufopfern; denn womit einer etwas machen kann, das läßt er
-sich nicht nehmen.«
-
-Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen waren, unterdrückend,
-gab seine Zustimmung mit Ernst und in so guter Manier, daß der Künstler
-geradezu für ihn eingenommen wurde. Er eignete sich für das Stück ein
-günstiges Vorurtheil hauptsächlich wegen der Einsicht an, die der junge
-Mann bewies, und sagte endlich, indem er ihm die Hand gab: »Was ich
-für Sie thun kann -- natürlich in Uebereinstimmung mit den Interessen
-der Bühne -- das geschieht, verlassen Sie sich darauf! Es sollte mir
-sehr lieb seyn, wenn wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes
-Theaterstück herausarbeiten könnten. Ich bin jetzt um so neugieriger
-darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen können.«
-
-Mit großer Beruhigung verließ Heinrich den einflußreichen Mann. Er
-fühlte, wie sich ihm der Boden unter den Füßen zusehends consolidirte,
-und freute sich nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl er
-in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse Scheu vor ihm
-empfunden hatte. Unmittelbar verfügte er sich zu ihm.
-
-Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische Unordnung
-verrieth, wurde er von einem länglichen, hageren Mann willkommen
-geheißen, in dessen Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck
-stehend geworden war, so daß nun auch die Versicherung seiner
-Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstücks kennen zu lernen,
-einen unverkennbar ironischen Klang hatte. Heinrich, dem sich dieß
-aufdrängte, fühlte sich etwas aus der Fassung gebracht, und es
-wurde ihm noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer Miene
-betrachtete, welche, durch alle äußere Freundlichkeit hindurch, zu
-sagen schien: »Der sieht mir auch aus, als ob er uns Zeug brächte, das
-niemand genießen kann!«
-
-Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, faßte sich aber der
-Poet und empfahl seine Dichtung mit Würde, indem er hinzufügte: die
-Urtheile, die er schon darüber vernommen, berechtigten ihn zu der
-Hoffnung, daß sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mißfallen werde.
--- »O,« rief dieser mit Emphase, »davon bin ich überzeugt! -- Auch die
-Presse,« fuhr er nach einem Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, »hat
-auf das Stück bereits aufmerksam gemacht --« -- »Aber ohne daß ich
-dazu Veranlassung gegeben,« fiel Heinrich ein. »Ich wurde selber davon
-überrascht.«
-
-Mit einem Gesicht, welches vergnügten Unglauben ausdrückte, entgegnete
-der Schauspieler: »Fällt mir nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja
-die Herrn Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um
-hinterdrein -- Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt und zweifle
-nicht, daß sie vortrefflich seyn wird. Aber ich muß Ihnen doch
-gestehen: Tragödien sind eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles
-zu sagen -- auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu lernen,
-kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich selten.«
-
-»Wenn aber eine einschlägt,« warf Heinrich ein, »dürfte sie doch --« --
-»Ein Gewinn seyn?« ergänzte der Andere, indem er ihn heiter fixirte,
-»ja. Und wenn ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung
-gewiß.«
-
-»Tragödien,« fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen mit halbem Lächeln
-fort, »können am Ende doch nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen
-werden.« -- »Natürlich nicht,« erwiederte der Regisseur. »Was würden
-wir da mit unsern Tragikern -- unsern Heldenspielern und Heroinen
-anfangen? Und sogar das Publikum will hie und da noch ein neues
-Trauerspiel sehen.« -- »Zur Abwechslung,« setzte der Poet hinzu, der
-auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. -- »Ja wohl,« versetzte
-der Andere, »und am Ende aus alter Gewohnheit. Aber sie müssen selten
-kommen -- immer seltener --« -- »Bis sie endlich ganz verschwinden
-können!« setzte der Poet halb fragend hinzu. -- »Ich meinerseits,«
-entgegnete der Schauspieler, »würde mich zu trösten wissen.«
-
-Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige Person erkannte,
-lachte und jener schien das wohl aufzunehmen. Er sah den Poeten
-freundlicher an und fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: »Sie
-dürfen diese Aeußerungen nicht so schlimm aufnehmen, Herr Doctor.
-Jeder liebt am Ende, was er kann und womit er Ehre einzulegen hofft,
-und meine Sphäre ist die Komödie, das Conversationsstück, und was so
-drum herum liegt. In Tragödien kommt höchstens einmal ein Bösewicht
-an mich, der mehr drolliger Schuft als erhabener Verbrecher ist,
-und größere Ansprüche kann ich auch nicht erheben. Abgesehen davon,
-daß das Erhabene nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier für die
-große Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten und den
-Schauerblick seines rollenden Auges dem Publikum Grauen einflößt, und
-wenn dieser in Ihrem Stück eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im
-voraus. Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist für mich
-geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur beiße, wenn's eben nicht
-anders geht. So ist mir der Sinn für die Tragödie, den ich in meiner
-Jugend wohl auch gehabt habe, fast gänzlich entschwunden, und ich
-fühle leider, daß ich auch die hochpoetischen nicht ganz so schätzen
-kann, wie sie's verdienen. Indessen,« fügte er mit einer Miene hinzu,
-die es fast bis zum Ernst brachte, »meine Pflicht verlangt, den
-ehrenvollen Ruf und den Vortheil der Bühne im Auge zu haben, und wenn
-sich dieß mit Ihren Wünschen vereinigen läßt -- zählen Sie auf mich!«
-
-Der Dramatiker, durch das launige Bekenntniß ergötzt und die ernstliche
-Zusage ermuthigt, reichte dem Künstler dankend die Hand und beide
-schieden mit beinahe freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter
-cordialen Betheurungen.
-
-»Auch das,« sagte der Poet auf der Straße zu sich, »ist besser
-gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte. Nun, der Poesie kann am
-Ende niemand widerstehen, und wenn er sich dem Stück hingibt --« Er sah
-geradeaus und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen Dame,
-die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt. Grüßend trat er zu ihr und
-betrachtete sie verwundert. Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und
-eine Güte, die es glänzend verschönten, und zugleich ein höherer Ernst,
-als er je an ihr wahrgenommen hatte.
-
-»Es freut mich sehr,« antwortete sie auf den Gruß, »daß ich Sie treffe!
-Ich hab' Ihre Tragödie gelesen -- anderthalb Acte --« -- »Nun?« rief
-Heinrich, dessen Herz zu pochen anfing. -- »Ich wünsche Ihnen Glück
-von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich außerordentlich
-angezogen; es ist ein förmlicher Zauber, und wenn das so fortgeht
---« -- »O,« rief Heinrich, an weitere Scenen denkend, mit inniger
-Ueberzeugung, »es muß noch besser kommen!« -- »Nun,« versetzte sie,
-»dann kann ich wenigstens nur an einen vollständigen Erfolg auf dem
-Theater glauben. -- »Ah,« rief der Autor, dem ein Strom der Wonne durch
-die Brust ging, »das ist heute ein glücklicher Tag!«
-
-Er berichtete ihr in Kürze über seine Besuche und ließ deren Ergebniß
-unbewußt im besten Licht erscheinen. Rosa's Gesicht erheiterte sich
-und sie rief: »Das geht ja gut über Erwarten! Vor Berger (so hieß der
-Regisseur des Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn ein
-Trauerspiel wirklich ergreift und fortreißt, hat auch er Respekt davor,
-und überhaupt ist er nicht so schlimm, wie er aussieht. Ich gestehe
-Ihnen, ich freue mich außerordentlich, das Stück zu Ende zu lesen und
-dann mit Ihnen darüber zu sprechen. Diese Woche bin ich freilich sehr
-beschäftigt, aber in der nächsten hoffe ich damit fertig zu werden.«
-Sie grüßte den Autor mit dem Blick einer Schwester und ging dem Theater
-zu, wohin sie eine Probe rief.
-
-Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zögernd um. »Eine wahre
-Freundin!« rief er weitergehend. »Sie nimmt wirklichen Antheil an mir
-und meinem Schicksal. Wie schön, daß ich sie gefunden habe!«
-
-Das Glück des Poeten war aber heute im Zug und die Fülle seiner Gaben
-noch nicht erschöpft. Als er nach Hause kam, fand er ein Schreiben
-von Auguste. Er erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen
-sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die ihn am meisten
-erfreuten, lauteten:
-
-»Auf deinen lieben, schönen, poetischen Brief hätt' ich dir schon
-früher geantwortet, wenn ich nicht mit der Mutter acht Tage auf Besuch
-bei Vetter Kronfeld gewesen wäre, der, wie du weißt, seine Fabrik eine
-halbe Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei und waren
-gegen uns besonders freundlich. Der alte Herr, der mich längere Zeit
-nicht sah, hat mich förmlich in Affektion genommen, und ich mußte
-ihm beim Abschied versprechen, nächstes Frühjahr auf längere Zeit
-wiederzukehren, um, wie er sich ausdrückte, seiner Tochter (die der
-Mutter nachschlägt und etwas in sich gekehrt und kopfhängerisch ist)
-zum Vorbild zu dienen. Wie viel Vergnügen wir aber dort hatten, ich bin
-jetzt doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und benutze die
-erste freie Stunde, um dir zu schreiben.
-
-»O Heinrich, du bist gut, und ich wünsche über Alles, daß es dir auch
-gut gehe und du für dein Streben, deinen Fleiß und deine Ausdauer nach
-Verdienst belohnt werdest. Gewiß, niemand in der Welt kann sich mehr
-über dein Fortkommen und das Gelingen deiner Pläne freuen. Wie schön
-wäre es, wenn du unsern rechnenden Kaufleuten beweisen könntest, daß
-man sich auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu
-schaffen vermag -- von dem Ruhm des Namens zu schweigen. Und warum
-sollte es nicht möglich seyn? Dir trau' ich zu, daß du alle Zweifler
-beschämen wirst.
-
-»Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht hast, war von
-großem Interesse für mich; das Benehmen des Professors hat mich aber in
-deinem Namen recht geärgert. Unser guter Rektor, dem ich's vorhielt,
-lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur: »Ich meinte, er hätte
-sich gebessert; nun scheint es aber nach den Angriffen, die sein
-letztes Buch erfahren hat, mit ihm noch ärger geworden zu seyn. Es
-schadet nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und den Zopf
-entbehren können.«
-
-Daß sich die Schauspielerin für dich interessirt, ist sehr gut. Mache
-dir nur Freunde und cultivire alle Bekanntschaften, die dir nützlich
-werden können, denn der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht
-aus, man muß auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen, und da darf
-uns kein Gang und keine Artigkeit reuen. Aber, aber! -- die schöne
-Künstlerin, die »einem andern gefährlich werden könnte,« läßt mich doch
-auch für dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so »gefeit« seyn,
-wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen Herzens so ganz sicher?
-Doch, es ist mir eigentlich nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die
-treueste, ehrlichste Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe
-wohl! Versäume nichts, was deinem Unternehmen dienlich seyn kann. Dein
-Stück, wenn es nur gegeben wird, muß dem Publikum gefallen. Schreibe
-mir bald wieder.«
-
-
- IV.
-
-Die nächsten Tage verflossen unserem Dichter auf's angenehmste. Es ist
-gar schön, auf ein Ziel hinzublicken, das uns, nicht allzufern, in
-reizendem Lichte winkt und dessen Erreichen vernünftigerweise nicht
-mehr bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird ruhiger und in
-Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht: die Freude des Gelingens
-wird im sichern Herzen voraus empfunden.
-
-Heinrich füllte seine Stunden mit Arbeit und Genuß in wohlthuendem
-Verhältniß. Die Kunstschätze der Residenz hatte er bisher nur
-theilweise und flüchtig gesehen; jetzt widmete er ihnen eine ernstere
-Betrachtung und erhielt unter Ergötzungen aller Art eine Fülle
-poetischer Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant freien
-Eintritt gewährt hatte, besuchte er fast regelmäßig, und während er
-sich dem Vergnügen hingab, das die Handlung in ihm erweckte, lernte er
-immer mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewöhnlich war er
-ganz Empfänglichkeit und der Kritik völlig unfähig beim Beginn eines
-Stückes; er freute sich schon, daß es nur das gab, was ihm geboten
-wurde. Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und wurde
-nur um so strenger und kühner. Er sah manches, was ihm vorbildlich
-erschien, noch mehr aber, was ihm unrichtig und schwach dünkte und was
-er besser zu machen den Beruf hatte.
-
-Sehr anziehend war es für ihn, die Darsteller zu beobachten, welchen er
-die Hauptrollen in seinem eigenen Werke zudachte. Mit dem Heldenvater
-und dem Charakterspieler war er sehr zufrieden. Der letztere schien
-ihm zwar an die Grenze des ästhetisch Erlaubten zu gehen; allein die
-dämonische Persönlichkeit in seinem Stück war auch ungewöhnlich scharf
-gezeichnet und eine frappante Entfaltung mimischer Kräfte vielleicht
-eben in seinem Interesse. -- Die heroische Liebhaberin, die ihm schon
-als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch als Jungfrau von Orleans,
-und nach beiden Rollen mußte er sie für seine Heldin wie geschaffen
-halten, da diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse
-Verwandtschaft hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und Hoheit, womit
-sie alle Prüfungen bestand, über beide hinausragte. Bei dem Applaus,
-den die Künstlerin errang, konnte er nicht umhin, kräftig mitzuwirken
-und nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden hinzunehmen
-hatte.
-
-Sein neues Drama rückte vor. Der Entwurf war genau und erlaubte ihm
-stetiges Fortarbeiten. Die fertigen Auftritte schienen ihm anziehend
-und spannend, er freute sich von einem Tag zum andern auf die
-Fortsetzung, und ein Gefühl sagte ihm: es muß werden!
-
-Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor Dorn zu besuchen. Er wurde
-freundlich empfangen und die Art, wie er seine Erkenntlichkeit
-ausdrückte, heiter vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der
-Journalist, welche Blätter ihm dermalen offen ständen. Als Heinrich ihm
-bekannte, daß er in Journale seit längerer Zeit nichts geschrieben,
-weil er ganz und gar von seinen dramatischen Arbeiten in Anspruch
-genommen werde, schüttelte Dorn mißbilligend den Kopf und sagte: »Da
-haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund! Zeitungen müssen
-einem immer zur Verfügung stehen, damit man Freundlichkeiten nicht nur
-in Empfang nehmen, sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als Dichter
-bekannt werden wollen, müssen Sie nothwendig auch als Referent und
-Kritiker thätig seyn; denn wer seine Hand nicht in einigen Blättern
-hat, also weder nützen noch schaden kann, auf den wird man bald keine
-Rücksicht mehr nehmen.«
-
-Heinrich konnte die Bündigkeit des Schlusses nicht läugnen -- unter
-gewöhnlichen Verhältnissen. Daß er aber sein Streben und sein Talent
-für eine Ausnahme hielt, die solche Vorsorge gar nicht nöthig haben
-würde, durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er nickte daher
-bedeutsam, lächelte ein wenig und schien die gute Lehre begriffen zu
-haben.
-
-Dorn betrachtete ihn mit Vergnügen und mit einem schelmischen Zug um
-den Mund, wie einen, den man auf den rechten Weg zu leiten im Begriff
-ist. Nach etwelchen Fragen, die sich auf Heinrichs jüngste Erfahrungen
-bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch vor und fragte ihn, ob
-er es schon gelesen habe. Jener verneinte es und setzte hinzu, daß ihm
-auch der Name des Autors noch nicht vorgekommen sey.
-
-Dorn schmunzelte. »Das ist nicht zu wundern,« sagte er. »Das Buch ist
-von mir. Ich wollte aber in einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn,
-und so hab' ich's pseudonym herausgegeben.« -- »Ah,« rief unser Poet,
-»das muß pikant seyn!« -- »Ich meine schon,« erwiederte der Autor mit
-gemüthlicher Selbstgefälligkeit. »Aber bis jetzt hat es doch noch
-nicht die Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es ist
-freilich noch nicht lang heraus und muß eigentlich erst bekannt werden.
--- Interessirt Sie's?« fuhr er nach einem Moment fort, »wollen Sie's
-lesen?« -- »Wäre mir allerdings sehr lieb --« -- »So nehmen Sie's mit
-nach Hause.«
-
-Heinrich fühlte wohl, daß er damit eine Verpflichtung auf sich nahm.
-Allein er konnte schicklicherweise nicht zurück, steckte das Buch ein
-und verließ den guten Freund mit dem Entschluß, das Opus zu lesen, und
-wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen.
-
-Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten. Rosa trat in
-einem neuen Familienstück auf und führte die Partie eines Mädchens,
-die mit aller Munterkeit eines fröhlichen Herzens auftrat, aber
-nach hereingebrochenem Unglück unerwartete, rührende Festigkeit und
-Hingebung bewies, in so ergreifender Weise durch, daß sie in den
-letzten Akten den rauschendsten Beifall erntete. Die Theaterkenner
-schauten sich verwundert an und gestanden sich, daß sie ihr das nicht
-zugetraut hätten; Heinrich, dem Thränen in die Augen getreten waren,
-fühlte sich überaus glücklich und namentlich auch dadurch befriedigt,
-daß er ihr Talent so richtig begriffen, sie auf die besondere Fähigkeit
-schon aufmerksam gemacht hatte.
-
-Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren und ihr sein
-früheres Wort in's Gedächtniß zurückzurufen. Das letztere gerieth ihm
-etwas mentorartig und die Künstlerin zuckte unwillkürlich die Achseln.
-»Nun,« sagte sie, »ich muß am Ende doch daran glauben, daß noch etwas
-mehr in mir steckt, als ich bis jetzt selber gedacht habe. Wenn das
-Publikum mit seinem Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner
-und Aesthetiker, wie Sie, die vollste Bürgschaft. Eigentlich,« fuhr
-sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmüthiger fort, »kommt es
-wohl nur auf die Rolle an, die man erhält. Der Dichter schreibt vor,
-wir müssen ausführen, und -- es wächst der Mensch mit seinen größern
-Zwecken.«
-
-Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey allerdings richtig,
-aber das Wachsen setze die Kraft selber voraus, und die Freundin
-thäte wohl daran, von der gestern Abend glänzend erwiesenen Gabe der
-Rührung und Erhebung öfteren und umfassenderen Gebrauch zu machen. Die
-freundschaftliche Besorgtheit um ihr Talent und dessen Ausbildung zog
-dem Poeten einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war,
-obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine Vermuthung ging auf
-eine geringere Schätzung eben dieser Gabe von Seiten der Künstlerin,
-und er suchte nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende
-Pflege derselben sich steigern, ergänzen, und welch vollkommene
-Genugthuung sie dann empfinden würde.
-
-Rosa hörte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation fertig war,
-sagte sie: »In Ihrer Tragödie hab' ich noch nicht weiter lesen
-können; ich muß dazu ganz ruhig und gesammelt seyn.« -- »Ich dränge
-durchaus nicht,« erwiederte Heinrich. -- »Das ist mir lieb. Auch für
-die nächsten Tage geht's noch nicht. Sie wissen, das Theater ist
-unberechenbar, und ich soll übermorgen gegen alles Erwarten eine Rolle
-spielen, die ich fast ganz vergessen habe.« -- »Das verträgt sich
-allerdings nicht mit der Lektüre meines Stücks,« versetzte der Poet,
-»und ich würde selber bitten, daß Sie sich von jetzt an möglichst im
-Zusammenhang erhalten möchten.«
-
-Es wurde ausgemacht, daß Rosa, wenn sie fertig wäre -- in acht,
-höchstens zehn Tagen glaubte sie es zu seyn --, den Dichter zu sich
-bitten lasse. Heinrich meinte lächelnd: es sey vielleicht gut, wenn er
-sich noch etliche Zeit in süßer Täuschung wiegen könne, und empfahl
-sich, »des Rufes gewärtig.«
-
-Acht Tage vergingen, ohne daß dieser erfolgte. Der Poet brachte den
-ersten Akt seines neuen Stücks zu Ende und machte sich rüstig an den
-zweiten. Im Eifer des Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil
-der Künstlerin zu vernehmen, so wenig empor, daß er drei fernere Tage
-ruhig hingehen ließ. Als aber noch zwei verstrichen, ohne daß Botschaft
-an ihn ergangen wäre, da fing er doch an bedenklich zu werden; eine
-dumpfe Aufregung störte sein Denken und Schaffen, und er beschloß,
-unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war Verschiedenes möglich, er
-brauchte noch gar nichts Uebles zu fürchten bei einer so geringen
-Hinausschiebung, die ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklärte;
-aber eben darum wollte er nachsehen, um durch Kenntniß des wirklichen
-Motivs den Gedanken ein Ende zu machen, die ihn zu belästigen anfingen.
-
-Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die ihm so trauliche
-Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen betrat, gegen Abend und wurde
-von den beiden Frauen, obschon er sie ernster als gewöhnlich traf, so
-herzlich, so gütig empfangen, daß er sofort leichter zu athmen begann.
-
-Nach einer Weile sagte Rosa: »Sie kommen heute gelegen; ich hätte Sie
-morgen zu uns eingeladen.« -- »Sie sind also fertig?« entgegnete der
-Poet lebhaft. -- »Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt
-gelesen habe.«
-
-Heinrich, dankend, sah die Künstlerin an. Aus ihrer gehaltenen Miene
-war ihr Urtheil nicht abzunehmen, obwohl dem Autor so viel klar wurde,
-daß er unbedingte Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden, in
-Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte. Etwas zögernd fragte er
-daher: »Und Ihre Ansicht?«
-
-Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: »Ich habe das ganze Stück
-mit dem größten Interesse gelesen.« Heinrich nickte, indem seine
-Miene unwillkürliches Bedenken verrieth. »Und die Poesie, die Sie in
-den ersten Acten fanden,« fragte er dann, »ist sie Ihnen auch in den
-folgenden erschienen?« -- »O, allerdings,« erwiederte sie. »Es sind
-reizende Scenen darin, ergreifende, erschütternde Momente!« -- »Nun,«
-versetzte der Autor, wieder beruhigt, »das ist schon etwas! Wie lautet
-aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich, was hab' ich auf der Bühne
-zu hoffen?«
-
-Das Mädchen sah ihn an und schien über die Antwort nicht mit sich in's
-Reine zu kommen; dann, mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch
-zugleich mit bescheidener Zurückhaltung im Ton, versetzte sie: »Was
-den Bühnenerfolg betrifft, so getrau' ich mir, offen gestanden, nicht,
-Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.«
-
-Der Poet war betroffen, ja bestürzt. »Ah,« rief er, »das hätt' ich
-nicht erwartet! -- Sie glauben also, daß es auf der Bühne keine Wirkung
-machen wird?« -- »Das ist nicht meine Meinung,« entgegnete Rosa
-lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen konnte.
-
-Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen Arbeit gesessen
-hatte, bemerkte nun: »Rosa will nichts weiter sagen, als daß sie Ihnen
-einen Erfolg, wie wir ihn alle wünschen, nur nicht verbürgen kann. Die
-Möglichkeit will sie keineswegs bestreiten.« -- »Durchaus nicht!« fuhr
-die Schauspielerin fort. »Bei einer gewagten Handlung, und die Ihrige
-ist gewagt, kömmt's auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern
-bietet, ihnen eben noch recht, oder wird's ihnen schon zu viel, zu
-stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich namentlich bei Tragödien
-vor der Aufführung niemand eine sichere Antwort gestatten wird.«
-
-Der Dichter war sehr betreten. Nach der schönen und reinen Anerkennung
-der ersten Akte hatte er eine Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze
-um so mehr erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht der
-Handlung durchaus in der zweiten Hälfte lag. Zuletzt etwas bedenklich
-geworden, hatte er sich doch höchstens auf Beanstandung einer und
-der andern Einzelnheit gefaßt gemacht. Daß das Ganze, die scenische
-Wirksamkeit der Tragödie überhaupt, eine Frage werden könnte, das hatte
-er nicht für möglich gehalten; es überraschte ihn schmerzlich, er
-konnte noch nicht daran glauben.
-
-»Aber,« begann er, indem sein verdüstertes Gesicht sich wieder zu einem
-Ausdruck von Selbstgefühl erhob, »die Sprache, wie Sie selber zugeben,
-ist doch poetisch, die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen
-Akten, besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von denen Andere
-gemeint haben, daß sie bedeutenden Effekt machen müßten.« -- »Gerade
-über diese Auftritte in den letzten Akten,« entgegnete die Künstlerin,
-»und über die Wirkung derselben auf's Publikum traue ich mir kein
-bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist keine Frage. Aber
-wenn sie nun -- wehe thäten?« -- »Sie meinen, daß sie vielmehr peinlich
-als tragisch wirken könnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch ihren
-Geist und Charakter innerlich so reich und so erhaben, sie triumphiren
-im Leid, gewinnen im Untergang --« -- »Das ist Ihre Absicht mit ihnen
-gewesen,« versetzte Rosa, »man sieht das wohl. Nun, und in Rücksicht
-darauf möcht' ich allerdings das Gelingen für eben so möglich halten.«
-
-»Meine Tochter,« begann die Frau wieder, »ist nur so ehrlich, Ihnen
-keine Hoffnung machen zu wollen, die sich nachher nicht erfüllen
-könnte; und darin, mein lieber Herr Doctor, muß ich ihr Recht geben.
-Ich habe Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin überein,
-daß sie große Vorzüge besitzt und großes Talent verräth; wenn aber
-die letzten Auftritte, worauf Sie alles angelegt haben, nicht den
-beabsichtigten Effekt machen, dann kann doch, trotz aller Schönheiten,
-der Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde ihn wünschen,
-und niemand herzlicher als wir.«
-
-Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie einer, der zu
-begreifen anfängt, und sagte mit trauriger Miene: »Das ist schlimm! Das
-Vertrauen, das ich auf diese Tragödie gesetzt habe, ist durch diese
-Urtheile erschüttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin in
-großer Verlegenheit.«
-
-Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns auf ihn
-geworfen, sagte nun: »An dem ist es noch nicht, mein lieber Freund!
-Wir haben Ihre Dichtung als Theaterstück beurtheilt in ihrer jetzigen
-Gestalt, aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie können ja
-ändern und was bedenklich erscheint, herausbringen.« -- Das Gesicht des
-Autors erhellte sich wieder und er erwiederte: »Das ist wahr.«
-
-Rosa, mit einem gutmüthigen Lächeln, fuhr fort: »Lassen Sie nur
-erst die Regisseure drüber kommen und das Stück »einrichten!« So
-eine Einrichtung hat schon oft Wunder gethan, und wie sollte sie
-nicht einem Stück zu Gute kommen können, das an Schönheiten so reich
-ist? Vielleicht schlägt man Ihnen auch vor, einzelne Partien ganz
-umzuarbeiten --«
-
-Heinrich stand nachdenklich. »Und dazu,« sagte er dann, »müßte ich
-mich wohl verstehen?« -- »Gewiß,« rief das Mädchen. »Ein Theaterstück
-ist noch ganz was anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl
-dem Autor, wenn man aus einer solchen überhaupt ein wirksames Stück
-herausschneiden kann! Es lohnt sich darum schon der Mühe, noch ein paar
-Wochen daran zu setzen.«
-
-Heinrich lächelte mit Ergebung. »Ich sehe schon,« erwiederte er, »ich
-muß wieder von vorn anfangen!« -- »Theilweise,« versetzte Rosa, »und
-das thut nichts! Hören Sie überhaupt erst das Urtheil der Regisseure.
-Ich muß Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung gegenüber auf
-etwas eingelassen, dem ich doch eigentlich nicht gewachsen bin. Einer
-im höheren Styl gearbeiteten Tragödie es anzusehen, welchen Erfolg sie
-auf der Bühne haben werde, mein lieber Freund, das ist sehr schwer,
-und da können noch ganz andere Leute daneben treffen, als eine junge
-Schauspielerin, die in diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,«
-fuhr sie nach einem Moment fort, »zuletzt muß man's eben darauf
-ankommen lassen. Ich weiß, daß Stücke, denen noch auf der Leseprobe
-der beste Erfolg prophezeit wurde, so ziemlich durchgefallen sind,
-während andere, über die man die Achseln zuckte, angesprochen haben.
-Auf den Brettern ändern sich die Verhältnisse oft ganz unerwartet, und
-wir Schauspieler bringen mit einander heraus, was wir vorher selber
-nicht wissen können. Das Publikum, das die Eindrücke empfängt, hat zu
-urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und entscheidende
-Spruch, und darauf hin muß man's wagen.« -- »In Gottes Namen!« rief
-Heinrich; »wagen wir's! Und wenn Männer von Einsicht vorher Aenderungen
-verlangen -- ändern wir!«
-
-Nach diesen kräftig betonten Worten erheiterten sich die Mienen. Man
-war zu einem Resultat gekommen und ließ die Sache für jetzt auf sich
-beruhen, indem Heinrich sich vorbehielt, an einem der nächsten Tage
-mit den Freundinnen über Einzelnheiten des Stücks zu berathen. Eine
-Unterhaltung über andere Gegenstände konnte nicht lang dauern. Die
-Frauen waren ausgebeten, und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu
-seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen, es auf das
-»Glück der Schlachten« ankommen zu lassen.
-
-Wenn Heinrich die Erklärungen der beiden Schauspielerinnen überdachte
-und eins in's andere rechnete, brauchte er den Muth in der That noch
-nicht zu verlieren. Der Geschmack beider neigte sich zum Genre,
-zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rührung. Das Große, das
-Erschütternde und eigentlich Tragische war ihnen -- zu stark. Darum das
-enthusiastische Lob des ersten Drittheils seines Stücks, das in milder
-und höchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das zweifelnde
-Zurückscheuen vor den Schlägen des endlich sich entladenden Gewitters.
-Männer, zumal solche, deren Fach die Tragödie war, mußten nothwendig
-anders urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten Hälfte den Vorzug
-vor der ersten.
-
-Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als er in seine Stube
-eintrat, sah er, trotz des nächtlichen Dunkels, auf seinem
-Schreibtisch ein Paket liegen, das er mit einem zufriedenen Ausruf
-begrüßte. Er hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes
-gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich nun der schnellen
-Besorgung, deßgleichen auf Nachrichten von Hause, und machte eilig
-Licht. Im Schein der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die
-Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das Siegel und ein Schauer
-überlief ihn: die Sendung kam von der Intendanz, es war die Abschrift
-seiner Tragödie.
-
-In der That enthüllte sich diese aus dem aufgerissenen Umschlag.
-Ein beigelegtes Schreiben, das der Poet mit einer heftigen Bewegung
-entfaltete, lautete kurz:
-
-»Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript Ihrer
-historisch-romantischen Tragödie hiemit ergebenst wieder zurück, indem
-ich lebhaft bedaure, daß dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbühne
-nicht geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung -- von Dachburg.«
-
-Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen lassen, stand und
-rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam in ihm empor drang. Nun war
-Alles verloren -- Alles! Wenn die erste Bühne seines Landes -- sie,
-die vor allen berufen war, höherer Dichtung entgegen zu kommen, ihm
-ein Werk, das er mit seinem Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll
-zurückschicken konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren
-gelebt; er hatte sich über die Welt und sich selber gänzlich getäuscht
--- er war Nichts! Der Grund, auf dem er vorwärts zu gehen meinte, wich,
-und er sank in's Bodenlose!
-
-Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet! welch liebenden
-Fleiß, Jahre hindurch! -- Was hatte er in sie hineingearbeitet
-von edlen Gedanken, holden Gefühlen, großen Vorstellungen,
-erhabenen Phantasiebildern! Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm
-das Unaussprechliche doch auszusprechen gelungen war und es in
-wohllautendem Vers, in blühendem Bild ihm selber wohlgefallen mußte!
-Und nun war Alles nichts -- Alles umsonst! Mit tödtlich kühler Phrase
-wies man die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle des
-Lebens und rief ihm zu: »Fort in die Finsterniß -- und vergehe!« Nicht
-einmal einen Versuch machen mit einer Schöpfung, deren poetischer
-Gehalt über allen Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag,
-die Fülle des Schönen darin für die Bühne zu retten! Verworfen ohne
-Weiteres!
-
-So kurzer Proceß wird mit dem Ernsten und groß Angelegten gemacht,
-während man das Seichte, das kindisch Ergötzliche begierig ergreift,
-ja sogar dem Verderblichen die Hallen des Kunsttempels öffnet! Wahr
-ist also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklärt! Die
-Menge will das Gemeine, und das Theater bietet es ihr, um für die
-hingeworfene Ehre das Geld in Empfang zu nehmen!
-
-Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste, an ihre, an
-seine Eltern -- und es war ihm, als ob eisige Messer ihm die Brust
-zerschnitten. An derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste
-Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine Prüfung für uns
--- Auguste wird sie bestehen -- und ich muß sie auch bestehen! Die
-Meinigen müssen sich ergeben! Was daraus werden mag -- genug der
-Verzweiflung!
-
-Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der Intendanz und verschloß
-es in seinen Schrank. Dann schlug er ein ästhetisches Werk auf, an
-dem er eben studirte, las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu
-vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in ähnlicher Lage war,
-das mußte nun auch Heinrich erfahren. Die schmerzlich getroffene Seele
-kann, so lange die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten,
-die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem der kämpfende
-Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht die Leidenschaft wieder
-durch und vernichtet mit Einem Aufsturm die mühsam errungene stolze
-Haltung. Die Motive des Zorns dringen gegen die Gründe des Trostes an,
-vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt und behaupten das Feld, das
-gepeinigte Menschenherz!
-
-Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich auf's Lager und
-suchte die erlösende Wohlthat des Schlafes; aber vergeblich. In
-erneuerter Aufregung und neuem Kampf dagegen, in tief ödem Gefühl, der
-Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wüstem Durcheinander
-weher Empfindungen ging -- langsam genug -- Stunde um Stunde dahin, und
-erst gegen Morgen ließ ihn die Erschöpfung in einen dumpfen Schlummer
-sinken.
-
-Wie kurz dieser währte und wie unruhig er war, der rüstige junge Mann
-fühlte sich beim Erwachen doch wieder gekräftigt. Die Pflege des Leibes
-erwies sich auch für ihn als abziehend von den Leiden der Seele. Durch
-ein substantielles Frühstück wurde die Restauration so weit geführt,
-daß wieder förmlicher Unternehmungsgeist in ihm aufkam. Er eilte zu
-Willmann, ihm sein Unglück mitzutheilen und wo möglich etwas Näheres
-über die Gründe der Ablehnung zu erfahren, wornach er jetzt die größte
-Neugier empfand.
-
-Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht, in dem nur
-ein viel feinerer Beobachter, als unser Poet jetzt war, auch noch den
-Ausdruck einer gewissen Zurückhaltung hätte bemerken können. Wie
-Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er ihm: »Ich weiß
-schon, was Sie zu mir führt. Die Intendanz hat Ihnen die Tragödie
-zurückgeschickt --« -- »Mit den geringsten Umständen von der Welt! Und
-ich habe nun das Vergnügen, für die Aussaat des Besten, was ich besaß,
-und für die treueste Pflege desselben Verdruß und Schmach zu ernten!«
-
-Der Doctor nickte mit Ernst. »Ich kenne diese Empfindungen aus eigener
-Erfahrung,« erwiederte er dann, »und bedaure Sie von Herzen. Zu thun
-ist aber nichts mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich
-gegen die Aufführung erklärt.« -- »Beide!« rief Heinrich, indem eine
-leichte Blässe über seine Wangen flog. »Aber,« fuhr er nach einer Pause
-sich wieder ermannend fort, »was haben sie denn für Gründe, das Stück
-für ganz und gar unbrauchbar zu erklären? Ich resignire natürlich, das
-versteht sich von selbst; aber diese Gründe kennen zu lernen, hab' ich
-wirklich ein großes Verlangen.«
-
-»Dieses,« versetzte Willmann, »glaube ich befriedigen zu können. Ich
-habe mit den Herren gesprochen. Es thut beiden leid, daß sie das Stück
-nicht zur Annahme empfehlen konnten -- ja, ja, auch dem Komiker, er
-hat mir's wenigstens ernstlich versichert -- und ich glaube nun, daß
-es ihnen selber lieb seyn wird, die Motive, die sie zu ihrem Votum
-bestimmt haben, Ihnen bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich
-Ihnen die Abschriften heute noch zuschicken.« Heinrich ergriff seine
-Hand und rief: »Sie würden mich außerordentlich verbinden! Da ich nun
-doch einmal nichts kann, so möcht' ich wenigstens erfahren, woran's
-liegt, um allenfalls, wenn's unvermeidlich wird, bei Zeiten mich auf
-ein anderes Metier zu werfen.«
-
-Willmann schüttelte den Kopf. »Nicht so desperat, mein Freund!«
-entgegnete er. »Ich kenne Ihr Stück nicht und kann also eigentlich
-über Ihr Talent nicht urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen
-scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen Sie zunächst die
-Urtheile der Regisseure, die ich selbst noch nicht kenne und auf die
-ich ebenfalls gehörig neugierig bin.«
-
-Als unser Poet Abends in seiner Stube brütend saß, kam die zugesagte
-Sendung an. Mit begreiflicher Hast öffnete er das Couvert, nahm
-die Papiere heraus und griff zuerst nach dem Votum des tragischen
-Künstlers. Dasselbe lautete:
-
-»Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk und
-erweckt als solches schöne Hoffnungen für die Zukunft. Der Dichter
-gebietet über einen nicht gewöhnlichen Schatz von Empfindung und
-Phantasie, besitzt auch einen natürlichen poetischen Takt, und wo
-diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten, da gelingen ihm
-anziehende und darstellbare Scenen. Noch im dritten Akt glaubte ich das
-Stück zur Annahme vorschlagen zu können, aber gegen das Ende desselben
-zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und an Motivirung, der in
-den letzten Akten immer fühlbarer wird, so daß wir von dem Ganzen
-einen wüsten und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter
-malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die bösen, sondern
-auch die edlen Charaktere des Stücks machen endlich den Eindruck von
-Carikaturen. Das Liebespaar drängt sich ordentlich zum Märtyrthum,
-unter übertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber nicht mehr
-natürlich und menschlich empfunden wird, da können wir nicht mitfühlen
-und finden daher auch keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen,
-ob dem Stück durch Streichen zu helfen wäre, aber bald gesehen, daß
-es einer völligen Umarbeitung bedürfte. Die Tragödie ist trotz des
-poetischen Talents, das der Verfasser in allen Akten beweist, als
-Theaterstück verfehlt, und die Aufführung in seinem eigenen Interesse
-nicht zu wünschen.«
-
-Heinrich hatte die Lektüre mit einem gewissen Trotz begonnen und
-glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen zu können; aber der Trank, den
-er zu verschlucken bekam, wurde gegen das Ende doch gar zu bitter;
-unter unwillkürlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand auf's
-neue die ganze Pein der Niederlage. Für den einseitigen Beifall, den
-ihm gute Freunde gespendet und den er sich selber zugesprochen hatte,
-mußte er nun in der That grausam büßen. Mit einem Lächeln, welches
-die Gefaßtheit auf eine noch stärkere und abschmeckendere Mixtur
-ausdrückte, nahm er das zweite Blatt zur Hand und las:
-
-»Das fünfaktige Trauerspiel von Heinrich Born habe ich mit großem
-Interesse gelesen; zur Darstellung auf unserer Hofbühne konnte ich
-es aber mit dem besten Willen nicht empfehlen. Die Schwärmerei der
-Liebe, die im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht, ist
-zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog gehörig beschnitten
-würde, möchte sich unser Publikum davon doch erwärmt und erbaut
-fühlen. Die Aussicht, die uns durch die Exposition eröffnet wird,
-ist ahnungsvoll; indem wir aber gespannt in eine großartige Scenerie
-vorschreiten wollen, versinken wir plötzlich in Moorgrund. Von dem
-dritten Akt an bietet uns das Stück ein Interesse, das der Autor gewiß
-nicht beabsichtigt hat. Daß uns hier überlange pathetische Reden
-Seufzer auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer
-auf uns herstürzen, bemerke ich nur beiläufig; obwohl dieß, und wie
-Tugend und Laster meistens consequent nach Vorschrift sich aussprechen,
-eines komischen Eindrucks nicht verfehlen würde. Das Schlimmste ist
-aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang. Die
-Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden den Tod, obwohl sie ihn
-in keiner Art verdient haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die
-Länge schwer zu ertragender Adel der Gesinnung muß ihnen freilich
-zur Last gelegt werden; aber wie streng dieß auch der gelangweilte
-Zuschauer beurtheilen mag, als Todsünden können sie am Ende doch nicht
-gelten; und so würde sich das schwergeprüfte Publikum zuletzt auch
-noch darüber ärgern müssen, daß das überedle Paar untergeht, während
-von den Missethätern nur Einer mit in den Abgrund gerissen wird und
-die übrigen, die auch noch erkleckliche Bösewichter sind, aus ihrer
-Betäubung sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen können. -- Sey
-mir zum Schluß noch erlaubt zu bemerken, daß der junge Dichter, trotz
-aller dieser Mißgriffe, nicht nur poetische, sondern auch dramatische
-Begabung verräth und darum in aller Weise verdient, daß die Hofbühne
-durch Nichtaufführung dieser seiner Tragödie ihm eine große Beschämung
-erspart.«
-
-Es gibt ein gewisses Maß von Widerwärtigkeit, das die menschliche Seele
-in sich aufnehmen kann; was darüber in sie eindringen will, das findet
-sie entweder fühllos oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann
-daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur Verurtheilung
-eines Werkes, daß er mit aller Begeisterung der Liebe geschaffen und
-das ihm theuer, ja heilig geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu
-kosten bekommen. Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage, welche
-Schande gab es noch für ihn? Vorderhand schien der Köcher des Unheils
-erschöpft zu seyn.
-
-Ruhiger las er die beiden Absprüche wieder. Ihm fiel jetzt namentlich
-die Rücksichtslosigkeit auf, womit die Herren ihren Tadel ausdrückten.
-Von der Achtung, die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen
-Umständen ansprechen konnte, war in diesen Erklärungen sehr wenig zu
-bemerken, ja es ließ sich nicht läugnen, daß die zweite das Gegentheil
-davon recht vergnüglich zur Schau trug.
-
-Er war bereit, Vorschläge zu Streichungen und Aenderungen, wie weit
-sie gehen mochten, anzunehmen und auszuführen. Und wenn dieß geschah,
-wie sollte eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt
-hatte, von der Bühne herab nicht vielmehr noch gewaltiger ergreifen?
-Aber freilich: gespielt mußte sie werden, und dazu mußte sie verstanden
-seyn! Die Hauptcharaktere mußten Darsteller finden, welche den Adel
-derselben als Natur erscheinen ließen; und auf diese Bedingung scheint
-man im Gefühl der Ohnmacht hier stillschweigend verzichtet zu haben!
-Den Seelenadel zu verspotten, war freilich leichter!
-
-Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde, das hier zum wahren
-Leben gelangen sollte, war hingetilgt und auch als Schatten vernichtet.
-Der Autor, welcher Märtyrer der höchsten menschlichen Tugenden
-geschildert hatte, war selbst Märtyrer seines Strebens; er erlag den
-Streichen, die -- ein Philister und ein Spaßmacher gegen ihn geführt
-hatten! Der Unmuth, den er über die Ungerechtigkeit empfand, und der
-Stolz, der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen Kraft
-des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefühl gab ihm endlich auch
-die Stimmung zu einem Bericht seines Mißgeschicks an die Geliebte.
-Er setzte sich an den Pult, überlegte, wie sie und ihre Eltern das
-Erlebniß auffassen müßten, und schrieb:
-
-»In meiner Tragödie hab' ich große Seelen geschildert, welche den
-Prüfungen des Lebens unbeugsamen Muth entgegenstellen und, vom wahren
-Standpunkt angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine
-geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prüfung auferlegt, die ich
-zu bestehen habe. Aus Gründen, die ich durchaus unstatthaft finden
-muß, hat die hiesige Intendanz die Annahme meines Stückes verweigert.
-Man gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung
-zu, man findet Anmuth und Schönheit in dem Werke; aber man behauptet,
-die Effekte in den letzten Akten wären zu stark, könnten eher den
-gegentheiligen als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt
-nun die Aufführung nicht wagen zu dürfen. Ich kann das in keiner Art
-zugeben, bin vielmehr überzeugt, daß durch gewisse Kürzungen und
-Abänderungen eben das wirksamste Bühnenstück daraus zu machen wäre.
-Allein die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es unter
-meiner Würde, mich damit wieder aufzudrängen. Der Ersatz und Trost ist
-jedoch schon da. Ich arbeite an einem neuen Stück, worin das, was man
-am ersten getadelt hat, aus allen Gründen gar nicht vorkommen kann;
-ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm noch entschiedener
-zu erreichen, was mit unserer Tragödie anzustreben mir versagt wird,
-indem ich mir vorbehalte, auch diese noch zu den Ehren durchgreifender
-Bühnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen ich hieher gekommen
-bin, ist nur vertagt.
-
-»Sehr verdrießlich ist mir diese Erfahrung dennoch, und im ersten
-Moment, wie ich nicht läugnen will, übte sie eine entmuthigende Wirkung
-auf mich. Ich besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine Kraft,
-und halte den Kopf oben. Laß mich du nun die Stimme der Liebe hören,
-die Trostworte einer edeln und gütigen Seele! Mein Selbstgefühl und
-meine Thatkraft hab' ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird mir
-auch die Freude, die schöne Begeisterung wieder bringen, womit die
-Poesie von selbst aus der Seele fließt. Ich verlange sehnlich nach
-einem Wort von dir. Grüße die Eltern und laß ihnen die Sache in einem
-Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe mir bald,
-liebe Auguste, sobald als möglich!«
-
-Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem dieß aber
-geschehen, fühlte er sich matt an Leib und Seele, und da er in der
-gegenwärtigen Situation durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten
-zusammenzutreffen, so begab er sich in ein Gasthaus. Das preiswürdige
-Getränk durch die Kehle gießend, empfand er bald seine zugleich
-stärkende und besänftigende Wirkung. Es war eine eigene, in ihrer
-Art auch poetische Lust, nach der eben so großen als unerwarteten
-Niederlage melancholisch den Gaumen zu erquicken und im Herzen
-allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen; ein wundersames
-Durcheinander von Gefühlen. Nachdem er dem gewöhnlichen Maß des
-Abendtrunkes noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich, die
-beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz tief unter sich zu
-erblicken und ihnen mit allem Vergnügen die Titel zu geben, die sie
-nach seiner Ansicht gründlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und
-Hohn gegen Hohn -- das thut der männlichen Seele wohl, und der Geist
-erhebt sich wieder zu der ihm gebührenden Höhe.
-
-Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam. Die Schmähmonologe
-laut fortsetzend und damit sein Herz inniglich ergötzend, legte er sich
-zu Bette und fiel bald in tiefen Schlaf.
-
-
- V.
-
-Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich für üble Eindrücke; aber
-wie tief sie im ersten Moment gehen mochten, ihre Dauer war kurz, da
-seine elastische, vorwärts gehende Natur sich nach Möglichkeit immer
-wieder davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem Schlummer, in
-welchem er das in voriger Nacht Versäumte gründlich hereinbrachte,
-hatte er seine Gefaßtheit wieder und genoß einer wohlthuenden Stille
-des Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben durch das
-schöne Leben der Hoffnung, aber doch vorläufig getröstet. Im tiefsten
-Innern war noch ein unerschütterlicher Rest von Zuversicht, und mit ihm
-gedachte er das gefallene Gebäude seines Glücks aufzurichten.
-
-Als er in der warmen Stube hin und her wandelte, ging ein
-humoristisches Licht über seine Züge. Er nahm den Kalender, suchte den
-Tag, an welchem die Intendanz ihm seine Tragödie zurückgeschickt hatte
-und lächelte seltsam. Er las den Namen Jonas. -- Konnte es (wenn es
-nicht am Ende mehr war) ein auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein
-aus dem Bauch eines Wallfisches an's Land gespuckter Prophet! Welche
-Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie das bei Vergleichungen
-geschehen muß, von der Unähnlichkeit Umgang nahm! Unser Poet sah sich
-in seiner Ansicht bestärkt, daß man hier als ungenießbar ausgeworfen
-habe, was für den betreffenden Rachen nur viel zu gut, weil viel zu
-ätherisch war; und man findet nun gewiß natürlich, daß er auf das
-Erlebniß Reflexionen gründete, die ganz darnach angethan waren, ihn
-weiter zu beruhigen.
-
-Eine Widerwärtigkeit, auch wenn das Aergste überstanden ist,
-hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am nächsten Tage stand in
-dem verbreitetsten Blatte der Residenz folgender Passus: »Die
-historisch-romantische Tragödie, die nach der pomphaften Ankündigung
-eines hiesigen Journals ganz ungewöhnliche Hoffnungen erregen sollte,
-ist dem Autor, Heinrich Born, von der Intendanz als für die Darstellung
-unbrauchbar wieder zugestellt worden. So hat also auch dießmal
-voreiliges Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen,
-sondern nur zur Beschämung verholfen!«
-
-Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und zwar gänzlich
-unvorbereitet las, fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen: er
-fühlte in dem Einen Stich alle Pein literarischen Prangerstehens.
-Hastig sah er in dem Lokal sich um und pries sein Geschick, daß
-wenigstens kein Bekannter da war, der ihn hätte beobachten können.
-Allerdings ein sehr fataler Beginn des öffentlichen Genanntwerdens,
-nach dem er so großes Verlangen getragen und das er sich so schön
-vorgestellt hatte! -- Der Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu
-werden, da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte, dem er bekannt
-war, und verließ die Restauration in kürzester Zeit.
-
-Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er durch eine Straße
-wandelte, in der die Möglichkeit einer unangenehmen Begegnung sehr
-gering war, sah er plötzlich eine Figur auf sich zukommen, der er
-jetzt von allen am wenigsten sich darstellen mochte -- den Professor
-Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es wäre auch feige gewesen,
-und so ging er gerade vorwärts, zog instinktmäßig den Hut und rief mit
-gebührender socialer Achtung den Gruß des Tages. Der Professor lüpfte
-seinen Hut schweigend, sah mit einem Gesicht für sich hin, das in
-Spott und Schadenfreude die feinste Genugthuung verrieth, und ging an
-ihm vorüber. Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern ihn
-seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung abgenöthigt, wie gänzlich
-er seinen Mann gleich beim ersten Gespräch erkannt habe.
-
-Als der Poet sechs Schritte über ihn hinaus war, drehte er sich um und
-sah ihm nach. »Vermaledeiter Pedant!« rief er für sich und setzte
-innerlich murrend seinen Weg fort.
-
-Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch ein Zusammentreffen
-zu bestehen. Um eine Ecke biegend, stand er vor Doctor Dorn, der einen
-leichten Ausruf der Ueberraschung hören ließ und ihn dann mit einem
-höchst eigenthümlichen Lächeln begrüßte. Es war eine Complication
-von Schadenfreude, eigener Beschämung und trotziger Geringschätzung
-derselben, wozu noch ein Zug spottender Anklage kam. »Nun,« fragte er
-den gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, »haben Sie schon
-gelesen?« Der Poet machte eine Bewegung des Bedauerns, die zugleich
-verachtende Erhebung über den Unfall ausdrücken sollte.
-
-»Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt!« fuhr jener
-fort. »Ich habe Ihr Stück nach Ihrem Referat und nach den Versen, die
-Sie mir vordeklamirten, empfohlen, und bin nun im Grund mit Ihnen
-blamirt!« -- Heinrich zuckte die Achsel. »Es thut mir leid,« entgegnete
-er. »Indessen,« setzte er etwas spöttisch hinzu, »Sie werden es wohl
-verschmerzen.«
-
-Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten Kämpfers den Bart.
-»Nun,« versetzte er, »das hoff' ich auch. Morgen ist der Bettel
-vergessen! -- Für Sie,« fuhr er spielend fort, »ist die Sache etwas
-unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen Kummer ein! Solche
-kleine Unglücksfälle kommen so oft vor, daß sie eigentlich gar nicht
-der Rede werth sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von
-Vielen gelobter und Vielen geschmähter Mann ist eben eine Celebrität;
-und was kann man sich Besseres wünschen?«
-
-Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten im Verdruß des
-Bloßgestelltseyns doch nicht völlig tröstende Bemerkung mit einem nur
-halb erheiterten Gesicht. »Diese Veröffentlichung einer Niederlage,«
-sagte er dann, »und der Ton, worin sie gehalten ist, verräth doch
-eigentlich eine große Feindseligkeit. Was hat das Blatt gegen mich?«
-
-»Das Blatt hat nichts gegen Sie,« versetzte Dorn. »Aber der
-Feuilletonist -- Emil Schilf -- ist Autor von zwei Stücken, die hier
-mit Glanz durchgefallen sind. Die Hervorhebung Ihrer Tragödie hat ihn
-geärgert, das wirkliche Reüssiren derselben hätte ihn mit giftigem Neid
-erfüllt; was ist also natürlicher, als daß er bei Ihrem Unglück inniges
-Vergnügen empfindet und sich die Freude macht, es an die große Glocke
-zu hängen?« -- »Verächtlich!« rief Heinrich.
-
-»Begreiflich,« entgegnete Dorn, »und sehr gewöhnlich!« Er schwieg,
-sah ihn freundlich an und sagte: »Wie steht's mit Ihrem neuen Stück?
-Rückt's vor?«
-
-»Der zweite Akt ist zur Hälfte gediehen, und ich hoffe darin alles
-vermeiden zu können, was man am ersten Drama gerügt hat.« -- »Bravo!
-Nur immer lustig vorwärts!« Nach kurzem Innehalten sah er ihn von der
-Seite an und fuhr fort: »Haben Sie zufällig auch schon Zeit gefunden,
-einen Blick in mein Buch zu werfen?« -- »Noch nicht. Die Aufregung
-und der Verdruß der letzten Tage --« -- »Natürlich,« fiel Dorn ein.
-»Aber nehmen Sie's nun doch gelegentlich zur Hand! Sie werden manches
-darin finden, was Ihnen eben jetzt wohlthut -- auch über Theater und
-Theaterleute.« -- »Ah,« rief der Poet, »dafür hätt' ich gegenwärtig
-allerdings die Stimmung!« -- »So lesen Sie,« erwiederte der Autor,
-indem er ihm die Hand reichte; »amüsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre
-Feder! Es wird alles noch gut werden.«
-
-Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden, seine Freundinnen
-zu besuchen, aber nicht die Scheu bezwingen können, jetzt vor sie zu
-treten. Er war gar zu sehr gedemüthigt, und der Gedanke, den Frauen,
-denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein Gegenstand des Mitleids und
-vielleicht gar einer Art von Geringschätzung zu werden, hatte etwas
-außerordentlich Unangenehmes für ihn. Endlich aber faßte er sich doch;
-er wollte auch dieses Verhältniß in's Reine bringen, wenn auch um den
-Preis eines vielleicht sehr fatalen Moments, und begab sich stehenden
-Fußes zu ihnen.
-
-Mutter und Tochter begrüßten ihn sehr herzlich. Rosa ergriff seine
-Hand, sprach ihr Bedauern in ernster, achtungsvoller Art aus und fügte
-die sachgemäßen Tröstungen so freundlich hinzu, daß sie wahrhaft
-erquickend wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte:
-»Seyen Sie außer Sorge! Ich bin noch immer ein Poet, und hänge nicht
-von Einem Stücke ab.«
-
-»Bravo!« rief das Mädchen erfreut, und die Mutter setzte hinzu:
-»Ein Unglück beim Anfang ist oft eher ein Glück; man hat um so mehr
-Hoffnung, mit Glück aufzuhören.« -- »Wenn man's erlebt!« erwiederte der
-Poet mit etwas bitterem Humor. »Indessen, das hängt nicht von uns ab.
-Thun wir das Unsere und erwarten wir die Folgen!«
-
-Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs abnahm, daß er im
-Innern von seinem Mißgeschick doch noch sehr bedrückt war, sagte für
-sich hinsehend: »Wer weiß, ob diese Zurücksendung Ihrer Tragödie nicht
-schon selber ein Glück war!«
-
-Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete: »Sie meinen,
-daß mir dieses kleine Unglück das noch viel größere eines eclatanten
-Falles erspart haben könnte?« -- Rosa, leicht erröthend, machte eine
-Bewegung mit den Armen, welche die Möglichkeit nicht läugnen wollte.
--- »Also auch Sie!« fuhr Heinrich mit einem Ausdruck von Anklage und
-Kümmerniß fort, »auch Sie geben das Stück unrettbar verloren!« Er sah
-sie an und brach unwillkürlich in die Frage aus: »Ist es denn aber so
-gar schlecht?«
-
-Die Frauen konnten sich bei der Naivetät dieses Ausrufs einer
-Anwandlung von Lachen nicht erwehren und Rosa beeilte sich zu
-erwiedern: »Durchaus nicht -- an sich selbst, aber für die Aufführung
-höchst bedenklich!« -- »Höchst bedenklich!« wiederholte der Poet,
-wie einer, der betroffen die Stärke eines Ausdrucks erwägt. »Und das
-sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen?« -- »Vielleicht,«
-erwiederte Rosa. »Aber es gab so viel Kopfzerbrechens und so viel
-Arbeit, daß Sie leichter und sicherer ein neues Stück ausführten.«
-
-Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine entschlossene Bewegung
-und rief: »In Gottes Namen! Das neue Stück, wie Sie wissen, ist
-angefangen, und ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen,
-ist noch die alte, und der Muth deßgleichen!« -- Die Künstlerin
-schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung. -- »Sie zweifeln am
-Gelingen?« rief Heinrich. »Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?«
--- »Zu Ihnen,« erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst, »alles, zu Ihrem
-neuen Stück wenig. Es ist wieder ein Trauerspiel!«
-
-»Nun,« versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, »das ist doch wohl an sich
-kein Verbrechen! Oder soll das Trauerspiel ganz in die Acht erklärt
-seyn? Darf jetzt überhaupt keines mehr geschrieben werden?« -- »Das,«
-versetzte Rosa, »will ich durchaus nicht sagen. Aber der Gegenstand
-Ihres neuen Stücks hat seine Gefahren; ich wünsche Ihnen sicheren
-und wo möglich allgemeinen Erfolg, und der ist jetzt nur mit einem
-gelungenen Schauspiel oder Lustspiel zu hoffen.«
-
-Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begütigt, entgegnete:
-»Es mag seyn; ein rein realistisches Drama kann, wie der Geschmack
-jetzt ist, am sichersten durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich
-habe keinen Entwurf. Mir einen abzuquälen, ist nicht meine Art und
-würde auch zu nichts führen. Es mag ein Unglück seyn, aber es ist nun
-einmal so.«
-
-Rosa hatte bei dieser Entgegnung für sich hingesehen. Jetzt, mit
-Lächeln den Kopf erhebend, fragte sie: »Würden Sie eins ausführen, wenn
-man Ihnen den Stoff dazu gäbe?« -- Heinrich, nachdem er sie forschend
-betrachtet, erwiederte: »Das kommt darauf an. Wenn mich die Aufgabe in
-die Seele träfe, Liebe und Leidenschaft in mir erweckte --«
-
-Während dem hatte die Mutter den Kopf geschüttelt und einen Blick der
-Verwunderung auf die Tochter geworfen, der sich aber bald in einen
-Blick der Zärtlichkeit wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster
-Freude, entgegnete dem Poeten: »Nun, ich glaube einen solchen Stoff zu
-haben und will ihn an Sie abtreten!«
-
-Heinrich schaute betroffen, fast gerührt auf sie. »Ist's möglich?« rief
-er. -- »Ja, ja,« versetzte die Mutter. »Sie hat nicht nur einen Stoff,
-sondern einen genauen Plan, und schon einzelne ausgeführte Scenen!«
-
-Heinrich wußte nicht, was er sagen sollte. Sein Auge hing an der
-Künstlerin, die erröthet war, und mit einem Ton liebenden Interesses
-rief er endlich: »Wie! Sie sind dramatische Dichterin? -- Und das
-erfahr' ich erst jetzt?« -- »Ein gutes Sujet,« erwiederte das Mädchen,
-»und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren, macht noch lange keine
-Poetin. Ich hab' im Gegentheil bei der Ausführung gefunden, daß mir
-just die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand für sehr günstig
-halte und ganz dafür eingenommen bin, so würden Sie mich geradezu
-glücklich machen, wenn Sie sich seiner annehmen wollten.«
-
-Heinrich schüttelte den Kopf mit einer Miene des Widerstrebens.
-»Das geht nicht,« rief er, »das darf ich nicht! Ich Sie berauben?
-Unmöglich!« -- »Wenn ich mich nun aber berauben lassen will?«
-entgegnete das Mädchen nicht ohne Ungeduld. »Soll man Ihnen nicht
-einmal etwas schenken dürfen, Sie großartigster aller Sterblichen?
-Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft! Es kleidet niemand gut, am
-wenigsten die Poeten!« Nach einer Pause, in der sie ihn lächelnd ansah,
-fuhr sie fort: »Nun? -- Sie thun mir wirklich einen Gefallen. Ich bin
-der Aufgabe nicht gewachsen und würde Gott weiß wie lange daran herum
-arbeiten; aber Sie können etwas daraus machen. Ich gönne Ihnen den
-Stoff, und meinem Stoff den Poeten.« -- Das Gesicht Heinrichs klärte
-sich auf. »Nun,« rief er, »wenn es Ihnen ernst ist --« -- »Vollkommen!
-Hier meine Hand und meinen Dank.«
-
-Der Poet schüttelte die dargebotene Rechte und Rosa fuhr mit wahrer
-Genugthuung fort: »Der Handel ist abgeschlossen. Ich will die Blätter
-nochmal durchgehen und Ihnen das Ganze dann säuberlich vorlegen. Prüfen
-Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.«
-
-Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster Güte wahrhaft gerührt.
-Er dankte und pries das Glück, eine so treffliche Freundin gefunden zu
-haben, in so warmen Ausdrücken, daß ihn beim Abschied auch die Mutter
-bewegt lächelnd und mit einer Miene ansah, als ob sie entschlossen
-wäre, sich in etwas Unvermeidliches zu fügen.
-
-Heinrich war von der neuen Aufgabe -- obwohl sie ihm noch eine bloß
-allgemeine war -- sofort ergriffen. Er brachte die nächsten zwei
-Tage in Ueberlegungen und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie
-bezogen, versetzte sich in moderne bürgerliche Menschen, rief sich die
-Erfahrungen in's Gedächtniß, die er selber gemacht, und suchte Reden
-und Gesprächsfragmente auszudenken, die zugleich richtig und pikant
-waren. Er bildete ein förmliches Schauspielwollen in sich aus und kam
-zu den Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem Feld
-einen Versuch zu machen.
-
-Rosa theilte ihm das Sujet in Kürze mit, las ihm dann ihren Plan und
-endlich, von ihm ermuthigt, sogar die ausgeführten Scenen vor.
-
-Die Handlung gründete sich auf ein thatsächliches Ereigniß in einem
-früheren Bekanntenkreise der beiden Künstlerinnen, was dem Conflikt
-und dem Ausgang etwas lebendig Eigenthümliches gab. Im Wesentlichen
-eine »alte Geschichte,« aber durch die neuen Beziehungen, in welchen
-sie verlief, neu und charakteristisch für die gegenwärtige Zeit.
-Menschliche Charaktere; die guten mit Schwächen und natürlichen
-Beweggründen, ihre Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten
-Elementen ausgestattet; der Zusammenstoß und der Gang der Intrigue
-von der Art, daß die Hauptpersonen die verschiedenen Seiten ihres
-Wesens herauswenden konnten, die edleren Charaktere im Moment der
-Entscheidung siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und
-steigerten, die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfänglichen
-Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber fingen, um zuletzt
-der Beschämung überliefert, zur Entsagung und Unterwerfung gezwungen zu
-werden. Alles das verlief im Plane so natürlich zusammenhängend, daß
-die Organisation im Wesentlichen gegeben war und die Phantasie nur auf
-poetische Begründung und Bereicherung zu denken hatte.
-
-In Heinrich, als er den Entwurf übersah und die Anschauung, was man
-daraus machen könnte, ihn erhob, regte sich die erfindende Kraft. Was
-jenes Votum des ersten Regisseurs an ihm als natürlichen poetischen
-Takt gerühmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die Künstlerin
-angenehm überraschende Weise, indem er mit Sicherheit die Punkte
-markirte, wo Angelegtes wirksamer entwickelt, neue Effekte angebracht
-und mit dem Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar für
-ein paar komische Auftritte ersah er den Platz und mehrte die Zahl
-der Personen durch die Figur eines drolligen Gesellen, den er auf der
-Universität kennen gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage
-sehr plausibel zu machen wußte.
-
-Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar Stunden lang erwogen,
-debattirt und sich verständigt hatte, konnte man sich rühmen, einen
-Plan zu besitzen, den man für höchst versprechend halten mußte.
-Heinrich war voller Freude. Das Thema begann vor seiner Seele zu
-leuchten, und er sehnte sich innig nach der Gestaltung.
-
-Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die Heldin, die im Plan
-Rosas Antonie hieß, zeigte eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit
-mit Auguste. Wie diese mußte er Antonie sich vorstellen, und gleich
-Antonie würde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch Schickungen in
-dieselbe Lage gekommen wäre. Eine Freundin dagegen war in einer Weise
-gedacht, daß er bei Zeichnung des Bildes mit Glück Züge von Rosa selber
-verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er einen sehr anmuthigen
-Charakter zu schaffen gewiß war. -- Welche Lust nun, in Ausführung
-dieser Gestalten seiner Zärtlichkeit als Liebender und Freund zu
-gleicher Zeit genügen, die Geliebte verherrlichen, der edeln Freundin
-aber eine Rolle schreiben zu können, worin sie den Lohn des reichsten,
-beglückendsten Beifalls ernten mußte!
-
-Dieser Gedanke entzückte ihn so sehr, daß er dem lieben Mädchen zum
-Abschied mit einer Herzlichkeit und Innigkeit in's Auge sah und die
-Hand drückte, daß seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu
-unterscheiden war. Hätte sie bei der wohlwollenden Ueberlassung an Lohn
-gedacht, in diesem Moment erhielt sie ihn.
-
-»Das muß gelingen!« rief der Poet noch mit frohem Pathos. »Ich werde
-das Meinige -- das Meinigste thun, Sie werden helfen, verbessern,
-zurechtweisen -- und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen,
-das dem Publikum Thränen entlocken und es zu begeistertem Dank
-hinreißen soll! Adieu für jetzt! In acht Tagen sehen Sie den ersten
-Akt!«
-
-Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewußt und stattlich
-seiner Wohnung zuzuwandern.
-
-Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg, und hatte doch
-das Gefühl, daß er dadurch nicht die Nemesis reizte. Der Erfolg lag
-dießmal in der Sache. Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lösung,
-Alles war natürlich, menschlich ansprechend und befriedigend. Die
-ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwäche, daß man an ihre Tugend
-glaubte und sich ihrer freute, die andern so viel Gutes, daß man ihr
-Vergehen begriff und ertrug. In dichterischer Ausführung konnte er
-für alle interessiren, und der Schluß mußte nothwendig beglückend,
-erhebend wirken. Die Lebenswahrheit, die freundliche Mäßigung und die
-labende Frische der Natur, das war es, was dem neuen Gemälde die Herzen
-gewinnen mußte. Er stellte sich's recht lebhaft vor und erquickte sich
-innig an diesen Eigenschaften.
-
-Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche Empfindung malte
-sich auf seinen Zügen und das schöne Roth der Freude wandelte sich
-in das düsterdunkle der Scham. Er hatte an seine Tragödie gedacht,
-mit dem klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prüfend
-überschaut: und wie durch einen Zauberschlag war der täuschende Flor
-gefallen, durch den er sie bis jetzt gesehen; sie standen vor ihm in
-all ihrer Einseitigkeit, Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefühle gingen
-durch sein Inneres.
-
-So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen. Man denkt
-Ideale, prägt sie mit Lust aus und sieht die Bilder mit aller Liebe
-und Freude des Schöpfers. Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt
-die Gebrechen daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet.
-Das Mißurtheil hat Mangel an Auffassung oder böser Wille gefällt; es
-wäre Thorheit, ja Verrath, sich ihm zu unterwerfen! -- Neue, schärfere
-Angriffe rütteln an dem Werk und dringen schmerzend in das Herz des
-Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht das Wort der Rüge und
-wirkt Bedenken, Zweifel. Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch
-lebt in ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt das
-Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist genöthigt, es als
-Maßstab anzulegen an die so hochgehaltenen Gebilde; und wie in der
-Sage Zauberinnen, welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder
-der Schönheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme derselben
-plötzlich durch eben so große Häßlichkeit erschrecken, so grinst den
-Unglücklichen die Kehrseite des Bildes in aller Grellheit an; er sieht,
-im Innersten verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch übertrieben, er
-gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt gegen sich selber.
-
-Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen ihres Entwurfs
-mit Seitenblicken auf die Figuren der abgewiesenen Tragödie
-charakterisirt und den Autor an diesen den Mangel an Natur und
-Wahrheit fühlen lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die
-Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings etwas voraus,
-aber diese noch mehr vor jenen; beide hatten ihren Werth, ihre
-Schönheit, ihre Sphäre des Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie
-Schuppen vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht zu sagen
-Rächer; die Angriffe der Andern, die er früher abgewiesen, verbanden
-sich mit ihm und drangen mit ihm vereint gegen das Werk an, und es ging
-in Trümmer.
-
-Es war ein sehr schmerzliches Gefühl, das völlige Aufgebenmüssen einer
-so unendlich geliebten und unwillkürlich bewunderten Schöpfung! Die
-Selbstverdammung gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief sich
-aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung begann ihre
-schwarzen Fittige wieder um sein Haupt zu schlagen.
-
-Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen. Gottlob!
-gottlob! sein Werk lag zu Boden, er selber stand! Der Ersatz für den
-schmerzlichen Verlust war gegeben, er täuschte sich nicht. Die neue
-Dichtung mußte gelingen und ihm halten, was er sich von jener allzuhoch
-gespannten nur trügerisch versprochen hatte. War es doch auch eine
-schlichte Aufgabe, die er ergriff, der er sich fügte! Uebte er doch in
-der That, wenn er ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und
-Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der Einbildung sich
-verlocken lassen zur Selbstüberschätzung, Selbstüberhebung. Aber er war
-vollauf gestraft, er erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere --
-und nun mußte es ihm auch gelingen.
-
-Die neue Arbeit stand vor ihm in täuschungsloser Klarheit. Denn
-freilich seit Langem kannte er die Aufgabe der Dichtung: die Natur zu
-verklären, die Menschen aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren
-wirklichen Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er sich das
-gesagt! Auch geschrieben hatte er's und drucken lassen für Andere!
-Dennoch ließ er sich auf einen Irrweg verlocken, weil ihn eben der Wahn
-blendete, in reinen Musterbildern des Guten und Bösen, deren jedes
-leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll nach seinem Ziele
-ging, das überschwänglich Poetische zu leisten. Nun aber, nachdem er
-den Wahn als Wahn erkannt, war ihm jenes natürliche Ideal der Dichtung
-nicht mehr bloßer Gedanke, sondern historisch erprobte, durch Erfahrung
-bestätigte Wahrheit. Nun hatte er's im Wollen, und nun mußte er's auch
-haben im Vollbringen!
-
-Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen. Er trat in seine
-Stube als ein verwandelter Mensch: gedemüthigt, aber auch wieder
-erhoben und festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein Schreiben:
-es war von Auguste. Der Liebende erbrach es mit dem Vorgefühl, daß es
-herzlich Gewünschtes bringen werde -- und er täuschte sich nicht. Das
-Schreiben lautete:
-
-»Mit dem größten Leidwesen, mein lieber, guter Heinrich, hab' ich
-deine letzte Meldung gelesen. Ist es denn möglich? Eine Dichtung, die
-uns Alle begeisterte, von der wir noch lange nachher mit Bewunderung
-gesprochen haben, sie soll nicht einmal der Aufführung werth seyn? Man
-schickt sie dir wieder zurück, als wäre sie ein schlechtes Machwerk! O
-wie unendlich bedaure ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrüstung
-abnehmen, wie groß die deine gewesen ist, und bewundere jetzt deine
-Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie und die Liebe und der Fleiß,
-den du auf diese Dichtung gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen
-seyn? Bist du denn nicht verzweifelt?
-
-»Ich muß mir dein poetisches Talent recht vergegenwärtigen und lebhaft
-daran denken, daß man eben so eigene und ungewöhnliche Zwecke, wie du
-sie hast, in dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn
-ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es -- ich hab'
-es ja von dir gehört und mit dir erlebt! -- ein dramatisches Werk zu
-schreiben! Damit ist aber noch nichts gethan. Nun soll es die Prüfung
-bestehen von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen
-mögen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es auf der Bühne
-nach dem Geschmack des Publikums seyn, den man nicht berechnen kann.
-Welche Gefahren, welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich, die
-Ehren und das Glück, die man im günstigen Fall gewinnt, dürfen sehr
-groß seyn, wenn sie diese Anstrengungen und Aufregungen irgend belohnen
-sollen!
-
-»Stelle ich mir dein Talent, deine Begeisterung und deine Ausdauer
-vor, dann glaube ich, trotz allem, doch wieder an dich und hoffe auf's
-neue. Gib dir nur Mühe, in deinem zweiten Werk die Fehler zu vermeiden,
-die man am ersten getadelt hat. Mache Bekanntschaft mit Schauspielern
-und mit Dichtern, die schon effektvolle Werke geschrieben haben, und
-laß dir von ihnen rathen. Richte dich nach der jetzigen Stimmung des
-Publikums, die du im Theater studiren kannst, und trachte in deinem
-Stück nach Scenen, die du am meisten auf die Herzen wirken siehst.
-Wenn du das alles recht beobachtest, dann wirst du mit deinem Talent
-ganz gewiß durchdringen.
-
-»Den Eltern dein Mißgeschick recht vorzustellen, ist mir sehr schwer
-geworden. Bei ihrem großen Vertrauen auf dich wollten sie die Nachricht
-zuerst gar nicht glauben. Als ich nun die Stellen aus deinem Schreiben
-vorlas, wurden sie verstimmt, verlegen, und dem Vater entschlüpfte das
-Wort: es ist doch ein unsicheres Handwerk! Ich nahm mich aber deiner
-an, und mein herzlicher Eifer gab mir Gedanken und Gründe für deine
-Bestrebungen ein, daß sie mir zuletzt nichts mehr entgegnen konnten.
-Aber das rechte Vertrauen ist noch nicht wiedergekehrt.
-
-»Ein übles Nachspiel gab's, als die Zeitung eintraf, die deine
-Abweisung so hämisch bekannt gemacht hat. Auf die Fragen zu antworten,
-die man jetzt von allen Seiten an mich richtete, ist mir auch gar nicht
-leicht und angenehm gewesen; ich hab' es aber in meiner Liebe zu dir
-gethan, so gut ich konnte. Die Einen sprachen ihr herzliches Bedauern
-aus, und darunter der brave Rektor, der mir sagte, dein Brief sey ihm
-Bürge, daß es dir mit dem nächsten Versuch um so besser glücken werde.
-Andere konnten aber ihre Schadenfreude nicht zurückhalten und ihre
-Reden wurden durch ihre Mienen so auffallend Lügen gestraft, daß ich
-mich über beide sehr geärgert habe. Ich bin den Menschen förmlich böse
-geworden.
-
-»Diese Nachrichten, mein lieber Heinrich, sollen dich nicht
-entmuthigen, sondern vielmehr anfeuern. Biete jetzt nur alle deine
-Kräfte auf und erfreue mich bald mit einer guten Nachricht, die den
-Glauben der Eltern stärken und die bösen Zungen, die bereits über dich
-zischeln, verstummen machen kann. Vertraue auf meine unwandelbare
-innige Theilnahme an Allem, was du unternimmst; schreibe mir Alles, was
-dir irgend Bedeutendes widerfährt! Ich weiß, daß du zur Vollendung des
-neuen Werkes noch eine gute Zeit brauchen wirst, und harre in Hoffnung;
-aber dann melde mir endlich einen Erfolg, der Alles wieder gut macht
-und die treuesten deiner Freunde am glücklichsten!«
-
-Die eben so klare und verständige wie herzliche Erwiederung erfreute
-und erhob den Liebenden im Innersten, und muthig blickte sein Auge,
-als er die letzten Zeilen gelesen. Ein Erfolg, ein naher, gewisser
-Erfolg war gefordert, aber jetzt, Gott sey Dank, auch sicher! Das
-Geschenk eines unfehlbar zum Gelingen führenden Entwurfs war eine
-Fügung, berechnet auf das dringende Bedürfniß seiner Lage. Hülfe in
-der Noth, doppelt und dreifach willkommen! Er fühlte das wunderbare
-Zusammentreffen mit tiefem Dank gegen die Vorsehung und gegen die liebe
-Freundin, die ihr sichtlich als Werkzeug gedient hatte.
-
-Am andern Morgen griff er die Arbeit an und die ersten Scenen gelangen
-ihm nach seinem Gefühl munter, frisch -- um nicht zu sagen keck. Als
-er zu Tische ging, begegnete er Willmann. In der Freude seines Herzens
-trat er auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und theilte ihm unter dem
-Siegel der Verschwiegenheit seinen Fund, seine Hoffnung mit. Der
-Doctor war ernstlich erfreut. Mit einem Blick, der einen fast zärtlich
-schelmischen Glanz hatte, rief er: »Also bekehrt! Einer von den Unsern!
--- So rasch ist der Plan --« Er hielt inne, schüttelte ihm die Hand und
-setzte hinzu: »Nehmen Sie meinen herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie
-im rechten Fahrwasser! Vorwärts mit dem Genius des Jahrhunderts, und
-_vogue la galère_!«
-
-
- VI.
-
-Der Kampf des Realismus mit dem Idealismus, der hauptsächlich unsere
-Epoche bezeichnet und auf allen Gebieten mit wechselndem Glücke geführt
-wird, mußte nothwendig auch in der Sphäre der Dichtung hervortreten.
-Daß ein Streit so berechtigter Gegensätze am Ende nur zur Ausgleichung
-führen kann, braucht sinnigen Lesern wohl nicht mehr gesagt zu werden.
-Aber wie soll diese erfolgen? Durch die leidenschaftlichen Vertreter
-der Gegensätze, welche sich, »des langen Haders müde,« zuletzt die
-Hand reichen werden? Schwerlich. Der Kampf wird dazu dienen, die
-Akten spruchreif zu machen; aber die gedeihende Harmonie wird das Werk
-seyn derjenigen Geister, die, zu beiden Richtungen begabt, den Streit
-in sich selber durchkämpfen und der Ausgleichung fähig werden in der
-gerecht unterscheidenden, gerecht urtheilenden Liebe zu beiden. Sie,
-denen der Sieg gelingt im Kleinen, können das Vorbild liefern und
-Zusammenwirken für den Sieg im Großen, der sich, wenn es Gott gefällt,
-nach und nach wird erstreiten lassen.
-
-Zu den Geistern solch doppelter Begabung gehörte in gewissem Sinn
-auch den Dichter, dessen Schicksale hier dargestellt werden sollen.
-Er hatte ein Auge für die wirkliche Welt, er lebte und liebte in
-ihr, er fühlte die Poesie des Lebens und suchte sie auszusprechen in
-verschiedenen dichterischen Formen. Aber zugleich folgte er einem
-unwiderstehlichen Hang zu idealen Gebilden der Phantasie, und glaubte
-in ihnen eben das Größte, das Erhabenste leisten zu können. Im Schwunge
-des idealisirenden Geistes ging er über die Wirklichkeit hinaus, und
-sogar ihre Poesie stand vor ihm in kleinem, unscheinbarem Licht. Seinen
-Hauptberuf erblickte er jenseits der Schranken des Irdischen, und auf
-ihn warf er sich daher mit aller Leidenschaft muthiger Jugend.
