diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 22:40:06 -0800 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 22:40:06 -0800 |
| commit | 2bd160d807acce93ca5e111b16441d5b32884283 (patch) | |
| tree | a551e193a59cd6f0e3ab21ba7e51eb5d5b9f8bd6 | |
| parent | c6393fec5f9815279122c67f944fc852c7db277f (diff) | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/54263-8.txt | 14007 | ||||
| -rw-r--r-- | old/54263-8.zip | bin | 308623 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/54263-h.zip | bin | 396317 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/54263-h/54263-h.htm | 21304 | ||||
| -rw-r--r-- | old/54263-h/images/cover-page.jpg | bin | 30505 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/54263-h/images/logo.jpg | bin | 2272 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/54263-h/images/portrait.jpg | bin | 40528 -> 0 bytes |
10 files changed, 17 insertions, 35311 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..808ed68 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #54263 (https://www.gutenberg.org/ebooks/54263) diff --git a/old/54263-8.txt b/old/54263-8.txt deleted file mode 100644 index 835f78f..0000000 --- a/old/54263-8.txt +++ /dev/null @@ -1,14007 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / -Novellen, by Nikolaj Gogol - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen - Die Toten Seelen II / Der Mantel / Die Nase / Das Porträt - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Translator: Otto Buek - Mario Spiro - S. Bugow - -Release Date: March 1, 2017 [EBook #54263] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - Nikolaus Gogol - Tote Seelen, II - Novellen - - - - - Nikolaus Gogol - Sämmtliche Werke - In 8 Bänden - - - Herausgegeben - von - Otto Buek - - - Band 2 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1909 - - E. R. W. - - - Nikolaus Gogol - - - - - Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen - - - Übertragen - von - Otto Buek - - - Band 2 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1909 - - E. R. W. - - - - - Inhalt - - - Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil Seite 1 - Novellen: - Der Mantel » 223 - Die Nase » 283 - Das Porträt » 329 - - - - - Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows - oder - Die Toten Seelen. - Zweiter Teil - - - Erstes Kapitel. - -Warum bloß wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die -beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens öffentlich zur Schau -stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten -Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? -- Was ist zu -machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er -selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, daß er eben -nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und -Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus -der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes -ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis -hineingeraten und wieder auf ein ödes trauriges Nest gestoßen. Und noch -dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis! - -Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Türmen und Bastionen, -zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine -ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich -über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald -als senkrecht abstürzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen, -bald wieder in Form von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das -zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von weitem wie zartes -Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt -seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen -hohen Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei -Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, floß -zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlängelte sich in leuchtenden -Serpentinen, verschwand plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im -strahlenden Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder Erlen und -tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, überall -begleitet von Brücken, Windmühlen und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung -nachzueilen schienen. - -An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem -Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. Durch künstliche Anpflanzung -hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation -aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbäume und -Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte -Ebereschen kletterten überall, _hier_ einträchtig und sich gegenseitig -im Wachstum unterstützend, _dort_ sich hemmend und eng zusammengedrängt, -den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grünen -Wipfeln die roten Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste der -dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste Stockwerk des -Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster --- und hoch über dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume -streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten Türme in die -Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Türme waren mit -goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmückt, die mit ebensolchen Ketten -von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man aus der -Ferne den Eindruck hatte, als glühte und flimmerte die Luft von -glänzendem gemünztem Golde, das frei im blauen Äther schwebte, ohne an -etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, Dächern und -Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse -wieder, wo die hohen mißgestalteten Weidenstämme, die teils vereinzelt -am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen -Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Blätter -in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden -Bildes versunken schienen. - -Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der Blick aus der Höhe -ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel -schöner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem -Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und -Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: »Gott wie geräumig und frei ist -es hier!« Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus: -Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen übersät waren, -erhoben sich dunkle Wälder wie eine Reihe grün schimmernder Zonen; -hinter den Wäldern leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich -verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, die bläulich -schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite -Nebelfläche; dahinter lagen wieder Sanddünen, welche zwar nicht mehr so -hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und -leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines -Bergrückens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter -beständig in blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie -beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben -sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des -Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch kein menschliches -Auge erkennen konnte -- nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und -wieder aufblitzte wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies ein -großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine -tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr -dringenden Lied der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den -reinen Äther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem -Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und -wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte, -brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: »Gott, wie -geräumig und frei es hier ist.« - -Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich -einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht -einmal ein Fahrweg hinführte. Man mußte schon von der andern Seite -heranzukommen suchen -- wo weit auseinanderstehende Eichen den -herannahenden Reisenden freundlich begrüßten, indem sie ihre breiten -Äste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem -Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben, -und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von -Bauernhütten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der -Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes -der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte. - -Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei -Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche war ein junger Mann von -dreiunddreißig Jahren, der noch dazu unverheiratet war. - -Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow für ein -Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen -Charakter? -- Darnach müssen wir uns natürlich bei den lieben Nachbarn -erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung -verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon -im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen über ihn zu -äußern: »Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!« Ein General, der etwa zehn -Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: »Der junge Mann ist -nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich könnte -ihm nützlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und -sogar beim ...« Der General beendigte seinen Satz niemals. Der -Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: »Ich will mir mal -morgen die rückständigen Steuern von ihm abholen!« und ein Bauer hätte -auf die Frage, was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts -geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm -hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei -Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von -denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies -genug Leute, welche unnütz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte -gerade Tentennikow es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen -kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem -andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er für einen -Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden -Naturschönheiten entsprach. - -Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann richtete er sich im -Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen -sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch. -Während der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens -Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tür. Dieser -arme Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die -Küche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr saß noch immer im Bett -und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich, -zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee, -Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen -Zügen, indem er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die -Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er wohl zwei Stunden -lang beim Frühstück, doch das genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine -Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof führte. -Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab. - -Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als -Aufwärter mit der Schließerin Perphiljewna, die er mit folgenden -Ausdrücken zu bedenken pflegte: »Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges -Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines -Geschöpf!« - -»Du willst wohl _so_ etwas haben?« heulte die Jammerseele oder -Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses -Frauenzimmer war nicht ungefährlich und hatte recht derbe und kräftige -Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere -Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt. - -»Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn, -elendiges,« kreischte Grigorij. - -»Der Verwalter ist doch gerad so'n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr -kennt euch nicht; er ist doch hier und hört alles.« - -»Wo ist der Herr?« - -»Da sitzt er am Fenster und sieht alles.« - -Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und sah alles. - -Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen schrie ein Knabe -auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen -hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem -Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nämlich kochendes Wasser -aus dem Fenster gegossen und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte -und plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles an, aber -erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er Tentennikow in seinem -Nichtstun zu stören begann, schickte er in den Hof hinunter und ließ -sagen, die da unten möchten doch etwas _leiser lärmen_. - -Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein -Zimmer, um an einem großen Werke zu arbeiten, das ganz Rußland von -sämtlichen nur möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom -politischen, vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten -sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lösen, die -die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rußlands -große Zukunft läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner -Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es zunächst beim Nachdenken über -dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf -ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite; -statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum -Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, während die -Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise verzehrt wurde, -ruhig weiter, und es kam mitunter vor, daß manche Speisen ganz kalt und -andre überhaupt nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine Tasse -Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie -Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan -wurde -- ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde überhaupt -nichts mehr getan. - -So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, der immer im -Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß ganz mutterseelenallein und von -aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen -machte ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder -ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und -der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht -genug erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt nicht -zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, daß Andrei -Iwanowitsch Tentennikow zu der großen Familie der Leute gehörte, die in -Rußland nicht alle werden und die man früher bei uns Schlafmützen, -Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für die ich heute -wirklich keinen Namen zu finden wüßte. Ob solche Charaktere _geboren_ -werden oder sich allmählich bilden, als ein Produkt trauriger -Lebensverhältnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch -hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man -vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei -Iwanowitschs zu erzählen. - -»Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas Vernünftiges aus ihm -werden sollte. Mit zwölf Jahren kam der etwas kränkliche und -träumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren -Direktor ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. Der -Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und -Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem außerordentlichen -Feingefühl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie -kannte er das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten -und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas -angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche -und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine -harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs die Nase -hängen, sondern verließ das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas -wie frischer Mut in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm -zu sprechen: »Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig -wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.« Nie hielt der -Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes Betragen. Er pflegte -nur zu sagen: »Ich verlange von meinen Schülern nur dies eine: daß sie -vernünftig und verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug -zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten müssen von -selbst verschwinden.« Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten -verschwanden ganz von selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben -hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die -erwachsenen Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen lassen von den -Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften -ihnen kein Härchen krümmen. »Das geht zu weit!« sagten viele, »diese -Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig machen.« »Nein, das -geht durchaus nicht zu weit,« antwortete er, »die schwach Begabten -behalte ich nicht lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den -einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe ich noch einen -zweiten Kursus.«(1) Und in der Tat, die Begabten mußten noch einen -zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er -und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem -Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung -ihrer seelischen Regungen und er erklärte, er könne es nicht entbehren, -sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, -- um mit -Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe. - -Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche -Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst -in dem unvernünftigen Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen -Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche -Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten -Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres -herrlichen Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken -ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Tränen der -Rührung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde überlief den Schüler ein -freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine -Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der -Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die -Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die -letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, hatte gar keine -Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von -dem Zögling, was andre unvernünftigerweise schon von den Kindern -verlangen -- nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht -spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu -verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren, -niemals Rache zu üben und sich immer eine stolze Ruhe und -unerschütterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet -ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier beständig -zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich Versuche und -Experimente mit seinen Schülern an. O, wie vorzüglich kannte er die -Wissenschaft des Lebens! - -Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den meisten Fächern -unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige -Terminologie, ohne großartige Theorien und geschwollene Phrasen das -eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen, -sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen -nötig hatte. Von allen Wissenschaften wählte er nur die, welche geeignet -sind, aus dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden. -Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jüngling in -der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont -seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf der -Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner Seele in seinem -künftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor -ihnen: weder die Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem -Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die -Verführungen, die ihn erwarten, dies alles führte er ihnen in -ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste -vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter und -Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, daß der Ehrgeiz in -ihnen so stark angeregt war, sei es daß im Auge dieses außerordentlichen -Pädagogen etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges »Vorwärts!« -zuzurufen schien -- dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei -seiner feinfühligen Natur so große Wunder wirkt -- genug, die jungen -Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und -dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig und tätig zu -zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu überwinden -und einen hohen Mut und Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen -gelang es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es auch lauter -starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampfe -gestanden hatten. Im Dienste wußten sie sich an den exponiertesten -Stellen zu halten, während viele, die weit klüger waren als sie, es -nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher -Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und träge(2) wie sie waren in -die Hände von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die -andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern -verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf -die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen -Einfluß auszuüben.(3) - -Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloßen -Gedanken, daß er endlich auch in diese Klasse versetzt werden würde. Man -sollte meinen, für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres -geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück wollte es jedoch, -daß gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwählten -versetzt worden war -- wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte -- der -vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein -wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust -für den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz -anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser -Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei äußere -Vorschriften und ein strenges Reglement einzuführen und verlangte von -den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte. -In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und -Zügellosigkeit. Wie im bewußten Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte -er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und -die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, sondern allein auf -das gute Betragen.(4) Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig -strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern -nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie -aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnürchen, dafür gab -man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin. - -Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch -stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundsätzen an. Sie -ließen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die -Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer Darstellung -keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie berücksichtigten die neueren -Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an -Feuer und wahrhafter Begeisterung -- aber ach bei alledem fehlte es doch -ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt -in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort, -es ging alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und -Autorität ging ganz verloren, man lachte und spottete über die Lehrer, -nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schönen Namen sonst noch -heißen. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig -waren, ja die Schüler machten raffinierte Streiche, daß man sich -genötigt sah viele von ihnen ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die -Schule kaum noch wiederzuerkennen. - -Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften Charakter. Er fand -kein Gefallen an den nächtlichen Orgien seiner Kameraden, die vor dem -Fenster der Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen -einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche und frechen -Reden über die Religion nicht mit, zu denen sie sich nur deshalb -verstiegen, weil sie zufällig einen recht dummen Popen zum Lehrer -hatten. Nein, seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren -göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn zu verführen, aber er -ließ sehr bald die Nase hängen. Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es -gab leider kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es wäre -besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt nicht geweckt worden wäre. -Andrei Iwanowitsch hörte wie sich die Professoren auf dem Katheder -ereiferten und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken, der, -auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig blieb. Was hörte er -nicht alles für Gegenstände und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar -Jurisprudenz, allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem solchen -Umfange, daß der Professor in ganzen drei Jahren kaum über die -Einleitung und über die Entstehung gewisser deutscher Städte hinauskam --- und Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles blieb in -seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen Stücken liegen -- dank seinem -angeborenen Verstande fühlte er nur, daß dies nicht die richtige -Unterrichtsmethode sein könne, worin aber nun die rechte bestand -- dies -wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an Alexander Petrowitsch -denken, und dann wurde ihm so schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er -sich vor Schmerz lassen sollte. - -Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie noch eine Zukunft hat. -Je näher die Zeit heranrückte, wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte, -um so lebhafter schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich -selbst: »Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben fängt -erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit der großen Taten.« Und -ohne einen Blick auf den herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und -Besucher in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe seiner -Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er wie alle ehrgeizigen -Menschen nach Petersburg, das Ziel aller feurigen jungen Leute, die aus -allen Gegenden Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst -zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder auch nur ganz -oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen, trügerischen -gesellschaftlichen Bildung zu nippen. Allein Andrei Iwanowitsch sah sich -in seinem ehrgeizigen Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch -seinen Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. Dieser -erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, sei eine -gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig; ohne diese jedoch könne er -es unmöglich bis zum Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen. -Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion seines Onkels gelang es -ihm endlich, sich eine kleine Stellung in einem untergeordneten -Departement zu verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten -Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten Tischen betrat, -da hatte er den Eindruck, als säßen hier die ersten Würdenträger des -Reiches, die über das Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten, -und als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die den Kopf auf -die Schulter gebeugt, dasaßen und laut mit den Federn kritzelten, und -wie er nun aufgefordert wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und -ein Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen ganz -unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei Rubel, wegen der -schon ein halbes Jahr lang hin- und hergeschrieben wurde) da überlief -den unerfahrenen Jüngling ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn -herumsitzenden Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine Schuljungen! Zur -Vervollständigung der Ähnlichkeit waren noch einige von ihnen in die -Lektüre eines dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden Sprache -vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern des Aktenstückes -versteckt, suchten sich den Anschein zu geben, als seien sie mit der -Durchsicht der Akten beschäftigt und fuhren jedesmal zusammen, wenn der -Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm so seltsam vor und -er konnte das Gefühl nicht los werden, daß seine frühere Tätigkeit -unendlich viel bedeutender und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit -schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er sehnte sich wieder -in seine Schulzeit zurück. Plötzlich stand Alexander Petrowitsch wie -lebendig vor seinem geistigen Blick -- und er konnte nur mit Mühe seine -Tränen unterdrücken. - -Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die Tische und die Beamten -wirbelten durcheinander und fast wäre er in dieser plötzlichen -Umnachtung zu Boden gesunken. »Nein,« sagte er, als er wieder zu sich -kam, leise zu sich selber, »ich will dennoch ans Werk gehen, so -kleinlich es mir auch erscheint.« Nachdem er sich so selbst ermutigt -hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig weiter zu versehen, wie alle -andern. - -Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg bietet trotz seines -rauhen, finstern Äußeren mancherlei Genüsse. Draußen herrscht eine -fürchterliche Kälte von dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser -Geist jagt heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, durch die -Luft, wütend fegt sie den Schnee über das Straßenpflaster, klebt den -Leuten die Augen zusammen, und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die -Schnurrbärte der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem Puder; -aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden -Schneeflocken hindurch irgendwo hoch oben im vierten Stock ein -freundlich erleuchtetes Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte -bescheidener Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm der Teemaschine -werden hier Herz und Seele erwärmende Gedanken ausgetauscht, erklingt -manch herrliches, begeistertes Poetenwort, mit dem Gott sein liebes -Rußland so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt manch -Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal unter dem schwellenden -Himmel des Südens. - -Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber die berufliche -Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen Ziel und Selbstzweck, wie er -zuerst geglaubt hatte, sondern sie rückte gewissermaßen an die zweite -Stelle. Sie diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte -ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben, erst recht -schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat fing schon an zu glauben, -daß aus dem Neffen noch etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich -einen ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten, daß sich -unter den vielen Freunden Andrei Iwanowitschs zwei junge Leute befanden, -die zur Klasse der sogenannten »verbitterten« Menschen gehörten. Das -waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, die nicht nur -keine _Ungerechtigkeit_ geduldig zu ertragen vermögen, sondern nicht -einmal das, was ihnen wie eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur -gutmütig, aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen sie -von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten, während sie selbst -äußerst intolerant gegen andre Menschen sind. Ihre feurige Rede und die -äußerlich zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft -machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. Im Umgang mit ihnen -schärften sich seine Nerven und erwachte in ihm eine gewisse -Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Er lernte von ihnen, all jene -Kleinigkeiten zu bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor -Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die sich in -jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein Mißfallen. Es -schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar in ein Stück Zucker -verwandelte und sein Gesicht zu einem widerlich süßen Lächeln verzog, -wenn er mit Leuten sprach, die über ihm standen, dagegen sofort eine -essigsaure Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; daß -er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die merkte, die an den -großen Festtagen nicht zu ihm kamen, um zu gratulieren und es denen -nicht vergessen konnte, deren Namen er nicht auf der beim Portier -ausliegenden Liste fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche, -beinahe physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele und -reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch eine -Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen Freude suchte er nach -einer passenden Gelegenheit und sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er -so grob gegen ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet wurde, --- er müsse den Chef um Verzeihung bitten oder um seinen Abschied -einkommen. Er nahm seinen Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat, -kam ganz erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: »Um -Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was machst du? Deine -ganze, so glücklich begonnene Karriere aufs Spiel zu setzen, bloß weil -du einen Vorgesetzten bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das -nur bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe doch überhaupt -keiner mehr im Amte. Komm zu dir, sei vernünftig ... Überwinde deinen -falschen Stolz und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich mit -ihm aus!« - -»Es handelt sich hier doch gar nicht _darum_, lieber Onkel,« sagte der -Neffe. »Es wird mir ja garnicht schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich -bin wirklich schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so -mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für mich gibt es noch -einen andern Dienst und eine andre Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern, -mein Gut liegt darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der Staat -wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer meinen Platz im Bureau -einnehmen und meine Akten abschreiben wird, aber er verliert sehr viel, -wenn dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können. Bedenken -Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein Beruf, bei dem man müßig -dasitzen könnte. Wenn ich für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der -mir anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert tüchtige, -nüchterne und fleißige Untertanen auf die Beine stelle, -- habe ich -damit etwa weniger getan, als irgend ein Departementschef Lenitzyn?« - -Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung den Mund weit auf; -einen solchen Redeerguß hatte er nicht erwartet. Er dachte etwas nach -und begann dann etwa folgendermaßen: »Aber trotzdem ... nein, was denkst -du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem Lande vergraben? Die Bauern -sind doch kein Umgang für dich! Hier ist's doch anders, da begegnet man -doch hin und wieder einmal einem General oder einem Fürsten. Und wenn du -Lust hast, kannst du auch an irgend einem schönen öffentlichen Gebäude -vorübergehen. Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische -Industrie, dagegen dort! da siehst du doch nichts wie Bauern und -Bauernweiber. Warum willst du dich unter so ungebildete Menschen -begeben?« - -Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen des Onkels -machten keinen rechten Eindruck auf den Neffen. Das Land erschien ihm -als ein Hort der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken, -als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit. Er hatte sich schon die -allerneuesten Werke über Landwirtschaft besorgt. Mit einem Wort, zwei -Wochen nach dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe jener -Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes lieblichen Winkels, -der jeden Gast und Besucher so in Begeisterung versetzte. Ein ganz neues -Gefühl bemächtigte sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke -erwachten in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen, -und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die herrlichen Gegenden, an -denen er vorüberkam. Und plötzlich begann sein Herz aus einem -unbekannten Grunde heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch eine -enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes führte und er -oben und unten, über und unter sich dreihundertjährige Eichenstämme, die -drei Menschen kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, Ulmen -und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher waren als die gewöhnlichen -Pappeln und als er dann auf die Frage: »Wem gehört dieser Wald?« die -Antwort erhielt: »Tentennikow,« und wie dann der Weg den Wald verließ, -sich an Espenhainen, jungen und alten Weidenbäumen und Sträuchen, und an -den fernen Gebirgsketten vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken -überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend und als der -Reisende auf die Frage: »Wem gehören diese Wiesen und diese -überschwemmten Felder?« wiederum die Antwort erhielt: »Tentennikow,« und -als dann der Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau weiter -fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen und Gerste und sich noch -einmal an all den Plätzen entlang zog, an denen man schon einmal -vorbeigekommen war und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen, -und als der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten breiter -weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander auf dem grünen -Rasenteppich standen, welcher sich bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als -die mit Schnitzwerk verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der -steinernen Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die -goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und das feurig pochende -Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, wo er sich jetzt befand, -- da -machten sich die immer höher schwellenden Gefühle in folgenden lauten -Worten Luft: »War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. Das -Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen Paradieses ausersehen, -und ich verdammte mich selbst zu niederen Schreiberdiensten, machte mich -zum Knechte toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine -sorgfältige Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert, mir -einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet, deren man zur Förderung -des Guten unter seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes, -zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten eines -Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und Ordnungswächter in -einer Person ist! Und da gehe ich hin und vertraue diesen Posten irgend -einem ungebildeten und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt -dessen den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich um die -Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch nicht gesehen habe und -deren Wesen und Charakter ich nicht einmal kenne. Wie konnte ich nur -dies Papierregiment, diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die -vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich noch nie mit dem -Fuße betreten habe und wo ich einen ganzen Haufen von Dummheiten -anrichten kann -- der realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?« - -Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. Die Bauern hatten -von der Ankunft ihres Herrn gehört und sich an der Freitreppe des -Herrenhauses versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel und -die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen Menschenschlages drängten -sich um ihn. Und als dann aus hundert Kehlen der Ruf ertönte: -»Väterchen! Hast du dich endlich unser erinnert!« und den alten Leuten, -die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt hatten unwillkürlich -die Tränen in die Augen traten, da konnte auch er seine Rührung nicht -unterdrücken. Und er mußte sich insgeheim fragen: »So viel Liebe! Womit -habe ich sie nur verdient?« -- »Wohl damit, daß ich sie nie gesehen, -mich nie um sie gekümmert habe!« Und er schwur sich, von nun an alle -Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen. - -Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und -Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte -die Fronarbeit und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten. -Den dummen Verwalter jagte er davon und kümmerte sich selbst um alles. -Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der -Getreidedarre, in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden -und bei der Abfertigung der Barken zugegen, sodaß die Trägen und Faulen -sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht -lange.(5) Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr zwar -flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tüchtiges zu leisten, -aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine -Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich kam es -soweit, daß sich Herr und Bauer -- es wäre zu viel gesagt -- garnicht -verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie -lernten, den gleichen Ton zu treffen. - -Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen Grund und Boden -alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn -wurde früher ausgesät und ging später auf; und doch konnte man nicht -sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst -dabei und ließ den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn -sie sich besonders viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern -der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse -schoß mächtig empor, bei ihm dagegen grünte das Korn noch kaum und die -Ähren waren kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß ihn der -Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die -er ihm angedeihen ließ. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu -stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: »Wie können Sie nur -glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen und Vorteil der -Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns -beim Pflügen und Säen gegeben haben! -- Sie haben uns doch sogar einen -Becher Branntwein geben lassen.« Was konnte er darauf antworten? - -»Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?« fragte der Herr -weiter. - -»Gott weiß es! Der Wurm hat's wohl von unten angenagt! Und dann kommt -noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal -geregnet.« - -Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte, -und es regnete auch so merkwürdig, sozusagen streifenweise, sodaß nur -der Bauer Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen das -herrschaftliche Kornfeld traf. - -Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort -bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten über die Lasten -des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine Lieferungen von -Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen mehr von ihnen, erließ ihnen die -Hälfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die -freigewordene Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, für die -Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und ihre Gemüsegärten -vergrößern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Müßiggang, das -Raufen, die Klatschsucht und allerhand Zänkereien derartig unter dem -schönen Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick zum Herrn -gelaufen kamen und ihn baten: »Gnädiger Herr, bringen Sie diesen Satan -von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der -kann kein Mensch auskommen!« - -Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine Zuflucht zur Strenge -nehmen wollen. Aber wie konnte er es übers Herz bringen! Wie konnte er -streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu -heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in -so häßliche widerwärtige Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß -nahmen -- das weiß Gott allein!) »Fort, geh mir aus den Augen, daß ich -dich nicht zu sehen brauche!« rief der arme Tentennikow und hatte gleich -darauf das Vergnügen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat, -sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken begann und ihr -trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den Buckel volldrosch, wie es ein -gesunder Bauer nicht schöner fertiggebracht hätte. - -Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, aber das gab eine -solch tolle Verwirrung, daß er ganz mutlos wurde, den Kopf hängen ließ, -und bedauerte überhaupt damit angefangen zu haben! - -Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er -gleichfalls, daß sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen -nicht viel anfangen ließ, auf die ihn seine philosophischen Professoren -gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht -weniger und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden. -Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war, -als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bücher; -- er fühlte, -daß ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott allein. -Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand -der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr -wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies kühlte den -Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die -Arbeiten zu beaufsichtigen, dann ließ er es fast ganz an der früheren -Aufmerksamkeit fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr auf -den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet, -wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, daß um ihn herum die -Erntearbeiten in vollem Gange waren. -- Seine Augen blickten in die -Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge -irgend einen Gegenstand in der Nähe oder er blickte nach der Seite, wo -der Fluß eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem -Schnabel auf und ab spazierte -- ich meine natürlich einen Vogel und -keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen -Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig -überlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den -Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher Vogel zu sehen -war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem -Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schloß die Augen, -richtete den Kopf in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und ließ -seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des -gefiederten luftigen Sängervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben -im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem -kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im Roggen schlägt die Wachtel, -der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd -herüber und hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die Luft -schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum -verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche, -die hoch oben in den Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die -ganze Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurück ... -O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem -kleinsten Dörfchen, fern von den abscheulichen großen Landstraßen und -Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hörte -er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er beständig im -Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser -kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten. - -Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein -Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit -Tabakqualm gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien -nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen -Broschüren und Zeitungen schöpfte. Aber auch dies begann ihn zu -langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht -oberflächlich vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die -Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien -und Familiaritäten erschienen ihm gar zu unverhüllt und offen. Er -beschloß daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich -ihrer in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant jener Sorte -von Obersten und Lebemännern, die heute bereits im Aussterben begriffen -sind, ein überaus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflächlicher -Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei -uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch -Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen über -Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage -Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und -ließ ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die -Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des -Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich -»so ein Schweinehund!« durch die Zähne, worauf ihm der andere -gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete -ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr. - -Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich ganz dem Nachdenken -über sein großes Werk über Rußland hin. In welcher Weise dieses geschah --- hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von -selbst eine merkwürdige -- liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man -nicht sagen, daß es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus -seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins -Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden -stieß, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung -emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der -Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte, -dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine -sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses Leben entrang -sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und -häßlich. Mit ungewöhnlicher Klarheit erstand vor ihm die längst hinter -ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander -Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, und Tränenbäche stürzten -ihm aus den Augen ..... - -Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief -erschütterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des -Schmerzes über den großen und edlen Menschen, der in seinem Innern -schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe -er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht -erprobt im Kampf mit der Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene -hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhöhen -und zu kräftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse; -dahingeschmolzen wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer -herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung erhalten zu -haben; allzu früh für ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun -gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre, -die durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte und den -jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu -wecken, -- der ihn mit lebendigem Worte ermuntert -- der Seele ein -belebendes »Vorwärts« zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder -Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang, -Beruf und Stande so lebhaft dürstet. - -Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren -Muttersprache dieses allgewaltige Wort »Vorwärts« zuzurufen vermöchte? -Wer kennt so gut alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres -Wesens, daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben fortreißen -könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher Liebe würde es ihm der Russe -danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller -Trägheit und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt unser -Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstünde, -dieses allgewaltige Wort zu sprechen! - -Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf -geweckt und eine völlig Umwälzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es -war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren -Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute -entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu -freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter -General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes Haus und liebte -es, daß seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er -selbst erwiderte natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere -Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein ganz seltsames, -ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben -selbst. - -Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Eine -englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch -verstand. Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der Vater hatte -keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner -unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als daß -er sie schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit und -Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn -jemand gesehen hätte wie ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die -herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater -stritt dann hätte er wohl glauben können, sie sei das launischste -Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von -einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hörte, die einem andern -widerfahren war. Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst -willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber -verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, in Unglück und Elend -sah! Sie hätte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren -Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, ob -das auch vernünftig sei(6) oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestümes -in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja -ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die -Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides schienen -vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie müsse selbst mit -ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor -keinem Menschen hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu -offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum Schweigen veranlassen -können, wenn sie reden wollte. Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur -sie allein ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr -begegnete, unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In -ihrer Gegenwart überkam jeden bösen Menschen etwas wie Verlegenheit, und -er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und -verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während die Blöden sofort -ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern -Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem -solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt -und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo gesehen: in seiner -frühesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen -Vaterhause, an einem glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen -spielten und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der -Ernst und die Reife des Mannesalters. - -Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein -unerklärlich neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Ein heller -Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges -Leben. - -Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf, -eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht -herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein -unangenehmes Gefühl in beiden zurückließ; denn der General konnte keinen -Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch -Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er -dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen -beiden blieb so lange ungestört, bis eines schönen Tages zwei Verwandte -des Generals: eine Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm zu -Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch -einige gute Verbindungen mit einflußreichen Personen in Petersburg -besaßen; der General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen. -Tentennikow kam es so vor, daß der General seit dem Tage ihrer Ankunft -etwas kälter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine -stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte -ihn »mein Bester« oder »Verehrtester« und sagte einmal sogar »du« zu -ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte sich -aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel Geistesgegenwart zu -bewahren, um ihm mit sehr sanfter und höflicher Stimme zu erwidern, -während alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte -hervortraten: »Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank schuldig Herr -General. Mit diesem vertraulichen »du« bieten Sie mir ein enges -Freundschaftsbündnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls »du« zu -nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären Verkehr -zwischen uns vollkommen unmöglich!« Der General wurde verlegen. Er -suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden; -schließlich erklärte er, das »du« sei von ihm durchaus nicht in dem -Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen -jungen Menschen »du« anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein -Wort. - -Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr -miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht -erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun -herabsinkende Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein -Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurück und nahm seine frühere -Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er -tagelang untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der -Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die -Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch -vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, gleichsam als -Festgabe für den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so -armselig und schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu -achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt nach ihm pickten. -Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand -Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser, -Hütten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber vergaß er -alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst über -das Papier ohne daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein -kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem schnellen forschenden -Blick und einem leicht emporgekämmten Haarbüschel -- und staunend sah -der Zeichner, daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt kein -Künstler hätte malen können. Und dann wurde ihm noch wehmütiger und -schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück -auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und -einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch -Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, als er sich eines Tages nach -seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu -seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst -eine gewisse Unruhe und Bewegung. - -Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu öffnen; es -tat sich auf, und ließ drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf -Triumphbögen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und -eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher und ein -Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf. -Hinter diesen saß ein Herr in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein -regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte -es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der -ein ungewöhnlich anständiges Äußeres hatte, sprang beinahe mit der -Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen und eilte die -Treppe hinauf. - -Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankömmling für einen -Regierungsbeamten. Hier muß ich nachholen, daß er in seiner Jugend in -eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende -Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschüren gelesen hatten, ein -Ästhet, der die Universität nicht beendigt hatte, und ein -heruntergekommener Spieler wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft -gründen unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners, -der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter -Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich hohes Ziel -gesteckt: nämlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis -Kamtschatka, dauernd zu beglücken. Dazu bedurfte man jedoch einer -ungewöhnlich großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen -Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. Wo das Geld hinkam, -das wußte freilich niemand außer dem ersten Vorsitzenden, der die -Oberleitung in den Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in -diese Gesellschaft eingeführt; das waren zwei von jenen verbitterten -Menschen, die von Natur gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die -Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten im Dienste -der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmäßigen Säufern -geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat -aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in -gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann -eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen -Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher -kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er -alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht -ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und -daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich -öffnen mußte. - -Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier -unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen -der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber -bestimmten Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit teils -in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: unser Land sei -sehr reich an merkwürdigen Dingen, ganz abgesehen von dem Überfluß an -Erwerbsmöglichkeiten und den großen Unterschieden in der -Bodenbeschaffenheit; er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, -hätte es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, den -Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, wenn nicht -seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen dieses Frühjahrs und der -schlechten Wege plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur -werde nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. Bei -alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts -passiert wäre, dennoch nicht versagen können, ihm persönlich seine -Aufwartung zu machen. - -Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu -bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß und ließ dabei seine -eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um -gleich darauf, trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines -Gummiballes ein paar Schritte zurückzuspringen. - -Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; er nahm an, das -müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter oder Professor sein, der -Rußland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu -sammeln. Er erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen -Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede für die -Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich's bei ihm so bequem zu machen, -wie in seinem eigenen Hause, ließ den Gast in einem großen Lehnsessel -_à la Voltaire_ Platz nehmen, und schickte sich an, seine -Erzählung anzuhören, die sicherlich von allerhand gelehrten -naturwissenschaftlichen Gegenständen handeln würde. - -Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstände des inneren -Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von -heillosen Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte wie oft er -schon Amt und Beruf habe wechseln müssen, wieviel er für die Wahrheit -gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon -oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus -Tentennikow ersehen konnte, daß sein Gast eher ein Mann der Praxis sei. -Zum Schluß führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und -schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehört -hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen -vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann -scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen -Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch die plötzlich -erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich -darauf erfüllte die Luft ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, -der sich durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar -im Zimmer verbreitete. - -Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast kein andrer war, -als unser verehrter, von uns so lange vernachlässigter Pawel Iwanowitsch -Tschitschikow. Er war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm -offenbar nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. Selbst der Frack, -in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein; -auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr -sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage -schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts, -und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie -früher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas -liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße noch gewandter -übereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war -fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe _noch_ -mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und -Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein -Kragen und sein Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, und -obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem -Frack: er hätte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen -können. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein Blinder über -die angenehme Fülle und Rundung nicht in Entzücken geraten konnte. - -Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung vor sich, die eine Hälfte, -die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden -geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender -Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden die Möbel -umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer, -welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur -Nachttoilette nötigen Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als -Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir wissen, daß -in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein -Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter -Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre und der in -den unbewohnten anstoßenden Salon führenden Türe, in dem zerbrochene -Möbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa -ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand -die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht -hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider, -ein Paar _neue_ Beinkleider, ein Paar _graue_ Beinkleider, zwei -Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde -übereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes -Taschentuch über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tür -und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar -_nicht mehr ganz_ neue, ein Paar _ganz_ neue, ein Paar Lackschuhe und -ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem -seidenen Taschentuch zugedeckt -- ganz als ob sie überhaupt nicht -vorhanden wären. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände -in schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit -Kölnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur -der zweite Band. Die reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, -die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche hingegen, die -zur Wäscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bündel -zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, -nachdem er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, der -unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Räubern und Dieben Schrecken -einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel -in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das Aussehen höchster -Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war -ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken. -Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in -ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden -Mannsperson, die ihre Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht -und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. In dem Saal, der -als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners -Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert -und, wie es sich gehörte, in der Küche untergebracht. - -In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig für seine -Unabhängigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast könne ihn belästigen, -unliebsame Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die von ihm -mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung stören, allein seine -Besorgnisse waren unbegründet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine -ganz außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, sich an -alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über die philosophische -Langsamkeit seines Wirtes aus und erklärte, sie verheiße ein langes -Leben. Über sein Einsiedlertum äußerte er sich sehr treffend, es nähre -in dem Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die -Bibliothek, sprach sehr lobend über die Bücher im allgemeinen und -bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr -wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. -In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger und -taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt -nicht mit Fragen und Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur -Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie Schach mit -ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. Während der eine den -Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre, -da er keine Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum -Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie -zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger -der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um -ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel -herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er störte seinen Wirt -nicht im mindesten. »Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit -dem sich's leben läßt!« sagte Tentennikow zu sich selbst, »diese Kunst -ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es -mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber -Menschen von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen man ein -Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne sich zu zanken -- solche -Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt's denn bei uns -überhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.« -So urteilte Tentennikow über seinen Gast. - -Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß er eine -Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das -Zigeunerleben hatte er gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat -lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der -Felder und des beginnenden Frühlings so recht von Herzen genießen zu -können, das war sogar mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem -Nutzen und Vorteil. - -Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner Erholung finden -können. Der Frühling, dessen Sieg durch starke Fröste aufgehalten worden -war, entfaltete sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall -sproßte junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, aus dem -frischen Smaragd des ersten Grünes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume -hervor, und die rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes -Köpfchen. Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten zeigten sich über -den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen -Seiten flüchteten die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier -strömte alles zusammen, um einander zu sehen und sich näher kennen zu -lernen. Plötzlich bevölkerte sich die Erde, die Wälder erwachten, in den -Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der -Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell -leuchtete das Grün! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den -Gärten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tönte und -sang, wie bei einem Hochzeitsfest! - -Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergängen bot -sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen -Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den -großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen Flüsse -zurückgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch -unbelaubten Wäldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das -Dickicht dunkler Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit -Vogelnestern geschmückt, dicht beisammen standen und die Raben krächzend -durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten. -Über trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo -die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See -stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetäubendem Getöse auf das -Mühlrad stürzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er -ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, und zu -beobachten, wie sich ein Stück frisch gepflügtes Ackerland mitten durch -das Grün der Felder zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb -trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig den Samen -ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen auf der einen oder andern Seite -zu verschütten. - -Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach -alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Müller. Er erkundigte -sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt -stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frühjahr und Herbst für -Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem -verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein -füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ sich auch sagen, -wieviel Bauern gestorben wären, und erfuhr, daß es nur wenige seien. Als -kluger Mann erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um Andrei -Iwanowitsch' Haushalt stand. Überall entdeckte er Unterlassungssünden, -Nachlässigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und -er dachte sich: »Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! So ein -Gut! und es so zu vernachlässigen! Man könnte sicherlich ein Einkommen -von fünfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!« - -Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen der Gedanke, selbst -einmal -- d. h. natürlich nicht jetzt, sondern später, wenn die -Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Händen haben würde -- selbst -einmal so ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. Und -sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit -weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise -vor ihm auf. Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er -stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren -Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen -munteren Jungen und eine schöne Tochter, oder sogar zwei Jungen und -zwei, ja selbst drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich -gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst oder Schatten -über die Erde gewandelt wäre -- und damit er sich vor dem Vaterlande -nicht zu schämen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es nicht -übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: Staatsrat zum -Beispiel. Das war immerhin ein recht anständiger und achtbarer Titel! -Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so -mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen -Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und -ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er überzeugt ist, daß es nie -eintreffen wird. - -Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie -gewöhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schloß bald -Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr -wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij -Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und -Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit -Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch -einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden -geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen -solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden können, und -er sprach von mehr als dreißigtausend Werst, sodaß der Diener Pawel -Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von -allen Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den -allerschönsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft. -Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen -Akulka gehörte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal -konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft -besiegelt, damit wurden sie zu »Stammgästen« der Kneipe wie man sich im -Volke auszudrücken liebt. - -Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe -Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden -Frühling durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich der Reigen -und löste sich wieder. Die schlanken rosigen Mädchen, von einem -Liebreiz, wie man ihn heute in den größeren Dörfern kaum noch findet, -machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen -und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die -Schönste war; sie hatten alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde -und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an -den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren weißen Händen faßte, und sich -mit ihnen langsam im Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern -Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, wenn die Mädchen laut -lachend auf sie zukamen und sangen: »Wo ist der Bräutigam, Bojaren?« und -wenn dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank und weit hinter -dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurücktönte, dann -wußte er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in -der Dämmerung, ob er schlief oder wachte -- immer wieder kam es ihm so -vor, als halte er ein Paar weiße Hände in seinen Händen und bewege sich -langsam mit ihnen im Reigen. - -Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr -wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den -Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich -und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen -Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war, -über den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch -die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das -in der äußersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern -leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten. - -Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was -jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite -Rußland bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in dieser -Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er -es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch -immerhin Bücher, philosophierte, suchte sich über die Ursachen und -Gründe aller Erscheinungen klar zu werden -- über ihr Warum und Weshalb -.... »Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an!« So -dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und -so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher häufig zu einem -seiner Nachbarn -- einem General zu Gaste fuhr, daß der General eine -Tochter habe, daß der Herr für das Fräulein -- und auch das Fräulein für -den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich entzweit und von -da ab für immer gemieden hätten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß -Andrei Iwanowitsch beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe -zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen. - -Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner -Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse -drehte, sagte er zu Tentennikow: »Sie haben alles was das Herz begehrt, -Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.« - -»Das wäre?« fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft -blies. - -»Eine Lebensgefährtin,« versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch -entgegnete nichts, und damit war das Gespräch für dies Mal zu Ende. - -Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, suchte sich einen -andern Zeitpunkt aus -- diesmal war es _vor_ dem Abendbrot -- und sagte -plötzlich mitten in der Unterhaltung: »Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie -sollten heiraten!« - -Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses -Thema unangenehm sei. - -Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das dritte Mal wählte -er wieder eine andre Zeit und zwar _nach_ dem Abendbrod, und sprach -folgendermaßen: »Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre -Lebensverhältnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur Überzeugung, -daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.« - -Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders überzeugend waren, -oder daß Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und -Offenherzigkeit geneigt war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem -er wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: »Bei allen Dingen muß man -Glück haben, man muß als Sonntagskind geboren werden, Pawel -Iwanowitsch.« Und er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet -hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und -ihre Entzweiung. - -Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort kennen gelernt -hatte, und hörte, daß wegen des einen kleinen Wörtchens »du« eine so -große Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere -Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, ohne entscheiden -zu können, ob er ein kompletter Narr oder bloß ein bißchen dumm sei. - -»Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!« sprach er endlich, indem er jenen -bei beiden Händen nahm: »Was ist denn das für eine Beleidigung? Was -finden Sie denn in dem Wörtchen »du« Beleidigendes?« - -»Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,« entgegnete -Tentennikow: »die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem -dieses Wort gesprochen wurde. >Du!< -- das soll heißen: >wisse, daß du -ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil -ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Fürstin -Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein -eigentlicher Platz ist und dich an die Türe zu stellen.< _Das_ hat es zu -bedeuten!« Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und -milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines -aufs tiefste beleidigten Gefühls nach. - -»Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten hätte? -- Was ist -denn dabei?« sagte Tschitschikow. - -»Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach diesem Benehmen noch -weiter besuche?« - -»Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal -ein Benehmen nennen,« sagte Tschitschikow kaltblütig. - -»Wieso kein >Benehmen<,« fragte Tentennikow erstaunt. - -»Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist bloß so -eine Gewohnheit dieser Herren Generäle: sie duzen alle Leute. Und -schließlich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten -Mann nicht einmal gestatten?« - -»Das ist ganz was andres,« versetzte Tentennikow, »wäre er nur ein alter -Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich, -wäre er kein General, dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich -_du_ zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.« - -»Tatsächlich, er ist ein Narr!« dachte Tschitschikow. »Einem zerlumpten -Kerl würde er es gestatten, einem General dagegen nicht!« Und nach -dieser Erwägung fuhr er laut fort: »Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er -Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie -beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurückgegeben. Aber wie -kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so -im Stiche lassen, die einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich -schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal -ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie auch drauf los gehen, komme was -da will. Wer achtet denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle -Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der -ganzen Welt, der nicht um sich schlägt und einen nicht anspuckt.« - -Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, er saß ganz -verblüfft da und dachte nur: »Ein zu seltsamer Mensch, dieser -Tschitschikow!« - -»Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!« dachte -Tschitschikow, und er fuhr laut fort: »Andrei Iwanowitsch, lassen Sie -mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so -unerfahren. Erlauben Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich -will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, daß die Sache -Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre -geringe Welt- und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.« - -»Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!« sagte Tentennikow -gekränkt »und kann auch Sie nicht dazu zu ermächtigen!« - -»Zum Kriechen bin ich nicht fähig,« versetzte Tschitschikow gleichfalls -gekränkt. »Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber -kriechen -- niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es -zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, meinen Worten einen so -beleidigenden Sinn unterzulegen.« - -»Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!« sagte Tentennikow -gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Händen. »Ich wollte -Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr -wertvoll. Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch auf, wir -wollen nie wieder über diese Sache reden!« - -»Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, zum General«, sprach -Tschitschikow. - -»Wozu?« fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah. - -»Ich will ihm meine Aufwartung machen!« versetzte Tschitschikow. - -»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!« dachte -Tentennikow. - -»Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!« dachte -Tschitschikow. - -»Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich -glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um -so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten -Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren -Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm -hinfahren!« - -»Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie -jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!« - -Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein -jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits -über die Eigenheiten des andern nachzudenken. - -Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr -und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen -Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um -dem General seine Aufwartung zu machen: -- da geriet Tentennikow in eine -solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine -eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung. -Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses -schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers. - -Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er -ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken. -Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte -es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke -eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich -in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. »Ein merkwürdiger Zustand!« -sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, -der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine -Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt -hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow. - - - Zweites Kapitel. - -In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow -über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg -- erst ging es durch den -Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch -gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte, -dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort -herrliche Fernblicke auftaten -- und endlich durch eine breite -Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute -des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln -über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt -auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit -reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses -erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen -wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab, -und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und -sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem -Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat -die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt -in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals -machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen -zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war -offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen -stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz -geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder »dreistöckig«, wie -man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine -Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen -Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General -Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen -und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns -Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt: -Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch -Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit, -Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe -nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts -ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die, -welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer -Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von -ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in -bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte -ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier -Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern -des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von -seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er -sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine -jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und -Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles -an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine -Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung; -auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und -daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm -unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu -glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande -genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen. -Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende -Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit -Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch -veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen -war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht -den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach -seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob -er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte -- er -blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und -Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte -jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens -Furcht oder Scheu ein. - -Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht _und_ Scheu. Er neigte den Kopf -ehrerbietig zur Seite, streckte die Hände aus, wie wenn sie ein Tablett -mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger -Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: »Ich habe es für meine Pflicht -gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den -Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern -verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer Exzellenz persönlich -vorzustellen.« - -Dem General schien diese Introduktion nicht zu mißfallen. Er machte eine -sehr gnädige Kopfbewegung und sagte: »Ich freue mich sehr, Ihre -Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?« - -»Das Feld meiner Tätigkeit,« sprach Tschitschikow, indem er sich im -Lehnstuhl niederließ -- aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig -seitwärts auf der Kante -- und mit der Hand die Stuhllehne festhielt, -»das Feld meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen -weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im -Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben -läßt sich mit einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen, -Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesäugt und -großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld. -Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag -weder ein Wort noch der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt -an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner -Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nächsten -Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...« - -»Bei wem, wenn ich fragen darf?« - -»Bei Tentennikow, Exzellenz.« - -Der General runzelte die Stirn. - -»Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer Exzellenz nicht die -schuldige Achtung erwiesen hat.« - -»Achtung! Wovor?« - -»Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,« sagte Tschitschikow. »Er kann -bloß das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: >Wenn ich Seiner -Exzellenz nur irgendwie ... denn ich weiß doch die Männer zu schätzen, -die das Vaterland gerettet haben,< sagt er.« - -»Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht böse!« versetzte -der General, der schon weit milder gestimmt war. »Ich habe ihn herzlich -lieb gewonnen und bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr -nützlicher Mensch werden kann.« - -»Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,« fiel Tschitschikow ein. »Ein sehr -nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr -schön.« - -»Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht -Verse oder so etwas.« - -»Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem -sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte, -Exzellenz ....« - -»Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?« - -»Eine Geschichte« ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es -nun, weil ein General vor ihm saß, oder wollte er der Sache bloß eine -größere Bedeutung beilegen, genug er fügte hinzu: »eine Geschichte der -Generäle, Exzellenz!« - -»Wie? der Generäle? Welcher Generäle?« - -»Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt aller Generäle ... -das heißt, ich wollte eigentlich sagen, der _vaterländischen_ Generäle.« - -Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt hatte, und war -daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger ausspucken mögen und sagte zu -sich selbst: Herrgott, was rede ich da für einen Blödsinn. - -»Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das? -Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne -Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um sämtliche Generäle die -existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen -haben?« - -»Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!« Und er dachte sich: -»Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!« - -»Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst -interessantes Material geben!« - -»Er hat nicht den Mut, Exzellenz!« - -»Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns -gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will -meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.« - -»Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,« sagte Tschitschikow, -er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: »Hm! die -Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch -ganz frech darauflos geschwätzt!« - -In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür -eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite -der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke -in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers -plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es -hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck -hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar -hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten -Menschen im Zimmer sah --. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in -die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals -schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten -Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm -stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn -man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden -können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil -schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine -schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte -bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen. -Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend -an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären -zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte. -Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre -Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen -hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes -berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib -gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde -festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen, -wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man -sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor -gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers -genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und -schmächtig. - -»Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!« sagte der General, indem -er sich an Tschitschikow wandte. »Übrigens verzeihen Sie, ich kenne -Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...« - -»Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch -durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,« entgegnete -Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte. - -»Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!« - -»Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!« sagte Tschitschikow, indem er sich -beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der -Elastizität eines Gummiballs zurücksprang. - -»Ulinka!« fuhr der General fort. »Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine -äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist -gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an -einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.« - -»Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,« sagte sie schnell. »Das -konnte doch höchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so -vertraust, Papa, und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.« - -»Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, das ist wahr!« sagte der -General. - -»Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur -oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, und seine eigene Schwester -aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, häßlicher -Mensch.« - -»Aber das erzählt man doch bloß von ihm.« - -»Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen, -Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem -Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weißt, daß -er schlecht ist.« - -»Sehen Sie,« sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. »So liegen wir -uns stets in den Haaren!« Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr -fort: »Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!« sagte der -General. - -»Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel -Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schließen!«(7) - -Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls ein Wörtchen -zu sagen. - -»Jedes Wesen verlangt nach Liebe,« sprach Tschitschikow. »Was soll man -machen? Auch das Tier liebt, daß man es streichelt, es steckt seine -Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele -mich.« - -Der General fing an zu lachen. »Ganz recht: so ist es. Es steckt seine -Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß -die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt -er, daß man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha!« Der -General schüttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals -dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch -mit dicken Achselklappen geschmückt wären. - -Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelächter aus -Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he, -he, he! Auch er schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine -Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen. - -»So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann -noch, daß man ihn dafür belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und -abquälen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!« sagte er. »Ha, -ha, ha, ha!« - -Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche Gesicht des -Mädchens: »Papa! Ich verstehe nicht, wie du bloß lachen kannst! Mich -stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß -traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz öffentlich und vor -allen Leuten einen Betrug verübt, und ihn nicht die Strafe der -allgemeinen Verachtung trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir -vorgeht, dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke und denke -und ....« Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen. - -»Bitte, sei uns nur nicht böse,« sagte der General. »Wir sind doch ganz -unschuldig an der Sache. Nicht wahr?« fuhr er fort, indem er sich an -Tschitschikow wandte. »So, nun gib mir einen Kuß und geh auf dein -Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum -Mittagessen.« - -»Du ißt doch bei mir?« sagte der General und warf Tschitschikow einen -Blick zu. - -»Wenn Eure Exzellenz bloß ...« - -»Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für dich reichen. Gott sei Dank! -Wir haben heute Kohlsuppe.« - -Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und ließ den Kopf -ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle Gegenstände im Zimmer einen -Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe -sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung -verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon -nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von -einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem -Backenbart, der, eine silberne Schüssel und ein Waschbecken in den -Händen hielt. - -»Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart umkleide!« - -»Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr -steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen -beliebt, Exzellenz.« - -Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die -Hemdärmel an den athletischen Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich -zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das -Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer. - -»Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben,« sagte -er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfältig abtrocknete -... »Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun -einmal nicht auf zu stehlen!« - -Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung -war plötzlich über ihn gekommen. »Der General ist ein lustiger und -gutmütiger alter Herr! Man könnte es am Ende versuchen!« dachte er und -als er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war, -rief er aus: »Exzellenz! Sie sind so gütig und aufmerksam gegen -jedermann! Ich habe eine große Bitte an Sie zu richten.« - -»Was für eine Bitte?« -- Tschitschikow sah sich vorsichtig um. - -»Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat -dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe. -Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und -zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. Er gibt -einen höchst seltsamen Grund dafür an: >Ich kenne meinen Neffen nicht,< -sagt er, >vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir -erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und sich selbst erst -einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert -dazugeben.<« - -»Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz närrisch?« fragte der General. - -»Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er bloß ein Narr wäre. Das -wäre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage, -Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, und -diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich doch in acht nehmen, daß -er ihr nicht noch sein ganzes Vermögen vermacht.« - -»Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze,« sagte -der General. »Ich sehe nur keine Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen -könnte!« fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah. - -»Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie -besitzen, überlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines -Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich -dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft -aushändigen.« - -Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch -gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf -über die Rücklehne und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in -Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, und die Tochter kam -ganz erschrocken herbeigelaufen. - -»Papa, was ist geschehen?« rief sie entsetzt und sah ihn bestürzt an. -Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu -geben. »Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf -dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht. -Ha, ha, ha.« - -Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er -mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus, -vom Vorzimmer bis zur letzten Stube. - -Tschitschikow wurde ein wenig unruhig. - -»Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha. -Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote -kriegt. Ha, ha!« - -»Es geht schon wieder los!« dachte Tschitschikow. »Ist der kitzlich! Er -wird noch platzen!« - -»Ha, ha, ha!« fuhr der General fort. »So ein Esel! Wie einem nur so -etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert -Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist -wahrhaftig ein Esel!« - -»Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!« - -»Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern -abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich -nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was ist er -eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?« - -»Gegen achtzig Jahre!« - -»Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? Er muß doch noch recht -kräftig sein, wenn er mit der Schließerin zusammenlebt?« - -»Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!« - -»So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!« - -»Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!« - -»Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den -Beinen?« - -»Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.« - -»So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? Wie? Hat er noch -Zähne?« - -»Nur noch zwei, Eure Exzellenz!« - -»So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. -- Er ist zwar dein -Onkel, aber ist _doch_ ein Esel.« - -»Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist -und es mir schwer wird, es einzugestehen, daß Sie recht haben, aber was -soll ich machen?« - -Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer, -dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen -Onkel besessen hatte. - -»Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...« - -»Dir die toten Seelen abzukaufen? Für diesen großartigen Gedanken sollst -du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du -darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha. -Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.« - -Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue durch alle Zimmer.[1] - -[Fußnote 1: Hier fehlt ein größeres Stück, das den Übergang vom zweiten -zum dritten Kapitel bilden sollte. - - Anm. d. Herausg. - ] - - - Drittes Kapitel. - -Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt ist, so wäre das garnicht -übel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf -freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter -ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei -kleine Wolken in der Ferne. - -»Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow -erkundigt, Seliphan?« - -»Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu -tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher -nach dem Wege gefragt.« - -»So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du dich nicht auf Petruschka -verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.« - -»Das ist doch keine große Weisheit,« sagte Petruschka, indem er sich ein -wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. »Wir -müssen bloß den Berg hinabfahren, und dann geht's längs der Wiese -weiter, das ist das Ganze!« - -»Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund genommen! Das ist das -Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der -Kerl setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.« Nach diesen -Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn und dachte: »Es ist doch -ein großer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren -Stände und so einer groben Lakaienphysiognomie.« - -Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man -nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen. - -Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig die kaum merkliche -Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und -Windmühlen vorbei; donnernd rollte der Wagen über die Brücken und tanzte -mit Schwanken über das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht _ein_ -Hügel, noch eine einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen -Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste -Wonne und keine Equipage. - -Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei -und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan -und Petruschka beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie -sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem -fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bäume und auf den, der sie -gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, seine -Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte, -dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder -passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu -den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue -Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer -dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht -einzuhüllen. Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und -Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden -Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, die glänzende Fläche -wurde immer größer ... vor ihnen lag ein See -- ein mächtiger -Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem -gegenüberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten auf. Dies -war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa -zwanzig Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse -im Wasser stehend, waren damit beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen. -Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen -ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefähr ebenso breit als -lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage -war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: »Dionys, du Klotz! -gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der -Hand. Stoß doch nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, wo -der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag's euch, ihr werdet noch das -Netz zerreißen.« Offenbar fürchtete sich die Wassermelone nicht für ihre -Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die -tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie -immer wieder empor; ja es hätten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf -den Rücken setzen können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie -eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig gestöhnt und mit -der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte große Angst, das Netz -könne reißen und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten ihn -mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen. - -»Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,« sagte Seliphan. - -»Warum?« - -»Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der ist viel weißer -als bei den andern, und auch sein Umfang ist beträchtlich, wie sich's -für einen vornehmen Herrn schickt.« - -Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend -näher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Füßen -fühlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die -den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow. - -»Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« rief der Herr ihm entgegen, indem -er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch -ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen in einem -durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm über die -Augen, um sich gegen die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer -unten, ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem -Bade entsteigt. - -»Nein,« versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab und grüßte -verbindlichst aus der Kutsche. - -»Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!« - -»Wieso?« fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze über dem Kopfe -haltend. - -»Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! Laß das Netz los, und nimm -den Stör aus dem Behälter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!« - -Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behälter hervor --- »Seht mal, was für ein Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher -verirrt!« rief der kugelrunde Herr. »Fahren Sie nur in den Hof hinein! -Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemüsegarten! Lauf doch großer -Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich -komme gleich nach ...« - -Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, ganz so wie er war, im -bloßen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte -hingen allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern -waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen -fuhr zwischen Gemüsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe -der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dächer der -Gutsgebäude. - -»Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!« dachte Tschitschikow. - -»So, da bin ich!« erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah -sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrünen Nankingrock, gelben -Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er saß -seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow -wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden. -Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit -den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hörte man die Stimmen -rufen: >Großer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!< Als aber -Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den -dicken Gutsbesitzer zu seinem größten Erstaunen schon auf der Treppe -stehen, wo er den Ankömmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in -seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen war -- dies blieb -ein Rätsel. Man küßte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer -Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages. - -»Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu überbringen,« sagte -Tschitschikow. - -»Von welcher Exzellenz?« - -»Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.« - -»Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?« - -»General Betrischtschew,« versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen. - -»Ich kenne ihn nicht,« entgegnete jener erstaunt. - -Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick größer. - -»Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergnügen, mit dem -Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?« - -»Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern -bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!« -versetzte der Hausherr. - -Tschitschikow war starr vor Staunen. »Nicht möglich?« sagte er, indem er -sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem -Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß auf dem -Bock, der andere stand an der Wagentüre. »Was habt ihr bloß gemacht, ihr -Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow -fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...« - -[Fußnote 2: Petuch = deutscher Hahn.] - -»Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Küche, laßt euch ein -Glas Schnaps geben ...« rief Peter Petrowitsch Petuch. »Spannt die -Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!« - -»Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So plötzlich! ...« stammelte -Tschitschikow. - -»Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen -schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte -schön,« sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins -Innere des Hauses führte. Hier kamen ihnen zwei Jünglinge in -Sommeranzügen entgegen; beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und wohl -eine Arschin[3] länger als ihr Vater. - -»Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur während der Ferien -hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du, -Alexascha, komm mit mir.« Mit diesen Worten verschwand der Hausherr. - -Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte eine -Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien sich zu einem -lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. Er erzählte Tschitschikow -sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er -und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es -sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ... - -[Fußnote 3: Arschin = 2/3 Meter.] - -»Ich verstehe schon,« dachte Tschitschikow, »euch locken die Boulevards -und Cafés ...« Dann aber fragte er ihn laut: »Sagen Sie, wie steht es -mit dem Gute Ihres Vaters?« - -»Ich habe Hypotheken darauf!« fiel hier der Vater selbst ein, der -plötzlich wieder im Salon auftauchte: »Mehrere Hypotheken.« - -»Schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow: »Bald wird es kein Gut -mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...« -»Sie hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,« -sagte er mit teilnehmender Miene. - -»O nein. Das macht nichts!« versetzte Petuch. »Man sagt, es sei sogar -vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht -hinter den andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben -lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine -Söhne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische -Bildung haben.« - -»So ein Narr!« dachte Tschitschikow: »er wird alles durchbringen und -auch seine Söhne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so -schönes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern -haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst -ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles -zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der -Windbeutel.« - -»Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch. - -»Wie?« sagte Tschitschikow etwas verlegen. - -»Sie denken: >Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst lädt er einen zum -Mittagessen ein, und läßt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht -aufgetragen.< Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf, -ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als -das Essen auf dem Tisch stehen wird.« - -»Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!« sagte Alexascha, -der am Fenster stand und hinausblickte. - -»Er reitet auf seinem Fuchs!« fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem -Fenster beugte. - -»Wo? Wo?« schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster. - -»Wer ist das, Platon Michailowitsch?« fragte Tschitschikow Alexascha. - -»Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein _vortrefflicher_ -Mensch, ein ganz _ausgezeichneter_ Mensch,« antwortete der Hausherr -selbst. - -In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schöner -schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem -Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem -Fuße. - -»Haben Sie schon gegessen?« - -»Ja danke!« - -»Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu machen. Was soll ich mit -Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?« - -Der Gast lächelte und sagte: »Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut -wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.« - -»Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für einen Fang gemacht -haben! Was für ein Stör uns ins Netz gegangen ist! Und was für -Karauschen und Karpfen dazu!« - -»Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hört. Warum sind Sie -immer so guter Laune?« - -»Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte Sie!« sagte der -Hausherr. - -»Wie? Warum? -- Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.« - -»Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich -satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trübsinn -und diese Melancholie. Früher war man nie melancholisch.« - -»Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll. -Am Morgen -- da schläft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht -schon der Koch vor einem, und man muß das Menu für das Mittagessen -zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht -fischen und eh man sich's versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen. -Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, denn -schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot bestellen, nach -dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man muß wieder ans Mittagessen -für _morgen_ denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?« - -Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen -Ankömmling, der ihn durch seine außergewöhnliche Schönheit, seine -schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten -Jugendkraft und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem Pickel -verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch -Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit -einer Gemütsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines -Antlitz berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, aber -freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. Sein Gesicht behielt -stets etwas Schläfriges, trotz des ironischen Lächelns, das es bisweilen -erheiterte. - -»Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht -verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig -sein kann!« sagte Tschitschikow. »Wenn man natürlich an Geldmangel -leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem -nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...« - -»Glauben Sie mir,« unterbrach ihn der schöne Gast, »glauben Sie mir, daß -ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer -kleinen Aufregung _sehne_? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern -wollte, oder etwas derartiges -- aber nicht einmal _das_ passiert einem. -Das Leben ist bloß langweilig -- das ist alles.« - -»Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.« - -»Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend -Acker und über tausend Seelen.« - -»Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten -Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele -Bauern verloren?« - -»Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein -Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.« - -»Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich -nicht,« sprach Tschitschikow achselzuckend. - -»Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,« sagte der -Hauswirt, »Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er -soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz -Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der -Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?« - -Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb -Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den -Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von -verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze -Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener -bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte -Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der -Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz -vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn -und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom -Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne -ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein -Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das -ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag! - -Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier -verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen. -Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller -hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: »In -der Welt _paart_ sich alles, Mensch, Tier und Vogel!« Hatte einer _zwei_ -Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein _drittes_ auf, indem -er bemerkte: »Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind -drei.« Hatte der Gast _drei_ Stücke gegessen, so rief er schon: »Haben -Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte -gesehen?« Auch auf die Zahl _vier_, auf die fünf usw. hatte er ein -Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf -Stücke verschlungen und dachte: »Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl -nichts mehr einfallen!« Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen, -legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes -samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes! - -»Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,« sagte der Hausherr. -»Ich hab's gepflegt wie mein eigenes Kind.« - -»Ich kann nicht mehr!« stöhnte Tschitschikow. - -»Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!« - -»Es geht nicht mehr rein! Ich hab' keinen Platz mehr im Magen.« - -»In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und -sieh da, es fand sich doch noch ein Plätzchen. Dabei war ein solches -Gedränge, daß kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses -Stückchen -- das ist auch ein Polizeimeister.« - -Tschitschikow kostete, und in der Tat -- das Stück hatte große -Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz, -und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein. - -»So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner -Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr!« Er wußte noch -nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu -gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen in drei Jahren -- was sage -ich in drei Jahren! -- in drei Monaten durchbringen. - -Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt nach; was die Gäste -stehen ließen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein -Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier -sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der -Hauptstadt besonders pflegen würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen -geschah; sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, um hier -sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in -dem seinen Platz genommen, als er sofort zurücksank und einschlief. Sein -wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg und ließ -dem offenen Mund und den Nasenlöchern solche Töne entströmen, wie sie -selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier -mischten sich Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen -Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell hatten. - -»Hören Sie, wie der pfeift?« sagte Platonow. - -Tschitschikow mußte lachen. - -»Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da -die Langeweile kommen? Da übermannt einen der Schlaf -- nicht wahr? Ja. -Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man -schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.« - -»Und die wären?« - -»Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ... -irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel -nicht heiraten?« - -»Wen nur?« - -»Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen Mädchen gäbe!« - -»Es gibt keine!« - -»Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise« ... -Plötzlich fiel Tschitschikow eine großartige Idee ein. »Da haben Sie das -beste Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!« sagte er, indem er Platonow -in die Augen blickte. - -»Was für eins?« - -»Reisen.« - -»Wohin soll man denn reisen?« - -»Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir,« sagte Tschitschikow -und dachte sich, während er Platonow betrachtete: »Das wäre fein. Er -könnte die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur könnte er -eigentlich _allein_ übernehmen.« - -»Und wohin fahren Sie?« - -»Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als -im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von -mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von -seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natürlich -sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem -eigenen Vergnügen: denn die Welt kennen lernen, sich in den großen -Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen -- man mag sagen was man -will, das ist gewissermaßen ein lebendes Buch und auch eine Art -Wissenschaft.« Und während er dies sagte, dachte er sich: »Wirklich, es -wäre fein. Er könnte sogar die _ganzen_ Kosten tragen, am Ende könnten -wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen würden sich die meinigen auf -seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.« - -»Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?« dachte unterdessen -Platonow. -- »Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, für die -Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im -mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht -mitreisen?« -- »Wären Sie unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei -meinem Bruder zu Gaste zu bleiben?« sagte er laut. »Sonst läßt mich mein -Bruder nicht fort.« - -»Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen sogar drei Tage.« - -»Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!« sagte Platonow lebhaft. - -Tschitschikow schlug ein. »Bravo. Wir fahren!« - -»Wohin? Wohin?« rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war, -und sie erstaunt anstarrte. -- »Nein, liebe Herren, ich habe die Räder -von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt, -Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn Werst weit von hier. Nein, heute -müssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas -früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen reisen.« - -Was sollte man da machen? Man mußte sich schon zum Bleiben entschließen. -Dafür wurden sie durch einen wundervollen Frühlingsabend schadlos -gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit -vierundzwanzig Rudern führten sie unter frohen Gesängen über den -spiegelglatten Rücken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Fluß, -der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von -flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort über Taue hinwegfahren, -die quer durch den Fluß gezogen, und an denen Netze befestigt waren. -Auch nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz still und -lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorüber, und -dunkele Gehölze und Haine entzückten ihren Blick durch die mannigfache -Anordnung und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem Takt legten sich -die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig -plötzlich wie ein Mann in die Höhe -- und wie von selbst, einem leichten -Vogel gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel dahin. -Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann -vom Steuer, machte den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen -Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an, -dann fielen fünf andre ein, sechs weitere lösten sie ab, und laut -schwoll an und ergoß sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie -Rußland selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und -unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der -eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker hatte; ja sogar -Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein -Russe sei. Nur Platonow dachte: »Was ist eigentlich schönes an diesem -melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon -ist.« - -Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. Es wurde finster; die -Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr -spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel. -Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten auf Dreifüßen -eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Bärschen. Alles war schon zu -Hause. Das Vieh und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der -Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an -den Toren und warteten auf die Milchtöpfe und auf eine Einladung zur -Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die -Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herüber. Der -Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu -hüllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber -es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar -feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die -Nacht zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an -Moskau, an die Café's und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus -der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr -Vater dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern könnte, und -Platonow gähnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: »nein wirklich, -ich muß mir auch einmal ein Gut kaufen!« Und er sah sich schon im Geiste -an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar -kleiner Tschitschikows. - -Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm -zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da -befühlte er seinen Bauch und sagte: »Die reinste Trommel! Da geht kein -Polizeimeister mehr hinein!« Die Umstände fügten es so merkwürdig, daß -sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die -Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man alles hören, was -nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter -dem Namen eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für den -morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! Bei einem Toten wäre -noch der Appetit erwacht! - -»Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,« sagte er, indem er -mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. »Ein Viertel füllst -du mit den Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei, -Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und noch so was Ähnlichem, -na du weißt schon ... Auf der einen Seite mußt du sie recht braun -backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor -allem achte auf die Füllung -- die muß gründlich geschmort werden, daß -sie sich auch ordentlich verbindet, weißt du, und ja nicht -auseinanderfällt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf -es selbst kaum merken.« Während er dies sagte, schnalzte Petuch wieder -mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich. - -»Hol's der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,« dachte Tschitschikow -und zog sich die Decke über den Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber -das half ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch. - -»Und garniere mir den Stör auch recht fein mit Sternchen aus roten -Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rüben, Möhren, -Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht viel -Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt du mit Eis füllen, damit er -auch ordentlich aufgeht!« - -Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. Immer wieder hörte -man ihn sagen: »Brat ihn mir, und back ihn mir auch recht durch, und -dämpfe sie mir gründlich!« Als er endlich bei einem Truthahn angelangt -war, schlief Tschitschikow ein. - -Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll, daß Platonow nicht -mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. Petuch's Reitknecht mußte den -Hengst nach Hause bringen. Dann bestieg man die Equipage. Der -großschnauzige Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich -gleichfalls vollgefressen. - -»Nein, das geht zu weit!« sagte Tschitschikow, als sie den Hof verlassen -hatten. - -»Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das ärgerlichste.« - -»Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte, dann dürfte mir der -Trübsinn nicht einmal zur Türe herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist -der Branntweinpächter Murasow -- der hat zehn Millionen. Leicht gesagt, -zehn Millionen -- das nenne ich ein Sümmchen!« - -»Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen kleinen Abstecher -machen? Ich möchte mich gern noch von meiner Schwester und von meinem -Schwager verabschieden.« - -»Aber mit dem größten Vergnügen!« sagte Tschitschikow. - -»Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der erste hier in der Gegend. -Er bezieht Einkünfte im Werte von zweimal hunderttausend Rubel von einem -Gut, das vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.« - -»Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer Mensch -sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen Mann kennen zu lernen. Ich -bitte Sie ... Denken Sie doch nur ... Und wie heißt er?« - -»Kostanshoglo.« - -»Und sein Vor- und Vatername, wenn ich bitten darf?« - -»Konstantin Fjodorowitsch.« - -»Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin wirklich begierig auf -seine Bekanntschaft! Von einem solchen Mann kann man viel lernen.« - -Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan zu instruieren, was sehr -notwendig war, da dieser sich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte. -Petruschka war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen, und es -war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem Kutschbock festzubinden. - -»So ein Schwein!« Das war alles, was Tschitschikow sagen konnte. - -»Sehen Sie! da fangen seine Güter an!