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Bugow - -Release Date: March 1, 2017 [EBook #54263] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - Nikolaus Gogol - Tote Seelen, II - Novellen - - - - - Nikolaus Gogol - Sämmtliche Werke - In 8 Bänden - - - Herausgegeben - von - Otto Buek - - - Band 2 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1909 - - E. R. W. - - - Nikolaus Gogol - - - - - Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen - - - Übertragen - von - Otto Buek - - - Band 2 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1909 - - E. R. W. - - - - - Inhalt - - - Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil Seite 1 - Novellen: - Der Mantel » 223 - Die Nase » 283 - Das Porträt » 329 - - - - - Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows - oder - Die Toten Seelen. - Zweiter Teil - - - Erstes Kapitel. - -Warum bloß wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die -beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens öffentlich zur Schau -stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten -Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? -- Was ist zu -machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er -selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, daß er eben -nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und -Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus -der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes -ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis -hineingeraten und wieder auf ein ödes trauriges Nest gestoßen. Und noch -dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis! - -Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Türmen und Bastionen, -zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine -ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich -über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald -als senkrecht abstürzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen, -bald wieder in Form von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das -zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von weitem wie zartes -Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt -seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen -hohen Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei -Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, floß -zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlängelte sich in leuchtenden -Serpentinen, verschwand plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im -strahlenden Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder Erlen und -tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, überall -begleitet von Brücken, Windmühlen und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung -nachzueilen schienen. - -An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem -Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. Durch künstliche Anpflanzung -hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation -aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbäume und -Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte -Ebereschen kletterten überall, _hier_ einträchtig und sich gegenseitig -im Wachstum unterstützend, _dort_ sich hemmend und eng zusammengedrängt, -den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grünen -Wipfeln die roten Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste der -dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste Stockwerk des -Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster --- und hoch über dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume -streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten Türme in die -Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Türme waren mit -goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmückt, die mit ebensolchen Ketten -von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man aus der -Ferne den Eindruck hatte, als glühte und flimmerte die Luft von -glänzendem gemünztem Golde, das frei im blauen Äther schwebte, ohne an -etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, Dächern und -Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse -wieder, wo die hohen mißgestalteten Weidenstämme, die teils vereinzelt -am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen -Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Blätter -in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden -Bildes versunken schienen. - -Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der Blick aus der Höhe -ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel -schöner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem -Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und -Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: »Gott wie geräumig und frei ist -es hier!« Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus: -Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen übersät waren, -erhoben sich dunkle Wälder wie eine Reihe grün schimmernder Zonen; -hinter den Wäldern leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich -verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, die bläulich -schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite -Nebelfläche; dahinter lagen wieder Sanddünen, welche zwar nicht mehr so -hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und -leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines -Bergrückens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter -beständig in blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie -beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben -sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des -Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch kein menschliches -Auge erkennen konnte -- nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und -wieder aufblitzte wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies ein -großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine -tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr -dringenden Lied der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den -reinen Äther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem -Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und -wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte, -brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: »Gott, wie -geräumig und frei es hier ist.« - -Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich -einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht -einmal ein Fahrweg hinführte. Man mußte schon von der andern Seite -heranzukommen suchen -- wo weit auseinanderstehende Eichen den -herannahenden Reisenden freundlich begrüßten, indem sie ihre breiten -Äste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem -Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben, -und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von -Bauernhütten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der -Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes -der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte. - -Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei -Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche war ein junger Mann von -dreiunddreißig Jahren, der noch dazu unverheiratet war. - -Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow für ein -Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen -Charakter? -- Darnach müssen wir uns natürlich bei den lieben Nachbarn -erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung -verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon -im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen über ihn zu -äußern: »Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!« Ein General, der etwa zehn -Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: »Der junge Mann ist -nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich könnte -ihm nützlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und -sogar beim ...« Der General beendigte seinen Satz niemals. Der -Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: »Ich will mir mal -morgen die rückständigen Steuern von ihm abholen!« und ein Bauer hätte -auf die Frage, was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts -geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm -hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei -Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von -denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies -genug Leute, welche unnütz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte -gerade Tentennikow es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen -kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem -andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er für einen -Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden -Naturschönheiten entsprach. - -Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann richtete er sich im -Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen -sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch. -Während der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens -Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tür. Dieser -arme Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die -Küche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr saß noch immer im Bett -und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich, -zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee, -Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen -Zügen, indem er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die -Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er wohl zwei Stunden -lang beim Frühstück, doch das genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine -Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof führte. -Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab. - -Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als -Aufwärter mit der Schließerin Perphiljewna, die er mit folgenden -Ausdrücken zu bedenken pflegte: »Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges -Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines -Geschöpf!« - -»Du willst wohl _so_ etwas haben?« heulte die Jammerseele oder -Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses -Frauenzimmer war nicht ungefährlich und hatte recht derbe und kräftige -Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere -Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt. - -»Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn, -elendiges,« kreischte Grigorij. - -»Der Verwalter ist doch gerad so'n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr -kennt euch nicht; er ist doch hier und hört alles.« - -»Wo ist der Herr?« - -»Da sitzt er am Fenster und sieht alles.« - -Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und sah alles. - -Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen schrie ein Knabe -auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen -hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem -Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nämlich kochendes Wasser -aus dem Fenster gegossen und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte -und plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles an, aber -erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er Tentennikow in seinem -Nichtstun zu stören begann, schickte er in den Hof hinunter und ließ -sagen, die da unten möchten doch etwas _leiser lärmen_. - -Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein -Zimmer, um an einem großen Werke zu arbeiten, das ganz Rußland von -sämtlichen nur möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom -politischen, vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten -sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lösen, die -die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rußlands -große Zukunft läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner -Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es zunächst beim Nachdenken über -dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf -ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite; -statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum -Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, während die -Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise verzehrt wurde, -ruhig weiter, und es kam mitunter vor, daß manche Speisen ganz kalt und -andre überhaupt nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine Tasse -Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie -Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan -wurde -- ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde überhaupt -nichts mehr getan. - -So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, der immer im -Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß ganz mutterseelenallein und von -aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen -machte ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder -ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und -der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht -genug erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt nicht -zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, daß Andrei -Iwanowitsch Tentennikow zu der großen Familie der Leute gehörte, die in -Rußland nicht alle werden und die man früher bei uns Schlafmützen, -Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für die ich heute -wirklich keinen Namen zu finden wüßte. Ob solche Charaktere _geboren_ -werden oder sich allmählich bilden, als ein Produkt trauriger -Lebensverhältnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch -hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man -vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei -Iwanowitschs zu erzählen. - -»Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas Vernünftiges aus ihm -werden sollte. Mit zwölf Jahren kam der etwas kränkliche und -träumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren -Direktor ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. Der -Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und -Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem außerordentlichen -Feingefühl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie -kannte er das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten -und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas -angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche -und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine -harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs die Nase -hängen, sondern verließ das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas -wie frischer Mut in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm -zu sprechen: »Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig -wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.« Nie hielt der -Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes Betragen. Er pflegte -nur zu sagen: »Ich verlange von meinen Schülern nur dies eine: daß sie -vernünftig und verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug -zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten müssen von -selbst verschwinden.« Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten -verschwanden ganz von selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben -hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die -erwachsenen Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen lassen von den -Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften -ihnen kein Härchen krümmen. »Das geht zu weit!« sagten viele, »diese -Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig machen.« »Nein, das -geht durchaus nicht zu weit,« antwortete er, »die schwach Begabten -behalte ich nicht lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den -einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe ich noch einen -zweiten Kursus.«(1) Und in der Tat, die Begabten mußten noch einen -zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er -und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem -Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung -ihrer seelischen Regungen und er erklärte, er könne es nicht entbehren, -sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, -- um mit -Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe. - -Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche -Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst -in dem unvernünftigen Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen -Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche -Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten -Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres -herrlichen Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken -ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Tränen der -Rührung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde überlief den Schüler ein -freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine -Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der -Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die -Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die -letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, hatte gar keine -Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von -dem Zögling, was andre unvernünftigerweise schon von den Kindern -verlangen -- nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht -spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu -verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren, -niemals Rache zu üben und sich immer eine stolze Ruhe und -unerschütterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet -ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier beständig -zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich Versuche und -Experimente mit seinen Schülern an. O, wie vorzüglich kannte er die -Wissenschaft des Lebens! - -Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den meisten Fächern -unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige -Terminologie, ohne großartige Theorien und geschwollene Phrasen das -eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen, -sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen -nötig hatte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die, welche geeignet -sind, aus dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden. -Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jüngling in -der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont -seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf der -Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner Seele in seinem -künftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor -ihnen: weder die Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem -Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die -Verführungen, die ihn erwarten, dies alles führte er ihnen in -ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste -vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter und -Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, daß der Ehrgeiz in -ihnen so stark angeregt war, sei es daß im Auge dieses außerordentlichen -Pädagogen etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges »Vorwärts!« -zuzurufen schien -- dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei -seiner feinfühligen Natur so große Wunder wirkt -- genug, die jungen -Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und -dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig und tätig zu -zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu überwinden -und einen hohen Mut und Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen -gelang es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es auch lauter -starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampfe -gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich an den exponiertesten -Stellen zu halten, während viele, die weit klüger waren als sie, es -nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher -Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und träge(2) wie sie waren in -die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die -andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern -verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf -die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen -Einfluß auszuüben.(3) - -Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloßen -Gedanken, daß er endlich auch in diese Klasse versetzt werden würde. Man -sollte meinen, für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres -geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück wollte es jedoch, -daß gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwählten -versetzt worden war -- wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte -- der -vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein -wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust -für den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz -anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser -Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei äußere -Vorschriften und ein strenges Reglement einzuführen und verlangte von -den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte. -In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und -Zügellosigkeit. Wie im bewußten Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte -er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und -die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, sondern allein auf -das gute Betragen.(4) Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig -strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern -nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie -aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnürchen, dafür gab -man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin. - -Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch -stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundsätzen an. Sie -ließen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die -Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer Darstellung -keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie berücksichtigten die neueren -Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an -Feuer und wahrhafter Begeisterung -- aber ach bei alledem fehlte es doch -ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt -in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort, -es ging alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und -Autorität ging ganz verloren, man lachte und spottete über die Lehrer, -nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schönen Namen sonst noch -heißen. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig -waren, ja die Schüler machten raffinierte Streiche, daß man sich -genötigt sah viele von ihnen ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die -Schule kaum noch wiederzuerkennen. - -Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften Charakter. Er fand -kein Gefallen an den nächtlichen Orgien seiner Kameraden, die vor dem -Fenster der Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen -einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche und frechen -Reden über die Religion nicht mit, zu denen sie sich nur deshalb -verstiegen, weil sie zufällig einen recht dummen Popen zum Lehrer -hatten. Nein, seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren -göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn zu verführen, aber er -ließ sehr bald die Nase hängen. Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es -gab leider kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es wäre -besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt nicht geweckt worden wäre. -Andrei Iwanowitsch hörte wie sich die Professoren auf dem Katheder -ereiferten und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken, der, -auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig blieb. Was hörte er -nicht alles für Gegenstände und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar -Jurisprudenz, allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem solchen -Umfange, daß der Professor in ganzen drei Jahren kaum über die -Einleitung und über die Entstehung gewisser deutscher Städte hinauskam --- und Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles blieb in -seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen Stücken liegen -- dank seinem -angeborenen Verstande fühlte er nur, daß dies nicht die richtige -Unterrichtsmethode sein könne, worin aber nun die rechte bestand -- dies -wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an Alexander Petrowitsch -denken, und dann wurde ihm so schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er -sich vor Schmerz lassen sollte. - -Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie noch eine Zukunft hat. -Je näher die Zeit heranrückte, wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte, -um so lebhafter schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich -selbst: »Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben fängt -erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit der großen Taten.« Und -ohne einen Blick auf den herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und -Besucher in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe seiner -Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er wie alle ehrgeizigen -Menschen nach Petersburg, das Ziel aller feurigen jungen Leute, die aus -allen Gegenden Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst -zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder auch nur ganz -oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen, trügerischen -gesellschaftlichen Bildung zu nippen. Allein Andrei Iwanowitsch sah sich -in seinem ehrgeizigen Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch -seinen Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. Dieser -erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, sei eine -gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig; ohne diese jedoch könne er -es unmöglich bis zum Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen. -Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion seines Onkels gelang es -ihm endlich, sich eine kleine Stellung in einem untergeordneten -Departement zu verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten -Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten Tischen betrat, -da hatte er den Eindruck, als säßen hier die ersten Würdenträger des -Reiches, die über das Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten, -und als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die den Kopf auf -die Schulter gebeugt, dasaßen und laut mit den Federn kritzelten, und -wie er nun aufgefordert wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und -ein Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen ganz -unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei Rubel, wegen der -schon ein halbes Jahr lang hin- und hergeschrieben wurde) da überlief -den unerfahrenen Jüngling ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn -herumsitzenden Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine Schuljungen! Zur -Vervollständigung der Ähnlichkeit waren noch einige von ihnen in die -Lektüre eines dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden Sprache -vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern des Aktenstückes -versteckt, suchten sich den Anschein zu geben, als seien sie mit der -Durchsicht der Akten beschäftigt und fuhren jedesmal zusammen, wenn der -Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm so seltsam vor und -er konnte das Gefühl nicht los werden, daß seine frühere Tätigkeit -unendlich viel bedeutender und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit -schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er sehnte sich wieder -in seine Schulzeit zurück. Plötzlich stand Alexander Petrowitsch wie -lebendig vor seinem geistigen Blick -- und er konnte nur mit Mühe seine -Tränen unterdrücken. - -Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die Tische und die Beamten -wirbelten durcheinander und fast wäre er in dieser plötzlichen -Umnachtung zu Boden gesunken. »Nein,« sagte er, als er wieder zu sich -kam, leise zu sich selber, »ich will dennoch ans Werk gehen, so -kleinlich es mir auch erscheint.« Nachdem er sich so selbst ermutigt -hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig weiter zu versehen, wie alle -andern. - -Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg bietet trotz seines -rauhen, finstern Äußeren mancherlei Genüsse. Draußen herrscht eine -fürchterliche Kälte von dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser -Geist jagt heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, durch die -Luft, wütend fegt sie den Schnee über das Straßenpflaster, klebt den -Leuten die Augen zusammen, und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die -Schnurrbärte der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem Puder; -aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden -Schneeflocken hindurch irgendwo hoch oben im vierten Stock ein -freundlich erleuchtetes Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte -bescheidener Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm der Teemaschine -werden hier Herz und Seele erwärmende Gedanken ausgetauscht, erklingt -manch herrliches, begeistertes Poetenwort, mit dem Gott sein liebes -Rußland so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt manch -Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal unter dem schwellenden -Himmel des Südens. - -Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber die berufliche -Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen Ziel und Selbstzweck, wie er -zuerst geglaubt hatte, sondern sie rückte gewissermaßen an die zweite -Stelle. Sie diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte -ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben, erst recht -schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat fing schon an zu glauben, -daß aus dem Neffen noch etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich -einen ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten, daß sich -unter den vielen Freunden Andrei Iwanowitschs zwei junge Leute befanden, -die zur Klasse der sogenannten »verbitterten« Menschen gehörten. Das -waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, die nicht nur -keine _Ungerechtigkeit_ geduldig zu ertragen vermögen, sondern nicht -einmal das, was ihnen wie eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur -gutmütig, aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen sie -von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten, während sie selbst -äußerst intolerant gegen andre Menschen sind. Ihre feurige Rede und die -äußerlich zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft -machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. Im Umgang mit ihnen -schärften sich seine Nerven und erwachte in ihm eine gewisse -Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Er lernte von ihnen, all jene -Kleinigkeiten zu bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor -Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die sich in -jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein Mißfallen. Es -schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar in ein Stück Zucker -verwandelte und sein Gesicht zu einem widerlich süßen Lächeln verzog, -wenn er mit Leuten sprach, die über ihm standen, dagegen sofort eine -essigsaure Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; daß -er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die merkte, die an den -großen Festtagen nicht zu ihm kamen, um zu gratulieren und es denen -nicht vergessen konnte, deren Namen er nicht auf der beim Portier -ausliegenden Liste fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche, -beinahe physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele und -reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch eine -Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen Freude suchte er nach -einer passenden Gelegenheit und sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er -so grob gegen ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet wurde, --- er müsse den Chef um Verzeihung bitten oder um seinen Abschied -einkommen. Er nahm seinen Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat, -kam ganz erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: »Um -Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was machst du? Deine -ganze, so glücklich begonnene Karriere aufs Spiel zu setzen, bloß weil -du einen Vorgesetzten bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das -nur bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe doch überhaupt -keiner mehr im Amte. Komm zu dir, sei vernünftig ... Überwinde deinen -falschen Stolz und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich mit -ihm aus!« - -»Es handelt sich hier doch gar nicht _darum_, lieber Onkel,« sagte der -Neffe. »Es wird mir ja garnicht schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich -bin wirklich schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so -mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für mich gibt es noch -einen andern Dienst und eine andre Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern, -mein Gut liegt darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der Staat -wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer meinen Platz im Bureau -einnehmen und meine Akten abschreiben wird, aber er verliert sehr viel, -wenn dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können. Bedenken -Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein Beruf, bei dem man müßig -dasitzen könnte. Wenn ich für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der -mir anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert tüchtige, -nüchterne und fleißige Untertanen auf die Beine stelle, -- habe ich -damit etwa weniger getan, als irgend ein Departementschef Lenitzyn?« - -Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung den Mund weit auf; -einen solchen Redeerguß hatte er nicht erwartet. Er dachte etwas nach -und begann dann etwa folgendermaßen: »Aber trotzdem ... nein, was denkst -du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem Lande vergraben? Die Bauern -sind doch kein Umgang für dich! Hier ist's doch anders, da begegnet man -doch hin und wieder einmal einem General oder einem Fürsten. Und wenn du -Lust hast, kannst du auch an irgend einem schönen öffentlichen Gebäude -vorübergehen. Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische -Industrie, dagegen dort! da siehst du doch nichts wie Bauern und -Bauernweiber. Warum willst du dich unter so ungebildete Menschen -begeben?« - -Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen des Onkels -machten keinen rechten Eindruck auf den Neffen. Das Land erschien ihm -als ein Hort der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken, -als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit. Er hatte sich schon die -allerneuesten Werke über Landwirtschaft besorgt. Mit einem Wort, zwei -Wochen nach dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe jener -Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes lieblichen Winkels, -der jeden Gast und Besucher so in Begeisterung versetzte. Ein ganz neues -Gefühl bemächtigte sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke -erwachten in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen, -und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die herrlichen Gegenden, an -denen er vorüberkam. Und plötzlich begann sein Herz aus einem -unbekannten Grunde heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch eine -enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes führte und er -oben und unten, über und unter sich dreihundertjährige Eichenstämme, die -drei Menschen kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, Ulmen -und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher waren als die gewöhnlichen -Pappeln und als er dann auf die Frage: »Wem gehört dieser Wald?« die -Antwort erhielt: »Tentennikow,« und wie dann der Weg den Wald verließ, -sich an Espenhainen, jungen und alten Weidenbäumen und Sträuchen, und an -den fernen Gebirgsketten vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken -überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend und als der -Reisende auf die Frage: »Wem gehören diese Wiesen und diese -überschwemmten Felder?« wiederum die Antwort erhielt: »Tentennikow,« und -als dann der Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau weiter -fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen und Gerste und sich noch -einmal an all den Plätzen entlang zog, an denen man schon einmal -vorbeigekommen war und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen, -und als der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten breiter -weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander auf dem grünen -Rasenteppich standen, welcher sich bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als -die mit Schnitzwerk verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der -steinernen Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die -goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und das feurig pochende -Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, wo er sich jetzt befand, -- da -machten sich die immer höher schwellenden Gefühle in folgenden lauten -Worten Luft: »War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. Das -Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen Paradieses ausersehen, -und ich verdammte mich selbst zu niederen Schreiberdiensten, machte mich -zum Knechte toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine -sorgfältige Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert, mir -einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet, deren man zur Förderung -des Guten unter seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes, -zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten eines -Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und Ordnungswächter in -einer Person ist! Und da gehe ich hin und vertraue diesen Posten irgend -einem ungebildeten und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt -dessen den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich um die -Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch nicht gesehen habe und -deren Wesen und Charakter ich nicht einmal kenne. Wie konnte ich nur -dies Papierregiment, diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die -vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich noch nie mit dem -Fuße betreten habe und wo ich einen ganzen Haufen von Dummheiten -anrichten kann -- der realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?« - -Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. Die Bauern hatten -von der Ankunft ihres Herrn gehört und sich an der Freitreppe des -Herrenhauses versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel und -die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen Menschenschlages drängten -sich um ihn. Und als dann aus hundert Kehlen der Ruf ertönte: -»Väterchen! Hast du dich endlich unser erinnert!« und den alten Leuten, -die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt hatten unwillkürlich -die Tränen in die Augen traten, da konnte auch er seine Rührung nicht -unterdrücken. Und er mußte sich insgeheim fragen: »So viel Liebe! Womit -habe ich sie nur verdient?« -- »Wohl damit, daß ich sie nie gesehen, -mich nie um sie gekümmert habe!« Und er schwur sich, von nun an alle -Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen. - -Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und -Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte -die Fronarbeit und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten. -Den dummen Verwalter jagte er davon und kümmerte sich selbst um alles. -Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der -Getreidedarre, in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden -und bei der Abfertigung der Barken zugegen, sodaß die Trägen und Faulen -sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht -lange.(5) Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr zwar -flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tüchtiges zu leisten, -aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine -Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich kam es -soweit, daß sich Herr und Bauer -- es wäre zu viel gesagt -- garnicht -verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie -lernten, den gleichen Ton zu treffen. - -Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen Grund und Boden -alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn -wurde früher ausgesät und ging später auf; und doch konnte man nicht -sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst -dabei und ließ den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn -sie sich besonders viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern -der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse -schoß mächtig empor, bei ihm dagegen grünte das Korn noch kaum und die -Ähren waren kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß ihn der -Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die -er ihm angedeihen ließ. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu -stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: »Wie können Sie nur -glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen und Vorteil der -Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns -beim Pflügen und Säen gegeben haben! -- Sie haben uns doch sogar einen -Becher Branntwein geben lassen.« Was konnte er darauf antworten? - -»Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?« fragte der Herr -weiter. - -»Gott weiß es! Der Wurm hat's wohl von unten angenagt! Und dann kommt -noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal -geregnet.« - -Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte, -und es regnete auch so merkwürdig, sozusagen streifenweise, sodaß nur -der Bauer Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen das -herrschaftliche Kornfeld traf. - -Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort -bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten über die Lasten -des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine Lieferungen von -Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen mehr von ihnen, erließ ihnen die -Hälfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die -freigewordene Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, für die -Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und ihre Gemüsegärten -vergrößern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Müßiggang, das -Raufen, die Klatschsucht und allerhand Zänkereien derartig unter dem -schönen Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick zum Herrn -gelaufen kamen und ihn baten: »Gnädiger Herr, bringen Sie diesen Satan -von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der -kann kein Mensch auskommen!« - -Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine Zuflucht zur Strenge -nehmen wollen. Aber wie konnte er es übers Herz bringen! Wie konnte er -streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu -heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in -so häßliche widerwärtige Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß -nahmen -- das weiß Gott allein!) »Fort, geh mir aus den Augen, daß ich -dich nicht zu sehen brauche!« rief der arme Tentennikow und hatte gleich -darauf das Vergnügen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat, -sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken begann und ihr -trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den Buckel volldrosch, wie es ein -gesunder Bauer nicht schöner fertiggebracht hätte. - -Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, aber das gab eine -solch tolle Verwirrung, daß er ganz mutlos wurde, den Kopf hängen ließ, -und bedauerte überhaupt damit angefangen zu haben! - -Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er -gleichfalls, daß sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen -nicht viel anfangen ließ, auf die ihn seine philosophischen Professoren -gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht -weniger und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden. -Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war, -als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bücher; -- er fühlte, -daß ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott allein. -Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand -der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr -wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies kühlte den -Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die -Arbeiten zu beaufsichtigen, dann ließ er es fast ganz an der früheren -Aufmerksamkeit fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr auf -den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet, -wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, daß um ihn herum die -Erntearbeiten in vollem Gange waren. -- Seine Augen blickten in die -Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge -irgend einen Gegenstand in der Nähe oder er blickte nach der Seite, wo -der Fluß eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem -Schnabel auf und ab spazierte -- ich meine natürlich einen Vogel und -keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen -Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig -überlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den -Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher Vogel zu sehen -war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem -Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schloß die Augen, -richtete den Kopf in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und ließ -seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des -gefiederten luftigen Sängervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben -im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem -kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im Roggen schlägt die Wachtel, -der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd -herüber und hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die Luft -schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum -verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche, -die hoch oben in den Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die -ganze Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurück ... -O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem -kleinsten Dörfchen, fern von den abscheulichen großen Landstraßen und -Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hörte -er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er beständig im -Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser -kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten. - -Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein -Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit -Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien -nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen -Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu -langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht -oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die -Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien -und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er -beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich -ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte -von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen -sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher -Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei -uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch -Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über -Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage -Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und -ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die -Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des -Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich -»so ein Schweinehund!« durch die Zähne, worauf ihm der andere -gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete -ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr. - -Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich ganz dem Nachdenken -über sein großes Werk über Rußland hin. In welcher Weise dieses geschah --- hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von -selbst eine merkwürdige -- liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man -nicht sagen, daß es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus -seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins -Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden -stieß, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung -emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der -Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte, -dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine -sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses Leben entrang -sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und -häßlich. Mit ungewöhnlicher Klarheit erstand vor ihm die längst hinter -ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander -Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, und Tränenbäche stürzten -ihm aus den Augen ..... - -Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief -erschütterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des -Schmerzes über den großen und edlen Menschen, der in seinem Innern -schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe -er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht -erprobt im Kampf mit der Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene -hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhöhen -und zu kräftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse; -dahingeschmolzen wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer -herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung erhalten zu -haben; allzu früh für ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun -gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre, -die durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte und den -jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu -wecken, -- der ihn mit lebendigem Worte ermuntert -- der Seele ein -belebendes »Vorwärts« zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder -Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang, -Beruf und Stande so lebhaft dürstet. - -Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren -Muttersprache dieses allgewaltige Wort »Vorwärts« zuzurufen vermöchte? -Wer kennt so gut alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres -Wesens, daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben fortreißen -könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher Liebe würde es ihm der Russe -danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller -Trägheit und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt unser -Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstünde, -dieses allgewaltige Wort zu sprechen! - -Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf -geweckt und eine völlig Umwälzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es -war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren -Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute -entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu -freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter -General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes Haus und liebte -es, daß seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er -selbst erwiderte natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere -Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein ganz seltsames, -ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben -selbst. - -Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Eine -englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch -verstand. Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der Vater hatte -keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner -unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als daß -er sie schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit und -Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn -jemand gesehen hätte wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die -herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater -stritt dann hätte er wohl glauben können, sie sei das launischste -Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von -einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hörte, die einem andern -widerfahren war. Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst -willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber -verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, in Unglück und Elend -sah! Sie hätte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren -Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, ob -das auch vernünftig sei(6) oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestümes -in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja -ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die -Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides schienen -vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie müsse selbst mit -ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor -keinem Menschen hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu -offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum Schweigen veranlassen -können, wenn sie reden wollte. Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur -sie allein ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr -begegnete, unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In -ihrer Gegenwart überkam jeden bösen Menschen etwas wie Verlegenheit, und -er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und -verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während die Blöden sofort -ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern -Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem -solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt -und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo gesehen: in seiner -frühesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen -Vaterhause, an einem glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen -spielten und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der -Ernst und die Reife des Mannesalters. - -Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein -unerklärlich neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Ein heller -Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges -Leben. - -Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf, -eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht -herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein -unangenehmes Gefühl in beiden zurückließ; denn der General konnte keinen -Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch -Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er -dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen -beiden blieb so lange ungestört, bis eines schönen Tages zwei Verwandte -des Generals: eine Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm zu -Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch -einige gute Verbindungen mit einflußreichen Personen in Petersburg -besaßen; der General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen. -Tentennikow kam es so vor, daß der General seit dem Tage ihrer Ankunft -etwas kälter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine -stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte -ihn »mein Bester« oder »Verehrtester« und sagte einmal sogar »du« zu -ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte sich -aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel Geistesgegenwart zu -bewahren, um ihm mit sehr sanfter und höflicher Stimme zu erwidern, -während alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte -hervortraten: »Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank schuldig Herr -General. Mit diesem vertraulichen »du« bieten Sie mir ein enges -Freundschaftsbündnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls »du« zu -nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären Verkehr -zwischen uns vollkommen unmöglich!« Der General wurde verlegen. Er -suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden; -schließlich erklärte er, das »du« sei von ihm durchaus nicht in dem -Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen -jungen Menschen »du« anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein -Wort. - -Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr -miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht -erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun -herabsinkende Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein -Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurück und nahm seine frühere -Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er -tagelang untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der -Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die -Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch -vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, gleichsam als -Festgabe für den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so -armselig und schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu -achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt nach ihm pickten. -Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand -Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser, -Hütten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber vergaß er -alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst über -das Papier ohne daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein -kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem schnellen forschenden -Blick und einem leicht emporgekämmten Haarbüschel -- und staunend sah -der Zeichner, daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt kein -Künstler hätte malen können. Und dann wurde ihm noch wehmütiger und -schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück -auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und -einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch -Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, als er sich eines Tages nach -seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu -seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst -eine gewisse Unruhe und Bewegung. - -Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu öffnen; es -tat sich auf, und ließ drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf -Triumphbögen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und -eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher und ein -Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf. -Hinter diesen saß ein Herr in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein -regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte -es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der -ein ungewöhnlich anständiges Äußeres hatte, sprang beinahe mit der -Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen und eilte die -Treppe hinauf. - -Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankömmling für einen -Regierungsbeamten. Hier muß ich nachholen, daß er in seiner Jugend in -eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende -Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschüren gelesen hatten, ein -Ästhet, der die Universität nicht beendigt hatte, und ein -heruntergekommener Spieler wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft -gründen unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners, -der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter -Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich hohes Ziel -gesteckt: nämlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis -Kamtschatka, dauernd zu beglücken. Dazu bedurfte man jedoch einer -ungewöhnlich großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen -Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. Wo das Geld hinkam, -das wußte freilich niemand außer dem ersten Vorsitzenden, der die -Oberleitung in den Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in -diese Gesellschaft eingeführt; das waren zwei von jenen verbitterten -Menschen, die von Natur gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die -Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten im Dienste -der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmäßigen Säufern -geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat -aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in -gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann -eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen -Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher -kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er -alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht -ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und -daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich -öffnen mußte. - -Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier -unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen -der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber -bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils -in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei -sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an -Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der -Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, -hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den -Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht -seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der -schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur -werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei -alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts -passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine -Aufwartung zu machen. - -Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu -bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine -eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um -gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines -Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen. - -Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das -müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der -Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu -sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen -Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die -Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich's bei ihm so bequem zu machen, -wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel -_à la Voltaire_ Platz nehmen, und schickte sich an, seine -Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten -naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde. - -Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren -Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von -heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er -schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit -gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon -oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus -Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei. -Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und -schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört -hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen -vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann -scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen -Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich -erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich -darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, -der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar -im Zimmer verbreitete. - -Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war, -als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch -Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm -offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack, -in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein; -auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr -sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage -schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts, -und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie -früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas -liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter -übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war -fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe _noch_ -mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und -Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein -Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und -obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem -Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen -können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über -die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte. - -Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte, -die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden -geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender -Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel -umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer, -welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur -Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als -Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß -in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein -Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter -Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in -den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene -Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa -ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand -die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht -hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider, -ein Paar _neue_ Beinkleider, ein Paar _graue_ Beinkleider, zwei -Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde -übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes -Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür -und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar -_nicht mehr ganz_ neue, ein Paar _ganz_ neue, ein Paar Lackschuhe und -ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem -seidenen Taschentuch zugedeckt -- ganz als ob sie überhaupt nicht -vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände -in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit -Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur -der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, -die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die -zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel -zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, -nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der -unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken -einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel -in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster -Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war -ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken. -Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in -ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden -Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht -und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der -als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners -Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert -und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht. - -In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine -Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen, -unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm -mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine -Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine -ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an -alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische -Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes -Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre -in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die -Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und -bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr -wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. -In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und -taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt -nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur -Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit -ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den -Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre, -da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum -Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie -zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger -der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um -ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel -herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt -nicht im mindesten. »Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit -dem sich's leben läßt!« sagte Tentennikow zu sich selbst, »diese Kunst -ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es -mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber -Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein -Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken -- solche -Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt's denn bei uns -überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.« -So urteilte Tentennikow über seinen Gast. - -Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine -Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das -Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat -lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der -Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu -können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem -Nutzen und Vorteil. - -Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden -können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden -war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall -sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem -frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume -hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes -Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über -den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen -Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier -strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu -lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den -Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der -Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell -leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den -Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und -sang, wie bei einem Hochzeitsfest! - -Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot -sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen -Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den -großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse -zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch -unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das -Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit -Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend -durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten. -Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo -die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See -stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das -Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er -ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu -beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch -das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb -trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen -ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite -zu verschütten. - -Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach -alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte -sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt -stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für -Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem -verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein -füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen, -wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als -kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei -Iwanowitsch' Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden, -Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und -er dachte sich: »Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein -Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen -von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!« - -Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst -einmal -- d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die -Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde -- selbst -einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und -sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit -weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise -vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er -stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren -Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen -munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und -zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich -gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten -über die Erde gewandelt wäre -- und damit er sich vor dem Vaterlande -nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht -übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum -Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel! -Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so -mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen -Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und -ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie -eintreffen wird. - -Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie -gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald -Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr -wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij -Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und -Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit -Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch -einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden -geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen -solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und -er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel -Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von -allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den -allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft. -Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen -Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal -konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft -besiegelt, damit wurden sie zu »Stammgästen« der Kneipe wie man sich im -Volke auszudrücken liebt. - -Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe -Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden -Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen -und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem -Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet, -machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen -und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die -Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde -und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an -den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich -mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern -Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut -lachend auf sie zukamen und sangen: »Wo ist der Bräutigam, Bojaren?« und -wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter -dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann -wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in -der Dämmerung, ob er schlief oder wachte -- immer wieder kam es ihm so -vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich -langsam mit ihnen im Reigen. - -Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr -wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den -Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich -und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen -Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war, -über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch -die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das -in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern -leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten. - -Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was -jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite -Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser -Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er -es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch -immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und -Gründe aller Erscheinungen klar zu werden -- über ihr Warum und Weshalb -.... »Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!« So -dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und -so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem -seiner Nachbarn -- einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine -Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein -- und auch das Fräulein für -den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von -da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß -Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe -zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen. - -Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner -Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse -drehte, sagte er zu Tentennikow: »Sie haben alles was das Herz begehrt, -Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.« - -»Das wäre?« fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft -blies. - -»Eine Lebensgefährtin,« versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch -entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende. - -Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen -andern Zeitpunkt aus -- diesmal war es _vor_ dem Abendbrot -- und sagte -plötzlich mitten in der Unterhaltung: »Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie -sollten heiraten!« - -Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses -Thema unangenehm sei. - -Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das dritte Mal wählte -er wieder eine andre Zeit und zwar _nach_ dem Abendbrod, und sprach -folgendermaßen: »Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre -Lebensverhältnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur Überzeugung, -daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.« - -Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders überzeugend waren, -oder daß Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und -Offenherzigkeit geneigt war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem -er wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: »Bei allen Dingen muß man -Glück haben, man muß als Sonntagskind geboren werden, Pawel -Iwanowitsch.« Und er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet -hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und -ihre Entzweiung. - -Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort kennen gelernt -hatte, und hörte, daß wegen des einen kleinen Wörtchens »du« eine so -große Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere -Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, ohne entscheiden -zu können, ob er ein kompletter Narr oder bloß ein bißchen dumm sei. - -»Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!« sprach er endlich, indem er jenen -bei beiden Händen nahm: »Was ist denn das für eine Beleidigung? Was -finden Sie denn in dem Wörtchen »du« Beleidigendes?« - -»Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,« entgegnete -Tentennikow: »die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem -dieses Wort gesprochen wurde. >Du!< -- das soll heißen: >wisse, daß du -ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil -ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Fürstin -Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein -eigentlicher Platz ist und dich an die Türe zu stellen.< _Das_ hat es zu -bedeuten!« Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und -milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines -aufs tiefste beleidigten Gefühls nach. - -»Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten hätte? -- Was ist -denn dabei?« sagte Tschitschikow. - -»Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach diesem Benehmen noch -weiter besuche?« - -»Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal -ein Benehmen nennen,« sagte Tschitschikow kaltblütig. - -»Wieso kein >Benehmen<,« fragte Tentennikow erstaunt. - -»Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist bloß so -eine Gewohnheit dieser Herren Generäle: sie duzen alle Leute. Und -schließlich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten -Mann nicht einmal gestatten?« - -»Das ist ganz was andres,« versetzte Tentennikow, »wäre er nur ein alter -Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich, -wäre er kein General, dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich -_du_ zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.« - -»Tatsächlich, er ist ein Narr!« dachte Tschitschikow. »Einem zerlumpten -Kerl würde er es gestatten, einem General dagegen nicht!« Und nach -dieser Erwägung fuhr er laut fort: »Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er -Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie -beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurückgegeben. Aber wie -kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so -im Stiche lassen, die einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich -schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal -ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie auch drauf los gehen, komme was -da will. Wer achtet denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle -Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der -ganzen Welt, der nicht um sich schlägt und einen nicht anspuckt.« - -Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, er saß ganz -verblüfft da und dachte nur: »Ein zu seltsamer Mensch, dieser -Tschitschikow!« - -»Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!« dachte -Tschitschikow, und er fuhr laut fort: »Andrei Iwanowitsch, lassen Sie -mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so -unerfahren. Erlauben Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich -will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, daß die Sache -Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre -geringe Welt- und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.« - -»Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!« sagte Tentennikow -gekränkt »und kann auch Sie nicht dazu zu ermächtigen!« - -»Zum Kriechen bin ich nicht fähig,« versetzte Tschitschikow gleichfalls -gekränkt. »Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber -kriechen -- niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es -zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, meinen Worten einen so -beleidigenden Sinn unterzulegen.« - -»Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!« sagte Tentennikow -gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Händen. »Ich wollte -Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr -wertvoll. Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch auf, wir -wollen nie wieder über diese Sache reden!« - -»Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, zum General«, sprach -Tschitschikow. - -»Wozu?« fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah. - -»Ich will ihm meine Aufwartung machen!« versetzte Tschitschikow. - -»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!« dachte -Tentennikow. - -»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!« dachte -Tschitschikow. - -»Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich -glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um -so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten -Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren -Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm -hinfahren!« - -»Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie -jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!« - -Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein -jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits -über die Eigenheiten des andern nachzudenken. - -Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr -und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen -Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um -dem General seine Aufwartung zu machen: -- da geriet Tentennikow in eine -solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine -eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung. -Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses -schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers. - -Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er -ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken. -Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte -es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke -eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich -in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. »Ein merkwürdiger Zustand!« -sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, -der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine -Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt -hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow. - - - Zweites Kapitel. - -In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow -über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg -- erst ging es durch den -Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch -gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte, -dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort -herrliche Fernblicke auftaten -- und endlich durch eine breite -Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute -des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln -über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt -auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit -reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses -erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen -wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab, -und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und -sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem -Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat -die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt -in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals -machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen -zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war -offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen -stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz -geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder »dreistöckig«, wie -man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine -Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen -Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General -Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen -und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns -Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt: -Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch -Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit, -Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe -nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts -ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die, -welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer -Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von -ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in -bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte -ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier -Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern -des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von -seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er -sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine -jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und -Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles -an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine -Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung; -auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und -daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm -unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu -glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande -genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen. -Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende -Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit -Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch -veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen -war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht -den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach -seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob -er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte -- er -blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und -Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte -jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens -Furcht oder Scheu ein. - -Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht _und_ Scheu. Er neigte den Kopf -ehrerbietig zur Seite, streckte die Hände aus, wie wenn sie ein Tablett -mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger -Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: »Ich habe es für meine Pflicht -gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den -Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern -verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer Exzellenz persönlich -vorzustellen.« - -Dem General schien diese Introduktion nicht zu mißfallen. Er machte eine -sehr gnädige Kopfbewegung und sagte: »Ich freue mich sehr, Ihre -Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?« - -»Das Feld meiner Tätigkeit,« sprach Tschitschikow, indem er sich im -Lehnstuhl niederließ -- aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig -seitwärts auf der Kante -- und mit der Hand die Stuhllehne festhielt, -»das Feld meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen -weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im -Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben -läßt sich mit einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen, -Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesäugt und -großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld. -Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag -weder ein Wort noch der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt -an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner -Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nächsten -Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...« - -»Bei wem, wenn ich fragen darf?« - -»Bei Tentennikow, Exzellenz.« - -Der General runzelte die Stirn. - -»Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer Exzellenz nicht die -schuldige Achtung erwiesen hat.« - -»Achtung! Wovor?« - -»Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,« sagte Tschitschikow. »Er kann -bloß das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: >Wenn ich Seiner -Exzellenz nur irgendwie ... denn ich weiß doch die Männer zu schätzen, -die das Vaterland gerettet haben,< sagt er.« - -»Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht böse!« versetzte -der General, der schon weit milder gestimmt war. »Ich habe ihn herzlich -lieb gewonnen und bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr -nützlicher Mensch werden kann.« - -»Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,« fiel Tschitschikow ein. »Ein sehr -nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr -schön.« - -»Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht -Verse oder so etwas.« - -»Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem -sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte, -Exzellenz ....« - -»Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?« - -»Eine Geschichte« ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es -nun, weil ein General vor ihm saß, oder wollte er der Sache bloß eine -größere Bedeutung beilegen, genug er fügte hinzu: »eine Geschichte der -Generäle, Exzellenz!« - -»Wie? der Generäle? Welcher Generäle?« - -»Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt aller Generäle ... -das heißt, ich wollte eigentlich sagen, der _vaterländischen_ Generäle.« - -Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt hatte, und war -daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger ausspucken mögen und sagte zu -sich selbst: Herrgott, was rede ich da für einen Blödsinn. - -»Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das? -Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne -Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um sämtliche Generäle die -existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen -haben?« - -»Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!« Und er dachte sich: -»Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!« - -»Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst -interessantes Material geben!« - -»Er hat nicht den Mut, Exzellenz!« - -»Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns -gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will -meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.« - -»Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,« sagte Tschitschikow, -er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: »Hm! die -Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch -ganz frech darauflos geschwätzt!« - -In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür -eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite -der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke -in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers -plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es -hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck -hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar -hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten -Menschen im Zimmer sah --. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in -die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals -schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten -Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm -stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn -man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden -können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil -schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine -schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte -bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen. -Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend -an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären -zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte. -Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre -Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen -hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes -berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib -gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde -festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen, -wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man -sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor -gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers -genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und -schmächtig. - -»Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!« sagte der General, indem -er sich an Tschitschikow wandte. »Übrigens verzeihen Sie, ich kenne -Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...« - -»Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch -durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,« entgegnete -Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte. - -»Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!« - -»Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!« sagte Tschitschikow, indem er sich -beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der -Elastizität eines Gummiballs zurücksprang. - -»Ulinka!« fuhr der General fort. »Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine -äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist -gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an -einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.« - -»Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,« sagte sie schnell. »Das -konnte doch höchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so -vertraust, Papa, und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.« - -»Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, das ist wahr!« sagte der -General. - -»Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur -oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, und seine eigene Schwester -aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, häßlicher -Mensch.« - -»Aber das erzählt man doch bloß von ihm.« - -»Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen, -Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem -Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weißt, daß -er schlecht ist.« - -»Sehen Sie,« sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. »So liegen wir -uns stets in den Haaren!« Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr -fort: »Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!« sagte der -General. - -»Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel -Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schließen!«(7) - -Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls ein Wörtchen -zu sagen. - -»Jedes Wesen verlangt nach Liebe,« sprach Tschitschikow. »Was soll man -machen? Auch das Tier liebt, daß man es streichelt, es steckt seine -Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele -mich.« - -Der General fing an zu lachen. »Ganz recht: so ist es. Es steckt seine -Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß -die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt -er, daß man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha!« Der -General schüttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals -dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch -mit dicken Achselklappen geschmückt wären. - -Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelächter aus -Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he, -he, he! Auch er schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine -Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen. - -»So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann -noch, daß man ihn dafür belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und -abquälen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!« sagte er. »Ha, -ha, ha, ha!« - -Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche Gesicht des -Mädchens: »Papa! Ich verstehe nicht, wie du bloß lachen kannst! Mich -stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß -traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz öffentlich und vor -allen Leuten einen Betrug verübt, und ihn nicht die Strafe der -allgemeinen Verachtung trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir -vorgeht, dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke und denke -und ....« Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen. - -»Bitte, sei uns nur nicht böse,« sagte der General. »Wir sind doch ganz -unschuldig an der Sache. Nicht wahr?« fuhr er fort, indem er sich an -Tschitschikow wandte. »So, nun gib mir einen Kuß und geh auf dein -Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum -Mittagessen.« - -»Du ißt doch bei mir?« sagte der General und warf Tschitschikow einen -Blick zu. - -»Wenn Eure Exzellenz bloß ...« - -»Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für dich reichen. Gott sei Dank! -Wir haben heute Kohlsuppe.« - -Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und ließ den Kopf -ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle Gegenstände im Zimmer einen -Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe -sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung -verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon -nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von -einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem -Backenbart, der, eine silberne Schüssel und ein Waschbecken in den -Händen hielt. - -»Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart umkleide!« - -»Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr -steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen -beliebt, Exzellenz.« - -Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die -Hemdärmel an den athletischen Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich -zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das -Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer. - -»Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben,« sagte -er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfältig abtrocknete -... »Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun -einmal nicht auf zu stehlen!« - -Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung -war plötzlich über ihn gekommen. »Der General ist ein lustiger und -gutmütiger alter Herr! Man könnte es am Ende versuchen!« dachte er und -als er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war, -rief er aus: »Exzellenz! Sie sind so gütig und aufmerksam gegen -jedermann! Ich habe eine große Bitte an Sie zu richten.« - -»Was für eine Bitte?« -- Tschitschikow sah sich vorsichtig um. - -»Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat -dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe. -Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und -zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. Er gibt -einen höchst seltsamen Grund dafür an: >Ich kenne meinen Neffen nicht,< -sagt er, >vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir -erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und sich selbst erst -einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert -dazugeben.<« - -»Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz närrisch?« fragte der General. - -»Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er bloß ein Narr wäre. Das -wäre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage, -Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, und -diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich doch in acht nehmen, daß -er ihr nicht noch sein ganzes Vermögen vermacht.« - -»Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze,« sagte -der General. »Ich sehe nur keine Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen -könnte!« fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah. - -»Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie -besitzen, überlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines -Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich -dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft -aushändigen.« - -Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch -gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf -über die Rücklehne und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in -Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, und die Tochter kam -ganz erschrocken herbeigelaufen. - -»Papa, was ist geschehen?« rief sie entsetzt und sah ihn bestürzt an. -Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu -geben. »Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf -dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht. -Ha, ha, ha.« - -Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er -mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus, -vom Vorzimmer bis zur letzten Stube. - -Tschitschikow wurde ein wenig unruhig. - -»Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha. -Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote -kriegt. Ha, ha!« - -»Es geht schon wieder los!« dachte Tschitschikow. »Ist der kitzlich! Er -wird noch platzen!« - -»Ha, ha, ha!« fuhr der General fort. »So ein Esel! Wie einem nur so -etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert -Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist -wahrhaftig ein Esel!« - -»Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!« - -»Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern -abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich -nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was ist er -eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?« - -»Gegen achtzig Jahre!« - -»Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? Er muß doch noch recht -kräftig sein, wenn er mit der Schließerin zusammenlebt?« - -»Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!« - -»So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!« - -»Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!« - -»Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den -Beinen?« - -»Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.« - -»So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? Wie? Hat er noch -Zähne?« - -»Nur noch zwei, Eure Exzellenz!« - -»So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. -- Er ist zwar dein -Onkel, aber ist _doch_ ein Esel.« - -»Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist -und es mir schwer wird, es einzugestehen, daß Sie recht haben, aber was -soll ich machen?« - -Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer, -dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen -Onkel besessen hatte. - -»Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...« - -»Dir die toten Seelen abzukaufen? Für diesen großartigen Gedanken sollst -du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du -darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha. -Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.« - -Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue durch alle Zimmer.[1] - -[Fußnote 1: Hier fehlt ein größeres Stück, das den Übergang vom zweiten -zum dritten Kapitel bilden sollte. - - Anm. d. Herausg. - ] - - - Drittes Kapitel. - -Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das garnicht -übel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf -freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter -ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei -kleine Wolken in der Ferne. - -»Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow -erkundigt, Seliphan?« - -»Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu -tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher -nach dem Wege gefragt.« - -»So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du dich nicht auf Petruschka -verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.« - -»Das ist doch keine große Weisheit,« sagte Petruschka, indem er sich ein -wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. »Wir -müssen bloß den Berg hinabfahren, und dann geht's längs der Wiese -weiter, das ist das Ganze!« - -»Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund genommen! Das ist das -Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der -Kerl setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.« Nach diesen -Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn und dachte: »Es ist doch -ein großer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren -Stände und so einer groben Lakaienphysiognomie.« - -Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man -nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen. - -Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig die kaum merkliche -Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und -Windmühlen vorbei; donnernd rollte der Wagen über die Brücken und tanzte -mit Schwanken über das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht _ein_ -Hügel, noch eine einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen -Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste -Wonne und keine Equipage. - -Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei -und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan -und Petruschka beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie -sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem -fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bäume und auf den, der sie -gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, seine -Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte, -dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder -passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu -den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue -Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer -dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht -einzuhüllen. Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und -Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden -Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, die glänzende Fläche -wurde immer größer ... vor ihnen lag ein See -- ein mächtiger -Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem -gegenüberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten auf. Dies -war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa -zwanzig Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse -im Wasser stehend, waren damit beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen. -Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen -ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefähr ebenso breit als -lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage -war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: »Dionys, du Klotz! -gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der -Hand. Stoß doch nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, wo -der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag's euch, ihr werdet noch das -Netz zerreißen.« Offenbar fürchtete sich die Wassermelone nicht für ihre -Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die -tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie -immer wieder empor; ja es hätten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf -den Rücken setzen können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie -eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig gestöhnt und mit -der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte große Angst, das Netz -könne reißen und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten ihn -mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen. - -»Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,« sagte Seliphan. - -»Warum?« - -»Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der ist viel weißer -als bei den andern, und auch sein Umfang ist beträchtlich, wie sich's -für einen vornehmen Herrn schickt.« - -Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend -näher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Füßen -fühlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die -den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow. - -»Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« rief der Herr ihm entgegen, indem -er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch -ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen in einem -durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm über die -Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer -unten, ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem -Bade entsteigt. - -»Nein,« versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab und grüßte -verbindlichst aus der Kutsche. - -»Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!« - -»Wieso?« fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze über dem Kopfe -haltend. - -»Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! Laß das Netz los, und nimm -den Stör aus dem Behälter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!« - -Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behälter hervor --- »Seht mal, was für ein Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher -verirrt!« rief der kugelrunde Herr. »Fahren Sie nur in den Hof hinein! -Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemüsegarten! Lauf doch großer -Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich -komme gleich nach ...« - -Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, ganz so wie er war, im -bloßen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte -hingen allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern -waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen -fuhr zwischen Gemüsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe -der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dächer der -Gutsgebäude. - -»Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!« dachte Tschitschikow. - -»So, da bin ich!« erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah -sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrünen Nankingrock, gelben -Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er saß -seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow -wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden. -Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit -den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hörte man die Stimmen -rufen: >Großer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!< Als aber -Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den -dicken Gutsbesitzer zu seinem größten Erstaunen schon auf der Treppe -stehen, wo er den Ankömmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in -seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen war -- dies blieb -ein Rätsel. Man küßte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer -Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages. - -»Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu überbringen,« sagte -Tschitschikow. - -»Von welcher Exzellenz?« - -»Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.« - -»Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?« - -»General Betrischtschew,« versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen. - -»Ich kenne ihn nicht,« entgegnete jener erstaunt. - -Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick größer. - -»Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergnügen, mit dem -Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?« - -»Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern -bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!« -versetzte der Hausherr. - -Tschitschikow war starr vor Staunen. »Nicht möglich?« sagte er, indem er -sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem -Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß auf dem -Bock, der andere stand an der Wagentüre. »Was habt ihr bloß gemacht, ihr -Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow -fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...« - -[Fußnote 2: Petuch = deutscher Hahn.] - -»Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Küche, laßt euch ein -Glas Schnaps geben ...« rief Peter Petrowitsch Petuch. »Spannt die -Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!« - -»Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So plötzlich! ...« stammelte -Tschitschikow. - -»Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen -schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte -schön,« sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins -Innere des Hauses führte. Hier kamen ihnen zwei Jünglinge in -Sommeranzügen entgegen; beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und wohl -eine Arschin[3] länger als ihr Vater. - -»Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur während der Ferien -hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du, -Alexascha, komm mit mir.« Mit diesen Worten verschwand der Hausherr. - -Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte eine -Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien sich zu einem -lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. Er erzählte Tschitschikow -sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er -und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es -sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ... - -[Fußnote 3: Arschin = 2/3 Meter.] - -»Ich verstehe schon,« dachte Tschitschikow, »euch locken die Boulevards -und Cafés ...« Dann aber fragte er ihn laut: »Sagen Sie, wie steht es -mit dem Gute Ihres Vaters?« - -»Ich habe Hypotheken darauf!« fiel hier der Vater selbst ein, der -plötzlich wieder im Salon auftauchte: »Mehrere Hypotheken.« - -»Schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow: »Bald wird es kein Gut -mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...« -»Sie hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,« -sagte er mit teilnehmender Miene. - -»O nein. Das macht nichts!« versetzte Petuch. »Man sagt, es sei sogar -vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht -hinter den andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben -lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine -Söhne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische -Bildung haben.« - -»So ein Narr!« dachte Tschitschikow: »er wird alles durchbringen und -auch seine Söhne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so -schönes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern -haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst -ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles -zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der -Windbeutel.« - -»Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch. - -»Wie?« sagte Tschitschikow etwas verlegen. - -»Sie denken: >Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst lädt er einen zum -Mittagessen ein, und läßt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht -aufgetragen.< Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf, -ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als -das Essen auf dem Tisch stehen wird.« - -»Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!« sagte Alexascha, -der am Fenster stand und hinausblickte. - -»Er reitet auf seinem Fuchs!« fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem -Fenster beugte. - -»Wo? Wo?« schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster. - -»Wer ist das, Platon Michailowitsch?« fragte Tschitschikow Alexascha. - -»Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein _vortrefflicher_ -Mensch, ein ganz _ausgezeichneter_ Mensch,« antwortete der Hausherr -selbst. - -In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schöner -schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem -Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem -Fuße. - -»Haben Sie schon gegessen?« - -»Ja danke!« - -»Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu machen. Was soll ich mit -Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?« - -Der Gast lächelte und sagte: »Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut -wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.« - -»Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für einen Fang gemacht -haben! Was für ein Stör uns ins Netz gegangen ist! Und was für -Karauschen und Karpfen dazu!« - -»Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hört. Warum sind Sie -immer so guter Laune?« - -»Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte Sie!« sagte der -Hausherr. - -»Wie? Warum? -- Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.« - -»Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich -satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trübsinn -und diese Melancholie. Früher war man nie melancholisch.« - -»Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll. -Am Morgen -- da schläft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht -schon der Koch vor einem, und man muß das Menu für das Mittagessen -zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht -fischen und eh man sich's versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen. -Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, denn -schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot bestellen, nach -dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man muß wieder ans Mittagessen -für _morgen_ denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?« - -Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen -Ankömmling, der ihn durch seine außergewöhnliche Schönheit, seine -schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten -Jugendkraft und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem Pickel -verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch -Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit -einer Gemütsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines -Antlitz berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, aber -freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. Sein Gesicht behielt -stets etwas Schläfriges, trotz des ironischen Lächelns, das es bisweilen -erheiterte. - -»Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht -verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig -sein kann!« sagte Tschitschikow. »Wenn man natürlich an Geldmangel -leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem -nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...« - -»Glauben Sie mir,« unterbrach ihn der schöne Gast, »glauben Sie mir, daß -ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer -kleinen Aufregung _sehne_? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern -wollte, oder etwas derartiges -- aber nicht einmal _das_ passiert einem. -Das Leben ist bloß langweilig -- das ist alles.« - -»Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.« - -»Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend -Acker und über tausend Seelen.« - -»Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten -Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele -Bauern verloren?« - -»Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein -Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.« - -»Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich -nicht,« sprach Tschitschikow achselzuckend. - -»Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,« sagte der -Hauswirt, »Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er -soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz -Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der -Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?« - -Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb -Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den -Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von -verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze -Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener -bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte -Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der -Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz -vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn -und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom -Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne -ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein -Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das -ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag! - -Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier -verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen. -Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller -hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: »In -der Welt _paart_ sich alles, Mensch, Tier und Vogel!« Hatte einer _zwei_ -Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein _drittes_ auf, indem -er bemerkte: »Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind -drei.« Hatte der Gast _drei_ Stücke gegessen, so rief er schon: »Haben -Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte -gesehen?« Auch auf die Zahl _vier_, auf die fünf usw. hatte er ein -Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf -Stücke verschlungen und dachte: »Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl -nichts mehr einfallen!« Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen, -legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes -samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes! - -»Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,« sagte der Hausherr. -»Ich hab's gepflegt wie mein eigenes Kind.« - -»Ich kann nicht mehr!« stöhnte Tschitschikow. - -»Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!« - -»Es geht nicht mehr rein! Ich hab' keinen Platz mehr im Magen.« - -»In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und -sieh da, es fand sich doch noch ein Plätzchen. Dabei war ein solches -Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses -Stückchen -- das ist auch ein Polizeimeister.« - -Tschitschikow kostete, und in der Tat -- das Stück hatte große -Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz, -und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein. - -»So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner -Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr!« Er wußte noch -nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu -gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen in drei Jahren -- was sage -ich in drei Jahren! -- in drei Monaten durchbringen. - -Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt nach; was die Gäste -stehen ließen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein -Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier -sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der -Hauptstadt besonders pflegen würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen -geschah; sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, um hier -sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in -dem seinen Platz genommen, als er sofort zurücksank und einschlief. Sein -wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg und ließ -dem offenen Mund und den Nasenlöchern solche Töne entströmen, wie sie -selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier -mischten sich Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen -Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell hatten. - -»Hören Sie, wie der pfeift?« sagte Platonow. - -Tschitschikow mußte lachen. - -»Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da -die Langeweile kommen? Da übermannt einen der Schlaf -- nicht wahr? Ja. -Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man -schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.« - -»Und die wären?« - -»Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ... -irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel -nicht heiraten?« - -»Wen nur?« - -»Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen Mädchen gäbe!« - -»Es gibt keine!« - -»Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise« ... -Plötzlich fiel Tschitschikow eine großartige Idee ein. »Da haben Sie das -beste Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!« sagte er, indem er Platonow -in die Augen blickte. - -»Was für eins?« - -»Reisen.« - -»Wohin soll man denn reisen?« - -»Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir,« sagte Tschitschikow -und dachte sich, während er Platonow betrachtete: »Das wäre fein. Er -könnte die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur könnte er -eigentlich _allein_ übernehmen.« - -»Und wohin fahren Sie?« - -»Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als -im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von -mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von -seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natürlich -sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem -eigenen Vergnügen: denn die Welt kennen lernen, sich in den großen -Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen -- man mag sagen was man -will, das ist gewissermaßen ein lebendes Buch und auch eine Art -Wissenschaft.« Und während er dies sagte, dachte er sich: »Wirklich, es -wäre fein. Er könnte sogar die _ganzen_ Kosten tragen, am Ende könnten -wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen würden sich die meinigen auf -seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.« - -»Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?« dachte unterdessen -Platonow. -- »Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, für die -Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im -mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht -mitreisen?« -- »Wären Sie unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei -meinem Bruder zu Gaste zu bleiben?« sagte er laut. »Sonst läßt mich mein -Bruder nicht fort.« - -»Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen sogar drei Tage.« - -»Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!« sagte Platonow lebhaft. - -Tschitschikow schlug ein. »Bravo. Wir fahren!« - -»Wohin? Wohin?« rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war, -und sie erstaunt anstarrte. -- »Nein, liebe Herren, ich habe die Räder -von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt, -Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn Werst weit von hier. Nein, heute -müssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas -früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen reisen.« - -Was sollte man da machen? Man mußte sich schon zum Bleiben entschließen. -Dafür wurden sie durch einen wundervollen Frühlingsabend schadlos -gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit -vierundzwanzig Rudern führten sie unter frohen Gesängen über den -spiegelglatten Rücken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Fluß, -der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von -flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort über Taue hinwegfahren, -die quer durch den Fluß gezogen, und an denen Netze befestigt waren. -Auch nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz still und -lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorüber, und -dunkele Gehölze und Haine entzückten ihren Blick durch die mannigfache -Anordnung und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem Takt legten sich -die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig -plötzlich wie ein Mann in die Höhe -- und wie von selbst, einem leichten -Vogel gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel dahin. -Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann -vom Steuer, machte den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen -Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an, -dann fielen fünf andre ein, sechs weitere lösten sie ab, und laut -schwoll an und ergoß sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie -Rußland selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und -unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der -eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker hatte; ja sogar -Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein -Russe sei. Nur Platonow dachte: »Was ist eigentlich schönes an diesem -melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon -ist.« - -Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. Es wurde finster; die -Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr -spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel. -Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten auf Dreifüßen -eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Bärschen. Alles war schon zu -Hause. Das Vieh und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der -Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an -den Toren und warteten auf die Milchtöpfe und auf eine Einladung zur -Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die -Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herüber. Der -Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu -hüllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber -es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar -feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die -Nacht zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an -Moskau, an die Café's und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus -der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr -Vater dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern könnte, und -Platonow gähnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: »nein wirklich, -ich muß mir auch einmal ein Gut kaufen!« Und er sah sich schon im Geiste -an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar -kleiner Tschitschikows. - -Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm -zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da -befühlte er seinen Bauch und sagte: »Die reinste Trommel! Da geht kein -Polizeimeister mehr hinein!« Die Umstände fügten es so merkwürdig, daß -sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die -Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man alles hören, was -nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter -dem Namen eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für den -morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! Bei einem Toten wäre -noch der Appetit erwacht! - -»Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,« sagte er, indem er -mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. »Ein Viertel füllst -du mit den Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei, -Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und noch so was Ähnlichem, -na du weißt schon ... Auf der einen Seite mußt du sie recht braun -backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor -allem achte auf die Füllung -- die muß gründlich geschmort werden, daß -sie sich auch ordentlich verbindet, weißt du, und ja nicht -auseinanderfällt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf -es selbst kaum merken.« Während er dies sagte, schnalzte Petuch wieder -mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich. - -»Hol's der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,« dachte Tschitschikow -und zog sich die Decke über den Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber -das half ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch. - -»Und garniere mir den Stör auch recht fein mit Sternchen aus roten -Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rüben, Möhren, -Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht viel -Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt du mit Eis füllen, damit er -auch ordentlich aufgeht!« - -Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. Immer wieder hörte -man ihn sagen: »Brat ihn mir, und back ihn mir auch recht durch, und -dämpfe sie mir gründlich!« Als er endlich bei einem Truthahn angelangt -war, schlief Tschitschikow ein. - -Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll, daß Platonow nicht -mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. Petuch's Reitknecht mußte den -Hengst nach Hause bringen. Dann bestieg man die Equipage. Der -großschnauzige Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich -gleichfalls vollgefressen. - -»Nein, das geht zu weit!« sagte Tschitschikow, als sie den Hof verlassen -hatten. - -»Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das ärgerlichste.« - -»Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte, dann dürfte mir der -Trübsinn nicht einmal zur Türe herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist -der Branntweinpächter Murasow -- der hat zehn Millionen. Leicht gesagt, -zehn Millionen -- das nenne ich ein Sümmchen!« - -»Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen kleinen Abstecher -machen? Ich möchte mich gern noch von meiner Schwester und von meinem -Schwager verabschieden.« - -»Aber mit dem größten Vergnügen!« sagte Tschitschikow. - -»Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der erste hier in der Gegend. -Er bezieht Einkünfte im Werte von zweimal hunderttausend Rubel von einem -Gut, das vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.« - -»Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer Mensch -sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen Mann kennen zu lernen. Ich -bitte Sie ... Denken Sie doch nur ... Und wie heißt er?« - -»Kostanshoglo.« - -»Und sein Vor- und Vatername, wenn ich bitten darf?« - -»Konstantin Fjodorowitsch.« - -»Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin wirklich begierig auf -seine Bekanntschaft! Von einem solchen Mann kann man viel lernen.« - -Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan zu instruieren, was sehr -notwendig war, da dieser sich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte. -Petruschka war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen, und es -war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem Kutschbock festzubinden. - -»So ein Schwein!« Das war alles, was Tschitschikow sagen konnte. - -»Sehen Sie! da fangen seine Güter an!« sagte Platonow. »Das sieht doch -gleich ganz anders aus!« - -Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde bewachsene Schonung, --- jedes Bäumchen war schlank und gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man -ein zweites gleichfalls noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob -sich ein alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die -andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein Streifen _junger_ und -dahinter ein Streifen alter Wald. Dreimal nacheinander fuhren sie durch -den Wald, wie durch ein Tor in einer Mauer: »Dieser ganze Wald ist kaum -acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig Jahre warten, und -selbst dann ist er noch nicht so hoch.« - -»Wie hat er es aber nur gemacht!« - -»Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher Kenner des Grund -und Bodens -- bei dem geht nichts verloren. Er kennt nicht nur den Boden -ganz genau, er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen und -jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume er neben dem Getreide -pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt bei ihm immer gleichzeitig drei bis -vier Funktionen. Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern -auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle so und so viel -Feuchtigkeit brauchen und so und so viel Schatten spenden, und die -trockenen Blätter benutzt er zum Düngen des Bodens ... Wenn überall -rings umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster Ordnung; -alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein braucht sich nicht zu -beklagen. Schade, daß ich selbst so wenig von diesen Dingen verstehe und -nicht zu erzählen weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe und -Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein einen Zauberer. Was der -nicht alles hat! ... Und doch! Trotzalledem ist es langweilig!« - -»Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!« dachte -Tschitschikow. »Es ist sehr bedauerlich, daß der junge Mann so -oberflächlich ist und einem nichts erzählen kann.« - -Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhöhen -gelegenen Hütten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der -drei Hügel war von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige -Getreide- und Heuschober stehen. »Hm!« dachte Tschitschikow, »man merkt -gleich, daß hier ein königlicher Gutsbesitzer wohnt!« Die Hütten waren -alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen -stehn -- und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man -begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh -war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus -wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die -Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln -nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenplätze, -noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte -eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhäusern bis dicht ans -Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was rund -um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob -sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war -nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der schönen -Aussicht ergötzen könnten, sondern um die Arbeiter auch auf den -entferntesten Feldern ständig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an -der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit -mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine -Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an, -wie sie die Kosacken zu tragen pflegen. - -Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine -frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schön wie Gottes -heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem -Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer -heiter und gesprächig war. - -»Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du gekommen bist. Konstantin -ist leider nicht zuhause, aber er muß bald kommen.« - -»Wo ist er denn?« - -»Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,« sagte sie, während sie -die Gäste ins Zimmer geleitete. - -Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwürdigen -Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte, -denn er glaubte, er werde aus _dieser_ den Charakter und das Wesen des -Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster -oder von dem leeren Schneckengehäuse auf die Schnecke schließt, die es -einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das -Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Zimmer -waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es -weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem -Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, alles deutete darauf -hin, daß das Wesen, das hier hauste, sich den größten Teil seines Lebens -garnicht innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde -aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und sybaritisch im -weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte und dort seinen Gedanken -nachhing, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit -einfielen und auch _dort_ ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte -Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen häuslichen Sinnes -entdecken: auf den Tischen und Stühlen lagen Bretter von Lindenholz, auf -denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren. - -»Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester?« sagte -Platonow. - -»Das ist doch kein Plunder!« versetzte die Hausfrau. »Das ist das beste -Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit -kuriert. Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht -werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem -eingelegten Gemüse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es -eßt.« - -Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten. - -»Herrgott, das alte Zeug!« sagte er, »Schämst du dich gar nicht, -Schwester?« - -»Nimm mir's nicht übel, Bruder, ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit -Musik abzugeben. Ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik -abzugeben. Ich habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß. -Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen, bloß damit -ich genug freie Zeit habe, um mich mit Musik zu beschäftigen? -- Nein -entschuldige, das tue ich denn doch nicht!« - -»Bist du langweilig geworden, Schwester!« sagte der Bruder und trat ans -Fenster: »Ah, da ist er ja schon, er kommt, eben kommt er!« rief -Platonow. - -Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann von etwa vierzig -Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, in einer Jacke von Kamelhaaren -kam auf das Haus zugeschritten. Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu -achten. Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei Männer -niederen Standes, mit respektvoll entblößtem Haupte, in einer lebhaften -Unterhaltung begriffen; der eine war ein einfacher Bauer, der andre ein -durchreisender Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit langen -Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen blieben, konnte man ihr -Gespräch deutlich im Zimmer hören. - -»Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft euch bei eurem Herrn -los. Ich will euch die Summe meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja -allmählich bei mir abarbeiten!« - -»Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir uns loskaufen? Nehmen -Sie uns lieber ganz zu sich. Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen. -Einen so klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der ganzen Welt. -Heutzutage hat man seine Not, man kann sich nicht genug in acht nehmen. -Die Kneipwirte haben euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im -Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser austrinken -möchte: eh man sich's versieht, ist die letzte Kopeke ausgegeben. Die -Versuchung ist auch allzugroß. Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei -Gott! Was erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu machen! -Tabak und all diese Finessen. Was soll man anfangen, Konstantin -Fjodorowitsch? Man ist auch nur ein Mensch -- man läßt sich halt leicht -verführen.« - -»Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes. Wenn ihr zu mir kommt, -dann seid ihr doch auch nicht frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was -ihr braucht: eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was von -meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei mir müssen sie vor -allem _arbeiten_ -- das ist das erste; ob nun für mich oder für sich -selbst, das ist ganz gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite -ja auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil ich es an mir -selbst erfahren habe: all diese Schrullen kommen einem bloß in den Kopf, -weil man nicht arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt -sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.« - -»Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin Fjodorowitsch. Selbst -die alten Leute bei uns sagen schon: >bei Ihnen sind die Bauern alle -reich, das ist doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig -und so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, und jetzt haben -wir niemanden, der einen rechtschaffen beerdigen könnte.<« - -»Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber mit der Gemeinde.« - -»Wie Sie befehlen!« - -»Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind schon so gut und gehen -etwas mit dem Preise herunter,« sagte der durchreisende Kaufmann im -langen blauen Rock, der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt. - -»Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin -nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann -erscheinst, wenn sie ihre fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne -euch viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche Zahlungen zu -machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer -verzweifelten Lage, da gibt er euch natürlich alles um den halben Preis -her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei -mir können die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe -keine Hypothekengelder zu bezahlen!« - -»Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch -nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus -Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!« -Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen schmutziger Banknoten -aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie -nachzuzählen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche. - -»Hm,« dachte Tschitschikow, »wie wenn das sein Taschentuch wäre!« Doch -jetzt erschien Kostanshoglo in der Türe des Salons. Er machte einen -tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die -struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten -Anflug von Grau erkennen ließen, den lebhaften Ausdruck der Augen und -seine etwas gallige Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er -war kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, woher seine -Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum; -das paßte nicht in sein System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft -damit nicht viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen, -und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen. - -Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich. - -»Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu -machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine -Langeweile los werden,« sagte Platonow, »Pawel Iwanowitsch hat mir -vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.« - -»Das ist ja vortrefflich!« sagte Konstanshoglo. »Und welche Gegend -gedenken Sie zu besuchen?« fuhr er fort, indem er sich liebenswürdig an -Tschitschikow wandte. - -»Ich muß gestehen,« sagte Tschitschikow, indem er den Kopf höflich auf -die Seite neigte und mit der Hand über die Stullehne strich, »ich muß -gestehen, daß ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im -Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl -sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige -von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natürlich -sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem -eigenen Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen für -die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und -Strudel des Menschenvolkes zu stürzen -- das ist sozusagen ein lebendes -Buch und auch eine Art Wissenschaft.« - -»Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.« - -»Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist wirklich gut. Man -sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen hätte, und trifft mit -Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche -Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir -eine so glückliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie, -verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie -mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit. -Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.« - -»Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren?« sprach -Kostanshoglo verlegen. »Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen -Lehrgeld bezahlt.« - -»Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die Weisheit und die -Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft zu regieren, einen sicheren -Gewinn zu erzielen, Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen -eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn das ist doch die -Pflicht eines jeden Bürgers und damit verdient man sich die Achtung -seiner Mitmenschen.« - -»Wissen Sie was?« sagte Kostanshoglo und sah ihn nachdenklich an, -»bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen die ganze Einrichtung -zeigen und Ihnen alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier -nicht finden.« - -»Aber natürlich! Bleiben Sie doch!« fiel die Hausfrau ein; dann wandte -sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: »Bleib doch, Bruder, du hast -doch keine Eile.« - -»Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch nichts dagegen hat?« - -»Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen ... Da ist nur noch ein -Umstand: ein Verwandter des General Betrischtschew, der Oberst -Koschkarow ...« - -»Der ist aber doch verrückt!« - -»Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch gar nicht besucht, -aber General Betrischtschew, wissen Sie, ein guter Freund von mir, und -sozusagen mein Wohltäter ...« - -»Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,« sagte Kostanshoglo: -»fahren Sie doch gleich zu ihm, er wohnt keine zehn Werst von hier. Mein -Wagen ist angespannt -- setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. Zum -Tee können Sie schon wieder zurück sein.« - -»Eine großartige Idee!« rief Tschitschikow aus und griff nach dem Hut. - -Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten. -Im Dorfe ging es drunter und drüber: hier wurde gebaut, dort eine -Reparatur vorgenommen, überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen und -Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser, die wie Gerichtsgebäude -aussahen. Auf dem einen befand sich eine Inschrift in goldenen Lettern: -»Depot für landwirtschaftliche Werkzeuge«, auf einem andern las man: -»Hauptrechnungskammer«, »Komitee für Gemeindeangelegenheiten«, -»Normalschule für Landleute«. Mit einem Wort, weiß der Teufel, was es da -nicht alles gab! - -Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der Feder in den Zähnen. Der -Oberst empfing Tschitschikow außerordentlich freundlich. Er machte den -Eindruck eines äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing er -an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet habe, sein Gut auf -die Höhe zu bringen, auf der es sich jetzt befindet; er beklagte sich -schmerzlich darüber, wie schwer es sei, den Bauern begreiflich zu -machen, was die »höheren Antriebe« sind, die der Mensch nur aus einem -vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung mit Wissenschaften und -Künsten gewinnt; daß es ihm noch immer nicht gelungen sei, die -Bäuerinnen zu veranlassen, doch ein Korsett anzulegen, während er in -Deutschland, wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die Tochter eines -einfachen Bauern kennen gelernt habe, die Klavier spielen konnte; -dennoch aber werde er den Trotz der Unwissenheit und Unbildung brechen, -und es bestimmt erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während sie -hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise über den -Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils und die chemische -Analyse des Bodens unterrichten. - -»Daß du dich nur nicht täuschst!« dachte Tschitschikow. »Denken Sie -bloß, ich habe die »Gräfin Laveillère« bis heute noch nicht gelesen. Ich -kann immer keine Zeit dazu finden.« - -Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die Menschen wohlhabend -und glücklich machen könne. Eine besondere große Bedeutung legte er der -Kleidung bei: er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte -aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen wollte, -die Wissenschaften emporblühen, der Handel sich heben und das goldene -Zeitalter für Rußland anbrechen würde. - -Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ihn ruhig an und -sagte schließlich zu sich selbst: »Ich glaube, mit dem brauche ich mich -nicht zu genieren;« und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig, -zuvor aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und dazu bedürfe -es _der_ und _der_ Formalitäten. - -»Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,« sagte der Oberst, ohne auch -nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten, »ist das ein _Gesuch_, das -Sie an mich richten! Nicht wahr?« - -»Sehr richtig.« - -»Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu formulieren. Das Gesuch -muß nämlich erst ins »Bureau für Berichte und Anzeigen«, dort wird es -signiert, und erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf an -das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von dort geht es an den -Verwalter, der Erhebungen anstellen wird, und der Verwalter läßt es -endlich zusammen mit dem Sekretär ...« - -»Ich bitte Sie!« sprach Tschitschikow, »auf diese Weise wird sich ja die -Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein solcher Gegenstand läßt sich -doch nicht schriftlich behandeln. Das ist ja so eine delikate ... -Angelegenheit, die ... Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot -...« - -»Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß die Seelen gewissermaßen -schon tot sind.« - -»Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man doch nicht -niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so soll es doch den -Anschein haben, als ob sie noch leben ...« - -»Gut, dann schreiben Sie eben: _es ist nötig, oder es ist erwünscht, -oder man legt Wert darauf, daß es den Anschein habe, als ob sie noch -leben_. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie -bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann -mitgeben, der Sie überallhin begleiten wird.« - -Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe. - -»Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.« Gleich darauf trat auch der -Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was -er war, ein Bauer oder ein Beamter. »Er wird Sie überall hinführen.« - -Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich aus Neugierde, dem -Kommissar zu folgen und diese so überaus wichtigen Instanzen kennen zu -lernen. Das »Bureau für Berichte und Anzeigen« stand nur auf dem -Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus -Chryljow war in das soeben gegründete Komitee für Gemeindebauten -versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch -der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen -daher in das Departement für Gemeindeangelegenheiten -- da wurden jedoch -gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der -betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich auch nichts -herausbringen. »Bei uns herrscht eine große Unordnung!« sagte -schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. »Die Leute tanzen unserem -Herrn alle auf der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission ab; -sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie überallhin, -wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen -Vorteil.« Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission. -Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten -zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein großer Wirrwar, -man könne sich da unmöglich zurechtfinden, und ein Bureau für Berichte -und Anzeigen gäbe es überhaupt nicht. - -Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte Tschitschikow dankbar -die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfaßte acht in strengstem Tone -gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmächtig -über Beamte verfügt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehörten? wie -der Oberverwalter es habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich -entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten -zuvor einem andern übergeben zu haben? und wie das Komitee für -Gemeindeangelegenheiten ruhig darüber hinweggehen konnte, daß es -überhaupt kein Bureau für Anzeigen und Berichte gebe? - -»Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!« dachte Tschitschikow und wollte -schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow: - -»Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich -will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte -Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel -wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität beendigt. -Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht -allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich -einstweilen in meine Bibliothek verfügen zu wollen,« fuhr der Oberst -fort, indem er eine Seitentür öffnete: »Hier finden Sie Bücher, Papier, -Federn, Bleistifte -- mit einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte! -alles steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären. Die -Aufklärung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.« - -So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow in die Bibliothek -geleitete. Diese war ein mächtiger Saal der von unten bis oben mit -Büchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden -sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bücher über -Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau, -Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt -werden, bloß damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest. -Als Tschitschikow sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher waren, die -sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu -vertreiben, ging er an den nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus -dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als -_philosophische_ Bücher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs -gewaltige Bände mit der Ueberschrift: »Einführung in die Lehre vom -Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer -Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polarität in -der gesellschaftlichen Produktivität.« Was für ein Buch Tschitschikow -auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von: -_Erscheinung_, _Entwickelung_, _Abstraktion_, _Geschlossenheit_, _An und -Für sich sein_, mit einem Wort, weiß der Teufel, was nicht alles in so -einem Buche stand! »Das ist nichts für mich,« sagte Tschitschikow, und -ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter _kunstgeschichtliche_ -Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen Folianten mit Bildern aus der -antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige -Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blättern. Solche Bilder -gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch -alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche -gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen -Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten ähnlichen übergehen, -als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in -der Tür erschien. - -»Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit erledigt! Der -Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür -will ich ihn aber auch über alle anderen erheben und ein eigenes -Departement für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was das für ein -heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig -geworden ist.« - -»Na, Gott sei Dank!« dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu -hören. Der Oberst begann mit der Vorlesung: - -»Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten -Auftrages gehe, habe ich die Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren -Kenntnis zu bringen: - -Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters und Kollegienrates -Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ein grundlegendes Mißverständnis -enthalten, denn die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden -unvorsichtiger Weise _tot_ genannt. Dahingegen wird er wahrscheinlich -Seelen gemeint haben, die dem Tode nahe sind, keineswegs aber absolut -tote Seelen. Zudem verrät auch schon diese Bezeichnung eine -Bildungsstufe, die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen -Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem Niveau einer -Gemeindeschule entspricht, denn die Seele ist _unsterblich_.« - -»So ein Schelm!« sagte Koschkarjow und hielt ein wenig inne. »Hier will -er Ihnen eines auswischen. Aber nicht wahr? welch eine gewandte, -schneidige Feder er führt!« - -»Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden, weder solche, die dem -Tode nahe sind, noch irgendwelche andre, die nicht schon hypothekarisch -belastet wären, denn sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit -einfachen, sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß noch -außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede Seele kommen, -ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, welches infolge eines Prozesses -mit dem Gutsbesitzer Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in -Nummer 42 der »Moskauer Nachrichten« zu lesen steht.« - -»Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? Wozu haben Sie mich -unnütz aufgehalten?« sagte Tschitschikow ärgerlich. - -»Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf dem richtigen -Instanzweg ergeben. Das ist doch kein Spaß. Unbewußt und sozusagen -instinktiv kann jeder Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein -geschehen.« - -Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und lief eilig zum Hause -hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten Pflichten des Anstandes zu -wahren: er war sehr böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor -der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen, -denn um Futter für die Tiere zu erhalten, hätte er erst ein -schriftliches Gesuch einreichen müssen, und der Beschluß, den Pferden -ihren Hafer auszufolgen, wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der -Oberst lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft die -Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß er ihm Gelegenheit gegeben -habe, den ganzen Betrieb in der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse -den Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. Sonst -könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus träge -werden und einrosten. Dieser Vorfall habe ihm einen glücklichen Gedanken -eingegeben, nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den Namen -tragen soll: »Kommission zur Aufsicht über die Baukommission«. Dann -würde es niemand mehr wagen zu stehlen. - -Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später Stunde bei -Kostanshoglo an. Man hatte schon längst Licht angezündet. - -»Warum kommen Sie so spät?« sagte Kostanshoglo, als Tschitschikow in der -Türe erschien. - -»Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?« fragte Platonow. - -»Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!« -rief Tschitschikow aus. - -»Das ist noch gar nichts!« meinte Kostanshoglo. »Koschkarjow ist -trotzdem eine tröstliche Erscheinung. Man braucht solche Leute, weil -sich in ihnen die Torheiten unserer »weisen Männer« gewissermaßen -karrikiert und recht drastisch offenbaren. -- All jene Neunmalklugen, -die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen haben, sich in der -Fremde allerhand Flausen in den Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir -jetzt für Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für -Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen, Schulen und Kommissionen, -und weiß der Teufel, was noch alles! So sind aber die gescheidten Leute! -Kaum daß man sich von der französischen Invasion und dem Jahr 1812 -erholt hat, da fangen sie schon wieder an, Unordnung zu stiften und -alles einzureißen. Wahrhaftig, die haben schlimmer gehaust als der -Franzose. Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein Peter -Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten Gutsbesitzer sein wird.« - -»Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?« sagte Tschitschikow. - -»Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, alles!« Kostanshoglo -redete sich allmählig immer mehr in Zorn. »Da haben Sie zum Beispiel -eine Hut- und eine Kerzenfabrik -- natürlich müssen die Werkmeister aus -London verschrieben werden. Man wird ja zum reinsten Krämer! Der -Gutsbesitzer -- ein so hochachtbarer Beruf -- wird Fabrikant und -Manufakturist! Webstühle um Tüllkleider für die »Dämchen« aus der Stadt -zu fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...« - -»Aber du selbst hast doch auch Fabriken,« bemerkte Platonow. - -»Wer hat denn die gebaut?« - -»Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel Wolle da, daß ich sie -nicht absetzen konnte. -- Da fing ich eben an, Stoffe zu weben, lauter -_dickes_, einfaches Zeug -- das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem -Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern brauchen, meine eigenen -Bauern. Oder ein anderes Beispiel: die Fischer haben sechs Jahre lang -ihre Fischschuppen hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß hin mit -ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus ihnen zu sieden. Das hat mir -vierzig Tausend eingebracht. So kommt bei mir alles von selbst.« - -»Teufel!« dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd anblickte. -»Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!« - -»Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose zu mir -gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger gestorben wären. Wir hatten ja -Hungersnot. Alles dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen -hatten. Solche Fabriken gibt's bei mir in Hülle und Fülle, mein Bester, -jedes Jahr 'ne andre. Je nachdem, was ich gerade für Abfälle zu -verwerten habe. Sieh' nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem -Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn schließlich -fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich baue mir ja auch keine -Häuser mit Säulengängen und Giebeln.« - -»Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber ist, daß man mit jedem -Plunder was verdienen kann!« sagte Tschitschikow. - -»Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so -nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser -und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das -Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu muß -er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren!« Bei -diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. »Und dabei kommt er tausendmal -dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.« - -»Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!« sagte die Frau -besorgt, »du weißt doch, daß dir das schadet.« - -»Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch -um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles -Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man -sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don -Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir früher garnicht gekannt haben! -Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich -ein Don Quixote. Gründet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein -Narr was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu -nichts nütze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Höchstens -lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder -so einer will in Humanität machen -- dann wird er ein Don Quixote der -Humanität: baut allerhand alberne Krankenhäuser und Asyle mit -Säulenhallen für 'ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt -andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!« - -Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung zu tun. Er wollte -durchaus näheres darüber erfahren, wie man mit jedem Plunder was -verdienen könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte kommen; -immer neue, heftige Reden entströmten seinem Munde, er war jetzt schon -nicht mehr imstande, sie zu unterdrücken. - -»Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den Bauern aufklären sollen -... sorgt mal erst dafür, daß er reich und ein tüchtiger Landwirt wird, -dann wird er schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich -garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was -diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die -Welt setzt, dann stürzen sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was -sie jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: >Der Bauer führt ein zu -primitives Leben; er muß auch den Luxus kennen lernen, man muß ihm -höhere Bedürfnisse beibringen ...< Weil sie selbst dank diesem Luxus zu -Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen Burschen -mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zähne mehr im -Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase -- darum wollen Sie -andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, daß wir -doch wenigstens noch _einen_ gesunden Stand haben, der noch nichts von -diesen Launen und Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich -dankbar sein. Jawohl -- der Landmann verdient unsere allergrößte Achtung --- wozu rührt ihr ihn also an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie -er.« - -»Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich mit der -Landwirtschaft zu beschäftigen?« fragte Tschitschikow. - -»Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. >Im -Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen<, heißt es in der -Bibel. Daran ist nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine -hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung mit dem -Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich -sage nicht -- daß man nichts andres tun dürfe -- aber der Grund zu allem -muß in der Landwirtschaft liegen ... das ist's. Die Fabriken werden -schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige Fabriken -- in denen -Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle -braucht, und nicht all diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung -eingebildeter Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur -verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und -um nur einen recht großen Absatz zu haben, zu den schändlichsten Mitteln -ihre Zuflucht nehmen, und das unglückliche Volk verderben und verführen. -Ich für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen gründen, und wenn -die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich -nie dazu hergeben, jene sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und -Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen -verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll, -dann will _ich_ wenigstens meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich -will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich _in_ und -_mit_ dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.« - -»Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man die Reste und Abfälle so -gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt -natürlich, daß man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.« - -»Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!« fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf -ihn zu hören, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen -Ausdruck an. »Tüchtige Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf -dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und -so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ... -Narren!« Und wieder spuckte er ärgerlich aus. - -»Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich aber doch bitte nicht -so,« sagte die Frau, »als ob es nicht möglich ist, über diese Dinge zu -reden, ohne gleich außer sich zu geraten.«(8) - -»Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin Fjodorowitsch, dann beginnt -man gewissermaßen den Sinn des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen -den Kern der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick diese -allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und Ihre Aufmerksamkeit -auf eine Privatangelegenheit zu richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre -Gutsbesitzer geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu -Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen eine ernste -Bürgerpflicht zu erfüllen, -- wie sollte ich das wohl anfangen?« - -»Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?« fiel Kostanshoglo ein: -»Ganz einfach: ...« - -»Das Abendessen ist fertig,« sagte die Hausfrau, indem sie sich vom Sofa -erhob; sie ging in die Mitte des Zimmers und hüllte ihren jungen Körper -zitternd in ihr Tuch. - -Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs vom -Stuhle auf, hielt ihr höflich den Arm hin und führte sie feierlich durch -zwei Zimmer hindurch bis in den Speisesaal, wo schon die offene -Suppenterrine auf dem Tische stand und einen angenehmen würzigen Duft -von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern verbreitete. Alle Anwesenden -nahmen Platz. Die Bedienten setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln -nebst allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und entfernten -sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die Dienstboten mit anhörten, -was bei Tische gesprochen wurde, oder daß sie ihm in den Mund sahen, -während er aß. - -Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war und ein Gläschen von -einem ganz vorzüglichen Getränk, das wie Ungarwein schmeckte, geleert -hatte, wandte er sich abermals an den Hausherrn: »darf ich noch einmal -auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückkommen, -Verehrtester. Ich wollte Sie fragen, wie man es anfangen, was man tun -muß, wie man sich verhalten soll ...«[4] - - * * * * * - -.... »Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut verlangen sollte, würde -ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort auf den Tisch legen.« - -»Hm!« Tschitschikow wurde nachdenklich. »Und warum kaufen Sie es denn -nicht selber?« sagte er dann mit einer gewissen Schüchternheit. - -»Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit _meinen_ Gütern genug zu -tun. Und dann schreien unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre -verzweifelte Lage zunutze mache und ihre Ländereien für einen Spottpreis -aufkaufe. Das habe ich bald satt.« - -[Fußnote 4: Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew in -der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gespräch zwischen -Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine größere Lücke auf. Man -muß annehmen, daß Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag macht, das -Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben. - - Anm. des Herausgebers. - ] - -»Daß doch die Menschen immer schlecht von einem reden müssen!« sagte -Tschitschikow. - -»Und erst in unserer Provinz! Das können Sie sich garnicht vorstellen: -man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich -selbst verzeihen sie alles. Da heißt es immer: >Ich habe freilich alles -durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben höhere Bedürfnisse -hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber -sagen, die Lumpen und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein -Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo< ...« - -»Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!« sagte Tschitschikow. - -»Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! Wem wollen sie denn -was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, -- sie -lesen sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind schließlich -die Kosten und der ... Und das alles kommt bloß daher, weil ich keine -Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal -nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. Will -einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen -- mit dem größten -Vergnügen. Und daß ich kein Geld leihe -- das ist ganz einfach nicht -wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau -Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich -aus seinen Worten entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon -machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann -werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafür -verlangen.« - -»Das muß ich mir merken,« dachte Tschitschikow. - -»So einem werde ich es nie abschlagen,« fuhr Kostanshoglo fort. »Aber -mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein, -da muß man mich schon entschuldigen. Hol's der Teufel! Da kriegt einer -den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus -luxuriös ausstatten; will wie ein Verrückter, mit irgend einem -Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil er -so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft -- und dazu soll -ich ihm noch Geld leihen!« - -Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte in Gegenwart seiner -Frau beinah ein paar unanständige Schimpfworte fallen lassen. Der -dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. -Zahlreiche Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches -Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die Galle regte. - -»Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal -auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs -zurückzulenken,« sagte Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen -Himbeerlikör herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. »Nehmen wir -einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen geruhten, was -denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit könnte man wohl so -reich werden, daß ...« - -»Wenn Sie durchaus _schnell_ reich werden wollen,« unterbrach ihn -Kostanshoglo kurz und streng, »dann werden Sie niemals reich werden; -wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht -nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele -kommen.« - -»Wirklich?« sagte Tschitschikow. - -»Ja,« versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, daß er sich über -Tschitschikow ärgerte, »man muß die Arbeit lieb haben, ohne das kann man -nichts erreichen. Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! -- Jawohl! -Und glauben Sie mir -- sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein -neuer Einfall, daß es auf dem Lande langweilig ist ... ich für meinen -Teil käme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt -verbringen müßte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in -ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren. -Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur -Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenräume -- jeder -Augenblick ist ausgefüllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner -Beschäftigung, seiner Tätigkeit! -- und welch einer Tätigkeit! -- diese -Tätigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! Sagt was ihr -wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen Hand in Hand mit der -Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an -allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das -ganze Jahr über alles geschafft werden muß: wie noch vor Anbruch des -Frühlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da muß -die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal -durchgesehen, gemessen und getrocknet, da muß nachgerechnet werden, -wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus -überlegt und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht -und die Flüsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde -sich lockert -- dann arbeitet in den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten, -und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. Verstehen -Sie, was das heißt? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die künftige -Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier -ausgesät. Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun -beginnt die Heuernte, man mäht und mäht ... Doch jetzt kommt die -Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer. -Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt's keinen Augenblick -verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und doch hätte keines Zeit -zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und -zu Garben zusammengebunden ist -- dann muß man schon wieder weiter -denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, die Scheunen, die -Darren, die Viehställe müssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze -Frauenarbeit -- wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was -man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf -allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in -die Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in die Fabriken, -besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern und sieht, was sie tun und -treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt -umzugehen weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm -zuschauen, so ein Vergnügen macht mir's, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn -man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um -uns her alles wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt -- ich -kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb, -weil sich das Geld vermehrt -- Geld ist natürlich auch eine schöne Sache --- aber weil das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du -selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, und daß du wie irgend -ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über -alles ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen höheren Genuß -vorstellen?« fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren -verschwunden. Wie ein König am Tage seiner feierlichen Krönung, so -strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten. -»Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen Genuß finden! -Denn hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat sich das -Schaffen als den höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom -Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück und Wohlergehen -schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschäftigung!« - -Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die -süßtönenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hören -konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten -einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen Ausdruck an; er -hätte immer weiter zuhören mögen. - -»Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns erheben,« sagte die -Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin -den Arm und führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es -seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn -seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt. - -»Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und -langweilig,« erklärte Platonow, der hinter ihnen herging. - -»Der Gast ist kein dummer Kerl,« dachte der Hausherr; »er ist -aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in seinen Reden und vor allem kein -Schwätzer.« Bei diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die -Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, daß -er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen -Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen. - -Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein -angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die -Sterne hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu -ihnen durch die Glastür hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so -wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich -nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände, -wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte, -und mit dem Worte »Genug« seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte. -Diese beglückende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien -Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und -vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man -irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen -findet, dessen erwärmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die -Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und -den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher -Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter Abend für alle Zeiten -unserer Erinnerung ein, mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so -kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was er in der -Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und jede unbedeutende -Kleinigkeit. - -Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prägte sich seinem -Gedächtnis tief ein: das freundliche schlicht möblierte Zimmer, der -gutmütige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das -Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die Platonow -gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies, -Jarbs ärgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre -vorwurfsvollen Worte: »Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.« Die -lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die -Glastür, die Frühlingsnacht, die über die hohen Baumwipfel schwebend zu -ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte -Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der -Tiefe grünblättriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche -Nacht ... - -»Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin -Fjodorowitsch!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, ich habe in -ganz Rußland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand -gleichkäme.« - -Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow unrecht -hatte. »Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen -lernen wollen, -- hier ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: -- -das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen -aufzubinden.« - -»Wer ist denn das?« fragte Tschitschikow erstaunt. - -»Das ist unser Branntweinpächter Murasow.« - -»Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!« rief Tschitschikow aus. - -»Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein Gut, der könnte einen -ganzen Staat verwalten. Hätte ich ein Königreich, ich würde ihn sofort -zu meinem Finanzminister ernennen.« - -»Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab der Wahrscheinlichkeit -übersteigt: er soll sich zehn Millionen erworben haben.« - -»Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten. Bald wird halb -Rußland ihm gehören!« - -»Was sagen Sie!« rief Tschitschikow, indem er den Mund öffnete und sein -Gegenüber erstaunt anstarrte. - -»Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar Hunderttausende besitzt, -der wird langsam reich, wer dagegen Millionen hat, der hat sozusagen -einen gewaltigen Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und -verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites Feld, einen zu -großen Spielraum. Da gibt's keine Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner -messen. Er kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn es -ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.« - -»Herrgott, Herrgott!« sagte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. -Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, und der Atem wollte ihm -ausgehen: »Das ist ja geradezu unfaßbar! Man wird ganz starr vor -Schrecken! Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man einen -Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es weit wunderbarer, daß -solch gewaltige Summen durch die Hand _eines_ Sterblichen gehen können. -Darf ich Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der Gründung -dieses Vermögens ist es doch wohl nicht ganz sauber zugegangen?« - -»Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er hat sich stets nur der -saubersten Mittel bedient.« - -»Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben! Wenn es sich bloß um -Tausende handelte, aber hier geht es um Millionen ...