-
-Der erste durchgeführte Flug hatte sich ihm indeß übel gelohnt. Gleich
-Phaeton war er herabgestürzt aus den himmlischen Höhen: gewaltig
-erschüttert, aber glücklicherweise doch nicht zerschmettert und kein
-tragisches Opfer der Unternehmung. Sich wieder erhebend sah er sich auf
-der Erde und fand, unter freundlicher Aufmunterung, daß sie lieblich
-anzuschauen war und ihm anspruchlosere, aber erreichbare Schönheit zum
-Ersatze bot. Dankbaren Sinnes erblickte er diese im besten Licht und
-freute sich über Alles, nachdem ihm das Große nicht gelungen war, um so
-besser das traulich ansprechende Kleinere zu leisten.
-
-Im Grunde: was ist Poesie? Das durch den liebenden Geist verklärte
-Leben. Der Geist kann alles verklären, was er liebt; nicht nur das
-Große, sondern auch das Kleine, das auch erlöst seyn will von den
-Banden der Prosa, und wie die Geschichte aller Künste zeigt, auch
-erlöst werden sollte und soll. Die Malerei hat Götter und Heroen
-dargestellt, aber auch den Schmetterling, den Käfer und den Apfel
-wiederzugeben nicht verschmäht. Und wer, der sich ein offenes Herz
-bewahrt hat, wird sich nicht auch solcher Abbildungen freuen, wenn sie
-nämlich gelungen sind!
-
-Gedanken dieser Art gingen durch den Kopf des Poeten, als er sein Drama
-weiter führte. Seine Liebe zu dem Stoff hielt aus und gewann, indem
-sie ruhiger wurde, vielmehr an Innigkeit. Allerdings kam zuweilen
-mitten in der Freude über die gelingenden Figuren ein Schamgefühl über
-ihn, wenn er der Vornehmheit gedachte, womit er auf solche Arbeiten
-früher herabgesehen hatte. Er büßte die Ueberhebung, die ihm so schlimm
-bekommen war, nachträglich noch wiederholt, fühlte aber auch, daß die
-Buße heilsam war für ihn und seine Arbeit.
-
-Als er den ersten Akt zu Ende gebracht hatte (er brauchte denn doch
-länger dazu, als acht Tage), begab er sich zu den Freundinnen.
-Unter guten Erwartungen las er ihnen die Reinschrift vor und wurde,
-hinsichtlich des Ganzen, mit herzlicher Beistimmung erfreut. Im
-Einzelnen hatten beide zu tadeln; die Ausstellungen gründeten sich aber
-auf Erfahrung und natürlichen Takt, wurden ihm einleuchtend gemacht,
-und er änderte mit Vergnügen. Hatte er doch schon selbst über sich zu
-Gerichte gesessen und sich vielfach die Lust des Verbesserns gegönnt.
-Jetzt setzte er's nur fort und freute sich der wachsenden Reinheit.
-
-Nachdem er den letzten Einwand auf kurzes Bedenken hin als richtig
-zugestanden hatte, sah ihn Rosa lächelnd an und sagte: »Mein lieber
-Freund, Sie haben einen guten Fortschritt gemacht. Sollte man nicht
-glauben, der Tadel wäre Ihnen jetzt lieb? Statt daß Sie empfindlich
-werden und Ihre Lesart heftig vertheidigen, erkennen Sie die unsere an
-und lassen sie gelten. Das ist ein Zug, der bei deutschen Dramatikern
-nicht sehr häufig vorkommen soll.«
-
-»Mir,« entgegnete Heinrich mit Heiterkeit, »hat ihn auch erst ein
-Kraftmittel beigebracht. Jetzt freilich gehört er zu mir und ich
-gedenke ihn zu behalten.« -- »Immer zu!« rief die Mutter lächelnd. --
-»Im Grunde,« fuhr der Poet fort, »kommt es auch hier nur darauf an, was
-man eigentlich will: die Sache, die Kunst, oder sich selber. Wer die
-Kunst will, der hat ein Ideal der Vollendung vor Augen, und er ruht
-nicht, bis sein Werk diesem so nahe als möglich kommt. Wer =sich= will,
-der gibt etwas von sich und hält es für das realisirte Ideal, weil es
-von ihm ist. Natürlich wird so Einem der Widerspruch als persönliche
-Beleidigung erscheinen, während er jenem, als zur Verbesserung der
-Sache dienend, lieb und willkommen ist.«
-
-»Weislich erklärt,« entgegnete Rosa mit Lächeln. »Nun, unsern
-Widerspruch können Sie schon gelten lassen; er kommt weder aus einem
-tadelsüchtigen noch frivolen Gemüth und hat nichts als die Schönheit
-Ihres Werkes im Sinn.« -- »Das weiß ich,« erwiederte Heinrich, »und
-darum hör' ich ihn mit Freuden und bitte um die Fortsetzung.«
-
-Wir können nicht gemeint seyn, den Poeten in seiner Thätigkeit
-und seinem Verkehr mit den beiden Frauen Schritt für Schritt zu
-begleiten. Er arbeitete stetig jeden Tag, und wenn das Drama langsam
-vorrückte, weil nach und nach die Schwierigkeiten mehr hervortraten und
-wiederholte Versuche nöthig machten, so wuchs es doch und nährte die
-Begierde des Autors zum Weitergang.
-
-Die fertigen Partien (auch kleinere, wenn sie an sich bedeutend oder
-gewagt erschienen) las er an freien Abenden den Damen vor, hörte Lob
-und Tadel und änderte nach gewonnener Ueberzeugung Einzelnheiten und
-ganze Scenen. Für einen theilnehmenden Beobachter wäre es interessant
-gewesen, zu sehen, wie Dichter und Schauspielerin dabei sich ergänzten.
-Heinrich strebte nach Gehalt, Geist, höherem Ausdruck, und vielfach
-gerieth es ihm damit. Nicht selten wurde der Dialog aber zu schwer,
-zu gefüllt, oder gewann einen verstiegenen Charakter; und so wurde
-er von Rosa bekämpft, bis der Poet sich fügte. Die Künstlerin hatte
-vorzugsweise den Effekt im Auge, drängte in diesem Sinn die rührenden
-Scenen auszubeuten und besonders drastische Abgänge herzustellen. Hier
-überschritt sie aber ein paarmal die Linie, schlug Reden vor, die
-sich nicht natürlich aus der Situation ergaben, und mußte sich von
-dem Dichter widerlegt sehen, dem die poetische Wahrheit über alles
-ging. Wenn die Forderungen der Wahrheit und der Wirkung einander
-entgegen traten, ging es nicht ohne Conflikt ab; allein man vereinigte
-sich wieder, indem von beiden Seiten eingeräumt wurde, daß in einem
-Bühnenstück eben die Wahrheit wirkungsvoll seyn müsse, und Heinrich,
-wenn er die unmittelbaren Forderungen Rosas ablehnte, folgte ihr doch
-in sofern, als er dann für naturgemäße Kraftentwicklung Sorge trug.
-
-Im Ganzen bewies unser Poet, daß er das menschliche Herz im Guten
-und Schlimmen, so wie die Leiden und Freuden der bürgerlichen Sphäre
-gar wohl kannte und über fein abgelauschte Züge des realen Lebens
-zu gebieten wußte. Er erprobte sich als Poeten, indem er wirkliche,
-lebendige Menschen zeichnete, die in natürlicher Entfaltung ihres
-Innern Sympathie zu gewinnen vermochten. Das wurde den Freundinnen
-immer deutlicher, und Rosa empfand darüber das reinste Vergnügen.
-
-Der Verkehr der drei Leute hatte etwas so ungezwungen Trauliches und
-unter Umständen Heiteres, daß ein Besucher, auf den ersten Blick hin,
-sich gesagt hätte, die sind glücklich und machen sich glücklich.
-In der That unterhält nichts anziehender und schöner, als gleiches
-Interesse bei einem gemeinsamen Unternehmen. Rosa konnte das Drama so
-gut ansprechen wie Heinrich, und jedenfalls lag ihr das Gelingen um
-nichts weniger am Herzen, als ihm. Ihr schönes braunes Auge glänzte
-Genugthuung, wenn sie etwas für gut erklären mußte, besonders wenn
-dieß nach einer zweiten Bearbeitung der Fall war, die sie gefordert
-hatte. Da rühmte sie den Autor, daß er ihren Rath befolgt, es gleich so
-richtig getroffen und sich dadurch als wahren Dichter bewiesen habe, so
-warm, so froh, daß er beglückt lächelte und auch über das Gesicht der
-Mutter ein Schein der Freude ging.
-
-Die jungen Leute erschienen zuweilen fast wie Verlobte, die es
-schon längere Zeit waren und darum in ruhiger Freundlichkeit sich
-gefielen. Bei näherer Betrachtung zeigte sich freilich, daß der
-Poet an der Liebenswürdigkeit des Mädchens sein Vergnügen hatte und
-sich unwillkürlich dem Reiz ihres Umgangs hingab, aber doch nur
-in Gefühlen der Freundschaft sich bewegte, während aus ihrem Auge
-zuweilen Blicke kamen, die ihre tiefe Leidenschaft verriethen -- ein
-süß und schmerzlich erregtes inneres Leben, das nur durch Willenskraft
-verschlossen gehalten wurde.
-
-Man fragt vielleicht, wie es möglich war, daß der junge Mann diesen
-Zustand ihrer Seele nicht endlich doch erkannte und nun mit sich
-zu Rathe ging über das unter solchen Verhältnissen ihm gebotene
-Benehmen? Daran war aber theils die Naivetät, die recht eigentlich
-unschuldige Natur Heinrichs, theils die Kunst des Mädchens Schuld,
-die sich selbst so sehr in der Gewalt hatte, daß sie den Ausdruck
-einer tieferen Empfindung rasch wieder in Scherz verkehren und damit
-auslöschen konnte. Ihr zärtlicher Antheil an ihm und seinem Vorhaben
-entging Heinrich freilich nicht; allein er nahm ihn für den Beweis
-einer Freundschaft, die auch er gegen sie empfand, für die natürliche
-Sympathie der Künstlerin mit dem Dichter, und endlich -- warum nicht?
--- für den Ausdruck eines Wohlgefallens an seiner Person, das er
-ebenfalls reichlich wieder vergalt. Wußte sie doch, daß er verlobt war
-und an der Geliebten mit unverbrüchlicher Treue hing; wie hätte er
-denken sollen, daß sie eine Glut in ihrem Herzen nährte, die nur in
-Auguste gerechtfertigt war? Ihm blieb daher die Geliebte die Geliebte,
-die Freundin die Freundin, und darum genoß von den dreien nur er allein
-eines reinen, ungetrübten Glücks.
-
-Die Wirklichkeit hatte auch dießmal rücksichtslos ihren eigenen Weg
-genommen. Der dramatische Dichter und die feinsinnige, reizende
-Künstlerin schienen für einander geboren. Aber während sie ihn liebte
-und in dieses Gefühl sich immer mehr vertiefte, hing er nicht nur mit
-leidenschaftlicher Innigkeit an der Jugendgeliebten, sondern umgab sie,
-die Schöne, nur um so eifriger mit den Zaubern einer verschönernden
-Einbildungskraft. Sie war ihm die edle, die hohe Gestalt, die Königin
-seiner Gedanken, zu der emporzustreben ihn mit der süßesten Lust
-erfüllte. Alle Eigenschaften an ihr waren liebenswerth über Alles,
-und sie endlich sein zu nennen und sie mit allen an's Herz zu drücken,
-eine nicht zu fassende Wonne. Die schöpferische Phantasie, die große
-Künstlerin, durchleuchtete das Bild und ließ es in Farben erglänzen,
-daß neben ihnen auch die lieblichsten wirklichen ihr Licht verlieren
-mußten. Wenn die Freundin sich um ihn verdient machte und ihm zur
-Erreichung seines Zweckes half, so erwiederte er dieß mit herzlichem
-Dank. Aber den Zweck wollte er nur erreichen, um die Erwählte durch
-seinen Triumph zu erfreuen und triumphirend heimzuführen.
-
-Rosa, wie resignirt sie war und wie sehr ihr liebendes Gemüth schon
-durch den großmüthigen Beistand sich beglückt fühlte, hatte doch eine
-schmerzlich bittere Empfindung, als diese Gesinnung Heinrichs einmal
-so recht offen hervortrat. Sie kämpfte dagegen, hielt sie nieder, und
-es gelang ihr so sehr, daß sie sich mit ihm an der Vorstellung seines
-endlichen Glückes selber zu weiden schien. Dadurch wurde aber Heinrich
-nur um so sicherer gemacht, und wenn er erst noch eine gewisse Scheu
-gefühlt hatte, die Geliebte vor der Freundin zu preisen und der Freude
-seines Herzens Worte zu geben, so folgte er jetzt dem Drange desselben
-um so rückhaltloser, weil er dadurch der Theilnehmenden selber Freude
-zu machen glaubte.
-
-Mit all ihren Fähigkeiten, sich über sich selber zu erheben, wurde
-Rosa jetzt doch auf harte Proben gestellt. Ein Liebender findet so
-viele Gelegenheit, von der Geliebten zu reden! Eine allgemeine Frage
-nach ihr gibt ihm Anlaß zu ausführlichem Bericht, wobei er weit
-mehr sein eigenes Bedürfniß, als das der Hörer zu Rathe zieht. Eine
-Erkundigung nach einem Bezug, der nur ihn selber betrifft, läßt ihn in
-die Antwort einflechten, was =sie= vorher oder nachher, in oft sehr
-entferntem Zusammenhange, gesagt oder gethan hat u. s. w. Heinrich, um
-der bewiesenen Theilnahme durch eben so großes Vertrauen entgegen zu
-kommen, theilte die schönsten Stellen aus den Briefen mit, die er von
-Auguste erhielt; er las Gedichte vor, die er ihr gelegentlich zum Ruhme
-sang, und gab dazu Commentare, die oft noch viel poetischer waren als
-die Gedichte selbst. Wenn man bedenkt, daß Rosa dem allem gegenüber
-die einmal angenommene Haltung zu bewahren hatte, so ahnt man, was sie
-dabei litt.
-
-Ein eigenes Gefühl regte die dramatische Arbeit selber in ihr an. Der
-Poet hatte den Gedanken, in den beiden Mädchengestalten sowohl die
-Geliebte als die Freundin zu schildern, gewissenhaft ausgeführt; und
-es begreift sich, daß im Vergleich zur ersten die zweite Figur in all
-ihrer Artigkeit als Mond neben der Sonne und recht eigentlich secundär
-erschien. Die Künstlerin hielt bei der ersten Wahrnehmung mit Mühe
-ihren Unmuth zurück, um erst in der Einsamkeit ihr Herz zu entlasten.
-Sie war nicht nur persönlich gekränkt, sondern auch ästhetisch
-verletzt. Denn eben jene erste Figur drückte sich in der Arbeit zu
-hoch und zu kostbar aus, so daß es den Effekt des Ganzen nothwendig
-beeinträchtigen mußte. Rosa, nachdem sie mit sich zu Rathe gegangen,
-trat den Uebertreibungen in diesem Bilde so geschickt als möglich
-entgegen, mußte aber doch länger kämpfen, indem der Poet endlich
-nur nachgab, als sie ihm bewies, daß eine natürlichere und ruhigere
-Sprache die Liebhaberin auch herzgewinnender erscheinen ließe. Bei
-der andern Gestalt hatte sie dagegen Vorschläge zu machen zu besserer
-Ausstattung an Gemüth und an Witz. Sie zeigte indeß klar, daß auch dieß
-im Interesse der Dichtung sey, und der Poet, hier innerlich erheitert,
-gehorchte.
-
-Wenn die muthige Führerin nun Leid und Mühe genug hatte, so war ihr
-doch auch ein Ersatz geboten. Ihre Mühe trug Früchte. Unter ihrer
-Beihülfe gedieh das Werk und klärte und bildete sich der Autor
-selber. Drang er durch zum vollen Gebrauch seines Talents, erreichte
-er schon etwas mit dem ersten Werk, so konnte sie sich sagen, daß
-sie Miturheberin, ja eigentliche Stifterin seines Glückes war. Er
-selbst war gewissermaßen ihr Werk, der von ihr Gelenkte, Beschenkte,
-und sie hatte ihm gegenüber das Gefühl des Künstlers vor einer
-gedeihenden Schöpfung. Freilich, ihre Natur war nicht zu bloßer
-Geduldübung geschaffen, und ihr weibliches Herz forderte seine Rechte.
-Eben nach längerer Zurückhaltung, in der Müdigkeit, welche stete
-Selbstüberwindung zu hinterlassen pflegt, brachen ihre Gefühle nur um
-so gewaltsamer hervor, um sie schmerzlich zu erschüttern.
-
-Einmal, nach einem eben so arglosen wie groben Rückfall Heinrichs
-in die Ausschließlichkeit der Leidenschaft, stellte sich ihr in
-der Einsamkeit sein Benehmen vor die Seele und ein wahrer Unwille
-erstand in ihr. Sie sah ihn in den Widersprüchen seiner Natur, in
-seinen anziehenden und abstoßenden Eigenschaften, und diese letzteren
-erschienen ihr in grellem Licht. Da sie sich nun doch zu ihm hingezogen
-fühlte, so war sie entrüstet über sich selber, klagte sich an und
-empfand diese Bekanntschaft als ein unseliges Verhängniß. Eine Frage
-erhob sich in ihr, deren Erwägung ihr Qualen verursachte. War es die
-Verlobte werth, daß sie ihr weichen mußte? Die Stellen, die Heinrich
-aus ihren Briefen mitgetheilt, hatten ihr keinen so guten Begriff
-beigebracht, daß sie den Lobeserhebungen des Liebenden hätte Glauben
-schenken können. Der Gedanke stellte sich ihr dar, daß dieser auch hier
-sich täuschen und da, wo er einen Engel erwartete, nur ein gewöhnliches
-Weib finden könnte, die sich seinem poetischen Wollen und Streben
-vielmehr entgegen setzte. Sie fühlte, daß sie, die Künstlerin, ihn
-fördern, ergänzen, glücklich machen könnte. Sie dachte sich, wie
-schön und fröhlich sie mit einander zu leben, wie reizend sie ihre
-zusammenstimmenden Berufe zu treiben vermöchten, und ein Schmerz, eine
-förmliche Indignation durchdrang sie, daß die Welt und das Geschick es
-anders beschlossen, daß das eben so Schöne, wie Vernünftige nicht seyn
-sollte. Sonderbar! Die Möglichkeit trat vor ihre Seele, ihn trotz allem
-durch ein anderes Benehmen gegen ihn zu gewinnen, mit der Abwesenden
-zu kämpfen und -- zu siegen. Aber sie verwarf den Gedanken, wie er
-gekommen war. »Nein,« rief sie, nicht ohne das Pathos des Stolzes,
-»ich will keinen Mann erobern, der mich nicht liebend sucht! Eben weil
-ich eine Schauspielerin bin, darf ich nicht thun, was bei den ehrsamen
-Müttern und Töchtern der guten Gesellschaft Regel ist. Sie soll ihn
-haben -- und ich, ich werde mich trösten!«
-
-Nicht immer gelang es ihr, über ihr Leid auf diese Art sich endlich zu
-erheben. Zuweilen versank sie in stille, tiefe Trauer und erschien wie
-krank, wofür sie sich dann auch ausgab. Einmal ging ihr eine Aeußerung
-des Poeten über das Glück, dem er entgegen sah, so zu Herzen, daß
-sie in ihrem Stübchen vor Zorn weinte und unter reichlich fließenden
-Thränen ihr Geschick verklagte, das sie mit diesem Manne belastet und
-den Frieden ihres Herzens durch eine sinnlose Leidenschaft vergiftet
-habe.
-
-Der Mutter konnte solche schmerzvolle Aufregung nicht immer verborgen
-bleiben. Sie schüttelte den Kopf und warf auf die Tochter Blicke, die,
-ihr Innerstes durchdringend, sie erröthen machten. An einem Abend, wo
-sie ihr besonders niedergedrückt erschien, fragte sie, was ihr sey, und
-das Mädchen sprach ihren Verdruß darüber aus, eine Rolle nicht erhalten
-zu haben, die ihr zukäme und auf die sie sich schon lange gefreut habe.
-Die Züge der Mutter wurden ernst, vorwurfsvoll, und sie rief: »Geh,
-und mach mir nichts weis! Du hängst an diesem Menschen und verstrickst
-dich immer tiefer in deine unselige Leidenschaft! Das Stück, das ihr
-mit einander ausarbeitet, ist dein Unglück, und ich erkläre mir nun
-die fatale Empfindung, die ich hatte, als du es an ihn abtratest. Je
-mehr er dich kränkt, desto mehr liebst du ihn. Deine Gedanken kommen
-nicht von ihm los, du sorgst und arbeitest für ihn, und dein Lohn ist
-Herzeleid!«
-
-Rosa hatte sich während dieser Rede gefaßt. »Du übertreibst, liebe
-Mutter,« entgegnete sie mit der Ueberlegenheit einer Seele, die an
-ihrem Loos trotz allem festhält. »Wenn du aber auch Recht hättest, was
-thät' es? Ein bischen unglückliche Liebe schadet nicht, am wenigsten
-einer Schauspielerin. Man macht damit neue Erfahrungen, neue Sphären
-menschlicher Gefühle schließen sich auf, und man spielt besser. Ja,
-ja,« fuhr sie mit einem Blick auf die achselzuckende Mutter fort,
-»für mich insbesondere ist dieses Unglück ein wahres Glück. Ich habe
-mich bis jetzt offenbar zu einseitig auf die muntere Seite gelegt,
-und das geht wohl eine Zeit lang, wird aber nach und nach langweilig
-und schädlich. Das Herzeleid führt in die Tiefe, macht uns ganz --
-allerdings, liebe Mutter! -- und wir gelangen zur wahren künstlerischen
-Ausbildung.«
-
-Die Frau, mit einem Zug des Tadels um den Mund, hatte den Kopf
-geschüttelt. »Du rufst den Humor zu Hülfe!« entgegnete sie. »Wird
-er immer vorhalten?« -- »Es ist mein Ernst,« versetzte Rosa mit
-Ergebung. »Dieser Poet ist in unser Haus gekommen und wir haben uns
-für ihn interessirt. Das Theater, von dem er alles erwartete, hat ihn
-abgewiesen und recht eigentlich in Verzweiflung gestürzt; ich konnte
-ihm die rettende Hand bieten, und ich bot sie ihm. Bei alledem hab' ich
-mir nichts vorzuwerfen. Kommt mehr Unglück dabei für mich heraus, als
-mir lieb ist, so muß ich's tragen. Aber sey nur ruhig, ich bin nicht so
-schwach, und werde schon damit fertig werden.«
-
-Die Augen der Frau waren naß geworden. »Du bist ein gutes Kind,« rief
-sie, »ein edles Herz. Du hättest ein besseres Loos verdient!« -- »Ach,
-Mutter,« versetzte das Mädchen, »man kann in dieser Welt nicht alles
-haben und muß sich genügen lassen! Mir ist dieses Unglück im Grunde
-doch lieber, als das ehemalige Glück, und ich würde es nicht dafür
-hergeben, wenn sich's mir in der letzten Zeit auch ein wenig stark
-aufgelegt hat. Ich hab' nun einmal meine Freude dran! Laß mir's, bis
-mich's von selber verläßt!«
-
-Die Mutter, gerührt, umfaßte die Tochter, schloß sie an ihre Brust
-und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Stirn. »Wann wird das
-aber geschehen?« entgegnete sie. »Die Arbeit, die euch immer wieder
-zusammenführt, wird noch eine gute Zeit dauern. Kann sie die Krankheit
-nicht so verschlimmern, daß sie unheilbar wird?« -- »Im Gegentheil,«
-versetzte das Mädchen; »eben diese Arbeit, wenn sie gelingt, wird mich
-heilen; und wenn ich mich so eifrig darum annehme, sorg' ich eigentlich
-nur für mich selbst.«
-
-Die Mutter schaute sie zweifelnd an. -- »Ganz einfach,« erwiederte die
-Tochter. »Wenn das Stück geräth und gut aufgenommen wird, ist der Poet
-ein gemachter Mann. Denn Talent hat er, das haben wir nun gesehen, und
-wenn er einmal erfährt, wie er's am besten verwenden kann, wird er den
-Weg, auf den wir ihn gebracht haben, nicht mehr verlassen. Er kann um
-seine Auguste anhalten und wird sie heirathen -- und ich werde mich
-beruhigen; denn so kindisch bin ich nicht, daß ich einen weiblichen
-Werther spielen werde. Ist der Poet ein Ehemann und sehen wir uns wenig
-oder gar nicht mehr, dann wird es in meinem Herzen wieder still werden
-und nur der Nutzen der Erfahrung wird übrig bleiben.« -- Die Frau sah
-ihr in's Auge und lächelte mitleidig. »Sehr gut berechnet,« entgegnete
-sie. »Also für jetzt glaubst du dich deinem sogenannten Glück noch
-ruhig überlassen zu können?« -- Das Mädchen sah für sich hin und über
-ihr wehmüthiges Gesicht ging ein Schein von Lächeln, das nicht ohne
-Schelmerei war. »Nun,« fuhr die Mutter fort, »ich kann's nicht ändern.
-Du willst es haben -- sieh nun auch, wie du die Folgen trägst!«
-
-Tage, Wochen gingen hin, die Arbeit näherte sich ihrem Ende. Sey es
-die Einrichtung der Natur, zufolge welcher nach einer Zeit stürmischer
-Erregung immer wieder eine Zeit der Ruhe kommt -- sey es der Einfluß,
-den der gute Fortgang des Stücks auf ihr Gemüth übte, genug, Rosa wurde
-schon in dieser Zeit heiterer gestimmt und erfreute die Mutter durch
-einen Ausdruck ernster Zufriedenheit. Der Poet hatte aber auch den Takt
-oder das Glück, ihr fast nie mehr durch Naivetäten wehe zu thun. In der
-Freude seines Herzens über das Gelingen der Arbeit wurde er dankbarer
-gegen die Spenderin, unwillkürlich zarter, und ließ keinen guten Anlaß
-vorübergehen, ihr Lob zu sagen. Der letzte Akt brachte so das Ende gut
-Alles gut nicht nur für die Personen des Stücks, sondern auch für die
-Erfinderin, die eine große Genugthuung empfand, wobei das Bewußtseyn
-gelungener Hülfe die Melancholie der Entsagung weit überwog.
-
-Heinrich fühlte sich im Innersten glücklich. Viel Mühe hatte er sich
-gegeben; aber nun durchdrang ihn eine Sicherheit, wie er sie in solcher
-Klarheit nie empfunden hatte. Sein eigenes Urtheil stimmte mit dem der
-Freundinnen -- eine Täuschung war unmöglich.
-
-Als er an einem sonnigen Wintermorgen die letzten Auftritte skizzirt
-hatte und die Schönheit des Wetters ihn auf die Straße lockte,
-begegnete ihm Willmann. Sie begrüßten sich und der Novellist sagte:
-»Nun, ich gratulire. Ihr Schauspiel soll gut -- sehr gut werden.« --
-»Woher wissen Sie das?« fragte Heinrich. -- »Ich weiß es,« entgegnete
-der Andere behaglich.
-
-Der Poet nickte begreifend und sagte dann: »Ich meine freilich selber,
-daß es mir geräth; und ich hoffe nun, den beiden Herrn, die mich wegen
-meiner Tragödie so schmählich heruntergemacht haben, beweisen zu
-können, daß ich auch etwas zu liefern vermag, wofür sie mir Dank wissen
-müssen.« -- »Dem,« versetzte Willmann, »sehen sie mit Freuden entgegen;
-denn Jeder freut sich, wenn er ein Projekt gelingen sieht.«
-
-»Wie muß ich das verstehen?« rief Heinrich. -- »Nun,« erwiederte der
-Doktor, »am Ende muß es ja doch heraus, ich will's Ihnen also gestehen,
-daß wir Ihnen einen Streich gespielt haben, einen Streich zu Ihrem
-Besten. In Ihrer Tragödie waren Sie auf einer Straße des Verderbens,
-zeigten aber trotz Allem eine nicht gewöhnliche Befähigung zum
-Dramatiker -- darüber waren die Regisseure einig. Wie diese Befähigung
-nun von jenem Pfad abziehen? Wir kamen zusammen, beriethen uns, und es
-wurde beschlossen, eine energische Kur anzuwenden. Ihr Verlangen, die
-Urtheile kennen zu lernen, setzte man voraus und redigirte sie für den
-Autor besonders. Der Trank wurde verschluckt und wirkte gründlich.«
-
-»Ah,« rief Heinrich mit einem Ausdruck von Empfindlichkeit. »So habt
-ihr also mit mir gespielt?« »Aus Antheil an Ihnen,« fuhr Willmann
-begütigend fort, »aus Achtung vor Ihrem Talent! Es galt, Sie von Ihrer
-tragischen Ueberschwänglichkeit _par force_ wegzubringen, und in diesem
-Sinn hat Freund Berger allerdings vortrefflich gearbeitet. Genug,
-es ist geglückt, Sie haben sich nicht nur auf die rechte Wahlstatt
-begeben, sondern nach allem, was ich höre, darauf auch schon einen Sieg
-erkämpft.«
-
-Unser Poet entrang sich doch nur mit Mühe der demüthigenden Empfindung,
-geführt, wenn auch zu seinem Besten geführt zu seyn. »Es ist
-geglückt,« begann er nach einer Pause; »aber nicht durch euch, ihr
-Herrn, sondern durch ein liebenswürdiges Geschöpf, das mich freundlich
-aufgeklärt und mir das Bessere an die Hand gegeben hat.«
-
-»Wohl,« versetzte der Andere; »aber dieser Freundlichkeit mußte
-vorgearbeitet seyn, wenn sie bei einem so verstockten Idealisten
-durchdringen sollte. Die Heilung ist methodisch vor sich gegangen.
-Nach der Erschütterung durch Donner und einschlagenden Blitz kam der
-Sonnenschein und that das Uebrige.« -- »Die Hauptsache!« warf Heinrich
-ein. -- »Die Hauptsache,« wiederholte der Schriftsteller, »zugegeben!«
-Er schwieg einen Moment und fuhr dann lächelnd fort: »Für Sie kann man
-wirklich gute Hoffnungen hegen. Ein junger Mann, der notorisch verlobt
-ist, gewinnt noch andere Frauenherzen, so sehr, daß sie sogar Opfer
-bringen für ihn. Mein lieber College, Sie kommen durch die Welt, darauf
-können Sie sich verlassen. Und eins ins andere gerechnet, sind Sie nun
-doch eigentlich mit einem sehr gnädigen Lehrgeld davon gekommen.«
-
-Während dieses Gesprächs waren sie unvermerkt in die Nähe des Theaters
-gelangt. Willmann richtete seinen Blick auf das stattliche Gebäude und
-sein Gesicht erheiterte sich. Zwei Männer waren aus einem Seitenthor
-getreten und kamen gegen sie her; es waren die Regisseure. Heinrich
-konnte nicht umhin, mit Willmann vorwärts zu gehen, obwohl er vor der
-Begegnung eine erklärliche Scheu empfand. Er hatte die Herrn nach der
-Lektüre ihrer Urtheile nicht nur nicht wieder besucht, sondern auch auf
-der Straße glücklich vermieden, so daß für ihn jetzt eine Art Eis zu
-brechen war. Indessen zeigte sich, daß er die Zeit her doch viel Welt
-in sich aufgenommen hatte; denn er bezwang sich und es gelang ihm, die
-Begrüßung möglichst unbefangen abzumachen.
-
-Hallfeld (so hieß der ältere der beiden Schauspieler) dankte freundlich
-und sagte: »Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie ich aber höre, sind
-Sie die Zeit her fleißig gewesen und werden bald etwas Schönes fertig
-haben!« -- »Fertig,« entgegnete Heinrich, »wird es bald seyn. Ob es
-etwas Schönes ist, werden Sie zu entscheiden haben.«
-
-Der Komiker und Intrigant hatte unterdeß einen Blick auf ihn geworfen,
-in welchem Spott und Wohlwollen sehr ergötzlich gemischt waren. »Sie
-haben sich,« bemerkte er mit höflichem Kopfneigen, »herabgelassen,
-einen Stoff aus dem gewöhnlichen bürgerlichen Leben zu behandeln
-und ein Schauspiel zu schreiben?« -- Heinrich sah ihn an und zuckte
-unwillkürlich die Achsel. -- »Sie soll gelungen seyn,« fuhr jener fort,
-»die Frucht Ihrer Condescendenz.« -- »Die Freundin,« warf Hallfeld
-ein, »hat mit uns darüber gesprochen. Demnach wäre am Erfolg nicht zu
-zweifeln, und ich hoffe, daß wir es bald zu lesen bekommen werden.«
-
-»Ich freue mich sehr auf den Intrigant,« versetzte Berger, »der
-recht eine Rolle für mich seyn soll. Mir sagen nämlich ganz
-besonders gemischte Charaktere zu -- Menschen, die mit respektabler
-Schlechtigkeit eine Art von Gutmüthigkeit, ja Biederkeit verbinden. So
-Einer, wie ich aus den gegebenen Andeutungen schließen möchte, kommt in
-Ihrem Stück vor.« -- »Und soll,« entgegnete Heinrich mit eingehender
-Laune, »wenn das Stück angenommen wird, auch dem Künstler zufallen, den
-die Natur geschaffen zu haben scheint, Charaktere dieser Art congenial
-zu versinnlichen.« -- »Charmant!« rief der Komiker, während die Andern
-lächelten.
-
-»Ich gestehe,« begann Willmann, »ich freue mich sehr auf die
-Vorstellung, an der ich nicht mehr zweifle. Sie haben,« fuhr er auf
-Heinrich blickend fort, »durch Ihre erste Arbeit ernstlichen Antheil
-erregt.« -- »Allerdings,« bemerkte der Heldenvater mit Würde. --
-»Unbedingt!« setzte der Komiker hinzu. -- »Und da Sie sich in der Zeit
-der Calamität so ritterlich gehalten haben, so gönnen wir Ihnen von
-ganzem Herzen einen öffentlichen Erfolg.« -- »Und den wohlverdienten
-Lorbeer,« ergänzte Berger -- »den Lohn der Demuth, die sich selbst
-bezwungen!« -- Nach weiterem Austausch von Höflichkeiten dieser Art
-schied man erheitert und mit den besten Wünschen. Heinrich ging nach
-der Wiederanknüpfung mit den Kunstverwandten eines hin und wieder doch
-lästig empfundenen Druckes entledigt nach Hause. Behaglich fühlte er,
-wie sich der Weg für ihn mehr und mehr ebnete und ein günstiges Zeichen
-nach dem andern hervortrat.
-
-An demselben Tag schrieb er einen längeren Brief an Auguste. Die
-Geliebte hatte ihm auf die Meldung, daß er auch das zweite Trauerspiel
-einstweilen liegen gelassen und nun an einem Schauspiel arbeite,
-nach längerem Schweigen eine Antwort gesandt, welche die zärtlichste
-Besorgniß für ihn an den Tag legte, indem nach den bisherigen
-Erfahrungen leider nicht mit Gewißheit angenommen werden könne, daß
-er bei dieser neuen Arbeit ausharren werde. Darauf hatte der Verlobte
-sie durch Versicherungen beruhigt, die, wenn sie nicht Ueberzeugung
-bewirkten, doch Glauben fanden. Jetzt konnte er nicht nur die
-Vollendung, sondern gleich auch die Gelungenheit des Stücks anzeigen --
-und mit welch gerechtem Selbstgefühl that er es!
-
-»Ja, meine Theure,« schloß der Bericht, »meine Prüfungszeit ist vorüber
-und der Lohn der Ausdauer so gewiß, daß ich ihn schon in der Hand
-zu haben glaube. Endlich, endlich ist mir's gelungen! Nicht nur die
-Annahme des Stücks, auch die Wirkung auf der Bühne und das Verbleiben
-auf dem Repertoire ist mir verbürgt -- durch das Urtheil von Kennern.
-In vierzehn Tagen ist die Arbeit fertig, revidirt, bühnengemäß
-hergestellt; der raschen Annahme wird die rasche Darstellung folgen,
-und dann heißt's: Auf Wiedersehen! auf glückseliges Wiedersehen!«
-
-Dem Brief war eine Nachschrift beigefügt, die also lautete: »Die
-frühere Aeußerung über Doctor Willmann muß ich zurücknehmen. Hinter
-einer allerdings etwas gewöhnlichen Außenseite verbirgt dieser
-Schriftsteller ein tieferes Herz, und an mir und meinem Schicksal nimmt
-er wahren Antheil. Theilt er nicht alle meine Ideen, so ist er doch ein
-Mitstrebender und Literat im besten Sinne des Worts, eine redliche,
-neidlose Seele, ein Freund, auf den ich rechnen kann.«
-
-
- VII.
-
-Die letzten Scenen wurden ausgeführt, in dem kleinen Kreise berathen
-und nach wenigen Aenderungen gebilligt. Das Stück war fertig.
-
-Für die nächsten Tage hatte der Autor nun den Genuß, das vollendete
-Werk nochmal zu übergehen und im Einzelnen durchzubilden. Es gehört
-dieß, wenn der Organismus im Wesentlichen gelungen ist, zu den
-angenehmsten Arbeiten, und Heinrich schlürfte denn auch die Neige der
-Schöpferfreuden _con amore_. Wie aber auf Erden kein Glück rein bleiben
-soll, so wurde auch in den süßen Trank dieser Tage ein bitterer
-Tropfen geworfen, der ihn ärgerlich vergällte.
-
-Unser Poet hatte den satirischen Roman seines guten Freundes Dorn schon
-vor Monaten zu lesen begonnen, aber sich nicht damit befreunden können.
-Er fand den Witz vielfach gezwungen und die Bosheit des Autors, auch wo
-sie das Schlechte geißelte, zu direkt und gehässig, als daß er mit ihr
-hätte sympathisiren können. Der Geist, der das Opus eingegeben hatte
-(dieß erkannte er aus den ersten Kapiteln), war der Geist der Rache und
-der Schadenfreude, blinder Leidenschaften, denen nichts Wohlthuendes
-gelingen kann. Einzelne Treffer ergötzten ihn freilich, die Neugier
-wurde rege erhalten, aber das Gelesene hinterließ keinen guten Eindruck
-und das Buch erzeugte in Heinrich zuletzt einen förmlichen Widerwillen,
-so daß er es, noch nicht in die Mitte gekommen, bei Seite warf.
-
-Als Dorn sich gelegentlich einmal darnach erkundigte, fühlte der
-etwas Befangene die Nöthigung, ebenso den guten Bekannten wie die
-Wahrheit zu schonen, und sagte darum: er habe sich mit großem
-Interesse hineingelesen, könne aber einen so stark gewürzten Trank
-nur in kleineren Dosen zu sich nehmen, und müsse sich noch eine
-Frist ausbitten. Der Autor, durch diese Erklärung nicht übermäßig
-zufriedengestellt, machte doch gute Miene, und man trennte sich unter
-kameradschaftlichen Versicherungen.
-
-Nach der Vollendung seines Dramas erkannte der Poet, daß er das Beißen
-in den sauern Apfel nicht länger verschieben könne; er nahm das Buch
-eines Abends vor und verschluckte den Rest heroisch. Aber er konnte
-das frühere Urtheil nur bestätigen. Ergötzlich im Einzelnen -- nicht
-allzuhäufig --, unerquicklich im Ganzen; von der Schneide des Hohnes
-Rügenswerthes, Verwerfliches, aber auch Gutes, ja Großes getroffen,
-das der Schreiber nur nicht begriff; ein Buch, das in einem Sinne
-zu besprechen, wie der Autor es wünschte, für Heinrich ganz und gar
-unmöglich war.
-
-Kurz nach Gewinnung dieser Ansicht traf er wieder mit Dorn zusammen.
-Er theilte ihm auf Befragen das Neueste über sein Stück und seine
-Hoffnungen mit, und der Feuilletonist gratulirte mit sichtlicher
-Zurückhaltung; dann sagte er: »Wie haben wir's aber mit unserem
-Roman? Jetzt werden Sie ihn doch wohl gelesen haben!« -- »Freilich,«
-erwiederte Heinrich mit einer gewissen Hast. »Er hat mich interessirt
-bis zu Ende. Sie haben darin Hiebe ausgetheilt, die ich den Getroffenen
-von Herzen gegönnt habe. Läugnen will ich aber nicht, daß ich auch auf
-Angriffe gestoßen bin, die ich durchaus nicht unterschreiben möchte.«
--- »So?« entgegnete der Andere. -- »Nun,« fuhr er nach kurzem Schweigen
-fort, »im Grunde ist das natürlich, man kann nicht in allen Stücken
-gleich denken. Ihr Urtheil im Ganzen ist also?« -- »Daß das Buch von
-dem Publikum, für das es geschrieben ist, mit Nutzen und Vergnügen
-gelesen werden kann.«
-
-Dieses bedingte Zugeständniß war an sich nicht darnach angethan,
-eine Autorseele zu befriedigen. Unser Poet aber, der sich bewußt
-war, daß der Roman eben so gut mit Schaden und Mißvergnügen gelesen
-werden könne, hatte es zum Ueberfluß mit einer gewissen Verlegenheit
-ausgesprochen, so daß die eingeschränkte Beistimmung noch dazu als
-abgenöthigt erschien. Dorn, dem sich dieß aufdrängte, betrachtete ihn
-mit verdächtigen Blicken. Er ging auf einen andern Gegenstand über,
-machte seinem Herzen in scharfen Bemerkungen über Abwesende Luft,
-und sagte zuletzt mit einem Lächeln »Guten Tag,« das nichts Gutes zu
-bedeuten schien.
-
-Heinrich gehörte zu den Menschen, die nicht gern eine Schuld
-unbezahlt lassen, und er überlegte daher ernstlich, ob nicht eine
-Form auszudenken wäre, in der er, ohne der Gerechtigkeit eben in's
-Angesicht zu schlagen, dem Autor, der ihn öffentlich gelobt hatte,
-doch auch einen Dienst erweisen könnte. Allein er fand keine, und dieß
-beunruhigte ihn sehr und trübte das Glück der schönen Tage. Endlich
-rief er: »Zum Henker mit dieser Affaire! Gehen wir auf die Hauptsache
-los, und wenn sie erreicht, dem Kritikus Respekt eingeflößt ist,
-dann wird ihn eine Gefälligkeit zufrieden stellen, die ich ihm ohne
-Gewissensbisse erweisen kann!«
-
-Im Nachklang dieses heroischen Entschlusses vollendete Heinrich die
-Revision und stellte ein reinliches Manuscript her.
-
-Als er den Freundinnen ankündigte, daß er das Stück sofort einreichen
-könne, schüttelte Rosa den Kopf. »Vorher,« sagte sie, »muß noch was
-Anderes geschehen. Die Regisseure und Doctor Willmann sind Ihnen
-wahrhaft zugethan. Wir wollen diese Herrn zum Thee einladen, und
-Sie tragen ihnen dann Ihr Stück vor. Gut gelesen wird es nicht nur
-einen gewinnenden Eindruck machen, sondern auch zu Bemerkungen Anlaß
-geben, die Ihnen weiter nützlich werden können.« -- Heinrich, über die
-consequent liebevolle Sorgfalt erfreut, erklärte seine Zustimmung unter
-Worten des Dankes.
-
-Am nächsten Sonnabend war die Gesellschaft in dem traulichen Zimmer
-versammelt. Man hatte sich cordial begrüßt, und unter dem Schlürfen
-des feinen Getränks nahmen bald gute Geister die Seelen ein. Der Poet
-hatte offenbar eine günstige Position. Konnten ihn nicht alle, wie er
-jetzt war, gewissermaßen als ihre Schöpfung ansprechen, und mußten sie
-sich daher nicht über alles ihm Gelungene freuen, als ob es von ihnen
-wäre? Er fühlte das auch, und der letzte Rest von Befangenheit wich aus
-seiner Seele.
-
-Willmann, ihn betrachtend, sagte:»Hat unser Dramatiker in der letzten
-Zeit nicht geradezu ein anderes Aussehen bekommen? Sein Blick ist jetzt
-so menschlich, sein ganzes Wesen so vertrauenerweckend --«
-
-»Sehr natürlich,« fiel Berger ein. »Er ist herabgestiegen aus den
-ätherischen Höhen und Mensch geworden, indem er sich in wirkliche
-Menschen versetzte, und -- menschlich gesinnt auch für uns Theaterleute
--- Rollen geschrieben hat, die man wirklich spielen kann -- wie ich
-höre.«
-
-»Die Welt,« fuhr der Novellist heiter fort, »wird gesund, man kann
-nicht mehr daran zweifeln. Der Realismus erstarkt und macht eine
-bedeutsame Erwerbung nach der andern.« -- »Leben und Lebenlassen,« rief
-der Regisseur, »das ist die Parole des Jahrhunderts! Sogar auf dem
-Theater, wo man sonst mit wohlklingenden Versen im Mund sich dem Tod in
-die Arme warf, daß die Bühne sich endlich mit Leichen bedeckte, wird
-es mehr und mehr Sitte, in schlichter Prosa zu guter Letzt sich um den
-Hals zu fallen und dem Publikum das wohlthuende Schauspiel verständiger
-Gemüther zu geben, die dem Glück entgegen gehen.« Mit einem Blick auf
-Hallfeld, der launig den Mund rümpfte, fuhr er fort: »Der Herr College
-scheinen nicht ganz einverstanden zu seyn?«
-
-»Doch,« versetzte dieser. »Aber in eurem eigenen Interesse möcht'
-ich euch Herrn rathen: übertreibt's nicht mit eurer Prosa und eurem
-Lebenlassen! Denn sonst möchte das Publikum am Ende auch das genug
-kriegen und ihr könntet einen Rückfall erleben.« -- »O,« rief Berger,
-»mir ist nicht bange!« -- »Man kann für nichts einstehen,« erwiederte
-der Andere. Der Komiker sah ihn an, und da er, besonders vor einem
-Auditorium, zu necken und zu streiten liebte, fuhr er fort: »Sie
-kämpfen für Ihr scheinbares Gebiet, lieber College, aber Sie thun sich
-selber Unrecht. Ihr Spiel ist im Prosadialog so vorzüglich wie in der
-Versetragödie und für mich und Meinesgleichen noch viel erquickender.
-Es herrscht darin eine Natur, eine Frische --« -- »Bitte!« rief
-Hallfeld. -- »Also davon abgesehen! Sagen Sie mir nun in allem Ernst:
-was hat man eigentlich an einer versificirten Tragödie?«
-
-»In allem Ernst?« fragte Hallfeld erheitert. »Wollen Sie etwas
-Ernsthaftes hören?« -- »Oh,« rief Berger mit einem Ton des Vorwurfs,
-»von Ihnen mit Freuden! Und gewiß alle hier Anwesenden?« -- »Ja wohl,
-ja wohl,« riefen Heinrich und Rosa. -- »Also, kurz gesprochen, was hat
-man davon?« -- Hallfeld erwiederte mit ruhigem Nachdruck: »Die Kunst.«
--- »Die Kunst!« wiederholte der Andere. »Sie meinen die Kunst im
-aparten Sinne, wo sie über die natürlichen Formen des wirklichen Lebens
-hinaus geht?« -- »Die Kunst in dem Sinn, wo sie über die Kleinheit,
-Gewöhnlichkeit und Dürftigkeit des wirklichen Lebens sich erhebt,«
-entgegnete Hallfeld. »Die Kunst, die in eine Welt versetzt, wo das
-höhere Maß in der Ordnung ist und die Verse so natürlich klingen, wie
-im gewöhnlichen Leben die Prosa.«
-
-»Das klingt sehr schön,« erwiederte Berger, »und« (setzte er lächelnd
-hinzu) »ungefähr so sagt's der Herr Professor auch. Aber ich, als ein
-verstockter Realist, stelle mir die Sache selbst vor und muß Ihnen
-die Wirkung, die faktisch so oft mit angesehene Wirkung entgegen
-halten. Erlauben Sie mir eine kleine Charakteristik. Wir geben also
-eine versificirte Tragödie (denn um die Tragödie handelt sich's) --
-was ist, kurz und bündig gesagt, der Effekt? Das Publikum -- in nicht
-allzugroßer Zahl -- sitzt erwartungsvoll, und die pathetischen Verse
-beginnen. Irgend eine Gräuelthat ist schon verübt oder wird verübt;
-zunächst mit glücklichem Erfolg. »Triumph« ruft das Verbrechen, »Rache«
-die Tugend. Man streitet, man tobt, man rast, wobei nicht selten das
-nervenerschütternde Spiel noch durch einen gräulichen Lärm hinter den
-Coulissen verstärkt wird. Der Frevler, unter dem Beistand höllischer
-Dämonen, wehrt sich verzweifelt. Endlich, krach, trifft ihn der Blitz,
-die Exekution gelingt, der Tod heimst ein, und der Vorhang fällt. Die
-Zuschauer, wenn sie mit ihren Gedanken nicht schon lange daheim oder
-im Wirthshause sind und die ganze, meist drei bis vier Stunden dauernde
-Handlung mitgeduldet haben, fühlen sich geschüttelt und gerüttelt, in
-dumpfe Verwirrung gesetzt, und gehen mit zerschlagenen Gliedern weg,
-trotz der Verse, und trotzdem, daß sie zu der grausigen Aktion sehr
-natürlich geklungen haben.«
-
-Die Gesellschaft, von der drastisch gezeichneten Carikatur ergötzt,
-lachte, Hallfeld mit eingeschlossen. Nach kurzem Schweigen erwiederte
-dieser: »Darf ich nun auch eine Tragödie aufführen?« -- »Immer zu!«
-rief Berger.
-
-Hallfeld begann: »Also -- das Publikum sitzt in ernster Erwartung und
-der Vorhang geht auf. Schon durch den Klang der Verse wird der Hörer
-der Atmosphäre des Alltagslebens entrückt und in eine höhere feierliche
-Stimmung versetzt. Eine große, gewaltige Kraft, deren Leidenschaft uns
-mit Staunen erfüllt, wird zum tragischen Uebermuth, zum Verbrechen
-hingerissen, und die Göttin, die dadurch verletzt ist, bereitet die
-Strafe; ihre Organe setzen sich in Action und ein Kampf beginnt, den
-wir mit erhabener Spannung begleiten. Wir fordern den Untergang des
-Frevlers, indem wir seinen dämonischen Geist bewundern, und er sinkt
-endlich unter den Schlägen der Gerechtigkeit. Der Zuschauer, um mit
-einem Heros der tragischen Dichtung zu reden, ist zermalmt, aber
-zugleich erhoben; und nachdem er in eine Welt Blicke gethan hat, die
-ebenfalls Natur und Wahrheit, aber Natur und Wahrheit oberster Art ist,
-nachdem er Blicke gethan hat in's Jenseits und in die Ewigkeit, verläßt
-er das Theater, wie man einen Tempel verläßt. Und ein Tempel -- ein
-Tempel der Kunst -- soll's ja auch seyn, das Theater, nicht ein Haus,
-wie man's zu Hause auch und am Ende noch besser hat.«
-
-Der tragische Künstler hatte diese Entgegnung spielend, wenn auch
-mit Würde spielend, begonnen, aber nach und nach zu einem Ernst sich
-erhoben, der seines Eindrucks nicht verfehlen konnte. Heinrich rief ein
-so lebhaftes Bravo, daß Willmann ihm bedeutsam drohte; die Wirthinnen
-nickten beifällig und Berger sah schweigend auf den Tisch. Plötzlich
-aufsehend und den Redner betrachtend, entgegnete der Komiker: »Ihre
-Schilderung ist so pathetisch poetisch gerathen, daß sie eigentlich in
-fünffüßigen Jamben hätte gegeben werden sollen, und ich sehe dadurch
-meinen alten Verdacht bestätigt, daß Sie im Geheimen dergleichen
-anfertigen.«
-
-»Wäre heutzutage weder eine Kunst noch ein Verbrechen,« erwiederte
-Hallfeld. -- »Gewiß nicht,« entgegnete Berger, »namentlich das Erste
-nicht. Nun, um Ihnen meine aufrichtige Meinung zu sagen: schön
-gesprochen haben Sie; wenn's nur eben so wahr wäre! Gut, gut,« rief
-er, als Hallfeld zu reden sich anschickte, »ich weiß, was Sie sagen
-wollen. Die classischen Stücke, classisch aufgeführt, wirken so.
-Zugegeben. Aber classische Stücke haben wir nicht viel, und wenn wir's
-ehrlich bekennen wollen, sind auch unter den classischen welche, die
-vielmehr den von mir geschilderten Effekt machen. Neue Stücke, die
-sich den classischen unter den classischen anreihen -- mit aller
-Achtung vor den lebenden Talenten sey es gesagt -- dürften uns nicht in
-allzugroßer Anzahl geliefert werden; also wäre es gewiß ein billiger,
-allen Verhältnissen Rechnung tragender Vorschlag: das Theater in so
-fern als Tempel zu behandeln, als wir einmal in der Woche die Priester
-der Tragödie darin fungiren lassen, an den übrigen Tagen aber es als
-ein Haus zu benutzen, was es trotz alledem viel mehr ist, als ein
-Tempel. Denn ein Tempel ist es doch nur in poetischer Anschauung und
-metaphorisch; dem unbestochenen Auge bleibt es eben das Schauspielhaus,
-das Haus, worin vorzugsweise gegeben werden sollen Schauspiele,
-inclusive Lustspiele.«
-
-Die Hörer schienen den Vorschlag zur Güte heiter aufzunehmen und der
-ermunterte Komiker fuhr fort: »Ermessen wir dabei unsere Kräfte,
-vielleicht auch die Kräfte des Zeitalters! Mir scheint ein Wink der
-Geschichte in der unbestreitbaren Thatsache zu liegen, daß wir im
-genreartigen Drama -- wenn Sie den Ausdruck erlauben wollen -- auch
-besser spielen, als in der hochstylisirten Tragödie. Zum lebensgroßen
-Bild reicht unsere Natur hin, zum überlebensgroßen müssen wir uns
-schon verteufelt strecken, und das kommt gar nicht immer schön heraus.
-Talente, mit einem Geist, einer Figur und -- einer Stimme, wie wir
-sie an unserem Heldenvater bewundern, sind selten und werden immer
-seltener. Wir Andern bewegen uns im lustigen, gemüthlichen, pikanten
-Kreis, bewirken Lachen und nebenbei Rührung und geben dem Publikum
-das, was es doch eigentlich am öftesten begehrt und wofür es auch am
-dankbarsten sich zeigt durch Ausfüllung des Hauses und durch Füllung
-der Kasse.«
-
-»Das,« fügte Willmann mit einem Blick auf Hallfeld hinzu, »ist doch
-wohl auch sehr zu bedenken. Das Publikum sieht sich jetzt am liebsten
-selber auf der Bühne, namentlich in wohlwollender Zeichnung und
-gewinnendem Bilde. Da wir aber dergleichen jetzt auch besser machen,
-besser spielen, so sind wir am Ende aus allen Gründen gemahnt, den
-Zuschauern vorzugsweise zu bieten, was sie vorzugsweise zu wünschen so
-freundlich sind.«
-
-»Gut gesagt!« rief Berger. »Und wie viel ist hier noch zu thun! Welche
-Schätze warten noch der Hebung! Welch köstliche Narren, Philister und
-Bösewichter können die Poeten noch herauf bringen! Also vorwärts auf
-dieser Straße! Richten wir uns in Vorführung von Schauspielen und
-Tragödien nach dem Verhältniß der Werkeltage und Festtage -- und es
-wird wohl stehen im Lande!«
-
-Hallfeld lächelte, als einer, der den Streit zu beenden wünscht.
-»Damit,« sagte er, könnte ich mich am Ende zufrieden erklären.
-Festtage! Dazu gehören auch die Feiertage der Woche!« -- Berger, nach
-einigem Besinnen, rief: »Meinetwegen! Ich will nicht knauserig seyn.
-Aber, wohlgemerkt, nach dem protestantischen Kalender! Dann: _Soyons
-amis!_« Er reichte ihm die Hand und der Anwalt des Trauerspiels, mit
-einer Freundlichkeit, die nicht ganz ohne Herablassung war, schüttelte
-sie.
-
-Unser Poet hatte während der letzten Verhandlung mit einer Miene
-dagesessen, die den Frauen und endlich auch Willmann aufgefallen
-war. Ein Ernst sprach aus seinem Gesicht, der sich von dem des
-Heldenspielers wesentlich unterschied, indem er einen poetisch
-feierlichen Charakter hatte. »Was ist Ihnen?« rief ihm der
-Schriftsteller zu. »Sie scheinen in höheren Sphären zu seyn!« -- »Ich
-habe eine Idee,« versetzte der Angeredete, »eine Idee, die mir Freude
-macht!« -- »Nun?« rief Willmann, während die Andern auf Heinrich
-schauten. »Ich hoffe nicht, daß Sie eine Idee haben, die Sie abtrünnig
-werden läßt. Ihr Aussehen --« -- »Verkündet Frieden -- Harmonie!«
-rief der Poet. -- »Das laß ich mir gefallen!« entgegnete jener. »Sie
-unterschreiben also die Capitulation zwischen der Comödie und der
-Tragödie?« -- »Mit einer Modifikation, die sich auf unser Metier
-bezieht.« -- »Ah so! -- Nun?«
-
-Der Poet begann unter allgemeiner Aufmerksamkeit: »Leben und
-Lebenlassen ist ein guter Spruch. Ich glaube, daß wir ihn eben jetzt
-auf unsere Fahne schreiben und unserem großen Dichter folgend das
-»Gedenke zu sterben« in »Gedenke zu leben« umwandeln müssen.« --
-»Ah, bravo!« rief der Vertreter der Comödie, der an dem Redner mit
-humoristischer Aufmerksamkeit hing. »Wir müssen zwar alle sterben,«
-fuhr Heinrich fort, »und es wird gut seyn, auch daran zu denken. Aber
-bevor es zu Ende geht, müssen wir leben, das Leben gründlich benützen,
-und dürfen uns in diesem edeln Beruf nicht durch Todesgedanken stören
-lassen.« -- »Recht gesprochen!« rief Berger -- »Also lob' ich die
-Richtung in der Kunst, die das Leben, in dem wir thatsächlich stehen,
-zeichnet, aufhellt und auf Ziele weist, damit dieses Leben nicht
-bleibe, wie es ist, sondern selbst immer schöner und erfreuender
-werde.« -- Der Komiker blickte zweifelnd.
-
-»Die dramatische Poesie,« fuhr Heinrich fort, »lasse Streit und
-Verwirrung entstehen, um sie zu lösen, sie führe Irrthum und Schuld
-vor, um davon zu heilen.« -- »Ja wohl,« fiel Berger ein; »aber das
-darf nicht schulmeisterlich, tendenziös --« -- »Nein,« versetzte
-Heinrich, »sondern nur poetisch geschehen! Der Dichter sehe das
-wirkliche Leben mit den Augen der Liebe, er sehe es, wie es in der
-That ist, reorganisire es liebevoll und zeige es im Bilde wahr und
-schön. Er sey Realist, er ergreife die Wirklichkeit in ihrer Fülle,
-ihrer Eigenthümlichkeit und eigenthümlichen Schönheit, und bereichere
-die poetische Literatur, die dramatische Literatur, mit neuen und
-neuschönen Gemälden.«
-
-»Ganz gut,« rief der Komiker. »Sie dürfen aber nur nicht gar zu schön
---« -- »Das sind sie nie, wenn sie wahr sind!« -- »_A la bonne heure!_«
--- »Und weil es denn,« fuhr Heinrich fort, »an der Zeit ist und alle
-Forderungen darauf hinweisen, so cultivire der Dichter jetzt vor allem
-diese Poesie des wirklichen Lebens und liefere auch dem Theater Stücke,
-die mit dem Vorsatz und der Möglichkeit, schön zu leben, schließen!«
-
-»Bravo!« rief Willmann. -- »Diese Thätigkeit,« fuhr der Poet fort, »sey
-ihm aber zugleich eine Schule, eine Vorschule für die wahre Tragödie.«
--- »Ah so!« riefen Willmann und Berger zugleich, während Hallfeld
-erheitert aufhorchte und die Frauen lächelten. -- »Für eine neue
-Tragödie,« rief der Poet, »für die Tragödie der Zukunft!« -- »Hört,
-hört!« rief Hallfeld, indem er den Collegen ansah.
-
-»Der Dichter unserer Zeit, indem er die frische, kernige, treffende
-Sprache des wirklichen Lebens redet, lerne eine neue poetische Diction
-schaffen, in der nicht der Ton unserer großen Poeten mehr oder minder
-wiederklingt, sondern ein neuer ertönt, worin jene frische, kernige,
-treffende Sprache geadelt, verklärt erscheint.« -- »Hm!« erwiederte der
-Anwalt des Lustspiels. -- »Er lerne, indem er das Leben glorificirt im
-Schauspiel, das Leben glorificiren in der Tragödie!«
-
-»In der Tragödie -- das Leben?« wandte Berger ein. -- »Er lerne,« fuhr
-Heinrich nickend fort, »indem er einen trostreichen Schluß herbeiführt
-im Schauspiel, einen trostreichen Schluß herbeiführen in der Tragödie.
-Er erschüttere die Herzen durch das flammende Gemälde der Schuld und
-Sühnung, aber er öffne mehr und schöner, als es bis jetzt geschehen
-ist, die Sphäre der Ewigkeit und erhebe über das Grauen des zeitlichen
-Todes durch die Anschauung ewigen Lebens! Er lerne in der Abspiegelung
-irdisch guten Ausgangs die tragisch poetische Hinweisung auf den
-himmlisch guten Ausgang, den wir alle fordern, der kommen muß und
-kommen wird, auf Grund ewiger Gerechtigkeit und Schönheit.«
-
-Willmanns Gesicht war bei dieser Wendung auffallend bedenklich
-geworden, und Berger rief: »Aber lieber Freund --« -- »Lassen Sie mich
-alles sagen,« entgegnete Heinrich, »ich werde gleich fertig seyn! Der
-Dichter also studire das wirkliche Leben in seiner Eigenthümlichkeit;
-er erfülle sich mit der Kraft der Natur und schildere Menschen und
-Verhältnisse, wie sie sind! Indem er aber die Wunder der Wirklichkeit,
-die Wunder der Natur wieder erkennt und tiefer erfaßt, als je zuvor,
-lerne er die Art der Natur gebrauchen zum Bilden von Idealen, die in
-höherer Sphäre wieder Natur sind!«
-
-Hallfeld drückte seine Beistimmung durch lebhaftes Zunicken aus; der
-Poet fuhr fort: »Wir wollen die Menschen nicht nur vorgeführt sehen,
-wie sie sind, sondern auch wie sie seyn sollen. Auch darauf ist unser
-tiefes Verlangen -- die Neugierde unseres Geistes gerichtet. Diese
-Menschen, wie sie seyn sollen, müssen aber so natürlich, so motivirt
-aus ihrem eigensten Wesen heraus handeln, wie die realen Menschen, und
-darum ist das Genre für die höhere Kunst, das reale Schauspiel für
-die stylisirt ideale Tragödie Vorbild schon in dieser Beziehung; aber
-eben so in der andern eines befriedigenden Schlusses durch den Sieg
-des Lebens. Die Tragödiendichtung kann nicht aufhören, denn es gibt
-tragische, hochtragische Persönlichkeiten nicht nur in der Mythologie
-und der Sage, sondern auch in der wirklichen Geschichte; also auch die
-Forderung des Realisten, daß die Menschen geschildert werden müssen,
-wie sie sind, führt zur Tragödie. Aber die Tragödie wird unerträglich,
-wenn der Dichter nicht naturwahre, aus innerster Nothwendigkeit
-handelnde und zugleich erhöhte Menschen vorführt, die dem strengen
-Gericht, das die tragische Nemesis hält, auch gewachsen sind durch die
-Größe des Geistes und Sinnes, wenn er nicht die ganze Handlung in eine
-höhere Sphäre rückt und die Zuschauer zwingt, sie vom Standpunkt der
-Ewigkeit aus zu betrachten. Sie wird insbesondere für uns unerträglich,
-wenn der Dichter auf den himmlischen Ausgang der Dinge nicht wenigstens
-hinzeigt und im irdischen Ausgang nicht das Heil, d. h. die Rettung
-für die Ewigkeit fühlbar macht. Ich verlange also das natur- und
-lebenswahre, durch seinen Ausgang erfreuliche Schauspiel; ich verlange
-die natur- und lebenswahre, durch ihren Ausgang über das Leid der Erde
-triumphiren machende, wahrhaft erhebende Tragödie, und ich glaube, daß
-wir durch jenes zu dieser gelangen müssen und werden. -- Das ist mein
-Bekenntniß.«
-
-»Das ich unterschreibe,« rief Hallfeld mit einem Eifer und zugleich mit
-einem Ausdruck von Achtung, wie er sie dem Poeten gegenüber noch nicht
-an den Tag gelegt hatte. »Sie haben mir aus der Seele gesprochen und
-es besser ausgedrückt, als ich's gekonnt hätte! -- Den Teufel auch,«
-setzte er lächelnd hinzu, »wo haben Sie diese Sachen her?«
-
-Der Poet sah ihn heiter an. »Das fragen Sie,« rief er, »einen
-Doktor der Philosophie und Aesthetiker, der eine verfehlte Tragödie
-geschrieben hat und durch ein Schauspiel sich zu rehabilitiren hofft?
-Ach, mein Freund, das Sagenkönnen ist heutzutage nicht schwer -- das
-Machenkönnen ist's! Und darauf werden wir, fürcht' ich, in Ansehung der
-Tragödie noch einige Zeit warten müssen.«
-
-»Weise gesprochen!« rief hier der Regisseur der Comödie; »oder vielmehr
-klug gesprochen nach imponirendem Weisesprechen! Schwer mag die
-Tragödie seyn, die Sie in Aussicht gestellt haben -- sehr schwer --
-wenn am Ende nicht gar unmöglich. Darum soll mich's freuen, wenn Ihnen
-zunächst Ihr Schauspiel so gut gelungen ist, wie sich's bei solchen
-dramaturgischen Anschauungen allerdings nicht anders erwarten läßt.«
-
-»Und dieses Schauspiel,« setzte Willmann hinzu, »wollen wir jetzt
-hören. Ihre Ausgleichung, lieber Freund, ist billig, und ich kann mich
-damit recht gut einverstanden erklären. Sie weisen das reale Drama
-in die Gegenwart, die neue realideale Tragödie in die Zukunft -- das
-ist ein Vorschlag. Ueberlassen wir die Tragödie nun getrost unsern
-Nachkommen; wir unsererseits wollen um so fröhlicher das Drama und die
-Comödie cultiviren, spielen und genießen.«
-
-»Das,« versetzte Heinrich, »ist nicht ganz meine Meinung. Der Faden der
-tragischen Dichtung darf und wird nie abreißen; und ich stehe nicht
-gut dafür, daß ich selber --« -- »Ah,« rief Willmann auf die Thüre
-blickend, »unsere verehrte Wirthin mit der Bowle! Jetzt, mein Bester,
-hat die Discussion ein Ende. Was von dem Abend noch übrig ist, sey dem
-Genusse des Tranks und des Schauspiels geweiht!«
-
-Die dampfende Bowle wurde von der Mutter auf den Tisch gesetzt und Rosa
-füllte die Gläser. Der Punsch, auf Männer berechnet, wurde versucht,
-ausgezeichnet befunden und gepriesen. Stärke, Süßigkeit und Duft
-übten ihre Wirkung und erweckten alsbald jenes poetische Gefühl, das
-die letzten Reste stattgehabter Differenz auslöschte. Der Dramatiker
-holte sein Manuscript herbei, setzte sich damit zurecht und las das
-Personenverzeichniß.
-
-Das eigenthümlichste Bild unter den Hörenden gewährte nun die junge
-Künstlerin. Rosa war dem Gespräch der Gäste mit Aufmerksamkeit gefolgt
-und hatte an der Art, wie Heinrich zuletzt seine Sätze aussprach und
-verfocht, eine eigene, tiefe Freude gehabt. Der Poet, den der Geist,
-der über ihn kam, Ueberzeugungen und Ahnungen klar aussprechen lehrte,
-hatte auch sie belehrt, und seine Worte waren ihr so einleuchtend
-erschienen, daß sie für ihn auch als tragischen Dichter neue Hoffnungen
-faßte. Wie er nun vor Kennern die erste Prüfung bestehen sollte, war
-ihre Seele nur Interesse und Sorge für ihn. Ihr Gesicht, etwas blässer
-als gewöhnlich, hatte einen Glanz, der es geistiger und bedeutender
-erscheinen ließ, und Hallfeld, der sie betrachtete, konnte nicht umhin,
-die Verwandlung in ihr erkennend, einen Theil der Wahrheit zu ahnen.
-
-Heinrich, sinnlich und geistig gehoben, fand im Text bald den richtigen
-Ton und las den ersten Akt mit einer Lebendigkeit, einer Wahrheit, daß
-die beiden Schauspieler wiederholt beifällig nickten. Auch über den
-Inhalt drückten die Mienen Beistimmung aus.
-
-»Gut,« rief Hallfeld; »klar angelegt und eingeleitet! Ich habe kaum
-etwas dagegen zu bemerken.« -- »Der Akt,« bemerkte Willmann, »löst
-seine Aufgabe. Der Conflikt, der vorbereitet und angekündigt ist,
-reizt, und wir begehren die Fortsetzung.« -- »Die ersten Akte,« meinte
-Berger, »sind heutzutag meistens gut. Haben Sie die Güte und lesen Sie
-weiter.«
-
-Der Poet las den zweiten Akt, in welchem sich hauptsächlich der
-Intrigant entwickelte. Sein artistischer Vertreter lächelte bei den
-dialogischen und monologischen Aeußerungen, warf einen Blick auf den
-Poeten, als ob er sich über seine Fähigkeit, derartige Charaktere zu
-schaffen, wunderte, und rief am Schluß: »Nicht übel! Hübsch! Daraus
-läßt sich was machen!«
-
-Der Poet, erfreut, entgegnete: »Sonst aber, was haben Sie einzuwenden?«
--- »Nun,« versetzte der Schauspieler, »allerlei. Aber im Wesentlichen
-bin ich zufrieden, und das Uebrige nach der Lektüre!«
-
-Der dritte Akt war der ernst- und inhaltreichste. Er brachte den
-wirklichen Zusammenstoß, die Bewährung der Hauptpersonen und, nach
-charakteristisch erheiternden, die rührendsten, erhebendsten Scenen.
-Heinrich, wissend, um was es sich handelte, las die letzten Auftritte
-mit aller Kraft und Innigkeit, deren er fähig war, und der Effekt war
-bedeutend, um nicht zu sagen hinreißend.
-
-»Bravo!« riefen Hallfeld und Willmann wie aus Einem Munde, während ihre
-Blicke eine bewegte Seele verriethen. Die Augen der Wirthinnen waren
-feucht geworden. Rosa hatte ihrer Rührung und ihres Glückes kein Hehl,
-und auch Berger nickte mit ernsthaftem Gesicht.
-
-»Dieser Akt,« sagte Hallfeld, »entscheidet. Die Wirkung auf dem Theater
-wird durchschlagend seyn, oder Alles müßte mich täuschen. Und jetzt,«
-fügte er lächelnd hinzu, »zweifle ich nicht mehr, daß auch die beiden
-letzten Akte gut seyn werden. Handlung und Dialog bleiben bei der
-Klinge -- ein schützender Genius muß über dem Ganzen gewacht haben.«
-
-Heinrich, mit einem Blick auf Rosa deutend, erwiederte: »Hier sitzt er
-in der Gestalt unserer edeln und liebenswürdigen Freundin!«
-
-»Das,« rief Berger, »hab' ich mir freilich schon lange gedacht!
-Alle Achtung vor Ihrem Talent, mein Herr Poet! Aber der Schritt vom
-offenbaren Un- d. h. von offenbarer Ueberphantasie zu Verstand, Sinn
-und Grazie macht man von selber nicht so schnell. Eine gütige Fee mußte
-Ihnen helfen; und wie ich sehe, hat sie Ihnen geholfen, vielleicht
-mehr, als wir jetzt noch denken.«
-
-»Sie thun dem Dichter Unrecht,« entgegnete Rosa mit ernstlichem
-Verweisen. »Mein Antheil an dem Stück ist sehr gemessen. Wenn Sie
-wollen, hab' ich im Kriegsrath meine Stimme abgegeben, die Schlacht
-aber hat er gewonnen.« -- »Die Schlacht,« versetzte Berger, das Haupt
-wiegend, »ist eigentlich noch im Gange, und obwohl die Zeichen auf Sieg
-deuten, so ist doch noch Alles möglich.«
-
-Der Dramatiker las den vierten Akt. Während der ersten Hälfte
-schüttelte Berger ein paarmal den Kopf, wie einer, der ungeduldig wird,
-und sah dann mit halbgeschlossenen Augen für sich hin; bei der zweiten
-dagegen hellten seine Mienen sich auf und am Schluß ergriff er zuerst
-das Wort. Die Wendung der Intrigue gegen den Anspinner,« sagte er,
-»hat -- ich kann's nicht anders sagen -- etwas Feines, und die Scene
-zwischen Anna und dem alten Studenten ist geradezu lustig. Ueberhaupt,
-die Anna gefällt mir, und,« setzte er mit einem fein bedeutsamen Blick
-auf Rosa hinzu, »ich habe allen Grund, zu vermuthen, daß sie auch dem
-Publikum gefallen wird. Ich wittere hier etwas wie einen Triumph.« --
-Die Gesichter erheiterten sich, und Rosa dachte bei sich: Das ist nicht
-ohne Mühe gewesen!
-
-»Nun,« rief Willmann dem Poeten zu, »lesen Sie schnell den letzten Akt!
-Wir sind im Zuge! Fängt doch sogar Mephistopheles an zu loben!« --
-Berger drohte mit dem Zeigefinger und der Doktor lächelte.
-
-Heinrich las weiter. Die Hörer, zu guter Letzt, nahmen sich ernstlicher
-zusammen, und da auch der Inhalt vorherrschend ernst war, saßen sie
-mit beinahe feierlichen Mienen da. Jeder war in sich gekehrt, und nur
-ein scharfes Auge hätte die Andeutung besondern Wohlgefallens bei
-dieser und jener Einzelheit bemerken können. Der Schluß -- ein zierlich
-erhebendes Wort des Glücklichen, der die gerettete Antonie heimführte
--- entfesselte aber Herzen und Zungen, und in den Seelen Heinrichs und
-Rosas weckten herzlich lebhafte Rufe der Anerkennung Schauer der Freude.
-
-»Die Schlacht ist gewonnen!« rief Hallfeld mit pathetischem Beifall.
-»Was man im Einzelnen auch noch einwenden kann, das Ganze dringt in's
-Herz und gewinnt es!« -- »Und das ist die Hauptsache,« fuhr Willmann
-zum Poeten gewendet fort. »Ich kann's nicht verschweigen, ich fühle
-eine gewisse Verwunderung, daß es Ihnen so gut gerathen ist, aber -- um
-so besser! Jetzt sind Sie über'm Berg!«
-
-Heinrich, nachdem er beiden mit Händeschütteln gedankt, schaute auf
-den Komiker, der nach einem allgemeinen Ausruf der Billigung stumm
-dagesessen hatte und nun ein Gesicht machte, als ob ihm des Lobes viel
-zu viel wäre. »Und Sie?« fragte der Poet. »Lassen Sie die Kritik hören,
-die Sie versprochen haben! Ich bin gefaßt -- gerüstet!«
-
-»Nun,« erwiederte der Schauspieler mit einem gewissen Behagen, »dießmal
-wird es gnädig abgehen. Im Ganzen halt' ich das Drama für einen guten
-Wurf und zweifle nicht, daß wir es mit Glück aufführen können, falls
-nämlich darin gewisse unerläßliche Aenderungen vorgenommen werden.« --
-»Und die sind? Ich höre, mein Herr Regisseur!« -- »Sie haben,« fuhr
-jener fort, »immer noch zwei Neigungen, die ich als Schauspieler, dem
-einige Erfahrung zur Seite steht, sehr bedenklich finden muß, weil
-Sie in den Dialog etwas fatal Aufhaltendes und Lähmendes bringen.« --
-Heinrich, ernster geworden, sah ihn fragend an. -- »Zunächst einen Hang
-zu einer gewissen Umständlichkeit in der Entwicklung der Gedanken und
-einer allzu gründlichen Motivirung. Man kann auch zu viel motiviren,
-werther Herr; ja, man kann sogar etwas zu Tode motiviren!«
-
-Dieser Spruch, der die andern erheiterte, traf den Poeten bis zur
-Verlegenheit. Berger, nachdem er sich daran geweidet, fuhr fort:
-»Lebendige Menschen, die wir Schauspieler ja doch vorstellen, müssen
-aus ihrem Charakter heraus handeln und dürfen nicht jeden Entschluß,
-den sie fassen, durch eine lange Demonstration einleiten. Sie haben
-aber im zweiten, am Anfang des dritten, namentlich aber in der
-ersten Hälfte des vierten Aktes Entwicklungen beliebt von wahrhaft
-physiologischer Gründlichkeit. Wenn ich bedenke, daß ich schon beim
-Lesen davon chokirt worden bin, so kann ich von der Bühne herab nur
-eine geradezu unangenehme Wirkung prophezeien.«
-
-»Das ist wahr,« bemerkte Hallfeld ernsthaft, »und das muß allerdings
-geändert werden.« -- »Sodann,« fuhr der Andere fort, »zeigen Sie immer
-noch eine Tendenz zu einem Pathos, das ich, ohne Sie damit beleidigen
-zu wollen, hochtrabend nennen möchte. Ich will Ihnen zwar bekennen, ich
-wundere mich, daß der Verfasser der historisch-romantischen Tragödie
-darin nicht noch viel mehr geleistet hat, und mache Ihnen über die
-Bekehrung mein aufrichtiges Compliment. Aber es finden sich doch noch
-einige starke Proben in dem Stück, und wie begreiflich sind es gerade
-die edeln Liebenden, die sich dadurch hervorthun. An wenigstens vier
-Stellen wünsch' ich eine tüchtige Beschneidung.«
-
-»Wenn es seyn muß --« versetzte Heinrich zögernd. -- »Es muß seyn,«
-entgegnete der Regisseur mit Nachdruck; »für die Aufführung unter
-allen Umständen! Ueberhaupt,« fuhr er nach einem Moment lächelnd
-fort, »kann ich Ihnen nicht verhalten, daß mir Ihre Anna um ein Gutes
-besser gefällt als Ihre Antonie. Diese soll zwar viel bedeutender,
-hochgesinnter und tieffühlender seyn, das sieht man wohl, und
-verwandten Seelen mag sie auch so vorkommen. Für mich hat sie aber eine
-Art von Prätension, die mir nicht recht munden will. Die andere ist
-bescheidener, aber eben darum ansprechender, wohlthuender. Kurz gesagt:
-die Antonie (vorausgesetzt, daß ihr noch einige hochgehende Reden
-gestrichen werden) ist mir interessant, aber die Anna lieb' ich.«
-
-Heinrich, durch diese vergleichende Würdigung in's Herz getroffen,
-war plötzlich erröthet, um den Mund Rosas zuckte dagegen ein Lächeln,
-das unter dem Schleier des Ernstes eine innige Genugthuung verrieth.