« sagte Platonow. »Das sieht doch -gleich ganz anders aus!« - -Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde bewachsene Schonung, --- jedes Bäumchen war schlank und gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man -ein zweites gleichfalls noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob -sich ein alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die -andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein Streifen _junger_ und -dahinter ein Streifen alter Wald. Dreimal nacheinander fuhren sie durch -den Wald, wie durch ein Tor in einer Mauer: »Dieser ganze Wald ist kaum -acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig Jahre warten, und -selbst dann ist er noch nicht so hoch.« - -»Wie hat er es aber nur gemacht!« - -»Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher Kenner des Grund -und Bodens -- bei dem geht nichts verloren. Er kennt nicht nur den Boden -ganz genau, er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen und -jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume er neben dem Getreide -pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt bei ihm immer gleichzeitig drei bis -vier Funktionen. Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern -auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle so und so viel -Feuchtigkeit brauchen und so und so viel Schatten spenden, und die -trockenen Blätter benutzt er zum Düngen des Bodens ... Wenn überall -rings umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster Ordnung; -alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein braucht sich nicht zu -beklagen. Schade, daß ich selbst so wenig von diesen Dingen verstehe und -nicht zu erzählen weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe und -Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein einen Zauberer. Was der -nicht alles hat! ... Und doch! Trotzalledem ist es langweilig!« - -»Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!« dachte -Tschitschikow. »Es ist sehr bedauerlich, daß der junge Mann so -oberflächlich ist und einem nichts erzählen kann.« - -Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhöhen -gelegenen Hütten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der -drei Hügel war von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige -Getreide- und Heuschober stehen. »Hm!« dachte Tschitschikow, »man merkt -gleich, daß hier ein königlicher Gutsbesitzer wohnt!« Die Hütten waren -alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen -stehn -- und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man -begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh -war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus -wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die -Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln -nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenplätze, -noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte -eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhäusern bis dicht ans -Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was rund -um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob -sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war -nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der schönen -Aussicht ergötzen könnten, sondern um die Arbeiter auch auf den -entferntesten Feldern ständig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an -der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit -mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine -Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an, -wie sie die Kosacken zu tragen pflegen. - -Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine -frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schön wie Gottes -heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem -Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer -heiter und gesprächig war. - -»Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du gekommen bist. Konstantin -ist leider nicht zuhause, aber er muß bald kommen.« - -»Wo ist er denn?« - -»Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,« sagte sie, während sie -die Gäste ins Zimmer geleitete. - -Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwürdigen -Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte, -denn er glaubte, er werde aus _dieser_ den Charakter und das Wesen des -Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster -oder von dem leeren Schneckengehäuse auf die Schnecke schließt, die es -einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das -Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Zimmer -waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es -weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem -Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, alles deutete darauf -hin, daß das Wesen, das hier hauste, sich den größten Teil seines Lebens -garnicht innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde -aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und sybaritisch im -weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte und dort seinen Gedanken -nachhing, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit -einfielen und auch _dort_ ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte -Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen häuslichen Sinnes -entdecken: auf den Tischen und Stühlen lagen Bretter von Lindenholz, auf -denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren. - -»Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester?« sagte -Platonow. - -»Das ist doch kein Plunder!« versetzte die Hausfrau. »Das ist das beste -Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit -kuriert. Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht -werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem -eingelegten Gemüse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es -eßt.« - -Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten. - -»Herrgott, das alte Zeug!« sagte er, »Schämst du dich gar nicht, -Schwester?« - -»Nimm mir's nicht übel, Bruder, ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit -Musik abzugeben. Ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik -abzugeben. Ich habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß. -Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen, bloß damit -ich genug freie Zeit habe, um mich mit Musik zu beschäftigen? -- Nein -entschuldige, das tue ich denn doch nicht!« - -»Bist du langweilig geworden, Schwester!« sagte der Bruder und trat ans -Fenster: »Ah, da ist er ja schon, er kommt, eben kommt er!« rief -Platonow. - -Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann von etwa vierzig -Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, in einer Jacke von Kamelhaaren -kam auf das Haus zugeschritten. Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu -achten. Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei Männer -niederen Standes, mit respektvoll entblößtem Haupte, in einer lebhaften -Unterhaltung begriffen; der eine war ein einfacher Bauer, der andre ein -durchreisender Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit langen -Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen blieben, konnte man ihr -Gespräch deutlich im Zimmer hören. - -»Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft euch bei eurem Herrn -los. Ich will euch die Summe meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja -allmählich bei mir abarbeiten!« - -»Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir uns loskaufen? Nehmen -Sie uns lieber ganz zu sich. Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen. -Einen so klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der ganzen Welt. -Heutzutage hat man seine Not, man kann sich nicht genug in acht nehmen. -Die Kneipwirte haben euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im -Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser austrinken -möchte: eh man sich's versieht, ist die letzte Kopeke ausgegeben. Die -Versuchung ist auch allzugroß. Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei -Gott! Was erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu machen! -Tabak und all diese Finessen. Was soll man anfangen, Konstantin -Fjodorowitsch? Man ist auch nur ein Mensch -- man läßt sich halt leicht -verführen.« - -»Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes. Wenn ihr zu mir kommt, -dann seid ihr doch auch nicht frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was -ihr braucht: eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was von -meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei mir müssen sie vor -allem _arbeiten_ -- das ist das erste; ob nun für mich oder für sich -selbst, das ist ganz gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite -ja auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil ich es an mir -selbst erfahren habe: all diese Schrullen kommen einem bloß in den Kopf, -weil man nicht arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt -sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.« - -»Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin Fjodorowitsch. Selbst -die alten Leute bei uns sagen schon: >bei Ihnen sind die Bauern alle -reich, das ist doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig -und so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, und jetzt haben -wir niemanden, der einen rechtschaffen beerdigen könnte.<« - -»Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber mit der Gemeinde.« - -»Wie Sie befehlen!« - -»Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind schon so gut und gehen -etwas mit dem Preise herunter,« sagte der durchreisende Kaufmann im -langen blauen Rock, der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt. - -»Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin -nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann -erscheinst, wenn sie ihre fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne -euch viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche Zahlungen zu -machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer -verzweifelten Lage, da gibt er euch natürlich alles um den halben Preis -her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei -mir können die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe -keine Hypothekengelder zu bezahlen!« - -»Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch -nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus -Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!« -Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen schmutziger Banknoten -aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie -nachzuzählen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche. - -»Hm,« dachte Tschitschikow, »wie wenn das sein Taschentuch wäre!« Doch -jetzt erschien Kostanshoglo in der Türe des Salons. Er machte einen -tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die -struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten -Anflug von Grau erkennen ließen, den lebhaften Ausdruck der Augen und -seine etwas gallige Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er -war kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, woher seine -Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum; -das paßte nicht in sein System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft -damit nicht viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen, -und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen. - -Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich. - -»Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu -machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine -Langeweile los werden,« sagte Platonow, »Pawel Iwanowitsch hat mir -vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.« - -»Das ist ja vortrefflich!« sagte Konstanshoglo. »Und welche Gegend -gedenken Sie zu besuchen?« fuhr er fort, indem er sich liebenswürdig an -Tschitschikow wandte. - -»Ich muß gestehen,« sagte Tschitschikow, indem er den Kopf höflich auf -die Seite neigte und mit der Hand über die Stullehne strich, »ich muß -gestehen, daß ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im -Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl -sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige -von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natürlich -sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem -eigenen Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen für -die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und -Strudel des Menschenvolkes zu stürzen -- das ist sozusagen ein lebendes -Buch und auch eine Art Wissenschaft.« - -»Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.« - -»Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist wirklich gut. Man -sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen hätte, und trifft mit -Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche -Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir -eine so glückliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie, -verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie -mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit. -Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.« - -»Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren?« sprach -Kostanshoglo verlegen. »Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen -Lehrgeld bezahlt.« - -»Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die Weisheit und die -Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft zu regieren, einen sicheren -Gewinn zu erzielen, Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen -eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn das ist doch die -Pflicht eines jeden Bürgers und damit verdient man sich die Achtung -seiner Mitmenschen.« - -»Wissen Sie was?« sagte Kostanshoglo und sah ihn nachdenklich an, -»bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen die ganze Einrichtung -zeigen und Ihnen alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier -nicht finden.« - -»Aber natürlich! Bleiben Sie doch!« fiel die Hausfrau ein; dann wandte -sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: »Bleib doch, Bruder, du hast -doch keine Eile.« - -»Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch nichts dagegen hat?« - -»Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen ... Da ist nur noch ein -Umstand: ein Verwandter des General Betrischtschew, der Oberst -Koschkarow ...« - -»Der ist aber doch verrückt!« - -»Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch gar nicht besucht, -aber General Betrischtschew, wissen Sie, ein guter Freund von mir, und -sozusagen mein Wohltäter ...« - -»Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,« sagte Kostanshoglo: -»fahren Sie doch gleich zu ihm, er wohnt keine zehn Werst von hier. Mein -Wagen ist angespannt -- setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. Zum -Tee können Sie schon wieder zurück sein.« - -»Eine großartige Idee!« rief Tschitschikow aus und griff nach dem Hut. - -Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten. -Im Dorfe ging es drunter und drüber: hier wurde gebaut, dort eine -Reparatur vorgenommen, überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen und -Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser, die wie Gerichtsgebäude -aussahen. Auf dem einen befand sich eine Inschrift in goldenen Lettern: -»Depot für landwirtschaftliche Werkzeuge«, auf einem andern las man: -»Hauptrechnungskammer«, »Komitee für Gemeindeangelegenheiten«, -»Normalschule für Landleute«. Mit einem Wort, weiß der Teufel, was es da -nicht alles gab! - -Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der Feder in den Zähnen. Der -Oberst empfing Tschitschikow außerordentlich freundlich. Er machte den -Eindruck eines äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing er -an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet habe, sein Gut auf -die Höhe zu bringen, auf der es sich jetzt befindet; er beklagte sich -schmerzlich darüber, wie schwer es sei, den Bauern begreiflich zu -machen, was die »höheren Antriebe« sind, die der Mensch nur aus einem -vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung mit Wissenschaften und -Künsten gewinnt; daß es ihm noch immer nicht gelungen sei, die -Bäuerinnen zu veranlassen, doch ein Korsett anzulegen, während er in -Deutschland, wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die Tochter eines -einfachen Bauern kennen gelernt habe, die Klavier spielen konnte; -dennoch aber werde er den Trotz der Unwissenheit und Unbildung brechen, -und es bestimmt erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während sie -hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise über den -Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils und die chemische -Analyse des Bodens unterrichten. - -»Daß du dich nur nicht täuschst!« dachte Tschitschikow. »Denken Sie -bloß, ich habe die »Gräfin Laveillère« bis heute noch nicht gelesen. Ich -kann immer keine Zeit dazu finden.« - -Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die Menschen wohlhabend -und glücklich machen könne. Eine besondere große Bedeutung legte er der -Kleidung bei: er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte -aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen wollte, -die Wissenschaften emporblühen, der Handel sich heben und das goldene -Zeitalter für Rußland anbrechen würde. - -Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ihn ruhig an und -sagte schließlich zu sich selbst: »Ich glaube, mit dem brauche ich mich -nicht zu genieren;« und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig, -zuvor aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und dazu bedürfe -es _der_ und _der_ Formalitäten. - -»Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,« sagte der Oberst, ohne auch -nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten, »ist das ein _Gesuch_, das -Sie an mich richten! Nicht wahr?« - -»Sehr richtig.« - -»Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu formulieren. Das Gesuch -muß nämlich erst ins »Bureau für Berichte und Anzeigen«, dort wird es -signiert, und erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf an -das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von dort geht es an den -Verwalter, der Erhebungen anstellen wird, und der Verwalter läßt es -endlich zusammen mit dem Sekretär ...« - -»Ich bitte Sie!« sprach Tschitschikow, »auf diese Weise wird sich ja die -Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein solcher Gegenstand läßt sich -doch nicht schriftlich behandeln. Das ist ja so eine delikate ... -Angelegenheit, die ... Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot -...« - -»Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß die Seelen gewissermaßen -schon tot sind.« - -»Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man doch nicht -niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so soll es doch den -Anschein haben, als ob sie noch leben ...« - -»Gut, dann schreiben Sie eben: _es ist nötig, oder es ist erwünscht, -oder man legt Wert darauf, daß es den Anschein habe, als ob sie noch -leben_. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie -bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann -mitgeben, der Sie überallhin begleiten wird.« - -Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe. - -»Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.« Gleich darauf trat auch der -Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was -er war, ein Bauer oder ein Beamter. »Er wird Sie überall hinführen.« - -Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich aus Neugierde, dem -Kommissar zu folgen und diese so überaus wichtigen Instanzen kennen zu -lernen. Das »Bureau für Berichte und Anzeigen« stand nur auf dem -Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus -Chryljow war in das soeben gegründete Komitee für Gemeindebauten -versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch -der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen -daher in das Departement für Gemeindeangelegenheiten -- da wurden jedoch -gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der -betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich auch nichts -herausbringen. »Bei uns herrscht eine große Unordnung!« sagte -schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. »Die Leute tanzen unserem -Herrn alle auf der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission ab; -sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie überallhin, -wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen -Vorteil.« Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission. -Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten -zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein großer Wirrwar, -man könne sich da unmöglich zurechtfinden, und ein Bureau für Berichte -und Anzeigen gäbe es überhaupt nicht. - -Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte Tschitschikow dankbar -die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfaßte acht in strengstem Tone -gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmächtig -über Beamte verfügt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehörten? wie -der Oberverwalter es habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich -entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten -zuvor einem andern übergeben zu haben? und wie das Komitee für -Gemeindeangelegenheiten ruhig darüber hinweggehen konnte, daß es -überhaupt kein Bureau für Anzeigen und Berichte gebe? - -»Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!« dachte Tschitschikow und wollte -schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow: - -»Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich -will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte -Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel -wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität beendigt. -Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht -allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich -einstweilen in meine Bibliothek verfügen zu wollen,« fuhr der Oberst -fort, indem er eine Seitentür öffnete: »Hier finden Sie Bücher, Papier, -Federn, Bleistifte -- mit einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte! -alles steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären. Die -Aufklärung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.« - -So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow in die Bibliothek -geleitete. Diese war ein mächtiger Saal der von unten bis oben mit -Büchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden -sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bücher über -Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau, -Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt -werden, bloß damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest. -Als Tschitschikow sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher waren, die -sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu -vertreiben, ging er an den nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus -dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als -_philosophische_ Bücher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs -gewaltige Bände mit der Ueberschrift: »Einführung in die Lehre vom -Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer -Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polarität in -der gesellschaftlichen Produktivität.« Was für ein Buch Tschitschikow -auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von: -_Erscheinung_, _Entwickelung_, _Abstraktion_, _Geschlossenheit_, _An und -Für sich sein_, mit einem Wort, weiß der Teufel, was nicht alles in so -einem Buche stand! »Das ist nichts für mich,« sagte Tschitschikow, und -ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter _kunstgeschichtliche_ -Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen Folianten mit Bildern aus der -antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige -Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blättern. Solche Bilder -gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch -alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche -gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen -Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten ähnlichen übergehen, -als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in -der Tür erschien. - -»Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit erledigt! Der -Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür -will ich ihn aber auch über alle anderen erheben und ein eigenes -Departement für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was das für ein -heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig -geworden ist.« - -»Na, Gott sei Dank!« dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu -hören. Der Oberst begann mit der Vorlesung: - -»Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten -Auftrages gehe, habe ich die Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren -Kenntnis zu bringen: - -Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters und Kollegienrates -Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ein grundlegendes Mißverständnis -enthalten, denn die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden -unvorsichtiger Weise _tot_ genannt. Dahingegen wird er wahrscheinlich -Seelen gemeint haben, die dem Tode nahe sind, keineswegs aber absolut -tote Seelen. Zudem verrät auch schon diese Bezeichnung eine -Bildungsstufe, die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen -Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem Niveau einer -Gemeindeschule entspricht, denn die Seele ist _unsterblich_.« - -»So ein Schelm!« sagte Koschkarjow und hielt ein wenig inne. »Hier will -er Ihnen eines auswischen. Aber nicht wahr? welch eine gewandte, -schneidige Feder er führt!« - -»Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden, weder solche, die dem -Tode nahe sind, noch irgendwelche andre, die nicht schon hypothekarisch -belastet wären, denn sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit -einfachen, sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß noch -außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede Seele kommen, -ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, welches infolge eines Prozesses -mit dem Gutsbesitzer Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in -Nummer 42 der »Moskauer Nachrichten« zu lesen steht.« - -»Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? Wozu haben Sie mich -unnütz aufgehalten?« sagte Tschitschikow ärgerlich. - -»Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf dem richtigen -Instanzweg ergeben. Das ist doch kein Spaß. Unbewußt und sozusagen -instinktiv kann jeder Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein -geschehen.« - -Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und lief eilig zum Hause -hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten Pflichten des Anstandes zu -wahren: er war sehr böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor -der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen, -denn um Futter für die Tiere zu erhalten, hätte er erst ein -schriftliches Gesuch einreichen müssen, und der Beschluß, den Pferden -ihren Hafer auszufolgen, wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der -Oberst lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft die -Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß er ihm Gelegenheit gegeben -habe, den ganzen Betrieb in der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse -den Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. Sonst -könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus träge -werden und einrosten. Dieser Vorfall habe ihm einen glücklichen Gedanken -eingegeben, nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den Namen -tragen soll: »Kommission zur Aufsicht über die Baukommission«. Dann -würde es niemand mehr wagen zu stehlen. - -Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später Stunde bei -Kostanshoglo an. Man hatte schon längst Licht angezündet. - -»Warum kommen Sie so spät?« sagte Kostanshoglo, als Tschitschikow in der -Türe erschien. - -»Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?« fragte Platonow. - -»Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!« -rief Tschitschikow aus. - -»Das ist noch gar nichts!« meinte Kostanshoglo. »Koschkarjow ist -trotzdem eine tröstliche Erscheinung. Man braucht solche Leute, weil -sich in ihnen die Torheiten unserer »weisen Männer« gewissermaßen -karrikiert und recht drastisch offenbaren. -- All jene Neunmalklugen, -die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen haben, sich in der -Fremde allerhand Flausen in den Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir -jetzt für Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für -Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen, Schulen und Kommissionen, -und weiß der Teufel, was noch alles! So sind aber die gescheidten Leute! -Kaum daß man sich von der französischen Invasion und dem Jahr 1812 -erholt hat, da fangen sie schon wieder an, Unordnung zu stiften und -alles einzureißen. Wahrhaftig, die haben schlimmer gehaust als der -Franzose. Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein Peter -Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten Gutsbesitzer sein wird.« - -»Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?« sagte Tschitschikow. - -»Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, alles!« Kostanshoglo -redete sich allmählig immer mehr in Zorn. »Da haben Sie zum Beispiel -eine Hut- und eine Kerzenfabrik -- natürlich müssen die Werkmeister aus -London verschrieben werden. Man wird ja zum reinsten Krämer! Der -Gutsbesitzer -- ein so hochachtbarer Beruf -- wird Fabrikant und -Manufakturist! Webstühle um Tüllkleider für die »Dämchen« aus der Stadt -zu fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...« - -»Aber du selbst hast doch auch Fabriken,« bemerkte Platonow. - -»Wer hat denn die gebaut?« - -»Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel Wolle da, daß ich sie -nicht absetzen konnte. -- Da fing ich eben an, Stoffe zu weben, lauter -_dickes_, einfaches Zeug -- das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem -Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern brauchen, meine eigenen -Bauern. Oder ein anderes Beispiel: die Fischer haben sechs Jahre lang -ihre Fischschuppen hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß hin mit -ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus ihnen zu sieden. Das hat mir -vierzig Tausend eingebracht. So kommt bei mir alles von selbst.« - -»Teufel!« dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd anblickte. -»Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!« - -»Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose zu mir -gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger gestorben wären. Wir hatten ja -Hungersnot. Alles dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen -hatten. Solche Fabriken gibt's bei mir in Hülle und Fülle, mein Bester, -jedes Jahr 'ne andre. Je nachdem, was ich gerade für Abfälle zu -verwerten habe. Sieh' nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem -Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn schließlich -fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich baue mir ja auch keine -Häuser mit Säulengängen und Giebeln.« - -»Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber ist, daß man mit jedem -Plunder was verdienen kann!« sagte Tschitschikow. - -»Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so -nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser -und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das -Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu muß -er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren!« Bei -diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. »Und dabei kommt er tausendmal -dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.« - -»Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!« sagte die Frau -besorgt, »du weißt doch, daß dir das schadet.« - -»Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch -um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles -Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man -sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don -Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir früher garnicht gekannt haben! -Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich -ein Don Quixote. Gründet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein -Narr was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu -nichts nütze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Höchstens -lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder -so einer will in Humanität machen -- dann wird er ein Don Quixote der -Humanität: baut allerhand alberne Krankenhäuser und Asyle mit -Säulenhallen für 'ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt -andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!« - -Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung zu tun. Er wollte -durchaus näheres darüber erfahren, wie man mit jedem Plunder was -verdienen könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte kommen; -immer neue, heftige Reden entströmten seinem Munde, er war jetzt schon -nicht mehr imstande, sie zu unterdrücken. - -»Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den Bauern aufklären sollen -... sorgt mal erst dafür, daß er reich und ein tüchtiger Landwirt wird, -dann wird er schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich -garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was -diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die -Welt setzt, dann stürzen sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was -sie jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: >Der Bauer führt ein zu -primitives Leben; er muß auch den Luxus kennen lernen, man muß ihm -höhere Bedürfnisse beibringen ...< Weil sie selbst dank diesem Luxus zu -Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen Burschen -mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zähne mehr im -Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase -- darum wollen Sie -andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, daß wir -doch wenigstens noch _einen_ gesunden Stand haben, der noch nichts von -diesen Launen und Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich -dankbar sein. Jawohl -- der Landmann verdient unsere allergrößte Achtung --- wozu rührt ihr ihn also an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie -er.« - -»Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich mit der -Landwirtschaft zu beschäftigen?« fragte Tschitschikow. - -»Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. >Im -Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen<, heißt es in der -Bibel. Daran ist nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine -hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung mit dem -Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich -sage nicht -- daß man nichts andres tun dürfe -- aber der Grund zu allem -muß in der Landwirtschaft liegen ... das ist's. Die Fabriken werden -schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige Fabriken -- in denen -Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle -braucht, und nicht all diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung -eingebildeter Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur -verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und -um nur einen recht großen Absatz zu haben, zu den schändlichsten Mitteln -ihre Zuflucht nehmen, und das unglückliche Volk verderben und verführen. -Ich für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen gründen, und wenn -die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich -nie dazu hergeben, jene sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und -Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen -verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll, -dann will _ich_ wenigstens meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich -will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich _in_ und -_mit_ dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.« - -»Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man die Reste und Abfälle so -gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt -natürlich, daß man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.« - -»Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!« fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf -ihn zu hören, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen -Ausdruck an. »Tüchtige Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf -dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und -so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ... -Narren!« Und wieder spuckte er ärgerlich aus. - -»Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich aber doch bitte nicht -so,« sagte die Frau, »als ob es nicht möglich ist, über diese Dinge zu -reden, ohne gleich außer sich zu geraten.«(8) - -»Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin Fjodorowitsch, dann beginnt -man gewissermaßen den Sinn des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen -den Kern der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick diese -allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und Ihre Aufmerksamkeit -auf eine Privatangelegenheit zu richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre -Gutsbesitzer geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu -Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen eine ernste -Bürgerpflicht zu erfüllen, -- wie sollte ich das wohl anfangen?« - -»Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?« fiel Kostanshoglo ein: -»Ganz einfach: ...« - -»Das Abendessen ist fertig,« sagte die Hausfrau, indem sie sich vom Sofa -erhob; sie ging in die Mitte des Zimmers und hüllte ihren jungen Körper -zitternd in ihr Tuch. - -Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs vom -Stuhle auf, hielt ihr höflich den Arm hin und führte sie feierlich durch -zwei Zimmer hindurch bis in den Speisesaal, wo schon die offene -Suppenterrine auf dem Tische stand und einen angenehmen würzigen Duft -von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern verbreitete. Alle Anwesenden -nahmen Platz. Die Bedienten setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln -nebst allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und entfernten -sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die Dienstboten mit anhörten, -was bei Tische gesprochen wurde, oder daß sie ihm in den Mund sahen, -während er aß. - -Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war und ein Gläschen von -einem ganz vorzüglichen Getränk, das wie Ungarwein schmeckte, geleert -hatte, wandte er sich abermals an den Hausherrn: »darf ich noch einmal -auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückkommen, -Verehrtester. Ich wollte Sie fragen, wie man es anfangen, was man tun -muß, wie man sich verhalten soll ...«[4] - - * * * * * - -.... »Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut verlangen sollte, würde -ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort auf den Tisch legen.« - -»Hm!« Tschitschikow wurde nachdenklich. »Und warum kaufen Sie es denn -nicht selber?« sagte er dann mit einer gewissen Schüchternheit. - -»Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit _meinen_ Gütern genug zu -tun. Und dann schreien unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre -verzweifelte Lage zunutze mache und ihre Ländereien für einen Spottpreis -aufkaufe. Das habe ich bald satt.« - -[Fußnote 4: Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew in -der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gespräch zwischen -Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine größere Lücke auf. Man -muß annehmen, daß Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag macht, das -Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben. - - Anm. des Herausgebers. - ] - -»Daß doch die Menschen immer schlecht von einem reden müssen!« sagte -Tschitschikow. - -»Und erst in unserer Provinz! Das können Sie sich garnicht vorstellen: -man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich -selbst verzeihen sie alles. Da heißt es immer: >Ich habe freilich alles -durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben höhere Bedürfnisse -hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber -sagen, die Lumpen und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein -Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo< ...« - -»Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!« sagte Tschitschikow. - -»Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! Wem wollen sie denn -was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, -- sie -lesen sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind schließlich -die Kosten und der ... Und das alles kommt bloß daher, weil ich keine -Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal -nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. Will -einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen -- mit dem größten -Vergnügen. Und daß ich kein Geld leihe -- das ist ganz einfach nicht -wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau -Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich -aus seinen Worten entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon -machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann -werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafür -verlangen.« - -»Das muß ich mir merken,« dachte Tschitschikow. - -»So einem werde ich es nie abschlagen,« fuhr Kostanshoglo fort. »Aber -mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein, -da muß man mich schon entschuldigen. Hol's der Teufel! Da kriegt einer -den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus -luxuriös ausstatten; will wie ein Verrückter, mit irgend einem -Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil er -so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft -- und dazu soll -ich ihm noch Geld leihen!« - -Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte in Gegenwart seiner -Frau beinah ein paar unanständige Schimpfworte fallen lassen. Der -dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. -Zahlreiche Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches -Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die Galle regte. - -»Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal -auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs -zurückzulenken,« sagte Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen -Himbeerlikör herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. »Nehmen wir -einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen geruhten, was -denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit könnte man wohl so -reich werden, daß ...« - -»Wenn Sie durchaus _schnell_ reich werden wollen,« unterbrach ihn -Kostanshoglo kurz und streng, »dann werden Sie niemals reich werden; -wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht -nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele -kommen.« - -»Wirklich?« sagte Tschitschikow. - -»Ja,« versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, daß er sich über -Tschitschikow ärgerte, »man muß die Arbeit lieb haben, ohne das kann man -nichts erreichen. Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! -- Jawohl! -Und glauben Sie mir -- sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein -neuer Einfall, daß es auf dem Lande langweilig ist ... ich für meinen -Teil käme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt -verbringen müßte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in -ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren. -Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur -Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenräume -- jeder -Augenblick ist ausgefüllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner -Beschäftigung, seiner Tätigkeit! -- und welch einer Tätigkeit! -- diese -Tätigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! Sagt was ihr -wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen Hand in Hand mit der -Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an -allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das -ganze Jahr über alles geschafft werden muß: wie noch vor Anbruch des -Frühlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da muß -die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal -durchgesehen, gemessen und getrocknet, da muß nachgerechnet werden, -wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus -überlegt und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht -und die Flüsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde -sich lockert -- dann arbeitet in den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten, -und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. Verstehen -Sie, was das heißt? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die künftige -Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier -ausgesät. Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun -beginnt die Heuernte, man mäht und mäht ... Doch jetzt kommt die -Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer. -Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt's keinen Augenblick -verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und doch hätte keines Zeit -zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und -zu Garben zusammengebunden ist -- dann muß man schon wieder weiter -denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, die Scheunen, die -Darren, die Viehställe müssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze -Frauenarbeit -- wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was -man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf -allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in -die Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in die Fabriken, -besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern und sieht, was sie tun und -treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt -umzugehen weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm -zuschauen, so ein Vergnügen macht mir's, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn -man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um -uns her alles wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt -- ich -kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb, -weil sich das Geld vermehrt -- Geld ist natürlich auch eine schöne Sache --- aber weil das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du -selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, und daß du wie irgend -ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über -alles ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen höheren Genuß -vorstellen?« fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren -verschwunden. Wie ein König am Tage seiner feierlichen Krönung, so -strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten. -»Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen Genuß finden! -Denn hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat sich das -Schaffen als den höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom -Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück und Wohlergehen -schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschäftigung!« - -Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die -süßtönenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hören -konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten -einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen Ausdruck an; er -hätte immer weiter zuhören mögen. - -»Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns erheben,« sagte die -Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin -den Arm und führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es -seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn -seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt. - -»Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und -langweilig,« erklärte Platonow, der hinter ihnen herging. - -»Der Gast ist kein dummer Kerl,« dachte der Hausherr; »er ist -aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in seinen Reden und vor allem kein -Schwätzer.« Bei diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die -Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, daß -er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen -Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen. - -Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein -angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die -Sterne hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu -ihnen durch die Glastür hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so -wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich -nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände, -wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte, -und mit dem Worte »Genug« seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte. -Diese beglückende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien -Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und -vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man -irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen -findet, dessen erwärmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die -Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und -den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher -Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter Abend für alle Zeiten -unserer Erinnerung ein, mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so -kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was er in der -Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und jede unbedeutende -Kleinigkeit. - -Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prägte sich seinem -Gedächtnis tief ein: das freundliche schlicht möblierte Zimmer, der -gutmütige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das -Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die Platonow -gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies, -Jarbs ärgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre -vorwurfsvollen Worte: »Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.« Die -lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die -Glastür, die Frühlingsnacht, die über die hohen Baumwipfel schwebend zu -ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte -Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der -Tiefe grünblättriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche -Nacht ... - -»Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin -Fjodorowitsch!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, ich habe in -ganz Rußland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand -gleichkäme.« - -Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow unrecht -hatte. »Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen -lernen wollen, -- hier ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: -- -das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen -aufzubinden.« - -»Wer ist denn das?« fragte Tschitschikow erstaunt. - -»Das ist unser Branntweinpächter Murasow.« - -»Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!« rief Tschitschikow aus. - -»Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein Gut, der könnte einen -ganzen Staat verwalten. Hätte ich ein Königreich, ich würde ihn sofort -zu meinem Finanzminister ernennen.« - -»Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab der Wahrscheinlichkeit -übersteigt: er soll sich zehn Millionen erworben haben.« - -»Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten. Bald wird halb -Rußland ihm gehören!« - -»Was sagen Sie!« rief Tschitschikow, indem er den Mund öffnete und sein -Gegenüber erstaunt anstarrte. - -»Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar Hunderttausende besitzt, -der wird langsam reich, wer dagegen Millionen hat, der hat sozusagen -einen gewaltigen Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und -verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites Feld, einen zu -großen Spielraum. Da gibt's keine Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner -messen. Er kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn es -ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.« - -»Herrgott, Herrgott!« sagte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. -Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, und der Atem wollte ihm -ausgehen: »Das ist ja geradezu unfaßbar! Man wird ganz starr vor -Schrecken! Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man einen -Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es weit wunderbarer, daß -solch gewaltige Summen durch die Hand _eines_ Sterblichen gehen können. -Darf ich Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der Gründung -dieses Vermögens ist es doch wohl nicht ganz sauber zugegangen?« - -»Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er hat sich stets nur der -saubersten Mittel bedient.« - -»Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben! Wenn es sich bloß um -Tausende handelte, aber hier geht es um Millionen ...« - -»Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die Millionen dagegen werden -leicht erworben. Ein Millionär braucht die krummen Wege nicht: er -braucht nur immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor ihm liegt. Ein -andrer kann's eben nicht aufheben, es fehlt ihm die Kraft dazu -- der -Millionär aber hat keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß .. -ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht sich ... -Was bringen dagegen ein paar Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.« ... - -»Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit ein paar Kopeken -angefangen haben soll!« - -»Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge,« sagte -Kostanshoglo. »Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf -immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu, -der hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott was noch -alles! Man muß von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte -- mit der -Kopeke und nicht mit dem Rubel -- von unten und nicht von oben: dann -erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen -man später leben muß. Wenn man erst das eine und das andre am eignen -Leibe gespürt und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie es -heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles -durchgemacht und alle Prüfungen überstanden hat, dann wird man klug und -besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen -Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche -die Wahrheit. Man muß von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer -mir sagt: >Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie -schnell ich reich werde,< dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das -Glück und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.« - -»In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,« versetzte -Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die toten Seelen denken: »denn -ich fange in der Tat mit nichts an.« - -»Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe -gönnen; er will sicher schlafen gehen,« sagte die Hausfrau, »du aber -plauderst immer weiter.« - -»Natürlich werden Sie reich werden,« erwiderte Kostanshoglo, ohne auf -seine Frau zu hören. »Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in -Strömen zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin -sollen.« - -Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem -herrlichen Reiche schmeichelnder Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz -wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in -den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden Reichtums, und immer -wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: »Das Gold wird -Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.« - -»Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu -gehen.« - -»Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast,« sagte der -Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, daß das ganze -Zimmer dröhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte, -als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es in der Tat Zeit -zum Schlafengehen war, er rüttelte daher Platonow auf und sagte: -»Schnarch doch nicht so!«, dann wünschte er Tschitschikow eine gute -Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in -tiefen Schlaf versunken. - -Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht -zur Ruhe kommen. Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen -sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß -eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gespräch mit -dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Möglichkeit, reich -zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige -Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so einfach und -natürlich, und ganz wie geschaffen für seine Natur! Wenn er nur erst -seine Hypothek auf diese Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes -wäre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken -- ganz wie -Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte -- gewandt, umsichtig und sicher, ohne -vorzeitige Neuerungen einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen -gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle -Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus und Überfluß und widmete -sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die -große Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung herrschen, -alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das -andere vorwärts stoßen und zur Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben -und geschäftige Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle sich -das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mühle alle -Abfälle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares -Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand beständig -vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in -ganz Rußland, vor dem er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis -auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und -Würden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen -hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt. -Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging. -Tschitschikow fühlte, daß er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe -und Kunststücke einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein -ganz anderes Projekt -- der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besaß -selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo -leihen zu können; hatte dieser doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem -zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest -- -dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er -den Verkäufer warten lassen. Das ging schließlich auch: mochte jener -sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! Und -lange noch lag er so da und dachte darüber nach, bis schließlich -Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier -Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war -Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken. - - - Viertes Kapitel. - -Am folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht besser wünschen ließ. -Kostanshoglo schoß Tschitschikow bereitwilligst zehntausend Rubel vor, -ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser mußte ihm bloß -eine gewöhnliche Quittung ausstellen: so gern half er jedem, der sich -Besitz und Wohlstand erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich, -Tschitschikow persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das Gut mit ihm -zusammen in Augenschein zu nehmen. Tschitschikow war in der besten -Laune. Nach einem reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg, -nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz genommen hatten: die -leeren Kutschen des Hausherrn folgten ihnen in einiger Entfernung nach. -Jarb lief voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn Werst lang -sah man auf beiden Seiten nichts als Wälder und Ackerland, das zu -Kostanshoglos Gute gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich -das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und statt der Wälder -erblickte man überall nichts als Baumstümpfe. Trotz der hübschen Lage -merkte man es dem Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt -worden war. Zuerst kam man an einem neuen steinernen Hause vorüber, das -aber unbewohnt war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses folgte -ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte. Die Gäste fanden den -Gutsherrn noch ungekämmt und verschlafen; er war nämlich erst vor kurzem -aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein; sein Halstuch saß -schief, sein Rock war geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch. - -Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste, als ob Gott weiß was -geschehen wäre: man hätte glauben können, er sähe seine Brüder nach -langer Trennung zum ersten Male wieder. - -»Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! Nein solch eine -Freude. Ich muß mir wirklich die Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir -kommt keiner mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: alle Leute -denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, ja, Konstantin -Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich sehe -- ich bin selbst schuld -an allem. Aber, was soll ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen -Sie bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen Kostüm empfange: -Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert. Was darf ich Ihnen -vorsetzen?« - -»Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein Geschäft mit Ihnen machen. -Hier haben Sie einen Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch -Tschitschikow,« sagte Kostanshoglo. - -»Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, lassen -Sie mich Ihre Hand drücken!« - -Tschitschikow reichte ihm beide Hände. - -»Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester Pawel Iwanowitsch, -es ist sehr interessant ... Aber darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob -Sie auch gegessen haben?« - -»Freilich haben wir gegessen,« versetzte Kostanshoglo, der ihn möglichst -schnell los sein wollte. »Wir wollen keine Zeit verlieren und das Gut -gleich jetzt besichtigen.« - -»Gut, dann wollen wir gehen.« Chlobujew nahm seine Mütze in die Hand. -»Kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich -ich bin.« - -Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die Dorfstraße hinab. - -Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende Hütten mit winzigen -Fenstern, die mit alten Lappen zugestopft waren. - -»Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und -liederlich ich bin,« sagte Chlobujew. »Es war natürlich sehr vernünftig -von Ihnen, daß Sie schon gegessen haben. Sie werden mir's nicht glauben, -Konstantin Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn mehr im Hause, -soweit ist's mit mir gekommen!« - -Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin Fjodorowitsch -nur wenig Teilnahme finden werde, nahm er Platonow unter den Arm und -ging mit ihm voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte, -Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück und folgten -ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung. - -»Man hat's nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!« sagte -Chlobujew zu Platonow. »Sie können sich's garnicht vorstellen, wie -schwer man es hat! Kein Geld, kein Korn, keine Stiefel -- für Sie sind -das freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das wäre natürlich -nicht so schlimm, wenn man noch jung und unverheiratet wäre. Aber wenn -all diese Sorgen und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man hat -noch dazu ein Weib und fünf Kinder -- dann verliert man den Mut, ob man -will oder nicht ...« - -»Und wenn Sie das Gut verkaufen -- glauben Sie, daß Ihnen damit geholfen -wäre?« fragte Platonow. - -»Ach was! Geholfen!« versetzte Chlobujew mit einer hoffnungslosen -Gebärde. »Es wird _doch_ alles bei der Bezahlung der Schulden -draufgehen, ich selbst werde keine tausend Rubel übrig behalten!« - -»Und was wollen Sie dann anfangen?« - -»Das weiß Gott allein.« - -»Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen Verhältnissen -herauszukommen?« - -»Was soll ich denn machen?« - -»Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.« - -»Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was kann ich für eine Stellung -annehmen? Ich kann höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten. -Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert Rubeln anfangen? Ich -habe doch eine Frau und fünf Kinder.« - -»Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter auf einem Gute an.« - -»Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich selbst alles -durchgebracht habe!« - -»Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn man vor dem Hungertode -steht. Ich will meinen Bruder fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend -einen Bekannten eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.« - -»Nein, Platon Michailowitsch,« sagte Chlobujew seufzend und drückte -Platonow kräftig die Hand. »Ich tauge doch zu nichts mehr! Ich bin -vorzeitig alt geworden, und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus. -Das sind die alten Sünden! Was kann ich denn leisten? Wozu soll ich den -Staat plündern? Es gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in -den Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben wollen. -Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen Leuten noch neue Steuern -aufgehalst werden, damit ich nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!« - -»Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise!« dachte -Platonow. »Das ist noch schlimmer als meine Lethargie.« - -Während sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit Tschitschikow hinter -ihnen her; er war ganz außer sich vor Wut. - -»Da, sehen Sie,« sagte er, indem er mit dem Finger auf das Dorf wies: -»was er aus den Bauern gemacht hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und -Wagen haben sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, -- dann -darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und Gut denken: da verkauft man -eben alles und schafft neues Vieh für den Bauer an, damit er auch nicht -_einen_ Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber das da -läßt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu braucht man viele -Jahre. Der Bauer ist ja auch schon ganz verändert, er bummelt und säuft. -Wenn man ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen läßt, dann -hat man ihn für alle Zeiten verdorben: er gewöhnt sich daran, in Lumpen -herumzulaufen und findet Geschmack am Vagabundenleben ... Und sehen Sie -einmal das Land an. Nun was sagen Sie,« fuhr er fort, indem er auf die -Wiesen deutete, die gleich hinter den Hütten sichtbar wurden. »Alles -Land, das jedes Frühjahr überschwemmt ist. Ich würde da Flachs säen, der -mir allein fünftausend Rubel einbringen würde, und dann würde ich Rüben -pflanzen, die mir noch einmal viertausend eintragen müßten ... Sehen Sie -sich bloß einmal den Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar -Körner verschüttet. Denn er hat ja doch kein Korn gesät -- das weiß ich. -Und dort -- diese Schlucht! Da würde ich einen Wald anlegen. Die Stämme -sollten mir bald bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so ein -herrliches Stück Land läßt er brach liegen! Wenn man schon keinen Pflug -hat, um es zu pflügen, dann nimmt man den Spaten, gräbt es um und -pflanzt Gemüse darauf. Das gäbe einen prächtigen Gemüsegarten! Aber man -muß den Spaten selbst in die Hand nehmen, muß Frau und Kinder und alle -Dienstboten zu Hilfe nehmen, und arbeiten bis man hinfällt! Und wenn man -schließlich selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens -seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist doch nicht -krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei Tisch zu voll gefressen -hat!« Hier spuckte Kostanshoglo zornig aus und eine finstere Wolke -umschattete seine Stirn. - -Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit wildem Beifuß bewachsene -Schlucht hinabsahen, da leuchtete plötzlich eine Windung des Flusses -hell auf, hinter ihm erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom -Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive viel näher -erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf. Dahinter bemerkte man einen -lockigen, mit Wald bewachsenen Berg, der in der Entfernung bläulich -flimmerte. Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das -könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, »wenn man hier -einen Wald anpflanzen würde, -- dann gäbe es einen Anblick, der sich, -was Schönheit anbelangt, ruhig mit ....« - -»Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,« sagte Kostanshoglo -plötzlich, und sah ihn sehr streng an. »Nehmen Sie sich in acht, wenn -Sie zuviel auf die schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne -Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem -Nutzen und nicht nach der äußeren Schönheit. Die Schönheit wird schon -von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Städte: die -allerschönsten Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem -Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen -Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. Die Städte dagegen, die alle nach -einer Schablone gebaut sind, -- sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie -die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre -Bedürfnisse.« - -»Wie schade, daß man so lange warten muß! Man möchte alles recht schnell -so sehen, wie man es zu haben wünscht ...« - -»Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling ...! Man merkt -gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs -Jahre nacheinander. Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick -auszuruhen. Es ist schwer, gewiß, es ist sogar _sehr_ schwer. Aber wenn -Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt haben, sodaß er Ihnen -selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja, -ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren _siebzig_ noch -_siebenhundert_ andre, _unsichtbare_ Hände an der Arbeit waren! Alles -verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rühren -- und -doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist -ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, _Er_ der die Geduldigen -selig pries.« - -»Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue Kraft durch seine Adern -rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!« - -»Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt ist!« rief -Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte. -»Ich kann es hier nicht länger aushalten; diese Unordnung und -Verwahrlosung bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch ohne mich -abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als -möglich ab. Er schändet bloß Gottes herrliche Natur!« Kostanshoglo war -sehr aufgeregt und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm Abschied von -Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls -von ihm. - -»Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!« sagte der Hausherr -erstaunt, »Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder -fort!« - -»Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt wieder nach Hause -fahren,« versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den -Wagen und fuhr davon. - -Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens begriffen zu -haben. - -»Konstantin Fjodorowitsch hat's nicht ausgehalten,« sagte er, »für einen -so tüchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergnügen, diese -schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel -Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein -Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, daß ich keinen -Pflug und kein Pferd habe, um zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein -so vorzüglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin -Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! -- Das ist ein Napoleon in -seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum mußten sich soviel -Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch -für meinen Schädel wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie -sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen Steg ist die -größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pfütze plumpsen wollen. -Ich habe im Frühjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun -mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber -was kann _ich_ ihnen für ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen -Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen, -wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich hätte sie am -liebsten ganz freigelassen, aber das hätte ja auch keinen Sinn. Ich weiß -sehr gut, daß man erst _andre Menschen_ aus ihnen machen muß, Menschen, -die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten und strengen -Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes -Beispiel und seine unermüdliche Tätigkeit ... Ein Russe -- das sehe ich -an mir selbst -- kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn -aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein und versauert.« - -»Seltsam,« sagte Platonow, »woran liegt das bloß; daß der Russe immer -gleich einschläft, und daß der gemeine Mann ein Taugenichts und ein -Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge läßt!« - -»Das macht der Mangel an Bildung,« bemerkte Tschitschikow. - -»Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung, -haben die Universität besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum -Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es -gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige Finessen -auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, die einen Geld kosten? -- -Aber glauben Sie nur nicht, daß das daher kommt, weil ich einen -schlechten Unterricht genossen habe. -- Durchaus nicht, der Unterricht -war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von -ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch -ohnedies gescheit und begabt genug waren, die übrigen haben für nichts -Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr -Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es -mir fast so vor, als ob der Russe -- ein verlorener Mensch ist. Wir -wollen alles und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann -nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Diät zu -halten; ja prosit, noch am selben Abend schlägt man sich den Bauch so -voll, daß einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen -kann -- dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an --- wahrhaftig. Und so sind wir alle!« - -»Ja,« sagte Tschitschikow lächelnd, »so was kann vorkommen!« - -»Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. Ich glaube nicht, daß es -vernünftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen -Augen sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld verdient und -erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal -alt werden, früher oder später fällt er doch dem Teufel in die Krallen -und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten -wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich weiß -freilich selbst nicht recht, was es ist.« - -Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung -machte sich überall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue -war eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das Bild einer -furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung dar: beim Gutsherrn wie -beim Bauern. Ein böses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte -ein kleines Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das Zeug -hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas -weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das -betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die -hintere Partie und der andere gähnte. Dieses Gähnen schien sich auch den -Häusern und Gebäuden mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen. -Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht -enthalten gleichfalls zu gähnen. -- Ein Flicken saß auf dem andern. Bei -einer Hütte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen -Fensterrahmen wurden von Stangen gestützt, welche aus der -herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich -im Haushalt an das System der Fabel von »Trischkas Kaphtan«, man trennte -die Aufschläge und Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen. - -»Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,« sagte Tschitschikow, als -sie nach gründlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab -sich ins Zimmer, und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung -von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfaß -saß eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische -lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen -Rücken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie -sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade eröffnet worden -war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen -trugen hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich besser -gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte Hemdchen angezogen, -und wären im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder. -Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine -schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes und törichtes Zeug -plapperte. Die Damen zogen sich zurück, und die Kinder liefen gleich -darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer. - -»Also, was ist Ihr Preis?« sagte Tschitschikow. »Ich muß gestehen, es -wäre mir lieb den äußersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer -viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.« - -»Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,« versetzte -Chlobujew. »Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts -verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen, -sind nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar -aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. Sie können Sie auch zu -den Toten zählen; wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte, -dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das ganze Gut den -Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fünfunddreißigtausend.« - -Tschitschikow fing natürlich an zu handeln. - -»Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend für so ein -Gut! Nein sagen wir doch lieber fünfundzwanzigtausend.« - -Platonow wurde verlegen. »Kaufen Sie es nur, Pawel Iwanowitsch,« sagte -er. »Für so ein Gut kann man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie -keine fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen wir es, mein -Bruder und ich.« - -»Also gut, ich bin einverstanden,« sagte Tschitschikow ganz erschrocken. -»Nur eins; ich kann die Hälfte der Summe erst nach einem Jahr bezahlen.« - -»Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich leider in keinem Fall -einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt die Hälfte geben, und die andre -in spätestens zwei Wochen. Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen, -wenn ich nur soviel hätte, um ...« - -»Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,« sagte Tschitschikow, »ich -habe ja überhaupt nur zehntausend Rubel flüssig.« Er log. Wenn man das -von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte er im ganzen -über zwanzigtausend Rubel. Aber man entschließt sich bekanntlich nicht -leicht, eine so große Summe auf den Tisch zu legen. - -»Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere Ihnen, ich -brauche unbedingt fünfzehntausend.« - -»Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,« unterbrach ihn Platonow. - -»Unter diesen Umständen könnte ich's vielleicht wagen!« sagte -Tschitschikow und dachte sich: »Hm, das trifft sich aber gut, daß er mir -was leihen will.« Er ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und -nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend Rubel heraus; die -übrigen fünftausend versprach er ihm morgen mitzubringen; wohl gemerkt, -er _versprach_ es nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben, -den Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen auszuhändigen; -wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch länger warten lassen. Pawel -Iwanowitsch wurde es ganz _besonders_ schwer, sich von seinem Gelde zu -trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so schien es ihm immer -noch besser, das Geld wenigstens _einen_ Tag später, als verabredet, -auszuzahlen. Das heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle. -Es macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas warten zu lassen: -mag er sich doch seine Absätze ablaufen und eine Weile im Vorzimmer -sitzen! Als ob er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was geht -es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer ist, und daß seine -Geschäfte darunter leiden! »Kommen Sie nur morgen wieder, Verehrtester, -heute habe ich leider keine Zeit!« - -»Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut verkauft ist?« fragte -Platonow Chlobujew. »Haben Sie denn noch ein andres Gütchen?« - -»Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort habe ich ein eigenes -Häuschen. Ich hätte das ja auch ohnedies machen müssen: wenn nicht für -mich, so um meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich muß -ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und Musiklehrer halten. Wo -wollen Sie die auf dem Lande hernehmen?« - -»Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will seinen Kindern -Tanzunterricht geben lassen!« dachte Tschitschikow. - -»Merkwürdig!« dachte Platonow. - -»Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!« sagte Chlobujew: -»He Kirjuschka! Hol doch mal schnell eine Flasche Champagner!« - -»Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber Champagner!« dachte -Tschitschikow. - -Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er denken sollte. - -Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen seinen Willen gekommen. Er -hatte in die Stadt nach Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte -man ihm keinen Kwas[5] leihen. Was sollte er tun? Man mußte am Ende doch -seinen Durst stillen. Da erschien ein französischer Weinreisender aus -Petersburg, der überließ seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb -denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch ein paar Flaschen -Champagner abnehmen. - -[Fußnote 5: Eine Art Weißbier.] - -Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder trank drei Gläser, und -die Stimmung wurde bald animiert, Chlobujew taute auf, wurde -liebenswürdig und geistreich und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom -Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt- und Menschenkenntnis! -Wie scharf und richtig faßte er die Dinge auf, wie sicher und treffend -konnte er die Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten -charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und Mängel, wie -gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, die sich ruiniert hatten, -bekannt; wie komisch und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und -Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert von seiner -Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst für den Gescheitesten aller -Menschen erklärt. - -»Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und Verstand nicht Mittel -und Wege finden, um sich zu helfen,« sagte Tschitschikow. - -»An den Mitteln fehlt es mir nicht,« sagte Chlobujew und rückte sogleich -mit einem ganzen Haufen von Projekten heraus. Aber sie waren alle so -unsinnig, so seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und -Menschenkenntnis vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken und sagen -konnte: »Herrgott! welch eine unendliche Kluft liegt doch zwischen der -Welt- und Menschenkenntnis und der Fähigkeit, sie auszunutzen!« All -seine Pläne hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert- -oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte. Wenn ihm das -gelänge, dann glaubte er, würde alles in den rechten Gang kommen, die -Wirtschaft würde aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen, -die Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er auch in der -Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und er schloß seine Rede mit -folgenden Worten: »Aber was soll man machen? Es gibt halt keinen solchen -edlen Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert- oder -meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu leihen. Es ist wohl nicht -Gottes Wille.« - -»Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren zweimalhunderttausend -Rubel in den Schoß werfen sollte!« dachte Tschitschikow. - -»Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache Millionärin,« -sagte Chlobujew, »eine sehr fromme alte Dame: für Kirchen und Klöster -hat sie immer was übrig, aber wenn's gilt, seinem Nächsten zu helfen, -dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante alten Schlages, es -lohnt sich schon, sie einmal näher anzusehen. Sie hat allein gegen -vierhundert Kanarienvögel, dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente, -wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste ihrer Diener ist -mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem sie ihn immer: »He Bursche!« -ruft. Wenn sich ein Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt -sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die Bedienten tun -natürlich, was sie befiehlt. Na, was sagen Sie?« - -Platonow lächelte. - -»Und wie ist ihr Familienname?« fragte Tschitschikow. - -»Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra Iwanowna -Chanassarowa.« - -»Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?« fragte Platonow teilnehmend. -»Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte -sie es Ihnen garnicht abschlagen.« - -»O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste -Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch! -Außerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr -einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum sind. Da ist sogar -einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich für -einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen,« sagte er plötzlich -zu Platonow, »nächste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle -Honoratioren der Stadt einladen will.« - -Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, daß es in Rußland -- in -den Residenzen und Provinzstädten -- solche Lebenskünstler gibt, deren -Existenz ein unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes -Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren in Schulden, weiß -nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch plötzlich -ein großes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das -letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe -da: es vergehen zehn Jahre -- unser Hexenmeister behauptet nach wie vor -seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und -gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste glauben, es seien die -letzten, und noch immer ist alles überzeugt, daß der Hausherr morgen in -den Schuldturm kommen werde. - -Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames und eigenartiges -Ding. Heute hielt dort ein Priester im Meßgewande eine Andacht ab, -morgen übten französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, wo es -keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschloß, daß bald darauf -ein großes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Künstler -teilnahmen, die in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden. -Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich an Chlobujews -Stelle längst erhängt oder erschossen hätte; aber was ihn immer wieder -rettete, war seine Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste -mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken -las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern und Asketen, die ihren -Geist dazu erzogen hatten, alles Unglück mit Gleichmut zu ertragen und -sich darüber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und seine -Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu beten -- und seltsam! -- -immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun, -daß sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder -daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte Dame, die von ihm -gehört hatte, ihm in einer plötzlichen großmütigen Regung ihres -weiblichen Herzens ein größeres Geschenk machte; oder er gewann einen -Prozeß, von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann pries er -demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, ließ -Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben. - -»Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,« sagte Platonow zu -Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen -wieder bestiegen hatten.(9) - -»Ein verlorener Mensch!« versetzte Tschitschikow. »Solche Leute sollte -man nicht bedauern.« - -Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil -ihn die Menschen bei seiner Trägheit und Apathie ebensowenig -interessierten wie die ganze übrige Welt. Sein Herz krampfte sich -mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese -Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in seiner Seele. -Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte -nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch -Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen -Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde -er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, sondern leibhaftiger -Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war, -nachdenklich, seine Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und -verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden Ausdruck: -»Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit -der Muttermilch eingesogen. Das ist für mich nichts neues. Aber werde -ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen -jungen Jahren?« Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch -ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er überzeugte sich, daß er -mit dem Kauf ein gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine -Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in -kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache -schließlich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tüchtiger Landwirt -nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat -und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm -zu so großem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch -folgendermaßen machen: man konnte das Land weiter verkaufen -(selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der -Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und -flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern Vorteil: man -konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das -von ihm entliehene Geld gar nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke! -Man kann nicht sagen, daß _Tschitschikow_ auf diesen Gedanken gekommen -war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, neckte, -verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger, -liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer solcher Gedanken ist, die so -plötzlich über uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine große Freude, -daß er Gutsbesitzer geworden war -- kein bloß eingebildeter oder -phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein -_Grundstück_, ein Stück Land und Leibeigene -- keine bloß vorgestellten, -nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter -besaß. Und allmählich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich -die Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand, -legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch -zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte -zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder mein kleiner -Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, daß er ja nicht allein sei, -wurde plötzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den -der Ausbruch einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben -mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Töne für Worte -hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte: -»Wie meinen Sie?« da antwortete jener verlegen: »Nichts, garnichts.« - -Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie schon längst durch eine -herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstämmen zog sich -zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und Birken -glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie -sich von dem zarten Grün der kaum entfalteten Blätter ab. Die -Nachtigallen im Gebüsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen -schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht -darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt -war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde -befunden. Zwischen den Bäumen hindurch sah man eine weiße steinerne -Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee -- ein Gitter. Am Ende -des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien: -er trug eine Mütze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer -Schäferhund auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her. - -»Da ist ja mein Bruder!« sagte Platonow, »Kutscher, halten Sie doch!« -Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem -Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten -sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, schnell näherte -er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge über -die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich -an Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr. - -Die Brüder umarmten sich. - -»Aber lieber Platon, was machst du mir für Geschichten?« sagte der -Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij. - -»Was meinst du?« versetzte Platonow phlegmatisch. - -»Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt nichts von dir -hören. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. >Er ist mit -einem Herrn weggefahren<, sagt er. Hättest du mir doch nur ein Wort -gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder, -wer tut denn nur so was? Gott allein weiß, was ich mir all diese Tage -für Gedanken gemacht habe!« - -»Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,« versetzte Platonow. »Wir -haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er läßt dich -grüßen; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen -meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel -Iwanowitsch Tschitschikow.« - -Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich näher kennen zu -lernen, drückten sich die Hand, nahmen ihre Mützen ab und küßten sich. - -»Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?« dachte Wassilij. »Mein Bruder -Platon ist nicht gerade wählerisch in seinen Bekanntschaften.« Er -betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ, -und überzeugte sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, ein -sehr respektabler Herr war. - -Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so -aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und sah, daß der Bruder -etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein -Gesicht lange nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zügen -lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. Man sah es ihm gleich an, -daß er nicht so schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel -Iwanowitsch nur wenig. - -»Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch -eine kleine Reise durch das heilige Rußland zu machen. Vielleicht werde -ich so meine Melancholie los.« - -»Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?« sagte der Bruder -Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe noch hinzugefügt: »Und zu -alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal -siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was nicht alles -ist.« Voller Mißtrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war -erstaunt über sein respektables Äußeres. - -Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen Hof: auch das Haus -sah recht altertümlich aus; heute werden keine solchen Häuser mehr -gebaut: es hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer -angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und -warfen einen mächtigen Schatten, der fast die Hälfte der ganzen Fläche -einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende -Fliederbüsche und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband ein; -eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blättern und Blüten -verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine -kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich unter den Ästen -hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstämmen sah man die Küche, die -Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die -Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit ihrem Gesang. -Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl des Friedens in das Herz ein. -Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich -und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach -herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man -ließ sich auf den Bänken unter den Linden nieder. - -Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen Hemde -brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es -war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und -Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick -und zähe wie Öl, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der -Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die -Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die -Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine -Dienstboten, sondern eigentlich nur Gärtner. Alle Knechte mußten der -Reihe nach dieses Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die -Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder -bringen, das könne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen -Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, tüchtig -und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich -einen deutschen Rock anschaffe, werde er plötzlich plump und -ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr, -und gehe überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem -deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide -zahllose Scharen von Wanzen und Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in -diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren die -Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen -schimmerte von Gold, und die Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie -ein türkischer Schal. »Unser Haus ist berühmt wegen seiner Limonaden,« -sagte Wassilij. - -Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte sich ein Glas ein: -es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte: -es moussierte wie Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in -angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. »Der reinste Nektar!« sagte -er. Er schenkte sich noch ein Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein -- -und siehe da, es schmeckte noch besser. - -»Das Getränk aller Getränke!« sagte Tschitschikow. »Ich kann wohl sagen, -bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den -besten Likör, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die -ich jemals gekostet habe.« - -»Der _Likör_ kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und -nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen -Sie besuchen?« fragte Bruder Wassilij. - -»Ich reise,« versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der -Bank hin und her schaukelte, sich vornüber beugte und mit der Hand über -das Knie strich: »ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem -Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter -Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltäter, hat mich -gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den -Verwandten ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch -auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz -abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hämorrhoiden -hat, man erweitert seine Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und -Wirbel des Menschenvolkes -- und das ist an und für sich schon sozusagen -ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.« - -Bruder Wassilij wurde nachdenklich. »Der gute Mann spricht etwas -geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten,« dachte er. -Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder -Platon wandte: »Weißt du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise -könnte dich wirklich etwas aufrütteln. Du leidest an einer Art geistigen -Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, -- und nicht etwa weil -du übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an lebendigen -Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich -wünschte, ich könnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die -Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.« - -»Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,« sagte Platon. »Du suchst -selbst nach Gründen oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen -und dich unnütz aufzuregen.« - -»Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn man auf Schritt und -Tritt Unannehmlichkeiten hat,« versetzte Wassilij. »Hast du gehört, was -uns Lenitzyn in deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? -- Er -hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht feiern, einfach -annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück für kein Geld her ... Hier -feiern meine Bauern jedes Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind -soviel Erinnerungen für das ganze Gut verbunden; mir ist eine alte Sitte --- etwas Heiliges, und ich bin bereit jedes Opfer für sie zu bringen.« - -»Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es sich nahm,« sagte -Platonow, »er ist noch ganz neu hier im Lande, er kommt doch erst eben -aus Petersburg; man muß ihm die Sache klar machen.« - -»Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm geschickt, und es ihm -sagen lassen. Er hat mir nur Grobheiten an den Kopf geworfen.« - -»Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles erklären sollen. -Besprich doch die Sache mit ihm selbst.« - -»Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen Herrn. Zu dem fahre -ich nicht hin. Fahr du doch hin, wenn du durchaus willst.« - -»Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich mische mich nicht in -diese ... Er könnte mich ja _auch_ übers Ohr hauen und betrügen.« - -»Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,« sagte Tschitschikow, -»erklären Sie mir nur, worum es sich handelt.« - -Wassilij sah ihn an und dachte: »Dem scheint das Reisen großen Spaß zu -machen.« - -»Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er für ein Mensch und was -das für eine Angelegenheit ist?« fuhr Tschitschikow fort. - -»Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen Auftrag zu -betrauen. Meiner Ansicht nach ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem -ärmeren Adel unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg -hinaufgedient, nachdem er die illegitime Tochter irgend eines großen -Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen Mann. Er will hier -den Ton angeben. Aber die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie -kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg ist für sie garnicht -maßgebend.« - -»Natürlich,« sprach Tschitschikow, »und worum handelt es sich?« - -»Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig, wenn er nicht so -rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich ihm gern an einer andern Stelle -umsonst ein Stück abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch -noch glauben ...« - -»Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich friedlich zu -verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ... Mit hat schon mancher -seine Sache anvertraut, und noch keiner hat es bereut ... General -Betrischtschew hat mir ja auch ...« - -»Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen mit einem solchen -Menschen reden sollen ...«[6] - - * * * * * - -»...(10) Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies ein Geheimnis war,« -sagte Tschitschikow, »denn das eigentlich Schädliche hierbei ist nicht -so sehr das Verbrechen wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.« - -»Ja wohl, Sie haben ganz recht,« fiel Lenitzyn ein, indem er den Kopf -ganz auf die Seite neigte. - -»Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern einig zu wissen,« -sprach Tschitschikow. »Ich habe da auch eine Sache, die man in gewissem -Sinne gesetzlich und ungesetzlich zugleich nennen kann; oberflächlich -betrachtet scheint sie ungesetzlich zu sein, _tatsächlich_ steht sie -jedoch keineswegs im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine -Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, das Risiko auf sich -zu nehmen und zwei Rubel für die lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich -Pech habe -- und Bankrott mache -- was Gott verhüte, -- dann hat der -Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn entschlossen, mir den -Umstand zunutze zu machen, daß es tote und flüchtige Bauern gibt, die -noch nicht aus der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich -ein christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern abnehme, -die er für sie bezahlen muß. Wir wollen der Formalität wegen nur einen -Kaufvertrag abschließen, wie wenn es sich um lebende handelte.« - -[Fußnote 6: Hiermit schließt die 96. Seite des Manuskripts, weiter -fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes hat S. -Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht: »Hier ist eine -Lücke im Manuskript, welche wohl die Erzählung enthielt, wie -Tschitschikow sich aufmachte, um den Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.« - - Anm. des Herausgebers. - ] - -»Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!« dachte Lenitzyn -und rückte mit dem Stuhle ein wenig zurück. »Diese Sache ist allerdings -derartig ....« begann er. - -»Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil die Sache doch geheim -bleibt,« versetzte Tschitschikow; »zudem sind wir doch beide -wohlgesinnte und zuverlässige Menschen.« - -»Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..« - -»Ein Ärgernis kann es nicht geben,« entgegnete Tschitschikow offen und -ehrlich. »Es ist doch genau so eine Sache wie die, von der wir soeben -gesprochen haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife Leute, -die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen -- und dann bleibt doch -alles geheim.« Und während er dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich -ins Auge. - -Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter Geschäftsmann -war, geriet er diesmal ganz aus der Fassung, um so mehr als er sich -durch einen merkwürdigen Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze -gefangen hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung fähig und wollte -nichts Unrechtes tun, auch nicht im geheimen. »Ist das aber eine -sonderbare Geschichte!« dachte er: »Darnach schließe noch einer -Freundschaft mit einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!« - -Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen Tschitschikow ganz -besonders günstig zu sein. Wie um beiden aus dieser kritischen Situation -zu helfen, trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins -Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger Mode -gekleidet und hatte eine große Schwäche für Menschen, die in jeder -Hinsicht korrekt und _comme il faut_ waren. Gleich darauf brachte die -Amme Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste Kind, die -Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten. Tschitschikow sprang -schnell auf, ging gewandt und sicher auf die Hausfrau zu, neigte den -Kopf leicht auf die Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach -ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit. Der Knabe fing zwar -zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow gelang es schnell, ihn zu -beruhigen: er rief ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit -den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, das er an der -Uhrkette trug, und brachte das Kind bald so weit, daß es sich ruhig auf -den Arm nehmen ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke hinauf -und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude beider Eltern ein -liebliches Lächeln. Aber war es nun das ungewohnte Vergnügen oder hatte -es einen andern Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst -Peinliches. - -»Ach Gott, ach Gott!« schrie Lenitzyns Gattin auf; »er hat Ihnen den -ganzen Frack verdorben!« - -Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in der Tat: der eine -Ärmel des neuen Fracks war hin: »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner -Satan!« dachte er ärgerlich. - -Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: alles lief hinaus, um -Kölnisches Wasser zu holen: dann kamen sie von allen Seiten angelaufen -und versuchten ihn abzuwischen. - -»Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine Kleinigkeit!« sagte -Tschitschikow und suchte seinem Gesicht einen möglichst freundlichen -Ausdruck zu verleihen: »Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem -doch nichts verderben,« wiederholte er, trotzdem aber dachte er sich: -»So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe fräßen, hat der mich aber schön -zugerichtet, der verdammte kleine Schelm!« - -Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall hatte den Hausherrn -ganz zu Tschitschikows Gunsten umgestimmt. Wie konnte er einem Gast -etwas abschlagen, der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten -und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit dem eigenen Frack -bezahlt hatte? Um den Menschen kein schlechtes Beispiel zu geben, -beschloß man die Sache im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die -Sache selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte ja Schaden -stiften. - -»Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank für Ihre Güte auch einen -kleinen Dienst zu leisten. Ich möchte die Vermittlerrolle in Ihrem -Streit mit den Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch Land? -Nicht wahr?« - - - Fünftes Kapitel.[7] - -Jedermann sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. »Was mich -zwickt, das zwick' ich wieder,« sagt ein russisches Sprichwort. -Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch -seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrönt, und so wanderte -denn während dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die -Privatschatulle hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste -erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die -Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Möglichen Nutzen zu -ziehen: der eine aus Staatswäldern, der andere aus Staatsgeldern, ein -dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden -Schauspielerin, ein vierter -- seine Bauern, um sich Möbel vom Hombs -oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel -Verführungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu -wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. Es ist -doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum -dasselbe tun, -- und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von -alledem fernhalten! Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs sein -sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der -Stadt noch eine andere Messe eröffnet werden: nämlich die für die -vornehmen Leute.(11) Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh, -Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den -Markt brachten und die von Viehhändlern und Kaufleuten aufgekauft -wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von -den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf der vornehmeren Leute -aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen: -alle Räuber und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit -Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des mit Schweiß, Mühe und -Blut erworbenen Geldes -- diese ägyptische Heuschreckenplage, wie -Kostanshoglo sich auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur -alles auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und sie in die -Erde verscharrt. - -[Fußnote 7: In dem Manuskript trägt dieser Abschnitt keine -Kapitelüberschrift; er stammt also aus einem ganz frühen Entwurf, in dem -die Kapiteleinteilung noch nicht durchgeführt war. - - Der Herausgeber. - ] - -Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurück. Dafür machten -die Beamten, die ja unter keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so -weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre -Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der letzten Zeit in der -Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedürfnisse -einzupflanzen, und nun _dürsteten_ sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein -Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen Garten, wie man -ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders -billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf -Kredit. Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst -alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer -Klienten rechneten, dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und -seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß alles zusammen, -hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergnügen und zu -zerstreuen ... Trotz des scheußlichen Wetters und dem Kot auf den -Straßen flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen, -das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten sie sich auch in Petersburg -ruhig sehen lassen können. Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre -Mützen und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. Nur hie und da -sah man Männer mit langen Bärten und ballonartigen Pelzmützen. Alles -hatte einen europäischen Anstrich; überall begegnete man Herren mit -schönrasierten Gesichtern und ... hohlen Zähnen. - -»Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick -in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr!« hörte man hie und da kleine -Jungen schreien. - -Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem -europäischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung für sie; -nur ganz selten setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst; -dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt's Stoffe, helle, dunkle, -bunte usw. - -»Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen Stoff für einen -Herrenanzug?« fragte Tschitschikow. - -»Die schönsten Stoffe,« versetzte der Kaufmann, während er mit der einen -Hand die Mütze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete. -Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des -Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf der andern Seite, -mit dem Rücken zu den Stoffen, die in Rollen übereinander aufgeschichtet -waren und die ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. Das -Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit beiden Händen auf den -Tisch und sagte, indem er seinen Oberkörper leicht hin- und herwiegte: -»Was für einen Stoff wünschen Sie?« - -»Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, etwas was dem -Preißelbeerrot nahekommt,« versetzte Tschitschikow. - -»Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen -werde. Sie können höchstens in den zivilisiertesten Hauptstädten Europas -etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34 -herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer über deine -Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das -ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen!« Und der Kaufmann rollte den Stoff -auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, sodaß dieser den -seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern auch riechen konnte. - -»Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben will,« sagte -Tschitschikow. »Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas -Erstklassiges, das Beste, was es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff -mehr rötlich, weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.« - -»Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade modern zu werden -beginnt. Da habe ich einen ganz vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie -freilich darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber -auch von allererster Qualität.« - -Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen auf den Tisch. Er -rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, wie man sie nur in der guten alten -Zeit hatte, und vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren -Geschlechte angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt den -Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte und sagte: »Eine -wunderbare Farbe! Navarinoscher[8] Rauch mit Feuerglanz!« - -Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte sich über den Preis, -obwohl dieser prifix (_prix-fix_) war, wie der Kaufmann behauptete. Dann -spannte er ihn geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn -hierauf nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit -in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete er das Paket noch ein -paar Mal hin und her, indem er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es -mit einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt den -Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag alles in dem -bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann lüftete den Hut und grüßte. Es hatte -seine guten Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das war eine -Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.(12) - -»Haben Sie dunkles Tuch?« hörte man jetzt eine Stimme sagen. - -»Teufel! das ist Chlobujew,« sagte Tschitschikow leise zu sich selber -und drehte jenem den Rücken zu; er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe, -denn er hielt es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die -Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen und erkannt. - -[Fußnote 8: Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen -Seeschlacht.] - -»Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch nicht etwa absichtlich aus -dem Wege? Ich kann Sie nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse -so, daß ich ernstlich mit Ihnen reden muß.« - -»Verehrtester, Verehrtester!« sagte Tschitschikow, indem er ihm beide -Hände drückte; »glauben Sie mir, ich habe es mir schon selbst so oft -vorgenommen, mit Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!« -Tatsächlich aber dachte er: »Wenn dich doch der Teufel holte!« Plötzlich -jedoch erblickte er den eben eintretenden Murasow. »Herrgott! Afanassij -Wassiljewitsch! Wie befinden Sie sich?« - -»Und Sie?« sagte Murasow, indem er den Hut abnahm. Auch der Kaufmann und -Chlobujew nahmen ihre Mützen ab. - -»Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf läßt zu wünschen übrig. -Vielleicht weil ich mir zu wenig Bewegung mache!« - -Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den Grund seiner -Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow an Chlobujew: »Ich sah Sie in -den Laden treten, Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen -nachgegangen. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, können Sie mir -nicht einen Besuch machen?« »Aber natürlich, natürlich!« versetzte -Chlobujew eilig, und beide gingen hinaus. - -»Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?« dachte Tschitschikow. - -»Afanassij Wassiljewitsch -- ist ein sehr würdiger und kluger Mann,« -sagte der Kaufmann; »er ist außerordentlich tüchtig in seinem Fach, aber -er hat keine Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant und -nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen auch allerhand -Budgets und Reaktionen verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus -verfallen.« Tschitschikow zuckte die Achseln. - -»Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!« rief plötzlich eine Stimme. -Es war Lenitzyn. Der Kaufmann nahm ehrfürchtig den Hut ab. - -»Sie? Fjodor Fjodorowitsch?« - -»Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns schnell zu mir nach Hause -fahren, ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte jener. Tschitschikow sah ihn -an -- er sah ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt. -Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden. - -»Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,« sagte Murasow, als er -Chlobujew eintreten sah. »Bitte kommen Sie doch zu mir ins Zimmer!« Und -er geleitete Chlobujew in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt -hat. Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert Rubel -Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres, schlichter -ausgestattetes Zimmer finden können. - -»Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse gebessert haben? -Ihre Tante hat Ihnen doch sicher etwas hinterlassen.« - -»Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß wirklich nicht, -ob sich meine Verhältnisse gebessert haben. Ich habe bloß fünfzigtausend -Bauern und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich einen Teil -meiner Schulden bezahlen -- und jetzt sitze ich wieder da und habe -nichts. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft -ist nicht einmal ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und -Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will es Ihnen -gleich erzählen, Sie werden staunen, was alles in der Welt vorkommt. -Dieser Tschitschikow ...« - -»Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir von diesem -Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal von Ihnen selbst sprechen. -Sagen Sie mal! wieviel Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein, -um Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um wieder in -geordnete Verhältnisse zu kommen?« - -»Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,« versetzte Chlobujew. »Um da -herauszukommen, alle Schulden zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen -zu haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht -noch mehr! Mit einem Wort: das ist einfach unmöglich.« - -»Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden Sie dann Ihr Leben -einrichten?« - -»Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten und mich ganz der -Erziehung meiner Kinder widmen. An mich selbst darf ich gar nicht mehr -denken. Mit meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst kann ich -doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch zu nichts mehr!« - -»Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen, Müßiggang ist aller -Laster Anfang, da nahen sich einem allerhand Versuchungen, an die ein -fleißiger und tätiger Mensch garnicht einmal denkt.« - -»Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! ich bin schon zu -stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. Zu alledem leide ich noch an -Kreuzschmerzen.« - -»Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie können Sie es bloß auf der -Welt aushalten ohne ein Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken -Sie doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt eine gewisse -Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst der Stein ist nur dazu da, -damit ihn jemand gebraucht oder bei einem nützlichen Werke verwendet, -und der Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte sein -Leben tatenlos hinbringen -- das ist doch unmöglich.« - -»So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht. Ich kann mich doch mit -der Erziehung meiner Kinder beschäftigen.« - -»Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das allerschwerste. Wie -soll _der_ Kinder erziehen, der es nicht einmal verstanden hat, sich -selbst zu erziehen, Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel -erziehen, indem man ihnen das Leben _vorlebt_. Und sagen Sie ehrlich, -kann _Ihr_ Leben ihnen zum Vorbild dienen? Von Ihnen könnten sie -schließlich doch nur lernen, wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie -mit Kartenspiel totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen Sie -lieber _mich_ Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie nur verderben. -Überlegen Sie sich doch die Sache einmal recht ordentlich. Was Sie zu -Grunde gerichtet hat, das ist der Müßiggang -- daher müssen Sie _ihn_ -vor allem meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt im Leben -sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten haben. Selbst der Tagelöhner -hat seinen Beruf. Er hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß -es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein Interesse an seiner -Tätigkeit.« - -»Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es versucht, ich habe mir -redliche Mühe gegeben! Was soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt -bin ich nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen Sie doch -nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht in den Staatsdienst -treten? Oder soll ich mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben -einen jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? Und dann bin -ich unfähig, Geschenke anzunehmen -- -- ich werde mir selber nur schaden -und andern im Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten auch -schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich hab's mir -schon überlegt, ich hab's versucht und darüber nachgedacht, was ich wohl -für eine Stellung annehmen könnte -- nein ich tauge nicht dazu. Ich -passe höchstens noch ins Armenhaus.« - -»Das Armenhaus ist für _die_ da, die im Leben etwas geleistet und -gearbeitet haben; _die_ dagegen, die sich amüsiert haben, solange sie -jung waren, bekommen zur Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte: ->Geh, tanze weiter!< Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, auch da muß -man sich nützlich machen; dort spielt man nicht etwa Whist, Ssemjon -Ssemjonowitsch,« fuhr Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht -sah, »Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.« - -Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber der arme Chlobujew -vermochte nichts zu antworten, und er fing an, Murasow leid zu tun.(13) - -»Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die -Kirche und lassen keine Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus. -Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und gehen -- -gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe -liegt.« - -»Das ist etwas andres -- Afanassij Wassiljewitsch. Hier weiß ich, daß -ich das nicht um der Menschen willen, sondern um _Dessen_ willen tue, -der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich -glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen und mich in -Gnaden aufnehmen wird, so häßlich und schlecht ich auch bin, während -mich die Menschen mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde mich -verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten es in der besten -Absicht getan.« - -Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten -Herrn traten die Tränen in die Augen ... - -»Dann dienen Sie doch wenigstens _Dem_, Der allen Wesen so gnädig ist. -Er freut sich ebenso sehr über die Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen -Sie sich irgend eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es -nur eine _Beschäftigung_ ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es für _Ihn_ und -nicht für die Menschen täten. Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem -Sieb, aber denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wäre -ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden, -was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu -schlemmen, unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen Genüssen -nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?« - -»Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!« - -»Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: er hatte über eine halbe -Million; wie er aber sah, daß ihm alles zum Vorteil ausschlägt -- da -wurde er unmäßig und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn französischen -Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da -ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn er -einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins -Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem -Tee sitzen. Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. Zu alledem -hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei -mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse -haben sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine halbe -Million verdienen. Aber nun _will_ er nicht mehr. >Jetzt bin ich halt -Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und -gesund geworden,< sagte er, >damals aber hatte ich einen dicken Bauch -und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,< sagte er. Tee nimmt -er überhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine -ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns, -und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten einer; mancher andere -würde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermögen -durchgebracht hätte.« - -Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine -beiden Hände: »Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir -tun! Ich habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, Sie wissen -doch, daß in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen -sieht. Das ist ein Mann von großem Verstande, oh, von einem solchen -Verstande, ich kann's gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber -_wenn_ er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte ihm einmal, ich habe -einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich -ruhig an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden Worten: ->Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da: -man muß Geld für den Kirchenbau sammeln!< Und damit schlug er die Türe -zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten könne >Offenbar will er -mir keinen Rat erteilen<, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm -Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich -schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen könne, -Geld für den Bau einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus dem -Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung -genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil -davon abhänge? Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im Himmel. Das ist -ja das Amt, das der Mönch Ssemjon Ssemjonowitsch übertragen will. Das -Wandern wäre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche -vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Bürger gehen wird, wird -er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat. -Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat, -wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche -Menschen brauchen wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe viel -dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, der die Verhältnisse -nicht aus den Büchern und Akten, sondern _tatsächlich_ kennt, so wie sie -in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt, -überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.« - -»Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij -Wassiljewitsch,« sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte. -»Ich kann nicht einmal glauben, daß Sie das zu _mir_ sagen: dazu bedarf -man eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann kann ich doch -nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen -haben?« - -»Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Für die will ich -schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es -ist doch besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein -gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und -zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber -keine Angst zu haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird -Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch -etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben -können, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch -gutes Werk tun können: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich -nur _denen_ geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen, -werden Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es wird Ihnen -nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ... -Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld -für die _Kirche_ sammeln.« - -»Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich -wünschte mir wirklich, ich könnte auch nur einen kleinen Teil davon -ausführen; aber ich fürchte, es übersteigt meine Kräfte!« - -»Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?« versetzte Murasow. »Es -gibt doch gar nichts, wozu unsere Kräfte ausreichen; alles geht über -unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen. -Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt ein Kreuz, sagt: >Gott -hilf!< rudert und erreicht schließlich doch das Ufer. Darüber brauchte -man nicht erst lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als eine -göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit für Sie; -laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch, -bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.« - -»Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. -- -Gott sei mir gnädig!« sagte er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie -Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist -aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen -Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer -blitzte in der Ferne auf ... - -Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu -Tschitschikow.(14) - - * * * * * - -Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es -tauchten plötzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehört -hatte. Wie die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das -ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so -von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das -letzte Testament sei gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte -Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe. -Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und während seiner -Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt -zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze -Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein weiß, wie man -das alles herausgeschnüffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls -waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen -Tschitschikow glaubte, niemand außer ihm und den vier Wänden, innerhalb -deren er lebte, könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles -noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren -gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß -ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache -bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: »Ich beeile mich, -Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien -bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich -nicht unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt -- Ruhe. Wir wollen die Sache -schon wieder einrenken.« Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. »Ein -Genie!« sagte Tschitschikow. Um seine glückliche Stimmung zu -vervollständigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch -noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust packte ihn, sich selbst in dem -neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog -die Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß man ihn -ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen lagen ganz eng an und ließen -seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff -schmiegte sich so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten -erkennen, was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität -verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch -einer Trommel. Er schlug mit der Bürste darauf und sagte: »So ein -Trottel! Und _doch_, im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.« Der -Frack schien noch besser genäht zu sein, als die Hosen: da gab es auch -nicht ein Fältchen, im Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön -geschwungen und ließ die ganze Statur genau hervortreten. Auf -Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke ihn etwas unter der -Achselhöhle, antwortete der Schneider bloß mit einem Lächeln: darum saß -er auch um so besser in der Taille. »Sie können ganz ruhig sein, Sie -können ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,« wiederholte er mit -unverhohlener Freude: »So einen Frack bekommen Sie überhaupt nicht -wieder außer etwa in Petersburg.« Der Schneider stammte selbst aus -Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: »_Ein Ausländer aus -London und Paris_«. Er liebte es nicht zu spaßen und wollte mit den -beiden Städten ein für allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen, -damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte -kommen sollte. Mochte er doch irgend ein »Karlseruh« oder »Kopenhaga« -auf sein Schild setzen. - -Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich, -nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten: -und zwar ganz wie ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten -und gewissermaßen _con amore_. Es stellte sich heraus, daß alles noch -weit schöner war, als früher: seine Wangen waren noch interessanter, -sein Kinn noch anziehender geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich -zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen noch -weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der -Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete -einen ausgezeichneten Fond für das Vorhemdchen und der Frack von -Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und -vervollständigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts -- -und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links -- und es war -noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen -Mannes, der fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend -wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern -sich aus Zartgefühl auch hierbei noch der französischen Sprache bedient. -Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es, -eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame in mittleren Jahren, -von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau, -etwas für einen Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte er -noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, sodaß die -Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser -herunterfiel; aber das störte ihn nicht im mindesten. Er nannte das -Fläschchen, wie es sich gehörte, ein albernes Ding, und dachte: »Zu wem -soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...« Da ertönt -plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Türe erscheint ein -Gendarm: bis an die Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer -repräsentieren, und sagt: »Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur -zu melden!« Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand -ein Schreckbild mit einem mächtigen Schnauzbart, einem wallenden -Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der -_rechten_ und eine Schärpe über der _linken_ Schulter und einen -gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der -andern Seite noch ein Gewehr und weiß der Teufel was sonst noch alles -hängen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas -einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: »Sie haben sofort -mitzukommen!