« - -»Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die Millionen dagegen werden -leicht erworben. Ein Millionär braucht die krummen Wege nicht: er -braucht nur immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor ihm liegt. Ein -andrer kann's eben nicht aufheben, es fehlt ihm die Kraft dazu -- der -Millionär aber hat keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß .. -ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht sich ... -Was bringen dagegen ein paar Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.« ... - -»Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit ein paar Kopeken -angefangen haben soll!« - -»Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge,« sagte -Kostanshoglo. »Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf -immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu, -der hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott was noch -alles! Man muß von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte -- mit der -Kopeke und nicht mit dem Rubel -- von unten und nicht von oben: dann -erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen -man später leben muß. Wenn man erst das eine und das andre am eignen -Leibe gespürt und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie es -heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles -durchgemacht und alle Prüfungen überstanden hat, dann wird man klug und -besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen -Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche -die Wahrheit. Man muß von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer -mir sagt: >Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie -schnell ich reich werde,< dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das -Glück und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.« - -»In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,« versetzte -Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die toten Seelen denken: »denn -ich fange in der Tat mit nichts an.« - -»Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe -gönnen; er will sicher schlafen gehen,« sagte die Hausfrau, »du aber -plauderst immer weiter.« - -»Natürlich werden Sie reich werden,« erwiderte Kostanshoglo, ohne auf -seine Frau zu hören. »Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in -Strömen zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin -sollen.« - -Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem -herrlichen Reiche schmeichelnder Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz -wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in -den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden Reichtums, und immer -wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: »Das Gold wird -Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.« - -»Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu -gehen.« - -»Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast,« sagte der -Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, daß das ganze -Zimmer dröhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte, -als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es in der Tat Zeit -zum Schlafengehen war, er rüttelte daher Platonow auf und sagte: -»Schnarch doch nicht so!«, dann wünschte er Tschitschikow eine gute -Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in -tiefen Schlaf versunken. - -Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht -zur Ruhe kommen. Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen -sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß -eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gespräch mit -dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Möglichkeit, reich -zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige -Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so einfach und -natürlich, und ganz wie geschaffen für seine Natur! Wenn er nur erst -seine Hypothek auf diese Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes -wäre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken -- ganz wie -Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte -- gewandt, umsichtig und sicher, ohne -vorzeitige Neuerungen einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen -gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle -Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus und Überfluß und widmete -sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die -große Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung herrschen, -alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das -andere vorwärts stoßen und zur Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben -und geschäftige Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle sich -das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mühle alle -Abfälle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares -Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand beständig -vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in -ganz Rußland, vor dem er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis -auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und -Würden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen -hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt. -Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging. -Tschitschikow fühlte, daß er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe -und Kunststücke einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein -ganz anderes Projekt -- der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besaß -selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo -leihen zu können; hatte dieser doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem -zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest -- -dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er -den Verkäufer warten lassen. Das ging schließlich auch: mochte jener -sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! Und -lange noch lag er so da und dachte darüber nach, bis schließlich -Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier -Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war -Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken. - - - Viertes Kapitel. - -Am folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht besser wünschen ließ. -Kostanshoglo schoß Tschitschikow bereitwilligst zehntausend Rubel vor, -ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser mußte ihm bloß -eine gewöhnliche Quittung ausstellen: so gern half er jedem, der sich -Besitz und Wohlstand erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich, -Tschitschikow persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das Gut mit ihm -zusammen in Augenschein zu nehmen. Tschitschikow war in der besten -Laune. Nach einem reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg, -nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz genommen hatten: die -leeren Kutschen des Hausherrn folgten ihnen in einiger Entfernung nach. -Jarb lief voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn Werst lang -sah man auf beiden Seiten nichts als Wälder und Ackerland, das zu -Kostanshoglos Gute gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich -das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und statt der Wälder -erblickte man überall nichts als Baumstümpfe. Trotz der hübschen Lage -merkte man es dem Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt -worden war. Zuerst kam man an einem neuen steinernen Hause vorüber, das -aber unbewohnt war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses folgte -ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte. Die Gäste fanden den -Gutsherrn noch ungekämmt und verschlafen; er war nämlich erst vor kurzem -aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein; sein Halstuch saß -schief, sein Rock war geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch. - -Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste, als ob Gott weiß was -geschehen wäre: man hätte glauben können, er sähe seine Brüder nach -langer Trennung zum ersten Male wieder. - -»Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! Nein solch eine -Freude. Ich muß mir wirklich die Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir -kommt keiner mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: alle Leute -denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, ja, Konstantin -Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich sehe -- ich bin selbst schuld -an allem. Aber, was soll ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen -Sie bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen Kostüm empfange: -Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert. Was darf ich Ihnen -vorsetzen?« - -»Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein Geschäft mit Ihnen machen. -Hier haben Sie einen Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch -Tschitschikow,« sagte Kostanshoglo. - -»Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, lassen -Sie mich Ihre Hand drücken!« - -Tschitschikow reichte ihm beide Hände. - -»Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester Pawel Iwanowitsch, -es ist sehr interessant ... Aber darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob -Sie auch gegessen haben?« - -»Freilich haben wir gegessen,« versetzte Kostanshoglo, der ihn möglichst -schnell los sein wollte. »Wir wollen keine Zeit verlieren und das Gut -gleich jetzt besichtigen.« - -»Gut, dann wollen wir gehen.« Chlobujew nahm seine Mütze in die Hand. -»Kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich -ich bin.« - -Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die Dorfstraße hinab. - -Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende Hütten mit winzigen -Fenstern, die mit alten Lappen zugestopft waren. - -»Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und -liederlich ich bin,« sagte Chlobujew. »Es war natürlich sehr vernünftig -von Ihnen, daß Sie schon gegessen haben. Sie werden mir's nicht glauben, -Konstantin Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn mehr im Hause, -soweit ist's mit mir gekommen!« - -Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin Fjodorowitsch -nur wenig Teilnahme finden werde, nahm er Platonow unter den Arm und -ging mit ihm voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte, -Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück und folgten -ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung. - -»Man hat's nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!« sagte -Chlobujew zu Platonow. »Sie können sich's garnicht vorstellen, wie -schwer man es hat! Kein Geld, kein Korn, keine Stiefel -- für Sie sind -das freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das wäre natürlich -nicht so schlimm, wenn man noch jung und unverheiratet wäre. Aber wenn -all diese Sorgen und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man hat -noch dazu ein Weib und fünf Kinder -- dann verliert man den Mut, ob man -will oder nicht ...« - -»Und wenn Sie das Gut verkaufen -- glauben Sie, daß Ihnen damit geholfen -wäre?« fragte Platonow. - -»Ach was! Geholfen!« versetzte Chlobujew mit einer hoffnungslosen -Gebärde. »Es wird _doch_ alles bei der Bezahlung der Schulden -draufgehen, ich selbst werde keine tausend Rubel übrig behalten!« - -»Und was wollen Sie dann anfangen?« - -»Das weiß Gott allein.« - -»Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen Verhältnissen -herauszukommen?« - -»Was soll ich denn machen?« - -»Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.« - -»Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was kann ich für eine Stellung -annehmen? Ich kann höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten. -Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert Rubeln anfangen? Ich -habe doch eine Frau und fünf Kinder.« - -»Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter auf einem Gute an.« - -»Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich selbst alles -durchgebracht habe!« - -»Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn man vor dem Hungertode -steht. Ich will meinen Bruder fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend -einen Bekannten eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.« - -»Nein, Platon Michailowitsch,« sagte Chlobujew seufzend und drückte -Platonow kräftig die Hand. »Ich tauge doch zu nichts mehr! Ich bin -vorzeitig alt geworden, und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus. -Das sind die alten Sünden! Was kann ich denn leisten? Wozu soll ich den -Staat plündern? Es gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in -den Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben wollen. -Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen Leuten noch neue Steuern -aufgehalst werden, damit ich nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!« - -»Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise!« dachte -Platonow. »Das ist noch schlimmer als meine Lethargie.« - -Während sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit Tschitschikow hinter -ihnen her; er war ganz außer sich vor Wut. - -»Da, sehen Sie,« sagte er, indem er mit dem Finger auf das Dorf wies: -»was er aus den Bauern gemacht hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und -Wagen haben sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, -- dann -darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und Gut denken: da verkauft man -eben alles und schafft neues Vieh für den Bauer an, damit er auch nicht -_einen_ Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber das da -läßt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu braucht man viele -Jahre. Der Bauer ist ja auch schon ganz verändert, er bummelt und säuft. -Wenn man ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen läßt, dann -hat man ihn für alle Zeiten verdorben: er gewöhnt sich daran, in Lumpen -herumzulaufen und findet Geschmack am Vagabundenleben ... Und sehen Sie -einmal das Land an. Nun was sagen Sie,« fuhr er fort, indem er auf die -Wiesen deutete, die gleich hinter den Hütten sichtbar wurden. »Alles -Land, das jedes Frühjahr überschwemmt ist. Ich würde da Flachs säen, der -mir allein fünftausend Rubel einbringen würde, und dann würde ich Rüben -pflanzen, die mir noch einmal viertausend eintragen müßten ... Sehen Sie -sich bloß einmal den Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar -Körner verschüttet. Denn er hat ja doch kein Korn gesät -- das weiß ich. -Und dort -- diese Schlucht! Da würde ich einen Wald anlegen. Die Stämme -sollten mir bald bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so ein -herrliches Stück Land läßt er brach liegen! Wenn man schon keinen Pflug -hat, um es zu pflügen, dann nimmt man den Spaten, gräbt es um und -pflanzt Gemüse darauf. Das gäbe einen prächtigen Gemüsegarten! Aber man -muß den Spaten selbst in die Hand nehmen, muß Frau und Kinder und alle -Dienstboten zu Hilfe nehmen, und arbeiten bis man hinfällt! Und wenn man -schließlich selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens -seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist doch nicht -krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei Tisch zu voll gefressen -hat!« Hier spuckte Kostanshoglo zornig aus und eine finstere Wolke -umschattete seine Stirn. - -Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit wildem Beifuß bewachsene -Schlucht hinabsahen, da leuchtete plötzlich eine Windung des Flusses -hell auf, hinter ihm erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom -Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive viel näher -erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf. Dahinter bemerkte man einen -lockigen, mit Wald bewachsenen Berg, der in der Entfernung bläulich -flimmerte. Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das -könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, »wenn man hier -einen Wald anpflanzen würde, -- dann gäbe es einen Anblick, der sich, -was Schönheit anbelangt, ruhig mit ....« - -»Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,« sagte Kostanshoglo -plötzlich, und sah ihn sehr streng an. »Nehmen Sie sich in acht, wenn -Sie zuviel auf die schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne -Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem -Nutzen und nicht nach der äußeren Schönheit. Die Schönheit wird schon -von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Städte: die -allerschönsten Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem -Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen -Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. Die Städte dagegen, die alle nach -einer Schablone gebaut sind, -- sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie -die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre -Bedürfnisse.« - -»Wie schade, daß man so lange warten muß! Man möchte alles recht schnell -so sehen, wie man es zu haben wünscht ...« - -»Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling ...! Man merkt -gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs -Jahre nacheinander. Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick -auszuruhen. Es ist schwer, gewiß, es ist sogar _sehr_ schwer. Aber wenn -Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt haben, sodaß er Ihnen -selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja, -ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren _siebzig_ noch -_siebenhundert_ andre, _unsichtbare_ Hände an der Arbeit waren! Alles -verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rühren -- und -doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist -ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, _Er_ der die Geduldigen -selig pries.« - -»Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue Kraft durch seine Adern -rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!« - -»Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt ist!« rief -Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte. -»Ich kann es hier nicht länger aushalten; diese Unordnung und -Verwahrlosung bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch ohne mich -abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als -möglich ab. Er schändet bloß Gottes herrliche Natur!« Kostanshoglo war -sehr aufgeregt und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm Abschied von -Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls -von ihm. - -»Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!« sagte der Hausherr -erstaunt, »Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder -fort!« - -»Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt wieder nach Hause -fahren,« versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den -Wagen und fuhr davon. - -Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens begriffen zu -haben. - -»Konstantin Fjodorowitsch hat's nicht ausgehalten,« sagte er, »für einen -so tüchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergnügen, diese -schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel -Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein -Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, daß ich keinen -Pflug und kein Pferd habe, um zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein -so vorzüglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin -Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! -- Das ist ein Napoleon in -seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum mußten sich soviel -Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch -für meinen Schädel wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie -sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen Steg ist die -größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pfütze plumpsen wollen. -Ich habe im Frühjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun -mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber -was kann _ich_ ihnen für ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen -Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen, -wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich hätte sie am -liebsten ganz freigelassen, aber das hätte ja auch keinen Sinn. Ich weiß -sehr gut, daß man erst _andre Menschen_ aus ihnen machen muß, Menschen, -die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten und strengen -Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes -Beispiel und seine unermüdliche Tätigkeit ... Ein Russe -- das sehe ich -an mir selbst -- kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn -aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein und versauert.« - -»Seltsam,« sagte Platonow, »woran liegt das bloß; daß der Russe immer -gleich einschläft, und daß der gemeine Mann ein Taugenichts und ein -Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge läßt!« - -»Das macht der Mangel an Bildung,« bemerkte Tschitschikow. - -»Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung, -haben die Universität besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum -Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es -gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige Finessen -auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, die einen Geld kosten? -- -Aber glauben Sie nur nicht, daß das daher kommt, weil ich einen -schlechten Unterricht genossen habe. -- Durchaus nicht, der Unterricht -war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von -ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch -ohnedies gescheit und begabt genug waren, die übrigen haben für nichts -Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr -Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es -mir fast so vor, als ob der Russe -- ein verlorener Mensch ist. Wir -wollen alles und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann -nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Diät zu -halten; ja prosit, noch am selben Abend schlägt man sich den Bauch so -voll, daß einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen -kann -- dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an --- wahrhaftig. Und so sind wir alle!« - -»Ja,« sagte Tschitschikow lächelnd, »so was kann vorkommen!« - -»Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. Ich glaube nicht, daß es -vernünftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen -Augen sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld verdient und -erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal -alt werden, früher oder später fällt er doch dem Teufel in die Krallen -und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten -wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich weiß -freilich selbst nicht recht, was es ist.« - -Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung -machte sich überall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue -war eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das Bild einer -furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung dar: beim Gutsherrn wie -beim Bauern. Ein böses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte -ein kleines Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das Zeug -hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas -weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das -betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die -hintere Partie und der andere gähnte. Dieses Gähnen schien sich auch den -Häusern und Gebäuden mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen. -Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht -enthalten gleichfalls zu gähnen. -- Ein Flicken saß auf dem andern. Bei -einer Hütte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen -Fensterrahmen wurden von Stangen gestützt, welche aus der -herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich -im Haushalt an das System der Fabel von »Trischkas Kaphtan«, man trennte -die Aufschläge und Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen. - -»Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,« sagte Tschitschikow, als -sie nach gründlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab -sich ins Zimmer, und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung -von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfaß -saß eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische -lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen -Rücken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie -sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade eröffnet worden -war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen -trugen hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich besser -gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte Hemdchen angezogen, -und wären im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder. -Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine -schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes und törichtes Zeug -plapperte. Die Damen zogen sich zurück, und die Kinder liefen gleich -darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer. - -»Also, was ist Ihr Preis?« sagte Tschitschikow. »Ich muß gestehen, es -wäre mir lieb den äußersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer -viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.« - -»Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,« versetzte -Chlobujew. »Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts -verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen, -sind nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar -aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. Sie können Sie auch zu -den Toten zählen; wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte, -dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das ganze Gut den -Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fünfunddreißigtausend.« - -Tschitschikow fing natürlich an zu handeln. - -»Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend für so ein -Gut! Nein sagen wir doch lieber fünfundzwanzigtausend.« - -Platonow wurde verlegen. »Kaufen Sie es nur, Pawel Iwanowitsch,« sagte -er. »Für so ein Gut kann man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie -keine fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen wir es, mein -Bruder und ich.« - -»Also gut, ich bin einverstanden,« sagte Tschitschikow ganz erschrocken. -»Nur eins; ich kann die Hälfte der Summe erst nach einem Jahr bezahlen.« - -»Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich leider in keinem Fall -einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt die Hälfte geben, und die andre -in spätestens zwei Wochen. Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen, -wenn ich nur soviel hätte, um ...« - -»Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,« sagte Tschitschikow, »ich -habe ja überhaupt nur zehntausend Rubel flüssig.« Er log. Wenn man das -von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte er im ganzen -über zwanzigtausend Rubel. Aber man entschließt sich bekanntlich nicht -leicht, eine so große Summe auf den Tisch zu legen. - -»Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere Ihnen, ich -brauche unbedingt fünfzehntausend.« - -»Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,« unterbrach ihn Platonow. - -»Unter diesen Umständen könnte ich's vielleicht wagen!« sagte -Tschitschikow und dachte sich: »Hm, das trifft sich aber gut, daß er mir -was leihen will.« Er ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und -nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend Rubel heraus; die -übrigen fünftausend versprach er ihm morgen mitzubringen; wohl gemerkt, -er _versprach_ es nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben, -den Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen auszuhändigen; -wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch länger warten lassen. Pawel -Iwanowitsch wurde es ganz _besonders_ schwer, sich von seinem Gelde zu -trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so schien es ihm immer -noch besser, das Geld wenigstens _einen_ Tag später, als verabredet, -auszuzahlen. Das heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle. -Es macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas warten zu lassen: -mag er sich doch seine Absätze ablaufen und eine Weile im Vorzimmer -sitzen! Als ob er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was geht -es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer ist, und daß seine -Geschäfte darunter leiden! »Kommen Sie nur morgen wieder, Verehrtester, -heute habe ich leider keine Zeit!« - -»Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut verkauft ist?« fragte -Platonow Chlobujew. »Haben Sie denn noch ein andres Gütchen?« - -»Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort habe ich ein eigenes -Häuschen. Ich hätte das ja auch ohnedies machen müssen: wenn nicht für -mich, so um meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich muß -ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und Musiklehrer halten. Wo -wollen Sie die auf dem Lande hernehmen?« - -»Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will seinen Kindern -Tanzunterricht geben lassen!« dachte Tschitschikow. - -»Merkwürdig!« dachte Platonow. - -»Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!« sagte Chlobujew: -»He Kirjuschka! Hol doch mal schnell eine Flasche Champagner!« - -»Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber Champagner!« dachte -Tschitschikow. - -Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er denken sollte. - -Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen seinen Willen gekommen. Er -hatte in die Stadt nach Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte -man ihm keinen Kwas[5] leihen. Was sollte er tun? Man mußte am Ende doch -seinen Durst stillen. Da erschien ein französischer Weinreisender aus -Petersburg, der überließ seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb -denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch ein paar Flaschen -Champagner abnehmen. - -[Fußnote 5: Eine Art Weißbier.] - -Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder trank drei Gläser, und -die Stimmung wurde bald animiert, Chlobujew taute auf, wurde -liebenswürdig und geistreich und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom -Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt- und Menschenkenntnis! -Wie scharf und richtig faßte er die Dinge auf, wie sicher und treffend -konnte er die Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten -charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und Mängel, wie -gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, die sich ruiniert hatten, -bekannt; wie komisch und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und -Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert von seiner -Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst für den Gescheitesten aller -Menschen erklärt. - -»Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und Verstand nicht Mittel -und Wege finden, um sich zu helfen,« sagte Tschitschikow. - -»An den Mitteln fehlt es mir nicht,« sagte Chlobujew und rückte sogleich -mit einem ganzen Haufen von Projekten heraus. Aber sie waren alle so -unsinnig, so seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und -Menschenkenntnis vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken und sagen -konnte: »Herrgott! welch eine unendliche Kluft liegt doch zwischen der -Welt- und Menschenkenntnis und der Fähigkeit, sie auszunutzen!« All -seine Pläne hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert- -oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte. Wenn ihm das -gelänge, dann glaubte er, würde alles in den rechten Gang kommen, die -Wirtschaft würde aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen, -die Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er auch in der -Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und er schloß seine Rede mit -folgenden Worten: »Aber was soll man machen? Es gibt halt keinen solchen -edlen Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert- oder -meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu leihen. Es ist wohl nicht -Gottes Wille.« - -»Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren zweimalhunderttausend -Rubel in den Schoß werfen sollte!« dachte Tschitschikow. - -»Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache Millionärin,« -sagte Chlobujew, »eine sehr fromme alte Dame: für Kirchen und Klöster -hat sie immer was übrig, aber wenn's gilt, seinem Nächsten zu helfen, -dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante alten Schlages, es -lohnt sich schon, sie einmal näher anzusehen. Sie hat allein gegen -vierhundert Kanarienvögel, dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente, -wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste ihrer Diener ist -mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem sie ihn immer: »He Bursche!« -ruft. Wenn sich ein Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt -sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die Bedienten tun -natürlich, was sie befiehlt. Na, was sagen Sie?« - -Platonow lächelte. - -»Und wie ist ihr Familienname?« fragte Tschitschikow. - -»Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra Iwanowna -Chanassarowa.« - -»Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?« fragte Platonow teilnehmend. -»Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte -sie es Ihnen garnicht abschlagen.« - -»O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste -Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch! -Außerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr -einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum sind. Da ist sogar -einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich für -einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen,« sagte er plötzlich -zu Platonow, »nächste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle -Honoratioren der Stadt einladen will.« - -Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, daß es in Rußland -- in -den Residenzen und Provinzstädten -- solche Lebenskünstler gibt, deren -Existenz ein unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes -Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren in Schulden, weiß -nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch plötzlich -ein großes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das -letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe -da: es vergehen zehn Jahre -- unser Hexenmeister behauptet nach wie vor -seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und -gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste glauben, es seien die -letzten, und noch immer ist alles überzeugt, daß der Hausherr morgen in -den Schuldturm kommen werde. - -Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames und eigenartiges -Ding. Heute hielt dort ein Priester im Meßgewande eine Andacht ab, -morgen übten französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, wo es -keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschloß, daß bald darauf -ein großes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Künstler -teilnahmen, die in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden. -Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich an Chlobujews -Stelle längst erhängt oder erschossen hätte; aber was ihn immer wieder -rettete, war seine Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste -mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken -las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern und Asketen, die ihren -Geist dazu erzogen hatten, alles Unglück mit Gleichmut zu ertragen und -sich darüber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und seine -Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu beten -- und seltsam! -- -immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun, -daß sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder -daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte Dame, die von ihm -gehört hatte, ihm in einer plötzlichen großmütigen Regung ihres -weiblichen Herzens ein größeres Geschenk machte; oder er gewann einen -Prozeß, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann pries er -demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, ließ -Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben. - -»Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,« sagte Platonow zu -Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen -wieder bestiegen hatten.(9) - -»Ein verlorener Mensch!« versetzte Tschitschikow. »Solche Leute sollte -man nicht bedauern.« - -Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil -ihn die Menschen bei seiner Trägheit und Apathie ebensowenig -interessierten wie die ganze übrige Welt. Sein Herz krampfte sich -mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese -Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in seiner Seele. -Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte -nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch -Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen -Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde -er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, sondern leibhaftiger -Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war, -nachdenklich, seine Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und -verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden Ausdruck: -»Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit -der Muttermilch eingesogen. Das ist für mich nichts neues. Aber werde -ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen -jungen Jahren?« Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch -ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er überzeugte sich, daß er -mit dem Kauf ein gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine -Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in -kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache -schließlich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tüchtiger Landwirt -nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat -und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm -zu so großem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch -folgendermaßen machen: man konnte das Land weiter verkaufen -(selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der -Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und -flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern Vorteil: man -konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das -von ihm entliehene Geld gar nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke! -Man kann nicht sagen, daß _Tschitschikow_ auf diesen Gedanken gekommen -war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, neckte, -verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger, -liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer solcher Gedanken ist, die so -plötzlich über uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine große Freude, -daß er Gutsbesitzer geworden war -- kein bloß eingebildeter oder -phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein -_Grundstück_, ein Stück Land und Leibeigene -- keine bloß vorgestellten, -nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter -besaß. Und allmählich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich -die Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand, -legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch -zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte -zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder mein kleiner -Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, daß er ja nicht allein sei, -wurde plötzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den -der Ausbruch einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben -mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Töne für Worte -hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte: -»Wie meinen Sie?« da antwortete jener verlegen: »Nichts, garnichts.« - -Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie schon längst durch eine -herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstämmen zog sich -zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und Birken -glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie -sich von dem zarten Grün der kaum entfalteten Blätter ab. Die -Nachtigallen im Gebüsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen -schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht -darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt -war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde -befunden. Zwischen den Bäumen hindurch sah man eine weiße steinerne -Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee -- ein Gitter. Am Ende -des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien: -er trug eine Mütze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer -Schäferhund auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her. - -»Da ist ja mein Bruder!« sagte Platonow, »Kutscher, halten Sie doch!« -Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem -Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten -sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, schnell näherte -er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge über -die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich -an Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr. - -Die Brüder umarmten sich. - -»Aber lieber Platon, was machst du mir für Geschichten?« sagte der -Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij. - -»Was meinst du?« versetzte Platonow phlegmatisch. - -»Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt nichts von dir -hören. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. >Er ist mit -einem Herrn weggefahren<, sagt er. Hättest du mir doch nur ein Wort -gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder, -wer tut denn nur so was? Gott allein weiß, was ich mir all diese Tage -für Gedanken gemacht habe!« - -»Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,« versetzte Platonow. »Wir -haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er läßt dich -grüßen; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen -meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel -Iwanowitsch Tschitschikow.« - -Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich näher kennen zu -lernen, drückten sich die Hand, nahmen ihre Mützen ab und küßten sich. - -»Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?« dachte Wassilij. »Mein Bruder -Platon ist nicht gerade wählerisch in seinen Bekanntschaften.« Er -betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ, -und überzeugte sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, ein -sehr respektabler Herr war. - -Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so -aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und sah, daß der Bruder -etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein -Gesicht lange nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zügen -lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. Man sah es ihm gleich an, -daß er nicht so schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel -Iwanowitsch nur wenig. - -»Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch -eine kleine Reise durch das heilige Rußland zu machen. Vielleicht werde -ich so meine Melancholie los.« - -»Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?« sagte der Bruder -Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe noch hinzugefügt: »Und zu -alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal -siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was nicht alles -ist.« Voller Mißtrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war -erstaunt über sein respektables Äußeres. - -Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen Hof: auch das Haus -sah recht altertümlich aus; heute werden keine solchen Häuser mehr -gebaut: es hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer -angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und -warfen einen mächtigen Schatten, der fast die Hälfte der ganzen Fläche -einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende -Fliederbüsche und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband ein; -eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blättern und Blüten -verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine -kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich unter den Ästen -hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstämmen sah man die Küche, die -Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die -Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit ihrem Gesang. -Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl des Friedens in das Herz ein. -Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich -und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach -herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man -ließ sich auf den Bänken unter den Linden nieder. - -Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen Hemde -brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es -war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und -Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick -und zähe wie Öl, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der -Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die -Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die -Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine -Dienstboten, sondern eigentlich nur Gärtner. Alle Knechte mußten der -Reihe nach dieses Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die -Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder -bringen, das könne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen -Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, tüchtig -und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich -einen deutschen Rock anschaffe, werde er plötzlich plump und -ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr, -und gehe überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem -deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide -zahllose Scharen von Wanzen und Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in -diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren die -Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen -schimmerte von Gold, und die Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie -ein türkischer Schal. »Unser Haus ist berühmt wegen seiner Limonaden,« -sagte Wassilij. - -Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte sich ein Glas ein: -es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte: -es moussierte wie Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in -angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. »Der reinste Nektar!« sagte -er. Er schenkte sich noch ein Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein -- -und siehe da, es schmeckte noch besser. - -»Das Getränk aller Getränke!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, -bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den -besten Likör, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die -ich jemals gekostet habe.« - -»Der _Likör_ kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und -nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen -Sie besuchen?« fragte Bruder Wassilij. - -»Ich reise,« versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der -Bank hin und her schaukelte, sich vornüber beugte und mit der Hand über -das Knie strich: »ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem -Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter -Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltäter, hat mich -gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den -Verwandten ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch -auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz -abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hämorrhoiden -hat, man erweitert seine Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und -Wirbel des Menschenvolkes -- und das ist an und für sich schon sozusagen -ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.« - -Bruder Wassilij wurde nachdenklich. »Der gute Mann spricht etwas -geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten,« dachte er. -Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder -Platon wandte: »Weißt du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise -könnte dich wirklich etwas aufrütteln. Du leidest an einer Art geistigen -Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, -- und nicht etwa weil -du übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an lebendigen -Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich -wünschte, ich könnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die -Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.« - -»Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,« sagte Platon. »Du suchst -selbst nach Gründen oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen -und dich unnütz aufzuregen.« - -»Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn man auf Schritt und -Tritt Unannehmlichkeiten hat,« versetzte Wassilij. »Hast du gehört, was -uns Lenitzyn in deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? -- Er -hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht feiern, einfach -annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück für kein Geld her ... Hier -feiern meine Bauern jedes Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind -soviel Erinnerungen für das ganze Gut verbunden; mir ist eine alte Sitte --- etwas Heiliges, und ich bin bereit jedes Opfer für sie zu bringen.« - -»Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es sich nahm,« sagte -Platonow, »er ist noch ganz neu hier im Lande, er kommt doch erst eben -aus Petersburg; man muß ihm die Sache klar machen.« - -»Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm geschickt, und es ihm -sagen lassen. Er hat mir nur Grobheiten an den Kopf geworfen.« - -»Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles erklären sollen. -Besprich doch die Sache mit ihm selbst.« - -»Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen Herrn. Zu dem fahre -ich nicht hin. Fahr du doch hin, wenn du durchaus willst.« - -»Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich mische mich nicht in -diese ... Er könnte mich ja _auch_ übers Ohr hauen und betrügen.« - -»Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,« sagte Tschitschikow, -»erklären Sie mir nur, worum es sich handelt.« - -Wassilij sah ihn an und dachte: »Dem scheint das Reisen großen Spaß zu -machen.« - -»Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er für ein Mensch und was -das für eine Angelegenheit ist?« fuhr Tschitschikow fort. - -»Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen Auftrag zu -betrauen. Meiner Ansicht nach ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem -ärmeren Adel unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg -hinaufgedient, nachdem er die illegitime Tochter irgend eines großen -Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen Mann. Er will hier -den Ton angeben. Aber die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie -kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg ist für sie garnicht -maßgebend.« - -»Natürlich,« sprach Tschitschikow, »und worum handelt es sich?« - -»Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig, wenn er nicht so -rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich ihm gern an einer andern Stelle -umsonst ein Stück abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch -noch glauben ...« - -»Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich friedlich zu -verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ... Mit hat schon mancher -seine Sache anvertraut, und noch keiner hat es bereut ... General -Betrischtschew hat mir ja auch ...« - -»Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen mit einem solchen -Menschen reden sollen ...«[6] - - * * * * * - -»...(10) Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies ein Geheimnis war,« -sagte Tschitschikow, »denn das eigentlich Schädliche hierbei ist nicht -so sehr das Verbrechen wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.« - -»Ja wohl, Sie haben ganz recht,« fiel Lenitzyn ein, indem er den Kopf -ganz auf die Seite neigte. - -»Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern einig zu wissen,« -sprach Tschitschikow. »Ich habe da auch eine Sache, die man in gewissem -Sinne gesetzlich und ungesetzlich zugleich nennen kann; oberflächlich -betrachtet scheint sie ungesetzlich zu sein, _tatsächlich_ steht sie -jedoch keineswegs im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine -Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, das Risiko auf sich -zu nehmen und zwei Rubel für die lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich -Pech habe -- und Bankrott mache -- was Gott verhüte, -- dann hat der -Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn entschlossen, mir den -Umstand zunutze zu machen, daß es tote und flüchtige Bauern gibt, die -noch nicht aus der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich -ein christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern abnehme, -die er für sie bezahlen muß. Wir wollen der Formalität wegen nur einen -Kaufvertrag abschließen, wie wenn es sich um lebende handelte.« - -[Fußnote 6: Hiermit schließt die 96. Seite des Manuskripts, weiter -fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes hat S. -Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht: »Hier ist eine -Lücke im Manuskript, welche wohl die Erzählung enthielt, wie -Tschitschikow sich aufmachte, um den Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.« - - Anm. des Herausgebers. - ] - -»Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!« dachte Lenitzyn -und rückte mit dem Stuhle ein wenig zurück. »Diese Sache ist allerdings -derartig ....« begann er. - -»Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil die Sache doch geheim -bleibt,« versetzte Tschitschikow; »zudem sind wir doch beide -wohlgesinnte und zuverlässige Menschen.« - -»Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..« - -»Ein Ärgernis kann es nicht geben,« entgegnete Tschitschikow offen und -ehrlich. »Es ist doch genau so eine Sache wie die, von der wir soeben -gesprochen haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife Leute, -die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen -- und dann bleibt doch -alles geheim.« Und während er dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich -ins Auge. - -Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter Geschäftsmann -war, geriet er diesmal ganz aus der Fassung, um so mehr als er sich -durch einen merkwürdigen Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze -gefangen hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung fähig und wollte -nichts Unrechtes tun, auch nicht im geheimen. »Ist das aber eine -sonderbare Geschichte!« dachte er: »Darnach schließe noch einer -Freundschaft mit einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!« - -Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen Tschitschikow ganz -besonders günstig zu sein. Wie um beiden aus dieser kritischen Situation -zu helfen, trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins -Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger Mode -gekleidet und hatte eine große Schwäche für Menschen, die in jeder -Hinsicht korrekt und _comme il faut_ waren. Gleich darauf brachte die -Amme Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste Kind, die -Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten. Tschitschikow sprang -schnell auf, ging gewandt und sicher auf die Hausfrau zu, neigte den -Kopf leicht auf die Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach -ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit. Der Knabe fing zwar -zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow gelang es schnell, ihn zu -beruhigen: er rief ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit -den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, das er an der -Uhrkette trug, und brachte das Kind bald so weit, daß es sich ruhig auf -den Arm nehmen ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke hinauf -und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude beider Eltern ein -liebliches Lächeln. Aber war es nun das ungewohnte Vergnügen oder hatte -es einen andern Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst -Peinliches. - -»Ach Gott, ach Gott!« schrie Lenitzyns Gattin auf; »er hat Ihnen den -ganzen Frack verdorben!« - -Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in der Tat: der eine -Ärmel des neuen Fracks war hin: »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner -Satan!« dachte er ärgerlich. - -Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: alles lief hinaus, um -Kölnisches Wasser zu holen: dann kamen sie von allen Seiten angelaufen -und versuchten ihn abzuwischen. - -»Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine Kleinigkeit!« sagte -Tschitschikow und suchte seinem Gesicht einen möglichst freundlichen -Ausdruck zu verleihen: »Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem -doch nichts verderben,« wiederholte er, trotzdem aber dachte er sich: -»So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe fräßen, hat der mich aber schön -zugerichtet, der verdammte kleine Schelm!« - -Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall hatte den Hausherrn -ganz zu Tschitschikows Gunsten umgestimmt. Wie konnte er einem Gast -etwas abschlagen, der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten -und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit dem eigenen Frack -bezahlt hatte? Um den Menschen kein schlechtes Beispiel zu geben, -beschloß man die Sache im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die -Sache selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte ja Schaden -stiften. - -»Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank für Ihre Güte auch einen -kleinen Dienst zu leisten. Ich möchte die Vermittlerrolle in Ihrem -Streit mit den Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch Land? -Nicht wahr?« - - - Fünftes Kapitel.[7] - -Jedermann sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. »Was mich -zwickt, das zwick' ich wieder,« sagt ein russisches Sprichwort. -Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch -seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrönt, und so wanderte -denn während dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die -Privatschatulle hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste -erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die -Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Möglichen Nutzen zu -ziehen: der eine aus Staatswäldern, der andere aus Staatsgeldern, ein -dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden -Schauspielerin, ein vierter -- seine Bauern, um sich Möbel vom Hombs -oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel -Verführungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu -wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. Es ist -doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum -dasselbe tun, -- und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von -alledem fernhalten! Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs sein -sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der -Stadt noch eine andere Messe eröffnet werden: nämlich die für die -vornehmen Leute.(11) Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh, -Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den -Markt brachten und die von Viehhändlern und Kaufleuten aufgekauft -wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von -den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf der vornehmeren Leute -aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen: -alle Räuber und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit -Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des mit Schweiß, Mühe und -Blut erworbenen Geldes -- diese ägyptische Heuschreckenplage, wie -Kostanshoglo sich auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur -alles auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und sie in die -Erde verscharrt. - -[Fußnote 7: In dem Manuskript trägt dieser Abschnitt keine -Kapitelüberschrift; er stammt also aus einem ganz frühen Entwurf, in dem -die Kapiteleinteilung noch nicht durchgeführt war. - - Der Herausgeber. - ] - -Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurück. Dafür machten -die Beamten, die ja unter keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so -weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre -Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der letzten Zeit in der -Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedürfnisse -einzupflanzen, und nun _dürsteten_ sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein -Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen Garten, wie man -ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders -billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf -Kredit. Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst -alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer -Klienten rechneten, dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und -seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß alles zusammen, -hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergnügen und zu -zerstreuen ... Trotz des scheußlichen Wetters und dem Kot auf den -Straßen flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen, -das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten sie sich auch in Petersburg -ruhig sehen lassen können. Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre -Mützen und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. Nur hie und da -sah man Männer mit langen Bärten und ballonartigen Pelzmützen. Alles -hatte einen europäischen Anstrich; überall begegnete man Herren mit -schönrasierten Gesichtern und ... hohlen Zähnen. - -»Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick -in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr!« hörte man hie und da kleine -Jungen schreien. - -Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem -europäischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung für sie; -nur ganz selten setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst; -dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt's Stoffe, helle, dunkle, -bunte usw. - -»Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen Stoff für einen -Herrenanzug?« fragte Tschitschikow. - -»Die schönsten Stoffe,« versetzte der Kaufmann, während er mit der einen -Hand die Mütze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete. -Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des -Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf der andern Seite, -mit dem Rücken zu den Stoffen, die in Rollen übereinander aufgeschichtet -waren und die ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. Das -Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit beiden Händen auf den -Tisch und sagte, indem er seinen Oberkörper leicht hin- und herwiegte: -»Was für einen Stoff wünschen Sie?« - -»Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, etwas was dem -Preißelbeerrot nahekommt,« versetzte Tschitschikow. - -»Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen -werde. Sie können höchstens in den zivilisiertesten Hauptstädten Europas -etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34 -herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer über deine -Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das -ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen!« Und der Kaufmann rollte den Stoff -auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, sodaß dieser den -seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern auch riechen konnte. - -»Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben will,« sagte -Tschitschikow. »Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas -Erstklassiges, das Beste, was es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff -mehr rötlich, weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.« - -»Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade modern zu werden -beginnt. Da habe ich einen ganz vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie -freilich darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber -auch von allererster Qualität.« - -Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen auf den Tisch. Er -rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, wie man sie nur in der guten alten -Zeit hatte, und vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren -Geschlechte angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt den -Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte und sagte: »Eine -wunderbare Farbe! Navarinoscher[8] Rauch mit Feuerglanz!« - -Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte sich über den Preis, -obwohl dieser prifix (_prix-fix_) war, wie der Kaufmann behauptete. Dann -spannte er ihn geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn -hierauf nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit -in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete er das Paket noch ein -paar Mal hin und her, indem er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es -mit einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt den -Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag alles in dem -bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann lüftete den Hut und grüßte. Es hatte -seine guten Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das war eine -Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.(12) - -»Haben Sie dunkles Tuch?« hörte man jetzt eine Stimme sagen. - -»Teufel! das ist Chlobujew,« sagte Tschitschikow leise zu sich selber -und drehte jenem den Rücken zu; er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe, -denn er hielt es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die -Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen und erkannt. - -[Fußnote 8: Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen -Seeschlacht.] - -»Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch nicht etwa absichtlich aus -dem Wege? Ich kann Sie nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse -so, daß ich ernstlich mit Ihnen reden muß.« - -»Verehrtester, Verehrtester!« sagte Tschitschikow, indem er ihm beide -Hände drückte; »glauben Sie mir, ich habe es mir schon selbst so oft -vorgenommen, mit Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!« -Tatsächlich aber dachte er: »Wenn dich doch der Teufel holte!« Plötzlich -jedoch erblickte er den eben eintretenden Murasow. »Herrgott! Afanassij -Wassiljewitsch! Wie befinden Sie sich?« - -»Und Sie?« sagte Murasow, indem er den Hut abnahm. Auch der Kaufmann und -Chlobujew nahmen ihre Mützen ab. - -»Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf läßt zu wünschen übrig. -Vielleicht weil ich mir zu wenig Bewegung mache!« - -Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den Grund seiner -Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow an Chlobujew: »Ich sah Sie in -den Laden treten, Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen -nachgegangen. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, können Sie mir -nicht einen Besuch machen?« »Aber natürlich, natürlich!« versetzte -Chlobujew eilig, und beide gingen hinaus. - -»Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?« dachte Tschitschikow. - -»Afanassij Wassiljewitsch -- ist ein sehr würdiger und kluger Mann,« -sagte der Kaufmann; »er ist außerordentlich tüchtig in seinem Fach, aber -er hat keine Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant und -nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen auch allerhand -Budgets und Reaktionen verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus -verfallen.« Tschitschikow zuckte die Achseln. - -»Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!« rief plötzlich eine Stimme. -Es war Lenitzyn. Der Kaufmann nahm ehrfürchtig den Hut ab. - -»Sie? Fjodor Fjodorowitsch?« - -»Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns schnell zu mir nach Hause -fahren, ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte jener. Tschitschikow sah ihn -an -- er sah ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt. -Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden. - -»Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,« sagte Murasow, als er -Chlobujew eintreten sah. »Bitte kommen Sie doch zu mir ins Zimmer!« Und -er geleitete Chlobujew in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt -hat. Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert Rubel -Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres, schlichter -ausgestattetes Zimmer finden können. - -»Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse gebessert haben? -Ihre Tante hat Ihnen doch sicher etwas hinterlassen.« - -»Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß wirklich nicht, -ob sich meine Verhältnisse gebessert haben. Ich habe bloß fünfzigtausend -Bauern und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich einen Teil -meiner Schulden bezahlen -- und jetzt sitze ich wieder da und habe -nichts. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft -ist nicht einmal ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und -Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will es Ihnen -gleich erzählen, Sie werden staunen, was alles in der Welt vorkommt. -Dieser Tschitschikow ...« - -»Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir von diesem -Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal von Ihnen selbst sprechen. -Sagen Sie mal! wieviel Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein, -um Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um wieder in -geordnete Verhältnisse zu kommen?« - -»Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,« versetzte Chlobujew. »Um da -herauszukommen, alle Schulden zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen -zu haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht -noch mehr! Mit einem Wort: das ist einfach unmöglich.« - -»Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden Sie dann Ihr Leben -einrichten?« - -»Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten und mich ganz der -Erziehung meiner Kinder widmen. An mich selbst darf ich gar nicht mehr -denken. Mit meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst kann ich -doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch zu nichts mehr!« - -»Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen, Müßiggang ist aller -Laster Anfang, da nahen sich einem allerhand Versuchungen, an die ein -fleißiger und tätiger Mensch garnicht einmal denkt.« - -»Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! ich bin schon zu -stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. Zu alledem leide ich noch an -Kreuzschmerzen.« - -»Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie können Sie es bloß auf der -Welt aushalten ohne ein Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken -Sie doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt eine gewisse -Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst der Stein ist nur dazu da, -damit ihn jemand gebraucht oder bei einem nützlichen Werke verwendet, -und der Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte sein -Leben tatenlos hinbringen -- das ist doch unmöglich.« - -»So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht. Ich kann mich doch mit -der Erziehung meiner Kinder beschäftigen.« - -»Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das allerschwerste. Wie -soll _der_ Kinder erziehen, der es nicht einmal verstanden hat, sich -selbst zu erziehen, Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel -erziehen, indem man ihnen das Leben _vorlebt_. Und sagen Sie ehrlich, -kann _Ihr_ Leben ihnen zum Vorbild dienen? Von Ihnen könnten sie -schließlich doch nur lernen, wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie -mit Kartenspiel totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen Sie -lieber _mich_ Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie nur verderben. -Überlegen Sie sich doch die Sache einmal recht ordentlich. Was Sie zu -Grunde gerichtet hat, das ist der Müßiggang -- daher müssen Sie _ihn_ -vor allem meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt im Leben -sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten haben. Selbst der Tagelöhner -hat seinen Beruf. Er hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß -es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein Interesse an seiner -Tätigkeit.« - -»Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es versucht, ich habe mir -redliche Mühe gegeben! Was soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt -bin ich nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen Sie doch -nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht in den Staatsdienst -treten? Oder soll ich mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben -einen jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? Und dann bin -ich unfähig, Geschenke anzunehmen -- -- ich werde mir selber nur schaden -und andern im Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten auch -schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich hab's mir -schon überlegt, ich hab's versucht und darüber nachgedacht, was ich wohl -für eine Stellung annehmen könnte -- nein ich tauge nicht dazu. Ich -passe höchstens noch ins Armenhaus.« - -»Das Armenhaus ist für _die_ da, die im Leben etwas geleistet und -gearbeitet haben; _die_ dagegen, die sich amüsiert haben, solange sie -jung waren, bekommen zur Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte: ->Geh, tanze weiter!< Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, auch da muß -man sich nützlich machen; dort spielt man nicht etwa Whist, Ssemjon -Ssemjonowitsch,« fuhr Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht -sah, »Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.« - -Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber der arme Chlobujew -vermochte nichts zu antworten, und er fing an, Murasow leid zu tun.(13) - -»Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die -Kirche und lassen keine Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus. -Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und gehen -- -gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe -liegt.« - -»Das ist etwas andres -- Afanassij Wassiljewitsch. Hier weiß ich, daß -ich das nicht um der Menschen willen, sondern um _Dessen_ willen tue, -der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich -glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen und mich in -Gnaden aufnehmen wird, so häßlich und schlecht ich auch bin, während -mich die Menschen mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde mich -verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten es in der besten -Absicht getan.« - -Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten -Herrn traten die Tränen in die Augen ... - -»Dann dienen Sie doch wenigstens _Dem_, Der allen Wesen so gnädig ist. -Er freut sich ebenso sehr über die Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen -Sie sich irgend eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es -nur eine _Beschäftigung_ ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es für _Ihn_ und -nicht für die Menschen täten. Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem -Sieb, aber denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wäre -ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden, -was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu -schlemmen, unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen Genüssen -nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?« - -»Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!« - -»Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: er hatte über eine halbe -Million; wie er aber sah, daß ihm alles zum Vorteil ausschlägt -- da -wurde er unmäßig und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn französischen -Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da -ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn er -einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins -Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem -Tee sitzen. Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. Zu alledem -hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei -mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse -haben sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine halbe -Million verdienen. Aber nun _will_ er nicht mehr. >Jetzt bin ich halt -Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und -gesund geworden,< sagte er, >damals aber hatte ich einen dicken Bauch -und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,< sagte er. Tee nimmt -er überhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine -ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns, -und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten einer; mancher andere -würde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermögen -durchgebracht hätte.« - -Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine -beiden Hände: »Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir -tun! Ich habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, Sie wissen -doch, daß in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen -sieht. Das ist ein Mann von großem Verstande, oh, von einem solchen -Verstande, ich kann's gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber -_wenn_ er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte ihm einmal, ich habe -einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich -ruhig an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden Worten: ->Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da: -man muß Geld für den Kirchenbau sammeln!< Und damit schlug er die Türe -zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten könne >Offenbar will er -mir keinen Rat erteilen<, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm -Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich -schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen könne, -Geld für den Bau einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus dem -Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung -genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil -davon abhänge? Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im Himmel. Das ist -ja das Amt, das der Mönch Ssemjon Ssemjonowitsch übertragen will. Das -Wandern wäre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche -vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Bürger gehen wird, wird -er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat. -Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat, -wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche -Menschen brauchen wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe viel -dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, der die Verhältnisse -nicht aus den Büchern und Akten, sondern _tatsächlich_ kennt, so wie sie -in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt, -überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.« - -»Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij -Wassiljewitsch,« sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte. -»Ich kann nicht einmal glauben, daß Sie das zu _mir_ sagen: dazu bedarf -man eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann kann ich doch -nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen -haben?« - -»Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Für die will ich -schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es -ist doch besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein -gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und -zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber -keine Angst zu haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird -Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch -etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben -können, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch -gutes Werk tun können: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich -nur _denen_ geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen, -werden Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es wird Ihnen -nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ... -Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld -für die _Kirche_ sammeln.« - -»Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich -wünschte mir wirklich, ich könnte auch nur einen kleinen Teil davon -ausführen; aber ich fürchte, es übersteigt meine Kräfte!« - -»Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?« versetzte Murasow. »Es -gibt doch gar nichts, wozu unsere Kräfte ausreichen; alles geht über -unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen. -Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt ein Kreuz, sagt: >Gott -hilf!< rudert und erreicht schließlich doch das Ufer. Darüber brauchte -man nicht erst lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als eine -göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit für Sie; -laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch, -bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.« - -»Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. -- -Gott sei mir gnädig!« sagte er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie -Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist -aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen -Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer -blitzte in der Ferne auf ... - -Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu -Tschitschikow.(14) - - * * * * * - -Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es -tauchten plötzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehört -hatte. Wie die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das -ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so -von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das -letzte Testament sei gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte -Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe. -Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und während seiner -Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt -zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze -Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein weiß, wie man -das alles herausgeschnüffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls -waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen -Tschitschikow glaubte, niemand außer ihm und den vier Wänden, innerhalb -deren er lebte, könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles -noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren -gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß -ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache -bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: »Ich beeile mich, -Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien -bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich -nicht unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt -- Ruhe. Wir wollen die Sache -schon wieder einrenken.« Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. »Ein -Genie!« sagte Tschitschikow. Um seine glückliche Stimmung zu -vervollständigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch -noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust packte ihn, sich selbst in dem -neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog -die Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß man ihn -ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen lagen ganz eng an und ließen -seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff -schmiegte sich so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten -erkennen, was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität -verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch -einer Trommel. Er schlug mit der Bürste darauf und sagte: »So ein -Trottel! Und _doch_, im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.« Der -Frack schien noch besser genäht zu sein, als die Hosen: da gab es auch -nicht ein Fältchen, im Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön -geschwungen und ließ die ganze Statur genau hervortreten. Auf -Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke ihn etwas unter der -Achselhöhle, antwortete der Schneider bloß mit einem Lächeln: darum saß -er auch um so besser in der Taille. »Sie können ganz ruhig sein, Sie -können ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,« wiederholte er mit -unverhohlener Freude: »So einen Frack bekommen Sie überhaupt nicht -wieder außer etwa in Petersburg.« Der Schneider stammte selbst aus -Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: »_Ein Ausländer aus -London und Paris_«. Er liebte es nicht zu spaßen und wollte mit den -beiden Städten ein für allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen, -damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte -kommen sollte. Mochte er doch irgend ein »Karlseruh« oder »Kopenhaga« -auf sein Schild setzen. - -Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich, -nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten: -und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten -und gewissermaßen _con amore_. Es stellte sich heraus, daß alles noch -weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter, -sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich -zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch -weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der -Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete -einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von -Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und -vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts -- -und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links -- und es war -noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen -Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend -wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern -sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient. -Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es, -eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren, -von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau, -etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er -noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die -Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser -herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das -Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: »Zu wem -soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...« Da ertönt -plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein -Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer -repräsentieren, und sagt: »Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur -zu melden!« Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand -ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden -Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der -_rechten_ und eine Schärpe über der _linken_ Schulter und einen -gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der -andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles -hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas -einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: »Sie haben sofort -mitzukommen!« Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche -Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf -der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen? -Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack -von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. -Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr, -begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur. - -Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. »Treten -Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!« sagte der diensthabende Beamte. -Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die -allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er -durchschreiten mußte, und er dachte: »Wie? Wenn sie mich nun plötzlich -ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten -einfach nach Sibirien befördern!« Sein Herz fing heftig an zu klopfen, -weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich -die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen -Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren: -der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der -personifizierte Rachegott. - -»Alleszermalmer!« dachte Tschitschikow, »er wird mich zerreißen, wie der -Wolf das Lamm!« - -»Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben, -während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von -neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals -ein Mensch beschmutzt hat!« Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn. - -»Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?« sagte -Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte. - -»Die Frau,« sagte der Fürst, indem er näher auf ihn zuging und -Tschitschikow gerade in die Augen blickte: »die Frau, die das Testament -auf Ihr Geheiß unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen -gegenübergestellt werden.« - -Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen. - -»Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig, -ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine -Feinde haben mich verleumdet.« - -»Sie _kann_ niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr -Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lügner ersinnen kann. -Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat -vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und -ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute -und Sibirien stehen! Nein, Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins -Gefängnis abgeführt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten -Schurken und Räubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und -das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als -sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...« Er -warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit -Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte. - -»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow, »haben Sie Erbarmen! Sie sind doch -auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine -alte Mutter!« - -»Du lügst!« rief der Fürst zornig. »Genau so hast du damals für deine -Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht! -Jetzt ist es die Mutter!« - -»Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niederträchtiger -Schuft!« sagte Tschitschikow ... »Ich habe wirklich gelogen, denn ich -hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte -stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und -Bürger zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner Vorgesetzten -und Mitbürger zu verdienen! ... Aber welch ein unglückliches -Zusammentreffen der Umstände! Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut -mußte ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese -Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... nichts als -Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... Mein ganzes Leben war wie -ein stürmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein -Spielball der Winde und Wellen. Ich bin -- auch nur ein Mensch -- -Durchlaucht!« - -Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Fürsten auf -die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe -mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den -herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, die eine Wolke von -Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich -tief vor dem Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden. - -»Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen!« sagte -der Fürst zu den eintretenden Gendarmen. - -»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den -einen Stiefel des Fürsten. - -Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern. -»Fort, fort mit ihm! sag ich!« rief er, indem er seinen Fuß aus der -Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte. - -»Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen -haben,« sagte Tschitschikow, ohne den Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß -dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von -Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden nach sich -schleifte. - -»Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!« rief der Fürst mit jenem -unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim -Anblick eines häßlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben, -es zu zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, daß -Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn -erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur -noch stärker an ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mühe -fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten ihn durch die lange -Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich -in jenem furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch den -finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche -Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht. - -In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete ihnen Murasow. Ein -Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich Tschitschikows verdüstertes Gemüt. -Mit geradezu unnatürlicher Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen -beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten -Murasow auf die Kniee. - -»Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?« - -»Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, aufs Schafott.« - -Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten ihn hinaus, ohne ihn -ausreden zu lassen. - -Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fußlappen der -Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte -Stühle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig -rauchte, ohne zu wärmen -- das war der Raum, in dem unser Held -untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des -Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher -Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich -zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte -nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mühsam -erworben hatte ... All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der -toten Bauern -- alles war jetzt in den Händen der Beamten. Er fiel auf -die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an -seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes -wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen -Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt noch auf der Welt -gewesen wäre. Aber auch über Tschitschikow wachte eine schirmende und -rettende Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des Gefängnisses -und hereintrat: »der alte Murasow«. - -Hätte jemand einem müden und erschöpften, von brennendem Durste -gequälten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer -ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt, --- es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis unsern armen -Tschitschikow. - -»Mein Retter!