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-The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II /
-Novellen, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen
- Die Toten Seelen II / Der Mantel / Die Nase / Das Porträt
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Editor: Otto Buek
-
-Translator: Otto Buek
- Mario Spiro
- S. Bugow
-
-Release Date: March 1, 2017 [EBook #54263]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Tote Seelen, II
- Novellen
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Sämmtliche Werke
- In 8 Bänden
-
-
- Herausgegeben
- von
- Otto Buek
-
-
- Band 2
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1909
-
- E. R. W.
-
-
- Nikolaus Gogol
-
-
-
-
- Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen
-
-
- Übertragen
- von
- Otto Buek
-
-
- Band 2
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1909
-
- E. R. W.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil Seite 1
- Novellen:
- Der Mantel » 223
- Die Nase » 283
- Das Porträt » 329
-
-
-
-
- Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
- oder
- Die Toten Seelen.
- Zweiter Teil
-
-
- Erstes Kapitel.
-
-Warum bloß wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die
-beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens öffentlich zur Schau
-stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten
-Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? -- Was ist zu
-machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er
-selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, daß er eben
-nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und
-Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus
-der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes
-ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis
-hineingeraten und wieder auf ein ödes trauriges Nest gestoßen. Und noch
-dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis!
-
-Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Türmen und Bastionen,
-zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine
-ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich
-über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald
-als senkrecht abstürzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen,
-bald wieder in Form von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das
-zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von weitem wie zartes
-Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt
-seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen
-hohen Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei
-Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, floß
-zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlängelte sich in leuchtenden
-Serpentinen, verschwand plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im
-strahlenden Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder Erlen und
-tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, überall
-begleitet von Brücken, Windmühlen und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung
-nachzueilen schienen.
-
-An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem
-Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. Durch künstliche Anpflanzung
-hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation
-aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbäume und
-Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte
-Ebereschen kletterten überall, _hier_ einträchtig und sich gegenseitig
-im Wachstum unterstützend, _dort_ sich hemmend und eng zusammengedrängt,
-den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grünen
-Wipfeln die roten Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste der
-dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste Stockwerk des
-Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster
--- und hoch über dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume
-streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten Türme in die
-Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Türme waren mit
-goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmückt, die mit ebensolchen Ketten
-von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man aus der
-Ferne den Eindruck hatte, als glühte und flimmerte die Luft von
-glänzendem gemünztem Golde, das frei im blauen Äther schwebte, ohne an
-etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, Dächern und
-Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse
-wieder, wo die hohen mißgestalteten Weidenstämme, die teils vereinzelt
-am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen
-Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Blätter
-in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden
-Bildes versunken schienen.
-
-Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der Blick aus der Höhe
-ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel
-schöner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem
-Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und
-Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: »Gott wie geräumig und frei ist
-es hier!« Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus:
-Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen übersät waren,
-erhoben sich dunkle Wälder wie eine Reihe grün schimmernder Zonen;
-hinter den Wäldern leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich
-verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, die bläulich
-schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite
-Nebelfläche; dahinter lagen wieder Sanddünen, welche zwar nicht mehr so
-hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und
-leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines
-Bergrückens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter
-beständig in blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie
-beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben
-sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des
-Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch kein menschliches
-Auge erkennen konnte -- nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und
-wieder aufblitzte wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies ein
-großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine
-tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr
-dringenden Lied der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den
-reinen Äther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem
-Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und
-wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte,
-brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: »Gott, wie
-geräumig und frei es hier ist.«
-
-Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich
-einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht
-einmal ein Fahrweg hinführte. Man mußte schon von der andern Seite
-heranzukommen suchen -- wo weit auseinanderstehende Eichen den
-herannahenden Reisenden freundlich begrüßten, indem sie ihre breiten
-Äste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem
-Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben,
-und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von
-Bauernhütten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der
-Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes
-der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte.
-
-Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei
-Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche war ein junger Mann von
-dreiunddreißig Jahren, der noch dazu unverheiratet war.
-
-Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow für ein
-Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen
-Charakter? -- Darnach müssen wir uns natürlich bei den lieben Nachbarn
-erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung
-verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon
-im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen über ihn zu
-äußern: »Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!« Ein General, der etwa zehn
-Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: »Der junge Mann ist
-nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich könnte
-ihm nützlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und
-sogar beim ...« Der General beendigte seinen Satz niemals. Der
-Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: »Ich will mir mal
-morgen die rückständigen Steuern von ihm abholen!« und ein Bauer hätte
-auf die Frage, was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts
-geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm
-hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei
-Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von
-denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies
-genug Leute, welche unnütz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte
-gerade Tentennikow es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen
-kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem
-andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er für einen
-Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden
-Naturschönheiten entsprach.
-
-Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann richtete er sich im
-Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen
-sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch.
-Während der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens
-Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tür. Dieser
-arme Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die
-Küche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr saß noch immer im Bett
-und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich,
-zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee,
-Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen
-Zügen, indem er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die
-Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er wohl zwei Stunden
-lang beim Frühstück, doch das genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine
-Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof führte.
-Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab.
-
-Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als
-Aufwärter mit der Schließerin Perphiljewna, die er mit folgenden
-Ausdrücken zu bedenken pflegte: »Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges
-Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines
-Geschöpf!«
-
-»Du willst wohl _so_ etwas haben?« heulte die Jammerseele oder
-Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses
-Frauenzimmer war nicht ungefährlich und hatte recht derbe und kräftige
-Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere
-Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.
-
-»Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn,
-elendiges,« kreischte Grigorij.
-
-»Der Verwalter ist doch gerad so'n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr
-kennt euch nicht; er ist doch hier und hört alles.«
-
-»Wo ist der Herr?«
-
-»Da sitzt er am Fenster und sieht alles.«
-
-Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und sah alles.
-
-Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen schrie ein Knabe
-auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen
-hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem
-Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nämlich kochendes Wasser
-aus dem Fenster gegossen und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte
-und plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles an, aber
-erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er Tentennikow in seinem
-Nichtstun zu stören begann, schickte er in den Hof hinunter und ließ
-sagen, die da unten möchten doch etwas _leiser lärmen_.
-
-Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein
-Zimmer, um an einem großen Werke zu arbeiten, das ganz Rußland von
-sämtlichen nur möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom
-politischen, vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten
-sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lösen, die
-die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rußlands
-große Zukunft läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner
-Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es zunächst beim Nachdenken über
-dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf
-ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite;
-statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum
-Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, während die
-Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise verzehrt wurde,
-ruhig weiter, und es kam mitunter vor, daß manche Speisen ganz kalt und
-andre überhaupt nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine Tasse
-Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie
-Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan
-wurde -- ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde überhaupt
-nichts mehr getan.
-
-So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, der immer im
-Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß ganz mutterseelenallein und von
-aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen
-machte ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder
-ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und
-der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht
-genug erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt nicht
-zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, daß Andrei
-Iwanowitsch Tentennikow zu der großen Familie der Leute gehörte, die in
-Rußland nicht alle werden und die man früher bei uns Schlafmützen,
-Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für die ich heute
-wirklich keinen Namen zu finden wüßte. Ob solche Charaktere _geboren_
-werden oder sich allmählich bilden, als ein Produkt trauriger
-Lebensverhältnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch
-hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man
-vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei
-Iwanowitschs zu erzählen.
-
-»Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas Vernünftiges aus ihm
-werden sollte. Mit zwölf Jahren kam der etwas kränkliche und
-träumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren
-Direktor ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. Der
-Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und
-Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem außerordentlichen
-Feingefühl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie
-kannte er das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten
-und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas
-angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche
-und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine
-harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs die Nase
-hängen, sondern verließ das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas
-wie frischer Mut in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm
-zu sprechen: »Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig
-wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.« Nie hielt der
-Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes Betragen. Er pflegte
-nur zu sagen: »Ich verlange von meinen Schülern nur dies eine: daß sie
-vernünftig und verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug
-zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten müssen von
-selbst verschwinden.« Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten
-verschwanden ganz von selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben
-hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die
-erwachsenen Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen lassen von den
-Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften
-ihnen kein Härchen krümmen. »Das geht zu weit!« sagten viele, »diese
-Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig machen.« »Nein, das
-geht durchaus nicht zu weit,« antwortete er, »die schwach Begabten
-behalte ich nicht lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den
-einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe ich noch einen
-zweiten Kursus.«(1) Und in der Tat, die Begabten mußten noch einen
-zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er
-und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem
-Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung
-ihrer seelischen Regungen und er erklärte, er könne es nicht entbehren,
-sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, -- um mit
-Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe.
-
-Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche
-Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst
-in dem unvernünftigen Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen
-Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche
-Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten
-Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres
-herrlichen Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken
-ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Tränen der
-Rührung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde überlief den Schüler ein
-freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine
-Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der
-Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die
-Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die
-letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, hatte gar keine
-Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von
-dem Zögling, was andre unvernünftigerweise schon von den Kindern
-verlangen -- nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht
-spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu
-verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren,
-niemals Rache zu üben und sich immer eine stolze Ruhe und
-unerschütterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet
-ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier beständig
-zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich Versuche und
-Experimente mit seinen Schülern an. O, wie vorzüglich kannte er die
-Wissenschaft des Lebens!
-
-Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den meisten Fächern
-unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige
-Terminologie, ohne großartige Theorien und geschwollene Phrasen das
-eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen,
-sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen
-nötig hatte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die, welche geeignet
-sind, aus dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden.
-Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jüngling in
-der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont
-seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf der
-Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner Seele in seinem
-künftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor
-ihnen: weder die Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem
-Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die
-Verführungen, die ihn erwarten, dies alles führte er ihnen in
-ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste
-vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter und
-Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, daß der Ehrgeiz in
-ihnen so stark angeregt war, sei es daß im Auge dieses außerordentlichen
-Pädagogen etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges »Vorwärts!«
-zuzurufen schien -- dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei
-seiner feinfühligen Natur so große Wunder wirkt -- genug, die jungen
-Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und
-dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig und tätig zu
-zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu überwinden
-und einen hohen Mut und Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen
-gelang es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es auch lauter
-starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampfe
-gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich an den exponiertesten
-Stellen zu halten, während viele, die weit klüger waren als sie, es
-nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher
-Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und träge(2) wie sie waren in
-die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die
-andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern
-verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf
-die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen
-Einfluß auszuüben.(3)
-
-Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloßen
-Gedanken, daß er endlich auch in diese Klasse versetzt werden würde. Man
-sollte meinen, für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres
-geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück wollte es jedoch,
-daß gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwählten
-versetzt worden war -- wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte -- der
-vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein
-wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust
-für den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz
-anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser
-Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei äußere
-Vorschriften und ein strenges Reglement einzuführen und verlangte von
-den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte.
-In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und
-Zügellosigkeit. Wie im bewußten Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte
-er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und
-die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, sondern allein auf
-das gute Betragen.(4) Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig
-strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern
-nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie
-aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnürchen, dafür gab
-man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin.
-
-Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch
-stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundsätzen an. Sie
-ließen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die
-Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer Darstellung
-keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie berücksichtigten die neueren
-Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an
-Feuer und wahrhafter Begeisterung -- aber ach bei alledem fehlte es doch
-ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt
-in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort,
-es ging alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und
-Autorität ging ganz verloren, man lachte und spottete über die Lehrer,
-nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schönen Namen sonst noch
-heißen. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig
-waren, ja die Schüler machten raffinierte Streiche, daß man sich
-genötigt sah viele von ihnen ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die
-Schule kaum noch wiederzuerkennen.
-
-Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften Charakter. Er fand
-kein Gefallen an den nächtlichen Orgien seiner Kameraden, die vor dem
-Fenster der Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen
-einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche und frechen
-Reden über die Religion nicht mit, zu denen sie sich nur deshalb
-verstiegen, weil sie zufällig einen recht dummen Popen zum Lehrer
-hatten. Nein, seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren
-göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn zu verführen, aber er
-ließ sehr bald die Nase hängen. Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es
-gab leider kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es wäre
-besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt nicht geweckt worden wäre.
-Andrei Iwanowitsch hörte wie sich die Professoren auf dem Katheder
-ereiferten und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken, der,
-auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig blieb. Was hörte er
-nicht alles für Gegenstände und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar
-Jurisprudenz, allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem solchen
-Umfange, daß der Professor in ganzen drei Jahren kaum über die
-Einleitung und über die Entstehung gewisser deutscher Städte hinauskam
--- und Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles blieb in
-seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen Stücken liegen -- dank seinem
-angeborenen Verstande fühlte er nur, daß dies nicht die richtige
-Unterrichtsmethode sein könne, worin aber nun die rechte bestand -- dies
-wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an Alexander Petrowitsch
-denken, und dann wurde ihm so schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er
-sich vor Schmerz lassen sollte.
-
-Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie noch eine Zukunft hat.
-Je näher die Zeit heranrückte, wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte,
-um so lebhafter schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich
-selbst: »Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben fängt
-erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit der großen Taten.« Und
-ohne einen Blick auf den herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und
-Besucher in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe seiner
-Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er wie alle ehrgeizigen
-Menschen nach Petersburg, das Ziel aller feurigen jungen Leute, die aus
-allen Gegenden Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst
-zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder auch nur ganz
-oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen, trügerischen
-gesellschaftlichen Bildung zu nippen. Allein Andrei Iwanowitsch sah sich
-in seinem ehrgeizigen Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch
-seinen Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. Dieser
-erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, sei eine
-gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig; ohne diese jedoch könne er
-es unmöglich bis zum Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen.
-Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion seines Onkels gelang es
-ihm endlich, sich eine kleine Stellung in einem untergeordneten
-Departement zu verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten
-Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten Tischen betrat,
-da hatte er den Eindruck, als säßen hier die ersten Würdenträger des
-Reiches, die über das Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten,
-und als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die den Kopf auf
-die Schulter gebeugt, dasaßen und laut mit den Federn kritzelten, und
-wie er nun aufgefordert wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und
-ein Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen ganz
-unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei Rubel, wegen der
-schon ein halbes Jahr lang hin- und hergeschrieben wurde) da überlief
-den unerfahrenen Jüngling ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn
-herumsitzenden Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine Schuljungen! Zur
-Vervollständigung der Ähnlichkeit waren noch einige von ihnen in die
-Lektüre eines dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden Sprache
-vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern des Aktenstückes
-versteckt, suchten sich den Anschein zu geben, als seien sie mit der
-Durchsicht der Akten beschäftigt und fuhren jedesmal zusammen, wenn der
-Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm so seltsam vor und
-er konnte das Gefühl nicht los werden, daß seine frühere Tätigkeit
-unendlich viel bedeutender und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit
-schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er sehnte sich wieder
-in seine Schulzeit zurück. Plötzlich stand Alexander Petrowitsch wie
-lebendig vor seinem geistigen Blick -- und er konnte nur mit Mühe seine
-Tränen unterdrücken.
-
-Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die Tische und die Beamten
-wirbelten durcheinander und fast wäre er in dieser plötzlichen
-Umnachtung zu Boden gesunken. »Nein,« sagte er, als er wieder zu sich
-kam, leise zu sich selber, »ich will dennoch ans Werk gehen, so
-kleinlich es mir auch erscheint.« Nachdem er sich so selbst ermutigt
-hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig weiter zu versehen, wie alle
-andern.
-
-Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg bietet trotz seines
-rauhen, finstern Äußeren mancherlei Genüsse. Draußen herrscht eine
-fürchterliche Kälte von dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser
-Geist jagt heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, durch die
-Luft, wütend fegt sie den Schnee über das Straßenpflaster, klebt den
-Leuten die Augen zusammen, und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die
-Schnurrbärte der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem Puder;
-aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden
-Schneeflocken hindurch irgendwo hoch oben im vierten Stock ein
-freundlich erleuchtetes Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte
-bescheidener Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm der Teemaschine
-werden hier Herz und Seele erwärmende Gedanken ausgetauscht, erklingt
-manch herrliches, begeistertes Poetenwort, mit dem Gott sein liebes
-Rußland so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt manch
-Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal unter dem schwellenden
-Himmel des Südens.
-
-Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber die berufliche
-Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen Ziel und Selbstzweck, wie er
-zuerst geglaubt hatte, sondern sie rückte gewissermaßen an die zweite
-Stelle. Sie diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte
-ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben, erst recht
-schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat fing schon an zu glauben,
-daß aus dem Neffen noch etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich
-einen ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten, daß sich
-unter den vielen Freunden Andrei Iwanowitschs zwei junge Leute befanden,
-die zur Klasse der sogenannten »verbitterten« Menschen gehörten. Das
-waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, die nicht nur
-keine _Ungerechtigkeit_ geduldig zu ertragen vermögen, sondern nicht
-einmal das, was ihnen wie eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur
-gutmütig, aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen sie
-von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten, während sie selbst
-äußerst intolerant gegen andre Menschen sind. Ihre feurige Rede und die
-äußerlich zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft
-machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. Im Umgang mit ihnen
-schärften sich seine Nerven und erwachte in ihm eine gewisse
-Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Er lernte von ihnen, all jene
-Kleinigkeiten zu bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor
-Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die sich in
-jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein Mißfallen. Es
-schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar in ein Stück Zucker
-verwandelte und sein Gesicht zu einem widerlich süßen Lächeln verzog,
-wenn er mit Leuten sprach, die über ihm standen, dagegen sofort eine
-essigsaure Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; daß
-er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die merkte, die an den
-großen Festtagen nicht zu ihm kamen, um zu gratulieren und es denen
-nicht vergessen konnte, deren Namen er nicht auf der beim Portier
-ausliegenden Liste fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche,
-beinahe physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele und
-reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch eine
-Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen Freude suchte er nach
-einer passenden Gelegenheit und sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er
-so grob gegen ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet wurde,
--- er müsse den Chef um Verzeihung bitten oder um seinen Abschied
-einkommen. Er nahm seinen Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat,
-kam ganz erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: »Um
-Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was machst du? Deine
-ganze, so glücklich begonnene Karriere aufs Spiel zu setzen, bloß weil
-du einen Vorgesetzten bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das
-nur bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe doch überhaupt
-keiner mehr im Amte. Komm zu dir, sei vernünftig ... Überwinde deinen
-falschen Stolz und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich mit
-ihm aus!«
-
-»Es handelt sich hier doch gar nicht _darum_, lieber Onkel,« sagte der
-Neffe. »Es wird mir ja garnicht schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich
-bin wirklich schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so
-mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für mich gibt es noch
-einen andern Dienst und eine andre Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern,
-mein Gut liegt darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der Staat
-wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer meinen Platz im Bureau
-einnehmen und meine Akten abschreiben wird, aber er verliert sehr viel,
-wenn dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können. Bedenken
-Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein Beruf, bei dem man müßig
-dasitzen könnte. Wenn ich für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der
-mir anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert tüchtige,
-nüchterne und fleißige Untertanen auf die Beine stelle, -- habe ich
-damit etwa weniger getan, als irgend ein Departementschef Lenitzyn?«
-
-Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung den Mund weit auf;
-einen solchen Redeerguß hatte er nicht erwartet. Er dachte etwas nach
-und begann dann etwa folgendermaßen: »Aber trotzdem ... nein, was denkst
-du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem Lande vergraben? Die Bauern
-sind doch kein Umgang für dich! Hier ist's doch anders, da begegnet man
-doch hin und wieder einmal einem General oder einem Fürsten. Und wenn du
-Lust hast, kannst du auch an irgend einem schönen öffentlichen Gebäude
-vorübergehen. Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische
-Industrie, dagegen dort! da siehst du doch nichts wie Bauern und
-Bauernweiber. Warum willst du dich unter so ungebildete Menschen
-begeben?«
-
-Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen des Onkels
-machten keinen rechten Eindruck auf den Neffen. Das Land erschien ihm
-als ein Hort der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken,
-als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit. Er hatte sich schon die
-allerneuesten Werke über Landwirtschaft besorgt. Mit einem Wort, zwei
-Wochen nach dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe jener
-Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes lieblichen Winkels,
-der jeden Gast und Besucher so in Begeisterung versetzte. Ein ganz neues
-Gefühl bemächtigte sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke
-erwachten in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen,
-und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die herrlichen Gegenden, an
-denen er vorüberkam. Und plötzlich begann sein Herz aus einem
-unbekannten Grunde heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch eine
-enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes führte und er
-oben und unten, über und unter sich dreihundertjährige Eichenstämme, die
-drei Menschen kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, Ulmen
-und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher waren als die gewöhnlichen
-Pappeln und als er dann auf die Frage: »Wem gehört dieser Wald?« die
-Antwort erhielt: »Tentennikow,« und wie dann der Weg den Wald verließ,
-sich an Espenhainen, jungen und alten Weidenbäumen und Sträuchen, und an
-den fernen Gebirgsketten vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken
-überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend und als der
-Reisende auf die Frage: »Wem gehören diese Wiesen und diese
-überschwemmten Felder?« wiederum die Antwort erhielt: »Tentennikow,« und
-als dann der Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau weiter
-fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen und Gerste und sich noch
-einmal an all den Plätzen entlang zog, an denen man schon einmal
-vorbeigekommen war und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen,
-und als der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten breiter
-weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander auf dem grünen
-Rasenteppich standen, welcher sich bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als
-die mit Schnitzwerk verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der
-steinernen Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die
-goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und das feurig pochende
-Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, wo er sich jetzt befand, -- da
-machten sich die immer höher schwellenden Gefühle in folgenden lauten
-Worten Luft: »War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. Das
-Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen Paradieses ausersehen,
-und ich verdammte mich selbst zu niederen Schreiberdiensten, machte mich
-zum Knechte toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine
-sorgfältige Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert, mir
-einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet, deren man zur Förderung
-des Guten unter seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes,
-zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten eines
-Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und Ordnungswächter in
-einer Person ist! Und da gehe ich hin und vertraue diesen Posten irgend
-einem ungebildeten und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt
-dessen den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich um die
-Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch nicht gesehen habe und
-deren Wesen und Charakter ich nicht einmal kenne. Wie konnte ich nur
-dies Papierregiment, diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die
-vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich noch nie mit dem
-Fuße betreten habe und wo ich einen ganzen Haufen von Dummheiten
-anrichten kann -- der realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?«
-
-Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. Die Bauern hatten
-von der Ankunft ihres Herrn gehört und sich an der Freitreppe des
-Herrenhauses versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel und
-die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen Menschenschlages drängten
-sich um ihn. Und als dann aus hundert Kehlen der Ruf ertönte:
-»Väterchen! Hast du dich endlich unser erinnert!« und den alten Leuten,
-die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt hatten unwillkürlich
-die Tränen in die Augen traten, da konnte auch er seine Rührung nicht
-unterdrücken. Und er mußte sich insgeheim fragen: »So viel Liebe! Womit
-habe ich sie nur verdient?« -- »Wohl damit, daß ich sie nie gesehen,
-mich nie um sie gekümmert habe!« Und er schwur sich, von nun an alle
-Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen.
-
-Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und
-Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte
-die Fronarbeit und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten.
-Den dummen Verwalter jagte er davon und kümmerte sich selbst um alles.
-Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der
-Getreidedarre, in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden
-und bei der Abfertigung der Barken zugegen, sodaß die Trägen und Faulen
-sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht
-lange.(5) Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr zwar
-flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tüchtiges zu leisten,
-aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine
-Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich kam es
-soweit, daß sich Herr und Bauer -- es wäre zu viel gesagt -- garnicht
-verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie
-lernten, den gleichen Ton zu treffen.
-
-Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen Grund und Boden
-alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn
-wurde früher ausgesät und ging später auf; und doch konnte man nicht
-sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst
-dabei und ließ den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn
-sie sich besonders viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern
-der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse
-schoß mächtig empor, bei ihm dagegen grünte das Korn noch kaum und die
-Ähren waren kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß ihn der
-Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die
-er ihm angedeihen ließ. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu
-stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: »Wie können Sie nur
-glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen und Vorteil der
-Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns
-beim Pflügen und Säen gegeben haben! -- Sie haben uns doch sogar einen
-Becher Branntwein geben lassen.« Was konnte er darauf antworten?
-
-»Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?« fragte der Herr
-weiter.
-
-»Gott weiß es! Der Wurm hat's wohl von unten angenagt! Und dann kommt
-noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal
-geregnet.«
-
-Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte,
-und es regnete auch so merkwürdig, sozusagen streifenweise, sodaß nur
-der Bauer Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen das
-herrschaftliche Kornfeld traf.
-
-Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort
-bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten über die Lasten
-des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine Lieferungen von
-Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen mehr von ihnen, erließ ihnen die
-Hälfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die
-freigewordene Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, für die
-Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und ihre Gemüsegärten
-vergrößern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Müßiggang, das
-Raufen, die Klatschsucht und allerhand Zänkereien derartig unter dem
-schönen Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick zum Herrn
-gelaufen kamen und ihn baten: »Gnädiger Herr, bringen Sie diesen Satan
-von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der
-kann kein Mensch auskommen!«
-
-Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine Zuflucht zur Strenge
-nehmen wollen. Aber wie konnte er es übers Herz bringen! Wie konnte er
-streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu
-heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in
-so häßliche widerwärtige Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß
-nahmen -- das weiß Gott allein!) »Fort, geh mir aus den Augen, daß ich
-dich nicht zu sehen brauche!« rief der arme Tentennikow und hatte gleich
-darauf das Vergnügen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat,
-sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken begann und ihr
-trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den Buckel volldrosch, wie es ein
-gesunder Bauer nicht schöner fertiggebracht hätte.
-
-Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, aber das gab eine
-solch tolle Verwirrung, daß er ganz mutlos wurde, den Kopf hängen ließ,
-und bedauerte überhaupt damit angefangen zu haben!
-
-Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er
-gleichfalls, daß sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen
-nicht viel anfangen ließ, auf die ihn seine philosophischen Professoren
-gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht
-weniger und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden.
-Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war,
-als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bücher; -- er fühlte,
-daß ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott allein.
-Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand
-der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr
-wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies kühlte den
-Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die
-Arbeiten zu beaufsichtigen, dann ließ er es fast ganz an der früheren
-Aufmerksamkeit fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr auf
-den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet,
-wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, daß um ihn herum die
-Erntearbeiten in vollem Gange waren. -- Seine Augen blickten in die
-Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge
-irgend einen Gegenstand in der Nähe oder er blickte nach der Seite, wo
-der Fluß eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem
-Schnabel auf und ab spazierte -- ich meine natürlich einen Vogel und
-keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen
-Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig
-überlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den
-Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher Vogel zu sehen
-war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem
-Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schloß die Augen,
-richtete den Kopf in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und ließ
-seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des
-gefiederten luftigen Sängervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben
-im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem
-kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im Roggen schlägt die Wachtel,
-der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd
-herüber und hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die Luft
-schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum
-verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche,
-die hoch oben in den Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die
-ganze Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurück ...
-O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem
-kleinsten Dörfchen, fern von den abscheulichen großen Landstraßen und
-Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hörte
-er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er beständig im
-Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser
-kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten.
-
-Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein
-Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit
-Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien
-nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen
-Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu
-langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht
-oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die
-Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien
-und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er
-beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich
-ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte
-von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen
-sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher
-Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei
-uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch
-Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über
-Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage
-Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und
-ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die
-Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des
-Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich
-»so ein Schweinehund!« durch die Zähne, worauf ihm der andere
-gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete
-ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr.
-
-Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich ganz dem Nachdenken
-über sein großes Werk über Rußland hin. In welcher Weise dieses geschah
--- hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von
-selbst eine merkwürdige -- liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man
-nicht sagen, daß es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus
-seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins
-Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden
-stieß, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung
-emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der
-Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte,
-dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine
-sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses Leben entrang
-sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und
-häßlich. Mit ungewöhnlicher Klarheit erstand vor ihm die längst hinter
-ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander
-Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, und Tränenbäche stürzten
-ihm aus den Augen .....
-
-Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief
-erschütterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des
-Schmerzes über den großen und edlen Menschen, der in seinem Innern
-schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe
-er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht
-erprobt im Kampf mit der Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene
-hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhöhen
-und zu kräftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse;
-dahingeschmolzen wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer
-herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung erhalten zu
-haben; allzu früh für ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun
-gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre,
-die durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte und den
-jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu
-wecken, -- der ihn mit lebendigem Worte ermuntert -- der Seele ein
-belebendes »Vorwärts« zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder
-Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang,
-Beruf und Stande so lebhaft dürstet.
-
-Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren
-Muttersprache dieses allgewaltige Wort »Vorwärts« zuzurufen vermöchte?
-Wer kennt so gut alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres
-Wesens, daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben fortreißen
-könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher Liebe würde es ihm der Russe
-danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller
-Trägheit und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt unser
-Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstünde,
-dieses allgewaltige Wort zu sprechen!
-
-Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf
-geweckt und eine völlig Umwälzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es
-war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren
-Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute
-entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu
-freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter
-General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes Haus und liebte
-es, daß seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er
-selbst erwiderte natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere
-Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein ganz seltsames,
-ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben
-selbst.
-
-Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Eine
-englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch
-verstand. Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der Vater hatte
-keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner
-unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als daß
-er sie schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit und
-Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn
-jemand gesehen hätte wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die
-herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater
-stritt dann hätte er wohl glauben können, sie sei das launischste
-Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von
-einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hörte, die einem andern
-widerfahren war. Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst
-willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber
-verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, in Unglück und Elend
-sah! Sie hätte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren
-Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, ob
-das auch vernünftig sei(6) oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestümes
-in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja
-ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die
-Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides schienen
-vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie müsse selbst mit
-ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor
-keinem Menschen hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu
-offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum Schweigen veranlassen
-können, wenn sie reden wollte. Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur
-sie allein ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr
-begegnete, unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In
-ihrer Gegenwart überkam jeden bösen Menschen etwas wie Verlegenheit, und
-er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und
-verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während die Blöden sofort
-ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern
-Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem
-solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt
-und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo gesehen: in seiner
-frühesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen
-Vaterhause, an einem glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen
-spielten und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der
-Ernst und die Reife des Mannesalters.
-
-Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein
-unerklärlich neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Ein heller
-Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges
-Leben.
-
-Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf,
-eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht
-herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein
-unangenehmes Gefühl in beiden zurückließ; denn der General konnte keinen
-Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch
-Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er
-dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen
-beiden blieb so lange ungestört, bis eines schönen Tages zwei Verwandte
-des Generals: eine Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm zu
-Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch
-einige gute Verbindungen mit einflußreichen Personen in Petersburg
-besaßen; der General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen.
-Tentennikow kam es so vor, daß der General seit dem Tage ihrer Ankunft
-etwas kälter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine
-stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte
-ihn »mein Bester« oder »Verehrtester« und sagte einmal sogar »du« zu
-ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte sich
-aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel Geistesgegenwart zu
-bewahren, um ihm mit sehr sanfter und höflicher Stimme zu erwidern,
-während alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte
-hervortraten: »Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank schuldig Herr
-General. Mit diesem vertraulichen »du« bieten Sie mir ein enges
-Freundschaftsbündnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls »du« zu
-nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären Verkehr
-zwischen uns vollkommen unmöglich!« Der General wurde verlegen. Er
-suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden;
-schließlich erklärte er, das »du« sei von ihm durchaus nicht in dem
-Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen
-jungen Menschen »du« anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein
-Wort.
-
-Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr
-miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht
-erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun
-herabsinkende Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein
-Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurück und nahm seine frühere
-Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er
-tagelang untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der
-Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die
-Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch
-vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, gleichsam als
-Festgabe für den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so
-armselig und schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu
-achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt nach ihm pickten.
-Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand
-Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser,
-Hütten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber vergaß er
-alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst über
-das Papier ohne daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein
-kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem schnellen forschenden
-Blick und einem leicht emporgekämmten Haarbüschel -- und staunend sah
-der Zeichner, daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt kein
-Künstler hätte malen können. Und dann wurde ihm noch wehmütiger und
-schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück
-auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und
-einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch
-Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, als er sich eines Tages nach
-seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu
-seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst
-eine gewisse Unruhe und Bewegung.
-
-Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu öffnen; es
-tat sich auf, und ließ drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf
-Triumphbögen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und
-eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher und ein
-Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf.
-Hinter diesen saß ein Herr in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein
-regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte
-es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der
-ein ungewöhnlich anständiges Äußeres hatte, sprang beinahe mit der
-Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen und eilte die
-Treppe hinauf.
-
-Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankömmling für einen
-Regierungsbeamten. Hier muß ich nachholen, daß er in seiner Jugend in
-eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende
-Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschüren gelesen hatten, ein
-Ästhet, der die Universität nicht beendigt hatte, und ein
-heruntergekommener Spieler wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft
-gründen unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners,
-der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter
-Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich hohes Ziel
-gesteckt: nämlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis
-Kamtschatka, dauernd zu beglücken. Dazu bedurfte man jedoch einer
-ungewöhnlich großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen
-Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. Wo das Geld hinkam,
-das wußte freilich niemand außer dem ersten Vorsitzenden, der die
-Oberleitung in den Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in
-diese Gesellschaft eingeführt; das waren zwei von jenen verbitterten
-Menschen, die von Natur gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die
-Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten im Dienste
-der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmäßigen Säufern
-geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat
-aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in
-gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann
-eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen
-Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher
-kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er
-alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht
-ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und
-daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich
-öffnen mußte.
-
-Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier
-unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen
-der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber
-bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils
-in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei
-sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an
-Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der
-Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes,
-hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den
-Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht
-seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der
-schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur
-werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei
-alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts
-passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine
-Aufwartung zu machen.
-
-Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu
-bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine
-eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um
-gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines
-Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen.
-
-Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das
-müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der
-Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu
-sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen
-Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die
-Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich's bei ihm so bequem zu machen,
-wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel
-_à la Voltaire_ Platz nehmen, und schickte sich an, seine
-Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten
-naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde.
-
-Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren
-Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von
-heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er
-schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit
-gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon
-oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus
-Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei.
-Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und
-schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört
-hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen
-vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann
-scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen
-Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich
-erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich
-darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser,
-der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar
-im Zimmer verbreitete.
-
-Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war,
-als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch
-Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm
-offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack,
-in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein;
-auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr
-sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage
-schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts,
-und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie
-früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas
-liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter
-übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war
-fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe _noch_
-mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und
-Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein
-Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und
-obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem
-Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen
-können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über
-die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte.
-
-Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte,
-die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden
-geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender
-Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel
-umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer,
-welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur
-Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als
-Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß
-in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein
-Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter
-Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in
-den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene
-Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa
-ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand
-die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht
-hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider,
-ein Paar _neue_ Beinkleider, ein Paar _graue_ Beinkleider, zwei
-Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde
-übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes
-Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür
-und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar
-_nicht mehr ganz_ neue, ein Paar _ganz_ neue, ein Paar Lackschuhe und
-ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem
-seidenen Taschentuch zugedeckt -- ganz als ob sie überhaupt nicht
-vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände
-in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit
-Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur
-der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht,
-die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die
-zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel
-zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde,
-nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der
-unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken
-einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel
-in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster
-Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war
-ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken.
-Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in
-ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden
-Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht
-und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der
-als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners
-Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert
-und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht.
-
-In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine
-Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen,
-unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm
-mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine
-Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine
-ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an
-alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische
-Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes
-Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre
-in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die
-Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und
-bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr
-wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend.
-In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und
-taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt
-nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur
-Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit
-ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den
-Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre,
-da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum
-Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie
-zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger
-der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um
-ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel
-herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt
-nicht im mindesten. »Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit
-dem sich's leben läßt!« sagte Tentennikow zu sich selbst, »diese Kunst
-ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es
-mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber
-Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein
-Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken -- solche
-Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt's denn bei uns
-überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.«
-So urteilte Tentennikow über seinen Gast.
-
-Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine
-Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das
-Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat
-lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der
-Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu
-können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem
-Nutzen und Vorteil.
-
-Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden
-können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden
-war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall
-sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem
-frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume
-hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes
-Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über
-den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen
-Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier
-strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu
-lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den
-Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der
-Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell
-leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den
-Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und
-sang, wie bei einem Hochzeitsfest!
-
-Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot
-sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen
-Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den
-großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse
-zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch
-unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das
-Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit
-Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend
-durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten.
-Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo
-die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See
-stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das
-Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er
-ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu
-beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch
-das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb
-trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen
-ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite
-zu verschütten.
-
-Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach
-alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte
-sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt
-stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für
-Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem
-verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein
-füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen,
-wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als
-kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei
-Iwanowitsch' Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden,
-Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und
-er dachte sich: »Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein
-Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen
-von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!«
-
-Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst
-einmal -- d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die
-Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde -- selbst
-einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und
-sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit
-weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise
-vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er
-stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren
-Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen
-munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und
-zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich
-gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten
-über die Erde gewandelt wäre -- und damit er sich vor dem Vaterlande
-nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht
-übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum
-Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel!
-Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so
-mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen
-Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und
-ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie
-eintreffen wird.
-
-Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie
-gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald
-Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr
-wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij
-Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und
-Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit
-Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch
-einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden
-geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen
-solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und
-er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel
-Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von
-allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den
-allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft.
-Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen
-Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal
-konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft
-besiegelt, damit wurden sie zu »Stammgästen« der Kneipe wie man sich im
-Volke auszudrücken liebt.
-
-Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe
-Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden
-Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen
-und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem
-Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet,
-machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen
-und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die
-Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde
-und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an
-den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich
-mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern
-Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut
-lachend auf sie zukamen und sangen: »Wo ist der Bräutigam, Bojaren?« und
-wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter
-dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann
-wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in
-der Dämmerung, ob er schlief oder wachte -- immer wieder kam es ihm so
-vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich
-langsam mit ihnen im Reigen.
-
-Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr
-wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den
-Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich
-und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen
-Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war,
-über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch
-die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das
-in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern
-leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten.
-
-Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was
-jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite
-Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser
-Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er
-es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch
-immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und
-Gründe aller Erscheinungen klar zu werden -- über ihr Warum und Weshalb
-.... »Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!« So
-dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und
-so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem
-seiner Nachbarn -- einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine
-Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein -- und auch das Fräulein für
-den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von
-da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß
-Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe
-zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen.
-
-Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner
-Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse
-drehte, sagte er zu Tentennikow: »Sie haben alles was das Herz begehrt,
-Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.«
-
-»Das wäre?« fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft
-blies.
-
-»Eine Lebensgefährtin,« versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch
-entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende.
-
-Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen
-andern Zeitpunkt aus -- diesmal war es _vor_ dem Abendbrot -- und sagte
-plötzlich mitten in der Unterhaltung: »Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie
-sollten heiraten!«
-
-Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses
-Thema unangenehm sei.
-
-Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das dritte Mal wählte
-er wieder eine andre Zeit und zwar _nach_ dem Abendbrod, und sprach
-folgendermaßen: »Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre
-Lebensverhältnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur Überzeugung,
-daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.«
-
-Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders überzeugend waren,
-oder daß Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und
-Offenherzigkeit geneigt war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem
-er wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: »Bei allen Dingen muß man
-Glück haben, man muß als Sonntagskind geboren werden, Pawel
-Iwanowitsch.« Und er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet
-hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und
-ihre Entzweiung.
-
-Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort kennen gelernt
-hatte, und hörte, daß wegen des einen kleinen Wörtchens »du« eine so
-große Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere
-Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, ohne entscheiden
-zu können, ob er ein kompletter Narr oder bloß ein bißchen dumm sei.
-
-»Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!« sprach er endlich, indem er jenen
-bei beiden Händen nahm: »Was ist denn das für eine Beleidigung? Was
-finden Sie denn in dem Wörtchen »du« Beleidigendes?«
-
-»Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,« entgegnete
-Tentennikow: »die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem
-dieses Wort gesprochen wurde. >Du!< -- das soll heißen: >wisse, daß du
-ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil
-ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Fürstin
-Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein
-eigentlicher Platz ist und dich an die Türe zu stellen.< _Das_ hat es zu
-bedeuten!« Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und
-milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines
-aufs tiefste beleidigten Gefühls nach.
-
-»Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten hätte? -- Was ist
-denn dabei?« sagte Tschitschikow.
-
-»Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach diesem Benehmen noch
-weiter besuche?«
-
-»Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal
-ein Benehmen nennen,« sagte Tschitschikow kaltblütig.
-
-»Wieso kein >Benehmen<,« fragte Tentennikow erstaunt.
-
-»Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist bloß so
-eine Gewohnheit dieser Herren Generäle: sie duzen alle Leute. Und
-schließlich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten
-Mann nicht einmal gestatten?«
-
-»Das ist ganz was andres,« versetzte Tentennikow, »wäre er nur ein alter
-Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich,
-wäre er kein General, dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich
-_du_ zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.«
-
-»Tatsächlich, er ist ein Narr!« dachte Tschitschikow. »Einem zerlumpten
-Kerl würde er es gestatten, einem General dagegen nicht!« Und nach
-dieser Erwägung fuhr er laut fort: »Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er
-Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie
-beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurückgegeben. Aber wie
-kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so
-im Stiche lassen, die einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich
-schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal
-ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie auch drauf los gehen, komme was
-da will. Wer achtet denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle
-Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der
-ganzen Welt, der nicht um sich schlägt und einen nicht anspuckt.«
-
-Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, er saß ganz
-verblüfft da und dachte nur: »Ein zu seltsamer Mensch, dieser
-Tschitschikow!«
-
-»Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!« dachte
-Tschitschikow, und er fuhr laut fort: »Andrei Iwanowitsch, lassen Sie
-mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so
-unerfahren. Erlauben Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich
-will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, daß die Sache
-Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre
-geringe Welt- und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.«
-
-»Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!« sagte Tentennikow
-gekränkt »und kann auch Sie nicht dazu zu ermächtigen!«
-
-»Zum Kriechen bin ich nicht fähig,« versetzte Tschitschikow gleichfalls
-gekränkt. »Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber
-kriechen -- niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es
-zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, meinen Worten einen so
-beleidigenden Sinn unterzulegen.«
-
-»Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!« sagte Tentennikow
-gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Händen. »Ich wollte
-Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr
-wertvoll. Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch auf, wir
-wollen nie wieder über diese Sache reden!«
-
-»Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, zum General«, sprach
-Tschitschikow.
-
-»Wozu?« fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah.
-
-»Ich will ihm meine Aufwartung machen!« versetzte Tschitschikow.
-
-»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!« dachte
-Tentennikow.
-
-»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!« dachte
-Tschitschikow.
-
-»Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich
-glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um
-so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten
-Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren
-Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm
-hinfahren!«
-
-»Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie
-jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!«
-
-Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein
-jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits
-über die Eigenheiten des andern nachzudenken.
-
-Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr
-und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen
-Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um
-dem General seine Aufwartung zu machen: -- da geriet Tentennikow in eine
-solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine
-eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung.
-Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses
-schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers.
-
-Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er
-ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken.
-Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte
-es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke
-eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich
-in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. »Ein merkwürdiger Zustand!«
-sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken,
-der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine
-Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt
-hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow.
-
-
- Zweites Kapitel.
-
-In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow
-über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg -- erst ging es durch den
-Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch
-gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte,
-dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort
-herrliche Fernblicke auftaten -- und endlich durch eine breite
-Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute
-des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln
-über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt
-auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit
-reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses
-erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen
-wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab,
-und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und
-sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem
-Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat
-die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt
-in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals
-machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen
-zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war
-offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen
-stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz
-geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder »dreistöckig«, wie
-man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine
-Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen
-Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General
-Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen
-und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns
-Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt:
-Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch
-Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit,
-Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe
-nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts
-ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die,
-welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer
-Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von
-ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in
-bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte
-ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier
-Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern
-des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von
-seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er
-sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine
-jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und
-Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles
-an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine
-Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung;
-auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und
-daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm
-unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu
-glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande
-genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen.
-Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende
-Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit
-Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch
-veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen
-war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht
-den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach
-seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob
-er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte -- er
-blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und
-Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte
-jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens
-Furcht oder Scheu ein.
-
-Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht _und_ Scheu. Er neigte den Kopf
-ehrerbietig zur Seite, streckte die Hände aus, wie wenn sie ein Tablett
-mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger
-Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: »Ich habe es für meine Pflicht
-gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den
-Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern
-verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer Exzellenz persönlich
-vorzustellen.«
-
-Dem General schien diese Introduktion nicht zu mißfallen. Er machte eine
-sehr gnädige Kopfbewegung und sagte: »Ich freue mich sehr, Ihre
-Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?«
-
-»Das Feld meiner Tätigkeit,« sprach Tschitschikow, indem er sich im
-Lehnstuhl niederließ -- aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig
-seitwärts auf der Kante -- und mit der Hand die Stuhllehne festhielt,
-»das Feld meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen
-weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im
-Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben
-läßt sich mit einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen,
-Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesäugt und
-großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld.
-Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag
-weder ein Wort noch der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt
-an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner
-Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nächsten
-Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...«
-
-»Bei wem, wenn ich fragen darf?«
-
-»Bei Tentennikow, Exzellenz.«
-
-Der General runzelte die Stirn.
-
-»Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer Exzellenz nicht die
-schuldige Achtung erwiesen hat.«
-
-»Achtung! Wovor?«
-
-»Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,« sagte Tschitschikow. »Er kann
-bloß das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: >Wenn ich Seiner
-Exzellenz nur irgendwie ... denn ich weiß doch die Männer zu schätzen,
-die das Vaterland gerettet haben,< sagt er.«
-
-»Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht böse!« versetzte
-der General, der schon weit milder gestimmt war. »Ich habe ihn herzlich
-lieb gewonnen und bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr
-nützlicher Mensch werden kann.«
-
-»Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,« fiel Tschitschikow ein. »Ein sehr
-nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr
-schön.«
-
-»Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht
-Verse oder so etwas.«
-
-»Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem
-sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte,
-Exzellenz ....«
-
-»Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?«
-
-»Eine Geschichte« ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es
-nun, weil ein General vor ihm saß, oder wollte er der Sache bloß eine
-größere Bedeutung beilegen, genug er fügte hinzu: »eine Geschichte der
-Generäle, Exzellenz!«
-
-»Wie? der Generäle? Welcher Generäle?«
-
-»Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt aller Generäle ...
-das heißt, ich wollte eigentlich sagen, der _vaterländischen_ Generäle.«
-
-Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt hatte, und war
-daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger ausspucken mögen und sagte zu
-sich selbst: Herrgott, was rede ich da für einen Blödsinn.
-
-»Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das?
-Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne
-Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um sämtliche Generäle die
-existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen
-haben?«
-
-»Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!« Und er dachte sich:
-»Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!«
-
-»Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst
-interessantes Material geben!«
-
-»Er hat nicht den Mut, Exzellenz!«
-
-»Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns
-gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will
-meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.«
-
-»Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,« sagte Tschitschikow,
-er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: »Hm! die
-Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch
-ganz frech darauflos geschwätzt!«
-
-In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür
-eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite
-der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke
-in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers
-plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es
-hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck
-hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar
-hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten
-Menschen im Zimmer sah --. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in
-die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals
-schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten
-Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm
-stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn
-man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden
-können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil
-schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine
-schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte
-bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen.
-Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend
-an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären
-zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte.
-Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre
-Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen
-hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes
-berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib
-gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde
-festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen,
-wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man
-sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor
-gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers
-genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und
-schmächtig.
-
-»Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!« sagte der General, indem
-er sich an Tschitschikow wandte. Ȇbrigens verzeihen Sie, ich kenne
-Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...«
-
-»Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch
-durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,« entgegnete
-Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte.
-
-»Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!«
-
-»Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!« sagte Tschitschikow, indem er sich
-beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der
-Elastizität eines Gummiballs zurücksprang.
-
-»Ulinka!« fuhr der General fort. »Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine
-äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist
-gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an
-einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.«
-
-»Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,« sagte sie schnell. »Das
-konnte doch höchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so
-vertraust, Papa, und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.«
-
-»Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, das ist wahr!« sagte der
-General.
-
-»Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur
-oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, und seine eigene Schwester
-aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, häßlicher
-Mensch.«
-
-»Aber das erzählt man doch bloß von ihm.«
-
-»Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen,
-Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem
-Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weißt, daß
-er schlecht ist.«
-
-»Sehen Sie,« sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. »So liegen wir
-uns stets in den Haaren!« Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr
-fort: »Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!« sagte der
-General.
-
-»Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel
-Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schließen!«(7)
-
-Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls ein Wörtchen
-zu sagen.
-
-»Jedes Wesen verlangt nach Liebe,« sprach Tschitschikow. »Was soll man
-machen? Auch das Tier liebt, daß man es streichelt, es steckt seine
-Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele
-mich.«
-
-Der General fing an zu lachen. »Ganz recht: so ist es. Es steckt seine
-Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß
-die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt
-er, daß man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha!« Der
-General schüttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals
-dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch
-mit dicken Achselklappen geschmückt wären.
-
-Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelächter aus
-Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he,
-he, he! Auch er schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine
-Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen.
-
-»So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann
-noch, daß man ihn dafür belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und
-abquälen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!« sagte er. »Ha,
-ha, ha, ha!«
-
-Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche Gesicht des
-Mädchens: »Papa! Ich verstehe nicht, wie du bloß lachen kannst! Mich
-stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß
-traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz öffentlich und vor
-allen Leuten einen Betrug verübt, und ihn nicht die Strafe der
-allgemeinen Verachtung trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir
-vorgeht, dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke und denke
-und ....« Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.
-
-»Bitte, sei uns nur nicht böse,« sagte der General. »Wir sind doch ganz
-unschuldig an der Sache. Nicht wahr?« fuhr er fort, indem er sich an
-Tschitschikow wandte. »So, nun gib mir einen Kuß und geh auf dein
-Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum
-Mittagessen.«
-
-»Du ißt doch bei mir?« sagte der General und warf Tschitschikow einen
-Blick zu.
-
-»Wenn Eure Exzellenz bloß ...«
-
-»Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für dich reichen. Gott sei Dank!
-Wir haben heute Kohlsuppe.«
-
-Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und ließ den Kopf
-ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle Gegenstände im Zimmer einen
-Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe
-sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung
-verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon
-nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von
-einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem
-Backenbart, der, eine silberne Schüssel und ein Waschbecken in den
-Händen hielt.
-
-»Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart umkleide!«
-
-»Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr
-steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen
-beliebt, Exzellenz.«
-
-Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die
-Hemdärmel an den athletischen Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich
-zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das
-Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer.
-
-»Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben,« sagte
-er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfältig abtrocknete
-... »Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun
-einmal nicht auf zu stehlen!«
-
-Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung
-war plötzlich über ihn gekommen. »Der General ist ein lustiger und
-gutmütiger alter Herr! Man könnte es am Ende versuchen!« dachte er und
-als er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war,
-rief er aus: »Exzellenz! Sie sind so gütig und aufmerksam gegen
-jedermann! Ich habe eine große Bitte an Sie zu richten.«
-
-»Was für eine Bitte?« -- Tschitschikow sah sich vorsichtig um.
-
-»Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat
-dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe.
-Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und
-zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. Er gibt
-einen höchst seltsamen Grund dafür an: >Ich kenne meinen Neffen nicht,<
-sagt er, >vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir
-erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und sich selbst erst
-einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert
-dazugeben.<«
-
-»Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz närrisch?« fragte der General.
-
-»Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er bloß ein Narr wäre. Das
-wäre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage,
-Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, und
-diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich doch in acht nehmen, daß
-er ihr nicht noch sein ganzes Vermögen vermacht.«
-
-»Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze,« sagte
-der General. »Ich sehe nur keine Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen
-könnte!« fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah.
-
-»Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie
-besitzen, überlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines
-Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich
-dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft
-aushändigen.«
-
-Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch
-gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf
-über die Rücklehne und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in
-Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, und die Tochter kam
-ganz erschrocken herbeigelaufen.
-
-»Papa, was ist geschehen?« rief sie entsetzt und sah ihn bestürzt an.
-Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu
-geben. »Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf
-dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht.
-Ha, ha, ha.«
-
-Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er
-mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus,
-vom Vorzimmer bis zur letzten Stube.
-
-Tschitschikow wurde ein wenig unruhig.
-
-»Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha.
-Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote
-kriegt. Ha, ha!«
-
-»Es geht schon wieder los!« dachte Tschitschikow. »Ist der kitzlich! Er
-wird noch platzen!«
-
-»Ha, ha, ha!« fuhr der General fort. »So ein Esel! Wie einem nur so
-etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert
-Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist
-wahrhaftig ein Esel!«
-
-»Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!«
-
-»Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern
-abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich
-nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was ist er
-eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?«
-
-»Gegen achtzig Jahre!«
-
-»Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? Er muß doch noch recht
-kräftig sein, wenn er mit der Schließerin zusammenlebt?«
-
-»Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!«
-
-»So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!«
-
-»Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!«
-
-»Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den
-Beinen?«
-
-»Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.«
-
-»So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? Wie? Hat er noch
-Zähne?«
-
-»Nur noch zwei, Eure Exzellenz!«
-
-»So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. -- Er ist zwar dein
-Onkel, aber ist _doch_ ein Esel.«
-
-»Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist
-und es mir schwer wird, es einzugestehen, daß Sie recht haben, aber was
-soll ich machen?«
-
-Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer,
-dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen
-Onkel besessen hatte.
-
-»Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...«
-
-»Dir die toten Seelen abzukaufen? Für diesen großartigen Gedanken sollst
-du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du
-darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha.
-Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.«
-
-Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue durch alle Zimmer.[1]
-
-[Fußnote 1: Hier fehlt ein größeres Stück, das den Übergang vom zweiten
-zum dritten Kapitel bilden sollte.
-
- Anm. d. Herausg.
- ]
-
-
- Drittes Kapitel.
-
-Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das garnicht
-übel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf
-freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter
-ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei
-kleine Wolken in der Ferne.
-
-»Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow
-erkundigt, Seliphan?«
-
-»Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu
-tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher
-nach dem Wege gefragt.«
-
-»So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du dich nicht auf Petruschka
-verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.«
-
-»Das ist doch keine große Weisheit,« sagte Petruschka, indem er sich ein
-wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. »Wir
-müssen bloß den Berg hinabfahren, und dann geht's längs der Wiese
-weiter, das ist das Ganze!«
-
-»Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund genommen! Das ist das
-Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der
-Kerl setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.« Nach diesen
-Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn und dachte: »Es ist doch
-ein großer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren
-Stände und so einer groben Lakaienphysiognomie.«
-
-Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man
-nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen.
-
-Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig die kaum merkliche
-Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und
-Windmühlen vorbei; donnernd rollte der Wagen über die Brücken und tanzte
-mit Schwanken über das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht _ein_
-Hügel, noch eine einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen
-Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste
-Wonne und keine Equipage.
-
-Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei
-und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan
-und Petruschka beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie
-sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem
-fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bäume und auf den, der sie
-gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, seine
-Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte,
-dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder
-passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu
-den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue
-Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer
-dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht
-einzuhüllen. Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und
-Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden
-Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, die glänzende Fläche
-wurde immer größer ... vor ihnen lag ein See -- ein mächtiger
-Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem
-gegenüberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten auf. Dies
-war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa
-zwanzig Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse
-im Wasser stehend, waren damit beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen.
-Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen
-ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefähr ebenso breit als
-lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage
-war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: »Dionys, du Klotz!
-gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der
-Hand. Stoß doch nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, wo
-der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag's euch, ihr werdet noch das
-Netz zerreißen.« Offenbar fürchtete sich die Wassermelone nicht für ihre
-Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die
-tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie
-immer wieder empor; ja es hätten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf
-den Rücken setzen können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie
-eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig gestöhnt und mit
-der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte große Angst, das Netz
-könne reißen und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten ihn
-mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen.
-
-»Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,« sagte Seliphan.
-
-»Warum?«
-
-»Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der ist viel weißer
-als bei den andern, und auch sein Umfang ist beträchtlich, wie sich's
-für einen vornehmen Herrn schickt.«
-
-Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend
-näher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Füßen
-fühlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die
-den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow.
-
-»Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« rief der Herr ihm entgegen, indem
-er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch
-ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen in einem
-durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm über die
-Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer
-unten, ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem
-Bade entsteigt.
-
-»Nein,« versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab und grüßte
-verbindlichst aus der Kutsche.
-
-»Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!«
-
-»Wieso?« fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze über dem Kopfe
-haltend.
-
-»Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! Laß das Netz los, und nimm
-den Stör aus dem Behälter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!«
-
-Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behälter hervor
--- »Seht mal, was für ein Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher
-verirrt!« rief der kugelrunde Herr. »Fahren Sie nur in den Hof hinein!
-Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemüsegarten! Lauf doch großer
-Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich
-komme gleich nach ...«
-
-Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, ganz so wie er war, im
-bloßen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte
-hingen allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern
-waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen
-fuhr zwischen Gemüsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe
-der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dächer der
-Gutsgebäude.
-
-»Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!« dachte Tschitschikow.
-
-»So, da bin ich!« erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah
-sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrünen Nankingrock, gelben
-Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er saß
-seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow
-wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden.
-Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit
-den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hörte man die Stimmen
-rufen: >Großer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!< Als aber
-Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den
-dicken Gutsbesitzer zu seinem größten Erstaunen schon auf der Treppe
-stehen, wo er den Ankömmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in
-seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen war -- dies blieb
-ein Rätsel. Man küßte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer
-Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages.
-
-»Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu überbringen,« sagte
-Tschitschikow.
-
-»Von welcher Exzellenz?«
-
-»Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.«
-
-»Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?«
-
-»General Betrischtschew,« versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen.
-
-»Ich kenne ihn nicht,« entgegnete jener erstaunt.
-
-Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick größer.
-
-»Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergnügen, mit dem
-Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?«
-
-»Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern
-bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!«
-versetzte der Hausherr.
-
-Tschitschikow war starr vor Staunen. »Nicht möglich?« sagte er, indem er
-sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem
-Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß auf dem
-Bock, der andere stand an der Wagentüre. »Was habt ihr bloß gemacht, ihr
-Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow
-fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...«
-
-[Fußnote 2: Petuch = deutscher Hahn.]
-
-»Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Küche, laßt euch ein
-Glas Schnaps geben ...« rief Peter Petrowitsch Petuch. »Spannt die
-Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!«
-
-»Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So plötzlich! ...« stammelte
-Tschitschikow.
-
-»Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen
-schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte
-schön,« sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins
-Innere des Hauses führte. Hier kamen ihnen zwei Jünglinge in
-Sommeranzügen entgegen; beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und wohl
-eine Arschin[3] länger als ihr Vater.
-
-»Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur während der Ferien
-hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du,
-Alexascha, komm mit mir.« Mit diesen Worten verschwand der Hausherr.
-
-Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte eine
-Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien sich zu einem
-lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. Er erzählte Tschitschikow
-sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er
-und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es
-sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ...
-
-[Fußnote 3: Arschin = 2/3 Meter.]
-
-»Ich verstehe schon,« dachte Tschitschikow, »euch locken die Boulevards
-und Cafés ...« Dann aber fragte er ihn laut: »Sagen Sie, wie steht es
-mit dem Gute Ihres Vaters?«
-
-»Ich habe Hypotheken darauf!« fiel hier der Vater selbst ein, der
-plötzlich wieder im Salon auftauchte: »Mehrere Hypotheken.«
-
-»Schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow: »Bald wird es kein Gut
-mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...«
-»Sie hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,«
-sagte er mit teilnehmender Miene.
-
-»O nein. Das macht nichts!« versetzte Petuch. »Man sagt, es sei sogar
-vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht
-hinter den andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben
-lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine
-Söhne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische
-Bildung haben.«
-
-»So ein Narr!« dachte Tschitschikow: »er wird alles durchbringen und
-auch seine Söhne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so
-schönes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern
-haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst
-ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles
-zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der
-Windbeutel.«
-
-»Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch.
-
-»Wie?« sagte Tschitschikow etwas verlegen.
-
-»Sie denken: >Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst lädt er einen zum
-Mittagessen ein, und läßt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht
-aufgetragen.< Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf,
-ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als
-das Essen auf dem Tisch stehen wird.«
-
-»Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!« sagte Alexascha,
-der am Fenster stand und hinausblickte.
-
-»Er reitet auf seinem Fuchs!« fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem
-Fenster beugte.
-
-»Wo? Wo?« schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster.
-
-»Wer ist das, Platon Michailowitsch?« fragte Tschitschikow Alexascha.
-
-»Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein _vortrefflicher_
-Mensch, ein ganz _ausgezeichneter_ Mensch,« antwortete der Hausherr
-selbst.
-
-In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schöner
-schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem
-Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem
-Fuße.
-
-»Haben Sie schon gegessen?«
-
-»Ja danke!«
-
-»Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu machen. Was soll ich mit
-Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?«
-
-Der Gast lächelte und sagte: »Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut
-wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.«
-
-»Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für einen Fang gemacht
-haben! Was für ein Stör uns ins Netz gegangen ist! Und was für
-Karauschen und Karpfen dazu!«
-
-»Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hört. Warum sind Sie
-immer so guter Laune?«
-
-»Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte Sie!« sagte der
-Hausherr.
-
-»Wie? Warum? -- Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.«
-
-»Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich
-satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trübsinn
-und diese Melancholie. Früher war man nie melancholisch.«
-
-»Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll.
-Am Morgen -- da schläft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht
-schon der Koch vor einem, und man muß das Menu für das Mittagessen
-zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht
-fischen und eh man sich's versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen.
-Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, denn
-schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot bestellen, nach
-dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man muß wieder ans Mittagessen
-für _morgen_ denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?«
-
-Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen
-Ankömmling, der ihn durch seine außergewöhnliche Schönheit, seine
-schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten
-Jugendkraft und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem Pickel
-verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch
-Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit
-einer Gemütsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines
-Antlitz berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, aber
-freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. Sein Gesicht behielt
-stets etwas Schläfriges, trotz des ironischen Lächelns, das es bisweilen
-erheiterte.
-
-»Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht
-verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig
-sein kann!« sagte Tschitschikow. »Wenn man natürlich an Geldmangel
-leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem
-nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...«
-
-»Glauben Sie mir,« unterbrach ihn der schöne Gast, »glauben Sie mir, daß
-ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer
-kleinen Aufregung _sehne_? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern
-wollte, oder etwas derartiges -- aber nicht einmal _das_ passiert einem.
-Das Leben ist bloß langweilig -- das ist alles.«
-
-»Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.«
-
-»Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend
-Acker und über tausend Seelen.«
-
-»Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten
-Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele
-Bauern verloren?«
-
-»Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein
-Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.«
-
-»Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich
-nicht,« sprach Tschitschikow achselzuckend.
-
-»Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,« sagte der
-Hauswirt, »Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er
-soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz
-Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der
-Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?«
-
-Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb
-Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den
-Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von
-verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze
-Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener
-bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte
-Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der
-Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz
-vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn
-und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom
-Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne
-ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein
-Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das
-ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag!
-
-Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier
-verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen.
-Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller
-hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: »In
-der Welt _paart_ sich alles, Mensch, Tier und Vogel!« Hatte einer _zwei_
-Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein _drittes_ auf, indem
-er bemerkte: »Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind
-drei.« Hatte der Gast _drei_ Stücke gegessen, so rief er schon: »Haben
-Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte
-gesehen?« Auch auf die Zahl _vier_, auf die fünf usw. hatte er ein
-Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf
-Stücke verschlungen und dachte: »Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl
-nichts mehr einfallen!« Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen,
-legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes
-samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes!
-
-»Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,« sagte der Hausherr.
-»Ich hab's gepflegt wie mein eigenes Kind.«
-
-»Ich kann nicht mehr!« stöhnte Tschitschikow.
-
-»Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!«
-
-»Es geht nicht mehr rein! Ich hab' keinen Platz mehr im Magen.«
-
-»In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und
-sieh da, es fand sich doch noch ein Plätzchen. Dabei war ein solches
-Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses
-Stückchen -- das ist auch ein Polizeimeister.«
-
-Tschitschikow kostete, und in der Tat -- das Stück hatte große
-Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz,
-und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein.
-
-»So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner
-Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr!« Er wußte noch
-nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu
-gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen in drei Jahren -- was sage
-ich in drei Jahren! -- in drei Monaten durchbringen.
-
-Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt nach; was die Gäste
-stehen ließen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein
-Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier
-sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der
-Hauptstadt besonders pflegen würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen
-geschah; sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, um hier
-sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in
-dem seinen Platz genommen, als er sofort zurücksank und einschlief. Sein
-wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg und ließ
-dem offenen Mund und den Nasenlöchern solche Töne entströmen, wie sie
-selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier
-mischten sich Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen
-Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell hatten.
-
-»Hören Sie, wie der pfeift?« sagte Platonow.
-
-Tschitschikow mußte lachen.
-
-»Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da
-die Langeweile kommen? Da übermannt einen der Schlaf -- nicht wahr? Ja.
-Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man
-schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.«
-
-»Und die wären?«
-
-»Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ...
-irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel
-nicht heiraten?«
-
-»Wen nur?«
-
-»Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen Mädchen gäbe!«
-
-»Es gibt keine!«
-
-»Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise« ...
-Plötzlich fiel Tschitschikow eine großartige Idee ein. »Da haben Sie das
-beste Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!« sagte er, indem er Platonow
-in die Augen blickte.
-
-»Was für eins?«
-
-»Reisen.«
-
-»Wohin soll man denn reisen?«
-
-»Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir,« sagte Tschitschikow
-und dachte sich, während er Platonow betrachtete: »Das wäre fein. Er
-könnte die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur könnte er
-eigentlich _allein_ übernehmen.«
-
-»Und wohin fahren Sie?«
-
-»Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als
-im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von
-mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von
-seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natürlich
-sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem
-eigenen Vergnügen: denn die Welt kennen lernen, sich in den großen
-Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen -- man mag sagen was man
-will, das ist gewissermaßen ein lebendes Buch und auch eine Art
-Wissenschaft.« Und während er dies sagte, dachte er sich: »Wirklich, es
-wäre fein. Er könnte sogar die _ganzen_ Kosten tragen, am Ende könnten
-wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen würden sich die meinigen auf
-seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.«
-
-»Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?« dachte unterdessen
-Platonow. -- »Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, für die
-Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im
-mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht
-mitreisen?« -- »Wären Sie unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei
-meinem Bruder zu Gaste zu bleiben?« sagte er laut. »Sonst läßt mich mein
-Bruder nicht fort.«
-
-»Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen sogar drei Tage.«
-
-»Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!« sagte Platonow lebhaft.
-
-Tschitschikow schlug ein. »Bravo. Wir fahren!«
-
-»Wohin? Wohin?« rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war,
-und sie erstaunt anstarrte. -- »Nein, liebe Herren, ich habe die Räder
-von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt,
-Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn Werst weit von hier. Nein, heute
-müssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas
-früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen reisen.«
-
-Was sollte man da machen? Man mußte sich schon zum Bleiben entschließen.
-Dafür wurden sie durch einen wundervollen Frühlingsabend schadlos
-gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit
-vierundzwanzig Rudern führten sie unter frohen Gesängen über den
-spiegelglatten Rücken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Fluß,
-der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von
-flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort über Taue hinwegfahren,
-die quer durch den Fluß gezogen, und an denen Netze befestigt waren.
-Auch nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz still und
-lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorüber, und
-dunkele Gehölze und Haine entzückten ihren Blick durch die mannigfache
-Anordnung und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem Takt legten sich
-die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig
-plötzlich wie ein Mann in die Höhe -- und wie von selbst, einem leichten
-Vogel gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel dahin.
-Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann
-vom Steuer, machte den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen
-Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an,
-dann fielen fünf andre ein, sechs weitere lösten sie ab, und laut
-schwoll an und ergoß sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie
-Rußland selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und
-unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der
-eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker hatte; ja sogar
-Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein
-Russe sei. Nur Platonow dachte: »Was ist eigentlich schönes an diesem
-melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon
-ist.«
-
-Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. Es wurde finster; die
-Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr
-spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel.
-Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten auf Dreifüßen
-eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Bärschen. Alles war schon zu
-Hause. Das Vieh und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der
-Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an
-den Toren und warteten auf die Milchtöpfe und auf eine Einladung zur
-Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die
-Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herüber. Der
-Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu
-hüllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber
-es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar
-feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die
-Nacht zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an
-Moskau, an die Café's und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus
-der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr
-Vater dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern könnte, und
-Platonow gähnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: »nein wirklich,
-ich muß mir auch einmal ein Gut kaufen!« Und er sah sich schon im Geiste
-an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar
-kleiner Tschitschikows.
-
-Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm
-zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da
-befühlte er seinen Bauch und sagte: »Die reinste Trommel! Da geht kein
-Polizeimeister mehr hinein!« Die Umstände fügten es so merkwürdig, daß
-sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die
-Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man alles hören, was
-nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter
-dem Namen eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für den
-morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! Bei einem Toten wäre
-noch der Appetit erwacht!
-
-»Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,« sagte er, indem er
-mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. »Ein Viertel füllst
-du mit den Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei,
-Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und noch so was Ähnlichem,
-na du weißt schon ... Auf der einen Seite mußt du sie recht braun
-backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor
-allem achte auf die Füllung -- die muß gründlich geschmort werden, daß
-sie sich auch ordentlich verbindet, weißt du, und ja nicht
-auseinanderfällt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf
-es selbst kaum merken.« Während er dies sagte, schnalzte Petuch wieder
-mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich.
-
-»Hol's der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,« dachte Tschitschikow
-und zog sich die Decke über den Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber
-das half ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch.
-
-»Und garniere mir den Stör auch recht fein mit Sternchen aus roten
-Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rüben, Möhren,
-Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht viel
-Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt du mit Eis füllen, damit er
-auch ordentlich aufgeht!«
-
-Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. Immer wieder hörte
-man ihn sagen: »Brat ihn mir, und back ihn mir auch recht durch, und
-dämpfe sie mir gründlich!« Als er endlich bei einem Truthahn angelangt
-war, schlief Tschitschikow ein.
-
-Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll, daß Platonow nicht
-mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. Petuch's Reitknecht mußte den
-Hengst nach Hause bringen. Dann bestieg man die Equipage. Der
-großschnauzige Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich
-gleichfalls vollgefressen.
-
-»Nein, das geht zu weit!« sagte Tschitschikow, als sie den Hof verlassen
-hatten.
-
-»Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das ärgerlichste.«
-
-»Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte, dann dürfte mir der
-Trübsinn nicht einmal zur Türe herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist
-der Branntweinpächter Murasow -- der hat zehn Millionen. Leicht gesagt,
-zehn Millionen -- das nenne ich ein Sümmchen!«
-
-»Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen kleinen Abstecher
-machen? Ich möchte mich gern noch von meiner Schwester und von meinem
-Schwager verabschieden.«
-
-»Aber mit dem größten Vergnügen!« sagte Tschitschikow.
-
-»Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der erste hier in der Gegend.
-Er bezieht Einkünfte im Werte von zweimal hunderttausend Rubel von einem
-Gut, das vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.«
-
-»Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer Mensch
-sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen Mann kennen zu lernen. Ich
-bitte Sie ... Denken Sie doch nur ... Und wie heißt er?«
-
-»Kostanshoglo.«
-
-»Und sein Vor- und Vatername, wenn ich bitten darf?«
-
-»Konstantin Fjodorowitsch.«
-
-»Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin wirklich begierig auf
-seine Bekanntschaft! Von einem solchen Mann kann man viel lernen.«
-
-Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan zu instruieren, was sehr
-notwendig war, da dieser sich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte.
-Petruschka war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen, und es
-war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem Kutschbock festzubinden.
-
-»So ein Schwein!« Das war alles, was Tschitschikow sagen konnte.
-
-»Sehen Sie! da fangen seine Güter an!« sagte Platonow. »Das sieht doch
-gleich ganz anders aus!«
-
-Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde bewachsene Schonung,
--- jedes Bäumchen war schlank und gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man
-ein zweites gleichfalls noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob
-sich ein alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die
-andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein Streifen _junger_ und
-dahinter ein Streifen alter Wald. Dreimal nacheinander fuhren sie durch
-den Wald, wie durch ein Tor in einer Mauer: »Dieser ganze Wald ist kaum
-acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig Jahre warten, und
-selbst dann ist er noch nicht so hoch.«
-
-»Wie hat er es aber nur gemacht!«
-
-»Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher Kenner des Grund
-und Bodens -- bei dem geht nichts verloren. Er kennt nicht nur den Boden
-ganz genau, er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen und
-jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume er neben dem Getreide
-pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt bei ihm immer gleichzeitig drei bis
-vier Funktionen. Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern
-auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle so und so viel
-Feuchtigkeit brauchen und so und so viel Schatten spenden, und die
-trockenen Blätter benutzt er zum Düngen des Bodens ... Wenn überall
-rings umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster Ordnung;
-alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein braucht sich nicht zu
-beklagen. Schade, daß ich selbst so wenig von diesen Dingen verstehe und
-nicht zu erzählen weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe und
-Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein einen Zauberer. Was der
-nicht alles hat! ... Und doch! Trotzalledem ist es langweilig!«
-
-»Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!« dachte
-Tschitschikow. »Es ist sehr bedauerlich, daß der junge Mann so
-oberflächlich ist und einem nichts erzählen kann.«
-
-Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhöhen
-gelegenen Hütten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der
-drei Hügel war von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige
-Getreide- und Heuschober stehen. »Hm!« dachte Tschitschikow, »man merkt
-gleich, daß hier ein königlicher Gutsbesitzer wohnt!« Die Hütten waren
-alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen
-stehn -- und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man
-begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh
-war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus
-wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die
-Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln
-nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenplätze,
-noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte
-eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhäusern bis dicht ans
-Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was rund
-um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob
-sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war
-nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der schönen
-Aussicht ergötzen könnten, sondern um die Arbeiter auch auf den
-entferntesten Feldern ständig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an
-der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit
-mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine
-Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an,
-wie sie die Kosacken zu tragen pflegen.
-
-Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine
-frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schön wie Gottes
-heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem
-Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer
-heiter und gesprächig war.
-
-»Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du gekommen bist. Konstantin
-ist leider nicht zuhause, aber er muß bald kommen.«
-
-»Wo ist er denn?«
-
-»Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,« sagte sie, während sie
-die Gäste ins Zimmer geleitete.
-
-Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwürdigen
-Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte,
-denn er glaubte, er werde aus _dieser_ den Charakter und das Wesen des
-Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster
-oder von dem leeren Schneckengehäuse auf die Schnecke schließt, die es
-einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das
-Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Zimmer
-waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es
-weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem
-Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, alles deutete darauf
-hin, daß das Wesen, das hier hauste, sich den größten Teil seines Lebens
-garnicht innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde
-aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und sybaritisch im
-weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte und dort seinen Gedanken
-nachhing, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit
-einfielen und auch _dort_ ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte
-Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen häuslichen Sinnes
-entdecken: auf den Tischen und Stühlen lagen Bretter von Lindenholz, auf
-denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren.
-
-»Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester?« sagte
-Platonow.
-
-»Das ist doch kein Plunder!« versetzte die Hausfrau. »Das ist das beste
-Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit
-kuriert. Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht
-werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem
-eingelegten Gemüse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es
-eßt.«
-
-Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten.
-
-»Herrgott, das alte Zeug!« sagte er, »Schämst du dich gar nicht,
-Schwester?«
-
-»Nimm mir's nicht übel, Bruder, ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit
-Musik abzugeben. Ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik
-abzugeben. Ich habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß.
-Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen, bloß damit
-ich genug freie Zeit habe, um mich mit Musik zu beschäftigen? -- Nein
-entschuldige, das tue ich denn doch nicht!«
-
-»Bist du langweilig geworden, Schwester!« sagte der Bruder und trat ans
-Fenster: »Ah, da ist er ja schon, er kommt, eben kommt er!« rief
-Platonow.
-
-Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann von etwa vierzig
-Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, in einer Jacke von Kamelhaaren
-kam auf das Haus zugeschritten. Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu
-achten. Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei Männer
-niederen Standes, mit respektvoll entblößtem Haupte, in einer lebhaften
-Unterhaltung begriffen; der eine war ein einfacher Bauer, der andre ein
-durchreisender Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit langen
-Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen blieben, konnte man ihr
-Gespräch deutlich im Zimmer hören.
-
-»Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft euch bei eurem Herrn
-los. Ich will euch die Summe meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja
-allmählich bei mir abarbeiten!«
-
-»Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir uns loskaufen? Nehmen
-Sie uns lieber ganz zu sich. Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen.
-Einen so klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der ganzen Welt.
-Heutzutage hat man seine Not, man kann sich nicht genug in acht nehmen.
-Die Kneipwirte haben euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im
-Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser austrinken
-möchte: eh man sich's versieht, ist die letzte Kopeke ausgegeben. Die
-Versuchung ist auch allzugroß. Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei
-Gott! Was erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu machen!
-Tabak und all diese Finessen. Was soll man anfangen, Konstantin
-Fjodorowitsch? Man ist auch nur ein Mensch -- man läßt sich halt leicht
-verführen.«
-
-»Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes. Wenn ihr zu mir kommt,
-dann seid ihr doch auch nicht frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was
-ihr braucht: eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was von
-meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei mir müssen sie vor
-allem _arbeiten_ -- das ist das erste; ob nun für mich oder für sich
-selbst, das ist ganz gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite
-ja auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil ich es an mir
-selbst erfahren habe: all diese Schrullen kommen einem bloß in den Kopf,
-weil man nicht arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt
-sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.«
-
-»Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin Fjodorowitsch. Selbst
-die alten Leute bei uns sagen schon: >bei Ihnen sind die Bauern alle
-reich, das ist doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig
-und so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, und jetzt haben
-wir niemanden, der einen rechtschaffen beerdigen könnte.<«
-
-»Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber mit der Gemeinde.«
-
-»Wie Sie befehlen!«
-
-»Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind schon so gut und gehen
-etwas mit dem Preise herunter,« sagte der durchreisende Kaufmann im
-langen blauen Rock, der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt.
-
-»Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin
-nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann
-erscheinst, wenn sie ihre fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne
-euch viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche Zahlungen zu
-machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer
-verzweifelten Lage, da gibt er euch natürlich alles um den halben Preis
-her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei
-mir können die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe
-keine Hypothekengelder zu bezahlen!«
-
-»Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch
-nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus
-Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!«
-Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen schmutziger Banknoten
-aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie
-nachzuzählen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche.
-
-»Hm,« dachte Tschitschikow, »wie wenn das sein Taschentuch wäre!« Doch
-jetzt erschien Kostanshoglo in der Türe des Salons. Er machte einen
-tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die
-struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten
-Anflug von Grau erkennen ließen, den lebhaften Ausdruck der Augen und
-seine etwas gallige Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er
-war kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, woher seine
-Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum;
-das paßte nicht in sein System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft
-damit nicht viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen,
-und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen.
-
-Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich.
-
-»Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu
-machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine
-Langeweile los werden,« sagte Platonow, »Pawel Iwanowitsch hat mir
-vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.«
-
-»Das ist ja vortrefflich!« sagte Konstanshoglo. »Und welche Gegend
-gedenken Sie zu besuchen?« fuhr er fort, indem er sich liebenswürdig an
-Tschitschikow wandte.
-
-»Ich muß gestehen,« sagte Tschitschikow, indem er den Kopf höflich auf
-die Seite neigte und mit der Hand über die Stullehne strich, »ich muß
-gestehen, daß ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im
-Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl
-sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige
-von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natürlich
-sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem
-eigenen Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen für
-die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und
-Strudel des Menschenvolkes zu stürzen -- das ist sozusagen ein lebendes
-Buch und auch eine Art Wissenschaft.«
-
-»Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.«
-
-»Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist wirklich gut. Man
-sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen hätte, und trifft mit
-Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche
-Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir
-eine so glückliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie,
-verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie
-mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit.
-Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.«
-
-»Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren?« sprach
-Kostanshoglo verlegen. »Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen
-Lehrgeld bezahlt.«
-
-»Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die Weisheit und die
-Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft zu regieren, einen sicheren
-Gewinn zu erzielen, Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen
-eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn das ist doch die
-Pflicht eines jeden Bürgers und damit verdient man sich die Achtung
-seiner Mitmenschen.«
-
-»Wissen Sie was?« sagte Kostanshoglo und sah ihn nachdenklich an,
-»bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen die ganze Einrichtung
-zeigen und Ihnen alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier
-nicht finden.«
-
-»Aber natürlich! Bleiben Sie doch!« fiel die Hausfrau ein; dann wandte
-sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: »Bleib doch, Bruder, du hast
-doch keine Eile.«
-
-»Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch nichts dagegen hat?«
-
-»Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen ... Da ist nur noch ein
-Umstand: ein Verwandter des General Betrischtschew, der Oberst
-Koschkarow ...«
-
-»Der ist aber doch verrückt!«
-
-»Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch gar nicht besucht,
-aber General Betrischtschew, wissen Sie, ein guter Freund von mir, und
-sozusagen mein Wohltäter ...«
-
-»Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,« sagte Kostanshoglo:
-»fahren Sie doch gleich zu ihm, er wohnt keine zehn Werst von hier. Mein
-Wagen ist angespannt -- setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. Zum
-Tee können Sie schon wieder zurück sein.«
-
-»Eine großartige Idee!« rief Tschitschikow aus und griff nach dem Hut.
-
-Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten.
-Im Dorfe ging es drunter und drüber: hier wurde gebaut, dort eine
-Reparatur vorgenommen, überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen und
-Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser, die wie Gerichtsgebäude
-aussahen. Auf dem einen befand sich eine Inschrift in goldenen Lettern:
-»Depot für landwirtschaftliche Werkzeuge«, auf einem andern las man:
-»Hauptrechnungskammer«, »Komitee für Gemeindeangelegenheiten«,
-»Normalschule für Landleute«. Mit einem Wort, weiß der Teufel, was es da
-nicht alles gab!
-
-Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der Feder in den Zähnen. Der
-Oberst empfing Tschitschikow außerordentlich freundlich. Er machte den
-Eindruck eines äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing er
-an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet habe, sein Gut auf
-die Höhe zu bringen, auf der es sich jetzt befindet; er beklagte sich
-schmerzlich darüber, wie schwer es sei, den Bauern begreiflich zu
-machen, was die »höheren Antriebe« sind, die der Mensch nur aus einem
-vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung mit Wissenschaften und
-Künsten gewinnt; daß es ihm noch immer nicht gelungen sei, die
-Bäuerinnen zu veranlassen, doch ein Korsett anzulegen, während er in
-Deutschland, wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die Tochter eines
-einfachen Bauern kennen gelernt habe, die Klavier spielen konnte;
-dennoch aber werde er den Trotz der Unwissenheit und Unbildung brechen,
-und es bestimmt erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während sie
-hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise über den
-Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils und die chemische
-Analyse des Bodens unterrichten.
-
-»Daß du dich nur nicht täuschst!« dachte Tschitschikow. »Denken Sie
-bloß, ich habe die »Gräfin Laveillère« bis heute noch nicht gelesen. Ich
-kann immer keine Zeit dazu finden.«
-
-Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die Menschen wohlhabend
-und glücklich machen könne. Eine besondere große Bedeutung legte er der
-Kleidung bei: er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte
-aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen wollte,
-die Wissenschaften emporblühen, der Handel sich heben und das goldene
-Zeitalter für Rußland anbrechen würde.
-
-Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ihn ruhig an und
-sagte schließlich zu sich selbst: »Ich glaube, mit dem brauche ich mich
-nicht zu genieren;« und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig,
-zuvor aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und dazu bedürfe
-es _der_ und _der_ Formalitäten.
-
-»Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,« sagte der Oberst, ohne auch
-nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten, »ist das ein _Gesuch_, das
-Sie an mich richten! Nicht wahr?«
-
-»Sehr richtig.«
-
-»Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu formulieren. Das Gesuch
-muß nämlich erst ins »Bureau für Berichte und Anzeigen«, dort wird es
-signiert, und erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf an
-das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von dort geht es an den
-Verwalter, der Erhebungen anstellen wird, und der Verwalter läßt es
-endlich zusammen mit dem Sekretär ...«
-
-»Ich bitte Sie!« sprach Tschitschikow, »auf diese Weise wird sich ja die
-Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein solcher Gegenstand läßt sich
-doch nicht schriftlich behandeln. Das ist ja so eine delikate ...
-Angelegenheit, die ... Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot
-...«
-
-»Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß die Seelen gewissermaßen
-schon tot sind.«
-
-»Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man doch nicht
-niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so soll es doch den
-Anschein haben, als ob sie noch leben ...«
-
-»Gut, dann schreiben Sie eben: _es ist nötig, oder es ist erwünscht,
-oder man legt Wert darauf, daß es den Anschein habe, als ob sie noch
-leben_. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie
-bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann
-mitgeben, der Sie überallhin begleiten wird.«
-
-Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe.
-
-»Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.« Gleich darauf trat auch der
-Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was
-er war, ein Bauer oder ein Beamter. »Er wird Sie überall hinführen.«
-
-Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich aus Neugierde, dem
-Kommissar zu folgen und diese so überaus wichtigen Instanzen kennen zu
-lernen. Das »Bureau für Berichte und Anzeigen« stand nur auf dem
-Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus
-Chryljow war in das soeben gegründete Komitee für Gemeindebauten
-versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch
-der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen
-daher in das Departement für Gemeindeangelegenheiten -- da wurden jedoch
-gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der
-betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich auch nichts
-herausbringen. »Bei uns herrscht eine große Unordnung!« sagte
-schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. »Die Leute tanzen unserem
-Herrn alle auf der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission ab;
-sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie überallhin,
-wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen
-Vorteil.« Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission.
-Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten
-zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein großer Wirrwar,
-man könne sich da unmöglich zurechtfinden, und ein Bureau für Berichte
-und Anzeigen gäbe es überhaupt nicht.
-
-Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte Tschitschikow dankbar
-die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfaßte acht in strengstem Tone
-gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmächtig
-über Beamte verfügt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehörten? wie
-der Oberverwalter es habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich
-entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten
-zuvor einem andern übergeben zu haben? und wie das Komitee für
-Gemeindeangelegenheiten ruhig darüber hinweggehen konnte, daß es
-überhaupt kein Bureau für Anzeigen und Berichte gebe?
-
-»Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!« dachte Tschitschikow und wollte
-schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow:
-
-»Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich
-will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte
-Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel
-wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität beendigt.
-Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht
-allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich
-einstweilen in meine Bibliothek verfügen zu wollen,« fuhr der Oberst
-fort, indem er eine Seitentür öffnete: »Hier finden Sie Bücher, Papier,
-Federn, Bleistifte -- mit einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte!
-alles steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären. Die
-Aufklärung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.«
-
-So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow in die Bibliothek
-geleitete. Diese war ein mächtiger Saal der von unten bis oben mit
-Büchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden
-sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bücher über
-Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau,
-Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt
-werden, bloß damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest.
-Als Tschitschikow sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher waren, die
-sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu
-vertreiben, ging er an den nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus
-dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als
-_philosophische_ Bücher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs
-gewaltige Bände mit der Ueberschrift: »Einführung in die Lehre vom
-Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer
-Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polarität in
-der gesellschaftlichen Produktivität.« Was für ein Buch Tschitschikow
-auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von:
-_Erscheinung_, _Entwickelung_, _Abstraktion_, _Geschlossenheit_, _An und
-Für sich sein_, mit einem Wort, weiß der Teufel, was nicht alles in so
-einem Buche stand! »Das ist nichts für mich,« sagte Tschitschikow, und
-ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter _kunstgeschichtliche_
-Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen Folianten mit Bildern aus der
-antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige
-Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blättern. Solche Bilder
-gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch
-alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche
-gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen
-Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten ähnlichen übergehen,
-als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in
-der Tür erschien.
-
-»Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit erledigt! Der
-Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür
-will ich ihn aber auch über alle anderen erheben und ein eigenes
-Departement für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was das für ein
-heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig
-geworden ist.«
-
-»Na, Gott sei Dank!« dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu
-hören. Der Oberst begann mit der Vorlesung:
-
-»Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten
-Auftrages gehe, habe ich die Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren
-Kenntnis zu bringen:
-
-Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters und Kollegienrates
-Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ein grundlegendes Mißverständnis
-enthalten, denn die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden
-unvorsichtiger Weise _tot_ genannt. Dahingegen wird er wahrscheinlich
-Seelen gemeint haben, die dem Tode nahe sind, keineswegs aber absolut
-tote Seelen. Zudem verrät auch schon diese Bezeichnung eine
-Bildungsstufe, die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen
-Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem Niveau einer
-Gemeindeschule entspricht, denn die Seele ist _unsterblich_.«
-
-»So ein Schelm!« sagte Koschkarjow und hielt ein wenig inne. »Hier will
-er Ihnen eines auswischen. Aber nicht wahr? welch eine gewandte,
-schneidige Feder er führt!«
-
-»Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden, weder solche, die dem
-Tode nahe sind, noch irgendwelche andre, die nicht schon hypothekarisch
-belastet wären, denn sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit
-einfachen, sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß noch
-außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede Seele kommen,
-ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, welches infolge eines Prozesses
-mit dem Gutsbesitzer Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in
-Nummer 42 der »Moskauer Nachrichten« zu lesen steht.«
-
-»Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? Wozu haben Sie mich
-unnütz aufgehalten?« sagte Tschitschikow ärgerlich.
-
-»Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf dem richtigen
-Instanzweg ergeben. Das ist doch kein Spaß. Unbewußt und sozusagen
-instinktiv kann jeder Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein
-geschehen.«
-
-Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und lief eilig zum Hause
-hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten Pflichten des Anstandes zu
-wahren: er war sehr böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor
-der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen,
-denn um Futter für die Tiere zu erhalten, hätte er erst ein
-schriftliches Gesuch einreichen müssen, und der Beschluß, den Pferden
-ihren Hafer auszufolgen, wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der
-Oberst lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft die
-Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß er ihm Gelegenheit gegeben
-habe, den ganzen Betrieb in der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse
-den Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. Sonst
-könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus träge
-werden und einrosten. Dieser Vorfall habe ihm einen glücklichen Gedanken
-eingegeben, nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den Namen
-tragen soll: »Kommission zur Aufsicht über die Baukommission«. Dann
-würde es niemand mehr wagen zu stehlen.
-
-Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später Stunde bei
-Kostanshoglo an. Man hatte schon längst Licht angezündet.
-
-»Warum kommen Sie so spät?« sagte Kostanshoglo, als Tschitschikow in der
-Türe erschien.
-
-»Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?« fragte Platonow.
-
-»Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!«
-rief Tschitschikow aus.
-
-»Das ist noch gar nichts!« meinte Kostanshoglo. »Koschkarjow ist
-trotzdem eine tröstliche Erscheinung. Man braucht solche Leute, weil
-sich in ihnen die Torheiten unserer »weisen Männer« gewissermaßen
-karrikiert und recht drastisch offenbaren. -- All jene Neunmalklugen,
-die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen haben, sich in der
-Fremde allerhand Flausen in den Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir
-jetzt für Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für
-Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen, Schulen und Kommissionen,
-und weiß der Teufel, was noch alles! So sind aber die gescheidten Leute!
-Kaum daß man sich von der französischen Invasion und dem Jahr 1812
-erholt hat, da fangen sie schon wieder an, Unordnung zu stiften und
-alles einzureißen. Wahrhaftig, die haben schlimmer gehaust als der
-Franzose. Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein Peter
-Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten Gutsbesitzer sein wird.«
-
-»Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?« sagte Tschitschikow.
-
-»Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, alles!« Kostanshoglo
-redete sich allmählig immer mehr in Zorn. »Da haben Sie zum Beispiel
-eine Hut- und eine Kerzenfabrik -- natürlich müssen die Werkmeister aus
-London verschrieben werden. Man wird ja zum reinsten Krämer! Der
-Gutsbesitzer -- ein so hochachtbarer Beruf -- wird Fabrikant und
-Manufakturist! Webstühle um Tüllkleider für die »Dämchen« aus der Stadt
-zu fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...«
-
-»Aber du selbst hast doch auch Fabriken,« bemerkte Platonow.
-
-»Wer hat denn die gebaut?«
-
-»Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel Wolle da, daß ich sie
-nicht absetzen konnte. -- Da fing ich eben an, Stoffe zu weben, lauter
-_dickes_, einfaches Zeug -- das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem
-Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern brauchen, meine eigenen
-Bauern. Oder ein anderes Beispiel: die Fischer haben sechs Jahre lang
-ihre Fischschuppen hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß hin mit
-ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus ihnen zu sieden. Das hat mir
-vierzig Tausend eingebracht. So kommt bei mir alles von selbst.«
-
-»Teufel!« dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd anblickte.
-»Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!«
-
-»Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose zu mir
-gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger gestorben wären. Wir hatten ja
-Hungersnot. Alles dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen
-hatten. Solche Fabriken gibt's bei mir in Hülle und Fülle, mein Bester,
-jedes Jahr 'ne andre. Je nachdem, was ich gerade für Abfälle zu
-verwerten habe. Sieh' nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem
-Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn schließlich
-fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich baue mir ja auch keine
-Häuser mit Säulengängen und Giebeln.«
-
-»Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber ist, daß man mit jedem
-Plunder was verdienen kann!« sagte Tschitschikow.
-
-»Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so
-nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser
-und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das
-Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu muß
-er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren!« Bei
-diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. »Und dabei kommt er tausendmal
-dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.«
-
-»Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!« sagte die Frau
-besorgt, »du weißt doch, daß dir das schadet.«
-
-»Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch
-um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles
-Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man
-sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don
-Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir früher garnicht gekannt haben!
-Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich
-ein Don Quixote. Gründet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein
-Narr was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu
-nichts nütze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Höchstens
-lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder
-so einer will in Humanität machen -- dann wird er ein Don Quixote der
-Humanität: baut allerhand alberne Krankenhäuser und Asyle mit
-Säulenhallen für 'ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt
-andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!«
-
-Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung zu tun. Er wollte
-durchaus näheres darüber erfahren, wie man mit jedem Plunder was
-verdienen könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte kommen;
-immer neue, heftige Reden entströmten seinem Munde, er war jetzt schon
-nicht mehr imstande, sie zu unterdrücken.
-
-»Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den Bauern aufklären sollen
-... sorgt mal erst dafür, daß er reich und ein tüchtiger Landwirt wird,
-dann wird er schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich
-garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was
-diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die
-Welt setzt, dann stürzen sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was
-sie jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: >Der Bauer führt ein zu
-primitives Leben; er muß auch den Luxus kennen lernen, man muß ihm
-höhere Bedürfnisse beibringen ...< Weil sie selbst dank diesem Luxus zu
-Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen Burschen
-mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zähne mehr im
-Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase -- darum wollen Sie
-andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, daß wir
-doch wenigstens noch _einen_ gesunden Stand haben, der noch nichts von
-diesen Launen und Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich
-dankbar sein. Jawohl -- der Landmann verdient unsere allergrößte Achtung
--- wozu rührt ihr ihn also an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie
-er.«
-
-»Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich mit der
-Landwirtschaft zu beschäftigen?« fragte Tschitschikow.
-
-»Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. >Im
-Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen<, heißt es in der
-Bibel. Daran ist nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine
-hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung mit dem
-Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich
-sage nicht -- daß man nichts andres tun dürfe -- aber der Grund zu allem
-muß in der Landwirtschaft liegen ... das ist's. Die Fabriken werden
-schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige Fabriken -- in denen
-Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle
-braucht, und nicht all diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung
-eingebildeter Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur
-verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und
-um nur einen recht großen Absatz zu haben, zu den schändlichsten Mitteln
-ihre Zuflucht nehmen, und das unglückliche Volk verderben und verführen.
-Ich für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen gründen, und wenn
-die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich
-nie dazu hergeben, jene sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und
-Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen
-verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll,
-dann will _ich_ wenigstens meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich
-will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich _in_ und
-_mit_ dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.«
-
-»Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man die Reste und Abfälle so
-gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt
-natürlich, daß man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.«
-
-»Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!« fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf
-ihn zu hören, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen
-Ausdruck an. »Tüchtige Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf
-dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und
-so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ...
-Narren!« Und wieder spuckte er ärgerlich aus.
-
-»Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich aber doch bitte nicht
-so,« sagte die Frau, »als ob es nicht möglich ist, über diese Dinge zu
-reden, ohne gleich außer sich zu geraten.«(8)
-
-»Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin Fjodorowitsch, dann beginnt
-man gewissermaßen den Sinn des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen
-den Kern der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick diese
-allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und Ihre Aufmerksamkeit
-auf eine Privatangelegenheit zu richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre
-Gutsbesitzer geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu
-Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen eine ernste
-Bürgerpflicht zu erfüllen, -- wie sollte ich das wohl anfangen?«
-
-»Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?« fiel Kostanshoglo ein:
-»Ganz einfach: ...«
-
-»Das Abendessen ist fertig,« sagte die Hausfrau, indem sie sich vom Sofa
-erhob; sie ging in die Mitte des Zimmers und hüllte ihren jungen Körper
-zitternd in ihr Tuch.
-
-Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs vom
-Stuhle auf, hielt ihr höflich den Arm hin und führte sie feierlich durch
-zwei Zimmer hindurch bis in den Speisesaal, wo schon die offene
-Suppenterrine auf dem Tische stand und einen angenehmen würzigen Duft
-von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern verbreitete. Alle Anwesenden
-nahmen Platz. Die Bedienten setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln
-nebst allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und entfernten
-sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die Dienstboten mit anhörten,
-was bei Tische gesprochen wurde, oder daß sie ihm in den Mund sahen,
-während er aß.
-
-Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war und ein Gläschen von
-einem ganz vorzüglichen Getränk, das wie Ungarwein schmeckte, geleert
-hatte, wandte er sich abermals an den Hausherrn: »darf ich noch einmal
-auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückkommen,
-Verehrtester. Ich wollte Sie fragen, wie man es anfangen, was man tun
-muß, wie man sich verhalten soll ...«[4]
-
- * * * * *
-
-.... »Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut verlangen sollte, würde
-ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort auf den Tisch legen.«
-
-»Hm!« Tschitschikow wurde nachdenklich. »Und warum kaufen Sie es denn
-nicht selber?« sagte er dann mit einer gewissen Schüchternheit.
-
-»Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit _meinen_ Gütern genug zu
-tun. Und dann schreien unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre
-verzweifelte Lage zunutze mache und ihre Ländereien für einen Spottpreis
-aufkaufe. Das habe ich bald satt.«
-
-[Fußnote 4: Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew in
-der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gespräch zwischen
-Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine größere Lücke auf. Man
-muß annehmen, daß Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag macht, das
-Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben.
-
- Anm. des Herausgebers.
- ]
-
-»Daß doch die Menschen immer schlecht von einem reden müssen!« sagte
-Tschitschikow.
-
-»Und erst in unserer Provinz! Das können Sie sich garnicht vorstellen:
-man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich
-selbst verzeihen sie alles. Da heißt es immer: >Ich habe freilich alles
-durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben höhere Bedürfnisse
-hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber
-sagen, die Lumpen und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein
-Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo< ...«
-
-»Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!« sagte Tschitschikow.
-
-»Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! Wem wollen sie denn
-was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, -- sie
-lesen sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind schließlich
-die Kosten und der ... Und das alles kommt bloß daher, weil ich keine
-Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal
-nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. Will
-einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen -- mit dem größten
-Vergnügen. Und daß ich kein Geld leihe -- das ist ganz einfach nicht
-wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau
-Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich
-aus seinen Worten entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon
-machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann
-werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafür
-verlangen.«
-
-»Das muß ich mir merken,« dachte Tschitschikow.
-
-»So einem werde ich es nie abschlagen,« fuhr Kostanshoglo fort. »Aber
-mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein,
-da muß man mich schon entschuldigen. Hol's der Teufel! Da kriegt einer
-den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus
-luxuriös ausstatten; will wie ein Verrückter, mit irgend einem
-Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil er
-so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft -- und dazu soll
-ich ihm noch Geld leihen!«
-
-Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte in Gegenwart seiner
-Frau beinah ein paar unanständige Schimpfworte fallen lassen. Der
-dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht.
-Zahlreiche Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches
-Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die Galle regte.
-
-»Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal
-auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs
-zurückzulenken,« sagte Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen
-Himbeerlikör herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. »Nehmen wir
-einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen geruhten, was
-denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit könnte man wohl so
-reich werden, daß ...«
-
-»Wenn Sie durchaus _schnell_ reich werden wollen,« unterbrach ihn
-Kostanshoglo kurz und streng, »dann werden Sie niemals reich werden;
-wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht
-nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele
-kommen.«
-
-»Wirklich?« sagte Tschitschikow.
-
-»Ja,« versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, daß er sich über
-Tschitschikow ärgerte, »man muß die Arbeit lieb haben, ohne das kann man
-nichts erreichen. Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! -- Jawohl!
-Und glauben Sie mir -- sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein
-neuer Einfall, daß es auf dem Lande langweilig ist ... ich für meinen
-Teil käme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt
-verbringen müßte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in
-ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren.
-Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur
-Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenräume -- jeder
-Augenblick ist ausgefüllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner
-Beschäftigung, seiner Tätigkeit! -- und welch einer Tätigkeit! -- diese
-Tätigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! Sagt was ihr
-wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen Hand in Hand mit der
-Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an
-allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das
-ganze Jahr über alles geschafft werden muß: wie noch vor Anbruch des
-Frühlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da muß
-die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal
-durchgesehen, gemessen und getrocknet, da muß nachgerechnet werden,
-wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus
-überlegt und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht
-und die Flüsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde
-sich lockert -- dann arbeitet in den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten,
-und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. Verstehen
-Sie, was das heißt? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die künftige
-Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier
-ausgesät. Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun
-beginnt die Heuernte, man mäht und mäht ... Doch jetzt kommt die
-Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer.
-Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt's keinen Augenblick
-verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und doch hätte keines Zeit
-zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und
-zu Garben zusammengebunden ist -- dann muß man schon wieder weiter
-denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, die Scheunen, die
-Darren, die Viehställe müssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze
-Frauenarbeit -- wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was
-man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf
-allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in
-die Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in die Fabriken,
-besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern und sieht, was sie tun und
-treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt
-umzugehen weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm
-zuschauen, so ein Vergnügen macht mir's, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn
-man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um
-uns her alles wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt -- ich
-kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb,
-weil sich das Geld vermehrt -- Geld ist natürlich auch eine schöne Sache
--- aber weil das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du
-selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, und daß du wie irgend
-ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über
-alles ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen höheren Genuß
-vorstellen?« fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren
-verschwunden. Wie ein König am Tage seiner feierlichen Krönung, so
-strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten.
-»Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen Genuß finden!
-Denn hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat sich das
-Schaffen als den höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom
-Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück und Wohlergehen
-schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschäftigung!«
-
-Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die
-süßtönenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hören
-konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten
-einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen Ausdruck an; er
-hätte immer weiter zuhören mögen.
-
-»Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns erheben,« sagte die
-Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin
-den Arm und führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es
-seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn
-seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt.
-
-»Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und
-langweilig,« erklärte Platonow, der hinter ihnen herging.
-
-»Der Gast ist kein dummer Kerl,« dachte der Hausherr; »er ist
-aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in seinen Reden und vor allem kein
-Schwätzer.« Bei diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die
-Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, daß
-er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen
-Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen.
-
-Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein
-angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die
-Sterne hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu
-ihnen durch die Glastür hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so
-wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich
-nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände,
-wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte,
-und mit dem Worte »Genug« seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte.
-Diese beglückende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien
-Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und
-vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man
-irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen
-findet, dessen erwärmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die
-Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und
-den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher
-Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter Abend für alle Zeiten
-unserer Erinnerung ein, mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so
-kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was er in der
-Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und jede unbedeutende
-Kleinigkeit.
-
-Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prägte sich seinem
-Gedächtnis tief ein: das freundliche schlicht möblierte Zimmer, der
-gutmütige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das
-Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die Platonow
-gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies,
-Jarbs ärgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre
-vorwurfsvollen Worte: »Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.« Die
-lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die
-Glastür, die Frühlingsnacht, die über die hohen Baumwipfel schwebend zu
-ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte
-Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der
-Tiefe grünblättriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche
-Nacht ...
-
-»Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin
-Fjodorowitsch!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, ich habe in
-ganz Rußland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand
-gleichkäme.«
-
-Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow unrecht
-hatte. »Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen
-lernen wollen, -- hier ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: --
-das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen
-aufzubinden.«
-
-»Wer ist denn das?« fragte Tschitschikow erstaunt.
-
-»Das ist unser Branntweinpächter Murasow.«
-
-»Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!« rief Tschitschikow aus.
-
-»Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein Gut, der könnte einen
-ganzen Staat verwalten. Hätte ich ein Königreich, ich würde ihn sofort
-zu meinem Finanzminister ernennen.«
-
-»Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab der Wahrscheinlichkeit
-übersteigt: er soll sich zehn Millionen erworben haben.«
-
-»Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten. Bald wird halb
-Rußland ihm gehören!«
-
-»Was sagen Sie!« rief Tschitschikow, indem er den Mund öffnete und sein
-Gegenüber erstaunt anstarrte.
-
-»Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar Hunderttausende besitzt,
-der wird langsam reich, wer dagegen Millionen hat, der hat sozusagen
-einen gewaltigen Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und
-verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites Feld, einen zu
-großen Spielraum. Da gibt's keine Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner
-messen. Er kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn es
-ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.«
-
-»Herrgott, Herrgott!« sagte Tschitschikow und schlug ein Kreuz.
-Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, und der Atem wollte ihm
-ausgehen: »Das ist ja geradezu unfaßbar! Man wird ganz starr vor
-Schrecken! Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man einen
-Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es weit wunderbarer, daß
-solch gewaltige Summen durch die Hand _eines_ Sterblichen gehen können.
-Darf ich Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der Gründung
-dieses Vermögens ist es doch wohl nicht ganz sauber zugegangen?«
-
-»Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er hat sich stets nur der
-saubersten Mittel bedient.«
-
-»Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben! Wenn es sich bloß um
-Tausende handelte, aber hier geht es um Millionen ...«
-
-»Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die Millionen dagegen werden
-leicht erworben. Ein Millionär braucht die krummen Wege nicht: er
-braucht nur immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor ihm liegt. Ein
-andrer kann's eben nicht aufheben, es fehlt ihm die Kraft dazu -- der
-Millionär aber hat keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß ..
-ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht sich ...
-Was bringen dagegen ein paar Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.« ...
-
-»Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit ein paar Kopeken
-angefangen haben soll!«
-
-»Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge,« sagte
-Kostanshoglo. »Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf
-immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu,
-der hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott was noch
-alles! Man muß von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte -- mit der
-Kopeke und nicht mit dem Rubel -- von unten und nicht von oben: dann
-erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen
-man später leben muß. Wenn man erst das eine und das andre am eignen
-Leibe gespürt und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie es
-heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles
-durchgemacht und alle Prüfungen überstanden hat, dann wird man klug und
-besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen
-Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche
-die Wahrheit. Man muß von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer
-mir sagt: >Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie
-schnell ich reich werde,< dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das
-Glück und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.«
-
-»In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,« versetzte
-Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die toten Seelen denken: »denn
-ich fange in der Tat mit nichts an.«
-
-»Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe
-gönnen; er will sicher schlafen gehen,« sagte die Hausfrau, »du aber
-plauderst immer weiter.«
-
-»Natürlich werden Sie reich werden,« erwiderte Kostanshoglo, ohne auf
-seine Frau zu hören. »Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in
-Strömen zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin
-sollen.«
-
-Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem
-herrlichen Reiche schmeichelnder Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz
-wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in
-den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden Reichtums, und immer
-wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: »Das Gold wird
-Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.«
-
-»Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu
-gehen.«
-
-»Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast,« sagte der
-Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, daß das ganze
-Zimmer dröhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte,
-als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es in der Tat Zeit
-zum Schlafengehen war, er rüttelte daher Platonow auf und sagte:
-»Schnarch doch nicht so!«, dann wünschte er Tschitschikow eine gute
-Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in
-tiefen Schlaf versunken.
-
-Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht
-zur Ruhe kommen. Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen
-sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß
-eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gespräch mit
-dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Möglichkeit, reich
-zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige
-Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so einfach und
-natürlich, und ganz wie geschaffen für seine Natur! Wenn er nur erst
-seine Hypothek auf diese Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes
-wäre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken -- ganz wie
-Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte -- gewandt, umsichtig und sicher, ohne
-vorzeitige Neuerungen einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen
-gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle
-Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus und Überfluß und widmete
-sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die
-große Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung herrschen,
-alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das
-andere vorwärts stoßen und zur Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben
-und geschäftige Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle sich
-das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mühle alle
-Abfälle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares
-Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand beständig
-vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in
-ganz Rußland, vor dem er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis
-auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und
-Würden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen
-hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt.
-Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging.
-Tschitschikow fühlte, daß er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe
-und Kunststücke einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein
-ganz anderes Projekt -- der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besaß
-selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo
-leihen zu können; hatte dieser doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem
-zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest --
-dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er
-den Verkäufer warten lassen. Das ging schließlich auch: mochte jener
-sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! Und
-lange noch lag er so da und dachte darüber nach, bis schließlich
-Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier
-Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war
-Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken.
-
-
- Viertes Kapitel.
-
-Am folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht besser wünschen ließ.
-Kostanshoglo schoß Tschitschikow bereitwilligst zehntausend Rubel vor,
-ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser mußte ihm bloß
-eine gewöhnliche Quittung ausstellen: so gern half er jedem, der sich
-Besitz und Wohlstand erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich,
-Tschitschikow persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das Gut mit ihm
-zusammen in Augenschein zu nehmen. Tschitschikow war in der besten
-Laune. Nach einem reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg,
-nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz genommen hatten: die
-leeren Kutschen des Hausherrn folgten ihnen in einiger Entfernung nach.
-Jarb lief voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn Werst lang
-sah man auf beiden Seiten nichts als Wälder und Ackerland, das zu
-Kostanshoglos Gute gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich
-das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und statt der Wälder
-erblickte man überall nichts als Baumstümpfe. Trotz der hübschen Lage
-merkte man es dem Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt
-worden war. Zuerst kam man an einem neuen steinernen Hause vorüber, das
-aber unbewohnt war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses folgte
-ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte. Die Gäste fanden den
-Gutsherrn noch ungekämmt und verschlafen; er war nämlich erst vor kurzem
-aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein; sein Halstuch saß
-schief, sein Rock war geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch.
-
-Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste, als ob Gott weiß was
-geschehen wäre: man hätte glauben können, er sähe seine Brüder nach
-langer Trennung zum ersten Male wieder.
-
-»Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! Nein solch eine
-Freude. Ich muß mir wirklich die Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir
-kommt keiner mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: alle Leute
-denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, ja, Konstantin
-Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich sehe -- ich bin selbst schuld
-an allem. Aber, was soll ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen
-Sie bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen Kostüm empfange:
-Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert. Was darf ich Ihnen
-vorsetzen?«
-
-»Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein Geschäft mit Ihnen machen.
-Hier haben Sie einen Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch
-Tschitschikow,« sagte Kostanshoglo.
-
-»Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, lassen
-Sie mich Ihre Hand drücken!«
-
-Tschitschikow reichte ihm beide Hände.
-
-»Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester Pawel Iwanowitsch,
-es ist sehr interessant ... Aber darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob
-Sie auch gegessen haben?«
-
-»Freilich haben wir gegessen,« versetzte Kostanshoglo, der ihn möglichst
-schnell los sein wollte. »Wir wollen keine Zeit verlieren und das Gut
-gleich jetzt besichtigen.«
-
-»Gut, dann wollen wir gehen.« Chlobujew nahm seine Mütze in die Hand.
-»Kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich
-ich bin.«
-
-Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die Dorfstraße hinab.
-
-Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende Hütten mit winzigen
-Fenstern, die mit alten Lappen zugestopft waren.
-
-»Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und
-liederlich ich bin,« sagte Chlobujew. »Es war natürlich sehr vernünftig
-von Ihnen, daß Sie schon gegessen haben. Sie werden mir's nicht glauben,
-Konstantin Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn mehr im Hause,
-soweit ist's mit mir gekommen!«
-
-Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin Fjodorowitsch
-nur wenig Teilnahme finden werde, nahm er Platonow unter den Arm und
-ging mit ihm voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte,
-Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück und folgten
-ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung.
-
-»Man hat's nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!« sagte
-Chlobujew zu Platonow. »Sie können sich's garnicht vorstellen, wie
-schwer man es hat! Kein Geld, kein Korn, keine Stiefel -- für Sie sind
-das freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das wäre natürlich
-nicht so schlimm, wenn man noch jung und unverheiratet wäre. Aber wenn
-all diese Sorgen und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man hat
-noch dazu ein Weib und fünf Kinder -- dann verliert man den Mut, ob man
-will oder nicht ...«
-
-»Und wenn Sie das Gut verkaufen -- glauben Sie, daß Ihnen damit geholfen
-wäre?« fragte Platonow.
-
-»Ach was! Geholfen!« versetzte Chlobujew mit einer hoffnungslosen
-Gebärde. »Es wird _doch_ alles bei der Bezahlung der Schulden
-draufgehen, ich selbst werde keine tausend Rubel übrig behalten!«
-
-»Und was wollen Sie dann anfangen?«
-
-»Das weiß Gott allein.«
-
-»Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen Verhältnissen
-herauszukommen?«
-
-»Was soll ich denn machen?«
-
-»Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.«
-
-»Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was kann ich für eine Stellung
-annehmen? Ich kann höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten.
-Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert Rubeln anfangen? Ich
-habe doch eine Frau und fünf Kinder.«
-
-»Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter auf einem Gute an.«
-
-»Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich selbst alles
-durchgebracht habe!«
-
-»Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn man vor dem Hungertode
-steht. Ich will meinen Bruder fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend
-einen Bekannten eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.«
-
-»Nein, Platon Michailowitsch,« sagte Chlobujew seufzend und drückte
-Platonow kräftig die Hand. »Ich tauge doch zu nichts mehr! Ich bin
-vorzeitig alt geworden, und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus.
-Das sind die alten Sünden! Was kann ich denn leisten? Wozu soll ich den
-Staat plündern? Es gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in
-den Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben wollen.
-Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen Leuten noch neue Steuern
-aufgehalst werden, damit ich nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!«
-
-»Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise!« dachte
-Platonow. »Das ist noch schlimmer als meine Lethargie.«
-
-Während sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit Tschitschikow hinter
-ihnen her; er war ganz außer sich vor Wut.
-
-»Da, sehen Sie,« sagte er, indem er mit dem Finger auf das Dorf wies:
-»was er aus den Bauern gemacht hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und
-Wagen haben sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, -- dann
-darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und Gut denken: da verkauft man
-eben alles und schafft neues Vieh für den Bauer an, damit er auch nicht
-_einen_ Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber das da
-läßt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu braucht man viele
-Jahre. Der Bauer ist ja auch schon ganz verändert, er bummelt und säuft.
-Wenn man ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen läßt, dann
-hat man ihn für alle Zeiten verdorben: er gewöhnt sich daran, in Lumpen
-herumzulaufen und findet Geschmack am Vagabundenleben ... Und sehen Sie
-einmal das Land an. Nun was sagen Sie,« fuhr er fort, indem er auf die
-Wiesen deutete, die gleich hinter den Hütten sichtbar wurden. »Alles
-Land, das jedes Frühjahr überschwemmt ist. Ich würde da Flachs säen, der
-mir allein fünftausend Rubel einbringen würde, und dann würde ich Rüben
-pflanzen, die mir noch einmal viertausend eintragen müßten ... Sehen Sie
-sich bloß einmal den Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar
-Körner verschüttet. Denn er hat ja doch kein Korn gesät -- das weiß ich.
-Und dort -- diese Schlucht! Da würde ich einen Wald anlegen. Die Stämme
-sollten mir bald bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so ein
-herrliches Stück Land läßt er brach liegen! Wenn man schon keinen Pflug
-hat, um es zu pflügen, dann nimmt man den Spaten, gräbt es um und
-pflanzt Gemüse darauf. Das gäbe einen prächtigen Gemüsegarten! Aber man
-muß den Spaten selbst in die Hand nehmen, muß Frau und Kinder und alle
-Dienstboten zu Hilfe nehmen, und arbeiten bis man hinfällt! Und wenn man
-schließlich selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens
-seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist doch nicht
-krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei Tisch zu voll gefressen
-hat!« Hier spuckte Kostanshoglo zornig aus und eine finstere Wolke
-umschattete seine Stirn.
-
-Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit wildem Beifuß bewachsene
-Schlucht hinabsahen, da leuchtete plötzlich eine Windung des Flusses
-hell auf, hinter ihm erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom
-Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive viel näher
-erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf. Dahinter bemerkte man einen
-lockigen, mit Wald bewachsenen Berg, der in der Entfernung bläulich
-flimmerte. Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das
-könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, »wenn man hier
-einen Wald anpflanzen würde, -- dann gäbe es einen Anblick, der sich,
-was Schönheit anbelangt, ruhig mit ....«
-
-»Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,« sagte Kostanshoglo
-plötzlich, und sah ihn sehr streng an. »Nehmen Sie sich in acht, wenn
-Sie zuviel auf die schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne
-Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem
-Nutzen und nicht nach der äußeren Schönheit. Die Schönheit wird schon
-von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Städte: die
-allerschönsten Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem
-Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen
-Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. Die Städte dagegen, die alle nach
-einer Schablone gebaut sind, -- sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie
-die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre
-Bedürfnisse.«
-
-»Wie schade, daß man so lange warten muß! Man möchte alles recht schnell
-so sehen, wie man es zu haben wünscht ...«
-
-»Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling ...! Man merkt
-gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs
-Jahre nacheinander. Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick
-auszuruhen. Es ist schwer, gewiß, es ist sogar _sehr_ schwer. Aber wenn
-Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt haben, sodaß er Ihnen
-selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja,
-ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren _siebzig_ noch
-_siebenhundert_ andre, _unsichtbare_ Hände an der Arbeit waren! Alles
-verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rühren -- und
-doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist
-ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, _Er_ der die Geduldigen
-selig pries.«
-
-»Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue Kraft durch seine Adern
-rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!«
-
-»Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt ist!« rief
-Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte.
-»Ich kann es hier nicht länger aushalten; diese Unordnung und
-Verwahrlosung bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch ohne mich
-abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als
-möglich ab. Er schändet bloß Gottes herrliche Natur!« Kostanshoglo war
-sehr aufgeregt und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm Abschied von
-Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls
-von ihm.
-
-»Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!« sagte der Hausherr
-erstaunt, »Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder
-fort!«
-
-»Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt wieder nach Hause
-fahren,« versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den
-Wagen und fuhr davon.
-
-Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens begriffen zu
-haben.
-
-»Konstantin Fjodorowitsch hat's nicht ausgehalten,« sagte er, »für einen
-so tüchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergnügen, diese
-schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel
-Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein
-Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, daß ich keinen
-Pflug und kein Pferd habe, um zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein
-so vorzüglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin
-Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! -- Das ist ein Napoleon in
-seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum mußten sich soviel
-Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch
-für meinen Schädel wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie
-sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen Steg ist die
-größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pfütze plumpsen wollen.
-Ich habe im Frühjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun
-mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber
-was kann _ich_ ihnen für ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen
-Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen,
-wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich hätte sie am
-liebsten ganz freigelassen, aber das hätte ja auch keinen Sinn. Ich weiß
-sehr gut, daß man erst _andre Menschen_ aus ihnen machen muß, Menschen,
-die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten und strengen
-Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes
-Beispiel und seine unermüdliche Tätigkeit ... Ein Russe -- das sehe ich
-an mir selbst -- kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn
-aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein und versauert.«
-
-»Seltsam,« sagte Platonow, »woran liegt das bloß; daß der Russe immer
-gleich einschläft, und daß der gemeine Mann ein Taugenichts und ein
-Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge läßt!«
-
-»Das macht der Mangel an Bildung,« bemerkte Tschitschikow.
-
-»Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung,
-haben die Universität besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum
-Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es
-gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige Finessen
-auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, die einen Geld kosten? --
-Aber glauben Sie nur nicht, daß das daher kommt, weil ich einen
-schlechten Unterricht genossen habe. -- Durchaus nicht, der Unterricht
-war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von
-ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch
-ohnedies gescheit und begabt genug waren, die übrigen haben für nichts
-Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr
-Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es
-mir fast so vor, als ob der Russe -- ein verlorener Mensch ist. Wir
-wollen alles und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann
-nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Diät zu
-halten; ja prosit, noch am selben Abend schlägt man sich den Bauch so
-voll, daß einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen
-kann -- dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an
--- wahrhaftig. Und so sind wir alle!«
-
-»Ja,« sagte Tschitschikow lächelnd, »so was kann vorkommen!«
-
-»Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. Ich glaube nicht, daß es
-vernünftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen
-Augen sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld verdient und
-erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal
-alt werden, früher oder später fällt er doch dem Teufel in die Krallen
-und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten
-wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich weiß
-freilich selbst nicht recht, was es ist.«
-
-Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung
-machte sich überall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue
-war eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das Bild einer
-furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung dar: beim Gutsherrn wie
-beim Bauern. Ein böses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte
-ein kleines Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das Zeug
-hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas
-weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das
-betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die
-hintere Partie und der andere gähnte. Dieses Gähnen schien sich auch den
-Häusern und Gebäuden mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen.
-Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht
-enthalten gleichfalls zu gähnen. -- Ein Flicken saß auf dem andern. Bei
-einer Hütte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen
-Fensterrahmen wurden von Stangen gestützt, welche aus der
-herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich
-im Haushalt an das System der Fabel von »Trischkas Kaphtan«, man trennte
-die Aufschläge und Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen.
-
-»Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,« sagte Tschitschikow, als
-sie nach gründlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab
-sich ins Zimmer, und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung
-von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfaß
-saß eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische
-lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen
-Rücken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie
-sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade eröffnet worden
-war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen
-trugen hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich besser
-gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte Hemdchen angezogen,
-und wären im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder.
-Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine
-schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes und törichtes Zeug
-plapperte. Die Damen zogen sich zurück, und die Kinder liefen gleich
-darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer.
-
-»Also, was ist Ihr Preis?« sagte Tschitschikow. »Ich muß gestehen, es
-wäre mir lieb den äußersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer
-viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.«
-
-»Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,« versetzte
-Chlobujew. »Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts
-verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen,
-sind nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar
-aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. Sie können Sie auch zu
-den Toten zählen; wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte,
-dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das ganze Gut den
-Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fünfunddreißigtausend.«
-
-Tschitschikow fing natürlich an zu handeln.
-
-»Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend für so ein
-Gut! Nein sagen wir doch lieber fünfundzwanzigtausend.«
-
-Platonow wurde verlegen. »Kaufen Sie es nur, Pawel Iwanowitsch,« sagte
-er. »Für so ein Gut kann man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie
-keine fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen wir es, mein
-Bruder und ich.«
-
-»Also gut, ich bin einverstanden,« sagte Tschitschikow ganz erschrocken.
-»Nur eins; ich kann die Hälfte der Summe erst nach einem Jahr bezahlen.«
-
-»Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich leider in keinem Fall
-einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt die Hälfte geben, und die andre
-in spätestens zwei Wochen. Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen,
-wenn ich nur soviel hätte, um ...«
-
-»Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,« sagte Tschitschikow, »ich
-habe ja überhaupt nur zehntausend Rubel flüssig.« Er log. Wenn man das
-von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte er im ganzen
-über zwanzigtausend Rubel. Aber man entschließt sich bekanntlich nicht
-leicht, eine so große Summe auf den Tisch zu legen.
-
-»Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere Ihnen, ich
-brauche unbedingt fünfzehntausend.«
-
-»Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,« unterbrach ihn Platonow.
-
-»Unter diesen Umständen könnte ich's vielleicht wagen!« sagte
-Tschitschikow und dachte sich: »Hm, das trifft sich aber gut, daß er mir
-was leihen will.« Er ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und
-nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend Rubel heraus; die
-übrigen fünftausend versprach er ihm morgen mitzubringen; wohl gemerkt,
-er _versprach_ es nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben,
-den Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen auszuhändigen;
-wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch länger warten lassen. Pawel
-Iwanowitsch wurde es ganz _besonders_ schwer, sich von seinem Gelde zu
-trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so schien es ihm immer
-noch besser, das Geld wenigstens _einen_ Tag später, als verabredet,
-auszuzahlen. Das heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle.
-Es macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas warten zu lassen:
-mag er sich doch seine Absätze ablaufen und eine Weile im Vorzimmer
-sitzen! Als ob er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was geht
-es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer ist, und daß seine
-Geschäfte darunter leiden! »Kommen Sie nur morgen wieder, Verehrtester,
-heute habe ich leider keine Zeit!«
-
-»Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut verkauft ist?« fragte
-Platonow Chlobujew. »Haben Sie denn noch ein andres Gütchen?«
-
-»Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort habe ich ein eigenes
-Häuschen. Ich hätte das ja auch ohnedies machen müssen: wenn nicht für
-mich, so um meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich muß
-ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und Musiklehrer halten. Wo
-wollen Sie die auf dem Lande hernehmen?«
-
-»Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will seinen Kindern
-Tanzunterricht geben lassen!« dachte Tschitschikow.
-
-»Merkwürdig!« dachte Platonow.
-
-»Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!« sagte Chlobujew:
-»He Kirjuschka! Hol doch mal schnell eine Flasche Champagner!«
-
-»Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber Champagner!« dachte
-Tschitschikow.
-
-Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er denken sollte.
-
-Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen seinen Willen gekommen. Er
-hatte in die Stadt nach Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte
-man ihm keinen Kwas[5] leihen. Was sollte er tun? Man mußte am Ende doch
-seinen Durst stillen. Da erschien ein französischer Weinreisender aus
-Petersburg, der überließ seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb
-denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch ein paar Flaschen
-Champagner abnehmen.
-
-[Fußnote 5: Eine Art Weißbier.]
-
-Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder trank drei Gläser, und
-die Stimmung wurde bald animiert, Chlobujew taute auf, wurde
-liebenswürdig und geistreich und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom
-Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt- und Menschenkenntnis!
-Wie scharf und richtig faßte er die Dinge auf, wie sicher und treffend
-konnte er die Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten
-charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und Mängel, wie
-gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, die sich ruiniert hatten,
-bekannt; wie komisch und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und
-Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert von seiner
-Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst für den Gescheitesten aller
-Menschen erklärt.
-
-»Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und Verstand nicht Mittel
-und Wege finden, um sich zu helfen,« sagte Tschitschikow.
-
-»An den Mitteln fehlt es mir nicht,« sagte Chlobujew und rückte sogleich
-mit einem ganzen Haufen von Projekten heraus. Aber sie waren alle so
-unsinnig, so seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und
-Menschenkenntnis vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken und sagen
-konnte: »Herrgott! welch eine unendliche Kluft liegt doch zwischen der
-Welt- und Menschenkenntnis und der Fähigkeit, sie auszunutzen!« All
-seine Pläne hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert-
-oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte. Wenn ihm das
-gelänge, dann glaubte er, würde alles in den rechten Gang kommen, die
-Wirtschaft würde aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen,
-die Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er auch in der
-Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und er schloß seine Rede mit
-folgenden Worten: »Aber was soll man machen? Es gibt halt keinen solchen
-edlen Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert- oder
-meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu leihen. Es ist wohl nicht
-Gottes Wille.«
-
-»Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren zweimalhunderttausend
-Rubel in den Schoß werfen sollte!« dachte Tschitschikow.
-
-»Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache Millionärin,«
-sagte Chlobujew, »eine sehr fromme alte Dame: für Kirchen und Klöster
-hat sie immer was übrig, aber wenn's gilt, seinem Nächsten zu helfen,
-dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante alten Schlages, es
-lohnt sich schon, sie einmal näher anzusehen. Sie hat allein gegen
-vierhundert Kanarienvögel, dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente,
-wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste ihrer Diener ist
-mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem sie ihn immer: »He Bursche!«
-ruft. Wenn sich ein Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt
-sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die Bedienten tun
-natürlich, was sie befiehlt. Na, was sagen Sie?«
-
-Platonow lächelte.
-
-»Und wie ist ihr Familienname?« fragte Tschitschikow.
-
-»Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra Iwanowna
-Chanassarowa.«
-
-»Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?« fragte Platonow teilnehmend.
-»Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte
-sie es Ihnen garnicht abschlagen.«
-
-»O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste
-Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch!
-Außerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr
-einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum sind. Da ist sogar
-einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich für
-einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen,« sagte er plötzlich
-zu Platonow, »nächste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle
-Honoratioren der Stadt einladen will.«
-
-Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, daß es in Rußland -- in
-den Residenzen und Provinzstädten -- solche Lebenskünstler gibt, deren
-Existenz ein unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes
-Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren in Schulden, weiß
-nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch plötzlich
-ein großes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das
-letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe
-da: es vergehen zehn Jahre -- unser Hexenmeister behauptet nach wie vor
-seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und
-gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste glauben, es seien die
-letzten, und noch immer ist alles überzeugt, daß der Hausherr morgen in
-den Schuldturm kommen werde.
-
-Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames und eigenartiges
-Ding. Heute hielt dort ein Priester im Meßgewande eine Andacht ab,
-morgen übten französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, wo es
-keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschloß, daß bald darauf
-ein großes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Künstler
-teilnahmen, die in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden.
-Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich an Chlobujews
-Stelle längst erhängt oder erschossen hätte; aber was ihn immer wieder
-rettete, war seine Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste
-mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken
-las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern und Asketen, die ihren
-Geist dazu erzogen hatten, alles Unglück mit Gleichmut zu ertragen und
-sich darüber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und seine
-Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu beten -- und seltsam! --
-immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun,
-daß sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder
-daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte Dame, die von ihm
-gehört hatte, ihm in einer plötzlichen großmütigen Regung ihres
-weiblichen Herzens ein größeres Geschenk machte; oder er gewann einen
-Prozeß, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann pries er
-demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, ließ
-Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben.
-
-»Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,« sagte Platonow zu
-Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen
-wieder bestiegen hatten.(9)
-
-»Ein verlorener Mensch!« versetzte Tschitschikow. »Solche Leute sollte
-man nicht bedauern.«
-
-Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil
-ihn die Menschen bei seiner Trägheit und Apathie ebensowenig
-interessierten wie die ganze übrige Welt. Sein Herz krampfte sich
-mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese
-Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in seiner Seele.
-Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte
-nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch
-Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen
-Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde
-er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, sondern leibhaftiger
-Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war,
-nachdenklich, seine Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und
-verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden Ausdruck:
-»Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit
-der Muttermilch eingesogen. Das ist für mich nichts neues. Aber werde
-ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen
-jungen Jahren?« Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch
-ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er überzeugte sich, daß er
-mit dem Kauf ein gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine
-Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in
-kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache
-schließlich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tüchtiger Landwirt
-nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat
-und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm
-zu so großem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch
-folgendermaßen machen: man konnte das Land weiter verkaufen
-(selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der
-Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und
-flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern Vorteil: man
-konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das
-von ihm entliehene Geld gar nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke!
-Man kann nicht sagen, daß _Tschitschikow_ auf diesen Gedanken gekommen
-war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, neckte,
-verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger,
-liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer solcher Gedanken ist, die so
-plötzlich über uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine große Freude,
-daß er Gutsbesitzer geworden war -- kein bloß eingebildeter oder
-phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein
-_Grundstück_, ein Stück Land und Leibeigene -- keine bloß vorgestellten,
-nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter
-besaß. Und allmählich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich
-die Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand,
-legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch
-zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte
-zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder mein kleiner
-Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, daß er ja nicht allein sei,
-wurde plötzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den
-der Ausbruch einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben
-mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Töne für Worte
-hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte:
-»Wie meinen Sie?« da antwortete jener verlegen: »Nichts, garnichts.«
-
-Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie schon längst durch eine
-herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstämmen zog sich
-zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und Birken
-glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie
-sich von dem zarten Grün der kaum entfalteten Blätter ab. Die
-Nachtigallen im Gebüsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen
-schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht
-darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt
-war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde
-befunden. Zwischen den Bäumen hindurch sah man eine weiße steinerne
-Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee -- ein Gitter. Am Ende
-des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien:
-er trug eine Mütze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer
-Schäferhund auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her.
-
-»Da ist ja mein Bruder!« sagte Platonow, »Kutscher, halten Sie doch!«
-Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem
-Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten
-sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, schnell näherte
-er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge über
-die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich
-an Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr.
-
-Die Brüder umarmten sich.
-
-»Aber lieber Platon, was machst du mir für Geschichten?« sagte der
-Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij.
-
-»Was meinst du?« versetzte Platonow phlegmatisch.
-
-»Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt nichts von dir
-hören. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. >Er ist mit
-einem Herrn weggefahren<, sagt er. Hättest du mir doch nur ein Wort
-gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder,
-wer tut denn nur so was? Gott allein weiß, was ich mir all diese Tage
-für Gedanken gemacht habe!«
-
-»Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,« versetzte Platonow. »Wir
-haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er läßt dich
-grüßen; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen
-meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel
-Iwanowitsch Tschitschikow.«
-
-Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich näher kennen zu
-lernen, drückten sich die Hand, nahmen ihre Mützen ab und küßten sich.
-
-»Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?« dachte Wassilij. »Mein Bruder
-Platon ist nicht gerade wählerisch in seinen Bekanntschaften.« Er
-betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ,
-und überzeugte sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, ein
-sehr respektabler Herr war.
-
-Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so
-aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und sah, daß der Bruder
-etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein
-Gesicht lange nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zügen
-lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. Man sah es ihm gleich an,
-daß er nicht so schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel
-Iwanowitsch nur wenig.
-
-»Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch
-eine kleine Reise durch das heilige Rußland zu machen. Vielleicht werde
-ich so meine Melancholie los.«
-
-»Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?« sagte der Bruder
-Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe noch hinzugefügt: »Und zu
-alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal
-siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was nicht alles
-ist.« Voller Mißtrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war
-erstaunt über sein respektables Äußeres.
-
-Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen Hof: auch das Haus
-sah recht altertümlich aus; heute werden keine solchen Häuser mehr
-gebaut: es hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer
-angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und
-warfen einen mächtigen Schatten, der fast die Hälfte der ganzen Fläche
-einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende
-Fliederbüsche und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband ein;
-eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blättern und Blüten
-verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine
-kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich unter den Ästen
-hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstämmen sah man die Küche, die
-Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die
-Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit ihrem Gesang.
-Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl des Friedens in das Herz ein.
-Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich
-und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach
-herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man
-ließ sich auf den Bänken unter den Linden nieder.