« Hinter der Vorzimmertür sah er noch eine andre ähnliche -Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf -der Straße vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen? -Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack -von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. -Zitternd und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr, -begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur. - -Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. »Treten -Sie ein, der Fürst erwartet Sie schon!« sagte der diensthabende Beamte. -Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die -allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er -durchschreiten mußte, und er dachte: »Wie? Wenn sie mich nun plötzlich -ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten -einfach nach Sibirien befördern!« Sein Herz fing heftig an zu klopfen, -weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten Liebhaber. Endlich tat sich -die verhängnisvolle Tür auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen -Schränken und Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren: -der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der -personifizierte Rachegott. - -»Alleszermalmer!« dachte Tschitschikow, »er wird mich zerreißen, wie der -Wolf das Lamm!« - -»Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben, -während Sie eigentlich ins Zuchthaus gehörten; Sie aber haben sich von -neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals -ein Mensch beschmutzt hat!« Die Lippen des Fürsten bebten vor Zorn. - -»Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht?« sagte -Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte. - -»Die Frau,« sagte der Fürst, indem er näher auf ihn zuging und -Tschitschikow gerade in die Augen blickte: »die Frau, die das Testament -auf Ihr Geheiß unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen -gegenübergestellt werden.« - -Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen. - -»Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig, -ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine -Feinde haben mich verleumdet.« - -»Sie _kann_ niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr -Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lügner ersinnen kann. -Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat -vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und -ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute -und Sibirien stehen! Nein, Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins -Gefängnis abgeführt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten -Schurken und Räubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und -das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als -sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...« Er -warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit -Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte. - -»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow, »haben Sie Erbarmen! Sie sind doch -auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine -alte Mutter!« - -»Du lügst!« rief der Fürst zornig. »Genau so hast du damals für deine -Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht! -Jetzt ist es die Mutter!« - -»Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niederträchtiger -Schuft!« sagte Tschitschikow ... »Ich habe wirklich gelogen, denn ich -hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte -stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und -Bürger zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner Vorgesetzten -und Mitbürger zu verdienen! ... Aber welch ein unglückliches -Zusammentreffen der Umstände! Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut -mußte ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese -Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... nichts als -Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... Mein ganzes Leben war wie -ein stürmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein -Spielball der Winde und Wellen. Ich bin -- auch nur ein Mensch -- -Durchlaucht!« - -Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Fürsten auf -die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe -mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den -herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, die eine Wolke von -Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich -tief vor dem Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden. - -»Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen!« sagte -der Fürst zu den eintretenden Gendarmen. - -»Durchlaucht!« schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den -einen Stiefel des Fürsten. - -Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern. -»Fort, fort mit ihm! sag ich!« rief er, indem er seinen Fuß aus der -Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte. - -»Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen -haben,« sagte Tschitschikow, ohne den Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß -dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von -Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden nach sich -schleifte. - -»Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!« rief der Fürst mit jenem -unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim -Anblick eines häßlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben, -es zu zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, daß -Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn -erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur -noch stärker an ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mühe -fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten ihn durch die lange -Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich -in jenem furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch den -finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche -Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht. - -In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete ihnen Murasow. Ein -Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich Tschitschikows verdüstertes Gemüt. -Mit geradezu unnatürlicher Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen -beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten -Murasow auf die Kniee. - -»Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?« - -»Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, aufs Schafott.« - -Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten ihn hinaus, ohne ihn -ausreden zu lassen. - -Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fußlappen der -Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte -Stühle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig -rauchte, ohne zu wärmen -- das war der Raum, in dem unser Held -untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des -Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher -Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich -zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte -nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mühsam -erworben hatte ... All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der -toten Bauern -- alles war jetzt in den Händen der Beamten. Er fiel auf -die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an -seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes -wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen -Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt noch auf der Welt -gewesen wäre. Aber auch über Tschitschikow wachte eine schirmende und -rettende Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des Gefängnisses -und hereintrat: »der alte Murasow«. - -Hätte jemand einem müden und erschöpften, von brennendem Durste -gequälten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer -ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt, --- es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis unsern armen -Tschitschikow. - -»Mein Retter!« rief Tschitschikow plötzlich, indem er vom Fußboden aus, -auf den er sich in seinem herzzerreißenden Schmerz niedergeworfen hatte, -nach Murasows Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte. -»Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem kommen!« - -Und er brach in Tränen aus. - -Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur: -»Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?« - -»Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte! -Ich konnte nicht Maß halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit -aufzuhören. Er hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle -Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! Ja, ich habe -gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so -behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches -Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij -Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu -gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie -früher, und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine Schatulle! -Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes -Vermögen drin, das ich mir im Schweiße meines Angesichts mit meinem -Blut, durch jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. Meine -Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und -fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!« - -Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande den Schmerz -niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft erschütterte, fing er laut an -zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des -Gefängnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die -Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und riß den herrlichen Frack -von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stücke. - -»Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und -Reichtum verblendet, daß Sie sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare -Lage!« - -»O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie mich!« schrie der arme -Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank. -»Der Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!« - -»Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie tun, selbst wenn ich -es wollte, und so sehr ich es auch wünschte. Sie sind in die Macht des -unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!« - -»Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des -Menschengeschlechtes!« - -Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der -Faust auf den Tisch, daß er sich seine Hand blutig schlug; aber er -fühlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des -Schlages. - -»Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich -mit Ihrem _Gotte_ auszusöhnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an -Ihre arme Seele!« - -»O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je -einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu -mörderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; -wahrlich mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts habe -ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse -bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf -Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; um meiner -Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine -Familie gründen, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu -dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne -es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und -doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der gerade -Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme eben der kürzere ist. Aber -ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand -was fortgenommen habe, so nahm ich's nur den Reichen. Es gibt doch -Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute -plündern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, -sagen Sie, hab ich nicht Unglück? -- noch jedes Mal, wenn ich die -Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen mit Händen zu greifen -glaubte, brach ein Sturm über mich herein, strandete ich an einem Riff, -und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon -dreihunderttausend Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges Haus -dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij -Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn -nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf stürmischem -Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine -Geduld und meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von Anfang -anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen -Kopeken in der Tasche, während sich ein anderer längst dem Trunke -ergeben hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles mußte ich in -mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist -sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie -leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede Kopeke wie das -Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese -festgenagelte Kopeke mußte ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu -eiserner Geduld und Unermüdlichkeit erringen.« - -Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz zerriß sein Herz; -kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und riß dabei den einen -herabhängenden halbzerfetzten Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn -weit von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, um dessen -Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und zerraufte es unbarmherzig; er -schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts -zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betäuben zu -wollen. - -Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die Betrachtung dieses -seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand -sich der unglückliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit -der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militärs -bewegt hatte, in einem unwürdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren, -zerrissenem Frack, aufgeknöpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu -seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die feindlichen Mächte -ausstoßend, die den Menschen befehden. - -»Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was hätte aus Ihnen für ein -Mensch werden können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer -einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt -hätten. Herrgott! wieviel Gutes hätten Sie stiften können! Wenn doch nur -_einer_ der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte, -wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu häufen, wenn sie es doch -verständen, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, -ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren -Besitz zu mehren! -- Gott, wie herrlich würde es dann auf unserer Erde -aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das -Traurige, daß Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern -daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen -Kräften und Fähigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre -Bestimmung: ein großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte -verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.« - -Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch -der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch -der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, wie trotzig -er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein -besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden -vorhält, dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert steht er da. - -»Afanassij Wassiljewitsch,« sagte der arme Tschitschikow und ergriff -Murasows beide Hände. »Oh! wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein -Vermögen zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde von nun ab ein -ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie -mich!« - -»Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das Gesetz streiten. Aber selbst -wenn ich mich dazu entschließen könnte, vergessen Sie eines nicht: der -Fürst ist sehr gerecht, -- er wird unter keinen Umständen nachgeben.« - -»O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz -nicht -- gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden -- was -mich empört, ist dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde, -wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine Papiere, meine Schatulle -.... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!« - -Er umklammerte die Füße des alten Mannes und benetzte sie mit seinen -Tränen. - -»Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!« sagte der alte Murasow, -indem er den Kopf schüttelte: »wie hat Sie doch dieser Reichtum -verblendet! Sie denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?« - -»Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!« - -»Pawel Iwanowitsch!« sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick -inne. »Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten -- das sehen Sie -doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann, -um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich weiß nicht, ob mir -dies gelingen wird, aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich -jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch -- dann bitte ich -mir einen Lohn für meine Bemühungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe -Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe -Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermögen verlöre -- und es -ist weit größer als das Ihrige -- ich würde ihm keine Träne nachweinen. -Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann, -worauf es ankommt, das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen oder zu -stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt. -Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem -Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu -können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nähe -einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon -den glühenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie -ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse und an ein -mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen Sie diese lärmende Welt und all -ihre Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt -Sie vergißt: sie kann uns keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: -sie ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.« - -»Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben -ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft -widmen und meine Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung hat -mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser Satan, dieser -verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!« - -Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu erklären vermochte, -durchdrangen plötzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas -regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst -Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frühester Kindheit -im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, trostlose Jugend, die Enge -des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der -Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm -unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des -Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trübes, vom Schneesturme -verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, -schien sich nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen. -Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit -beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: »Wahrhaftig, -Sie haben recht!« - -»Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen, -weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer -gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich -selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spät, noch -ist es Zeit ...« - -»Nein, es ist zu spät, zu spät!« stöhnte Tschitschikow mit einer Stimme, -bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. »Ich fange an zu -fühlen, zu begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege -abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so -erzogen. Mein Vater hat mir beständig Moral gepredigt, hat mich -geschlagen und mich schöne Sittensprüche abschreiben lassen, während er -selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang, -ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen -falschen Prozeß begann und ein armes Waisenmädchen verführte, deren -Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle -Moralpredigten. Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein schlechtes -Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster -nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt -jene herrliche Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur -zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben -Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und -Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit -- was soll ich -machen?« - -Der Greis seufzte tief auf .... - -»Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und -Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke, -denn er weiß: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht -- so -zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen -noch höher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es -lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann -wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es läßt sich -alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes muß errungen -werden. Es muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und errungen -werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die -so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten -unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube fürwahr: Sie waren ein _Held_, ein -_Heros_ heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie- -und willenlos sind.« - -Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und -den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War -es auch kein bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, Festes, -was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt in seinen Augen -aufblitzte .... - -»Afanassij Wassiljewitsch!« sprach er mit fester Stimme: »wenn es Ihnen -gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit -ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen kann, -dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann -kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, -nicht für mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun, -soweit es in meinen Kräften steht; ich will versuchen, mich selbst und -all diese städtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein -einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.« - -»Gott stärke Sie in diesem Entschluß!« sagte hocherfreut der alte Mann. -»Ich will all meine Kräfte einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er -Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das -weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O, -mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie -mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort zum Fürsten.« - -Tschitschikow blieb allein. - -Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er war ganz weich -geworden. Auch das Platin, das härteste aller Metalle, das dem Feuer am -längsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse -anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze zu -unerträglicher Glut anschwillt -- allmählich wird es weißer und immer -weißer -- das _eigensinnige_ Metall, bis es sich endlich verflüssigt: so -gibt auch der stärkste Charakter nach in der Esse der Leiden und -Schicksalsschläge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit -ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ... - -»Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch aber will ich all -meine Kräfte einsetzen, um es andre fühlen zu machen; zwar bin ich -selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um -andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber -will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis zu geben. Ich werde selbst -Hand anlegen und auf dem Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein; -ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten -Einfluß auszuüben. Bin ich denn zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch -eine gewisse Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink, -gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man muß nur -wollen ...« - -So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkräften etwas -ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fühlte er mit dunklem Instinkt, -daß es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat, -und die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, trotz aller -widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen -auf jedem Posten bestürmen, auf den er gestellt ist. Und das werktägige -Leben, fern vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen, -die der müßige, von der Arbeit entwöhnte Mensch erdacht hat, stand -plötzlich so deutlich vor ihm, daß er seine peinliche Lage beinahe -vergaß und vielleicht sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für -diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und -wenigstens einen _Teil_ seines Vermögens wiedererlangt hätte ... Aber da -öffnete sich die kleine Türe zu seiner schmutzigen Zelle, und herein -trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer, -ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein -ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn -seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten hätte der Mensch wahre -Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche -und unwegsame Gegenden ausführen, oder dem Feind eine Kanone vor der -Nase wegstehlen -- das wäre so etwas für ihn gewesen. Aber da es keine -militärische Stelle für ihn gab, auf der man vielleicht einen -anständigen Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich die -größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwürdig! -Er hatte höchst sonderbare Ansichten und Grundsätze: seinen Freunden war -er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber -stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine Art -feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mußte, wobei es -erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlässigkeit -seitens des Gegners auszunutzen. - -»Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehört!« sagte er, als -er merkte, daß sich die Tür hinter ihm fest geschlossen hatte. »Macht -nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles -wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. Wir stehen Ihnen -ganz zur Verfügung. Dreißigtausend Rubel -- für uns alle zusammen und -die Sache ist gemacht.« - -»Wirklich?« rief Tschitschikow aus, »und ich werde ganz freigesprochen?« - -»Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz für Ihre Verluste.« - -»Und für Ihre Bemühungen?« - -»Dreißigtausend. Alles inbegriffen -- für die Unsrigen, für die Leute -des Generalgouverneurs und für den Sekretär.« - -»Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine -Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei -...« - -»In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?« - -Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte -nicht recht, das es möglich sei ... - -»Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu -sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!« - -»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich verstehe: der Rechtsanwalt!« -Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in -seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte -glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine -Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld -- alles war in schönster -Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den -Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem -Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der -Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr -sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren -konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte -einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem -Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der -Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren -noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken -konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er -faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand -schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der -er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich, -dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit -helleren und klareren Farben ... »O Leben!« - -Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von -geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber -waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen -sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim -Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der -Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den -ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er -alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer. -Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte -Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst -verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der -sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der -Posten »Honneur« machte und stramm stand. »Stehst du schon lange hier?« --- »Seit heute morgen, Euer Gnaden!« -- »Wirst du bald abgelöst?« -- »Um -drei Uhr, Euer Gnaden!« -- »Ich werde dich brauchen. Ich werde dem -Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.« -- -»Zu Befehl, Euer Gnaden!« Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja -niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er -sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen -künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst -nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, -ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie -zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien -plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem -Gewehr vor dem Posten: »Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher -geschickt; ich soll dich ablösen.« Er löste den andern ab und pflanzte -sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war -alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem -andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der -ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß -später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben -war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte -der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen -Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen, -daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem -Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im -geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem -geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen -noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle -- und er -brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden -mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer -Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an -den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar -solche, die _überhaupt_ nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine -Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer -ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er -sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. -Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall -Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung -gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen -Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als -dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der -arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl -erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein -gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er -konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der -Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe -anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre. -In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten, -die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu -verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise -verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer. -Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist -gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen -aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem -Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen -den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern -ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den -Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht -verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer -werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den -Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten -- und ein ganzer -Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen -ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben -werde -- die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen. -Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten -Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei -gekommen. »Er soll eintreten!« sagte der Fürst. Der Greis betrat das -Zimmer. - -»Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich für ihn ein und -versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache -ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben -hätte.« - -»Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, daß ich die ganze -Sache nicht recht gut verstehe.« - -»Die Fälschung eines Testaments, und was für eine Fälschung! ... Darauf -steht öffentliche Züchtigung mit der Knute!« - -»Durchlaucht -- was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu -verteidigen -- aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die -Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.« - -»Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der Toten spielte, ist -verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer Gegenwart verhören.« Der Fürst -klingelte und befahl, die Frau holen zu lassen. - -Murasow schwieg still. - -»Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine Schande, daß die -höchsten Beamten der Stadt, ja sogar der Gouverneur selbst in sie -verwickelt sind. Er wenigstens dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe -und Faulenzer ihr Wesen treiben!« sagte der Fürst heftig. - -»Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er hatte doch gewisse -Rechte und Ansprüche darauf; und daß auch die andern von allen Seiten -herbeigelaufen kamen und mit daran profitieren wollten -- das ist doch -nur _menschlich_, Durchlaucht! Eine reiche Frau stirbt, sie hinterläßt -ein Testament, das weder klug noch gerecht ist, und nun strömen von -allen Seiten Menschen zusammen, die gern was verdienen möchten -- das -ist doch alles so menschlich, so natürlich ...« - -»Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... Die Schurken!« -sagte der Fürst empört. »Ich habe nicht einen einzigen anständigen -Beamten: lauter Lumpen.« - -»Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. ganz so, wie er sein -sollte? Alle Beamten unserer Stadt sind doch Menschen, die haben ihre -Vorzüge und ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre -Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind, aber wer ist denn -frei von Sünde?« - -»Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie mir bitte -- Sie sind -der einzige ehrliche Mensch, den ich kenne -- was macht es Ihnen -eigentlich für ein Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz zu -nehmen?« - -»Durchlaucht!« versetzte Murasow: »wie die Menschen auch sein mögen, die -Sie Schurken und Gauner nennen -- sie bleiben immer doch Menschen. Wie -soll man denn den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß, daß er -die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und Unwissenheit begeht. Wir -tuen doch selbst auf Schritt und Tritt unrecht und stürzen jeden -Augenblick andere Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht. -Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!« - -»Wie?« rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs höchste überrascht durch -die unerwartete Wendung, die die Unterhaltung nahm. - -Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien zu überlegen und sagte -schließlich: »Nun, denken Sie zum Beispiel an den Fall Derpennikow.« - -»Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den -Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!« - -»Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jüngling, der -sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verführen und fortreißen -läßt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser -Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein -Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.« - -»Um Gottes willen ...« sagte der Fürst, dem man seine Aufregung deutlich -anmerkte: »Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe -erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man möge sein Los -mildern.« - -»Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas weiß, was Sie nicht -auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein -könnte, aber er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das einem -andern schaden würde. Ich meine bloß dies: ob Sie sich damals nicht -vielleicht allzusehr übereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich -urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals -geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich -auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich hätte damals auch -das frühere Leben meiner Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man -nicht alles ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich -anschreit -- dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt überhaupt -nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie -nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt -- dann sagen sie einem -alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man Gnade walten -lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zürnen niemandem, -weil sie sehen, daß nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.« - -Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein -junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm -ehrfurchtsvoll an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit -spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es -ihm an, daß er Beamter für besondere Aufträge war. Dies war einer der -wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen -das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz, -noch einen heißen Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den -andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er überzeugt -war, daß er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner -andern der Welt, und daß das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine -verwickelte Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie -in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu -entdecken, und alles aufzuklären, -- dann war er in seinem Element. Er -fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit und die vielen -schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn -ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fühlte, daß er -imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, sodaß -sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl -sagen, kein Schüler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines -schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines großen -Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war, -eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafür aber .... - -»... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen -Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und -wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will -ich auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein -einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und -vielleicht gelingt's mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem -Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig: -da kommt es höchstens zu weitläufigen Schreibereien; sie werden ja schon -so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die -Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafür haben, -denn bei Gott, in solch einer Zeit wäre es wirklich eine Schande, noch -an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich -habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem habe ich schon nach Sibirien -schicken lassen; bis zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues -geliefert.« - -»Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten -mir einen sehr großen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil -hier -- das werden Sie selbst fühlen -- weil hier jedes Wort ohnmächtig -wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins über jene Bitte sagen. -Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache -hinwegzugehen, wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu -verzeihen?« - -»Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es -viele ehrenwerte Männer unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft -schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein -Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann näher -zusieht -- ist _er_ es garnicht gewesen.« - -»Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt -doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnäsiger werden und am Ende -noch behaupten werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die -ersten sein, die keine Achtung für ....« - -»Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie -sie alle rufen, erklären Sie ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist, -schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben -geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an -Ihrer Stelle gemacht hätte.« - -»Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen zugänglich sind außer -allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir, -sie werden mich auslachen.« - -»Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der -schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefühl für das Rechte. -Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe -ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu verstecken. -Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmähen -sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der -gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist -- nun so mögen sie die -Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schließlich daran? Ihre Sache -ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht -vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.« - -»Afanassij Iwanowitsch,« sagte der Fürst nachdenklich: »ich will es mir -überlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Rat.« - -»Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die -Freiheit schenken?« - -»Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen daß er fortkommt, und -zwar so schnell als möglich; je weiter er von hier ist, desto besser. -Ihm könnte ich niemals verzeihen.« - -Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten direkt zu -Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in höchster -Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschäftigt, das ihm in -mehreren Porzellanschüsseln aus einem gleichfalls recht respektablen -Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten -konnte der alte Herr sofort erkennen, daß Tschitschikow schon mit -einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar, -daß hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im -Spiel hatte. - -»Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte er, »ich bringe Ihnen die -Freiheit, aber unter einer Bedingung, daß Sie sofort die Stadt -verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie -fortkommen; Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst -verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen irgend ein Mensch -hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, daß man -noch einer andern Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird -ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich Spaß, auch andere Leute -zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache -wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung -zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher -ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf -den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander -streiten und einander umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden -ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige zu denken. -Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das -fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und -zerfleischen, und nicht daran denken, ihren _geistigen_ Besitz in -Ordnung zu bringen -- wird es auch um den irdischen Besitz nicht -wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen, -wie für ein ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist doch so -klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper hängt doch von der Seele ab. -Wie aber kann man dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht -an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen -Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise -auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, -- wenn ich -nicht mehr da bin.« - -Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in -Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen -Bedeutung. »Murasow hat recht,« sagte er, »es wird Zeit, einen andern -Weg einzuschlagen.« Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der -Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka -waren ganz selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und -freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. »Nun, meine Lieben,« -sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig an sie wandte: »jetzt müssen -wir packen und abreisen.« - -»Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir -fliegen werden,« sprach Seliphan: »Wir werden jetzt einen guten Weg -haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir -die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, daß ich sie -garnicht mehr ansehen mag.« - -»Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein -Schlittengestell setzen,« versetzte Tschitschikow und ging selbst in die -Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu -machen. Nach diesem unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so -mehr, da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte über ihn -zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfältig aus dem -Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes, -bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft -hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und -begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug -genäht hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer für -den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und ließ das Völkchen -seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere, -Bügeleisen und Zähnen arbeiten, sodaß der Frack noch am nächsten Tage -fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte -den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, ganz ebenso schön -wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glänzendes, weiß -Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: »Wie -konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber hätte -ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!« Nachdem er seine -Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und -verließ die Stadt in einer seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht -mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des früheren -Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem -zerstörten Gebäude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde, -um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch -nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht -gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine -Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit -Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach -Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Fürsten -zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle, -bis auf den letzten noch einmal sehen. - -In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur bewohnte, -war die gesamte Beamtenschaft der Stadt versammelt vom Gouverneur bis -zum letzten Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand -Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, solche die -Geschenke annahmen und solche, die keine annahmen, ganze und halbe -Heuchler und Pharisäer, und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle -warteten nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen des -Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den Saal, er war weder -finster noch heiter: sein Blick war ebenso fest wie sein Schritt. Die -ganze Beamtenschaft verbeugte sich -- viele verneigten sich tief bis zur -Erde. Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und begann -folgendermaßen: - -»Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig, Sie noch -einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum Teil den Anlaß zu meiner Reise -mitzuteilen. Es hat sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache -abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden wissen, welche -Sache ich meine. Diese Sache hat zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von -Vorgängen geführt, die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar -solche Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen und -ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, alles so zu -verwirren und durcheinanderzubringen, daß es völlig unmöglich werde, -diesen Fall auf dem formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen. -Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er es sehr klug und -fein verstanden hat, alle Beweise für seine Teilnahme zu beseitigen. Nun -aber habe ich mich entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen -Rechtswege noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie wie in -Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen und rasch zu erledigen. -Ich hoffe, daß der Kaiser mir die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich -ihm den ganzen Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo es -nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, wo ganze -Schränke mit Akten verbrennen, und wo man sich bemüht, durch einen -Haufen von falschen Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine -schon an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln -- da halte -ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige Mittel, und ich -wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.« - -Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Alle -standen stumm da, den Blick zu Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich -geworden. - -»Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, obgleich ihre -Urheber der festen Überzeugung leben, daß niemand etwas davon erfahren -konnte. Auch dieser Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden, -da ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und Sie können -sicher sein, daß ich zwingende und evidente Beweise vorlegen werde.« - -Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne von den Ängstlicheren -wurden gleichfalls bestürzt und verlegen. - -»Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige und Anstifter -seiner Titel und Ränge entkleidet und daß sein Eigentum konfisziert -werden wird. Die übrigen werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich -von selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige werden mit -leiden müssen. Aber was soll ich machen? Die Sache ist zu schmählich und -schreit nach einer gerechten Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß -dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da wieder andere an ihre -Stelle treten und die, welche bis zu heutigem Tage ehrlich waren, -unehrlich und solche, denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern -und Verrätern werden werden -- obwohl ich dies alles weiß, bin ich -gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, denn das Gesetz ist -verletzt und fordert strengste Ahndung. Ich weiß, daß man mir Härte und -Grausamkeit vorwerfen wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in ein -gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln muß, das auf die -Häupter der Schuldigen herabfallen soll.« - -Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter. - -Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung spiegelte sich in -seinen Zügen. - -»Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das Schicksal vieler liegt -und den selbst keine Bitten zu erreichen vermochten, jetzt fleht er euch -alle an: Alles soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben -sein: ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine Bitte -erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich weiß, daß kein Mittel, -keine Einschüchterung und keine Strafe imstande ist, das Unrecht -auszurotten, es hat schon zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche -Sitte, Geschenke anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis -geworden, selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage zum Bösen -geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für viele beinahe unmöglich ist, -gegen die allgemeine Strömung zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in -einem entscheidenden und großen Augenblick, wo das Vaterland in Gefahr -ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich nimmt und alles zum Opfer -bringt, -- einen Ruf an Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die -unter Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, und für -die _Großherzigkeit_ und _Edelmut_ noch keine leeren Worte geworden -sind. Wozu wollen wir hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig -ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht habe ich Sie -zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; vielleicht habe ich -durch meinen übertriebenen Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der -den ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich auch ich -meinerseits etwas tun konnte .... Wenn Sie wirklich wollten, daß die -Gerechtigkeit auf der Seite Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland -wirklich lieb gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz -und die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten Ihren -Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken und Ihr eigenes Ich -zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe -zum Guten unmöglich nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren -verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen können. Am Ende muß -sich doch der Untergebene an den Charakter seines Vorgesetzten und nicht -der Vorgesetzte an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls wäre das -richtiger und bequemer, denn die Untergebenen haben nur _einen_ -Vorgesetzten, während der Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen -hat. Aber lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste Schuld -trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns die Pflicht auferlegt ward, -das Vaterland zu retten; unser Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß -zwanzig fremde Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde -an _uns_ selbst; denn neben der rechtmäßigen Regierung und Verwaltung -hat sich noch eine andre Regierung gebildet, die weit stärker ist als -jede gesetzliche Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, alles -ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise sind bereits allgemein -bekannt gegeben. Und kein Regierender vermag es, selbst wenn er weiser -wäre als alle Gesetzgeber und Regierenden der Welt, das Übel wieder -auszurotten, und wenn er die schlechten Beamten tausendmal in ihren -Machtbefugnissen beschränkte, indem er noch andre Beamten anstellte, um -jene zu beaufsichtigen. Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen -lernt, daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände -wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und Unwahrheit. Als Russe, -als ein Mensch, der durch die heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit -euch verbunden ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den -euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. Ich wende mich an -die unter euch, die einen Begriff davon haben, was eine vornehme -Denkungsart ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht zu erinnern, -die dem Menschen vorgezeichnet ist, an jedem Punkte, wo er steht. Ich -bitte euch, euch dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures irdischen -Berufes klarer bewußt zu werden, weil uns dieses nur dunkel vorschwebt, -und weil wir kaum ...« - - - - - Novellen - - - übersetzt von - Mario Spiro und S. Bugow - - - Der Mantel - -In einer Ministerial-Abteilung ... - -Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Rußland nämlich -gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-, -Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen -unter dem Namen »Bürokraten« zusammenzufassen pflegt. Hält sich -heutzutage der eine von ihnen für auch nur ein wenig in seiner Ehre -gekränkt, so bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die -ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein -Kreisrichter -- ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt -- einen Bericht -abgefaßt haben, in dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der -Regierung nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche man -sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine -verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafür hatte er -seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in -dem man auf jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter -begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen Reklamationen -den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der -folgenden Vorgänge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In -einer Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung -war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein Beamter, der -- ich kann -es leider nicht verschweigen -- ein wenig schlicht und unbedeutend -aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm -jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas -kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte -eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden. -Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das -Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft -- -denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten -festzustellen -- so war er das, was man im allgemeinen unter einem -ewigen »Titular-Rat«[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen, -die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser -Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die -beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen -vermögen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war -Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name läßt deutlich -erkennen, daß er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit -er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig -unbekannt. Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres -Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten immer nur -Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen ließen. Der -Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht -wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich -kann ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern daß die -Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben. -Man höre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles -trügt, in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene Mutter, die -einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging -natürlich, wie sich's auch gebührt, sofort daran, ihren Neugeborenen -taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe -gegenüber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch -Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines Amtes, Bürochef -im Senate, -- und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna -Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei -Vorzügen ausgestattet war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen zur -Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers Chosdasat. - -[Fußnote 9: Die russische bürokratische Hierarchie oder der Tschin -zerfällt in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehört der neunten an.] - -»Nein,« dachte sie, »die gefallen mir alle nicht!« - -Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes -Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und -Warachatius. »Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!« rief die alte -Mutter aus. »Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute höre -ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch -Waradat oder Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!« - -Man blätterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und -Wachtissi. - -»Nein, nun wird es mir klar,« rief die Alte, »es soll nicht sein! So mag -er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun -einmal keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. So mag der -Sohn denn auch Akaki heißen!« Und so taufte man ihn denn auf den Namen -Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde über den Taufstein gehalten: -natürlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, -wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages Titular-Rat werden -würde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen -deshalb so breit erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann, -daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß ein anderer Name für -den kleinen Akaki unmöglich gewesen wäre. - -Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm -dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie -viele Vorgesetzte aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander -gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn -stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, über dieselbe -Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so daß man hätte glauben können, -daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit -seinen kahlen Schläfen und in seiner Dienstuniform. -- In der Kanzlei, -in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht -auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem -Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm -nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine -Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des -Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm -einen Stoß von Papieren aufhäuften: - -»Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!« -- - -oder etwa: - -»Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme Arbeit!« - -oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter wohlerzogenen Beamten am -Platze ist. - -Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach zu fragen, wer sie vor -ihm hingelegt hatte, und ob der Betreffende überhaupt dazu berechtigt -gewesen war. Er nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben. -Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren, diente er als -Gegenstand für ihre Spöttereien und zur Zielscheibe für ihre -Geistesblitze -- soweit man bei Beamten und besonders bei Kanzleibeamten -überhaupt von Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine Menge -erfundener Geschichten über ihn und über die Frau, bei der er wohnte, -eine siebzigjährige Greisin. Man sprach davon, daß sie ihn hin und -wieder verprügle, man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor den Altar -treten wolle. Oder man ließ auch auf sein Haupt Papierkügelchen -herabregnen und wollte ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären. -Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste Beachtung; er -erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts von der Gegenwart der -andern. Alle diese kleinen Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im -Arbeiten keinen Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch -nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm jedoch einmal der -Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn etwa am Arme und hinderte ihn am -Schreiben, so sagte er auch dann nur: - -»Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen Sie mich denn durchaus -beleidigen?« Und es lag etwas merkwürdig Rührendes in diesen Worten und -in der Art, wie er sie sprach. - -Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der soeben eine Anstellung -im Bureau erhalten hatte und nach dem Beispiel der andern sich auf seine -Kosten lustig machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als -hätte er einen Stich ins Herz bekommen, -- und von nun an sah er den -alten Beamten mit ganz andern Augen an. - -Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche Macht ihn von seinen -Kollegen, die er soeben erst kennen gelernt und die er zuerst für -gebildete und anständige Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand -er vor ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel später -mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm das Bild dieses alten -kleinen Titularrates mit der kahlen Stirn vor Augen und in seinen Ohren -tönten die Worte wider: - -»Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich denn durchaus -beleidigen?« - -Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere, die in ihnen -schlummerten: - -»Bin ich nicht euer Bruder?« - -Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, und oft noch zuckte -er später bei der Erkenntnis zusammen, daß das menschliche Herz doch nur -wenig menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel Härte und -Roheit selbst denen eigen wäre, die eine feine und vornehme Erziehung -genossen hätten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für -gütige und ehrenwerte Menschen galten. - -Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit -gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit -gleichem Eifer -- arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er -Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus schöne, eine -freundliche Welt. Man konnte von seinen Zügen das Vergnügen, das ihm das -Kopieren bereitete, ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er -mit einer ganz besonderen Genugtuung malte -- in der wahren Bedeutung -des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz -anderer: er lächelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich, --- und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen, -welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte. - -Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte er sich zu seinem -eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben -gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem -Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze -Beharrlichkeit trug ihm nur Hämorrhoiden ein. - -Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines Tages doch eine gewisse -Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter -Mann, der ihn für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine -wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der -gewöhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend -eine andere Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten ändern und -im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten -ersetzen. - -Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie -kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann -und er endlich ausrief: - -»Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!« - -Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende kopieren. - -Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts auf der Welt für ihn -existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprünglich grüne -Uniform hatte allmählich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen -war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war, -beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm lang erschien, ähnlich wie -bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Köpfen, die die fremden Hausierer -in den russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen. - -Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben -war, -- bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz -besondere Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter einem Fenster -vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen -Gegenstand auf die Straße warf, und nur selten war sein Hut nicht mit -einer Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm -ein, sich mit dem, was auf den Straßen vor sich ging und alltäglich vor -sich geht, zu beschäftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden -Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren -gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir -sofort alles Merkwürdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit -zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes -Lächeln entlockte. - -Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmäßigen -Linien seiner Kopieen vor sich, und er mußte schon plötzlich an die -Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies, -geraten, um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult befand, -vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf -der Straße. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch, -schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekümmert -um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch mit -Knoblauch -- samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und -der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefüllt, dann stand -er auf, holte ein kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann -pflichtgemäß die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen -hatte. Hatte er zufällig gerade keine dienstlichen Schriftstücke -abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergnügen Dokumente, -denen er eine besondere Wichtigkeit beimaß -- nicht wegen ihrer mehr -oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine -hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren. - -Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs von dem Schleier der -Nacht verhüllt ist und der ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen -gastronomischen Neigungen und dem Gewichte seiner Börse eingenommen hat, --- wenn alle Welt sich von dem Kratzen der Federn im Bureau, von den -Sorgen und den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich die -unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen, zu erholen -sucht, so ist es ganz natürlich, daß die Beamten den Rest des Tages -irgend einer persönlichen Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins -Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich damit, die -Toiletten und Hüte zu betrachten, andere wieder besuchen eine Soirée, wo -sie an irgend ein hübsches Mädchen -- irgend einen Stern, der am -bescheidenen Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt, einige -zärtliche und tiefempfundene Worte richten. Manche dagegen -- und diese -sind die zahlreichsten -- besuchen einen Kollegen, der im dritten oder -vierten Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer Küche und -einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, das einen mühselig erbeuteten -Luxusgegenstand, eine Lampe oder irgend einen auf Grund langer -Einschränkungen gekauften Artikel birgt. - -Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die eine oder die andere -Weise seinem Müßiggange nachgeht: hier spielt man eine Partie Whist, -dort nimmt man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht aus -einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die Skandalgeschichten, die -in der großen Welt passieren, denn in welcher Situation sich der Russe -immer befinden mag, nie kann er seine Gedanken von seiner offiziellen -Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose Anekdoten im Umlaufe sind, -wie zum Beispiel die von dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht -wird, irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild Peters des -Großen den Schweif abgeschnitten. - -Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung und des Amüsements -blieb Akaki Akakiewitsch seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen -können, daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in Gesellschaft -gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben müde geworden war und nicht -mehr weiter konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden des -folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die ihm der liebe Gott noch -reserviert hatte. - -So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der bei einem Einkommen -von vierhundert Rubeln mit seinem Schicksale vollkommen zufrieden war, -und er würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er nicht -einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, wie er nicht nur -Titularräte, sondern auch die geheimen, die wirklichen Staatsräte, die -Hofräte und selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen, -treffen kann. - -In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur über ein Einkommen von -ungefähr vierhundert Rubeln verfügen, einen furchtbaren Feind, und -dieser gräßliche Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl -man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit sehr zuträglich. - -Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der verschiedenen Ämter sich in -ihr Bureau begeben, sticht ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die -Nase, daß die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken -sollen. - -Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger in Person so sehr -unter der Kälte leiden, daß ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in -die Augen steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten ergehen, -die doch über gar keine Mittel verfügen, um sich gegen die Unbilden der -Kälte zu schützen. Da sie sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen -können, so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder sechs -Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann bei dem Portier halt zu -machen, um hier so lange auf den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre -eingefrorenen bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten. - -Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im Rücken und in den -Schultern einen stechenden Schmerz, obwohl er in großer Eile und außer -Atem die Entfernung von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen -pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte, gelangte er -schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel nicht mehr ganz intakt sein -müsse. Kaum war er in sein Zimmer eingetreten, als er dieses -Kleidungsstück sorgfältig untersuchte und hierbei feststellte, daß der -einst so kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den reinsten -Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden war, daß er fast durchsichtig -schien; außerdem war das Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich -wissen, daß dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die -Spöttereien von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, man -hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels entzogen, um ihn -Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, daß dieses Kleidungsstück ein -äußerst merkwürdiges Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen -immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu Jahr hatte der arme -Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten, um mit ihm eine schadhafte -Stelle des Mantels auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts -weniger als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt -aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als Akaki Akakiewitsch seine -traurigen Betrachtungen beendet hatte, sagte er sich, daß er ohne -Zaudern den Mantel zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock -eine ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse. - -Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig war und im -nüchternen Zustande der Ehre teilhaftig wurde, für die Herren Beamten -Röcke und Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas anders im -Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier länger bei diesem -Schneider zu verweilen; aber da es der Brauch nun einmal so will, keine -Persönlichkeit in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie man -nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen, meinen -Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu abzukonterfeien. Früher, als er -noch bei seinem Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori. -Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen Petrowitsch -anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, zunächst nur an den hohen -Feiertagen, dann jedoch an allen Kirchenfesten, die im Kalender mit -einem Kreuz verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den -Gewohnheiten seiner Großväter treu, und wenn seine Frau mit ihm zanken -wollte, hieß er sie eine gottlose Person und eine Deutsche. Und da wir -diese Frau schon erwähnt haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar -Worte sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten, außer daß -sie eben die Frau des Petrowitsch war, und daß sie eine Haube auf dem -Kopfe trug. Im übrigen war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen, -höchstens erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der Straße -begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen Mund zu einem Lächeln -zu verziehen und einen unbestimmten Laut von sich zu geben. Akaki -Akakiewitsch kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. Die -Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig, feucht und strömte, -wie alle Proletarierwohnungen in St. Petersburg, einen Nase und Augen -beizenden Branntweingeruch aus. - -Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen hinaufkroch, überlegte -er, welchen Preis Petrowitsch wohl für die Reparatur fordern könnte, und -er beschloß, ihm unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten. - -Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den Rauchwolken aus der -Küche einen Ausgang zu verschaffen; Petrowitschs Frau war gerade dabei, -hier Fische zu braten. Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die -so voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie bevölkernden -Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche, ohne daß die Frau seiner -ansichtig wurde und trat in die Stube hinein, wo der Schneider auf einem -großen, roh gezimmerten und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein -türkischer Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der meisten -russischen Schneider mit nackten Füßen. - -Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem ein Umstand die -Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der Nagel eines Daumens, der zwar ein -wenig verstümmelt, sonst aber hart und starr war wie die Schale einer -Schildkröte. Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden und mehrere -Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen Knieen lag ein zerfetzter Rock. -Seit einigen Minuten bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch -ohne Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf den Faden. - -»Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!« schrie er. »Bald habe ich -keine Kraft mehr, verdammtes Ding!« - -Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen Augenblick -erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter Laune war. Es wäre ihm lieber -gewesen, Petrowitsch in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in -denen der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder -- wie seine -Frau sich auszudrücken pflegte -- wo dieser einäugige Teufel sich eine -solide Ration Fusel einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein -leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der Schneider -ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, daß er sich ehrfürchtig -vor ihm vorbeugte und ihn mit Danksagungen überschüttete. - -Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen Abmachungen, -beklagte sich über ihren Mann, schrie und tobte und erklärte, er sei -betrunken gewesen und habe die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise -angenommen. Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel war -abgeschlossen. - -Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch bis zu diesem -Momente noch nicht der Flasche zugesprochen, und in dieser -Gemütsverfassung war der Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig, -einen schrecklich hohen Preis zu fordern. - -Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte gern wieder Reißaus -genommen; jedoch es war dazu zu spät: das Auge des Schneiders, sein -einziges Auge, denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und so -stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch: - -»Guten Tag, Petrowitsch!« - -»Guten Tag, Herr!« antwortete der Schneider, dessen Blick sich sofort -auf die Hand des Titular-Rates heftete, um zu erkennen, was für ein -Objekt sie trug. - -»Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich wollte ...« - -Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame Titular-Rat es sich -zur Regel gemacht hatte, seine Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte, -Präpositionen, Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn -ergaben, auszudrücken. - -War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, von besonderer -Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, den angefangenen Satz zu Ende zu -sprechen. Wenn die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann -stotterte er nur ein paar Worte heraus: »Das ist doch wirklich ganz ...« -und dann folgte überhaupt nichts mehr. Bald hatte er selbst vergessen, -was er eigentlich sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt. - -»Was wünschen Sie, Herr?« fragte Petrowitsch ihn, indem er ihn mit -seinem einzigen Auge vom Kopf bis zu den Füßen musterte und seinen -fragenden Blick über Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die -gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut kannte, da er -selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt hatte. Das ist nun mal die -Eigentümlichkeit aller Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie -einem Bekannten begegnen. - -Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich: - -»Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... sehen Sie das Tuch -... übrigens ... ich für meinen Teil ... ich glaube, er ist noch ganz -gut ... nur ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein wenig -abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz neu ... nur an einer -Stelle ein wenig abgescheuert ... da, am Rücken ... und hier an der -Schulter ... zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... es -ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar nicht viel daran zu tun -...« - -Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete ihn auf dem -Tische aus, betrachtete ihn schweigend und schüttelte dann das Haupt. -Dann streckte er den Arm nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit -dem Bilde eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. Ich weiß -nicht, was das für ein General war, denn die Stelle, wo sich das Gesicht -befand, war mit dem Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider -flugs einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt. - -Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen hatte, nahm er die -Kutte von neuem in die Hände, hielt sie ans Licht und schüttelte zum -zweitenmal den Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an, -schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner vor Zeiten mit -dem Porträt eines Generals geschmückten und mit einem Papierstreifen -geflickten Tabakdose hoch, entnahm ihr eine zweite Prise, machte die -Dose zu, steckte sie ein und schrie endlich: - -»Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern! Das ist ja nur ein ganz -elender Fetzen!« - -Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs Herz zusammen. - -»Weshalb nicht, Petrowitsch?« fragte er in dem weinerlichen Ton eines -Kindes, »dieser Rock sollte nicht mehr auszubessern sein? Aber so sehen -Sie doch, Petrowitsch! nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an der -Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um sie aufzunähen.« - -»Allerdings habe ich genug Flicken,« versetzte Petrowitsch, »aber wie -soll ich sie denn darauf nähen? Das Tuch ist abgescheuert und hält -nirgends mehr stand.« - -»Ach was! so werden Sie einfach einen größeren Flicken nehmen!« - -»Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der wird ja doch nicht -halten, der Flicken wäre auch zu groß; das kann man doch kaum noch Tuch -nennen, ein Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!« - -»Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... Das geht doch nicht.« - -»Nein!« erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, »da ist gar nichts mehr -zu machen! Dieser Stoff hat ausgedient. Es wäre besser, daraus für den -Winter Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr als Strümpfe. -Ja, ja, das ist auch so eine deutsche Erfindung, um den Leuten Geld -abzunehmen.« - -Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne den Deutschen eins -auszuwischen. - -»Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,« fügte er hinzu. - -»Einen neuen Mantel?« - -Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. Das Atelier des -Schneiders fing an ihn zu umkreisen und der einzige Gegenstand, den er -deutlich zu erkennen vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt -des Generals auf Petrowitschs Tabaksdose. - -»Einen neuen Mantel?« murmelte er wie traumverloren. »Aber ich habe doch -kein Geld dazu.« - -»Jawohl, einen neuen Mantel!« wiederholte Petrowitsch mit grausamer -Beharrlichkeit. - -»Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, ich faßte einen solchen -Entschluß ... wieviel? ...« - -»Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?« - -»Ja.« - -»So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden Sie schon anwenden -müssen,« erwiderte der Schneider, indem er die Lippen zusammenkniff. - -Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand ein ganz besonderes -Vergnügen darin, seine Kunden zu verblüffen und dann mit seinem einzigen -schielenden Auge den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten. - -»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?« sagte Akaki Akakiewitsch. - -Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem Ton aus, der fast einem -Schrei glich, vielleicht dem ersten, den er seit seiner Geburt -ausgestoßen hatte, denn gewöhnlich sprach er ja mit großer -Furchtsamkeit. - -»Ja,« versetzte Petrowitsch, »ohne Marderkragen und Seidenfutter für den -Umhang; sonst würde er sich auf zweihundert Rubel belaufen.« - -»Petrowitsch, ich beschwöre Sie,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch -flehend, der auf den Schneider und all seine Effekte gar nicht mehr -hörte, ihn auch nicht hören wollte; »ich beschwöre Sie, diesen Mantel -irgendwie auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!« - -»Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze Ausgabe, eine reine -Verschwendung,« versetzte Petrowitsch. - -Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz niedergeschmettert -zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen Lippen, mit sich -selbst äußerst zufrieden wegen der so mannhaften Verteidigung des -gesamten Schneiderstandes, stehen blieb. - -Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule in den Straßen umher. - -»Welche Widerwärtigkeit!« sprach er beim Gehen vor sich hin. -»Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß das so ausgehen würde ... -Nein,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, »ich konnte nicht -annehmen, daß es dazu kommen würde ...« Dann schwieg er wieder eine -Weile still und sagte schließlich: »Ich befinde mich augenblicklich in -einer durchaus unerwarteten Situation ... in einer solchen Verlegenheit, -daß ...« - -Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte, schlug er, -anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner Wohnung völlig entgegengesetzte -Richtung ein, jedoch ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger -schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken. Von einem im Bau -befindlichen Hause herab fiel ihm eine ganze Mütze mit Gips auf den -Kopf; er jedoch sah und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte -gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener Hellebarde den -Weg versperrte und ihm aus seiner Dose Tabak auf die schwielige Hand -schüttete, erwachte er rauh aus seinen Träumen. - -»Was tust du hier?« schrie ihn der brutale Hüter der öffentlichen -Ordnung an; »kannst du nicht, wie es sich gehört, auf dem Trottoir -gehen?« - -Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich völlig aus dem -Zustande der Betäubung. Er sammelte wieder seine Gedanken, überblickte -kaltblütig die Situation und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate -wie mit einem Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut. - -»Nein,« sagte er endlich, »heute werde ich nichts bei Petrowitsch -erreichen; heute ist er schlechter Laune ... vielleicht hat ihn seine -Frau geprügelt, -- ich werde ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen. -Sonntag Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er stark schielen, -Durst haben, trinken wollen und seine Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich -werde ihm ein Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er viel -eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel sprechen lassen.« - -Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki Akakiewitsch bis zum -nächsten Sonntag. An diesem Tage begab er sich, als er von ferne -Petrowitschs Frau ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und -fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster -Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war ganz -verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, worum es sich -handelte, als er Akaki Akakiewitsch sofort anschnauzte, als sei der -Teufel in ihn gefahren. - -»Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können sich jetzt nur einen -neuen Mantel kaufen.« - -Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück in die Hand. - -»Danke, Euer Gnaden,« antwortete Petrowitsch, »ich werde auf Ihre -Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren Mantel anbetrifft, so dürfen Sie -gar nicht mehr an ihn denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert. -Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen einen prachtvollen -neuen anfertigen -- ich bürge Ihnen dafür!« - -Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das andere Mal den -Schneider, den alten zu reparieren, aber Petrowitsch wollte ihn gar -nicht mehr anhören und sagte: »Ich will Ihnen schon einen neuen -anfertigen ... Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe geben. Ja, -ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, silberne Haken und Ösen an dem -Kragen anbringen.« - -Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich einen -neuen Mantel werde anschaffen müssen, und zum zweitenmal fühlte er sich -einer Ohnmacht nahe. Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit -ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu sagen, zu den -Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle Gratifikation. Aber dafür hatte -er schon längst eine Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar -Beinkleider kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld bezahlen, der -ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und zwei neue Schäfte aufgesetzt -hatte. Er mußte sich bei der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen -Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu nennen, gegen den -literarischen Anstand verstößt, kurz alles war schon im voraus bestimmt. -Und sollte -- ein unerwartetes Glück! -- der Direktor etwa die -Gratifikation von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre -schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der unerhört hohen -Summe, die Petrowitsch für den Mantel gefordert hatte? Ein Tropfen -Wasser im Ozean. - -Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit hatte, mitunter ganz -unglaubliche Preise zu verlangen, sodaß sich seine Frau oft nicht -enthalten konnte, ihn mit folgenden Worten anzufahren: - -»Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für ein reines Nichts, und -ein andermal reitet dich der Teufel, einen so unendlich hohen Preis zu -fordern, den der Kerl selbst nicht wert ist.« - -Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem Preise von achtzig -Rubel für einen neuen Mantel einverstanden sein würde. Aber wo sollte -man selbst diese achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm -gelingen, wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die Hälfte oder sogar -noch etwas mehr aufzutreiben. Woher aber sollte er die andere Hälfte -nehmen! - -Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki Akakiewitsch zur -Beschaffung dieser Summe anzuwenden gedachte, Rechenschaft geben! - -Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er einen Rubel erhielt, eine -Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu werfen, die stets fest verschlossen -war. Am Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen Kupferstücke -heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von gleichem Werte. Dieses -Sparsystem hatte er schon ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen -sich nach Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr als -vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte der in Betracht -kommenden Summe. Aber die andere Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig -hernehmen? Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich sagte -er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene seiner -Ausgaben reduzieren könne, des Abends auf den Tee verzichten, keine -Kerze anzünden und -- wenn er etwas zu arbeiten hätte -- sich mit seinen -Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine Arbeit bei ihrer -Kerze zu vollenden. Er faßte auch den Entschluß, auf der Straße -möglichst sanft und vorsichtig aufzutreten, ja wenn es ging auf den -Zehenspitzen über das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine -Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche nicht so oft -waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen auszuziehen und statt dessen -bloß seinen baumwollenen Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes -Stück, das die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont -hatte. - -Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, aber nach und nach -gewöhnte er sich an seine neue Lebensweise und brachte es sogar soweit, -sich, ohne Abendbrot gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während -sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein Geist in der -unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem Mantel neue Anregung. Von diesem -Augenblicke an hätte man sagen können, daß seine Natur das passende -Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß noch ein anderer -Mensch immer um ihn war, daß er nicht mehr einsam war und daß ihm eine -Gefährtin zur Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen -begleitete; diese Gefährtin -- war das Bild seines Mantels, wohl -wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt nicht umzubringen -war. - -Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als früher -einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der nur ein Ziel vor Augen -hatte, das er auf jeden Fall erringen will. Die Charakterlosigkeit und -Ängstlichkeit in seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine -lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden und unsicheren -Züge waren auf einmal verschwunden. Mitunter glänzten seine Augen wie in -neuem Leben, und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die -Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz gut einen -Mantelkragen anbringen lassen könne. - -Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig zerstreut. Eines Tages, -als er wieder seine Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm -beinahe ein Fehler untergelaufen wäre. - -»O, o!« rief er aus. - -Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes. - -Mindestens einmal im Monat begab er sich zu Petrowitsch, um sich mit ihm -über den kostbaren Mantel zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit -ihm festzustellen, zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, wie teuer -es wohl zu stehen kommen werde und welche Farbe in Betracht käme. - -Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen; aber jedesmal kehrte er -zwar etwas besorgt aber doch glücklich und zufrieden nach Hause zurück, -denn nun mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles besorgt, -und der Mantel fix und fertig sein würde. - -Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft hatte, ein. Der -Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation nicht von vierzig oder -fünfzig, sondern von fünfundsechzig Rubeln. Hatte etwa dieser brave -Beamte bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend eines -neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held diese seltene -Freigebigkeit nur seinem guten Sterne? - -Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde um zwanzig Rubel -reicher. Eine solche Vermehrung seiner Ersparnisse mußte notwendig die -Verwirklichung seines Vorhabens beschleunigen. - -Noch zwei oder drei Monate, während deren er hungerte, und Akaki -Akakiewitsch hatte seine achtzig Rubel beisammen. Sein gewöhnlich -friedliches Herz begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure Summe -von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er Petrowitsch auf, und alle -beide begaben sich noch am selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler. - -Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. Kein Wunder! Seit mehr -denn einem Jahre hatten sie sich über diese Anschaffung unterhalten, -über alle Einzelheiten hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten -sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste studiert um sich über -die Preise zu vergewissern. Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen -bessern Stoff würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie äußerst -feste Leinewand, die nach der Meinung des Schneiders besser als Seide -war und überdies einen unvergleichlichen, viel schöneren Glanz hatte. -Marder kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie -entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in dem ganzen Laden -gab und das man schließlich wohl auch für Marder halten konnte. - -Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch voller -vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose Menge von Stichen, ohne die -wäre er allerdings früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit -mit zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles war mit Seide -gearbeitet, und der Schneider hatte die Nähte mit den Zähnen, deren -Spuren man noch sah, gebügelt. Endlich kam er an, der so innig -herbeigesehnte Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu -beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in dem Leben -Akakij Akakiewitschs. - -Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am frühen Morgen, bevor -der Titular-Rat sich in sein Büro begab. Er hätte garnicht zu -gelegenerer Zeit kommen können, denn die Kälte machte sich bereits -bitter fühlbar, und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden. - -Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen Miene eines -weltberühmten Schneiders. Seine Physiognomie war von einem seltenen -Ernst; niemals hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem -Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller Stolz den Abstand, -der den Flickschneider von dem Künstler, dem Verfertiger neuer -Kleidungsstücke, scheidet. - -Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene Leinewanddecke -gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte und dann wieder -zusammenlegte, um sie seiner Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz -den Mantel mit beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf -die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, strich ihm mit der -Hand noch einmal über den Rücken, und ein Lächeln der Genugtuung -überlief seine Züge, als er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch -herabfallen sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal -weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne präsentieren. - -Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch auch die Ärmel -anprobieren; Petrowitsch half ihm in die Ärmel hinein, und siehe da, sie -saßen wundervoll. Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen -Einzelheiten, und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig. - -Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte er nicht, darauf -hinzuweisen, daß er ihn nur wegen der geringen Miete, weil er in einer -kleinen Nebenstraße wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen -brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft mit Akakij -Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann bemerkte er noch, daß ein -Schneider vom Newski Prospekt allein für die Fasson eines gleichen -Mantels mindestens fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij -Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht erst in eine -Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich vor den horrenden Summen, -mit denen Petrowitsch zu prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ -seine Stube, um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben. - -Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf der Straße halt, um ihm -so weit wie möglich mit den Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße, -durchquerte eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße zurück, -um den Mantel noch einmal von einer andern Seite, d. h. von vorne zu -betrachten. - -Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, näherte sich -Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick fühlte er, daß von seinen Schultern -ein neues Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit einem -holden Lächeln der Genugtuung. - -Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: zunächst, daß der Mantel -warm war, sodann, daß er gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er -gegangen war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die Kanzlei, legte -seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute ihn sich noch einmal sorgfältig -von allen Seiten an und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel zu -achten. - -Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den Bureaus verbreitet hatte, -daß Akaki Akakiewitsch sich einen neuen Mantel angeschafft, und die alte -Kapuze zu existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen -Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel zu bewundern und -den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen zu überhäufen, daß er nicht -umhin konnte, ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten, das -bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz machte. - -Aber wie groß war seine Überraschung, als seine schrecklichen Kollegen -ihn merken ließen, daß sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedürfe -und daß sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch -war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, was er zu -seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend stotterte er, das -Kleidungsstück sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel -wäre vielmehr schon ganz alt. - -Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Bürovorstehers, der -ohne Zweifel dartun wollte, daß er so gar nicht stolz auf seinen Rang -und Titel war und daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht -verschmähte, nahm das Wort und sagte: - -»Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten. -Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe -heute gerade Geburtstag!« - -Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte und beeilten sich, seine -Einladung mit großer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst -ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von ihm wäre, -gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fügte er sich -denn in das Notwendige. - -In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude darüber, daß er auf -diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Straße zu -zeigen. Dieser ganze Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen -Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hängte -ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff und Futter geprüft hatte, an -die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit -Petrowitschs Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von -einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd dachte er: »Welch ein -Unterschied!« Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich -eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer -Verfassung sein alter Mantel sich befand. - -Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er -sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein -rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des -Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging. - -Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die Wohnung dieses -Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen -hatte. Mein Gedächtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die -Straßen und Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige -Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, mich nur einigermaßen zurecht zu -finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, daß der würdige -Beamte in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß infolgedessen -seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war. - -Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete -Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der -Wohnung seines Vorgesetzten näherte, um so heller und belebter wurden -die Straßen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode -gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen und Herren, die -Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbänken und ihren -mit goldenen Nägeln geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle -Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, die mit -Bärenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle -Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten -Kutschböcken, die knirschend über den Schnee dahinglitten. - -Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich neues Schauspiel. -Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht -neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein -Gemälde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Porträt einer -Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzückenden -Fuß von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der -durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ. - -Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte, -schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd seinen Weg fort. Warum -lächelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er -sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis -bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner -Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame -Einfälle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es -wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im -übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen -und die Gedanken der Menschen zu lesen. - -Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs -wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe -brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten -Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine -lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer -ein Samowar, an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere mit -Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang -ein wirres Geräusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die -Tür öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit -Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gäste mußten bereits -lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste -Tasse Tee geleert. - -Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das -hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen -ausgerüsteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr -laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben. - -Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle stehen, da er -nicht wußte, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon -bemerkt, begrüßten ihn mit großem Hallo und eilten sofort in das -Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem -braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und -treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die -Glückwünsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke -darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder -und gingen an ihre Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung, -die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte -unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch im höchsten Grade. Er wußte -nicht, wo er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen sollte; -schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten, -bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu gähnen und -sich zu langweilen an, denn er empfand, daß die Stunde bereits längst -verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte -sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man ihm klarmachte, -er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier -dieses denkwürdigen Tages getrunken zu haben. - -Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat, -kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu -jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah -sich genötigt, zwei große Gläser von diesem prickelnden Getränk zu -leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein -heiteres Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß Mitternacht -vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen war. - -In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, schlich er sich -insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf -dem Boden erblicken zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt, -entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe -hinunter. - -Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und -dem niederen Volke besuchten Läden waren noch geöffnet; einige waren -zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den -Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die Gäste noch nicht gegangen -waren. Wahrscheinlich saßen die Knechte und Mägde noch immer in -lebhaftem Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener -Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen. - -Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach -seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame -nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche -Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich -bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg -langsam weiter fort, höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das er -angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte -Gassen und plötzlich merkte er, daß er sich in einer jener Straßen -befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe -auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher. -Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer -seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die -Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, Palisadenzäune -- -aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen -glänzte der Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen -Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig da. Er gelangte an eine -Stelle, wo die Straße in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz -mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien -fast, als befände man sich in einer weiten und trostlosen Wüste. - -In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause -her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor -Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging mit starkem -Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm -liegende Raum erschien ihm größer als der Ozean. - -»Nein,« sagte er, »ich will lieber garnicht hinsehen!« - -Und er ging weiter, indem er die Augen beständig zumachte. Als er sie -öffnete, sah er sich plötzlich von mehreren bärtigen Männern umgeben, -deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den -Augen, sein Herz krampfte sich zusammen. - -»Dieser Mantel gehört mir,« schrie einer der Männer, indem er Akaki -Akakiewitsch an dem Kragen faßte. - -Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer der Angreifer schloß ihm -indessen mit seiner Faust, die die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den -Mund und sagte zu ihm: - -»Laß dir's nur nicht einfallen, zu schreien!« Im selben Augenblick -fühlte der Titular-Rat, wie man ihm seinen Mantel auszog, und fast -gleichzeitig ließ ihn ein Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er -bewußtlos liegen blieb. - -Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber er vermochte niemand -mehr zu erblicken. Seiner Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er -aus Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum bis zum -anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer sich lief er über den Platz -und stürzte mit der letzten Kraft der Verzweiflung auf das -Schilderhäuschen zu, wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig -betrachtete und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen Lärm -vollführe und wie ein Verrückter liefe. - -Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte er ihn -mit bebender Stimme der Trunkenheit, weil er nicht bemerkt hatte, daß -man in nächster Nähe von ihm die Passanten bestehle und ausplündere. - -»Ich habe nichts gesehen,« erwiderte der Mann, »ich sah Sie nur mitten -auf dem Platze zusammen mit zwei Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre -Freunde. Es ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen den -Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in die Hand nehmen, -nach den Dieben des Mantels forschen lassen und eine Untersuchung -einleiten.« - -Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem fürchterlichen Zustande -zu Hause an: die wenigen Haare, die er noch am Hinterkopf und an der -Schläfe hatte, hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und -Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin ihn wie einen -Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand sie schnell auf und kam auf -nackten, nur in Pantoffeln steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete -die Türe, indem sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der -einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs Anblick -prallte sie entsetzt zurück. - -Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang sie die Hände und -rief: - -»Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor wenden, sondern an den -Bezirks-Kommissar. Der Inspektor wird Sie mit schönen Worten abspeisen -und doch nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne ich schon -lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin, dient jetzt bei ihm -als Amme, und ich sehe sie oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er -geht jeden Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen Leuten -freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich an, daß er ein braver -Mann ist.« - -Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich Akaki traurig in sein -Zimmer zurück. Wer sich nur einigermaßen in die Situation eines andern -hinein versetzen kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte. - -Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man -bedeutete ihm, daß dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er -wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar -ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit -ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten -ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu -sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen -Energieversuch. Er erklärte kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf -der Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus dem Departement, -daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine -äußerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand -einfallen, ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, und dies -könnte ihnen teuer zu stehen kommen. - -Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber -ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewährte nun Akaki -Akakiewitsch eine Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den -Raub seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. Anstatt sich -für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er -den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher -Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen -Hause gewesen sei. - -Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort -und zog sich zurück, ohne genau zu wissen, ob man sich überhaupt mit -seiner Angelegenheit beschäftigen würde oder nicht. - -Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau gewesen: (ein -unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er -wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten -Mantel, der nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen -erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer -einige Rohlinge, die aus vollem Halse darüber lachen zu müssen glaubten; -die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und -veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise -hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig ungenügendes Resultat, -weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei -Subskriptionen beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt -ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das -Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte -erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz -unbedeutende Summe zusammenkam. - -Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme -entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen -guten Rat geben. Er sagte ihm, daß es verlorene Mühe wäre, sich noch -einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser -Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob seiner -Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der Tat glücken sollte, -seinen Mantel aufzufinden, so würde die Polizei dieses Kleidungsstück so -lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht -unumstößlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels -legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse, -hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche hochstehende -Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behörden die Sache -ohne große Schwierigkeit erledigen könne. - -In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu -leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persönlichkeit -eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte -man nicht sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese _hohe -Persönlichkeit_ erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte säße, bis dahin war -sie nämlich eine ganz unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Allerdings -gab es andre noch höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich -finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, die -andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende -Persönlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle -möglichen Hebel in Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er alle -andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße der Treppe auf ihn zu -warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen, -sondern dies alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der -Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär das Audienzgesuch -mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch höheren -Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit -darüber Bericht ab. - -Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in unserem heiligen Rußland. -Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die -Manieren seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit -ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus beförderter -Titular-Rat über einem seiner Zimmer die Aufschrift »Beratungssaal« -anbringen. An der Tür standen Diener mit roten Kragen und gestickten -Röcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen -äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch Platz bietenden -»Saal« hineinführten. - -Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu unserem Beamten, -zurück. Er hatte eine imponierende majestätische Haltung, wenngleich -sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System -faßte sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge, -Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und -beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte, -bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf verzichten können, soviel Energie -zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen -Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon -ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst -ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um bei seinem Vorübergang -Spalier zu bilden. In seinen Gesprächen mit seinen Untergebenen -beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende -Worte: - -»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen -Sie nicht, wen Sie vor sich haben!« - -Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig und gefällig gegen -seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit -dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den größten Teil -seiner Zeit in einer Art Schwindel und wußte kaum noch, wie er sich -benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen -menschlich und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger und -in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er -sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los -- -dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser -Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst -empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit hätte verbringen können. - -Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, konnte es nicht -entgehen, daß er vor Verlangen brannte, sich in eine interessante -Konversation zu mischen, aber die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend -zu erscheinen, sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu zeigen, hielt -ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser Art zu entziehen, beobachtete -er eine außerordentliche Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend -ein einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf die Spitze -getrieben, daß man ihn einen langweiligen Peter nannte, und dieser Titel -war wohl verdient. - -Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch um Hilfe und -Schutz angehen mußte. Der Augenblick, den er wählte, um seine Absicht -auszuführen, schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch, -dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln. - -Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem Arbeitszimmer und -plauderte angeregt mit einem alten Jugendfreunde, der vor kurzem -angekommen war und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man -ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre einer Audienz bei -Seiner Exzellenz nachsuchte. - -»Wer ist das?« fragte er kurz und sehr erstaunt. - -»Ein Beamter!« - -»Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit, ihn zu empfangen.« - -Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte sie daran, die -gewünschte Audienz zu gewähren. Beide Freunde hatten schon alles -durchgesprochen. Schon mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen -Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung sie sich beide -freundschaftlich auf die Knie klopften: - -»So geh, lieber Iwan Abramowitsch!« - -»Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!« - -Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich empfangen, um -seinen Freund seine ganze Bedeutung empfinden zu lassen, dieser hatte -nämlich den Dienst quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher -wollte ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten sich so -lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es ihm gefiele, sie zu -empfangen. - -Endlich -- nach mehreren Zwiegesprächen und einigen neuen Pausen, -währenddessen die beiden Freunde in ihren bequemen Lehnsesseln liegend, -den Rauch ihrer Zigarren zur Decke sandten, schien sich der -General-Direktor plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um eine -Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär, der mit verschiedenen -Akten an der Tür stand, und sagte: »Ich glaube es wartet da irgend ein -Beamter auf mich. Lassen Sie ihn herein!« - -Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich ihm mit -untertäniger Miene in seiner alten Uniform näherte, wandte er sich -schroff zu ihm und fuhr ihn in jenem strengen und rauhen Tone an, den er -sich, wenn er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert -hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen Posten einnehmen und -sich General nennen durfte. - -»Was wollen Sie?« - -Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch war wie -niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. Indes versuchte er es -sich so gut er konnte verständlich zu machen und zu erzählen, wie man -ihn in unmenschlicher Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht -ohne seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu -verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz gewandt in -der Hoffnung, daß er dank dieser hohen und gütigen Protektion bei dem -Polizei-Präsidenten oder bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz -seines Kleidungsstückes gelangen könne. - -Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, daß dies Benehmen -viel zu familiär sei und herrschte ihn daher kurz an: »Wie Herr! Sie -wissen nicht, was Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen -ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie hätten eine Bittschrift -einreichen sollen, die in die Hände des Bureauchefs und aus ihnen in die -des Abteilungsvorstandes gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär -überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.« - -»Gestatten Sie mir,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch mit großer -Anstrengung, um den kargen Rest von Geistesgegenwart, der ihm geblieben -war, zusammenzunehmen. Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken und -Erregung schwitzte. »Gestatten Sie mir, Eure Exzellenz, Ihnen zu -bemerken, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen habe, Sie mit dieser -Angelegenheit zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute, -von denen man nichts zu erwarten hat.« - -»Wie? Was? Wahrhaftig!« schrie ihn der General-Direktor an. »Sie wagen -es, hier eine solche Sprache zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen -Ansichten gelangt? Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge Leute -derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!« - -In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor garnicht, daß der -Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten hatte und daß die -Bezeichnung: junger Mann nur noch relativ auf ihn angewendet werden -konnte: im Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich! - -»Wissen Sie auch,« fuhr die hohe Persönlichkeit fort, »mit wem Sie -sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem Sie stehen? Erinnern Sie sich -daran! Ich sage: erinnern Sie sich daran!« - -Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen, und seine Stimme -nahm eine solche Schärfe, einen so furchterregenden Umfang an, daß auch -ein anderer erschrocken zusammengefahren wäre. - -Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum -aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners -unfehlbar zu Boden gesunken. Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn -fast ohnmächtig hinaus. - -Der General-Direktor war über die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt; -sie überstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darüber, daß sein -herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß -dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf er einen flüchtigen Blick -auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte. -Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er -sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß und ihn mit einem -gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte! - -Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die -Straßen durchwanderte, darüber hätte er selbst niemals Rechenschaft -geben können; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben -war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so -strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden. - -In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, wanderte er mit offenem -Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter überhaupt zu bemerken, und -ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der Wind, -der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies, -verursachte ihm eine Halsentzündung. Nach Hause zurückgekehrt, war er -außerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war geschwollen, -und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So groß ist mitunter -die Wirkung einer gründlichen Moralpauke! - -Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der großmütigen Hilfe des -St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit -beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine -Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte -nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn -doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu -lassen, und erklärte, daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte. - -Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: »Sie haben keine Zeit -mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz -machen, denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl zu teuer.« - -Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen Worte? Waren sie es, die -eine so erschütternde Wirkung auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz -leise über sein trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können, -redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten -unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch -gegenüber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah -er Fußangeln für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett zu -entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen, -und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum -die alte Kapuze noch an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel -habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit -Vorwürfen überhäufte, so daß er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald -verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß -die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte -sie derartige Dinge von ihm gehört, und die zornigen Worte des Kranken -ließen sie um so mehr außer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz -jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Sätze -ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um -den Mantel. - -Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus. -Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel -- und -zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein -Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, drei Paar -Strümpfe, einige Hosenknöpfe und seinen alten Mantel hinterließ. Wem -fielen diese Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser dieser -Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen hat, sich genauer darüber -zu informieren. - -Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt und nach dem -Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die große Stadt Petersburg -fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals -existiert hätte. - -So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschützer, -noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches -Interesse eingeflößt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so -forschungswütigen Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch -sonst nicht verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer -mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein einziges -Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung und den Spott seiner -Kollegen ertragen. Ohne daß es je ein außerordentliches Erlebnis gehabt -hätte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende -seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein -belebt hatte, mußte das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch -die Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! .... - -Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef durch einen Boten -mitteilen, daß er sich sofort auf seinen Posten zu begeben habe. Der -Bureaudiener kam jedoch mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat -nicht mehr kommen könne. - -»Und weshalb nicht?« fragten die Beamten. - -»Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben worden ist!« - -So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod. - -Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer Beamter ein, der viel -robuster und gröber war und der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren -der Akten die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine viel -schrägere Schrift hatte. - - * * * * * - -Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs Geschichte hier -endigen, und als hätten wir nichts mehr über ihn mitzuteilen. Allein der -bescheidene Titular-Rat war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen -Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung für sein bescheidenes -von niemandem beachtetes Dasein, und unsere Erzählung nimmt hier ganz -unerwarteter Weise eine recht phantastische Wendung. - -Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das Gerücht, daß in der -Nähe der Katharinenbrücke Nacht für Nacht ein Gespenst in der Uniform -eines Kanzleibeamten erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und allen -Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel oder Rang zu kümmern, -ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, Bären-, Biberfell gefütterten -Mäntel, kurz alle solche, die die Menschen erfunden haben, um ihr -eigenes Fell gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger -Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen und in ihm -sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, tödlich erschrocken, so -schnell er konnte, davongelaufen, und so war es ihm gelungen, zu -entkommen, aber -- obwohl er schon fern war -- hatte er es doch mit der -Faust drohen sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die Schultern -von Räten, -- nicht nur von Titular-Räten, -- sondern auch von -Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren Raubes ihrer schönen -warmen Kleidung den heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren. - -Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln, um dieses Gespenst --- tot oder lebend -- zu ergreifen und an ihm eine exemplarische Strafe -zu vollziehen; und das wäre ihr auch beinahe gelungen. - -Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse das Glück, das -Gespenst gerade in dem Momente am Kragen zu packen, wo es einem alten -Musiker, der vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel -fortnehmen wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe und vertraute -ihnen den Gefangenen an, während sie mit der Hand in ihren Stiefel -langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, und ihre schon zum sechsten Male -erfrorene Nase wieder etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von -solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen konnte. Kaum -hatte der Posten seinem linken Nasenloche einige Körnchen anvertraut, -während er das rechte zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen -begann, daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel ihre Augen -verhüllte. Während sie sich die Lider rieben, verschwand das Gespenst -spurlos, so daß sie nicht recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren -Händen gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen eine so -große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht einmal einen lebendigen -Menschen mehr zu verhaften wagten und sich darauf beschränkten, ihm von -ferne zuzurufen: - -»Geht weiter! Geht weiter!« - -Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke umzugehen, und -verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen -ängstlichen Leuten. - -Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, der ursprünglichen -Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte, -zurück. Der Wahrheit gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe -Persönlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht -behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm -empfand. Ein gewisses Gefühl der Teilnahme war dem Herzen des hohen -Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, -- sein -einziger Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes auf -seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen war, hatte er -sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat -beschäftigt, den er immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich -krümmend unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht hatte. Diese -Vision beunruhigte ihn derartig, daß er eines Tages einem seiner Beamten -den Auftrag gab, sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten -und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne. - -Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß der arme kleine Beamte -kurz nach der Audienz einem plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen -war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte -den ganzen Tag in der düstersten Stimmung. - -Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrücke zu -verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine -angenehme Gesellschaft antraf, und -- was die Hauptsache war -- lauter -Personen von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren brauchte. - -Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken -enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in -liebenswürdigster Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen -wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend. - -Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel, -um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses -schäumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschloß -daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner -Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline -Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt. - -Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit keineswegs mehr -jung war, ja, daß man sie überall als tadellosen Gatten und guten -Familienvater rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in einem -Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges Töchterchen mit -einer zwar hakenförmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen -allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den -Worten: _Bonjour, papa_ guten Morgen zu sagen. - -Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot -ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie -nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich sich -die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit äußerst wohl fühlte -und durch die Zärtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt -schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten -spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine -Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger als diese; aber so -sind die Rätsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lösen -zu wollen. - -Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren -Schlitten und sagte zu dem Kutscher: - -»Zu Karoline Iwanowna!