-Hallfeld, der das Erröthen Heinrichs aus der Verletztheit des Poeten
-ableitete, glaubte sich in's Mittel schlagen zu müssen. »Ich denke
-nicht ganz so wie Freund Berger,« versetzte er. »Die Anna ist reizend,
-aber die Antonie hat ihre eigenen Vorzüge, und so viel sie weniger
-gefällt, so viel mehr imponirt sie.« -- »Die Geschmäcke,« bemerkte
-Berger, »sind verschieden. Ich halte aber dießmal den meinen für besser
-und habe Sie stark in Verdacht, daß Sie ihn im Stillen theilen. Doch
-davon ist nicht weiter zu reden.«
-
-»Zur Sache denn!« fuhr Hallfeld fort. »Das Stück wird nicht über drei
-Stunden spielen; für ein Schauspiel ist das aber doch zu lang und der
-Dichter wird daher noch etwelche Striche zu dulden haben.« -- »Immer
-zu!« rief der Poet. -- »Es wird so arg nicht werden,« entgegnete
-Hallfeld. »Eigentlich ist das Stück schon gestrichen und man sieht auch
-daraus, daß nicht nur Kennerinnen, sondern Künstlerinnen die feine Hand
-im Spiele gehabt haben.« -- »Gott vergelt's ihnen!« rief Heinrich mit
-Laune.
-
-»Reichen Sie nun,« fuhr der Regisseur fort, »das Stück ohne Weiteres
-ein. An der Annahme ist nicht zu zweifeln; die Intendanz wird nach
-einem versprechenden Schauspiel, in dem noch dazu nichts Anstößiges
-vorkommt, mit beiden Händen greifen, und das Uebrige ist unsere Sache.«
--- »So möge es denn,« rief Berger, »eingehen in's Fegfeuer der Regie,
-um, nach glücklichem Bestehen desselben, auf dem Repertoire zum ewigen
-Leben zu gelangen!«
-
-Man stieß an, trank und spann nach Abmachung der Hauptsache, trotz der
-vorgerückten Zeit, ein zwangloses Gespräch fort, worin man gleichwohl
-immer wieder auf das Stück zurückkam und namentlich unter allerlei
-pikanten Bemerkungen die Rollen besetzte. Endlich, als durch eine
-nochmalige Füllung der Gläser die Bowle erschöpft war, erhob sich
-Willmann, der zuletzt überlegend dagesessen hatte, mit einer Art
-humoristischer Feierlichkeit in seinem Gesicht, und sprach:
-
-»Meine Damen und Herrn! Wir haben heut einem Akte beigewohnt, den
-man, genau genommen, einen weltgeschichtlichen nennen müßte. Der
-unvermeidliche Schritt vom Idealismus zum Realismus, von despotisch
-eigenmächtiger Phantasie zur Natur und Naturwahrheit, der die Eine
-Aufgabe der Gegenwart bezeichnet, ist vollzogen von einem Manne, der
-noch vor Kurzem mit germanischer Innigkeit und Leidenschaft an der
-großen Zauberin und Männerverlockerin hing. Freuen wir uns dieser That
-auf der einen, dieser Eroberung auf der andern Seite! Freuen wir uns
-als wohlwollende Herzen, daß es dem begabten Freunde gelungen ist, von
-dem Dämon, der ihn im Kreis herumgeführt hat, sich loszureißen und
-der schönen grünen Weide froh zu werden! Er ist angekommen auf dem
-heitern Plan, wo muntere Gesellschaft in offenen Gezelten tafelt und
-denjenigen, der ihr Vergnügen erhöht, königlich zu beschenken willig
-ist. Die Welt, meine Freunde, ist nicht undankbar. Wer sie erquickt,
-den erquickt sie wieder; ihr Dank entspricht der Gabe und dem realen
-Spender kommt realer Segen in's Haus. Klar zu reden: was verlangt die
-Welt eigentlich von uns, den heutigen Schriftstellern? Daß wir ihr
-Menschen zeichnen. Wer aber Menschen zeichnet, der zeichnet nicht
-nur Leidenschaft und Natur, sondern auch Gemüth und Geist und alle
-Tugenden, die in Menschen sich finden. Und wer's versteht, der rundet
-sein Gemälde, daß es anzieht, fesselt und die reizende Wirkung eines
-Kunstwerks macht. Wir Realisten lassen es uns nicht nehmen, daß wir im
-Grunde auch die rechten Idealisten sind. Haben wir nicht eben von einer
-solchen Verbindung den Beweis erlangt? Sind wir nicht erhoben worden
-in höhere Regionen durch den Aufschwung edler Seelen, und sind uns
-nicht Thränen idealer Ergriffenheit in's Auge gedrungen? Ja fürwahr,
-unser Freund hat nicht nur einen Schritt, er hat einen Sprung gemacht,
-und wie ein Löwe vom alten Standpunkt auf den neuen sich stürzend, ein
-Werk vollbracht, dem gegenüber die Lästerungen und Verleumdungen der
-Zurückgebliebenen schmählich zu Boden fallen werden. Hat ihm dabei eine
-holde Fee liebevoll geholfen -- preisen wir ihn glücklich und benedeien
-wir die Fee! Wir können nichts ohne Feen! Wohl uns, daß, nachdem
-die fabelhaften sich uns entzogen haben, die realen, die besseren
-uns geblieben sind! Der Schutzgeist unseres Dramas, die Grazie des
-Theaters, die liebenswürdigste aller Feen, um so liebenswürdiger, als
-sie lebendig, wirklich ist -- sie lebe hoch!«
-
-Alle erhoben sich; unter freudigen Hoch- und Bravorufen der Männer
-stieß man an, trank, trank aus und schüttelte sich mit glänzenden
-Mienen die Hände. Der Moment des Scheidens war gekommen, und man
-trennte sich in der heitersten Stimmung.
-
-Wenn der Dramatiker eine tiefe Befriedigung mit nach Hause nahm, so
-war das Gefühl, das die Seele der Künstlerin durchdrang, nicht minder
-beglückend und hatte einen edleren, größeren Charakter. Der Zweck,
-den ihr liebendes Gemüth sich gesetzt, war erreicht. Heinrich hatte
-nicht nur ein Drama zu Stande gebracht, dessen Erfolg ihr über jeden
-Zweifel erhaben schien, er hatte als Bühnendichter die fördernden
-Einsichten erlangt, sich gebildet, seine Fähigkeiten in seine Gewalt
-bekommen, und was er nun fernerhin unternahm, das konnte ihm nicht
-anders als gerathen. Der Grund seines Lebensglücks war gelegt, durch
-sie gelegt! Dieser Gedanke erfüllte sie und erhob sie dergestalt über
-sich selbst, daß in dem süßen Stolz der Großmuth auch die Vorstellung,
-wie die Früchte des durch sie möglich gemachten Siegs einer Andern zu
-Gute kamen, nichts Betrübendes für sie hatte, sondern Vielmehr etwas
-Wohlthuendes. Die Entsagende gönnte der Besitzenden nicht nur ihr
-Glück, sie war sicher, daß sie es ruhig, ja freudig mit Augen sehen
-werde.
-
-
- VIII.
-
-Nach wenigen Tagen war Heinrich im Stande, das nochmal durchgesehene
-Stück dem Theater zu übergeben. Er verfügte sich mit dem Manuscript
-zum Intendanten und wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn
-gleich in die beste Stimmung versetzte.
-
-Baron von Dachburg, ein stattlicher Herr in den Fünfzigen, nahm das
-Manuscript artig in Empfang. »Ich habe,« bemerkte er mit dem Wohlwollen
-eines Hochgestellten, »von dem Werk schon viel Gutes gehört und freue
-mich sehr, es kennen zu lernen. Bedenkliches,« fügte er mit lächelnder
-Miene hinzu, »politisch Anzügliches ist nicht darin?« -- »Durchaus
-nicht,« erwiederte der Autor. »Es bewegt sich rein in der gebildeten
-bürgerlichen Sphäre.« -- »Das ist gut,« versetzte jener. »Solche Stücke
-sieht man jetzt gern und sie halten sich! Nun -- soll mir sehr lieb
-seyn, wenn wir es geben können und damit Glück machen. Sie werden dann
-mehr für's Theater schreiben?«
-
-»Die dramatische Poesie,« erwiederte Heinrich, »wird das Hauptgeschäft
-meines Lebens seyn. Ich habe schon jetzt neue Entwürfe, und kann die
-Zeit kaum erwarten, wo ich wieder einen in Angriff nehmen kann.« --
-»Vortrefflich!« bemerkte der Intendant mit Freundlichkeit. »Sie haben
-sich,« fuhr er lächelnd fort, »von Ihrem Unfall schnell erholt und
-gleich ein gutes Werk darauf gesetzt. So ist's recht! So kommt man
-vorwärts! Ich muß Ihnen gestehen, ich habe mit Schriftstellern auch
-Erfahrungen gemacht, die nicht ganz angenehm sind. Mehr als einer,
-wenn wir ihm ein Stück nicht aufgeführt haben, weil damit nichts
-anzufangen war, hat sich hingesetzt und unsere Anstalt in Journalen
-heruntergezogen. Sie haben die Ablehnung nicht übel genommen und sich
-vielmehr bestrebt, uns ein neues wirksames Stück zu verschaffen; Sie
-sind ein Dichter, ein Mann von Ehre, und es soll mir eine große Freude
-seyn, wenn wir Ihnen jetzt auch den wohlverdienten Erfolg verschaffen
-können.«
-
-Unserem Poeten ging bei diesen Worten des Intendanten das Herz auf und
-es wandelte ihn fast eine Rührung an. Das Glück -- das Ja, die Hoffnung
-auf das Ja -- macht auf den, der unter schmerzlichen Empfindungen das
-Nein erduldet hat, immer eine liebliche Wirkung; die Zustimmung dringt
-wie Musik in's Ohr des Verlangenden, und der, welcher sie ertheilt,
-gewinnt in seinen Augen selber ein verklärtes Aussehen. Indem Heinrich
-von solchen Gefühlen durchdrungen war, darin seinen Dank aussprach
-und dem Intendanten gleichsam entgegen glänzte, machte er auch auf
-diesen einen immer bessern Eindruck; das Gefallen war gegenseitig,
-und man schied endlich unter wechselseitigen Höflichkeiten, wobei das
-eigentlich seynsollende Verhältniß zwischen zwei Gleichberechtigten,
-die ein gemeinschaftliches Unternehmen besprechen, fast schon erreicht
-war.
-
-Als der Poet mit freuderothem Gesicht in's Vorzimmer trat, stand Berger
-vor ihm. Man grüßte sich und der Regisseur betrachtete den Glücklichen
-mit forschendem Blick. »Sie kommen vom Herrn Intendanten? Sind charmant
-empfangen worden?« -- »Allerdings!« rief Heinrich. -- »Beneidenswerther
-Dramatiker! Jetzt, wenn Sie Flügel hätten, würden Sie doch wohl
-direkt zur Sonne fliegen?« Der Poet zuckte die Achsel. »In Ermanglung
-derselben geh' ich direkt in's Weinhaus. Adieu!«
-
-Berger sah ihm nach und sagte für sich: »Er ist mir gar zu glücklich,
-der junge Mann! Ich fürchte, ich fürchte, das Schicksal hat noch eine
-Prüfung für ihn aufgespart!«
-
-Zunächst sah es aber nicht darnach aus, als ob diese Besorgniß in
-Erfüllung gehen sollte. Wenige Tage nachher bekam Heinrich von der
-Intendanz ein Schreiben zugesandt, worin ihm nicht nur die Annahme
-seines Dramas gemeldet, sondern hinzugefügt war, daß die Vorstellung
-noch in dieser Saison statthaben und möglichst beschleunigt werden
-solle.
-
-Köstliche Eröffnung für einen Poeten, der bis jetzt viel, sehr viel
-gestrebt, aber sehr wenig Reales erreicht hatte! Und wie reizend es
-gewesen, Sieg und Ruhm im Geiste vorauszunehmen, da beide noch als
-bloße Forderungen existirten -- der Hinblick auf eine Entscheidung in
-nächster Nähe, deren glücklicher Ausfall garantirt schien, war doch
-etwas ganz anderes; eine markig poetische Vorstellung, dem wirklichen
-Erleben am ähnlichsten, und für ihn, der in dieser Beziehung nur in
-Phantasien gelebt hatte, ein ganz neues Gefühl.
-
-Ein Verlangen, das er längere Zeit nicht empfunden, rief ein Lächeln
-auf sein Gesicht. Er nahm den Kalender, der auf seinem Schreibtisch
-lag, suchte den heutigen Tag auf und ein heiterer Ausruf entfuhr ihm.
-Der Name war: »Felicitas.« -- Felicitas! Das konnte nicht bloß die
-Annahme seines Stückes bedeuten, das freilich an sich schon ein Glück
-war, der ganze Sinn mußte vielmehr seyn, daß Annahme und Aufführung das
-Glück seines Lebens begründen würden.
-
-In der Freude seines Herzens eilte er zu den beiden Freundinnen. Die
-günstige Entscheidung war für sie freilich keine Neuigkeit mehr, Rosa
-hatte sie schon mit nach Hause gebracht, aber die Verbriefung wurde
-doch mit Jubel aufgenommen. Der gute Poet war so voll Glück und
-Dank, daß ihn eine Art von Taumel anwandelte; er verwickelte sich in
-den Artigkeiten, die er noch einmal spenden zu müssen glaubte, aus
-Ueberfülle seines Herzens dergestalt, daß Worte aus seinem Munde kamen,
-die fast den Eindruck einer Liebeserklärung machten. Jedenfalls war es
-eine Freundschaftserklärung der wärmsten Art, die er an die Künstlerin
-richtete, und ein Händedruck begleitete sie, von einer Zärtlichkeit,
-welche auf die Wangen der Empfängerin Rosen und auf die Lippen ein
-süßglückliches Lächeln rief.
-
-Als er fort war, sagte die Tochter zur Mutter: »Es ist doch eine
-grundgute Seele, unser Dichter! Der immer wiederholte Dank könnte einem
-lästig werden; aber man sieht daraus eben, daß er wirklich dankbar ist
-und nicht mit Einer Erklärung den Dienst für abbezahlt hält, und das
-freut mich doch auch wieder.«
-
-Die Mutter schaute sie an, lächelte und seufzte. »Ach,« versetzte Rosa,
-»laß das, gute Mutter! Man muß sich nicht immer heirathen, wenn man
-sich lieb hat. Im Gegentheil. Manche sind der Meinung --« -- »Geh!«
-rief die Mutter. »Stelle dich nicht lustiger als du bist!« -- »Nun,«
-fuhr das Mädchen ernster fort, »das mag seyn wie es will. Der Umgang
-mit diesem Bräutigam hat mir Freude gemacht und ich habe Augenblicke,
-in denen ich vollkommen glücklich bin. Sind es nur Brosamen, die von
-des Herren Tische fallen -- ich bin damit zufrieden, und damit gut!«
---
-
-Ob die Zufriedenheit Rosas wohl keine Störung erlitten hätte, wenn sie
-erfuhr, welche Gedanken in diesem Moment den Dichter bewegten? Ein
-anderer Zug hatte sein Herz ergriffen, eine andere Strömung ging Alles
-überfluthend durch sein Inneres. Der Moment, den Liebe und Ehrgeiz mit
-gleichem Glutverlangen herbeigesehnt hatten, war endlich erschienen: er
-konnte der Geliebten jetzt nicht nur das günstige Urtheil von Kennern,
-sondern die wirkliche Annahme seines Stücks und die baldige Aufführung
-melden -- Thatsachen, welche die letzten Bedenken im Herzen der Eltern
-niederschlagen und, durch den Erfolg auf der Bühne gekrönt, ihm die
-Braut in die Arme führen mußten. Sobald er zu Hause war, schrieb er
-in diesem Sinn und ergoß die Fülle seines Herzens in einem Bericht,
-welcher die Glut und den Schwung einer Dichtung hatte.
-
-Man gesteht, daß Heinrich ein Recht hatte, sich glücklich zu fühlen.
-Freundschaft und Liebe begeisterten ihn. Aussichten auf Erfüllungen,
-deren Duft ihm berauschend entgegen strömte, hatten sich ihm eröffnet,
-und zunächst erwarteten ihn Vorbereitungen des großen Unternehmens, die
-ihm schon als völlig neue Geschäfte reizend erscheinen mußten.
-
-Eines derselben, die Leseprobe seines Dramas, fand in der folgenden
-Woche statt. Wenn er sich davon einen besondern, oder gar einen
-künstlerischen Genuß versprochen hatte, mußte er sich freilich
-getäuscht sehen. Im Grunde machten die Rollenleser das Schauspiel
-für sich zur Komödie, lasen nach Laune scherz- oder ernsthaft, laut
-oder murmelnd, versuchten hie und da einen travestirenden Ton und
-benützten jeden Anlaß, um Heiterkeit an den Tag zu legen. Berger hatte
-als fungirender Regisseur, der mit dem Autor die Lektüre leitete,
-die größte Mühe, sich gegen seinen eigenen Muthwillen in der Würde
-seines Amtes zu erhalten, konnte aber doch nicht umhin, durch ein paar
-komische Verlesungen allgemeines Lachen hervorzurufen.
-
-Von einer Wirkung des Stücks als eines dramatischen Ganzen konnte nicht
-die Rede seyn. Auch in dieser Beziehung war es gut, daß der Autor sich
-durch eigenes Vorlesen hierüber Gewißheit verschafft hatte, denn sonst
-wären ihm Anwandlungen peinlichen Zweifels wohl nicht erspart worden.
-Jetzt fand er sich darein und lachte, zum Theil auf seine Kosten,
-herzlich mit.
-
-In die nächsten Tage fielen Besuche, die Heinrich bei seiner Antonie
-und seinem Robert (dem Liebhaber) zu machen hatte. Die Künstlerin
-war nicht mehr ganz jung, aber noch immer von stattlicher Schönheit,
-darum auf dem Theater, bei der Regelmäßigkeit ihrer deutschen Züge,
-eine glänzende Erscheinung. Sie hatte die Rolle sehr an's Herz
-genommen, erklärte dem Autor ihre Freude darüber und las ihm eine ihr
-besonders liebe Rede aus dem dritten Akt mit einer Innigkeit, daß der
-Hingerissene sie unwillkürlich wie etwas ganz Neues selber bewunderte.
-Auch der Liebhaber war mit seiner Partie ganz zufrieden, konnte
-pathetisch Uebertriebenes mit nichten darin finden und bemerkte dem
-Dichter lächelnd, er solle ihn nur machen lassen.
-
-Heinrich überlegte auf dem Heimweg die Erfahrungen der letzten Zeit
-mit Behagen. Er mußte sich gestehen, daß der Verein von Bildung,
-Leichtigkeit, froher Laune und gutmüthigem Wesen den Schauspielern
-etwas eigen Anziehendes und dem Verkehr mit ihnen einen ganz
-besondern Reiz gab. Daß dieser Verkehr nun in dem gemeinschaftlichen
-Unternehmen eine praktische Basis hatte und für den Dramatiker, der
-fort producirte, überhaupt niemals abriß, war ihm ein sehr erfreulicher
-Gedanke.
-
-Nicht lange, so wurde er zur ersten Theaterprobe gerufen. Als ihn der
-Fuß zum erstenmal durch die Coulissen auf die Bühne trug, empfand er
-mit einem gewissen Schauer die ganze Größe des Moments, der ihn in
-die nächste Nähe einer Lebensentscheidung versetzte. Von Berger und
-Rosa gebeten, vorläufig nur zu beobachten, nahm er an dem Tische des
-Regisseurs im Vordergrund Platz und sah wie träumend auf die ersten
-Inscenirungsversuche.
-
-Die schwache Beleuchtung gab dem ganzen Treiben etwas Geheimnißvolles,
-Nächtliches -- um nicht zu sagen Unterirdisches -- das auf den Autor
-einen wunderseltsamen Eindruck machte. Es war ihm, als ob Gnomen
-ihm sein Werk abgenommen hätten, um nun auf eigene Weise damit zu
-wirthschaften und sich eine Unterhaltung daraus zu machen.
-
-Der Zuschauerraum, wenn der Blick sich dahin richtete, gähnte ihn
-in seiner absoluten Leerheit fragenvoll an. Wird er am Tage der
-Entscheidung sich füllen? Werden die Gesichter freudig schauen und die
-Hände mit gefühlt kräftigem Zusammenschlagen jenes gewaltige Rauschen
-bewirken, das als entzückende Harmonie in die Ohren der Schauspieler --
-des Dichters dringt?
-
-Große Frage! Mächtiges Anliegen! Aber der Raum antwortete nicht und
-sah in seinem braunen Dunkel auf ihn her -- ein Symbol mystischer
-Allmöglichkeit. War doch auch die Handlung, die dem Publikum vorgeführt
-werden sollte, noch äußerst im Werden -- ein Kommen und Gehen, ein
-Versuchen und Wiederversuchen, ein Recitiren, wobei der Souffleur
-allgegenwärtig helfen und wieder helfen mußte, um oft nur schlechten
-Dank dafür zu ernten.
-
-Man hatte sehr Recht gehabt, dem Autor dieses erste Experiment in
-Bezug auf Wirkung als nichts beweisend zu charakterisiren. Darüber
-unterrichtet wurde es ihm nach und nach geradezu heimlich zu Muthe.
-Er sah sich in das wundersame Treiben verflochten, eingesponnen, und
-die zweite Hälfte schien ihm nun bereits auch mehr Façon zu bekommen.
-Die erste Liebhaberin und Rosa waren ihrer Partien schon fast ganz
-mächtig, wurden in einzelnen Auftritten zu förmlichem Spiel erwärmt und
-erquickten den Poeten durch den reinen kräftigen Herzensklang der Rede.
-Er selber faßte den praktischen Zweck in's Auge und machte Vorschläge
-zu Stellungen, die ein paarmal sogar befolgt wurden.
-
-Die verhältnißmäßige Befriedigung, die er zuletzt empfand, wurde
-übrigens getrübt durch eine hingeworfene Bemerkung Bergers. »Das
-Stück,« sagte dieser, als sie zusammen das Theater verließen, »ist doch
-noch zu lang. Uebermorgen werden wir hierüber klar sehen, und dann
-müssen Sie unter Umständen noch ein paar tüchtige Schnitte machen.«
-
-Die zweite Probe begann auf eine für den Dichter sehr anziehende Weise.
-Die Rollen waren unvergleichlich besser gelernt und die Reden gingen
-so rasch vom Munde, daß sie bereits im Zusammenhang auf ihn zu wirken
-begannen. Die Wahrnehmung der beginnenden Organisation, des lebendigen
-Zusammengreifens, erquickte und hob seine Seele. Welch ein Gefühl,
-den Dialog, den er in einsamer Stube geschaffen, hier zu vernehmen aus
-dem Munde von Künstlern, die alle den ihnen angewiesenen Theil zur
-eigensten Sache machten! Welche Lust, die Gestalten, die er nur als
-Bilder des Geistes besaß, durch sie verkörpert und die vorzüglichsten
-eine Innigkeit, Kraft und Leidenschaft offenbaren zu sehen, daß
-Entschlüsse und Worte mit Nothwendigkeit in ihnen sich erzeugt zu haben
-schienen! Es war von ihm, was er hörte und sah, und doch etwas Anderes:
-gefärbt, gemodelt durch die Individualität des Schauspielers, neu
-geworden durch eigenthümliche Natur und Kunst und zum Theil in einer
-Weise potenzirt, daß er, der Autor, es selber zu beklatschen große Lust
-empfand.
-
-Ein tiefes Bewußtseyn der Macht durchdrang ihn. Er war Urheber
-dieser Aktion, die sich zum Kunstwerk vollenden wollte! Er war das
-Princip, das mittelst liebevoller Organe die Gebilde seiner Phantasie
-in die Sinnenwelt treten sah! Freilich erlangten die Ideen erst
-ihre Vollendung durch die Organe, die das aus sich hinzugaben, was
-jenen noch fehlte, die sinnliche Realität. Allein in dem Bunde des
-Dichters mit dem Künstler war jener doch die erfindende, anordnende,
-vorschreibende, dieser die reproducirende, ausführende Macht. Nicht
-so -- das fühlte er natürlich -- als ob die Kunst des Schauspielers
-überhaupt keiner Erfindung bedürfte, die im Gegentheil auf's
-dringendste gefordert war; aber die Kraft des Poeten war eine Kraft
-zur Schöpfung, die Kraft des Schauspielers eine Kraft zur schönen
-Aeußerung des bereits Geschaffenen und verhielt sich mithin zu jener
-als weibliche zur männlichen.
-
-Wenn er daraus nicht von selber den Schluß zog, daß der Dichter gegen
-Schauspieler überhaupt -- auch gegen die männlichen -- galant zu seyn
-habe, so wurde es ihm durch Erfahrung beigebracht.
-
-Der erste Liebhaber, der heute förmlich zu spielen begann, machte
-einmal einen Accentfehler, und der Poet rief ihm das hervorzuhebende
-Wort mit der Lebhaftigkeit eines Verletzten zu. Die Folge war ein sehr
-markirter Verdruß auf dem Gesicht des Künstlers, der solche Einhülfe
-nicht gewohnt zu seyn schien. Heinrich fühlte, daß die Oeffentlichkeit
-der Correktur nicht angebracht sey, verhielt sich bei einem zweiten
-Fehlgriff schweigend, und benutzte eine kräftige Schlußrede des Herrn,
-um durch lauten Beifall sein Gesicht wieder aufzuhellen. Dann ging er
-mit ihm auf die Seite und schlug die richtige Accentuirung vor. Der
-Schauspieler nickte lächelnd, und Heinrich gab in seinem Innern dem
-geheimen Verfahren den Vorzug.
-
-Als er in der Seele vergnügt auf die Bühne zurückkehrte, trat ihm
-Berger entgegen und sagte: »Es thut mir leid, Ihnen eine doch
-vielleicht unangenehme Bemerkung machen zu müssen. Der so schöne
-dritte Akt hat einen großen Fehler: er ist zu lang. Im fünften und
-sechsten Auftritt kommen Reden vor, die nicht eigentlich zur Sache
-gehören, sie müssen heraus!«
-
-»Aber, lieber Freund,« rief Heinrich nach einem Moment der Ueberlegung,
-»das sind ja gerade die schönsten Stellen!« -- »Thut nichts! Sie müssen
-heraus!«
-
-»Ah,« rief der Poet, »Spiele des Geistes -- Lichter, die einige
-Minuten in Anspruch nehmen!« -- »Sie müssen heraus, sag' ich Ihnen!«
--- »Wenn ich sie nun aber nicht streiche?« -- »Das ist etwas Anderes,«
-entgegnete der Regisseur. »Dann wasch' ich meine Hände in Unschuld.«
-
-Der Poet, mit humoristischem Unmuth, der aber einen guten Theil Ernst
-enthielt, stampfte den Boden. Der Regisseur betrachtete ihn vergnügt,
-zuckte die Achseln und sagte: »Probiren wir die letzten Akte! Mir
-schwant sogar noch etwas?« -- »Was?« rief der Poet, »noch etwas?«
--- »Ich vermuthe sehr,« entgegnete der Andere. Und indem er ihn mit
-väterlicher Freundschaft ansah, fuhr er fort: »Ja, ja, mein Bester! Das
-Fegfeuer, von dem ich neulich sprach, ist keine bloße Floskel! Man muß
-wirklich hindurch und die Flecken müssen weg, sonst kommt man nicht --
-Doch da naht Vater Hallfeld mit dem Liebespaar, hören wir sie!«
-
-Der vierte Akt ging sehr gut vorüber. Berger that hier, wie schon im
-zweiten, sein Bestes, wirkte sogar auf die Schauspieler ergötzlich und
-fand nun, daß an diesem Akt, obwohl er Zeit genug in Anspruch nahm,
-doch nichts zu streichen sey. Beim Beginn des fünften sah er auf die
-Uhr. Er ließ ihn ruhig spielen, agirte seine Partie zu Ende, nickte
-aber bei den letzten Scenen mit einem Ernst, der etwas Drohendes hatte.
-
-Als das letzte Wort gesprochen war, holte er zu der Gruppe der noch
-Anwesenden den Poeten herbei und sagte: »Die Probe ist gut gegangen;
-wir haben sogar wunderbarer Weise keine Scenen wiederholen müssen
-und können mithin sagen, wie lang das Stück spielen wird. Ueber drei
-Stunden immer noch, und das ist so lang, daß es dem Stück den Untergang
-bereiten kann.«
-
-»Ueber drei Stunden?« rief Hallfeld ungläubig. -- »Ueber drei Stunden,«
-erwiederte Berger, »mit dem ersten und dritten Zwischenakt, die wegen
-zweier Umkleidungen eine längere Zeit beanspruchen.« -- »Das ist wahr,«
-versetzte Hallfeld nach einem Moment des Erwägens.
-
-Rosa schaute besorgt auf den Dichter. »Da muß noch gestrichen werden!«
--- rief sie. -- »Meine Ansicht und mein Antrag,« versetzte Berger --
-»Herr Dichter, ich kann Ihnen nicht helfen! Sie müssen aus dem dritten
-Akt herausbringen, was ich Ihnen schon gesagt habe, außerdem aber die
-letzten Scenen des Stücks kürzen, umarbeiten, wie Sie wollen, so daß
-sie Schlag auf Schlag gehen. Wenn der Zuschauer auf das Ende hinsieht,
-dann hat er keinen Sinn mehr für nebenläufige Interessen und für schöne
-Reden, die nicht absolut zur Handlung gehören. Wie der Blitz muß es
-herabfahren, nichts darf aufhalten! Ihre letzten Scenen halten auf,
-bringen Sentenzen, Beleuchtungen, die auf dem Theater überflüssig sind.
-Aendern Sie! Wir haben noch zwei Proben -- es geht noch!«
-
-Die Schauspieler ohne Ausnahme stimmten zu, und der Poet gab sich.
-Berger lobte ihn; dann, zu Hallfeld und Rosa gewendet, fuhr er fort:
-»Meine Herrn und Damen, wir haben uns eben wieder einmal getäuscht.
-Wenn auch unser altbewährter Spruch, daß Alles, was beim Thee oder
-Punsch gelobt wird, nichts tauge, dießmal glücklicherweise keine
-Anwendung findet, so ist uns doch in der süßen Betäubung des Getränks
-und der Freundschaft bei den letzten Scenen die Schlange hinter Blumen
-entgangen -- mir sogar, der ich mich noch am meisten des kritischen
-Umherspähens beflissen habe. Freuen wir uns, daß wir es noch in der
-eilften Stunde gemerkt haben und lassen wir uns nun das wohlverdiente
-Mittagbrod schmecken!«
-
-Wer der letzten Aufforderung am wenigsten nachkommen konnte, war der
-Poet. Er aß in seinem Speiselokal mit Hast, begab sich nach kurzem
-Gang in laulicher Luft heim und machte sich entschlossen an die Arbeit.
-Die beanstandeten Zierlichkeiten im dritten Akt strich er seufzend.
-»Dieser Einfälle,« sagte er sich, »hab' ich mich gefreut, sie sind
-unläugbar fein und schön, und nun müssen sie weg!« Die neue Verbindung,
-nachdem er sie fertig gebracht, schien ihm lange nicht so elegant, wie
-die gestrichene. »Aber was thut's?« rief er ironisch. »Sie hat ja einen
-Vorzug, der alle andern aufwiegt: sie ist kurz!«
-
-Die zweite Operation war ungleich schwieriger. Hier, wenn auch manches
-aus den vorliegenden Scenen zu brauchen war, galt es eine völlige
-Umarbeitung, und wie sollte ihm diese jetzt gelingen? Wie sollte er
-ohne Freiheit, ohne Behagen, ohne Begeisterung eben das Beste, das Ende
-gut Alles gut auf's Papier werfen?
-
-Er erfuhr nun aber, was wir Alle schon erfahren haben: daß der Drang
-der Nothwendigkeit die Initiative des Genius ersetzen kann. Das
-Unumgängliche glüht wie Feuer auf uns her, die Gefahr erregt, erhitzt
-uns, eine stille Wuth gedeiht zu förmlicher Begeisterung: der Sprung
-wird gewagt -- und er glückt.
-
-Drei Stunden waren vorübergegangen, als die Aenderungen vor ihm lagen;
-aber sie freuten ihn selbst. Schlag auf Schlag! Der verwünschte
-Regisseur hatte Recht: so war's besser! Nun mußte er die Aenderungen
-noch in die verschiedenen Rollen einschreiben, die er mitgenommen
-hatte. Er that auch dieß, und besorgte dann die Rollen an ihre Inhaber,
-zum Theil in eigener Person. Todtmüde kam er nach Hause, und überlegte,
-auf das Sopha gestreckt, wie groß der Erfolg seiner Arbeit seyn müsse,
-um ihn für die Aufregungen und Strapazen dieser Tage nur einigermaßen
-zu entschädigen.
-
-Einen Lohn brachte ihm doch schon die dritte Probe. Berger, nachdem er
-die Aenderungen gelesen, rühmte ihn und drückte ihm die Hand. »Es hat
-weh gethan,« sagte er dann, »der Schnitt in's Fleisch? Was? Aber 's ist
-besser so! Beim Teufel, gut haben Sie's gemacht! Famos!« Lächelnd trat
-er einen Schritt näher und sich heiter feierlich neigend, setzte er
-hinzu: »_Succès complet!_«
-
-Die Wangen des Poeten, die von Mühen und Sorgen etwas gebleicht waren,
-überzogen sich bei dieser Zustimmung mit Röthe. Die Probe begann und
-er folgte ihr mit Freude. Zum drittenmal hörte er nun seine Worte;
-aber sie klangen nur um so traulicher zu ihm her, besonders aus dem
-Munde der anmuthigen Schauspielerinnen, die ihnen die schönste Seele
-einzuhauchen wußten. Der Dialog überhaupt ging flüssig, und die
-Effektmomente traten als solche deutlich hervor.
-
-Die nächtliche Scenerie des Lokals, die ihn zuerst so seltsam
-angemuthet hatte, machte nun in ihrer Heimlichkeit einen vergnüglichen
-Eindruck auf ihn. Es lag in dem Thun und Treiben ein Reiz, wie ihn
-das verborgene Schmieden eines Complottes haben mag, das zum Sieg der
-Betheiligten führen soll. In Puppenhülle geschah die Vorbereitung des
-Schmetterlings, der an's Licht treten und in prachtvoller Entwicklung
-alle Welt erfreuen sollte.
-
-Die neuen letzten Scenen erprobten sich vollständig. Man gratulirte dem
-Poeten von allen Seiten, und Rosa nickte mit gesenkter Wimper selig
-lächelnd. »Das hat Mühe gekostet,« rief sie ihm zu, »nicht wahr? Aber
-es ist der Mühe werth gewesen!« -- »Das mein' ich auch,« rief Berger.
-»Was wollen Sie? Wir haben wieder einmal ein Stück, und damit Punktum!«
-
-Als Heinrich mit auffallend heiterem Gesicht in das Speisehaus trat,
-das er seit Wochen regelmäßig besuchte, ließen sich die dortigen
-Bekannten Bericht erstatten, drückten ihr großes Verlangen aus,
-das Stück zu sehen, und die gutgelaunten übten sich einstweilen im
-Klatschen. Der Poet, überall von wohlthuenden Wellen umspült, aß mit
-Lust und gründlichem Appetit. Nach einem tüchtigen Spaziergang suchte
-er die Ruhe seiner Stube und fand ein Schreiben von Auguste. Mit
-begreiflicher Hast, denn er hatte lange darauf gewartet, erbrach, mit
-ernstem Gesicht las er es.
-
-Es war die lebendigste, wärmste Theilnahme, die sich darin für ihn
-ergoß, aber durch einen dunkeln Ton der Sorge, um nicht zu sagen der
-Wehmuth, überschattet. Die Geliebte, die freilich nur aus der Ferne
-zu sehen vermochte, schien den Hoffnungen, die er an seine letzten
-Erfahrungen geknüpft hatte, keinen vollen Glauben schenken zu können.
-Um so inniger und feuriger waren ihre Wünsche für ihn, um so dringender
-ihre Ermahnungen. Eine fast mütterliche Zärtlichkeit sprach aus dem
-Brief. »Ach, lieber Heinrich,« rief sie ihm zu, »du machst dir keine
-Vorstellung, wie dein Glück der Gedanke meines Herzens ist, wie mich
-die Sorge für dich zittern macht! Dein Lebensplan ist ungewöhnlich
-und begeisternd, aber umgeben von Gefahr, Sorgen und schweren Mühen.
-Ach, wohl müssen die Dichter ihre Befriedigung finden in ihrer Arbeit
-selber, denn wie gering ist eigentlich ihr Lohn, und wie gehässig
-wird ihnen auch der geringe noch streitig gemacht! Wie müssen sie
-alle Kräfte des Geistes und Herzens anstrengen und den höchsten Fleiß
-anwenden Jahre hindurch, um endlich zu haben, was Andere spielend, im
-Vorbeigehen erwerben! Und doch, wenn der Erwerb auch Nebensache ist, so
-gehört er doch nothwendig zum Leben. Das Schaffen, wie göttlich es an
-sich ist, muß sich doch, leider, auch irdisch lohnen. Ich sehe dich nun
-schon Jahre lang streben und ringen und von einer Arbeit zur andern
-gehen; und mich ergreift eben jetzt, wo du mir so sicher den Erfolg
-ankündigst, eine Furcht, die mich verzagen macht. Möge es dir gut
-gehen, theurer Heinrich! Mögest du alles gehoffte Glück erlangen! Dieß
-ist der brennende Wunsch meiner Seele, der meinem Herzen ausgepreßte
-Ruf, den ich an dich aus der Ferne richte!«
-
-Heinrich legte den Brief still aus der Hand. Die Geliebte hatte sich
-noch nie mit so leidenschaftlicher Innigkeit, aber auch noch nie so
-geängstigt, so gedrückt gegen ihn ausgesprochen. War die Stimmung in
-ihrer Familie gegen ihn eine zweifelnde, schlimmere geworden? Hatte sie
-von den Eltern zu leiden? Nach einem Schweigen aufathmend, rief er:
-»Wahrlich, ein Erfolg thut mir jetzt noth! Ich sehe, daß die Familie
-einen greiflichen Beweis meiner Kunst verlangt, und im Grunde hat sie
-dazu auch das Recht. Gott sey Dank, daß ich nur noch einen Tag vor der
-Entscheidung stehe.«
-
-Eingangs hatte Auguste gemeldet, daß sie ihm schreibe vor ihrer
-Abreise zu Kronfelds, deren dringender Einladung sie nicht länger habe
-widerstehen können. Ihm war es nun tröstlich, daß sie hier Zerstreuung
-finden würde, bis er selber kam und durch die glückselige Botschaft
-alle Sorgen zerstreute. Denn das wollte er thun. Was die Zeitungen
-bekannt machten, das konnte er nicht hindern; aber er selbst wollte
-brieflich nichts melden, sondern in Person den Bericht erstatten und
-den Lohn aller Anstrengungen, die Wirkung genießen.
-
-Die vierte und letzte Probe -- am Tage der Aufführung selber -- ging
-so glatt wie eine Vorstellung. Heinrich mußte glauben, was ihm von
-mehreren versichert wurde, daß die Rollen auffallend gut gelernt seyen.
-Berger, der die Bemerkung auch machte, fügte hinzu: »Das ist der
-Vortheil des Schauspiels und der natürlichen Prosa. Verse würden sie
-heute noch stottern und unter Kunstpausen vom Souffleur herauflangen
-müssen.«
-
-Obwohl ihm schließlich von Allen das Beste prophezeit worden war,
-so hatte der Autor gegen Abend auf seiner einsamen Stube doch eine
-sonderbare Empfindung. Der Tag war trüb und es begann fein zu
-regnen; günstiges Wetter in Einem Betracht, das aber doch einen
-grauen Flor über seine Seele warf. Er hatte sich so lange ritterlich
-gehalten, unser Dramatiker; nun, in thatenloser Stille, kamen ihm
-wieder Gedanken, und mit den Gedanken Zweifel. Sein Herz fing zu
-seiner eigenen Ueberraschung wieder an zu klopfen, und ein leichter
-Schauer ging ihm über den Leib. Er konnte sich's nicht wegläugnen, er
-bekam, was man eine Gänsehaut zu nennen pflegt, und aller gute Muth,
-aller Trotz, der in ihm lag, war nöthig, die Bängniß einigermaßen
-zurückzudrängen und darüber zu lächeln.
-
-Unstreitig, für ihn handelte sich's um keine gewöhnliche Entscheidung.
-Auch derjenige, bei dem an solchem Tag nicht das ganze Lebensglück,
-sondern nur ein bescheidener Theil davon auf dem Spiele steht, kann
-doch, wenn Alles gethan und fest bestimmt ist, mit empfindlichem
-Unbehagen die letzten Stunden des Harrens verbringen. Eben die Muße,
-die ihn zur Passivität verurtheilt, macht ihn zum bloßen Instrument,
-worauf nun beunruhigende Geister nach Lust und Laune spielen können.
-Bei Heinrich erhielt aber in Folge seiner besondern Verhältnisse und
-einer ihm eigenen Feinfühligkeit alles das eine abnorme Steigerung.
-Am Morgen schon, als er zur Probe ging, waren seine Augen durch
-die Theaterzettel erschreckt worden, die ihm von den Straßenecken
-entgegenschauten und zuzurufen schienen: »Unwiderruflich!« Es war ihm
-gewesen, als ob man es ihm ansehen müßte, daß er der Heinrich Born sey,
-der mit so fetter Schrift auf dem Zettel prangte, und er hatte sich
-darum an dem ersten sachte vorbeigeschlichen. Die Glückwünsche bei
-Tisch hatten für ihn heute einen Klang gehabt, in den etwas dämonisch
-Gefahrdrohendes eingemischt war. Die scherzhafte Laune von gestern
-hatte sich auch bei den muntersten Tischgenossen in Ernst verwandelt
-und keiner von ihnen hatte ihm ein belustigendes Wort mit nach Hause
-gegeben. Nun saß er da, völlig allein, sah die Frist kleiner und
-kleiner werden, die ihn von dem Ereigniß trennte, und dieses trat
-ihm in riesiger Bedeutung vor die Seele. Er dachte an das Tribunal,
-vor das er sich zu stellen hatte, an die Neigung, die Stimmung des
-Publikums, auf die Alles ankam und die gleichwohl unberechenbar war; an
-mögliche Zwischenfälle, die störend, ja verderblich werden konnten; an
-das Handgreifliche der Niederlage vor einer öffentlichen Versammlung,
-die sich ablehnend verhielt oder gar mit entrüstetem Lärm verdammte --
-und trotz Allem schien er einen Wurf wagen zu müssen, oder schien man
-(denn die Sache war ihm ja bereits ganz aus der Hand genommen) einen
-Wurf zu wagen in seinem Namen, der ganz eben so gut Alles verlieren wie
-gewinnen konnte.
-
-Aus dem Sturm der Gefühle, welche diese Gedanken in ihm erregten,
-erhob er sich gewaltsam. Er kleidete sich an -- in sein bestes Gewand;
-denn war er zum Opfer bestimmt, so wollte er als Opfer wenigstens auch
-geschmückt seyn. Die Uhr des nächsten Thurmes schlug sechs, er hüllte
-sich in seinen Mantel, setzte den Hut auf und ging gegen die Thüre.
-
-Auf einmal stand er und kehrte sich um. Mit einem Ausdruck, als ob
-er eine förmliche Thorheit beginge, die er aber doch nicht zu lassen
-vermöchte, trat er zum Schreibtisch, nahm den Kalender zur Hand und
-suchte den Patron des Tages. Er las: »Emanuel.« Ernste, aber gute
-Vorbedeutung. Beruhigter machte er sich auf den Weg zum Theater.
-
-In dem Kunsttempel, der heute für ihn die Bedeutung einer Arena hatte,
-angekommen, begab er sich auf die Bühne, wo er zunächst nur einige
-Diener traf, die den mechanischen Theil der Vorstellung zu besorgen
-hatten. Der Gedanke des complicirten, stufenmäßigen Zusammenwirkens
-bei einer solchen ging ihm durch den Kopf. Wie vieler Kräfte bedurfte
-es dazu, von dem Dichter an, der das Werk schuf, bis hinunter zu dem
-untersten Gehülfen, der die Coulisse schob oder am Strange des Vorhangs
-zog! Das Publikum sagte sich das aber nicht, ja ließ sich am Ende das
-Produkt so vieler Anstrengungen gar nicht einmal gefallen.
-
-Allmählig regte sich's draußen im Zuschauerraum. Der Poet sah durch
-die kleine Oeffnung des Vorhangs, die man ihm bezeichnet hatte,
-und ward erfreut durch ein schon ziemlich gefülltes Parterre und
-durch versprechend besetzte Punkte der numerirten Plätze. Was auch
-kommen mochte, die vertrauende Theilnahme des Publikums war doch
-schmeichelhaft und wirkte ermuthigend auf seine Seele.
-
-Die Schauspieler, einer um den andern, kamen auf die Scene. Der Poet
-starrte die ersten, den Liebhaber und die beiden Regisseure, die durch
-Costüm, Schminke und »Maske« unkenntlich gemacht waren, einen Moment
-an, um, sie erkennend, die dargereichten Hände zu schütteln.
-
-Immer näher rückte der Moment, immer festlich ernster wurde die
-Zurüstung. Pochte das Herz des Autors auch ungleich lebhafter als
-gewöhnlich, so war es doch eine feierliche Unruhe, die ihn bewegte; es
-war eine »bange Wonne,« die ihn ergriff --
-
- »Wie einen König bei der Thronbesteigung.«
-
-Zuletzt traten die beiden Damen herein, die das Stück mit zu beginnen
-hatten, und kamen auf die Gruppe zu -- in blendender Schönheit. Der
-Poet begrüßte sie mit dem Blick eines Bezauberten, und im Entzücken des
-Anschauens verlor sich der letzte Rest von Angst aus seinem Herzen. Die
-Freundin betrachtete ihn verklärt lächelnd mit einem unmerklich süßen
-Schein von Wehmuth um die Lippen; dann schwebte sie zum Vorhang und
-rief, sich umsehend, mit gedämpfter Stimme: »Ah, ganz schwarz! Kommen
-Sie!« Heinrich eilte hin, sah hinaus, erblickte ringsum gefüllte Räume,
-und ein Gefühl der Macht über die Massen ging wie ein süßer Gluthstrahl
-durch sein Herz.
-
-Die Ouvertüre begann. Die freundlichen Töne hätten ihn nothwendig
-in der frohen Stimmung erhalten müssen; aber sie bezeichneten die
-allerletzte Frist vor Seyn oder Nichtseyn und klangen in das Ohr des
-Bedenkenden wie von einem tragischen Hauch umbebt. Still begab er sich
-zur Seite, einen etwas erhöhten Sitz zwischen den vordersten Coulissen
-einzunehmen. Der Vorhang wurde aufgezogen und das Spiel nahm seinen
-Anfang.
-
-Und nun? Ergriff den Autor eine Besorgtheit um den Ausgang, eine
-Spannung, ein Sturm der Gefühle, die Geist und Sinne zu überwältigen
-drohten? Nichts von alledem! Sobald die Handlung begonnen hatte, fühlte
-er sich durchaus ruhig, war nur Zuschauer und ganz Aufmerksamkeit auf
-das Spiel. Es ging, wie er es gewollt, das Publikum lauschte, die
-große Stille verrieth sein Interesse, froh gehoben nickte er vor sich
-hin. Er war so ganz angezogen von der Entwicklung, so zufrieden mit
-der Darstellung, daß er es gar nicht merkte, wie das Publikum den Akt
-schließen und den Vorhang fallen ließ, ohne irgend ein Zeichen des
-Beifalls zu geben.
-
-Im zweiten Akt rief Berger, der seine Rolle mit feinster
-Charakterisirung gab, ein paarmal Heiterkeit mit Bravos hervor, und ein
-Wehen der Theilnahme ging durch das Haus; am Schluß wurde aber doch nur
-wenig und kurz applaudirt.
-
-Im Zwischenakt trat der erste Liebhaber zu dem Poeten und sagte: »Sie
-sind heute wieder recht faul da draußen! Zusehen können sie, wenn sie
-nur die Hände nicht rühren dürfen! Aber haben Sie keine Sorge, die
-Hauptwirkung Ihres Stücks liegt im dritten Akt, jetzt werden sie wohl
-losbrechen müssen.« -- »Warten wir!« versetzte der Poet.
-
-Die ersten Scenen des Hauptaktes, die nicht auf Effekt angelegt waren,
-verliefen ruhig. Als die ergreifenden kamen, herrschte im Haus zuerst
-eine feierliche Stille, die für den Kenner feineren Beifall ausdrückt,
-als der Applaus der Hände. Dann, bei gipfelnden Reden, kamen aber auch
-diese wiederholt in Thätigkeit, und unzweideutige Zeichen der Rührung
-gelangten zur Wahrnehmung des Poeten. Glaubte das Publikum damit genug
-gethan zu haben? Oder war die Bewegung, in die es versetzt erschien, zu
-ernster Natur? Oder endlich, fand es den Schluß doch nicht so drastisch
-wie die freundlichen Hörer bei der Vorlesung? Genug, der Applaus war
-nicht so durchgreifend, wie ihn die Schauspieler eben hier erwartet
-hatten; und da man auch den Vorhang nicht schnell genug aufzog, so
-verhallte er wieder, ohne daß es zum Hervorruf kam. Der entscheidende
-Effekt war verfehlt.
-
-Heinrich, nach der auch für ihn höchst unerwarteten Enttäuschung,
-erhob sich von seinem Sitz und trat zu den Schauspielern, die sich an
-der Coulisse gesammelt hatten. »Nun?« rief er, eine Gährung in seinem
-Innern unterdrückend, mit Fassung, »das sieht aus wie eine Niederlage!«
-
-Der erste Liebhaber, der mit der Heldin des Stücks auf einen Hervorruf
-gerechnet hatte, zuckte verdrossen und schon mit einer Spur von
-Geringschätzung die Achsel; die andern blieben stumm; Hallfeld aber
-entgegnete mit dem Ton würdevoller Tröstung: »Das nicht, Herr Doktor.
-Das Publikum nimmt Antheil, das Stück wirkt.« -- »Aber lange nicht so,«
-versetzte der Poet, »wie wir's uns vorgestellt haben. Geht's so fort
-und wird der Beifall, wie zu fürchten ist, noch schwächer, dann haben
-wir einen _succès d'estime_, d. h. auf gut deutsch: das Stück fällt
-durch!«
-
-»Nein, sag' ich Ihnen!« entgegnete der Regisseur energischer. »Man hat
-bei diesem Akt weniger applaudirt, als er's verdient; Ihr Stück ist
-aber gut und endet ansprechend, also wird man's hereinbringen. Ruhig
-Blut! Noch ist nichts verloren!«
-
-»Das mein' ich auch,« rief Berger, der eben herzugetreten war. »Dieser
-Akt wird entscheiden. Erst der Ernst, dann der Humor; -- wir wollen sie
-schon weich machen, die hartgesottenen Sünder!« -- »Es sind Blöcke!«
-rief hier der alte Student, der bei einer kurzen, aber schlagenden Rede
-auch auf Beifall gehofft zu haben schien, mit humoristischem Unmuth.
-
-Die Gesichter erheiterten sich bei diesem Ausruf, der für jetzt ohne
-Widerspruch blieb. Die Musik des Zwischenaktes ging zu Ende, die
-Schauspieler traten hinter die Coulissen und Heinrich nahm seinen
-Platz wieder ein.
-
-Als der vierte Akt begann, wunderte sich der Poet selbst über seine
-Stimmung. Von ängstlicher Aufregung war keine Spur mehr in ihm!
-Dagegen hatte sich ein Quell heroischen Muthes in ihm erschlossen und
-durchströmte sein Herz, daß er trotzig, ja stolz der Dinge harrte, die
-da kommen sollten.
-
-Er war sich der Güte des Stückes bewußt geworden und erkannte, das
-Seine vollauf gethan zu haben. Zeigte sich das Publikum spröde, kalt,
-nur oberflächlich und flüchtig erregt, dann that es ihm Unrecht. Dem
-Unrecht aber konnte er gerechte Indignation und männliches Selbstgefühl
-entgegensetzen. Er sollte glücklicherweise nicht in die Lage kommen,
-seine Ausdauer in dieser Stimmung darzuthun.
-
-Die Zuschauer, just als fühlten sie wirklich, daß sie etwas gut zu
-machen hatten, benutzten gleich die erste Gelegenheit zum Applaus
-und befriedigten damit die edeln Liebenden, die alle beide einer
-Ermunterung sehr benöthigt waren. Berger leistete als Fallensteller,
-dessen Situation tragisch zu werden anfängt, sein Vorzüglichstes,
-entwickelte eine geradezu geniale Naturwahrheit und wurde auf offener
-Scene gerufen. Anna in der Scene mit dem alten Studenten rief Ausbrüche
-des Vergnügens hervor, und am Schluß wurden alle dreie gerufen.
-
-Der Poet, der sich geweigert hatte, mit auf die Bühne zu gehen, weil er
-seinen Namen nicht gehört, war doch hoch erfreut, und gegen die drei,
-als der Vorhang herab gelassen war, mit Lobsprüchen nicht eben karg.
-Die Darsteller des Liebespaars, welche den fünften Akt zu beginnen
-hatten, kamen mit heitern Mienen auf die Scene: sie wußten, das
-Publikum war im Zuge, und nun würden auch sie ihre Ernte halten.
-
-So kam es denn auch. In den ersten Auftritten eine ernste, schöne
-Aufmerksamkeit, dann lebhafter Applaus, am Schluß, nachdem die letzten
-Scenen wirklich Schlag auf Schlag gegangen waren, rauschender,
-langanhaltender Beifall; Rufe nach dem Liebespaar, der Anna und -- dem
-Dichter.
-
-Der Vorhang wurde aufgezogen. Heinrich, während die Mitgerufenen im
-Hintergrund erschienen, trat auf das Proscenium und dankte. Er sah das
-ganze Haus lebendig, klatschend und rufend, sah die Blicke von allen
-Seiten auf sich, den Helden des Abends, gerichtet, sah huldvolles
-Nicken und Applaudiren aus der Loge des Landesherrn und seiner Familie:
-seine kühnsten Hoffnungen waren erfüllt, seine stolzesten Phantasien
-durch die Wirklichkeit erreicht, übertroffen!
-
-Als er nicht ohne heroische Haltung nach gefallenem Vorhang sich
-umwendete, trat ihm Hallfeld entgegen und rief mit einem Wohlwollen,
-das etwas Feierliches hatte: »Doktor Born, schlafen Sie ruhig auf Ihren
-Lorbeeren!« Der zweite Regisseur, der sich genähert hatte, nickte
-vergnügt. »Nun,« sagte er, »hab' ich mein Versprechen gehalten? Und,«
-setzte er mit schelmischem Blinzeln hinzu, »bin ich nicht im Grunde ein
-=guter= Mensch?« -- »Ein Engel!« rief der Poet lachend. »Aber Adieu für
-heute! Auf Wiedersehen!«
-
-Ihn rief eine süße Pflicht hinweg. Flüchtigen Fußes eilte er auf die
-andere Seite, die beiden Schauspielerinnen zu erhaschen, und traf sie,
-die gegen ihre Gewohnheit etwas gezögert hatten, glücklich noch auf dem
-Weg zum Garderobezimmer. Mit aller Galanterie der Freude küßte er der
-ersten Liebhaberin, welche vor Zufriedenheit glänzte, die Hand; dann,
-während jene sich entfernte, ergriff er die Hand Rosa's. In der Brust
-des Glücklichen drang das Gefühl des unendlichen Dankes, den er der
-lieben Freundin schuldete, mit einemmal übermächtig empor, sein Herz
-begann zu schmelzen. Während er die zarten Finger küßte, fiel beinahe
-eine Thräne darauf, und nur mit Mühe fand er einige Worte des Dankes.
-Das Mädchen sah die feuchten Augen, die tiefe Bewegung, faßte seine
-Hand, um sie zu schütteln, und rief: »Wenn Sie glücklich sind, lieber
-Freund -- mehr als ich können Sie's nicht seyn! Gute Nacht!«
-
-
- IX.
-
-Heinrich, nach einem Imbiß, den er in Gesellschaft des treuen Willmann
-zu sich genommen, hatte sich nach Hause begeben und die Nacht war ihm
-in jeder Hinsicht eine gute gewesen. Geraume Zeit freilich konnte
-er nicht einschlummern; als es ihm aber gelang, war der Schlaf so
-gründlich, daß er andern Tags mit einem Wohlgefühl die Augen aufschlug,
-wie er's lange nicht mehr empfunden hatte. Blinzelnd sah er umher,
-erinnerte sich und rief: »Darf ich's wirklich glauben? Hab' ich gestern
-das Residenzpublikum erobert?« -- »'S ist so,« antwortete er mit Humor
-sich selbst, »der Traum ist Leben geworden!«
-
-In der heitersten Stimmung erhob er sich, kleidete sich an und setzte
-sich zum Frühstück. Sonnige Gedanken zogen durch seinen Kopf und zum
-Ueberfluß schien die Sonne der ersten Frühlingswoche durch's Fenster.
-Eine natürliche Sitte gebot ihm, den Darstellern der Hauptrollen seinen
-Besuch abzustatten, und er folgte ihr mit größtem Vergnügen.
-
-Zunächst begab er sich zum Liebhaber. Da er selber spät aufgestanden
-war, traf er diesen schon in vollendeter Morgentoilette und wurde sehr
-zuvorkommend empfangen. Haltung und Blicke des hübschen, beliebten und
-eben so verwöhnten jungen Mannes sprachen während der Unterhaltung
-nicht nur Höflichkeit, sondern eine unwillkürliche Hochachtung aus,
-die ihm sehr wohl anstand und vom Poeten mit Genugthuung wahrgenommen
-wurde. Dieser, an die Miene sich erinnernd, die ihm sein Robert gestern
-nach dem dritten Akt gezeigt, konnte nicht umhin, sich innerlich zu
-fragen: wie er wohl aussehen möchte, wenn die Geschicke einen andern
-Lauf genommen hätten!
-
-Der zweite Besuch galt der heroischen Liebhaberin. Nach einigem Warten
-vorgelassen, sah er sich liebenswürdig begrüßt, huldvoll angelächelt.
-Die Schauspielerin hatte ihr Vergnügen nicht nur an dem Dichter, der
-ihr eine dankbare Rolle geschrieben, sondern auch an dem Manne, der
-ihr so stattlich bis jetzt nicht erschienen war. Das blaue Auge gewann
-eine gewisse poetische Zärtlichkeit, die ihr sehr anziehend ließ. Der
-Dank des Poeten für ihre gestrige Leistung fiel unter diesen Umständen
-wärmer aus, als es sonst wohl geschehen wäre, und die Künstlerin nahm
-ihn um so freudiger hin.
-
-In diesem Leben, das so viel Ungemach und Verdruß mit sich führt,
-gibt es doch glücklicherweise nicht nur die eigentlichen Honigwochen,
-sondern auch uneigentliche Honigmomente, die von großem Werthe sind.
-Zu ihnen gehört das erste Wiedersehen nach einem gemeinschaftlich
-erkämpften Sieg. Die Gemüther sind da so froh, so geneigt, ja gedrängt
-zur Anerkennung, daß eine gegenseitige Steigerung des Glücks und
-eine schöne Annäherung der Seelen unvermeidlich ist. -- »In ihr hab'
-ich auch eine Freundin,« sagte sich der Poet, als er wieder auf der
-Straße war. »Freilich,« setzte er mit Laune hinzu, »muß ich fortfahren,
-ihr Gelegenheit zu ausgezeichnetem Spiel zu geben. Aber das ist ja
-meine Absicht, und ich wünsche mir nichts Besseres, als ihre volle
-Zufriedenheit.«
-
-Mit beschleunigten Schritten ging er zu den altbewährten Freundinnen.
-Er traf sie in einer Stimmung, die wohl zu den schönsten gehört, deren
-wir uns im Leben erfreuen können. Sie waren glücklich alle beide; der
-Ausdruck ihrer Mienen hatte aber etwas Gehobenes, das der Freude des
-Herzens eine ernste Weihe gab. Das Licht derselben wirkte magisch
-auf den Dichter, und Alles, was er sagte, hatte den Charakter eines
-Ernstes, mit welchem verglichen auch der Ton der wärmsten Galanterie
-noch profan erscheint.
-
-Heinrich war für die Anmuth Rosas nie unempfindlich gewesen; heute aber
-kam sie ihm schön vor -- schön im edelsten Sinne des Worts. Da die
-Schönheit vorzugsweise aus der Seele kommt, so war dieß begreiflich.
-In dem Mädchen lebte ein Gefühl, das durch ihre Gesinnung in Schönheit
-verklärt wurde. Zu der Liebe ihres Herzens, zum Bewußtseyn ihrer
-Großmuth war jetzt ein großer äußerer Erfolg hinzu gekommen, der ihr
-die Erfüllung der liebevollsten Absicht und damit ihre eigene innere
-Vollendung brachte. Es wird immer eine Frage bleiben, ob das wirkliche
-Lebensglück in der That werthvoller ist, als die Entsagung unter
-solchen Verhältnissen.
-
-Als Heinrich zu gehen sich anschickte, bemerkte Rosa: »Sie haben bis
-jetzt nur Schönes über Ihr Stück gehört. Erlauben Sie mir, Sie darauf
-aufmerksam zu machen, daß das nicht so fortgehen wird. Sie werden auch
-Tadel, scharfen Tadel hören, namentlich aber lesen.«
-
-Der Poet sah sie an. »Was will man denn aber,« fragte er dann, »im
-Grunde tadeln an dem Stück? Es ist doch offenbar gut; hat auch
-entschieden gefallen --«
-
-Die Künstlerin konnte nicht umhin zu lächeln. »Das ist ja eben der
-größte Fehler in den Augen gewisser Kritiker!« entgegnete sie. »Lassen
-Sie sich dadurch aber nicht böse machen; auch nicht, wenn allenfalls
-in Gesellschaften die Nase darüber gerümpft wird. Manche Leute sind
-nun einmal so, daß sie nur Gescheidtheit zu beweisen meinen, wenn sie
-absprechen. Aber das Wort verhallt, das Schmähblatt verweht der Wind;
-darum behalten Sie guten Muth!«
-
-Heinrich versprach es ihr lächelnd und nahm Abschied, um sich zum
-Intendanten zu begeben. Im Theater angekommen, wurde er sogleich
-vorgelassen. Mit einer Munterkeit, die ihm ordentlich etwas
-Jugendliches gab, rief der würdige Bühnenchef: »Ah, da kommt ein
-glücklicher Dramatiker! -- Nun,« setzte er Heinrichs Hand ergreifend
-hinzu, »hat mich sehr gefreut -- in Ihrem Namen und in unserem! Das
-Publikum, anfangs ein bischen spröde, hat sich sehr gut benommen.«
--- »Ausgezeichnet,« erwiederte der Autor. -- Der Intendant nickte
-heiter. »Mit der Darstellung,« fragte er dann, »sind Sie zufrieden?« --
-»Vollkommen,« rief der Poet mit großer Wärme. -- »Das hör' ich selten
-von den Herrn Dichtern,« erwiederte der Intendant lächelnd. »Und es ist
-im Grund mehr, als ich zugeben könnte. Sie waren im Ganzen recht brav;
-aber eins und das andere kann noch viel besser werden. Nun, das wird
-kommen! Was sagen Sie aber dazu, daß wir das Stück übermorgen schon
-wieder geben?«
-
-Heinrich sah ihn froh überrascht an. »Meine Zustimmung,« entgegnete
-er, »haben Sie durchaus.« -- »Das glaub' ich,« versetzte der Intendant
-erheitert, »an einem Feiertag! Das Haus wird voller werden, als das
-erstemal.« -- »Ich bin Ihnen zum größten Danke verpflichtet!« rief der
-Glückliche. -- Der Herr, ihn ansehend, fuhr fort: »Es wird eine zweite
-Probe seyn, vor einem neuen Publikum; aber Ihr Stück wird sie bestehen.
-Also es hat mich von Herzen gefreut, und ich gratulire nochmals.« Der
-Poet empfahl sich.
-
-Als er im Vorzimmer den Ueberrock anzog, traten die beiden Regisseure
-herein. Heinrich, sie grüßend, zeigte ein Gesicht, welches nicht nur
-den Sarkastischen, sondern auch den Ernsten zum Lächeln reizte.
-
-»Sie blühen ja wie eine Rose!« rief Hallfeld. -- »Austausch des
-Vergnügens zwischen Theatervorstand und Dichters!« erklärte Berger.
-»Anwartschaft auf ungezählte künftige Triumphe!« -- »Der Herr,«
-bemerkte Hallfeld, »will Ihnen in der That sehr wohl.«
-
-»Er liebt die Bescheidenheit,« fuhr der Andere fort, »die Dankbarkeit,
-das gute Herz!« -- »Verbunden mit der Kunst, ein Stück zu schreiben,
-das volle Häuser macht,« ergänzte Hallfeld. -- »Also übermorgen? in
-der großen Halle?« -- Heinrich, den Besuch auf der Bühne zusagend,
-verabschiedete sich.
-
-Sonst war dieser Tag der Besuche noch durch ein zufälliges Treffen
-bezeichnet, das der Poet im Grund herbeigewünscht hatte. Nachmittags,
-als er in der besten Laune die Hauptstraße hinabspazierte, kam
-Professor Sartorius gegen ihn heran. War das nicht eine vom Geschick
-ihm zugewendete Genugthuung? Sich instinktmäßig zusammennehmend ging
-er dem Gelehrten entgegen, grüßte mit der edeln Freundlichkeit eines
-Mannes, der wohlverdiente Achtung ansprechen kann, und erwartete nun
-in dem Gesicht des Widerlegten etwas davon zu sehen. Das war freilich
-eine Täuschung. Der Begrüßte dankte mit einem Ausdruck von Aerger und
-Spott, wie über jemand, der auf zufälliges Glück unangenehme Ansprüche
-gründen will, und ging vorüber.
-
-Wir können verrathen, daß das Benehmen des Ehrenmannes eine Frucht
-häuslichen Verdrusses war. Ein jüngerer Professor der Anstalt, der
-Heinrichs Drama gesehen, war nach Tisch bei der Familie gewesen,
-hatte über den Erfolg berichtet und die Arbeit gerühmt. Als er wieder
-fort war, sagte die Frau mit stillem Vorwurf zum Gemahl: »Wir hätten
-diesen Born doch einmal einladen sollen!« -- »Warum?« fragte jener mit
-Stirnrunzeln. -- »Weil er ein talentvoller Mann ist,« versetzte die
-Gattin; »viel mehr, als du's ihm angesehen hast.« -- »Pah!« rief der
-Professor; »er hat ein Rührstück verfaßt, das den Unwissenden gefällt.«
--- »So?« rief die Frau, »gehört Professor Holm zu den Unwissenden?«
--- »Holm ist ein guter Mensch, aber auch ein Schöngeist,« entgegnete
-der Mann. -- »Holm --« wollte die Gattin fortfahren; aber jener fiel
-aufgebracht ein: »Geh! Laß mich ungeschoren mit deinen Belletristen!«
-Sehr verdrießlich ging er in sein Studierzimmer zurück, wo sich die
-Stimmung gegen einen Menschen, der ihm eine Verlegenheit bereitet
-hatte, begreiflicherweise nicht verbessern konnte. Aber auch ihm sollte
-eine Freude, eine Genugthuung werden, und der Poet sollte seine Ansicht
-über die Natur der Menschen vervollständigen.
-
-Am andern Morgen faßte Heinrich zunächst einen Bericht an seine Eltern
-ab, worin er seine baldige Ankunft meldete. Er that seinem Herzen recht
-Genüge und malte alles, wovon er wußte, daß es die liebenden Seelen
-erquicken und für die bewiesene Ausdauer belohnen würde, mit glänzenden
-Farben. Dann, nach Erholung trachtend, ging er an dem schönen Morgen in
-eine Restauration.
-
-Er saß behaglich in einer Ecke, als ihn eine Neugier überkam, ob die
-Blätter noch keine Kritiken seines Dramas enthielten. Rasch ging er
-die im Lokal vorhandenen durch; zwei Besprechungen waren da, von Emil
-Schilf und von Dorn.
-
-Da er von dem erstern mit Recht nicht viel Gutes erwarten konnte,
-nahm er die Auslassung des Befreundeten vor. Bei der dritten Zeile
-schon verdunkelte sich sein Antlitz bis zu tiefem Roth. Er las
-weiter, starrte auf die Buchstaben, wie einer, der zu träumen glaubt,
-schüttelte zornig den Kopf und warf endlich das Blatt mit dem Rufe weg:
-»Aber das ist ja eine wahre Bestie!«
-
-Die Kritik, die so übel auf ihn wirkte, lautete: »Wer noch daran
-gezweifelt hätte, daß Theater und Drama bei uns immer größerem Verfall
-entgegen gehen, der konnte vorgestern in unserem Hoftheater den Beweis
-davon erlangen. Das Publikum (allerdings, wie leicht zu sehen war,
-unter Anführung einer wohlvertheilten Claque) hat ein Schauspiel mit
-Beifall aufgenommen, das wir zu den geistlosesten Produkten rechnen
-müssen, womit wir in den letzten Jahren gestraft worden sind. Das
-Thema so abgedroschen als möglich, der Dialog von der plattesten Art;
-edelseynsollende Personen, die im gewöhnlichen Verkehr langweilig,
-in Rührscenen durch Prätension widerlich und lächerlich sind; ein
-schlechter Geselle, der nur dazu erfunden ist, damit jene in Edelsinn
-machen können; und ein Ausgang wörtlich nach Schiller:
-
- Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.
-
-Der Gang der Handlung ist kürzlich der (folgt nun eine nähere
-Inhaltsangabe, die zu dem Gesagten den Beweis liefern soll, also
-ganz in demselben Styl gehalten ist. Dann fährt der Kritiker fort):
-»Wie war es möglich, daß ein solches Machwerk Beifall erlangte? Man
-könnte sagen, auch der Applaus war gemacht, und zum großen Theil ist
-er's offenbar auch gewesen. Man könnte den Succeß auf Rechnung der
-Schauspieler bringen, die in der That alles Mögliche leisteten, den
-hölzernen Figuren Blut und Leben einzugießen. Allein es läßt sich nicht
-in Abrede stellen, auch das Stück selber, mindestens in der zweiten
-Hälfte, fand Anklang. Der Geschmack ist also wirklich bereits auf eine
-Stufe gesunken, wo er mit Abhub vorlieb nimmt! Weiter kann's nicht
-gehen!«
-
-»Der Autor des Stücks hat früher eine Tragödie geschrieben, die für
-ihn und seine Laufbahn als Dramatiker Hoffnungen erwecken konnte. Als
-Theaterstück verfehlt und zur Aufführung nicht brauchbar, verrieth sie
-doch eine höhere Tendenz und enthielt Poesie. Warum ist Herr Born in
-dieser Richtung nicht fortgegangen? Warum hat er sich nicht bemüht,
-seine dichterische Fähigkeit, so viel die Natur ihm verliehen hat, in
-einer zugleich höher gehaltenen und bühnengemäßen Arbeit zu verwerthen?
-Warum ist er zum Feind geworden seiner eigenen Begabung? Die Antwort
-gibt sich jeder selbst. Das ist eben der Fluch unserer Zeit, daß man
-die Aufgaben, deren Lösung Fleiß und Anstrengung erfordert, umgeht, um
--- nach Gewinn zu langen. Nun, der wird dem Verfasser nicht entgehen.
-Solche dramatisirte Gemeinplätze sind recht ein Futter für unsere
-Bühnen, wie sie gegenwärtig sind, und wir prophezeien dem spekulativen
-Schreiber in dieser Beziehung eine recht schöne Ernte. Dem Gewinn
-an Honorar (_sic_) wird aber ein tödtlicher Verlust an Dichterehre
-zur Seite gehen. Herr Born, indem er den Geschmack des Publikums
-herunterbringen hilft, wird sich aufhelfen. Aber Alles in der Welt hat
-seine Grenzen, und endlich wird auch bei uns der Messias erscheinen,
-der ihn und seinesgleichen aus dem Tempel der Kunst hinaustreiben
-wird.«
-
-Der Poet, so schmählich behandelt in einem vielgelesenen Journal,
-hatte eine Empfindung des Grimms und des Verdrusses, die für den
-ersten Moment das höchste Glücksgefühl der letzten Tage aufwog.
-Dämonisch angezogen, ergriff er das Blatt noch einmal, überflog es und
-schüttelte den Kopf als über etwas völlig Unbegreifliches. Wie konnte
-ein Mensch, mit dem er freundlich verkehrt hatte, gegen ihn diesen
-Ton anstimmen? Aus Rache, weil er nicht dazu gekommen war, sein Buch
-zu loben? Aber er hatte ja das Beste darüber gesagt, was er irgend
-vermochte, und die Zögerung, sein Urtheil über die verwünschte Satire
-öffentlich auszusprechen, wenn sie als Kränkung aufgefaßt wurde, stand
-doch mit einer solchen Beschimpfung seines Werks und Charakters im
-ungeheuersten Mißverhältniß. Die Schmähkritik verdammte ein Stück, das
-den reinsten und ehrlichsten Sieg errungen; sie verdammte den Geschmack
-eines Publikums, zu welchem die gebildetsten Männer und Frauen der
-Residenz gehörten; sie hatte nur Worte des gröbsten Tadels und der
-Verleumdung, wo feine Seelen mit Vergnügen und Achtung anerkannten:
-woher kam dem Verfasser nur der Muth, der Wahrheit und der öffentlichen
-Meinung dermaßen in's Gesicht zu schlagen? Wie kommt man überhaupt
-dazu, absichtlich ungerecht zu seyn? -- Heinrich versuchte sich in
-einen Menschen hineinzudenken, der unter Voraussetzungen, wie sie
-hier gegeben waren, einen solchen Artikel zu schreiben vermochte, es
-gelang ihm nicht. Mit Staunen betrachtete er die Höhe der Gemeinheit,
-um beschämt vor ihr die Blicke zu senken.
-
-Man kann sich irren, das begriff er. Man kann in der Leidenschaft
-übertreiben, das begriff er auch. Wie aber ein Wesen, das den Namen
-Mensch beansprucht, Wahrheit und Gerechtigkeit völlig umkehren und
-den Urheber eines guten Produkts wie einen Verbrecher zu behandeln
-im Stande war, und zwar öffentlich, dem öffentlichen Urtheil sich
-preisgebend, das begriff er nicht.
-
-Was sollte er nun aber thun? Sollte er die Lästerkritik ungeahndet
-hingehen lassen, oder gegen den Schreiber auftreten? Und wenn dieß, mit
-welchen Waffen? Diese Frage beschäftigte ihn eine Zeitlang, er kam aber
-zu keinem Beschluß und wollte darüber Sachverständige hören.
-
-Mit einem Lächeln der Geringschätzung nahm er das andere Journal zur
-Hand; denn wie boshaft der Exdramatiker sich aussprechen mochte, den
-Exfreund konnte er nicht erreichen, überbieten auf keinen Fall.
-
-In der That blieb dem letzteren die Palme, da jener nur das Werk
-verdammte und im Autor bloß gänzliche Talentlosigkeit nachzuweisen
-suchte. Dieß that er freilich mit so frohem Eifer, er zauste und rupfte
-das Stück mit einem so glückseligen Gefühl der Machtvollkommenheit,
-daß er, wie ergötzlich er auf unbetheiligte Leser wirken mochte, dem
-Getroffenen doch die Hand jucken machte. Allein im Vergleich zur ersten
-war die zweite Kritik dennoch harmlos und Heinrich machte endlich eine
-Bewegung wie über die Expektoration eines Tollkopfs.
-
-Sonderbare Erfahrungen! Der Genuß des Süßesten und des Bittersten auf
-zwei Tage zusammengedrängt! Der Gegenstand der herzlichsten Zustimmung
-ein Gegenstand der gehässigsten Anfeindung! Hier die Liebe, die
-lieblich schenkt, dort der Haß, der die reizenden Gaben zu besudeln
-giftig herbei dringt! -- »Harpyen!« rief der Poet, »wortwörtlich!
-Einladende Speisen zu beschmutzen, mit blinder Gier erfüllt! Welch ein
-Tiefsinn der mythologischen Phantasie!«
-
-Etwas gehoben durch seinen gerechten Groll, verließ er das Haus doch
-noch mit sehr gemischten Empfindungen. Er fühlte eine wahre Sehnsucht,
-einen braven Menschen zu sehen, und suchte daher Willmann auf, von dem
-er wußte, daß er sich um diese Zeit öfters auf dem Weg zur Redaktion
-eines Unterhaltungsblattes treffen ließ. Zum Glück sah er ihn bald und
-ging eilig auf ihn zu. Der Erfahrene, nach einem Blick auf ihn, sagte
-bescheiden lächelnd: »Sie scheinen von einem Dorn gestochen zu seyn?«
-
-»Allerdings,« erwiederte Heinrich mit entsprechendem Mundverziehen.
-»Eben hab' ich sie mir aus dem Fleisch gezogen, die giftige Spitze. Was
-sagen Sie dazu?« -- »Es ist stark,« versetzte Willmann, »sehr stark.«
--- »Ein _non plus ultra_ in jeder Hinsicht!« rief der Gekränkte. »Was
-soll ich dagegen thun?« -- »Nichts,« erwiederte der Andere mit ruhigem
-Nachdruck.
-
-Heinrich sah ihn an. »Sie meinen, der Artikel richtet sich selbst? und
-die Verachtung, womit man ihn lesen wird, kann mir Rache genug seyn?«
--- Willmann sah ihn erheitert an. »Nichts weniger als das!« rief er.
-»Der Artikel, fürcht' ich, wird mit großem Vergnügen gelesen werden.«
--- »Wie!« rief der Poet. »Ist nicht das Publikum mit beschimpft? Und
-wird es sich das gefallen lassen?«
-
-»O,« versetzte Willmann, »recht gern!« Und indem er ihn prüfend ansah,
-fuhr er fort: »Sind Sie in der That so kindlich, daß Sie nicht wissen,
-was Schadenfreude ist? Das Publikum, mein lieber Freund, will sich
-amüsiren. Hat es sich nun positiv amüsirt an einem schönen und guten
-Stück, dann will es sich auch negativ amüsiren an der Durchhechelung,
-ja an der Zerrupfung eben desselben Stücks. Der menschliche Geist, mein
-Freund, ist reicher und seine Bedürfnisse sind mannigfaltiger, als Sie
-anzunehmen scheinen.« -- »Das glaub ich nicht!« rief Heinrich in edlem
-Eifer.
-
-Willmann schüttelte den Kopf. »Ihre realistische Durchbildung,« sagte
-er, »ist noch lange nicht vollendet. Der Umstand, daß solche Artikel
-geschrieben werden, und zwar viel häufiger, als Sie zu wissen scheinen,
-beweist ja gerade ihre Beliebtheit, ihre Beliebtheit bei der großen
-Majorität der Leser. Schläge sind freilich sehr unangenehm für den,
-der sie bekommt; aber für den Zuschauer? Interessant, wo nicht gar
-beglückend. Ich bin fest überzeugt, daß nicht nur unsere Biedermänner
-in Stadt und Land, sondern auch manche vom zarten Geschlecht, wie ich's
-kenne, den Artikel mit Vergnügen lesen werden.«
-
-»Und trotzdem soll ich --?« -- »Nichts dagegen thun -- allerdings!