-
-Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen Hemde
-brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es
-war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und
-Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick
-und zähe wie Öl, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der
-Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die
-Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die
-Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine
-Dienstboten, sondern eigentlich nur Gärtner. Alle Knechte mußten der
-Reihe nach dieses Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die
-Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder
-bringen, das könne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen
-Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, tüchtig
-und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich
-einen deutschen Rock anschaffe, werde er plötzlich plump und
-ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr,
-und gehe überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem
-deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide
-zahllose Scharen von Wanzen und Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in
-diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren die
-Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen
-schimmerte von Gold, und die Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie
-ein türkischer Schal. »Unser Haus ist berühmt wegen seiner Limonaden,«
-sagte Wassilij.
-
-Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte sich ein Glas ein:
-es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte:
-es moussierte wie Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in
-angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. »Der reinste Nektar!« sagte
-er. Er schenkte sich noch ein Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein --
-und siehe da, es schmeckte noch besser.
-
-»Das Getränk aller Getränke!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen,
-bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den
-besten Likör, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die
-ich jemals gekostet habe.«
-
-»Der _Likör_ kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und
-nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen
-Sie besuchen?« fragte Bruder Wassilij.
-
-»Ich reise,« versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der
-Bank hin und her schaukelte, sich vornüber beugte und mit der Hand über
-das Knie strich: »ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem
-Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter
-Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltäter, hat mich
-gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den
-Verwandten ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch
-auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz
-abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hämorrhoiden
-hat, man erweitert seine Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und
-Wirbel des Menschenvolkes -- und das ist an und für sich schon sozusagen
-ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.«
-
-Bruder Wassilij wurde nachdenklich. »Der gute Mann spricht etwas
-geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten,« dachte er.
-Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder
-Platon wandte: »Weißt du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise
-könnte dich wirklich etwas aufrütteln. Du leidest an einer Art geistigen
-Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, -- und nicht etwa weil
-du übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an lebendigen
-Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich
-wünschte, ich könnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die
-Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.«
-
-»Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,« sagte Platon. »Du suchst
-selbst nach Gründen oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen
-und dich unnütz aufzuregen.«
-
-»Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn man auf Schritt und
-Tritt Unannehmlichkeiten hat,« versetzte Wassilij. »Hast du gehört, was
-uns Lenitzyn in deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? -- Er
-hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht feiern, einfach
-annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück für kein Geld her ... Hier
-feiern meine Bauern jedes Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind
-soviel Erinnerungen für das ganze Gut verbunden; mir ist eine alte Sitte
--- etwas Heiliges, und ich bin bereit jedes Opfer für sie zu bringen.«
-
-»Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es sich nahm,« sagte
-Platonow, »er ist noch ganz neu hier im Lande, er kommt doch erst eben
-aus Petersburg; man muß ihm die Sache klar machen.«
-
-»Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm geschickt, und es ihm
-sagen lassen. Er hat mir nur Grobheiten an den Kopf geworfen.«
-
-»Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles erklären sollen.
-Besprich doch die Sache mit ihm selbst.«
-
-»Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen Herrn. Zu dem fahre
-ich nicht hin. Fahr du doch hin, wenn du durchaus willst.«
-
-»Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich mische mich nicht in
-diese ... Er könnte mich ja _auch_ übers Ohr hauen und betrügen.«
-
-»Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,« sagte Tschitschikow,
-»erklären Sie mir nur, worum es sich handelt.«
-
-Wassilij sah ihn an und dachte: »Dem scheint das Reisen großen Spaß zu
-machen.«
-
-»Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er für ein Mensch und was
-das für eine Angelegenheit ist?« fuhr Tschitschikow fort.
-
-»Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen Auftrag zu
-betrauen. Meiner Ansicht nach ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem
-ärmeren Adel unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg
-hinaufgedient, nachdem er die illegitime Tochter irgend eines großen
-Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen Mann. Er will hier
-den Ton angeben. Aber die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie
-kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg ist für sie garnicht
-maßgebend.«
-
-»Natürlich,« sprach Tschitschikow, »und worum handelt es sich?«
-
-»Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig, wenn er nicht so
-rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich ihm gern an einer andern Stelle
-umsonst ein Stück abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch
-noch glauben ...«
-
-»Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich friedlich zu
-verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ... Mit hat schon mancher
-seine Sache anvertraut, und noch keiner hat es bereut ... General
-Betrischtschew hat mir ja auch ...«
-
-»Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen mit einem solchen
-Menschen reden sollen ...«[6]
-
- * * * * *
-
-»...(10) Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies ein Geheimnis war,«
-sagte Tschitschikow, »denn das eigentlich Schädliche hierbei ist nicht
-so sehr das Verbrechen wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.«
-
-»Ja wohl, Sie haben ganz recht,« fiel Lenitzyn ein, indem er den Kopf
-ganz auf die Seite neigte.
-
-»Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern einig zu wissen,«
-sprach Tschitschikow. »Ich habe da auch eine Sache, die man in gewissem
-Sinne gesetzlich und ungesetzlich zugleich nennen kann; oberflächlich
-betrachtet scheint sie ungesetzlich zu sein, _tatsächlich_ steht sie
-jedoch keineswegs im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine
-Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, das Risiko auf sich
-zu nehmen und zwei Rubel für die lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich
-Pech habe -- und Bankrott mache -- was Gott verhüte, -- dann hat der
-Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn entschlossen, mir den
-Umstand zunutze zu machen, daß es tote und flüchtige Bauern gibt, die
-noch nicht aus der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich
-ein christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern abnehme,
-die er für sie bezahlen muß. Wir wollen der Formalität wegen nur einen
-Kaufvertrag abschließen, wie wenn es sich um lebende handelte.«
-
-[Fußnote 6: Hiermit schließt die 96. Seite des Manuskripts, weiter
-fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes hat S.
-Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht: »Hier ist eine
-Lücke im Manuskript, welche wohl die Erzählung enthielt, wie
-Tschitschikow sich aufmachte, um den Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.«
-
- Anm. des Herausgebers.
- ]
-
-»Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!« dachte Lenitzyn
-und rückte mit dem Stuhle ein wenig zurück. »Diese Sache ist allerdings
-derartig ....« begann er.
-
-»Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil die Sache doch geheim
-bleibt,« versetzte Tschitschikow; »zudem sind wir doch beide
-wohlgesinnte und zuverlässige Menschen.«
-
-»Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..«
-
-»Ein Ärgernis kann es nicht geben,« entgegnete Tschitschikow offen und
-ehrlich. »Es ist doch genau so eine Sache wie die, von der wir soeben
-gesprochen haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife Leute,
-die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen -- und dann bleibt doch
-alles geheim.« Und während er dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich
-ins Auge.
-
-Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter Geschäftsmann
-war, geriet er diesmal ganz aus der Fassung, um so mehr als er sich
-durch einen merkwürdigen Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze
-gefangen hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung fähig und wollte
-nichts Unrechtes tun, auch nicht im geheimen. »Ist das aber eine
-sonderbare Geschichte!« dachte er: »Darnach schließe noch einer
-Freundschaft mit einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!«
-
-Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen Tschitschikow ganz
-besonders günstig zu sein. Wie um beiden aus dieser kritischen Situation
-zu helfen, trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins
-Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger Mode
-gekleidet und hatte eine große Schwäche für Menschen, die in jeder
-Hinsicht korrekt und _comme il faut_ waren. Gleich darauf brachte die
-Amme Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste Kind, die
-Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten. Tschitschikow sprang
-schnell auf, ging gewandt und sicher auf die Hausfrau zu, neigte den
-Kopf leicht auf die Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach
-ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit. Der Knabe fing zwar
-zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow gelang es schnell, ihn zu
-beruhigen: er rief ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit
-den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, das er an der
-Uhrkette trug, und brachte das Kind bald so weit, daß es sich ruhig auf
-den Arm nehmen ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke hinauf
-und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude beider Eltern ein
-liebliches Lächeln. Aber war es nun das ungewohnte Vergnügen oder hatte
-es einen andern Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst
-Peinliches.
-
-»Ach Gott, ach Gott!« schrie Lenitzyns Gattin auf; »er hat Ihnen den
-ganzen Frack verdorben!«
-
-Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in der Tat: der eine
-Ärmel des neuen Fracks war hin: »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner
-Satan!« dachte er ärgerlich.
-
-Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: alles lief hinaus, um
-Kölnisches Wasser zu holen: dann kamen sie von allen Seiten angelaufen
-und versuchten ihn abzuwischen.
-
-»Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine Kleinigkeit!« sagte
-Tschitschikow und suchte seinem Gesicht einen möglichst freundlichen
-Ausdruck zu verleihen: »Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem
-doch nichts verderben,« wiederholte er, trotzdem aber dachte er sich:
-»So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe fräßen, hat der mich aber schön
-zugerichtet, der verdammte kleine Schelm!«
-
-Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall hatte den Hausherrn
-ganz zu Tschitschikows Gunsten umgestimmt. Wie konnte er einem Gast
-etwas abschlagen, der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten
-und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit dem eigenen Frack
-bezahlt hatte? Um den Menschen kein schlechtes Beispiel zu geben,
-beschloß man die Sache im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die
-Sache selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte ja Schaden
-stiften.
-
-»Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank für Ihre Güte auch einen
-kleinen Dienst zu leisten. Ich möchte die Vermittlerrolle in Ihrem
-Streit mit den Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch Land?
-Nicht wahr?«
-
-
- Fünftes Kapitel.[7]
-
-Jedermann sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. »Was mich
-zwickt, das zwick' ich wieder,« sagt ein russisches Sprichwort.
-Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch
-seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrönt, und so wanderte
-denn während dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die
-Privatschatulle hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste
-erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die
-Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Möglichen Nutzen zu
-ziehen: der eine aus Staatswäldern, der andere aus Staatsgeldern, ein
-dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden
-Schauspielerin, ein vierter -- seine Bauern, um sich Möbel vom Hombs
-oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel
-Verführungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu
-wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. Es ist
-doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum
-dasselbe tun, -- und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von
-alledem fernhalten! Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs sein
-sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der
-Stadt noch eine andere Messe eröffnet werden: nämlich die für die
-vornehmen Leute.(11) Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh,
-Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den
-Markt brachten und die von Viehhändlern und Kaufleuten aufgekauft
-wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von
-den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf der vornehmeren Leute
-aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen:
-alle Räuber und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit
-Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des mit Schweiß, Mühe und
-Blut erworbenen Geldes -- diese ägyptische Heuschreckenplage, wie
-Kostanshoglo sich auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur
-alles auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und sie in die
-Erde verscharrt.
-
-[Fußnote 7: In dem Manuskript trägt dieser Abschnitt keine
-Kapitelüberschrift; er stammt also aus einem ganz frühen Entwurf, in dem
-die Kapiteleinteilung noch nicht durchgeführt war.
-
- Der Herausgeber.
- ]
-
-Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurück. Dafür machten
-die Beamten, die ja unter keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so
-weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre
-Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der letzten Zeit in der
-Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedürfnisse
-einzupflanzen, und nun _dürsteten_ sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein
-Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen Garten, wie man
-ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders
-billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf
-Kredit. Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst
-alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer
-Klienten rechneten, dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und
-seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß alles zusammen,
-hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergnügen und zu
-zerstreuen ... Trotz des scheußlichen Wetters und dem Kot auf den
-Straßen flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen,
-das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten sie sich auch in Petersburg
-ruhig sehen lassen können. Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre
-Mützen und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. Nur hie und da
-sah man Männer mit langen Bärten und ballonartigen Pelzmützen. Alles
-hatte einen europäischen Anstrich; überall begegnete man Herren mit
-schönrasierten Gesichtern und ... hohlen Zähnen.
-
-»Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick
-in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr!« hörte man hie und da kleine
-Jungen schreien.
-
-Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem
-europäischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung für sie;
-nur ganz selten setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst;
-dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt's Stoffe, helle, dunkle,
-bunte usw.
-
-»Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen Stoff für einen
-Herrenanzug?« fragte Tschitschikow.
-
-»Die schönsten Stoffe,« versetzte der Kaufmann, während er mit der einen
-Hand die Mütze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete.
-Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des
-Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf der andern Seite,
-mit dem Rücken zu den Stoffen, die in Rollen übereinander aufgeschichtet
-waren und die ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. Das
-Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit beiden Händen auf den
-Tisch und sagte, indem er seinen Oberkörper leicht hin- und herwiegte:
-»Was für einen Stoff wünschen Sie?«
-
-»Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, etwas was dem
-Preißelbeerrot nahekommt,« versetzte Tschitschikow.
-
-»Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen
-werde. Sie können höchstens in den zivilisiertesten Hauptstädten Europas
-etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34
-herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer über deine
-Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das
-ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen!« Und der Kaufmann rollte den Stoff
-auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, sodaß dieser den
-seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern auch riechen konnte.
-
-»Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben will,« sagte
-Tschitschikow. »Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas
-Erstklassiges, das Beste, was es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff
-mehr rötlich, weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.«
-
-»Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade modern zu werden
-beginnt. Da habe ich einen ganz vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie
-freilich darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber
-auch von allererster Qualität.«
-
-Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen auf den Tisch. Er
-rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, wie man sie nur in der guten alten
-Zeit hatte, und vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren
-Geschlechte angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt den
-Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte und sagte: »Eine
-wunderbare Farbe! Navarinoscher[8] Rauch mit Feuerglanz!«
-
-Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte sich über den Preis,
-obwohl dieser prifix (_prix-fix_) war, wie der Kaufmann behauptete. Dann
-spannte er ihn geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn
-hierauf nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit
-in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete er das Paket noch ein
-paar Mal hin und her, indem er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es
-mit einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt den
-Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag alles in dem
-bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann lüftete den Hut und grüßte. Es hatte
-seine guten Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das war eine
-Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.(12)
-
-»Haben Sie dunkles Tuch?« hörte man jetzt eine Stimme sagen.
-
-»Teufel! das ist Chlobujew,« sagte Tschitschikow leise zu sich selber
-und drehte jenem den Rücken zu; er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe,
-denn er hielt es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die
-Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen und erkannt.
-
-[Fußnote 8: Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen
-Seeschlacht.]
-
-»Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch nicht etwa absichtlich aus
-dem Wege? Ich kann Sie nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse
-so, daß ich ernstlich mit Ihnen reden muß.«
-
-»Verehrtester, Verehrtester!« sagte Tschitschikow, indem er ihm beide
-Hände drückte; »glauben Sie mir, ich habe es mir schon selbst so oft
-vorgenommen, mit Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!«
-Tatsächlich aber dachte er: »Wenn dich doch der Teufel holte!« Plötzlich
-jedoch erblickte er den eben eintretenden Murasow. »Herrgott! Afanassij
-Wassiljewitsch! Wie befinden Sie sich?«
-
-»Und Sie?« sagte Murasow, indem er den Hut abnahm. Auch der Kaufmann und
-Chlobujew nahmen ihre Mützen ab.
-
-»Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf läßt zu wünschen übrig.
-Vielleicht weil ich mir zu wenig Bewegung mache!«
-
-Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den Grund seiner
-Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow an Chlobujew: »Ich sah Sie in
-den Laden treten, Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen
-nachgegangen. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, können Sie mir
-nicht einen Besuch machen?« »Aber natürlich, natürlich!« versetzte
-Chlobujew eilig, und beide gingen hinaus.
-
-»Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?« dachte Tschitschikow.
-
-»Afanassij Wassiljewitsch -- ist ein sehr würdiger und kluger Mann,«
-sagte der Kaufmann; »er ist außerordentlich tüchtig in seinem Fach, aber
-er hat keine Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant und
-nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen auch allerhand
-Budgets und Reaktionen verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus
-verfallen.« Tschitschikow zuckte die Achseln.
-
-»Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!« rief plötzlich eine Stimme.
-Es war Lenitzyn. Der Kaufmann nahm ehrfürchtig den Hut ab.
-
-»Sie? Fjodor Fjodorowitsch?«
-
-»Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns schnell zu mir nach Hause
-fahren, ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte jener. Tschitschikow sah ihn
-an -- er sah ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt.
-Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden.
-
-»Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,« sagte Murasow, als er
-Chlobujew eintreten sah. »Bitte kommen Sie doch zu mir ins Zimmer!« Und
-er geleitete Chlobujew in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt
-hat. Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert Rubel
-Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres, schlichter
-ausgestattetes Zimmer finden können.
-
-»Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse gebessert haben?
-Ihre Tante hat Ihnen doch sicher etwas hinterlassen.«
-
-»Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß wirklich nicht,
-ob sich meine Verhältnisse gebessert haben. Ich habe bloß fünfzigtausend
-Bauern und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich einen Teil
-meiner Schulden bezahlen -- und jetzt sitze ich wieder da und habe
-nichts. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft
-ist nicht einmal ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und
-Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will es Ihnen
-gleich erzählen, Sie werden staunen, was alles in der Welt vorkommt.
-Dieser Tschitschikow ...«
-
-»Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir von diesem
-Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal von Ihnen selbst sprechen.
-Sagen Sie mal! wieviel Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein,
-um Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um wieder in
-geordnete Verhältnisse zu kommen?«
-
-»Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,« versetzte Chlobujew. »Um da
-herauszukommen, alle Schulden zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen
-zu haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht
-noch mehr! Mit einem Wort: das ist einfach unmöglich.«
-
-»Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden Sie dann Ihr Leben
-einrichten?«
-
-»Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten und mich ganz der
-Erziehung meiner Kinder widmen. An mich selbst darf ich gar nicht mehr
-denken. Mit meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst kann ich
-doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch zu nichts mehr!«
-
-»Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen, Müßiggang ist aller
-Laster Anfang, da nahen sich einem allerhand Versuchungen, an die ein
-fleißiger und tätiger Mensch garnicht einmal denkt.«
-
-»Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! ich bin schon zu
-stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. Zu alledem leide ich noch an
-Kreuzschmerzen.«
-
-»Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie können Sie es bloß auf der
-Welt aushalten ohne ein Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken
-Sie doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt eine gewisse
-Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst der Stein ist nur dazu da,
-damit ihn jemand gebraucht oder bei einem nützlichen Werke verwendet,
-und der Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte sein
-Leben tatenlos hinbringen -- das ist doch unmöglich.«
-
-»So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht. Ich kann mich doch mit
-der Erziehung meiner Kinder beschäftigen.«
-
-»Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das allerschwerste. Wie
-soll _der_ Kinder erziehen, der es nicht einmal verstanden hat, sich
-selbst zu erziehen, Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel
-erziehen, indem man ihnen das Leben _vorlebt_. Und sagen Sie ehrlich,
-kann _Ihr_ Leben ihnen zum Vorbild dienen? Von Ihnen könnten sie
-schließlich doch nur lernen, wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie
-mit Kartenspiel totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen Sie
-lieber _mich_ Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie nur verderben.
-Überlegen Sie sich doch die Sache einmal recht ordentlich. Was Sie zu
-Grunde gerichtet hat, das ist der Müßiggang -- daher müssen Sie _ihn_
-vor allem meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt im Leben
-sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten haben. Selbst der Tagelöhner
-hat seinen Beruf. Er hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß
-es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein Interesse an seiner
-Tätigkeit.«
-
-»Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es versucht, ich habe mir
-redliche Mühe gegeben! Was soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt
-bin ich nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen Sie doch
-nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht in den Staatsdienst
-treten? Oder soll ich mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben
-einen jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? Und dann bin
-ich unfähig, Geschenke anzunehmen -- -- ich werde mir selber nur schaden
-und andern im Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten auch
-schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich hab's mir
-schon überlegt, ich hab's versucht und darüber nachgedacht, was ich wohl
-für eine Stellung annehmen könnte -- nein ich tauge nicht dazu. Ich
-passe höchstens noch ins Armenhaus.«
-
-»Das Armenhaus ist für _die_ da, die im Leben etwas geleistet und
-gearbeitet haben; _die_ dagegen, die sich amüsiert haben, solange sie
-jung waren, bekommen zur Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte:
->Geh, tanze weiter!< Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, auch da muß
-man sich nützlich machen; dort spielt man nicht etwa Whist, Ssemjon
-Ssemjonowitsch,« fuhr Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht
-sah, »Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.«
-
-Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber der arme Chlobujew
-vermochte nichts zu antworten, und er fing an, Murasow leid zu tun.(13)
-
-»Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die
-Kirche und lassen keine Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus.
-Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und gehen --
-gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe
-liegt.«
-
-»Das ist etwas andres -- Afanassij Wassiljewitsch. Hier weiß ich, daß
-ich das nicht um der Menschen willen, sondern um _Dessen_ willen tue,
-der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich
-glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen und mich in
-Gnaden aufnehmen wird, so häßlich und schlecht ich auch bin, während
-mich die Menschen mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde mich
-verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten es in der besten
-Absicht getan.«
-
-Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten
-Herrn traten die Tränen in die Augen ...
-
-»Dann dienen Sie doch wenigstens _Dem_, Der allen Wesen so gnädig ist.
-Er freut sich ebenso sehr über die Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen
-Sie sich irgend eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es
-nur eine _Beschäftigung_ ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es für _Ihn_ und
-nicht für die Menschen täten. Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem
-Sieb, aber denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wäre
-ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden,
-was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu
-schlemmen, unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen Genüssen
-nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?«
-
-»Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!«
-
-»Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: er hatte über eine halbe
-Million; wie er aber sah, daß ihm alles zum Vorteil ausschlägt -- da
-wurde er unmäßig und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn französischen
-Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da
-ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn er
-einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins
-Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem
-Tee sitzen. Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. Zu alledem
-hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei
-mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse
-haben sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine halbe
-Million verdienen. Aber nun _will_ er nicht mehr. >Jetzt bin ich halt
-Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und
-gesund geworden,< sagte er, >damals aber hatte ich einen dicken Bauch
-und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,< sagte er. Tee nimmt
-er überhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine
-ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns,
-und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten einer; mancher andere
-würde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermögen
-durchgebracht hätte.«
-
-Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine
-beiden Hände: »Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir
-tun! Ich habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, Sie wissen
-doch, daß in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen
-sieht. Das ist ein Mann von großem Verstande, oh, von einem solchen
-Verstande, ich kann's gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber
-_wenn_ er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte ihm einmal, ich habe
-einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich
-ruhig an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden Worten:
->Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da:
-man muß Geld für den Kirchenbau sammeln!< Und damit schlug er die Türe
-zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten könne >Offenbar will er
-mir keinen Rat erteilen<, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm
-Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich
-schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen könne,
-Geld für den Bau einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus dem
-Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung
-genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil
-davon abhänge? Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im Himmel. Das ist
-ja das Amt, das der Mönch Ssemjon Ssemjonowitsch übertragen will. Das
-Wandern wäre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche
-vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Bürger gehen wird, wird
-er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat.
-Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat,
-wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche
-Menschen brauchen wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe viel
-dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, der die Verhältnisse
-nicht aus den Büchern und Akten, sondern _tatsächlich_ kennt, so wie sie
-in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt,
-überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.«
-
-»Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij
-Wassiljewitsch,« sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte.
-»Ich kann nicht einmal glauben, daß Sie das zu _mir_ sagen: dazu bedarf
-man eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann kann ich doch
-nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen
-haben?«
-
-»Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Für die will ich
-schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es
-ist doch besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein
-gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und
-zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber
-keine Angst zu haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird
-Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch
-etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben
-können, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch
-gutes Werk tun können: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich
-nur _denen_ geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen,
-werden Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es wird Ihnen
-nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ...
-Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld
-für die _Kirche_ sammeln.«
-
-»Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich
-wünschte mir wirklich, ich könnte auch nur einen kleinen Teil davon
-ausführen; aber ich fürchte, es übersteigt meine Kräfte!«
-
-»Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?« versetzte Murasow. »Es
-gibt doch gar nichts, wozu unsere Kräfte ausreichen; alles geht über
-unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen.
-Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt ein Kreuz, sagt: >Gott
-hilf!< rudert und erreicht schließlich doch das Ufer. Darüber brauchte
-man nicht erst lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als eine
-göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit für Sie;
-laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch,
-bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.«
-
-»Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. --
-Gott sei mir gnädig!« sagte er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie
-Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist
-aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen
-Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer
-blitzte in der Ferne auf ...
-
-Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu
-Tschitschikow.(14)
-
- * * * * *
-
-Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es
-tauchten plötzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehört
-hatte. Wie die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das
-ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so
-von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das
-letzte Testament sei gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte
-Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe.
-Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und während seiner
-Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt
-zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze
-Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein weiß, wie man
-das alles herausgeschnüffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls
-waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen
-Tschitschikow glaubte, niemand außer ihm und den vier Wänden, innerhalb
-deren er lebte, könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles
-noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren
-gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß
-ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache
-bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: »Ich beeile mich,
-Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien
-bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich
-nicht unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt -- Ruhe. Wir wollen die Sache
-schon wieder einrenken.« Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. »Ein
-Genie!« sagte Tschitschikow. Um seine glückliche Stimmung zu
-vervollständigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch
-noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust packte ihn, sich selbst in dem
-neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog
-die Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß man ihn
-ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen lagen ganz eng an und ließen
-seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff
-schmiegte sich so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten
-erkennen, was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität
-verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch
-einer Trommel. Er schlug mit der Bürste darauf und sagte: »So ein
-Trottel! Und _doch_, im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.« Der
-Frack schien noch besser genäht zu sein, als die Hosen: da gab es auch
-nicht ein Fältchen, im Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön
-geschwungen und ließ die ganze Statur genau hervortreten. Auf
-Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke ihn etwas unter der
-Achselhöhle, antwortete der Schneider bloß mit einem Lächeln: darum saß
-er auch um so besser in der Taille. »Sie können ganz ruhig sein, Sie
-können ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,« wiederholte er mit
-unverhohlener Freude: »So einen Frack bekommen Sie überhaupt nicht
-wieder außer etwa in Petersburg.« Der Schneider stammte selbst aus
-Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: »_Ein Ausländer aus
-London und Paris_«. Er liebte es nicht zu spaßen und wollte mit den
-beiden Städten ein für allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen,
-damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte
-kommen sollte. Mochte er doch irgend ein »Karlseruh« oder »Kopenhaga«
-auf sein Schild setzen.
-
-Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich,
-nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten:
-und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten
-und gewissermaßen _con amore_. Es stellte sich heraus, daß alles noch
-weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter,
-sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich
-zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch
-weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der
-Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete
-einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von
-Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und
-vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts --
-und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links -- und es war
-noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen
-Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend
-wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern
-sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient.
-Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es,
-eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren,
-von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau,
-etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er
-noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die
-Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser
-herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das
-Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: »Zu wem
-soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...« Da ertönt
-plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein
-Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer
-repräsentieren, und sagt: »Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur
-zu melden!« Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand
-ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden
-Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der
-_rechten_ und eine Schärpe über der _linken_ Schulter und einen
-gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der
-andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles
-hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas
-einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: »Sie haben sofort
-mitzukommen!« Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche
-Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf
-der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen?
-Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack
-von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen.
-Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr,
-begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.
-
-Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. »Treten
-Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!« sagte der diensthabende Beamte.
-Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die
-allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er
-durchschreiten mußte, und er dachte: »Wie? Wenn sie mich nun plötzlich
-ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten
-einfach nach Sibirien befördern!« Sein Herz fing heftig an zu klopfen,
-weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich
-die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen
-Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren:
-der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der
-personifizierte Rachegott.
-
-»Alleszermalmer!« dachte Tschitschikow, »er wird mich zerreißen, wie der
-Wolf das Lamm!«
-
-»Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben,
-während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von
-neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals
-ein Mensch beschmutzt hat!« Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn.
-
-»Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?« sagte
-Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte.
-
-»Die Frau,« sagte der Fürst, indem er näher auf ihn zuging und
-Tschitschikow gerade in die Augen blickte: »die Frau, die das Testament
-auf Ihr Geheiß unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen
-gegenübergestellt werden.«
-
-Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen.
-
-»Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig,
-ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine
-Feinde haben mich verleumdet.«
-
-»Sie _kann_ niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr
-Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lügner ersinnen kann.
-Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat
-vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und
-ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute
-und Sibirien stehen! Nein, Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins
-Gefängnis abgeführt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten
-Schurken und Räubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und
-das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als
-sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...« Er
-warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit
-Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte.
-
-»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow, »haben Sie Erbarmen! Sie sind doch
-auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine
-alte Mutter!«
-
-»Du lügst!« rief der Fürst zornig. »Genau so hast du damals für deine
-Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht!
-Jetzt ist es die Mutter!«
-
-»Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niederträchtiger
-Schuft!« sagte Tschitschikow ... »Ich habe wirklich gelogen, denn ich
-hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte
-stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und
-Bürger zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner Vorgesetzten
-und Mitbürger zu verdienen! ... Aber welch ein unglückliches
-Zusammentreffen der Umstände! Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut
-mußte ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese
-Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... nichts als
-Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... Mein ganzes Leben war wie
-ein stürmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein
-Spielball der Winde und Wellen. Ich bin -- auch nur ein Mensch --
-Durchlaucht!«
-
-Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Fürsten auf
-die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe
-mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den
-herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, die eine Wolke von
-Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich
-tief vor dem Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden.
-
-»Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen!« sagte
-der Fürst zu den eintretenden Gendarmen.
-
-»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den
-einen Stiefel des Fürsten.
-
-Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern.
-»Fort, fort mit ihm! sag ich!« rief er, indem er seinen Fuß aus der
-Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte.
-
-»Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen
-haben,« sagte Tschitschikow, ohne den Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß
-dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von
-Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden nach sich
-schleifte.
-
-»Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!« rief der Fürst mit jenem
-unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim
-Anblick eines häßlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben,
-es zu zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, daß
-Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn
-erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur
-noch stärker an ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mühe
-fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten ihn durch die lange
-Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich
-in jenem furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch den
-finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche
-Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht.
-
-In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete ihnen Murasow. Ein
-Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich Tschitschikows verdüstertes Gemüt.
-Mit geradezu unnatürlicher Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen
-beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten
-Murasow auf die Kniee.
-
-»Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?«
-
-»Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, aufs Schafott.«
-
-Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten ihn hinaus, ohne ihn
-ausreden zu lassen.
-
-Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fußlappen der
-Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte
-Stühle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig
-rauchte, ohne zu wärmen -- das war der Raum, in dem unser Held
-untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des
-Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher
-Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich
-zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte
-nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mühsam
-erworben hatte ... All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der
-toten Bauern -- alles war jetzt in den Händen der Beamten. Er fiel auf
-die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an
-seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes
-wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen
-Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt noch auf der Welt
-gewesen wäre. Aber auch über Tschitschikow wachte eine schirmende und
-rettende Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des Gefängnisses
-und hereintrat: »der alte Murasow«.
-
-Hätte jemand einem müden und erschöpften, von brennendem Durste
-gequälten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer
-ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt,
--- es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis unsern armen
-Tschitschikow.
-
-»Mein Retter!« rief Tschitschikow plötzlich, indem er vom Fußboden aus,
-auf den er sich in seinem herzzerreißenden Schmerz niedergeworfen hatte,
-nach Murasows Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte.
-»Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem kommen!«
-
-Und er brach in Tränen aus.
-
-Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur:
-»Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?«
-
-»Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte!
-Ich konnte nicht Maß halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit
-aufzuhören. Er hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle
-Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! Ja, ich habe
-gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so
-behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches
-Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij
-Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu
-gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie
-früher, und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine Schatulle!
-Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes
-Vermögen drin, das ich mir im Schweiße meines Angesichts mit meinem
-Blut, durch jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. Meine
-Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und
-fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!«
-
-Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande den Schmerz
-niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft erschütterte, fing er laut an
-zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des
-Gefängnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die
-Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und riß den herrlichen Frack
-von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stücke.
-
-»Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und
-Reichtum verblendet, daß Sie sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare
-Lage!«
-
-»O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie mich!« schrie der arme
-Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank.
-»Der Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!«
-
-»Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie tun, selbst wenn ich
-es wollte, und so sehr ich es auch wünschte. Sie sind in die Macht des
-unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!«
-
-»Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des
-Menschengeschlechtes!«
-
-Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der
-Faust auf den Tisch, daß er sich seine Hand blutig schlug; aber er
-fühlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des
-Schlages.
-
-»Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich
-mit Ihrem _Gotte_ auszusöhnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an
-Ihre arme Seele!«
-
-»O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je
-einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu
-mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart;
-wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe
-ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse
-bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf
-Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner
-Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine
-Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu
-dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne
-es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und
-doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade
-Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber
-ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand
-was fortgenommen habe, so nahm ich's nur den Reichen. Es gibt doch
-Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute
-plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein,
-sagen Sie, hab ich nicht Unglück? -- noch jedes Mal, wenn ich die
-Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen
-glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff,
-und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon
-dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus
-dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij
-Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn
-nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem
-Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine
-Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang
-anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen
-Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke
-ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in
-mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist
-sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie
-leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das
-Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese
-festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu
-eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.«
-
-Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz;
-kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen
-herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn
-weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen
-Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er
-schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts
-zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu
-wollen.
-
-Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses
-seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand
-sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit
-der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs
-bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren,
-zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu
-seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte
-ausstoßend, die den Menschen befehden.
-
-»Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein
-Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer
-einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt
-hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur
-_einer_ der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte,
-wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch
-verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern,
-ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren
-Besitz zu mehren! -- Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde
-aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das
-Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern
-daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen
-Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre
-Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte
-verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.«
-
-Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch
-der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch
-der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig
-er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein
-besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden
-vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da.
-
-»Afanassij Wassiljewitsch,« sagte der arme Tschitschikow und ergriff
-Murasows beide Hände. »Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein
-Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein
-ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie
-mich!«
-
-»Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst
-wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der
-Fürst ist sehr gerecht, -- er wird unter keinen Umständen nachgeben.«
-
-»O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz
-nicht -- gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden -- was
-mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde,
-wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle
-.... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!«
-
-Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen
-Tränen.
-
-»Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!« sagte der alte Murasow,
-indem er den Kopf schüttelte: »wie hat Sie doch dieser Reichtum
-verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?«
-
-»Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!«
-
-»Pawel Iwanowitsch!« sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick
-inne. »Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten -- das sehen Sie
-doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann,
-um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir
-dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich
-jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch -- dann bitte ich
-mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe
-Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe
-Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre -- und es
-ist weit größer als das Ihrige -- ich würde ihm keine Träne nachweinen.
-Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann,
-worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu
-stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt.
-Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem
-Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu
-können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe
-einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon
-den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie
-ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein
-mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all
-ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt
-Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst:
-sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.«
-
-»Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben
-ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft
-widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat
-mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser
-verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!«
-
-Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte,
-durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas
-regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst
-Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit
-im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge
-des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der
-Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm
-unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des
-Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme
-verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte,
-schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen.
-Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit
-beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: »Wahrhaftig,
-Sie haben recht!«
-
-»Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen,
-weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer
-gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich
-selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch
-ist es Zeit ...«
-
-»Nein, es ist zu spät, zu spät!« stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme,
-bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. »Ich fange an zu
-fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege
-abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so
-erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich
-geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er
-selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang,
-ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen
-falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren
-Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle
-Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes
-Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster
-nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt
-jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur
-zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben
-Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und
-Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit -- was soll ich
-machen?«
-
-Der Greis seufzte tief auf ....
-
-»Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und
-Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke,
-denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht -- so
-zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen
-noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es
-lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann
-wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich
-alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen
-werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen
-werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die
-so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten
-unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein _Held_, ein
-_Heros_ heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie-
-und willenlos sind.«
-
-Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und
-den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War
-es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes,
-was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen
-aufblitzte ....
-
-»Afanassij Wassiljewitsch!« sprach er mit fester Stimme: »wenn es Ihnen
-gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit
-ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann,
-dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann
-kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen,
-nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun,
-soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und
-all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein
-einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.«
-
-»Gott stärke Sie in diesem Entschluß!« sagte hocherfreut der alte Mann.
-»Ich will all meine Kräfte einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er
-Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das
-weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O,
-mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie
-mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort zum Fürsten.«
-
-Tschitschikow blieb allein.
-
-Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er war ganz weich
-geworden. Auch das Platin, das härteste aller Metalle, das dem Feuer am
-längsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse
-anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze zu
-unerträglicher Glut anschwillt -- allmählich wird es weißer und immer
-weißer -- das _eigensinnige_ Metall, bis es sich endlich verflüssigt: so
-gibt auch der stärkste Charakter nach in der Esse der Leiden und
-Schicksalsschläge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit
-ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ...
-
-»Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch aber will ich all
-meine Kräfte einsetzen, um es andre fühlen zu machen; zwar bin ich
-selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um
-andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber
-will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis zu geben. Ich werde selbst
-Hand anlegen und auf dem Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein;
-ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten
-Einfluß auszuüben. Bin ich denn zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch
-eine gewisse Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink,
-gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man muß nur
-wollen ...«
-
-So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkräften etwas
-ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fühlte er mit dunklem Instinkt,
-daß es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat,
-und die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, trotz aller
-widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen
-auf jedem Posten bestürmen, auf den er gestellt ist. Und das werktägige
-Leben, fern vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen,
-die der müßige, von der Arbeit entwöhnte Mensch erdacht hat, stand
-plötzlich so deutlich vor ihm, daß er seine peinliche Lage beinahe
-vergaß und vielleicht sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für
-diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und
-wenigstens einen _Teil_ seines Vermögens wiedererlangt hätte ... Aber da
-öffnete sich die kleine Türe zu seiner schmutzigen Zelle, und herein
-trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer,
-ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein
-ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn
-seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten hätte der Mensch wahre
-Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche
-und unwegsame Gegenden ausführen, oder dem Feind eine Kanone vor der
-Nase wegstehlen -- das wäre so etwas für ihn gewesen. Aber da es keine
-militärische Stelle für ihn gab, auf der man vielleicht einen
-anständigen Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich die
-größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwürdig!
-Er hatte höchst sonderbare Ansichten und Grundsätze: seinen Freunden war
-er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber
-stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine Art
-feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mußte, wobei es
-erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlässigkeit
-seitens des Gegners auszunutzen.
-
-»Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehört!« sagte er, als
-er merkte, daß sich die Tür hinter ihm fest geschlossen hatte. »Macht
-nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles
-wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. Wir stehen Ihnen
-ganz zur Verfügung. Dreißigtausend Rubel -- für uns alle zusammen und
-die Sache ist gemacht.«
-
-»Wirklich?« rief Tschitschikow aus, »und ich werde ganz freigesprochen?«
-
-»Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz für Ihre Verluste.«
-
-»Und für Ihre Bemühungen?«
-
-»Dreißigtausend. Alles inbegriffen -- für die Unsrigen, für die Leute
-des Generalgouverneurs und für den Sekretär.«
-
-»Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine
-Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei
-...«
-
-»In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?«
-
-Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte
-nicht recht, das es möglich sei ...
-
-»Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu
-sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!«
-
-»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich verstehe: der Rechtsanwalt!«
-Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in
-seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte
-glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine
-Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld -- alles war in schönster
-Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den
-Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem
-Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der
-Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr
-sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren
-konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte
-einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem
-Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der
-Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren
-noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken
-konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er
-faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand
-schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der
-er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich,
-dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit
-helleren und klareren Farben ... »O Leben!«
-
-Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von
-geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber
-waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen
-sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim
-Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der
-Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den
-ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er
-alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer.
-Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte
-Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst
-verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der
-sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der
-Posten »Honneur« machte und stramm stand. »Stehst du schon lange hier?«
--- »Seit heute morgen, Euer Gnaden!« -- »Wirst du bald abgelöst?« -- »Um
-drei Uhr, Euer Gnaden!« -- »Ich werde dich brauchen. Ich werde dem
-Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.« --
-»Zu Befehl, Euer Gnaden!« Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja
-niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er
-sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen
-künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst
-nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte,
-ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie
-zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien
-plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem
-Gewehr vor dem Posten: »Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher
-geschickt; ich soll dich ablösen.« Er löste den andern ab und pflanzte
-sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war
-alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem
-andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der
-ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß
-später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben
-war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte
-der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen
-Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen,
-daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem
-Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im
-geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem
-geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen
-noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle -- und er
-brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden
-mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer
-Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an
-den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar
-solche, die _überhaupt_ nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine
-Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer
-ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er
-sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft.
-Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall
-Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung
-gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen
-Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als
-dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der
-arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl
-erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein
-gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er
-konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der
-Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe
-anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre.
-In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten,
-die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu
-verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise
-verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer.
-Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist
-gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen
-aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem
-Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen
-den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern
-ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den
-Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht
-verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer
-werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den
-Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten -- und ein ganzer
-Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen
-ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben
-werde -- die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen.
-Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten
-Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei
-gekommen. »Er soll eintreten!« sagte der Fürst. Der Greis betrat das
-Zimmer.
-
-»Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich für ihn ein und
-versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache
-ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben
-hätte.«
-
-»Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, daß ich die ganze
-Sache nicht recht gut verstehe.«
-
-»Die Fälschung eines Testaments, und was für eine Fälschung! ... Darauf
-steht öffentliche Züchtigung mit der Knute!«
-
-»Durchlaucht -- was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu
-verteidigen -- aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die
-Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.«
-
-»Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der Toten spielte, ist
-verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer Gegenwart verhören.« Der Fürst
-klingelte und befahl, die Frau holen zu lassen.
-
-Murasow schwieg still.
-
-»Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine Schande, daß die
-höchsten Beamten der Stadt, ja sogar der Gouverneur selbst in sie
-verwickelt sind. Er wenigstens dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe
-und Faulenzer ihr Wesen treiben!« sagte der Fürst heftig.
-
-»Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er hatte doch gewisse
-Rechte und Ansprüche darauf; und daß auch die andern von allen Seiten
-herbeigelaufen kamen und mit daran profitieren wollten -- das ist doch
-nur _menschlich_, Durchlaucht! Eine reiche Frau stirbt, sie hinterläßt
-ein Testament, das weder klug noch gerecht ist, und nun strömen von
-allen Seiten Menschen zusammen, die gern was verdienen möchten -- das
-ist doch alles so menschlich, so natürlich ...«
-
-»Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... Die Schurken!«
-sagte der Fürst empört. »Ich habe nicht einen einzigen anständigen
-Beamten: lauter Lumpen.«
-
-»Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. ganz so, wie er sein
-sollte? Alle Beamten unserer Stadt sind doch Menschen, die haben ihre
-Vorzüge und ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre
-Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind, aber wer ist denn
-frei von Sünde?«
-
-»Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie mir bitte -- Sie sind
-der einzige ehrliche Mensch, den ich kenne -- was macht es Ihnen
-eigentlich für ein Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz zu
-nehmen?«
-
-»Durchlaucht!« versetzte Murasow: »wie die Menschen auch sein mögen, die
-Sie Schurken und Gauner nennen -- sie bleiben immer doch Menschen. Wie
-soll man denn den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß, daß er
-die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und Unwissenheit begeht. Wir
-tuen doch selbst auf Schritt und Tritt unrecht und stürzen jeden
-Augenblick andere Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht.
-Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!«
-
-»Wie?« rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs höchste überrascht durch
-die unerwartete Wendung, die die Unterhaltung nahm.
-
-Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien zu überlegen und sagte
-schließlich: »Nun, denken Sie zum Beispiel an den Fall Derpennikow.«
-
-»Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den
-Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!«
-
-»Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jüngling, der
-sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verführen und fortreißen
-läßt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser
-Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein
-Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.«
-
-»Um Gottes willen ...« sagte der Fürst, dem man seine Aufregung deutlich
-anmerkte: »Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe
-erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man möge sein Los
-mildern.«
-
-»Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas weiß, was Sie nicht
-auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein
-könnte, aber er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das einem
-andern schaden würde. Ich meine bloß dies: ob Sie sich damals nicht
-vielleicht allzusehr übereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich
-urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals
-geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich
-auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich hätte damals auch
-das frühere Leben meiner Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man
-nicht alles ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich
-anschreit -- dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt überhaupt
-nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie
-nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt -- dann sagen sie einem
-alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man Gnade walten
-lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zürnen niemandem,
-weil sie sehen, daß nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.«
-
-Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein
-junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm
-ehrfurchtsvoll an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit
-spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es
-ihm an, daß er Beamter für besondere Aufträge war. Dies war einer der
-wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen
-das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz,
-noch einen heißen Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den
-andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er überzeugt
-war, daß er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner
-andern der Welt, und daß das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine
-verwickelte Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie
-in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu
-entdecken, und alles aufzuklären, -- dann war er in seinem Element. Er
-fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit und die vielen
-schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn
-ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fühlte, daß er
-imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, sodaß
-sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl
-sagen, kein Schüler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines
-schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines großen
-Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war,
-eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafür aber ....
-
-»... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen
-Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und
-wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will
-ich auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein
-einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und
-vielleicht gelingt's mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem
-Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig:
-da kommt es höchstens zu weitläufigen Schreibereien; sie werden ja schon
-so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die
-Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafür haben,
-denn bei Gott, in solch einer Zeit wäre es wirklich eine Schande, noch
-an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich
-habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem habe ich schon nach Sibirien
-schicken lassen; bis zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues
-geliefert.«
-
-»Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten
-mir einen sehr großen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil
-hier -- das werden Sie selbst fühlen -- weil hier jedes Wort ohnmächtig
-wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins über jene Bitte sagen.
-Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache
-hinwegzugehen, wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu
-verzeihen?«
-
-»Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es
-viele ehrenwerte Männer unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft
-schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein
-Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann näher
-zusieht -- ist _er_ es garnicht gewesen.«
-
-»Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt
-doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnäsiger werden und am Ende
-noch behaupten werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die
-ersten sein, die keine Achtung für ....«
-
-»Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie
-sie alle rufen, erklären Sie ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist,
-schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben
-geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an
-Ihrer Stelle gemacht hätte.«
-
-»Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen zugänglich sind außer
-allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir,
-sie werden mich auslachen.«
-
-»Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der
-schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefühl für das Rechte.
-Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe
-ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu verstecken.
-Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmähen
-sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der
-gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist -- nun so mögen sie die
-Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schließlich daran? Ihre Sache
-ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht
-vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.«
-
-»Afanassij Iwanowitsch,« sagte der Fürst nachdenklich: »ich will es mir
-überlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Rat.«
-
-»Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die
-Freiheit schenken?«
-
-»Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen daß er fortkommt, und
-zwar so schnell als möglich; je weiter er von hier ist, desto besser.
-Ihm könnte ich niemals verzeihen.«
-
-Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten direkt zu
-Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in höchster
-Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschäftigt, das ihm in
-mehreren Porzellanschüsseln aus einem gleichfalls recht respektablen
-Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten
-konnte der alte Herr sofort erkennen, daß Tschitschikow schon mit
-einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar,
-daß hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im
-Spiel hatte.
-
-»Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte er, »ich bringe Ihnen die
-Freiheit, aber unter einer Bedingung, daß Sie sofort die Stadt
-verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie
-fortkommen; Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst
-verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen irgend ein Mensch
-hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, daß man
-noch einer andern Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird
-ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich Spaß, auch andere Leute
-zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache
-wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung
-zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher
-ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf
-den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander
-streiten und einander umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden
-ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige zu denken.
-Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das
-fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und
-zerfleischen, und nicht daran denken, ihren _geistigen_ Besitz in
-Ordnung zu bringen -- wird es auch um den irdischen Besitz nicht
-wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen,
-wie für ein ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist doch so
-klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper hängt doch von der Seele ab.
-Wie aber kann man dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht
-an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen
-Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise
-auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, -- wenn ich
-nicht mehr da bin.«
-
-Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in
-Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen
-Bedeutung. »Murasow hat recht,« sagte er, »es wird Zeit, einen andern
-Weg einzuschlagen.« Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der
-Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka
-waren ganz selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und
-freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. »Nun, meine Lieben,«
-sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig an sie wandte: »jetzt müssen
-wir packen und abreisen.«
-
-»Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir
-fliegen werden,« sprach Seliphan: »Wir werden jetzt einen guten Weg
-haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir
-die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, daß ich sie
-garnicht mehr ansehen mag.«
-
-»Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein
-Schlittengestell setzen,« versetzte Tschitschikow und ging selbst in die
-Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu
-machen. Nach diesem unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so
-mehr, da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte über ihn
-zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfältig aus dem
-Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes,
-bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft
-hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und
-begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug
-genäht hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer für
-den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und ließ das Völkchen
-seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere,
-Bügeleisen und Zähnen arbeiten, sodaß der Frack noch am nächsten Tage
-fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte
-den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, ganz ebenso schön
-wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glänzendes, weiß
-Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: »Wie
-konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber hätte
-ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!« Nachdem er seine
-Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und
-verließ die Stadt in einer seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht
-mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des früheren
-Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem
-zerstörten Gebäude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde,
-um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch
-nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht
-gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine
-Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit
-Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach
-Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Fürsten
-zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle,
-bis auf den letzten noch einmal sehen.
-
-In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur bewohnte,
-war die gesamte Beamtenschaft der Stadt versammelt vom Gouverneur bis
-zum letzten Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand
-Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, solche die
-Geschenke annahmen und solche, die keine annahmen, ganze und halbe
-Heuchler und Pharisäer, und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle
-warteten nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen des
-Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den Saal, er war weder
-finster noch heiter: sein Blick war ebenso fest wie sein Schritt. Die
-ganze Beamtenschaft verbeugte sich -- viele verneigten sich tief bis zur
-Erde. Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und begann
-folgendermaßen:
-
-»Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig, Sie noch
-einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum Teil den Anlaß zu meiner Reise
-mitzuteilen. Es hat sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache
-abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden wissen, welche
-Sache ich meine. Diese Sache hat zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von
-Vorgängen geführt, die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar
-solche Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen und
-ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, alles so zu
-verwirren und durcheinanderzubringen, daß es völlig unmöglich werde,
-diesen Fall auf dem formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen.
-Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er es sehr klug und
-fein verstanden hat, alle Beweise für seine Teilnahme zu beseitigen. Nun
-aber habe ich mich entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen
-Rechtswege noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie wie in
-Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen und rasch zu erledigen.
-Ich hoffe, daß der Kaiser mir die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich
-ihm den ganzen Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo es
-nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, wo ganze
-Schränke mit Akten verbrennen, und wo man sich bemüht, durch einen
-Haufen von falschen Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine
-schon an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln -- da halte
-ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige Mittel, und ich
-wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.«
-
-Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Alle
-standen stumm da, den Blick zu Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich
-geworden.
-
-»Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, obgleich ihre
-Urheber der festen Überzeugung leben, daß niemand etwas davon erfahren
-konnte. Auch dieser Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden,
-da ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und Sie können
-sicher sein, daß ich zwingende und evidente Beweise vorlegen werde.«
-
-Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne von den Ängstlicheren
-wurden gleichfalls bestürzt und verlegen.
-
-»Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige und Anstifter
-seiner Titel und Ränge entkleidet und daß sein Eigentum konfisziert
-werden wird. Die übrigen werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich
-von selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige werden mit
-leiden müssen. Aber was soll ich machen? Die Sache ist zu schmählich und
-schreit nach einer gerechten Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß
-dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da wieder andere an ihre
-Stelle treten und die, welche bis zu heutigem Tage ehrlich waren,
-unehrlich und solche, denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern
-und Verrätern werden werden -- obwohl ich dies alles weiß, bin ich
-gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, denn das Gesetz ist
-verletzt und fordert strengste Ahndung. Ich weiß, daß man mir Härte und
-Grausamkeit vorwerfen wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in ein
-gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln muß, das auf die
-Häupter der Schuldigen herabfallen soll.«
-
-Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter.
-
-Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung spiegelte sich in
-seinen Zügen.
-
-»Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das Schicksal vieler liegt
-und den selbst keine Bitten zu erreichen vermochten, jetzt fleht er euch
-alle an: Alles soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben
-sein: ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine Bitte
-erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich weiß, daß kein Mittel,
-keine Einschüchterung und keine Strafe imstande ist, das Unrecht
-auszurotten, es hat schon zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche
-Sitte, Geschenke anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis
-geworden, selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage zum Bösen
-geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für viele beinahe unmöglich ist,
-gegen die allgemeine Strömung zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in
-einem entscheidenden und großen Augenblick, wo das Vaterland in Gefahr
-ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich nimmt und alles zum Opfer
-bringt, -- einen Ruf an Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die
-unter Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, und für
-die _Großherzigkeit_ und _Edelmut_ noch keine leeren Worte geworden
-sind. Wozu wollen wir hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig
-ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht habe ich Sie
-zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; vielleicht habe ich
-durch meinen übertriebenen Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der
-den ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich auch ich
-meinerseits etwas tun konnte .... Wenn Sie wirklich wollten, daß die
-Gerechtigkeit auf der Seite Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland
-wirklich lieb gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz
-und die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten Ihren
-Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken und Ihr eigenes Ich
-zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe
-zum Guten unmöglich nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren
-verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen können. Am Ende muß
-sich doch der Untergebene an den Charakter seines Vorgesetzten und nicht
-der Vorgesetzte an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls wäre das
-richtiger und bequemer, denn die Untergebenen haben nur _einen_
-Vorgesetzten, während der Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen
-hat. Aber lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste Schuld
-trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns die Pflicht auferlegt ward,
-das Vaterland zu retten; unser Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß
-zwanzig fremde Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde
-an _uns_ selbst; denn neben der rechtmäßigen Regierung und Verwaltung
-hat sich noch eine andre Regierung gebildet, die weit stärker ist als
-jede gesetzliche Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, alles
-ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise sind bereits allgemein
-bekannt gegeben. Und kein Regierender vermag es, selbst wenn er weiser
-wäre als alle Gesetzgeber und Regierenden der Welt, das Übel wieder
-auszurotten, und wenn er die schlechten Beamten tausendmal in ihren
-Machtbefugnissen beschränkte, indem er noch andre Beamten anstellte, um
-jene zu beaufsichtigen. Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen
-lernt, daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände
-wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und Unwahrheit. Als Russe,
-als ein Mensch, der durch die heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit
-euch verbunden ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den
-euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. Ich wende mich an
-die unter euch, die einen Begriff davon haben, was eine vornehme
-Denkungsart ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht zu erinnern,
-die dem Menschen vorgezeichnet ist, an jedem Punkte, wo er steht. Ich
-bitte euch, euch dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures irdischen
-Berufes klarer bewußt zu werden, weil uns dieses nur dunkel vorschwebt,
-und weil wir kaum ...«
-
-
-
-
- Novellen
-
-
- übersetzt von
- Mario Spiro und S. Bugow
-
-
- Der Mantel
-
-In einer Ministerial-Abteilung ...
-
-Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Rußland nämlich
-gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-,
-Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen
-unter dem Namen »Bürokraten« zusammenzufassen pflegt. Hält sich
-heutzutage der eine von ihnen für auch nur ein wenig in seiner Ehre
-gekränkt, so bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die
-ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein
-Kreisrichter -- ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt -- einen Bericht
-abgefaßt haben, in dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der
-Regierung nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche man
-sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine
-verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafür hatte er
-seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in
-dem man auf jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter
-begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen Reklamationen
-den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der
-folgenden Vorgänge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In
-einer Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung
-war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein Beamter, der -- ich kann
-es leider nicht verschweigen -- ein wenig schlicht und unbedeutend
-aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm
-jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas
-kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte
-eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden.
-Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das
-Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft --
-denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten
-festzustellen -- so war er das, was man im allgemeinen unter einem
-ewigen »Titular-Rat«[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen,
-die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser
-Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die
-beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen
-vermögen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war
-Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name läßt deutlich
-erkennen, daß er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit
-er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig
-unbekannt. Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres
-Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten immer nur
-Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen ließen. Der
-Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht
-wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich
-kann ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern daß die
-Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben.
-Man höre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles
-trügt, in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene Mutter, die
-einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging
-natürlich, wie sich's auch gebührt, sofort daran, ihren Neugeborenen
-taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe
-gegenüber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch
-Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines Amtes, Bürochef
-im Senate, -- und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna
-Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei
-Vorzügen ausgestattet war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen zur
-Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers Chosdasat.
-
-[Fußnote 9: Die russische bürokratische Hierarchie oder der Tschin
-zerfällt in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehört der neunten an.]
-
-»Nein,« dachte sie, »die gefallen mir alle nicht!«
-
-Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes
-Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und
-Warachatius. »Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!« rief die alte
-Mutter aus. »Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute höre
-ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch
-Waradat oder Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!«
-
-Man blätterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und
-Wachtissi.
-
-»Nein, nun wird es mir klar,« rief die Alte, »es soll nicht sein! So mag
-er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun
-einmal keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. So mag der
-Sohn denn auch Akaki heißen!« Und so taufte man ihn denn auf den Namen
-Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde über den Taufstein gehalten:
-natürlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse,
-wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages Titular-Rat werden
-würde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen
-deshalb so breit erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann,
-daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß ein anderer Name für
-den kleinen Akaki unmöglich gewesen wäre.
-
-Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm
-dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie
-viele Vorgesetzte aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander
-gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn
-stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, über dieselbe
-Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so daß man hätte glauben können,
-daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit
-seinen kahlen Schläfen und in seiner Dienstuniform. -- In der Kanzlei,
-in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht
-auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem
-Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm
-nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine
-Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des
-Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm
-einen Stoß von Papieren aufhäuften:
-
-»Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!« --
-
-oder etwa:
-
-»Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme Arbeit!«
-
-oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter wohlerzogenen Beamten am
-Platze ist.
-
-Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach zu fragen, wer sie vor
-ihm hingelegt hatte, und ob der Betreffende überhaupt dazu berechtigt
-gewesen war. Er nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben.
-Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren, diente er als
-Gegenstand für ihre Spöttereien und zur Zielscheibe für ihre
-Geistesblitze -- soweit man bei Beamten und besonders bei Kanzleibeamten
-überhaupt von Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine Menge
-erfundener Geschichten über ihn und über die Frau, bei der er wohnte,
-eine siebzigjährige Greisin. Man sprach davon, daß sie ihn hin und
-wieder verprügle, man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor den Altar
-treten wolle. Oder man ließ auch auf sein Haupt Papierkügelchen
-herabregnen und wollte ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären.
-Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste Beachtung; er
-erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts von der Gegenwart der
-andern. Alle diese kleinen Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im
-Arbeiten keinen Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch
-nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm jedoch einmal der
-Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn etwa am Arme und hinderte ihn am
-Schreiben, so sagte er auch dann nur:
-
-»Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen Sie mich denn durchaus
-beleidigen?« Und es lag etwas merkwürdig Rührendes in diesen Worten und
-in der Art, wie er sie sprach.
-
-Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der soeben eine Anstellung
-im Bureau erhalten hatte und nach dem Beispiel der andern sich auf seine
-Kosten lustig machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als
-hätte er einen Stich ins Herz bekommen, -- und von nun an sah er den
-alten Beamten mit ganz andern Augen an.
-
-Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche Macht ihn von seinen
-Kollegen, die er soeben erst kennen gelernt und die er zuerst für
-gebildete und anständige Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand
-er vor ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel später
-mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm das Bild dieses alten
-kleinen Titularrates mit der kahlen Stirn vor Augen und in seinen Ohren
-tönten die Worte wider:
-
-»Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich denn durchaus
-beleidigen?«
-
-Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere, die in ihnen
-schlummerten:
-
-»Bin ich nicht euer Bruder?«
-
-Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, und oft noch zuckte
-er später bei der Erkenntnis zusammen, daß das menschliche Herz doch nur
-wenig menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel Härte und
-Roheit selbst denen eigen wäre, die eine feine und vornehme Erziehung
-genossen hätten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für
-gütige und ehrenwerte Menschen galten.
-
-Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit
-gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit
-gleichem Eifer -- arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er
-Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus schöne, eine
-freundliche Welt. Man konnte von seinen Zügen das Vergnügen, das ihm das
-Kopieren bereitete, ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er
-mit einer ganz besonderen Genugtuung malte -- in der wahren Bedeutung
-des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz
-anderer: er lächelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich,
--- und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen,
-welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte.
-
-Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte er sich zu seinem
-eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben
-gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem
-Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze
-Beharrlichkeit trug ihm nur Hämorrhoiden ein.
-
-Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines Tages doch eine gewisse
-Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter
-Mann, der ihn für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine
-wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der
-gewöhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend
-eine andere Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten ändern und
-im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten
-ersetzen.
-
-Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie
-kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann
-und er endlich ausrief:
-
-»Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!«
-
-Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende kopieren.
-
-Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts auf der Welt für ihn
-existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprünglich grüne
-Uniform hatte allmählich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen
-war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war,
-beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm lang erschien, ähnlich wie
-bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Köpfen, die die fremden Hausierer
-in den russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen.
-
-Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben
-war, -- bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz
-besondere Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter einem Fenster
-vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen
-Gegenstand auf die Straße warf, und nur selten war sein Hut nicht mit
-einer Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm
-ein, sich mit dem, was auf den Straßen vor sich ging und alltäglich vor
-sich geht, zu beschäftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden
-Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren
-gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir
-sofort alles Merkwürdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit
-zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes
-Lächeln entlockte.
-
-Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmäßigen
-Linien seiner Kopieen vor sich, und er mußte schon plötzlich an die
-Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies,
-geraten, um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult befand,
-vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf
-der Straße. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch,
-schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekümmert
-um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch mit
-Knoblauch -- samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und
-der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefüllt, dann stand
-er auf, holte ein kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann
-pflichtgemäß die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen
-hatte. Hatte er zufällig gerade keine dienstlichen Schriftstücke
-abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergnügen Dokumente,
-denen er eine besondere Wichtigkeit beimaß -- nicht wegen ihrer mehr
-oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine
-hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren.
-
-Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs von dem Schleier der
-Nacht verhüllt ist und der ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen
-gastronomischen Neigungen und dem Gewichte seiner Börse eingenommen hat,
--- wenn alle Welt sich von dem Kratzen der Federn im Bureau, von den
-Sorgen und den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich die
-unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen, zu erholen
-sucht, so ist es ganz natürlich, daß die Beamten den Rest des Tages
-irgend einer persönlichen Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins
-Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich damit, die
-Toiletten und Hüte zu betrachten, andere wieder besuchen eine Soirée, wo
-sie an irgend ein hübsches Mädchen -- irgend einen Stern, der am
-bescheidenen Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt, einige
-zärtliche und tiefempfundene Worte richten. Manche dagegen -- und diese
-sind die zahlreichsten -- besuchen einen Kollegen, der im dritten oder
-vierten Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer Küche und
-einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, das einen mühselig erbeuteten
-Luxusgegenstand, eine Lampe oder irgend einen auf Grund langer
-Einschränkungen gekauften Artikel birgt.
-
-Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die eine oder die andere
-Weise seinem Müßiggange nachgeht: hier spielt man eine Partie Whist,
-dort nimmt man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht aus
-einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die Skandalgeschichten, die
-in der großen Welt passieren, denn in welcher Situation sich der Russe
-immer befinden mag, nie kann er seine Gedanken von seiner offiziellen
-Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose Anekdoten im Umlaufe sind,
-wie zum Beispiel die von dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht
-wird, irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild Peters des
-Großen den Schweif abgeschnitten.
-
-Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung und des Amüsements
-blieb Akaki Akakiewitsch seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen
-können, daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in Gesellschaft
-gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben müde geworden war und nicht
-mehr weiter konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden des
-folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die ihm der liebe Gott noch
-reserviert hatte.
-
-So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der bei einem Einkommen
-von vierhundert Rubeln mit seinem Schicksale vollkommen zufrieden war,
-und er würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er nicht
-einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, wie er nicht nur
-Titularräte, sondern auch die geheimen, die wirklichen Staatsräte, die
-Hofräte und selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen,
-treffen kann.
-
-In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur über ein Einkommen von
-ungefähr vierhundert Rubeln verfügen, einen furchtbaren Feind, und
-dieser gräßliche Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl
-man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit sehr zuträglich.
-
-Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der verschiedenen Ämter sich in
-ihr Bureau begeben, sticht ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die
-Nase, daß die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken
-sollen.
-
-Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger in Person so sehr
-unter der Kälte leiden, daß ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in
-die Augen steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten ergehen,
-die doch über gar keine Mittel verfügen, um sich gegen die Unbilden der
-Kälte zu schützen. Da sie sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen
-können, so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder sechs
-Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann bei dem Portier halt zu
-machen, um hier so lange auf den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre
-eingefrorenen bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten.
-
-Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im Rücken und in den
-Schultern einen stechenden Schmerz, obwohl er in großer Eile und außer
-Atem die Entfernung von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen
-pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte, gelangte er
-schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel nicht mehr ganz intakt sein
-müsse. Kaum war er in sein Zimmer eingetreten, als er dieses
-Kleidungsstück sorgfältig untersuchte und hierbei feststellte, daß der
-einst so kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den reinsten
-Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden war, daß er fast durchsichtig
-schien; außerdem war das Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich
-wissen, daß dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die
-Spöttereien von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, man
-hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels entzogen, um ihn
-Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, daß dieses Kleidungsstück ein
-äußerst merkwürdiges Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen
-immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu Jahr hatte der arme
-Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten, um mit ihm eine schadhafte
-Stelle des Mantels auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts
-weniger als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt
-aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als Akaki Akakiewitsch seine
-traurigen Betrachtungen beendet hatte, sagte er sich, daß er ohne
-Zaudern den Mantel zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock
-eine ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse.
-
-Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig war und im
-nüchternen Zustande der Ehre teilhaftig wurde, für die Herren Beamten
-Röcke und Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas anders im
-Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier länger bei diesem
-Schneider zu verweilen; aber da es der Brauch nun einmal so will, keine
-Persönlichkeit in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie man
-nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen, meinen
-Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu abzukonterfeien. Früher, als er
-noch bei seinem Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori.
-Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen Petrowitsch
-anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, zunächst nur an den hohen
-Feiertagen, dann jedoch an allen Kirchenfesten, die im Kalender mit
-einem Kreuz verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den
-Gewohnheiten seiner Großväter treu, und wenn seine Frau mit ihm zanken
-wollte, hieß er sie eine gottlose Person und eine Deutsche. Und da wir
-diese Frau schon erwähnt haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar
-Worte sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten, außer daß
-sie eben die Frau des Petrowitsch war, und daß sie eine Haube auf dem
-Kopfe trug. Im übrigen war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen,
-höchstens erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der Straße
-begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen Mund zu einem Lächeln
-zu verziehen und einen unbestimmten Laut von sich zu geben. Akaki
-Akakiewitsch kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. Die
-Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig, feucht und strömte,
-wie alle Proletarierwohnungen in St. Petersburg, einen Nase und Augen
-beizenden Branntweingeruch aus.
-
-Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen hinaufkroch, überlegte
-er, welchen Preis Petrowitsch wohl für die Reparatur fordern könnte, und
-er beschloß, ihm unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten.
-
-Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den Rauchwolken aus der
-Küche einen Ausgang zu verschaffen; Petrowitschs Frau war gerade dabei,
-hier Fische zu braten. Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die
-so voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie bevölkernden
-Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche, ohne daß die Frau seiner
-ansichtig wurde und trat in die Stube hinein, wo der Schneider auf einem
-großen, roh gezimmerten und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein
-türkischer Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der meisten
-russischen Schneider mit nackten Füßen.
-
-Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem ein Umstand die
-Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der Nagel eines Daumens, der zwar ein
-wenig verstümmelt, sonst aber hart und starr war wie die Schale einer
-Schildkröte. Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden und mehrere
-Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen Knieen lag ein zerfetzter Rock.
-Seit einigen Minuten bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch
-ohne Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf den Faden.
-
-»Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!« schrie er. »Bald habe ich
-keine Kraft mehr, verdammtes Ding!«
-
-Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen Augenblick
-erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter Laune war. Es wäre ihm lieber
-gewesen, Petrowitsch in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in
-denen der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder -- wie seine
-Frau sich auszudrücken pflegte -- wo dieser einäugige Teufel sich eine
-solide Ration Fusel einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein
-leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der Schneider
-ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, daß er sich ehrfürchtig
-vor ihm vorbeugte und ihn mit Danksagungen überschüttete.
-
-Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen Abmachungen,
-beklagte sich über ihren Mann, schrie und tobte und erklärte, er sei
-betrunken gewesen und habe die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise
-angenommen. Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel war
-abgeschlossen.
-
-Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch bis zu diesem
-Momente noch nicht der Flasche zugesprochen, und in dieser
-Gemütsverfassung war der Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig,
-einen schrecklich hohen Preis zu fordern.
-
-Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte gern wieder Reißaus
-genommen; jedoch es war dazu zu spät: das Auge des Schneiders, sein
-einziges Auge, denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und so
-stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch:
-
-»Guten Tag, Petrowitsch!«
-
-»Guten Tag, Herr!« antwortete der Schneider, dessen Blick sich sofort
-auf die Hand des Titular-Rates heftete, um zu erkennen, was für ein
-Objekt sie trug.
-
-»Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich wollte ...«
-
-Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame Titular-Rat es sich
-zur Regel gemacht hatte, seine Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte,
-Präpositionen, Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn
-ergaben, auszudrücken.
-
-War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, von besonderer
-Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, den angefangenen Satz zu Ende zu
-sprechen. Wenn die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann
-stotterte er nur ein paar Worte heraus: »Das ist doch wirklich ganz ...«
-und dann folgte überhaupt nichts mehr. Bald hatte er selbst vergessen,
-was er eigentlich sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt.
-
-»Was wünschen Sie, Herr?« fragte Petrowitsch ihn, indem er ihn mit
-seinem einzigen Auge vom Kopf bis zu den Füßen musterte und seinen
-fragenden Blick über Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die
-gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut kannte, da er
-selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt hatte. Das ist nun mal die
-Eigentümlichkeit aller Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie
-einem Bekannten begegnen.
-
-Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich:
-
-»Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... sehen Sie das Tuch
-... übrigens ... ich für meinen Teil ... ich glaube, er ist noch ganz
-gut ... nur ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein wenig
-abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz neu ... nur an einer
-Stelle ein wenig abgescheuert ... da, am Rücken ... und hier an der
-Schulter ... zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... es
-ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar nicht viel daran zu tun
-...«
-
-Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete ihn auf dem
-Tische aus, betrachtete ihn schweigend und schüttelte dann das Haupt.
-Dann streckte er den Arm nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit
-dem Bilde eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. Ich weiß
-nicht, was das für ein General war, denn die Stelle, wo sich das Gesicht
-befand, war mit dem Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider
-flugs einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt.
-
-Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen hatte, nahm er die
-Kutte von neuem in die Hände, hielt sie ans Licht und schüttelte zum
-zweitenmal den Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an,
-schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner vor Zeiten mit
-dem Porträt eines Generals geschmückten und mit einem Papierstreifen
-geflickten Tabakdose hoch, entnahm ihr eine zweite Prise, machte die
-Dose zu, steckte sie ein und schrie endlich:
-
-»Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern! Das ist ja nur ein ganz
-elender Fetzen!«
-
-Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs Herz zusammen.
-
-»Weshalb nicht, Petrowitsch?« fragte er in dem weinerlichen Ton eines
-Kindes, »dieser Rock sollte nicht mehr auszubessern sein? Aber so sehen
-Sie doch, Petrowitsch! nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an der
-Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um sie aufzunähen.«
-
-»Allerdings habe ich genug Flicken,« versetzte Petrowitsch, »aber wie
-soll ich sie denn darauf nähen? Das Tuch ist abgescheuert und hält
-nirgends mehr stand.«
-
-»Ach was! so werden Sie einfach einen größeren Flicken nehmen!«
-
-»Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der wird ja doch nicht
-halten, der Flicken wäre auch zu groß; das kann man doch kaum noch Tuch
-nennen, ein Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!«
-
-»Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... Das geht doch nicht.«
-
-»Nein!« erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, »da ist gar nichts mehr
-zu machen! Dieser Stoff hat ausgedient. Es wäre besser, daraus für den
-Winter Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr als Strümpfe.
-Ja, ja, das ist auch so eine deutsche Erfindung, um den Leuten Geld
-abzunehmen.«
-
-Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne den Deutschen eins
-auszuwischen.
-
-»Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,« fügte er hinzu.
-
-»Einen neuen Mantel?«
-
-Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. Das Atelier des
-Schneiders fing an ihn zu umkreisen und der einzige Gegenstand, den er
-deutlich zu erkennen vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt
-des Generals auf Petrowitschs Tabaksdose.
-
-»Einen neuen Mantel?« murmelte er wie traumverloren. »Aber ich habe doch
-kein Geld dazu.«
-
-»Jawohl, einen neuen Mantel!« wiederholte Petrowitsch mit grausamer
-Beharrlichkeit.
-
-»Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, ich faßte einen solchen
-Entschluß ... wieviel? ...«
-
-»Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?«
-
-»Ja.«
-
-»So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden Sie schon anwenden
-müssen,« erwiderte der Schneider, indem er die Lippen zusammenkniff.
-
-Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand ein ganz besonderes
-Vergnügen darin, seine Kunden zu verblüffen und dann mit seinem einzigen
-schielenden Auge den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten.
-
-»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?« sagte Akaki Akakiewitsch.
-
-Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem Ton aus, der fast einem
-Schrei glich, vielleicht dem ersten, den er seit seiner Geburt
-ausgestoßen hatte, denn gewöhnlich sprach er ja mit großer
-Furchtsamkeit.
-
-»Ja,« versetzte Petrowitsch, »ohne Marderkragen und Seidenfutter für den
-Umhang; sonst würde er sich auf zweihundert Rubel belaufen.«
-
-»Petrowitsch, ich beschwöre Sie,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch
-flehend, der auf den Schneider und all seine Effekte gar nicht mehr
-hörte, ihn auch nicht hören wollte; »ich beschwöre Sie, diesen Mantel
-irgendwie auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!«
-
-»Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze Ausgabe, eine reine
-Verschwendung,« versetzte Petrowitsch.
-
-Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz niedergeschmettert
-zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen Lippen, mit sich
-selbst äußerst zufrieden wegen der so mannhaften Verteidigung des
-gesamten Schneiderstandes, stehen blieb.
-
-Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule in den Straßen umher.
-
-»Welche Widerwärtigkeit!« sprach er beim Gehen vor sich hin.
-»Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß das so ausgehen würde ...
-Nein,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, »ich konnte nicht
-annehmen, daß es dazu kommen würde ...« Dann schwieg er wieder eine
-Weile still und sagte schließlich: »Ich befinde mich augenblicklich in
-einer durchaus unerwarteten Situation ... in einer solchen Verlegenheit,
-daß ...«
-
-Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte, schlug er,
-anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner Wohnung völlig entgegengesetzte
-Richtung ein, jedoch ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger
-schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken. Von einem im Bau
-befindlichen Hause herab fiel ihm eine ganze Mütze mit Gips auf den
-Kopf; er jedoch sah und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte
-gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener Hellebarde den
-Weg versperrte und ihm aus seiner Dose Tabak auf die schwielige Hand
-schüttete, erwachte er rauh aus seinen Träumen.
-
-»Was tust du hier?« schrie ihn der brutale Hüter der öffentlichen
-Ordnung an; »kannst du nicht, wie es sich gehört, auf dem Trottoir
-gehen?«
-
-Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich völlig aus dem
-Zustande der Betäubung. Er sammelte wieder seine Gedanken, überblickte
-kaltblütig die Situation und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate
-wie mit einem Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut.
-
-»Nein,« sagte er endlich, »heute werde ich nichts bei Petrowitsch
-erreichen; heute ist er schlechter Laune ... vielleicht hat ihn seine
-Frau geprügelt, -- ich werde ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen.
-Sonntag Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er stark schielen,
-Durst haben, trinken wollen und seine Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich
-werde ihm ein Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er viel
-eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel sprechen lassen.«
-
-Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki Akakiewitsch bis zum
-nächsten Sonntag. An diesem Tage begab er sich, als er von ferne
-Petrowitschs Frau ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und
-fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster
-Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war ganz
-verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, worum es sich
-handelte, als er Akaki Akakiewitsch sofort anschnauzte, als sei der
-Teufel in ihn gefahren.
-
-»Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können sich jetzt nur einen
-neuen Mantel kaufen.«
-
-Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück in die Hand.
-
-»Danke, Euer Gnaden,« antwortete Petrowitsch, »ich werde auf Ihre
-Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren Mantel anbetrifft, so dürfen Sie
-gar nicht mehr an ihn denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert.
-Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen einen prachtvollen
-neuen anfertigen -- ich bürge Ihnen dafür!«
-
-Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das andere Mal den
-Schneider, den alten zu reparieren, aber Petrowitsch wollte ihn gar
-nicht mehr anhören und sagte: »Ich will Ihnen schon einen neuen
-anfertigen ... Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe geben. Ja,
-ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, silberne Haken und Ösen an dem
-Kragen anbringen.«
-
-Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich einen
-neuen Mantel werde anschaffen müssen, und zum zweitenmal fühlte er sich
-einer Ohnmacht nahe. Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit
-ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu sagen, zu den
-Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle Gratifikation. Aber dafür hatte
-er schon längst eine Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar
-Beinkleider kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld bezahlen, der
-ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und zwei neue Schäfte aufgesetzt
-hatte. Er mußte sich bei der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen
-Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu nennen, gegen den
-literarischen Anstand verstößt, kurz alles war schon im voraus bestimmt.
-Und sollte -- ein unerwartetes Glück! -- der Direktor etwa die
-Gratifikation von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre
-schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der unerhört hohen
-Summe, die Petrowitsch für den Mantel gefordert hatte? Ein Tropfen
-Wasser im Ozean.
-
-Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit hatte, mitunter ganz
-unglaubliche Preise zu verlangen, sodaß sich seine Frau oft nicht
-enthalten konnte, ihn mit folgenden Worten anzufahren:
-
-»Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für ein reines Nichts, und
-ein andermal reitet dich der Teufel, einen so unendlich hohen Preis zu
-fordern, den der Kerl selbst nicht wert ist.«
-
-Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem Preise von achtzig
-Rubel für einen neuen Mantel einverstanden sein würde. Aber wo sollte
-man selbst diese achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm
-gelingen, wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die Hälfte oder sogar
-noch etwas mehr aufzutreiben. Woher aber sollte er die andere Hälfte
-nehmen!
-
-Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki Akakiewitsch zur
-Beschaffung dieser Summe anzuwenden gedachte, Rechenschaft geben!
-
-Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er einen Rubel erhielt, eine
-Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu werfen, die stets fest verschlossen
-war. Am Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen Kupferstücke
-heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von gleichem Werte. Dieses
-Sparsystem hatte er schon ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen
-sich nach Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr als
-vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte der in Betracht
-kommenden Summe. Aber die andere Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig
-hernehmen? Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich sagte
-er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene seiner
-Ausgaben reduzieren könne, des Abends auf den Tee verzichten, keine
-Kerze anzünden und -- wenn er etwas zu arbeiten hätte -- sich mit seinen
-Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine Arbeit bei ihrer
-Kerze zu vollenden. Er faßte auch den Entschluß, auf der Straße
-möglichst sanft und vorsichtig aufzutreten, ja wenn es ging auf den
-Zehenspitzen über das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine
-Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche nicht so oft
-waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen auszuziehen und statt dessen
-bloß seinen baumwollenen Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes
-Stück, das die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont
-hatte.
-
-Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, aber nach und nach
-gewöhnte er sich an seine neue Lebensweise und brachte es sogar soweit,
-sich, ohne Abendbrot gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während
-sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein Geist in der
-unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem Mantel neue Anregung. Von diesem
-Augenblicke an hätte man sagen können, daß seine Natur das passende
-Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß noch ein anderer
-Mensch immer um ihn war, daß er nicht mehr einsam war und daß ihm eine
-Gefährtin zur Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen
-begleitete; diese Gefährtin -- war das Bild seines Mantels, wohl
-wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt nicht umzubringen
-war.
-
-Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als früher
-einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der nur ein Ziel vor Augen
-hatte, das er auf jeden Fall erringen will. Die Charakterlosigkeit und
-Ängstlichkeit in seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine
-lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden und unsicheren
-Züge waren auf einmal verschwunden. Mitunter glänzten seine Augen wie in
-neuem Leben, und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die
-Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz gut einen
-Mantelkragen anbringen lassen könne.
-
-Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig zerstreut. Eines Tages,
-als er wieder seine Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm
-beinahe ein Fehler untergelaufen wäre.
-
-»O, o!« rief er aus.
-
-Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes.
-
-Mindestens einmal im Monat begab er sich zu Petrowitsch, um sich mit ihm
-über den kostbaren Mantel zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit
-ihm festzustellen, zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, wie teuer
-es wohl zu stehen kommen werde und welche Farbe in Betracht käme.
-
-Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen; aber jedesmal kehrte er
-zwar etwas besorgt aber doch glücklich und zufrieden nach Hause zurück,
-denn nun mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles besorgt,
-und der Mantel fix und fertig sein würde.
-
-Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft hatte, ein. Der
-Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation nicht von vierzig oder
-fünfzig, sondern von fünfundsechzig Rubeln. Hatte etwa dieser brave
-Beamte bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend eines
-neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held diese seltene
-Freigebigkeit nur seinem guten Sterne?
-
-Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde um zwanzig Rubel
-reicher. Eine solche Vermehrung seiner Ersparnisse mußte notwendig die
-Verwirklichung seines Vorhabens beschleunigen.
-
-Noch zwei oder drei Monate, während deren er hungerte, und Akaki
-Akakiewitsch hatte seine achtzig Rubel beisammen. Sein gewöhnlich
-friedliches Herz begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure Summe
-von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er Petrowitsch auf, und alle
-beide begaben sich noch am selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler.
-
-Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. Kein Wunder! Seit mehr
-denn einem Jahre hatten sie sich über diese Anschaffung unterhalten,
-über alle Einzelheiten hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten
-sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste studiert um sich über
-die Preise zu vergewissern. Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen
-bessern Stoff würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie äußerst
-feste Leinewand, die nach der Meinung des Schneiders besser als Seide
-war und überdies einen unvergleichlichen, viel schöneren Glanz hatte.
-Marder kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie
-entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in dem ganzen Laden
-gab und das man schließlich wohl auch für Marder halten konnte.
-
-Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch voller
-vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose Menge von Stichen, ohne die
-wäre er allerdings früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit
-mit zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles war mit Seide
-gearbeitet, und der Schneider hatte die Nähte mit den Zähnen, deren
-Spuren man noch sah, gebügelt. Endlich kam er an, der so innig
-herbeigesehnte Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu
-beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in dem Leben
-Akakij Akakiewitschs.
-
-Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am frühen Morgen, bevor
-der Titular-Rat sich in sein Büro begab. Er hätte garnicht zu
-gelegenerer Zeit kommen können, denn die Kälte machte sich bereits
-bitter fühlbar, und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden.
-
-Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen Miene eines
-weltberühmten Schneiders. Seine Physiognomie war von einem seltenen
-Ernst; niemals hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem
-Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller Stolz den Abstand,
-der den Flickschneider von dem Künstler, dem Verfertiger neuer
-Kleidungsstücke, scheidet.
-
-Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene Leinewanddecke
-gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte und dann wieder
-zusammenlegte, um sie seiner Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz
-den Mantel mit beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf
-die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, strich ihm mit der
-Hand noch einmal über den Rücken, und ein Lächeln der Genugtuung
-überlief seine Züge, als er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch
-herabfallen sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal
-weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne präsentieren.
-
-Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch auch die Ärmel
-anprobieren; Petrowitsch half ihm in die Ärmel hinein, und siehe da, sie
-saßen wundervoll. Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen
-Einzelheiten, und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig.
-
-Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte er nicht, darauf
-hinzuweisen, daß er ihn nur wegen der geringen Miete, weil er in einer
-kleinen Nebenstraße wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen
-brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft mit Akakij
-Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann bemerkte er noch, daß ein
-Schneider vom Newski Prospekt allein für die Fasson eines gleichen
-Mantels mindestens fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij
-Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht erst in eine
-Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich vor den horrenden Summen,
-mit denen Petrowitsch zu prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ
-seine Stube, um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben.
-
-Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf der Straße halt, um ihm
-so weit wie möglich mit den Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße,
-durchquerte eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße zurück,
-um den Mantel noch einmal von einer andern Seite, d. h. von vorne zu
-betrachten.
-
-Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, näherte sich
-Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick fühlte er, daß von seinen Schultern
-ein neues Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit einem
-holden Lächeln der Genugtuung.
-
-Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: zunächst, daß der Mantel
-warm war, sodann, daß er gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er
-gegangen war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die Kanzlei, legte
-seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute ihn sich noch einmal sorgfältig
-von allen Seiten an und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel zu
-achten.
-
-Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den Bureaus verbreitet hatte,
-daß Akaki Akakiewitsch sich einen neuen Mantel angeschafft, und die alte
-Kapuze zu existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen
-Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel zu bewundern und
-den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen zu überhäufen, daß er nicht
-umhin konnte, ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten, das
-bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz machte.
-
-Aber wie groß war seine Überraschung, als seine schrecklichen Kollegen
-ihn merken ließen, daß sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedürfe
-und daß sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch
-war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, was er zu
-seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend stotterte er, das
-Kleidungsstück sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel
-wäre vielmehr schon ganz alt.
-
-Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Bürovorstehers, der
-ohne Zweifel dartun wollte, daß er so gar nicht stolz auf seinen Rang
-und Titel war und daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht
-verschmähte, nahm das Wort und sagte:
-
-»Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten.
-Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe
-heute gerade Geburtstag!«
-
-Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte und beeilten sich, seine
-Einladung mit großer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst
-ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von ihm wäre,
-gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fügte er sich
-denn in das Notwendige.
-
-In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude darüber, daß er auf
-diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Straße zu
-zeigen. Dieser ganze Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen
-Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hängte
-ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff und Futter geprüft hatte, an
-die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit
-Petrowitschs Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von
-einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd dachte er: »Welch ein
-Unterschied!« Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich
-eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer
-Verfassung sein alter Mantel sich befand.
-
-Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er
-sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein
-rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des
-Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging.
-
-Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die Wohnung dieses
-Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen
-hatte. Mein Gedächtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die
-Straßen und Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige
-Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, mich nur einigermaßen zurecht zu
-finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, daß der würdige
-Beamte in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß infolgedessen
-seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war.
-
-Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete
-Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der
-Wohnung seines Vorgesetzten näherte, um so heller und belebter wurden
-die Straßen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode
-gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen und Herren, die
-Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbänken und ihren
-mit goldenen Nägeln geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle
-Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, die mit
-Bärenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle
-Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten
-Kutschböcken, die knirschend über den Schnee dahinglitten.
-
-Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich neues Schauspiel.
-Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht
-neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein
-Gemälde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Porträt einer
-Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzückenden
-Fuß von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der
-durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ.
-
-Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte,
-schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd seinen Weg fort. Warum
-lächelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er
-sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis
-bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner
-Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame
-Einfälle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es
-wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im
-übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen
-und die Gedanken der Menschen zu lesen.
-
-Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs
-wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe
-brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten
-Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine
-lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer
-ein Samowar, an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere mit
-Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang
-ein wirres Geräusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die
-Tür öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit
-Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gäste mußten bereits
-lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste
-Tasse Tee geleert.
-
-Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das
-hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen
-ausgerüsteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr
-laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben.
-
-Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle stehen, da er
-nicht wußte, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon
-bemerkt, begrüßten ihn mit großem Hallo und eilten sofort in das
-Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem
-braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und
-treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die
-Glückwünsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke
-darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder
-und gingen an ihre Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung,
-die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte
-unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch im höchsten Grade. Er wußte
-nicht, wo er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen sollte;
-schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten,
-bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu gähnen und
-sich zu langweilen an, denn er empfand, daß die Stunde bereits längst
-verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte
-sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man ihm klarmachte,
-er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier
-dieses denkwürdigen Tages getrunken zu haben.
-
-Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat,
-kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu
-jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah
-sich genötigt, zwei große Gläser von diesem prickelnden Getränk zu
-leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein
-heiteres Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß Mitternacht
-vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen war.
-
-In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, schlich er sich
-insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf
-dem Boden erblicken zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt,
-entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe
-hinunter.
-
-Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und
-dem niederen Volke besuchten Läden waren noch geöffnet; einige waren
-zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den
-Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die Gäste noch nicht gegangen
-waren. Wahrscheinlich saßen die Knechte und Mägde noch immer in
-lebhaftem Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener
-Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen.
-
-Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach
-seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame
-nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche
-Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich
-bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg
-langsam weiter fort, höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das er
-angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte
-Gassen und plötzlich merkte er, daß er sich in einer jener Straßen
-befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe
-auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher.
-Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer
-seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die
-Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, Palisadenzäune --
-aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen
-glänzte der Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen
-Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig da. Er gelangte an eine
-Stelle, wo die Straße in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz
-mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien
-fast, als befände man sich in einer weiten und trostlosen Wüste.
-
-In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause
-her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor
-Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging mit starkem
-Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm
-liegende Raum erschien ihm größer als der Ozean.
-
-»Nein,« sagte er, »ich will lieber garnicht hinsehen!«
-
-Und er ging weiter, indem er die Augen beständig zumachte. Als er sie
-öffnete, sah er sich plötzlich von mehreren bärtigen Männern umgeben,
-deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den
-Augen, sein Herz krampfte sich zusammen.
-
-»Dieser Mantel gehört mir,« schrie einer der Männer, indem er Akaki
-Akakiewitsch an dem Kragen faßte.
-
-Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer der Angreifer schloß ihm
-indessen mit seiner Faust, die die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den
-Mund und sagte zu ihm:
-
-»Laß dir's nur nicht einfallen, zu schreien!« Im selben Augenblick
-fühlte der Titular-Rat, wie man ihm seinen Mantel auszog, und fast
-gleichzeitig ließ ihn ein Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er
-bewußtlos liegen blieb.
-
-Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber er vermochte niemand
-mehr zu erblicken. Seiner Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er
-aus Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum bis zum
-anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer sich lief er über den Platz
-und stürzte mit der letzten Kraft der Verzweiflung auf das
-Schilderhäuschen zu, wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig
-betrachtete und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen Lärm
-vollführe und wie ein Verrückter liefe.
-
-Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte er ihn
-mit bebender Stimme der Trunkenheit, weil er nicht bemerkt hatte, daß
-man in nächster Nähe von ihm die Passanten bestehle und ausplündere.
-
-»Ich habe nichts gesehen,« erwiderte der Mann, »ich sah Sie nur mitten
-auf dem Platze zusammen mit zwei Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre
-Freunde. Es ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen den
-Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in die Hand nehmen,
-nach den Dieben des Mantels forschen lassen und eine Untersuchung
-einleiten.«
-
-Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem fürchterlichen Zustande
-zu Hause an: die wenigen Haare, die er noch am Hinterkopf und an der
-Schläfe hatte, hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und
-Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin ihn wie einen
-Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand sie schnell auf und kam auf
-nackten, nur in Pantoffeln steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete
-die Türe, indem sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der
-einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs Anblick
-prallte sie entsetzt zurück.
-
-Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang sie die Hände und
-rief:
-
-»Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor wenden, sondern an den
-Bezirks-Kommissar. Der Inspektor wird Sie mit schönen Worten abspeisen
-und doch nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne ich schon
-lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin, dient jetzt bei ihm
-als Amme, und ich sehe sie oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er
-geht jeden Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen Leuten
-freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich an, daß er ein braver
-Mann ist.«
-
-Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich Akaki traurig in sein
-Zimmer zurück. Wer sich nur einigermaßen in die Situation eines andern
-hinein versetzen kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte.
-
-Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man
-bedeutete ihm, daß dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er
-wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar
-ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit
-ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten
-ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu
-sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen
-Energieversuch. Er erklärte kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf
-der Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus dem Departement,
-daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine
-äußerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand
-einfallen, ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, und dies
-könnte ihnen teuer zu stehen kommen.
-
-Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber
-ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewährte nun Akaki
-Akakiewitsch eine Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den
-Raub seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. Anstatt sich
-für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er
-den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher
-Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen
-Hause gewesen sei.
-
-Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort
-und zog sich zurück, ohne genau zu wissen, ob man sich überhaupt mit
-seiner Angelegenheit beschäftigen würde oder nicht.
-
-Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau gewesen: (ein
-unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er
-wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten
-Mantel, der nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen
-erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer
-einige Rohlinge, die aus vollem Halse darüber lachen zu müssen glaubten;
-die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und
-veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise
-hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig ungenügendes Resultat,
-weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei
-Subskriptionen beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt
-ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das
-Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte
-erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz
-unbedeutende Summe zusammenkam.
-
-Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme
-entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen
-guten Rat geben. Er sagte ihm, daß es verlorene Mühe wäre, sich noch
-einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser
-Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob seiner
-Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der Tat glücken sollte,
-seinen Mantel aufzufinden, so würde die Polizei dieses Kleidungsstück so
-lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht
-unumstößlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels
-legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse,
-hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche hochstehende
-Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behörden die Sache
-ohne große Schwierigkeit erledigen könne.
-
-In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu
-leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persönlichkeit
-eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte
-man nicht sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese _hohe
-Persönlichkeit_ erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte säße, bis dahin war
-sie nämlich eine ganz unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Allerdings
-gab es andre noch höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich
-finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, die
-andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende
-Persönlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle
-möglichen Hebel in Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er alle
-andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße der Treppe auf ihn zu
-warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen,
-sondern dies alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der
-Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär das Audienzgesuch
-mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch höheren
-Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit
-darüber Bericht ab.
-
-Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in unserem heiligen Rußland.
-Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die
-Manieren seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit
-ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus beförderter
-Titular-Rat über einem seiner Zimmer die Aufschrift »Beratungssaal«
-anbringen. An der Tür standen Diener mit roten Kragen und gestickten
-Röcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen
-äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch Platz bietenden
-»Saal« hineinführten.
-
-Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu unserem Beamten,
-zurück. Er hatte eine imponierende majestätische Haltung, wenngleich
-sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System
-faßte sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge,
-Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und
-beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte,
-bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf verzichten können, soviel Energie
-zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen
-Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon
-ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst
-ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um bei seinem Vorübergang
-Spalier zu bilden. In seinen Gesprächen mit seinen Untergebenen
-beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende
-Worte:
-
-»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen
-Sie nicht, wen Sie vor sich haben!«
-
-Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig und gefällig gegen
-seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit
-dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den größten Teil
-seiner Zeit in einer Art Schwindel und wußte kaum noch, wie er sich
-benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen
-menschlich und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger und
-in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er
-sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los --
-dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser
-Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst
-empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit hätte verbringen können.
-
-Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, konnte es nicht
-entgehen, daß er vor Verlangen brannte, sich in eine interessante
-Konversation zu mischen, aber die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend
-zu erscheinen, sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu zeigen, hielt
-ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser Art zu entziehen, beobachtete
-er eine außerordentliche Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend
-ein einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf die Spitze
-getrieben, daß man ihn einen langweiligen Peter nannte, und dieser Titel
-war wohl verdient.
-
-Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch um Hilfe und
-Schutz angehen mußte. Der Augenblick, den er wählte, um seine Absicht
-auszuführen, schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch,
-dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln.
-
-Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem Arbeitszimmer und
-plauderte angeregt mit einem alten Jugendfreunde, der vor kurzem
-angekommen war und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man
-ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre einer Audienz bei
-Seiner Exzellenz nachsuchte.
-
-»Wer ist das?« fragte er kurz und sehr erstaunt.
-
-»Ein Beamter!«
-
-»Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit, ihn zu empfangen.«
-
-Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte sie daran, die
-gewünschte Audienz zu gewähren. Beide Freunde hatten schon alles
-durchgesprochen. Schon mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen
-Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung sie sich beide
-freundschaftlich auf die Knie klopften:
-
-»So geh, lieber Iwan Abramowitsch!«
-
-»Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!«
-
-Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich empfangen, um
-seinen Freund seine ganze Bedeutung empfinden zu lassen, dieser hatte
-nämlich den Dienst quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher
-wollte ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten sich so
-lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es ihm gefiele, sie zu
-empfangen.
-
-Endlich -- nach mehreren Zwiegesprächen und einigen neuen Pausen,
-währenddessen die beiden Freunde in ihren bequemen Lehnsesseln liegend,
-den Rauch ihrer Zigarren zur Decke sandten, schien sich der
-General-Direktor plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um eine
-Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär, der mit verschiedenen
-Akten an der Tür stand, und sagte: »Ich glaube es wartet da irgend ein
-Beamter auf mich. Lassen Sie ihn herein!«
-
-Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich ihm mit
-untertäniger Miene in seiner alten Uniform näherte, wandte er sich
-schroff zu ihm und fuhr ihn in jenem strengen und rauhen Tone an, den er
-sich, wenn er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert
-hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen Posten einnehmen und
-sich General nennen durfte.
-
-»Was wollen Sie?«
-
-Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch war wie
-niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. Indes versuchte er es
-sich so gut er konnte verständlich zu machen und zu erzählen, wie man
-ihn in unmenschlicher Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht
-ohne seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu
-verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz gewandt in
-der Hoffnung, daß er dank dieser hohen und gütigen Protektion bei dem
-Polizei-Präsidenten oder bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz
-seines Kleidungsstückes gelangen könne.
-
-Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, daß dies Benehmen
-viel zu familiär sei und herrschte ihn daher kurz an: »Wie Herr! Sie
-wissen nicht, was Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen
-ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie hätten eine Bittschrift
-einreichen sollen, die in die Hände des Bureauchefs und aus ihnen in die
-des Abteilungsvorstandes gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär
-überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.«
-
-»Gestatten Sie mir,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch mit großer
-Anstrengung, um den kargen Rest von Geistesgegenwart, der ihm geblieben
-war, zusammenzunehmen. Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken und
-Erregung schwitzte. »Gestatten Sie mir, Eure Exzellenz, Ihnen zu
-bemerken, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen habe, Sie mit dieser
-Angelegenheit zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute,
-von denen man nichts zu erwarten hat.«
-
-»Wie? Was? Wahrhaftig!« schrie ihn der General-Direktor an. »Sie wagen
-es, hier eine solche Sprache zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen
-Ansichten gelangt? Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge Leute
-derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!«
-
-In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor garnicht, daß der
-Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten hatte und daß die
-Bezeichnung: junger Mann nur noch relativ auf ihn angewendet werden
-konnte: im Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich!
-
-»Wissen Sie auch,« fuhr die hohe Persönlichkeit fort, »mit wem Sie
-sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem Sie stehen? Erinnern Sie sich
-daran! Ich sage: erinnern Sie sich daran!«
-
-Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen, und seine Stimme
-nahm eine solche Schärfe, einen so furchterregenden Umfang an, daß auch
-ein anderer erschrocken zusammengefahren wäre.
-
-Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum
-aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners
-unfehlbar zu Boden gesunken. Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn
-fast ohnmächtig hinaus.
-
-Der General-Direktor war über die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt;
-sie überstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darüber, daß sein
-herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß
-dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf er einen flüchtigen Blick
-auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte.
-Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er
-sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß und ihn mit einem
-gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte!
-
-Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die
-Straßen durchwanderte, darüber hätte er selbst niemals Rechenschaft
-geben können; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben
-war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so
-strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden.
-
-In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, wanderte er mit offenem
-Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter überhaupt zu bemerken, und
-ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der Wind,
-der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies,
-verursachte ihm eine Halsentzündung. Nach Hause zurückgekehrt, war er
-außerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war geschwollen,
-und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So groß ist mitunter
-die Wirkung einer gründlichen Moralpauke!
-
-Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der großmütigen Hilfe des
-St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit
-beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine
-Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte
-nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn
-doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu
-lassen, und erklärte, daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte.
-
-Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: »Sie haben keine Zeit
-mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz
-machen, denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl zu teuer.«
-
-Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen Worte? Waren sie es, die
-eine so erschütternde Wirkung auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz
-leise über sein trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können,
-redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten
-unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch
-gegenüber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah
-er Fußangeln für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett zu
-entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen,
-und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum
-die alte Kapuze noch an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel
-habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit
-Vorwürfen überhäufte, so daß er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald
-verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß
-die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte
-sie derartige Dinge von ihm gehört, und die zornigen Worte des Kranken
-ließen sie um so mehr außer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz
-jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Sätze
-ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um
-den Mantel.
-
-Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus.
-Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel -- und
-zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein
-Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, drei Paar
-Strümpfe, einige Hosenknöpfe und seinen alten Mantel hinterließ. Wem
-fielen diese Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser dieser
-Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen hat, sich genauer darüber
-zu informieren.
-
-Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt und nach dem
-Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die große Stadt Petersburg
-fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals
-existiert hätte.
-
-So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschützer,
-noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches
-Interesse eingeflößt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so
-forschungswütigen Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch
-sonst nicht verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer
-mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein einziges
-Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung und den Spott seiner
-Kollegen ertragen. Ohne daß es je ein außerordentliches Erlebnis gehabt
-hätte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende
-seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein
-belebt hatte, mußte das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch
-die Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! ....
-
-Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef durch einen Boten
-mitteilen, daß er sich sofort auf seinen Posten zu begeben habe. Der
-Bureaudiener kam jedoch mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat
-nicht mehr kommen könne.
-
-»Und weshalb nicht?« fragten die Beamten.
-
-»Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben worden ist!«
-
-So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod.
-
-Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer Beamter ein, der viel
-robuster und gröber war und der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren
-der Akten die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine viel
-schrägere Schrift hatte.
-
- * * * * *
-
-Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs Geschichte hier
-endigen, und als hätten wir nichts mehr über ihn mitzuteilen. Allein der
-bescheidene Titular-Rat war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen
-Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung für sein bescheidenes
-von niemandem beachtetes Dasein, und unsere Erzählung nimmt hier ganz
-unerwarteter Weise eine recht phantastische Wendung.
-
-Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das Gerücht, daß in der
-Nähe der Katharinenbrücke Nacht für Nacht ein Gespenst in der Uniform
-eines Kanzleibeamten erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und allen
-Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel oder Rang zu kümmern,
-ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, Bären-, Biberfell gefütterten
-Mäntel, kurz alle solche, die die Menschen erfunden haben, um ihr
-eigenes Fell gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger
-Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen und in ihm
-sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, tödlich erschrocken, so
-schnell er konnte, davongelaufen, und so war es ihm gelungen, zu
-entkommen, aber -- obwohl er schon fern war -- hatte er es doch mit der
-Faust drohen sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die Schultern
-von Räten, -- nicht nur von Titular-Räten, -- sondern auch von
-Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren Raubes ihrer schönen
-warmen Kleidung den heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren.
-
-Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln, um dieses Gespenst
--- tot oder lebend -- zu ergreifen und an ihm eine exemplarische Strafe
-zu vollziehen; und das wäre ihr auch beinahe gelungen.
-
-Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse das Glück, das
-Gespenst gerade in dem Momente am Kragen zu packen, wo es einem alten
-Musiker, der vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel
-fortnehmen wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe und vertraute
-ihnen den Gefangenen an, während sie mit der Hand in ihren Stiefel
-langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, und ihre schon zum sechsten Male
-erfrorene Nase wieder etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von
-solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen konnte. Kaum
-hatte der Posten seinem linken Nasenloche einige Körnchen anvertraut,
-während er das rechte zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen
-begann, daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel ihre Augen
-verhüllte. Während sie sich die Lider rieben, verschwand das Gespenst
-spurlos, so daß sie nicht recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren
-Händen gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen eine so
-große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht einmal einen lebendigen
-Menschen mehr zu verhaften wagten und sich darauf beschränkten, ihm von
-ferne zuzurufen:
-
-»Geht weiter! Geht weiter!«
-
-Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke umzugehen, und
-verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen
-ängstlichen Leuten.
-
-Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, der ursprünglichen
-Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte,
-zurück. Der Wahrheit gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe
-Persönlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht
-behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm
-empfand. Ein gewisses Gefühl der Teilnahme war dem Herzen des hohen
-Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, -- sein
-einziger Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes auf
-seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen war, hatte er
-sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat
-beschäftigt, den er immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich
-krümmend unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht hatte. Diese
-Vision beunruhigte ihn derartig, daß er eines Tages einem seiner Beamten
-den Auftrag gab, sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten
-und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne.
-
-Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß der arme kleine Beamte
-kurz nach der Audienz einem plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen
-war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte
-den ganzen Tag in der düstersten Stimmung.
-
-Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrücke zu
-verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine
-angenehme Gesellschaft antraf, und -- was die Hauptsache war -- lauter
-Personen von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren brauchte.
-
-Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken
-enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in
-liebenswürdigster Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen
-wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend.
-
-Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel,
-um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses
-schäumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschloß
-daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner
-Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline
-Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt.
-
-Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit keineswegs mehr
-jung war, ja, daß man sie überall als tadellosen Gatten und guten
-Familienvater rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in einem
-Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges Töchterchen mit
-einer zwar hakenförmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen
-allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den
-Worten: _Bonjour, papa_ guten Morgen zu sagen.
-
-Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot
-ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie
-nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich sich
-die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit äußerst wohl fühlte
-und durch die Zärtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt
-schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten
-spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine
-Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger als diese; aber so
-sind die Rätsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lösen
-zu wollen.
-
-Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren
-Schlitten und sagte zu dem Kutscher:
-
-»Zu Karoline Iwanowna!«
-
-Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt, befand er sich in der
-angenehmsten Stimmung, die sich ein Russe nur wünschen mag, einer
-Stimmung, wo man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in einem
-Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die einen immer wohltuender
-sind als die anderen, und wo man sich garnicht die Mühe zu nehmen
-braucht, nach ihnen zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die
-glücklichen Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft
-verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, die den kleinen Kreis
-zu lautem Lachen gereizt und die er halblaut kichernd wiederholte.
-Hierbei fand er, daß sie noch genau so komisch waren wie damals, als er
-sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte sich daher nicht im
-mindesten darüber, daß er so herzhaft hatte lachen müssen.
-
-Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der ihn plötzlich
-ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze Schneehaufen ins Gesicht
-schleuderte, in seinen Betrachtungen. Der Nord pfiff durch seinen
-Mantel, blähte ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die Ohren
-und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, um sich wieder aus
-ihm herauszuwinden.
-
-Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle Hand sie
-am Kragen packte. Sie wandte sich um und bemerkte einen kleinen, mit
-einer alten Uniform bekleideten Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki
-Akakiewitschs Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und
-abgezehrt wie die eines Toten.
-
-Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit, als sie
-bemerkte, daß sich der Mund des Toten in krampfhaften Zuckungen verzog,
-den Direktor mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte
-ausbrach:
-
-»Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich am Kragen packen. Ich
-will meinen Mantel. Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in
-Nöten war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. -- Nun sollst du mir
-deinen Mantel geben!«
-
-Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. In seinem Bureau vor seinen
-Untergebenen fehlte es ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er
-brauchte nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief jeder,
-der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und sein imponierendes
-Äußeres warf: »Welch ein Charakter!«
-
-Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten offenbarte sich sein
-Heldentum nur in seiner äußeren Erscheinung, und in diesem Augenblick
-war er so erschrocken, daß er sogar um seine Gesundheit fürchten mußte.
-
-Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel aus und rief seinem
-Kutscher zu:
-
-»Schnell nach Hause! Schnell!«
-
-Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das in solchen
-Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten und energischen Klang
-hatte und meist von noch viel bestimmteren und energischeren Taten
-begleitet zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang seine
-Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. In weniger
-als sechs Minuten hielt der Schlitten vor dem Hause der hohen
-Persönlichkeit. Bleich, erschrocken und ohne Mantel stieg er aus und
-begab sich sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna zu
-fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. Er verbrachte eine
-so schreckliche Nacht, daß seine Tochter am andern Morgen während des
-Tees entsetzt ausrief:
-
-»Du bist ja heute so bleich, Papa!«
-
-Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, noch von dem, wo er
-gewesen war, und was er am Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte
-dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem Tage an fragte
-er seine Untergebenen nicht mehr in seiner bisherigen schroffen Art:
-
-»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?«
-
-Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, in herrischem Tone mit
-ihnen zu sprechen, so hörte er doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch
-an.
-
-Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich das Gespenst nicht mehr.
-Augenscheinlich hatte es überhaupt keine andere Absicht gehabt, als sich
-den Mantel des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte man von
-nun an nichts mehr davon, daß den Leuten ihre Mäntel geraubt wurden.
-Allerdings gab es noch einige ängstliche und übereifrige Personen, die
-sich durchaus nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich das
-Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren Stadtvierteln zeige
-... Und in der Tat, ein Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen
-gesehen haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der Posten war
-jedoch von Natur ein wenig schwächlich -- hatte doch sogar ein
-gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel, das aus einem Privathause
-ausgebrochen war, ihn zur größten Freude und Erheiterung der
-herumstehenden Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. Dafür
-ließ er sich freilich nachher von jedem einen Groschen für Tabak geben,
-um sie zu strafen, weil sie sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er
-also ein solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst zu
-verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm in der Dunkelheit
-nachzuschleichen. Da aber drehte sich das Gespenst plötzlich um und
-schrie ihn an: »Was willst du?« wobei es ihm eine so schreckliche Faust
-zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so leicht zu sehen
-bekommt.
-
-»Nichts,« antwortete der Wachtposten und nahm eiligst Reißaus.
-
-Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer als der des
-Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. Er schien mit mächtigen
-Schritten der Obuhoffbrücke zuzueilen und verschwand gleich darauf in
-der dunklen Nacht.
-
-
- Die Nase
-
-
- I.
-
-Am 25. März trug sich in St. Petersburg ein außerordentliches Ereignis
-zu.
-
-Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier Iwan Jakowlewitsch,
-dessen Familienname von dem Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung
-eines an Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift: »Hier
-wird auch zur Ader gelassen!« erkennen konnte, geschwunden war. Dieser
-Barbier Iwan Jakowlewitsch wachte also ziemlich frühzeitig auf und
-atmete den Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im Bette etwas
-empor und sah, wie seine Frau, eine äußerst respektable Dame und
-leidenschaftliche Liebhaberin des Kaffees, einige frischgebackene Brote
-aus dem Ofen hervorholte.
-
-»Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich keinen Kaffee
-trinken,« sagte Iwan Jakowlewitsch; »ich habe mehr Appetit auf Brot mit
-Zwiebeln.«
-
-Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch hätte gar zu gern von
-beidem gekostet; doch war er von vornherein von der Unmöglichkeit einer
-derartigen Schwelgerei völlig durchdrungen, denn Praskowia Ossipowna
-ließ solche Launen nicht zu.
-
-»Iß meinetwegen Brot, Schafskopf,« dachte die Frau bei sich; »für mich
-wird dann um so mehr Kaffee übrig bleiben ...« und sie warf ein Brot auf
-den Tisch.
-
-Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgründen einen Leibrock über
-sein Hemd, nahm -- nachdem er am Tische Platz genommen hatte -- etwas
-Salz, stutzte zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an,
-das Brot höchst bedächtig zu zerteilen. Er schnitt es in zwei Hälften,
-schaute sich die eine Fläche an und bemerkte zu seiner größten
-Verwunderung etwas Weißliches. Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit
-dem Messer daran herum und befühlte es mit dem Daumen. »Das Ding ist ja
-ganz hart!« sagte er zu sich; »was mag denn das nur sein?«
-
-Er schälte es mit den Fingern heraus und fand -- eine Nase! Iwan
-Jakowlewitsch ließ seine Arme sinken; dann begann er sich seine Augen zu
-reiben und befühlte es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war
-eine Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren Bildung
-er wiederzuerkennen glaubte.
-
-Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zügen: aber dieses
-Entsetzen war harmlos im Vergleich mit der Empörung, die sich seiner
-Gattin bemächtigte.
-
-»Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh?« fing sie
-wutentbrannt zu schreien an. »Du Dieb, du Trunkenbold! Ich werde dich
-selbst der Polizei denunzieren! Was für ein Lumpenkerl! Schon drei
-Herren haben mir gesagt, du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen,
-daß du sie beinahe abreißt!«
-
-Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend, hatte er doch
-soeben festgestellt, daß diese Nase keine andere war als die des
-Kollegien-Assessors Kowalew, den er Mittwochs und Sonntags zu rasieren
-pflegte.
-
-»Schweig doch, Praskowia Ossipowna,« sagte er, »ich werde sie in ein
-Stück Leinewand einschlagen und sie in irgend eine Ecke verstecken, wo
-sie einige Tage liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.«
-
-»Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Ich soll zugeben, daß
-du eine abgeschnittene Nase im Zimmer versteckst? Du gerösteter Zwieback
-du! Er kann nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fähig, sein
-Geschäft schnell und solid auszuführen! Herumstreicher, Strauchdieb!
-Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen Scherereien mit der Polizei
-zuziehen? Ach, du bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg
-damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst. Ich will nichts davon
-wissen!«
-
-Iwan Jakowlewitsch war völlig zerschmettert. Er überlegte und überlegte
-... und wußte im Grunde garnicht was.
-
-»Der Teufel soll wissen, wie das nur möglich ist!« sagte er endlich,
-indem er sich mit der Hand über die Ohren fuhr. »Bin ich gestern
-betrunken nach Hause gekommen oder nicht? Allerdings kann ich das nicht
-mit Gewißheit sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier um
-einen ganz außergewöhnlichen Vorgang; denn das Brot -- das Brot wird
-doch gebacken, während eine Nase ... Weiß Gott, ich verstehe das nie und
-nimmer!«
-
-Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, ein Polizist könnte diese
-Nase bei ihm entdecken und ihn zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in
-eine vollkommene Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als sähe er
-einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen Degen vor sich
-... und er zitterte am ganzen Körper. Endlich zog er seine Beinkleider
-und Stiefel an, wickelte die Nase schnell unter den peinlichsten
-Ermahnungen seiner Frau in ein Stück Leinewand und verließ seine
-Wohnung.
-
-Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem Brunnen, unter einer
-Schwelle niederzulegen oder sie wie absichtslos fallen zu lassen, und
-dann in eine andere Straße einzubiegen.
-
-Aber unglücklicherweise lief er einem Bekannten in die Arme, der ihn
-sofort zu fragen anfing:
-
-»Wo gehst du denn hin?« oder: »Wen willst du denn schon so frühzeitig
-rasieren?« sodaß Iwan Jakowlewitsch durchaus keinen günstigen Moment für
-sein Vorhaben erwischen konnte. In der Folge glückte es ihm zwar einmal,
-die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann machte ihm schon von
-weitem mit der Hellebarde ein Zeichen und rief ihm zu: »Heb's doch auf!
-Du hast da etwas fallen lassen!« Und Iwan Jakowlewitsch ward so
-genötigt, die Nase aufzuheben und in seine Tasche zu stecken.
-Verzweiflung überfiel ihn, und zwar um so heftiger, je mehr sich die
-Straße bevölkerte und je mehr Läden und Wirtshäuser geöffnet wurden.
-
-Er entschloß sich, auf die Isaaksbrücke zu gehen. Vielleicht würde er
-dort ein Mittel finden, die Nase unbemerkt in die Newa zu werfen! ...
-
-Aber ich habe einen Fehler begangen, daß ich dem Leser bis jetzt noch
-nichts über Iwan Jakowlewitsch, eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte
-Persönlichkeit, berichtet habe.
-
-Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker, der etwas auf
-sich hält, ein furchtbarer Trunkenbold, und obgleich er täglich die
-Bärte anderer Leute rasierte, rasierte er doch niemals seinen eigenen.
-Sein Frack -- denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Überrock -- war
-bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen und grauen
-Flecken übersät; der Kragen glänzte schon ein wenig, und anstelle von
-drei Knöpfen sah man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfäden.
-
-Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein Zyniker; wenn der
-Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner Gewohnheit, während er rasiert
-wurde, zu ihm sagte:
-
-»Deine Hände stinken immer, Iwan Jakowlewitsch!« so antwortete er
-gelassen:
-
-»Warum sollen sie denn stinken?«
-
-»Ich weiß nicht, Brüderchen, aber sie stinken!« versetzte hierauf der
-Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan Jakowlewitsch nahm dann erst eine
-Prise und seifte hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie
-hinter den Ohren und unter dem Kinne ein -- mit einem Worte, er seifte
-ihn ein, wo es ihm Vergnügen machte.
-
-Dieser ehrenwerte Bürger war nun endlich auf der Isaaksbrücke
-angekommen. Zunächst warf er einen spähenden Blick auf die Umgebung,
-beugte sich über das Geländer, wie wenn er die vielen Fische im Wasser
-beobachten wollte, und warf dann das Päckchen mit der Nase ganz behutsam
-hinab.
-
-Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem Male zehn Pud[10] vom
-Herzen. Ja, er lächelte sogar.
-
-Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell seine Beamten zu
-rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein Schild mit der Inschrift
-»Tee und Lebensmittel« trug, und bestellte dort ein Glas Punsch.
-Plötzlich bemerkte er jedoch ganz in der Nähe am Ende der Brücke, den
-Bezirkskommissar, einen Mann von vornehmem Äußeren, mit breitem
-Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch wurde vor Entsetzen
-starr wie ein Eisklumpen. Der Kommissar winkte ihm mit der Hand und
-sagte zu ihm:
-
-[Fußnote 10: Ein Pud = etwa 35 Pfund.]
-
-»Komm doch mal näher, mein Lieber!«
-
-Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebräuchlichen Höflichkeitsformen sehr
-wohl kannte, schon von weitem die Mütze, sprang herbei und sagte:
-
-»Ich wünsche Ew. Wohlgeboren einen schönen guten Morgen!«
-
-»Nein, nein, Brüderchen, laß nur das >Ew. Wohlgeboren< aus dem Spiel! --
-Sag mir lieber, was hattest du da auf der Brücke zu tun?«
-
-»Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege zu meinen Kunden, die ich
-rasieren soll, und schaute hinab, ob die Strömung sehr stark ist!«
-
-»Du lügst! Du schwindelst! So kommst du mit nicht davon! Willst du mir
-jetzt wohl Rede stehen?«
-
-»Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal wöchentlich ohne
-jede Bezahlung zu rasieren!« versetzte Iwan Jakowlewitsch.
-
-»Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich rasieren bereits drei
-Barbiere und rechnen sich diese Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte
-dich, mir zu sagen, was du dort gemacht hast!«
-
-Iwan Jakowlewitsch erblaßte ...
-
-Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel unsere
-Geschichte ein, und über die folgenden Geschehnisse weiß man absolut
-nichts zu berichten.
-
-
- II.
-
-Der Kollegien-Assessor[11] Kowalew erwachte eines Morgens besonders früh
-und bewegte seine Lippen, um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie
-es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß er hierfür einen
-Grund hätte angeben können. Er reckte sich erst tüchtig und suchte dann
-nach einem kleinen Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein
-Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner Nase aufgesprungen
-war. Aber zu seinem größten Erstaunen befand sich anstelle seiner Nase
-in seinem Gesicht eine durchaus ebene und glatte Fläche! Voller
-Schrecken ließ Kowalew sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit
-dem Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! Er befühlte die
-Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, um festzustellen, ob er
-vielleicht noch schliefe; aber nein, er schien tatsächlich nicht zu
-schlafen. Der Kollegien-Assessor Kowalew sprang aus seinem Bett,
-schüttelte und rüttelte sich, -- doch die Nase war und blieb
-verschwunden! Er ließ sich sofort seine Kleider bringen und stürzte
-schleunigst zu dem Polizeivorstand.
-
-Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte über Kowalew zu
-sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von
-Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt.
-
-[Fußnote 11: Kollegien-Assessor: so heißen die Beamten des achten
-Beamtengrades. Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung führt
-Kowalew.]
-
-Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren
-Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn während ihrer
-Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit
-wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, denn
-Rußland ist ein so seltsames Land, daß all seine Kollegien-Assessoren
-von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fühlen, wenn auch nur von einem
-dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle Ämter und alle
-Grade.
-
-Kowalew war ein _kaukasischer_ Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst
-bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich
-nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht
-zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor
-vor, sondern stets als Major. »Hör doch, mein Täubchen,« sagte er
-gewöhnlich, so oft er auf der Straße eine alte Frau traf, die Leinewand
-feilbot, »geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der
-Sadovaja[12] und frage nur: >Wohnt hier der Major Kowalew?< Jedermann
-wird dir gern Auskunft erteilen.« Oder begegnete er einer artigen
-Schönen, so flüsterte er ihr ganz leise zu: »Du brauchst nur nach der
-Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!« Aus diesem Grunde
-wollen auch wir ihn von nun an stets den »Major« nennen.
-
-[Fußnote 12: Große Straße in St. Petersburg.]
-
-Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem
-Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und
-frisch gestärkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei
-Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militär-Ärzten, d.
-h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben
-und gut »Boston« spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der
-Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette
-eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen
-oder auch mit der Inschrift »Mittwoch«, »Donnerstag«, »Montag« usw.
-versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn dazu veranlaßt,
-nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil er eine
-seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er
-Glück hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines
-schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major
-Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mußte seine
-Auserkorene über eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln
-verfügen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors
-versetzen, als er anstelle seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase
-nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte.
-
-Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der
-Straße; so war er also genötigt, zu Fuß zu gehen -- in seinen Mantel
-eingehüllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn
-er gerade Nasenbluten hätte.
-
-»Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch
-unmöglich, daß mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht
-geschwunden ist,« dachte er.
-
-Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den
-Spiegel zu werfen. Zum Glück für ihn befand sich weiter niemand im
-Lokal, außer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle
-zurecht rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heiße
-Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und Stühlen lagen
-kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage.
-
-»Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,« sagte er; »nun kann
-ich meine Untersuchung beginnen!«
-
-Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein.
-
-»Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist,« schrie er, indem er
-empört ausspie; »wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas
-anderes befände! Aber nichts, absolut gar nichts!«
-
-Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen hatte, verließ er das
-Lokal und beschloß, wider seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen
-und keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden.
-
-Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines Hauses stehen.
-Seine Augen wurden von einer unerklärlichen Erscheinung angezogen: ein
-Wagen hielt dicht neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm
-entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe hinaufeilte. Wie
-groß war Kowalews Entsetzen, wie groß war sein Erstaunen, als er in ihm
-seine eigene Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen
-Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles um ihn herumdrehe, und
-nur mit Mühe vermochte er sich aufrecht zu halten. Aber trotzdem
-beschloß er, obwohl er am ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker,
-zu warten, bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen Wagen
-zu steigen.
-
-Nach Ablauf zweier Minuten erschien die »Nase« tatsächlich. Sie trug
-eine goldgestickte Uniform mit hohem steifen Kragen, Beinkleider aus
-Semischleder, und an der Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes
-konnte man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte. Der Anzug
-des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche abstattete. Er schaute
-sich nach links und nach rechts um, rief dem Kutscher ein »Vorwärts!« zu
-und rollte davon.
-
-Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn nahe. Er wußte nicht,
-was er von einem so überraschenden Ereignis halten sollte. Wie war es
-denn auch nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend in
-seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren konnte, jetzt eine
-Uniform trug! Er stürzte hinter dem Wagen her, der glücklicherweise
-nicht sehr weit fuhr und vor dem Gostini Dwor[13] halt machte.
-
-Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen einer Reihe alter
-Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern und zwei großen Öffnungen statt
-der Augen hindurch, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte.
-Sonst trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand sich in
-einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen Entschluß fassen
-konnte und lediglich in allen Winkeln und Ecken nach dem Herrn Ausschau
-hielt; endlich sah er ihn vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr
-Gesicht völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter
-Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren.
-
-[Fußnote 13: Ein großer Bazar.]
-
-»Soll ich ihn anreden?« dachte Kowalew. »Aus seiner ganzen
-Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und
-deutlich hervor, daß es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich
-es anstellen soll! ...«
-
-Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates zu husten; aber
-die Nase verließ auch nicht für eine Minute ihren Standpunkt.
-
-»Mein Herr!« sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen
-versuchte, »mein Herr! ...«
-
-»Was wünschen Sie?« fragte die Nase, indem sie sich umwandte.
-
-»Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, daß ... Sie
-sollten doch wissen, wohin Sie gehören. Und plötzlich finde ich Sie, und
-noch dazu ... hier? ... Sie müssen doch zugeben ...«
-
-»Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen.
-Erklären Sie sich deutlicher!«
-
-»Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?« dachte Kowalew. Und
-sich ein Herz fassend begann er:
-
-»Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie
-müssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der
-Woskressenski-Brücke geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde
-nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft,
-der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich außerdem Beziehungen
-zu vielen Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum
-Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und
-noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich weiß nicht, mein
-Herr« -- und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln --
-»entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt
-der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können selbst begreifen ...«
-
-»Ich begreife absolut nichts,« erwiderte die Nase. »Erklären Sie sich
-deutlicher.«
-
-»Mein Herr,« versetzte Kowalew mit Würde, »ich weiß nicht, wie ich Ihre
-Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dünkt, um
-einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut,
-Sie sind doch meine eigene Nase!«
-
-Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne.
-
-»Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbständig. Außerdem
-können zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach
-den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern
-Ressort dienen.«
-
-Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rücken.
-
-Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, was er tun, ja nicht
-einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertönte das
-angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit
-Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen
-Mädchen, deren weißes Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste
-zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide
-Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mächtigem Bart und einem
-ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen begleitet. Er blieb hinter den
-Damen stehen und öffnete seine Tabaksdose.
-
-Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen seines Batisthemdes
-zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hängendes Petschaft in
-Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die
-sich leicht wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße Hand
-mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. Das Lächeln auf
-Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes
-Kinn von blendender Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in
-ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich.
-
-Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurück.
-
-Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase mehr hatte; und
-heiße Tränen entströmten seinen Augen.
-
-Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu
-sagen, daß er nur die Larve eines Staatsrates trüge, daß er ein Lump,
-ein Spitzbube wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne Nase ...
-Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den günstigen Augenblick
-benutzt und sich entfernt, höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch
-abzustatten.
-
-Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch
-eine Minute unter dem Säulengang stehen und schaute sich gespannt nach
-allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er
-erinnerte sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt und die
-Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel
-geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde;
-er wußte nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was für
-eine Livree er trug. Überdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen
-aller Art im Trab durch die Straßen gefahren, daß es schwer war, sie
-voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte
-herausgefunden, wie hätte er ihm Halt gebieten sollen?
-
-Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es
-von Menschen. Ein üppiger Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von
-der Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein Hofrat, ein
-Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten,
-»Oberstleutnant« zu titulieren pflegte. _Dort_ sah er seinen Busenfreund
-Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen ließ, und
-_dort_ einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus
-erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge
-doch zu ihm herüberkommen.
-
-»Der Teufel soll ihn holen!« sagte Kowalew. »Kutscher! bring mich doch
-auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.«
-
-Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick
-zu: »Fahr zu, so schnell du kannst!«
-
-»Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?« fragte er sofort beim Eintritt in
-das Vestibül.
-
-»Nein,« antwortete der Portier; »er ist soeben weggegangen.«
-
-»Das ist ja wundervoll!«
-
-»Gewiß,« fügte der Portier hinzu, »erst vor ganz kurzer Zeit ist er
-fortgegangen. Wären Sie nur eine Minute früher gekommen, Sie hätten ihn
-sicher noch getroffen.«
-
-Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte Kowalew wieder in
-den Wagen zurück und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu:
-
-»Fahr weiter!«
-
-»Wohin?« fragte der Kutscher.
-
-»Geradeaus!«
-
-»Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straßenecke: also rechts
-oder links?«
-
-Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In
-seiner Lage wäre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium
-zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort
-gehörte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst
-wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase
-angestellt war, wäre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den
-eigenen Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für diesen Mann
-nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer
-Lüge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen,
-als er behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte
-dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Präsidium
-fahren, als ihm der Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei
-ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den günstigen
-Augenblick benutzen und die Stadt verlassen könnte; -- und dann wären
-alle Nachforschungen überflüssig gewesen, oder sie konnten sich, was
-Gott verhüten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab
-ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschloß, direkt
-nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine
-Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrücken zu lassen,
-damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen oder ihm doch
-wenigstens die Wohnung dieses Räubers mitteilen konnten.
-
-Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl er dem Kutscher, nach
-der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete während der ganzen
-Fahrt unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen Fäusten und
-schrie:
-
-»Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!«
-
-»Aber, Herr!« antwortete nur immer kopfschüttelnd der Kutscher und
-schlug mit dem Zügel über den Rücken des Pferdes, das so behaart war wie
-ein Bologneserhund.
-
-Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines
-Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schäbigen Frack und mit
-einer Brille hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den
-Zähnen hielt und Kupfergeld zählte.
-
-»Wer nimmt hier Annoncen an?« schrie Kowalew; »doch ich bitte um
-Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!«
-
-»Guten Morgen!« sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um
-seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden.
-
-»Ich möchte ein Inserat aufgeben ...«
-
-»Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen,« fuhr der
-Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und
-mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob.
-
-Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, dem man seine
-lange Dienstzeit in aristokratischen Häusern anmerkte, stand mit einem
-Zettel vor dem Tisch und hielt es für angebracht, auf seine
-gesellschaftliche Bildung hinzuweisen.
-
-»Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser kleine Hund keine acht
-Groschen wert ist; ich für meine Person würde nicht acht Pfennig für ihn
-geben. Aber die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der
-Tat an, -- deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In
-aller Höflichkeit sei's gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen
-der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal
-Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder
-einen Pudel; dafür kann man ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel
-anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.«
-
-Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen mit einer sehr
-bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen ruhig die Buchstaben des
-Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine
-Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit
-Zetteln in der Hand angesammelt.
-
-Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, der sich sehr gut
-geführt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war,
-aus einem andern, daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris
-bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjähriges
-Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten
-verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne
-Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten
-Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen Rüben- und
-Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehör (zwei Pferdeställen,
-nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald
-anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte Sohlen
-zu verkaufen hätten, und luden täglich von 8 bis 3 Uhr zu deren
-Besichtigung ein.
-
-Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und
-infolgedessen war die Luft in ihm äußerst dumpf; allein der
-Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war
-mit einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich Gott weiß wo
---
-
-»Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ...« sagte er
-endlich ungeduldig.
-
-»Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch
-eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!« sagte der alte Herr,
-indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf.
-
-»Was wünschen Sie?« sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
-
-»Ich bitte Sie,« sagte Kowalew ... »es handelt sich um eine schier
-unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nicht,
-wie sie bloß passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu
-wollen, daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute
-Belohnung erhalten soll.«
-
-»Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?«
-
-»Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmöglich, ihn zu nennen.
-Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der
-Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina,
-die einen höheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erführen ... Gott
-behüte! Sie können ganz einfach schreiben: >Ein Kollegien-Assessor< oder
-noch besser: >Ein Major<.«
-
-»Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?«
-
-»Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große Gemeinheit! Nein,
-mir ist ... die Nase ausgerückt! ...«
-
-»Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie
-Herr Nase bestohlen?«
-
-»Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist
-es, die verschwunden ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir
-einen Streich spielen wollen!«
-
-»Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts
-von alledem!«
-
-»Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei
-dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sie jetzt in der Stadt
-herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte
-ich Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne
-Verzug zu mir bringen möge. Sagen Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne
-diesen Körperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehört,
-existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn
-man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken.
-Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa;
-Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines höheren
-Offiziers und Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute
-Bekannte von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien
-Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen
-kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmöglich, mich irgendwo zu
-zeigen.«
-
-Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die Lippen zusammenkniff.
-
-»Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!« sagte er endlich
-nach längerem Stillschweigen.
-
-»Wie? -- Weshalb nicht?«
-
-»Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren könnte. Wenn jemand
-schreibt, daß ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne
-dies wird schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten und
-Lügen gedruckt werden!«
-
-»Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz
-klar und ....«
-
-»Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns vorige Woche passiert
-ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein
-Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem
-Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekündigt. Sie
-werden einwenden: >Ich kann keine Ähnlichkeit mit meinem Fall
-entdecken!< Aber es stellte sich bald heraus, daß das lediglich eine
-Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines
-Geschäftes gemeint.«
-
-»Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner
-eigenen Nase; hören Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir
-selbst suchte!«
-
-»Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!«
-
-»Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?«
-
-»Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe
-gehört, daß einige von ihnen eine große Geschicklichkeit in der
-Herstellung künstlicher Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung,
-daß Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen
-Scherz erlauben!«
-
-»Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es
-nicht anders geht, daß ich es Ihnen demonstriere!«
-
-»Warum diese Aufregung?« fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm.
-»Aber schließlich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert,« fügte er
-neugierig hinzu, »ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!«
-
-Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort.
-
-»In der Tat, das ist äußerst sonderbar!« sagte der Beamte. »Die Stelle
-ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt,
--- es ist schier unglaublich!«
-
-»Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, daß
-Sie mein Inserat unmöglich nicht aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür
-zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darüber, daß
-diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft
-zu machen.«
-
-Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab.
-
-»Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich keine Schwierigkeit,«
-sagte der Beamte; »nur sehe ich darin keinen Vorteil für Sie. Sie
-sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren
-Fall als Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in der »Biene
-des Nordens« -- hierbei nahm er eine Prise -- »zur Belehrung der Jugend«
--- hierbei schneuzte er sich -- »oder noch besser zur allgemeinen
-Unterhaltung veröffentlichen könnte.«
-
-Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick
-auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein
-Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen
-Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um
-einen blauen Zettel hervorzuholen -- denn nach seiner Meinung mußten die
-höheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen --; aber der Gedanke an
-seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen.
-
-Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit Kowalew, der sich in
-einer höchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt,
-seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen
-Worten seine Teilnahme auszusprechen:
-
-»Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein solches Mißgeschick
-widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt
-die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein
-unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!«
-
-Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den
-Deckel, der mit dem Porträt einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr
-geschickter Weise wegschob.
-
-Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner
-Geduld.
-
-»Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen können!« sagte er
-zornig. »Sehen Sie denn nicht, daß mir augenblicklich gerade der
-Körperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist?
-Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr
-sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern
-echter Rapé wäre.«
-
-Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau und begab
-sich aufs Polizei-Kommissariat.
-
-Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade
-gähnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: »Ich würde jetzt
-mit großem Vergnügen noch ein paar Stündchen schlafen.«
-
-Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts
-weniger als gelegen kam.
-
-Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von allen möglichen
-Kunstgegenständen; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen
-geschmückten Schein allen andern Dingen vor.
-
-»Das ist ein Stück,« sagte er oft, »wie es nirgends ein besseres gibt:
-es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, läßt sich bequem in die
-Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.«
-
-Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung fallen, daß die
-Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung
-amtlicher Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst darauf
-hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man
-gegessen habe -- woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die
-Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz
-unbekannt waren --, und daß ein ordentlicher Mann seine Nase nicht
-verliere.
-
-Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste.
-
-Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur
-war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, doch niemals
-vergab er einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende
-Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken alle üblen
-Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere durchgehen ließ, aber niemals
-ein Wort, das sich gegen die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des
-Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er kopfschüttelnd
-und im Bewußtsein seiner Würde die Hände erhob und erklärte:
-
-»Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu
-erwidern habe.«
-
-Und damit ging er.
-
-Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären seine Beine
-abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm
-nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr
-schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten
-schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rücken lag, sich
-damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit großer
-Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche
-Gleichgültigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem
-Hut auf die Stirn und schrie ihn an:
-
-»Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!«
-
-Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte schleunigst herbei, um
-ihm seinen Mantel abzunehmen.