« - -Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt, befand er sich in der -angenehmsten Stimmung, die sich ein Russe nur wünschen mag, einer -Stimmung, wo man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in einem -Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die einen immer wohltuender -sind als die anderen, und wo man sich garnicht die Mühe zu nehmen -braucht, nach ihnen zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die -glücklichen Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft -verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, die den kleinen Kreis -zu lautem Lachen gereizt und die er halblaut kichernd wiederholte. -Hierbei fand er, daß sie noch genau so komisch waren wie damals, als er -sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte sich daher nicht im -mindesten darüber, daß er so herzhaft hatte lachen müssen. - -Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der ihn plötzlich -ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze Schneehaufen ins Gesicht -schleuderte, in seinen Betrachtungen. Der Nord pfiff durch seinen -Mantel, blähte ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die Ohren -und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, um sich wieder aus -ihm herauszuwinden. - -Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle Hand sie -am Kragen packte. Sie wandte sich um und bemerkte einen kleinen, mit -einer alten Uniform bekleideten Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki -Akakiewitschs Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und -abgezehrt wie die eines Toten. - -Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit, als sie -bemerkte, daß sich der Mund des Toten in krampfhaften Zuckungen verzog, -den Direktor mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte -ausbrach: - -»Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich am Kragen packen. Ich -will meinen Mantel. Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in -Nöten war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. -- Nun sollst du mir -deinen Mantel geben!« - -Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. In seinem Bureau vor seinen -Untergebenen fehlte es ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er -brauchte nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief jeder, -der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und sein imponierendes -Äußeres warf: »Welch ein Charakter!« - -Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten offenbarte sich sein -Heldentum nur in seiner äußeren Erscheinung, und in diesem Augenblick -war er so erschrocken, daß er sogar um seine Gesundheit fürchten mußte. - -Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel aus und rief seinem -Kutscher zu: - -»Schnell nach Hause! Schnell!« - -Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das in solchen -Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten und energischen Klang -hatte und meist von noch viel bestimmteren und energischeren Taten -begleitet zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang seine -Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. In weniger -als sechs Minuten hielt der Schlitten vor dem Hause der hohen -Persönlichkeit. Bleich, erschrocken und ohne Mantel stieg er aus und -begab sich sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna zu -fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. Er verbrachte eine -so schreckliche Nacht, daß seine Tochter am andern Morgen während des -Tees entsetzt ausrief: - -»Du bist ja heute so bleich, Papa!« - -Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, noch von dem, wo er -gewesen war, und was er am Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte -dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem Tage an fragte -er seine Untergebenen nicht mehr in seiner bisherigen schroffen Art: - -»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?« - -Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, in herrischem Tone mit -ihnen zu sprechen, so hörte er doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch -an. - -Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich das Gespenst nicht mehr. -Augenscheinlich hatte es überhaupt keine andere Absicht gehabt, als sich -den Mantel des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte man von -nun an nichts mehr davon, daß den Leuten ihre Mäntel geraubt wurden. -Allerdings gab es noch einige ängstliche und übereifrige Personen, die -sich durchaus nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich das -Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren Stadtvierteln zeige -... Und in der Tat, ein Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen -gesehen haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der Posten war -jedoch von Natur ein wenig schwächlich -- hatte doch sogar ein -gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel, das aus einem Privathause -ausgebrochen war, ihn zur größten Freude und Erheiterung der -herumstehenden Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. Dafür -ließ er sich freilich nachher von jedem einen Groschen für Tabak geben, -um sie zu strafen, weil sie sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er -also ein solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst zu -verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm in der Dunkelheit -nachzuschleichen. Da aber drehte sich das Gespenst plötzlich um und -schrie ihn an: »Was willst du?« wobei es ihm eine so schreckliche Faust -zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so leicht zu sehen -bekommt. - -»Nichts,« antwortete der Wachtposten und nahm eiligst Reißaus. - -Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer als der des -Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. Er schien mit mächtigen -Schritten der Obuhoffbrücke zuzueilen und verschwand gleich darauf in -der dunklen Nacht. - - - Die Nase - - - I. - -Am 25. März trug sich in St. Petersburg ein außerordentliches Ereignis -zu. - -Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier Iwan Jakowlewitsch, -dessen Familienname von dem Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung -eines an Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift: »Hier -wird auch zur Ader gelassen!« erkennen konnte, geschwunden war. Dieser -Barbier Iwan Jakowlewitsch wachte also ziemlich frühzeitig auf und -atmete den Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im Bette etwas -empor und sah, wie seine Frau, eine äußerst respektable Dame und -leidenschaftliche Liebhaberin des Kaffees, einige frischgebackene Brote -aus dem Ofen hervorholte. - -»Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich keinen Kaffee -trinken,« sagte Iwan Jakowlewitsch; »ich habe mehr Appetit auf Brot mit -Zwiebeln.« - -Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch hätte gar zu gern von -beidem gekostet; doch war er von vornherein von der Unmöglichkeit einer -derartigen Schwelgerei völlig durchdrungen, denn Praskowia Ossipowna -ließ solche Launen nicht zu. - -»Iß meinetwegen Brot, Schafskopf,« dachte die Frau bei sich; »für mich -wird dann um so mehr Kaffee übrig bleiben ...« und sie warf ein Brot auf -den Tisch. - -Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgründen einen Leibrock über -sein Hemd, nahm -- nachdem er am Tische Platz genommen hatte -- etwas -Salz, stutzte zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an, -das Brot höchst bedächtig zu zerteilen. Er schnitt es in zwei Hälften, -schaute sich die eine Fläche an und bemerkte zu seiner größten -Verwunderung etwas Weißliches. Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit -dem Messer daran herum und befühlte es mit dem Daumen. »Das Ding ist ja -ganz hart!« sagte er zu sich; »was mag denn das nur sein?« - -Er schälte es mit den Fingern heraus und fand -- eine Nase! Iwan -Jakowlewitsch ließ seine Arme sinken; dann begann er sich seine Augen zu -reiben und befühlte es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war -eine Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren Bildung -er wiederzuerkennen glaubte. - -Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zügen: aber dieses -Entsetzen war harmlos im Vergleich mit der Empörung, die sich seiner -Gattin bemächtigte. - -»Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh?« fing sie -wutentbrannt zu schreien an. »Du Dieb, du Trunkenbold! Ich werde dich -selbst der Polizei denunzieren! Was für ein Lumpenkerl! Schon drei -Herren haben mir gesagt, du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen, -daß du sie beinahe abreißt!« - -Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend, hatte er doch -soeben festgestellt, daß diese Nase keine andere war als die des -Kollegien-Assessors Kowalew, den er Mittwochs und Sonntags zu rasieren -pflegte. - -»Schweig doch, Praskowia Ossipowna,« sagte er, »ich werde sie in ein -Stück Leinewand einschlagen und sie in irgend eine Ecke verstecken, wo -sie einige Tage liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.« - -»Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Ich soll zugeben, daß -du eine abgeschnittene Nase im Zimmer versteckst? Du gerösteter Zwieback -du! Er kann nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fähig, sein -Geschäft schnell und solid auszuführen! Herumstreicher, Strauchdieb! -Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen Scherereien mit der Polizei -zuziehen? Ach, du bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg -damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst. Ich will nichts davon -wissen!« - -Iwan Jakowlewitsch war völlig zerschmettert. Er überlegte und überlegte -... und wußte im Grunde garnicht was. - -»Der Teufel soll wissen, wie das nur möglich ist!« sagte er endlich, -indem er sich mit der Hand über die Ohren fuhr. »Bin ich gestern -betrunken nach Hause gekommen oder nicht? Allerdings kann ich das nicht -mit Gewißheit sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier um -einen ganz außergewöhnlichen Vorgang; denn das Brot -- das Brot wird -doch gebacken, während eine Nase ... Weiß Gott, ich verstehe das nie und -nimmer!« - -Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, ein Polizist könnte diese -Nase bei ihm entdecken und ihn zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in -eine vollkommene Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als sähe er -einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen Degen vor sich -... und er zitterte am ganzen Körper. Endlich zog er seine Beinkleider -und Stiefel an, wickelte die Nase schnell unter den peinlichsten -Ermahnungen seiner Frau in ein Stück Leinewand und verließ seine -Wohnung. - -Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem Brunnen, unter einer -Schwelle niederzulegen oder sie wie absichtslos fallen zu lassen, und -dann in eine andere Straße einzubiegen. - -Aber unglücklicherweise lief er einem Bekannten in die Arme, der ihn -sofort zu fragen anfing: - -»Wo gehst du denn hin?« oder: »Wen willst du denn schon so frühzeitig -rasieren?« sodaß Iwan Jakowlewitsch durchaus keinen günstigen Moment für -sein Vorhaben erwischen konnte. In der Folge glückte es ihm zwar einmal, -die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann machte ihm schon von -weitem mit der Hellebarde ein Zeichen und rief ihm zu: »Heb's doch auf! -Du hast da etwas fallen lassen!« Und Iwan Jakowlewitsch ward so -genötigt, die Nase aufzuheben und in seine Tasche zu stecken. -Verzweiflung überfiel ihn, und zwar um so heftiger, je mehr sich die -Straße bevölkerte und je mehr Läden und Wirtshäuser geöffnet wurden. - -Er entschloß sich, auf die Isaaksbrücke zu gehen. Vielleicht würde er -dort ein Mittel finden, die Nase unbemerkt in die Newa zu werfen! ... - -Aber ich habe einen Fehler begangen, daß ich dem Leser bis jetzt noch -nichts über Iwan Jakowlewitsch, eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte -Persönlichkeit, berichtet habe. - -Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker, der etwas auf -sich hält, ein furchtbarer Trunkenbold, und obgleich er täglich die -Bärte anderer Leute rasierte, rasierte er doch niemals seinen eigenen. -Sein Frack -- denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Überrock -- war -bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen und grauen -Flecken übersät; der Kragen glänzte schon ein wenig, und anstelle von -drei Knöpfen sah man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfäden. - -Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein Zyniker; wenn der -Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner Gewohnheit, während er rasiert -wurde, zu ihm sagte: - -»Deine Hände stinken immer, Iwan Jakowlewitsch!« so antwortete er -gelassen: - -»Warum sollen sie denn stinken?« - -»Ich weiß nicht, Brüderchen, aber sie stinken!« versetzte hierauf der -Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan Jakowlewitsch nahm dann erst eine -Prise und seifte hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie -hinter den Ohren und unter dem Kinne ein -- mit einem Worte, er seifte -ihn ein, wo es ihm Vergnügen machte. - -Dieser ehrenwerte Bürger war nun endlich auf der Isaaksbrücke -angekommen. Zunächst warf er einen spähenden Blick auf die Umgebung, -beugte sich über das Geländer, wie wenn er die vielen Fische im Wasser -beobachten wollte, und warf dann das Päckchen mit der Nase ganz behutsam -hinab. - -Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem Male zehn Pud[10] vom -Herzen. Ja, er lächelte sogar. - -Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell seine Beamten zu -rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein Schild mit der Inschrift -»Tee und Lebensmittel« trug, und bestellte dort ein Glas Punsch. -Plötzlich bemerkte er jedoch ganz in der Nähe am Ende der Brücke, den -Bezirkskommissar, einen Mann von vornehmem Äußeren, mit breitem -Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch wurde vor Entsetzen -starr wie ein Eisklumpen. Der Kommissar winkte ihm mit der Hand und -sagte zu ihm: - -[Fußnote 10: Ein Pud = etwa 35 Pfund.] - -»Komm doch mal näher, mein Lieber!« - -Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebräuchlichen Höflichkeitsformen sehr -wohl kannte, schon von weitem die Mütze, sprang herbei und sagte: - -»Ich wünsche Ew. Wohlgeboren einen schönen guten Morgen!« - -»Nein, nein, Brüderchen, laß nur das >Ew. Wohlgeboren< aus dem Spiel! -- -Sag mir lieber, was hattest du da auf der Brücke zu tun?« - -»Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege zu meinen Kunden, die ich -rasieren soll, und schaute hinab, ob die Strömung sehr stark ist!« - -»Du lügst! Du schwindelst! So kommst du mit nicht davon! Willst du mir -jetzt wohl Rede stehen?« - -»Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal wöchentlich ohne -jede Bezahlung zu rasieren!« versetzte Iwan Jakowlewitsch. - -»Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich rasieren bereits drei -Barbiere und rechnen sich diese Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte -dich, mir zu sagen, was du dort gemacht hast!« - -Iwan Jakowlewitsch erblaßte ... - -Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel unsere -Geschichte ein, und über die folgenden Geschehnisse weiß man absolut -nichts zu berichten. - - - II. - -Der Kollegien-Assessor[11] Kowalew erwachte eines Morgens besonders früh -und bewegte seine Lippen, um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie -es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß er hierfür einen -Grund hätte angeben können. Er reckte sich erst tüchtig und suchte dann -nach einem kleinen Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein -Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner Nase aufgesprungen -war. Aber zu seinem größten Erstaunen befand sich anstelle seiner Nase -in seinem Gesicht eine durchaus ebene und glatte Fläche! Voller -Schrecken ließ Kowalew sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit -dem Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! Er befühlte die -Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, um festzustellen, ob er -vielleicht noch schliefe; aber nein, er schien tatsächlich nicht zu -schlafen. Der Kollegien-Assessor Kowalew sprang aus seinem Bett, -schüttelte und rüttelte sich, -- doch die Nase war und blieb -verschwunden! Er ließ sich sofort seine Kleider bringen und stürzte -schleunigst zu dem Polizeivorstand. - -Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte über Kowalew zu -sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von -Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt. - -[Fußnote 11: Kollegien-Assessor: so heißen die Beamten des achten -Beamtengrades. Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung führt -Kowalew.] - -Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren -Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn während ihrer -Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit -wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, denn -Rußland ist ein so seltsames Land, daß all seine Kollegien-Assessoren -von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fühlen, wenn auch nur von einem -dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle Ämter und alle -Grade. - -Kowalew war ein _kaukasischer_ Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst -bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich -nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht -zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor -vor, sondern stets als Major. »Hör doch, mein Täubchen,« sagte er -gewöhnlich, so oft er auf der Straße eine alte Frau traf, die Leinewand -feilbot, »geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der -Sadovaja[12] und frage nur: >Wohnt hier der Major Kowalew?< Jedermann -wird dir gern Auskunft erteilen.« Oder begegnete er einer artigen -Schönen, so flüsterte er ihr ganz leise zu: »Du brauchst nur nach der -Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!« Aus diesem Grunde -wollen auch wir ihn von nun an stets den »Major« nennen. - -[Fußnote 12: Große Straße in St. Petersburg.] - -Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem -Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und -frisch gestärkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei -Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militär-Ärzten, d. -h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben -und gut »Boston« spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der -Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette -eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen -oder auch mit der Inschrift »Mittwoch«, »Donnerstag«, »Montag« usw. -versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn dazu veranlaßt, -nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil er eine -seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er -Glück hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines -schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major -Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mußte seine -Auserkorene über eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln -verfügen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors -versetzen, als er anstelle seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase -nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte. - -Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der -Straße; so war er also genötigt, zu Fuß zu gehen -- in seinen Mantel -eingehüllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn -er gerade Nasenbluten hätte. - -»Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch -unmöglich, daß mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht -geschwunden ist,« dachte er. - -Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den -Spiegel zu werfen. Zum Glück für ihn befand sich weiter niemand im -Lokal, außer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle -zurecht rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heiße -Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und Stühlen lagen -kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage. - -»Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,« sagte er; »nun kann -ich meine Untersuchung beginnen!« - -Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein. - -»Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist,« schrie er, indem er -empört ausspie; »wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas -anderes befände! Aber nichts, absolut gar nichts!« - -Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen hatte, verließ er das -Lokal und beschloß, wider seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen -und keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden. - -Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines Hauses stehen. -Seine Augen wurden von einer unerklärlichen Erscheinung angezogen: ein -Wagen hielt dicht neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm -entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe hinaufeilte. Wie -groß war Kowalews Entsetzen, wie groß war sein Erstaunen, als er in ihm -seine eigene Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen -Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles um ihn herumdrehe, und -nur mit Mühe vermochte er sich aufrecht zu halten. Aber trotzdem -beschloß er, obwohl er am ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker, -zu warten, bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen Wagen -zu steigen. - -Nach Ablauf zweier Minuten erschien die »Nase« tatsächlich. Sie trug -eine goldgestickte Uniform mit hohem steifen Kragen, Beinkleider aus -Semischleder, und an der Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes -konnte man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte. Der Anzug -des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche abstattete. Er schaute -sich nach links und nach rechts um, rief dem Kutscher ein »Vorwärts!« zu -und rollte davon. - -Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn nahe. Er wußte nicht, -was er von einem so überraschenden Ereignis halten sollte. Wie war es -denn auch nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend in -seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren konnte, jetzt eine -Uniform trug! Er stürzte hinter dem Wagen her, der glücklicherweise -nicht sehr weit fuhr und vor dem Gostini Dwor[13] halt machte. - -Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen einer Reihe alter -Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern und zwei großen Öffnungen statt -der Augen hindurch, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. -Sonst trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand sich in -einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen Entschluß fassen -konnte und lediglich in allen Winkeln und Ecken nach dem Herrn Ausschau -hielt; endlich sah er ihn vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr -Gesicht völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter -Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren. - -[Fußnote 13: Ein großer Bazar.] - -»Soll ich ihn anreden?« dachte Kowalew. »Aus seiner ganzen -Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und -deutlich hervor, daß es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich -es anstellen soll! ...« - -Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates zu husten; aber -die Nase verließ auch nicht für eine Minute ihren Standpunkt. - -»Mein Herr!« sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen -versuchte, »mein Herr! ...« - -»Was wünschen Sie?« fragte die Nase, indem sie sich umwandte. - -»Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, daß ... Sie -sollten doch wissen, wohin Sie gehören. Und plötzlich finde ich Sie, und -noch dazu ... hier? ... Sie müssen doch zugeben ...« - -»Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen. -Erklären Sie sich deutlicher!« - -»Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?« dachte Kowalew. Und -sich ein Herz fassend begann er: - -»Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie -müssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der -Woskressenski-Brücke geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde -nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft, -der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich außerdem Beziehungen -zu vielen Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum -Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und -noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich weiß nicht, mein -Herr« -- und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln -- -»entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt -der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können selbst begreifen ...« - -»Ich begreife absolut nichts,« erwiderte die Nase. »Erklären Sie sich -deutlicher.« - -»Mein Herr,« versetzte Kowalew mit Würde, »ich weiß nicht, wie ich Ihre -Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dünkt, um -einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut, -Sie sind doch meine eigene Nase!« - -Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne. - -»Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbständig. Außerdem -können zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach -den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern -Ressort dienen.« - -Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rücken. - -Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, was er tun, ja nicht -einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertönte das -angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit -Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen -Mädchen, deren weißes Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste -zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide -Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mächtigem Bart und einem -ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen begleitet. Er blieb hinter den -Damen stehen und öffnete seine Tabaksdose. - -Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen seines Batisthemdes -zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hängendes Petschaft in -Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die -sich leicht wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße Hand -mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. Das Lächeln auf -Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes -Kinn von blendender Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in -ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich. - -Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurück. - -Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase mehr hatte; und -heiße Tränen entströmten seinen Augen. - -Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu -sagen, daß er nur die Larve eines Staatsrates trüge, daß er ein Lump, -ein Spitzbube wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne Nase ... -Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den günstigen Augenblick -benutzt und sich entfernt, höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch -abzustatten. - -Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch -eine Minute unter dem Säulengang stehen und schaute sich gespannt nach -allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er -erinnerte sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt und die -Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel -geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde; -er wußte nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was für -eine Livree er trug. Überdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen -aller Art im Trab durch die Straßen gefahren, daß es schwer war, sie -voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte -herausgefunden, wie hätte er ihm Halt gebieten sollen? - -Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es -von Menschen. Ein üppiger Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von -der Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein Hofrat, ein -Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten, -»Oberstleutnant« zu titulieren pflegte. _Dort_ sah er seinen Busenfreund -Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen ließ, und -_dort_ einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus -erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge -doch zu ihm herüberkommen. - -»Der Teufel soll ihn holen!« sagte Kowalew. »Kutscher! bring mich doch -auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.« - -Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick -zu: »Fahr zu, so schnell du kannst!« - -»Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?« fragte er sofort beim Eintritt in -das Vestibül. - -»Nein,« antwortete der Portier; »er ist soeben weggegangen.« - -»Das ist ja wundervoll!« - -»Gewiß,« fügte der Portier hinzu, »erst vor ganz kurzer Zeit ist er -fortgegangen. Wären Sie nur eine Minute früher gekommen, Sie hätten ihn -sicher noch getroffen.« - -Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte Kowalew wieder in -den Wagen zurück und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu: - -»Fahr weiter!« - -»Wohin?« fragte der Kutscher. - -»Geradeaus!« - -»Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straßenecke: also rechts -oder links?« - -Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In -seiner Lage wäre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium -zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort -gehörte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst -wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase -angestellt war, wäre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den -eigenen Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für diesen Mann -nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer -Lüge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen, -als er behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte -dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Präsidium -fahren, als ihm der Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei -ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den günstigen -Augenblick benutzen und die Stadt verlassen könnte; -- und dann wären -alle Nachforschungen überflüssig gewesen, oder sie konnten sich, was -Gott verhüten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab -ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschloß, direkt -nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine -Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrücken zu lassen, -damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen oder ihm doch -wenigstens die Wohnung dieses Räubers mitteilen konnten. - -Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl er dem Kutscher, nach -der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete während der ganzen -Fahrt unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen Fäusten und -schrie: - -»Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!« - -»Aber, Herr!« antwortete nur immer kopfschüttelnd der Kutscher und -schlug mit dem Zügel über den Rücken des Pferdes, das so behaart war wie -ein Bologneserhund. - -Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines -Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schäbigen Frack und mit -einer Brille hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den -Zähnen hielt und Kupfergeld zählte. - -»Wer nimmt hier Annoncen an?« schrie Kowalew; »doch ich bitte um -Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!« - -»Guten Morgen!« sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um -seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden. - -»Ich möchte ein Inserat aufgeben ...« - -»Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen,« fuhr der -Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und -mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob. - -Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, dem man seine -lange Dienstzeit in aristokratischen Häusern anmerkte, stand mit einem -Zettel vor dem Tisch und hielt es für angebracht, auf seine -gesellschaftliche Bildung hinzuweisen. - -»Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser kleine Hund keine acht -Groschen wert ist; ich für meine Person würde nicht acht Pfennig für ihn -geben. Aber die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der -Tat an, -- deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In -aller Höflichkeit sei's gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen -der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal -Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder -einen Pudel; dafür kann man ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel -anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.« - -Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen mit einer sehr -bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen ruhig die Buchstaben des -Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine -Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit -Zetteln in der Hand angesammelt. - -Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, der sich sehr gut -geführt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war, -aus einem andern, daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris -bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjähriges -Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten -verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne -Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten -Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen Rüben- und -Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehör (zwei Pferdeställen, -nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald -anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte Sohlen -zu verkaufen hätten, und luden täglich von 8 bis 3 Uhr zu deren -Besichtigung ein. - -Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und -infolgedessen war die Luft in ihm äußerst dumpf; allein der -Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war -mit einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich Gott weiß wo --- - -»Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ...« sagte er -endlich ungeduldig. - -»Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch -eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!« sagte der alte Herr, -indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf. - -»Was wünschen Sie?« sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte. - -»Ich bitte Sie,« sagte Kowalew ... »es handelt sich um eine schier -unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nicht, -wie sie bloß passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu -wollen, daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute -Belohnung erhalten soll.« - -»Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?« - -»Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmöglich, ihn zu nennen. -Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der -Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, -die einen höheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erführen ... Gott -behüte! Sie können ganz einfach schreiben: >Ein Kollegien-Assessor< oder -noch besser: >Ein Major<.« - -»Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?« - -»Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große Gemeinheit! Nein, -mir ist ... die Nase ausgerückt! ...« - -»Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie -Herr Nase bestohlen?« - -»Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist -es, die verschwunden ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir -einen Streich spielen wollen!« - -»Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts -von alledem!« - -»Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei -dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sie jetzt in der Stadt -herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte -ich Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne -Verzug zu mir bringen möge. Sagen Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne -diesen Körperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehört, -existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn -man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken. -Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa; -Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines höheren -Offiziers und Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute -Bekannte von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien -Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen -kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmöglich, mich irgendwo zu -zeigen.« - -Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die Lippen zusammenkniff. - -»Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!« sagte er endlich -nach längerem Stillschweigen. - -»Wie? -- Weshalb nicht?« - -»Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren könnte. Wenn jemand -schreibt, daß ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne -dies wird schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten und -Lügen gedruckt werden!« - -»Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz -klar und ....« - -»Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns vorige Woche passiert -ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein -Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem -Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekündigt. Sie -werden einwenden: >Ich kann keine Ähnlichkeit mit meinem Fall -entdecken!< Aber es stellte sich bald heraus, daß das lediglich eine -Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines -Geschäftes gemeint.« - -»Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner -eigenen Nase; hören Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir -selbst suchte!« - -»Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!« - -»Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?« - -»Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe -gehört, daß einige von ihnen eine große Geschicklichkeit in der -Herstellung künstlicher Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung, -daß Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen -Scherz erlauben!« - -»Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es -nicht anders geht, daß ich es Ihnen demonstriere!« - -»Warum diese Aufregung?« fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. -»Aber schließlich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert,« fügte er -neugierig hinzu, »ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!« - -Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort. - -»In der Tat, das ist äußerst sonderbar!« sagte der Beamte. »Die Stelle -ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt, --- es ist schier unglaublich!« - -»Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, daß -Sie mein Inserat unmöglich nicht aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür -zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darüber, daß -diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft -zu machen.« - -Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab. - -»Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich keine Schwierigkeit,« -sagte der Beamte; »nur sehe ich darin keinen Vorteil für Sie. Sie -sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren -Fall als Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in der »Biene -des Nordens« -- hierbei nahm er eine Prise -- »zur Belehrung der Jugend« --- hierbei schneuzte er sich -- »oder noch besser zur allgemeinen -Unterhaltung veröffentlichen könnte.« - -Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick -auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein -Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen -Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um -einen blauen Zettel hervorzuholen -- denn nach seiner Meinung mußten die -höheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen --; aber der Gedanke an -seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen. - -Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit Kowalew, der sich in -einer höchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt, -seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen -Worten seine Teilnahme auszusprechen: - -»Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein solches Mißgeschick -widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt -die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein -unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!« - -Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den -Deckel, der mit dem Porträt einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr -geschickter Weise wegschob. - -Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner -Geduld. - -»Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen können!« sagte er -zornig. »Sehen Sie denn nicht, daß mir augenblicklich gerade der -Körperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist? -Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr -sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern -echter Rapé wäre.« - -Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau und begab -sich aufs Polizei-Kommissariat. - -Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade -gähnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: »Ich würde jetzt -mit großem Vergnügen noch ein paar Stündchen schlafen.« - -Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts -weniger als gelegen kam. - -Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von allen möglichen -Kunstgegenständen; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen -geschmückten Schein allen andern Dingen vor. - -»Das ist ein Stück,« sagte er oft, »wie es nirgends ein besseres gibt: -es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, läßt sich bequem in die -Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.« - -Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung fallen, daß die -Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung -amtlicher Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst darauf -hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man -gegessen habe -- woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die -Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz -unbekannt waren --, und daß ein ordentlicher Mann seine Nase nicht -verliere. - -Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste. - -Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur -war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, doch niemals -vergab er einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende -Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken alle üblen -Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere durchgehen ließ, aber niemals -ein Wort, das sich gegen die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des -Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er kopfschüttelnd -und im Bewußtsein seiner Würde die Hände erhob und erklärte: - -»Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu -erwidern habe.« - -Und damit ging er. - -Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären seine Beine -abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm -nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr -schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten -schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rücken lag, sich -damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit großer -Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche -Gleichgültigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem -Hut auf die Stirn und schrie ihn an: - -»Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!« - -Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte schleunigst herbei, um -ihm seinen Mantel abzunehmen. - -Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen -Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte: - -»Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglück verdient? -Hätte ich eine Hand oder einen Fuß verloren -- das wäre noch nicht so -schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel -was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der das Bürgerrecht -verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum -Fenster hinauswerfen möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder -im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens selbst -verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung -zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmöglich!« -- fügte er -nach kurzem Nachdenken hinzu --, »es ist ganz unglaublich, daß eine Nase -so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich. -Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht -habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein -ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe. -Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so -habe ich ihn gewiß ganz ahnungslos heruntergegossen.« - -Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so -heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz -überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig -handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit -den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch -vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen -Schritt zurück und murmelte: - -»Die reinste Karikatur!« - -Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf -verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! -- -aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem -eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände -an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am -ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem -Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne -begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging -er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun -offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, -lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er -wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde -Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen. - -Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde -beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe -einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, -daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein -sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch -hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie -auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen. -Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend -einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell -geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden. - -Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau -Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu -ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen. - -Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört, -der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer -eine Kerze angezündet hatte. - -Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und -bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es, -sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich -noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht -das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar -entstellt sah. - -Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine -unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte: - -»Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?« - -»Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,« sagte dieser, -indem er eiligst die Tür öffnete. - -Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, mit einem nicht -all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen, -derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke -getroffen haben, trat ein. - -»Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?« - -»In der Tat!« - -»Sie ist soeben gefunden worden.« - -»Was sagen Sie da?« schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn -sprachlos. - -Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen -und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden. - -»Auf welche Weise?« fragte er endlich. - -»Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer -Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um -nach Riga zu fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. Und -das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für einen Herrn gehalten -habe; aber ich setzte glücklicherweise meine Brille auf und erkannte -sogleich, daß es eine Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich -kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, daß -Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch -sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch -nicht mehr als ich.« - -Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen. - -»Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.« - -»Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie sie sehr nötig haben, -habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwürdigste ist, daß der -Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus -der Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam -sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und -Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit -Knöpfen entwendet. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.« - -Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase -hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt war. - -»Ja, das ist sie!« schrie Kowalew. »Das ist sie und keine andere! -Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?« - -»Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, aber das -ist mir leider unmöglich. Ich muß mich von hier aus sofort in ein -Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel -entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner -Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein Ältester -berechtigt zu den schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht -intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete -Erziehung zu geben ...« - - * * * * * - -Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand -sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung; -einen Moment lang konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche -Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene -Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hände und schaute sie noch einmal -mit großer Aufmerksamkeit an. - -»Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!« sagte er. »Hier auf der -linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...« - -Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen. - -Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald läßt die Freude -nach und, während Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell -einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten -Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines -im Wasser erzeugt, allmählich in der glatten Oberfläche zerrinnt. - -Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, und begriff, daß sein -Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt -mußte man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und -befestigen. - -»Wenn sie nun nicht halten wird?« - -Bei diesem Gedanken erbleichte der Major. - -Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er an den Tisch und -ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine -Hände zitterten. Mit großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie -wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt -nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, erwärmte sie mit seinem Atem -und brachte sie von neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen -beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten! - -»So sitz doch, du Rindvieh!« sagte Kowalew zu ihr. - -Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht -sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes -Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen. - -»Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?« -sagte er voller Schrecken. - -Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehörte, -- aber -auch dieses Mal ohne Erfolg. - -Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der -schönsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt -war ein Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über ein Paar -herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau. -Schon am frühen Morgen pflegte er frische Äpfel zu essen. Als besondere -Eigentümlichkeit wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen, -die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er spülte ihn nach dem -Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zähne -mit fünf verschiedenen Bürstchen. - -Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten. - -Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war, -seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, faßte er den Major am Kinn und -gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase -befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der Major mit dem -Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der -Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von -der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befühlte ihn -und ließ dann ein gedehntes »Hm« vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch -einen Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr wie ein Pferd, -dessen Zähne man untersucht. - -Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte: - -»Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf -sich beruhen, sonst könnte es noch schlimmer werden. Gewiß kann man die -Nase wieder befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das -unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es -dann noch schlimmer werden kann.« - -»Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?« -sagte Kowalew. »Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll -doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit -einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich muß doch meine guten -Beziehungen pflegen, heute abend muß ich sogar noch zwei Besuche -abstatten. Ich bin mit vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B. -mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die -Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach -dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie -mir den Gefallen,« fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, »setzen Sie -sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut -aussieht, die Hauptsache ist, daß sie hält; in gefährlichen Situationen -könnte ich sie ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich auch -garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, daß sie sich durch -eine unvorsichtige Bewegung ablösen könnte. Und was das Honorar für -Ihren Besuch anbetrifft, so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es -mir meine Mittel gestatten ...« - -»Glauben Sie mir,« sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht -allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem und eindringlichem -Tone, »daß ich meine Kunst niemals um des schnöden Mammons willen -ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen meinen Beruf. Ich -nehme gern eine Vergütung für meinen Besuch an, aber einzig und allein, -um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß kann ich Ihre -Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es -mir so nicht glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. Lassen -Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle -recht häufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, daß Sie sich -ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich -Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit Spiritus aufzubewahren -oder noch besser zwei Suppenlöffel Branntwein und heißen Essig in den -Rezipienten zu tun, -- auf diese Weise könnten Sie viel Geld für sie -erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu -teuer sind!« - -»Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich sie verkaufen!« rief -der Major Kowalew verzweifelt aus; »lieber will ich sie vernichten!« - -»Entschuldigen Sie,« sagte der Arzt und erhob sich; »ich wollte Ihnen -nur nützlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich -von meinem guten Willen überzeugt.« - -Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verließ der Arzt -das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und -in seiner tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen -Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen Frackes -hervorleuchtete. - -Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die Klage gegen Frau -Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie -seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte. - -Dieser Brief lautete folgendermaßen: - - »Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna! - - Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise zu - begreifen. Seien Sie überzeugt, daß Sie hierdurch nichts gewinnen - und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. - Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle, - dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr - spielen, von allem andern zu schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr - plötzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre - Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in - natürlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die - Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich - inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht - zu haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte die in Frage - kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden, - mich gezwungen sehen würde, den Beistand und Schutz der Gerichte - anzurufen. - - Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzüglichen - Hochachtung - - Ihr ergebener Diener - Platon Kowalew.« - - »Geehrter Herr Platon Kusmitsch! - - Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen versetzt. Ich - gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie so ungerechte Vorwürfe - erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Beamten, von - dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir - empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch - Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner - Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nüchternen - Lebenswandel und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch - keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase. - Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich die Absicht habe, Ihnen eine - Nase zu drehen statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber - nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl - wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie - gegenwärtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl - zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil - werden zu lassen. Damit wäre in der Tat einer meiner innigsten - Wünsche erfüllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets - - Ihre gehorsame Dienerin - Alexandra Podtotschina.« - -»Nein!« sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, »sie ist -sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! Solch einen Brief kann nie -und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen -hat.« - -Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon -mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut -worden. - -»Wie mag es nur geschehen sein?« fragte er sich immer wieder. »Hol's der -Teufel!« - -Und er ließ resigniert die Hände sinken. - -Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem -außergewöhnlichen Ereignis verbreitet -- und zwar, wie es ja Brauch ist, -nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser -Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher -hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen -Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die -Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu -sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase -des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden -Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger -strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase -hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die -Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen -Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst -würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der -Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten -pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden -aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein -Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D. -erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel -anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber -zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der -Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer -Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen -Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und -Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet -- ein Bild, das schon -seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort, -indem er ärgerlich sagte: - -»Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche -Gerüchte auf die Beine bringen? ...« - -Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew -garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten -herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon -Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses -seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden -einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat -den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch -ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche -Erklärung hinzuzufügen. - -All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei -keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu -zerstreuen -- und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an -Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine -Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all -diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe -nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde -Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die -Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr -gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für -wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten -mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten. -Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in -einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder -nichts bekannt. - - - III. - -Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft -passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe -Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der -ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz -unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden -Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April. - -Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah, -erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, -- -wahrhaftig, es war seine Nase. - -»Mein Gott!« sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer -barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. -Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal -im Spiegel -- aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich -mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, -- aber -die Nase war noch immer da! - -»Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf -der Nase,« sagte er und dachte indessen bei sich: - -»Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: >Nein, Herr, -Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt -keine Nase!<« - -Aber Iwan bemerkte: - -»Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.« - -»Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!« sagte der Major im -stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln. - -In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im -Türrahmen -- furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und -dafür Prügel bekommmen hat. - -»Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?« schrie ihm Kowalew -schon von weitem entgegen. - -»Gewiß sind sie sauber!« - -»Du lügst!« - -»Bei Gott, sie sind sauber, Herr!« - -»Na, dann mal los!« - -Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um. -In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen -mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren -Namenstagen den Gästen servieren. - -»Da schau her!« sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich -die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von -der Seite zu prüfen, »wahrhaftig sie sitzt tadellos!« -- und noch lange -betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und -Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei -Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen. - -Das war Iwan Jakowlewitschs System. - -»Achtung!« schrie Kowalew. - -Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte -wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer -Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln; -obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen -durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem -Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn -sein Geschäft glücklich zu Ende. - -Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr -schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er -dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte -gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase -war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer -Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer -war als ein Westenknopf. - -Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um -die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines -Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in -den Spiegel, -- die Nase war noch immer da! - -Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls -Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen -Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte: - -»O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!« - -Und er dachte sich unterwegs: - -»Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das -das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.« - -Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken. - -»Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!« murmelte Kowalew. - -Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren -Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde -mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit -mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich -mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich -dachte: - -»Da habt ihr's! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran, -mich mit deiner Tochter zu verheiraten! _Par amour_ -- na, meinetwegen! -Das ginge noch allenfalls.« - -Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem -Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn -nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr -an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major -Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit -leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man -ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem -Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht -Ritter eines Ordens. - -Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres -großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer -Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß -es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an -verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, -- wie -konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung -nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen -Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine -Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen -Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht! - -Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan -Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen; -wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch -unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche -Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz -unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein -Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen, -und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich -weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat. - -Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch -eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich, -wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich -über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens _etwas_ davon -bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der -Welt vor -- wenngleich höchst selten, aber sie _kommen_ vor. - - - Das Porträt - - - Erster Teil. - -Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der -Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst -mannigfaltige Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die Bilder waren -meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem Lack gefirnißt und mit -dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit -weißen Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend, -ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der -eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen ähnlich sieht: das -sind gewöhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu kamen noch -einige gestochene Abbildungen: ein Porträt von Chosrev-Mirsa in einer -Hammelfellmütze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und -krummer Nase. Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen -Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind und von der -instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war -die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt -Jerusalem zu sehen, über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände -ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde -und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhüllte. Für -diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch -ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon -sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für seinen Herrn in der Hand -hält, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben -wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter -Soldat, dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser -feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die -Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre -Zeigefinger darauf zu drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit -ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis -auf die Karikaturen übereinander lustig, alte Lakaien in Friesmänteln -schauen sich diese Dinge an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen -müssen, und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen -instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was denn das Volk wieder -zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk -anschaut. - -Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, der gerade die -Passage passierte, unwillkürlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel -und der nicht sehr sorgfältige Anzug ließen in ihm einen Menschen -erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und -keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, die doch gerade für -die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er -blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese -greulichen Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche -Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem diese Machwerke -wohl von Nutzen wären. Daß das russische Volk von diesen Jeruslanen -Lazarewitschen, diesen Freß- und Saufhelden, sowie von dem Foma und -Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die -abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus verständlich. Aber wo -sind die Käufer für diese bunten, schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten -diese flämischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die -bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der Kunst -erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt -wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder -eines Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen -Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen. -Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose, -greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmächtig in die Reihen der -Künste drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten -Handwerken ihren Platz hatte, -- eine Talentlosigkeit, die übrigens -ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst -importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand, -die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem -Menschen! ... - -Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schließlich gar -nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des -Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit -Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den -Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und -was er kaufen wollte. »Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine -Landschaft, will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie sich doch -nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind -eben erst aus der Börse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht -trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn -Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber auch ein -rechter Winter!« Hierbei schnellte der Händler mit den Fingerspitzen -leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Güte des Winters -recht zu betonen. »Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde und zu -Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen -Bindfaden her!« -- »Wart, Bruder, nicht so schnell!« sagte der endlich -zu sich kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler sich im -Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich, -nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten -hatte, und er sagte: »Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort -etwas für mich finde.« Und er bückte sich und fing an, die auf dem -Fußboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten -Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen. -Da waren altertümliche Porträts von Ahnen, deren Nachkommen man in der -Welt sicher nirgends hätte finden können -- unbekannte Bilder, deren -Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte, -allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu -untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: »Vielleicht -findet sich doch noch etwas darunter!« Er hatte mehr als einmal gehört, -wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem Kram Gemälde großer Meister -fand. - -Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, ließ -seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewöhnlichen -Stellung und gebührenden Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten -an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. »Hierher, -Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein! -Soeben von der Börse importiert!« Er schrie sich tot, aber meistenteils -ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit dem -Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der Türe seiner Bude -stand, und erinnerte sich schließlich, daß er noch einen Käufer im Laden -hatte; sofort wandte er den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich -hinein. »Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?« Aber der -Künstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Porträt in einem großen -Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch -die Spuren der Vergoldung glänzten. - -Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen Gesicht und -hervorstehenden Backenknochen. Seine Züge schienen einen Augenblick von -einer krampfhaften Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie -nordische Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. Er -war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie schmutzig und -beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die -Spuren der Arbeit eines großen Künstlers, nachdem es ihm gelungen war, -den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht ausgeführt -zu sein, aber die Kraft der Pinselführung war eine überwältigende. -Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Künstler schien seine -ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie -starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt heraus und -zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare -Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an die Tür gebracht hatte, -blickten ihn die Augen noch stärker an. Fast denselben Eindruck machten -sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben -war, rief: »Er starrt, er starrt mich an!« und wich zurück. Eine -unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte sich -seiner, und er stellte das Bild auf den Boden. - -»Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!« meinte der Ladenbesitzer. - -»Und was kostet es?« fragte der Künstler. - -»Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fünfundsiebzig -Kopeken!« - -»Nein.« - -»Na, was geben Sie?« - -»Zwanzig,« sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte. - -»Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist -ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? -Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu. -Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken. -Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer -sind.« -- Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen -schien: »Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!« - -So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und -er dachte sich: »Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?« Aber es -blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der -Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und -trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig -Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine -Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der -gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. »Hol's der -Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!« dachte er wie jeder Russe, -dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen -Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden -Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die -dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach -bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der -kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von -Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller -Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem -durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei -entschlüpften seinem Munde die Worte: »Was für ein zarter Ton!« »Wie -ärgerlich! Hol's der Teufel!« Und während er sich das Porträt bequemer -zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt, -beschleunigte er seine Schritte. - -Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung -in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte -er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und -Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand -antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das -Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich -hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies -war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den -Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen -pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte -während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu. -Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das -infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür -geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten -Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im -allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben, -begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen -quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei -künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen -und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen -liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den -Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei -andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht -behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe, -die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit. -Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine -schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter -aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, -soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht -hatte, fragte er endlich nach einer Kerze. - -»Wir haben keine Kerze mehr!« sagte Nikita. - -»Weshalb nicht?« - -»Es war doch schon gestern keine da,« sagte Nikita. Der Künstler -erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab, -beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog -hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an. - -»Der Wirt ist wieder dagewesen!« fuhr Nikita fort. - -»So! Er kam wegen des Geldes!« meinte der Künstler mit wegwerfender -Miene. - -»Aber er war nicht allein da,« sagte Nikita. - -»Wer denn noch?« - -»Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.« - -»Wozu denn ein Polizeibeamter?« - -»Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt -ist.« - -»Nun, und was soll daraus werden?« - -»Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen -will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.« - -»Mögen sie nur kommen!« sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit, -und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner. - -Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen -Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein -Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen -Drang, der Natur nahe zu kommen. »Sieh, sieh, Bruder,« sagte ihm mehr -als einmal sein Professor, »du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du -es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas -lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen, -alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du -willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus -dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt -etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng -und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest -schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben, -was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du -nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die -große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine -stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich -weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der -Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm -Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder -Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen -... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.« - -Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der -Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem -Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei -alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn -er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht -anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack -wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels, -doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen, -er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der -vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder -verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn -hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem -Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so -durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte -Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die -Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer -geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich -die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit -Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn -er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, -der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch -gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben -allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes -Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von -seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß, -sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine -Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der -aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von -ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in -angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar -mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im -Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu -ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage. - -»Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!« wiederholte er verdrießlich; »aber -schließlich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich -denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir -niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen -wollte, so würde man mir doch für sie alle zusammen noch keine zwanzig -Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich fühle -es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich -etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ... -und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und -wer, der nicht zufällig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mögen? -Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser -Naturstudien oder gar meiner unbeendigten »Psyche«? Wen interessiert -dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Porträt meines Nikita, wenn -es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers? -Und weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und plage ich mich, wie -ein Schüler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berühmt sein, als die -andern und gleich ihnen Geld verdienen könnte.« - -Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler plötzlich. Ein -krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn von der Leinwand her -- sich -weit vorbeugend -- an; zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn, -als ob sie ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten zu -wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er aufschreien und Nikita -rufen, der bereits in seinem Vorzimmer schnarchte wie ein zweiter -Polyphem. Aber plötzlich blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der -Angst verließ ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte Porträt, -das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, in den das ganze Zimmer -getaucht war, beleuchtete auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare -Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu reinigen. Er -benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr einige Mal mit ihm über die -Fläche, wusch den dicken und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz -herunter, hängte es vor sich an die Wand hin und war über dieses -ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. Das ganze Gesicht -schien Leben zu bekommen und die Augen blickten ihn so an, daß er -erzitterte, zurückwich und ganz verdutzt sagte: »Er sieht mich an, er -blickt mich mit Menschenaugen an!« Tschartkow mußte plötzlich an eine -Geschichte denken, die er einmal von seinem Professor über ein Bildnis -des berühmten Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das der -große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet hatte, doch -noch immer für unvollendet ausgab, und das nach Vasaris Worten dennoch -von allen für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk erklärt -wurde. Am hervorragendsten waren daran die Augen, die in höchstem Maße -die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten, -kaum sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die Leinwand -gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm hängenden Porträt, war es -noch sonderbarer. Das war keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie -des Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es schien, als wären -sie einem lebenden Antlitze entnommen und in dieses Bildnis eingesetzt. -Das hatte nichts mehr mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele -angesichts eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich auch der -dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers bemächtigte sich -vielmehr nur ein krankhaftes quälendes Gefühl. - -»Was ist das?« fragte sich der Künstler unwillkürlich. »Das ist doch in -der Tat Natur, lebendige Natur! Woher also dieses seltsame, unangenehme -Gefühl? Oder wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich -schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer Ton? Oder -erscheint der Gegenstand, wenn man gefühllos, gleichgültig, ohne innere -Anteilnahme an ihn herantritt, stets nur in seiner abschreckenden -Wirklichkeit -- ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen, -überall verborgenen Gedankens? -- in jener Wirklichkeit, die sich -offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen Messer bewaffnet, einem -Menschen nahn, in der Erwartung, etwas Herrliches zu schaun, sein -Inneres bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum erscheint -denn die einfache gemeine Natur bei einem Künstler in einer gewissen -Verklärung -- und man erhält keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es -scheint einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und alles fließt -und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger um einen herum. Und warum -erscheint ebendieselbe Natur bei einem anderen Künstler niedrig und -schmutzig, während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt ihm eben -das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine Landschaft, so herrlich sie -auch sein mag, doch unvollkommen erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie -erleuchtet.« - -Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese wunderbaren Augen zu -betrachten, und sah wieder mit Entsetzen, daß sie ihn wirklich -anstarrten. Das war keine Kopie nach der Natur mehr, das war jene -entsetzliche Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen -Toten Leben gegeben hätte. War es der Mondschein, der Wahngebilde und -Träume mit sich brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als das -nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas anderes die Ursache? Es -wurde ihm -- er wußte selbst nicht warum -- ängstlich und bang zumute, -er fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat leise vom -Porträt zurück, wandte sich nach der andern Seite und bemühte sich, es -nicht anzublicken; inzwischen aber schielte sein Auge dennoch ganz wie -von selbst unwillkürlich nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm sogar -die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß, Unruhe. Es war ihm, -als folgte ihm immer jemand, und jedesmal sah er sich scheu um. Jede -Feigheit lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und seine Nerven -waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend konnte er sich seine -instinktive Furcht selbst nicht erklären. Er setzte sich in eine Ecke, -aber auch hier hatte er das Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die -Achsel in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das aus dem -Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine Angst zu verscheuchen. -Endlich erhob er sich zaghaft, ohne die Augen zu erheben, von seinem -Platze, begab sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein -Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte Zimmer und das -ihm gerade gegenüber an der Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer -heftete es jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand anders -als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein Lager zu verlassen, er -ergriff ein Laken, trat an das Porträt heran und hüllte es in das -Betttuch ein. - -Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig wieder zu Bett und -begann über die Armut, über das erbärmliche Schicksal des Künstlers, -über den Dornenweg, der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken, -unterdessen aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte der -spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten Porträt. Der -Mondenschein ließ das Weiß des Lakens noch heller erscheinen, und es kam -Tschartkow so vor, als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch -das Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte er sich -davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion handelte. Aber jetzt ... -tatsächlich ... jetzt steht es vor ihm ... er sieht es, sieht es ganz -klar. Das Laken ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei da -und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an, späht geradezu in sein -Inneres hinein. Es wurde ihm kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit -einem Male, wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden Händen -auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und beide Beine herausstreckend, -aus dem Rahmen springt. Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch -ein leerer Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im Zimmer wider und -näherten sich immer mehr dem Schirme. Das Herz des armen Künstlers -begann stärker zu pochen. Während er vor Angst kaum zu atmen wagte, -schien er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den Kopf nach ihm -hinter den Schirm strecken würde. Und in der Tat, jetzt beugte sich sein -bronzefarbenes Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn. -Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte jedoch, daß ihm -der Ton in der Kehle stecken blieb; er versuchte sich zu rühren, irgend -eine Bewegung auszuführen. Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst. -Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete er dieses furchtbare, -hochgewachsene, in ein weites asiatisches Gewand gehüllte Phantom und -wartete ab, was es tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des Lagers -nieder und zog etwas aus den Falten seines Kleides hervor. Es war ein -Geldbeutel. Er schnürte ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln, -schüttelte ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere Rollen, die -wie längliche Säulchen aussahen, auf den Boden; jede war in blaues -Papier eingeschlagen und trug die Aufschrift: »Tausend Dukaten«. Seine -langen knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend, begann -der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm das Gold entgegenglänzte. -Mit wie tödlicher Qual auch der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er -war doch von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und beobachtete -unverwandt, wie die knochigen Hände es aufrollten, wie es glänzte, fern -und dumpf klirrte und wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich -bemerkte er eine Rolle, die abseits von den anderen unter sein Bett -gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie und spähte voller Furcht -danach, ob sie der Alte nicht etwa vermißte. Der Greis schien jedoch -sehr beschäftigt zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte -sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, hinter der -spanischen Wand hervor. Tschartkows Herz schlug heftig, als er hörte, -wie sich die Schritte im Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten. -Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem Drucke und -erzitterte am ganzen Körper, als er plötzlich vernahm, wie sich die -Schritte wieder dem Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr -geworden, daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er denn auch zu ihm -hinter die Wand. Voller Verzweiflung hielt der Künstler die Rolle -krampfhaft in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, sich -zu bewegen, schrie auf und erwachte. - -Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. Sein Herz schlug so stark, -wie es nur schlagen konnte. Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie -den letzten Atemzug getan hätte. »War es denn wirklich ein Traum?« sagte -er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf faßte. Aber die -furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung widersprach dieser Annahme. -Hatte er doch, nachdem er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in -den Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten Gewandes -flatterte noch vor ihm her, und seine Hand spürte deutlich, daß sie noch -vor einer Minute irgend einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der -Mondschein überflutete das Zimmer und ließ bald eine Staffelei, bald -eine fertige Haube, bald eine auf dem Stuhl vergessene Draperie, bald -ein Paar ungeputzte Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst -jetzt bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern dicht vor -dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand. Wie er hierhin gelangt war, -das konnte er sich auf keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn -der Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war -- das Laken -fehlte tatsächlich! -- Regungslos und voller Angst starrte er es an und -sah, wie sich zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn -richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er wollte fliehen, -fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt waren. Und nun sieht er -- -es ist kein Traum! -- wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen und -seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als wollten sie sich an ihn -festsaugen. Mit einem Schrei der Verzweiflung sprang er zurück und -erwachte. - -»War auch das nur ein Traum?« fragte er sich und tastete mit den Händen -um sich, während sein Herz zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch -genau in jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. Vor ihm -stand der Schirm, das Zimmer war vom Mondschein erfüllt, und durch den -Spalt der spanischen Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken -verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt hatte. -Folglich hatte er wieder geträumt; aber die geballte Faust hatte noch -immer die Empfindung, daß sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz -klopfte stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf seiner -Brust, war unerträglich. Er spähte durch den Spalt und betrachtete -unverwandt das Laken. Und nun sieht er klar und deutlich, wie dieses -allmählich heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten -und sich bemühten, es abzustreifen. »Herr Gott, was ist denn das?« rief -er voller Verzweiflung, bekreuzigte sich und erwachte. - -War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, besinnungslos aus -dem Bett, unfähig, zu begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen -war: ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder eine lebendige -Erscheinung ihn gequält hatte. In der Absicht, die seelische Erregung -und das stürmende Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu -stillen, trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter Windstoß -von außen her brachte ihn wieder zu sich. Der Mond bestrahlte noch immer -die Dächer und die weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine -Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still. Nur selten drang das -ferne Rasseln einer Mietsdroschke an das Ohr, deren Kutscher, in -Erwartung eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre -eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. Lange schaute -Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon zeigten sich am Himmel die -Anzeichen der nahenden Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu -schlafen, er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins Bett -und schlief bald fest ein wie ein Toter. - -Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme Gefühl, das einen -Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung überfällt. Sein Kopf schmerzte -ihn heftig. Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme Feuchtigkeit -erfüllte die Luft und drang durch die Spalten seiner Fenster, die mit -Bildern oder grundierten Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und -unzufrieden wie ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen -verschlissenen Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun -sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum. Dabei wirkte -dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, daß er sich sogar dem Argwohn -hingab, vielleicht hätte ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder -eine Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, -- etwa eine -Vision. Er schob das Laken zurück und betrachtete nun dieses -schreckliche Porträt beim hellen Tageslicht. Die Augen wirkten in der -Tat durch ihr ungewöhnliches Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er -nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner Seele eine -unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung zurück. Trotzdem aber -wollte er nicht recht daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen -war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein entsetzliches -Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das Gefühl, als ob ein Etwas im -Blick und im Gesichtsausdruck des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese -Nacht bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den Druck, wie wenn -eine andere sich erst kurz vorher von ihr losgerissen hätte, und er kam -zur Überzeugung, daß die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner -Hand gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte. - -»Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses Geldes gehörte!« sagte er, -indem er tief aufseufzte, und er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit -der verlockenden Aufschrift »Tausend Dukaten«, die er im Traum erblickt -hatte, aus dem Beutel herausfielen. Sie öffneten sich, das Gold glänzte -und funkelte vor seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er -aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in die leere Luft -starrend, völlig unfähig, sich von diesem Gegenstande loszureißen, wie -ein Kind, das vor einer süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser -im Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von anderen verzehrt wird. - -Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was ihn wieder auf -unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurückversetzte. Der Wirt trat -ein, und mit ihm der Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine -Leute bekanntlich noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines -Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen Hauses, in dem -Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, die irgendwo in der 15. Linie -der Wassilij-Insel, im Petersburger Viertel oder in einer entfernteren -Ecke von Kolomna ein Häuschen besitzen -- ein Geschöpf, deren es in -Rußland noch viele gibt und deren Charakter ebenso schwer zu bestimmen -ist, wie die Farbe eines abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er -Hauptmann der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, war aber -auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: ein Meister im Prügeln, -behend, geckenhaft und dumm; nun aber, wo er alt geworden war, -vereinigten sich alle diese hervorstechenden Eigenheiten zu einer -gewissen undeutlichen Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und hatte -schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte er sein Äußeres, -er prahlte nicht mehr so unverschämt, war nicht mehr so arrogant und -liebte es nur, Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn -zusammenzuschwatzen; er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte die -Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats seine Mieter -wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem Schlüssel in der Hand auf die -Straße hinaus, um einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, und -vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer, in der dieser -gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit einem Wort, es war einfach ein Mann -im Ruhestande, der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen -er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen mußte, nichts -zurückbehalten hatte als ein paar platte Gewohnheiten. - -»Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!« meinte der Wirt, indem er -sich an den Polizeikommissar wandte und mit den Armen eine bezeichnende -Geste vollführte; »er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal -nicht!« - -»Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld habe? Warten Sie doch nur, -ich werde schon bezahlen!« - -»Ich kann nicht warten, Väterchen,« erwiderte der Wirt heftig und -klopfte mit dem Schlüssel, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Der -Oberstleutnant Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem Hause; -Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine Scheune und einen Stall für -zwei Pferde abgemietet: eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen -Sie, was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir ist es nicht -Sitte, daß man mir den Zins schuldig bleibt. Wollen Sie sofort das Geld -bezahlen und dann die Wohnung räumen.« - -»Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann müssen Sie auch -zahlen,« meinte der Polizeikommissar, indem er leicht den Kopf -schüttelte und den Zeigefinger zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes -steckte. - -»Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch eben die Frage. Ich -verfüge jetzt noch nicht über einen Pfennig.« - -»In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch durch die Erzeugnisse Ihrer -Kunst sicherstellen,« meinte der Kommissar. »Er wird vielleicht damit -einverstanden sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.« - -»Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder! Wären es noch Gemälde -von vornehmem Inhalt, so daß man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa -ein General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten Kutusow! Aber -da malt er sich hier einen Bauern im Hemde hin, seinen Diener, der ihm -die Farben reibt! Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde ihm -den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus den Riegeln -herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen Sie nur, was für Gegenstände er sich -wählt. Da malt er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere, -aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier gemalt ist! Mit dem ganzen -Schmutz und Dreck, der überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das -Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. Bei mir wohnen die -Mieter sieben Jahre lang, ein Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna -Petrowna ... Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen -schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie ein Schwein! ... -Einfach wie ein ..., Gott soll mich davor bewahren!« - -Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören. Der -Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen mit der Prüfung der Bilder -und Skizzen und bekundete hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte -als der Wirt, und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz -unempfänglich war. - -»He,« sagte er, während er mit dem Finger gegen eine Leinwand klopfte, -auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, »dieser Gegenstand ist -ja recht pikant, ... und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so -schwarz unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? Wie?« - -»Das ist ein Schatten!« antwortete Tschartkow herb und ohne ihn -anzusehen. - -»Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen! Unter der Nase fällt es -doch gar zu sehr auf,« sagte der Kommissar. »Und wessen Porträt ist dies -hier?« fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises näherte. »Der -ist ja entsetzlich! War er denn wirklich so schrecklich? Mein Gott, der -starrt einen ja geradezu an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert! -Wer hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?« - -»Ach, das ist ein ...,« sagte Tschartkow, doch er sprach den Satz nicht -zu Ende. - -Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar hatte offenbar infolge des -ungeschlachten Baues seiner polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu -fest angepackt. Die Leisten an der Seite waren eingedrückt, die eine -fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend eine in blaues Papier -gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift »Tausend Dukaten« sprang -Tschartkow in die Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie -aufzuheben, ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft mit einer -Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte. - -»Es klang doch hier wie Geld!« sagte der Kommissar, der etwas Klirrendes -hatte auf den Boden fallen hören und den die Schnelligkeit, mit der -Tschartkow herbeistürzte, daran hinderte, genau zu erkennen, was es war. - -»Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie zu wissen, was ich hier -habe?« - -»Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem Wirt sofort die Miete zahlen -müssen! Weil Sie Geld haben, aber nichts zahlen wollen!« - -»Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!« - -»Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher bezahlen? Wozu mußten -Sie den Wirt beunruhigen und die Polizei belästigen?« - -»Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich werde ihm heute abend -alles bezahlen und sofort die Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen -Wirte nicht mehr bleiben will.« - -»Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen alles bezahlen,« sagte der -Kommissar, sich an den Wirt wendend. »Wenn es sich jedoch herausstellt, -daß Sie heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann sollte es -mir sehr leid tun, Herr Maler!« - -Sprach's, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum Flur hinaus. Der Wirt -folgte ihm mit gesenktem Kopf und anscheinend etwas nachdenklich auf dem -Fuße. - -»Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!« sagte Tschartkow, als er -hörte, daß die Tür des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte. -Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz -allein zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, nachdem er -wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die -Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die -alle ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer funkelten! -- Wie -wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer -wieder: »Ist das alles nicht doch nur ein Traum?« Die Rolle enthielt -genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig denen, die er im -Traum gesehen hatte. Einige Minuten wühlte er prüfend in ihnen herum und -konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten -plötzlich alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern -auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht -ihres zukünftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: »Vielleicht -hatte auch in diesem Falle irgend ein Großvater den Einfall, seinem -Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines -Familienporträts verbarg.« Voll von romantischen Vorstellungen fing er -sogar an, darüber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall -und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht -gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft wäre, und ob es -nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, daß er -es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An -einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt und unmerklich -von einem Brettchen verdeckt wurde, daß die Dukaten hier bis in alle -Ewigkeit ungestört verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des -Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete das Porträt -und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche -Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor, -ließen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefühl in seinem Innern -zurück. »Nein,« sagte er zu sich selbst, »wessen Großvater du auch sein -magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen -Rahmen anfertigen lassen.« Hierbei ließ er die Hand auf den vor ihm -liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser -Berührung heftig zu pochen. »Was nun tun?« dachte er, während er die -Blicke auf das Geld richtete. »Jetzt bin ich mindestens für drei Jahre -gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen und arbeiten. -Jetzt habe ich Geld genug für Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die -sonstigen Lebensbedürfnisse sowie für die Wohnung. Stören und belästigen -wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzügliche -Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Füße -modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten -Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für mich allein -ohne Übereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, überhole ich -alle meine Kollegen und kann ein tüchtiger Künstler werden.« - -So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz -eingab. Aber aus seinem Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher -und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da -erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse seiner -zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden Jugend! Jetzt war -alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfüllten Augen -angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das -Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann, -als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem -langen Fasten endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine -schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine -Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf -die Straße hinaus. - -Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom Kopf bis zu den Füßen neu -einkleiden, wobei er sich unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte -Parfüms und Pomade, mietete sich -- ohne lange zu handeln -- eine -vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und großen -Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden -eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, -- weit mehr als er -überhaupt nötig hatte --, ließ sich von einem Friseur die Locken -kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck -durch die Stadt, aß sich in einer Konditorei an Konfitüren satt, und -ging dann ins Restaurant »Zum Franzosen«, von dem er bis jetzt nicht -mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz -wie ein Spanier, warf hochmütige Blicke auf seine Mitgäste und strich -sich vor dem Spiegel unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er -trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom -Hörensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat -er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Rußland zu sagen -pflegt: »Selbst dem Teufel kein Bruder!« auf die Straße. Wie ein Geck -spazierte er den Bürgersteig entlang und warf nachlässige Blicke durch -seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen -früheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er ihn gar -nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor noch lange unbeweglich -stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ... - -Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, die Staffelei, die -Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine -prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an -exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann -schritt er in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er -sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte -sofort das unüberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen -und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hörte er Rufe -wie die folgenden: »Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von -Tschartkow gesehen? Über was für eine rasche Pinselführung doch der -Tschartkow verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser Tschartkow -besitzt!« Verträumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer -weiß welche Regionen entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit -einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um -sich dessen großmütigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem -Journalisten, der ihn sofort »Geehrter Herr« anredete, ihm beide Hände -drückte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach -seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, -- und -schon am nächsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer -Ankündigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit -folgender Überschrift: - - - »_Ein ungewöhnliches Talent!_ Der Maler Tschartkow. - -Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer -- -man kann ruhig sagen -- in jeder Beziehung herrlichen und -außerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir -viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schönheit -besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wundertätige -Leinewand zu übertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu -erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns -erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf -jede Schönheit fest davon überzeugt sein, daß sie sich mit der ganzen -Grazie ihres ätherischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren -Reizes im Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater -wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der -Krieger, der Bürger, der Staatsmann können ihre glorreiche Laufbahn -ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem -Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine, -oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem großen -Künstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt -voller Porträts, die von seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder -Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: -über den Realismus, die Ähnlichkeit mit den Originalen, oder über die -ungewöhnliche Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein -Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der -Journalist hatte anscheinend viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich -und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu würdigen; -allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit -Reichtum und Wohlstand -- obwohl sich einige Journalisten aus unserer -Mitte auch dagegen auflehnen werden -- wird Dein Lohn sein.« - -Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese Anzeige; sein Gesicht -strahlte. In der Presse wurde über ihn geredet, das war etwas ganz Neues -für ihn. Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der -Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz »Vivat -Andrei Petrowitsch« erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf -bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er -bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und -abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald -setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und ließ sich -auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend vorstellte, wie er die -Besucher empfangen würde, dann trat er an eine Leinewand heran und -pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse -Bewegungen abzulocken. - -Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, und er beeilte sich, -sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer -pelzgefütterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen -Mädchens, betrat das Atelier. - -»Sind Sie Monsieur Tschartkow?« fragte die Dame. Der Künstler verneigte -sich. - -»Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel -der Vollkommenheit sein.« Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die -Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die -nackten Wände gleiten. »Und wo sind Ihre Porträts?« - -»Man hat sie soeben abgeholt,« sagte der Künstler etwas verlegen. »Ich -bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie -noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.« - -»Waren Sie in Italien?« fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in -Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst -richtete. - -»Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens -habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind -Sie nicht müde?« - -»Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier! -Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,« sagte die Dame, während sie an -die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden -Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. »_C'est charmant, Lise, -venez-ici!_ Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! -Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ... -Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? _C'est -charmant!_ -- Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das -Gesicht wäscht ... _Quelle jolie Figure!_ ... Ach, ein Bäuerlein! Liese, -Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein! -... Also Sie malen nicht nur Porträts?« - -»O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!« - -»Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht -wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft -in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen -nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei -und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens -durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine -ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar -noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie -Monsieur Nohl?« - -»Wer ist dieser Nohl?« fragte der Maler. - -»Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet, -als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen -- -Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der -Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff -nehmen würden.« - -»Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten.« Sofort schob -er die Staffelei mit einem präparierten Keilrahmen heran, nahm die -Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der -Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er hätte in -diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft -für Bälle, einer peinigenden Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor -und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf -einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden Folgen eines -erheuchelten Eifers für die verschiedensten Künste, zu dem sie die -Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt. -Allein der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine -lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige -Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes Vibrieren, ein -dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur. -Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die -Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis -dahin nur an den rohen Zügen ordinärer Modelle, an langweiligen Antiken -und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu -offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht -ihm von der Leinwand entgegenblicken werde. - -»Wissen Sie,« sagte die Dame mit einem fast rührenden Ausdruck, »ich -möchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wäre es offengestanden -lieber, daß sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. Es wäre -mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre und im Schatten eines -Baumes säße ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf -eine weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß es so -aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer -modischen Soirée ... Offengestanden, unsere Bälle töten die Seele so -sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr -Einfachheit! Nicht wahr?« Doch ach, leider konnte man es sowohl der -Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, daß sie sich alle beide auf -allerhand Bällen so müde getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs -anzuschauen waren. - -Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an, -überlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Maß, kniff das -eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame -von weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer -Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich -sofort an die eigentliche Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen -hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen -vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohèmegepflogenheiten zurück, -indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen -halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn er -sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstände zu -machen, ließ er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich -schließlich zu bewegen begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ, -den Kopf hochheben. - -»Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!« sagte die Dame. »Nein -bitte, noch ein wenig,« bat der eifrige Maler. - -»Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!« versetzte die Dame, zog -ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Gürtel herabhängende Uhr hervor -und rief ganz überrascht aus: »Ach wie spät!« - -»Nur noch ein Augenblickchen,« sagte Tschartkow mit der einfältigen und -bittenden Gebärde eines Kindes. - -Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen -künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach ihm aber dafür, ein -anderes Mal länger zu bleiben. - -»Das ist doch ärgerlich!« dachte Tschartkow, »meine Hand war gerade in -Schwung gekommen.« Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem -gestört und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der -Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz regungslos auf -einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja, -er schlief sogar in der gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte -Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich vor -der Leinwand stehn. - -Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem -Traume, er stürzte schnell zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf -der Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche bei ihnen zu -dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene in sein Zimmer zurück. Die -aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert -- bis dahin hatte -er solche Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, als -Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen Equipagen mit Dienern in -kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie -er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß -einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick zu streifen. -Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung -gekommen; er malte dessen Porträt und war zu einem Diner in ein -aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche Zufriedenheit -bemächtigte sich seiner, er war vollständig trunken vor Freude und -belohnte sich für seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem -Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer -Equipage durch die Stadt. - -Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den -Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschäftigt, und -wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. Endlich -erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er ließ sie Platz -nehmen, rückte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit -den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann -seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm -große Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von -Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem -Porträt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, daß es wohl möglich -war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen -darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein -Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas, -was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die -Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr völlig hin und vergaß -bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem -Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast durchsichtige -Körper des siebenzehnjährigen Mädchens allmählich auf der Leinwand -erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten -gelben Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter den Augen -- -und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der -Stirne befand, zu verzeichnen, als er plötzlich neben sich die Stimme -der Mutter vernahm. »Ach nein, wozu nur? Das ist nicht nötig! Auch hier -haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu -sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.« Der Maler -fing an zu erklären, daß sich gerade diese Pünktchen und die gelbe Farbe -besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte -Töne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt keine -Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, und daß es ihm nur so -vorkäme. »Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser -einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen!« bat der Künstler mit harmloser -Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklärte ihm, -daß Liese heute bloß nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar -nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische -seines Teints überrasche. Traurig machte er sich daran, die -beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele -fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil -auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig begann er dem Bilde jenes -konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz -mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur -gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität verleiht, wie wir sie auf -Schülerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß -nunmehr das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden wurde. Sie -drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, daß die Arbeit so langsam vor -sich ging, und fügte hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei -Sitzungen ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand hierauf keine -Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den -Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in -trüber Stimmung vor seinem Porträt stehen. - -Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene -zarten weiblichen Züge, jene Schatten und luftigen Töne, die er bemerkt, -und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem -Auge. Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite und suchte -aus irgend einer Ecke seine »Psyche« hervor, die er vor längerer Zeit -einmal flüchtig skizziert hatte. Es war ein graziös hingemaltes, aber -rein ideales und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig -charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen Körper -saß. Er begann diese Züge mit dem Pinsel nachzuziehen, während er sich -dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner -aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaßten Linien, -Schatten und Töne nahmen hierbei jene verklärte Form an, wie sie dem -Künstler erscheinen, wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen hat, -sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges Werk schafft. Die -Psyche lebte allmählich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum -flüchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der -Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der -Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr -das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen -durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt, -was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen -hingerissen. Einige Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da -überraschte ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser -Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen; -die beiden Damen stießen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und -schlugen die Hände zusammen. - -»_Lise, Lise!_ ach, wie ähnlich! _Superbe, superbe!_ Was für ein schöner -Einfall, sie in einem griechischen Kostüm zu malen! Welche -Überraschung!« - -Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über ihren angenehmen Irrtum -aufklären sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise: -»Das ist Psyche!« - -»Als Psyche? _C'est charmant!_« sagte die Mutter lächelnd zu ihrer -gleichfalls lächelnden Tochter. »Nicht wahr, _Lise_, so machst du dich -am besten, so als Psyche, nicht? _Quelle idée délicieuse!_ Aber was für -eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von -Ihnen gelesen und gehört, ich wußte aber doch nicht, daß Sie ein solches -Talent sind. Nein, Sie müssen unbedingt auch noch _mein_ Porträt malen!« -Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche präsentieren ... - -»Was soll ich mit ihnen anfangen?« dachte der Künstler. »Wenn sie es -selbst durchaus wollen, gebe ich einfach die »Psyche« für das aus, was -ihnen am meisten behagt!« Und er sagte laut: »Belieben Sie noch für eine -Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier noch einen Tupfen auftragen!« - -»Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ... Sie ist jetzt so -ähnlich.« - -Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen nur auf -gelben Ton bezogen, und beruhigte sie, indem er sagte, daß er den Augen -nur noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. In Wirklichkeit aber -war es ihm zu peinlich zumute, er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit -dem Original noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand seine -Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne. Und in der Tat, das Antlitz -ließ bald immer deutlicher die Züge des blassen Mädchens erkennen. - -»Genug,« sagte die Mutter, die zu fürchten begann, daß die Ähnlichkeit -allzu groß werden könnte. Dem Künstler wurde durch ein Lächeln, durch -Geld, Komplimente, herzliche Händedrücke und eine Einladung zum Diner -eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem Worte, er wurde nur so -überschüttet mit Schmeicheleien und höchsten Zeichen der Anerkennung. - -Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die Damen zeigten es ihren -Freundinnen; alle bewunderten die Kunst, mit der der Maler es verstanden -hatte, die Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit und -Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde natürlich nicht ohne einen -leichten Anflug von Neid festgestellt, und mit einem Male war der -Künstler mit Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die ganze -Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur ertönte jeden Augenblick -die Glocke. -- Dieser äußere Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da -er ihm eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit und die -Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war in der Tat sehr groß. Leider -waren es jedoch alles Menschen, mit denen man nur schwer auskommen -konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die der großen -Gesellschaft angehörten und infolgedessen noch mehr als alle anderen -abgehetzt und aufs äußerste ungeduldig waren. - -Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn gestellt wurde, war -diese, daß er was Gutes leisten und möglichst schnell arbeiten solle. - -Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts sorgfältig -auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung, daß man die genauere -Charakteristik durch einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen, -nur das große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse und sich -nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben dürfe: mit einem -Worte, er begriff, daß er es sich nicht erlauben konnte, die Natur in -ihrer ganzen Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt -werden, daß fast alle seine Modelle auch noch andere Wünsche geltend -machten. Die Damen verlangten, daß hauptsächlich die Seele und das Wesen -auf den Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen durchaus -hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet, alle Mängel verwischt -oder wenn möglich ganz und gar ausgemerzt werden sollten, mit einem -Worte, daß das Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung -reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, ihre Mienen -einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler aufs höchste erstaunt war. -Die eine bemühte sich, eine gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte -wiederzuspiegeln, die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte -wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen lassen und spitzte ihn -so zu, bis er sich endlich in einen Punkt verwandelte, der nicht größer -als ein Stecknadelknopf war. Trotz alledem aber verlangte man -Ähnlichkeit und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und die Herren waren -nicht besser als die Damen. Der eine wollte mit einer kraftvollen, -energischen Kopfhaltung dargestellt werden, der andere mit -durchgeistigten und gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant -wünschte, daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter -hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit und Edelmut in seinen -Gesichtsausdruck zu legen, stützte die Hand auf ein Buch, das die -deutliche Aufschrift trug: »Ich bin stets für die Wahrheit -eingetreten!