« rief Tschitschikow plötzlich, indem er vom Fußboden aus, -auf den er sich in seinem herzzerreißenden Schmerz niedergeworfen hatte, -nach Murasows Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte. -»Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem kommen!« - -Und er brach in Tränen aus. - -Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur: -»Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?« - -»Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte! -Ich konnte nicht Maß halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit -aufzuhören. Er hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle -Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! Ja, ich habe -gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so -behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches -Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij -Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu -gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie -früher, und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine Schatulle! -Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes -Vermögen drin, das ich mir im Schweiße meines Angesichts mit meinem -Blut, durch jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. Meine -Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und -fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!« - -Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande den Schmerz -niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft erschütterte, fing er laut an -zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des -Gefängnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die -Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und riß den herrlichen Frack -von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stücke. - -»Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und -Reichtum verblendet, daß Sie sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare -Lage!« - -»O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie mich!« schrie der arme -Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank. -»Der Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!« - -»Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie tun, selbst wenn ich -es wollte, und so sehr ich es auch wünschte. Sie sind in die Macht des -unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!« - -»Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des -Menschengeschlechtes!« - -Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der -Faust auf den Tisch, daß er sich seine Hand blutig schlug; aber er -fühlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des -Schlages. - -»Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich -mit Ihrem _Gotte_ auszusöhnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an -Ihre arme Seele!« - -»O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je -einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu -mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; -wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe -ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse -bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf -Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner -Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine -Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu -dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne -es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und -doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade -Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber -ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand -was fortgenommen habe, so nahm ich's nur den Reichen. Es gibt doch -Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute -plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, -sagen Sie, hab ich nicht Unglück? -- noch jedes Mal, wenn ich die -Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen -glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff, -und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon -dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus -dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij -Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn -nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem -Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine -Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang -anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen -Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke -ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in -mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist -sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie -leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das -Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese -festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu -eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.« - -Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz; -kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen -herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn -weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen -Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er -schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts -zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu -wollen. - -Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses -seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand -sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit -der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs -bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren, -zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu -seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte -ausstoßend, die den Menschen befehden. - -»Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein -Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer -einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt -hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur -_einer_ der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte, -wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch -verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, -ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren -Besitz zu mehren! -- Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde -aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das -Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern -daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen -Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre -Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte -verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.« - -Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch -der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch -der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig -er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein -besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden -vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da. - -»Afanassij Wassiljewitsch,« sagte der arme Tschitschikow und ergriff -Murasows beide Hände. »Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein -Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein -ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie -mich!« - -»Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst -wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der -Fürst ist sehr gerecht, -- er wird unter keinen Umständen nachgeben.« - -»O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz -nicht -- gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden -- was -mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde, -wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle -.... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!« - -Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen -Tränen. - -»Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!« sagte der alte Murasow, -indem er den Kopf schüttelte: »wie hat Sie doch dieser Reichtum -verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?« - -»Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!« - -»Pawel Iwanowitsch!« sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick -inne. »Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten -- das sehen Sie -doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann, -um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir -dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich -jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch -- dann bitte ich -mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe -Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe -Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre -- und es -ist weit größer als das Ihrige -- ich würde ihm keine Träne nachweinen. -Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann, -worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu -stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt. -Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem -Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu -können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe -einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon -den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie -ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein -mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all -ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt -Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: -sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.« - -»Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben -ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft -widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat -mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser -verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!« - -Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte, -durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas -regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst -Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit -im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge -des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der -Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm -unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des -Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme -verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, -schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen. -Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit -beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: »Wahrhaftig, -Sie haben recht!« - -»Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen, -weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer -gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich -selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch -ist es Zeit ...« - -»Nein, es ist zu spät, zu spät!« stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme, -bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. »Ich fange an zu -fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege -abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so -erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich -geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er -selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang, -ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen -falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren -Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle -Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes -Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster -nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt -jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur -zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben -Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und -Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit -- was soll ich -machen?« - -Der Greis seufzte tief auf .... - -»Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und -Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke, -denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht -- so -zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen -noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es -lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann -wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich -alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen -werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen -werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die -so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten -unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein _Held_, ein -_Heros_ heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie- -und willenlos sind.« - -Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und -den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War -es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes, -was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen -aufblitzte .... - -»Afanassij Wassiljewitsch!« sprach er mit fester Stimme: »wenn es Ihnen -gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit -ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann, -dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann -kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, -nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun, -soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und -all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein -einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.« - -»Gott stärke Sie in diesem Entschluß!« sagte hocherfreut der alte Mann. -»Ich will all meine Kräfte einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er -Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das -weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O, -mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie -mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort zum Fürsten.« - -Tschitschikow blieb allein. - -Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er war ganz weich -geworden. Auch das Platin, das härteste aller Metalle, das dem Feuer am -längsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse -anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze zu -unerträglicher Glut anschwillt -- allmählich wird es weißer und immer -weißer -- das _eigensinnige_ Metall, bis es sich endlich verflüssigt: so -gibt auch der stärkste Charakter nach in der Esse der Leiden und -Schicksalsschläge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit -ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ... - -»Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch aber will ich all -meine Kräfte einsetzen, um es andre fühlen zu machen; zwar bin ich -selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um -andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber -will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis zu geben. Ich werde selbst -Hand anlegen und auf dem Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein; -ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten -Einfluß auszuüben. Bin ich denn zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch -eine gewisse Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink, -gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man muß nur -wollen ...« - -So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkräften etwas -ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fühlte er mit dunklem Instinkt, -daß es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat, -und die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, trotz aller -widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen -auf jedem Posten bestürmen, auf den er gestellt ist. Und das werktägige -Leben, fern vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen, -die der müßige, von der Arbeit entwöhnte Mensch erdacht hat, stand -plötzlich so deutlich vor ihm, daß er seine peinliche Lage beinahe -vergaß und vielleicht sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für -diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und -wenigstens einen _Teil_ seines Vermögens wiedererlangt hätte ... Aber da -öffnete sich die kleine Türe zu seiner schmutzigen Zelle, und herein -trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer, -ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein -ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn -seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten hätte der Mensch wahre -Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche -und unwegsame Gegenden ausführen, oder dem Feind eine Kanone vor der -Nase wegstehlen -- das wäre so etwas für ihn gewesen. Aber da es keine -militärische Stelle für ihn gab, auf der man vielleicht einen -anständigen Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich die -größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwürdig! -Er hatte höchst sonderbare Ansichten und Grundsätze: seinen Freunden war -er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber -stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine Art -feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mußte, wobei es -erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlässigkeit -seitens des Gegners auszunutzen. - -»Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehört!« sagte er, als -er merkte, daß sich die Tür hinter ihm fest geschlossen hatte. »Macht -nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles -wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. Wir stehen Ihnen -ganz zur Verfügung. Dreißigtausend Rubel -- für uns alle zusammen und -die Sache ist gemacht.« - -»Wirklich?« rief Tschitschikow aus, »und ich werde ganz freigesprochen?« - -»Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz für Ihre Verluste.« - -»Und für Ihre Bemühungen?« - -»Dreißigtausend. Alles inbegriffen -- für die Unsrigen, für die Leute -des Generalgouverneurs und für den Sekretär.« - -»Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine -Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei -...« - -»In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?« - -Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte -nicht recht, das es möglich sei ... - -»Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu -sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!« - -»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich verstehe: der Rechtsanwalt!« -Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in -seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte -glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine -Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld -- alles war in schönster -Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den -Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem -Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der -Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr -sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren -konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte -einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem -Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der -Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren -noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken -konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er -faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand -schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der -er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich, -dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit -helleren und klareren Farben ... »O Leben!« - -Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von -geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber -waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen -sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim -Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der -Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den -ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er -alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer. -Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte -Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst -verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der -sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der -Posten »Honneur« machte und stramm stand. »Stehst du schon lange hier?« --- »Seit heute morgen, Euer Gnaden!« -- »Wirst du bald abgelöst?« -- »Um -drei Uhr, Euer Gnaden!« -- »Ich werde dich brauchen. Ich werde dem -Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.« -- -»Zu Befehl, Euer Gnaden!« Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja -niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er -sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen -künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst -nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, -ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie -zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien -plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem -Gewehr vor dem Posten: »Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher -geschickt; ich soll dich ablösen.« Er löste den andern ab und pflanzte -sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war -alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem -andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der -ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß -später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben -war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte -der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen -Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen, -daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem -Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im -geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem -geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen -noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle -- und er -brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden -mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer -Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an -den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar -solche, die _überhaupt_ nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine -Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer -ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er -sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. -Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall -Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung -gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen -Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als -dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der -arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl -erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein -gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er -konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der -Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe -anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre. -In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten, -die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu -verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise -verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer. -Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist -gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen -aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem -Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen -den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern -ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den -Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht -verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer -werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den -Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten -- und ein ganzer -Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen -ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben -werde -- die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen. -Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten -Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei -gekommen. »Er soll eintreten!« sagte der Fürst. Der Greis betrat das -Zimmer. - -»Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich für ihn ein und -versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache -ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben -hätte.« - -»Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, daß ich die ganze -Sache nicht recht gut verstehe.« - -»Die Fälschung eines Testaments, und was für eine Fälschung! ... Darauf -steht öffentliche Züchtigung mit der Knute!« - -»Durchlaucht -- was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu -verteidigen -- aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die -Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.« - -»Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der Toten spielte, ist -verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer Gegenwart verhören.« Der Fürst -klingelte und befahl, die Frau holen zu lassen. - -Murasow schwieg still. - -»Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine Schande, daß die -höchsten Beamten der Stadt, ja sogar der Gouverneur selbst in sie -verwickelt sind. Er wenigstens dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe -und Faulenzer ihr Wesen treiben!« sagte der Fürst heftig. - -»Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er hatte doch gewisse -Rechte und Ansprüche darauf; und daß auch die andern von allen Seiten -herbeigelaufen kamen und mit daran profitieren wollten -- das ist doch -nur _menschlich_, Durchlaucht! Eine reiche Frau stirbt, sie hinterläßt -ein Testament, das weder klug noch gerecht ist, und nun strömen von -allen Seiten Menschen zusammen, die gern was verdienen möchten -- das -ist doch alles so menschlich, so natürlich ...« - -»Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... Die Schurken!« -sagte der Fürst empört. »Ich habe nicht einen einzigen anständigen -Beamten: lauter Lumpen.« - -»Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. ganz so, wie er sein -sollte? Alle Beamten unserer Stadt sind doch Menschen, die haben ihre -Vorzüge und ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre -Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind, aber wer ist denn -frei von Sünde?« - -»Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie mir bitte -- Sie sind -der einzige ehrliche Mensch, den ich kenne -- was macht es Ihnen -eigentlich für ein Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz zu -nehmen?« - -»Durchlaucht!« versetzte Murasow: »wie die Menschen auch sein mögen, die -Sie Schurken und Gauner nennen -- sie bleiben immer doch Menschen. Wie -soll man denn den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß, daß er -die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und Unwissenheit begeht. Wir -tuen doch selbst auf Schritt und Tritt unrecht und stürzen jeden -Augenblick andere Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht. -Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!« - -»Wie?« rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs höchste überrascht durch -die unerwartete Wendung, die die Unterhaltung nahm. - -Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien zu überlegen und sagte -schließlich: »Nun, denken Sie zum Beispiel an den Fall Derpennikow.« - -»Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den -Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!« - -»Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jüngling, der -sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verführen und fortreißen -läßt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser -Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein -Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.« - -»Um Gottes willen ...« sagte der Fürst, dem man seine Aufregung deutlich -anmerkte: »Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe -erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man möge sein Los -mildern.« - -»Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas weiß, was Sie nicht -auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein -könnte, aber er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das einem -andern schaden würde. Ich meine bloß dies: ob Sie sich damals nicht -vielleicht allzusehr übereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich -urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals -geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich -auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich hätte damals auch -das frühere Leben meiner Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man -nicht alles ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich -anschreit -- dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt überhaupt -nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie -nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt -- dann sagen sie einem -alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man Gnade walten -lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zürnen niemandem, -weil sie sehen, daß nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.« - -Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein -junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm -ehrfurchtsvoll an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit -spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es -ihm an, daß er Beamter für besondere Aufträge war. Dies war einer der -wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen -das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz, -noch einen heißen Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den -andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er überzeugt -war, daß er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner -andern der Welt, und daß das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine -verwickelte Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie -in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu -entdecken, und alles aufzuklären, -- dann war er in seinem Element. Er -fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit und die vielen -schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn -ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fühlte, daß er -imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, sodaß -sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl -sagen, kein Schüler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines -schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines großen -Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war, -eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafür aber .... - -»... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen -Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und -wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will -ich auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein -einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und -vielleicht gelingt's mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem -Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig: -da kommt es höchstens zu weitläufigen Schreibereien; sie werden ja schon -so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die -Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafür haben, -denn bei Gott, in solch einer Zeit wäre es wirklich eine Schande, noch -an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich -habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem habe ich schon nach Sibirien -schicken lassen; bis zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues -geliefert.« - -»Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten -mir einen sehr großen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil -hier -- das werden Sie selbst fühlen -- weil hier jedes Wort ohnmächtig -wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins über jene Bitte sagen. -Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache -hinwegzugehen, wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu -verzeihen?« - -»Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es -viele ehrenwerte Männer unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft -schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein -Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann näher -zusieht -- ist _er_ es garnicht gewesen.« - -»Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt -doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnäsiger werden und am Ende -noch behaupten werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die -ersten sein, die keine Achtung für ....« - -»Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie -sie alle rufen, erklären Sie ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist, -schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben -geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an -Ihrer Stelle gemacht hätte.« - -»Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen zugänglich sind außer -allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir, -sie werden mich auslachen.« - -»Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der -schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefühl für das Rechte. -Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe -ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu verstecken. -Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmähen -sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der -gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist -- nun so mögen sie die -Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schließlich daran? Ihre Sache -ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht -vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.« - -»Afanassij Iwanowitsch,« sagte der Fürst nachdenklich: »ich will es mir -überlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Rat.« - -»Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die -Freiheit schenken?« - -»Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen daß er fortkommt, und -zwar so schnell als möglich; je weiter er von hier ist, desto besser. -Ihm könnte ich niemals verzeihen.« - -Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten direkt zu -Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in höchster -Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschäftigt, das ihm in -mehreren Porzellanschüsseln aus einem gleichfalls recht respektablen -Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten -konnte der alte Herr sofort erkennen, daß Tschitschikow schon mit -einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar, -daß hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im -Spiel hatte. - -»Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte er, »ich bringe Ihnen die -Freiheit, aber unter einer Bedingung, daß Sie sofort die Stadt -verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie -fortkommen; Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst -verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen irgend ein Mensch -hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, daß man -noch einer andern Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird -ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich Spaß, auch andere Leute -zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache -wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung -zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher -ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf -den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander -streiten und einander umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden -ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige zu denken. -Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das -fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und -zerfleischen, und nicht daran denken, ihren _geistigen_ Besitz in -Ordnung zu bringen -- wird es auch um den irdischen Besitz nicht -wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen, -wie für ein ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist doch so -klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper hängt doch von der Seele ab. -Wie aber kann man dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht -an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen -Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise -auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, -- wenn ich -nicht mehr da bin.« - -Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in -Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen -Bedeutung. »Murasow hat recht,« sagte er, »es wird Zeit, einen andern -Weg einzuschlagen.« Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der -Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka -waren ganz selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und -freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. »Nun, meine Lieben,« -sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig an sie wandte: »jetzt müssen -wir packen und abreisen.« - -»Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir -fliegen werden,« sprach Seliphan: »Wir werden jetzt einen guten Weg -haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir -die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, daß ich sie -garnicht mehr ansehen mag.« - -»Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein -Schlittengestell setzen,« versetzte Tschitschikow und ging selbst in die -Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu -machen. Nach diesem unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so -mehr, da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte über ihn -zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfältig aus dem -Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes, -bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft -hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und -begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug -genäht hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer für -den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und ließ das Völkchen -seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere, -Bügeleisen und Zähnen arbeiten, sodaß der Frack noch am nächsten Tage -fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte -den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, ganz ebenso schön -wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glänzendes, weiß -Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: »Wie -konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber hätte -ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!« Nachdem er seine -Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und -verließ die Stadt in einer seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht -mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des früheren -Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem -zerstörten Gebäude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde, -um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch -nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht -gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine -Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit -Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach -Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Fürsten -zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle, -bis auf den letzten noch einmal sehen. - -In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur bewohnte, -war die gesamte Beamtenschaft der Stadt versammelt vom Gouverneur bis -zum letzten Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand -Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, solche die -Geschenke annahmen und solche, die keine annahmen, ganze und halbe -Heuchler und Pharisäer, und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle -warteten nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen des -Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den Saal, er war weder -finster noch heiter: sein Blick war ebenso fest wie sein Schritt. Die -ganze Beamtenschaft verbeugte sich -- viele verneigten sich tief bis zur -Erde. Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und begann -folgendermaßen: - -»Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig, Sie noch -einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum Teil den Anlaß zu meiner Reise -mitzuteilen. Es hat sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache -abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden wissen, welche -Sache ich meine. Diese Sache hat zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von -Vorgängen geführt, die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar -solche Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen und -ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, alles so zu -verwirren und durcheinanderzubringen, daß es völlig unmöglich werde, -diesen Fall auf dem formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen. -Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er es sehr klug und -fein verstanden hat, alle Beweise für seine Teilnahme zu beseitigen. Nun -aber habe ich mich entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen -Rechtswege noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie wie in -Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen und rasch zu erledigen. -Ich hoffe, daß der Kaiser mir die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich -ihm den ganzen Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo es -nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, wo ganze -Schränke mit Akten verbrennen, und wo man sich bemüht, durch einen -Haufen von falschen Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine -schon an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln -- da halte -ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige Mittel, und ich -wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.« - -Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Alle -standen stumm da, den Blick zu Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich -geworden. - -»Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, obgleich ihre -Urheber der festen Überzeugung leben, daß niemand etwas davon erfahren -konnte. Auch dieser Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden, -da ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und Sie können -sicher sein, daß ich zwingende und evidente Beweise vorlegen werde.« - -Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne von den Ängstlicheren -wurden gleichfalls bestürzt und verlegen. - -»Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige und Anstifter -seiner Titel und Ränge entkleidet und daß sein Eigentum konfisziert -werden wird. Die übrigen werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich -von selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige werden mit -leiden müssen. Aber was soll ich machen? Die Sache ist zu schmählich und -schreit nach einer gerechten Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß -dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da wieder andere an ihre -Stelle treten und die, welche bis zu heutigem Tage ehrlich waren, -unehrlich und solche, denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern -und Verrätern werden werden -- obwohl ich dies alles weiß, bin ich -gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, denn das Gesetz ist -verletzt und fordert strengste Ahndung. Ich weiß, daß man mir Härte und -Grausamkeit vorwerfen wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in ein -gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln muß, das auf die -Häupter der Schuldigen herabfallen soll.« - -Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter. - -Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung spiegelte sich in -seinen Zügen. - -»Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das Schicksal vieler liegt -und den selbst keine Bitten zu erreichen vermochten, jetzt fleht er euch -alle an: Alles soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben -sein: ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine Bitte -erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich weiß, daß kein Mittel, -keine Einschüchterung und keine Strafe imstande ist, das Unrecht -auszurotten, es hat schon zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche -Sitte, Geschenke anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis -geworden, selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage zum Bösen -geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für viele beinahe unmöglich ist, -gegen die allgemeine Strömung zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in -einem entscheidenden und großen Augenblick, wo das Vaterland in Gefahr -ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich nimmt und alles zum Opfer -bringt, -- einen Ruf an Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die -unter Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, und für -die _Großherzigkeit_ und _Edelmut_ noch keine leeren Worte geworden -sind. Wozu wollen wir hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig -ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht habe ich Sie -zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; vielleicht habe ich -durch meinen übertriebenen Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der -den ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich auch ich -meinerseits etwas tun konnte .... Wenn Sie wirklich wollten, daß die -Gerechtigkeit auf der Seite Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland -wirklich lieb gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz -und die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten Ihren -Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken und Ihr eigenes Ich -zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe -zum Guten unmöglich nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren -verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen können. Am Ende muß -sich doch der Untergebene an den Charakter seines Vorgesetzten und nicht -der Vorgesetzte an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls wäre das -richtiger und bequemer, denn die Untergebenen haben nur _einen_ -Vorgesetzten, während der Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen -hat. Aber lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste Schuld -trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns die Pflicht auferlegt ward, -das Vaterland zu retten; unser Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß -zwanzig fremde Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde -an _uns_ selbst; denn neben der rechtmäßigen Regierung und Verwaltung -hat sich noch eine andre Regierung gebildet, die weit stärker ist als -jede gesetzliche Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, alles -ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise sind bereits allgemein -bekannt gegeben. Und kein Regierender vermag es, selbst wenn er weiser -wäre als alle Gesetzgeber und Regierenden der Welt, das Übel wieder -auszurotten, und wenn er die schlechten Beamten tausendmal in ihren -Machtbefugnissen beschränkte, indem er noch andre Beamten anstellte, um -jene zu beaufsichtigen. Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen -lernt, daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände -wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und Unwahrheit. Als Russe, -als ein Mensch, der durch die heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit -euch verbunden ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den -euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. Ich wende mich an -die unter euch, die einen Begriff davon haben, was eine vornehme -Denkungsart ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht zu erinnern, -die dem Menschen vorgezeichnet ist, an jedem Punkte, wo er steht. Ich -bitte euch, euch dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures irdischen -Berufes klarer bewußt zu werden, weil uns dieses nur dunkel vorschwebt, -und weil wir kaum ...« - - - - - Novellen - - - übersetzt von - Mario Spiro und S. Bugow - - - Der Mantel - -In einer Ministerial-Abteilung ... - -Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Rußland nämlich -gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-, -Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen -unter dem Namen »Bürokraten« zusammenzufassen pflegt. Hält sich -heutzutage der eine von ihnen für auch nur ein wenig in seiner Ehre -gekränkt, so bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die -ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein -Kreisrichter -- ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt -- einen Bericht -abgefaßt haben, in dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der -Regierung nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche man -sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine -verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafür hatte er -seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in -dem man auf jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter -begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen Reklamationen -den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der -folgenden Vorgänge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In -einer Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung -war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein Beamter, der -- ich kann -es leider nicht verschweigen -- ein wenig schlicht und unbedeutend -aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm -jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas -kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte -eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden. -Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das -Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft -- -denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten -festzustellen -- so war er das, was man im allgemeinen unter einem -ewigen »Titular-Rat«[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen, -die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser -Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die -beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen -vermögen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war -Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name läßt deutlich -erkennen, daß er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit -er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig -unbekannt. Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres -Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten immer nur -Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen ließen. Der -Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht -wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich -kann ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern daß die -Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben. -Man höre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles -trügt, in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene Mutter, die -einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging -natürlich, wie sich's auch gebührt, sofort daran, ihren Neugeborenen -taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe -gegenüber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch -Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines Amtes, Bürochef -im Senate, -- und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna -Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei -Vorzügen ausgestattet war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen zur -Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers Chosdasat. - -[Fußnote 9: Die russische bürokratische Hierarchie oder der Tschin -zerfällt in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehört der neunten an.] - -»Nein,« dachte sie, »die gefallen mir alle nicht!« - -Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes -Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und -Warachatius. »Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!« rief die alte -Mutter aus. »Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute höre -ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch -Waradat oder Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!« - -Man blätterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und -Wachtissi. - -»Nein, nun wird es mir klar,« rief die Alte, »es soll nicht sein! So mag -er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun -einmal keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. So mag der -Sohn denn auch Akaki heißen!« Und so taufte man ihn denn auf den Namen -Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde über den Taufstein gehalten: -natürlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, -wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages Titular-Rat werden -würde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen -deshalb so breit erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann, -daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß ein anderer Name für -den kleinen Akaki unmöglich gewesen wäre. - -Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm -dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie -viele Vorgesetzte aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander -gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn -stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, über dieselbe -Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so daß man hätte glauben können, -daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit -seinen kahlen Schläfen und in seiner Dienstuniform. -- In der Kanzlei, -in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht -auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem -Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm -nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine -Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des -Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm -einen Stoß von Papieren aufhäuften: - -»Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!« -- - -oder etwa: - -»Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme Arbeit!« - -oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter wohlerzogenen Beamten am -Platze ist. - -Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach zu fragen, wer sie vor -ihm hingelegt hatte, und ob der Betreffende überhaupt dazu berechtigt -gewesen war. Er nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben. -Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren, diente er als -Gegenstand für ihre Spöttereien und zur Zielscheibe für ihre -Geistesblitze -- soweit man bei Beamten und besonders bei Kanzleibeamten -überhaupt von Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine Menge -erfundener Geschichten über ihn und über die Frau, bei der er wohnte, -eine siebzigjährige Greisin. Man sprach davon, daß sie ihn hin und -wieder verprügle, man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor den Altar -treten wolle. Oder man ließ auch auf sein Haupt Papierkügelchen -herabregnen und wollte ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären. -Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste Beachtung; er -erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts von der Gegenwart der -andern. Alle diese kleinen Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im -Arbeiten keinen Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch -nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm jedoch einmal der -Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn etwa am Arme und hinderte ihn am -Schreiben, so sagte er auch dann nur: - -»Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen Sie mich denn durchaus -beleidigen?« Und es lag etwas merkwürdig Rührendes in diesen Worten und -in der Art, wie er sie sprach. - -Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der soeben eine Anstellung -im Bureau erhalten hatte und nach dem Beispiel der andern sich auf seine -Kosten lustig machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als -hätte er einen Stich ins Herz bekommen, -- und von nun an sah er den -alten Beamten mit ganz andern Augen an. - -Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche Macht ihn von seinen -Kollegen, die er soeben erst kennen gelernt und die er zuerst für -gebildete und anständige Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand -er vor ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel später -mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm das Bild dieses alten -kleinen Titularrates mit der kahlen Stirn vor Augen und in seinen Ohren -tönten die Worte wider: - -»Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich denn durchaus -beleidigen?« - -Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere, die in ihnen -schlummerten: - -»Bin ich nicht euer Bruder?« - -Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, und oft noch zuckte -er später bei der Erkenntnis zusammen, daß das menschliche Herz doch nur -wenig menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel Härte und -Roheit selbst denen eigen wäre, die eine feine und vornehme Erziehung -genossen hätten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für -gütige und ehrenwerte Menschen galten. - -Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit -gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit -gleichem Eifer -- arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er -Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus schöne, eine -freundliche Welt. Man konnte von seinen Zügen das Vergnügen, das ihm das -Kopieren bereitete, ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er -mit einer ganz besonderen Genugtuung malte -- in der wahren Bedeutung -des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz -anderer: er lächelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich, --- und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen, -welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte. - -Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte er sich zu seinem -eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben -gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem -Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze -Beharrlichkeit trug ihm nur Hämorrhoiden ein. - -Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines Tages doch eine gewisse -Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter -Mann, der ihn für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine -wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der -gewöhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend -eine andere Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten ändern und -im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten -ersetzen. - -Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie -kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann -und er endlich ausrief: - -»Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!« - -Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende kopieren. - -Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts auf der Welt für ihn -existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprünglich grüne -Uniform hatte allmählich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen -war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war, -beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm lang erschien, ähnlich wie -bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Köpfen, die die fremden Hausierer -in den russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen. - -Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben -war, -- bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz -besondere Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter einem Fenster -vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen -Gegenstand auf die Straße warf, und nur selten war sein Hut nicht mit -einer Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm -ein, sich mit dem, was auf den Straßen vor sich ging und alltäglich vor -sich geht, zu beschäftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden -Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren -gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir -sofort alles Merkwürdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit -zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes -Lächeln entlockte. - -Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmäßigen -Linien seiner Kopieen vor sich, und er mußte schon plötzlich an die -Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies, -geraten, um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult befand, -vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf -der Straße. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch, -schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekümmert -um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch mit -Knoblauch -- samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und -der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefüllt, dann stand -er auf, holte ein kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann -pflichtgemäß die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen -hatte. Hatte er zufällig gerade keine dienstlichen Schriftstücke -abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergnügen Dokumente, -denen er eine besondere Wichtigkeit beimaß -- nicht wegen ihrer mehr -oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine -hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren. - -Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs von dem Schleier der -Nacht verhüllt ist und der ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen -gastronomischen Neigungen und dem Gewichte seiner Börse eingenommen hat, --- wenn alle Welt sich von dem Kratzen der Federn im Bureau, von den -Sorgen und den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich die -unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen, zu erholen -sucht, so ist es ganz natürlich, daß die Beamten den Rest des Tages -irgend einer persönlichen Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins -Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich damit, die -Toiletten und Hüte zu betrachten, andere wieder besuchen eine Soirée, wo -sie an irgend ein hübsches Mädchen -- irgend einen Stern, der am -bescheidenen Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt, einige -zärtliche und tiefempfundene Worte richten. Manche dagegen -- und diese -sind die zahlreichsten -- besuchen einen Kollegen, der im dritten oder -vierten Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer Küche und -einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, das einen mühselig erbeuteten -Luxusgegenstand, eine Lampe oder irgend einen auf Grund langer -Einschränkungen gekauften Artikel birgt. - -Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die eine oder die andere -Weise seinem Müßiggange nachgeht: hier spielt man eine Partie Whist, -dort nimmt man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht aus -einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die Skandalgeschichten, die -in der großen Welt passieren, denn in welcher Situation sich der Russe -immer befinden mag, nie kann er seine Gedanken von seiner offiziellen -Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose Anekdoten im Umlaufe sind, -wie zum Beispiel die von dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht -wird, irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild Peters des -Großen den Schweif abgeschnitten. - -Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung und des Amüsements -blieb Akaki Akakiewitsch seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen -können, daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in Gesellschaft -gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben müde geworden war und nicht -mehr weiter konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden des -folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die ihm der liebe Gott noch -reserviert hatte. - -So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der bei einem Einkommen -von vierhundert Rubeln mit seinem Schicksale vollkommen zufrieden war, -und er würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er nicht -einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, wie er nicht nur -Titularräte, sondern auch die geheimen, die wirklichen Staatsräte, die -Hofräte und selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen, -treffen kann. - -In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur über ein Einkommen von -ungefähr vierhundert Rubeln verfügen, einen furchtbaren Feind, und -dieser gräßliche Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl -man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit sehr zuträglich. - -Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der verschiedenen Ämter sich in -ihr Bureau begeben, sticht ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die -Nase, daß die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken -sollen. - -Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger in Person so sehr -unter der Kälte leiden, daß ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in -die Augen steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten ergehen, -die doch über gar keine Mittel verfügen, um sich gegen die Unbilden der -Kälte zu schützen. Da sie sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen -können, so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder sechs -Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann bei dem Portier halt zu -machen, um hier so lange auf den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre -eingefrorenen bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten. - -Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im Rücken und in den -Schultern einen stechenden Schmerz, obwohl er in großer Eile und außer -Atem die Entfernung von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen -pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte, gelangte er -schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel nicht mehr ganz intakt sein -müsse. Kaum war er in sein Zimmer eingetreten, als er dieses -Kleidungsstück sorgfältig untersuchte und hierbei feststellte, daß der -einst so kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den reinsten -Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden war, daß er fast durchsichtig -schien; außerdem war das Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich -wissen, daß dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die -Spöttereien von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, man -hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels entzogen, um ihn -Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, daß dieses Kleidungsstück ein -äußerst merkwürdiges Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen -immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu Jahr hatte der arme -Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten, um mit ihm eine schadhafte -Stelle des Mantels auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts -weniger als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt -aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als Akaki Akakiewitsch seine -traurigen Betrachtungen beendet hatte, sagte er sich, daß er ohne -Zaudern den Mantel zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock -eine ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse. - -Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig war und im -nüchternen Zustande der Ehre teilhaftig wurde, für die Herren Beamten -Röcke und Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas anders im -Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier länger bei diesem -Schneider zu verweilen; aber da es der Brauch nun einmal so will, keine -Persönlichkeit in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie man -nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen, meinen -Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu abzukonterfeien. Früher, als er -noch bei seinem Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori. -Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen Petrowitsch -anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, zunächst nur an den hohen -Feiertagen, dann jedoch an allen Kirchenfesten, die im Kalender mit -einem Kreuz verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den -Gewohnheiten seiner Großväter treu, und wenn seine Frau mit ihm zanken -wollte, hieß er sie eine gottlose Person und eine Deutsche. Und da wir -diese Frau schon erwähnt haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar -Worte sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten, außer daß -sie eben die Frau des Petrowitsch war, und daß sie eine Haube auf dem -Kopfe trug. Im übrigen war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen, -höchstens erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der Straße -begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen Mund zu einem Lächeln -zu verziehen und einen unbestimmten Laut von sich zu geben. Akaki -Akakiewitsch kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. Die -Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig, feucht und strömte, -wie alle Proletarierwohnungen in St. Petersburg, einen Nase und Augen -beizenden Branntweingeruch aus. - -Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen hinaufkroch, überlegte -er, welchen Preis Petrowitsch wohl für die Reparatur fordern könnte, und -er beschloß, ihm unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten. - -Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den Rauchwolken aus der -Küche einen Ausgang zu verschaffen; Petrowitschs Frau war gerade dabei, -hier Fische zu braten. Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die -so voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie bevölkernden -Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche, ohne daß die Frau seiner -ansichtig wurde und trat in die Stube hinein, wo der Schneider auf einem -großen, roh gezimmerten und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein -türkischer Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der meisten -russischen Schneider mit nackten Füßen. - -Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem ein Umstand die -Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der Nagel eines Daumens, der zwar ein -wenig verstümmelt, sonst aber hart und starr war wie die Schale einer -Schildkröte. Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden und mehrere -Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen Knieen lag ein zerfetzter Rock. -Seit einigen Minuten bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch -ohne Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf den Faden. - -»Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!« schrie er. »Bald habe ich -keine Kraft mehr, verdammtes Ding!« - -Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen Augenblick -erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter Laune war. Es wäre ihm lieber -gewesen, Petrowitsch in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in -denen der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder -- wie seine -Frau sich auszudrücken pflegte -- wo dieser einäugige Teufel sich eine -solide Ration Fusel einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein -leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der Schneider -ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, daß er sich ehrfürchtig -vor ihm vorbeugte und ihn mit Danksagungen überschüttete. - -Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen Abmachungen, -beklagte sich über ihren Mann, schrie und tobte und erklärte, er sei -betrunken gewesen und habe die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise -angenommen. Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel war -abgeschlossen. - -Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch bis zu diesem -Momente noch nicht der Flasche zugesprochen, und in dieser -Gemütsverfassung war der Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig, -einen schrecklich hohen Preis zu fordern. - -Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte gern wieder Reißaus -genommen; jedoch es war dazu zu spät: das Auge des Schneiders, sein -einziges Auge, denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und so -stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch: - -»Guten Tag, Petrowitsch!« - -»Guten Tag, Herr!« antwortete der Schneider, dessen Blick sich sofort -auf die Hand des Titular-Rates heftete, um zu erkennen, was für ein -Objekt sie trug. - -»Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich wollte ...« - -Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame Titular-Rat es sich -zur Regel gemacht hatte, seine Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte, -Präpositionen, Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn -ergaben, auszudrücken. - -War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, von besonderer -Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, den angefangenen Satz zu Ende zu -sprechen. Wenn die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann -stotterte er nur ein paar Worte heraus: »Das ist doch wirklich ganz ...« -und dann folgte überhaupt nichts mehr. Bald hatte er selbst vergessen, -was er eigentlich sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt. - -»Was wünschen Sie, Herr?« fragte Petrowitsch ihn, indem er ihn mit -seinem einzigen Auge vom Kopf bis zu den Füßen musterte und seinen -fragenden Blick über Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die -gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut kannte, da er -selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt hatte. Das ist nun mal die -Eigentümlichkeit aller Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie -einem Bekannten begegnen. - -Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich: - -»Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... sehen Sie das Tuch -... übrigens ... ich für meinen Teil ... ich glaube, er ist noch ganz -gut ... nur ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein wenig -abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz neu ... nur an einer -Stelle ein wenig abgescheuert ... da, am Rücken ... und hier an der -Schulter ... zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... es -ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar nicht viel daran zu tun -...« - -Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete ihn auf dem -Tische aus, betrachtete ihn schweigend und schüttelte dann das Haupt. -Dann streckte er den Arm nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit -dem Bilde eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. Ich weiß -nicht, was das für ein General war, denn die Stelle, wo sich das Gesicht -befand, war mit dem Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider -flugs einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt. - -Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen hatte, nahm er die -Kutte von neuem in die Hände, hielt sie ans Licht und schüttelte zum -zweitenmal den Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an, -schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner vor Zeiten mit -dem Porträt eines Generals geschmückten und mit einem Papierstreifen -geflickten Tabakdose hoch, entnahm ihr eine zweite Prise, machte die -Dose zu, steckte sie ein und schrie endlich: - -»Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern! Das ist ja nur ein ganz -elender Fetzen!« - -Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs Herz zusammen. - -»Weshalb nicht, Petrowitsch?« fragte er in dem weinerlichen Ton eines -Kindes, »dieser Rock sollte nicht mehr auszubessern sein? Aber so sehen -Sie doch, Petrowitsch! nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an der -Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um sie aufzunähen.« - -»Allerdings habe ich genug Flicken,« versetzte Petrowitsch, »aber wie -soll ich sie denn darauf nähen? Das Tuch ist abgescheuert und hält -nirgends mehr stand.« - -»Ach was! so werden Sie einfach einen größeren Flicken nehmen!« - -»Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der wird ja doch nicht -halten, der Flicken wäre auch zu groß; das kann man doch kaum noch Tuch -nennen, ein Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!« - -»Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... Das geht doch nicht.« - -»Nein!« erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, »da ist gar nichts mehr -zu machen! Dieser Stoff hat ausgedient. Es wäre besser, daraus für den -Winter Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr als Strümpfe. -Ja, ja, das ist auch so eine deutsche Erfindung, um den Leuten Geld -abzunehmen.« - -Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne den Deutschen eins -auszuwischen. - -»Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,« fügte er hinzu. - -»Einen neuen Mantel?« - -Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. Das Atelier des -Schneiders fing an ihn zu umkreisen und der einzige Gegenstand, den er -deutlich zu erkennen vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt -des Generals auf Petrowitschs Tabaksdose. - -»Einen neuen Mantel?« murmelte er wie traumverloren. »Aber ich habe doch -kein Geld dazu.« - -»Jawohl, einen neuen Mantel!« wiederholte Petrowitsch mit grausamer -Beharrlichkeit. - -»Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, ich faßte einen solchen -Entschluß ... wieviel? ...« - -»Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?« - -»Ja.« - -»So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden Sie schon anwenden -müssen,« erwiderte der Schneider, indem er die Lippen zusammenkniff. - -Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand ein ganz besonderes -Vergnügen darin, seine Kunden zu verblüffen und dann mit seinem einzigen -schielenden Auge den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten. - -»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?« sagte Akaki Akakiewitsch. - -Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem Ton aus, der fast einem -Schrei glich, vielleicht dem ersten, den er seit seiner Geburt -ausgestoßen hatte, denn gewöhnlich sprach er ja mit großer -Furchtsamkeit. - -»Ja,« versetzte Petrowitsch, »ohne Marderkragen und Seidenfutter für den -Umhang; sonst würde er sich auf zweihundert Rubel belaufen.« - -»Petrowitsch, ich beschwöre Sie,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch -flehend, der auf den Schneider und all seine Effekte gar nicht mehr -hörte, ihn auch nicht hören wollte; »ich beschwöre Sie, diesen Mantel -irgendwie auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!« - -»Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze Ausgabe, eine reine -Verschwendung,« versetzte Petrowitsch. - -Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz niedergeschmettert -zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen Lippen, mit sich -selbst äußerst zufrieden wegen der so mannhaften Verteidigung des -gesamten Schneiderstandes, stehen blieb. - -Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule in den Straßen umher. - -»Welche Widerwärtigkeit!« sprach er beim Gehen vor sich hin. -»Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß das so ausgehen würde ... -Nein,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, »ich konnte nicht -annehmen, daß es dazu kommen würde ...« Dann schwieg er wieder eine -Weile still und sagte schließlich: »Ich befinde mich augenblicklich in -einer durchaus unerwarteten Situation ... in einer solchen Verlegenheit, -daß ...« - -Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte, schlug er, -anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner Wohnung völlig entgegengesetzte -Richtung ein, jedoch ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger -schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken. Von einem im Bau -befindlichen Hause herab fiel ihm eine ganze Mütze mit Gips auf den -Kopf; er jedoch sah und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte -gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener Hellebarde den -Weg versperrte und ihm aus seiner Dose Tabak auf die schwielige Hand -schüttete, erwachte er rauh aus seinen Träumen. - -»Was tust du hier?« schrie ihn der brutale Hüter der öffentlichen -Ordnung an; »kannst du nicht, wie es sich gehört, auf dem Trottoir -gehen?« - -Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich völlig aus dem -Zustande der Betäubung. Er sammelte wieder seine Gedanken, überblickte -kaltblütig die Situation und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate -wie mit einem Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut. - -»Nein,« sagte er endlich, »heute werde ich nichts bei Petrowitsch -erreichen; heute ist er schlechter Laune ... vielleicht hat ihn seine -Frau geprügelt, -- ich werde ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen. -Sonntag Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er stark schielen, -Durst haben, trinken wollen und seine Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich -werde ihm ein Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er viel -eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel sprechen lassen.« - -Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki Akakiewitsch bis zum -nächsten Sonntag. An diesem Tage begab er sich, als er von ferne -Petrowitschs Frau ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und -fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster -Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war ganz -verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, worum es sich -handelte, als er Akaki Akakiewitsch sofort anschnauzte, als sei der -Teufel in ihn gefahren. - -»Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können sich jetzt nur einen -neuen Mantel kaufen.« - -Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück in die Hand. - -»Danke, Euer Gnaden,« antwortete Petrowitsch, »ich werde auf Ihre -Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren Mantel anbetrifft, so dürfen Sie -gar nicht mehr an ihn denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert. -Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen einen prachtvollen -neuen anfertigen -- ich bürge Ihnen dafür!« - -Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das andere Mal den -Schneider, den alten zu reparieren, aber Petrowitsch wollte ihn gar -nicht mehr anhören und sagte: »Ich will Ihnen schon einen neuen -anfertigen ... Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe geben. Ja, -ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, silberne Haken und Ösen an dem -Kragen anbringen.« - -Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich einen -neuen Mantel werde anschaffen müssen, und zum zweitenmal fühlte er sich -einer Ohnmacht nahe. Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit -ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu sagen, zu den -Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle Gratifikation. Aber dafür hatte -er schon längst eine Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar -Beinkleider kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld bezahlen, der -ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und zwei neue Schäfte aufgesetzt -hatte. Er mußte sich bei der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen -Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu nennen, gegen den -literarischen Anstand verstößt, kurz alles war schon im voraus bestimmt. -Und sollte -- ein unerwartetes Glück! -- der Direktor etwa die -Gratifikation von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre -schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der unerhört hohen -Summe, die Petrowitsch für den Mantel gefordert hatte? Ein Tropfen -Wasser im Ozean. - -Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit hatte, mitunter ganz -unglaubliche Preise zu verlangen, sodaß sich seine Frau oft nicht -enthalten konnte, ihn mit folgenden Worten anzufahren: - -»Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für ein reines Nichts, und -ein andermal reitet dich der Teufel, einen so unendlich hohen Preis zu -fordern, den der Kerl selbst nicht wert ist.« - -Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem Preise von achtzig -Rubel für einen neuen Mantel einverstanden sein würde. Aber wo sollte -man selbst diese achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm -gelingen, wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die Hälfte oder sogar -noch etwas mehr aufzutreiben. Woher aber sollte er die andere Hälfte -nehmen! - -Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki Akakiewitsch zur -Beschaffung dieser Summe anzuwenden gedachte, Rechenschaft geben! - -Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er einen Rubel erhielt, eine -Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu werfen, die stets fest verschlossen -war. Am Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen Kupferstücke -heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von gleichem Werte. Dieses -Sparsystem hatte er schon ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen -sich nach Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr als -vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte der in Betracht -kommenden Summe. Aber die andere Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig -hernehmen? Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich sagte -er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene seiner -Ausgaben reduzieren könne, des Abends auf den Tee verzichten, keine -Kerze anzünden und -- wenn er etwas zu arbeiten hätte -- sich mit seinen -Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine Arbeit bei ihrer -Kerze zu vollenden. Er faßte auch den Entschluß, auf der Straße -möglichst sanft und vorsichtig aufzutreten, ja wenn es ging auf den -Zehenspitzen über das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine -Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche nicht so oft -waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen auszuziehen und statt dessen -bloß seinen baumwollenen Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes -Stück, das die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont -hatte. - -Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, aber nach und nach -gewöhnte er sich an seine neue Lebensweise und brachte es sogar soweit, -sich, ohne Abendbrot gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während -sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein Geist in der -unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem Mantel neue Anregung. Von diesem -Augenblicke an hätte man sagen können, daß seine Natur das passende -Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß noch ein anderer -Mensch immer um ihn war, daß er nicht mehr einsam war und daß ihm eine -Gefährtin zur Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen -begleitete; diese Gefährtin -- war das Bild seines Mantels, wohl -wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt nicht umzubringen -war. - -Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als früher -einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der nur ein Ziel vor Augen -hatte, das er auf jeden Fall erringen will. Die Charakterlosigkeit und -Ängstlichkeit in seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine -lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden und unsicheren -Züge waren auf einmal verschwunden. Mitunter glänzten seine Augen wie in -neuem Leben, und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die -Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz gut einen -Mantelkragen anbringen lassen könne. - -Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig zerstreut. Eines Tages, -als er wieder seine Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm -beinahe ein Fehler untergelaufen wäre. - -»O, o!« rief er aus. - -Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes. - -Mindestens einmal im Monat begab er sich zu Petrowitsch, um sich mit ihm -über den kostbaren Mantel zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit -ihm festzustellen, zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, wie teuer -es wohl zu stehen kommen werde und welche Farbe in Betracht käme. - -Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen; aber jedesmal kehrte er -zwar etwas besorgt aber doch glücklich und zufrieden nach Hause zurück, -denn nun mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles besorgt, -und der Mantel fix und fertig sein würde. - -Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft hatte, ein. Der -Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation nicht von vierzig oder -fünfzig, sondern von fünfundsechzig Rubeln. Hatte etwa dieser brave -Beamte bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend eines -neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held diese seltene -Freigebigkeit nur seinem guten Sterne? - -Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde um zwanzig Rubel -reicher. Eine solche Vermehrung seiner Ersparnisse mußte notwendig die -Verwirklichung seines Vorhabens beschleunigen. - -Noch zwei oder drei Monate, während deren er hungerte, und Akaki -Akakiewitsch hatte seine achtzig Rubel beisammen. Sein gewöhnlich -friedliches Herz begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure Summe -von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er Petrowitsch auf, und alle -beide begaben sich noch am selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler. - -Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. Kein Wunder! Seit mehr -denn einem Jahre hatten sie sich über diese Anschaffung unterhalten, -über alle Einzelheiten hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten -sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste studiert um sich über -die Preise zu vergewissern. Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen -bessern Stoff würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie äußerst -feste Leinewand, die nach der Meinung des Schneiders besser als Seide -war und überdies einen unvergleichlichen, viel schöneren Glanz hatte. -Marder kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie -entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in dem ganzen Laden -gab und das man schließlich wohl auch für Marder halten konnte. - -Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch voller -vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose Menge von Stichen, ohne die -wäre er allerdings früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit -mit zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles war mit Seide -gearbeitet, und der Schneider hatte die Nähte mit den Zähnen, deren -Spuren man noch sah, gebügelt. Endlich kam er an, der so innig -herbeigesehnte Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu -beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in dem Leben -Akakij Akakiewitschs. - -Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am frühen Morgen, bevor -der Titular-Rat sich in sein Büro begab. Er hätte garnicht zu -gelegenerer Zeit kommen können, denn die Kälte machte sich bereits -bitter fühlbar, und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden. - -Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen Miene eines -weltberühmten Schneiders. Seine Physiognomie war von einem seltenen -Ernst; niemals hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem -Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller Stolz den Abstand, -der den Flickschneider von dem Künstler, dem Verfertiger neuer -Kleidungsstücke, scheidet. - -Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene Leinewanddecke -gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte und dann wieder -zusammenlegte, um sie seiner Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz -den Mantel mit beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf -die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, strich ihm mit der -Hand noch einmal über den Rücken, und ein Lächeln der Genugtuung -überlief seine Züge, als er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch -herabfallen sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal -weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne präsentieren. - -Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch auch die Ärmel -anprobieren; Petrowitsch half ihm in die Ärmel hinein, und siehe da, sie -saßen wundervoll. Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen -Einzelheiten, und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig. - -Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte er nicht, darauf -hinzuweisen, daß er ihn nur wegen der geringen Miete, weil er in einer -kleinen Nebenstraße wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen -brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft mit Akakij -Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann bemerkte er noch, daß ein -Schneider vom Newski Prospekt allein für die Fasson eines gleichen -Mantels mindestens fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij -Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht erst in eine -Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich vor den horrenden Summen, -mit denen Petrowitsch zu prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ -seine Stube, um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben. - -Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf der Straße halt, um ihm -so weit wie möglich mit den Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße, -durchquerte eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße zurück, -um den Mantel noch einmal von einer andern Seite, d. h. von vorne zu -betrachten. - -Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, näherte sich -Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick fühlte er, daß von seinen Schultern -ein neues Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit einem -holden Lächeln der Genugtuung. - -Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: zunächst, daß der Mantel -warm war, sodann, daß er gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er -gegangen war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die Kanzlei, legte -seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute ihn sich noch einmal sorgfältig -von allen Seiten an und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel zu -achten. - -Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den Bureaus verbreitet hatte, -daß Akaki Akakiewitsch sich einen neuen Mantel angeschafft, und die alte -Kapuze zu existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen -Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel zu bewundern und -den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen zu überhäufen, daß er nicht -umhin konnte, ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten, das -bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz machte. - -Aber wie groß war seine Überraschung, als seine schrecklichen Kollegen -ihn merken ließen, daß sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedürfe -und daß sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch -war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, was er zu -seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend stotterte er, das -Kleidungsstück sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel -wäre vielmehr schon ganz alt. - -Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Bürovorstehers, der -ohne Zweifel dartun wollte, daß er so gar nicht stolz auf seinen Rang -und Titel war und daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht -verschmähte, nahm das Wort und sagte: - -»Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten. -Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe -heute gerade Geburtstag!