-Und zwar darum nicht, weil auch das vorübergeht, wie der Wind« --
-»Indessen,« versetzte der Poet, »hat dieser Mensch nicht nur mein
-Stück, sondern auch meinen Charakter angegriffen!« -- »Das ändert gar
-nichts,« entgegnete Willmann. »Im Gegentheil, es kommt eben Ihnen zu
-Gute und schadet dem Kritikus, weil das Publikum sich =diesen= Vorwurf
-nur aus Neid erklären wird. Hätten Sie,« fuhr er ihn heiter ansehend
-fort, »wohl gar Lust, Händel anzufangen, weil man Ihnen vorgeworfen
-hat, daß Sie lieber Stücke schreiben, die gefallen und Geld eintragen?
-Im Namen der Preßfreiheit verlang' ich, daß Sie's gedruckt seyn lassen!«
-
-Heinrich wollte eben antworten, als nahende Tritte beide umsehen
-machten. Sie erblickten den Professor Sartorius, den der Heimweg vom
-Gymnasium an ihnen vorüberführte. Willmann kannte und grüßte ihn und
-Heinrich mußte folgen. Der Gelehrte, während des Gegengrußes, sah nun
-auf den Poeten mit einer so stechend vergnügten Miene, daß dieser sich
-augenblicklich sagte: »Er hat's gelesen -- und ist glücklich darüber!«
-
-In der That, so war es! Nicht nur hatte der häuslich Beschämte die
-Kritik mit großem Vergnügen entdeckt und genossen -- er hatte sie in
-der Tasche, und freute sich nun herzlich, damit seinerseits die Frau zu
-beschämen. Bei dieser Gelegenheit machte er natürlich auch eine kleine
-Ausnahme von der Regel; der Feuilletonist und Literat (eine Gattung,
-von der sonst eben er am schlechtesten zu denken pflegte) war hier ein
-durchaus zuverlässiger Mann und eine unumstößliche Autorität gegen den
-Poeten.
-
-In der Seele des Nachschauenden kam ein gewisser Humor auf, und sein
-Angesicht ward heiter. »Sie haben Recht!« sagte er zu dem Freund. »Laßt
-sie schimpfen und am Schimpf sich erquicken! Ueber ein Kleines, dann
-sind wir wieder oben!«
-
-Zunächst schien sich das feindliche Princip gegen den Dramatiker
-wirklich erschöpft zu haben. In den nachfolgenden Kritiken waren
-Lob und Tadel auf eine für den Autor ehrenvolle Weise gemischt, und
-dieser konnte das Gift durch das Gegengift unschädlich gemacht sehen.
-Der Theateragent der Residenz stattete ihm einen Besuch ab, erbot
-sich, das als Manuscript zu druckende Schauspiel gegen eine mäßige
-Tantième zu versenden, zu protegiren, und man traf eine Verabredung
-zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Hauptsache war aber, daß die
-Wiederholung des Stücks an dem Feiertag noch mehr Glück machte, als die
-erste Aufführung. Das überfüllte Haus gerieth schon beim zweiten Akt
-in eine sehr erfreuliche Bewegung, um dann im dritten mit einem Sturm
-loszubrechen, der die kühnsten Prophezeiungen des ersten Leseabends
-verwirklichte. Der Dichter, im Hintergrund einer Loge unerkannt und
-unbeachtet, genoß sein Werk zum erstenmal rein, fühlte sich in den
-brausenden Wellen des sich selbst höher hinauftreibenden Applauses
-unendlich wohl, eilte zum Schluß der Vorstellung auf die Bühne, und
-unter Händedrücken und Umarmungen war eitel Freundschaft und Seligkeit.
-
-In der sichern Voraussicht, daß es wieder »gut gehen« würde, hatte
-Willmann ein kleines Souper in einem besondern Zimmer des nächsten
-Gasthauses veranstaltet. Theaterfreunde und Schauspieler, darunter
-die beiden Regisseure, kamen nach der Aufführung zusammen, speisten
-und ergaben sich bei nachfolgendem Weinpunsch fröhlichem Gespräch.
-Es war natürlich, daß das Gelag den Charakter einer Ovation für den
-Poeten annahm. Der Regisseur der Tragödie stand auf, schilderte mit
-elegantem Lob das Bestreben und Verhalten des Freundes, hob namentlich
-die Ausdauer hervor, die ihn endlich zum wohlverdienten Triumph geführt
-habe, und sprach den Wunsch aus, daß die Verbindung des Dichters mit
-dem Theater, insbesondere mit der hiesigen Bühne, keine vorübergehende,
-sondern eine dauernde seyn möge.
-
-Heinrich, durch die lauten und herzlichen Zurufe der Versammlung
-gerührt, begeistert, erwiederte: »Meine Freunde! Auf den ehrenden
-Wunsch, den ein Kenner und Künstler ersten Ranges an mich gerichtet
-hat, muß ich erklären, daß die Verbindung meiner poetischen Thätigkeit
-mit dem wirklichen deutschen Theater das Ziel meines Lebens ist und
-immer bleiben wird. Dramatische Dichtung und Darstellung müssen Hand
-in Hand gehen, wie Freund und Freund, ja ich möchte fast sagen, wie
-Mann und Frau! Sie sind geschaffen, sich wechselseitig zu hegen, zu
-fördern, und nur im engsten Bunde kann jede ihrer eigensten Vollendung
-entgegen gehen. Das dichterische Werk, das in bestimmtem Hinblick
-auf die scenische Darstellung und ihre Gesetze hervorgebracht wird,
-erlangt nicht nur größere Bühnenwirksamkeit, sondern auch höheren
-Werth an Poesie, an dramatischer Poesie. Die dramatische Poesie ist
-es aber doch unstreitig, auf die es beim Drama vor allem ankommt. Wir
-wollen hier nicht den Reiz der Erzählung und nicht den Zauber des
-Liedes auf Kosten des dramatischen Lebens: wenn diese beiden zugelassen
-werden, dürfen sie nur Elemente -- Zierden bilden zum Vortheil der
-Handlung. Die Bühne weist den dramatischen Dichter auf dieses höchste
-Ziel immer wieder hin, sie zieht ihn von den Abschweifungen in die
-Gebiete des Epos und der Lyrik immer wieder zurück, und darum wird
-es in der Zukunft seyn, wie es in Wahrheit immer gewesen ist: die
-reinste Entfaltung der Dramatik auch als Poesie wird abhängen von dem
-lebendigen Verkehr der Dichter mit dem Theater und von der Erfüllung
-der Ansprüche, welche an das Drama durch den Zweck bühnengemäßer
-Wirkung gestellt werden.«
-
-»Die Dichtung, die solchen Bund eingeht mit dem Theater, muß aber in
-diesem Bund allerdings frei seyn und jene Forderungen des Theaters
-vollkommen selbstständig erfüllen: durch Poesie -- durch Wahrheit
-und Schönheit. Ein poetisches Drama, das einen einseitig epischen
-oder lyrischen Charakter hat, ist kein Bühnenstück, aber immer noch
-ein dichterisches Werk; ein Drama, das nur Bühnenstück ist, sinkt
-aus der Sphäre der Poesie überhaupt in die Region der Machwerke und
-Surrogate. Fern sey es von mir, den Kreis der Poesie verengern zu
-wollen! Schönheit ist möglich auch in Abspiegelung des wirklichen,
-des oft sogenannten prosaischen Lebens, und wie weit ich selber in
-meinem ersten Versuch hinter dem Ideal zurückgeblieben seyn mag,
-Kunstverständige geben mir zu, daß sie gleichwohl poetische Ergötzung
-in ihm gefunden haben. Schönheit ist möglich gegenüber von allen
-Stoffen, denn die Schönheit kommt aus dem liebevollen Geist, der die
-Stoffe kunstgemäß bildet; aber da muß sie seyn, wo mit dem Anspruch
-der Kunst aufgetreten wird. Das Drama, das den Forderungen der
-Darstellung entgegen kommt in und mit Poesie, steigert, erhebt, adelt
-die Darstellung. Das Bühnenstück aber, das jene Forderungen täuschend
-erfüllt durch sinnlich wirkende Effekte, degradirt die Bühne und
-entwürdigt die Kunst zum prosaischen Gewerbe.«
-
-»Es gibt einen wahren und einen falschen Bund der dramatischen
-Dichtung mit der Bühne. Der wahre Bund zweier gleichmäßig freien, in
-wechselseitiger Liebe freien Künste, die sich einander ganz machen
-und gebend und empfangend mit einander das höchste aller Kunstwerke
-hervorbringen, die scenische Darstellung des dramatischen Gedichts --
-dieser Bund der Ehren und des ehrenhaften Vortheils -- er lebe hoch!«
-
-Großer Applaus folgte der mit Schwung vorgetragenen Rede, und unter
-nachträglichen Bravos stießen Alle mit dem Poeten an. Berger konnte
-aber nicht umhin zu bemerken: »Treffliche Grundsätze und sehr gut
-ausgesprochen! Aber nehmen Sie sich in Acht!« -- »Handeln Sie darnach,«
-rief Hallfeld pathetisch dagegen, »und lassen Sie sich nicht irre
-machen! Wenn dem Theater auch diese Zumuthungen zu viel sind, dann
-haben wir kein Recht mehr, uns Künstler zu nennen.«
-
-Der kräftige Spruch des Heldenvaters rief Widerspruch und eine
-Discussion hervor, die unter Anleitung Willmanns die Frage mehr und
-mehr in Erwägung praktischer Fälle beleuchtete und bis nach Mitternacht
-währte. Die endlich geleerte zweite Bowle brachte unter den Streitenden
-eine Art Versöhnung zu Stande, indem die idealere Partei zugab,
-daß unter Umständen auch poetisch bedeutungslose Dramen wirklich
-künstlerische Bühnenleistungen möglich machten, und man ging endlich in
-guter Freundschaft auseinander.
-
-Als Heinrich am andern Morgen erwachte, fühlte er sich, trotz des
-reichlichen Genusses alles Guten, doch vollkommen heiter und kräftig.
-Aber das Glück der Seele hat eben auch die schöne Eigenschaft, daß
-es die Nahrung des Leibes möglichst wohl bekommen macht, und nicht
-nur gesunde Männer, wie Heinrich, sondern auch Hypochondristen können
-wir nach einem Triumph, den sie während eines anstrengenden Schmauses
-gefeiert haben, oft zu holdseliger Jugend erblüht sehen.
-
-Die letzten Pflichten, die den Dichter in der Residenz gehalten hatten,
-waren erfüllt, der Tag der Abreise zur Geliebten gekommen. Er wollte
-heute noch fort, packte einen kleinen Koffer mit Kleidungsstücken,
-legte die Theaterzettel der beiden Aufführungen mit den guten
-Recensionen dazu und machte sich dann auf zu den Freundinnen, um
-Abschied zu nehmen.
-
-Es war doch ein eigenes Gefühl, als er die Treppe hinan stieg, um
-zweien Wesen Lebewohl zu sagen, mit denen er so lange und so herzlich
-verkehrt, von denen er so viel Liebes erfahren hatte. »Wie wird es Rosa
-aufnehmen?« rief's unwillkürlich in ihm. »Keine Einbildung!« antwortete
-er sich selbst, und zog entschlossen die Klingel.
-
-Die junge Künstlerin war allein zu Hause. Mit sanft heiterer Miene
-grüßte sie ihn; aber die Ahnung, was ihn herführe, gab ihrem Gesicht
-alsbald einen Schein von Wehmuth. Heinrich betrachtete sie, ein Ernst
-überkam ihn und steigerte sein Gefühl zur Verlegenheit. Ein kleines
-Gespräch über den gestrigen Abend, das den ersten Erkundigungen und
-Antworten folgte, hielt nicht lange vor. In dem Schweigen, das eintrat,
-nahm sich aber der Poet endlich zusammen, lächelte durch den Ernst und
-sagte: »Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.«
-
-Rosa, obwohl sie das erwartet, fühlte sich durch die Thatsache doch
-so getroffen, daß sie unwillkürlich auffuhr: »Ah!« rief sie, indem
-eine leichte Blässe über ihr Gesicht flog. Aber schnell, mit Lächeln,
-setzte sie hinzu: »Ich begreife!« -- »Ich reise zu den Meinigen,«
-fuhr Heinrich fort, »die guten Nachrichten selber zu überbringen --«
--- »Freilich, freilich!« rief die Künstlerin mit lebhaftem Nicken. Wie
-schmerzlich sie den Stich in ihrem Herzen empfand, sie erkannte die
-Nothwendigkeit, ihn zu verbergen, und es mußte ihr gelingen.
-
-Mit einer Theilnahme, wie man sie einem kindlich Glücklichen zuwendet,
-und mit einer gewissen Laune im Ton, fuhr sie fort: »Da wird große
-Freude seyn im Lande! Ein Dichter, der auszog mit Manuscripten und
-Projekten und heimkehrt mit einem Lorbeerkranz! Gefeiert vom Publikum,
-angegriffen vom Neid, gerühmt von dramaturgischer Weisheit! Was können
-die Verwandten und die liebende Braut sich Besseres wünschen? Das
-Talent, an das man glaubte, ist bewiesen, glänzend bewiesen, und der
-öffentliche Erfolg in der Residenz muß dem Sieger die Huldigung der
-Provinz eintragen! Mit Stolz werden die Eltern die Hand der Geliebten
-in die seine legen, der Bund wird geschlossen werden und die Freunde
-werden glücklich seyn -- die hiesigen, das mögen Sie glauben, nicht am
-wenigsten!«
-
-Die Liebende hatte sich während dieser Rede innerlich so befreit, daß
-ihre Miene bei den letzten Worten das reinste Wohlwollen ausdrückte.
-Der Schein desselben wirkte nun aber auch befreiend auf den Poeten.
-Ja, es war liebevolle Freundschaft, was sie beseelte -- nicht
-mehr! Sie war ihm gut, sie hing an ihm als ihrem Zögling und wollte
-sein Bestes; aber sie lebte in einer Sonnensphäre der Kunst und der
-Seelengüte, von wo sie nur mit freudigem Antheil auf sein Glück
-hernieder sah. Gewisse Gedanken, die er sich gemacht, Vermuthungen,
-die er gehegt, waren grundlos. Er besaß in ihr einen guten Engel,
-einen Schutzgeist; von ihr geleitet, gefördert zu werden, hatte sein
-günstiges Geschick ihn zu ihr geführt, und ihr konnte er nun auch, wie
-immer, traulich sein ganzes Herz öffnen.
-
-»Ja,« rief er mit dem Glücksgefühl eines Liebenden, »so, hoffe ich,
-wird es kommen! Ich will Ihnen ehrlich gestehen, dieser Erfolg hat
-mir auch noth gethan. Wie sehr Auguste an mich glaubt, sie hat Eltern
-und Verwandte, die sehen wollen, um zu glauben. Aber jetzt, wenn ich
-heimkehre, werden sie befriedigt seyn und Augen machen wie Kinder vor
-dem brennenden Christbaum. Der Erfolg, wie ich ihn berichten kann,
-wird auf sie den größten Effekt machen; sie werden mich höher stellen,
-meinen Zusagen überhaupt und völlig glauben, und sie können es auch.
-Nachdem ich -- mit Ihrer Hülfe, liebste Freundin -- meine Kraft erprobt
-habe, ist mir's, als ob mir Alles gelingen müßte. Es liegt mir in
-den Fingern und ich meine es nur auf's Papier werfen zu dürfen. Ja,
-ich führe Auguste einem gesicherten Loos entgegen, ich bin davon
-überzeugt, und werde daher mit aller Zuversicht vor die Eltern treten.«
-
-Rosa, nachdem sie mit einem schwer zu beschreibenden Blick beigestimmt
-hatte, sagte: »Wann wollen Sie reisen?« -- »Heute noch, in einer
-Stunde,« erwiederte Heinrich. »Es ist auch die höchste Zeit. Ich habe
-nichts an Auguste geschrieben, weil ich mir den Genuß verschaffen
-wollte, die Erlebnisse der letzten Tage vollständig mündlich zu
-schildern.«
-
-»Ich verstehe,« rief das Mädchen. Mit einem Lächeln der Trauer, das
-aber sogleich in ein Lächeln der Liebe überging, reichte sie ihm die
-Hand und sagte: »Reisen Sie mit Gott! und finden Sie alles Glück, das
-Ihr Herz sich wünscht! Aber -- vergessen Sie dabei nicht ganz Ihre
-hiesigen Freunde!«
-
-»O,« rief Heinrich, »von niemand wird in unsern Unterhaltungen öfter
-und ehrenvoller die Rede seyn, als von Ihnen! Ihr Lob wird von allen
-Lippen erschallen, und wenn ich dann mit Auguste zurückkehre, wird
-unser erster Gang zu Ihnen seyn!« -- Rosa nickte dankend. »Empfehlen
-Sie mich,« fuhr Heinrich fort, »der lieben Mutter, es ist mir leider
-unmöglich, sie zu erwarten. Und nun -- leben Sie wohl!«
-
-Er war näher getreten und gab ihr die Hand. Sie, mit edler
-Freundlichkeit, sagte: »Die herzlichsten Wünsche nochmals, und auf
-Wiedersehen!« -- »Auf Wiedersehen, unbedingt!« entgegnete Heinrich,
-nickte mit einem Blick des Dankes und verließ die Stube. -- Rosa
-begleitete ihn vor die Thüre und rief ihm noch heiter nach: »Grüßen Sie
-die Braut von der Freundin!«
-
-Dann kehrte sie rasch in die Stube zurück. Das Möglichste war
-geleistet, ihre Kraft aber zu Ende. -- Erschöpft, von tiefster Trauer
-bezwungen, warf sie sich auf's Sopha.
-
-Sie hatte entsagt, wiederholt entsagt. Sie hatte ihr Leid besiegt und
-die erhabene Freude der Großmuth empfunden. Aber dabei hatte sich doch
-wieder eine Art Hoffnung erhoben, die ja in einem Leben, wo alles
-veränderlich und das Unwahrscheinlichste noch immer möglich ist, auch
-nicht ganz und gar ohne Grund war. Jetzt aber, wo der Geliebte nach
-erreichtem Zweck unmittelbar zu der Andern eilte, um das Band mit ihr
-unauflöslich zu knüpfen, jetzt war ihr der letzte Schimmer von Hoffnung
-genommen. Er war dahin für sie! Und wer konnte ihr verbürgen, daß er
-als Gatte der Andern ihr auch nur als Freund bleiben werde?
-
-Ihre Einbildungskraft führte sie ihm nach und den Ereignissen voraus.
-Sie sah ihn in die Arme der Verlobten sinken und dieser, was sie selbst
-vergeblich ersehnt hatte und ersehnte, alles, alles allein zu Theil
-werden. Ein Gefühl der Eifersucht erhob sich in ihr und stürmte über
-ihr Wollen und Denken hin gleich einer Springfluth. Jener war alles
-gegeben, ihr war alles genommen: unselig wehvolles, grausames Geschick!
-Und wieder die Eine Frage, die sich so oft in ihr erhoben: Konnte
-Auguste ihm seyn, was sie ihm hätte seyn können? -- »Nein!« mußte sie
-selber entscheiden. Denn welche Vorzüge sie haben mochte, sie liebte
-ihn nicht wie sie! Sie hatte ihn nicht erkannt, sah nicht in sein
-gutes, fühlendes, reiches Herz wie sie, war nicht bezaubert von dem
-schöpferischen Genius und der lebenswarmen Phantasie, von dem Weitblick
-des Geistes und der Beschränktheit des kindlichen Sinnes! Für sie hatte
-die Natur ihn werden lassen! Denn sie bewunderte sein Talent und sie
-trat ein, wo es zu gut war, um sich mit der Welt abzukämpfen! Seine
-Schwächen waren ihr lieb, so lieb wie die Gaben, womit Gott und Natur
-ihn ausgestattet! Sie konnte ihn beglücken, sie konnte glücklich seyn
-mit ihm!
-
-Hatte sie nicht so mancher Versuchung widerstanden und sich mitten in
-einer Welt des Leichtsinns, der oft so reizend ist, rein erhalten für
-ihn? So sehr, daß auch ihr Herz -- ihr so oft kalt genanntes Herz --
-jungfräulich war, und ihre Liebe zu ihm ihre erste Liebe? Und alles das
-nur, um das Liebste zu entbehren und für ihr ganzes Leben beraubt und
-elend zu seyn?
-
-Ihre Lippe zuckte bei diesem Gedanken und das Antlitz drückte ein
-Gefühl tiefster Gekränktheit aus. Ihr Inneres zerfloß. Thränen
-stürzten ihr in die Augen und rollten die Wangen herab; sie gab sich
-ihrer Leidenschaft hin und weinte wie ein Kind.
-
-
- X.
-
-Während die Liebende sich in Thränen zu erleichtern suchte, fuhr
-Heinrich auf die Eisenbahn, nahm einen Platz in einem wenig besetzten
-Coupé und sah die letzten Bedenken, die sich nach dem Abschied noch
-in ihm erhoben hatten, bald durch die Reisegefühle zerstreut, die
-schmeichelnd seine Brust durchzogen. Es war Anfangs April, die Luft
-mild, der Himmel dünn überzogen, die Wälder schwärzlich braun, aber
-Saatfelder und Wiesen grün; und fort ging's in gewaltigem Rollen,
-dem Neuen und Neugewordenen entgegen. Da beschäftigt die dichterisch
-erregte Seele der Augenblick mit seinen Erscheinungen, und wenn sie
-darüber hinausgeht, so ist's, in die Zukunft, der man entgegen zieht;
-das Vergangene ist verschwunden.
-
-Heinrich athmete froh am geöffneten Fenster, sah die Bilder der
-Landschaft vorüberfliegen, sah den Raum zwischen sich und ihr
-kleiner und kleiner werden, und es war ihm, als ob er einem Paradies
-entgegen zöge, das auch schon die zu ihm führenden Wege mit Poesie zu
-durchhauchen vermochte. Sein Geist eilte voraus, über die Gegenwart
-hinweg, um das Künftige zur Gegenwart zu machen.
-
-Welch ein Moment, wenn er vor die Eltern trat und sagte: »Hier bin
-ich! Ich hab' Alles gehalten, was ich versprochen, und Alles erreicht,
-was ich mir vorgesetzt! Anerkennung ist mir geworden und verheißen,
-eine schöne, glückliche Zukunft mir und Auguste verbürgt!« Welch ein
-Triumph, wenn er ihre Seelen mit Liebe, mit Bewunderung erfüllte! Wenn
-die Familie und die Freunde des Hauses mit Blicken einer Achtung auf
-ihn sahen, die nicht mehr erschüttert werden konnte, und er endlich in
-der That als das vor ihnen galt, was er war!
-
-Der Ruhm ist süß, nirgends aber süßer als in der Heimath. Nach einem
-alten Worte gilt der Prophet nichts im Vaterlande; deßwegen muß er
-eben fort aus ihm und draußen Geltung und Ehre suchen. Hat er sie aber
-gefunden, dann ist ihm nichts reizender, als ihrer zu genießen in dem
-Winkel der Erde, der ihn leben und streben sah, unerkannt, ungeglaubt.
-Die Menschen, denen bei allem persönlichen Wohlwollen sein Ideal ein
-Aergerniß oder eine Thorheit war, zu überführen durch die That, das ist
-die Vollendung seines Werks, und wenn er dann die Mienen, deren Zweifel
-und Spott ihm wehegethan, im Lichte des Beifalls, ja der stolzen
-Mitfreude glänzen sieht, dann ist sein letzter und feinster Ehrgeiz
-gestillt; -- der Moment ist gekommen, wo er befriedigt ruhen kann.
-
-Heinrich war aber ein Dichter, dessen Geist immer wieder zur Produktion
-sich drängte. Mitten in den Visionen des Glücks erzeugte er Gedanken
-und Entwürfe zu neuen, größeren und schöneren Werken. Ideale der
-dramatischen Poesie traten vor seine Seele, lockend, erregend, und
-wiesen ihn auf die höchsten Ziele dichterischer Thätigkeit. Es waren
-dieß nicht Bilder, wie er sie in dem Schauspiel vorgeführt, sondern
-in seiner Tragödie angestrebt hatte. Jene menschlich interessanten
-und liebenswürdigen Figuren waren nicht das Höchste; sie konnten
-überschritten, überglänzt werden durch Gestalten, die den größeren
-Geist und Charakter, den höheren Schwung der Seele in der gemessen
-schönen Rede, der Musik des Wortes, der Sprache der Götter ausdrückten.
-Das war und blieb der Gipfel der Kunst, und ihn zu ersteigen, vielmehr
-zu erfliegen, glaubte er sich vorzugsweise berufen. Das Schauspiel,
-das in der Sprache des gewöhnlichen Lebens eben dieses Leben malte,
-verdiente Anerkennung, wenn es mit ächten, ergötzenden Farben
-ausgeführt war; und falls ihm selber künftig anziehende Stoffe sich
-boten, wollte er sich ihnen nicht entziehen. Aber die eigentliche
-Aufgabe des dramatischen Dichters war doch das hochpoetische Drama,
-die Tragödie, die in göttlich und dämonisch begabten Charakteren
-und im Zusammenstoß gewaltigster Leidenschaften die höchst möglichen
-Erscheinungen der Erde vor Augen stellte; und nur durch Arbeiten auf
-diesem Feld konnte der lebende deutsche Dichter hoffen an die großen
--- die allein stehengebliebenen Dramatiker alter und neuer Zeiten
-sich würdig anzureihen. Ihn hatte es zu solchen Arbeiten gedrängt von
-Jugend auf, sie waren seine erste Liebe -- sie mußten auch seine letzte
-seyn. Nur ächtes Leben, Quell der Natur mußte die höheren Gebilde
-durchströmen, wie die bescheidenen Bilder der Wirklichkeit. Vielmehr:
-noch wahrer mußten jene Gebilde seyn, als diese, weil sie schöner seyn
-mußten, und in der edelsten Form nicht vergängliches Leben ausdrückten,
-sondern ewiges. -- Darin lag nun eben der Fortschritt, den er in
-Abweichung von seinem ersten Wege gemacht, daß er nach der Erkenntnis
-der falschen die wahre Idealisirung sich eingeprägt -- daß er das
-Wollen in sich aufgerufen hatte zum Vollbringen des gesunden Höchsten.
-
-Die bescheidene Arbeit, die ihm gelungen war, hatte ihm den Beifall des
-Publikums errungen. Die idealeren, die ihm gelingen mußten, sollten
-ihm diesen Beifall auch erringen, aber das Publikum zugleich in die
-Höhe hinanheben, die er selber erstiegen -- beglückend und wahrhaft
-fördernd, wahrhaft bildend zugleich sich erweisen.
-
-Als er mit seinen Gedanken dahin gekommen war, sah er für sich hin, wie
-sich erinnernd, und ein Lächeln verklärte sein Angesicht. Pretentiös
-hatte man die Reden seiner Schauspielheldin gefunden? Allerdings
-nicht ganz ohne Grund; er hatte das auch eingesehen und deßwegen
-herabgestimmt, wo er vermochte. In dem wahrhaft poetischen Drama,
-wie es ihm nun vorschwebte, konnte er aber sein Ideal des Weibes den
-höchsten Ton anstimmen lassen, und man fand es natürlich; denn in
-solche Sphäre gehörte dieser Ton. -- --
-
-Der Zug ging langsamer; er fuhr in den Bahnhof eines größern Ortes,
-von welchem Heinrich seinen Weg mit der Post fortzusetzen hatte.
-Sein Gepäck an sich nehmend, sorgte der Reisende für einen Platz und
-benützte die Zwischenzeit zu behaglichem Speisen. -- Der Wagen, der ihn
-aufnahm, war glücklicherweise nicht allzuvoll, und bald wiegte ihn das
-heimlichere, poetischere Fahren durch Ebenen und Waldthäler in süße
-Träumereien.
-
-In derselben Stunde, welche den Poeten seinem Reise- und Lebensziel
-entgegenbrachte, erging auch an die Zurückgelassene in der Residenz ein
-Ruf, den sie für ihr Leben als epochemachend ansehen konnte.
-
-Sie hatte sich ausgeweint -- recht von Herzen -- und eine eigen
-wohlthuende Stille war in sie gezogen: jener Friede der Genesung, wo
-die Seele, von einer erdrückenden Last befreit, leise die Schwingen
-wieder erhebt und holde, tröstende Stimmen ihr vom Himmel zu ertönen
-scheinen. Die Spuren des Thränengusses suchte sie nicht zu verbergen.
-Als die Mutter heimkehrte, trat sie ihr mit feuchten, gerötheten Augen
-entgegen und erwiederte auf die Frage, was ihr wäre, mit einem Ton
-unverholener Trauer: »Er hat Abschied genommen -- und ist fort!« -- Die
-Mutter nickte mit einem Blick liebenden Mitleids. Nach kurzem Schweigen
-sagte sie: »Um so besser!«
-
-Zwei Stunden gingen vorüber. Der Gegenstand war nicht mehr berührt, das
-Mädchen gefaßter worden, und der Schein einer still gehobenen Seele
-klärte ihr Antlitz. Da kam ein Theaterdiener mit einem Schreiben von
-der Intendanz nebst einer Rolle.
-
-Rosa las, und ein froher Ausruf entfuhr ihrem Munde. Ein schon länger
-erschienenes, von der Hofbühne aber seit Jahren nicht gegebenes Drama
-sollte auf hohen Wunsch zur Aufführung kommen. Die Hauptperson darin
-war eine Figur, die der zweiten Liebhaberin, nach den bisherigen
-Begriffen von ihr, immer noch zu hoch lag, für welche die erste aber
-nicht mehr Jugend und Naivetät genug hatte. Es war das fein, ergreifend
-und schwungvoll ausgeführte Bild einer in schmerzlichen Lagen, in einer
-Steigerung von Leid sich bewährenden treuen Liebe. -- Die Intendanz,
-von jenem Wunsche gedrängt, fragte nun bei der jungen Künstlerin an,
-ob sie die Partie nicht doch zu übernehmen vermöchte. Jene, welche
-die Dichtung kannte, war sofort entschlossen und antwortete mit einem
-dankbaren Ja.
-
-Es war -- das Ganze der Rolle angesehen -- ein Schritt auf eine neue
-und wesentlich höhere Stufe der Darstellung, eine Aufgabe, bei der
-sie sich etwas zuzumuthen hatte, in ihrem jetzigen Gemüthszustand ein
-wahrer Segen für sie.
-
-Die Kunst erschien ihr, die das empfand, in erhebendster Bedeutung.
-Sie war nicht nur ein Ersatz für das mangelnde Glück des Lebens, nicht
-nur auch ein Quell der Befriedigung, sondern das höhere Leben, der
-größere Wirkungskreis. -- Menschen darzustellen mit allen Mitteln einer
-lebendigen Persönlichkeit; feinen, fühlenden Seelen zu erscheinen in
-den anmuthigsten, wohlthuendsten Offenbarungen des Gemüths; ihnen
-sich einzuprägen in den edelsten Gestalten und ihnen eine Freude zu
-seyn auch in der Erinnerung; das Beste, was dichterische Phantasie
-geschaffen, am schönsten zu versinnlichen und dadurch nicht nur zu
-beglücken, sondern Muster zu werden für die Lebenden und mitzuarbeiten
-an dem großen Werk der Bildung, das unmerklich, aber dennoch weiter
-führt: -- das ist fürwahr eine Thätigkeit, die ein Menschenleben
-ausfüllen, in der ein Menschengeist sich genügen kann.
-
-Rosa, an diesen Ideen und Möglichkeiten sich erhebend, sagte zu sich
-selbst: »Das Eine ist mir genommen, das Andere gegeben; ich muß
-zufrieden seyn. -- Ich will dem Rufe folgen und suchen meinen Kreis
-zu erweitern, und meine fast, daß es mir gelingen müsse. -- In Gottes
-Namen! Ich will nur Künstlerin seyn, aber dieß ganz! Und wer weiß?
-Vielleicht hab' ich doch Recht, wenn ich glaube, daß die Sehnsucht
-besser spielt, als die Fülle des Glücks. Vielleicht erobert die
-entbehrende Seele das Leben der Liebe um so glühender auf der Bühne,
-und der Verlust des Menschenherzens wird ein Gewinn der Kunst, ein
-Gewinn für ihre Freunde. -- -- Einerlei! Diese treu Liebende, die
-ein deutsches Dichterherz erfunden, rührend im Leid und groß in der
-Schmach, die sie vernichten sollte, dieses schöne Bild will ich spielen
-und mir gütlich thun dabei. Ich will es aus mir herauslassen, was mich
-schmerzt und bedrängt, und wenn ich nur mein Herz erleichtere, sollen
-sie mich loben und rufen: es ist eine Künstlerin! Wahrlich, unsereins
-darf nicht verzweifeln, ja kaum klagen! Eine Andere müßte sich grämen
-und die Wunden von der Zeit heilen lassen, die so langsam und so
-dürftig heilt; ich kann mein Herzeleid in andere Herzen ergießen, daß
-es rührt und wohlthut! -- -- Es ist,« setzte sie nach einem Augenblick
-lächelnd hinzu, »ein wenig ideell, dieses Glück der Schauspielerin,
-das ist nicht zu läugnen; aber es ist ein Ersatz, und mir soll's genug
-seyn!«
-
-Die Aufführung des Stücks war für die nächste Woche beantragt. Rosa
-nahm die Rolle vor, erwog sie nach ihrem Grundcharakter und ihren
-Wandelungen, vertiefte sich in sie und lebte ganz ihrer Aufgabe. --
-
-Heinrich näherte sich dem Ende seiner Fahrt. Nach einer Wendung um
-eine Anhöhe lag die Stadt vor ihm in Abendbeleuchtung, bescheidener
-als die Residenz, aber heimlicher, und für den liebenden Dichter von
-einem bezaubernden romantischen Duft umflossen. Die Schornsteine
-rauchten, die hervorragenden Gebäude, die hohen Thürme schauten so
-freundlich bekannt und doch poetisch anders her zu ihm, der selbst ein
-Anderer geworden. Die Gärten am Zwinger umkränzten die Häusermassen so
-traulich. Dort aber, in der Nähe der Hauptkirche, da lag es, das Heim
-seiner Seele, das Haus, das die Erwählte beherbergte. Der äußerste
-Garten vor der Stadtmauer war erreicht, eine kurze Frist noch, und er
-begrüßte sie.
-
-Der Wagen ging durch das Thor, durch die Hauptstraße: das Herz
-des Liebenden begann zu klopfen, in Gefühlen zu klopfen, die ihn
-überraschten. Die stolze Freude, womit er vor Auguste und die Eltern
-zu treten gedachte, war noch in ihm; aber je näher er dem Hause kam,
-je mehr erhob sich daneben eine Sorge, die ein unwillkürliches dumpfes
-Beben zur Folge hatte. Sahen die Eltern seine Erfolge und Hoffnungen
-mit seinen Augen an? Würdigten sie die Bedeutung seines Talents in
-seiner ganzen Ausdehnung? Legten sie die Hand der Tochter in die seine
-mit dem ehrenden Vertrauen, das er fordern konnte, und das zu seinem
-Glück unentbehrlich war? Oder? --
-
-Unwillig schüttelte er den Kopf über Gedanken, welche den Moment des
-Wiedersehens trüben wollten -- über den Kleinmuth, der kränkend war für
-die braven Leute -- kränkend auch für das Geschick, das ihn bisher doch
-so freundlich geführt hatte.
-
-Im nächsten Gasthof stieg er ab, kleidete sich um und eilte dem
-stattlichen Hause zu. In den untern Gang eingetreten, erblickte er
-eine alte, seit Jahren zum Haushalt gehörende Magd, die ihn in der
-Dämmerung forschend ansah, und als sie ihn erkannte, einen Ausruf der
-Ueberraschung hören ließ, der einen Klang des Bedauerns hatte.
-
-Heinrich war nicht in der Verfassung, dieß zu bemerken und rief
-erfreut: »Hanna! -- Wie steht's? Sind alle zu Hause?« -- »Ja, Herr
-Heinrich,« war die Antwort. -- »Alle?«
-
-»Alle miteinander.« -- »Gut!« rief der Glückliche, machte einen
-Schritt gegen die Treppe, hielt aber plötzlich an und sagte zu der
-ernst vor ihm Stehenden mit Lächeln: »Melde mich, Hanna!«
-
-Die Alte stieg hinan, Heinrich ging auf und ab. Aus's neue begann sein
-Herz bange zu pochen. Er schüttelte den Kopf über sich selbst und mühte
-sich, die Unruhe niederzuhalten; aber das änderte nichts und bald
-gerieth sein ganzes Wesen in Aufruhr.
-
-Die Alte blieb ungewöhnlich lange aus. -- Warum ließ man ihn warten?
-Was hatte das zu bedeuten? Niemals war ihm das begegnet in diesem
-Hause! -- Endlich erschien sie mit einem Licht und rief: »Sie sind
-willkommen, Herr Born.« Heinrich betrachtete sie und sagte: »Du bist
-so ernsthaft, Hanna. -- Es ist doch nichts vorgefallen? Keinem ein
-Unglück begegnet?« -- »Durchaus nicht,« erwiederte die Alte nicht ohne
-ein gewisses Mundverziehen. »Sie werden aber doch nicht mehr Alles
-so finden, wie's gewesen ist!« -- »Was ist geschehen?« rief Heinrich
-schnell. -- »Gehen Sie nur hinauf!« war die Antwort. »Sie sind im
-großen Zimmer.«
-
-Der Liebende, mit Vorgefühlen, die jetzt nur gar zu gerechtfertigt
-waren, eilte die Treppe hinan, klopfte an die Thüre und trat auf das
-»Herein« des Vetters in den Salon.
-
-Er erblickte beim Schein einer Lampe die Eltern, nicht weit von
-ihnen Auguste, und neben ihr einen stattlichen, elegant gekleideten
-Mann von seinem Alter, den er sich nicht erinnerte früher gesehen zu
-haben. Der Unbekannte war größer und muskulöser gebaut, als selbst er,
-die Haare dunkel, die Gesichtsfarbe gesund und braun. Aussehen und
-Haltung verriethen einen Mann, dem eine feste Lebensbasis und bewährte
-Fähigkeiten eine ungewöhnliche Ruhe und Sicherheit verleihen.
-
-Dem Poeten entfielen bei diesem Anblick die freudigen Ausrufungen,
-womit er den Verwandten in die Arme zu eilen gedacht hatte, ganz und
-gar. Da man auf seinen ersten Gruß auch noch sehr förmlich antwortete,
-da Auguste tief erröthet war und mit unwillkürlichem verlegenen
-Bedauern zu ihm hersah, befiel ihn mit einemmal die schlimmste Ahnung,
-und eine unbeschreibliche Verwirrung ergriff ihn.
-
-Auguste, mit plötzlicher Entschlossenheit und einer Haltung, deren
-sich eine Heroine nicht zu schämen gehabt hätte, trat einen Schritt
-näher und sagte, vorstellend, zu Heinrich: »Herr Kronfeld, Sohn unseres
-Verwandten, den du kennst -- mein Bräutigam.« Dann zu diesem: »Doktor
-Born, unser Vetter -- der Dichter, dessen Lob du in den Zeitungen
-gelesen hast.«
-
-Der junge Kaufmann verneigte sich und erklärte seine Freude, die
-Bekanntschaft zu machen, nicht ohne einen merklichen Zug von Triumph
-in dem ruhig vornehmen Gesicht. Heinrich starrte ihn an und dankte
-mechanisch.
-
-Das Wort »Bräutigam« hatte ihn trotz seiner Ahnung wie ein Donnerkeil
-getroffen und auf einen Moment förmlich gelähmt. Ringend suchte er
-wieder eine Haltung zu gewinnen, instinktmäßig betrachtete er Auguste
-und die Eltern, ob es nicht doch ein Scherz wäre, den sie mit ihm
-vorhatten -- eine Comödie, die sie spielen wollten. -- Aber die Mienen
-Aller widersprachen dieser Meinung strengstens. Das glühende Gesicht
-der Tochter verkündete einen unwiderruflich gefaßten Entschluß; die
-Eltern sahen verlegen und sarkastisch her, wie man auf einen Geopferten
-und Getäuschten zu blicken pflegt.
-
-Es war geschehen! Der beispiellose Verrath war begangen! Er war
-betrogen, geäfft, gehöhnt auf's Schnödeste! Ein Abgrund von
-Treulosigkeit that sich vor ihm auf. -- Doch, ein unmännlich Jammerbild
-wollt' er den verrätherischen Seelen nicht geben. Die Falsche war
-seiner Verzweiflung nicht werth, auch nicht seines Zorns und einer
-Scene, die erzürnte Vorwürfe herbeigeführt hätten. Die kalte Ruhe
-der Verachtung mußte er zeigen, den Hohn des Mannes, dem nur das
-verächtlich Werthloseste entzogen wird! --
-
-Trotz der besten Vorsätze war es aber das nicht, was dem Dichter
-gelingen konnte, und auch in der That nur sein erster Gedanke. Ihm
-geziemte der Stolz der geistig sittlichen Ueberlegenheit und des
-reinen Bewußtseyns. Das war das Arsenal, aus dem er die Waffen holen
-mußte gegen die empörende Unbill. Durften sie sich nicht weiden an
-dem Geknickten, so war er doch zu gut, namentlich aber zu groß dazu,
-um Böses mit Bösem zu vergelten. Er wollte zeigen, daß er nicht nur
-in seinen Poesien hochsinnig dachte, sondern auch in der That und
-Wahrheit. Er wollte sie vernichten durch den Adel des wahren Poeten und
-durch die stolze Gleichgültigkeit, die damit Hand in Hand ging.
-
-Indem es dem Dichter wirklich gelang, sich zu fassen, entgegnete er mit
-einer ironischen Artigkeit, die in der That ganz von oben kam: »Halten
-Sie es meiner Ueberraschung zu gute, daß ich nicht gleich die rechten
-Worte gefunden, auf Ihre erfreuliche Mittheilung zu antworten. Sie
-kennen meine Gesinnung und wissen, welchen Antheil ich an Allem nehme,
-was Sie betrifft. Empfangen Sie nun meine besten Wünsche, und möge dir,
-liebe Cousine, alles Glück zu Theil werden, das du verdienst -- und das
-der Mann deiner Wahl dir verbürgt!«
-
-Diese Rede, trotz der Ironie, die namentlich der Braut sehr fühlbar
-wurde, befreite die Gemüther gleichwohl: die Scene, die man fürchten
-mußte und fürchtete, obwohl man sie zu bestehen sich entschlossen
-hatte, war vermieden, und man konnte die aufgerissene Kluft mit
-Versicherungen überdecken. In der That zeigte sich ein Schein von
-Erkenntlichkeit und Wohlwollen in allen Mienen. Der Vater ergriff das
-Wort und versetzte mit großem Ernst: »Ich danke dir, Heinrich! Wenn
-Leute, die sich lieben und in jeder Beziehung für einander passen,
-Glück haben können in der Welt, so dürfen wir's für unsern Sohn und
-unsere Tochter hoffen. Herr Kronfeld, der Jahre lang im Ausland gewesen
-und erst vor wenig Wochen aus London zurückgekehrt ist, wird die Fabrik
-seines Vaters übernehmen und von den Kenntnissen, die er auswärts
-gesammelt hat, Gebrauch machen. Schon jetzt beschäftigt er dreihundert
-Arbeiter --«
-
-Heinrich verneigte sich mit einer Anerkennung, aus der die ganze still
-sublime Geringschätzung des Idealisten heraussah. -- »Es werden aber,«
-fuhr jener mit einem Ausdruck fort, als ob die Verlobung der Tochter
-dadurch mehr als gerechtfertigt wäre, »mit der Zeit nochmal so viel
-werden.« -- »Das ist in der That großartig!« rief Heinrich. »Wie ich
-meine Cousine kenne, ist das auch der rechte Wirkungskreis für sie, das
-eigentliche Feld für ihren ausgezeichneten praktischen Sinn und ihren
-auf's Große gerichteten Geist. Ich wiederhole meine Glückwünsche -- und
-freue mich, daß sich Alles so schön gefügt hat.«
-
-Mutter Werthlieb lächelte, halb über die Ironie, die sie ihm gönnen
-mußte, halb über die Art, gute Miene zu machen, wofür sie's nahm. In
-Folge eines instinktmäßigen Dranges, nun auch dem gleichwohl sehr
-gekränkten Vetter etwas Angenehmes zu sagen, begann sie: »Laß uns jetzt
-aber auch von dir reden, lieber Heinrich! Du hast Glück gemacht, dein
-Stück hat Beifall gefunden. Wir haben's gehört und gelesen.«
-
-Heinrich zuckte unwillkürlich die Achsel und entgegnete mit einer
-Miene der Geringschätzung: »Was will das heißen? Eine Kleinigkeit!« --
-»Nun,« bemerkte der Vetter, der die Rede wörtlich zu nehmen den Takt
-hatte, »es hat mich doch sehr gefreut. Auf der Hofbühne, eine solche
-Auszeichnung! Es ist immer ein schöner Anfang.«
-
-»Ja,« fuhr Auguste, deren Miene schwer bekämpftes Schamgefühl
-ausdrückte, mit einem Blick des Antheils fort; »es hat uns Alle
-außerordentlich gefreut --« -- »Und überrascht?« fiel Heinrich ein;
-»natürlich!«
-
-Auguste, erröthend, entgegnete: »Ich hab' es nicht anders von dir
-erwartet.« -- »Du schmeichelst!« versetzte der Poet mit voller
-Ueberlegenheit. »Ich, wenn ich aufrichtig seyn soll, hätte dieses
-Zutrauen nicht von dir erwartet!«
-
-Die Mutter, der Tochter zu Hülfe kommend, fuhr fort: »Ein Bekannter von
-uns, der zufällig dort war, Stadtrath Weiß, hat die erste Aufführung
-gesehen und uns genau erzählt, wie's gegangen ist. Anfangs war er
-für dich sehr in Sorge; aber dann wurde er stolz auf einen solchen
-Landsmann und hat sich deiner Bekanntschaft gerühmt. Uebrigens« --
-fügte sie lächelnd hinzu -- »hat er gethan, was in seinen Kräften stand
-und dich mitgerufen.« -- Heinrich, lächelnd über die Naivetät dieser
-Mittheilung, erwiederte: »Sagen Sie ihm gelegentlich meinen Dank.«
-
-»Es muß ein eigenes Gefühl seyn,« bemerkte nun der junge Fabrikbesitzer
-mit der Miene eines über solche Triumphe glücklicherweise Erhabenen,
-»vor ein begeistertes Publikum zu treten und seinen Ruhm so
-handgreiflich in Empfang zu nehmen.« -- »Jedenfalls,« erwiederte
-Heinrich, »fühlt man sich dabei geehrter, als in mancher andern
-Situation!«
-
-Der alte Herr lächelte unwillkürlich, er mußte diese Bemerkung gut
-finden. Im Grunde schien ihm jetzt nicht nur das Eis gebrochen,
-sondern der fatale Handel so gut wie beigelegt, und nun kehrte der
-Geschäftsmann, der in seiner Familie das Behagen liebte, ohne weiteres
-zur vetterlichen Traulichkeit und zur Bonhomie des vieljährigen
-Gönners zurück. Er sah den Poeten freundlich an und rief mit cordialer
-Ermuthigung: »Du mußt uns das Stück vorlesen! Wir bitten eine
-Gesellschaft zusammen, Verwandte und Freunde, die du kennst und
-die dich als Dichter verehren, und du feierst dann auch hier deinen
-Triumph.« -- »Ach ja,« rief die Gattin, »das wäre charmant!«
-
-Dießmal konnte der Poet doch nicht umhin, einen stechenden Blick
-der Verachtung auf Menschen zu werfen, die sich's mit ihm so
-außerordentlich leicht machten. Er nahm sich indeß zusammen und
-versetzte mit möglichstem Ernst: »Wird doch nicht gehen, Base. Ich
-will so bald als möglich zu meinen Eltern, die sich nach mir sehnen
-und deren treuer Liebe ich die Freude, die ich ihnen machen kann,
-nicht länger vorenthalten darf. Auch ich, wie Sie sich denken mögen,
-sehne mich darnach, sie wieder zu sehen.« Und mit einem Ausdruck
-rückhaltloser Superiorität, der vielleicht die beste Rache ist, setzte
-er hinzu: »Genießen Sie das Glück, das die rühmliche Verbindung Ihnen
-Allen verheißt! Die Gesinnung, die es geschaffen hat, wird es auch
-erhalten; und mit aller Freude, die ein Freund darüber empfinden kann,
-scheid' ich nun! Leben Sie wohl!«
-
-Er hatte bei den letzten Worten umhergesehen und einen durchdringenden
-Blick auf Auguste ruhen lassen. Diese schlug die Augen nieder und
-machte eine Bewegung, als ob sie in's Herz getroffen wäre. Heinrich, es
-gewahrend, verbeugte sich und verließ das Zimmer.
-
-Mit brennenden Wangen ging er die Treppe hinunter. Als er der Alten
-ansichtig ward, rief er: »Du hast Recht gehabt, Hanna! -- Gott sey,
-Dank! Das wär' überstanden!«
-
-Jene trat einen Schritt näher, und indem sie ihr Gesicht in strenge
-Falten legte, sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Fräulein Auguste hat
-sehr unrecht gegen Sie gehandelt. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht
-nur meine Meinung, sondern gar viele denken so.« -- »Wirklich?« rief
-der Poet mit dem Ton ironischen Verwunderns. -- »Der Herr Rektor,« fuhr
-Hanna fort, »hat ihr die Freundschaft aufgekündigt und kommt nie mehr
-in unser Haus.«
-
-»Ein Ehrenmann,« versetzte Heinrich; »das ist begreiflich! -- Nun,
-Hanna, lebe wohl! Es thut mir gut, wenigstens Eine treue Seele in
-diesem Hause getroffen zu haben.« Ernst ergriff er ihre Hand, drückte
-sie und sagte herzlich: »Behalte mich in gutem Andenken!« -- »Oh,« rief
-die Alte mit Thränen in den Augen, »Sie sind gut, Herr Heinrich, und
-Sie werden auch noch glücklich seyn! Besser vorher als nachher! Machen
-Sie sich keinen Kummer! Ein Herr wie Sie --«
-
-Der junge Mann, trüb lächelnd, schüttelte den Kopf, machte eine
-Bewegung des Abschieds und ging der Thüre zu. Auf einmal, von der
-Treppe herab, ertönte der dringende Ruf: »Heinrich!« Er kam von
-Auguste, die sich alsbald zeigte und mit raschen Tritten zu ihm
-herabstieg.
-
-Heinrich hatte sich wieder umgewendet, befremdet sah er sie an und
-sagte kalt: »Was wünschen Sie von mir?« -- »Geh!« versetzte das
-Mädchen mit einem Blick des Vorwurfs in dem schuldbewußten Gesicht.
-»Stell' dich nicht fremd gegen mich! Wir sind immer noch Verwandte und
-Jugendfreunde!«
-
-Heinrich lächelte mit einem Ausdruck unverholener Geringschätzung.
-Dann, nach einer Bewegung, die einen gefaßten Entschluß anzeigte,
-entgegnete er: »Nun, also -- was willst du von mir?« -- »Ich muß mit
-dir reden,« erwiederte das Mädchen. -- »Wozu das, gute Cousine?«
-
-»Du mußt mich hören!« fuhr sie leidenschaftlicher fort. »Ich verlang'
-es von dir! -- Ich bitte dich darum,« setzte sie weicher hinzu.
-
-Heinrich, nach einem Blick auf sie, nickte mit dem Ausdruck des
-Verstehens. Sie ging ihm voran in ein Zimmer, das er selbst, wenn er
-auf Besuch hier war, zu bewohnen pflegte; er folgte mit der Miene
-glaubensloser Neugier.
-
-Jene, nachdem sie die Thüre geschlossen, begann: »Ich weiß, Heinrich,
-daß du mich verdammst. Du denkst das Schlimmste, das Niedrigste von
-mir, weil du nicht weißt, wie Alles so gekommen ist -- und ich kann
-dich nicht so gehen lassen! Was ich gethan habe, das ist geschehen nach
-genauer Ueberlegung; und ich hab' nur gethan, was ich für meine Pflicht
-hielt.«
-
-Heinrich betrachtete sie mit einem Blick des Mitleids. »Ich will's
-nicht bestreiten,« sagte er dann. »Es gibt verschiedene Ansichten über
-das, was man Pflicht nennt.«
-
-»Der Entschluß, zu dem ich endlich gekommen bin, hat mich einen großen
-Kampf gekostet,« fuhr Auguste mit Nachdruck fort. -- »Das kann ich
-glauben,« erwiederte jener. »Dem Verlobten die Treue zu brechen --« --
-»Wir waren nicht verlobt!« fiel Auguste rasch ein.
-
-»Förmlich nicht,« versetzte Heinrich -- »allerdings! Wir hatten nicht
-Ringe gewechselt und keine Verlobungskarten ausgegeben. Aber ich hab'
-das Verhältniß nie anders angesehen, und du schienst dich doch auch
-zu benehmen, als ob es eben diese Bedeutung hätte. Erinnerst du dich
-vielleicht noch unseres Abschieds und was du mir dabei gesagt hast?
-Erinnerst du dich der Briefe, die du mir geschrieben? Mir schienen das
-Betheurungen einer Liebenden, die treu seyn will. Und wie lang ist's
-her, daß ich den letzten erhalten habe?«
-
-Auguste war tief erröthet. Nach einem Moment des Besinnens entgegnete
-sie, ohne die innere Bewegung verbergen zu können: »Ich will meine
-Briefe nicht verläugnen, ich will kein Wort verläugnen, das in
-ihnen steht. Wir sind eben mit einander aufgewachsen; du hast mich
-liebgewonnen und ich dich, und wir haben so fortgelebt wie in einem
-Traum. Aus der Freundschaft naher Verwandter, die sich dutzten von
-Jugend auf, ist ein Verhältniß entstanden, das ernster schien, als
-es war. Die hergebrachte Vertraulichkeit hat wenigstens mich weiter
-geführt, als ich sonst gegangen wäre: ohne deine Base zu seyn, hätt'
-ich nie mit dir Briefe gewechselt.«
-
-»Mag seyn,« versetzte Heinrich, indem seine Augen zu funkeln begannen.
-»Aber du hast sie nun einmal gewechselt, hast mein Gelöbniß der Liebe
-und Treue vernommen und wieder vernommen -- hast es erwiedert! Und wenn
-auch in deinen Briefen nicht die Wärme, die glühende Liebe herrschte
-wie in den meinen -- von der Jungfrau hab' ich das nicht verlangt --,
-so sind es doch Ergießungen einer Seele, die sich für gebunden achtet,
-die ihr Loos an das des Geliebten gefesselt hält.«
-
-»Ja,« versetzte Auguste, »das ist wahr -- wahr von den Briefen, die ich
-dir bis zu einer gewissen Zeit geschrieben habe! Damals, wenn du mich
-von meinen Eltern hättest verlangen können, wär' ich dir gefolgt, mit
-Freuden gefolgt!« -- »Aber dann,« versetzte Heinrich, »kam ein Anderer
-und Besserer --« -- »Nein!« unterbrach ihn das Mädchen. Schon vorher
-änderte sich meine Gesinnung -- und mußte sich ändern.«
-
-Der Poet sah sie erstaunt, mit tiefem Unmuth an; Auguste fuhr fort:
-»Erinnere dich, wie es dir ergangen ist, und versetze dich in meine
-Lage! Du bist in die Residenz gereist mit einer Theaterdichtung, die
-wir hier alle für ausgezeichnet gehalten haben und von welcher du
-für deine Person dir Ehre, glänzenden Ruhm und die größten Vortheile
-versprochen hast. Du hast sie nicht einmal zur Aufführung bringen
-können. Und wie zornig du über den Vorfall warst, endlich hast du
-doch selber zugeben müssen, daß sie für die Bühne sich nicht eignete.
-Dann hast du ein neues Stück angefangen und warst deiner Sache ganz
-sicher und hast mir wieder die besten und schönsten Erfolge prophezeit.
-Ich habe dir wieder geglaubt und meine Eltern, die höchst bedenklich
-geworden waren, nochmal zum Glauben bewogen. Da, nach Wochen erneuerter
-Hoffnungen, schreibst du mir: die zweite Arbeit sey wieder aufgegeben
-und du habest eine dritte begonnen, wozu dir diese Schauspielerin den
-Stoff überlassen habe. Auf diese Nachricht, ich will es nicht läugnen,
-wankte auch mein Vertrauen.« -- »Zur unrechtesten Zeit!« fiel Heinrich
-ein.
-
-Auguste sah ihn mit einem eigenen Blick an und sagte: »Ich bin keine
-Dichterin, wenn ich auch Dichter verehre; ich kann mir die Dinge nicht
-durch Phantasie verschönern und muß sie daher nehmen, wie sie sind.
-Ich habe dich geliebt und dir vertraut, und hättest du mein Vertrauen
-gerechtfertigt, so wär' ich die Deine geworden. Aber nachdem zwei
-deiner stolzesten Verheißungen unerfüllt geblieben waren und sich
-recht eigentlich in Nichts aufgelöst hatten, wie wär' es mir möglich
-gewesen, ernstlich an die dritte zu glauben? Wie konnte ich annehmen,
-daß dir mit dem fremden Entwurf gelingen werde, was dir mit deinen
-eigenen, die du so begeistert ausgedacht und so sehr gepriesen hattest,
-nicht gelungen war? Ich mußte denken, daß du über dein Talent überhaupt
-in einer Täuschung befangen warst, daß deine Kräfte zu dieser Art von
-Arbeiten nicht hinreichten, daß deine Bemühungen vergeblich seyn und
-bleiben würden -- und daß du mich, wenn auch mit dem besten Glauben
-von der Welt, hinhalten würdest und müßtest, weil dir ein Plan um den
-andern fehlschlug.«
-
-Heinrich wollte reden, aber das Mädchen schnitt ihm das Wort im Mund
-ab, indem sie fortfuhr: »Sag' selbst, welch ein Schicksal erwartete
-mich unter diesen Umständen? Wenn ich den Bitten, den dringenden
-Mahnungen meiner Eltern auch hätte widerstehen können, so wurde ich
-älter; ein Jahr um's andere und mit ihm das bischen Jugendblüthe ging
-dahin; und wenn mir das in einer Art geschah, wie es mancher geschehen
-ist -- wer stand mir dafür gut, daß du nicht endlich selber dein Herz
-von mir abkehrtest?«
-
-»Oh!« rief Heinrich, indem er sich unwillig wegwandte. -- »Es wäre
-nicht das erstemal,« fuhr Auguste fort, »daß ein glühender Liebhaber
-kalt würde und sich zurückzöge! Poeten sind wandelbar, und eine neue
-Liebe kann für ihr Herz gar leicht mehr Reize haben, als die Pflicht
-der Treue. Genug, wenn ich mich nicht selbst verblenden wollte, konnte
-ich jetzt in einem fortgesetzten Verhältniß weder mehr auf mein Glück
-rechnen noch auf das deine. Mein Vater (wenn ich das auch sonst von
-ihm hätte erwarten dürfen) konnte unsere Erhaltung für sich allein
-nicht bestreiten, nicht =mehr= bestreiten, mein guter Heinrich! Von
-dem Augenblick nun, wo ich das in aller Klarheit sah, betrachtete
-ich mich nur noch als deine Verwandte, deine Freundin; und wenn du
-meinen letzten Brief nochmals ansehen magst, wirst du dich überzeugen,
-daß sich in ihm nur die sorgenvolle Theilnahme an deinem Schicksal
-ausspricht, wie sie eine Freundin empfindet. Kurze Zeit, nachdem ich
-diesen Brief geschrieben, sah ich den jungen Kronfeld, gewann sein
-Herz, ganz ahnungslos von meiner Seite, und hörte seinen Antrag.
-Ich verbrachte trotz alledem Tage der größten Aufregung und der
-peinlichsten Zweifel, weil ich mir den Eindruck vorstellte, den dieser
-Schritt auf dich machen würde und eine Stimme in mir doch wieder für
-dich gesprochen hatte. Aber von dem ausgezeichneten jungen Mann, von
-meinen und seinen Eltern gedrängt, wiederholt und mit Gründen gedrängt,
-denen ich nichts mehr entgegenzusetzen wußte, sagte ich endlich Ja.«
-
-Heinrich nickte, wie zu der guten Vertheidigung einer schlechten Sache,
-und entgegnete bitter: »Das war zu derselben Zeit, wo dein Geliebter
-und Verlobter sein Wort zur Wahrheit machte und mit der Schöpfung
-seines Geistes einen Erfolg errang, der ihm eine rühmliche Zukunft, uns
-beiden eine geehrte Existenz verbürgte!«
-
-Auguste konnte nicht umhin, nun einen flüchtigen Blick des Mitleids
-auf ihn zu werfen. »Heinrich,« erwiederte sie, »ich freue mich dieses
-Glücks von ganzer Seele! Aber nach der Belehrung, die ich darüber
-erhalten habe, kann ich die Hoffnungen nicht mehr theilen, die du
-darauf zu bauen scheinst. Wer ist dir denn gut dafür, daß dieses Stück
-auch anderswo so gefällt wie da, wo die Mitarbeiterin darin gespielt
-und natürlich ihre Freunde und Verehrer hat? Wer ist dir gut dafür,
-daß man es an andern Orten, wo keine Gönner helfen, auch nur gibt?
-Und wenn es gegeben würde und gefiele, wer verbürgt dir, daß deine
-neuen Arbeiten eben den Beifall erhalten wie diese, die unter so
-besondern Verhältnissen entstanden ist? Ein Theaterstück, das hier
-und dort wohl aufgenommen wird, gründet noch nicht die Existenz eines
-einzelnen Mannes, geschweige denn einer Familie. Ich habe darüber im
-Hause meines Bräutigams von einem Schriftsteller, der in diesen Dingen
-bewandert ist, Aufklärungen erhalten, die mich in meinem Entschluß
-nur bestärken konnten. Darum will ich dir aber jetzt das Herz nicht
-schwer machen. Es ist möglich, daß dir von nun an Alles über Erwarten
-gelingt, und niemand kann es inniger wünschen als ich. Aber ich, in
-meinen Verhältnissen, konnte an diese Möglichkeit -- noch dazu in einer
-Zeit, wo sie eine höchst entfernte war -- nicht das Schicksal meines
-ganzen Lebens knüpfen, während von anderer Seite mir und meinen Eltern
-das gesichertste, ehrenvollste Loos und ein Wirkungskreis geboten war,
-wie ich ihn mir immer gewünscht habe.«
-
-Heinrich stand mit bebender Lippe. »Richtig!« entgegnete er; »richtig
--- und abscheulich!« -- Auguste sah ihn an wie eine Verletzte. -- »Du
-hast sehr einsichtsvoll gehandelt!« fuhr jener fort; »als ein wahres
-Muster von Ueberlegung und praktischem Verstand! Aber von Gemüth und
-von Würde der Gesinnung erblick' ich keine Spur in deinem Verhalten!
-Wenn diese Gründe gelten, dann kann man jede Treue brechen; denn
-immer kann man sagen: ich habe zwar eine heilige Zusage gegeben und
-unwandelbare Treue hoffen lassen; aber dort bietet sich mehr Vortheil,
-mehr Sicherheit, man lebt nur Einmal und muß vernünftig seyn, also laßt
-uns absagen und unser Lebensglück begründen!«
-
-»Heinrich!« rief das Mädchen, gegen diese Auslegung sich wehrend, in
-einem Tone zugleich der Scham und der Entrüstung. -- »Geh,« rief
-dieser, »du kennst die Liebe nicht! Die Liebe ist eine Flamme, die mit
-wunderbarer Gewalt auflodert und über alle Rücksichten hinweggeht. Die
-Liebe =will= keine Sicherheit, sie will das Wagniß und die Gefahr,
-und freut sich ihrer! Denn nur der Gefahr und dem Unglauben der Welt
-gegenüber kann sie zeigen, was in ihr und an ihr ist! Nur in der
-Selbstaufgebung und im Opfer genügt sie sich! Die Liebe scheut nicht
-zurück vor dem Gedanken des Leides, ja nicht des Untergangs! Die Liebe
-hofft Alles und geht Hand in Hand mit dem Glauben; aber sie ist auch
-bereit, Alles zu dulden, weil sie weiß, daß jedem zeitlichen Verlust
-ewiger Ersatz wird! Geh hin und stelle dich zu deines Gleichen! Du
-verlierst mehr, als du gewinnst! Ein einziger Augenblick einer edeln
-Seele, die göttlich denkt und handelt, ist mehr werth als ein ganzes
-Leben solcher verständigen, klugen, herzlosen Figuren! Ich habe mich
-getäuscht, ja; aber nicht über mich und mein Talent; denn in mir glüht
-eine Flamme, die nie verlöschen und nur immer heller aufleuchten
-wird! Ueber dich hab' ich mich getäuscht und über deine Gesinnung! In
-dir hab' ich eine Göttin erblickt und als eine Göttin hab' ich dich
-gefeiert, und sehe nun, daß du nichts bist, als ein Weib, und zwar ein
-gewöhnliches Weib, mit all dem trivialen Verstand und dem offenen Auge
-für den Vortheil! Meinethalb! Ich bin beschämt und muß es tragen! Ich
-bin verschmäht und weggeworfen, und soll meine Schmach nun auch noch
-für Recht erkennen und der Verächterin meinen Beifall zollen! Doch,
-Gott sey Dank, es gibt noch Seelen in der Welt, die lieben und liebend
-wagen und opfern! Es gibt noch Seelen, die mir anhängen mit einer Liebe
-und Treue, die nichts wankend machen kann! Fort, fort zu ihnen! fort zu
-meinen Eltern! fort an das Herz der Mutter, die alles empfangen soll,
-was du verschmähst, und die es mit Freuden empfangen wird! -- O,« fuhr
-er mit Thränen in den Augen fort, »der Boden brennt mir unter den Füßen
--- nie, nie werd' ich dieses Haus mehr betreten!«
-
-»Heinrich!« rief Auguste erschüttert, mit schmerzlichem Bedauern in dem
-glühenden Gesicht. Aber dieser war fertig. »Fahr wohl!« rief er mit
-einem Stolz, der sein Gesicht leuchten machte; »fahr wohl für diese
-Welt! Sey glücklich, wie du es vermagst, und vergiß, daß meine Liebe
-jemals dir gehört hat! Sie war die Tochter des gröbsten Irrthums, ich
-bereue sie -- und sie ist dahin für immer!«
-
-In größter Aufregung, aber dennoch mit stolz gemessenen Schritten
-verließ er Zimmer und Haus. Auguste, sich fassend und wieder
-aufrichtend, sah auf die offene Thüre. »Er stürmt fort,« sagte sie zu
-sich selbst, »mit Verachtung im Herzen! Aber es ist mir doch lieb,
-daß ich ihn noch gesprochen habe. Er hat meine Gründe gehört, und
-wie schlecht sie ihm jetzt vorkommen mögen, wenn er meinen Entschluß
-ruhiger bedenkt, wird er mich und sich selbst besser beurtheilen. Ich
-hab' doch recht gethan, mich nicht für mein Leben an ihn zu fesseln.
-Das erkenn' ich jetzt mehr als jemals. Und,« setzte sie mit einem
-Ausdruck voll Selbstgefühl hinzu, »wie verächtlich mein Loos ihm
-erscheinen mag, ich nehm' es an.« --
-
-Heinrich ging rasch in den Gasthof zurück, eilte auf sein Zimmer
-und schloß sich ein. Es war Zeit. Sein Herz war unendlich gedrückt,
-von einem Strom der bittersten Empfindung durchfluthet, und Thränen
-stürzten ihm aus den Augen, Thränen der Scham, des Wehs und des Zorns.
-»Welch ein Verrath!« rief er. »Welch ein Abgrund von Selbstsucht!
-Ist es möglich? Hab' ich mich so völlig getäuscht? Unverzeihlich,
-unverzeihlich! Bei mir war Alles Ernst, hoher, heiliger Ernst, bei ihr
-Alles Schein, Phrase, hohle Phrase! Ewige Schmach für mich! Sie hab'
-ich angesehen und dargestellt als das Ideal des Weibes! leuchtend in
-allen Tugenden, die sie zu haben schien, mit jener diabolischen Magie
-des Weibes zu haben sich anstellte, und die doch keiner ferner waren
-als eben ihr! Doch -- in Gottes Namen! Sey mein Irrthum der gröbste
-gewesen, Liebe hat in mir geirrt und ein großmüthig fühlendes Herz! Mag
-ich der Dumme gewesen seyn, wenn ich nur nicht der Lieblose war! Denn
-der Weltverstand lernt sich, die Liebe nimmermehr, und wo die Liebe
-fehlt, da fehlt das Heil und die Ehre des Menschenthums!«
-
-Schweigend saß er eine Zeitlang. Dann, mit schmerzlichem Ernst nickend,
-fuhr er fort: »Unerhört ist die Kränkung, die ich erfahren habe, und
-ich weiß es, ich werde von dem Gift, das mich peinigt, so schnell
-nicht genesen; aber Etwas bleibt mir, das mich trösten und endlich, so
-Gott will, auch heilen wird: das Herz meiner Eltern, das Herz edler
-Seelen, die mir Antheil bezeigt und mit liebevoll uneigennütziger
-Freundlichkeit und Güte mich gefördert haben.«
-
-Er hielt inne, und während die Thränen in seinen Augen versiegten,
-starrte er für sich hin. Plötzlich fuhr er zusammen. Eine dunkle Röthe
-ergoß sich über seine Wangen, seine Brust arbeitete und die Züge,
-die nur Anklage und Leid ausgedrückt hatten, verriethen auf einmal
-Schuldgefühl, Scham und Sorge.
-
-Mit der Hand über die Stirn fahrend, rief er aus: »Zu meinen Eltern!
-Sie sollen meine Ehre, meine Schmach erfahren! -- Bei ihnen hoffe ich
-Ruhe und, so Gott will, neuen Lebensmuth zu finden!«
-
-
- XI.
-
-Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag war schön, und der
-schmerzlich Beraubte, aber der Entsagung Fähige hatte, in der
-offnen Chaise, die er für sich genommen, allein durch Feld und Wald
-hinrollend, wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen steigend in die
-sonnige Höhe -- die frohen, frischen Klänge, die ihn von allen Seiten
-umtönten, übten auf das gedrückte Herz eine freundliche Wirkung. Je
-weiter er von der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fühlte er
-sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden Schimpf erfahren:
-die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet, schienen mit ihr zu
-vergehen, und das stechende Leid milderte sich zu linder Trauer.
-
-Als er der Heimath sich näherte, sprachen ihn die Landschaftsbilder
-wohlthuender an, und die Poesie der Knabenjahre, der ersten Ausflüge,
-deren er sich hier erinnern mußte, legte sich ihm balsamisch an die
-Seele. Die Liebe, der er entgegenging, beglückte und rührte ihn in
-der bloßen Vorstellung, und tief empfand er die heilige Festigkeit
-des Bandes, das Eltern und Kind verknüpft. Die peinliche Erfahrung
-hatte ihn selbst wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hülfe suchte
-bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand angewiesen;
-und diesem Trost, wie sehnte er sich ihm entgegen! Als nun aber das
-Städtchen selbst hervortrat, da gingen schmerzlich erregte Gefühle
-durch die wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Geständnisses, vor
-dem Unmuth und dem Schmerz der mitbeleidigten Eltern, und er mußte
-alle Kraft zusammennehmen, um endlich mit gefaßter Miene vor sie zu
-treten.
-
-Die ersten zärtlichen Begrüßungen und Umarmungen belehrten ihn, daß
-ein Geständniß nicht mehr nöthig sey. Die Untreue der Geliebten war
-im Orte schon bekannt, und das Benehmen des Mädchens wurde namentlich
-von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich vernahm aus dem
-Munde der guten Frau Bedauern, Anklagen und Glückwünsche nacheinander,
-während der Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte.
-Er sah aber auch, wie die Freude über den öffentlichen Erfolg und den
-beginnenden Ruhm des Sohnes den Verdruß über die erlittene Kränkung in
-Beiden überwog, und fühlte mit tiefer Beruhigung, daß er sich mit ihnen
-verständigen konnte. Wie wohl that ihm das! Gerührt sah er in die guten
-Augen, aus denen die treueste Liebe glänzte.
-
-Er wollte sich entstricken von den Erschütterungen der letzten Tage,
-zu dem neuen Leben in möglichster Einsamkeit sich vorbereiten, und
-mit heimlichen, wenn auch melancholischen Empfindungen richtete er
-sich in dem Stübchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen pflegte
--- still, abgelegen, mit der Aussicht auf den Garten, für ihn ein
-erinnerungsreicher Boden und ganz geeignet zum Rückgang in frühere
-Zeiten, zum Ueberdenken des Erlebten und zum Ausreifen neuer
-Entschließungen. -- --
-
-Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit den Seinen und
-mit den guten Freunden, deren er in dem Geburtsorte besaß, näher zu
-schildern. Auch die letztern nahmen lebhaft Partei für ihn, und manche
-scharfe Bemerkung fiel über das weibliche Geschlecht überhaupt, wogegen
-aber eben der Geschädigte zu protestiren pflegte.
-
-Er genas, wenn auch langsam und ohne den fröhlichen Sinn und schönen
-Muth früherer Tage wiederzufinden. Zuweilen sprach er sich über Auguste
-und ihr Verhalten in einer Art aus, daß man schließen mußte, er sehe
-in der Lösung des Bandes ein für ihn unter allen Umständen günstiges
-Geschick. Dann erblickte man ihn aber doch wieder in Aufregung,
-Verwirrung und Betrübniß. Die Mutter, die am innigsten mit ihm fühlte,
-tröstete ihn in solchen Momenten und meinte: er werde schon die Rechte
-noch finden! Wenn er dann eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte
-sie nicht mit erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen
-sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trösterin mit Ernst:
-»Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich, der findet nicht leicht den
-Muth zu einer neuen Unternehmung. Wenn man einem Scheinbild nachjagt,
-sieht man sich am Ende nicht nur getäuscht, man hat vielleicht gerade
-das wahre Glück, das man erlangen konnte, thöricht versäumt und auf
-immer verloren! -- Nun,« setzte er mit leisem Lächeln hinzu, »immer
-bleibt mir ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe -- und die
-mir nie untreu werden wird!« -- »Das schon,« erwiederte die Gute. »Aber
-das ist nicht genug! Für dich nicht, und für mich auch nicht!«
-
-Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Eröffnung zu machen.
-Er gab sich den Gefühlen hin, die sich in ihm erzeugten, rechnete mit
-sich selbst und lebte ein Leben stiller Erwägungen.
-
-Ungefähr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er an den ihm so
-freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt einen Brief, der uns den
-besten Blick in den Zustand seines Herzens thun läßt. Er hatte nicht
-die Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern wie gelehrten
-Schulmann noch zu besuchen; aber durch die Nachricht, die ihm Hanna
-mitgetheilt, war die Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so
-vermehrt worden, daß es ihm jetzt eine wahre Genugthuung verschaffte,
-gegen ihn mit aller Offenheit sich auszusprechen. Die Hauptstellen
-lauteten:
-
-»Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen Sterblichen machen und
-immer wieder machen. In gewissen Dingen werden wir nicht nur nicht
-durch den Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch unsern
-eigenen. Immer wieder täuschen wir uns -- weil der Trug so lieblich
-ist und ein tiefes, glühendes Verlangen der Seele stillt!
-
-Wie viel ist über die Liebe gesagt und gesungen! -- und noch immer
-ist nicht recht in's Licht gesetzt, daß es zweierlei Liebe, zwei
-grundverschiedene Arten von Liebe gibt. Unterschieden sind sie wohl;
-aber nicht mit völliger Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die
-eine ist reizender, bestrickender gemalt wie die andere; und wenn
-diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fühlt man aus
-dem Bilde das Pflichtgefühl des Malers, nicht die reine, selige
-Begeisterung heraus. Was er erhöhen wollte, fand nicht auch die wahre
-höhere Schönheit und muß dem Zauber weichen, der unwillkürlich in die
-Spiegelung des Geringern gekommen ist.
-
-Wir lieben am Weib die äußere Erscheinung, den Schein -- und der
-Schein trügt. Es gibt eine Schönheit des Leibes, der keineswegs eine
-Schönheit der Seele entsprechen muß. Die Seele hat wohl eine Fähigkeit
-zur Schönheit, aber nicht so viel, daß sie schön seyn, sondern nur,
-daß sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schön thun kann. Auch
-die Seele ist also mehr zum Schein als zum Seyn ausgestattet, und mit
-dem Schein täuscht sie uns; sie erscheint uns so, daß wir uns selber
-täuschen, indem wir das bloße So-Thun für Seyn und Wahrheit nehmen, und
-nun triumphiren, als ob wir die schönste Wahrheit selber gefunden.
-
-Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden Muth blicken die
-leuchtenden Augen und strahlt das erröthete Angesicht! Aber im
-Innersten lebt das klare, kalte, berechnende Ich, das frei ist
-gegen die Affecte und sich vorbehält, diese zu bestätigen oder
-zurückzunehmen, je nach Befund. Davon merken wir aber nichts, wir
-von dem schönen Doppelschein Betrogenen! Was uns so außerordentlich
-hold anspricht, das muß nothwendig wahr seyn! Die Liebe, die mit so
-wunderbarem Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglüht, kann
-nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere Liebe mit doppelter und
-dreifacher Macht, in dankbarer Rührung schmelzen wir und durch keine
-Verherrlichung glauben wir der Bewunderten genugthun zu können. Was wir
-an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu denken vermögen, sehen wir
-in ihr -- tragen es über in sie und sehen es wirklich und gewöhnen uns
-daran: das Weib steht als eine Göttin vor uns, an der alle Wandelung
-des Lebens nur ein Schönerwerden seyn kann!
-
-Was haben wir für Mittel gegen diese vereinten Täuschungen? Gegen
-die Magie, die wir wollen und miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es
-gibt nur Ein wirksames: die Enttäuschung durch die That, -- durch den
-thatsächlichen Schaden, den thatsächlichen Schimpf und das Herzeleid!
--- --
-
-Dichterische Seelen dürfen doch vielleicht auf Entschuldigung rechnen,
-wenn sie der Blendung erliegen! -- Der Dichter muß gut seyn, er
-muß Glauben und Liebe haben; denn er soll in Schönheit führen und
-idealisiren Alles, was er sieht, -- und dazu muß er schon Alles
-liebevoll und schön sehen. Der Dichter treibt nur sein Metier, wenn er
-verschönert und gläubig preist und liebevoll verherrlicht; darum ist
-er auch so sicher dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der
-hinter den Blumen der äußeren Lieblichkeit die Schlange der Selbstsucht
-wahrnimmt. Ihm muß der wirkliche Sachverhalt unerbittlich _ad oculos_
-demonstrirt werden, sollen es nicht länger Augen seyn, die sehen
-ohne zu sehen! -- Aber auch dann -- der Zauber, an dem er so lange
-gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen Glücks umgaukeln
-den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten; der schöne Schein glänzt in
-unwiderstehlichen Reizen, und tiefstes Leid erfüllt seine Seele, daß
-er verlieren soll, was er zu höchster Seligkeit erlangen wollte und in
-entzückenden Träumen schon als erlangt sich vorgespiegelt hat! -- --
-
-Doch, verehrter Freund, hier thu' ich mir selber Unrecht. Regungen
-dieser Art hab' ich freilich; aber doch nur selten, und ich verstehe
-ihnen zu antworten und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre
-Schönheit, die Schönheit der Seele leuchtet mir in siegendem Glanz;
-ich sehe sie immer schöner, und ihr heiliger Zauber entkräftet den
-unheiligen, der die Schwäche bestrickt hat. Wenn sie vor mir lebendig
-wird, dann erbleichen die Farben der täuschenden Erscheinung und diese
-gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mißtöniges Licht, das die letzten
-Sympathien im Herzen tilgt.