«, und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs trat -dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß auf die Stirn, all -dies mußte genau durchdacht werden, und doch räumte man ihm nur eine -geringe Frist dafür ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der -Sache und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon zwei, drei -Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren, wie sich ein jeder -dargestellt wissen wollte. Wer nach einem Mars Verlangen trug, dem -steckte er einen Mars ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen -hatte, dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen als Corinna, als -Undine oder gar als Aspasia erscheinen wollten, war für ihn ohne jeden -Belang: er willigte mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon -aus eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche Dosis -Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die nirgends Schaden -stiften kann und für die man sogar mitunter eine gewisse Unähnlichkeit -mit in den Kauf nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die -erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels zu wundern. Die -Porträtierten aber waren ganz entzückt und erklärten ihn für ein Genie. - -Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler. Er begann, Diners zu -besuchen und Damen in die Galerien und sogar auf Bälle und Feste zu -begleiten, sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, daß ein -Künstler gesellschaftsfähig sein müsse, daß er sich standesgemäß zu -betragen habe, daß sich die Maler im allgemeinen wie die Schuster -kleiden, sich nicht anständig zu benehmen, den höheren Ton nicht zu -wahren verstehen und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im -Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und Akkuratesse; er -hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm stutzerhafte Schüler an, kleidete -sich mehrere Male am Tage um, ließ sich das Haar brennen, beschäftigte -sich damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er seine -Besucher zu empfangen gedachte, und legte den größten Wert auf die -Pflege seines Äußeren, um einen möglichst günstigen Eindruck auf die -Damen zu machen, mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch jenen -Künstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und im stillen in seinem -Kämmerlein auf der Wassilij-Insel gearbeitet hatte. Über Künstler und -Kunst fällte er nur noch die anmaßendsten Urteile, er behauptete, man -mäße den früheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie alle mit Ausnahme -von Raffael hätten keine lebendigen Menschen, sondern bloß Heringe -geschaffen, und er erklärte, die Ansicht, daß ihnen etwas Heiliges -innewohne, existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst -Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und viele seiner -Bilder genössen überhaupt nur aus einem gewissen Atavismus einen so -hohen Ruhm; er schrie, daß Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch -Kenntnis der Anatomie imponieren wollte, daß er gar keine Grazie besäße, -und daß man einen wirklichen Glanz, und die wahre Kraft der -Pinselführung und des Kolorits nur in dem gegenwärtigen Zeitalter finden -könne. Dann kam er naturgemäß auch auf sich selbst zu sprechen. »Ich -verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen,« pflegte er zu -sagen, »da hocken und brüten sie über ihrer Arbeit: ein Mensch, der -mehrere Monate hintereinander an einem Bilde herumtiftelt, ist meines -Erachtens nichts als ein gewöhnlicher Tagelöhner und kein Künstler; ich -kann nicht glauben, daß er Talent besitzt. Ein Genie schafft kühn und -schnell. Sehen Sie,« pflegte er zu sagen, indem er sich an seine -Besucher wandte, »dieses Porträt hier habe ich in zwei Tagen gemalt, -dieses Köpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen Stunden, und das -dort in etwas mehr als einer Stunde. Nein, offengestanden, ich kann doch -ein Werk nicht als Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich -gesetzt ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr.« So -sprach er zu seinen Gästen, und diese bewunderten die Kraft und -Leichtigkeit seiner Pinselführung, stießen Rufe des Erstaunens aus, wenn -sie hörten, in wie kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten -es nachher auch anderen mit. »Das ist ein Talent, o ein großes, wahres -Talent! Sehen Sie nur, wie seine Augen glänzen, wenn er spricht. _Il y a -quelque chose d'extraordinaire dans toute sa figure!_« - -Dem Künstler schmeichelte es, solche Reden über sich zu hören. Wenn er -in den Journalen öffentlich gelobt und gepriesen wurde, dann freute er -sich wie ein Kind, obgleich diese Lobeserhebungen von ihm für bares Geld -gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt immer mit sich -herum und zeigte es gleichsam unabsichtlich all seinen Bekannten und -Freunden. Und dies ergötzte ihn aufs höchste, so einfältig und naiv es -war. Sein Ruhm wuchs, die Aufträge und Bestellungen mehrten sich; schon -fing er an, der immer gleichen Porträts und Gesichter, deren Ausdruck er -bereits auswendig kannte, überdrüssig zu werden. Schon malte er ohne -große Begeisterung, indem er sich nur noch bemühte, den Kopf auf die -Leinewand zu werfen; das übrige überließ er seinen Schülern. Früher -suchte er wenigstens noch, seinen Porträts ein neues Moment -abzugewinnen, durch eine neue Stellung, durch die Kraft der -Pinselführung oder durch gewisse Effekte zu überraschen. Jetzt -langweilte ihn auch dies allmählich. Das dauernde Grübeln und Suchen -nach Neuem ermüdete seinen Geist. Er _konnte_ es bald auch gar nicht -mehr, er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmäßige Lebensweise und -die Gesellschaft, in der er die Rolle eines Lebemanns zu spielen suchte, -entfremdeten ihn der wirklichen Arbeit. Seine Pinselführung wurde kalt -und stumpf, und erstarrte unmerklich in eintönigen, konventionellen, -längst verbrauchten Formen. Die langweiligen, kalten, ewig gepflegten, -ledernen oder sozusagen zugeknöpften Gesichter der Beamten, der -militärischen wie der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen großen -Spielraum. Die prächtigen Drapierungen, die starken Bewegungen und -Leidenschaften hatte er völlig vergessen. Von künstlerischer -Komposition, von dramatischem Leben, von einer erhabenen Steigerung war -überhaupt nicht mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie -Uniformen, Korsetts und Fräcke, alles Dinge, die einen Künstler kalt -lassen und die jede Phantasie ertöten. Selbst die am leichtesten zu -erreichenden Vorzüge gingen seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber -fanden sie immer noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und -Künstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den Achseln zuckten. -Die wenigen, die Tschartkow von früher her kannten, vermochten nicht zu -verstehen, wie ein Talent, dessen Stärke sich schon in dem jungen -Schüler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und sie bemühten sich -vergebens, zu erraten, wie in einem Menschen plötzlich die Begabung -erlöschen könne, in demselben Augenblick, wo seine Kräfte erst eben zu -voller Entfaltung gekommen waren. - -Aber der von seinen Erfolgen trunkene Künstler hörte alle diese -Äußerungen nicht. Schon begann er zu altern, mit den Jahren bemächtigte -sich seiner eine gewisse geistige Schwerfälligkeit, er wurde allmählich -immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon las er in den -Zeitungen und Journalen Epitheta wie die folgenden: »Unser verehrter -Andrej Petrowitsch!« »Unser hochverdienter ...!« Schon bot man ihm -Ehrenämter an, lud ihn zu Prüfungen ein und wählte ihn in verschiedene -Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren Alter immer zu geschehen -pflegt, entschieden für Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er -durchaus von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern nur deshalb, um -sie als Angriffswaffe gegen seine jüngeren Kollegen zu benutzen. Schon -vergnügte er sich damit, nach Art älterer Herren der ganzen Jugend ohne -Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte Geistesrichtung zum -Vorwurf zu machen. Schon neigte er sich der Auffassung zu, daß alles in -der Welt ganz einfach und wie von selbst vor sich gehe, daß es keine -Inspiration gebe und daß alles einem strengen Regiment, der Ordnung und -einer monotonen Regelmäßigkeit unterworfen sein müsse, -- mit einem -Wort, er war bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und Drang, -der überhaupt jemals in einem Menschen pulsiert hat, zu verschwinden -beginnt, wo die Töne des zauberhaften Bogens nur gedämpft an die Seele -rühren und das Herz nicht mehr mit erschütternden Klängen umkreisen, wo -der Kuß der Schönheit keine jungfräulichen Kräfte mehr in Flammen -wandelt -- wo sich dafür aber alle verglühten Gefühle dem Klirren des -Goldes um so zugänglicher erweisen, immer aufmerksamer auf seine -verlockende Musik lauschen, ihr allmählich und unmerklich immer mehr -Macht über sich einräumen und sich sanft von ihr einlullen lassen. - -Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht verdient hat, keinen -Genuß gewähren. Nur den, der seiner würdig ist, erfüllt er ständig mit -einem wonnigen Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen und -Wünsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm Leidenschaft, Ideal, -Schreckbild, Genuß und Lebenszweck. In seinen Tischen häuften sich -Päckchen von Banknoten an, und wie jeder, dem dieses schreckliche -Geschenk zuteil wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr in -einen langweiligen, nur dem Golde zugänglichen, törichten Geizhals, -einen sinnlosen Sammler, und er war schon auf dem besten Wege, zu einem -jener Sonderlinge zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt gar -viele gibt. Ein warmblütiger und gütiger Mensch betrachtet sie voll -Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne Särge, die sich vor ihm -bewegen und einen leblosen Klumpen anstelle eines Herzens in sich -bergen. Aber eine merkwürdige Begebenheit sollte bald sein ganzes Wesen -durchrütteln und erschüttern. - -Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein Schreiben, in dem die -Akademie der Künste ihn als ihr hochverehrtes Mitglied um sein -Erscheinen und um sein Urteil über ein neues Werk bat, das aus Italien -angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung weilenden russischen -Künstler zum Urheber hatte. Dieser Künstler war ein ehemaliger Freund -von ihm, der seit langem die Leidenschaft für die Kunst in sich barg, -und sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine Arbeit -vergraben hatte; er hatte sich von all seinen Freunden und Verwandten, -von allen lieben Gewohnheiten losgerissen und war in ein Land geeilt, wo -ein herrlicher Himmel eine majestätische Kunst reifen läßt: in das -überwältigende Rom, bei dessen Erwähnung eines Künstlers feuriges Herz -stets voll und stürmisch zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie -ein Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes Studium. -Ihn kümmerte es wenig, daß sich die Menschen über sein seltsames Wesen -aufhielten, daß man seine Unfähigkeit, sich in der guten Gesellschaft zu -bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen tadelte und von dem -Schaden sprach, den er dem Künstlerstande durch seinen ärmlichen, -altmodischen Anzug zufügte. Es war ihm völlig gleichgültig, ob ihm seine -Kollegen zürnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der Kunst -verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermüdlich besuchte er die -Galerien und Museen, er konnte stundenlang vor den Werken der großen -Meister stehen und deren wundervolle Pinselführung studieren. Er -vollendete kein Werk, bevor er sich angesichts dieser großen Vorbilder -geprüft und sich aus ihren Werken einen stummen und doch so beredten Rat -geholt hatte. An lärmenden Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte -er sich nie, er nahm weder für, noch gegen die Puristen Partei, sondern -ließ allen die schuldige Anerkennung zuteil werden, indem er in allem -nur das Schöne zu entdecken wußte, bis er sich endlich einzig und allein -dem göttlichen Raffael als seinem Lehrmeister überließ, -- wie auch ein -großer Dichter, der schon so viele verschiedene Werke voll Anmut und -majestätischer Schönheit kennen gelernt hat, zuletzt nur noch Homers -Ilias als die überragende Dichtung gelten läßt, nachdem er entdeckt hat, -daß in diesem Epos alles enthalten ist, was man von einem Kunstwerk -verlangen kann, und daß sich hier alles in höchster Vollkommenheit -wiederspiegelt. Und so hatte er sich denn bei dieser beständigen Arbeit -an sich selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle -Schönheit der Gedanken und die hohe Anmut einer schier überirdischen -Pinselführung erworben. - -Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits eine Menge von -Besuchern vor, die vor dem Bilde standen. Eine tiefe Stille, wie sie nur -selten unter so zahlreichen Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er -beeilte sich, seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine -tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild. Aber, o Gott! -was war das, was er da erblickte! - -Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand das Werk des Künstlers -vor ihm. Bescheiden, göttlich, unschuldig und einfach wie das Genie -selbst, schien es hoch über allem zu schweben. Es war, als senkten die -himmlischen Gestalten, verwundert über so viele auf sie gerichteten -Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern. Mit einem Gefühl -unwillkürlichen Staunens starrten die Eingeweihten die neue, nie -gesehene Pinselführung an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die -Schulung an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der Haltung, und -die an Corregio, die sich in der vollkommenen Technik verriet. Aber den -gewaltigsten Eindruck machte die in der Seele des Künstlers wirkende -Schöpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemäldes war von ihr -durchdrungen; alles atmete eine strenge Gesetzmäßigkeit und innere -Kraft; jedes Ding ließ jene wundervoll schwebende und fließende Rundung -der Linien erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das Auge -des schaffenden Künstlers sieht, bei dem Nachahmer und Kopisten aber -stets eckig und hart erscheint. Man fühlte ganz deutlich, wie der -Künstler alles, was er der äußeren Welt entnommen, in sich, in seiner -Seele verschlossen hatte, um es erst später aus dieser geistigen Quelle -gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln zu lassen. -Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was für ein unermeßlicher -Abgrund zwischen einem Kunstwerk und einer einfachen Kopie der Natur -gähnt. Es ist unmöglich, jene ungewöhnliche Stille zu schildern, die -alle Anwesenden beobachteten, während sie ihre Augen auf das Bild -gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut störte die andächtige -Stimmung. Die Wirkung des Bildes hatte sich inzwischen nur noch -verstärkt. Strahlend und wie ein unbegreifliches Wunder löste es sich -von allem Irdischen los, um sich schließlich ganz in einen Augenblick -- -die Frucht eines dem Künstler vom Himmel eingegebenen Gedankens -- zu -verwandeln, in einen Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als -Vorbereitung dient. Unwillkürlich wandelte die das Bild umringenden -Beschauer das Bedürfnis zu weinen an; es schien, als hätten sich alle -Kunstanschauungen, alle dreisten, regellosen und willkürlichen -Abweichungen des Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das -göttliche Werk vereinigt. - -Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow vor dem Bilde, und erst -als schließlich doch eine kleine Bewegung durch die Reihen der Besucher -und Autoritäten ging, als man sich laut über den Wert des Werkes zu -unterhalten begann, als man sich schließlich auch an Tschartkow mit der -Bitte wandte, sein Urteil abzugeben, kam er wieder zu sich, versuchte -seine gewöhnliche gleichmütige Miene aufzusetzen und war eben im -Begriff, ein paar Plattheiten zu äußern, wie man sie wohl von -verknöcherten Routiniers zu hören bekommt. Er wollte schon sagen: »Hm, -gewiß, man kann dem Maler ja nicht alles Talent absprechen; Talent hat -er, das ist unleugbar. Man sieht, daß er etwas ausdrücken will. Was aber -die Hauptsache betrifft,« -- und hierauf sollten natürlich einige -lobende Worte folgen, die keinem Künstler gut bekommen wären. Aber er -führte seine Absicht nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen, -statt dessen drangen Tränen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner -Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus dem Saal. - -Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert mitten in -seinem prächtigen Atelier, seine ganze Vergangenheit lebte einen -Augenblick wieder in ihm auf, als wäre die Jugend zu ihm zurückgekehrt, -und als wären die erloschenen Funken seines Talentes in ihm wieder -aufgelodert. Die Binde fiel plötzlich von seinen Augen. Gott! wie hatte -er die besten Jahre seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die -spärliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt hatte, -und die sich vielleicht jetzt groß und herrlich entfaltet und vielleicht -ebenfalls Tränen des Staunens und der Dankbarkeit entlockt hätte, so -plump ersticken können. Wie hatte er sie in sich ertöten, erbarmungslos -vernichten können! Es schien, als wären in diesem Augenblicke plötzlich -alles Streben und alle Leidenschaften in seiner Seele erwacht, alle -Gefühle, die auch sie einmal gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und -trat vor die Leinwand. Ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn; er -verwandelte sich völlig in _einen_ einzigen Wunsch und war ganz von -_einem_ Gedanken beseelt. Er wollte den gefallenen Engel darstellen. -Diese Vorstellung stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein, -aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine Posen, Gruppen -und Ideen hatten etwas Gezwungenes und Wirres. Sein Pinsel und seine -Phantasie wurden zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmächtige -Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich selber auferlegt hatte, zu -zerbrechen, verleitete ihn gleich zu Anfang zu Unrichtigkeiten und -Fehlern. Er hatte die ermüdend lange Stufenleiter der nur allmählich zu -erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze der großen -zukünftigen Wissenschaft übersprungen. Ein heftiger Verdruß bemächtigte -sich seiner, er ließ all' seine letzten Schöpfungen: die seelenlosen -Modebilder, die Porträts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und -Staatsräten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich allein in sein -Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen und versenkte sich ganz in -die Arbeit. Wie ein geduldiger Knabe, wie ein Schüler saß er an seinem -Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwächlich war alles, was sein -Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt strauchelte er über die Unkenntnis -der elementarsten Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte -erkältend auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie als -unüberbrückbares Hindernis entgegen. Der Pinsel wandte sich -unwillkürlich wieder den alten versteinerten Formen zu, die Arme nahmen -ihre gewohnte Haltung an, der Kopf wagte es nicht, sich eine -ungewöhnliche Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des Kleides -hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm durchaus nicht fügen und -sich nicht an die neue Körperstellung anpassen. Und Tschartkow fühlte -es, fühlte es selbst und sah es mit eigenen Augen. - -»Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe ich mich nicht selbst -betrogen?« Mit diesen Worten suchte er seine früheren Werke hervor, die -er einst in so reiner Stimmung, so völlig frei von Habsucht und Geldgier -in seiner ärmlichen Mansarde auf der abgelegenen Wassilij-Insel, fern -von den Menschen geschaffen hatte; damals, als er noch nichts von -Überfluß und all den raffinierten Genüssen der Großstadt wußte. Jetzt -stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete sie aufmerksam, und -sein ganzes früheres Leben voll Not und Entbehrung erstand wieder vor -ihm. »Ja ...« sagte er ganz verzweifelt, »ich _hatte_ Talent! wohin ich -auch blicke, überall entdecke ich deutliche Spuren davon!« - -Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen Leibe. Sein Blick -begegnete einem Augenpaar, das starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes -ungewöhnliche Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft -hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten gestanden, von anderen -Bildern verdeckt, und so war es ihm völlig aus dem Gedächtnis -entschwunden. Jetzt aber, wo alle modernen Porträts und Gemälde, die -sein Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen -mit den früheren Werken seiner Jugend hervor. Als er sich nun an die -sonderbare Geschichte dieses Porträts erinnerte, als er daran dachte, -daß dieses merkwürdige Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung -geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm auf so wunderbare Weise -zuteil geworden, alle die falschen und eitlen Regungen, die sein Talent -zugrunde richten sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele -von einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte Bildnis -sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung wollte ihn trotzdem -nicht verlassen. All seine Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs -Tiefste aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual kennen, -die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in der Natur vorkommt, wenn -ein schwaches Talent sich mehr abzuringen versucht, als es zu leisten -vermag, und doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene Qual, die -zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt, aber den, der schon zu alt -ist, um zu träumen, vergebens und fruchtlos mit einem heißen -Schaffensdurste peinigt -- jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu -grauenhaften Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid -bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn er einem Werke -gegenüberstand, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den -Zähnen und durchbohrte es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In -seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht kein -Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie war er bemüht, sie -zur Ausführung zu bringen. Er fing an, alles Beste anzukaufen, was in -seiner Kunst produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein Bild -erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, stürzte sich mit -der Wut eines Tigers darauf, riß es entzwei, schnitt es in Stücke und -zerstampfte es mit frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das er -angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische Bedürfnis zu -befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten Säcke auf und öffnete -all seine Truhen. Nie hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben, -das so viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser rasende -Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich zeigte, verzweifelte jeder -im voraus daran, sich ein Kunstwerk erwerben zu können, es schien, als -hätte der erzürnte Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die -Welt gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese grauenhafte -Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen Lichte erscheinen. Von -ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. Ein wütender Welt- und Menschenhaß -und eine furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen -wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon zu sein, den uns -Puschkin so wunderbar geschildert hat. Nichts als giftgeschwollene Reden -und heftige Worte des Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer -Harpye, wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle, selbst seine -guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen, wenn sie seiner von -ferne ansichtig wurden, und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden, -ja sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon, um ihnen den -ganzen Tag zu vergiften. - -Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein solch aufgeregtes und -gewalttätiges Leben nicht lange dauern. Die Dimensionen, zu denen seine -Leidenschaft anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß ein -schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. Die Wut- und -Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer häufiger und gingen schließlich -in eine entsetzliche Krankheit über, -- ein furchtbares, von einem -heftigen, schnell um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes -Fieber ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten von -ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale eines unheilbaren -Irrsinns. Er wütete so um sich, daß ihn oft mehrere Menschen nicht -bändigen konnten. Immer wieder tauchten die längst vergessenen -lebendigen Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann verfiel -er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen, die sein Bett umstanden, -schienen ihm diesen grauenhaften Porträts zu gleichen, und diese -Porträts verdoppelten, verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen -Augen; es kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt wären, -die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich auf ihn gerichtet -hielten; schreckliche Porträts blickten von der Decke, vom Boden nach -ihm hin, das Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche, -um immer noch mehr von diesen starren und unbeweglichen Augen fassen zu -können. Der Arzt, der sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der -schon manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte sich -aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung zwischen den -Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, und den realen Vorgängen zu -ermitteln, er hatte jedoch keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und -fühlte nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus und -führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich gab er in einem letzten -stummen Ausbruch des Schmerzes sein Leben auf. Seine Leiche war -schrecklich anzusehen. Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr -zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und Stücke der -großen Kunstwerke fand, deren Wert viele Millionen betrug, da erst -verstand man, welch entsetzlichen Gebrauch er von ihnen gemacht hatte. - - - Zweiter Teil - -Eine Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen stand vor dem Portal -eines Hauses, in dem der Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber -versteigert wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren und Kupidos -versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten, ohne eigenes Zutun sich -den Ruf von Mäzenen erwarben und treuherzig ihre Millionen -verschwendeten, die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar -früher einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche Mäzene -gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes Jahrhundert hat -schon längst die langweilige Physiognomie eines Bankiers angenommen, der -seine Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem Papier -verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte Menge von Besuchern und -Käufern, die von allen Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren, -erfüllte den großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen -Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt in blauen -deutschen Röcken; ihr Aussehen und ihr Gesichtsausdruck war hier -sicherer, freier und fiel nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit -und Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so eigentümlich -ist, wenn er die Kunden in seinem Laden bedient. Hier ließen sie sich -ruhig gehen, trotzdem sich in demselben Saale viele Aristokraten -befanden, vor denen sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und -Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen Staub weggefegt -hätten. Hier benahmen sie sich ganz ungezwungen, betasteten ohne viel -Umstände zu machen, die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren -festzustellen, und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen -Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe. Hier traf man so manchen -Repräsentanten jener Menschenklasse, die man auf allen Auktionen findet, -und die täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl in ein -Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen und -aristokratischen Kunstfreunden, die es für ihre Pflicht hielten, keine -Gelegenheit zu versäumen, bei der sie ihre Sammlungen vergrößern -könnten, und die zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten, -und endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, deren -Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck machen und die hier -täglich ohne jedes eigennützige Ziel erscheinen, einzig und allein zu -dem Zwecke, um zu beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, -- wer mehr, -und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und wem endlich der -Gegenstand zugesprochen werden wird. Viele Bilder standen ganz regellos -durcheinander, dazwischen sah man Möbel und Bücher mit den Initialen des -früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche Bedürfnis -gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab es chinesische Vasen, -marmorne Tischplatten, neue und alte Möbel mit verschnörkelten Linien, -Greifen, Sphinxen und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter _mit_ und -_ohne_ Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und es herrschte hier -nicht einmal so viel Ordnung, wie man sie selbst in einem Kunstladen -vorzufinden pflegt. Das Ganze stellte sozusagen ein großes Chaos von -Kunstwerken dar. Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer -Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet einen an wie ein -Begräbnis. Der Saal, in dem sie stattfindet, ist stets düster, die mit -Möbeln und Bildern verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich -hineindringen, das auf den Gesichtern liegende Schweigen und die -Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer aufschlägt und zu Ehren -der armen, hier auf so sonderbare Weise zusammengeratenen Künste eine -Messe liest: alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das -eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war offenbar im vollen -Gange. Ein großer Haufe anständig gekleideter, dicht zusammenstehender -Menschen ließ deutliche Spuren seines Interesses und seiner Erregung -erkennen. Die Worte »... Rubel! ... Rubel!« die von allen Seiten -ertönten, ließen dem Ausrufer keine Zeit, den immer noch wachsenden -Preis, der bereits das Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu -wiederholen; die herumstehende Menge bemühte sich um ein Porträt, das -jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei verstand, aufs lebhafteste -fesseln mußte. Es trug den sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend -war es schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es stellte die -dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande bekleideten Asiaten dar, -dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich eigenartigen Ausdruck hatte. Was -jedoch die Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war das -intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je länger man sie -betrachtete, um so tiefer schienen sie einem bis ins innerste Innere zu -blicken. Diese Eigentümlichkeit, die auffallende Kunstfertigkeit des -Malers nahmen die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der -Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis ganz enorm in die -Höhe geschraubt wurde. Lediglich zwei als Kunstliebhaber bekannte -Aristokraten waren noch übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf -die Erwerbung des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich und hätten -wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden emporgetrieben, wenn nicht -plötzlich einer der Anwesenden sich mit der folgenden Bemerkung an sie -gewandt hätte: »Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick ruhen -zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf dieses Porträt als jeder -andere!« - -Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf den -Sprecher; es war ein schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit -langen schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine gewisse -freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine Seele erkennen, die -sich von allen aufreibenden Erregungen, die der gesellschaftliche -Verkehr mit sich bringt, fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller -modischen Übertriebenheiten, jeder seiner Züge deutete auf seinen -Künstlerberuf hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens B., den viele -der Anwesenden persönlich kannten. - -»Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen mögen,« fuhr er fort, als -er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, »Sie würden -doch vielleicht selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern, -wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte mit -anzuhören. Alles bestärkt mich in der Überzeugung, daß gerade dies das -Porträt ist, das ich suche.« - -Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen Gesichtern, und -selbst der Ausrufer hielt mit offenem Munde und mit erhobenem Hammer, -neugierig und gespannt in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung -wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem Porträt zu, um sich -nach und nach immer mehr auf den Erzähler zu heften, dessen Bericht -immer interessanter und spannender wurde. - -»Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil bekannt, den man Kolomna -nennt,« begann er. »Hier ist alles anders als in den andern Teilen -Petersburgs. Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch an die -Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel gerät, ist einem fast zumute, -als ob einen nach und nach alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften -verlassen. Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig -und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles, was sich als -Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. Hier schlagen inaktive -Beamte, Witwen und Personen in bescheidenen Verhältnissen ihr -Ruheplätzchen auf, die auf eine Entscheidung des Senats harren und sich -daher selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem -Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete Köchinnen, die -sich den ganzen Tag hindurch auf den Märkten herumtreiben, stundenlang -in dem Kramladen stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag -für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen, und endlich -findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die man am besten mit dem -einen Worte »die Aschgrauen« bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug -und deren Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe haben, -wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die Sonne nicht scheint, -sondern wo weder das eine noch das andre stattfindet: ein grauer Nebel -hüllt alles ein und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen. Zu -ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte und -Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge und dicken aufgedunsenen Lippen -rechnen. Lauter Menschen ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft, -sie gehen stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, die -geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen tagelang, ohne an -etwas zu denken. In ihren Zimmern sieht es öde und leer aus; oft besteht -ihr Mobiliar einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer -Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen, ohne daß sie ihnen -ernstlich zu Kopfe steigt, was einem gewöhnlich nur nach einem kräftigen -Schluck zustößt, wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher -Handwerksbursche -- dieser Student der Meschtschanskistraße[14] und -alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten pflegt, -- -allerdings erst -- wenn Mitternacht vorüber ist. - -In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten zeigt sich ein Wagen, in -dem Schauspieler sitzen, und der dann durch sein donnerndes Gerassel -allein die allgemeine Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so mancher -Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und ohne Fahrgast dahergefahren -oder schleppt etwas Heu für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung -kann man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den Morgenkaffee -miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine Pension beziehen, gehören -hier schon zu den vornehmsten Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen, -die ihre Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über die -teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. Sie haben -gewöhnlich eine junge Tochter, ein wortkarges, mitunter recht niedliches -Geschöpf, dazu ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit einem traurig -tickenden Pendel. Weiter gibt es hier Schauspieler, denen es ihre Gage -nicht gestattet, von Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie -alle Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren Schlafröcken da, -und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus Pappe allerlei Gegenstände, -die man im Hause braucht, spielen mit einem Freunde oder Gast eine -Partie Dame oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei man -jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend etwas anderes tun, -höchstens daß sie zuweilen noch einen Grog zu sich nehmen. Auf diese -Magnaten und Aristokraten von Kolomna folgt schließlich nur noch das -gemeinste und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre ebenso -schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen Insekten, die in altem -Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, die beten, alte Weiber, die -trinken, und solche, die zugleich beten und trinken, ferner solche, die -sich auf völlig unbekannte Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen -ganze Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke nach -dem Trödelmarkte schleppen, um sie dort für fünfzehn Kopeken zu -verkaufen; mit einem Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit, -dessen Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum zu -verbessern vermöchte. - -[Fußnote 14: Kleinbürgerstraße.] - -All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, um Ihnen zu -zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine plötzliche, -vorübergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu -nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die -ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese -kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefühlloser, als die großen, -denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur -Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht -kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten -Equipage vorfahren, -- und daher erstirbt in ihnen schon früh jedes -menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier -darf ich wohl erwähnen, daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen -will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die Regierungszeit der -verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. Sie können sich vorstellen, daß -auch das Äußere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend -verändert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder -Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer -Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites, -asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine -südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehörte, ob -er ein Inder, Grieche oder Perser war, darüber konnte niemand etwas -Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle, -magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und -die großen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen -ließen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen -Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte -keine Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte -in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu -errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmäßige Form, waren -alle verschieden groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen. -Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, daß -er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein -verschwenderischer höherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen -Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante -Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame -hervorlugte. Man erzählte sich, wie das so gewöhnlich geschieht, daß -seine eisernen Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und -verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, daß er aber -trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher Wucherer wäre. Er verlieh -sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare äußerst bequeme -Zahlungstermine für seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch -allerhand eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz maßlosen -Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama über ihn; was aber am -auffälligsten war und auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das -seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen -alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwätz, -nur ein sinnloses, abergläubiges Gerede der Menschen oder ein mit -Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es -doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen -abspielten und die einen tiefen und überwältigenden Eindruck auf die -Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen -aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im -Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein -glühender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Förderer -menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch, -der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So kam es denn, daß er -sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet -wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen -übereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem -er viel für die Wissenschaften und für alles Gute wirken konnte. Der -junge Beamte umgab sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte -allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. Er gab auf -eigene Kosten eine Reihe von nützlichen Werken heraus, verteilte eine -Menge von Aufträgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise -verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich in pekuniäre -Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war, -wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen -aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer. -Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging -eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein -Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden Geister und Talente. An -allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten -und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die -französische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm plötzlich den -Anlaß zu allen möglichen Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall -fing er an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm -eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwöhnisch, daß er -sich schließlich sogar selbst zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer -ganzen Reihe abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her und -machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die Folgen einer solchen -Handlungsweise war natürlich die, daß das Gerücht davon bis an den Thron -gelangte. Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in -hochherziger Weise, die der schönste Schmuck gekrönter Häupter ist, -darüber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr -tiefer Sinn prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es -seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und -vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in einer solchen Staatsform -seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Künste keineswegs -verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre -natürlichen Protektoren, erst unter _ihrem_ hochherzigen Schutze -erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., während andererseits ein -Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhestätte finden -konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern -mächtiger Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse häßlicher -politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, die der Welt bis -jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt hätten. Sie erklärte, man -müsse die Dichter und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn -sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor häßlichen -Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, die Dichter und alle -schaffenden Künstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen: -sie seien der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen Herrschers -kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Während die Kaiserin -diese Worte sprach, war sie unendlich schön und göttlich. Ich erinnere -mich, daß die alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon -sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme für den Fall. -Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt werden, daß sich in dem Herzen -eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der -Bedrückten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte -Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft und seines -Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es für ihn, -daß er eine unverhüllte und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern -seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr -seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter Stolz, betrogener Ehrgeiz, -vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer -drückenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß sein -Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls -vor aller Augen zu. Von den vielen schönen Frauen, an denen unsere -nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders _eine_ allen -anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle -Reize unserer nordischen Schönheit mit denen des Südens; das war ein -kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein -Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen zu haben. -Alle Vorzüge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum, -Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der -interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Fürst R..., -ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet -und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller -Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson. -Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt, -und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien bloß den -Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie -gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade -gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhältnisse war allgemein -bekannt. Plötzlich verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt, -allem Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht aber bald -darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus -entfaltete. Seine glänzenden Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe -bekannt. Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf -findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die überall Aufsehen -erregt. Woher diese Veränderung und der ungeheure Reichtum des -Bräutigams stammte, darüber konnte freilich niemand genauere Auskunft -geben; man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche -Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen und hätte bei ihm -eine größere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit -beschäftigte die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten den Neid -aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und standhaft sie sich geliebt -- -und was für lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; überall -schätzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge. -Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus -die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorständen. -Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem -Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift einer argwöhnischen -Eifersucht und Unduldsamkeit schien plötzlich seinen bis dahin vornehmen -und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen -entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau -beständig quälte, und scheute schließlich -- was niemand voraussehen -konnte -- nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurück: er -peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die -Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst eine so glänzende -Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glühenden -Verehrern angezogen hatte. Endlich ließ sie -- unfähig, ihr schweres Los -noch weiter zu ertragen -- ein Wort über Scheidung fallen, aber der -Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der -ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein, -und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht -überwältigt und festgehalten worden wäre. Ganz außer sich und voller -Verzweiflung zückte er sein Messer gegen sich selbst und beschloß sein -Leben in schrecklichen Qualen. - -Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen der ganzen Welt -abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzählt, die sich unter -den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso -entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer wurden -plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein -Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleißig gedient -hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige. -Natürlich mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr -ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen Bewohnern Kolomnas -eine Art unwillkürlichen Grauens einflößen. Niemand zweifelte mehr -daran, daß dieser Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte sich, -daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge -steigen ließen, und die der unglückliche Schuldner nie einem andern -mitzuteilen wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausübe, -von selbst zu glühen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ..., -mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf. -Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß die ganze -Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner -Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden -Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die -höchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein -Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen, -vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem -Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich von einer -seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus, -drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne -verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon -in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, daß jedermann unwillkürlich -den Eindruck hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu haben. -Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man sie selten bei einem -Menschen antrifft, diese glühende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten -buschigen Augenbrauen, die unerträglich schrecklichen Augen, selbst -seine weite, bauschige asiatische Kleidung -- alles schien darauf -hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die -dieser Körper in sich barg, verbleichen mußten. Jedesmal, wenn mein -Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei -solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: »Ein Teufel! -Ein wahrhaftiger Teufel!« Doch nun muß ich Sie schnell noch mit meinem -Vater bekannt machen, der übrigens der eigentliche Held dieser -Geschichte ist. - -Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger Mensch. Er war ein -seltener Künstler, einer von denen, wie sie nur Rußland aus seinem -jungfräulichen Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen -Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz -aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mächtigen Drange nach -ständiger Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht selbst -unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er -war eines jener ursprünglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht -selten mit dem verletzenden Beiwort »ungebildeter Mensch« bezeichnet und -die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick nicht ernüchtert und -abgekühlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen -schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die -ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem -Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm -die wahre Bedeutung des Wortes »Historische Malerei« auf, er begriff, -warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Porträt von Raffael, Lionardo -da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung -hatten, während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts dennoch nur -ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prätensionen des Malers, damit -ein großes historisches Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene -Neigung als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen des -Christentums, der höchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besaß -weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so -vielen Künstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden. -Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe -grober Mensch, der sich nach außen durch eine harte Rinde gegen die -Umwelt abschloß und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über -seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und -versöhnlich äußerte. »Wozu soll ich mich nach ihnen richten?« pflegte er -gewöhnlich zu sagen; »ich arbeite ja nicht für sie! Ich will meine -Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird -mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann -man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafür -versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu -braucht denn ein großer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch -erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann -ist er erst recht nicht zu ertragen. _Suum cuique!_ Schuster bleib bei -deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen -eingesteht, wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, der -so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine -Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schädigt.« Er -arbeitete schon für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum -Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bot. -Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen -Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen, -frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der -Grund, daß es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen -hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große Talent vergebens -strebt. Endlich glückte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose -Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu -erringen, die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen -hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Aufträge, Wandgemälde -für Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er -gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich -nicht mehr genau an das Sujet und weiß nur noch, daß auf dem Gemälde der -gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte. -Dieses Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn malen? In -der Person dieses Engels mußte der furchtbare Druck und die Pein, die -auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl -oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er dachte sich -unwillkürlich: »Das wäre das rechte Vorbild für meinen Teufel!« Und nun -stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als -eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines Ateliers gepocht -wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß -sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper -überlief. - -»Du bist Maler?« fragte er, ohne viel Umstände zu machen, meinen Vater. - -»Ja, ich bin Maler!« versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun -folgen würde. - -»Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder -habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will -weiterleben. Kannst du mir ein solches Porträt malen, das den vollen -Eindruck des Lebens macht?« - -Mein Vater dachte: »Was kann ich mir Besseres wünschen? Er bietet sich -mir selbst als Modell für den Teufel an!« So willigte er denn ein, sie -einigten sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage erschien -mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern, -die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, die -mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame -Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenüber saß: all das machte einen -eigentümlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten -so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von oben hereindringen -konnte. »Hol's der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!« -sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er -befürchtete, daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden könne. »Was -für eine Kraft in ihm liegt,« wiederholte er leise; »wenn es mir nur zur -Hälfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er -alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir -wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur -im mindesten treu bleibe. Was für auffallende Züge!« wiederholte er -unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst, -wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber -je mehr er sich ihnen näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst -unbegreifliches Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem -aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten -Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem -beschäftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel -Kraft, daß man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf -dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um -jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Töne und Schattierungen aus -ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber kaum hatte -er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch -unbegreiflicher Druck, ein solch eigentümlicher Widerwille seine Seele -erfaßte, daß er für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst -nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er -es nicht länger ertragen; er fühlte, wie sich diese Augen in seine Seele -bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage -wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz ängstlich zumute. Er -warf den Pinsel in die Ecke und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er -könne ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen müssen, welche -Veränderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf -sich plötzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und -flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, daß sein ganzes -Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Porträt abhingen, -schon jetzt habe ja des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der -Leinwand festgehalten -- wenn diese Züge genau im Bilde fixiert würden --- werde sein Leben durch eine übernatürliche Macht im Porträt weiter -fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der -Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie -erschienen ihm so ungewöhnlich und frevelhaft, daß er Pinsel und Palette -wegwarf und jählings aus dem Zimmer stürzte. - -Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die ganze Nacht und den -ganzen Tag hindurch; am andern Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine -Frau, das einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen. Sie -erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr das Bild nicht haben -wolle, nichts dafür bezahlen werde und es ihm daher zurücksende. Am -Abend desselben Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers, -und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche seiner Religion -beigesetzt werden solle. Dies alles erschien ihm höchst unerklärlich und -seltsam, zu alledem aber machten sich von diesem Moment an in seinem -Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt unter einer -merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, deren Ursache er selbst nicht -begreifen konnte, ja er tat bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm -erwartet hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die Arbeiten eines -seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Kennern und -Liebhabern auf sich; mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und -eine tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er plötzlich von -einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen. Die allgemeine Sympathie, die -sich in den Unterhaltungen über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz -unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß, daß sein -Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein Bild für eine erst vor kurzem -vollendete prachtvolle Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine -furchtbare Wut. »Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den Triumph -gönnen!« rief er aus. »Nein, mein Lieber, du hoffst zu früh, die Alten -in den Staub zu ziehen! Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in -mir! Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in den Staub -zieht!« Und der biedere, in seinem Kerne grundehrliche Mann wandte sich -allen möglichen Ränken und Schleichwegen zu, die er bisher stets -verabscheut hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den -Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben -wurde, an dem sich natürlich auch andere Künstler beteiligten durften. -Hierauf schloß er sich in seinem Atelier ein und machte sich eifrig an -die Arbeit. Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine ganze -Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert hätten, und in der Tat -kam so eins seiner besten Werke zustande. Niemand zweifelte daran, daß -ihm die Palme zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht, -aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie die Nacht zum -Tage. Plötzlich jedoch machte einer der anwesenden Kunstrichter -- wenn -ich nicht irre, ein Geistlicher -- eine Bemerkung, die alle überraschte. -»In dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein starkes -Talent,« meinte er, »aber den Gesichtern geht der fromme, heilige -Ausdruck ab. Es liegt vielmehr etwas Dämonisches in diesen Augen, als -hätte eine böse Macht die Hand des Künstlers geführt.« Alle blickten -hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte ließ sich nicht -bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein Bild los, wie um diese -verletzende Bemerkung selbst auf ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber -er gewahrte mit Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des -Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch und vernichtend -an, daß er selbst unwillkürlich schauderte. Das Bild wurde abgelehnt, -und er mußte zu seinem unbeschreiblichen Ärger erfahren, daß die Palme -seinem Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in welcher -Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte. Er hätte beinahe meine -Mutter geschlagen, er warf die Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und -Staffeleien, riß das Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein -Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden, um das Bild -- nachdem -er es in Stücke geschnitten hätte -- zu verbrennen. Aber bei diesem -Vorhaben wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht, der -soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund war gleich ihm ein -Maler, ein lustiger Bursche, der stets mit sich zufrieden war, sich -nicht mit weitliegenden Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter -die Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach deren Beendigung -noch fröhlicher ans Schlemmen und Zechen zu machen. - -»Was hast du da? Was willst du verbrennen?« fragte er ihn, indem er an -das Porträt herantrat. »Aber ich bitte dich, das ist ja eines deiner -besten Werke! Das ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist! -Ja, das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht bloß -vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in die Augen -hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja nicht einmal geblickt, als er -noch am Leben war, wie hier bei dir!« - -»Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem Feuer anblicken werden!« -sagte mein Vater, während er eine Bewegung machte, um das Porträt in den -Kamin zu schleudern. »Halt, um Gottes willen,« fiel der Freund ein und -hielt ihn am Arme fest. »Gib es doch lieber mir, wenn es dir so lästig -ist!« Mein Vater sträubte sich anfangs, gab aber schließlich nach, und -der lustige Kerl schleppte -- höchst erfreut über diese Erwerbung -- das -Porträt mit sich fort. - -Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater mit einem Male -ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung des Porträts eine Last vom -Herzen gefallen. Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid -und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. Er dachte lange über -seine Tat nach, war in tiefster Seele betrübt und sagte mit innerem Gram -zu sich selbst: »Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war -wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es war ja nur zu dem -Zwecke geschaffen, um meinen Genossen zu vernichten. Ein teuflisches -Gefühl des Neides hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein -teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.« Sofort suchte er seinen -ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn stürmisch, bat ihn um Verzeihung und -bemühte sich -- soweit es ihm möglich war -- seine Schuld wieder gut zu -machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei der Arbeit wie ehedem, -aber jetzt konnte man immer ein tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken. -Er betete häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte sich -nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst das herbe Äußere -seines Wesens schien sich verloren zu haben. Bald darauf aber ereignete -sich etwas, was ihn noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund, -der sich das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer Zeit -nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, ihn zu besuchen, da -erschien dieser selbst eines Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem -beide ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund: -»Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das Porträt verbrennen -wolltest! Mag es der Teufel holen; es hat etwas Schreckliches an sich! -Ich glaube an keine Hexerei, aber man mag sagen, was man will! -- ich -glaube, der Böse sitzt darin.« - -»Wieso?« fragte mein Vater. - -»Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es auf mir wie ein -furchtbarer Druck ... als ob ich jemand ermorden wollte. Zeit meines -Lebens wußte ich nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich -nicht nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche Träume ... -d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur Träume sind oder noch -irgend etwas anders: wie wenn mich ein böser Geist erwürgen will ... und -immer spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem Worte, ich -kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. Niemals ist mir so etwas -passiert. Ich bin all diese Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ... -Eine entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf etwas -Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein fröhliches und -aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien es mir, als würde ich -beobachtet und bespitzelt. Erst nachdem ich das Porträt meinem Neffen -geschenkt habe, der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir's, als -wenn mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem Schlage wurde mir -wieder froh zumute, so wie du mich hier vor dir siehst! Wahrhaftig, -Freund, da hast du aber einen schönen Teufel geschaffen!« - -Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf diese Erzählung -und fragte schließlich: »Und jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?« - -»Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es ja auch nicht aus!« -versetzte der Spaßvogel. »Des Wucherers eigene Seele scheint in dieses -Porträt hinübergewandert zu sein. Er springt aus dem Rahmen, spaziert in -dem Zimmer herum -- und was mein Neffe sonst noch darüber erzählt, geht -über jede Beschreibung. Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten, -hätte ich nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt an -irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser konnte es nicht -aushalten und hat es seinerseits wieder einem andern aufgehalst.« - -Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen Vater. Er versank -in tiefes Grübeln, wurde melancholisch und gelangte endlich zur -Überzeugung, daß sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß -das Leben des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt -übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen beunruhige, ihnen -dämonische Empfindungen einflöße, Künstler vom rechten Wege abbringe, -häßliche Anwandlungen von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die sich -unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod seiner Frau, seiner -Tochter und seines kleinen Sohnes, erschütterten ihn aufs tiefste, er -hielt sie für eine Strafe des Himmels und entschloß sich, aus dem -weltlichen Leben zu scheiden. - -Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ er mich in die -Kunstschule eintreten und zog sich selbst nach Erledigung seiner -geschäftlichen Angelegenheiten in ein einsames Kloster zurück, wo er -bald die Mönchskutte anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine -asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung aller -Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren hatte, daß er ein -Maler sei, trug er ihm auf, für die Klosterkirche das Bild ihres -Heiligen zu malen. Aber der fromme und demütige Bruder erklärte -entschieden, daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen, weil er ihn -entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst durch harte Arbeit und -schwere Opfer reinigen müsse, um wieder würdig zu sein, eine solche -Arbeit zu übernehmen. Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte es für -seine Person -- soweit dies möglich war -- die strengen Satzungen des -Klosterlebens noch zu verschärfen; schließlich genügte ihm jedoch auch -dieses nicht mehr, es erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den -Segen des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine völlige -Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen eine Hütte, nährte sich -nur von rohen Wurzeln, trug Steine von einer Stelle zur andern, stand -von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel erhobenen Armen da, -murmelte beständig Gebete -- mit einem Worte, er erlegte sich alle nur -möglichen Geduldsproben und Prüfungen auf, für die man nur in den -Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. So peinigte er -einige Jahre hindurch seinen Körper und stärkte ihn gleichzeitig mit -Hilfe der belebenden Kraft des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages -wieder in dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: »Jetzt bin ich -bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine Arbeit vollenden.« - -Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die Geburt Jesu. Ein -ganzes Jahr verbrachte er bei seiner Arbeit, ohne seine Zelle zu -verlassen, wobei er sich nur notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben -erhielt und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war, war das -Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der Malerei geworden. Hier muß ich -bemerken, daß weder die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei -verstanden, aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit und -Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut. Eine göttliche Demut und -Milde in den Zügen der heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind -beugt, ein tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das schon -etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein feierliches Schweigen der -von dem göttlichen Wunder überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien, -und endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über dem -ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer so harmonischen Kraft -und Macht der Schönheit, daß der Eindruck ein geradezu zauberischer, -magischer war. Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie, -und der gerührte Prior sprach: »Wahrlich! Es ist nicht möglich, daß ein -Mensch nur mit Hilfe menschlicher Kunst ein solches Bild zu schaffen -vermochte; eine höhere, heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des -Himmels Segen ruhte auf deinem Werke!« - -Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der Akademie ab, ich erhielt -die goldene Medaille und mit ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht -auf eine Kunstreise nach Italien, den schönsten Traum eines -zwanzigjährigen Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich von -meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt lebte, zu -verabschieden. Ich muß gestehen, daß sein Bild längst aus meiner -Erinnerung geschwunden war. Ich hatte einiges über die Strenge und -Heiligkeit seines Lebens gehört und bereitete mich schon im voraus -darauf vor, das herbe Äußere eines durch das ewige Fasten und Wachen -abgemagerten und vertrockneten Anachoreten zu erblicken, für den nichts -auf der Welt existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war -ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen Greise -gegenüber befand! In seinem Gesichte spiegelte sich auch nicht die -geringste Ermattung oder Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der -Klarheit und Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer Bart -und ganz dünne, fast ätherische Haare von der gleichen silbrigen Farbe -bedeckten malerisch seine Brust und die Falten seiner schwarzen Kutte, -und reichten bis zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand -umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber, aus seinem Munde -Gedanken und Worte über die Kunst zu vernehmen, die ich sicherlich noch -lange in meiner Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig, daß -ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue. - -»Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,« sagte er, während er mich -segnete; »dir steht ein Weg bevor, den du von nun an dein ganzes Leben -hindurch beschreiten wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du -hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. Richte es also -nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles was du siehst! Mache alles -deinem Pinsel dienstbar! Doch strebe stets danach, in jedem Ding die -innere Idee zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der -Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte, der es enthüllt hat. -Für ihn gibt's in der Natur kein gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen -bleibt der wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im Großen. -Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich, weil es von der -herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet wird und einen hohen -Ausdruck erhält, indem es durch das reinigende Feuer seines Geistes -hindurchgeht. Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige himmlische -Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde steht sie höher als alles -andere. Und wie die feierliche Ruhe jede weltliche Erregung, wie das -Schaffen die Zerstörung, wie der Engel -- bloß durch die reine Unschuld -seiner lichten Seele -- all die unzählbaren Kräfte und stolzen -Leidenschaften des Satans übertrifft, so steht erhaben über allem, was -es auf der Welt gibt, das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum -Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen Feuer deiner Seele, -nicht mit der Inbrunst, die die irdische Wollust entfacht, sondern mit -einer stillen himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht -imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe wunderbare Harmonie -zu erzeugen, die den Frieden in unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt -zu dieser Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein edles -Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher erregt es nie Unfrieden und -Empörung in der Seele, sondern strebt ewig, gleich einem wundersam -klingenden Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, finstere -Augenblicke ...« Er hielt inne und ich sah, wie sich plötzlich sein -klares Antlitz verdüsterte, als hätte eine Wolke es beschattet. »Ich -hatte ein Erlebnis ...« fuhr er fort, »bis auf den heutigen Tag ist mir -nicht klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt ich -damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische Erscheinung. Ich weiß, -die Welt leugnet die Existenz des Teufels, und daher will auch ich nicht -über ihn sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur mit einem -heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich arbeitete ohne jede Freude und -Liebe an meinem Werk. Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich -suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur treu zu bleiben. -Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, und daher sind auch die -Empfindungen, die sich beim Anblick dieses Bildes aller Menschen -bemächtigen, wild und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es -erzeugt, und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der Künstler auch in -der Wiedergabe der Leidenschaft die edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört, -daß dieses Porträt von Hand zu Hand geht und überall quälende, -peinigende Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides, des -dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen Trieb zur Verfolgung -und Unterdrückung entfache. Möge der Allerhöchste dich vor solchen -Leidenschaften bewahren! Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist -besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf sich zu nehmen, -als einem andern auch nur das geringste Unrecht zuzufügen. Rette die -Reinheit deiner Seele! Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß -reiner und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles verziehen -werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus in einem festlichen Gewande -verläßt, braucht nur ein vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu -bespritzen, und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen mit den -Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit, während ein -anderer von unten bis oben beschmutzt sein kann, ohne daß es die Menge -bemerkt; er trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es eben -nicht weiter auf.« - -Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. Niemals in meinem -Leben fühlte ich mich so erhoben wie an diesem Tage. Mit tiefer -Ehrfurcht und einem Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als -einfache Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen und küßte seine -herabhängenden, silberweißen Haare. - -Eine Träne glänzte in seinen Augen. »Erfülle mir noch eine Bitte, lieber -Sohn,« sagte er beim Abschied zu mir. »Vielleicht gelingt es dir einmal, -das Porträt zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst es -sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem unnatürlichen Ausdruck -erkennen. Solltest du es finden, so gelobe mir, es zu vernichten.« - -Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch möglich war, -ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. Ich schwur ihm hoch und -heilig, seine Bitte zu erfüllen. Fünfzehn Jahre lang vermochte ich -nicht, irgend etwas zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters -auch nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser Auktion -....« - -Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete sein Auge auf die -Wand, um das Porträt noch einmal zu prüfen, und alle, die ihm mit -Spannung zugehört hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen -suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen Erstaunen war -es plötzlich von der Wand verschwunden. Ein leises Gemurmel und -Geflüster durchlief die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer -das Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand gelungen, -während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler lauschten, das Bild zu -entwenden, und noch lange nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie -diese merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es nur ein -Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von der Betrachtung der alten -Gemälde ermüdeten Augen getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu -verschwinden. - - - - - Anhang zum zweiten Teil - - - Varianten zum zweiten Teil der »Toten Seelen«. - -Der zweite Band der »Toten Seelen« wurde im Jahre 1840 begonnen, allein -das Werk blieb Fragment. Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten -Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines -Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten -Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist -jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser -Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842 -beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten -und entwirft in diesen Heften: »ein Chaos, aus dem der Kosmos der >Toten -Seelen< hervorgehen soll«. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe -des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser -Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom -Autor verbrannt. Wir führen in diesem Anhang die wichtigsten Varianten -der ursprünglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung zum -vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick -in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzüglich aber des -unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln. - - _Der Herausgeber._ - - * * * * * - -1. Wir haben unserem Text auch die _letzten_ Verbesserungen und -Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil über den Zeilen, zum Teil auf -dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stück ist -mehrfach verändert und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte -nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten: - -Ob solche Charaktere _geboren_ werden -- oder ob sie allmählich dazu -werden, was sie sind -- diese Frage läßt sich nicht beantworten. Wir -wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner -Erziehung erzählen -- und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor -der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz -außerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen -eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind, -das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um -ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn -verließ, dann ließ er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging -erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, wieder gut -zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwürfen, die Alexander -Petrowitsch seinen Schülern machte, lag etwas Ermutigendes und -Kräftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die -die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und -daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken. -Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen -pflegte er zu sagen: »Ich verlange Verstand und nichts anderes von -meinen Schülern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der -denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.« -Man warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube -ihnen, sich über die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu -kränken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: »Was soll ich machen? Ich habe -nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich will, daß alle es sehen -sollen.« Er hielt es auch für notwendig, vor allem .... - -2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion -von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden -Wortlaut: »Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den -Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erfülltes Herz -pochte noch lange bei dem Gedanken, daß er zu den Auserwählten gehören -werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit -sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit überholt, daß -er als einer der Tüchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er -selbst wollte kaum an dies große Glück glauben.« - - - 3. Variante der andern Fassung. - -Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald -lebhaft und ausgelassen, bald träumerisch und nachdenklich. War es ein -glücklicher oder unglücklicher Zufall -- genug er kam in eine Schule, -deren Direktor trotz einiger Schwächen und Eigenheiten, ein in seiner -Art ungewöhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das -Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufühlen und -zu erkennen; und er wußte, welche Sprache man mit ihnen sprechen muß. -Nie ließ ein Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; im -Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fühlte -es sich gestärkt und ermutigt und von dem glühenden Wunsche beseelt, -seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der -Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig und mutwillig, -sodaß man sie für ein ungezügeltes Korps von Freischärlern hätte halten -können; aber das wäre eine Täuschung gewesen; die Macht _eines_ Menschen -hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang, -der nicht selbst zum Direktor gekommen wäre, um ihm all seine Streiche -und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm -bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht -ungewöhnlich. Er erklärte, man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl -wecken -- er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen -vorwärtstreibt --, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmöglich, -einen Menschen zur Tätigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche -ließ er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu -unterdrücken: in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah er den -Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen, -um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger -Arzt ruhig die vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag, -der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft sie nicht, -sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu -erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht. - -Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den meisten Fächern -unterrichtete er selbst, und man muß gestehen, er verstand es, ohne -Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne jene großartigen -Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu -machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in -wenigen Worten wiederzugeben, so daß auch die ungereiften Geister es -sofort begriffen, warum sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete, -das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens; -wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst -begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschäftigen -müsse. - -Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches -erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die -Unbegabten entließ er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf -sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich der Ansicht, -daß man sie nicht zuviel quälen und plagen dürfe; es sei schon genug, -wenn man geduldige und fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen -gegebenen Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, und sich -ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphäre -bewegen könnten. »Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir viel -Mühe geben,« pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses -Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er -erklärte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen -Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde -er von ihnen einen höheren Verstand verlangen -- nicht jene Art von -Verstand, die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder lächerlich -zu machen, sondern jene, die es über sich zu gewinnen vermag, jegliche -Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu -beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre -schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine höhere Art von -Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und -Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -- die das dauernde Besitztum -jedes Menschen sein sollte -- das war es, was er Verstand nannte. Aber -Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, daß er die -Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften wählte -er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tüchtigen -Bürger seines Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand -darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den Menschen in allen -Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater -Betätigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle -Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, -alle Verführungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, führte er ihnen -nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen. -Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter kennen -gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schülern -ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz -in ihnen so stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen -Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jüngling ein -beständiges »Vorwärts« zuzurufen schien -- dieses herrliche Wort, -welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, -- genug, die jungen -Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse -aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da tätig und wirksam zu -zeigen, wo es ein Hindernis zu überwinden, wo es galt, einen hohen Mut -und Seelenstärke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes und -Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte -allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen an, und sorgte dafür, daß -ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden -schwere Kränkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch -vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die -wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig absolvierten, waren -abgehärtete Männer geworden, die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden -hatten. Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu -halten, während viele, die weit klüger waren, als sie, es nicht lange -aushielten, wegen kleiner persönlicher Unannehmlichkeiten den Dienst -quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern und -Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge des Alexander -Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch, -gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen -Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuüben. - -4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der »Toten Seelen« findet -sich folgende Variante dieser Stelle: - -»An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor -Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz -andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der -Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und -Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei äußere -Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, daß die jungen Leute -während der Stunde die äußerste Stille bewahren und niemals anders als -paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz -zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. Die Schüler mußten, des -schöneren Anblicks wegen, nach der Größe und nicht nach ihren -Fähigkeiten auf den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen die -fettesten Bissen erhielten und -- die Klugen sich mit den Knochen -begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut, -als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger -erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der -Schüler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen -sehe, und daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes -Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber -gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht -erreichen.« - - - 5. Variante der andern Fassung. - -Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. Das ganze Gut -hatte von der Ankunft erfahren und sich vor der Freitreppe des -herrschaftlichen Hauses versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur -möglichen Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige, rote, -blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die Bauern schrieen aus -voller Kehle: »Bist du endlich da Väterchen? Wir haben so lange auf dich -gewartet!« Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei, -weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen wollte. Ein altes, -welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete Birne aussah, wand sich -zwischen den Beinen der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände -zusammen und quiekte: »Du mein liebes Rotznäschen! Nein, wie mager du -bist. Die verfluchten Deutschen haben dich, scheint's, halbtot gequält!« --- »Fort mit dir, Alte!« riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und -Spitzbärtigen zu: »drängt sich da vor, das krumme Gestell!« Einer von -ihnen ließ hier noch ein Wörtchen folgen, bei dem nur ein russischer -Bauer sich das Lachen verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus -und lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die tiefste Seele. -»So viel Liebe! Und wofür nur?« dachte er. »Dafür, daß ich sie nie -gesehen, mich nie um sie gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch -das Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu teilen! Ich will -all meine Kräfte anspannen und euch helfen, das zu werden, was ihr sein -solltet, wozu euch eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat, --- eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, ich will euer -wahrhafter Vater werden!« - -Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung und -Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, daß sein Verwalter wirklich -ein altes Weib und ein Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines -Verwalters; d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über Hühner und -Eier, über Hanf und Leinwand, welche von den Bauernfrauen geliefert -wurden, aber er hatte keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat, -und zu alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor jedem -Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem Leben. Tentennikow jagte -den dummen Verwalter davon und nahm sich einen andern, einen -energischen, forschen Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge -hinweg und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er setzte den -Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ den Bauern mehr Zeit, -für sich selbst zu arbeiten, und glaubte, nun würde alles ganz -vortrefflich weitergehen. Er interessierte sich für alles, erschien -selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den Mühlen, -am Landungsplatz und war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken -und Kähne zugegen. - -»Ja, ja, der ist schnellfüßig!« sagten die Bauern und kratzten sich -hinter den Ohren, denn sie waren bei dem langen Weiberregiment des -früheren Verwalters allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber -das dauerte nicht lange. - - - 6. Variante der andern Fassung. - -Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches im Traume und dann -träumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm -für alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war -Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung genossen. Sie war von einer -englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand. -Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit, -sich viel um sie zu kümmern. Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen -Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte. -Es ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas -Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als -schön und gütig als klug; sie war schlanker und ätherischer als ein -klassisches Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, welches -Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn man hätte nicht so leicht -ein ähnliches Profil und ähnliche Gesichtszüge finden können, es sei -denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war -alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn jemand gesehen hätte, wie -ein plötzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und -wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben -können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde -nur dann zornig, wenn sie davon hörte, daß ein anderer ungerecht oder -grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn -verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück -gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne -darüber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr -Kleid in Stücke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen -wäre. - - - 7. Variante der andern Fassung. - -»O nein, Exzellenz,« fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an -Ulinka wandte. »Als Christen müssen wir gerade solche Menschen lieben.« -Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General -gewendet fort: »Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb' -uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir weiß und sauber sind, wird uns -jeder lieb haben.« - -»Nein, ich kenne sie nicht.« - -»Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,« sprach Tschitschikow noch -immer verschmitzt lächelnd. »Auf dem Gute des Fürsten Guksowski, den -Eure Exzellenz sicherlich kennen ...« - -»Nein, ich habe nicht das Vergnügen.« - -»Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines -Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren. -Natürlich mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens -gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf. -Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn -unter anderem: >Nun, meine Herren? Wollen Sie _mir_ nicht auch einmal -die Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?< >Gern<, -sagen sie. >Wir kommen<. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem -der Güter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure -Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?« - -»Nein, ich habe nicht die Ehre.« - -»Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafür aber -kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten gräflichen Ökonomen ein, -und da wurden dann drei Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten -gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich überhaupt -nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie -los zu werden, sagte er zu ihnen: >Warum sucht ihr denn nicht diesen -Deutschen, den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit -von hier.< -- >Ei, das ist eine Idee,< schreien sie, setzen sich -halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und -fort geht es zu dem Deutschen. -- Dieser aber hatte sich gerade -verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem -Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch auszudrücken). -Sie saßen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes -- da -öffnet sich plötzlich die Tür -- und die ganze Gesellschaft stürmt -herein.« - -»Ich kann mir die Situation denken -- die sind mir aber auch gut!« -bemerkte der General. - -»Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: >Was wünschen Sie?< - ->He!< rufen sie. >Bist du so einer?< Und bei diesen Worten veränderten -sich plötzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. >Wir kommen in einer -offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute! -Her mit den Kassenbüchern!< Der versucht Einwände zu machen. >Hollah. Wo -sind die Zeugen!< Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die -Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr in der -Untersuchungshaft schmachten.« - -»Schöne Geschichte!« sagte der General. - -Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen. - -»Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,« fuhr -Tschitschikow fort. »Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau -ausrichten? Noch gut, daß sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den -Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu -schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend Rubeln und einem -Mittagessen davon. Während dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein -wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm: ->Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns -durchaus geschniegelt und gebügelt, rasiert und im Frack vor dir sehen: -Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und -sauber sind, wird uns jeder lieb haben.<« - -Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich. - -»Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!« sagte sie schnell, -und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... »So eine gemeine -Handlung, für die man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...« - -»Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,« sagte der General, »aber -was soll ich machen, wenn ich es so lächerlich finde. Wie sagten Sie -gleich: Liebe uns so weiß wie ...« - -»So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow. - -»Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß sind, wird uns jeder -lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...« Und der ganze Körper des Generals -schüttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals -Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit -Achselklappen geschmückt wären. - -Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelächter jedoch -aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: »he, he, he, he.« -Und sein Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, nur -seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken -Achselklappen. - -»Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen haben!« rief der -General aus und fuhr fort zu lachen. - -»Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf -- -- das ist so -gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!« -sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen. - - - 8. Variante der andern Fassung. - -»Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu diesem Zwecke. Ich -besitze keine großartigen Prachtbauten mit Säulen und Giebeln, ich -verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem -aber würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: der -Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur während einer -Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschäftige ich nur zugewanderte -Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine -ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst -einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann würde er bemerken, daß sich -jeder Lappen noch zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem Plunder -noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß man ihn schließlich sogar -wegwirft und sagt: »Fort damit! Ich brauche dich nicht!« - -»Das ist wirklich erstaunlich!« sagte Tschitschikow ganz ergriffen. »Im -höchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, daß jeglicher -Plunder noch Gewinn bringen kann!« - -»Hm! Das ist es nicht allein!« Skudronshoglo schloß seine Rede nicht: -die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mußte seinen Zorn an -seinen Gutsnachbarn auslassen. »Da ist noch so ein gescheiter Kopf! -- -Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude errichtet hat. Ein Asyl für -Arme; einen steinernen Palast -- auf dem Lande! Ein christliches Werk! -Wenn der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit erweisen -will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und -ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen. -Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht zu, daß -er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, daß er seinen Bruder -und seinen Nächsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel -dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich nicht von ihm -zurück, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen. -Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! _Zweihundert Rubel_ jährlich -kommt _ein_ Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich -auf meinem Gute ganze _zehn_ Menschen ernähren!« Skudronshoglo war sehr -zornig und spie vor Wut aus. - -Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: er wollte -durchaus die Rede darauf bringen, daß jeder Plunder Gewinn bringen kann. -Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm, -und seine Rede strömte unaufhaltsam fort. - -»Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote -der Aufklärung! Der baut überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas -Nützlicheres für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift? -Was aber macht _er_? Jetzt kommen die Bauern aus den Dörfern und klagen -mir: >Was sind denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne sind ganz -aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen, -wollen alle Schreiber werden -- man braucht aber doch gar nicht so viele -Schreiber -- einer ist schon genug!< So weit ist es also schon -gekommen!« - -Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die Schulen, jedoch -Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: »Dabei kann man aber doch -nicht stehen bleiben, daß wir _jetzt_ keine Schreiber brauchen. Wir -müssen auch an unsere Nachkommen denken.« - -»Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! Was wollt Ihr nur mit Euren -Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der -Große. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt -nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafür, daß Eure Bauern -wohlhabend und reich werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu -lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in -der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: >Du mußt in die Schule -gehen, ob du willst oder nicht!< Weiß der Teufel, womit die Leute -heutzutage anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie auf, -selbst zu urteilen.« Hier rückte Skudronshoglo näher an Tschitschikow -heran und nahm ihn sozusagen gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in -die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines -Frackes: »Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da, -damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin -aber besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der Bauern? Doch -wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafür, -daß er ein tüchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da -finden sich gescheite Köpfe, die erklären: >Aus diesem Zustande muß er -herausgeführt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll -auch etwas von dem Luxus kosten.< Daß ihr selbst infolge dieses Luxus -lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, weiß der Teufel, an -was für neuen Krankheiten leidet, und daß es bald keinen -achtzehnjährigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem -gekostet hat -- der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem -Kopfe hat, -- daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute -anstecken! Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch einen gesunden Stand -besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten wir -Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit höher als -einen andern Menschen. Gott gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!« - -»Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu -werden?« fragte Tschitschikow. - -»Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter. -Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben -- das ward -uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange -Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die Sitten verbessert und -veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens -bildet, da herrscht Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und -keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen -gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klügeln! -Ich sage zum Bauern: >Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für -mich, für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, daß du -arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein -Vieh, nun wohl -- da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, -dir alles zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre es der -Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und -Mißwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, -damit du arbeitest.< Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte durch -Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch -lieber erst daran, daß jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden -Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese -dummen Erfindungen.« ... - - - 9. Variante der andern Fassung. - -»So ein Esel!« dachte Tschitschikow. »Solch eine Tante würde ich hegen -und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.« - -»Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken!« sagte -Chlobujew. »He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.« - -»Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,« fiel hier Platonow ein. - -»Ich auch nicht,« sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich -kategorisch, weiter zu trinken. - -»Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie mich in der Stadt -besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner für die -Honoratioren der Stadt.« - -»Wie!« rief Platonow aus. »Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben -Sie Diners?« - -»Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine -Pflicht,« versetzte Chlobujew. »Sie haben mich doch auch eingeladen.« - -10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten -herausgeschnitten. Wir führen hier die entsprechende Stelle aus der -andern Fassung an: - -»Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat nicht genug Land, -und da hat er sich eben ein fremdes Stück Brachland angeeignet, d. h. er -rechnete darauf, daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht -drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen -Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu -feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar -besseres Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir -heilig.« - -»Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes Stück Land abgeben?« - -»Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wäre, aber ich glaube, er -will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den -Prozeß gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar, -aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind, -und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehört hat.« - -»Hm!« dachte Tschitschikow. »Wie ich sehe, seid ihr alle beide -raffinierte Kerls.« Und er fügte laut hinzu: »Mir scheint, diese Sache -läßt sich friedlich beilegen. Alles hängt davon ab, ob sich jemand -findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....« - -Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten -sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der -»Toten Seelen« hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle -gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in der wahrscheinlich erzählt -wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her. - -»... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft wäre z. B. alle toten -Seelen auf meinen Namen zu übertragen, d. h. ich meine alle die toten -Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann -könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. Um aber kein Ärgernis zu -geben, könnten wir _pro forma_ einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so, -als ob sie noch am Leben wären.« - -»Da haben wir's!« dachte Lenitzyn: »das ist aber eine höchst merkwürdige -Geschichte.« Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er -befand sich in der höchsten Verlegenheit. - -»Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir -einverstanden sein werden,« fuhr Tschitschikow fort, »denn das ist eine -ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie -bleibt natürlich ganz unter uns -- wir sind doch gesetzte und -vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.« - -Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen -Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm -noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat -umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet. -Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus -entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre, -ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die -lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen; -der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in _einer_ Hand -vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen -befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein -Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im -guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine -schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er -wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen -sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes -Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn -gewandt, dann hätte er sagen können: »Ach Unsinn, das sind Torheiten! -Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!« -Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele -Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte -der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas -abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage. - -In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins -Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie -war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso -geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die -ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe. -Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie -aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit -der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte, -genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf -das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann, -sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar -freundliche Worte sagte, ihm A--u, A--u zurief, mit den Fingern -schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte. -Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig -auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann -sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute. - -Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder -etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. -Frau Lenitzyn schrie laut auf: »Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch -den ganzen Frack verderben!« - -Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und -war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: »Wenn dich doch -der Teufel holte, verdammter Schelm!« murmelte er ärgerlich vor sich in. - -Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um -kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn -zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern. - -»Das macht nichts, das macht wirklich nichts,« sagte Tschitschikow: »Was -kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?« Zugleich aber dachte er -sich: »Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein -goldenes Alter!« bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein -freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge. - -»Tatsächlich,« versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem -freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, »was gibt es Schöneres als -das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft -...« - -»Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,« entgegnete -Tschitschikow. - -»Sofort!« sagte Lenitzyn. - -Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen -solchen Tausch angeboten hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es -ist doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme auf dem Arme zu -sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren. - -Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch -der Kleine bedurfte einer gründlichen Reinigung: er hatte nicht nur -Tschitschikow beglückt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen. - -Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn -noch mehr für Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so -angenehmen und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so -freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Güte noch dazu so -großmütig mit seinem Frack bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich: -»Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er es doch -so sehr wünscht ...« - - - 11. Variante der andern Fassung. - -Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold -bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem -vorüberreisenden Schmuggler jüdischer Abstammung, der das Russische mit -einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste -holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue -Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von -allererster Qualität (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals während -seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die -tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu unerhörte Reinheit -und Zartheit zu verleihen). Während nun Tschitschikow mit Kennerblick -all diese für jeden gebildeten Menschen so überaus notwendigen -Gegenstände einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines -heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf -betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer. - -»Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und -wie gefällt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?« -Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen -verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand -und einer Würde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben -hätte. - -Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur: - -»Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen.« Man sah es ihm -an, daß er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen -Akzent wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben allein. - -»Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! Es hat sich noch -ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fünf Jahren -gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster -und die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist alles.« - -Tschitschikow war ganz erschrocken. - -»Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es -hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!« - -»Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, daß das erste -dadurch annulliert wird.« - -»Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt alle vorhergehenden -um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich -kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es -aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?« - -»Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten -die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.« - -»Das ist schlimm, sehr schlimm!« dachte Tschitschikow. »Dieser Chawanow -soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartüffe, der -liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. -- Ach was, Unsinn, -Unsinn,« fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und -entschlossen. »Das weiß ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb. -Ich muß das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die -Sache zu beschwören.« - -Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig. - -Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am -Ende das Testament gefälscht haben könnte (er hätte es sich freilich -nicht einmal vorstellen können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie -sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe wegen seines -Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwören, war ein -offenkundiger Beweis, daß er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel -Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen, -jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten. - -Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem -Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein außerordentlich geschickter -und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im -Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maßregeln so gut zu treffen, -daß es unmöglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wußte, -daß er es für seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die -Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge -verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn -aufzubringen. Der Mann war tatsächlich mit einem geheimnisvollen -Schimmer umgeben, man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn -unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt hätte. - -Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock -in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schönen -Mahagonimöbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr, -dem Armleuchter, der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und zu der -ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer -weltmännischen europäischen Bildung. - -Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen Blick des -Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klärte ihn -über die schwierige Sachlage auf und ließ die verlockende Aussicht auf -seinen Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten Rat und -Beistand vor ihm erstehen. - -Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit aller -irdischen Dinge und Güter an und deutete Tschitschikow gegenüber in -zarter Weise an, daß eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein -Sperling in der Hand ihm lieber sei. - -Was war da zu machen? Man mußte ihm schon den Sperling in die Hand -drücken. Die skeptische Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und -es stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der Welt und ein -äußerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die -Schönheit und weltmännische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte, -wenig nachgab. - -»Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände -- Sie haben sich wohl -das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend -eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber für -einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit -sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum -angeht ... Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß aufbieten.« - -»Ich verstehe,« dachte Tschitschikow und versetzte: »In der Tat, ich -kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz -enthielt -- es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst -aufgesetzt hätte.« - -»Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens können Sie ganz ruhig -sein,« fuhr er gutmütig fort. »Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen, -selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt -keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen ließe. Sehen Sie -doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen -mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.« Und in der Tat, -das Gesicht unseres Philosophen ließ nicht die geringste Bewegung -erkennen, so daß Tschitschikow lange ... - -»Natürlich ist das das wichtigste,« versetzte er. »Aber Sie werden mir -doch zugestehen, daß es Verhältnisse geben kann, Gefahren und -Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man -darüber seine Geistesgegenwart verlieren muß.« - -»Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,« entgegnete der Philosoph sehr -ruhig und freundlich. »Achten Sie vor allem darauf, daß die Sache auf -dem Aktenwege erledigt wird, und daß es keine mündlichen -Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß es zum -Klappen kommt, und daß die Entscheidung herannaht, -- dann dürfen Sie -sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie müssen -einfach mit neuen Tatsachen herausrücken.« - -»Man muß also ...« - -»Die Sache möglichst verwickeln -- das ist alles,« versetzte der -Philosoph, »sie mit neuen, nicht zur Sache gehörigen Details -komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affäre hineinziehen. Man -muß die Fäden durcheinander wirren -- das ist das ganze Geheimnis. Mögen -doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!« -wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergnügt ansah, so wie ein -Lehrer seinen Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel -aus der russischen Grammatik erklärt. - -»Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen -anderer Leute umnebeln kann!« sagte Tschitschikow, indem er den -Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der -die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt, -schon begriffen hat. - -»Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden -werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der -Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man -Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann -finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte, -und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man -muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts, -wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich -rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt's -eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich -kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre -recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, -daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil -ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle -miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den -Polizeimeister, den Kassierer -- ich lasse keinen frei ausgehen. Ich -kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt, -ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen -sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere -Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen -gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer -Wirrwarr entsteht.« Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow -wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch -weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt. - -»Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,« dachte Tschitschikow und -verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom -Rechtsanwalt. - -Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer -nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl -Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster -zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in -eigener Person. Als er _zum_ Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck -schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt, -jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen -Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das -Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan -erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die -einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und -grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß -nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er -schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie -ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen -Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen -alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe; -war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für -die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die -Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten -nach Hause zurückzukehren. - -»Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,« rief ihm ein Kaufmann von -der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau -verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit. -Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut, -während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei -suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck -zu geben. - -Tschitschikow trat in den Laden: »Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe -haben, Verehrtester.« - -Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische -verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand -sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem -Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten -Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann -setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den -Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: »Was für Stoffe wünschen -Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen -Produkte vor?« - -»Ich wünsche einen russischen Stoff,« versetzte Tschitschikow, »aber von -der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.« - -»Und welche Farben finden Ihren Beifall?« fragte der Kaufmann, der sich -noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen -balancierte. - -»Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen -Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?« - -»Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie die allerbeste Sorte -erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstädten -nicht finden,« versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu -holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten -auf und hielt den Stoff ans Licht. »Ein wunderbares Farbenspiel! Das -Allermodernste, etwas für den erlesensten Geschmack!« Und in der Tat, -der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte -erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er -erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen. - -»Hm, nicht übel,« bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flüchtig -gemustert hatte. »Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir -lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie -keinen mit einem Stich ins Rote?« - -»Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu -werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualität. Ich -mache Sie darauf aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt: -dafür ist es auch die allerbeste Sorte.« - -Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch größerer -Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war -es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, daß -dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, ihn gründlich zu besichtigen, -sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu: -»Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.« - - - 12. Variante der andern Fassung. - -Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes Metermaß maß Tschitschikow -gleich einem Zauberstabe in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und -Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen Einschnitt mit der -Schere, riß das Tuch mit beiden Händen der ganzen Breite nach -auseinander und verbeugte sich, nachdem diese Operation vollendet war, -in außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor Tschitschikow. -Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt und geschickt in Papier -gewickelt. Hierauf wurde eine dünne Schnur herumgeschlungen und das -Paket war fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, aber -da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm umschlang, und -seine Ohren vernahmen die Worte: »Was kaufen Sie hier ein, -Verehrtester.« - -»Ah, welch glückliches Zusammentreffen!« rief Tschitschikow aus. - -»Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,« hörte -er die Stimme desselben Mannes sagen, der seine Taille umschlungen -hatte. Es war Wyschnepokromow. »Ich wollte schon achtlos an dem Laden -vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht -- einem -solchen Vergnügen kann man sich doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies -Jahr sind die Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher -konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges bekommen. Ich hätte -gern vierzig Rubel bezahlt ... meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur -etwas Gutes bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder das -Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht wahr?« - -»Sehr richtig!« versetzte Tschitschikow. »Wozu quält man sich so, wenn -man nicht auch was Gutes haben soll?« - - - 13. Variante der andern Fassung. - -Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und wandte sich direkt an -Chlobujew: »Entschuldigen Sie, aber ich sah von weitem, wie Sie in den -Laden traten, und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre Zeit -ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie nachher frei sind und an -meinem Hause vorüberkommen, dann seien Sie doch so freundlich, einen -Augenblick bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.« - -Chlobujew versetzte: »Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.« - -Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. »Mir wirbelt's -förmlich im Kopfe,« sagte Tschitschikow »wenn ich daran denke, daß -dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!« - -»Ja, das gehört sich in der Tat nicht,« bemerkte Wyschnepokromow; »die -Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist -ein Gegenstand, über den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du -Geld hast, mußt du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib -Bälle, entwickele einen wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und -Handwerker etwas verdienen.« - -»Das kann ich gar nicht verstehen!« wiederholte Tschitschikow. »Zehn -Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol's der -Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann -man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und Generäle sollten bei mir -verkehren!« - -»Jawohl,« bemerkte der Kaufmann, »das ist in der Tat keine gebildete -Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger ist, dann ist er eben nicht mehr -Kaufmann sondern gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich mir auch -eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem -einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann müßte schon mindestens -ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir -ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei -einer gewöhnlichen Köchin ...« - -»Da ist doch jedes Wort überflüssig!« sagte Wyschnepokromow. »Mit zehn -Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn -Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!« - -»Nein,« dachte Tschitschikow: »bei _dir_ wären die zehn Millionen -schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Sümmchen hätte, ich -wüßte sie in der Tat gut anzulegen.« - -»Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,« dachte Chlobujew, »dann wäre ich -nicht so töricht wie früher, ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden. -Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert -jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es ganz anders anfangen ...« Aber -gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage -vor: »Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?« dann -machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte hinzu: »Kein Gedanke! Ich -glaube, ich würde es ebenso ausgeben wie früher.« Damit verließ er den -Laden und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, was dieser ihm -mitzuteilen habe. - -»Ich erwartete Sie!« sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. -»Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer.« Und er führte Chlobujew in das -Stübchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein -Beamter, der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte in keinem -schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen. - -»Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch gebessert? Ich -glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?« - -»Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß nicht, ob -sich meine Verhältnisse wirklich gebessert haben. Ich habe bloß fünfzig -Bauern und dreißigtausend Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner -Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts übrig. Was -aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht -ganz sauber. Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, Afanassij -Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, Sie werden sich wundern, -was für Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...« - -»Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow -reden, möchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte, -wieviel Geld hätten Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse -hineinzukommen? Was denken Sie wohl?« - -»Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben -beginnen zu können -- dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, -wenn nicht noch mehr.« - -»Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden Sie dann wohl -anfangen?« - -»Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner -Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten. -Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.« - -»Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?« - -»Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht -wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, daß ich Familie -habe. Ich bin schon über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin -träge und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht -erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich muß Ihnen übrigens -gestehen, ich würde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen -gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber -Geldgeschenke würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit -diesem Krasnonossow und Samosistow würde ich mich nicht vertragen.« - -»Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben -kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann -doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen hat; man -kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben -eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von -denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind -tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege -abgekommen, wie das uns sündigen Menschen wohl passieren kann; aber wir -wollen hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur -vorwärts marschiert, -- _muß_ schließlich das Ziel erreichen, man -braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß er wieder auf den rechten Weg -hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt. -Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.