« - -Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte und beeilten sich, seine -Einladung mit großer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst -ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von ihm wäre, -gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fügte er sich -denn in das Notwendige. - -In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude darüber, daß er auf -diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Straße zu -zeigen. Dieser ganze Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen -Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hängte -ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff und Futter geprüft hatte, an -die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit -Petrowitschs Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von -einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd dachte er: »Welch ein -Unterschied!« Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich -eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer -Verfassung sein alter Mantel sich befand. - -Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er -sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein -rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des -Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging. - -Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die Wohnung dieses -Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen -hatte. Mein Gedächtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die -Straßen und Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige -Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, mich nur einigermaßen zurecht zu -finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, daß der würdige -Beamte in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß infolgedessen -seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war. - -Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete -Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der -Wohnung seines Vorgesetzten näherte, um so heller und belebter wurden -die Straßen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode -gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen und Herren, die -Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbänken und ihren -mit goldenen Nägeln geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle -Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, die mit -Bärenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle -Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten -Kutschböcken, die knirschend über den Schnee dahinglitten. - -Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich neues Schauspiel. -Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht -neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein -Gemälde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Porträt einer -Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzückenden -Fuß von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der -durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ. - -Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte, -schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd seinen Weg fort. Warum -lächelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er -sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis -bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner -Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame -Einfälle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es -wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im -übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen -und die Gedanken der Menschen zu lesen. - -Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs -wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe -brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten -Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine -lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer -ein Samowar, an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere mit -Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang -ein wirres Geräusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die -Tür öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit -Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gäste mußten bereits -lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste -Tasse Tee geleert. - -Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das -hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen -ausgerüsteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr -laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben. - -Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle stehen, da er -nicht wußte, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon -bemerkt, begrüßten ihn mit großem Hallo und eilten sofort in das -Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem -braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und -treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die -Glückwünsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke -darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder -und gingen an ihre Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung, -die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte -unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch im höchsten Grade. Er wußte -nicht, wo er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen sollte; -schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten, -bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu gähnen und -sich zu langweilen an, denn er empfand, daß die Stunde bereits längst -verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte -sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man ihm klarmachte, -er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier -dieses denkwürdigen Tages getrunken zu haben. - -Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat, -kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu -jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah -sich genötigt, zwei große Gläser von diesem prickelnden Getränk zu -leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein -heiteres Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß Mitternacht -vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen war. - -In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, schlich er sich -insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf -dem Boden erblicken zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt, -entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe -hinunter. - -Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und -dem niederen Volke besuchten Läden waren noch geöffnet; einige waren -zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den -Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die Gäste noch nicht gegangen -waren. Wahrscheinlich saßen die Knechte und Mägde noch immer in -lebhaftem Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener -Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen. - -Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach -seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame -nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche -Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich -bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg -langsam weiter fort, höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das er -angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte -Gassen und plötzlich merkte er, daß er sich in einer jener Straßen -befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe -auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher. -Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer -seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die -Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, Palisadenzäune -- -aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen -glänzte der Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen -Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig da. Er gelangte an eine -Stelle, wo die Straße in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz -mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien -fast, als befände man sich in einer weiten und trostlosen Wüste. - -In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause -her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor -Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging mit starkem -Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm -liegende Raum erschien ihm größer als der Ozean. - -»Nein,« sagte er, »ich will lieber garnicht hinsehen!« - -Und er ging weiter, indem er die Augen beständig zumachte. Als er sie -öffnete, sah er sich plötzlich von mehreren bärtigen Männern umgeben, -deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den -Augen, sein Herz krampfte sich zusammen. - -»Dieser Mantel gehört mir,« schrie einer der Männer, indem er Akaki -Akakiewitsch an dem Kragen faßte. - -Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer der Angreifer schloß ihm -indessen mit seiner Faust, die die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den -Mund und sagte zu ihm: - -»Laß dir's nur nicht einfallen, zu schreien!« Im selben Augenblick -fühlte der Titular-Rat, wie man ihm seinen Mantel auszog, und fast -gleichzeitig ließ ihn ein Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er -bewußtlos liegen blieb. - -Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber er vermochte niemand -mehr zu erblicken. Seiner Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er -aus Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum bis zum -anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer sich lief er über den Platz -und stürzte mit der letzten Kraft der Verzweiflung auf das -Schilderhäuschen zu, wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig -betrachtete und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen Lärm -vollführe und wie ein Verrückter liefe. - -Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte er ihn -mit bebender Stimme der Trunkenheit, weil er nicht bemerkt hatte, daß -man in nächster Nähe von ihm die Passanten bestehle und ausplündere. - -»Ich habe nichts gesehen,« erwiderte der Mann, »ich sah Sie nur mitten -auf dem Platze zusammen mit zwei Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre -Freunde. Es ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen den -Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in die Hand nehmen, -nach den Dieben des Mantels forschen lassen und eine Untersuchung -einleiten.« - -Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem fürchterlichen Zustande -zu Hause an: die wenigen Haare, die er noch am Hinterkopf und an der -Schläfe hatte, hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und -Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin ihn wie einen -Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand sie schnell auf und kam auf -nackten, nur in Pantoffeln steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete -die Türe, indem sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der -einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs Anblick -prallte sie entsetzt zurück. - -Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang sie die Hände und -rief: - -»Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor wenden, sondern an den -Bezirks-Kommissar. Der Inspektor wird Sie mit schönen Worten abspeisen -und doch nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne ich schon -lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin, dient jetzt bei ihm -als Amme, und ich sehe sie oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er -geht jeden Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen Leuten -freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich an, daß er ein braver -Mann ist.« - -Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich Akaki traurig in sein -Zimmer zurück. Wer sich nur einigermaßen in die Situation eines andern -hinein versetzen kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte. - -Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man -bedeutete ihm, daß dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er -wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar -ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit -ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten -ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu -sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen -Energieversuch. Er erklärte kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf -der Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus dem Departement, -daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine -äußerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand -einfallen, ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, und dies -könnte ihnen teuer zu stehen kommen. - -Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber -ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewährte nun Akaki -Akakiewitsch eine Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den -Raub seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. Anstatt sich -für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er -den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher -Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen -Hause gewesen sei. - -Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort -und zog sich zurück, ohne genau zu wissen, ob man sich überhaupt mit -seiner Angelegenheit beschäftigen würde oder nicht. - -Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau gewesen: (ein -unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er -wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten -Mantel, der nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen -erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer -einige Rohlinge, die aus vollem Halse darüber lachen zu müssen glaubten; -die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und -veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise -hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig ungenügendes Resultat, -weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei -Subskriptionen beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt -ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das -Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte -erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz -unbedeutende Summe zusammenkam. - -Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme -entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen -guten Rat geben. Er sagte ihm, daß es verlorene Mühe wäre, sich noch -einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser -Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob seiner -Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der Tat glücken sollte, -seinen Mantel aufzufinden, so würde die Polizei dieses Kleidungsstück so -lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht -unumstößlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels -legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse, -hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche hochstehende -Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behörden die Sache -ohne große Schwierigkeit erledigen könne. - -In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu -leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persönlichkeit -eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte -man nicht sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese _hohe -Persönlichkeit_ erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte säße, bis dahin war -sie nämlich eine ganz unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Allerdings -gab es andre noch höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich -finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, die -andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende -Persönlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle -möglichen Hebel in Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er alle -andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße der Treppe auf ihn zu -warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen, -sondern dies alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der -Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär das Audienzgesuch -mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch höheren -Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit -darüber Bericht ab. - -Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in unserem heiligen Rußland. -Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die -Manieren seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit -ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus beförderter -Titular-Rat über einem seiner Zimmer die Aufschrift »Beratungssaal« -anbringen. An der Tür standen Diener mit roten Kragen und gestickten -Röcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen -äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch Platz bietenden -»Saal« hineinführten. - -Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu unserem Beamten, -zurück. Er hatte eine imponierende majestätische Haltung, wenngleich -sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System -faßte sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge, -Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und -beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte, -bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf verzichten können, soviel Energie -zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen -Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon -ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst -ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um bei seinem Vorübergang -Spalier zu bilden. In seinen Gesprächen mit seinen Untergebenen -beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende -Worte: - -»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen -Sie nicht, wen Sie vor sich haben!« - -Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig und gefällig gegen -seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit -dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den größten Teil -seiner Zeit in einer Art Schwindel und wußte kaum noch, wie er sich -benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen -menschlich und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger und -in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er -sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los -- -dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser -Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst -empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit hätte verbringen können. - -Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, konnte es nicht -entgehen, daß er vor Verlangen brannte, sich in eine interessante -Konversation zu mischen, aber die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend -zu erscheinen, sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu zeigen, hielt -ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser Art zu entziehen, beobachtete -er eine außerordentliche Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend -ein einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf die Spitze -getrieben, daß man ihn einen langweiligen Peter nannte, und dieser Titel -war wohl verdient. - -Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch um Hilfe und -Schutz angehen mußte. Der Augenblick, den er wählte, um seine Absicht -auszuführen, schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch, -dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln. - -Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem Arbeitszimmer und -plauderte angeregt mit einem alten Jugendfreunde, der vor kurzem -angekommen war und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man -ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre einer Audienz bei -Seiner Exzellenz nachsuchte. - -»Wer ist das?« fragte er kurz und sehr erstaunt. - -»Ein Beamter!« - -»Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit, ihn zu empfangen.« - -Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte sie daran, die -gewünschte Audienz zu gewähren. Beide Freunde hatten schon alles -durchgesprochen. Schon mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen -Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung sie sich beide -freundschaftlich auf die Knie klopften: - -»So geh, lieber Iwan Abramowitsch!« - -»Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!« - -Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich empfangen, um -seinen Freund seine ganze Bedeutung empfinden zu lassen, dieser hatte -nämlich den Dienst quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher -wollte ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten sich so -lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es ihm gefiele, sie zu -empfangen. - -Endlich -- nach mehreren Zwiegesprächen und einigen neuen Pausen, -währenddessen die beiden Freunde in ihren bequemen Lehnsesseln liegend, -den Rauch ihrer Zigarren zur Decke sandten, schien sich der -General-Direktor plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um eine -Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär, der mit verschiedenen -Akten an der Tür stand, und sagte: »Ich glaube es wartet da irgend ein -Beamter auf mich. Lassen Sie ihn herein!« - -Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich ihm mit -untertäniger Miene in seiner alten Uniform näherte, wandte er sich -schroff zu ihm und fuhr ihn in jenem strengen und rauhen Tone an, den er -sich, wenn er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert -hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen Posten einnehmen und -sich General nennen durfte. - -»Was wollen Sie?« - -Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch war wie -niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. Indes versuchte er es -sich so gut er konnte verständlich zu machen und zu erzählen, wie man -ihn in unmenschlicher Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht -ohne seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu -verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz gewandt in -der Hoffnung, daß er dank dieser hohen und gütigen Protektion bei dem -Polizei-Präsidenten oder bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz -seines Kleidungsstückes gelangen könne. - -Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, daß dies Benehmen -viel zu familiär sei und herrschte ihn daher kurz an: »Wie Herr! Sie -wissen nicht, was Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen -ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie hätten eine Bittschrift -einreichen sollen, die in die Hände des Bureauchefs und aus ihnen in die -des Abteilungsvorstandes gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär -überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.« - -»Gestatten Sie mir,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch mit großer -Anstrengung, um den kargen Rest von Geistesgegenwart, der ihm geblieben -war, zusammenzunehmen. Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken und -Erregung schwitzte. »Gestatten Sie mir, Eure Exzellenz, Ihnen zu -bemerken, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen habe, Sie mit dieser -Angelegenheit zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute, -von denen man nichts zu erwarten hat.« - -»Wie? Was? Wahrhaftig!« schrie ihn der General-Direktor an. »Sie wagen -es, hier eine solche Sprache zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen -Ansichten gelangt? Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge Leute -derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!« - -In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor garnicht, daß der -Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten hatte und daß die -Bezeichnung: junger Mann nur noch relativ auf ihn angewendet werden -konnte: im Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich! - -»Wissen Sie auch,« fuhr die hohe Persönlichkeit fort, »mit wem Sie -sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem Sie stehen? Erinnern Sie sich -daran! Ich sage: erinnern Sie sich daran!« - -Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen, und seine Stimme -nahm eine solche Schärfe, einen so furchterregenden Umfang an, daß auch -ein anderer erschrocken zusammengefahren wäre. - -Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum -aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners -unfehlbar zu Boden gesunken. Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn -fast ohnmächtig hinaus. - -Der General-Direktor war über die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt; -sie überstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darüber, daß sein -herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß -dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf er einen flüchtigen Blick -auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte. -Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er -sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß und ihn mit einem -gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte! - -Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die -Straßen durchwanderte, darüber hätte er selbst niemals Rechenschaft -geben können; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben -war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so -strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden. - -In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, wanderte er mit offenem -Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter überhaupt zu bemerken, und -ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der Wind, -der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies, -verursachte ihm eine Halsentzündung. Nach Hause zurückgekehrt, war er -außerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war geschwollen, -und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So groß ist mitunter -die Wirkung einer gründlichen Moralpauke! - -Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der großmütigen Hilfe des -St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit -beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine -Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte -nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn -doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu -lassen, und erklärte, daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte. - -Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: »Sie haben keine Zeit -mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz -machen, denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl zu teuer.« - -Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen Worte? Waren sie es, die -eine so erschütternde Wirkung auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz -leise über sein trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können, -redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten -unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch -gegenüber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah -er Fußangeln für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett zu -entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen, -und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum -die alte Kapuze noch an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel -habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit -Vorwürfen überhäufte, so daß er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald -verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß -die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte -sie derartige Dinge von ihm gehört, und die zornigen Worte des Kranken -ließen sie um so mehr außer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz -jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Sätze -ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um -den Mantel. - -Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus. -Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel -- und -zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein -Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, drei Paar -Strümpfe, einige Hosenknöpfe und seinen alten Mantel hinterließ. Wem -fielen diese Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser dieser -Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen hat, sich genauer darüber -zu informieren. - -Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt und nach dem -Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die große Stadt Petersburg -fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals -existiert hätte. - -So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschützer, -noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches -Interesse eingeflößt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so -forschungswütigen Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch -sonst nicht verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer -mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein einziges -Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung und den Spott seiner -Kollegen ertragen. Ohne daß es je ein außerordentliches Erlebnis gehabt -hätte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende -seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein -belebt hatte, mußte das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch -die Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! .... - -Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef durch einen Boten -mitteilen, daß er sich sofort auf seinen Posten zu begeben habe. Der -Bureaudiener kam jedoch mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat -nicht mehr kommen könne. - -»Und weshalb nicht?« fragten die Beamten. - -»Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben worden ist!« - -So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod. - -Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer Beamter ein, der viel -robuster und gröber war und der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren -der Akten die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine viel -schrägere Schrift hatte. - - * * * * * - -Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs Geschichte hier -endigen, und als hätten wir nichts mehr über ihn mitzuteilen. Allein der -bescheidene Titular-Rat war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen -Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung für sein bescheidenes -von niemandem beachtetes Dasein, und unsere Erzählung nimmt hier ganz -unerwarteter Weise eine recht phantastische Wendung. - -Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das Gerücht, daß in der -Nähe der Katharinenbrücke Nacht für Nacht ein Gespenst in der Uniform -eines Kanzleibeamten erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und allen -Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel oder Rang zu kümmern, -ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, Bären-, Biberfell gefütterten -Mäntel, kurz alle solche, die die Menschen erfunden haben, um ihr -eigenes Fell gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger -Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen und in ihm -sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, tödlich erschrocken, so -schnell er konnte, davongelaufen, und so war es ihm gelungen, zu -entkommen, aber -- obwohl er schon fern war -- hatte er es doch mit der -Faust drohen sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die Schultern -von Räten, -- nicht nur von Titular-Räten, -- sondern auch von -Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren Raubes ihrer schönen -warmen Kleidung den heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren. - -Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln, um dieses Gespenst --- tot oder lebend -- zu ergreifen und an ihm eine exemplarische Strafe -zu vollziehen; und das wäre ihr auch beinahe gelungen. - -Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse das Glück, das -Gespenst gerade in dem Momente am Kragen zu packen, wo es einem alten -Musiker, der vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel -fortnehmen wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe und vertraute -ihnen den Gefangenen an, während sie mit der Hand in ihren Stiefel -langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, und ihre schon zum sechsten Male -erfrorene Nase wieder etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von -solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen konnte. Kaum -hatte der Posten seinem linken Nasenloche einige Körnchen anvertraut, -während er das rechte zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen -begann, daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel ihre Augen -verhüllte. Während sie sich die Lider rieben, verschwand das Gespenst -spurlos, so daß sie nicht recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren -Händen gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen eine so -große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht einmal einen lebendigen -Menschen mehr zu verhaften wagten und sich darauf beschränkten, ihm von -ferne zuzurufen: - -»Geht weiter! Geht weiter!« - -Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke umzugehen, und -verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen -ängstlichen Leuten. - -Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, der ursprünglichen -Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte, -zurück. Der Wahrheit gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe -Persönlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht -behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm -empfand. Ein gewisses Gefühl der Teilnahme war dem Herzen des hohen -Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, -- sein -einziger Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes auf -seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen war, hatte er -sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat -beschäftigt, den er immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich -krümmend unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht hatte. Diese -Vision beunruhigte ihn derartig, daß er eines Tages einem seiner Beamten -den Auftrag gab, sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten -und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne. - -Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß der arme kleine Beamte -kurz nach der Audienz einem plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen -war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte -den ganzen Tag in der düstersten Stimmung. - -Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrücke zu -verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine -angenehme Gesellschaft antraf, und -- was die Hauptsache war -- lauter -Personen von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren brauchte. - -Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken -enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in -liebenswürdigster Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen -wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend. - -Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel, -um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses -schäumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschloß -daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner -Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline -Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt. - -Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit keineswegs mehr -jung war, ja, daß man sie überall als tadellosen Gatten und guten -Familienvater rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in einem -Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges Töchterchen mit -einer zwar hakenförmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen -allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den -Worten: _Bonjour, papa_ guten Morgen zu sagen. - -Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot -ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie -nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich sich -die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit äußerst wohl fühlte -und durch die Zärtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt -schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten -spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine -Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger als diese; aber so -sind die Rätsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lösen -zu wollen. - -Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren -Schlitten und sagte zu dem Kutscher: - -»Zu Karoline Iwanowna!« - -Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt, befand er sich in der -angenehmsten Stimmung, die sich ein Russe nur wünschen mag, einer -Stimmung, wo man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in einem -Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die einen immer wohltuender -sind als die anderen, und wo man sich garnicht die Mühe zu nehmen -braucht, nach ihnen zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die -glücklichen Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft -verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, die den kleinen Kreis -zu lautem Lachen gereizt und die er halblaut kichernd wiederholte. -Hierbei fand er, daß sie noch genau so komisch waren wie damals, als er -sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte sich daher nicht im -mindesten darüber, daß er so herzhaft hatte lachen müssen. - -Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der ihn plötzlich -ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze Schneehaufen ins Gesicht -schleuderte, in seinen Betrachtungen. Der Nord pfiff durch seinen -Mantel, blähte ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die Ohren -und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, um sich wieder aus -ihm herauszuwinden. - -Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle Hand sie -am Kragen packte. Sie wandte sich um und bemerkte einen kleinen, mit -einer alten Uniform bekleideten Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki -Akakiewitschs Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und -abgezehrt wie die eines Toten. - -Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit, als sie -bemerkte, daß sich der Mund des Toten in krampfhaften Zuckungen verzog, -den Direktor mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte -ausbrach: - -»Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich am Kragen packen. Ich -will meinen Mantel. Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in -Nöten war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. -- Nun sollst du mir -deinen Mantel geben!« - -Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. In seinem Bureau vor seinen -Untergebenen fehlte es ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er -brauchte nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief jeder, -der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und sein imponierendes -Äußeres warf: »Welch ein Charakter!« - -Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten offenbarte sich sein -Heldentum nur in seiner äußeren Erscheinung, und in diesem Augenblick -war er so erschrocken, daß er sogar um seine Gesundheit fürchten mußte. - -Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel aus und rief seinem -Kutscher zu: - -»Schnell nach Hause! Schnell!« - -Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das in solchen -Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten und energischen Klang -hatte und meist von noch viel bestimmteren und energischeren Taten -begleitet zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang seine -Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. In weniger -als sechs Minuten hielt der Schlitten vor dem Hause der hohen -Persönlichkeit. Bleich, erschrocken und ohne Mantel stieg er aus und -begab sich sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna zu -fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. Er verbrachte eine -so schreckliche Nacht, daß seine Tochter am andern Morgen während des -Tees entsetzt ausrief: - -»Du bist ja heute so bleich, Papa!« - -Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, noch von dem, wo er -gewesen war, und was er am Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte -dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem Tage an fragte -er seine Untergebenen nicht mehr in seiner bisherigen schroffen Art: - -»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?« - -Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, in herrischem Tone mit -ihnen zu sprechen, so hörte er doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch -an. - -Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich das Gespenst nicht mehr. -Augenscheinlich hatte es überhaupt keine andere Absicht gehabt, als sich -den Mantel des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte man von -nun an nichts mehr davon, daß den Leuten ihre Mäntel geraubt wurden. -Allerdings gab es noch einige ängstliche und übereifrige Personen, die -sich durchaus nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich das -Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren Stadtvierteln zeige -... Und in der Tat, ein Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen -gesehen haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der Posten war -jedoch von Natur ein wenig schwächlich -- hatte doch sogar ein -gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel, das aus einem Privathause -ausgebrochen war, ihn zur größten Freude und Erheiterung der -herumstehenden Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. Dafür -ließ er sich freilich nachher von jedem einen Groschen für Tabak geben, -um sie zu strafen, weil sie sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er -also ein solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst zu -verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm in der Dunkelheit -nachzuschleichen. Da aber drehte sich das Gespenst plötzlich um und -schrie ihn an: »Was willst du?« wobei es ihm eine so schreckliche Faust -zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so leicht zu sehen -bekommt. - -»Nichts,« antwortete der Wachtposten und nahm eiligst Reißaus. - -Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer als der des -Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. Er schien mit mächtigen -Schritten der Obuhoffbrücke zuzueilen und verschwand gleich darauf in -der dunklen Nacht. - - - Die Nase - - - I. - -Am 25. März trug sich in St. Petersburg ein außerordentliches Ereignis -zu. - -Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier Iwan Jakowlewitsch, -dessen Familienname von dem Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung -eines an Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift: »Hier -wird auch zur Ader gelassen!« erkennen konnte, geschwunden war. Dieser -Barbier Iwan Jakowlewitsch wachte also ziemlich frühzeitig auf und -atmete den Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im Bette etwas -empor und sah, wie seine Frau, eine äußerst respektable Dame und -leidenschaftliche Liebhaberin des Kaffees, einige frischgebackene Brote -aus dem Ofen hervorholte. - -»Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich keinen Kaffee -trinken,« sagte Iwan Jakowlewitsch; »ich habe mehr Appetit auf Brot mit -Zwiebeln.« - -Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch hätte gar zu gern von -beidem gekostet; doch war er von vornherein von der Unmöglichkeit einer -derartigen Schwelgerei völlig durchdrungen, denn Praskowia Ossipowna -ließ solche Launen nicht zu. - -»Iß meinetwegen Brot, Schafskopf,« dachte die Frau bei sich; »für mich -wird dann um so mehr Kaffee übrig bleiben ...« und sie warf ein Brot auf -den Tisch. - -Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgründen einen Leibrock über -sein Hemd, nahm -- nachdem er am Tische Platz genommen hatte -- etwas -Salz, stutzte zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an, -das Brot höchst bedächtig zu zerteilen. Er schnitt es in zwei Hälften, -schaute sich die eine Fläche an und bemerkte zu seiner größten -Verwunderung etwas Weißliches. Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit -dem Messer daran herum und befühlte es mit dem Daumen. »Das Ding ist ja -ganz hart!« sagte er zu sich; »was mag denn das nur sein?« - -Er schälte es mit den Fingern heraus und fand -- eine Nase! Iwan -Jakowlewitsch ließ seine Arme sinken; dann begann er sich seine Augen zu -reiben und befühlte es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war -eine Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren Bildung -er wiederzuerkennen glaubte. - -Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zügen: aber dieses -Entsetzen war harmlos im Vergleich mit der Empörung, die sich seiner -Gattin bemächtigte. - -»Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh?« fing sie -wutentbrannt zu schreien an. »Du Dieb, du Trunkenbold! Ich werde dich -selbst der Polizei denunzieren! Was für ein Lumpenkerl! Schon drei -Herren haben mir gesagt, du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen, -daß du sie beinahe abreißt!« - -Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend, hatte er doch -soeben festgestellt, daß diese Nase keine andere war als die des -Kollegien-Assessors Kowalew, den er Mittwochs und Sonntags zu rasieren -pflegte. - -»Schweig doch, Praskowia Ossipowna,« sagte er, »ich werde sie in ein -Stück Leinewand einschlagen und sie in irgend eine Ecke verstecken, wo -sie einige Tage liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.« - -»Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Ich soll zugeben, daß -du eine abgeschnittene Nase im Zimmer versteckst? Du gerösteter Zwieback -du! Er kann nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fähig, sein -Geschäft schnell und solid auszuführen! Herumstreicher, Strauchdieb! -Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen Scherereien mit der Polizei -zuziehen? Ach, du bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg -damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst. Ich will nichts davon -wissen!« - -Iwan Jakowlewitsch war völlig zerschmettert. Er überlegte und überlegte -... und wußte im Grunde garnicht was. - -»Der Teufel soll wissen, wie das nur möglich ist!« sagte er endlich, -indem er sich mit der Hand über die Ohren fuhr. »Bin ich gestern -betrunken nach Hause gekommen oder nicht? Allerdings kann ich das nicht -mit Gewißheit sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier um -einen ganz außergewöhnlichen Vorgang; denn das Brot -- das Brot wird -doch gebacken, während eine Nase ... Weiß Gott, ich verstehe das nie und -nimmer!« - -Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, ein Polizist könnte diese -Nase bei ihm entdecken und ihn zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in -eine vollkommene Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als sähe er -einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen Degen vor sich -... und er zitterte am ganzen Körper. Endlich zog er seine Beinkleider -und Stiefel an, wickelte die Nase schnell unter den peinlichsten -Ermahnungen seiner Frau in ein Stück Leinewand und verließ seine -Wohnung. - -Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem Brunnen, unter einer -Schwelle niederzulegen oder sie wie absichtslos fallen zu lassen, und -dann in eine andere Straße einzubiegen. - -Aber unglücklicherweise lief er einem Bekannten in die Arme, der ihn -sofort zu fragen anfing: - -»Wo gehst du denn hin?« oder: »Wen willst du denn schon so frühzeitig -rasieren?« sodaß Iwan Jakowlewitsch durchaus keinen günstigen Moment für -sein Vorhaben erwischen konnte. In der Folge glückte es ihm zwar einmal, -die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann machte ihm schon von -weitem mit der Hellebarde ein Zeichen und rief ihm zu: »Heb's doch auf! -Du hast da etwas fallen lassen!« Und Iwan Jakowlewitsch ward so -genötigt, die Nase aufzuheben und in seine Tasche zu stecken. -Verzweiflung überfiel ihn, und zwar um so heftiger, je mehr sich die -Straße bevölkerte und je mehr Läden und Wirtshäuser geöffnet wurden. - -Er entschloß sich, auf die Isaaksbrücke zu gehen. Vielleicht würde er -dort ein Mittel finden, die Nase unbemerkt in die Newa zu werfen! ... - -Aber ich habe einen Fehler begangen, daß ich dem Leser bis jetzt noch -nichts über Iwan Jakowlewitsch, eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte -Persönlichkeit, berichtet habe. - -Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker, der etwas auf -sich hält, ein furchtbarer Trunkenbold, und obgleich er täglich die -Bärte anderer Leute rasierte, rasierte er doch niemals seinen eigenen. -Sein Frack -- denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Überrock -- war -bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen und grauen -Flecken übersät; der Kragen glänzte schon ein wenig, und anstelle von -drei Knöpfen sah man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfäden. - -Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein Zyniker; wenn der -Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner Gewohnheit, während er rasiert -wurde, zu ihm sagte: - -»Deine Hände stinken immer, Iwan Jakowlewitsch!« so antwortete er -gelassen: - -»Warum sollen sie denn stinken?« - -»Ich weiß nicht, Brüderchen, aber sie stinken!« versetzte hierauf der -Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan Jakowlewitsch nahm dann erst eine -Prise und seifte hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie -hinter den Ohren und unter dem Kinne ein -- mit einem Worte, er seifte -ihn ein, wo es ihm Vergnügen machte. - -Dieser ehrenwerte Bürger war nun endlich auf der Isaaksbrücke -angekommen. Zunächst warf er einen spähenden Blick auf die Umgebung, -beugte sich über das Geländer, wie wenn er die vielen Fische im Wasser -beobachten wollte, und warf dann das Päckchen mit der Nase ganz behutsam -hinab. - -Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem Male zehn Pud[10] vom -Herzen. Ja, er lächelte sogar. - -Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell seine Beamten zu -rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein Schild mit der Inschrift -»Tee und Lebensmittel« trug, und bestellte dort ein Glas Punsch. -Plötzlich bemerkte er jedoch ganz in der Nähe am Ende der Brücke, den -Bezirkskommissar, einen Mann von vornehmem Äußeren, mit breitem -Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch wurde vor Entsetzen -starr wie ein Eisklumpen. Der Kommissar winkte ihm mit der Hand und -sagte zu ihm: - -[Fußnote 10: Ein Pud = etwa 35 Pfund.] - -»Komm doch mal näher, mein Lieber!« - -Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebräuchlichen Höflichkeitsformen sehr -wohl kannte, schon von weitem die Mütze, sprang herbei und sagte: - -»Ich wünsche Ew. Wohlgeboren einen schönen guten Morgen!« - -»Nein, nein, Brüderchen, laß nur das >Ew. Wohlgeboren< aus dem Spiel! -- -Sag mir lieber, was hattest du da auf der Brücke zu tun?« - -»Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege zu meinen Kunden, die ich -rasieren soll, und schaute hinab, ob die Strömung sehr stark ist!« - -»Du lügst! Du schwindelst! So kommst du mit nicht davon! Willst du mir -jetzt wohl Rede stehen?« - -»Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal wöchentlich ohne -jede Bezahlung zu rasieren!« versetzte Iwan Jakowlewitsch. - -»Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich rasieren bereits drei -Barbiere und rechnen sich diese Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte -dich, mir zu sagen, was du dort gemacht hast!« - -Iwan Jakowlewitsch erblaßte ... - -Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel unsere -Geschichte ein, und über die folgenden Geschehnisse weiß man absolut -nichts zu berichten. - - - II. - -Der Kollegien-Assessor[11] Kowalew erwachte eines Morgens besonders früh -und bewegte seine Lippen, um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie -es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß er hierfür einen -Grund hätte angeben können. Er reckte sich erst tüchtig und suchte dann -nach einem kleinen Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein -Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner Nase aufgesprungen -war. Aber zu seinem größten Erstaunen befand sich anstelle seiner Nase -in seinem Gesicht eine durchaus ebene und glatte Fläche! Voller -Schrecken ließ Kowalew sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit -dem Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! Er befühlte die -Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, um festzustellen, ob er -vielleicht noch schliefe; aber nein, er schien tatsächlich nicht zu -schlafen. Der Kollegien-Assessor Kowalew sprang aus seinem Bett, -schüttelte und rüttelte sich, -- doch die Nase war und blieb -verschwunden! Er ließ sich sofort seine Kleider bringen und stürzte -schleunigst zu dem Polizeivorstand. - -Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte über Kowalew zu -sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von -Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt. - -[Fußnote 11: Kollegien-Assessor: so heißen die Beamten des achten -Beamtengrades. Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung führt -Kowalew.] - -Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren -Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn während ihrer -Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit -wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, denn -Rußland ist ein so seltsames Land, daß all seine Kollegien-Assessoren -von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fühlen, wenn auch nur von einem -dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle Ämter und alle -Grade. - -Kowalew war ein _kaukasischer_ Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst -bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich -nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht -zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor -vor, sondern stets als Major. »Hör doch, mein Täubchen,« sagte er -gewöhnlich, so oft er auf der Straße eine alte Frau traf, die Leinewand -feilbot, »geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der -Sadovaja[12] und frage nur: >Wohnt hier der Major Kowalew?< Jedermann -wird dir gern Auskunft erteilen.« Oder begegnete er einer artigen -Schönen, so flüsterte er ihr ganz leise zu: »Du brauchst nur nach der -Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!« Aus diesem Grunde -wollen auch wir ihn von nun an stets den »Major« nennen. - -[Fußnote 12: Große Straße in St. Petersburg.] - -Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem -Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und -frisch gestärkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei -Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militär-Ärzten, d. -h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben -und gut »Boston« spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der -Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette -eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen -oder auch mit der Inschrift »Mittwoch«, »Donnerstag«, »Montag« usw. -versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn dazu veranlaßt, -nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil er eine -seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er -Glück hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines -schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major -Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mußte seine -Auserkorene über eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln -verfügen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors -versetzen, als er anstelle seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase -nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte. - -Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der -Straße; so war er also genötigt, zu Fuß zu gehen -- in seinen Mantel -eingehüllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn -er gerade Nasenbluten hätte. - -»Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch -unmöglich, daß mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht -geschwunden ist,« dachte er. - -Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den -Spiegel zu werfen. Zum Glück für ihn befand sich weiter niemand im -Lokal, außer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle -zurecht rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heiße -Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und Stühlen lagen -kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage. - -»Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,« sagte er; »nun kann -ich meine Untersuchung beginnen!« - -Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein. - -»Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist,« schrie er, indem er -empört ausspie; »wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas -anderes befände! Aber nichts, absolut gar nichts!« - -Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen hatte, verließ er das -Lokal und beschloß, wider seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen -und keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden. - -Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines Hauses stehen. -Seine Augen wurden von einer unerklärlichen Erscheinung angezogen: ein -Wagen hielt dicht neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm -entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe hinaufeilte. Wie -groß war Kowalews Entsetzen, wie groß war sein Erstaunen, als er in ihm -seine eigene Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen -Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles um ihn herumdrehe, und -nur mit Mühe vermochte er sich aufrecht zu halten. Aber trotzdem -beschloß er, obwohl er am ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker, -zu warten, bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen Wagen -zu steigen. - -Nach Ablauf zweier Minuten erschien die »Nase« tatsächlich. Sie trug -eine goldgestickte Uniform mit hohem steifen Kragen, Beinkleider aus -Semischleder, und an der Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes -konnte man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte. Der Anzug -des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche abstattete. Er schaute -sich nach links und nach rechts um, rief dem Kutscher ein »Vorwärts!« zu -und rollte davon. - -Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn nahe. Er wußte nicht, -was er von einem so überraschenden Ereignis halten sollte. Wie war es -denn auch nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend in -seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren konnte, jetzt eine -Uniform trug! Er stürzte hinter dem Wagen her, der glücklicherweise -nicht sehr weit fuhr und vor dem Gostini Dwor[13] halt machte. - -Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen einer Reihe alter -Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern und zwei großen Öffnungen statt -der Augen hindurch, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. -Sonst trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand sich in -einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen Entschluß fassen -konnte und lediglich in allen Winkeln und Ecken nach dem Herrn Ausschau -hielt; endlich sah er ihn vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr -Gesicht völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter -Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren. - -[Fußnote 13: Ein großer Bazar.] - -»Soll ich ihn anreden?« dachte Kowalew. »Aus seiner ganzen -Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und -deutlich hervor, daß es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich -es anstellen soll! ...« - -Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates zu husten; aber -die Nase verließ auch nicht für eine Minute ihren Standpunkt. - -»Mein Herr!« sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen -versuchte, »mein Herr! ...« - -»Was wünschen Sie?« fragte die Nase, indem sie sich umwandte. - -»Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, daß ... Sie -sollten doch wissen, wohin Sie gehören. Und plötzlich finde ich Sie, und -noch dazu ... hier? ... Sie müssen doch zugeben ...« - -»Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen. -Erklären Sie sich deutlicher!« - -»Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?« dachte Kowalew. Und -sich ein Herz fassend begann er: - -»Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie -müssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der -Woskressenski-Brücke geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde -nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft, -der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich außerdem Beziehungen -zu vielen Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum -Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und -noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich weiß nicht, mein -Herr« -- und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln -- -»entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt -der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können selbst begreifen ...« - -»Ich begreife absolut nichts,« erwiderte die Nase. »Erklären Sie sich -deutlicher.« - -»Mein Herr,« versetzte Kowalew mit Würde, »ich weiß nicht, wie ich Ihre -Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dünkt, um -einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut, -Sie sind doch meine eigene Nase!« - -Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne. - -»Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbständig. Außerdem -können zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach -den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern -Ressort dienen.« - -Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rücken. - -Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, was er tun, ja nicht -einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertönte das -angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit -Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen -Mädchen, deren weißes Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste -zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide -Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mächtigem Bart und einem -ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen begleitet. Er blieb hinter den -Damen stehen und öffnete seine Tabaksdose. - -Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen seines Batisthemdes -zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hängendes Petschaft in -Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die -sich leicht wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße Hand -mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. Das Lächeln auf -Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes -Kinn von blendender Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in -ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich. - -Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurück. - -Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase mehr hatte; und -heiße Tränen entströmten seinen Augen. - -Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu -sagen, daß er nur die Larve eines Staatsrates trüge, daß er ein Lump, -ein Spitzbube wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne Nase ... -Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den günstigen Augenblick -benutzt und sich entfernt, höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch -abzustatten. - -Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch -eine Minute unter dem Säulengang stehen und schaute sich gespannt nach -allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er -erinnerte sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt und die -Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel -geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde; -er wußte nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was für -eine Livree er trug. Überdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen -aller Art im Trab durch die Straßen gefahren, daß es schwer war, sie -voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte -herausgefunden, wie hätte er ihm Halt gebieten sollen? - -Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es -von Menschen. Ein üppiger Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von -der Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein Hofrat, ein -Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten, -»Oberstleutnant« zu titulieren pflegte. _Dort_ sah er seinen Busenfreund -Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen ließ, und -_dort_ einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus -erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge -doch zu ihm herüberkommen. - -»Der Teufel soll ihn holen!« sagte Kowalew. »Kutscher! bring mich doch -auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.« - -Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick -zu: »Fahr zu, so schnell du kannst!« - -»Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?« fragte er sofort beim Eintritt in -das Vestibül. - -»Nein,« antwortete der Portier; »er ist soeben weggegangen.« - -»Das ist ja wundervoll!« - -»Gewiß,« fügte der Portier hinzu, »erst vor ganz kurzer Zeit ist er -fortgegangen. Wären Sie nur eine Minute früher gekommen, Sie hätten ihn -sicher noch getroffen.« - -Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte Kowalew wieder in -den Wagen zurück und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu: - -»Fahr weiter!« - -»Wohin?« fragte der Kutscher. - -»Geradeaus!« - -»Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straßenecke: also rechts -oder links?« - -Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In -seiner Lage wäre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium -zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort -gehörte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst -wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase -angestellt war, wäre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den -eigenen Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für diesen Mann -nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer -Lüge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen, -als er behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte -dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Präsidium -fahren, als ihm der Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei -ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den günstigen -Augenblick benutzen und die Stadt verlassen könnte; -- und dann wären -alle Nachforschungen überflüssig gewesen, oder sie konnten sich, was -Gott verhüten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab -ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschloß, direkt -nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine -Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrücken zu lassen, -damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen oder ihm doch -wenigstens die Wohnung dieses Räubers mitteilen konnten. - -Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl er dem Kutscher, nach -der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete während der ganzen -Fahrt unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen Fäusten und -schrie: - -»Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!« - -»Aber, Herr!« antwortete nur immer kopfschüttelnd der Kutscher und -schlug mit dem Zügel über den Rücken des Pferdes, das so behaart war wie -ein Bologneserhund. - -Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines -Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schäbigen Frack und mit -einer Brille hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den -Zähnen hielt und Kupfergeld zählte. - -»Wer nimmt hier Annoncen an?« schrie Kowalew; »doch ich bitte um -Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!« - -»Guten Morgen!« sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um -seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden. - -»Ich möchte ein Inserat aufgeben ...« - -»Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen,« fuhr der -Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und -mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob. - -Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, dem man seine -lange Dienstzeit in aristokratischen Häusern anmerkte, stand mit einem -Zettel vor dem Tisch und hielt es für angebracht, auf seine -gesellschaftliche Bildung hinzuweisen. - -»Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser kleine Hund keine acht -Groschen wert ist; ich für meine Person würde nicht acht Pfennig für ihn -geben. Aber die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der -Tat an, -- deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In -aller Höflichkeit sei's gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen -der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal -Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder -einen Pudel; dafür kann man ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel -anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.« - -Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen mit einer sehr -bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen ruhig die Buchstaben des -Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine -Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit -Zetteln in der Hand angesammelt. - -Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, der sich sehr gut -geführt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war, -aus einem andern, daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris -bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjähriges -Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten -verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne -Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten -Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen Rüben- und -Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehör (zwei Pferdeställen, -nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald -anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte Sohlen -zu verkaufen hätten, und luden täglich von 8 bis 3 Uhr zu deren -Besichtigung ein. - -Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und -infolgedessen war die Luft in ihm äußerst dumpf; allein der -Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war -mit einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich Gott weiß wo --- - -»Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ...« sagte er -endlich ungeduldig. - -»Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch -eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!« sagte der alte Herr, -indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf. - -»Was wünschen Sie?« sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte. - -»Ich bitte Sie,« sagte Kowalew ... »es handelt sich um eine schier -unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nicht, -wie sie bloß passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu -wollen, daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute -Belohnung erhalten soll.« - -»Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?« - -»Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmöglich, ihn zu nennen. -Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der -Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, -die einen höheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erführen ... Gott -behüte! Sie können ganz einfach schreiben: >Ein Kollegien-Assessor< oder -noch besser: >Ein Major<.« - -»Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?« - -»Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große Gemeinheit! Nein, -mir ist ... die Nase ausgerückt! ...« - -»Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie -Herr Nase bestohlen?« - -»Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist -es, die verschwunden ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir -einen Streich spielen wollen!« - -»Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts -von alledem!« - -»Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei -dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sie jetzt in der Stadt -herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte -ich Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne -Verzug zu mir bringen möge. Sagen Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne -diesen Körperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehört, -existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn -man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken. -Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa; -Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines höheren -Offiziers und Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute -Bekannte von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien -Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen -kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmöglich, mich irgendwo zu -zeigen.« - -Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die Lippen zusammenkniff. - -»Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!« sagte er endlich -nach längerem Stillschweigen. - -»Wie? -- Weshalb nicht?« - -»Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren könnte. Wenn jemand -schreibt, daß ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne -dies wird schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten und -Lügen gedruckt werden!« - -»Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz -klar und ....« - -»Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns vorige Woche passiert -ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein -Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem -Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekündigt. Sie -werden einwenden: >Ich kann keine Ähnlichkeit mit meinem Fall -entdecken!< Aber es stellte sich bald heraus, daß das lediglich eine -Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines -Geschäftes gemeint.« - -»Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner -eigenen Nase; hören Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir -selbst suchte!« - -»Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!« - -»Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?« - -»Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe -gehört, daß einige von ihnen eine große Geschicklichkeit in der -Herstellung künstlicher Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung, -daß Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen -Scherz erlauben!« - -»Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es -nicht anders geht, daß ich es Ihnen demonstriere!« - -»Warum diese Aufregung?« fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. -»Aber schließlich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert,« fügte er -neugierig hinzu, »ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!« - -Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort. - -»In der Tat, das ist äußerst sonderbar!« sagte der Beamte. »Die Stelle -ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt, --- es ist schier unglaublich!« - -»Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, daß -Sie mein Inserat unmöglich nicht aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür -zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darüber, daß -diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft -zu machen.« - -Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab. - -»Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich keine Schwierigkeit,« -sagte der Beamte; »nur sehe ich darin keinen Vorteil für Sie. Sie -sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren -Fall als Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in der »Biene -des Nordens« -- hierbei nahm er eine Prise -- »zur Belehrung der Jugend« --- hierbei schneuzte er sich -- »oder noch besser zur allgemeinen -Unterhaltung veröffentlichen könnte.« - -Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick -auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein -Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen -Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um -einen blauen Zettel hervorzuholen -- denn nach seiner Meinung mußten die -höheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen --; aber der Gedanke an -seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen. - -Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit Kowalew, der sich in -einer höchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt, -seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen -Worten seine Teilnahme auszusprechen: - -»Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein solches Mißgeschick -widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt -die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein -unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!« - -Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den -Deckel, der mit dem Porträt einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr -geschickter Weise wegschob. - -Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner -Geduld. - -»Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen können!« sagte er -zornig. »Sehen Sie denn nicht, daß mir augenblicklich gerade der -Körperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist? -Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr -sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern -echter Rapé wäre.« - -Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau und begab -sich aufs Polizei-Kommissariat. - -Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade -gähnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: »Ich würde jetzt -mit großem Vergnügen noch ein paar Stündchen schlafen.« - -Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts -weniger als gelegen kam. - -Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von allen möglichen -Kunstgegenständen; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen -geschmückten Schein allen andern Dingen vor. - -»Das ist ein Stück,« sagte er oft, »wie es nirgends ein besseres gibt: -es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, läßt sich bequem in die -Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.« - -Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung fallen, daß die -Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung -amtlicher Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst darauf -hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man -gegessen habe -- woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die -Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz -unbekannt waren --, und daß ein ordentlicher Mann seine Nase nicht -verliere. - -Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste. - -Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur -war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, doch niemals -vergab er einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende -Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken alle üblen -Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere durchgehen ließ, aber niemals -ein Wort, das sich gegen die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des -Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er kopfschüttelnd -und im Bewußtsein seiner Würde die Hände erhob und erklärte: - -»Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu -erwidern habe.« - -Und damit ging er. - -Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären seine Beine -abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm -nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr -schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten -schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rücken lag, sich -damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit großer -Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche -Gleichgültigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem -Hut auf die Stirn und schrie ihn an: - -»Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!« - -Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte schleunigst herbei, um -ihm seinen Mantel abzunehmen. - -Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen -Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte: - -»Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglück verdient? -Hätte ich eine Hand oder einen Fuß verloren -- das wäre noch nicht so -schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel -was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der das Bürgerrecht -verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum -Fenster hinauswerfen möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder -im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens selbst -verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung -zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmöglich!« -- fügte er -nach kurzem Nachdenken hinzu --, »es ist ganz unglaublich, daß eine Nase -so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich. -Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht -habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein -ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe. -Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so -habe ich ihn gewiß ganz ahnungslos heruntergegossen.« - -Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so -heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz -überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig -handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit -den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch -vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen -Schritt zurück und murmelte: - -»Die reinste Karikatur!« - -Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf -verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! -- -aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem -eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände -an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am -ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem -Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne -begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging -er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun -offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, -lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er -wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde -Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen. - -Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde -beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe -einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, -daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein -sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch -hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie -auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen. -Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend -einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell -geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden. - -Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau -Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu -ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen. - -Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört, -der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer -eine Kerze angezündet hatte. - -Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und -bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es, -sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich -noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht -das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar -entstellt sah. - -Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine -unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte: - -»Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?« - -»Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,« sagte dieser, -indem er eiligst die Tür öffnete. - -Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, mit einem nicht -all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen, -derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke -getroffen haben, trat ein. - -»Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?« - -»In der Tat!« - -»Sie ist soeben gefunden worden.« - -»Was sagen Sie da?« schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn -sprachlos. - -Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen -und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden. - -»Auf welche Weise?« fragte er endlich. - -»Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer -Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um -nach Riga zu fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. Und -das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für einen Herrn gehalten -habe; aber ich setzte glücklicherweise meine Brille auf und erkannte -sogleich, daß es eine Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich -kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, daß -Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch -sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch -nicht mehr als ich.« - -Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen. - -»Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.« - -»Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie sie sehr nötig haben, -habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwürdigste ist, daß der -Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus -der Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam -sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und -Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit -Knöpfen entwendet. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.« - -Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase -hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt war. - -»Ja, das ist sie!« schrie Kowalew. »Das ist sie und keine andere! -Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?« - -»Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, aber das -ist mir leider unmöglich. Ich muß mich von hier aus sofort in ein -Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel -entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner -Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein Ältester -berechtigt zu den schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht -intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete -Erziehung zu geben ...« - - * * * * * - -Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand -sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung; -einen Moment lang konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche -Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene -Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hände und schaute sie noch einmal -mit großer Aufmerksamkeit an. - -»Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!« sagte er. »Hier auf der -linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...« - -Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen. - -Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald läßt die Freude -nach und, während Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell -einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten -Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines -im Wasser erzeugt, allmählich in der glatten Oberfläche zerrinnt. - -Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, und begriff, daß sein -Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt -mußte man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und -befestigen. - -»Wenn sie nun nicht halten wird?« - -Bei diesem Gedanken erbleichte der Major. - -Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er an den Tisch und -ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine -Hände zitterten. Mit großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie -wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt -nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, erwärmte sie mit seinem Atem -und brachte sie von neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen -beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten! - -»So sitz doch, du Rindvieh!« sagte Kowalew zu ihr. - -Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht -sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes -Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen. - -»Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?« -sagte er voller Schrecken. - -Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehörte, -- aber -auch dieses Mal ohne Erfolg. - -Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der -schönsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt -war ein Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über ein Paar -herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau. -Schon am frühen Morgen pflegte er frische Äpfel zu essen. Als besondere -Eigentümlichkeit wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen, -die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er spülte ihn nach dem -Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zähne -mit fünf verschiedenen Bürstchen. - -Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten. - -Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war, -seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, faßte er den Major am Kinn und -gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase -befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der Major mit dem -Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der -Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von -der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befühlte ihn -und ließ dann ein gedehntes »Hm« vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch -einen Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr wie ein Pferd, -dessen Zähne man untersucht. - -Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte: - -»Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf -sich beruhen, sonst könnte es noch schlimmer werden. Gewiß kann man die -Nase wieder befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das -unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es -dann noch schlimmer werden kann.« - -»Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?« -sagte Kowalew. »Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll -doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit -einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich muß doch meine guten -Beziehungen pflegen, heute abend muß ich sogar noch zwei Besuche -abstatten. Ich bin mit vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B. -mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die -Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach -dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie -mir den Gefallen,« fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, »setzen Sie -sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut -aussieht, die Hauptsache ist, daß sie hält; in gefährlichen Situationen -könnte ich sie ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich auch -garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, daß sie sich durch -eine unvorsichtige Bewegung ablösen könnte. Und was das Honorar für -Ihren Besuch anbetrifft, so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es -mir meine Mittel gestatten ...« - -»Glauben Sie mir,« sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht -allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem und eindringlichem -Tone, »daß ich meine Kunst niemals um des schnöden Mammons willen -ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen meinen Beruf. Ich -nehme gern eine Vergütung für meinen Besuch an, aber einzig und allein, -um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß kann ich Ihre -Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es -mir so nicht glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. Lassen -Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle -recht häufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, daß Sie sich -ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich -Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit Spiritus aufzubewahren -oder noch besser zwei Suppenlöffel Branntwein und heißen Essig in den -Rezipienten zu tun, -- auf diese Weise könnten Sie viel Geld für sie -erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu -teuer sind!« - -»Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich sie verkaufen!« rief -der Major Kowalew verzweifelt aus; »lieber will ich sie vernichten!« - -»Entschuldigen Sie,« sagte der Arzt und erhob sich; »ich wollte Ihnen -nur nützlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich -von meinem guten Willen überzeugt.« - -Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verließ der Arzt -das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und -in seiner tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen -Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen Frackes -hervorleuchtete. - -Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die Klage gegen Frau -Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie -seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte. - -Dieser Brief lautete folgendermaßen: - - »Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna! - - Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise zu - begreifen. Seien Sie überzeugt, daß Sie hierdurch nichts gewinnen - und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. - Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle, - dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr - spielen, von allem andern zu schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr - plötzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre - Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in - natürlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die - Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich - inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht - zu haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte die in Frage - kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden, - mich gezwungen sehen würde, den Beistand und Schutz der Gerichte - anzurufen. - - Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzüglichen - Hochachtung - - Ihr ergebener Diener - Platon Kowalew.