-
-Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was gibt es Holderes als
-die Güte, die darnach trachtet, daß sie Freude mache und Hülfe leiste,
-und die keinen andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglückten?
-Was gibt es Schöneres und Rührenderes, als die Großmuth, die sich
-selber beraubt, um Andere zu bereichern? Was gibt es Himmlischeres,
-als den Blick aus dem Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Güte,
-Großmuth ist? O, neben diesem Blick erscheint der süßeste, dessen die
-Sirene in Momenten der Rührung fähig ist, oberflächlich und machtlos!
-Dort nur sehen wir in den Himmel, in heilig holdes Leben; wir fühlen
-uns unendlich heimlich und gesichert, unser Gefühl beglückt uns nicht
-nur, es erhöht und weiht uns, und nicht nur selig, sondern mit der
-Besten selber gut und edel geworden erblicken wir die Gestalt und
-Alles, Alles an ihr in dem Licht ewiger Schönheit!
-
-Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey Dank, es gibt noch
-solche! Es ist keine poetische Täuschung, wenn wir von Frauen reden,
-die Engel sind! Sie wandeln auf Erden, diese schönen Wesen, sie
-erweisen sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach thatsächlichem
-Erweis ihre himmlische Güte noch bezweifeln könnte!
-
-Die That und die Bewährung durch die That, daran erkennt man sie. Denn
-sie geben sich nicht immer das Ansehen ihres innern Wesens und lieben
-es nicht selten, den Adel ihres Denkens und Fühlens hinter Scherz und
-Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden; aber es gibt
-auch heitere, die sich in lieblicher Laune gefallen und deren gütige
-Seele, wenn sie sich offenbart, nur um so rührender erscheint.
-
-Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war, von dem Schein getäuscht
-und betrogen zu werden. Hab' ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens
-unwerth gemacht, so muß ich's dulden. Aber Ein Vortheil -- Ein Ersatz
-ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schönheit erkennen lernen
-auf Grund der falschen, und mein Herz lodert in Liebe zu Dem, was ewig
-liebenswerth ist.«
-
-Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn das Antwortschreiben:
-
- _»Aequam memento rebus in arduis
- Sevare mentem!_
-
-Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf' ich Ihnen zu, damit
-Sie ihn beherzigen, wie's noth thut! Aus Ihrem freundlichen und
-dichterischen Brief hab' ich zu meiner großen Beruhigung ersehen, daß
-Sie sich über den Verlust der schönen Werthlieb fast schon getröstet
-haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es dahin, daß Sie sich zu diesem
-Ende Glück wünschen. Sie hat uns Alle getäuscht, und auch ich hab'
-mich zu schämen, daß ich sie, weil sie schön war und in ihrer stolzen
-Ruhe etwas Klassisches hatte, für gut gehalten. Ja, ja, der Mammon! --
-Mir will vorkommen, als ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen
-wäre, als gerade in unsern Tagen! Alles hält man jetzt für unsicher,
-nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der Menschen, als Geld und
-Gut. Man stellt sich vor, was man Alles dafür haben kann, und trachtet
-immer nach mehr, ohne zu bedenken, daß man doch nur äußere Dinge dafür
-eintauscht, welche sehr häufig auch schädlich sind, und daß man oft
-nicht nur die Tugend, sondern auch die edelsten Freuden dafür hingibt.
-Aber das sind _nugae_ für die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller
-Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums so schön und
-überzeugend gelehrt haben: daß das wahre Glück in der Tugend bestehe,
-damit kann man heutzutag nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will
-die Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem Wege, der aus
-der Bildung heraus in die Rohheit führt, endlich Halt machen und zur
-Vernunft und edlen menschlichen Denkart umkehren?
-
-Thätigkeit, Maß und gute Laune, das erhält uns jung, es verschafft
-uns den Boden in der Welt, den wir brauchen, und verheißt uns ein
-glückliches Alter. Mit großer Freude hab' ich von Ihrem guten Erfolg
-auf der Bühne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke gekommen, und
-das beweist mir, daß das Drama das Fach ist, auf das Sie mit Ihrem
-Talent vorzüglich angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versäumen Sie
-dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen und Römer! Sie
-wissen, ich bin kein Pedant und setze die Alten nicht unbedingt über
-die Neuern, weil ich in ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden
-aus ihnen schöpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus ihnen; und mich
-will bedünken, als ob man sie gegenwärtig besonders auch zum Vortheil
-der dramatischen Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden im
-Drama, wie mir scheint, -- man bringt zuviel Stoff und verliert über
-den Effecten den Effect. Ein Streben nach größerer Concentration und
-Harmonie thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo finden sie
-da herrlichere Muster, als es die großen Tragiker der alten Griechen
-sind, deren einer jetzt sogar wieder von unsern Bühnen herab die Herzen
-erschüttert?
-
-Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium der Alten noch ganz
-besonders ersprießlich seyn; denn Sie -- nehmen Sie mir's nicht übel!
--- verrathen noch immer zu viel Ueberschwänglichkeit! Die Vergötterung
-eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen; und nun scheinen Sie
-mir doch wieder nach einer andern Seite hin vergöttern zu wollen,
-phantasiren sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr, sich
-eine neue Enttäuschung zu bereiten. Freilich gibt es engelgute Frauen;
-aber auch diese bleiben immer menschliche Wesen mit verschiedenen
-menschlichen Eigenschaften, die mit dem Engelsideal oft gar sehr in
-Widerspruch treten. Man muß sich das zuvor sagen und natürlich-gesunden
-Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn man nicht Beschämung und Verdruß
-erleben will.
-
-Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber Poeta! Es gibt gute,
-brave, wohlgezogene Mädchen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie eine
-solche finden und mit ihr des Lebens froh werden mögen. Vielleicht
-schwebt Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines wünsche?
-Sind Sie der Hauptsache gewiß, dann sehen Sie nur frisch über alles
-Andere hinweg und gründen Sie mit Besonnenheit ihr Glück im Ehestand!
-Denn dafür, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich sage Ihnen:
-Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen von der Schönen, die so
-unwürdig gegen Sie gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern
-werden. Ein Engel, den Sie nur träumen, wird Sie nicht frei machen
-gegen die, welche denn doch immer noch lebendig da ist, sondern nur
-ein gutes braves Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten läßt. --
-Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn etwas eintrifft, das
-mir Freude machen kann, vergessen Sie nicht, es mir zu melden, sondern
-denken Sie auch im Glück an mich!« --
-
-Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin, die tröstende
-Wirkung zu empfinden, die herzlicher Antheil, mit wackerm Humor
-ausgesprochen, immer auf uns übt. Zuletzt schüttelte er aber doch
-melancholisch den Kopf. »Uebertriebene Vorstellungen?« sagte er zu
-sich; -- »phantastische Ansprüche? -- Wenn es nur das wäre!«
-
-Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner Brust. »O
-Verblendung,« rief er aus. »Stumpfsinn des Träumers, worüber kannst du
-hinwegsehen! -- -- Aber Geschehenes ist nicht zu ändern. Ich muß einen
-neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen! Meine Eltern sollen
-mich hören, und das heute noch!«
-
-
- XII.
-
-Vierzehn Tage waren hingegangen, seitdem Rosa von der Intendanz die
-ehrende Aufforderung erhalten. Die Vorstellung des Dramas, in welchem
-sie die Hauptrolle geben sollte, hatte stattgefunden und sie darin
-eine Kraft, Leidenschaft und Kunst entwickelt, daß die Kenner mit
-Staunen folgten und das Publikum den aufgeregtesten Beifall spendete.
-Der Sieg war vollkommen und bildete denn auch andern Tags den
-Hauptgegenstand der Unterhaltung in den feineren Kreisen der Stadt.
-
-Rosa, indem sie den früher schon gelungenen Versuch in überraschender
-Vollendung wiederholte, hatte ihre Begabung für die höhere Sphäre
-der strengsten Kritik dargethan. Die Verwandlung ihres Herzens und
-Willens im Bunde mit der angesammelten Erfahrung hatte neue Fähigkeiten
-in ihr zu Tage gebracht und nicht nur ihrer Gestalt und Miene einen
-edleren, heroischeren Ausdruck, ihrem Spiel mehr Feuer, Innigkeit und
-Schwung verliehen, sondern auch ihre Stimme umfangreicher und tönender
-erscheinen lassen. So wahr ist es, daß die physischen Mittel abhängen
-vom Geist, ein erhöhtes Wollen auch sie erhöhen und die unzureichend
-scheinenden zureichend machen kann.
-
-Es war der Künstlerin doch eine große Genugthuung. Ein süßes Gefühl der
-Macht durchdrang sie, und am Abend während der Vorstellung, am andern
-Tag bei Besuchen glückwünschender Verehrer empfand sie die reinste
-Freude. Sie hatte sich's ausgedacht, alle ihre Kräfte aufgerufen und
-zusammengenommen und das Bild ihrer Seele auf der Scene verwirklichen
-wollen; aber wer stand ihr gut dafür, daß sie es auch konnte? Nun
-mußte sie dem Beifall der Zuschauer, der allgemeinen Stimme glauben und
-durfte die Leistung für gelungen halten.
-
-Nach und nach sank die bewegte Fluth, Ruhe kam in ihr Herz und die
-Befriedigung ihrer Seele gewann einen Charakter des Ernstes, von dem
-sich eine stille Melancholie nicht abhalten ließ. Die Grundempfindung
-war doch eine beglückende. Die innere Vertiefung wurde von ihr als ein
-Zuwachs ihres Wesens, als dauernder Gewinn empfunden.
-
-Als sie am dritten Morgen aus ihrem Stübchen in's Zimmer trat, fand sie
-die Mutter eifrig lesend. Verschiedene Zeitungen waren eingegangen, die
-sämmtlich das Lob der Tochter verkündeten, und die gute Frau schwelgte
-eben in einem wahren Hymnus, in den sich die gefürchtete Feder Emil
-Schilfs ergossen hatte. Dieser Gute konnte, wenn nicht höhere Motive
-entgegen traten, eben so tapfer preisen wie schmähen, und dießmal,
-von dem Spiel Rosas bezwungen, hatte er sein Feuilletongenie in einem
-Panegyrikus blitzen lassen, daß die Mutter Edelsteine und Perlen zu
-lesen glaubte. Mit leuchtenden Augen ging sie auf die Tochter zu,
-meldete ihr die Vollendung des Triumphs durch die Presse und küßte sie
-unter Thränen der Freude. Sie war über den Erfolg noch glücklicher,
-jedenfalls stolzer als Rosa, und ihre Mienen hatten zugleich etwas
-Geheimnißvolles, als ob aus dem umgedrehten Füllhorn noch eine Spendung
-zu erwarten wäre.
-
-Zunächst beschäftigte sie ein anderer Gedanke. Nach einem Moment des
-Besinnens ernst geworden, faßte sie die Hand der Tochter und sagte:
-»Du hast Alles erreicht. Du hast gezeigt, daß du eine Künstlerin bist;
-die schärfsten Kritiker setzen dich schon den berühmtesten Namen an
-die Seite. Schau nun aufwärts, mein Kind! Widerstehe deiner Schwäche!
-Bezwing' eine Leidenschaft, die an deinem Herzen zehrt! Vergiß ihn, der
-ohne Zweifel dich vergessen hat!«
-
-Rosa hatte ernsthaft gehorcht. Bei den letzten Worten, ungläubig oder
-gegen den Gedanken sich wehrend, schüttelte sie den Kopf. -- »Wie!«
-rief jene, mit einem Anflug von Unmuth; »du zweifelst noch? Kommt er
-auch nur dazu, uns, die wir Alles für ihn gethan haben, ein paar Zeilen
-zu schreiben? Er denkt nicht an dich! Er lebt seiner Braut -- oder
-seiner Frau. Er ist aufgegangen in seinem Glück -- und wem verdankt
-er's?«
-
-»Du bist ungerecht, Mutter,« entgegnete die Tochter mit dem Humor
-eines melancholischen Herzens. »Wem verdanke denn ich mein Glück? --
-wem verdank' ich den Triumph, den ich gefeiert habe? Offenbar Ihm, wie
-du selber zugeben mußt, seiner Liebenswürdigkeit -- was mir nämlich
-so vorkam -- und seiner Lieblosigkeit! Beide mußten zusammen kommen,
-um mich zu der Schauspielerin zu machen, die nun vom Publikum und den
-Journalen gefeiert wird. Gestehen wir's uns jetzt,« fuhr sie nach
-einem Moment fort, indem sie ihr launig in's Auge sah, »ich war in der
-That ein oberflächliches Ding. Possen zu machen war meine Kunst und
-mein Bestreben. Die Soubrettenrollen hatten mir nach und nach eine
-Frivolität beigebracht, daß mir der ehrlichste Ernst bereits anfing
-pretentiös zu erscheinen. Ich war leichtfertig und kalt -- ja, auch
-kalt! In den besten Momenten war's doch nur soso, und nicht das Rechte.
-Nun ist Alles anders geworden, und wenn ich wieder eine Rolle von der
-lustigen Gattung bekomme, werde ich auch diese feiner und schöner
-spielen. Es war eine Schickung,« fuhr sie mit einem unterdrückten
-Seufzer fort, »und der Hauptvortheil ist auf meiner Seite. Also keinen
-Seitenhieb auf ihn -- das bewußtlose Werkzeug meines guten Genius! Laß
-ihn das Glück genießen, das er um mich gar wohl verdient hat! Und wenn
-er uns dabei vergißt -- dem Glücklichen, wie du weißt, schlägt keine
-Stunde.«
-
-Die Mutter schüttelte den Kopf, indem ihre Augen feucht wurden. »Ich
-würde dich,« entgegnete sie, »für das edelste Geschöpf der Welt
-erklären, obwohl du mein Kind bist, wenn ich nicht wüßte, daß die Liebe
-in allen Geschöpfen großmüthig ist. Du sprichst zu seinen Gunsten? Du
-liebst ihn also noch! -- O Welt, o Welt!«
-
-»Was hast du nur dagegen?« versetzte Rosa mit Lächeln. »Wenn die Liebe
-großmüthig und edel macht, dann ist's ja genug, zu lieben und die
-Vortheile davon zu haben. Ist edle Gesinnung nicht die Hauptsache?
-Und wenn zu ihr die bloße Liebe führt, wozu bedarf es da noch des
-Geliebtwerdens?« -- »Geh!« rief die Mutter, halb gerührt, halb
-unwillig, »du bist eine Thörin!« -- »Das edelste Geschöpf,« entgegnete
-Rosa, »eine Thörin?« -- »Allerdings,« versetzte die Mutter, »eine
-Schwärmerin, von der ich sorgen muß, daß sie ihr Lebensglück versäumt,
-indem sie ein unerwiedertes Gefühl wie ein Heiligthum pflegt. Doch,
-ich hoffe, die Zeit wird das Ihre thun. Du bist noch jung, und was du
-dir auch einbilden magst, ehe Monate dahingegangen sind, wird diese
-Leidenschaft dir erscheinen wie ein Traum, über den man lächelt, wenn
-man erwacht. Du wirst die Augen aufmachen und endlich den Mann finden,
-der dich wieder liebt.«
-
-Rosa, mit einer ablehnenden Bewegung, hemmte die Fortsetzung. »Es mag
-seyn,« erwiederte sie nach einem Moment. »Bis jetzt hab' ich aber
-nichts dergleichen im Sinn und das Träumen ist mir noch lieber als das
-Wachen. Lassen wir's und erwarten wir alles Uebrige von der Zeit! Ich
-bin wirklich zufrieden; ich habe meine Plane als Schauspielerin und
-will die gute Gelegenheit benutzen, um noch einige Rollen zu spielen
-wie die so gut gelungene und so viel gepriesene. Ich werde sie bekommen
--- was will ich mehr?«
-
-Die Mutter nickte und schwieg. Sie trat auf die Seite, machte sich
-an einem Schrank etwas zu thun und betrachtete dann die nachdenklich
-Dastehende mit einer eigenthümlichen Mischung von Trauer und Hoffnung,
-als plötzlich die Klingel ertönte und nach einigen Sekunden die Köchin
-mit einem Brief erschien »an die gnädige Frau.« Diese erbrach ihn, las
-und ihre Wangen rötheten sich; mit Mühe hielt sie eine triumphirende
-Empfindung nieder, die sich auf ihrem Gesicht ausdrücken wollte, und
-sagte zu Rosa mit Lächeln: »Ich muß ausgehen! Studire derweil die
-Blätter.« -- »Wohin gehst du?« fragte Rosa. -- »Vorderhand,« erwiederte
-die Frau, »bleibt das mein Geheimniß.« -- »Ah!« rief jene, »du hast
-Geheimnisse vor mir? Das ist etwas Neues!«
-
-Mit einem liebevollen Blick entgegnete die Mutter: »Nicht gegen dich,
-mein Kind, wie du dir denken kannst, sondern für dich! Für dein Glück
--- dein wahres Glück --« -- »Nun,« versetzte Rosa mit einem Aufschauen
-des Argwohns, »ich hoffe nicht --« -- »Keine Sorge!« unterbrach sie
-die Frau kopfschüttelnd. »Deine Freiheit soll dabei nicht angetastet
-werden.« -- »Dann,« erwiederte jene, »thue, was du vorhast, und mögen
-deine Bemühungen gesegnet seyn!«
-
-Die Mutter verließ die Stube. Rosa trat zu dem runden Tisch, nahm
-eine Zeitung und las. Ihre Züge erhellten sich. »Es thut doch wohl,
-ausgezeichnet zu werden,« sagte sie endlich; »zumal von einem, dem
-sonst nichts gut genug ist und der lieber verwundet -- um seinem Namen
-Ehre zu machen. Sonderbare Menschen! Die besten können die schlimmsten
-und die schlimmsten die besten werden! Sogar auf die Bosheit kann man
-sich heutzutag nicht mehr verlassen!«
-
-Sie ergriff ein anderes Blatt, und schon die ersten Zeilen entrissen
-ihr einen Ausruf der Verwunderung. Es war der Preisgesang von Schilf,
-der mit seinen humoristisch-pathetischen Sprüngen auf die klare Seele
-der Gefeierten nur einen sonderbaren Eindruck machen konnte, aber sie
-doch erheiterte und vergnügte. Sie schüttelte den Kopf und lächelte.
-»Welche Bekehrung!« rief sie zuletzt; »und was ist gegenwärtig nicht
-Alles möglich!«
-
-Das Blatt weglegend, als ob sie von Lob gesättigt wäre, suchte sie
-unbewußt die Bank in der Laube auf. Ihr Herz verlangte zu träumen und
-gewissen Gedanken sich hinzugeben. Eine Rede der Mutter hatte sie
-getroffen. »Es ist in der That auffallend,« sagte sie sich, »daß er
-nicht einmal schreibt -- einige wenige Zeilen schreibt! -- Hat er uns
-wirklich vergessen im Hause der Braut -- oder der Frau? Undankbar
-ist er doch sonst nicht gewesen; im Gegentheil, er konnte mit seinen
-Danksagungen ordentlich zur Last fallen. Aber allerdings,« fuhr sie mit
-einem traurigen Lächeln fort, »aus den Augen, aus dem Sinn, das ist ein
-bewährter Spruch. Das Glück entrückt den Geist, und das Erste, was wir
-dabei vergessen, ist die Pflicht, die leidige Pflicht.« Innehaltend
-schaute sie vor sich hin. Dann sagte sie: »Oder wär's doch anders?
-Hätte ihn das Glück vielmehr belehrt und ihm die Augen geöffnet über
-mich und meine Gefühle? Hätte er hinterdrein erkannt, daß ich ihn
-liebe, leidenschaftlich liebe, und wollte er mir durch eine Schilderung
-seliger Tage nur nicht wehe thun? Möglich auch das! und das stimmt mehr
-zu seinem Charakter!«
-
-Sie schwieg und schien sich in eine Vorstellung zu vertiefen. Auf
-einmal erhob sie den Kopf und rief: »Sachte, Phantasie! Nach Glück
-ausschauen heißt sich Unglück holen! Machen wir aus der Noth eine
-Tugend,« fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. »Gönnen wir jener
-ihr Glück und befassen wir uns mit der vielgerühmten Entsagung! Am Ende
-bleibt mir mein Geist -- wie ich hoffe, auch mein Humor -- und die
-Kunst, das göttliche Gefäß, in das ich mein Herz, wenn es zu voll und
-zu schwer geworden, immer wieder ausströmen kann.«
-
-Sie stand auf und sah auf die Thüre. Ein Verlangen, die Mutter zu
-sehen, erhob sich in ihr -- eine Neugier, was sie vorhaben möge. Auf
-einmal ertönte die Klingel, von kräftiger Hand gezogen. War das nicht
-ein Klingeln, wie --? Ohne zu wissen, was sie that, mit schauerndem
-Herzen, ging sie zur Thüre und öffnete sie, während die Magd eben die
-äußere aufmachte. Ein Schrei der Ueberraschung entfuhr ihr. »Heinrich
-Born!« rief sie. »Sie kommen selbst?« -- Heinrich, der eingetreten
-und auf den Ruf still gestanden war, grüßte mit einem Ernst, den man
-feierlich nennen konnte, ging in's Zimmer und gab ihr die Hand.
-
-Rosa, nach der Ueberzeugung, die sie haben mußte, erkannte die
-Nothwendigkeit, ihn als liebende Freundin, als Schwester zu empfangen;
-sie raffte all ihre Kraft zusammen, und ihr Herz, wie mächtig es
-klopfte, fügte sich. »Nun,« fragte sie mit gutmüthigem Lächeln, »Sie
-sind glücklich? Haben Alles nach Wunsch getroffen, und -- Erzählen Sie
-mir! Sie wissen, welch innigen Antheil ich nehme.«
-
-Heinrich stand betreten, verdüstert. Rosa, vergebens auf eine Antwort
-harrend, fuhr fort: »Was ist Ihnen? Das Glück macht ernst, ich weiß
-es -- Aber Sie haben ein Aussehen -- -- Sind Sie nicht glücklich?«
--- »Nein,« erwiederte Heinrich mit traurigem Ton. -- »Wie!« rief
-das Mädchen. »Sind Sie nicht mit Auguste verheirathet? oder werden
-heirathen?«
-
-»Nein,« rief jener, indem er bitter den Mund verzog. »Das Verhältniß
-ist gelöst. Sie hat für gut gefunden, einen Andern -- einen Reichen
-zu beglücken und wird nächstens --« -- »Ah!« rief die Liebende, jäh
-bestürmt von den widersprechendsten Empfindungen, aber nach einem
-blitzähnlichen Gefühl der Freude doch mit einem Ernst des Bedauerns in
-ihrem Gesicht. »Sie sind betrogen -- und unglücklich?« fuhr sie mit dem
-Tone des Mitleids fort.
-
-»Betrogen und unglücklich -- ja,« versetzte Heinrich; »aber unglücklich
-nicht durch den Betrug, sondern durch die unverantwortliche
-Selbsttäuschung, in der ich befangen und so sicher gewesen bin. Wie
-ist es möglich, daß ein Mensch eine solche Zeit in solcher Verblendung
-lebt? Was kann so einer noch von sich selber erwarten?
-
-Rosa, durch den bittern und traurigen Ton dieser Antwort getroffen
-und irre geführt, sagte mit Ernst: »Der Glaube an eine Liebe, die man
-Ihnen so lang und so gut geheuchelt hat, kann Sie nicht beschimpfen.
-Er verräth nur ein liebendes, treues Herz, das auch Andere der Treue
-fähig hält, und das ehrt Sie und Sie können stolz darauf seyn. Trösten
-Sie sich,« fuhr sie mit Güte fort. »Wenn es nicht der Verlust ist, der
-Sie unglücklich macht, dann fangen Sie nur wieder mit neuem Muth an zu
-leben! Unternehmen Sie eine Arbeit! Sie gehören ja zu den Glücklichen,
-die in ihrer Kunst den Balsam haben für die Wunden der Seele! Und wenn
-es ein Trost für Sie seyn kann, meine -- unsere Freundschaft bleibt
-Ihnen. Wir sind nach wie vor bereit, Ihnen zu dienen und zu helfen, wo
-wir können.«
-
-Die freundlichen Worte hatten auf den Ermahnten einen wohlthuenden und
-rührenden Eindruck gemacht. Er wollte reden; aber plötzlich, wie von
-einem heimlichen Gedanken getroffen, wandte er sich heftig weg. Das
-Mädchen sah ihn erstaunt, bestürzt an. »Was ist Ihnen?« rief sie. »Hab'
-ich etwas gesagt, das Sie beleidigt?« -- »Nein, nein!« rief Heinrich in
-tiefer Erregung. Er schwieg, faßte sich wieder, und sagte mit traurig
-entschiedenem Ton: »Fragen Sie mich nicht! Ueberlassen Sie mich meinem
-Schicksal. Mir ist nicht mehr zu helfen.«
-
-»Also doch!« erwiederte Rosa nach einem Moment des Schweigens, mit
-einem Ausdruck des Mitleids und der Betrübniß. »Sie verzweifeln, und
-können und wollen keinen Trost annehmen! Aber Sie sind ungerecht!
-Wenn Ihnen die Geliebte untreu geworden ist, dürfen Sie deßwegen der
-Freundin untreu werden? Das finde ich nicht schön gehandelt!«
-
-Heinrich, mit sich selber kämpfend, stand ein Raub schmerzlich
-verwirrter Empfindungen. -- »Ermannen Sie sich!« fuhr das Mädchen
-liebevoll mahnend, wie zu einem Kranken fort. »Versuchen Sie, was
-eine neue Beschäftigung und der Umgang mit treuen Freunden vermag! Ich
-weiß wohl,« setzte sie mit einem Schein traurigen Lächelns hinzu, »die
-Freundschaft ist kein Ersatz für verlorene Liebe; aber etwas sollte die
-unsere, die ja nicht von gestern ist, doch vermögen. Wenn nicht das
-Glück, so sollten Sie doch die Ruhe der Seele bei uns wieder finden
-können.«
-
-Heinrich, mit unwillkürlichem Widerspruch, schüttelte den Kopf. »Wie!«
-rief das Mädchen, nicht ohne ein Gefühl der Kränkung ihrerseits; »auch
-das nicht? Sie sind also unheilbar? Sie wollen es seyn?«
-
-Der so wunderbar Verkannte sah sie an. Eine Rührung übermannte ihn, und
-in ihr kam unaufhaltsam ein Schmerzensblick der Liebe aus seinem Auge.
-Obwohl er ihn so schnell als möglich in einen Blick des Bedauerns, der
-Bitte um Vergebung wandelte, so hatte ihn Rosa doch bemerkt und ahnte
-die Wahrheit. Unmöglich war es ihr, von ihrem Antlitz einen Schein
-der Freude, von ihrem Blick ein Leuchten der Liebe zurückzuhalten.
-Aber noch war es nicht gewiß, noch war es nicht ausgesprochen, und sie
-konnte sich irren. Mit ernstem, herzlichem Ton fuhr sie fort: »Ihr
-Benehmen ist sonderbar. Die kränkende Behandlung, die Sie erfahren
-haben, macht Sie nicht unglücklich, sagen Sie? und doch geberden Sie
-sich wie einer, der es ist. Sie geben sich für verloren, unrettbar
-verloren; und wenn man Ihnen Trost einsprechen will in der besten
-Meinung, wenden Sie sich wie beleidigt ab. Sie sind also noch immer
-unglücklich! Warum?«
-
-»Weil -- weil --« rief der Gedrängte, wie einer, der nicht länger
-an sich halten will. Aber als ob ihm die Zunge plötzlich den Dienst
-versagte, schwieg er dennoch. Dann, mit großer Anstrengung den Tumult
-der Seele niederhaltend, erwiederte er: »Mein Fräulein, beste Freundin!
-ich habe Sie nach meiner Rückkehr besuchen und begrüßen wollen; aber
-ich sehe, daß ich in einer unsinnigen Stimmung bin, daß ich mich vor
-Ihnen wie ein Thor benehme, und es ist meine Pflicht, Sie von diesem
-Anblick zu befreien. Ich bin zu Ihnen gekommen mit Vorsätzen, die ich
-nicht halten kann. Vergeben Sie mir, und leben Sie wohl!«
-
-Er wandte sich, um zu gehen; allein Rosa, die jetzt nicht mehr zweifeln
-konnte, erröthend, mit einem Ausdruck um die Lippen, dessen Ernst
-das Entzücken der Seele nur einigermaßen zu dämpfen vermochte, rief:
-»Bleiben Sie! Reden Sie! antworten Sie aufrichtig und ohne Rückhalt!
-Warum?«
-
-»Weil,« rief Heinrich, und stockte noch einmal. Aber nun antwortete
-besser, schöner und rührender ein Blick der Liebe und Verehrung, der
-aus der tiefsten Seele kam, und Thränen, die in seinen Augen glänzten.
-
-»Weil Sie mich lieben!« rief mit leuchtendem Antlitz das Mädchen. »Weil
-Sie mich lieben!« wiederholte sie, »und weil Sie glauben, ich hegte für
-Sie nur Gefühle der Freundschaft! Ist's nicht so?«
-
-»Ja!« rief Heinrich erschüttert. »Ja, weil ich Sie liebe und Ihrer
-nicht werth bin! Das ist der Grund! Und nun strafen Sie mich für meine
-Anmaßung, verschmähen Sie mich!«
-
-Das Mädchen erwiederte süß lächelnd: »Das werd' ich nicht thun, lieber
-Freund! Ich freue mich allzusehr über diese Bekehrung --« -- »Wie,«
-rief Heinrich, »Sie könnten verzeihen?« -- »Ich habe Sie geliebt,«
-erwiederte sie, »vom ersten Tag an, wo ich Sie sah. Bei der ersten
-Begegnung schon regte sich's in meinem Herzen!«
-
-Heinrich, der voll Entzücken gehorcht hatte, faßte sie bei den Händen
-und drückte sie zärtlich. Auf einmal rief er bestürzt: »Himmel! und
-mit dieser Gesinnung haben Sie die Lobpreisungen der Andern gehört?«
--- »Nun,« erwiederte sie, »ich will's Ihnen nur gestehen: das hat mir
-auch wirklich manchmal Kummer gemacht.« -- »Und doch!« rief Heinrich
-ergriffen. »Sie sind das liebenswürdigste und beste Geschöpf, das mir
-auf dieser Welt begegnet ist! Gott sey gepriesen, daß er mich Sie
-finden ließ! -- Und Sie könnten -- Sie wollten die Meine werden?«
-
-Rosa, indem ein seliges Licht ihr Antlitz verklärte, erwiederte: »Da es
-nun doch einmal heraus ist, ja! Und von Herzen gern!«
-
-Nun hatte der Glückliche keine Worte mehr. Er umfing die Geliebte und
-küßte die Lippen, die so lieblich entschieden hatten, mit dem Feuer
-der innigsten Leidenschaft, mit Thränen der Rührung und der Freude.
-Rosa schauerte zusammen. Endlich, endlich fühlte sie die Seligkeit der
-Gegenliebe!
-
-Aus dem Wonnerausch, in den ihr ganzes Wesen getaucht war, sich
-erhebend und den Geliebten mit nassen Augen zärtlich ansehend, rief
-sie: »Wie schön ist Alles gegangen! Ich würde mir nichts nehmen lassen
-von dem, was ich erduldet habe! Zum glücklichen Leben bleibt uns
-noch Zeit genug, und es thut wahrhaftig gut, wenn man vorher etwas
-ausgestanden hat! Wie wird sich die Mutter freuen! -- die Mutter,«
-setzte sie horchend hinzu, »die, wie ich höre, so eben die Thüre
-aufschließt!«
-
-Einen Moment später erschien die gute Frau, und zwar mit großer
-Genugthuung, im Zimmer und wollte eben reden, als sie den Poeten
-erblickte und ihn überrascht ansah. »Doctor Born!« rief sie, »Sie sind
-hier, mit Frau Gemahlin?«
-
-Heinrich schüttelte erröthend, lächelnd den Kopf und ging auf sie zu,
-ihre Hand zu fassen. Rosa, mit anmuthiger Heiterkeit, antwortete für
-ihn: »So gut ist's uns nicht geworden! Man hat sich für einen Andern,
-einen Reichern entschieden; als der Poet kam, war die schöne Hand
-vergeben und die gepriesenen Lippen der Angebeteten wünschten ihm
-glückliche Reise. So ist er nun wieder hier, ein armer Betrogener, mit
-wundem Herzen Trost suchend bei seinen Freunden in der Residenz, welche
-sich dießmal ausnahmsweise etwas herzlicher benommen haben, als die
-Leute draußen im Land, wo die Biederkeit zu Hause ist.«
-
-Die Mutter sah von einem auf's andere, sah die Gesichter glücklich, die
-Augen strahlend von Liebe, und ahnte, wußte die Wahrheit. Rosa nickte
-der gerührt Blickenden zu und sagte: »Du erräthst es, liebe Mutter! Ja,
-er hat sich bekehrt! er liebt mich, liebt mich so schön, wie man's nur
-wünschen kann -- und hat um meine Hand angehalten! Werden wir ihm einen
-Korb geben?«
-
-Die Frau lächelte und schwieg: »Was du thun wirst,« versetzte sie dann,
-»weiß ich nicht. Ich für meine Person hab' einen Korb in Bereitschaft.«
--- »Wie!« rief Heinrich, einen Scherz erkennend, mit heiterer Frage. --
-»Den Korb mit dem Hochzeitsgeschenk,« erläuterte die Gute, indem sie
-ein groß besiegeltes Schreiben hervorzog. -- »Ah!« rief die Tochter
-ahnend, »das ist dein Geheimniß?« -- »Allerdings,« versetzte jene,
-indem sie ihr den Brief übergab. »Dein Erfolg von letzthin hat meine
-Bemühungen unterstützt: du bist aufgerückt und dein Gehalt beinahe
-verdoppelt!«
-
-Rosa öffnete das Schreiben der einsichtsvollen Intendanz, überflog es
-und rief: »Tausend mehr -- das ist stark! -- Aber gut!« setzte sie
-mit einem Blick auf den Poeten hinzu, -- »sehr gut! Wir werden es zu
-brauchen wissen.«
-
-Der Poet nickte erheitert, sagte dann aber: »Ich sehe, du meinst, ich
-selber bringe nichts als meine Lieder und meine Liebe! Erlaube mir,
-daß ich doch noch eine kleine Rente hinzufüge, die meine guten Eltern
-mir ausgeworfen haben -- für den Haushalt.« -- »Wie schön!« rief das
-Mädchen und faßte lächelnd seine Hand.
-
-»Ich will es bekennen,« fuhr Heinrich fort, »ich bin hierher gekommen
-mit einer Liebe, die ich zu verbergen entschlossen war; aber die
-Hoffnung ließ ich mir nicht völlig rauben. Ich wollte schweigen, aber
-schweigend die unendlich Geliebte zu verdienen, zu gewinnen suchen,
-wie lange es dauern mochte. Das hab' ich meinen Eltern gestanden, und
-sie, welche die edelsten Seelen aus meinen Schilderungen kannten, gaben
-mir ihren Segen dazu. »Versuche dein Glück,« sagte die gute Mutter zum
-Abschied; »eine bessere Frau wirst du in der ganzen Welt nicht finden.«
-Und weil es denn doch eine Gnade gibt in der Welt, so hab' ich sie
-gefunden und,« setzte er mit liebendem Blick auf die Mutter hinzu, »zur
-besten Frau die beste Schwiegermutter!«
-
-Diese gab ihm gerührt die Hand und Heinrich umarmte und liebkoste sie
-mit der Zärtlichkeit eines Sohnes. Die drei Glücklichen tauschten
-Reden und Bezeigungen der Liebe, als die Klingel wieder ertönte und
-gleich darauf Männertritte sich hören ließen. Die Thüre ging auf und es
-zeigten sich die beiden Regisseure mit Doctor Willmann.
-
-»Gratulire, gratulire!« rief der Heldenvater, der den Zug eröffnete.
-Als er bei den Damen auch den Poeten erblickte, setzte er überrascht
-hinzu: »Sie schon wieder hier? Und mit einer Miene -- -- was muß ich
-denken?«
-
-Heinrich besann sich kurz, nahm die Geliebte bei der Hand und sagte:
-»Meine Herrn, erlauben Sie mir eine Vorstellung! Rosa Wendling, erste
-Liebhaberin der Hofbühne -- meine Braut!«
-
-Rufe des Staunens und der Freude antworteten auf diese Eröffnung.
-Nachdem Heinrich in der kürzesten Form erklärt hatte, wie es gekommen,
-folgten Glückwünsche unter frohem Beloben und Händeschütteln.
-
-»Nun,« rief Berger dem Poeten zu, »nun sind Sie fertig! Arm in Arm mit
-Ihr werden Sie das Jahrhundert in die Schranken fordern! Sie werden
-Schauspiele schreiben, Lustspiele --« -- »Und Tragödien!« fiel Hallfeld
-ein. -- »Diese letzteren,« fuhr Berger fort, »wenn sie unvermeidlich
-entstehen, werden wir mit dem größten Interesse =lesen=.« -- »Und wenn
-sie gelesen sind und sich erprobt haben -- spielen,« setzte Hallfeld
-hinzu.
-
-Berger sah Willmann an, der angenehm lächelte, und zuckte die Achsel.
-Heinrich versetzte: »Meine Freunde, ich habe Erfahrungen gemacht, die
-mir auch zu dramatischen Arbeiten sehr förderlich seyn werden. Alles,
-was Arbeit heißt, bleibt aber der Zukunft vorbehalten. Zunächst will
-ich glücklich seyn und Hochzeit machen, Hochzeit mit der edelsten und
-liebenswerthesten Braut, wie sie nur je der Glücklichste heimgeführt
-hat -- wozu die Herrn freundlich geladen sind.«
-
-
-
-
- Verlust und Gewinn.
-
-
- I.
-
-Auf der Besitzung des Baron Waldfels, in einem Thal des nordwestlichen
-Theils von Süddeutschland, war in der zweiten Hälfte der zwanziger
-Jahre, an einem Tage, den man sich nicht wohl anders denken kann als
-schön, am Pfingstmontag, eine fröhliche Gesellschaft versammelt. Die
-Witterung war in der That höchst angenehm. Die Sonne, wiederholt durch
-leichte Wölkchen verschleiert, erwärmte die Luft nicht allzusehr,
-und doch glänzte die fruchtbare Gegend in den schönsten Farben des
-Frühlings. Ueber diese Gunst des Himmels war vor allen der Baron
-erfreut, der seit mehreren Tagen einen einflußreichen Mann und
-entfernten Anverwandten, den Grafen Warburg, bewirthete und heute
-durch ein Vogelschießen, das er dem guten Schützen zu Ehren in seinem
-Park veranstaltet, den bisherigen Festlichkeiten die Krone aufsetzen
-wollte. Wie es glückliche Tage gibt, so ging ihm dießmal auch alles
-nach Wunsch. Es hatten sich aus der Umgegend zahlreiche Gäste
-eingefunden, deren Namen und Titel zum Theil sehr wohlklingend waren.
-Die Schützen nicht nur, auch die Zuschauer und Zuschauerinnen, die an
-einer wohlbesetzten Tafel im Schatten einer Baumgruppe saßen, fanden
-sich bald in der heitersten Stimmung. Die Hauptsache war aber, daß
-keiner der Geladenen so unhöflich war, besser zu schießen als der Graf.
-Dieser machte bald nach einander Scepter und Reichsapfel fallen und kam
-dadurch in die freundlichste Laune. Der Wirth und die vorgestellten
-Gäste benutzten die Gelegenheit, das Geschick Seiner Excellenz auf das
-Wärmste zu bewundern und ihm darüber die zierlichsten Dinge zu sagen.
-Die ganze Gesellschaft wurde in eine freudige Aufregung versetzt, die
-eine geraume Zeit anhielt. Man schien sich glücklich zu preisen, so
-etwas mit angesehen zu haben.
-
-Der Graf, der es liebte, sich nach allen Seiten hin einen guten Namen
-zu machen, hatte ausdrücklich gegen den Baron den Wunsch ausgesprochen,
-daß auch das Landvolk in den Park zugelassen werden möchte. Demgemäß
-hatte sich auf beiden Seiten des Grasplatzes, der den Schützen
-eingeräumt war, hinter nothwendig erachteten Planken eine bunte Menge
-von Bewohnern des herrschaftlichen und anderer benachbarter Dörfer im
-Sonntagsputz aufstellen dürfen. Die Bauern wußten natürlich, wer der
-König des Festes war, und vermöge jener verehrungsfrohen Theilnahme,
-die sich über alles beglückt fühlt, wenn ein Hochstehender sich
-auszeichnet, oder auch in Folge jener eben so volksmäßigen Schlauheit,
-die bei sich erwägt, welchen Nutzen möglicherweise eine gehörige
-Schmeichelei bringen könne, machte sich unter ihnen ebenfalls ein sehr
-lebhaftes Staunen über die Geschicklichkeit des Grafen laut. Wenn die
-einen Ausrufe des Triumphes hören ließen und aussahen, als ob sie
-selber den guten Schuß gethan hätten, so sagten andere, während der
-Gefeierte vorbei ging, für ihn vernehmlich, zu irgend einem Nachbar:
-»Das ist Einer! der versteht's! Hast du schon so was gesehen? Da können
-sich die andern verkriechen« u. s. w. Der Graf lächelte und schien
-über diese Art der Anerkennung nicht weniger erfreut als über die
-Glückwünsche der Schützen und der schönen Damen.
-
-Alles das bewirkte, daß der Baron vor Genugthuung strahlte. Was kann es
-für einen gastfreien Mann auch Angenehmeres geben, als zu sehen, daß
-eine von ihm veranstaltete Festlichkeit gut verläuft? Das Anordnen ist
-unstreitig eine Kunst; aber zum Gelingen gehört außer der Kunst noch
-Glück. Beides, seine eigene Schöpfung und die Gunst des Augenblicks
-genießt der Wirth bei einem wohlgerathenen Fest mit einander; und
-wer bedenkt, wie selten wahre Fröhlichkeit in der Welt ist, wie sie
-gar oft auch da nicht erscheinen will, wo man sie mit pomphaften
-Veranstaltungen sucht, der wird die innige Zufriedenheit des Barons
-über ihre damalige Gegenwart um so begreiflicher finden. Herr von
-Waldfels gehörte zu den guten Naturen, die nicht nur fähig sind, sich
-von Herzen zu freuen, sondern denen die Freude auch wohl ansteht. Er
-war von stattlicher Größe und behaglicher Rundung. Ein schöner Kopf
-mit ziemlich hoher Stirn, nobler Nase und feinem Mund verrieth eben
-so wie seine Haltung den ächten Cavalier. Eine gewisse Röthe, die auf
-Kenntniß und Schätzung edler Getränke deutete, geziemte dem angehenden
-Fünfziger. Wer ihn heute sah, wie er mit unerschöpflicher Artigkeit den
-Wirth machte, wie er mit dem Schein der Absichtslosigkeit von einer
-Gruppe zur andern ging und jedem seiner Gäste, vom Grafen an bis zu
-dem geringsten derselben, ein passendes Compliment zu sagen wußte;
-wie er doppelt anmuthig und beglückt erschien, wenn er einer Dame den
-Hof machte; wie er gelegentlich auch einem Bauern oder einer hübschen
-Bäuerin einen Scherz zuwarf, der großes Vergnügen hervorrief, und mit
-Lächeln die Dorfbuben betrachtete, die sich in der Nähe der Tafel
-jubelnd im Grase wälzten -- wer alles das auch nur als unbetheiligter
-Zuschauer gesehen, der würde ihn für einen ungewöhnlich liebenswürdigen
-Mann erklärt haben. Und daß diejenigen, die seine Kuchen aßen und seine
-Weine tranken, sich noch wärmer über ihn ausdrückten, begreift sich.
-
-Als die Gesellschaft im besten Zuge des Vergnügens war, hatten sich
-zwei junge Leute von ihr entfernt. Sie wandelten in einer Allee unter
-einem prächtigen Laubdach hin und führten in gelegentlichen Fragen und
-Antworten nur ein abgerissenes Gespräch, schienen sich aber doch auf's
-angenehmste zu unterhalten. Es war Arthur, der zwanzigjährige Sohn
-des Barons, und seine fünfzehnjährige Cousine, Anna, das einzige Kind
-einer Freifrau von Holdingen, welche heute bei dem verwittweten Baron
-die Honneurs machte. Arthur, der ein ziemlich geübter Jagdschütze war,
-hatte anfangs auch einige Kugeln nach dem Vogel gesendet, aber den
-Wettkampf um die von seinem Vater ausgesetzten splendiden Preise, wie
-billig, den Eingeladenen überlassen. Da er nun auch seinen geselligen
-Pflichten als Sohn des Hauses bereits genügt hatte, so konnte er wohl
-dem Verlangen nachgeben, mit seinem Bäschen ein wenig spazieren zu
-gehen.
-
-Es hat einen eigenen Reiz, den Jubel eines Festes aus der Ferne zu
-vernehmen. Wir empfinden hier, was man die romantische Poesie des
-fröhlichen Lebens nennen könnte; wir athmen seinen zartesten und
-süßesten Duft ein. Sind wir ohnehin von einem schönen Gefühl bewegt,
-und lauschen wir an lieblich heimlicher Stelle, dann gleicht nichts
-dem Zauber, der bei solchen Tönen ungesehener Lust unser Herz erfüllt.
-Die beiden jungen Leute, wenn sie eine Fanfare hörten, die nach einem
-guten Schuß geblasen wurde, oder lautes Gelächter und frohen Lärm,
-wandten sich theilnehmend um und horchten. Sie sahen sich dann lächelnd
-an und freuten sich wechselseitig über ihr Vergnügen. »Wie schön ist
-heute Alles!« rief zuletzt Anna mit einem Ausdruck des jugendlichen
-Gesichts, der das Fest mehr ehrte, als das geistreichste Lob. Arthur
-stimmte herzlich bei und sagte: »Es ist mir besonders lieb meines
-Vaters wegen, und daß der Graf sieht, wie vergnügt wir hier leben.«
-
-Trotz der gerühmten Schönheit des Festes entfernte sich das Paar, einem
-unbewußten Zuge der Herzen folgend, immer weiter davon. Sie waren an
-der westlichen Grenze des Gartens angekommen und gingen in's Freie.
-Den jungen Mann schien ein Gedanke zu beschäftigen, der zugleich
-inniges Wohlgefühl und Befangenheit auf seinem Gesicht hervorrief.
-Ein süßes und banges Geheimniß schien ihm zum erstenmal klar und
-klarer zu werden. Als das schöne Kind diesen Ernst wahrnahm, wurde
-sie gleichfalls ernster und sah mit einer gewissen Verlegenheit vor
-sich hin. So wandelten sie schweigend neben einander bis zum Fuß der
-Hügelreihe, die sich hinter dem Garten erhob und deren nächste Partien
-Eigenthum des Barons waren. »Wir wollen hinauf,« sagte Arthur wieder
-freundlich und traulicher; »es ist schon lang, daß wir nicht mehr
-zusammen herunter gesehen haben.« Das Mädchen, statt aller Antwort,
-ging ihm voran. Als sie auf dem Heidegras glitschte und einen leichten
-Schrei ausstieß, ergriff Arthur ihre Hand, um sie zu führen. Eine
-Röthe glühte in den beiden Gesichtern auf, die über den Zustand ihrer
-Herzen keinen Zweifel mehr ließ. Aus wechselseitigem Wohlgefallen war
-in den jungen Seelen eine Neigung aufgekeimt, die dadurch, daß sie
-einen kindlichen Charakter behielt, nicht weniger tief und innig war,
-eine Neigung, die sich jetzt in wonnigem Gefühl offenbarte und in
-ihrer Bedeutung von Arthur klar erkannt, von Anna wenigstens geahnt
-wurde. Der Jüngling schien von Dank gegen den Zufall erfüllt zu seyn,
-daß er ihm Anlaß gegeben, Annas Hand zu ergreifen. Denn zwischen
-Verwandten ist ein traulicher Verkehr allerdings natürlich, aber die
-Liebe verändert das erste, unbefangene Verhältniß. Das Mädchen, mit
-dem ein junger Mensch umging, wie mit einer Schwester, wird durch sie
-ein wunderbares, heiliges Wesen, dem er nur mit inniger Scheu, mit
-tiefer Verehrung nahen kann. Die Vertraulichkeiten, die er sich früher
-erlaubte, scheinen ihm jetzt die kühnsten Wagnisse, und unmöglich
-dünkt es ihm, eine Hand zu berühren, die er sonst mit vetterlicher
-Unbefangenheit ergriff. Dafür ist aber, was früher ein Spiel war, jetzt
-auch ein unendliches Glück, wohl werth in Demuth erharrt oder mit
-kühnem Entschluß erstrebt zu werden.
-
-Während die beiden Glücklichen Hand in Hand emporsteigen, wollen
-wir einen kurzen Rückblick auf ihre Vergangenheit und ihre
-Lebensverhältnisse werfen.
-
-Arthur war das einzige Kind des Barons. Seine Mutter, die aus einer
-Patricierfamilie stammte, erlag einer Krankheit, als er zehn Jahre alt
-war. In der nächstfolgenden traurigen Zeit hatte der Vater das Glück,
-für den Knaben einen vortrefflichen Erzieher zu erhalten, der in ihm
-neben dem Sinn für die Wissenschaft ein Interesse für das Nützliche
-und Gemeinnützige weckte und ein unbefangenes Urtheil, einen festen
-Charakter in ihm ausbildete. Dieß war um so nothwendiger, als der Baron
-in dieser Zeit sich immer mehr den Neigungen eines Lebemanns überließ
-und für den Sohn ein gefährliches Beispiel werden konnte. Arthur war
-von fröhlicher Gemüthsart, er gefiel sich bei geselligen Vergnügungen
-und war keineswegs unempfänglich für Schmeichelei, Eigenschaften, die
-der Verlockung manche schwache Seite boten. In Folge der guten und
-klugen Führung lernte er sich aber beherrschen, und seine Studien und
-ein gehaltvolles Gespräch wurden ihm das Liebste. Mit Recht konnte man
-ihn für einen musterhaften jungen Menschen erklären.
-
-Er war sechzehn Jahre alt, als die Baronin von Holdingen ihren
-Wohnsitz in der Nähe seines väterlichen Gutes nahm. Der Gatte dieser
-Dame war als Beamter in der Residenz gestorben und hatte ihr nichts
-hinterlassen als ein bescheidenes Landhaus. Da sie in der Stadt von
-ihrem Wittwengehalt nicht mehr standesmäßig leben konnte, bezog sie
-ihre Villa, die etwa anderthalb Stunden von Waldfels lag. Als eine
-Frau, die auf ihre Abstammung, auf die Stellung, die ihr Gemahl
-eingenommen hatte, große Stücke hielt, richtete sie sich mit ihren
-geringen Mitteln dennoch würdig ein und führte ein Hauswesen, das bei
-aller Einfachheit einen angenehm aristokratischen Zuschnitt hatte.
-Der Baron, als ziemlich naher Verwandter, war ihr mit Rath und That
-behilflich gewesen, und das Verhältniß der beiden Familien hatte sich
-dadurch nur um so fester geknüpft.
-
-Arthur hatte an seiner kleinen Cousine gleich beim ersten Anblick
-großes Wohlgefallen. Er behandelte sie anfangs mit der wohlwollenden
-Herablassung, die einem Jüngling, auf dessen Wangen sich schon die
-ersten Spuren eines Flaums zeigen, gegen ein eilfjähriges Kind
-natürlich ist; aber bald kam er davon ab. Anna, die eine sehr gute
-Erziehung erhalten hatte, war ihren Jahren körperlich und geistig
-voraus. Sie gehörte zu den Naturen, die sich in harmonischem
-Wachsthum entwickeln, immer dieselben zu bleiben scheinen und
-immer liebenswürdiger werden. Wenn es Mädchen gibt, die zuerst ein
-unscheinbares Aussehen haben, in der Zeit des Uebergangs vom Kinde
-zur Jungfrau sich aber schnell zu überraschender Schönheit ausbilden,
-so war Anna schon als Kind von großer Schönheit, und diese erreichte
-später nur einen höheren Grad der Vollendung. Eine schlanke, feine
-Gestalt, ein Gesicht von aristokratischem Gepräge, das aber, von
-kindlicher Freude und herzlicher Güte belebt, nicht eine Spur von
-äußerlicher Vornehmheit zeigte. Sie war wie eine edle Blume, fein,
-ätherisch, aber durchaus frisch und natürlich. Schon früh zeigte sie
-entschiedene geistige Fähigkeiten, durch welche sie nach und nach in
-den Stand gesetzt wurde, ernsthaften Gesprächen mit Interesse zu folgen
-und mit verständigen Worten selber daran Theil zu nehmen. Alles das
-flößte dem Jüngling eine Achtung ein, die ihn ein anderes Verhalten
-gegen sie annehmen ließ. Er behandelte sie nun wie ein Mädchen von
-seinem Alter, und dieß schien auch ihr am besten zu gefallen. Da sie
-häufig beisammen waren, so entstand zwischen ihnen ein vertrauliches
-Verhältniß, in welchem sich beide wohl und glücklich fühlten. Es war
-jedoch vollkommen harmlos; nicht ein Hauch von Leidenschaft, wie sie in
-solchem Alter auch schon möglich ist, regte sich in ihnen.
-
-Nach einer Reise durch die Schweiz und Frankreich bezog Arthur die
-Universität. In der akademischen Freiheit gab er sich den Studien
-hin, die ihn am meisten anzogen, und seine Lieblingsfächer wurden
-Naturgeschichte und Physik, auf der andern Seite Nationalökonomie
-und Statistik, und seine Lieblingslektüre Reisebeschreibungen. Die
-Erde mit ihrem Reichthum an Natur- und Kunstprodukten, deren beste
-Anwendung und Vertheilung, Handel und Wandel kennen zu lernen, wurde
-der vorherrschende Trieb in seiner Seele. Da er bei der Liebe zur
-Sache leicht faßte und bald einen Zusammenhang ausfindig machte, so
-hatte er über diese Gegenstände selber seine Gedanken und hielt sie
-für wichtig genug, um sie niederzuschreiben. Er führte bei seiner
-angenehmen Beschäftigung ein geregeltes Leben, zeigte sich aber in
-vorkommenden Fällen seines Standes würdig, und schonte da, wo es eine
-Ehrensache war, etwas zu thun, das Geld weniger, als andere seiner
-Commilitonen, die sich eines bessern »Wechsels« rühmten. In der neuen
-Welt, die ihm in seinen Studien aufging, und bei den Bekanntschaften,
-die er machte, war ihm das Bild der kleinen Anna einigermaßen
-erblaßt, und zufällig ward ihm in den ersten anderthalb Jahren seines
-Universitätslebens nicht die Gelegenheit, es durch eine Zusammenkunft
-wieder aufzufrischen. Vor wenigen Tagen nun, wo ihn sein Vater des
-Grafen wegen nach Hause gerufen, sah er seine Cousine zum erstenmal
-wieder. Sie war beinahe völlig herangewachsen. Ihr Wesen verrieth schon
-jene Fülle des Gemüths und jenen eigenthümlichen Gehalt, der bei andern
-Naturen erst später hervorzubrechen und dem Aeußern den Charakter der
-Tiefe und eines geheimnißvollen innern Lebens zu geben pflegt. Es war
-die Jungfrau in ihrer ersten, rosigen Erscheinung, noch Kind und doch
-schon Weib -- ein überaus holdes Bild des in Unschuld blühenden Lebens.
-Arthur fühlte sich bei ihrem Anblick tief in's Herz getroffen. Er stand
-nach dem ersten Gruße scheu und verlegen vor ihr. Nur mit Mühe faßte
-er sich und suchte den früheren vertraulichen Ton mit ihr zu finden,
-was ihm einigermaßen gelang. Aber ein Keim war in seine Seele gesenkt,
-der nun rasch aufging und sich drängend entfaltete. Eine ahnungsvolle
-Sehnsucht bemächtigte sich seiner, das liebe Kind allein zu sprechen,
-und als er am heutigen Fest Alle mit ihrem Vergnügen beschäftigt sah,
-lud er sie zu dem kleinen Spaziergang ein.
-
-Sie waren auf dem Rücken des Hügels angekommen. Obgleich hier eine
-Hülfe nicht mehr nöthig war, ließ Arthur die geliebte Hand doch nicht
-los, indem er die Eigenthümerin derselben durch Bemerkungen über das
-Fest zu beschäftigen suchte. Er führte sie auf die nächste Erhöhung,
-wo sie ihrem erklärten Zweck zufolge die Aussicht genießen wollten.
-Der Anblick, der sich ihnen hier darbot, entriß ihnen trotz ihrer
-anderweitigen Gedanken doch herzliche Ausrufungen der Bewunderung.
-Es war um die sechste Stunde, der Himmel völlig rein geworden und
-der Glanz der Sonne im Westen nicht durch das kleinste Wölkchen
-mehr getrübt. Die fruchtbare Landschaft lag in abendlich warmer
-Beleuchtung vor ihnen: rechts der Park, wo das Knallen der Büchsen
-und das entfernte Zischen der Kugeln den Fortgang der männlichen
-Lustbarkeit anzeigte, und das nach Osten gebaute Schloß; weiterhin,
-rechts und links sich ausdehnend, das Thal mit einem wohlgebauten
-Städtchen, freundlichen, von Obstgärten umkränzten Dörfern, reichen
-Getreidefeldern und üppigen Wiesen, durch welche der Segen des
-Thals, der blinkende Fluß dahinströmte; die gegenüberliegenden
-Hügelreihen mit herrlichen Laubwäldern bedeckt, an ihrem Fuße hin und
-wieder herrschaftliche Wohnungen und auf einem Gipfel, aus Bäumen
-hervorragend, eine verwitterte Burgruine. Durch das allgemeine Grünen
-und Blühen hatte die Landschaft einen eigenen, frühlingsseligen
-Charakter erhalten, und dieser stimmte so völlig zu dem Frühling in
-den Herzen der jungen Leute, daß sie mit feuchten Augen die vor ihnen
-ausgebreitete Schönheit und in lautloser Verständigung sich selber
-ansahen.
-
-Endlich rief Anna mit kindlicher Freude: »Wie herrlich ist's hier
-oben! Man möchte da wohnen und gar nicht mehr hinuntergehen!« --
-»Ich hab' auch im Sinn,« bemerkte hierauf Arthur mit einem gewissen
-Selbstgefühl, »hier oben ein Belvedere bauen zu lassen.« -- »Auf dieser
-Stelle?« fragte das Mädchen. -- »Nein,« versetzte der junge Mann,
-»nicht hier.« -- »Warum nicht?« entgegnete sie verwundert. Arthur
-wiegte das Haupt und ein geheimnißvolles Lächeln umspielte seinen Mund.
-Anna sah ihn fragend an und sagte: »Wo ist es denn schöner?« -- »Komm,«
-erwiederte Arthur und ergriff die losgelassene Hand wieder. Er führte
-sie nordwestlich an zwei kleinen Anschwellungen vorüber auf einen etwas
-höher liegenden und mehr vortretenden Punkt und sagte: »Hier ist's
-schöner.« Das Mädchen sah umher und schien den Unterschied nicht gleich
-wahrnehmen zu können. Auf einmal rief sie: »Ah, da sieht man unser Haus
--- und mein Fenster, ganz deutlich!« Eine glühende Röthe ergoß sich
-bei diesen Worten über das Gesicht des Jünglings. Anna wendete sich zu
-ihm, und wie durch einen Zauber flammte dieselbe Röthe in ihrem Antlitz
-auf. Sie hatte den Grund der Wahl dieser Stelle erkannt. Was bisher
-nur in Ahnung vor ihre Seele getreten war, das stand jetzt klar wie
-der Tag vor ihr: sie war über alles geliebt, sie liebte über alles und
-für's ganze Leben. -- Ein Schauer von Wonne ergriff sie; bebend und wie
-niedergedrückt durch die Fülle des Glücks, senkte sie das Haupt. Aber
-die Liebe war zu mächtig, sie besiegte die Bangigkeit und die Scham
-und ihr Sieg kündigte sich in der Heiterkeit an, die sich über das
-Gesicht des schönen Mädchens verbreitete.
-
-Auch Arthur hatte sich von der ersten Verlegenheit erholt; er sah
-auf Anna mit der Zärtlichkeit eines durchaus redlichen Gemüths, eine
-freudige Hoffnung leuchtete aus seinen Zügen. Da wendete sich Anna zu
-ihm und schaute ihn mit einem Blick an, der in unendlicher Güte die
-ganze Liebe und Treue ihres Herzens offenbarte. Arthur faßte entzückt
-ihre beiden Hände und rief: »Anna! liebe gute Anna! Du liebst mich!
-Ja, du liebst mich!« Das Mädchen, die ja schon alles gestanden hatte,
-erwiederte nichts; aber Arthur wollte das holde Wort von ihren Lippen
-hören und rief dringend: »Sprich, Anna! Liebst du mich? Willst du
-mir gehören?« Das Mädchen erhob ihr Haupt, und mit dem Ton inniger
-Liebe, mit dem Ausdruck einer heiligen Verpflichtung erwiederte sie:
-»Ja, Arthur!« Der Jüngling preßte ihre Hände an seine Brust und rief,
-indem Thränen seine Augen füllten: »Dank dir, Anna! tausend, tausend
-Dank! Ich bin dein in Freud und Leid! Und kein anderer Trieb soll mein
-Herz erfüllen mein ganzes Leben hindurch, als dich zu lieben und dich
-glücklich zu machen!« -- --
-
-Nach einer Weile finden wir das junge Paar auf dem Rückwege. Die Liebe
-erweckt in redlichen und lebensvollen Gemüthern vom ersten Moment
-ihres Entstehens an bei jedem Schritt ihrer Entwicklung wunderbare
-Empfindungen; aber das höchste und reinste Glück gewährt sie nach dem
-ersten gegenseitigen Geständniß. Hier ist ihr süßes Leben verschmolzen
-mit der Heiterkeit des Siegs, mit dem Wohlgefühl des gewissen Besitzes.
-Der freudige Stolz, ein Herz gewonnen zu haben, ist mit innigem Dank
-für ein erhaltenes höchstes Geschenk verbunden. Die Seele ist klar und
-ruhig bewegt, aber die Empfindung tiefer als je vorher. Der Himmel, in
-welchem die Liebenden wandeln, erscheint ihnen so vertraut, als ob sie
-immer in ihm geweilt hätten, und doch so neu, wie ein Wunder, das sich
-eben vor ihren Augen begeben.
-
-Hätten Arthur und Anna ihre Empfindungen schildern können, sie hätten
-sich vielleicht in dieser Weise ausgedrückt; aber sie waren in ihr
-Glück versenkt und hatten keine Zeit, sich selber zu beobachten. Sie
-vergaßen auch des Redens unter sich und gingen schweigend den Hügel
-hinab. Ihr ganzer Verkehr beschränkte sich darauf, daß sie von Zeit zu
-Zeit die jugendlichen Gesichter gegen einander wandten und sich wie
-träumend mit seligem Lächeln ansahen.
-
-Als sie mitten im Park waren, hörten sie unmittelbar nach einem
-Schuß ein allgemeines Freudengeschrei. Die Trompeter und Hornisten
-bliesen den Siegestusch mit nie vernommener Stärke und wiederholten
-ihn mehrmals. Offenbar hatte sich etwas Großes ereignet. Das Paar
-beflügelte neugierig seine Schritte, und am freien Platz angelangt,
-erblickten sie den Grafen, von Herrn und Damen umgeben, die ihm
-mit dem lebhaftesten Eifer Complimente machten. Bald erfuhren sie
-warum. Es hatte sich in der That etwas Wunderbares begeben, wie
-es aber im Leben doch nicht ganz ungewöhnlich ist. Wir sehen bei
-Hazardspielen, daß gewisse Spieler an gewissen Tagen unwiderstehlich
-glücklich sind. Dasselbe können wir bei den Unterhaltungen bemerken,
-wo es hauptsächlich auf Geschicklichkeit ankommt und wo es um vieles
-begreiflicher ist, da die Freude über das erste Gelingen offenbar eine
-die Fähigkeiten steigernde Kraft besitzt. Nun wohl, der Graf hatte
-heute seinen gesegneten Tag und so eben seinen Leistungen die Krone
-aufgesetzt, indem er die Krone des Vogels herunterschoß und damit
-den ersten Preis gewann. Freilich hatte ihn der Zufall dabei sehr
-begünstigt. Andere Schützen hatten das Stück, welches dießmal besonders
-gut befestigt war, so wohl getroffen, daß es bereits wankte. Aber was
-konnte das helfen? Sie hatten das Verdienst, der Graf das Glück und
-die Ehre. Es versteht sich von selbst, daß ihm sein Glück nun eben als
-das höchste Verdienst angerechnet wurde. Die vornehmeren Gäste, die
-ihn umgaben, überboten in Artigkeiten sogar ihre früheren Leistungen,
-und einige Bauernbursche hatten beim Fallen der Krone gerade heraus
-gejauchzt wie bei einem Kirchweihtanz. Dieß hätte man sonst wohl als
-ungehörig empfunden, jetzt wurde es ganz wohl aufgenommen, so hoch war
-der Strom der Begeisterung gestiegen.
-
-Es dauerte einige Zeit, bis Arthur zu dem Grafen durchdringen konnte.
-Als er ihn begrüßte, rief dieser: »Ah, junger Freund, wo stecken Sie?
-Man hat Sie seit zwei Stunden nicht gesehen.« -- Arthur erwiederte, er
-habe sich erlaubt einen Spaziergang zu machen. »Allein?« fragte der
-Graf. »Sind Sie Poet? Philosoph? Wie?« -- Der junge Mann bemerkte,
-er habe seine Cousine, Anna von Holdingen, begleitet. -- »Ah so!«
-rief der Graf und lächelte. Der edle Herr war ein großer Kenner in
-Herzensangelegenheiten, hatte schon früher einen Blick aufgefangen, den
-Arthur arglos auf Anna warf, und ein leichtes Erröthen desselben machte
-ihn jetzt in seiner Vermuthung um so gewisser. Durch seinen Erfolg als
-Schütze zur Güte und Milde gestimmt, unterdrückte er indeß vor den
-andern eine neckende Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, und sagte
-beifällig: »Damendienst geht allem vor. -- Aber,« setzte er vergnügt
-hinzu, »etwas früher hätten Sie doch kommen sollen. Sie haben etwas
-versäumt.« -- In Arthur regte sich nun auch ein gewisser Humor und
-er sagte: »Ich bedaure unendlich, nicht Augenzeuge von einem Schusse
-gewesen zu seyn, von dem man in Waldfels »noch reden wird in spätsten
-Zeiten.« Allein überrascht hätte mich der Anblick der fallenden Krone
-keineswegs: Excellenz können was Sie wollen.« -- »Ei, ei,« versetzte
-der Graf, »Sie schmeicheln!« -- »Die Schmeichelei,« erwiederte Arthur,
-»liegt nicht in dem, was ich sage, sondern in dem, was Excellenz thun.«
--- »Schon gut,« sagte der Graf. »Uebrigens,« fuhr er heiter fort,
-»muß ich gestehen, daß der heutige Tag der schönste ist, den ich seit
-lange erlebt habe. Ich erinnere mich kaum, so vergnügt gewesen zu seyn
-und werde meinem freundlichen Wirthe dafür ewig Dank wissen.« -- »Der
-heutige Tag,« erwiederte Arthur mit schelmischem Doppelsinn, »wird
-einen Glanzpunkt in der Geschichte von Waldfels bilden. Was sich an
-ihm Wunderbares begeben, werde ich getreu bemerken und die spätesten
-Geschlechter sollen sich noch daran erfreuen.« -- Der Graf lachte und
-verabschiedete den jungen Vetter mit einer huldvollen Handbewegung.
-Später sagte er zu dem Baron: »Ihr Arthur gefällt mir immer besser. Er
-hat Geist, viel Geist, und wenn er sich für den Staatsdienst bestimmen
-will, verbürge ich Ihnen, daß er seine Carrière machen wird. Was ich
-dazu beitragen kann, ihn in die Höhe zu bringen, soll mit dem größten
-Vergnügen geschehen.«
-
-Nach dem letzten glücklichen Schuß zog sich der Graf von dem Wahlplatz
-zurück und überließ es Andern, das schon geplünderte Thier vollends
-zu Grunde zu richten. Als die Sonne gesunken war, bestimmte und
-vertheilte man die Preise, und der Graf, der die drei ersten erhielt,
-war doppelt und dreifach der König des Tages. Den würdigen Schluß des
-Festes machte ein Souper, das im Gartensaal aufgetragen wurde. Der Graf
-bildete natürlich den Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor ihm prangte
-in schönster Vase ein riesiger Blumenstrauß; hinter ihm an der Wand
-hatte man die von ihm gewonnenen prächtigen Fahnen aufgehängt. Er
-war offenbar von dem Gefühl dessen, was er war und wofür er gehalten
-wurde, vollständig durchdrungen; aber dieses Gefühl gab sich in der
-Form der Huld und jedermann gönnte es ihm nicht nur, sondern fand es
-schön und groß. Arthur hatte es einzurichten gewußt, daß er neben seine
-Cousine zu sitzen kam. Er unterhielt sich in der Freude seines Herzens
-unbefangen mit ihr, und das Paar theilte sich die lieblichsten Dinge
-mit, ohne daß die Nachbarn es merkten. Nur Seine Excellenz fanden Zeit,
-hie und da einen Blick auf sie zu werfen und Wahrnehmungen zu machen,
-die Sie zu ergötzen schienen. Der Baron ließ seine Blicke über die
-Gesellschaft hingleiten wie ein Feldherr über seine Truppen. Er sah,
-daß in dem herrlich erleuchteten Raum an schön geschmückten Tafeln
-untadelich servirt wurde; er vernahm von allen Seiten das empfundene
-Lob der Speisen und Getränke; er bemerkte, wie das Vergnügen eher zu-
-als abnahm und die verschiedenen Unterhaltungen endlich in einen
-frohen Lärm zusammenfloßen, der nur durch lautes Gelächter zuweilen
-unterbrochen und überboten wurde. Das alles freute ihn in tiefster
-Seele. Und als er nun zuletzt in Champagner ein Hoch auf den Grafen und
-Schützenkönig ausbrachte, in welches die Gesellschaft mit grenzenlosem
-Enthusiasmus einstimmte, und der Gefeierte in höchst anerkennenden
-Ausdrücken den Wirth leben ließ, da mußte es den Gästen vorkommen, als
-ob sie nie einen glücklicheren Mann gesehen hätten, als den Herrn von
-Waldfels. Nur wenige schienen diese Ansicht nicht ganz zu theilen, und
-an einem der Geladenen hätte man beim Serviren des Champagners sogar
-ein unwillkürliches Achselzucken wahrnehmen können.
-
-Zuletzt fand auch dieser schöne Tag ein Ende. Der Graf zog sich in
-seine Gemächer zurück und die Gäste verabschiedeten sich. Arthur fand
-Gelegenheit, der Geliebten durch einen Händedruck zu sagen, was seine
-Lippen vor der Mutter nicht auszusprechen wagten, und die beglückendste
-Antwort zu empfangen. Er war zu aufgeregt, um sich schon zur Ruhe zu
-begeben, und ging allein in den Park zurück. Die Nacht war schön,
-thauig, zaubervoll. Der Mond strahlte vom reinsten Himmel und verklärte
-die Landschaft mit jenem silberklaren, ahnungsvollen Licht, das in
-gewisse Stimmungen süßer einklingt, als das goldene Sonnenlicht.
-Der Liebende suchte die Plätze auf, die er mit dem theuern Mädchen
-durchwandelt, ließ die Erlebnisse des Tages an sich vorüberziehen und
-entwarf reizende Plane für die Zukunft, indem er einstweilen an dem
-Bilde des Lebens sich weidete, das auf Schloß Waldfels erblühen sollte.
-Spät ging er zu Bette und setzte in Träumen fort, was er wachend
-begonnen hatte.
-
-
- II.
-
-Arthur hatte eine Eigenschaft, die im Leben sehr förderlich seyn kann,
-wenn sie nicht übertrieben in Thätigkeit gesetzt wird: er liebte es,
-unentschiedene Verhältnisse sobald als möglich in's Klare zu bringen,
-und das, was er für gut und nothwendig hielt, herzhaft auszuführen. Als
-er nach der Abreise des Grafen am Abend des folgenden Tags über seine
-Verlobung mit Anna -- denn das war ihm die wechselseitige Erklärung
--- und das nun von ihm geforderte Verhalten nachdachte, kam er zu dem
-Entschluß, dem Vater alles zu gestehen und sein und Annas Glück durch
-die Beistimmung der Eltern zu sichern.
-
-Arthur liebte seinen Vater herzlich, wenn er auch nicht alles an ihm
-billigen konnte, und hatte zu seinem Wohlwollen, seiner theilnehmenden
-Güte das vollste Vertrauen. Er fühlte daher guten Muth, als er
-am nächsten Morgen sein Zimmer aufsuchte, um mit ihm über seine
-Herzensangelegenheit zu sprechen. -- Uns liegt nun aber vor allem
-ob, die Leser mit dem Manne, von welchem das Schicksal des Jünglings
-abhing, näher bekannt zu machen.
-
-Baron Günther von Waldfels gehörte zu einer Klasse von Adeligen, wie
-sie jetzt seltener geworden sind. Sein Vater, schon bei der Uebernahme
-des Familiengutes sehr wohl gestellt, führte ein zwar stattliches, aber
-doch ökonomisches Leben. Er vergab seinem Stande nichts und übte eine
-würdige Gastfreundschaft; allein da er sich beinahe ausschließlich
-auf seiner Besitzung aufhielt und sich mit der Verwaltung seines
-Vermögens beschäftigte, so kam er nicht in den Fall, seine Einkünfte
-zu verzehren, und im Lauf der Zeit mehrten sich daher Capitalien und
-Güter. Bei seinem Tode war Günther zweiundzwanzig Jahre alt. Als der
-ältere Sohn übernahm er dem väterlichen Testament zufolge die Güter,
-während sein um mehrere Jahre jüngerer Bruder in's Landesheer eintrat.
-
-Es kommt oft vor, daß der Sohn eines haushälterischen Mannes zur
-Verschwendung geneigt ist; im Volk sagt man in Bezug darauf: der Sparer
-muß seinen Zehrer haben. Den letzteren vorzustellen, hatte der neue
-Herr von Waldfels in der That alle Talente, und nachdem diese durch die
-väterliche Autorität niedergehalten gewesen, traten sie in der Freiheit
-um so glänzender hervor. Jung, schön und reich -- warum sollte er
-sich etwas versagen? Er war von grenzenloser Gutmüthigkeit, der Baron
-Günther, und bewährte diese eben so gegen sich selbst, wie gegen
-Andere. Er begriff nicht, wie man ein anderes Streben haben könne, als
-das Leben zu genießen, und einen höhern Ehrgeiz, als Andern Genuß zu
-bereiten. Beides that er denn auch in großem Maßstabe. Mehrere Jahre
-lang besaß er den Ruhm des prächtigsten und freigebigsten Herrn in der
-ganzen Umgegend; aber die Güter, die sein Vater erworben hatte, waren
-dafür in den Kauf gegeben.
-
-Als er sich beinahe ganz auf die Einkünfte des Stammgutes beschränkt
-sah, lernte er in einer süddeutschen Handelsstadt ein schönes, blondes,
-zartgebautes Mädchen kennen. Er empfand in Kurzem eine heftige
-Leidenschaft für sie und sie wurde seine Gattin. Das Geschlecht,
-aus welchem Arthurs Mutter stammte, ehedem reich, war jetzt kaum
-mehr wohlhabend zu nennen; statt der Mitgift brachte aber die junge
-Frau ökonomische Tugenden nach Waldfels. Sie wußte der Verschwendung
-Günthers Einhalt zu thun und mit verhältnißmäßig geringen Mitteln
-doch ein anständiges Haus zu machen. Da die Liebe des Barons zu ihr
-sich gleich blieb und die häuslichen Freuden ihn beschäftigten, so
-hielt er wirklich an sich und begnügte sich mit seinen immer noch
-bedeutenden Revenuen. Leider starb die gute Frau an den Folgen einer
-unglücklichen Niederkunft. Der Baron war untröstlich; er zog sich von
-der Gesellschaft zurück und trauerte um die geliebte Gattin mit einer
-Ausdauer, die ihm niemand zugetraut hätte. Allein noch war nicht ein
-volles Jahr verflossen, so fühlte sein Herz sich befreit und sein
-ursprünglicher Charakter trat in der alten Stärke wieder hervor.
-
-Es lag diesem Herrn im Blute, daß es für den Sprößling eines alten
-Geschlechts nicht wohl passend sey, auf Erwerb zu sehen, auf der andern
-Seite aber höchlich geziemend, diejenigen, die etwas erworben hatten
-und fortfuhren es zu thun, gleichwohl an Generosität zu übertreffen.
-Er verschmähte die Spekulation und hielt es unter seiner Würde, bei
-Kauf und Verkauf zu feilschen, weßwegen die Handelsleute überaus gern
-mit ihm zu thun hatten und ihn als das Muster eines »einsichtsvollen«
-Mannes priesen. Handwerker und Künstler durch Bestellungen aufzumuntern
-und überhaupt durch Freigebigkeit Glückliche zu machen, erschien
-ihm als Pflicht und Ehrensache. Natürlich war es, daß er bei dieser
-Beglückung Anderer sich selbst am wenigsten vergaß. Gefiel ihm ein
-Pferd, ein Jagdhund oder was sonst immer, so mußte er es haben; und
-daß diese Passion ausgebeutet wurde, versteht sich von selbst. Dabei
-war er zu Hause und in Gesellschaft eine höchst angenehme Erscheinung.
-Er hatte die noble Würde eines Mannes, der fähig ist Andere zu
-erfreuen, und das liebenswürdige Mit- und Selbstgefühl eines wahrhaft
-freundlichen Gebers. Unmöglich war es, beim Spiel mit mehr guter Laune
-zu verlieren. Es schien ihm ordentlich Vergnügen zu machen, wenn seine
-Geldstücke zu dem Häufchen eines andern wanderten, und wenn dieser
-seine Freude darüber nicht verbergen konnte, so betrachtete er ihn
-mit einem wohlwollend überlegenen Lächeln, wie etwa ein Vater sein
-Söhnchen, wenn es wegen irgend einer Bagatelle kindisches Vergnügen
-blicken läßt.
-
-Man hätte diesem Mann unerschöpfliche Hülfsquellen gegönnt, so wohl
-stand ihm sein prächtiges Leben an. Die seinen waren es nicht. Schon im
-ersten Jahre reichten die Einkünfte nicht zu; bald mußte zum Verkauf
-einzelner entbehrlicher Grundstücke und endlich zum Geldaufnehmen
-geschritten werden. Dieses, das nöthige Abbezahlen kleiner und das
-Aufborgen größerer Summen wurde von da an die hauptsächlichste
-Beschäftigung des Barons. War er durch die Nothwendigkeit darauf
-gewiesen, so fand er in ihr bald auch einen eigenen Reiz. Er wandte
-ein Capital von Zeit, Geist und Erfindungskraft daran, das ihn, der
-Verwaltung seiner Besitzungen gewidmet, zum reichen Mann hätte machen
-müssen. Alles, was an Schlauheit in ihm lag, kam bei diesen Geschäften
-zum Vorschein. Er sorgte dafür, daß seine Passiva der Welt möglichst
-ein Geheimniß blieben, und wußte durch feines, liebenswürdiges Benehmen
-immer neue Gläubiger zu gewinnen. Dabei verläugnete er seine noble
-Denkart keineswegs. Er beglückte die Frauen und Kinder der Gläubiger
-durch Geschenke, er machte bei seinen Anleihen großmüthige Bedingungen,
-und wenn er seine Lieferanten und Handwerker nur sehr theilweise
-bezahlte, so hinderte er sie doch auf keine Weise, übermäßig große
-Rechnungen zu machen.