« - -»Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fühle, wie recht Sie -haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit -erstorben. Ich sehe nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen -sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer Holzklotz. -Früher, als ich noch jünger war, da schien es mir, daß alles vom Gelde -abhänge, daß, wenn ich bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte, -ich alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme Künstler -unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand nützliche Institutionen -gründen und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß, -daß ich das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten reichen -Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch, -daß auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij -Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das können Sie -mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fähig.« - -14. Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. Die neuere Fassung -dieser Stelle hängt in der Handschrift nicht mit der ursprünglichen -zusammen. Daher mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle -reproduziert werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen wurde. - - - Variante der andern Fassung. - -»Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu -beten; ich weiß es, Sie versäumen keine Früh- noch Abendmesse. Sie -stehen nicht gern früh auf, und doch tuen Sie es und gehen -- schon um 4 -Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.« - -»Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um -meines Seelenheiles willen, denn ich bin überzeugt, daß ich damit mein -müßiges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So -widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein -mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet und eine gewisse -Selbstüberwindung Gott wohlgefällig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich -bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen -Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch das Pferd und das -Vieh seinen Herrn, der über sie gebietet.« - -»Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein wollen, weil Sie um -das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und -veranlaßt Sie so früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit -derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu -dem Sie beten, Sie würden bald eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in -der Welt könnte Ihre Begeisterung dämpfen.« - -»Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, das ist was ganz andres. -Im ersten Falle sehe ich doch, daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin -bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen, -die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, denn dort werde -ich wissen, für wen ich mich mühe. Da brauche ich nicht nachzudenken und -zu grübeln. Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft -ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich -zu unterwerfen, und ich weiß, daß ich mich Gott unterwerfe.« - -»Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir -sollen doch auch in der Welt _Gott_ dienen und keinem andern. Und wenn -wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir -überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne das könnten wir -niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fähigkeiten, die -bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres -Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können doch nicht ins Kloster -gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt und haben Familie!« - -Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort. - -»Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage -stellen und von nun ab vernünftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie -zweihunderttausend Rubel hätten?« - -»Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit haben, der ich gewachsen -bin -- ich würde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte -die Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.« - -»Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden -Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.« - -Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: »Aber nach -den Erfahrungen, die ich ....« - -»Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!« fiel Murasow ein. »Sie haben -ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld -bitten -- Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie -einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen -kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder -menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber -werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch -in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande, -Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen, -der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein -gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen -zu können. Ich frage mich sogar -- Sie entschuldigen mich doch, Peter -Petrowitsch -- ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets -mit Ihnen zusammen zu sein!« - -Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach -allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht -ganz unrecht hatte. - -»Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und -die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre -Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch -gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe -am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan -Potapytsch?« - -»Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe -herumläuft.« - -»Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte, -und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott -- und da blieb ihm -eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es -wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen, -_ihm_, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht -recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt -könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun -will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber -er sagt: >Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir -selber, sondern _Gott_. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst -willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht -den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns -spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür -verantwortlich, sondern Sie.< -- Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch, -und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.« - -»Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit -anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie -wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last -auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage -Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.« - -»Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch -nun einmal Gott dienen wollen -- da haben Sie ein Gott wohlgefälliges -Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch -freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es -an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden. -Ziehen Sie einen einfachen Pelz an -- Sie sind doch jetzt ein schlichter -Mensch -- ein verarmter Edelmann -- und so gut wie ein Bettler, was -brauchen Sie sich zu schämen? -- nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, -besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte -und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben -und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit -Gott!« - -[Fußnote 15: Erzpriester.] - -Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die -ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem -Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und -mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu -sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache -nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk! - -»Sie überlegen noch?« fragte Murasow, »Sie werden damit einen doppelten -Dienst leisten: Gott und mir.« - -»Ihnen?« - -»Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich -noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie -die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie -überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die -Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern -abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge -unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie -zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch -Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere -Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer -bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und -Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein -Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes -entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind -ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung -bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und -wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie -wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen -auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen -mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut -sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es -sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, -wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns -nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie -ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, -ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden, -da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.« - -»Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist -ein heiliges Amt,« sagte Chlobujew. »Dies ist ein heiliges Werk! -Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen -übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt, -der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.« - -»Ich sage ja auch nicht, das Sie dies _alles_ ausführen sollen, tuen -Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie -werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen -Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der -betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie -persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig -gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die -Kirche zu sammeln, -- Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die -Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden -Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen -das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt -besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den -bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen -stiften werden.« - -»Gut denn! Ich will's versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und -mir die größte Mühe geben,« sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme -an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das -Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. »Ich sehe, daß -Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge -weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.« - -»Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow, -und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?« sagte Murasow. - -»Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge -erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij -Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat -sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen -Gutes.« - -»Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?« - -»Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt: -Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode -der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man -verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben -hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat -Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht -schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde -haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten -Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja -Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine -widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.« - -»Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die Sache wird sicherlich -nicht ganz sauber sein. Ich muß gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch -Tschitschikow mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,« sagte -Murasow. - -»Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern, -daß es noch einen rechtmäßigen Erben gibt ...« - -»Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,« -dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. -- -»Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl -überlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn eben erfüllen --- das ist das Ganze.« Und er fing schon an, an seine Reise zu denken, -während Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: »Ein höchst -rätselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit -dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete! -...« - - * * * * * - -Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen -verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen -Planes. Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig. -In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren größeren -Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow -mehrere Kapitel der _neuen_ Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei -diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehörten -folgendermaßen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe): - -»Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten -Teils) ein wenig anders; es war überhaupt weit sorgfältiger -durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß -mit dem Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein -zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird. -Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka -noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle einer -Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit -unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute -Betrischtschews wohnte. Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein -farbloses, ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase und -sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang -schweigen und ließ nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick beständig -nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich -erinnere: Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß bestimmt, -daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß »Eskadron« nannten. Er -schwieg auch fortwährend, mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach -mit dem General spielen. Während des Diners passierte nichts -Außerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit -Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. Ulinka war -nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich bloß, wenn die Rede auf -Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach -mit dem Spanier und wiederholte andauernd, während er eine Figur -vorschob: »Lieb uns so weiß wie«, worauf Tschitschikow ihn beständig -verbesserte: »So schwarz, Exzellenz.« »Ja, ja,« sagte der General, »lieb -uns so schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott selbst lieb -haben.« Nach fünf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing -wieder an: »Lieb uns so weiß wie«. -- Tschitschikow verbesserte ihn aufs -neue, und der General wiederholte noch einmal: »Lieb uns so schwarz wie -wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde uns auch der Herrgott -lieb haben.« Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier -gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm -zu spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst geschickt aus -der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrängte und setzte den -General mit seinen Zügen in Verlegenheit, verlor aber schließlich doch -die Partie: der General war sehr zufrieden, daß er einen so starken -Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb. -Beim Abschied bat er ihn, sobald als möglich wiederzukehren, und auch -Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam, -erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es -bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei sich sähe, wie der General sein -Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch -abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Mißverständnis -aus der Welt zu schaffen. Das war natürlich alles erfunden. Aber -Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich -selbstverständlich, einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn die Sache -sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen -zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen. -Tschitschikow billigt diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am -folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben -Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß er den General -angeschwindelt und ihm erzählt habe, daß Tentennikow eine Geschichte der -Generäle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas -gesagt habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der General auf -diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklärt ihm, -er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlüpft sei, -aber es sei nun einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn er -durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu schweigen und die -Sache nicht geradezu abzuleugnen, um _ihn_ -- Tschitschikow nicht vor -dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des -Generals. Tentennikow begrüßt den General und Ulinka, und man setzt sich -zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach -die schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in der Mitte, -rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow -Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und -Ulinka -- die Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er sich -wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit einem Menschen plaudern -konnte, der eine Geschichte der vaterländischen Generäle schrieb. -Tentennikow war glücklich, weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von -Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glücklich, -weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt war, und der Vater die -alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch -Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser -reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ ihre Augen frei nach -allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob -seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er -suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht aus den Augen, -während die Schüssel längs der Tafel die Runde machte, oder bis sich -jemand des guten Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange -brachte der General das Gespräch auf Tentennikows Werk und erwähnte das -Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die -Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte, -es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen -Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine -Rolle gespielt hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner -bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die -diese Epoche behandelt hätten, aber man müsse diese Zeit von einer -andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, daß das -ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu -verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und -Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle Stände hätten -sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wäre bereit -gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache -aufzuopfern. Das sei das Große an diesem Kriege, und das wäre es, was er -wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten möchte: all diese vielen -unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und großen Opfer eines -Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem -Augenblick völlig durchdrungen von glühender Liebe zu seinem russischen -Vaterlande. Betrischtschew hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal -hörte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm wie ein -reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der -General sehr schön. Und Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an -Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; wie -eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war -stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer -als früher und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem dummen und -verständnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles -eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschüttert ... -Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das -Schweigen. »Ja,« bemerkte er, »1812 herrschte eine furchtbare Kälte!« -- -»Es handelt sich hier gar nicht um die Kälte,« sagte der General und sah -ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte -Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz -selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die -Geschichte der Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und -angenehm für alle Beteiligten. -- An die nun folgende Anordnung der -Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich weiß nur noch, daß -Ulinka sich nach diesem Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich -über Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser -entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um -Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer -ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu -ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch -schließlich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und -erfuhr, daß der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage -nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte, -ließ er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz außer sich vor -Glück in den Garten. Er mußte mit sich allein sein. Das Glück -überwältigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische -Seiten. -- Ein heißer Sommertag -- um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt -in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht -eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert; -jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze in der Luft, -die Grillen im Grase, die vielen schwärmenden Insekten, und endlich -Tentennikows Gefühle, des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! -- -Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so wundersam, so -voller Kraft, Farbe und Poesie war, daß mir das Herz vor Erregung stille -stand. Gogol las vorzüglich! -- Im Übermaß seines Gefühls weinte -Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes -Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am -Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: »Sie sind mein -Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann ich Ihnen nur -danken. Mein Leben wäre zu wenig für solch einen Dienst.« Sofort kommt -Tschitschikow eine Idee: »Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein -bloßer Zufall,« antwortet er, »ich bin sehr erfreut, aber Sie können -sich sehr leicht dankbar erweisen.« »Wodurch, wodurch?« ruft -Tentennikow, »sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen.« Hier -erzählt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300 -Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. »Aber warum müssen sie -denn unbedingt tot sein?« fragt Tentennikow, der nicht recht versteht, -was Tschitschikow eigentlich will. »Ich werde Ihnen _pro forma_ all -meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren Vertrag Ihrem -Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, können wir ja -den Kontrakt wieder vernichten.« Tschitschikow ist ganz sprachlos vor -Erstaunen. »Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch einem Schritt ... -Sie fürchten sich gar nicht, daß ich Sie betrügen und Ihr Vertrauen -mißbrauchen könnte?« Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. »Was?« -ruft er aus, »ich sollte _Ihnen_ mißtrauen, dem ich mehr verdanke als -mein Leben.« Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht. -Tschitschikow schlief an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im -Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man den Verwandten die -Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen ließe, oder -ob jemand die Nachricht persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war -offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin Sjusjukina -und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen würden, -Tschitschikow wußte sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er -machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen -Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und -Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder -das Geschäft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank -angenommen. »Ich kann mir nichts Besseres wünschen,« dachte der General, -»er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen, -den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, daß alle -zufrieden sein werden.« Der General bot Tschitschikow seinen -zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte -ihm noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow sollte sich -schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im -Hause des Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund des -Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt war, ließ er sofort -Seliphan und Petruschka rufen und erklärte ihnen, sie sollten sich zur -Abreise rüsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul -geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben -ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwährend den -Bauernmädchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des -Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun auf dem breiten -Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all -seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit großer -Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des -Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie sie überhaupt -nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergnügen an seine Reise -und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern -ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell -wie der Wind dahintragen werde.« - -Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat -Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: »Dies ist alles, was -Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner -Schwester hat er, wie ich glaube, _neun_ Kapitel vorgelesen« [Rußkij -Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die -Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der -Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren »eigentlich nur -zwei bis drei Kapitel« vollständig fertig. - -Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die -beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der »Toten Seelen« vor. Alles, -was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852 -niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode -verbrannt. - - - Anhang zu den Novellen - -_Der Mantel._ Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der -erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für -die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese -Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist. - - * * * * * - -_Die Nase._ Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten -Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt -war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den -Puschkinschen »Sowremennik« (»Der Zeitgenosse«) umgearbeitet, wo sie im -dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte -1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts -vor der Drucklegung im »Zeitgenossen« umgearbeitet werden: - -»Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter -Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und -Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden -Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er -an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach -besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe. -Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann, -zu beten. Er suchte »die Nase«, suchte sie in allen Winkeln und sah den -Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr -Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem -Ausdruck tiefster Andacht. »Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm -bloß nähern?« dachte Kowalew. »Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr, -und noch dazu Staatsrat.« Er stellte sich neben ihn und hustete ein -paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und -beugte sich immerfort tief bis zur Erde. »Geehrter Herr!« sagte Kowalew, -indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: »Geehrter Herr!« »Was ist -Ihnen gefällig?« entgegnete jener, indem er sich umdrehte. -- »Ich finde -es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr -Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche. -Sie müssen selbst zugeben, daß ...« - -»Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich -deutlicher.« »Wie soll ich es ihm nur klar machen?« dachte Kowalew, -faßte jedoch wieder Mut und begann: »Ich will natürlich ... Übrigens bin -ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner -Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der -Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... _Die_ -braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen -Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird -... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.« -- Hierbei zuckte der Major mit -den Achseln. »Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des -Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst -einsehen ...« »Ich verstehe kein Wort,« versetzte die Nase, »bitte -drücken Sie sich etwas deutlicher aus.« - -»Mein Herr,« sagte Kowalew ernst und würdig. »Ich weiß nicht, wie ich -Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl _sehr_ klar ... -oder Sie wollen bloß nicht ... _Sie sind doch meine Nase_, meine -_eigene_ Nase!« Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn. - -»Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig -selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren -Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, -dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der -wissenschaftlichen Branche tätig bin.« Kowalew befand sich in der -größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. »Was soll ich machen?« -dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das -angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche -Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige -Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde -begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das -sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem -Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter -beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem -ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen -und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe, -ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner -Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine -Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer -Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen -durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf -Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm -unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete. -Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden -Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht -anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten -seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage -bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und -ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts _andres_ als seine _eigene_ -Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich -schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend -jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war -wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur -so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die -Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...« - -Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der -ursprünglichen Fassung: »Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit -vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu -zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten -hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber, -Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem -einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher -von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig -gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen -stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes -Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte, -aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch -schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu -verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden -Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London -eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte -indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen -Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut -einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels -bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in -Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei -die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde -zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute -aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und -dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen -Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu -verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein -Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft -aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen, -er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja -auch seine Nase Gott weiß wo.« -- - -Das von den Worten »Gleich, gleich« bis zum Schluß des zweiten Kapitels -reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit -einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle -folgendermaßen: - -»Gleich, gleich! -- Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel -sechzig Kopeken!« sagte der grauhaarige Herr, während er den alten -Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. »Und was -wünschen Sie?« fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte. - -»Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,« sagte Kowalew: »es ist -eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert -- ich kann der Sache -noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung -einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht, -eine ausreichende Belohnung erhalten soll.« - -»Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?« - -»Kowalew, -- Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen übrigens bloß zu -schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...« - -»Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? Ist er einer Ihrer -Leibeigenen?« - -»O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre noch keine so große -Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.« - -»Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um -eine große Summe bestohlen?« - -»Eine _Nase_ ... das heißt, Sie verstehen mich falsch. Meine -- meine -eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich -einen Scherz mit mir erlaubt. -- Und nun fährt diese Nase als Herr -verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum Narren ... Ich möchte -Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrücken zu lassen, daß -jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persönlich vorführen möge --- diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich muß -husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort -heraus.« - -Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest -zusammengekniffenen Lippen schließen konnte. - -»Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,« sagte er -schließlich nach längerem Stillschweigen. - -»Wie? Warum nicht?« - -»So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da könnte jeder -kommen und anzeigen, daß ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerückt -seien ... Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte -verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.« - -»Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!« - -»Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man -sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen -können. Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl -gern einen Scherz.« - -»Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lüge -nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?« - -»Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz bemühen,« fuhr der -Beamte fort, indem er eine Prise nahm. »Übrigens, wenn es Ihnen nicht zu -viel Umstände macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,« -fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu. - -Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg. - -»In der Tat, das ist sehr merkwürdig,« sagte der Beamte, »das sieht -genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Fläche ist ja -geradezu unglaublich glatt und eben.« - -»Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort -einrücken.« - -»Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das wäre ja eine -Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß Ihnen ein großer Vorteil -daraus erwachsen würde. Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache -bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller -mit, einem Mann, der eine gewandte Feder führt, der könnte den Fall als -ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der »Biene -des Nordens« veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum -Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den -Wissenschaften beschäftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder -überhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.« - -Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Er -warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den -Vergnügungsanzeiger; schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären, -als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine Hand griff -mechanisch nach der Tasche -- sie suchte nach einem blauen Schein, denn -nach Kowalews Ansicht mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers -mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie -ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf -und begab sich von einem unerträglichen Schmerz gequält zum -Polizeikommissar, der ein großer Freund von Süßigkeiten war; sein ganzer -Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit Zuckerhüten vollgestellt, die ihm -die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten. -Die Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel -aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung hingen schon friedlich in -der Ecke; sein dreijähriges Söhnchen machte sich bereits mit dem -mächtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff, -sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genüssen des -Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich -bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen -Gähnen verzog und sagte: »So, nun leg' ich mich auf zwei Stunden hin; -ich werde ein feines Schläfchen tun.« Daher kann man sich vorstellen, -wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich weiß -nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch -mitgebracht hätte, viel freundlicher empfangen worden wäre. -Der Kommissar war ein großer Freund der Künste und aller -Manufakturgegenstände überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe -nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: »Sie braucht nur wenig -Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen -läßt, geht sie nicht entzwei.« - -Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl und trocken. Er -erklärte, daß die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment für -amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der -Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, (woraus -deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem -anständigen Menschen könne es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen -werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal -ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand -unanständigen Lokalen herumtreiben. - -Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man muß nämlich -wissen, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles -verzeihen, was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die seiner -amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war der Ansicht, daß man auch in -den Theaterstücken wohl eine Bemerkung über die höheren Offiziere -durchlassen könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die -_Stabs_offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn -derartig aus der Fassung, daß er empört den Kopf schüttelte, die Hände -weit ausstreckte und würdevoll ausrief: »Ich muß gestehen, daß ich auf -solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe ...« Und damit -ging er hinaus. - -Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurück; nach all -diesen seelischen Erschütterungen wußte er kaum noch, ob er auf seinen -Füßen stehe oder nicht. Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach, -nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: »Mein -Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß ein solches Unglück verdient? Hätte -ich noch eine Hand oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren -abhanden gekommen -- es wäre noch immer leichter zu ertragen, aber ein -Mensch ohne Nase -- das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster -hinauswerfen möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder wäre ich -selbst schuld daran -- aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Weiß -Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich bloß, und -ich habe dies alles nur geträumt.« -- Und der Kollegien-Assessor kniff -sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz beinahe laut -aufgeschrieen hätte. »Nein, hol's der Teufel, ich schlafe nicht!« Er -stand ganz leise auf, näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die -Augen erst ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: »Wer weiß, -vielleicht hatte er doch noch eine Nase!« aber er sprang sogleich wieder -vom Spiegel zurück und murmelte: »Weiß der Teufel! Die reinste -Karikatur!« - -Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich und völlig -unwahrscheinlich; man hätte ihn wirklich für einen Traum halten müssen, -wenn er nicht tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge -von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. Der Major -überlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein möchte; und kam -schließlich zum Resultat, daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin -eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück treffe. -Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre Tochter heiraten solle, und -er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich -einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch -die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben -würde, da trat er den Rückzug an und sagte, er sei noch zu jung und -müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig -Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rächen -wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, und ein paar alte -Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst -mit dabei geholfen. - -Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, hörte er plötzlich im -Vorzimmer eine fremde Stimme: »Wohnt hier der Kollegienassessor -Kowalew?« - -»Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause!« sagte er, -indem er vom Stuhl aufsprang und die Türe öffnete. Es war der -Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann -von sehr würdigem Äußeren. - -»Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.« - -»In der Tat!« - -»Sie ist soeben angehalten worden.« - -»Was sagen Sie« rief der Major hocherfreut aus. »Auf welche Weise ist -das geschehen?« - -»Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer -Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen -eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Paß war schon längst -ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das -Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen Herrn gehalten -habe, aber ich hatte zum Glück meine Brille mitgenommen; so setzte ich -sie denn auf und erkannte sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin -nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich -weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter -meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.« - -Kowalew war außer sich vor Freude: »Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort -hin!« - -»Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, ich habe sie -deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, daß der Hauptschuldige -an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße -ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon -lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor -drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen. -Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.« Mit diesen Worten steckte der -Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die -in ein Stück Papier eingewickelt war. - -»Ja, das ist sie!« rief Kowalew ganz selig aus. »Das ist sie wirklich. -Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?« - -»Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider unmöglich. Ich bin -sehr beschäftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine -Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im -Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste berechtigt zu den -schönsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche, -mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.« - -Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und -drückte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen -Kratzfuß und ging zur Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte -Kowalew seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen Bauern, der mit -seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine kräftige Mahnung in -Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder -zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... »Gott sei -Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber -auch wieder ansetzen.« Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren -alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, daß -die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. »Nun sitz doch fest, du -Rindvieh!« sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer -wieder auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des Majors -verzerrte sich krampfhaft. »Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?« -sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatsächlich auf den Tisch. -»Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja -ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar -nicht wieder ansetzen kann.« - -Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen Ereignis -in der ganzen Residenz verbreitet, und natürlich, wie das zu geschehen -pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit -standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge: -erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das -ganze Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden -Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns Gedächtnis, und es war -daher kein Wunder, daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase -des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich um drei Uhr auf -dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strömte dort -jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken all -jener eleganten Müßigänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die -es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu -bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten -zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr -ungehalten über diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern -erklärte ganz empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten -Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte entstehen könnten; -ja er wunderte sich, daß die _Regierung_ diesen Vorgängen nicht mehr -Beachtung schenkte. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener -Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in -alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten -der Ehegatten. - -Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerüchten Kunde -bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verließ -fast niemals sein Zimmer. -- Er befahl, niemand vorzulassen, ließ sich -nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste -Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston, -mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im -Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr einer Leiche als einem -lebendigen Menschen glich ... - -Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des -Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so außer sich vor Freude, daß -er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich -überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im bloßen Hemde durch -das Zimmer zu hüpfen begann. Er führte sogar einen ganzen Tanz auf, der -eine Art Mischung aus einer Française und einer polnischen Mazurka -darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tür steckte, um -zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: »Mach, daß du -hinaus kommst! Worüber wunderst du dich?« Nach einer Minute aber warf er -sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: »He, -Iwan!« -- »Was wünschen der gnädige Herr?« -- »Hat nicht ein Mädel -- so -ein hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?« -- »Nein, -gnädiger Herr!« -- »Hm,« sagte der Major Kowalew und blickte lächelnd in -den Spiegel.« - -Gogol hat »Die Nase« _noch einmal_ für die _erste_ Gesamtausgabe seiner -Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern _Schluß_ gegeben. Im -Sowremennik (»Zeitgenossen«) von Puschkin lautet dieser Schluß -folgendermaßen: - -»Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. Plötzlich befand -sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im -Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fünften oder -sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens erwachte, nahm er den -Spiegel zur Hand und bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich -gehörte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst erstaunt -ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und befühlte die Nase mehrmals -mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase -sei. Aber da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders als -seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im -Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Française und einem -russischen Trepak darstellte. -- Dann ließ er sich anziehen, wusch sich -und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit mit einer -Bürste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider bürsten -konnte. -- Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor -auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und -fröhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im -Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies -jedoch geschah -- das hätte freilich niemand sagen können, denn er besaß -gar keinen Orden. - -Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie absolut nicht -verstehen. Und was soll das alles? Was hat es für einen Zweck? Ich bin -überzeugt, daß weit mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist. -Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine Nase ganz allein -in einer Uniform in der Stadt herumfährt -- und noch dazu als ein Mann -von dem hohen Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew wirklich -nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung nach einer Nase suchen -darf? Ich meine das nicht in dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure -Sache ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht zu den -geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist unschicklich, das ist ganz -ungehörig und geht nun einmal nicht. Eine Absurdität und weiter nichts! --- Und dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er so plötzlich -auftauchen und dann wieder verschwinden, ohne daß man weiß, warum und zu -welchem Zweck. -- Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie -ich selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt nicht, wie -ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann! Wozu soll das führen? -Welchen Zweck kann das haben? Was beweist diese Erzählung? Nein -- ich -verstehe es nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. -- Freilich ... -die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann passieren doch -in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche Dinge: wie aber -verhält es sich mit diesem Fall? -- Warum mußte die _Nase_ von Kowalew -... und warum mußte Kowalew _selbst_ ...? Nein, ich verstehe es nicht, -ich verstehe es durchaus nicht. Die Sache erscheint mir so unerklärlich, -daß ich ... Nein, das läßt sich einfach nicht verstehen!« - - -_Das Porträt._ Der erste Entwurf dieser Novelle erschien in Gogols -»Arabesken«, 1841 wurde sie in Rom umgearbeitet. Die neue Fassung ist -frühestens im März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal -durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses Jahres Pletnew -eingesandt, der sie im »Sowremennik« (Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3 -abdruckte. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. 1851 -nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner »Werke« noch einige -unbedeutende stilistische Veränderungen vor. - - * * * * * - - - Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Verweise auf Varianten im Text des zweiten Teils der Toten Seelen -(im Anhang) sind mit Nummern in runden Klammern gekennzeichnet. - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. - -Zwei offensichtliche Übertragungsfehler wurden ebenfalls unverändert -belassen. Auf Seite 71 sagt der General zu Tschitschikow: »Dir die -toten Seelen abzukaufen?« Im Original heißt es hingegen richtig: »zu -überlassen«, da ja der General der Besitzer der Bauern ist. Auf Seite -171 hat Chlobujew nicht »fünfzigtausend Bauern«, sondern wie im Original -»fünfzig Bauern« geerbt. - -Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des -russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 25]: - ... Ohren Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ... - ... Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ... - - [S. 28]: - ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerkksamkeit ... - ... dann ließ er es fast ganz an der früheren Aufmerksamkeit ... - - [S. 28]: - ... auffangen, wenn sie sich allenthaben im Himmel und ... - ... auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und ... - - [S. 46]: - ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesen und jenem verwandt ... - ... wie jeder Bauer heißt, wer mit diesem und jenem verwandt ... - - [S. 49]: - ... und die Lage der Ställe außerordenlich bequem. ... - ... und die Lage der Ställe außerordentlich bequem. ... - - [S. 60]: - ... ergreifen wollten, vertbeugte sich mit bewundernswürdiger ... - ... ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswürdiger ... - - [S. 70]: - ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche. ... - ... »Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche? ... - - [S. 70]: - ... Ist er noch gut auf den Beinen!« ... - ... Ist er noch gut auf den Beinen?« ... - - [S. 79]: - ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters!« ... - ... »Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters?« ... - - [S. 79]: - ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken?« sagte Petuch. ... - ... »Ich weiß, was Sie jetzt denken!« sagte Petuch. ... - - [S. 80]: - ... Alexyascha. ... - ... Alexascha. ... - - [S. 82]: - ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bischen ärgern ... - ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bißchen ärgern ... - - [S. 89]: - ... weitere lößten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ... - ... weitere lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ... - - [S. 89]: - ... zu jagen, saßen Nikoloscha und Alexascha stumm da und ... - ... zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und ... - - [S. 92]: - ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Brantweinpächter ... - ... herein!« dachte Tschitschikow. »Da ist der Branntweinpächter ... - - [S. 92]: - ... meiner Schwester und von meinen Schwager verabschieden.« ... - ... meiner Schwester und von meinem Schwager verabschieden.« ... - - [S. 92]: - ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünft im Werte ... - ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünfte im Werte ... - - [S. 96]: - ... konnte Tchitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ... - ... konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ... - - [S. 97]: - ... in einem Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus - zugeschritten. ... - ... in einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus - zugeschritten. ... - - [S. 99]: - ... »Ich habe dir's schon gesagt, Ich lasse nicht mit mir ... - ... »Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir ... - - [S. 100]: - ... kannte auch keine andere Sprache außer der russichen. ... - ... kannte auch keine andere Sprache außer der russischen. ... - - [S. 103]: - ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihm gekostet ... - ... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet ... - - [S. 103]: - ... Tschitschikow sah ihn aufmerksam ins Gesicht, hörte ... - ... Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ... - - [S. 107]: - ... steht zu ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ... - ... steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ... - - [S. 111]: - ... daß man sich von den französischer Invasion und dem ... - ... daß man sich von der französischen Invasion und dem ... - - [S. 124]: - ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschischitkow ... - ... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow ... - - [S. 134]: - ... »Und was wollen Sie dann anfangen!« ... - ... »Und was wollen Sie dann anfangen?« ... - - [S. 140]: - ... die einem Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ... - ... die einen Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ... - - [S. 142]: - ... und töchrichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ... - ... und törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ... - - [S. 153]: - ... Name war Wassillij. ... - ... Name war Wassilij. ... - - [S. 162]: - ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karnealsiegel, ... - ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, ... - - [S. 162]: - ... »Das dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!« ... - ... »Daß dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!« ... - - [S. 163]: - ... für ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ... - ... für Ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ... - - [S. 171]: - ... Betrügereien vorgekommen, Alfanassij Wassiljewitsch! ... - ... Betrügereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! ... - - [S. 179]: - ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, das die Sache ... - ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, daß die Sache ... - - [S. 206]: - ... zu nehmen.« ... - ... zu nehmen?« ... - - [S. 217]: - ... »Es versteht sich von selbst, deß der Hauptschuldige ... - ... »Es versteht sich von selbst, daß der Hauptschuldige ... - - [S. 218]: - ... gehabt hätten, dann durften sie sich nicht durch den Stolz - und ... - ... gehabt hätten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz - und ... - - [S. 218]: - ... und ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ... - ... und Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ... - - [S. 227]: - ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legten den Finger ... - ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legte den Finger ... - - [S. 237]: - ... Petrowitsch war ein Individium, das schielte, pockennarbig ... - ... Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig ... - - [S. 256]: - ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirlich so ... - ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirklich so ... - - [S. 279]: - ... sein imponierendes Äußere warf: »Welch ein Charakter!« ... - ... sein imponierendes Äußeres warf: »Welch ein Charakter!« ... - - [S. 290]: - ... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringles Dunkel ... - ... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel ... - - [S. 291]: - ... ebene und glatte Fäche! Voller Schrecken ließ Kowalew ... - ... ebene und glatte Fläche! Voller Schrecken ließ Kowalew ... - - [S. 298]: - ... Weise und einen Teil der Wange bemerkte, die in ... - ... Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in ... - - [S. 307]: - ... Der Major lies sich, wie man sieht, sogar zu einer ... - ... Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer ... - - [S. 315]: - ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu überbedenken, ... - ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, ... - - [S. 323]: - ... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichs bekannt. ... - ... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt. ... - - [S. 327]: - ... Und der Mojor Kowalew zeigte sich, als ob nichts ... - ... Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts ... - - [S. 335]: - ... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste sein Laden. ... - ... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. ... - - [S. 343]: - ... für das vollkommenste und vollendeste Kunstwerk ... - ... für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk ... - - [S. 344]: - ... mit jenen hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ... - ... mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ... - - [S. 344]: - ... Messer bewaffnet, einen Menschen nahn, in der Erwartung, ... - ... Messer bewaffnet, einem Menschen nahn, in der Erwartung, ... - - [S. 347]: - ... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihn ... - ... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm ... - - [S. 348]: - ... Die Brust war wie eigeschnürt, wie wenn sie den letzten ... - ... Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie den letzten ... - - [S. 364]: - ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl!« ... - ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl?« ... - - [S. 385]: - ... stimmte am besten mit seinen Seelenzustand überein, ... - ... stimmte am besten mit seinem Seelenzustand überein, ... - - [S. 399]: - ... eigentümliche arithmetrische Operationen zu ganz ... - ... eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz ... - - [S. 403]: - ... Vater gestand, niemals in seinen Leben etwas Ähnliches ... - ... Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches ... - - [S. 438]: - ... »So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihm Tschitschikow. ... - ... »So schwarz ... Exzellenz,« verbesserte ihn Tschitschikow. ... - - [S. 458]: - ... hineinzukommen. Was denken Sie wohl?« ... - ... hineinzukommen? Was denken Sie wohl?« ... - - [S. 475]: - ... umgearbeitet worden: ... - ... umgearbeitet werden: ... - - [S. 476]: - ... versetzte die Nase, »bitten drücken Sie sich etwas deutlicher ... - ... versetzte die Nase, »bitte drücken Sie sich etwas deutlicher ... - - [S. 480]: - ... seinen fest zusammengekniffen Lippen schließen konnte. ... - ... seinen fest zusammengekniffenen Lippen schließen konnte. ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen -II / Novellen, by Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE *** - -***** This file should be named 54263-8.txt or 54263-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/2/6/54263/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/54263-8.zip b/old/54263-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a5cc8c4..0000000 --- a/old/54263-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/54263-h.zip b/old/54263-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 64d3c7d..0000000 --- a/old/54263-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/54263-h/54263-h.htm b/old/54263-h/54263-h.htm deleted file mode 100644 index a678c87..0000000 --- a/old/54263-h/54263-h.htm +++ /dev/null @@ -1,21304 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen, by Nikolai Gogol</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" /> - <!-- TITLE="Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen" --> - <!-- AUTHOR="Nikolai Gogol" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Georg Müller, München, Leipzig" --> - <!-- DATE="1909" --> - <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -div.frontmatter { page-break-before:always; } -.halftitle { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; - font-size:1.2em; font-weight:bold; } -.logo { margin-bottom:6em; } -.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em; - font-size:1.5em; font-weight:bold; } -.ser .line3{ font-size:0.8em; } -.edt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; } -.edt .line3{ font-size:1.2em; } -.trn { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; } -.trn .line3{ font-size:1.2em; } -.vol { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } -.pub { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.2em; } -.pub .line3{ font-size:0.8em; } -.erw { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; font-size:0.8em; } -h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } -.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:1em; - font-weight:bold; font-size:1.5em; } -.imp { text-indent:0; font-size:0.8em; margin-top:6em; margin-bottom:6em; - margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:30em; } - -h2 { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.5em; font-weight:bold; - page-break-before:always; margin-top:3em; margin-bottom:2em; } -h2.part .line2 { font-size:0.67em; } -h2.part .line4 { font-size:0.67em; letter-spacing:0.2em; } -p.trnpart { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:4em; line-height:3em; } -p.trnpart .line1 { font-size:0.8em; } -p.trnpart .line2 { font-weight:bold; } -h2.footnotes { margin-top:3em; margin-bottom:1em; } -h3 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:1em; margin-bottom:1em; - page-break-before:always; } -h4 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; - page-break-before:always; } - -p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } -p.noindent { text-indent:0; } -p.first { text-indent:0; } -p.first.pbb{ margin-top:3em; } -span.firstchar { clear:left; float:left; font-size:3em; line-height:0.85em; } -div.letter { margin-left:2em; margin-top:1em; margin-bottom:1em; } -p.adr { margin-top:1em; margin-bottom:0.5em; text-indent:0; text-align:center; } -p.sign { margin-bottom:1em; text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; } -p.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; } -p.center { text-indent:0; text-align:center; font-size:1em; - margin-top:1em; margin-bottom:0.5em; } -.pbb { page-break-before:always; } -.vs { margin-top:2em; } - -hr.tb { margin:1em; margin-left:45%; width:10%; border:0; border-top:1px solid black; } - -/* "emphasis"--used for spaced out text */ -em { letter-spacing:.1em; margin-right:-0.1em; font-style:normal; } - -/* antiqua--use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */ -.antiqua { font-style:italic; } - -.underline { text-decoration: underline; } -.hidden { display:none; } - -/* footnotes */ -p.footnote { margin:1em; margin-bottom:0; text-indent:0; } -a[href^="#footnote-"] { font-weight:normal; } -h3 a[href^="#footnote-"] { font-size:0.8em; vertical-align:20%; } - -/* TOC table */ -div.table { text-align:center; } -table.toc {margin-left:auto; margin-right:auto; } -table.toc td { padding-left:0em; padding-right:0em; vertical-align:top; padding-left:2em; - text-indent:-2em; } -table.toc td.col1 { padding-right:2em; text-align:left; } -table.toc tr.i2 td.col1 { padding-left:4em; } -table.toc td.col2 { padding-right:2em; text-align:center; } -table.toc td.col_page { text-align:right; } - -a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:hover { text-decoration: underline; } -a:active { text-decoration: underline; } - -/* Transcriber's note */ -.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; - color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; - page-break-before:always; margin-top:3em; } -.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } -.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } -.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } -.trnote ul li { list-style-type: square; } - -/* page numbers */ -a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } -a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; - letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; - font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; - border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; - display: inline; } - -div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } - -@media handheld { - body { margin-left:0; margin-right:0; } - em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } - a.pagenum { display:none; } - a.pagenum:after { display:none; } -} - -</style> -</head> - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / -Novellen, by Nikolaj Gogol - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen - Die Toten Seelen II / Der Mantel / Die Nase / Das Porträt - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Translator: Otto Buek - Mario Spiro - S. Bugow - -Release Date: March 1, 2017 [EBook #54263] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<p class="halftitle"> -Nikolaus Gogol<br /> -Tote Seelen, II<br /> -Novellen -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ser"> -<span class="line1">Nikolaus Gogol</span><br /> -<span class="line2">Sämmtliche Werke</span><br /> -<span class="line3">In 8 Bänden</span> -</p> - -<p class="edt"> -<span class="line1">Herausgegeben</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Otto Buek</span> -</p> - -<p class="vol"> -Band 2 -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1909</span> -</p> - -<p class="erw"> -E. R. W. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Nikolaus Gogol -</p> - -<h1 class="title"> -Die Abenteuer Tschitschikows -oder Die toten Seelen -</h1> - -<p class="trn"> -<span class="line1">Übertragen</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Otto Buek</span> -</p> - -<p class="vol"> -Band 2 -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1909</span> -</p> - -<p class="erw"> -E. R. W. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<div class="centerpic"> -<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<h2 class="toc" id="part-1"> -Inhalt -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil</td> - <td class="col2">Seite</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Novellen:</td> - <td class="col2"> </td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Der Mantel</td> - <td class="col2">„</td> - <td class="col_page"><a href="#page-223">223</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Die Nase</td> - <td class="col2">„</td> - <td class="col_page"><a href="#page-283">283</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Das Porträt</td> - <td class="col2">„</td> - <td class="col_page"><a href="#page-329">329</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<span class="line1">Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows</span><br /> -<span class="line2">oder</span><br /> -<span class="line3">Die Toten Seelen.</span><br /> -<span class="line4">Zweiter Teil</span> -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-1"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -Erstes Kapitel. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">arum</span> bloß wollen wir die Armut, nichts als -die Armut und die beklagenswerte Unvollkommenheit -unseres Lebens öffentlich zur -Schau stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus -den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben -und hervorziehen? — Was ist zu machen, wenn das nun -einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er -selbst so sehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit krankt, -daß er eben nur dies eine kann: die Armut und nichts -als die Armut und Unvollkommenheit unseres Lebens -darstellen, indem er seine Menschen aus der Wildnis -und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes -ausgräbt? Und so sind wir denn abermals mitten in -die Wildnis hineingeraten und wieder auf ein ödes -trauriges Nest gestoßen. Und noch dazu welch ein Nest -und welch eine Wildnis! -</p> - -<p> -Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit -Türmen und Bastionen, zog sich in endlosen Windungen -von mehr als tausend Werst eine ununterbrochene -Gebirgskette hin. Stolz und majestätisch erhob sie sich -über die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und -Kalkfelsen, bald als senkrecht abstürzende Bergwand, -durchsetzt von Spalten und Rissen, bald wieder in Form -von grünen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -das zwischen kahlen Baumstümpfen emporragte und von -weitem wie zartes Lammfell aussah, bald endlich als -dichter dunkler Wald, den die Axt seltsamer Weise noch -verschont hatte. Der Fluß, der überall zwischen hohen -Ufern dahinströmte, folgte den Bergen in mancherlei -Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich -von ihnen, floß zwischen Feldern und Wiesen dahin, -schlängelte sich in leuchtenden Serpentinen, verschwand -plötzlich, noch einmal hell aufblitzend im strahlenden -Sonnenlicht in einem Gehölz von Birken, Espen oder -Erlen und tauchte endlich wieder triumphierend aus dem -Dunkel hervor, überall begleitet von Brücken, Windmühlen -und Dämmen, die ihm bei jeder Wendung nachzueilen -schienen. -</p> - -<p> -An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders -dicht mit dem Lockenschmuck jungen Baumgrünes überzogen. -Durch künstliche Anpflanzung hatte sich hier -dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation -aus Nord und Süd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, -Birnbäume und Weidenbüsche, Beifuß und Birke, Fichten -und dicht von Hopfen umrankte Ebereschen kletterten -überall, <em>hier</em> einträchtig und sich gegenseitig im Wachstum -unterstützend, <em>dort</em> sich hemmend und eng zusammengedrängt, -den steilen Berg hinan. Oben am -Scheitel mischten sich mit den grünen Wipfeln die roten -Dächer der Gutsgebäude, die Giebel und Dachfirste -der dahinter versteckten Bauernhütten, das oberste -Stockwerk des Herrenhauses mit seinem geschnitzten -Balkon und dem halbrunden Fenster — und hoch über -dieser Masse nah beieinander liegender Häuser und Bäume -streckte eine altertümliche Kirche ihre fünf vergoldeten -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -Türme in die Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. -Die Türme waren mit goldenen durchbrochenen Kreuzen -geschmückt, die mit ebensolchen Ketten von gleichem -Metall an den Kuppeln befestigt waren, so daß man -aus der Ferne den Eindruck hatte, als glühte und -flimmerte die Luft von glänzendem gemünztem Golde, -das frei im blauen Äther schwebte, ohne an etwas befestigt -zu sein. Und diese ganze Masse von Bäumen, -Dächern und Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf -gestellt lieblich im Flusse wieder, wo die hohen mißgestalteten -Weidenstämme, die teils vereinzelt am Ufersaume, -teils tief im Wasser standen, ihre von grünem schleimigen -Flußschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen -Zweige und Blätter in die Fluten hinabtauchten und -in die Betrachtung dieses reizenden Bildes versunken -schienen. -</p> - -<p> -Dieser Anblick war in der Tat sehr hübsch, aber der -Blick aus der Höhe ins Tal, von der Terrasse des Hauses -in die weite Ferne war noch viel schöner. Kein Gast, -kein Besucher vermochte es gleichgültig auf dem Balkon -zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor -Staunen und Entzücken, und er konnte bloß ausrufen: -„Gott wie geräumig und frei ist es hier!“ Ein unendlicher -grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus: -Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmühlen -übersät waren, erhoben sich dunkle Wälder wie -eine Reihe grün schimmernder Zonen; hinter den Wäldern -leuchteten gelbliche Sanddünen durch die sich mählich -verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wälder, -die bläulich schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes -Meer oder eine weite Nebelfläche; dahinter lagen wieder -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -Sanddünen, welche zwar nicht mehr so hell, wie die -ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten -und leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die -Konturen eines Bergrückens: das waren Kalkfelsen, -die selbst bei schlechtestem Wetter beständig in -blendender Weiße erstrahlten, wie wenn eine ewige -Sonne sie beleuchtete. An ihrem Fuße, der zum Teil -aus Gipsgestein bestand, hoben sich hie und da nebelgrau -flimmernde Flecken von dem blendenden Weiß des -Hintergrundes ab: das waren ferne Dörfer, die jedoch -kein menschliches Auge erkennen konnte — nur die -goldene Spitze einer Kirche, die hin und wieder aufblitzte -wie ein glühender Funke, ließ ahnen, das dies -ein großes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das -Ganze aber war in eine tiefe Stille getaucht, die nicht -einmal von dem kaum bis ans Ohr dringenden Lied -der Sänger der Lüfte gestört wurde, welche sich in den -reinen Äther emporschwangen und bald im weiten -Raume verloren. Mit einem Wort, kein Gast noch -Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und -wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren -dagestanden hatte, brach er immer wieder in den schon -bekannten Ruf aus: „Gott, wie geräumig und frei es -hier ist.“ -</p> - -<p> -Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses -Landgutes, das gleich einer uneinnehmbaren Festung dalag -und zu dem von dieser Seite nicht einmal ein Fahrweg -hinführte. Man mußte schon von der andern -Seite heranzukommen suchen — wo weit auseinanderstehende -Eichen den herannahenden Reisenden freundlich -begrüßten, indem sie ihre breiten Äste weit ausstreckten -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem Hause -hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen -haben, und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen -einer langen Reihe von Bauernhütten mit ihren -geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der Kirche, die -im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes -der in der Luft hängenden Ketten erstrahlte. -</p> - -<p> -Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen -Kreises Andrei Iwanowitsch Tentennikow. Der Glückliche -war ein junger Mann von dreiunddreißig Jahren, -der noch dazu unverheiratet war. -</p> - -<p> -Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch -Tentennikow für ein Mensch? Wie war sein -Wesen; was hatte er für Eigenschaften und für einen -Charakter? — Darnach müssen wir uns natürlich bei -den lieben Nachbarn erkundigen, geneigte Leserinnen. -Einer von ihnen, der zu jener Gattung verabschiedeter -Stabsoffiziere und Lebemänner gehörte, die jetzt schon -im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaßen -über ihn zu äußern: „Ein ganz gewöhnlicher Schweinehund!“ -Ein General, der etwa zehn Werst von ihm -entfernt wohnte, sagte gewöhnlich: „Der junge Mann -ist nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf -gesetzt. Ich könnte ihm nützlich sein, denn ich habe -gewisse Verbindungen in Petersburg und sogar beim ...“ -Der General beendigte seinen Satz niemals. Der -Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: -„Ich will mir mal morgen die rückständigen Steuern -von ihm abholen!“ und ein Bauer hätte auf die Frage, -was sein Herr für ein Mensch sei, überhaupt nichts -geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Nachbarn von ihm hatten, war recht ungünstig. Vorurteilslos -gesprochen aber war Andrei Iwanowitsch -eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von -denen, die unnütz auf der Erde herumlaufen. Es gibt -ja doch ohnedies genug Leute, welche unnütz auf der -Erde herumlaufen, warum also sollte gerade Tentennikow -es nicht tun? Übrigens wollen wir hier gleich einen -kurzen Abriß seines Tagewerks geben, und da bei ihm -ein Tag stets dem andern glich, so mag der Leser darnach -selbst urteilen, was er für einen Charakter hatte, -und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden Naturschönheiten -entsprach. -</p> - -<p> -Morgens pflegte er recht spät zu erwachen, dann -richtete er sich im Bette auf und rieb sich lange die -Augen. Zu seinem Pech waren die Augen sehr klein, -und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch. -Während der ganzen Dauer dieser Handlung -stand ein Mann, namens Michailo, mit einem Waschbecken -und einem Handtuch an der Tür. Dieser arme -Michailo mußte immer stundenlang so dastehen; dann -ging er in die Küche und kam noch einmal wieder; -aber sein Herr saß noch immer im Bett und rieb sich -die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich, -zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um -ein Glas Tee, Kaffee, Kakao oder sogar frische Milch -zu trinken. Er trank immer in kurzen Zügen, indem -er die Brotkrumen rücksichtslos umherstreute und die -Tabakasche überall achtlos hinfallen ließ. So saß er -wohl zwei Stunden lang beim Frühstück, doch das -genügte noch nicht. Dann nahm er noch eine Tasse -kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -den Hof führte. Hier spielte sich jeden Tag folgende -Szene ab. -</p> - -<p> -Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in -seiner Eigenschaft als Aufwärter mit der Schließerin -Perphiljewna, die er mit folgenden Ausdrücken zu bedenken -pflegte: „Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges Frauenzimmer -du! Du solltest doch lieber den Mund halten, -du gemeines Geschöpf!“ -</p> - -<p> -„Du willst wohl <em>so</em> etwas haben?“ heulte die Jammerseele -oder Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust -hinhielt. Dieses Frauenzimmer war nicht ungefährlich -und hatte recht derbe und kräftige Manieren, trotz ihrer -starken Vorliebe für Rosinen, Marmelade und andere -Süßigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt. -</p> - -<p> -„Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den -Haaren, du Staubkorn, elendiges,“ kreischte Grigorij. -</p> - -<p> -„Der Verwalter ist doch gerad so’n Dieb wie du, -du glaubst wohl der Herr kennt euch nicht; er ist doch -hier und hört alles.“ -</p> - -<p> -„Wo ist der Herr?“ -</p> - -<p> -„Da sitzt er am Fenster und sieht alles.“ -</p> - -<p> -Und in der Tat, der Herr saß am Fenster und -sah alles. -</p> - -<p> -Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollständigen -schrie ein Knabe auf dem Hofe aus voller -Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen hatte, -und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es -sich mit dem Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch -hatte nämlich kochendes Wasser aus dem Fenster gegossen -und es verbrüht; mit einem Worte alles heulte und -plärrte unerträglich. Der Herr sah und hörte sich alles -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -an, aber erst als der Lärm so entsetzlich wurde, daß er -Tentennikow in seinem Nichtstun zu stören begann, -schickte er in den Hof hinunter und ließ sagen, die da -unten möchten doch etwas <em>leiser lärmen</em>. -</p> - -<p> -Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei -Iwanowitsch in sein Zimmer, um an einem großen Werke -zu arbeiten, das ganz Rußland von sämtlichen nur -möglichen Standpunkten: vom bürgerlichen, vom politischen, -vom philosophischen und religiösen umfassen und beleuchten -sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben -und Probleme lösen, die die Zeit gestellt hatte und klar -bestimmen, in welcher Richtung Rußlands große Zukunft -läge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein -moderner Mensch es planen konnte. Übrigens hatte es -zunächst beim Nachdenken über dieses grandiose Unternehmen -sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf -ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles -wieder beiseite; statt dessen wurde ein Buch zur Hand -genommen, das man bis zum Mittagessen nicht wieder -fortlegte. In diesem Buche las man, während die -Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die süße Speise -verzehrt wurde, ruhig weiter, und es kam mitunter vor, -daß manche Speisen ganz kalt und andre überhaupt -nicht angerührt wurden. Dann trank man noch eine -Tasse Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte -noch eine Partie Schach mit sich selbst. Was darauf -noch weiter bis zum Abendessen getan wurde — ist tatsächlich -schwer zu sagen. Ich glaube es wurde -überhaupt nichts mehr getan. -</p> - -<p> -So verbrachte der junge dreiunddreißigjährige Mann, -der immer im Schlafrock und ohne Halsbinde dasaß -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -ganz mutterseelenallein und von aller Welt verlassen, -seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen machte -ihm keinen Spaß, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, -oder ein Fenster zu öffnen, um frische Luft in -das Zimmer hineinzulassen, und der herrliche Anblick des -Dorfes, an dem sich Gäste und Besucher nicht genug -erfreuen konnten, schien für den Besitzer selbst überhaupt -nicht zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, -daß Andrei Iwanowitsch Tentennikow zu der großen -Familie der Leute gehörte, die in Rußland nicht alle -werden und die man früher bei uns Schlafmützen, -Faulenzer, Bärenhäuter usw. zu nennen pflegte, und für -die ich heute wirklich keinen Namen zu finden wüßte. -Ob solche Charaktere <em>geboren</em> werden oder sich allmählich -bilden, als ein Produkt trauriger Lebensverhältnisse, in -deren harte und strenge Umgebung der Mensch hineingestellt -ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten -tut man vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und -der Lehrjahre Andrei Iwanowitschs zu erzählen. -</p> - -<p> -„Anfangs schien alles darauf abzuzielen, daß etwas -Vernünftiges aus ihm werden sollte. Mit zwölf Jahren -kam der etwas kränkliche und träumerische, aber begabte -und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren Direktor -ein für jene Zeit wirklich ungewöhnlicher Mensch war. -Der Abgott der Jünglinge und das bewunderte Vorbild -aller Lehrer und Erzieher. Alexander Pawlowitsch war -mit einem außerordentlichen Feingefühl begabt. Wie -gut kannte er den russischen Charakter! Wie kannte er -das kindliche Gemüt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten -und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, -der, wenn er etwas angestellt hatte, nicht selbst zum -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Direktor kam, um ihm seine Streiche und Untaten zu -beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine -harte Strafe, aber der kleine Schelm ließ darum keineswegs -die Nase hängen, sondern verließ das Zimmer -aufrechter als vorher. Es lag etwas wie frischer Mut -in seinen Zügen, und eine innere Stimme schien zu ihm zu -sprechen: „Vorwärts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich -ruhig wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist.“ Nie -hielt der Direktor seinen Zöglingen lange Reden über gutes -Betragen. Er pflegte nur zu sagen: „Ich verlange von -meinen Schülern nur dies eine: daß sie vernünftig und -verständig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, -klug zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die -Unarten müssen von selbst verschwinden.“ Und so war -es in Wirklichkeit, die Unarten verschwanden ganz von -selbst. Ein Schüler, der kein ernstes Streben hatte, lenkte -nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die erwachsenen -Esel und Schafsköpfe mußten es sich gefallen -lassen von den Kleinsten mit den kränkendsten Spitznamen -getauft zu werden, und durften ihnen kein Härchen -krümmen. „Das geht zu weit!“ sagten viele, „diese -Knaben werden allzu gescheit, das muß sie hochmütig -machen.“ „Nein, das geht durchaus nicht zu weit,“ -antwortete er, „die schwach Begabten behalte ich nicht -lange in der Schule; es genügt schon, wenn sie den -einen Lehrgang durchmachen; für die Begabteren habe -ich noch einen zweiten Kursus.“<a id="tva-1" href="#tv-1">(1)</a> Und in der Tat, die -Begabten mußten noch einen zweiten Kursus durchmachen. -Manche Unarten und Streiche gestattete er und machte -gar nicht den Versuch sie zu unterdrücken; in diesem -Über-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -der Entwickelung ihrer seelischen Regungen und er erklärte, -er könne es nicht entbehren, sondern brauche es vielmehr -wie ein Arzt den Ausschlag, — um mit Sicherheit zu -ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe. -</p> - -<p> -Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft -man eine solche Anhänglichkeit und Liebe der Kinder zu -ihren Eltern, nie gab es selbst in dem unvernünftigen -Lebensalter, wo man sich rücksichtslos sinnlosen Leidenschaften -in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslöschliche -Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum -Grabe, bis zu den letzten Lebenstagen noch, erhoben die -dankbaren Zöglinge am Geburtstage ihres herrlichen -Lehrers, der schon längst gestorben war, auf sein Andenken -ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen -seinetwegen Tränen der Rührung. Beim kleinsten Lob -aus seinem Munde überlief den Schüler ein freudiges -Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all -seine Kameraden zu übertreffen. Die Unbegabten hielt -er nicht lange in der Schule fest; sie brauchten nur -einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die Begabten aber -hatten einen doppelten Lehrgang zurückzulegen, und die -letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwählten bestand, -hatte gar keine Ähnlichkeit mit der anderer Schulen. -Erst hier verlangte er all das von dem Zögling, was -andre unvernünftigerweise schon von den Kindern verlangen -— nämlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst -nicht spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, -dem Dummen zu verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die -Geduld nicht zu verlieren, niemals Rache zu üben und -sich immer eine stolze Ruhe und unerschütterliche Selbstbeherrschung -zu bewahren; alles was geeignet ist, aus -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam -hier beständig zur Anwendung und er selbst stellte unaufhörlich -Versuche und Experimente mit seinen Schülern -an. O, wie vorzüglich kannte er die Wissenschaft des -Lebens! -</p> - -<p> -Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß. In den -meisten Fächern unterrichtete er selbst. Er verstand es, -ohne Pedanterie und weitläufige Terminologie, ohne -großartige Theorien und geschwollene Phrasen das eigentliche -Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen, -sodaß auch der ungereifte Geist es sofort begriff, -wozu er dies Wissen nötig hatte. Von allen Wissenschaften -wählte er nur die, welche geeignet sind, aus -dem Menschen einen Bürger seines Vaterlandes heranzubilden. -Der größte Teil seiner Vorlesungen handelte -davon, was den Jüngling in der Zukunft erwarte und -er verstand es so gut, den ganzen Horizont seiner Laufbahn -vor ihm aufzurollen, daß der Jüngling schon auf -der Schulbank mit allen Gedanken und Träumen seiner -Seele in seinem künftigen Berufe: im Staatsdienste -lebte. Er verheimlichte nichts vor ihnen: weder die -Enttäuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem -Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die -Versuchungen noch die Verführungen, die ihn erwarten, -dies alles führte er ihnen in ungeschminkter Nacktheit -vor Augen, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. -Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Ämter -und Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es -nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so stark angeregt war, -sei es daß im Auge dieses außerordentlichen Pädagogen -etwas lag, was dem Jüngling ein beständiges „Vorwärts!“ -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -zuzurufen schien — dieses Wort, das der Russe -so gut kennt und das bei seiner feinfühligen Natur so -große Wunder wirkt — genug, die jungen Leute fingen -sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und -dürsteten förmlich darnach, sich überall dort geschäftig -und tätig zu zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder -ein Hindernis zu überwinden und einen hohen Mut und -Seelenstärke zu beweisen. Nur ganz wenigen gelang -es diesen Lehrgang zurückzulegen, aber dafür waren es -auch lauter starke kräftige Männer geworden, die gewissermaßen -im Pulverdampfe gestanden hatten. Im Dienste -wußten sie sich an den exponiertesten Stellen zu halten, -während viele, die weit klüger waren als sie, es nicht -lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persönlicher -Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und -träge<a id="tva-2" href="#tv-2">(2)</a> wie sie waren in die Hände von Gaunern und -Erpressern gerieten. Dagegen standen die andern nicht -nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern -verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis -auch auf die schlechten und unehrlichen Leute -noch einen starken sittlichen Einfluß auszuüben.<a id="tva-3" href="#tv-3">(3)</a> -</p> - -<p> -Das glühende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte -lange bei dem bloßen Gedanken, daß er endlich auch in -diese Klasse versetzt werden würde. Man sollte meinen, -für unseren Tentennikow hätte es gar nichts Besseres -geben können als einen solchen Erzieher. Das Unglück -wollte es jedoch, daß gerade in dem Augenblick, als er in -diese Klasse der Auserwählten versetzt worden war -— wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte — der vortreffliche -Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer -fiel. Das war ein wahrhaft furchtbarer Schlag, ein -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -schrecklicher unersetzlicher Verlust für den jungen Mann. -Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz -anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat -jetzt ein gewisser Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor -allem daran, allerlei äußere Vorschriften und ein strenges -Reglement einzuführen und verlangte von den Kindern -lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen -konnte. In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts -wie Ungezogenheit und Zügellosigkeit. Wie im bewußten -Gegensatz zu seinem Vorgänger erklärte er gleich am -ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand -und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften, -sondern allein auf das gute Betragen.<a id="tva-4" href="#tv-4">(4)</a> Aber seltsam! -gerade dies, wonach er so eifrig strebte, das gute Betragen -konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schülern nicht -beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, -suchten sie aber geheim zu halten. Am Tage ging alles -wie am Schnürchen, dafür gab man sich in der Nacht -wilden Orgien und Zechereien hin. -</p> - -<p> -Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. -Fjodor Iwanowitsch stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen -und neuen Grundsätzen an. Sie ließen ein -wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini -auf die Schüler niedergehen; sie vernachlässigten in ihrer -Darstellung keineswegs die logischen Zusammenhänge, sie -berücksichtigten die neueren Fortschritte der Wissenschaft -und Technik, es fehlte ihnen nicht an Feuer und wahrhafter -Begeisterung — aber ach bei alledem fehlte es -doch ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre -tote Wissenschaft erhielt in ihrem Munde etwas Starres -und noch Totenähnlicheres. Mit einem Wort, es ging -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -alles drunter und drüber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit -und Autorität ging ganz verloren, man lachte -und spottete über die Lehrer, nannte den Direktor Fritze, -Pauker und wie die schönen Namen sonst noch heißen. -Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr -unschuldig waren, ja die Schüler machten raffinierte -Streiche, daß man sich genötigt sah viele von ihnen -ganz auszuschließen. In zwei Jahren war die Schule -kaum noch wiederzuerkennen. -</p> - -<p> -Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften -Charakter. Er fand kein Gefallen an den nächtlichen -Orgien seiner Kameraden, die vor dem Fenster der -Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dämchen -einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche -und frechen Reden über die Religion nicht mit, zu -denen sie sich nur deshalb verstiegen, weil sie zufällig -einen recht dummen Popen zum Lehrer hatten. Nein, -seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren -göttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn -zu verführen, aber er ließ sehr bald die Nase hängen. -Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es gab leider -kein Feld, auf dem er ihn hatte betätigen können. Es -wäre besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz überhaupt -nicht geweckt worden wäre. Andrei Iwanowitsch hörte -wie sich die Professoren auf dem Katheder ereiferten -und mußte dabei stets an seinen früheren Lehrer denken, -der, auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verständig -blieb. Was hörte er nicht alles für Gegenstände -und Fächer! Philosophie, Medizin, sogar Jurisprudenz, -allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem -solchen Umfange, daß der Professor in ganzen drei -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Jahren kaum über die Einleitung und über die Entstehung -gewisser deutscher Städte hinauskam — und -Gott weiß was er nicht noch alles hörte, aber dies alles -blieb in seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen -Stücken liegen — dank seinem angeborenen Verstande -fühlte er nur, daß dies nicht die richtige Unterrichtsmethode -sein könne, worin aber nun die rechte bestand — -dies wußte er selbst nicht. Und oft noch mußte er an -Alexander Petrowitsch denken, und dann wurde ihm so -schwer ums Herz, daß er nicht wußte, wo er sich vor -Schmerz lassen sollte. -</p> - -<p> -Aber das eben ist das Glück der Jugend, daß sie -noch eine Zukunft hat. Je näher die Zeit heranrückte, -wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte, um so lebhafter -schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich selbst: -„Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben -fängt erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit -der großen Taten.“ Und ohne einen Blick auf den -herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gäste und Besucher -in Staunen und Entzücken versetzte, ohne dem Grabe -seiner Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er -wie alle ehrgeizigen Menschen nach Petersburg, das Ziel -aller feurigen jungen Leute, die aus allen Gegenden -Rußlands hierher zusammenströmen, um in den Staatsdienst -zu treten, um zu glänzen, Karriere zu machen oder -auch nur ganz oberflächlich von unserer eiskalten, farblosen, -trügerischen gesellschaftlichen Bildung zu nippen. -Allein Andrei Iwanowitsch sah sich in seinem ehrgeizigen -Streben sehr bald gehemmt und abgekühlt durch seinen -Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. -Dieser erklärte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -sei eine gute Handschrift; alles Übrige sei unrichtig; -ohne diese jedoch könne er es unmöglich bis zum -Minister oder einer höheren Staatsstellung bringen. -Nur mit großer Müh und durch die hohe Protektion -seines Onkels gelang es ihm endlich, sich eine kleine -Stellung in einem untergeordneten Departement zu -verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten -Saal mit dem glänzenden Parkett und all den lackierten -Tischen betrat, da hatte er den Eindruck, als säßen -hier die ersten Würdenträger des Reiches, die über das -Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden hätten, und -als er dann die Legionen schöner Herren erblickte, die -den Kopf auf die Schulter gebeugt, dasaßen und laut -mit den Federn kritzelten, und wie er nun aufgefordert -wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und ein -Aktenstück abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen -ganz unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei -Rubel, wegen der schon ein halbes Jahr lang hin- und -hergeschrieben wurde) da überlief den unerfahrenen Jüngling -ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die um ihn herumsitzenden -Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine -Schuljungen! Zur Vervollständigung der Ähnlichkeit -waren noch einige von ihnen in die Lektüre eines -dummen Romans, eine Übersetzung aus einer fremden -Sprache vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blättern -des Aktenstückes versteckt, suchten sich den Anschein zu -geben, als seien sie mit der Durchsicht der Akten beschäftigt -und fuhren jedesmal zusammen, wenn der -Vorgesetzte in der Türe erschien. Dies alles kam ihm -so seltsam vor und er konnte das Gefühl nicht los -werden, daß seine frühere Tätigkeit unendlich viel bedeutender -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit -schöner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er -sehnte sich wieder in seine Schulzeit zurück. Plötzlich -stand Alexander Petrowitsch wie lebendig vor seinem -geistigen Blick — und er konnte nur mit Mühe seine -Tränen unterdrücken. -</p> - -<p> -Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die -Tische und die Beamten wirbelten durcheinander und -fast wäre er in dieser plötzlichen Umnachtung zu Boden -gesunken. „Nein,“ sagte er, als er wieder zu sich kam, -leise zu sich selber, „ich will dennoch ans Werk gehen, -so kleinlich es mir auch erscheint.“ Nachdem er sich so -selbst ermutigt hatte, beschloß er, seinen Dienst ruhig -weiter zu versehen, wie alle andern. -</p> - -<p> -Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg -bietet trotz seines rauhen, finstern Äußeren mancherlei -Genüsse. Draußen herrscht eine fürchterliche Kälte von -dreiunddreißig Grad; wie ein entfesselter böser Geist jagt -heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, -durch die Luft, wütend fegt sie den Schnee über das -Straßenpflaster, klebt den Leuten die Augen zusammen, -und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die Schnurrbärte -der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weißem -Puder; aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden -Schneeflocken hindurch irgendwo -hoch oben im vierten Stock ein freundlich erleuchtetes -Fenster; in einem gemütlichen Zimmer beim Lichte bescheidener -Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm -der Teemaschine werden hier Herz und Seele erwärmende -Gedanken ausgetauscht, erklingt manch herrliches, begeistertes -Poetenwort, mit dem Gott sein liebes Rußland -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt -manch Jünglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal -unter dem schwellenden Himmel des Südens. -</p> - -<p> -Tentennikow gewöhnte sich bald an den Dienst, aber -die berufliche Tätigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen -Ziel und Selbstzweck, wie er zuerst geglaubt hatte, sondern -sie rückte gewissermaßen an die zweite Stelle. Sie -diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte -ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm übrig blieben, -erst recht schätzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat -fing schon an zu glauben, daß aus dem Neffen noch -etwas Rechtes werden könne, als dieser plötzlich einen -ganz dummen Streich machte. Hier müssen wir einflechten, -daß sich unter den vielen Freunden Andrei -Iwanowitschs zwei junge Leute befanden, die zur Klasse -der sogenannten „verbitterten“ Menschen gehörten. Das -waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, -die nicht nur keine <em>Ungerechtigkeit</em> geduldig zu ertragen -vermögen, sondern nicht einmal das, was ihnen wie -eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur gutmütig, -aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen -sie von andern Leuten alle nur möglichen Rücksichten, -während sie selbst äußerst intolerant gegen andre -Menschen sind. Ihre feurige Rede und die äußerlich -zur Schau getragene edle Entrüstung gegen die Gesellschaft -machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. -Im Umgang mit ihnen schärften sich seine Nerven und -erwachte in ihm eine gewisse Empfindlichkeit und Reizbarkeit. -Er lernte von ihnen, all jene Kleinigkeiten zu -bemerken, die er früher kaum beachtet hatte. Fjodor -Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -sich in jenem prachtvollen Saal befanden, erregte plötzlich sein -Mißfallen. Es schien ihm, daß sich Lenitzyn ganz und gar -in ein Stück Zucker verwandelte und sein Gesicht zu einem -widerlich süßen Lächeln verzog, wenn er mit Leuten sprach, -die über ihm standen, dagegen sofort eine essigsaure -Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; -daß er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die -merkte, die an den großen Festtagen nicht zu ihm kamen, -um zu gratulieren und es denen nicht vergessen konnte, -deren Namen er nicht auf der beim Portier ausliegenden Liste -fand. Infolgedessen faßte er eine unüberwindliche, beinahe -physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele -und reize ihn beständig ein böser Geist, Fjodor Fjodorowitsch -eine Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen -Freude suchte er nach einer passenden Gelegenheit und -sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er so grob gegen -ihn, daß ihm von der vorgesetzten Behörde bedeutet -wurde, — er müsse den Chef um Verzeihung bitten -oder um seinen Abschied einkommen. Er nahm seinen -Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat, kam ganz -erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: „Um -Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was -machst du? Deine ganze, so glücklich begonnene Karriere -aufs Spiel zu setzen, bloß weil du einen Vorgesetzten -bekommen hast, der dir nicht gefällt! Was soll das nur -bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe -doch überhaupt keiner mehr im Amte. Komm zu dir, -sei vernünftig ... Überwinde deinen falschen Stolz -und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich -mit ihm aus!“ -</p> - -<p> -„Es handelt sich hier doch gar nicht <em>darum</em>, lieber -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Onkel,“ sagte der Neffe. „Es wird mir ja garnicht -schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich bin wirklich -schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich hätte nicht so -mit ihm reden dürfen. Aber die Sache ist die: für -mich gibt es noch einen andern Dienst und eine andre -Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern, mein Gut liegt -darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der -Staat wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer -meinen Platz im Bureau einnehmen und meine Akten -abschreiben wird, aber er verliert sehr viel, wenn -dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen können. -Bedenken Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein -Beruf, bei dem man müßig dasitzen könnte. Wenn ich -für die Erhaltung, für die Hebung der Lage der mir -anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert -tüchtige, nüchterne und fleißige Untertanen auf -die Beine stelle, — habe ich damit etwa weniger getan, -als irgend ein Departementschef Lenitzyn?“ -</p> - -<p> -Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung -den Mund weit auf; einen solchen Redeerguß hatte er -nicht erwartet. Er dachte etwas nach und begann dann -etwa folgendermaßen: „Aber trotzdem ... nein, was -denkst du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem -Lande vergraben? Die Bauern sind doch kein Umgang -für dich! Hier ist’s doch anders, da begegnet man -doch hin und wieder einmal einem General oder einem -Fürsten. Und wenn du Lust hast, kannst du auch an -irgend einem schönen öffentlichen Gebäude vorübergehen. -Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europäische -Industrie, dagegen dort! da siehst du doch -nichts wie Bauern und Bauernweiber. Warum -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -willst du dich unter so ungebildete Menschen begeben?“ -</p> - -<p> -Aber diese so überzeugenden Einwände und Vorstellungen -des Onkels machten keinen rechten Eindruck -auf den Neffen. Das Land erschien ihm als ein Hort -der Freiheit, als Nährmutter schöner Träume und Gedanken, -als das einzige Feld einer nützlichen Tätigkeit. -Er hatte sich schon die allerneuesten Werke über Landwirtschaft -besorgt. Mit einem Wort, zwei Wochen nach -dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nähe -jener Plätze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes -lieblichen Winkels, der jeden Gast und Besucher so in -Begeisterung versetzte. Ein ganz neues Gefühl bemächtigte -sich seiner. Alte längst verblaßte Eindrücke erwachten -in seiner Seele. Manche Plätze hatte er schon ganz vergessen, -und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die -herrlichen Gegenden, an denen er vorüberkam. Und -plötzlich begann sein Herz aus einem unbekannten Grunde -heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch -eine enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes -führte und er oben und unten, über und unter -sich dreihundertjährige Eichenstämme, die drei Menschen -kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, -Ulmen und Schwarzpappeln erblickte, die noch höher -waren als die gewöhnlichen Pappeln und als er dann -auf die Frage: „Wem gehört dieser Wald?“ die Antwort -erhielt: „Tentennikow,“ und wie dann der Weg den -Wald verließ, sich an Espenhainen, jungen und alten -Weidenbäumen und Sträuchen, und an den fernen Gebirgsketten -vorüberzog und den Fluß zweimal auf Brücken -überschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -und als der Reisende auf die Frage: „Wem gehören diese -Wiesen und diese überschwemmten Felder?“ wiederum -die Antwort erhielt: „Tentennikow,“ und als dann der -Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau -weiter fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen -und Gerste und sich noch einmal an all den Plätzen entlang -zog, an denen man schon einmal vorbeigekommen war -und die nun plötzlich weit näher gerückt schienen, und als -der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten -breiter weitverzweigter Bäume untertauchte, die dicht beieinander -auf dem grünen Rasenteppich standen, welcher sich -bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als die mit Schnitzwerk -verzierten Bauernhütten, die roten Dächer der steinernen -Gutsgebäude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die -goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und -das feurig pochende Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, -wo er sich jetzt befand, — da machten sich die immer höher -schwellenden Gefühle in folgenden lauten Worten Luft: -„War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. -Das Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen -Paradieses ausersehen, und ich verdammte mich selbst -zu niederen Schreiberdiensten, machte mich zum Knechte -toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine sorgfältige -Erziehung genossen, mich über die Dinge orientiert, -mir einen großen Schatz von Kenntnissen angeeignet, -deren man zur Förderung des Guten unter -seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes, -zur gewissenhaften Erfüllung der zahlreichen Pflichten -eines Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und -Ordnungswächter in einer Person ist! Und da gehe ich -hin und vertraue diesen Posten irgend einem ungebildeten -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -und unfähigen Inspektor an! Und wähle mir statt dessen -den Beruf eines Gerichtsschreibers und kümmere mich -um die Prozesse anderer Leute, die ich überhaupt noch -nicht gesehen habe und deren Wesen und Charakter ich nicht -einmal kenne. Wie konnte ich nur dies Papierregiment, -diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die -vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich -noch nie mit dem Fuße betreten habe und wo ich einen -ganzen Haufen von Dummheiten anrichten kann — der -realen Verwaltung meiner eigenen Güter vorziehen?“ -</p> - -<p> -Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. -Die Bauern hatten von der Ankunft ihres Herrn -gehört und sich an der Freitreppe des Herrenhauses -versammelt. Bunte Tücher, Gürtel, Hauben, Bauernkittel -und die mächtigen malerischen Bärte dieses schönen -Menschenschlages drängten sich um ihn. Und als dann -aus hundert Kehlen der Ruf ertönte: „Väterchen! Hast -du dich endlich unser erinnert!“ und den alten Leuten, -die noch seinen Großvater und Urgroßvater gekannt -hatten unwillkürlich die Tränen in die Augen traten, -da konnte auch er seine Rührung nicht unterdrücken. -Und er mußte sich insgeheim fragen: „So viel Liebe! -Womit habe ich sie nur verdient?“ — „Wohl -damit, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie -gekümmert habe!“ Und er schwur sich, von nun an -alle Mühe und Arbeit mit ihnen zu teilen. -</p> - -<p> -Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die -Verwaltung und Bewirtschaftung seines Gutes. Er -setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit -und ließ den Bauern mehr Zeit für ihre eigenen -Arbeiten. Den dummen Verwalter jagte er davon und -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -kümmerte sich selbst um alles. Er erschien selbst auf -den Feldern, auf der Tenne, auf der Getreidedarre, -in den Mühlen und am Landungsplatz; und er war -beim Laden und bei der Abfertigung der Barken zugegen, -sodaß die Trägen und Faulen sich bereits hinter den -Ohren <a id="corr-3"></a>am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.<a id="tva-5" href="#tv-5">(5)</a> Der -Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, daß der Herr -zwar flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, -was Tüchtiges zu leisten, aber noch nicht recht wisse, -wie er es anfangen solle; auch war seine Ausdrucksweise -gar zu kompliziert und zu gebildet. Schließlich -kam es soweit, daß sich Herr und Bauer — es wäre -zu viel gesagt — garnicht verstanden, aber doch nicht -recht miteinander harmonierten und es nie lernten, den -gleichen Ton zu treffen. -</p> - -<p> -Tentennikow bemerkte bald, daß auf dem herrschaftlichen -Grund und Boden alles bei weitem nicht so gut -gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn wurde früher -ausgesät und ging später auf; und doch konnte man -nicht sagen, daß die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr -stand immer selbst dabei und ließ den Bauern sogar -einen Becher Branntwein reichen, wenn sie sich besonders -viel Mühe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern -der Roggen schon längst in vollen Halmen, der Hafer -reifte, die Hirse schoß mächtig empor, bei ihm dagegen -grünte das Korn noch kaum und die Ähren waren -kaum gefüllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, daß -ihn der Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen -und Wohltaten, die er ihm angedeihen ließ. Er machte -den Versuch, die Bauern zur Rede zu stellen, da erhielt -er aber folgende Antwort: „Wie können Sie nur -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -glauben, gnädiger Herr, daß wir nicht an den Nutzen -und Vorteil der Herrschaft denken. Sie haben doch -selbst gesehen, wieviel Mühe wir uns beim Pflügen und -Säen gegeben haben! — Sie haben uns doch sogar -einen Becher Branntwein geben lassen.“ Was konnte er -darauf antworten? -</p> - -<p> -„Warum steht denn aber das Getreide so schlecht?“ -fragte der Herr weiter. -</p> - -<p> -„Gott weiß es! Der Wurm hat’s wohl von unten -angenagt! Und dann kommt noch der schlechte Sommer -dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal geregnet.“ -</p> - -<p> -Aber der Herr sah, daß der Wurm das Getreide -der Bauern verschont hatte, und es regnete auch so merkwürdig, -sozusagen streifenweise, sodaß nur der Bauer -Vorteil davon hatte, während auch nicht ein Tropfen -das herrschaftliche Kornfeld traf. -</p> - -<p> -Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen -auszukommen. In einem fort bettelten sie um Befreiung -von der Arbeit und klagten über die Lasten des -Frondienstes. Seltsam! Er verlangte überhaupt keine -Lieferungen von Leinwand, Beeren, Pilzen und Nüssen -mehr von ihnen, erließ ihnen die Hälfte aller andern -Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen würden die freigewordene -Zeit für ihre häuslichen Arbeiten verwenden, -für die Wäsche und Kleidung ihrer Männer sorgen und -ihre Gemüsegärten vergrößern. Welch ein Irrtum! -Statt dessen griff der Müßiggang, das Raufen, die Klatschsucht -und allerhand Zänkereien derartig unter dem schönen -Geschlecht um sich, daß die Männer jeden Augenblick -zum Herrn gelaufen kamen und ihn baten: „Gnädiger -Herr, bringen Sie diesen Satan von einem Weibe zur -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der -kann kein Mensch auskommen!“ -</p> - -<p> -Mehrmals schon hatte er sich überwunden und seine -Zuflucht zur Strenge nehmen wollen. Aber wie konnte -er es übers Herz bringen! Wie konnte er streng sein, -wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart -zu heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank -und elend aus und waren in so häßliche widerwärtige -Tücher und Lappen gehüllt! (Woher sie sie bloß -nahmen — das weiß Gott allein!) „Fort, geh mir aus -den Augen, daß ich dich nicht zu sehen brauche!“ rief der -arme Tentennikow und hatte gleich darauf das Vergnügen -zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat, sich -mit einer Nachbarin um irgend eine Rübe zu zanken -begann und ihr trotz ihrer Kränklichkeit so kräftig den -Buckel volldrosch, wie es ein gesunder Bauer nicht schöner -fertiggebracht hätte. -</p> - -<p> -Eine Zeitlang wollte er eine Schule für sie gründen, -aber das gab eine solch tolle Verwirrung, daß er ganz -mutlos wurde, den Kopf hängen ließ, und bedauerte -überhaupt damit angefangen zu haben! -</p> - -<p> -Bei seiner Tätigkeit als Schiedsrichter und Mittler -merkte er gleichfalls, daß sich mit all den juristischen -Kniffen und Finessen nicht viel anfangen ließ, auf die -ihn seine philosophischen Professoren gebracht hatten. -Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht weniger -und schließlich konnte nur der Teufel aus der Sache -klug werden. Und er erkannte, daß die schlichte Menschenkenntnis -weit wertvoller war, als alle juristischen Kniffe -und philosophischen Bücher; — er fühlte, daß ihm noch -etwas fehlte, was dies aber war, das wußte nur Gott -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -allein. Und es passierte etwas, was so oft zu passieren -pflegt: weder verstand der Herr den Bauern noch der -Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr -wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld -zu. Dies kühlte den Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. -Wenn er jetzt hinging, um die Arbeiten zu beaufsichtigen, -dann ließ er es fast ganz an der früheren <a id="corr-4"></a>Aufmerksamkeit -fehlen. Während der Heuernte achtete er nicht mehr -auf den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die -Heuschober errichtet, wie das Heu verladen wurde und -bemerkte nicht, daß um ihn herum die Erntearbeiten in -vollem Gange waren. — Seine Augen blickten in die -Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so -suchte das Auge irgend einen Gegenstand in der Nähe -oder er blickte nach der Seite, wo der Fluß eine Wendung -machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem -Schnabel auf und ab spazierte — ich meine natürlich -einen Vogel und keinen Menschen; neugierig beobachtete -er, wie der Vogel am Ufer einen Fisch fing und ihn -eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig überlegte, ob -er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den -Fluß hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer ähnlicher -Vogel zu sehen war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, -aber aufmerksam nach dem Vogel mit dem Fisch im Schnabel -ausschaute. Oder er schloß die Augen, richtete den Kopf -in die Höhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und -ließ seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die -Ohren den Gesang des gefiederten luftigen Sängervolkes -auffangen, wenn sie sich <a id="corr-5"></a>allenthalben im Himmel und -auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, -in dem kein Mißklang die schöne Harmonie stört: im -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Roggen schlägt die Wachtel, der Wiesenknarrer pfeift -im Grase, die Hänflinge fliegen zwitschernd herüber und -hinüber, eine Schnepfe blökt während sie sich in die -Luft schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen -Himmelsraum verlierend, und wie ein Trompetenton -erklingt der Schrei der Kraniche, die hoch oben in den -Lüften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die ganze -Umgegend tönt und klingt und gibt jeden Laut wundersam -zurück ... O Gott! Wie herrlich ist doch Deine -Welt noch in der Wildnis, in dem kleinsten Dörfchen, -fern von den abscheulichen großen Landstraßen und -Städten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit -langweilig. Bald hörte er ganz auf, aufs Feld zu -gehen, von nun ab hockte er beständig im Zimmer und -wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, -wenn dieser kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten. -</p> - -<p> -Früher sprach noch von Zeit zu Zeit ein -Nachbar bei ihm vor; irgend ein Husarenleutnant a. D., -ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit Tabakqualm -gesättigt war, oder ein radikaler Student, der seine -Studien nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus -allerhand modernen Broschüren und Zeitungen schöpfte. -Aber auch dies begann ihn zu langweilen. Die Unterhaltungen -dieser Leute kamen ihm bald recht oberflächlich -vor; ihr europäisch-sicheres und gewandtes Auftreten, -die Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, -ihre Schmeicheleien und Familiaritäten erschienen ihm -gar zu unverhüllt und offen. Er beschloß daher, den -Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich ihrer -in sehr schroffer Weise. Als nämlich ein Repräsentant -jener Sorte von Obersten und Lebemännern, die heute -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -bereits im Aussterben begriffen sind, ein überaus angenehmer -Gesellschafter und Freund oberflächlicher Unterhaltungen -und zugleich der Vordermann und Vertreter -jener neuen bei uns eben erst aufkommenden Denkart, -Warwar Nikolajewitsch Wischnepokromow ihn einmal -besuchte, um sich so recht von Herzen über Politik, Philosophie, -Literatur, Moral und sogar über die Finanzlage -Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen -Diener hinaus und ließ ihm sagen, er sei nicht zu -Hause, wobei er zugleich die Unvorsichtigkeit hatte, sich -am Fenster zu zeigen. Die Blicke des Hausherrn und -des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natürlich -„so ein Schweinehund!“ durch die Zähne, worauf -ihm der andere gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund -nachsandte. Damit endete ihre Bekanntschaft. -Seitdem besuchte ihn niemand mehr. -</p> - -<p> -Er war eigentlich recht froh darüber und gab sich -ganz dem Nachdenken über sein großes Werk über Rußland -hin. In welcher Weise dieses geschah — hat der -Leser bereits gesehen. In seinem Hause bürgerte sich von -selbst eine merkwürdige — liederliche Ordnung ein. -Trotzdem kann man nicht sagen, daß es keine Augenblicke -gab, wo er nicht sozusagen aus seinem Schlafe -erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale -ins Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen -eines alten Kameraden stieß, der sich im Staatsdienste -zu einer bedeutenden Stellung emporgeschwungen hatte, -oder sein Teil zum Fortschritt der Wissenschaften und -der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte, dann -schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und -eine sanfte, stumme aber bittere Klage über sein tatenloses -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Leben entrang sich seiner Seele. Dann erschien -ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und häßlich. Mit ungewöhnlicher -Klarheit erstand vor ihm die längst hinter -ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von -Alexander Petrowitsch wurde plötzlich vor ihm lebendig, -und Tränenbäche stürzten ihm aus den Augen ..... -</p> - -<p> -Was bedeuteten diese Tränen? Offenbarte sich etwa -in ihnen die tief erschütterte Seele, das schmerzliche -Geheimnis ihrer Leiden, des Schmerzes über den großen -und edlen Menschen, der in seinem Innern schlummerte -und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, -noch ehe er vermocht hatte sich zu entwickeln und -zu erstarken? Noch nicht erprobt im Kampf mit der -Mißgunst des Schicksals, hatte er noch jene hohe -Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes -Wesen zu erhöhen und zu kräftigen in dem Ansturm -gegen Hemmungen und Hindernisse; dahingeschmolzen -wie glühendes Metall war ein reicher Schatz großer -herrlicher Gefühle, ohne die letzte Stählung und Härtung -erhalten zu haben; allzu früh für ihn war der herrliche -Lehrer gestorben, und nun gab es auf der ganzen Welt -keinen Menschen mehr, der fähig gewesen wäre, die -durch fortwährende Erschütterungen geschwächten Kräfte -und den jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen -Willen zu heben und zu wecken, — der ihn mit lebendigem -Worte ermuntert — der Seele ein belebendes „Vorwärts“ -zugerufen hätte, ein Ruf, nach dem ein jeder -Russe, überall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, -in jedem Rang, Beruf und Stande so lebhaft dürstet. -</p> - -<p> -Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer -eigenen teuren Muttersprache dieses allgewaltige Wort -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -„Vorwärts“ zuzurufen vermöchte? Wer kennt so gut -alle Kräfte und Fähigkeiten, die ganze Tiefe unseres Wesens, -daß er uns mit einem Zauberwink zum höchsten Leben -fortreißen könnte? Mit welchen Tränen, mit welcher -Liebe würde es ihm der Russe danken! Aber Jahrhunderte -auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller Trägheit -und sinnloser Geschäftigkeit unreifer Jünglinge versinkt -unser Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann -senden, der es verstünde, dieses allgewaltige Wort zu -sprechen! -</p> - -<p> -Und doch hätte ein Ereignis Tentennikow beinahe -aus seinem Schlaf geweckt und eine völlig Umwälzung -in seinem Charakter hervorgebracht. Es war eine Art -Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren -Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn -Werst von seinem Gute entfernt lebte ein General, -der wie wir schon wissen nicht allzu freundlich von -Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter -General d. h. wie ein großer Herr, machte ein offenes -Haus und liebte es, daß seine Nachbarn ihn besuchten -und ihm ihre Aufwartung machten; er selbst erwiderte -natürlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere -Stimme, las viele Bücher und besaß eine Tochter, ein -ganz seltsames, ungewöhnliches Wesen. Sie hatte etwas -so Lebensvolles, wie das Leben selbst. -</p> - -<p> -Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwürdige -Erziehung genossen. Eine englische Gouvernante hatte -sie erzogen, die kein Wort russisch verstand. -Ihre Mutter war schon sehr früh gestorben und der -Vater hatte keine Zeit sich viel um sie zu kümmern. -Übrigens konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Tochter gar nicht anders geschehen, als daß er sie -schrecklich verwöhnte. Bei ihr atmete alles Selbständigkeit -und Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der -Freiheit erzogen ward. Wenn jemand gesehen hätte wie -ein plötzlicher Zorn strenge Falten in die herrliche Stirn -grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt -dann hätte er wohl glauben können, sie sei das -launischste Geschöpf von der Welt. Aber sie wurde nur -dann zornig, wenn sie von einer Ungerechtigkeit oder -Grausamkeit hörte, die einem andern widerfahren war. -Niemals zürnte oder stritt sie sich um ihrer selbst willen -und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber -verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zürnte, -in Unglück und Elend sah! Sie hätte jedem, der sie -um ein Almosen bat, sofort ihren Geldbeutel mit -seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu überlegen, -ob das auch vernünftig sei<a id="tva-6" href="#tv-6">(6)</a> oder nicht. Es war etwas -Heftiges, Ungestümes in ihr. Wenn sie sprach, dann -schien alles dem Gedanken zu folgen, ja ihm voranzueilen: -der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die -Bewegungen, ihre Hände; selbst die Falten ihres Kleides -schienen vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, -sie müsse selbst mit ihren Worten davonfliegen. Sie -hatte nichts Verschlossenes an sich, vor keinem Menschen -hätte sie sich gefürchtet, ihre geheimsten Gedanken zu -offenbaren, und keine Macht der Welt hätte sie zum -Schweigen veranlassen können, wenn sie reden wollte. -Ihr entzückender Gang, ein Gang, wie nur sie allein -ihn hatte, war so frei und fest, daß jeder, der ihr begegnete, -unwillkürlich zur Seite trat und ihr den Weg -freigab. In ihrer Gegenwart überkam jeden bösen -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Menschen etwas wie Verlegenheit, und er verstummte. -Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und -verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, während -die Blöden sofort ganz unbefangen mit ihr zu plaudern -begannen wie mit keinem andern Menschen auf der -Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem -solchen, als hätte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen -gelernt und als hätte er diese selben Züge schon irgendwo -gesehen: in seiner frühesten Kindheit, an die er sich -kaum noch erinnerte, im eigenen Vaterhause, an einem -glücklichen Abend, während fröhliche Kinderscharen spielten -und lärmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher -der Ernst und die Reife des Mannesalters. -</p> - -<p> -Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen -andern Menschen. Ein unerklärlich neues Gefühl bemächtigte -sich seiner. Ein heller Lichtstrahl erhellte einen -Augenblick sein monotones und trauriges Leben. -</p> - -<p> -Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich -und herzlich auf, eine rechte Harmonie aber wollte -sich zwischen ihnen trotzdem nicht herstellen. Jede Unterhaltung -endigte mit einem Streit, der stets ein unangenehmes -Gefühl in beiden zurückließ; denn der General -konnte keinen Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. -Andererseits war auch Tentennikow ein ziemlich -empfindlicher junger Mann. Natürlich vergab er dem -Vater manches um seiner Tochter willen, und der -Friede zwischen beiden blieb so lange ungestört, bis eines -schönen Tages zwei Verwandte des Generals: eine -Gräfin Boldyrew und eine Fürstin Jusjakow bei ihm -zu Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, -die aber doch noch einige gute Verbindungen mit -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -einflußreichen Personen in Petersburg besaßen; der -General bemühte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen. -Tentennikow kam es so vor, daß der General -seit dem Tage ihrer Ankunft etwas kälter gegen ihn -wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine -stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben -herab an; nannte ihn „mein Bester“ oder „Verehrtester“ -und sagte einmal sogar „du“ zu ihm. Andrei Iwanowitsch -fuhr auf. Er biß die Zähne zusammen, wußte -sich aber unter ungeheurer Selbstüberwindung soviel -Geistesgegenwart zu bewahren, um ihm mit sehr sanfter -und höflicher Stimme zu erwidern, während alles in -ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte hervortraten: -„Ich bin Ihnen für Ihre Güte großen Dank -schuldig Herr General. Mit diesem vertraulichen „du“ -bieten Sie mir ein enges Freundschaftsbündnis an, und -verpflichten mich, Sie gleichfalls „du“ zu nennen. -Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiären -Verkehr zwischen uns vollkommen unmöglich!