« - - »Geehrter Herr Platon Kusmitsch! - - Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen versetzt. Ich - gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie so ungerechte Vorwürfe - erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Beamten, von - dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir - empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch - Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner - Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nüchternen - Lebenswandel und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch - keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase. - Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich die Absicht habe, Ihnen eine - Nase zu drehen statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber - nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl - wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie - gegenwärtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl - zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil - werden zu lassen. Damit wäre in der Tat einer meiner innigsten - Wünsche erfüllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets - - Ihre gehorsame Dienerin - Alexandra Podtotschina.« - -»Nein!« sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, »sie ist -sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! Solch einen Brief kann nie -und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen -hat.« - -Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon -mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut -worden. - -»Wie mag es nur geschehen sein?« fragte er sich immer wieder. »Hol's der -Teufel!« - -Und er ließ resigniert die Hände sinken. - -Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem -außergewöhnlichen Ereignis verbreitet -- und zwar, wie es ja Brauch ist, -nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser -Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher -hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen -Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die -Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu -sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase -des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden -Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger -strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase -hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die -Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen -Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst -würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der -Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten -pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden -aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein -Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D. -erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel -anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber -zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der -Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer -Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen -Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und -Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet -- ein Bild, das schon -seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort, -indem er ärgerlich sagte: - -»Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche -Gerüchte auf die Beine bringen? ...« - -Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew -garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten -herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon -Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses -seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden -einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat -den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch -ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche -Erklärung hinzuzufügen. - -All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei -keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu -zerstreuen -- und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an -Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine -Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all -diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe -nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde -Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die -Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr -gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für -wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten -mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten. -Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in -einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder -nichts bekannt. - - - III. - -Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft -passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe -Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der -ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz -unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden -Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April. - -Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah, -erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, -- -wahrhaftig, es war seine Nase. - -»Mein Gott!« sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer -barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. -Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal -im Spiegel -- aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich -mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, -- aber -die Nase war noch immer da! - -»Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf -der Nase,« sagte er und dachte indessen bei sich: - -»Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: >Nein, Herr, -Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt -keine Nase!<« - -Aber Iwan bemerkte: - -»Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.« - -»Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!« sagte der Major im -stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln. - -In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im -Türrahmen -- furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und -dafür Prügel bekommmen hat. - -»Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?« schrie ihm Kowalew -schon von weitem entgegen. - -»Gewiß sind sie sauber!« - -»Du lügst!« - -»Bei Gott, sie sind sauber, Herr!« - -»Na, dann mal los!« - -Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um. -In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen -mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren -Namenstagen den Gästen servieren. - -»Da schau her!« sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich -die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von -der Seite zu prüfen, »wahrhaftig sie sitzt tadellos!« -- und noch lange -betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und -Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei -Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen. - -Das war Iwan Jakowlewitschs System. - -»Achtung!« schrie Kowalew. - -Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte -wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer -Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln; -obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen -durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem -Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn -sein Geschäft glücklich zu Ende. - -Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr -schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er -dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte -gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase -war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer -Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer -war als ein Westenknopf. - -Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um -die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines -Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in -den Spiegel, -- die Nase war noch immer da! - -Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls -Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen -Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte: - -»O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!« - -Und er dachte sich unterwegs: - -»Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das -das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.« - -Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken. - -»Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!« murmelte Kowalew. - -Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren -Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde -mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit -mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich -mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich -dachte: - -»Da habt ihr's! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran, -mich mit deiner Tochter zu verheiraten! _Par amour_ -- na, meinetwegen! -Das ginge noch allenfalls.« - -Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem -Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn -nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr -an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major -Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit -leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man -ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem -Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht -Ritter eines Ordens. - -Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres -großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer -Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß -es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an -verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, -- wie -konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung -nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen -Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine -Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen -Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht! - -Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan -Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen; -wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch -unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche -Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz -unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein -Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen, -und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich -weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat. - -Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch -eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich, -wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich -über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens _etwas_ davon -bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der -Welt vor -- wenngleich höchst selten, aber sie _kommen_ vor. - - - Das Porträt - - - Erster Teil. - -Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der -Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst -mannigfaltige Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die Bilder waren -meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem Lack gefirnißt und mit -dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit -weißen Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend, -ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der -eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen ähnlich sieht: das -sind gewöhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu kamen noch -einige gestochene Abbildungen: ein Porträt von Chosrev-Mirsa in einer -Hammelfellmütze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und -krummer Nase. Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen -Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind und von der -instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war -die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt -Jerusalem zu sehen, über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände -ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde -und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhüllte. Für -diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch -ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon -sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für seinen Herrn in der Hand -hält, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben -wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter -Soldat, dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser -feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die -Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre -Zeigefinger darauf zu drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit -ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis -auf die Karikaturen übereinander lustig, alte Lakaien in Friesmänteln -schauen sich diese Dinge an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen -müssen, und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen -instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was denn das Volk wieder -zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk -anschaut. - -Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, der gerade die -Passage passierte, unwillkürlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel -und der nicht sehr sorgfältige Anzug ließen in ihm einen Menschen -erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und -keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, die doch gerade für -die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er -blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese -greulichen Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche -Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem diese Machwerke -wohl von Nutzen wären. Daß das russische Volk von diesen Jeruslanen -Lazarewitschen, diesen Freß- und Saufhelden, sowie von dem Foma und -Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die -abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus verständlich. Aber wo -sind die Käufer für diese bunten, schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten -diese flämischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die -bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der Kunst -erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt -wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder -eines Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen -Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen. -Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose, -greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmächtig in die Reihen der -Künste drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten -Handwerken ihren Platz hatte, -- eine Talentlosigkeit, die übrigens -ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst -importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand, -die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem -Menschen! ... - -Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schließlich gar -nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des -Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit -Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den -Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und -was er kaufen wollte. »Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine -Landschaft, will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie sich doch -nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind -eben erst aus der Börse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht -trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn -Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber auch ein -rechter Winter!« Hierbei schnellte der Händler mit den Fingerspitzen -leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Güte des Winters -recht zu betonen. »Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde und zu -Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen -Bindfaden her!« -- »Wart, Bruder, nicht so schnell!« sagte der endlich -zu sich kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler sich im -Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich, -nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten -hatte, und er sagte: »Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort -etwas für mich finde.« Und er bückte sich und fing an, die auf dem -Fußboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten -Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen. -Da waren altertümliche Porträts von Ahnen, deren Nachkommen man in der -Welt sicher nirgends hätte finden können -- unbekannte Bilder, deren -Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte, -allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu -untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: »Vielleicht -findet sich doch noch etwas darunter!« Er hatte mehr als einmal gehört, -wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem Kram Gemälde großer Meister -fand. - -Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, ließ -seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewöhnlichen -Stellung und gebührenden Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten -an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. »Hierher, -Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein! -Soeben von der Börse importiert!« Er schrie sich tot, aber meistenteils -ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit dem -Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der Türe seiner Bude -stand, und erinnerte sich schließlich, daß er noch einen Käufer im Laden -hatte; sofort wandte er den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich -hinein. »Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?« Aber der -Künstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Porträt in einem großen -Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch -die Spuren der Vergoldung glänzten. - -Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen Gesicht und -hervorstehenden Backenknochen. Seine Züge schienen einen Augenblick von -einer krampfhaften Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie -nordische Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. Er -war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie schmutzig und -beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die -Spuren der Arbeit eines großen Künstlers, nachdem es ihm gelungen war, -den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht ausgeführt -zu sein, aber die Kraft der Pinselführung war eine überwältigende. -Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Künstler schien seine -ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie -starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt heraus und -zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare -Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an die Tür gebracht hatte, -blickten ihn die Augen noch stärker an. Fast denselben Eindruck machten -sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben -war, rief: »Er starrt, er starrt mich an!« und wich zurück. Eine -unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte sich -seiner, und er stellte das Bild auf den Boden. - -»Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!« meinte der Ladenbesitzer. - -»Und was kostet es?« fragte der Künstler. - -»Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fünfundsiebzig -Kopeken!« - -»Nein.« - -»Na, was geben Sie?« - -»Zwanzig,« sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte. - -»Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist -ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? -Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu. -Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken. -Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer -sind.« -- Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen -schien: »Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!« - -So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und -er dachte sich: »Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?« Aber es -blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der -Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und -trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig -Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine -Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der -gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. »Hol's der -Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!« dachte er wie jeder Russe, -dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen -Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden -Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die -dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach -bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der -kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von -Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller -Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem -durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei -entschlüpften seinem Munde die Worte: »Was für ein zarter Ton!« »Wie -ärgerlich! Hol's der Teufel!« Und während er sich das Porträt bequemer -zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt, -beschleunigte er seine Schritte. - -Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung -in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte -er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und -Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand -antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das -Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich -hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies -war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den -Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen -pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte -während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu. -Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das -infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür -geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten -Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im -allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben, -begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen -quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei -künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen -und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen -liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den -Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei -andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht -behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe, -die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit. -Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine -schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter -aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, -soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht -hatte, fragte er endlich nach einer Kerze. - -»Wir haben keine Kerze mehr!« sagte Nikita. - -»Weshalb nicht?« - -»Es war doch schon gestern keine da,« sagte Nikita. Der Künstler -erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab, -beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog -hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an. - -»Der Wirt ist wieder dagewesen!« fuhr Nikita fort. - -»So! Er kam wegen des Geldes!« meinte der Künstler mit wegwerfender -Miene. - -»Aber er war nicht allein da,« sagte Nikita. - -»Wer denn noch?« - -»Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.« - -»Wozu denn ein Polizeibeamter?« - -»Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt -ist.« - -»Nun, und was soll daraus werden?« - -»Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen -will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.« - -»Mögen sie nur kommen!« sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit, -und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner. - -Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen -Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein -Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen -Drang, der Natur nahe zu kommen. »Sieh, sieh, Bruder,« sagte ihm mehr -als einmal sein Professor, »du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du -es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas -lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen, -alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du -willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus -dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt -etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng -und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest -schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben, -was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du -nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die -große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine -stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich -weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der -Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm -Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder -Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen -... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.« - -Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der -Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem -Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei -alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn -er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht -anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack -wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels, -doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen, -er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der -vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder -verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn -hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem -Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so -durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte -Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die -Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer -geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich -die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit -Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn -er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, -der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch -gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben -allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes -Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von -seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß, -sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine -Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der -aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von -ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in -angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar -mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im -Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu -ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage. - -»Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!« wiederholte er verdrießlich; »aber -schließlich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich -denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir -niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen -wollte, so würde man mir doch für sie alle zusammen noch keine zwanzig -Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich fühle -es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich -etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ... -und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und -wer, der nicht zufällig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mögen? -Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser -Naturstudien oder gar meiner unbeendigten »Psyche«? Wen interessiert -dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Porträt meines Nikita, wenn -es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers? -Und weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und plage ich mich, wie -ein Schüler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berühmt sein, als die -andern und gleich ihnen Geld verdienen könnte.« - -Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler plötzlich. Ein -krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn von der Leinwand her -- sich -weit vorbeugend -- an; zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn, -als ob sie ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten zu -wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er aufschreien und Nikita -rufen, der bereits in seinem Vorzimmer schnarchte wie ein zweiter -Polyphem. Aber plötzlich blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der -Angst verließ ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte Porträt, -das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, in den das ganze Zimmer -getaucht war, beleuchtete auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare -Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu reinigen. Er -benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr einige Mal mit ihm über die -Fläche, wusch den dicken und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz -herunter, hängte es vor sich an die Wand hin und war über dieses -ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. Das ganze Gesicht -schien Leben zu bekommen und die Augen blickten ihn so an, daß er -erzitterte, zurückwich und ganz verdutzt sagte: »Er sieht mich an, er -blickt mich mit Menschenaugen an!« Tschartkow mußte plötzlich an eine -Geschichte denken, die er einmal von seinem Professor über ein Bildnis -des berühmten Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das der -große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet hatte, doch -noch immer für unvollendet ausgab, und das nach Vasaris Worten dennoch -von allen für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk erklärt -wurde. Am hervorragendsten waren daran die Augen, die in höchstem Maße -die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten, -kaum sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die Leinwand -gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm hängenden Porträt, war es -noch sonderbarer. Das war keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie -des Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es schien, als wären -sie einem lebenden Antlitze entnommen und in dieses Bildnis eingesetzt. -Das hatte nichts mehr mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele -angesichts eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich auch der -dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers bemächtigte sich -vielmehr nur ein krankhaftes quälendes Gefühl. - -»Was ist das?« fragte sich der Künstler unwillkürlich. »Das ist doch in -der Tat Natur, lebendige Natur! Woher also dieses seltsame, unangenehme -Gefühl? Oder wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich -schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer Ton? Oder -erscheint der Gegenstand, wenn man gefühllos, gleichgültig, ohne innere -Anteilnahme an ihn herantritt, stets nur in seiner abschreckenden -Wirklichkeit -- ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen, -überall verborgenen Gedankens? -- in jener Wirklichkeit, die sich -offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen Messer bewaffnet, einem -Menschen nahn, in der Erwartung, etwas Herrliches zu schaun, sein -Inneres bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum erscheint -denn die einfache gemeine Natur bei einem Künstler in einer gewissen -Verklärung -- und man erhält keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es -scheint einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und alles fließt -und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger um einen herum. Und warum -erscheint ebendieselbe Natur bei einem anderen Künstler niedrig und -schmutzig, während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt ihm eben -das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine Landschaft, so herrlich sie -auch sein mag, doch unvollkommen erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie -erleuchtet.« - -Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese wunderbaren Augen zu -betrachten, und sah wieder mit Entsetzen, daß sie ihn wirklich -anstarrten. Das war keine Kopie nach der Natur mehr, das war jene -entsetzliche Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen -Toten Leben gegeben hätte. War es der Mondschein, der Wahngebilde und -Träume mit sich brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als das -nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas anderes die Ursache? Es -wurde ihm -- er wußte selbst nicht warum -- ängstlich und bang zumute, -er fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat leise vom -Porträt zurück, wandte sich nach der andern Seite und bemühte sich, es -nicht anzublicken; inzwischen aber schielte sein Auge dennoch ganz wie -von selbst unwillkürlich nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm sogar -die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß, Unruhe. Es war ihm, -als folgte ihm immer jemand, und jedesmal sah er sich scheu um. Jede -Feigheit lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und seine Nerven -waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend konnte er sich seine -instinktive Furcht selbst nicht erklären. Er setzte sich in eine Ecke, -aber auch hier hatte er das Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die -Achsel in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das aus dem -Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine Angst zu verscheuchen. -Endlich erhob er sich zaghaft, ohne die Augen zu erheben, von seinem -Platze, begab sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein -Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte Zimmer und das -ihm gerade gegenüber an der Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer -heftete es jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand anders -als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein Lager zu verlassen, er -ergriff ein Laken, trat an das Porträt heran und hüllte es in das -Betttuch ein. - -Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig wieder zu Bett und -begann über die Armut, über das erbärmliche Schicksal des Künstlers, -über den Dornenweg, der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken, -unterdessen aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte der -spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten Porträt. Der -Mondenschein ließ das Weiß des Lakens noch heller erscheinen, und es kam -Tschartkow so vor, als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch -das Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte er sich -davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion handelte. Aber jetzt ... -tatsächlich ... jetzt steht es vor ihm ... er sieht es, sieht es ganz -klar. Das Laken ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei da -und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an, späht geradezu in sein -Inneres hinein. Es wurde ihm kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit -einem Male, wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden Händen -auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und beide Beine herausstreckend, -aus dem Rahmen springt. Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch -ein leerer Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im Zimmer wider und -näherten sich immer mehr dem Schirme. Das Herz des armen Künstlers -begann stärker zu pochen. Während er vor Angst kaum zu atmen wagte, -schien er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den Kopf nach ihm -hinter den Schirm strecken würde. Und in der Tat, jetzt beugte sich sein -bronzefarbenes Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn. -Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte jedoch, daß ihm -der Ton in der Kehle stecken blieb; er versuchte sich zu rühren, irgend -eine Bewegung auszuführen. Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst. -Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete er dieses furchtbare, -hochgewachsene, in ein weites asiatisches Gewand gehüllte Phantom und -wartete ab, was es tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des Lagers -nieder und zog etwas aus den Falten seines Kleides hervor. Es war ein -Geldbeutel. Er schnürte ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln, -schüttelte ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere Rollen, die -wie längliche Säulchen aussahen, auf den Boden; jede war in blaues -Papier eingeschlagen und trug die Aufschrift: »Tausend Dukaten«. Seine -langen knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend, begann -der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm das Gold entgegenglänzte. -Mit wie tödlicher Qual auch der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er -war doch von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und beobachtete -unverwandt, wie die knochigen Hände es aufrollten, wie es glänzte, fern -und dumpf klirrte und wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich -bemerkte er eine Rolle, die abseits von den anderen unter sein Bett -gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie und spähte voller Furcht -danach, ob sie der Alte nicht etwa vermißte. Der Greis schien jedoch -sehr beschäftigt zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte -sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, hinter der -spanischen Wand hervor. Tschartkows Herz schlug heftig, als er hörte, -wie sich die Schritte im Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten. -Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem Drucke und -erzitterte am ganzen Körper, als er plötzlich vernahm, wie sich die -Schritte wieder dem Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr -geworden, daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er denn auch zu ihm -hinter die Wand. Voller Verzweiflung hielt der Künstler die Rolle -krampfhaft in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, sich -zu bewegen, schrie auf und erwachte. - -Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. Sein Herz schlug so stark, -wie es nur schlagen konnte. Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie -den letzten Atemzug getan hätte. »War es denn wirklich ein Traum?« sagte -er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf faßte. Aber die -furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung widersprach dieser Annahme. -Hatte er doch, nachdem er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in -den Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten Gewandes -flatterte noch vor ihm her, und seine Hand spürte deutlich, daß sie noch -vor einer Minute irgend einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der -Mondschein überflutete das Zimmer und ließ bald eine Staffelei, bald -eine fertige Haube, bald eine auf dem Stuhl vergessene Draperie, bald -ein Paar ungeputzte Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst -jetzt bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern dicht vor -dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand. Wie er hierhin gelangt war, -das konnte er sich auf keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn -der Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war -- das Laken -fehlte tatsächlich! -- Regungslos und voller Angst starrte er es an und -sah, wie sich zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn -richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er wollte fliehen, -fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt waren. Und nun sieht er -- -es ist kein Traum! -- wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen und -seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als wollten sie sich an ihn -festsaugen. Mit einem Schrei der Verzweiflung sprang er zurück und -erwachte. - -»War auch das nur ein Traum?« fragte er sich und tastete mit den Händen -um sich, während sein Herz zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch -genau in jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. Vor ihm -stand der Schirm, das Zimmer war vom Mondschein erfüllt, und durch den -Spalt der spanischen Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken -verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt hatte. -Folglich hatte er wieder geträumt; aber die geballte Faust hatte noch -immer die Empfindung, daß sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz -klopfte stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf seiner -Brust, war unerträglich. Er spähte durch den Spalt und betrachtete -unverwandt das Laken. Und nun sieht er klar und deutlich, wie dieses -allmählich heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten -und sich bemühten, es abzustreifen. »Herr Gott, was ist denn das?« rief -er voller Verzweiflung, bekreuzigte sich und erwachte. - -War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, besinnungslos aus -dem Bett, unfähig, zu begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen -war: ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder eine lebendige -Erscheinung ihn gequält hatte. In der Absicht, die seelische Erregung -und das stürmende Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu -stillen, trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter Windstoß -von außen her brachte ihn wieder zu sich. Der Mond bestrahlte noch immer -die Dächer und die weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine -Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still. Nur selten drang das -ferne Rasseln einer Mietsdroschke an das Ohr, deren Kutscher, in -Erwartung eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre -eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. Lange schaute -Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon zeigten sich am Himmel die -Anzeichen der nahenden Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu -schlafen, er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins Bett -und schlief bald fest ein wie ein Toter. - -Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme Gefühl, das einen -Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung überfällt. Sein Kopf schmerzte -ihn heftig. Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme Feuchtigkeit -erfüllte die Luft und drang durch die Spalten seiner Fenster, die mit -Bildern oder grundierten Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und -unzufrieden wie ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen -verschlissenen Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun -sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum. Dabei wirkte -dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, daß er sich sogar dem Argwohn -hingab, vielleicht hätte ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder -eine Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, -- etwa eine -Vision. Er schob das Laken zurück und betrachtete nun dieses -schreckliche Porträt beim hellen Tageslicht. Die Augen wirkten in der -Tat durch ihr ungewöhnliches Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er -nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner Seele eine -unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung zurück. Trotzdem aber -wollte er nicht recht daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen -war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein entsetzliches -Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das Gefühl, als ob ein Etwas im -Blick und im Gesichtsausdruck des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese -Nacht bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den Druck, wie wenn -eine andere sich erst kurz vorher von ihr losgerissen hätte, und er kam -zur Überzeugung, daß die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner -Hand gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte. - -»Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses Geldes gehörte!« sagte er, -indem er tief aufseufzte, und er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit -der verlockenden Aufschrift »Tausend Dukaten«, die er im Traum erblickt -hatte, aus dem Beutel herausfielen. Sie öffneten sich, das Gold glänzte -und funkelte vor seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er -aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in die leere Luft -starrend, völlig unfähig, sich von diesem Gegenstande loszureißen, wie -ein Kind, das vor einer süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser -im Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von anderen verzehrt wird. - -Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was ihn wieder auf -unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurückversetzte. Der Wirt trat -ein, und mit ihm der Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine -Leute bekanntlich noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines -Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen Hauses, in dem -Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, die irgendwo in der 15. Linie -der Wassilij-Insel, im Petersburger Viertel oder in einer entfernteren -Ecke von Kolomna ein Häuschen besitzen -- ein Geschöpf, deren es in -Rußland noch viele gibt und deren Charakter ebenso schwer zu bestimmen -ist, wie die Farbe eines abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er -Hauptmann der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, war aber -auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: ein Meister im Prügeln, -behend, geckenhaft und dumm; nun aber, wo er alt geworden war, -vereinigten sich alle diese hervorstechenden Eigenheiten zu einer -gewissen undeutlichen Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und hatte -schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte er sein Äußeres, -er prahlte nicht mehr so unverschämt, war nicht mehr so arrogant und -liebte es nur, Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn -zusammenzuschwatzen; er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte die -Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats seine Mieter -wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem Schlüssel in der Hand auf die -Straße hinaus, um einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, und -vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer, in der dieser -gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit einem Wort, es war einfach ein Mann -im Ruhestande, der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen -er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen mußte, nichts -zurückbehalten hatte als ein paar platte Gewohnheiten. - -»Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!« meinte der Wirt, indem er -sich an den Polizeikommissar wandte und mit den Armen eine bezeichnende -Geste vollführte; »er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal -nicht!« - -»Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld habe? Warten Sie doch nur, -ich werde schon bezahlen!« - -»Ich kann nicht warten, Väterchen,« erwiderte der Wirt heftig und -klopfte mit dem Schlüssel, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Der -Oberstleutnant Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem Hause; -Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine Scheune und einen Stall für -zwei Pferde abgemietet: eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen -Sie, was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir ist es nicht -Sitte, daß man mir den Zins schuldig bleibt. Wollen Sie sofort das Geld -bezahlen und dann die Wohnung räumen.« - -»Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann müssen Sie auch -zahlen,« meinte der Polizeikommissar, indem er leicht den Kopf -schüttelte und den Zeigefinger zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes -steckte. - -»Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch eben die Frage. Ich -verfüge jetzt noch nicht über einen Pfennig.« - -»In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch durch die Erzeugnisse Ihrer -Kunst sicherstellen,« meinte der Kommissar. »Er wird vielleicht damit -einverstanden sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.« - -»Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder! Wären es noch Gemälde -von vornehmem Inhalt, so daß man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa -ein General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten Kutusow! Aber -da malt er sich hier einen Bauern im Hemde hin, seinen Diener, der ihm -die Farben reibt! Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde ihm -den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus den Riegeln -herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen Sie nur, was für Gegenstände er sich -wählt. Da malt er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere, -aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier gemalt ist! Mit dem ganzen -Schmutz und Dreck, der überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das -Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. Bei mir wohnen die -Mieter sieben Jahre lang, ein Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna -Petrowna ... Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen -schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie ein Schwein! ... -Einfach wie ein ..., Gott soll mich davor bewahren!« - -Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören. Der -Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen mit der Prüfung der Bilder -und Skizzen und bekundete hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte -als der Wirt, und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz -unempfänglich war. - -»He,« sagte er, während er mit dem Finger gegen eine Leinwand klopfte, -auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, »dieser Gegenstand ist -ja recht pikant, ... und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so -schwarz unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? Wie?« - -»Das ist ein Schatten!« antwortete Tschartkow herb und ohne ihn -anzusehen. - -»Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen! Unter der Nase fällt es -doch gar zu sehr auf,« sagte der Kommissar. »Und wessen Porträt ist dies -hier?« fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises näherte. »Der -ist ja entsetzlich! War er denn wirklich so schrecklich? Mein Gott, der -starrt einen ja geradezu an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert! -Wer hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?« - -»Ach, das ist ein ...,« sagte Tschartkow, doch er sprach den Satz nicht -zu Ende. - -Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar hatte offenbar infolge des -ungeschlachten Baues seiner polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu -fest angepackt. Die Leisten an der Seite waren eingedrückt, die eine -fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend eine in blaues Papier -gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift »Tausend Dukaten« sprang -Tschartkow in die Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie -aufzuheben, ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft mit einer -Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte. - -»Es klang doch hier wie Geld!« sagte der Kommissar, der etwas Klirrendes -hatte auf den Boden fallen hören und den die Schnelligkeit, mit der -Tschartkow herbeistürzte, daran hinderte, genau zu erkennen, was es war. - -»Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie zu wissen, was ich hier -habe?« - -»Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem Wirt sofort die Miete zahlen -müssen! Weil Sie Geld haben, aber nichts zahlen wollen!« - -»Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!« - -»Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher bezahlen? Wozu mußten -Sie den Wirt beunruhigen und die Polizei belästigen?« - -»Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich werde ihm heute abend -alles bezahlen und sofort die Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen -Wirte nicht mehr bleiben will.« - -»Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen alles bezahlen,« sagte der -Kommissar, sich an den Wirt wendend. »Wenn es sich jedoch herausstellt, -daß Sie heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann sollte es -mir sehr leid tun, Herr Maler!« - -Sprach's, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum Flur hinaus. Der Wirt -folgte ihm mit gesenktem Kopf und anscheinend etwas nachdenklich auf dem -Fuße. - -»Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!« sagte Tschartkow, als er -hörte, daß die Tür des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte. -Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz -allein zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, nachdem er -wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die -Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die -alle ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer funkelten! -- Wie -wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer -wieder: »Ist das alles nicht doch nur ein Traum?« Die Rolle enthielt -genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig denen, die er im -Traum gesehen hatte. Einige Minuten wühlte er prüfend in ihnen herum und -konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten -plötzlich alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern -auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht -ihres zukünftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: »Vielleicht -hatte auch in diesem Falle irgend ein Großvater den Einfall, seinem -Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines -Familienporträts verbarg.« Voll von romantischen Vorstellungen fing er -sogar an, darüber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall -und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht -gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft wäre, und ob es -nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, daß er -es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An -einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt und unmerklich -von einem Brettchen verdeckt wurde, daß die Dukaten hier bis in alle -Ewigkeit ungestört verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des -Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete das Porträt -und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche -Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor, -ließen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefühl in seinem Innern -zurück. »Nein,« sagte er zu sich selbst, »wessen Großvater du auch sein -magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen -Rahmen anfertigen lassen.« Hierbei ließ er die Hand auf den vor ihm -liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser -Berührung heftig zu pochen. »Was nun tun?« dachte er, während er die -Blicke auf das Geld richtete. »Jetzt bin ich mindestens für drei Jahre -gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen und arbeiten. -Jetzt habe ich Geld genug für Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die -sonstigen Lebensbedürfnisse sowie für die Wohnung. Stören und belästigen -wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzügliche -Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Füße -modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten -Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für mich allein -ohne Übereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, überhole ich -alle meine Kollegen und kann ein tüchtiger Künstler werden.« - -So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz -eingab. Aber aus seinem Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher -und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da -erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse seiner -zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden Jugend! Jetzt war -alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfüllten Augen -angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das -Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann, -als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem -langen Fasten endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine -schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine -Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf -die Straße hinaus. - -Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom Kopf bis zu den Füßen neu -einkleiden, wobei er sich unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte -Parfüms und Pomade, mietete sich -- ohne lange zu handeln -- eine -vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und großen -Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden -eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, -- weit mehr als er -überhaupt nötig hatte --, ließ sich von einem Friseur die Locken -kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck -durch die Stadt, aß sich in einer Konditorei an Konfitüren satt, und -ging dann ins Restaurant »Zum Franzosen«, von dem er bis jetzt nicht -mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz -wie ein Spanier, warf hochmütige Blicke auf seine Mitgäste und strich -sich vor dem Spiegel unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er -trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom -Hörensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat -er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Rußland zu sagen -pflegt: »Selbst dem Teufel kein Bruder!« auf die Straße. Wie ein Geck -spazierte er den Bürgersteig entlang und warf nachlässige Blicke durch -seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen -früheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er ihn gar -nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor noch lange unbeweglich -stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ... - -Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, die Staffelei, die -Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine -prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an -exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann -schritt er in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er -sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte -sofort das unüberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen -und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hörte er Rufe -wie die folgenden: »Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von -Tschartkow gesehen? Über was für eine rasche Pinselführung doch der -Tschartkow verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser Tschartkow -besitzt!« Verträumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer -weiß welche Regionen entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit -einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um -sich dessen großmütigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem -Journalisten, der ihn sofort »Geehrter Herr« anredete, ihm beide Hände -drückte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach -seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, -- und -schon am nächsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer -Ankündigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit -folgender Überschrift: - - - »_Ein ungewöhnliches Talent!_ Der Maler Tschartkow. - -Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer -- -man kann ruhig sagen -- in jeder Beziehung herrlichen und -außerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir -viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schönheit -besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wundertätige -Leinewand zu übertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu -erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns -erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf -jede Schönheit fest davon überzeugt sein, daß sie sich mit der ganzen -Grazie ihres ätherischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren -Reizes im Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater -wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der -Krieger, der Bürger, der Staatsmann können ihre glorreiche Laufbahn -ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem -Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine, -oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem großen -Künstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt -voller Porträts, die von seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder -Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: -über den Realismus, die Ähnlichkeit mit den Originalen, oder über die -ungewöhnliche Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein -Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der -Journalist hatte anscheinend viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich -und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu würdigen; -allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit -Reichtum und Wohlstand -- obwohl sich einige Journalisten aus unserer -Mitte auch dagegen auflehnen werden -- wird Dein Lohn sein.« - -Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese Anzeige; sein Gesicht -strahlte. In der Presse wurde über ihn geredet, das war etwas ganz Neues -für ihn. Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der -Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz »Vivat -Andrei Petrowitsch« erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf -bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er -bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und -abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald -setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und ließ sich -auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend vorstellte, wie er die -Besucher empfangen würde, dann trat er an eine Leinewand heran und -pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse -Bewegungen abzulocken. - -Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, und er beeilte sich, -sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer -pelzgefütterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen -Mädchens, betrat das Atelier. - -»Sind Sie Monsieur Tschartkow?« fragte die Dame. Der Künstler verneigte -sich. - -»Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel -der Vollkommenheit sein.« Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die -Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die -nackten Wände gleiten. »Und wo sind Ihre Porträts?« - -»Man hat sie soeben abgeholt,« sagte der Künstler etwas verlegen. »Ich -bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie -noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.« - -»Waren Sie in Italien?« fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in -Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst -richtete. - -»Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens -habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind -Sie nicht müde?« - -»Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier! -Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,« sagte die Dame, während sie an -die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden -Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. »_C'est charmant, Lise, -venez-ici!_ Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! -Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ... -Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? _C'est -charmant!_ -- Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das -Gesicht wäscht ... _Quelle jolie Figure!_ ... Ach, ein Bäuerlein! Liese, -Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein! -... Also Sie malen nicht nur Porträts?« - -»O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!« - -»Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht -wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft -in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen -nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei -und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens -durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine -ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar -noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie -Monsieur Nohl?« - -»Wer ist dieser Nohl?« fragte der Maler. - -»Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet, -als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen -- -Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der -Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff -nehmen würden.« - -»Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten.« Sofort schob -er die Staffelei mit einem präparierten Keilrahmen heran, nahm die -Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der -Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er hätte in -diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft -für Bälle, einer peinigenden Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor -und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf -einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden Folgen eines -erheuchelten Eifers für die verschiedensten Künste, zu dem sie die -Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt. -Allein der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine -lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige -Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes Vibrieren, ein -dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur. -Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die -Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis -dahin nur an den rohen Zügen ordinärer Modelle, an langweiligen Antiken -und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu -offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht -ihm von der Leinwand entgegenblicken werde. - -»Wissen Sie,« sagte die Dame mit einem fast rührenden Ausdruck, »ich -möchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wäre es offengestanden -lieber, daß sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. Es wäre -mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre und im Schatten eines -Baumes säße ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf -eine weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß es so -aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer -modischen Soirée ... Offengestanden, unsere Bälle töten die Seele so -sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr -Einfachheit! Nicht wahr?« Doch ach, leider konnte man es sowohl der -Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, daß sie sich alle beide auf -allerhand Bällen so müde getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs -anzuschauen waren. - -Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an, -überlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Maß, kniff das -eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame -von weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer -Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich -sofort an die eigentliche Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen -hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen -vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohèmegepflogenheiten zurück, -indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen -halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn er -sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstände zu -machen, ließ er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich -schließlich zu bewegen begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ, -den Kopf hochheben. - -»Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!« sagte die Dame. »Nein -bitte, noch ein wenig,« bat der eifrige Maler. - -»Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!« versetzte die Dame, zog -ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Gürtel herabhängende Uhr hervor -und rief ganz überrascht aus: »Ach wie spät!« - -»Nur noch ein Augenblickchen,« sagte Tschartkow mit der einfältigen und -bittenden Gebärde eines Kindes. - -Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen -künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach ihm aber dafür, ein -anderes Mal länger zu bleiben. - -»Das ist doch ärgerlich!« dachte Tschartkow, »meine Hand war gerade in -Schwung gekommen.« Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem -gestört und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der -Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz regungslos auf -einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja, -er schlief sogar in der gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte -Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich vor -der Leinwand stehn. - -Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem -Traume, er stürzte schnell zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf -der Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche bei ihnen zu -dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene in sein Zimmer zurück. Die -aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert -- bis dahin hatte -er solche Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, als -Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen Equipagen mit Dienern in -kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie -er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß -einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick zu streifen. -Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung -gekommen; er malte dessen Porträt und war zu einem Diner in ein -aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche Zufriedenheit -bemächtigte sich seiner, er war vollständig trunken vor Freude und -belohnte sich für seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem -Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer -Equipage durch die Stadt. - -Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den -Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschäftigt, und -wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. Endlich -erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er ließ sie Platz -nehmen, rückte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit -den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann -seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm -große Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von -Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem -Porträt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, daß es wohl möglich -war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen -darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein -Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas, -was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die -Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr völlig hin und vergaß -bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem -Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast durchsichtige -Körper des siebenzehnjährigen Mädchens allmählich auf der Leinwand -erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten -gelben Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter den Augen -- -und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der -Stirne befand, zu verzeichnen, als er plötzlich neben sich die Stimme -der Mutter vernahm. »Ach nein, wozu nur? Das ist nicht nötig! Auch hier -haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu -sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.« Der Maler -fing an zu erklären, daß sich gerade diese Pünktchen und die gelbe Farbe -besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte -Töne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt keine -Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, und daß es ihm nur so -vorkäme. »Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser -einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen!« bat der Künstler mit harmloser -Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklärte ihm, -daß Liese heute bloß nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar -nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische -seines Teints überrasche. Traurig machte er sich daran, die -beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele -fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil -auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig begann er dem Bilde jenes -konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz -mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur -gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität verleiht, wie wir sie auf -Schülerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß -nunmehr das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden wurde. Sie -drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, daß die Arbeit so langsam vor -sich ging, und fügte hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei -Sitzungen ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand hierauf keine -Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den -Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in -trüber Stimmung vor seinem Porträt stehen. - -Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene -zarten weiblichen Züge, jene Schatten und luftigen Töne, die er bemerkt, -und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem -Auge. Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite und suchte -aus irgend einer Ecke seine »Psyche« hervor, die er vor längerer Zeit -einmal flüchtig skizziert hatte. Es war ein graziös hingemaltes, aber -rein ideales und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig -charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen Körper -saß. Er begann diese Züge mit dem Pinsel nachzuziehen, während er sich -dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner -aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaßten Linien, -Schatten und Töne nahmen hierbei jene verklärte Form an, wie sie dem -Künstler erscheinen, wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen hat, -sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges Werk schafft. Die -Psyche lebte allmählich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum -flüchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der -Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der -Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr -das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen -durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt, -was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen -hingerissen. Einige Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da -überraschte ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser -Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen; -die beiden Damen stießen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und -schlugen die Hände zusammen. - -»_Lise, Lise!_ ach, wie ähnlich! _Superbe, superbe!_ Was für ein schöner -Einfall, sie in einem griechischen Kostüm zu malen! Welche -Überraschung!« - -Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über ihren angenehmen Irrtum -aufklären sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise: -»Das ist Psyche!« - -»Als Psyche? _C'est charmant!_« sagte die Mutter lächelnd zu ihrer -gleichfalls lächelnden Tochter. »Nicht wahr, _Lise_, so machst du dich -am besten, so als Psyche, nicht? _Quelle idée délicieuse!_ Aber was für -eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von -Ihnen gelesen und gehört, ich wußte aber doch nicht, daß Sie ein solches -Talent sind. Nein, Sie müssen unbedingt auch noch _mein_ Porträt malen!« -Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche präsentieren ... - -»Was soll ich mit ihnen anfangen?« dachte der Künstler. »Wenn sie es -selbst durchaus wollen, gebe ich einfach die »Psyche« für das aus, was -ihnen am meisten behagt!« Und er sagte laut: »Belieben Sie noch für eine -Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier noch einen Tupfen auftragen!« - -»Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ... Sie ist jetzt so -ähnlich.« - -Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen nur auf -gelben Ton bezogen, und beruhigte sie, indem er sagte, daß er den Augen -nur noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. In Wirklichkeit aber -war es ihm zu peinlich zumute, er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit -dem Original noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand seine -Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne. Und in der Tat, das Antlitz -ließ bald immer deutlicher die Züge des blassen Mädchens erkennen. - -»Genug,« sagte die Mutter, die zu fürchten begann, daß die Ähnlichkeit -allzu groß werden könnte. Dem Künstler wurde durch ein Lächeln, durch -Geld, Komplimente, herzliche Händedrücke und eine Einladung zum Diner -eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem Worte, er wurde nur so -überschüttet mit Schmeicheleien und höchsten Zeichen der Anerkennung. - -Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die Damen zeigten es ihren -Freundinnen; alle bewunderten die Kunst, mit der der Maler es verstanden -hatte, die Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit und -Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde natürlich nicht ohne einen -leichten Anflug von Neid festgestellt, und mit einem Male war der -Künstler mit Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die ganze -Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur ertönte jeden Augenblick -die Glocke. -- Dieser äußere Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da -er ihm eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit und die -Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war in der Tat sehr groß. Leider -waren es jedoch alles Menschen, mit denen man nur schwer auskommen -konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die der großen -Gesellschaft angehörten und infolgedessen noch mehr als alle anderen -abgehetzt und aufs äußerste ungeduldig waren. - -Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn gestellt wurde, war -diese, daß er was Gutes leisten und möglichst schnell arbeiten solle. - -Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts sorgfältig -auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung, daß man die genauere -Charakteristik durch einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen, -nur das große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse und sich -nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben dürfe: mit einem -Worte, er begriff, daß er es sich nicht erlauben konnte, die Natur in -ihrer ganzen Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt -werden, daß fast alle seine Modelle auch noch andere Wünsche geltend -machten. Die Damen verlangten, daß hauptsächlich die Seele und das Wesen -auf den Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen durchaus -hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet, alle Mängel verwischt -oder wenn möglich ganz und gar ausgemerzt werden sollten, mit einem -Worte, daß das Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung -reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, ihre Mienen -einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler aufs höchste erstaunt war. -Die eine bemühte sich, eine gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte -wiederzuspiegeln, die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte -wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen lassen und spitzte ihn -so zu, bis er sich endlich in einen Punkt verwandelte, der nicht größer -als ein Stecknadelknopf war. Trotz alledem aber verlangte man -Ähnlichkeit und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und die Herren waren -nicht besser als die Damen. Der eine wollte mit einer kraftvollen, -energischen Kopfhaltung dargestellt werden, der andere mit -durchgeistigten und gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant -wünschte, daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter -hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit und Edelmut in seinen -Gesichtsausdruck zu legen, stützte die Hand auf ein Buch, das die -deutliche Aufschrift trug: »Ich bin stets für die Wahrheit -eingetreten!«, und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs trat -dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß auf die Stirn, all -dies mußte genau durchdacht werden, und doch räumte man ihm nur eine -geringe Frist dafür ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der -Sache und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon zwei, drei -Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren, wie sich ein jeder -dargestellt wissen wollte. Wer nach einem Mars Verlangen trug, dem -steckte er einen Mars ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen -hatte, dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen als Corinna, als -Undine oder gar als Aspasia erscheinen wollten, war für ihn ohne jeden -Belang: er willigte mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon -aus eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche Dosis -Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die nirgends Schaden -stiften kann und für die man sogar mitunter eine gewisse Unähnlichkeit -mit in den Kauf nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die -erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels zu wundern. Die -Porträtierten aber waren ganz entzückt und erklärten ihn für ein Genie. - -Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler. Er begann, Diners zu -besuchen und Damen in die Galerien und sogar auf Bälle und Feste zu -begleiten, sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, daß ein -Künstler gesellschaftsfähig sein müsse, daß er sich standesgemäß zu -betragen habe, daß sich die Maler im allgemeinen wie die Schuster -kleiden, sich nicht anständig zu benehmen, den höheren Ton nicht zu -wahren verstehen und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im -Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und Akkuratesse; er -hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm stutzerhafte Schüler an, kleidete -sich mehrere Male am Tage um, ließ sich das Haar brennen, beschäftigte -sich damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er seine -Besucher zu empfangen gedachte, und legte den größten Wert auf die -Pflege seines Äußeren, um einen möglichst günstigen Eindruck auf die -Damen zu machen, mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch jenen -Künstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und im stillen in seinem -Kämmerlein auf der Wassilij-Insel gearbeitet hatte. Über Künstler und -Kunst fällte er nur noch die anmaßendsten Urteile, er behauptete, man -mäße den früheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie alle mit Ausnahme -von Raffael hätten keine lebendigen Menschen, sondern bloß Heringe -geschaffen, und er erklärte, die Ansicht, daß ihnen etwas Heiliges -innewohne, existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst -Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und viele seiner -Bilder genössen überhaupt nur aus einem gewissen Atavismus einen so -hohen Ruhm; er schrie, daß Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch -Kenntnis der Anatomie imponieren wollte, daß er gar keine Grazie besäße, -und daß man einen wirklichen Glanz, und die wahre Kraft der -Pinselführung und des Kolorits nur in dem gegenwärtigen Zeitalter finden -könne. Dann kam er naturgemäß auch auf sich selbst zu sprechen. »Ich -verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen,« pflegte er zu -sagen, »da hocken und brüten sie über ihrer Arbeit: ein Mensch, der -mehrere Monate hintereinander an einem Bilde herumtiftelt, ist meines -Erachtens nichts als ein gewöhnlicher Tagelöhner und kein Künstler; ich -kann nicht glauben, daß er Talent besitzt. Ein Genie schafft kühn und -schnell. Sehen Sie,« pflegte er zu sagen, indem er sich an seine -Besucher wandte, »dieses Porträt hier habe ich in zwei Tagen gemalt, -dieses Köpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen Stunden, und das -dort in etwas mehr als einer Stunde. Nein, offengestanden, ich kann doch -ein Werk nicht als Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich -gesetzt ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr.« So -sprach er zu seinen Gästen, und diese bewunderten die Kraft und -Leichtigkeit seiner Pinselführung, stießen Rufe des Erstaunens aus, wenn -sie hörten, in wie kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten -es nachher auch anderen mit. »Das ist ein Talent, o ein großes, wahres -Talent! Sehen Sie nur, wie seine Augen glänzen, wenn er spricht. _Il y a -quelque chose d'extraordinaire dans toute sa figure!_« - -Dem Künstler schmeichelte es, solche Reden über sich zu hören. Wenn er -in den Journalen öffentlich gelobt und gepriesen wurde, dann freute er -sich wie ein Kind, obgleich diese Lobeserhebungen von ihm für bares Geld -gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt immer mit sich -herum und zeigte es gleichsam unabsichtlich all seinen Bekannten und -Freunden. Und dies ergötzte ihn aufs höchste, so einfältig und naiv es -war. Sein Ruhm wuchs, die Aufträge und Bestellungen mehrten sich; schon -fing er an, der immer gleichen Porträts und Gesichter, deren Ausdruck er -bereits auswendig kannte, überdrüssig zu werden. Schon malte er ohne -große Begeisterung, indem er sich nur noch bemühte, den Kopf auf die -Leinewand zu werfen; das übrige überließ er seinen Schülern. Früher -suchte er wenigstens noch, seinen Porträts ein neues Moment -abzugewinnen, durch eine neue Stellung, durch die Kraft der -Pinselführung oder durch gewisse Effekte zu überraschen. Jetzt -langweilte ihn auch dies allmählich. Das dauernde Grübeln und Suchen -nach Neuem ermüdete seinen Geist. Er _konnte_ es bald auch gar nicht -mehr, er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmäßige Lebensweise und -die Gesellschaft, in der er die Rolle eines Lebemanns zu spielen suchte, -entfremdeten ihn der wirklichen Arbeit. Seine Pinselführung wurde kalt -und stumpf, und erstarrte unmerklich in eintönigen, konventionellen, -längst verbrauchten Formen. Die langweiligen, kalten, ewig gepflegten, -ledernen oder sozusagen zugeknöpften Gesichter der Beamten, der -militärischen wie der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen großen -Spielraum. Die prächtigen Drapierungen, die starken Bewegungen und -Leidenschaften hatte er völlig vergessen. Von künstlerischer -Komposition, von dramatischem Leben, von einer erhabenen Steigerung war -überhaupt nicht mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie -Uniformen, Korsetts und Fräcke, alles Dinge, die einen Künstler kalt -lassen und die jede Phantasie ertöten. Selbst die am leichtesten zu -erreichenden Vorzüge gingen seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber -fanden sie immer noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und -Künstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den Achseln zuckten. -Die wenigen, die Tschartkow von früher her kannten, vermochten nicht zu -verstehen, wie ein Talent, dessen Stärke sich schon in dem jungen -Schüler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und sie bemühten sich -vergebens, zu erraten, wie in einem Menschen plötzlich die Begabung -erlöschen könne, in demselben Augenblick, wo seine Kräfte erst eben zu -voller Entfaltung gekommen waren. - -Aber der von seinen Erfolgen trunkene Künstler hörte alle diese -Äußerungen nicht. Schon begann er zu altern, mit den Jahren bemächtigte -sich seiner eine gewisse geistige Schwerfälligkeit, er wurde allmählich -immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon las er in den -Zeitungen und Journalen Epitheta wie die folgenden: »Unser verehrter -Andrej Petrowitsch!« »Unser hochverdienter ...!« Schon bot man ihm -Ehrenämter an, lud ihn zu Prüfungen ein und wählte ihn in verschiedene -Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren Alter immer zu geschehen -pflegt, entschieden für Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er -durchaus von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern nur deshalb, um -sie als Angriffswaffe gegen seine jüngeren Kollegen zu benutzen. Schon -vergnügte er sich damit, nach Art älterer Herren der ganzen Jugend ohne -Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte Geistesrichtung zum -Vorwurf zu machen. Schon neigte er sich der Auffassung zu, daß alles in -der Welt ganz einfach und wie von selbst vor sich gehe, daß es keine -Inspiration gebe und daß alles einem strengen Regiment, der Ordnung und -einer monotonen Regelmäßigkeit unterworfen sein müsse, -- mit einem -Wort, er war bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und Drang, -der überhaupt jemals in einem Menschen pulsiert hat, zu verschwinden -beginnt, wo die Töne des zauberhaften Bogens nur gedämpft an die Seele -rühren und das Herz nicht mehr mit erschütternden Klängen umkreisen, wo -der Kuß der Schönheit keine jungfräulichen Kräfte mehr in Flammen -wandelt -- wo sich dafür aber alle verglühten Gefühle dem Klirren des -Goldes um so zugänglicher erweisen, immer aufmerksamer auf seine -verlockende Musik lauschen, ihr allmählich und unmerklich immer mehr -Macht über sich einräumen und sich sanft von ihr einlullen lassen. - -Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht verdient hat, keinen -Genuß gewähren. Nur den, der seiner würdig ist, erfüllt er ständig mit -einem wonnigen Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen und -Wünsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm Leidenschaft, Ideal, -Schreckbild, Genuß und Lebenszweck. In seinen Tischen häuften sich -Päckchen von Banknoten an, und wie jeder, dem dieses schreckliche -Geschenk zuteil wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr in -einen langweiligen, nur dem Golde zugänglichen, törichten Geizhals, -einen sinnlosen Sammler, und er war schon auf dem besten Wege, zu einem -jener Sonderlinge zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt gar -viele gibt. Ein warmblütiger und gütiger Mensch betrachtet sie voll -Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne Särge, die sich vor ihm -bewegen und einen leblosen Klumpen anstelle eines Herzens in sich -bergen. Aber eine merkwürdige Begebenheit sollte bald sein ganzes Wesen -durchrütteln und erschüttern. - -Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein Schreiben, in dem die -Akademie der Künste ihn als ihr hochverehrtes Mitglied um sein -Erscheinen und um sein Urteil über ein neues Werk bat, das aus Italien -angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung weilenden russischen -Künstler zum Urheber hatte. Dieser Künstler war ein ehemaliger Freund -von ihm, der seit langem die Leidenschaft für die Kunst in sich barg, -und sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine Arbeit -vergraben hatte; er hatte sich von all seinen Freunden und Verwandten, -von allen lieben Gewohnheiten losgerissen und war in ein Land geeilt, wo -ein herrlicher Himmel eine majestätische Kunst reifen läßt: in das -überwältigende Rom, bei dessen Erwähnung eines Künstlers feuriges Herz -stets voll und stürmisch zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie -ein Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes Studium. -Ihn kümmerte es wenig, daß sich die Menschen über sein seltsames Wesen -aufhielten, daß man seine Unfähigkeit, sich in der guten Gesellschaft zu -bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen tadelte und von dem -Schaden sprach, den er dem Künstlerstande durch seinen ärmlichen, -altmodischen Anzug zufügte. Es war ihm völlig gleichgültig, ob ihm seine -Kollegen zürnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der Kunst -verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermüdlich besuchte er die -Galerien und Museen, er konnte stundenlang vor den Werken der großen -Meister stehen und deren wundervolle Pinselführung studieren. Er -vollendete kein Werk, bevor er sich angesichts dieser großen Vorbilder -geprüft und sich aus ihren Werken einen stummen und doch so beredten Rat -geholt hatte. An lärmenden Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte -er sich nie, er nahm weder für, noch gegen die Puristen Partei, sondern -ließ allen die schuldige Anerkennung zuteil werden, indem er in allem -nur das Schöne zu entdecken wußte, bis er sich endlich einzig und allein -dem göttlichen Raffael als seinem Lehrmeister überließ, -- wie auch ein -großer Dichter, der schon so viele verschiedene Werke voll Anmut und -majestätischer Schönheit kennen gelernt hat, zuletzt nur noch Homers -Ilias als die überragende Dichtung gelten läßt, nachdem er entdeckt hat, -daß in diesem Epos alles enthalten ist, was man von einem Kunstwerk -verlangen kann, und daß sich hier alles in höchster Vollkommenheit -wiederspiegelt. Und so hatte er sich denn bei dieser beständigen Arbeit -an sich selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle -Schönheit der Gedanken und die hohe Anmut einer schier überirdischen -Pinselführung erworben. - -Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits eine Menge von -Besuchern vor, die vor dem Bilde standen. Eine tiefe Stille, wie sie nur -selten unter so zahlreichen Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er -beeilte sich, seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine -tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild. Aber, o Gott! -was war das, was er da erblickte! - -Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand das Werk des Künstlers -vor ihm. Bescheiden, göttlich, unschuldig und einfach wie das Genie -selbst, schien es hoch über allem zu schweben. Es war, als senkten die -himmlischen Gestalten, verwundert über so viele auf sie gerichteten -Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern. Mit einem Gefühl -unwillkürlichen Staunens starrten die Eingeweihten die neue, nie -gesehene Pinselführung an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die -Schulung an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der Haltung, und -die an Corregio, die sich in der vollkommenen Technik verriet. Aber den -gewaltigsten Eindruck machte die in der Seele des Künstlers wirkende -Schöpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemäldes war von ihr -durchdrungen; alles atmete eine strenge Gesetzmäßigkeit und innere -Kraft; jedes Ding ließ jene wundervoll schwebende und fließende Rundung -der Linien erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das Auge -des schaffenden Künstlers sieht, bei dem Nachahmer und Kopisten aber -stets eckig und hart erscheint. Man fühlte ganz deutlich, wie der -Künstler alles, was er der äußeren Welt entnommen, in sich, in seiner -Seele verschlossen hatte, um es erst später aus dieser geistigen Quelle -gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln zu lassen. -Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was für ein unermeßlicher -Abgrund zwischen einem Kunstwerk und einer einfachen Kopie der Natur -gähnt. Es ist unmöglich, jene ungewöhnliche Stille zu schildern, die -alle Anwesenden beobachteten, während sie ihre Augen auf das Bild -gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut störte die andächtige -Stimmung. Die Wirkung des Bildes hatte sich inzwischen nur noch -verstärkt. Strahlend und wie ein unbegreifliches Wunder löste es sich -von allem Irdischen los, um sich schließlich ganz in einen Augenblick -- -die Frucht eines dem Künstler vom Himmel eingegebenen Gedankens -- zu -verwandeln, in einen Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als -Vorbereitung dient. Unwillkürlich wandelte die das Bild umringenden -Beschauer das Bedürfnis zu weinen an; es schien, als hätten sich alle -Kunstanschauungen, alle dreisten, regellosen und willkürlichen -Abweichungen des Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das -göttliche Werk vereinigt. - -Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow vor dem Bilde, und erst -als schließlich doch eine kleine Bewegung durch die Reihen der Besucher -und Autoritäten ging, als man sich laut über den Wert des Werkes zu -unterhalten begann, als man sich schließlich auch an Tschartkow mit der -Bitte wandte, sein Urteil abzugeben, kam er wieder zu sich, versuchte -seine gewöhnliche gleichmütige Miene aufzusetzen und war eben im -Begriff, ein paar Plattheiten zu äußern, wie man sie wohl von -verknöcherten Routiniers zu hören bekommt. Er wollte schon sagen: »Hm, -gewiß, man kann dem Maler ja nicht alles Talent absprechen; Talent hat -er, das ist unleugbar. Man sieht, daß er etwas ausdrücken will. Was aber -die Hauptsache betrifft,« -- und hierauf sollten natürlich einige -lobende Worte folgen, die keinem Künstler gut bekommen wären. Aber er -führte seine Absicht nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen, -statt dessen drangen Tränen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner -Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus dem Saal. - -Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert mitten in -seinem prächtigen Atelier, seine ganze Vergangenheit lebte einen -Augenblick wieder in ihm auf, als wäre die Jugend zu ihm zurückgekehrt, -und als wären die erloschenen Funken seines Talentes in ihm wieder -aufgelodert. Die Binde fiel plötzlich von seinen Augen. Gott! wie hatte -er die besten Jahre seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die -spärliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt hatte, -und die sich vielleicht jetzt groß und herrlich entfaltet und vielleicht -ebenfalls Tränen des Staunens und der Dankbarkeit entlockt hätte, so -plump ersticken können. Wie hatte er sie in sich ertöten, erbarmungslos -vernichten können! Es schien, als wären in diesem Augenblicke plötzlich -alles Streben und alle Leidenschaften in seiner Seele erwacht, alle -Gefühle, die auch sie einmal gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und -trat vor die Leinwand. Ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn; er -verwandelte sich völlig in _einen_ einzigen Wunsch und war ganz von -_einem_ Gedanken beseelt. Er wollte den gefallenen Engel darstellen. -Diese Vorstellung stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein, -aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine Posen, Gruppen -und Ideen hatten etwas Gezwungenes und Wirres. Sein Pinsel und seine -Phantasie wurden zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmächtige -Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich selber auferlegt hatte, zu -zerbrechen, verleitete ihn gleich zu Anfang zu Unrichtigkeiten und -Fehlern. Er hatte die ermüdend lange Stufenleiter der nur allmählich zu -erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze der großen -zukünftigen Wissenschaft übersprungen. Ein heftiger Verdruß bemächtigte -sich seiner, er ließ all' seine letzten Schöpfungen: die seelenlosen -Modebilder, die Porträts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und -Staatsräten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich allein in sein -Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen und versenkte sich ganz in -die Arbeit. Wie ein geduldiger Knabe, wie ein Schüler saß er an seinem -Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwächlich war alles, was sein -Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt strauchelte er über die Unkenntnis -der elementarsten Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte -erkältend auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie als -unüberbrückbares Hindernis entgegen. Der Pinsel wandte sich -unwillkürlich wieder den alten versteinerten Formen zu, die Arme nahmen -ihre gewohnte Haltung an, der Kopf wagte es nicht, sich eine -ungewöhnliche Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des Kleides -hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm durchaus nicht fügen und -sich nicht an die neue Körperstellung anpassen. Und Tschartkow fühlte -es, fühlte es selbst und sah es mit eigenen Augen. - -»Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe ich mich nicht selbst -betrogen?« Mit diesen Worten suchte er seine früheren Werke hervor, die -er einst in so reiner Stimmung, so völlig frei von Habsucht und Geldgier -in seiner ärmlichen Mansarde auf der abgelegenen Wassilij-Insel, fern -von den Menschen geschaffen hatte; damals, als er noch nichts von -Überfluß und all den raffinierten Genüssen der Großstadt wußte. Jetzt -stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete sie aufmerksam, und -sein ganzes früheres Leben voll Not und Entbehrung erstand wieder vor -ihm. »Ja ...« sagte er ganz verzweifelt, »ich _hatte_ Talent! wohin ich -auch blicke, überall entdecke ich deutliche Spuren davon!« - -Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen Leibe. Sein Blick -begegnete einem Augenpaar, das starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes -ungewöhnliche Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft -hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten gestanden, von anderen -Bildern verdeckt, und so war es ihm völlig aus dem Gedächtnis -entschwunden. Jetzt aber, wo alle modernen Porträts und Gemälde, die -sein Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen -mit den früheren Werken seiner Jugend hervor. Als er sich nun an die -sonderbare Geschichte dieses Porträts erinnerte, als er daran dachte, -daß dieses merkwürdige Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung -geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm auf so wunderbare Weise -zuteil geworden, alle die falschen und eitlen Regungen, die sein Talent -zugrunde richten sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele -von einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte Bildnis -sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung wollte ihn trotzdem -nicht verlassen. All seine Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs -Tiefste aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual kennen, -die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in der Natur vorkommt, wenn -ein schwaches Talent sich mehr abzuringen versucht, als es zu leisten -vermag, und doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene Qual, die -zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt, aber den, der schon zu alt -ist, um zu träumen, vergebens und fruchtlos mit einem heißen -Schaffensdurste peinigt -- jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu -grauenhaften Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid -bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn er einem Werke -gegenüberstand, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den -Zähnen und durchbohrte es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In -seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht kein -Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie war er bemüht, sie -zur Ausführung zu bringen. Er fing an, alles Beste anzukaufen, was in -seiner Kunst produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein Bild -erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, stürzte sich mit -der Wut eines Tigers darauf, riß es entzwei, schnitt es in Stücke und -zerstampfte es mit frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das er -angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische Bedürfnis zu -befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten Säcke auf und öffnete -all seine Truhen. Nie hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben, -das so viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser rasende -Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich zeigte, verzweifelte jeder -im voraus daran, sich ein Kunstwerk erwerben zu können, es schien, als -hätte der erzürnte Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die -Welt gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese grauenhafte -Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen Lichte erscheinen. Von -ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. Ein wütender Welt- und Menschenhaß -und eine furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen -wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon zu sein, den uns -Puschkin so wunderbar geschildert hat. Nichts als giftgeschwollene Reden -und heftige Worte des Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer -Harpye, wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle, selbst seine -guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen, wenn sie seiner von -ferne ansichtig wurden, und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden, -ja sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon, um ihnen den -ganzen Tag zu vergiften. - -Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein solch aufgeregtes und -gewalttätiges Leben nicht lange dauern. Die Dimensionen, zu denen seine -Leidenschaft anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß ein -schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. Die Wut- und -Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer häufiger und gingen schließlich -in eine entsetzliche Krankheit über, -- ein furchtbares, von einem -heftigen, schnell um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes -Fieber ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten von -ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale eines unheilbaren -Irrsinns. Er wütete so um sich, daß ihn oft mehrere Menschen nicht -bändigen konnten. Immer wieder tauchten die längst vergessenen -lebendigen Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann verfiel -er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen, die sein Bett umstanden, -schienen ihm diesen grauenhaften Porträts zu gleichen, und diese -Porträts verdoppelten, verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen -Augen; es kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt wären, -die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich auf ihn gerichtet -hielten; schreckliche Porträts blickten von der Decke, vom Boden nach -ihm hin, das Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche, -um immer noch mehr von diesen starren und unbeweglichen Augen fassen zu -können. Der Arzt, der sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der -schon manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte sich -aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung zwischen den -Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, und den realen Vorgängen zu -ermitteln, er hatte jedoch keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und -fühlte nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus und -führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich gab er in einem letzten -stummen Ausbruch des Schmerzes sein Leben auf. Seine Leiche war -schrecklich anzusehen. Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr -zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und Stücke der -großen Kunstwerke fand, deren Wert viele Millionen betrug, da erst -verstand man, welch entsetzlichen Gebrauch er von ihnen gemacht hatte. - - - Zweiter Teil - -Eine Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen stand vor dem Portal -eines Hauses, in dem der Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber -versteigert wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren und Kupidos -versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten, ohne eigenes Zutun sich -den Ruf von Mäzenen erwarben und treuherzig ihre Millionen -verschwendeten, die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar -früher einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche Mäzene -gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes Jahrhundert hat -schon längst die langweilige Physiognomie eines Bankiers angenommen, der -seine Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem Papier -verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte Menge von Besuchern und -Käufern, die von allen Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren, -erfüllte den großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen -Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt in blauen -deutschen Röcken; ihr Aussehen und ihr Gesichtsausdruck war hier -sicherer, freier und fiel nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit -und Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so eigentümlich -ist, wenn er die Kunden in seinem Laden bedient. Hier ließen sie sich -ruhig gehen, trotzdem sich in demselben Saale viele Aristokraten -befanden, vor denen sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und -Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen Staub weggefegt -hätten. Hier benahmen sie sich ganz ungezwungen, betasteten ohne viel -Umstände zu machen, die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren -festzustellen, und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen -Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe. Hier traf man so manchen -Repräsentanten jener Menschenklasse, die man auf allen Auktionen findet, -und die täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl in ein -Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen und -aristokratischen Kunstfreunden, die es für ihre Pflicht hielten, keine -Gelegenheit zu versäumen, bei der sie ihre Sammlungen vergrößern -könnten, und die zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten, -und endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, deren -Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck machen und die hier -täglich ohne jedes eigennützige Ziel erscheinen, einzig und allein zu -dem Zwecke, um zu beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, -- wer mehr, -und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und wem endlich der -Gegenstand zugesprochen werden wird. Viele Bilder standen ganz regellos -durcheinander, dazwischen sah man Möbel und Bücher mit den Initialen des -früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche Bedürfnis -gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab es chinesische Vasen, -marmorne Tischplatten, neue und alte Möbel mit verschnörkelten Linien, -Greifen, Sphinxen und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter _mit_ und -_ohne_ Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und es herrschte hier -nicht einmal so viel Ordnung, wie man sie selbst in einem Kunstladen -vorzufinden pflegt. Das Ganze stellte sozusagen ein großes Chaos von -Kunstwerken dar. Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer -Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet einen an wie ein -Begräbnis. Der Saal, in dem sie stattfindet, ist stets düster, die mit -Möbeln und Bildern verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich -hineindringen, das auf den Gesichtern liegende Schweigen und die -Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer aufschlägt und zu Ehren -der armen, hier auf so sonderbare Weise zusammengeratenen Künste eine -Messe liest: alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das -eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war offenbar im vollen -Gange. Ein großer Haufe anständig gekleideter, dicht zusammenstehender -Menschen ließ deutliche Spuren seines Interesses und seiner Erregung -erkennen. Die Worte »... Rubel! ... Rubel!« die von allen Seiten -ertönten, ließen dem Ausrufer keine Zeit, den immer noch wachsenden -Preis, der bereits das Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu -wiederholen; die herumstehende Menge bemühte sich um ein Porträt, das -jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei verstand, aufs lebhafteste -fesseln mußte. Es trug den sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend -war es schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es stellte die -dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande bekleideten Asiaten dar, -dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich eigenartigen Ausdruck hatte. Was -jedoch die Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war das -intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je länger man sie -betrachtete, um so tiefer schienen sie einem bis ins innerste Innere zu -blicken. Diese Eigentümlichkeit, die auffallende Kunstfertigkeit des -Malers nahmen die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der -Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis ganz enorm in die -Höhe geschraubt wurde. Lediglich zwei als Kunstliebhaber bekannte -Aristokraten waren noch übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf -die Erwerbung des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich und hätten -wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden emporgetrieben, wenn nicht -plötzlich einer der Anwesenden sich mit der folgenden Bemerkung an sie -gewandt hätte: »Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick ruhen -zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf dieses Porträt als jeder -andere!« - -Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf den -Sprecher; es war ein schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit -langen schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine gewisse -freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine Seele erkennen, die -sich von allen aufreibenden Erregungen, die der gesellschaftliche -Verkehr mit sich bringt, fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller -modischen Übertriebenheiten, jeder seiner Züge deutete auf seinen -Künstlerberuf hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens B., den viele -der Anwesenden persönlich kannten. - -»Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen mögen,« fuhr er fort, als -er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, »Sie würden -doch vielleicht selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern, -wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte mit -anzuhören. Alles bestärkt mich in der Überzeugung, daß gerade dies das -Porträt ist, das ich suche.« - -Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen Gesichtern, und -selbst der Ausrufer hielt mit offenem Munde und mit erhobenem Hammer, -neugierig und gespannt in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung -wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem Porträt zu, um sich -nach und nach immer mehr auf den Erzähler zu heften, dessen Bericht -immer interessanter und spannender wurde. - -»Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil bekannt, den man Kolomna -nennt,« begann er. »Hier ist alles anders als in den andern Teilen -Petersburgs. Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch an die -Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel gerät, ist einem fast zumute, -als ob einen nach und nach alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften -verlassen. Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig -und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles, was sich als -Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. Hier schlagen inaktive -Beamte, Witwen und Personen in bescheidenen Verhältnissen ihr -Ruheplätzchen auf, die auf eine Entscheidung des Senats harren und sich -daher selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem -Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete Köchinnen, die -sich den ganzen Tag hindurch auf den Märkten herumtreiben, stundenlang -in dem Kramladen stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag -für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen, und endlich -findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die man am besten mit dem -einen Worte »die Aschgrauen« bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug -und deren Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe haben, -wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die Sonne nicht scheint, -sondern wo weder das eine noch das andre stattfindet: ein grauer Nebel -hüllt alles ein und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen. Zu -ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte und -Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge und dicken aufgedunsenen Lippen -rechnen. Lauter Menschen ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft, -sie gehen stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, die -geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen tagelang, ohne an -etwas zu denken. In ihren Zimmern sieht es öde und leer aus; oft besteht -ihr Mobiliar einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer -Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen, ohne daß sie ihnen -ernstlich zu Kopfe steigt, was einem gewöhnlich nur nach einem kräftigen -Schluck zustößt, wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher -Handwerksbursche -- dieser Student der Meschtschanskistraße[14] und -alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten pflegt, -- -allerdings erst -- wenn Mitternacht vorüber ist. - -In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten zeigt sich ein Wagen, in -dem Schauspieler sitzen, und der dann durch sein donnerndes Gerassel -allein die allgemeine Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so mancher -Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und ohne Fahrgast dahergefahren -oder schleppt etwas Heu für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung -kann man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den Morgenkaffee -miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine Pension beziehen, gehören -hier schon zu den vornehmsten Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen, -die ihre Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über die -teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. Sie haben -gewöhnlich eine junge Tochter, ein wortkarges, mitunter recht niedliches -Geschöpf, dazu ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit einem traurig -tickenden Pendel. Weiter gibt es hier Schauspieler, denen es ihre Gage -nicht gestattet, von Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie -alle Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren Schlafröcken da, -und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus Pappe allerlei Gegenstände, -die man im Hause braucht, spielen mit einem Freunde oder Gast eine -Partie Dame oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei man -jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend etwas anderes tun, -höchstens daß sie zuweilen noch einen Grog zu sich nehmen. Auf diese -Magnaten und Aristokraten von Kolomna folgt schließlich nur noch das -gemeinste und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre ebenso -schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen Insekten, die in altem -Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, die beten, alte Weiber, die -trinken, und solche, die zugleich beten und trinken, ferner solche, die -sich auf völlig unbekannte Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen -ganze Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke nach -dem Trödelmarkte schleppen, um sie dort für fünfzehn Kopeken zu -verkaufen; mit einem Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit, -dessen Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum zu -verbessern vermöchte. - -[Fußnote 14: Kleinbürgerstraße.] - -All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, um Ihnen zu -zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine plötzliche, -vorübergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu -nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die -ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese -kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefühlloser, als die großen, -denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur -Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht -kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten -Equipage vorfahren, -- und daher erstirbt in ihnen schon früh jedes -menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier -darf ich wohl erwähnen, daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen -will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die Regierungszeit der -verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. Sie können sich vorstellen, daß -auch das Äußere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend -verändert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder -Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer -Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites, -asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine -südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehörte, ob -er ein Inder, Grieche oder Perser war, darüber konnte niemand etwas -Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle, -magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und -die großen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen -ließen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen -Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte -keine Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte -in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu -errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmäßige Form, waren -alle verschieden groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen. -Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, daß -er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein -verschwenderischer höherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen -Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante -Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame -hervorlugte. Man erzählte sich, wie das so gewöhnlich geschieht, daß -seine eisernen Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und -verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, daß er aber -trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher Wucherer wäre. Er verlieh -sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare äußerst bequeme -Zahlungstermine für seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch -allerhand eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz maßlosen -Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama über ihn; was aber am -auffälligsten war und auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das -seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen -alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwätz, -nur ein sinnloses, abergläubiges Gerede der Menschen oder ein mit -Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es -doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen -abspielten und die einen tiefen und überwältigenden Eindruck auf die -Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen -aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im -Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein -glühender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Förderer -menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch, -der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So kam es denn, daß er -sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet -wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen -übereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem -er viel für die Wissenschaften und für alles Gute wirken konnte. Der -junge Beamte umgab sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte -allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. Er gab auf -eigene Kosten eine Reihe von nützlichen Werken heraus, verteilte eine -Menge von Aufträgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise -verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich in pekuniäre -Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war, -wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen -aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer. -Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging -eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein -Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden Geister und Talente. An -allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten -und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die -französische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm plötzlich den -Anlaß zu allen möglichen Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall -fing er an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm -eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwöhnisch, daß er -sich schließlich sogar selbst zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer -ganzen Reihe abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her und -machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die Folgen einer solchen -Handlungsweise war natürlich die, daß das Gerücht davon bis an den Thron -gelangte. Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in -hochherziger Weise, die der schönste Schmuck gekrönter Häupter ist, -darüber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr -tiefer Sinn prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es -seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und -vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in einer solchen Staatsform -seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Künste keineswegs -verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre -natürlichen Protektoren, erst unter _ihrem_ hochherzigen Schutze -erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., während andererseits ein -Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhestätte finden -konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern -mächtiger Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse häßlicher -politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, die der Welt bis -jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt hätten. Sie erklärte, man -müsse die Dichter und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn -sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor häßlichen -Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, die Dichter und alle -schaffenden Künstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen: -sie seien der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen Herrschers -kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Während die Kaiserin -diese Worte sprach, war sie unendlich schön und göttlich. Ich erinnere -mich, daß die alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon -sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme für den Fall. -Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt werden, daß sich in dem Herzen -eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der -Bedrückten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte -Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft und seines -Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es für ihn, -daß er eine unverhüllte und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern -seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr -seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter Stolz, betrogener Ehrgeiz, -vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer -drückenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß sein -Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls -vor aller Augen zu. Von den vielen schönen Frauen, an denen unsere -nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders _eine_ allen -anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle -Reize unserer nordischen Schönheit mit denen des Südens; das war ein -kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein -Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen zu haben. -Alle Vorzüge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum, -Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der -interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Fürst R..., -ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet -und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller -Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson. -Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt, -und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien bloß den -Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie -gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade -gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhältnisse war allgemein -bekannt. Plötzlich verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt, -allem Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht aber bald -darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus -entfaltete. Seine glänzenden Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe -bekannt. Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf -findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die überall Aufsehen -erregt. Woher diese Veränderung und der ungeheure Reichtum des -Bräutigams stammte, darüber konnte freilich niemand genauere Auskunft -geben; man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche -Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen und hätte bei ihm -eine größere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit -beschäftigte die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten den Neid -aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und standhaft sie sich geliebt -- -und was für lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; überall -schätzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge. -Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus -die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorständen. -Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem -Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift einer argwöhnischen -Eifersucht und Unduldsamkeit schien plötzlich seinen bis dahin vornehmen -und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen -entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau -beständig quälte, und scheute schließlich -- was niemand voraussehen -konnte -- nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurück: er -peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die -Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst eine so glänzende -Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glühenden -Verehrern angezogen hatte. Endlich ließ sie -- unfähig, ihr schweres Los -noch weiter zu ertragen -- ein Wort über Scheidung fallen, aber der -Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der -ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein, -und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht -überwältigt und festgehalten worden wäre. Ganz außer sich und voller -Verzweiflung zückte er sein Messer gegen sich selbst und beschloß sein -Leben in schrecklichen Qualen. - -Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen der ganzen Welt -abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzählt, die sich unter -den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso -entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer wurden -plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein -Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleißig gedient -hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige. -Natürlich mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr -ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen Bewohnern Kolomnas -eine Art unwillkürlichen Grauens einflößen. Niemand zweifelte mehr -daran, daß dieser Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte sich, -daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge -steigen ließen, und die der unglückliche Schuldner nie einem andern -mitzuteilen wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausübe, -von selbst zu glühen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ..., -mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf. -Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß die ganze -Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner -Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden -Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die -höchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein -Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen, -vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem -Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich von einer -seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus, -drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne -verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon -in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, daß jedermann unwillkürlich -den Eindruck hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu haben. -Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man sie selten bei einem -Menschen antrifft, diese glühende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten -buschigen Augenbrauen, die unerträglich schrecklichen Augen, selbst -seine weite, bauschige asiatische Kleidung -- alles schien darauf -hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die -dieser Körper in sich barg, verbleichen mußten. Jedesmal, wenn mein -Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei -solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: »Ein Teufel! -Ein wahrhaftiger Teufel!« Doch nun muß ich Sie schnell noch mit meinem -Vater bekannt machen, der übrigens der eigentliche Held dieser -Geschichte ist. - -Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger Mensch. Er war ein -seltener Künstler, einer von denen, wie sie nur Rußland aus seinem -jungfräulichen Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen -Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz -aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mächtigen Drange nach -ständiger Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht selbst -unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er -war eines jener ursprünglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht -selten mit dem verletzenden Beiwort »ungebildeter Mensch« bezeichnet und -die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick nicht ernüchtert und -abgekühlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen -schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die -ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem -Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm -die wahre Bedeutung des Wortes »Historische Malerei« auf, er begriff, -warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Porträt von Raffael, Lionardo -da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung -hatten, während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts dennoch nur -ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prätensionen des Malers, damit -ein großes historisches Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene -Neigung als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen des -Christentums, der höchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besaß -weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so -vielen Künstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden. -Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe -grober Mensch, der sich nach außen durch eine harte Rinde gegen die -Umwelt abschloß und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über -seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und -versöhnlich äußerte. »Wozu soll ich mich nach ihnen richten?« pflegte er -gewöhnlich zu sagen; »ich arbeite ja nicht für sie! Ich will meine -Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird -mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann -man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafür -versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu -braucht denn ein großer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch -erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann -ist er erst recht nicht zu ertragen. _Suum cuique!_ Schuster bleib bei -deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen -eingesteht, wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, der -so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine -Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schädigt.« Er -arbeitete schon für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum -Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bot. -Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen -Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen, -frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der -Grund, daß es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen -hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große Talent vergebens -strebt. Endlich glückte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose -Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu -erringen, die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen -hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Aufträge, Wandgemälde -für Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er -gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich -nicht mehr genau an das Sujet und weiß nur noch, daß auf dem Gemälde der -gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte. -Dieses Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn malen? In -der Person dieses Engels mußte der furchtbare Druck und die Pein, die -auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl -oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er dachte sich -unwillkürlich: »Das wäre das rechte Vorbild für meinen Teufel!« Und nun -stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als -eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines Ateliers gepocht -wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß -sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper -überlief. - -»Du bist Maler?« fragte er, ohne viel Umstände zu machen, meinen Vater. - -»Ja, ich bin Maler!« versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun -folgen würde. - -»Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder -habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will -weiterleben. Kannst du mir ein solches Porträt malen, das den vollen -Eindruck des Lebens macht?« - -Mein Vater dachte: »Was kann ich mir Besseres wünschen? Er bietet sich -mir selbst als Modell für den Teufel an!« So willigte er denn ein, sie -einigten sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage erschien -mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern, -die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, die -mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame -Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenüber saß: all das machte einen -eigentümlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten -so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von oben hereindringen -konnte. »Hol's der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!« -sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er -befürchtete, daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden könne. »Was -für eine Kraft in ihm liegt,« wiederholte er leise; »wenn es mir nur zur -Hälfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er -alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir -wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur -im mindesten treu bleibe. Was für auffallende Züge!« wiederholte er -unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst, -wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber -je mehr er sich ihnen näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst -unbegreifliches Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem -aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten -Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem -beschäftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel -Kraft, daß man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf -dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um -jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Töne und Schattierungen aus -ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber kaum hatte -er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch -unbegreiflicher Druck, ein solch eigentümlicher Widerwille seine Seele -erfaßte, daß er für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst -nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er -es nicht länger ertragen; er fühlte, wie sich diese Augen in seine Seele -bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage -wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz ängstlich zumute. Er -warf den Pinsel in die Ecke und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er -könne ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen müssen, welche -Veränderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf -sich plötzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und -flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, daß sein ganzes -Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Porträt abhingen, -schon jetzt habe ja des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der -Leinwand festgehalten -- wenn diese Züge genau im Bilde fixiert würden --- werde sein Leben durch eine übernatürliche Macht im Porträt weiter -fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der -Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie -erschienen ihm so ungewöhnlich und frevelhaft, daß er Pinsel und Palette -wegwarf und jählings aus dem Zimmer stürzte. - -Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die ganze Nacht und den -ganzen Tag hindurch; am andern Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine -Frau, das einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen. Sie -erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr das Bild nicht haben -wolle, nichts dafür bezahlen werde und es ihm daher zurücksende. Am -Abend desselben Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers, -und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche seiner Religion -beigesetzt werden solle. Dies alles erschien ihm höchst unerklärlich und -seltsam, zu alledem aber machten sich von diesem Moment an in seinem -Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt unter einer -merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, deren Ursache er selbst nicht -begreifen konnte, ja er tat bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm -erwartet hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die Arbeiten eines -seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Kennern und -Liebhabern auf sich; mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und -eine tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er plötzlich von -einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen. Die allgemeine Sympathie, die -sich in den Unterhaltungen über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz -unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß, daß sein -Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein Bild für eine erst vor kurzem -vollendete prachtvolle Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine -furchtbare Wut. »Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den Triumph -gönnen!« rief er aus. »Nein, mein Lieber, du hoffst zu früh, die Alten -in den Staub zu ziehen! Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in -mir! Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in den Staub -zieht!« Und der biedere, in seinem Kerne grundehrliche Mann wandte sich -allen möglichen Ränken und Schleichwegen zu, die er bisher stets -verabscheut hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den -Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben -wurde, an dem sich natürlich auch andere Künstler beteiligten durften. -Hierauf schloß er sich in seinem Atelier ein und machte sich eifrig an -die Arbeit. Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine ganze -Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert hätten, und in der Tat -kam so eins seiner besten Werke zustande. Niemand zweifelte daran, daß -ihm die Palme zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht, -aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie die Nacht zum -Tage. Plötzlich jedoch machte einer der anwesenden Kunstrichter -- wenn -ich nicht irre, ein Geistlicher -- eine Bemerkung, die alle überraschte. -»In dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein starkes -Talent,« meinte er, »aber den Gesichtern geht der fromme, heilige -Ausdruck ab. Es liegt vielmehr etwas Dämonisches in diesen Augen, als -hätte eine böse Macht die Hand des Künstlers geführt.« Alle blickten -hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte ließ sich nicht -bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein Bild los, wie um diese -verletzende Bemerkung selbst auf ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber -er gewahrte mit Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des -Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch und vernichtend -an, daß er selbst unwillkürlich schauderte. Das Bild wurde abgelehnt, -und er mußte zu seinem unbeschreiblichen Ärger erfahren, daß die Palme -seinem Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in welcher -Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte. Er hätte beinahe meine -Mutter geschlagen, er warf die Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und -Staffeleien, riß das Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein -Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden, um das Bild -- nachdem -er es in Stücke geschnitten hätte -- zu verbrennen. Aber bei diesem -Vorhaben wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht, der -soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund war gleich ihm ein -Maler, ein lustiger Bursche, der stets mit sich zufrieden war, sich -nicht mit weitliegenden Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter -die Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach deren Beendigung -noch fröhlicher ans Schlemmen und Zechen zu machen. - -»Was hast du da? Was willst du verbrennen?« fragte er ihn, indem er an -das Porträt herantrat. »Aber ich bitte dich, das ist ja eines deiner -besten Werke! Das ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist! -Ja, das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht bloß -vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in die Augen -hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja nicht einmal geblickt, als er -noch am Leben war, wie hier bei dir!« - -»Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem Feuer anblicken werden!« -sagte mein Vater, während er eine Bewegung machte, um das Porträt in den -Kamin zu schleudern. »Halt, um Gottes willen,« fiel der Freund ein und -hielt ihn am Arme fest. »Gib es doch lieber mir, wenn es dir so lästig -ist!« Mein Vater sträubte sich anfangs, gab aber schließlich nach, und -der lustige Kerl schleppte -- höchst erfreut über diese Erwerbung -- das -Porträt mit sich fort. - -Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater mit einem Male -ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung des Porträts eine Last vom -Herzen gefallen. Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid -und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. Er dachte lange über -seine Tat nach, war in tiefster Seele betrübt und sagte mit innerem Gram -zu sich selbst: »Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war -wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es war ja nur zu dem -Zwecke geschaffen, um meinen Genossen zu vernichten. Ein teuflisches -Gefühl des Neides hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein -teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.« Sofort suchte er seinen -ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn stürmisch, bat ihn um Verzeihung und -bemühte sich -- soweit es ihm möglich war -- seine Schuld wieder gut zu -machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei der Arbeit wie ehedem, -aber jetzt konnte man immer ein tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken. -Er betete häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte sich -nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst das herbe Äußere -seines Wesens schien sich verloren zu haben. Bald darauf aber ereignete -sich etwas, was ihn noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund, -der sich das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer Zeit -nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, ihn zu besuchen, da -erschien dieser selbst eines Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem -beide ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund: -»Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das Porträt verbrennen -wolltest! Mag es der Teufel holen; es hat etwas Schreckliches an sich! -Ich glaube an keine Hexerei, aber man mag sagen, was man will! -- ich -glaube, der Böse sitzt darin.« - -»Wieso?« fragte mein Vater. - -»Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es auf mir wie ein -furchtbarer Druck ... als ob ich jemand ermorden wollte. Zeit meines -Lebens wußte ich nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich -nicht nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche Träume ... -d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur Träume sind oder noch -irgend etwas anders: wie wenn mich ein böser Geist erwürgen will ... und -immer spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem Worte, ich -kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. Niemals ist mir so etwas -passiert. Ich bin all diese Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ... -Eine entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf etwas -Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein fröhliches und -aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien es mir, als würde ich -beobachtet und bespitzelt. Erst nachdem ich das Porträt meinem Neffen -geschenkt habe, der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir's, als -wenn mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem Schlage wurde mir -wieder froh zumute, so wie du mich hier vor dir siehst! Wahrhaftig, -Freund, da hast du aber einen schönen Teufel geschaffen!« - -Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf diese Erzählung -und fragte schließlich: »Und jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?« - -»Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es ja auch nicht aus!« -versetzte der Spaßvogel. »Des Wucherers eigene Seele scheint in dieses -Porträt hinübergewandert zu sein. Er springt aus dem Rahmen, spaziert in -dem Zimmer herum -- und was mein Neffe sonst noch darüber erzählt, geht -über jede Beschreibung. Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten, -hätte ich nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt an -irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser konnte es nicht -aushalten und hat es seinerseits wieder einem andern aufgehalst.« - -Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen Vater. Er versank -in tiefes Grübeln, wurde melancholisch und gelangte endlich zur -Überzeugung, daß sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß -das Leben des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt -übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen beunruhige, ihnen -dämonische Empfindungen einflöße, Künstler vom rechten Wege abbringe, -häßliche Anwandlungen von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die sich -unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod seiner Frau, seiner -Tochter und seines kleinen Sohnes, erschütterten ihn aufs tiefste, er -hielt sie für eine Strafe des Himmels und entschloß sich, aus dem -weltlichen Leben zu scheiden. - -Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ er mich in die -Kunstschule eintreten und zog sich selbst nach Erledigung seiner -geschäftlichen Angelegenheiten in ein einsames Kloster zurück, wo er -bald die Mönchskutte anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine -asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung aller -Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren hatte, daß er ein -Maler sei, trug er ihm auf, für die Klosterkirche das Bild ihres -Heiligen zu malen. Aber der fromme und demütige Bruder erklärte -entschieden, daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen, weil er ihn -entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst durch harte Arbeit und -schwere Opfer reinigen müsse, um wieder würdig zu sein, eine solche -Arbeit zu übernehmen. Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte es für -seine Person -- soweit dies möglich war -- die strengen Satzungen des -Klosterlebens noch zu verschärfen; schließlich genügte ihm jedoch auch -dieses nicht mehr, es erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den -Segen des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine völlige -Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen eine Hütte, nährte sich -nur von rohen Wurzeln, trug Steine von einer Stelle zur andern, stand -von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel erhobenen Armen da, -murmelte beständig Gebete -- mit einem Worte, er erlegte sich alle nur -möglichen Geduldsproben und Prüfungen auf, für die man nur in den -Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. So peinigte er -einige Jahre hindurch seinen Körper und stärkte ihn gleichzeitig mit -Hilfe der belebenden Kraft des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages -wieder in dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: »Jetzt bin ich -bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine Arbeit vollenden.« - -Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die Geburt Jesu. Ein -ganzes Jahr verbrachte er bei seiner Arbeit, ohne seine Zelle zu -verlassen, wobei er sich nur notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben -erhielt und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war, war das -Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der Malerei geworden. Hier muß ich -bemerken, daß weder die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei -verstanden, aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit und -Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut. Eine göttliche Demut und -Milde in den Zügen der heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind -beugt, ein tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das schon -etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein feierliches Schweigen der -von dem göttlichen Wunder überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien, -und endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über dem -ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer so harmonischen Kraft -und Macht der Schönheit, daß der Eindruck ein geradezu zauberischer, -magischer war. Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie, -und der gerührte Prior sprach: »Wahrlich! Es ist nicht möglich, daß ein -Mensch nur mit Hilfe menschlicher Kunst ein solches Bild zu schaffen -vermochte; eine höhere, heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des -Himmels Segen ruhte auf deinem Werke!« - -Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der Akademie ab, ich erhielt -die goldene Medaille und mit ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht -auf eine Kunstreise nach Italien, den schönsten Traum eines -zwanzigjährigen Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich von -meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt lebte, zu -verabschieden. Ich muß gestehen, daß sein Bild längst aus meiner -Erinnerung geschwunden war. Ich hatte einiges über die Strenge und -Heiligkeit seines Lebens gehört und bereitete mich schon im voraus -darauf vor, das herbe Äußere eines durch das ewige Fasten und Wachen -abgemagerten und vertrockneten Anachoreten zu erblicken, für den nichts -auf der Welt existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war -ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen Greise -gegenüber befand! In seinem Gesichte spiegelte sich auch nicht die -geringste Ermattung oder Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der -Klarheit und Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer Bart -und ganz dünne, fast ätherische Haare von der gleichen silbrigen Farbe -bedeckten malerisch seine Brust und die Falten seiner schwarzen Kutte, -und reichten bis zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand -umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber, aus seinem Munde -Gedanken und Worte über die Kunst zu vernehmen, die ich sicherlich noch -lange in meiner Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig, daß -ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue. - -»Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,« sagte er, während er mich -segnete; »dir steht ein Weg bevor, den du von nun an dein ganzes Leben -hindurch beschreiten wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du -hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. Richte es also -nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles was du siehst! Mache alles -deinem Pinsel dienstbar! Doch strebe stets danach, in jedem Ding die -innere Idee zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der -Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte, der es enthüllt hat. -Für ihn gibt's in der Natur kein gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen -bleibt der wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im Großen. -Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich, weil es von der -herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet wird und einen hohen -Ausdruck erhält, indem es durch das reinigende Feuer seines Geistes -hindurchgeht. Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige himmlische -Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde steht sie höher als alles -andere. Und wie die feierliche Ruhe jede weltliche Erregung, wie das -Schaffen die Zerstörung, wie der Engel -- bloß durch die reine Unschuld -seiner lichten Seele -- all die unzählbaren Kräfte und stolzen -Leidenschaften des Satans übertrifft, so steht erhaben über allem, was -es auf der Welt gibt, das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum -Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen Feuer deiner Seele, -nicht mit der Inbrunst, die die irdische Wollust entfacht, sondern mit -einer stillen himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht -imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe wunderbare Harmonie -zu erzeugen, die den Frieden in unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt -zu dieser Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein edles -Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher erregt es nie Unfrieden und -Empörung in der Seele, sondern strebt ewig, gleich einem wundersam -klingenden Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, finstere -Augenblicke ...« Er hielt inne und ich sah, wie sich plötzlich sein -klares Antlitz verdüsterte, als hätte eine Wolke es beschattet. »Ich -hatte ein Erlebnis ...« fuhr er fort, »bis auf den heutigen Tag ist mir -nicht klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt ich -damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische Erscheinung. Ich weiß, -die Welt leugnet die Existenz des Teufels, und daher will auch ich nicht -über ihn sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur mit einem -heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich arbeitete ohne jede Freude und -Liebe an meinem Werk. Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich -suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur treu zu bleiben. -Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, und daher sind auch die -Empfindungen, die sich beim Anblick dieses Bildes aller Menschen -bemächtigen, wild und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es -erzeugt, und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der Künstler auch in -der Wiedergabe der Leidenschaft die edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört, -daß dieses Porträt von Hand zu Hand geht und überall quälende, -peinigende Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides, des -dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen Trieb zur Verfolgung -und Unterdrückung entfache. Möge der Allerhöchste dich vor solchen -Leidenschaften bewahren! Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist -besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf sich zu nehmen, -als einem andern auch nur das geringste Unrecht zuzufügen. Rette die -Reinheit deiner Seele! Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß -reiner und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles verziehen -werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus in einem festlichen Gewande -verläßt, braucht nur ein vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu -bespritzen, und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen mit den -Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit, während ein -anderer von unten bis oben beschmutzt sein kann, ohne daß es die Menge -bemerkt; er trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es eben -nicht weiter auf.« - -Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. Niemals in meinem -Leben fühlte ich mich so erhoben wie an diesem Tage. Mit tiefer -Ehrfurcht und einem Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als -einfache Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen und küßte seine -herabhängenden, silberweißen Haare. - -Eine Träne glänzte in seinen Augen. »Erfülle mir noch eine Bitte, lieber -Sohn,« sagte er beim Abschied zu mir. »Vielleicht gelingt es dir einmal, -das Porträt zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst es -sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem unnatürlichen Ausdruck -erkennen. Solltest du es finden, so gelobe mir, es zu vernichten.« - -Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch möglich war, -ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. Ich schwur ihm hoch und -heilig, seine Bitte zu erfüllen. Fünfzehn Jahre lang vermochte ich -nicht, irgend etwas zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters -auch nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser Auktion -....« - -Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete sein Auge auf die -Wand, um das Porträt noch einmal zu prüfen, und alle, die ihm mit -Spannung zugehört hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen -suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen Erstaunen war -es plötzlich von der Wand verschwunden. Ein leises Gemurmel und -Geflüster durchlief die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer -das Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand gelungen, -während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler lauschten, das Bild zu -entwenden, und noch lange nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie -diese merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es nur ein -Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von der Betrachtung der alten -Gemälde ermüdeten Augen getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu -verschwinden. - - - - - Anhang zum zweiten Teil - - - Varianten zum zweiten Teil der »Toten Seelen«. - -Der zweite Band der »Toten Seelen« wurde im Jahre 1840 begonnen, allein -das Werk blieb Fragment. Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten -Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines -Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten -Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist -jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser -Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842 -beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten -und entwirft in diesen Heften: »ein Chaos, aus dem der Kosmos der >Toten -Seelen< hervorgehen soll«. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe -des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser -Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom -Autor verbrannt. Wir führen in diesem Anhang die wichtigsten Varianten -der ursprünglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung zum -vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick -in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzüglich aber des -unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln. - - _Der Herausgeber._ - - * * * * * - -1. Wir haben unserem Text auch die _letzten_ Verbesserungen und -Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil über den Zeilen, zum Teil auf -dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stück ist -mehrfach verändert und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte -nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten: - -Ob solche Charaktere _geboren_ werden -- oder ob sie allmählich dazu -werden, was sie sind -- diese Frage läßt sich nicht beantworten. Wir -wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner -Erziehung erzählen -- und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor -der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz -außerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen -eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind, -das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um -ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn -verließ, dann ließ er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging -erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, wieder gut -zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwürfen, die Alexander -Petrowitsch seinen Schülern machte, lag etwas Ermutigendes und -Kräftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die -die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und -daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken. -Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen -pflegte er zu sagen: »Ich verlange Verstand und nichts anderes von -meinen Schülern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der -denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.« -Man warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube -ihnen, sich über die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu -kränken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: »Was soll ich machen? Ich habe -nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich will, daß alle es sehen -sollen.« Er hielt es auch für notwendig, vor allem .... - -2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion -von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden -Wortlaut: »Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den -Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erfülltes Herz -pochte noch lange bei dem Gedanken, daß er zu den Auserwählten gehören -werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit -sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit überholt, daß -er als einer der Tüchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er -selbst wollte kaum an dies große Glück glauben.« - - - 3. Variante der andern Fassung. - -Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald -lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein -glücklicher oder unglücklicher Zufall -- genug er kam in eine Schule, -deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner -Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das -Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und -zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß. -Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im -Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte -es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt, -seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der -Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig, -sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten -können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht _eines_ Menschen -hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang, -der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche -und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm -bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht -ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl -wecken -- er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen -vorwärtstreibt --, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich, -einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche -ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu -unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den -Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen, -um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger -Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag, -der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht, -sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu -erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht. - -Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern -unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne -Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen -Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu -machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in -wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es -sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete, -das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens; -wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst -begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen -müsse. - -Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches -erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die -Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf -sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht, -daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug, -wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen -gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich -ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre -bewegen könnten. »Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel -Mühe geben,« pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses -Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er -erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen -Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde -er von ihnen einen höheren Verstand verlangen -- nicht jene Art von -Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich -zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche -Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu -beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre -schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von -Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und -Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -- die das dauernde Besitztum -jedes Menschen sein sollte -- das war es, was er Verstand nannte. Aber -Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die -Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte -er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen -Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand -darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen -Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater -Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle -Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, -alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen -nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen. -Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen -gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern -ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz -in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen -Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein -beständiges »Vorwärts« zuzurufen schien -- dieses herrliche Wort, -welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, -- genug, die jungen -Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse -aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu -zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut -und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und -Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte -allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß -ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden -schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch -vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die -wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren -abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden -hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu -halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange -aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst -quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und -Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander -Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch, -gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen -Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben. - -4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der »Toten Seelen« findet -sich folgende Variante dieser Stelle: - -»An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor -Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz -andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der -Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und -Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere -Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute -während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als -paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz -zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des -schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren -Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die -fettesten Bissen erhielten und -- die Klugen sich mit den Knochen -begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut, -als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger -erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der -Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen -sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes -Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber -gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht -erreichen.« - - - 5. Variante der andern Fassung. - -Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. Das ganze Gut -hatte von der Ankunft erfahren und sich vor der Freitreppe des -herrschaftlichen Hauses versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur -möglichen Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige, rote, -blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die Bauern schrieen aus -voller Kehle: »Bist du endlich da Väterchen? Wir haben so lange auf dich -gewartet!« Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei, -weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen wollte. Ein altes, -welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete Birne aussah, wand sich -zwischen den Beinen der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände -zusammen und quiekte: »Du mein liebes Rotznäschen! Nein, wie mager du -bist. Die verfluchten Deutschen haben dich, scheint's, halbtot gequält!« --- »Fort mit dir, Alte!« riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und -Spitzbärtigen zu: »drängt sich da vor, das krumme Gestell!« Einer von -ihnen ließ hier noch ein Wörtchen folgen, bei dem nur ein russischer -Bauer sich das Lachen verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus -und lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die tiefste Seele. -»So viel Liebe! Und wofür nur?« dachte er. »Dafür, daß ich sie nie -gesehen, mich nie um sie gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch -das Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu teilen! Ich will -all meine Kräfte anspannen und euch helfen, das zu werden, was ihr sein -solltet, wozu euch eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat, --- eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, ich will euer -wahrhafter Vater werden!« - -Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung und -Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, daß sein Verwalter wirklich -ein altes Weib und ein Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines -Verwalters; d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über Hühner und -Eier, über Hanf und Leinwand, welche von den Bauernfrauen geliefert -wurden, aber er hatte keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat, -und zu alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor jedem -Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem Leben. Tentennikow jagte -den dummen Verwalter davon und nahm sich einen andern, einen -energischen, forschen Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge -hinweg und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er setzte den -Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ den Bauern mehr Zeit, -für sich selbst zu arbeiten, und glaubte, nun würde alles ganz -vortrefflich weitergehen. Er interessierte sich für alles, erschien -selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den Mühlen, -am Landungsplatz und war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken -und Kähne zugegen. - -»Ja, ja, der ist schnellfüßig!« sagten die Bauern und kratzten sich -hinter den Ohren, denn sie waren bei dem langen Weiberregiment des -früheren Verwalters allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber -das dauerte nicht lange. - - - 6. Variante der andern Fassung. - -Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches im Traume und dann -träumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm -für alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war -Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Sie war von einer -englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand. -Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit, -sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen -Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte. -Es ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas -Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als -schön und gütig als klug; sie war schlanker und ätherischer als ein -klassisches Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, welches -Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn man hätte nicht so leicht -ein ähnliches Profil und ähnliche Gesichtszüge finden können, es sei -denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war -alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn jemand gesehen hätte, wie -ein plötzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und -wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben -können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde -nur dann zornig, wenn sie davon hörte, daß ein anderer ungerecht oder -grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn -verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück -gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne -darüber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr -Kleid in Stücke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen -wäre. - - - 7. Variante der andern Fassung. - -»O nein, Exzellenz,« fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an -Ulinka wandte. »Als Christen müssen wir gerade solche Menschen lieben.« -Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General -gewendet fort: »Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb' -uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns -jeder lieb haben.« - -»Nein, ich kenne sie nicht.« - -»Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,« sprach Tschitschikow noch -immer verschmitzt lächelnd. »Auf dem Gute des Fürsten Guksowski, den -Eure Exzellenz sicherlich kennen ...« - -»Nein, ich habe nicht das Vergnügen.« - -»Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines -Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren. -Natürlich mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens -gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf. -Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn -unter anderem: >Nun, meine Herren? Wollen Sie _mir_ nicht auch einmal -die Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?< >Gern<, -sagen sie. >Wir kommen<. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem -der Güter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure -Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?« - -»Nein, ich habe nicht die Ehre.« - -»Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafür aber -kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten gräflichen Ökonomen ein, -und da wurden dann drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten -gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich überhaupt -nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie -los zu werden, sagte er zu ihnen: >Warum sucht ihr denn nicht diesen -Deutschen, den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit -von hier.< -- >Ei, das ist eine Idee,< schreien sie, setzen sich -halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und -fort geht es zu dem Deutschen. -- Dieser aber hatte sich gerade -verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem -Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch auszudrücken). -Sie saßen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes -- da -öffnet sich plötzlich die Tür -- und die ganze Gesellschaft stürmt -herein.« - -»Ich kann mir die Situation denken -- die sind mir aber auch gut!« -bemerkte der General. - -»Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: >Was wünschen Sie?< - ->He!< rufen sie. >Bist du so einer?< Und bei diesen Worten veränderten -sich plötzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. >Wir kommen in einer -offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute! -Her mit den Kassenbüchern!< Der versucht Einwände zu machen. >Hollah. Wo -sind die Zeugen!< Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die -Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr in der -Untersuchungshaft schmachten.« - -»Schöne Geschichte!« sagte der General. - -Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen. - -»Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,« fuhr -Tschitschikow fort. »Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau -ausrichten? Noch gut, daß sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den -Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu -schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend Rubeln und einem -Mittagessen davon. Während dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein -wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm: ->Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns -durchaus geschniegelt und gebügelt, rasiert und im Frack vor dir sehen: -Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und -sauber sind, wird uns jeder lieb haben.<« - -Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich. - -»Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!« sagte sie schnell, -und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... »So eine gemeine -Handlung, für die man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...« - -»Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,« sagte der General, »aber -was soll ich machen, wenn ich es so lächerlich finde. Wie sagten Sie -gleich: Liebe uns so weiß wie ...« - -»So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow. - -»Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß sind, wird uns jeder -lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...« Und der ganze Körper des Generals -schüttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals -Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit -Achselklappen geschmückt wären. - -Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelächter jedoch -aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: »he, he, he, he.« -Und sein Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, nur -seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken -Achselklappen. - -»Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen haben!« rief der -General aus und fuhr fort zu lachen. - -»Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf -- -- das ist so -gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!« -sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen. - - - 8. Variante der andern Fassung. - -»Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich -besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich -verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem -aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der -Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer -Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte -Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine -ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst -einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich -jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder -noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar -wegwirft und sagt: »Fort damit! Ich brauche dich nicht!« - -»Das ist wirklich erstaunlich!« sagte Tschitschikow ganz ergriffen. »Im -höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher -Plunder noch Gewinn bringen kann!« - -»Hm! Das ist es nicht allein!« Skudronshoglo schloß seine Rede nicht: -die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an -seinen Gutsnachbarn auslassen. »Da ist noch so ein gescheiter Kopf! -- -Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für -Arme; einen steinernen Palast -- auf dem Lande! Ein christliches Werk! -Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen -will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und -ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen. -Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß -er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder -und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel -dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm -zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen. -Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! _Zweihundert Rubel_ jährlich -kommt _ein_ Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich -auf meinem Gute ganze _zehn_ Menschen ernähren!« Skudronshoglo war sehr -zornig und spie vor Wut aus. - -Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte -durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann. -Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm, -und seine Rede strömte unaufhaltsam fort. - -»Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote -der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas -Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift? -Was aber macht _er_? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen -mir: >Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz -aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen, -wollen alle Schreiber werden -- man braucht aber doch gar nicht so viele -Schreiber -- einer ist schon genug!< So weit ist es also schon -gekommen!« - -Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch -Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: »Dabei kann man aber doch -nicht stehen bleiben, daß wir _jetzt_ keine Schreiber brauchen. Wir -müssen auch an unsere Nachkommen denken.« - -»Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren -Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der -Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt -nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern -wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu -lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in -der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: >Du mußt in die Schule -gehen, ob du willst oder nicht!< Weiß der Teufel, womit die Leute -heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf, -selbst zu urteilen.« Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow -heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in -die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines -Frackes: »Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da, -damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin -aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch -wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür, -daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da -finden sich gescheite Köpfe, die erklären: >Aus diesem Zustande muß er -herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll -auch etwas von dem Luxus kosten.< Daß ihr selbst infolge dieses Luxus -lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an -was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen -achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem -gekostet hat -- der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem -Kopfe hat, -- daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute -anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand -besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir -Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als -einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!« - -»Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu -werden?