-
-Dieß ging, so lange es gehen konnte. Ungefähr drei Jahre vor dem Beginn
-unserer Erzählung kam er in große Bedrängniß, und es gehörte die ganze
-Stärke seiner glücklichen Natur dazu, um nach außen keine Bekümmerniß
-merken zu lassen. Er mußte sich bedeutend anstrengen, um das Schiff
-wieder flott zu machen, und so hart es ihn ankam, die letzte Zeit her
-seinen kostspieligsten Gewohnheiten entsagen. Die Ehre des Hauses mußte
-jedoch aufrecht erhalten werden. Sein Sohn, vor welchem er die Lage
-der Dinge zu verbergen verstand, mußte auf Gymnasium und Universität
-als junger Mann von Stande leben. Als der ihm verwandte Graf nach
-wiederholten Einladungen endlich Waldfels zu besuchen versprach, so
-durfte er nichts vermissen, was er von einem Wirthe seines Gleichen nur
-irgend zu erwarten berechtigt war. --
-
-So war der Mann, und so standen seine Angelegenheiten. Die Leser können
-daraus einen Schluß ziehen, was der Sohn von ihm zu hoffen und zu
-fürchten hatte.
-
-Als Arthur in das Zimmer trat, kramte der alte Herr eben in einem
-Haufen von Papieren. Er horchte hoch auf, als jener ihm eröffnete,
-daß er mit ihm über eine Sache von Wichtigkeit zu sprechen habe.
-Der junge Mann, wenn er auch eine wesentlich redliche Natur war,
-entbehrte doch keineswegs der Klugheit, welche zur Erreichung guter
-Absichten die geeigneten Mittel zu finden weiß. Er hielt es dießmal
-für gut, etwas auszuholen, und sprach zuerst von einem Lebensplan, den
-er sich gebildet habe. Er müsse dem Vater endlich gestehen, daß ihn
-eine besondere Neigung zu cameralistischen und ökonomischen Studien
-treibe, und daß er sich nichts anderes wünsche und auch nichts anderes
-vorhabe, als nach Absolvirung der Universität ihm bei der Verwaltung
-des Guts zu helfen, wobei er durch mancherlei Verbesserungen, die er
-für möglich halte, den Ertrag desselben glaube steigern zu können.
--- Der Baron antwortete mit einem bedeutungsvollen Hm! und forderte
-ihn durch seine Mienen auf, weiter zu reden. -- Arthur ging nun
-über auf das angenehme Leben in und um Waldfels. Er sprach von dem
-gemüthlichen Charakter des Volks, von den vortrefflichen Familien in
-der Umgegend und rühmte namentlich Frau von Holdingen und ihre Tochter
-als ausgezeichnet durch Bildung, Geist und Charakter, hinzufügend, daß
-der Vater dieß selbst anerkenne, indem er sie am höchsten schätze und
-am liebsten mit ihnen umgehe. -- Der Baron, der darin nur eine weitere
-Begründung des Wunsches erblickte, später in Waldfels zu leben, kam
-noch nicht auf die rechte Fährte und stimmte dem Lob seiner Verwandten
-von Herzen bei. Darüber bezeigte der Sohn die größte Freude und sprach
-nun die zuversichtlichste Hoffnung aus, daß der gute Vater gewiß
-seinem innigsten Wunsch nicht entgegentreten werde. Er wolle auf dem
-Lande leben bei seinem Vater und an der Seite einer braven Frau. Alle
-Tugenden, die er von einer Frau verlange, habe er aber in Anna von
-Holdingen gefunden; er liebe seine Cousine und werde von ihr wieder
-geliebt; er habe beim letzten Feste die Versicherung ihrer Liebe und
-Treue von ihr erhalten und er bitte den Vater inständig, zu diesem
-Bunde der Herzen seine Beistimmung zu geben.
-
-Der Baron sah bei dieser unerwarteten Eröffnung aus, wie einer, der
-zweifelt, ob er recht höre. Er erhob sich, betrachtete den Sohn halb
-mitleidig und sagte: »Bist du klug, Arthur? Du willst dich verloben --
-mit einem Kind?« -- »Anna,« versetzte Arthur mit bescheidenem Ernst,
-»ist kein Kind mehr. -- Indeß,« fügte er mit einem Lächeln hinzu,
-»wenn sie's noch wäre, so wär' es ihr einziger Fehler; und du weißt ja,
-daß man eben diesen am schnellsten und sichersten ablegt.«
-
-Des Barons Antlitz verdüsterte sich und mit schwerem Bedenken
-schüttelte er den Kopf. Es gehörte zu seinem Wesen, daß er sich über
-die Zukunft Arthurs nie eine klare Vorstellung gemacht hatte. Er sorgte
-für die ihm gebührende Ausbildung, im übrigen ließ er ihn gewähren.
-In den seltenen Augenblicken, wo er wegen der Zerrüttung des ererbten
-Vermögens doch einige selbstanklagende Regungen empfand, beschwichtigte
-er sein Gewissen dadurch, daß er annahm, der Sohn, der so viele
-Fähigkeit und so viel Ausdauer im Studium zeige, werde seiner Zeit
-in den Staatsdienst treten, um eine gute Carrière zu machen; und als
-er den Grafen zu sich einlud, dachte er unter anderem wirklich auch
-daran, seinem Arthur durch die ehrenvolle Bewirthung desselben einen
-einflußreichen Protektor zu gewinnen. Auf der andern Seite erwog er,
-daß es einem Träger des Namens Waldfels, begabt und liebenswürdig,
-unmöglich fehlen könne, eine vorzügliche Partie zu machen und durch
-die Reichthümer der Erwählten die Mängel des väterlichen Vermögens
-zu decken. So mußte das Geständniß Arthurs, wodurch beide Hoffnungen
-bedroht waren, tiefen Verdruß und Unmuth in ihm erregen. Als der Sohn
-auf seinem Gesicht einen Ernst sah, der ihm völlig ungewohnt erschien,
-wurde er sehr betreten und fragte im Ton trauriger Ueberraschung:
-»Wär's möglich, Vater, daß dir meine Wahl mißfiele? Hättest du an Anna
-etwas auszusetzen?«
-
-Der Baron versetzte mit Würde: »Nach meiner Ansicht ist die Zeit, wo du
-an Verlobung, oder gar an Verheirathung denken kannst, überhaupt noch
-nicht gekommen. Wenn sie aber gekommen ist, so muß ich dir aus vielen
-Gründen eine reichere Partie wünschen, da unsere Vermögensverhältnisse
-keineswegs mehr brillant sind.« -- »O,« rief der Sohn, »wenn es nur das
-ist, dann hab' ich keine Sorge!« Und mit Selbstgefühl setzte er hinzu:
-»Wir wollen das Gut schon mit einander verwalten, daß ich eine reiche
-Frau nicht nöthig habe. Ich habe meine Gedanken, und wenn du mir freie
-Hand gibst, so verbürge ich mich dafür, in wenigen Jahren stehen wir
-so, daß ich Anna in eine glückliche, gesegnete Familie einführen kann.«
--- »Du weißt nicht,« entgegnete der Vater mit einem Seufzer, »wie
-weit es gekommen ist!« -- »Das ist einerlei!« versetzte der liebende,
-muthige Jüngling. »Im schlimmsten Fall hätten wir nur ein paar Jahre
-mehr nöthig.« Und indem er ihn schmeichelnd bei den Händen faßte, rief
-er in bittendem Ton: »Sey der gute, liebe Vater, der du immer warst!
-Gib deine Einwilligung!«
-
-Dem Baron stellte sich bei diesem Drängen seine Lage so klar vor Augen,
-wie nie vorher. Das Gefühl, daß sein einziger Sohn und das gute Mädchen
-einem traurigen Loos entgegen gehen würden, erschütterte ihn, und eben
-die Liebe, die Sorge, gab ihm nun Kraft zur Strenge. Er wies die Hand
-des Sohnes zurück und sagte mit Entschiedenheit: »Laß diese Thorheiten!
-Du bist selbst noch ein Kind und weißt nicht, was zum Leben gehört!« --
-Und froh, von sich selber etwas Empfehlenswerthes anführen zu können,
-fuhr er fort: »Ich war zehn volle Jahre älter, als ich mich mit deiner
-Mutter verlobte. Das ist die Zeit, wo man gegenwärtig allenfalls an's
-Heirathen denken darf. Die kindischen Schwärmereien der Jugend sind
-dann von selber vergangen und der Kopf ist hell genug, um eine in
-jeder Beziehung glückliche Wahl zu treffen. Das muß ich wissen, der
-ich Erfahrung habe und die Welt kenne. Aber ihr jungen Leute wollt
-heutzutage klüger seyn als die Alten, und es ist doppelt nöthig, euch
-in die gehörigen Schranken zurückzuweisen. -- Kurz, ich gebe zu dieser
-Verbindung meine Einwilligung nicht und werde dafür sorgen, daß die
-voreilige Liebschaft ein Ende findet.«
-
-Nach diesem Beweis von Energie wollte sich der alte Herr wieder an
-den Schreibtisch setzen, aber Arthur hielt ihn zurück. Mit Ernst und
-Festigkeit erwiederte er: »Du bist hart gegen mich, Vater, und das
-thut mir weh, denn ich bin's nicht von dir gewöhnt. Aber deine Härte --
-verzeih' mir, daß ich so zu dir rede -- kann und wird meinen Entschluß
-nicht ändern. Ich habe es wohl überlegt, um was ich dich bitte, und ich
-muß vor allem das thun, was ich für meine höchste Pflicht halte. Ich
-=kann= meiner Cousine nicht entsagen. Sie ist ein so liebenswürdiges
-Mädchen, daß sie das Bild, das ich mir immer von dem vortrefflichsten
-Weib gemacht habe, noch bei weitem übertrifft. Schon jetzt vereinigt
-sie mit dem schönsten und tiefsten Gefühl den heitersten Geist und den
-klarsten Verstand. Und wenn sie nach deiner Ansicht noch ein Kind ist,
-was muß man erst in der Zukunft von ihr erwarten? Daß ein solches Wesen
-existirt, ist ein Wunder, daß ich sie gefunden habe, ein unendliches
-Glück -- und dieses Glück, das ich mit meinem Blute erkaufen würde,
-sollt' ich von mir stoßen? -- Das ist es aber nicht allein. Ich habe
-mich gegen Anna erklärt, ich habe das Versprechen der Treue mit ihr
-gewechselt, und glaubst du, daß ein Waldfels sein feierlich gegebenes
-Wort brechen werde?«
-
-Das Vaterherz konnte sich dem Eindruck dieser Entgegnung nicht ganz
-verschließen; aber noch bewahrte der Baron seine Festigkeit und rief
-im Ton des Unwillens aus: »Das ist eben dein unverzeihlicher Fehler,
-daß du ein solches Wort gegeben hast!« -- »Es ist dazu gekommen,«
-erwiederte Arthur, »ich weiß selbst nicht wie. Ich folgte meinem Herzen
-und es ist mir nicht eingefallen, daß es jemand betrüben könnte. Ich
-fand das höchste Glück des Lebens -- konnte ich da noch an etwas
-anderes denken? -- Und was ist denn alles andere im Vergleich mit
-diesem Glück? Was kann denn noch in die Wagschale fallen, wenn wir das
-Herz eines Mädchens gewinnen, für dessen Besitz wir niedersinken und
-Gott auf den Knieen danken möchten? -- Ich weiß nicht, ob es Menschen
-gibt, die so klein von sich denken, daß sie sich nicht zutrauen, ein
-über alles geliebtes Weib durch's Leben zu führen. Ich aber, lieber
-Vater, gehöre nicht zu ihnen; und wie unsere Verhältnisse jetzt auch
-beschaffen seyn mögen, ich werde Anna glücklich machen, glücklicher als
-irgend jemand in der Welt es vermag.«
-
-Der Baron konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, mit Theilnahme
-auf den Sohn zu blicken und in seinem ganzen Wesen eine innere
-Bewegung zu verrathen. Er sagte mit sanfterer Stimme: »Lieber Arthur,
-du weißt nicht, was du versprichst! Du kennst die Klippen nicht, die
-dich bedrohen! Du wirst scheitern, wie so viele vor dir gescheitert
-sind!« -- »Ich werde nicht scheitern!« rief Arthur mit dem Ausdruck
-innerster Zuversicht. »Ich fühle einen Muth in mir, dem nichts zu
-schwer vorkommt, und hier in meinem Herzen ruft eine Stimme: du wirst
-über alle Schwierigkeiten triumphiren! -- Aber,« fuhr er dringend
-und herzlich fort, »du, Vater, mußt mir zu diesem Unternehmen deine
-Beistimmung schenken und deinen Segen geben. Du warst immer so gut
-gegen mich und in den letzten Jahren, ich darf es wohl sagen, Vater
-und Freund in Einer Person. Deine Liebe, deine Freundschaft gehören zu
-meinem Glück, sie sind das Mittel und die Bedingung dazu, ich kann und
-will es nicht haben ohne sie. Darum schenke sie mir und gib mir dein
-Jawort! Wir wollen dann zusammen arbeiten und hoffen und Gott und uns
-selber vertrauen.«
-
-Die Widerstandskraft des Barons war zu Ende. Sein Herz war erweicht;
-und zugleich hatte der Muth und die Zuversicht des Sohns ihn
-angesteckt. Was er so eben noch in Abrede gestellt, das erschien dem
-gerührten Herzen jetzt nicht nur wieder möglich, sondern beinahe
-wahrscheinlich. Ohnehin hatte er ja das Seine gethan; er hatte gewarnt
-und lange genug gekämpft. Der junge Mensch fügte sich nicht; man
-mußte sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu ändern sey. -- Allen
-diesen Eindrücken wich der Vater endlich und erklärte: »Wenn du es
-nicht anders haben willst, so mag es seyn. Ich gebe meine förmliche
-Einwilligung noch nicht, aber ich verspreche sie dir für den Fall, daß
-die Baronin nichts gegen eure Verlobung einzuwenden hat. Dann aber,«
-setzte er mit Bedeutung hinzu, »vergiß nie, daß ich dich gewarnt und
-nur deiner Hartnäckigkeit nachgegeben habe.«
-
-Arthur hatte nicht bis zum Schluß dieser Rede gewartet, um dankerfüllt
-des Vaters Hand zu ergreifen und zu drücken. Er umarmte ihn nun mit
-kindlicher Zärtlichkeit und rief mit Bezug auf die letzten Worte:
-»Nein, lieber Vater, nie werde ich das vergessen, so wenig wie
-die unendliche Güte, womit du meine Bitte erfüllt hast. Wenn ich
-unglücklich werde, so ist es nur meine Schuld. Wenn ich Glück erlebe,
-so hab' ich es einzig und allein dir zu danken.« -- »Gut,« versetzte
-der Baron mit väterlichem Ansehen, »dieß ist abgemacht. Aber Eines muß
-ich mir noch bedingen. Morgen Nachmittag gehen wir zur Baronin: bis
-dahin wirst du das Schloß nicht verlassen.« -- Arthur versprach es und
-verabschiedete sich.
-
-Er hielt Wort. Er unterdrückte das Verlangen, zu der Geliebten zu
-eilen, aber er schrieb an sie und sorgte dafür, daß der Brief ihr
-geheim übergeben wurde. Er meldete ihr das Ergebniß der Unterredung mit
-seinem Vater und forderte sie dringend auf, ihrer Mutter gleichfalls
-ein Geständniß zu machen und bis zur Ankunft seines Vaters ihre
-Beistimmung zu erlangen. -- Den andern Morgen hätte man an dem schönen
-Mädchen wohl bemerken können, daß ein ungewöhnlicher Vorsatz ihre
-Seele beschäftigte. Sie zeigte eine bewegtere häusliche Thätigkeit als
-sonst. Wenn sie davon abließ, stand sie bald in tiefen Gedanken und
-ihren reizenden Mund verschönte ein eigenes, halb verlegenes Lächeln.
-Sie schien die rechte Form der Ausführung nicht finden zu können und
-nahm endlich ihre Zuflucht zum Pianoforte. Dieses Instrument spielte
-sie mit Fertigkeit, heute aber führte sie die gewählten ernsten Stücke
-mit einem Gefühl und einer Kraft aus, daß die Mutter, die sich zu einer
-weiblichen Arbeit gesetzt hatte, selbst mit Verwunderung horchte und
-unwillkürlich dem rührenden Eindruck der Musik sich hingab. Auf einmal
-erhob sich das junge Mädchen und trat vor die Mutter. Ihr Vorhaben
-nicht nur, sondern auch das Bewußtseyn ihrer großen Jugend rief eine
-holde Schamröthe auf ihren Wangen hervor; aber ihr Entschluß war gefaßt
-und die Stimmung, wo sie ihn ausführen konnte, hatte sie gewonnen.
-Sie erklärte der etwas befremdet blickenden Mutter, daß sie ihr ein
-Bekenntniß abzulegen habe, und bat sie, ihr mit Güte ein ruhiges Gehör
-zu schenken. Dann erzählte sie den Vorgang am Pfingstmontag mit der
-Ergebung einer kindlich bescheidenen, aber zugleich mit dem Muthe einer
-liebenden Seele, durchaus getreu nach der Wahrheit.
-
-Frau von Holdingen war auf's höchste überrascht. Sie hatte nicht
-geglaubt, daß hinter der Aufmerksamkeit des jungen Vetters, die ihr
-natürlich nicht entgangen war, eine so ernstliche Neigung verborgen
-wäre, und staunte nun über ihr plötzliches Hervorbrechen. Aber sie
-war nicht, wie der Baron, in der Lage, die Vereinigung der Kinder
-bedenklich zu finden; im Gegentheil, sie empfand sogleich eine große
-Befriedigung. Die Familie Waldfels war eine der ältesten im Lande,
-Arthur war ein Jüngling von soliden Eigenschaften und, was sie schon
-früher zum öftern hervorgehoben hatte, so recht von adelig schöner
-Gestalt. Die Vermögenszustände des Barons hielt die von ihres Gleichen
-stets das Bessere annehmende Dame für geordneter als sie waren, den
-Sohn mithin für den Erben einer immerhin noch bedeutenden Besitzung,
-und da ihr Kind wenig oder gar keine Mitgift zu erwarten hatte, die
-materielle Denkweise der lebenden Männerwelt ihr aber nur zu gut
-bekannt war, so hatte der Gedanke, ihre Anna Baronin von Waldfels
-werden zu sehen, für sie etwas höchst Erfreuliches und Beruhigendes.
-Sie mußte sich Mühe geben, ihr Vergnügen vor der Tochter nicht geradezu
-merken zu lassen, und die ernste Miene einer Beichtigerin zu behaupten.
-Am Ende fiel ihr nichts Besseres ein, als ebenfalls ihre hohe
-Verwunderung darüber auszudrücken, wie bei dieser Jugend sowohl des
-Vetters als namentlich Anna's selber ein solcher Vorgang habe möglich
-seyn können.
-
-Darauf erwiederte Anna mit Ergebung: »Ich weiß wohl, daß ich noch jung
-bin, aber ich bin alt genug, um einzusehen, daß ich einen besseren und
-edleren Mann, als Arthur, nie finden würde, und ich habe ihn so lieb,
-daß ich ihn nicht lieber haben könnte! Als er mich zum Spaziergang
-einlud, hatte ich keine Ahnung von dem, was kommen sollte. Es ist, wie
-wenn's vom Himmel gefallen wäre. Als ich darüber nachdachte, war's
-geschehen. Nun hat Arthur mein Wort, mein heiliges Versprechen -- und
-du,« setzte sie mit herzlich bittendem und zuversichtlichem Ton hinzu,
-»du, liebe Mutter, wirst mich gewiß nicht hindern, es zu halten.«
-
-Frau von Holdingen erhob sich. Ihrem Herzen folgend umarmte sie das
-Kind, indem sie mit Güte sagte: »Beruhige dich, Anna! Hält Arthurs
-Gesinnung auch die Prüfung der Mutter aus, dann hast du nicht zu
-fürchten, daß ich eurer Verlobung mich widersetzen werde. Es kommt aber
-hier vor allem auf den Baron an, der mit seinem Sohn vielleicht andere
-Absichten hat. Wenn er die Verbindung nicht wünschte, so wäre es für
-dich eine Ehrensache, deinem Vetter zu entsagen.«
-
-Um vier Uhr Nachmittags rollte die offene Chaise des Barons in den Hof.
-Der wackere Herr war in froher, gemüthlicher Laune. Er hatte mit gutem
-Appetit gegessen und die ihm zugesandte Probe einer neuen Weinsorte
-vortrefflich gefunden. Das Wetter war schön und die wehende Ostluft
-erquickend; als er daher mit dem Sohn an blühenden Wiesen hinfuhr,
-vergaß er den düstern Hintergrund seiner Angelegenheiten gänzlich und
-hatte nur heitere Anschauungen. Aus der Art seines Auftretens schöpfte
-Frau von Holdingen sogleich die vollste Beruhigung, und die erröthenden
-jungen Leute gaben sich durch Blicke die freudige Gewißheit, daß auf
-beiden Seiten alles wohl stehe.
-
-Nach den ersten Begrüßungen ließ der Baron, der nicht gewohnt war, in
-solchen Dingen lang zurückzuhalten, seine Blicke von der Tochter zur
-Mutter gleiten und sich dann also vernehmen: »Ich sehe, liebe Base,
-daß unsere gute kleine Cousine auch schon gebeichtet hat. Nun, was
-sagen Sie zu den jungen Leuten? Ist das nicht erstaunlich? Hat man in
-unsern Zeiten von so etwas gehört? -- Sie haben uns eine eigenthümliche
-Aufgabe gestellt, unsere Kinder; aber wie wir darüber denken, wir
-können nicht vermeiden, uns nun damit zu beschäftigen.«
-
-Frau von Holdingen nahm eine würdevolle Haltung an und erwiederte:
-»Allerdings hat mir meine Tochter alles gestanden und ich habe mein
-Urtheil nicht zurückgehalten über die Art, wie sie sich in ihrer Jugend
-zu einem solchen Schritt hat hinreißen lassen. Aber eben diese Jugend,
-lieber Baron, muß sie entschuldigen. Was jetzt geschehen soll, das
-hängt allein von Ihrer Entscheidung ab. Haben Sie gegen das Verhältniß
-und gegen die künftige Verbindung der jungen Leute nur die geringste
-Einwendung zu machen, so kenne ich meine Pflicht, und ich werde dafür
-sorgen, daß aller Verkehr zwischen ihnen abgebrochen wird.« -- »Ach,
-beste Baronin,« versetzte der alte Herr, »das würde nicht viel helfen.
-Arthur hat sich mir von einer ganz neuen Seite gezeigt: er wäre im
-Stand, seinem Vater zu trotzen! Auch unsere Anna, im Vertrauen, sieht
-nicht darnach aus, als ob sie in dieser Angelegenheit ohne weiteres
-Gehorsam leisten wollte. Was sollen wir thun? Die Kinder lieben sich,
-sie haben sich Treue gelobt -- und wir müssen zu ihrem Spiel gute
-Miene machen; -- das heißt, wenn Sie, verehrte Frau, nicht aus mir
-unbekannten Gründen Bedenken tragen, Ihre Einwilligung zu geben.«
-
-Die Baronin beeilte sich zu erklären, daß sie die Verbindung ihrer
-Tochter mit dem Sohne des Barons von Waldfels für höchst ehrenvoll
-und für das größte Glück halte, das Anna nur irgend erwarten könnte.
-Nun wäre es dem wohlwollenden und galanten Mann völlig unmöglich
-gewesen, sein Jawort zu versagen. Er liebte es ohnehin nicht, Scenen
-dieser Art hinauszudehnen, und versetzte daher mit herzlicher
-Freundlichkeit: »Da Sie so liebenswürdig denken, gnädige Frau, und in
-Ihrer Güte sich selbst übertreffen, so geben wir in Gottes Namen unsere
-Einwilligung und behalten uns vor, die wirkliche Verlobung so lange
-hinauszuschieben, als es uns schicklich dünkt. -- Möge der Himmel,«
-setzte er mit Ernst hinzu, »seinen Segen dazu geben!« -- Dann, mit
-Liebe zu dem Paare gewandt, rief er: »Bedankt euch nun bei der guten
-Baronin, Kinder!«
-
-Die beiden, denen bei den ersten Reden doch wieder etwas bange
-geworden, folgten der Aufforderung rasch und ließen ihre zärtlichen
-Gefühle an den Eltern so herzlich aus, daß diese selbst der Rührung
-nicht widerstehen konnten und sich mit feuchten, tiefbefriedigten
-Blicken ansahen. Arthur hatte Anna's Hand ergriffen, sein Auge hing an
-ihr in triumphirender, seliger Liebe. Er wagte es nicht, ihre Lippen
-zu küssen, und drückte, indem er sie an sich zog, seinen glühenden
-Mund auf ihre Stirne. Das Mädchen sah dabei so bräutlich schön aus und
-ihr Glück hatte einen so strahlend edeln Charakter, daß der Baron der
-Mutter zuflüsterte: »Mein Arthur hat sehr wohl gethan, sich dieses
-Kleinod so früh zu gewinnen. Hätte er noch gezaudert, so würden die
-Mitbewerber aus der Erde gewachsen seyn, und es hätte ihm doch wohl
-einer gefährlich werden können. Er hat auch in dieser Sache den
-Verstand und die Klugheit bewiesen, die ihn immer ausgezeichnet haben.«
--- Die Mutter antwortete mit einem dankbaren und wohlgefälligen
-Lächeln. --
-
-So leicht wurde diese Angelegenheit, die so manche bedenkliche Seite
-darzubieten schien, einem Ende zugeführt, das alle Theile zufrieden
-stellte. Der Baron hielt es um so weniger für nöthig, auf seine
-dermaligen Vermögensverhältnisse hinzudeuten, als es ihm ja wieder
-gelungen war, in dieser Beziehung gute Hoffnungen zu fassen. Und
-wenn es nicht der Fall gewesen wäre, wie hätte ein so guter Mann es
-über's Herz bringen können, die gegenwärtige heitere Stimmung durch
-einen prosaischen Mißton zu trüben? Man vereinigte sich darüber, die
-förmliche Verlobung in Ansehung der Jugend Annas erst nach einem Jahr
-erfolgen zu lassen. Arthur sollte seine Studien beenden, reisen und
-endlich nach Waldfels zurückkehren, wo dann nach den Umständen früher
-oder später die Vermählung stattfinden sollte. Der alte Herr zeigte
-sich nicht abgeneigt, das Gut an Arthur zu übergeben, so daß Anna die
-Aussicht hatte, als Herrin in das Schloß geführt zu werden.
-
-Beim Abendessen ließ sich der Baron die geringere, aber ächte Weinsorte
-der Baronin eben so gut schmecken, wie seine bessere zu Hause. Seine
-Laune belebte sich mehr und mehr. Er begann die Kinder zu necken
-und freute sich an dem jungfräulichen Erröthen des Mädchens. Unter
-andern wollte er darin einen Hauptbeweis für das Fortschreiten der
-Menschheit erkennen, daß die jetzige Generation nicht nur fähig sey,
-so früh zu lieben, sondern auch so früh schon eine glückliche Wahl zu
-treffen und mit Leidenschaft Verstand und Festigkeit zu verbinden.
-Er selber gestehe, sich mit der Thorheit länger abgegeben zu haben,
-was er übrigens auch nicht bereue. Wie er so dasaß, glänzend von
-Wohlwollen und Vergnügen, hätte er verdient, von dem besten Maler der
-altniederländischen Schule porträtirt und in der Poesie seines Wesens
-für alle Zeiten bewahrt zu werden. Endlich ergriff er das Glas, um
-einen Toast auf das Liebespaar auszubringen. Er wünschte und verkündete
-ihnen mit väterlicher Zärtlichkeit und mit dem besten Glauben ein Leben
-voll Liebe, Glück und Freude.
-
-Mußten Arthur und Anna der Zukunft nicht mit den frohesten Empfindungen
-entgegensehen? Mußten sie sich nicht schon angeweht fühlen von dem
-Hauch der vollkommensten Erdenseligkeit? Aber die Macht, welche das
-Geschick der Menschen bestimmt, hat oft ihre Gründe, eben diejenigen,
-die ein schönes, ruhiges Daseyn zu verdienen scheinen, die Wege des
-Unglücks zu führen. Die Zeit nahte heran, wo die Hoffnungen, von denen
-die Herzen der Liebenden bewegt und erhoben waren, eine nach der andern
-zertrümmert werden sollten.
-
-Seit der Rückreise Arthurs auf die Universität war mit dem Baron eine
-eigene Veränderung vorgegangen. Das Glück der beiden Kinder hatte
-ihn in Wahrheit tief gerührt und in der nun folgenden Einsamkeit
-nachdenklich gemacht. Er fühlte die Verpflichtung, für sie etwas zu
-thun, und nahm sich mit völligem Ernste vor, seinen Haushalt noch
-weiter einzuschränken und auf den Ruhm eines glänzenden Edelmanns
-ganz zu verzichten. Daß sein Koch ihn zu dieser Zeit im Lohn steigern
-wollte, kam ihm gerade recht. Er entließ ihn, verschaffte sich eine
-bewährte Köchin und befahl ihr, zwei Gerichte weniger zu geben als
-bisher. Da er von seinem gewohnten Weinmaß etwas abzubrechen sich
-nicht entschließen konnte, so begnügte er sich mit einer billigeren
-Sorte und bewahrte die besten für unumgängliche Gelegenheiten auf.
-Ein reicher Nachbar hatte früher umsonst großes Verlangen nach seinen
-zwei vorzüglichen Wagenpferden blicken lassen; jetzt benützte er das
-Gelüste desselben, trat ihm die beiden Grauschimmel um hohen Preis
-ab und bezahlte damit einen drängenden Gläubiger. Er fing an bei den
-nöthigen Einkäufen auf Billigkeit zu sehen und mit den verwunderten
-Kaufleuten um den Preis zu handeln. Ja, er bekümmerte sich sogar um
-seine Land- und Forstwirthschaft, ging selbst auf die Felder, um die
-Arbeiten mit anzusehen, und unterhielt sich mit dem Verwalter über die
-vortheilhafteste Benützung des Bodens. Bei verschiedenen Gelegenheiten
-hielt er seinen Untergebenen Reden über die Nothwendigkeit einer
-sparsamen Haushaltung mit so anmuthiger Würde, als ob er nie an etwas
-anderes gedacht hätte. Die Leute stimmten ihm achtungsvoll bei, so
-lange sie vor ihm standen; wenn sie sich allein sahen, konnten sie sich
-nicht enthalten, lächelnd den Kopf zu schütteln.
-
-Ob es dem guten Herrn möglich gewesen wäre, in der eingeschlagenen
-Richtung zu beharren, können wir nicht sagen. Das Schicksal enthob ihn
-der Probe. Er fühlte sich eines Abends unwohl und legte sich früher als
-gewöhnlich zu Bette. Morgens fand man ihn todt. Ein Schlagfluß hatte
-seinem Leben ein Ende gemacht. -- --
-
-Das plötzliche Hinscheiden einer lebensfrohen und lebenskräftigen
-Person hat für diejenigen, die ihr mit Liebe anhingen, etwas tief
-Erschreckendes. Zu dem Schmerz über den Verlust gesellt sich der
-grausame Zweifel an allem, was man bisher für sicher und dauernd
-gehalten. Die Hinfälligkeit des Menschen, die Unzuverlässigkeit alles
-Irdischen sieht mit dem Antlitz der Gorgone auf uns her, und es
-erfordert die höchste Stärke, sich noch aufrecht zu erhalten und den
-Pflichten des Tages zu genügen.
-
-Frau von Holdingen und Anna hörten die Todesnachricht mit Entsetzen.
-Die Ahnung einer unheilvollen Wendung ihres Geschicks durchzuckte
-sie, als sie die bleichen Gesichter gegen einander wandten und sich
-mit thränenlosen Augen ansahen. Sie begaben sich in größter Eile nach
-Waldfels, wo der herbeigerufene Arzt eben erklärt hatte, daß man jede
-Hoffnung aufgeben müsse. In der allgemeinen Trauer, unter den Thränen,
-die jetzt reichlich um den Gestorbenen flossen, ermannte sich Frau von
-Holdingen zuerst. Sie sandte einen reitenden Boten an den Sohn und
-übernahm als nächste anwesende Verwandte die Leitung des Hauses.
-
-Arthur erschien am folgenden Tage in Begleitung seines Oheims, den er
-von der Landstadt, wo er als pensionirter Oberst lebte, mitgenommen
-hatte. Wir versuchen es nicht, seinen Schmerz zu schildern. Die Liebe,
-die er für seinen Vater empfand, hatte sich durch dessen gütiges
-Benehmen bei der ihm theuersten Angelegenheit noch erhöht. Wenn er
-seinen vertrauten Freunden von ihm erzählte, so glänzten seine Augen,
-als spräche er von der Verlobten. Welch ein erschütterndes Gefühl
-war es nun, dem theuern Mädchen wieder die Hand zu reichen und den
-geliebten Vater todt vor sich zu sehen! Er gab sich seinem Schmerz ohne
-Widerstand hin. Die Anordnung der Trauerfeierlichkeiten mußte von dem
-Oheim und Frau von Holdingen übernommen werden.
-
-Noch einmal sahen die Räume des Schlosses eine zahlreiche,
-hochansehnliche Versammlung von Freunden der Familie Waldfels. Wenn
-nicht Alle wahre Trauer um den Mann empfinden konnten, der jetzt in die
-Gruft seiner Väter gesenkt wurde, so bedauerten doch Alle sein Ableben
-aufrichtig und hörten mit Theilnahme die Rede des Ortsgeistlichen, der
-ihnen seine menschlich schönen Charakterzüge mit schonender Hindeutung
-auf seine Schwächen in's Gedächtniß rief.
-
-Ein letzter Wille des Barons fand sich nicht vor; der Sohn war daher
-alleiniger Erbe und der Oberst, als der nächste Verwandte, wurde sein
-Vormund. Als beides geordnet war, ging Arthur in Verbindung mit dem
-Oberst muthig an die Arbeiten, die ihm durch die Lage der Dinge und
-durch die Gesetze des Landes geboten waren. Aber bald sollte dieser
-Muth niedergeschlagen werden.
-
-Was die Leser schon errathen haben müssen, enthüllte sich.
-Schon die Durchsicht der hinterlassenen Papiere ließ die beiden
-Waldfels einen ungefähren Schluß ziehen auf den wahren Stand der
-Vermögensverhältnisse. Als aber in Folge des öffentlichen Aufrufs die
-sämmtlichen Gläubiger der Verlassenschaft sich meldeten, übertraf die
-Wirklichkeit selbst das, was sie in den schlimmsten Momenten gefürchtet
-hatten: die Summe der Forderungen drohte das ganze Erbe zu verschlingen.
-
-Für Arthur, der sich in so schönen Hoffnungen gewiegt und so heilige
-Pflichten übernommen hatte, war es ein schreckliches Gefühl, als er
-zum erstenmal diese Wahrnehmung machte. Er war gerade allein -- sein
-Oheim war auf einige Tage in seinen Wohnort zurückgegangen --, die klar
-erkannte Thatsache wirkte daher um so grausamer und niederwerfender
-auf ihn; die Verzweiflung wühlte in seinem Herzen. Wenn er daran
-dachte, welch ein reiches Erbe seinem Vater hinterlassen worden war,
-so konnte er sich einer bittern Empfindung nicht erwehren. Wie war es
-möglich, solchen Wohlstand gänzlich zu untergraben und den Sohn dem
-Bettelstab nahe zu bringen? Wie war es möglich, den Weg zum Untergang
-vorwärts zu gehen und nie zurückgeschreckt zu werden? -- Bei alledem
-vermochte er dem Vater nicht zu grollen. Er dachte an seine unbegrenzte
-Gutmüthigkeit, an die Begriffe, die er von seinem Stande gehegt hatte,
-und der Ruin des Familienvermögens erschien ihm als eine Art von
-Verhängniß, als eine Folge von Schwächen des Vaters, die zu seiner
-Natur gehörten und für die er nicht mit Strenge verantwortlich gemacht
-werden konnte. Er tadelte sich selbst, daß er nicht gesehen, wohin die
-allzu glänzende Lebensweise zuletzt führen müsse, daß er sich nicht
-schon früher ernstlich von dem Stande des Vermögens unterrichtet und
-versucht habe, den Vater zu den unausweichlichen Einschränkungen zu
-bestimmen. Was sollte er nun beginnen? Welch ein Loos wartete seiner?
-Wie sollte er die Hoffnungen seiner Geliebten, wie sollte er seine
-feierlich ertheilten Zusagen erfüllen? -- Er hatte keine Antwort auf
-diese Fragen.
-
-
- III.
-
-Die Verzweiflung ist für ein kräftiges, emporstrebendes Gemüth
-eine unsäglich bittere, aber eine heilsame Arznei. Sie führt es
-in dürre, todte Wüsten, aber eben hier wird der Resignation des
-Rechtschaffenen das Manna des Geistes zu Theil. Sie wirft es in die
-tiefsten, dunkelsten Abgründe, aber gerade in ihnen erscheinen dem
-emporblickenden Auge die Sterne des Himmels. Gleich einem Erdbeben
-öffnet die Erschütterung des Herzens neue Quellen und macht Kräfte
-frei, deren Umfang bis dahin nicht geahnt werden konnte. Eben so
-wie großes, unerwartetes Glück, führt plötzlich hereinbrechendes,
-niederschmetterndes Unglück die im Innersten zerbrochene Seele zu
-Gott und gibt der passiven Religiosität eines edeln, aber ungeprüften
-Herzens die Weihe zur Thatkraft, zur Bewährung.
-
-Arthur fühlte die ganze Pein der Hoffnungslosigkeit, und wir dürfen
-es wohl sagen, daß die grausame Enttäuschung ihm bittere Thränen
-auspreßte. Nach und nach aber legte sich der Sturm in seinem Herzen
-und es wurde stiller darin. Er empfand leise das Vorgefühl der
-Genesung. Mit beruhigterem Geist erkannte er das Große der Prüfung, die
-ihm auferlegt war; er fühlte den Muth in sich, sie zu bestehen. Indem
-er an die Kämpfe dachte, die seiner warteten, erhob sich seine Seele
-und die Hoffnung auf den Sieg stärkte sein Herz. In dieser Stimmung
-vermochte er Gott zu danken für die ihm zugemutheten Arbeiten; er
-fühlte sich durch sie geehrt und gelobte sich, mit den ihm verliehenen
-Kräften Alles zu thun, um das Glück, das ihm nicht geschenkt werden
-sollte, durch sich selbst zu erringen.
-
-Da er sich überzeugt hatte, daß sein Erbe den Gläubigern zur Beute
-fallen würde und müßte, so dachte er nach, welche Mittel ihm wohl
-noch blieben, seinem Geschick eine Wendung zum Bessern zu geben.
-Da fiel ihm der Graf ein, der sich gegen seinen Vater so warm über
-ihn ausgesprochen hatte. Er setzte sich nieder, erstattete dem
-hochgestellten Mann einen treuen Bericht von seiner Lage und bat ihn um
-gütige Aufklärung darüber, welche Laufbahn ihn am schnellsten in den
-Stand setzen könnte, seiner Verlobten und sich eine ehrenvolle Existenz
-zu schaffen. Mitten in der Abfassung dieses Schreibens tauchte eine
-eigenthümliche Vorstellung in ihm auf, bei der er nicht umhin konnte,
-über sich selber zu lächeln. Als er es beendet und abgeschickt hatte,
-trat dieser Gedanke wieder vor seine Seele, und er hing ihm nach, wie
-man Träumen nachhängt, ohne mehr daraus zu machen als sie sind. Seine
-Einbildungskraft mußte sich sehr gefällig erzeigen, denn sein Gesicht
-glättete sich und gewann beinahe einen heitern Ausdruck.
-
-Zunächst hatte er aber eine ernste Pflicht zu erfüllen: er mußte Frau
-von Holdingen und Anna von dem Stand der Dinge unterrichten. Als er
-nach dem Landhause fuhr, wohin er so gern die besten Nachrichten
-gebracht hätte, fühlte er doch wieder eine Bewegung, die er nur mit
-Mühe bemeistern konnte. Er fand die nöthige Ruhe erst in der Begrüßung
-der Frauen, schilderte ihnen aber nun das thatsächliche Verhältniß,
-wie es sich ihm endlich dargestellt hatte, mit würdiger Resignation.
-Als er geendet, trat eine tiefe Stille ein. Er betrachtete Mutter
-und Tochter und bemerkte zu seinem Troste, daß der Eindruck seiner
-Erzählung nicht so niederschlagend war, als er gefürchtet hatte.
-Bei Anna war dieß in ihrem Herzen, ihrem Charakter und ihrer Jugend
-begründet; Frau von Holdingen aber war auf eine solche Eröffnung schon
-einigermaßen vorbereitet, da ihr Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die
-ungefähr auf dasselbe hinaus liefen. Dessen ungeachtet konnte sie sich
-nicht enthalten, das Schweigen zuerst durch einen Ausruf schmerzlichen
-Staunens zu unterbrechen und einen mütterlich tiefbesorgten Blick auf
-die Tochter zu werfen.
-
-Mancher erwartet nun vielleicht, daß der junge Waldfels mit der
-Erklärung hervorgetreten sey, er gebe unter solchen Umständen Fräulein
-von Holdingen das von ihr empfangene Wort zurück; er liebe sie zu sehr,
-um sie an sein unsicheres Loos zu fesseln und dem Glücke, das sie
-zu erwarten das Recht habe, sich in den Weg zu stellen. Ein solcher
-Gedanke hatte sich Arthur in der ersten Niedergedrücktheit allerdings
-auch dargeboten, war aber sogleich von ihm verworfen worden. Er kannte
-Anna und wußte, daß er sie durch eine solche Erklärung nur kränken
-würde. Er gehörte ihr, wie sie ihm; sie hatte Ansprüche auf eine Liebe,
-die sich nicht in muthloser Entsagung, sondern in vertrauensvollem
-Behaupten des gewonnenen Besitzes offenbaren muß. Wie sehr er Recht
-hatte, zeigte sich jetzt. Nach dem Ausruf der Mutter wandte sich Anna
-liebevoll zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit innigem Ernst:
-»Es ist ein Unglück, Arthur, das ich um deinet- und um unsertwillen
-schmerzlich bedaure. Aber wir wollen auch das mit einander tragen.
-Jetzt ist es gut für uns, daß wir so jung sind, wir können warten. Ich
-traue dir alles zu und meine, es müßte dir alles gelingen. Wenn andere,
-die mit Nichts anfangen mußten, in der Welt etwas erreicht haben, warum
-solltest du's nicht? Und wenn ich nie deine Frau werden könnte,« setzte
-sie mit dem schönen Aufschwung jugendlicher Gemüther hinzu, »so würde
-ich doch stets die Deine seyn. Ich habe dir mein Wort gegeben, und ich
-wiederhole es jetzt: entweder du oder keiner soll meine Hand erhalten!«
--- Arthur hörte mit freudiger Bewegung diese schmeichelhaften Worte und
-umarmte und küßte die Geliebte, indem Thränen in seinen Augen glänzten.
-»Im Unglück muß man seyn,« rief er aus, »wenn man edle Seelen kennen
-lernen will! Wenn man auch weiß, wie gut sie sind, so thut es doch
-innig wohl, zu hören und zu sehen, was man weiß. Vertraue mir nur,
-Anna, dein Glaube soll dich nicht täuschen! Was ich auch unternehme,
-es muß gesegnet werden um deinetwillen. Wir werden glücklich seyn,
-verlasse dich darauf -- ja, glücklicher als wenn der Reichthum des
-Großvaters ganz auf mich gekommen wäre!«
-
-Die Baronin hatte während dieser Reden mit einem Ausdruck auf die
-jungen Leute gesehen, wie er der Welterfahrung eigen ist, wenn sie
-von liebenswürdigen Seelen Hoffnungen aussprechen hört, gegen deren
-Erfüllung, wie sie leider weiß, so viele Hemmnisse aufstehen können.
-»Ihr armen Kinder,« schien sie sagen zu wollen, »wie leicht versprecht
-ihr das Höchste, und und wie schwer wird es euch werden, nur etwas von
-dem zu halten, was ihr jetzt schon gethan zu haben glaubt!« Aber ein
-Hauch von der Begeisterung der Liebenden war in ihre Seele gedrungen.
-Sie bekämpfte eine Regung weltlichen Sinnes, trat zu dem Paar und
-sagte mit dem Ausdruck edler Selbstüberwindung: »In Gottes Namen denn!
-Ich kann zwar euer jugendliches Vertrauen nicht ganz theilen und warne
-euch, in dieser Welt das Gute so leicht und so rasch zu erwarten.
-Aber eurer Treue soll von mir kein Hinderniß kommen. Ich habe meine
-Einwilligung zu eurer Verbindung gegeben und ich werde sie nicht
-zurücknehmen. Möge es euch,« setzte sie mit besorgter Liebe hinzu, »so
-wohl gehen als ihr's verdient!«
-
-Auf dem Heimweg nahte Arthur jene Vorstellung wieder, die ihn schon
-einmal freundlich angemuthet hatte. In der Bewegtheit seines Geistes
-formte er unwillkürlich einen Plan daraus, und ein Wunsch regte sich
-in seinem Herzen, das Phantasiegebild verwirklicht zu sehen. »Sollte
-das,« sagte er zu sich selbst, »meine Bestimmung seyn? Sollte ich auf
-diesem Weg finden, was ich suche?« Er schüttelte den Kopf. Er dachte
-an den Brief, den er an den Grafen abgesandt hatte, an die möglichen
-Aussichten, die sich ihm von dieser Seite her eröffnen könnten. »Er
-wird mir irgend einen annehmbaren Vorschlag machen und ich werde ihnen
-bald eine gute Nachricht bringen können,« sagte er zu sich selbst.
-Diese Vorstellung erheiterte ihn sichtlich und er kam völlig beruhigt
-nach Hause.
-
-Solche Gegengewichte ruhen in jugendlichen und schöpferischen
-Seelen gegen den Druck äußerer Verhältnisse! So leicht stellt sich
-der innerlich begabte Mensch wieder her, wo andere vernichtet und
-trostlos am Boden hinschleichen! -- Aber ein anderes freilich ist es,
-über den Gedanken einer mühevollen Zukunft sich zu erheben, und ein
-anderes, die wirklichen Schwierigkeiten, wenn sie nun anrücken, zu
-bestehen und zu überwinden. Da wandelt sich der Muth gar oft wieder in
-Niedergeschlagenheit, die Hoffnungslust in Unmuth und Pein.
-
-Am folgenden Tag kam der Oberst von seinem Wohnort zurück, um sich für
-die Dauer der Vormundschaft im Schlosse einzurichten. Arthur beeilte
-sich, ihm seine traurige Entdeckung mitzutheilen. Der Kriegsmann schien
-davon nicht sonderlich bewegt zu seyn. Er nickte nur ernsthaft mit dem
-Kopf und sagte: »Das hab' ich mir gedacht!«
-
-Hugo von Waldfels hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit seinem Bruder,
-unterschied sich aber von diesem durch Energie und eine Anlage zur
-Heftigkeit, die während seiner militärischen Laufbahn eine Art
-methodischer Ausbildung erlangt hatte. Sein Aeußeres hatte nicht die
-behagliche Rundung Günthers, erschien aber dafür um so strammer und
-schlagfertiger. Auch er hatte sein Erbe großentheils durchgebracht. In
-der ersten Zeit war ihm das Spiel verderblich geworden; später hatte
-ein Liebesverhältniß mit der schönen Tochter armer Leute seine Kasse
-erschöpft. Der Sohn derselben machte Ansprüche auf seine Unterstützung,
-und der unverheirathete Cavalier, der ihn liebte, hatte schon über
-den Rest seines Vermögens zu seinen Gunsten verfügt. Wenige Jahre vor
-dem Tode seines Bruders machte ein Sturz vom Pferde den damaligen
-Oberstlieutenant dienstunfähig, und es erfolgte die Pensionirung. Seine
-Mittel wurden dadurch für seine Bedürfnisse ziemlich schmal, und er
-mußte nun auch allerlei Manöver anwenden, um sich nichts abgehen zu
-lassen. In die Forderungen der Welt schickte er sich ziemlich gut.
-Obschon er von seiner Abkunft und seinem Stande nicht gering dachte,
-so wußte er doch dem großen Geldbesitz die zeitgemäßen Concessionen zu
-machen, und wenn er in seiner Heftigkeit den Stab über jemand brach,
-so ließ er sich doch auch wieder begütigen. Es war ein Mann, wie es
-viele gibt, einer von denen, die bei Erfüllung ihrer Pflichten auch
-verschiedene schwache Seiten blicken lassen, und zum Theil solche, die
-sie an andern sehr ernstlich tadeln können.
-
-Bei der Mittheilung Arthurs war dieser Mann nicht nur darum so ruhig,
-weil er sich das Verhältniß ähnlich vorgestellt, sondern weil er auch
-schon ein Mittel zur Abhülfe gefunden hatte, das er für durchaus
-praktikabel hielt. Der Neffe, der davon nichts wissen konnte, rief mit
-Verwunderung über die scheinbare Theilnahmlosigkeit: »Mein Unglück
-scheint Sie nicht sehr zu betrüben! Wissen Sie mir Rath? Können Sie mir
-aus dieser Noth heraushelfen?« -- Der Oberst erwiederte: »Nach meiner
-Ansicht ist die Sache leicht. Wenn die Gesammtsumme, die dein Vater
-schuldig wurde, so groß ist, wie du sagst, so ist zu fürchten, daß bei
-gerichtlichem Verkauf der Hinterlassenschaft der Erlös sie nicht einmal
-decken wird. Dieß müssen wir den Gläubigern begreiflich machen und es
-dahin zu bringen suchen, einen Vergleich mit ihnen abzuschließen. Die
-Bursche sollen sich mit fünfzig oder sechzig Procent begnügen. Dann
-übernimmst du das Gut und stellst deine Angelegenheiten wieder her.«
-
-An diese Möglichkeit hatte Arthur auch schon gedacht, aber durch
-nähere Prüfung der verschiedenen Forderungen war er davon ab- und
-zu dem Entschluß gekommen, eine solche Procedur nicht vornehmen zu
-lassen. Die einen der Gläubiger waren nämlich versichert, die andern
-hatten bloß Handschriften des Barons aufzuweisen. Jene waren reich,
-diese fast ohne Ausnahme nur mittelmäßig begütert. Nun war anzunehmen,
-daß eben die reichen sich an ihre Unterpfänder halten und allein die
-unversicherten »kleinen Leute« zu einem Nachlaß zu bestimmen seyn
-würden. Dieß zu versuchen widerstrebte der Denkart des jungen Mannes,
-während er zugleich erkannte, daß die Auskunft im besten Fall doch nur
-eine kümmerliche seyn würde. Sein Geist hatte sich ohnehin nach einer
-andern Seite gewendet und sich mit dem Gedanken, das Stammgut aufgeben
-zu müssen, schon vertraut gemacht. Darum erwiederte er jetzt ruhig:
-»Das geht nicht, lieber Onkel!«
-
-»Warum nicht,« fragte der Oberst, der sich von der Sicherheit des
-Neffen unangenehm berührt fühlte. -- Arthur bemerkte zunächst: »Weil
-dabei Leute ihr Geld verlieren würden, denen eine solche Einbuße sehr
-empfindlich fallen müßte« -- »Das sind Skrupel eines jungen Menschen,«
-versetzte der Oberst ungeduldig. »Es handelt sich darum, ob eine
-alte Familie im Besitz ihres Erbgutes bleiben oder ob sie es Andern
-preisgeben soll, die es zertrümmern, vernichten werden; es handelt sich
-darum, ob diese Familie selbst mit Ehren fortbestehen oder untergehen
-soll. Dieß ist nicht möglich, ohne daß einige Philister verlieren, --
-darum sollen sie verlieren!« -- Arthur, durch diesen Ton seinerseits
-verletzt und gereizt, entgegnete: »Wenn eine Familie nur auf Kosten
-Anderer bestehen kann, so thut sie besser unterzugehen.«
-
-Der Oberst sah ihn groß an. »Ist das Ernst?« sagte er endlich. »Bis
-jetzt hielt ich dich für einen verständigen Menschen -- hätt' ich mich
-getäuscht? wärst du ein phantastischer Thor?« -- Arthur versetzte:
-»Den Verstand, den Sie mir zutrauen, hab' ich vielleicht; aber er geht
-allerdings nur Hand in Hand mit der Ehrlichkeit. Ich =will= nicht
-verständig seyn, wenn ich unehrlich seyn müßte! Und in diesem Fall
-halt' ich's noch dazu für nicht verständig, unehrlich zu seyn.«
-
-Das war dem Oberst zu viel. Eine dunkle Röthe überzog sein Gesicht
-und er schien eine heftige Entgegnung auf der Zunge zu haben. Allein
-er bezwang sich, um den jungen Menschen durch Gründe zu besiegen. Er
-sagte: »Unsere Voreltern, wie dir ohne Zweifel bekannt ist, waren
-reich und hochangesehen. Sie haben in dieser Gegend seit Jahrhunderten
-Gutes gethan, sie haben zu verschiedenen Zeiten wahre Opfer gebracht
-für das Volk. Nun wohl, diese Leute sollen auch einmal für uns ein
-Opfer bringen!« -- Arthur schüttelte den Kopf und entgegnete: »Wenn
-unsere Voreltern dem Volke Gutes gethan haben, so würden wir uns nur
-ausgeartet zeigen, wenn wir es beraubten.« -- »Das ist die Folgerung
-eines hochmüthigen Narren!« platzte der Oberst heraus. -- »Es ist die
-Logik eines rechtschaffenen Mannes,« erwiederte Arthur mit Festigkeit.
--- Der Oberst stampfte mit dem Fuß und wendete sich in tiefem Unmuth
-von dem Jüngling ab. In einer Pause der Ueberlegung fühlte er jedoch
-die Nothwendigkeit, seine Leidenschaft zu unterdrücken, und begann
-mit erneuerter Geduld: »Wenn du eine solche Art von Ehrlichkeit hast
--- gut! folg' ihr! Aber folg' ihr zu einer Zeit, wo sie dich nicht zu
-Grunde richtet. Deine erste Pflicht ist, durch einen Vergleich mit den
-Gläubigern dich zu retten. Ist dieß geschehen, dann arbeite dich wieder
-empor, und wenn du wohlhabend bist, dann ersetze ihnen ihre Verluste.«
--- Arthur wiederholte sein Kopfschütteln und bemerkte: »Ich wäre nicht
-im Stande, auf die bloße Möglichkeit hin, daß ich begangenes Unrecht
-wieder gut machen könnte, gegen meine Grundsätze zu handeln. Aber
-solchen Ersatz zu leisten, hab' ich nicht einmal Aussicht.«
-
-Er machte den Oheim nun auf den Umstand aufmerksam, daß die
-versicherten Gläubiger ihrer Lebensstellung und ihrem Charakter nach
-zu einer Einbuße sich nicht verstehen würden, daß aber die Forderungen
-der Handschriftenbesitzer wenig mehr als ein Drittel der Schuldenmasse
-betrügen, er mithin auch im Fall eines Accords nur eine geringe
-Erleichterung zu erwarten hätte. -- Der Oberst war betroffen. Wie es
-Menschen von despotischem Hange begegnen kann, so hatte er, was er
-wünschte, sich auch als leicht ausführbar gedacht und angenommen, daß
-man die Gläubiger überhaupt zu einem Nachlaß würde bestimmen können.
-Nun schämte er sich, daß der junge Mensch die Verhältnisse richtiger
-angesehen haben sollte, und empfand nur um so mehr Unmuth gegen ihn.
-Er fühlte einen Drang, ihn seinerseits wieder zu treffen, und sagte
-endlich: »Vielleicht! -- vielleicht ist es so! -- Aber so geht's, wenn
-man sich den Rettungsweg, der einem noch geboten war, selber verbaut!
-Der Bankier Pranger, dem du das meiste schuldig bist, hat eine Tochter,
-die jetzt achtzehn Jahre seyn muß. Es ist wahr, daß sein Vater noch
-Krämer dort im Städtchen war und sich glücklich pries, aus seinem Laden
-etwas in's Schloß liefern zu dürfen. Aber der Sohn hat Glück gehabt,
-er ist ein reicher Mann und geadelt. Dergleichen Leute wünschen nichts
-mehr, als sich mit alten Familien zu verbinden, und es wäre nicht das
-erstemal, daß der Abkömmling eines guten Hauses durch eine solche
-Heirath seine zerrütteten Verhältnisse wieder herstellte.«
-
-Arthur hatte dieser Rede mit Verwunderung gehorcht und erwiederte
-nun mit Ernst und Strenge: »Wozu sagen Sie mir das? Wollen Sie doch
-bedenken, daß dergleichen Reden jetzt gar keinen Zweck mehr haben.«
--- »Nun,« fuhr der Oberst heraus, »wenn ich dein Vater gewesen wäre,
-so hätte ich meine Einwilligung zu dem thörichten Verhältniß, das
-du angeknüpft hast, nicht gegeben und du wärest frei -- --« Weiter
-konnte er nicht reden. Arthur, mit gerötheten Wangen und funkelnden
-Augen, hatte sich vor ihn gestellt und rief: »Kein Wort mehr davon,
-Onkel! Ich =bitte= Sie!« -- Die Betonung dieses »bitte« verrieth eine
-Leidenschaft, die den Oberst verstummen machte. Er wandte sich von ihm
-und ging düster im Zimmer auf und ab.
-
-In der Stille, die nun eintrat, fand er Zeit zum Nachdenken. Er fühlte,
-daß er den Neffen doch ungebührlich verletzt habe, und ein gewisses
-Bedauern, das er darüber empfand, gab ihm die Kraft, nochmals den Ton
-der »Güte« anzustimmen. Er sagte: »Wenn man sieht, daß ein junger
-Mensch im Begriff ist sich unglücklich zu machen, so dürfen seine
-Verwandten nicht ablassen, ihn darüber aufzuklären, und wenn sie dabei
-Dinge hören sollten, die sie zu hören nicht gewohnt sind. Ich folge
-dieser Pflicht und frage dich: Was willst du für die Zukunft beginnen?
-Hast du schon einen Entschluß gefaßt?« -- Arthur erwiederte der
-Wahrheit gemäß: »Noch nicht.« -- Dieser Ungewißheit gegenüber erschien
-dem Oberst sein Vorschlag wieder als der verhältnißmäßig beste, und mit
-erneuter Sicherheit begann er: »Du willst also dein Haus einreißen,
-bevor du wenigstens eine neue Hütte gebaut? Du verwirfst die Ansicht
-eines erfahrenen Mannes und weißt nicht nur keine bessere, sondern gar
-keine entgegenzusetzen? Du gehst also blind in dein Verderben?« -- Der
-junge Mann stand nachdenklich da und der Oberst, der ihn erschüttert zu
-haben glaubte, fuhr mit Gewicht fort: »Arthur, du kennst mich dafür,
-daß ich kein Schwätzer bin. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag;
-wenn du ihn verwirfst, so werd' ich ihn nicht wiederholen. Laß mich
-versuchen, dir Waldfels zu retten! Ich bin dein Vormund und kenne
-meine Rechte, aber was ich thue, will ich mit deiner Beistimmung thun.
-Entschließe dich und gib sie mir! Manches geht leichter, als man sich's
-vorstellt. Vielleicht läßt sich der geadelte Kaufmann zu günstigen
-Bedingungen überreden: solche Menschen sind irgendwo zu packen. --
-Bedenke,« setzte er mit Ernst hinzu, »daß du dir nicht allein gehörst,
-sondern einem Geschlecht, daß du Pflichten gegen einen Namen hast, der
-zu den besten im Lande gehört, und daß dieser Name mit dir untergehen
-wird.« -- Arthur erwiederte nach kurzem Bedenken: »Sie wollen mein
-Bestes auf Ihre Weise und ich danke Ihnen für den Eifer, den Sie
-dabei an den Tag legen. Allein den Weg, den Sie mir vorschlagen, kann
-ich nicht gehen. Ich erkenne meine Pflichten gegen meinen Namen an
-und werde sie erfüllen, -- aber nur so, wie mein Charakter und meine
-Ueberzeugung es gestatten.«
-
-Der Oberst stöhnte bei diesen Worten. Der Geduldfaden, den er so lang
-erhalten hatte, mußte endlich reißen. Er empfand all den Zorn, den man
-über die Hartnäckigkeit und die Blindheit eines Menschen empfindet,
-dem man vergebens den besten und zweckmäßigsten Rath ertheilt hat, und
-indem er sich mit grimmigem Gesicht vor Arthur hinstellte, rief er:
-»Gut, junger Herr! Jetzt hab' ich nur noch Eine Pflicht zu erfüllen,
-nämlich dir zu erklären, was dein Betragen für Folgen nach sich ziehen
-wird. Mir, dem erfahrenen Mann, kann nichts abgeschmackter vorkommen
-als der Hochmuth, der meint, die Welt müsse sich nach ihm und seinen
-Bedürfnissen richten, nichts widerlicher als die Phantasterei, die
-den Unverstand für Tugend ausgibt. Ich halte deinen Leichtsinn für
-unverantwortlich und sage dir daher: wenn du dabei bleibst, so zieh'
-ich meine Hand von dir ab, ich vergesse, daß du mein Neffe bist, und
-überlasse dich deinem Schicksal!« -- »Und ich,« erwiederte Arthur,
-»erkläre, daß ich gleichwohl dabei beharren muß, daß ich mich aber
-immer als Ihren Neffen betrachten, für Ihren guten Willen dankbar seyn
-und diese Gesinnung im glücklichen Fall beweisen werde.« -- Der Oberst
-zuckte die Achseln, sah ihn mitleidig an und verließ das Zimmer.
-
-In der ersten Aufregung, welche die Scene in ihm hervorgerufen, empfand
-Arthur die Befriedigung eines Menschen, der sich sagen kann, mit
-Festigkeit nach seiner Ueberzeugung gehandelt zu haben. Als er aber
-mit kühlerem Blut darüber nachdachte, erschien es ihm doch peinlich,
-mit seinem Oheim in ein gespanntes Verhältniß gerathen zu seyn, dessen
-Aufhören er nach seiner Meinung nicht erwarten konnte, ohne eine ihm
-unmögliche Nachgiebigkeit zu beweisen. Wie es bei leidenschaftlichen
-Erörterungen zu gehen pflegt, hatte er keine Gelegenheit gefunden,
-von den Aussichten zu reden, die ihm gar bald durch den Grafen
-eröffnet werden könnten. Da er aber diesen Herrn dringend gebeten
-hatte, in Rücksicht auf die geschilderte Lage seinen gütigen Rath ihm
-bald ertheilen zu wollen, so beschloß er jetzt, bis zum Einlauf des
-Schreibens zu warten und den Oheim durch eine gute Nachricht, auf die
-er hoffte, wo möglich wieder zu versöhnen.
-
-Mehrere Tage gingen hin. Das Benehmen des Obersten entsprach seiner
-Erklärung. Er genügte seinen Pflichten als Vormund, ohne seines
-Projektes noch einmal Erwähnung zu thun, und beobachtete gegen seinen
-Neffen die Formen kalter Höflichkeit; aber er suchte die Momente
-des Zusammenseyns möglichst abzukürzen und zog sich theils auf sein
-Zimmer zurück, theils machte er Besuche in der Nachbarschaft. Arthur
-entschädigte sich im Hause der Verlobten. Er verschwieg hier die Scene
-mit dem Oheim, und da auch dieser für gut fand, nichts zu sagen, so
-blieb der junge Mann glücklicherweise mit einer neuen Erörterung
-verschont. Mutter und Tochter hatten mit ihm angenommen, daß er auf
-Waldfels verzichten und sein Glück anderweitig suchen müsse. Darum
-bildete nun das Schreiben, das Arthur an den Grafen abgesandt hatte,
-und die zu erwartende Proposition den Hauptgegenstand der Unterhaltung
-und mancher Vermuthung.
-
-Die sehnlich erharrte Antwort erschien endlich. Der junge Waldfels
-betrachtete Adresse und Siegel mit begreiflichem Herzklopfen, eilte auf
-sein Zimmer und las in größter Spannung.
-
-In verhältnißmäßig ausführlichem Schreiben drückte der hochgestellte
-Herr zunächst sein Leidwesen über den frühzeitigen Hintritt des Vaters
-aus, eines der vortrefflichsten Männer, die er gekannt, und dessen
-Andenken seinen Freunden stets theuer bleiben werde. Dann ging er auf
-Arthurs Verlobung über, an der er um so herzlicheren Antheil nehme,
-als =er= vielleicht zuerst an dem edeln jungen Paar die Anzeichen
-einer tieferen Neigung wahrgenommen und sich darüber gefreut habe. Er
-wünsche demselben alles Glück, das die Erde bieten könne, und bedaure
-auf's innigste, daß die Hinterlassenschaft des Vaters nicht von der
-Art sey, um ihnen sogleich die hiezu nöthige Unterlage zu gewähren.
-Was die Anfrage des jungen Freundes betreffe, so wolle er hierauf
-eine gewissenhafte Antwort ertheilen. Er für seine Person würde es
-am liebsten gesehen haben, wenn er sich der diplomatischen Carrière
-hätte widmen können, denn dazu scheine er ihm ganz besonderes Talent
-zu besitzen. Allein zu dieser Laufbahn sey ein nicht unbedeutendes
-Vermögen die nothwendige Voraussetzung, und so könne in Ermanglung
-eines solchen leider auch dießmal wieder eine glänzende Begabung
-nicht die ihr zukommende Bethätigung finden. Aehnliches gelte von
-der militärischen Laufbahn. Könnte er dem Baron die baldige Erlangung
-einer Lieutenantsstelle allenfalls auch garantiren, so verböte sich
-für ihn die Wahl dieses Standes doch wegen der Bedingungen, an welche
-die Landesgesetze die Verheirathung eines Offiziers knüpften. Alles
-wohl erwogen, müsse er seinem trefflichen Verwandten rathen, auf der
-Universität die Jurisprudenz zu absolviren und sich dem Staatsdienst zu
-widmen. Zwar sey es seine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß
-der Concurrenten jetzt gar viele seyen und daß er eine Reihe von Jahren
-werde Geduld haben müssen, bis er eine seinen Wünschen entsprechende
-Stellung werde erlangen können. Allein als begabter junger Mann werde
-er sich auch hier mit der Zeit hervorthun und ihm Veranlassung geben,
-seine Schritte zu fördern. Er auf seinem Posten habe sich freilich
-die strengste Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zum Gesetz gemacht;
-allein es freue ihn außerordentlich, wenn er einem edelgesinnten
-jungen Mann mit gutem Recht freundschaftlich unter die Arme greifen
-könne. Im Uebrigen rathe er, nur guten Muthes zu seyn. In der Welt sey
-manches möglich und es könne von irgend einer Seite her eine unerwartet
-günstige Wendung seines Geschicks eintreten. Sollte aber die Erfüllung
-seiner höchsten Lebenswünsche dennoch erst spät eintreten, so werde sie
-ihn nur um so inniger beglücken, und er werde das erhebende Gefühl
-eines mit Ausdauer errungenen und in jeder Hinsicht verdienten Looses
-haben. Indem er daher u. s. w. u. s. w.
-
-Als Arthur diesen Brief gelesen hatte, senkte er das Haupt in tiefer
-Niedergeschlagenheit. Er hatte von dem Mann, der ihm so viel Theilnahme
-bewiesen und dessen Macht anerkannt war, irgend einen Vorschlag
-erwartet, der ihn auf ungewöhnlichem Weg rasch zum ersehnten Ziel
-führen könnte. Nun sah er sich den gewöhnlichsten Rath gegeben! Er sah
-sich mit Redensarten beschenkt, die ihm von purer Gleichgültigkeit
-dictirt und nur den Wunsch auszudrücken schienen: belästige mich nicht
-weiter!
-
-Hätte er den Grafen näher gekannt, so würde er weniger gehofft haben,
-durch das Ergebniß seiner Anfrage aber auch weniger erschüttert worden
-seyn. Der vielvermögende Herr besaß eine ausgebreitete Verwandtschaft
-und hatte eben gegenwärtig mehrere Vettern zu versorgen, die ihn näher
-angingen als Arthur. Auch Andere hatten ihm Gefälligkeiten und Ehren
-erwiesen und konnten nun mit Ansprüchen hervortreten. Darunter waren
-Männer, die nützlich oder schädlich werden konnten, und diese mußte
-er vor allen berücksichtigen. Als kluger Mann hatte er von jeher
-die Nothwendigkeit begriffen, für brauchbare Persönlichkeiten über
-Belohnungs- und Anfeuerungsmittel verfügen zu können, und es sich daher
-zur Regel gemacht, sich niemals ohne Noth durch eine schriftliche
-Zusage zu binden. Da er sich nun auf seinem hohen Standpunkt ohnehin
-von Supplicirenden umdrängt sah, denen er allen helfen sollte --
-konnte er dem jungen Waldfels unter den gegenwärtigen Verhältnissen
-mehr zuwenden, als ein mäßiges Theilchen von Sympathie? Durch sein
-ausführliches theilnehmendes Schreiben glaubte er sogar ein Uebriges
-gethan und durch das ernstlich gemeinte Versprechen einer späteren
-gelegentlichen Unterstützung seine wohlwollende Gesinnung vollkommen
-bewiesen zu haben.
-
-Arthur konnte sich in die Seele des Staatsmanns nicht hineindenken;
-er beschuldigte ihn daher unfreundlicher Kälte und sah in ihm nur
-einen herzlosen Weltmenschen, von welchem für ihn gar nichts mehr
-zu erwarten sey. Es ist so schwer, gerecht zu seyn, wenn man eine
-unerwünschte Antwort erhalten hat! Die vorgeschlagene Laufbahn, die
-für den Jüngling an sich nichts Reizendes hatte, erschien ihm jetzt
-geradezu widerwärtig; sein Herz wandte sich gänzlich davon ab. Allein
-welche andere bot sich ihm dafür? Was sollte er dem Oberst sagen, den
-er durch eine gute Nachricht zu gewinnen und zu beschämen gehofft?
-Die Reihe sich zu schämen war nun an ihm. Und was sollte er Frau von
-Holdingen sagen, die von dem einflußreichen Mann eben so wie er eine
-trostreiche Auskunft erwartet hatte? -- Bei diesem Gedanken ergriff
-ihn eine marternde Empfindung, und schmerzlicher als je fühlte er die
-Stiche der Verzweiflung im Herzen.
-
-In der Gedankenbewegung, der er sich willenlos hingab, erschien Arthur
-endlich jenes Traumbild, das in der letzten Zeit vor den Geschäften des
-Tags zurückgewichen war, auf's neue. Sein nach Rettung verlangendes
-Herz fühlte sich zu ihm hingedrängt; das, was ihm zuerst nur spielender
-Gedanke gewesen, erschien ihm nun als eine Eingebung, und siegreich
-trat in ihm der Glaube hervor, daß er zu der Thätigkeit, wie sie ihm
-hiemit sich öffnen würde, berufen sey, daß er in ihr sein Glück finden
-und sein Geschick wieder herstellen werde. Die Stunde der Entscheidung
-war für ihn gekommen. Nachdem er die Vorstellung noch eine zeitlang
-betrachtet hatte, erhob er sich entschlossen und rief aus: »Ja,
-diesem Zuge will ich folgen! Verlassen von Andern will ich mir selbst
-vertrauen und kühn der Göttin mich weihen, die heutzutage allein noch
-Wunder zu thun vermag. Ich fühle mich dazu begabt, die Aussicht reizt
-und lockt mich, und dießmal, das weiß ich, wird mein Vertrauen mich
-nicht täuschen. -- Aergert euch dann, ihr Herrn,« setzte er mit stolzer
-Geringschätzung hinzu, »mit euch bin ich fertig!« --
-
-Der Entschluß, den Arthur in aufgeregtem Zustande gefaßt, hielt
-die Probe nüchterner Untersuchung aus. Den andern Tag, nachdem er
-alle Verhältnisse wohl erwogen hatte, erneuerte er ihn und gelobte
-sich, nicht wieder von ihm abzugehen. Sein Vorhaben war aber von der
-Art, daß es ihm geboten schien, niemand, auch nicht der Geliebten,
-ein Geständniß davon zu machen. Er nahm sich vor, es für Alle ein
-undurchdringliches Geheimniß seyn zu lassen und bei Anna und Frau von
-Holdingen an das Vertrauen zu appelliren, das redliche Herzen einem
-Ehrenmann schenken müssen. Eine tiefe Ruhe nahm in seiner Seele Platz.
-Es war die Ruhe des Bewußtseyns, einem höheren Rufe zu naturgemäßer
-Bestimmung zu folgen.
-
-Die Frage war jetzt nur, wie er den Frauen die Antwort des Grafen
-mittheilen sollte, ohne ihre Herzen zu erschrecken und zu betrüben. Aus
-dieser Verlegenheit riß ihn ein Mann, der seinen Wünschen überhaupt
-wie ein Bote des Schicksals entgegenkam -- ein Unterhändler seines
-Hauptgläubigers. Arthur erkannte aus den Reden desselben gar bald, daß
-es den reichen Landsmann über die Maßen gelüstete, Eigenthümer von
-Waldfels zu werden. Er fand nach dem, was er von ihm gehört, diese
-Neigung begreiflich und knüpfte an sie seine Hoffnungen an.
-
-Daniel Pranger, oder wie er seit vier Jahren hieß, Daniel von Pranger
-war der Sohn eines kleinen Materialwaarenhändlers in dem zwei Stunden
-von Waldfels entfernten Städtchen. Schon der Vater, der seine
-Kunden mit Eifer bedient, hatte sich nach und nach ein nicht ganz
-unbedeutendes Vermögen gesammelt. Daniel, der die Kaufmannschaft
-in der altberühmten Handelsstadt erlernt, aus der die Baronin von
-Waldfels stammte, übertraf ihn als selbstständiger Mann an Glück und
-Unternehmungsgeist. Er wagte viel, und wo er wagte, gewann er. Endlich
-setzte er seinen Spekulationen die Krone auf, indem er die Wittwe
-eines Bankiers heirathete und damit eine gar viel bessere Partie
-machte, als der verstorbene Baron, der kurz zuvor Arthurs Mutter
-heimgeführt hatte. Wenn den Glücklichen sein gesicherter Reichthum mit
-Stolz erfüllte, so war es ihm doch das süßeste Gefühl, von dem Glanz
-desselben umstrahlt in der Vaterstadt aufzutreten und die Ausrufungen
-des Staunens und die respektvollen Schmeicheleien zu vernehmen, womit
-ihn seine Jugendfreunde beehrten. Er wiederholte diese Besuche mit
-Familie in gemessenen Zeiträumen und unterließ nicht, vor seinem Abgang
-Verwandten und Bekannten jedesmal ein Diner zu geben, das wochenlang
-den Hauptgegenstand der Unterhaltung im Städtchen bildete. Bei einem
-dieser Besuche mußte er hören, daß die Festlichkeiten, die in Waldfels
-veranstaltet wurden, in Aller Munde waren. Die Honoratioren rühmten
-die Pracht derselben und noch mehr die noble Feinheit, mit welcher
-der Baron seine Gäste zu unterhalten wisse; die Frauen ließen für
-den damals noch in den besten Jahren stehenden Herrn eine große
-Eingenommenheit blicken. Alles das erfüllte den reichen Mann mit einem
-Gefühl, das wir nicht mit Unrecht als Neid bezeichnen können. Der Baron
-ehrte ihn gelegentlich durch eine Einladung, was ihn freute; aber er
-behandelte ihn dabei mit einer Höflichkeit, die ihm nicht eifrig genug
-vorkam, und zeichnete ihn nicht vor andern aus, wie er es erwartet
-hatte; er fühlte sich gedrückt und kam unbefriedigt und verdrießlich
-nach Hause. -- Ein glücklicher und stolzer Moment war es daher für
-ihn, als Herr von Waldfels ein Jahr später in seinem Hause erschien,
-um ein bedeutendes Anlehen bei ihm zu machen. Er bot ihm mehr, als
-der Baron verlangt hatte, bedang sich hinreichende Sicherheit und
-fühlte sich groß in dem Bewußtseyn, der finanzielle Protector eines
-Mannes zu seyn, den er in seiner Jugend so hoch über sich erblickt
-hatte und dem er auch in der Fülle seines Reichthums den Rang nicht
-abzulaufen vermochte. Schon zu dieser Zeit dachte er daran, daß ihm bei
-der Lebensweise des Barons wohl einmal seine Besitzung in die Hände
-fallen könnte. Er hatte seitdem ein lauerndes Auge auf den Gang seiner
-Angelegenheiten und es war ihm angenehm, sich wegen nicht bezahlter
-Zinsen in einer Weise mit ihm zu vergleichen, daß die bisherige Schuld
-um ein Ziemliches größer wurde. Als er das Ableben des Barons erfuhr,
-trat der Wunsch, das Edelmannsgut zu besitzen, auf's lebhafteste in
-ihm hervor. Er faßte den Entschluß, alle Segel aufzuspannen, um sich
-einen so glänzenden Ruhesitz zu verschaffen und zu dem Ruhm eines
-reichen Mannes noch den eines Herrn von Waldfels zu fügen. Den Erben
-durch Kündigung des Capitals in die Enge zu treiben, schien ihm aus
-Gründen der Ehre und Klugheit nicht räthlich; er drängte ihn daher in
-keiner Weise und wartete mit Ruhe seine Zeit ab. Als die Epoche der
-Mündigkeit Arthurs herannahte, hielt er es für das Zweckmäßigste, bei
-dem unerfahrenen, in Verlegenheit befindlichen Jüngling durch einen
-geschickten Unterhändler das Geschäft beginnen zu lassen.
-
-Dieser, ein jüdischer Handelsmann aus der Nachbarschaft, erwähnte
-natürlich nichts davon, daß er von dem Bankier zu seiner Anfrage
-beauftragt sey. Er habe sich gedacht, daß es dem Herrn Baron unter den
-gegenwärtigen Umständen erwünscht seyn könnte, die schöne Besitzung
-gut zu verkaufen, und die Verehrung, die er gehegt für den seligen
-Herrn Vater, mit dem er so manches Geschäft gemacht, und das Interesse
-für das Wohlergehen des jungen Herrn Baron habe ihn bewogen, sich
-nach einem Mann umzusehen, wie man ihn brauche. Er habe einen solchen
-gefunden, einen Mann, reich und reell, der im Stande sey, die
-Besitzung gut zu bezahlen, und den man dazu bringen könnte, sie zu
-kaufen -- den Herrn von Pranger. Wenn der Herr Baron geneigt seyen,
-sie zu veräußern, so biete er ihm seine Dienste an, und so wahr er das
-Leben habe, der Herr Baron solle ein Geschäft machen, das er nicht
-bereuen werde.