“ Der -General wurde verlegen. Er suchte seine Gedanken zu -sammeln und das rechte Wort zu finden; schließlich -erklärte er, das „du“ sei von ihm durchaus nicht in -dem Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute -es sich erlauben, einen jungen Menschen „du“ anzureden. -Von seinem Generalsrang sagte er kein Wort. -</p> - -<p> -Natürlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen -Verkehr miteinander ab, und seine Liebe wurde im -Keime erstickt. Das Licht erlosch, das einen Moment -vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun herabsinkende -Dämmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. -Sein Leben kehrte wieder in die alten Bahnen -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -zurück und nahm seine frühere Gestalt an, die der Leser -schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er tagelang -untätig da. Das Haus starrte vor Schmutz und -Unordnung. Der Besen steckte tagelang mitten im -Zimmer in einem Haufen Schutt. Die Unterhosen -trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten -Tisch vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosenträger, -gleichsam als Festgabe für den eintretenden Gast. -Tentennikows ganzes Leben wurde so armselig und -schläfrig, daß nicht nur seine Diener aufhörten, ihn zu -achten, sondern selbst die Hühner ohne jeden Respekt -nach ihm pickten. Er konnte stundenlang mit der Feder -in der Hand dasitzen und allerhand Figuren auf ein -vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Häuser, Hütten, -einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter -aber vergaß er alles um sich her, und dann bewegte -sich die Feder ganz von selbst über das Papier ohne -daß der Hausherr etwas davon wußte und formte ein -kleines Köpfchen mit feinen, scharfen Zügen, einem -schnellen forschenden Blick und einem leicht emporgekämmten -Haarbüschel — und staunend sah der Zeichner, -daß es das Abbild jenes Wesens war, dessen Porträt -kein Künstler hätte malen können. Und dann wurde -ihm noch wehmütiger und schmerzlicher ums Herz; er -wollte nicht mehr glauben, daß es ein Glück auf dieser -Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und -einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei -Iwanowitsch Tentennikows. Da bemerkte er plötzlich, -als er sich eines Tages nach seiner Gewohnheit ans -Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, -und zu seinem Erstaunen weder Grigorij noch -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Perfiljewna erblickte, daselbst eine gewisse Unruhe und -Bewegung. -</p> - -<p> -Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin -um das Tor zu öffnen; es tat sich auf, und ließ drei -Pferde sehen, ganz wie man sie auf Triumphbögen abgebildet -findet: eine Schnauze rechts, eine links und -eine in der Mitte. Hoch über ihnen thronte ein Kutscher -und ein Bedienter in einem weiten Rock und mit einem -Taschentuch um den Kopf. Hinter diesen saß ein Herr -in Mantel und Mütze, tief eingehüllt in ein regenbogenfarbiges -Plaid. Als die Equipage vor der Treppe -hielt, zeigte es sich, daß es nur eine leichte Kutsche auf -Federn war. Der Herr, der ein ungewöhnlich anständiges -Äußeres hatte, sprang beinahe mit der Schnelligkeit -und Gewandtheit eines Militärs aus dem Wagen -und eilte die Treppe hinauf. -</p> - -<p> -Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den -Ankömmling für einen Regierungsbeamten. Hier muß -ich nachholen, daß er in seiner Jugend in eine dumme -Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende -Husarenoffiziere, die eine Menge moderner -Broschüren gelesen hatten, ein Ästhet, der die Universität -nicht beendigt hatte, und ein heruntergekommener Spieler -wollten eine Wohltätigkeitsgesellschaft gründen unter der -Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners, der -gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter -Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein außerordentlich -hohes Ziel gesteckt: nämlich die ganze Menschheit -von den Ufern der Themse bis Kamtschatka, dauernd zu beglücken. -Dazu bedurfte man jedoch einer ungewöhnlich -großen Kasse, und die Geldspenden, die den großmütigen -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhört groß. -Wo das Geld hinkam, das wußte freilich niemand außer -dem ersten Vorsitzenden, der die Oberleitung in den -Händen hatte. Tentennikow wurde durch zwei -Freunde in diese Gesellschaft eingeführt; das waren -zwei von jenen verbitterten Menschen, die von Natur -gutmütig, sich durch die vielen Toaste auf die -Wissenschaft, die Aufklärung und ihre künftigen Heldentaten -im Dienste der Menschheit dem Trunk ergeben hatten -und zu berufsmäßigen Säufern geworden waren. Tentennikow -besann sich noch zur rechten Zeit, und trat aus -dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich -schon in gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen -sich ein Edelmann eigentlich nicht abgeben sollte, die -aber bald darauf zu unangenehmen Folgen und sogar zu -Konflikten mit der Polizei führten ... Es ist daher -kein Wunder, daß Tentennikow auch nach seinem Austritt -und nachdem er alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen -hatte, seine Ruhe nicht ganz wiederfinden konnte: -sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und daher sah er -jetzt nicht ohne Schrecken auf die Türe, die sich gleich -öffnen mußte. -</p> - -<p> -Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit -einer schier unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung -machte, wobei er zum Zeichen der Achtung seinen Kopf -etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber bestimmten -Worten erklärte dieser, daß er schon seit längerer Zeit -teils in Geschäften, teils aus Wißbegierde Rußland bereise: -unser Land sei sehr reich an merkwürdigen Dingen, -ganz abgesehen von dem Überfluß an Erwerbsmöglichkeiten -und den großen Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit; -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -er sei entzückt von der reizenden Lage des Gutes, hätte -es aber trotz dieser entzückenden Lage doch niemals gewagt, -den Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belästigen, -wenn nicht seiner Kutsche infolge der Überschwemmungen -dieses Frühjahrs und der schlechten Wege -plötzlich ein Unfall zugestoßen wäre; die Reparatur werde -nämlich die Meisterhand geübter Schmiedekünstler erfordern. -Bei alledem aber hätte er es sich, auch wenn mit -seiner Kutsche gar nichts passiert wäre, dennoch nicht -versagen können, ihm persönlich seine Aufwartung zu machen. -</p> - -<p> -Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er -mit geradezu bezaubernder Liebenswürdigkeit einen Kratzfuß -und ließ dabei seine eleganten Lackstiefel mit den -reizenden Perlmutterknöpfen sehen, um gleich darauf, -trotz seiner Körperfülle, mit der Elastizität eines Gummiballes -ein paar Schritte zurückzuspringen. -</p> - -<p> -Andrei Iwanowitsch hatte sich schon längst beruhigt; -er nahm an, das müsse irgend ein wißbegieriger Gelehrter -oder Professor sein, der Rußland bereist, um Pflanzen -oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu sammeln. Er -erklärte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen Dingen -behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede -für die Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich’s bei -ihm so bequem zu machen, wie in seinem eigenen Hause, -ließ den Gast in einem großen Lehnsessel <span class="antiqua">à la Voltaire</span> -Platz nehmen, und schickte sich an, seine Erzählung anzuhören, -die sicherlich von allerhand gelehrten naturwissenschaftlichen -Gegenständen handeln würde. -</p> - -<p> -Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige -Gegenstände des inneren Lebens. Er verglich sein Leben -mit einem Schiff, das auf hoher See von heillosen -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Stürmen und Winden dahingetrieben werde; erwähnte -wie oft er schon Amt und Beruf habe wechseln -müssen, wieviel er für die Wahrheit gelitten habe und -wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon -oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei -andres, woraus Tentennikow ersehen konnte, daß sein -Gast eher ein Mann der Praxis sei. Zum Schluß -führte er sein weißes Batisttaschentuch an die Nase und -schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch -niemals gehört hatte. Mitunter begegnet man wohl in -einem Orchester einer solchen vertrackten Trompete; wenn -die einmal einen Ton von sich gibt, dann scheint es -einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen -Ohre gekracht. Ein ähnlicher Laut erdröhnte jetzt durch -die plötzlich erwachten Gemächer des in ewigen Schlaf -versunkenen Hauses, und gleich darauf erfüllte die Luft -ein intensiver Geruch nach Kölnischem Wasser, der sich -durch ein leichtes Schütteln des Batisttaschentuches unsichtbar -im Zimmer verbreitete. -</p> - -<p> -Der Leser hat vielleicht schon erraten, daß der Gast -kein andrer war, als unser verehrter, von uns so lange -vernachlässigter Pawel Iwanowitsch Tschitschikow. Er -war etwas älter geworden: diese Zeit war an ihm offenbar -nicht ohne Stürme und Sorgen vorübergegangen. -Selbst der Frack, in dem er stets zu erscheinen pflegte, -schien etwas abgetragen zu sein; auch Kutscher und -Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr -sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch -seine Finanzlage schien nicht allzu glänzend zu sein. Aber -der Ausdruck seines Gesichts, und der feine Anstand -seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie früher. -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch -etwas liebenswürdiger geworden, und er legte die Füße -noch gewandter übereinander, wenn er im Lehnstuhle -Platz nahm. Seine Aussprache war fast noch weicher, -in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe <em>noch</em> -mehr Vorsicht und Mäßigung, in seiner Haltung noch -mehr Klugheit und Sicherheit, und fast noch mehr Takt -in seinem ganzen Betragen. Sein Kragen und sein -Vorhemd waren weißer und glänzender als Schnee, -und obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein -Federchen an seinem Frack: er hätte sofort eine Einladung -zu einem Geburtstagsdiner annehmen können. -Kinn und Backen waren so glatt rasiert, daß nur ein -Blinder über die angenehme Fülle und Rundung nicht -in Entzücken geraten konnte. -</p> - -<p> -Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwälzung -vor sich, die eine Hälfte, die bislang stets in Dunkel und -Finsternis gelegen hatte, weil die Laden geschlossen und -zugenagelt waren, erstrahlte plötzlich in blendender -Helligkeit. In den schön erleuchteten Zimmern wurden -die Möbel umgestellt, und bald nahm alles folgendes -Aussehen an: das Zimmer, welches zum Schlafgemach -ausersehen war, wurde mit allen zur Nachttoilette nötigen -Gegenständen ausgerüstet, die Stube die als Arbeitszimmer -dienen sollte ... doch halt, zuerst müssen wir -wissen, daß in diesem Zimmer drei Tische standen: ein -Schreibtisch vor dem Sofa, ein Spieltisch vor dem -Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter Ecktisch -in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertüre -und der in den unbewohnten anstoßenden Salon -führenden Türe, in dem zerbrochene Möbel standen. Dieser -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa ein -Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf -diesem Ecktische fand die Garderobe ihren Platz, die der -Reisende in seinem Koffer mitgebracht hatte und zwar: -ein Paar zu dem bekannten Frack gehörige Beinkleider, -ein Paar <em>neue</em> Beinkleider, ein Paar <em>graue</em> Beinkleider, -zwei Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein -Gehrock. Dies alles wurde übereinander, in Form einer -Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes Taschentuch -über das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen -Tür und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel -aufgestellt: ein Paar <em>nicht mehr ganz</em> neue, ein Paar -<em>ganz</em> neue, ein Paar Lackschuhe und ein Paar Morgenschuhe. -Auch sie wurden ebenso schamhaft mit -einem seidenen Taschentuch zugedeckt — ganz als -ob sie überhaupt nicht vorhanden wären. Auf dem -Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstände in -schönster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine -Flasche mit Kölnischem Wasser, ein Kalender und -zwei Romane, von beiden jedoch nur der zweite Band. Die -reine Wäsche wurde in der Kommode untergebracht, die -sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wäsche -hingegen, die zur Wäscherin geschafft werden sollte, -wurde zu einem Bündel zusammengebunden und unter -das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde, nachdem -er ausgeräumt war, unters Bett gestellt. Der Säbel, -der unterwegs immer mitgenommen wurde, um den -Räubern und Dieben Schrecken einzujagen, wurde auch -im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel -in der Nähe des Bettes aufgehängt. Alles nahm das -Aussehen höchster Sauberkeit und einer ganz ungewöhnlichen -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Ordnungsliebe an. Nirgends war ein Papierschnitzel, -ein Federchen oder ein Stäubchen zu entdecken. -Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden -zu sein: in ihr verbreitete sich der angenehme -Geruch einer frischen gesunden Mannsperson, die ihre -Wäsche nicht zu lange trägt, regelmäßig baden geht -und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwäscht. -In dem Saal, der als Vorzimmer diente, -schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners -Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde -bald ausquartiert und, wie es sich gehörte, in der Küche -untergebracht. -</p> - -<p> -In den ersten Tagen fürchtete Andrei Iwanowitsch -ein wenig für seine Unabhängigkeit; er hatte einige -Sorge, der Gast könne ihn belästigen, unliebsame -Änderungen in seiner Lebensweise einführen, und die -von ihm mit soviel Glück aufgestellte Tageseinteilung -stören, allein seine Besorgnisse waren unbegründet. -Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine ganz -außerordentliche Elastizität und Fähigkeit an den Tag, -sich an alles anzupassen. Er sprach sich beifällig über -die philosophische Langsamkeit seines Wirtes aus und -erklärte, sie verheiße ein langes Leben. Über sein Einsiedlertum -äußerte er sich sehr treffend, es nähre in dem -Menschen die großen Gedanken. Er warf auch einen -Blick auf die Bibliothek, sprach sehr lobend über die -Bücher im allgemeinen und bemerkte, sie bewahrten den -Menschen vor dem Müßiggang. Er ließ nur sehr wenige Worte -fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend. In -allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswürdiger -und taktvoller. Er kam und ging immer zur -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -rechten Zeit, plagte den Wirt nicht mit Fragen und -Wünschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur Unterhaltung -geneigt war; spielte mit Vergnügen eine Partie -Schach mit ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergnügen. -Während der eine den Tabakrauch in krausen Wolken -in die Luft blies, suchte sich der andre, da er keine -Pfeife rauchte, eine ähnliche Beschäftigung: so holte er zum -Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus -der Tasche, nahm sie zwischen zwei Finger seiner linken -Hand, und drehte sie mit einem Finger der rechten rasch -um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um -ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger -auf dem Deckel herum und pfiff eine Melodie dazu. -Mit einem Wort, er störte seinen Wirt nicht im mindesten. -„Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit -dem sich’s leben läßt!“ sagte Tentennikow zu sich selbst, -„diese Kunst ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. -Unter uns gibt es mancherlei Leute: kluge, gebildete -und auch wirklich gute Menschen, aber Menschen -von immer gleichmäßigem Charakter, Menschen, mit denen -man ein Jahrhundert lang zusammen leben könnte, ohne -sich zu zanken — solche Menschen kenne ich nicht. Wieviel -solche Leute gibt’s denn bei uns überhaupt? Dies -ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.“ -So urteilte Tentennikow über seinen Gast. -</p> - -<p> -Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, daß -er eine Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen -Herrn wohnen durfte. Das Zigeunerleben hatte er -gründlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat lang -ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, -den Duft der Felder und des beginnenden Frühlings -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -so recht von Herzen genießen zu können, das war sogar -mit Rücksicht auf die Hämorrhoiden von großem Nutzen -und Vorteil. -</p> - -<p> -Man hätte nicht leicht einen schöneren Winkel zu seiner -Erholung finden können. Der Frühling, dessen Sieg -durch starke Fröste aufgehalten worden war, entfaltete -sich plötzlich in seiner ganzen Pracht, und überall sproßte -junges Leben. Wälder und Wiesen schimmerten bläulich, -aus dem frischen Smaragd des ersten Grünes -leuchtete hell das Gelb der Kuhblume hervor, und die -rötlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes Köpfchen. -Schwärme von Mücken und Scharen von Insekten -zeigten sich über den Sümpfen, verfolgt von der langbeinigen -Wasserspinne, und von allen Seiten flüchteten -die Vögel in das trockene, schützende Schilfrohr. Hier -strömte alles zusammen, um einander zu sehen und -sich näher kennen zu lernen. Plötzlich bevölkerte sich -die Erde, die Wälder erwachten, in den Wiesen wurde -es lebendig und laut. In den Dörfern schlang sich der -Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien -zu ergehen. Wie hell leuchtete das Grün! Wie frisch -war die Luft! Wieviel Vogelsang in den Gärten! -Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das -Dorf tönte und sang, wie bei einem Hochzeitsfest! -</p> - -<p> -Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen -und Spaziergängen bot sich die reichste Gelegenheit. -Bald erging er sich auf dem flachen Hochplateau, wo -sich die Aussicht auf die unten liegenden Täler, mit den -großen Seen auftat, welche die über die Ufer getretenen -Flüsse zurückgelassen hatten, und aus denen ganze -Inseln von dunklen noch unbelaubten Wäldern hervorragten; -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -oder er schritt mitten durch das Dickicht dunkler -Wälder, und finsterer Gründe, wo die Bäume mit Vogelnestern -geschmückt, dicht beisammen standen und die -Raben krächzend durcheinander flogen, und gleich einer -Wolke den Himmel verfinsterten. Über trockeneres Erdreich -konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo -die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen -in die See stachen, und wo sich das Wasser mit -ohrenbetäubendem Getöse auf das Mühlrad stürzte, -das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder -er ging hin, um sich die ersten Frühjahrsarbeiten anzusehen, -und zu beobachten, wie sich ein Stück frisch -gepflügtes Ackerland mitten durch das Grün der Felder -zog und der Sämann mit der Hand auf das Sieb -trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmäßig -den Samen ausstreute, ohne auch nur ein Körnchen -auf der einen oder andern Seite zu verschütten. -</p> - -<p> -Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt -sich und besprach alles mit dem Verwalter, mit den -Bauern und dem Müller. Er erkundigte sich nach -allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit -dem Haushalt stehe, wieviel Getreide verkauft werde, -was im Frühjahr und Herbst für Korn gemahlen wird, -wie jeder Bauer heißt, wer mit <a id="corr-8"></a>diesem und jenem verwandt -ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein -füttert, mit einem Wort er vergaß nichts. Er ließ -sich auch sagen, wieviel Bauern gestorben wären, und -erfuhr, daß es nur wenige seien. Als kluger Mann -erkannte er sofort, daß es nicht allzu glänzend um -Andrei Iwanowitsch’ Haushalt stand. Überall entdeckte -er Unterlassungssünden, Nachlässigkeit, Diebstahl, auch -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -die Trunksucht war recht verbreitet, und er dachte -sich: „Was der Tentennikow doch für ein Rindvieh ist! -So ein Gut! und es so zu vernachlässigen! Man -könnte sicherlich ein Einkommen von fünfzigtausend -Rubeln daraus herauswirtschaften!“ -</p> - -<p> -Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergängen -der Gedanke, selbst einmal — d. h. natürlich nicht jetzt, -sondern später, wenn die Hauptsache erledigt sein, und -er Geld in Händen haben würde — selbst einmal so -ein friedlicher Besitzer eines ähnlichen Gutes zu werden. -Und sofort tauchte natürlich das Bild eines jungen, -frischen Weibchens mit weißem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande -oder sonst einem reichen Kreise vor ihm auf. -Ja, er träumte sogar davon, daß sie musikalisch sei. Er -stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen -vor, deren Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow -zu verewigen: einen munteren Jungen und eine schöne -Tochter, oder sogar zwei Jungen und zwei, ja selbst -drei Mädel, damit alle wissen sollten, daß er wirklich -gelebt, existiert, und nicht etwa bloß wie ein Gespenst -oder Schatten über die Erde gewandelt wäre — -und damit er sich vor dem Vaterlande nicht zu schämen -brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, daß es -nicht übel wäre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrückte: -Staatsrat zum Beispiel. Das war immerhin ein -recht anständiger und achtbarer Titel! Was kommt einem -nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so -mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, -traurigen Gegenwart entführt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft -bewegt und ihr selbst dann noch schmeichelt, -wenn er überzeugt ist, daß es nie eintreffen wird. -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut -auf dem Lande. Sie gewöhnten sich schnell an das neue -Leben. Petruschka schloß bald Freundschaft mit dem -Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr -wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka -suchte Grigorij Sand in die Augen zu streuen und mit -seiner Erfahrenheit und Weltkenntnis zu imponieren; -Grigorij aber übertrumpfte ihn sofort mit Petersburg, -wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte -zwar noch einen Versuch zu opponieren und wollte -die ganze Entfernung der Gegenden geltend machen, die -er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen solchen -Ort, den man nicht einmal auf der Karte hätte finden -können, und er sprach von mehr als dreißigtausend -Werst, sodaß der Diener Pawel Iwanowitschs ganz verdutzt -sitzen blieb, den Mund weit aufriß und von allen -Knechten und Mägden ausgelacht wurde. Trotzdem -nahm die Sache den allerschönsten Ausgang; beide -Diener schlossen eine enge Freundschaft. Am Ende des -Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen -Akulka gehörte, den man den Bauernvater -nannte. Hier in diesem Lokal konnte man sie zu allen -Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft besiegelt, -damit wurden sie zu „Stammgästen“ der Kneipe wie -man sich im Volke auszudrücken liebt. -</p> - -<p> -Für Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. -Jeden Abend wurden im Dorfe Lieder gesungen; die -Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden Frühling -durch Gesänge und Tänze zu feiern; es schlang sich -der Reigen und löste sich wieder. Die schlanken rosigen -Mädchen, von einem Liebreiz, wie man ihn heute in -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -den größeren Dörfern kaum noch findet, machten einen -gewaltigen Eindruck auf ihn, sodaß er stundenlang dastehen -und sie angaffen konnte. Es war schwer zu -sagen, welche von ihnen die Schönste war; sie hatten -alle schneeweiße Busen und Hälse, große runde und verschleierte -Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf -der bis an den Gürtel reichte. Wenn er sie bei ihren -weißen Händen faßte, und sich mit ihnen langsam im -Reigen vorwärtsbewegte oder zusammen mit den andern -Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrückte, -wenn die Mädchen laut lachend auf sie zukamen und -sangen: „Wo ist der Bräutigam, Bojaren?“ und wenn -dann die Gegend ringsum allmählich in Nacht versank -und weit hinter dem Flusse das treue Echo der Melodie -melancholisch zurücktönte, dann wußte er kaum, wie ihm -geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in -der Dämmerung, ob er schlief oder wachte — immer -wieder kam es ihm so vor, als halte er ein Paar weiße -Hände in seinen Händen und bewege sich langsam mit -ihnen im Reigen. -</p> - -<p> -Auch Tschitschikows Pferde fühlten sich in ihrer -neuen Wohnung sehr wohl. Das Deichselpferd, der -Assessor, und selbst der Schecke fanden den Aufenthalt -bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich -und die Lage der Ställe <a id="corr-10"></a>außerordentlich bequem. -Ein jedes hatte seinen Stand, der zwar von dem des -andern durch einen Verschlag abgeteilt war, über den -man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte -man auch die andern Pferde sehen, und wenn es einem -unter ihnen, selbst dem das in der äußersten Ecke -stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -leicht möglich, dem Kameraden in der gleichen Weise -zu antworten. -</p> - -<p> -Mit einem Wort, alles fühlte sich bei Tentennikow -bald wie zu Hause. Was jedoch die Angelegenheit anbetraf, -wegen der Pawel Iwanowitsch das weite Rußland -bereiste, nämlich die toten Seelen, so war er in -dieser Beziehung äußerst vorsichtig und taktvoll geworden, -selbst dann wenn er es mit kompletten Narren zu tun -hatte. Tentennikow aber las doch immerhin Bücher, -philosophierte, suchte sich über die Ursachen und Gründe -aller Erscheinungen klar zu werden — über ihr Warum -und Weshalb .... „Nein, vielleicht ist es besser, ich -fange vom andern Ende an!“ So dachte Tschitschikow. -Er plauderte oft mit den Knechten und Mägden, und -so erfuhr er unter anderem einmal, daß der Herr früher -häufig zu einem seiner Nachbarn — einem General zu -Gaste fuhr, daß der General eine Tochter habe, daß der -Herr für das Fräulein — und auch das Fräulein für -den Herrn eine gewisse ... daß sie sich aber plötzlich -entzweit und von da ab für immer gemieden hätten. -Er selbst hatte auch schon bemerkt, daß Andrei Iwanowitsch -beständig mit Bleistift und Feder allerhand Köpfe -zeichnete, die einander alle sehr ähnlich sahen. -</p> - -<p> -Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder -einmal nach seiner Gewohnheit die silberne Tabaksdose -mit dem Zeigefinger um ihre Achse drehte, sagte er zu -Tentennikow: „Sie haben alles was das Herz begehrt, -Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.“ -</p> - -<p> -„Das wäre?“ fragte jener, indem er eine krause -Rauchwolke in die Luft blies. -</p> - -<p> -„Eine Lebensgefährtin,“ versetzte Tschitschikow. Andrei -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Iwanowitsch entgegnete nichts, und damit war das -Gespräch für dies Mal zu Ende. -</p> - -<p> -Tschitschikow ließ sich jedoch nicht einschüchtern, -suchte sich einen andern Zeitpunkt aus — diesmal war -es <em>vor</em> dem Abendbrot — und sagte plötzlich mitten -in der Unterhaltung: „Wirklich, Andrei Iwanowitsch, -Sie sollten heiraten!“ -</p> - -<p> -Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, -gerad als ob ihm dieses Thema unangenehm sei. -</p> - -<p> -Allein Tschitschikow ließ sich nicht abschrecken. Das -dritte Mal wählte er wieder eine andre Zeit und zwar -<em>nach</em> dem Abendbrod, und sprach folgendermaßen: -„Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre Lebensverhältnisse -auch ansehe, ich komme immer wieder zur -Überzeugung, daß Sie heiraten müssen. Sie verfallen -noch in Hypochondrie.“ -</p> - -<p> -Sei es daß Tschitschikows Worte diesmal besonders -überzeugend waren, oder daß Andrei Iwanowitsch heute -besonders zur Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit geneigt -war, er stieß einen Seufzer aus und sagte, indem er -wieder eine Rauchwolke aufsteigen ließ: „Bei allen -Dingen muß man Glück haben, man muß als Sonntagskind -geboren werden, Pawel Iwanowitsch.“ Und -er erzählte ihm alles, genau so wie es sich ereignet -hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem -General und ihre Entzweiung. -</p> - -<p> -Als Tschitschikow die bekannte Affäre Wort für Wort -kennen gelernt hatte, und hörte, daß wegen des einen -kleinen Wörtchens „du“ eine so große Geschichte entstanden -war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Minuten lang sah er Tentennikow prüfend in die Augen, -ohne entscheiden zu können, ob er ein kompletter Narr -oder bloß ein bißchen dumm sei. -</p> - -<p> -„Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie!“ sprach er endlich, -indem er jenen bei beiden Händen nahm: „Was -ist denn das für eine Beleidigung? Was finden Sie denn -in dem Wörtchen „du“ Beleidigendes?“ -</p> - -<p> -„Das Wort selbst enthält natürlich keine Beleidigung,“ -entgegnete Tentennikow: „die Beleidigung lag in dem -Sinn, in dem Ausdruck, mit dem dieses Wort gesprochen -wurde. ‚Du!‘ — das soll heißen: ‚wisse, daß du ein -minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum -mit dir, weil ich keinen besseren habe als dich; jetzt -dagegen, wo die Fürstin Jusjakin gekommen ist, bitte -ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein eigentlicher -Platz ist und dich an die Türe zu stellen.‘ <em>Das</em> hat es -zu bedeuten!“ Bei diesen Worten funkelten die Augen -unseres sanften und milden Andrei Iwanowitsch; in -seiner Stimme zitterte die Erregung eines aufs tiefste -beleidigten Gefühls nach. -</p> - -<p> -„Nun und wenn es sogar etwas Ähnliches zu bedeuten -hätte? — Was ist denn dabei?“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Wie? Sie verlangen von mir, daß ich ihn nach -diesem Benehmen noch weiter besuche?“ -</p> - -<p> -„Ja, was ist denn das für ein Benehmen? Das -kann man doch nicht einmal ein Benehmen nennen,“ -sagte Tschitschikow kaltblütig. -</p> - -<p> -„Wieso kein ‚Benehmen‘,“ fragte Tentennikow erstaunt. -</p> - -<p> -„Das ist überhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. -Das ist bloß so eine Gewohnheit dieser Herren -Generäle: sie duzen alle Leute. Und schließlich, warum -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -sollte man das einem so verdienten und geachteten Mann -nicht einmal gestatten?“ -</p> - -<p> -„Das ist ganz was andres,“ versetzte Tentennikow, -„wäre er nur ein alter Herr oder ein armer Kerl, und -nicht so eitel, stolz und empfindlich, wäre er kein General, -dann würde ich es ihm sehr gern erlauben, mich <em>du</em> zu -nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.“ -</p> - -<p> -„Tatsächlich, er ist ein Narr!“ dachte Tschitschikow. -„Einem zerlumpten Kerl würde er es gestatten, einem -General dagegen nicht!“ Und nach dieser Erwägung fuhr -er laut fort: „Gut, meinetwegen, zugegeben, daß er Sie -beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er -hat Sie beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung -zurückgegeben. Aber wie kann man sich wegen einer solchen -Bagatelle entzweien und eine Sache so im Stiche lassen, die -einem persönlich am Herzen liegt? Nein, da muß ich schon -um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie -sich einmal ein Ziel gesteckt haben, dann müssen Sie -auch drauf los gehen, komme was da will. Wer achtet -denn darauf, daß die Menschen einen anspeien. Alle -Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen -Menschen auf der ganzen Welt, der nicht um sich schlägt -und einen nicht anspuckt.“ -</p> - -<p> -Tentennikow war über diese Worte aufs höchste betroffen, -er saß ganz verblüfft da und dachte nur: „Ein -zu seltsamer Mensch, dieser Tschitschikow!“ -</p> - -<p> -„Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow!“ -dachte Tschitschikow, und er fuhr laut fort: „Andrei -Iwanowitsch, lassen Sie mich zu Ihnen sprechen, wie zu -einem Bruder. Sie sind noch so unerfahren. Erlauben -Sie mir, daß ich die Sache ins Reine bringe. Ich -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklären, -daß die Sache Ihrerseits auf einem Mißverständnis beruht, -und auf Ihre Jugend und Ihre geringe Welt- -und Menschenkenntnis zurückzuführen ist.“ -</p> - -<p> -„Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen!“ -sagte Tentennikow gekränkt „und kann auch Sie nicht -dazu zu ermächtigen!“ -</p> - -<p> -„Zum Kriechen bin ich nicht fähig,“ versetzte Tschitschikow -gleichfalls gekränkt. „Ich bin nur ein Mensch. -Ich kann mich irren und fehlen, aber kriechen — niemals! -Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine -es zu gut mit Ihnen, als daß sie ein Recht hätten, -meinen Worten einen so beleidigenden Sinn unterzulegen.“ -</p> - -<p> -„Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld!“ -sagte Tentennikow gerührt und ergriff Tschitschikow dankbar -bei beiden Händen. „Ich wollte Sie wirklich nicht -beleidigen. Ihre gütige Teilnahme ist mir sehr wertvoll. -Das schwöre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gespräch -auf, wir wollen nie wieder über diese Sache reden!“ -</p> - -<p> -„Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anlaß, -zum General“, sprach Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Wozu?“ fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow -verwundert ansah. -</p> - -<p> -„Ich will ihm meine Aufwartung machen!“ versetzte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser -Tschitschikow!“ dachte Tentennikow. -</p> - -<p> -„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser -Tentennikow!“ dachte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, -Andrei Iwanowitsch. Ich glaube je eher man einem -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um so besser. -Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten -Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis -bitten, Ihren Wagen zu benutzen. Ich möchte schon -morgen so gegen zehn Uhr zu ihm hinfahren!“ -</p> - -<p> -„Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben -nur zu befehlen. Nehmen Sie jeden Wagen, welchen -Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!“ -</p> - -<p> -Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und -begaben sich ein jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu -gehen und nicht ohne beiderseits über die Eigenheiten -des andern nachzudenken. -</p> - -<p> -Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern -Tage der Wagen vorfuhr und Tschitschikow mit der -Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen Frack, -weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und -davonfuhr, um dem General seine Aufwartung zu -machen: — da geriet Tentennikow in eine solche Aufregung, -wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All -seine eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen -in Unruhe und Bewegung. Eine nervöse Raserei bemächtigte -sich plötzlich mit aller Gewalt dieses schläfrigen -und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen -Träumers. -</p> - -<p> -Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans -Fenster, bald nahm er ein Buch zur Hand, bald wieder -versuchte er es, über etwas nachzudenken. Verlorene -Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder -er versuchte es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! -Armselige Bruchstücke eines Gedankens, allerhand -Gedankenendchen und -fragmente drängten sich -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. „Ein -merkwürdiger Zustand!“ sagte er und setzte sich ans -Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, der den -dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende -eine Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende -Wagen aufgewirbelt hatte. Doch verlassen wir Tentennikow -und folgen wir Tschitschikow. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-2"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Zweites Kapitel. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer knappen halben Stunde trugen die braven -Rosse Tschitschikow über die etwa zehn Werst -lange Strecke hinweg — erst ging es durch -den Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen -langen Streifen frisch gepflügten Ackerlandes lag und -im ersten Grün des Frühlings prangte, dann wieder -den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort -herrliche Fernblicke auftaten — und endlich durch eine -breite Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten -begann, bis zu dem Gute des Generals. Die Lindenallee -ging bald in eine Allee schlanker Pappeln über, -die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und -führte zuletzt auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem -man den prächtigen, mit reichem krausem Schnitzwerk -verzierten Giebel des Herrenhauses erblickte, der von -acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen wurde. -Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen -Anstrich gab, und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. -Der Hof war so glatt und sauber, daß man über -Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem -Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll -heraus und betrat die Treppe. Er ließ sich gleich beim -General anmelden, und wurde direkt in dessen Arbeitszimmer -geführt. Die majestätische Gestalt des Generals -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. -Er hatte einen zugeknöpften Sammetschlafrock von -himbeerroter Farbe an, sein Blick war offen, sein Gesicht -männlich, er trug einen großen Schnurrbart und -einen stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, -die im Nacken ganz kurz geschnitten waren; sein Hals -war breit und dick oder „dreistöckig“, wie man bei uns -zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und -eine Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von -jenen prächtigen Generalstypen, an denen das Jahr -1812 so reich war. General Betrischtschew war, wie wir -alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen und -Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie -das bei uns Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt -durcheinandergewürfelt: Großmut und Aufopferungsfähigkeit, -in entscheidenden Momenten auch Tapferkeit, -Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit, -Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, -ohne die der Russe nun einmal nicht auskommen kann, -wenn er nichts zu tun hat und nichts ihn zum Handeln -bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle -die, welche ihm den Rang abgelaufen hatten und -äußerte sich in sarkastischer Weise über sie. Am meisten -aber hatte einer seiner früheren Kollegen von ihm zu -leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß -er in bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem -stand, und doch hatte ihn der andere überholt und war -bereits Generalgouverneur zweier Provinzen. Unglücklicherweise -befand sich auch noch eins von den Gütern -des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen -von seinem Kollegen abhängig war. Der -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -General rächte sich reichlich; er sprach bei jeder Gelegenheit -von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine jede -seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen -und Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes -und der Torheit. Alles an ihm hatte einen gewissen -merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine Bildung. -Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der -Aufklärung; auch wollte er immer mehr und alles besser -wissen, als andre Leute und daher hatte er die Menschen -nicht gern, die etwas wußten, was ihm unbekannt war. Mit -einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu glänzen. -Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande -genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten -spielen. Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel -starke hervorstechende Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, -daß er im Dienst beständig mit Unannehmlichkeiten zu -kämpfen hatte, was ihn schließlich auch veranlaßte, seinen -Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen -war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn -er hatte nicht den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich -zu machen. Auch nach seinem Abschied behielt -er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob er -nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock -anhatte — er blieb sich immer gleich. Von seiner -Stimme bis zur letzten Geste und Bewegung war alles -an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte jedem -unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch -wenigstens Furcht oder Scheu ein. -</p> - -<p> -Tschitschikow fühlte beides: Ehrfurcht <em>und</em> Scheu. -Er neigte den Kopf ehrerbietig zur Seite, streckte die -Hände aus, wie wenn sie ein Tablett mit Teetassen -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -ergreifen wollten, <a id="corr-12"></a>verbeugte sich mit bewundernswürdiger -Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: „Ich habe -es für meine Pflicht gehalten, Exzellenz meine Aufwartung -zu machen. Die hohe Achtung vor den -Tugenden der Männer, die das Vaterland auf den -Schlachtfeldern verteidigten, veranlaßte mich, mich Eurer -Exzellenz persönlich vorzustellen.“ -</p> - -<p> -Dem General schien diese Introduktion nicht zu -mißfallen. Er machte eine sehr gnädige Kopfbewegung -und sagte: „Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu -machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie -gedient?“ -</p> - -<p> -„Das Feld meiner Tätigkeit,“ sprach Tschitschikow, -indem er sich im Lehnstuhl niederließ — aber nicht in -der Mitte, sondern ein wenig seitwärts auf der Kante — -und mit der Hand die Stuhllehne festhielt, „das Feld -meiner Tätigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um -seinen weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu -nehmen; ich habe im Hofgericht, in einer Baukommission -und im Zollamt gedient. Mein Leben läßt sich mit -einem Schiff inmitten stürmischer Wogen vergleichen, -Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld -aufgesäugt und großgepäppelt, ich selbst bin sozusagen -die personifizierte Geduld. Wieviel ich allein von meinen -Feinden zu erdulden hatte, das vermag weder ein Wort noch -der Pinsel eines Künstlers zu schildern. Erst jetzt an -meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo -ich den Rest meiner Tage verbringen kann. Einstweilen -habe ich mich bei einem der nächsten Nachbarn Eurer -Exzellenz niedergelassen ...“ -</p> - -<p> -„Bei wem, wenn ich fragen darf?“ -</p> - -<p> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -„Bei Tentennikow, Exzellenz.“ -</p> - -<p> -Der General runzelte die Stirn. -</p> - -<p> -„Er bereut es schwer, Exzellenz, daß er Eurer -Exzellenz nicht die schuldige Achtung erwiesen hat.“ -</p> - -<p> -„Achtung! Wovor?“ -</p> - -<p> -„Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz,“ sagte Tschitschikow. -„Er kann bloß das rechte Wort nicht finden ... -Er sagt: ‚Wenn ich Seiner Exzellenz nur irgendwie ... -denn ich weiß doch die Männer zu schätzen, die das -Vaterland gerettet haben,‘ sagt er.“ -</p> - -<p> -„Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch -garnicht böse!“ versetzte der General, der schon weit milder -gestimmt war. „Ich habe ihn herzlich lieb gewonnen und -bin überzeugt, daß er mit der Zeit noch ein sehr nützlicher -Mensch werden kann.“ -</p> - -<p> -„Sehr richtig bemerkt, Exzellenz,“ fiel Tschitschikow ein. -„Ein sehr nützlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und -schreibt auch sehr schön.“ -</p> - -<p> -„Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. -Ich glaube er macht Verse oder so etwas.“ -</p> - -<p> -„Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. -Er schreibt an einem sehr ernsten und bedeutenden Werke. -Er schreibt .... eine Geschichte, Exzellenz ....“ -</p> - -<p> -„Eine Geschichte? ... Was für eine Geschichte?“ -</p> - -<p> -„Eine Geschichte“ ... hier hielt Tschitschikow ein -wenig inne, war es nun, weil ein General vor ihm -saß, oder wollte er der Sache bloß eine größere Bedeutung -beilegen, genug er fügte hinzu: „eine Geschichte -der Generäle, Exzellenz!“ -</p> - -<p> -„Wie? der Generäle? Welcher Generäle?“ -</p> - -<p> -„Der Generäle im allgemeinen, Exzellenz, überhaupt -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -aller Generäle ... das heißt, ich wollte eigentlich sagen, -der <em>vaterländischen</em> Generäle.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow fühlte, daß er sich gar zu weit verrannt -hatte, und war daher sehr verlegen. Er hätte vor Ärger -ausspucken mögen und sagte zu sich selbst: Herrgott, -was rede ich da für einen Blödsinn. -</p> - -<p> -„Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie -ist denn das? Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, -oder sollen es einzelne Biographieen werden. Und dann: -handelt es sich um sämtliche Generäle die existiert, oder -nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen -haben?“ -</p> - -<p> -„Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren!“ Und -er dachte sich: „Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!“ -</p> - -<p> -„Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! -Ich könnte ihm äußerst interessantes Material geben!“ -</p> - -<p> -„Er hat nicht den Mut, Exzellenz!“ -</p> - -<p> -„Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen -Wortes, das unter uns gefallen ist ... Ich bin doch -gar nicht so ein Mensch. Ich will meinetwegen selbst -zu ihm hinfahren.“ -</p> - -<p> -„Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,“ -sagte Tschitschikow, er hatte sich schon ganz wieder erholt -und dachte sich dabei: „Hm! die Generäle kommen -mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge -doch ganz frech darauflos geschwätzt!“ -</p> - -<p> -In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein -Geräusch. Die Nußholztür eines geschnitzten Schrankes -öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite der Tür erschien -das lebende Bild eines Mädchens, welches die -Türklinke in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Hintergrunde des Zimmers plötzlich ein hell von Lampen -erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es hätte durch sein -plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck hervorbringen -können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war -offenbar hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als -sie einen unbekannten Menschen im Zimmer sah —. -Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in die Stube -gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des -Generals schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow -konnte sich im ersten Moment keine Rechenschaft -ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm stand. -Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren -war, denn man hätte nicht so leicht ein so reines und -vornehmes Profil finden können, es sei denn auf antiken -Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil schien ihre -edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur -eine schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. -Dieser Schein rührte bloß von der wunderbaren Harmonie -her, in der all ihre Glieder standen. Das Kleid, -das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so -wohltuend an, daß man hätte glauben können, die -berühmtesten Schneiderinnen wären zusammengekommen, -um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte. -Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte -nicht lange über ihre Toilette nach, alles ergab sich wie -von selbst: an zwei, drei Stellen hatte die Nadel ein -kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes berührt -und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren -Leib gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer -Trägerin im Bilde festgehalten, so hätten alle modischen -Damen und Fräuleins ausgesehen, wie bunte Kühe oder -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man -sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden -Gewande in Marmor gehauen, so hätte man dieses -Bildnis das Werk eines genialen Künstlers genannt. -Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und -schmächtig. -</p> - -<p> -„Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!“ -sagte der General, indem er sich an Tschitschikow -wandte. „Übrigens verzeihen Sie, ich kenne Ihren Vor- -und Vaternamen noch nicht ...“ -</p> - -<p> -„Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines -Mannes kennen, der sich noch durch keinerlei Vorzüge -und Tugenden ausgezeichnet hat,“ entgegnete Tschitschikow, -während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite -neigte. -</p> - -<p> -„Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!“ -</p> - -<p> -„Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!“ sagte Tschitschikow, -indem er sich beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs -verbeugte und mit der Elastizität eines Gummiballs -zurücksprang. -</p> - -<p> -„Ulinka!“ fuhr der General fort. „Pawel Iwanowitsch -hat mir soeben eine äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. -Unser Nachbar Tentennikow ist gar kein so -dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er -arbeitet an einem großen Werk: an einer Geschichte der -Generäle des Jahres 1812.“ -</p> - -<p> -„Ja, wer hat denn gesagt, daß er dumm ist,“ -sagte sie schnell. „Das konnte doch höchstens dieser -Wischnepokromow glauben, dem du so vertraust, Papa, -und der bloß ein hohler und gemeiner Mensch ist.“ -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -„Warum denn gemein? Er ist etwas oberflächlich, -das ist wahr!“ sagte der General. -</p> - -<p> -„Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und -nicht nur oberflächlich. Wer seine Brüder so behandelt, -und seine eigene Schwester aus dem Hause jagen konnte, -das ist ein abscheulicher, häßlicher Mensch.“ -</p> - -<p> -„Aber das erzählt man doch bloß von ihm.“ -</p> - -<p> -„Solche Dinge erzählt man nicht umsonst. -Ich kann dich nicht verstehen, Papa. Du hast ein -selten gutes Herz und doch kannst du mit einem -Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von -dem du weißt, daß er schlecht ist.“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie,“ sagte der General lächelnd zu Tschitschikow. -„So liegen wir uns stets in den Haaren!“ -Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr fort: -„Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen!“ -sagte der General. -</p> - -<p> -„Warum denn davonjagen? Aber man braucht -ihn doch nicht mit soviel Achtung zu behandeln und ihn -gleich in sein Herz zu schließen!“<a id="tva-7" href="#tv-7">(7)</a> -</p> - -<p> -Hier hielt es Tschitschikow für seine Pflicht, gleichfalls -ein Wörtchen zu sagen. -</p> - -<p> -„Jedes Wesen verlangt nach Liebe,“ sprach Tschitschikow. -„Was soll man machen? Auch das Tier -liebt, daß man es streichelt, es steckt seine Schnauze -aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, -streichele mich.“ -</p> - -<p> -Der General fing an zu lachen. „Ganz recht: so -ist es. Es steckt seine Schnauze hervor und bittet: -da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht bloß die -Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -doch verlangt er, daß man ihm sozusagen Teilnahme -erweise .... Ha, ha, ha!“ Der General schüttelte sich -vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals dicke -Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch -heute noch mit dicken Achselklappen geschmückt wären. -</p> - -<p> -Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch -sein Gelächter aus Achtung vor dem General mehr auf -den Buchstaben e ab: he, he, he, he, he, he! Auch er -schüttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine -Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen. -</p> - -<p> -„So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den -Staat und verlangt dann noch, daß man ihn dafür -belohnen soll! Wer wird sich denn mühen und abquälen, -ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung!“ -sagte er. „Ha, ha, ha, ha!“ -</p> - -<p> -Ein schmerzliches Gefühl verdüsterte das edle, liebliche -Gesicht des Mädchens: „Papa! Ich verstehe nicht, -wie du bloß lachen kannst! Mich stimmen solche -Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen bloß -traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz -öffentlich und vor allen Leuten einen Betrug verübt, -und ihn nicht die Strafe der allgemeinen Verachtung -trifft, so weiß ich kaum noch, was in mir vorgeht, -dann werde ich selbst böse und schlecht; ich denke -und denke und ....“ Sie war nahe daran, in -Tränen auszubrechen. -</p> - -<p> -„Bitte, sei uns nur nicht böse,“ sagte der General. -„Wir sind doch ganz unschuldig an der Sache. Nicht -wahr?“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow -wandte. „So, nun gib mir einen Kuß und geh auf -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -dein Zimmer, ich muß mich gleich umkleiden, denn es -ist bald Zeit zum Mittagessen.“ -</p> - -<p> -„Du ißt doch bei mir?“ sagte der General und -warf Tschitschikow einen Blick zu. -</p> - -<p> -„Wenn Eure Exzellenz bloß ...“ -</p> - -<p> -„Bitte ohne Umstände. Es wird wohl noch für -dich reichen. Gott sei Dank! Wir haben heute Kohlsuppe.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow streckte seine beiden Hände aus und -ließ den Kopf ehrfurchtsvoll herabsinken, sodaß er alle -Gegenstände im Zimmer einen Augenblick aus den Augen -verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe sehen -konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen -Stellung verharrt war, und hierauf den Kopf wieder -erhob, sah er Ulinka schon nicht mehr. Sie war verschwunden. -An ihrer Stelle stand ein Riese von einem -Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und -wohlgepflegtem Backenbart, der, eine silberne Schüssel -und ein Waschbecken in den Händen hielt. -</p> - -<p> -„Du erlaubst wohl, daß ich mich in deiner Gegenwart -umkleide!“ -</p> - -<p> -„Sie dürfen sich nicht bloß in meiner Gegenwart -umkleiden, vielmehr steht es Ihnen frei, in meiner -Gegenwart alles zu tun, was Ihnen beliebt, Exzellenz.“ -</p> - -<p> -Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock -und streifte sich die Hemdärmel an den athletischen -Armen in die Höhe. Hierauf begann er sich zu waschen, -wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. -Das Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer. -</p> - -<p> -„Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine -Belohnung haben,“ sagte er indem er sich seinen dicken -Hals rings herum sorgfältig abtrocknete ... „Streichele -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hört er nun -einmal nicht auf zu stehlen!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine -Art Begeisterung war plötzlich über ihn gekommen. -„Der General ist ein lustiger und gutmütiger alter Herr! -Man könnte es am Ende versuchen!“ dachte er und als -er sah, daß der Kammerdiener mit dem Waschbecken -hinausgegangen war, rief er aus: „Exzellenz! Sie sind -so gütig und aufmerksam gegen jedermann! Ich habe -eine große Bitte an Sie zu richten.“ -</p> - -<p> -„Was für eine Bitte?“ — Tschitschikow sah sich -vorsichtig um. -</p> - -<p> -„Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen -Herrn. Er hat dreihundert Seelen und zweitausend ... -und ich bin sein einziger Erbe. Er kann sein Gut nicht -mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und zu -schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht überlassen. -Er gibt einen höchst seltsamen Grund dafür -an: ‚Ich kenne meinen Neffen nicht,‘ sagt er, ‚vielleicht -ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir -erst beweisen, daß er ein zuverlässiger Mensch ist, und -sich selbst erst einmal dreihundert Seelen erwerben, dann -will ich ihm meine dreihundert dazugeben.‘“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz -närrisch?“ fragte der General. -</p> - -<p> -„Das wäre noch nicht das Schlimmste, wenn er -bloß ein Narr wäre. Das wäre sein eigener Schade. -Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage, Exzellenz ... -Denken Sie, er hat eine Schließerin die bei ihm wohnt, -und diese Schließerin hat Kinder. Da muß man sich -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -doch in acht nehmen, daß er ihr nicht noch sein ganzes -Vermögen vermacht.“ -</p> - -<p> -„Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das -ist das Ganze,“ sagte der General. „Ich sehe nur keine -Möglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen könnte!“ fuhr er -fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah. -</p> - -<p> -„Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir -alle toten Seelen, die Sie besitzen, überlassen wollten, -Exzellenz, ich meine auf Grund eines Kaufvertrages, ganz -so als ob sie noch am Leben wären, dann könnte ich dem -Alten diesen Vertrag zeigen, und er müßte mir die Erbschaft -aushändigen.“ -</p> - -<p> -Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl -noch nie ein Mensch gelacht hat: So lang er war, sank -er in den Lehnstuhl, warf den Kopf über die Rücklehne -und wäre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in -Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Türe, -und die Tochter kam ganz erschrocken herbeigelaufen. -</p> - -<p> -„Papa, was ist geschehen?“ rief sie entsetzt und sah -ihn bestürzt an. Aber der General vermochte lange -Zeit hindurch keinen Laut von sich zu geben. „Sei -ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur -auf dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. -Beunruhige dich nicht. Ha, ha, ha.“ -</p> - -<p> -Und nachdem der General ein paarmal nach Luft -geschnappt hatte, fing er mit erneuter Kraft an zu lachen; -laut hallte es durch das ganze Haus, vom Vorzimmer -bis zur letzten Stube. -</p> - -<p> -Tschitschikow wurde ein wenig unruhig. -</p> - -<p> -„Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten -werden soll! Ha, ha, ha. Wie der dasitzen wird, -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote kriegt. -Ha, ha!“ -</p> - -<p> -„Es geht schon wieder los!“ dachte Tschitschikow. -„Ist der kitzlich! Er wird noch platzen!“ -</p> - -<p> -„Ha, ha, ha!“ fuhr der General fort. „So ein Esel! -Wie einem nur so etwas einfallen kann: Geh, erwirb -dir mal erst selbst dreihundert Seelen, dann sollst du noch -weitere dreihundert dazu haben! Er ist wahrhaftig ein Esel!“ -</p> - -<p> -„Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!“ -</p> - -<p> -„Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den -Alten mit toten Bauern abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei -Gott, ich würde viel drum geben, könnte ich nur dabei -sein, wenn du ihm den Kaufvertrag überreichst! Was -ist er eigentlich für ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist -er sehr alt?“ -</p> - -<p> -„Gegen achtzig Jahre!“ -</p> - -<p> -„Und ist er noch rüstig? Kann er noch gut gehen? -Er muß doch noch recht kräftig sein, wenn er mit der -Schließerin zusammenlebt?“ -</p> - -<p> -„Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein -Kind!“ -</p> - -<p> -„So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!“ -</p> - -<p> -„Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!“ -</p> - -<p> -„Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche<a id="corr-16"></a>? -Ist er noch gut auf den Beinen<a id="corr-17"></a>?“ -</p> - -<p> -„Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.“ -</p> - -<p> -„So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rüstig? -Wie? Hat er noch Zähne?“ -</p> - -<p> -„Nur noch zwei, Eure Exzellenz!“ -</p> - -<p> -„So ein Esel! Sei mir nicht böse, Verehrtester. — -Er ist zwar dein Onkel, aber ist <em>doch</em> ein Esel.“ -</p> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -„Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein -Verwandter ist und es mir schwer wird, es einzugestehen, -daß Sie recht haben, aber was soll ich machen?“ -</p> - -<p> -Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm -durchaus nicht schwer, dies einzugestehen, um so weniger, -als er schwerlich je solch einen Onkel besessen hatte. -</p> - -<p> -„Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...“ -</p> - -<p> -„Dir die toten Seelen <a id="zuverkaufen"></a>abzukaufen? Für diesen großartigen -Gedanken sollst du sie mitsamt dem Grund und -Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du darfst -dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, -ha, ha, ha. Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich -gespielt! Ha, ha, ha, ha.“ -</p> - -<p> -Und das Gelächter des Generals hallte aufs neue -durch alle Zimmer.<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-3"> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Drittes Kapitel. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enn</span> der Oberst Koschkarjow wirklich verrückt -ist, so wäre das garnicht übel, sagte Tschitschikow, -als er sich wieder unter offenem -Himmel auf freiem Felde befand. Alle menschlichen -Behausungen lagen weit hinter ihm; und er sah jetzt -nichts mehr als das freie Himmelsgewölbe und zwei -kleine Wolken in der Ferne. -</p> - -<p> -„Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum -Obersten Koschkarjow erkundigt, Seliphan?“ -</p> - -<p> -„Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel -mit dem Wagen zu tun, und da fand ich keine Zeit -dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher nach dem -Wege gefragt.“ -</p> - -<p> -„So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, daß du -dich nicht auf Petruschka verlassen sollst; Petruschka ist -sicher wieder besoffen.“ -</p> - -<p> -„Das ist doch keine große Weisheit,“ sagte Petruschka, -indem er sich ein wenig auf seinem Sitze umdrehte und -nach Tschitschikow hinschielte. „Wir müssen bloß den -Berg hinabfahren, und dann geht’s längs der Wiese -weiter, das ist das Ganze!“ -</p> - -<p> -„Und du hast wohl nichts außer Fusel in den Mund -genommen! Das ist das Ganze! Du bist mir der -Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der Kerl -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -setzt Europa durch seine Schönheit in Erstaunen.“ Nach -diesen Worten strich sich Tschitschikow über sein Kinn -und dachte: „Es ist doch ein großer Unterschied zwischen -einem gebildeten Mann der besseren Stände und so einer -groben Lakaienphysiognomie.“ -</p> - -<p> -Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. -Und wiederum sah man nichts als Wiesen und weite -mit Espen-Waldungen bepflanzte Flächen. -</p> - -<p> -Leicht federnd glitt das bequeme Gefährt vorsichtig -die kaum merkliche Neigung des Berghanges hinab; -dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und Windmühlen -vorbei; donnernd rollte der Wagen über die -Brücken und tanzte mit Schwanken über das weiche, -holprige Erdreich. Doch auch nicht <em>ein</em> Hügel, noch eine -einzige Unebenheit der Straße beunruhigten die weichen -Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. -Das war die reinste Wonne und keine Equipage. -</p> - -<p> -Weidenbüsche, dünne Erlen und Silberpappeln flogen -rasch an ihnen vorbei und streiften die beiden auf dem -Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan und Petruschka -beständig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie -sogar mehrmals die Mütze vom Kopf. Der gestrenge -Lakai sprang in einem fort vom Bock herab, schalt auf -die dummen Bäume und auf den, der sie gepflanzt -hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschließen, -seine Mütze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, -denn er hoffte, dies sei das letzte Mal gewesen -und es werde ihm nun nicht wieder passieren. Bald -gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne -zu den Bäumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras -bedeckt, auf dem blaue Schwertlilien und gelbe Waldtulpen -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -wuchsen. Der Wald wurde immer dunkeler und -drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht einzuhüllen. -Da blitzte plötzlich von allen Seiten zwischen Ästen und -Baumstämmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem -leuchtenden Spiegelreflexe auf. Die Bäume traten auseinander, -die glänzende Fläche wurde immer größer ... -vor ihnen lag ein See — ein mächtiger Wasserspiegel -von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem gegenüberliegenden -Ufer tauchten mehrere kleine Blockhütten -auf. Dies war das Dorf. Aus den Fluten -drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa zwanzig -Mann bis an den Gürtel, bis zu den Schultern -oder bis zum Halse im Wasser stehend, waren damit -beschäftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen. Dabei war -ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war -ihnen ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der -ungefähr ebenso breit als lang war, und aussah wie -eine Wassermelone oder wie ein Faß. Seine Lage war -eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: „Dionys, -du Klotz! gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch -dem Dionys das Tauende aus der Hand. Stoß doch -nicht so, du großer Thomas, komm stell dich hierher, -wo der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag’s euch, -ihr werdet noch das Netz zerreißen.“ Offenbar fürchtete -sich die Wassermelone nicht für ihre Person: ertrinken -konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die -tollsten Purzelbäume schlagen, um unterzutauchen, das -Wasser trug sie immer wieder empor; ja es hätten sich -ihr ruhig noch zwei Personen auf den Rücken setzen -können, sie hätte sie dennoch über Wasser gehalten wie -eine eigensinnige Schweinsblase und höchstens ein wenig -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -gestöhnt und mit der Nase Blasen ausgepustet. Aber -der Mann hatte große Angst, das Netz könne reißen -und die Fische könnten entschlüpfen, und daher mußten -ihn mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an -Stricken ans Ufer ziehen. -</p> - -<p> -„Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow,“ -sagte Seliphan. -</p> - -<p> -„Warum?“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie doch bloß, was er für einen Körper hat. Der -ist viel weißer als bei den andern, und auch sein Umfang ist -beträchtlich, wie sich’s für einen vornehmen Herrn schickt.“ -</p> - -<p> -Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen -Gutsherrn schon bedeutend näher ans Ufer herangezogen. -Als er wieder Boden unter seinen Füßen fühlte, richtete -er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die -den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem -Insassen Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Haben Sie schon zu Mittag gegessen?“ rief der -Herr ihm entgegen, indem er mit den gefangenen Fischen in -der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch ganz im -Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhändchen -in einem durchbrochenen Handschuh, hielt die eine -Hand wie einen Schirm über die Augen, um sich gegen -die Sonne zu schützen und die andre etwas tiefer unten, -ungefähr in der Stellung der Mediceischen Venus, die -eben dem Bade entsteigt. -</p> - -<p> -„Nein,“ versetzte Tschitschikow, nahm die Mütze ab -und grüßte verbindlichst aus der Kutsche. -</p> - -<p> -„Nun dann danken Sie ihrem Schöpfer!“ -</p> - -<p> -„Wieso?“ fragte Tschitschikow neugierig, die Mütze -über dem Kopfe haltend. -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -„Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! -Laß das Netz los, und nimm den Stör aus dem Behälter -heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!“ -</p> - -<p> -Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers -aus dem Behälter hervor — „Seht mal, was für ein -Fürst! Der hat sich aus dem Flusse hierher verirrt!“ -rief der kugelrunde Herr. „Fahren Sie nur in den -Hof hinein! Kutscher nimm den unterm Weg durch -den Gemüsegarten! Lauf doch großer Thomas, du -Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, -ich komme gleich nach ...“ -</p> - -<p> -Der langbeinige und barfüßige große Thomas lief, -ganz so wie er war, im bloßen Hemde vor dem Wagen -her durch das ganze Dorf. Vor jeder Hütte hingen -allerhand Fischereigerätschaften, Netze, Reusen usw.; alle -Bauern waren Fischer; dann öffnete Thomas das Gitter -des Gartens, und der Wagen fuhr zwischen Gemüsebeeten -hindurch nach einem offenen Platz in der Nähe -der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah -man die Dächer der Gutsgebäude. -</p> - -<p> -„Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig!“ dachte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„So, da bin ich!“ erscholl eine Stimme von der -Seite! Tschitschikow sah sich um. Der Gutsherr fuhr -in einem grasgrünen Nankingrock, gelben Beinkleidern -und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. -Er saß seitwärts in der Droschke und nahm den ganzen -Sitz ein. Tschitschikow wollte ihm etwas sagen, aber -der Dicke war bereits wieder verschwunden. Gleich -darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo -das Netz mit den Fischen herausgezogen worden war, -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -und wieder hörte man die Stimmen rufen: ‚Großer -Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!‘ Als -aber Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses -vorfuhr, sah er den dicken Gutsbesitzer zu seinem größten -Erstaunen schon auf der Treppe stehen, wo er den Ankömmling -in Empfang nahm und freundschaftlichst in -seine Arme schloß. Wie er so schnell hierhergeflogen -war — dies blieb ein Rätsel. Man küßte sich dreimal -kreuzweise nach alter russischer Sitte: der Gutsherr war -ein Mann alten Schlages. -</p> - -<p> -„Ich habe Ihnen Grüße von Seiner Exzellenz zu -überbringen,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Von welcher Exzellenz?“ -</p> - -<p> -„Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander -Dimitriewitsch.“ -</p> - -<p> -„Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?“ -</p> - -<p> -„General Betrischtschew,“ versetzte Tschitschikow ein -wenig betroffen. -</p> - -<p> -„Ich kenne ihn nicht,“ entgegnete jener erstaunt. -</p> - -<p> -Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem -Augenblick größer. -</p> - -<p> -„Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das -Vergnügen, mit dem Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?“ -</p> - -<p> -„Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich -nicht bei ihm, sondern bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! -Petuch!<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> Peter Petrowitsch!“ versetzte der Hausherr. -</p> - -<p> -Tschitschikow war starr vor Staunen. „Nicht möglich?“ -sagte er, indem er sich an Seliphan und Petruschka -wandte, die gleichfalls mit offenem Munde dastanden, -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -und die Augen weit aufsperrten. Der eine saß -auf dem Bock, der andere stand an der Wagentüre. -„Was habt ihr bloß gemacht, ihr Esel? Ich hab euch -doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow fahren ... -Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...“ -</p> - -<p> -„Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in -die Küche, laßt euch ein Glas Schnaps geben ...“ -rief Peter Petrowitsch Petuch. „Spannt die Pferde -aus und geht gleich ins Speisezimmer!“ -</p> - -<p> -„Ich schäme mich wirklich! So ein Irrtum! So -plötzlich! ...“ stammelte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst -ab, wie Ihnen das Mittagessen schmecken wird und -dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte -schön,“ sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme -nahm und ihn ins Innere des Hauses führte. Hier -kamen ihnen zwei Jünglinge in Sommeranzügen entgegen; -beide so dünn wie ein Paar Weidenruten und -wohl eine Arschin<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> länger als ihr Vater. -</p> - -<p> -„Meine Söhne! Sie besuchen das Gymnasium und -sind nur während der Ferien hier ... Nikolascha bleib -hier und unterhalte den Gast; und du, Alexascha, komm -mit mir.“ Mit diesen Worten verschwand der Hausherr. -</p> - -<p> -Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurück und versuchte -eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Nikolascha schien -sich zu einem lieblichen Früchtchen entwickeln zu wollen. -Er erzählte Tschitschikow sofort, es habe gar keinen -Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er und sein -Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -weil es sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu -leben ... -</p> - -<p> -„Ich verstehe schon,“ dachte Tschitschikow, „euch locken -die Boulevards und Cafés ...“ Dann aber fragte er ihn laut: -„Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters<a id="corr-19"></a>?“ -</p> - -<p> -„Ich habe Hypotheken darauf!“ fiel hier der Vater -selbst ein, der plötzlich wieder im Salon auftauchte: -„Mehrere Hypotheken.“ -</p> - -<p> -„Schlimm, sehr schlimm!“ dachte Tschitschikow: -„Bald wird es kein Gut mehr geben, auf dem keine -Hypotheken lasten. Man muß sich beeilen ...“ „Sie -hätten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,“ -sagte er mit teilnehmender Miene. -</p> - -<p> -„O nein. Das macht nichts!“ versetzte Petuch. -„Man sagt, es sei sogar vorteilhaft. Heutzutage nimmt -alles Hypotheken auf, man will doch nicht hinter den -andern zurückbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes -Leben lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit -Moskau versuchen. Meine Söhne reden mir auch -immer zu, sie wollen durchaus eine großstädtische -Bildung haben.“ -</p> - -<p> -„So ein Narr!“ dachte Tschitschikow: „er wird -alles durchbringen und auch seine Söhne zu Verschwendern -erziehen. Und dabei hat er ein so schönes -Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. -Die Bauern haben es gut, und auch der Herr leidet -keinen Mangel. Wenn sie aber erst ihre Bildung aus -den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles -zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem -Lande bleiben, der Windbeutel.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß, was Sie jetzt denken<a id="corr-21"></a>!“ sagte Petuch. -</p> - -<p> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -„Wie?“ sagte Tschitschikow etwas verlegen. -</p> - -<p> -„Sie denken: ‚Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst -lädt er einen zum Mittagessen ein, und läßt einen -warten. Das Essen ist immer noch nicht aufgetragen.‘ -Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen -Sie auf, ein geschorenes Mädel kann sich nicht schneller -den Zopf flechten, als das Essen auf dem Tisch stehen -wird.“ -</p> - -<p> -„Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten!“ -sagte Alexascha, der am Fenster stand und -hinausblickte. -</p> - -<p> -„Er reitet auf seinem Fuchs!“ fiel Nikolascha ein, -indem er sich aus dem Fenster beugte. -</p> - -<p> -„Wo? Wo?“ schrie Petuch und lief gleichfalls ans -Fenster. -</p> - -<p> -„Wer ist das, Platon Michailowitsch?“ fragte Tschitschikow -<a id="corr-23"></a>Alexascha. -</p> - -<p> -„Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, -ein <em>vortrefflicher</em> Mensch, ein ganz <em>ausgezeichneter</em> -Mensch,“ antwortete der Hausherr selbst. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. -Er war ein schöner schlanker Mann mit hellblondem -lockigem Haar. Ein Ungetüm von einem Hunde namens -Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf -dem Fuße. -</p> - -<p> -„Haben Sie schon gegessen?“ -</p> - -<p> -„Ja danke!“ -</p> - -<p> -„Sie kommen wohl, um sich über mich lustig zu -machen. Was soll ich mit Ihnen anfangen, wenn Sie -schon gespeist haben?“ -</p> - -<p> -Der Gast lächelte und sagte: „Ich kann Sie beruhigen, -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -ich habe so gut wie garnichts gegessen: ich -hatte keinen Appetit.“ -</p> - -<p> -„Wenn Sie nur gesehen hätten, was wir heute für -einen Fang gemacht haben! Was für ein Stör uns ins -Netz gegangen ist! Und was für Karauschen und -Karpfen dazu!“ -</p> - -<p> -„Man ärgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen -hört. Warum sind Sie immer so guter Laune?“ -</p> - -<p> -„Warum sollte ich denn Trübsal blasen? Ich bitte -Sie!“ sagte der Hausherr. -</p> - -<p> -„Wie? Warum? — Weil es traurig und langweilig -auf der Welt ist.“ -</p> - -<p> -„Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie -sich einmal ordentlich satt zu essen. Das ist auch so -eine moderne Erfindung dieser Trübsinn und diese -Melancholie. Früher war man nie melancholisch.“ -</p> - -<p> -„Niemals! Ich weiß auch gar nicht, wo ich die Zeit -dazu hernehmen soll. Am Morgen — da schläft man, -kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht schon der -Koch vor einem, und man muß das Menu für das -Mittagessen zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt -den Verwalter ab, geht fischen und eh man sich’s versieht, -ist es schon Zeit zum Mittagessen. Nach dem -Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schläfchen zu tun, -denn schon wieder ist der Koch da, und man muß das Abendbrot -bestellen, nach dem Abendbrot kommt wieder der Koch, -und man muß wieder ans Mittagessen für <em>morgen</em> -denken. Wo hat man da Zeit zum Trübsinn?“ -</p> - -<p> -Während beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow -den neuen Ankömmling, der ihn durch seine -außergewöhnliche Schönheit, seine schlanke, wohlgebaute -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten Jugendkraft -und die jungfräuliche Reinheit seines von keinem -Pickel verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder -Leidenschaft noch Schmerz, noch selbst etwas, was auch -nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Gemütsbewegung -oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines Antlitz -berührt oder eine Falte in die ruhige Fläche eingegraben, -aber freilich hätten sie sie auch nicht beleben können. -Sein Gesicht behielt stets etwas Schläfriges, trotz des -ironischen Lächelns, das es bisweilen erheiterte. -</p> - -<p> -„Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, -nicht recht verstehen, wie man mit einem solchen -Gesicht, wie das Ihrige traurig sein kann!“ sagte Tschitschikow. -„Wenn man natürlich an Geldmangel leidet, -oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die -einem nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...“ -</p> - -<p> -„Glauben Sie mir,“ unterbrach ihn der schöne Gast, -„glauben Sie mir, daß ich mich der Abwechselung halber -mitunter sogar nach irgend einer kleinen Aufregung -<em>sehne</em>? Wenn mich doch jemand ein <a id="corr-25"></a>bißchen ärgern -wollte, oder etwas derartiges — aber nicht einmal <em>das</em> -passiert einem. Das Leben ist bloß langweilig — das -ist alles.“ -</p> - -<p> -„Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht -zu wenig Bauern.“ -</p> - -<p> -„Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen -etwa zehntausend Acker und über tausend Seelen.“ -</p> - -<p> -„Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. -Aber vielleicht hatten Sie unter Mißernten und Epidemieen -zu leiden? Haben Sie vielleicht viele Bauern verloren?“ -</p> - -<p> -„Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Verfassung, mein Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.“ -</p> - -<p> -„Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! -Das verstehe ich nicht,“ sprach Tschitschikow achselzuckend. -</p> - -<p> -„Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich -verjagen,“ sagte der Hauswirt, „Alexascha, lauf mal -rasch nach der Küche und sag dem Koch, er soll uns -die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz -Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. -Und dieser Dieb, der Antoschka? Warum tragen sie die -kalte Platte nicht auf?“ -</p> - -<p> -Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz -Emeljan und der Dieb Antoschka erschienen mit einer -Serviette unter dem Arm, deckten den Tisch, und stellten -einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von verschiedener -Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald -eine ganze Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden -Speisen. Die Diener bewegten sich flink hin -und her und trugen immer neue zugedeckte Schüsseln -herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. -Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten -ihre Sache ganz vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen -gewissermaßen bloß zum Ansporn und zur Ermunterung -erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom -Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein -Russe kann halt ohne ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. -Er braucht es ebenso wie sein Gläschen Schnaps -zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! -Das ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost -nicht leiden mag! -</p> - -<p> -Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Hier verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr -in einen wahren Tyrannen. Kaum bemerkte er, daß -einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller -hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er -hinzufügte: „In der Welt <em>paart</em> sich alles, Mensch, -Tier und Vogel!“ Hatte einer <em>zwei</em> Stück auf seinem -Teller, so legte er ihm noch ein <em>drittes</em> auf, indem er -bemerkte: „Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten -Dinge sind drei.“ Hatte der Gast <em>drei</em> Stücke gegessen, -so rief er schon: „Haben Sie etwa schon einen dreirädrigen -Wagen oder eine dreieckige Hütte gesehen?“ -Auch auf die Zahl <em>vier</em>, auf die fünf usw. hatte er -ein Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich -schon seine zwölf Stücke verschlungen und dachte: „Na, -jetzt wird dem Hausherrn doch wohl nichts mehr einfallen!“ -Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen, -legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß -gebratenen Kalbes samt den Nieren auf den Teller. -Und was für eines Kalbes! -</p> - -<p> -„Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,“ -sagte der Hausherr. „Ich hab’s gepflegt wie -mein eigenes Kind.“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht mehr!“ stöhnte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich -kann nicht mehr!“ -</p> - -<p> -„Es geht nicht mehr rein! Ich hab’ keinen Platz -mehr im Magen.“ -</p> - -<p> -„In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam -der Polizeimeister und sieh da, es fand sich doch noch -ein Plätzchen. Dabei war ein solches Gedränge, daß -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: -dieses Stückchen — das ist auch ein Polizeimeister.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow kostete, und in der Tat — das Stück -hatte große Ähnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand -sich richtig noch ein Platz, und doch schien sein Magen -schon bis oben voll zu sein. -</p> - -<p> -„So ein Mensch darf nicht nach Petersburg -oder Moskau fahren. Bei seiner Freigiebigkeit hat er -in drei Jahren keinen Heller mehr!“ Er wußte noch -nicht, daß man heute darin schon viel weiter ist: auch -ohne allzu gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermögen -in drei Jahren — was sage ich in drei -Jahren! — in drei Monaten durchbringen. -</p> - -<p> -Unterdessen füllte der Hausherr die Gläser unentwegt -nach; was die Gäste stehen ließen, das durften -Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein Glas nach -dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon -hier sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei -ihrer Ankunft in der Hauptstadt besonders pflegen -würden. Die Gäste wußten kaum, wie ihnen geschah; -sie schleppten sich nur mit Mühe auf den Balkon hinaus, -um hier sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der -Hausherr aber hatte kaum in dem seinen Platz genommen, -als er sofort zurücksank und einschlief. Sein wohlbeleibtes -Ich verwandelte sich in einen großen Blasebalg -und ließ dem offenen Mund und den Nasenlöchern -solche Töne entströmen, wie sie selbst unseren modernen -Komponisten selten einzufallen pflegen: hier mischten sich -Trommelwirbel mit Flötenklängen und kurzen abgebrochenen -Lauten, die am meisten Ähnlichkeit mit Hundegebell -hatten. -</p> - -<p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -„Hören Sie, wie der pfeift?“ sagte Platonow. -</p> - -<p> -Tschitschikow mußte lachen. -</p> - -<p> -„Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich -hat, woher soll da die Langeweile kommen? Da übermannt -einen der Schlaf — nicht wahr? Ja. Sie entschuldigen -doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, -wie man schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es -doch so viele Mittel.“ -</p> - -<p> -„Und die wären?“ -</p> - -<p> -„Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? -Tanzen, musizieren ... irgend ein Instrument spielen ... -oder ... warum sollte er zum Beispiel nicht heiraten?“ -</p> - -<p> -„Wen nur?“ -</p> - -<p> -„Als ob es in der Umgegend keine hübschen reichen -Mädchen gäbe!“ -</p> - -<p> -„Es gibt keine!“ -</p> - -<p> -„Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. -Man macht eine Reise“ ... Plötzlich fiel Tschitschikow -eine großartige Idee ein. „Da haben Sie das beste -Mittel gegen Trübsinn und Langeweile!“ sagte er, -indem er Platonow in die Augen blickte. -</p> - -<p> -„Was für eins?“ -</p> - -<p> -„Reisen.“ -</p> - -<p> -„Wohin soll man denn reisen?“ -</p> - -<p> -„Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch -mit mir,“ sagte Tschitschikow und dachte sich, während -er Platonow betrachtete: „Das wäre fein. Er könnte -die Hälfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur -könnte er eigentlich <em>allein</em> übernehmen.“ -</p> - -<p> -„Und wohin fahren Sie?“ -</p> - -<p> -„Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Angelegenheiten als im Interesse eines andern. General -Betrischtschew ein naher Freund von mir, und ich darf -wohl sagen mein Wohltäter hat mich gebeten, einige von -seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten -ist natürlich sehr wichtig, aber eigentlich reise -ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen: -denn die Welt kennen lernen, sich in den großen Strudel -und Wirbel des Menschenvolks zu stürzen — man mag -sagen was man will, das ist gewissermaßen ein lebendes -Buch und auch eine Art Wissenschaft.“ Und während -er dies sagte, dachte er sich: „Wirklich, es wäre fein. -Er könnte sogar die <em>ganzen</em> Kosten tragen, am Ende -könnten wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen -würden sich die meinigen auf seinem Gute ausruhen -und ordentlich pflegen.“ -</p> - -<p> -„Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen?“ -dachte unterdessen Platonow. — „Zu Hause habe ich -ohnedies nichts zu tun, für die Wirtschaft sorgt mein -Bruder auch ohne mich; sie würde also nicht im -mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum -sollte ich also nicht mitreisen?“ — „Wären Sie -unter Umständen bereit, etwa zwei Tage bei meinem -Bruder zu Gaste zu bleiben?“ sagte er laut. „Sonst -läßt mich mein Bruder nicht fort.“ -</p> - -<p> -„Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen -sogar drei Tage.“ -</p> - -<p> -„Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!“ sagte -Platonow lebhaft. -</p> - -<p> -Tschitschikow schlug ein. „Bravo. Wir fahren!“ -</p> - -<p> -„Wohin? Wohin?“ rief der Hausherr, der eben -aus dem Schlafe erwacht war, und sie erstaunt anstarrte. -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -— „Nein, liebe Herren, ich habe die Räder von -Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben -wir fortgejagt, Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn -Werst weit von hier. Nein, heute müssen Sie schon -die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas -früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen -reisen.“ -</p> - -<p> -Was sollte man da machen? Man mußte sich -schon zum Bleiben entschließen. Dafür wurden sie durch -einen wundervollen Frühlingsabend schadlos gehalten. -Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf -Ruderer mit vierundzwanzig Rudern führten sie unter -frohen Gesängen über den spiegelglatten Rücken des Sees. -Aus dem See gelangten sie in den Fluß, der sich in -unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von -flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort -über Taue hinwegfahren, die quer durch den Fluß gezogen, -und an denen Netze befestigt waren. Auch -nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz -still und lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder -an ihnen vorüber, und dunkele Gehölze und Haine entzückten -ihren Blick durch die mannigfache Anordnung -und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem -Takt legten sich die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben -sie alle vierundzwanzig plötzlich wie ein Mann in -die Höhe — und wie von selbst, einem leichten Vogel -gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel -dahin. Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger -Kerl, der dritte Mann vom Steuer, machte -den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen -Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -schien, ein Lied an, dann fielen fünf andre ein, sechs -weitere <a id="corr-31"></a>lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich -der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie Rußland -selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und -unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, -mit einem Ton, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker -hatte; ja sogar Tschitschikow hatte an diesem -Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein Russe sei. Nur -Platonow dachte: „Was ist eigentlich schönes an diesem -melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, -als man schon ist.“ -</p> - -<p> -Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. -Es wurde finster; die Ruder schlugen jetzt das -Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr spiegelte. -Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel. -Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten -auf Dreifüßen eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden -Bärschen. Alles war schon zu Hause. Das Vieh -und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der -Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten -standen an den Toren und warteten auf die Milchtöpfe -und auf eine Einladung zur Fischsuppe. Das leise -Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die -Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf -herüber. Der Mond ging eben auf und begann -die dunkele Umgegend in sein Licht zu hüllen; bald lag -alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber -es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. -Statt sich auf ein paar feurige Hengste zu schwingen -und im tollen Galopp um die Wette durch die Nacht -zu jagen, saßen <a id="corr-32"></a>Nikolascha und Alexascha stumm da und -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -dachten an Moskau, an die Café’s und Theater, von -denen ihnen ein Kadett, der aus der Hauptstadt zu -Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr Vater -dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern -könnte, und Platonow gähnte. Am lebhaftesten war -noch Tschitschikow: „nein wirklich, ich muß mir auch -einmal ein Gut kaufen!“ Und er sah sich schon -im Geiste an der Seite eines strammen Weibchens, umringt -von einer ganzen Schaar kleiner Tschitschikows. -</p> - -<p> -Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. -Als Tschitschikow das ihm zum Schlafen angewiesene -Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da befühlte er -seinen Bauch und sagte: „Die reinste Trommel! Da -geht kein Polizeimeister mehr hinein!“ Die Umstände -fügten es so merkwürdig, daß sich dicht neben dem -Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die -Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man -alles hören, was nebenan gesprochen wurde. Der -Hausherr bestellte gerade beim Koch unter dem Namen -eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für -den morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! -Bei einem Toten wäre noch der Appetit erwacht! -</p> - -<p> -„Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,“ -sagte er, indem er mit der Zunge schnalzte und die -Luft heftig einsog. „Ein Viertel füllst du mit den -Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit -Buchweizenbrei, Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, -Hirn und noch so was Ähnlichem, na du weißt schon ... -Auf der einen Seite mußt du sie recht braun backen, -auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu -sein. Vor allem achte auf die Füllung — die muß -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -gründlich geschmort werden, daß sie sich auch ordentlich -verbindet, weißt du, und ja nicht auseinanderfällt, -sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man -darf es selbst kaum merken.“ Während er dies sagte, -schnalzte Petuch wieder mit der Zunge und gab einen -schmatzenden Laut von sich. -</p> - -<p> -„Hol’s der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,“ -dachte Tschitschikow und zog sich die Decke über den -Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber das half -ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch. -</p> - -<p> -„Und garniere mir den Stör auch recht fein mit -Sternchen aus roten Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; -nimm auch noch Rüben, Möhren, Bohnen und -noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht -viel Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt -du mit Eis füllen, damit er auch ordentlich aufgeht!“ -</p> - -<p> -Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. -Immer wieder hörte man ihn sagen: „Brat ihn mir, -und back ihn mir auch recht durch, und dämpfe sie -mir gründlich!“ Als er endlich bei einem Truthahn -angelangt war, schlief Tschitschikow ein. -</p> - -<p> -Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll, -daß Platonow nicht mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. -Petuch’s Reitknecht mußte den Hengst nach Hause bringen. -Dann bestieg man die Equipage. Der großschnauzige -Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich -gleichfalls vollgefressen. -</p> - -<p> -„Nein, das geht zu weit!“ sagte Tschitschikow, als -sie den Hof verlassen hatten. -</p> - -<p> -„Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das -ärgerlichste.“ -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -„Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte, -dann dürfte mir der Trübsinn nicht einmal zur Türe -herein!“ dachte Tschitschikow. „Da ist der <a id="corr-34"></a>Branntweinpächter -Murasow — der hat zehn Millionen. Leicht gesagt, -zehn Millionen — das nenne ich ein Sümmchen!“ -</p> - -<p> -„Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen -kleinen Abstecher machen? Ich möchte mich gern noch von -meiner Schwester und von <a id="corr-35"></a>meinem Schwager verabschieden.“ -</p> - -<p> -„Aber mit dem größten Vergnügen!“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der -erste hier in der Gegend. Er bezieht <a id="corr-36"></a>Einkünfte im Werte -von zweimal hunderttausend Rubel von einem Gut, das -vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.“ -</p> - -<p> -„Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer -Mensch sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen -Mann kennen zu lernen. Ich bitte Sie ... Denken -Sie doch nur ... Und wie heißt er?“ -</p> - -<p> -„Kostanshoglo.“ -</p> - -<p> -„Und sein Vor- und Vatername, wenn ich -bitten darf?“ -</p> - -<p> -„Konstantin Fjodorowitsch.“ -</p> - -<p> -„Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin -wirklich begierig auf seine Bekanntschaft! Von einem solchen -Mann kann man viel lernen.“ -</p> - -<p> -Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan -zu instruieren, was sehr notwendig war, da dieser sich -kaum auf dem Bocke zu halten vermochte. Petruschka -war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen, -und es war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem -Kutschbock festzubinden. -</p> - -<p> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -„So ein Schwein!“ Das war alles, was Tschitschikow -sagen konnte. -</p> - -<p> -„Sehen Sie! da fangen seine Güter an!“ sagte -Platonow. „Das sieht doch gleich ganz anders aus!“ -</p> - -<p> -Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde -bewachsene Schonung, — jedes Bäumchen war schlank und -gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man ein zweites gleichfalls -noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob sich ein -alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die -andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein -Streifen <em>junger</em> und dahinter ein Streifen alter Wald. -Dreimal nacheinander fuhren sie durch den Wald, wie -durch ein Tor in einer Mauer: „Dieser ganze Wald ist -kaum acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig -Jahre warten, und selbst dann ist er noch nicht so hoch.“ -</p> - -<p> -„Wie hat er es aber nur gemacht!“ -</p> - -<p> -„Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher -Kenner des Grund und Bodens — bei dem geht nichts -verloren. Er kennt nicht nur den Boden ganz genau, -er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen -und jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume -er neben dem Getreide pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt -bei ihm immer gleichzeitig drei bis vier Funktionen. -Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern -auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle -so und so viel Feuchtigkeit brauchen und so und so viel -Schatten spenden, und die trockenen Blätter benutzt er -zum Düngen des Bodens ... Wenn überall rings -umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster -Ordnung; alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein -braucht sich nicht zu beklagen. Schade, daß ich selbst -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -so wenig von diesen Dingen verstehe und nicht zu erzählen -weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe -und Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein -einen Zauberer. Was der nicht alles hat! ... Und -doch! Trotzalledem ist es langweilig!“ -</p> - -<p> -„Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!“ -dachte Tschitschikow. „Es ist sehr bedauerlich, daß der -junge Mann so oberflächlich ist und einem nichts erzählen -kann.“ -</p> - -<p> -Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen -auf drei Anhöhen gelegenen Hütten nahmen sich von -Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der drei Hügel war -von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige -Getreide- und Heuschober stehen. „Hm!“ dachte Tschitschikow, -„man merkt gleich, daß hier ein königlicher -Gutsbesitzer wohnt!“ Die Hütten waren alle fest und -dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen -stehn — und auch der Wagen war stark und -neu; die Bauern, denen man begegnete, hatten alle kluge -und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh war von -der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern -sahen aus wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, -dies sei der Ort, wo die Bauern wohnen, welche das -Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln nach -Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch -Rasenplätze, noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen -zog sich nach alter Sitte eine lange Reihe von Kornspeichern -und Arbeiterhäusern bis dicht ans Herrenhaus, -damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was -rund um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache -des Herrenhauses erhob sich eine Art Leuchtturm; das -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -war kein architektonischer Schmuck; er war nicht dazu -da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der -schönen Aussicht ergötzen könnten, sondern um die -Arbeiter auch auf den entferntesten Feldern ständig zu -beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an der Haustreppe -von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit -mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch -hatten sie keine Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen -selbstgewebtem blauen Tuch an, wie sie die Kosacken zu -tragen pflegen. -</p> - -<p> -Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. -Sie hatte eine frische Gesichtsfarbe wie Milch -und Blut, und war schön wie Gottes heller Tag, sie -glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem -Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, -sondern immer heiter und gesprächig war. -</p> - -<p> -„Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du -gekommen bist. Konstantin ist leider nicht zuhause, aber -er muß bald kommen.“ -</p> - -<p> -„Wo ist er denn?“ -</p> - -<p> -„Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,“ -sagte sie, während sie die Gäste ins Zimmer geleitete. -</p> - -<p> -Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses -merkwürdigen Menschen um, der ein Einkommen von -zweimal hunderttausend Rubeln hatte, denn er glaubte, -er werde aus <em>dieser</em> den Charakter und das Wesen des -Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer -Muschel auf die Auster oder von dem leeren Schneckengehäuse -auf die Schnecke schließt, die es einstmals bewohnte -und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das -Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -ziehen. Die Zimmer waren alle schlicht und einfach ausgestattet -und beinahe leer; da gab es weder Fresken, noch -Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem -Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, -alles deutete darauf hin, daß das Wesen, das hier -hauste, sich den größten Teil seines Lebens garnicht -innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde -aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und -sybaritisch im weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte -und dort seinen Gedanken nachhing, sondern daß sie ihm -an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit einfielen und -auch <em>dort</em> ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern -konnte <a id="corr-40"></a>Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen -häuslichen Sinnes entdecken: auf den Tischen und Stühlen -lagen Bretter von Lindenholz, auf denen offenbar zum -Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren. -</p> - -<p> -„Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, -Schwester?“ sagte Platonow. -</p> - -<p> -„Das ist doch kein Plunder!“ versetzte die Hausfrau. -„Das ist das beste Mittel gegen Fieber. Voriges -Jahr haben wir alle unsere Bauern damit kuriert. -Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht -werden. Ihr lacht uns immer mit unseren -Marmeladen und unserem eingelegten Gemüse aus; -nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es eßt.“ -</p> - -<p> -Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen -Noten. -</p> - -<p> -„Herrgott, das alte Zeug!“ sagte er, „Schämst du -dich gar nicht, Schwester?“ -</p> - -<p> -„Nimm mir’s nicht übel, Bruder, ich habe nicht -Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich habe -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -nicht Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich -habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß. -Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen, -bloß damit ich genug freie Zeit habe, um mich -mit Musik zu beschäftigen? — Nein entschuldige, das -tue ich denn doch nicht!“ -</p> - -<p> -„Bist du langweilig geworden, Schwester!“ sagte -der Bruder und trat ans Fenster: „Ah, da ist er ja -schon, er kommt, eben kommt er!“ rief Platonow. -</p> - -<p> -Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann -von etwa vierzig Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, -in <a id="corr-42"></a>einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. -Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu achten. -Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei -Männer niederen Standes, mit respektvoll entblößtem -Haupte, in einer lebhaften Unterhaltung begriffen; der eine -war ein einfacher Bauer, der andre ein durchreisender -Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit -langen Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen -blieben, konnte man ihr Gespräch deutlich im Zimmer hören. -</p> - -<p> -„Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft -euch bei eurem Herrn los. Ich will euch die Summe -meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja allmählich bei -mir abarbeiten!“ -</p> - -<p> -„Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir -uns loskaufen? Nehmen Sie uns lieber ganz zu sich. -Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen. Einen so -klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der -ganzen Welt. Heutzutage hat man seine Not, man kann -sich nicht genug in acht nehmen. Die Kneipwirte haben -euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser -austrinken möchte: eh man sich’s versieht, ist die letzte -Kopeke ausgegeben. Die Versuchung ist auch allzugroß. -Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei Gott! Was -erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu -machen! Tabak und all diese Finessen. Was soll man -anfangen, Konstantin Fjodorowitsch? Man ist auch nur -ein Mensch — man läßt sich halt leicht verführen.“ -</p> - -<p> -„Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes. -Wenn ihr zu mir kommt, dann seid ihr doch auch nicht -frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was ihr braucht: -eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was -von meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei -mir müssen sie vor allem <em>arbeiten</em> — das ist das -erste; ob nun für mich oder für sich selbst, das ist ganz -gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite ja -auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil -ich es an mir selbst erfahren habe: all diese Schrullen -kommen einem bloß in den Kopf, weil man nicht -arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt -sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.“ -</p> - -<p> -„Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin -Fjodorowitsch. Selbst die alten Leute bei uns sagen -schon: ‚bei Ihnen sind die Bauern alle reich, das ist -doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig und -so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, -und jetzt haben wir niemanden, der einen rechtschaffen -beerdigen könnte.‘“ -</p> - -<p> -„Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber -mit der Gemeinde.“ -</p> - -<p> -„Wie Sie befehlen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -„Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind -schon so gut und gehen etwas mit dem Preise herunter,“ -sagte der durchreisende Kaufmann im langen blauen Rock, -der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt. -</p> - -<p> -„Ich habe dir’s schon gesagt, <a id="corr-44"></a>ich lasse nicht mit mir -handeln. Ich bin nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei -denen du immer gerade dann erscheinst, wenn sie ihre -fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne euch -viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche -Zahlungen zu machen haben. Das ist doch sehr einfach. -So ein Mann ist in einer verzweifelten Lage, da gibt -er euch natürlich alles um den halben Preis her. Bei -mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde -anfangen? Bei mir können die Sachen ruhig drei Jahre -lang liegen bleiben; ich habe keine Hypothekengelder zu -bezahlen!“ -</p> - -<p> -„Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. -Ich sage das ja auch nur, um auch ferner mit Ihnen -in Verbindung zu bleiben, und nicht aus Habsucht und -Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!“ -Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen -schmutziger Banknoten aus der Brusttasche. Kostanshoglo -nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie nachzuzählen in Empfang, -und steckte sie in die Rocktasche. -</p> - -<p> -„Hm,“ dachte Tschitschikow, „wie wenn das sein -Taschentuch wäre!“ Doch jetzt erschien Kostanshoglo in -der Türe des Salons. Er machte einen tiefen Eindruck -auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die -struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon -einen leichten Anflug von Grau erkennen ließen, den -lebhaften Ausdruck der Augen und seine etwas gallige -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er war -kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, -woher seine Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch -nicht um seinen Stammbaum; das paßte nicht in sein -System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft damit nicht -viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen, und -kannte auch keine andere Sprache außer der <a id="corr-45"></a>russischen. -</p> - -<p> -Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich. -</p> - -<p> -„Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, -eine kleine Reise zu machen, und mir einige unserer -Gouvernements anzusehen. Ich will meine Langeweile -los werden,“ sagte Platonow, „Pawel Iwanowitsch hat -mir vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.“ -</p> - -<p> -„Das ist ja vortrefflich!“ sagte Konstanshoglo. „Und -welche Gegend gedenken Sie zu besuchen?“ fuhr er fort, -indem er sich liebenswürdig an Tschitschikow wandte. -</p> - -<p> -„Ich muß gestehen,“ sagte Tschitschikow, indem er -den Kopf höflich auf die Seite neigte und mit der Hand -über die Stullehne strich, „ich muß gestehen, daß ich -eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im Interesse -eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf -wohl sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat -mich gebeten, einige von seinen Verwandten aufzusuchen. -Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber -andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen -Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den -das Reisen für die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen -zu lernen, sich in den Wirbel und Strudel des Menschenvolkes -zu stürzen — das ist sozusagen ein lebendes Buch -und auch eine Art Wissenschaft.“ -</p> - -<p> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -„Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in -der Welt umsieht.“ -</p> - -<p> -„Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist -wirklich gut. Man sieht allerhand Dinge, die man sonst -nie gesehen hätte, und trifft mit Menschen zusammen, -denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche -Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich -hier, wo sich mir eine so glückliche Gelegenheit bietet ... -Ich wende mich an Sie, verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. -Helfen Sie mir, belehren Sie mich, stillen Sie meinen -Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit. Ich -lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.“ -</p> - -<p> -„Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn -lehren?“ sprach Kostanshoglo verlegen. „Ich habe doch -selbst nur ein paar Groschen Lehrgeld bezahlt.“ -</p> - -<p> -„Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die -Weisheit und die Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft -zu regieren, einen sicheren Gewinn zu erzielen, -Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen -eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn -das ist doch die Pflicht eines jeden Bürgers und damit -verdient man sich die Achtung seiner Mitmenschen.“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie was?“ sagte Kostanshoglo und sah ihn -nachdenklich an, „bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich -will Ihnen die ganze Einrichtung zeigen und Ihnen -alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier -nicht finden.“ -</p> - -<p> -„Aber natürlich! Bleiben Sie doch!“ fiel die Hausfrau -ein; dann wandte sie sich an ihren Bruder und -fuhr fort: „Bleib doch, Bruder, du hast doch keine Eile.“ -</p> - -<p> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -„Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch -nichts dagegen hat?“ -</p> - -<p> -„Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen -... Da ist nur noch ein Umstand: ein Verwandter -des General Betrischtschew, der Oberst Koschkarow ...“ -</p> - -<p> -„Der ist aber doch verrückt!“ -</p> - -<p> -„Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch -gar nicht besucht, aber General Betrischtschew, wissen Sie, -ein guter Freund von mir, und sozusagen mein Wohltäter -...“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,“ -sagte Kostanshoglo: „fahren Sie doch gleich zu ihm, er -wohnt keine zehn Werst von hier. Mein Wagen ist angespannt -— setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. -Zum Tee können Sie schon wieder zurück sein.“ -</p> - -<p> -„Eine großartige Idee!“ rief Tschitschikow aus und -griff nach dem Hut. -</p> - -<p> -Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben -Stunde zum Obersten. Im Dorfe ging es drunter und -drüber: hier wurde gebaut, dort eine Reparatur vorgenommen, -überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen -und Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser, -die wie Gerichtsgebäude aussahen. Auf dem einen befand -sich eine Inschrift in goldenen Lettern: „Depot für -landwirtschaftliche Werkzeuge“, auf einem andern las -man: „Hauptrechnungskammer“, „Komitee für Gemeindeangelegenheiten“, -„Normalschule für Landleute“. Mit -einem Wort, weiß der Teufel, was es da nicht alles gab! -</p> - -<p> -Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der -Feder in den Zähnen. Der Oberst empfing Tschitschikow -außerordentlich freundlich. Er machte den Eindruck eines -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing -er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es <a id="corr-48"></a>ihn gekostet -habe, sein Gut auf die Höhe zu bringen, auf der es sich -jetzt befindet; er beklagte sich schmerzlich darüber, wie -schwer es sei, den Bauern begreiflich zu machen, was -die „höheren Antriebe“ sind, die der Mensch nur aus -einem vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung -mit Wissenschaften und Künsten gewinnt; daß es ihm -noch immer nicht gelungen sei, die Bäuerinnen zu veranlassen, -doch ein Korsett anzulegen, während er in Deutschland, -wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die -Tochter eines einfachen Bauern kennen gelernt habe, die -Klavier spielen konnte; dennoch aber werde er den Trotz -der Unwissenheit und Unbildung brechen, und es bestimmt -erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während -sie hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise -über den Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils -und die chemische Analyse des Bodens unterrichten. -</p> - -<p> -„Daß du dich nur nicht täuschst!“ dachte Tschitschikow. -„Denken Sie bloß, ich habe die „Gräfin Laveillère“ bis -heute noch nicht gelesen. Ich kann immer keine Zeit -dazu finden.“ -</p> - -<p> -Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die -Menschen wohlhabend und glücklich machen könne. Eine -besondere große Bedeutung legte er der Kleidung bei: -er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte -aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen -wollte, die Wissenschaften emporblühen, der Handel -sich heben und das goldene Zeitalter für Rußland anbrechen -würde. -</p> - -<p> -Tschitschikow sah <a id="corr-49"></a>ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -ihn ruhig an und sagte schließlich zu sich selbst: „Ich -glaube, mit dem brauche ich mich nicht zu genieren;“ -und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig, zuvor -aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und -dazu bedürfe es <em>der</em> und <em>der</em> Formalitäten. -</p> - -<p> -„Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,“ sagte -der Oberst, ohne auch nur im geringsten in Verlegenheit -zu geraten, „ist das ein <em>Gesuch</em>, das Sie an mich -richten! Nicht wahr?“ -</p> - -<p> -„Sehr richtig.“ -</p> - -<p> -„Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu -formulieren. Das Gesuch muß nämlich erst ins „Bureau -für Berichte und Anzeigen“, dort wird es signiert, und -erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf -an das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von -dort geht es an den Verwalter, der Erhebungen anstellen -wird, und der Verwalter läßt es endlich zusammen mit -dem Sekretär ...“ -</p> - -<p> -„Ich bitte Sie!“ sprach Tschitschikow, „auf diese Weise -wird sich ja die Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein -solcher Gegenstand läßt sich doch nicht schriftlich behandeln. -Das ist ja so eine delikate ... Angelegenheit, die ... -Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot ...“ -</p> - -<p> -„Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß -die Seelen gewissermaßen schon tot sind.“ -</p> - -<p> -„Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man -doch nicht niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so -soll es doch den Anschein haben, als ob sie noch leben ...“ -</p> - -<p> -„Gut, dann schreiben Sie eben: <em>es ist nötig, oder -es ist erwünscht, oder man legt Wert darauf, -daß es den Anschein habe, als ob sie noch leben</em>. -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken -Sie bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich -will Ihnen einen Mann mitgeben, der Sie überallhin -begleiten wird.“ -</p> - -<p> -Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe. -</p> - -<p> -„Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.“ Gleich -darauf trat auch der Kommissar herein, ein Mann, dem -man es nicht recht ansehen konnte, was er war, ein Bauer -oder ein Beamter. „Er wird Sie überall hinführen.“ -</p> - -<p> -Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich -aus Neugierde, dem Kommissar zu folgen und diese so -überaus wichtigen Instanzen kennen zu lernen. Das -„Bureau für Berichte und Anzeigen“ stand nur auf dem -Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der -Chef des Bureaus Chryljow war in das soeben gegründete -Komitee für Gemeindebauten versetzt. Seine -Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch -der war von der Baukommission irgendwohin geschickt -worden. Sie gingen daher in das Departement für -Gemeindeangelegenheiten — da wurden jedoch gerade -Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, -der betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich -auch nichts herausbringen. „Bei uns herrscht eine große -Unordnung!“ sagte schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. -„Die Leute tanzen unserem Herrn alle auf -der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission -ab; sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt -sie überallhin, wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission -kommt man auf seinen Vorteil.“ Er war -offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission. Tschitschikow -wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein -großer Wirrwar, man könne sich da unmöglich zurechtfinden, -und ein Bureau für Berichte und Anzeigen gäbe -es überhaupt nicht. -</p> - -<p> -Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte -Tschitschikow dankbar die Hand. Er griff sofort zur -Feder und verfaßte acht in strengstem Tone gehaltene -Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission -eigenmächtig über Beamte verfügt habe, die garnicht -zu ihrem Ressort gehörten? wie der Oberverwalter es -habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich entfernte, -um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen -Posten zuvor einem andern übergeben zu haben? und -wie das Komitee für Gemeindeangelegenheiten ruhig -darüber hinweggehen konnte, daß es überhaupt kein -Bureau für Anzeigen und Berichte gebe? -</p> - -<p> -„Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!“ dachte -Tschitschikow und wollte schon wegfahren, da aber sagte -Koschkarjow: -</p> - -<p> -„Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es -sich um meine Ehre. Ich will Ihnen beweisen, was -das ist: eine geregelte, organisierte Wirtschaft. Ich will -Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel -wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität -beendigt. Sehen Sie, solche Leibeigene habe -ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht allzulange in Anspruch -zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich einstweilen -in meine Bibliothek verfügen zu wollen,“ fuhr -der Oberst fort, indem er eine Seitentür öffnete: „Hier -finden Sie Bücher, Papier, Federn, Bleistifte — mit -einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte! alles -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -steht zu <a id="corr-51"></a>Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu -Hause wären. Die Aufklärung und Wissenschaft sollte -allen offen stehen.“ -</p> - -<p> -So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow -in die Bibliothek geleitete. Diese war ein mächtiger -Saal der von unten bis oben mit Büchern vollgepfropft -war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden sich -darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es -Bücher über Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, -Gartenbau, Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, -wie sie einen zugeschickt werden, bloß damit man auf -sie abonniert, die aber kein Mensch liest. Als Tschitschikow -sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher -waren, die sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer -Weise die Zeit zu vertreiben, ging er an den -nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus dem Regen -in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als -<em>philosophische</em> Bücher. Das erste, was ihm ins Auge -fiel, waren sechs gewaltige Bände mit der Ueberschrift: -„Einführung in die Lehre vom Denken, Theorie der -Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer Anwendung -auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien -der Polarität in der gesellschaftlichen Produktivität.“ -Was für ein Buch Tschitschikow auch aufschlagen mochte, -auf jeder Seite las er immer nur von: <em>Erscheinung</em>, -<em>Entwickelung</em>, <em>Abstraktion</em>, <em>Geschlossenheit</em>, -<em>An und Für sich sein</em>, mit einem Wort, weiß der -Teufel, was nicht alles in so einem Buche stand! „Das -ist nichts für mich,“ sagte Tschitschikow, und ging an -einen dritten Schrank, der wieder lauter <em>kunstgeschichtliche</em> -Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -Folianten mit Bildern aus der antiken Mythologie -hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige Sittsamkeit -auszeichneten und begann darin zu blättern. -Solche Bilder gefallen besonders Junggesellen in mittleren -Jahren, mitunter aber auch alten Herren, die ihre -Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche gepfefferte -Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit -dem einen Buche fertig war, wollte er schon zu einem -zweiten ähnlichen übergehen, als Oberst Koschkarjow -mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in der -Tür erschien. -</p> - -<p> -„Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit -erledigt! Der Mensch, von dem ich Ihnen erzählt -habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür will ich ihn aber -auch über alle anderen erheben und ein eigenes Departement -für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was -das für ein heller Kopf ist, und wie er in ein paar -Minuten mit allem fertig geworden ist.“ -</p> - -<p> -„Na, Gott sei Dank!“ dachte Tschitschikow und -schickte sich an, zu hören. Der Oberst begann mit der -Vorlesung: -</p> - -<p> -„Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. -Hochwohlgeboren erteilten Auftrages gehe, habe ich die -Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren Kenntnis zu -bringen: -</p> - -<p> -Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters -und Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow -ein grundlegendes Mißverständnis enthalten, denn -die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden -unvorsichtiger Weise <em>tot</em> genannt. Dahingegen wird -er wahrscheinlich Seelen gemeint haben, die dem Tode -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -nahe sind, keineswegs aber absolut tote Seelen. Zudem -verrät auch schon diese Bezeichnung eine Bildungsstufe, -die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen -Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem -Niveau einer Gemeindeschule entspricht, denn die Seele -ist <em>unsterblich</em>.“ -</p> - -<p> -„So ein Schelm!“ sagte Koschkarjow und hielt ein -wenig inne. „Hier will er Ihnen eines auswischen. -Aber nicht wahr? welch eine gewandte, schneidige Feder -er führt!“ -</p> - -<p> -„Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden, -weder solche, die dem Tode nahe sind, noch irgendwelche -andre, die nicht schon hypothekarisch belastet wären, denn -sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit einfachen, -sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß -noch außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede -Seele kommen, ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, -welches infolge eines Prozesses mit dem Gutsbesitzer -Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in -Nummer 42 der „Moskauer Nachrichten“ zu lesen steht.“ -</p> - -<p> -„Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? -Wozu haben Sie mich unnütz aufgehalten?“ sagte -Tschitschikow ärgerlich. -</p> - -<p> -„Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf -dem richtigen Instanzweg ergeben. Das ist doch kein -Spaß. Unbewußt und sozusagen instinktiv kann jeder -Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein -geschehen.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und -lief eilig zum Hause hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten -Pflichten des Anstandes zu wahren: er war sehr -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor -der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde -auszuspannen, denn um Futter für die Tiere zu erhalten, -hätte er erst ein schriftliches Gesuch einreichen müssen, -und der Beschluß, den Pferden ihren Hafer auszufolgen, -wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der Oberst -lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft -die Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß -er ihm Gelegenheit gegeben habe, den ganzen Betrieb in -der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse den -Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. -Sonst könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus -träge werden und einrosten. Dieser Vorfall -habe ihm einen glücklichen Gedanken eingegeben, -nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den -Namen tragen soll: „Kommission zur Aufsicht über die -Baukommission“. Dann würde es niemand mehr wagen -zu stehlen. -</p> - -<p> -Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später -Stunde bei Kostanshoglo an. Man hatte schon längst -Licht angezündet. -</p> - -<p> -„Warum kommen Sie so spät?“ sagte Kostanshoglo, -als Tschitschikow in der Türe erschien. -</p> - -<p> -„Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?“ -fragte Platonow. -</p> - -<p> -„Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen -Leben nicht gesehen!“ rief Tschitschikow aus. -</p> - -<p> -„Das ist noch gar nichts!“ meinte Kostanshoglo. -„Koschkarjow ist trotzdem eine tröstliche Erscheinung. -Man braucht solche Leute, weil sich in ihnen die Torheiten -unserer „weisen Männer“ gewissermaßen karrikiert und -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -recht drastisch offenbaren. — All jene Neunmalklugen, -die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen -haben, sich in der Fremde allerhand Flausen in den -Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir jetzt für -Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für -Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen, -Schulen und Kommissionen, und weiß der Teufel, was -noch alles! So sind aber die gescheidten Leute! Kaum -daß man sich von <a id="corr-55"></a>der französischen Invasion und dem -Jahr 1812 erholt hat, da fangen sie schon wieder an, -Unordnung zu stiften und alles einzureißen. Wahrhaftig, -die haben schlimmer gehaust als der Franzose. -Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein -Peter Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten -Gutsbesitzer sein wird.“ -</p> - -<p> -„Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?“ -sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, -alles!“ Kostanshoglo redete sich allmählig immer mehr -in Zorn. „Da haben Sie zum Beispiel eine Hut- und -eine Kerzenfabrik — natürlich müssen die Werkmeister -aus London verschrieben werden. Man wird ja zum -reinsten Krämer! Der Gutsbesitzer — ein so hochachtbarer -Beruf — wird Fabrikant und Manufakturist! Webstühle -um Tüllkleider für die „Dämchen“ aus der Stadt zu -fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...“ -</p> - -<p> -„Aber du selbst hast doch auch Fabriken,“ bemerkte -Platonow. -</p> - -<p> -„Wer hat denn die gebaut?“ -</p> - -<p> -„Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel -Wolle da, daß ich sie nicht absetzen konnte. — Da fing -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -ich eben an, Stoffe zu weben, lauter <em>dickes</em>, einfaches -Zeug — das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem -Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern -brauchen, meine eigenen Bauern. Oder ein anderes Beispiel: -die Fischer haben sechs Jahre lang ihre Fischschuppen -hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß -hin mit ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus -ihnen zu sieden. Das hat mir vierzig Tausend eingebracht. -So kommt bei mir alles von selbst.“ -</p> - -<p> -„Teufel!“ dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd -anblickte. „Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!“ -</p> - -<p> -„Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose -zu mir gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger -gestorben wären. Wir hatten ja Hungersnot. Alles -dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen -hatten. Solche Fabriken gibt’s bei mir in Hülle -und Fülle, mein Bester, jedes Jahr ’ne andre. Je nachdem, -was ich gerade für Abfälle zu verwerten habe. -Sieh’ nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem -Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn -schließlich fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich -baue mir ja auch keine Häuser mit Säulengängen und -Giebeln.“ -</p> - -<p> -„Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber -ist, daß man mit jedem Plunder was verdienen kann!“ -sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge -doch ganz einfach so nehmen wollten, wie sie sind. -Aber da will gleich jeder Kunstschlosser und Mechaniker -sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. -Und dazu muß er erst extra nach England -fahren! Das ist es! Solche Narren!“ Bei diesen -Worten spuckte Konstanshoglo aus. „Und dabei kommt er -tausendmal dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.“ -</p> - -<p> -„Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!“ sagte -die Frau besorgt, „du weißt doch, daß dir das schadet.“ -</p> - -<p> -„Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! -Wenn es sich hierbei noch um etwas handelte, was -einen nichts angeht. Aber das sind doch alles Dinge, -die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, -wenn man sieht, wie der russische Charakter verdorben -wird. Es ist jetzt eine Don Quixoterie bei uns aufgekommen, -die wir früher garnicht gekannt haben! -Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, -dann wird er gleich ein Don Quixote. Gründet -allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein Narr -was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen -heran, die zu nichts nütze sind, weder auf dem Lande, -noch in der Stadt. Höchstens lauter Trinker, die einen -sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder so -einer will in Humanität machen — dann wird er ein -Don Quixote der Humanität: baut allerhand alberne -Krankenhäuser und Asyle mit Säulenhallen für ’ne Million, -richtet sich selbst zugrunde und bringt andere Leute an -den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!“ -</p> - -<p> -Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung -zu tun. Er wollte durchaus näheres darüber -erfahren, wie man mit jedem Plunder was verdienen -könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte -kommen; immer neue, heftige Reden entströmten seinem -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Munde, er war jetzt schon nicht mehr imstande, sie zu -unterdrücken. -</p> - -<p> -„Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den -Bauern aufklären sollen ... sorgt mal erst dafür, daß -er reich und ein tüchtiger Landwirt wird, dann wird er -schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich -garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden -sind. Was diese Federfuchser nicht alles schreiben! -Wenn einer ein Buch in die Welt setzt, dann stürzen -sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was sie -jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: ‚Der Bauer -führt ein zu primitives Leben; er muß auch den Luxus -kennen lernen, man muß ihm höhere Bedürfnisse beibringen -...‘ Weil sie selbst dank diesem Luxus zu -Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen -Burschen mehr gibt, der nicht schon von allem -gekostet, bald keine Zähne mehr im Munde, und eine -Glatze hat, wie eine Schweinsblase — darum wollen -Sie andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott -danken, daß wir doch wenigstens noch <em>einen</em> gesunden -Stand haben, der noch nichts von diesen Launen und -Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich -dankbar sein. Jawohl — der Landmann verdient unsere -allergrößte Achtung — wozu rührt ihr ihn also an? -Gott gebe, daß alle Leute so wären wie er.“ -</p> - -<p> -„Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich -mit der Landwirtschaft zu beschäftigen?“ fragte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. -‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du -dein Brot essen‘, heißt es in der Bibel. Daran ist -nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung -mit dem Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und -sittlicher macht. Ich sage nicht — daß man nichts -andres tun dürfe — aber der Grund zu allem muß in -der Landwirtschaft liegen ... das ist’s. Die Fabriken -werden schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige -Fabriken — in denen Dinge hergestellt werden, die der -Mensch hier, an Ort und Stelle braucht, und nicht all -diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung eingebildeter -Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen -nur verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer -Existenz willen und um nur einen recht großen Absatz zu haben, -zu den schändlichsten Mitteln ihre Zuflucht nehmen, und -das unglückliche Volk verderben und verführen. Ich -für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen -gründen, und wenn die Leute mir noch so viel von seinem -Nutzen vorreden, ich werde mich nie dazu hergeben, jene -sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und Tabak, -Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million -deswegen verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus -in die Welt kommen soll, dann will <em>ich</em> wenigstens -meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich will rein -dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich <em>in</em> -und <em>mit</em> dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.“ -</p> - -<p> -„Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man -die Reste und Abfälle so gut verwerten und mit jedem -Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt natürlich, daß -man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.“ -</p> - -<p> -„Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!“ fuhr Kostanshoglo -fort, ohne auf ihn zu hören, und sein Gesicht nahm -einen boshaften und sarkastischen Ausdruck an. „Tüchtige -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf dem -andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase -reicht! Und so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille -auf und ... Narren!“ Und wieder spuckte er ärgerlich aus. -</p> - -<p> -„Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich -aber doch bitte nicht so,“ sagte die Frau, „als ob es nicht -möglich ist, über diese Dinge zu reden, ohne gleich außer -sich zu geraten.“<a id="tva-8" href="#tv-8">(8)</a> -</p> - -<p> -„Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin -Fjodorowitsch, dann beginnt man gewissermaßen den Sinn -des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen den Kern -der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick -diese allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und -Ihre Aufmerksamkeit auf eine Privatangelegenheit zu -richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre Gutsbesitzer -geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu -Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen -eine ernste Bürgerpflicht zu erfüllen, — wie sollte -ich das wohl anfangen?“ -</p> - -<p> -„Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?“ -fiel Kostanshoglo ein: „Ganz einfach: ...“ -</p> - -<p> -„Das Abendessen ist fertig,“ sagte die Hausfrau, -indem sie sich vom Sofa erhob; sie ging in die Mitte des -Zimmers und hüllte ihren jungen Körper zitternd in ihr Tuch. -</p> - -<p> -Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit -eines Militärs vom Stuhle auf, hielt ihr höflich den -Arm hin und führte sie feierlich durch zwei Zimmer hindurch -bis in den Speisesaal, wo schon die offene Suppenterrine -auf dem Tische stand und einen angenehmen -würzigen Duft von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern -verbreitete. Alle Anwesenden nahmen Platz. Die Bedienten -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln nebst -allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und -entfernten sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die -Dienstboten mit anhörten, was bei Tische gesprochen wurde, -oder daß sie ihm in den Mund sahen, während er aß. -</p> - -<p> -Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war -und ein Gläschen von einem ganz vorzüglichen Getränk, -das wie Ungarwein schmeckte, geleert hatte, wandte er -sich abermals an den Hausherrn: „darf ich noch einmal -auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs -zurückkommen, Verehrtester. Ich wollte Sie -fragen, wie man es anfangen, was man tun muß, wie -man sich verhalten soll ...“<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -.... „Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut -verlangen sollte, würde ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort -auf den Tisch legen.“ -</p> - -<p> -„Hm!“ Tschitschikow wurde nachdenklich. „Und -warum kaufen Sie es denn nicht selber?“ sagte er dann -mit einer gewissen Schüchternheit. -</p> - -<p> -„Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit -<em>meinen</em> Gütern genug zu tun. Und dann schreien -unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre verzweifelte -Lage zunutze mache und ihre Ländereien für -einen Spottpreis aufkaufe. Das habe ich bald satt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -„Daß doch die Menschen immer schlecht von einem -reden müssen!“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Und erst in unserer Provinz! Das können Sie -sich garnicht vorstellen: man nennt mich hier garnicht -anders als einen Filz und Geizhals. Sich selbst -verzeihen sie alles. Da heißt es immer: ‚Ich habe -freilich alles durchgebracht; aber das kommt daher, weil -ich eben höhere Bedürfnisse hatte, weil ich die Handelsleute -und Industriellen (er sollte lieber sagen, die Lumpen -und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein -Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo‘ ...“ -</p> - -<p> -„Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!“ -sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! -Wem wollen sie denn was weismachen? Wenn -sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, — sie lesen -sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind -schließlich die Kosten und der ... Und das alles -kommt bloß daher, weil ich keine Diners gebe und ihnen -kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal nicht, -weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. -Will einer zu mir kommen und an meiner -Tafel mitessen — mit dem größten Vergnügen. Und -daß ich kein Geld leihe — das ist ganz einfach nicht wahr. -Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet -und mir genau Rechenschaft gibt, was er mit meinem -Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich aus seinen Worten -entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon -machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn -eintragen wird, dann werde ich es ihm nicht abschlagen -und nicht einmal Zinsen dafür verlangen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -„Das muß ich mir merken,“ dachte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„So einem werde ich es nie abschlagen,“ fuhr Kostanshoglo -fort. „Aber mein Geld aus dem Fenster zu -schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein, da muß -man mich schon entschuldigen. Hol’s der Teufel! Da -kriegt einer den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu -geben, oder er will sein Haus luxuriös ausstatten; will -wie ein Verrückter, mit irgend einem Frauenzimmer auf -den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil -er so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft -— und dazu soll ich ihm noch Geld leihen!“ -</p> - -<p> -Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte -in Gegenwart seiner Frau beinah ein paar unanständige -Schimpfworte fallen lassen. Der dunkele Schatten einer -finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. Zahlreiche -Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein -deutliches Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die -Galle regte. -</p> - -<p> -„Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit -noch einmal auf den Gegenstand unseres -soeben unterbrochenen Gesprächs zurückzulenken,“ sagte -Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen Himbeerlikör -herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. „Nehmen -wir einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen -geruhten, was denken Sie wohl? wie schnell -und in wie langer Zeit könnte man wohl so reich werden, -daß ...“ -</p> - -<p> -„Wenn Sie durchaus <em>schnell</em> reich werden wollen,“ -unterbrach ihn Kostanshoglo kurz und streng, „dann -werden Sie niemals reich werden; wenn Sie dagegen -die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht nach -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem -Ziele kommen.“ -</p> - -<p> -„Wirklich?“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ja,“ versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, -daß er sich über Tschitschikow ärgerte, „man muß die -Arbeit lieb haben, ohne das kann man nichts erreichen. -Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! — Jawohl! -Und glauben Sie mir — sie ist gar nicht langweilig. -Das ist auch so ein neuer Einfall, daß es auf -dem Lande langweilig ist ... ich für meinen Teil käme -vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in -der Stadt verbringen müßte, so wie diese Herrschaften -ihre Zeit totschlagen: in ihren Klubs, und Restaurants -und Theatern. Narren! Nichts als Narren. Eine ganze -Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit -zur Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren -Zwischenräume — jeder Augenblick ist ausgefüllt. Schon -diese Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigung, seiner Tätigkeit! -— und welch einer Tätigkeit! — diese Tätigkeit -hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! -Sagt was ihr wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen -Hand in Hand mit der Natur, wird zum Mitwisser -und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an -allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie -doch nur hin, was das ganze Jahr über alles geschafft -werden muß: wie noch vor Anbruch des Frühlings alles -auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da -muß die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen -noch einmal durchgesehen, gemessen und getrocknet, da -muß nachgerechnet werden, wieviel Arbeit zu allem erforderlich -sein wird. Alles wird im voraus überlegt -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das -Eis bricht und die Flüsse frei werden, wenn dann alles -trocken ist und die Erde sich lockert — dann arbeitet in -den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten, und Pflug -und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. -Verstehen Sie, was das heißt? Das ist wohl eine -Kleinigkeit? Es ist die künftige Ernte, die hier vorbereitet -wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier ausgesät. -Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der -Sommer ... Nun beginnt die Heuernte, man mäht -und mäht ... Doch jetzt kommt die Erntezeit; erst -der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer. -Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt’s keinen Augenblick -verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und -doch hätte keines Zeit zum Ruhen. Und wenn dann -alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und zu Garben -zusammengebunden ist — dann muß man schon wieder -weiter denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, -die Scheunen, die Darren, die Viehställe müssen -geputzt werden, dazu kommt noch die ganze Frauenarbeit — -wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, -was man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst -der Winter! Da wird auf allen Tennen gedroschen und -dann das gedroschene Korn von den Darren in die -Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in -die Fabriken, besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern -und sieht, was sie tun und treiben. Ach, ich kann Ihnen -sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt umzugehen -weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und -ihm zuschauen, so ein Vergnügen macht mir’s, ihn arbeiten -zu sehen. Und wenn man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -einen Sinn und ein Ziel hat, wie um uns her alles -wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt — -ich kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. -Nicht deshalb, weil sich das Geld vermehrt — -Geld ist natürlich auch eine schöne Sache — aber weil -das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, -daß du selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, -und daß du wie irgend ein Magier oder Zauberer -nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über alles -ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen -höheren Genuß vorstellen?“ fuhr Kostanshoglo fort und -blickte empor; die Falten waren verschwunden. Wie ein -König am Tage seiner feierlichen Krönung, so strahlte -er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten. -„Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen -Genuß finden! Denn hierin ahmt der Mensch den -Schöpfer nach: Gott hat sich das Schaffen als den -höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom -Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück -und Wohlergehen schaffe. Und das nennt man eine -langweilige Beschäftigung!