« fragte Tschitschikow. - -»Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter. -Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben -- das ward -uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange -Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und -veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens -bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und -keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen -gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln! -Ich sage zum Bauern: >Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für -mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du -arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein -Vieh, nun wohl -- da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, -dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der -Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und -Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, -damit du arbeitest.< Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch -Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch -lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden -Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese -dummen Erfindungen.« ... - - - 9. Variante der andern Fassung. - -»So ein Esel!« dachte Tschitschikow. »Solch eine Tante würde ich hegen -und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.« - -»Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!« sagte -Chlobujew. »He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.« - -»Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,« fiel hier Platonow ein. - -»Ich auch nicht,« sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich -kategorisch, weiter zu trinken. - -»Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie mich in der Stadt -besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner für die -Honoratioren der Stadt.« - -»Wie!« rief Platonow aus. »Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben -Sie Diners?« - -»Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine -Pflicht,« versetzte Chlobujew. »Sie haben mich doch auch eingeladen.« - -10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten -herausgeschnitten. Wir führen hier die entsprechende Stelle aus der -andern Fassung an: - -»Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat nicht genug Land, -und da hat er sich eben ein fremdes Stück Brachland angeeignet, d. h. er -rechnete darauf, daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht -drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen -Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu -feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar -besseres Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir -heilig.« - -»Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes Stück Land abgeben?« - -»Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wäre, aber ich glaube, er -will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den -Prozeß gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar, -aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind, -und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehört hat.« - -»Hm!« dachte Tschitschikow. »Wie ich sehe, seid ihr alle beide -raffinierte Kerls.« Und er fügte laut hinzu: »Mir scheint, diese Sache -läßt sich friedlich beilegen. Alles hängt davon ab, ob sich jemand -findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....« - -Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten -sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der -»Toten Seelen« hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle -gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in der wahrscheinlich erzählt -wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her. - -»... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft wäre z. B. alle toten -Seelen auf meinen Namen zu übertragen, d. h. ich meine alle die toten -Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann -könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. Um aber kein Ärgernis zu -geben, könnten wir _pro forma_ einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so, -als ob sie noch am Leben wären.« - -»Da haben wir's!« dachte Lenitzyn: »das ist aber eine höchst merkwürdige -Geschichte.« Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er -befand sich in der höchsten Verlegenheit. - -»Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir -einverstanden sein werden,« fuhr Tschitschikow fort, »denn das ist eine -ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie -bleibt natürlich ganz unter uns -- wir sind doch gesetzte und -vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.« - -Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen -Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm -noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat -umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet. -Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus -entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre, -ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die -lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen; -der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in _einer_ Hand -vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen -befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein -Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im -guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine -schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er -wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen -sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes -Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn -gewandt, dann hätte er sagen können: »Ach Unsinn, das sind Torheiten! -Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!« -Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele -Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte -der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas -abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage. - -In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins -Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie -war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso -geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die -ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe. -Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie -aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit -der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte, -genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf -das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann, -sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar -freundliche Worte sagte, ihm A--u, A--u zurief, mit den Fingern -schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte. -Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig -auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann -sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute. - -Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder -etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. -Frau Lenitzyn schrie laut auf: »Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch -den ganzen Frack verderben!« - -Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und -war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: »Wenn dich doch -der Teufel holte, verdammter Schelm!« murmelte er ärgerlich vor sich in. - -Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um -kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn -zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern. - -»Das macht nichts, das macht wirklich nichts,« sagte Tschitschikow: »Was -kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?« Zugleich aber dachte er -sich: »Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein -goldenes Alter!« bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein -freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge. - -»Tatsächlich,« versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem -freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, »was gibt es Schöneres als -das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft -...« - -»Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,« entgegnete -Tschitschikow. - -»Sofort!« sagte Lenitzyn. - -Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen -solchen Tausch angeboten hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es -ist doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme auf dem Arme zu -sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren. - -Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch -der Kleine bedurfte einer gründlichen Reinigung: er hatte nicht nur -Tschitschikow beglückt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen. - -Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn -noch mehr für Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so -angenehmen und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so -freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Güte noch dazu so -großmütig mit seinem Frack bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich: -»Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er es doch -so sehr wünscht ...« - - - 11. Variante der andern Fassung. - -Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold -bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem -vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit -einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste -holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue -Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von -allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während -seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die -tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit -und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick -all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen -Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines -heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf -betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer. - -»Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und -wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?« -Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen -verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand -und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben -hätte. - -Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur: - -»Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.« Man sah es ihm -an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen -Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein. - -»Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch -ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren -gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster -und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.« - -Tschitschikow war ganz erschrocken. - -»Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es -hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!« - -»Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste -dadurch annulliert wird.« - -»Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden -um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich -kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es -aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?« - -»Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten -die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.« - -»Das ist schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow. »Dieser Chawanow -soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der -liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. -- Ach was, Unsinn, -Unsinn,« fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und -entschlossen. »Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb. -Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die -Sache zu beschwören.« - -Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig. - -Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am -Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich -nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie -sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines -Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein -offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel -Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen, -jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten. - -Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem -Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter -und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im -Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen, -daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte, -daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die -Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge -verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn -aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen -Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn -unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte. - -Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock -in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen -Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr, -dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der -ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer -weltmännischen europäischen Bildung. - -Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des -Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn -über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf -seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und -Beistand vor ihm erstehen. - -Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller -irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in -zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein -Sperling in der Hand ihm lieber sei. - -Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand -drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und -es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein -äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die -Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte, -wenig nachgab. - -»Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände -- Sie haben sich wohl -das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend -eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für -einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit -sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum -angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.« - -»Ich verstehe,« dachte Tschitschikow und versetzte: »In der Tat, ich -kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz -enthielt -- es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst -aufgesetzt hätte.« - -»Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig -sein,« fuhr er gutmütig fort. »Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen, -selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt -keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie -doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen -mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.« Und in der Tat, -das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung -erkennen, so daß Tschitschikow lange ... - -»Natürlich ist das das wichtigste,« versetzte er. »Aber Sie werden mir -doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und -Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man -darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.« - -»Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,« entgegnete der Philosoph sehr -ruhig und freundlich. »Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf -dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen -Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum -Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, -- dann dürfen Sie -sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen -einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.« - -»Man muß also ...« - -»Die Sache möglichst verwickeln -- das ist alles,« versetzte der -Philosoph, »sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details -komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man -muß die Fäden durcheinander wirren -- das ist das ganze Geheimnis. Mögen -doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!« -wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein -Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel -aus der russischen Grammatik erklärt. - -»Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen -anderer Leute umnebeln kann!« sagte Tschitschikow, indem er den -Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der -die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt, -schon begriffen hat. - -»Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden -werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der -Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man -Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann -finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte, -und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man -muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts, -wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich -rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt's -eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich -kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre -recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, -daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil -ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle -miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den -Polizeimeister, den Kassierer -- ich lasse keinen frei ausgehen. Ich -kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt, -ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen -sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere -Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen -gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer -Wirrwarr entsteht.« Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow -wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch -weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt. - -»Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,« dachte Tschitschikow und -verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom -Rechtsanwalt. - -Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer -nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl -Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster -zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in -eigener Person. Als er _zum_ Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck -schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt, -jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen -Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das -Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan -erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die -einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und -grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß -nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er -schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie -ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen -Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen -alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe; -war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für -die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die -Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten -nach Hause zurückzukehren. - -»Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,« rief ihm ein Kaufmann von -der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau -verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit. -Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut, -während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei -suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck -zu geben. - -Tschitschikow trat in den Laden: »Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe -haben, Verehrtester.« - -Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische -verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand -sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem -Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten -Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann -setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den -Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: »Was für Stoffe wünschen -Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen -Produkte vor?« - -»Ich wünsche einen russischen Stoff,« versetzte Tschitschikow, »aber von -der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.« - -»Und welche Farben finden Ihren Beifall?« fragte der Kaufmann, der sich -noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen -balancierte. - -»Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen -Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?« - -»Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte -erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten -nicht finden,« versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu -holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten -auf und hielt den Stoff ans Licht. »Ein wunderbares Farbenspiel! Das -Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!« Und in der Tat, -der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte -erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er -erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen. - -»Hm, nicht übel,« bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig -gemustert hatte. »Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir -lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie -keinen mit einem Stich ins Rote?« - -»Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu -werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich -mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt: -dafür ist es auch die allerbeste Sorte.« - -Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer -Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war -es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß -dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen, -sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu: -»Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.« - - - 12. Variante der andern Fassung. - -Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes Metermaß maß Tschitschikow -gleich einem Zauberstabe in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und -Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen Einschnitt mit der -Schere, riß das Tuch mit beiden Händen der ganzen Breite nach -auseinander und verbeugte sich, nachdem diese Operation vollendet war, -in außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor Tschitschikow. -Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt und geschickt in Papier -gewickelt. Hierauf wurde eine dünne Schnur herumgeschlungen und das -Paket war fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, aber -da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm umschlang, und -seine Ohren vernahmen die Worte: »Was kaufen Sie hier ein, -Verehrtester.« - -»Ah, welch glückliches Zusammentreffen!« rief Tschitschikow aus. - -»Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,« hörte -er die Stimme desselben Mannes sagen, der seine Taille umschlungen -hatte. Es war Wyschnepokromow. »Ich wollte schon achtlos an dem Laden -vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht -- einem -solchen Vergnügen kann man sich doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies -Jahr sind die Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher -konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges bekommen. Ich hätte -gern vierzig Rubel bezahlt ... meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur -etwas Gutes bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder das -Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht wahr?« - -»Sehr richtig!« versetzte Tschitschikow. »Wozu quält man sich so, wenn -man nicht auch was Gutes haben soll?« - - - 13. Variante der andern Fassung. - -Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und wandte sich direkt an -Chlobujew: »Entschuldigen Sie, aber ich sah von weitem, wie Sie in den -Laden traten, und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre Zeit -ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie nachher frei sind und an -meinem Hause vorüberkommen, dann seien Sie doch so freundlich, einen -Augenblick bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.« - -Chlobujew versetzte: »Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.« - -Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. »Mir wirbelt's -förmlich im Kopfe,« sagte Tschitschikow »wenn ich daran denke, daß -dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!« - -»Ja, das gehört sich in der Tat nicht,« bemerkte Wyschnepokromow; »die -Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist -ein Gegenstand, über den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du -Geld hast, mußt du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib -Bälle, entwickele einen wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und -Handwerker etwas verdienen.« - -»Das kann ich gar nicht verstehen!« wiederholte Tschitschikow. »Zehn -Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol's der -Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann -man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und Generäle sollten bei mir -verkehren!« - -»Jawohl,« bemerkte der Kaufmann, »das ist in der Tat keine gebildete -Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger ist, dann ist er eben nicht mehr -Kaufmann sondern gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich mir auch -eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem -einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann müßte schon mindestens -ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir -ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei -einer gewöhnlichen Köchin ...« - -»Da ist doch jedes Wort überflüssig!« sagte Wyschnepokromow. »Mit zehn -Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn -Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!« - -»Nein,« dachte Tschitschikow: »bei _dir_ wären die zehn Millionen -schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Sümmchen hätte, ich -wüßte sie in der Tat gut anzulegen.« - -»Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,« dachte Chlobujew, »dann wäre ich -nicht so töricht wie früher, ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden. -Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert -jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es ganz anders anfangen ...« Aber -gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage -vor: »Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?« dann -machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte hinzu: »Kein Gedanke! Ich -glaube, ich würde es ebenso ausgeben wie früher.« Damit verließ er den -Laden und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, was dieser ihm -mitzuteilen habe. - -»Ich erwartete Sie!« sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. -»Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer.« Und er führte Chlobujew in das -Stübchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein -Beamter, der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte in keinem -schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen. - -»Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch gebessert? Ich -glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?« - -»Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß nicht, ob -sich meine Verhältnisse wirklich gebessert haben. Ich habe bloß fünfzig -Bauern und dreißigtausend Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner -Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts übrig. Was -aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht -ganz sauber. Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, Afanassij -Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, Sie werden sich wundern, -was für Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...« - -»Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow -reden, möchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte, -wieviel Geld hätten Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse -hineinzukommen? Was denken Sie wohl?« - -»Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben -beginnen zu können -- dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, -wenn nicht noch mehr.« - -»Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden Sie dann wohl -anfangen?« - -»Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner -Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten. -Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.« - -»Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?« - -»Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht -wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, daß ich Familie -habe. Ich bin schon über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin -träge und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht -erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich muß Ihnen übrigens -gestehen, ich würde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen -gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber -Geldgeschenke würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit -diesem Krasnonossow und Samosistow würde ich mich nicht vertragen.« - -»Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben -kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann -doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen hat; man -kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben -eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von -denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind -tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege -abgekommen, wie das uns sündigen Menschen wohl passieren kann; aber wir -wollen hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur -vorwärts marschiert, -- _muß_ schließlich das Ziel erreichen, man -braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß er wieder auf den rechten Weg -hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt. -Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.« - -»Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fühle, wie recht Sie -haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit -erstorben. Ich sehe nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen -sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer Holzklotz. -Früher, als ich noch jünger war, da schien es mir, daß alles vom Gelde -abhänge, daß, wenn ich bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte, -ich alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme Künstler -unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand nützliche Institutionen -gründen und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß, -daß ich das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten reichen -Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch, -daß auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij -Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das können Sie -mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fähig.« - -14. Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. Die neuere Fassung -dieser Stelle hängt in der Handschrift nicht mit der ursprünglichen -zusammen. Daher mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle -reproduziert werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen wurde. - - - Variante der andern Fassung. - -»Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu -beten; ich weiß es, Sie versäumen keine Früh- noch Abendmesse. Sie -stehen nicht gern früh auf, und doch tuen Sie es und gehen -- schon um 4 -Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.« - -»Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um -meines Seelenheiles willen, denn ich bin überzeugt, daß ich damit mein -müßiges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So -widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein -mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet und eine gewisse -Selbstüberwindung Gott wohlgefällig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich -bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen -Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch das Pferd und das -Vieh seinen Herrn, der über sie gebietet.« - -»Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein wollen, weil Sie um -das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und -veranlaßt Sie so früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit -derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu -dem Sie beten, Sie würden bald eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in -der Welt könnte Ihre Begeisterung dämpfen.« - -»Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, das ist was ganz andres. -Im ersten Falle sehe ich doch, daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin -bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen, -die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, denn dort werde -ich wissen, für wen ich mich mühe. Da brauche ich nicht nachzudenken und -zu grübeln. Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft -ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich -zu unterwerfen, und ich weiß, daß ich mich Gott unterwerfe.« - -»Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir -sollen doch auch in der Welt _Gott_ dienen und keinem andern. Und wenn -wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir -überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne das könnten wir -niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fähigkeiten, die -bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres -Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können doch nicht ins Kloster -gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt und haben Familie!« - -Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort. - -»Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage -stellen und von nun ab vernünftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie -zweihunderttausend Rubel hätten?« - -»Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit haben, der ich gewachsen -bin -- ich würde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte -die Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.« - -»Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden -Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.« - -Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: »Aber nach -den Erfahrungen, die ich ....« - -»Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!« fiel Murasow ein. »Sie haben -ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld -bitten -- Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie -einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen -kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder -menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber -werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch -in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande, -Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen, -der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein -gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen -zu können. Ich frage mich sogar -- Sie entschuldigen mich doch, Peter -Petrowitsch -- ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets -mit Ihnen zusammen zu sein!« - -Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach -allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht -ganz unrecht hatte. - -»Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und -die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre -Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch -gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe -am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan -Potapytsch?« - -»Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe -herumläuft.« - -»Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte, -und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott -- und da blieb ihm -eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es -wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen, -_ihm_, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht -recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt -könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun -will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber -er sagt: >Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir -selber, sondern _Gott_. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst -willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht -den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns -spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür -verantwortlich, sondern Sie.< -- Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch, -und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.« - -»Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit -anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie -wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last -auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage -Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.« - -»Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch -nun einmal Gott dienen wollen -- da haben Sie ein Gott wohlgefälliges -Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch -freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es -an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden. -Ziehen Sie einen einfachen Pelz an -- Sie sind doch jetzt ein schlichter -Mensch -- ein verarmter Edelmann -- und so gut wie ein Bettler, was -brauchen Sie sich zu schämen? -- nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, -besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte -und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben -und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit -Gott!« - -[Fußnote 15: Erzpriester.] - -Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die -ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem -Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und -mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu -sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache -nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk! - -»Sie überlegen noch?« fragte Murasow, »Sie werden damit einen doppelten -Dienst leisten: Gott und mir.« - -»Ihnen?« - -»Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich -noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie -die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie -überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die -Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern -abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge -unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie -zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch -Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere -Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer -bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und -Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein -Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes -entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind -ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung -bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und -wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie -wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen -auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen -mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut -sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es -sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, -wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns -nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie -ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, -ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden, -da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.« - -»Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist -ein heiliges Amt,« sagte Chlobujew. »Dies ist ein heiliges Werk! -Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen -übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt, -der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.« - -»Ich sage ja auch nicht, das Sie dies _alles_ ausführen sollen, tuen -Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie -werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen -Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der -betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie -persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig -gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die -Kirche zu sammeln, -- Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die -Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden -Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen -das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt -besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den -bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen -stiften werden.« - -»Gut denn! Ich will's versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und -mir die größte Mühe geben,« sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme -an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das -Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. »Ich sehe, daß -Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge -weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.« - -»Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow, -und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?« sagte Murasow. - -»Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge -erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij -Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat -sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen -Gutes.« - -»Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?« - -»Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt: -Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode -der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man -verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben -hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat -Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht -schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde -haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten -Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja -Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine -widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.« - -»Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die Sache wird sicherlich -nicht ganz sauber sein. Ich muß gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch -Tschitschikow mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,« sagte -Murasow. - -»Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern, -daß es noch einen rechtmäßigen Erben gibt ...« - -»Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,« -dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. -- -»Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl -überlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn eben erfüllen --- das ist das Ganze.« Und er fing schon an, an seine Reise zu denken, -während Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: »Ein höchst -rätselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit -dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete! -...« - - * * * * * - -Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen -verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen -Planes. Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig. -In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren größeren -Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow -mehrere Kapitel der _neuen_ Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei -diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehörten -folgendermaßen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe): - -»Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten -Teils) ein wenig anders; es war überhaupt weit sorgfältiger -durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß -mit dem Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein -zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird. -Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka -noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle einer -Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit -unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute -Betrischtschews wohnte. Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein -farbloses, ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase und -sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang -schweigen und ließ nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick beständig -nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich -erinnere: Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß bestimmt, -daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß »Eskadron« nannten. Er -schwieg auch fortwährend, mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach -mit dem General spielen. Während des Diners passierte nichts -Außerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit -Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. Ulinka war -nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich bloß, wenn die Rede auf -Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach -mit dem Spanier und wiederholte andauernd, während er eine Figur -vorschob: »Lieb uns so weiß wie«, worauf Tschitschikow ihn beständig -verbesserte: »So schwarz, Exzellenz.« »Ja, ja,« sagte der General, »lieb -uns so schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott selbst lieb -haben.« Nach fünf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing -wieder an: »Lieb uns so weiß wie«. -- Tschitschikow verbesserte ihn aufs -neue, und der General wiederholte noch einmal: »Lieb uns so schwarz wie -wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde uns auch der Herrgott -lieb haben.« Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier -gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm -zu spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst geschickt aus -der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrängte und setzte den -General mit seinen Zügen in Verlegenheit, verlor aber schließlich doch -die Partie: der General war sehr zufrieden, daß er einen so starken -Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb. -Beim Abschied bat er ihn, sobald als möglich wiederzukehren, und auch -Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam, -erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es -bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei sich sähe, wie der General sein -Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch -abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Mißverständnis -aus der Welt zu schaffen. Das war natürlich alles erfunden. Aber -Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich -selbstverständlich, einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn die Sache -sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen -zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen. -Tschitschikow billigt diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am -folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben -Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß er den General -angeschwindelt und ihm erzählt habe, daß Tentennikow eine Geschichte der -Generäle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas -gesagt habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der General auf -diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklärt ihm, -er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlüpft sei, -aber es sei nun einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn er -durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu schweigen und die -Sache nicht geradezu abzuleugnen, um _ihn_ -- Tschitschikow nicht vor -dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des -Generals. Tentennikow begrüßt den General und Ulinka, und man setzt sich -zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach -die schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in der Mitte, -rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow -Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und -Ulinka -- die Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er sich -wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit einem Menschen plaudern -konnte, der eine Geschichte der vaterländischen Generäle schrieb. -Tentennikow war glücklich, weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von -Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glücklich, -weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt war, und der Vater die -alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch -Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser -reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ ihre Augen frei nach -allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob -seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er -suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht aus den Augen, -während die Schüssel längs der Tafel die Runde machte, oder bis sich -jemand des guten Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange -brachte der General das Gespräch auf Tentennikows Werk und erwähnte das -Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die -Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte, -es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen -Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine -Rolle gespielt hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner -bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die -diese Epoche behandelt hätten, aber man müsse diese Zeit von einer -andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, daß das -ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu -verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und -Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle Stände hätten -sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wäre bereit -gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache -aufzuopfern. Das sei das Große an diesem Kriege, und das wäre es, was er -wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten möchte: all diese vielen -unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und großen Opfer eines -Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem -Augenblick völlig durchdrungen von glühender Liebe zu seinem russischen -Vaterlande. Betrischtschew hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal -hörte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm wie ein -reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der -General sehr schön. Und Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an -Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; wie -eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war -stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer -als früher und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem dummen und -verständnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles -eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschüttert ... -Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das -Schweigen. »Ja,« bemerkte er, »1812 herrschte eine furchtbare Kälte!« -- -»Es handelt sich hier gar nicht um die Kälte,« sagte der General und sah -ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte -Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz -selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die -Geschichte der Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und -angenehm für alle Beteiligten. -- An die nun folgende Anordnung der -Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich weiß nur noch, daß -Ulinka sich nach diesem Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich -über Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser -entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um -Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer -ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu -ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch -schließlich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und -erfuhr, daß der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage -nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte, -ließ er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz außer sich vor -Glück in den Garten. Er mußte mit sich allein sein. Das Glück -überwältigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische -Seiten. -- Ein heißer Sommertag -- um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt -in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht -eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert; -jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze in der Luft, -die Grillen im Grase, die vielen schwärmenden Insekten, und endlich -Tentennikows Gefühle, des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! -- -Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so wundersam, so -voller Kraft, Farbe und Poesie war, daß mir das Herz vor Erregung stille -stand. Gogol las vorzüglich! -- Im Übermaß seines Gefühls weinte -Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes -Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am -Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: »Sie sind mein -Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann ich Ihnen nur -danken. Mein Leben wäre zu wenig für solch einen Dienst.« Sofort kommt -Tschitschikow eine Idee: »Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein -bloßer Zufall,« antwortet er, »ich bin sehr erfreut, aber Sie können -sich sehr leicht dankbar erweisen.« »Wodurch, wodurch?« ruft -Tentennikow, »sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen.« Hier -erzählt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300 -Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. »Aber warum müssen sie -denn unbedingt tot sein?« fragt Tentennikow, der nicht recht versteht, -was Tschitschikow eigentlich will. »Ich werde Ihnen _pro forma_ all -meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren Vertrag Ihrem -Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, können wir ja -den Kontrakt wieder vernichten.« Tschitschikow ist ganz sprachlos vor -Erstaunen. »Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch einem Schritt ... -Sie fürchten sich gar nicht, daß ich Sie betrügen und Ihr Vertrauen -mißbrauchen könnte?« Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. »Was?« -ruft er aus, »ich sollte _Ihnen_ mißtrauen, dem ich mehr verdanke als -mein Leben.« Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht. -Tschitschikow schlief an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im -Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man den Verwandten die -Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen ließe, oder -ob jemand die Nachricht persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war -offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin Sjusjukina -und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen würden, -Tschitschikow wußte sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er -machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen -Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und -Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder -das Geschäft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank -angenommen. »Ich kann mir nichts Besseres wünschen,« dachte der General, -»er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen, -den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, daß alle -zufrieden sein werden.« Der General bot Tschitschikow seinen -zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte -ihm noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow sollte sich -schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im -Hause des Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund des -Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt war, ließ er sofort -Seliphan und Petruschka rufen und erklärte ihnen, sie sollten sich zur -Abreise rüsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul -geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben -ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwährend den -Bauernmädchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des -Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun auf dem breiten -Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all -seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit großer -Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des -Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie sie überhaupt -nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergnügen an seine Reise -und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern -ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell -wie der Wind dahintragen werde.« - -Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat -Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: »Dies ist alles, was -Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner -Schwester hat er, wie ich glaube, _neun_ Kapitel vorgelesen« [Rußkij -Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die -Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der -Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren »eigentlich nur -zwei bis drei Kapitel« vollständig fertig. - -Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die -beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der »Toten Seelen« vor. Alles, -was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852 -niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode -verbrannt. - - - Anhang zu den Novellen - -_Der Mantel._ Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der -erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für -die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese -Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist. - - * * * * * - -_Die Nase._ Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten -Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt -war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den -Puschkinschen »Sowremennik« (»Der Zeitgenosse«) umgearbeitet, wo sie im -dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte -1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts -vor der Drucklegung im »Zeitgenossen« umgearbeitet werden: - -»Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter -Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und -Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden -Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er -an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach -besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe. -Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann, -zu beten. Er suchte »die Nase«, suchte sie in allen Winkeln und sah den -Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr -Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem -Ausdruck tiefster Andacht. »Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm -bloß nähern?« dachte Kowalew. »Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr, -und noch dazu Staatsrat.« Er stellte sich neben ihn und hustete ein -paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und -beugte sich immerfort tief bis zur Erde. »Geehrter Herr!« sagte Kowalew, -indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: »Geehrter Herr!« »Was ist -Ihnen gefällig?« entgegnete jener, indem er sich umdrehte. -- »Ich finde -es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr -Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche. -Sie müssen selbst zugeben, daß ...« - -»Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich -deutlicher.« »Wie soll ich es ihm nur klar machen?« dachte Kowalew, -faßte jedoch wieder Mut und begann: »Ich will natürlich ... Übrigens bin -ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner -Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der -Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... _Die_ -braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen -Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird -... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.« -- Hierbei zuckte der Major mit -den Achseln. »Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des -Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst -einsehen ...« »Ich verstehe kein Wort,« versetzte die Nase, »bitte -drücken Sie sich etwas deutlicher aus.« - -»Mein Herr,« sagte Kowalew ernst und würdig. »Ich weiß nicht, wie ich -Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl _sehr_ klar ... -oder Sie wollen bloß nicht ... _Sie sind doch meine Nase_, meine -_eigene_ Nase!« Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn. - -»Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig -selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren -Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, -dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der -wissenschaftlichen Branche tätig bin.« Kowalew befand sich in der -größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. »Was soll ich machen?« -dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das -angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche -Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige -Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde -begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das -sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem -Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter -beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem -ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen -und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe, -ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner -Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine -Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer -Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen -durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf -Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm -unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete. -Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden -Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht -anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten -seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage -bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und -ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts _andres_ als seine _eigene_ -Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich -schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend -jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war -wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur -so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die -Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...« - -Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der -ursprünglichen Fassung: »Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit -vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu -zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten -hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber, -Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem -einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher -von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig -gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen -stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes -Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte, -aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch -schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu -verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden -Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London -eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte -indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen -Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut -einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels -bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in -Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei -die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde -zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute -aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und -dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen -Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu -verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein -Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft -aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen, -er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja -auch seine Nase Gott weiß wo.« -- - -Das von den Worten »Gleich, gleich« bis zum Schluß des zweiten Kapitels -reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit -einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle -folgendermaßen: - -»Gleich, gleich! -- Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel -sechzig Kopeken!« sagte der grauhaarige Herr, während er den alten -Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. »Und was -wünschen Sie?« fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte. - -»Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,« sagte Kowalew: »es ist -eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert -- ich kann der Sache -noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung -einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht, -eine ausreichende Belohnung erhalten soll.« - -»Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?« - -»Kowalew, -- Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen übrigens bloß zu -schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...« - -»Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? Ist er einer Ihrer -Leibeigenen?« - -»O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre noch keine so große -Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.« - -»Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um -eine große Summe bestohlen?« - -»Eine _Nase_ ... das heißt, Sie verstehen mich falsch. Meine -- meine -eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich -einen Scherz mit mir erlaubt. -- Und nun fährt diese Nase als Herr -verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum Narren ... Ich möchte -Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrücken zu lassen, daß -jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persönlich vorführen möge --- diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich muß -husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort -heraus.« - -Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest -zusammengekniffenen Lippen schließen konnte. - -»Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,« sagte er -schließlich nach längerem Stillschweigen. - -»Wie? Warum nicht?« - -»So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da könnte jeder -kommen und anzeigen, daß ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerückt -seien ... Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte -verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.« - -»Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!« - -»Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man -sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen -können. Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl -gern einen Scherz.« - -»Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lüge -nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?« - -»Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz bemühen,« fuhr der -Beamte fort, indem er eine Prise nahm. »Übrigens, wenn es Ihnen nicht zu -viel Umstände macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,« -fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu. - -Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg. - -»In der Tat, das ist sehr merkwürdig,« sagte der Beamte, »das sieht -genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Fläche ist ja -geradezu unglaublich glatt und eben.« - -»Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort -einrücken.« - -»Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das wäre ja eine -Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß Ihnen ein großer Vorteil -daraus erwachsen würde. Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache -bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller -mit, einem Mann, der eine gewandte Feder führt, der könnte den Fall als -ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der »Biene -des Nordens« veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum -Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den -Wissenschaften beschäftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder -überhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.« - -Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Er -warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den -Vergnügungsanzeiger; schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären, -als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine Hand griff -mechanisch nach der Tasche -- sie suchte nach einem blauen Schein, denn -nach Kowalews Ansicht mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers -mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie -ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf -und begab sich von einem unerträglichen Schmerz gequält zum -Polizeikommissar, der ein großer Freund von Süßigkeiten war; sein ganzer -Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit Zuckerhüten vollgestellt, die ihm -die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten. -Die Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel -aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung hingen schon friedlich in -der Ecke; sein dreijähriges Söhnchen machte sich bereits mit dem -mächtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff, -sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genüssen des -Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich -bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen -Gähnen verzog und sagte: »So, nun leg' ich mich auf zwei Stunden hin; -ich werde ein feines Schläfchen tun.« Daher kann man sich vorstellen, -wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich weiß -nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch -mitgebracht hätte, viel freundlicher empfangen worden wäre. -Der Kommissar war ein großer Freund der Künste und aller -Manufakturgegenstände überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe -nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: »Sie braucht nur wenig -Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen -läßt, geht sie nicht entzwei.« - -Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl und trocken. Er -erklärte, daß die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment für -amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der -Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, (woraus -deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem -anständigen Menschen könne es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen -werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal -ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand -unanständigen Lokalen herumtreiben. - -Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man muß nämlich -wissen, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles -verzeihen, was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die seiner -amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war der Ansicht, daß man auch in -den Theaterstücken wohl eine Bemerkung über die höheren Offiziere -durchlassen könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die -_Stabs_offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn -derartig aus der Fassung, daß er empört den Kopf schüttelte, die Hände -weit ausstreckte und würdevoll ausrief: »Ich muß gestehen, daß ich auf -solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe ...« Und damit -ging er hinaus. - -Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurück; nach all -diesen seelischen Erschütterungen wußte er kaum noch, ob er auf seinen -Füßen stehe oder nicht. Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach, -nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: »Mein -Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß ein solches Unglück verdient? Hätte -ich noch eine Hand oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren -abhanden gekommen -- es wäre noch immer leichter zu ertragen, aber ein -Mensch ohne Nase -- das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster -hinauswerfen möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder wäre ich -selbst schuld daran -- aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Weiß -Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich bloß, und -ich habe dies alles nur geträumt.« -- Und der Kollegien-Assessor kniff -sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz beinahe laut -aufgeschrieen hätte. »Nein, hol's der Teufel, ich schlafe nicht!« Er -stand ganz leise auf, näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die -Augen erst ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: »Wer weiß, -vielleicht hatte er doch noch eine Nase!« aber er sprang sogleich wieder -vom Spiegel zurück und murmelte: »Weiß der Teufel! Die reinste -Karikatur!« - -Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich und völlig -unwahrscheinlich; man hätte ihn wirklich für einen Traum halten müssen, -wenn er nicht tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge -von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. Der Major -überlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein möchte; und kam -schließlich zum Resultat, daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin -eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück treffe. -Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre Tochter heiraten solle, und -er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich -einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch -die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben -würde, da trat er den Rückzug an und sagte, er sei noch zu jung und -müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig -Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rächen -wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, und ein paar alte -Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst -mit dabei geholfen. - -Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, hörte er plötzlich im -Vorzimmer eine fremde Stimme: »Wohnt hier der Kollegienassessor -Kowalew?« - -»Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause!« sagte er, -indem er vom Stuhl aufsprang und die Türe öffnete. Es war der -Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann -von sehr würdigem Äußeren. - -»Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.« - -»In der Tat!« - -»Sie ist soeben angehalten worden.« - -»Was sagen Sie« rief der Major hocherfreut aus. »Auf welche Weise ist -das geschehen?« - -»Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer -Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen -eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Paß war schon längst -ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das -Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen Herrn gehalten -habe, aber ich hatte zum Glück meine Brille mitgenommen; so setzte ich -sie denn auf und erkannte sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin -nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich -weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter -meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.« - -Kowalew war außer sich vor Freude: »Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort -hin!« - -»Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, ich habe sie -deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, daß der Hauptschuldige -an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße -ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon -lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor -drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen. -Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.« Mit diesen Worten steckte der -Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die -in ein Stück Papier eingewickelt war. - -»Ja, das ist sie!« rief Kowalew ganz selig aus. »Das ist sie wirklich. -Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?« - -»Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider unmöglich. Ich bin -sehr beschäftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine -Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im -Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste berechtigt zu den -schönsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche, -mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.« - -Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und -drückte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen -Kratzfuß und ging zur Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte -Kowalew seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen Bauern, der mit -seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine kräftige Mahnung in -Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder -zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... »Gott sei -Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber -auch wieder ansetzen.« Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren -alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, daß -die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. »Nun sitz doch fest, du -Rindvieh!« sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer -wieder auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des Majors -verzerrte sich krampfhaft. »Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?« -sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatsächlich auf den Tisch. -»Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja -ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar -nicht wieder ansetzen kann.« - -Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen Ereignis -in der ganzen Residenz verbreitet, und natürlich, wie das zu geschehen -pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit -standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge: -erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das -ganze Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden -Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns Gedächtnis, und es war -daher kein Wunder, daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase -des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich um drei Uhr auf -dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strömte dort -jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken all -jener eleganten Müßigänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die -es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu -bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten -zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr -ungehalten über diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern -erklärte ganz empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten -Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte entstehen könnten; -ja er wunderte sich, daß die _Regierung_ diesen Vorgängen nicht mehr -Beachtung schenkte. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener -Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in -alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten -der Ehegatten. - -Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerüchten Kunde -bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verließ -fast niemals sein Zimmer. -- Er befahl, niemand vorzulassen, ließ sich -nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste -Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston, -mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im -Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr einer Leiche als einem -lebendigen Menschen glich ... - -Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des -Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so außer sich vor Freude, daß -er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich -überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im bloßen Hemde durch -das Zimmer zu hüpfen begann. Er führte sogar einen ganzen Tanz auf, der -eine Art Mischung aus einer Française und einer polnischen Mazurka -darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tür steckte, um -zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: »Mach, daß du -hinaus kommst! Worüber wunderst du dich?« Nach einer Minute aber warf er -sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: »He, -Iwan!« -- »Was wünschen der gnädige Herr?« -- »Hat nicht ein Mädel -- so -ein hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?« -- »Nein, -gnädiger Herr!« -- »Hm,« sagte der Major Kowalew und blickte lächelnd in -den Spiegel.« - -Gogol hat »Die Nase« _noch einmal_ für die _erste_ Gesamtausgabe seiner -Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern _Schluß_ gegeben. Im -Sowremennik (»Zeitgenossen«) von Puschkin lautet dieser Schluß -folgendermaßen: - -»Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. Plötzlich befand -sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im -Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fünften oder -sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens erwachte, nahm er den -Spiegel zur Hand und bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich -gehörte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst erstaunt -ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und befühlte die Nase mehrmals -mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase -sei. Aber da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders als -seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im -Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Française und einem -russischen Trepak darstellte. -- Dann ließ er sich anziehen, wusch sich -und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit mit einer -Bürste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider bürsten -konnte. -- Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor -auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und -fröhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im -Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies -jedoch geschah -- das hätte freilich niemand sagen können, denn er besaß -gar keinen Orden. - -Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie absolut nicht -verstehen. Und was soll das alles? Was hat es für einen Zweck? Ich bin -überzeugt, daß weit mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist. -Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine Nase ganz allein -in einer Uniform in der Stadt herumfährt -- und noch dazu als ein Mann -von dem hohen Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew wirklich -nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung nach einer Nase suchen -darf? Ich meine das nicht in dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure -Sache ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht zu den -geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist unschicklich, das ist ganz -ungehörig und geht nun einmal nicht. Eine Absurdität und weiter nichts! --- Und dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er so plötzlich -auftauchen und dann wieder verschwinden, ohne daß man weiß, warum und zu -welchem Zweck. -- Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie -ich selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt nicht, wie -ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann! Wozu soll das führen? -Welchen Zweck kann das haben? Was beweist diese Erzählung? Nein -- ich -verstehe es nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. -- Freilich ... -die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann passieren doch -in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche Dinge: wie aber -verhält es sich mit diesem Fall? -- Warum mußte die _Nase_ von Kowalew -... und warum mußte Kowalew _selbst_ ...? Nein, ich verstehe es nicht, -ich verstehe es durchaus nicht. Die Sache erscheint mir so unerklärlich, -daß ich ... Nein, das läßt sich einfach nicht verstehen!« - - -_Das Porträt._ Der erste Entwurf dieser Novelle erschien in Gogols -»Arabesken«, 1841 wurde sie in Rom umgearbeitet. Die neue Fassung ist -frühestens im März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal -durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses Jahres Pletnew -eingesandt, der sie im »Sowremennik« (Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3 -abdruckte. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. 1851 -nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner »Werke« noch einige -unbedeutende stilistische Veränderungen vor. - - * * * * * - - - Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Verweise auf Varianten im Text des zweiten Teils der Toten Seelen -(im Anhang) sind mit Nummern in runden Klammern gekennzeichnet. - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. - -Zwei offensichtliche Übertragungsfehler wurden ebenfalls unverändert -belassen. Auf Seite 71 sagt der General zu Tschitschikow: »Dir die -toten Seelen abzukaufen?« Im Original heißt es hingegen richtig: »zu -überlassen«, da ja der General der Besitzer der Bauern ist. Auf Seite -171 hat Chlobujew nicht »fünfzigtausend Bauern«, sondern wie im Original -»fünfzig Bauern« geerbt. - -Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des -russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 25]: - ... Ohren Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ... - ... Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ... - - [S. 28]: - ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerkksamkeit ... - ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerksamkeit ... - - [S. 28]: - ... auffangen, wenn sie sich allenthaben im Himmel und ... - ... auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und ... - - [S. 46]: - ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesen und jenem verwandt ... - ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ... - - [S. 49]: - ... und die Lage der Ställe außerordenlich bequem. ... - ... und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. ... - - [S. 60]: - ... ergreifen wollten, vertbeugte sich mit bewundernswürdiger ... - ... ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger ... - - [S. 70]: - ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche. ... - ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? ... - - [S. 70]: - ... Ist er noch gut auf den Beinen!« ... - ... Ist er noch gut auf den Beinen?« ... - - [S. 79]: - ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters!« ... - ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters?« ... - - [S. 79]: - ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken?« sagte Petuch. ... - ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch. ... - - [S. 80]: - ... Alexyascha. ... - ... Alexascha. ... - - [S. 82]: - ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bischen ärgern ... - ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern ... - - [S. 89]: - ... weitere lößten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ... - ... weitere lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ... - - [S. 89]: - ... zu jagen, saßen Nikoloscha und Alexascha stumm da und ... - ... zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und ... - - [S. 92]: - ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Brantweinpächter ... - ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Branntweinpächter ... - - [S. 92]: - ... meiner Schwester und von meinen Schwager verabschieden.« ... - ... meiner Schwester und von meinem Schwager verabschieden.« ... - - [S. 92]: - ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünft im Werte ... - ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünfte im Werte ... - - [S. 96]: - ... konnte Tchitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ... - ... konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ... - - [S. 97]: - ... in einem Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus - zugeschritten. ... - ... in einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus - zugeschritten. ... - - [S. 99]: - ... »Ich habe dir's schon gesagt, Ich lasse nicht mit mir ... - ... »Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir ... - - [S. 100]: - ... kannte auch keine andere Sprache außer der russichen. ... - ... kannte auch keine andere Sprache außer der russischen. ... - - [S. 103]: - ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihm gekostet ... - ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet ... - - [S. 103]: - ... Tschitschikow sah ihn aufmerksam ins Gesicht, hörte ... - ... Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ... - - [S. 107]: - ... steht zu ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ... - ... steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ... - - [S. 111]: - ... daß man sich von den französischer Invasion und dem ... - ... daß man sich von der französischen Invasion und dem ... - - [S. 124]: - ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschischitkow ... - ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow ... - - [S. 134]: - ... »Und was wollen Sie dann anfangen!« ... - ... »Und was wollen Sie dann anfangen?« ... - - [S. 140]: - ... die einem Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ... - ... die einen Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ... - - [S. 142]: - ... und töchrichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ... - ... und törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ... - - [S. 153]: - ... Name war Wassillij. ... - ... Name war Wassilij. ... - - [S. 162]: - ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karnealsiegel, ... - ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, ... - - [S. 162]: - ... »Das dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!« ... - ... »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!« ... - - [S. 163]: - ... für ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ... - ... für Ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ... - - [S. 171]: - ... Betrügereien vorgekommen, Alfanassij Wassiljewitsch! ... - ... Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! ... - - [S. 179]: - ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, das die Sache ... - ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache ... - - [S. 206]: - ... zu nehmen.« ... - ... zu nehmen?« ... - - [S. 217]: - ... »Es versteht sich von selbst, deß der Hauptschuldige ... - ... »Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige ... - - [S. 218]: - ... gehabt hätten, dann durften sie sich nicht durch den Stolz - und ... - ... gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz - und ... - - [S. 218]: - ... und ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ... - ... und Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ... - - [S. 227]: - ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legten den Finger ... - ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legte den Finger ... - - [S. 237]: - ... Petrowitsch war ein Individium, das schielte, pockennarbig ... - ... Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig ... - - [S. 256]: - ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirlich so ... - ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirklich so ... - - [S. 279]: - ... sein imponierendes Äußere warf: »Welch ein Charakter!« ... - ... sein imponierendes Äußeres warf: »Welch ein Charakter!« ... - - [S. 290]: - ... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringles Dunkel ... - ... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel ... - - [S. 291]: - ... ebene und glatte Fäche! Voller Schrecken ließ Kowalew ... - ... ebene und glatte Fläche! Voller Schrecken ließ Kowalew ... - - [S. 298]: - ... Weise und einen Teil der Wange bemerkte, die in ... - ... Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in ... - - [S. 307]: - ... Der Major lies sich, wie man sieht, sogar zu einer ... - ... Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer ... - - [S. 315]: - ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu überbedenken, ... - ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, ... - - [S. 323]: - ... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichs bekannt. ... - ... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt. ... - - [S. 327]: - ... Und der Mojor Kowalew zeigte sich, als ob nichts ... - ... Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts ... - - [S. 335]: - ... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste sein Laden. ... - ... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. ... - - [S. 343]: - ... für das vollkommenste und vollendeste Kunstwerk ... - ... für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk ... - - [S. 344]: - ... mit jenen hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ... - ... mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ... - - [S. 344]: - ... Messer bewaffnet, einen Menschen nahn, in der Erwartung, ... - ... Messer bewaffnet, einem Menschen nahn, in der Erwartung, ... - - [S. 347]: - ... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihn ... - ... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm ... - - [S. 348]: - ... Die Brust war wie eigeschnürt, wie wenn sie den letzten ... - ... Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie den letzten ... - - [S. 364]: - ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl!« ... - ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl?« ... - - [S. 385]: - ... stimmte am besten mit seinen Seelenzustand überein, ... - ... stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein, ... - - [S. 399]: - ... eigentümliche arithmetrische Operationen zu ganz ... - ... eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz ... - - [S. 403]: - ... Vater gestand, niemals in seinen Leben etwas Ähnliches ... - ... Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches ... - - [S. 438]: - ... »So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihm Tschitschikow. ... - ... »So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow. ... - - [S. 458]: - ... hineinzukommen. Was denken Sie wohl?« ... - ... hineinzukommen? Was denken Sie wohl?« ... - - [S. 475]: - ... umgearbeitet worden: ... - ... umgearbeitet werden: ... - - [S. 476]: - ... versetzte die Nase, »bitten drücken Sie sich etwas deutlicher ... - ... versetzte die Nase, »bitte drücken Sie sich etwas deutlicher ... - - [S. 480]: - ... seinen fest zusammengekniffen Lippen schließen konnte. ... - ... seinen fest zusammengekniffenen Lippen schließen konnte. ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen -II / Novellen, by Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE *** - -***** This file should be named 54263-8.txt or 54263-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/2/6/54263/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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