-
-Arthur konnte sich nicht erwehren, mit Heiterkeit auf den Mann zu
-sehen, der dieß Alles mit einer Lebhaftigkeit und Wärme vortrug, als
-ob jede Sylbe aus seinem Herzen käme. Er richtete mehrere Fragen an
-ihn, die sich auf Herrn von Pranger bezogen, und so vorsichtig der
-Jude antwortete, so gewann Arthur doch die klarste Anschauung von dem
-wirklichen Stand der Dinge. Sehr angenehm berührt davon, gab er die
-Erklärung: er sey nicht abgeneigt, das Gut zu verkaufen, sofern es
-nämlich preiswürdig bezahlt würde; vorher müsse er sich aber mit den
-Seinen berathen. -- »Natürlich,« erwiederte der Jude, »bei einer Sache
-von solcher Wichtigkeit! -- Aber,« setzte er fein hinzu, »der Herr
-Oberst haben vielleicht eine zu militärische Ansicht von der Sache und
-muthen Ihnen zu, eine Last zu tragen, die zu schwer für Sie werden
-könnte. Ein junger Herr, wie Sie, kann Anspruch machen auf alle Ehren
-in der Welt. Warum sollten Sie sich mit einer Besitzung plagen, die
-sich unter den jetzigen Verhältnissen -- verzeihen Sie, daß ich das
-sage! -- für einen Herrn von Stande doch schwerlich mehr rentiren
-kann. Indessen der Herr Baron sind klug, das ist allgemein bekannt, und
-wissen selbst, was für Sie am vortheilhaftesten ist.« -- Arthur ließ
-das gut seyn. Man bestimmte die Zeit der nächsten Zusammenkunft und
-trennte sich.
-
-
- IV.
-
-In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem jüdischen Unterhändler
-im jungen Waldfels angeregt, glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu
-müssen. Er fand ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gruß
-herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm wegen eines
-Anerbietens, das ihm gemacht sey, den Rath der Erfahrung ertheilen zu
-wollen. Der Oberst, durch dieses Entgegenkommen einigermaßen begütigt,
-brummte etwas von Pflicht und erklärte sich dazu bereit. Als Arthur
-in seinem Bericht Herrn von Pranger als Käufer nannte, machte der
-Kriegsmann ein erzürntes Gesicht. »Dieser Sohn eines Käsekrämers,« rief
-er aus, »will Waldfels haben? Das ist ja schamlos!« -- Arthur stellte
-dem Oheim vor, daß er eben bei Herrn von Pranger Aussicht habe, das
-Gut vortheilhaft zu verkaufen. »Und was den Umstand betrifft,« fuhr er
-lächelnd fort, »daß der Sohn eines Krämers in den Besitz von Waldfels
-kommen würde, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie selber
-einen Vorschlag gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und nach
-Umständen der Großvater eines Herrn von Waldfels werden sollte.« -- Der
-Oberst schnitt eine Grimasse des Verdrusses und versetzte: »Ja, das
-hab' ich gesagt! -- Hol's der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!«
--- Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und stieß abwechselnd Flüche
-und Seufzer aus. Endlich stellte er sich vor den Neffen hin und sagte
-mit einem grimmigen Humor: »Nun, wenn der Kerl durchaus unser Stammgut
-haben will und du nicht davon zurückzubringen bist, es abzugeben, so
-laß dir's wenigstens so gut als möglich bezahlen!« -- Arthur, erfreut
-über die Willfährigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte: »Dafür,
-lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen. =Bezahlen= soll er es!«
-
-In dem erleichterten Gefühl, das wir immer haben, wenn wir jemanden
-tractabler finden, als wir zu hoffen gewagt, begab sich Arthur zu Frau
-von Holdingen. Er sprach hier aus Gründen zuerst von der Absicht des
-Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrübniß nicht verbergen,
-daß ein Gut, welches die Familie Waldfels Jahrhunderte hindurch
-besessen hatte, in die Hände eines solchen Mannes kommen solle. Sie
-mußte indeß gestehen, daß man es am Ende noch für ein Glück halten
-müsse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer Summe Geldes gelange,
-die er zu seinem Fortkommen gar sehr würde brauchen können. »Um so
-mehr,« fiel Arthur ein, »als unser edler Verwandter, der Herr Graf,
-die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, vor der Hand nicht
-erfüllen zu wollen scheint.« Er überreichte der Baronin das Schreiben,
-das sie begierig las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und
-sagte: »Ich habe ihn immer für einen Menschen gehalten, der nur an sich
-denkt.« Sie schwieg bekümmert und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn
-schon vorher mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien: »In
-Gottes Namen, das macht es nicht aus!« Nun lenkte sie das Gespräch auf
-einen andern Gegenstand und zog auch die Mutter in dasselbe, so daß
-sich nach einiger Zeit alle drei wieder in gefaßter Stimmung befanden.
-Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: »Wir wollen uns jetzt an das
-Nächste halten und einen vortheilhaften Verkauf zu bewerkstelligen
-suchen. Ich hoffe Ihnen bald gute Nachrichten geben zu können.«
-
-Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels und Herrn von Pranger
-begannen. Jener, durch seinen Oheim unterstützt, benahm sich dabei so
-klug, daß die Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in
-seine Hände zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde. Es kam Arthur zu
-gute, daß die übrigen Gläubiger in seine Redlichkeit volles Vertrauen
-setzten und in das Geschäft keine Störung brachten. Nützlich wurde
-es ihm, daß der Oberst auf seine Faust das Gerücht unter die Leute
-gehen ließ, er sey im Stande einem Gewissen einen schlimmen Streich zu
-spielen, indem er das Geld zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich
--- und das war die Hauptsache -- hatte Arthur noch das Glück, den
-jüdischen Unterhändler, Herrn Samuel Rosenheimer, auf seine Seite zu
-bekommen.
-
-Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war er von Herzen
-freundlich gegen jedermann. An Samuel Rosenheimer ergötzte ihn das
-mit der Sicherheit eines Künstlers durchgeführte Spiel, welches
-er durchschaute; er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei
-mit Vergnügen die Höflichkeiten, auf die ein so geschickter Mann
-Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen kehrte gegen seinen
-Unterhändler bald die unangenehme Seite des Auftraggebers hervor. Er
-ward ärgerlich, daß die Sache nicht von der Stelle rücken wollte;
-einmal in übler Laune, setzte er sich hin und schrieb einen Brief,
-in welchem er Herrn Rosenheimer kränkende Vorwürfe machte und ihm
-erklärte, daß er sich in die Nothwendigkeit versetzt sehen könnte,
-einen andern Unterhändler zu wählen. Nun kann der Israelit in der Regel
-gar vieles vertragen, wenn es seyn muß; gewisse Beleidigungen verletzen
-ihn aber um so tiefer und eine stille Wuth bleibt um so länger in
-seinem Gemüthe. Als Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte,
-verzog er seinen Mund verächtlich und sagte für sich: »Der Herr Baron
-von Waldfels, der Abkömmling einer so alten und so angesehenen Familie,
-ist höflich gegen mich, und dieser Mensch, dessen Großvater im Spittel
-gestorben ist, belohnt meine Mühe mit Undank und Geringschätzung! --
-Nu, wir wollen sehen!«
-
-Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder wollte eine gewisse
-Aufregung nicht verbergen. Er faßte den jungen Mann bei der Hand und
-sagte: »Herr Baron, erlauben Sie, daß ich heute ernsthaft mit Ihnen
-rede. Ich mein's gut mit Ihnen -- glauben Sie mir! Sie sind ein braver
-und liebenswürdiger Herr und unverdient -- das weiß der liebe Gott! --
-in eine schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater -- Gott hab' ihn selig!
--- er war auch ein braver Herr; aber er trieb's ein bischen zu hoch, er
-war auch zu gut -- und wie's so geht wenn man einmal anfängt Schulden
-zu machen, ist's oft nicht mehr möglich aufzuhören. Und nun steht's
-so -- unter uns, Herr Baron, können wir das schon sagen -- daß Sie
-möglicherweise um Ihr ganzes Vermögen kommen können. Das thut mir weh,
-ich versichere Sie, weh thut's mir! Ich weiß ja auch, warum Sie jetzt
-wünschen müßten, das ganze große Vermögen zu haben, das an Ihren Herrn
-Vater gekommen ist. So wahr ich hier stehe, 's freut mich allemal,
-wenn ich Sie sehe mit Fräulein von Holdingen -- zwanzig Meilen in der
-Runde gibt es kein so liebes und so schönes Paar! -- Herr Baron --
-nichts für ungut! -- ich hab' auch ein Herz!«
-
-Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen feucht geworden und Arthur
-wußte nicht, was er von ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend
-fuhr jener fort: »Sie wünschen zu erfahren, was ich eigentlich will,
-das will ich Ihnen sagen. -- Ihnen, Herr Baron, muß geholfen werden!
--- und ich, Samuel Rosenheimer, der ich hier vor Ihnen stehe -- ich
-will Ihnen helfen!« -- Arthur sah ihn verwundert an. Es kam ihm vor,
-als ob er dießmal kein Spiel vor sich sähe, und er sagte freundlich:
-»Wie wollen Sie das machen, lieber Herr Rosenheimer?« -- »Fragen Sie
-mich nicht,« erwiederte jener, »ich werd's machen! -- Wissen Sie was?
-Ich kehre auf eine Stunde in's Wirthshaus zurück. Gehen Sie unterdeß
-zum Herrn Onkel, berathen Sie sich mit ihm und schreiben Sie die
-Bedingungen, unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen Bogen
-Papier; weiter nichts. -- Herr Baron, ich empfehle mich Ihnen.«
-
-Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur übergab ihm lächelnd
-das gewünschte Papier. Rosenheimer las es und sagte bedenklich: »Sie
-fordern viel, Herr Baron.« -- »Nicht mehr,« erwiederte Arthur, »als
-die Besitzung für einen Liebhaber werth ist. Ich selbst würde sie um
-diesen Preis nicht abgeben, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre.« -- Der
-Jude versetzte: »Nu, wir wollen sehen! -- Für jetzt muß ich Sie aber
-bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und mit niemand darüber
-zu reden. Vertrauen Sie dem Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er
-wieder kommt.«
-
-Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger durch einen
-Geschäftsfreund die Nachricht, der Fürst von N. habe geäußert, er wolle
-das Gut Waldfels kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit
-geheimnißvoller Miene in's Comptoir. Der Bankier nahm ihn sogleich mit
-in sein Zimmer und fragte ihn hastig: »Ist's wahr, daß der Fürst von N.
-die Absicht hat, Waldfels an sich zu bringen?« -- »Haben Sie auch schon
-davon gehört?« versetzte der Jude ruhig. »Ich kann Ihnen nur sagen,
-was mir mein Schwager aus der Residenz des Fürsten geschrieben hat:
-daß dieser Herr beabsichtigt, schon in den nächsten Tagen einen seiner
-Beamten nach Waldfels zu schicken.« -- Dem Bankier stieg das Blut in's
-Gesicht und er rief unwillig aus: »Das wäre ja schändlich, wenn mir ein
-Gut, auf das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt
-würde?« -- »Können Sie sich wundern,« versetzte Rosenheimer, »daß eine
-so schöne Besitzung noch mehr Liebhaber findet? Uebrigens dürfen Sie
-sich gratuliren: noch weiß der junge Herr nichts von dieser Absicht des
-reichen Fürsten, noch steht Ihnen Waldfels zu Gebot. Aber wie? Bezahlen
-müssen Sie's! Der junge Baron ist zäh, grausam zäh; er kennt den Werth
-seines Gutes genau -- nu, was red' ich viel? Hier sind die Bedingungen!«
-
-Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und übergab ihm das
-Papier. Der Bankier las rasch und rief unmuthig aus: »Wie, das ist
---« -- »Das Ultimatum von dem Herrn Baron,« fiel Rosenheimer ein. --
-»Ist der junge Mann klug?« versetzte Herr von Pranger; »diese Summe!«
--- »Die Summe ist schön,« bemerkte Rosenheimer, »aber Waldfels ist
-noch schöner.« -- »Und die Bedingungen?« fuhr der Bankier fort. »Sechs
-Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebäuden keine wesentlichen
-Aenderungen vornehmen zu dürfen! Was soll das?« -- »Herr von Pranger,«
-erwiederte Rosenheimer, »Sie wissen, solche Herren hängen mit einer
-ganz sonderbaren Zärtlichkeit an dem Stammsitz ihrer Familie. Es thut
-dem armen jungen Mann weh, daß er Waldfels nicht behaupten kann. Da
-es aber nicht möglich ist, so will er wenigstens dafür sorgen, daß es
-noch einige Jahre so besteht, wie er es gefunden hat. Eine Grille,
-wenn Sie wollen! Aber was kümmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal
-haben, geben Sie's doch nicht wieder her, und Veränderungen an den
-Gebäulichkeiten wären nicht nöthig, wenn ein Fürst -- was sag' ich? --
-wenn ein König es beziehen wollte.«
-
-Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und ab. Der Jude
-las in seinem Gesicht, daß ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern
-kommen zu lassen, unerträglich fiel; er näherte sich ihm und sagte:
-»Herr von Pranger, Sie sind ein reicher Mann, -- keine Widerrede!
--- Sie sind ein reicher Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar
-tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie's nicht wissen, spüren Sie's
-nicht, aber dem jungen Mann thun sie gut. Und wenn es wird bekannt
-werden, was Sie gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von
-Pranger ist ein großmüthiger Charakter; -- er hat dem jungen Mann in
-seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrückt -- er hat gehandelt als
-ein wahrer Edelmann -- er verdient den Edelmannssitz zu haben.« -- Das
-hieß seinen Mann bei der schwächsten Seite fassen. Herr von Pranger
-wurde um vieles freundlicher und vermochte seinen Worten kaum den
-Schein eines Vorwurfs zu geben, als er sagte: »Was sind Sie für ein
-Unterhändler! Sie nehmen die Partie des Barons!« -- »Ich nehme nicht
-die Partie des Barons,« entgegnete Rosenheimer. »Ich habe gethan, was
-ich konnte. Kann ich dafür, daß der junge Baron so hartnäckig, und daß
-der Fürst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu kaufen?« Die letzten
-Worte gaben dem Bankier wieder einen Stich in's Herz. »Nun, wollen
-Sie?« fragte Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg,
-aber der Jude sah, woran er war. »Herr von Pranger,« sagte er, seinen
-Hut ergreifend, »ich habe meine Schuldigkeit gethan und will Sie nicht
-weiter belästigen. Aber um eins bitt' ich Sie: wenn das Gut in drei
-oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine Vorwürfe.«
-
-Er ging gegen die Thüre. »Warten Sie,« rief Herr von Pranger. -- »Haben
-Sie sich entschlossen?« entgegnete der Jude. -- »Ja,« versetzte der
-Bankier mit heroischer Anstrengung, »in's Teufels Namen! Melden Sie dem
-jungen Mann, daß ich morgen nach * * kommen werde, um den Kauf mit ihm
-abzuschließen.« -- »Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an
-den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt.« Herr von Pranger
-schrieb ein Billet, siegelte und gab es Rosenheimer, indem er sagte:
-»So eilen Sie!« -- »Ich werde eilen,« sagte der Jude und empfahl sich.
-
-Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln und sagte
-mit der Miene tiefer Geringschätzung: »Wie dieser Mensch zu seinem
-Reichthum gekommen ist, möcht' ich wissen! Ist das ein Geschäftsmann?
-Gott soll helfen!« -- Samuel Rosenheimer bedachte in diesem Augenblick
-nicht, daß eine übermäßige Begierde nach einem zu erlangenden
-Gegenstand auch verständige Männer zuweilen toll und blind machen kann.
-
-Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes Fest. Es war
-der 31. März, der Tag, an welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das
-Licht der Welt erblickt hatte und der ihn heute mündig machte. Er, der
-Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten gemeinschaftlich gespeist
-und saßen eben beim Kaffee, als der alte Diener hereintrat und zu
-Arthur sagte: »Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke,
-er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes zu melden.« -- »Ah,«
-rief Arthur, »er soll hier hereinkommen.« -- Herr Rosenheimer trat ein,
-begrüßte die Gesellschaft und stellte sich mit glänzenden Augen vor
-Arthur. »Herr Baron,« sagte er, das Billet des Bankiers emporhaltend,
-»was hab' ich hier? was meinen Sie?« -- Arthur erwiederte lächelnd:
-»Wie kann ich das wissen?« -- »Haben Sie die Güte zu lesen,« sagte
-Rosenheimer, übergab ihm das Schreiben und erklärte den andern: »Es ist
-eine Einladung vom Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem
-Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschäft wegen Waldfels vor
-sich gehen soll.« -- »Ist es wahr?« fragte der Oberst den Neffen, der
-das Billet gelesen hatte. Arthur übergab es ihm, der Oberst las und
-rief in der ersten Ueberraschung: »Was doch so ein« -- er wollte sagen:
-»verdammter Jude nicht alles durchsetzen kann!« Aber er besann sich,
-nahm einen Armstuhl, rückte ihn zurecht und sagte freundlich: »Herr
-Rosenheimer, setzen Sie sich!« Dieser hatte indeß noch keine Ohren für
-ihn und dankte nur leichthin. Er sah den jungen Waldfels an und sagte:
-»Nun, Herr Baron, verdien' ich Lob? Hab' ich mein Wort gehalten? Wie?«
-Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit Herzlichkeit: »Ich bin
-Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben sich um mich und uns alle verdient
-gemacht. Nehmen Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine ganze
-Erkenntlichkeit.« -- »O ich bitte!« rief Rosenheimer und setzte sich.
--- Nachdem Arthur den Damen die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der
-Jude dem Bankier annehmlich zu machen gewußt hatte, bemerkte Frau von
-Holdingen mit graziöser Kopfbewegung: »Dieser Erfolg macht Ihnen in
-der That alle Ehre, Herr Rosenheimer. Trinken Sie mit uns eine Tasse
-Kaffee?« -- Das Gesicht des Unterhändlers zerschmolz in das süßeste
-Lächeln. »Gnädige Frau Baronin,« rief er, »diese Ehre! Sie beschämen
-mich wahrhaftig!« Unterdessen hatte die Dame eine Tasse eingeschenkt
-und präsentirte sie ihm; Herr Rosenheimer nahm sie mit Würde und trank.
-
-Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fähig. Obwohl der Gedanke,
-das alte Familiengut einem Andern überlassen zu müssen, für Arthur und
-die Seinen schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es so
-vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in diesem Ausgang
-der Unterhandlungen ein günstiges Vorzeichen, einen Anfang des Glücks,
-das sich jetzt auch wieder einfinden müsse. Als er dieß gegen Anna
-bemerkte, sah ihm das schöne Mädchen mit dem liebevollsten Vertrauen
-in's Gesicht. Rosenheimer weidete sich an dem Anblick des Paares und
-seine Augen füllten sich mit Wasser bei dem Gedanken, daß er es sey,
-der dieses schöne Vergnügen gestiftet.
-
-Während die andern einen Spaziergang in den Park machten, fragte Arthur
-den Juden, wie er zu dem glücklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer
-hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht des
-Fürsten von N. betreffend, zu verschweigen und nur im Allgemeinen zu
-bekennen, daß er Herrn von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der
-Furcht, das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei der =Ehre=
-angefaßt habe. Nachdem er dem jungen Waldfels nochmal eingeschärft, zur
-bestimmten Stunde sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl
-er sich. -- Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine so vollkommene
-Genugthuung, wie nie vorher. Er hatte sich gerächt; er hatte Gutes
-gethan und Lob und Ehre dafür empfangen; er hatte die Aussicht, den
-Lohn, den ihm Herr von Pranger für seine Mühe entrichten mußte, durch
-einen sicherlich glänzenden Beweis der Erkenntlichkeit des Herrn
-Barons gemehrt zu sehen. Bei dieser Erwägung sagte er zu sich selber:
-»Der junge Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum Glück
-gekommen, er weiß nicht wie. Lieber Gott, wenn so ein Mann auch
-Verstand hat, was hilft das? Man muß die Mittel und Wege kennen -- ein
-Geschäft ist ein Geschäft! -- Aber 's freut mich von ganzer Seele, daß
-ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel Geld ließ' ich mir das
-nicht abkaufen!«
-
-Der Abschluß des Geschäfts ging den andern Tag rasch vor sich. Herr von
-Pranger machte keine Schwierigkeiten; er dachte jetzt nicht mehr an
-die Summe, die er zahlen mußte, sondern nur an das Glück, Eigenthümer
-des Edelmannsgutes in der Nähe seiner Vaterstadt zu werden, und trieb
-selber zur Erledigung. Als Arthur und der Oberst ihm gratulirten,
-fühlte er sich so groß, daß er den Wunsch des erstern, er möchte einige
-seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfüllen gelobte. Nach einem
-kleinen Gelag fuhren beide Theile vergnügt nach Hause.
-
-Als Rosenheimer einige Tage später zum Bankier kam, sagte er: »Wissen
-Sie was Neues, Herr von Pranger? Der Fürst von N. ärgert sich schwer,
-daß Sie ihm das schöne Gut weggekauft haben. Er schämt sich, und denken
-Sie, jetzt soll niemand sagen, daß er die Absicht gehabt hat, es zu
-acquiriren!« -- »Mag er sich ärgern,« versetzte Herr von Pranger; »ich
-hab' es jetzt und werd's behalten.«
-
-Die Geldsummen, die nach und nach flüssig wurden, setzten Arthur in
-den Stand, alle Forderungen an ihn ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn
-Rosenheimer, nach dessen eigenem Ausdruck »wahrhaft edelmännisch« zu
-bedenken und noch etliche Tausend Gulden in der Hand zu behalten.
-Die unversicherten Gläubiger priesen ihn laut und meinten, eine so
-rechtschaffene Handlungsweise könne nicht ohne Lohn bleiben; aber
-auch Herr von Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein
-gerühmt, daß er die mißlichen Umstände des jungen Waldfels nicht
-mißbraucht, sondern die Besitzung als reicher Mann großherzig bezahlt
-habe.
-
-Die letzte Zeit im Hause seiner Väter war für Arthur, trotz des
-glücklichen Verkaufs, eine trübe und melancholische. Der Oberst, den
-keine Pflicht mehr in Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von
-Pranger nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu seiner
-gewöhnlichen Lebensweise zurückgekehrt. Einige Tage vor seiner Abreise,
-wo der Gedanke des guten Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit
-besaß, hatte er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung zu
-quälen, daß er doch am Ende besser gethan hätte, seinem ersten Rath
-zu folgen und das Gut für sich zu erhalten. Er hatte ihm das Prekäre
-seiner Lage vorgestellt, ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen
-Kräften nach einem sichern Unterkommen zu trachten, und was dergleichen
-lästige Bemerkungen mehr waren, so daß Arthur eine wahre Erleichterung
-fühlte, als er sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit
-wurde der junge Mann aber für die Wehmuth des Scheidens und Meidens um
-so empfänglicher, als der launische April sich eben in einer lenzlich
-milden Heiterkeit gefiel, die in zarten Gemüthern eine stille Trauer so
-sehr begünstigt. Arthur machte die letzten Besuche im Dorfe und kehrte
-weich gestimmt zurück. Er wandelte allein in all den geliebten Räumen
-der Besitzung umher und konnte nicht verhindern, daß heiße Thränen
-seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in dem Gedanken, daß er
-sein Stammgut wenigstens für die nächsten sechs Jahre vor Zertrümmerung
-gesichert habe. Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich mit
-der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben? Konnte er es
-irgend für möglich halten, daß der neue Eigenthümer sie wieder abgeben,
-daß er selber in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? -- Sollen wir
-die Wahrheit sagen, so folgte er einer instinktmäßigen Regung, über
-deren Vernünftigkeit er sich keine Rechenschaft gab. Genug, daß dieser
-Gedanke ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung linderte.
-
-An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen beiden Söhnen sich zu
-einem glanzvollen Einzug in Waldfels rüstete, siedelte Arthur mit den
-wenigen Effekten, die er für sich behielt, nach dem Städtchen über.
-Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden und ihm befreundeten
-Mannes, der in fremden Landen Geld erworben hatte, um es in seinem
-Geburtsort zu verzehren, standen zwei Zimmer für ihn bereit. Er hing im
-größern seine Familienbilder auf und brachte Kisten und Koffer unter,
-das kleinere richtete er sich zur Wohnung ein. Als er in dem fertigen
-Nest allein da saß, hatte er ein angenehmes Gefühl. Der Abschied
-von Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern, die ihm mit
-nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen, hatte ihn gerührt und
-erschüttert. Wie wohl ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er
-doch froh, die Aufregung überstanden zu haben und sich ungestört den
-Gedanken widmen zu können, die seine Seele erfüllten.
-
-Sein Leben war sehr einfach. Den größten Theil des Tages verwendete
-er auf Studien, die Abende brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von
-Holdingen zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend, saß er hier
-zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und die Schatten der Sorge flogen
-über seine jugendlichen Züge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und
-spielte eines von ihren Lieblingsstücken, die auch die seinigen waren.
-Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit gingen unter im süßen
-Gefühl, das die edeln Töne in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren
-innern Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der Hoffnung sich
-durchdrangen, wo düstere Bilder an der Seele vorüberzogen, ohne zu
-erschrecken, glänzende, ohne zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer
-im Herzen erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen ließ und zu dem
-Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein Gespräch, welches Arthur
-Gelegenheit gab, Beispiele zu erzählen, wie muthige Herzen kühne
-Dinge gewagt unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgeführt zur
-Beschämung der Welt. Und die jungen Seelen fühlten sich mit einander
-gestärkt und erhoben.
-
-Der Baronin fiel es auf, daß Arthur sich niemals über einen Lebensplan
-aussprach. Sie versuchte es ein paarmal, ihn durch Anspielungen
-zum Reden zu bringen, aber er lenkte das Gespräch auf einen andern
-Gegenstand. In ihrer Besorgniß nahm sie sich vor, ihn geradezu um eine
-Erklärung anzugehen, warum er nicht auf die Universität zurückkehre und
-was er denn überhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, daß er
-nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob die Ausführung
-ihres Entschlusses von einem Tag zum andern.
-
-Eines Tages wurde Arthur ein Brief übergeben, auf den er mit Verlangen
-gewartet haben mußte, denn er wechselte die Farbe, als er das
-Postzeichen erblickte, schloß sich in sein Zimmer ein und wurde den
-ganzen Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen brachte er mit
-Schreiben zu, hatte dann eine längere Unterredung mit seinem Wirth,
-machte mehrere Gänge und packte Abends einen Koffer.
-
-Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne, wanderte er nach
-dem Landhaus. Er traf Anna allein im Zimmer und gab ihr die Hand.
-Sie sah ihn an und sagte: »Wie siehst du heute aus? So feierlich!«
--- Arthur erwiederte: »Ich komme auch in einer feierlichen Absicht:
-ich muß dir eine Prüfung zumuthen.« -- Anna lächelte und sagte: »Eine
-Prüfung?« Der Jüngling aber blieb ernst und setzte hinzu: »Ich muß dich
-verlassen.« Das Lächeln verlor sich aus dem Gesicht des Mädchens; sie
-erwiederte mit Ergebung: »Darauf bin ich gefaßt.« -- Arthur schüttelte
-den Kopf und sagte: »Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich
-muß weit hinweg, ich muß außer Landes gehen -- und ich kann nicht
-sagen, wann ich wiederkehre.« -- Anna sah ihn bestürzt an, der nun
-entschlossen fortfuhr: »Und das ist noch nicht das Schlimmste. Ich
-kann dir auch nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was
-ich unternehmen werde.« -- Das gute Kind wußte nicht was sie denken
-sollte; sie richtete einen traurigen und vorwurfsvollen Blick auf ihn.
-Arthur umfaßte sie zärtlich und sagte: »Glaubst du, ich würde vor dir
-ein Geheimniß haben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es so besser
-sey für dich wie für mich? Es gibt Dinge in der Welt, die man zuerst
-thun muß, ehe man davon reden kann, Vorsätze, die den Gleichgültigen
-lächerlich erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflößen,
-die aber glücklich durchgeführt den Beifall Aller haben. In meinem
-Innern lebt ein Trieb, der mich unwiderstehlich zu einem Unternehmen
-hindrängt, aber zugleich ein siegesmuthiger Glaube, daß ich hier finden
-werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen dürfte, um
-zu nehmen, was für mich bereit liegt. Willst du diesen Glauben mit
-mir theilen, ohne zu sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimniß,
-das du mitzubesitzen ein Recht hättest, für mich allein zu behalten?«
--- Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen kommenden Worten nicht
-widerstehen; sie erhob sich mit einem Aufschwung des Geistes auf die
-Höhe des Geliebten und erwiederte mit inniger Zuversicht: »Ja, Arthur!«
--- »Wirst du mir«, fragte dieser weiter, »vollkommen vertrauen?« --
-»Vollkommen,« erwiederte das Mädchen. -- »Und wenn Monate vergehen,
-ehe ein Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor ich
-wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie in deinem Glauben
-wanken?« -- »Niemals,« versetzte sie. -- »Ich hab' es ja gewußt,« rief
-Arthur freudig, »daß du mir vertrauen würdest, wie ich dir vertraue! --
-O,« fuhr er fort, »der Glaube ist etwas so Schönes! Ich begreife jetzt,
-warum diejenigen, die fähig sind zu glauben, zum Dulden und Harren
-berufen werden. Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen!
-Wir werden uns glücklich wiedersehen!«
-
-In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein. Arthur hatte den Muth,
-ihr sogleich seinen Entschluß und seine Forderung mitzutheilen. Die
-Wangen der guten Frau rötheten sich und unwillig rief sie aus: »Wie,
-das können Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite Welt gehen,
-Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten, und ich, die Mutter Ihrer
-Verlobten, soll nicht erfahren, was Sie thun und treiben?« -- »Verehrte
-Frau,« entgegnete Arthur mit Ernst, »ich muthe Ihnen nichts zu, als
-was eine edle Seele gewähren kann. Hier zu Land müßte ich mit geringer
-Neigung einen Weg einschlagen, der mich nach mehrjähriger Anstrengung
-und im glücklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen Loose
-führen würde. In der Ferne dagegen winkt mir ein Glück, nach dem ich
-mit Freuden ausziehe und das ein fröhliches Streben auch viel reicher
-lohnen wird. Mein Entschluß ist das Ergebniß der gewissenhaftesten
-Prüfung. Aber an die Ausführung kann ich nur dann mit Muth und Freude
-gehen, wenn Sie mir ein besonderes Geständniß erlassen, wie es mir
-Anna erlassen hat.« -- »Das ist ja unerhört!« rief die Baronin.
-»Nein, lieber Freund,« setzte sie hinzu, »ich kann, ich darf es nicht
-dulden!« -- Nun trat Anna zu ihr, nahm sie beim Arm und sagte: »Schau
-ihm doch nur in's Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus, dem man
-nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht sagt, was er beginnen will,
-so ist das Geheimniß nothwendig, und wir sollten ihn vielmehr bitten,
-zu schweigen.« -- Die Baronin schüttelte das Haupt und rief: »O
-Kind, Kind!« -- Anna fuhr fort, indem ein ernstes Lächeln ihren Mund
-umspielte: »Als ich ein Kind war, da erzähltest du mir Geschichten
-aus einer Zeit, die du vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich
-Treue gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer oder zu
-heiligen Kämpfen und die Geliebte ihn vertrauensvoll ziehen ließ. Du
-hast mir damals die Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und
-solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, daß ich etwas
-von dir gelernt habe?« -- Das Gesicht der Baronin hellte sich bei
-dieser Rede ein wenig auf. Sie wendete sich gegen Arthur und rief:
-»Sollten Sie vielleicht --« -- »Ich bitte Sie, liebe Mutter« fiel
-Arthur ein, indem er sie bei der Hand nahm, »fragen Sie mich nicht!« --
-Die Baronin, durch einen eigenthümlichen Gedanken getröstet, war schon
-überwunden. »Ihr macht mich selber thöricht,« rief sie. »Wahrlich,
-wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die Kinder die Eltern
-regieren!« Nach einem Moment des Schweigens fand sie das ganze Ansehen
-der Mutter und sagte mit Ernst und Würde: »Ein Trost ist es mir, daß
-Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand und ein Mann von Ehre
-sind. Ihrem Verstand und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen
-Sie, was Ihr Herz Sie heißt, und möge Gott seinen Segen dazu geben!« --
-»Amen,« riefen die beiden Kinder und hingen an der Mutter in liebender
-Umarmung.
-
-Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel für ein
-Gegenbild, und für Arthur war es kein Verlust, daß er das zu der eben
-geschilderten Scene nicht zu Gesichte bekam. Arthur hielt es nämlich
-für seine Pflicht, auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natürlich
-in der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst den Brief
-gelesen, sagte er zu sich selber: »Da haben wir's! Der Mensch ist
-verrückt und wird ein Abenteurer! Wenn sein Projekt etwas taugte, hätte
-er Ursache, es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts! Er nimmt
-das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche und geht auf und davon.
-So machen's die Leute, die tugendhafter seyn wollen, als andere!« --
-Nachdem er hierauf mit Selbstgefühl seine Tabakspfeife ausgeklopft,
-setzte er hinzu: »Wär' es nicht meine Pflicht, die Post zu nehmen und
-ihm den Kopf zurechtzusetzen?« Er sah in den Brief und sagte: »Es ist
-zu spät! -- Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich mich wegen
-eines Menschen kümmern soll, der meinen Rath verschmäht und es für
-nobel hält, sich zu ruiniren!«
-
-Es war am letzten des schönen Monats, als Arthur mit den Seinigen und
-einem alten Diener im Posthofe stand. Dieser hatte seine Stelle bei
-Herrn von Pranger aufgegeben, weil ihm einer der Söhne in einer Weise
-begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem geborenen Baron
-nicht hätte gefallen lassen. Da er sich ein kleines Vermögen erspart
-hatte, so fragte er Arthur, ob er ihm nicht unentgeltlich dienen könne,
-und als dieser es für unmöglich erklärte, machte er seinen Antrag
-Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem es tröstlich war, eine
-vertraute Seele bei den Seinen zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr
-Haus aufgenommen. Der gute Alte erzählte jetzt, daß im Schlosse große
-Vorbereitungen zu einem Feste getroffen würden, das alles überbieten
-solle, was früher dort gesehen worden sey. Aber,« setzte der treue
-Diener hinzu, »sie mögen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schön
-wird's doch nicht werden, wie unser Fest am vorjährigen Pfingstmontag.
-Wer hätte damals gedacht, daß dieses Schloß und dieser Park in andere
-Hände kommen und der junge Herr außer Landes gehen würden!« -- Arthur
-klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Halte dich nur gut, alter
-Freund, und wir feiern vielleicht noch schönere Feste mit einander,
-wenn auch nicht in Waldfels.« -- »Gott geb' es!« erwiederte der Alte,
-halb gläubig und halb resignirt.
-
-Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein Wort gegangen, als
-hie und da eine Ermahnung, die sich auf die Pflege der Gesundheit
-und auf die Bequemlichkeit des Abreisenden bezog. Anna war still; an
-der Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen, daß sie zu
-ergriffen war, um reden zu können. Die Postpferde waren endlich an
-den Wagen gespannt. Arthur trat zu Mutter und Tochter, um den letzten
-Abschied zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten Vollendung
-der Jungfrau, so schön in Liebe und Leid, so unendlich Werth, Glück
-zu genießen, so unendlich fähig, Glück zu bereiten -- da verließ ihn
-die bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu müssen auf Jahre,
-vielleicht auf immer, von der Wonne seines Lebens! Zwischen sich und
-das höchste Ziel seiner Wünsche die Zeit und das Schicksal treten
-zu lassen! Der Gegenwart zu entsagen für eine ungewisse Zukunft, der
-liebsten Wirklichkeit für ein Mährchen vielleicht! -- Gegen diese
-Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen, die ihn bis dahin
-erfüllten, nicht mehr Stand; ein unendliches Weh ergriff sein Herz.
-Er preßte die Verlobte an seine Brust; die Thränen der Unglücklichen
-vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt riß er
-sich endlich los und stieg in den Wagen, der nach Norden rollte. Die
-Zurückgebliebenen sahen ihm weinend nach und das liebende Mädchen
-wollte in Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Töne des Posthorns
-erschallen und schwächer und schwächer werden hörte.
-
-
- V.
-
-Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause eine Zeit stillen
-Lebens ein, wie es entsagende Gemüther zu führen pflegen. Mutter und
-Tochter füllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschäftigungen aus;
-sie begnügten sich aber, nur das Nöthigste mit einander zu reden,
-und überließen sich meist ihren Gedanken. Es war eine Zeit, wo man
-das Ticken der Stubenuhr am Tage öfter hörte als sonst, aber für die
-Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen. Eine solche
-Existenz hat ihre eigenen Reize. Ergebung und Hoffnung können das
-Leid der Entbehrung versüßen und den Geist oft zu unerwartet lichten
-Anschauungen führen. Die Werke der Kunst, die Schönheit der Natur
-wirken eindringlicher auf das weiche Gemüth und erheben es über
-bedrückende Gefühle, die tröstenden Einflüsse der Religion finden ein
-bereiteres Herz.
-
-Hie und da wurde der sanfte Fluß dieses Lebens freilich durch
-einen Mißton unterbrochen und getrübt, indem die Mutter sich nicht
-enthalten konnte, in eine sorgliche Stimmung zurückzufallen und über
-den Abwesenden Bemerkungen hören zu lassen, in denen sie das schon
-Zugestandene zum Theil wieder zurücknahm. Anna schwieg dazu; sie
-wußte, daß dergleichen Anwandlungen am schnellsten vergehen, wenn sie
-keinen Widerspruch erfahren. Fühlte sie sich betrübt, so suchte sie
-die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur mit rührender
-Zärtlichkeit hing und ihn im Gespräch mit ihr um so mehr erhob, als er
-sah, wie sehr es die junge Herrin beglückte.
-
-Die Zeit bewährte zuletzt auch hier ihre beruhigende Macht und
-erleichterte die Gefühle Aller. Die Sorge um jemand setzt ohnehin eine
-Kenntniß von seiner Lage voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer
-Nähe und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig bei ihren
-Unternehmungen begleiten können. Die Abwesenden, bei denen dieß nicht
-der Fall ist, übergeben wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum,
-weil uns nichts anderes übrig bleibt. Vielleicht war dieß einer der
-Gründe, warum Arthur über sein Vorhaben nichts Bestimmtes aussagen
-wollte.
-
-Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus wenig Personen.
-Hauptsächlich verkehrte sie mit dem Rentier, der die Familienbilder und
-sonstige werthvolle Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stücken
-als sein väterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben von den Vorfahren
-desselben, gedachte man des Abwesenden und die Baronin erging sich
-gelegentlich in Vermuthungen. Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts
-Näheres über sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser war durch einen
-zufällig entschlüpften Ausdruck auf eine Spur gekommen, die er für die
-richtige hielt. Eben darum ließ er vor den Damen nichts davon merken
-und verschwieg auch was er wußte: daß Arthur für den Fall seines Todes
-über die Hälfte seines Vermögens, die bei ihm angelegt war, zu Gunsten
-Annas verfügt hatte.
-
-Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer von Waldfels, einen
-milden und verständigen Seelenhirten, der ebenfalls mit Liebe an dem
-freiherrlichen Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit der
-Familie Pranger beschränkte sich auf höfliches Grüßen, wenn sie sich
-zufällig an einem dritten Ort sahen. Die Baronin hörte nur von andern,
-wie es im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger sich
-Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn übermüthige Streiche machten,
-und nur die Mutter eine gutmüthige Frau sey, der man nichts vorwerfen
-könne, als eine allzugroße Verliebtheit in ihre Kinder.
-
-Es war mitten im Sommer. Die Baronin und Anna saßen im Zimmer beisammen
-und hatten eben von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen
-würden, als zu ihrer großen Ueberraschung Frau von Pranger mit ihrer
-Tochter bei ihnen vorgefahren kam. Sie erkundigte sich mit Wärme nach
-dem Befinden der Damen, verweilte über eine Stunde und bat sie zuletzt
-mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels. Die Baronin sagte
-höflich zu und rieth nach ihrer Entfernung hin und her, was wohl der
-Zweck dieses plötzlichen Entgegenkommens seyn möchte. Auch während des
-Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft überhäufte, sah
-sie nicht klarer, wohl aber hatte Anna, mit welcher August, der ältere
-Sohn des Hauses, sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit
-nahe kam.
-
-Um das Folgende begreiflicher zu machen, müssen wir erwähnen, daß in
-der letzten Zeit das Gerücht aufgetaucht war, die Verlobung zwischen
-dem jungen Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rückgängig
-geworden, indem beide Theile eingesehen hätten, daß sie gegenseitig
-ihrem Glück im Wege ständen; der Abschied, den sie im Posthofe von
-einander genommen, sey der letzte überhaupt gewesen. Diese Fabel war
-auch nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden worden.
-August von Pranger, auf den Anna schon beim ersten Anblick einen
-ungewöhnlichen Eindruck gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen
-an, als er sonst wohl gethan hätte, und die Folge war, daß er bei
-der nächsten zufälligen Begegnung sein Herz gänzlich an sie verlor.
-Ein Bekannter, dem er das erwähnte Gerücht mittheilte, bestritt die
-Wahrheit desselben mit gewichtigen Gründen, aber das konnte ihn jetzt
-auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im Gefühl seiner selbst faßte er
-den Beschluß, den Kampf, wenn davon noch die Rede seyn könne, mit dem
-Abwesenden zu wagen und sich um die Gunst des schönen Fräuleins zu
-bewerben. Er öffnete sein Herz vor allem der Mutter, deren Liebling er
-war, und machte von seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so
-ergreifende Schilderung, daß die gute Dame bald den Versuch aufgab,
-ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie bedachte, daß eine Verbindung
-mit der alten Familie Holdingen für sie ehrenvoll und dem Fräulein ein
-gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wünschen sey. Nachdem sie ihre
-Hülfe zugesagt, rückte man hinter den Vater und brachte ihn endlich
-zu der Erklärung, daß sie in dieser Sache freie Hand haben sollten.
-Mutter und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch bei Frau von
-Holdingen war die Eröffnung des Feldzugs.
-
-Anna sagte ihrer Mutter natürlich nichts von ihrer Muthmaßung, die
-ja auch eine trügerische seyn konnte, und so knüpfte sich zwischen
-den beiden Familien eine Beziehung, die verschiedene wechselseitige
-Besuche zur Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger seiner
-Ausersehenen zuletzt so glühend zärtliche Blicke zu, daß ein Zweifel
-über seine Gefühle nicht mehr möglich war. Anna mußte fürchten, daß
-es von Blicken zu Worten kommen würde, und sie faßte den Entschluß,
-seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch abkühlende Mittel
-zu heilen. Als er das nächstemal sich zu entschieden huldigenden
-Reden verstieg, behandelte sie dieß als eine galante Sprechübung,
-rühmte ihn wegen seiner Einfälle, rieth ihm aber, im Ausdruck nicht zu
-weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit schaden müßte.
-Erneuten Versicherungen setzte sie erneuten Spott entgegen. Ein
-Unbefangener hätte dabei in ihren Zügen nicht nur die vollkommenste
-Gleichgültigkeit, sondern zugleich eine Andeutung von Geringschätzung
-erblicken müssen; aber Verliebte sind dafür bekannt, daß sie alles, was
-überhaupt noch einer Auslegung fähig ist, zur ihren Gunsten auslegen.
-Der junge Herr sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art von
-Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschloß, dem vorausgesetzten
-Wunsche zu entsprechen.
-
-Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach dem Landhause. Er
-wußte es zu machen, daß er mit Anna allein im Garten war, und ergoß
-sein Herz in einer leidenschaftlichen Erklärung, die mit der Bitte
-um ihre Liebe und ihre Hand schloß. Anna, die von ihren Mitteln doch
-eine andere Wirkung erwartet hatte, war hochbetroffen. Der Ausdruck
-ihres errötheten Gesichts verrieth, daß sich nicht nur die Liebende,
-sondern auch der Sprößling einer alten Familie beleidigt fühlte, und
-mit dem Stolz beider erwiederte sie: »Herr von Pranger, Sie wissen,
-daß ich mit meinem Vetter, dem Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie
-haben selbst die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu lernen.
-Und nun frag' ich Sie: was hat Ihnen den Muth gegeben, der Braut eines
-solchen Mannes einen solchen Antrag zu machen?« Der junge Mensch sah
-sie bestürzt an. Anna fuhr fort: »Ich kann mir denken, daß ein längeres
-Verweilen in unserem Hause Ihnen nicht angenehm seyn wird. Nehmen
-Sie die Ueberzeugung mit sich, daß dieser Vorgang für die ganze Welt
-ein Geheimniß bleiben wird, nur für meine Mutter nicht, der ich ihn
-mitzutheilen verpflichtet bin.« -- Nun regte sich der Stolz auch in
-dem Abgewiesenen; er suchte seinem glühenden Gesicht den Ausdruck der
-Geringschätzung zu geben, verbeugte und entfernte sich.
-
-Anna ging zu ihrer Mutter und erzählte ihr das Erlebniß. Die Baronin
-hörte mit Entrüstung zu und sagte zuletzt: »Das war also der Grund
-dieser plötzlichen Freundlichkeit? Ich hätte mir's denken sollen, daß
-irgend etwas Unedles dahinter verborgen war.« Mit trübem Lächeln setzte
-sie hinzu: »Wie unersättlich diese Menschen sind! Sie haben dem jungen
-Mann sein Stammgut abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte
-nehmen!« -- Anna bemerkte mit Ernst: »Für diese Absicht, glaub' ich,
-sind sie genug, vielleicht zu sehr gestraft.« -- --
-
-Die kleine Episode hatte für die Baronin doch eine nachtheilige Folge:
-der Aufenthalt im Landhause begann ihr verleidet zu werden. Schon das
-Gerede, das ihr plötzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlaßte,
-mußte ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch, daß diese Familie sich
-anstrengte, die erlittene Niederlage durch Siege auf einem andern
-Gebiete wieder gut zu machen, und daß ihr dieß vollkommen gelang.
-Es gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs im Plane
-lag, und Speisen und Getränke wurden immer vortrefflicher. Die Wirthe
-bemühten sich nun auch mehr, die Gäste artig zu behandeln, alle Glieder
-der Familie nahmen sich möglichst zusammen, und bald ertönte die ganze
-Gegend von ihrem Lob. Es traten geschworene Anhänger des Hauses Pranger
-auf, die den Chef desselben viel höher stellten, als den verstorbenen
-Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und die drei Kinder als
-die liebenswürdigsten Sterblichen priesen. Der Reichthum hat so viele
-Hülfsmittel!
-
-Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergnügen in Waldfels hörte,
-hatte sie eine verdrießliche Empfindung. Sie konnte sich nicht
-enthalten, mißliebige Bemerkungen über die gebildete Welt der Umgegend
-zu machen und Einzelne zu nennen, von denen sie das wiederholte
-Erscheinen im Schlosse nicht erwartet hätte. Anna versetzte lächelnd:
-»Kannst du dich darüber wundern, daß diesen Herrn der Wein noch eben so
-gut schmeckt wie früher? Und wenn sie den Wirth dafür loben, so ist das
-hübsch: es beweist, daß sie dankbar sind.« -- »Allerdings,« erwiederte
-die Mutter. »Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt, der
-ist ihr Götze, und dem Götzen wird geräuchert. Aber Herrn von A. und
-Herrn von O. hätt' ich's nicht zugetraut.« -- Anna wiegte das Haupt und
-schwieg.
-
-Bald erfuhr man, daß August von Pranger einer neuen und milderen
-Schönheit, der Tochter des Herrn von A. seine Huldigung zuwende. Die
-Baronin sagte lächelnd zu Anna: »Er hat sich getröstet.« -- »Gott sey
-Dank,« versetzte diese heiter, »daß ich ihn nicht mehr auf dem Gewissen
-habe.« -- Eine Woche später wurde bekannt, daß Herr von O. sich mit
-Fräulein von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in diesem
-Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte: »Nun begreif' ich die
-eifrigen Besuche dieses Herrn bei dem Bankier und finde sie verständig.
-Er braucht einen solchen Schwiegervater.« Ein Verziehen der Oberlippe
-zeigte jedoch an, daß ihr diese Nachricht übel gemundet hatte. Ihre
-gute Laune verlor sich mehr und mehr. Wenn wir bedenken, daß sie in
-der zweiten Hälfte des Lebens stand und sich auf bloße Hoffnungen
-angewiesen sah, während ihre Gegner reeller Güter sich erfreuten, so
-werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mußte sich Mühe geben, den
-Geist der Mutter oben zu erhalten; allein glücklicherweise kam ihr das
-Schicksal zu Hülfe.
-
-An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mädchen ein Brief überbracht,
-bei dessen Anblick ihre Augen strahlten. Er war von Arthur, aus London
-datirt und die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glückliche
-verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter. Diese las und ihr
-Gesicht klärte sich einigermaßen auf. »Es ist gut,« sagte sie zuletzt;
-»aber nach der Freude, die du gezeigt hast, würde ich schon die Meldung
-eines glücklichen Resultats erwartet haben.« -- »O,« rief das Mädchen,
-»ich bin damit vollkommen zufrieden!«
-
-Die Stellen des Briefes, die für uns von Interesse sind, lauteten:
-»Ich bin in einer eigenen Lage. Ich möchte dir täglich schreiben, wie
-ich immer an dich denke; allein ich müßte dann von meinem Thun und
-Treiben reden, müßte dir Gedanken mittheilen, die sich darauf beziehen
--- und ich hab' nun einmal das Gelübde gethan zu schweigen. Laß mich
-dem gefaßten Entschluß treu bleiben, wie es auch mit den Gründen dazu
-beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewöhnlich, mag es auch unser
-Verhältniß und unser Verhalten seyn. Ich habe dein geliebtes Bild
-stets vor Augen, all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich,
-jede Mühe wird mir durch dich versüßt, meine ganze Existenz durch
-dich verklärt. Wenn du wüßtest, wie oft ich mich glücklich preise
-und wie ich dir danke!..... Ich kann dir nun melden, daß ich meinen
-vorläufigen Zweck hier erreicht habe und in den nächsten Tagen unter
-guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung abgehe. Es wird eine
-weite Reise seyn, und lange kann es dauern, bis ein zweites Schreiben
-von mir in deine Hände kommen wird. Aber ich spreche dir nicht Muth
-zu; ich weiß ja, daß du mir vertraust, und für diejenigen, die sich
-lieben und vertrauen, ist die Entfernung nichts, denn sie sind im Geist
-innigst beisammen. Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist und in
-Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild im Herzen hege, wenn ich
-fühle, daß du mich im Herzen trägst, wenn ich mit dir rede, Gedanken
-tausche, dann empfind' ich eine unaussprechliche Lust. Und ich weiß
-dann: was im Geist ist, das wird für die, welche ausharren, zuletzt in
-Wirklichkeit seyn.«
-
-Ich überlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob dieser Brief trotz
-der Schlichtheit seiner Sprache nicht darnach angethan war, das Mädchen
-zu beglücken. Für die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt
-war, hatte das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit. Zwei
-Tage später wurde ihr amtlich gemeldet, daß ihr die verstorbene Frau
-von B. das Gut Schönbach vermacht habe. Sie empfand große Freude
-und eine unendliche Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert! Und
-selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war die Verbindung der
-Kinder möglich. Allerdings war Schönbach nur ein kleines Gut, es hatte
-kein volles Hundert Morgen Landes; aber die Einkünfte reichten doch
-für den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt für weitere
-Unternehmungen. Wie schön war es von der hochbetagten Verwandten, daß
-sie sich vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schöner, als
-die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine Aeußerung übel genommen
-und den Verkehr mit ihr abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die
-Vorstellung dieser Großmuth so gerührt, daß ihr Thränen in die Augen
-kamen, die freilich bald wieder versiegten. Mit beinahe kindlicher
-Lebhaftigkeit theilte sie der von einem Spaziergang heimkehrenden
-Tochter die gute Neuigkeit und ihren Entschluß mit, das Landhaus zu
-verkaufen und schon diesen Herbst nach dem fünfundzwanzig Meilen
-südlicher gelegenen Schönbach zu ziehen. Anna war sehr erfreut; sie
-sah, daß die gute Mutter nun wieder Boden unter sich fühlte, daß ihr
-heiterer Sinn wiedergekehrt war, um sie hoffentlich nicht wieder zu
-verlassen. Der neue Beweis eines günstigen Schicksals erhob ihre
-Seele. Wie gern hätte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt, ihn
-vielleicht zurückgerufen! Aber sie kannte seine Adresse nicht und mußte
-ihn seinen Gang gehen lassen.
-
-Die erste Person, welche die Baronin mit dem Glücksfall und ihrem
-Vorhaben bekannt machte, war der Rentier. Dieser fügte dem Ausdruck
-seiner Freude die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu überlassen, und
-stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin für so günstig hielt,
-daß sie den Handel auf der Stelle abschloß. Mit baarem Geld versehen
-und um so vergnügter bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten
-und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen später finden
-wir sie in Schönbach eingerichtet. Das sogenannte Schlößchen war
-ein zweistockiges Haus am Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und
-gegenüber lagen die nöthigen Wirthschaftsgebäude, rechts ein ziemlich
-großer Garten. Mutter und Tochter bewohnten die Zimmer des obern
-Stocks, die Räume des untern dienten den Bedürfnissen der Haushaltung.
-
-Der Eintritt in andere Verhältnisse hat für ein lebendiges Menschenherz
-immer etwas Erfreuliches, um so mehr, wenn man einer unangenehmen
-Situation entgangen ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue
-Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das Neue zeigt in
-der Regel zuerst die schönere Seite. -- Die Baronin fühlte sich als
-Gutseigenthümerin gar wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Köpfen
-unter ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei Mägde, einen
-Jungen, eine Köchin, die zugleich Kammerjungfer war, und den alten
-Diener. Die neuen Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister
-namentlich zeigte großen Eifer für seinen Dienst. Scheuer, Böden und
-Keller waren gut versehen, das Vieh gesund. Der Winter stand vor der
-Thür, aber man war auf ihn gerüstet.
-
-Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate hindurch
-eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur durch wenige Besuche
-unterbrochen wurde, trat der in Anna liegende Hang zum Nachdenken
-hervor, und sie fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen,
-in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen sieht, begünstigen
-ohnehin die Einkehr in sich selbst und die Vergeistigung des Menschen.
-Die höchsten Wünsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung im
-Seelenleben; wie natürlich, daß man dieses pflegt und hochhält. Und
-je mehr man äußerlich entbehrt, desto mehr gewinnt man innerlich.
-Je weniger man von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto
-freier entfalten sich die Blüthen des Geistes. Wenn aber der Mann durch
-das Nachdenken über sich selbst, über Gott und Welt, rechtshin oder
-linkshin, zu dieser oder jener eigenthümlichen Ansicht geführt werden
-kann, so wird die weibliche Seele in der Regel zu einer religiösen
-Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden ihr auf dem Wege
-des Nachdenkens entgegen kommen und der Lohn desselben wird seyn,
-daß sie in jene Lehren eine tiefere Einsicht gewinnt, daß sie in ihr
-lebendig, ihr wahres Eigenthum werden. -- Das war bei Anna der Fall.
-Die Frucht ihres Nachdenkens bestand darin, daß das Verhältniß zu Gott,
-welches dem Christen durch seinen Glauben geboten und in gewissem Sinn
-anerzogen wird, für sie ein selbstständig gesuchtes und erlangtes
-wurde, daß ihr in dem, was sie bisher nur kindlich geglaubt hatte, ein
-neues Licht aufging, welches sie in ihrem Glauben befestigte.
-
-Es wäre eine schöne Aufgabe für den Denker, die verschiedenen Arten,
-wie die Menschen sich zu Gott verhalten können, im Zusammenhang
-darzustellen und zu beurtheilen. Welch eine Reihe von Möglichkeiten
--- von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht, ohne sich
-ihm ganz entziehen zu können, bis zu derjenigen, die vor Gott die
-Welt nicht sieht! Von der Religiosität solcher, die sich begnügen,
-Gott die äußere Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen
-an ihn wenden können, bis zu der Innigkeit des Frommen und Weisen,
-der erkennend und liebend in Gott lebt! Wie viele Abstufungen sind
-in jeder Hauptrichtung möglich, und wie erscheint jede derselben in
-der Wirklichkeit motivirt und charakteristisch! -- Die Religiosität,
-die ihrer selbst mächtig, die der Gerechtigkeit und Milde gegen die
-Welt fähig ist, ohne an Kraft und Wärme zu verlieren, wird immer als
-das Ziel des Menschen erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und
-mit dieser Religiosität erzeugt, bewährt sich als ein Segen für jede,
-auch für die beste Natur; denn auch in der besten Natur sind Gefühle
-und Neigungen, denen man sich arglos hingeben kann, die aber erst
-eine Prüfung auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben. Durch
-die Richtung auf das religiöse Ziel werden die selbstsüchtigen Triebe
-zurückgedrängt, die guten geklärt und erhöht und der Geist tüchtig
-gemacht für alle Beziehungen des Lebens.
-
-Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna bei einem Einblick in ihr
-Inneres erkennen, daß mit ihr eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr
-Vertrauen auf Gott war befestigt und klar geworden. In der Prüfung,
-der sie sich früher nur unterworfen hatte, erkannte sie den heilvollen
-Zweck und pries den Willen, der sie dazu berufen. Der Glaube an den
-entfernten Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glück, an die
-Krönung ihrer gemeinsamen Wünsche, hatte einen wesentlich heitern
-Charakter erhalten, und nicht selten war es ihr, als ob alles, was sie
-hoffte, schon erfüllt wäre.
-
-Der Frühling kam und entfaltete sich bald in aller Schönheit. Der Mai
-verdiente dießmal seinen Namen des Wonnemonats, was bekanntlich nicht
-in jedem Jahr der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche
-Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich in die Pflichten
-der Herrschaft. Jene behielt sich das oberste Regiment vor und notirte
-Ausgaben und Einnahmen; die Tochter leitete die Arbeiten im Garten.
-Mit Hülfe des alten Dieners und einer Magd war sie hier so thätig,
-daß nach einiger Zeit Küchen- und Ziergewächse, Bäume, Sträucher und
-Spaliere gleich gut im Stande waren. Ihre Spaziergänge liebte sie nach
-ihren eigenen Feldstücken zu richten, und wenn ihr eines üppig entgegen
-glänzte, so wurde das Wohlgefallen an seiner Schönheit noch gar sehr
-durch den Gedanken erhöht, daß Boden und Frucht ihr gehörten. Es war
-ein neues, angenehmes und heimliches Gefühl für sie. Die Heuernte,
-eine der fröhlichsten Arbeiten, wenn sie vom Wetter begünstigt wird,
-begleitete sie von Anfang bis zu Ende.
-
-Bei diesen Beschäftigungen war es natürlich, daß sie mit verschiedenen
-Dorfleuten näher bekannt wurde. Sie fand unter Weibern und Mädchen
-solche, mit denen gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber
-besuchte. Man unterhielt sich über Haus- und Feldwirthschaft, über
-gewöhnliche und ungewöhnliche dörfliche Vorgänge. Anna freute sich,
-von dem Leben und Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud
-dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mußte über sich
-selber lächeln, wenn sie bedachte, daß sie eines solchen Umgangs noch
-vor einem Jahr nicht fähig gewesen wäre und in der Mitte der Bäuerinnen
-schwerlich ein anderes Gefühl gehabt hätte, als das des Höherstehens
-und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit der ökonomischen
-Interessen eine gewisse Sympathie und Vertrautheit, und sie fühlte, daß
-ein solches Verhältniß nicht nur besser, sondern auch nützlicher sey.
-Ganz mit Recht; das bloße Herabsehen läßt geistig arm, das Herabsteigen
-zu wohlwollender Theilnahme befreit und bereichert. -- Nach und nach
-hatten sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten
-Familien der Umgegend geknüpft. Es fanden sich ältere und junge Männer
-in Schönbach ein, die der Baronin ihren Respekt, der schönen Tochter
-galante Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten nicht umhin,
-zuweilen an geselligen Partien Theil zu nehmen, und sahen, daß es ihnen
-eben so wenig an Unterhaltung wie an Arbeit fehlte.
-
-In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schönbach nur dadurch
-gestört, daß von Arthur keine Nachricht einging. Obwohl Anna nach dem
-ersten Brief sich darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben,
-obwohl sie mit Vertrauen und Muth gerüstet war, so fing sie doch
-endlich an besorgt zu werden. Das Ziel seiner Reise mochte seyn,
-welches es wollte, für den Fall glücklicher Erreichung desselben sollte
-eine Meldung schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren
-gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet, seine Ankunft
-zu melden? Wollte er erst ein glückliches Ergebniß seiner Unternehmung
-abwarten? -- Die Beruhigung der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem
-der ersehnte Brief ankam. Er war aus =Calcutta=, bezog sich auf ein
-früheres, von dort abgesandtes Schreiben und bestätigte somit die erste
-Vermuthung Annas. Die Hauptstellen darin lauteten:
-
-»Ich lebe ganz der Thätigkeit, die ich mir erwählt. Mit jedem Tag wird
-sie mir interessanter und lieber. Wenn man die Gabe besitzt, sich
-von einer Unternehmung eine schöne Vorstellung zu machen, so hat
-man freilich bei der Ausführung noch gar manche Probe zu bestehen.
-Denn hier gibt es Arbeit und Mühe und unangenehme Erfahrungen. Die
-Begeisterung entflieht zuweilen gänzlich und man hat Augenblicke,
-wo man von dem Gefühl gepeinigt wird, als habe man sich in der Wahl
-seines Berufs vergriffen. Doch das dauert nicht; es ist nur der Rauch,
-der aufsteigt, so lange die Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen
-hat. Die Arbeit wird geläufiger, man fühlt sich den Schwierigkeiten
-gewachsen, und nun stellt sich auch die Freude wieder ein; man findet,
-daß die erwählte Thätigkeit in der Wirklichkeit so schön ist, wie sie
-in der Vorstellung war, ja schöner noch. -- Ich stehe im Anfang, und
-doch habe ich schon eine so fröhliche Ansicht gewonnen. Das ist mir
-Bürge, daß ich sie nicht mehr verliere, daß mein Beruf mir halten
-werde, was ich mir davon versprochen..... Wie entzückend ist es, die
-ersten Schritte gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und
-bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, daß er näher dem Momente
-bringt, wo die Träume eines liebevollen Herzens sich erfüllen werden! O
-theure Braut! mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, daß ich
-es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem Thun und Treiben
-glänzt mir die Sonne eines glücklichen Wiedersehens und vergoldet seine
-Umrisse. Aber in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung ist
-dieselbe.«
-
-Als das glückliche Mädchen ihren Brief der Mutter zeigte, rief
-diese beim ersten Blick in ihn: »Ah, Calcutta!« Sie las ihn mit
-Aufmerksamkeit und gab ihn mit ernster, aber zufriedener Miene wieder
-zurück. Nicht länger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung über
-den erwählten Beruf Arthurs auszusprechen. Er sey offenbar in die
-indisch brittische Armee getreten und habe eine Carrière eingeschlagen,
-die zwar der Gefahren mancherlei, aber dafür auch die Hoffnung
-ungewöhnlicher Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein Recht
-verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben darum hätte er aber keine
-Ursache gehabt, die Wahl dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die
-Gefahr auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild für
-ein edelgeborenes Weib. -- Anna schwieg; sie konnte die Sicherheit der
-Mutter nicht theilen, wußte aber auch keine andere bestimmte Ansicht
-entgegenzustellen. Sie fühlte nur, was der Geliebte auch erwählt hatte,
-es war das Rechte.
-
-In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen Wunsch genau, was sie
-bisher erlebt und gethan; sie war mit Liebe ausführlich. Nach einem
-reizenden Gemälde des Lebens in Schönbach erklärte sie ihm, daß er
-nun die Wahl habe zwischen großen Hoffnungen und einem bescheidenen
-Besitz. Sie sage ihm dieß nur für den Fall, daß die Aussichten in der
-Fremde sich trübten, und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem
-einmal gefaßten Entschluß abzubringen.
-
-Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe Arthurs im Hause der
-Baronin eingekehrt war, trug nicht wenig bei, daß die Getreideernte
-eben so glücklich von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die
-Einsammlung der Herbstfrüchte. Frau von Holdingen war sehr zufrieden
-gestellt und lernte eine neue Schönheit der Landwirthschaft in guten
-Einnahmen kennen, die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die
-es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen, hatte trotz der
-Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas gebräunten Teint erhalten.
-Die Mutter schüttelte lächelnd den Kopf und meinte, sie sey eine
-ganze Bäuerin geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen sie
-aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher, und ein malender
-Dilettant, der sie einmal im Obstgarten sah, rief enthusiastisch:
-Pomona! --
-
-In ähnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen vier Jahre.
-Es waren in ökonomischer Hinsicht gute Jahre, wo beim Gedeihen des
-Ganzen einzelnes Unglück in Feld und Stall nicht in Betracht kommen
-konnte. Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand gesetzt,
-ihre häusliche Einrichtung zu verbessern und zu verfeinern, sondern
-zuletzt auch eine Summe Geldes auszuleihen. -- Sie hatte dabei ein
-höchst behagliches Gefühl und blickte mit um so größerer Sicherheit in
-die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwährend günstig
-lauteten. -- Von diesem liefen jährlich in der Regel zwei Schreiben
-ein, theils aus Calcutta, theils aus andern ostindischen Plätzen. Sie
-zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von der guten Laune,
-womit er die Mühen seines Berufes ertrug, von seinem immer vorwärts
-strebenden Geist. In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung
-von Schönbach gratulirt, aber heiter hinzugefügt, daß er sich nun erst
-recht aufgefordert fühle, für ein gehöriges Aequivalent zu sorgen. Die
-letzten Briefe meldeten, daß er viel im Lande herumgekommen, manche
-Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerückt sey. Frau
-von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht vollkommen bestätigt, fand
-es aber um so unbegreiflicher, daß er aus der Wahl seines Standes
-auch jetzt noch ein Geheimniß machen wolle und nicht einmal jenen
-ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen, näher bezeichne.
-Anna setzte den Geliebten in Kenntniß von allem, was in ihrem Kreise
-geschah, und machte ihm bei natürlichen Anlässen auch Mittheilungen
-über ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun auch nicht so
-häufig schreiben konnten, wie andere, so waren ihre wenigen Briefe
-doch um so gehaltvoller und gedankenreicher.
-
-Bei längerer Muße, zumal in Winterszeiten, ermangelte die Mutter nicht,
-an der weiteren Ausbildung ihrer Tochter für das höhere gesellige Leben
-zu arbeiten. Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und
-sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil überflügelt
-zu sehen; aber noch immer vermißte sie manches in den Stücken, die
-zur Repräsentation gehören. Als sie einmal wieder eine Ausstellung
-zu machen hatte und eine Ermahnung folgen ließ, antwortete Anna mit
-einem Lächeln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen Dingen
-eine zu große Wichtigkeit bei. Die Baronin aber bemerkte gleichfalls
-heiter: »Man muß auf alles gerüstet seyn. Wenn dein Bräutigam mit einem
-Nabobsvermögen zurückkehrt und eine seinem Reichthum entsprechende
-Stellung im Vaterlande erlangt, so soll er eine Frau haben, die ihm
-durch die Würde und Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.«
-
-Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen eine sichermachende
-Wirkung. Es gehört schon eine eigenthümliche Erfahrung und eine
-Gewohnheit des Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage an
-die bösen denkt, die kommen möchten, und sich darauf gefaßt macht.
-Die hoffende und vertrauende Natur wird das in der Regel vergessen
-und glauben, was heute war, müsse auch morgen seyn, und doch ist
-die ungetrübte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre Störung das
-Gewöhnliche im Leben.
-
-Der sechste Frühling, den Mutter und Tochter in ihrem Besitzthum
-verlebten, war von besonderer Schönheit. In den ersten Tagen des Mai
-sagte Anna zum Baumeister: »Wir werden ein sonniges Jahr haben.«
-Dieser versetzte bedenklich: »Wenn wir nur nicht zu viel Sonne
-bekommen! Unsere Felder können eher noch einen nassen als einen gar zu
-trockenen Jahrgang ertragen, und ich fürchte --« -- »Keine schlimme
-Prophezeihung!« fiel Anna ein. »Es ist noch immer recht geworden.« --
-»Eben deßwegen,« meinte der Baumeister, »kann es auch einmal schief
-gehen. Doch wir wollen das Beste hoffen.«
-
-Der Himmel erfüllte nicht, was der gefällige Mann hoffte, sondern was
-der erfahrene fürchtete. Nach wenigen Wochen schon konnte sich Anna
-von den schlimmen Wirkungen der alleinherrschenden Sonne überzeugen.
-Die Feldfrüchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen erhalten, wo sie
-dessen am meisten bedurften; sie waren zum großen Theil verdorrt,
-selbst auf den besten Plätzen verkümmert. Und das Jahr behauptete den
-einmal angenommenen Charakter. Regentage waren selten, die heißen
-schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bäche trockneten ein, der Boden
-bekam Risse, die Natur verschmachtete. Wie sehnsüchtig sahen die armen
-Bewohner der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie freuten sie
-sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete! Aber sie ging,
-wie sie gekommen, und später erfuhr man, daß sie ihren Segen anderswo
-niedergeströmt hatte. -- Das Sonnenlicht, das die Welt verschönt und
-Aug und Herz erquickt, wurde den Menschen eine Qual, sein Wieder- und
-Wiedererscheinen fürchterlich.
-
-Es war ein Mißjahr und hatte rings bedeutende Verluste zur Folge.
-Die Baronin, bei welcher die Ausgaben die Einnahmen ebenfalls
-erklecklich überstiegen, mußte die angelegte Summe zurückfordern und
-großentheils verbrauchen. Glücklicherweise hatten die benutzten guten
-Jahre die bemittelteren Familien in den Stand gesetzt, ein Fehljahr
-auszuhalten; die Noth wurde nicht so groß, als man besorgte, und an
-Frau von Holdingen kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele
-Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie wurde von der
-Tochter angetrieben, so viel als möglich zu thun; denn für diese hatte
-der Sommer wenigstens =eine= herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben
-Arthurs, worin er meldete, daß ihn das Glück auf's neue begünstigt,
-und daß er, wenn es so fortfahre, die geliebte Braut in zwei bis drei
-Jahren hoffe wiedersehen zu können. Ihr gerührtes Herz fühlte sich nun
-um so mehr gedrängt, zu helfen und Freude zu machen, wo sie konnte.
-
-Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam im nächsten Frühling
-reichlich; schöne Tage fehlten nicht, man konnte sich ein fruchtbares
-Jahr versprechen. Leider überwog der Regen nach und nach, die schönen
-Tage wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte in Nässe
-zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen ängstigten die Herzen der
-Landleute. Es war nicht bloß der Schmerz über den Verlust, der sie
-quälte, es war auch das uneigennütze Leid: die Früchte, die so schön
-gewachsen, so kläglich verderben zu sehen. Und dieses Leid erneuerte
-sich fortwährend; denn es ist dem Landmann unmöglich, ein für allemal
-zu resigniren. Sobald die Wolken sich wieder ein wenig verziehen,
-hofft er wieder, und die Nichterfüllung schmerzt auf's neue. Das stete
-Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend, und man möchte
-verzweifeln, wenn man es jeden Morgen die Welt verdüstern sieht.
-
-Frau von Holdingen wurde in große Betrübniß versetzt. Sie konnte im
-Fall eines neuen Fehljahres Noth und Verlegenheit nicht vermeiden, und
-diese Vorstellung entriß ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen.
-Anna machte die Beobachtung, daß die Dorfleute das drohende Unglück mit
-mehr Ruhe ertrugen, und daß ihre Klagen gelassener waren, als die der
-Mutter. Sie wunderte sich über diesen Umstand, der doch ganz natürlich
-war. Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und ihre Wünsche
-geltend zu machen, empfinden es um so schmerzlicher, wenn das Geschick
-sich ihnen entgegenstellt, während Schultern, die für gewöhnlich mit
-Lasten beschwert sind, einmal außergewöhnlich noch mehr tragen können.
-
-Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine Reihe schöner Tage.
-Das Wort des Baumeisters, daß die Felder von Schönbach noch eher Nässe
-als Dürre ertragen könnten, bewährte sich. Manches war verdorben, das
-übrige erholte sich wieder. Die Getreideernte begann und die Gesichter
-erheiterten sich, denn die Frucht war besser, als man erwartet hatte;
-aber kaum hatte man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am
-Himmel aufzog und ein Hagelschlag der stärksten Art alles, was noch
-draußen stand, im Lauf einer Viertelstunde vernichtete.
-
-Wer ein solches Ereigniß miterlebt hat, der kann sich sagen, daß er
-die schrecklichste Erfahrung des Landmanns kennen gelernt. Was als
-bloße Vorstellung die Seele erbangen macht, das steht als grausame,
-unwiderrufliche Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust wird
-zugleich unter den erschütterndsten Formen erlitten! Dießmal wurde
-das ohnehin Fürchterliche des Schauspiels noch dadurch erhöht, daß
-die ungewöhnlich großen Hagelkörner auch die Ziegel auf den Dächern
-zerschlugen und das Zerknallen und Herabstürzen derselben das Getöse
-des Sturmes noch schauerlicher machte. Es war den armen Bewohnern des
-Dorfes, als ob die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und Anna
-hatten sich bei den Händen gefaßt; ihre Gesichter waren erbleicht und
-ihre Seelen rangen mit dem Schrecken. Als die Betroffenen den Schaden
-besichtigten, erneuerte sich der Jammer: die Wirklichkeit übertraf
-die schlimmsten Befürchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat aber
-wenigstens das Gute, daß man die Pein des Verlierens mit einemmal
-absolvirt. Man hat in dieser Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch
-nichts mehr zu fürchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten
-Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz nehmen. So fügten sich nun die
-armen Landleute in das Unabänderliche und suchten zu retten, was noch
-zu retten war.
-
-Auch die Baronin trug das vollendete Unglück besser als das drohende,
-und war zunächst bemüht, die Mittel zur Fortführung ihres Haushalts
-herbeizuschaffen. Sie bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt
-sie von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit zu Zeit Briefe
-gewechselt hatte. Als der Bedarf durch Einkäufe gedeckt war, sah
-sie der Zukunft mit ruhigerem Herzen entgegen. -- Es war dennoch
-ein trauriger Herbst. Zu dem trüben Gefühl, das eine verkümmerte
-Wirthschaft erregt und erhält, kam eine neue, schwerere Sorge. Seit dem
-vorigen Sommer war keine Nachricht von Arthur eingegangen. Man konnte
-freilich denken, daß wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder
-daß der Verlobte Gründe gehabt habe, die Absendung eines Berichts zu
-verzögern. Allein in Folge des erlebten Unglücks und der Noth, welche
-die beiden Frauen mit Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu können, waren
-ihre Seelen der Furcht zugänglicher geworden; sie ängstigten sich durch
-düstere Vorstellungen, über die sie sich nur mit Anstrengung wieder zu
-erheben vermochten.
-
-Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem Rentier eine
-Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen Eindruck auf sie machen
-konnte. Herr von Pranger, dessen Vermögensverhältnisse durch die
-Lebensweise der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge großer
-Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten, seine Zahlungen
-einstellen müssen; das Gut Waldfels befand sich in den Händen seiner
-Gläubiger. »Auch andere Leute haben Unglück,« sagte Anna zur Mutter.
-»Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau.« -- »Und mich,«
-bemerkte die Mutter, »dauert auch die schöne Besitzung, die jetzt dem
-Schicksal der Zertrümmerung schwerlich entgehen wird. Doch -- das
-Unglück mag seinen Lauf nehmen!«
-
-Die moralische und religiöse Kraft Annas wurde im Laufe des Winters
-auf die stärkste Probe gestellt. Sie erhielt keine Nachricht von dem
-Geliebten. Die Annahme, daß auch ihn ein Unglück betroffen habe, mußte
-für Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und sie erfuhr dabei, daß auch
-der festeste Wille nicht im Stande ist, das angefochtene Menschengemüth
-immer aufrecht zu erhalten; daß die Kraft des Menschen im glücklichsten
-Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen sich wieder zu erheben
-und weiter zu kämpfen. Ihr Leben wurde ein Wechsel von unüberwindlicher
-Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des Geistes. Wer Gott
-vertrauen gelernt, der wird sich freilich in dem Glauben, daß zuletzt
-alles ein gutes Ende finden werde, nicht erschüttern lassen; aber er
-muß darum nicht für nothwendig halten, daß schon im irdischen Leben die
-Krönung seiner Wünsche erfolgen werde. Für dieses Leben kann er, wie
-ja so viele seiner Mitmenschen, zum Unglück, zur Entsagung verurtheilt
-seyn. Je inniger er aber an jenen Wünschen hängt, um so peinvoller wird
-es für ihn seyn, an ihrer Erfüllung verzweifeln zu müssen, und nur in
-den geistigsten Momenten wird er seine Schmerzen unter sich drängen
-können.
-
-Die Gemüthsbewegungen, denen das gute Mädchen ausgesetzt war, griffen
-zuletzt auch ihre Gesundheit an. Sie verlor die Farbe und die
-zierliche Rundung ihrer Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah
-sie mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind, ein so herrliches
-Geschöpf, sollte es wirklich um das Glück des Lebens betrogen und
-dem Leide geweiht seyn? -- Traurig senkte sie das Haupt und ein
-schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust.
-
-Es war nur eine Mehrung ihrer Betrübniß, als ein wohlhabender adeliger
-Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der Anna schon früher eine
-gewisse Aufmerksamkeit gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen
-ließ, ob sie seine Bewerbung mit günstigen Augen ansehen würde. Aus
-den Reden der Dame ging hervor, daß sowohl sie als ihr Cousin das
-Verhältniß Annas gelöst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben
-glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt fühlten. Frau
-von Holdingen schüttelte bei dieser Eröffnung den Kopf und schwieg
-kummervoll. Den Mund Annas umspielte ein eigenes Lächeln und sie
-erwiederte: »Ich danke Herrn von ** für seine gütige Gesinnung; aber
-mein Verhältniß mit Arthur von Waldfels ist nicht gelöst und wird sich
-niemals lösen. Ich weiß, daß er gesinnt ist wie ich, daß er Treue
-halten wird bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wäre, so würde
-ich dennoch ihm und nie einem andern gehören.« -- --
-
-Endlich begann ein neuer Frühling, und zwar so schön, daß auch die
-bedrücktesten Seelen sich etwas erleichtert fühlen mußten. Ein guter
-Jahrgang war an der Zeit und alle Anzeichen verhießen ihn. Als Frau
-von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die leere Scheuer den
-Kopf schüttelte, sagte der Baumeister, der es bemerkt hatte: »Sie wird
-wieder voll werden. Ich prophezeie dießmal ein Jahr wie das erste, das
-Sie in Schönbach zugebracht haben.«
-
-Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich die erste Versicherung
-als eine Täuschung erweisen. In einer Nacht des Mai wurden die Bewohner
-des Schlößchens durch Feuerlärm geweckt. Es brannte im Nachbarhause.
-Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte die Flamme bereits auch
-ihre Wirthschaftsgebäude ergriffen. Mit größter Mühe wurden die
-Ställe geräumt und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus
-blieben nur die Mauern übrig. -- Es heißt, kein Unglück komme allein,
-und dieser Spruch hat eine reiche Erfahrung für sich. Man kann die
-Thatsache aus der Natur und dem Zweck des Unglücks erklären, oft aber
-enthält das erste schon einfach den Keim des folgenden in sich. Im
-gegenwärtigen Fall hatte der Brand zu dem Hagelschaden eine genaue
-Beziehung. Frau von Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldächer an
-den Wirthschaftsgebäuden vorläufig nur mit Stroh decken lassen und
-die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten vorbehalten. Das Stroh
-hatte Feuer gefangen, wo Ziegel ohne Zweifel widerstanden hätten, bis
-Hülfe gekommen wäre; und so war der erste Verlust an dem zweiten Schuld
-geworden.