-
-Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen
-Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte:
-
-»Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglück verdient?
-Hätte ich eine Hand oder einen Fuß verloren -- das wäre noch nicht so
-schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel
-was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der das Bürgerrecht
-verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum
-Fenster hinauswerfen möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder
-im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens selbst
-verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung
-zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmöglich!« -- fügte er
-nach kurzem Nachdenken hinzu --, »es ist ganz unglaublich, daß eine Nase
-so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich.
-Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht
-habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein
-ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe.
-Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so
-habe ich ihn gewiß ganz ahnungslos heruntergegossen.«
-
-Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so
-heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz
-überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig
-handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit
-den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch
-vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen
-Schritt zurück und murmelte:
-
-»Die reinste Karikatur!«
-
-Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf
-verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! --
-aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem
-eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände
-an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am
-ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem
-Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne
-begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging
-er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun
-offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde,
-lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er
-wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde
-Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.
-
-Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde
-beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe
-einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich,
-daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein
-sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch
-hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie
-auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen.
-Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend
-einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell
-geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.
-
-Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau
-Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu
-ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen.
-
-Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört,
-der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer
-eine Kerze angezündet hatte.
-
-Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und
-bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es,
-sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich
-noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht
-das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar
-entstellt sah.
-
-Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine
-unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte:
-
-»Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?«
-
-»Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,« sagte dieser,
-indem er eiligst die Tür öffnete.
-
-Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, mit einem nicht
-all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen,
-derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke
-getroffen haben, trat ein.
-
-»Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?«
-
-»In der Tat!«
-
-»Sie ist soeben gefunden worden.«
-
-»Was sagen Sie da?« schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn
-sprachlos.
-
-Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen
-und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden.
-
-»Auf welche Weise?« fragte er endlich.
-
-»Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer
-Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um
-nach Riga zu fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. Und
-das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für einen Herrn gehalten
-habe; aber ich setzte glücklicherweise meine Brille auf und erkannte
-sogleich, daß es eine Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich
-kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, daß
-Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch
-sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch
-nicht mehr als ich.«
-
-Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen.
-
-»Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.«
-
-»Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie sie sehr nötig haben,
-habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwürdigste ist, daß der
-Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus
-der Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam
-sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und
-Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit
-Knöpfen entwendet. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.«
-
-Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase
-hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
-
-»Ja, das ist sie!« schrie Kowalew. »Das ist sie und keine andere!
-Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?«
-
-»Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, aber das
-ist mir leider unmöglich. Ich muß mich von hier aus sofort in ein
-Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel
-entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner
-Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein Ältester
-berechtigt zu den schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht
-intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete
-Erziehung zu geben ...«
-
- * * * * *
-
-Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand
-sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung;
-einen Moment lang konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche
-Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene
-Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hände und schaute sie noch einmal
-mit großer Aufmerksamkeit an.
-
-»Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!« sagte er. »Hier auf der
-linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...«
-
-Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen.
-
-Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald läßt die Freude
-nach und, während Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell
-einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten
-Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines
-im Wasser erzeugt, allmählich in der glatten Oberfläche zerrinnt.
-
-Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, und begriff, daß sein
-Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt
-mußte man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und
-befestigen.
-
-»Wenn sie nun nicht halten wird?«
-
-Bei diesem Gedanken erbleichte der Major.
-
-Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er an den Tisch und
-ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine
-Hände zitterten. Mit großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie
-wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt
-nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, erwärmte sie mit seinem Atem
-und brachte sie von neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen
-beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten!
-
-»So sitz doch, du Rindvieh!« sagte Kowalew zu ihr.
-
-Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht
-sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes
-Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen.
-
-»Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?«
-sagte er voller Schrecken.
-
-Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehörte, -- aber
-auch dieses Mal ohne Erfolg.
-
-Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der
-schönsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt
-war ein Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über ein Paar
-herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau.
-Schon am frühen Morgen pflegte er frische Äpfel zu essen. Als besondere
-Eigentümlichkeit wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen,
-die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er spülte ihn nach dem
-Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zähne
-mit fünf verschiedenen Bürstchen.
-
-Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten.
-
-Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war,
-seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, faßte er den Major am Kinn und
-gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase
-befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der Major mit dem
-Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der
-Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von
-der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befühlte ihn
-und ließ dann ein gedehntes »Hm« vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch
-einen Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr wie ein Pferd,
-dessen Zähne man untersucht.
-
-Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte:
-
-»Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf
-sich beruhen, sonst könnte es noch schlimmer werden. Gewiß kann man die
-Nase wieder befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das
-unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es
-dann noch schlimmer werden kann.«
-
-»Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?«
-sagte Kowalew. »Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll
-doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit
-einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich muß doch meine guten
-Beziehungen pflegen, heute abend muß ich sogar noch zwei Besuche
-abstatten. Ich bin mit vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B.
-mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die
-Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach
-dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie
-mir den Gefallen,« fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, »setzen Sie
-sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut
-aussieht, die Hauptsache ist, daß sie hält; in gefährlichen Situationen
-könnte ich sie ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich auch
-garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, daß sie sich durch
-eine unvorsichtige Bewegung ablösen könnte. Und was das Honorar für
-Ihren Besuch anbetrifft, so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es
-mir meine Mittel gestatten ...«
-
-»Glauben Sie mir,« sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht
-allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem und eindringlichem
-Tone, »daß ich meine Kunst niemals um des schnöden Mammons willen
-ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen meinen Beruf. Ich
-nehme gern eine Vergütung für meinen Besuch an, aber einzig und allein,
-um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß kann ich Ihre
-Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es
-mir so nicht glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. Lassen
-Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle
-recht häufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, daß Sie sich
-ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich
-Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit Spiritus aufzubewahren
-oder noch besser zwei Suppenlöffel Branntwein und heißen Essig in den
-Rezipienten zu tun, -- auf diese Weise könnten Sie viel Geld für sie
-erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu
-teuer sind!«
-
-»Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich sie verkaufen!« rief
-der Major Kowalew verzweifelt aus; »lieber will ich sie vernichten!«
-
-»Entschuldigen Sie,« sagte der Arzt und erhob sich; »ich wollte Ihnen
-nur nützlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich
-von meinem guten Willen überzeugt.«
-
-Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verließ der Arzt
-das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und
-in seiner tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen
-Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen Frackes
-hervorleuchtete.
-
-Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die Klage gegen Frau
-Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie
-seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte.
-
-Dieser Brief lautete folgendermaßen:
-
- »Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna!
-
- Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise zu
- begreifen. Seien Sie überzeugt, daß Sie hierdurch nichts gewinnen
- und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten.
- Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle,
- dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr
- spielen, von allem andern zu schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr
- plötzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre
- Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in
- natürlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die
- Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich
- inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht
- zu haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte die in Frage
- kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden,
- mich gezwungen sehen würde, den Beistand und Schutz der Gerichte
- anzurufen.
-
- Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzüglichen
- Hochachtung
-
- Ihr ergebener Diener
- Platon Kowalew.«
-
- »Geehrter Herr Platon Kusmitsch!
-
- Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen versetzt. Ich
- gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie so ungerechte Vorwürfe
- erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Beamten, von
- dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir
- empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch
- Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner
- Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nüchternen
- Lebenswandel und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch
- keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase.
- Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich die Absicht habe, Ihnen eine
- Nase zu drehen statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber
- nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl
- wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie
- gegenwärtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl
- zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil
- werden zu lassen. Damit wäre in der Tat einer meiner innigsten
- Wünsche erfüllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets
-
- Ihre gehorsame Dienerin
- Alexandra Podtotschina.«
-
-»Nein!« sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, »sie ist
-sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! Solch einen Brief kann nie
-und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen
-hat.«
-
-Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon
-mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut
-worden.
-
-»Wie mag es nur geschehen sein?« fragte er sich immer wieder. »Hol's der
-Teufel!«
-
-Und er ließ resigniert die Hände sinken.
-
-Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem
-außergewöhnlichen Ereignis verbreitet -- und zwar, wie es ja Brauch ist,
-nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser
-Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher
-hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen
-Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die
-Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu
-sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase
-des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden
-Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger
-strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase
-hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die
-Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen
-Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst
-würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der
-Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten
-pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden
-aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein
-Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D.
-erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel
-anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber
-zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der
-Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer
-Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen
-Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und
-Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet -- ein Bild, das schon
-seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort,
-indem er ärgerlich sagte:
-
-»Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche
-Gerüchte auf die Beine bringen? ...«
-
-Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew
-garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten
-herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon
-Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses
-seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden
-einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat
-den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch
-ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche
-Erklärung hinzuzufügen.
-
-All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei
-keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu
-zerstreuen -- und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an
-Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine
-Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all
-diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe
-nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde
-Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die
-Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr
-gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für
-wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten
-mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten.
-Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in
-einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder
-nichts bekannt.
-
-
- III.
-
-Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft
-passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe
-Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der
-ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz
-unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden
-Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.
-
-Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah,
-erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, --
-wahrhaftig, es war seine Nase.
-
-»Mein Gott!« sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer
-barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran.
-Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal
-im Spiegel -- aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich
-mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, -- aber
-die Nase war noch immer da!
-
-»Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf
-der Nase,« sagte er und dachte indessen bei sich:
-
-»Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: >Nein, Herr,
-Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt
-keine Nase!<«
-
-Aber Iwan bemerkte:
-
-»Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.«
-
-»Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!« sagte der Major im
-stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln.
-
-In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im
-Türrahmen -- furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und
-dafür Prügel bekommmen hat.
-
-»Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?« schrie ihm Kowalew
-schon von weitem entgegen.
-
-»Gewiß sind sie sauber!«
-
-»Du lügst!«
-
-»Bei Gott, sie sind sauber, Herr!«
-
-»Na, dann mal los!«
-
-Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um.
-In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen
-mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren
-Namenstagen den Gästen servieren.
-
-»Da schau her!« sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich
-die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von
-der Seite zu prüfen, »wahrhaftig sie sitzt tadellos!« -- und noch lange
-betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und
-Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei
-Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen.
-
-Das war Iwan Jakowlewitschs System.
-
-»Achtung!« schrie Kowalew.
-
-Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte
-wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer
-Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln;
-obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen
-durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem
-Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn
-sein Geschäft glücklich zu Ende.
-
-Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr
-schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er
-dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte
-gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase
-war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer
-Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer
-war als ein Westenknopf.
-
-Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um
-die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines
-Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in
-den Spiegel, -- die Nase war noch immer da!
-
-Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls
-Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen
-Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte:
-
-»O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!«
-
-Und er dachte sich unterwegs:
-
-»Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das
-das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.«
-
-Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken.
-
-»Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!« murmelte Kowalew.
-
-Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren
-Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde
-mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit
-mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich
-mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich
-dachte:
-
-»Da habt ihr's! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran,
-mich mit deiner Tochter zu verheiraten! _Par amour_ -- na, meinetwegen!
-Das ginge noch allenfalls.«
-
-Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem
-Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn
-nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr
-an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major
-Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit
-leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man
-ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem
-Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht
-Ritter eines Ordens.
-
-Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres
-großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer
-Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß
-es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an
-verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, -- wie
-konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung
-nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen
-Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine
-Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen
-Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht!
-
-Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan
-Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen;
-wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch
-unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche
-Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz
-unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein
-Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen,
-und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich
-weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat.
-
-Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch
-eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich,
-wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich
-über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens _etwas_ davon
-bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der
-Welt vor -- wenngleich höchst selten, aber sie _kommen_ vor.
-
-
- Das Porträt
-
-
- Erster Teil.
-
-Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der
-Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst
-mannigfaltige Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die Bilder waren
-meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem Lack gefirnißt und mit
-dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit
-weißen Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend,
-ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der
-eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen ähnlich sieht: das
-sind gewöhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu kamen noch
-einige gestochene Abbildungen: ein Porträt von Chosrev-Mirsa in einer
-Hammelfellmütze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und
-krummer Nase. Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen
-Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind und von der
-instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war
-die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt
-Jerusalem zu sehen, über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände
-ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde
-und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhüllte. Für
-diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch
-ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon
-sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für seinen Herrn in der Hand
-hält, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben
-wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter
-Soldat, dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser
-feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die
-Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre
-Zeigefinger darauf zu drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit
-ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis
-auf die Karikaturen übereinander lustig, alte Lakaien in Friesmänteln
-schauen sich diese Dinge an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen
-müssen, und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen
-instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was denn das Volk wieder
-zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk
-anschaut.
-
-Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, der gerade die
-Passage passierte, unwillkürlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel
-und der nicht sehr sorgfältige Anzug ließen in ihm einen Menschen
-erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und
-keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, die doch gerade für
-die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er
-blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese
-greulichen Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche
-Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem diese Machwerke
-wohl von Nutzen wären. Daß das russische Volk von diesen Jeruslanen
-Lazarewitschen, diesen Freß- und Saufhelden, sowie von dem Foma und
-Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die
-abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus verständlich. Aber wo
-sind die Käufer für diese bunten, schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten
-diese flämischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die
-bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der Kunst
-erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt
-wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder
-eines Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen
-Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen.
-Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose,
-greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmächtig in die Reihen der
-Künste drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten
-Handwerken ihren Platz hatte, -- eine Talentlosigkeit, die übrigens
-ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst
-importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand,
-die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem
-Menschen! ...
-
-Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schließlich gar
-nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des
-Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit
-Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den
-Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und
-was er kaufen wollte. »Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine
-Landschaft, will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie sich doch
-nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind
-eben erst aus der Börse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht
-trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn
-Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber auch ein
-rechter Winter!« Hierbei schnellte der Händler mit den Fingerspitzen
-leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Güte des Winters
-recht zu betonen. »Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde und zu
-Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen
-Bindfaden her!« -- »Wart, Bruder, nicht so schnell!« sagte der endlich
-zu sich kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler sich im
-Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich,
-nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten
-hatte, und er sagte: »Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort
-etwas für mich finde.« Und er bückte sich und fing an, die auf dem
-Fußboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten
-Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen.
-Da waren altertümliche Porträts von Ahnen, deren Nachkommen man in der
-Welt sicher nirgends hätte finden können -- unbekannte Bilder, deren
-Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte,
-allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu
-untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: »Vielleicht
-findet sich doch noch etwas darunter!« Er hatte mehr als einmal gehört,
-wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem Kram Gemälde großer Meister
-fand.
-
-Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, ließ
-seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewöhnlichen
-Stellung und gebührenden Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten
-an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. »Hierher,
-Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein!
-Soeben von der Börse importiert!« Er schrie sich tot, aber meistenteils
-ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit dem
-Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der Türe seiner Bude
-stand, und erinnerte sich schließlich, daß er noch einen Käufer im Laden
-hatte; sofort wandte er den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich
-hinein. »Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?« Aber der
-Künstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Porträt in einem großen
-Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch
-die Spuren der Vergoldung glänzten.
-
-Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen Gesicht und
-hervorstehenden Backenknochen. Seine Züge schienen einen Augenblick von
-einer krampfhaften Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie
-nordische Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. Er
-war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie schmutzig und
-beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die
-Spuren der Arbeit eines großen Künstlers, nachdem es ihm gelungen war,
-den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht ausgeführt
-zu sein, aber die Kraft der Pinselführung war eine überwältigende.
-Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Künstler schien seine
-ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie
-starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt heraus und
-zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare
-Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an die Tür gebracht hatte,
-blickten ihn die Augen noch stärker an. Fast denselben Eindruck machten
-sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben
-war, rief: »Er starrt, er starrt mich an!« und wich zurück. Eine
-unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte sich
-seiner, und er stellte das Bild auf den Boden.
-
-»Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!« meinte der Ladenbesitzer.
-
-»Und was kostet es?« fragte der Künstler.
-
-»Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fünfundsiebzig
-Kopeken!«
-
-»Nein.«
-
-»Na, was geben Sie?«
-
-»Zwanzig,« sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte.
-
-»Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist
-ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen?
-Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu.
-Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken.
-Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer
-sind.« -- Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen
-schien: »Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!«
-
-So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und
-er dachte sich: »Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?« Aber es
-blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der
-Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und
-trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig
-Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine
-Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der
-gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. »Hol's der
-Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!« dachte er wie jeder Russe,
-dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen
-Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden
-Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die
-dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach
-bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der
-kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von
-Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller
-Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem
-durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei
-entschlüpften seinem Munde die Worte: »Was für ein zarter Ton!« »Wie
-ärgerlich! Hol's der Teufel!« Und während er sich das Porträt bequemer
-zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt,
-beschleunigte er seine Schritte.
-
-Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung
-in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte
-er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und
-Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand
-antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das
-Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich
-hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies
-war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den
-Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen
-pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte
-während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu.
-Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das
-infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür
-geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten
-Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im
-allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben,
-begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen
-quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei
-künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen
-und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen
-liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den
-Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei
-andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht
-behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe,
-die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit.
-Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine
-schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter
-aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen,
-soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht
-hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.
-
-»Wir haben keine Kerze mehr!« sagte Nikita.
-
-»Weshalb nicht?«
-
-»Es war doch schon gestern keine da,« sagte Nikita. Der Künstler
-erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab,
-beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog
-hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an.
-
-»Der Wirt ist wieder dagewesen!« fuhr Nikita fort.
-
-»So! Er kam wegen des Geldes!« meinte der Künstler mit wegwerfender
-Miene.
-
-»Aber er war nicht allein da,« sagte Nikita.
-
-»Wer denn noch?«
-
-»Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.«
-
-»Wozu denn ein Polizeibeamter?«
-
-»Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt
-ist.«
-
-»Nun, und was soll daraus werden?«
-
-»Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen
-will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.«
-
-»Mögen sie nur kommen!« sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit,
-und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner.
-
-Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen
-Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein
-Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen
-Drang, der Natur nahe zu kommen. »Sieh, sieh, Bruder,« sagte ihm mehr
-als einmal sein Professor, »du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du
-es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas
-lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen,
-alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du
-willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus
-dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt
-etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng
-und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest
-schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben,
-was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du
-nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die
-große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine
-stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich
-weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der
-Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm
-Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder
-Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen
-... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.«
-
-Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der
-Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem
-Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei
-alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn
-er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht
-anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack
-wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels,
-doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen,
-er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der
-vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder
-verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn
-hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem
-Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so
-durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte
-Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die
-Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer
-geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich
-die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit
-Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn
-er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher,
-der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch
-gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben
-allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes
-Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von
-seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß,
-sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine
-Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der
-aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von
-ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in
-angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar
-mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im
-Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu
-ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage.
-
-»Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!« wiederholte er verdrießlich; »aber
-schließlich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich
-denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir
-niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen
-wollte, so würde man mir doch für sie alle zusammen noch keine zwanzig
-Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich fühle
-es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich
-etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ...
-und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und
-wer, der nicht zufällig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mögen?
-Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser
-Naturstudien oder gar meiner unbeendigten »Psyche«? Wen interessiert
-dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Porträt meines Nikita, wenn
-es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers?
-Und weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und plage ich mich, wie
-ein Schüler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berühmt sein, als die
-andern und gleich ihnen Geld verdienen könnte.«
-
-Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler plötzlich. Ein
-krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn von der Leinwand her -- sich
-weit vorbeugend -- an; zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn,
-als ob sie ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten zu
-wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er aufschreien und Nikita
-rufen, der bereits in seinem Vorzimmer schnarchte wie ein zweiter
-Polyphem. Aber plötzlich blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der
-Angst verließ ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte Porträt,
-das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, in den das ganze Zimmer
-getaucht war, beleuchtete auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare
-Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu reinigen. Er
-benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr einige Mal mit ihm über die
-Fläche, wusch den dicken und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz
-herunter, hängte es vor sich an die Wand hin und war über dieses
-ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. Das ganze Gesicht
-schien Leben zu bekommen und die Augen blickten ihn so an, daß er
-erzitterte, zurückwich und ganz verdutzt sagte: »Er sieht mich an, er
-blickt mich mit Menschenaugen an!« Tschartkow mußte plötzlich an eine
-Geschichte denken, die er einmal von seinem Professor über ein Bildnis
-des berühmten Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das der
-große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet hatte, doch
-noch immer für unvollendet ausgab, und das nach Vasaris Worten dennoch
-von allen für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk erklärt
-wurde. Am hervorragendsten waren daran die Augen, die in höchstem Maße
-die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten,
-kaum sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die Leinwand
-gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm hängenden Porträt, war es
-noch sonderbarer. Das war keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie
-des Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es schien, als wären
-sie einem lebenden Antlitze entnommen und in dieses Bildnis eingesetzt.
-Das hatte nichts mehr mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele
-angesichts eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich auch der
-dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers bemächtigte sich
-vielmehr nur ein krankhaftes quälendes Gefühl.
-
-»Was ist das?« fragte sich der Künstler unwillkürlich. »Das ist doch in
-der Tat Natur, lebendige Natur! Woher also dieses seltsame, unangenehme
-Gefühl? Oder wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich
-schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer Ton? Oder
-erscheint der Gegenstand, wenn man gefühllos, gleichgültig, ohne innere
-Anteilnahme an ihn herantritt, stets nur in seiner abschreckenden
-Wirklichkeit -- ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen,
-überall verborgenen Gedankens? -- in jener Wirklichkeit, die sich
-offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen Messer bewaffnet, einem
-Menschen nahn, in der Erwartung, etwas Herrliches zu schaun, sein
-Inneres bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum erscheint
-denn die einfache gemeine Natur bei einem Künstler in einer gewissen
-Verklärung -- und man erhält keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es
-scheint einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und alles fließt
-und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger um einen herum. Und warum
-erscheint ebendieselbe Natur bei einem anderen Künstler niedrig und
-schmutzig, während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt ihm eben
-das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine Landschaft, so herrlich sie
-auch sein mag, doch unvollkommen erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie
-erleuchtet.«
-
-Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese wunderbaren Augen zu
-betrachten, und sah wieder mit Entsetzen, daß sie ihn wirklich
-anstarrten. Das war keine Kopie nach der Natur mehr, das war jene
-entsetzliche Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen
-Toten Leben gegeben hätte. War es der Mondschein, der Wahngebilde und
-Träume mit sich brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als das
-nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas anderes die Ursache? Es
-wurde ihm -- er wußte selbst nicht warum -- ängstlich und bang zumute,
-er fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat leise vom
-Porträt zurück, wandte sich nach der andern Seite und bemühte sich, es
-nicht anzublicken; inzwischen aber schielte sein Auge dennoch ganz wie
-von selbst unwillkürlich nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm sogar
-die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß, Unruhe. Es war ihm,
-als folgte ihm immer jemand, und jedesmal sah er sich scheu um. Jede
-Feigheit lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und seine Nerven
-waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend konnte er sich seine
-instinktive Furcht selbst nicht erklären. Er setzte sich in eine Ecke,
-aber auch hier hatte er das Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die
-Achsel in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das aus dem
-Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine Angst zu verscheuchen.
-Endlich erhob er sich zaghaft, ohne die Augen zu erheben, von seinem
-Platze, begab sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein
-Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte Zimmer und das
-ihm gerade gegenüber an der Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer
-heftete es jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand anders
-als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein Lager zu verlassen, er
-ergriff ein Laken, trat an das Porträt heran und hüllte es in das
-Betttuch ein.
-
-Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig wieder zu Bett und
-begann über die Armut, über das erbärmliche Schicksal des Künstlers,
-über den Dornenweg, der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken,
-unterdessen aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte der
-spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten Porträt. Der
-Mondenschein ließ das Weiß des Lakens noch heller erscheinen, und es kam
-Tschartkow so vor, als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch
-das Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte er sich
-davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion handelte. Aber jetzt ...
-tatsächlich ... jetzt steht es vor ihm ... er sieht es, sieht es ganz
-klar. Das Laken ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei da
-und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an, späht geradezu in sein
-Inneres hinein. Es wurde ihm kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit
-einem Male, wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden Händen
-auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und beide Beine herausstreckend,
-aus dem Rahmen springt. Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch
-ein leerer Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im Zimmer wider und
-näherten sich immer mehr dem Schirme. Das Herz des armen Künstlers
-begann stärker zu pochen. Während er vor Angst kaum zu atmen wagte,
-schien er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den Kopf nach ihm
-hinter den Schirm strecken würde. Und in der Tat, jetzt beugte sich sein
-bronzefarbenes Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn.
-Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte jedoch, daß ihm
-der Ton in der Kehle stecken blieb; er versuchte sich zu rühren, irgend
-eine Bewegung auszuführen. Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst.
-Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete er dieses furchtbare,
-hochgewachsene, in ein weites asiatisches Gewand gehüllte Phantom und
-wartete ab, was es tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des Lagers
-nieder und zog etwas aus den Falten seines Kleides hervor. Es war ein
-Geldbeutel. Er schnürte ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln,
-schüttelte ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere Rollen, die
-wie längliche Säulchen aussahen, auf den Boden; jede war in blaues
-Papier eingeschlagen und trug die Aufschrift: »Tausend Dukaten«. Seine
-langen knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend, begann
-der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm das Gold entgegenglänzte.
-Mit wie tödlicher Qual auch der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er
-war doch von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und beobachtete
-unverwandt, wie die knochigen Hände es aufrollten, wie es glänzte, fern
-und dumpf klirrte und wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich
-bemerkte er eine Rolle, die abseits von den anderen unter sein Bett
-gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie und spähte voller Furcht
-danach, ob sie der Alte nicht etwa vermißte. Der Greis schien jedoch
-sehr beschäftigt zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte
-sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, hinter der
-spanischen Wand hervor. Tschartkows Herz schlug heftig, als er hörte,
-wie sich die Schritte im Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten.
-Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem Drucke und
-erzitterte am ganzen Körper, als er plötzlich vernahm, wie sich die
-Schritte wieder dem Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr
-geworden, daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er denn auch zu ihm
-hinter die Wand. Voller Verzweiflung hielt der Künstler die Rolle
-krampfhaft in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, sich
-zu bewegen, schrie auf und erwachte.
-
-Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. Sein Herz schlug so stark,
-wie es nur schlagen konnte. Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie
-den letzten Atemzug getan hätte. »War es denn wirklich ein Traum?« sagte
-er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf faßte. Aber die
-furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung widersprach dieser Annahme.
-Hatte er doch, nachdem er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in
-den Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten Gewandes
-flatterte noch vor ihm her, und seine Hand spürte deutlich, daß sie noch
-vor einer Minute irgend einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der
-Mondschein überflutete das Zimmer und ließ bald eine Staffelei, bald
-eine fertige Haube, bald eine auf dem Stuhl vergessene Draperie, bald
-ein Paar ungeputzte Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst
-jetzt bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern dicht vor
-dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand. Wie er hierhin gelangt war,
-das konnte er sich auf keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn
-der Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war -- das Laken
-fehlte tatsächlich! -- Regungslos und voller Angst starrte er es an und
-sah, wie sich zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn
-richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er wollte fliehen,
-fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt waren. Und nun sieht er --
-es ist kein Traum! -- wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen und
-seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als wollten sie sich an ihn
-festsaugen. Mit einem Schrei der Verzweiflung sprang er zurück und
-erwachte.
-
-»War auch das nur ein Traum?« fragte er sich und tastete mit den Händen
-um sich, während sein Herz zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch
-genau in jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. Vor ihm
-stand der Schirm, das Zimmer war vom Mondschein erfüllt, und durch den
-Spalt der spanischen Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken
-verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt hatte.
-Folglich hatte er wieder geträumt; aber die geballte Faust hatte noch
-immer die Empfindung, daß sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz
-klopfte stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf seiner
-Brust, war unerträglich. Er spähte durch den Spalt und betrachtete
-unverwandt das Laken. Und nun sieht er klar und deutlich, wie dieses
-allmählich heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten
-und sich bemühten, es abzustreifen. »Herr Gott, was ist denn das?« rief
-er voller Verzweiflung, bekreuzigte sich und erwachte.
-
-War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, besinnungslos aus
-dem Bett, unfähig, zu begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen
-war: ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder eine lebendige
-Erscheinung ihn gequält hatte. In der Absicht, die seelische Erregung
-und das stürmende Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu
-stillen, trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter Windstoß
-von außen her brachte ihn wieder zu sich. Der Mond bestrahlte noch immer
-die Dächer und die weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine
-Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still. Nur selten drang das
-ferne Rasseln einer Mietsdroschke an das Ohr, deren Kutscher, in
-Erwartung eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre
-eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. Lange schaute
-Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon zeigten sich am Himmel die
-Anzeichen der nahenden Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu
-schlafen, er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins Bett
-und schlief bald fest ein wie ein Toter.
-
-Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme Gefühl, das einen
-Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung überfällt. Sein Kopf schmerzte
-ihn heftig. Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme Feuchtigkeit
-erfüllte die Luft und drang durch die Spalten seiner Fenster, die mit
-Bildern oder grundierten Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und
-unzufrieden wie ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen
-verschlissenen Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun
-sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum. Dabei wirkte
-dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, daß er sich sogar dem Argwohn
-hingab, vielleicht hätte ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder
-eine Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, -- etwa eine
-Vision. Er schob das Laken zurück und betrachtete nun dieses
-schreckliche Porträt beim hellen Tageslicht. Die Augen wirkten in der
-Tat durch ihr ungewöhnliches Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er
-nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner Seele eine
-unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung zurück. Trotzdem aber
-wollte er nicht recht daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen
-war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein entsetzliches
-Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das Gefühl, als ob ein Etwas im
-Blick und im Gesichtsausdruck des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese
-Nacht bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den Druck, wie wenn
-eine andere sich erst kurz vorher von ihr losgerissen hätte, und er kam
-zur Überzeugung, daß die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner
-Hand gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte.
-
-»Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses Geldes gehörte!« sagte er,
-indem er tief aufseufzte, und er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit
-der verlockenden Aufschrift »Tausend Dukaten«, die er im Traum erblickt
-hatte, aus dem Beutel herausfielen. Sie öffneten sich, das Gold glänzte
-und funkelte vor seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er
-aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in die leere Luft
-starrend, völlig unfähig, sich von diesem Gegenstande loszureißen, wie
-ein Kind, das vor einer süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser
-im Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von anderen verzehrt wird.
-
-Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was ihn wieder auf
-unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurückversetzte. Der Wirt trat
-ein, und mit ihm der Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine
-Leute bekanntlich noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines
-Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen Hauses, in dem
-Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, die irgendwo in der 15. Linie
-der Wassilij-Insel, im Petersburger Viertel oder in einer entfernteren
-Ecke von Kolomna ein Häuschen besitzen -- ein Geschöpf, deren es in
-Rußland noch viele gibt und deren Charakter ebenso schwer zu bestimmen
-ist, wie die Farbe eines abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er
-Hauptmann der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, war aber
-auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: ein Meister im Prügeln,
-behend, geckenhaft und dumm; nun aber, wo er alt geworden war,
-vereinigten sich alle diese hervorstechenden Eigenheiten zu einer
-gewissen undeutlichen Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und hatte
-schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte er sein Äußeres,
-er prahlte nicht mehr so unverschämt, war nicht mehr so arrogant und
-liebte es nur, Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn
-zusammenzuschwatzen; er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte die
-Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats seine Mieter
-wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem Schlüssel in der Hand auf die
-Straße hinaus, um einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, und
-vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer, in der dieser
-gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit einem Wort, es war einfach ein Mann
-im Ruhestande, der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen
-er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen mußte, nichts
-zurückbehalten hatte als ein paar platte Gewohnheiten.
-
-»Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!« meinte der Wirt, indem er
-sich an den Polizeikommissar wandte und mit den Armen eine bezeichnende
-Geste vollführte; »er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal
-nicht!«
-
-»Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld habe? Warten Sie doch nur,
-ich werde schon bezahlen!«
-
-»Ich kann nicht warten, Väterchen,« erwiderte der Wirt heftig und
-klopfte mit dem Schlüssel, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Der
-Oberstleutnant Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem Hause;
-Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine Scheune und einen Stall für
-zwei Pferde abgemietet: eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen
-Sie, was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir ist es nicht
-Sitte, daß man mir den Zins schuldig bleibt. Wollen Sie sofort das Geld
-bezahlen und dann die Wohnung räumen.«
-
-»Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann müssen Sie auch
-zahlen,« meinte der Polizeikommissar, indem er leicht den Kopf
-schüttelte und den Zeigefinger zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes
-steckte.
-
-»Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch eben die Frage. Ich
-verfüge jetzt noch nicht über einen Pfennig.«
-
-»In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch durch die Erzeugnisse Ihrer
-Kunst sicherstellen,« meinte der Kommissar. »Er wird vielleicht damit
-einverstanden sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.«
-
-»Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder! Wären es noch Gemälde
-von vornehmem Inhalt, so daß man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa
-ein General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten Kutusow! Aber
-da malt er sich hier einen Bauern im Hemde hin, seinen Diener, der ihm
-die Farben reibt! Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde ihm
-den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus den Riegeln
-herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen Sie nur, was für Gegenstände er sich
-wählt. Da malt er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere,
-aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier gemalt ist! Mit dem ganzen
-Schmutz und Dreck, der überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das
-Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. Bei mir wohnen die
-Mieter sieben Jahre lang, ein Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna
-Petrowna ... Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen
-schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie ein Schwein! ...
-Einfach wie ein ..., Gott soll mich davor bewahren!«
-
-Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören. Der
-Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen mit der Prüfung der Bilder
-und Skizzen und bekundete hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte
-als der Wirt, und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz
-unempfänglich war.
-
-»He,« sagte er, während er mit dem Finger gegen eine Leinwand klopfte,
-auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, »dieser Gegenstand ist
-ja recht pikant, ... und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so
-schwarz unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? Wie?«
-
-»Das ist ein Schatten!« antwortete Tschartkow herb und ohne ihn
-anzusehen.
-
-»Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen! Unter der Nase fällt es
-doch gar zu sehr auf,« sagte der Kommissar. »Und wessen Porträt ist dies
-hier?« fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises näherte. »Der
-ist ja entsetzlich! War er denn wirklich so schrecklich? Mein Gott, der
-starrt einen ja geradezu an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert!
-Wer hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?«
-
-»Ach, das ist ein ...,« sagte Tschartkow, doch er sprach den Satz nicht
-zu Ende.
-
-Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar hatte offenbar infolge des
-ungeschlachten Baues seiner polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu
-fest angepackt. Die Leisten an der Seite waren eingedrückt, die eine
-fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend eine in blaues Papier
-gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift »Tausend Dukaten« sprang
-Tschartkow in die Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie
-aufzuheben, ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft mit einer
-Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte.
-
-»Es klang doch hier wie Geld!« sagte der Kommissar, der etwas Klirrendes
-hatte auf den Boden fallen hören und den die Schnelligkeit, mit der
-Tschartkow herbeistürzte, daran hinderte, genau zu erkennen, was es war.
-
-»Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie zu wissen, was ich hier
-habe?«
-
-»Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem Wirt sofort die Miete zahlen
-müssen! Weil Sie Geld haben, aber nichts zahlen wollen!«
-
-»Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!«
-
-»Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher bezahlen? Wozu mußten
-Sie den Wirt beunruhigen und die Polizei belästigen?«
-
-»Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich werde ihm heute abend
-alles bezahlen und sofort die Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen
-Wirte nicht mehr bleiben will.«
-
-»Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen alles bezahlen,« sagte der
-Kommissar, sich an den Wirt wendend. »Wenn es sich jedoch herausstellt,
-daß Sie heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann sollte es
-mir sehr leid tun, Herr Maler!«
-
-Sprach's, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum Flur hinaus. Der Wirt
-folgte ihm mit gesenktem Kopf und anscheinend etwas nachdenklich auf dem
-Fuße.
-
-»Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!« sagte Tschartkow, als er
-hörte, daß die Tür des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte.
-Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz
-allein zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, nachdem er
-wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die
-Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die
-alle ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer funkelten! -- Wie
-wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer
-wieder: »Ist das alles nicht doch nur ein Traum?« Die Rolle enthielt
-genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig denen, die er im
-Traum gesehen hatte. Einige Minuten wühlte er prüfend in ihnen herum und
-konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten
-plötzlich alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern
-auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht
-ihres zukünftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: »Vielleicht
-hatte auch in diesem Falle irgend ein Großvater den Einfall, seinem
-Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines
-Familienporträts verbarg.« Voll von romantischen Vorstellungen fing er
-sogar an, darüber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall
-und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht
-gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft wäre, und ob es
-nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, daß er
-es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An
-einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt und unmerklich
-von einem Brettchen verdeckt wurde, daß die Dukaten hier bis in alle
-Ewigkeit ungestört verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des
-Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete das Porträt
-und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche
-Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor,
-ließen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefühl in seinem Innern
-zurück. »Nein,« sagte er zu sich selbst, »wessen Großvater du auch sein
-magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen
-Rahmen anfertigen lassen.« Hierbei ließ er die Hand auf den vor ihm
-liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser
-Berührung heftig zu pochen. »Was nun tun?« dachte er, während er die
-Blicke auf das Geld richtete. »Jetzt bin ich mindestens für drei Jahre
-gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen und arbeiten.
-Jetzt habe ich Geld genug für Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die
-sonstigen Lebensbedürfnisse sowie für die Wohnung. Stören und belästigen
-wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzügliche
-Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Füße
-modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten
-Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für mich allein
-ohne Übereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, überhole ich
-alle meine Kollegen und kann ein tüchtiger Künstler werden.«
-
-So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz
-eingab. Aber aus seinem Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher
-und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da
-erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse seiner
-zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden Jugend! Jetzt war
-alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfüllten Augen
-angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das
-Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann,
-als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem
-langen Fasten endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine
-schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine
-Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf
-die Straße hinaus.
-
-Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom Kopf bis zu den Füßen neu
-einkleiden, wobei er sich unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte
-Parfüms und Pomade, mietete sich -- ohne lange zu handeln -- eine
-vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und großen
-Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden
-eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, -- weit mehr als er
-überhaupt nötig hatte --, ließ sich von einem Friseur die Locken
-kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck
-durch die Stadt, aß sich in einer Konditorei an Konfitüren satt, und
-ging dann ins Restaurant »Zum Franzosen«, von dem er bis jetzt nicht
-mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz
-wie ein Spanier, warf hochmütige Blicke auf seine Mitgäste und strich
-sich vor dem Spiegel unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er
-trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom
-Hörensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat
-er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Rußland zu sagen
-pflegt: »Selbst dem Teufel kein Bruder!« auf die Straße. Wie ein Geck
-spazierte er den Bürgersteig entlang und warf nachlässige Blicke durch
-seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen
-früheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er ihn gar
-nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor noch lange unbeweglich
-stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ...
-
-Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, die Staffelei, die
-Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine
-prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an
-exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann
-schritt er in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er
-sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte
-sofort das unüberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen
-und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hörte er Rufe
-wie die folgenden: »Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von
-Tschartkow gesehen? Über was für eine rasche Pinselführung doch der
-Tschartkow verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser Tschartkow
-besitzt!« Verträumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer
-weiß welche Regionen entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit
-einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um
-sich dessen großmütigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem
-Journalisten, der ihn sofort »Geehrter Herr« anredete, ihm beide Hände
-drückte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach
-seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, -- und
-schon am nächsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer
-Ankündigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit
-folgender Überschrift:
-
-
- »_Ein ungewöhnliches Talent!_ Der Maler Tschartkow.
-
-Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer --
-man kann ruhig sagen -- in jeder Beziehung herrlichen und
-außerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir
-viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schönheit
-besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wundertätige
-Leinewand zu übertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu
-erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns
-erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf
-jede Schönheit fest davon überzeugt sein, daß sie sich mit der ganzen
-Grazie ihres ätherischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren
-Reizes im Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater
-wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der
-Krieger, der Bürger, der Staatsmann können ihre glorreiche Laufbahn
-ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem
-Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine,
-oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem großen
-Künstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt
-voller Porträts, die von seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder
-Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll:
-über den Realismus, die Ähnlichkeit mit den Originalen, oder über die
-ungewöhnliche Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein
-Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der
-Journalist hatte anscheinend viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich
-und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu würdigen;
-allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit
-Reichtum und Wohlstand -- obwohl sich einige Journalisten aus unserer
-Mitte auch dagegen auflehnen werden -- wird Dein Lohn sein.«
-
-Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese Anzeige; sein Gesicht
-strahlte. In der Presse wurde über ihn geredet, das war etwas ganz Neues
-für ihn. Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der
-Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz »Vivat
-Andrei Petrowitsch« erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf
-bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er
-bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und
-abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald
-setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und ließ sich
-auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend vorstellte, wie er die
-Besucher empfangen würde, dann trat er an eine Leinewand heran und
-pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse
-Bewegungen abzulocken.
-
-Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, und er beeilte sich,
-sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer
-pelzgefütterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen
-Mädchens, betrat das Atelier.
-
-»Sind Sie Monsieur Tschartkow?« fragte die Dame. Der Künstler verneigte
-sich.
-
-»Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel
-der Vollkommenheit sein.« Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die
-Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die
-nackten Wände gleiten. »Und wo sind Ihre Porträts?«
-
-»Man hat sie soeben abgeholt,« sagte der Künstler etwas verlegen. »Ich
-bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie
-noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.«
-
-»Waren Sie in Italien?« fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in
-Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst
-richtete.
-
-»Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens
-habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind
-Sie nicht müde?«
-
-»Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier!
-Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,« sagte die Dame, während sie an
-die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden
-Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. »_C'est charmant, Lise,
-venez-ici!_ Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung!
-Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ...
-Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? _C'est
-charmant!_ -- Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das
-Gesicht wäscht ... _Quelle jolie Figure!_ ... Ach, ein Bäuerlein! Liese,
-Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein!
-... Also Sie malen nicht nur Porträts?«
-
-»O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!«
-
-»Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht
-wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft
-in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen
-nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei
-und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens
-durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine
-ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar
-noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie
-Monsieur Nohl?«
-
-»Wer ist dieser Nohl?« fragte der Maler.
-
-»Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet,
-als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen --
-Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der
-Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff
-nehmen würden.«
-
-»Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten.« Sofort schob
-er die Staffelei mit einem präparierten Keilrahmen heran, nahm die
-Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der
-Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er hätte in
-diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft
-für Bälle, einer peinigenden Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor
-und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf
-einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden Folgen eines
-erheuchelten Eifers für die verschiedensten Künste, zu dem sie die
-Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt.
-Allein der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine
-lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige
-Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes Vibrieren, ein
-dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur.
-Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die
-Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis
-dahin nur an den rohen Zügen ordinärer Modelle, an langweiligen Antiken
-und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu
-offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht
-ihm von der Leinwand entgegenblicken werde.
-
-»Wissen Sie,« sagte die Dame mit einem fast rührenden Ausdruck, »ich
-möchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wäre es offengestanden
-lieber, daß sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. Es wäre
-mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre und im Schatten eines
-Baumes säße ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf
-eine weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß es so
-aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer
-modischen Soirée ... Offengestanden, unsere Bälle töten die Seele so
-sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr
-Einfachheit! Nicht wahr?« Doch ach, leider konnte man es sowohl der
-Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, daß sie sich alle beide auf
-allerhand Bällen so müde getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs
-anzuschauen waren.
-
-Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an,
-überlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Maß, kniff das
-eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame
-von weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer
-Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich
-sofort an die eigentliche Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen
-hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen
-vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohèmegepflogenheiten zurück,
-indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen
-halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn er
-sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstände zu
-machen, ließ er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich
-schließlich zu bewegen begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ,
-den Kopf hochheben.
-
-»Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!« sagte die Dame. »Nein
-bitte, noch ein wenig,« bat der eifrige Maler.
-
-»Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!« versetzte die Dame, zog
-ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Gürtel herabhängende Uhr hervor
-und rief ganz überrascht aus: »Ach wie spät!«
-
-»Nur noch ein Augenblickchen,« sagte Tschartkow mit der einfältigen und
-bittenden Gebärde eines Kindes.
-
-Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen
-künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach ihm aber dafür, ein
-anderes Mal länger zu bleiben.
-
-»Das ist doch ärgerlich!« dachte Tschartkow, »meine Hand war gerade in
-Schwung gekommen.« Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem
-gestört und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der
-Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz regungslos auf
-einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja,
-er schlief sogar in der gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte
-Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich vor
-der Leinwand stehn.
-
-Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem
-Traume, er stürzte schnell zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf
-der Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche bei ihnen zu
-dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene in sein Zimmer zurück. Die
-aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert -- bis dahin hatte
-er solche Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, als
-Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen Equipagen mit Dienern in
-kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie
-er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß
-einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick zu streifen.
-Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung
-gekommen; er malte dessen Porträt und war zu einem Diner in ein
-aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche Zufriedenheit
-bemächtigte sich seiner, er war vollständig trunken vor Freude und
-belohnte sich für seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem
-Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer
-Equipage durch die Stadt.
-
-Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den
-Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschäftigt, und
-wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. Endlich
-erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er ließ sie Platz
-nehmen, rückte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit
-den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann
-seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm
-große Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von
-Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem
-Porträt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, daß es wohl möglich
-war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen
-darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein
-Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas,
-was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die
-Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr völlig hin und vergaß
-bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem
-Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast durchsichtige
-Körper des siebenzehnjährigen Mädchens allmählich auf der Leinwand
-erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten
-gelben Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter den Augen --
-und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der
-Stirne befand, zu verzeichnen, als er plötzlich neben sich die Stimme
-der Mutter vernahm. »Ach nein, wozu nur? Das ist nicht nötig! Auch hier
-haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu
-sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.« Der Maler
-fing an zu erklären, daß sich gerade diese Pünktchen und die gelbe Farbe
-besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte
-Töne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt keine
-Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, und daß es ihm nur so
-vorkäme. »Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser
-einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen!« bat der Künstler mit harmloser
-Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklärte ihm,
-daß Liese heute bloß nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar
-nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische
-seines Teints überrasche. Traurig machte er sich daran, die
-beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele
-fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil
-auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig begann er dem Bilde jenes
-konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz
-mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur
-gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität verleiht, wie wir sie auf
-Schülerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß
-nunmehr das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden wurde. Sie
-drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, daß die Arbeit so langsam vor
-sich ging, und fügte hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei
-Sitzungen ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand hierauf keine
-Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den
-Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in
-trüber Stimmung vor seinem Porträt stehen.
-
-Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene
-zarten weiblichen Züge, jene Schatten und luftigen Töne, die er bemerkt,
-und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem
-Auge. Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite und suchte
-aus irgend einer Ecke seine »Psyche« hervor, die er vor längerer Zeit
-einmal flüchtig skizziert hatte. Es war ein graziös hingemaltes, aber
-rein ideales und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig
-charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen Körper
-saß. Er begann diese Züge mit dem Pinsel nachzuziehen, während er sich
-dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner
-aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaßten Linien,
-Schatten und Töne nahmen hierbei jene verklärte Form an, wie sie dem
-Künstler erscheinen, wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen hat,
-sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges Werk schafft. Die
-Psyche lebte allmählich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum
-flüchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der
-Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der
-Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr
-das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen
-durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt,
-was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen
-hingerissen. Einige Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da
-überraschte ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser
-Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen;
-die beiden Damen stießen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und
-schlugen die Hände zusammen.
-
-»_Lise, Lise!_ ach, wie ähnlich! _Superbe, superbe!_ Was für ein schöner
-Einfall, sie in einem griechischen Kostüm zu malen! Welche
-Überraschung!«
-
-Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über ihren angenehmen Irrtum
-aufklären sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise:
-»Das ist Psyche!«
-
-»Als Psyche? _C'est charmant!_« sagte die Mutter lächelnd zu ihrer
-gleichfalls lächelnden Tochter. »Nicht wahr, _Lise_, so machst du dich
-am besten, so als Psyche, nicht? _Quelle idée délicieuse!_ Aber was für
-eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von
-Ihnen gelesen und gehört, ich wußte aber doch nicht, daß Sie ein solches
-Talent sind. Nein, Sie müssen unbedingt auch noch _mein_ Porträt malen!«
-Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche präsentieren ...
-
-»Was soll ich mit ihnen anfangen?« dachte der Künstler. »Wenn sie es
-selbst durchaus wollen, gebe ich einfach die »Psyche« für das aus, was
-ihnen am meisten behagt!« Und er sagte laut: »Belieben Sie noch für eine
-Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier noch einen Tupfen auftragen!«
-
-»Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ... Sie ist jetzt so
-ähnlich.«
-
-Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen nur auf
-gelben Ton bezogen, und beruhigte sie, indem er sagte, daß er den Augen
-nur noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. In Wirklichkeit aber
-war es ihm zu peinlich zumute, er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit
-dem Original noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand seine
-Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne. Und in der Tat, das Antlitz
-ließ bald immer deutlicher die Züge des blassen Mädchens erkennen.
-
-»Genug,« sagte die Mutter, die zu fürchten begann, daß die Ähnlichkeit
-allzu groß werden könnte. Dem Künstler wurde durch ein Lächeln, durch
-Geld, Komplimente, herzliche Händedrücke und eine Einladung zum Diner
-eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem Worte, er wurde nur so
-überschüttet mit Schmeicheleien und höchsten Zeichen der Anerkennung.
-
-Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die Damen zeigten es ihren
-Freundinnen; alle bewunderten die Kunst, mit der der Maler es verstanden
-hatte, die Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit und
-Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde natürlich nicht ohne einen
-leichten Anflug von Neid festgestellt, und mit einem Male war der
-Künstler mit Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die ganze
-Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur ertönte jeden Augenblick
-die Glocke. -- Dieser äußere Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da
-er ihm eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit und die
-Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war in der Tat sehr groß. Leider
-waren es jedoch alles Menschen, mit denen man nur schwer auskommen
-konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die der großen
-Gesellschaft angehörten und infolgedessen noch mehr als alle anderen
-abgehetzt und aufs äußerste ungeduldig waren.
-
-Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn gestellt wurde, war
-diese, daß er was Gutes leisten und möglichst schnell arbeiten solle.
-
-Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts sorgfältig
-auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung, daß man die genauere
-Charakteristik durch einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen,
-nur das große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse und sich
-nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben dürfe: mit einem
-Worte, er begriff, daß er es sich nicht erlauben konnte, die Natur in
-ihrer ganzen Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt
-werden, daß fast alle seine Modelle auch noch andere Wünsche geltend
-machten. Die Damen verlangten, daß hauptsächlich die Seele und das Wesen
-auf den Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen durchaus
-hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet, alle Mängel verwischt
-oder wenn möglich ganz und gar ausgemerzt werden sollten, mit einem
-Worte, daß das Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung
-reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, ihre Mienen
-einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler aufs höchste erstaunt war.
-Die eine bemühte sich, eine gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte
-wiederzuspiegeln, die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte
-wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen lassen und spitzte ihn
-so zu, bis er sich endlich in einen Punkt verwandelte, der nicht größer
-als ein Stecknadelknopf war. Trotz alledem aber verlangte man
-Ähnlichkeit und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und die Herren waren
-nicht besser als die Damen. Der eine wollte mit einer kraftvollen,
-energischen Kopfhaltung dargestellt werden, der andere mit
-durchgeistigten und gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant
-wünschte, daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter
-hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit und Edelmut in seinen
-Gesichtsausdruck zu legen, stützte die Hand auf ein Buch, das die
-deutliche Aufschrift trug: »Ich bin stets für die Wahrheit
-eingetreten!«, und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs trat
-dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß auf die Stirn, all
-dies mußte genau durchdacht werden, und doch räumte man ihm nur eine
-geringe Frist dafür ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der
-Sache und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon zwei, drei
-Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren, wie sich ein jeder
-dargestellt wissen wollte. Wer nach einem Mars Verlangen trug, dem
-steckte er einen Mars ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen
-hatte, dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen als Corinna, als
-Undine oder gar als Aspasia erscheinen wollten, war für ihn ohne jeden
-Belang: er willigte mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon
-aus eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche Dosis
-Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die nirgends Schaden
-stiften kann und für die man sogar mitunter eine gewisse Unähnlichkeit
-mit in den Kauf nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die
-erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels zu wundern. Die
-Porträtierten aber waren ganz entzückt und erklärten ihn für ein Genie.
-
-Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler. Er begann, Diners zu
-besuchen und Damen in die Galerien und sogar auf Bälle und Feste zu
-begleiten, sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, daß ein
-Künstler gesellschaftsfähig sein müsse, daß er sich standesgemäß zu
-betragen habe, daß sich die Maler im allgemeinen wie die Schuster
-kleiden, sich nicht anständig zu benehmen, den höheren Ton nicht zu
-wahren verstehen und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im
-Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und Akkuratesse; er
-hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm stutzerhafte Schüler an, kleidete
-sich mehrere Male am Tage um, ließ sich das Haar brennen, beschäftigte
-sich damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er seine
-Besucher zu empfangen gedachte, und legte den größten Wert auf die
-Pflege seines Äußeren, um einen möglichst günstigen Eindruck auf die
-Damen zu machen, mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch jenen
-Künstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und im stillen in seinem
-Kämmerlein auf der Wassilij-Insel gearbeitet hatte. Über Künstler und
-Kunst fällte er nur noch die anmaßendsten Urteile, er behauptete, man
-mäße den früheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie alle mit Ausnahme
-von Raffael hätten keine lebendigen Menschen, sondern bloß Heringe
-geschaffen, und er erklärte, die Ansicht, daß ihnen etwas Heiliges
-innewohne, existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst
-Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und viele seiner
-Bilder genössen überhaupt nur aus einem gewissen Atavismus einen so
-hohen Ruhm; er schrie, daß Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch
-Kenntnis der Anatomie imponieren wollte, daß er gar keine Grazie besäße,
-und daß man einen wirklichen Glanz, und die wahre Kraft der
-Pinselführung und des Kolorits nur in dem gegenwärtigen Zeitalter finden
-könne. Dann kam er naturgemäß auch auf sich selbst zu sprechen. »Ich
-verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen,« pflegte er zu
-sagen, »da hocken und brüten sie über ihrer Arbeit: ein Mensch, der
-mehrere Monate hintereinander an einem Bilde herumtiftelt, ist meines
-Erachtens nichts als ein gewöhnlicher Tagelöhner und kein Künstler; ich
-kann nicht glauben, daß er Talent besitzt. Ein Genie schafft kühn und
-schnell. Sehen Sie,« pflegte er zu sagen, indem er sich an seine
-Besucher wandte, »dieses Porträt hier habe ich in zwei Tagen gemalt,
-dieses Köpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen Stunden, und das
-dort in etwas mehr als einer Stunde. Nein, offengestanden, ich kann doch
-ein Werk nicht als Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich
-gesetzt ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr.« So
-sprach er zu seinen Gästen, und diese bewunderten die Kraft und
-Leichtigkeit seiner Pinselführung, stießen Rufe des Erstaunens aus, wenn
-sie hörten, in wie kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten
-es nachher auch anderen mit. »Das ist ein Talent, o ein großes, wahres
-Talent! Sehen Sie nur, wie seine Augen glänzen, wenn er spricht. _Il y a
-quelque chose d'extraordinaire dans toute sa figure!_«
-
-Dem Künstler schmeichelte es, solche Reden über sich zu hören. Wenn er
-in den Journalen öffentlich gelobt und gepriesen wurde, dann freute er
-sich wie ein Kind, obgleich diese Lobeserhebungen von ihm für bares Geld
-gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt immer mit sich
-herum und zeigte es gleichsam unabsichtlich all seinen Bekannten und
-Freunden. Und dies ergötzte ihn aufs höchste, so einfältig und naiv es
-war. Sein Ruhm wuchs, die Aufträge und Bestellungen mehrten sich; schon
-fing er an, der immer gleichen Porträts und Gesichter, deren Ausdruck er
-bereits auswendig kannte, überdrüssig zu werden. Schon malte er ohne
-große Begeisterung, indem er sich nur noch bemühte, den Kopf auf die
-Leinewand zu werfen; das übrige überließ er seinen Schülern. Früher
-suchte er wenigstens noch, seinen Porträts ein neues Moment
-abzugewinnen, durch eine neue Stellung, durch die Kraft der
-Pinselführung oder durch gewisse Effekte zu überraschen. Jetzt
-langweilte ihn auch dies allmählich. Das dauernde Grübeln und Suchen
-nach Neuem ermüdete seinen Geist. Er _konnte_ es bald auch gar nicht
-mehr, er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmäßige Lebensweise und
-die Gesellschaft, in der er die Rolle eines Lebemanns zu spielen suchte,
-entfremdeten ihn der wirklichen Arbeit. Seine Pinselführung wurde kalt
-und stumpf, und erstarrte unmerklich in eintönigen, konventionellen,
-längst verbrauchten Formen. Die langweiligen, kalten, ewig gepflegten,
-ledernen oder sozusagen zugeknöpften Gesichter der Beamten, der
-militärischen wie der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen großen
-Spielraum. Die prächtigen Drapierungen, die starken Bewegungen und
-Leidenschaften hatte er völlig vergessen. Von künstlerischer
-Komposition, von dramatischem Leben, von einer erhabenen Steigerung war
-überhaupt nicht mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie
-Uniformen, Korsetts und Fräcke, alles Dinge, die einen Künstler kalt
-lassen und die jede Phantasie ertöten. Selbst die am leichtesten zu
-erreichenden Vorzüge gingen seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber
-fanden sie immer noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und
-Künstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den Achseln zuckten.
-Die wenigen, die Tschartkow von früher her kannten, vermochten nicht zu
-verstehen, wie ein Talent, dessen Stärke sich schon in dem jungen
-Schüler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und sie bemühten sich
-vergebens, zu erraten, wie in einem Menschen plötzlich die Begabung
-erlöschen könne, in demselben Augenblick, wo seine Kräfte erst eben zu
-voller Entfaltung gekommen waren.
-
-Aber der von seinen Erfolgen trunkene Künstler hörte alle diese
-Äußerungen nicht. Schon begann er zu altern, mit den Jahren bemächtigte
-sich seiner eine gewisse geistige Schwerfälligkeit, er wurde allmählich
-immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon las er in den
-Zeitungen und Journalen Epitheta wie die folgenden: »Unser verehrter
-Andrej Petrowitsch!« »Unser hochverdienter ...!« Schon bot man ihm
-Ehrenämter an, lud ihn zu Prüfungen ein und wählte ihn in verschiedene
-Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren Alter immer zu geschehen
-pflegt, entschieden für Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er
-durchaus von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern nur deshalb, um
-sie als Angriffswaffe gegen seine jüngeren Kollegen zu benutzen. Schon
-vergnügte er sich damit, nach Art älterer Herren der ganzen Jugend ohne
-Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte Geistesrichtung zum
-Vorwurf zu machen. Schon neigte er sich der Auffassung zu, daß alles in
-der Welt ganz einfach und wie von selbst vor sich gehe, daß es keine
-Inspiration gebe und daß alles einem strengen Regiment, der Ordnung und
-einer monotonen Regelmäßigkeit unterworfen sein müsse, -- mit einem
-Wort, er war bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und Drang,
-der überhaupt jemals in einem Menschen pulsiert hat, zu verschwinden
-beginnt, wo die Töne des zauberhaften Bogens nur gedämpft an die Seele
-rühren und das Herz nicht mehr mit erschütternden Klängen umkreisen, wo
-der Kuß der Schönheit keine jungfräulichen Kräfte mehr in Flammen
-wandelt -- wo sich dafür aber alle verglühten Gefühle dem Klirren des
-Goldes um so zugänglicher erweisen, immer aufmerksamer auf seine
-verlockende Musik lauschen, ihr allmählich und unmerklich immer mehr
-Macht über sich einräumen und sich sanft von ihr einlullen lassen.
-
-Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht verdient hat, keinen
-Genuß gewähren. Nur den, der seiner würdig ist, erfüllt er ständig mit
-einem wonnigen Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen und
-Wünsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm Leidenschaft, Ideal,
-Schreckbild, Genuß und Lebenszweck. In seinen Tischen häuften sich
-Päckchen von Banknoten an, und wie jeder, dem dieses schreckliche
-Geschenk zuteil wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr in
-einen langweiligen, nur dem Golde zugänglichen, törichten Geizhals,
-einen sinnlosen Sammler, und er war schon auf dem besten Wege, zu einem
-jener Sonderlinge zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt gar
-viele gibt. Ein warmblütiger und gütiger Mensch betrachtet sie voll
-Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne Särge, die sich vor ihm
-bewegen und einen leblosen Klumpen anstelle eines Herzens in sich
-bergen. Aber eine merkwürdige Begebenheit sollte bald sein ganzes Wesen
-durchrütteln und erschüttern.
-
-Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein Schreiben, in dem die
-Akademie der Künste ihn als ihr hochverehrtes Mitglied um sein
-Erscheinen und um sein Urteil über ein neues Werk bat, das aus Italien
-angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung weilenden russischen
-Künstler zum Urheber hatte. Dieser Künstler war ein ehemaliger Freund
-von ihm, der seit langem die Leidenschaft für die Kunst in sich barg,
-und sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine Arbeit
-vergraben hatte; er hatte sich von all seinen Freunden und Verwandten,
-von allen lieben Gewohnheiten losgerissen und war in ein Land geeilt, wo
-ein herrlicher Himmel eine majestätische Kunst reifen läßt: in das
-überwältigende Rom, bei dessen Erwähnung eines Künstlers feuriges Herz
-stets voll und stürmisch zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie
-ein Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes Studium.
-Ihn kümmerte es wenig, daß sich die Menschen über sein seltsames Wesen
-aufhielten, daß man seine Unfähigkeit, sich in der guten Gesellschaft zu
-bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen tadelte und von dem
-Schaden sprach, den er dem Künstlerstande durch seinen ärmlichen,
-altmodischen Anzug zufügte. Es war ihm völlig gleichgültig, ob ihm seine
-Kollegen zürnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der Kunst
-verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermüdlich besuchte er die
-Galerien und Museen, er konnte stundenlang vor den Werken der großen
-Meister stehen und deren wundervolle Pinselführung studieren. Er
-vollendete kein Werk, bevor er sich angesichts dieser großen Vorbilder
-geprüft und sich aus ihren Werken einen stummen und doch so beredten Rat
-geholt hatte. An lärmenden Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte
-er sich nie, er nahm weder für, noch gegen die Puristen Partei, sondern
-ließ allen die schuldige Anerkennung zuteil werden, indem er in allem
-nur das Schöne zu entdecken wußte, bis er sich endlich einzig und allein
-dem göttlichen Raffael als seinem Lehrmeister überließ, -- wie auch ein
-großer Dichter, der schon so viele verschiedene Werke voll Anmut und
-majestätischer Schönheit kennen gelernt hat, zuletzt nur noch Homers
-Ilias als die überragende Dichtung gelten läßt, nachdem er entdeckt hat,
-daß in diesem Epos alles enthalten ist, was man von einem Kunstwerk
-verlangen kann, und daß sich hier alles in höchster Vollkommenheit
-wiederspiegelt. Und so hatte er sich denn bei dieser beständigen Arbeit
-an sich selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle
-Schönheit der Gedanken und die hohe Anmut einer schier überirdischen
-Pinselführung erworben.
-
-Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits eine Menge von
-Besuchern vor, die vor dem Bilde standen. Eine tiefe Stille, wie sie nur
-selten unter so zahlreichen Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er
-beeilte sich, seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine
-tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild. Aber, o Gott!
-was war das, was er da erblickte!
-
-Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand das Werk des Künstlers
-vor ihm. Bescheiden, göttlich, unschuldig und einfach wie das Genie
-selbst, schien es hoch über allem zu schweben. Es war, als senkten die
-himmlischen Gestalten, verwundert über so viele auf sie gerichteten
-Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern. Mit einem Gefühl
-unwillkürlichen Staunens starrten die Eingeweihten die neue, nie
-gesehene Pinselführung an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die
-Schulung an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der Haltung, und
-die an Corregio, die sich in der vollkommenen Technik verriet. Aber den
-gewaltigsten Eindruck machte die in der Seele des Künstlers wirkende
-Schöpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemäldes war von ihr
-durchdrungen; alles atmete eine strenge Gesetzmäßigkeit und innere
-Kraft; jedes Ding ließ jene wundervoll schwebende und fließende Rundung
-der Linien erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das Auge
-des schaffenden Künstlers sieht, bei dem Nachahmer und Kopisten aber
-stets eckig und hart erscheint. Man fühlte ganz deutlich, wie der
-Künstler alles, was er der äußeren Welt entnommen, in sich, in seiner
-Seele verschlossen hatte, um es erst später aus dieser geistigen Quelle
-gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln zu lassen.
-Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was für ein unermeßlicher
-Abgrund zwischen einem Kunstwerk und einer einfachen Kopie der Natur
-gähnt. Es ist unmöglich, jene ungewöhnliche Stille zu schildern, die
-alle Anwesenden beobachteten, während sie ihre Augen auf das Bild
-gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut störte die andächtige
-Stimmung. Die Wirkung des Bildes hatte sich inzwischen nur noch
-verstärkt. Strahlend und wie ein unbegreifliches Wunder löste es sich
-von allem Irdischen los, um sich schließlich ganz in einen Augenblick --
-die Frucht eines dem Künstler vom Himmel eingegebenen Gedankens -- zu
-verwandeln, in einen Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als
-Vorbereitung dient. Unwillkürlich wandelte die das Bild umringenden
-Beschauer das Bedürfnis zu weinen an; es schien, als hätten sich alle
-Kunstanschauungen, alle dreisten, regellosen und willkürlichen
-Abweichungen des Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das
-göttliche Werk vereinigt.
-
-Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow vor dem Bilde, und erst
-als schließlich doch eine kleine Bewegung durch die Reihen der Besucher
-und Autoritäten ging, als man sich laut über den Wert des Werkes zu
-unterhalten begann, als man sich schließlich auch an Tschartkow mit der
-Bitte wandte, sein Urteil abzugeben, kam er wieder zu sich, versuchte
-seine gewöhnliche gleichmütige Miene aufzusetzen und war eben im
-Begriff, ein paar Plattheiten zu äußern, wie man sie wohl von
-verknöcherten Routiniers zu hören bekommt. Er wollte schon sagen: »Hm,
-gewiß, man kann dem Maler ja nicht alles Talent absprechen; Talent hat
-er, das ist unleugbar. Man sieht, daß er etwas ausdrücken will. Was aber
-die Hauptsache betrifft,« -- und hierauf sollten natürlich einige
-lobende Worte folgen, die keinem Künstler gut bekommen wären. Aber er
-führte seine Absicht nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen,
-statt dessen drangen Tränen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner
-Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus dem Saal.
-
-Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert mitten in
-seinem prächtigen Atelier, seine ganze Vergangenheit lebte einen
-Augenblick wieder in ihm auf, als wäre die Jugend zu ihm zurückgekehrt,
-und als wären die erloschenen Funken seines Talentes in ihm wieder
-aufgelodert. Die Binde fiel plötzlich von seinen Augen. Gott! wie hatte
-er die besten Jahre seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die
-spärliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt hatte,
-und die sich vielleicht jetzt groß und herrlich entfaltet und vielleicht
-ebenfalls Tränen des Staunens und der Dankbarkeit entlockt hätte, so
-plump ersticken können. Wie hatte er sie in sich ertöten, erbarmungslos
-vernichten können! Es schien, als wären in diesem Augenblicke plötzlich
-alles Streben und alle Leidenschaften in seiner Seele erwacht, alle
-Gefühle, die auch sie einmal gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und
-trat vor die Leinwand. Ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn; er
-verwandelte sich völlig in _einen_ einzigen Wunsch und war ganz von
-_einem_ Gedanken beseelt. Er wollte den gefallenen Engel darstellen.
-Diese Vorstellung stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein,
-aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine Posen, Gruppen
-und Ideen hatten etwas Gezwungenes und Wirres. Sein Pinsel und seine
-Phantasie wurden zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmächtige
-Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich selber auferlegt hatte, zu
-zerbrechen, verleitete ihn gleich zu Anfang zu Unrichtigkeiten und
-Fehlern. Er hatte die ermüdend lange Stufenleiter der nur allmählich zu
-erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze der großen
-zukünftigen Wissenschaft übersprungen. Ein heftiger Verdruß bemächtigte
-sich seiner, er ließ all' seine letzten Schöpfungen: die seelenlosen
-Modebilder, die Porträts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und
-Staatsräten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich allein in sein
-Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen und versenkte sich ganz in
-die Arbeit. Wie ein geduldiger Knabe, wie ein Schüler saß er an seinem
-Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwächlich war alles, was sein
-Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt strauchelte er über die Unkenntnis
-der elementarsten Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte
-erkältend auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie als
-unüberbrückbares Hindernis entgegen. Der Pinsel wandte sich
-unwillkürlich wieder den alten versteinerten Formen zu, die Arme nahmen
-ihre gewohnte Haltung an, der Kopf wagte es nicht, sich eine
-ungewöhnliche Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des Kleides
-hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm durchaus nicht fügen und
-sich nicht an die neue Körperstellung anpassen. Und Tschartkow fühlte
-es, fühlte es selbst und sah es mit eigenen Augen.
-
-»Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe ich mich nicht selbst
-betrogen?« Mit diesen Worten suchte er seine früheren Werke hervor, die
-er einst in so reiner Stimmung, so völlig frei von Habsucht und Geldgier
-in seiner ärmlichen Mansarde auf der abgelegenen Wassilij-Insel, fern
-von den Menschen geschaffen hatte; damals, als er noch nichts von
-Überfluß und all den raffinierten Genüssen der Großstadt wußte. Jetzt
-stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete sie aufmerksam, und
-sein ganzes früheres Leben voll Not und Entbehrung erstand wieder vor
-ihm. »Ja ...« sagte er ganz verzweifelt, »ich _hatte_ Talent! wohin ich
-auch blicke, überall entdecke ich deutliche Spuren davon!«
-
-Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen Leibe. Sein Blick
-begegnete einem Augenpaar, das starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes
-ungewöhnliche Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft
-hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten gestanden, von anderen
-Bildern verdeckt, und so war es ihm völlig aus dem Gedächtnis
-entschwunden. Jetzt aber, wo alle modernen Porträts und Gemälde, die
-sein Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen
-mit den früheren Werken seiner Jugend hervor. Als er sich nun an die
-sonderbare Geschichte dieses Porträts erinnerte, als er daran dachte,
-daß dieses merkwürdige Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung
-geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm auf so wunderbare Weise
-zuteil geworden, alle die falschen und eitlen Regungen, die sein Talent
-zugrunde richten sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele
-von einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte Bildnis
-sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung wollte ihn trotzdem
-nicht verlassen. All seine Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs
-Tiefste aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual kennen,
-die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in der Natur vorkommt, wenn
-ein schwaches Talent sich mehr abzuringen versucht, als es zu leisten
-vermag, und doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene Qual, die
-zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt, aber den, der schon zu alt
-ist, um zu träumen, vergebens und fruchtlos mit einem heißen
-Schaffensdurste peinigt -- jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu
-grauenhaften Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid
-bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn er einem Werke
-gegenüberstand, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den
-Zähnen und durchbohrte es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In
-seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht kein
-Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie war er bemüht, sie
-zur Ausführung zu bringen. Er fing an, alles Beste anzukaufen, was in
-seiner Kunst produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein Bild
-erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, stürzte sich mit
-der Wut eines Tigers darauf, riß es entzwei, schnitt es in Stücke und
-zerstampfte es mit frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das er
-angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische Bedürfnis zu
-befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten Säcke auf und öffnete
-all seine Truhen. Nie hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben,
-das so viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser rasende
-Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich zeigte, verzweifelte jeder
-im voraus daran, sich ein Kunstwerk erwerben zu können, es schien, als
-hätte der erzürnte Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die
-Welt gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese grauenhafte
-Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen Lichte erscheinen. Von
-ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. Ein wütender Welt- und Menschenhaß
-und eine furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen
-wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon zu sein, den uns
-Puschkin so wunderbar geschildert hat. Nichts als giftgeschwollene Reden
-und heftige Worte des Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer
-Harpye, wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle, selbst seine
-guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen, wenn sie seiner von
-ferne ansichtig wurden, und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden,
-ja sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon, um ihnen den
-ganzen Tag zu vergiften.
-
-Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein solch aufgeregtes und
-gewalttätiges Leben nicht lange dauern. Die Dimensionen, zu denen seine
-Leidenschaft anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß ein
-schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. Die Wut- und
-Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer häufiger und gingen schließlich
-in eine entsetzliche Krankheit über, -- ein furchtbares, von einem
-heftigen, schnell um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes
-Fieber ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten von
-ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale eines unheilbaren
-Irrsinns. Er wütete so um sich, daß ihn oft mehrere Menschen nicht
-bändigen konnten. Immer wieder tauchten die längst vergessenen
-lebendigen Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann verfiel
-er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen, die sein Bett umstanden,
-schienen ihm diesen grauenhaften Porträts zu gleichen, und diese
-Porträts verdoppelten, verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen
-Augen; es kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt wären,
-die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich auf ihn gerichtet
-hielten; schreckliche Porträts blickten von der Decke, vom Boden nach
-ihm hin, das Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche,
-um immer noch mehr von diesen starren und unbeweglichen Augen fassen zu
-können. Der Arzt, der sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der
-schon manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte sich
-aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung zwischen den
-Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, und den realen Vorgängen zu
-ermitteln, er hatte jedoch keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und
-fühlte nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus und
-führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich gab er in einem letzten
-stummen Ausbruch des Schmerzes sein Leben auf. Seine Leiche war
-schrecklich anzusehen. Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr
-zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und Stücke der
-großen Kunstwerke fand, deren Wert viele Millionen betrug, da erst
-verstand man, welch entsetzlichen Gebrauch er von ihnen gemacht hatte.
-
-
- Zweiter Teil
-
-Eine Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen stand vor dem Portal
-eines Hauses, in dem der Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber
-versteigert wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren und Kupidos
-versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten, ohne eigenes Zutun sich
-den Ruf von Mäzenen erwarben und treuherzig ihre Millionen
-verschwendeten, die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar
-früher einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche Mäzene
-gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes Jahrhundert hat
-schon längst die langweilige Physiognomie eines Bankiers angenommen, der
-seine Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem Papier
-verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte Menge von Besuchern und
-Käufern, die von allen Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren,
-erfüllte den großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen
-Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt in blauen
-deutschen Röcken; ihr Aussehen und ihr Gesichtsausdruck war hier
-sicherer, freier und fiel nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit
-und Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so eigentümlich
-ist, wenn er die Kunden in seinem Laden bedient. Hier ließen sie sich
-ruhig gehen, trotzdem sich in demselben Saale viele Aristokraten
-befanden, vor denen sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und
-Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen Staub weggefegt
-hätten. Hier benahmen sie sich ganz ungezwungen, betasteten ohne viel
-Umstände zu machen, die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren
-festzustellen, und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen
-Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe. Hier traf man so manchen
-Repräsentanten jener Menschenklasse, die man auf allen Auktionen findet,
-und die täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl in ein
-Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen und
-aristokratischen Kunstfreunden, die es für ihre Pflicht hielten, keine
-Gelegenheit zu versäumen, bei der sie ihre Sammlungen vergrößern
-könnten, und die zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten,
-und endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, deren
-Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck machen und die hier
-täglich ohne jedes eigennützige Ziel erscheinen, einzig und allein zu
-dem Zwecke, um zu beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, -- wer mehr,
-und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und wem endlich der
-Gegenstand zugesprochen werden wird. Viele Bilder standen ganz regellos
-durcheinander, dazwischen sah man Möbel und Bücher mit den Initialen des
-früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche Bedürfnis
-gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab es chinesische Vasen,
-marmorne Tischplatten, neue und alte Möbel mit verschnörkelten Linien,
-Greifen, Sphinxen und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter _mit_ und
-_ohne_ Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und es herrschte hier
-nicht einmal so viel Ordnung, wie man sie selbst in einem Kunstladen
-vorzufinden pflegt. Das Ganze stellte sozusagen ein großes Chaos von
-Kunstwerken dar. Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer
-Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet einen an wie ein
-Begräbnis. Der Saal, in dem sie stattfindet, ist stets düster, die mit
-Möbeln und Bildern verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich
-hineindringen, das auf den Gesichtern liegende Schweigen und die
-Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer aufschlägt und zu Ehren
-der armen, hier auf so sonderbare Weise zusammengeratenen Künste eine
-Messe liest: alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das
-eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war offenbar im vollen
-Gange. Ein großer Haufe anständig gekleideter, dicht zusammenstehender
-Menschen ließ deutliche Spuren seines Interesses und seiner Erregung
-erkennen. Die Worte »... Rubel! ... Rubel!« die von allen Seiten
-ertönten, ließen dem Ausrufer keine Zeit, den immer noch wachsenden
-Preis, der bereits das Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu
-wiederholen; die herumstehende Menge bemühte sich um ein Porträt, das
-jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei verstand, aufs lebhafteste
-fesseln mußte. Es trug den sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend
-war es schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es stellte die
-dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande bekleideten Asiaten dar,
-dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich eigenartigen Ausdruck hatte. Was
-jedoch die Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war das
-intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je länger man sie
-betrachtete, um so tiefer schienen sie einem bis ins innerste Innere zu
-blicken. Diese Eigentümlichkeit, die auffallende Kunstfertigkeit des
-Malers nahmen die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der
-Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis ganz enorm in die
-Höhe geschraubt wurde. Lediglich zwei als Kunstliebhaber bekannte
-Aristokraten waren noch übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf
-die Erwerbung des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich und hätten
-wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden emporgetrieben, wenn nicht
-plötzlich einer der Anwesenden sich mit der folgenden Bemerkung an sie
-gewandt hätte: »Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick ruhen
-zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf dieses Porträt als jeder
-andere!«
-
-Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf den
-Sprecher; es war ein schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit
-langen schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine gewisse
-freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine Seele erkennen, die
-sich von allen aufreibenden Erregungen, die der gesellschaftliche
-Verkehr mit sich bringt, fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller
-modischen Übertriebenheiten, jeder seiner Züge deutete auf seinen
-Künstlerberuf hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens B., den viele
-der Anwesenden persönlich kannten.
-
-»Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen mögen,« fuhr er fort, als
-er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, »Sie würden
-doch vielleicht selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern,
-wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte mit
-anzuhören. Alles bestärkt mich in der Überzeugung, daß gerade dies das
-Porträt ist, das ich suche.«
-
-Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen Gesichtern, und
-selbst der Ausrufer hielt mit offenem Munde und mit erhobenem Hammer,
-neugierig und gespannt in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung
-wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem Porträt zu, um sich
-nach und nach immer mehr auf den Erzähler zu heften, dessen Bericht
-immer interessanter und spannender wurde.
-
-»Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil bekannt, den man Kolomna
-nennt,« begann er. »Hier ist alles anders als in den andern Teilen
-Petersburgs. Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch an die
-Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel gerät, ist einem fast zumute,
-als ob einen nach und nach alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften
-verlassen. Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig
-und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles, was sich als
-Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. Hier schlagen inaktive
-Beamte, Witwen und Personen in bescheidenen Verhältnissen ihr
-Ruheplätzchen auf, die auf eine Entscheidung des Senats harren und sich
-daher selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem
-Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete Köchinnen, die
-sich den ganzen Tag hindurch auf den Märkten herumtreiben, stundenlang
-in dem Kramladen stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag
-für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen, und endlich
-findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die man am besten mit dem
-einen Worte »die Aschgrauen« bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug
-und deren Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe haben,
-wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die Sonne nicht scheint,
-sondern wo weder das eine noch das andre stattfindet: ein grauer Nebel
-hüllt alles ein und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen. Zu
-ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte und
-Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge und dicken aufgedunsenen Lippen
-rechnen. Lauter Menschen ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft,
-sie gehen stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, die
-geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen tagelang, ohne an
-etwas zu denken. In ihren Zimmern sieht es öde und leer aus; oft besteht
-ihr Mobiliar einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer
-Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen, ohne daß sie ihnen
-ernstlich zu Kopfe steigt, was einem gewöhnlich nur nach einem kräftigen
-Schluck zustößt, wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher
-Handwerksbursche -- dieser Student der Meschtschanskistraße[14] und
-alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten pflegt, --
-allerdings erst -- wenn Mitternacht vorüber ist.
-
-In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten zeigt sich ein Wagen, in
-dem Schauspieler sitzen, und der dann durch sein donnerndes Gerassel
-allein die allgemeine Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so mancher
-Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und ohne Fahrgast dahergefahren
-oder schleppt etwas Heu für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung
-kann man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den Morgenkaffee
-miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine Pension beziehen, gehören
-hier schon zu den vornehmsten Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen,
-die ihre Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über die
-teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. Sie haben
-gewöhnlich eine junge Tochter, ein wortkarges, mitunter recht niedliches
-Geschöpf, dazu ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit einem traurig
-tickenden Pendel. Weiter gibt es hier Schauspieler, denen es ihre Gage
-nicht gestattet, von Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie
-alle Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren Schlafröcken da,
-und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus Pappe allerlei Gegenstände,
-die man im Hause braucht, spielen mit einem Freunde oder Gast eine
-Partie Dame oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei man
-jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend etwas anderes tun,
-höchstens daß sie zuweilen noch einen Grog zu sich nehmen. Auf diese
-Magnaten und Aristokraten von Kolomna folgt schließlich nur noch das
-gemeinste und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre ebenso
-schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen Insekten, die in altem
-Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, die beten, alte Weiber, die
-trinken, und solche, die zugleich beten und trinken, ferner solche, die
-sich auf völlig unbekannte Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen
-ganze Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke nach
-dem Trödelmarkte schleppen, um sie dort für fünfzehn Kopeken zu
-verkaufen; mit einem Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit,
-dessen Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum zu
-verbessern vermöchte.
-
-[Fußnote 14: Kleinbürgerstraße.]
-
-All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, um Ihnen zu
-zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine plötzliche,
-vorübergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu
-nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die
-ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese
-kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefühlloser, als die großen,
-denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur
-Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht
-kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten
-Equipage vorfahren, -- und daher erstirbt in ihnen schon früh jedes
-menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier
-darf ich wohl erwähnen, daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen
-will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die Regierungszeit der
-verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. Sie können sich vorstellen, daß
-auch das Äußere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend
-verändert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder
-Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer
-Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites,
-asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine
-südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehörte, ob
-er ein Inder, Grieche oder Perser war, darüber konnte niemand etwas
-Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle,
-magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und
-die großen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen
-ließen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen
-Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte
-keine Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte
-in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu
-errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmäßige Form, waren
-alle verschieden groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen.
-Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, daß
-er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein
-verschwenderischer höherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen
-Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante
-Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame
-hervorlugte. Man erzählte sich, wie das so gewöhnlich geschieht, daß
-seine eisernen Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und
-verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, daß er aber
-trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher Wucherer wäre. Er verlieh
-sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare äußerst bequeme
-Zahlungstermine für seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch
-allerhand eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz maßlosen
-Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama über ihn; was aber am
-auffälligsten war und auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das
-seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen
-alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwätz,
-nur ein sinnloses, abergläubiges Gerede der Menschen oder ein mit
-Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es
-doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen
-abspielten und die einen tiefen und überwältigenden Eindruck auf die
-Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen
-aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im
-Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein
-glühender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Förderer
-menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch,
-der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So kam es denn, daß er
-sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet
-wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen
-übereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem
-er viel für die Wissenschaften und für alles Gute wirken konnte. Der
-junge Beamte umgab sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte
-allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. Er gab auf
-eigene Kosten eine Reihe von nützlichen Werken heraus, verteilte eine
-Menge von Aufträgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise
-verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich in pekuniäre
-Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war,
-wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen
-aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer.
-Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging
-eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein
-Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden Geister und Talente. An
-allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten
-und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die
-französische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm plötzlich den
-Anlaß zu allen möglichen Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall
-fing er an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm
-eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwöhnisch, daß er
-sich schließlich sogar selbst zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer
-ganzen Reihe abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her und
-machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die Folgen einer solchen
-Handlungsweise war natürlich die, daß das Gerücht davon bis an den Thron
-gelangte. Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in
-hochherziger Weise, die der schönste Schmuck gekrönter Häupter ist,
-darüber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr
-tiefer Sinn prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es
-seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und
-vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in einer solchen Staatsform
-seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Künste keineswegs
-verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre
-natürlichen Protektoren, erst unter _ihrem_ hochherzigen Schutze
-erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., während andererseits ein
-Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhestätte finden
-konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern
-mächtiger Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse häßlicher
-politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, die der Welt bis
-jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt hätten. Sie erklärte, man
-müsse die Dichter und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn
-sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor häßlichen
-Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, die Dichter und alle
-schaffenden Künstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen:
-sie seien der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen Herrschers
-kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Während die Kaiserin
-diese Worte sprach, war sie unendlich schön und göttlich. Ich erinnere
-mich, daß die alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon
-sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme für den Fall.
-Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt werden, daß sich in dem Herzen
-eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der
-Bedrückten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte
-Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft und seines
-Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es für ihn,
-daß er eine unverhüllte und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern
-seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr
-seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter Stolz, betrogener Ehrgeiz,
-vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer
-drückenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß sein
-Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls
-vor aller Augen zu. Von den vielen schönen Frauen, an denen unsere
-nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders _eine_ allen
-anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle
-Reize unserer nordischen Schönheit mit denen des Südens; das war ein
-kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein
-Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen zu haben.
-Alle Vorzüge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum,
-Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der
-interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Fürst R...,
-ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet
-und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller
-Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson.
-Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt,
-und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien bloß den
-Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie
-gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade
-gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhältnisse war allgemein
-bekannt. Plötzlich verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt,
-allem Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht aber bald
-darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus
-entfaltete. Seine glänzenden Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe
-bekannt. Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf
-findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die überall Aufsehen
-erregt. Woher diese Veränderung und der ungeheure Reichtum des
-Bräutigams stammte, darüber konnte freilich niemand genauere Auskunft
-geben; man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche
-Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen und hätte bei ihm
-eine größere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit
-beschäftigte die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten den Neid
-aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und standhaft sie sich geliebt --
-und was für lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; überall
-schätzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge.
-Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus
-die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorständen.
-Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem
-Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift einer argwöhnischen
-Eifersucht und Unduldsamkeit schien plötzlich seinen bis dahin vornehmen
-und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen
-entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau
-beständig quälte, und scheute schließlich -- was niemand voraussehen
-konnte -- nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurück: er
-peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die
-Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst eine so glänzende
-Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glühenden
-Verehrern angezogen hatte. Endlich ließ sie -- unfähig, ihr schweres Los
-noch weiter zu ertragen -- ein Wort über Scheidung fallen, aber der
-Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der
-ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein,
-und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht
-überwältigt und festgehalten worden wäre. Ganz außer sich und voller
-Verzweiflung zückte er sein Messer gegen sich selbst und beschloß sein
-Leben in schrecklichen Qualen.
-
-Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen der ganzen Welt
-abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzählt, die sich unter
-den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso
-entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer wurden
-plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein
-Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleißig gedient
-hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige.
-Natürlich mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr
-ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen Bewohnern Kolomnas
-eine Art unwillkürlichen Grauens einflößen. Niemand zweifelte mehr
-daran, daß dieser Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte sich,
-daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge
-steigen ließen, und die der unglückliche Schuldner nie einem andern
-mitzuteilen wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausübe,
-von selbst zu glühen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ...,
-mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf.
-Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß die ganze
-Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner
-Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden
-Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die
-höchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein
-Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen,
-vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem
-Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich von einer
-seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus,
-drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne
-verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon
-in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, daß jedermann unwillkürlich
-den Eindruck hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu haben.
-Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man sie selten bei einem
-Menschen antrifft, diese glühende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten
-buschigen Augenbrauen, die unerträglich schrecklichen Augen, selbst
-seine weite, bauschige asiatische Kleidung -- alles schien darauf
-hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die
-dieser Körper in sich barg, verbleichen mußten. Jedesmal, wenn mein
-Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei
-solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: »Ein Teufel!
-Ein wahrhaftiger Teufel!« Doch nun muß ich Sie schnell noch mit meinem
-Vater bekannt machen, der übrigens der eigentliche Held dieser
-Geschichte ist.
-
-Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger Mensch. Er war ein
-seltener Künstler, einer von denen, wie sie nur Rußland aus seinem
-jungfräulichen Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen
-Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz
-aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mächtigen Drange nach
-ständiger Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht selbst
-unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er
-war eines jener ursprünglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht
-selten mit dem verletzenden Beiwort »ungebildeter Mensch« bezeichnet und
-die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick nicht ernüchtert und
-abgekühlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen
-schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die
-ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem
-Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm
-die wahre Bedeutung des Wortes »Historische Malerei« auf, er begriff,
-warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Porträt von Raffael, Lionardo
-da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung
-hatten, während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts dennoch nur
-ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prätensionen des Malers, damit
-ein großes historisches Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene
-Neigung als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen des
-Christentums, der höchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besaß
-weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so
-vielen Künstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden.
-Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe
-grober Mensch, der sich nach außen durch eine harte Rinde gegen die
-Umwelt abschloß und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über
-seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und
-versöhnlich äußerte. »Wozu soll ich mich nach ihnen richten?« pflegte er
-gewöhnlich zu sagen; »ich arbeite ja nicht für sie! Ich will meine
-Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird
-mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann
-man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafür
-versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu
-braucht denn ein großer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch
-erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann
-ist er erst recht nicht zu ertragen. _Suum cuique!_ Schuster bleib bei
-deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen
-eingesteht, wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, der
-so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine
-Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schädigt.« Er
-arbeitete schon für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum
-Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bot.
-Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen
-Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen,
-frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der
-Grund, daß es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen
-hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große Talent vergebens
-strebt. Endlich glückte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose
-Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu
-erringen, die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen
-hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Aufträge, Wandgemälde
-für Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er
-gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich
-nicht mehr genau an das Sujet und weiß nur noch, daß auf dem Gemälde der
-gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte.
-Dieses Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn malen? In
-der Person dieses Engels mußte der furchtbare Druck und die Pein, die
-auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl
-oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er dachte sich
-unwillkürlich: »Das wäre das rechte Vorbild für meinen Teufel!« Und nun
-stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als
-eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines Ateliers gepocht
-wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß
-sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper
-überlief.
-
-»Du bist Maler?« fragte er, ohne viel Umstände zu machen, meinen Vater.
-
-»Ja, ich bin Maler!« versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun
-folgen würde.
-
-»Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder
-habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will
-weiterleben. Kannst du mir ein solches Porträt malen, das den vollen
-Eindruck des Lebens macht?«
-
-Mein Vater dachte: »Was kann ich mir Besseres wünschen? Er bietet sich
-mir selbst als Modell für den Teufel an!« So willigte er denn ein, sie
-einigten sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage erschien
-mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern,
-die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, die
-mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame
-Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenüber saß: all das machte einen
-eigentümlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten
-so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von oben hereindringen
-konnte. »Hol's der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!«
-sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er
-befürchtete, daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden könne. »Was
-für eine Kraft in ihm liegt,« wiederholte er leise; »wenn es mir nur zur
-Hälfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er
-alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir
-wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur
-im mindesten treu bleibe. Was für auffallende Züge!« wiederholte er
-unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst,
-wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber
-je mehr er sich ihnen näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst
-unbegreifliches Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem
-aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten
-Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem
-beschäftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel
-Kraft, daß man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf
-dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um
-jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Töne und Schattierungen aus
-ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber kaum hatte
-er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch
-unbegreiflicher Druck, ein solch eigentümlicher Widerwille seine Seele
-erfaßte, daß er für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst
-nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er
-es nicht länger ertragen; er fühlte, wie sich diese Augen in seine Seele
-bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage
-wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz ängstlich zumute. Er
-warf den Pinsel in die Ecke und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er
-könne ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen müssen, welche
-Veränderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf
-sich plötzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und
-flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, daß sein ganzes
-Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Porträt abhingen,
-schon jetzt habe ja des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der
-Leinwand festgehalten -- wenn diese Züge genau im Bilde fixiert würden
--- werde sein Leben durch eine übernatürliche Macht im Porträt weiter
-fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der
-Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie
-erschienen ihm so ungewöhnlich und frevelhaft, daß er Pinsel und Palette
-wegwarf und jählings aus dem Zimmer stürzte.
-
-Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die ganze Nacht und den
-ganzen Tag hindurch; am andern Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine
-Frau, das einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen. Sie
-erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr das Bild nicht haben
-wolle, nichts dafür bezahlen werde und es ihm daher zurücksende. Am
-Abend desselben Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers,
-und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche seiner Religion
-beigesetzt werden solle. Dies alles erschien ihm höchst unerklärlich und
-seltsam, zu alledem aber machten sich von diesem Moment an in seinem
-Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt unter einer
-merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, deren Ursache er selbst nicht
-begreifen konnte, ja er tat bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm
-erwartet hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die Arbeiten eines
-seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Kennern und
-Liebhabern auf sich; mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und
-eine tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er plötzlich von
-einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen. Die allgemeine Sympathie, die
-sich in den Unterhaltungen über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz
-unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß, daß sein
-Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein Bild für eine erst vor kurzem
-vollendete prachtvolle Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine
-furchtbare Wut. »Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den Triumph
-gönnen!« rief er aus. »Nein, mein Lieber, du hoffst zu früh, die Alten
-in den Staub zu ziehen! Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in
-mir! Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in den Staub
-zieht!« Und der biedere, in seinem Kerne grundehrliche Mann wandte sich
-allen möglichen Ränken und Schleichwegen zu, die er bisher stets
-verabscheut hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den
-Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben
-wurde, an dem sich natürlich auch andere Künstler beteiligten durften.
-Hierauf schloß er sich in seinem Atelier ein und machte sich eifrig an
-die Arbeit. Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine ganze
-Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert hätten, und in der Tat
-kam so eins seiner besten Werke zustande. Niemand zweifelte daran, daß
-ihm die Palme zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht,
-aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie die Nacht zum
-Tage. Plötzlich jedoch machte einer der anwesenden Kunstrichter -- wenn
-ich nicht irre, ein Geistlicher -- eine Bemerkung, die alle überraschte.
-»In dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein starkes
-Talent,« meinte er, »aber den Gesichtern geht der fromme, heilige
-Ausdruck ab. Es liegt vielmehr etwas Dämonisches in diesen Augen, als
-hätte eine böse Macht die Hand des Künstlers geführt.« Alle blickten
-hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte ließ sich nicht
-bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein Bild los, wie um diese
-verletzende Bemerkung selbst auf ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber
-er gewahrte mit Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des
-Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch und vernichtend
-an, daß er selbst unwillkürlich schauderte. Das Bild wurde abgelehnt,
-und er mußte zu seinem unbeschreiblichen Ärger erfahren, daß die Palme
-seinem Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in welcher
-Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte. Er hätte beinahe meine
-Mutter geschlagen, er warf die Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und
-Staffeleien, riß das Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein
-Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden, um das Bild -- nachdem
-er es in Stücke geschnitten hätte -- zu verbrennen. Aber bei diesem
-Vorhaben wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht, der
-soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund war gleich ihm ein
-Maler, ein lustiger Bursche, der stets mit sich zufrieden war, sich
-nicht mit weitliegenden Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter
-die Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach deren Beendigung
-noch fröhlicher ans Schlemmen und Zechen zu machen.
-
-»Was hast du da? Was willst du verbrennen?« fragte er ihn, indem er an
-das Porträt herantrat. »Aber ich bitte dich, das ist ja eines deiner
-besten Werke! Das ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist!
-Ja, das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht bloß
-vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in die Augen
-hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja nicht einmal geblickt, als er
-noch am Leben war, wie hier bei dir!«
-
-»Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem Feuer anblicken werden!«
-sagte mein Vater, während er eine Bewegung machte, um das Porträt in den
-Kamin zu schleudern. »Halt, um Gottes willen,« fiel der Freund ein und
-hielt ihn am Arme fest. »Gib es doch lieber mir, wenn es dir so lästig
-ist!« Mein Vater sträubte sich anfangs, gab aber schließlich nach, und
-der lustige Kerl schleppte -- höchst erfreut über diese Erwerbung -- das
-Porträt mit sich fort.
-
-Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater mit einem Male
-ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung des Porträts eine Last vom
-Herzen gefallen. Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid
-und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. Er dachte lange über
-seine Tat nach, war in tiefster Seele betrübt und sagte mit innerem Gram
-zu sich selbst: »Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war
-wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es war ja nur zu dem
-Zwecke geschaffen, um meinen Genossen zu vernichten. Ein teuflisches
-Gefühl des Neides hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein
-teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.« Sofort suchte er seinen
-ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn stürmisch, bat ihn um Verzeihung und
-bemühte sich -- soweit es ihm möglich war -- seine Schuld wieder gut zu
-machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei der Arbeit wie ehedem,
-aber jetzt konnte man immer ein tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken.
-Er betete häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte sich
-nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst das herbe Äußere
-seines Wesens schien sich verloren zu haben. Bald darauf aber ereignete
-sich etwas, was ihn noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund,
-der sich das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer Zeit
-nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, ihn zu besuchen, da
-erschien dieser selbst eines Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem
-beide ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund:
-»Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das Porträt verbrennen
-wolltest! Mag es der Teufel holen; es hat etwas Schreckliches an sich!
-Ich glaube an keine Hexerei, aber man mag sagen, was man will! -- ich
-glaube, der Böse sitzt darin.«
-
-»Wieso?« fragte mein Vater.
-
-»Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es auf mir wie ein
-furchtbarer Druck ... als ob ich jemand ermorden wollte. Zeit meines
-Lebens wußte ich nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich
-nicht nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche Träume ...
-d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur Träume sind oder noch
-irgend etwas anders: wie wenn mich ein böser Geist erwürgen will ... und
-immer spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem Worte, ich
-kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. Niemals ist mir so etwas
-passiert. Ich bin all diese Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ...
-Eine entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf etwas
-Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein fröhliches und
-aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien es mir, als würde ich
-beobachtet und bespitzelt. Erst nachdem ich das Porträt meinem Neffen
-geschenkt habe, der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir's, als
-wenn mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem Schlage wurde mir
-wieder froh zumute, so wie du mich hier vor dir siehst! Wahrhaftig,
-Freund, da hast du aber einen schönen Teufel geschaffen!«
-
-Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf diese Erzählung
-und fragte schließlich: »Und jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?«
-
-»Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es ja auch nicht aus!«
-versetzte der Spaßvogel. »Des Wucherers eigene Seele scheint in dieses
-Porträt hinübergewandert zu sein. Er springt aus dem Rahmen, spaziert in
-dem Zimmer herum -- und was mein Neffe sonst noch darüber erzählt, geht
-über jede Beschreibung. Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten,
-hätte ich nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt an
-irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser konnte es nicht
-aushalten und hat es seinerseits wieder einem andern aufgehalst.«
-
-Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen Vater. Er versank
-in tiefes Grübeln, wurde melancholisch und gelangte endlich zur
-Überzeugung, daß sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß
-das Leben des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt
-übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen beunruhige, ihnen
-dämonische Empfindungen einflöße, Künstler vom rechten Wege abbringe,
-häßliche Anwandlungen von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die sich
-unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod seiner Frau, seiner
-Tochter und seines kleinen Sohnes, erschütterten ihn aufs tiefste, er
-hielt sie für eine Strafe des Himmels und entschloß sich, aus dem
-weltlichen Leben zu scheiden.
-
-Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ er mich in die
-Kunstschule eintreten und zog sich selbst nach Erledigung seiner
-geschäftlichen Angelegenheiten in ein einsames Kloster zurück, wo er
-bald die Mönchskutte anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine
-asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung aller
-Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren hatte, daß er ein
-Maler sei, trug er ihm auf, für die Klosterkirche das Bild ihres
-Heiligen zu malen. Aber der fromme und demütige Bruder erklärte
-entschieden, daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen, weil er ihn
-entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst durch harte Arbeit und
-schwere Opfer reinigen müsse, um wieder würdig zu sein, eine solche
-Arbeit zu übernehmen. Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte es für
-seine Person -- soweit dies möglich war -- die strengen Satzungen des
-Klosterlebens noch zu verschärfen; schließlich genügte ihm jedoch auch
-dieses nicht mehr, es erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den
-Segen des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine völlige
-Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen eine Hütte, nährte sich
-nur von rohen Wurzeln, trug Steine von einer Stelle zur andern, stand
-von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel erhobenen Armen da,
-murmelte beständig Gebete -- mit einem Worte, er erlegte sich alle nur
-möglichen Geduldsproben und Prüfungen auf, für die man nur in den
-Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. So peinigte er
-einige Jahre hindurch seinen Körper und stärkte ihn gleichzeitig mit
-Hilfe der belebenden Kraft des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages
-wieder in dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: »Jetzt bin ich
-bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine Arbeit vollenden.«
-
-Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die Geburt Jesu. Ein
-ganzes Jahr verbrachte er bei seiner Arbeit, ohne seine Zelle zu
-verlassen, wobei er sich nur notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben
-erhielt und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war, war das
-Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der Malerei geworden. Hier muß ich
-bemerken, daß weder die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei
-verstanden, aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit und
-Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut. Eine göttliche Demut und
-Milde in den Zügen der heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind
-beugt, ein tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das schon
-etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein feierliches Schweigen der
-von dem göttlichen Wunder überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien,
-und endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über dem
-ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer so harmonischen Kraft
-und Macht der Schönheit, daß der Eindruck ein geradezu zauberischer,
-magischer war. Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie,
-und der gerührte Prior sprach: »Wahrlich! Es ist nicht möglich, daß ein
-Mensch nur mit Hilfe menschlicher Kunst ein solches Bild zu schaffen
-vermochte; eine höhere, heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des
-Himmels Segen ruhte auf deinem Werke!«
-
-Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der Akademie ab, ich erhielt
-die goldene Medaille und mit ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht
-auf eine Kunstreise nach Italien, den schönsten Traum eines
-zwanzigjährigen Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich von
-meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt lebte, zu
-verabschieden. Ich muß gestehen, daß sein Bild längst aus meiner
-Erinnerung geschwunden war. Ich hatte einiges über die Strenge und
-Heiligkeit seines Lebens gehört und bereitete mich schon im voraus
-darauf vor, das herbe Äußere eines durch das ewige Fasten und Wachen
-abgemagerten und vertrockneten Anachoreten zu erblicken, für den nichts
-auf der Welt existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war
-ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen Greise
-gegenüber befand! In seinem Gesichte spiegelte sich auch nicht die
-geringste Ermattung oder Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der
-Klarheit und Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer Bart
-und ganz dünne, fast ätherische Haare von der gleichen silbrigen Farbe
-bedeckten malerisch seine Brust und die Falten seiner schwarzen Kutte,
-und reichten bis zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand
-umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber, aus seinem Munde
-Gedanken und Worte über die Kunst zu vernehmen, die ich sicherlich noch
-lange in meiner Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig, daß
-ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue.
-
-»Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,« sagte er, während er mich
-segnete; »dir steht ein Weg bevor, den du von nun an dein ganzes Leben
-hindurch beschreiten wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du
-hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. Richte es also
-nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles was du siehst! Mache alles
-deinem Pinsel dienstbar! Doch strebe stets danach, in jedem Ding die
-innere Idee zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der
-Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte, der es enthüllt hat.
-Für ihn gibt's in der Natur kein gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen
-bleibt der wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im Großen.
-Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich, weil es von der
-herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet wird und einen hohen
-Ausdruck erhält, indem es durch das reinigende Feuer seines Geistes
-hindurchgeht. Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige himmlische
-Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde steht sie höher als alles
-andere. Und wie die feierliche Ruhe jede weltliche Erregung, wie das
-Schaffen die Zerstörung, wie der Engel -- bloß durch die reine Unschuld
-seiner lichten Seele -- all die unzählbaren Kräfte und stolzen
-Leidenschaften des Satans übertrifft, so steht erhaben über allem, was
-es auf der Welt gibt, das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum
-Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen Feuer deiner Seele,
-nicht mit der Inbrunst, die die irdische Wollust entfacht, sondern mit
-einer stillen himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht
-imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe wunderbare Harmonie
-zu erzeugen, die den Frieden in unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt
-zu dieser Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein edles
-Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher erregt es nie Unfrieden und
-Empörung in der Seele, sondern strebt ewig, gleich einem wundersam
-klingenden Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, finstere
-Augenblicke ...« Er hielt inne und ich sah, wie sich plötzlich sein
-klares Antlitz verdüsterte, als hätte eine Wolke es beschattet. »Ich
-hatte ein Erlebnis ...« fuhr er fort, »bis auf den heutigen Tag ist mir
-nicht klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt ich
-damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische Erscheinung. Ich weiß,
-die Welt leugnet die Existenz des Teufels, und daher will auch ich nicht
-über ihn sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur mit einem
-heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich arbeitete ohne jede Freude und
-Liebe an meinem Werk. Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich
-suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur treu zu bleiben.
-Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, und daher sind auch die
-Empfindungen, die sich beim Anblick dieses Bildes aller Menschen
-bemächtigen, wild und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es
-erzeugt, und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der Künstler auch in
-der Wiedergabe der Leidenschaft die edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört,
-daß dieses Porträt von Hand zu Hand geht und überall quälende,
-peinigende Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides, des
-dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen Trieb zur Verfolgung
-und Unterdrückung entfache. Möge der Allerhöchste dich vor solchen
-Leidenschaften bewahren! Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist
-besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf sich zu nehmen,
-als einem andern auch nur das geringste Unrecht zuzufügen. Rette die
-Reinheit deiner Seele! Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß
-reiner und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles verziehen
-werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus in einem festlichen Gewande
-verläßt, braucht nur ein vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu
-bespritzen, und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen mit den
-Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit, während ein
-anderer von unten bis oben beschmutzt sein kann, ohne daß es die Menge
-bemerkt; er trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es eben
-nicht weiter auf.«
-
-Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. Niemals in meinem
-Leben fühlte ich mich so erhoben wie an diesem Tage. Mit tiefer
-Ehrfurcht und einem Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als
-einfache Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen und küßte seine
-herabhängenden, silberweißen Haare.
-
-Eine Träne glänzte in seinen Augen. »Erfülle mir noch eine Bitte, lieber
-Sohn,« sagte er beim Abschied zu mir. »Vielleicht gelingt es dir einmal,
-das Porträt zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst es
-sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem unnatürlichen Ausdruck
-erkennen. Solltest du es finden, so gelobe mir, es zu vernichten.«
-
-Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch möglich war,
-ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. Ich schwur ihm hoch und
-heilig, seine Bitte zu erfüllen. Fünfzehn Jahre lang vermochte ich
-nicht, irgend etwas zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters
-auch nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser Auktion
-....«
-
-Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete sein Auge auf die
-Wand, um das Porträt noch einmal zu prüfen, und alle, die ihm mit
-Spannung zugehört hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen
-suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen Erstaunen war
-es plötzlich von der Wand verschwunden. Ein leises Gemurmel und
-Geflüster durchlief die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer
-das Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand gelungen,
-während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler lauschten, das Bild zu
-entwenden, und noch lange nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie
-diese merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es nur ein
-Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von der Betrachtung der alten
-Gemälde ermüdeten Augen getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu
-verschwinden.
-
-
-
-
- Anhang zum zweiten Teil
-
-
- Varianten zum zweiten Teil der »Toten Seelen«.
-
-Der zweite Band der »Toten Seelen« wurde im Jahre 1840 begonnen, allein
-das Werk blieb Fragment. Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten
-Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines
-Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten
-Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist
-jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser
-Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842
-beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten
-und entwirft in diesen Heften: »ein Chaos, aus dem der Kosmos der >Toten
-Seelen< hervorgehen soll«. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe
-des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser
-Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom
-Autor verbrannt. Wir führen in diesem Anhang die wichtigsten Varianten
-der ursprünglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung zum
-vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick
-in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzüglich aber des
-unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln.
-
- _Der Herausgeber._
-
- * * * * *
-
-1. Wir haben unserem Text auch die _letzten_ Verbesserungen und
-Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil über den Zeilen, zum Teil auf
-dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stück ist
-mehrfach verändert und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte
-nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten:
-
-Ob solche Charaktere _geboren_ werden -- oder ob sie allmählich dazu
-werden, was sie sind -- diese Frage läßt sich nicht beantworten. Wir
-wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner
-Erziehung erzählen -- und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor
-der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz
-außerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen
-eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind,
-das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um
-ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn
-verließ, dann ließ er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging
-erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, wieder gut
-zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwürfen, die Alexander
-Petrowitsch seinen Schülern machte, lag etwas Ermutigendes und
-Kräftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die
-die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und
-daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken.
-Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen
-pflegte er zu sagen: »Ich verlange Verstand und nichts anderes von
-meinen Schülern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der
-denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.«
-Man warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube
-ihnen, sich über die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu
-kränken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: »Was soll ich machen? Ich habe
-nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich will, daß alle es sehen
-sollen.« Er hielt es auch für notwendig, vor allem ....
-
-2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion
-von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden
-Wortlaut: »Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den
-Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erfülltes Herz
-pochte noch lange bei dem Gedanken, daß er zu den Auserwählten gehören
-werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit
-sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit überholt, daß
-er als einer der Tüchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er
-selbst wollte kaum an dies große Glück glauben.«
-
-
- 3. Variante der andern Fassung.
-
-Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald
-lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein
-glücklicher oder unglücklicher Zufall -- genug er kam in eine Schule,
-deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner
-Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das
-Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und
-zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß.
-Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im
-Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte
-es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt,
-seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der
-Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig,
-sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten
-können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht _eines_ Menschen
-hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang,
-der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche
-und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm
-bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht
-ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl
-wecken -- er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen
-vorwärtstreibt --, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich,
-einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche
-ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu
-unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den
-Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen,
-um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger
-Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag,
-der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht,
-sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu
-erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht.
-
-Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern
-unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne
-Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen
-Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu
-machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in
-wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es
-sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete,
-das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens;
-wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst
-begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen
-müsse.
-
-Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches
-erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die
-Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf
-sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht,
-daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug,
-wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen
-gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich
-ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre
-bewegen könnten. »Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel
-Mühe geben,« pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses
-Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er
-erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen
-Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde
-er von ihnen einen höheren Verstand verlangen -- nicht jene Art von
-Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich
-zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche
-Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu
-beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre
-schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von
-Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und
-Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -- die das dauernde Besitztum
-jedes Menschen sein sollte -- das war es, was er Verstand nannte. Aber
-Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die
-Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte
-er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen
-Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand
-darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen
-Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater
-Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle
-Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben,
-alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen
-nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen.
-Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen
-gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern
-ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz
-in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen
-Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein
-beständiges »Vorwärts« zuzurufen schien -- dieses herrliche Wort,
-welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, -- genug, die jungen
-Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse
-aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu
-zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut
-und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und
-Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte
-allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß
-ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden
-schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch
-vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die
-wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren
-abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden
-hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu
-halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange
-aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst
-quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und
-Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander
-Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch,
-gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen
-Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben.
-
-4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der »Toten Seelen« findet
-sich folgende Variante dieser Stelle:
-
-»An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor
-Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz
-andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der
-Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und
-Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere
-Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute
-während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als
-paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz
-zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des
-schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren
-Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die
-fettesten Bissen erhielten und -- die Klugen sich mit den Knochen
-begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut,
-als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger
-erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der
-Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen
-sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes
-Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber
-gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht
-erreichen.«
-
-
- 5. Variante der andern Fassung.
-
-Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. Das ganze Gut
-hatte von der Ankunft erfahren und sich vor der Freitreppe des
-herrschaftlichen Hauses versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur
-möglichen Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige, rote,
-blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die Bauern schrieen aus
-voller Kehle: »Bist du endlich da Väterchen? Wir haben so lange auf dich
-gewartet!« Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei,
-weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen wollte. Ein altes,
-welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete Birne aussah, wand sich
-zwischen den Beinen der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände
-zusammen und quiekte: »Du mein liebes Rotznäschen! Nein, wie mager du
-bist. Die verfluchten Deutschen haben dich, scheint's, halbtot gequält!«
--- »Fort mit dir, Alte!« riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und
-Spitzbärtigen zu: »drängt sich da vor, das krumme Gestell!« Einer von
-ihnen ließ hier noch ein Wörtchen folgen, bei dem nur ein russischer
-Bauer sich das Lachen verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus
-und lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die tiefste Seele.
-»So viel Liebe! Und wofür nur?« dachte er. »Dafür, daß ich sie nie
-gesehen, mich nie um sie gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch
-das Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu teilen! Ich will
-all meine Kräfte anspannen und euch helfen, das zu werden, was ihr sein
-solltet, wozu euch eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat,
--- eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, ich will euer
-wahrhafter Vater werden!«
-
-Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung und
-Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, daß sein Verwalter wirklich
-ein altes Weib und ein Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines
-Verwalters; d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über Hühner und
-Eier, über Hanf und Leinwand, welche von den Bauernfrauen geliefert
-wurden, aber er hatte keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat,
-und zu alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor jedem
-Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem Leben. Tentennikow jagte
-den dummen Verwalter davon und nahm sich einen andern, einen
-energischen, forschen Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge
-hinweg und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er setzte den
-Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ den Bauern mehr Zeit,
-für sich selbst zu arbeiten, und glaubte, nun würde alles ganz
-vortrefflich weitergehen. Er interessierte sich für alles, erschien
-selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den Mühlen,
-am Landungsplatz und war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken
-und Kähne zugegen.
-
-»Ja, ja, der ist schnellfüßig!« sagten die Bauern und kratzten sich
-hinter den Ohren, denn sie waren bei dem langen Weiberregiment des
-früheren Verwalters allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber
-das dauerte nicht lange.
-
-
- 6. Variante der andern Fassung.
-
-Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches im Traume und dann
-träumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm
-für alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war
-Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Sie war von einer
-englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand.
-Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit,
-sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen
-Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte.
-Es ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas
-Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als
-schön und gütig als klug; sie war schlanker und ätherischer als ein
-klassisches Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, welches
-Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn man hätte nicht so leicht
-ein ähnliches Profil und ähnliche Gesichtszüge finden können, es sei
-denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war
-alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn jemand gesehen hätte, wie
-ein plötzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und
-wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben
-können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde
-nur dann zornig, wenn sie davon hörte, daß ein anderer ungerecht oder
-grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn
-verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück
-gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne
-darüber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr
-Kleid in Stücke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen
-wäre.
-
-
- 7. Variante der andern Fassung.
-
-»O nein, Exzellenz,« fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an
-Ulinka wandte. »Als Christen müssen wir gerade solche Menschen lieben.«
-Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General
-gewendet fort: »Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb'
-uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns
-jeder lieb haben.«
-
-»Nein, ich kenne sie nicht.«
-
-»Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,« sprach Tschitschikow noch
-immer verschmitzt lächelnd. »Auf dem Gute des Fürsten Guksowski, den
-Eure Exzellenz sicherlich kennen ...«
-
-»Nein, ich habe nicht das Vergnügen.«
-
-»Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines
-Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren.
-Natürlich mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens
-gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf.
-Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn
-unter anderem: >Nun, meine Herren? Wollen Sie _mir_ nicht auch einmal
-die Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?< >Gern<,
-sagen sie. >Wir kommen<. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem
-der Güter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure
-Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?«
-
-»Nein, ich habe nicht die Ehre.«
-
-»Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafür aber
-kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten gräflichen Ökonomen ein,
-und da wurden dann drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten
-gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich überhaupt
-nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie
-los zu werden, sagte er zu ihnen: >Warum sucht ihr denn nicht diesen
-Deutschen, den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit
-von hier.< -- >Ei, das ist eine Idee,< schreien sie, setzen sich
-halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und
-fort geht es zu dem Deutschen. -- Dieser aber hatte sich gerade
-verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem
-Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch auszudrücken).
-Sie saßen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes -- da
-öffnet sich plötzlich die Tür -- und die ganze Gesellschaft stürmt
-herein.«
-
-»Ich kann mir die Situation denken -- die sind mir aber auch gut!«
-bemerkte der General.
-
-»Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: >Was wünschen Sie?<
-
->He!< rufen sie. >Bist du so einer?< Und bei diesen Worten veränderten
-sich plötzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. >Wir kommen in einer
-offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute!
-Her mit den Kassenbüchern!< Der versucht Einwände zu machen. >Hollah. Wo
-sind die Zeugen!< Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die
-Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr in der
-Untersuchungshaft schmachten.«
-
-»Schöne Geschichte!« sagte der General.
-
-Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen.
-
-»Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,« fuhr
-Tschitschikow fort. »Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau
-ausrichten? Noch gut, daß sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den
-Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu
-schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend Rubeln und einem
-Mittagessen davon. Während dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein
-wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm:
->Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns
-durchaus geschniegelt und gebügelt, rasiert und im Frack vor dir sehen:
-Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und
-sauber sind, wird uns jeder lieb haben.<«
-
-Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich.
-
-»Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!« sagte sie schnell,
-und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... »So eine gemeine
-Handlung, für die man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...«
-
-»Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,« sagte der General, »aber
-was soll ich machen, wenn ich es so lächerlich finde. Wie sagten Sie
-gleich: Liebe uns so weiß wie ...«
-
-»So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow.
-
-»Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß sind, wird uns jeder
-lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...« Und der ganze Körper des Generals
-schüttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals
-Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit
-Achselklappen geschmückt wären.
-
-Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelächter jedoch
-aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: »he, he, he, he.«
-Und sein Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, nur
-seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken
-Achselklappen.
-
-»Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen haben!« rief der
-General aus und fuhr fort zu lachen.
-
-»Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf -- -- das ist so
-gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!«
-sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen.
-
-
- 8. Variante der andern Fassung.
-
-»Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich
-besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich
-verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem
-aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der
-Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer
-Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte
-Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine
-ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst
-einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich
-jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder
-noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar
-wegwirft und sagt: »Fort damit! Ich brauche dich nicht!«
-
-»Das ist wirklich erstaunlich!« sagte Tschitschikow ganz ergriffen. »Im
-höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher
-Plunder noch Gewinn bringen kann!«
-
-»Hm! Das ist es nicht allein!« Skudronshoglo schloß seine Rede nicht:
-die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an
-seinen Gutsnachbarn auslassen. »Da ist noch so ein gescheiter Kopf! --
-Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für
-Arme; einen steinernen Palast -- auf dem Lande! Ein christliches Werk!
-Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen
-will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und
-ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen.
-Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß
-er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder
-und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel
-dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm
-zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen.
-Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! _Zweihundert Rubel_ jährlich
-kommt _ein_ Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich
-auf meinem Gute ganze _zehn_ Menschen ernähren!« Skudronshoglo war sehr
-zornig und spie vor Wut aus.
-
-Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte
-durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann.
-Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm,
-und seine Rede strömte unaufhaltsam fort.
-
-»Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote
-der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas
-Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift?
-Was aber macht _er_? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen
-mir: >Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz
-aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen,
-wollen alle Schreiber werden -- man braucht aber doch gar nicht so viele
-Schreiber -- einer ist schon genug!< So weit ist es also schon
-gekommen!«
-
-Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch
-Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: »Dabei kann man aber doch
-nicht stehen bleiben, daß wir _jetzt_ keine Schreiber brauchen. Wir
-müssen auch an unsere Nachkommen denken.«
-
-»Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren
-Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der
-Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt
-nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern
-wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu
-lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in
-der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: >Du mußt in die Schule
-gehen, ob du willst oder nicht!< Weiß der Teufel, womit die Leute
-heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf,
-selbst zu urteilen.« Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow
-heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in
-die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines
-Frackes: »Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da,
-damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin
-aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch
-wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür,
-daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da
-finden sich gescheite Köpfe, die erklären: >Aus diesem Zustande muß er
-herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll
-auch etwas von dem Luxus kosten.< Daß ihr selbst infolge dieses Luxus
-lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an
-was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen
-achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem
-gekostet hat -- der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem
-Kopfe hat, -- daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute
-anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand
-besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir
-Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als
-einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!«
-
-»Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu
-werden?« fragte Tschitschikow.
-
-»Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter.
-Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben -- das ward
-uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange
-Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und
-veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens
-bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und
-keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen
-gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln!
-Ich sage zum Bauern: >Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für
-mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du
-arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein
-Vieh, nun wohl -- da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit,
-dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der
-Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und
-Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir,
-damit du arbeitest.< Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch
-Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch
-lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden
-Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese
-dummen Erfindungen.« ...
-
-
- 9. Variante der andern Fassung.
-
-»So ein Esel!« dachte Tschitschikow. »Solch eine Tante würde ich hegen
-und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.«
-
-»Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!« sagte
-Chlobujew. »He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.«
-
-»Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,« fiel hier Platonow ein.
-
-»Ich auch nicht,« sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich
-kategorisch, weiter zu trinken.
-
-»Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie mich in der Stadt
-besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner für die
-Honoratioren der Stadt.«
-
-»Wie!« rief Platonow aus. »Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben
-Sie Diners?«
-
-»Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine
-Pflicht,« versetzte Chlobujew. »Sie haben mich doch auch eingeladen.«
-
-10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten
-herausgeschnitten. Wir führen hier die entsprechende Stelle aus der
-andern Fassung an:
-
-»Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat nicht genug Land,
-und da hat er sich eben ein fremdes Stück Brachland angeeignet, d. h. er
-rechnete darauf, daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht
-drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen
-Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu
-feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar
-besseres Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir
-heilig.«
-
-»Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes Stück Land abgeben?«
-
-»Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wäre, aber ich glaube, er
-will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den
-Prozeß gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar,
-aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind,
-und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehört hat.«
-
-»Hm!« dachte Tschitschikow. »Wie ich sehe, seid ihr alle beide
-raffinierte Kerls.« Und er fügte laut hinzu: »Mir scheint, diese Sache
-läßt sich friedlich beilegen. Alles hängt davon ab, ob sich jemand
-findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....«
-
-Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten
-sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der
-»Toten Seelen« hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle
-gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in der wahrscheinlich erzählt
-wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her.
-
-»... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft wäre z. B. alle toten
-Seelen auf meinen Namen zu übertragen, d. h. ich meine alle die toten
-Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann
-könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. Um aber kein Ärgernis zu
-geben, könnten wir _pro forma_ einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so,
-als ob sie noch am Leben wären.«
-
-»Da haben wir's!« dachte Lenitzyn: »das ist aber eine höchst merkwürdige
-Geschichte.« Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er
-befand sich in der höchsten Verlegenheit.
-
-»Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir
-einverstanden sein werden,« fuhr Tschitschikow fort, »denn das ist eine
-ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie
-bleibt natürlich ganz unter uns -- wir sind doch gesetzte und
-vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.«
-
-Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen
-Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm
-noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat
-umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet.
-Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus
-entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre,
-ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die
-lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen;
-der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in _einer_ Hand
-vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen
-befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein
-Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im
-guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine
-schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er
-wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen
-sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes
-Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn
-gewandt, dann hätte er sagen können: »Ach Unsinn, das sind Torheiten!
-Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!«
-Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele
-Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte
-der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas
-abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage.
-
-In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins
-Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie
-war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso
-geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die
-ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe.
-Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie
-aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit
-der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte,
-genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf
-das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann,
-sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar
-freundliche Worte sagte, ihm A--u, A--u zurief, mit den Fingern
-schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte.
-Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig
-auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann
-sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute.
-
-Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder
-etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes.
-Frau Lenitzyn schrie laut auf: »Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch
-den ganzen Frack verderben!«
-
-Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und
-war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: »Wenn dich doch
-der Teufel holte, verdammter Schelm!« murmelte er ärgerlich vor sich in.
-
-Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um
-kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn
-zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.
-
-»Das macht nichts, das macht wirklich nichts,« sagte Tschitschikow: »Was
-kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?« Zugleich aber dachte er
-sich: »Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein
-goldenes Alter!« bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein
-freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge.
-
-»Tatsächlich,« versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem
-freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, »was gibt es Schöneres als
-das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft
-...«
-
-»Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,« entgegnete
-Tschitschikow.
-
-»Sofort!« sagte Lenitzyn.
-
-Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen
-solchen Tausch angeboten hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es
-ist doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme auf dem Arme zu
-sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren.
-
-Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch
-der Kleine bedurfte einer gründlichen Reinigung: er hatte nicht nur
-Tschitschikow beglückt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen.
-
-Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn
-noch mehr für Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so
-angenehmen und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so
-freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Güte noch dazu so
-großmütig mit seinem Frack bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich:
-»Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er es doch
-so sehr wünscht ...«
-
-
- 11. Variante der andern Fassung.
-
-Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold
-bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem
-vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit
-einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste
-holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue
-Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von
-allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während
-seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die
-tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit
-und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick
-all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen
-Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines
-heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf
-betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer.
-
-»Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und
-wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?«
-Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen
-verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand
-und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben
-hätte.
-
-Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:
-
-»Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.« Man sah es ihm
-an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen
-Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein.
-
-»Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch
-ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren
-gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster
-und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.«
-
-Tschitschikow war ganz erschrocken.
-
-»Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es
-hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!«
-
-»Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste
-dadurch annulliert wird.«
-
-»Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden
-um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich
-kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es
-aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?«
-
-»Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten
-die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.«
-
-»Das ist schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow. »Dieser Chawanow
-soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der
-liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. -- Ach was, Unsinn,
-Unsinn,« fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und
-entschlossen. »Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb.
-Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die
-Sache zu beschwören.«
-
-Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig.
-
-Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am
-Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich
-nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie
-sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines
-Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein
-offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel
-Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen,
-jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.
-
-Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem
-Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter
-und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im
-Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen,
-daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte,
-daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die
-Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge
-verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn
-aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen
-Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn
-unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte.
-
-Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock
-in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen
-Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr,
-dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der
-ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer
-weltmännischen europäischen Bildung.
-
-Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des
-Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn
-über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf
-seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und
-Beistand vor ihm erstehen.
-
-Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller
-irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in
-zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein
-Sperling in der Hand ihm lieber sei.
-
-Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand
-drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und
-es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein
-äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die
-Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte,
-wenig nachgab.
-
-»Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände -- Sie haben sich wohl
-das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend
-eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für
-einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit
-sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum
-angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.«
-
-»Ich verstehe,« dachte Tschitschikow und versetzte: »In der Tat, ich
-kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz
-enthielt -- es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst
-aufgesetzt hätte.«
-
-»Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig
-sein,« fuhr er gutmütig fort. »Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen,
-selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt
-keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie
-doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen
-mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.« Und in der Tat,
-das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung
-erkennen, so daß Tschitschikow lange ...
-
-»Natürlich ist das das wichtigste,« versetzte er. »Aber Sie werden mir
-doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und
-Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man
-darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.«
-
-»Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,« entgegnete der Philosoph sehr
-ruhig und freundlich. »Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf
-dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen
-Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum
-Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, -- dann dürfen Sie
-sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen
-einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.«
-
-»Man muß also ...«
-
-»Die Sache möglichst verwickeln -- das ist alles,« versetzte der
-Philosoph, »sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details
-komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man
-muß die Fäden durcheinander wirren -- das ist das ganze Geheimnis. Mögen
-doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!«
-wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein
-Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel
-aus der russischen Grammatik erklärt.
-
-»Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen
-anderer Leute umnebeln kann!« sagte Tschitschikow, indem er den
-Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der
-die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt,
-schon begriffen hat.
-
-»Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden
-werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der
-Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man
-Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann
-finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte,
-und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man
-muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts,
-wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich
-rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt's
-eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich
-kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre
-recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen,
-daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil
-ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle
-miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den
-Polizeimeister, den Kassierer -- ich lasse keinen frei ausgehen. Ich
-kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt,
-ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen
-sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere
-Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen
-gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer
-Wirrwarr entsteht.« Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow
-wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch
-weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.
-
-»Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,« dachte Tschitschikow und
-verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom
-Rechtsanwalt.
-
-Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer
-nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl
-Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster
-zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in
-eigener Person. Als er _zum_ Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck
-schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt,
-jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen
-Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das
-Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan
-erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die
-einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und
-grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß
-nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er
-schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie
-ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen
-Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen
-alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe;
-war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für
-die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die
-Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten
-nach Hause zurückzukehren.
-
-»Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,« rief ihm ein Kaufmann von
-der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau
-verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit.
-Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut,
-während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei
-suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck
-zu geben.
-
-Tschitschikow trat in den Laden: »Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe
-haben, Verehrtester.«
-
-Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische
-verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand
-sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem
-Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten
-Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann
-setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den
-Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: »Was für Stoffe wünschen
-Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen
-Produkte vor?«
-
-»Ich wünsche einen russischen Stoff,« versetzte Tschitschikow, »aber von
-der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.«
-
-»Und welche Farben finden Ihren Beifall?« fragte der Kaufmann, der sich
-noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen
-balancierte.
-
-»Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen
-Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?«
-
-»Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte
-erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten
-nicht finden,« versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu
-holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten
-auf und hielt den Stoff ans Licht. »Ein wunderbares Farbenspiel! Das
-Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!« Und in der Tat,
-der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte
-erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er
-erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.
-
-»Hm, nicht übel,« bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig
-gemustert hatte. »Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir
-lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie
-keinen mit einem Stich ins Rote?«
-
-»Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu
-werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich
-mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt:
-dafür ist es auch die allerbeste Sorte.«
-
-Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer
-Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war
-es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß
-dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen,
-sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu:
-»Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.«
-
-
- 12. Variante der andern Fassung.
-
-Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes Metermaß maß Tschitschikow
-gleich einem Zauberstabe in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und
-Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen Einschnitt mit der
-Schere, riß das Tuch mit beiden Händen der ganzen Breite nach
-auseinander und verbeugte sich, nachdem diese Operation vollendet war,
-in außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor Tschitschikow.
-Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt und geschickt in Papier
-gewickelt. Hierauf wurde eine dünne Schnur herumgeschlungen und das
-Paket war fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, aber
-da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm umschlang, und
-seine Ohren vernahmen die Worte: »Was kaufen Sie hier ein,
-Verehrtester.«
-
-»Ah, welch glückliches Zusammentreffen!« rief Tschitschikow aus.
-
-»Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,« hörte
-er die Stimme desselben Mannes sagen, der seine Taille umschlungen
-hatte. Es war Wyschnepokromow. »Ich wollte schon achtlos an dem Laden
-vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht -- einem
-solchen Vergnügen kann man sich doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies
-Jahr sind die Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher
-konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges bekommen. Ich hätte
-gern vierzig Rubel bezahlt ... meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur
-etwas Gutes bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder das
-Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht wahr?«
-
-»Sehr richtig!« versetzte Tschitschikow. »Wozu quält man sich so, wenn
-man nicht auch was Gutes haben soll?«
-
-
- 13. Variante der andern Fassung.
-
-Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und wandte sich direkt an
-Chlobujew: »Entschuldigen Sie, aber ich sah von weitem, wie Sie in den
-Laden traten, und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre Zeit
-ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie nachher frei sind und an
-meinem Hause vorüberkommen, dann seien Sie doch so freundlich, einen
-Augenblick bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.«
-
-Chlobujew versetzte: »Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.«
-
-Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. »Mir wirbelt's
-förmlich im Kopfe,« sagte Tschitschikow »wenn ich daran denke, daß
-dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!«
-
-»Ja, das gehört sich in der Tat nicht,« bemerkte Wyschnepokromow; »die
-Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist
-ein Gegenstand, über den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du
-Geld hast, mußt du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib
-Bälle, entwickele einen wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und
-Handwerker etwas verdienen.«
-
-»Das kann ich gar nicht verstehen!« wiederholte Tschitschikow. »Zehn
-Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol's der
-Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann
-man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und Generäle sollten bei mir
-verkehren!«
-
-»Jawohl,« bemerkte der Kaufmann, »das ist in der Tat keine gebildete
-Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger ist, dann ist er eben nicht mehr
-Kaufmann sondern gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich mir auch
-eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem
-einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann müßte schon mindestens
-ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir
-ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei
-einer gewöhnlichen Köchin ...«
-
-»Da ist doch jedes Wort überflüssig!« sagte Wyschnepokromow. »Mit zehn
-Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn
-Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!«
-
-»Nein,« dachte Tschitschikow: »bei _dir_ wären die zehn Millionen
-schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Sümmchen hätte, ich
-wüßte sie in der Tat gut anzulegen.«
-
-»Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,« dachte Chlobujew, »dann wäre ich
-nicht so töricht wie früher, ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden.
-Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert
-jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es ganz anders anfangen ...« Aber
-gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage
-vor: »Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?« dann
-machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte hinzu: »Kein Gedanke! Ich
-glaube, ich würde es ebenso ausgeben wie früher.« Damit verließ er den
-Laden und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, was dieser ihm
-mitzuteilen habe.
-
-»Ich erwartete Sie!« sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah.
-»Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer.« Und er führte Chlobujew in das
-Stübchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein
-Beamter, der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte in keinem
-schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen.
-
-»Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch gebessert? Ich
-glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?«
-
-»Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß nicht, ob
-sich meine Verhältnisse wirklich gebessert haben. Ich habe bloß fünfzig
-Bauern und dreißigtausend Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner
-Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts übrig. Was
-aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht
-ganz sauber. Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, Afanassij
-Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, Sie werden sich wundern,
-was für Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...«
-
-»Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow
-reden, möchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte,
-wieviel Geld hätten Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse
-hineinzukommen? Was denken Sie wohl?«
-
-»Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben
-beginnen zu können -- dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel,
-wenn nicht noch mehr.«
-
-»Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden Sie dann wohl
-anfangen?«
-
-»Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner
-Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten.
-Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.«
-
-»Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?«
-
-»Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht
-wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, daß ich Familie
-habe. Ich bin schon über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin
-träge und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht
-erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich muß Ihnen übrigens
-gestehen, ich würde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen
-gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber
-Geldgeschenke würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit
-diesem Krasnonossow und Samosistow würde ich mich nicht vertragen.«
-
-»Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben
-kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann
-doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen hat; man
-kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben
-eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von
-denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind
-tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege
-abgekommen, wie das uns sündigen Menschen wohl passieren kann; aber wir
-wollen hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur
-vorwärts marschiert, -- _muß_ schließlich das Ziel erreichen, man
-braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß er wieder auf den rechten Weg
-hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt.
-Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.«
-
-»Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fühle, wie recht Sie
-haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit
-erstorben. Ich sehe nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen
-sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer Holzklotz.
-Früher, als ich noch jünger war, da schien es mir, daß alles vom Gelde
-abhänge, daß, wenn ich bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte,
-ich alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme Künstler
-unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand nützliche Institutionen
-gründen und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß,
-daß ich das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten reichen
-Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch,
-daß auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij
-Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das können Sie
-mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fähig.«
-
-14. Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. Die neuere Fassung
-dieser Stelle hängt in der Handschrift nicht mit der ursprünglichen
-zusammen. Daher mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle
-reproduziert werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen wurde.