-
-Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen Gelegenheiten den
-Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr jetzt vergolten. Die bemittelten
-Familien erboten sich eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Ställe
-aufzunehmen. Gerührt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und im
-Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein des Trostes
-in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald wieder. Die schlimmste
-Frucht des fortgesetzten Unglücks ist der Wahn, daß man ganz von
-Gott verlassen und einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn
-ein solcher Mißglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen kann, so
-kann er sie doch in einzelnen Momenten anfallen und zu Boden drücken.
-Noch immer war keine Nachricht von Arthur eingetroffen! Mußten die
-Frauenseelen, die all ihr Glück auf ihn gesetzt hatten, nicht endlich
-von Verzweiflung ergriffen werden? Mußte das Schreckbild seines
-Untergangs dem geängsteten Mädchen nicht näher und näher treten? Als
-der Dorfbote von der Post noch einmal zurück kam, ohne das ersehnte
-Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschöpft und ohne
-Widerstand brach sie zusammen. Ihre Thränen flossen, als ob sie die
-Seele in ihnen hinströmen wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit
-der Stärke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglückliche Kind in
-den Armen.
-
-
- VI.
-
-Die Stürme des Herzens gleichen in ihrer Wirkung den Gewitterstürmen.
-Sie vertreiben aus der Atmosphäre der Seele die niederdrückende Schwüle
-und schaffen Raum für ein stilles und mildes inneres Leben. In einem
-Anfall von Verzweiflung, der in einen Strom von Thränen endet, wird
-eine Last abgeworfen. Was dem Menschen vorher unmöglich war, das wird
-ihm dann leicht, was er vorher mit größter Anstrengung nicht von sich
-zu erlangen vermochte, das kommt beinahe von selber. Es ist dieß mit
-ein Beweis, daß im Menschen eine Natur wohnt, die ihr eigenes Leben hat
-und nicht berufen zu seyn scheint, dem Geiste jederzeit Gehorsam zu
-leisten.
-
-Zwei Tage später, um die Mittagsstunde, finden wir Mutter und Tochter
-im gemeinschaftlichen Zimmer des Schlößchens. Anna war in eine Ecke
-des Sophas gelehnt, ihr Gesicht war bleich, aber es drückte eine
-Melancholie aus, die nicht ohne einen gewissen Schein von Heiterkeit
-war -- die Frucht der Ergebung. Wenn der Verlust eines theuren Wesens
-die Seele in tiefe Trauer versetzt, so weiß der Glaube ja, daß dieses
-Wesen nicht für immer verloren ist, und das Gefühl des Besitzes über
-die Welt hinaus wirft ein sanftes Licht in das Dunkel des Leids. Aber
-das Herz der Liebenden war auch durch die Hoffnung erhellt, welche
-nicht abließ, sich wieder und wieder in ihr zu erheben. Es war ein
-sonderbarer Zustand: eine Entsagung durch Hoffnung, und eine Hoffnung
-durch Entsagung gedämpft; ein Schweben durch eine milde Region der
-Trauer, deren Ende als Möglichkeit vor der Seele steht.
-
-Die Mutter sah das schweigende Kind mit tiefer Besorgniß an. Sie
-erblickte in ihr nur ein hinwelkendes Bild der Resignation, und bei
-dem plötzlich aufsteigenden Gedanken, daß der Anfang einer Krankheit
-da seyn könnte, die sie dem Grabe zuführen müßte, fuhr sie erschreckt
-zusammen.
-
-In diesem Augenblick trat der alte Diener ein und meldete einen
-Fremden, der sich Theodor Schmidt nenne und die gnädige Frau um
-einige Minuten Gehör bitte. -- »Vielleicht ein Zimmermeister aus der
-Nachbarschaft, der sich um den Bau bewerben will. Führ' ihn her!«
--- Als der Fremde erschien, sah die Baronin gleich, daß sie sich
-geirrt hatte. Es war ein elegant gekleideter Mann in den Dreißigen,
-dessen Haltung den feiner Gebildeten, dessen Figur und Dialekt den
-Norddeutschen verriethen. Der Fremde begann: »Ich habe --« einen
-Blick auf Anna werfend, hielt er jedoch inne, zog die Hand, die er
-der Brusttasche genähert hatte, wieder zurück und sagte nach kurzem
-Bedenken: »Ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu überbringen.« -- Anna
-sah ihn an; die Mutter erwiederte: »Eine gute Nachricht? Zögern Sie
-nicht, werther Herr, wir bedürfen einer solchen.« -- Der Fremde fuhr
-fort: »Ich bin beauftragt von dem Herrn Baron von Waldfels --« Anna,
-die keinen Blick von ihm verwendet hatte, rief: »Arthur von Waldfels?
--- Er lebt? Er ist gesund?« -- »Er lebt und ist gesund,« erwiederte
-der Fremde. »Er befindet sich in Deutschland und ich bin beauftragt,
-die verehrten Damen zu ersuchen, meine Begleitung zu ihm anzunehmen.«
--- Anna starrte ihn an; das Zuviel des Glücks machte sie mißtrauisch,
-aber das ehrliche Gesicht des Fremden tröstete sie wieder. »Ist es
-möglich?« rief sie, indem eine glühende Röthe ihre Wangen übergoß, »ist
-es möglich?« -- Der Fremde nahm einen Brief aus der Tasche und übergab
-ihn Anna. Diese öffnete ihn und las und Entzücken leuchtete aus ihrem
-Gesicht.
-
-Der Brief lautete: »Auf dem Boden des deutschen Vaterlandes, aus
-seiner ersten Handelsstadt, begrüße ich dich, Geliebteste, und die
-innig verehrte Mutter. Ich lebe des Glaubens, daß dieser Brief die
-theuersten Wesen, die ich auf der Erde habe, gesund antreffen wird und
-bereit, mein Glück zu theilen. Ich bin wiedergekehrt, nachdem ich den
-Zweck, um dessen willen ich ausgegangen bin, erreicht habe, mit tiefem
-Dank gegen den Himmel, der meine Thätigkeit über Erwarten gesegnet hat.
-Der Ueberbringer, mein Sekretär, dessen Treue erprobt ist, wird dich
-und die geliebte Mutter zu mir geleiten. Folge ihm und erfahre bei
-deiner Ankunft, warum es mir nicht möglich war, selber zu dir zu eilen.«
-
-Frau von Holdingen hatte die Tochter, als sie den Brief nahm und
-öffnete, mit der höchsten Spannung betrachtet; auch ihr war das Glück
-zu unerwartet gekommen, als daß sie sich dem Glauben daran sogleich
-hätte hingeben können. Aber durch die Wonne der Liebenden sah sie die
-Nachricht bestätigt und Thränen füllten die Augen der geprüften Frau.
-Sie trat näher; Anna rief mit himmlischer Freude: »Es ist wahr! Mutter,
-liebe Mutter!« und fiel ihr um den Hals. Lange hielten sie sich umfaßt.
-Die Ueberglückliche weinte am treuen Mutterherzen und ihre Thränen
-wollten kein Ende nehmen. Endlich richtete sie sich auf und sagte: »Das
-vollkommenste Glück, ein Glück, das mir keinen Wunsch mehr übrig läßt,
-war mir aufgespart -- und ich hatte den Glauben daran verloren und war
-verzweifelt! Ich habe die Probe nicht ausgehalten, auf die ich gestellt
-wurde, und bin beschämt!«
-
-Im Laufe des Gesprächs vernahmen sie, daß der Sekretär schon
-längere Zeit in Arthurs Diensten stehe. Die Mutter forderte ihn wie
-gelegentlich auf, etwas von den Schicksalen des Barons mitzutheilen.
-Aber jener versetzte, er bedaure, diesem Wunsche nicht entsprechen zu
-können; die Erzählung seiner Schicksale habe sich Herr von Waldfels
-selber vorbehalten. -- »Ah,« rief die Baronin heiter, »noch immer
-geheimnißvoll! -- Nun,« setzte sie mit Selbstgefühl hinzu, »wir glauben
-die Hauptsache errathen zu haben und können uns für das Uebrige noch
-einige Tage gedulden.«
-
-Am andern Morgen fuhr ein Postillon mit einem stattlichen Reisewagen
-vor, den Arthur den Damen entgegengeschickt hatte. Unter fröhlichem
-Blasen ging es durch das Dorf, wo die am Wege stehenden Leute Grüße
-und Glückwünsche nachriefen. Bald rollte der Wagen auf der weißen
-Landstraße fort. Mit welcher Heiterkeit sah Anna die schönen Saaten,
-den grünen Wald und alles, was sich ihren Blicken darbot! Wie
-freundlich und wie heimlich sprach sie alles an! -- Sie saß da so
-leicht, mit so edler und freier Haltung, daß Wagen und Pferde für sie
-erfunden zu seyn und keine höhere Aufgabe zu haben schienen, als ihr zu
-dienen.
-
-Am zweiten Nachmittag fuhren sie durch eine Gegend, die den Damen
-bekannt war. Etwa drei Meilen weiter nach Westen lag das Thal mit
-Waldfels und dem Landhause. Anna sah hinüber und konnte nicht umhin,
-ein Bedauern zu empfinden, daß dem Bräutigam das schöne Gut seiner
-Ahnen verloren seyn sollte. Vor Kurzem hatte ein Besucher nach
-Schönbach die Nachricht gebracht, daß die Besitzung wieder verkauft
-worden sey. Sie hatte dieß unbewegt vernommen; wie konnte für die
-Tiefbetrübte eine solche Veränderung Bedeutung haben? Aber im Glück
-regen sich neue Bedürfnisse; wenn die großen Wünsche erfüllt sind,
-dann tauchen die kleineren wieder auf, denn die Menschenseele strebt
-nach dem Vollkommenen. Jetzt, mit den höchsten Geschenken des Himmels
-begnadigt, empfand sie in der That ein Verlangen nach dem Besitz von
-Waldfels, und es that ihr ernstlich leid, ihm entsagen zu müssen.
-
-Die Seitenstraße, die nach dem Thale führte und zunächst einen kleinen
-Hügel hinanstieg, wurde sichtbar. Anna machte die Mutter darauf
-aufmerksam. Diese, ihre Gedanken errathend, rief in bedauerndem Tone:
-»'s ist Schade!« -- Die Anschauung ihres Gefühls an der Mutter brachte
-aber das Mädchen zur Selbsterkenntniß und sie sagte: »Was doch die
-Menschen ungenügsam sind! Ich habe das Höchste erlangt -- ein Glück,
-dessen ich mich unwerth fühlte und das ich nicht tragen zu können
-glaubte; und jetzt wünsche ich eine Zugabe! -- -- Weg mit den Augen!«
-sagte sie zu sich selbst und richtete die Blicke die Linie entlang,
-auf der sie dem Geliebten näher kommen sollte.
-
-In andere Gedanken verloren, gewahrte sie es nicht, daß der Postillon
-in die Seitenstraße einbog; aber Frau von Holdingen rief: »Was ist
-das?« und sah den Sekretär mit betroffen fragendem Blick an. Dieser
-versetzte mit einem Lächeln: »Wir fahren die rechte Straße, gnädige
-Frau.« -- Anna, die den Ausruf der Mutter und diese Antwort vernommen
-hatte, sah, wo sie war, und wie ein elektrischer Funke zuckte eine
-Ahnung durch ihre Seele. Der neue Käufer von Waldfels war Arthur! Sie
-sollte den Geliebten in der Besitzung seiner Ahnen wiedersehen -- auch
-ihr letzter Wunsch sollte erfüllt werden! Mit erglühten Wangen faßte
-sie die Hände der Mutter und sah in ein Antlitz, aus dem ihr derselbe
-Glaube entgegen blickte. Und dieser Glaube wurde vom Abgesandten
-bestätigt -- durch Schweigen. -- Wie wonnig klopfte das Herz der
-Liebenden, wie selig lächelte sie, als der Wagen weiter und weiter
-rollte und sie dem Bräutigam näher und näher brachte! Endlich fuhren
-sie in das Thal ein, das im reichen Schmuck des Frühlings prangte.
-Der letzte Zweifel schwand. Sie sahen das Landhaus, sie sahen das
-Städtchen, aber ihre Blicke richteten sich nach Waldfels. Dort lag es,
-überglänzt von der Abendsonne, das Schloß mit dem Park, die Krone des
-Dorfs. Das Posthorn schmetterte -- wie anders klangen jetzt seine Töne
-zum Wiedersehen, als vor Jahren zum Abschied! Der Wagen rollte in die
-alte Allee, dem Thore zu, das mit Blumen geziert hersah.
-
-Ein schlanker Mann, in eleganter, einfacher Kleidung, eilte ihnen
-entgegen und rief: »Willkommen!« Es war Arthur. Der Wagen hielt. Anna,
-von der Rechten des Geliebten ergriffen, flog an seine Brust. Es war
-kein Traum! Sie hielten sich in ihren Armen, ihre Herzen schlugen an
-einander -- ihr Glück war vollendet! Ein Wunder der staunenden Seele,
-war es helle, klare, selige Wirklichkeit! -- Anna erhob ihr Haupt,
-Freudenthränen rollten aus ihren Augen, die an dem Geliebten hingen.
-Arthur streichelte die Thränen von ihren Wangen und sah sie aus
-feuchten Augen mit unendlicher Liebe an. Dann sagte er in herzlichem
-Ton: »Siehst du, Anna? unser Vertrauen hat uns doch nicht betrogen! Die
-muthig unternommene Arbeit ist gesegnet worden; Alles ist erreicht, was
-wir gehofft haben, ja mehr als das; der Himmel ist mir günstig gewesen
-um deinetwillen -- selbst über meine Träume hinaus!« -- Anna rief: »Was
-soll ich thun, Arthur, um so viel Glück zu verdienen?« -- »Bleibe, wie
-du bist!« erwiederte dieser liebevoll.
-
-Die Baronin stand vor ihnen. Arthur ergriff ihre Hand, umarmte sie und
-rief: »Verzeihen Sie, liebe Mutter!« -- Diese erwiederte gerührt:
-»Der Braut gebührt der Vorrang. -- Meine Augen haben das Schönste
-gesehen, was eine Mutter sehen kann -- Ihre Liebe zu Anna ist dieselbe
-geblieben.«
-
-Aus dem Thor, durch das der leere Wagen gefahren war, kamen der Rentier
-und der Pfarrer von Waldfels. Von Arthur geführt, begab sich die
-Gesellschaft in den Hof, wo die Damen von der Dienerschaft ehrerbietig
-begrüßt wurden. Die Glücklichen erkannten in allem die Zeichen des
-wiederhergestellten Glanzes, und von welchen Empfindungen mußten sie
-bewegt seyn, als sie nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder in das
-schöne Schloß eintraten!
-
-Nach einer halben Stunde finden wir den kleinen Kreis in einem Zimmer
-vereinigt, dessen Wände mit den Familienbildern des Hauses Waldfels
-geschmückt waren und dessen Altan und Fenster die Aussicht in den
-Park boten. Während das verlobte Paar sich mit dem Geistlichen, der
-Rentier mit dem Sekretär unterhielt, saß die Baronin allein an der
-Seite und ließ ihre Blicke von Arthur zu einem Bilde gleiten, das
-einen stattlichen Krieger aus dem siebzehnten Jahrhundert vorstellte.
-Ihr schien, als ob ihr künftiger Schwiegersohn keinem seiner Ahnen
-mehr gliche als diesem, und sie fand es nun um so begreiflicher, daß
-die kriegerische Neigung desselben in ihm wieder erwacht sey. Arthurs
-Glieder waren beinahe so kräftig wie die des alten Generals, und
-sein Gesicht eben so gebräunt. Allerdings fehlte ihm die gewaltige
-Narbe, welche die Stirn des Vorfahren zierte, und wir können nicht
-verschweigen, daß die Baronin gleich nach der ersten Begrüßung in dem
-Gesicht des Wiedergekehrten nach einem solchen Zeugniß der Tapferkeit
-gesucht hatte. Allein es gibt glückliche Soldaten, die das Privilegium
-zu haben scheinen, unverwundet zu bleiben, und zu diesen mußte der
-Baron gehören. Die Neugierde, die sie bis jetzt unterdrückt hatte,
-regte sich aber bei dieser Vergleichung auf's neue. Sie widerstand
-jetzt nicht länger, und zu der Gruppe tretend, erinnerte sie Arthur
-daran, daß er ihnen eine Erzählung seiner Schicksale und seiner
-=Thaten= schuldig sey. »Oder,« setzte sie lächelnd hinzu, »wäre die
-Zeit dazu noch immer nicht gekommen?« -- »In der That, noch nicht
-ganz,« erwiederte Arthur. »Wir haben bis zum Abendessen nur noch eine
-halbe Stunde, mein Bericht wird aber ziemlich lange dauern und ich
-will ihn daher Ihnen und mir erst nach einer entsprechenden Stärkung
-zumuthen. Ich mache Ihnen aber einen andern Vorschlag. Haben Sie die
-Güte, uns etwas von der letzten Zeit in Schönbach zu erzählen, von der
-wir hier nur sehr wenig und gar nichts Bestimmtes wissen.«
-
-Die Baronin erklärte sich bereit. Nach einer kurzen Einleitung
-schilderte sie die Regentage und den Hagelschlag des vorigen Jahrs.
-Sie zeigte sich dabei in ökonomischen Ausdrücken so bewandert, daß
-Arthur sich nicht enthalten konnte, nach dem Bedauern ihres Unglücks
-auch seine Bewunderung ihrer landwirthschaftlichen Kenntnisse
-auszusprechen, was sie indeß mit einem leichten Achselzucken hinnahm,
-vielleicht um damit anzudeuten, daß die Kenntniß jener Ausdrücke
-noch lange nicht die Oekonomin mache. Als sie der Sorgen wegen des
-Ausbleibens einer Nachricht erwähnte, war Arthur betroffen. »Wie!« rief
-er aus, »Sie haben meinen letzten Brief nicht erhalten?« -- Die Baronin
-erwiederte mit Bedeutung: »Wir haben keinen Brief von Ihnen erhalten
-seit mehr als anderthalb Jahren.« -- Arthur saß mit dem Ausdruck tiefen
-Bedauerns da und sagte: »Ich bin sehr zu tadeln. Bei solcher Entfernung
-sollte man Nachrichten dieser Art in zwei oder drei nacheinander
-abgehende Briefe niederlegen, da die Möglichkeit des Verlustes um so
-viel näher liegt. Aber das Glück hatte mich verwöhnt: ich dachte nicht
-daran. -- In diesem Schreiben,« fuhr er zu Anna gewendet fort, »hatte
-ich dir gemeldet, daß ich Anstalt machte, meine Angelegenheiten in
-Ostindien zu ordnen und nach Europa zurückzukehren. Ausdrücklich war
-darin bemerkt, daß von dort aus kein Brief mehr nachfolgen würde.« --
-Nach einer Pause begann die Baronin: »Eine Schilderung, wie wir unter
-solchen Umständen den Winter verlebten, will ich Ihnen erlassen.«
--- Arthur, die Hand der Geliebten fassend, rief herzlich: »Verzeih
-mir!« -- Zuletzt schilderte sie den Brand in Schönbach, und die
-Männer äußerten ihre Verwunderung über diese Steigerung betrübender
-Erlebnisse. Arthur sagte: »Das Schicksal hat ungleich getheilt. Sie
-haben das Unglück gehabt und ich das Glück. Aber,« setzte er hinzu,
-»mein Glück ist im Stande, Ihr Unglück zu decken.« -- »Es ist eigen,«
-bemerkte Anna; »ich möchte mir jetzt das Unglück der letzten Jahre
-nicht nehmen lassen, sogar die Sorge und die Angst nicht, die ich um
-deinetwillen empfunden. Nur das erlebte Leid beruhigt das Herz bei
-allzugroßer Freude.« -- »Dieß,« setzte der Geistliche hinzu, »ist unter
-andern der Zweck des Leides in der Welt. Aber in der Regel dankt man
-dem lieben Gott für das Mittel erst später.«
-
-Nach Tisch saßen sie wieder in dem heimlichen Zimmer beisammen. Während
-des Essens hatte ein kurzer Gewitterregen die Natur erfrischt und
-balsamische Luft strömte durch die offenen Fenster. Die Sonne war
-unter-, der Mond aufgegangen, aber noch herrschte der Glanz im Westen.
-Niemand achtete der Schönheit des Abends; die Geister waren gespannt
-auf die Erzählung Arthurs. Dieser, neben Anna sitzend, begann endlich,
-indem er das Wort zunächst an die Baronin richtete.
-
-»Sie wissen, daß mein Weg zuerst nach London ging. Dort lebte ein
-Kaufmann, ein Großhändler, den mein Vater vor etwa zehn Jahren
-sich verpflichtet hatte, indem er ihm bei einer Ehrensache einen
-wesentlichen Dienst leistete. Ich wußte dieß aus einem Dankschreiben,
-das sich unter den nachgelassenen Papieren fand, hatte mich brieflich
-an diesen Mann gewendet und Rath und Hülfe war mir zugesagt worden. In
-London stellte ich mich ihm vor. Ich fand einen rüstigen Fünfziger, der
-mich mit großem Wohlwollen aufnahm. Dadurch ermuthigt, theilte ich ihm
-sogleich mit, was in meinem Briefe schon angedeutet war: daß ich den
-Entschluß gefaßt habe, Kaufmann zu werden.«
-
-Die Baronin wollte bei diesen Worten ihren Ohren nicht trauen. »Wie?«
-rief sie, »Kaufmann? -- daran dachten Sie? -- Doch,« setzte sie hinzu,
-indem sie sich bezwang, »ich will Sie nicht unterbrechen.« -- Arthur,
-der bei diesem erwarteten Ausruf ein Lächeln nicht unterdrücken konnte,
-fuhr fort: »Herr Goodman -- dieß war der Name des Kaufmanns -- sah
-mich prüfend an und sagte dann mit Ernst: »Ich begreife, daß Sie einen
-Stand ergreifen wollen, in welchem Sie das Glück, das Sie suchen, am
-schnellsten und sichersten erreichen zu können glauben. Allein es ist
-möglich, lieber Freund, daß Sie diese Laufbahn gar viel anders finden,
-als Sie erwarten, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu
-machen. Das Erlernen der Kaufmannschaft hat für eine gewisse Art von
-Menschen seine großen Unannehmlichkeiten. Ob Sie in Ihrem Alter und --
-wie er lächelnd hinzusetzte -- als deutscher Edelmann dabei aushalten,
-das ist noch die Frage. Aber angenommen Sie bleiben standhaft und
-erlangen eine Stellung, in der Ihre Arbeit sich lohnt, so haben Sie bei
-der consequentesten Thätigkeit und Umsicht auch noch ungewöhnliches
-Glück nöthig, wenn Sie das Ziel, das ich aus Ihrem Brief kenne, endlich
-erreichen wollen. Ist Ihnen das Glück nicht günstig, werden Ihnen bloß
-die Früchte des Fleißes zu Theil, so verfehlen Sie Ihren Zweck.«
-
-»Gut,« rief hier die Baronin, »das schreckte Sie ab und Sie suchten
---« -- »Keineswegs,« fiel Arthur ein, »das schreckte mich nicht ab,
-denn ich war auf solche Einwendungen vorbereitet. Ich erwiederte mit
-Entschiedenheit, mein Entschluß sey reiflich erwogen, ich fühle mich
-zu dieser Thätigkeit hingezogen und habe mehr Vorkenntnisse, als er
-mir vielleicht zutraue; Mühen und Anstrengungen vermöchten mich nicht
-abzuschrecken und ich könne mich des Glaubens nicht erwehren, daß ich
-auf diesem Wege erreichen werde, was ich suche. Herr Goodman, der mich
-mit Ruhe angehört hatte, ergriff nun meine Hand mit jener männlichen
-Herzlichkeit, welche der Engländer denjenigen zeigt, die ihm gefallen.
-»Wenn das ist,« versetzte er, dann will ich nicht mehr abmahnen,
-sondern helfen.« Er hielt Wort -- und Arthur Waldfels trat als Lehrling
-in seine Handlung ein.
-
-Diese Eröffnung machte auf die Baronin und Anna einen gleich starken,
-aber sehr verschiedenen Eindruck. Die Verlobte, die sich zwar immer zu
-der Annahme der Mutter geneigt, aber sich nie ganz für sie entschieden
-hatte, war bei den ersten Worten Arthurs im Klaren. Gehörte nun auch
-nach ihrer Ansicht ein ungewöhnlicher Entschluß dazu, einen solchen
-Stand zu ergreifen, so war die Ausführung nur ein Beweis mehr für
-die Tiefe und Innigkeit seiner Liebe. In ihr erweckte daher diese
-Mittheilung nur Rührung, und aus ihren Mienen sprach eine herzliche
-Genugthuung. Frau von Holdingen dagegen erschien ganz außer Fassung
-gebracht. Mit der Röthe der Verlegenheit auf ihrem Gesicht rief sie:
-»Kaufmannslehrling! -- ein Baron von Waldfels -- -- Ah,« setzte sie
-nach einem Moment auf die Ahnenbilder deutend hinzu, »was würden diese
-da zu einem solchen Schritt ihres Abkömmlings gesagt haben!« -- »Diese
-da,« entgegnete Arthur, »würden sich wohl nicht in der Lage befinden,
-von Ihnen gegenwärtig angerufen zu werden, wenn ich jenen Schritt nicht
-gethan hätte!«
-
-Die Baronin war bei allen ihren Lieblingsanschauungen, wie dem Leser
-schon bekannt ist, eine verständige und keineswegs unpraktische Frau.
-Von dem Gewicht dieser Entgegnung getroffen und an die guten Folgen
-des seltsamen Unternehmens erinnert, faßte sie sich und erwiederte
-lächelnd: »Es mag wahr seyn. Am Ende gilt hier das Wort: der Zweck
---« -- »Heiligt das Mittel?« fiel Arthur ein. »In diesem Falle gewiß!
-Erlauben Sie mir übrigens, Sie auf das letzte der von Ihnen angerufenen
-Bilder aufmerksam zu machen: es stellt eine Dame vor, die, wie Sie
-sich erinnern werden, von Kaufleuten abstammt.« -- »Es ist wahr,« rief
-die Baronin, auf welche das Bekannte, an das Arthur sie mahnte, wie
-eine Enthüllung wirkte. »Der Genius der Mutter hat in Ihnen gesiegt!«
--- »Und dem Himmel sey dafür gedankt!« versetzte Arthur; »denn der
-Genius meines Vaters -- mit aller Hochachtung sey von ihm gesprochen
--- hätte mich schwerlich nach Waldfels zurückgeführt.« -- Die Baronin,
-welche die Wahrheit dieses Wortes zugeben mußte, schwieg. Sie nahm sich
-zusammen und sagte dann mit Anmuth: »Verzeihen Sie meine Verwunderung
-über Ihren Entschluß, dessen Ungewöhnlichkeit Sie selber nicht läugnen
-werden. Sie haben reussirt -- das ist die Hauptsache.«
-
-»Im Vorgefühl des Erfolgs,« bemerkte Arthur, »wurde ich Kaufmann.
-Da ich gegen Herrn Goodman meine Ehre verpfändet hatte, so erfüllte
-ich alle meine Pflichten, auch die unerfreulichen, gewissenhaft.
-Mancher Auftrag schien mir nur ertheilt zu werden, um meine Geduld
-zu prüfen; ich bestand die Probe. Meine wissenschaftliche Bildung,
-meine Vorkenntnisse und eine gewisse Anlage zum praktischen Denken
-förderten mich rasch. Ich begriff den Zweck dessen, was ich treiben
-sollte, und lernte um so leichter. Ich hatte den Zusammenhang der
-verschiedenen Arbeiten vor Augen, und die einzelnen erschienen mir um
-so interessanter. Es dünkte mich, als ob jeder Tag mich weiter brächte,
-und schon jetzt machte ich die angenehme Erfahrung, daß das Schwierige
-mir geläufig wurde. -- Sie sehen aus allem, daß ich ein ungewöhnlicher
-Lehrling war; ich hatte auch ein ungewöhnliches Schicksal. Noch war
-kein Vierteljahr verflossen, als mich Goodman zu sich rufen ließ, meine
-Ausdauer, meine Gewandtheit hervorhob und zu dem Schluß kam, daß ich
-verdiene, ein Kaufmann zu werden. (Hier konnte sich Frau von Holdingen
-nicht enthalten, ein wenig die Achseln zu zucken.) Er eröffnete mir,
-daß er mich in eine Stelle bringen könne, die mich unter glücklichen
-Umständen rasch fördern werde, -- in die Stelle eines Commis bei einem
-Geschäftsfreund in Calcutta. Ich war auf's angenehmste überrascht.
-Ostindien war das Land meiner kaufmännischen Träume und ich sah in
-diesem Ruf eine besonders günstige Vorbedeutung. Goodman hatte mir
-Aufträge in seinem Interesse zu ertheilen und rüstete mich mit den
-nöthigen Geldern aus. Ich beeilte mich, dieses erste Resultat nach
-Deutschland zu melden, und ein rascher Segler trug Cäsar und sein
-Glück.«
-
-»Die Fahrt ging verhältnißmäßig schnell und ohne besondere Abenteuer
-vorüber -- die »Stadt der Paläste« lag vor mir. Ich erinnere mich noch
-wohl der zauberhaften Empfindung beim ersten Anblick und des Staunens,
-welches Tage lang bei mir anhielt. Eine Stadt, welche mit der Pracht
-Europas und der Pracht Asiens die Augen blendet -- die Vereinigung
-der wunderbarsten Contraste -- der Versammlungsort von Repräsentanten
-aller Nationen, aller Religionen und aller Stände -- der Schauplatz
-der mannigfaltigsten und seltsamsten Gesichter, Figuren und Trachten
-im Rahmen einer tropischen Natur! -- Es steht wie ein Mährchen vor den
-Augen, aber dieses Mährchen ist Wirklichkeit! -- Doch,« unterbrach
-sich der Erzähler mit einem Lächeln, »ich muß der Lust zu schildern
-Widerstand leisten, wenn ich meinen Bericht heute noch zu Ende bringen
-soll. Also zur Sache!«
-
-»Ich wurde von dem Handelsfreunde meines Londoner Beschützers, Herrn
-Warren, gütig empfangen, besorgte mit seiner Hülfe die übernommenen
-Aufträge und trat als letzter Commis in ein großartiges Geschäft ein.
-Die neuen Verhältnisse machten neue Anstrengungen nöthig; aber ich
-ließ es daran nicht fehlen und orientirte mich bald. Das Talent --
-Sie erlauben mir schon, mir so etwas beizulegen -- und die Liebe zur
-Sache erleichtern jede Arbeit. Man hat damit schon vorher eine Ahnung
-von dem, was man sich zu eigen machen soll; man sucht und man findet.
-Je weiter man vorrückt, je klarer und angenehmer wird die Thätigkeit.
-Für Leute, die reflektiren -- und als guter Deutscher gehör' ich zu
-diesen -- hat die Beobachtung eines so bedeutenden Handelshauses an
-sich großen Reiz. Wie in einem gut regierten Staate thut jeder an
-seiner Stelle seine Pflicht, und das Haupt, allein oder mit Hülfe des
-Fähigsten, lenkt das Ganze und läßt Gedanken ausführen zum Gedeihen
-des Ganzen. Man benützt die Schöpfungen der Vorfahren, Erfindungen und
-Einrichtungen, welche dazu dienen, die Geschäfte zu vereinfachen und zu
-erleichtern. Wohlgeführte Bücher bewirken eine Art von Allwissenheit;
-sie befähigen den Kaufmann, über den Stand der mannigfaltigsten
-Geschäfte und Beziehungen sich jederzeit Rechenschaft zu geben. Der
-Geist herrscht, der Stoff ist bewältigt. Es ist ein Gefühl, ganz
-ähnlich dem eines Generals, der eine Armee kommandirt, oder dem eines
-Künstlers, der seinem Gegenstand Form und Schönheit gibt.« Arthur
-hielt ein wenig inne und richtete seinen Blick auf den Rentier, dessen
-Gesicht bei den letzten Worten, im Andenken an die Zeiten, wo er selber
-als Buchhalter wirkte, sich angenehm aufgeklärt hatte. Die beiden
-Geschäftsleute nickten einander zu und Arthur nahm seine Erzählung
-wieder auf.
-
-»Ich arbeitete mich rasch empor. Warren, den mein Eifer freute,
-begünstigte mich ungewöhnlich. In den ersten dritthalb Jahren fungirte
-ich als Korrespondent und als Reisender. Bei einer Handlung, die
-jährlich Millionen umsetzte, dürfen Sie hier an nichts Kleinliches
-denken. Ich vermittelte bedeutende Geschäfte, lernte Land und Menschen
-kennen, lernte die Sprache des Landes und konnte unserem Hause manchen
-guten Dienst leisten. Gestützt auf solide Kenntnisse regte sich mein
-Geist und ich hatte =Ideen=. Warren hörte sie, hieß sie gut, und sie
-bewährten sich. Wir ersahen hie und dort unsern Vortheil, kauften
-wohlfeil ein, verkauften theuer und machten großen Gewinn.«
-
-Bei dieser Mittheilung war die Baronin bedenklich geworden, und
-unwillkürlich rief sie: »Aber Sie werden doch nicht --« -- Sie hielt
-inne, das Wort wollte nicht über die Zunge. -- »Betrogen haben?«
-ergänzte Arthur heiter. »Mit nichten, verehrte Frau! -- Erlauben
-Sie mir, bei dieser Gelegenheit überhaupt mich der Kaufmannschaft
-anzunehmen. Daß im Handel betrogen wird, ja, daß der Handel zum Betrug
-reizt, will ich nicht läugnen. Aber der Betrug ist hier, wie auf andern
-Gebieten, nur ein Surrogat für mangelnde positive Eigenschaften.
-Um als Kaufmann etwas zu erwerben, muß man Kenntnisse, Verstand,
-Einfälle, Muth und Glück haben. Wer dieß nicht hat und doch zu etwas
-kommen will, der wird sich auf Betrug legen. In der Regel wird aber
-gerade der Betrüger die kleinen und mittelmäßigen, der begabte und
-muthige Kaufmann dagegen die großen Geschäfte machen. Nur muß man die
-Dinge sehen, wie sie sind. Wenn ich ein Auge habe auf die politischen
-und merkantilischen Ereignisse, wenn ich in die Zukunft sehe, ihre
-Bedürfnisse erkenne und zu rechter Zeit mich in den Stand setze, sie
-zu befriedigen, so bin ich ein guter Geschäftsmann und kein Betrüger.
-Wenn ich mir Waaren verschaffe, wo sie billig, und sie dahin fördere,
-wo sie theuer sind, benachtheilige ich weder Verkäufer noch Käufer,
-im Gegentheil, ich diene beiden und verdiene ihren Dank. Ich nehme
-von dem, der abgeben will, und gebe ab an den, der nehmen will; ich
-befriedige die Wünsche beider und nütze beiden. Der Gewinn, der dabei
-abfällt, gebührt mir von Rechtswegen, denn ich habe gethan, was ihn zur
-Folge hat, und niemand gehindert, dasselbe zu thun. -- Shakespeare,
-wie Sie wissen, nennt seinen Kaufmann von Venedig einen =königlichen=
-Kaufmann. Kann man denken, daß Antonio sich mit Betrug abgegeben hat?
-Aber solcher königlichen Kaufleute gibt es jetzt mehr als jemals.
-Es gibt Männer, die sich an dem Handel betheiligen mit dem vollen
-Bewußtseyn der segensreichen Wirkungen desselben für die Welt, Männer,
-deren Reichthum die Frucht ihrer Einsicht und ihres Fleißes ist und die
-von ihm noch dazu den achtungswerthesten Gebrauch machen.«
-
-»Ich geb' es zu,« erwiederte die Baronin, »und sehe nun wohl, zu
-welchen Kaufleuten Sie sich gesellt haben.« -- Arthur fuhr fort: »Die
-Folge meiner Dienstleistungen war, daß mir Warren sein ganzes Vertrauen
-schenkte. Er gab mir davon den sprechendsten Beweis, indem er mich
-zu dem Posten eines Disponenten oder Handlungsvorstehers erhob.« --
-»Das also,« fiel die Baronin lächelnd ein, »war der bedeutende Posten,
-zu dem Sie sich emporgeschwungen haben? Ich will Ihnen gestehen,
-ich dachte, Sie wären wenigstens Major geworden. Nachdem ich Ihren
-ersten Brief aus Calcutta gelesen, glaubte ich nämlich nicht anders,
-als Sie hätten den Militärstand ergriffen.« -- »Damit sagen Sie mir
-nichts Neues,« versetzte Arthur. »Ich konnte das schon lange aus
-Annas Briefen abnehmen. Allein gestatten Sie mir eine Bemerkung. Wenn
-ich auch Geld und Gunst genug gehabt hätte, um die dort gewöhnliche
-Zahl oder Unzahl von Concurrenten aus dem Felde zu schlagen und eine
-Lieutenantsstelle zu erlangen, so wäre ich dadurch in derselben Zeit
-doch schwerlich in den Stand gesetzt worden, mit solchen Erübrigungen
-nach Hause zu kehren. Ich will nicht läugnen, daß man auch als Offizier
-in Indien sein Glück machen kann, zumal wenn man in dieser Eigenschaft
-mit irgend einem diplomatischen Posten betraut wird; allein immer
-bleibt der Unterschied, daß der Offizier, wenn nicht außergewöhnliche
-Einflüsse im Spiele sind, die Gaben der Fortuna erwarten muß, während
-der Kaufmann ihnen entgegen gehen kann. Ich fühlte einen Drang,
-selbstständiger zu handeln, meine Gedanken rascher zu verwerthen, und
-wählte den Stand des Kaufmanns.«
-
-»Das mag seyn,« erwiederte die Baronin; »allein ich wurde zu meiner
-Annahme durch den Glauben verleitet, Offizier zu werden läge dem Baron
-Waldfels am nächsten.« -- »Ich begreife das,« versetzte Arthur. »In
-Deutschland sieht man das so an, aber in England und in Indien hat man
-dafür einen andern Standpunkt.« -- Anna, die mit großer Aufmerksamkeit
-zugehört hatte, wagte hier die Mutter daran zu erinnern, daß das
-indische Reich einer Gesellschaft von Kaufleuten seine Gründung
-verdanke und noch von einer solchen regiert werde. »Die Armee steht im
-Dienste der Compagnie, sie wird von einem Manne befehligt, den diese
-gewählt hat, und es ist wohl natürlich, daß die Machthaber sich nicht
-unter ihren Dienern fühlen, wie ehrenvoll die Stellung derselben auch
-seyn mag.«
-
-Frau von Holdingen erröthete ein wenig. Es war ihr begegnet, was so
-oft geschieht: sie kannte die Thatsachen, aber sie hatte nie diese
-Folgerung daraus gezogen. Arthur bemerkte: »Allerdings regiert
-in Indien eine Handelsgesellschaft, wenn auch nicht absolut, und
-diese Gesellschaft hat nicht nur Diener aus den ersten Familien
-Englands, sie hat auch Fürsten und Könige des Landes unter sich und
-schreibt ihnen die Wege vor, die sie wandeln sollen. Daß bei solchen
-Verhältnissen der Kaufmann, zumal wenn er Aktien der Compagnie besitzt,
-ein nicht geringes Selbstgefühl hat, ist schwerlich zu verwundern.
-Doch,« setzte er hinzu, »das hat er auch in Deutschland, und man gönnt
-es ihm, wenn er reich ist.« -- »Nun wohl,« rief die Baronin nicht ohne
-eine gewisse gute Laune, »ich bin überwunden und Ihre Erzählung wird
-von jetzt an vor meinen Einreden sicher seyn.« -- »Ich bitte Sie um
-das Gegentheil,« versetzte Arthur. »Wenn mein Bericht Anlaß zu einer
-interessanten Erörterung gibt, so ist es um so besser. Lassen Sie mich
-übrigens bei dieser Gelegenheit noch gestehen, daß der Stolz der Geburt
--- und zwar nicht nur der, den man zeigen zu können glaubt, sondern
-auch der, den man innerlich hegt und aus Klugheit hinter Höflichkeit
-verbirgt -- daß dieser Stolz, sage ich, für den, der nachzudenken
-pflegt, eben in Indien einer starken Probe ausgesetzt ist. Wenn man
-den Kastengeist in seiner vollendetsten Ausbildung und mit all seinen
-Folgen erblickt, wenn man jenen Stolz an Persönlichkeiten wahrnimmt,
-bei denen er uns absurd und lächerlich erscheint, wenn man überhaupt
-die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Prätensionen
-hervortreten sieht, die man schwach finden muß, so kann man sich wohl
-fragen, ob man nicht Ursache hat, das eigene Selbstgefühl eben so zu
-beurtheilen.«
-
-Die Baronin mußte ihre Zusage schon jetzt brechen, indem sie sich nicht
-enthalten konnte, zu rufen: »Wie, wollen Sie Geburt und Stand für
-nichts erklären?« -- »Keineswegs,« erwiederte Arthur mit Ernst. »In
-einer Welt, wo sich jeder seiner Vorzüge freut und sich etwas darauf zu
-gute thut, freue ich mich auch dessen, was mir zu Theil geworden ist,
-und namentlich des Glücks, unter meinen Vorfahren Männer zu wissen, die
-sich in Krieg und Frieden ausgezeichnet und das Ansehen verdient haben,
-dessen sie genossen. Ich sehe mit Liebe und Stolz auf die Bilder,
-die ihre Züge bewahren, und danke Gott, daß der Boden, auf dem sie
-gewandelt sind, wieder mein Eigenthum geworden ist. Baron Waldfels,«
-setzte er heiter hinzu, »klingt schön, und ich freue mich, so genannt
-zu werden.« -- »Gut!« rief die Baronin ebenfalls heiter; »aber? -- denn
-ein Aber wird doch nicht fehlen.« -- »Aber,« fuhr Arthur fort, »indem
-ich mich dieser Empfindung hingebe, sind meine Augen offen für die
-Vorzüge Anderer, ich bewundere diejenigen, mit welchen Gott die Geister
-und Herzen der Menschen ausgestattet hat, und ich empfinde Hochachtung,
-wo ich unter andern Umständen vielleicht nur eine gönnerhafte Billigung
-hätte blicken lassen, die uns nicht mehr zu Gesichte steht. Ich will
-es Ihnen gestehen, ich hatte dazu einen gewissen Hang und es war gut,
-daß ich durch das Schicksal davon geheilt wurde.« -- »Ich habe zwar,«
-versetzte die Baronin, »von einem solchen Hang nichts bemerkt; indessen
-wollen wir Ihr Wort gelten lassen und dafür um die Fortsetzung Ihrer
-Geschichte bitten.«
-
-Arthur begann wieder: »Es war ein Beweis großen Vertrauens, daß mich
-Warren so jung auf diesen Posten erhob; allein ich kann sagen, daß ich
-es rechtfertigte. Die Geschäfte gingen lebhafter als je und ich nützte
-dem Hause auf mannigfaltige Weise. Da ich einen Gehalt hatte, um den
-mich ein Major hätte beneiden können, der Chef des Hauses mir überdieß
-einen Antheil an dem Gewinn bewilligte, so gediehen dabei auch meine
-eigenen Angelegenheiten und ich sammelte mir, was bei uns ein Vermögen
-seyn würde, dort aber freilich nicht viel heißen will. Dennoch konnte
-ich damit etwas thun, was mich außerordentlich freute und immer meine
-schönste Erinnerung von jenem Lande bleiben wird.«
-
-Als Arthur hier eine kleine Pause machte, sahen ihn die Zuhörer
-erwartungsvoll an, und er fuhr fort: »Nicht lange nach meiner Ankunft
-in Calcutta hatte ich die Bekanntschaft eines Kaufmanns gemacht,
-der um etliche Jahre älter war als ich, eine anmuthige Frau und
-reizende Kinder hatte. Ich kam oft in sein Haus, denn es gehört zu
-meinen größten Genüssen, Glückliche zu sehen, und namentlich eine
-glückliche Familie. Im Lauf der Zeit wurde aus der Bekanntschaft wahre,
-herzliche Freundschaft. Mackenzie war ein Engländer von der besten
-Art, jeder Zoll ein Gentleman, und besonders unter den Seinen von dem
-angenehmsten Humor und der größten Liebenswürdigkeit. Eines Abends,
-als ich ihn aufsuchte, traf ich ihn in seinem Zimmer allein und sehr
-niedergeschlagen. Er wollte eine Zeitlang nicht mit der Sprache heraus;
-endlich gestand er mir, daß er in jüngster Zeit einen großen Verlust
-erlitten habe und daß gegenwärtig beinahe sein ganzes Vermögen einem
-Schiff anvertraut sey, das er mit einer Ladung Baumwolle nach Europa
-geschickt habe und mit Manufakturwaaren zurück erwarte. Ich tröstete
-ihn, so gut ich konnte, und es gelang mir, ihn wieder aufzuheitern.
-Bald darauf kam ein Gerücht zu meinen Ohren, das Schiff Mackenzie's
-sey verunglückt. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn in stummer
-Verzweiflung. Auch er wußte nichts Bestimmtes, aber er sah voraus, daß
-in Folge dieses Gerüchts Forderungen bei ihm eingehen würden, denen
-gegenüber er sich für insolvent erklären müsse. Mein Entschluß war
-gleich gefaßt; ich eilte nach Hause und bald konnte ich dem Bedrängten
-nicht nur mein Vermögen, sondern auch eine namhafte Summe von Warren
-zur Verfügung stellen. Die ängstlichen Gläubiger wurden befriedigt und
-mein Freund war gerettet.«
-
-»Ah,« rief die Baronin, »da sieht man den Edelmann unter den
-Kaufleuten!« -- Arthur erwiederte: »Es wäre schlimm für die gedrängten
-Kaufleute, wenn nur die Barone unter ihnen einer solchen Handlung
-fähig wären! -- Uebrigens hatte diese Aushülfe die Folgen der feinsten
-Spekulation: sie war es, die mein Glück entschied. Das Schiff
-Mackenzies war allerdings einem heftigen Sturm ausgesetzt gewesen, aber
-es hatte ihn bestanden und lief eine Woche später glücklich ein. Freude
-und Wohlstand kehrten mit ihm wieder. Mein Freund, dessen erhobener
-Geist sich jetzt mit kühnen Entwürfen trug, bat mich dringend, mich
-mit ihm zu verbinden, und da ein vor kurzem angekommener Verwandter
-Warrens nach meiner Stelle trachtete, so gab ich nach. Wir strengten
-unser Talent an, wir wagten und wir gewannen. -- Ach, liebe Mutter,«
-fuhr der Erzähler fort, »welchen Reiz hat das Leben eines Kaufmanns!
-In welcher Spannung wird er erhalten und in welches Entzücken kann er
-versetzt werden! Nichts gleicht der Freude, die er empfindet, wenn ein
-wohlberechnetes, aber immer noch gewagtes Unternehmen gelingt und der
-Segen desselben in goldener Wirklichkeit in sein Haus einzieht.«
-
-Annas Gesicht erheiterte sich bei diesen Worten und sie sagte: »Es
-scheint doch, daß du nach und nach gelernt hast, dein Metier um seiner
-selbst willen zu lieben.« -- »In gewissem Sinn allerdings,« erwiederte
-Arthur, »ich will es nicht läugnen; aber doch nicht eigentlich. Der
-Beweis liegt vor. Als ich das Vermögen, das ich in die Handlung meines
-Freundes gebracht hatte, um das Vierfache gemehrt sah und hinreichend
-fand, um denen, die mich so großmüthig hatten ziehen lassen, ein
-angenehmes und würdiges Loos zu schaffen, da sagte ich zu mir selber:
-Genug! und kündigte dem Freund meinen Entschluß an, nach Deutschland
-zurückzukehren.« -- Ein Blick von Liebe und Dankbarkeit war die Antwort
-der Verlobten, ein beifälliges Kopfnicken verrieth die Empfindung der
-Baronin.
-
-»Mackenzie bot alle Kraft der Ueberredung auf, mich zurückzuhalten. Er
-rief: Das Glück ist für uns, noch einige Jahre und wir sind Millionäre!
-Obwohl diese Aussicht reizend und die Liebe, die mein Freund für mich
-an den Tag legte, rührend war, so blieb ich dennoch fest, wobei ich
-übrigens gern gestehe, daß das Gewicht des Hauptgrundes, der mich
-nach Hause trieb, durch das einiger andern noch verstärkt wurde.« --
-»Und die sind?« fragte die Baronin. -- »Zunächst das Klima, das zu
-einem Leben nöthigt, in welchem die Sinne eine größere Rolle spielen,
-als einem Deutschen von meinem Schlage lieb seyn kann. Wir haben
-dort Monate der schönsten und angenehmsten Witterung; aber auf sie
-folgt eine heiße Zeit, gegen deren Gipfelpunkte die heißen Tage in
-Deutschland Kinderspiel sind, und die Glut wird endlich durch eine
-Regenzeit gekühlt, deren stärkste Ergießungen die Welt scheinen
-ertränken zu wollen. Die Feinde der Menschheit unter den Insekten und
-Amphibien bedrohen und verfolgen uns fast unausgesetzt, und man kann
-Dinge erleben, die an eine Landplage Egyptens erinnern. Allerdings
-wissen sich die Reichen gegen die Unbilden der Natur zu schützen, und
-es ist interessant, die verschiedenen Mittel kennen zu lernen, durch
-welche man jene lästigen Erscheinungen zu beseitigen oder zu mildern
-sucht. Die Häuser erhalten durch solche Einrichtungen einen neuen
-Zuwachs von Prunk und einen sehr eigenthümlichen Charakter. Allein
-diese Rücksichtnahme auf materielle Anfechtungen und die Erholungen,
-die man sich dabei gönnen zu müssen glaubt, machen selber materiell,
-und es gehört ein fester Wille dazu, wie er nicht jedermanns Sache
-ist, um den Kopf oben zu halten und den verschiedenen Reizungen zu
-widerstehen. -- Was mich betrifft, so war ich von einem Gedanken
-erfüllt und durch eine, ich darf wohl sagen fieberhafte Thätigkeit
-in Anspruch genommen. Ich ging also durch die Ausflüsse des Klimas
-hindurch zu dem Ziel hin, das ich als Leitstern vor Augen hatte. Mein
-Wille und mein Streben hoben meine Körperkraft und ließen mich die
-Anfälle der tropischen Natur überwinden. Aber zuletzt war ich doch
-froh bei dem Gedanken, den Anstrengungen und Aufregungen des dortigen
-Lebens zu entgehen und zu einer geistigeren Existenz in das Vaterland
-zurückkehren zu können.« -- »Das leuchtet ein,« bemerkte die Baronin.
-
-»Ein anderer Grund lag in den politischen Verhältnissen des Landes. Ich
-bin zwar ein zu guter Germane und glaube zu sehr an einen vernünftigen
-Gang der Geschichte, als daß ich die Herrschaft der Engländer in Indien
-für ein Uebel und nicht vielmehr für einen Erfolg im Interesse des
-Menschengeschlechts halten sollte. Ich kenne auch wohl die Anstalten,
-die man in's Leben gerufen hat, um jene Herrschaft im Sinne des Geistes
-und der Kultur zu rechtfertigen. Aber bis jetzt sind mit ihr immer noch
-gewaltige Mißbräuche verbunden, Mißbräuche auf Kosten der Eingeborenen,
-von denen auch nicht abzusehen ist, wann sie ein Ende finden können und
-werden. Ich will ein andermal Beispiele geben und Sie werden mir dann
-zugestehen, daß das englische Indien kein Land ist, wo ein Mann von
-meiner Lebensanschauung wünschen konnte, Hütten zu bauen.«
-
-»Ich begreife das,« nahm jetzt der Pfarrer das Wort, »freue mich aber,
-daß Sie über das englische Regiment nicht den Stab zu brechen haben.
-Denn wir müssen an dem Glauben festhalten, daß die Herrschaft eines
-christlichen Volks und die geistigen Güter, die sie mitbringen, dem
-beherrschten Lande zuletzt immer zum Segen gereichen werden.«
-
-»Hoffen wir das und glauben wir, daß die Keime, die jetzt vorhanden
-sind, nach und nach sich entfalten werden. Aber mein Herz trachtete
-endlich aus diesen Verhältnissen heraus, nach dem Aufenthalt im
-Vaterlande, wo das Christenthum das Leben zwar auch noch lange nicht
-ganz nach seinen Grundsätzen gemodelt hat, aber in der Umbildung doch
-schon weiter gekommen ist. -- Meine Sehnsucht nach der Heimath,« fuhr
-der Erzähler zu Anna gewendet fort, »wurde hauptsächlich durch die
-Briefe angefacht und gemehrt, die ich aus Schönbach erhielt und die mir
-in der Glut meiner Thätigkeit die köstlichste Erquickung waren. Wie
-reizend die Schilderung des äußern Lebens, wie schön und ergreifend
-die Mittheilungen aus dem innern! -- Da es mir nicht einfallen konnte,
-dich und die Mutter nach Indien zu rufen, so blieb mir nichts übrig,
-als nach erreichtem Zwecke zu euch nach Deutschland zu eilen. -- Ich
-stellte meinem Freund alle diese Verhältnisse vor und überzeugte ihn;
-und mit demselben Eifer, mit welchem er sich zuerst meiner Abreise
-widersetzt hatte, förderte er sie nun. Das Vermögen, das ich mir im
-Schweiß meines Angesichts erworben hatte, wurde mir in London und
-Hamburg zur Verfügung gestellt; ich nahm Abschied und bestieg das
-Schiff, das mich nach Europa führen sollte. -- Darf ich dir gestehen,
-daß ich in den letzten Tagen, wo meine Seele bei dem Gedanken jauchzte,
-dich und meine Freunde in Deutschland wiederzusehen, doch Augenblicke
-hatte, wo ich Bedauern empfand, von dem Feld meiner Thaten auf immer
-scheiden zu müssen? -- Mein Leben ist im Vaterland, und ihm will ich
-dienen, nachdem ich mir die Mittel verschafft habe, es in meinem Sinne
-zu thun. Aber nie werde ich jenes Land vergessen mit den Wundern seiner
-Natur und seiner alten Kunst! Nie die gewaltigen Eindrücke auf meinen
-Reisen und die Abenteuer, die ich erlebte! Nie die kolossale Thätigkeit
-der Hauptstadt und die großartigen Erscheinungen ihres Weltverkehrs!«
-
-Als Arthur nach diesen mit Wärme gesprochenen Worten innehielt,
-benützte Frau von Holdingen die Gelegenheit, zu fragen, wie es sich
-denn mit den Gefahren verhalte, die er in jenem Lande bestanden
-habe. Sie wolle bekennen, durch diese Nachricht hauptsächlich in
-ihrer Meinung bestärkt worden zu seyn, daß er in der Armee diene.
-Arthur erwiederte: »In einem Lande, wo es Löwen, Tiger und Schlangen
-erster Größe gibt, in welchem, wie Sie aus den Zeitungen erfahren
-haben werden, ein Geheimbund von Schwärmern existirt, die ihrer
-Gottheit durch Mordthaten zu huldigen suchen, und wo der Reisende
-fast ausschließlich auf Selbsthülfe angewiesen ist, da braucht man
-keineswegs Militär zu seyn, um in Lebensgefahr zu gerathen. Ich werde
-Ihnen die Abenteuer gelegentlich mittheilen, die mir aufstießen, und
-kann Ihnen jetzt schon sagen, daß ich mich dabei auf eine Weise aus der
-Affaire gezogen habe, die eines Cavaliers nicht ganz unwürdig war.«
-
-»Nun, Gott sey Dank,« fiel Anna ein, »du bist jetzt zu Schiff und hast
-dieses Land hinter dir!« -- »Ja,« versetzte Arthur, »ich bin zu Schiff,
-ich segle nach Europa mit dem Landsmanne, den ihr hier seht und der mir
-in den letzten Jahren der treueste Gehülfe war. Die Reise ging auch
-dießmal ohne jedes außergewöhnliche Erlebniß von Statten. Wir fuhren
-zuerst nach London. Da ich Goodman wieder einen kaufmännischen Gefallen
-hatte erweisen können, so empfing er mich mit doppelter Freude und
-war stolz auf seinen Zögling. -- Von London aus, wo ich mehrere Tage
-verweilen mußte, schrieb ich an unsern würdigen Freund Hellmuth. -- Was
-man wünscht, das glaubt man gern. Ich konnte nicht umhin zu hoffen, daß
-Waldfels wieder zu erlangen seyn würde; und da man in solchen Fällen
-eine gewisse ahnungsvolle Aengstlichkeit hat, so bat ich unsern Freund,
-mein Anerbieten sogleich Herrn von Pranger mitzutheilen. Mein Brief kam
-zu rechter Zeit, denn schon waren die Gläubiger im Begriff, es an einen
-Liebhaber abzugeben.«
-
-»So ist es,« bemerkte der Rentier auf einen fragenden Blick der
-Baronin. »Da mir aber der Herr Baron den unkaufmännischen Auftrag
-gegeben hatte, genau denselben Preis, den er dafür erhalten, wieder
-zu bieten, so war es mir leicht, den Concurrenten aus dem Felde zu
-schlagen. Die runde Summe trug übrigens dazu bei, Herrn von Pranger den
-Vergleich mit seinen Gläubigern zu erleichtern und ihm die Fortführung
-seines Geschäfts möglich zu machen.«
-
-»Das hör' ich gerne,« rief Anna. »Möge ihm der Verkauf des Gutes so
-wohl gedeihen, wie dir,« sagte sie zu Arthur. -- Dieser nickte und fuhr
-fort: »Die Nachricht von dem Abschluß des Kaufs traf mich in Hamburg.
-Ich sandte Herrn Schmidt nach Schönbach und eilte nach Waldfels, um es
-würdig zu machen für den Einzug meiner theuersten Gäste. -- Daß ich
-diese gesund und froh wiedergesehen habe, das ist die Krone meines
-Glücks -- und Gott möge es mir erhalten!«
-
-Nach diesen herzlich und feierlich gesprochenen Worten trat eine Stille
-in der Versammlung ein, indem alle den Empfindungen sich hingaben,
-welche die Erzählung in ihnen angeregt hatte. Dann ergriff Arthur
-auf's neue das Wort und sagte: »Wenn ich zurückdenke an die Zeit des
-letzten Abschiednehmens, so kommt mir alles, was unterdessen geschehen
-ist, wie ein Traum vor. Ich frage mich, wie das, was jetzt als eine
-Thatsache vor mir liegt, möglich gewesen, und erschüttert danke ich
-dem Himmel, der solche Wunder an mir gethan hat. Der Instinkt, der mich
-beherrschte, hat mich richtig geleitet; das Bild meiner Phantasie ist
-eine Wahrheit geworden. Ich habe alles, was mir zur Freude des Lebens
-nothwendig ist, ich bin in den Stand gesetzt, meinem Vaterlande und
-meinen Freunden nach meiner Neigung zu dienen. Und dieses Glück habe
-ich mir erkämpft, es ruht auf Arbeiten, deren Erinnerung mich erfreut
-und erhebt, und die mir Bürge seyn dürfen, daß ich mir's auch erhalten
-werde. O meine Freunde! ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage,
-daß ich mich jetzt ohne Vergleich glücklicher fühle, als wenn mir der
-Wohlstand, dessen ich mich erfreue, geschenkt worden wäre. Gesegnet sey
-das Mißgeschick, gesegnet sey die Nothwendigkeit, die mich zwang, durch
-eigene Kraft mir Güter zu erwerben, die ich nun im tiefsten Sinne des
-Wortes =mein= nennen kann!«
-
-Einer unwillkürlichen Regung folgend, richtete er dann seine Blicke auf
-das Porträt des Vaters, auf welches eben der Schein der Lampe fiel.
-Der Baron, der in seiner besten Zeit und in der schönsten Stimmung
-gemalt worden war, sah mit frohem Selbstgefühl auf die Gesellschaft,
-und dem phantasiebegabten Betrachter konnte es scheinen, als ob ihn die
-Erzählung des Sohnes mit freudiger Theilnahme erfüllt hätte. Arthurs
-Augen glänzten; nie waren die liebenswürdigen Eigenschaften des Vaters
-so klar und rein vor seiner Seele gestanden, als in diesem Augenblick.
-Die Gesellschaft errieth und begriff seine Gefühle. Mit heiterer Miene
-wandte er sich zu der Baronin und sagte mit der Laune eines liebevollen
-Gemüthes: »Werden Sie mich jetzt absolviren, beste Mutter? Werden Sie
-mir verzeihen, daß ich ein so ungewöhnliches Mittel ergriffen habe,
-mein Wort zu halten?« -- »O,« rief die Baronin mit freundschaftlichem
-Vorwurf, »wollen Sie mich beschämen? Sie sind gerechtfertigt durch den
-Erfolg, der Ihr Unternehmen krönte, und wir müssen Sie preisen, das
-Mittel gewählt zu haben, das zum Ziel führte.«
-
-Der erreichte Zweck hatte in der That seine Wirkung auf die Seele
-der Baronin schon vollständig geübt, das Mittel glänzte verschönt in
-den Strahlen seines Lichtes. In dem Vergnügen, das sie nun empfand,
-begegnete es ihr, den Schwiegersohn zu fragen: warum er denn aus
-seinem Projekt ein Geheimniß gemacht und sie nicht gleich in dasselbe
-eingeweiht habe? Hier konnten Arthur und Anna nicht umhin, sich
-lächelnd anzusehen, und jener versetzte: »Ich habe nicht zu hoffen
-gewagt, daß meine Wahl schon vor dem Erfolg Gnade vor Ihren Augen
-finden würde, und hielt es für sicherer, zu schweigen.« -- Die Baronin
-hatte den Humor zu erwiedern: »Sie mögen Recht gehabt haben.« --
-
-Es war unvermerkt spät geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, der
-Zeiger der Uhr wies auf eilf. Arthur trat zu einem Wandschrank, nahm
-ein Papier heraus und sagte wiederkehrend zu Frau von Holdingen: »Für
-heute hab' ich noch eine Bitte an Sie. Ich bin zwar aus Indien nicht
-als Millionär, aber doch mit einem Vermögen zurückgekehrt, das durch
-den Wiederkauf von Waldfels noch nicht erschöpft ist. Erlauben Sie mir
-nun, daß ich auch Ihnen ein Geschenk mache, wodurch Sie wieder das
-werden, was Sie zur Zeit meiner Abreise gewesen sind: die Eigenthümerin
-der kleinen, zierlichen Villa, in der wir so schöne Stunden verlebt
-haben. Es ist jetzt für uns eine Zeit der Restauration; und wenn Sie
-auch später mit uns das Schloß bewohnen werden, so müssen Sie uns doch,
-wie früher, in den geweihten Räumen zuweilen bewirthen können.« Er
-übergab ihr das Dokument und die Baronin erwiederte: »Ich nehme das
-Geschenk an und danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit. Ich
-irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dort heute schon alles zu
-unserer Aufnahme bereit ist?« -- »Allerdings,« versetzte Arthur. Die
-Baronin drückte ihm die Hand.
-
-
- VII.
-
-Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft Arthurs und sein
-Einzug in Waldfels die Bewohner der Umgegend in große Aufregung
-versetzt. Als man aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner
-Vermählung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme auf's Höchste.
-Dasselbe herzliche Mitgefühl äußerte sich in allen Schichten der
-Bevölkerung, und da es sich gleich von Anfang sehr entschieden
-aussprach, so wurde auch von Seiten der früher geschworenen Anhänger
-des Hauses Pranger kein Mißton laut, vielmehr machten sie Anstalten
-sich zu bekehren.
-
-Am meisten Vergnügen herrschte vielleicht im Dorfe Waldfels selber.
-Die ererbte Anhänglichkeit der Bauern hätte sich bei diesem Anlaß
-auch bewährt, wenn der Sprößling der alten Familie, der in sein Erbe
-zurückkehrte, ohne persönliche Vorzüge gewesen wäre. Wie freuten sie
-sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswürdigen und gefeierten
-Herrn! Wie freuten sie sich seines Reichthums, seines Ansehens, seiner
-schönen Braut! Denn das hat der Träger eines alten Namens, wenn er
-ihm Ehre macht durch Eigenschaften des Geistes und Herzens, vor allen
-andern einmal voraus: man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung
-und hat selber ein Gefühl der Befriedigung, wenn er Glücksgüter
-erwirbt, die seinem Rang entsprechen.
-
-Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei dieser Gelegenheit
-der Oberst von Waldfels durchlaufen. Arthur hatte ihm seine Schicksale
-in einem Schreiben mitgetheilt, das aus dem Städtchen datirt und
-bestimmt war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat erst in
-den letzten Zeilen erwähnt wurde. Bei dem Worte »Kaufmannslehrling«
-und »Handlungsdiener« gerieth der alte Krieger in eine schwer zu
-beschreibende Entrüstung. Seine Augen funkelten, seine Hände zitterten
-und er machte eine Bewegung, als wollte er den Brief wegwerfen. Allein
-die Neugierde bewog ihn fortzufahren und sein Blut begann ruhiger
-zu fließen, als er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der
-letzten Seite erhellten sich seine Züge mehr und mehr, und als er an
-die Nachricht von der Wiedererwerbung des Gutes kam, stieß er einen
-Freudenschrei aus. Er las noch einmal, athmete tief auf und schüttelte
-dann lächelnd den Kopf, indem er sagte: »Wer hätte dem Jungen das
-zugetraut? -- Zwar Verstand hat er immer gehabt und Obstination wie
-ein Satan! -- Kaufmann! Verwünschter Einfall! -- Aber die Hauptsache
-ist, daß er den Rupienbaum geschüttelt hat, wie die Engländer zu sagen
-pflegen. So oder so! Er ist der Baron von Waldfels und -- beim Teufel!
-er ist zu rechter Zeit gekommen!«
-
-Um den letzten Ausdruck zu verstehen, muß man wissen, daß der Oberst
-sich in der Zwischenzeit wieder seiner alten Passion, dem Spiel,
-ergeben hatte und in seinen Finanzen sehr zurückgekommen war. Der
-Gedanke, daß Arthur bei seinem bekannten Charakter ihm und namentlich
-auch seinem herangewachsenen Sohn unter die Arme greifen werde, hatte
-etwas sehr Tröstliches für ihn. Er konnte sich nicht enthalten, eine
-gewisse Hochachtung vor dem reichen Mann zu empfinden, und war stolz,
-sein Oheim zu seyn.
-
-In dem Briefe nach Waldfels eingeladen, beeilte er sich, dem
-freundlichen Ruf zu folgen. Auf dem Wege traf er durch einen eigenen
-Zufall mit Seiner Excellenz dem Grafen zusammen. Dieser hatte seine
-Stellung in Folge der politischen Ereignisse verloren, neuerdings aber
-wieder gewonnen und war nun um so ängstlicher darauf bedacht, sie zu
-behaupten. Als ihm der Oberst seine Neuigkeit mittheilte, flüsterte
-ihm sein Gewissen zu, daß er in dem reich gewordenen Verwandten einen
-Gegner finden könnte; er wußte sich aber zu beherrschen und drückte
-mit Würde seinen freudigen Antheil aus, indem er hinzufügte, er sey
-überzeugt, daß der Baron von Waldfels durch seine ausgezeichneten Gaben
-die conservative Partei verstärken und eine Zierde derselben seyn
-werde. Der Oberst hatte die Bosheit, Seiner Excellenz die Möglichkeit
-entgegenzuhalten, daß Arthur im Auslande liberale Grundsätze eingesogen
-haben könnte und daß ihn eben seine unabhängige Stellung verleiten
-könnte, sie geltend zu machen. Der Graf erwiederte, er werde das von
-einem Baron von Waldfels nun und nimmermehr glauben.
-
-Das Wiedersehen zwischen Oheim und Neffen war sehr herzlich. Der
-Oberst, dem graue Haare jetzt ein ehrwürdiges Aussehen gaben, schloß
-den Glücklichen in seine Arme und belegte ihn mit den schönsten Namen.
-Arthur richtete auch an ihn die launige Frage: »Sind Sie mit mir
-zufrieden? Grollen Sie mir nicht wegen --« -- »Lieber Neffe,« fiel der
-Oberst ein, »wer so viel Glück hat, wie du, der hätte Unrecht, nicht
-das Sonderbarste und Tollste zu unternehmen. -- Scherz bei Seite: du
-hast deine Sache gut gemacht und ich gebe dir meinen Beifall.«
-
-Der alte Krieger lebte im Schlosse wieder ganz auf. Daß Waldfels der
-Familie gesichert war, erfüllte ihn mit stets erneuter Genugthuung.
-Arthur hatte sich auf eine gelegentliche Anspielung bereit erklärt,
-für seinen jungen »Vetter« zu sorgen, was ihm eine große Last von
-seinen Schultern nahm. In der Freude seines Herzens zeigte er gegen die
-Damen von Holdingen alle Galanterie, deren er fähig war. Man hätte ihn
-für ganz verwandelt halten können, wenn er die alte Kraft des Zorns
-nicht zuweilen gegen irgend einen Diener bei einem wirklichen oder
-vermeintlichen Fehler desselben gezeigt hätte.
-
-Bald nach dem Oberst trat ein anderer alter Bekannter im Schlosse auf:
-Herr Samuel Rosenheimer. Die Verhältnisse des Unterhändlers hatten
-sich ziemlich gebessert, er fuhr mit einem Einspänner im Land herum,
-wo er verschiedenartige Geschäfte mit Glück betrieb. Eben mit seinem
-jüngsten Sohn im Städtchen anwesend konnte er dem Verlangen nicht
-widerstehen, dem Herrn Baron seinen Besuch zu machen. Die Begrüßung
-war sehr warm. »Herr Baron,« begann Rosenheimer nach den ersten
-Complimenten, »ich kann Ihnen versichern, keine größere Freude hab'
-ich in meinem Leben gehabt, als wie ich gehört hab', daß Sie wieder in
-unserem Lande angekommen sind! -- und wie? -- Edmund,« rief er seinem
-Sohn zu, »küß dem Herrn die Hand! 's ist ein großer Baron -- aber ein
-noch größerer Kaufmann. Sieh dir ihn genau an, damit du weißt, wie so
-ein Herr aussieht!« -- Der Junge gaffte den Belobten mit einer Mischung
-von Dreistigkeit und Schüchternheit an, wobei indeß die Dreistigkeit
-überwog. Arthur gab ihm die Hand und der Kleine drückte einen Schmatz
-darauf.
-
-»Aber sagen Sie mir, Herr Baron,« fuhr Rosenheimer mit galantem Lächeln
-fort, »wie haben Sie's angefangen? Wie ist's möglich, daß man in so
-kurzer Zeit ein solches Vermögen sammeln kann? -- Ja, ja,« setzte
-er hinzu, »wir dürfen uns gratuliren, daß nicht mehr Herrn Barone
-auf den Einfall kommen, Kaufleute zu werden. Gott soll hüten! was
-würde aus uns werden?« -- Arthur konnte nicht umhin, über diese Art
-von Schmeichelei zu lachen, und meinte dann, über das Glück eines
-Kaufmanns sollte sich am wenigsten derjenige wundern, der nach allem,
-was man sehe, selbst bedeutend vorwärts gekommen sey. -- Rosenheimer
-protestirte gewaltig gegen diese Annahme. »Rückwärts, Herr Baron,
-rückwärts! -- Und wie soll's anders seyn? Die Geschäfte gehen für
-unser einen alle Tage schlechter. Kein Mensch will mehr bezahlen, und
-wenn man jemand hilft, wär's Noth, man gäb' ihm noch Geld dafür, daß
-er sich helfen läßt.« -- Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er mit
-einem gewissen Ernst fort: »Herr Baron, weil wir gerade unter uns
-sind, erlauben Sie mir ein Wort. Ich habe das Glück gehabt, Ihnen
-einen Dienst zu leisten. Ich hab's gern gethan und ich bin dafür
-bezahlt worden, es fällt mir nicht ein, Ansprüche zu machen. Aber wahr
-bleibt wahr: ich hab' doch ein klein wenig dazu beigetragen, daß Sie
-jetzt wieder der Besitzer Ihres väterlichen Gutes sind, und ich bin
-überzeugt, wenn Sie werden wieder Geschäfte machen, werden Sie sich
-erinnern, daß es einen gewissen Samuel Rosenheimer in der Welt gibt.«
-
-Arthur erwiederte, das Geschäftemachen habe aufgehört und er gedenke
-jetzt auf seinen Lorbeeren zu ruhen. -- Rosenheimer lächelte. »Sagen
-Sie das einem andern, Herr Baron! Wer einmal so gute Geschäfte gemacht
-hat, wie Sie, der kann's nicht mehr lassen! -- Und wenn Sie so gewiß,
-als Sie wieder Geschäfte machen, Ihren gehorsamen Diener mit Aufträgen
-beehren werden, so will ich mich glücklich schätzen.« -- »Unter dieser
-Bedingung,« versetzte Arthur, »haben Sie mein Versprechen.« -- »Ich
-dank' Ihnen,« erwiederte der Jude. -- »Ach,« fuhr er nach einer Pause
-fort, »Sie glauben nicht, wie gern ich mit solchen Herrn zu thun habe,
-wie Sie! Haben sie wieder ein Geschrei gemacht gegen die Herrn von
-Adel! Ich möcht' wissen! Der gemeine Pöbel, der ist stolz und hoffärtig
-und anmaßend; ich will die Grobheiten nicht zählen, die ich von solchen
-Leuten schon hab' verschlucken müssen. Aber die rechten vornehmen
-Herrn sind freundlich und höflich. Wer Grund hätte, stolz zu seyn,
-der ist's nicht, und wer keinen Grund hat, der ist's. Wie kommt das,
-Herr Baron?« -- »Das ist schwer zu sagen,« versetzte Arthur erheitert.
-»Vielleicht aber daher, weil es eine Art von Schwachheit ist, stolz
-zu seyn und namentlich seinen Stolz merken zu lassen, und weil Leute
-von Bildung es nicht lieben, für schwach zu gelten.« -- »Sie haben
-Recht,« erwiederte der Jude. »Bildung! -- Siehst du, Edmund? Hab' ich
-dir's nicht immer gesagt? -- Herr Baron, ich danke Ihnen nochmal und
-freue mich außerordentlich auf Ihren ersten Auftrag.« -- Er fuhr sehr
-befriedigt nach Hause. --
-
-Daß dem Glücklichen gehuldigt wird, ist eine bekannte Sache. Wir
-erwähnen darum nur im Vorbeigehen, daß Waldfels zu dieser Zeit eine
-nicht geringe Anzahl Gäste sah, welche die Erfolge Arthurs durch ihre
-Bewunderung zu illustriren suchten. Doch mögen in wenigen Fällen so
-viele Gratulationen von Herzen gegangen seyn, wie in diesem.
-
-Der Augenblick, der Arthur und Anna für immer verbinden sollte, nahte
-heran. Hätten wir erwähnen sollen, daß die Verlobte schon auf der Reise
-nach Waldfels ihre ganze frühere Kraft und Frische wieder erlangt
-hatte? Dergleichen sagt man sich von selbst. -- Am Tage der Trauung
-glänzte sie in einer Schönheit, die selbst ihrer Mutter auffiel. Die
-Aufregung des Moments gab ihrem Antlitz einen bezaubernden Ausdruck;
-eine wonnige Feierlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen. Es war die
-vollendete Schönheit, erfüllt von dem edelsten und lieblichsten Leben
-der Seele. -- Wir bewohnen eine Welt der Unvollkommenheit; aber in
-dieser Welt gibt es doch Geschöpfe, die von ihrer Regel ausgenommen zu
-seyn scheinen; und diese Geschöpfe haben Momente, wo man sagen möchte:
-Engel des Himmels müssen neben ihnen verlieren!
-
-Die Trauung fand in der Schloßkapelle, unter Anwesenheit nur der
-nächsten Freunde statt. Der Geistliche sprach über einen Text, der
-ihm Gelegenheit gab, das Heil der Prüfungen zu schildern, die über
-den Menschen verhängt werden. Es waren Gedanken, die zum Theil schon
-von dem Brautpaar ausgesprochen waren, die aber vor dem Altar, an die
-höchsten Gründe angeknüpft und an den größten Beispielen bewiesen,
-feierlich erhebend und ergreifend wirkten. Kein Auge blieb ohne Thränen
-der Rührung.
-
-Bei dem darauf folgenden Mahle fand die Baronin Gelegenheit, zu dem
-Rentier zu sagen: »Ich finde, daß mit dem Bräutigam während seiner
-Abwesenheit doch eine Veränderung vorgegangen ist. Er ist freilich
-unterdessen ein Mann geworden -- aber das ist es nicht allein. Er hat
-in seinem Benehmen etwas Eigenthümliches, was mir sehr gefällt; und
-ich glaube, man kann sagen, er hat etwas --« -- »Von einem Engländer,«
-ergänzte der Freund. -- »Allerdings,« erwiederte die Baronin, »und
-zwar erinnert er mich an die edelsten, die ich gesehen. Doch -- das
-ist begreiflich!« -- Sie sah mit einem Blick inniger Liebe auf das
-Brautpaar und setzte hinzu: »Er sieht so unendlich zuverlässig aus!
-Mein Kind wird glücklich seyn!« --
-
-Nach einigen Tagen befand sich die junge Frau allein in ihrem Zimmer,
-mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt. Aus einer gewissen Erregung
-und einem gelegentlichen Horchen nach der Thüre hin konnte man
-schließen, daß sie jemand erwartete; und so war es. Nach einer Weile
-kam Arthur und lud sie zu einem Spaziergang ein. Lächelnd erhob sie
-sich, denn das Ziel desselben war ihr nicht unbekannt. Sie gingen durch
-den Park, jener Thüre zu, hinter welcher die Anhöhen lagen. Wie anders
-war jetzt ihre Empfindung, als an jenem Pfingstmontag, wo sie unter
-der süßen Last einer unausgesprochenen Liebe diesen Weg wandelten!
-Aber die Erinnerung daran füllte ihre Herzen jetzt mit der reizendsten
-Empfindung. Von dem Hügel sah ein zierliches Belvedere herab, das erst
-vor einer halben Stunde der letzte Handwerksmann verlassen hatte, und
-ein bequemer Steig führte zu ihm hinan. Arthur hatte sein Wort von
-damals gehalten und Anna dankte mit einem liebevollen Blick. Am Fuße
-des Hügels angekommen, lächelte die junge Frau; sie ließ den Steig bei
-Seite und lief mit jugendlicher Leichtigkeit einige Schritte über das
-Haidegras hin; plötzlich glitschte sie, stieß einen Schrei aus und fiel
-in die Arme Arthurs, der ihr nachgeeilt war. Herzlich lachend klommen
-sie Hand in Hand zu dem hübschen kleinen Gebäude empor. Anna rühmte und
-bewunderte es und beide sahen von ihm schweigend in das Thal hinab, das
-wieder im Glanz der Abendsonne dalag. Nach einer längeren Pause sagte
-Arthur mit einem Ausdruck von Laune, durch die er den innern Ernst zu
-verdecken strebte: »Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die
-Fülle!« -- Und Anna erwiederte: »Wir haben in früher Jugend gewünscht,
-und der Himmel hat die Gnade gehabt, uns von der Bedingung des Alters
-zu dispensiren.« -- »Ja,« sagte Arthur, »er gab uns das Glück in der
-besten Zeit! Aber das soll uns nicht niederschlagen; wir vertrauen
-dem Geber und wollen von seinem Geschenk einen Gebrauch machen, durch
-den wir die Gunst, wenn nicht abverdienen, doch nach Möglichkeit
-rechtfertigen.« -- Die junge Frau reichte ihm schweigend die Hand.
-
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- * * * * * *
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-Anmerkungen zur Transkription
-
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn
- verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
- verwendet wurden, fehlende oder unpassende Anführungszeichen
- wurden nicht korrigiert. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
- berichtigt.
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