-
-
- Variante der andern Fassung.
-
-»Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu
-beten; ich weiß es, Sie versäumen keine Früh- noch Abendmesse. Sie
-stehen nicht gern früh auf, und doch tuen Sie es und gehen -- schon um 4
-Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.«
-
-»Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um
-meines Seelenheiles willen, denn ich bin überzeugt, daß ich damit mein
-müßiges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So
-widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein
-mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet und eine gewisse
-Selbstüberwindung Gott wohlgefällig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich
-bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen
-Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch das Pferd und das
-Vieh seinen Herrn, der über sie gebietet.«
-
-»Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein wollen, weil Sie um
-das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und
-veranlaßt Sie so früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit
-derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu
-dem Sie beten, Sie würden bald eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in
-der Welt könnte Ihre Begeisterung dämpfen.«
-
-»Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, das ist was ganz andres.
-Im ersten Falle sehe ich doch, daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin
-bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen,
-die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, denn dort werde
-ich wissen, für wen ich mich mühe. Da brauche ich nicht nachzudenken und
-zu grübeln. Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft
-ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich
-zu unterwerfen, und ich weiß, daß ich mich Gott unterwerfe.«
-
-»Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir
-sollen doch auch in der Welt _Gott_ dienen und keinem andern. Und wenn
-wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir
-überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne das könnten wir
-niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fähigkeiten, die
-bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres
-Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können doch nicht ins Kloster
-gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt und haben Familie!«
-
-Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort.
-
-»Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage
-stellen und von nun ab vernünftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie
-zweihunderttausend Rubel hätten?«
-
-»Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit haben, der ich gewachsen
-bin -- ich würde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte
-die Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.«
-
-»Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden
-Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.«
-
-Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: »Aber nach
-den Erfahrungen, die ich ....«
-
-»Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!« fiel Murasow ein. »Sie haben
-ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld
-bitten -- Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie
-einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen
-kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder
-menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber
-werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch
-in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande,
-Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen,
-der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein
-gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen
-zu können. Ich frage mich sogar -- Sie entschuldigen mich doch, Peter
-Petrowitsch -- ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets
-mit Ihnen zusammen zu sein!«
-
-Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach
-allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht
-ganz unrecht hatte.
-
-»Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und
-die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre
-Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch
-gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe
-am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan
-Potapytsch?«
-
-»Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe
-herumläuft.«
-
-»Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte,
-und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott -- und da blieb ihm
-eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es
-wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen,
-_ihm_, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht
-recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt
-könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun
-will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber
-er sagt: >Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir
-selber, sondern _Gott_. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst
-willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht
-den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns
-spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür
-verantwortlich, sondern Sie.< -- Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch,
-und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.«
-
-»Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit
-anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie
-wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last
-auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage
-Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.«
-
-»Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch
-nun einmal Gott dienen wollen -- da haben Sie ein Gott wohlgefälliges
-Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch
-freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es
-an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden.
-Ziehen Sie einen einfachen Pelz an -- Sie sind doch jetzt ein schlichter
-Mensch -- ein verarmter Edelmann -- und so gut wie ein Bettler, was
-brauchen Sie sich zu schämen? -- nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand,
-besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte
-und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben
-und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit
-Gott!«
-
-[Fußnote 15: Erzpriester.]
-
-Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die
-ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem
-Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und
-mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu
-sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache
-nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!
-
-»Sie überlegen noch?« fragte Murasow, »Sie werden damit einen doppelten
-Dienst leisten: Gott und mir.«
-
-»Ihnen?«
-
-»Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich
-noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie
-die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie
-überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die
-Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern
-abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge
-unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie
-zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch
-Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere
-Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer
-bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und
-Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein
-Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes
-entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind
-ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung
-bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und
-wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie
-wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen
-auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen
-mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut
-sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es
-sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten,
-wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns
-nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie
-ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie,
-ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden,
-da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.«
-
-»Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist
-ein heiliges Amt,« sagte Chlobujew. »Dies ist ein heiliges Werk!
-Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen
-übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt,
-der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.«
-
-»Ich sage ja auch nicht, das Sie dies _alles_ ausführen sollen, tuen
-Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie
-werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen
-Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der
-betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie
-persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig
-gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die
-Kirche zu sammeln, -- Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die
-Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden
-Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen
-das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt
-besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den
-bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen
-stiften werden.«
-
-»Gut denn! Ich will's versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und
-mir die größte Mühe geben,« sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme
-an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das
-Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. »Ich sehe, daß
-Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge
-weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.«
-
-»Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow,
-und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?« sagte Murasow.
-
-»Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge
-erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij
-Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat
-sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen
-Gutes.«
-
-»Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?«
-
-»Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt:
-Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode
-der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man
-verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben
-hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat
-Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht
-schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde
-haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten
-Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja
-Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine
-widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.«
-
-»Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die Sache wird sicherlich
-nicht ganz sauber sein. Ich muß gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch
-Tschitschikow mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,« sagte
-Murasow.
-
-»Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern,
-daß es noch einen rechtmäßigen Erben gibt ...«
-
-»Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,«
-dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. --
-»Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl
-überlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn eben erfüllen
--- das ist das Ganze.« Und er fing schon an, an seine Reise zu denken,
-während Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: »Ein höchst
-rätselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit
-dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete!
-...«
-
- * * * * *
-
-Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen
-verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen
-Planes. Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig.
-In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren größeren
-Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow
-mehrere Kapitel der _neuen_ Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei
-diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehörten
-folgendermaßen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe):
-
-»Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten
-Teils) ein wenig anders; es war überhaupt weit sorgfältiger
-durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß
-mit dem Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein
-zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird.
-Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka
-noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle einer
-Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit
-unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute
-Betrischtschews wohnte. Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein
-farbloses, ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase und
-sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang
-schweigen und ließ nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick beständig
-nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich
-erinnere: Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß bestimmt,
-daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß »Eskadron« nannten. Er
-schwieg auch fortwährend, mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach
-mit dem General spielen. Während des Diners passierte nichts
-Außerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit
-Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. Ulinka war
-nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich bloß, wenn die Rede auf
-Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach
-mit dem Spanier und wiederholte andauernd, während er eine Figur
-vorschob: »Lieb uns so weiß wie«, worauf Tschitschikow ihn beständig
-verbesserte: »So schwarz, Exzellenz.« »Ja, ja,« sagte der General, »lieb
-uns so schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott selbst lieb
-haben.« Nach fünf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing
-wieder an: »Lieb uns so weiß wie«. -- Tschitschikow verbesserte ihn aufs
-neue, und der General wiederholte noch einmal: »Lieb uns so schwarz wie
-wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde uns auch der Herrgott
-lieb haben.« Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier
-gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm
-zu spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst geschickt aus
-der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrängte und setzte den
-General mit seinen Zügen in Verlegenheit, verlor aber schließlich doch
-die Partie: der General war sehr zufrieden, daß er einen so starken
-Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb.
-Beim Abschied bat er ihn, sobald als möglich wiederzukehren, und auch
-Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam,
-erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es
-bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei sich sähe, wie der General sein
-Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch
-abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Mißverständnis
-aus der Welt zu schaffen. Das war natürlich alles erfunden. Aber
-Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich
-selbstverständlich, einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn die Sache
-sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen
-zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen.
-Tschitschikow billigt diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am
-folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben
-Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß er den General
-angeschwindelt und ihm erzählt habe, daß Tentennikow eine Geschichte der
-Generäle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas
-gesagt habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der General auf
-diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklärt ihm,
-er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlüpft sei,
-aber es sei nun einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn er
-durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu schweigen und die
-Sache nicht geradezu abzuleugnen, um _ihn_ -- Tschitschikow nicht vor
-dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des
-Generals. Tentennikow begrüßt den General und Ulinka, und man setzt sich
-zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach
-die schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in der Mitte,
-rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow
-Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und
-Ulinka -- die Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er sich
-wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit einem Menschen plaudern
-konnte, der eine Geschichte der vaterländischen Generäle schrieb.
-Tentennikow war glücklich, weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von
-Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glücklich,
-weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt war, und der Vater die
-alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch
-Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser
-reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ ihre Augen frei nach
-allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob
-seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er
-suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht aus den Augen,
-während die Schüssel längs der Tafel die Runde machte, oder bis sich
-jemand des guten Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange
-brachte der General das Gespräch auf Tentennikows Werk und erwähnte das
-Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die
-Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte,
-es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen
-Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine
-Rolle gespielt hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner
-bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die
-diese Epoche behandelt hätten, aber man müsse diese Zeit von einer
-andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, daß das
-ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu
-verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und
-Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle Stände hätten
-sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wäre bereit
-gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache
-aufzuopfern. Das sei das Große an diesem Kriege, und das wäre es, was er
-wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten möchte: all diese vielen
-unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und großen Opfer eines
-Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem
-Augenblick völlig durchdrungen von glühender Liebe zu seinem russischen
-Vaterlande. Betrischtschew hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal
-hörte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm wie ein
-reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der
-General sehr schön. Und Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an
-Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; wie
-eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war
-stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer
-als früher und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem dummen und
-verständnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles
-eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschüttert ...
-Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das
-Schweigen. »Ja,« bemerkte er, »1812 herrschte eine furchtbare Kälte!« --
-»Es handelt sich hier gar nicht um die Kälte,« sagte der General und sah
-ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte
-Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz
-selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die
-Geschichte der Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und
-angenehm für alle Beteiligten. -- An die nun folgende Anordnung der
-Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich weiß nur noch, daß
-Ulinka sich nach diesem Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich
-über Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser
-entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um
-Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer
-ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu
-ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch
-schließlich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und
-erfuhr, daß der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage
-nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte,
-ließ er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz außer sich vor
-Glück in den Garten. Er mußte mit sich allein sein. Das Glück
-überwältigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische
-Seiten. -- Ein heißer Sommertag -- um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt
-in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht
-eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert;
-jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze in der Luft,
-die Grillen im Grase, die vielen schwärmenden Insekten, und endlich
-Tentennikows Gefühle, des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! --
-Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so wundersam, so
-voller Kraft, Farbe und Poesie war, daß mir das Herz vor Erregung stille
-stand. Gogol las vorzüglich! -- Im Übermaß seines Gefühls weinte
-Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes
-Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am
-Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: »Sie sind mein
-Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann ich Ihnen nur
-danken. Mein Leben wäre zu wenig für solch einen Dienst.« Sofort kommt
-Tschitschikow eine Idee: »Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein
-bloßer Zufall,« antwortet er, »ich bin sehr erfreut, aber Sie können
-sich sehr leicht dankbar erweisen.« »Wodurch, wodurch?« ruft
-Tentennikow, »sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen.« Hier
-erzählt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300
-Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. »Aber warum müssen sie
-denn unbedingt tot sein?« fragt Tentennikow, der nicht recht versteht,
-was Tschitschikow eigentlich will. »Ich werde Ihnen _pro forma_ all
-meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren Vertrag Ihrem
-Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, können wir ja
-den Kontrakt wieder vernichten.« Tschitschikow ist ganz sprachlos vor
-Erstaunen. »Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch einem Schritt ...
-Sie fürchten sich gar nicht, daß ich Sie betrügen und Ihr Vertrauen
-mißbrauchen könnte?« Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. »Was?«
-ruft er aus, »ich sollte _Ihnen_ mißtrauen, dem ich mehr verdanke als
-mein Leben.« Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht.
-Tschitschikow schlief an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im
-Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man den Verwandten die
-Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen ließe, oder
-ob jemand die Nachricht persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war
-offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin Sjusjukina
-und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen würden,
-Tschitschikow wußte sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er
-machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen
-Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und
-Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder
-das Geschäft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank
-angenommen. »Ich kann mir nichts Besseres wünschen,« dachte der General,
-»er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen,
-den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, daß alle
-zufrieden sein werden.« Der General bot Tschitschikow seinen
-zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte
-ihm noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow sollte sich
-schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im
-Hause des Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund des
-Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt war, ließ er sofort
-Seliphan und Petruschka rufen und erklärte ihnen, sie sollten sich zur
-Abreise rüsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul
-geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben
-ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwährend den
-Bauernmädchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des
-Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun auf dem breiten
-Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all
-seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit großer
-Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des
-Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie sie überhaupt
-nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergnügen an seine Reise
-und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern
-ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell
-wie der Wind dahintragen werde.«
-
-Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat
-Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: »Dies ist alles, was
-Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner
-Schwester hat er, wie ich glaube, _neun_ Kapitel vorgelesen« [Rußkij
-Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die
-Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der
-Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren »eigentlich nur
-zwei bis drei Kapitel« vollständig fertig.
-
-Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die
-beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der »Toten Seelen« vor. Alles,
-was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852
-niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode
-verbrannt.
-
-
- Anhang zu den Novellen
-
-_Der Mantel._ Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der
-erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für
-die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese
-Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist.
-
- * * * * *
-
-_Die Nase._ Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten
-Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt
-war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den
-Puschkinschen »Sowremennik« (»Der Zeitgenosse«) umgearbeitet, wo sie im
-dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte
-1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts
-vor der Drucklegung im »Zeitgenossen« umgearbeitet werden:
-
-»Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter
-Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und
-Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden
-Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er
-an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach
-besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe.
-Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann,
-zu beten. Er suchte »die Nase«, suchte sie in allen Winkeln und sah den
-Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr
-Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem
-Ausdruck tiefster Andacht. »Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm
-bloß nähern?« dachte Kowalew. »Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr,
-und noch dazu Staatsrat.« Er stellte sich neben ihn und hustete ein
-paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und
-beugte sich immerfort tief bis zur Erde. »Geehrter Herr!« sagte Kowalew,
-indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: »Geehrter Herr!« »Was ist
-Ihnen gefällig?« entgegnete jener, indem er sich umdrehte. -- »Ich finde
-es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr
-Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche.
-Sie müssen selbst zugeben, daß ...«
-
-»Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich
-deutlicher.« »Wie soll ich es ihm nur klar machen?« dachte Kowalew,
-faßte jedoch wieder Mut und begann: »Ich will natürlich ... Übrigens bin
-ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner
-Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der
-Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... _Die_
-braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen
-Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird
-... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.« -- Hierbei zuckte der Major mit
-den Achseln. »Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des
-Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst
-einsehen ...« »Ich verstehe kein Wort,« versetzte die Nase, »bitte
-drücken Sie sich etwas deutlicher aus.«
-
-»Mein Herr,« sagte Kowalew ernst und würdig. »Ich weiß nicht, wie ich
-Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl _sehr_ klar ...
-oder Sie wollen bloß nicht ... _Sie sind doch meine Nase_, meine
-_eigene_ Nase!« Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.
-
-»Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig
-selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren
-Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen,
-dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der
-wissenschaftlichen Branche tätig bin.« Kowalew befand sich in der
-größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. »Was soll ich machen?«
-dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das
-angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche
-Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige
-Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde
-begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das
-sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem
-Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter
-beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem
-ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen
-und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe,
-ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner
-Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine
-Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer
-Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen
-durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf
-Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm
-unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete.
-Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden
-Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht
-anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten
-seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage
-bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und
-ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts _andres_ als seine _eigene_
-Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich
-schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend
-jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war
-wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur
-so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die
-Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...«
-
-Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der
-ursprünglichen Fassung: »Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit
-vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu
-zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten
-hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber,
-Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem
-einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher
-von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig
-gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen
-stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes
-Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte,
-aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch
-schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu
-verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden
-Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London
-eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte
-indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen
-Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut
-einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels
-bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in
-Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei
-die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde
-zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute
-aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und
-dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen
-Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu
-verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein
-Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft
-aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen,
-er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja
-auch seine Nase Gott weiß wo.« --
-
-Das von den Worten »Gleich, gleich« bis zum Schluß des zweiten Kapitels
-reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit
-einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle
-folgendermaßen:
-
-»Gleich, gleich! -- Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel
-sechzig Kopeken!« sagte der grauhaarige Herr, während er den alten
-Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. »Und was
-wünschen Sie?« fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.
-
-»Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,« sagte Kowalew: »es ist
-eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert -- ich kann der Sache
-noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung
-einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht,
-eine ausreichende Belohnung erhalten soll.«
-
-»Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?«
-
-»Kowalew, -- Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen übrigens bloß zu
-schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...«
-
-»Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? Ist er einer Ihrer
-Leibeigenen?«
-
-»O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre noch keine so große
-Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.«
-
-»Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um
-eine große Summe bestohlen?«
-
-»Eine _Nase_ ... das heißt, Sie verstehen mich falsch. Meine -- meine
-eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich
-einen Scherz mit mir erlaubt. -- Und nun fährt diese Nase als Herr
-verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum Narren ... Ich möchte
-Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrücken zu lassen, daß
-jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persönlich vorführen möge
--- diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich muß
-husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort
-heraus.«
-
-Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest
-zusammengekniffenen Lippen schließen konnte.
-
-»Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,« sagte er
-schließlich nach längerem Stillschweigen.
-
-»Wie? Warum nicht?«
-
-»So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da könnte jeder
-kommen und anzeigen, daß ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerückt
-seien ... Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte
-verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.«
-
-»Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!«
-
-»Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man
-sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen
-können. Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl
-gern einen Scherz.«
-
-»Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lüge
-nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?«
-
-»Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz bemühen,« fuhr der
-Beamte fort, indem er eine Prise nahm. Ȇbrigens, wenn es Ihnen nicht zu
-viel Umstände macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,«
-fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu.
-
-Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg.
-
-»In der Tat, das ist sehr merkwürdig,« sagte der Beamte, »das sieht
-genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Fläche ist ja
-geradezu unglaublich glatt und eben.«
-
-»Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort
-einrücken.«
-
-»Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das wäre ja eine
-Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß Ihnen ein großer Vorteil
-daraus erwachsen würde. Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache
-bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller
-mit, einem Mann, der eine gewandte Feder führt, der könnte den Fall als
-ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der »Biene
-des Nordens« veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum
-Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den
-Wissenschaften beschäftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder
-überhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.«
-
-Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Er
-warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den
-Vergnügungsanzeiger; schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären,
-als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine Hand griff
-mechanisch nach der Tasche -- sie suchte nach einem blauen Schein, denn
-nach Kowalews Ansicht mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers
-mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie
-ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf
-und begab sich von einem unerträglichen Schmerz gequält zum
-Polizeikommissar, der ein großer Freund von Süßigkeiten war; sein ganzer
-Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit Zuckerhüten vollgestellt, die ihm
-die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten.
-Die Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel
-aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung hingen schon friedlich in
-der Ecke; sein dreijähriges Söhnchen machte sich bereits mit dem
-mächtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff,
-sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genüssen des
-Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich
-bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen
-Gähnen verzog und sagte: »So, nun leg' ich mich auf zwei Stunden hin;
-ich werde ein feines Schläfchen tun.« Daher kann man sich vorstellen,
-wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich weiß
-nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch
-mitgebracht hätte, viel freundlicher empfangen worden wäre.
-Der Kommissar war ein großer Freund der Künste und aller
-Manufakturgegenstände überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe
-nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: »Sie braucht nur wenig
-Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen
-läßt, geht sie nicht entzwei.«
-
-Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl und trocken. Er
-erklärte, daß die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment für
-amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der
-Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, (woraus
-deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem
-anständigen Menschen könne es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen
-werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal
-ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand
-unanständigen Lokalen herumtreiben.
-
-Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man muß nämlich
-wissen, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles
-verzeihen, was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die seiner
-amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war der Ansicht, daß man auch in
-den Theaterstücken wohl eine Bemerkung über die höheren Offiziere
-durchlassen könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die
-_Stabs_offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn
-derartig aus der Fassung, daß er empört den Kopf schüttelte, die Hände
-weit ausstreckte und würdevoll ausrief: »Ich muß gestehen, daß ich auf
-solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe ...« Und damit
-ging er hinaus.
-
-Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurück; nach all
-diesen seelischen Erschütterungen wußte er kaum noch, ob er auf seinen
-Füßen stehe oder nicht. Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach,
-nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: »Mein
-Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß ein solches Unglück verdient? Hätte
-ich noch eine Hand oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren
-abhanden gekommen -- es wäre noch immer leichter zu ertragen, aber ein
-Mensch ohne Nase -- das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster
-hinauswerfen möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder wäre ich
-selbst schuld daran -- aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Weiß
-Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich bloß, und
-ich habe dies alles nur geträumt.« -- Und der Kollegien-Assessor kniff
-sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz beinahe laut
-aufgeschrieen hätte. »Nein, hol's der Teufel, ich schlafe nicht!« Er
-stand ganz leise auf, näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die
-Augen erst ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: »Wer weiß,
-vielleicht hatte er doch noch eine Nase!« aber er sprang sogleich wieder
-vom Spiegel zurück und murmelte: »Weiß der Teufel! Die reinste
-Karikatur!«
-
-Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich und völlig
-unwahrscheinlich; man hätte ihn wirklich für einen Traum halten müssen,
-wenn er nicht tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge
-von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. Der Major
-überlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein möchte; und kam
-schließlich zum Resultat, daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin
-eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück treffe.
-Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre Tochter heiraten solle, und
-er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich
-einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch
-die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben
-würde, da trat er den Rückzug an und sagte, er sei noch zu jung und
-müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig
-Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rächen
-wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, und ein paar alte
-Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst
-mit dabei geholfen.
-
-Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, hörte er plötzlich im
-Vorzimmer eine fremde Stimme: »Wohnt hier der Kollegienassessor
-Kowalew?«
-
-»Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause!« sagte er,
-indem er vom Stuhl aufsprang und die Türe öffnete. Es war der
-Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann
-von sehr würdigem Äußeren.
-
-»Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.«
-
-»In der Tat!«
-
-»Sie ist soeben angehalten worden.«
-
-»Was sagen Sie« rief der Major hocherfreut aus. »Auf welche Weise ist
-das geschehen?«
-
-»Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer
-Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen
-eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Paß war schon längst
-ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das
-Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen Herrn gehalten
-habe, aber ich hatte zum Glück meine Brille mitgenommen; so setzte ich
-sie denn auf und erkannte sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin
-nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich
-weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter
-meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.«
-
-Kowalew war außer sich vor Freude: »Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort
-hin!«
-
-»Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, ich habe sie
-deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, daß der Hauptschuldige
-an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße
-ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon
-lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor
-drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen.
-Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.« Mit diesen Worten steckte der
-Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die
-in ein Stück Papier eingewickelt war.
-
-»Ja, das ist sie!« rief Kowalew ganz selig aus. »Das ist sie wirklich.
-Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?«
-
-»Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider unmöglich. Ich bin
-sehr beschäftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine
-Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im
-Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste berechtigt zu den
-schönsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche,
-mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.«
-
-Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und
-drückte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen
-Kratzfuß und ging zur Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte
-Kowalew seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen Bauern, der mit
-seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine kräftige Mahnung in
-Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder
-zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... »Gott sei
-Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber
-auch wieder ansetzen.« Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren
-alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, daß
-die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. »Nun sitz doch fest, du
-Rindvieh!« sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer
-wieder auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des Majors
-verzerrte sich krampfhaft. »Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?«
-sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatsächlich auf den Tisch.
-»Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja
-ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar
-nicht wieder ansetzen kann.«
-
-Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen Ereignis
-in der ganzen Residenz verbreitet, und natürlich, wie das zu geschehen
-pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit
-standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge:
-erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das
-ganze Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden
-Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns Gedächtnis, und es war
-daher kein Wunder, daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase
-des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich um drei Uhr auf
-dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strömte dort
-jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken all
-jener eleganten Müßigänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die
-es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu
-bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten
-zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr
-ungehalten über diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern
-erklärte ganz empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten
-Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte entstehen könnten;
-ja er wunderte sich, daß die _Regierung_ diesen Vorgängen nicht mehr
-Beachtung schenkte. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener
-Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in
-alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten
-der Ehegatten.
-
-Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerüchten Kunde
-bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verließ
-fast niemals sein Zimmer. -- Er befahl, niemand vorzulassen, ließ sich
-nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste
-Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston,
-mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im
-Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr einer Leiche als einem
-lebendigen Menschen glich ...
-
-Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des
-Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so außer sich vor Freude, daß
-er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich
-überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im bloßen Hemde durch
-das Zimmer zu hüpfen begann. Er führte sogar einen ganzen Tanz auf, der
-eine Art Mischung aus einer Française und einer polnischen Mazurka
-darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tür steckte, um
-zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: »Mach, daß du
-hinaus kommst! Worüber wunderst du dich?« Nach einer Minute aber warf er
-sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: »He,
-Iwan!« -- »Was wünschen der gnädige Herr?« -- »Hat nicht ein Mädel -- so
-ein hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?« -- »Nein,
-gnädiger Herr!« -- »Hm,« sagte der Major Kowalew und blickte lächelnd in
-den Spiegel.«
-
-Gogol hat »Die Nase« _noch einmal_ für die _erste_ Gesamtausgabe seiner
-Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern _Schluß_ gegeben. Im
-Sowremennik (»Zeitgenossen«) von Puschkin lautet dieser Schluß
-folgendermaßen:
-
-»Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. Plötzlich befand
-sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im
-Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fünften oder
-sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens erwachte, nahm er den
-Spiegel zur Hand und bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich
-gehörte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst erstaunt
-ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und befühlte die Nase mehrmals
-mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase
-sei. Aber da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders als
-seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im
-Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Française und einem
-russischen Trepak darstellte. -- Dann ließ er sich anziehen, wusch sich
-und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit mit einer
-Bürste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider bürsten
-konnte. -- Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor
-auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und
-fröhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im
-Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies
-jedoch geschah -- das hätte freilich niemand sagen können, denn er besaß
-gar keinen Orden.
-
-Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie absolut nicht
-verstehen. Und was soll das alles? Was hat es für einen Zweck? Ich bin
-überzeugt, daß weit mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist.
-Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine Nase ganz allein
-in einer Uniform in der Stadt herumfährt -- und noch dazu als ein Mann
-von dem hohen Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew wirklich
-nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung nach einer Nase suchen
-darf? Ich meine das nicht in dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure
-Sache ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht zu den
-geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist unschicklich, das ist ganz
-ungehörig und geht nun einmal nicht. Eine Absurdität und weiter nichts!
--- Und dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er so plötzlich
-auftauchen und dann wieder verschwinden, ohne daß man weiß, warum und zu
-welchem Zweck. -- Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie
-ich selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt nicht, wie
-ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann! Wozu soll das führen?
-Welchen Zweck kann das haben? Was beweist diese Erzählung? Nein -- ich
-verstehe es nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. -- Freilich ...
-die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann passieren doch
-in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche Dinge: wie aber
-verhält es sich mit diesem Fall? -- Warum mußte die _Nase_ von Kowalew
-... und warum mußte Kowalew _selbst_ ...? Nein, ich verstehe es nicht,
-ich verstehe es durchaus nicht. Die Sache erscheint mir so unerklärlich,
-daß ich ... Nein, das läßt sich einfach nicht verstehen!«
-
-
-_Das Porträt._ Der erste Entwurf dieser Novelle erschien in Gogols
-»Arabesken«, 1841 wurde sie in Rom umgearbeitet. Die neue Fassung ist
-frühestens im März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal
-durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses Jahres Pletnew
-eingesandt, der sie im »Sowremennik« (Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3
-abdruckte. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. 1851
-nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner »Werke« noch einige
-unbedeutende stilistische Veränderungen vor.
-
- * * * * *
-
-
- Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Verweise auf Varianten im Text des zweiten Teils der Toten Seelen
-(im Anhang) sind mit Nummern in runden Klammern gekennzeichnet.
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-
-Zwei offensichtliche Übertragungsfehler wurden ebenfalls unverändert
-belassen. Auf Seite 71 sagt der General zu Tschitschikow: »Dir die
-toten Seelen abzukaufen?« Im Original heißt es hingegen richtig: »zu
-überlassen«, da ja der General der Besitzer der Bauern ist. Auf Seite
-171 hat Chlobujew nicht »fünfzigtausend Bauern«, sondern wie im Original
-»fünfzig Bauern« geerbt.
-
-Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des
-russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 25]:
- ... Ohren Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...
- ... Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...
-
- [S. 28]:
- ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerkksamkeit ...
- ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerksamkeit ...
-
- [S. 28]:
- ... auffangen, wenn sie sich allenthaben im Himmel und ...
- ... auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und ...
-
- [S. 46]:
- ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesen und jenem verwandt ...
- ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ...
-
- [S. 49]:
- ... und die Lage der Ställe außerordenlich bequem. ...
- ... und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. ...
-
- [S. 60]:
- ... ergreifen wollten, vertbeugte sich mit bewundernswürdiger ...
- ... ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger ...
-
- [S. 70]:
- ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche. ...
- ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? ...
-
- [S. 70]:
- ... Ist er noch gut auf den Beinen!« ...
- ... Ist er noch gut auf den Beinen?« ...
-
- [S. 79]:
- ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters!« ...
- ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters?« ...
-
- [S. 79]:
- ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken?« sagte Petuch. ...
- ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch. ...
-
- [S. 80]:
- ... Alexyascha. ...
- ... Alexascha. ...
-
- [S. 82]:
- ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bischen ärgern ...
- ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern ...
-
- [S. 89]:
- ... weitere lößten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ...
- ... weitere lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ...
-
- [S. 89]:
- ... zu jagen, saßen Nikoloscha und Alexascha stumm da und ...
- ... zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und ...
-
- [S. 92]:
- ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Brantweinpächter ...
- ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Branntweinpächter ...
-
- [S. 92]:
- ... meiner Schwester und von meinen Schwager verabschieden.« ...
- ... meiner Schwester und von meinem Schwager verabschieden.« ...
-
- [S. 92]:
- ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünft im Werte ...
- ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünfte im Werte ...
-
- [S. 96]:
- ... konnte Tchitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ...
- ... konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ...
-
- [S. 97]:
- ... in einem Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus
- zugeschritten. ...
- ... in einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus
- zugeschritten. ...
-
- [S. 99]:
- ... »Ich habe dir's schon gesagt, Ich lasse nicht mit mir ...
- ... »Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir ...
-
- [S. 100]:
- ... kannte auch keine andere Sprache außer der russichen. ...
- ... kannte auch keine andere Sprache außer der russischen. ...
-
- [S. 103]:
- ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihm gekostet ...
- ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet ...
-
- [S. 103]:
- ... Tschitschikow sah ihn aufmerksam ins Gesicht, hörte ...
- ... Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ...
-
- [S. 107]:
- ... steht zu ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...
- ... steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...
-
- [S. 111]:
- ... daß man sich von den französischer Invasion und dem ...
- ... daß man sich von der französischen Invasion und dem ...
-
- [S. 124]:
- ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschischitkow ...
- ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow ...
-
- [S. 134]:
- ... »Und was wollen Sie dann anfangen!« ...
- ... »Und was wollen Sie dann anfangen?« ...
-
- [S. 140]:
- ... die einem Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ...
- ... die einen Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ...
-
- [S. 142]:
- ... und töchrichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...
- ... und törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...
-
- [S. 153]:
- ... Name war Wassillij. ...
- ... Name war Wassilij. ...
-
- [S. 162]:
- ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karnealsiegel, ...
- ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, ...
-
- [S. 162]:
- ... »Das dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!« ...
- ... »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!« ...
-
- [S. 163]:
- ... für ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...
- ... für Ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...
-
- [S. 171]:
- ... Betrügereien vorgekommen, Alfanassij Wassiljewitsch! ...
- ... Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! ...
-
- [S. 179]:
- ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, das die Sache ...
- ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache ...
-
- [S. 206]:
- ... zu nehmen.« ...
- ... zu nehmen?« ...
-
- [S. 217]:
- ... »Es versteht sich von selbst, deß der Hauptschuldige ...
- ... »Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige ...
-
- [S. 218]:
- ... gehabt hätten, dann durften sie sich nicht durch den Stolz
- und ...
- ... gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz
- und ...
-
- [S. 218]:
- ... und ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ...
- ... und Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ...
-
- [S. 227]:
- ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legten den Finger ...
- ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legte den Finger ...
-
- [S. 237]:
- ... Petrowitsch war ein Individium, das schielte, pockennarbig ...
- ... Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig ...
-
- [S. 256]:
- ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirlich so ...
- ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirklich so ...
-
- [S. 279]:
- ... sein imponierendes Äußere warf: »Welch ein Charakter!« ...
- ... sein imponierendes Äußeres warf: »Welch ein Charakter!« ...
-
- [S. 290]:
- ... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringles Dunkel ...
- ... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel ...
-
- [S. 291]:
- ... ebene und glatte Fäche! Voller Schrecken ließ Kowalew ...
- ... ebene und glatte Fläche! Voller Schrecken ließ Kowalew ...
-
- [S. 298]:
- ... Weise und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...
- ... Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...
-
- [S. 307]:
- ... Der Major lies sich, wie man sieht, sogar zu einer ...
- ... Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer ...
-
- [S. 315]:
- ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu überbedenken, ...
- ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, ...
-
- [S. 323]:
- ... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichs bekannt. ...
- ... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt. ...
-
- [S. 327]:
- ... Und der Mojor Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...
- ... Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...
-
- [S. 335]:
- ... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste sein Laden. ...
- ... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. ...
-
- [S. 343]:
- ... für das vollkommenste und vollendeste Kunstwerk ...
- ... für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk ...
-
- [S. 344]:
- ... mit jenen hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ...
- ... mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ...
-
- [S. 344]:
- ... Messer bewaffnet, einen Menschen nahn, in der Erwartung, ...
- ... Messer bewaffnet, einem Menschen nahn, in der Erwartung, ...
-
- [S. 347]:
- ... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihn ...
- ... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm ...
-
- [S. 348]:
- ... Die Brust war wie eigeschnürt, wie wenn sie den letzten ...
- ... Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie den letzten ...
-
- [S. 364]:
- ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl!« ...
- ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl?« ...
-
- [S. 385]:
- ... stimmte am besten mit seinen Seelenzustand überein, ...
- ... stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein, ...
-
- [S. 399]:
- ... eigentümliche arithmetrische Operationen zu ganz ...
- ... eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz ...
-
- [S. 403]:
- ... Vater gestand, niemals in seinen Leben etwas Ähnliches ...
- ... Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches ...
-
- [S. 438]:
- ... »So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihm Tschitschikow. ...
- ... »So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow. ...
-
- [S. 458]:
- ... hineinzukommen. Was denken Sie wohl?« ...
- ... hineinzukommen? Was denken Sie wohl?« ...
-
- [S. 475]:
- ... umgearbeitet worden: ...
- ... umgearbeitet werden: ...
-
- [S. 476]:
- ... versetzte die Nase, »bitten drücken Sie sich etwas deutlicher ...
- ... versetzte die Nase, »bitte drücken Sie sich etwas deutlicher ...
-
- [S. 480]:
- ... seinen fest zusammengekniffen Lippen schließen konnte. ...
- ... seinen fest zusammengekniffenen Lippen schließen konnte. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen
-II / Novellen, by Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen, by Nikolai Gogol</title>
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- <!-- TITLE="Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen" -->
- <!-- AUTHOR="Nikolai Gogol" -->
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- <!-- PUBLISHER="Georg Müller, München, Leipzig" -->
- <!-- DATE="1909" -->
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-<body>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II /
-Novellen, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen
- Die Toten Seelen II / Der Mantel / Die Nase / Das Porträt
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Editor: Otto Buek
-
-Translator: Otto Buek
- Mario Spiro
- S. Bugow
-
-Release Date: March 1, 2017 [EBook #54263]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="halftitle">
-Nikolaus Gogol<br />
-Tote Seelen, II<br />
-Novellen
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">Nikolaus Gogol</span><br />
-<span class="line2">Sämmtliche Werke</span><br />
-<span class="line3">In 8 Bänden</span>
-</p>
-
-<p class="edt">
-<span class="line1">Herausgegeben</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Otto Buek</span>
-</p>
-
-<p class="vol">
-Band 2
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">München und Leipzig</span><br />
-<span class="line2">bei Georg Müller</span><br />
-<span class="line3">1909</span>
-</p>
-
-<p class="erw">
-E. R. W.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-Nikolaus Gogol
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Die Abenteuer Tschitschikows
-oder Die toten Seelen
-</h1>
-
-<p class="trn">
-<span class="line1">Übertragen</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Otto Buek</span>
-</p>
-
-<p class="vol">
-Band 2
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">München und Leipzig</span><br />
-<span class="line2">bei Georg Müller</span><br />
-<span class="line3">1909</span>
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-
-<p class="erw">
-E. R. W.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<div class="centerpic">
-<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<h2 class="toc" id="part-1">
-Inhalt
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil</td>
- <td class="col2">Seite</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Novellen:</td>
- <td class="col2">&nbsp;</td>
- <td class="col_page">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Der Mantel</td>
- <td class="col2">&bdquo;</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-223">223</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Die Nase</td>
- <td class="col2">&bdquo;</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-283">283</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Das Porträt</td>
- <td class="col2">&bdquo;</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-329">329</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<span class="line1">Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows</span><br />
-<span class="line2">oder</span><br />
-<span class="line3">Die Toten Seelen.</span><br />
-<span class="line4">Zweiter Teil</span>
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-1">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-Erstes Kapitel.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">arum</span> bloß wollen wir die Armut, nichts als
-die Armut und die beklagenswerte Unvollkommenheit
-unseres Lebens öffentlich zur
-Schau stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus
-den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben
-und hervorziehen? &mdash; Was ist zu machen, wenn das nun
-einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er
-selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt,
-daß er eben nur dies eine kann: die Armut und nichts
-als die Armut und Unvollkommenheit unseres Lebens
-darstellen, indem er seine Menschen aus der Wildnis
-und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes
-ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in
-die Wildnis hineingeraten und wieder auf ein ödes
-trauriges Nest gestoßen. Und noch dazu welch ein Nest
-und welch eine Wildnis!
-</p>
-
-<p>
-Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit
-Türmen und Bastionen, zog sich in endlosen Windungen
-von mehr als tausend Werst eine ununterbrochene
-Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich
-über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und
-Kalkfelsen, bald als senkrecht abstürzende Bergwand,
-durchsetzt von Spalten und Rissen, bald wieder in Form
-von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk,
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-das zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von
-weitem wie zartes Lammfell aussah, bald endlich als
-dichter dunkler Wald, den die Axt seltsamer Weise noch
-verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen hohen
-Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei
-Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich
-von ihnen, floß zwischen Feldern und Wiesen dahin,
-schlängelte sich in leuchtenden Serpentinen, verschwand
-plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im strahlenden
-Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder
-Erlen und tauchte endlich wieder triumphierend aus dem
-Dunkel hervor, überall begleitet von Brücken, Windmühlen
-und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung nachzueilen
-schienen.
-</p>
-
-<p>
-An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders
-dicht mit dem Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen.
-Durch künstliche Anpflanzung hatte sich hier
-dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation
-aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn,
-Birnbäume und Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten
-und dicht von Hopfen umrankte Ebereschen kletterten
-überall, <em>hier</em> einträchtig und sich gegenseitig im Wachstum
-unterstützend, <em>dort</em> sich hemmend und eng zusammengedrängt,
-den steilen Berg hinan. Oben am
-Scheitel mischten sich mit den grünen Wipfeln die roten
-Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste
-der dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste
-Stockwerk des Herrenhauses mit seinem geschnitzten
-Balkon und dem halbrunden Fenster &mdash; und hoch über
-dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume
-streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-Türme in die Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt.
-Die Türme waren mit goldenen durchbrochenen Kreuzen
-geschmückt, die mit ebensolchen Ketten von gleichem
-Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man
-aus der Ferne den Eindruck hatte, als glühte und
-flimmerte die Luft von glänzendem gemünztem Golde,
-das frei im blauen Äther schwebte, ohne an etwas befestigt
-zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen,
-Dächern und Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf
-gestellt lieblich im Flusse wieder, wo die hohen mißgestalteten
-Weidenstämme, die teils vereinzelt am Ufersaume,
-teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen
-Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen
-Zweige und Blätter in die Fluten hinabtauchten und
-in die Betrachtung dieses reizenden Bildes versunken
-schienen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der
-Blick aus der Höhe ins Tal, von der Terrasse des Hauses
-in die weite Ferne war noch viel schöner. Kein Gast,
-kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem Balkon
-zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor
-Staunen und Entzücken, und er konnte bloß ausrufen:
-&bdquo;Gott wie geräumig und frei ist es hier!&ldquo; Ein unendlicher
-grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus:
-Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen
-übersät waren, erhoben sich dunkle Wälder wie
-eine Reihe grün schimmernder Zonen; hinter den Wäldern
-leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich
-verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder,
-die bläulich schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes
-Meer oder eine weite Nebelfläche; dahinter lagen wieder
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-Sanddünen, welche zwar nicht mehr so hell, wie die
-ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten
-und leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die
-Konturen eines Bergrückens: das waren Kalkfelsen,
-die selbst bei schlechtestem Wetter beständig in
-blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige
-Sonne sie beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil
-aus Gipsgestein bestand, hoben sich hie und da nebelgrau
-flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des
-Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch
-kein menschliches Auge erkennen konnte &mdash; nur die
-goldene Spitze einer Kirche, die hin und wieder aufblitzte
-wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies
-ein großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das
-Ganze aber war in eine tiefe Stille getaucht, die nicht
-einmal von dem kaum bis ans Ohr dringenden Lied
-der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den
-reinen Äther emporschwangen und bald im weiten
-Raume verloren. Mit einem Wort, kein Gast noch
-Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und
-wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren
-dagestanden hatte, brach er immer wieder in den schon
-bekannten Ruf aus: &bdquo;Gott, wie geräumig und frei es
-hier ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses
-Landgutes, das gleich einer uneinnehmbaren Festung dalag
-und zu dem von dieser Seite nicht einmal ein Fahrweg
-hinführte. Man mußte schon von der andern
-Seite heranzukommen suchen &mdash; wo weit auseinanderstehende
-Eichen den herannahenden Reisenden freundlich
-begrüßten, indem sie ihre breiten Äste weit ausstreckten
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem Hause
-hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen
-haben, und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen
-einer langen Reihe von Bauernhütten mit ihren
-geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der Kirche, die
-im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes
-der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte.
-</p>
-
-<p>
-Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen
-Kreises Andrei Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche
-war ein junger Mann von dreiunddreißig Jahren,
-der noch dazu unverheiratet war.
-</p>
-
-<p>
-Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch
-Tentennikow für ein Mensch? Wie war sein
-Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen
-Charakter? &mdash; Darnach müssen wir uns natürlich bei
-den lieben Nachbarn erkundigen, geneigte Leserinnen.
-Einer von ihnen, der zu jener Gattung verabschiedeter
-Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon
-im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen
-über ihn zu äußern: &bdquo;Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!&ldquo;
-Ein General, der etwa zehn Werst von ihm
-entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: &bdquo;Der junge Mann
-ist nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf
-gesetzt. Ich könnte ihm nützlich sein, denn ich habe
-gewisse Verbindungen in Petersburg und sogar beim ...&ldquo;
-Der General beendigte seinen Satz niemals. Der
-Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form:
-&bdquo;Ich will mir mal morgen die rückständigen Steuern
-von ihm abholen!&ldquo; und ein Bauer hätte auf die Frage,
-was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts
-geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Nachbarn von ihm hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos
-gesprochen aber war Andrei Iwanowitsch
-eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von
-denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt
-ja doch ohnedies genug Leute, welche unnütz auf der
-Erde herumlaufen, warum also sollte gerade Tentennikow
-es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen
-kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm
-ein Tag stets dem andern glich, so mag der Leser darnach
-selbst urteilen, was er für einen Charakter hatte,
-und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden Naturschönheiten
-entsprach.
-</p>
-
-<p>
-Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann
-richtete er sich im Bette auf und rieb sich lange die
-Augen. Zu seinem Pech waren die Augen sehr klein,
-und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch.
-Während der ganzen Dauer dieser Handlung
-stand ein Mann, namens Michailo, mit einem Waschbecken
-und einem Handtuch an der Tür. Dieser arme
-Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann
-ging er in die Küche und kam noch einmal wieder;
-aber sein Herr saß noch immer im Bett und rieb sich
-die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich,
-zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um
-ein Glas Tee, Kaffee, Kakao oder sogar frische Milch
-zu trinken. Er trank immer in kurzen Zügen, indem
-er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die
-Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er
-wohl zwei Stunden lang beim Frühstück, doch das
-genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine Tasse
-kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-den Hof führte. Hier spielte sich jeden Tag folgende
-Szene ab.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in
-seiner Eigenschaft als Aufwärter mit der Schließerin
-Perphiljewna, die er mit folgenden Ausdrücken zu bedenken
-pflegte: &bdquo;Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges Frauenzimmer
-du! Du solltest doch lieber den Mund halten,
-du gemeines Geschöpf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du willst wohl <em>so</em> etwas haben?&ldquo; heulte die Jammerseele
-oder Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust
-hinhielt. Dieses Frauenzimmer war nicht ungefährlich
-und hatte recht derbe und kräftige Manieren, trotz ihrer
-starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere
-Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den
-Haaren, du Staubkorn, elendiges,&ldquo; kreischte Grigorij.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Verwalter ist doch gerad so&rsquo;n Dieb wie du,
-du glaubst wohl der Herr kennt euch nicht; er ist doch
-hier und hört alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist der Herr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da sitzt er am Fenster und sieht alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und
-sah alles.
-</p>
-
-<p>
-Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen
-schrie ein Knabe auf dem Hofe aus voller
-Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen hatte,
-und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es
-sich mit dem Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch
-hatte nämlich kochendes Wasser aus dem Fenster gegossen
-und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte und
-plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-an, aber erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er
-Tentennikow in seinem Nichtstun zu stören begann,
-schickte er in den Hof hinunter und ließ sagen, die da
-unten möchten doch etwas <em>leiser lärmen</em>.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei
-Iwanowitsch in sein Zimmer, um an einem großen Werke
-zu arbeiten, das ganz Rußland von sämtlichen nur
-möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom politischen,
-vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten
-sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben
-und Probleme lösen, die die Zeit gestellt hatte und klar
-bestimmen, in welcher Richtung Rußlands große Zukunft
-läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein
-moderner Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es
-zunächst beim Nachdenken über dieses grandiose Unternehmen
-sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf
-ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles
-wieder beiseite; statt dessen wurde ein Buch zur Hand
-genommen, das man bis zum Mittagessen nicht wieder
-fortlegte. In diesem Buche las man, während die
-Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise
-verzehrt wurde, ruhig weiter, und es kam mitunter vor,
-daß manche Speisen ganz kalt und andre überhaupt
-nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine
-Tasse Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte
-noch eine Partie Schach mit sich selbst. Was darauf
-noch weiter bis zum Abendessen getan wurde &mdash; ist tatsächlich
-schwer zu sagen. Ich glaube es wurde
-überhaupt nichts mehr getan.
-</p>
-
-<p>
-So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann,
-der immer im Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-ganz mutterseelenallein und von aller Welt verlassen,
-seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen machte
-ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen,
-oder ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in
-das Zimmer hineinzulassen, und der herrliche Anblick des
-Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht genug
-erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt
-nicht zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen,
-daß Andrei Iwanowitsch Tentennikow zu der großen
-Familie der Leute gehörte, die in Rußland nicht alle
-werden und die man früher bei uns Schlafmützen,
-Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für
-die ich heute wirklich keinen Namen zu finden wüßte.
-Ob solche Charaktere <em>geboren</em> werden oder sich allmählich
-bilden, als ein Produkt trauriger Lebensverhältnisse, in
-deren harte und strenge Umgebung der Mensch hineingestellt
-ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten
-tut man vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und
-der Lehrjahre Andrei Iwanowitschs zu erzählen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas
-Vernünftiges aus ihm werden sollte. Mit zwölf Jahren
-kam der etwas kränkliche und träumerische, aber begabte
-und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren Direktor
-ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war.
-Der Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild
-aller Lehrer und Erzieher. Alexander Pawlowitsch war
-mit einem außerordentlichen Feingefühl begabt. Wie
-gut kannte er den russischen Charakter! Wie kannte er
-das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten
-und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang,
-der, wenn er etwas angestellt hatte, nicht selbst zum
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Direktor kam, um ihm seine Streiche und Untaten zu
-beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine
-harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs
-die Nase hängen, sondern verließ das Zimmer
-aufrechter als vorher. Es lag etwas wie frischer Mut
-in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm zu
-sprechen: &bdquo;Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich
-ruhig wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.&ldquo; Nie
-hielt der Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes
-Betragen. Er pflegte nur zu sagen: &bdquo;Ich verlange von
-meinen Schülern nur dies eine: daß sie vernünftig und
-verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat,
-klug zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die
-Unarten müssen von selbst verschwinden.&ldquo; Und so war
-es in Wirklichkeit, die Unarten verschwanden ganz von
-selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben hatte, lenkte
-nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die erwachsenen
-Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen
-lassen von den Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen
-getauft zu werden, und durften ihnen kein Härchen
-krümmen. &bdquo;Das geht zu weit!&ldquo; sagten viele, &bdquo;diese
-Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig
-machen.&ldquo; &bdquo;Nein, das geht durchaus nicht zu weit,&ldquo;
-antwortete er, &bdquo;die schwach Begabten behalte ich nicht
-lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den
-einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe
-ich noch einen zweiten Kursus.&ldquo;<a id="tva-1" href="#tv-1">(1)</a> Und in der Tat, die
-Begabten mußten noch einen zweiten Kursus durchmachen.
-Manche Unarten und Streiche gestattete er und machte
-gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem
-Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-der Entwickelung ihrer seelischen Regungen und er erklärte,
-er könne es nicht entbehren, sondern brauche es vielmehr
-wie ein Arzt den Ausschlag, &mdash; um mit Sicherheit zu
-ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe.
-</p>
-
-<p>
-Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft
-man eine solche Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu
-ihren Eltern, nie gab es selbst in dem unvernünftigen
-Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen Leidenschaften
-in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche
-Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum
-Grabe, bis zu den letzten Lebenstagen noch, erhoben die
-dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres herrlichen
-Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken
-ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen
-seinetwegen Tränen der Rührung. Beim kleinsten Lob
-aus seinem Munde überlief den Schüler ein freudiges
-Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all
-seine Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt
-er nicht lange in der Schule fest; sie brauchten nur
-einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die Begabten aber
-hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die
-letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand,
-hatte gar keine Ähnlichkeit mit der anderer Schulen.
-Erst hier verlangte er all das von dem Zögling, was
-andre unvernünftigerweise schon von den Kindern verlangen
-&mdash; nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst
-nicht spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen,
-dem Dummen zu verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die
-Geduld nicht zu verlieren, niemals Rache zu üben und
-sich immer eine stolze Ruhe und unerschütterliche Selbstbeherrschung
-zu bewahren; alles was geeignet ist, aus
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam
-hier beständig zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich
-Versuche und Experimente mit seinen Schülern
-an. O, wie vorzüglich kannte er die Wissenschaft des
-Lebens!
-</p>
-
-<p>
-Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den
-meisten Fächern unterrichtete er selbst. Er verstand es,
-ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne
-großartige Theorien und geschwollene Phrasen das eigentliche
-Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen,
-sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff,
-wozu er dies Wissen nötig hatte. Von allen Wissenschaften
-wählte er nur die, welche geeignet sind, aus
-dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden.
-Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte
-davon, was den Jüngling in der Zukunft erwarte und
-er verstand es so gut, den ganzen Horizont seiner Laufbahn
-vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf
-der Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner
-Seele in seinem künftigen Berufe: im Staatsdienste
-lebte. Er verheimlichte nichts vor ihnen: weder die
-Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem
-Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die
-Versuchungen noch die Verführungen, die ihn erwarten,
-dies alles führte er ihnen in ungeschminkter Nacktheit
-vor Augen, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten.
-Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter
-und Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es
-nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war,
-sei es daß im Auge dieses außerordentlichen Pädagogen
-etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges &bdquo;Vorwärts!&ldquo;
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-zuzurufen schien &mdash; dieses Wort, das der Russe
-so gut kennt und das bei seiner feinfühligen Natur so
-große Wunder wirkt &mdash; genug, die jungen Leute fingen
-sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und
-dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig
-und tätig zu zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder
-ein Hindernis zu überwinden und einen hohen Mut und
-Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen gelang
-es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es
-auch lauter starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen
-im Pulverdampfe gestanden hatten. Im Dienste
-wußten sie sich an den exponiertesten Stellen zu halten,
-während viele, die weit klüger waren als sie, es nicht
-lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher
-Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und
-träge<a id="tva-2" href="#tv-2">(2)</a> wie sie waren in die Hände von Gaunern und
-Erpressern gerieten. Dagegen standen die andern nicht
-nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern
-verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis
-auch auf die schlechten und unehrlichen Leute
-noch einen starken sittlichen Einfluß auszuüben.<a id="tva-3" href="#tv-3">(3)</a>
-</p>
-
-<p>
-Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte
-lange bei dem bloßen Gedanken, daß er endlich auch in
-diese Klasse versetzt werden würde. Man sollte meinen,
-für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres
-geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück
-wollte es jedoch, daß gerade in dem Augenblick, als er in
-diese Klasse der Auserwählten versetzt worden war
-&mdash; wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte &mdash; der vortreffliche
-Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer
-fiel. Das war ein wahrhaft furchtbarer Schlag, ein
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-schrecklicher unersetzlicher Verlust für den jungen Mann.
-Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz
-anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat
-jetzt ein gewisser Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor
-allem daran, allerlei äußere Vorschriften und ein strenges
-Reglement einzuführen und verlangte von den Kindern
-lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen
-konnte. In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts
-wie Ungezogenheit und Zügellosigkeit. Wie im bewußten
-Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte er gleich am
-ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand
-und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften,
-sondern allein auf das gute Betragen.<a id="tva-4" href="#tv-4">(4)</a> Aber seltsam!
-gerade dies, wonach er so eifrig strebte, das gute Betragen
-konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern nicht
-beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche,
-suchten sie aber geheim zu halten. Am Tage ging alles
-wie am Schnürchen, dafür gab man sich in der Nacht
-wilden Orgien und Zechereien hin.
-</p>
-
-<p>
-Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam.
-Fjodor Iwanowitsch stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen
-und neuen Grundsätzen an. Sie ließen ein
-wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini
-auf die Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer
-Darstellung keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie
-berücksichtigten die neueren Fortschritte der Wissenschaft
-und Technik, es fehlte ihnen nicht an Feuer und wahrhafter
-Begeisterung &mdash; aber ach bei alledem fehlte es
-doch ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre
-tote Wissenschaft erhielt in ihrem Munde etwas Starres
-und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort, es ging
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit
-und Autorität ging ganz verloren, man lachte
-und spottete über die Lehrer, nannte den Direktor Fritze,
-Pauker und wie die schönen Namen sonst noch heißen.
-Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr
-unschuldig waren, ja die Schüler machten raffinierte
-Streiche, daß man sich genötigt sah viele von ihnen
-ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die Schule
-kaum noch wiederzuerkennen.
-</p>
-
-<p>
-Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften
-Charakter. Er fand kein Gefallen an den nächtlichen
-Orgien seiner Kameraden, die vor dem Fenster der
-Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen
-einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche
-und frechen Reden über die Religion nicht mit, zu
-denen sie sich nur deshalb verstiegen, weil sie zufällig
-einen recht dummen Popen zum Lehrer hatten. Nein,
-seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren
-göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn
-zu verführen, aber er ließ sehr bald die Nase hängen.
-Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es gab leider
-kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es
-wäre besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt
-nicht geweckt worden wäre. Andrei Iwanowitsch hörte
-wie sich die Professoren auf dem Katheder ereiferten
-und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken,
-der, auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig
-blieb. Was hörte er nicht alles für Gegenstände
-und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar Jurisprudenz,
-allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem
-solchen Umfange, daß der Professor in ganzen drei
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Jahren kaum über die Einleitung und über die Entstehung
-gewisser deutscher Städte hinauskam &mdash; und
-Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles
-blieb in seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen
-Stücken liegen &mdash; dank seinem angeborenen Verstande
-fühlte er nur, daß dies nicht die richtige Unterrichtsmethode
-sein könne, worin aber nun die rechte bestand &mdash;
-dies wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an
-Alexander Petrowitsch denken, und dann wurde ihm so
-schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er sich vor
-Schmerz lassen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie
-noch eine Zukunft hat. Je näher die Zeit heranrückte,
-wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte, um so lebhafter
-schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich selbst:
-&bdquo;Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben
-fängt erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit
-der großen Taten.&ldquo; Und ohne einen Blick auf den
-herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und Besucher
-in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe
-seiner Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er
-wie alle ehrgeizigen Menschen nach Petersburg, das Ziel
-aller feurigen jungen Leute, die aus allen Gegenden
-Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst
-zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder
-auch nur ganz oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen,
-trügerischen gesellschaftlichen Bildung zu nippen.
-Allein Andrei Iwanowitsch sah sich in seinem ehrgeizigen
-Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch seinen
-Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch.
-Dieser erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme,
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-sei eine gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig;
-ohne diese jedoch könne er es unmöglich bis zum
-Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen.
-Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion
-seines Onkels gelang es ihm endlich, sich eine kleine
-Stellung in einem untergeordneten Departement zu
-verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten
-Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten
-Tischen betrat, da hatte er den Eindruck, als säßen
-hier die ersten Würdenträger des Reiches, die über das
-Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten, und
-als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die
-den Kopf auf die Schulter gebeugt, dasaßen und laut
-mit den Federn kritzelten, und wie er nun aufgefordert
-wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und ein
-Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen
-ganz unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei
-Rubel, wegen der schon ein halbes Jahr lang hin- und
-hergeschrieben wurde) da überlief den unerfahrenen Jüngling
-ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn herumsitzenden
-Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine
-Schuljungen! Zur Vervollständigung der Ähnlichkeit
-waren noch einige von ihnen in die Lektüre eines
-dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden
-Sprache vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern
-des Aktenstückes versteckt, suchten sich den Anschein zu
-geben, als seien sie mit der Durchsicht der Akten beschäftigt
-und fuhren jedesmal zusammen, wenn der
-Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm
-so seltsam vor und er konnte das Gefühl nicht los
-werden, daß seine frühere Tätigkeit unendlich viel bedeutender
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit
-schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er
-sehnte sich wieder in seine Schulzeit zurück. Plötzlich
-stand Alexander Petrowitsch wie lebendig vor seinem
-geistigen Blick &mdash; und er konnte nur mit Mühe seine
-Tränen unterdrücken.
-</p>
-
-<p>
-Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die
-Tische und die Beamten wirbelten durcheinander und
-fast wäre er in dieser plötzlichen Umnachtung zu Boden
-gesunken. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte er, als er wieder zu sich kam,
-leise zu sich selber, &bdquo;ich will dennoch ans Werk gehen,
-so kleinlich es mir auch erscheint.&ldquo; Nachdem er sich so
-selbst ermutigt hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig
-weiter zu versehen, wie alle andern.
-</p>
-
-<p>
-Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg
-bietet trotz seines rauhen, finstern Äußeren mancherlei
-Genüsse. Draußen herrscht eine fürchterliche Kälte von
-dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser Geist jagt
-heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens,
-durch die Luft, wütend fegt sie den Schnee über das
-Straßenpflaster, klebt den Leuten die Augen zusammen,
-und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die Schnurrbärte
-der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem
-Puder; aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden
-Schneeflocken hindurch irgendwo
-hoch oben im vierten Stock ein freundlich erleuchtetes
-Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte bescheidener
-Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm
-der Teemaschine werden hier Herz und Seele erwärmende
-Gedanken ausgetauscht, erklingt manch herrliches, begeistertes
-Poetenwort, mit dem Gott sein liebes Rußland
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt
-manch Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal
-unter dem schwellenden Himmel des Südens.
-</p>
-
-<p>
-Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber
-die berufliche Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen
-Ziel und Selbstzweck, wie er zuerst geglaubt hatte, sondern
-sie rückte gewissermaßen an die zweite Stelle. Sie
-diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte
-ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben,
-erst recht schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat
-fing schon an zu glauben, daß aus dem Neffen noch
-etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich einen
-ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten,
-daß sich unter den vielen Freunden Andrei
-Iwanowitschs zwei junge Leute befanden, die zur Klasse
-der sogenannten &bdquo;verbitterten&ldquo; Menschen gehörten. Das
-waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren,
-die nicht nur keine <em>Ungerechtigkeit</em> geduldig zu ertragen
-vermögen, sondern nicht einmal das, was ihnen wie
-eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur gutmütig,
-aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen
-sie von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten,
-während sie selbst äußerst intolerant gegen andre
-Menschen sind. Ihre feurige Rede und die äußerlich
-zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft
-machten einen starken Eindruck auf Tentennikow.
-Im Umgang mit ihnen schärften sich seine Nerven und
-erwachte in ihm eine gewisse Empfindlichkeit und Reizbarkeit.
-Er lernte von ihnen, all jene Kleinigkeiten zu
-bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor
-Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-sich in jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein
-Mißfallen. Es schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar
-in ein Stück Zucker verwandelte und sein Gesicht zu einem
-widerlich süßen Lächeln verzog, wenn er mit Leuten sprach,
-die über ihm standen, dagegen sofort eine essigsaure
-Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte;
-daß er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die
-merkte, die an den großen Festtagen nicht zu ihm kamen,
-um zu gratulieren und es denen nicht vergessen konnte,
-deren Namen er nicht auf der beim Portier ausliegenden Liste
-fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche, beinahe
-physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele
-und reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch
-eine Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen
-Freude suchte er nach einer passenden Gelegenheit und
-sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er so grob gegen
-ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet
-wurde, &mdash; er müsse den Chef um Verzeihung bitten
-oder um seinen Abschied einkommen. Er nahm seinen
-Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat, kam ganz
-erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: &bdquo;Um
-Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was
-machst du? Deine ganze, so glücklich begonnene Karriere
-aufs Spiel zu setzen, bloß weil du einen Vorgesetzten
-bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das nur
-bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe
-doch überhaupt keiner mehr im Amte. Komm zu dir,
-sei vernünftig ... Überwinde deinen falschen Stolz
-und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich
-mit ihm aus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es handelt sich hier doch gar nicht <em>darum</em>, lieber
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Onkel,&ldquo; sagte der Neffe. &bdquo;Es wird mir ja garnicht
-schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich bin wirklich
-schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so
-mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für
-mich gibt es noch einen andern Dienst und eine andre
-Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern, mein Gut liegt
-darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der
-Staat wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer
-meinen Platz im Bureau einnehmen und meine Akten
-abschreiben wird, aber er verliert sehr viel, wenn
-dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können.
-Bedenken Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein
-Beruf, bei dem man müßig dasitzen könnte. Wenn ich
-für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der mir
-anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert
-tüchtige, nüchterne und fleißige Untertanen auf
-die Beine stelle, &mdash; habe ich damit etwa weniger getan,
-als irgend ein Departementschef Lenitzyn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung
-den Mund weit auf; einen solchen Redeerguß hatte er
-nicht erwartet. Er dachte etwas nach und begann dann
-etwa folgendermaßen: &bdquo;Aber trotzdem ... nein, was
-denkst du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem
-Lande vergraben? Die Bauern sind doch kein Umgang
-für dich! Hier ist&rsquo;s doch anders, da begegnet man
-doch hin und wieder einmal einem General oder einem
-Fürsten. Und wenn du Lust hast, kannst du auch an
-irgend einem schönen öffentlichen Gebäude vorübergehen.
-Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische
-Industrie, dagegen dort! da siehst du doch
-nichts wie Bauern und Bauernweiber. Warum
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-willst du dich unter so ungebildete Menschen begeben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen
-des Onkels machten keinen rechten Eindruck
-auf den Neffen. Das Land erschien ihm als ein Hort
-der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken,
-als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit.
-Er hatte sich schon die allerneuesten Werke über Landwirtschaft
-besorgt. Mit einem Wort, zwei Wochen nach
-dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe
-jener Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes
-lieblichen Winkels, der jeden Gast und Besucher so in
-Begeisterung versetzte. Ein ganz neues Gefühl bemächtigte
-sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke erwachten
-in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen,
-und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die
-herrlichen Gegenden, an denen er vorüberkam. Und
-plötzlich begann sein Herz aus einem unbekannten Grunde
-heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch
-eine enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes
-führte und er oben und unten, über und unter
-sich dreihundertjährige Eichenstämme, die drei Menschen
-kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen,
-Ulmen und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher
-waren als die gewöhnlichen Pappeln und als er dann
-auf die Frage: &bdquo;Wem gehört dieser Wald?&ldquo; die Antwort
-erhielt: &bdquo;Tentennikow,&ldquo; und wie dann der Weg den
-Wald verließ, sich an Espenhainen, jungen und alten
-Weidenbäumen und Sträuchen, und an den fernen Gebirgsketten
-vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken
-überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-und als der Reisende auf die Frage: &bdquo;Wem gehören diese
-Wiesen und diese überschwemmten Felder?&ldquo; wiederum
-die Antwort erhielt: &bdquo;Tentennikow,&ldquo; und als dann der
-Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau
-weiter fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen
-und Gerste und sich noch einmal an all den Plätzen entlang
-zog, an denen man schon einmal vorbeigekommen war
-und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen, und als
-der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten
-breiter weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander
-auf dem grünen Rasenteppich standen, welcher sich
-bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als die mit Schnitzwerk
-verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der steinernen
-Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die
-goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und
-das feurig pochende Herz ihm auch ohne zu fragen sagte,
-wo er sich jetzt befand, &mdash; da machten sich die immer höher
-schwellenden Gefühle in folgenden lauten Worten Luft:
-&bdquo;War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag.
-Das Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen
-Paradieses ausersehen, und ich verdammte mich selbst
-zu niederen Schreiberdiensten, machte mich zum Knechte
-toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine sorgfältige
-Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert,
-mir einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet,
-deren man zur Förderung des Guten unter
-seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes,
-zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten
-eines Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und
-Ordnungswächter in einer Person ist! Und da gehe ich
-hin und vertraue diesen Posten irgend einem ungebildeten
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt dessen
-den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich
-um die Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch
-nicht gesehen habe und deren Wesen und Charakter ich nicht
-einmal kenne. Wie konnte ich nur dies Papierregiment,
-diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die
-vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich
-noch nie mit dem Fuße betreten habe und wo ich einen
-ganzen Haufen von Dummheiten anrichten kann &mdash; der
-realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel.
-Die Bauern hatten von der Ankunft ihres Herrn
-gehört und sich an der Freitreppe des Herrenhauses
-versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel
-und die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen
-Menschenschlages drängten sich um ihn. Und als dann
-aus hundert Kehlen der Ruf ertönte: &bdquo;Väterchen! Hast
-du dich endlich unser erinnert!&ldquo; und den alten Leuten,
-die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt
-hatten unwillkürlich die Tränen in die Augen traten,
-da konnte auch er seine Rührung nicht unterdrücken.
-Und er mußte sich insgeheim fragen: &bdquo;So viel Liebe!
-Womit habe ich sie nur verdient?&ldquo; &mdash; &bdquo;Wohl
-damit, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie
-gekümmert habe!&ldquo; Und er schwur sich, von nun an
-alle Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen.
-</p>
-
-<p>
-Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die
-Verwaltung und Bewirtschaftung seines Gutes. Er
-setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit
-und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen
-Arbeiten. Den dummen Verwalter jagte er davon und
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-kümmerte sich selbst um alles. Er erschien selbst auf
-den Feldern, auf der Tenne, auf der Getreidedarre,
-in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war
-beim Laden und bei der Abfertigung der Barken zugegen,
-sodaß die Trägen und Faulen sich bereits hinter den
-Ohren <a id="corr-3"></a>am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.<a id="tva-5" href="#tv-5">(5)</a> Der
-Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr
-zwar flink und gewandt sei und wirklich Lust habe,
-was Tüchtiges zu leisten, aber noch nicht recht wisse,
-wie er es anfangen solle; auch war seine Ausdrucksweise
-gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich
-kam es soweit, daß sich Herr und Bauer &mdash; es wäre
-zu viel gesagt &mdash; garnicht verstanden, aber doch nicht
-recht miteinander harmonierten und es nie lernten, den
-gleichen Ton zu treffen.
-</p>
-
-<p>
-Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen
-Grund und Boden alles bei weitem nicht so gut
-gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn wurde früher
-ausgesät und ging später auf; und doch konnte man
-nicht sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr
-stand immer selbst dabei und ließ den Bauern sogar
-einen Becher Branntwein reichen, wenn sie sich besonders
-viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern
-der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer
-reifte, die Hirse schoß mächtig empor, bei ihm dagegen
-grünte das Korn noch kaum und die Ähren waren
-kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß
-ihn der Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen
-und Wohltaten, die er ihm angedeihen ließ. Er machte
-den Versuch, die Bauern zur Rede zu stellen, da erhielt
-er aber folgende Antwort: &bdquo;Wie können Sie nur
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen
-und Vorteil der Herrschaft denken. Sie haben doch
-selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns beim Pflügen und
-Säen gegeben haben! &mdash; Sie haben uns doch sogar
-einen Becher Branntwein geben lassen.&ldquo; Was konnte er
-darauf antworten?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?&ldquo;
-fragte der Herr weiter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott weiß es! Der Wurm hat&rsquo;s wohl von unten
-angenagt! Und dann kommt noch der schlechte Sommer
-dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal geregnet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide
-der Bauern verschont hatte, und es regnete auch so merkwürdig,
-sozusagen streifenweise, sodaß nur der Bauer
-Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen
-das herrschaftliche Kornfeld traf.
-</p>
-
-<p>
-Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen
-auszukommen. In einem fort bettelten sie um Befreiung
-von der Arbeit und klagten über die Lasten des
-Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine
-Lieferungen von Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen
-mehr von ihnen, erließ ihnen die Hälfte aller andern
-Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die freigewordene
-Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden,
-für die Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und
-ihre Gemüsegärten vergrößern. Welch ein Irrtum!
-Statt dessen griff der Müßiggang, das Raufen, die Klatschsucht
-und allerhand Zänkereien derartig unter dem schönen
-Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick
-zum Herrn gelaufen kamen und ihn baten: &bdquo;Gnädiger
-Herr, bringen Sie diesen Satan von einem Weibe zur
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der
-kann kein Mensch auskommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine
-Zuflucht zur Strenge nehmen wollen. Aber wie konnte
-er es übers Herz bringen! Wie konnte er streng sein,
-wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart
-zu heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank
-und elend aus und waren in so häßliche widerwärtige
-Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß
-nahmen &mdash; das weiß Gott allein!) &bdquo;Fort, geh mir aus
-den Augen, daß ich dich nicht zu sehen brauche!&ldquo; rief der
-arme Tentennikow und hatte gleich darauf das Vergnügen
-zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat, sich
-mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken
-begann und ihr trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den
-Buckel volldrosch, wie es ein gesunder Bauer nicht schöner
-fertiggebracht hätte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen,
-aber das gab eine solch tolle Verwirrung, daß er ganz
-mutlos wurde, den Kopf hängen ließ, und bedauerte
-überhaupt damit angefangen zu haben!
-</p>
-
-<p>
-Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler
-merkte er gleichfalls, daß sich mit all den juristischen
-Kniffen und Finessen nicht viel anfangen ließ, auf die
-ihn seine philosophischen Professoren gebracht hatten.
-Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht weniger
-und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache
-klug werden. Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis
-weit wertvoller war, als alle juristischen Kniffe
-und philosophischen Bücher; &mdash; er fühlte, daß ihm noch
-etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-allein. Und es passierte etwas, was so oft zu passieren
-pflegt: weder verstand der Herr den Bauern noch der
-Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr
-wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld
-zu. Dies kühlte den Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab.
-Wenn er jetzt hinging, um die Arbeiten zu beaufsichtigen,
-dann ließ er es fast ganz an der früheren <a id="corr-4"></a>Aufmerksamkeit
-fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr
-auf den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die
-Heuschober errichtet, wie das Heu verladen wurde und
-bemerkte nicht, daß um ihn herum die Erntearbeiten in
-vollem Gange waren. &mdash; Seine Augen blickten in die
-Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so
-suchte das Auge irgend einen Gegenstand in der Nähe
-oder er blickte nach der Seite, wo der Fluß eine Wendung
-machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem
-Schnabel auf und ab spazierte &mdash; ich meine natürlich
-einen Vogel und keinen Menschen; neugierig beobachtete
-er, wie der Vogel am Ufer einen Fisch fing und ihn
-eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig überlegte, ob
-er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den
-Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher
-Vogel zu sehen war, der noch keinen Fisch gefangen hatte,
-aber aufmerksam nach dem Vogel mit dem Fisch im Schnabel
-ausschaute. Oder er schloß die Augen, richtete den Kopf
-in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und
-ließ seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die
-Ohren den Gesang des gefiederten luftigen Sängervolkes
-auffangen, wenn sie sich <a id="corr-5"></a>allenthalben im Himmel und
-auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen,
-in dem kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Roggen schlägt die Wachtel, der Wiesenknarrer pfeift
-im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd herüber und
-hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die
-Luft schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen
-Himmelsraum verlierend, und wie ein Trompetenton
-erklingt der Schrei der Kraniche, die hoch oben in den
-Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die ganze
-Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam
-zurück ... O Gott! Wie herrlich ist doch Deine
-Welt noch in der Wildnis, in dem kleinsten Dörfchen,
-fern von den abscheulichen großen Landstraßen und
-Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit
-langweilig. Bald hörte er ganz auf, aufs Feld zu
-gehen, von nun ab hockte er beständig im Zimmer und
-wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen,
-wenn dieser kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten.
-</p>
-
-<p>
-Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein
-Nachbar bei ihm vor; irgend ein Husarenleutnant a. D.,
-ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit Tabakqualm
-gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine
-Studien nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus
-allerhand modernen Broschüren und Zeitungen schöpfte.
-Aber auch dies begann ihn zu langweilen. Die Unterhaltungen
-dieser Leute kamen ihm bald recht oberflächlich
-vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten,
-die Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften,
-ihre Schmeicheleien und Familiaritäten erschienen ihm
-gar zu unverhüllt und offen. Er beschloß daher, den
-Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich ihrer
-in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant
-jener Sorte von Obersten und Lebemännern, die heute
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-bereits im Aussterben begriffen sind, ein überaus angenehmer
-Gesellschafter und Freund oberflächlicher Unterhaltungen
-und zugleich der Vordermann und Vertreter
-jener neuen bei uns eben erst aufkommenden Denkart,
-Warwar Nikolajewitsch Wischnepokromow ihn einmal
-besuchte, um sich so recht von Herzen über Politik, Philosophie,
-Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage
-Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen
-Diener hinaus und ließ ihm sagen, er sei nicht zu
-Hause, wobei er zugleich die Unvorsichtigkeit hatte, sich
-am Fenster zu zeigen. Die Blicke des Hausherrn und
-des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich
-&bdquo;so ein Schweinehund!&ldquo; durch die Zähne, worauf
-ihm der andere gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund
-nachsandte. Damit endete ihre Bekanntschaft.
-Seitdem besuchte ihn niemand mehr.
-</p>
-
-<p>
-Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich
-ganz dem Nachdenken über sein großes Werk über Rußland
-hin. In welcher Weise dieses geschah &mdash; hat der
-Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von
-selbst eine merkwürdige &mdash; liederliche Ordnung ein.
-Trotzdem kann man nicht sagen, daß es keine Augenblicke
-gab, wo er nicht sozusagen aus seinem Schlafe
-erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale
-ins Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen
-eines alten Kameraden stieß, der sich im Staatsdienste
-zu einer bedeutenden Stellung emporgeschwungen hatte,
-oder sein Teil zum Fortschritt der Wissenschaften und
-der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte, dann
-schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und
-eine sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Leben entrang sich seiner Seele. Dann erschien
-ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und häßlich. Mit ungewöhnlicher
-Klarheit erstand vor ihm die längst hinter
-ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von
-Alexander Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig,
-und Tränenbäche stürzten ihm aus den Augen .....
-</p>
-
-<p>
-Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa
-in ihnen die tief erschütterte Seele, das schmerzliche
-Geheimnis ihrer Leiden, des Schmerzes über den großen
-und edlen Menschen, der in seinem Innern schlummerte
-und der mitten im Wachstum stecken geblieben war,
-noch ehe er vermocht hatte sich zu entwickeln und
-zu erstarken? Noch nicht erprobt im Kampf mit der
-Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene hohe
-Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes
-Wesen zu erhöhen und zu kräftigen in dem Ansturm
-gegen Hemmungen und Hindernisse; dahingeschmolzen
-wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer
-herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung
-erhalten zu haben; allzu früh für ihn war der herrliche
-Lehrer gestorben, und nun gab es auf der ganzen Welt
-keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre, die
-durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte
-und den jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen
-Willen zu heben und zu wecken, &mdash; der ihn mit lebendigem
-Worte ermuntert &mdash; der Seele ein belebendes &bdquo;Vorwärts&ldquo;
-zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder
-Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig,
-in jedem Rang, Beruf und Stande so lebhaft dürstet.
-</p>
-
-<p>
-Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer
-eigenen teuren Muttersprache dieses allgewaltige Wort
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-&bdquo;Vorwärts&ldquo; zuzurufen vermöchte? Wer kennt so gut
-alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres Wesens,
-daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben
-fortreißen könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher
-Liebe würde es ihm der Russe danken! Aber Jahrhunderte
-auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller Trägheit
-und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt
-unser Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann
-senden, der es verstünde, dieses allgewaltige Wort zu
-sprechen!
-</p>
-
-<p>
-Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe
-aus seinem Schlaf geweckt und eine völlig Umwälzung
-in seinem Charakter hervorgebracht. Es war eine Art
-Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren
-Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn
-Werst von seinem Gute entfernt lebte ein General,
-der wie wir schon wissen nicht allzu freundlich von
-Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter
-General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes
-Haus und liebte es, daß seine Nachbarn ihn besuchten
-und ihm ihre Aufwartung machten; er selbst erwiderte
-natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere
-Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein
-ganz seltsames, ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas
-so Lebensvolles, wie das Leben selbst.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige
-Erziehung genossen. Eine englische Gouvernante hatte
-sie erzogen, die kein Wort russisch verstand.
-Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der
-Vater hatte keine Zeit sich viel um sie zu kümmern.
-Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Tochter gar nicht anders geschehen, als daß er sie
-schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit
-und Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der
-Freiheit erzogen ward. Wenn jemand gesehen hätte wie
-ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die herrliche Stirn
-grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt
-dann hätte er wohl glauben können, sie sei das
-launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur
-dann zornig, wenn sie von einer Ungerechtigkeit oder
-Grausamkeit hörte, die einem andern widerfahren war.
-Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst willen
-und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber
-verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte,
-in Unglück und Elend sah! Sie hätte jedem, der sie
-um ein Almosen bat, sofort ihren Geldbeutel mit
-seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen,
-ob das auch vernünftig sei<a id="tva-6" href="#tv-6">(6)</a> oder nicht. Es war etwas
-Heftiges, Ungestümes in ihr. Wenn sie sprach, dann
-schien alles dem Gedanken zu folgen, ja ihm voranzueilen:
-der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die
-Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides
-schienen vorauszuflattern, und man konnte fast glauben,
-sie müsse selbst mit ihren Worten davonfliegen. Sie
-hatte nichts Verschlossenes an sich, vor keinem Menschen
-hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu
-offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum
-Schweigen veranlassen können, wenn sie reden wollte.
-Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur sie allein
-ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr begegnete,
-unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg
-freigab. In ihrer Gegenwart überkam jeden bösen
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Menschen etwas wie Verlegenheit, und er verstummte.
-Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und
-verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während
-die Blöden sofort ganz unbefangen mit ihr zu plaudern
-begannen wie mit keinem andern Menschen auf der
-Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem
-solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen
-gelernt und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo
-gesehen: in seiner frühesten Kindheit, an die er sich
-kaum noch erinnerte, im eigenen Vaterhause, an einem
-glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen spielten
-und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher
-der Ernst und die Reife des Mannesalters.
-</p>
-
-<p>
-Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen
-andern Menschen. Ein unerklärlich neues Gefühl bemächtigte
-sich seiner. Ein heller Lichtstrahl erhellte einen
-Augenblick sein monotones und trauriges Leben.
-</p>
-
-<p>
-Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich
-und herzlich auf, eine rechte Harmonie aber wollte
-sich zwischen ihnen trotzdem nicht herstellen. Jede Unterhaltung
-endigte mit einem Streit, der stets ein unangenehmes
-Gefühl in beiden zurückließ; denn der General
-konnte keinen Widerspruch und keine Gegenrede vertragen.
-Andererseits war auch Tentennikow ein ziemlich
-empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er dem
-Vater manches um seiner Tochter willen, und der
-Friede zwischen beiden blieb so lange ungestört, bis eines
-schönen Tages zwei Verwandte des Generals: eine
-Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm
-zu Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin,
-die aber doch noch einige gute Verbindungen mit
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-einflußreichen Personen in Petersburg besaßen; der
-General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen.
-Tentennikow kam es so vor, daß der General
-seit dem Tage ihrer Ankunft etwas kälter gegen ihn
-wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine
-stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben
-herab an; nannte ihn &bdquo;mein Bester&ldquo; oder &bdquo;Verehrtester&ldquo;
-und sagte einmal sogar &bdquo;du&ldquo; zu ihm. Andrei Iwanowitsch
-fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte
-sich aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel
-Geistesgegenwart zu bewahren, um ihm mit sehr sanfter
-und höflicher Stimme zu erwidern, während alles in
-ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte hervortraten:
-&bdquo;Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank
-schuldig Herr General. Mit diesem vertraulichen &bdquo;du&ldquo;
-bieten Sie mir ein enges Freundschaftsbündnis an, und
-verpflichten mich, Sie gleichfalls &bdquo;du&ldquo; zu nennen.
-Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären
-Verkehr zwischen uns vollkommen unmöglich!&ldquo; Der
-General wurde verlegen. Er suchte seine Gedanken zu
-sammeln und das rechte Wort zu finden; schließlich
-erklärte er, das &bdquo;du&ldquo; sei von ihm durchaus nicht in
-dem Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute
-es sich erlauben, einen jungen Menschen &bdquo;du&ldquo; anzureden.
-Von seinem Generalsrang sagte er kein Wort.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen
-Verkehr miteinander ab, und seine Liebe wurde im
-Keime erstickt. Das Licht erlosch, das einen Moment
-vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun herabsinkende
-Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem.
-Sein Leben kehrte wieder in die alten Bahnen
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-zurück und nahm seine frühere Gestalt an, die der Leser
-schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er tagelang
-untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und
-Unordnung. Der Besen steckte tagelang mitten im
-Zimmer in einem Haufen Schutt. Die Unterhosen
-trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten
-Tisch vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger,
-gleichsam als Festgabe für den eintretenden Gast.
-Tentennikows ganzes Leben wurde so armselig und
-schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu
-achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt
-nach ihm pickten. Er konnte stundenlang mit der Feder
-in der Hand dasitzen und allerhand Figuren auf ein
-vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser, Hütten,
-einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter
-aber vergaß er alles um sich her, und dann bewegte
-sich die Feder ganz von selbst über das Papier ohne
-daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein
-kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem
-schnellen forschenden Blick und einem leicht emporgekämmten
-Haarbüschel &mdash; und staunend sah der Zeichner,
-daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt
-kein Künstler hätte malen können. Und dann wurde
-ihm noch wehmütiger und schmerzlicher ums Herz; er
-wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück auf dieser
-Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und
-einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei
-Iwanowitsch Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich,
-als er sich eines Tages nach seiner Gewohnheit ans
-Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen,
-und zu seinem Erstaunen weder Grigorij noch
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Perfiljewna erblickte, daselbst eine gewisse Unruhe und
-Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin
-um das Tor zu öffnen; es tat sich auf, und ließ drei
-Pferde sehen, ganz wie man sie auf Triumphbögen abgebildet
-findet: eine Schnauze rechts, eine links und
-eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher
-und ein Bedienter in einem weiten Rock und mit einem
-Taschentuch um den Kopf. Hinter diesen saß ein Herr
-in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein regenbogenfarbiges
-Plaid. Als die Equipage vor der Treppe
-hielt, zeigte es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf
-Federn war. Der Herr, der ein ungewöhnlich anständiges
-Äußeres hatte, sprang beinahe mit der Schnelligkeit
-und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen
-und eilte die Treppe hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den
-Ankömmling für einen Regierungsbeamten. Hier muß
-ich nachholen, daß er in seiner Jugend in eine dumme
-Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende
-Husarenoffiziere, die eine Menge moderner
-Broschüren gelesen hatten, ein Ästhet, der die Universität
-nicht beendigt hatte, und ein heruntergekommener Spieler
-wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft gründen unter der
-Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners, der
-gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter
-Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich
-hohes Ziel gesteckt: nämlich die ganze Menschheit
-von den Ufern der Themse bis Kamtschatka, dauernd zu beglücken.
-Dazu bedurfte man jedoch einer ungewöhnlich
-großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß.
-Wo das Geld hinkam, das wußte freilich niemand außer
-dem ersten Vorsitzenden, der die Oberleitung in den
-Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei
-Freunde in diese Gesellschaft eingeführt; das waren
-zwei von jenen verbitterten Menschen, die von Natur
-gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die
-Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten
-im Dienste der Menschheit dem Trunk ergeben hatten
-und zu berufsmäßigen Säufern geworden waren. Tentennikow
-besann sich noch zur rechten Zeit, und trat aus
-dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich
-schon in gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen
-sich ein Edelmann eigentlich nicht abgeben sollte, die
-aber bald darauf zu unangenehmen Folgen und sogar zu
-Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher
-kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt
-und nachdem er alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen
-hatte, seine Ruhe nicht ganz wiederfinden konnte:
-sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und daher sah er
-jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich
-öffnen mußte.
-</p>
-
-<p>
-Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit
-einer schier unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung
-machte, wobei er zum Zeichen der Achtung seinen Kopf
-etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber bestimmten
-Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit
-teils in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise:
-unser Land sei sehr reich an merkwürdigen Dingen,
-ganz abgesehen von dem Überfluß an Erwerbsmöglichkeiten
-und den großen Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit;
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, hätte
-es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt,
-den Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen,
-wenn nicht seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen
-dieses Frühjahrs und der schlechten Wege
-plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur werde
-nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern.
-Bei alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit
-seiner Kutsche gar nichts passiert wäre, dennoch nicht
-versagen können, ihm persönlich seine Aufwartung zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er
-mit geradezu bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß
-und ließ dabei seine eleganten Lackstiefel mit den
-reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um gleich darauf,
-trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines Gummiballes
-ein paar Schritte zurückzuspringen.
-</p>
-
-<p>
-Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt;
-er nahm an, das müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter
-oder Professor sein, der Rußland bereist, um Pflanzen
-oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu sammeln. Er
-erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen Dingen
-behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede
-für die Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich&rsquo;s bei
-ihm so bequem zu machen, wie in seinem eigenen Hause,
-ließ den Gast in einem großen Lehnsessel <span class="antiqua">à la Voltaire</span>
-Platz nehmen, und schickte sich an, seine Erzählung anzuhören,
-die sicherlich von allerhand gelehrten naturwissenschaftlichen
-Gegenständen handeln würde.
-</p>
-
-<p>
-Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige
-Gegenstände des inneren Lebens. Er verglich sein Leben
-mit einem Schiff, das auf hoher See von heillosen
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte
-wie oft er schon Amt und Beruf habe wechseln
-müssen, wieviel er für die Wahrheit gelitten habe und
-wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon
-oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei
-andres, woraus Tentennikow ersehen konnte, daß sein
-Gast eher ein Mann der Praxis sei. Zum Schluß
-führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und
-schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch
-niemals gehört hatte. Mitunter begegnet man wohl in
-einem Orchester einer solchen vertrackten Trompete; wenn
-die einmal einen Ton von sich gibt, dann scheint es
-einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen
-Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch
-die plötzlich erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf
-versunkenen Hauses, und gleich darauf erfüllte die Luft
-ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, der sich
-durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar
-im Zimmer verbreitete.
-</p>
-
-<p>
-Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast
-kein andrer war, als unser verehrter, von uns so lange
-vernachlässigter Pawel Iwanowitsch Tschitschikow. Er
-war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm offenbar
-nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen.
-Selbst der Frack, in dem er stets zu erscheinen pflegte,
-schien etwas abgetragen zu sein; auch Kutscher und
-Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr
-sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch
-seine Finanzlage schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber
-der Ausdruck seines Gesichts, und der feine Anstand
-seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie früher.
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch
-etwas liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße
-noch gewandter übereinander, wenn er im Lehnstuhle
-Platz nahm. Seine Aussprache war fast noch weicher,
-in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe <em>noch</em>
-mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch
-mehr Klugheit und Sicherheit, und fast noch mehr Takt
-in seinem ganzen Betragen. Sein Kragen und sein
-Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee,
-und obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein
-Federchen an seinem Frack: er hätte sofort eine Einladung
-zu einem Geburtstagsdiner annehmen können.
-Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein
-Blinder über die angenehme Fülle und Rundung nicht
-in Entzücken geraten konnte.
-</p>
-
-<p>
-Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung
-vor sich, die eine Hälfte, die bislang stets in Dunkel und
-Finsternis gelegen hatte, weil die Laden geschlossen und
-zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender
-Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden
-die Möbel umgestellt, und bald nahm alles folgendes
-Aussehen an: das Zimmer, welches zum Schlafgemach
-ausersehen war, wurde mit allen zur Nachttoilette nötigen
-Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als Arbeitszimmer
-dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir
-wissen, daß in diesem Zimmer drei Tische standen: ein
-Schreibtisch vor dem Sofa, ein Spieltisch vor dem
-Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter Ecktisch
-in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre
-und der in den unbewohnten anstoßenden Salon
-führenden Türe, in dem zerbrochene Möbel standen. Dieser
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa ein
-Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf
-diesem Ecktische fand die Garderobe ihren Platz, die der
-Reisende in seinem Koffer mitgebracht hatte und zwar:
-ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider,
-ein Paar <em>neue</em> Beinkleider, ein Paar <em>graue</em> Beinkleider,
-zwei Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein
-Gehrock. Dies alles wurde übereinander, in Form einer
-Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes Taschentuch
-über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen
-Tür und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel
-aufgestellt: ein Paar <em>nicht mehr ganz</em> neue, ein Paar
-<em>ganz</em> neue, ein Paar Lackschuhe und ein Paar Morgenschuhe.
-Auch sie wurden ebenso schamhaft mit
-einem seidenen Taschentuch zugedeckt &mdash; ganz als
-ob sie überhaupt nicht vorhanden wären. Auf dem
-Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände in
-schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine
-Flasche mit Kölnischem Wasser, ein Kalender und
-zwei Romane, von beiden jedoch nur der zweite Band. Die
-reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, die
-sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche
-hingegen, die zur Wäscherin geschafft werden sollte,
-wurde zu einem Bündel zusammengebunden und unter
-das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, nachdem
-er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel,
-der unterwegs immer mitgenommen wurde, um den
-Räubern und Dieben Schrecken einzujagen, wurde auch
-im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel
-in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das
-Aussehen höchster Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Ordnungsliebe an. Nirgends war ein Papierschnitzel,
-ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken.
-Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden
-zu sein: in ihr verbreitete sich der angenehme
-Geruch einer frischen gesunden Mannsperson, die ihre
-Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht
-und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht.
-In dem Saal, der als Vorzimmer diente,
-schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners
-Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde
-bald ausquartiert und, wie es sich gehörte, in der Küche
-untergebracht.
-</p>
-
-<p>
-In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch
-ein wenig für seine Unabhängigkeit; er hatte einige
-Sorge, der Gast könne ihn belästigen, unliebsame
-Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die
-von ihm mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung
-stören, allein seine Besorgnisse waren unbegründet.
-Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine ganz
-außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag,
-sich an alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über
-die philosophische Langsamkeit seines Wirtes aus und
-erklärte, sie verheiße ein langes Leben. Über sein Einsiedlertum
-äußerte er sich sehr treffend, es nähre in dem
-Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen
-Blick auf die Bibliothek, sprach sehr lobend über die
-Bücher im allgemeinen und bemerkte, sie bewahrten den
-Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr wenige Worte
-fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. In
-allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger
-und taktvoller. Er kam und ging immer zur
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-rechten Zeit, plagte den Wirt nicht mit Fragen und
-Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur Unterhaltung
-geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie
-Schach mit ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen.
-Während der eine den Tabakrauch in krausen Wolken
-in die Luft blies, suchte sich der andre, da er keine
-Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum
-Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus
-der Tasche, nahm sie zwischen zwei Finger seiner linken
-Hand, und drehte sie mit einem Finger der rechten rasch
-um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um
-ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger
-auf dem Deckel herum und pfiff eine Melodie dazu.
-Mit einem Wort, er störte seinen Wirt nicht im mindesten.
-&bdquo;Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit
-dem sich&rsquo;s leben läßt!&ldquo; sagte Tentennikow zu sich selbst,
-&bdquo;diese Kunst ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet.
-Unter uns gibt es mancherlei Leute: kluge, gebildete
-und auch wirklich gute Menschen, aber Menschen
-von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen
-man ein Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne
-sich zu zanken &mdash; solche Menschen kenne ich nicht. Wieviel
-solche Leute gibt&rsquo;s denn bei uns überhaupt? Dies
-ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.&ldquo;
-So urteilte Tentennikow über seinen Gast.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß
-er eine Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen
-Herrn wohnen durfte. Das Zigeunerleben hatte er
-gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat lang
-ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes,
-den Duft der Felder und des beginnenden Frühlings
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-so recht von Herzen genießen zu können, das war sogar
-mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem Nutzen
-und Vorteil.
-</p>
-
-<p>
-Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner
-Erholung finden können. Der Frühling, dessen Sieg
-durch starke Fröste aufgehalten worden war, entfaltete
-sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall sproßte
-junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich,
-aus dem frischen Smaragd des ersten Grünes
-leuchtete hell das Gelb der Kuhblume hervor, und die
-rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes Köpfchen.
-Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten
-zeigten sich über den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen
-Wasserspinne, und von allen Seiten flüchteten
-die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier
-strömte alles zusammen, um einander zu sehen und
-sich näher kennen zu lernen. Plötzlich bevölkerte sich
-die Erde, die Wälder erwachten, in den Wiesen wurde
-es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der
-Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien
-zu ergehen. Wie hell leuchtete das Grün! Wie frisch
-war die Luft! Wieviel Vogelsang in den Gärten!
-Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das
-Dorf tönte und sang, wie bei einem Hochzeitsfest!
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen
-und Spaziergängen bot sich die reichste Gelegenheit.
-Bald erging er sich auf dem flachen Hochplateau, wo
-sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den
-großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen
-Flüsse zurückgelassen hatten, und aus denen ganze
-Inseln von dunklen noch unbelaubten Wäldern hervorragten;
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-oder er schritt mitten durch das Dickicht dunkler
-Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit Vogelnestern
-geschmückt, dicht beisammen standen und die
-Raben krächzend durcheinander flogen, und gleich einer
-Wolke den Himmel verfinsterten. Über trockeneres Erdreich
-konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo
-die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen
-in die See stachen, und wo sich das Wasser mit
-ohrenbetäubendem Getöse auf das Mühlrad stürzte,
-das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder
-er ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen,
-und zu beobachten, wie sich ein Stück frisch
-gepflügtes Ackerland mitten durch das Grün der Felder
-zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb
-trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig
-den Samen ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen
-auf der einen oder andern Seite zu verschütten.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt
-sich und besprach alles mit dem Verwalter, mit den
-Bauern und dem Müller. Er erkundigte sich nach
-allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit
-dem Haushalt stehe, wieviel Getreide verkauft werde,
-was im Frühjahr und Herbst für Korn gemahlen wird,
-wie jeder Bauer heißt, wer mit <a id="corr-8"></a>diesem und jenem verwandt
-ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein
-füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ
-sich auch sagen, wieviel Bauern gestorben wären, und
-erfuhr, daß es nur wenige seien. Als kluger Mann
-erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um
-Andrei Iwanowitsch&rsquo; Haushalt stand. Überall entdeckte
-er Unterlassungssünden, Nachlässigkeit, Diebstahl, auch
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-die Trunksucht war recht verbreitet, und er dachte
-sich: &bdquo;Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist!
-So ein Gut! und es so zu vernachlässigen! Man
-könnte sicherlich ein Einkommen von fünfzigtausend
-Rubeln daraus herauswirtschaften!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen
-der Gedanke, selbst einmal &mdash; d. h. natürlich nicht jetzt,
-sondern später, wenn die Hauptsache erledigt sein, und
-er Geld in Händen haben würde &mdash; selbst einmal so
-ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden.
-Und sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen,
-frischen Weibchens mit weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande
-oder sonst einem reichen Kreise vor ihm auf.
-Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er
-stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen
-vor, deren Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow
-zu verewigen: einen munteren Jungen und eine schöne
-Tochter, oder sogar zwei Jungen und zwei, ja selbst
-drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich
-gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst
-oder Schatten über die Erde gewandelt wäre &mdash;
-und damit er sich vor dem Vaterlande nicht zu schämen
-brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es
-nicht übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte:
-Staatsrat zum Beispiel. Das war immerhin ein
-recht anständiger und achtbarer Titel! Was kommt einem
-nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so
-mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen,
-traurigen Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft
-bewegt und ihr selbst dann noch schmeichelt,
-wenn er überzeugt ist, daß es nie eintreffen wird.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut
-auf dem Lande. Sie gewöhnten sich schnell an das neue
-Leben. Petruschka schloß bald Freundschaft mit dem
-Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr
-wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka
-suchte Grigorij Sand in die Augen zu streuen und mit
-seiner Erfahrenheit und Weltkenntnis zu imponieren;
-Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit Petersburg,
-wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte
-zwar noch einen Versuch zu opponieren und wollte
-die ganze Entfernung der Gegenden geltend machen, die
-er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen solchen
-Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden
-können, und er sprach von mehr als dreißigtausend
-Werst, sodaß der Diener Pawel Iwanowitschs ganz verdutzt
-sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von allen
-Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem
-nahm die Sache den allerschönsten Ausgang; beide
-Diener schlossen eine enge Freundschaft. Am Ende des
-Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen
-Akulka gehörte, den man den Bauernvater
-nannte. Hier in diesem Lokal konnte man sie zu allen
-Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft besiegelt,
-damit wurden sie zu &bdquo;Stammgästen&ldquo; der Kneipe wie
-man sich im Volke auszudrücken liebt.
-</p>
-
-<p>
-Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte.
-Jeden Abend wurden im Dorfe Lieder gesungen; die
-Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden Frühling
-durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich
-der Reigen und löste sich wieder. Die schlanken rosigen
-Mädchen, von einem Liebreiz, wie man ihn heute in
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-den größeren Dörfern kaum noch findet, machten einen
-gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen
-und sie angaffen konnte. Es war schwer zu
-sagen, welche von ihnen die Schönste war; sie hatten
-alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde und verschleierte
-Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf
-der bis an den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren
-weißen Händen faßte, und sich mit ihnen langsam im
-Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern
-Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte,
-wenn die Mädchen laut lachend auf sie zukamen und
-sangen: &bdquo;Wo ist der Bräutigam, Bojaren?&ldquo; und wenn
-dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank
-und weit hinter dem Flusse das treue Echo der Melodie
-melancholisch zurücktönte, dann wußte er kaum, wie ihm
-geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in
-der Dämmerung, ob er schlief oder wachte &mdash; immer
-wieder kam es ihm so vor, als halte er ein Paar weiße
-Hände in seinen Händen und bewege sich langsam mit
-ihnen im Reigen.
-</p>
-
-<p>
-Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer
-neuen Wohnung sehr wohl. Das Deichselpferd, der
-Assessor, und selbst der Schecke fanden den Aufenthalt
-bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich
-und die Lage der Ställe <a id="corr-10"></a>außerordentlich bequem.
-Ein jedes hatte seinen Stand, der zwar von dem des
-andern durch einen Verschlag abgeteilt war, über den
-man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte
-man auch die andern Pferde sehen, und wenn es einem
-unter ihnen, selbst dem das in der äußersten Ecke
-stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise
-zu antworten.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow
-bald wie zu Hause. Was jedoch die Angelegenheit anbetraf,
-wegen der Pawel Iwanowitsch das weite Rußland
-bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in
-dieser Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden,
-selbst dann wenn er es mit kompletten Narren zu tun
-hatte. Tentennikow aber las doch immerhin Bücher,
-philosophierte, suchte sich über die Ursachen und Gründe
-aller Erscheinungen klar zu werden &mdash; über ihr Warum
-und Weshalb .... &bdquo;Nein, vielleicht ist es besser, ich
-fange vom andern Ende an!&ldquo; So dachte Tschitschikow.
-Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und
-so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher
-häufig zu einem seiner Nachbarn &mdash; einem General zu
-Gaste fuhr, daß der General eine Tochter habe, daß der
-Herr für das Fräulein &mdash; und auch das Fräulein für
-den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich
-entzweit und von da ab für immer gemieden hätten.
-Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß Andrei Iwanowitsch
-beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe
-zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder
-einmal nach seiner Gewohnheit die silberne Tabaksdose
-mit dem Zeigefinger um ihre Achse drehte, sagte er zu
-Tentennikow: &bdquo;Sie haben alles was das Herz begehrt,
-Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wäre?&ldquo; fragte jener, indem er eine krause
-Rauchwolke in die Luft blies.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Lebensgefährtin,&ldquo; versetzte Tschitschikow. Andrei
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Iwanowitsch entgegnete nichts, und damit war das
-Gespräch für dies Mal zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern,
-suchte sich einen andern Zeitpunkt aus &mdash; diesmal war
-es <em>vor</em> dem Abendbrot &mdash; und sagte plötzlich mitten
-in der Unterhaltung: &bdquo;Wirklich, Andrei Iwanowitsch,
-Sie sollten heiraten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort,
-gerad als ob ihm dieses Thema unangenehm sei.
-</p>
-
-<p>
-Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das
-dritte Mal wählte er wieder eine andre Zeit und zwar
-<em>nach</em> dem Abendbrod, und sprach folgendermaßen:
-&bdquo;Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre Lebensverhältnisse
-auch ansehe, ich komme immer wieder zur
-Überzeugung, daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen
-noch in Hypochondrie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders
-überzeugend waren, oder daß Andrei Iwanowitsch heute
-besonders zur Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit geneigt
-war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem er
-wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: &bdquo;Bei allen
-Dingen muß man Glück haben, man muß als Sonntagskind
-geboren werden, Pawel Iwanowitsch.&ldquo; Und
-er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet
-hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem
-General und ihre Entzweiung.
-</p>
-
-<p>
-Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort
-kennen gelernt hatte, und hörte, daß wegen des einen
-kleinen Wörtchens &bdquo;du&ldquo; eine so große Geschichte entstanden
-war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen,
-ohne entscheiden zu können, ob er ein kompletter Narr
-oder bloß ein bißchen dumm sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!&ldquo; sprach er endlich,
-indem er jenen bei beiden Händen nahm: &bdquo;Was
-ist denn das für eine Beleidigung? Was finden Sie denn
-in dem Wörtchen &bdquo;du&ldquo; Beleidigendes?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,&ldquo;
-entgegnete Tentennikow: &bdquo;die Beleidigung lag in dem
-Sinn, in dem Ausdruck, mit dem dieses Wort gesprochen
-wurde. &sbquo;Du!&lsquo; &mdash; das soll heißen: &sbquo;wisse, daß du ein
-minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum
-mit dir, weil ich keinen besseren habe als dich; jetzt
-dagegen, wo die Fürstin Jusjakin gekommen ist, bitte
-ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein eigentlicher
-Platz ist und dich an die Türe zu stellen.&lsquo; <em>Das</em> hat es
-zu bedeuten!&ldquo; Bei diesen Worten funkelten die Augen
-unseres sanften und milden Andrei Iwanowitsch; in
-seiner Stimme zitterte die Erregung eines aufs tiefste
-beleidigten Gefühls nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten
-hätte? &mdash; Was ist denn dabei?&ldquo; sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach
-diesem Benehmen noch weiter besuche?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das
-kann man doch nicht einmal ein Benehmen nennen,&ldquo;
-sagte Tschitschikow kaltblütig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieso kein &sbquo;Benehmen&lsquo;,&ldquo; fragte Tentennikow erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch.
-Das ist bloß so eine Gewohnheit dieser Herren
-Generäle: sie duzen alle Leute. Und schließlich, warum
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-sollte man das einem so verdienten und geachteten Mann
-nicht einmal gestatten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ganz was andres,&ldquo; versetzte Tentennikow,
-&bdquo;wäre er nur ein alter Herr oder ein armer Kerl, und
-nicht so eitel, stolz und empfindlich, wäre er kein General,
-dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich <em>du</em> zu
-nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tatsächlich, er ist ein Narr!&ldquo; dachte Tschitschikow.
-&bdquo;Einem zerlumpten Kerl würde er es gestatten, einem
-General dagegen nicht!&ldquo; Und nach dieser Erwägung fuhr
-er laut fort: &bdquo;Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er Sie
-beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er
-hat Sie beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung
-zurückgegeben. Aber wie kann man sich wegen einer solchen
-Bagatelle entzweien und eine Sache so im Stiche lassen, die
-einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich schon
-um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie
-sich einmal ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie
-auch drauf los gehen, komme was da will. Wer achtet
-denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle
-Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen
-Menschen auf der ganzen Welt, der nicht um sich schlägt
-und einen nicht anspuckt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen,
-er saß ganz verblüfft da und dachte nur: &bdquo;Ein
-zu seltsamer Mensch, dieser Tschitschikow!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!&ldquo;
-dachte Tschitschikow, und er fuhr laut fort: &bdquo;Andrei
-Iwanowitsch, lassen Sie mich zu Ihnen sprechen, wie zu
-einem Bruder. Sie sind noch so unerfahren. Erlauben
-Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären,
-daß die Sache Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht,
-und auf Ihre Jugend und Ihre geringe Welt-
-und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!&ldquo;
-sagte Tentennikow gekränkt &bdquo;und kann auch Sie nicht
-dazu zu ermächtigen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zum Kriechen bin ich nicht fähig,&ldquo; versetzte Tschitschikow
-gleichfalls gekränkt. &bdquo;Ich bin nur ein Mensch.
-Ich kann mich irren und fehlen, aber kriechen &mdash; niemals!
-Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine
-es zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten,
-meinen Worten einen so beleidigenden Sinn unterzulegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!&ldquo;
-sagte Tentennikow gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar
-bei beiden Händen. &bdquo;Ich wollte Sie wirklich nicht
-beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr wertvoll.
-Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch
-auf, wir wollen nie wieder über diese Sache reden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß,
-zum General&ldquo;, sprach Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wozu?&ldquo; fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow
-verwundert ansah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will ihm meine Aufwartung machen!&ldquo; versetzte
-Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser
-Tschitschikow!&ldquo; dachte Tentennikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser
-Tentennikow!&ldquo; dachte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm,
-Andrei Iwanowitsch. Ich glaube je eher man einem
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um so besser.
-Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten
-Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis
-bitten, Ihren Wagen zu benutzen. Ich möchte schon
-morgen so gegen zehn Uhr zu ihm hinfahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben
-nur zu befehlen. Nehmen Sie jeden Wagen, welchen
-Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und
-begaben sich ein jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu
-gehen und nicht ohne beiderseits über die Eigenheiten
-des andern nachzudenken.
-</p>
-
-<p>
-Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern
-Tage der Wagen vorfuhr und Tschitschikow mit der
-Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen Frack,
-weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und
-davonfuhr, um dem General seine Aufwartung zu
-machen: &mdash; da geriet Tentennikow in eine solche Aufregung,
-wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All
-seine eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen
-in Unruhe und Bewegung. Eine nervöse Raserei bemächtigte
-sich plötzlich mit aller Gewalt dieses schläfrigen
-und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen
-Träumers.
-</p>
-
-<p>
-Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans
-Fenster, bald nahm er ein Buch zur Hand, bald wieder
-versuchte er es, über etwas nachzudenken. Verlorene
-Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder
-er versuchte es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen!
-Armselige Bruchstücke eines Gedankens, allerhand
-Gedankenendchen und -fragmente drängten sich
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. &bdquo;Ein
-merkwürdiger Zustand!&ldquo; sagte er und setzte sich ans
-Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, der den
-dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende
-eine Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende
-Wagen aufgewirbelt hatte. Doch verlassen wir Tentennikow
-und folgen wir Tschitschikow.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-2">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Zweites Kapitel.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer knappen halben Stunde trugen die braven
-Rosse Tschitschikow über die etwa zehn Werst
-lange Strecke hinweg &mdash; erst ging es durch
-den Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen
-langen Streifen frisch gepflügten Ackerlandes lag und
-im ersten Grün des Frühlings prangte, dann wieder
-den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort
-herrliche Fernblicke auftaten &mdash; und endlich durch eine
-breite Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten
-begann, bis zu dem Gute des Generals. Die Lindenallee
-ging bald in eine Allee schlanker Pappeln über,
-die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und
-führte zuletzt auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem
-man den prächtigen, mit reichem krausem Schnitzwerk
-verzierten Giebel des Herrenhauses erblickte, der von
-acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen wurde.
-Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen
-Anstrich gab, und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden.
-Der Hof war so glatt und sauber, daß man über
-Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem
-Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll
-heraus und betrat die Treppe. Er ließ sich gleich beim
-General anmelden, und wurde direkt in dessen Arbeitszimmer
-geführt. Die majestätische Gestalt des Generals
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden.
-Er hatte einen zugeknöpften Sammetschlafrock von
-himbeerroter Farbe an, sein Blick war offen, sein Gesicht
-männlich, er trug einen großen Schnurrbart und
-einen stattlichen graumelierten Backenbart und Haare,
-die im Nacken ganz kurz geschnitten waren; sein Hals
-war breit und dick oder &bdquo;dreistöckig&ldquo;, wie man bei uns
-zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und
-eine Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von
-jenen prächtigen Generalstypen, an denen das Jahr
-1812 so reich war. General Betrischtschew war, wie wir
-alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen und
-Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie
-das bei uns Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt
-durcheinandergewürfelt: Großmut und Aufopferungsfähigkeit,
-in entscheidenden Momenten auch Tapferkeit,
-Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit,
-Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit,
-ohne die der Russe nun einmal nicht auskommen kann,
-wenn er nichts zu tun hat und nichts ihn zum Handeln
-bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle
-die, welche ihm den Rang abgelaufen hatten und
-äußerte sich in sarkastischer Weise über sie. Am meisten
-aber hatte einer seiner früheren Kollegen von ihm zu
-leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß
-er in bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem
-stand, und doch hatte ihn der andere überholt und war
-bereits Generalgouverneur zweier Provinzen. Unglücklicherweise
-befand sich auch noch eins von den Gütern
-des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen
-von seinem Kollegen abhängig war. Der
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-General rächte sich reichlich; er sprach bei jeder Gelegenheit
-von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine jede
-seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen
-und Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes
-und der Torheit. Alles an ihm hatte einen gewissen
-merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine Bildung.
-Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der
-Aufklärung; auch wollte er immer mehr und alles besser
-wissen, als andre Leute und daher hatte er die Menschen
-nicht gern, die etwas wußten, was ihm unbekannt war. Mit
-einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu glänzen.
-Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande
-genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten
-spielen. Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel
-starke hervorstechende Gegensätze aufwies, war es nur natürlich,
-daß er im Dienst beständig mit Unannehmlichkeiten zu
-kämpfen hatte, was ihn schließlich auch veranlaßte, seinen
-Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen
-war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn
-er hatte nicht den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich
-zu machen. Auch nach seinem Abschied behielt
-er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob er
-nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock
-anhatte &mdash; er blieb sich immer gleich. Von seiner
-Stimme bis zur letzten Geste und Bewegung war alles
-an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte jedem
-unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch
-wenigstens Furcht oder Scheu ein.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht <em>und</em> Scheu.
-Er neigte den Kopf ehrerbietig zur Seite, streckte die
-Hände aus, wie wenn sie ein Tablett mit Teetassen
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-ergreifen wollten, <a id="corr-12"></a>verbeugte sich mit bewundernswürdiger
-Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: &bdquo;Ich habe
-es für meine Pflicht gehalten, Exzellenz meine Aufwartung
-zu machen. Die hohe Achtung vor den
-Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den
-Schlachtfeldern verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer
-Exzellenz persönlich vorzustellen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dem General schien diese Introduktion nicht zu
-mißfallen. Er machte eine sehr gnädige Kopfbewegung
-und sagte: &bdquo;Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu
-machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie
-gedient?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Feld meiner Tätigkeit,&ldquo; sprach Tschitschikow,
-indem er sich im Lehnstuhl niederließ &mdash; aber nicht in
-der Mitte, sondern ein wenig seitwärts auf der Kante &mdash;
-und mit der Hand die Stuhllehne festhielt, &bdquo;das Feld
-meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um
-seinen weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu
-nehmen; ich habe im Hofgericht, in einer Baukommission
-und im Zollamt gedient. Mein Leben läßt sich mit
-einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen,
-Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld
-aufgesäugt und großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen
-die personifizierte Geduld. Wieviel ich allein von meinen
-Feinden zu erdulden hatte, das vermag weder ein Wort noch
-der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt an
-meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo
-ich den Rest meiner Tage verbringen kann. Einstweilen
-habe ich mich bei einem der nächsten Nachbarn Eurer
-Exzellenz niedergelassen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei wem, wenn ich fragen darf?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-&bdquo;Bei Tentennikow, Exzellenz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der General runzelte die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer
-Exzellenz nicht die schuldige Achtung erwiesen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Achtung! Wovor?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,&ldquo; sagte Tschitschikow.
-&bdquo;Er kann bloß das rechte Wort nicht finden ...
-Er sagt: &sbquo;Wenn ich Seiner Exzellenz nur irgendwie ...
-denn ich weiß doch die Männer zu schätzen, die das
-Vaterland gerettet haben,&lsquo; sagt er.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch
-garnicht böse!&ldquo; versetzte der General, der schon weit milder
-gestimmt war. &bdquo;Ich habe ihn herzlich lieb gewonnen und
-bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr nützlicher
-Mensch werden kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,&ldquo; fiel Tschitschikow ein.
-&bdquo;Ein sehr nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und
-schreibt auch sehr schön.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten.
-Ich glaube er macht Verse oder so etwas.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten.
-Er schreibt an einem sehr ernsten und bedeutenden Werke.
-Er schreibt .... eine Geschichte, Exzellenz ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Geschichte&ldquo; ... hier hielt Tschitschikow ein
-wenig inne, war es nun, weil ein General vor ihm
-saß, oder wollte er der Sache bloß eine größere Bedeutung
-beilegen, genug er fügte hinzu: &bdquo;eine Geschichte
-der Generäle, Exzellenz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? der Generäle? Welcher Generäle?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-aller Generäle ... das heißt, ich wollte eigentlich sagen,
-der <em>vaterländischen</em> Generäle.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt
-hatte, und war daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger
-ausspucken mögen und sagte zu sich selbst: Herrgott,
-was rede ich da für einen Blödsinn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie
-ist denn das? Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche,
-oder sollen es einzelne Biographieen werden. Und dann:
-handelt es sich um sämtliche Generäle die existiert, oder
-nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen
-haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!&ldquo; Und
-er dachte sich: &bdquo;Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir!
-Ich könnte ihm äußerst interessantes Material geben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er hat nicht den Mut, Exzellenz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen
-Wortes, das unter uns gefallen ist ... Ich bin doch
-gar nicht so ein Mensch. Ich will meinetwegen selbst
-zu ihm hinfahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,&ldquo;
-sagte Tschitschikow, er hatte sich schon ganz wieder erholt
-und dachte sich dabei: &bdquo;Hm! die Generäle kommen
-mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge
-doch ganz frech darauflos geschwätzt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein
-Geräusch. Die Nußholztür eines geschnitzten Schrankes
-öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite der Tür erschien
-das lebende Bild eines Mädchens, welches die
-Türklinke in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Hintergrunde des Zimmers plötzlich ein hell von Lampen
-erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es hätte durch sein
-plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck hervorbringen
-können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war
-offenbar hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als
-sie einen unbekannten Menschen im Zimmer sah &mdash;.
-Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in die Stube
-gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des
-Generals schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow
-konnte sich im ersten Moment keine Rechenschaft
-ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm stand.
-Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren
-war, denn man hätte nicht so leicht ein so reines und
-vornehmes Profil finden können, es sei denn auf antiken
-Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil schien ihre
-edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur
-eine schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß.
-Dieser Schein rührte bloß von der wunderbaren Harmonie
-her, in der all ihre Glieder standen. Das Kleid,
-das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so
-wohltuend an, daß man hätte glauben können, die
-berühmtesten Schneiderinnen wären zusammengekommen,
-um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte.
-Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte
-nicht lange über ihre Toilette nach, alles ergab sich wie
-von selbst: an zwei, drei Stellen hatte die Nadel ein
-kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes berührt
-und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren
-Leib gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer
-Trägerin im Bilde festgehalten, so hätten alle modischen
-Damen und Fräuleins ausgesehen, wie bunte Kühe oder
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man
-sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden
-Gewande in Marmor gehauen, so hätte man dieses
-Bildnis das Werk eines genialen Künstlers genannt.
-Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und
-schmächtig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!&ldquo;
-sagte der General, indem er sich an Tschitschikow
-wandte. &bdquo;Übrigens verzeihen Sie, ich kenne Ihren Vor-
-und Vaternamen noch nicht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines
-Mannes kennen, der sich noch durch keinerlei Vorzüge
-und Tugenden ausgezeichnet hat,&ldquo; entgegnete Tschitschikow,
-während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite
-neigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!&ldquo; sagte Tschitschikow,
-indem er sich beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs
-verbeugte und mit der Elastizität eines Gummiballs
-zurücksprang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ulinka!&ldquo; fuhr der General fort. &bdquo;Pawel Iwanowitsch
-hat mir soeben eine äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt.
-Unser Nachbar Tentennikow ist gar kein so
-dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er
-arbeitet an einem großen Werk: an einer Geschichte der
-Generäle des Jahres 1812.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,&ldquo;
-sagte sie schnell. &bdquo;Das konnte doch höchstens dieser
-Wischnepokromow glauben, dem du so vertraust, Papa,
-und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-&bdquo;Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich,
-das ist wahr!&ldquo; sagte der General.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und
-nicht nur oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt,
-und seine eigene Schwester aus dem Hause jagen konnte,
-das ist ein abscheulicher, häßlicher Mensch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber das erzählt man doch bloß von ihm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Solche Dinge erzählt man nicht umsonst.
-Ich kann dich nicht verstehen, Papa. Du hast ein
-selten gutes Herz und doch kannst du mit einem
-Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von
-dem du weißt, daß er schlecht ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie,&ldquo; sagte der General lächelnd zu Tschitschikow.
-&bdquo;So liegen wir uns stets in den Haaren!&ldquo;
-Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr fort:
-&bdquo;Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!&ldquo;
-sagte der General.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum denn davonjagen? Aber man braucht
-ihn doch nicht mit soviel Achtung zu behandeln und ihn
-gleich in sein Herz zu schließen!&ldquo;<a id="tva-7" href="#tv-7">(7)</a>
-</p>
-
-<p>
-Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls
-ein Wörtchen zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jedes Wesen verlangt nach Liebe,&ldquo; sprach Tschitschikow.
-&bdquo;Was soll man machen? Auch das Tier
-liebt, daß man es streichelt, es steckt seine Schnauze
-aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm,
-streichele mich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der General fing an zu lachen. &bdquo;Ganz recht: so
-ist es. Es steckt seine Schnauze hervor und bittet:
-da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß die
-Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-doch verlangt er, daß man ihm sozusagen Teilnahme
-erweise .... Ha, ha, ha!&ldquo; Der General schüttelte sich
-vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals dicke
-Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch
-heute noch mit dicken Achselklappen geschmückt wären.
-</p>
-
-<p>
-Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch
-sein Gelächter aus Achtung vor dem General mehr auf
-den Buchstaben e ab: he, he, he, he, he, he! Auch er
-schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine
-Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den
-Staat und verlangt dann noch, daß man ihn dafür
-belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und abquälen,
-ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!&ldquo;
-sagte er. &bdquo;Ha, ha, ha, ha!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche
-Gesicht des Mädchens: &bdquo;Papa! Ich verstehe nicht,
-wie du bloß lachen kannst! Mich stimmen solche
-Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß
-traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz
-öffentlich und vor allen Leuten einen Betrug verübt,
-und ihn nicht die Strafe der allgemeinen Verachtung
-trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir vorgeht,
-dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke
-und denke und ....&ldquo; Sie war nahe daran, in
-Tränen auszubrechen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte, sei uns nur nicht böse,&ldquo; sagte der General.
-&bdquo;Wir sind doch ganz unschuldig an der Sache. Nicht
-wahr?&ldquo; fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow
-wandte. &bdquo;So, nun gib mir einen Kuß und geh auf
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-dein Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es
-ist bald Zeit zum Mittagessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du ißt doch bei mir?&ldquo; sagte der General und
-warf Tschitschikow einen Blick zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Eure Exzellenz bloß ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für
-dich reichen. Gott sei Dank! Wir haben heute Kohlsuppe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und
-ließ den Kopf ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle
-Gegenstände im Zimmer einen Augenblick aus den Augen
-verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe sehen
-konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen
-Stellung verharrt war, und hierauf den Kopf wieder
-erhob, sah er Ulinka schon nicht mehr. Sie war verschwunden.
-An ihrer Stelle stand ein Riese von einem
-Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und
-wohlgepflegtem Backenbart, der, eine silberne Schüssel
-und ein Waschbecken in den Händen hielt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart
-umkleide!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart
-umkleiden, vielmehr steht es Ihnen frei, in meiner
-Gegenwart alles zu tun, was Ihnen beliebt, Exzellenz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock
-und streifte sich die Hemdärmel an den athletischen
-Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich zu waschen,
-wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente.
-Das Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine
-Belohnung haben,&ldquo; sagte er indem er sich seinen dicken
-Hals rings herum sorgfältig abtrocknete ... &bdquo;Streichele
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun
-einmal nicht auf zu stehlen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine
-Art Begeisterung war plötzlich über ihn gekommen.
-&bdquo;Der General ist ein lustiger und gutmütiger alter Herr!
-Man könnte es am Ende versuchen!&ldquo; dachte er und als
-er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken
-hinausgegangen war, rief er aus: &bdquo;Exzellenz! Sie sind
-so gütig und aufmerksam gegen jedermann! Ich habe
-eine große Bitte an Sie zu richten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für eine Bitte?&ldquo; &mdash; Tschitschikow sah sich
-vorsichtig um.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen
-Herrn. Er hat dreihundert Seelen und zweitausend ...
-und ich bin sein einziger Erbe. Er kann sein Gut nicht
-mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und zu
-schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen.
-Er gibt einen höchst seltsamen Grund dafür
-an: &sbquo;Ich kenne meinen Neffen nicht,&lsquo; sagt er, &sbquo;vielleicht
-ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir
-erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und
-sich selbst erst einmal dreihundert Seelen erwerben, dann
-will ich ihm meine dreihundert dazugeben.&lsquo;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz
-närrisch?&ldquo; fragte der General.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er
-bloß ein Narr wäre. Das wäre sein eigener Schade.
-Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage, Exzellenz ...
-Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt,
-und diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-doch in acht nehmen, daß er ihr nicht noch sein ganzes
-Vermögen vermacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das
-ist das Ganze,&ldquo; sagte der General. &bdquo;Ich sehe nur keine
-Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen könnte!&ldquo; fuhr er
-fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir
-alle toten Seelen, die Sie besitzen, überlassen wollten,
-Exzellenz, ich meine auf Grund eines Kaufvertrages, ganz
-so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich dem
-Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft
-aushändigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl
-noch nie ein Mensch gelacht hat: So lang er war, sank
-er in den Lehnstuhl, warf den Kopf über die Rücklehne
-und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in
-Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe,
-und die Tochter kam ganz erschrocken herbeigelaufen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Papa, was ist geschehen?&ldquo; rief sie entsetzt und sah
-ihn bestürzt an. Aber der General vermochte lange
-Zeit hindurch keinen Laut von sich zu geben. &bdquo;Sei
-ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur
-auf dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen.
-Beunruhige dich nicht. Ha, ha, ha.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nachdem der General ein paarmal nach Luft
-geschnappt hatte, fing er mit erneuter Kraft an zu lachen;
-laut hallte es durch das ganze Haus, vom Vorzimmer
-bis zur letzten Stube.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow wurde ein wenig unruhig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten
-werden soll! Ha, ha, ha. Wie der dasitzen wird,
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote kriegt.
-Ha, ha!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es geht schon wieder los!&ldquo; dachte Tschitschikow.
-&bdquo;Ist der kitzlich! Er wird noch platzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ha, ha, ha!&ldquo; fuhr der General fort. &bdquo;So ein Esel!
-Wie einem nur so etwas einfallen kann: Geh, erwirb
-dir mal erst selbst dreihundert Seelen, dann sollst du noch
-weitere dreihundert dazu haben! Er ist wahrhaftig ein Esel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den
-Alten mit toten Bauern abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei
-Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich nur dabei
-sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was
-ist er eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist
-er sehr alt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gegen achtzig Jahre!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen?
-Er muß doch noch recht kräftig sein, wenn er mit der
-Schließerin zusammenlebt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein
-Kind!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche<a id="corr-16"></a>?
-Ist er noch gut auf den Beinen<a id="corr-17"></a>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig?
-Wie? Hat er noch Zähne?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur noch zwei, Eure Exzellenz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. &mdash;
-Er ist zwar dein Onkel, aber ist <em>doch</em> ein Esel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-&bdquo;Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein
-Verwandter ist und es mir schwer wird, es einzugestehen,
-daß Sie recht haben, aber was soll ich machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm
-durchaus nicht schwer, dies einzugestehen, um so weniger,
-als er schwerlich je solch einen Onkel besessen hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dir die toten Seelen <a id="zuverkaufen"></a>abzukaufen? Für diesen großartigen
-Gedanken sollst du sie mitsamt dem Grund und
-Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du darfst
-dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha,
-ha, ha, ha. Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich
-gespielt! Ha, ha, ha, ha.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue
-durch alle Zimmer.<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-3">
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Drittes Kapitel.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enn</span> der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt
-ist, so wäre das garnicht übel, sagte Tschitschikow,
-als er sich wieder unter offenem
-Himmel auf freiem Felde befand. Alle menschlichen
-Behausungen lagen weit hinter ihm; und er sah jetzt
-nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei
-kleine Wolken in der Ferne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum
-Obersten Koschkarjow erkundigt, Seliphan?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel
-mit dem Wagen zu tun, und da fand ich keine Zeit
-dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher nach dem
-Wege gefragt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du
-dich nicht auf Petruschka verlassen sollst; Petruschka ist
-sicher wieder besoffen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist doch keine große Weisheit,&ldquo; sagte Petruschka,
-indem er sich ein wenig auf seinem Sitze umdrehte und
-nach Tschitschikow hinschielte. &bdquo;Wir müssen bloß den
-Berg hinabfahren, und dann geht&rsquo;s längs der Wiese
-weiter, das ist das Ganze!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund
-genommen! Das ist das Ganze! Du bist mir der
-Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der Kerl
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.&ldquo; Nach
-diesen Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn
-und dachte: &bdquo;Es ist doch ein großer Unterschied zwischen
-einem gebildeten Mann der besseren Stände und so einer
-groben Lakaienphysiognomie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab.
-Und wiederum sah man nichts als Wiesen und weite
-mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen.
-</p>
-
-<p>
-Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig
-die kaum merkliche Neigung des Berghanges hinab;
-dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und Windmühlen
-vorbei; donnernd rollte der Wagen über die
-Brücken und tanzte mit Schwanken über das weiche,
-holprige Erdreich. Doch auch nicht <em>ein</em> Hügel, noch eine
-einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen
-Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten.
-Das war die reinste Wonne und keine Equipage.
-</p>
-
-<p>
-Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen
-rasch an ihnen vorbei und streiften die beiden auf dem
-Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan und Petruschka
-beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie
-sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge
-Lakai sprang in einem fort vom Bock herab, schalt auf
-die dummen Bäume und auf den, der sie gepflanzt
-hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen,
-seine Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten,
-denn er hoffte, dies sei das letzte Mal gewesen
-und es werde ihm nun nicht wieder passieren. Bald
-gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne
-zu den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras
-bedeckt, auf dem blaue Schwertlilien und gelbe Waldtulpen
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-wuchsen. Der Wald wurde immer dunkeler und
-drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht einzuhüllen.
-Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und
-Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem
-leuchtenden Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander,
-die glänzende Fläche wurde immer größer ...
-vor ihnen lag ein See &mdash; ein mächtiger Wasserspiegel
-von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem gegenüberliegenden
-Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten
-auf. Dies war das Dorf. Aus den Fluten
-drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa zwanzig
-Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern
-oder bis zum Halse im Wasser stehend, waren damit
-beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen. Dabei war
-ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war
-ihnen ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der
-ungefähr ebenso breit als lang war, und aussah wie
-eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage war
-eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: &bdquo;Dionys,
-du Klotz! gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch
-dem Dionys das Tauende aus der Hand. Stoß doch
-nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher,
-wo der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag&rsquo;s euch,
-ihr werdet noch das Netz zerreißen.&ldquo; Offenbar fürchtete
-sich die Wassermelone nicht für ihre Person: ertrinken
-konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die
-tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das
-Wasser trug sie immer wieder empor; ja es hätten sich
-ihr ruhig noch zwei Personen auf den Rücken setzen
-können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie
-eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-gestöhnt und mit der Nase Blasen ausgepustet. Aber
-der Mann hatte große Angst, das Netz könne reißen
-und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten
-ihn mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an
-Stricken ans Ufer ziehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,&ldquo;
-sagte Seliphan.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der
-ist viel weißer als bei den andern, und auch sein Umfang ist
-beträchtlich, wie sich&rsquo;s für einen vornehmen Herrn schickt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen
-Gutsherrn schon bedeutend näher ans Ufer herangezogen.
-Als er wieder Boden unter seinen Füßen fühlte, richtete
-er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die
-den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem
-Insassen Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie schon zu Mittag gegessen?&ldquo; rief der
-Herr ihm entgegen, indem er mit den gefangenen Fischen in
-der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch ganz im
-Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen
-in einem durchbrochenen Handschuh, hielt die eine
-Hand wie einen Schirm über die Augen, um sich gegen
-die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer unten,
-ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die
-eben dem Bade entsteigt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab
-und grüßte verbindlichst aus der Kutsche.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieso?&ldquo; fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze
-über dem Kopfe haltend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-&bdquo;Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas!
-Laß das Netz los, und nimm den Stör aus dem Behälter
-heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers
-aus dem Behälter hervor &mdash; &bdquo;Seht mal, was für ein
-Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher verirrt!&ldquo;
-rief der kugelrunde Herr. &bdquo;Fahren Sie nur in den
-Hof hinein! Kutscher nimm den unterm Weg durch
-den Gemüsegarten! Lauf doch großer Thomas, du
-Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten,
-ich komme gleich nach ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief,
-ganz so wie er war, im bloßen Hemde vor dem Wagen
-her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte hingen
-allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle
-Bauern waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter
-des Gartens, und der Wagen fuhr zwischen Gemüsebeeten
-hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe
-der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah
-man die Dächer der Gutsgebäude.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!&ldquo; dachte
-Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, da bin ich!&ldquo; erscholl eine Stimme von der
-Seite! Tschitschikow sah sich um. Der Gutsherr fuhr
-in einem grasgrünen Nankingrock, gelben Beinkleidern
-und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her.
-Er saß seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen
-Sitz ein. Tschitschikow wollte ihm etwas sagen, aber
-der Dicke war bereits wieder verschwunden. Gleich
-darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo
-das Netz mit den Fischen herausgezogen worden war,
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-und wieder hörte man die Stimmen rufen: &sbquo;Großer
-Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!&lsquo; Als
-aber Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses
-vorfuhr, sah er den dicken Gutsbesitzer zu seinem größten
-Erstaunen schon auf der Treppe stehen, wo er den Ankömmling
-in Empfang nahm und freundschaftlichst in
-seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen
-war &mdash; dies blieb ein Rätsel. Man küßte sich dreimal
-kreuzweise nach alter russischer Sitte: der Gutsherr war
-ein Mann alten Schlages.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu
-überbringen,&ldquo; sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von welcher Exzellenz?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander
-Dimitriewitsch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;General Betrischtschew,&ldquo; versetzte Tschitschikow ein
-wenig betroffen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kenne ihn nicht,&ldquo; entgegnete jener erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem
-Augenblick größer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das
-Vergnügen, mit dem Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich
-nicht bei ihm, sondern bei mir. Peter Petrowitsch Petuch!
-Petuch!<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> Peter Petrowitsch!&ldquo; versetzte der Hausherr.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow war starr vor Staunen. &bdquo;Nicht möglich?&ldquo;
-sagte er, indem er sich an Seliphan und Petruschka
-wandte, die gleichfalls mit offenem Munde dastanden,
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß
-auf dem Bock, der andere stand an der Wagentüre.
-&bdquo;Was habt ihr bloß gemacht, ihr Esel? Ich hab euch
-doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow fahren ...
-Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in
-die Küche, laßt euch ein Glas Schnaps geben ...&ldquo;
-rief Peter Petrowitsch Petuch. &bdquo;Spannt die Pferde
-aus und geht gleich ins Speisezimmer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So
-plötzlich! ...&ldquo; stammelte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst
-ab, wie Ihnen das Mittagessen schmecken wird und
-dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte
-schön,&ldquo; sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme
-nahm und ihn ins Innere des Hauses führte. Hier
-kamen ihnen zwei Jünglinge in Sommeranzügen entgegen;
-beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und
-wohl eine Arschin<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> länger als ihr Vater.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und
-sind nur während der Ferien hier ... Nikolascha bleib
-hier und unterhalte den Gast; und du, Alexascha, komm
-mit mir.&ldquo; Mit diesen Worten verschwand der Hausherr.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte
-eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien
-sich zu einem lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen.
-Er erzählte Tschitschikow sofort, es habe gar keinen
-Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er und sein
-Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren,
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-weil es sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu
-leben ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe schon,&ldquo; dachte Tschitschikow, &bdquo;euch locken
-die Boulevards und Cafés ...&ldquo; Dann aber fragte er ihn laut:
-&bdquo;Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters<a id="corr-19"></a>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Hypotheken darauf!&ldquo; fiel hier der Vater
-selbst ein, der plötzlich wieder im Salon auftauchte:
-&bdquo;Mehrere Hypotheken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schlimm, sehr schlimm!&ldquo; dachte Tschitschikow:
-&bdquo;Bald wird es kein Gut mehr geben, auf dem keine
-Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...&ldquo; &bdquo;Sie
-hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,&ldquo;
-sagte er mit teilnehmender Miene.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O nein. Das macht nichts!&ldquo; versetzte Petuch.
-&bdquo;Man sagt, es sei sogar vorteilhaft. Heutzutage nimmt
-alles Hypotheken auf, man will doch nicht hinter den
-andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes
-Leben lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit
-Moskau versuchen. Meine Söhne reden mir auch
-immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische
-Bildung haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Narr!&ldquo; dachte Tschitschikow: &bdquo;er wird
-alles durchbringen und auch seine Söhne zu Verschwendern
-erziehen. Und dabei hat er ein so schönes
-Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand.
-Die Bauern haben es gut, und auch der Herr leidet
-keinen Mangel. Wenn sie aber erst ihre Bildung aus
-den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles
-zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem
-Lande bleiben, der Windbeutel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß, was Sie jetzt denken<a id="corr-21"></a>!&ldquo; sagte Petuch.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-&bdquo;Wie?&ldquo; sagte Tschitschikow etwas verlegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie denken: &sbquo;Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst
-lädt er einen zum Mittagessen ein, und läßt einen
-warten. Das Essen ist immer noch nicht aufgetragen.&lsquo;
-Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen
-Sie auf, ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller
-den Zopf flechten, als das Essen auf dem Tisch stehen
-wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!&ldquo;
-sagte Alexascha, der am Fenster stand und
-hinausblickte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er reitet auf seinem Fuchs!&ldquo; fiel Nikolascha ein,
-indem er sich aus dem Fenster beugte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo? Wo?&ldquo; schrie Petuch und lief gleichfalls ans
-Fenster.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist das, Platon Michailowitsch?&ldquo; fragte Tschitschikow
-<a id="corr-23"></a>Alexascha.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow,
-ein <em>vortrefflicher</em> Mensch, ein ganz <em>ausgezeichneter</em>
-Mensch,&ldquo; antwortete der Hausherr selbst.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer.
-Er war ein schöner schlanker Mann mit hellblondem
-lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem Hunde namens
-Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf
-dem Fuße.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie schon gegessen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja danke!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu
-machen. Was soll ich mit Ihnen anfangen, wenn Sie
-schon gespeist haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Gast lächelte und sagte: &bdquo;Ich kann Sie beruhigen,
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-ich habe so gut wie garnichts gegessen: ich
-hatte keinen Appetit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für
-einen Fang gemacht haben! Was für ein Stör uns ins
-Netz gegangen ist! Und was für Karauschen und
-Karpfen dazu!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen
-hört. Warum sind Sie immer so guter Laune?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte
-Sie!&ldquo; sagte der Hausherr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? Warum? &mdash; Weil es traurig und langweilig
-auf der Welt ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie
-sich einmal ordentlich satt zu essen. Das ist auch so
-eine moderne Erfindung dieser Trübsinn und diese
-Melancholie. Früher war man nie melancholisch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit
-dazu hernehmen soll. Am Morgen &mdash; da schläft man,
-kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht schon der
-Koch vor einem, und man muß das Menu für das
-Mittagessen zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt
-den Verwalter ab, geht fischen und eh man sich&rsquo;s versieht,
-ist es schon Zeit zum Mittagessen. Nach dem
-Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun,
-denn schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot
-bestellen, nach dem Abendbrot kommt wieder der Koch,
-und man muß wieder ans Mittagessen für <em>morgen</em>
-denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow
-den neuen Ankömmling, der ihn durch seine
-außergewöhnliche Schönheit, seine schlanke, wohlgebaute
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten Jugendkraft
-und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem
-Pickel verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder
-Leidenschaft noch Schmerz, noch selbst etwas, was auch
-nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Gemütsbewegung
-oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines Antlitz
-berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben,
-aber freilich hätten sie sie auch nicht beleben können.
-Sein Gesicht behielt stets etwas Schläfriges, trotz des
-ironischen Lächelns, das es bisweilen erheiterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten,
-nicht recht verstehen, wie man mit einem solchen
-Gesicht, wie das Ihrige traurig sein kann!&ldquo; sagte Tschitschikow.
-&bdquo;Wenn man natürlich an Geldmangel leidet,
-oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die
-einem nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie mir,&ldquo; unterbrach ihn der schöne Gast,
-&bdquo;glauben Sie mir, daß ich mich der Abwechselung halber
-mitunter sogar nach irgend einer kleinen Aufregung
-<em>sehne</em>? Wenn mich doch jemand ein <a id="corr-25"></a>bißchen ärgern
-wollte, oder etwas derartiges &mdash; aber nicht einmal <em>das</em>
-passiert einem. Das Leben ist bloß langweilig &mdash; das
-ist alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht
-zu wenig Bauern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen
-etwa zehntausend Acker und über tausend Seelen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen.
-Aber vielleicht hatten Sie unter Mißernten und Epidemieen
-zu leiden? Haben Sie vielleicht viele Bauern verloren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Verfassung, mein Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt!
-Das verstehe ich nicht,&ldquo; sprach Tschitschikow achselzuckend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich
-verjagen,&ldquo; sagte der Hauswirt, &bdquo;Alexascha, lauf mal
-rasch nach der Küche und sag dem Koch, er soll uns
-die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz
-Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil.
-Und dieser Dieb, der Antoschka? Warum tragen sie die
-kalte Platte nicht auf?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz
-Emeljan und der Dieb Antoschka erschienen mit einer
-Serviette unter dem Arm, deckten den Tisch, und stellten
-einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von verschiedener
-Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald
-eine ganze Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden
-Speisen. Die Diener bewegten sich flink hin
-und her und trugen immer neue zugedeckte Schüsseln
-herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte.
-Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten
-ihre Sache ganz vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen
-gewissermaßen bloß zum Ansporn und zur Ermunterung
-erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom
-Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein
-Russe kann halt ohne ein gepfeffertes Wort nicht auskommen.
-Er braucht es ebenso wie sein Gläschen Schnaps
-zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen!
-Das ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost
-nicht leiden mag!
-</p>
-
-<p>
-Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen.
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Hier verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr
-in einen wahren Tyrannen. Kaum bemerkte er, daß
-einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller
-hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er
-hinzufügte: &bdquo;In der Welt <em>paart</em> sich alles, Mensch,
-Tier und Vogel!&ldquo; Hatte einer <em>zwei</em> Stück auf seinem
-Teller, so legte er ihm noch ein <em>drittes</em> auf, indem er
-bemerkte: &bdquo;Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten
-Dinge sind drei.&ldquo; Hatte der Gast <em>drei</em> Stücke gegessen,
-so rief er schon: &bdquo;Haben Sie etwa schon einen dreirädrigen
-Wagen oder eine dreieckige Hütte gesehen?&ldquo;
-Auch auf die Zahl <em>vier</em>, auf die fünf usw. hatte er
-ein Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich
-schon seine zwölf Stücke verschlungen und dachte: &bdquo;Na,
-jetzt wird dem Hausherrn doch wohl nichts mehr einfallen!&ldquo;
-Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen,
-legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß
-gebratenen Kalbes samt den Nieren auf den Teller.
-Und was für eines Kalbes!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,&ldquo;
-sagte der Hausherr. &bdquo;Ich hab&rsquo;s gepflegt wie
-mein eigenes Kind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nicht mehr!&ldquo; stöhnte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich
-kann nicht mehr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es geht nicht mehr rein! Ich hab&rsquo; keinen Platz
-mehr im Magen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam
-der Polizeimeister und sieh da, es fand sich doch noch
-ein Plätzchen. Dabei war ein solches Gedränge, daß
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur:
-dieses Stückchen &mdash; das ist auch ein Polizeimeister.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow kostete, und in der Tat &mdash; das Stück
-hatte große Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand
-sich richtig noch ein Platz, und doch schien sein Magen
-schon bis oben voll zu sein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Mensch darf nicht nach Petersburg
-oder Moskau fahren. Bei seiner Freigiebigkeit hat er
-in drei Jahren keinen Heller mehr!&ldquo; Er wußte noch
-nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch
-ohne allzu gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen
-in drei Jahren &mdash; was sage ich in drei
-Jahren! &mdash; in drei Monaten durchbringen.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt
-nach; was die Gäste stehen ließen, das durften
-Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein Glas nach
-dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon
-hier sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei
-ihrer Ankunft in der Hauptstadt besonders pflegen
-würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen geschah;
-sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus,
-um hier sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der
-Hausherr aber hatte kaum in dem seinen Platz genommen,
-als er sofort zurücksank und einschlief. Sein wohlbeleibtes
-Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg
-und ließ dem offenen Mund und den Nasenlöchern
-solche Töne entströmen, wie sie selbst unseren modernen
-Komponisten selten einzufallen pflegen: hier mischten sich
-Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen
-Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-&bdquo;Hören Sie, wie der pfeift?&ldquo; sagte Platonow.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow mußte lachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich
-hat, woher soll da die Langeweile kommen? Da übermannt
-einen der Schlaf &mdash; nicht wahr? Ja. Sie entschuldigen
-doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen,
-wie man schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es
-doch so viele Mittel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und die wären?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen?
-Tanzen, musizieren ... irgend ein Instrument spielen ...
-oder ... warum sollte er zum Beispiel nicht heiraten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wen nur?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen
-Mädchen gäbe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es gibt keine!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, dann sieht man sich eben wo anders um.
-Man macht eine Reise&ldquo; ... Plötzlich fiel Tschitschikow
-eine großartige Idee ein. &bdquo;Da haben Sie das beste
-Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!&ldquo; sagte er,
-indem er Platonow in die Augen blickte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für eins?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Reisen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin soll man denn reisen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch
-mit mir,&ldquo; sagte Tschitschikow und dachte sich, während
-er Platonow betrachtete: &bdquo;Das wäre fein. Er könnte
-die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur
-könnte er eigentlich <em>allein</em> übernehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wohin fahren Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Angelegenheiten als im Interesse eines andern. General
-Betrischtschew ein naher Freund von mir, und ich darf
-wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von
-seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten
-ist natürlich sehr wichtig, aber eigentlich reise
-ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen:
-denn die Welt kennen lernen, sich in den großen Strudel
-und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen &mdash; man mag
-sagen was man will, das ist gewissermaßen ein lebendes
-Buch und auch eine Art Wissenschaft.&ldquo; Und während
-er dies sagte, dachte er sich: &bdquo;Wirklich, es wäre fein.
-Er könnte sogar die <em>ganzen</em> Kosten tragen, am Ende
-könnten wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen
-würden sich die meinigen auf seinem Gute ausruhen
-und ordentlich pflegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?&ldquo;
-dachte unterdessen Platonow. &mdash; &bdquo;Zu Hause habe ich
-ohnedies nichts zu tun, für die Wirtschaft sorgt mein
-Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im
-mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum
-sollte ich also nicht mitreisen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Wären Sie
-unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei meinem
-Bruder zu Gaste zu bleiben?&ldquo; sagte er laut. &bdquo;Sonst
-läßt mich mein Bruder nicht fort.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen
-sogar drei Tage.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!&ldquo; sagte
-Platonow lebhaft.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow schlug ein. &bdquo;Bravo. Wir fahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin? Wohin?&ldquo; rief der Hausherr, der eben
-aus dem Schlafe erwacht war, und sie erstaunt anstarrte.
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-&mdash; &bdquo;Nein, liebe Herren, ich habe die Räder von
-Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben
-wir fortgejagt, Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn
-Werst weit von hier. Nein, heute müssen Sie schon
-die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas
-früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen
-reisen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was sollte man da machen? Man mußte sich
-schon zum Bleiben entschließen. Dafür wurden sie durch
-einen wundervollen Frühlingsabend schadlos gehalten.
-Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf
-Ruderer mit vierundzwanzig Rudern führten sie unter
-frohen Gesängen über den spiegelglatten Rücken des Sees.
-Aus dem See gelangten sie in den Fluß, der sich in
-unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von
-flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort
-über Taue hinwegfahren, die quer durch den Fluß gezogen,
-und an denen Netze befestigt waren. Auch
-nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz
-still und lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder
-an ihnen vorüber, und dunkele Gehölze und Haine entzückten
-ihren Blick durch die mannigfache Anordnung
-und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem
-Takt legten sich die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben
-sie alle vierundzwanzig plötzlich wie ein Mann in
-die Höhe &mdash; und wie von selbst, einem leichten Vogel
-gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel
-dahin. Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger
-Kerl, der dritte Mann vom Steuer, machte
-den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen
-Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-schien, ein Lied an, dann fielen fünf andre ein, sechs
-weitere <a id="corr-31"></a>lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich
-der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie Rußland
-selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und
-unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte,
-mit einem Ton, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker
-hatte; ja sogar Tschitschikow hatte an diesem
-Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein Russe sei. Nur
-Platonow dachte: &bdquo;Was ist eigentlich schönes an diesem
-melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger,
-als man schon ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte.
-Es wurde finster; die Ruder schlugen jetzt das
-Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr spiegelte.
-Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel.
-Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten
-auf Dreifüßen eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden
-Bärschen. Alles war schon zu Hause. Das Vieh
-und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der
-Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten
-standen an den Toren und warteten auf die Milchtöpfe
-und auf eine Einladung zur Fischsuppe. Das leise
-Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die
-Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf
-herüber. Der Mond ging eben auf und begann
-die dunkele Umgegend in sein Licht zu hüllen; bald lag
-alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber
-es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte.
-Statt sich auf ein paar feurige Hengste zu schwingen
-und im tollen Galopp um die Wette durch die Nacht
-zu jagen, saßen <a id="corr-32"></a>Nikolascha und Alexascha stumm da und
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-dachten an Moskau, an die Café&rsquo;s und Theater, von
-denen ihnen ein Kadett, der aus der Hauptstadt zu
-Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr Vater
-dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern
-könnte, und Platonow gähnte. Am lebhaftesten war
-noch Tschitschikow: &bdquo;nein wirklich, ich muß mir auch
-einmal ein Gut kaufen!&ldquo; Und er sah sich schon
-im Geiste an der Seite eines strammen Weibchens, umringt
-von einer ganzen Schaar kleiner Tschitschikows.
-</p>
-
-<p>
-Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich.
-Als Tschitschikow das ihm zum Schlafen angewiesene
-Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da befühlte er
-seinen Bauch und sagte: &bdquo;Die reinste Trommel! Da
-geht kein Polizeimeister mehr hinein!&ldquo; Die Umstände
-fügten es so merkwürdig, daß sich dicht neben dem
-Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die
-Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man
-alles hören, was nebenan gesprochen wurde. Der
-Hausherr bestellte gerade beim Koch unter dem Namen
-eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für
-den morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte!
-Bei einem Toten wäre noch der Appetit erwacht!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,&ldquo;
-sagte er, indem er mit der Zunge schnalzte und die
-Luft heftig einsog. &bdquo;Ein Viertel füllst du mit den
-Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit
-Buchweizenbrei, Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch,
-Hirn und noch so was Ähnlichem, na du weißt schon ...
-Auf der einen Seite mußt du sie recht braun backen,
-auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu
-sein. Vor allem achte auf die Füllung &mdash; die muß
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-gründlich geschmort werden, daß sie sich auch ordentlich
-verbindet, weißt du, und ja nicht auseinanderfällt,
-sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man
-darf es selbst kaum merken.&ldquo; Während er dies sagte,
-schnalzte Petuch wieder mit der Zunge und gab einen
-schmatzenden Laut von sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hol&rsquo;s der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,&ldquo;
-dachte Tschitschikow und zog sich die Decke über den
-Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber das half
-ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und garniere mir den Stör auch recht fein mit
-Sternchen aus roten Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen;
-nimm auch noch Rüben, Möhren, Bohnen und
-noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht
-viel Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt
-du mit Eis füllen, damit er auch ordentlich aufgeht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch.
-Immer wieder hörte man ihn sagen: &bdquo;Brat ihn mir,
-und back ihn mir auch recht durch, und dämpfe sie
-mir gründlich!&ldquo; Als er endlich bei einem Truthahn
-angelangt war, schlief Tschitschikow ein.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll,
-daß Platonow nicht mehr auf seinem Pferde sitzen konnte.
-Petuch&rsquo;s Reitknecht mußte den Hengst nach Hause bringen.
-Dann bestieg man die Equipage. Der großschnauzige
-Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich
-gleichfalls vollgefressen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, das geht zu weit!&ldquo; sagte Tschitschikow, als
-sie den Hof verlassen hatten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das
-ärgerlichste.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-&bdquo;Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte,
-dann dürfte mir der Trübsinn nicht einmal zur Türe
-herein!&ldquo; dachte Tschitschikow. &bdquo;Da ist der <a id="corr-34"></a>Branntweinpächter
-Murasow &mdash; der hat zehn Millionen. Leicht gesagt,
-zehn Millionen &mdash; das nenne ich ein Sümmchen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen
-kleinen Abstecher machen? Ich möchte mich gern noch von
-meiner Schwester und von <a id="corr-35"></a>meinem Schwager verabschieden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber mit dem größten Vergnügen!&ldquo; sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der
-erste hier in der Gegend. Er bezieht <a id="corr-36"></a>Einkünfte im Werte
-von zweimal hunderttausend Rubel von einem Gut, das
-vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer
-Mensch sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen
-Mann kennen zu lernen. Ich bitte Sie ... Denken
-Sie doch nur ... Und wie heißt er?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kostanshoglo.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und sein Vor- und Vatername, wenn ich
-bitten darf?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Konstantin Fjodorowitsch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin
-wirklich begierig auf seine Bekanntschaft! Von einem solchen
-Mann kann man viel lernen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan
-zu instruieren, was sehr notwendig war, da dieser sich
-kaum auf dem Bocke zu halten vermochte. Petruschka
-war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen,
-und es war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem
-Kutschbock festzubinden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-&bdquo;So ein Schwein!&ldquo; Das war alles, was Tschitschikow
-sagen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie! da fangen seine Güter an!&ldquo; sagte
-Platonow. &bdquo;Das sieht doch gleich ganz anders aus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde
-bewachsene Schonung, &mdash; jedes Bäumchen war schlank und
-gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man ein zweites gleichfalls
-noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob sich ein
-alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die
-andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein
-Streifen <em>junger</em> und dahinter ein Streifen alter Wald.
-Dreimal nacheinander fuhren sie durch den Wald, wie
-durch ein Tor in einer Mauer: &bdquo;Dieser ganze Wald ist
-kaum acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig
-Jahre warten, und selbst dann ist er noch nicht so hoch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie hat er es aber nur gemacht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher
-Kenner des Grund und Bodens &mdash; bei dem geht nichts
-verloren. Er kennt nicht nur den Boden ganz genau,
-er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen
-und jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume
-er neben dem Getreide pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt
-bei ihm immer gleichzeitig drei bis vier Funktionen.
-Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern
-auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle
-so und so viel Feuchtigkeit brauchen und so und so viel
-Schatten spenden, und die trockenen Blätter benutzt er
-zum Düngen des Bodens ... Wenn überall rings
-umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster
-Ordnung; alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein
-braucht sich nicht zu beklagen. Schade, daß ich selbst
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-so wenig von diesen Dingen verstehe und nicht zu erzählen
-weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe
-und Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein
-einen Zauberer. Was der nicht alles hat! ... Und
-doch! Trotzalledem ist es langweilig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!&ldquo;
-dachte Tschitschikow. &bdquo;Es ist sehr bedauerlich, daß der
-junge Mann so oberflächlich ist und einem nichts erzählen
-kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen
-auf drei Anhöhen gelegenen Hütten nahmen sich von
-Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der drei Hügel war
-von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige
-Getreide- und Heuschober stehen. &bdquo;Hm!&ldquo; dachte Tschitschikow,
-&bdquo;man merkt gleich, daß hier ein königlicher
-Gutsbesitzer wohnt!&ldquo; Die Hütten waren alle fest und
-dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen
-stehn &mdash; und auch der Wagen war stark und
-neu; die Bauern, denen man begegnete, hatten alle kluge
-und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh war von
-der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern
-sahen aus wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck,
-dies sei der Ort, wo die Bauern wohnen, welche das
-Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln nach
-Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch
-Rasenplätze, noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen
-zog sich nach alter Sitte eine lange Reihe von Kornspeichern
-und Arbeiterhäusern bis dicht ans Herrenhaus,
-damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was
-rund um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache
-des Herrenhauses erhob sich eine Art Leuchtturm; das
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-war kein architektonischer Schmuck; er war nicht dazu
-da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der
-schönen Aussicht ergötzen könnten, sondern um die
-Arbeiter auch auf den entferntesten Feldern ständig zu
-beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an der Haustreppe
-von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit
-mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch
-hatten sie keine Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen
-selbstgewebtem blauen Tuch an, wie sie die Kosacken zu
-tragen pflegen.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen.
-Sie hatte eine frische Gesichtsfarbe wie Milch
-und Blut, und war schön wie Gottes heller Tag, sie
-glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem
-Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er,
-sondern immer heiter und gesprächig war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du
-gekommen bist. Konstantin ist leider nicht zuhause, aber
-er muß bald kommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist er denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,&ldquo;
-sagte sie, während sie die Gäste ins Zimmer geleitete.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses
-merkwürdigen Menschen um, der ein Einkommen von
-zweimal hunderttausend Rubeln hatte, denn er glaubte,
-er werde aus <em>dieser</em> den Charakter und das Wesen des
-Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer
-Muschel auf die Auster oder von dem leeren Schneckengehäuse
-auf die Schnecke schließt, die es einstmals bewohnte
-und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das
-Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-ziehen. Die Zimmer waren alle schlicht und einfach ausgestattet
-und beinahe leer; da gab es weder Fresken, noch
-Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem
-Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort,
-alles deutete darauf hin, daß das Wesen, das hier
-hauste, sich den größten Teil seines Lebens garnicht
-innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde
-aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und
-sybaritisch im weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte
-und dort seinen Gedanken nachhing, sondern daß sie ihm
-an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit einfielen und
-auch <em>dort</em> ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern
-konnte <a id="corr-40"></a>Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen
-häuslichen Sinnes entdecken: auf den Tischen und Stühlen
-lagen Bretter von Lindenholz, auf denen offenbar zum
-Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt,
-Schwester?&ldquo; sagte Platonow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist doch kein Plunder!&ldquo; versetzte die Hausfrau.
-&bdquo;Das ist das beste Mittel gegen Fieber. Voriges
-Jahr haben wir alle unsere Bauern damit kuriert.
-Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht
-werden. Ihr lacht uns immer mit unseren
-Marmeladen und unserem eingelegten Gemüse aus;
-nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es eßt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen
-Noten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herrgott, das alte Zeug!&ldquo; sagte er, &bdquo;Schämst du
-dich gar nicht, Schwester?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nimm mir&rsquo;s nicht übel, Bruder, ich habe nicht
-Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich habe
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-nicht Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich
-habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß.
-Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen,
-bloß damit ich genug freie Zeit habe, um mich
-mit Musik zu beschäftigen? &mdash; Nein entschuldige, das
-tue ich denn doch nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bist du langweilig geworden, Schwester!&ldquo; sagte
-der Bruder und trat ans Fenster: &bdquo;Ah, da ist er ja
-schon, er kommt, eben kommt er!&ldquo; rief Platonow.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann
-von etwa vierzig Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht,
-in <a id="corr-42"></a>einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten.
-Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu achten.
-Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei
-Männer niederen Standes, mit respektvoll entblößtem
-Haupte, in einer lebhaften Unterhaltung begriffen; der eine
-war ein einfacher Bauer, der andre ein durchreisender
-Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit
-langen Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen
-blieben, konnte man ihr Gespräch deutlich im Zimmer hören.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft
-euch bei eurem Herrn los. Ich will euch die Summe
-meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja allmählich bei
-mir abarbeiten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir
-uns loskaufen? Nehmen Sie uns lieber ganz zu sich.
-Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen. Einen so
-klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der
-ganzen Welt. Heutzutage hat man seine Not, man kann
-sich nicht genug in acht nehmen. Die Kneipwirte haben
-euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser
-austrinken möchte: eh man sich&rsquo;s versieht, ist die letzte
-Kopeke ausgegeben. Die Versuchung ist auch allzugroß.
-Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei Gott! Was
-erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu
-machen! Tabak und all diese Finessen. Was soll man
-anfangen, Konstantin Fjodorowitsch? Man ist auch nur
-ein Mensch &mdash; man läßt sich halt leicht verführen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes.
-Wenn ihr zu mir kommt, dann seid ihr doch auch nicht
-frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was ihr braucht:
-eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was
-von meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei
-mir müssen sie vor allem <em>arbeiten</em> &mdash; das ist das
-erste; ob nun für mich oder für sich selbst, das ist ganz
-gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite ja
-auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil
-ich es an mir selbst erfahren habe: all diese Schrullen
-kommen einem bloß in den Kopf, weil man nicht
-arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt
-sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin
-Fjodorowitsch. Selbst die alten Leute bei uns sagen
-schon: &sbquo;bei Ihnen sind die Bauern alle reich, das ist
-doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig und
-so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen,
-und jetzt haben wir niemanden, der einen rechtschaffen
-beerdigen könnte.&lsquo;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber
-mit der Gemeinde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie Sie befehlen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-&bdquo;Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind
-schon so gut und gehen etwas mit dem Preise herunter,&ldquo;
-sagte der durchreisende Kaufmann im langen blauen Rock,
-der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe dir&rsquo;s schon gesagt, <a id="corr-44"></a>ich lasse nicht mit mir
-handeln. Ich bin nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei
-denen du immer gerade dann erscheinst, wenn sie ihre
-fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne euch
-viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche
-Zahlungen zu machen haben. Das ist doch sehr einfach.
-So ein Mann ist in einer verzweifelten Lage, da gibt
-er euch natürlich alles um den halben Preis her. Bei
-mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde
-anfangen? Bei mir können die Sachen ruhig drei Jahre
-lang liegen bleiben; ich habe keine Hypothekengelder zu
-bezahlen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch.
-Ich sage das ja auch nur, um auch ferner mit Ihnen
-in Verbindung zu bleiben, und nicht aus Habsucht und
-Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!&ldquo;
-Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen
-schmutziger Banknoten aus der Brusttasche. Kostanshoglo
-nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie nachzuzählen in Empfang,
-und steckte sie in die Rocktasche.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm,&ldquo; dachte Tschitschikow, &bdquo;wie wenn das sein
-Taschentuch wäre!&ldquo; Doch jetzt erschien Kostanshoglo in
-der Türe des Salons. Er machte einen tiefen Eindruck
-auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die
-struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon
-einen leichten Anflug von Grau erkennen ließen, den
-lebhaften Ausdruck der Augen und seine etwas gallige
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er war
-kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau,
-woher seine Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch
-nicht um seinen Stammbaum; das paßte nicht in sein
-System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft damit nicht
-viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen, und
-kannte auch keine andere Sprache außer der <a id="corr-45"></a>russischen.
-</p>
-
-<p>
-Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen,
-eine kleine Reise zu machen, und mir einige unserer
-Gouvernements anzusehen. Ich will meine Langeweile
-los werden,&ldquo; sagte Platonow, &bdquo;Pawel Iwanowitsch hat
-mir vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja vortrefflich!&ldquo; sagte Konstanshoglo. &bdquo;Und
-welche Gegend gedenken Sie zu besuchen?&ldquo; fuhr er fort,
-indem er sich liebenswürdig an Tschitschikow wandte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich muß gestehen,&ldquo; sagte Tschitschikow, indem er
-den Kopf höflich auf die Seite neigte und mit der Hand
-über die Stullehne strich, &bdquo;ich muß gestehen, daß ich
-eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im Interesse
-eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf
-wohl sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat
-mich gebeten, einige von seinen Verwandten aufzusuchen.
-Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber
-andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen
-Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den
-das Reisen für die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen
-zu lernen, sich in den Wirbel und Strudel des Menschenvolkes
-zu stürzen &mdash; das ist sozusagen ein lebendes Buch
-und auch eine Art Wissenschaft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-&bdquo;Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in
-der Welt umsieht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist
-wirklich gut. Man sieht allerhand Dinge, die man sonst
-nie gesehen hätte, und trifft mit Menschen zusammen,
-denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche
-Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich
-hier, wo sich mir eine so glückliche Gelegenheit bietet ...
-Ich wende mich an Sie, verehrtester Konstantin Fjodorowitsch.
-Helfen Sie mir, belehren Sie mich, stillen Sie meinen
-Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit. Ich
-lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn
-lehren?&ldquo; sprach Kostanshoglo verlegen. &bdquo;Ich habe doch
-selbst nur ein paar Groschen Lehrgeld bezahlt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die
-Weisheit und die Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft
-zu regieren, einen sicheren Gewinn zu erzielen,
-Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen
-eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn
-das ist doch die Pflicht eines jeden Bürgers und damit
-verdient man sich die Achtung seiner Mitmenschen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie was?&ldquo; sagte Kostanshoglo und sah ihn
-nachdenklich an, &bdquo;bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich
-will Ihnen die ganze Einrichtung zeigen und Ihnen
-alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier
-nicht finden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber natürlich! Bleiben Sie doch!&ldquo; fiel die Hausfrau
-ein; dann wandte sie sich an ihren Bruder und
-fuhr fort: &bdquo;Bleib doch, Bruder, du hast doch keine Eile.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-&bdquo;Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch
-nichts dagegen hat?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen
-... Da ist nur noch ein Umstand: ein Verwandter
-des General Betrischtschew, der Oberst Koschkarow ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der ist aber doch verrückt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch
-gar nicht besucht, aber General Betrischtschew, wissen Sie,
-ein guter Freund von mir, und sozusagen mein Wohltäter
-...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,&ldquo;
-sagte Kostanshoglo: &bdquo;fahren Sie doch gleich zu ihm, er
-wohnt keine zehn Werst von hier. Mein Wagen ist angespannt
-&mdash; setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin.
-Zum Tee können Sie schon wieder zurück sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine großartige Idee!&ldquo; rief Tschitschikow aus und
-griff nach dem Hut.
-</p>
-
-<p>
-Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben
-Stunde zum Obersten. Im Dorfe ging es drunter und
-drüber: hier wurde gebaut, dort eine Reparatur vorgenommen,
-überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen
-und Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser,
-die wie Gerichtsgebäude aussahen. Auf dem einen befand
-sich eine Inschrift in goldenen Lettern: &bdquo;Depot für
-landwirtschaftliche Werkzeuge&ldquo;, auf einem andern las
-man: &bdquo;Hauptrechnungskammer&ldquo;, &bdquo;Komitee für Gemeindeangelegenheiten&ldquo;,
-&bdquo;Normalschule für Landleute&ldquo;. Mit
-einem Wort, weiß der Teufel, was es da nicht alles gab!
-</p>
-
-<p>
-Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der
-Feder in den Zähnen. Der Oberst empfing Tschitschikow
-außerordentlich freundlich. Er machte den Eindruck eines
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing
-er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es <a id="corr-48"></a>ihn gekostet
-habe, sein Gut auf die Höhe zu bringen, auf der es sich
-jetzt befindet; er beklagte sich schmerzlich darüber, wie
-schwer es sei, den Bauern begreiflich zu machen, was
-die &bdquo;höheren Antriebe&ldquo; sind, die der Mensch nur aus
-einem vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung
-mit Wissenschaften und Künsten gewinnt; daß es ihm
-noch immer nicht gelungen sei, die Bäuerinnen zu veranlassen,
-doch ein Korsett anzulegen, während er in Deutschland,
-wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die
-Tochter eines einfachen Bauern kennen gelernt habe, die
-Klavier spielen konnte; dennoch aber werde er den Trotz
-der Unwissenheit und Unbildung brechen, und es bestimmt
-erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während
-sie hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise
-über den Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils
-und die chemische Analyse des Bodens unterrichten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß du dich nur nicht täuschst!&ldquo; dachte Tschitschikow.
-&bdquo;Denken Sie bloß, ich habe die &bdquo;Gräfin Laveillère&ldquo; bis
-heute noch nicht gelesen. Ich kann immer keine Zeit
-dazu finden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die
-Menschen wohlhabend und glücklich machen könne. Eine
-besondere große Bedeutung legte er der Kleidung bei:
-er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte
-aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen
-wollte, die Wissenschaften emporblühen, der Handel
-sich heben und das goldene Zeitalter für Rußland anbrechen
-würde.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow sah <a id="corr-49"></a>ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-ihn ruhig an und sagte schließlich zu sich selbst: &bdquo;Ich
-glaube, mit dem brauche ich mich nicht zu genieren;&ldquo;
-und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig, zuvor
-aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und
-dazu bedürfe es <em>der</em> und <em>der</em> Formalitäten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,&ldquo; sagte
-der Oberst, ohne auch nur im geringsten in Verlegenheit
-zu geraten, &bdquo;ist das ein <em>Gesuch</em>, das Sie an mich
-richten! Nicht wahr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr richtig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu
-formulieren. Das Gesuch muß nämlich erst ins &bdquo;Bureau
-für Berichte und Anzeigen&ldquo;, dort wird es signiert, und
-erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf
-an das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von
-dort geht es an den Verwalter, der Erhebungen anstellen
-wird, und der Verwalter läßt es endlich zusammen mit
-dem Sekretär ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte Sie!&ldquo; sprach Tschitschikow, &bdquo;auf diese Weise
-wird sich ja die Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein
-solcher Gegenstand läßt sich doch nicht schriftlich behandeln.
-Das ist ja so eine delikate ... Angelegenheit, die ...
-Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß
-die Seelen gewissermaßen schon tot sind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man
-doch nicht niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so
-soll es doch den Anschein haben, als ob sie noch leben ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, dann schreiben Sie eben: <em>es ist nötig, oder
-es ist erwünscht, oder man legt Wert darauf,
-daß es den Anschein habe, als ob sie noch leben</em>.
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken
-Sie bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich
-will Ihnen einen Mann mitgeben, der Sie überallhin
-begleiten wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.&ldquo; Gleich
-darauf trat auch der Kommissar herein, ein Mann, dem
-man es nicht recht ansehen konnte, was er war, ein Bauer
-oder ein Beamter. &bdquo;Er wird Sie überall hinführen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich
-aus Neugierde, dem Kommissar zu folgen und diese so
-überaus wichtigen Instanzen kennen zu lernen. Das
-&bdquo;Bureau für Berichte und Anzeigen&ldquo; stand nur auf dem
-Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der
-Chef des Bureaus Chryljow war in das soeben gegründete
-Komitee für Gemeindebauten versetzt. Seine
-Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch
-der war von der Baukommission irgendwohin geschickt
-worden. Sie gingen daher in das Departement für
-Gemeindeangelegenheiten &mdash; da wurden jedoch gerade
-Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann,
-der betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich
-auch nichts herausbringen. &bdquo;Bei uns herrscht eine große
-Unordnung!&ldquo; sagte schließlich der Kommissar zu Tschitschikow.
-&bdquo;Die Leute tanzen unserem Herrn alle auf
-der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission
-ab; sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt
-sie überallhin, wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission
-kommt man auf seinen Vorteil.&ldquo; Er war
-offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission. Tschitschikow
-wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein
-großer Wirrwar, man könne sich da unmöglich zurechtfinden,
-und ein Bureau für Berichte und Anzeigen gäbe
-es überhaupt nicht.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte
-Tschitschikow dankbar die Hand. Er griff sofort zur
-Feder und verfaßte acht in strengstem Tone gehaltene
-Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission
-eigenmächtig über Beamte verfügt habe, die garnicht
-zu ihrem Ressort gehörten? wie der Oberverwalter es
-habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich entfernte,
-um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen
-Posten zuvor einem andern übergeben zu haben? und
-wie das Komitee für Gemeindeangelegenheiten ruhig
-darüber hinweggehen konnte, daß es überhaupt kein
-Bureau für Anzeigen und Berichte gebe?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!&ldquo; dachte
-Tschitschikow und wollte schon wegfahren, da aber sagte
-Koschkarjow:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es
-sich um meine Ehre. Ich will Ihnen beweisen, was
-das ist: eine geregelte, organisierte Wirtschaft. Ich will
-Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel
-wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität
-beendigt. Sehen Sie, solche Leibeigene habe
-ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht allzulange in Anspruch
-zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich einstweilen
-in meine Bibliothek verfügen zu wollen,&ldquo; fuhr
-der Oberst fort, indem er eine Seitentür öffnete: &bdquo;Hier
-finden Sie Bücher, Papier, Federn, Bleistifte &mdash; mit
-einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte! alles
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-steht zu <a id="corr-51"></a>Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu
-Hause wären. Die Aufklärung und Wissenschaft sollte
-allen offen stehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow
-in die Bibliothek geleitete. Diese war ein mächtiger
-Saal der von unten bis oben mit Büchern vollgepfropft
-war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden sich
-darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es
-Bücher über Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht,
-Gartenbau, Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete,
-wie sie einen zugeschickt werden, bloß damit man auf
-sie abonniert, die aber kein Mensch liest. Als Tschitschikow
-sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher
-waren, die sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer
-Weise die Zeit zu vertreiben, ging er an den
-nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus dem Regen
-in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als
-<em>philosophische</em> Bücher. Das erste, was ihm ins Auge
-fiel, waren sechs gewaltige Bände mit der Ueberschrift:
-&bdquo;Einführung in die Lehre vom Denken, Theorie der
-Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer Anwendung
-auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien
-der Polarität in der gesellschaftlichen Produktivität.&ldquo;
-Was für ein Buch Tschitschikow auch aufschlagen mochte,
-auf jeder Seite las er immer nur von: <em>Erscheinung</em>,
-<em>Entwickelung</em>, <em>Abstraktion</em>, <em>Geschlossenheit</em>,
-<em>An und Für sich sein</em>, mit einem Wort, weiß der
-Teufel, was nicht alles in so einem Buche stand! &bdquo;Das
-ist nichts für mich,&ldquo; sagte Tschitschikow, und ging an
-einen dritten Schrank, der wieder lauter <em>kunstgeschichtliche</em>
-Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-Folianten mit Bildern aus der antiken Mythologie
-hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige Sittsamkeit
-auszeichneten und begann darin zu blättern.
-Solche Bilder gefallen besonders Junggesellen in mittleren
-Jahren, mitunter aber auch alten Herren, die ihre
-Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche gepfefferte
-Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit
-dem einen Buche fertig war, wollte er schon zu einem
-zweiten ähnlichen übergehen, als Oberst Koschkarjow
-mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in der
-Tür erschien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit
-erledigt! Der Mensch, von dem ich Ihnen erzählt
-habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür will ich ihn aber
-auch über alle anderen erheben und ein eigenes Departement
-für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was
-das für ein heller Kopf ist, und wie er in ein paar
-Minuten mit allem fertig geworden ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, Gott sei Dank!&ldquo; dachte Tschitschikow und
-schickte sich an, zu hören. Der Oberst begann mit der
-Vorlesung:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew.
-Hochwohlgeboren erteilten Auftrages gehe, habe ich die
-Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren Kenntnis zu
-bringen:
-</p>
-
-<p>
-Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters
-und Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow
-ein grundlegendes Mißverständnis enthalten, denn
-die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden
-unvorsichtiger Weise <em>tot</em> genannt. Dahingegen wird
-er wahrscheinlich Seelen gemeint haben, die dem Tode
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-nahe sind, keineswegs aber absolut tote Seelen. Zudem
-verrät auch schon diese Bezeichnung eine Bildungsstufe,
-die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen
-Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem
-Niveau einer Gemeindeschule entspricht, denn die Seele
-ist <em>unsterblich</em>.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Schelm!&ldquo; sagte Koschkarjow und hielt ein
-wenig inne. &bdquo;Hier will er Ihnen eines auswischen.
-Aber nicht wahr? welch eine gewandte, schneidige Feder
-er führt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden,
-weder solche, die dem Tode nahe sind, noch irgendwelche
-andre, die nicht schon hypothekarisch belastet wären, denn
-sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit einfachen,
-sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß
-noch außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede
-Seele kommen, ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka,
-welches infolge eines Prozesses mit dem Gutsbesitzer
-Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in
-Nummer 42 der &bdquo;Moskauer Nachrichten&ldquo; zu lesen steht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt?
-Wozu haben Sie mich unnütz aufgehalten?&ldquo; sagte
-Tschitschikow ärgerlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf
-dem richtigen Instanzweg ergeben. Das ist doch kein
-Spaß. Unbewußt und sozusagen instinktiv kann jeder
-Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein
-geschehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und
-lief eilig zum Hause hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten
-Pflichten des Anstandes zu wahren: er war sehr
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor
-der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde
-auszuspannen, denn um Futter für die Tiere zu erhalten,
-hätte er erst ein schriftliches Gesuch einreichen müssen,
-und der Beschluß, den Pferden ihren Hafer auszufolgen,
-wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der Oberst
-lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft
-die Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß
-er ihm Gelegenheit gegeben habe, den ganzen Betrieb in
-der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse den
-Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen.
-Sonst könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus
-träge werden und einrosten. Dieser Vorfall
-habe ihm einen glücklichen Gedanken eingegeben,
-nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den
-Namen tragen soll: &bdquo;Kommission zur Aufsicht über die
-Baukommission&ldquo;. Dann würde es niemand mehr wagen
-zu stehlen.
-</p>
-
-<p>
-Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später
-Stunde bei Kostanshoglo an. Man hatte schon längst
-Licht angezündet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum kommen Sie so spät?&ldquo; sagte Kostanshoglo,
-als Tschitschikow in der Türe erschien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?&ldquo;
-fragte Platonow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen
-Leben nicht gesehen!&ldquo; rief Tschitschikow aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist noch gar nichts!&ldquo; meinte Kostanshoglo.
-&bdquo;Koschkarjow ist trotzdem eine tröstliche Erscheinung.
-Man braucht solche Leute, weil sich in ihnen die Torheiten
-unserer &bdquo;weisen Männer&ldquo; gewissermaßen karrikiert und
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-recht drastisch offenbaren. &mdash; All jene Neunmalklugen,
-die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen
-haben, sich in der Fremde allerhand Flausen in den
-Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir jetzt für
-Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für
-Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen,
-Schulen und Kommissionen, und weiß der Teufel, was
-noch alles! So sind aber die gescheidten Leute! Kaum
-daß man sich von <a id="corr-55"></a>der französischen Invasion und dem
-Jahr 1812 erholt hat, da fangen sie schon wieder an,
-Unordnung zu stiften und alles einzureißen. Wahrhaftig,
-die haben schlimmer gehaust als der Franzose.
-Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein
-Peter Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten
-Gutsbesitzer sein wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?&ldquo;
-sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles,
-alles!&ldquo; Kostanshoglo redete sich allmählig immer mehr
-in Zorn. &bdquo;Da haben Sie zum Beispiel eine Hut- und
-eine Kerzenfabrik &mdash; natürlich müssen die Werkmeister
-aus London verschrieben werden. Man wird ja zum
-reinsten Krämer! Der Gutsbesitzer &mdash; ein so hochachtbarer
-Beruf &mdash; wird Fabrikant und Manufakturist! Webstühle
-um Tüllkleider für die &bdquo;Dämchen&ldquo; aus der Stadt zu
-fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber du selbst hast doch auch Fabriken,&ldquo; bemerkte
-Platonow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer hat denn die gebaut?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel
-Wolle da, daß ich sie nicht absetzen konnte. &mdash; Da fing
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-ich eben an, Stoffe zu weben, lauter <em>dickes</em>, einfaches
-Zeug &mdash; das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem
-Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern
-brauchen, meine eigenen Bauern. Oder ein anderes Beispiel:
-die Fischer haben sechs Jahre lang ihre Fischschuppen
-hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß
-hin mit ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus
-ihnen zu sieden. Das hat mir vierzig Tausend eingebracht.
-So kommt bei mir alles von selbst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Teufel!&ldquo; dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd
-anblickte. &bdquo;Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose
-zu mir gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger
-gestorben wären. Wir hatten ja Hungersnot. Alles
-dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen
-hatten. Solche Fabriken gibt&rsquo;s bei mir in Hülle
-und Fülle, mein Bester, jedes Jahr &rsquo;ne andre. Je nachdem,
-was ich gerade für Abfälle zu verwerten habe.
-Sieh&rsquo; nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem
-Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn
-schließlich fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich
-baue mir ja auch keine Häuser mit Säulengängen und
-Giebeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber
-ist, daß man mit jedem Plunder was verdienen kann!&ldquo;
-sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge
-doch ganz einfach so nehmen wollten, wie sie sind.
-Aber da will gleich jeder Kunstschlosser und Mechaniker
-sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht.
-Und dazu muß er erst extra nach England
-fahren! Das ist es! Solche Narren!&ldquo; Bei diesen
-Worten spuckte Konstanshoglo aus. &bdquo;Und dabei kommt er
-tausendmal dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!&ldquo; sagte
-die Frau besorgt, &bdquo;du weißt doch, daß dir das schadet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen!
-Wenn es sich hierbei noch um etwas handelte, was
-einen nichts angeht. Aber das sind doch alles Dinge,
-die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch,
-wenn man sieht, wie der russische Charakter verdorben
-wird. Es ist jetzt eine Don Quixoterie bei uns aufgekommen,
-die wir früher garnicht gekannt haben!
-Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist,
-dann wird er gleich ein Don Quixote. Gründet
-allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein Narr
-was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen
-heran, die zu nichts nütze sind, weder auf dem Lande,
-noch in der Stadt. Höchstens lauter Trinker, die einen
-sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder so
-einer will in Humanität machen &mdash; dann wird er ein
-Don Quixote der Humanität: baut allerhand alberne
-Krankenhäuser und Asyle mit Säulenhallen für &rsquo;ne Million,
-richtet sich selbst zugrunde und bringt andere Leute an
-den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung
-zu tun. Er wollte durchaus näheres darüber
-erfahren, wie man mit jedem Plunder was verdienen
-könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte
-kommen; immer neue, heftige Reden entströmten seinem
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Munde, er war jetzt schon nicht mehr imstande, sie zu
-unterdrücken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den
-Bauern aufklären sollen ... sorgt mal erst dafür, daß
-er reich und ein tüchtiger Landwirt wird, dann wird er
-schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich
-garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden
-sind. Was diese Federfuchser nicht alles schreiben!
-Wenn einer ein Buch in die Welt setzt, dann stürzen
-sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was sie
-jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: &sbquo;Der Bauer
-führt ein zu primitives Leben; er muß auch den Luxus
-kennen lernen, man muß ihm höhere Bedürfnisse beibringen
-...&lsquo; Weil sie selbst dank diesem Luxus zu
-Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen
-Burschen mehr gibt, der nicht schon von allem
-gekostet, bald keine Zähne mehr im Munde, und eine
-Glatze hat, wie eine Schweinsblase &mdash; darum wollen
-Sie andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott
-danken, daß wir doch wenigstens noch <em>einen</em> gesunden
-Stand haben, der noch nichts von diesen Launen und
-Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich
-dankbar sein. Jawohl &mdash; der Landmann verdient unsere
-allergrößte Achtung &mdash; wozu rührt ihr ihn also an?
-Gott gebe, daß alle Leute so wären wie er.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich
-mit der Landwirtschaft zu beschäftigen?&ldquo; fragte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste.
-&sbquo;Im Schweiße deines Angesichts sollst du
-dein Brot essen&lsquo;, heißt es in der Bibel. Daran ist
-nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung
-mit dem Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und
-sittlicher macht. Ich sage nicht &mdash; daß man nichts
-andres tun dürfe &mdash; aber der Grund zu allem muß in
-der Landwirtschaft liegen ... das ist&rsquo;s. Die Fabriken
-werden schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige
-Fabriken &mdash; in denen Dinge hergestellt werden, die der
-Mensch hier, an Ort und Stelle braucht, und nicht all
-diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung eingebildeter
-Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen
-nur verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer
-Existenz willen und um nur einen recht großen Absatz zu haben,
-zu den schändlichsten Mitteln ihre Zuflucht nehmen, und
-das unglückliche Volk verderben und verführen. Ich
-für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen
-gründen, und wenn die Leute mir noch so viel von seinem
-Nutzen vorreden, ich werde mich nie dazu hergeben, jene
-sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und Tabak,
-Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million
-deswegen verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus
-in die Welt kommen soll, dann will <em>ich</em> wenigstens
-meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich will rein
-dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich <em>in</em>
-und <em>mit</em> dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man
-die Reste und Abfälle so gut verwerten und mit jedem
-Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt natürlich, daß
-man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!&ldquo; fuhr Kostanshoglo
-fort, ohne auf ihn zu hören, und sein Gesicht nahm
-einen boshaften und sarkastischen Ausdruck an. &bdquo;Tüchtige
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf dem
-andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase
-reicht! Und so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille
-auf und ... Narren!&ldquo; Und wieder spuckte er ärgerlich aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich
-aber doch bitte nicht so,&ldquo; sagte die Frau, &bdquo;als ob es nicht
-möglich ist, über diese Dinge zu reden, ohne gleich außer
-sich zu geraten.&ldquo;<a id="tva-8" href="#tv-8">(8)</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin
-Fjodorowitsch, dann beginnt man gewissermaßen den Sinn
-des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen den Kern
-der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick
-diese allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und
-Ihre Aufmerksamkeit auf eine Privatangelegenheit zu
-richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre Gutsbesitzer
-geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu
-Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen
-eine ernste Bürgerpflicht zu erfüllen, &mdash; wie sollte
-ich das wohl anfangen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?&ldquo;
-fiel Kostanshoglo ein: &bdquo;Ganz einfach: ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Abendessen ist fertig,&ldquo; sagte die Hausfrau,
-indem sie sich vom Sofa erhob; sie ging in die Mitte des
-Zimmers und hüllte ihren jungen Körper zitternd in ihr Tuch.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit
-eines Militärs vom Stuhle auf, hielt ihr höflich den
-Arm hin und führte sie feierlich durch zwei Zimmer hindurch
-bis in den Speisesaal, wo schon die offene Suppenterrine
-auf dem Tische stand und einen angenehmen
-würzigen Duft von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern
-verbreitete. Alle Anwesenden nahmen Platz. Die Bedienten
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln nebst
-allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und
-entfernten sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die
-Dienstboten mit anhörten, was bei Tische gesprochen wurde,
-oder daß sie ihm in den Mund sahen, während er aß.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war
-und ein Gläschen von einem ganz vorzüglichen Getränk,
-das wie Ungarwein schmeckte, geleert hatte, wandte er
-sich abermals an den Hausherrn: &bdquo;darf ich noch einmal
-auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs
-zurückkommen, Verehrtester. Ich wollte Sie
-fragen, wie man es anfangen, was man tun muß, wie
-man sich verhalten soll ...&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a>
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-.... &bdquo;Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut
-verlangen sollte, würde ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort
-auf den Tisch legen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm!&ldquo; Tschitschikow wurde nachdenklich. &bdquo;Und
-warum kaufen Sie es denn nicht selber?&ldquo; sagte er dann
-mit einer gewissen Schüchternheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit
-<em>meinen</em> Gütern genug zu tun. Und dann schreien
-unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre verzweifelte
-Lage zunutze mache und ihre Ländereien für
-einen Spottpreis aufkaufe. Das habe ich bald satt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-&bdquo;Daß doch die Menschen immer schlecht von einem
-reden müssen!&ldquo; sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und erst in unserer Provinz! Das können Sie
-sich garnicht vorstellen: man nennt mich hier garnicht
-anders als einen Filz und Geizhals. Sich selbst
-verzeihen sie alles. Da heißt es immer: &sbquo;Ich habe
-freilich alles durchgebracht; aber das kommt daher, weil
-ich eben höhere Bedürfnisse hatte, weil ich die Handelsleute
-und Industriellen (er sollte lieber sagen, die Lumpen
-und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein
-Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo&lsquo; ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!&ldquo;
-sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse!
-Wem wollen sie denn was weismachen? Wenn
-sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, &mdash; sie lesen
-sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind
-schließlich die Kosten und der ... Und das alles
-kommt bloß daher, weil ich keine Diners gebe und ihnen
-kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal nicht,
-weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt.
-Will einer zu mir kommen und an meiner
-Tafel mitessen &mdash; mit dem größten Vergnügen. Und
-daß ich kein Geld leihe &mdash; das ist ganz einfach nicht wahr.
-Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet
-und mir genau Rechenschaft gibt, was er mit meinem
-Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich aus seinen Worten
-entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon
-machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn
-eintragen wird, dann werde ich es ihm nicht abschlagen
-und nicht einmal Zinsen dafür verlangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-&bdquo;Das muß ich mir merken,&ldquo; dachte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So einem werde ich es nie abschlagen,&ldquo; fuhr Kostanshoglo
-fort. &bdquo;Aber mein Geld aus dem Fenster zu
-schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein, da muß
-man mich schon entschuldigen. Hol&rsquo;s der Teufel! Da
-kriegt einer den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu
-geben, oder er will sein Haus luxuriös ausstatten; will
-wie ein Verrückter, mit irgend einem Frauenzimmer auf
-den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil
-er so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft
-&mdash; und dazu soll ich ihm noch Geld leihen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte
-in Gegenwart seiner Frau beinah ein paar unanständige
-Schimpfworte fallen lassen. Der dunkele Schatten einer
-finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. Zahlreiche
-Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein
-deutliches Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die
-Galle regte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit
-noch einmal auf den Gegenstand unseres
-soeben unterbrochenen Gesprächs zurückzulenken,&ldquo; sagte
-Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen Himbeerlikör
-herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. &bdquo;Nehmen
-wir einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen
-geruhten, was denken Sie wohl? wie schnell
-und in wie langer Zeit könnte man wohl so reich werden,
-daß ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn Sie durchaus <em>schnell</em> reich werden wollen,&ldquo;
-unterbrach ihn Kostanshoglo kurz und streng, &bdquo;dann
-werden Sie niemals reich werden; wenn Sie dagegen
-die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht nach
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem
-Ziele kommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirklich?&ldquo; sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast,
-daß er sich über Tschitschikow ärgerte, &bdquo;man muß die
-Arbeit lieb haben, ohne das kann man nichts erreichen.
-Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! &mdash; Jawohl!
-Und glauben Sie mir &mdash; sie ist gar nicht langweilig.
-Das ist auch so ein neuer Einfall, daß es auf
-dem Lande langweilig ist ... ich für meinen Teil käme
-vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in
-der Stadt verbringen müßte, so wie diese Herrschaften
-ihre Zeit totschlagen: in ihren Klubs, und Restaurants
-und Theatern. Narren! Nichts als Narren. Eine ganze
-Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit
-zur Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren
-Zwischenräume &mdash; jeder Augenblick ist ausgefüllt. Schon
-diese Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigung, seiner Tätigkeit!
-&mdash; und welch einer Tätigkeit! &mdash; diese Tätigkeit
-hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist!
-Sagt was ihr wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen
-Hand in Hand mit der Natur, wird zum Mitwisser
-und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an
-allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie
-doch nur hin, was das ganze Jahr über alles geschafft
-werden muß: wie noch vor Anbruch des Frühlings alles
-auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da
-muß die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen
-noch einmal durchgesehen, gemessen und getrocknet, da
-muß nachgerechnet werden, wieviel Arbeit zu allem erforderlich
-sein wird. Alles wird im voraus überlegt
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das
-Eis bricht und die Flüsse frei werden, wenn dann alles
-trocken ist und die Erde sich lockert &mdash; dann arbeitet in
-den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten, und Pflug
-und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät.
-Verstehen Sie, was das heißt? Das ist wohl eine
-Kleinigkeit? Es ist die künftige Ernte, die hier vorbereitet
-wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier ausgesät.
-Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der
-Sommer ... Nun beginnt die Heuernte, man mäht
-und mäht ... Doch jetzt kommt die Erntezeit; erst
-der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer.
-Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt&rsquo;s keinen Augenblick
-verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und
-doch hätte keines Zeit zum Ruhen. Und wenn dann
-alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und zu Garben
-zusammengebunden ist &mdash; dann muß man schon wieder
-weiter denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt,
-die Scheunen, die Darren, die Viehställe müssen
-geputzt werden, dazu kommt noch die ganze Frauenarbeit &mdash;
-wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst,
-was man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst
-der Winter! Da wird auf allen Tennen gedroschen und
-dann das gedroschene Korn von den Darren in die
-Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in
-die Fabriken, besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern
-und sieht, was sie tun und treiben. Ach, ich kann Ihnen
-sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt umzugehen
-weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und
-ihm zuschauen, so ein Vergnügen macht mir&rsquo;s, ihn arbeiten
-zu sehen. Und wenn man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-einen Sinn und ein Ziel hat, wie um uns her alles
-wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt &mdash;
-ich kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht.
-Nicht deshalb, weil sich das Geld vermehrt &mdash;
-Geld ist natürlich auch eine schöne Sache &mdash; aber weil
-das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst,
-daß du selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist,
-und daß du wie irgend ein Magier oder Zauberer
-nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über alles
-ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen
-höheren Genuß vorstellen?&ldquo; fuhr Kostanshoglo fort und
-blickte empor; die Falten waren verschwunden. Wie ein
-König am Tage seiner feierlichen Krönung, so strahlte
-er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten.
-&bdquo;Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen
-Genuß finden! Denn hierin ahmt der Mensch den
-Schöpfer nach: Gott hat sich das Schaffen als den
-höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom
-Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück
-und Wohlergehen schaffe. Und das nennt man eine
-langweilige Beschäftigung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen
-Tschitschikow die süßtönenden Reden des Hausherrn, an
-denen er sich garnicht satt hören konnte. Das Wasser
-lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten
-einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen
-Ausdruck an; er hätte immer weiter zuhören mögen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns
-erheben,&ldquo; sagte die Hausfrau und stand auf. Alle
-folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin den Arm und
-führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und
-Gewandheit, denn seine Gedanken wurden von anderen
-weit wichtigeren Fragen bewegt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem
-trostlos und langweilig,&ldquo; erklärte Platonow, der
-hinter ihnen herging.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Gast ist kein dummer Kerl,&ldquo; dachte der Hausherr;
-&bdquo;er ist aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in
-seinen Reden und vor allem kein Schwätzer.&ldquo; Bei
-diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die Unterhaltung
-schien ihn warm gemacht zu haben, und er
-freute sich, daß er einen Menschen gefunden hatte, der
-es verstand, seine weisen Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer,
-in dem einige Kerzen ein angenehmes Licht verbreiteten,
-dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die Sterne
-hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens
-freundlich zu ihnen durch die Glastür hereinblinkten,
-da wurde es Tschitschikow so wohlig zu mute, wie schon
-lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich nach langen
-Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände,
-wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach
-sein Herz begehrte, und mit dem Worte &bdquo;Genug&ldquo;
-seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte. Diese beglückende
-Stimmung verdankte er den klugen Reden
-des gastfreien Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es
-gewisse Worte, die ihm lieber und vertrauter sind, als
-alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man
-irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven
-einen Menschen findet, dessen erwärmende Unterhaltung
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-einen den unwegsamen Weg, die Unbequemlichkeiten des
-Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und
-den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt.
-Mit unbegreiflicher Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter
-Abend für alle Zeiten unserer Erinnerung ein,
-mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so kleine
-Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was
-er in der Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und
-jede unbedeutende Kleinigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend,
-alles prägte sich seinem Gedächtnis tief ein: das freundliche
-schlicht möblierte Zimmer, der gutmütige Ausdruck
-im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das Tapetenmuster,
-die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die
-Platonow gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in
-seine dicke Schnauze blies, Jarbs ärgerliches Schnauben,
-das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre vorwurfsvollen
-Worte: &bdquo;Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.&ldquo;
-Die lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen
-in der Zimmerecke, die Glastür, die Frühlingsnacht, die
-über die hohen Baumwipfel schwebend zu ihnen
-hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte
-Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen,
-die ihr Lied aus der Tiefe grünblättriger Haine laut
-hinausschmetterten in die herrliche Nacht ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter
-Konstantin Fjodorowitsch!&ldquo; sagte Tschitschikow. &bdquo;Ich
-kann wohl sagen, ich habe in ganz Rußland keinen
-Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand gleichkäme.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß <a id="corr-60"></a>Tschitschikow
-unrecht hatte. &bdquo;Nein, nein, wenn Sie einen
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-wirklich klugen Menschen kennen lernen wollen, &mdash; hier
-ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: &mdash; das
-ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die
-Schuhriemen aufzubinden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist denn das?&ldquo; fragte Tschitschikow erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist unser Branntweinpächter Murasow.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!&ldquo; rief
-Tschitschikow aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein
-Gut, der könnte einen ganzen Staat verwalten. Hätte
-ich ein Königreich, ich würde ihn sofort zu meinem
-Finanzminister ernennen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab
-der Wahrscheinlichkeit übersteigt: er soll sich zehn Millionen
-erworben haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten.
-Bald wird halb Rußland ihm gehören!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagen Sie!&ldquo; rief Tschitschikow, indem er den
-Mund öffnete und sein Gegenüber erstaunt anstarrte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar
-Hunderttausende besitzt, der wird langsam reich, wer
-dagegen Millionen hat, der hat sozusagen einen gewaltigen
-Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und
-verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites
-Feld, einen zu großen Spielraum. Da gibt&rsquo;s keine
-Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner messen. Er
-kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn
-es ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herrgott, Herrgott!&ldquo; sagte Tschitschikow und schlug
-ein Kreuz. Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge,
-und der Atem wollte ihm ausgehen: &bdquo;Das ist ja geradezu
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-unfaßbar! Man wird ganz starr vor Schrecken!
-Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man
-einen Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es
-weit wunderbarer, daß solch gewaltige Summen durch
-die Hand <em>eines</em> Sterblichen gehen können. Darf ich
-Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der
-Gründung dieses Vermögens ist es doch wohl nicht
-ganz sauber zugegangen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er
-hat sich stets nur der saubersten Mittel bedient.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben!
-Wenn es sich bloß um Tausende handelte, aber hier geht
-es um Millionen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die
-Millionen dagegen werden leicht erworben. Ein Millionär
-braucht die krummen Wege nicht: er braucht nur
-immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor
-ihm liegt. Ein andrer kann&rsquo;s eben nicht aufheben, es
-fehlt ihm die Kraft dazu &mdash; der Millionär aber hat
-keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß ..
-ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht
-sich ... Was bringen dagegen ein paar
-Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.&ldquo; ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit
-ein paar Kopeken angefangen haben soll!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der
-Lauf der Dinge,&ldquo; sagte Kostanshoglo. &bdquo;Wer reich geboren
-und erzogen ist, und von Jugend auf immer mit Tausenden
-zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu, der
-hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott
-was noch alles! Man muß von Anfang an anfangen
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-und nicht mit der Mitte &mdash; mit der Kopeke und nicht
-mit dem Rubel &mdash; von unten und nicht von oben: dann
-erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich
-kennen, unter denen man später leben muß. Wenn man
-erst das eine und das andre am eignen Leibe gespürt
-und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie
-es heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn
-man erst alles durchgemacht und alle Prüfungen überstanden
-hat, dann wird man klug und besitzt Erfahrung
-genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen
-Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben
-Sie mir, ich spreche die Wahrheit. Man muß von Anfang
-anfangen und nicht mit der Mitte. Wer mir sagt:
-&sbquo;Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen,
-wie schnell ich reich werde,&lsquo; dem glaube ich nicht; der
-spekuliert auf das Glück und geht nicht sicher. Man
-muß mit der Kopeke anfangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,&ldquo;
-versetzte Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die
-toten Seelen denken: &bdquo;denn ich fange in der Tat
-mit nichts an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel
-Iwanowitsch etwas Ruhe gönnen; er will sicher schlafen
-gehen,&ldquo; sagte die Hausfrau, &bdquo;du aber plauderst immer
-weiter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich werden Sie reich werden,&ldquo; erwiderte
-Kostanshoglo, ohne auf seine Frau zu hören. &bdquo;Passen
-Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen
-zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit
-hin sollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-schwebte wie in einem herrlichen Reiche schmeichelnder
-Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz wirr im
-Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene
-Blumen in den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden
-Reichtums, und immer wieder klangen ihm
-Kostanshoglos Worte in den Ohren: &bdquo;Das Gold wird
-Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es
-Zeit schlafen zu gehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du
-Lust hast,&ldquo; sagte der Hausherr und hielt inne; Platonow
-schnarchte so laut, daß das ganze Zimmer dröhnte, und
-neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte,
-als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es
-in der Tat Zeit zum Schlafengehen war, er rüttelte
-daher Platonow auf und sagte: &bdquo;Schnarch doch nicht so!&ldquo;,
-dann wünschte er Tschitschikow eine gute Nacht, alle
-gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett
-in tiefen Schlaf versunken.
-</p>
-
-<p>
-Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine
-Gedanken wollten nicht zur Ruhe kommen. Er sann
-unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen sollte,
-der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß eingebildeten
-oder phantastischen Gutes zu werden. Nach
-dem Gespräch mit dem Hausherrn war ihm mit einem
-Male alles klar! Die Möglichkeit, reich zu werden, lag
-in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige
-Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so
-einfach und natürlich, und ganz wie geschaffen für seine
-Natur! Wenn er nur erst seine Hypothek auf diese
-Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes wäre.
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken
-&mdash; ganz wie Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte &mdash; gewandt,
-umsichtig und sicher, ohne vorzeitige Neuerungen
-einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen gelernt
-hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er
-kannte alle Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus
-und Überfluß und widmete sich allein der Arbeit und
-dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die große
-Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung
-herrschen, alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter
-bewegen und eins das andere vorwärts stoßen und zur
-Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben und geschäftige
-Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle
-sich das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten
-in seiner Mühle alle Abfälle und jeglicher Plunder zu
-Staub zermahlen werden, um als bares Geld wieder
-herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand
-beständig vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick.
-Das war der erste Mann in ganz Rußland, vor dem
-er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis
-auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur
-wegen seiner Titel und Würden oder weder seines hohen
-Einkommens geachtet: des Verstandes wegen hatte er
-eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt.
-Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem
-es ihm anders ging. Tschitschikow fühlte, daß er sich
-mit diesem Menschen auf keine Kniffe und Kunststücke
-einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein ganz
-anderes Projekt &mdash; der Ankauf des Chlobujewschen Gutes.
-Er besaß selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend
-hoffte er von Kostanshoglo leihen zu können; hatte dieser
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem zu helfen, der zu
-Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest &mdash;
-dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls
-aber konnte er den Verkäufer warten lassen. Das
-ging schließlich auch: mochte jener sich doch mit den
-Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte!
-Und lange noch lag er so da und dachte darüber nach,
-bis schließlich Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt,
-das ganze Haus schon vier Stunden lang in seinen
-Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war
-Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-4">
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-Viertes Kapitel.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht
-besser wünschen ließ. Kostanshoglo schoß Tschitschikow
-bereitwilligst zehntausend Rubel vor,
-ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser
-mußte ihm bloß eine gewöhnliche Quittung ausstellen:
-so gern half er jedem, der sich Besitz und Wohlstand
-erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich, Tschitschikow
-persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das
-Gut mit ihm zusammen in Augenschein zu nehmen.
-Tschitschikow war in der besten Laune. Nach einem
-reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg,
-nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz
-genommen hatten: die leeren Kutschen des Hausherrn
-folgten ihnen in einiger Entfernung nach. Jarb lief
-voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn
-Werst lang sah man auf beiden Seiten nichts als
-Wälder und Ackerland, das zu Kostanshoglos Gute
-gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich
-das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und
-statt der Wälder erblickte man überall nichts als Baumstümpfe.
-Trotz der hübschen Lage merkte man es dem
-Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt
-worden war. Zuerst kam man an einem
-neuen steinernen Hause vorüber, das aber unbewohnt
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses
-folgte ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte.
-Die Gäste fanden den Gutsherrn noch ungekämmt
-und verschlafen; er war nämlich erst vor
-kurzem aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre
-alt sein; sein Halstuch saß schief, sein Rock war
-geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch.
-</p>
-
-<p>
-Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste,
-als ob Gott weiß was geschehen wäre: man hätte glauben
-können, er sähe seine Brüder nach langer Trennung zum
-ersten Male wieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch!
-Nein solch eine Freude. Ich muß mir wirklich die
-Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir kommt keiner
-mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest:
-alle Leute denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja,
-ja, Konstantin Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich
-sehe &mdash; ich bin selbst schuld an allem. Aber, was soll
-ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen Sie
-bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen
-Kostüm empfange: Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert.
-Was darf ich Ihnen vorsetzen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein
-Geschäft mit Ihnen machen. Hier haben Sie einen
-Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch Tschitschikow,&ldquo;
-sagte Kostanshoglo.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft
-zu machen. Bitte, lassen Sie mich Ihre Hand drücken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow reichte ihm beide Hände.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester
-Pawel Iwanowitsch, es ist sehr interessant ... Aber
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob Sie auch gegessen
-haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich haben wir gegessen,&ldquo; versetzte Kostanshoglo,
-der ihn möglichst schnell los sein wollte. &bdquo;Wir wollen
-keine Zeit verlieren und das Gut gleich jetzt besichtigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, dann wollen wir gehen.&ldquo; Chlobujew nahm
-seine Mütze in die Hand. &bdquo;Kommen Sie, Sie sollen
-selbst sehen, wie unordentlich und liederlich ich bin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die
-Dorfstraße hinab.
-</p>
-
-<p>
-Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende
-Hütten mit winzigen Fenstern, die mit alten Lappen
-zugestopft waren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich
-und liederlich ich bin,&ldquo; sagte Chlobujew. &bdquo;Es
-war natürlich sehr vernünftig von Ihnen, daß Sie schon
-gegessen haben. Sie werden mir&rsquo;s nicht glauben, Konstantin
-Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn
-mehr im Hause, soweit ist&rsquo;s mit mir gekommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin
-Fjodorowitsch nur wenig Teilnahme finden werde,
-nahm er Platonow unter den Arm und ging mit ihm
-voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte,
-Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück
-und folgten ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man hat&rsquo;s nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!&ldquo;
-sagte Chlobujew zu Platonow. &bdquo;Sie können
-sich&rsquo;s garnicht vorstellen, wie schwer man es hat! Kein
-Geld, kein Korn, keine Stiefel &mdash; für Sie sind das
-freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das
-wäre natürlich nicht so schlimm, wenn man noch jung
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-und unverheiratet wäre. Aber wenn all diese Sorgen
-und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man
-hat noch dazu ein Weib und fünf Kinder &mdash; dann
-verliert man den Mut, ob man will oder nicht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wenn Sie das Gut verkaufen &mdash; glauben
-Sie, daß Ihnen damit geholfen wäre?&ldquo; fragte Platonow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach was! Geholfen!&ldquo; versetzte Chlobujew mit
-einer hoffnungslosen Gebärde. &bdquo;Es wird <em>doch</em> alles
-bei der Bezahlung der Schulden draufgehen, ich selbst
-werde keine tausend Rubel übrig behalten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und was wollen Sie dann anfangen<a id="corr-63"></a>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das weiß Gott allein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen
-Verhältnissen herauszukommen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich denn machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was
-kann ich für eine Stellung annehmen? Ich kann
-höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten.
-Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert
-Rubeln anfangen? Ich habe doch eine Frau und fünf
-Kinder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter
-auf einem Gute an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich
-selbst alles durchgebracht habe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn
-man vor dem Hungertode steht. Ich will meinen Bruder
-fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend einen Bekannten
-eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Platon Michailowitsch,&ldquo; sagte Chlobujew
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-seufzend und drückte Platonow kräftig die Hand. &bdquo;Ich
-tauge doch zu nichts mehr! Ich bin vorzeitig alt geworden,
-und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus.
-Das sind die alten Sünden! Was kann ich
-denn leisten? Wozu soll ich den Staat plündern? Es
-gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in den
-Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben
-wollen. Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen
-Leuten noch neue Steuern aufgehalst werden, damit ich
-nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise!&ldquo;
-dachte Platonow. &bdquo;Das ist noch schlimmer als
-meine Lethargie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Während sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit
-Tschitschikow hinter ihnen her; er war ganz außer sich
-vor Wut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da, sehen Sie,&ldquo; sagte er, indem er mit dem Finger
-auf das Dorf wies: &bdquo;was er aus den Bauern gemacht
-hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und Wagen haben
-sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, &mdash;
-dann darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und
-Gut denken: da verkauft man eben alles und schafft
-neues Vieh für den Bauer an, damit er auch nicht <em>einen</em>
-Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber
-das da läßt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu
-braucht man viele Jahre. Der Bauer ist ja auch schon
-ganz verändert, er bummelt und säuft. Wenn man
-ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen läßt,
-dann hat man ihn für alle Zeiten verdorben: er gewöhnt
-sich daran, in Lumpen herumzulaufen und findet Geschmack
-am Vagabundenleben ... Und sehen Sie einmal das
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Land an. Nun was sagen Sie,&ldquo; fuhr er fort, indem er
-auf die Wiesen deutete, die gleich hinter den Hütten
-sichtbar wurden. &bdquo;Alles Land, das jedes Frühjahr überschwemmt
-ist. Ich würde da Flachs säen, der mir allein
-fünftausend Rubel einbringen würde, und dann würde
-ich Rüben pflanzen, die mir noch einmal viertausend
-eintragen müßten ... Sehen Sie sich bloß einmal den
-Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar
-Körner verschüttet. Denn er hat ja doch kein Korn gesät &mdash;
-das weiß ich. Und dort &mdash; diese Schlucht! Da würde
-ich einen Wald anlegen. Die Stämme sollten mir bald
-bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so
-ein herrliches Stück Land läßt er brach liegen! Wenn
-man schon keinen Pflug hat, um es zu pflügen, dann
-nimmt man den Spaten, gräbt es um und pflanzt Gemüse
-darauf. Das gäbe einen prächtigen Gemüsegarten! Aber
-man muß den Spaten selbst in die Hand nehmen, muß
-Frau und Kinder und alle Dienstboten zu Hilfe nehmen,
-und arbeiten bis man hinfällt! Und wenn man schließlich
-selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens
-seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist
-doch nicht krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei
-Tisch zu voll gefressen hat!&ldquo; Hier spuckte Kostanshoglo
-zornig aus und eine finstere Wolke umschattete seine Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit
-wildem Beifuß bewachsene Schlucht hinabsahen, da leuchtete
-plötzlich eine Windung des Flusses hell auf, hinter ihm
-erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom
-Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive
-viel näher erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf.
-Dahinter bemerkte man einen lockigen, mit Wald bewachsenen
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Berg, der in der Entfernung bläulich flimmerte.
-Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das
-könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte,
-&bdquo;wenn man hier einen Wald anpflanzen würde, &mdash; dann
-gäbe es einen Anblick, der sich, was Schönheit anbelangt,
-ruhig mit ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,&ldquo;
-sagte Kostanshoglo plötzlich, und sah ihn sehr streng an.
-&bdquo;Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie zuviel auf die
-schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne
-Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen
-Sie lieber nach dem Nutzen und nicht nach der äußeren
-Schönheit. Die Schönheit wird schon von selbst kommen.
-Das beste Beispiel sind die Städte: die allerschönsten
-Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem
-Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach
-seinem eigenen Geschmack und Bedürfnis gebaut hat.
-Die Städte dagegen, die alle nach einer Schablone gebaut
-sind, &mdash; sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie
-die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen
-und an Ihre Bedürfnisse.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schade, daß man so lange warten muß! Man
-möchte alles recht schnell so sehen, wie man es zu haben
-wünscht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling
-...! Man merkt gleich den Petersburger Beamten ...!
-Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs Jahre nacheinander.
-Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick auszuruhen.
-Es ist schwer, gewiß, es ist sogar <em>sehr</em> schwer.
-Aber wenn Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt
-haben, sodaß er Ihnen selbst hilft, so ist das
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja, ja,
-Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren
-<em>siebzig</em> noch <em>siebenhundert</em> andre, <em>unsichtbare</em> Hände
-an der Arbeit waren! Alles verzehnfacht sich! Ich brauchte
-jetzt keinen Finger zu rühren &mdash; und doch ginge alles wie
-von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist ein
-Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, <em>Er</em> der die
-Geduldigen selig pries.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue
-Kraft durch seine Adern rinnen. Man bekommt Mut
-und Lust zum Schaffen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt
-ist!&ldquo; rief Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem
-er auf den Abhang zeigte. &bdquo;Ich kann es hier nicht
-länger aushalten; diese Unordnung und Verwahrlosung
-bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch
-ohne mich abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen
-Schatz so schnell als möglich ab. Er schändet bloß
-Gottes herrliche Natur!&ldquo; Kostanshoglo war sehr aufgeregt
-und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm
-Abschied von Tschitschikow, holte Chlobujew ein und
-verabschiedete sich gleichfalls von ihm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!&ldquo; sagte
-der Hausherr erstaunt, &bdquo;Sie sind doch erst eben gekommen
-und wollen schon wieder fort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt
-wieder nach Hause fahren,&ldquo; versetzte Kostanshoglo. Er
-verabschiedete sich, stieg in den Wagen und fuhr davon.
-</p>
-
-<p>
-Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens
-begriffen zu haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-&bdquo;Konstantin Fjodorowitsch hat&rsquo;s nicht ausgehalten,&ldquo;
-sagte er, &bdquo;für einen so tüchtigen Landwirt wie er ist es
-freilich kein Vergnügen, diese schreckliche Wirtschaft mit
-anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel Iwanowitsch, ich
-habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein
-Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen
-davon, daß ich keinen Pflug und kein Pferd habe, um
-zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein so vorzüglicher
-Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin Fjodorowitsch
-will ich gar nicht reden! &mdash; Das ist ein Napoleon
-in seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum
-mußten sich soviel Geist und Verstand in einem Kopfe
-vereinigen. Warum konnte nicht auch für meinen Schädel
-wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie
-sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen
-Steg ist die größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht
-in die Pfütze plumpsen wollen. Ich habe im Frühjahr
-die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun mir
-meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes
-Beispiel, aber was kann <em>ich</em> ihnen für ein Beispiel geben?
-Was soll ich machen? Nehmen Sie sie mir ab, Pawel
-Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen,
-wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich
-hätte sie am liebsten ganz freigelassen, aber das hätte
-ja auch keinen Sinn. Ich weiß sehr gut, daß man erst
-<em>andre Menschen</em> aus ihnen machen muß, Menschen,
-die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten
-und strengen Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt
-und sie durch sein eigenes Beispiel und seine unermüdliche
-Tätigkeit ... Ein Russe &mdash; das sehe ich an
-mir selbst &mdash; kann nicht ohne einen Menschen auskommen,
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-der ihn aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein
-und versauert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seltsam,&ldquo; sagte Platonow, &bdquo;woran liegt das bloß;
-daß der Russe immer gleich einschläft, und daß der gemeine
-Mann ein Taugenichts und ein Trunkenbold wird, wenn
-man ihn aus dem Auge läßt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das macht der Mangel an Bildung,&ldquo; bemerkte
-Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch
-auch eine gewisse Bildung, haben die Universität besucht,
-und wozu taugen wir? Was habe ich zum Beispiel
-gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es
-gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige
-Finessen auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge,
-die <a id="corr-67"></a>einen Geld kosten? &mdash; Aber glauben Sie nur nicht,
-daß das daher kommt, weil ich einen schlechten Unterricht
-genossen habe. &mdash; Durchaus nicht, der Unterricht war
-nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder
-dreien von ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht
-nur deshalb, weil sie auch ohnedies gescheit und begabt
-genug waren, die übrigen haben für nichts Interesse,
-als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten
-ihr Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich
-glaube: mitunter kommt es mir fast so vor, als ob der
-Russe &mdash; ein verlorener Mensch ist. Wir wollen alles
-und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen,
-dann nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen,
-und strenge Diät zu halten; ja prosit, noch am
-selben Abend schlägt man sich den Bauch so voll, daß
-einem die Augenlider zusinken und man die Zunge
-kaum bewegen kann &mdash; dann sitzt man da wie eine
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Eule und glotzt die andern Leute an &mdash; wahrhaftig.
-Und so sind wir alle!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Tschitschikow lächelnd, &bdquo;so was kann
-vorkommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren.
-Ich glaube nicht, daß es vernünftige Menschen unter
-uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen Augen
-sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld
-verdient und erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht.
-Lassen Sie ihn erst einmal alt werden, früher oder
-später fällt er doch dem Teufel in die Krallen und
-bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle:
-die Gebildeten wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns
-eben noch etwas, ich weiß freilich selbst nicht recht, was
-es ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick.
-Eine grauenhafte Unordnung machte sich überall in unangenehmer
-Weise bemerkbar. Das einzige Neue war
-eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das
-Bild einer furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung
-dar: beim Gutsherrn wie beim Bauern. Ein böses
-Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte ein kleines
-Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das
-Zeug hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel
-zu Hilfe rief. Etwas weiter standen zwei Bauern und
-sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das betrunkene
-Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich
-die hintere Partie und der andere gähnte. Dieses
-Gähnen schien sich auch den Häusern und Gebäuden
-mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen. Dieser
-Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-nicht enthalten gleichfalls zu gähnen. &mdash; Ein Flicken saß
-auf dem andern. Bei einer Hütte ersetzte ein Haustor
-das Dach, die morschen, eingefallenen Fensterrahmen
-wurden von Stangen gestützt, welche aus der herrschaftlichen
-Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt
-man sich im Haushalt an das System der Fabel von
-&bdquo;Trischkas Kaphtan&ldquo;, man trennte die Aufschläge und
-Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,&ldquo; sagte
-Tschitschikow, als sie nach gründlicher Besichtigung vor
-dem Hause anlangten ... Man begab sich ins Zimmer,
-und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung
-von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus.
-Auf dem Tintenfaß saß eine Figur, die wohl Shakespeare
-darstellen sollte, auf dem Tische lag ein eleganter Elfenbeinstift,
-mit dem sich der Hausherr den eigenen Rücken
-kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll
-gekleidet, sie sprach von der Stadt, und vom Theater,
-das dort gerade eröffnet worden war. Die Kinder waren
-lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen trugen
-hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich
-besser gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte
-Hemdchen angezogen, und wären im Hofe herumgelaufen
-ganz wie die einfachen Bauernkinder. Bald erschien
-auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte,
-eine schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes
-und <a id="corr-69"></a>törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich
-zurück, und die Kinder liefen gleich darauf auch fort.
-Die Herren blieben allein im Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also, was ist Ihr Preis?&ldquo; sagte Tschitschikow. &bdquo;Ich
-muß gestehen, es wäre mir lieb den äußersten Preis zu
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-erfahren, denn das Gut ist in einer viel schlechteren
-Verfassung, als ich annahm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,&ldquo;
-versetzte Chlobujew. &bdquo;Aber das ist noch nicht
-alles. Ich will Ihnen nichts verheimlichen: von den
-hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen, sind
-nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns
-furchtbar aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen.
-Sie können Sie auch zu den Toten zählen;
-wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte,
-dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das
-ganze Gut den Gerichten verfiele. Ich fordere daher
-auch nur fünfunddreißigtausend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow fing natürlich an zu handeln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend
-für so ein Gut! Nein sagen wir doch
-lieber fünfundzwanzigtausend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Platonow wurde verlegen. &bdquo;Kaufen Sie es nur,
-Pawel Iwanowitsch,&ldquo; sagte er. &bdquo;Für so ein Gut kann
-man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie keine
-fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen
-wir es, mein Bruder und ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also gut, ich bin einverstanden,&ldquo; sagte Tschitschikow
-ganz erschrocken. &bdquo;Nur eins; ich kann die Hälfte der
-Summe erst nach einem Jahr bezahlen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich
-leider in keinem Fall einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt
-die Hälfte geben, und die andre in spätestens zwei Wochen.
-Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen, wenn
-ich nur soviel hätte, um ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,&ldquo;
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-sagte Tschitschikow, &bdquo;ich habe ja überhaupt nur zehntausend
-Rubel flüssig.&ldquo; Er log. Wenn man das
-von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte
-er im ganzen über zwanzigtausend Rubel. Aber man
-entschließt sich bekanntlich nicht leicht, eine so große
-Summe auf den Tisch zu legen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere
-Ihnen, ich brauche unbedingt fünfzehntausend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,&ldquo; unterbrach
-ihn Platonow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unter diesen Umständen könnte ich&rsquo;s vielleicht
-wagen!&ldquo; sagte Tschitschikow und dachte sich: &bdquo;Hm, das
-trifft sich aber gut, daß er mir was leihen will.&ldquo; Er
-ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und
-nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend
-Rubel heraus; die übrigen fünftausend versprach er ihm
-morgen mitzubringen; wohl gemerkt, er <em>versprach</em> es
-nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben, den
-Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen
-auszuhändigen; wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch
-länger warten lassen. Pawel Iwanowitsch wurde es
-ganz <em>besonders</em> schwer, sich von seinem Gelde zu
-trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so
-schien es ihm immer noch besser, das Geld wenigstens
-<em>einen</em> Tag später, als verabredet, auszuzahlen. Das
-heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle. Es
-macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas
-warten zu lassen: mag er sich doch seine Absätze ablaufen
-und eine Weile im Vorzimmer sitzen! Als ob
-er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was
-geht es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-ist, und daß seine Geschäfte darunter leiden! &bdquo;Kommen
-Sie nur morgen wieder, Verehrtester, heute habe ich
-leider keine Zeit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut
-verkauft ist?&ldquo; fragte Platonow Chlobujew. &bdquo;Haben
-Sie denn noch ein andres Gütchen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort
-habe ich ein eigenes Häuschen. Ich hätte das ja auch
-ohnedies machen müssen: wenn nicht für mich, so um
-meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich
-muß ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und
-Musiklehrer halten. Wo wollen Sie die auf dem Lande
-hernehmen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will
-seinen Kindern Tanzunterricht geben lassen!&ldquo; dachte
-Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Merkwürdig!&ldquo; dachte Platonow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!&ldquo;
-sagte Chlobujew: &bdquo;He Kirjuschka! Hol doch mal schnell
-eine Flasche Champagner!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber
-Champagner!&ldquo; dachte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er
-denken sollte.
-</p>
-
-<p>
-Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen
-seinen Willen gekommen. Er hatte in die Stadt nach
-Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte man
-ihm keinen Kwas<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> leihen. Was sollte er tun? Man
-mußte am Ende doch seinen Durst stillen. Da erschien
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-ein französischer Weinreisender aus Petersburg, der überließ
-seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb
-denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch
-ein paar Flaschen Champagner abnehmen.
-</p>
-
-<p>
-Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder
-trank drei Gläser, und die Stimmung wurde bald animiert,
-Chlobujew taute auf, wurde liebenswürdig und geistreich
-und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom
-Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt-
-und Menschenkenntnis! Wie scharf und richtig faßte er
-die Dinge auf, wie sicher und treffend konnte er die
-Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten
-charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und
-Mängel, wie gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer,
-die sich ruiniert hatten, bekannt; wie komisch
-und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und
-Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert
-von seiner Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst
-für den Gescheitesten aller Menschen erklärt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und
-Verstand nicht Mittel und Wege finden, um sich zu
-helfen,&ldquo; sagte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An den Mitteln fehlt es mir nicht,&ldquo; sagte Chlobujew
-und rückte sogleich mit einem ganzen Haufen von Projekten
-heraus. Aber sie waren alle so unsinnig, so
-seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und Menschenkenntnis
-vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken
-und sagen konnte: &bdquo;Herrgott! welch eine unendliche
-Kluft liegt doch zwischen der Welt- und Menschenkenntnis
-und der Fähigkeit, sie auszunutzen!&ldquo; All seine Pläne
-hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert-
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte.
-Wenn ihm das gelänge, dann glaubte er, würde alles
-in den rechten Gang kommen, die Wirtschaft würde
-aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen, die
-Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er
-auch in der Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und
-er schloß seine Rede mit folgenden Worten: &bdquo;Aber was
-soll man machen? Es gibt halt keinen solchen edlen
-Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert-
-oder meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu
-leihen. Es ist wohl nicht Gottes Wille.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren
-zweimalhunderttausend Rubel in den Schoß werfen
-sollte!&ldquo; dachte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache
-Millionärin,&ldquo; sagte Chlobujew, &bdquo;eine sehr fromme alte
-Dame: für Kirchen und Klöster hat sie immer was
-übrig, aber wenn&rsquo;s gilt, seinem Nächsten zu helfen,
-dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante
-alten Schlages, es lohnt sich schon, sie einmal näher
-anzusehen. Sie hat allein gegen vierhundert Kanarienvögel,
-dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente,
-wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste
-ihrer Diener ist mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem
-sie ihn immer: &bdquo;He Bursche!&ldquo; ruft. Wenn sich ein
-Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt
-sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die
-Bedienten tun natürlich, was sie befiehlt. Na, was
-sagen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Platonow lächelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wie ist ihr Familienname?&ldquo; fragte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-&bdquo;Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra
-Iwanowna Chanassarowa.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?&ldquo; fragte
-Platonow teilnehmend. &bdquo;Ich meine, wenn sie sich in
-die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte sie es Ihnen
-garnicht abschlagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine
-Tante hat eine recht robuste Natur. Die Alte ist hart
-wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch! Außerdem
-sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr
-einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum
-sind. Da ist sogar einer, der es auf einen Gouverneursposten
-abgesehen hat und sich für einen Verwandten
-ausgibt .... Tu mir den Gefallen,&ldquo; sagte er plötzlich
-zu Platonow, &bdquo;nächste Woche gebe ich ein Diner,
-zu dem ich alle Honoratioren der Stadt einladen
-will.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht,
-daß es in Rußland &mdash; in den Residenzen und Provinzstädten
-&mdash; solche Lebenskünstler gibt, deren Existenz ein
-unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein
-ganzes Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren
-in Schulden, weiß nicht, wo er einen Groschen hernehmen
-soll und gibt dennoch plötzlich ein großes Diner.
-Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das
-letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm
-kommen. Aber siehe da: es vergehen zehn Jahre &mdash;
-unser Hexenmeister behauptet nach wie vor seinen Platz
-in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je,
-und gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste
-glauben, es seien die letzten, und noch immer ist alles
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-überzeugt, daß der Hausherr morgen in den Schuldturm
-kommen werde.
-</p>
-
-<p>
-Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames
-und eigenartiges Ding. Heute hielt dort ein
-Priester im Meßgewande eine Andacht ab, morgen übten
-französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage,
-wo es keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht
-ausschloß, daß bald darauf ein großes Fest stattfand,
-an dem viele Schauspieler und Künstler teilnahmen, die
-in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden.
-Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich
-an Chlobujews Stelle längst erhängt oder erschossen
-hätte; aber was ihn immer wieder rettete, war seine
-Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste mit
-seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen
-Augenblicken las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern
-und Asketen, die ihren Geist dazu erzogen hatten, alles
-Unglück mit Gleichmut zu ertragen und sich darüber zu
-erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und
-seine Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu
-beten &mdash; und seltsam! &mdash; immer kam ihm von irgend
-einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun, daß sich
-ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte,
-oder daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte
-Dame, die von ihm gehört hatte, ihm in einer plötzlichen
-großmütigen Regung ihres weiblichen Herzens ein
-größeres Geschenk machte; oder er gewann einen Prozeß,
-von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann
-pries er demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der
-Vorsehung, ließ Dankgebete abhalten, und begann von
-neuem sein liederliches Leben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-&bdquo;Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,&ldquo;
-sagte Platonow zu Tschitschikow, nachdem sie sich von
-ihm verabschiedet und ihren Wagen wieder bestiegen hatten.<a id="tva-9" href="#tv-9">(9)</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein verlorener Mensch!&ldquo; versetzte Tschitschikow.
-&bdquo;Solche Leute sollte man nicht bedauern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht
-mehr an ihn, weil ihn die Menschen bei seiner Trägheit
-und Apathie ebensowenig interessierten wie die ganze
-übrige Welt. Sein Herz krampfte sich mitleidig zusammen,
-wenn er andre Leute leiden sah, aber diese
-Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in
-seiner Seele. Schon nach wenigen Augenblicken war
-Chlobujew vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn,
-weil er kaum an sich selbst dachte. Auch Tschitschikow hatte
-Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen Ernstes
-auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls
-wurde er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter,
-sondern leibhaftiger Besitzer eines keineswegs phantastischen
-Landgutes geworden war, nachdenklich, seine
-Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und
-verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden
-Ausdruck: &bdquo;Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei,
-die habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen.
-Das ist für mich nichts neues. Aber werde ich in meinem
-Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen
-jungen Jahren?&ldquo; Genug, wie dem auch sein mochte, wie er
-die Sache auch ansah, von welcher Seite er sie betrachtete,
-er überzeugte sich, daß er mit dem Kauf ein
-gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine
-Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste
-Land in kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-er konnte die Sache schließlich auch selbst in die Hand
-nehmen, und ein tüchtiger Landwirt nach der Art
-Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat
-und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden,
-und wo er ihm zu so großem Danke verpflichtet war.
-Ja, man konnte es auch folgendermaßen machen: man
-konnte das Land weiter verkaufen (selbstverständlich nur
-dann, wenn man sich selbst nicht mit der Bewirtschaftung
-des Gutes befassen wollte) und nur die toten und
-flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern
-Vorteil: man konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden
-und Kostanshoglo das von ihm entliehene Geld gar
-nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke! Man kann nicht
-sagen, daß <em>Tschitschikow</em> auf diesen Gedanken gekommen
-war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm,
-neckte, verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger,
-liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer
-solcher Gedanken ist, die so plötzlich über uns kommen? ...
-Tschitschikow empfand eine große Freude, daß er Gutsbesitzer
-geworden war &mdash; kein bloß eingebildeter oder
-phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer,
-der ein <em>Grundstück</em>, ein Stück Land und Leibeigene &mdash;
-keine bloß vorgestellten, nur in der Phantasie existierenden,
-sondern wirkliche lebendige Arbeiter besaß. Und allmählich
-fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich die
-Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte
-die Hand, legte sie an den Mund wie eine Trompete
-und begann einen lustigen Marsch zu blasen, ja er rief
-sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte zu,
-und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder
-mein kleiner Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf,
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-daß er ja nicht allein sei, wurde plötzlich wieder still und
-suchte den Eindruck zu verwischen, den der Ausbruch
-einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht
-haben mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren
-gekommenen Töne für Worte hielt, welche an ihn gerichtet
-waren, Tschitschikow ansah und fragte: &bdquo;Wie
-meinen Sie?&ldquo; da antwortete jener verlegen: &bdquo;Nichts,
-garnichts.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie
-schon längst durch eine herrliche Allee fuhren, eine reizende
-Mauer aus Birkenstämmen zog sich zu beiden Seiten
-den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und
-Birken glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank
-und leicht hoben sie sich von dem zarten Grün der kaum
-entfalteten Blätter ab. Die Nachtigallen im Gebüsch
-schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen schimmerten
-hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht
-darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen
-Fleck gelangt war, denn noch kurze Zeit vorher hatten
-sie sich auf offenem Felde befunden. Zwischen den Bäumen
-hindurch sah man eine weiße steinerne Kirche, und auf
-der andern Seite hinter der Allee &mdash; ein Gitter. Am
-Ende des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen
-entgegenzugehen schien: er trug eine Mütze und einen
-Knotenstock in der Hand. Ein englischer Schäferhund
-auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da ist ja mein Bruder!&ldquo; sagte Platonow, &bdquo;Kutscher,
-halten Sie doch!&ldquo; Mit diesen Worten sprang er aus
-dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem Beispiel. Die
-Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten
-sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor,
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-schnell näherte er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr
-ihm mit seiner flinken Zunge über die Schnauze, dann
-leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich an
-Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr.
-</p>
-
-<p>
-Die Brüder umarmten sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber lieber Platon, was machst du mir für
-Geschichten?&ldquo; sagte der Bruder, und blieb stehen. Sein
-Name war <a id="corr-71"></a>Wassilij.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was meinst du?&ldquo; versetzte Platonow phlegmatisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt
-nichts von dir hören. Petuchs Stallknecht hat
-deinen Hengst mitgebracht. &sbquo;Er ist mit einem Herrn
-weggefahren&lsquo;, sagt er. Hättest du mir doch nur ein
-Wort gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist
-bist, lieber Bruder, wer tut denn nur so was? Gott
-allein weiß, was ich mir all diese Tage für Gedanken
-gemacht habe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,&ldquo; versetzte
-Platonow. &bdquo;Wir haben Konstantin Fjodorowitsch
-einen Besuch gemacht; er läßt dich grüßen; deine Schwester
-ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen meinen
-Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel
-Iwanowitsch Tschitschikow.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich
-näher kennen zu lernen, drückten sich die Hand, nahmen
-ihre Mützen ab und küßten sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?&ldquo; dachte
-Wassilij. &bdquo;Mein Bruder Platon ist nicht gerade wählerisch
-in seinen Bekanntschaften.&ldquo; Er betrachtete Tschitschikow
-aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ, und überzeugte
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen,
-ein sehr respektabler Herr war.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls
-so aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und
-sah, daß der Bruder etwas kleiner war als Platon;
-sein Haar war etwas dunkeler und sein Gesicht lange
-nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen
-Zügen lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte.
-Man sah es ihm gleich an, daß er nicht so
-schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel
-Iwanowitsch nur wenig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit
-Pawel Iwanowitsch eine kleine Reise durch das heilige
-Rußland zu machen. Vielleicht werde ich so meine
-Melancholie los.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?&ldquo;
-sagte der Bruder Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe
-noch hinzugefügt: &bdquo;Und zu alledem willst du noch
-mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal
-siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was
-nicht alles ist.&ldquo; Voller Mißtrauen schaute er nach
-Tschitschikow hin, aber er war erstaunt über sein
-respektables Äußeres.
-</p>
-
-<p>
-Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen
-Hof: auch das Haus sah recht altertümlich aus;
-heute werden keine solchen Häuser mehr gebaut: es
-hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer
-angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der
-Mitte des Hofes und warfen einen mächtigen Schatten,
-der fast die Hälfte der ganzen Fläche einnahm. Rings
-um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende Fliederbüsche
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband
-ein; eine Mauer friedigte ihn ein, welche
-ganz unter Blättern und Blüten verschwand. Das
-Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur
-eine kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich
-unter den Ästen hervor. Hinter den schnurgeraden
-Baumstämmen sah man die Küche, die Vorratskammern
-und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten.
-Die Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit
-ihrem Gesang. Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl
-des Friedens in das Herz ein. Alles gemahnte
-an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich
-und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles
-schlicht und einfach herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow
-ein, Platz zu nehmen, und man ließ sich auf
-den Bänken unter den Linden nieder.
-</p>
-
-<p>
-Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen
-Hemde brachte ein Tablett herein und stellte
-es vor ihnen auf den Tisch. Es war mit Karaffen
-voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und Farben
-besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen
-waren dick und zähe wie Öl, andere moussierten wie
-Brauselimonaden. Nachdem der Bursche die Karaffen
-auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die Schaufel, die
-an einem Baume lehnte, und ging in den Garten.
-Die Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager
-Kostanshoglo keine Dienstboten, sondern eigentlich nur
-Gärtner. Alle Knechte mußten der Reihe nach dieses
-Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer,
-die Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem
-etwas reichen oder bringen, das könne ein jeder und
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-dazu brauche man sich keine besonderen Bedienten zu
-halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig,
-tüchtig und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel
-trage, sowie er sich einen deutschen Rock anschaffe,
-werde er plötzlich plump und ungeschickt, er fange an
-zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr, und gehe
-überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in
-seinem deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in
-seinem neuen Kleide zahllose Scharen von Wanzen und
-Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in diesem Punkte
-nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren
-die Bauern ganz besonders vornehm und reich: der
-Kopfputz der Frauen schimmerte von Gold, und die
-Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie ein
-türkischer Schal. &bdquo;Unser Haus ist berühmt wegen seiner
-Limonaden,&ldquo; sagte Wassilij.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte
-sich ein Glas ein: es schmeckte ganz wie Lindenmeth,
-den er einst in Polen getrunken hatte: es moussierte wie
-Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in angenehmem
-Bogen aus dem Mund in die Nase. &bdquo;Der
-reinste Nektar!&ldquo; sagte er. Er schenkte sich noch ein
-Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein &mdash; und siehe
-da, es schmeckte noch besser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Getränk aller Getränke!&ldquo; sagte Tschitschikow.
-&bdquo;Ich kann wohl sagen, bei Ihrem verehrten Schwager
-Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den besten Likör,
-bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken,
-die ich jemals gekostet habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der <em>Likör</em> kommt ja auch von uns: den hat meine
-Schwester gemacht. Und nach welcher Richtung gedenken
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen Sie
-besuchen?&ldquo; fragte Bruder Wassilij.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich reise,&ldquo; versetzte Tschitschikow, indem er sich ein
-wenig auf der Bank hin und her schaukelte, sich vornüber
-beugte und mit der Hand über das Knie strich:
-&bdquo;ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem Interesse,
-wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein
-guter Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein
-Wohltäter, hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten
-zu besuchen. Die Sache mit den Verwandten
-ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch
-auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten:
-denn ganz abgesehen von der guten Wirkung, die das
-Reisen auf die Hämorrhoiden hat, man erweitert seine
-Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und Wirbel
-des Menschenvolkes &mdash; und das ist an und für sich
-schon sozusagen ein lebendiges Buch und auch eine Art
-Wissenschaft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bruder Wassilij wurde nachdenklich. &bdquo;Der gute
-Mann spricht etwas geschraubt, es liegt aber doch was
-Wahres in seinen Worten,&ldquo; dachte er. Er schwieg eine
-Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder
-Platon wandte: &bdquo;Weißt du, Platon, ich fange an zu
-glauben, eine Reise könnte dich wirklich etwas aufrütteln.
-Du leidest an einer Art geistigen Schlafkrankheit, du
-bist einfach eingeschlummert, &mdash; und nicht etwa weil du
-übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an
-lebendigen Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir
-geht es gerade umgekehrt. Ich wünschte, ich könnte
-nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die Dinge
-nicht so sehr zu Herzen nehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-&bdquo;Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,&ldquo; sagte
-Platon. &bdquo;Du suchst selbst nach Gründen oder erfindest
-dir welche, um dir Sorgen zu machen und dich unnütz
-aufzuregen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn
-man auf Schritt und Tritt Unannehmlichkeiten hat,&ldquo;
-versetzte Wassilij. &bdquo;Hast du gehört, was uns Lenitzyn in
-deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? &mdash;
-Er hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht
-feiern, einfach annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück
-für kein Geld her ... Hier feiern meine Bauern jedes
-Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind soviel Erinnerungen
-für das ganze Gut verbunden; mir ist
-eine alte Sitte &mdash; etwas Heiliges, und ich bin bereit
-jedes Opfer für sie zu bringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es
-sich nahm,&ldquo; sagte Platonow, &bdquo;er ist noch ganz neu hier
-im Lande, er kommt doch erst eben aus Petersburg;
-man muß ihm die Sache klar machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm
-geschickt, und es ihm sagen lassen. Er hat mir nur
-Grobheiten an den Kopf geworfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles
-erklären sollen. Besprich doch die Sache mit ihm selbst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen
-Herrn. Zu dem fahre ich nicht hin. Fahr du doch hin,
-wenn du durchaus willst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich
-mische mich nicht in diese ... Er könnte mich ja <em>auch</em>
-übers Ohr hauen und betrügen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-&bdquo;Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,&ldquo;
-sagte Tschitschikow, &bdquo;erklären Sie mir nur, worum es
-sich handelt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wassilij sah ihn an und dachte: &bdquo;Dem scheint das
-Reisen großen Spaß zu machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er
-für ein Mensch und was das für eine Angelegenheit
-ist?&ldquo; fuhr Tschitschikow fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen
-Auftrag zu betrauen. Meiner Ansicht nach
-ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem ärmeren Adel
-unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg hinaufgedient,
-nachdem er die illegitime Tochter irgend eines
-großen Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen
-Mann. Er will hier den Ton angeben. Aber
-die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie
-kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg
-ist für sie garnicht maßgebend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich,&ldquo; sprach Tschitschikow, &bdquo;und worum
-handelt es sich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig,
-wenn er nicht so rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich
-ihm gern an einer andern Stelle umsonst ein Stück
-abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch
-noch glauben ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich
-friedlich zu verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ...
-Mit hat schon mancher seine Sache anvertraut, und noch
-keiner hat es bereut ... General Betrischtschew hat mir
-ja auch ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-&bdquo;Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen
-mit einem solchen Menschen reden sollen ...&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a>
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-&bdquo;...<a id="tva-10" href="#tv-10">(10)</a> Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies
-ein Geheimnis war,&ldquo; sagte Tschitschikow, &bdquo;denn das eigentlich
-Schädliche hierbei ist nicht so sehr das Verbrechen
-wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja wohl, Sie haben ganz recht,&ldquo; fiel Lenitzyn
-ein, indem er den Kopf ganz auf die Seite neigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern
-einig zu wissen,&ldquo; sprach Tschitschikow. &bdquo;Ich habe da auch
-eine Sache, die man in gewissem Sinne gesetzlich und ungesetzlich
-zugleich nennen kann; oberflächlich betrachtet scheint
-sie ungesetzlich zu sein, <em>tatsächlich</em> steht sie jedoch keineswegs
-im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine
-Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten,
-das Risiko auf sich zu nehmen und zwei Rubel für die
-lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich Pech habe &mdash;
-und Bankrott mache &mdash; was Gott verhüte, &mdash; dann
-hat der Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn
-entschlossen, mir den Umstand zunutze zu machen, daß
-es tote und flüchtige Bauern gibt, die noch nicht aus
-der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich ein
-christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern
-abnehme, die er für sie bezahlen muß. Wir wollen
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-der Formalität wegen nur einen Kaufvertrag abschließen,
-wie wenn es sich um lebende handelte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!&ldquo;
-dachte Lenitzyn und rückte mit dem Stuhle ein wenig
-zurück. &bdquo;Diese Sache ist allerdings derartig ....&ldquo;
-begann er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil
-die Sache doch geheim bleibt,&ldquo; versetzte Tschitschikow;
-&bdquo;zudem sind wir doch beide wohlgesinnte und zuverlässige
-Menschen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Ärgernis kann es nicht geben,&ldquo; entgegnete
-Tschitschikow offen und ehrlich. &bdquo;Es ist doch genau so
-eine Sache wie die, von der wir soeben gesprochen
-haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife
-Leute, die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen &mdash;
-und dann bleibt doch alles geheim.&ldquo; Und während er
-dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich ins Auge.
-</p>
-
-<p>
-Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter
-Geschäftsmann war, geriet er diesmal ganz aus
-der Fassung, um so mehr als er sich durch einen merkwürdigen
-Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze gefangen
-hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung
-fähig und wollte nichts Unrechtes tun, auch nicht im
-geheimen. &bdquo;Ist das aber eine sonderbare Geschichte!&ldquo;
-dachte er: &bdquo;Darnach schließe noch einer Freundschaft mit
-einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen
-Tschitschikow ganz besonders günstig zu sein. Wie um
-beiden aus dieser kritischen Situation zu helfen,
-trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger
-Mode gekleidet und hatte eine große Schwäche
-für Menschen, die in jeder Hinsicht korrekt und <span class="antiqua">comme
-il faut</span> waren. Gleich darauf brachte die Amme
-Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste
-Kind, die Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten.
-Tschitschikow sprang schnell auf, ging gewandt und sicher
-auf die Hausfrau zu, neigte den Kopf leicht auf die
-Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach
-ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit.
-Der Knabe fing zwar zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow
-gelang es schnell, ihn zu beruhigen: er rief
-ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit
-den Fingern, zeigte ihm ein reizendes <a id="corr-74"></a>Karneolsiegel,
-das er an der Uhrkette trug, und brachte das Kind
-bald so weit, daß es sich ruhig auf den Arm nehmen
-ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke
-hinauf und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude
-beider Eltern ein liebliches Lächeln. Aber war es nun
-das ungewohnte Vergnügen oder hatte es einen andern
-Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst
-Peinliches.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Gott, ach Gott!&ldquo; schrie Lenitzyns Gattin auf;
-&bdquo;er hat Ihnen den ganzen Frack verdorben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in
-der Tat: der eine Ärmel des neuen Fracks war hin:
-&bdquo;<a id="corr-75"></a>Daß dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!&ldquo;
-dachte er ärgerlich.
-</p>
-
-<p>
-Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme:
-alles lief hinaus, um Kölnisches Wasser zu holen: dann
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-kamen sie von allen Seiten angelaufen und versuchten
-ihn abzuwischen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine
-Kleinigkeit!&ldquo; sagte Tschitschikow und suchte seinem Gesicht
-einen möglichst freundlichen Ausdruck zu verleihen:
-&bdquo;Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem doch
-nichts verderben,&ldquo; wiederholte er, trotzdem aber dachte
-er sich: &bdquo;So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe
-fräßen, hat der mich aber schön zugerichtet, der verdammte
-kleine Schelm!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall
-hatte den Hausherrn ganz zu Tschitschikows Gunsten
-umgestimmt. Wie konnte er einem Gast etwas abschlagen,
-der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten
-und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit
-dem eigenen Frack bezahlt hatte? Um den Menschen
-kein schlechtes Beispiel zu geben, beschloß man die Sache
-im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die Sache
-selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte
-ja Schaden stiften.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank
-für <a id="corr-76"></a>Ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich
-möchte die Vermittlerrolle in Ihrem Streit mit den
-Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch
-Land? Nicht wahr?&ldquo;
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-5">
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Fünftes Kapitel.<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a>
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">edermann</span> sucht sein Schäfchen ins Trockene zu
-bringen. &bdquo;Was mich zwickt, das zwick&rsquo; ich
-wieder,&ldquo; sagt ein russisches Sprichwort. Tschitschikow
-begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise
-durch seine Koffer und Kisten; sie war von
-Erfolg gekrönt, und so wanderte denn während dieser Expedition
-mancherlei aus den Koffern in die Privatschatulle
-hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste erledigt.
-Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die
-Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem
-Möglichen Nutzen zu ziehen: der eine aus Staatswäldern,
-der andere aus Staatsgeldern, ein dritter bestiehlt seine
-eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden Schauspielerin,
-ein vierter &mdash; seine Bauern, um sich Möbel
-vom Hombs oder eine Equipage anzuschaffen. Was
-ist zu machen, wo es heute soviel Verführungen in der
-Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu wahnsinnigen
-Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw.
-Es ist doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle
-Leute ringsherum dasselbe tun, &mdash; und dann ist es
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-doch auch Mode, da soll sich einer von alledem fernhalten!
-Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs
-sein sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung.
-Unterdessen sollte in der Stadt noch eine andere Messe
-eröffnet werden: nämlich die für die vornehmen Leute.<a id="tva-11" href="#tv-11">(11)</a>
-Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh,
-Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche
-die Bauern auf den Markt brachten und die von Viehhändlern
-und Kaufleuten aufgekauft wurden. Nun aber
-wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod
-von den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf
-der vornehmeren Leute aufgekauft worden war, hierhergebracht.
-Da fand sich alles zusammen: alle Räuber
-und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit
-Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des
-mit Schweiß, Mühe und Blut erworbenen Geldes &mdash;
-diese ägyptische Heuschreckenplage, wie Kostanshoglo sich
-auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur alles
-auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und
-sie in die Erde verscharrt.
-</p>
-
-<p>
-Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause
-zurück. Dafür machten die Beamten, die ja unter
-keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so weiter
-auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten
-ihre Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der
-letzten Zeit in der Welt verbreitet worden waren, um
-den Menschen neue Bedürfnisse einzupflanzen, und nun
-<em>dürsteten</em> sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein
-Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen
-Garten, wie man ihn in der Provinz noch nie gesehen
-hatte, wo man angeblich zu besonders billigen Preisen
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf Kredit.
-Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs,
-sondern selbst alle kleineren Beamten, die schon im
-voraus mit den Geldgeschenken ihrer Klienten rechneten,
-dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und
-seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß
-alles zusammen, hier trafen sich Leute jeden Standes,
-um sich zu vergnügen und zu zerstreuen ... Trotz des
-scheußlichen Wetters und dem Kot auf den Straßen
-flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher
-sie kamen, das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten
-sie sich auch in Petersburg ruhig sehen lassen können.
-Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre Mützen
-und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an.
-Nur hie und da sah man Männer mit langen Bärten und
-ballonartigen Pelzmützen. Alles hatte einen europäischen
-Anstrich; überall begegnete man Herren mit schönrasierten
-Gesichtern und ... hohlen Zähnen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch
-nur einen Augenblick in meinen Laden. Mein Herr,
-mein Herr!&ldquo; hörte man hie und da kleine Jungen schreien.
-</p>
-
-<p>
-Aber die vornehmen Herren und Damen, die so
-vertraut mit dem europäischen Wesen waren, hatten
-nur einen Blick der Verachtung für sie; nur ganz selten
-setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst;
-dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt&rsquo;s Stoffe,
-helle, dunkle, bunte usw.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen
-Stoff für einen Herrenanzug?&ldquo; fragte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die schönsten Stoffe,&ldquo; versetzte der Kaufmann,
-während er mit der einen Hand die Mütze abnahm und
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-mit der andern auf den Laden deutete. Tschitschikow
-trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des
-Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf
-der andern Seite, mit dem Rücken zu den Stoffen, die
-in Rollen übereinander aufgeschichtet waren und die
-ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen.
-Das Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit
-beiden Händen auf den Tisch und sagte, indem er seinen
-Oberkörper leicht hin- und herwiegte: &bdquo;Was für einen
-Stoff wünschen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün,
-etwas was dem Preißelbeerrot nahekommt,&ldquo; versetzte
-Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das
-Allerbeste vorlegen werde. Sie können höchstens in den
-zivilisiertesten Hauptstädten Europas etwas Besseres
-finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34
-herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du
-immer über deine Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier!
-So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das ist ein Stoff, kann
-ich Ihnen sagen!&ldquo; Und der Kaufmann rollte den Stoff
-auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase,
-sodaß dieser den seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern
-auch riechen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben
-will,&ldquo; sagte Tschitschikow. &bdquo;Ich habe im Zollamt gedient,
-da brauche ich etwas Erstklassiges, das Beste, was
-es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff mehr rötlich,
-weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade
-modern zu werden beginnt. Da habe ich einen ganz
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie freilich darauf aufmerksam,
-daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber auch
-von allererster Qualität.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen
-auf den Tisch. Er rollte ihn mit einer Gewandtheit auf,
-wie man sie nur in der guten alten Zeit hatte, und
-vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren Geschlechte
-angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt
-den Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte
-und sagte: &bdquo;Eine wunderbare Farbe! Navarinoscher<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> Rauch
-mit Feuerglanz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte
-sich über den Preis, obwohl dieser prifix (<span class="antiqua">prix-fix</span>) war,
-wie der Kaufmann behauptete. Dann spannte er ihn
-geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn hierauf
-nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit
-in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete
-er das Paket noch ein paar Mal hin und her, indem
-er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es mit
-einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt
-den Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag
-alles in dem bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann
-lüftete den Hut und grüßte. Es hatte seine guten
-Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das
-war eine Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.<a id="tva-12" href="#tv-12">(12)</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie dunkles Tuch?&ldquo; hörte man jetzt eine
-Stimme sagen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Teufel! das ist Chlobujew,&ldquo; sagte Tschitschikow
-leise zu sich selber und drehte jenem den Rücken zu;
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe, denn er hielt
-es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die
-Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen
-und erkannt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch
-nicht etwa absichtlich aus dem Wege? Ich kann Sie
-nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse so, daß
-ich ernstlich mit Ihnen reden muß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verehrtester, Verehrtester!&ldquo; sagte Tschitschikow, indem
-er ihm beide Hände drückte; &bdquo;glauben Sie mir, ich
-habe es mir schon selbst so oft vorgenommen, mit
-Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!&ldquo;
-Tatsächlich aber dachte er: &bdquo;Wenn dich doch der Teufel
-holte!&ldquo; Plötzlich jedoch erblickte er den eben eintretenden
-Murasow. &bdquo;Herrgott! Afanassij Wassiljewitsch! Wie befinden
-Sie sich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und Sie?&ldquo; sagte Murasow, indem er den Hut
-abnahm. Auch der Kaufmann und Chlobujew nahmen
-ihre Mützen ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf
-läßt zu wünschen übrig. Vielleicht weil ich mir zu wenig
-Bewegung mache!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den
-Grund seiner Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow
-an Chlobujew: &bdquo;Ich sah Sie in den Laden treten,
-Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen nachgegangen.
-Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen,
-können Sie mir nicht einen Besuch machen?&ldquo; &bdquo;Aber
-natürlich, natürlich!&ldquo; versetzte Chlobujew eilig, und beide
-gingen hinaus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-&bdquo;Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?&ldquo;
-dachte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Afanassij Wassiljewitsch &mdash; ist ein sehr würdiger
-und kluger Mann,&ldquo; sagte der Kaufmann; &bdquo;er ist außerordentlich
-tüchtig in seinem Fach, aber er hat keine
-Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant
-und nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen
-auch allerhand Budgets und Reaktionen
-verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus verfallen.&ldquo;
-Tschitschikow zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!&ldquo; rief
-plötzlich eine Stimme. Es war Lenitzyn. Der Kaufmann
-nahm ehrfürchtig den Hut ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie? Fjodor Fjodorowitsch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns
-schnell zu mir nach Hause fahren, ich muß mit Ihnen
-sprechen,&ldquo; sagte jener. Tschitschikow sah ihn an &mdash; er sah
-ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt.
-Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,&ldquo; sagte
-Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. &bdquo;Bitte kommen
-Sie doch zu mir ins Zimmer!&ldquo; Und er geleitete Chlobujew
-in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt hat.
-Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert
-Rubel Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres,
-schlichter ausgestattetes Zimmer finden können.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse
-gebessert haben? Ihre Tante hat Ihnen doch sicher
-etwas hinterlassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch?
-Ich weiß wirklich nicht, ob sich meine Verhältnisse gebessert
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-haben. Ich habe bloß <a id="fuenfzig"></a>fünfzigtausend Bauern
-und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich
-einen Teil meiner Schulden bezahlen &mdash; und jetzt sitze
-ich wieder da und habe nichts. Was aber die Hauptsache
-ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft ist nicht einmal
-ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und
-Betrügereien vorgekommen, <a id="corr-77"></a>Afanassij Wassiljewitsch!
-Ich will es Ihnen gleich erzählen, Sie werden staunen,
-was alles in der Welt vorkommt. Dieser Tschitschikow ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir
-von diesem Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal
-von Ihnen selbst sprechen. Sagen Sie mal! wieviel
-Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein, um
-Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um
-wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,&ldquo; versetzte
-Chlobujew. &bdquo;Um da herauszukommen, alle Schulden
-zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen zu
-haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend
-Rubel, wenn nicht noch mehr! Mit einem Wort: das
-ist einfach unmöglich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden
-Sie dann Ihr Leben einrichten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten
-und mich ganz der Erziehung meiner Kinder widmen.
-An mich selbst darf ich gar nicht mehr denken. Mit
-meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst
-kann ich doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch
-zu nichts mehr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen,
-Müßiggang ist aller Laster Anfang, da nahen sich einem
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-allerhand Versuchungen, an die ein fleißiger und tätiger
-Mensch garnicht einmal denkt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr!
-ich bin schon zu stumpf und apathisch, um etwas anzufangen.
-Zu alledem leide ich noch an Kreuzschmerzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie
-können Sie es bloß auf der Welt aushalten ohne ein
-Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken Sie
-doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt
-eine gewisse Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst
-der Stein ist nur dazu da, damit ihn jemand gebraucht
-oder bei einem nützlichen Werke verwendet, und der
-Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte
-sein Leben tatenlos hinbringen &mdash; das ist doch unmöglich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht.
-Ich kann mich doch mit der Erziehung meiner Kinder
-beschäftigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das
-allerschwerste. Wie soll <em>der</em> Kinder erziehen, der es
-nicht einmal verstanden hat, sich selbst zu erziehen,
-Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel
-erziehen, indem man ihnen das Leben <em>vorlebt</em>. Und
-sagen Sie ehrlich, kann <em>Ihr</em> Leben ihnen zum Vorbild
-dienen? Von Ihnen könnten sie schließlich doch nur lernen,
-wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie mit Kartenspiel
-totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen
-Sie lieber <em>mich</em> Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie
-nur verderben. Überlegen Sie sich doch die Sache einmal
-recht ordentlich. Was Sie zu Grunde gerichtet hat, das
-ist der Müßiggang &mdash; daher müssen Sie <em>ihn</em> vor allem
-meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-im Leben sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten
-haben. Selbst der Tagelöhner hat seinen Beruf. Er
-hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß
-es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein
-Interesse an seiner Tätigkeit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es
-versucht, ich habe mir redliche Mühe gegeben! Was
-soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt bin ich
-nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen
-Sie doch nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann
-doch nicht in den Staatsdienst treten? Oder soll ich
-mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben einen
-jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen?
-Und dann bin ich unfähig, Geschenke anzunehmen &mdash;
-&mdash; ich werde mir selber nur schaden und andern im
-Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten
-auch schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch,
-ich hab&rsquo;s mir schon überlegt, ich hab&rsquo;s versucht und darüber
-nachgedacht, was ich wohl für eine Stellung annehmen
-könnte &mdash; nein ich tauge nicht dazu. Ich passe höchstens
-noch ins Armenhaus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Armenhaus ist für <em>die</em> da, die im Leben etwas
-geleistet und gearbeitet haben; <em>die</em> dagegen, die sich
-amüsiert haben, solange sie jung waren, bekommen zur
-Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte: &sbquo;Geh,
-tanze weiter!&lsquo; Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet,
-auch da muß man sich nützlich machen; dort spielt man
-nicht etwa Whist, Ssemjon Ssemjonowitsch,&ldquo; fuhr
-Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht sah,
-&bdquo;Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-der arme Chlobujew vermochte nichts zu antworten,
-und er fing an, Murasow leid zu tun.<a id="tva-13" href="#tv-13">(13)</a>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie
-beten doch, Sie gehen in die Kirche und lassen keine
-Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus. Trotzdem
-es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und
-gehen &mdash; gehen um vier Uhr morgens in die Kirche,
-wo noch alles in tiefem Schlafe liegt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist etwas andres &mdash; Afanassij Wassiljewitsch.
-Hier weiß ich, daß ich das nicht um der Menschen
-willen, sondern um <em>Dessen</em> willen tue, der uns alle in
-dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich
-glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen
-und mich in Gnaden aufnehmen wird, so häßlich
-und schlecht ich auch bin, während mich die Menschen
-mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde
-mich verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten
-es in der besten Absicht getan.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews
-Gesicht. Dem alten Herrn traten die Tränen in die
-Augen ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann dienen Sie doch wenigstens <em>Dem</em>, Der allen
-Wesen so gnädig ist. Er freut sich ebenso sehr über die
-Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen Sie sich irgend
-eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es
-nur eine <em>Beschäftigung</em> ist. Arbeiten Sie, als ob
-Sie es für <em>Ihn</em> und nicht für die Menschen täten.
-Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem Sieb, aber
-denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon
-das wäre ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit
-und Gelegenheit finden, was Schlechtes zu tun: Ihr
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Geld zu verspielen, zu schmausen und zu schlemmen,
-unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen
-Genüssen nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch.
-Kennen Sie Iwan Potapowitsch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann:
-er hatte über eine halbe Million; wie er aber sah, daß
-ihm alles zum Vorteil ausschlägt &mdash; da wurde er unmäßig
-und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn
-französischen Unterricht geben und verheiratete seine
-Tochter an einen General. Von da ab sah man ihn
-nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn
-er einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er
-ihn gleich mit ins Gasthaus, um mit ihm Tee zu
-trinken. Da konnte er tagelang bei seinem Tee sitzen.
-Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte.
-Zu alledem hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ...
-Sehen Sie, jetzt dient er bei mir als Kommis. Er hat
-ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse haben
-sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine
-halbe Million verdienen. Aber nun <em>will</em> er nicht mehr.
-&sbquo;Jetzt bin ich halt Kommis, und als Kommis will ich
-auch sterben. Nun bin ich frisch und gesund geworden,&lsquo;
-sagte er, &sbquo;damals aber hatte ich einen dicken Bauch und
-die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,&lsquo; sagte
-er. Tee nimmt er überhaupt nicht mehr in den Mund.
-Kohlsuppe und Brei, das ist seine ganze Nahrung.
-Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von
-uns, und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten
-einer; mancher andere würde auch gerne helfen, wenn er
-nicht sein ganzes Vermögen durchgebracht hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden.
-Der Alte ergriff seine beiden Hände: &bdquo;Ssemjon Ssemjonowitsch!
-Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir tun! Ich
-habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie,
-Sie wissen doch, daß in unserem Kloster ein Eremit
-lebt, der nie einen Menschen sieht. Das ist ein Mann
-von großem Verstande, oh, von einem solchen Verstande,
-ich kann&rsquo;s gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort.
-Aber <em>wenn</em> er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte
-ihm einmal, ich habe einen kranken Freund, den
-Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich ruhig
-an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden
-Worten: &sbquo;Gottes Sache vor allem. Da baut man
-Kirchen und es ist kein Geld da: man muß Geld für
-den Kirchenbau sammeln!&lsquo; Und damit schlug er die
-Türe zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten
-könne &sbquo;Offenbar will er mir keinen Rat erteilen&lsquo;,
-sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm
-Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten,
-so fragt er mich schon, ob ich nicht einen Menschen
-kenne, den man beauftragen könne, Geld für den Bau
-einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus
-dem Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der
-eine bessere Erziehung genossen habe und sich der Sache
-annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil davon abhänge?
-Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im
-Himmel. Das ist ja das Amt, das der Mönch Ssemjon
-Ssemjonowitsch übertragen will. Das Wandern wäre
-ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem
-Buche vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern
-zum Bürger gehen wird, wird er sehen, wie die Menschen
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat. Wenn
-er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen
-durchwandert hat, wird er Land und Leute besser kennen,
-als alle Stadtbewohner. Und solche Menschen brauchen
-wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe
-viel dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte,
-der die Verhältnisse nicht aus den Büchern und Akten,
-sondern <em>tatsächlich</em> kennt, so wie sie in Wirklichkeit
-sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt,
-überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien
-die Dinge.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht,
-Afanassij Wassiljewitsch,&ldquo; sagte Chlobujew, indem er
-Murasow erstaunt anblickte. &bdquo;Ich kann nicht einmal
-glauben, daß Sie das zu <em>mir</em> sagen: dazu bedarf man
-eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann
-kann ich doch nicht Frau und Kinder verlassen, die ja
-nicht einmal was zu essen haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu
-sorgen. Für die will ich schon Sorge tragen, und an
-Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es ist doch
-besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein
-gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen
-herumzugehen und zu betteln. Ich gebe Ihnen einen
-einfachen Wagen, Sie brauchen aber keine Angst zu
-haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird
-Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann
-gebe ich Ihnen noch etwas Geld auf den Weg, damit
-Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben können, die
-am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise
-manch gutes Werk tun können: Sie werden schon keine
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-Fehler machen und wirklich nur <em>denen</em> geben, die es
-wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen, werden
-Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es
-wird Ihnen nicht so gehen, wie irgend einem Beamten,
-vor dem alle Angst haben ... Mit Ihnen wird jeder
-gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld für
-die <em>Kirche</em> sammeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher
-Gedanke ist, und ich wünschte mir wirklich, ich könnte
-auch nur einen kleinen Teil davon ausführen; aber ich
-fürchte, es übersteigt meine Kräfte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?&ldquo; versetzte
-Murasow. &bdquo;Es gibt doch gar nichts, wozu unsere
-Kräfte ausreichen; alles geht über unsere Kraft. Ohne
-Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen.
-Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt
-ein Kreuz, sagt: &sbquo;Gott hilf!&lsquo; rudert und erreicht schließlich
-doch das Ufer. Darüber brauchte man nicht erst
-lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als
-eine göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon
-bereit für Sie; laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten,
-holen Sie sich das Buch, bitten Sie ihn um
-seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als
-einen Wink von oben. &mdash; Gott sei mir gnädig!&ldquo; sagte
-er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie Mut und
-Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein
-Geist aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der
-Hoffnung auf einen Ausweg aus seiner traurigen und
-verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer blitzte in der
-Ferne auf ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns
-wieder zu Tschitschikow.<a id="tva-14" href="#tv-14">(14)</a>
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue
-Klagen eingereicht. Es tauchten plötzlich Verwandte
-auf, von denen niemand je etwas gehört hatte. Wie
-die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das
-ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte:
-es regnete nur so von Denunziationen, man beschuldigte
-Tschitschikow und behauptete, das letzte Testament sei
-gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte
-Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und
-unterschlagen habe. Ja, man beschuldigte ihn sogar,
-tote Seelen gekauft und während seiner Dienstzeit im
-Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt
-zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben,
-seine ganze Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen.
-Gott allein weiß, wie man das alles herausgeschnüffelt
-und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls
-waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen,
-von denen Tschitschikow glaubte, niemand außer
-ihm und den vier Wänden, innerhalb deren er lebte,
-könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies
-alles noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm
-selbst nicht zu Ohren gekommen, obwohl ein vertrauliches
-Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß ihm bald zugestellt
-wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, <a id="corr-78"></a>daß die Sache
-bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz:
-&bdquo;Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer
-Sache mancherlei Scherereien bevorstehen, aber lassen
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich nicht
-unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt &mdash; Ruhe. Wir
-wollen die Sache schon wieder einrenken.&ldquo; Dieser Brief
-beruhigte ihn vollkommen. &bdquo;Ein Genie!&ldquo; sagte Tschitschikow.
-Um seine glückliche Stimmung zu vervollständigen,
-brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider
-auch noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust
-packte ihn, sich selbst in dem neuen Frack von Navarinoscher
-Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog die
-Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß
-man ihn ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen
-lagen ganz eng an und ließen seine prachtvollen Lenden
-und die vollen Waden sehen; der Stoff schmiegte sich
-so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten erkennen,
-was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität
-verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich
-sein Bauch einer Trommel. Er schlug mit der Bürste
-darauf und sagte: &bdquo;So ein Trottel! Und <em>doch</em>,
-im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.&ldquo;
-Der Frack schien noch besser genäht zu sein, als
-die Hosen: da gab es auch nicht ein Fältchen, im
-Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön geschwungen
-und ließ die ganze Statur genau hervortreten.
-Auf Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke
-ihn etwas unter der Achselhöhle, antwortete der Schneider
-bloß mit einem Lächeln: darum saß er auch um so besser in
-der Taille. &bdquo;Sie können ganz ruhig sein, Sie können
-ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,&ldquo; wiederholte er
-mit unverhohlener Freude: &bdquo;So einen Frack bekommen
-Sie überhaupt nicht wieder außer etwa in Petersburg.&ldquo;
-Der Schneider stammte selbst aus Petersburg, und auf
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-seinem Schilde stand zu lesen: &bdquo;<em>Ein Ausländer aus
-London und Paris</em>&ldquo;. Er liebte es nicht zu spaßen
-und wollte mit den beiden Städten ein für allemal allen
-andern Schneidern den Mund stopfen, damit in Zukunft
-keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte kommen
-sollte. Mochte er doch irgend ein &bdquo;Karlseruh&ldquo; oder
-&bdquo;Kopenhaga&ldquo; auf sein Schild setzen.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise
-und begann sich, nachdem er allein geblieben war, aufmerksam
-im Spiegel zu betrachten: und zwar ganz wie
-ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten und
-gewissermaßen <span class="antiqua">con amore</span>. Es stellte sich heraus, daß
-alles noch weit schöner war, als früher: seine Wangen
-waren noch interessanter, sein Kinn noch anziehender
-geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich zur Farbe
-der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen
-noch weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen
-verlieh der Krawatte einen besonderen Farbenton,
-die nobele Sammetweste bildete einen ausgezeichneten
-Fond für das Vorhemdchen und der Frack von Navarinoscher
-Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und vervollständigte
-noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte
-sich rechts &mdash; und siehe, alles war vortrefflich; er drehte
-sich links &mdash; und es war noch besser! Er hatte die Figur
-eines Kammerherrn oder eines vornehmen Mannes, der
-fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend
-wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen,
-sondern sich aus Zartgefühl auch hierbei noch
-der französischen Sprache bedient. Hierauf neigte er
-seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es,
-eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-in mittleren Jahren, von modernster und exquisitester
-Bildung; das war einfach ein Tableau, etwas für einen
-Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte
-er noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat,
-sodaß die Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit
-Kölnischem Wasser herunterfiel; aber das störte ihn nicht
-im mindesten. Er nannte das Fläschchen, wie es sich
-gehörte, ein albernes Ding, und dachte: &bdquo;Zu wem soll
-ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...&ldquo;
-Da ertönt plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr,
-und in der Türe erscheint ein Gendarm: bis an die
-Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer repräsentieren,
-und sagt: &bdquo;Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur
-zu melden!&ldquo; Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken.
-Vor ihm stand ein Schreckbild mit einem mächtigen
-Schnauzbart, einem wallenden Pferdeschweif, der ihm
-vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der <em>rechten</em> und
-eine Schärpe über der <em>linken</em> Schulter und einen gewaltigen
-Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als
-ob er an der andern Seite noch ein Gewehr und weiß
-der Teufel was sonst noch alles hängen hatte: eine ganze
-Armee in einer Person! Er wollte etwas einwenden,
-aber die Schreckensgestalt antwortete grob: &bdquo;Sie haben
-sofort mitzukommen!&ldquo; Hinter der Vorzimmertür sah er
-noch eine andre ähnliche Schreckensgestalt auftauchten;
-er warf einen Blick durchs Fenster: auf der Straße vor
-seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu
-machen? Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so
-wie er da war, in seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe
-mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. Zitternd
-und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-fuhr, begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.
-</p>
-
-<p>
-Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit
-sich zu sammeln. &bdquo;Treten Sie ein, der Fürst erwartet
-Sie schon!&ldquo; sagte der diensthabende Beamte. Wie durch
-einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere,
-die allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf
-einen Saal, den er durchschreiten mußte, und er dachte:
-&bdquo;Wie? Wenn sie mich nun plötzlich ergreifen, und ohne
-gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten einfach
-nach Sibirien befördern!&ldquo; Sein Herz fing heftig
-an zu klopfen, weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten
-Liebhaber. Endlich tat sich die verhängnisvolle Tür auf:
-vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen Schränken und
-Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren:
-der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie
-der personifizierte Rachegott.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alleszermalmer!&ldquo; dachte Tschitschikow, &bdquo;er wird mich
-zerreißen, wie der Wolf das Lamm!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in
-der Stadt zu bleiben, während Sie eigentlich ins Zuchthaus
-gehörten; Sie aber haben sich von neuem durch
-den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich
-jemals ein Mensch beschmutzt hat!&ldquo; Die Lippen des
-Fürsten bebten vor Zorn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich,
-Durchlaucht?&ldquo; sagte Tschitschikow, der am ganzen Leibe
-zitterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Frau,&ldquo; sagte der Fürst, indem er näher auf
-ihn zuging und Tschitschikow gerade in die Augen blickte:
-&bdquo;die Frau, die das Testament auf Ihr Geheiß unterschrieben
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen
-gegenübergestellt werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit
-sagen. Ich bin schuldig, ja ich bin schuldig; aber nicht
-so schuldig, wie Sie glauben, meine Feinde haben mich
-verleumdet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie <em>kann</em> niemand verleumden, denn in Ihnen
-steckt unendlich viel mehr Gemeinheit und Niedertracht,
-als der schlimmste Lügner ersinnen kann. Ich glaube,
-Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat
-vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt
-und ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen,
-auf die die Knute und Sibirien stehen! Nein,
-Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins Gefängnis abgeführt
-werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten
-Schurken und Räubern auf die Entscheidung
-deines Schicksals warten. Und das kannst du als Gnade
-ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als sie: sie
-sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...&ldquo;
-Er warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher
-Rauchfarbe mit Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur
-und klingelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht!&ldquo; schrie Tschitschikow, &bdquo;haben Sie Erbarmen!
-Sie sind doch auch Familienvater. Ich flehe
-Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine alte Mutter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du lügst!&ldquo; rief der Fürst zornig. &bdquo;Genau so hast
-du damals für deine Kinder und deine Familie, die du
-nie besessen hast, um Gnade gefleht! Jetzt ist es die
-Mutter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-niederträchtiger Schuft!&ldquo; sagte Tschitschikow ... &bdquo;Ich habe
-wirklich gelogen, denn ich hatte weder Kinder noch Familie;
-aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte stets die Absicht,
-mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und Bürger
-zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner
-Vorgesetzten und Mitbürger zu verdienen! ... Aber
-welch ein unglückliches Zusammentreffen der Umstände!
-Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut mußte
-ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese
-Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ...
-nichts als Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ...
-Mein ganzes Leben war wie ein stürmischer Wirbel oder
-ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein Spielball
-der Winde und Wellen. Ich bin &mdash; auch nur ein
-Mensch &mdash; Durchlaucht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf
-sich vor dem Fürsten auf die Kniee, wie er ging und
-stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit
-Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte,
-in den herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur,
-die eine Wolke von Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft
-aussendete; er beugte sich tief vor dem
-Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und
-ihn mitnehmen!&ldquo; sagte der Fürst zu den eintretenden
-Gendarmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht!&ldquo; schrie Tschitschikow und umklammerte
-mit beiden Armen den einen Stiefel des Fürsten.
-</p>
-
-<p>
-Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm
-durch alle Adern. &bdquo;Fort, fort mit ihm! sag ich!&ldquo; rief
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-er, indem er seinen Fuß aus der Umklammerung
-Tschitschikows zu befreien versuchte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis
-Sie mir verziehen haben,&ldquo; sagte Tschitschikow, ohne den
-Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß dieser, als er einen
-Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von Navarinoscher
-Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden
-nach sich schleifte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!&ldquo; rief der Fürst
-mit jenem unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens,
-das ein Mensch beim Anblick eines häßlichen
-Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben, es zu
-zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los,
-daß Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und
-das wohlgerundete Kinn erhielt, aber er gab den Stiefel
-doch nicht frei und klammerte sich nur noch stärker an
-ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit
-Mühe fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten
-ihn durch die lange Zimmerflucht hinaus. Er war
-bleich und niedergeschlagen und befand sich in jenem
-furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch
-den finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht,
-dieses entsetzliche Schreckbild, das unserem ganzen Wesen
-so sehr widerspricht.
-</p>
-
-<p>
-In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete
-ihnen Murasow. Ein Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich
-Tschitschikows verdüstertes Gemüt. Mit geradezu unnatürlicher
-Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen
-beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor
-dem erstaunten Murasow auf die Kniee.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-&bdquo;Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis,
-aufs Schafott.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten
-ihn hinaus, ohne ihn ausreden zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den
-Stiefeln und Fußlappen der Garnisonsoldaten duftete, ein
-ungestrichener Tisch, zwei schlechte Stühle, ein vergittertes
-Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig rauchte,
-ohne zu wärmen &mdash; das war der Raum, in dem unser
-Held untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte,
-die Wonnen des Lebens zu kosten und in seinem eleganten
-neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz
-die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich zu
-lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen,
-er durfte nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde
-mitnehmen, das er sich mühsam erworben hatte ...
-All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der toten
-Bauern &mdash; alles war jetzt in den Händen der Beamten.
-Er fiel auf die Erde und hoffnungsloser Gram fing an,
-einem gierigen Wurme gleich an seinem Herzen zu nagen.
-Immer heftiger zerfleischte er sein armes wehrloses Herz.
-Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen
-Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt
-noch auf der Welt gewesen wäre. Aber auch über
-Tschitschikow wachte eine schirmende und rettende
-Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des
-Gefängnisses und hereintrat: &bdquo;der alte Murasow&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Hätte jemand einem müden und erschöpften, von
-brennendem Durste gequälten und mit dem Staube und
-Schmutze des Weges bedeckten Wanderer ein paar Tropfen
-frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt, &mdash;
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis
-unsern armen Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Retter!&ldquo; rief Tschitschikow plötzlich, indem er
-vom Fußboden aus, auf den er sich in seinem herzzerreißenden
-Schmerz niedergeworfen hatte, nach Murasows
-Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte.
-&bdquo;Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem
-kommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er brach in Tränen aus.
-</p>
-
-<p>
-Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke
-an und sagte nur: &bdquo;Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel
-Iwanowitsch! Was haben Sie getan?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet,
-der Verfluchte! Ich konnte nicht Maß halten;
-und verstand es nicht, zur rechten Zeit aufzuhören. Er
-hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle
-Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt!
-Ja, ich habe gefehlt, ich habe schwer gefehlt!
-Und doch wie konnte man mich so behandeln. Einen
-Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches
-Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann,
-Afanassij Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens
-Zeit lassen, nach Hause zu gehen und meine Sachen zu
-ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie früher,
-und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine
-Schatulle! Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle!
-Da steckt doch mein ganzes Vermögen drin, das ich mir
-im Schweiße meines Angesichts mit meinem Blut, durch
-jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe.
-Meine Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-mir ja alles stehlen und fortschleppen! O mein Gott,
-mein Gott!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande
-den Schmerz niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft
-erschütterte, fing er laut an zu schluchzen, mit einer Stimme,
-die durch die dicken Mauern des Gefängnisses hindurch
-drang und weithin widerhallte; er ergriff die Atlaskrawatte
-und den Kragen seines Anzugs und riß den
-herrlichen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz
-in Stücke.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die
-Gier nach Wohlstand und Reichtum verblendet, daß Sie
-sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare Lage!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie
-mich!&ldquo; schrie der arme Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt,
-indem er vor ihm auf die Kniee sank. &bdquo;Der
-Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie
-tun, selbst wenn ich es wollte, und so sehr ich es auch
-wünschte. Sie sind in die Macht des unerbittlichen
-Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte,
-dieser Auswurf des Menschengeschlechtes!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und
-schlug so stark mit der Faust auf den Tisch, daß er sich
-seine Hand blutig schlug; aber er fühlte weder den Schmerz
-im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des Schlages.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken
-Sie lieber daran, sich mit Ihrem <em>Gotte</em> auszusöhnen
-und nicht mit den Menschen; denken Sie an Ihre arme
-Seele!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-&bdquo;O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch.
-Ward je einem Menschen ein solch furchtbares
-Los zuteil? Mit welch geradezu mörderischer Geduld
-und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; wahrlich
-mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts
-habe ich sie erworben. Ich habe doch niemand
-beraubt oder die Staatskasse bestohlen, wie es andre
-Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf Kopeke
-gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben;
-um meiner Frau und meinen Kindern etwas zu
-hinterlassen, denn ich wollte mir eine Familie gründen,
-zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande
-zu dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe
-unrecht getan; ich leugne es nicht, ich habe mich schwer
-vergangen ... aber was soll ich tun? Und doch wich
-ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der
-gerade Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme
-eben der kürzere ist. Aber ich habe doch gearbeitet und
-mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand was fortgenommen
-habe, so nahm ich&rsquo;s nur den Reichen. Es
-gibt doch Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende
-stehlen, die armen Leute plündern und denen, die nichts
-haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, sagen Sie,
-hab ich nicht Unglück? &mdash; noch jedes Mal, wenn ich
-die Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen
-mit Händen zu greifen glaubte, brach ein Sturm über
-mich herein, strandete ich an einem Riff, und mein
-ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon dreihunderttausend
-Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges
-Haus dazu, zweimal schon habe ich mir ein
-Gut gekauft ... Ach Afanassij Wassiljewitsch. Womit
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn nicht
-schon ohnedies mein Leben einem schwankenden
-Kahn auf stürmischem Ozean? Wo bleibt da die ewige
-Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine Geduld und
-meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von
-Anfang anfangen: nachdem ich alles verloren, begann
-ich von neuem, mit wenigen Kopeken in der Tasche,
-während sich ein anderer längst dem Trunke ergeben
-hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles
-mußte ich in mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten!
-Wahrlich, jede Kopeke ist sozusagen mit dem
-ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie
-leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede
-Kopeke wie das Sprichwort sagt mit einem silbernen
-Nagel festgenagelt, und diese festgenagelte Kopeke mußte
-ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu eiserner
-Geduld und Unermüdlichkeit erringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz
-zerriß sein Herz; kraftlos sank er auf einen Stuhl
-nieder und riß dabei den einen herabhängenden halbzerfetzten
-Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn weit
-von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar,
-um dessen Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und
-zerraufte es unbarmherzig; er schien sich an seinem
-eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts zu
-beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz
-betäuben zu wollen.
-</p>
-
-<p>
-Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die
-Betrachtung dieses seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles
-versunken. Unterdessen wand sich der unglückliche
-erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit der
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes
-oder Militärs bewegt hatte, in einem unwürdigen
-Aufzuge, mit zerzausten Haaren, zerrissenem Frack, aufgeknöpften
-Beinkleidern und mit blutender Hand zu
-seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die
-feindlichen Mächte ausstoßend, die den Menschen befehden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!
-Was hätte aus Ihnen für ein Mensch werden
-können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer
-einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich
-ein edleres Ziel gesteckt hätten. Herrgott! wieviel Gutes
-hätten Sie stiften können! Wenn doch nur <em>einer</em> der
-Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen
-machte, wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu
-häufen, wenn sie es doch verständen, ihre Eigenliebe
-und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, ohne sich
-selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren
-Besitz zu mehren! &mdash; Gott, wie herrlich würde es dann
-auf unserer Erde aussehen! ... Pawel Iwanowitsch,
-Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das Traurige, daß
-Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen,
-sondern daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen
-haben: an Ihren reichen Kräften und Fähigkeiten, die
-Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre Bestimmung: ein
-großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte
-verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen
-Seele: wie weit sich auch der irrende Mensch vom
-geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch der
-unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag,
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-wie trotzig er auf seinem lasterhaften Leben beharren
-mag: wenn man ihm sein besseres Selbst und seine von
-ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden vorhält,
-dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert
-steht er da.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Afanassij Wassiljewitsch,&ldquo; sagte der arme Tschitschikow
-und ergriff Murasows beide Hände. &bdquo;Oh!
-wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein Vermögen
-zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde
-von nun ab ein ganz neues Leben beginnen! Retten
-Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das
-Gesetz streiten. Aber selbst wenn ich mich dazu entschließen
-könnte, vergessen Sie eines nicht: der Fürst ist
-sehr gerecht, &mdash; er wird unter keinen Umständen nachgeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen!
-Mich schreckt das Gesetz nicht &mdash; gegen das Gesetz werde
-ich schon Mittel und Wege finden &mdash; was mich empört, ist
-dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde,
-wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine
-Papiere, meine Schatulle .... O, retten Sie mich!
-Helfen Sie mir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er umklammerte die Füße des alten Mannes und
-benetzte sie mit seinen Tränen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!&ldquo;
-sagte der alte Murasow, indem er den Kopf schüttelte:
-&bdquo;wie hat Sie doch dieser Reichtum verblendet! Sie
-denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will auch an meine Seele denken, nur retten
-Sie mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pawel Iwanowitsch!&ldquo; sprach der alte Murasow
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-und hielt einen Augenblick inne. &bdquo;Es liegt nicht in
-meiner Macht, Sie zu retten &mdash; das sehen Sie doch
-selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich
-nur kann, um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien.
-Ich weiß nicht, ob mir dies gelingen wird,
-aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich
-jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch
-&mdash; dann bitte ich mir einen Lohn für meine Bemühungen
-aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe Sie an: lassen Sie
-ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich
-gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes
-Vermögen verlöre &mdash; und es ist weit größer als
-das Ihrige &mdash; ich würde ihm keine Träne nachweinen.
-Wahrlich, was liegt am Besitz, den man
-mir jeden Tag konfiszieren kann, worauf es ankommt,
-das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen
-oder zu stehlen vermag! Sie haben doch schon lange
-genug auf dieser Welt gelebt. Sie nennen ja Ihr Leben
-selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem Meer.
-Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben
-zu können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel
-nieder; in der Nähe einer Kirche, nahe bei schlichten
-braven Menschen, oder wenn Sie schon den glühenden
-Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten
-Sie ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse
-und an ein mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen
-Sie diese lärmende Welt und all ihre
-Launen und Verführungen: es schadet gar nichts,
-wenn auch die Welt Sie vergißt: sie kann uns
-keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: sie
-ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-&bdquo;Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die
-Absicht und wollte eben ein ordentliches Leben beginnen,
-wollte mich ganz der Landwirtschaft widmen und meine
-Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung
-hat mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser
-Satan, dieser verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu
-erklären vermochte, durchdrangen plötzlich seine Brust, es
-war, als ob sich in ihm etwas regte; und aus tiefem
-Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst Vergessenes
-... etwas, das eine strenge tote Lehre in
-frühester Kindheit im Keime erstickt hatte, das eine trübselige,
-trostlose Jugend, die Enge des Vaterhauses, die
-Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der Familie,
-die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm
-unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und
-kalte Auge des Schicksals, das ihn traurig und wie durch
-ein trübes, vom Schneesturme verwehtes Fenster angeblickt,
-in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, schien sich
-nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen.
-Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein
-Antlitz mit beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter
-Stimme: &bdquo;Wahrhaftig, Sie haben recht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben
-Ihnen nicht geholfen, weil Sie sie in den Dienst des
-Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer gerechten Sache
-gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben
-Sie sich selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch
-ist es nicht zu spät, noch ist es Zeit ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, es ist zu spät, zu spät!&ldquo; stöhnte Tschitschikow
-mit einer Stimme, bei deren Klang Murasow fast
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-das Herz springen wollte. &bdquo;Ich fange an zu fühlen, zu
-begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege
-abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich
-bin einmal so erzogen. Mein Vater hat mir beständig
-Moral gepredigt, hat mich geschlagen und mich schöne
-Sittensprüche abschreiben lassen, während er selbst vor
-meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und
-mich zwang, ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst
-war Zeuge, wie er einen falschen Prozeß begann und
-ein armes Waisenmädchen verführte, deren Vormund er
-war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle Moralpredigten.
-Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein
-schlechtes Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch
-verabscheue ich das Laster nicht: ich bin stumpf geworden,
-ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt jene herrliche
-Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur
-zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann
-nicht mit demselben Eifer dem Guten dienen, der mich
-beseelt, wenn mir Reichtum und Wohlstand als Preis
-winken. Ich spreche die Wahrheit &mdash; was soll ich
-machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Greis seufzte tief auf ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft,
-soviel Geduld und Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter,
-und doch schluckt sie der Kranke, denn er weiß: nur so
-kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht &mdash; so
-zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben.
-Das wird Ihnen noch höher angerechnet werden, als
-dem, der das Gute tut, weil er es lieb hat. Versuchen
-Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann
-wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-mir, es läßt sich alles erreichen. Es ist uns gesagt
-worden: Das Reich Gottes muß errungen werden. Es
-muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und
-errungen werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich:
-Sie besitzen diese Kraft, die so vielen andern fehlt, diese
-eiserne Geduld, und Sie sollten unterliegen? Wahrhaftig!
-ich glaube fürwahr: Sie waren ein <em>Held</em>, ein
-<em>Heros</em> heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so
-schwach, so energie- und willenlos sind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in
-die Seele drangen und den Ehrgeiz, der tief auf ihrem
-Grunde schlummerte, aufstachelten. War es auch kein
-bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes,
-Festes, was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt
-in seinen Augen aufblitzte ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Afanassij Wassiljewitsch!&ldquo; sprach er mit fester
-Stimme: &bdquo;wenn es Ihnen gelingen sollte, mir die
-Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit ich diese
-Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen
-kann, dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will
-ein neues Leben beginnen: dann kaufe ich mir ein kleines
-Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, nicht
-für mich selbst, sondern um andern zu helfen und
-Gutes zu tun, soweit es in meinen Kräften steht; ich
-will versuchen, mich selbst und all diese städtischen Diners
-und Schlemmereien zu vergessen, und ein einfaches nur
-der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott stärke Sie in diesem Entschluß!&ldquo; sagte hocherfreut
-der alte Mann. &bdquo;Ich will all meine Kräfte
-einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er Ihnen
-die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-nicht, das weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr
-Los erleichtert werden. O, mein Gott! Umarmen Sie
-mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie
-mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort
-zum Fürsten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow blieb allein.
-</p>
-
-<p>
-Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er
-war ganz weich geworden. Auch das Platin, das härteste
-aller Metalle, das dem Feuer am längsten widersteht,
-schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse
-anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze
-zu unerträglicher Glut anschwillt &mdash; allmählich wird es
-weißer und immer weißer &mdash; das <em>eigensinnige</em> Metall,
-bis es sich endlich verflüssigt: so gibt auch der stärkste
-Charakter nach in der Esse der Leiden und Schicksalsschläge,
-wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln
-und mit ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines
-Wesens erweichen ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch
-aber will ich all meine Kräfte einsetzen, um es andre
-fühlen zu machen; zwar bin ich selbst schlecht, doch aber
-will ich all meine Kraft zusammennehmen, um andre
-zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ,
-doch aber will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis
-zu geben. Ich werde selbst Hand anlegen und auf dem
-Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein; ich
-werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf
-andre einen guten Einfluß auszuüben. Bin ich denn
-zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch eine gewisse
-Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink,
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und
-Ausdauer. Man muß nur wollen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten
-Seelenkräften etwas ahnend zu ergreifen. Es war fast,
-als fühlte er mit dunklem Instinkt, daß es eine Aufgabe
-gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat, und
-die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt,
-trotz aller widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und
-Unruhe, die den Menschen auf jedem Posten bestürmen,
-auf den er gestellt ist. Und das werktägige Leben, fern
-vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen,
-die der müßige, von der Arbeit entwöhnte
-Mensch erdacht hat, stand plötzlich so deutlich vor ihm,
-daß er seine peinliche Lage beinahe vergaß und vielleicht
-sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für diesen
-harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit
-und wenigstens einen <em>Teil</em> seines Vermögens wiedererlangt
-hätte ... Aber da öffnete sich die kleine Türe
-zu seiner schmutzigen Zelle, und herein trat ein Beamter
-namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer,
-ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein
-ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener
-Kerl, wie ihn seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten
-hätte der Mensch wahre Wundertaten vollbracht:
-irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche und unwegsame
-Gegenden ausführen, oder dem Feind eine
-Kanone vor der Nase wegstehlen &mdash; das wäre so etwas
-für ihn gewesen. Aber da es keine militärische Stelle
-für ihn gab, auf der man vielleicht einen anständigen
-Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich
-die größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-spielen. Merkwürdig! Er hatte höchst sonderbare Ansichten
-und Grundsätze: seinen Freunden war er ein guter Kamerad,
-er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber stets
-sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine
-Art feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen
-mußte, wobei es erlaubt war, jeden schwachen Punkt,
-jede Bresche und Fahrlässigkeit seitens des Gegners auszunutzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache
-gehört!&ldquo; sagte er, als er merkte, daß sich die Tür hinter
-ihm fest geschlossen hatte. &bdquo;Macht nichts, macht nichts!
-Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles
-wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen.
-Wir stehen Ihnen ganz zur Verfügung. Dreißigtausend
-Rubel &mdash; für uns alle zusammen und die Sache
-ist gemacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirklich?&ldquo; rief Tschitschikow aus, &bdquo;und ich werde
-ganz freigesprochen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz
-für Ihre Verluste.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und für Ihre Bemühungen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dreißigtausend. Alles inbegriffen &mdash; für die Unsrigen,
-für die Leute des Generalgouverneurs und für den Sekretär.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine
-Sachen ... meine Schatulle ... das ist doch alles
-versiegelt, in den Händen der Polizei ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen
-Sie ein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz
-klopfte, er glaubte nicht recht, das es möglich sei ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-Freund bittet mich Ihnen zu sagen: die Hauptsache ist:
-ruhig Blut und Geistesgegenwart!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm!&ldquo; dachte Tschitschikow, &bdquo;ich verstehe: der Rechtsanwalt!&ldquo;
-Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow
-sich wieder allein in seiner Zelle befand, wollte er noch
-immer nicht recht an dessen Worte glauben, aber es verging
-keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine
-Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld &mdash; alles war
-in schönster Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle
-eines Inspektors: er gab den Posten einen Rüffel, weil
-er nicht wachsam genug sei, gab dem Gefängnisaufseher
-den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung
-der Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle
-und entnahm ihr sämtliche Papiere, die Tschitschikow im
-geringsten kompromittieren konnten, dann band er alles
-zusammen, versiegelte es und beauftragte einen Soldaten,
-das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem
-Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten
-Stücke der Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow
-zugleich mit seinen Papieren noch warme Sachen
-erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken
-konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine
-unsagbare Freude. Er faßte wieder Hoffnung und schon
-fing er aufs neue an, von allerhand schönen Dingen
-zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin,
-der er die Kur machte. Das Gut und die ländliche
-Stille verblaßten merklich, dagegen malte sich ihm die
-Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit helleren und
-klareren Farben ... &bdquo;O Leben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen
-ein Prozeß von geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen.
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-Die Federn der Schreiber waren emsig an der
-Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen sich
-die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß
-beim Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen
-Akten. Der Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein
-verborgener Zauberkünstler den ganzen Mechanismus;
-noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er alle
-in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer
-größer. Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine
-geradezu unerhörte Kühnheit und Frechheit. Er brachte
-in Erfahrung, wo die jüngst verhaftete Frau untergebracht
-war, ging sofort hin und trat mit der sicheren und
-kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der
-Posten &bdquo;Honneur&ldquo; machte und stramm stand. &bdquo;Stehst
-du schon lange hier?&ldquo; &mdash; &bdquo;Seit heute morgen, Euer
-Gnaden!&ldquo; &mdash; &bdquo;Wirst du bald abgelöst?&ldquo; &mdash; &bdquo;Um drei
-Uhr, Euer Gnaden!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich werde dich brauchen. Ich
-werde dem Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern
-herschicken soll.&ldquo; &mdash; &bdquo;Zu Befehl, Euer Gnaden!&ldquo; Hierauf
-fuhr er nach Hause, und um nur ja niemand in die
-Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog
-er sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und
-klebte sich einen künstlichen Schnurrbart und Backenbart
-an, sodaß ihn der Teufel selbst nicht erkannt hätte. Er
-ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, ergriff das
-erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab
-sie zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht
-waren, und erschien plötzlich ganz wie es sich gehört
-mit einem großen Schnauzbart und einem Gewehr vor
-dem Posten: &bdquo;Marsch ... der Kommandeur hat mich
-hierher geschickt; ich soll dich ablösen.&ldquo; Er löste den
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-andern ab und pflanzte sich selbst mit dem Gewehr in
-der Hand vor dem Eingang auf. Das war alles, was
-er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit
-einem andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte,
-und keine Ahnung von der ganzen Sache hatte. Das
-erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß später
-kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich
-geblieben war. Während Ssamoswistow so seine Rolle
-als Soldat spielte, vollbrachte der Rechtsanwalt seinerseits
-wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen Schauplatz!
-Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen,
-daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu
-denunzieren; dem Gendarmerieoberst ließ er mitteilen,
-daß ein Beamter, der sich im geheimen in der Stadt
-aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem geheimnisvollen
-Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen
-noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren
-wolle &mdash; und er brachte alle dadurch in eine solche Lage,
-daß sich jeder an ihn wenden mußte, um sich Rat und
-Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer Wirrwarr:
-eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte
-Dinge an den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch
-nie vorgekommen, und sogar solche, die <em>überhaupt</em>
-nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine Verwendung,
-alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen:
-daß einer ein unehelicher Sohn war, was für
-einen Beruf und Stand er hatte, daß er sich eine Maitresse
-hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. Skandalgeschichten
-und allerhand schmutzige Affären wurden
-mit dem Fall Tschitschikow und den Toten Seelen derartig
-vermengt und in Verbindung gebracht, daß man
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen
-Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren
-einander wert. Als dann schließlich die Akten beim
-Generalgouverneur einliefen, konnte der arme Fürst überhaupt
-nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl
-erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu
-machen, ein gewandter und gescheiter Mann, verlor
-darüber beinahe den Verstand, er konnte den roten Faden
-in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der Fürst
-hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer
-ganzen Reihe anderer Angelegenheiten, von denen eine
-unangenehmer war, als die andre. In einem Teil der
-Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten,
-die hingeschickt worden waren, um Brot unter
-die Hungernden zu verteilen, hatten die Lebensmittel
-nicht in der richtigen Weise verwendet. In einem andern
-Teil der Provinz regten sich die Sektierer. Jemand
-hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist
-gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe
-lasse und tote Seelen aufkaufe. Sie taten Buße,
-sündigten weiter und machten unter dem Vorwande,
-den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen
-den Garaus. An einer andern Stelle waren
-Unruhen unter den Bauern ausgebrochen; sie hatten sich
-gegen die Gutsbesitzer und gegen den Gendarmerieobersten
-empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht verbreitet,
-jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern
-Gutsbesitzer werden und Fräcke anziehen müßten, während
-die Gutsbesitzer den Bauernkittel anlegen und selbst Bauern
-werden müßten &mdash; und ein ganzer Bezirk hatte daraufhin,
-ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen ja
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere
-geben werde &mdash; die Steuern verweigert. Man mußte zu
-Zwangsmaßregeln greifen. Der arme Fürst war ganz
-verstimmt und befand sich in der höchsten Aufregung.
-Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow
-sei gekommen. &bdquo;Er soll eintreten!&ldquo; sagte der Fürst. Der
-Greis betrat das Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich
-für ihn ein und versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt
-hat man ihn bei einer Sache ertappt, zu der sich der
-schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht,
-daß ich die ganze Sache nicht recht gut verstehe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Fälschung eines Testaments, und was für eine
-Fälschung! ... Darauf steht öffentliche Züchtigung mit
-der Knute!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht &mdash; was ich jetzt sage, sage ich nicht,
-um Tschitschikow zu verteidigen &mdash; aber das ist doch
-alles noch garnicht bewiesen: die Untersuchung hat ja
-noch garnicht stattgefunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der
-Toten spielte, ist verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer
-Gegenwart verhören.&ldquo; Der Fürst klingelte und befahl,
-die Frau holen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Murasow schwieg still.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine
-Schande, daß die höchsten Beamten der Stadt, ja sogar
-der Gouverneur selbst in sie verwickelt sind. Er wenigstens
-dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe und Faulenzer
-ihr Wesen treiben!&ldquo; sagte der Fürst heftig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-hatte doch gewisse Rechte und Ansprüche darauf; und
-daß auch die andern von allen Seiten herbeigelaufen
-kamen und mit daran profitieren wollten &mdash; das ist
-doch nur <em>menschlich</em>, Durchlaucht! Eine reiche Frau
-stirbt, sie hinterläßt ein Testament, das weder klug noch
-gerecht ist, und nun strömen von allen Seiten Menschen
-zusammen, die gern was verdienen möchten &mdash; das ist
-doch alles so menschlich, so natürlich ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ...
-Die Schurken!&ldquo; sagte der Fürst empört. &bdquo;Ich habe
-nicht einen einzigen anständigen Beamten: lauter
-Lumpen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h.
-ganz so, wie er sein sollte? Alle Beamten unserer
-Stadt sind doch Menschen, die haben ihre Vorzüge und
-ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre
-Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind,
-aber wer ist denn frei von Sünde?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie
-mir bitte &mdash; Sie sind der einzige ehrliche Mensch, den
-ich kenne &mdash; was macht es Ihnen eigentlich für ein
-Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz
-zu nehmen<a id="corr-83"></a>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht!&ldquo; versetzte Murasow: &bdquo;wie die Menschen
-auch sein mögen, die Sie Schurken und Gauner nennen &mdash;
-sie bleiben immer doch Menschen. Wie soll man denn
-den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß,
-daß er die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und
-Unwissenheit begeht. Wir tuen doch selbst auf Schritt
-und Tritt unrecht und stürzen jeden Augenblick andere
-Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht.
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie?&ldquo; rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs
-höchste überrascht durch die unerwartete Wendung, die
-die Unterhaltung nahm.
-</p>
-
-<p>
-Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien
-zu überlegen und sagte schließlich: &bdquo;Nun, denken Sie
-zum Beispiel an den Fall Derpennikow.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein
-Verbrechen gegen den Staat, das nahezu an Landesverrat
-grenzt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht,
-einen Jüngling, der sich infolge seiner Unerfahrenheit
-von anderen verführen und fortreißen läßt, ebenso hart
-zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser
-Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie
-irgend ein Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen
-ganz verschieden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um Gottes willen ...&ldquo; sagte der Fürst, dem
-man seine Aufregung deutlich anmerkte: &bdquo;Wissen Sie
-etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe erst
-neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man
-möge sein Los mildern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas
-weiß, was Sie nicht auch wissen. Es gibt allerdings
-einen Umstand, der ihm von Nutzen sein könnte, aber
-er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das
-einem andern schaden würde. Ich meine bloß dies:
-ob Sie sich damals nicht vielleicht allzusehr übereilt haben?
-Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich urteile nach meinem
-eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war,
-da hatte ich auch viele Arbeiter unter mir: gute und
-schlechte. Ich hätte damals auch das frühere Leben meiner
-Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man nicht alles
-ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich anschreit
-&mdash; dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt
-überhaupt nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen
-dagegen Teilnahme und fragt sie nach allem, wie ein
-Bruder den Bruder fragt &mdash; dann sagen sie einem alles
-ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man
-Gnade walten lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert
-und zürnen niemandem, weil sie sehen, daß nicht wir
-sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem
-Augenblick trat ein junger Beamter ins Zimmer und
-blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm ehrfurchtsvoll
-an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit
-spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen
-Gesicht. Man sah es ihm an, daß er Beamter für
-besondere Aufträge war. Dies war einer der wenigen
-Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren
-und denen das Aktenstudium Freude machte. Er hatte
-weder einen brennenden Ehrgeiz, noch einen heißen Durst
-nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den andern
-gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er
-überzeugt war, daß er hier an dieser Stelle an seinem
-Platze war, wie an keiner andern der Welt, und daß
-das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine verwickelte
-Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu
-analysieren, sie in ihre Teile zu zerlegen, in diesem
-Labyrinth den leitenden Faden zu entdecken, und alles
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-aufzuklären, &mdash; dann war er in seinem Element. Er
-fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit
-und die vielen schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich
-endlich aufzuhellen begann, wenn ihre geheimsten Triebfedern
-ans Licht kamen und er fühlte, daß er imstande
-war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen,
-sodaß sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig
-wurde. Man kann wohl sagen, kein Schüler freut
-sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines schwierigen
-Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines
-großen Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn
-es ihm gelungen war, eine verwickelte Sache zu entwirren.
-Dafür aber ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot
-herrscht; ich kenne diesen Teil besser als die Beamten:
-ich will selbst untersuchen, was und wieviel ein jeder
-braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will ich
-auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner,
-d. h. ein einfacher Mann, kann sie ja doch leichter
-zum Reden bringen, und vielleicht gelingt&rsquo;s mir mit
-Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem Wege zu
-schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit
-ihnen fertig: da kommt es höchstens zu weitläufigen
-Schreibereien; sie werden ja schon so nicht mehr klug
-aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die
-Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein
-Geld dafür haben, denn bei Gott, in solch einer Zeit
-wäre es wirklich eine Schande, noch an seinen Vorteil
-zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich
-habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem
-habe ich schon nach Sibirien schicken lassen; bis
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues
-geliefert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij
-Iwanowitsch, Sie leisten mir einen sehr großen Dienst
-damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil hier &mdash;
-das werden Sie selbst fühlen &mdash; weil hier jedes Wort
-ohnmächtig wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens
-noch eins über jene Bitte sagen. Sagen Sie selbst: habe
-ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache hinwegzugehen,
-wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen
-Schurken zu verzeihen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen,
-um so mehr, da es viele ehrenwerte Männer unter ihnen
-gibt. Die Lage der Menschen ist oft schwer, Durchlaucht,
-oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein Mensch
-nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann
-näher zusieht &mdash; ist <em>er</em> es garnicht gewesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie
-laufen lasse? Es gibt doch Leute unter ihnen, die nachher
-noch hochnäsiger werden und am Ende noch behaupten
-werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die
-ersten sein, die keine Achtung für ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht
-zu sagen: lassen Sie sie alle rufen, erklären Sie
-ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist, schildern Sie ihnen
-Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben geschildert
-haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von
-ihnen an Ihrer Stelle gemacht hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen
-zugänglich sind außer allerhand Intrigen und dem Wunsch,
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-sich zu bereichern? Glauben Sie mir, sie werden mich
-auslachen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch,
-selbst der, der schlechter ist als die andern, hat ein gesundes
-Gefühl für das Rechte. Es sei denn etwa irgend
-ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe ist ..
-Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu
-verstecken. Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie
-es mir gesagt haben. Sie schmähen sie ja doch und
-sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der
-gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist &mdash; nun
-so mögen sie die Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt
-Ihnen schließlich daran? Ihre Sache ist doch gerecht
-und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht
-vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Afanassij Iwanowitsch,&ldquo; sagte der Fürst nachdenklich:
-&bdquo;ich will es mir überlegen, einstweilen aber danke ich
-Ihnen herzlich für Ihren Rat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht?
-Wollen Sie ihm die Freiheit schenken?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen
-daß er fortkommt, und zwar so schnell als möglich; je
-weiter er von hier ist, desto besser. Ihm könnte ich
-niemals verzeihen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten
-direkt zu Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten
-Laune, in höchster Seelenruhe mit einem respektablen
-Mittagessen beschäftigt, das ihm in mehreren Porzellanschüsseln
-aus einem gleichfalls recht respektablen Restaurant
-in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen
-ersten Worten konnte der alte Herr sofort erkennen,
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-daß Tschitschikow schon mit einzelnen von den gerissenen
-Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar, daß hier
-auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand
-mit im Spiel hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich
-bringe Ihnen die Freiheit, aber unter einer Bedingung,
-daß Sie sofort die Stadt verlassen. Packen Sie alle
-Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie fortkommen;
-Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst verschlimmern
-Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen
-irgend ein Mensch hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher
-will ich Ihnen verraten, daß man noch einer andern
-Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde
-wird ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich
-Spaß, auch andere Leute zugrunde zu richten, da es
-ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache wird bald
-aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung
-zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen
-daher ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es
-kommt wirklich nicht auf den Besitz allein an, um dessentwillen
-die Menschen sich miteinander streiten und einander
-umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden ein
-geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige
-zu denken. Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch,
-solange die Menschen nicht all das fahren lassen, um
-dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und zerfleischen,
-und nicht daran denken, ihren <em>geistigen</em> Besitz
-in Ordnung zu bringen &mdash; wird es auch um den
-irdischen Besitz nicht wohlbestellt sein. Es werden Zeiten
-der Hungersnot und der Armut kommen, wie für ein
-ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-doch so klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper
-hängt doch von der Seele ab. Wie aber kann man
-dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht
-an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige
-Seele, und machen Sie sich mit Gottes Hilfe auf
-den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise auch
-morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht
-gehen, &mdash; wenn ich nicht mehr da bin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow
-versank in Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien
-ihm abermals in seiner hohen Bedeutung. &bdquo;Murasow
-hat recht,&ldquo; sagte er, &bdquo;es wird Zeit, einen andern
-Weg einzuschlagen.&ldquo; Mit diesen Worten verließ er das
-Gefängnis. Der Wachposten trug ihm die Schatulle
-nach ..... Seliphan und Petruschka waren ganz
-selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und
-freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. &bdquo;Nun,
-meine Lieben,&ldquo; sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig
-an sie wandte: &bdquo;jetzt müssen wir packen und abreisen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie
-sollen sehen, wie wir fliegen werden,&ldquo; sprach Seliphan:
-&bdquo;Wir werden jetzt einen guten Weg haben: es ist reichlich
-Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir die
-Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt,
-daß ich sie garnicht mehr ansehen mag.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere
-Kutsche auf ein Schlittengestell setzen,&ldquo; versetzte Tschitschikow
-und ging selbst in die Stadt. Aber er konnte sich doch
-nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu machen. Nach diesem
-unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so mehr,
-da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-über ihn zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit
-Bekannten sorgfältig aus dem Wege zu gehn und trat
-nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes,
-bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit
-Feuerglanz gekauft hatte; er erstand noch einmal vier
-Arschin zu einem Frack und Hosen und begab sich hierauf
-selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug genäht
-hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer
-für den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und
-ließ das Völkchen seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch
-bei Kerzenlicht mit Schere, Bügeleisen und Zähnen arbeiten,
-sodaß der Frack noch am nächsten Tage fertig war. Die
-Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte
-den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön,
-ganz ebenso schön wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte
-etwas Glänzendes, weiß Schimmerndes zwischen
-seinen Haaren und murmelte schmerzlich: &bdquo;Wie konnte
-ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem
-aber hätte ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!&ldquo;
-Nachdem er seine Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte
-er sich in seinen Wagen und verließ die Stadt in einer
-seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht mehr der
-alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des
-früheren Tschitschikow. Man konnte seinen inneren
-Seelenzustand mit einem zerstörten Gebäude vergleichen,
-das nur deswegen niedergerissen wurde, um ein neues
-daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch
-noch nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven
-Plan noch nicht gesandt und die Arbeiter im Zweifel
-sind, was sie tun sollen. Eine Stunde vor ihm war
-der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-mit Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine
-Stunde nach Tschitschikows Abreise erging der Befehl
-an die Beamten, vor dem Fürsten zu erscheinen:
-er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle,
-bis auf den letzten noch einmal sehen.
-</p>
-
-<p>
-In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur
-bewohnte, war die gesamte Beamtenschaft
-der Stadt versammelt vom Gouverneur bis zum letzten
-Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand
-Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow,
-solche die Geschenke annahmen und solche, die
-keine annahmen, ganze und halbe Heuchler und Pharisäer,
-und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle warteten
-nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen
-des Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den
-Saal, er war weder finster noch heiter: sein Blick war
-ebenso fest wie sein Schritt. Die ganze Beamtenschaft
-verbeugte sich &mdash; viele verneigten sich tief bis zur Erde.
-Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und
-begann folgendermaßen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig,
-Sie noch einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum
-Teil den Anlaß zu meiner Reise mitzuteilen. Es hat
-sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache
-abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden
-wissen, welche Sache ich meine. Diese Sache hat zur
-Aufdeckung einer ganzen Reihe von Vorgängen geführt,
-die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar solche
-Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen
-und ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt,
-alles so zu verwirren und durcheinanderzubringen,
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-daß es völlig unmöglich werde, diesen Fall auf dem
-formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen.
-Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er
-es sehr klug und fein verstanden hat, alle Beweise für
-seine Teilnahme zu beseitigen. Nun aber habe ich mich
-entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen Rechtswege
-noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie
-wie in Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen
-und rasch zu erledigen. Ich hoffe, daß der Kaiser mir
-die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich ihm den ganzen
-Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo
-es nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten,
-wo ganze Schränke mit Akten verbrennen, und
-wo man sich bemüht, durch einen Haufen von falschen
-Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine schon
-an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln &mdash;
-da halte ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige
-Mittel, und ich wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte
-er eine Antwort. Alle standen stumm da, den Blick zu
-Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich geworden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden,
-obgleich ihre Urheber der festen Überzeugung leben,
-daß niemand etwas davon erfahren konnte. Auch dieser
-Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden, da
-ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und
-Sie können sicher sein, daß ich zwingende und evidente
-Beweise vorlegen werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne
-von den Ängstlicheren wurden gleichfalls bestürzt und
-verlegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-&bdquo;Es versteht sich von selbst, <a id="corr-86"></a>daß der Hauptschuldige
-und Anstifter seiner Titel und Ränge entkleidet und
-daß sein Eigentum konfisziert werden wird. Die übrigen
-werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich von
-selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige
-werden mit leiden müssen. Aber was soll ich machen?
-Die Sache ist zu schmählich und schreit nach einer gerechten
-Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß
-dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da
-wieder andere an ihre Stelle treten und die, welche
-bis zu heutigem Tage ehrlich waren, unehrlich und solche,
-denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern und
-Verrätern werden werden &mdash; obwohl ich dies alles weiß,
-bin ich gezwungen, so hart und grausam zu verfahren,
-denn das Gesetz ist verletzt und fordert strengste Ahndung.
-Ich weiß, daß man mir Härte und Grausamkeit vorwerfen
-wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in
-ein gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln
-muß, das auf die Häupter der Schuldigen herabfallen soll.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter.
-</p>
-
-<p>
-Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung
-spiegelte sich in seinen Zügen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das
-Schicksal vieler liegt und den selbst keine Bitten zu
-erreichen vermochten, jetzt fleht er euch alle an: Alles
-soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben sein:
-ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine
-Bitte erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich
-weiß, daß kein Mittel, keine Einschüchterung und keine
-Strafe imstande ist, das Unrecht auszurotten, es hat schon
-zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche Sitte, Geschenke
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis geworden,
-selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage
-zum Bösen geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für
-viele beinahe unmöglich ist, gegen die allgemeine Strömung
-zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in einem entscheidenden
-und großen Augenblick, wo das Vaterland
-in Gefahr ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich
-nimmt und alles zum Opfer bringt, &mdash; einen Ruf an
-Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die unter
-Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen,
-und für die <em>Großherzigkeit</em> und <em>Edelmut</em> noch
-keine leeren Worte geworden sind. Wozu wollen wir
-hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig
-ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht
-habe ich Sie zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen;
-vielleicht habe ich durch meinen übertriebenen
-Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der den
-ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich
-auch ich meinerseits etwas tun konnte .... Wenn
-Sie wirklich wollten, daß die Gerechtigkeit auf der Seite
-Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland wirklich lieb
-gehabt hätten, dann durften <a id="corr-87"></a>Sie sich nicht durch den Stolz und
-die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten
-Ihren Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken
-und <a id="corr-88"></a>Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre
-Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe zum Guten unmöglich
-nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren
-verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen
-können. Am Ende muß sich doch der Untergebene an
-den Charakter seines Vorgesetzten und nicht der Vorgesetzte
-an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-wäre das richtiger und bequemer, denn die Untergebenen
-haben nur <em>einen</em> Vorgesetzten, während der
-Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen hat. Aber
-lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste
-Schuld trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns
-die Pflicht auferlegt ward, das Vaterland zu retten; unser
-Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß zwanzig fremde
-Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde
-an <em>uns</em> selbst; denn neben der rechtmäßigen
-Regierung und Verwaltung hat sich noch eine andre
-Regierung gebildet, die weit stärker ist als jede gesetzliche
-Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt,
-alles ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise
-sind bereits allgemein bekannt gegeben. Und kein Regierender
-vermag es, selbst wenn er weiser wäre als alle Gesetzgeber
-und Regierenden der Welt, das Übel wieder auszurotten,
-und wenn er die schlechten Beamten tausendmal
-in ihren Machtbefugnissen beschränkte, indem er
-noch andre Beamten anstellte, um jene zu beaufsichtigen.
-Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen lernt,
-daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände
-wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und
-Unwahrheit. Als Russe, als ein Mensch, der durch die
-heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit euch verbunden
-ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den
-euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch.
-Ich wende mich an die unter euch, die einen Begriff
-davon haben, was eine vornehme Denkungsart
-ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht
-zu erinnern, die dem Menschen vorgezeichnet ist,
-an jedem Punkte, wo er steht. Ich bitte euch, euch
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures
-irdischen Berufes klarer bewußt zu werden, weil
-uns dieses nur dunkel vorschwebt, und weil wir
-kaum ...&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-<span class="line1">Novellen</span>
-</h2>
-
-<p class="trnpart">
-<span class="line1">übersetzt von</span><br />
-<span class="line2">Mario Spiro und S. Bugow</span>
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-3-1">
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-Der Mantel
-</h3>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer Ministerial-Abteilung ...
-</p>
-
-<p>
-Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in
-welcher. In Rußland nämlich gibt es keine
-empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-,
-Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im
-allgemeinen unter dem Namen &bdquo;Bürokraten&ldquo; zusammenzufassen
-pflegt. Hält sich heutzutage der eine von ihnen
-für auch nur ein wenig in seiner Ehre gekränkt, so
-bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die
-ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll
-neulich einmal ein Kreisrichter &mdash; ich weiß nicht mehr,
-in welcher Stadt &mdash; einen Bericht abgefaßt haben, in
-dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der Regierung
-nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche
-man sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters
-eine verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und
-zum Beweise dafür hatte er seinem Berichte einen riesigen
-Folianten beigelegt, eine Art Roman, in dem man auf
-jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter
-begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen
-Reklamationen den Riegel vorzuschieben, habe ich es
-vorgezogen, den Schauplatz der folgenden Vorgänge undeutlich
-zu lassen und mich mit der Angabe: In einer
-Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung
-war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein
-Beamter, der &mdash; ich kann es leider nicht verschweigen &mdash;
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-ein wenig schlicht und unbedeutend aussah. Er war
-recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm
-jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war
-sogar etwas kurzsichtig, beide Wangen waren voller
-Runzeln, und sein Gesicht hatte eine bleiche Farbe, wie
-bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden. Was soll
-man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte
-ihn das Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen
-Rang im Amte betrifft &mdash; denn bei uns ziemt es sich
-vor allem, den Rang eines Beamten festzustellen &mdash; so
-war er das, was man im allgemeinen unter einem
-ewigen &bdquo;Titular-Rat&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> versteht; d. h. er war einer jener
-Unseligen, die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile
-gewisser Schriftsteller herausgefordert haben, einer
-Menschenklasse, die die beklagenswerte Angewohnheit
-hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen vermögen,
-anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war
-Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name
-läßt deutlich erkennen, daß er von dem Worte Schuh
-herstammt; wann und zu welcher Zeit er jedoch von einem
-Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig unbekannt.
-Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres
-Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten
-immer nur Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre
-neu sohlen ließen. Der Vor- und Vatername unseres Helden
-war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht wird der Leser diese
-Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich kann
-ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern
-daß die Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten,
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-ihm andere Namen zu geben. Man höre, wie das kam!
-Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles trügt,
-in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene
-Mutter, die einen Beamten geheiratet hatte, eine gute,
-einfache Frau, ging natürlich, wie sich&rsquo;s auch gebührt,
-sofort daran, ihren Neugeborenen taufen zu lassen. Die
-Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe gegenüber
-befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch
-Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines
-Amtes, Bürochef im Senate, &mdash; und ihm zur Linken die
-Patin Arina Semenowna Biellobruschkow, die Frau eines
-Polizei-Inspektors, die mit mancherlei Vorzügen ausgestattet
-war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen
-zur Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers
-Chosdasat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; dachte sie, &bdquo;die gefallen mir alle nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man
-im Kalender ein anderes Blatt auf und <a id="corr-91"></a>legte den Finger
-auf drei andere Namen: Trifili, Dula und Warachatius.
-&bdquo;Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!&ldquo; rief die alte
-Mutter aus. &bdquo;Hat man jemals solche Namen gesehen?
-Wahrhaftig, heute höre ich sie zum ersten Male in meinem
-ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch Waradat oder
-Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man blätterte von neuem im Kalender und fand
-nun Pawsikachi und Wachtissi.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nun wird es mir klar,&ldquo; rief die Alte, &bdquo;es
-soll nicht sein! So mag er denn meinetwegen den
-Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun einmal
-keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki.
-So mag der Sohn denn auch Akaki heißen!&ldquo; Und
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-so taufte man ihn denn auf den Namen Akaki Akakiewitsch.
-Das Kind wurde über den Taufstein gehalten: natürlich
-schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse,
-wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages
-Titular-Rat werden würde. So aber spielte sich dies
-alles ab. Wir haben diese Tatsachen deshalb so breit
-erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann,
-daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß
-ein anderer Name für den kleinen Akaki unmöglich gewesen
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei
-eintrat und wer ihm dort einen Platz verschaffte, vermag
-heute niemand mehr zu sagen. Wie viele Vorgesetzte
-aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander
-gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten
-Platz ein, man sah ihn stets auf demselben Stuhle sitzen,
-in derselben Haltung, über dieselbe Arbeit gebeugt, mit
-demselben Range, so daß man hätte glauben können,
-daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt
-gekommen sei, mit seinen kahlen Schläfen und in seiner
-Dienstuniform. &mdash; In der Kanzlei, in der er angestellt
-war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht
-auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei
-seinem Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten
-und rechneten mit ihm nicht mehr als mit einer Fliege,
-die gerade davongeflogen war. Seine Vorgesetzten behandelten
-ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des
-Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen,
-wenn sie vor ihm einen Stoß von Papieren aufhäuften:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!&ldquo;
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-oder etwa:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme
-Arbeit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter
-wohlerzogenen Beamten am Platze ist.
-</p>
-
-<p>
-Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach
-zu fragen, wer sie vor ihm hingelegt hatte, und ob der
-Betreffende überhaupt dazu berechtigt gewesen war. Er
-nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben.
-Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren,
-diente er als Gegenstand für ihre Spöttereien und zur
-Zielscheibe für ihre Geistesblitze &mdash; soweit man bei Beamten
-und besonders bei Kanzleibeamten überhaupt von
-Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine
-Menge erfundener Geschichten über ihn und über die
-Frau, bei der er wohnte, eine siebzigjährige Greisin.
-Man sprach davon, daß sie ihn hin und wieder verprügle,
-man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor
-den Altar treten wolle. Oder man ließ auch auf
-sein Haupt Papierkügelchen herabregnen und wollte
-ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären.
-Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste
-Beachtung; er erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts
-von der Gegenwart der andern. Alle diese kleinen
-Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im Arbeiten keinen
-Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch
-nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm
-jedoch einmal der Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn
-etwa am Arme und hinderte ihn am Schreiben, so sagte
-er auch dann nur:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-Sie mich denn durchaus beleidigen?&ldquo; Und es lag etwas
-merkwürdig Rührendes in diesen Worten und in der
-Art, wie er sie sprach.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der
-soeben eine Anstellung im Bureau erhalten hatte und nach
-dem Beispiel der andern sich auf seine Kosten lustig
-machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als
-hätte er einen Stich ins Herz bekommen, &mdash; und von
-nun an sah er den alten Beamten mit ganz andern
-Augen an.
-</p>
-
-<p>
-Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche
-Macht ihn von seinen Kollegen, die er soeben erst kennen
-gelernt und die er zuerst für gebildete und anständige
-Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand er vor
-ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel
-später mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm
-das Bild dieses alten kleinen Titularrates mit der kahlen
-Stirn vor Augen und in seinen Ohren tönten die Worte
-wider:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich
-denn durchaus beleidigen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere,
-die in ihnen schlummerten:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bin ich nicht euer Bruder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen,
-und oft noch zuckte er später bei der Erkenntnis zusammen,
-daß das menschliche Herz doch nur wenig
-menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel
-Härte und Roheit selbst denen eigen wäre, die eine
-feine und vornehme Erziehung genossen hätten, und
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für gütige
-und ehrenwerte Menschen galten.
-</p>
-
-<p>
-Nirgends konnte man einen Beamten finden, der
-seinen Pflichten mit gleichem Eifer oblag wie unser
-Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit gleichem Eifer &mdash;
-arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er
-Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus
-schöne, eine freundliche Welt. Man konnte von seinen
-Zügen das Vergnügen, das ihm das Kopieren bereitete,
-ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er mit
-einer ganz besonderen Genugtuung malte &mdash; in der
-wahren Bedeutung des Wortes; kam er an eine wichtige
-Stelle, so wurde er ein ganz anderer: er lächelte, seine
-Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich, &mdash; und
-wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie
-ersehen, welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte.
-</p>
-
-<p>
-Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte
-er sich zu seinem eigenen Erstaunen vielleicht zum Range
-eines Staatsrates erhoben gesehen. Aber, wie seine
-witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem Knopfloche
-nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze Beharrlichkeit
-trug ihm nur Hämorrhoiden ein.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines
-Tages doch eine gewisse Aufmerksamkeit erregte. Ein
-Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter Mann, der ihn
-für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm
-eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der
-Kopierung der gewöhnlichen Akten bestand, und zwar
-sollte er einen Bericht an irgend eine andere
-Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-ändern und im ganzen Texte das Pronomen der ersten
-Person durch das der dritten ersetzen.
-</p>
-
-<p>
-Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn
-derartig, sie kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm
-der Schweiß von der Stirn rann und er endlich ausrief:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende
-kopieren.
-</p>
-
-<p>
-Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts
-auf der Welt für ihn existiere. An seinen Anzug dachte
-er nie. Seine ursprünglich grüne Uniform hatte allmählich
-eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen
-war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich
-kurz war, beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm
-lang erschien, ähnlich wie bei jenen Gipskatzen mit beweglichen
-Köpfen, die die fremden Hausierer in den
-russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern
-zu verkaufen.
-</p>
-
-<p>
-Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner
-Kleidung haften geblieben war, &mdash; bald ein Faden,
-bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz besondere
-Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter
-einem Fenster vorbeizugehen, wo man aus ihm einen
-nichts weniger als reinlichen Gegenstand auf die Straße
-warf, und nur selten war sein Hut nicht mit einer
-Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals
-fiel es ihm ein, sich mit dem, was auf den Straßen
-vor sich ging und alltäglich vor sich geht, zu beschäftigen,
-mit Dingen, die die kecken forschenden Blicke seiner jungen
-Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren gewohnt,
-wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Trottoir sofort alles Merkwürdige herauszufinden,
-wenn etwa ein Sterblicher mit zerrissenen Beinkleidern
-sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes Lächeln entlockte.
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden
-und regelmäßigen Linien seiner Kopieen vor sich, und er
-mußte schon plötzlich an die Schnauze eines Pferdes,
-das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies, geraten,
-um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult
-befand, vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen,
-sondern mitten auf der Straße. Und kam er nach Hause,
-so setzte er sich sofort zu Tisch, schlang hastig seine Kohlsuppe
-hinunter und verzehrte dann unbekümmert um
-das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch
-mit Knoblauch &mdash; samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten,
-die Gott und der Zufall dazugetan hatten. Hatte
-er seinen Magen gefüllt, dann stand er auf, holte ein
-kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann pflichtgemäß
-die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause
-mitgenommen hatte. Hatte er zufällig gerade keine
-dienstlichen Schriftstücke abzuschreiben, so kopierte er zu
-seinem eigenen Vergnügen Dokumente, denen er eine
-besondere Wichtigkeit beimaß &mdash; nicht wegen ihrer mehr
-oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an
-irgend eine hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren.
-</p>
-
-<p>
-Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs
-von dem Schleier der Nacht verhüllt ist und der
-ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen gastronomischen
-Neigungen und dem Gewichte seiner Börse
-eingenommen hat, &mdash; wenn alle Welt sich von dem
-Kratzen der Federn im Bureau, von den Sorgen und
-den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-die unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen,
-zu erholen sucht, so ist es ganz natürlich, daß
-die Beamten den Rest des Tages irgend einer persönlichen
-Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins
-Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich
-damit, die Toiletten und Hüte zu betrachten, andere
-wieder besuchen eine Soirée, wo sie an irgend ein
-hübsches Mädchen &mdash; irgend einen Stern, der am bescheidenen
-Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt,
-einige zärtliche und tiefempfundene Worte richten.
-Manche dagegen &mdash; und diese sind die zahlreichsten &mdash;
-besuchen einen Kollegen, der im dritten oder vierten
-Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer
-Küche und einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer,
-das einen mühselig erbeuteten Luxusgegenstand, eine Lampe
-oder irgend einen auf Grund langer Einschränkungen
-gekauften Artikel birgt.
-</p>
-
-<p>
-Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die
-eine oder die andere Weise seinem Müßiggange nachgeht:
-hier spielt man eine Partie Whist, dort nimmt
-man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht
-aus einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die
-Skandalgeschichten, die in der großen Welt passieren,
-denn in welcher Situation sich der Russe immer befinden
-mag, nie kann er seine Gedanken von seiner
-offiziellen Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose
-Anekdoten im Umlaufe sind, wie zum Beispiel die von
-dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht wird,
-irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild
-Peters des Großen den Schweif abgeschnitten.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-und des Amüsements blieb Akaki Akakiewitsch
-seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen können,
-daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in
-Gesellschaft gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben
-müde geworden war und nicht mehr weiter
-konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden
-des folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die
-ihm der liebe Gott noch reserviert hatte.
-</p>
-
-<p>
-So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der
-bei einem Einkommen von vierhundert Rubeln mit
-seinem Schicksale vollkommen zufrieden war, und er
-würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er
-nicht einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen,
-wie er nicht nur Titularräte, sondern auch die
-geheimen, die wirklichen Staatsräte, die Hofräte und
-selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen,
-treffen kann.
-</p>
-
-<p>
-In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur
-über ein Einkommen von ungefähr vierhundert Rubeln
-verfügen, einen furchtbaren Feind, und dieser gräßliche
-Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl
-man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit
-sehr zuträglich.
-</p>
-
-<p>
-Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der
-verschiedenen Ämter sich in ihr Bureau begeben, sticht
-ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die Nase, daß
-die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken
-sollen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger
-in Person so sehr unter der Kälte leiden, daß
-ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in die Augen
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten
-ergehen, die doch über gar keine Mittel verfügen, um
-sich gegen die Unbilden der Kälte zu schützen. Da sie
-sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen können,
-so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder
-sechs Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann
-bei dem Portier halt zu machen, um hier so lange auf
-den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre eingefrorenen
-bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im
-Rücken und in den Schultern einen stechenden Schmerz,
-obwohl er in großer Eile und außer Atem die Entfernung
-von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen
-pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte,
-gelangte er schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel
-nicht mehr ganz intakt sein müsse. Kaum war er in
-sein Zimmer eingetreten, als er dieses Kleidungsstück sorgfältig
-untersuchte und hierbei feststellte, daß der einst so
-kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den
-reinsten Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden
-war, daß er fast durchsichtig schien; außerdem war das
-Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich wissen, daß
-dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die Spöttereien
-von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja,
-man hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels
-entzogen, um ihn Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings,
-daß dieses Kleidungsstück ein äußerst merkwürdiges
-Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen
-immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu
-Jahr hatte der arme Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten,
-um mit ihm eine schadhafte Stelle des Mantels
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts weniger
-als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt
-aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als
-Akaki Akakiewitsch seine traurigen Betrachtungen beendet
-hatte, sagte er sich, daß er ohne Zaudern den Mantel
-zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock eine
-ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse.
-</p>
-
-<p>
-Petrowitsch war ein <a id="corr-95"></a>Individuum, das schielte, pockennarbig
-war und im nüchternen Zustande der Ehre
-teilhaftig wurde, für die Herren Beamten Röcke und
-Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas
-anders im Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten,
-hier länger bei diesem Schneider zu verweilen;
-aber da es der Brauch nun einmal so will, keine Persönlichkeit
-in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie
-man nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen,
-meinen Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu
-abzukonterfeien. Früher, als er noch bei seinem
-Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori.
-Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen
-Petrowitsch anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken,
-zunächst nur an den hohen Feiertagen, dann jedoch an
-allen Kirchenfesten, die im Kalender mit einem Kreuz
-verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den Gewohnheiten
-seiner Großväter treu, und wenn seine Frau
-mit ihm zanken wollte, hieß er sie eine gottlose Person
-und eine Deutsche. Und da wir diese Frau schon erwähnt
-haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar Worte
-sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten,
-außer daß sie eben die Frau des Petrowitsch war, und
-daß sie eine Haube auf dem Kopfe trug. Im übrigen
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen, höchstens
-erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der
-Straße begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen
-Mund zu einem Lächeln zu verziehen und einen unbestimmten
-Laut von sich zu geben. Akaki Akakiewitsch
-kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf.
-Die Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig,
-feucht und strömte, wie alle Proletarierwohnungen in
-St. Petersburg, einen Nase und Augen beizenden Branntweingeruch
-aus.
-</p>
-
-<p>
-Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen
-hinaufkroch, überlegte er, welchen Preis Petrowitsch wohl
-für die Reparatur fordern könnte, und er beschloß, ihm
-unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten.
-</p>
-
-<p>
-Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den
-Rauchwolken aus der Küche einen Ausgang zu verschaffen;
-Petrowitschs Frau war gerade dabei, hier Fische zu braten.
-Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die so
-voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie
-bevölkernden Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche,
-ohne daß die Frau seiner ansichtig wurde und trat in die Stube
-hinein, wo der Schneider auf einem großen, roh gezimmerten
-und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein türkischer
-Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der
-meisten russischen Schneider mit nackten Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem
-ein Umstand die Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der
-Nagel eines Daumens, der zwar ein wenig verstümmelt,
-sonst aber hart und starr war wie die Schale einer Schildkröte.
-Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden
-und mehrere Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-Knieen lag ein zerfetzter Rock. Seit einigen Minuten
-bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch ohne
-Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf
-den Faden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!&ldquo; schrie
-er. &bdquo;Bald habe ich keine Kraft mehr, verdammtes Ding!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen
-Augenblick erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter
-Laune war. Es wäre ihm lieber gewesen, Petrowitsch
-in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in denen
-der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder
-&mdash; wie seine Frau sich auszudrücken pflegte &mdash; wo
-dieser einäugige Teufel sich eine solide Ration Fusel
-einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein
-leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der
-Schneider ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit,
-daß er sich ehrfürchtig vor ihm vorbeugte und ihn mit
-Danksagungen überschüttete.
-</p>
-
-<p>
-Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen
-Abmachungen, beklagte sich über ihren Mann, schrie und
-tobte und erklärte, er sei betrunken gewesen und habe
-die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise angenommen.
-Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel
-war abgeschlossen.
-</p>
-
-<p>
-Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch
-bis zu diesem Momente noch nicht der Flasche
-zugesprochen, und in dieser Gemütsverfassung war der
-Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig, einen
-schrecklich hohen Preis zu fordern.
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte
-gern wieder Reißaus genommen; jedoch es war dazu
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-zu spät: das Auge des Schneiders, sein einziges Auge,
-denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und
-so stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guten Tag, Petrowitsch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guten Tag, Herr!&ldquo; antwortete der Schneider, dessen
-Blick sich sofort auf die Hand des Titular-Rates heftete,
-um zu erkennen, was für ein Objekt sie trug.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich
-wollte ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame
-Titular-Rat es sich zur Regel gemacht hatte, seine
-Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte, Präpositionen,
-Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn ergaben,
-auszudrücken.
-</p>
-
-<p>
-War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte,
-von besonderer Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals,
-den angefangenen Satz zu Ende zu sprechen. Wenn
-die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann
-stotterte er nur ein paar Worte heraus: &bdquo;Das ist doch
-wirklich ganz ...&ldquo; und dann folgte überhaupt nichts
-mehr. Bald hatte er selbst vergessen, was er eigentlich
-sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wünschen Sie, Herr?&ldquo; fragte Petrowitsch ihn,
-indem er ihn mit seinem einzigen Auge vom Kopf bis
-zu den Füßen musterte und seinen fragenden Blick über
-Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die
-gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut
-kannte, da er selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt
-hatte. Das ist nun mal die Eigentümlichkeit aller
-Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie einem
-Bekannten begegnen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ...
-sehen Sie das Tuch ... übrigens ... ich für meinen
-Teil ... ich glaube, er ist noch ganz gut ... nur
-ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein
-wenig abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz
-neu ... nur an einer Stelle ein wenig abgescheuert ...
-da, am Rücken ... und hier an der Schulter ...
-zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ...
-es ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar
-nicht viel daran zu tun ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete
-ihn auf dem Tische aus, betrachtete ihn schweigend und
-schüttelte dann das Haupt. Dann streckte er den Arm
-nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit dem Bilde
-eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen.
-Ich weiß nicht, was das für ein General war, denn
-die Stelle, wo sich das Gesicht befand, war mit dem
-Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider flugs
-einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt.
-</p>
-
-<p>
-Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen
-hatte, nahm er die Kutte von neuem in die Hände,
-hielt sie ans Licht und schüttelte zum zweitenmal den
-Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an,
-schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner
-vor Zeiten mit dem Porträt eines Generals geschmückten
-und mit einem Papierstreifen geflickten Tabakdose hoch,
-entnahm ihr eine zweite Prise, machte die Dose zu,
-steckte sie ein und schrie endlich:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern!
-Das ist ja nur ein ganz elender Fetzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs
-Herz zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb nicht, Petrowitsch?&ldquo; fragte er in dem
-weinerlichen Ton eines Kindes, &bdquo;dieser Rock sollte nicht
-mehr auszubessern sein? Aber so sehen Sie doch, Petrowitsch!
-nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an
-der Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um
-sie aufzunähen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Allerdings habe ich genug Flicken,&ldquo; versetzte Petrowitsch,
-&bdquo;aber wie soll ich sie denn darauf nähen? Das
-Tuch ist abgescheuert und hält nirgends mehr stand.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach was! so werden Sie einfach einen größeren
-Flicken nehmen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der
-wird ja doch nicht halten, der Flicken wäre auch zu
-groß; das kann man doch kaum noch Tuch nennen, ein
-Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ...
-Das geht doch nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo; erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones,
-&bdquo;da ist gar nichts mehr zu machen! Dieser Stoff hat
-ausgedient. Es wäre besser, daraus für den Winter
-Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr
-als Strümpfe. Ja, ja, das ist auch so eine deutsche
-Erfindung, um den Leuten Geld abzunehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne
-den Deutschen eins auszuwischen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,&ldquo;
-fügte er hinzu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen neuen Mantel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen.
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-Das Atelier des Schneiders fing an ihn zu umkreisen
-und der einzige Gegenstand, den er deutlich zu erkennen
-vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt des
-Generals auf Petrowitschs Tabaksdose.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen neuen Mantel?&ldquo; murmelte er wie traumverloren.
-&bdquo;Aber ich habe doch kein Geld dazu.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, einen neuen Mantel!&ldquo; wiederholte Petrowitsch
-mit grausamer Beharrlichkeit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen,
-ich faßte einen solchen Entschluß ... wieviel? ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden
-Sie schon anwenden müssen,&ldquo; erwiderte der Schneider,
-indem er die Lippen zusammenkniff.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand
-ein ganz besonderes Vergnügen darin, seine Kunden zu
-verblüffen und dann mit seinem einzigen schielenden Auge
-den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?&ldquo; sagte
-Akaki Akakiewitsch.
-</p>
-
-<p>
-Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem
-Ton aus, der fast einem Schrei glich, vielleicht dem
-ersten, den er seit seiner Geburt ausgestoßen hatte, denn
-gewöhnlich sprach er ja mit großer Furchtsamkeit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; versetzte Petrowitsch, &bdquo;ohne Marderkragen und
-Seidenfutter für den Umhang; sonst würde er sich auf
-zweihundert Rubel belaufen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Petrowitsch, ich beschwöre Sie,&ldquo; unterbrach ihn
-Akaki Akakiewitsch flehend, der auf den Schneider und
-all seine Effekte gar nicht mehr hörte, ihn auch nicht
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-hören wollte; &bdquo;ich beschwöre Sie, diesen Mantel irgendwie
-auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze
-Ausgabe, eine reine Verschwendung,&ldquo; versetzte
-Petrowitsch.
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz
-niedergeschmettert zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen
-Lippen, mit sich selbst äußerst zufrieden
-wegen der so mannhaften Verteidigung des gesamten
-Schneiderstandes, stehen blieb.
-</p>
-
-<p>
-Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule
-in den Straßen umher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Welche Widerwärtigkeit!&ldquo; sprach er beim Gehen vor
-sich hin. &bdquo;Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß
-das so ausgehen würde ... Nein,&ldquo; fuhr er nach einem
-kurzen Schweigen fort, &bdquo;ich konnte nicht annehmen, daß
-es dazu kommen würde ...&ldquo; Dann schwieg er wieder
-eine Weile still und sagte schließlich: &bdquo;Ich befinde mich
-augenblicklich in einer durchaus unerwarteten Situation ...
-in einer solchen Verlegenheit, daß ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte,
-schlug er, anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner
-Wohnung völlig entgegengesetzte Richtung ein, jedoch
-ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger
-schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken.
-Von einem im Bau befindlichen Hause herab fiel ihm
-eine ganze Mütze mit Gips auf den Kopf; er jedoch sah
-und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte
-gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener
-Hellebarde den Weg versperrte und ihm aus seiner Dose
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-Tabak auf die schwielige Hand schüttete, erwachte er
-rauh aus seinen Träumen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was tust du hier?&ldquo; schrie ihn der brutale Hüter
-der öffentlichen Ordnung an; &bdquo;kannst du nicht, wie es
-sich gehört, auf dem Trottoir gehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich
-völlig aus dem Zustande der Betäubung. Er sammelte
-wieder seine Gedanken, überblickte kaltblütig die Situation
-und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate wie mit einem
-Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er endlich, &bdquo;heute werde ich nichts
-bei Petrowitsch erreichen; heute ist er schlechter Laune ...
-vielleicht hat ihn seine Frau geprügelt, &mdash; ich werde
-ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen. Sonntag
-Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er
-stark schielen, Durst haben, trinken wollen und seine
-Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich werde ihm ein
-Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er
-viel eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel
-sprechen lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki
-Akakiewitsch bis zum nächsten Sonntag. An diesem
-Tage begab er sich, als er von ferne Petrowitschs Frau
-ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und
-fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster
-Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war
-ganz verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen,
-worum es sich handelte, als er Akaki Akakiewitsch
-sofort anschnauzte, als sei der Teufel in ihn gefahren.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-&bdquo;Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können
-sich jetzt nur einen neuen Mantel kaufen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück
-in die Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke, Euer Gnaden,&ldquo; antwortete Petrowitsch, &bdquo;ich
-werde auf Ihre Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren
-Mantel anbetrifft, so dürfen Sie gar nicht mehr an ihn
-denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert.
-Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen
-einen prachtvollen neuen anfertigen &mdash; ich bürge Ihnen
-dafür!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das
-andere Mal den Schneider, den alten zu reparieren,
-aber Petrowitsch wollte ihn gar nicht mehr anhören und
-sagte: &bdquo;Ich will Ihnen schon einen neuen anfertigen ...
-Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe
-geben. Ja, ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist,
-silberne Haken und Ösen an dem Kragen anbringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich
-einen neuen Mantel werde anschaffen müssen,
-und zum zweitenmal fühlte er sich einer Ohnmacht nahe.
-Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit
-ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu
-sagen, zu den Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle
-Gratifikation. Aber dafür hatte er schon längst eine
-Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar Beinkleider
-kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld
-bezahlen, der ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und
-zwei neue Schäfte aufgesetzt hatte. Er mußte sich bei
-der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen
-Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-nennen, gegen den literarischen Anstand verstößt, kurz
-alles war schon im voraus bestimmt. Und sollte &mdash;
-ein unerwartetes Glück! &mdash; der Direktor etwa die Gratifikation
-von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre
-schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der
-unerhört hohen Summe, die Petrowitsch für den Mantel
-gefordert hatte? Ein Tropfen Wasser im Ozean.
-</p>
-
-<p>
-Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit
-hatte, mitunter ganz unglaubliche Preise zu verlangen,
-sodaß sich seine Frau oft nicht enthalten konnte, ihn
-mit folgenden Worten anzufahren:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für
-ein reines Nichts, und ein andermal reitet dich der Teufel,
-einen so unendlich hohen Preis zu fordern, den der
-Kerl selbst nicht wert ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem
-Preise von achtzig Rubel für einen neuen Mantel einverstanden
-sein würde. Aber wo sollte man selbst diese
-achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm gelingen,
-wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die
-Hälfte oder sogar noch etwas mehr aufzutreiben. Woher
-aber sollte er die andere Hälfte nehmen!
-</p>
-
-<p>
-Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki
-Akakiewitsch zur Beschaffung dieser Summe anzuwenden
-gedachte, Rechenschaft geben!
-</p>
-
-<p>
-Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er
-einen Rubel erhielt, eine Kopeke in eine kleine Sparbüchse
-zu werfen, die stets fest verschlossen war. Am
-Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen
-Kupferstücke heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von
-gleichem Werte. Dieses Sparsystem hatte er schon
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen sich nach
-Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr
-als vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte
-der in Betracht kommenden Summe. Aber die andere
-Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig hernehmen?
-Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich
-sagte er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene
-seiner Ausgaben reduzieren könne, des Abends
-auf den Tee verzichten, keine Kerze anzünden und &mdash;
-wenn er etwas zu arbeiten hätte &mdash; sich mit seinen
-Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine
-Arbeit bei ihrer Kerze zu vollenden. Er faßte auch den
-Entschluß, auf der Straße möglichst sanft und vorsichtig
-aufzutreten, ja wenn es ging auf den Zehenspitzen über
-das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine
-Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche
-nicht so oft waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen
-auszuziehen und statt dessen bloß seinen baumwollenen
-Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes Stück, das
-die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont hatte.
-</p>
-
-<p>
-Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich,
-aber nach und nach gewöhnte er sich an seine neue
-Lebensweise und brachte es sogar soweit, sich, ohne Abendbrot
-gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während
-sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein
-Geist in der unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem
-Mantel neue Anregung. Von diesem Augenblicke an
-hätte man sagen können, daß seine Natur das passende
-Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß
-noch ein anderer Mensch immer um ihn war, daß er
-nicht mehr einsam war und daß ihm eine Gefährtin zur
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen begleitete;
-diese Gefährtin &mdash; war das Bild seines Mantels,
-wohl wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt
-nicht umzubringen war.
-</p>
-
-<p>
-Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als
-früher einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der
-nur ein Ziel vor Augen hatte, das er auf jeden Fall erringen
-will. Die Charakterlosigkeit und Ängstlichkeit in
-seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine
-lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden
-und unsicheren Züge waren auf einmal verschwunden.
-Mitunter glänzten seine Augen wie in neuem Leben,
-und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die
-Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz
-gut einen Mantelkragen anbringen lassen könne.
-</p>
-
-<p>
-Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig
-zerstreut. Eines Tages, als er wieder seine
-Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm beinahe
-ein Fehler untergelaufen wäre.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, o!&ldquo; rief er aus.
-</p>
-
-<p>
-Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes.
-</p>
-
-<p>
-Mindestens einmal im Monat begab er sich zu
-Petrowitsch, um sich mit ihm über den kostbaren Mantel
-zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit ihm festzustellen,
-zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle,
-wie teuer es wohl zu stehen kommen werde und welche
-Farbe in Betracht käme.
-</p>
-
-<p>
-Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen;
-aber jedesmal kehrte er zwar etwas besorgt aber doch
-glücklich und zufrieden nach Hause zurück, denn nun
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles
-besorgt, und der Mantel fix und fertig sein würde.
-</p>
-
-<p>
-Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft
-hatte, ein. Der Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation
-nicht von vierzig oder fünfzig, sondern von fünfundsechzig
-Rubeln. Hatte etwa dieser brave Beamte
-bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend
-eines neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held
-diese seltene Freigebigkeit nur seinem guten Sterne?
-</p>
-
-<p>
-Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde
-um zwanzig Rubel reicher. Eine solche Vermehrung
-seiner Ersparnisse mußte notwendig die Verwirklichung
-seines Vorhabens beschleunigen.
-</p>
-
-<p>
-Noch zwei oder drei Monate, während deren er
-hungerte, und Akaki Akakiewitsch hatte seine achtzig
-Rubel beisammen. Sein gewöhnlich friedliches Herz
-begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure
-Summe von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er
-Petrowitsch auf, und alle beide begaben sich noch am
-selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler.
-</p>
-
-<p>
-Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware.
-Kein Wunder! Seit mehr denn einem Jahre hatten sie
-sich über diese Anschaffung unterhalten, über alle Einzelheiten
-hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten
-sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste
-studiert um sich über die Preise zu vergewissern.
-Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen bessern Stoff
-würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie
-äußerst feste Leinewand, die nach der Meinung des
-Schneiders besser als Seide war und überdies einen unvergleichlichen,
-viel schöneren Glanz hatte. Marder
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie
-entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in
-dem ganzen Laden gab und das man schließlich wohl
-auch für Marder halten konnte.
-</p>
-
-<p>
-Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch
-voller vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose
-Menge von Stichen, ohne die wäre er allerdings
-früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit mit
-zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles
-war mit Seide gearbeitet, und der Schneider hatte die
-Nähte mit den Zähnen, deren Spuren man noch sah,
-gebügelt. Endlich kam er an, der so innig herbeigesehnte
-Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu
-beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in
-dem Leben Akakij Akakiewitschs.
-</p>
-
-<p>
-Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am
-frühen Morgen, bevor der Titular-Rat sich in sein Büro
-begab. Er hätte garnicht zu gelegenerer Zeit kommen
-können, denn die Kälte machte sich bereits bitter fühlbar,
-und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen
-Miene eines weltberühmten Schneiders. Seine
-Physiognomie war von einem seltenen Ernst; niemals
-hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem
-Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller
-Stolz den Abstand, der den Flickschneider von dem Künstler,
-dem Verfertiger neuer Kleidungsstücke, scheidet.
-</p>
-
-<p>
-Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene
-Leinewanddecke gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte
-und dann wieder zusammenlegte, um sie seiner
-Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz den Mantel mit
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf
-die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein,
-strich ihm mit der Hand noch einmal über den Rücken,
-und ein Lächeln der Genugtuung überlief seine Züge, als
-er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch herabfallen
-sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal
-weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne
-präsentieren.
-</p>
-
-<p>
-Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch
-auch die Ärmel anprobieren; Petrowitsch half ihm
-in die Ärmel hinein, und siehe da, sie saßen wundervoll.
-Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen Einzelheiten,
-und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig.
-</p>
-
-<p>
-Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte
-er nicht, darauf hinzuweisen, daß er ihn nur wegen
-der geringen Miete, weil er in einer kleinen Nebenstraße
-wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen
-brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft
-mit Akakij Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann
-bemerkte er noch, daß ein Schneider vom Newski Prospekt
-allein für die Fasson eines gleichen Mantels mindestens
-fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij
-Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht
-erst in eine Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich
-vor den horrenden Summen, mit denen Petrowitsch zu
-prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ seine Stube,
-um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben.
-</p>
-
-<p>
-Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf
-der Straße halt, um ihm so weit wie möglich mit den
-Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße, durchquerte
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße
-zurück, um den Mantel noch einmal von einer andern
-Seite, d. h. von vorne zu betrachten.
-</p>
-
-<p>
-Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung,
-näherte sich Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick
-fühlte er, daß von seinen Schultern ein neues
-Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit
-einem holden Lächeln der Genugtuung.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf:
-zunächst, daß der Mantel warm war, sodann, daß er
-gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er gegangen
-war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die
-Kanzlei, legte seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute
-ihn sich noch einmal sorgfältig von allen Seiten an
-und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel
-zu achten.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den
-Bureaus verbreitet hatte, daß Akaki Akakiewitsch sich
-einen neuen Mantel angeschafft, und die alte Kapuze zu
-existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen
-Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel
-zu bewundern und den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen
-zu überhäufen, daß er nicht umhin konnte,
-ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten,
-das bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz
-machte.
-</p>
-
-<p>
-Aber wie groß war seine Überraschung, als seine
-schrecklichen Kollegen ihn merken ließen, daß sein Mantel
-einer feierlichen Einweihung bedürfe und daß sie auf ein
-feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch
-war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte,
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-was er zu seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend
-stotterte er, das Kleidungsstück sei gar nicht so neu,
-wie man glauben mochte, der Mantel wäre vielmehr
-schon ganz alt.
-</p>
-
-<p>
-Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des
-Bürovorstehers, der ohne Zweifel dartun wollte, daß er
-so gar nicht stolz auf seinen Rang und Titel war und
-daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht verschmähte,
-nahm das Wort und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde
-ich Sie bewirten. Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee
-bei mir einzunehmen, ich habe heute gerade Geburtstag!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte
-und beeilten sich, seine Einladung mit großer Freude
-anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst ablehnen,
-man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von
-ihm wäre, gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise,
-und so fügte er sich denn in das Notwendige.
-</p>
-
-<p>
-In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude
-darüber, daß er auf diese Art Gelegenheit hatte, sich in
-seinem Mantel auf der Straße zu zeigen. Dieser ganze
-Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen Stimmung
-trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus
-und hängte ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff
-und Futter geprüft hatte, an die Wand. Dann holte
-er seine alte Kapuze herbei, um sie mit Petrowitschs
-Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von
-einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd
-dachte er: &bdquo;Welch ein Unterschied!&ldquo; Und noch lange
-nachher, beim Mittagessen konnte er sich eines Lächelns
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer
-Verfassung sein alter Mantel sich befand.
-</p>
-
-<p>
-Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein,
-und darnach setzte er sich nicht wie sonst an seine Kopieen.
-Nein er streckte sich wie ein rechter Sybarit auf seinem
-Sofa aus und erwartete das Herannahen des Abends.
-Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging.
-</p>
-
-<p>
-Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die
-Wohnung dieses Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen
-so freigebig eingeladen hatte. Mein Gedächtnis
-beginnt bereits etwas nachzulassen, und die Straßen und
-Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine
-derartige Verwirrung an, daß ich große Mühe habe,
-mich nur einigermaßen zurecht zu finden. Einzig und
-allein daran erinnere ich mich, daß der würdige Beamte
-in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß
-infolgedessen seine Wohnung sehr weit von der Akakis
-entfernt war.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete
-Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber
-je mehr er sich der Wohnung seines Vorgesetzten näherte,
-um so heller und belebter wurden die Straßen. Er begegnete
-einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode
-gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen
-und Herren, die Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten
-mit ihren Holzbänken und ihren mit goldenen Nägeln
-geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle
-Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen,
-die mit Bärenfellen versehene Schlitten aus
-lackiertem Holz und prachtvolle Karossen lenkten, oder
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-er sah vornehme Equipagen mit eleganten Kutschböcken,
-die knirschend über den Schnee dahinglitten.
-</p>
-
-<p>
-Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich
-neues Schauspiel. Seit vielen Jahren war er nicht des
-Abends ausgegangen. So recht neugierig blieb er vor
-der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein Gemälde
-zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das
-Porträt einer Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte
-und ihren kleinen entzückenden Fuß von einem jungen
-Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege,
-der durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut
-hatte, schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd
-seinen Weg fort. Warum lächelte er wohl? Etwa
-wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er sich
-trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis
-bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie
-die meisten seiner Kollegen dachte: die Franzosen haben
-mitunter etwas zu seltsame Einfälle; wenn sie einmal
-so eine Sache machen wollen, dann ist es <a id="corr-100"></a>wirklich so
-eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und
-im übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines
-andern zu versetzen und die Gedanken der Menschen zu
-lesen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der
-Gehilfe des Bureauchefs wohnte. Sein Vorgesetzter
-lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe brannte
-eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im
-zweiten Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten
-war, erblickte er eine lange Reihe Galoschen, dazwischen
-dampfte und brodelte mitten im Zimmer ein Samowar,
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere
-mit Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus
-dem Zimmer nebenan drang ein wirres Geräusch, das
-bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die Tür
-öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem
-Topf mit Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt.
-Die Gäste mußten bereits lange versammelt sein,
-und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste Tasse
-Tee geleert.
-</p>
-
-<p>
-Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken
-und ging dann auf das hell erleuchtete Zimmer zu,
-in dem sich seine mit langen Pfeifen ausgerüsteten
-Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr
-laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben.
-</p>
-
-<p>
-Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle
-stehen, da er nicht wußte, was er tun sollte. Aber
-seine Kollegen hatten ihn schon bemerkt, begrüßten ihn
-mit großem Hallo und eilten sofort in das Vorzimmer,
-um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm
-raubte unserem braven Titular-Rat seine ganze Haltung.
-Da er aber ein schlichter und treuherziger Mann war,
-freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die Glückwünsche,
-die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke
-darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen
-ihm nun die Freiheit wieder und gingen an ihre
-Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung,
-die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ...
-das alles verwirrte unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch
-im höchsten Grade. Er wußte nicht, wo
-er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen
-sollte; schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-auf ihre Karten, bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit
-fing er jedoch zu gähnen und sich zu langweilen an, denn er
-empfand, daß die Stunde bereits längst verstrichen war,
-um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte
-sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man
-ihm klarmachte, er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne
-ein Glas Champagner zur Feier dieses denkwürdigen
-Tages getrunken zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf,
-das aus Heringsalat, kaltem Kalbsbraten, Kuchen,
-Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu jedem
-Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki
-Akakiewitsch sah sich genötigt, zwei große Gläser von
-diesem prickelnden Getränk zu leeren, und nach kurzer
-Zeit bereits begann alles um ihn herum ein heiteres
-Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß
-Mitternacht vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen
-war.
-</p>
-
-<p>
-In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden,
-schlich er sich insgeheim ins Vorzimmer, wo er den
-Schmerz erlebte, seinen Mantel auf dem Boden erblicken
-zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt,
-entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und
-ging die Treppe hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen
-von den Dienstboten und dem niederen Volke besuchten
-Läden waren noch geöffnet; einige waren zwar schon
-verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der
-aus den Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die
-Gäste noch nicht gegangen waren. Wahrscheinlich saßen
-die Knechte und Mägde noch immer in lebhaftem
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener
-Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen.
-</p>
-
-<p>
-Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch
-den Weg nach seiner Wohnung ein. Er lief sogar,
-ohne zu wissen warum, einer Dame nach, die wie
-ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche
-Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber
-er besann sich bald wieder, blieb einen Augenblick stehen
-und setzte dann seinen Weg langsam weiter fort,
-höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das
-er angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in
-dunkele und unbelebte Gassen und plötzlich merkte er,
-daß er sich in einer jener Straßen befand, die sich
-des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe
-auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und
-schauerlicher. Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen.
-Die Laternen wurden immer seltener, da die
-Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die Beleuchtung
-dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser,
-Palisadenzäune &mdash; aber nirgends eine lebende Seele.
-Bei dem fahlen Schein dieser Laternen glänzte der
-Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen
-Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig
-da. Er gelangte an eine Stelle, wo die Straße
-in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz
-mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu
-sehen waren. Es schien fast, als befände man sich in
-einer weiten und trostlosen Wüste.
-</p>
-
-<p>
-In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein
-Licht von einem Schilderhause her, das ihm am Ende
-der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging
-mit starkem Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine
-drohende Gefahr. Der vor ihm liegende Raum erschien
-ihm größer als der Ozean.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich will lieber garnicht hinsehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er ging weiter, indem er die Augen beständig
-zumachte. Als er sie öffnete, sah er sich plötzlich von
-mehreren bärtigen Männern umgeben, deren Gesichter
-er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel
-vor den Augen, sein Herz krampfte sich zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dieser Mantel gehört mir,&ldquo; schrie einer der Männer,
-indem er Akaki Akakiewitsch an dem Kragen faßte.
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer
-der Angreifer schloß ihm indessen mit seiner Faust, die
-die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den Mund und
-sagte zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß dir&rsquo;s nur nicht einfallen, zu schreien!&ldquo; Im
-selben Augenblick fühlte der Titular-Rat, wie man ihm
-seinen Mantel auszog, und fast gleichzeitig ließ ihn ein
-Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er bewußtlos
-liegen blieb.
-</p>
-
-<p>
-Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber
-er vermochte niemand mehr zu erblicken. Seiner
-Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er aus
-Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum
-bis zum anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer
-sich lief er über den Platz und stürzte mit der letzten
-Kraft der Verzweiflung auf das Schilderhäuschen zu,
-wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig betrachtete
-und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen
-Lärm vollführe und wie ein Verrückter liefe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte
-er ihn mit bebender Stimme der Trunkenheit,
-weil er nicht bemerkt hatte, daß man in nächster Nähe
-von ihm die Passanten bestehle und ausplündere.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe nichts gesehen,&ldquo; erwiderte der Mann, &bdquo;ich
-sah Sie nur mitten auf dem Platze zusammen mit zwei
-Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre Freunde. Es
-ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen
-den Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in
-die Hand nehmen, nach den Dieben des Mantels forschen
-lassen und eine Untersuchung einleiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem
-fürchterlichen Zustande zu Hause an: die wenigen Haare,
-die er noch am Hinterkopf und an der Schläfe hatte,
-hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und
-Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin
-ihn wie einen Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand
-sie schnell auf und kam auf nackten, nur in Pantoffeln
-steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete die Türe, indem
-sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der
-einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs
-Anblick prallte sie entsetzt zurück.
-</p>
-
-<p>
-Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang
-sie die Hände und rief:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor
-wenden, sondern an den Bezirks-Kommissar. Der Inspektor
-wird Sie mit schönen Worten abspeisen und doch
-nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne
-ich schon lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin,
-dient jetzt bei ihm als Amme, und ich sehe sie
-oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er geht jeden
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen
-Leuten freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich
-an, daß er ein braver Mann ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich
-Akaki traurig in sein Zimmer zurück. Wer sich nur
-einigermaßen in die Situation eines andern hinein versetzen
-kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte.
-</p>
-
-<p>
-Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar.
-Man bedeutete ihm, daß dieser hohe
-Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er wieder.
-Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der
-Kommissar ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich
-noch einmal um die Essenszeit ein, aber die Schreiber
-wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten ihn,
-was er wolle und warum er es denn so eilig habe,
-ihren Chef zu sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben
-machte Akaki Akakiewitsch einen Energieversuch. Er erklärte
-kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf der
-Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus
-dem Departement, daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen,
-denn es handle sich um eine äußerst wichtige
-Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand einfallen,
-ihn zu behindern, so würde er sich beschweren,
-und dies könnte ihnen teuer zu stehen kommen.
-</p>
-
-<p>
-Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern.
-Einer der Schreiber ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren.
-Dieser gewährte nun Akaki Akakiewitsch eine
-Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den Raub
-seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an.
-Anstatt sich für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl,
-zu interessieren, fragte er den Titular-Rat, wie er denn
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher Stunde nach
-Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen
-Hause gewesen sei.
-</p>
-
-<p>
-Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat
-keine Antwort und zog sich zurück, ohne genau zu
-wissen, ob man sich überhaupt mit seiner Angelegenheit
-beschäftigen würde oder nicht.
-</p>
-
-<p>
-Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau
-gewesen: (ein unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am
-folgenden Tage erschien er wieder, aber in welchem Zustand!
-bleich, aufgeregt, mit seinem alten Mantel, der
-nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine
-Kollegen erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte,
-fanden sich noch immer einige Rohlinge, die aus vollem
-Halse darüber lachen zu müssen glaubten; die Mehrzahl
-indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und veranstaltete
-zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise
-hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig
-ungenügendes Resultat, weil diese selben Beamten und
-Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei Subskriptionen
-beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt
-ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich
-um das Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres
-Chefs soeben hatte erscheinen lassen. Das war der Grund,
-weswegen nur eine ganz unbedeutende Summe zusammenkam.
-</p>
-
-<p>
-Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme
-entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel
-an Besserem einen guten Rat geben. Er sagte ihm, daß
-es verlorene Mühe wäre, sich noch einmal an den Bezirkskommissar
-zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob
-seiner Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der
-Tat glücken sollte, seinen Mantel aufzufinden, so würde
-die Polizei dieses Kleidungsstück so lange in Verwahrung
-behalten, bis sich der Titular-Rat nicht unumstößlich
-sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels
-legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine
-gewisse, hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche
-hochstehende Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen
-zu den Behörden die Sache ohne große Schwierigkeit
-erledigen könne.
-</p>
-
-<p>
-In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser
-Ansicht Folge zu leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala
-diese hohe Persönlichkeit eigentlich bekleidete, wie
-hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte man nicht
-sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese
-<em>hohe Persönlichkeit</em> erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte
-säße, bis dahin war sie nämlich eine ganz unbedeutende
-Persönlichkeit gewesen. Allerdings gab es andre noch
-höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich finden
-sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit,
-die andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr
-hohe und bedeutende Persönlichkeit ist. Genug, der in
-Frage stehende Beamte setzte alle möglichen Hebel in
-Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er
-alle andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße
-der Treppe auf ihn zu warten, bis er erschien, und
-niemand konnte direkt zu ihm gelangen, sondern dies
-alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen.
-Der Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär
-das Audienzgesuch mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-oder einen noch höheren Beamten weitergab, und
-dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit darüber
-Bericht ab.
-</p>
-
-<p>
-Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in
-unserem heiligen Rußland. Der Wunsch, es den hohen
-Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die Manieren
-seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer
-Zeit ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus
-beförderter Titular-Rat über einem seiner Zimmer die
-Aufschrift &bdquo;Beratungssaal&ldquo; anbringen. An der Tür standen
-Diener mit roten Kragen und gestickten Röcken, um die
-Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen
-äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch
-Platz bietenden &bdquo;Saal&ldquo; hineinführten.
-</p>
-
-<p>
-Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu
-unserem Beamten, zurück. Er hatte eine imponierende majestätische
-Haltung, wenngleich sein Benehmen und seine Gewohnheiten
-recht primitiv waren; sein System faßte sich in
-einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge,
-Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen,
-und beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade
-zu tun hatte, bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf
-verzichten können, soviel Energie zu entfalten, denn seine
-zehn Untergebenen, die den ganzen Regierungsmechanismus
-seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon ohnehin
-genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten
-sie eiligst ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um
-bei seinem Vorübergang Spalier zu bilden. In seinen
-Gesprächen mit seinen Untergebenen beobachtete er immer
-eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende Worte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-wem Sie sprechen? Vergessen Sie nicht, wen Sie vor
-sich haben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig
-und gefällig gegen seine Freunde. Nur sein
-Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit dem
-Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den
-größten Teil seiner Zeit in einer Art Schwindel und
-wußte kaum noch, wie er sich benehmen sollte, doch
-wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen menschlich
-und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger
-und in mancher Beziehung sogar wie ein recht
-gescheiter Mensch. Befand er sich jedoch mit einem
-Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los &mdash;
-dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen,
-und in dieser Situation war er wirklich zu bedauern,
-um so mehr, als er selbst empfand, wie viel angenehmer
-er seine Zeit hätte verbringen können.
-</p>
-
-<p>
-Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten,
-konnte es nicht entgehen, daß er vor Verlangen brannte,
-sich in eine interessante Konversation zu mischen, aber
-die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend zu erscheinen,
-sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu
-zeigen, hielt ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser
-Art zu entziehen, beobachtete er eine außerordentliche
-Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend ein
-einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf
-die Spitze getrieben, daß man ihn einen langweiligen
-Peter nannte, und dieser Titel war wohl verdient.
-</p>
-
-<p>
-Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch
-um Hilfe und Schutz angehen mußte. Der
-Augenblick, den er wählte, um seine Absicht auszuführen,
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch,
-dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals
-zu schmeicheln.
-</p>
-
-<p>
-Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem
-Arbeitszimmer und plauderte angeregt mit einem alten
-Jugendfreunde, der vor kurzem angekommen war und
-den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man
-ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre
-einer Audienz bei Seiner Exzellenz nachsuchte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist das?&ldquo; fragte er kurz und sehr erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Beamter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit,
-ihn zu empfangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte
-sie daran, die gewünschte Audienz zu gewähren. Beide
-Freunde hatten schon alles durchgesprochen. Schon
-mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen
-Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung
-sie sich beide freundschaftlich auf die Knie klopften:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So geh, lieber Iwan Abramowitsch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich
-empfangen, um seinen Freund seine ganze Bedeutung
-empfinden zu lassen, dieser hatte nämlich den Dienst
-quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher wollte
-ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten
-sich so lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es
-ihm gefiele, sie zu empfangen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich &mdash; nach mehreren Zwiegesprächen und einigen
-neuen Pausen, währenddessen die beiden Freunde in
-ihren bequemen Lehnsesseln liegend, den Rauch ihrer
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-Zigarren zur Decke sandten, schien sich der General-Direktor
-plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um
-eine Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär,
-der mit verschiedenen Akten an der Tür stand, und sagte:
-&bdquo;Ich glaube es wartet da irgend ein Beamter auf mich.
-Lassen Sie ihn herein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich
-ihm mit untertäniger Miene in seiner alten Uniform
-näherte, wandte er sich schroff zu ihm und fuhr ihn
-in jenem strengen und rauhen Tone an, den er sich, wenn
-er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert
-hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen
-Posten einnehmen und sich General nennen durfte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch
-war wie niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede.
-Indes versuchte er es sich so gut er konnte verständlich
-zu machen und zu erzählen, wie man ihn in unmenschlicher
-Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht ohne
-seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu
-verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz
-gewandt in der Hoffnung, daß er dank dieser hohen
-und gütigen Protektion bei dem Polizei-Präsidenten oder
-bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz seines
-Kleidungsstückes gelangen könne.
-</p>
-
-<p>
-Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde,
-daß dies Benehmen viel zu familiär sei und herrschte
-ihn daher kurz an: &bdquo;Wie Herr! Sie wissen nicht, was
-Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen
-ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie
-hätten eine Bittschrift einreichen sollen, die in die Hände
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-des Bureauchefs und aus ihnen in die des Abteilungsvorstandes
-gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär
-überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gestatten Sie mir,&ldquo; unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch
-mit großer Anstrengung, um den kargen Rest von
-Geistesgegenwart, der ihm geblieben war, zusammenzunehmen.
-Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken
-und Erregung schwitzte. &bdquo;Gestatten Sie mir, Eure
-Exzellenz, Ihnen zu bemerken, daß, wenn ich mir die
-Freiheit genommen habe, Sie mit dieser Angelegenheit
-zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute,
-von denen man nichts zu erwarten hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? Was? Wahrhaftig!&ldquo; schrie ihn der General-Direktor
-an. &bdquo;Sie wagen es, hier eine solche Sprache
-zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen Ansichten gelangt?
-Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge
-Leute derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor
-garnicht, daß der Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten
-hatte und daß die Bezeichnung: junger Mann
-nur noch relativ auf ihn angewendet werden konnte: im
-Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie auch,&ldquo; fuhr die hohe Persönlichkeit fort,
-&bdquo;mit wem Sie sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem
-Sie stehen? Erinnern Sie sich daran! Ich sage: erinnern
-Sie sich daran!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen,
-und seine Stimme nahm eine solche Schärfe, einen so
-furchterregenden Umfang an, daß auch ein anderer erschrocken
-zusammengefahren wäre.
-</p>
-
-<p>
-Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-sich kaum aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen
-des Bureaudieners unfehlbar zu Boden gesunken.
-Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn
-fast ohnmächtig hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Der General-Direktor war über die Wirkung seiner
-Worte ganz erstaunt; sie überstieg seine Erwartung, und
-voller Genugtuung darüber, daß sein herrischer Ton auf
-einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß
-dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf
-er einen flüchtigen Blick auf seinen Freund, um zu
-sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte. Wie
-grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst,
-als er sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß
-und ihn mit einem gewissen Schrecken ansah, einen
-tiefen Eindruck feststellte!
-</p>
-
-<p>
-Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte
-und wie er die Straßen durchwanderte, darüber hätte er
-selbst niemals Rechenschaft geben können; denn er war
-mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben war er
-noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von
-einem so strengen General-Direktor, so heftig gescholten
-worden.
-</p>
-
-<p>
-In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte,
-wanderte er mit offenem Munde dahin, ohne dieses abscheuliche
-Wetter überhaupt zu bemerken, und ohne auf dem
-Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der
-Wind, der nach Petersburger Sitte aus allen vier
-Himmelsrichtungen blies, verursachte ihm eine Halsentzündung.
-Nach Hause zurückgekehrt, war er außerstande,
-ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war
-geschwollen, und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-Bett. So groß ist mitunter die Wirkung einer gründlichen
-Moralpauke!
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der
-großmütigen Hilfe des St. Petersburger Klimas machte
-seine Krankheit in kurzer Zeit beunruhigende Fortschritte.
-Als der Arzt sich einstellte, war all seine Kunst bereits
-nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte
-nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein
-Rezept, um ihn doch nicht ohne die Segnungen der
-medizinischen Wissenschaft sterben zu lassen, und erklärte,
-daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte.
-</p>
-
-<p>
-Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte:
-&bdquo;Sie haben keine Zeit mehr zu verlieren; lassen Sie
-ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz machen,
-denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl
-zu teuer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen
-Worte? Waren sie es, die eine so erschütternde Wirkung
-auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz leise über sein
-trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können,
-redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen
-jagten unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald
-sah er sich Petrowitsch gegenüber, den er beauftragte,
-ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah er Fußangeln
-für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett
-zu entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner
-Decke verkrochen, und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen.
-Bald fragte er, warum die alte Kapuze noch
-an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel
-habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der
-ihn wieder mit Vorwürfen überhäufte, so daß er seine
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-Exzellenz um Gnade bat. Bald verwirrte er sich in so
-seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß die erschreckte
-alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem
-Leben hatte sie derartige Dinge von ihm gehört, und die
-zornigen Worte des Kranken ließen sie um so mehr außer
-sich geraten, als der Titel einer Exzellenz jeden Augenblick
-wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose
-Sätze ohne Zusammenhang, die sich aber immer um
-denselben Punkt drehten: um den Mantel.
-</p>
-
-<p>
-Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen
-letzten Seufzer aus. Man legte weder auf sein Zimmer
-noch auf seinen Schrank Siegel &mdash; und zwar aus dem
-einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur
-ein Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier,
-drei Paar Strümpfe, einige Hosenknöpfe und
-seinen alten Mantel hinterließ. Wem fielen diese
-Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser
-dieser Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen
-hat, sich genauer darüber zu informieren.
-</p>
-
-<p>
-Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt
-und nach dem Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte.
-Die große Stadt Petersburg fuhr in ihrem gewöhnlichen
-Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals
-existiert hätte.
-</p>
-
-<p>
-So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder
-einen Beschützer, noch einen Freund gehabt, das nie
-jemand ein wahrhaft herzliches Interesse eingeflößt, das
-nicht einmal die Neugier der sonst doch so forschungswütigen
-Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch sonst nicht
-verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer mikroskopischen
-Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-einziges Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung
-und den Spott seiner Kollegen ertragen. Ohne daß es je
-ein außerordentliches Erlebnis gehabt hätte, war es
-seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm
-am Ende seiner Tage ein Lichtblick in Form eines
-Mantels sein elendes Dasein belebt hatte, mußte das
-Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch die
-Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! ....
-</p>
-
-<p>
-Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef
-durch einen Boten mitteilen, daß er sich sofort auf seinen
-Posten zu begeben habe. Der Bureaudiener kam jedoch
-mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat nicht
-mehr kommen könne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und weshalb nicht?&ldquo; fragten die Beamten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben
-worden ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod.
-</p>
-
-<p>
-Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer
-Beamter ein, der viel robuster und gröber war und
-der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren der Akten
-die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine
-viel schrägere Schrift hatte.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs
-Geschichte hier endigen, und als hätten wir nichts mehr
-über ihn mitzuteilen. Allein der bescheidene Titular-Rat
-war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen
-Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung
-für sein bescheidenes von niemandem beachtetes Dasein,
-und unsere Erzählung nimmt hier ganz unerwarteter
-Weise eine recht phantastische Wendung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das
-Gerücht, daß in der Nähe der Katharinenbrücke Nacht
-für Nacht ein Gespenst in der Uniform eines Kanzleibeamten
-erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und
-allen Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel
-oder Rang zu kümmern, ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-,
-Bären-, Biberfell gefütterten Mäntel, kurz alle solche,
-die die Menschen erfunden haben, um ihr eigenes Fell
-gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger
-Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen
-und in ihm sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war,
-tödlich erschrocken, so schnell er konnte, davongelaufen, und
-so war es ihm gelungen, zu entkommen, aber &mdash; obwohl
-er schon fern war &mdash; hatte er es doch mit der Faust drohen
-sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die
-Schultern von Räten, &mdash; nicht nur von Titular-Räten, &mdash;
-sondern auch von Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren
-Raubes ihrer schönen warmen Kleidung den
-heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren.
-</p>
-
-<p>
-Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln,
-um dieses Gespenst &mdash; tot oder lebend &mdash; zu ergreifen
-und an ihm eine exemplarische Strafe zu vollziehen; und
-das wäre ihr auch beinahe gelungen.
-</p>
-
-<p>
-Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse
-das Glück, das Gespenst gerade in dem Momente
-am Kragen zu packen, wo es einem alten Musiker, der
-vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel fortnehmen
-wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe
-und vertraute ihnen den Gefangenen an, während sie mit der
-Hand in ihren Stiefel langte, um ihre Tabaksdose zu suchen,
-und ihre schon zum sechsten Male erfrorene Nase wieder
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von
-solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen
-konnte. Kaum hatte der Posten seinem linken Nasenloche
-einige Körnchen anvertraut, während er das rechte
-zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen begann,
-daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel
-ihre Augen verhüllte. Während sie sich die Lider rieben,
-verschwand das Gespenst spurlos, so daß sie nicht
-recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren Händen
-gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen
-eine so große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht
-einmal einen lebendigen Menschen mehr zu verhaften
-wagten und sich darauf beschränkten, ihm von ferne
-zuzurufen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geht weiter! Geht weiter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke
-umzugehen, und verbreitete in dem ganzen Viertel
-einen gewaltigen Schrecken unter allen ängstlichen Leuten.
-</p>
-
-<p>
-Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit,
-der ursprünglichen Veranlassung unserer phantastischen,
-aber durchaus wahren Geschichte, zurück. Der Wahrheit
-gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe Persönlichkeit,
-bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht
-behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie
-Mitleid mit ihm empfand. Ein gewisses Gefühl der
-Teilnahme war dem Herzen des hohen Herrn durchaus nicht
-fremd; er selbst hatte manch edle Regung, &mdash; sein einziger
-Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes
-auf seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen
-war, hatte er sich aufs teilnahmsvollste mit
-diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat beschäftigt, den er
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich krümmend
-unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht
-hatte. Diese Vision beunruhigte ihn derartig, daß er
-eines Tages einem seiner Beamten den Auftrag gab,
-sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten
-und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne.
-</p>
-
-<p>
-Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß
-der arme kleine Beamte kurz nach der Audienz einem
-plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen war, empfand
-der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte
-den ganzen Tag in der düstersten Stimmung.
-</p>
-
-<p>
-Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen
-Eindrücke zu verjagen, begab er sich des Abends
-zu einem Freunde, bei dem er eine angenehme Gesellschaft
-antraf, und &mdash; was die Hauptsache war &mdash; lauter Personen
-von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren
-brauchte.
-</p>
-
-<p>
-Und wirklich sah er sich auch bald all seiner
-melancholischen Gedanken enthoben, er wurde wieder
-lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in liebenswürdigster
-Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen
-wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend.
-</p>
-
-<p>
-Zum Souper trank er zwei Glas Champagner,
-bekanntlich das beste Mittel, um seine Heiterkeit wieder
-zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses schäumenden
-Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er
-beschloß daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen,
-sondern eine seiner Freundinnen, ich glaube es war
-eine deutsche Dame, namens Karoline Iwanowna, aufzusuchen,
-zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt.
-</p>
-
-<p>
-Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-keineswegs mehr jung war, ja, daß man sie
-überall als tadellosen Gatten und guten Familienvater
-rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in
-einem Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges
-Töchterchen mit einer zwar hakenförmigen aber doch
-ganz reizenden Nase, kamen allmorgentlich in sein Zimmer,
-um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den Worten:
-<span class="antiqua">Bonjour, papa</span> guten Morgen zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende
-Erscheinung, bot ihm zuerst die Hand zum
-Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie nach
-innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich
-sich die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit
-äußerst wohl fühlte und durch die Zärtlichkeiten
-der Familienmitglieder vollauf befriedigt schien, glaubte
-sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten
-spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin
-seine Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger
-als diese; aber so sind die Rätsel des Lebens, und wir
-sind ja nicht befugt, sie hier lösen zu wollen.
-</p>
-
-<p>
-Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter,
-bestieg ihren Schlitten und sagte zu dem Kutscher:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu Karoline Iwanowna!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt,
-befand er sich in der angenehmsten Stimmung, die sich
-ein Russe nur wünschen mag, einer Stimmung, wo
-man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in
-einem Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die
-einen immer wohltuender sind als die anderen, und wo man
-sich garnicht die Mühe zu nehmen braucht, nach ihnen
-zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die glücklichen
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft
-verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen,
-die den kleinen Kreis zu lautem Lachen gereizt und die
-er halblaut kichernd wiederholte. Hierbei fand er, daß
-sie noch genau so komisch waren wie damals, als
-er sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte
-sich daher nicht im mindesten darüber, daß er so herzhaft
-hatte lachen müssen.
-</p>
-
-<p>
-Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der
-ihn plötzlich ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze
-Schneehaufen ins Gesicht schleuderte, in seinen Betrachtungen.
-Der Nord pfiff durch seinen Mantel, blähte
-ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die
-Ohren und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen,
-um sich wieder aus ihm herauszuwinden.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle
-Hand sie am Kragen packte. Sie wandte sich um
-und bemerkte einen kleinen, mit einer alten Uniform bekleideten
-Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki Akakiewitschs
-Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und
-abgezehrt wie die eines Toten.
-</p>
-
-<p>
-Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit,
-als sie bemerkte, daß sich der Mund des
-Toten in krampfhaften Zuckungen verzog, den Direktor
-mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte
-ausbrach:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich
-am Kragen packen. Ich will meinen Mantel. Du
-hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in Nöten
-war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. &mdash;
-Nun sollst du mir deinen Mantel geben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes.
-In seinem Bureau vor seinen Untergebenen fehlte es
-ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er brauchte
-nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief
-jeder, der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und
-sein imponierendes <a id="corr-104"></a>Äußeres warf: &bdquo;Welch ein Charakter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten
-offenbarte sich sein Heldentum nur in seiner äußeren
-Erscheinung, und in diesem Augenblick war er so erschrocken,
-daß er sogar um seine Gesundheit fürchten
-mußte.
-</p>
-
-<p>
-Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel
-aus und rief seinem Kutscher zu:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schnell nach Hause! Schnell!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das
-in solchen Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten
-und energischen Klang hatte und meist von
-noch viel bestimmteren und energischeren Taten begleitet
-zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang
-seine Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen.
-In weniger als sechs Minuten hielt der Schlitten
-vor dem Hause der hohen Persönlichkeit. Bleich, erschrocken
-und ohne Mantel stieg er aus und begab sich
-sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna
-zu fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt.
-Er verbrachte eine so schreckliche Nacht, daß seine Tochter
-am andern Morgen während des Tees entsetzt ausrief:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist ja heute so bleich, Papa!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen,
-noch von dem, wo er gewesen war, und was er am
-Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte dieses
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem
-Tage an fragte er seine Untergebenen nicht mehr in
-seiner bisherigen schroffen Art:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor
-Ihnen steht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr,
-in herrischem Tone mit ihnen zu sprechen, so hörte er
-doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch an.
-</p>
-
-<p>
-Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich
-das Gespenst nicht mehr. Augenscheinlich hatte es überhaupt
-keine andere Absicht gehabt, als sich den Mantel
-des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte
-man von nun an nichts mehr davon, daß den Leuten
-ihre Mäntel geraubt wurden. Allerdings gab es noch
-einige ängstliche und übereifrige Personen, die sich durchaus
-nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich
-das Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren
-Stadtvierteln zeige ... Und in der Tat, ein
-Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen gesehen
-haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der
-Posten war jedoch von Natur ein wenig schwächlich &mdash;
-hatte doch sogar ein gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel,
-das aus einem Privathause ausgebrochen war, ihn zur
-größten Freude und Erheiterung der herumstehenden
-Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen.
-Dafür ließ er sich freilich nachher von jedem einen
-Groschen für Tabak geben, um sie zu strafen, weil sie
-sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er also ein
-solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst
-zu verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm
-in der Dunkelheit nachzuschleichen. Da aber drehte sich
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-das Gespenst plötzlich um und schrie ihn an: &bdquo;Was
-willst du?&ldquo; wobei es ihm eine so schreckliche Faust
-zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so
-leicht zu sehen bekommt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nichts,&ldquo; antwortete der Wachtposten und nahm
-eiligst Reißaus.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer
-als der des Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart.
-Er schien mit mächtigen Schritten der Obuhoffbrücke
-zuzueilen und verschwand gleich darauf in der
-dunklen Nacht.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-3-2">
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-Die Nase
-</h3>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-2-1">
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-I.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> 25. März trug sich in St. Petersburg ein
-außerordentliches Ereignis zu.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier
-Iwan Jakowlewitsch, dessen Familienname von dem
-Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung eines an
-Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift:
-&bdquo;Hier wird auch zur Ader gelassen!&ldquo; erkennen konnte,
-geschwunden war. Dieser Barbier Iwan Jakowlewitsch
-wachte also ziemlich frühzeitig auf und atmete den
-Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im
-Bette etwas empor und sah, wie seine Frau, eine äußerst
-respektable Dame und leidenschaftliche Liebhaberin des
-Kaffees, einige frischgebackene Brote aus dem Ofen
-hervorholte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich
-keinen Kaffee trinken,&ldquo; sagte Iwan Jakowlewitsch; &bdquo;ich
-habe mehr Appetit auf Brot mit Zwiebeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch
-hätte gar zu gern von beidem gekostet; doch war er von
-vornherein von der Unmöglichkeit einer derartigen
-Schwelgerei völlig durchdrungen, denn Praskowia
-Ossipowna ließ solche Launen nicht zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Iß meinetwegen Brot, Schafskopf,&ldquo; dachte die Frau
-bei sich; &bdquo;für mich wird dann um so mehr Kaffee übrig
-bleiben ...&ldquo; und sie warf ein Brot auf den Tisch.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgründen
-einen Leibrock über sein Hemd, nahm &mdash; nachdem er
-am Tische Platz genommen hatte &mdash; etwas Salz, stutzte
-zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an,
-das Brot höchst bedächtig zu zerteilen. Er schnitt
-es in zwei Hälften, schaute sich die eine Fläche an und
-bemerkte zu seiner größten Verwunderung etwas Weißliches.
-Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit dem
-Messer daran herum und befühlte es mit dem Daumen.
-&bdquo;Das Ding ist ja ganz hart!&ldquo; sagte er zu sich; &bdquo;was mag
-denn das nur sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schälte es mit den Fingern heraus und fand &mdash;
-eine Nase! Iwan Jakowlewitsch ließ seine Arme sinken;
-dann begann er sich seine Augen zu reiben und befühlte
-es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war eine
-Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren
-Bildung er wiederzuerkennen glaubte.
-</p>
-
-<p>
-Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zügen:
-aber dieses Entsetzen war harmlos im Vergleich mit
-der Empörung, die sich seiner Gattin bemächtigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh?&ldquo;
-fing sie wutentbrannt zu schreien an. &bdquo;Du Dieb, du Trunkenbold!
-Ich werde dich selbst der Polizei denunzieren! Was
-für ein Lumpenkerl! Schon drei Herren haben mir gesagt,
-du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen,
-daß du sie beinahe abreißt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend,
-hatte er doch soeben festgestellt, daß diese Nase keine
-andere war als die des Kollegien-Assessors Kowalew, den
-er Mittwochs und Sonntags zu rasieren pflegte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schweig doch, Praskowia Ossipowna,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-werde sie in ein Stück Leinewand einschlagen und sie
-in irgend eine Ecke verstecken, wo sie einige Tage
-liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden.
-Ich soll zugeben, daß du eine abgeschnittene Nase im
-Zimmer versteckst? Du gerösteter Zwieback du! Er kann
-nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fähig, sein
-Geschäft schnell und solid auszuführen! Herumstreicher,
-Strauchdieb! Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen
-Scherereien mit der Polizei zuziehen? Ach, du
-bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg
-damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst.
-Ich will nichts davon wissen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan Jakowlewitsch war völlig zerschmettert. Er überlegte
-und überlegte ... und wußte im Grunde garnicht was.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Teufel soll wissen, wie das nur möglich ist!&ldquo;
-sagte er endlich, indem er sich mit der Hand über die Ohren
-fuhr. &bdquo;Bin ich gestern betrunken nach Hause gekommen
-oder nicht? Allerdings kann ich das nicht mit Gewißheit
-sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier
-um einen ganz außergewöhnlichen Vorgang; denn das
-Brot &mdash; das Brot wird doch gebacken, während eine
-Nase ... Weiß Gott, ich verstehe das nie und nimmer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke,
-ein Polizist könnte diese Nase bei ihm entdecken und ihn
-zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in eine vollkommene
-Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als sähe er
-einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen
-Degen vor sich ... und er zitterte am ganzen Körper.
-Endlich zog er seine Beinkleider und Stiefel an, wickelte
-die Nase schnell unter den peinlichsten Ermahnungen
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-seiner Frau in ein Stück Leinewand und verließ seine
-Wohnung.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem
-Brunnen, unter einer Schwelle niederzulegen oder sie wie
-absichtslos fallen zu lassen, und dann in eine andere
-Straße einzubiegen.
-</p>
-
-<p>
-Aber unglücklicherweise lief er einem Bekannten in
-die Arme, der ihn sofort zu fragen anfing:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo gehst du denn hin?&ldquo; oder: &bdquo;Wen willst du
-denn schon so frühzeitig rasieren?&ldquo; sodaß Iwan Jakowlewitsch
-durchaus keinen günstigen Moment für sein Vorhaben
-erwischen konnte. In der Folge glückte es ihm
-zwar einmal, die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann
-machte ihm schon von weitem mit der Hellebarde
-ein Zeichen und rief ihm zu: &bdquo;Heb&rsquo;s doch auf! Du
-hast da etwas fallen lassen!&ldquo; Und Iwan Jakowlewitsch
-ward so genötigt, die Nase aufzuheben und in
-seine Tasche zu stecken. Verzweiflung überfiel ihn, und
-zwar um so heftiger, je mehr sich die Straße bevölkerte
-und je mehr Läden und Wirtshäuser geöffnet wurden.
-</p>
-
-<p>
-Er entschloß sich, auf die Isaaksbrücke zu gehen.
-Vielleicht würde er dort ein Mittel finden, die Nase
-unbemerkt in die Newa zu werfen! ...
-</p>
-
-<p>
-Aber ich habe einen Fehler begangen, daß ich dem
-Leser bis jetzt noch nichts über Iwan Jakowlewitsch,
-eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte Persönlichkeit,
-berichtet habe.
-</p>
-
-<p>
-Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker,
-der etwas auf sich hält, ein furchtbarer Trunkenbold,
-und obgleich er täglich die Bärte anderer Leute rasierte,
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-rasierte er doch niemals seinen eigenen. Sein Frack &mdash;
-denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Überrock &mdash;
-war bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen
-und grauen Flecken übersät; der Kragen
-glänzte schon ein wenig, und anstelle von drei Knöpfen sah
-man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfäden.
-</p>
-
-<p>
-Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein
-Zyniker; wenn der Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner
-Gewohnheit, während er rasiert wurde, zu ihm sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Deine Hände stinken immer, Iwan Jakowlewitsch!&ldquo;
-so antwortete er gelassen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum sollen sie denn stinken?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, Brüderchen, aber sie stinken!&ldquo; versetzte
-hierauf der Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan
-Jakowlewitsch nahm dann erst eine Prise und seifte
-hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie
-hinter den Ohren und unter dem Kinne ein &mdash; mit einem
-Worte, er seifte ihn ein, wo es ihm Vergnügen machte.
-</p>
-
-<p>
-Dieser ehrenwerte Bürger war nun endlich auf der
-Isaaksbrücke angekommen. Zunächst warf er einen
-spähenden Blick auf die Umgebung, beugte sich über
-das Geländer, wie wenn er die vielen Fische im Wasser
-beobachten wollte, und warf dann das Päckchen mit
-der Nase ganz behutsam hinab.
-</p>
-
-<p>
-Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem
-Male zehn Pud<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> vom Herzen. Ja, er lächelte sogar.
-</p>
-
-<p>
-Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell
-seine Beamten zu rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein
-Schild mit der Inschrift &bdquo;Tee und Lebensmittel&ldquo; trug,
-und bestellte dort ein Glas Punsch. Plötzlich bemerkte
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-er jedoch ganz in der Nähe am Ende der Brücke, den Bezirkskommissar,
-einen Mann von vornehmem Äußeren, mit
-breitem Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch
-wurde vor Entsetzen starr wie ein Eisklumpen. Der
-Kommissar winkte ihm mit der Hand und sagte zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komm doch mal näher, mein Lieber!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebräuchlichen
-Höflichkeitsformen sehr wohl kannte, schon von weitem
-die Mütze, sprang herbei und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wünsche Ew. Wohlgeboren einen schönen guten
-Morgen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, Brüderchen, laß nur das &sbquo;Ew. Wohlgeboren&lsquo;
-aus dem Spiel! &mdash; Sag mir lieber, was hattest
-du da auf der Brücke zu tun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege
-zu meinen Kunden, die ich rasieren soll, und schaute
-hinab, ob die Strömung sehr stark ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du lügst! Du schwindelst! So kommst du mit
-nicht davon! Willst du mir jetzt wohl Rede stehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal
-wöchentlich ohne jede Bezahlung zu rasieren!&ldquo; versetzte
-Iwan Jakowlewitsch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich
-rasieren bereits drei Barbiere und rechnen sich diese
-Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte dich, mir zu sagen,
-was du dort gemacht hast!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan Jakowlewitsch erblaßte ...
-</p>
-
-<p>
-Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdring<a id="corr-106"></a>liches Dunkel
-unsere Geschichte ein, und über die folgenden Geschehnisse
-weiß man absolut nichts zu berichten.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-2-2">
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-II.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Kollegien-Assessor<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a> Kowalew erwachte eines
-Morgens besonders früh und bewegte seine Lippen,
-um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie
-es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß
-er hierfür einen Grund hätte angeben können. Er reckte
-sich erst tüchtig und suchte dann nach einem kleinen
-Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein
-Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner
-Nase aufgesprungen war. Aber zu seinem größten Erstaunen
-befand sich anstelle seiner Nase in seinem Gesicht eine durchaus
-ebene und glatte <a id="corr-107"></a>Fläche! Voller Schrecken ließ Kowalew
-sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit dem
-Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr!
-Er befühlte die Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch,
-um festzustellen, ob er vielleicht noch schliefe; aber nein,
-er schien tatsächlich nicht zu schlafen. Der Kollegien-Assessor
-Kowalew sprang aus seinem Bett, schüttelte und
-rüttelte sich, &mdash; doch die Nase war und blieb verschwunden!
-Er ließ sich sofort seine Kleider bringen
-und stürzte schleunigst zu dem Polizeivorstand.
-</p>
-
-<p>
-Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-über Kowalew zu sagen, damit der Leser ermessen kann,
-um welche Art von Kollegien-Assessor es sich bei unserem
-Freunde Kowalew handelt.
-</p>
-
-<p>
-Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die
-diesen Rang ihren Diplomen verdanken, mit denen verwechseln,
-die ihn während ihrer Dienstzeit im Kaukasus
-erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit wissenschaftlicher
-Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören,
-denn Rußland ist ein so seltsames Land, daß all
-seine Kollegien-Assessoren von Riga bis Kamtschatka sich
-getroffen fühlen, wenn auch nur von einem dieser
-Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle
-Ämter und alle Grade.
-</p>
-
-<p>
-Kowalew war ein <em>kaukasischer</em> Kollegien-Assessor. Seit
-zwei Jahren erst bekleidete er diesen Rang, und es gab
-kaum einen Moment, in dem er sich nicht an seine
-Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und
-Gewicht zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen
-Kollegien-Assessor vor, sondern stets als Major. &bdquo;Hör doch,
-mein Täubchen,&ldquo; sagte er gewöhnlich, so oft er auf der
-Straße eine alte Frau traf, die Leinewand feilbot, &bdquo;geh doch
-zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der Sadovaja<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a>
-und frage nur: &sbquo;Wohnt hier der Major Kowalew?&lsquo;
-Jedermann wird dir gern Auskunft erteilen.&ldquo; Oder begegnete
-er einer artigen Schönen, so flüsterte er ihr
-ganz leise zu: &bdquo;Du brauchst nur nach der Wohnung
-des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!&ldquo; Aus
-diesem Grunde wollen auch wir ihn von nun an stets
-den &bdquo;Major&ldquo; nennen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang
-auf dem Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen
-war stets peinlich sauber und frisch gestärkt. Sein
-Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei
-Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und
-Militär-Ärzten, d. h. fast bei allen Leuten trifft, die runde
-Backen und rote Wangen haben und gut &bdquo;Boston&ldquo; spielen.
-Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der Wangen
-bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an
-der Uhrkette eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken,
-die mit einem Wappen oder auch mit der
-Inschrift &bdquo;Mittwoch&ldquo;, &bdquo;Donnerstag&ldquo;, &bdquo;Montag&ldquo; usw.
-versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn
-dazu veranlaßt, nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus
-dem Grunde, weil er eine seinem Range angemessene
-Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er Glück hatte,
-die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines
-schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement.
-Der Major Kowalew war einer Ehe durchaus
-nicht abgeneigt, doch mußte seine Auserkorene über eine
-Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln
-verfügen. Und nun mag sich der Leser in die
-Empfindungen dieses Majors versetzen, als er anstelle
-seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase nur
-eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte.
-</p>
-
-<p>
-Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger
-Kutscher auf der Straße; so war er also genötigt, zu
-Fuß zu gehen &mdash; in seinen Mantel eingehüllt und das
-Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn
-er gerade Nasenbluten hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-mir; es ist doch unmöglich, daß mir meine Nase so ohne
-weiteres aus dem Gesicht geschwunden ist,&ldquo; dachte er.
-</p>
-
-<p>
-Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort
-einen Blick in den Spiegel zu werfen. Zum Glück für
-ihn befand sich weiter niemand im Lokal, außer einigen
-Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle zurecht
-rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken
-heiße Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und
-Stühlen lagen kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,&ldquo;
-sagte er; &bdquo;nun kann ich meine Untersuchung beginnen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen
-ist,&ldquo; schrie er, indem er empört ausspie; &bdquo;wenn sich
-wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas anderes
-befände! Aber nichts, absolut gar nichts!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen
-hatte, verließ er das Lokal und beschloß, wider
-seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen und
-keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines
-Hauses stehen. Seine Augen wurden von einer unerklärlichen
-Erscheinung angezogen: ein Wagen hielt dicht
-neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm
-entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe
-hinaufeilte. Wie groß war Kowalews Entsetzen, wie
-groß war sein Erstaunen, als er in ihm seine eigene
-Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen
-Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles
-um ihn herumdrehe, und nur mit Mühe vermochte er sich
-aufrecht zu halten. Aber trotzdem beschloß er, obwohl er am
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker, zu warten,
-bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen
-Wagen zu steigen.
-</p>
-
-<p>
-Nach Ablauf zweier Minuten erschien die &bdquo;Nase&ldquo;
-tatsächlich. Sie trug eine goldgestickte Uniform mit hohem
-steifen Kragen, Beinkleider aus Semischleder, und an der
-Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes konnte
-man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte.
-Der Anzug des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche
-abstattete. Er schaute sich nach links und nach rechts
-um, rief dem Kutscher ein &bdquo;Vorwärts!&ldquo; zu und rollte
-davon.
-</p>
-
-<p>
-Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn
-nahe. Er wußte nicht, was er von einem so überraschenden
-Ereignis halten sollte. Wie war es denn auch
-nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend
-in seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren
-konnte, jetzt eine Uniform trug! Er stürzte hinter dem
-Wagen her, der glücklicherweise nicht sehr weit fuhr und
-vor dem Gostini Dwor<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> halt machte.
-</p>
-
-<p>
-Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen
-einer Reihe alter Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern
-und zwei großen Öffnungen statt der Augen hindurch,
-über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. Sonst
-trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand
-sich in einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen
-Entschluß fassen konnte und lediglich in allen Winkeln und
-Ecken nach dem Herrn Ausschau hielt; endlich sah er ihn
-vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr Gesicht
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter
-Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soll ich ihn anreden?&ldquo; dachte Kowalew. &bdquo;Aus seiner
-ganzen Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz
-geht klar und deutlich hervor, daß es ein Staatsrat
-ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anstellen soll! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates
-zu husten; aber die Nase verließ auch nicht für
-eine Minute ihren Standpunkt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Herr!&ldquo; sagte Kowalew, der sich innerlich
-Mut zuzusprechen versuchte, &bdquo;mein Herr! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wünschen Sie?&ldquo; fragte die Nase, indem sie
-sich umwandte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint,
-daß ... Sie sollten doch wissen, wohin Sie gehören.
-Und plötzlich finde ich Sie, und noch dazu ... hier? ...
-Sie müssen doch zugeben ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon
-Sie sprechen. Erklären Sie sich deutlicher!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?&ldquo;
-dachte Kowalew. Und sich ein Herz fassend begann er:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe
-zurzeit keine Nase. Sie müssen zugeben, das schickt
-sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der Woskressenski-Brücke
-geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde
-nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch
-was mich anbetrifft, der ich die Ehre habe, Beamter
-zu sein und der ich außerdem Beziehungen zu vielen
-Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum
-Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates
-ist, und noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ...
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-Ich weiß nicht, mein Herr&ldquo; &mdash; und hierbei zuckte der Major
-Kowalew mit den Achseln &mdash; &bdquo;entschuldigen Sie tausendmal
-... aber wenn man die Sache vom Standpunkt
-der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können
-selbst begreifen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich begreife absolut nichts,&ldquo; erwiderte die Nase.
-&bdquo;Erklären Sie sich deutlicher.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Herr,&ldquo; versetzte Kowalew mit Würde, &bdquo;ich
-weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll. Hier
-handelt es sich doch, wie mich dünkt, um einen durchaus
-klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz
-und gut, Sie sind doch meine eigene Nase!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Nase blickte den Major an, und runzelte die
-Stirne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus
-selbständig. Außerdem können zwischen uns nicht die geringsten
-Beziehungen existieren. Nach den Knöpfen Ihrer
-Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern Ressort
-dienen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den
-Rücken.
-</p>
-
-<p>
-Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht,
-was er tun, ja nicht einmal was er sich denken sollte.
-In diesem Augenblick ertönte das angenehme Rascheln
-eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit
-Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet
-von einem jungen Mädchen, deren weißes Kleid ihre
-harmonische Figur aufs vorteilhafteste zur Geltung
-brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide
-Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit
-mächtigem Bart und einem ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-begleitet. Er blieb hinter den Damen stehen
-und öffnete seine Tabaksdose.
-</p>
-
-<p>
-Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen
-seines Batisthemdes zurecht, brachte sein an einer goldenen
-Kette hängendes Petschaft in Ordnung und wandte seine
-ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die sich leicht
-wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße
-Hand mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte.
-Das Lächeln auf Kowalews Gesicht wurde noch intensiver,
-als er unter dem Hut ein rundes Kinn von blendender
-<a id="corr-109"></a>Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in
-ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich.
-</p>
-
-<p>
-Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel
-gestochen zurück.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase
-mehr hatte; und heiße Tränen entströmten seinen Augen.
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn
-laut und deutlich zu sagen, daß er nur die Larve eines
-Staatsrates trüge, daß er ein Lump, ein Spitzbube
-wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne
-Nase ... Aber die Nase war verschwunden; sie hatte
-den günstigen Augenblick benutzt und sich entfernt,
-höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch abzustatten.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung.
-Er blieb noch eine Minute unter dem Säulengang
-stehen und schaute sich gespannt nach allen Seiten um,
-ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er erinnerte
-sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt
-und die Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte
-nicht auf den Mantel geachtet, auch nicht auf die Farbe
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-des Wagens noch auf die der Pferde; er wußte nicht
-einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was
-für eine Livree er trug. Überdies waren eine solche
-Anzahl von Fahrzeugen aller Art im Trab durch die
-Straßen gefahren, daß es schwer war, sie voneinander
-zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte herausgefunden,
-wie hätte er ihm Halt gebieten sollen?
-</p>
-
-<p>
-Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem
-Newski-Prospekt wimmelte es von Menschen. Ein üppiger
-Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von der
-Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein
-Hofrat, ein Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders
-aber vor fremden Leuten, &bdquo;Oberstleutnant&ldquo;
-zu titulieren pflegte. <em>Dort</em> sah er seinen Busenfreund
-Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen
-ließ, und <em>dort</em> einen andern Major, der gleich
-ihm seinen Grad im Kaukasus erlangt hatte, und der
-ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge doch
-zu ihm herüberkommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Teufel soll ihn holen!&ldquo; sagte Kowalew. &bdquo;Kutscher!
-bring mich doch auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher
-jeden Augenblick zu: &bdquo;Fahr zu, so schnell du kannst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?&ldquo; fragte er sofort
-beim Eintritt in das Vestibül.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; antwortete der Portier; &bdquo;er ist soeben weggegangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja wundervoll!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß,&ldquo; fügte der Portier hinzu, &bdquo;erst vor ganz
-kurzer Zeit ist er fortgegangen. Wären Sie nur eine
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-Minute früher gekommen, Sie hätten ihn sicher noch
-getroffen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte
-Kowalew wieder in den Wagen zurück und rief dem
-Kutscher mit verzweifelter Stimme zu:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fahr weiter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin?&ldquo; fragte der Kutscher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geradeaus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer
-Straßenecke: also rechts oder links?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von
-neuem zum Nachdenken. In seiner Lage wäre es vor allem
-angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium zu gehen, nicht
-weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort gehörte,
-sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung
-als sonst wo rechnen konnte. Sich an das Ressort
-zu wenden, in dem die Nase angestellt war, wäre
-sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den eigenen
-Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für
-diesen Mann nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er
-sich denn nicht mittels einer Lüge aus einer solchen
-Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen, als er
-behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte.
-Kowalew wollte dem Kutscher gerade den Befehl geben,
-er solle ihn zum Polizei-Präsidium fahren, als ihm der
-Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei
-ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den
-günstigen Augenblick benutzen und die Stadt verlassen
-könnte; &mdash; und dann wären alle Nachforschungen überflüssig
-gewesen, oder sie konnten sich, was Gott verhüten
-mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-gab ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink.
-Er beschloß, direkt nach der Expedition der Amtszeitung
-zu fahren und dort sofort eine Annonce mit der genauen
-Angabe seines Signalements einrücken zu lassen,
-damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen
-oder ihm doch wenigstens die Wohnung dieses Räubers
-mitteilen konnten.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl
-er dem Kutscher, nach der betreffenden Expedition
-zu fahren, bearbeitete während der ganzen Fahrt
-unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen
-Fäusten und schrie:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber, Herr!&ldquo; antwortete nur immer kopfschüttelnd
-der Kutscher und schlug mit dem Zügel über den Rücken
-des Pferdes, das so behaart war wie ein Bologneserhund.
-</p>
-
-<p>
-Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz
-atemlos in ein kleines Empfangszimmer, wo ein alter
-Beamter in einem schäbigen Frack und mit einer Brille
-hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den
-Zähnen hielt und Kupfergeld zählte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer nimmt hier Annoncen an?&ldquo; schrie Kowalew;
-&bdquo;doch ich bitte um Verzeihung, guten Morgen vor
-allen Dingen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guten Morgen!&ldquo; sagte der alte Beamte und blickte
-einen Moment empor, um seine Aufmerksamkeit sofort
-wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte ein Inserat aufgeben ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu
-wollen,&ldquo; fuhr der Beamte fort, indem er mit der
-Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und mit einem
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln
-verschob.
-</p>
-
-<p>
-Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen,
-dem man seine lange Dienstzeit in aristokratischen
-Häusern anmerkte, stand mit einem Zettel vor dem Tisch
-und hielt es für angebracht, auf seine gesellschaftliche
-Bildung hinzuweisen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser
-kleine Hund keine acht Groschen wert ist; ich für meine
-Person würde nicht acht Pfennig für ihn geben. Aber
-die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn
-in der Tat an, &mdash; deshalb verspricht sie seinem
-Ueberbringer hundert Rubel. In aller Höflichkeit sei&rsquo;s gesagt,
-aber unter uns: die Geschmacksrichtungen der Leute
-sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal
-Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen
-einen Windhund oder einen Pudel; dafür kann man
-ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel anwenden,
-aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen
-Hund.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen
-mit einer sehr bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen
-ruhig die Buchstaben des Zettels, den der Diener
-mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine Menge
-alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls
-mit Zetteln in der Hand angesammelt.
-</p>
-
-<p>
-Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher,
-der sich sehr gut geführt hatte, von seinem Besitzer aus
-dem Dienst entlassen worden war, aus einem andern,
-daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris
-bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-neunzehnjähriges Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig
-noch andere Arbeiten verrichten konnte, eine Stellung.
-Dort wollte jemand eine Droschke ohne Federn verkaufen,
-oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten
-Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen
-Rüben- und Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem
-Zubehör (zwei Pferdeställen, nebst einem Platz, wo man
-einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald anpflanzen
-konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte
-Sohlen zu verkaufen hätten, und luden täglich von
-8 bis 3 Uhr zu deren Besichtigung ein.
-</p>
-
-<p>
-Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt,
-war klein, und infolgedessen war die Luft in ihm
-äußerst dumpf; allein der Kollegien-Assessor Kowalew
-merkte nichts davon, denn sein Gesicht war mit
-einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich
-Gott weiß wo &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es
-sehr eilig ...&ldquo; sagte er endlich ungeduldig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig
-Kopeken! ... Nur noch eine Minute! ... Ein Rubel
-vierundsechzig Kopeken!&ldquo; sagte der alte Herr, indem er den
-alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wünschen Sie?&ldquo; sagte er endlich, indem
-er sich an Kowalew wandte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte Sie,&ldquo; sagte Kowalew ... &bdquo;es handelt
-sich um eine schier unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem
-Augenblick weiß ich noch nicht, wie sie bloß passieren
-konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu wollen,
-daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft,
-eine gute Belohnung erhalten soll.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-&bdquo;Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz
-unmöglich, ihn zu nennen. Ich habe aber gute Beziehungen,
-zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der Gattin
-eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna
-Podtotschina, die einen höheren Offizier zum Mann hat.
-Wenn sie es erführen ... Gott behüte! Sie können
-ganz einfach schreiben: &sbquo;Ein Kollegien-Assessor&lsquo; oder noch
-besser: &sbquo;Ein Major&lsquo;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große
-Gemeinheit! Nein, mir ist ... die Nase ausgerückt! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! was für ein merkwürdiger Familienname!
-Und um welche Summe hat Sie Herr Nase bestohlen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine
-Nase, meine eigene Nase ist es, die verschwunden
-ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir einen
-Streich spielen wollen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich
-verstehe absolut nichts von alledem!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise.
-Aber das wichtigste bei dieser Angelegenheit ist die Tatsache,
-daß sie jetzt in der Stadt herumspaziert und sich
-Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte ich
-Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen
-sollte, sie ohne Verzug zu mir bringen möge. Sagen
-Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne diesen Körperteil,
-der doch unbedingt zu meiner Person gehört, existieren?
-Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ...
-wenn man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen
-ja garnicht bemerken. Aber ich gehe doch jeden Donnerstag
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-zu Frau Staatsrat Tschechtarewa; Frau Pelagia Grigoriewna
-Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers und
-Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute Bekannte
-von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen
-Familien Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen,
-ob ich so herumlaufen kann ... Es ist mir doch augenblicklich
-ganz unmöglich, mich irgendwo zu zeigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die
-Lippen zusammenkniff.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!&ldquo;
-sagte er endlich nach längerem Stillschweigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? &mdash; Weshalb nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren
-könnte. Wenn jemand schreibt, daß ihm seine Nase abhanden
-gekommen ist, dann ... Auch ohne dies wird
-schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten
-und Lügen gedruckt werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch,
-wie mir scheint, ganz klar und ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns
-vorige Woche passiert ist. Es erscheint ein Beamter,
-ganz wie Sie heute, und bringt uns ein Inserat, das
-ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem
-Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels
-angekündigt. Sie werden einwenden: &sbquo;Ich kann keine
-Ähnlichkeit mit meinem Fall entdecken!&lsquo; Aber es stellte
-sich bald heraus, daß das lediglich eine Mystifikation
-gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines
-Geschäftes gemeint.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel,
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-sondern nach meiner eigenen Nase; hören Sie: das ist
-doch fast so, als ob ich nach mir selbst suchte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden
-ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den
-Arzt etwas an; ich habe gehört, daß einige von ihnen
-eine große Geschicklichkeit in der Herstellung künstlicher
-Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung, daß
-Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft
-gern einen Scherz erlauben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist!
-Gestatten Sie, wenn es nicht anders geht, daß ich es
-Ihnen demonstriere!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum diese Aufregung?&ldquo; fuhr der Beamte fort,
-indem er eine Prise nahm. &bdquo;Aber schließlich ..., wenn
-es Sie weiter nicht inkommodiert,&ldquo; fügte er neugierig
-hinzu, &bdquo;ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem
-Gesichte fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Tat, das ist äußerst sonderbar!&ldquo; sagte der
-Beamte. &bdquo;Die Stelle ist ja ganz eben wie ein frischgebackener
-Eierkuchen. Ja, sie ist glatt, &mdash; es ist schier
-unglaublich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen
-Sie wohl selbst, daß Sie mein Inserat unmöglich nicht
-aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür zu ganz
-besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh
-darüber, daß diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft
-hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-Der Major <a id="corr-114"></a>ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer
-Schmeichelei herab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich
-keine Schwierigkeit,&ldquo; sagte der Beamte; &bdquo;nur sehe ich
-darin keinen Vorteil für Sie. Sie sollten sich an irgend
-einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren Fall als
-Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in
-der &bdquo;Biene des Nordens&ldquo; &mdash; hierbei nahm er eine
-Prise &mdash; &bdquo;zur Belehrung der Jugend&ldquo; &mdash; hierbei schneuzte
-er sich &mdash; &bdquo;oder noch besser zur allgemeinen Unterhaltung
-veröffentlichen könnte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe.
-Er warf einen Blick auf das Feuilleton des Zeitungsblattes
-und auf die Theaternotizen; ein Lächeln huschte
-über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen
-Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die
-Tasche, um einen blauen Zettel hervorzuholen &mdash; denn
-nach seiner Meinung mußten die höheren Offiziere
-mindestens im Parkett sitzen &mdash;; aber der Gedanke an
-seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen.
-</p>
-
-<p>
-Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit
-Kowalew, der sich in einer höchst peinlichen Situation
-befand. Von dem Wunsche beseelt, seinen Kummer ein
-wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen
-Worten seine Teilnahme auszusprechen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein
-solches Mißgeschick widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht
-eine Prise Tabak? Das vertreibt die Kopfschmerzen
-und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein
-unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-Tabaksdose, indem er den Deckel, der mit dem Porträt
-einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr geschickter
-Weise wegschob.
-</p>
-
-<p>
-Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew
-um den Rest seiner Geduld.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen
-können!&ldquo; sagte er zornig. &bdquo;Sehen Sie denn nicht, daß
-mir augenblicklich gerade der Körperteil fehlt, der zum
-Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist? Der
-Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt
-garnicht mehr sehen, selbst dann nicht, wenn es kein
-stinkender Beresinski, sondern echter Rapé wäre.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau
-und begab sich aufs Polizei-Kommissariat.
-</p>
-
-<p>
-Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen
-Beamten an, der gerade gähnte, sich streckte und laut
-zu sich selbst sprach: &bdquo;Ich würde jetzt mit großem Vergnügen
-noch ein paar Stündchen schlafen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors
-nichts weniger als gelegen kam.
-</p>
-
-<p>
-Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von
-allen möglichen Kunstgegenständen; doch zog er einen
-mit dem kaiserlichen Wappen geschmückten Schein allen
-andern Dingen vor.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ein Stück,&ldquo; sagte er oft, &bdquo;wie es nirgends
-ein besseres gibt: es braucht keine Nahrung, nimmt wenig
-Platz ein, läßt sich bequem in die Tasche stecken und
-zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung
-fallen, daß die Stunde nach dem Mittagessen
-nicht der geeignete Moment zur Erledigung amtlicher
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst
-darauf hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe
-zu pflegen, wenn man gegessen habe &mdash; woraus der
-Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die Gepflogenheiten
-der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht
-ganz unbekannt waren &mdash;, und daß ein ordentlicher Mann
-seine Nase nicht verliere.
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste.
-</p>
-
-<p>
-Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine
-äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen,
-was man über ihn sagte, doch niemals vergab er
-einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende
-Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken
-alle üblen Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere
-durchgehen ließ, aber niemals ein Wort, das sich gegen
-die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des Kommissars
-brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er
-kopfschüttelnd und im Bewußtsein seiner Würde die
-Hände erhob und erklärte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende
-Äußerungen nichts zu erwidern habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und damit ging er.
-</p>
-
-<p>
-Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären
-seine Beine abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und
-seine Behausung erschien ihm nach allen diesen fruchtlosen
-Nachforschungen sehr traurig und sehr schmutzig. Beim
-Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten
-schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem
-Rücken lag, sich damit unterhielt, an die Zimmerdecke
-zu spucken, und hierbei mit großer Geschicklichkeit
-stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche Gleichgültigkeit
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm
-mit seinem Hut auf die Stirn und schrie ihn an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte
-schleunigst herbei, um ihm seinen Mantel abzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf
-sich in einen Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches
-Unglück verdient? Hätte ich eine Hand oder einen Fuß
-verloren &mdash; das wäre noch nicht so schlimm; aber ein
-Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel
-was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der
-das Bürgerrecht verloren hat, das ist ganz einfach ein
-Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen
-möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder
-im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens
-selbst verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts,
-ohne jede Veranlassung zu verduften! Nein, nein ...
-das ist ja ganz unmöglich!&ldquo; &mdash; fügte er nach kurzem
-Nachdenken hinzu &mdash;, &bdquo;es ist ganz unglaublich, daß eine
-Nase so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu
-unwahrscheinlich. Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde
-es mir nur ein. Vielleicht habe ich aus Versehen statt
-eines Glases Wasser den Branntwein ausgetrunken, mit
-dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe.
-Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen
-haben, und so habe ich ihn gewiß ganz
-ahnungslos heruntergegossen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff
-sich der Major so heftig ins Fleisch, daß er einen lauten
-Schrei ausstieß. Dieser Schmerz überzeugte ihn endgültig
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-davon, daß er am Leben war und vernünftig handelte.
-Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit
-den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die
-Nase könne doch vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber
-er trat sogleich wieder einen Schritt zurück und murmelte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die reinste Karikatur!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm
-noch ein Knopf verschwunden, ein silberner Löffel, eine
-Uhr oder etwas dergleichen! &mdash; aber eine Nase ... und
-noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem
-eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die
-verschiedenen Umstände an sich vorüberziehen und kam
-schließlich zu dem Resultat, daß noch am ehesten Frau
-Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an
-seinem Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig
-zum Schwiegersohne begehrte. Es machte ihm Spaß,
-ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging er einer
-deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame
-ihm nun offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter
-zur Frau geben würde, lehnte er diese Ehre unter vielen
-Komplimenten mit der Begründung ab, er wäre noch
-zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um
-die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.
-</p>
-
-<p>
-Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus
-diesem Grunde beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben,
-und zu diesem Behufe einige alte Hexen gegen
-ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, daß
-ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten
-sein sollte. Niemand war im Zimmer gewesen.
-Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn noch
-am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages,
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-sowie auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz
-heil und gesund gewesen. Daran erinnerte er sich ganz
-deutlich. Außerdem hätte er doch irgend einen Schmerz
-empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell
-geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.
-</p>
-
-<p>
-Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne,
-er wollte die Frau Podtotschina beim Gericht verklagen
-oder sich wenigstens persönlich zu ihr begeben und sie
-zur Rechenschaft ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen
-Lichtschimmer gestört, der durch die Türritzen drang und
-ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer eine Kerze
-angezündet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in
-der Hand haltend, und bald war das Zimmer hell erleuchtet.
-Kowalews erste Bewegung war es, sein Taschentuch
-zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der
-sich noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit
-der dumme Lakai nicht das Maul aufzureißen brauchte,
-wenn er seinen Herrn so sonderbar entstellt sah.
-</p>
-
-<p>
-Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen,
-denn eine unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer
-vernehmen und fragte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major
-Kowalew,&ldquo; sagte dieser, indem er eiligst die Tür öffnete.
-</p>
-
-<p>
-Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen,
-mit einem nicht all zu hellen, noch all zu dunklen
-Backenbart und runden Wangen, derselbe, den wir beim
-Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke
-getroffen haben, trat ein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-&bdquo;Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Tat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist soeben gefunden worden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagen Sie da?&ldquo; schrie der Major Kowalew.
-Die Freude machte ihn sprachlos.
-</p>
-
-<p>
-Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an,
-wobei seine Lippen und Wangen von dem flackernden
-Kerzenlicht erhellt wurden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auf welche Weise?&ldquo; fragte er endlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade
-im Moment ihrer Abreise verhaftet. Sie hatte schon
-einen Platz im Wagen eingenommen, um nach Riga zu
-fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten.
-Und das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für
-einen Herrn gehalten habe; aber ich setzte glücklicherweise
-meine Brille auf und erkannte sogleich, daß es eine
-Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich kurzsichtig
-bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich
-wohl, daß Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide
-weder Nase, noch Bart, noch sonst etwas. Meine
-Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch
-nicht mehr als ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie
-sie sehr nötig haben, habe ich sie gleich mitgebracht.
-Das Merkwürdigste ist, daß der Hauptschuldige an dieser
-ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus der
-Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam
-sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht,
-daß er ein Trunkenbold und Dieb ist; erst vor drei Tagen
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-hat er in einem Laden eine Schachtel mit Knöpfen entwendet.
-Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche
-und holte die Nase hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt
-war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das ist sie!&ldquo; schrie Kowalew. &bdquo;Das ist sie
-und keine andere! Trinken Sie vielleicht eine Tasse
-Tee mit mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit,
-aber das ist mir leider unmöglich. Ich muß
-mich von hier aus sofort in ein Konfektionshaus begeben
-... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel
-entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter,
-die Mutter meiner Frau, und meine Kinder warten zu
-Hause auf mich ... Mein Ältester berechtigt zu den
-schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht intelligenter
-Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine
-geeignete Erziehung zu geben ...&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen
-hatte, befand sich dieser einige Minuten in einer
-unbeschreiblichen Geistesverfassung; einen Moment lang
-konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche
-Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er
-die wieder gefundene Nase vorsichtig zwischen seine beiden
-Hände und schaute sie noch einmal mit großer Aufmerksamkeit
-an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!&ldquo; sagte
-er. &bdquo;Hier auf der linken Seite ist auch das Pickelchen
-von gestern ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen.
-</p>
-
-<p>
-Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer;
-bald läßt die Freude nach und, während Sekunde auf
-Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell einer peinigenden
-Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten
-Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das
-Fallen eines Steines im Wasser erzeugt, allmählich in
-der glatten Oberfläche zerrinnt.
-</p>
-
-<p>
-Kowalew begann, das Vorgefallene zu <a id="corr-115"></a>überdenken,
-und begriff, daß sein Abenteuer noch nicht zu Ende war.
-Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt mußte man sie
-vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen
-und befestigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn sie nun nicht halten wird?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesem Gedanken erbleichte der Major.
-</p>
-
-<p>
-Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er
-an den Tisch und ergriff den Spiegel, um sich die Nase
-nur nicht schief anzusetzen. Seine Hände zitterten. Mit
-großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie wieder
-an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die
-Nase hielt nicht! ... Er führte sie an seinen Mund,
-erwärmte sie mit seinem Atem und brachte sie von
-neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen beiden
-Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So sitz doch, du Rindvieh!&ldquo; sagte Kowalew zu ihr.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel
-mit einem recht sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork
-auf den Tisch. Kowalews ganzes Gesicht zuckte konvulsivisch
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht
-haften bleiben sollte?&ldquo; sagte er voller Schrecken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die
-sie gehörte, &mdash; aber auch dieses Mal ohne Erfolg.
-</p>
-
-<p>
-Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte
-zu gehen, der eine der schönsten Wohnungen im ersten
-Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt war ein
-Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über
-ein Paar herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle
-urgesunde Frau. Schon am frühen Morgen pflegte
-er frische Äpfel zu essen. Als besondere Eigentümlichkeit
-wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen,
-die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er
-spülte ihn nach dem Aufstehen fast dreiviertel Stunden
-lang und putzte sich stets die Zähne mit fünf verschiedenen
-Bürstchen.
-</p>
-
-<p>
-Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel
-Zeit verstrichen war, seit Kowalew den Verlust bemerkt
-hatte, faßte er den Major am Kinn und gab ihm mit
-dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase
-befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der
-Major mit dem Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich
-heftig an die Mauer schlug. Der Arzt meinte, das
-mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf
-von der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links
-zu neigen, befühlte ihn und ließ dann ein gedehntes
-&bdquo;Hm&ldquo; vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch einen
-Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr
-wie ein Pferd, dessen Zähne man untersucht.
-</p>
-
-<p>
-Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-die Geschichte auf sich beruhen, sonst könnte es noch
-schlimmer werden. Gewiß kann man die Nase wieder
-befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das
-unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die
-Versicherung, daß es dann noch schlimmer werden kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne
-Nase existieren?&ldquo; sagte Kowalew. &bdquo;Schlimmer als jetzt
-kann es ja garnicht werden. Da soll doch das heilige
-Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn
-mit einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich
-muß doch meine guten Beziehungen pflegen, heute abend
-muß ich sogar noch zwei Besuche abstatten. Ich bin mit
-vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B. mit
-Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina,
-die die Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich
-ich mit dieser Dame nach dem Vorgefallenen nur
-noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie mir den
-Gefallen,&ldquo; fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu,
-&bdquo;setzen Sie sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht.
-Wenn es auch nicht gut aussieht, die Hauptsache ist,
-daß sie hält; in gefährlichen Situationen könnte ich sie
-ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich
-auch garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche,
-daß sie sich durch eine unvorsichtige Bewegung ablösen
-könnte. Und was das Honorar für Ihren Besuch anbetrifft,
-so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es
-mir meine Mittel gestatten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie mir,&ldquo; sagte der Arzt nicht allzu laut,
-aber auch nicht allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem
-und eindringlichem Tone, &bdquo;daß ich meine
-Kunst niemals um des schnöden Mammons willen
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen
-meinen Beruf. Ich nehme gern eine Vergütung für
-meinen Besuch an, aber einzig und allein, um Sie
-nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß
-kann ich Ihre Nase wieder anheften. Aber ich gebe
-Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es mir so nicht
-glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird.
-Lassen Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie
-die betreffende Stelle recht häufig mit kaltem Wasser,
-und ich versichere Sie, daß Sie sich ohne Nase ebenso
-gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich
-Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit
-Spiritus aufzubewahren oder noch besser zwei Suppenlöffel
-Branntwein und heißen Essig in den Rezipienten
-zu tun, &mdash; auf diese Weise könnten Sie viel Geld für
-sie erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen,
-wenn Sie nicht zu teuer sind!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich
-sie verkaufen!&ldquo; rief der Major Kowalew verzweifelt aus;
-&bdquo;lieber will ich sie vernichten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Entschuldigen Sie,&ldquo; sagte der Arzt und erhob sich;
-&bdquo;ich wollte Ihnen nur nützlich sein ... Was ist da
-zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich von meinem
-guten Willen überzeugt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung
-verließ der Arzt das Zimmer. Kowalew hatte
-nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und in seiner
-tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen
-Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen
-Frackes hervorleuchtete.
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-Klage gegen Frau Podtotschina einreichte, an sie zu
-schreiben und sie zu fragen, ob sie seiner Forderung
-nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Brief lautete folgendermaßen:
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="adr">
-&bdquo;Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna!
-</p>
-
-<p>
-Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise
-zu begreifen. Seien Sie überzeugt, daß
-Sie hierdurch nichts gewinnen und mich keineswegs
-dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten.
-Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft,
-so ist die Rolle, dessen versichere ich Sie, die Sie, die
-Hauptanstifterin, in ihr spielen, von allem andern zu
-schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr plötzliches Verschwinden
-von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre Verkleidung
-als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten
-in natürlicher Gestalt: das alles ist nur die
-Folge einer Behexung, die Sie oder irgend welche von
-Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich inszeniert haben.
-Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht zu
-haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte
-die in Frage kommende Nase sich nicht noch heute
-an ihrem alten Platze befinden, mich gezwungen sehen
-würde, den Beistand und Schutz der Gerichte anzurufen.
-</p>
-
-<p>
-Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner
-vorzüglichen Hochachtung
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ihr ergebener Diener<br />
-Platon Kowalew.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="letter">
-<p class="adr">
-&bdquo;Geehrter Herr Platon Kusmitsch!
-</p>
-
-<p>
-Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen
-versetzt. Ich gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-so ungerechte Vorwürfe erwartet. Ich gebe Ihnen
-die Versicherung, daß ich den Beamten, von dem
-Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt,
-bei mir empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp
-Iwanowitsch Potantschikow besucht. Und obgleich er
-in der Tat um die Hand meiner Tochter angehalten
-hat und auf einen tadellosen, nüchternen Lebenswandel
-und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm
-doch keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann
-noch von Ihrer Nase. Wenn Sie damit sagen wollen,
-daß ich die Absicht habe, Ihnen eine Nase zu drehen
-statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber
-nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn
-wie Sie sehr wohl wissen, ist gerade das Gegenteil
-davon der Fall; und wenn Sie gegenwärtig gesonnen
-sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl zu
-machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung
-zuteil werden zu lassen. Damit wäre in der
-Tat einer meiner innigsten Wünsche erfüllt. In dieser
-Hoffnung bin ich wie stets
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ihre gehorsame Dienerin<br />
-Alexandra Podtotschina.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo; sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen
-hatte, &bdquo;sie ist sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich!
-Solch einen Brief kann nie und nimmer eine Person
-schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge,
-war er doch schon mehrfach mit Untersuchungen in den
-kaukasischen Provinzen betraut worden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie mag es nur geschehen sein?&ldquo; fragte er sich
-immer wieder. &bdquo;Hol&rsquo;s der Teufel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-Und er ließ resigniert die Hände sinken.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das
-Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis verbreitet
-&mdash; und zwar, wie es ja Brauch ist, nicht ohne
-Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu
-dieser Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher
-Vorgänge. Kurz vorher hatten nämlich das Publikum
-allerhand Experimente mit dem tierischen Magnetismus
-beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die Scheunenstraße
-noch etwas völlig Neues. Man braucht es also
-nicht allzu sonderbar zu finden, daß bald darauf das
-Gerücht auftauchte, die Nase des Kollegien-Assessors
-Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden Tag
-um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine
-Menge Neugieriger strömte daher alltäglich dorthin.
-Irgend jemand hatte erzählt, die Nase hielte sich in
-Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort
-die Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah,
-einen Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter
-Spekulant von höchst würdigem Äußeren mit
-einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der
-Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen
-feilzubieten pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne
-Bänke vor dem Laden aufstellen, lud die Neugierigen
-ein, Platz zu nehmen und erhob ein Eintrittsgeld
-von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D.
-erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich
-das Schauspiel anzuschaun, und schlängelte sich mit
-großer Mühe durch die Menge; aber zu seiner größten
-Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt
-der Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-Kamisol nebst einer Lithographie, die ein junges Mädchen
-darstellte, wie es sich seinen Strumpf hinaufzieht, und einen
-Stutzer mit ausgeschnittener Weste und Spitzbart, der
-sie hinter einem Baume beobachtet &mdash; ein Bild, das
-schon seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing.
-Der Oberst ging fort, indem er ärgerlich sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie kann man nur die Leute durch solche
-dumme und unwahrscheinliche Gerüchte auf die Beine
-bringen? ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die
-Nase des Majors Kowalew garnicht auf dem Newski-Prospekt,
-sondern im Taurischen Garten herumspaziere;
-man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon
-Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte,
-sehr über dieses seltsame Naturwunder gestaunt. Von
-der medizinischen Fakultät wurden einige Studenten
-hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt
-bat den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben,
-dieses Phänomen doch ja ihren Kindern zu zeigen und
-womöglich eine gründliche, lehrreiche Erklärung hinzuzufügen.
-</p>
-
-<p>
-All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener
-Müßiggänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen dürfen
-und deren Pflicht es ist, die Damen zu zerstreuen &mdash;
-und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an
-Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte
-sich doch eine Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute
-sehr ungehalten über all diese Scherze. Ein Herr erklärte
-sogar voller Empörung, er begriffe nicht, wie in
-einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde
-Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-darüber, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht
-mehr Beachtung schenke. Dieser Herr gehörte augenscheinlich
-zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert
-hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten
-mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten
-der Ehegatten. Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich
-unsere Historie von neuem in einen dichten Schleier,
-und über alle folgenden Ereignisse ist wieder <a id="corr-117"></a>nichts bekannt.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-2-3">
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-III.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht
-möglich wäre, und oft passieren Dinge, die
-geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe
-Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren
-gegangen war und in der ganzen Stadt eine solche
-Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz unerklärliche
-Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen
-den beiden Wangen des Majors Kowalew. Das geschah
-am 7. April.
-</p>
-
-<p>
-Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den
-Spiegel sah, erblickte er darin seine Nase. Er griff mit
-seiner Hand nach ihr, &mdash; wahrhaftig, es war seine Nase.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott!&ldquo; sagte Kowalew, und er wollte schon
-vor Freude im Zimmer barfuß ein Tänzchen machen,
-aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. Er
-befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah
-sich noch einmal im Spiegel &mdash; aber die Nase war
-in der Tat wieder da! Er trocknete sich mit dem Handtuch
-ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, &mdash;
-aber die Nase war noch immer da!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe
-da so eine Art Pickel auf der Nase,&ldquo; sagte er und
-dachte indessen bei sich:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-antwortete: &sbquo;Nein, Herr, Sie haben nicht nur keinen Pickel
-auf der Nase, Sie haben ja überhaupt keine Nase!&lsquo;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber Iwan bemerkte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!&ldquo; sagte
-der Major im stillen zu sich selbst und knipste mit
-den Fingernägeln.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan
-Jakowlewitsch im Türrahmen &mdash; furchtsam wie eine Katze,
-die ein Stück Talg gestohlen und dafür Prügel bekommmen
-hat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sag mal vor allem: sind deine Hände auch
-sauber?&ldquo; schrie ihm Kowalew schon von weitem entgegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß sind sie sauber!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du lügst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei Gott, sie sind sauber, Herr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, dann mal los!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band
-ihm eine Serviette um. In einem Moment verwandelte
-sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen mit Hilfe
-eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an
-ihren Namenstagen den Gästen servieren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da schau her!&ldquo; sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich
-selbst, nachdem er sich die Nase angesehen; dann wandte
-er den Kopf ein wenig, um sie auch von der Seite zu
-prüfen, &bdquo;wahrhaftig sie sitzt tadellos!&ldquo; &mdash; und noch lange
-betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer
-Zartheit und Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine
-eigene Person handle, zwei Finger, um die Nasenspitze
-zu ergreifen.
-</p>
-
-<p>
-Das war Iwan Jakowlewitschs System.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-&bdquo;Achtung!&ldquo; schrie Kowalew.
-</p>
-
-<p>
-Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor
-den Kopf und zitterte wie noch nie zuvor in seinem
-Leben. Endlich begann er mit großer Vorsicht, ihm
-unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu
-kitzeln; obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja
-das Geruchsorgan nicht stützen durfte, überwand er doch
-alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem Zeigefinger
-bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte
-er denn sein Geschäft glücklich zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke
-und fuhr schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf
-der Schwelle befahl er dem Kellner, ihm eine Tasse
-Schokolade zu bringen, und blickte gleichzeitig schnell
-noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase war
-noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit
-spöttischer Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase
-hatte, die nicht viel größer war als ein Westenknopf.
-</p>
-
-<p>
-Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements,
-in dem er sich um die Stelle eines Vizegouverneurs
-oder doch wenigstens um die eines Exekutors
-bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute
-er in den Spiegel, &mdash; die Nase war noch immer da!
-</p>
-
-<p>
-Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor,
-der gleichfalls Major war, einem großen Spaßvogel,
-dem er auf all seine bissigen Bemerkungen stets nur die
-eine Antwort zu geben pflegte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er dachte sich unterwegs:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-Lachen ausbricht, so ist das das sicherste Zeichen, daß
-alles in Ordnung ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!&ldquo;
-murmelte Kowalew.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der
-Gattin eines höheren Offiziers nebst ihrer Tochter; er
-machte eine tiefe Verbeugung und wurde mit den
-freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere
-Zeit mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose
-und stopfte sie sich mit Absicht in ihrer Gegenwart in
-beide Nasenlöcher, indem er sich dachte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da habt ihr&rsquo;s! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich
-denke ja garnicht daran, mich mit deiner Tochter zu
-verheiraten! <span class="antiqua">Par amour</span> &mdash; na, meinetwegen! Das
-ginge noch allenfalls.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und der <a id="corr-118"></a>Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts
-geschehen wäre, auf dem Newski-Prospekt, in den Theatern
-und überall. Seine Nase saß, wie wenn nichts vorgefallen
-wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah
-es ihr an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und
-seitdem sah man Major Kowalew stets in guter Laune,
-er lachte und blickte mit leidenschaftlichem Interesse allen
-schönen Frauen nach. Einmal sah man ihn sogar im
-Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu
-welchem Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand,
-denn er war ja garnicht Ritter eines Ordens.
-</p>
-
-<p>
-Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen
-Hauptstadt unseres großen Reiches abgespielt hat. Jetzt
-finden wir allerdings bei näherer Überlegung viel Unwahrscheinliches
-in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß es
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet
-und an verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates
-auftaucht, &mdash; wie konnte Kowalew nicht begreifen,
-daß man doch nicht durch die Amtszeitung nach einer
-Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den
-hohen Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen
-muß. Das ist eine Kleinigkeit. Denn ich gehöre
-ganz und gar nicht zu den habgierigen Leuten. Aber so
-etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht!
-</p>
-
-<p>
-Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot,
-und wie konnte Iwan Jakowlewitsch selbst ...? Nein,
-das werde ich nie und nimmer begreifen; wahrhaftig,
-das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und
-noch unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich
-Autoren solche Gegenstände wählen können. Man muß
-zugeben, daß das in der Tat ganz unbegreiflich ist.
-Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht
-ein Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland
-nicht den geringsten Nutzen, und zweitens ... aber
-auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich
-weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat.
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten
-Endes vielleicht doch eins oder das andere oder das
-dritte davon begreifen! Denn schließlich, wo stößt man
-denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich
-über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens
-<em>etwas</em> davon bestehen. Man mag sagen, was man
-will: derartige Dinge kommen in der Welt vor &mdash;
-wenngleich höchst selten, aber sie <em>kommen</em> vor.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-3-3">
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-Das Porträt
-</h3>
-
-<h4 class="part" id="subchap-3-3-1">
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-<span class="line1">Erster Teil.</span>
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">irgends</span> blieben soviel Menschen stehen wie
-vor dem Bilderladen in der Schtschukin-Passage.
-Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst mannigfaltige
-Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die
-Bilder waren meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem
-Lack gefirnißt und mit dunkelgelben, flittergoldenen
-Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit weißen
-Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender
-Abend, ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem
-ausgerenkten Arm, der eher einem Truthahn in Manschetten
-als einem Menschen ähnlich sieht: das sind gewöhnlich
-die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu
-kamen noch einige gestochene Abbildungen: ein Porträt
-von Chosrev-Mirsa in einer Hammelfellmütze und etwa
-das Bild eines Generals mit Dreispitz und krummer Nase.
-Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen
-Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind
-und von der instinktiven Begabung des Russen zeugen,
-behangen zu sein. Auf einem war die Zarentochter Miliktrissa
-Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt Jerusalem zu sehen,
-über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände
-ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch
-einen Teil der Erde und zwei betende russische Bauern
-in Fausthandschuhen einhüllte. Für diese Erzeugnisse
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch
-ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich
-schon sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für
-seinen Herrn in der Hand hält, der seinem Magen die
-Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben wird; neben ihm
-steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter Soldat,
-dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser
-feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer
-Schachtel, die Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine
-Art. Die Bauern pflegen ihre Zeigefinger darauf zu
-drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit ernster
-Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich
-mit Hinweis auf die Karikaturen übereinander lustig,
-alte Lakaien in Friesmänteln schauen sich diese Dinge
-an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen müssen,
-und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber,
-kommen instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was
-denn das Volk wieder zusammen klatscht, und um sich
-das anzuschaun, was sich das Volk anschaut.
-</p>
-
-<p>
-Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow,
-der gerade die Passage passierte, unwillkürlich vor dem
-Laden stehen; der alte Mantel und der nicht sehr sorgfältige
-Anzug ließen in ihm einen Menschen erkennen,
-der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und
-keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern,
-die doch gerade für die Jugend sonst einen geheimnisvollen
-Reiz in sich zu bergen pflegt. Er blieb vor dem
-Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese greulichen
-Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche
-Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem
-diese Machwerke wohl von Nutzen wären. Daß das russische
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-Volk von diesen Jeruslanen Lazarewitschen, diesen Freß-
-und Saufhelden, sowie von dem Foma und Jerjoma hingerissen
-wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die
-abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus
-verständlich. Aber wo sind die Käufer für diese bunten,
-schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten diese flämischen
-Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die bereits
-einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der
-Kunst erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier
-aufs tiefste erniedrigt wird? Dies waren allem
-Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder eines
-Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen
-Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum
-Ausdruck gekommen. Aber hier war nichts zu entdecken
-als Stumpfheit, eine kraftlose, greisenhafte Talentlosigkeit,
-die sich eigenmächtig in die Reihen der Künste
-drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten
-Handwerken ihren Platz hatte, &mdash; eine Talentlosigkeit,
-die übrigens ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche
-mitten in die Kunst importierte. Dieselben Farben,
-die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand, die eher einem
-roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem
-Menschen! ...
-</p>
-
-<p>
-Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis
-er schließlich gar nicht mehr an sie dachte, inzwischen
-aber sprach der Besitzer des Ladens, ein verschimmelter
-Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit Sonntag
-nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm
-um den Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben,
-was ihm gefallen hatte und was er kaufen wollte.
-&bdquo;Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine Landschaft,
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie
-sich doch nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in
-die Augen; die sind eben erst aus der Börse gekommen,
-sogar der Firnis ist noch nicht trocken. Oder nehmen Sie
-doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn Rubel!
-der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber
-auch ein rechter Winter!&ldquo; Hierbei schnellte der Händler
-mit den Fingerspitzen leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich,
-um die Güte des Winters recht zu betonen.
-&bdquo;Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde
-und zu Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen?
-He, Junge, gib mal einen Bindfaden her!&ldquo; &mdash; &bdquo;Wart,
-Bruder, nicht so schnell!&ldquo; sagte der endlich zu sich
-kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler
-sich im Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war
-ihm etwas peinlich, nichts zu kaufen, nachdem er sich schon
-so lange im Laden aufgehalten hatte, und er sagte: &bdquo;Aber
-warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort etwas für mich
-finde.&ldquo; Und er bückte sich und fing an, die auf dem Fußboden
-aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten
-Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche
-Ehre genossen. Da waren altertümliche Porträts von
-Ahnen, deren Nachkommen man in der Welt sicher
-nirgends hätte finden können &mdash; unbekannte Bilder, deren
-Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung:
-mit einem Worte, allerlei alter Plunder. Aber
-der Maler fing an, sie genauer zu untersuchen, indem
-er in seinem Inneren zu sich sagte: &bdquo;Vielleicht findet sich
-doch noch etwas darunter!&ldquo; Er hatte mehr als einmal
-gehört, wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem
-Kram Gemälde großer Meister fand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen
-hatte, ließ seine Zuvorkommenheit nach, er
-placierte sich in seiner gewöhnlichen Stellung und gebührenden
-Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten
-an und zeigte ihnen mit einer großen Geste <a id="corr-119"></a>seinen Laden.
-&bdquo;Hierher, Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie
-herein, kommen Sie herein! Soeben von der Börse
-importiert!&ldquo; Er schrie sich tot, aber meistenteils ohne
-jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit
-dem Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der
-Türe seiner Bude stand, und erinnerte sich schließlich, daß
-er noch einen Käufer im Laden hatte; sofort wandte er
-den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich
-hinein. &bdquo;Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?&ldquo;
-Aber der Künstler stand schon eine geraume
-Zeit vor einem Porträt in einem großen Rahmen, der
-von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum
-noch die Spuren der Vergoldung glänzten.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen
-Gesicht und hervorstehenden Backenknochen. Seine
-Züge schienen einen Augenblick von einer krampfhaften
-Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie nordische
-Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder.
-Er war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie
-schmutzig und beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow
-entdeckte in ihm sofort die Spuren der Arbeit eines großen
-Künstlers, nachdem es ihm gelungen war, den Staub
-vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht
-ausgeführt zu sein, aber die Kraft der Pinselführung
-war eine überwältigende. Seltsamer als alles waren
-jedoch die Augen; der Künstler schien seine ganze
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben.
-Sie starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt
-heraus und zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch
-ihre sonderbare Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an
-die Tür gebracht hatte, blickten ihn die Augen noch stärker
-an. Fast denselben Eindruck machten sie auch auf die
-Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben war,
-rief: &bdquo;Er starrt, er starrt mich an!&ldquo; und wich zurück. Eine
-unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte
-sich seiner, und er stellte das Bild auf den Boden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!&ldquo;
-meinte der Ladenbesitzer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und was kostet es?&ldquo; fragte der Künstler.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen!
-Geben Sie fünfundsiebzig Kopeken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, was geben Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwanzig,&ldquo; sagte der Maler, indem er sich zum
-Weggehen anschickte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken!
-Mit zwanzig Kopeken ist ja nicht einmal der Rahmen
-bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? Herr
-Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens
-zehn Kopeken zu. Nehmen Sie, nehmen Sie es, also
-gut, geben Sie zwanzig Kopeken. Wirklich, nur
-um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste
-Käufer sind.&ldquo; &mdash; Und dabei führte er mit der Hand eine
-Geste aus, die zu sagen schien: &bdquo;Sei dem, wie ihm sei,
-mag das Bild verloren gehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet
-ein altes Porträt gekauft, und er dachte sich: &bdquo;Wozu
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?&ldquo; Aber es
-blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück
-aus der Tasche, gab es dem Ladenbesitzer,
-nahm das Porträt unter den Arm und trug es nach
-Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig
-Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld
-waren. Seine Gedanken trübten sich mit einem
-Mal; ein Gefühl des Ärgers und der gleichgültigen Leere
-erfaßte ihn im selben Augenblick. &bdquo;Hol&rsquo;s der Teufel!
-Wie scheußlich ist es auf der Welt!&ldquo; dachte er wie jeder
-Russe, dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch
-ging er schnellen Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter.
-Der Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die
-eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die
-dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen
-Schein schwach bestrahlt; aber nach und nach erglänzte
-immer stärker und stärker der kühle bläuliche Schein des
-Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von Häusern und
-Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller
-Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor,
-der in einem durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte
-schimmerte, und dabei entschlüpften seinem Munde die
-Worte: &bdquo;Was für ein zarter Ton!&ldquo; &bdquo;Wie ärgerlich!
-Hol&rsquo;s der Teufel!&ldquo; Und während er sich das Porträt
-bequemer zurechtschob, das fortwährend unter seinem
-Arme hinunterglitt, beschleunigte er seine Schritte.
-</p>
-
-<p>
-Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich
-nach seiner Wohnung in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel,
-mühsam und keuchend kletterte er die mit Spülwasser
-begossenen und von den Spuren von Katzen und
-Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-Tür; niemand antwortete, sein Diener war nicht zu
-Hause. Er lehnte sich auf das Fensterbrett und entschloß
-sich, geduldig zu warten, bis er endlich hinter sich die
-Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm:
-dies war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und
-Dielenfeger, der den Fußboden allerdings mit seinen
-Stiefeln stets wieder zu beschmutzen pflegte, während er ihn
-fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte während der
-Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore
-zu. Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch
-zu finden, das infolge der Dunkelheit kaum zu
-sehen war. Endlich wurde die Tür geöffnet. Tschartkow
-betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten Künstlern,
-unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im
-allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel
-zu übergeben, begab er sich in sein Atelier, einen großen,
-aber niedrigen quadratischen Raum mit zugefrorenen
-Fensterscheiben, der mit allerlei künstlerischem Plunder,
-Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen und
-wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen
-und Stühlen liegenden Draperieen angefüllt war. Er
-war äußerst müde, legte den Mantel ab, stellte zerstreut
-das mitgebrachte Porträt zwischen zwei andere Bilder
-und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man
-nicht behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war,
-denn die Messingknöpfe, die es einst befestigt hatten,
-residierten in stolzer Selbständigkeit. Das Gleiche ließ
-sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine
-schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige
-Wäsche darunter aufbewahren konnte. Nachdem er
-ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, soweit
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend
-ausgeruht hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben keine Kerze mehr!&ldquo; sagte Nikita.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es war doch schon gestern keine da,&ldquo; sagte Nikita.
-Der Künstler erinnerte sich in der Tat, daß es auch
-gestern keine Kerze mehr gab, beruhigte sich und schwieg
-still. Er ließ sich auskleiden und zog hierauf seinen
-schon arg verschlissenen Schlafrock an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Wirt ist wieder dagewesen!&ldquo; fuhr Nikita fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So! Er kam wegen des Geldes!&ldquo; meinte der Künstler
-mit wegwerfender Miene.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber er war nicht allein da,&ldquo; sagte Nikita.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer denn noch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wozu denn ein Polizeibeamter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung
-noch nicht bezahlt ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, und was soll daraus werden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte,
-wenn er nicht zahlen will, so soll er doch ausziehen!
-Sie wollten beide morgen wiederkommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mögen sie nur kommen!&ldquo; sagte Tschartkow mit
-trauriger Gleichgültigkeit, und eine melancholische Regenstimmung
-bemächtigte sich seiner.
-</p>
-
-<p>
-Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent
-zu manchen Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken
-der Inspiration zeigte sein Pinsel scharfe Beobachtungsgabe,
-tiefes Verständnis und einen heißen Drang, der
-Natur nahe zu kommen. &bdquo;Sieh, sieh, Bruder,&ldquo; sagte ihm
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-mehr als einmal sein Professor, &bdquo;du hast Talent. Es
-wäre eine Sünde, wenn du es zugrunde richten wolltest.
-Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas lockt dich,
-dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen,
-alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert
-mehr, du willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich
-nur vor, daß aus dir nicht etwa ein moderner Maler
-wird. Deine Farben sind schon jetzt etwas zu scharf und
-zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng und
-manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du
-trachtest schon nach modernen Beleuchtungseffekten und
-willst nur das wiedergeben, was dem ersten besten in die
-Augen springt. Nimm dich in acht, daß du nicht etwa
-in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht,
-die große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe
-schon manchmal eine stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt
-oder einen gebügelten Hut ... ich weiß ja, wie
-verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack
-der Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde,
-anstatt daß es ihm Förderung einträgt. Hab
-Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder Arbeit, laß
-ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde
-nachjagen ... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht
-entgehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte
-unser Maler in der Tat etwas über die Stränge
-schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem Wort:
-zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war.
-Aber bei alledem verstand er es auch, sich zu zügeln.
-Bisweilen konnte er, wenn er an seine Arbeit gegangen
-war, alles vergessen, und er riß sich nicht anders von
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-ihr los als wie von einem herrlichen Traume.
-Sein Geschmack wurde immer subtiler; noch erfaßte
-er nicht die ganze Tiefe Raffaels, doch wurde er
-von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen,
-er blieb vor den Porträts Tizians stehen und
-begeisterte sich an der vlämischen Schule. Noch war der
-dunkle Schleier, der die alten Bilder verhüllt, nicht ganz
-vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn hin
-und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich
-er dem Professor innerlich nicht beistimmte, daß
-die alten Meister für uns so durchaus unerreichbar
-wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte
-Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt
-hätte, daß die Nachbildung der Natur recht häufig
-intensiver, lebendiger, treuer geworden war, kurz, er
-dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich die
-Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es
-mit Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal
-wurde er ärgerlich, wenn er sah, wie ein zugereister
-Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, der oft
-genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur
-durch gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung
-und schreiende Farben allgemeines Aufsehen erregte und
-sich in einem Augenblick ein ganzes Kapital erwarb.
-Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von
-seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt
-vergaß, sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg
-bedrängte, wenn er keine Kopeke mehr hatte, um sich
-Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der aufdringliche
-Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die
-Wohnung von ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-seiner hungrigen Phantasie in angenehmem Lichte das
-Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar mit dem
-Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt,
-alles im Stich zu lassen und sich aus Gram und
-allem zum Trotz dem Trunk zu ergeben. Und nun
-war er wieder einmal in einer solchen Lage.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!&ldquo; wiederholte er
-verdrießlich; &bdquo;aber schließlich hat auch die Geduld ihr
-Ende. Hab Geduld, und womit soll ich denn eigentlich
-morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es
-mir niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und
-Zeichnungen verkaufen wollte, so würde man mir doch für
-sie alle zusammen noch keine zwanzig Kopeken geben.
-Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich
-fühle es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet;
-aus jedem habe ich etwas gelernt. Aber was
-frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ... und
-das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen,
-Versuche ... Und wer, der nicht zufällig meinen Namen
-kennt, wird sie denn kaufen mögen? Wer bedarf denn
-eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser Naturstudien
-oder gar meiner unbeendigten &bdquo;Psyche&ldquo;? Wen
-interessiert dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das
-Porträt meines Nikita, wenn es auch wirklich besser
-ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers? Und
-weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und
-plage ich mich, wie ein Schüler mit dem Abc, wo ich
-doch nicht weniger berühmt sein, als die andern und
-gleich ihnen Geld verdienen könnte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler
-plötzlich. Ein krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-von der Leinwand her &mdash; sich weit vorbeugend &mdash; an;
-zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn, als ob sie
-ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten
-zu wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er
-aufschreien und Nikita rufen, der bereits in seinem Vorzimmer
-schnarchte wie ein zweiter Polyphem. Aber plötzlich
-blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der Angst verließ
-ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte
-Porträt, das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein,
-in den das ganze Zimmer getaucht war, beleuchtete
-auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare
-Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu
-reinigen. Er benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr
-einige Mal mit ihm über die Fläche, wusch den dicken
-und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz herunter,
-hängte es vor sich an die Wand hin und war über
-dieses ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher.
-Das ganze Gesicht schien Leben zu bekommen und
-die Augen blickten ihn so an, daß er erzitterte, zurückwich
-und ganz verdutzt sagte: &bdquo;Er sieht mich an, er
-blickt mich mit Menschenaugen an!&ldquo; Tschartkow mußte
-plötzlich an eine Geschichte denken, die er einmal
-von seinem Professor über ein Bildnis des berühmten
-Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das
-der große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet
-hatte, doch noch immer für unvollendet ausgab,
-und das nach Vasaris Worten dennoch von allen
-für das vollkommenste und <a id="corr-121"></a>vollendetste Kunstwerk
-erklärt wurde. Am hervorragendsten waren daran die
-Augen, die in höchstem Maße die Bewunderung aller
-Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten, kaum
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die
-Leinwand gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm
-hängenden Porträt, war es noch sonderbarer. Das war
-keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie des
-Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es
-schien, als wären sie einem lebenden Antlitze entnommen
-und in dieses Bildnis eingesetzt. Das hatte nichts mehr
-mit <a id="corr-122"></a>jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts
-eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich
-auch der dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers
-bemächtigte sich vielmehr nur ein krankhaftes
-quälendes Gefühl.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist das?&ldquo; fragte sich der Künstler unwillkürlich.
-&bdquo;Das ist doch in der Tat Natur, lebendige Natur!
-Woher also dieses seltsame, unangenehme Gefühl? Oder
-wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich
-schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer
-Ton? Oder erscheint der Gegenstand, wenn man
-gefühllos, gleichgültig, ohne innere Anteilnahme an ihn
-herantritt, stets nur in seiner abschreckenden Wirklichkeit
-&mdash; ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen,
-überall verborgenen Gedankens? &mdash; in jener Wirklichkeit,
-die sich offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen
-Messer bewaffnet, <a id="corr-123"></a>einem Menschen nahn, in der Erwartung,
-etwas Herrliches zu schaun, sein Inneres
-bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum
-erscheint denn die einfache gemeine Natur bei einem
-Künstler in einer gewissen Verklärung &mdash; und man erhält
-keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es scheint
-einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und
-alles fließt und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-um einen herum. Und warum erscheint ebendieselbe
-Natur bei einem anderen Künstler niedrig und schmutzig,
-während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt
-ihm eben das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine
-Landschaft, so herrlich sie auch sein mag, doch unvollkommen
-erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie erleuchtet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese
-wunderbaren Augen zu betrachten, und sah wieder mit
-Entsetzen, daß sie ihn wirklich anstarrten. Das war keine
-Kopie nach der Natur mehr, das war jene entsetzliche
-Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen
-Toten Leben gegeben hätte. War es der
-Mondschein, der Wahngebilde und Träume mit sich
-brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als
-das nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas
-anderes die Ursache? Es wurde ihm &mdash; er wußte
-selbst nicht warum &mdash; ängstlich und bang zumute, er
-fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat
-leise vom Porträt zurück, wandte sich nach der andern
-Seite und bemühte sich, es nicht anzublicken; inzwischen
-aber schielte sein Auge dennoch ganz wie von selbst unwillkürlich
-nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm
-sogar die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß,
-Unruhe. Es war ihm, als folgte ihm immer jemand,
-und jedesmal sah er sich scheu um. Jede Feigheit
-lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und
-seine Nerven waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend
-konnte er sich seine instinktive Furcht selbst nicht erklären.
-Er setzte sich in eine Ecke, aber auch hier hatte er das
-Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die Achsel
-in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-aus dem Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine
-Angst zu verscheuchen. Endlich erhob er sich zaghaft,
-ohne die Augen zu erheben, von seinem Platze, begab
-sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein
-Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte
-Zimmer und das ihm gerade gegenüber an der
-Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer heftete es
-jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand
-anders als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein
-Lager zu verlassen, er ergriff ein Laken, trat an das
-Porträt heran und hüllte es in das Betttuch ein.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig
-wieder zu Bett und begann über die Armut, über das
-erbärmliche Schicksal des Künstlers, über den Dornenweg,
-der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken, unterdessen
-aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte
-der spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten
-Porträt. Der Mondenschein ließ das Weiß des Lakens
-noch heller erscheinen, und es kam Tschartkow so vor,
-als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch das
-Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte
-er sich davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion
-handelte. Aber jetzt ... tatsächlich ... jetzt steht es vor
-ihm ... er sieht es, sieht es ganz klar. Das Laken
-ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei
-da und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an,
-späht geradezu in sein Inneres hinein. Es wurde ihm
-kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit einem Male,
-wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden
-Händen auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und
-beide Beine herausstreckend, aus dem Rahmen springt.
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch ein leerer
-Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im
-Zimmer wider und näherten sich immer mehr dem Schirme.
-Das Herz des armen Künstlers begann stärker zu pochen.
-Während er vor Angst kaum zu atmen wagte, schien
-er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den
-Kopf nach ihm hinter den Schirm strecken würde.
-Und in der Tat, jetzt beugte sich sein bronzefarbenes
-Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn.
-Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte
-jedoch, daß ihm der Ton in der Kehle stecken blieb;
-er versuchte sich zu rühren, irgend eine Bewegung auszuführen.
-Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst.
-Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete
-er dieses furchtbare, hochgewachsene, in ein weites asiatisches
-Gewand gehüllte Phantom und wartete ab, was es
-tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des
-Lagers nieder und zog etwas aus den Falten seines
-Kleides hervor. Es war ein Geldbeutel. Er schnürte
-ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln, schüttelte
-ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere
-Rollen, die wie längliche Säulchen aussahen, auf den
-Boden; jede war in blaues Papier eingeschlagen und
-trug die Aufschrift: &bdquo;Tausend Dukaten&ldquo;. Seine langen
-knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend,
-begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen <a id="corr-125"></a>ihm
-das Gold entgegenglänzte. Mit wie tödlicher Qual auch
-der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er war doch
-von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und
-beobachtete unverwandt, wie die knochigen Hände es
-aufrollten, wie es glänzte, fern und dumpf klirrte und
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich bemerkte
-er eine Rolle, die abseits von den anderen unter
-sein Bett gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie
-und spähte voller Furcht danach, ob sie der Alte nicht
-etwa vermißte. Der Greis schien jedoch sehr beschäftigt
-zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte
-sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten,
-hinter der spanischen Wand hervor. Tschartkows
-Herz schlug heftig, als er hörte, wie sich die Schritte im
-Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten.
-Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem
-Drucke und erzitterte am ganzen Körper, als er
-plötzlich vernahm, wie sich die Schritte wieder dem
-Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr geworden,
-daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er
-denn auch zu ihm hinter die Wand. Voller Verzweiflung
-hielt der Künstler die Rolle krampfhaft
-in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung,
-sich zu bewegen, schrie auf und erwachte.
-</p>
-
-<p>
-Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper.
-Sein Herz schlug so stark, wie es nur schlagen konnte.
-Die Brust war wie <a id="corr-126"></a>eingeschnürt, wie wenn sie den letzten
-Atemzug getan hätte. &bdquo;War es denn wirklich ein Traum?&ldquo;
-sagte er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf
-faßte. Aber die furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung
-widersprach dieser Annahme. Hatte er doch, nachdem
-er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in den
-Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten
-Gewandes flatterte noch vor ihm her, und seine Hand
-spürte deutlich, daß sie noch vor einer Minute irgend
-einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der Mondschein
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-überflutete das Zimmer und ließ bald eine
-Staffelei, bald eine fertige Haube, bald eine auf dem
-Stuhl vergessene Draperie, bald ein Paar ungeputzte
-Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst jetzt
-bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern
-dicht vor dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand.
-Wie er hierhin gelangt war, das konnte er sich auf
-keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn der
-Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war
-&mdash; das Laken fehlte tatsächlich! &mdash; Regungslos und
-voller Angst starrte er es an und sah, wie sich
-zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn
-richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er
-wollte fliehen, fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt
-waren. Und nun sieht er &mdash; es ist kein
-Traum! &mdash; wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen
-und seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als
-wollten sie sich an ihn festsaugen. Mit einem Schrei
-der Verzweiflung sprang er zurück und erwachte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;War auch das nur ein Traum?&ldquo; fragte er sich und
-tastete mit den Händen um sich, während sein Herz
-zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch genau in
-jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett.
-Vor ihm stand der Schirm, das Zimmer war vom
-Mondschein erfüllt, und durch den Spalt der spanischen
-Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken
-verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt
-hatte. Folglich hatte er wieder geträumt; aber die
-geballte Faust hatte noch immer die Empfindung, daß
-sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz klopfte
-stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-seiner Brust, war unerträglich. Er spähte durch den
-Spalt und betrachtete unverwandt das Laken. Und
-nun sieht er klar und deutlich, wie dieses allmählich
-heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten
-und sich bemühten, es abzustreifen. &bdquo;Herr Gott,
-was ist denn das?&ldquo; rief er voller Verzweiflung, bekreuzigte
-sich und erwachte.
-</p>
-
-<p>
-War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig,
-besinnungslos aus dem Bett, unfähig, zu begreifen,
-was denn eigentlich mit ihm geschehen war:
-ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder
-eine lebendige Erscheinung ihn gequält hatte. In der
-Absicht, die seelische Erregung und das stürmende
-Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu stillen,
-trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter
-Windstoß von außen her brachte ihn wieder zu sich.
-Der Mond bestrahlte noch immer die Dächer und die
-weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine
-Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still.
-Nur selten drang das ferne Rasseln einer Mietsdroschke
-an das Ohr, deren Kutscher, in Erwartung
-eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre
-eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte.
-Lange schaute Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon
-zeigten sich am Himmel die Anzeichen der nahenden
-Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu schlafen,
-er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins
-Bett und schlief bald fest ein wie ein Toter.
-</p>
-
-<p>
-Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme
-Gefühl, das einen Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung
-überfällt. Sein Kopf schmerzte ihn heftig.
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme
-Feuchtigkeit erfüllte die Luft und drang durch die
-Spalten seiner Fenster, die mit Bildern oder grundierten
-Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und unzufrieden wie
-ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen verschlissenen
-Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun
-sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum.
-Dabei wirkte dieser in der Erinnerung so stark auf ihn,
-daß er sich sogar dem Argwohn hingab, vielleicht hätte
-ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder eine
-Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes,
-&mdash; etwa eine Vision. Er schob das Laken zurück und
-betrachtete nun dieses schreckliche Porträt beim hellen
-Tageslicht. Die Augen wirkten in der Tat durch ihr ungewöhnliches
-Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er
-nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner
-Seele eine unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung
-zurück. Trotzdem aber wollte er nicht recht
-daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen
-war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein
-entsetzliches Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das
-Gefühl, als ob ein Etwas im Blick und im Gesichtsausdruck
-des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese Nacht
-bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den
-Druck, wie wenn eine andere sich erst kurz vorher von
-ihr losgerissen hätte, und er kam zur Überzeugung, daß
-die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner Hand
-gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses
-Geldes gehörte!&ldquo; sagte er, indem er tief aufseufzte, und
-er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit der verlockenden
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-Aufschrift &bdquo;Tausend Dukaten&ldquo;, die er im
-Traum erblickt hatte, aus dem Beutel herausfielen.
-Sie öffneten sich, das Gold glänzte und funkelte vor
-seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er
-aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in
-die leere Luft starrend, völlig unfähig, sich von diesem
-Gegenstande loszureißen, wie ein Kind, das vor einer
-süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser im
-Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von
-anderen verzehrt wird.
-</p>
-
-<p>
-Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was
-ihn wieder auf unangenehme Weise in die Wirklichkeit
-zurückversetzte. Der Wirt trat ein, und mit ihm der
-Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine Leute bekanntlich
-noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines
-Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen
-Hauses, in dem Tschartkow lebte, war eins jener Wesen,
-die irgendwo in der 15. Linie der Wassilij-Insel, im
-Petersburger Viertel oder in einer entfernteren Ecke
-von Kolomna ein Häuschen besitzen &mdash; ein Geschöpf,
-deren es in Rußland noch viele gibt und deren Charakter
-ebenso schwer zu bestimmen ist, wie die Farbe eines
-abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er Hauptmann
-der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen,
-war aber auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden:
-ein Meister im Prügeln, behend, geckenhaft und dumm;
-nun aber, wo er alt geworden war, vereinigten sich alle diese
-hervorstechenden Eigenheiten zu einer gewissen undeutlichen
-Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und
-hatte schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte
-er sein Äußeres, er prahlte nicht mehr so unverschämt,
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-war nicht mehr so arrogant und liebte es nur,
-Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn zusammenzuschwatzen;
-er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte
-die Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats
-seine Mieter wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem
-Schlüssel in der Hand auf die Straße hinaus, um
-einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen,
-und vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer,
-in der dieser gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit
-einem Wort, es war einfach ein Mann im Ruhestande,
-der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen
-er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen
-mußte, nichts zurückbehalten hatte als ein paar platte
-Gewohnheiten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!&ldquo; meinte
-der Wirt, indem er sich an den Polizeikommissar wandte
-und mit den Armen eine bezeichnende Geste vollführte;
-&bdquo;er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal
-nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld
-habe? Warten Sie doch nur, ich werde schon bezahlen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nicht warten, Väterchen,&ldquo; erwiderte der
-Wirt heftig und klopfte mit dem Schlüssel, den er in der
-Hand hielt, auf den Tisch. &bdquo;Der Oberstleutnant
-Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem
-Hause; Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine
-Scheune und einen Stall für zwei Pferde abgemietet:
-eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen Sie,
-was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir
-ist es nicht Sitte, daß man mir den Zins schuldig
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-bleibt. Wollen Sie sofort das Geld bezahlen und dann
-die Wohnung räumen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann
-müssen Sie auch zahlen,&ldquo; meinte der Polizeikommissar,
-indem er leicht den Kopf schüttelte und den Zeigefinger
-zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes steckte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch
-eben die Frage. Ich verfüge jetzt noch nicht über einen
-Pfennig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch
-durch die Erzeugnisse Ihrer Kunst sicherstellen,&ldquo; meinte
-der Kommissar. &bdquo;Er wird vielleicht damit einverstanden
-sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder!
-Wären es noch Gemälde von vornehmem Inhalt, so daß
-man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa ein
-General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten
-Kutusow! Aber da malt er sich hier einen Bauern im
-Hemde hin, seinen Diener, der ihm die Farben reibt!
-Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde
-ihm den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus
-den Riegeln herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen
-Sie nur, was für Gegenstände er sich wählt. Da malt
-er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere,
-aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier
-gemalt ist! Mit dem ganzen Schmutz und Dreck, der
-überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das
-Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen.
-Bei mir wohnen die Mieter sieben Jahre lang, ein
-Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna Petrowna ...
-Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie
-ein Schwein! ... Einfach wie ein ..., Gott soll
-mich davor bewahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören.
-Der Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen
-mit der Prüfung der Bilder und Skizzen und bekundete
-hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte als der Wirt,
-und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz unempfänglich
-war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He,&ldquo; sagte er, während er mit dem Finger gegen
-eine Leinwand klopfte, auf der ein nacktes Frauenzimmer
-dargestellt war, &bdquo;dieser Gegenstand ist ja recht pikant, ...
-und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so schwarz
-unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt?
-Wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ein Schatten!&ldquo; antwortete Tschartkow herb
-und ohne ihn anzusehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen!
-Unter der Nase fällt es doch gar zu sehr auf,&ldquo; sagte
-der Kommissar. &bdquo;Und wessen Porträt ist dies hier?&ldquo;
-fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises
-näherte. &bdquo;Der ist ja entsetzlich! War er denn wirklich
-so schrecklich? Mein Gott, der starrt einen ja geradezu
-an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert! Wer
-hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, das ist ein ...,&ldquo; sagte Tschartkow, doch er
-sprach den Satz nicht zu Ende.
-</p>
-
-<p>
-Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar
-hatte offenbar infolge des ungeschlachten Baues seiner
-polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu fest angepackt.
-Die Leisten an der Seite waren eingedrückt,
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-die eine fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend
-eine in blaues Papier gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift
-&bdquo;Tausend Dukaten&ldquo; sprang Tschartkow in die
-Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie aufzuheben,
-ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft
-mit einer Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es klang doch hier wie Geld!&ldquo; sagte der Kommissar,
-der etwas Klirrendes hatte auf den Boden fallen hören
-und den die Schnelligkeit, mit der Tschartkow herbeistürzte,
-daran hinderte, genau zu erkennen, was es war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie
-zu wissen, was ich hier habe?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem
-Wirt sofort die Miete zahlen müssen! Weil Sie Geld
-haben, aber nichts zahlen wollen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher
-bezahlen? Wozu mußten Sie den Wirt beunruhigen
-und die Polizei belästigen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich
-werde ihm heute abend alles bezahlen und sofort die
-Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen Wirte
-nicht mehr bleiben will.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen
-alles bezahlen,&ldquo; sagte der Kommissar, sich an den Wirt
-wendend. &bdquo;Wenn es sich jedoch herausstellt, daß Sie
-heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann
-sollte es mir sehr leid tun, Herr Maler!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sprach&rsquo;s, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-Flur hinaus. Der Wirt folgte ihm mit gesenktem Kopf
-und anscheinend etwas nachdenklich auf dem Fuße.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!&ldquo; sagte
-Tschartkow, als er hörte, daß die Tür des Vorzimmers
-sich hinter ihnen geschlossen hatte. Er warf noch einen
-Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz allein
-zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann,
-nachdem er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war,
-unter heftigem Herzklopfen die Rolle zu öffnen. Wahrhaftig!
-sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die alle
-ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer
-funkelten! &mdash; Wie wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen
-und fragte sich immer und immer wieder: &bdquo;Ist
-das alles nicht doch nur ein Traum?&ldquo; Die Rolle enthielt
-genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig
-denen, die er im Traum gesehen hatte. Einige Minuten
-wühlte er prüfend in ihnen herum und konnte sich noch
-immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten plötzlich
-alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern
-auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der
-sicheren Voraussicht ihres zukünftigen Ruins hinterlassen
-hatten. Er dachte sich: &bdquo;Vielleicht hatte auch in diesem Falle
-irgend ein Großvater den Einfall, seinem Enkel ein
-Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen
-eines Familienporträts verbarg.&ldquo; Voll von romantischen
-Vorstellungen fing er sogar an, darüber nachzudenken,
-ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall und seinem Schicksale
-irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht
-gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft
-wäre, und ob es nicht von einer geheimnisvollen Macht
-vorausbestimmt gewesen sei, daß er es erwerben sollte.
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An
-einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt
-und unmerklich von einem Brettchen verdeckt wurde,
-daß die Dukaten hier bis in alle Ewigkeit ungestört
-verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des
-Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete
-das Porträt und bewunderte immer wieder die
-vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche Zeichnung
-der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich
-vor, ließen jedoch noch immer ein unangenehmes
-Gefühl in seinem Innern zurück. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte er zu
-sich selbst, &bdquo;wessen Großvater du auch sein magst, ich
-werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen
-Rahmen anfertigen lassen.&ldquo; Hierbei ließ er die Hand
-auf den vor ihm liegenden Goldhaufen fallen und sein
-Herz begann infolge dieser Berührung heftig zu pochen.
-&bdquo;Was nun tun?&ldquo; dachte er, während er die Blicke auf
-das Geld richtete. &bdquo;Jetzt bin ich mindestens für drei
-Jahre gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen
-und arbeiten. Jetzt habe ich Geld genug für
-Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die sonstigen Lebensbedürfnisse
-sowie für die Wohnung. Stören und belästigen
-wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir
-eine vorzügliche Gliederpuppe kaufen, werde mir einen
-Gipstorso bestellen, werde mir Füße modellieren lassen,
-eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten Bildern
-anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für
-mich allein ohne Übereilung und ohne an den Verkauf
-zu denken, arbeite, überhole ich alle meine Kollegen und
-kann ein tüchtiger Künstler werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-ihm diesen guten Vorsatz eingab. Aber aus seinem
-Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher und
-klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte,
-da erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse
-seiner zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden
-Jugend! Jetzt war alles in seiner Macht, was er
-bisher nur mit neiderfüllten Augen angeschaut, was er
-nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das
-Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das
-Herz zu pochen begann, als er nur daran dachte, sich
-einen modernen Frack anzuziehn, nach dem langen Fasten
-endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine
-schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater
-und in eine Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld
-in die Tasche und trat auf die Straße hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom
-Kopf bis zu den Füßen neu einkleiden, wobei er sich
-unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte Parfüms
-und Pomade, mietete sich &mdash; ohne lange zu handeln &mdash;
-eine vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit
-Spiegeln und großen Fensterscheiben, erstand ebenfalls,
-ohne sich zu besinnen in einem Laden eine teure Lorgnette
-und eine Unmenge von Krawatten, &mdash; weit mehr als
-er überhaupt nötig hatte &mdash;, ließ sich von einem Friseur
-die Locken kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten
-Equipage ohne jeden Zweck durch die Stadt, aß sich in
-einer Konditorei an Konfitüren satt, und ging dann
-ins Restaurant &bdquo;Zum Franzosen&ldquo;, von dem er bis jetzt
-nicht mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte.
-Dort speiste er stolz wie ein Spanier, warf hochmütige
-Blicke auf seine Mitgäste und strich sich vor dem Spiegel
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er trank
-sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls
-nur vom Hörensagen kannte. Der Wein benebelte
-sein Hirn ein wenig, und so trat er denn animiert, angeheitert
-und keck oder wie man in Rußland zu sagen
-pflegt: &bdquo;Selbst dem Teufel kein Bruder!&ldquo; auf die Straße.
-Wie ein Geck spazierte er den Bürgersteig entlang und
-warf nachlässige Blicke durch seine Lorgnette auf die
-Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen früheren
-Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er
-ihn gar nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor
-noch lange unbeweglich stehen blieb wie ein personifiziertes
-Fragezeichen ...
-</p>
-
-<p>
-Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß,
-die Staffelei, die Bilder, die Leinewand, hatte er noch
-am selben Abend in seine prachtvolle Wohnung bringen
-lassen; das Bessere stellte er an exponierten Stellen auf,
-das Minderwertige warf er in die Ecke; dann schritt er
-in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau,
-wobei er sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In
-seiner Seele erwachte sofort das unüberwindliche Verlangen,
-den Ruhm bei den Haaren zu packen und sich
-der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als
-hörte er Rufe wie die folgenden: &bdquo;Tschartkow! Tschartkow!
-Haben Sie das Bild von Tschartkow gesehen?
-Über was für eine rasche Pinselführung doch der Tschartkow
-verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser
-Tschartkow besitzt!&ldquo; Verträumt ging er wieder durch
-sein Zimmer und war bald in wer weiß welche Regionen
-entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit
-einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-Blattes, um sich dessen großmütigen Beistand
-zu erbitten; er wurde von dem Journalisten, der ihn
-sofort &bdquo;Geehrter Herr&ldquo; anredete, ihm beide Hände drückte,
-und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen
-und nach seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste
-empfangen, &mdash; und schon am nächsten Tage erschien in
-der Zeitung gleich hinter einer Ankündigung von neu
-in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit
-folgender Überschrift:
-</p>
-
-<p class="center">
-&bdquo;<em>Ein ungewöhnliches Talent!</em><br />
-Der Maler Tschartkow.
-</p>
-
-<p>
-Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der
-Hauptstadt mit einer &mdash; man kann ruhig sagen &mdash; in
-jeder Beziehung herrlichen und außerordentlichen Entdeckung
-zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir
-viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von
-wunderbarer Schönheit besitzen, nur gab es bis jetzt kein
-Mittel, sie auf die wundertätige Leinewand zu übertragen
-und sie dadurch der Nachkommenschaft zu erhalten. Jetzt
-ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns erstanden,
-der alles in sich vereinigt, was uns not tut.
-Von nun ab darf jede Schönheit fest davon überzeugt
-sein, daß sie sich mit der ganzen Grazie ihres ätherischen,
-leichten, faszinierenden und wunderbaren Reizes im
-Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater
-wird sich von seiner Familie umgeben erblicken,
-der Kaufmann, der Krieger, der Bürger, der Staatsmann
-können ihre glorreiche Laufbahn ruhig fortsetzen.
-Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem Spaziergange,
-von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine,
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem
-großen Künstler. Das herrliche Atelier des Malers
-Newski-Prospekt Nr. .. steckt voller Porträts, die von
-seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder
-Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man
-sich mehr wundern soll: über den Realismus, die Ähnlichkeit
-mit den Originalen, oder über die ungewöhnliche
-Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein
-Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat,
-Andrei Petrowitsch! (Der Journalist hatte anscheinend
-viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich und uns
-mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu
-würdigen; allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch
-und zugleich damit Reichtum und Wohlstand &mdash; obwohl
-sich einige Journalisten aus unserer Mitte auch dagegen
-auflehnen werden &mdash; wird Dein Lohn sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese
-Anzeige; sein Gesicht strahlte. In der Presse wurde
-über ihn geredet, das war etwas ganz Neues für ihn.
-Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der
-Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm
-sehr. Der Satz &bdquo;Vivat Andrei Petrowitsch&ldquo; erweckte
-ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf bedrucktem
-Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung,
-die er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann
-rasch, im Zimmer auf- und abzugehen, und sich mit
-den Fingern durch die Haare zu fahren; bald setzte er
-sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und
-ließ sich auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend
-vorstellte, wie er die Besucher empfangen würde,
-dann trat er an eine Leinewand heran und pinselte keck
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse
-Bewegungen abzulocken.
-</p>
-
-<p>
-Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe,
-und er beeilte sich, sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung
-eines Lakaien in einer pelzgefütterten Livree,
-und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen Mädchens,
-betrat das Atelier.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind Sie Monsieur Tschartkow?&ldquo; fragte die Dame.
-Der Künstler verneigte sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts
-sollen der Gipfel der Vollkommenheit sein.&ldquo; Nach diesen
-einleitenden Worten bewaffnete die Dame ihr Auge mit
-einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die
-nackten Wände gleiten. &bdquo;Und wo sind Ihre Porträts?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man hat sie soeben abgeholt,&ldquo; sagte der Künstler
-etwas verlegen. &bdquo;Ich bin erst vor kurzem in diese
-Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie noch
-unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Waren Sie in Italien?&ldquo; fragte die Dame, indem
-sie ihr Lorgnon in Ermangelung eines andern Objektes
-für ihre Beobachtungen auf ihn selbst richtete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die
-Absicht ... Übrigens habe ich es jetzt aufgeschoben ...
-Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind Sie nicht müde?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage
-gesessen. Ah, hier! Endlich sehe ich eine Arbeit von
-Ihnen,&ldquo; sagte die Dame, während sie an die gegenüberliegende
-Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort
-lehnenden Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete.
-&bdquo;<span class="antiqua">C&rsquo;est charmant, Lise, venez-ici!</span> Ein Zimmer im
-Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! Ein
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine
-Palette ... Dieser Staub hier, siehst du, wie der
-Staub gemalt ist? <span class="antiqua">C&rsquo;est charmant!</span> &mdash; Und hier eine
-andere Leinwand: eine Frau, die sich das Gesicht wäscht ...
-<span class="antiqua">Quelle jolie Figure!</span> ... Ach, ein Bäuerlein! Liese,
-Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau
-her, ein Bäuerlein! ... Also Sie malen nicht nur
-Porträts?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter
-Skizzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen
-Porträtisten? Nicht wahr, es gibt jetzt keinen solchen
-mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft in der Farbengebung
-... Keine solche ... wie schade, daß ich es
-Ihnen nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine
-Liebhaberin der Malerei und hatte bewaffnet mit ihrem
-Lorgnon alle Galerien Italiens durchwandert.) Allerdings
-Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für
-eine ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in
-seinen Gesichtern sogar noch mehr Ausdruck enthalten
-ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl<a id="corr-129"></a>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist dieser Nohl?&ldquo; fragte der Maler.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat
-meine Tochter gezeichnet, als sie noch zwölf Jahre alt
-war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen &mdash; Liese,
-du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir
-sind in der Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort
-ein Porträt von Liese in Angriff nehmen würden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu
-Diensten.&ldquo; Sofort schob er die Staffelei mit einem
-präparierten Keilrahmen heran, nahm die Palette in
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen
-der Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur
-gewesen, er hätte in diesem Gesichte sogleich die ersten
-Spuren einer kindlichen Leidenschaft für Bälle, einer peinigenden
-Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor und nach
-dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen
-Kleide auf einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden
-Folgen eines erheuchelten Eifers für die verschiedensten
-Künste, zu dem sie die Mutter zur Erbauung der Seele
-und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt. Allein
-der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie
-eine lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige
-Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes
-Vibrieren, ein dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische
-Zierlichkeit der Figur. Und er bereitete sich schon
-im voraus auf einen Triumph; endlich war die Gelegenheit
-da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels,
-der sich bis dahin nur an den rohen Zügen ordinärer
-Modelle, an langweiligen Antiken und Kopien nach
-einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu offenbaren.
-Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht
-ihm von der Leinwand entgegenblicken werde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie,&ldquo; sagte die Dame mit einem fast
-rührenden Ausdruck, &bdquo;ich möchte ... sie hat jetzt dieses
-Kleid an ... mir wäre es offengestanden lieber, daß
-sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind.
-Es wäre mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre
-und im Schatten eines Baumes säße ... mit einer
-Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf eine
-weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß
-es so aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-Ball oder zu einer modischen Soirée ... Offengestanden,
-unsere Bälle töten die Seele so sehr und morden jeden
-letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr Einfachheit!
-Nicht wahr?&ldquo; Doch ach, leider konnte man es
-sowohl der Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen,
-daß sie sich alle beide auf allerhand Bällen so müde
-getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs anzuschauen
-waren.
-</p>
-
-<p>
-Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung
-seines Modells an, überlegte sich alles reiflich, nahm
-mit dem Pinsel das Maß, kniff das eine Auge ein wenig
-zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame von
-weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen,
-die er in einer Stunde beendigte. Da er mit seiner
-Arbeit zufrieden war, machte er sich sofort an die eigentliche
-Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen
-hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen
-Damen vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen
-Bohèmegepflogenheiten zurück, indem er sich durch einige
-Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen halblaute Bemerkungen,
-wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn
-er sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne
-viel Umstände zu machen, ließ er auf einen Wink des
-Pinsels hin das Modell, das sich schließlich zu bewegen
-begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ, den
-Kopf hochheben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!&ldquo;
-sagte die Dame. &bdquo;Nein bitte, noch ein wenig,&ldquo; bat
-der eifrige Maler.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!&ldquo; versetzte
-die Dame, zog ihre kleine, an einer goldnen Kette
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-vom Gürtel herabhängende Uhr hervor und rief ganz
-überrascht aus: &bdquo;Ach wie spät!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur noch ein Augenblickchen,&ldquo; sagte Tschartkow
-mit der einfältigen und bittenden Gebärde eines Kindes.
-</p>
-
-<p>
-Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt,
-seinen künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach
-ihm aber dafür, ein anderes Mal länger zu bleiben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist doch ärgerlich!&ldquo; dachte Tschartkow, &bdquo;meine
-Hand war gerade in Schwung gekommen.&ldquo; Und er
-erinnerte sich daran, wie er von niemandem gestört und
-gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der
-Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz
-regungslos auf einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn
-malen, so lange man wollte, ja, er schlief sogar in der
-gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte Tschartkow
-Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich
-vor der Leinwand stehn.
-</p>
-
-<p>
-Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den
-Nachdenklichen aus seinem Traume, er stürzte schnell
-zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf der
-Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche
-bei ihnen zu dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene
-in sein Zimmer zurück. Die aristokratische Dame hatte
-ihn vollkommen bezaubert &mdash; bis dahin hatte er solche
-Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen,
-als Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen
-Equipagen mit Dienern in kostbaren Livreen und gallonierten
-Kutschern an armen Sterblichen, wie er, vorbeizusausen
-und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß
-einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick
-zu streifen. Mit einem Male aber war eines dieser
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-Wesen zu ihm in seine Wohnung gekommen; er malte
-dessen Porträt und war zu einem Diner in ein aristokratisches
-Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche
-Zufriedenheit bemächtigte sich seiner, er war vollständig
-trunken vor Freude und belohnte sich für seine gute
-Laune mit einem famosen Souper, einem Theaterbesuch
-und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer
-Equipage durch die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte
-Arbeit gar nicht in den Sinn; er war nur mit Vorbereitungen
-auf den Besuch beschäftigt, und wartete
-auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte.
-Endlich erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter
-wieder. Er ließ sie Platz nehmen, rückte die Leinewand
-schon mit einer gewissen Sicherheit und mit
-den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren
-zurecht, und begann seine Arbeit. Der sonnige Tag
-und die gute Beleuchtung leisteten ihm große Dienste.
-Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge
-von Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf
-der Leinewand dem Porträt einen hohen Wert verleihen
-konnten. Er sah, daß es wohl möglich war,
-etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen
-darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der
-Natur entgegentrat. Sein Herz fing leicht zu klopfen
-an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas, was
-andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu
-bringen. Die Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er
-gab sich ihr völlig hin und vergaß bald wieder die aristokratische
-Herkunft des Originals; mit benommenem
-Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-durchsichtige Körper des siebenzehnjährigen Mädchens
-allmählich auf der Leinwand erschienen. Keine noch so
-zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten gelben
-Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter
-den Augen &mdash; und war sogar schon im Begriff, einen
-kleinen Pickel, der sich auf der Stirne befand, zu verzeichnen,
-als er plötzlich neben sich die Stimme der
-Mutter vernahm. &bdquo;Ach nein, wozu nur? Das ist
-nicht nötig! Auch hier haben Sie ... hier an einigen
-Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu sein, und auch
-dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.&ldquo; Der
-Maler fing an zu erklären, daß sich gerade diese
-Pünktchen und die gelbe Farbe besonders gut machten,
-weil sie im Gesicht als angenehme und leichte Töne
-wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt
-keine Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen,
-und daß es ihm nur so vorkäme. &bdquo;Aber so
-erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser einen
-Stelle, etwas Gelb aufzutragen!&ldquo; bat der Künstler mit
-harmloser Miene. Indessen gerade das wurde ihm
-nicht erlaubt. Man erklärte ihm, daß Liese heute bloß
-nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar
-nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil
-durch die Frische seines Teints überrasche. Traurig
-machte er sich daran, die beanstandeten Spuren
-seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele
-fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit
-Ihnen schwand zum Teil auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig
-begann er dem Bilde jenes konventionelle Kolorit
-mitzuteilen, das sich von vornherein ganz mechanisch
-und wie von selbst einstellt und auch einem nach der
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-Natur gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität
-verleiht, wie wir sie auf Schülerprogrammen antreffen.
-Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß nunmehr
-das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden
-wurde. Sie drückte nur ihr Erstaunen darüber aus,
-daß die Arbeit so langsam vor sich ging, und fügte
-hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei Sitzungen
-ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand
-hierauf keine Antwort. Die Damen erhoben sich und
-wollten fortgehen. Er legte den Pinsel nieder, geleitete
-sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in trüber
-Stimmung vor seinem Porträt stehen.
-</p>
-
-<p>
-Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen
-aber schwebten jene zarten weiblichen Züge, jene Schatten
-und luftigen Töne, die er bemerkt, und die sein Pinsel
-dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem Auge.
-Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite
-und suchte aus irgend einer Ecke seine &bdquo;Psyche&ldquo; hervor,
-die er vor längerer Zeit einmal flüchtig skizziert hatte.
-Es war ein graziös hingemaltes, aber rein ideales
-und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig
-charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen
-Körper saß. Er begann diese Züge mit dem
-Pinsel nachzuziehen, während er sich dabei an alles erinnerte,
-was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner
-aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm
-erfaßten Linien, Schatten und Töne nahmen hierbei
-jene verklärte Form an, wie sie dem Künstler erscheinen,
-wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen
-hat, sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges
-Werk schafft. Die Psyche lebte allmählich
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum flüchtig
-bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der
-Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich
-von selbst der Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen
-eigenartigen Ausdruck, der ihr das Recht auf den
-Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen
-durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im
-Ganzen ausgenutzt, was ihm das Original bot, und
-war von seiner Arbeit vollkommen hingerissen. Einige
-Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da überraschte
-ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen
-bei dieser Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von
-der Staffelei zu entfernen; die beiden Damen stießen
-einen frohen Ruf des Erstaunens aus und schlugen die
-Hände zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Lise, Lise!</span> ach, wie ähnlich! <span class="antiqua">Superbe, superbe!</span>
-Was für ein schöner Einfall, sie in einem griechischen
-Kostüm zu malen! Welche Überraschung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über
-ihren angenehmen Irrtum aufklären sollte. Verlegen
-und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise: &bdquo;Das ist
-Psyche!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als Psyche? <span class="antiqua">C&rsquo;est charmant!</span>&ldquo; sagte die Mutter
-lächelnd zu ihrer gleichfalls lächelnden Tochter. &bdquo;Nicht
-wahr, <span class="antiqua">Lise</span>, so machst du dich am besten, so als Psyche,
-nicht? <span class="antiqua">Quelle idée délicieuse!</span> Aber was für eine
-Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden,
-ich habe zwar von Ihnen gelesen und gehört, ich wußte
-aber doch nicht, daß Sie ein solches Talent sind. Nein,
-Sie müssen unbedingt auch noch <em>mein</em> Porträt malen!&ldquo;
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche
-präsentieren ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich mit ihnen anfangen?&ldquo; dachte der
-Künstler. &bdquo;Wenn sie es selbst durchaus wollen, gebe ich
-einfach die &bdquo;Psyche&ldquo; für das aus, was ihnen am
-meisten behagt!&ldquo; Und er sagte laut: &bdquo;Belieben Sie
-noch für eine Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier
-noch einen Tupfen auftragen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ...
-Sie ist jetzt so ähnlich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen
-nur auf gelben Ton bezogen, und beruhigte
-sie, indem er sagte, daß er den Augen nur
-noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle.
-In Wirklichkeit aber war es ihm zu peinlich zumute,
-er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit dem Original
-noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand
-seine Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne.
-Und in der Tat, das Antlitz ließ bald immer deutlicher
-die Züge des blassen Mädchens erkennen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Genug,&ldquo; sagte die Mutter, die zu fürchten begann,
-daß die Ähnlichkeit allzu groß werden könnte. Dem
-Künstler wurde durch ein Lächeln, durch Geld, Komplimente,
-herzliche Händedrücke und eine Einladung
-zum Diner eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem
-Worte, er wurde nur so überschüttet mit Schmeicheleien
-und höchsten Zeichen der Anerkennung.
-</p>
-
-<p>
-Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die
-Damen zeigten es ihren Freundinnen; alle bewunderten
-die Kunst, mit der der Maler es verstanden hatte, die
-Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-und Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde
-natürlich nicht ohne einen leichten Anflug von Neid
-festgestellt, und mit einem Male war der Künstler mit
-Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die
-ganze Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur
-ertönte jeden Augenblick die Glocke. &mdash; Dieser äußere
-Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da er ihm
-eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit
-und die Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war
-in der Tat sehr groß. Leider waren es jedoch alles
-Menschen, mit denen man nur schwer auskommen
-konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die
-der großen Gesellschaft angehörten und infolgedessen
-noch mehr als alle anderen abgehetzt und aufs äußerste
-ungeduldig waren.
-</p>
-
-<p>
-Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn
-gestellt wurde, war diese, daß er was Gutes leisten und
-möglichst schnell arbeiten solle.
-</p>
-
-<p>
-Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts
-sorgfältig auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung,
-daß man die genauere Charakteristik durch
-einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen, nur das
-große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse
-und sich nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben
-dürfe: mit einem Worte, er begriff, daß er es
-sich nicht erlauben konnte, die Natur in ihrer ganzen
-Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt
-werden, daß fast alle seine Modelle auch noch
-andere Wünsche geltend machten. Die Damen verlangten,
-daß hauptsächlich die Seele und das Wesen auf den
-Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-durchaus hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet,
-alle Mängel verwischt oder wenn möglich ganz und gar
-ausgemerzt werden sollten, mit einem Worte, daß das
-Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung
-reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen,
-ihre Mienen einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler
-aufs höchste erstaunt war. Die eine bemühte sich, eine
-gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte wiederzuspiegeln,
-die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte
-wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen
-lassen und spitzte ihn so zu, bis er sich endlich in einen
-Punkt verwandelte, der nicht größer als ein Stecknadelknopf
-war. Trotz alledem aber verlangte man Ähnlichkeit
-und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und
-die Herren waren nicht besser als die Damen. Der
-eine wollte mit einer kraftvollen, energischen Kopfhaltung
-dargestellt werden, der andere mit durchgeistigten und
-gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant wünschte,
-daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter
-hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit
-und Edelmut in seinen Gesichtsausdruck zu legen,
-stützte die Hand auf ein Buch, das die deutliche Aufschrift
-trug: &bdquo;Ich bin stets für die Wahrheit eingetreten!&ldquo;,
-und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs
-trat dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß
-auf die Stirn, all dies mußte genau durchdacht werden,
-und doch räumte man ihm nur eine geringe Frist dafür
-ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der Sache
-und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon
-zwei, drei Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren,
-wie sich ein jeder dargestellt wissen wollte. Wer nach
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-einem Mars Verlangen trug, dem steckte er einen Mars
-ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen hatte,
-dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen
-als Corinna, als Undine oder gar als Aspasia erscheinen
-wollten, war für ihn ohne jeden Belang: er willigte
-mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon aus
-eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche
-Dosis Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die
-nirgends Schaden stiften kann und für die man sogar
-mitunter eine gewisse Unähnlichkeit mit in den Kauf
-nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die
-erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels
-zu wundern. Die Porträtierten aber waren ganz entzückt
-und erklärten ihn für ein Genie.
-</p>
-
-<p>
-Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler.
-Er begann, Diners zu besuchen und Damen in die
-Galerien und sogar auf Bälle und Feste zu begleiten,
-sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, daß
-ein Künstler gesellschaftsfähig sein müsse, daß er sich
-standesgemäß zu betragen habe, daß sich die Maler im
-allgemeinen wie die Schuster kleiden, sich nicht anständig
-zu benehmen, den höheren Ton nicht zu wahren verstehen
-und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im
-Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und
-Akkuratesse; er hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm
-stutzerhafte Schüler an, kleidete sich mehrere Male am
-Tage um, ließ sich das Haar brennen, beschäftigte sich
-damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er
-seine Besucher zu empfangen gedachte, und legte den
-größten Wert auf die Pflege seines Äußeren, um einen
-möglichst günstigen Eindruck auf die Damen zu machen,
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch
-jenen Künstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und
-im stillen in seinem Kämmerlein auf der Wassilij-Insel
-gearbeitet hatte. Über Künstler und Kunst fällte er
-nur noch die anmaßendsten Urteile, er behauptete, man
-mäße den früheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie
-alle mit Ausnahme von Raffael hätten keine lebendigen
-Menschen, sondern bloß Heringe geschaffen, und er erklärte,
-die Ansicht, daß ihnen etwas Heiliges innewohne,
-existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst
-Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und
-viele seiner Bilder genössen überhaupt nur aus einem
-gewissen Atavismus einen so hohen Ruhm; er schrie,
-daß Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch Kenntnis
-der Anatomie imponieren wollte, daß er gar keine Grazie
-besäße, und daß man einen wirklichen Glanz, und die
-wahre Kraft der Pinselführung und des Kolorits nur
-in dem gegenwärtigen Zeitalter finden könne. Dann
-kam er naturgemäß auch auf sich selbst zu sprechen.
-&bdquo;Ich verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen,&ldquo;
-pflegte er zu sagen, &bdquo;da hocken und brüten sie über ihrer
-Arbeit: ein Mensch, der mehrere Monate hintereinander
-an einem Bilde herumtiftelt, ist meines Erachtens
-nichts als ein gewöhnlicher Tagelöhner und kein Künstler;
-ich kann nicht glauben, daß er Talent besitzt. Ein Genie
-schafft kühn und schnell. Sehen Sie,&ldquo; pflegte er zu
-sagen, indem er sich an seine Besucher wandte, &bdquo;dieses
-Porträt hier habe ich in zwei Tagen gemalt, dieses
-Köpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen
-Stunden, und das dort in etwas mehr als einer Stunde.
-Nein, offengestanden, ich kann doch ein Werk nicht als
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich gesetzt
-ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr.&ldquo;
-So sprach er zu seinen Gästen, und diese bewunderten
-die Kraft und Leichtigkeit seiner Pinselführung, stießen
-Rufe des Erstaunens aus, wenn sie hörten, in wie
-kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten es
-nachher auch anderen mit. &bdquo;Das ist ein Talent, o ein
-großes, wahres Talent! Sehen Sie nur, wie seine
-Augen glänzen, wenn er spricht. <span class="antiqua">Il y a quelque
-chose d&rsquo;extraordinaire dans toute sa figure!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dem Künstler schmeichelte es, solche Reden über sich
-zu hören. Wenn er in den Journalen öffentlich gelobt
-und gepriesen wurde, dann freute er sich wie ein Kind,
-obgleich diese Lobeserhebungen von ihm für bares Geld
-gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt
-immer mit sich herum und zeigte es gleichsam
-unabsichtlich all seinen Bekannten und Freunden. Und
-dies ergötzte ihn aufs höchste, so einfältig und naiv es
-war. Sein Ruhm wuchs, die Aufträge und Bestellungen
-mehrten sich; schon fing er an, der immer gleichen
-Porträts und Gesichter, deren Ausdruck er bereits auswendig
-kannte, überdrüssig zu werden. Schon malte
-er ohne große Begeisterung, indem er sich nur noch
-bemühte, den Kopf auf die Leinewand zu werfen; das
-übrige überließ er seinen Schülern. Früher suchte er
-wenigstens noch, seinen Porträts ein neues Moment abzugewinnen,
-durch eine neue Stellung, durch die Kraft
-der Pinselführung oder durch gewisse Effekte zu überraschen.
-Jetzt langweilte ihn auch dies allmählich. Das
-dauernde Grübeln und Suchen nach Neuem ermüdete
-seinen Geist. Er <em>konnte</em> es bald auch gar nicht mehr,
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmäßige
-Lebensweise und die Gesellschaft, in der er die Rolle
-eines Lebemanns zu spielen suchte, entfremdeten ihn der
-wirklichen Arbeit. Seine Pinselführung wurde kalt und
-stumpf, und erstarrte unmerklich in eintönigen, konventionellen,
-längst verbrauchten Formen. Die langweiligen,
-kalten, ewig gepflegten, ledernen oder sozusagen
-zugeknöpften Gesichter der Beamten, der militärischen wie
-der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen großen
-Spielraum. Die prächtigen Drapierungen, die starken
-Bewegungen und Leidenschaften hatte er völlig vergessen.
-Von künstlerischer Komposition, von dramatischem Leben,
-von einer erhabenen Steigerung war überhaupt nicht
-mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie
-Uniformen, Korsetts und Fräcke, alles Dinge, die einen
-Künstler kalt lassen und die jede Phantasie ertöten.
-Selbst die am leichtesten zu erreichenden Vorzüge gingen
-seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber fanden sie immer
-noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und
-Künstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den
-Achseln zuckten. Die wenigen, die Tschartkow von
-früher her kannten, vermochten nicht zu verstehen, wie
-ein Talent, dessen Stärke sich schon in dem jungen
-Schüler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und
-sie bemühten sich vergebens, zu erraten, wie in einem
-Menschen plötzlich die Begabung erlöschen könne, in
-demselben Augenblick, wo seine Kräfte erst eben zu voller
-Entfaltung gekommen waren.
-</p>
-
-<p>
-Aber der von seinen Erfolgen trunkene Künstler
-hörte alle diese Äußerungen nicht. Schon begann er
-zu altern, mit den Jahren bemächtigte sich seiner eine
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-gewisse geistige Schwerfälligkeit, er wurde allmählich
-immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon
-las er in den Zeitungen und Journalen Epitheta wie
-die folgenden: &bdquo;Unser verehrter Andrej Petrowitsch!&ldquo;
-&bdquo;Unser hochverdienter ...!&ldquo; Schon bot man ihm Ehrenämter
-an, lud ihn zu Prüfungen ein und wählte ihn
-in verschiedene Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren
-Alter immer zu geschehen pflegt, entschieden für
-Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er durchaus
-von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern
-nur deshalb, um sie als Angriffswaffe gegen seine
-jüngeren Kollegen zu benutzen. Schon vergnügte er
-sich damit, nach Art älterer Herren der ganzen Jugend
-ohne Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte
-Geistesrichtung zum Vorwurf zu machen. Schon neigte
-er sich der Auffassung zu, daß alles in der Welt ganz
-einfach und wie von selbst vor sich gehe, daß es keine
-Inspiration gebe und daß alles einem strengen Regiment,
-der Ordnung und einer monotonen Regelmäßigkeit
-unterworfen sein müsse, &mdash; mit einem Wort, er war
-bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und
-Drang, der überhaupt jemals in einem Menschen pulsiert
-hat, zu verschwinden beginnt, wo die Töne des zauberhaften
-Bogens nur gedämpft an die Seele rühren und
-das Herz nicht mehr mit erschütternden Klängen umkreisen,
-wo der Kuß der Schönheit keine jungfräulichen
-Kräfte mehr in Flammen wandelt &mdash; wo sich dafür
-aber alle verglühten Gefühle dem Klirren des
-Goldes um so zugänglicher erweisen, immer aufmerksamer
-auf seine verlockende Musik lauschen,
-ihr allmählich und unmerklich immer mehr Macht
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-über sich einräumen und sich sanft von ihr einlullen
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht
-verdient hat, keinen Genuß gewähren. Nur den, der
-seiner würdig ist, erfüllt er ständig mit einem wonnigen
-Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen
-und Wünsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm
-Leidenschaft, Ideal, Schreckbild, Genuß und Lebenszweck.
-In seinen Tischen häuften sich Päckchen von Banknoten
-an, und wie jeder, dem dieses schreckliche Geschenk zuteil
-wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr
-in einen langweiligen, nur dem Golde zugänglichen,
-törichten Geizhals, einen sinnlosen Sammler, und er
-war schon auf dem besten Wege, zu einem jener Sonderlinge
-zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt
-gar viele gibt. Ein warmblütiger und gütiger Mensch
-betrachtet sie voll Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne
-Särge, die sich vor ihm bewegen und einen leblosen
-Klumpen anstelle eines Herzens in sich bergen. Aber
-eine merkwürdige Begebenheit sollte bald sein ganzes
-Wesen durchrütteln und erschüttern.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein
-Schreiben, in dem die Akademie der Künste ihn als
-ihr hochverehrtes Mitglied um sein Erscheinen und um
-sein Urteil über ein neues Werk bat, das aus Italien
-angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung
-weilenden russischen Künstler zum Urheber hatte. Dieser
-Künstler war ein ehemaliger Freund von ihm, der seit
-langem die Leidenschaft für die Kunst in sich barg, und
-sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine
-Arbeit vergraben hatte; er hatte sich von all seinen
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-Freunden und Verwandten, von allen lieben Gewohnheiten
-losgerissen und war in ein Land geeilt, wo ein
-herrlicher Himmel eine majestätische Kunst reifen läßt:
-in das überwältigende Rom, bei dessen Erwähnung
-eines Künstlers feuriges Herz stets voll und stürmisch
-zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie ein
-Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes
-Studium. Ihn kümmerte es wenig, daß
-sich die Menschen über sein seltsames Wesen aufhielten,
-daß man seine Unfähigkeit, sich in der guten Gesellschaft
-zu bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen
-tadelte und von dem Schaden sprach, den er dem Künstlerstande
-durch seinen ärmlichen, altmodischen Anzug zufügte.
-Es war ihm völlig gleichgültig, ob ihm seine Kollegen
-zürnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der
-Kunst verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermüdlich
-besuchte er die Galerien und Museen, er konnte stundenlang
-vor den Werken der großen Meister stehen und
-deren wundervolle Pinselführung studieren. Er vollendete
-kein Werk, bevor er sich angesichts dieser großen Vorbilder
-geprüft und sich aus ihren Werken einen stummen
-und doch so beredten Rat geholt hatte. An lärmenden
-Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte er sich nie,
-er nahm weder für, noch gegen die Puristen Partei,
-sondern ließ allen die schuldige Anerkennung zuteil
-werden, indem er in allem nur das Schöne zu entdecken
-wußte, bis er sich endlich einzig und allein dem göttlichen
-Raffael als seinem Lehrmeister überließ, &mdash; wie
-auch ein großer Dichter, der schon so viele verschiedene
-Werke voll Anmut und majestätischer Schönheit kennen
-gelernt hat, zuletzt nur noch Homers Ilias als die überragende
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-Dichtung gelten läßt, nachdem er entdeckt hat,
-daß in diesem Epos alles enthalten ist, was man von
-einem Kunstwerk verlangen kann, und daß sich hier
-alles in höchster Vollkommenheit wiederspiegelt. Und
-so hatte er sich denn bei dieser beständigen Arbeit an sich
-selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle
-Schönheit der Gedanken und die hohe Anmut einer
-schier überirdischen Pinselführung erworben.
-</p>
-
-<p>
-Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits
-eine Menge von Besuchern vor, die vor dem Bilde standen.
-Eine tiefe Stille, wie sie nur selten unter so zahlreichen
-Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er beeilte sich,
-seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine
-tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild.
-Aber, o Gott! was war das, was er da erblickte!
-</p>
-
-<p>
-Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand
-das Werk des Künstlers vor ihm. Bescheiden, göttlich,
-unschuldig und einfach wie das Genie selbst, schien es
-hoch über allem zu schweben. Es war, als senkten
-die himmlischen Gestalten, verwundert über so viele auf
-sie gerichteten Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern.
-Mit einem Gefühl unwillkürlichen Staunens starrten
-die Eingeweihten die neue, nie gesehene Pinselführung
-an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die Schulung
-an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der
-Haltung, und die an Corregio, die sich in der vollkommenen
-Technik verriet. Aber den gewaltigsten Eindruck
-machte die in der Seele des Künstlers wirkende
-Schöpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemäldes
-war von ihr durchdrungen; alles atmete eine strenge
-Gesetzmäßigkeit und innere Kraft; jedes Ding ließ jene
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-wundervoll schwebende und fließende Rundung der Linien
-erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das
-Auge des schaffenden Künstlers sieht, bei dem Nachahmer
-und Kopisten aber stets eckig und hart erscheint. Man
-fühlte ganz deutlich, wie der Künstler alles, was er der
-äußeren Welt entnommen, in sich, in seiner Seele verschlossen
-hatte, um es erst später aus dieser geistigen Quelle
-gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln
-zu lassen. Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was
-für ein unermeßlicher Abgrund zwischen einem Kunstwerk
-und einer einfachen Kopie der Natur gähnt. Es ist
-unmöglich, jene ungewöhnliche Stille zu schildern, die
-alle Anwesenden beobachteten, während sie ihre Augen
-auf das Bild gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut
-störte die andächtige Stimmung. Die Wirkung des
-Bildes hatte sich inzwischen nur noch verstärkt. Strahlend
-und wie ein unbegreifliches Wunder löste es sich von
-allem Irdischen los, um sich schließlich ganz in einen
-Augenblick &mdash; die Frucht eines dem Künstler vom Himmel
-eingegebenen Gedankens &mdash; zu verwandeln, in einen
-Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als
-Vorbereitung dient. Unwillkürlich wandelte die das
-Bild umringenden Beschauer das Bedürfnis zu weinen
-an; es schien, als hätten sich alle Kunstanschauungen,
-alle dreisten, regellosen und willkürlichen Abweichungen des
-Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das
-göttliche Werk vereinigt.
-</p>
-
-<p>
-Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow
-vor dem Bilde, und erst als schließlich doch eine kleine
-Bewegung durch die Reihen der Besucher und Autoritäten
-ging, als man sich laut über den Wert des Werkes zu
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-unterhalten begann, als man sich schließlich auch an
-Tschartkow mit der Bitte wandte, sein Urteil abzugeben,
-kam er wieder zu sich, versuchte seine gewöhnliche gleichmütige
-Miene aufzusetzen und war eben im Begriff,
-ein paar Plattheiten zu äußern, wie man sie wohl von
-verknöcherten Routiniers zu hören bekommt. Er wollte
-schon sagen: &bdquo;Hm, gewiß, man kann dem Maler ja
-nicht alles Talent absprechen; Talent hat er, das ist
-unleugbar. Man sieht, daß er etwas ausdrücken will.
-Was aber die Hauptsache betrifft,&ldquo; &mdash; und hierauf sollten
-natürlich einige lobende Worte folgen, die keinem Künstler
-gut bekommen wären. Aber er führte seine Absicht
-nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen, statt dessen
-drangen Tränen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner
-Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus
-dem Saal.
-</p>
-
-<p>
-Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert
-mitten in seinem prächtigen Atelier, seine ganze
-Vergangenheit lebte einen Augenblick wieder in ihm auf,
-als wäre die Jugend zu ihm zurückgekehrt, und als
-wären die erloschenen Funken seines Talentes in
-ihm wieder aufgelodert. Die Binde fiel plötzlich von
-seinen Augen. Gott! wie hatte er die besten Jahre
-seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die
-spärliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt
-hatte, und die sich vielleicht jetzt groß und herrlich
-entfaltet und vielleicht ebenfalls Tränen des Staunens
-und der Dankbarkeit entlockt hätte, so plump ersticken
-können. Wie hatte er sie in sich ertöten, erbarmungslos vernichten
-können! Es schien, als wären in diesem Augenblicke
-plötzlich alles Streben und alle Leidenschaften in
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-seiner Seele erwacht, alle Gefühle, die auch sie einmal
-gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und trat vor
-die Leinwand. Ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn;
-er verwandelte sich völlig in <em>einen</em> einzigen Wunsch
-und war ganz von <em>einem</em> Gedanken beseelt. Er wollte
-den gefallenen Engel darstellen. Diese Vorstellung
-stimmte am besten mit <a id="corr-131"></a>seinem Seelenzustand überein,
-aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine
-Posen, Gruppen und Ideen hatten etwas Gezwungenes
-und Wirres. Sein Pinsel und seine Phantasie wurden
-zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmächtige
-Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich
-selber auferlegt hatte, zu zerbrechen, verleitete ihn gleich
-zu Anfang zu Unrichtigkeiten und Fehlern. Er hatte
-die ermüdend lange Stufenleiter der nur allmählich
-zu erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze
-der großen zukünftigen Wissenschaft übersprungen. Ein
-heftiger Verdruß bemächtigte sich seiner, er ließ all&rsquo;
-seine letzten Schöpfungen: die seelenlosen Modebilder, die
-Porträts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und
-Staatsräten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich
-allein in sein Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen
-und versenkte sich ganz in die Arbeit. Wie
-ein geduldiger Knabe, wie ein Schüler saß er an seinem
-Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwächlich war
-alles, was sein Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt
-strauchelte er über die Unkenntnis der elementarsten
-Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte erkältend
-auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie
-als unüberbrückbares Hindernis entgegen. Der Pinsel
-wandte sich unwillkürlich wieder den alten versteinerten
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-Formen zu, die Arme nahmen ihre gewohnte Haltung
-an, der Kopf wagte es nicht, sich eine ungewöhnliche
-Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des
-Kleides hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm
-durchaus nicht fügen und sich nicht an die neue Körperstellung
-anpassen. Und Tschartkow fühlte es, fühlte es
-selbst und sah es mit eigenen Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe
-ich mich nicht selbst betrogen?&ldquo; Mit diesen Worten
-suchte er seine früheren Werke hervor, die er einst in
-so reiner Stimmung, so völlig frei von Habsucht und
-Geldgier in seiner ärmlichen Mansarde auf der abgelegenen
-Wassilij-Insel, fern von den Menschen geschaffen
-hatte; damals, als er noch nichts von Überfluß
-und all den raffinierten Genüssen der Großstadt wußte.
-Jetzt stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete
-sie aufmerksam, und sein ganzes früheres Leben voll
-Not und Entbehrung erstand wieder vor ihm. &bdquo;Ja ...&ldquo;
-sagte er ganz verzweifelt, &bdquo;ich <em>hatte</em> Talent! wohin ich
-auch blicke, überall entdecke ich deutliche Spuren davon!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen
-Leibe. Sein Blick begegnete einem Augenpaar, das
-starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes ungewöhnliche
-Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft
-hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten
-gestanden, von anderen Bildern verdeckt, und so war es
-ihm völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Jetzt aber,
-wo alle modernen Porträts und Gemälde, die sein
-Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen
-mit den früheren Werken seiner Jugend hervor.
-Als er sich nun an die sonderbare Geschichte dieses Porträts
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-erinnerte, als er daran dachte, daß dieses merkwürdige
-Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung
-geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm
-auf so wunderbare Weise zuteil geworden, alle die falschen
-und eitlen Regungen, die sein Talent zugrunde richten
-sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele von
-einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte
-Bildnis sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung
-wollte ihn trotzdem nicht verlassen. All seine
-Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs Tiefste
-aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual
-kennen, die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in
-der Natur vorkommt, wenn ein schwaches Talent sich
-mehr abzuringen versucht, als es zu leisten vermag, und
-doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene
-Qual, die zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt,
-aber den, der schon zu alt ist, um zu träumen, vergebens
-und fruchtlos mit einem heißen Schaffensdurste peinigt &mdash;
-jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu grauenhaften
-Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid
-bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn
-er einem Werke gegenüberstand, das den Stempel des
-Talentes trug. Er knirschte mit den Zähnen und durchbohrte
-es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In
-seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht
-kein Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie
-war er bemüht, sie zur Ausführung zu bringen. Er
-fing an, alles Beste anzukaufen, was in seiner Kunst
-produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein
-Bild erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer,
-stürzte sich mit der Wut eines Tigers darauf, riß es
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-entzwei, schnitt es in Stücke und zerstampfte es mit
-frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das
-er angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische
-Bedürfnis zu befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten
-Säcke auf und öffnete all seine Truhen. Nie
-hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben, das so
-viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser
-rasende Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich
-zeigte, verzweifelte jeder im voraus daran, sich ein Kunstwerk
-erwerben zu können, es schien, als hätte der erzürnte
-Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die Welt
-gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese
-grauenhafte Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen
-Lichte erscheinen. Von ewiger Bosheit sprach sein Angesicht.
-Ein wütender Welt- und Menschenhaß und eine
-furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen
-wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon
-zu sein, den uns Puschkin so wunderbar geschildert hat.
-Nichts als giftgeschwollene Reden und heftige Worte des
-Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer Harpye,
-wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle,
-selbst seine guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen,
-wenn sie seiner von ferne ansichtig wurden,
-und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden, ja
-sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon,
-um ihnen den ganzen Tag zu vergiften.
-</p>
-
-<p>
-Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein
-solch aufgeregtes und gewalttätiges Leben nicht lange
-dauern. Die Dimensionen, zu denen seine Leidenschaft
-anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß
-ein schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte.
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-Die Wut- und Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer
-häufiger und gingen schließlich in eine entsetzliche Krankheit
-über, &mdash; ein furchtbares, von einem heftigen, schnell
-um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes Fieber
-ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten
-von ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale
-eines unheilbaren Irrsinns. Er wütete so um sich,
-daß ihn oft mehrere Menschen nicht bändigen konnten.
-Immer wieder tauchten die längst vergessenen lebendigen
-Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann
-verfiel er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen,
-die sein Bett umstanden, schienen ihm diesen grauenhaften
-Porträts zu gleichen, und diese Porträts verdoppelten,
-verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen Augen; es
-kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt
-wären, die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich
-auf ihn gerichtet hielten; schreckliche Porträts
-blickten von der Decke, vom Boden nach ihm hin, das
-Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche,
-um immer noch mehr von diesen starren und
-unbeweglichen Augen fassen zu können. Der Arzt, der
-sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der schon
-manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte
-sich aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung
-zwischen den Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte,
-und den realen Vorgängen zu ermitteln, er hatte jedoch
-keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und fühlte
-nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus
-und führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich
-gab er in einem letzten stummen Ausbruch des Schmerzes
-sein Leben auf. Seine Leiche war schrecklich anzusehen.
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr
-zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und
-Stücke der großen Kunstwerke fand, deren Wert viele
-Millionen betrug, da erst verstand man, welch entsetzlichen
-Gebrauch er von ihnen gemacht hatte.
-</p>
-
-<h4 class="part" id="subchap-3-3-2">
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-<span class="line1">Zweiter Teil</span>
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen
-stand vor dem Portal eines Hauses, in dem der
-Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber versteigert
-wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren
-und Kupidos versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten,
-ohne eigenes Zutun sich den Ruf von Mäzenen erwarben
-und treuherzig ihre Millionen verschwendeten,
-die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar früher
-einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche
-Mäzene gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes
-Jahrhundert hat schon längst die langweilige
-Physiognomie eines Bankiers angenommen, der seine
-Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem
-Papier verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte
-Menge von Besuchern und Käufern, die von allen
-Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren, erfüllte den
-großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen
-Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt
-in blauen deutschen Röcken; ihr Aussehen und
-ihr Gesichtsausdruck war hier sicherer, freier und fiel
-nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit und
-Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so
-eigentümlich ist, wenn er die Kunden in seinem Laden
-bedient. Hier ließen sie sich ruhig gehen, trotzdem sich
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-in demselben Saale viele Aristokraten befanden, vor denen
-sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und
-Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen
-Staub weggefegt hätten. Hier benahmen sie sich ganz
-ungezwungen, betasteten ohne viel Umstände zu machen,
-die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren festzustellen,
-und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen
-Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe.
-Hier traf man so manchen Repräsentanten jener Menschenklasse,
-die man auf allen Auktionen findet, und die
-täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl
-in ein Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen
-und aristokratischen Kunstfreunden, die es für
-ihre Pflicht hielten, keine Gelegenheit zu versäumen, bei
-der sie ihre Sammlungen vergrößern könnten, und die
-zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten, und
-endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren,
-deren Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck
-machen und die hier täglich ohne jedes eigennützige Ziel
-erscheinen, einzig und allein zu dem Zwecke, um zu
-beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, &mdash; wer mehr,
-und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und
-wem endlich der Gegenstand zugesprochen werden wird.
-Viele Bilder standen ganz regellos durcheinander, dazwischen
-sah man Möbel und Bücher mit den Initialen
-des früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche
-Bedürfnis gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab
-es chinesische Vasen, marmorne Tischplatten, neue und
-alte Möbel mit verschnörkelten Linien, Greifen, Sphinxen
-und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter <em>mit</em> und
-<em>ohne</em> Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-es herrschte hier nicht einmal so viel Ordnung, wie man
-sie selbst in einem Kunstladen vorzufinden pflegt. Das Ganze
-stellte sozusagen ein großes Chaos von Kunstwerken dar.
-Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer
-Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet
-einen an wie ein Begräbnis. Der Saal, in dem sie
-stattfindet, ist stets düster, die mit Möbeln und Bildern
-verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich hineindringen,
-das auf den Gesichtern liegende Schweigen und
-die Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer
-aufschlägt und zu Ehren der armen, hier auf so sonderbare
-Weise zusammengeratenen Künste eine Messe liest:
-alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das
-eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war
-offenbar im vollen Gange. Ein großer Haufe anständig
-gekleideter, dicht zusammenstehender Menschen ließ deutliche
-Spuren seines Interesses und seiner Erregung erkennen.
-Die Worte &bdquo;... Rubel! ... Rubel!&ldquo; die
-von allen Seiten ertönten, ließen dem Ausrufer keine
-Zeit, den immer noch wachsenden Preis, der bereits das
-Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu wiederholen;
-die herumstehende Menge bemühte sich um ein
-Porträt, das jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei
-verstand, aufs lebhafteste fesseln mußte. Es trug den
-sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend war es
-schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es
-stellte die dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande
-bekleideten Asiaten dar, dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich
-eigenartigen Ausdruck hatte. Was jedoch die
-Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war
-das intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-länger man sie betrachtete, um so tiefer schienen sie einem
-bis ins innerste Innere zu blicken. Diese Eigentümlichkeit,
-die auffallende Kunstfertigkeit des Malers nahmen
-die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der
-Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis
-ganz enorm in die Höhe geschraubt wurde. Lediglich
-zwei als Kunstliebhaber bekannte Aristokraten waren noch
-übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf die Erwerbung
-des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich
-und hätten wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden
-emporgetrieben, wenn nicht plötzlich einer der Anwesenden
-sich mit der folgenden Bemerkung an sie gewandt hätte:
-&bdquo;Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick
-ruhen zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf
-dieses Porträt als jeder andere!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller
-Anwesenden auf den Sprecher; es war ein schlanker
-Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit langen
-schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine
-gewisse freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine
-Seele erkennen, die sich von allen aufreibenden Erregungen,
-die der gesellschaftliche Verkehr mit sich bringt,
-fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller modischen Übertriebenheiten,
-jeder seiner Züge deutete auf seinen Künstlerberuf
-hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens
-B., den viele der Anwesenden persönlich kannten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen
-mögen,&ldquo; fuhr er fort, als er die allgemeine Aufmerksamkeit
-auf sich gerichtet sah, &bdquo;Sie würden doch vielleicht
-selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern,
-wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-mit anzuhören. Alles bestärkt mich in der
-Überzeugung, daß gerade dies das Porträt ist, das ich
-suche.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen
-Gesichtern, und selbst der Ausrufer hielt mit offenem
-Munde und mit erhobenem Hammer, neugierig und gespannt
-in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung
-wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem
-Porträt zu, um sich nach und nach immer mehr auf
-den Erzähler zu heften, dessen Bericht immer interessanter
-und spannender wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil
-bekannt, den man Kolomna nennt,&ldquo; begann er. &bdquo;Hier
-ist alles anders als in den andern Teilen Petersburgs.
-Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch
-an die Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel
-gerät, ist einem fast zumute, als ob einen nach und nach
-alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften verlassen.
-Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig
-und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles,
-was sich als Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt.
-Hier schlagen inaktive Beamte, Witwen und Personen
-in bescheidenen Verhältnissen ihr Ruheplätzchen auf, die
-auf eine Entscheidung des Senats harren und sich daher
-selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem
-Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete
-Köchinnen, die sich den ganzen Tag hindurch auf den
-Märkten herumtreiben, stundenlang in dem Kramladen
-stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag
-für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen,
-und endlich findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-man am besten mit dem einen Worte &bdquo;die Aschgrauen&ldquo;
-bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug und deren
-Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe
-haben, wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die
-Sonne nicht scheint, sondern wo weder das eine noch
-das andre stattfindet: ein grauer Nebel hüllt alles ein
-und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen.
-Zu ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte
-und Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge
-und dicken aufgedunsenen Lippen rechnen. Lauter Menschen
-ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft, sie gehen
-stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert,
-die geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen
-tagelang, ohne an etwas zu denken. In ihren Zimmern
-sieht es öde und leer aus; oft besteht ihr Mobiliar
-einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer
-Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen,
-ohne daß sie ihnen ernstlich zu Kopfe steigt, was einem
-gewöhnlich nur nach einem kräftigen Schluck zustößt,
-wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher Handwerksbursche
-&mdash; dieser Student der Meschtschanskistraße<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a>
-und alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten
-pflegt, &mdash; allerdings erst &mdash; wenn Mitternacht vorüber ist.
-</p>
-
-<p>
-In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten
-zeigt sich ein Wagen, in dem Schauspieler sitzen, und
-der dann durch sein donnerndes Gerassel allein die allgemeine
-Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so
-mancher Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und
-ohne Fahrgast dahergefahren oder schleppt etwas Heu
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung kann
-man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den
-Morgenkaffee miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine
-Pension beziehen, gehören hier schon zu den vornehmsten
-Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen, die ihre
-Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über
-die teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten.
-Sie haben gewöhnlich eine junge Tochter, ein
-wortkarges, mitunter recht niedliches Geschöpf, dazu
-ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit
-einem traurig tickenden Pendel. Weiter gibt es hier
-Schauspieler, denen es ihre Gage nicht gestattet, von
-Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie alle
-Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren
-Schlafröcken da, und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus
-Pappe allerlei Gegenstände, die man im Hause braucht,
-spielen mit einem Freunde oder Gast eine Partie Dame
-oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei
-man jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend
-etwas anderes tun, höchstens daß sie zuweilen noch einen
-Grog zu sich nehmen. Auf diese Magnaten und Aristokraten
-von Kolomna folgt schließlich nur noch das gemeinste
-und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre
-ebenso schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen
-Insekten, die in altem Essig keimen. Da gibt es alte Weiber,
-die beten, alte Weiber, die trinken, und solche, die zugleich
-beten und trinken, ferner solche, die sich auf völlig unbekannte
-Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen ganze
-Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke
-nach dem Trödelmarkte schleppen, um sie
-dort für fünfzehn Kopeken zu verkaufen; mit einem
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit, dessen
-Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum
-zu verbessern vermöchte.
-</p>
-
-<p>
-All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt,
-um Ihnen zu zeigen, wie oft dieses Volk in die
-Notlage kommt, eine plötzliche, vorübergehende Hilfe in
-Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu nehmen.
-Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele
-Wucherer, die ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen
-kleinere Summen leihen. Diese kleinen Wucherer sind
-viel herzloser und gefühlloser, als die großen, denn sie
-entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen
-offen zur Schau stellenden Elend, das der reiche und
-vornehme Wucherer gar nicht kennt, weil er nur mit
-solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten Equipage
-vorfahren, &mdash; und daher erstirbt in ihnen schon
-früh jedes menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern
-gab es einen ... aber hier darf ich wohl erwähnen,
-daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen
-will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die
-Regierungszeit der verstorbenen Zarin Katharina II. fällt.
-Sie können sich vorstellen, daß auch das Äußere Kolomnas
-und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend
-verändert haben. Also unter den Wucherern gab es
-einen, der in jeder Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch
-war. Er hatte sich schon vor langer Zeit in diesem
-Viertel niedergelassen und trug stets ein weites, asiatisches
-Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine
-südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich
-angehörte, ob er ein Inder, Grieche oder Perser war,
-darüber konnte niemand etwas Bestimmtes aussagen.
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle, magere,
-verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe
-und die großen, feurigen Augen mit den finsteren,
-buschigen Augenbrauen ließen ihn als eine markante
-Erscheinung unter allen aschgrauen Bewohnern der Hauptstadt
-hervortreten. Selbst seine Behausung hatte keine
-Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas.
-Er wohnte in einem steinernen Hause, wie sie vormals
-genuesische Kaufleute zu errichten pflegten. Die Fenster
-hatten eine unregelmäßige Form, waren alle verschieden
-groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen.
-Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen
-Kollegen, daß er jeden seiner Klienten, ob es nun eine
-alte Bettlerin oder ein verschwenderischer höherer Beamter
-des Hofes war, mit einer beliebigen Summe zu
-versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante
-Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf
-einer feinen Weltdame hervorlugte. Man erzählte sich,
-wie das so gewöhnlich geschieht, daß seine eisernen
-Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und
-verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien,
-daß er aber trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher
-Wucherer wäre. Er verlieh sein Geld sehr gerne und
-setzte annehmbare äußerst bequeme Zahlungstermine für
-seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch allerhand
-eigentümliche <a id="corr-135"></a>arithmetische Operationen zu ganz
-maßlosen Summen anwachsen. So wenigstens urteilte
-Fama über ihn; was aber am auffälligsten war und
-auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das
-seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten.
-Sie gingen alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-nun aber nur leeres Geschwätz, nur ein sinnloses, abergläubiges
-Gerede der Menschen oder ein mit Absicht
-verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen
-gab es doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer
-Zeit vor allen Augen abspielten und die einen tiefen und
-überwältigenden Eindruck auf die Leute machten. Damals
-lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen
-aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren
-im Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit
-auf sich: ein glühender Verehrer alles Echten und
-Erhabenen, ein eifriger Förderer menschlicher Geistesarbeit
-und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch,
-der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So
-kam es denn, daß er sehr bald nach seinen Verdiensten
-von der Zarin selbst ausgezeichnet wurde, die ihm ein
-mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen übereinstimmendes
-bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute,
-auf dem er viel für die Wissenschaften und für
-alles Gute wirken konnte. Der junge Beamte umgab
-sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte
-allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern.
-Er gab auf eigene Kosten eine Reihe von nützlichen
-Werken heraus, verteilte eine Menge von Aufträgen
-und setzte viele Preise aus; auf diese Weise
-verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich
-in pekuniäre Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer
-und hochherziger Charakter war, wollte er nicht
-von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen
-aufzunehmen und wandte sich endlich an den
-uns schon bekannten Wucherer. Er erhielt auch eine
-bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit
-einem Male ein Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden
-Geister und Talente. An allem, was ihm
-vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten
-und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit
-brach gerade die französische Revolution aus, und dieses
-Ereignis gab ihm plötzlich den Anlaß zu allen möglichen
-Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall fing er
-an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis
-schien ihm eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er
-wurde so argwöhnisch, daß er sich schließlich sogar selbst
-zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer ganzen Reihe
-abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her
-und machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die
-Folgen einer solchen Handlungsweise war natürlich die,
-daß das Gerücht davon bis an den Thron gelangte.
-Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach
-sich in hochherziger Weise, die der schönste Schmuck
-gekrönter Häupter ist, darüber aus. Ihre Worte sind
-uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr tiefer Sinn
-prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte,
-es seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die
-hohen und vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in
-einer solchen Staatsform seien die Werke des Geistes,
-der Dichtung und der Künste keineswegs verachtet und
-Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen
-ihre natürlichen Protektoren, erst unter <em>ihrem</em> hochherzigen
-Schutze erstände ein Shakespeare, ein Molière usw.,
-während andererseits ein Dante in seinem republikanischen
-Vaterlande keine Ruhestätte finden konnte. Wahre Genies
-entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern mächtiger
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse
-häßlicher politischer Vorgänge und terroristischer Republiken,
-die der Welt bis jetzt noch keinen einzigen Dichter
-geschenkt hätten. Sie erklärte, man müsse die Dichter
-und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn
-sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten
-sie vor häßlichen Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten,
-die Dichter und alle schaffenden Künstler seien
-die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen: sie seien
-der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen
-Herrschers kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe.
-Während die Kaiserin diese Worte sprach, war sie unendlich
-schön und göttlich. Ich erinnere mich, daß die
-alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon
-sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme
-für den Fall. Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt
-werden, daß sich in dem Herzen eines Russen stets
-der hochherzige Wunsch regt, die Partei der Bedrückten
-zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte
-Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft
-und seines Amtes enthoben, aber noch eine weit
-peinigendere Strafe war es für ihn, daß er eine unverhüllte
-und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern
-seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben,
-wie sehr seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter
-Stolz, betrogener Ehrgeiz, vernichtete Hoffnungen:
-all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer drückenden
-Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß
-sein Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall
-trug sich gleichfalls vor aller Augen zu. Von den vielen
-schönen Frauen, an denen unsere nordische Hauptstadt
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-damals nicht arm war, lief besonders <em>eine</em> allen
-anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer
-Weise alle Reize unserer nordischen Schönheit
-mit denen des Südens; das war ein kostbarer Edelstein,
-wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein
-Vater gestand, niemals in <a id="corr-136"></a>seinem Leben etwas Ähnliches
-gesehen zu haben. Alle Vorzüge schienen sich in diesem
-Wesen vereinigt zu haben: Reichtum, Geld und seelische
-Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der
-interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war
-ein Fürst R..., ein vornehmer junger Mann von
-wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet und von ritterlichem,
-hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller
-Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter
-Grandisson. Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu
-wahnsinnig in sie verliebt, und seine Liebe wurde ebenso
-feurig erwidert. Leider erschien bloß den Verwandten
-diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie
-gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie
-war in Ungnade gefallen, und der schlechte Zustand
-seiner Verhältnisse war allgemein bekannt. Plötzlich
-verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt, allem
-Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht
-aber bald darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen
-Prunk und Luxus entfaltete. Seine glänzenden
-Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe bekannt.
-Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald
-darauf findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die
-überall Aufsehen erregt. Woher diese Veränderung und
-der ungeheure Reichtum des Bräutigams stammte, darüber
-konnte freilich niemand genauere Auskunft geben;
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche
-Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen
-und hätte bei ihm eine größere Anleihe gemacht.
-Wie dem aber auch war, die Hochzeit beschäftigte
-die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten
-den Neid aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und
-standhaft sie sich geliebt &mdash; und was für lange Qualen
-beide zu erdulden gehabt hatten; überall schätzte man
-sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge.
-Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten
-sich schon im voraus die paradiesischen Wonnen aus,
-die den jungen Ehegatten bevorständen. Und doch kam
-alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit
-dem Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift
-einer argwöhnischen Eifersucht und Unduldsamkeit schien
-plötzlich seinen bis dahin vornehmen und makellosen
-Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen
-entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann,
-der seine Frau beständig quälte, und scheute schließlich &mdash;
-was niemand voraussehen konnte &mdash; nicht einmal vor
-den unmenschlichsten Taten zurück: er peinigte und schlug
-seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die
-Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst
-eine so glänzende Erscheinung gewesen war und Scharen
-von treuen Anbetern und glühenden Verehrern angezogen
-hatte. Endlich ließ sie &mdash; unfähig, ihr schweres Los
-noch weiter zu ertragen &mdash; ein Wort über Scheidung
-fallen, aber der Gatte geriet schon bei dem leisesten
-Gedanken daran in Wut. In der ersten Erregung
-drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer
-ein, und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen,
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-wenn er nicht überwältigt und festgehalten worden wäre.
-Ganz außer sich und voller Verzweiflung zückte er sein
-Messer gegen sich selbst und beschloß sein Leben in schrecklichen
-Qualen.
-</p>
-
-<p>
-Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen
-der ganzen Welt abgespielt hatten, wurde noch eine
-Reihe anderer erzählt, die sich unter den niedren
-Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso entsetzlichen
-Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer
-wurden plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen
-ihre Chefs, ein Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch
-ehrlich und fleißig gedient hatte, erstach auf einmal
-einen Fahrgast wegen einiger Pfennige. Natürlich
-mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr
-ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen
-Bewohnern Kolomnas eine Art unwillkürlichen Grauens
-einflößen. Niemand zweifelte mehr daran, daß dieser
-Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte
-sich, daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die
-einem die Haare zu Berge steigen ließen, und die der
-unglückliche Schuldner nie einem andern mitzuteilen
-wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft
-ausübe, von selbst zu glühen anfange und seltsame
-Merkzeichen an sich trage ..., mit einem Worte, es
-waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf.
-Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß
-die ganze Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt
-armer alter Frauen, kleiner Beamter und untergeordneter
-Schauspieler, kurz, all dieses elenden Volkes, das wir
-soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die höchste
-Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-um ein Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme
-alte Frauen, die es vorzogen, vor Hunger zu sterben,
-als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem
-Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich
-von einer seltsamen Angst ergriffen. Die
-Passanten wichen ihm furchtsam aus, drehten sich immer
-wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne
-verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren
-Blicken. Schon in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches,
-daß jedermann unwillkürlich den Eindruck
-hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu
-haben. Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man
-sie selten bei einem Menschen antrifft, diese glühende,
-bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten buschigen Augenbrauen,
-die unerträglich schrecklichen Augen, selbst seine
-weite, bauschige asiatische Kleidung &mdash; alles schien darauf
-hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen
-vor denen, die dieser Körper in sich barg, verbleichen
-mußten. Jedesmal, wenn mein Vater ihm begegnete,
-blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei solch
-einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: &bdquo;Ein
-Teufel! Ein wahrhaftiger Teufel!&ldquo; Doch nun muß
-ich Sie schnell noch mit meinem Vater bekannt machen,
-der übrigens der eigentliche Held dieser Geschichte ist.
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger
-Mensch. Er war ein seltener Künstler, einer
-von denen, wie sie nur Rußland aus seinem jungfräulichen
-Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen
-Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die
-Anleitung der Schule ganz aus sich selbst heraus entdeckt
-hatte, und in dem mächtigen Drange nach ständiger
-<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
-Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht
-selbst unbekannt blieben, immer den Weg ging,
-den ihm sein Instinkt wies: er war eines jener ursprünglichen
-Wunder, die von den Zeitgenossen nicht selten
-mit dem verletzenden Beiwort &bdquo;ungebildeter Mensch&ldquo;
-bezeichnet und die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick
-nicht ernüchtert und abgekühlt werden, sondern
-nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen
-schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich
-lassen, die ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht
-haben. Er erkannte in jedem Gegenstand intuitiv die
-Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm die
-wahre Bedeutung des Wortes &bdquo;Historische Malerei&ldquo; auf,
-er begriff, warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes
-Porträt von Raffael, Lionardo da Vinci, Tizian oder
-Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung hatten,
-während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts
-dennoch nur ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller
-Prätensionen des Malers, damit ein großes historisches
-Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene Neigung
-als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen
-des Christentums, der höchsten und letzten Stufe des
-Erhabenen, zu. Er besaß weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit,
-Eigenschaften, die leider bei so vielen Künstlern
-einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden.
-Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader,
-beinahe grober Mensch, der sich nach außen durch eine
-harte Rinde gegen die Umwelt abschloß und innerlich
-nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über seine Mitmenschen
-zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich
-milde und versöhnlich äußerte. &bdquo;Wozu soll ich mich nach
-<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-ihnen richten?&ldquo; pflegte er gewöhnlich zu sagen; &bdquo;ich
-arbeite ja nicht für sie! Ich will meine Bilder ja
-nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich
-versteht, wird mir sicher dankbar sein. Einem Mann
-aus der vornehmen Gesellschaft kann man es nicht
-weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht;
-dafür versteht er was von Karten, von guten Weinen
-oder Pferden ... Wozu braucht denn ein großer
-Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch erst
-von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln
-verlegt, dann ist er erst recht nicht zu ertragen. <span class="antiqua">Suum
-cuique!</span> Schuster bleib bei deinen Leisten! Meiner
-Meinung nach ist ein Mensch, der es offen eingesteht,
-wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen,
-der so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von
-denen er gar keine Ahnung hat, und der nur herumpfuscht
-und andre Leute schädigt.&ldquo; Er arbeitete schon
-für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel
-zum Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu
-weiterem Schaffen bot. Auch weigerte er sich niemals,
-einem andern zu helfen und einem armen Kollegen
-hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen,
-frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und
-das war vielleicht der Grund, daß es ihm so gut gelang,
-den von ihm gemalten Gesichtern jenen hohen
-Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große
-Talent vergebens strebt. Endlich glückte es ihm, durch
-unausgesetzte Arbeit und rastlose Verfolgung des einmal
-vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu erringen,
-die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen
-hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam
-<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
-Aufträge, Wandgemälde für Kirchen zu malen, und es
-fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er gerade durch
-solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere
-mich nicht mehr genau an das Sujet und weiß
-nur noch, daß auf dem Gemälde der gefallene Engel,
-der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte. Dieses
-Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn
-malen? In der Person dieses Engels mußte der furchtbare
-Druck und die Pein, die auf dem Menschen lastet,
-zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl
-oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er
-dachte sich unwillkürlich: &bdquo;Das wäre das rechte Vorbild
-für meinen Teufel!&ldquo; Und nun stellen Sie sich
-selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als
-eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines
-Ateliers gepocht wurde, und der schreckliche Wucherer
-bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß sein Inneres erbebte,
-und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper
-überlief.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist Maler?&ldquo; fragte er, ohne viel Umstände
-zu machen, meinen Vater.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ich bin Maler!&ldquo; versetzte mein Vater verwirrt
-und gespannt, was nun folgen würde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht
-bald sterben! Kinder habe ich nicht. Aber ich
-will nicht ganz untergehen, ich will weiterleben. Kannst
-du mir ein solches Porträt malen, das den vollen Eindruck
-des Lebens macht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater dachte: &bdquo;Was kann ich mir Besseres
-wünschen? Er bietet sich mir selbst als Modell für
-den Teufel an!&ldquo; So willigte er denn ein, sie einigten
-<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
-sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage
-erschien mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm.
-Der Hof mit den hohen Mauern, die Hunde, die
-eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster,
-die mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und
-endlich der seltsame Hausherr selbst, der ihm unbeweglich
-gegenüber saß: all das machte einen eigentümlichen
-Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht
-unten so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von
-oben hereindringen konnte. &bdquo;Hol&rsquo;s der Teufel! wie
-fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!&ldquo; sagte er vor sich
-hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er befürchtete,
-daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden
-könne. &bdquo;Was für eine Kraft in ihm liegt,&ldquo; wiederholte
-er leise; &bdquo;wenn es mir nur zur Hälfte gelingt,
-ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er
-alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen.
-Er wird mir wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen,
-wenn ich der Natur auch nur im mindesten
-treu bleibe. Was für auffallende Züge!&ldquo; wiederholte
-er unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und
-nun sah er selbst, wie schon einige Partien des Gesichts
-auf der Leinwand erschienen. Aber je mehr er sich ihnen
-näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst unbegreifliches
-Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem
-aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie,
-jeden kleinsten Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu
-registrieren. Vor allem beschäftigte er sich mit der Darstellung
-der Augen; in ihnen lag so viel Kraft, daß
-man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen
-auf dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich
-<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-fest vorgenommen, um jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten
-Töne und Schattierungen aus ihnen herauszuholen
-und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber
-kaum hatte er begonnen, sich in sie zu versenken und
-zu vertiefen, als ein solch unbegreiflicher Druck, ein solch
-eigentümlicher Widerwille seine Seele erfaßte, daß er
-für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst
-nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen.
-Endlich konnte er es nicht länger ertragen; er fühlte,
-wie sich diese Augen in seine Seele bohrten und eine
-sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage
-wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz
-ängstlich zumute. Er warf den Pinsel in die Ecke
-und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er könne
-ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen
-müssen, welche Veränderung diese Worte in dem schrecklichen
-Manne hervorriefen. Er warf sich plötzlich vor
-dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und
-flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte,
-daß sein ganzes Schicksal und seine ganze irdische Existenz
-von diesem Porträt abhingen, schon jetzt habe ja
-des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der
-Leinwand festgehalten &mdash; wenn diese Züge genau im
-Bilde fixiert würden &mdash; werde sein Leben durch eine
-übernatürliche Macht im Porträt weiter fortbestehen;
-dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde
-der Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten
-meinen Vater; sie erschienen ihm so ungewöhnlich und
-frevelhaft, daß er Pinsel und Palette wegwarf und
-jählings aus dem Zimmer stürzte.
-</p>
-
-<p>
-Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die
-<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch; am andern
-Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine Frau, das
-einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen.
-Sie erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr
-das Bild nicht haben wolle, nichts dafür bezahlen werde
-und es ihm daher zurücksende. Am Abend desselben
-Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers,
-und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche
-seiner Religion beigesetzt werden solle. Dies alles erschien
-ihm höchst unerklärlich und seltsam, zu alledem
-aber machten sich von diesem Moment an in seinem
-Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt
-unter einer merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit,
-deren Ursache er selbst nicht begreifen konnte, ja er tat
-bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm erwartet
-hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die
-Arbeiten eines seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines
-kleinen Kreises von Kennern und Liebhabern auf sich;
-mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und eine
-tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er
-plötzlich von einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen.
-Die allgemeine Sympathie, die sich in den Unterhaltungen
-über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz
-unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß,
-daß sein Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein
-Bild für eine erst vor kurzem vollendete prachtvolle
-Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine furchtbare
-Wut. &bdquo;Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den
-Triumph gönnen!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Nein, mein Lieber,
-du hoffst zu früh, die Alten in den Staub zu ziehen!
-Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in mir!
-<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
-Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in
-den Staub zieht!&ldquo; Und der biedere, in seinem Kerne
-grundehrliche Mann wandte sich allen möglichen Ränken
-und Schleichwegen zu, die er bisher stets verabscheut
-hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den
-Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb
-ausgeschrieben wurde, an dem sich natürlich auch andere
-Künstler beteiligten durften. Hierauf schloß er sich in
-seinem Atelier ein und machte sich eifrig an die Arbeit.
-Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine
-ganze Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert
-hätten, und in der Tat kam so eins seiner besten Werke
-zustande. Niemand zweifelte daran, daß ihm die Palme
-zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht,
-aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie
-die Nacht zum Tage. Plötzlich jedoch machte einer der
-anwesenden Kunstrichter &mdash; wenn ich nicht irre, ein
-Geistlicher &mdash; eine Bemerkung, die alle überraschte. &bdquo;In
-dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein
-starkes Talent,&ldquo; meinte er, &bdquo;aber den Gesichtern geht
-der fromme, heilige Ausdruck ab. Es liegt vielmehr
-etwas Dämonisches in diesen Augen, als hätte eine
-böse Macht die Hand des Künstlers geführt.&ldquo; Alle
-blickten hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte
-ließ sich nicht bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein
-Bild los, wie um diese verletzende Bemerkung selbst auf
-ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber er gewahrte mit
-Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des
-Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch
-und vernichtend an, daß er selbst unwillkürlich schauderte.
-Das Bild wurde abgelehnt, und er mußte zu seinem unbeschreiblichen
-<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
-Ärger erfahren, daß die Palme seinem
-Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in
-welcher Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte.
-Er hätte beinahe meine Mutter geschlagen, er warf die
-Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und Staffeleien, riß das
-Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein
-Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden,
-um das Bild &mdash; nachdem er es in Stücke geschnitten
-hätte &mdash; zu verbrennen. Aber bei diesem Vorhaben
-wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht,
-der soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund
-war gleich ihm ein Maler, ein lustiger Bursche, der stets
-mit sich zufrieden war, sich nicht mit weitliegenden
-Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter die
-Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach
-deren Beendigung noch fröhlicher ans Schlemmen und
-Zechen zu machen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hast du da? Was willst du verbrennen?&ldquo;
-fragte er ihn, indem er an das Porträt herantrat. &bdquo;Aber
-ich bitte dich, das ist ja eines deiner besten Werke! Das
-ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist! Ja,
-das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht
-bloß vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in
-die Augen hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja
-nicht einmal geblickt, als er noch am Leben war, wie hier
-bei dir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem
-Feuer anblicken werden!&ldquo; sagte mein Vater, während
-er eine Bewegung machte, um das Porträt in den Kamin
-zu schleudern. &bdquo;Halt, um Gottes willen,&ldquo; fiel der Freund
-ein und hielt ihn am Arme fest. &bdquo;Gib es doch lieber
-<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-mir, wenn es dir so lästig ist!&ldquo; Mein Vater sträubte
-sich anfangs, gab aber schließlich nach, und der lustige
-Kerl schleppte &mdash; höchst erfreut über diese Erwerbung &mdash;
-das Porträt mit sich fort.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater
-mit einem Male ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung
-des Porträts eine Last vom Herzen gefallen.
-Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid
-und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter.
-Er dachte lange über seine Tat nach, war in tiefster
-Seele betrübt und sagte mit innerem Gram zu sich selbst:
-&bdquo;Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war
-wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es
-war ja nur zu dem Zwecke geschaffen, um meinen Genossen
-zu vernichten. Ein teuflisches Gefühl des Neides
-hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein
-teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.&ldquo; Sofort
-suchte er seinen ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn
-stürmisch, bat ihn um Verzeihung und bemühte sich &mdash;
-soweit es ihm möglich war &mdash; seine Schuld wieder gut
-zu machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei
-der Arbeit wie ehedem, aber jetzt konnte man immer ein
-tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken. Er betete
-häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte
-sich nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst
-das herbe Äußere seines Wesens schien sich verloren zu
-haben. Bald darauf aber ereignete sich etwas, was ihn
-noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund, der sich
-das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer
-Zeit nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen,
-ihn zu besuchen, da erschien dieser selbst eines
-<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem beide ein paar
-gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund:
-&bdquo;Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das
-Porträt verbrennen wolltest! Mag es der Teufel holen;
-es hat etwas Schreckliches an sich! Ich glaube an keine
-Hexerei, aber man mag sagen, was man will! &mdash; ich
-glaube, der Böse sitzt darin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieso?&ldquo; fragte mein Vater.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es
-auf mir wie ein furchtbarer Druck ... als ob ich
-jemand ermorden wollte. Zeit meines Lebens wußte ich
-nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich nicht
-nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche
-Träume ... d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur
-Träume sind oder noch irgend etwas anders: wie wenn
-mich ein böser Geist erwürgen will ... und immer
-spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem
-Worte, ich kann dir meinen Zustand gar nicht schildern.
-Niemals ist mir so etwas passiert. Ich bin all diese
-Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ... Eine
-entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf
-etwas Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein
-fröhliches und aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien
-es mir, als würde ich beobachtet und bespitzelt. Erst
-nachdem ich das Porträt meinem Neffen geschenkt habe,
-der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir&rsquo;s, als wenn
-mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem
-Schlage wurde mir wieder froh zumute, so wie du mich
-hier vor dir siehst! Wahrhaftig, Freund, da hast du
-aber einen schönen Teufel geschaffen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit
-<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
-auf diese Erzählung und fragte schließlich: &bdquo;Und
-jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es
-ja auch nicht aus!&ldquo; versetzte der Spaßvogel. &bdquo;Des
-Wucherers eigene Seele scheint in dieses Porträt hinübergewandert
-zu sein. Er springt aus dem Rahmen,
-spaziert in dem Zimmer herum &mdash; und was mein Neffe
-sonst noch darüber erzählt, geht über jede Beschreibung.
-Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten, hätte ich
-nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt
-an irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser
-konnte es nicht aushalten und hat es seinerseits wieder
-einem andern aufgehalst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen
-Vater. Er versank in tiefes Grübeln, wurde melancholisch
-und gelangte endlich zur Überzeugung, daß sein Pinsel
-dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß das Leben
-des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt
-übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen
-beunruhige, ihnen dämonische Empfindungen einflöße,
-Künstler vom rechten Wege abbringe, häßliche Anwandlungen
-von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die
-sich unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod
-seiner Frau, seiner Tochter und seines kleinen Sohnes,
-erschütterten ihn aufs tiefste, er hielt sie für eine Strafe
-des Himmels und entschloß sich, aus dem weltlichen
-Leben zu scheiden.
-</p>
-
-<p>
-Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ
-er mich in die Kunstschule eintreten und zog sich selbst
-nach Erledigung seiner geschäftlichen Angelegenheiten in
-ein einsames Kloster zurück, wo er bald die Mönchskutte
-<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
-anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine
-asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung
-aller Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren
-hatte, daß er ein Maler sei, trug er ihm auf,
-für die Klosterkirche das Bild ihres Heiligen zu malen.
-Aber der fromme und demütige Bruder erklärte entschieden,
-daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen,
-weil er ihn entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst
-durch harte Arbeit und schwere Opfer reinigen müsse,
-um wieder würdig zu sein, eine solche Arbeit zu übernehmen.
-Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte
-es für seine Person &mdash; soweit dies möglich war &mdash; die
-strengen Satzungen des Klosterlebens noch zu verschärfen;
-schließlich genügte ihm jedoch auch dieses nicht mehr, es
-erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den Segen
-des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine
-völlige Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen
-eine Hütte, nährte sich nur von rohen Wurzeln,
-trug Steine von einer Stelle zur andern, stand von
-Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel
-erhobenen Armen da, murmelte beständig Gebete &mdash; mit
-einem Worte, er erlegte sich alle nur möglichen Geduldsproben
-und Prüfungen auf, für die man nur in den
-Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann.
-So peinigte er einige Jahre hindurch seinen Körper und
-stärkte ihn gleichzeitig mit Hilfe der belebenden Kraft
-des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages wieder in
-dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: &bdquo;Jetzt
-bin ich bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine
-Arbeit vollenden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die
-<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
-Geburt Jesu. Ein ganzes Jahr verbrachte er bei seiner
-Arbeit, ohne seine Zelle zu verlassen, wobei er sich nur
-notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben erhielt
-und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war,
-war das Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der
-Malerei geworden. Hier muß ich bemerken, daß weder
-die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei verstanden,
-aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit
-und Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut.
-Eine göttliche Demut und Milde in den Zügen der
-heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind beugt, ein
-tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das
-schon etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein
-feierliches Schweigen der von dem göttlichen Wunder
-überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien, und
-endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über
-dem ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer
-so harmonischen Kraft und Macht der Schönheit, daß
-der Eindruck ein geradezu zauberischer, magischer war.
-Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie,
-und der gerührte Prior sprach: &bdquo;Wahrlich! Es ist nicht
-möglich, daß ein Mensch nur mit Hilfe menschlicher
-Kunst ein solches Bild zu schaffen vermochte; eine höhere,
-heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des Himmels
-Segen ruhte auf deinem Werke!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der
-Akademie ab, ich erhielt die goldene Medaille und mit
-ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht auf eine Kunstreise
-nach Italien, den schönsten Traum eines zwanzigjährigen
-Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich
-von meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt
-<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
-lebte, zu verabschieden. Ich muß gestehen, daß
-sein Bild längst aus meiner Erinnerung geschwunden
-war. Ich hatte einiges über die Strenge und Heiligkeit
-seines Lebens gehört und bereitete mich schon im
-voraus darauf vor, das herbe Äußere eines durch das
-ewige Fasten und Wachen abgemagerten und vertrockneten
-Anachoreten zu erblicken, für den nichts auf der Welt
-existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war
-ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen
-Greise gegenüber befand! In seinem Gesichte
-spiegelte sich auch nicht die geringste Ermattung oder
-Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der Klarheit und
-Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer
-Bart und ganz dünne, fast ätherische Haare von der
-gleichen silbrigen Farbe bedeckten malerisch seine Brust
-und die Falten seiner schwarzen Kutte, und reichten bis
-zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand
-umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber,
-aus seinem Munde Gedanken und Worte über die Kunst
-zu vernehmen, die ich sicherlich noch lange in meiner
-Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig,
-daß ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,&ldquo; sagte er,
-während er mich segnete; &bdquo;dir steht ein Weg bevor, den
-du von nun an dein ganzes Leben hindurch beschreiten
-wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du
-hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes.
-Richte es also nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles
-was du siehst! Mache alles deinem Pinsel dienstbar!
-Doch strebe stets danach, in jedem Ding die innere Idee
-zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der
-<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
-Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte,
-der es enthüllt hat. Für ihn gibt&rsquo;s in der Natur kein
-gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen bleibt der
-wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im
-Großen. Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich,
-weil es von der herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet
-wird und einen hohen Ausdruck erhält, indem
-es durch das reinigende Feuer seines Geistes hindurchgeht.
-Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige
-himmlische Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde
-steht sie höher als alles andere. Und wie die feierliche
-Ruhe jede weltliche Erregung, wie das Schaffen
-die Zerstörung, wie der Engel &mdash; bloß durch die reine
-Unschuld seiner lichten Seele &mdash; all die unzählbaren
-Kräfte und stolzen Leidenschaften des Satans übertrifft,
-so steht erhaben über allem, was es auf der Welt gibt,
-das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum
-Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen
-Feuer deiner Seele, nicht mit der Inbrunst, die die
-irdische Wollust entfacht, sondern mit einer stillen
-himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht
-imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe
-wunderbare Harmonie zu erzeugen, die den Frieden in
-unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt zu dieser
-Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein
-edles Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher
-erregt es nie Unfrieden und Empörung in der Seele,
-sondern strebt ewig, gleich einem wundersam klingenden
-Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke,
-finstere Augenblicke ...&ldquo; Er hielt inne und ich sah,
-wie sich plötzlich sein klares Antlitz verdüsterte, als hätte
-<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-eine Wolke es beschattet. &bdquo;Ich hatte ein Erlebnis ...&ldquo;
-fuhr er fort, &bdquo;bis auf den heutigen Tag ist mir nicht
-klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt
-ich damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische
-Erscheinung. Ich weiß, die Welt leugnet die Existenz
-des Teufels, und daher will auch ich nicht über ihn
-sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur
-mit einem heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich
-arbeitete ohne jede Freude und Liebe an meinem Werk.
-Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich
-suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur
-treu zu bleiben. Das war kein Kunstwerk, das ich schuf,
-und daher sind auch die Empfindungen, die sich beim
-Anblick dieses Bildes aller Menschen bemächtigen, wild
-und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es erzeugt,
-und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der
-Künstler auch in der Wiedergabe der Leidenschaft die
-edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört, daß dieses Porträt
-von Hand zu Hand geht und überall quälende, peinigende
-Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides,
-des dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen
-Trieb zur Verfolgung und Unterdrückung entfache.
-Möge der Allerhöchste dich vor solchen Leidenschaften bewahren!
-Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist
-besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf
-sich zu nehmen, als einem andern auch nur das geringste
-Unrecht zuzufügen. Rette die Reinheit deiner Seele!
-Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß reiner
-und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles
-verziehen werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus
-in einem festlichen Gewande verläßt, braucht nur ein
-<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu bespritzen,
-und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen
-mit den Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit,
-während ein anderer von unten bis oben beschmutzt
-sein kann, ohne daß es die Menge bemerkt; er
-trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es
-eben nicht weiter auf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich.
-Niemals in meinem Leben fühlte ich mich so erhoben
-wie an diesem Tage. Mit tiefer Ehrfurcht und einem
-Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als einfache
-Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen
-und küßte seine herabhängenden, silberweißen Haare.
-</p>
-
-<p>
-Eine Träne glänzte in seinen Augen. &bdquo;Erfülle mir
-noch eine Bitte, lieber Sohn,&ldquo; sagte er beim Abschied
-zu mir. &bdquo;Vielleicht gelingt es dir einmal, das Porträt
-zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst
-es sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem
-unnatürlichen Ausdruck erkennen. Solltest du es finden,
-so gelobe mir, es zu vernichten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch
-möglich war, ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern.
-Ich schwur ihm hoch und heilig, seine Bitte zu erfüllen.
-Fünfzehn Jahre lang vermochte ich nicht, irgend etwas
-zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters auch
-nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser
-Auktion ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete
-sein Auge auf die Wand, um das Porträt noch einmal
-zu prüfen, und alle, die ihm mit Spannung zugehört
-hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen
-<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen
-Erstaunen war es plötzlich von der Wand verschwunden.
-Ein leises Gemurmel und Geflüster durchlief
-die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer das
-Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand
-gelungen, während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler
-lauschten, das Bild zu entwenden, und noch lange
-nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie diese
-merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es
-nur ein Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von
-der Betrachtung der alten Gemälde ermüdeten Augen
-getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu verschwinden.
-</p>
-
-<h2 class="appendix" id="part-4">
-<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-Anhang zum zweiten Teil
-</h2>
-
-<h3 class="appendix" id="chapter-4-1">
-<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-Varianten zum zweiten Teil der &bdquo;Toten Seelen&ldquo;.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der zweite Band der &bdquo;Toten Seelen&ldquo; wurde im
-Jahre 1840 begonnen, allein das Werk blieb Fragment.
-Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten Teiles hat
-sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines
-Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten
-Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn
-sauber ab. Es ist jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln
-er bestand. Von dieser Fassung haben sich vier Hefte
-erhalten. Noch im selben Jahre 1842 beginnt Gogol den
-ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten
-und entwirft in diesen Heften: &bdquo;ein Chaos, aus dem
-der Kosmos der &sbquo;Toten Seelen&lsquo; hervorgehen soll&ldquo;. Dies
-ist der Text, den wir unserer Ausgabe des zweiten Bandes
-zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser
-Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni
-und Juli 1845 vom Autor verbrannt. Wir führen in
-diesem Anhang die wichtigsten Varianten der ursprünglichen
-Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung
-zum vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen
-tieferen Einblick in die Idee und den Grundplan des
-ganzen Werkes, vorzüglich aber des unvollendeten
-zweiten Teiles zu vermitteln.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<em>Der Herausgeber.</em>
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-<a id="tv-1" href="#tva-1">1.</a> Wir haben unserem Text auch die <em>letzten</em> Verbesserungen
-und Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil
-über den Zeilen, zum Teil auf dem linken Rande der Seite
-nachgetragen waren. Das folgende Stück ist mehrfach verändert
-und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte
-nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten:
-</p>
-
-<p>
-Ob solche Charaktere <em>geboren</em> werden &mdash; oder
-<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-ob sie allmählich dazu werden, was sie sind &mdash; diese
-Frage läßt sich nicht beantworten. Wir wollen daher
-lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner Erziehung
-erzählen &mdash; und den Leser selbst urteilen lassen.
-Der Direktor der Schule, in welcher Tentennikow erzogen
-wurde, war ein ganz außerordentlicher Mann: Alexander
-Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen eines Menschen
-durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind,
-das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst
-zu ihm ging, um ihm alles zu beichten. Aber mehr
-noch. Wenn der kleine Wildfang ihn verließ, dann ließ
-er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging erhobenen
-Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß,
-wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte. In
-den Vorwürfen, die Alexander Petrowitsch seinen Schülern
-machte, lag etwas Ermutigendes und Kräftigendes:
-nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die
-die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur
-Reife bringt, und daher war er vor allem darauf bedacht,
-diesen Trieb zu erwecken. Alexander Petrowitsch
-sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen
-pflegte er zu sagen: &bdquo;Ich verlange Verstand und nichts
-anderes von meinen Schülern. Wer darnach strebt,
-seinen Verstand auszubilden, der denkt nicht an dumme
-Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.&ldquo; Man
-warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit
-und erlaube ihnen, sich über die weniger Begabten
-lustig zu machen und sie sogar zu kränken. Hierauf
-pflegte er zu entgegnen: &bdquo;Was soll ich machen? Ich
-habe nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich
-will, daß alle es sehen sollen.&ldquo; Er hielt es auch für
-notwendig, vor allem ....
-</p>
-
-<p>
-<a id="tv-2" href="#tva-2">2.</a> In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die
-1867 unter der Redaktion von Th. W. Tschishow erschienen
-ist, hat diese Stelle folgenden Wortlaut: &bdquo;Dieser
-wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den
-Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz
-<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-erfülltes Herz pochte noch lange bei dem Gedanken,
-daß er zu den Auserwählten gehören werde, die den
-zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat
-mit sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen
-so weit überholt, daß er als einer der Tüchtigsten in die
-oberste Klasse versetzt wurde. Er selbst wollte kaum an
-dies große Glück glauben.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-3" href="#tva-3">3.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-Als er klein war, war er ein gescheiter und
-begabter Knabe gewesen, bald lebhaft und ausgelassen,
-bald träumerisch und nachdenklich. War es ein glücklicher
-oder unglücklicher Zufall &mdash; genug er kam in eine
-Schule, deren Direktor trotz einiger Schwächen und
-Eigenheiten, ein in seiner Art ungewöhnlicher Mensch
-war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das
-Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig
-herauszufühlen und zu erkennen; und er wußte, welche
-Sprache man mit ihnen sprechen muß. Nie ließ ein
-Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging;
-im Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis
-erhalten hatte, fühlte es sich gestärkt und ermutigt und
-von dem glühenden Wunsche beseelt, seinen Fehler oder
-sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der
-Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig
-und mutwillig, sodaß man sie für ein ungezügeltes
-Korps von Freischärlern hätte halten können; aber das
-wäre eine Täuschung gewesen; die Macht <em>eines</em> Menschen
-hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen
-Schelm oder Wildfang, der nicht selbst zum Direktor
-gekommen wäre, um ihm all seine Streiche und Untaten
-zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele
-waren ihm bekannt und vertraut. Sein Tun und
-Lassen war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Er erklärte,
-man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl
-wecken &mdash; er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den
-Menschen vorwärtstreibt &mdash;, ohne diesen Trieb zu entbinden,
-<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
-sei es unmöglich, einen Menschen zur Tätigkeit zu
-spornen. Manche Unarten und Streiche ließ er den Kindern
-hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu unterdrücken:
-in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah
-er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen.
-Er bedurfte dessen, um zu erforschen, was im Kinde
-verborgen lag. So beobachtet ein kluger Arzt ruhig die
-vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag,
-der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft
-sie nicht, sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam,
-um um so sicherer zu erkennen, was in des Menschen
-Innern vorgeht.
-</p>
-
-<p>
-Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den
-meisten Fächern unterrichtete er selbst, und man muß
-gestehen, er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige
-Terminologie, ohne jene großartigen Anschauungen
-und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat
-zu machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer
-Wissenschaft in wenigen Worten wiederzugeben, so daß
-auch die ungereiften Geister es sofort begriffen, warum
-sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete, das was
-der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des
-Lebens; wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann
-werde er schon selbst begreifen und einsehen, womit er
-sich in erster Linie beschäftigen müsse.
-</p>
-
-<p>
-Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines
-besonderen Lehrfaches erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten
-teilnehmen durften. Die Unbegabten entließ
-er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf
-sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich
-der Ansicht, daß man sie nicht zuviel quälen und plagen
-dürfe; es sei schon genug, wenn man geduldige und
-fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen gegebenen
-Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen,
-und sich ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu
-weiten Horizont in ihrer Sphäre bewegen könnten.
-&bdquo;Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir
-<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
-viel Mühe geben,&ldquo; pflegte er oft zu sagen. Und hier,
-beim Unterricht dieses Gegenstandes wurde Alexander
-Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er erklärte
-schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von
-seinen Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand
-gefordert, nun aber werde er von ihnen einen höheren
-Verstand verlangen &mdash; nicht jene Art von Verstand,
-die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder
-lächerlich zu machen, sondern jene, die es über sich zu
-gewinnen vermag, jegliche Beleidigung zu ertragen, dem
-Toren zu vergeben und sich stets zu beherrschen. Hier
-erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre
-schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine
-höhere Art von Verstand nannte: In jeder Lebenslage in
-Schmerz, Bitternis und Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren,
-&mdash; die das dauernde Besitztum jedes Menschen sein
-sollte &mdash; das war es, was er Verstand nannte. Aber
-Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch,
-daß er die Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von
-allen Wissenschaften wählte er nur die aus, welche geeignet
-waren, aus dem Menschen einen tüchtigen Bürger seines
-Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand
-darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den
-Menschen in allen Berufsarten und auf allen Stufen
-des Staatsdienstes und privater Betätigung erwarte.
-Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle Hindernisse,
-die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben,
-alle Verführungen und Versuchungen, die ihm
-bevorstehen, führte er ihnen nackt und ungeschminkt vor
-Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen. Nichts war
-ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter
-kennen gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft,
-wie er sie den Schülern ausmalte, war keineswegs rosig.
-Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so
-stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen
-Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das
-dem Jüngling ein beständiges &bdquo;Vorwärts&ldquo; zuzurufen
-<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
-schien &mdash; dieses herrliche Wort, welches im russischen
-Volke solche Wunder wirkt, &mdash; genug, die jungen Leute
-fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse
-aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da
-tätig und wirksam zu zeigen, wo es ein Hindernis zu
-überwinden, wo es galt, einen hohen Mut und Seelenstärke
-an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes
-und Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch
-stellte allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen
-an, und sorgte dafür, daß ihnen bald durch sie selbst, bald
-seitens ihrer eigenen Kameraden schwere Kränkungen widerfuhren;
-als sie es aber merkten, wurden sie noch vorsichtiger.
-Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr
-bedeutend. Die wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig
-absolvierten, waren abgehärtete Männer geworden,
-die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden hatten.
-Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten
-Posten zu halten, während viele, die weit klüger waren,
-als sie, es nicht lange aushielten, wegen kleiner persönlicher
-Unannehmlichkeiten den Dienst quittierten oder,
-ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern
-und Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge
-des Alexander Petrowitsch nicht nur fest auf
-ihren Posten, sondern verstanden es auch, gereift durch
-Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen
-Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen
-auszuüben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="tv-4" href="#tva-4">4.</a> In dem von Tschishow herausgegebenen Text
-der &bdquo;Toten Seelen&ldquo; findet sich folgende Variante dieser
-Stelle:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser
-Fjodor Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger
-Mann, der jedoch eine ganz andre Ansicht vertrat als
-jener. In dem freien Sichgehenlassen der Kinder der
-oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und
-Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei
-äußere Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte,
-<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
-daß die jungen Leute während der Stunde die äußerste
-Stille bewahren und niemals anders als paarweise
-spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz
-zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen.
-Die Schüler mußten, des schöneren Anblicks wegen,
-nach der Größe und nicht nach ihren Fähigkeiten auf
-den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen
-die fettesten Bissen erhielten und &mdash; die Klugen sich
-mit den Knochen begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit,
-und alles murrte laut, als der neue
-Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger
-erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung
-und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften
-lege, vor allem auf ein gutes Betragen sehe, und
-daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes
-Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel
-vorziehe. Aber gerade das, wonach er so eifrig strebte,
-sollte Fjodor Iwanowitsch nicht erreichen.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-5" href="#tva-5">5.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel.
-Das ganze Gut hatte von der Ankunft erfahren
-und sich vor der Freitreppe des herrschaftlichen Hauses
-versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur möglichen
-Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige,
-rote, blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die
-Bauern schrieen aus voller Kehle: &bdquo;Bist du endlich da
-Väterchen? Wir haben so lange auf dich gewartet!&ldquo;
-Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei,
-weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen
-wollte. Ein altes, welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete
-Birne aussah, wand sich zwischen den Beinen
-der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände
-zusammen und quiekte: &bdquo;Du mein liebes Rotznäschen!
-Nein, wie mager du bist. Die verfluchten Deutschen
-haben dich, scheint&rsquo;s, halbtot gequält!&ldquo; &mdash; &bdquo;Fort mit
-dir, Alte!&ldquo; riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und
-<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
-Spitzbärtigen zu: &bdquo;drängt sich da vor, das krumme Gestell!&ldquo;
-Einer von ihnen ließ hier noch ein Wörtchen
-folgen, bei dem nur ein russischer Bauer sich das Lachen
-verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus und
-lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die
-tiefste Seele. &bdquo;So viel Liebe! Und wofür nur?&ldquo; dachte
-er. &bdquo;Dafür, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie
-gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch das
-Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu
-teilen! Ich will all meine Kräfte anspannen und euch
-helfen, das zu werden, was ihr sein solltet, wozu euch
-eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat,
-&mdash; eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein,
-ich will euer wahrhafter Vater werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung
-und Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort,
-daß sein Verwalter wirklich ein altes Weib und ein
-Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines Verwalters;
-d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über
-Hühner und Eier, über Hanf und Leinwand, welche
-von den Bauernfrauen geliefert wurden, aber er hatte
-keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat, und zu
-alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor
-jedem Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem
-Leben. Tentennikow jagte den dummen Verwalter davon
-und nahm sich einen andern, einen energischen, forschen
-Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge hinweg
-und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er
-setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ
-den Bauern mehr Zeit, für sich selbst zu arbeiten, und
-glaubte, nun würde alles ganz vortrefflich weitergehen.
-Er interessierte sich für alles, erschien selbst auf den
-Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den
-Mühlen, am Landungsplatz und war beim Laden und
-bei der Abfertigung der Barken und Kähne zugegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, der ist schnellfüßig!&ldquo; sagten die Bauern
-und kratzten sich hinter den Ohren, denn sie waren bei
-<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
-dem langen Weiberregiment des früheren Verwalters
-allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber
-das dauerte nicht lange.
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-6" href="#tva-6">6.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches
-im Traume und dann träumt er sein ganzes
-Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm für alle
-Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr
-Name war Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung
-genossen. Sie war von einer englischen Gouvernante
-erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand.
-Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater
-hatte keine Zeit, sich viel um sie zu kümmern. Übrigens
-konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter
-nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte. Es
-ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben.
-Sie hatte etwas Lebendiges wie das Leben selbst. Sie
-war eigentlich mehr lieblich als schön und gütig als klug;
-sie war schlanker und ätherischer als ein klassisches
-Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können,
-welches Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn
-man hätte nicht so leicht ein ähnliches Profil und ähnliche
-Gesichtszüge finden können, es sei denn auf antiken
-Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war,
-war alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn
-jemand gesehen hätte, wie ein plötzlicher Zorn strenge
-Falten in ihre herrliche Stirne grub, und wie sie sich
-leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben
-können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt.
-Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie davon hörte,
-daß ein anderer ungerecht oder grausam behandelt worden
-war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn verschwunden,
-wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück
-gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel
-zugeworfen, ohne darüber nachzudenken, ob dies
-klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr Kleid in Stücke
-<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
-gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet
-gewesen wäre.
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-7" href="#tva-7">7.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O nein, Exzellenz,&ldquo; fiel hier Tschitschikow ein,
-indem er sich an Ulinka wandte. &bdquo;Als Christen müssen
-wir gerade solche Menschen lieben.&ldquo; Und er fuhr gleich
-darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General
-gewendet fort: &bdquo;Kennen Sie vielleicht die Geschichte,
-Exzellenz: Lieb&rsquo; uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir
-weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich kenne sie nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,&ldquo; sprach
-Tschitschikow noch immer verschmitzt lächelnd. &bdquo;Auf dem
-Gute des Fürsten Guksowski, den Eure Exzellenz sicherlich
-kennen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich habe nicht das Vergnügen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher,
-Exzellenz. Eines Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung
-usw. nach der Stadt fahren. Natürlich
-mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens
-gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr
-freundlich auf. Einmal war er bei ihnen zum Mittag
-eingeladen, und da sagte er denn unter anderem: &sbquo;Nun,
-meine Herren? Wollen Sie <em>mir</em> nicht auch einmal die
-Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?&lsquo;
-&sbquo;Gern&lsquo;, sagen sie. &sbquo;Wir kommen&lsquo;. Kurze Zeit
-darauf hatte das Gericht auf einem der Güter des
-Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure
-Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich habe nicht die Ehre.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt,
-dafür aber kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten
-gräflichen Ökonomen ein, und da wurden dann drei
-Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten gespielt.
-Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich
-überhaupt nicht abgetragen. Bald war es dem Alten
-<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
-indessen zu viel, und, um sie los zu werden, sagte er zu
-ihnen: &sbquo;Warum sucht ihr denn nicht diesen Deutschen,
-den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht
-weit von hier.&lsquo; &mdash; &sbquo;Ei, das ist eine Idee,&lsquo; schreien sie,
-setzen sich halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie
-sie sind in ihre Wagen, und fort geht es zu dem
-Deutschen. &mdash; Dieser aber hatte sich gerade verheiratet,
-Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem
-Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch
-auszudrücken). Sie saßen gerade zusammen beim Tee
-und dachten an nichts Schlimmes &mdash; da öffnet sich plötzlich
-die Tür &mdash; und die ganze Gesellschaft stürmt herein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann mir die Situation denken &mdash; die sind mir
-aber auch gut!&ldquo; bemerkte der General.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: &sbquo;Was
-wünschen Sie?&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;He!&lsquo; rufen sie. &sbquo;Bist du so einer?&lsquo; Und bei
-diesen Worten veränderten sich plötzlich ihre Gesichter
-und ihre Mienen. &sbquo;Wir kommen in einer offiziellen
-Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem
-Gute! Her mit den Kassenbüchern!&lsquo; Der versucht Einwände
-zu machen. &sbquo;Hollah. Wo sind die Zeugen!&lsquo;
-Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die
-Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr
-in der Untersuchungshaft schmachten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schöne Geschichte!&ldquo; sagte der General.
-</p>
-
-<p>
-Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,&ldquo;
-fuhr Tschitschikow fort. &bdquo;Aber was kann eine junge,
-unerfahrene Frau ausrichten? Noch gut, daß sich ein
-paar brave Leute fanden, die ihr den Rat gaben, die
-Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu
-schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend
-Rubeln und einem Mittagessen davon. Während dieses
-Mittagessens nun, als alle bereits ein wenig angeheitert
-waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm:
-&sbquo;Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln?
-<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
-Du wolltest uns durchaus geschniegelt und gebügelt,
-rasiert und im Frack vor dir sehen: Nein Verehrtester,
-lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und
-sauber sind, wird uns jeder lieb haben.&lsquo;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!&ldquo;
-sagte sie schnell, und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche
-Stirn ... &bdquo;So eine gemeine Handlung, für die
-man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,&ldquo; sagte
-der General, &bdquo;aber was soll ich machen, wenn ich es
-so lächerlich finde. Wie sagten Sie gleich: Liebe uns
-so weiß wie ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So schwarz ... Exzellenz,&ldquo; verbesserte <a id="corr-139"></a>ihn Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß
-sind, wird uns jeder lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...&ldquo;
-Und der ganze Körper des Generals schüttelte sich vor
-Lachen. Die Schultern, welche einstmals Achselklappen getragen
-hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit
-Achselklappen geschmückt wären.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte
-sein Gelächter jedoch aus Achtung vor dem General
-mehr auf den Laut e ab: &bdquo;he, he, he, he.&ldquo; Und sein
-Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln,
-nur seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine
-dicken Achselklappen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen
-haben!&ldquo; rief der General aus und fuhr fort zu
-lachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne
-Schlaf &mdash; &mdash; das ist so gut wie gefastet: sie sahen
-sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!&ldquo; sagte
-Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen.
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-8" href="#tva-8">8.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu
-<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
-diesem Zwecke. Ich besitze keine großartigen Prachtbauten
-mit Säulen und Giebeln, ich verschreibe mir keine Meister
-und Handwerker aus dem Auslande, vor allem aber
-würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit:
-der Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird
-nur während einer Hungersnot gearbeitet, und auch
-dann beschäftige ich nur zugewanderte Arbeiter, die sich
-damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine
-ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann
-sollte sich erst einmal genauer auf seinem Gute umsehen,
-dann würde er bemerken, daß sich jeder Lappen noch
-zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem
-Plunder noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß
-man ihn schließlich sogar wegwirft und sagt: &bdquo;Fort
-damit! Ich brauche dich nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist wirklich erstaunlich!&ldquo; sagte Tschitschikow
-ganz ergriffen. &bdquo;Im höchsten Grade erstaunlich! Das
-wunderbarste aber ist, daß jeglicher Plunder noch Gewinn
-bringen kann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! Das ist es nicht allein!&ldquo; Skudronshoglo
-schloß seine Rede nicht: die Galle hatte sich in ihm angesammelt,
-und er mußte seinen Zorn an seinen Gutsnachbarn
-auslassen. &bdquo;Da ist noch so ein gescheiter Kopf!
-&mdash; Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude
-errichtet hat. Ein Asyl für Arme; einen steinernen
-Palast &mdash; auf dem Lande! Ein christliches Werk! Wenn
-der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit
-erweisen will, dann mag er doch dem Bauern helfen,
-seine Schuldigkeit zu tun und ihn nicht daran hindern,
-seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen. Hilf dem
-Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht
-zu, daß er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm
-dazu, daß er seinen Bruder und seinen Nächsten bei
-sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel
-dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich
-nicht von ihm zurück, sonst wird er seine christlichen
-Pflichten vollkommen vergessen. Wohin man blickt,
-<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
-lauter Don Quixotes! <em>Zweihundert Rubel</em> jährlich
-kommt <em>ein</em> Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit
-diesem Gelde will ich auf meinem Gute ganze <em>zehn</em>
-Menschen ernähren!&ldquo; Skudronshoglo war sehr zornig
-und spie vor Wut aus.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus:
-er wollte durchaus die Rede darauf bringen, daß
-jeder Plunder Gewinn bringen kann. Aber Skudronshoglo
-war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm,
-und seine Rede strömte unaufhaltsam fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann gibt es da noch einen andern Don
-Quixote: einen Don Quixote der Aufklärung! Der baut
-überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas Nützlicheres
-für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und
-Schrift? Was aber macht <em>er</em>? Jetzt kommen die
-Bauern aus den Dörfern und klagen mir: &sbquo;Was sind
-denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne
-sind ganz aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht
-mehr bei der Arbeit helfen, wollen alle Schreiber werden
-&mdash; man braucht aber doch gar nicht so viele Schreiber &mdash;
-einer ist schon genug!&lsquo; So weit ist es also schon gekommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die
-Schulen, jedoch Platonow griff diese Frage auf und
-bemerkte: &bdquo;Dabei kann man aber doch nicht stehen
-bleiben, daß wir <em>jetzt</em> keine Schreiber brauchen. Wir
-müssen auch an unsere Nachkommen denken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln!
-Was wollt Ihr nur mit Euren Nachkommen! Alle
-Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der Große.
-Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht,
-und denkt nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt
-lieber dafür, daß Eure Bauern wohlhabend und reich
-werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu lernen,
-wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem
-Stocke in der Hand vor sie hin und schreit sie nicht
-an: &sbquo;Du mußt in die Schule gehen, ob du willst oder
-<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
-nicht!&lsquo; Weiß der Teufel, womit die Leute heutzutage
-anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie
-auf, selbst zu urteilen.&ldquo; Hier rückte Skudronshoglo
-näher an Tschitschikow heran und nahm ihn sozusagen
-gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in die Sache
-einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines
-Frackes: &bdquo;Sagen Sie, was kann klarer sein? Die
-Bauern sind doch dazu da, damit Sie sie in ihrem
-Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin aber
-besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der
-Bauern? Doch wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft?
-Nun, so sorgen Sie auch dafür, daß er ein tüchtiger
-Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da
-finden sich gescheite Köpfe, die erklären: &sbquo;Aus diesem
-Zustande muß er herausgeführt werden. Sein Leben ist
-zu primitiv und einfach: er soll auch etwas von dem
-Luxus kosten.&lsquo; Daß ihr selbst infolge dieses Luxus
-lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und,
-weiß der Teufel, an was für neuen Krankheiten leidet,
-und daß es bald keinen achtzehnjährigen Bengel mehr
-geben wird, der nicht schon von allem gekostet hat &mdash;
-der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem
-Kopfe hat, &mdash; daran denkt ihr nicht und wollt auch
-noch andre Leute anstecken! Gott sei Dank, daß wir
-wenigstens noch einen gesunden Stand besitzen, der noch
-nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten
-wir Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt
-achte ich weit höher als einen andern Menschen. Gott
-gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten,
-Landwirt zu werden?&ldquo; fragte Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter
-und nicht vorteilhafter. Im Schweiße deines Angesichts
-sollst du dein Brot erwerben &mdash; das ward uns allen
-gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange
-Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die
-Sitten verbessert und veredelt. Wo der Ackerbau die
-<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
-Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildet, da herrscht
-Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und
-keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist
-dem Menschen gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite ..
-da gibt es nichts zu klügeln! Ich sage zum Bauern:
-&sbquo;Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für mich,
-für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist,
-daß du arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster
-Gehilfe. Hast du kein Vieh, nun wohl &mdash; da ist ein
-Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, dir alles
-zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre
-es der Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete
-und wenn ich Armut und Mißwirtschaft um mich sehe.
-Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, damit
-du arbeitest.&lsquo; Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte
-durch Fabriken und industrielle Unternehmungen
-vermehren! Denken Sie doch lieber erst daran, daß jeder
-Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden Sie ganz
-von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all
-diese dummen Erfindungen.&ldquo; ...
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-9" href="#tva-9">9.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ein Esel!&ldquo; dachte Tschitschikow. &bdquo;Solch eine
-Tante würde ich hegen und pflegen, wie eine Amme
-ihr Kind.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht
-trocken!&ldquo; sagte Chlobujew. &bdquo;He, Kirjuschka! Bring
-schnell noch eine Flasche Champagner.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,&ldquo; fiel hier
-Platonow ein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich auch nicht,&ldquo; sagte Tschitschikow, und beide
-weigerten sich kategorisch, weiter zu trinken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie
-mich in der Stadt besuchen werden. Am 8. Juni gebe
-ich ein kleines Diner für die Honoratioren der Stadt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie!&ldquo; rief Platonow aus. &bdquo;Jetzt, wo Sie so gut
-wie ruiniert sind, geben Sie Diners?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
-&bdquo;Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das
-ist halt meine Pflicht,&ldquo; versetzte Chlobujew. &bdquo;Sie haben
-mich doch auch eingeladen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="tv-10" href="#tva-10">10.</a> Vor diesem Worte sind in der vorliegenden
-Fassung zwei Seiten herausgeschnitten. Wir führen hier
-die entsprechende Stelle aus der andern Fassung an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat
-nicht genug Land, und da hat er sich eben ein fremdes
-Stück Brachland angeeignet, d. h. er rechnete darauf,
-daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht
-drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich
-schon seit vielen Jahren die Bauern gerade an dieser
-Stelle, um dort Johannisnacht zu feiern. Daher bin
-ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar besseres
-Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist
-mir heilig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes
-Stück Land abgeben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren
-wäre, aber ich glaube, er will die Gerichte anrufen.
-Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den Prozeß
-gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen
-klar, aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die
-noch am Leben sind, und sich sehr gut erinnern, wem
-das Land gehört hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm!&ldquo; dachte Tschitschikow. &bdquo;Wie ich sehe, seid ihr
-alle beide raffinierte Kerls.&ldquo; Und er fügte laut hinzu:
-&bdquo;Mir scheint, diese Sache läßt sich friedlich beilegen.
-Alles hängt davon ab, ob sich jemand findet, der zwischen
-Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die
-folgenden zwei Seiten sind verloren gegangen. In der
-ersten Ausgabe des zweiten Bandes der &bdquo;Toten Seelen&ldquo;
-hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser
-Stelle gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in
-der wahrscheinlich erzählt wird, wie Tschitschikow zum
-Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
-&bdquo;... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft
-wäre z. B. alle toten Seelen auf meinen Namen zu
-übertragen, d. h. ich meine alle die toten Bauern auf
-Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen.
-Dann könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen.
-Um aber kein Ärgernis zu geben, könnten wir <span class="antiqua">pro
-forma</span> einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so, als
-ob sie noch am Leben wären.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da haben wir&rsquo;s!&ldquo; dachte Lenitzyn: &bdquo;das ist aber
-eine höchst merkwürdige Geschichte.&ldquo; Er schob
-sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er befand
-sich in der höchsten Verlegenheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie
-hierüber mit mir einverstanden sein werden,&ldquo; fuhr Tschitschikow
-fort, &bdquo;denn das ist eine ganz ähnliche Sache,
-wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie bleibt
-natürlich ganz unter uns &mdash; wir sind doch gesetzte und
-vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis
-geben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer
-äußerst peinlichen Situation. Er hatte durchaus nicht
-voraussehen können, daß die von ihm noch vor wenigen
-Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat umgesetzt
-werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen
-unerwartet. Selbstverständlich konnte für niemand
-etwas Schädliches daraus entstehen: jeder Gutsbesitzer
-hätte, wenn es darauf angekommen wäre, ebensogut
-Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie
-auf die lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei
-Verluste daraus entstehen; der ganze Unterschied bestand
-bloß darin, daß sie jetzt in <em>einer</em> Hand vereinigt sein
-würden, während sie sich im andern Falle in vielen
-befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken.
-Er war ein Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt
-und ein Geschäftsmann im guten Sinne war. Er hätte
-sich nie bestechen lassen und für Geld eine schlechte Sache
-vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er
-<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
-wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie
-er ihn bezeichnen sollte: handelte es sich hier um ein
-sauberes oder um ein unsauberes Geschäft? Hätte sich
-ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn gewandt,
-dann hätte er sagen können: &bdquo;Ach Unsinn, das sind
-Torheiten! Ich will doch nicht mehr Puppen spielen
-und alberne Streiche machen!&ldquo; Aber der Gast gefiel
-ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele Berührungspunkte
-in bezug auf ihre Anschauungen über
-die Fortschritte der Aufklärung und der Wissenschaften,
-wie konnte er ihm da etwas abschlagen? Lenitzyn befand
-sich in einer überaus verzwickten Lage.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge
-Gattin Lenitzyns ins Zimmer, wie um ihn aus dieser
-verzweifelten Situation zu erlösen. Sie war bleich und
-mager wie alle Petersburger Damen und ebenso geschmackvoll
-gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme
-auf dem Fuße, die ein Kind auf den Armen trug, die
-jüngste Frucht der jungen Ehe. Tschitschikow ging natürlich
-sofort auf die Dame zu und begrüßte sie aufs
-liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon
-die Geste mit der er ihr entgegentrat und dabei den
-Kopf anmutig auf die Seite neigte, genügte vollkommen,
-um sie ganz für sich einzunehmen. Dann
-eilte er auf das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick
-laut zu schreien begann, sich aber sehr schnell
-wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar freundliche
-Worte sagte, ihm A&mdash;u, A&mdash;u zurief, mit den Fingern
-schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft
-zeigte. Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich
-von Tschitschikow ruhig auf die Hände nehmen und
-hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann sogar
-fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich
-erfreute.
-</p>
-
-<p>
-Aber war es nun das Vergnügen, welches das
-Kindchen verspürte, oder etwas andres, genug es passierte
-ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. Frau Lenitzyn
-<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
-schrie laut auf: &bdquo;Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen
-noch den ganzen Frack verderben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines
-neuen Frackes und war aufs höchste erschrocken. Der
-ganze Ärmel war hin: &bdquo;Wenn dich doch der Teufel
-holte, verdammter Schelm!&ldquo; murmelte er ärgerlich vor
-sich in.
-</p>
-
-<p>
-Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten
-schleunigst davon, um kölnisches Wasser zu holen;
-hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn zu und
-begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das macht nichts, das macht wirklich nichts,&ldquo;
-sagte Tschitschikow: &bdquo;Was kann einem denn ein unschuldiges
-Kind antun?&ldquo; Zugleich aber dachte er sich:
-&bdquo;Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel!
-Ein goldenes Alter!&ldquo; bemerkte er, als er endlich ganz
-trocken war, und ein freundliches Lächeln erhellte aufs
-neue seine Züge.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tatsächlich,&ldquo; versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls
-mit einem freundlichen Lächeln an Tschitschikow
-wandte, &bdquo;was gibt es Schöneres als das Kindesalter.
-Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die
-Zukunft ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,&ldquo;
-entgegnete Tschitschikow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sofort!&ldquo; sagte Lenitzyn.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn
-man ihnen im Ernst einen solchen Tausch angeboten
-hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es ist
-doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme
-auf dem Arme zu sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren.
-</p>
-
-<p>
-Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten
-sich entfernt, denn auch der Kleine bedurfte einer gründlichen
-Reinigung: er hatte nicht nur Tschitschikow beglückt,
-sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche
-Vorfall den Hausherrn noch mehr für Tschitschikow
-<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
-ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so angenehmen
-und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der
-so freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und
-seine Güte noch dazu so großmütig mit seinem Frack
-bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich: &bdquo;Warum
-sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er
-es doch so sehr wünscht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-11" href="#tva-11">11.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem
-persischen mit Gold bordierten Schlafrock auf dem Sofa
-und verhandelte mit einem vorüberreisenden Schmuggler
-jüdischer Abstammung, der das Russische mit einem
-deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste
-holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte,
-um sich neue Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln
-mit Seife von allererster Qualität (es war
-dieselbe Seife, die er sich ehemals während seines Dienstes
-im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die
-tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu
-unerhörte Reinheit und Zartheit zu verleihen). Während
-nun Tschitschikow mit Kennerblick all diese für jeden
-gebildeten Menschen so überaus notwendigen Gegenstände
-einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines heranrollenden
-Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und
-gleich darauf betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch
-Lenitzyn das Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und
-zu dieser Seife, und wie gefällt Ihnen dies Ding hier,
-das ich mir gestern angeschafft habe?&ldquo; Mit diesen
-Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen
-verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast
-mit einem Anstand und einer Würde, die der des persischen
-Schahs nicht viel nachgegeben hätte.
-</p>
-
-<p>
-Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit
-sprechen.&ldquo; Man sah es ihm an, daß er sehr erregt war.
-<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
-Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen Akzent
-wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben
-allein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte!
-Es hat sich noch ein zweites Testament gefunden, das
-die alte Dame vor fünf Jahren gemacht hat. Darin
-verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster und
-die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist
-alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow war ganz erschrocken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch
-nichts zu bedeuten; es hat durch das zweite seine Rechtskraft
-verloren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es steht aber im zweiten Testament nichts davon
-drin, daß das erste dadurch annulliert wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt
-alle vorhergehenden um. Das bedeutet nichts! Das
-erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich kenne den
-Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen,
-als es aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben,
-wer waren die Zeugen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert.
-Als Zeugen fungierten die Assessoren a. D. Burmilow
-und Chawanow.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist schlimm, sehr schlimm!&ldquo; dachte Tschitschikow.
-&bdquo;Dieser Chawanow soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow
-ist ein alter Tartüffe, der liest Sonntags in der
-Kirche aus der Bibel vor. &mdash; Ach was, Unsinn, Unsinn,&ldquo;
-fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und
-entschlossen. &bdquo;Das weiß ich besser: ich war zugegen,
-als die Alte starb. Ich muß das doch besser wissen
-als andre Leute. Ich bin bereit, die Sache zu beschwören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten
-Lenitzyn ein wenig.
-</p>
-
-<p>
-Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob
-Tschitschikow nicht am Ende das Testament gefälscht
-<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
-haben könnte (er hätte es sich freilich nicht einmal vorstellen
-können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie
-sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe
-wegen seines Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit,
-alles zu beschwören, war ein offenkundiger Beweis, daß
-er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel Iwanowitsch
-wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen,
-jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und
-begab sich zu seinem Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt
-war ein außerordentlich geschickter und erfahrener Mann.
-Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im Anklagezustand,
-aber er verstand es, seine Maßregeln so gut
-zu treffen, daß es unmöglich war, ihn seines Amtes
-zu entsetzen. Jedermann wußte, daß er es für seine
-Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die Strafkolonien
-verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten
-Dinge verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende
-Beweise gegen ihn aufzubringen. Der Mann war tatsächlich
-mit einem geheimnisvollen Schimmer umgeben,
-man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn
-unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt
-hätte.
-</p>
-
-<p>
-Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen
-fettigen Schlafrock in Erstaunen, der in einem krassen
-Gegensatz zu den schönen Mahagonimöbeln, der goldenen,
-mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr, dem Armleuchter,
-der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und
-zu der ganzen Umgebung stand, denn diese trug
-den deutlichen Stempel einer weltmännischen europäischen
-Bildung.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen
-Blick des Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung
-bringen, sondern klärte ihn über die schwierige Sachlage
-auf und ließ die verlockende Aussicht auf seinen
-Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten
-Rat und Beistand vor ihm erstehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
-Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit
-aller irdischen Dinge und Güter an und deutete
-Tschitschikow gegenüber in zarter Weise an, daß eine
-Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein Sperling in
-der Hand ihm lieber sei.
-</p>
-
-<p>
-Was war da zu machen? Man mußte ihm schon
-den Sperling in die Hand drücken. Die skeptische
-Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und es
-stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der
-Welt und ein äußerst angenehmer Gesellschafter war,
-der selbst Tschitschikow, was die Schönheit und weltmännische
-Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte,
-wenig nachgab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände &mdash;
-Sie haben sich wohl das Testament gar nicht ordentlich
-angesehn; es wird sicher noch irgend eine Bemerkung
-oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber
-für einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten,
-solche Objekte mit sich nach Hause zu nehmen, aber
-wenn man die Beamten ordentlich darum angeht ...
-Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß
-aufbieten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe,&ldquo; dachte Tschitschikow und versetzte:
-&bdquo;In der Tat, ich kann mich nicht mehr genau darauf
-besinnen, ob es nicht doch eine Notiz enthielt &mdash; es ist
-fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst aufgesetzt
-hätte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens
-können Sie ganz ruhig sein,&ldquo; fuhr er gutmütig fort.
-&bdquo;Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen, selbst wenn
-es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals,
-es gibt keine solche Sache, die sich nicht wieder gut
-machen ließe. Sehen Sie doch mich an. Ich bin
-immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen
-mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.&ldquo;
-Und in der Tat, das Gesicht unseres Philosophen ließ
-<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
-nicht die geringste Bewegung erkennen, so daß Tschitschikow
-lange ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich ist das das wichtigste,&ldquo; versetzte er. &bdquo;Aber
-Sie werden mir doch zugestehen, daß es Verhältnisse
-geben kann, Gefahren und Nachstellungen seitens der
-Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man darüber seine
-Geistesgegenwart verlieren muß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,&ldquo; entgegnete
-der Philosoph sehr ruhig und freundlich. &bdquo;Achten
-Sie vor allem darauf, daß die Sache auf dem Aktenwege
-erledigt wird, und daß es keine mündlichen Auseinandersetzungen
-gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß
-es zum Klappen kommt, und daß die Entscheidung
-herannaht, &mdash; dann dürfen Sie sich nicht etwa rechtfertigen
-oder verteidigen, sondern Sie müssen einfach
-mit neuen Tatsachen herausrücken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man muß also ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Sache möglichst verwickeln &mdash; das ist alles,&ldquo;
-versetzte der Philosoph, &bdquo;sie mit neuen, nicht zur Sache
-gehörigen Details komplizieren, die auch noch andre
-Leute in die Affäre hineinziehen. Man muß die Fäden
-durcheinander wirren &mdash; das ist das ganze Geheimnis.
-Mögen doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie
-damit fertig werden!&ldquo; wiederholte er, indem er Tschitschikow
-sehr vergnügt ansah, so wie ein Lehrer seinen
-Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel
-aus der russischen Grammatik erklärt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet,
-mit denen man die Augen anderer Leute umnebeln
-kann!&ldquo; sagte Tschitschikow, indem er den Philosophen
-gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler,
-der die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm
-sein Lehrer erklärt, schon begriffen hat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir,
-daß Sie sich finden werden: wenn man sich nur häufig
-genug darin übt, dann wird auch der Kopf allmählig
-erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man
-<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
-Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert
-ist, dann finden viele Leute ihren Vorteil dabei:
-man braucht immer mehr Beamte, und diese wollen
-ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort,
-man muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren.
-Es macht nichts, wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen
-werden: sie müssen sich rechtfertigen, auf die
-Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt&rsquo;s eben
-was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände
-wirklich kritisch werden, muß man zuallererst
-daran denken, die ganze Affäre recht verwickelt zu machen.
-Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, daß sich bald
-niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so
-ruhig? Weil ich genau weiß: wenn meine Sache schief
-geht, dann ziehe ich alle miteinander in sie hinein: den
-Gouverneur, den Vizegouverneur, den Polizeimeister,
-den Kassierer &mdash; ich lasse keinen frei ausgehen. Ich
-kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer
-dem andern zürnt, ob er sich über ihn ärgert und ihm
-etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen sie sich nachher
-aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere
-Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im
-trüben Wasser krebsen gehn. Sie warten ja alle zusammen
-darauf, daß nur ein möglichst großer Wirrwarr
-entsteht.&ldquo; Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow
-wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler,
-dem er ein noch weit interessanteres Kapitel aus der
-russischen Grammatik erklärt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,&ldquo; dachte
-Tschitschikow und verabschiedete sich in der besten und
-vergnügtesten Laune vom Rechtsanwalt.
-</p>
-
-<p>
-Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher
-warf er sich mit einer nachlässigen Sicherheit in
-die weichen Kissen seiner Equipage, befahl Seliphan das
-Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster
-zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr
-Wyschnepokromow in eigener Person. Als er <em>zum</em>
-<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
-Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck schließen lassen
-und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt,
-jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und
-wandte allen Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht
-zu, das unter dem keck auf das Ohr gerückten neuen
-Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan erhielt
-den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu
-nehmen. Die einheimischen und zugereisten Kaufleute
-standen an ihren Ladentüren und grüßten ihn ehrerbietig;
-Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß nicht ohne
-ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte
-er schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen,
-doch waren auch sie ganz entzückt von dem gewandten
-und sicheren Wesen und den feinen Manieren
-des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher
-wie einen alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew
-gab es fast immer eine Messe; war der Pferde- und
-Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren
-für die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an
-die Reihe. Die Kaufleute, die per Axe angereist kamen,
-rechneten damit, per Schlitten nach Hause zurückzukehren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,&ldquo; rief ihm
-ein Kaufmann von der Ladentüre aus entgegen. Er
-trug einen deutschen Rock, der in Moskau verfertigt
-war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit.
-Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der
-einen Hand seinen Hut, während er mit der andern
-leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei suchte er seinem
-Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck
-zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Tschitschikow trat in den Laden: &bdquo;Lassen Sie sehen,
-was Sie für Stoffe haben, Verehrtester.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das
-die zwei Ladentische verband, in die Höhe, schaffte sich
-so einen Durchgang und stand sogleich dienstbereit da,
-indem er seinen Waren den Rücken und dem Käufer
-sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte
-<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
-er entblößten Hauptes und den Hut respektvoll lüftend,
-noch einmal seinen Gast. Dann setzte er den Hut auf,
-stützte sich mit beiden Händen auf den Ladentisch, beugte
-sich etwas vor und sagte: &bdquo;Was für Stoffe wünschen
-Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie
-unsere vaterländischen Produkte vor?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wünsche einen russischen Stoff,&ldquo; versetzte
-Tschitschikow, &bdquo;aber von der allerbesten Sorte, einen
-sogenannten englischen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und welche Farben finden Ihren Beifall?&ldquo; fragte
-der Kaufmann, der sich noch immer in der angenehmsten
-Weise auf seinen beiden Händen balancierte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven-
-oder flaschengrünen Stoff, wenn möglich mit einer
-preißelbeerfarbenen Nuance?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie
-die allerbeste Sorte erhalten werden, was Besseres werden
-Sie auch in beiden Hauptstädten nicht finden,&ldquo;
-versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff
-zu holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch,
-rollte sie von hinten auf und hielt den Stoff ans Licht.
-&bdquo;Ein wunderbares Farbenspiel! Das Allermodernste,
-etwas für den erlesensten Geschmack!&ldquo; Und in der Tat,
-der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit
-feinem Instinkte erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten
-vor ihm stand und daher wollte er erst gar nicht mit
-einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm, nicht übel,&ldquo; bemerkte Tschitschikow, nachdem
-er das Tuch flüchtig gemustert hatte. &bdquo;Aber wissen
-Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir lieber gleich die
-Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie
-keinen mit einem Stich ins Rote?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie
-sie heute modern zu werden beginnt. Da habe ich einen
-Stoff von allererster Qualität. Ich mache Sie darauf
-aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt:
-dafür ist es auch die allerbeste Sorte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
-Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann
-rollte sie mit noch größerer Geschwindigkeit auseinander
-und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war es
-ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow,
-jedoch so, daß dieser nicht nur die Möglichkeit hatte,
-ihn gründlich zu besichtigen, sondern sogar zu betasten
-und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu:
-&bdquo;Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-12" href="#tva-12">12.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes
-Metermaß maß Tschitschikow gleich einem Zauberstabe
-in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und
-Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen
-Einschnitt mit der Schere, riß das Tuch mit beiden
-Händen der ganzen Breite nach auseinander und verbeugte
-sich, nachdem diese Operation vollendet war, in
-außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor
-Tschitschikow. Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt
-und geschickt in Papier gewickelt. Hierauf wurde eine
-dünne Schnur herumgeschlungen und das Paket war
-fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen,
-aber da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm
-umschlang, und seine Ohren vernahmen die
-Worte: &bdquo;Was kaufen Sie hier ein, Verehrtester.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, welch glückliches Zusammentreffen!&ldquo; rief Tschitschikow
-aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,&ldquo;
-hörte er die Stimme desselben Mannes
-sagen, der seine Taille umschlungen hatte. Es war
-Wyschnepokromow. &bdquo;Ich wollte schon achtlos an dem
-Laden vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes
-Gesicht &mdash; einem solchen Vergnügen kann man sich
-doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies Jahr sind die
-Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher
-konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges
-bekommen. Ich hätte gern vierzig Rubel bezahlt ...
-<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
-meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur etwas Gutes
-bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder
-das Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht
-wahr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr richtig!&ldquo; versetzte Tschitschikow. &bdquo;Wozu quält
-man sich so, wenn man nicht auch was Gutes haben
-soll?&ldquo;
-</p>
-
-<p class="center">
-<a id="tv-13" href="#tva-13">13.</a> Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und
-wandte sich direkt an Chlobujew: &bdquo;Entschuldigen Sie,
-aber ich sah von weitem, wie Sie in den Laden traten,
-und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre
-Zeit ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie
-nachher frei sind und an meinem Hause vorüberkommen,
-dann seien Sie doch so freundlich, einen Augenblick
-bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Chlobujew versetzte: &bdquo;Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus.
-&bdquo;Mir wirbelt&rsquo;s förmlich im Kopfe,&ldquo; sagte Tschitschikow
-&bdquo;wenn ich daran denke, daß dieser Mensch ganze zehn
-Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das gehört sich in der Tat nicht,&ldquo; bemerkte
-Wyschnepokromow; &bdquo;die Kapitale sollten nicht in der
-Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist ein Gegenstand,
-über den in Europa sehr viel geschrieben wird.
-Wenn du Geld hast, mußt du es auch mit den andern
-teilen: mache Geschenke, gib Bälle, entwickele einen
-wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und Handwerker
-etwas verdienen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das kann ich gar nicht verstehen!&ldquo; wiederholte
-Tschitschikow. &bdquo;Zehn Millionen! Und dabei lebt er
-wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol&rsquo;s der Teufel, was
-kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen!
-Da kann man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und
-Generäle sollten bei mir verkehren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
-&bdquo;Jawohl,&ldquo; bemerkte der Kaufmann, &bdquo;das ist in der
-Tat keine gebildete Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger
-ist, dann ist er eben nicht mehr Kaufmann sondern
-gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich
-mir auch eine Loge im Theater halten, und kann meine
-Tochter doch keinem einfachen Oberst mehr zur Frau
-geben. Nein, dann müßte schon mindestens ein General
-kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was
-ist mir ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim
-Konditor und nicht bei einer gewöhnlichen Köchin ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da ist doch jedes Wort überflüssig!&ldquo; sagte Wyschnepokromow.
-&bdquo;Mit zehn Millionen kann man vieles
-anfangen. Geben Sie mir nur die zehn Millionen, Sie
-sollen schon sehen, was ich damit beginne!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; dachte Tschitschikow: &bdquo;bei <em>dir</em> wären die
-zehn Millionen schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen
-ein solches Sümmchen hätte, ich wüßte sie in der Tat
-gut anzulegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,&ldquo; dachte
-Chlobujew, &bdquo;dann wäre ich nicht so töricht wie früher,
-ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden. Nachdem
-man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt
-man den Wert jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es
-ganz anders anfangen ...&ldquo; Aber gleich darauf wurde
-er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage vor:
-&bdquo;Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?&ldquo;
-dann machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte
-hinzu: &bdquo;Kein Gedanke! Ich glaube, ich würde es ebenso
-ausgeben wie früher.&ldquo; Damit verließ er den Laden
-und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf,
-was dieser ihm mitzuteilen habe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich erwartete Sie!&ldquo; sagte Murasow, als er Chlobujew
-eintreten sah. &bdquo;Bitte, kommen Sie doch in mein
-Zimmer.&ldquo; Und er führte Chlobujew in das Stübchen,
-welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein Beamter,
-der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte
-in keinem schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
-&bdquo;Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch
-gebessert? Ich glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas
-hinterlassen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch?
-Ich weiß nicht, ob sich meine Verhältnisse wirklich gebessert
-haben. Ich habe bloß fünfzig Bauern und dreißigtausend
-Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner
-Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie
-nichts übrig. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte
-mit diesem Testament ist nicht ganz sauber.
-Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen,
-Afanassij Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen,
-Sie werden sich wundern, was für Dinge in der Welt
-passieren. Dieser Tschitschikow ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von
-diesem Tschitschikow reden, möchte ich zuerst von Ihnen
-selber sprechen. Sagen Sie mir bitte, wieviel Geld hätten
-Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse
-hineinzukommen<a id="corr-140"></a>? Was denken Sie wohl?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz
-bescheidenes Leben beginnen zu können &mdash; dazu brauche ich
-mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht noch mehr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden
-Sie dann wohl anfangen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und
-mich der Erziehung meiner Kinder widmen, ich kann
-doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten. Ich bin
-ja zu nichts mehr zu gebrauchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie
-selbst, ich kann doch nicht wieder als Bureauschreiber anfangen.
-Sie vergessen, daß ich Familie habe. Ich bin schon
-über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin träge
-und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich
-doch nicht erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben.
-Ich muß Ihnen übrigens gestehen, ich würde auch keine
-<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
-Stellung annehmen, wo es was zu verdienen gibt. Ich
-bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber Geldgeschenke
-würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur
-nicht dies. Mit diesem Krasnonossow und Samosistow
-würde ich mich nicht vertragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen,
-wie man leben kann, wenn man kein Ziel, wenn
-man keinen Weg vor Augen hat; man kann doch nicht
-weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen
-hat; man kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen.
-Das Leben ist eben eine Reise. Entschuldigen
-Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von denen Sie
-da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich,
-sie sind tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind
-sie vom rechten Wege abgekommen, wie das uns sündigen
-Menschen wohl passieren kann; aber wir wollen
-hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer
-nur vorwärts marschiert, &mdash; <em>muß</em> schließlich das Ziel
-erreichen, man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben,
-daß er wieder auf den rechten Weg hinauskommt. Wie
-aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt.
-Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich
-fühle, wie recht Sie haben .... aber ich sage Ihnen,
-in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit erstorben. Ich sehe
-nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen
-sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer
-Holzklotz. Früher, als ich noch jünger war, da schien
-es mir, daß alles vom Gelde abhänge, daß, wenn ich
-bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte, ich
-alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme
-Künstler unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand
-nützliche Institutionen gründen und Sammlungen anlegen.
-Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß, daß ich
-das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten
-reichen Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen.
-Jetzt sehe ich jedoch, daß auch dies eitel ist und wenig
-<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
-Wert hat. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich tauge nichts
-mehr, gar nichts mehr, das können Sie mir glauben.
-Ich bin zu nichts mehr fähig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="tv-14" href="#tva-14">14.</a> Hier schließt der Text des späteren Entwurfs.
-Die neuere Fassung dieser Stelle hängt in der Handschrift
-nicht mit der ursprünglichen zusammen. Daher
-mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle reproduziert
-werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen
-wurde.
-</p>
-
-<p class="center">
-Variante der andern Fassung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch
-in die Kirche, um zu beten; ich weiß es, Sie versäumen
-keine Früh- noch Abendmesse. Sie stehen nicht gern
-früh auf, und doch tuen Sie es und gehen &mdash; schon
-um 4 Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute
-schlafen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch.
-Das tue ich um meines Seelenheiles willen, denn ich
-bin überzeugt, daß ich damit mein müßiges Leben
-mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So
-widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich
-auch sein mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet
-und eine gewisse Selbstüberwindung Gott wohlgefällig
-sind. Ich will Ihnen gestehen, ich bete ohne Glauben,
-aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen
-Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch
-das Pferd und das Vieh seinen Herrn, der über sie
-gebietet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein
-wollen, weil Sie um das Heil Ihrer Seele besorgt
-sind, und das gibt Ihnen Kraft und veranlaßt Sie so
-früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit
-derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie
-Sie Ihm dienen, zu dem Sie beten, Sie würden bald
-eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in der Welt
-könnte Ihre Begeisterung dämpfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
-&bdquo;Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen,
-das ist was ganz andres. Im ersten Falle sehe ich doch,
-daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin bereit, in ein
-Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen,
-die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun,
-denn dort werde ich wissen, für wen ich mich mühe.
-Da brauche ich nicht nachzudenken und zu grübeln.
-Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft
-ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe.
-Dort habe ich mich zu unterwerfen, und ich weiß, daß
-ich mich Gott unterwerfe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen
-Dingen nicht ebenso? Wir sollen doch auch in der Welt
-<em>Gott</em> dienen und keinem andern. Und wenn wir einem
-andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil
-wir überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne
-das könnten wir niemandem dienen. Was sind denn
-all unsere Gaben und Fähigkeiten, die bei jedem anders
-geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres
-Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können
-doch nicht ins Kloster gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt
-und haben Familie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine
-feste Grundlage stellen und von nun ab vernünftiger
-und sparsamer wirtschaften, wenn Sie zweihunderttausend
-Rubel hätten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit
-haben, der ich gewachsen bin &mdash; ich würde mich der
-Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte die
-Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch!
-Nach zwei Jahren werden Sie wieder ganz tief in
-Schulden stecken, wie in einem Netz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann
-gedehnt: &bdquo;Aber nach den Erfahrungen, die ich ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!&ldquo; fiel
-<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a>
-Murasow ein. &bdquo;Sie haben ein gutes Herz, Ihre
-Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld
-bitten &mdash; Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen
-können; wenn Sie einen armen Mann sehen, werden
-Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen kommt,
-werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder
-menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil
-und das Rechnen aber werden Sie dabei vergessen.
-Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch in aller
-Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande,
-Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder
-kann nur ein Vater erziehen, der seine Pflicht schon erfüllt
-hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein gutes
-Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder
-erziehen zu können. Ich frage mich sogar &mdash; Sie entschuldigen
-mich doch, Peter Petrowitsch &mdash; ob es Ihren
-Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets mit Ihnen
-zusammen zu sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich
-in Gedanken nach allen Richtungen und hatte schließlich
-das Gefühl, daß Murasow nicht ganz unrecht hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen
-Sie mir Ihre Kinder und die Ordnung Ihrer Verhältnisse,
-verlassen Sie Ihre Familie und Ihre Kinder,
-ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind
-doch gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand
-sind; Sie sind doch nahe am Verhungern. Hier gilt
-es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan
-Potapytsch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in
-einer Joppe herumläuft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter
-heirateten lauter Beamte, und er lebte wie ein Fürst.
-Aber er machte Bankrott &mdash; und da blieb ihm eben
-nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu
-werden. Es wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer
-einfachen Schüssel zu essen, <em>ihm</em>, der an silberne Teller
-<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
-gewöhnt war, und die Hände wollten nicht recht arbeiten,
-denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt könnte
-Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen,
-aber nun will er es selbst nicht. Er hat sich wieder
-genug zusammengespart, aber er sagt: &sbquo;Nein, Afanassij
-Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir selber, sondern
-<em>Gott</em>. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst
-willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen
-will und nicht den Menschen, und da Gott nur
-durch den Mund der besten Menschen zu uns spricht.
-Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür
-verantwortlich, sondern Sie.&lsquo; &mdash; Sehen Sie, so denkt
-Iwan Potapytsch, und doch ist er, wenn ich ehrlich sein
-soll, viel, viel klüger als ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre
-Überlegenheit anerkennen ... ich will gern Ihr Diener
-sein, und alles tun, was Sie wollen, ich gebe mich ganz
-in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last auf,
-die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und
-ich sage Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch,
-aber da Sie doch nun einmal Gott dienen
-wollen &mdash; da haben Sie ein Gott wohlgefälliges Werk!
-Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß
-durch freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht
-werden. Leider fehlt es an Mitteln, sie müssen durch
-eine Sammlung herbeigeschafft werden. Ziehen Sie
-einen einfachen Pelz an &mdash; Sie sind doch jetzt ein
-schlichter Mensch &mdash; ein verarmter Edelmann &mdash; und so
-gut wie ein Bettler, was brauchen Sie sich zu schämen? &mdash;
-nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, besteigen
-Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie
-alle Städte und Dörfer der Umgegend. Der Archierei<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a>
-wird Ihnen seinen Segen geben und Ihnen das Kassenbuch
-aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit Gott!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
-Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig
-neue Tätigkeit, die ihm hier vorgeschlagen wurde. Er
-war doch immerhin ein Mann von altem Adel und
-sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen
-und mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen,
-um Geld für die Kirche zu sammeln! Aber er konnte
-nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache nicht mehr
-entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie überlegen noch?&ldquo; fragte Murasow, &bdquo;Sie werden
-damit einen doppelten Dienst leisten: Gott und mir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihnen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in
-Gegenden kommen, wo ich noch nicht war, und werden
-dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie die Bauern
-leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und
-wie überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen,
-ich liebe die Bauern von ganzem Herzen, vielleicht
-deshalb, weil ich selbst von Bauern abstamme. Die
-Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge
-unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und
-Sektierer suchen sie zu verführen und gegen die Obrigkeit
-aufzureizen, und wenn ein Mensch Not leidet, dann
-lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere
-Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der
-sich in einer bedrängten Lage befindet. Aber das ist es
-ja gerade, die Hilfe und Strafe darf nicht von unten
-kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein Recht
-mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts
-Gutes entstehen; dabei haben nur die Diebe und
-Räuber den Vorteil. Sie sind ein kluger Mensch, Sie
-werden alles gründlich studieren und in Erfahrung bringen,
-wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn
-bedrücken, und wo sein eigner unruhiger Charakter die
-Schuld trägt. Und dann, wenn Sie wiederkommen,
-werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will
-Ihnen auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die
-Sie unter die verteilen mögen, die wirklich und unschuldigerweise
-<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
-Not leiden. Es wird auch gut sein,
-wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht
-klar machen, es sei Gottes Wille, daß wir unsere
-Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, wenn
-wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen
-und uns nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen.
-Mit einem Worte, reden Sie ihnen gut zu, ohne sie
-gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, ihr
-Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn
-gegen jemand finden, da nehmen Sie all Ihre Kräfte
-zusammen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir
-übertragen wollen, ist ein heiliges Amt,&ldquo; sagte Chlobujew.
-&bdquo;Dies ist ein heiliges Werk! Bedenken Sie, wen Sie
-damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen
-übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel
-führt, der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sage ja auch nicht, das Sie dies <em>alles</em> ausführen
-sollen, tuen Sie, was möglich ist, was in Ihren
-Kräften steht. Die Sache ist die: Sie werden trotzdem
-mit einem großen Wissensschatz und einer großen Ortskenntnis
-zurückkehren, Sie werden genau über die Lage
-der betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter
-würde dem Bauern nie persönlich gegenübertreten, und
-auch der Bauer würde nicht aufrichtig gegen ihn sein.
-Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für
-die Kirche zu sammeln, &mdash; Sie werden überall einen
-Einblick gewinnen in die Lage des kleinen Mannes, in
-den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden Gelegenheit
-haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich
-sage Ihnen das, weil der Generalgouverneur solche Leute
-wie Sie gerade jetzt besonders nötig hat, und Sie können,
-ganz abgesehen von den bureaukratischen Titeln, eine
-Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen stiften werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut denn! Ich will&rsquo;s versuchen, ich will all meine
-Kräfte anspannen und mir die größte Mühe geben,&ldquo;
-<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a>
-sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme an,
-daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob
-wieder tapfer das Haupt, wie ein Mensch, den eine
-neue Hoffnung belebt. &bdquo;Ich sehe, daß Gott Ihnen die
-rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche
-Dinge weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was
-ist es mit Tschitschikow, und von welcher Angelegenheit
-sprachen Sie vorhin?&ldquo; sagte Murasow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu
-unerhörte Dinge erzählen. Was der alles anstellt ...
-Wissen Sie auch, Afanassij Wassiljewitsch, daß das
-Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat sich
-gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen
-des ganzen Gutes.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagen Sie? Und wer hat das falsche
-Testament hergestellt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige
-Geschichte. Man sagt: Tschitschikow sei der Verfasser;
-das Testament sei erst nach dem Tode der Testantin
-unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man
-verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen
-unterschrieben hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche
-und skandalöse Affäre. Man hat Verdacht, daß auch
-noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht
-schon überall davon, und der Generalgouverneur soll
-bereits davon Kunde haben. Man sagt, es seien über
-tausend Klagen von den verschiedensten Seiten eingelaufen.
-Die Freier machen sich jetzt schon an Marja Jeremejewna;
-zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren.
-Eine widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die
-Sache wird sicherlich nicht ganz sauber sein. Ich muß
-gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow
-mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,&ldquo; sagte
-Murasow.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht,
-<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a>
-um daran zu erinnern, daß es noch einen rechtmäßigen
-Erben gibt ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in
-den Haaren liegen,&ldquo; dachte Chlobujew, als er sich von
-Murasow verabschiedet hatte. &mdash; &bdquo;Afanassij Wassiljewitsch
-ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl überlegt
-haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn
-eben erfüllen &mdash; das ist das Ganze.&ldquo; Und er fing
-schon an, an seine Reise zu denken, während Murasow
-noch immer in Gedanken wiederholte: &bdquo;Ein höchst rätselhafter
-Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow!
-Wer mit dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf
-ein edles Ziel hinarbeitete! ...&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten
-Teiles der toten Seelen verbrannt hatte, ging er sogleich
-an die Ausarbeitung eines neuen Planes.
-Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten
-Bandes fertig. In den folgenden Jahren wurde die
-Arbeit unter mehreren größeren Unterbrechungen fortgesetzt.
-Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow
-mehrere Kapitel der <em>neuen</em> Fassung vor. Arnoldi, der
-einige Male bei diesen Vorlesungen zugegen war, gibt
-den Inhalt des von ihm Gehörten folgendermaßen
-wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe):
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste
-Kapitel des zweiten Teils) ein wenig anders; es war
-überhaupt weit sorgfältiger durchgearbeitet, obwohl der
-Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß mit dem
-Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte
-ein zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des
-Generals beschrieben wird. Tschitschikow blieb zum
-Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka
-noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle
-<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a>
-einer Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese,
-der seit unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren
-Grund auf dem Gute Betrischtschews wohnte.
-Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein farbloses,
-ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase
-und sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade,
-konnte tagelang schweigen und ließ nur ihre Augen mit
-dem dumm-fragenden Blick beständig nach allen Seiten
-schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich erinnere:
-Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß
-bestimmt, daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß
-&bdquo;Eskadron&ldquo; nannten. Er schwieg auch fortwährend,
-mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach mit
-dem General spielen. Während des Diners passierte
-nichts Außerordentliches. Der General war lustig und
-scherzte mit Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte.
-Ulinka war nachdenklich, ihr Gesicht belebte
-sich bloß, wenn die Rede auf Tentennikow kam. Nach
-dem Essen spielte der General eine Partie Schach mit
-dem Spanier und wiederholte andauernd, während er
-eine Figur vorschob: &bdquo;Lieb uns so weiß wie&ldquo;, worauf
-Tschitschikow ihn beständig verbesserte: &bdquo;So schwarz,
-Exzellenz.&ldquo; &bdquo;Ja, ja,&ldquo; sagte der General, &bdquo;lieb uns so
-schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott
-selbst lieb haben.&ldquo; Nach fünf Minuten versprach er sich
-jedoch abermals und fing wieder an: &bdquo;Lieb uns so weiß
-wie&ldquo;. &mdash; Tschitschikow verbesserte ihn aufs neue, und
-der General wiederholte noch einmal: &bdquo;Lieb uns so schwarz
-wie wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde
-uns auch der Herrgott lieb haben.&ldquo; Nachdem der General
-mehrere Partieen mit dem Spanier gespielt hatte, schlug
-er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm zu
-spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst
-geschickt aus der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut,
-bedrängte und setzte den General mit seinen Zügen in
-Verlegenheit, verlor aber schließlich doch die Partie: der
-General war sehr zufrieden, daß er einen so starken
-<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a>
-Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn
-noch mehr lieb. Beim Abschied bat er ihn, sobald als
-möglich wiederzukehren, und auch Tentennikow mitzubringen.
-Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam,
-erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der
-General es bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei
-sich sähe, wie der General sein Benehmen aufrichtig bereue
-und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch abzustatten
-und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um
-das Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Das
-war natürlich alles erfunden. Aber Tentennikow, der
-sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich selbstverständlich,
-einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn
-die Sache sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen
-lassen und noch morgen zum General fahren, um ihm
-mit seinem Besuch zuvorzukommen. Tschitschikow billigt
-diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am folgenden
-Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend
-desselben Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß
-er den General angeschwindelt und ihm erzählt habe,
-daß Tentennikow eine Geschichte der Generäle schreibe.
-Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas gesagt
-habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der
-General auf diese Geschichte zu sprechen kommen sollte.
-Tschitschikow erklärt ihm, er wisse eigentlich selbst nicht,
-wie ihm dieses Wort entschlüpft sei, aber es sei nun
-einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn
-er durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu
-schweigen und die Sache nicht geradezu abzuleugnen,
-um <em>ihn</em> &mdash; Tschitschikow nicht vor dem General zu
-kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute
-des Generals. Tentennikow begrüßt den General und
-Ulinka, und man setzt sich zum Mittagessen. Die Beschreibung
-dieses Diners war meiner Ansicht nach die
-schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in
-der Mitte, rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow,
-neben Tschitschikow Ulinka, neben Tentennikow
-<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a>
-der Spanier und zwischen dem Spanier und Ulinka &mdash; die
-Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er
-sich wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit
-einem Menschen plaudern konnte, der eine Geschichte der
-vaterländischen Generäle schrieb. Tentennikow war glücklich,
-weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von Zeit
-zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls
-glücklich, weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt
-war, und der Vater die alten guten Beziehungen zu
-ihm wiederhergestellt hatte, und auch Tschitschikow war
-sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser
-reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ
-ihre Augen frei nach allen Seiten schweifen, der Spanier
-betrachtete seinen Teller und erhob seinen Blick nur
-dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er
-suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht
-aus den Augen, während die Schüssel längs der Tafel
-die Runde machte, oder bis sich jemand des guten
-Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange
-brachte der General das Gespräch auf Tentennikows
-Werk und erwähnte das Jahr 1812. Tschitschikow zitterte
-vor Angst und wartete gespannt auf die Antwort. Aber
-Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte,
-es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des
-Feldzuges, der einzelnen Schlachten und der Personen
-zu schreiben, die in diesem Kriege eine Rolle gespielt
-hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner
-bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber,
-die diese Epoche behandelt hätten, aber man
-müsse diese Zeit von einer andern Seite ansehen; was
-sie besonders auszeichne, sei dies, daß das ganze Volk
-sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu
-verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und
-Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle
-Stände hätten sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe
-vereint, jeder wäre bereit gewesen, sein Letztes
-dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache aufzuopfern.
-<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a>
-Das sei das Große an diesem Kriege, und
-das wäre es, was er wohl in einem leuchtenden Bilde
-festhalten möchte: all diese vielen unbeachteten Heldentaten
-und diese geheimen und großen Opfer eines Volkes!
-Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war
-in diesem Augenblick völlig durchdrungen von glühender
-Liebe zu seinem russischen Vaterlande. Betrischtschew
-hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal hörte er ein
-so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm
-wie ein reiner Diamant den Schnurrbart hinunter.
-In diesem Moment war der General sehr schön. Und
-Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an Tentennikow,
-sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen;
-wie eine herrliche Musik berauschten sie diese
-Reden, sie liebte, sie war stolz auf ihn. Der Spanier
-betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer als früher
-und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem
-dummen und verständnislosen Blick an. Als Tentennikow
-geendigt hatte, blieb alles eine Zeitlang stumm,
-alle waren aufs tiefste erschüttert ... Tschitschikow,
-der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das
-Schweigen. &bdquo;Ja,&ldquo; bemerkte er, &bdquo;1812 herrschte eine
-furchtbare Kälte!&ldquo; &mdash; &bdquo;Es handelt sich hier gar nicht
-um die Kälte,&ldquo; sagte der General und sah ihn sehr
-streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General
-reichte Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich;
-aber Tentennikow war ganz selig, denn er las Beifall
-und Anerkennung in Ulinkas Augen, die Geschichte der
-Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und angenehm
-für alle Beteiligten. &mdash; An die nun folgende
-Anordnung der Kapitel kann ich mich nicht mehr genau
-erinnern, ich weiß nur noch, daß Ulinka sich nach diesem
-Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich über Tentennikow
-zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser
-entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer
-Mutter um Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach
-dem Gebet betrat sie das Zimmer ihres Vaters, kniete
-<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a>
-vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu
-ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte
-lange, gab jedoch schließlich seine Zustimmung. Tentennikow
-wurde herbeigerufen und erfuhr, daß der
-General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage
-nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung
-erhalten hatte, ließ er Ulinka einen Augenblick allein und
-lief ganz außer sich vor Glück in den Garten. Er
-mußte mit sich allein sein. Das Glück überwältigte
-ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische
-Seiten. &mdash; Ein heißer Sommertag &mdash; um die Mittagszeit.
-Tentennikow sitzt in dem dichten schattenreichen
-Garten, und rings um ihn herum herrscht eine tiefe
-heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert;
-jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze
-in der Luft, die Grillen im Grase, die vielen
-schwärmenden Insekten, und endlich Tentennikows Gefühle,
-des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! &mdash;
-Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so
-wundersam, so voller Kraft, Farbe und Poesie war,
-daß mir das Herz vor Erregung stille stand. Gogol
-las vorzüglich! &mdash; Im Übermaß seines Gefühls weinte
-Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor
-sich, sein ganzes Leben seiner Braut zu widmen. In
-diesem Moment erschien Tschitschikow am Ende der Allee.
-Tentennikow umarmt und dankt ihm: &bdquo;Sie sind mein
-Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann
-ich Ihnen nur danken. Mein Leben wäre zu wenig
-für solch einen Dienst.&ldquo; Sofort kommt Tschitschikow
-eine Idee: &bdquo;Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein
-bloßer Zufall,&ldquo; antwortet er, &bdquo;ich bin sehr erfreut, aber
-Sie können sich sehr leicht dankbar erweisen.&ldquo; &bdquo;Wodurch,
-wodurch?&ldquo; ruft Tentennikow, &bdquo;sprechen Sie es aus,
-schnell, und es ist geschehen.&ldquo; Hier erzählt ihm Tschitschikow
-von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300
-Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere.
-&bdquo;Aber warum müssen sie denn unbedingt tot sein?&ldquo;
-<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a>
-fragt Tentennikow, der nicht recht versteht, was Tschitschikow
-eigentlich will. &bdquo;Ich werde Ihnen <span class="antiqua">pro forma</span> all
-meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren
-Vertrag Ihrem Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr
-Gut erhalten haben, können wir ja den Kontrakt wieder
-vernichten.&ldquo; Tschitschikow ist ganz sprachlos vor Erstaunen.
-&bdquo;Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch
-einem Schritt ... Sie fürchten sich gar nicht, daß ich
-Sie betrügen und Ihr Vertrauen mißbrauchen könnte?&ldquo;
-Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. &bdquo;Was?&ldquo;
-ruft er aus, &bdquo;ich sollte <em>Ihnen</em> mißtrauen, dem ich
-mehr verdanke als mein Leben.&ldquo; Hier umarmen sie
-sich, und die Sache war abgemacht. Tschitschikow schlief
-an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im
-Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man
-den Verwandten die Verlobung mitteilen solle; ob es
-sich schriftlich erledigen ließe, oder ob jemand die Nachricht
-persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war offenbar
-sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin
-Sjusjukina und seine andern vornehmen Verwandten
-dieses Ereignis aufnehmen würden, Tschitschikow wußte
-sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er machte
-dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen
-Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von
-der Verlobung Ulinkas und Tentennikows benachrichtigen
-zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder das Geschäft
-mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde
-mit Dank angenommen. &bdquo;Ich kann mir nichts Besseres
-wünschen,&ldquo; dachte der General, &bdquo;er ist ein gescheiter
-Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen,
-den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel
-zu machen, daß alle zufrieden sein werden.&ldquo; Der General
-bot Tschitschikow seinen zweisitzigen, im Auslande
-verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte ihm
-noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow
-sollte sich schon nach wenigen Tagen auf den Weg
-machen. Von da ab sahen ihn alle im Hause des
-<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a>
-Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund
-des Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt
-war, ließ er sofort Seliphan und Petruschka rufen
-und erklärte ihnen, sie sollten sich zur Abreise rüsten.
-Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul
-geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr,
-und die Pferde blieben ganz ohne Pflege und Aufsicht.
-Petruschka aber stellte fortwährend den Bauernmädchen
-nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen
-des Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun
-auf dem breiten Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken
-werde, da erwachten wieder all seine Kutscherinstinkte,
-er betrachtete die Equipage mit großer Aufmerksamkeit,
-mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des
-Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie
-sie überhaupt nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte
-mit Vergnügen an seine Reise und malte sich schon
-aus, wie er sich auf den weichen Polstern ausstrecken,
-und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen
-schnell wie der Wind dahintragen werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt
-verteilt war, hat Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt
-hierzu: &bdquo;Dies ist alles, was Gogol in meiner
-Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner
-Schwester hat er, wie ich glaube, <em>neun</em> Kapitel vorgelesen&ldquo;
-[Rußkij Westnik (Russischer Bote) 1862,
-Januarheft, Seite 74-79]. Die Umarbeitung der
-Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der
-Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren
-&bdquo;eigentlich nur zwei bis drei Kapitel&ldquo; vollständig fertig.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres
-1852 las Gogol Schewyrew die beiden letzten Kapitel
-des zweiten Bandes der &bdquo;Toten Seelen&ldquo; vor. Alles,
-was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845
-bis 1852 niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige
-Tage vor seinem Tode verbrannt.
-</p>
-
-<h3 class="appendix" id="chapter-4-2">
-<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a>
-Anhang zu den Novellen
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-<em>Der Mantel.</em> Der Plan zu dieser Novelle stammt
-aus dem Jahre 1834. Der erste Entwurf aus dem
-Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für die
-erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet,
-wo diese Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>
-<em>Die Nase.</em> Diese Novelle wurde 1832 begonnen
-und in ihrer ersten Fassung die für den Moskowski
-Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt war, Anfang
-März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal
-für den Puschkinschen &bdquo;Sowremennik&ldquo; (&bdquo;Der Zeitgenosse&ldquo;)
-umgearbeitet, wo sie im dritten Bande erschienen
-ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte
-1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende
-Stelle des Manuskripts vor der Drucklegung im &bdquo;Zeitgenossen&ldquo;
-umgearbeitet <a id="corr-142"></a>werden:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine
-Reihe alter Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief
-in allerhand Tüchern und Lappen steckten, daß man
-von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden Augen.
-Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber
-schritt er an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die
-Kirche war nur schwach besucht, die Mehrzahl der
-Beter stand vorne am Eingange in der Türe. Kowaljew
-war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich
-gewann, zu beten. Er suchte &bdquo;die Nase&ldquo;, suchte sie
-in allen Winkeln und sah den Herrn endlich etwas abseits
-in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht
-ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete
-mit dem Ausdruck tiefster Andacht. &bdquo;Unter welchem
-Vorwande soll ich mich ihm bloß nähern?&ldquo; dachte
-<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a>
-Kowalew. &bdquo;Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr,
-und noch dazu Staatsrat.&ldquo; Er stellte sich neben ihn
-und hustete ein paarmal laut, aber die Nase verharrte
-in ihrer andächtigen Stellung und beugte sich immerfort
-tief bis zur Erde. &bdquo;Geehrter Herr!&ldquo; sagte Kowalew,
-indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: &bdquo;Geehrter
-Herr!&ldquo; &bdquo;Was ist Ihnen gefällig?&ldquo; entgegnete
-jener, indem er sich umdrehte. &mdash; &bdquo;Ich finde es sehr
-seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten
-wissen, wo Ihr Platz ist ... und plötzlich finde ich
-Sie ... hier ... in der Kirche. Sie müssen selbst
-zugeben, daß ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte
-erklären Sie sich deutlicher.&ldquo; &bdquo;Wie soll ich es ihm
-nur klar machen?&ldquo; dachte Kowalew, faßte jedoch wieder
-Mut und begann: &bdquo;Ich will natürlich ... Übrigens
-bin ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie
-müssen doch zugeben, in meiner Lage ist das höchst
-peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der
-Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet
-... <em>Die</em> braucht freilich keine Nase ... Aber
-ein Mann, der Ansprüche auf einen Gouverneursposten
-hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen
-wird ... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.&ldquo; &mdash;
-Hierbei zuckte der Major mit den Achseln. &bdquo;Verzeihen
-Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des
-Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie
-doch selbst einsehen ...&ldquo; &bdquo;Ich verstehe kein Wort,&ldquo;
-versetzte die Nase, &bdquo;<a id="corr-143"></a>bitte drücken Sie sich etwas deutlicher
-aus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Herr,&ldquo; sagte Kowalew ernst und würdig.
-&bdquo;Ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll ...
-Die Sache liegt doch wohl <em>sehr</em> klar ... oder Sie
-wollen bloß nicht ... <em>Sie sind doch meine Nase</em>,
-meine <em>eigene</em> Nase!&ldquo; Die Nase sah den Major an
-und runzelte die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr!
-<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a>
-Ich stehe völlig selbständig da. Nebenbei bemerkt kann
-es zwischen uns keine näheren Beziehungen geben. Nach
-den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, dienen
-Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während
-ich in der wissenschaftlichen Branche tätig bin.&ldquo; Kowalew
-befand sich in der größten Verlegenheit und war ganz
-verwirrt. &bdquo;Was soll ich machen?&ldquo; dachte er. Doch
-in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das angenehme
-Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich
-umfangreiche Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide
-steckte, welches einige Ähnlichkeit mit einem gothischen
-Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde begleitet von
-einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide,
-das sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte,
-und mit einem Strohhut, der so leicht und zart war,
-wie eine Meringentorte. Hinter beiden stand ein großer
-Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem ganzen
-Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose
-zu öffnen und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew
-näherte sich der Gruppe, ordnete den Batistkragen seines
-Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner Uhrkette und
-wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine Aufmerksamkeit
-der duftigen Dame zu, die sich gleich einer
-Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen
-mit den weißen durchsichtigen Fingern an die Stirne
-führte. Das Lächeln, welches auf Kowalews Lippen
-schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm
-unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange
-entgegenleuchtete. Aber plötzlich sprang er zurück, wie
-wenn er sich an einem glühenden Eisen verbrannt hätte;
-er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht anstelle der
-Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten
-seinem Auge. Er drehte sich um um dem
-Herrn offen zu erklären, er trage bloß die Maske eines
-Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und
-ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts <em>andres</em> als seine
-<em>eigene</em> Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden,
-<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a>
-sie hatte wahrscheinlich schon einen bedeutenden Vorsprung
-gewonnen und stattete wieder irgend jemandem
-einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das
-Wetter war wundervoll, heiter und sonnig; auf dem
-Newski-Prospekt wimmelte es nur so von Menschen.
-Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die
-Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen,
-der Hofrat ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende
-Stelle der ursprünglichen Fassung: &bdquo;Der ehrenwerte Beamte
-hörte ihn mit vielsagender Miene an und fuhr
-fort, das vor ihm liegende Geld zu zählen, von dem
-er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten
-hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand
-alte Weiber, Kommis, Hausburschen und Kutscher,
-jeder mit Zetteln in der Hand. In dem einen Zettel
-wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner
-Kutscher von guter Führung abzugeben; in dem andern
-wurde eine noch wenig gebrauchte Equipage feilgeboten,
-die aus der Zeit Peters des Großen stammte und
-keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein
-gesundes Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben,
-die als Wäscherin gedient hatte, aber auch bei andern
-häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch schon
-mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide
-Droschke zu verkaufen, der nur eine Feder mangelte,
-oder einen jungen wilden Apfelschimmel von 17 Jahren;
-dort wurden ein Posten frisch aus London eingetroffener
-Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte
-indische Radieschen ausgeboten, eine schöne
-Villa mit allen Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen
-und einem Platz, wo man sehr gut einen Garten anlegen
-konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels
-bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine
-anständige Belohnung in Aussicht gestellt, oder es
-wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei die
-Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten
-<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a>
-Stunde zur Versteigerung einzufinden. Das
-Zimmer, in dem sich alle diese Leute aufhielten, war
-klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf
-und dick, daß man sie mit dem Messer schneiden
-konnte, denn die russischen Bauern haben die merkwürdige
-Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu verdichten,
-und wo einmal vier Hausknechte in roten
-Hemden und ein Kutscher zusammenkommen, da kann
-man ruhig eine Axt in der Luft aufhängen. Zum
-Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen,
-er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann
-befand sich ja auch seine Nase Gott weiß wo.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das von den Worten &bdquo;Gleich, gleich&ldquo; bis zum
-Schluß des zweiten Kapitels reichende Stück ist eine
-spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit einfacheren
-Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle
-folgendermaßen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gleich, gleich! &mdash; Zwei Rubel dreiundvierzig
-Kopeken ... einen Rubel sechzig Kopeken!&ldquo; sagte
-der grauhaarige Herr, während er den alten Weibern
-und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf.
-&bdquo;Und was wünschen Sie?&ldquo; fragte er endlich, indem
-er sich an Kowalew wandte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,&ldquo;
-sagte Kowalew: &bdquo;es ist eine unerhörte Gaunerei oder
-Betrügerei passiert &mdash; ich kann der Sache noch immer
-nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur,
-in die Zeitung einrücken zu lassen, daß derjenige, der
-diesen Schurken dingfest macht, eine ausreichende Belohnung
-erhalten soll.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kowalew, &mdash; Kollegien-Assessor Kowalew, Sie
-brauchen übrigens bloß zu schreiben: ein Mann vom
-Range eines Majors ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling?
-Ist er einer Ihrer Leibeigenen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre
-<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a>
-noch keine so große Gemeinheit. Nein es ist
-eine ... Nase.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat
-Sie denn dieser Herr Nase um eine große Summe bestohlen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine <em>Nase</em> ... das heißt, Sie verstehen mich
-falsch. Meine &mdash; meine eigene Nase ist ganz spurlos
-verschwunden. Der Teufel selbst hat sich einen Scherz
-mit mir erlaubt. &mdash; Und nun fährt diese Nase als Herr
-verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum
-Narren ... Ich möchte Sie nun bitten, eine Annonce
-in die Zeitung einrücken zu lassen, daß jeder, der den Kerl abfassen
-sollte, ihn mir persönlich vorführen möge &mdash; diesen
-Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte,
-ich muß husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe
-kaum noch ein Wort heraus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus
-seinen fest zusammen<a id="corr-145"></a>gekniffenen Lippen schließen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,&ldquo;
-sagte er schließlich nach längerem Stillschweigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? Warum nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel
-setzen. Da könnte jeder kommen und anzeigen, daß ihm
-seine Nase oder seine Lippen ausgerückt seien ...
-Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte
-verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden
-gekommen ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist
-das Sache des Arztes. Man sagt, es gibt Menschen,
-die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen können.
-Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie
-machen wohl gern einen Scherz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist.
-Bei Gott ich lüge nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz
-bemühen,&ldquo; fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise
-<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a>
-nahm. &bdquo;Übrigens, wenn es Ihnen nicht zu viel Umstände
-macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern
-ansehen,&ldquo; fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Tat, das ist sehr merkwürdig,&ldquo; sagte der
-Beamte, &bdquo;das sieht genau so aus, wie ein frisch gebackener
-Eierkuchen. Die Fläche ist ja geradezu unglaublich
-glatt und eben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie
-die Annonce sofort einrücken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das
-wäre ja eine Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß
-Ihnen ein großer Vorteil daraus erwachsen würde.
-Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache bekannt
-wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem
-Schriftsteller mit, einem Mann, der eine gewandte Feder
-führt, der könnte den Fall als ein interessantes Naturspiel
-beschreiben und den Artikel in der &bdquo;Biene des
-Nordens&ldquo; veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine
-Prise) zum Nutzen und zur Belehrung aller jungen
-Leute, die sich mit den Wissenschaften beschäftigen (hierbei
-wischte er sich die Nase ab), oder überhaupt zur
-Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und
-niedergeschlagen. Er warf einen Blick auf ein vor ihm
-liegendes Zeitungsblatt und den Vergnügungsanzeiger;
-schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären, als er
-den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine
-Hand griff mechanisch nach der Tasche &mdash; sie suchte nach
-einem blauen Schein, denn nach Kowalews Ansicht
-mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers
-mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an
-seine Nase schnitt wie ein scharfes Messer in sein Herz.
-Der arme Kowalew machte sich also auf und begab sich
-von einem unerträglichen Schmerz gequält zum Polizeikommissar,
-der ein großer Freund von Süßigkeiten war;
-sein ganzer Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit
-<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a>
-Zuckerhüten vollgestellt, die ihm die Kaufleute aus einer
-besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten. Die
-Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel
-aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung
-hingen schon friedlich in der Ecke; sein dreijähriges
-Söhnchen machte sich bereits mit dem mächtigen Dreimaster
-zu schaffen, und der Kommissar war eben im
-Begriff, sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens
-den Genüssen des Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew
-bei ihm ein, gerad als jener sich bequem auf dem Sofa
-ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen
-Gähnen verzog und sagte: &bdquo;So, nun leg&rsquo; ich mich auf
-zwei Stunden hin; ich werde ein feines Schläfchen
-tun.&ldquo; Daher kann man sich vorstellen, wie ungelegen
-ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich
-weiß nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee
-oder ein paar Meter Tuch mitgebracht hätte, viel freundlicher
-empfangen worden wäre. Der Kommissar war
-ein großer Freund der Künste und aller Manufakturgegenstände
-überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe nichts
-Angenehmeres als eine Staatsbanknote: &bdquo;Sie braucht nur
-wenig Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und
-wenn man sie fallen läßt, geht sie nicht entzwei.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl
-und trocken. Er erklärte, daß die Zeit nach dem Essen
-nicht der geeignete Moment für amtliche Nachforschungen
-sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der Mensch,
-wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse,
-(woraus deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar
-ein Philosoph war); einem anständigen Menschen könne
-es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen werde,
-und es laufen in der Welt genug Majore herum, die
-nicht einmal ihre Unterhosen sauber zu halten wissen,
-und sich in allerhand unanständigen Lokalen herumtreiben.
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz!
-Man muß nämlich wissen, daß Kowalew eine äußerst
-empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen,
-<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a>
-was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die
-seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war
-der Ansicht, daß man auch in den Theaterstücken wohl
-eine Bemerkung über die höheren Offiziere durchlassen
-könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die
-<em>Stabs</em>offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars
-brachte ihn derartig aus der Fassung, daß
-er empört den Kopf schüttelte, die Hände weit ausstreckte
-und würdevoll ausrief: &bdquo;Ich muß gestehen, daß
-ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern
-habe ...&ldquo; Und damit ging er hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause
-zurück; nach all diesen seelischen Erschütterungen wußte
-er kaum noch, ob er auf seinen Füßen stehe oder nicht.
-Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach, nachdem
-er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen
-aus: &bdquo;Mein Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß
-ein solches Unglück verdient? Hätte ich noch eine Hand
-oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren
-abhanden gekommen &mdash; es wäre noch immer leichter
-zu ertragen, aber ein Mensch ohne Nase &mdash; das ist ein
-Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen
-möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder
-wäre ich selbst schuld daran &mdash; aber so ganz ohne Grund
-zu verschwinden! Weiß Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich!
-Vielleicht schlafe ich bloß, und ich habe dies
-alles nur geträumt.&ldquo; &mdash; Und der Kollegien-Assessor kniff
-sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz
-beinahe laut aufgeschrieen hätte. &bdquo;Nein, hol&rsquo;s der
-Teufel, ich schlafe nicht!&ldquo; Er stand ganz leise auf,
-näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die Augen erst
-ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: &bdquo;Wer
-weiß, vielleicht hatte er doch noch eine Nase!&ldquo; aber er
-sprang sogleich wieder vom Spiegel zurück und murmelte:
-&bdquo;Weiß der Teufel! Die reinste Karikatur!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich
-und völlig unwahrscheinlich; man hätte ihn
-<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a>
-wirklich für einen Traum halten müssen, wenn er nicht
-tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge
-von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte.
-Der Major überlegte lange Zeit, wer wohl hier der
-Schuldige sein möchte; und kam schließlich zum Resultat,
-daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin eines verstorbenen
-Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück
-treffe. Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre
-Tochter heiraten solle, und er hatte ihr auch in der Tat
-die Cour geschnitten, war aber zugleich einer deutlichen
-Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm
-jedoch die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre
-Tochter zur Frau geben würde, da trat er den Rückzug
-an und sagte, er sei noch zu jung und müsse noch gegen
-fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig
-Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an
-ihm rächen wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln,
-und ein paar alte Hexen gegen ihn aufgehetzt,
-wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst mit dabei geholfen.
-</p>
-
-<p>
-Während er noch über diese Dinge nachgrübelte,
-hörte er plötzlich im Vorzimmer eine fremde Stimme:
-&bdquo;Wohnt hier der Kollegienassessor Kowalew?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu
-Hause!&ldquo; sagte er, indem er vom Stuhl aufsprang und
-die Türe öffnete. Es war der Polizeikommissar, der
-am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann
-von sehr würdigem Äußeren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Tat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist soeben angehalten worden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagen Sie&ldquo; rief der Major hocherfreut aus.
-&bdquo;Auf welche Weise ist das geschehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat
-sie fast im Moment ihrer Abreise angehalten. Sie hatte
-schon ihren Platz im Postwagen eingenommen, um nach
-Riga zu fahren. Der Paß war schon längst ausgestellt
-<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a>
-und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das
-Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen
-Herrn gehalten habe, aber ich hatte zum Glück meine
-Brille mitgenommen; so setzte ich sie denn auf und erkannte
-sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin
-nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen,
-unterscheide ich weder Nase noch Bart oder sonst etwas.
-Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht
-auch fast gar nichts.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kowalew war außer sich vor Freude: &bdquo;Wo ist sie,
-wo? Ich laufe sofort hin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen,
-ich habe sie deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste
-ist, daß der Hauptschuldige an der ganzen Sache ein
-Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der
-zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn
-schon lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold
-ist; erst vor drei Tagen hat er im Gostinny Dwor
-ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen. Ihre Nase ist
-gänzlich unversehrt.&ldquo; Mit diesen Worten steckte der
-Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte
-die Nase heraus, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das ist sie!&ldquo; rief Kowalew ganz selig aus.
-&bdquo;Das ist sie wirklich. Wollen Sie eine Tasse Tee mit
-mir trinken?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider
-unmöglich. Ich bin sehr beschäftigt. Die Lebensmittel
-sind jetzt so teuer geworden. Meine Schwiegermutter,
-d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im
-Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste
-berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, das ist wirklich
-ein recht intelligenter Bursche, mir fehlen nur leider die
-Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten
-Zettel vom Tisch und drückte ihn dem Polizeikommissar
-in die Hand, dieser machte einen Kratzfuß und ging zur
-Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte Kowalew
-<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a>
-seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen
-Bauern, der mit seiner Fuhre auf den Boulevard geraten
-war, eine kräftige Mahnung in Form einer Ohrfeige
-erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder zu
-sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ...
-&bdquo;Gott sei Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase!
-Nun will ich sie mir aber auch wieder ansetzen.&ldquo; Mit
-diesen Worten versuchte er es, sie an ihren alten Platz
-zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken,
-daß die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte.
-&bdquo;Nun sitz doch fest, du Rindvieh!&ldquo; sagte er zu ihr,
-aber die Nase war ganz dumm und fiel immer wieder
-auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des
-Majors verzerrte sich krampfhaft. &bdquo;Sollte sie wirklich
-nicht haften bleiben?&ldquo; sprach er erschrocken. Aber die
-Nase fiel tatsächlich auf den Tisch. &bdquo;Ach Gott, ach
-Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe
-ja ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten
-ist, man sie doch gar nicht wieder ansetzen kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen
-Ereignis in der ganzen Residenz verbreitet,
-und natürlich, wie das zu geschehen pflegt, nicht ohne
-viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit
-standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher
-Vorgänge: erst kurz vorher hatten Experimente
-mit dem tierischen Magnetismus das ganze
-Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den
-tanzenden Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns
-Gedächtnis, und es war daher kein Wunder,
-daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase
-des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich
-um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt spazieren.
-Eine Menge von Neugierigen strömte dort jeden Tag
-zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken
-all jener eleganten Müßigänger, die bei keiner
-Gesellschaft fehlen, und die es sich zur Pflicht machen,
-die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen.
-<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a>
-Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an
-Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab
-doch auch viele, die sehr ungehalten über diese Klatschereien
-waren, und ein Herr mit einem Stern erklärte ganz
-empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten
-Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte
-entstehen könnten; ja er wunderte sich, daß die <em>Regierung</em>
-diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenkte. Dieser
-Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die
-es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in
-alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen
-Zwistigkeiten der Ehegatten.
-</p>
-
-<p>
-Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen
-Gerüchten Kunde bekommen, obwohl ich nicht sagen
-kann, auf welche Weise, denn er verließ fast niemals
-sein Zimmer. &mdash; Er befahl, niemand vorzulassen, ließ
-sich nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn
-selbst die tollste Posse gegeben wurde; er spielte nicht
-einmal mehr eine Partie Boston, mied sogar Herrn
-Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im
-Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr
-einer Leiche als einem lebendigen Menschen glich ...
-</p>
-
-<p>
-Übrigens war all das, was hier beschrieben ist,
-nur ein Traum des Majors. Als er wieder erwachte,
-geriet er so außer sich vor Freude, daß er wie toll aus
-seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich
-überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im
-bloßen Hemde durch das Zimmer zu hüpfen begann. Er
-führte sogar einen ganzen Tanz auf, der eine Art Mischung
-aus einer Française und einer polnischen Mazurka darstellte.
-Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die
-Tür steckte, um zu sehen, was sein Herr treibe, da rief
-der Major ihm zu: &bdquo;Mach, daß du hinaus kommst!
-Worüber wunderst du dich?&ldquo; Nach einer Minute aber
-warf er sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder
-auf und schrie: &bdquo;He, Iwan!&ldquo; &mdash; &bdquo;Was wünschen der
-gnädige Herr?&ldquo; &mdash; &bdquo;Hat nicht ein Mädel &mdash; so ein
-<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a>
-hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Nein, gnädiger Herr!&ldquo; &mdash; &bdquo;Hm,&ldquo; sagte
-der Major Kowalew und blickte lächelnd in den
-Spiegel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gogol hat &bdquo;Die Nase&ldquo; <em>noch einmal</em> für die <em>erste</em>
-Gesamtausgabe seiner Werke umgearbeitet und ihr dort
-einen andern <em>Schluß</em> gegeben. Im Sowremennik
-(&bdquo;Zeitgenossen&ldquo;) von Puschkin lautet dieser Schluß
-folgendermaßen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches.
-Plötzlich befand sich die Nase des Majors
-wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im Anfang
-Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am
-fünften oder sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens
-erwachte, nahm er den Spiegel zur Hand und
-bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich gehörte,
-zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst
-erstaunt ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und
-befühlte die Nase mehrmals mit der Hand, denn er
-war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase sei. Aber
-da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders
-als seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem
-Bett und absolvierte im Zimmer einen Tanz, der eine
-Mischung aus einer Française und einem russischen
-Trepak darstellte. &mdash; Dann ließ er sich anziehen, wusch
-sich und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit
-mit einer Bürste angenommen hatte, mit der
-man sich bequem die Kleider bürsten konnte. &mdash; Und
-schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor
-auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo
-er lustig einherschritt und fröhliche Blicke auf alle
-Passanten warf; viele sahen ihn sogar im Gostinny
-Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem
-Zwecke dies jedoch geschah &mdash; das hätte freilich niemand sagen
-können, denn er besaß gar keinen Orden.
-</p>
-
-<p>
-Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie
-absolut nicht verstehen. Und was soll das alles? Was
-<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a>
-hat es für einen Zweck? Ich bin überzeugt, daß weit
-mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist.
-Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine
-Nase ganz allein in einer Uniform in der Stadt herumfährt
-&mdash; und noch dazu als ein Mann von dem hohen
-Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew
-wirklich nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung
-nach einer Nase suchen darf? Ich meine das nicht in
-dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure Sache
-ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht
-zu den geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist
-unschicklich, das ist ganz ungehörig und geht nun einmal
-nicht. Eine Absurdität und weiter nichts! &mdash; Und
-dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er
-so plötzlich auftauchen und dann wieder verschwinden,
-ohne daß man weiß, warum und zu welchem Zweck. &mdash;
-Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie ich
-selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt
-nicht, wie ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann!
-Wozu soll das führen? Welchen Zweck kann das haben?
-Was beweist diese Erzählung? Nein &mdash; ich verstehe es
-nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. &mdash; Freilich ...
-die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann
-passieren doch in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche
-Dinge: wie aber verhält es sich mit diesem
-Fall? &mdash; Warum mußte die <em>Nase</em> von Kowalew ...
-und warum mußte Kowalew <em>selbst</em> ...? Nein, ich
-verstehe es nicht, ich verstehe es durchaus nicht. Die
-Sache erscheint mir so unerklärlich, daß ich ... Nein,
-das läßt sich einfach nicht verstehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="vs">
-<em>Das Porträt.</em> Der erste Entwurf dieser Novelle
-erschien in Gogols &bdquo;Arabesken&ldquo;, 1841 wurde sie in Rom
-umgearbeitet. Die neue Fassung ist frühestens im
-März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal
-durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses
-Jahres Pletnew eingesandt, der sie im &bdquo;Sowremennik&ldquo;
-<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a>
-(Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3 abdruckte. Die
-Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842.
-1851 nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner
-&bdquo;Werke&ldquo; noch einige unbedeutende stilistische Veränderungen
-vor.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="printer">
-Druck von Mänicke &amp; Jahn, Rudolstadt.
-</p>
-
-
-<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Hier fehlt ein größeres Stück, das den Übergang vom
-zweiten zum dritten Kapitel bilden sollte.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Anm. d. Herausg.<br />
-
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Petuch = deutscher Hahn.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Arschin = &#8532; Meter.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew
-in der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gespräch
-zwischen Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine größere Lücke
-auf. Man muß annehmen, daß Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag
-macht, das Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Anm. des Herausgebers.<br />
-
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Eine Art Weißbier.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Hiermit schließt die 96. Seite des Manuskripts, weiter
-fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes
-hat S. Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht:
-&bdquo;Hier ist eine Lücke im Manuskript, welche wohl die
-Erzählung enthielt, wie Tschitschikow sich aufmachte, um den
-Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="sign">
-Anm. des Herausgebers.<br />
-
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> In dem Manuskript trägt dieser Abschnitt keine Kapitelüberschrift;
-er stammt also aus einem ganz frühen Entwurf, in
-dem die Kapiteleinteilung noch nicht durchgeführt war.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Der Herausgeber.<br />
-
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen
-Seeschlacht.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Die russische bürokratische Hierarchie oder der Tschin zerfällt
-in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehört der neunten an.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Ein Pud = etwa 35 Pfund.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Kollegien-Assessor: so heißen die Beamten des achten Beamtengrades.
-Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung führt
-Kowalew.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Große Straße in St. Petersburg.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Ein großer Bazar.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Kleinbürgerstraße.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> Erzpriester.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Verweise auf Varianten im Text des zweiten Teils der Toten Seelen
-(im Anhang) sind mit Nummern in runden Klammern gekennzeichnet.
-</p>
-
-<p>
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-</p>
-
-<p>
-Zwei offensichtliche Übertragungsfehler wurden
-ebenfalls unverändert belassen. Auf <a href="#page-71">Seite 71</a> sagt der General zu
-Tschitschikow: »<a href="#zuverkaufen">Dir die toten Seelen abzukaufen?</a>«
-Im Original heißt es hingegen richtig: »zu überlassen«, da ja der General der Besitzer
-der Bauern ist. Auf <a href="#page-171">Seite 171</a> hat Chlobujew nicht
-»<a href="#fuenfzig">fünfzigtausend Bauern</a>«, sondern wie im Original
-»fünfzig Bauern« geerbt.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter
-Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... Ohren Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...<br />
-... Ohren <a href="#corr-3"><span class="underline">am</span></a> Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dann ließ er es fast ganz an der früheren <span class="underline">Aufmerkksamkeit</span> ...<br />
-... dann ließ er es fast ganz an der früheren <a href="#corr-4"><span class="underline">Aufmerksamkeit</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auffangen, wenn sie sich <span class="underline">allenthaben</span> im Himmel und ...<br />
-... auffangen, wenn sie sich <a href="#corr-5"><span class="underline">allenthalben</span></a> im Himmel und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wie jeder Bauer heißt, wer mit <span class="underline">diesen</span> und jenem verwandt ...<br />
-... wie jeder Bauer heißt, wer mit <a href="#corr-8"><span class="underline">diesem</span></a> und jenem verwandt ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und die Lage der Ställe <span class="underline">außerordenlich</span> bequem. ...<br />
-... und die Lage der Ställe <a href="#corr-10"><span class="underline">außerordentlich</span></a> bequem. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ergreifen wollten, <span class="underline">vertbeugte</span> sich mit bewundernswürdiger ...<br />
-... ergreifen wollten, <a href="#corr-12"><span class="underline">verbeugte</span></a> sich mit bewundernswürdiger ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche<span class="underline">.</span> ...<br />
-... &bdquo;Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche<a href="#corr-16"><span class="underline">?</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ist er noch gut auf den Beinen<span class="underline">!</span>&ldquo; ...<br />
-... Ist er noch gut auf den Beinen<a href="#corr-17"><span class="underline">?</span></a>&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters<span class="underline">!</span>&ldquo; ...<br />
-... &bdquo;Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters<a href="#corr-19"><span class="underline">?</span></a>&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Ich weiß, was Sie jetzt denken<span class="underline">?</span>&ldquo; sagte Petuch. ...<br />
-... &bdquo;Ich weiß, was Sie jetzt denken<a href="#corr-21"><span class="underline">!</span></a>&ldquo; sagte Petuch. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Alexyascha</span>. ...<br />
-... <a href="#corr-23"><span class="underline">Alexascha</span></a>. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sehne? Wenn mich doch jemand ein <span class="underline">bischen</span> ärgern ...<br />
-... sehne? Wenn mich doch jemand ein <a href="#corr-25"><span class="underline">bißchen</span></a> ärgern ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... weitere <span class="underline">lößten</span> sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ...<br />
-... weitere <a href="#corr-31"><span class="underline">lösten</span></a> sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... zu jagen, saßen <span class="underline">Nikoloscha</span> und Alexascha stumm da und ...<br />
-... zu jagen, saßen <a href="#corr-32"><span class="underline">Nikolascha</span></a> und Alexascha stumm da und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... herein!&ldquo; dachte Tschitschikow. &bdquo;Da ist der <span class="underline">Brantweinpächter</span> ...<br />
-... herein!&ldquo; dachte Tschitschikow. &bdquo;Da ist der <a href="#corr-34"><span class="underline">Branntweinpächter</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... meiner Schwester und von <span class="underline">meinen</span> Schwager verabschieden.&ldquo; ...<br />
-... meiner Schwester und von <a href="#corr-35"><span class="underline">meinem</span></a> Schwager verabschieden.&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... erste hier in der Gegend. Er bezieht <span class="underline">Einkünft</span> im Werte ...<br />
-... erste hier in der Gegend. Er bezieht <a href="#corr-36"><span class="underline">Einkünfte</span></a> im Werte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... konnte <span class="underline">Tchitschikow</span> nur die Spuren eines echt weiblichen ...<br />
-... konnte <a href="#corr-40"><span class="underline">Tschitschikow</span></a> nur die Spuren eines echt weiblichen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in <span class="underline">einem</span> Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. ...<br />
-... in <a href="#corr-42"><span class="underline">einer</span></a> Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Ich habe dir&rsquo;s schon gesagt, <span class="underline">Ich</span> lasse nicht mit mir ...<br />
-... &bdquo;Ich habe dir&rsquo;s schon gesagt, <a href="#corr-44"><span class="underline">ich</span></a> lasse nicht mit mir ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... kannte auch keine andere Sprache außer der <span class="underline">russichen</span>. ...<br />
-... kannte auch keine andere Sprache außer der <a href="#corr-45"><span class="underline">russischen</span></a>. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es <span class="underline">ihm</span> gekostet ...<br />
-... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es <a href="#corr-48"><span class="underline">ihn</span></a> gekostet ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Tschitschikow sah <span class="underline">ihn</span> aufmerksam ins Gesicht, hörte ...<br />
-... Tschitschikow sah <a href="#corr-49"><span class="underline">ihm</span></a> aufmerksam ins Gesicht, hörte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... steht zu <span class="underline">ihrer</span> Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...<br />
-... steht zu <a href="#corr-51"><span class="underline">Ihrer</span></a> Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... daß man sich von <span class="underline">den französischer</span> Invasion und dem ...<br />
-... daß man sich von <a href="#corr-55"><span class="underline">der französischen</span></a> Invasion und dem ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß <span class="underline">Tschischitkow</span> ...<br />
-... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß <a href="#corr-60"><span class="underline">Tschitschikow</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Und was wollen Sie dann anfangen<span class="underline">!</span>&ldquo; ...<br />
-... &bdquo;Und was wollen Sie dann anfangen<a href="#corr-63"><span class="underline">?</span></a>&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die <span class="underline">einem</span> Geld kosten? &mdash; Aber glauben Sie nur nicht, ...<br />
-... die <a href="#corr-67"><span class="underline">einen</span></a> Geld kosten? &mdash; Aber glauben Sie nur nicht, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und <span class="underline">töchrichtes</span> Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...<br />
-... und <a href="#corr-69"><span class="underline">törichtes</span></a> Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Name war <span class="underline">Wassillij</span>. ...<br />
-... Name war <a href="#corr-71"><span class="underline">Wassilij</span></a>. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes <span class="underline">Karneal</span>siegel, ...<br />
-... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes <a href="#corr-74"><span class="underline">Karneol</span></a>siegel, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;<span class="underline">Das</span> dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!&ldquo; ...<br />
-... &bdquo;<a href="#corr-75"><span class="underline">Daß</span></a> dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... für <span class="underline">ihre</span> Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...<br />
-... für <a href="#corr-76"><span class="underline">Ihre</span></a> Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Betrügereien vorgekommen, <span class="underline">Alfanassij</span> Wassiljewitsch! ...<br />
-... Betrügereien vorgekommen, <a href="#corr-77"><span class="underline">Afanassij</span></a> Wassiljewitsch! ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, <span class="underline">das</span> die Sache ...<br />
-... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, <a href="#corr-78"><span class="underline">daß</span></a> die Sache ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... zu nehmen<span class="underline">.</span>&ldquo; ...<br />
-... zu nehmen<a href="#corr-83"><span class="underline">?</span></a>&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Es versteht sich von selbst, <span class="underline">deß</span> der Hauptschuldige ...<br />
-... &bdquo;Es versteht sich von selbst, <a href="#corr-86"><span class="underline">daß</span></a> der Hauptschuldige ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... gehabt hätten, dann durften <span class="underline">sie</span> sich nicht durch den Stolz und ...<br />
-... gehabt hätten, dann durften <a href="#corr-87"><span class="underline">Sie</span></a> sich nicht durch den Stolz und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und <span class="underline">ihr</span> eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ...<br />
-... und <a href="#corr-88"><span class="underline">Ihr</span></a> eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... im Kalender ein anderes Blatt auf und <span class="underline">legten</span> den Finger ...<br />
-... im Kalender ein anderes Blatt auf und <a href="#corr-91"><span class="underline">legte</span></a> den Finger ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Petrowitsch war ein <span class="underline">Individium</span>, das schielte, pockennarbig ...<br />
-... Petrowitsch war ein <a href="#corr-95"><span class="underline">Individuum</span></a>, das schielte, pockennarbig ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... so eine Sache machen wollen, dann ist es <span class="underline">wirlich</span> so ...<br />
-... so eine Sache machen wollen, dann ist es <a href="#corr-100"><span class="underline">wirklich</span></a> so ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sein imponierendes <span class="underline">Äußere</span> warf: &bdquo;Welch ein Charakter!&ldquo; ...<br />
-... sein imponierendes <a href="#corr-104"><span class="underline">Äußeres</span></a> warf: &bdquo;Welch ein Charakter!&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdring<span class="underline">les</span> Dunkel ...<br />
-... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdring<a href="#corr-106"><span class="underline">liches</span></a> Dunkel ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ebene und glatte <span class="underline">Fäche</span>! Voller Schrecken ließ Kowalew ...<br />
-... ebene und glatte <a href="#corr-107"><span class="underline">Fläche</span></a>! Voller Schrecken ließ Kowalew ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Weise</span> und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...<br />
-... <a href="#corr-109"><span class="underline">Weiße</span></a> und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Der Major <span class="underline">lies</span> sich, wie man sieht, sogar zu einer ...<br />
-... Der Major <a href="#corr-114"><span class="underline">ließ</span></a> sich, wie man sieht, sogar zu einer ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Kowalew begann, das Vorgefallene zu <span class="underline">überbedenken</span>, ...<br />
-... Kowalew begann, das Vorgefallene zu <a href="#corr-115"><span class="underline">überdenken</span></a>, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder <span class="underline">nichs</span> bekannt. ...<br />
-... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder <a href="#corr-117"><span class="underline">nichts</span></a> bekannt. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Und der <span class="underline">Mojor</span> Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...<br />
-... Und der <a href="#corr-118"><span class="underline">Major</span></a> Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste <span class="underline">sein</span> Laden. ...<br />
-... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste <a href="#corr-119"><span class="underline">seinen</span></a> Laden. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... für das vollkommenste und <span class="underline">vollendeste</span> Kunstwerk ...<br />
-... für das vollkommenste und <a href="#corr-121"><span class="underline">vollendetste</span></a> Kunstwerk ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... mit <span class="underline">jenen</span> hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ...<br />
-... mit <a href="#corr-122"><span class="underline">jenem</span></a> hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Messer bewaffnet, <span class="underline">einen</span> Menschen nahn, in der Erwartung, ...<br />
-... Messer bewaffnet, <a href="#corr-123"><span class="underline">einem</span></a> Menschen nahn, in der Erwartung, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen <span class="underline">ihn</span> ...<br />
-... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen <a href="#corr-125"><span class="underline">ihm</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Die Brust war wie <span class="underline">ei</span>geschnürt, wie wenn sie den letzten ...<br />
-... Die Brust war wie <a href="#corr-126"><span class="underline">ein</span></a>geschnürt, wie wenn sie den letzten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl<span class="underline">!</span>&ldquo; ...<br />
-... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl<a href="#corr-129"><span class="underline">?</span></a>&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... stimmte am besten mit <span class="underline">seinen</span> Seelenzustand überein, ...<br />
-... stimmte am besten mit <a href="#corr-131"><span class="underline">seinem</span></a> Seelenzustand überein, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... eigentümliche <span class="underline">arithmetrische</span> Operationen zu ganz ...<br />
-... eigentümliche <a href="#corr-135"><span class="underline">arithmetische</span></a> Operationen zu ganz ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Vater gestand, niemals in <span class="underline">seinen</span> Leben etwas Ähnliches ...<br />
-... Vater gestand, niemals in <a href="#corr-136"><span class="underline">seinem</span></a> Leben etwas Ähnliches ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;So schwarz ... Exzellenz,&ldquo; verbesserte <span class="underline">ihm</span> Tschitschikow. ...<br />
-... &bdquo;So schwarz ... Exzellenz,&ldquo; verbesserte <a href="#corr-139"><span class="underline">ihn</span></a> Tschitschikow. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... hineinzukommen<span class="underline">.</span> Was denken Sie wohl?&ldquo; ...<br />
-... hineinzukommen<a href="#corr-140"><span class="underline">?</span></a> Was denken Sie wohl?&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... umgearbeitet <span class="underline">worden</span>: ...<br />
-... umgearbeitet <a href="#corr-142"><span class="underline">werden</span></a>: ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... versetzte die Nase, &bdquo;<span class="underline">bitten</span> drücken Sie sich etwas deutlicher ...<br />
-... versetzte die Nase, &bdquo;<a href="#corr-143"><span class="underline">bitte</span></a> drücken Sie sich etwas deutlicher ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... seinen fest zusammen<span class="underline">gekniffen</span> Lippen schließen konnte. ...<br />
-... seinen fest zusammen<a href="#corr-145"><span class="underline">gekniffenen</span></a> Lippen schließen konnte. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
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-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen
-II / Novellen, by Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE ***
-
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-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-
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-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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