“ -</p> - -<p> -Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen -Tschitschikow die süßtönenden Reden des Hausherrn, an -denen er sich garnicht satt hören konnte. Das Wasser -lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten -einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen -Ausdruck an; er hätte immer weiter zuhören mögen. -</p> - -<p> -„Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns -erheben,“ sagte die Hausfrau und stand auf. Alle -folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin den Arm und -führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und -Gewandheit, denn seine Gedanken wurden von anderen -weit wichtigeren Fragen bewegt. -</p> - -<p> -„Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem -trostlos und langweilig,“ erklärte Platonow, der -hinter ihnen herging. -</p> - -<p> -„Der Gast ist kein dummer Kerl,“ dachte der Hausherr; -„er ist aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in -seinen Reden und vor allem kein Schwätzer.“ Bei -diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die Unterhaltung -schien ihn warm gemacht zu haben, und er -freute sich, daß er einen Menschen gefunden hatte, der -es verstand, seine weisen Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen. -</p> - -<p> -Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, -in dem einige Kerzen ein angenehmes Licht verbreiteten, -dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die Sterne -hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens -freundlich zu ihnen durch die Glastür hereinblinkten, -da wurde es Tschitschikow so wohlig zu mute, wie schon -lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich nach langen -Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände, -wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach -sein Herz begehrte, und mit dem Worte „Genug“ -seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte. Diese beglückende -Stimmung verdankte er den klugen Reden -des gastfreien Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es -gewisse Worte, die ihm lieber und vertrauter sind, als -alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man -irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven -einen Menschen findet, dessen erwärmende Unterhaltung -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -einen den unwegsamen Weg, die Unbequemlichkeiten des -Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und -den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. -Mit unbegreiflicher Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter -Abend für alle Zeiten unserer Erinnerung ein, -mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so kleine -Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was -er in der Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und -jede unbedeutende Kleinigkeit. -</p> - -<p> -Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, -alles prägte sich seinem Gedächtnis tief ein: das freundliche -schlicht möblierte Zimmer, der gutmütige Ausdruck -im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das Tapetenmuster, -die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die -Platonow gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in -seine dicke Schnauze blies, Jarbs ärgerliches Schnauben, -das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre vorwurfsvollen -Worte: „Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.“ -Die lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen -in der Zimmerecke, die Glastür, die Frühlingsnacht, die -über die hohen Baumwipfel schwebend zu ihnen -hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte -Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, -die ihr Lied aus der Tiefe grünblättriger Haine laut -hinausschmetterten in die herrliche Nacht ... -</p> - -<p> -„Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter -Konstantin Fjodorowitsch!“ sagte Tschitschikow. „Ich -kann wohl sagen, ich habe in ganz Rußland keinen -Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand gleichkäme.“ -</p> - -<p> -Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß <a id="corr-60"></a>Tschitschikow -unrecht hatte. „Nein, nein, wenn Sie einen -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -wirklich klugen Menschen kennen lernen wollen, — hier -ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: — das -ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die -Schuhriemen aufzubinden.“ -</p> - -<p> -„Wer ist denn das?“ fragte Tschitschikow erstaunt. -</p> - -<p> -„Das ist unser Branntweinpächter Murasow.“ -</p> - -<p> -„Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!“ rief -Tschitschikow aus. -</p> - -<p> -„Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein -Gut, der könnte einen ganzen Staat verwalten. Hätte -ich ein Königreich, ich würde ihn sofort zu meinem -Finanzminister ernennen.“ -</p> - -<p> -„Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab -der Wahrscheinlichkeit übersteigt: er soll sich zehn Millionen -erworben haben.“ -</p> - -<p> -„Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten. -Bald wird halb Rußland ihm gehören!“ -</p> - -<p> -„Was sagen Sie!“ rief Tschitschikow, indem er den -Mund öffnete und sein Gegenüber erstaunt anstarrte. -</p> - -<p> -„Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar -Hunderttausende besitzt, der wird langsam reich, wer -dagegen Millionen hat, der hat sozusagen einen gewaltigen -Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und -verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites -Feld, einen zu großen Spielraum. Da gibt’s keine -Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner messen. Er -kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn -es ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.“ -</p> - -<p> -„Herrgott, Herrgott!“ sagte Tschitschikow und schlug -ein Kreuz. Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, -und der Atem wollte ihm ausgehen: „Das ist ja geradezu -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -unfaßbar! Man wird ganz starr vor Schrecken! -Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man -einen Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es -weit wunderbarer, daß solch gewaltige Summen durch -die Hand <em>eines</em> Sterblichen gehen können. Darf ich -Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der -Gründung dieses Vermögens ist es doch wohl nicht -ganz sauber zugegangen?“ -</p> - -<p> -„Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er -hat sich stets nur der saubersten Mittel bedient.“ -</p> - -<p> -„Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben! -Wenn es sich bloß um Tausende handelte, aber hier geht -es um Millionen ...“ -</p> - -<p> -„Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die -Millionen dagegen werden leicht erworben. Ein Millionär -braucht die krummen Wege nicht: er braucht nur -immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor -ihm liegt. Ein andrer kann’s eben nicht aufheben, es -fehlt ihm die Kraft dazu — der Millionär aber hat -keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß .. -ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht -sich ... Was bringen dagegen ein paar -Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.“ ... -</p> - -<p> -„Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit -ein paar Kopeken angefangen haben soll!“ -</p> - -<p> -„Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der -Lauf der Dinge,“ sagte Kostanshoglo. „Wer reich geboren -und erzogen ist, und von Jugend auf immer mit Tausenden -zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu, der -hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott -was noch alles! Man muß von Anfang an anfangen -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -und nicht mit der Mitte — mit der Kopeke und nicht -mit dem Rubel — von unten und nicht von oben: dann -erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich -kennen, unter denen man später leben muß. Wenn man -erst das eine und das andre am eignen Leibe gespürt -und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie -es heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn -man erst alles durchgemacht und alle Prüfungen überstanden -hat, dann wird man klug und besitzt Erfahrung -genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen -Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben -Sie mir, ich spreche die Wahrheit. Man muß von Anfang -anfangen und nicht mit der Mitte. Wer mir sagt: -‚Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, -wie schnell ich reich werde,‘ dem glaube ich nicht; der -spekuliert auf das Glück und geht nicht sicher. Man -muß mit der Kopeke anfangen.“ -</p> - -<p> -„In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,“ -versetzte Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die -toten Seelen denken: „denn ich fange in der Tat -mit nichts an.“ -</p> - -<p> -„Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel -Iwanowitsch etwas Ruhe gönnen; er will sicher schlafen -gehen,“ sagte die Hausfrau, „du aber plauderst immer -weiter.“ -</p> - -<p> -„Natürlich werden Sie reich werden,“ erwiderte -Kostanshoglo, ohne auf seine Frau zu hören. „Passen -Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen -zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit -hin sollen.“ -</p> - -<p> -Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -schwebte wie in einem herrlichen Reiche schmeichelnder -Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz wirr im -Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene -Blumen in den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden -Reichtums, und immer wieder klangen ihm -Kostanshoglos Worte in den Ohren: „Das Gold wird -Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.“ -</p> - -<p> -„Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es -Zeit schlafen zu gehen.“ -</p> - -<p> -„Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du -Lust hast,“ sagte der Hausherr und hielt inne; Platonow -schnarchte so laut, daß das ganze Zimmer dröhnte, und -neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte, -als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es -in der Tat Zeit zum Schlafengehen war, er rüttelte -daher Platonow auf und sagte: „Schnarch doch nicht so!“, -dann wünschte er Tschitschikow eine gute Nacht, alle -gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett -in tiefen Schlaf versunken. -</p> - -<p> -Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine -Gedanken wollten nicht zur Ruhe kommen. Er sann -unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen sollte, -der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß eingebildeten -oder phantastischen Gutes zu werden. Nach -dem Gespräch mit dem Hausherrn war ihm mit einem -Male alles klar! Die Möglichkeit, reich zu werden, lag -in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige -Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so -einfach und natürlich, und ganz wie geschaffen für seine -Natur! Wenn er nur erst seine Hypothek auf diese -Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes wäre. -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken -— ganz wie Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte — gewandt, -umsichtig und sicher, ohne vorzeitige Neuerungen -einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen gelernt -hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er -kannte alle Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus -und Überfluß und widmete sich allein der Arbeit und -dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die große -Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung -herrschen, alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter -bewegen und eins das andere vorwärts stoßen und zur -Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben und geschäftige -Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle -sich das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten -in seiner Mühle alle Abfälle und jeglicher Plunder zu -Staub zermahlen werden, um als bares Geld wieder -herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand -beständig vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. -Das war der erste Mann in ganz Rußland, vor dem -er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis -auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur -wegen seiner Titel und Würden oder weder seines hohen -Einkommens geachtet: des Verstandes wegen hatte er -eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt. -Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem -es ihm anders ging. Tschitschikow fühlte, daß er sich -mit diesem Menschen auf keine Kniffe und Kunststücke -einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein ganz -anderes Projekt — der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. -Er besaß selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend -hoffte er von Kostanshoglo leihen zu können; hatte dieser -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem zu helfen, der zu -Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest — -dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls -aber konnte er den Verkäufer warten lassen. Das -ging schließlich auch: mochte jener sich doch mit den -Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! -Und lange noch lag er so da und dachte darüber nach, -bis schließlich Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, -das ganze Haus schon vier Stunden lang in seinen -Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war -Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-4"> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -Viertes Kapitel. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht -besser wünschen ließ. Kostanshoglo schoß Tschitschikow -bereitwilligst zehntausend Rubel vor, -ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser -mußte ihm bloß eine gewöhnliche Quittung ausstellen: -so gern half er jedem, der sich Besitz und Wohlstand -erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich, Tschitschikow -persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das -Gut mit ihm zusammen in Augenschein zu nehmen. -Tschitschikow war in der besten Laune. Nach einem -reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg, -nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz -genommen hatten: die leeren Kutschen des Hausherrn -folgten ihnen in einiger Entfernung nach. Jarb lief -voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn -Werst lang sah man auf beiden Seiten nichts als -Wälder und Ackerland, das zu Kostanshoglos Gute -gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich -das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und -statt der Wälder erblickte man überall nichts als Baumstümpfe. -Trotz der hübschen Lage merkte man es dem -Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt -worden war. Zuerst kam man an einem -neuen steinernen Hause vorüber, das aber unbewohnt -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses -folgte ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte. -Die Gäste fanden den Gutsherrn noch ungekämmt -und verschlafen; er war nämlich erst vor -kurzem aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre -alt sein; sein Halstuch saß schief, sein Rock war -geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch. -</p> - -<p> -Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste, -als ob Gott weiß was geschehen wäre: man hätte glauben -können, er sähe seine Brüder nach langer Trennung zum -ersten Male wieder. -</p> - -<p> -„Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! -Nein solch eine Freude. Ich muß mir wirklich die -Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir kommt keiner -mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: -alle Leute denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, -ja, Konstantin Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich -sehe — ich bin selbst schuld an allem. Aber, was soll -ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen Sie -bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen -Kostüm empfange: Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert. -Was darf ich Ihnen vorsetzen?“ -</p> - -<p> -„Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein -Geschäft mit Ihnen machen. Hier haben Sie einen -Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch Tschitschikow,“ -sagte Kostanshoglo. -</p> - -<p> -„Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft -zu machen. Bitte, lassen Sie mich Ihre Hand drücken!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow reichte ihm beide Hände. -</p> - -<p> -„Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester -Pawel Iwanowitsch, es ist sehr interessant ... Aber -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob Sie auch gegessen -haben?“ -</p> - -<p> -„Freilich haben wir gegessen,“ versetzte Kostanshoglo, -der ihn möglichst schnell los sein wollte. „Wir wollen -keine Zeit verlieren und das Gut gleich jetzt besichtigen.“ -</p> - -<p> -„Gut, dann wollen wir gehen.“ Chlobujew nahm -seine Mütze in die Hand. „Kommen Sie, Sie sollen -selbst sehen, wie unordentlich und liederlich ich bin.“ -</p> - -<p> -Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die -Dorfstraße hinab. -</p> - -<p> -Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende -Hütten mit winzigen Fenstern, die mit alten Lappen -zugestopft waren. -</p> - -<p> -„Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich -und liederlich ich bin,“ sagte Chlobujew. „Es -war natürlich sehr vernünftig von Ihnen, daß Sie schon -gegessen haben. Sie werden mir’s nicht glauben, Konstantin -Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn -mehr im Hause, soweit ist’s mit mir gekommen!“ -</p> - -<p> -Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin -Fjodorowitsch nur wenig Teilnahme finden werde, -nahm er Platonow unter den Arm und ging mit ihm -voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte, -Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück -und folgten ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung. -</p> - -<p> -„Man hat’s nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!“ -sagte Chlobujew zu Platonow. „Sie können -sich’s garnicht vorstellen, wie schwer man es hat! Kein -Geld, kein Korn, keine Stiefel — für Sie sind das -freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das -wäre natürlich nicht so schlimm, wenn man noch jung -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -und unverheiratet wäre. Aber wenn all diese Sorgen -und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man -hat noch dazu ein Weib und fünf Kinder — dann -verliert man den Mut, ob man will oder nicht ...“ -</p> - -<p> -„Und wenn Sie das Gut verkaufen — glauben -Sie, daß Ihnen damit geholfen wäre?“ fragte Platonow. -</p> - -<p> -„Ach was! Geholfen!“ versetzte Chlobujew mit -einer hoffnungslosen Gebärde. „Es wird <em>doch</em> alles -bei der Bezahlung der Schulden draufgehen, ich selbst -werde keine tausend Rubel übrig behalten!“ -</p> - -<p> -„Und was wollen Sie dann anfangen<a id="corr-63"></a>?“ -</p> - -<p> -„Das weiß Gott allein.“ -</p> - -<p> -„Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen -Verhältnissen herauszukommen?“ -</p> - -<p> -„Was soll ich denn machen?“ -</p> - -<p> -„Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.“ -</p> - -<p> -„Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was -kann ich für eine Stellung annehmen? Ich kann -höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten. -Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert -Rubeln anfangen? Ich habe doch eine Frau und fünf -Kinder.“ -</p> - -<p> -„Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter -auf einem Gute an.“ -</p> - -<p> -„Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich -selbst alles durchgebracht habe!“ -</p> - -<p> -„Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn -man vor dem Hungertode steht. Ich will meinen Bruder -fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend einen Bekannten -eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.“ -</p> - -<p> -„Nein, Platon Michailowitsch,“ sagte Chlobujew -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -seufzend und drückte Platonow kräftig die Hand. „Ich -tauge doch zu nichts mehr! Ich bin vorzeitig alt geworden, -und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus. -Das sind die alten Sünden! Was kann ich -denn leisten? Wozu soll ich den Staat plündern? Es -gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in den -Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben -wollen. Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen -Leuten noch neue Steuern aufgehalst werden, damit ich -nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!“ -</p> - -<p> -„Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise!“ -dachte Platonow. „Das ist noch schlimmer als -meine Lethargie.“ -</p> - -<p> -Während sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit -Tschitschikow hinter ihnen her; er war ganz außer sich -vor Wut. -</p> - -<p> -„Da, sehen Sie,“ sagte er, indem er mit dem Finger -auf das Dorf wies: „was er aus den Bauern gemacht -hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und Wagen haben -sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, — -dann darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und -Gut denken: da verkauft man eben alles und schafft -neues Vieh für den Bauer an, damit er auch nicht <em>einen</em> -Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber -das da läßt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu -braucht man viele Jahre. Der Bauer ist ja auch schon -ganz verändert, er bummelt und säuft. Wenn man -ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen läßt, -dann hat man ihn für alle Zeiten verdorben: er gewöhnt -sich daran, in Lumpen herumzulaufen und findet Geschmack -am Vagabundenleben ... Und sehen Sie einmal das -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Land an. Nun was sagen Sie,“ fuhr er fort, indem er -auf die Wiesen deutete, die gleich hinter den Hütten -sichtbar wurden. „Alles Land, das jedes Frühjahr überschwemmt -ist. Ich würde da Flachs säen, der mir allein -fünftausend Rubel einbringen würde, und dann würde -ich Rüben pflanzen, die mir noch einmal viertausend -eintragen müßten ... Sehen Sie sich bloß einmal den -Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar -Körner verschüttet. Denn er hat ja doch kein Korn gesät — -das weiß ich. Und dort — diese Schlucht! Da würde -ich einen Wald anlegen. Die Stämme sollten mir bald -bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so -ein herrliches Stück Land läßt er brach liegen! Wenn -man schon keinen Pflug hat, um es zu pflügen, dann -nimmt man den Spaten, gräbt es um und pflanzt Gemüse -darauf. Das gäbe einen prächtigen Gemüsegarten! Aber -man muß den Spaten selbst in die Hand nehmen, muß -Frau und Kinder und alle Dienstboten zu Hilfe nehmen, -und arbeiten bis man hinfällt! Und wenn man schließlich -selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens -seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist -doch nicht krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei -Tisch zu voll gefressen hat!“ Hier spuckte Kostanshoglo -zornig aus und eine finstere Wolke umschattete seine Stirn. -</p> - -<p> -Als sie sich dem Abhang näherten und in die mit -wildem Beifuß bewachsene Schlucht hinabsahen, da leuchtete -plötzlich eine Windung des Flusses hell auf, hinter ihm -erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom -Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive -viel näher erschien, tauchte aus dem Gebüsch auf. -Dahinter bemerkte man einen lockigen, mit Wald bewachsenen -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -Berg, der in der Entfernung bläulich flimmerte. -Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das -könnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, -„wenn man hier einen Wald anpflanzen würde, — dann -gäbe es einen Anblick, der sich, was Schönheit anbelangt, -ruhig mit ....“ -</p> - -<p> -„Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,“ -sagte Kostanshoglo plötzlich, und sah ihn sehr streng an. -„Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie zuviel auf die -schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne -Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen -Sie lieber nach dem Nutzen und nicht nach der äußeren -Schönheit. Die Schönheit wird schon von selbst kommen. -Das beste Beispiel sind die Städte: die allerschönsten -Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem -Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach -seinem eigenen Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. -Die Städte dagegen, die alle nach einer Schablone gebaut -sind, — sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie -die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen -und an Ihre Bedürfnisse.“ -</p> - -<p> -„Wie schade, daß man so lange warten muß! Man -möchte alles recht schnell so sehen, wie man es zu haben -wünscht ...“ -</p> - -<p> -„Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling -...! Man merkt gleich den Petersburger Beamten ...! -Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs Jahre nacheinander. -Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick auszuruhen. -Es ist schwer, gewiß, es ist sogar <em>sehr</em> schwer. -Aber wenn Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt -haben, sodaß er Ihnen selbst hilft, so ist das -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja, ja, -Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren -<em>siebzig</em> noch <em>siebenhundert</em> andre, <em>unsichtbare</em> Hände -an der Arbeit waren! Alles verzehnfacht sich! Ich brauchte -jetzt keinen Finger zu rühren — und doch ginge alles wie -von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist ein -Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, <em>Er</em> der die -Geduldigen selig pries.“ -</p> - -<p> -„Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue -Kraft durch seine Adern rinnen. Man bekommt Mut -und Lust zum Schaffen!“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt -ist!“ rief Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem -er auf den Abhang zeigte. „Ich kann es hier nicht -länger aushalten; diese Unordnung und Verwahrlosung -bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch -ohne mich abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen -Schatz so schnell als möglich ab. Er schändet bloß -Gottes herrliche Natur!“ Kostanshoglo war sehr aufgeregt -und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm -Abschied von Tschitschikow, holte Chlobujew ein und -verabschiedete sich gleichfalls von ihm. -</p> - -<p> -„Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!“ sagte -der Hausherr erstaunt, „Sie sind doch erst eben gekommen -und wollen schon wieder fort!“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt -wieder nach Hause fahren,“ versetzte Kostanshoglo. Er -verabschiedete sich, stieg in den Wagen und fuhr davon. -</p> - -<p> -Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens -begriffen zu haben. -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -„Konstantin Fjodorowitsch hat’s nicht ausgehalten,“ -sagte er, „für einen so tüchtigen Landwirt wie er ist es -freilich kein Vergnügen, diese schreckliche Wirtschaft mit -anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel Iwanowitsch, ich -habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein -Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen -davon, daß ich keinen Pflug und kein Pferd habe, um -zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein so vorzüglicher -Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin Fjodorowitsch -will ich gar nicht reden! — Das ist ein Napoleon -in seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum -mußten sich soviel Geist und Verstand in einem Kopfe -vereinigen. Warum konnte nicht auch für meinen Schädel -wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie -sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen -Steg ist die größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht -in die Pfütze plumpsen wollen. Ich habe im Frühjahr -die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun mir -meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes -Beispiel, aber was kann <em>ich</em> ihnen für ein Beispiel geben? -Was soll ich machen? Nehmen Sie sie mir ab, Pawel -Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen, -wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich -hätte sie am liebsten ganz freigelassen, aber das hätte -ja auch keinen Sinn. Ich weiß sehr gut, daß man erst -<em>andre Menschen</em> aus ihnen machen muß, Menschen, -die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten -und strengen Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt -und sie durch sein eigenes Beispiel und seine unermüdliche -Tätigkeit ... Ein Russe — das sehe ich an -mir selbst — kann nicht ohne einen Menschen auskommen, -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -der ihn aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein -und versauert.“ -</p> - -<p> -„Seltsam,“ sagte Platonow, „woran liegt das bloß; -daß der Russe immer gleich einschläft, und daß der gemeine -Mann ein Taugenichts und ein Trunkenbold wird, wenn -man ihn aus dem Auge läßt!“ -</p> - -<p> -„Das macht der Mangel an Bildung,“ bemerkte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch -auch eine gewisse Bildung, haben die Universität besucht, -und wozu taugen wir? Was habe ich zum Beispiel -gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es -gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige -Finessen auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, -die <a id="corr-67"></a>einen Geld kosten? — Aber glauben Sie nur nicht, -daß das daher kommt, weil ich einen schlechten Unterricht -genossen habe. — Durchaus nicht, der Unterricht war -nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder -dreien von ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht -nur deshalb, weil sie auch ohnedies gescheit und begabt -genug waren, die übrigen haben für nichts Interesse, -als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten -ihr Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich -glaube: mitunter kommt es mir fast so vor, als ob der -Russe — ein verlorener Mensch ist. Wir wollen alles -und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, -dann nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, -und strenge Diät zu halten; ja prosit, noch am -selben Abend schlägt man sich den Bauch so voll, daß -einem die Augenlider zusinken und man die Zunge -kaum bewegen kann — dann sitzt man da wie eine -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Eule und glotzt die andern Leute an — wahrhaftig. -Und so sind wir alle!“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Tschitschikow lächelnd, „so was kann -vorkommen!“ -</p> - -<p> -„Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. -Ich glaube nicht, daß es vernünftige Menschen unter -uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen Augen -sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld -verdient und erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. -Lassen Sie ihn erst einmal alt werden, früher oder -später fällt er doch dem Teufel in die Krallen und -bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: -die Gebildeten wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns -eben noch etwas, ich weiß freilich selbst nicht recht, was -es ist.“ -</p> - -<p> -Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. -Eine grauenhafte Unordnung machte sich überall in unangenehmer -Weise bemerkbar. Das einzige Neue war -eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das -Bild einer furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung -dar: beim Gutsherrn wie beim Bauern. Ein böses -Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte ein kleines -Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das -Zeug hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel -zu Hilfe rief. Etwas weiter standen zwei Bauern und -sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das betrunkene -Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich -die hintere Partie und der andere gähnte. Dieses -Gähnen schien sich auch den Häusern und Gebäuden -mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen. Dieser -Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -nicht enthalten gleichfalls zu gähnen. — Ein Flicken saß -auf dem andern. Bei einer Hütte ersetzte ein Haustor -das Dach, die morschen, eingefallenen Fensterrahmen -wurden von Stangen gestützt, welche aus der herrschaftlichen -Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt -man sich im Haushalt an das System der Fabel von -„Trischkas Kaphtan“, man trennte die Aufschläge und -Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen. -</p> - -<p> -„Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,“ sagte -Tschitschikow, als sie nach gründlicher Besichtigung vor -dem Hause anlangten ... Man begab sich ins Zimmer, -und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung -von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. -Auf dem Tintenfaß saß eine Figur, die wohl Shakespeare -darstellen sollte, auf dem Tische lag ein eleganter Elfenbeinstift, -mit dem sich der Hausherr den eigenen Rücken -kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll -gekleidet, sie sprach von der Stadt, und vom Theater, -das dort gerade eröffnet worden war. Die Kinder waren -lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen trugen -hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich -besser gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte -Hemdchen angezogen, und wären im Hofe herumgelaufen -ganz wie die einfachen Bauernkinder. Bald erschien -auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, -eine schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes -und <a id="corr-69"></a>törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich -zurück, und die Kinder liefen gleich darauf auch fort. -Die Herren blieben allein im Zimmer. -</p> - -<p> -„Also, was ist Ihr Preis?“ sagte Tschitschikow. „Ich -muß gestehen, es wäre mir lieb den äußersten Preis zu -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -erfahren, denn das Gut ist in einer viel schlechteren -Verfassung, als ich annahm.“ -</p> - -<p> -„Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,“ -versetzte Chlobujew. „Aber das ist noch nicht -alles. Ich will Ihnen nichts verheimlichen: von den -hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen, sind -nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns -furchtbar aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. -Sie können Sie auch zu den Toten zählen; -wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte, -dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das -ganze Gut den Gerichten verfiele. Ich fordere daher -auch nur fünfunddreißigtausend.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow fing natürlich an zu handeln. -</p> - -<p> -„Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend -für so ein Gut! Nein sagen wir doch -lieber fünfundzwanzigtausend.“ -</p> - -<p> -Platonow wurde verlegen. „Kaufen Sie es nur, -Pawel Iwanowitsch,“ sagte er. „Für so ein Gut kann -man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie keine -fünfunddreißigtausend dafür geben wollen, dann kaufen -wir es, mein Bruder und ich.“ -</p> - -<p> -„Also gut, ich bin einverstanden,“ sagte Tschitschikow -ganz erschrocken. „Nur eins; ich kann die Hälfte der -Summe erst nach einem Jahr bezahlen.“ -</p> - -<p> -„Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich -leider in keinem Fall einlassen; Sie müssen mir gleich jetzt -die Hälfte geben, und die andre in spätestens zwei Wochen. -Die Bank würde mir ja dies Geld auszahlen, wenn -ich nur soviel hätte, um ...“ -</p> - -<p> -„Ja, wie denn nur? Ich weiß wirklich nicht,“ -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -sagte Tschitschikow, „ich habe ja überhaupt nur zehntausend -Rubel flüssig.“ Er log. Wenn man das -von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfügte -er im ganzen über zwanzigtausend Rubel. Aber man -entschließt sich bekanntlich nicht leicht, eine so große -Summe auf den Tisch zu legen. -</p> - -<p> -„Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere -Ihnen, ich brauche unbedingt fünfzehntausend.“ -</p> - -<p> -„Ich will Ihnen fünftausend Rubel leihen,“ unterbrach -ihn Platonow. -</p> - -<p> -„Unter diesen Umständen könnte ich’s vielleicht -wagen!“ sagte Tschitschikow und dachte sich: „Hm, das -trifft sich aber gut, daß er mir was leihen will.“ Er -ließ sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und -nahm sofort die für Chlobujew bestimmten zehntausend -Rubel heraus; die übrigen fünftausend versprach er ihm -morgen mitzubringen; wohl gemerkt, er <em>versprach</em> es -nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben, den -Rest dachte er ihm später nach zwei oder drei Tagen -auszuhändigen; wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch -länger warten lassen. Pawel Iwanowitsch wurde es -ganz <em>besonders</em> schwer, sich von seinem Gelde zu -trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so -schien es ihm immer noch besser, das Geld wenigstens -<em>einen</em> Tag später, als verabredet, auszuzahlen. Das -heißt, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle. Es -macht uns doch allen Spaß, unseren Schuldner etwas -warten zu lassen: mag er sich doch seine Absätze ablaufen -und eine Weile im Vorzimmer sitzen! Als ob -er wirklich durchaus nicht mehr warten könnte! Was -geht es uns an, daß ihm vielleicht jede Stunde teuer -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -ist, und daß seine Geschäfte darunter leiden! „Kommen -Sie nur morgen wieder, Verehrtester, heute habe ich -leider keine Zeit!“ -</p> - -<p> -„Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut -verkauft ist?“ fragte Platonow Chlobujew. „Haben -Sie denn noch ein andres Gütchen?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich muß schon in die Stadt übersiedeln, dort -habe ich ein eigenes Häuschen. Ich hätte das ja auch -ohnedies machen müssen: wenn nicht für mich, so um -meiner Kinder willen: sie müssen doch was lernen, ich -muß ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und -Musiklehrer halten. Wo wollen Sie die auf dem Lande -hernehmen?“ -</p> - -<p> -„Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will -seinen Kindern Tanzunterricht geben lassen!“ dachte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Merkwürdig!“ dachte Platonow. -</p> - -<p> -„Aber wir müssen doch unser Geschäft auch begießen!“ -sagte Chlobujew: „He Kirjuschka! Hol doch mal schnell -eine Flasche Champagner!“ -</p> - -<p> -„Er hat kein Stück Brot im Hause, dafür aber -Champagner!“ dachte Tschitschikow. -</p> - -<p> -Platonow wußte dagegen überhaupt nicht, was er -denken sollte. -</p> - -<p> -Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen -seinen Willen gekommen. Er hatte in die Stadt nach -Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte man -ihm keinen Kwas<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> leihen. Was sollte er tun? Man -mußte am Ende doch seinen Durst stillen. Da erschien -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -ein französischer Weinreisender aus Petersburg, der überließ -seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb -denn Chlobujew nichts übrig, und er mußte ihm auch -ein paar Flaschen Champagner abnehmen. -</p> - -<p> -Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder -trank drei Gläser, und die Stimmung wurde bald animiert, -Chlobujew taute auf, wurde liebenswürdig und geistreich -und ließ eine Menge Anekdoten und Witze vom -Stapel. Aus seinen Reden sprach eine große Welt- -und Menschenkenntnis! Wie scharf und richtig faßte er -die Dinge auf, wie sicher und treffend konnte er die -Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten -charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und -Mängel, wie gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, -die sich ruiniert hatten, bekannt; wie komisch -und originell wußte er ihre kleinen Eigenheiten und -Gewohnheiten zu beschreiben: die Gäste waren ganz bezaubert -von seiner Unterhaltung, und hätten ihn bereitwilligst -für den Gescheitesten aller Menschen erklärt. -</p> - -<p> -„Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und -Verstand nicht Mittel und Wege finden, um sich zu -helfen,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„An den Mitteln fehlt es mir nicht,“ sagte Chlobujew -und rückte sogleich mit einem ganzen Haufen von Projekten -heraus. Aber sie waren alle so unsinnig, so -seltsam, und ließen so sehr jegliche Welt- und Menschenkenntnis -vermissen, daß man nur mit den Achseln zucken -und sagen konnte: „Herrgott! welch eine unendliche -Kluft liegt doch zwischen der Welt- und Menschenkenntnis -und der Fähigkeit, sie auszunutzen!“ All seine Pläne -hatten zur Voraussetzung, daß er sich plötzlich hundert- -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen könnte. -Wenn ihm das gelänge, dann glaubte er, würde alles -in den rechten Gang kommen, die Wirtschaft würde -aufblühen, alle Löcher würden sich verstopfen lassen, die -Einkünfte würden sich vervierfachen, und bald würde er -auch in der Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und -er schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Aber was -soll man machen? Es gibt halt keinen solchen edlen -Mann, der sich entschließen würde, mir zweihundert- -oder meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu -leihen. Es ist wohl nicht Gottes Wille.“ -</p> - -<p> -„Das fehlte noch, daß Gott solch einem Narren -zweimalhunderttausend Rubel in den Schoß werfen -sollte!“ dachte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache -Millionärin,“ sagte Chlobujew, „eine sehr fromme alte -Dame: für Kirchen und Klöster hat sie immer was -übrig, aber wenn’s gilt, seinem Nächsten zu helfen, -dann ist sie sehr spröde. Wissen Sie, so eine Tante -alten Schlages, es lohnt sich schon, sie einmal näher -anzusehen. Sie hat allein gegen vierhundert Kanarienvögel, -dazu Möpse, Gesellschafterinnen und Bediente, -wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jüngste -ihrer Diener ist mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem -sie ihn immer: „He Bursche!“ ruft. Wenn sich ein -Gast nicht so benimmt, wie sie es wünscht, dann läßt -sie bei Tisch die Schüssel an ihm vorbeigehen, und die -Bedienten tun natürlich, was sie befiehlt. Na, was -sagen Sie?“ -</p> - -<p> -Platonow lächelte. -</p> - -<p> -„Und wie ist ihr Familienname?“ fragte Tschitschikow. -</p> - -<p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -„Sie wohnt in unserm Städtchen und heißt Alexandra -Iwanowna Chanassarowa.“ -</p> - -<p> -„Warum wenden Sie sich denn nicht an sie?“ fragte -Platonow teilnehmend. „Ich meine, wenn sie sich in -die Lage Ihrer Familie versetzte, könnte sie es Ihnen -garnicht abschlagen.“ -</p> - -<p> -„O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine -Tante hat eine recht robuste Natur. Die Alte ist hart -wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch! Außerdem -sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr -einzuschmeicheln suchen und beständig um sie herum -sind. Da ist sogar einer, der es auf einen Gouverneursposten -abgesehen hat und sich für einen Verwandten -ausgibt .... Tu mir den Gefallen,“ sagte er plötzlich -zu Platonow, „nächste Woche gebe ich ein Diner, -zu dem ich alle Honoratioren der Stadt einladen -will.“ -</p> - -<p> -Platonow riß die Augen auf. Er wußte noch nicht, -daß es in Rußland — in den Residenzen und Provinzstädten -— solche Lebenskünstler gibt, deren Existenz ein -unauflösliches Rätsel bildet. So ein Mann hat sein -ganzes Vermögen durchgebracht, steckt bis über die Ohren -in Schulden, weiß nicht, wo er einen Groschen hernehmen -soll und gibt dennoch plötzlich ein großes Diner. -Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das -letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm -kommen. Aber siehe da: es vergehen zehn Jahre — -unser Hexenmeister behauptet nach wie vor seinen Platz -in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, -und gibt noch immer Diners, von denen alle Gäste -glauben, es seien die letzten, und noch immer ist alles -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -überzeugt, daß der Hausherr morgen in den Schuldturm -kommen werde. -</p> - -<p> -Chlobujews Haus in der Stadt war ein höchst seltsames -und eigenartiges Ding. Heute hielt dort ein -Priester im Meßgewande eine Andacht ab, morgen übten -französische Schauspieler ein Stück ein. Es gab Tage, -wo es keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht -ausschloß, daß bald darauf ein großes Fest stattfand, -an dem viele Schauspieler und Künstler teilnahmen, die -in höchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden. -Dann kamen wieder so trübe Zeiten, daß ein anderer sich -an Chlobujews Stelle längst erhängt oder erschossen -hätte; aber was ihn immer wieder rettete, war seine -Religiosität, die sich merkwürdigerweise aufs beste mit -seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen -Augenblicken las er die Lebensbeschreibungen von Märtyrern -und Asketen, die ihren Geist dazu erzogen hatten, alles -Unglück mit Gleichmut zu ertragen und sich darüber zu -erheben. Dann wurde er ganz weich und gerührt, und -seine Augen füllten sich mit Tränen. Er fing an zu -beten — und seltsam! — immer kam ihm von irgend -einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun, daß sich -ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, -oder daß irgend eine zufällig vorüberreisende unbekannte -Dame, die von ihm gehört hatte, ihm in einer plötzlichen -großmütigen Regung ihres weiblichen Herzens ein -größeres Geschenk machte; oder er gewann einen Prozeß, -von dem er selbst noch nie etwas gehört hatte. Dann -pries er demütig die unerschöpfliche Barmherzigkeit der -Vorsehung, ließ Dankgebete abhalten, und begann von -neuem sein liederliches Leben. -</p> - -<p> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -„Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid,“ -sagte Platonow zu Tschitschikow, nachdem sie sich von -ihm verabschiedet und ihren Wagen wieder bestiegen hatten.<a id="tva-9" href="#tv-9">(9)</a> -</p> - -<p> -„Ein verlorener Mensch!“ versetzte Tschitschikow. -„Solche Leute sollte man nicht bedauern.“ -</p> - -<p> -Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht -mehr an ihn, weil ihn die Menschen bei seiner Trägheit -und Apathie ebensowenig interessierten wie die ganze -übrige Welt. Sein Herz krampfte sich mitleidig zusammen, -wenn er andre Leute leiden sah, aber diese -Empfindungen hinterließen keine dauernden Eindrücke in -seiner Seele. Schon nach wenigen Augenblicken war -Chlobujew vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, -weil er kaum an sich selbst dachte. Auch Tschitschikow hatte -Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen Ernstes -auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls -wurde er jetzt, wo er plötzlich kein bloß eingebildeter, -sondern leibhaftiger Besitzer eines keineswegs phantastischen -Landgutes geworden war, nachdenklich, seine -Gedanken und Pläne wurden ruhiger und gesetzter und -verliehen seinem Gesicht unwillkürlich einen bedeutenden -Ausdruck: „Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, -die habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. -Das ist für mich nichts neues. Aber werde ich in meinem -Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen -jungen Jahren?“ Genug, wie dem auch sein mochte, wie er -die Sache auch ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, -er überzeugte sich, daß er mit dem Kauf ein -gutes Geschäft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine -Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste -Land in kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -er konnte die Sache schließlich auch selbst in die Hand -nehmen, und ein tüchtiger Landwirt nach der Art -Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat -und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, -und wo er ihm zu so großem Danke verpflichtet war. -Ja, man konnte es auch folgendermaßen machen: man -konnte das Land weiter verkaufen (selbstverständlich nur -dann, wenn man sich selbst nicht mit der Bewirtschaftung -des Gutes befassen wollte) und nur die toten und -flüchtigen Bauern behalten. Das hätte noch einen andern -Vorteil: man konnte überhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden -und Kostanshoglo das von ihm entliehene Geld gar -nicht zurückgeben. Ein sonderbarer Gedanke! Man kann nicht -sagen, daß <em>Tschitschikow</em> auf diesen Gedanken gekommen -war, er stand vielmehr plötzlich wie von selbst vor ihm, -neckte, verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger, -liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schöpfer -solcher Gedanken ist, die so plötzlich über uns kommen? ... -Tschitschikow empfand eine große Freude, daß er Gutsbesitzer -geworden war — kein bloß eingebildeter oder -phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, -der ein <em>Grundstück</em>, ein Stück Land und Leibeigene — -keine bloß vorgestellten, nur in der Phantasie existierenden, -sondern wirkliche lebendige Arbeiter besaß. Und allmählich -fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich die -Hände zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte -die Hand, legte sie an den Mund wie eine Trompete -und begann einen lustigen Marsch zu blasen, ja er rief -sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte zu, -und gab sich Kosenamen wie: mein Schnäuzchen, oder -mein kleiner Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -daß er ja nicht allein sei, wurde plötzlich wieder still und -suchte den Eindruck zu verwischen, den der Ausbruch -einer ungezügelten Freude auf seinen Nachbar gemacht -haben mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren -gekommenen Töne für Worte hielt, welche an ihn gerichtet -waren, Tschitschikow ansah und fragte: „Wie -meinen Sie?“ da antwortete jener verlegen: „Nichts, -garnichts.“ -</p> - -<p> -Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, daß sie -schon längst durch eine herrliche Allee fuhren, eine reizende -Mauer aus Birkenstämmen zog sich zu beiden Seiten -den Weg entlang. Die hellen Stämme der Espen und -Birken glänzten wie ein schneeweißer Staketenzaun; schlank -und leicht hoben sie sich von dem zarten Grün der kaum -entfalteten Blätter ab. Die Nachtigallen im Gebüsch -schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen schimmerten -hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht -darüber klar werden, wie er plötzlich an diesen herrlichen -Fleck gelangt war, denn noch kurze Zeit vorher hatten -sie sich auf offenem Felde befunden. Zwischen den Bäumen -hindurch sah man eine weiße steinerne Kirche, und auf -der andern Seite hinter der Allee — ein Gitter. Am -Ende des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen -entgegenzugehen schien: er trug eine Mütze und einen -Knotenstock in der Hand. Ein englischer Schäferhund -auf langen dünnen Beinchen lief vor ihm her. -</p> - -<p> -„Da ist ja mein Bruder!“ sagte Platonow, „Kutscher, -halten Sie doch!“ Mit diesen Worten sprang er aus -dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem Beispiel. Die -Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten -sich gegenseitig. Der mit den dünnen Beinen hieß Asor, -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -schnell näherte er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr -ihm mit seiner flinken Zunge über die Schnauze, dann -leckte er Platonow die Hände und sprang schließlich an -Tschitschikow empor und küßte ihn aufs Ohr. -</p> - -<p> -Die Brüder umarmten sich. -</p> - -<p> -„Aber lieber Platon, was machst du mir für -Geschichten?“ sagte der Bruder, und blieb stehen. Sein -Name war <a id="corr-71"></a>Wassilij. -</p> - -<p> -„Was meinst du?“ versetzte Platonow phlegmatisch. -</p> - -<p> -„Aber ich bitte dich! Drei Tage lang läßt du überhaupt -nichts von dir hören. Petuchs Stallknecht hat -deinen Hengst mitgebracht. ‚Er ist mit einem Herrn -weggefahren‘, sagt er. Hättest du mir doch nur ein -Wort gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist -bist, lieber Bruder, wer tut denn nur so was? Gott -allein weiß, was ich mir all diese Tage für Gedanken -gemacht habe!“ -</p> - -<p> -„Was soll ich machen? Ich habe es vergessen,“ versetzte -Platonow. „Wir haben Konstantin Fjodorowitsch -einen Besuch gemacht; er läßt dich grüßen; deine Schwester -ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen meinen -Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel -Iwanowitsch Tschitschikow.“ -</p> - -<p> -Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich -näher kennen zu lernen, drückten sich die Hand, nahmen -ihre Mützen ab und küßten sich. -</p> - -<p> -„Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein?“ dachte -Wassilij. „Mein Bruder Platon ist nicht gerade wählerisch -in seinen Bekanntschaften.“ Er betrachtete Tschitschikow -aufmerksam, soweit dies der Anstand zuließ, und überzeugte -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -sich, daß dieser, nach seinem Äußern zu urteilen, -ein sehr respektabler Herr war. -</p> - -<p> -Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls -so aufmerksam, als dies der Anstand gerade zuließ und -sah, daß der Bruder etwas kleiner war als Platon; -sein Haar war etwas dunkeler und sein Gesicht lange -nicht so hübsch, wie das des Bruders, aber in seinen -Zügen lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgüte. -Man sah es ihm gleich an, daß er nicht so -schläfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel -Iwanowitsch nur wenig. -</p> - -<p> -„Weißt du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit -Pawel Iwanowitsch eine kleine Reise durch das heilige -Rußland zu machen. Vielleicht werde ich so meine -Melancholie los.“ -</p> - -<p> -„Ja, wie kommst du nur plötzlich auf so etwas?“ -sagte der Bruder Wassilij ganz erstaunt; er hätte beinahe -noch hinzugefügt: „Und zu alledem willst du noch -mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal -siehst, der vielleicht ein übler Kerl oder weiß Gott was -nicht alles ist.“ Voller Mißtrauen schaute er nach -Tschitschikow hin, aber er war erstaunt über sein -respektables Äußeres. -</p> - -<p> -Sie traten rechts durchs Tor in einen altertümlichen -Hof: auch das Haus sah recht altertümlich aus; -heute werden keine solchen Häuser mehr gebaut: es -hatte ein hohes Dach, und überall waren Schutzdächer -angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der -Mitte des Hofes und warfen einen mächtigen Schatten, -der fast die Hälfte der ganzen Fläche einnahm. Rings -um sie herum standen mehrere Bänke. Blühende Fliederbüsche -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -und Faulbäume faßten den Hof wie ein Perlenhalsband -ein; eine Mauer friedigte ihn ein, welche -ganz unter Blättern und Blüten verschwand. Das -Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur -eine kleine Tür und ein paar Fenster guckten freundlich -unter den Ästen hervor. Hinter den schnurgeraden -Baumstämmen sah man die Küche, die Vorratskammern -und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. -Die Nachtigallen schlugen laut und erfüllten ihn mit -ihrem Gesang. Unwillkürlich zog ein beseeligendes Gefühl -des Friedens in das Herz ein. Alles gemahnte -an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich -und gütlich nebeneinander lebten, und wo noch alles -schlicht und einfach herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow -ein, Platz zu nehmen, und man ließ sich auf -den Bänken unter den Linden nieder. -</p> - -<p> -Ein siebzehnjähriger Bursche in einem hübschen rosafarbenen -Hemde brachte ein Tablett herein und stellte -es vor ihnen auf den Tisch. Es war mit Karaffen -voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und Farben -besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen -waren dick und zähe wie Öl, andere moussierten wie -Brauselimonaden. Nachdem der Bursche die Karaffen -auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die Schaufel, die -an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. -Die Gebrüder Platonow hatten wie ihr Schwager -Kostanshoglo keine Dienstboten, sondern eigentlich nur -Gärtner. Alle Knechte mußten der Reihe nach dieses -Amt übernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, -die Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem -etwas reichen oder bringen, das könne ein jeder und -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -dazu brauche man sich keine besonderen Bedienten zu -halten; der Russe sei nur solange brav und fleißig, -tüchtig und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel -trage, sowie er sich einen deutschen Rock anschaffe, -werde er plötzlich plump und ungeschickt, er fange an -zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr, und gehe -überhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in -seinem deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in -seinem neuen Kleide zahllose Scharen von Wanzen und -Flöhen einnisten. Vielleicht hatte er in diesem Punkte -nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brüder waren -die Bauern ganz besonders vornehm und reich: der -Kopfputz der Frauen schimmerte von Gold, und die -Ärmel ihrer Hemden waren schön gestickt wie ein -türkischer Schal. „Unser Haus ist berühmt wegen seiner -Limonaden,“ sagte Wassilij. -</p> - -<p> -Tschitschikow nahm das erste Fläschchen und schenkte -sich ein Glas ein: es schmeckte ganz wie Lindenmeth, -den er einst in Polen getrunken hatte: es moussierte wie -Champagner, und die Kohlensäure stieg ihm in angenehmem -Bogen aus dem Mund in die Nase. „Der -reinste Nektar!“ sagte er. Er schenkte sich noch ein -Gläschen aus einer zweiten Karaffe ein — und siehe -da, es schmeckte noch besser. -</p> - -<p> -„Das Getränk aller Getränke!“ sagte Tschitschikow. -„Ich kann wohl sagen, bei Ihrem verehrten Schwager -Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den besten Likör, -bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, -die ich jemals gekostet habe.“ -</p> - -<p> -„Der <em>Likör</em> kommt ja auch von uns: den hat meine -Schwester gemacht. Und nach welcher Richtung gedenken -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen Sie -besuchen?“ fragte Bruder Wassilij. -</p> - -<p> -„Ich reise,“ versetzte Tschitschikow, indem er sich ein -wenig auf der Bank hin und her schaukelte, sich vornüber -beugte und mit der Hand über das Knie strich: -„ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem Interesse, -wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein -guter Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein -Wohltäter, hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten -zu besuchen. Die Sache mit den Verwandten -ist natürlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch -auch wieder gewissermaßen in eigenen Angelegenheiten: -denn ganz abgesehen von der guten Wirkung, die das -Reisen auf die Hämorrhoiden hat, man erweitert seine -Weltkenntnis, stürzt sich in den Strudel und Wirbel -des Menschenvolkes — und das ist an und für sich -schon sozusagen ein lebendiges Buch und auch eine Art -Wissenschaft.“ -</p> - -<p> -Bruder Wassilij wurde nachdenklich. „Der gute -Mann spricht etwas geschraubt, es liegt aber doch was -Wahres in seinen Worten,“ dachte er. Er schwieg eine -Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder -Platon wandte: „Weißt du, Platon, ich fange an zu -glauben, eine Reise könnte dich wirklich etwas aufrütteln. -Du leidest an einer Art geistigen Schlafkrankheit, du -bist einfach eingeschlummert, — und nicht etwa weil du -übersättigt oder übermüdet bist, sondern weil es dir an -lebendigen Empfindungen und Eindrücken fehlt. Mir -geht es gerade umgekehrt. Ich wünschte, ich könnte -nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die Dinge -nicht so sehr zu Herzen nehmen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -„Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen,“ sagte -Platon. „Du suchst selbst nach Gründen oder erfindest -dir welche, um dir Sorgen zu machen und dich unnütz -aufzuregen.“ -</p> - -<p> -„Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn -man auf Schritt und Tritt Unannehmlichkeiten hat,“ -versetzte Wassilij. „Hast du gehört, was uns Lenitzyn in -deiner Abwesenheit für einen Streich gespielt hat? — -Er hat das Stück Haideland, auf dem wir Johannisnacht -feiern, einfach annektiert. Erstlich gebe ich dies Stück -für kein Geld her ... Hier feiern meine Bauern jedes -Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind soviel Erinnerungen -für das ganze Gut verbunden; mir ist -eine alte Sitte — etwas Heiliges, und ich bin bereit -jedes Opfer für sie zu bringen.“ -</p> - -<p> -„Er wird das wohl nicht gewußt haben, als er es -sich nahm,“ sagte Platonow, „er ist noch ganz neu hier -im Lande, er kommt doch erst eben aus Petersburg; -man muß ihm die Sache klar machen.“ -</p> - -<p> -„Oh er weiß alles ganz genau. Ich habe zu ihm -geschickt, und es ihm sagen lassen. Er hat mir nur -Grobheiten an den Kopf geworfen.“ -</p> - -<p> -„Du hättest eben selbst hinfahren und ihm alles -erklären sollen. Besprich doch die Sache mit ihm selbst.“ -</p> - -<p> -„Nein, danke schön. Er spielt mir zu sehr den großen -Herrn. Zu dem fahre ich nicht hin. Fahr du doch hin, -wenn du durchaus willst.“ -</p> - -<p> -„Ich würde schon fahren, aber du weißt ja, ich -mische mich nicht in diese ... Er könnte mich ja <em>auch</em> -übers Ohr hauen und betrügen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -„Wenn Sie wünschen, so will ich zu ihm hinfahren,“ -sagte Tschitschikow, „erklären Sie mir nur, worum es -sich handelt.“ -</p> - -<p> -Wassilij sah ihn an und dachte: „Dem scheint das -Reisen großen Spaß zu machen.“ -</p> - -<p> -„Können Sie mir nicht ungefähr andeuten, was er -für ein Mensch und was das für eine Angelegenheit -ist?“ fuhr Tschitschikow fort. -</p> - -<p> -„Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen -Auftrag zu betrauen. Meiner Ansicht nach -ist er ein schlechter Kerl: er gehört dem ärmeren Adel -unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg hinaufgedient, -nachdem er die illegitime Tochter irgend eines -großen Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen -Mann. Er will hier den Ton angeben. Aber -die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie -kümmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg -ist für sie garnicht maßgebend.“ -</p> - -<p> -„Natürlich,“ sprach Tschitschikow, „und worum -handelt es sich?“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich nötig, -wenn er nicht so rücksichtslos gewesen wäre, hätte ich -ihm gern an einer andern Stelle umsonst ein Stück -abgetreten ... So aber könnte der hochnäsige Mensch -noch glauben ...“ -</p> - -<p> -„Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich -friedlich zu verständigen: vielleicht ist die ganze Affäre ... -Mit hat schon mancher seine Sache anvertraut, und noch -keiner hat es bereut ... General Betrischtschew hat mir -ja auch ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -„Aber es ist mir so peinlich, daß Sie meinetwegen -mit einem solchen Menschen reden sollen ...“<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -„...<a id="tva-10" href="#tv-10">(10)</a> Besonders wenn man berücksichtigt, daß dies -ein Geheimnis war,“ sagte Tschitschikow, „denn das eigentlich -Schädliche hierbei ist nicht so sehr das Verbrechen -wie das Ärgernis, das damit gegeben wird.“ -</p> - -<p> -„Ja wohl, Sie haben ganz recht,“ fiel Lenitzyn -ein, indem er den Kopf ganz auf die Seite neigte. -</p> - -<p> -„Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern -einig zu wissen,“ sprach Tschitschikow. „Ich habe da auch -eine Sache, die man in gewissem Sinne gesetzlich und ungesetzlich -zugleich nennen kann; oberflächlich betrachtet scheint -sie ungesetzlich zu sein, <em>tatsächlich</em> steht sie jedoch keineswegs -im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine -Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, -das Risiko auf sich zu nehmen und zwei Rubel für die -lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich Pech habe — -und Bankrott mache — was Gott verhüte, — dann -hat der Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn -entschlossen, mir den Umstand zunutze zu machen, daß -es tote und flüchtige Bauern gibt, die noch nicht aus -der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich ein -christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern -abnehme, die er für sie bezahlen muß. Wir wollen -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -der Formalität wegen nur einen Kaufvertrag abschließen, -wie wenn es sich um lebende handelte.“ -</p> - -<p> -„Hm! Das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte!“ -dachte Lenitzyn und rückte mit dem Stuhle ein wenig -zurück. „Diese Sache ist allerdings derartig ....“ -begann er. -</p> - -<p> -„Ein Ärgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil -die Sache doch geheim bleibt,“ versetzte Tschitschikow; -„zudem sind wir doch beide wohlgesinnte und zuverlässige -Menschen.“ -</p> - -<p> -„Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentümlich ..“ -</p> - -<p> -„Ein Ärgernis kann es nicht geben,“ entgegnete -Tschitschikow offen und ehrlich. „Es ist doch genau so -eine Sache wie die, von der wir soeben gesprochen -haben: wir beide sind gutgesinnte, verständige, reife -Leute, die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen — -und dann bleibt doch alles geheim.“ Und während er -dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich ins Auge. -</p> - -<p> -Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter -Geschäftsmann war, geriet er diesmal ganz aus -der Fassung, um so mehr als er sich durch einen merkwürdigen -Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze gefangen -hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung -fähig und wollte nichts Unrechtes tun, auch nicht im -geheimen. „Ist das aber eine sonderbare Geschichte!“ -dachte er: „Darnach schließe noch einer Freundschaft mit -einem anständigen Menschen. Eine schöne Geschichte!“ -</p> - -<p> -Aber das Schicksal und die Verhältnisse schienen -Tschitschikow ganz besonders günstig zu sein. Wie um -beiden aus dieser kritischen Situation zu helfen, -trat plötzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger -Mode gekleidet und hatte eine große Schwäche -für Menschen, die in jeder Hinsicht korrekt und <span class="antiqua">comme -il faut</span> waren. Gleich darauf brachte die Amme -Lenitzyns sein Söhnchen auf dem Arme herein, das erste -Kind, die Frucht einer zärtlichen Liebe der jungen Gatten. -Tschitschikow sprang schnell auf, ging gewandt und sicher -auf die Hausfrau zu, neigte den Kopf leicht auf die -Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach -ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswürdigkeit. -Der Knabe fing zwar zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow -gelang es schnell, ihn zu beruhigen: er rief -ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit -den Fingern, zeigte ihm ein reizendes <a id="corr-74"></a>Karneolsiegel, -das er an der Uhrkette trug, und brachte das Kind -bald so weit, daß es sich ruhig auf den Arm nehmen -ließ. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke -hinauf und entlockte dem Knaben zur höchsten Freude -beider Eltern ein liebliches Lächeln. Aber war es nun -das ungewohnte Vergnügen oder hatte es einen andern -Grund, plötzlich passierte dem Kleinen etwas höchst -Peinliches. -</p> - -<p> -„Ach Gott, ach Gott!“ schrie Lenitzyns Gattin auf; -„er hat Ihnen den ganzen Frack verdorben!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostüm; in -der Tat: der eine Ärmel des neuen Fracks war hin: -„<a id="corr-75"></a>Daß dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!“ -dachte er ärgerlich. -</p> - -<p> -Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: -alles lief hinaus, um Kölnisches Wasser zu holen: dann -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -kamen sie von allen Seiten angelaufen und versuchten -ihn abzuwischen. -</p> - -<p> -„Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine -Kleinigkeit!“ sagte Tschitschikow und suchte seinem Gesicht -einen möglichst freundlichen Ausdruck zu verleihen: -„Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem doch -nichts verderben,“ wiederholte er, trotzdem aber dachte -er sich: „So ein Schelm, daß dich doch die Wölfe -fräßen, hat der mich aber schön zugerichtet, der verdammte -kleine Schelm!“ -</p> - -<p> -Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall -hatte den Hausherrn ganz zu Tschitschikows Gunsten -umgestimmt. Wie konnte er einem Gast etwas abschlagen, -der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten -und geliebkost, und seine Güte so großmütig mit -dem eigenen Frack bezahlt hatte? Um den Menschen -kein schlechtes Beispiel zu geben, beschloß man die Sache -im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die Sache -selbst, als das Ärgernis, zu dem sie Anlaß gab, konnte -ja Schaden stiften. -</p> - -<p> -„Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank -für <a id="corr-76"></a>Ihre Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich -möchte die Vermittlerrolle in Ihrem Streit mit den -Gebrüdern Platonow übernehmen. Sie brauchen doch -Land? Nicht wahr?“ -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-5"> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -Fünftes Kapitel.<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">edermann</span> sucht sein Schäfchen ins Trockene zu -bringen. „Was mich zwickt, das zwick’ ich -wieder,“ sagt ein russisches Sprichwort. Tschitschikow -begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise -durch seine Koffer und Kisten; sie war von -Erfolg gekrönt, und so wanderte denn während dieser Expedition -mancherlei aus den Koffern in die Privatschatulle -hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste erledigt. -Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die -Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem -Möglichen Nutzen zu ziehen: der eine aus Staatswäldern, -der andere aus Staatsgeldern, ein dritter bestiehlt seine -eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden Schauspielerin, -ein vierter — seine Bauern, um sich Möbel -vom Hombs oder eine Equipage anzuschaffen. Was -ist zu machen, wo es heute soviel Verführungen in der -Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu wahnsinnigen -Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. -Es ist doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle -Leute ringsherum dasselbe tun, — und dann ist es -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -doch auch Mode, da soll sich einer von alledem fernhalten! -Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs -sein sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. -Unterdessen sollte in der Stadt noch eine andere Messe -eröffnet werden: nämlich die für die vornehmen Leute.<a id="tva-11" href="#tv-11">(11)</a> -Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh, -Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche -die Bauern auf den Markt brachten und die von Viehhändlern -und Kaufleuten aufgekauft wurden. Nun aber -wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod -von den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf -der vornehmeren Leute aufgekauft worden war, hierhergebracht. -Da fand sich alles zusammen: alle Räuber -und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit -Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des -mit Schweiß, Mühe und Blut erworbenen Geldes — -diese ägyptische Heuschreckenplage, wie Kostanshoglo sich -auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur alles -auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und -sie in die Erde verscharrt. -</p> - -<p> -Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause -zurück. Dafür machten die Beamten, die ja unter -keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so weiter -auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten -ihre Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der -letzten Zeit in der Welt verbreitet worden waren, um -den Menschen neue Bedürfnisse einzupflanzen, und nun -<em>dürsteten</em> sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein -Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen -Garten, wie man ihn in der Provinz noch nie gesehen -hatte, wo man angeblich zu besonders billigen Preisen -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf Kredit. -Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, -sondern selbst alle kleineren Beamten, die schon im -voraus mit den Geldgeschenken ihrer Klienten rechneten, -dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und -seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß -alles zusammen, hier trafen sich Leute jeden Standes, -um sich zu vergnügen und zu zerstreuen ... Trotz des -scheußlichen Wetters und dem Kot auf den Straßen -flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher -sie kamen, das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten -sie sich auch in Petersburg ruhig sehen lassen können. -Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre Mützen -und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. -Nur hie und da sah man Männer mit langen Bärten und -ballonartigen Pelzmützen. Alles hatte einen europäischen -Anstrich; überall begegnete man Herren mit schönrasierten -Gesichtern und ... hohlen Zähnen. -</p> - -<p> -„Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch -nur einen Augenblick in meinen Laden. Mein Herr, -mein Herr!“ hörte man hie und da kleine Jungen schreien. -</p> - -<p> -Aber die vornehmen Herren und Damen, die so -vertraut mit dem europäischen Wesen waren, hatten -nur einen Blick der Verachtung für sie; nur ganz selten -setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst; -dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt’s Stoffe, -helle, dunkle, bunte usw. -</p> - -<p> -„Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen -Stoff für einen Herrenanzug?“ fragte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Die schönsten Stoffe,“ versetzte der Kaufmann, -während er mit der einen Hand die Mütze abnahm und -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -mit der andern auf den Laden deutete. Tschitschikow -trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des -Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf -der andern Seite, mit dem Rücken zu den Stoffen, die -in Rollen übereinander aufgeschichtet waren und die -ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. -Das Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit -beiden Händen auf den Tisch und sagte, indem er seinen -Oberkörper leicht hin- und herwiegte: „Was für einen -Stoff wünschen Sie?“ -</p> - -<p> -„Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, -etwas was dem Preißelbeerrot nahekommt,“ versetzte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das -Allerbeste vorlegen werde. Sie können höchstens in den -zivilisiertesten Hauptstädten Europas etwas Besseres -finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34 -herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du -immer über deine Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! -So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das ist ein Stoff, kann -ich Ihnen sagen!“ Und der Kaufmann rollte den Stoff -auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, -sodaß dieser den seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern -auch riechen konnte. -</p> - -<p> -„Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben -will,“ sagte Tschitschikow. „Ich habe im Zollamt gedient, -da brauche ich etwas Erstklassiges, das Beste, was -es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff mehr rötlich, -weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.“ -</p> - -<p> -„Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade -modern zu werden beginnt. Da habe ich einen ganz -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -vorzüglichen Stoff. Ich mache Sie freilich darauf aufmerksam, -daß er sehr teuer ist, dafür ist er aber auch -von allererster Qualität.“ -</p> - -<p> -Der Europäer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen -auf den Tisch. Er rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, -wie man sie nur in der guten alten Zeit hatte, und -vergaß dabei ganz, daß er schon einem späteren Geschlechte -angehörte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt -den Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte -und sagte: „Eine wunderbare Farbe! Navarinoscher<a class="fnote" href="#footnote-8" id="fnote-8">[8]</a> Rauch -mit Feuerglanz!“ -</p> - -<p> -Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte -sich über den Preis, obwohl dieser prifix (<span class="antiqua">prix-fix</span>) war, -wie der Kaufmann behauptete. Dann spannte er ihn -geschickt zwischen beiden Händen, und wickelte ihn hierauf -nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit -in ein Stück Papier. Hierauf drehte und wendete -er das Paket noch ein paar Mal hin und her, indem -er einen dünnen Bindfaden herumlegte, und es mit -einem energischen Knoten verschnürte. Eine Schere schnitt -den Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag -alles in dem bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann -lüftete den Hut und grüßte. Es hatte seine guten -Gründe, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das -war eine Anspielung, daß der Käufer sofort zahlen solle.<a id="tva-12" href="#tv-12">(12)</a> -</p> - -<p> -„Haben Sie dunkles Tuch?“ hörte man jetzt eine -Stimme sagen. -</p> - -<p> -„Teufel! das ist Chlobujew,“ sagte Tschitschikow -leise zu sich selber und drehte jenem den Rücken zu; -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -er wollte nicht, daß Chlobujew ihn sehe, denn er hielt -es für unklug, sich mit ihm in Verhandlungen über die -Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen -und erkannt. -</p> - -<p> -„Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch -nicht etwa absichtlich aus dem Wege? Ich kann Sie -nirgends finden, und doch liegen die Verhältnisse so, daß -ich ernstlich mit Ihnen reden muß.“ -</p> - -<p> -„Verehrtester, Verehrtester!“ sagte Tschitschikow, indem -er ihm beide Hände drückte; „glauben Sie mir, ich -habe es mir schon selbst so oft vorgenommen, mit -Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!“ -Tatsächlich aber dachte er: „Wenn dich doch der Teufel -holte!“ Plötzlich jedoch erblickte er den eben eintretenden -Murasow. „Herrgott! Afanassij Wassiljewitsch! Wie befinden -Sie sich?“ -</p> - -<p> -„Und Sie?“ sagte Murasow, indem er den Hut -abnahm. Auch der Kaufmann und Chlobujew nahmen -ihre Mützen ab. -</p> - -<p> -„Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf -läßt zu wünschen übrig. Vielleicht weil ich mir zu wenig -Bewegung mache!“ -</p> - -<p> -Aber statt näher auf Tschitschikows Klagen und den -Grund seiner Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow -an Chlobujew: „Ich sah Sie in den Laden treten, -Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen nachgegangen. -Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, -können Sie mir nicht einen Besuch machen?“ „Aber -natürlich, natürlich!“ versetzte Chlobujew eilig, und beide -gingen hinaus. -</p> - -<p> -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -„Was mögen sie wohl miteinander zu reden haben?“ -dachte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Afanassij Wassiljewitsch — ist ein sehr würdiger -und kluger Mann,“ sagte der Kaufmann; „er ist außerordentlich -tüchtig in seinem Fach, aber er hat keine -Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant -und nicht bloß Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaßen -auch allerhand Budgets und Reaktionen -verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus verfallen.“ -Tschitschikow zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -„Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie überall!“ rief -plötzlich eine Stimme. Es war Lenitzyn. Der Kaufmann -nahm ehrfürchtig den Hut ab. -</p> - -<p> -„Sie? Fjodor Fjodorowitsch?“ -</p> - -<p> -„Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns -schnell zu mir nach Hause fahren, ich muß mit Ihnen -sprechen,“ sagte jener. Tschitschikow sah ihn an — er sah -ganz bleich aus und seine Gesichtszüge waren entstellt. -Tschitschikow bezahlte und verließ den Laden. -</p> - -<p> -„Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch,“ sagte -Murasow, als er Chlobujew eintreten sah. „Bitte kommen -Sie doch zu mir ins Zimmer!“ Und er geleitete Chlobujew -in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt hat. -Selbst bei einem Beamten, der jährlich nur siebenhundert -Rubel Gehalt bezieht, hätte man kein unansehnlicheres, -schlichter ausgestattetes Zimmer finden können. -</p> - -<p> -„Sagen Sie, ich nehme an, daß sich Ihre Verhältnisse -gebessert haben? Ihre Tante hat Ihnen doch sicher -etwas hinterlassen.“ -</p> - -<p> -„Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? -Ich weiß wirklich nicht, ob sich meine Verhältnisse gebessert -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -haben. Ich habe bloß <a id="fuenfzig"></a>fünfzigtausend Bauern -und dreißigtausend Rubel bar erhalten; damit mußte ich -einen Teil meiner Schulden bezahlen — und jetzt sitze -ich wieder da und habe nichts. Was aber die Hauptsache -ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft ist nicht einmal -ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und -Betrügereien vorgekommen, <a id="corr-77"></a>Afanassij Wassiljewitsch! -Ich will es Ihnen gleich erzählen, Sie werden staunen, -was alles in der Welt vorkommt. Dieser Tschitschikow ...“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir -von diesem Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal -von Ihnen selbst sprechen. Sagen Sie mal! wieviel -Geld würde Ihrer Meinung nach erforderlich sein, um -Ihre Gläubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um -wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen?“ -</p> - -<p> -„Meine Verhältnisse sind sehr schlecht,“ versetzte -Chlobujew. „Um da herauszukommen, alle Schulden -zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen zu -haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend -Rubel, wenn nicht noch mehr! Mit einem Wort: das -ist einfach unmöglich.“ -</p> - -<p> -„Nun, und wenn Sie dies alles hätten, wie würden -Sie dann Ihr Leben einrichten?“ -</p> - -<p> -„Oh, dann würde ich mir eine kleine Wohnung mieten -und mich ganz der Erziehung meiner Kinder widmen. -An mich selbst darf ich gar nicht mehr denken. Mit -meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst -kann ich doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch -zu nichts mehr!“ -</p> - -<p> -„Das bliebe doch ein müßiges Leben, und Sie wissen, -Müßiggang ist aller Laster Anfang, da nahen sich einem -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -allerhand Versuchungen, an die ein fleißiger und tätiger -Mensch garnicht einmal denkt.“ -</p> - -<p> -„Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! -ich bin schon zu stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. -Zu alledem leide ich noch an Kreuzschmerzen.“ -</p> - -<p> -„Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie -können Sie es bloß auf der Welt aushalten ohne ein -Amt und eine Tätigkeit? Ich bitte Sie! Blicken Sie -doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfüllt -eine gewisse Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst -der Stein ist nur dazu da, damit ihn jemand gebraucht -oder bei einem nützlichen Werke verwendet, und der -Mensch, das klügste, vernünftigste aller Geschöpfe sollte -sein Leben tatenlos hinbringen — das ist doch unmöglich.“ -</p> - -<p> -„So ganz ohne Tätigkeit bin ich doch auch nicht. -Ich kann mich doch mit der Erziehung meiner Kinder -beschäftigen.“ -</p> - -<p> -„Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das -allerschwerste. Wie soll <em>der</em> Kinder erziehen, der es -nicht einmal verstanden hat, sich selbst zu erziehen, -Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel -erziehen, indem man ihnen das Leben <em>vorlebt</em>. Und -sagen Sie ehrlich, kann <em>Ihr</em> Leben ihnen zum Vorbild -dienen? Von Ihnen könnten sie schließlich doch nur lernen, -wie man die Zeit müßig hinbringt, oder sie mit Kartenspiel -totschlägt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen -Sie lieber <em>mich</em> Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie -nur verderben. Überlegen Sie sich doch die Sache einmal -recht ordentlich. Was Sie zu Grunde gerichtet hat, das -ist der Müßiggang — daher müssen Sie <em>ihn</em> vor allem -meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -im Leben sein. Er muß doch irgendwelche Pflichten -haben. Selbst der Tagelöhner hat seinen Beruf. Er -hat zwar nur ein kärgliches Einkommen, aber er muß -es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein -Interesse an seiner Tätigkeit.“ -</p> - -<p> -„Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es -versucht, ich habe mir redliche Mühe gegeben! Was -soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt bin ich -nicht mehr fähig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen -Sie doch nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann -doch nicht in den Staatsdienst treten? Oder soll ich -mich etwa noch mit fünfundvierzig Jahren neben einen -jungen Anfänger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? -Und dann bin ich unfähig, Geschenke anzunehmen — -— ich werde mir selber nur schaden und andern im -Wege sein. Außerdem haben sich unter den Beamten -auch schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, -ich hab’s mir schon überlegt, ich hab’s versucht und darüber -nachgedacht, was ich wohl für eine Stellung annehmen -könnte — nein ich tauge nicht dazu. Ich passe höchstens -noch ins Armenhaus.“ -</p> - -<p> -„Das Armenhaus ist für <em>die</em> da, die im Leben etwas -geleistet und gearbeitet haben; <em>die</em> dagegen, die sich -amüsiert haben, solange sie jung waren, bekommen zur -Antwort, was die Ameise zum Grashüpfer sagte: ‚Geh, -tanze weiter!‘ Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, -auch da muß man sich nützlich machen; dort spielt man -nicht etwa Whist, Ssemjon Ssemjonowitsch,“ fuhr -Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht sah, -„Sie betrügen sich nur selbst und mich dazu.“ -</p> - -<p> -Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -der arme Chlobujew vermochte nichts zu antworten, -und er fing an, Murasow leid zu tun.<a id="tva-13" href="#tv-13">(13)</a> -</p> - -<p> -„Hören Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie -beten doch, Sie gehen in die Kirche und lassen keine -Frühmesse und keinen Abendgottesdienst aus. Trotzdem -es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz früh auf und -gehen — gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, -wo noch alles in tiefem Schlafe liegt.“ -</p> - -<p> -„Das ist etwas andres — Afanassij Wassiljewitsch. -Hier weiß ich, daß ich das nicht um der Menschen -willen, sondern um <em>Dessen</em> willen tue, der uns alle in -dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich -glaube, daß Er mir gnädig sein wird, daß Er mir verzeihen -und mich in Gnaden aufnehmen wird, so häßlich -und schlecht ich auch bin, während mich die Menschen -mit dem Fuße fortstoßen und meine besten Freunde -mich verraten und nachher noch sagen werden, sie hätten -es in der besten Absicht getan.“ -</p> - -<p> -Ein bitteres Gefühl spiegelte sich in Chlobujews -Gesicht. Dem alten Herrn traten die Tränen in die -Augen ... -</p> - -<p> -„Dann dienen Sie doch wenigstens <em>Dem</em>, Der allen -Wesen so gnädig ist. Er freut sich ebenso sehr über die -Arbeit, wie über ein Gebet. Suchen Sie sich irgend -eine Beschäftigung, ganz gleich was für eine, wenn es -nur eine <em>Beschäftigung</em> ist. Arbeiten Sie, als ob -Sie es für <em>Ihn</em> und nicht für die Menschen täten. -Schöpfen Sie meinetwegen Wasser in einem Sieb, aber -denken Sie, daß Sie es um Seinetwillen tun. Schon -das wäre ein Vorteil, Sie würden wenigstens keine Zeit -und Gelegenheit finden, was Schlechtes zu tun: Ihr -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Geld zu verspielen, zu schmausen und zu schlemmen, -unmäßig zu leben und den oberflächlichen weltlichen -Genüssen nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. -Kennen Sie Iwan Potapowitsch?“ -</p> - -<p> -„Jawohl. Ich kenne und schätze ihn sehr hoch!“ -</p> - -<p> -„Das war doch wirklich ein tüchtiger Kaufmann: -er hatte über eine halbe Million; wie er aber sah, daß -ihm alles zum Vorteil ausschlägt — da wurde er unmäßig -und ließ sich gehen. Er ließ seinem Sohn -französischen Unterricht geben und verheiratete seine -Tochter an einen General. Von da ab sah man ihn -nicht mehr im Laden oder in der Börsenstraße; wenn -er einen Freund auf der Straße traf, dann schleppte er -ihn gleich mit ins Gasthaus, um mit ihm Tee zu -trinken. Da konnte er tagelang bei seinem Tee sitzen. -Der Erfolg war natürlich, daß er Bankrott machte. -Zu alledem hatte er noch Unglück mit seinem Sohn ... -Sehen Sie, jetzt dient er bei mir als Kommis. Er hat -ganz von Anfang angefangen. Seine Verhältnisse haben -sich gebessert. Er könnte sich ganz leicht wieder eine -halbe Million verdienen. Aber nun <em>will</em> er nicht mehr. -‚Jetzt bin ich halt Kommis, und als Kommis will ich -auch sterben. Nun bin ich frisch und gesund geworden,‘ -sagte er, ‚damals aber hatte ich einen dicken Bauch und -die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,‘ sagte -er. Tee nimmt er überhaupt nicht mehr in den Mund. -Kohlsuppe und Brei, das ist seine ganze Nahrung. -Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von -uns, und er tut soviel Gutes für die Armen, wie selten -einer; mancher andere würde auch gerne helfen, wenn er -nicht sein ganzes Vermögen durchgebracht hätte.“ -</p> - -<p> -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. -Der Alte ergriff seine beiden Hände: „Ssemjon Ssemjonowitsch! -Wenn Sie wüßten, wie leid Sie mir tun! Ich -habe die ganze Zeit über an Sie gedacht. Hören Sie, -Sie wissen doch, daß in unserem Kloster ein Eremit -lebt, der nie einen Menschen sieht. Das ist ein Mann -von großem Verstande, oh, von einem solchen Verstande, -ich kann’s gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. -Aber <em>wenn</em> er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzählte -ihm einmal, ich habe einen kranken Freund, den -Namen nannte ich ihm nicht ... Er hörte mich ruhig -an und unterbrach mich dann plötzlich mit folgenden -Worten: ‚Gottes Sache vor allem. Da baut man -Kirchen und es ist kein Geld da: man muß Geld für -den Kirchenbau sammeln!‘ Und damit schlug er die -Türe zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten -könne ‚Offenbar will er mir keinen Rat erteilen‘, -sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm -Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, -so fragt er mich schon, ob ich nicht einen Menschen -kenne, den man beauftragen könne, Geld für den Bau -einer Kirche zu sammeln, es müßte aber ein Mann aus -dem Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der -eine bessere Erziehung genossen habe und sich der Sache -annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil davon abhänge? -Ich blieb ganz bestürzt stehen. Gott im -Himmel. Das ist ja das Amt, das der Mönch Ssemjon -Ssemjonowitsch übertragen will. Das Wandern wäre -ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem -Buche vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern -zum Bürger gehen wird, wird er sehen, wie die Menschen -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -leben und was ein jeder für Bedürfnisse hat. Wenn -er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen -durchwandert hat, wird er Land und Leute besser kennen, -als alle Stadtbewohner. Und solche Menschen brauchen -wir ja gerade! Der Fürst hat mir erklärt, er gäbe -viel dafür, wenn er solch einen Beamten finden könnte, -der die Verhältnisse nicht aus den Büchern und Akten, -sondern <em>tatsächlich</em> kennt, so wie sie in Wirklichkeit -sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt, -überhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien -die Dinge.“ -</p> - -<p> -„Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, -Afanassij Wassiljewitsch,“ sagte Chlobujew, indem er -Murasow erstaunt anblickte. „Ich kann nicht einmal -glauben, daß Sie das zu <em>mir</em> sagen: dazu bedarf man -eines unermüdlichen, tatkräftigen Menschen. Und dann -kann ich doch nicht Frau und Kinder verlassen, die ja -nicht einmal was zu essen haben?“ -</p> - -<p> -„Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu -sorgen. Für die will ich schon Sorge tragen, und an -Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es ist doch -besser und anständiger, Geld und milde Gaben für ein -gottgefälliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen -herumzugehen und zu betteln. Ich gebe Ihnen einen -einfachen Wagen, Sie brauchen aber keine Angst zu -haben, daß er Sie zu sehr durchrütteln wird: das wird -Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann -gebe ich Ihnen noch etwas Geld auf den Weg, damit -Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben können, die -am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise -manch gutes Werk tun können: Sie werden schon keine -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Fehler machen und wirklich nur <em>denen</em> geben, die es -wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen, werden -Sie die Menschen tatsächlich kennen lernen ... und es -wird Ihnen nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, -vor dem alle Angst haben ... Mit Ihnen wird jeder -gern sprechen wollen, weil er weiß, daß Sie Geld für -die <em>Kirche</em> sammeln.“ -</p> - -<p> -„Ich sehe in der Tat, daß dies ein vortrefflicher -Gedanke ist, und ich wünschte mir wirklich, ich könnte -auch nur einen kleinen Teil davon ausführen; aber ich -fürchte, es übersteigt meine Kräfte!“ -</p> - -<p> -„Ja, was übersteigt denn unsere Kräfte nicht?“ versetzte -Murasow. „Es gibt doch gar nichts, wozu unsere -Kräfte ausreichen; alles geht über unsere Kraft. Ohne -Hilfe von oben kann uns überhaupt nichts gelingen. -Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlägt -ein Kreuz, sagt: ‚Gott hilf!‘ rudert und erreicht schließlich -doch das Ufer. Darüber brauchte man nicht erst -lange zu grübeln. So etwas muß man einfach als -eine göttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon -bereit für Sie; laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, -holen Sie sich das Buch, bitten Sie ihn um -seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.“ -</p> - -<p> -„Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als -einen Wink von oben. — Gott sei mir gnädig!“ sagte -er zu sich selbst und fühlte plötzlich, wie Mut und -Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein -Geist aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der -Hoffnung auf einen Ausweg aus seiner traurigen und -verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer blitzte in der -Ferne auf ... -</p> - -<p> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns -wieder zu Tschitschikow.<a id="tva-14" href="#tv-14">(14)</a> -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue -Klagen eingereicht. Es tauchten plötzlich Verwandte -auf, von denen niemand je etwas gehört hatte. Wie -die Geier auf das Aas, so stürzte sich alles auf das -ungeheuere Vermögen, das die Alte hinterlassen hatte: -es regnete nur so von Denunziationen, man beschuldigte -Tschitschikow und behauptete, das letzte Testament sei -gefälscht, genau ebenso wie das erste; man brachte -Beweise vor, daß er größere Geldsummen gestohlen und -unterschlagen habe. Ja, man beschuldigte ihn sogar, -tote Seelen gekauft und während seiner Dienstzeit im -Zollamt zollpflichtiges Gut über die Grenze geschmuggelt -zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, -seine ganze Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. -Gott allein weiß, wie man das alles herausgeschnüffelt -und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls -waren plötzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, -von denen Tschitschikow glaubte, niemand außer -ihm und den vier Wänden, innerhalb deren er lebte, -könne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies -alles noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm -selbst nicht zu Ohren gekommen, obwohl ein vertrauliches -Schreiben seines Rechtsanwaltes, daß ihm bald zugestellt -wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, <a id="corr-78"></a>daß die Sache -bald losgehen müsse. Der Brief war nur ganz kurz: -„Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß uns in Ihrer -Sache mancherlei Scherereien bevorstehen, aber lassen -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich nicht -unnütz auf. Die Hauptsache ist jetzt — Ruhe. Wir -wollen die Sache schon wieder einrenken.“ Dieser Brief -beruhigte ihn vollkommen. „Ein Genie!“ sagte Tschitschikow. -Um seine glückliche Stimmung zu vervollständigen, -brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider -auch noch den neuen Anzug. Eine unbändige Lust -packte ihn, sich selbst in dem neuen Frack von Navarinoscher -Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog die -Beinkleider an, die ihm überall so vorzüglich saßen, daß -man ihn ruhig hätte abkonterfeien dürfen. Die Hosen -lagen ganz eng an und ließen seine prachtvollen Lenden -und die vollen Waden sehen; der Stoff schmiegte sich -so glatt an, und ließ alle feinsten Einzelheiten erkennen, -was ihnen eine noch größere Biegsamkeit und Elastizität -verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich -sein Bauch einer Trommel. Er schlug mit der Bürste -darauf und sagte: „So ein Trottel! Und <em>doch</em>, -im ganzen genommen, wirkt er höchst malerisch.“ -Der Frack schien noch besser genäht zu sein, als -die Hosen: da gab es auch nicht ein Fältchen, im -Rücken saß er vorzüglich, die Taille war schön geschwungen -und ließ die ganze Statur genau hervortreten. -Auf Tschitschikows Bemerkung, der rechte Ärmel drücke -ihn etwas unter der Achselhöhle, antwortete der Schneider -bloß mit einem Lächeln: darum saß er auch um so besser in -der Taille. „Sie können ganz ruhig sein, Sie können -ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht,“ wiederholte er -mit unverhohlener Freude: „So einen Frack bekommen -Sie überhaupt nicht wieder außer etwa in Petersburg.“ -Der Schneider stammte selbst aus Petersburg, und auf -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -seinem Schilde stand zu lesen: „<em>Ein Ausländer aus -London und Paris</em>“. Er liebte es nicht zu spaßen -und wollte mit den beiden Städten ein für allemal allen -andern Schneidern den Mund stopfen, damit in Zukunft -keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Städte kommen -sollte. Mochte er doch irgend ein „Karlseruh“ oder -„Kopenhaga“ auf sein Schild setzen. -</p> - -<p> -Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise -und begann sich, nachdem er allein geblieben war, aufmerksam -im Spiegel zu betrachten: und zwar ganz wie -ein Künstler, d. h. nach ästhetischen Gesichtspunkten und -gewissermaßen <span class="antiqua">con amore</span>. Es stellte sich heraus, daß -alles noch weit schöner war, als früher: seine Wangen -waren noch interessanter, sein Kinn noch anziehender -geworden; der weiße Kragen paßte vorzüglich zur Farbe -der Wangen, die blaue Atlaskrawatte ließ den Kragen -noch weißer erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen -verlieh der Krawatte einen besonderen Farbenton, -die nobele Sammetweste bildete einen ausgezeichneten -Fond für das Vorhemdchen und der Frack von Navarinoscher -Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und vervollständigte -noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte -sich rechts — und siehe, alles war vortrefflich; er drehte -sich links — und es war noch besser! Er hatte die Figur -eines Kammerherrn oder eines vornehmen Mannes, der -fließend französisch parliert und, selbst wenn er wütend -wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, -sondern sich aus Zartgefühl auch hierbei noch -der französischen Sprache bedient. Hierauf neigte er -seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es, -eine Pose anzunehmen, als spräche er mit einer Dame -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -in mittleren Jahren, von modernster und exquisitester -Bildung; das war einfach ein Tableau, etwas für einen -Künstler: rein zum Malen! Zu seinem Pläsier machte -er noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, -sodaß die Kommode erzitterte und ein Fläschchen mit -Kölnischem Wasser herunterfiel; aber das störte ihn nicht -im mindesten. Er nannte das Fläschchen, wie es sich -gehörte, ein albernes Ding, und dachte: „Zu wem soll -ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ...“ -Da ertönt plötzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, -und in der Türe erscheint ein Gendarm: bis an die -Zähne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer repräsentieren, -und sagt: „Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur -zu melden!“ Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. -Vor ihm stand ein Schreckbild mit einem mächtigen -Schnauzbart, einem wallenden Pferdeschweif, der ihm -vom Kopfe herabfiel, eine Schärpe über der <em>rechten</em> und -eine Schärpe über der <em>linken</em> Schulter und einen gewaltigen -Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als -ob er an der andern Seite noch ein Gewehr und weiß -der Teufel was sonst noch alles hängen hatte: eine ganze -Armee in einer Person! Er wollte etwas einwenden, -aber die Schreckensgestalt antwortete grob: „Sie haben -sofort mitzukommen!“ Hinter der Vorzimmertür sah er -noch eine andre ähnliche Schreckensgestalt auftauchten; -er warf einen Blick durchs Fenster: auf der Straße vor -seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu -machen? Er mußte sich dazu bequemen, und ganz so -wie er da war, in seinem Frack von Navarinoscher Rauchfarbe -mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen. Zitternd -und zähneklappernd machte er sich auf den Weg und -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -fuhr, begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur. -</p> - -<p> -Im Vorzimmer ließ man ihm gar nicht erst Zeit -sich zu sammeln. „Treten Sie ein, der Fürst erwartet -Sie schon!“ sagte der diensthabende Beamte. Wie durch -einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, -die allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf -einen Saal, den er durchschreiten mußte, und er dachte: -„Wie? Wenn sie mich nun plötzlich ergreifen, und ohne -gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitäten einfach -nach Sibirien befördern!“ Sein Herz fing heftig -an zu klopfen, weit heftiger als bei dem eifersüchtigsten -Liebhaber. Endlich tat sich die verhängnisvolle Tür auf: -vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen Schränken und -Tischen, die mit Büchern und Portefeuilles bedeckt waren: -der Fürst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie -der personifizierte Rachegott. -</p> - -<p> -„Alleszermalmer!“ dachte Tschitschikow, „er wird mich -zerreißen, wie der Wolf das Lamm!“ -</p> - -<p> -„Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in -der Stadt zu bleiben, während Sie eigentlich ins Zuchthaus -gehörten; Sie aber haben sich von neuem durch -den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich -jemals ein Mensch beschmutzt hat!“ Die Lippen des -Fürsten bebten vor Zorn. -</p> - -<p> -„Was ist das für ein gemeiner Schurkenstreich, -Durchlaucht?“ sagte Tschitschikow, der am ganzen Leibe -zitterte. -</p> - -<p> -„Die Frau,“ sagte der Fürst, indem er näher auf -ihn zuging und Tschitschikow gerade in die Augen blickte: -„die Frau, die das Testament auf Ihr Geheiß unterschrieben -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen -gegenübergestellt werden.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen. -</p> - -<p> -„Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit -sagen. Ich bin schuldig, ja ich bin schuldig; aber nicht -so schuldig, wie Sie glauben, meine Feinde haben mich -verleumdet.“ -</p> - -<p> -„Sie <em>kann</em> niemand verleumden, denn in Ihnen -steckt unendlich viel mehr Gemeinheit und Niedertracht, -als der schlimmste Lügner ersinnen kann. Ich glaube, -Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat -vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt -und ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, -auf die die Knute und Sibirien stehen! Nein, -Ihr Maß ist voll! Du wirst sofort ins Gefängnis abgeführt -werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten -Schurken und Räubern auf die Entscheidung -deines Schicksals warten. Und das kannst du als Gnade -ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als sie: sie -sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ...“ -Er warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher -Rauchfarbe mit Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur -und klingelte. -</p> - -<p> -„Durchlaucht!“ schrie Tschitschikow, „haben Sie Erbarmen! -Sie sind doch auch Familienvater. Ich flehe -Sie um Gnade an: nicht für mich, für meine alte Mutter!“ -</p> - -<p> -„Du lügst!“ rief der Fürst zornig. „Genau so hast -du damals für deine Kinder und deine Familie, die du -nie besessen hast, um Gnade gefleht! Jetzt ist es die -Mutter!“ -</p> - -<p> -„Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -niederträchtiger Schuft!“ sagte Tschitschikow ... „Ich habe -wirklich gelogen, denn ich hatte weder Kinder noch Familie; -aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte stets die Absicht, -mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und Bürger -zu erfüllen, um mir später einmal die Achtung meiner -Vorgesetzten und Mitbürger zu verdienen! ... Aber -welch ein unglückliches Zusammentreffen der Umstände! -Durchlaucht! Mit meinem Schweiß und Blut mußte -ich mir mein tägliches Brot verdienen. Und dabei diese -Versuchungen und Verführungen auf Schritt und Tritt ... -nichts als Feinde und Gegner ... Räuber und Mörder ... -Mein ganzes Leben war wie ein stürmischer Wirbel oder -ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein Spielball -der Winde und Wellen. Ich bin — auch nur ein -Mensch — Durchlaucht!“ -</p> - -<p> -Tränenströme stürzten aus seinen Augen. Er warf -sich vor dem Fürsten auf die Kniee, wie er ging und -stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit -Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, -in den herrlich sitzenden Hosen und seiner schönen Frisur, -die eine Wolke von Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft -aussendete; er beugte sich tief vor dem -Fürsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fußboden. -</p> - -<p> -„Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und -ihn mitnehmen!“ sagte der Fürst zu den eintretenden -Gendarmen. -</p> - -<p> -„Durchlaucht!“ schrie Tschitschikow und umklammerte -mit beiden Armen den einen Stiefel des Fürsten. -</p> - -<p> -Der Fürst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm -durch alle Adern. „Fort, fort mit ihm! sag ich!“ rief -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -er, indem er seinen Fuß aus der Umklammerung -Tschitschikows zu befreien versuchte. -</p> - -<p> -„Durchlaucht! Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis -Sie mir verziehen haben,“ sagte Tschitschikow, ohne den -Fuß des Fürsten loszulassen, sodaß dieser, als er einen -Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von Navarinoscher -Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fußboden -nach sich schleifte. -</p> - -<p> -„Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen!“ rief der Fürst -mit jenem unerklärlichen Gefühl des Ekels und Widerwillens, -das ein Mensch beim Anblick eines häßlichen -Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben, es zu -zertreten. Er riß seinen Fuß mit solcher Gewalt los, -daß Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und -das wohlgerundete Kinn erhielt, aber er gab den Stiefel -doch nicht frei und klammerte sich nur noch stärker an -ihn. Zwei kräftige Gendarmen schleppten ihn nur mit -Mühe fort, sie nahmen ihn unter den Arm und führten -ihn durch die lange Zimmerflucht hinaus. Er war -bleich und niedergeschlagen und befand sich in jenem -furchtbaren und gefühllosen Zustande, wo der Mensch -den finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, -dieses entsetzliche Schreckbild, das unserem ganzen Wesen -so sehr widerspricht. -</p> - -<p> -In der Tür, die auf die Treppe führte, begegnete -ihnen Murasow. Ein Hoffnungsstrahl erhellte plötzlich -Tschitschikows verdüstertes Gemüt. Mit geradezu unnatürlicher -Kraft hatte er sich plötzlich aus den Händen -beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor -dem erstaunten Murasow auf die Kniee. -</p> - -<p> -„Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?“ -</p> - -<p> -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -„Retten Sie mich! Man führt mich ins Gefängnis, -aufs Schafott.“ -</p> - -<p> -Hier aber packten ihn die Gendarmen und führten -ihn hinaus, ohne ihn ausreden zu lassen. -</p> - -<p> -Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den -Stiefeln und Fußlappen der Garnisonsoldaten duftete, ein -ungestrichener Tisch, zwei schlechte Stühle, ein vergittertes -Fenster und ein verfallener Ofen, der beständig rauchte, -ohne zu wärmen — das war der Raum, in dem unser -Held untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, -die Wonnen des Lebens zu kosten und in seinem eleganten -neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz -die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich zu -lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, -er durfte nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde -mitnehmen, das er sich mühsam erworben hatte ... -All seine Papiere, die Verträge über den Kauf der toten -Bauern — alles war jetzt in den Händen der Beamten. -Er fiel auf die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, -einem gierigen Wurme gleich an seinem Herzen zu nagen. -Immer heftiger zerfleischte er sein armes wehrloses Herz. -Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen -Schmerzes, und wer weiß, ob Tschitschikow überhaupt -noch auf der Welt gewesen wäre. Aber auch über -Tschitschikow wachte eine schirmende und rettende -Hand. Eine Stunde darauf öffnete sich die Türe des -Gefängnisses und hereintrat: „der alte Murasow“. -</p> - -<p> -Hätte jemand einem müden und erschöpften, von -brennendem Durste gequälten und mit dem Staube und -Schmutze des Weges bedeckten Wanderer ein paar Tropfen -frischen Quellwassers in die trockene Kehle geträufelt, — -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -es hatte ihn nicht so beleben können, wie dies Ereignis -unsern armen Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Mein Retter!“ rief Tschitschikow plötzlich, indem er -vom Fußboden aus, auf den er sich in seinem herzzerreißenden -Schmerz niedergeworfen hatte, nach Murasows -Hand griff, sie schnell küßte und an seine Brust drückte. -„Gott lohne es Ihnen, daß Sie zu mir Unglücklichem -kommen!“ -</p> - -<p> -Und er brach in Tränen aus. -</p> - -<p> -Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke -an und sagte nur: „Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel -Iwanowitsch! Was haben Sie getan?“ -</p> - -<p> -„Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, -der Verfluchte! Ich konnte nicht Maß halten; -und verstand es nicht, zur rechten Zeit aufzuhören. Er -hat mich verführt, der verfluchte Satan, daß ich alle -Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit überschritt! -Ja, ich habe gefehlt, ich habe schwer gefehlt! -Und doch wie konnte man mich so behandeln. Einen -Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches -Urteil ins Gefängnis zu werfen! ... Einen Edelmann, -Afanassij Wassiljewitsch! Man mußte mir doch wenigstens -Zeit lassen, nach Hause zu gehen und meine Sachen zu -ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie früher, -und es ist niemand da, der sich darum kümmert. Meine -Schatulle! Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! -Da steckt doch mein ganzes Vermögen drin, das ich mir -im Schweiße meines Angesichts mit meinem Blut, durch -jahrelange Mühen und Entbehrungen erworben habe. -Meine Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -mir ja alles stehlen und fortschleppen! O mein Gott, -mein Gott!“ -</p> - -<p> -Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und außerstande -den Schmerz niederzukämpfen, der sein Herz krampfhaft -erschütterte, fing er laut an zu schluchzen, mit einer Stimme, -die durch die dicken Mauern des Gefängnisses hindurch -drang und weithin widerhallte; er ergriff die Atlaskrawatte -und den Kragen seines Anzugs und riß den -herrlichen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz -in Stücke. -</p> - -<p> -„Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die -Gier nach Wohlstand und Reichtum verblendet, daß Sie -sich nicht klar wurden über Ihre furchtbare Lage!“ -</p> - -<p> -„O mein Wohltäter! retten Sie mich, retten Sie -mich!“ schrie der arme Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, -indem er vor ihm auf die Kniee sank. „Der -Fürst liebt Sie. Für Sie wird er alles tun!“ -</p> - -<p> -„Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts für Sie -tun, selbst wenn ich es wollte, und so sehr ich es auch -wünschte. Sie sind in die Macht des unerbittlichen -Gesetzes und nicht in menschliche Hände gefallen!“ -</p> - -<p> -„Er hat mich verführt; der Satan! der Verdammte, -dieser Auswurf des Menschengeschlechtes!“ -</p> - -<p> -Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und -schlug so stark mit der Faust auf den Tisch, daß er sich -seine Hand blutig schlug; aber er fühlte weder den Schmerz -im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des Schlages. -</p> - -<p> -„Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken -Sie lieber daran, sich mit Ihrem <em>Gotte</em> auszusöhnen -und nicht mit den Menschen; denken Sie an Ihre arme -Seele!“ -</p> - -<p> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -„O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. -Ward je einem Menschen ein solch furchtbares -Los zuteil? Mit welch geradezu mörderischer Geduld -und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart; wahrlich -mit harter Mühe und Arbeit, im Schweiße meines Angesichts -habe ich sie erworben. Ich habe doch niemand -beraubt oder die Staatskasse bestohlen, wie es andre -Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf Kopeke -gespart? Um den Rest meiner Tage anständig zu verleben; -um meiner Frau und meinen Kindern etwas zu -hinterlassen, denn ich wollte mir eine Familie gründen, -zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande -zu dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe -unrecht getan; ich leugne es nicht, ich habe mich schwer -vergangen ... aber was soll ich tun? Und doch wich -ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, daß der -gerade Weg nicht zum Ziele führt, und daß der krumme -eben der kürzere ist. Aber ich habe doch gearbeitet und -mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand was fortgenommen -habe, so nahm ich’s nur den Reichen. Es -gibt doch Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende -stehlen, die armen Leute plündern und denen, die nichts -haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein, sagen Sie, -hab ich nicht Unglück? — noch jedes Mal, wenn ich -die Früchte meiner Mühe zu ernten, sie schon sozusagen -mit Händen zu greifen glaubte, brach ein Sturm über -mich herein, strandete ich an einem Riff, und mein -ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon dreihunderttausend -Rubel Kapital in Händen und ein dreistöckiges -Haus dazu, zweimal schon habe ich mir ein -Gut gekauft ... Ach Afanassij Wassiljewitsch. Womit -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -verdiente ich diese Schicksalsschläge? Glich denn nicht -schon ohnedies mein Leben einem schwankenden -Kahn auf stürmischem Ozean? Wo bleibt da die ewige -Gerechtigkeit? Wo der Lohn für meine Geduld und -meine unerhörte Ausdauer? Dreimal mußte ich von -Anfang anfangen: nachdem ich alles verloren, begann -ich von neuem, mit wenigen Kopeken in der Tasche, -während sich ein anderer längst dem Trunke ergeben -hätte und in der Schenke verkommen wäre. Wie vieles -mußte ich in mir unterdrücken, wieviel mußte ich aushalten! -Wahrlich, jede Kopeke ist sozusagen mit dem -ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie -leicht hatten es andre Leute, für mich aber war jede -Kopeke wie das Sprichwort sagt mit einem silbernen -Nagel festgenagelt, und diese festgenagelte Kopeke mußte -ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu eiserner -Geduld und Unermüdlichkeit erringen.“ -</p> - -<p> -Er fing an zu schluchzen, ein unerträglicher Schmerz -zerriß sein Herz; kraftlos sank er auf einen Stuhl -nieder und riß dabei den einen herabhängenden halbzerfetzten -Frackschoß vollends ab; er schleuderte ihn weit -von sich, fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, -um dessen Pflege er sonst so eifrig bemüht war, und -zerraufte es unbarmherzig; er schien sich an seinem -eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts zu -beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz -betäuben zu wollen. -</p> - -<p> -Murasow saß ihm lange stumm gegenüber, in die -Betrachtung dieses seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles -versunken. Unterdessen wand sich der unglückliche -erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit der -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes -oder Militärs bewegt hatte, in einem unwürdigen -Aufzuge, mit zerzausten Haaren, zerrissenem Frack, aufgeknöpften -Beinkleidern und mit blutender Hand zu -seinen Füßen, fortwährend bittere Flüche gegen die -feindlichen Mächte ausstoßend, die den Menschen befehden. -</p> - -<p> -„Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! -Was hätte aus Ihnen für ein Mensch werden -können, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer -einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich -ein edleres Ziel gesteckt hätten. Herrgott! wieviel Gutes -hätten Sie stiften können! Wenn doch nur <em>einer</em> der -Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen -machte, wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu -häufen, wenn sie es doch verständen, ihre Eigenliebe -und ihren Ehrgeiz so für das Gute zu opfern, ohne sich -selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren -Besitz zu mehren! — Gott, wie herrlich würde es dann -auf unserer Erde aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, -Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das Traurige, daß -Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, -sondern daß Sie sich so schwer an sich selbst vergangen -haben: an Ihren reichen Kräften und Fähigkeiten, die -Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre Bestimmung: ein -großer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Kräfte -verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.“ -</p> - -<p> -Es gibt unergründliche Tiefen der menschlichen -Seele: wie weit sich auch der irrende Mensch vom -geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch der -unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefühlen sein mag, -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -wie trotzig er auf seinem lasterhaften Leben beharren -mag: wenn man ihm sein besseres Selbst und seine von -ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden vorhält, -dann bäumt sich alles in ihm, und tieferschüttert -steht er da. -</p> - -<p> -„Afanassij Wassiljewitsch,“ sagte der arme Tschitschikow -und ergriff Murasows beide Hände. „Oh! -wenn es mir gelänge, frei zu kommen und mein Vermögen -zurückzugewinnen! Ich schwöre Ihnen, ich würde -von nun ab ein ganz neues Leben beginnen! Retten -Sie mich, o mein Wohltäter, retten Sie mich!“ -</p> - -<p> -„Was kann ich nur tun? Ich müßte wider das -Gesetz streiten. Aber selbst wenn ich mich dazu entschließen -könnte, vergessen Sie eines nicht: der Fürst ist -sehr gerecht, — er wird unter keinen Umständen nachgeben.“ -</p> - -<p> -„O, mein Wohltäter! Sie können alles erreichen! -Mich schreckt das Gesetz nicht — gegen das Gesetz werde -ich schon Mittel und Wege finden — was mich empört, ist -dies: daß ich unschuldig ins Gefängnis geworfen wurde, -wie ein Hund, daß mein ganzes Vermögen, meine -Papiere, meine Schatulle .... O, retten Sie mich! -Helfen Sie mir!“ -</p> - -<p> -Er umklammerte die Füße des alten Mannes und -benetzte sie mit seinen Tränen. -</p> - -<p> -„Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch!“ -sagte der alte Murasow, indem er den Kopf schüttelte: -„wie hat Sie doch dieser Reichtum verblendet! Sie -denken nur an ihn und hören nicht auf Ihre arme Seele?“ -</p> - -<p> -„Ich will auch an meine Seele denken, nur retten -Sie mich!“ -</p> - -<p> -„Pawel Iwanowitsch!“ sprach der alte Murasow -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -und hielt einen Augenblick inne. „Es liegt nicht in -meiner Macht, Sie zu retten — das sehen Sie doch -selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich -nur kann, um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. -Ich weiß nicht, ob mir dies gelingen wird, -aber ich werde mir die größte Mühe geben. Sollte ich -jedoch wider Erwarten Glück haben: Pawel Iwanowitsch -— dann bitte ich mir einen Lohn für meine Bemühungen -aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe Sie an: lassen Sie -ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich -gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes -Vermögen verlöre — und es ist weit größer als -das Ihrige — ich würde ihm keine Träne nachweinen. -Wahrlich, was liegt am Besitz, den man -mir jeden Tag konfiszieren kann, worauf es ankommt, -das sind die Güter, die mir niemand zu nehmen -oder zu stehlen vermag! Sie haben doch schon lange -genug auf dieser Welt gelebt. Sie nennen ja Ihr Leben -selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem Meer. -Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben -zu können. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel -nieder; in der Nähe einer Kirche, nahe bei schlichten -braven Menschen, oder wenn Sie schon den glühenden -Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten -Sie ein armes braves Mädchen, das an einfache Verhältnisse -und an ein mäßiges Leben gewöhnt ist. Vergessen -Sie diese lärmende Welt und all ihre -Launen und Verführungen: es schadet gar nichts, -wenn auch die Welt Sie vergißt: sie kann uns -keinen Frieden gewähren, Sie sehen ja selbst: sie -ist voller Feinde, Verführungen und Verrätereien.“ -</p> - -<p> -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -„Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die -Absicht und wollte eben ein ordentliches Leben beginnen, -wollte mich ganz der Landwirtschaft widmen und meine -Bedürfnisse einschränken. Der Dämon der Verführung -hat mich verwirrt und vom rechten Wege abgeführt, dieser -Satan, dieser verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!“ -</p> - -<p> -Ganz neue, ungeahnte Gefühle, die er sich nicht zu -erklären vermochte, durchdrangen plötzlich seine Brust, es -war, als ob sich in ihm etwas regte; und aus tiefem -Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, längst Vergessenes -... etwas, das eine strenge tote Lehre in -frühester Kindheit im Keime erstickt hatte, das eine trübselige, -trostlose Jugend, die Enge des Vaterhauses, die -Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der Familie, -die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrücke in ihm -unterdrückt hatten; und alles das, was das harte und -kalte Auge des Schicksals, das ihn traurig und wie durch -ein trübes, vom Schneesturme verwehtes Fenster angeblickt, -in sein Inneres zurückgeschreckt hatte, schien sich -nun plötzlich losreißen und nach außen drängen zu wollen. -Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein -Antlitz mit beiden Händen und sprach mit schmerzdurchzitterter -Stimme: „Wahrhaftig, Sie haben recht!“ -</p> - -<p> -„Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben -Ihnen nicht geholfen, weil Sie sie in den Dienst des -Unrechts stellten. Hätten Sie doch einer gerechten Sache -gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben -Sie sich selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch -ist es nicht zu spät, noch ist es Zeit ...“ -</p> - -<p> -„Nein, es ist zu spät, zu spät!“ stöhnte Tschitschikow -mit einer Stimme, bei deren Klang Murasow fast -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -das Herz springen wollte. „Ich fange an zu fühlen, zu -begreifen, daß ich irrte und weit, weit vom rechten Wege -abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich -bin einmal so erzogen. Mein Vater hat mir beständig -Moral gepredigt, hat mich geschlagen und mich schöne -Sittensprüche abschreiben lassen, während er selbst vor -meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und -mich zwang, ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst -war Zeuge, wie er einen falschen Prozeß begann und -ein armes Waisenmädchen verführte, deren Vormund er -war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle Moralpredigten. -Ich sehe und fühle es sehr gut, daß ich ein -schlechtes Leben führe, Afanassij Iwanowitsch, und doch -verabscheue ich das Laster nicht: ich bin stumpf geworden, -ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt jene herrliche -Neigung zu gottgefälligen Werken, die uns bald zur -zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann -nicht mit demselben Eifer dem Guten dienen, der mich -beseelt, wenn mir Reichtum und Wohlstand als Preis -winken. Ich spreche die Wahrheit — was soll ich -machen?“ -</p> - -<p> -Der Greis seufzte tief auf .... -</p> - -<p> -„Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, -soviel Geduld und Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, -und doch schluckt sie der Kranke, denn er weiß: nur so -kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht — so -zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. -Das wird Ihnen noch höher angerechnet werden, als -dem, der das Gute tut, weil er es lieb hat. Versuchen -Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann -wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -mir, es läßt sich alles erreichen. Es ist uns gesagt -worden: Das Reich Gottes muß errungen werden. Es -muß mit Gewalt erstürmt, mit Gewalt erworben und -errungen werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: -Sie besitzen diese Kraft, die so vielen andern fehlt, diese -eiserne Geduld, und Sie sollten unterliegen? Wahrhaftig! -ich glaube fürwahr: Sie waren ein <em>Held</em>, ein -<em>Heros</em> heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so -schwach, so energie- und willenlos sind.“ -</p> - -<p> -Man sah förmlich, wie diese Worte Tschitschikow in -die Seele drangen und den Ehrgeiz, der tief auf ihrem -Grunde schlummerte, aufstachelten. War es auch kein -bestimmter Entschluß, so war es doch etwas Starkes, -Festes, was einem Entschlusse sehr ähnlich sah, das jetzt -in seinen Augen aufblitzte .... -</p> - -<p> -„Afanassij Wassiljewitsch!“ sprach er mit fester -Stimme: „wenn es Ihnen gelingen sollte, mir die -Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit ich diese -Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermögen verlassen -kann, dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will -ein neues Leben beginnen: dann kaufe ich mir ein kleines -Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen, nicht -für mich selbst, sondern um andern zu helfen und -Gutes zu tun, soweit es in meinen Kräften steht; ich -will versuchen, mich selbst und all diese städtischen Diners -und Schlemmereien zu vergessen, und ein einfaches nur -der Arbeit gewidmetes Leben zu führen.“ -</p> - -<p> -„Gott stärke Sie in diesem Entschluß!“ sagte hocherfreut -der alte Mann. „Ich will all meine Kräfte -einsetzen, um den Fürsten zu bewegen, daß er Ihnen -die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -nicht, das weiß Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr -Los erleichtert werden. O, mein Gott! Umarmen Sie -mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie -mich erfreut! Und nun behüte Sie Gott, ich gehe sofort -zum Fürsten.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow blieb allein. -</p> - -<p> -Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschüttert. Er -war ganz weich geworden. Auch das Platin, das härteste -aller Metalle, das dem Feuer am längsten widersteht, -schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse -anfacht, die Blasebälge stärker tritt und des Feuers Hitze -zu unerträglicher Glut anschwillt — allmählich wird es -weißer und immer weißer — das <em>eigensinnige</em> Metall, -bis es sich endlich verflüssigt: so gibt auch der stärkste -Charakter nach in der Esse der Leiden und Schicksalsschläge, -wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln -und mit ihrer unerträglichen Glut die harte Rinde seines -Wesens erweichen ... -</p> - -<p> -„Zwar verstehe und fühle ich es selbst nicht, doch -aber will ich all meine Kräfte einsetzen, um es andre -fühlen zu machen; zwar bin ich selbst schlecht, doch aber -will ich all meine Kraft zusammennehmen, um andre -zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, -doch aber will ich alles daransetzen, um kein Ärgernis -zu geben. Ich werde selbst Hand anlegen und auf dem -Lande im Schweiße meines Angesichts tätig sein; ich -werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf -andre einen guten Einfluß auszuüben. Bin ich denn -zu gar nichts mehr nütze? Ich habe doch eine gewisse -Befähigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink, -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und -Ausdauer. Man muß nur wollen ...“ -</p> - -<p> -So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten -Seelenkräften etwas ahnend zu ergreifen. Es war fast, -als fühlte er mit dunklem Instinkt, daß es eine Aufgabe -gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfüllen hat, und -die sich überall, in jedem Erdenwinkel erfüllen läßt, -trotz aller widrigen Verhältnisse, trotz aller Zweifel und -Unruhe, die den Menschen auf jedem Posten bestürmen, -auf den er gestellt ist. Und das werktägige Leben, fern -vom Lärm der Städte und den Versuchungen und Verführungen, -die der müßige, von der Arbeit entwöhnte -Mensch erdacht hat, stand plötzlich so deutlich vor ihm, -daß er seine peinliche Lage beinahe vergaß und vielleicht -sogar geneigt gewesen wäre, der Vorsehung für diesen -harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit -und wenigstens einen <em>Teil</em> seines Vermögens wiedererlangt -hätte ... Aber da öffnete sich die kleine Türe -zu seiner schmutzigen Zelle, und herein trat ein Beamter -namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikuräer, -ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein -ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener -Kerl, wie ihn seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten -hätte der Mensch wahre Wundertaten vollbracht: -irgend einen Patrouillenritt durch gefährliche und unwegsame -Gegenden ausführen, oder dem Feind eine -Kanone vor der Nase wegstehlen — das wäre so etwas -für ihn gewesen. Aber da es keine militärische Stelle -für ihn gab, auf der man vielleicht einen anständigen -Menschen aus ihm hätte machen können, so gab er sich -die größte Mühe, allen Menschen schlechte Streiche zu -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -spielen. Merkwürdig! Er hatte höchst sonderbare Ansichten -und Grundsätze: seinen Freunden war er ein guter Kamerad, -er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenüber stets -sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er für eine -Art feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen -mußte, wobei es erlaubt war, jeden schwachen Punkt, -jede Bresche und Fahrlässigkeit seitens des Gegners auszunutzen. -</p> - -<p> -„Ich weiß schon, ich habe schon von Ihrer Sache -gehört!“ sagte er, als er merkte, daß sich die Tür hinter -ihm fest geschlossen hatte. „Macht nichts, macht nichts! -Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles -wieder in Ordnung. Wir werden uns alle für Sie bemühen. -Wir stehen Ihnen ganz zur Verfügung. Dreißigtausend -Rubel — für uns alle zusammen und die Sache -ist gemacht.“ -</p> - -<p> -„Wirklich?“ rief Tschitschikow aus, „und ich werde -ganz freigesprochen?“ -</p> - -<p> -„Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz -für Ihre Verluste.“ -</p> - -<p> -„Und für Ihre Bemühungen?“ -</p> - -<p> -„Dreißigtausend. Alles inbegriffen — für die Unsrigen, -für die Leute des Generalgouverneurs und für den Sekretär.“ -</p> - -<p> -„Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine -Sachen ... meine Schatulle ... das ist doch alles -versiegelt, in den Händen der Polizei ...“ -</p> - -<p> -„In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen -Sie ein?“ -</p> - -<p> -Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz -klopfte, er glaubte nicht recht, das es möglich sei ... -</p> - -<p> -„Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -Freund bittet mich Ihnen zu sagen: die Hauptsache ist: -ruhig Blut und Geistesgegenwart!“ -</p> - -<p> -„Hm!“ dachte Tschitschikow, „ich verstehe: der Rechtsanwalt!“ -Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow -sich wieder allein in seiner Zelle befand, wollte er noch -immer nicht recht an dessen Worte glauben, aber es verging -keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine -Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld — alles war -in schönster Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle -eines Inspektors: er gab den Posten einen Rüffel, weil -er nicht wachsam genug sei, gab dem Gefängnisaufseher -den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung -der Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle -und entnahm ihr sämtliche Papiere, die Tschitschikow im -geringsten kompromittieren konnten, dann band er alles -zusammen, versiegelte es und beauftragte einen Soldaten, -das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem -Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten -Stücke der Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow -zugleich mit seinen Papieren noch warme Sachen -erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken -konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine -unsagbare Freude. Er faßte wieder Hoffnung und schon -fing er aufs neue an, von allerhand schönen Dingen -zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, -der er die Kur machte. Das Gut und die ländliche -Stille verblaßten merklich, dagegen malte sich ihm die -Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit helleren und -klareren Farben ... „O Leben!“ -</p> - -<p> -Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen -ein Prozeß von geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Die Federn der Schreiber waren emsig an der -Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen sich -die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß -beim Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen -Akten. Der Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein -verborgener Zauberkünstler den ganzen Mechanismus; -noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er alle -in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer -größer. Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine -geradezu unerhörte Kühnheit und Frechheit. Er brachte -in Erfahrung, wo die jüngst verhaftete Frau untergebracht -war, ging sofort hin und trat mit der sicheren und -kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der -Posten „Honneur“ machte und stramm stand. „Stehst -du schon lange hier?“ — „Seit heute morgen, Euer -Gnaden!“ — „Wirst du bald abgelöst?“ — „Um drei -Uhr, Euer Gnaden!“ — „Ich werde dich brauchen. Ich -werde dem Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern -herschicken soll.“ — „Zu Befehl, Euer Gnaden!“ Hierauf -fuhr er nach Hause, und um nur ja niemand in die -Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog -er sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und -klebte sich einen künstlichen Schnurrbart und Backenbart -an, sodaß ihn der Teufel selbst nicht erkannt hätte. Er -ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, ergriff das -erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab -sie zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht -waren, und erschien plötzlich ganz wie es sich gehört -mit einem großen Schnauzbart und einem Gewehr vor -dem Posten: „Marsch ... der Kommandeur hat mich -hierher geschickt; ich soll dich ablösen.“ Er löste den -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -andern ab und pflanzte sich selbst mit dem Gewehr in -der Hand vor dem Eingang auf. Das war alles, was -er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit -einem andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, -und keine Ahnung von der ganzen Sache hatte. Das -erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß später -kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich -geblieben war. Während Ssamoswistow so seine Rolle -als Soldat spielte, vollbrachte der Rechtsanwalt seinerseits -wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen Schauplatz! -Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen, -daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu -denunzieren; dem Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, -daß ein Beamter, der sich im geheimen in der Stadt -aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem geheimnisvollen -Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen -noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren -wolle — und er brachte alle dadurch in eine solche Lage, -daß sich jeder an ihn wenden mußte, um sich Rat und -Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer Wirrwarr: -eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte -Dinge an den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch -nie vorgekommen, und sogar solche, die <em>überhaupt</em> -nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine Verwendung, -alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: -daß einer ein unehelicher Sohn war, was für -einen Beruf und Stand er hatte, daß er sich eine Maitresse -hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. Skandalgeschichten -und allerhand schmutzige Affären wurden -mit dem Fall Tschitschikow und den Toten Seelen derartig -vermengt und in Verbindung gebracht, daß man -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen -Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren -einander wert. Als dann schließlich die Akten beim -Generalgouverneur einliefen, konnte der arme Fürst überhaupt -nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl -erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu -machen, ein gewandter und gescheiter Mann, verlor -darüber beinahe den Verstand, er konnte den roten Faden -in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der Fürst -hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer -ganzen Reihe anderer Angelegenheiten, von denen eine -unangenehmer war, als die andre. In einem Teil der -Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten, -die hingeschickt worden waren, um Brot unter -die Hungernden zu verteilen, hatten die Lebensmittel -nicht in der richtigen Weise verwendet. In einem andern -Teil der Provinz regten sich die Sektierer. Jemand -hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist -gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe -lasse und tote Seelen aufkaufe. Sie taten Buße, -sündigten weiter und machten unter dem Vorwande, -den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen -den Garaus. An einer andern Stelle waren -Unruhen unter den Bauern ausgebrochen; sie hatten sich -gegen die Gutsbesitzer und gegen den Gendarmerieobersten -empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht verbreitet, -jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern -Gutsbesitzer werden und Fräcke anziehen müßten, während -die Gutsbesitzer den Bauernkittel anlegen und selbst Bauern -werden müßten — und ein ganzer Bezirk hatte daraufhin, -ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen ja -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere -geben werde — die Steuern verweigert. Man mußte zu -Zwangsmaßregeln greifen. Der arme Fürst war ganz -verstimmt und befand sich in der höchsten Aufregung. -Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow -sei gekommen. „Er soll eintreten!“ sagte der Fürst. Der -Greis betrat das Zimmer. -</p> - -<p> -„Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich -für ihn ein und versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt -hat man ihn bei einer Sache ertappt, zu der sich der -schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben hätte.“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, -daß ich die ganze Sache nicht recht gut verstehe.“ -</p> - -<p> -„Die Fälschung eines Testaments, und was für eine -Fälschung! ... Darauf steht öffentliche Züchtigung mit -der Knute!“ -</p> - -<p> -„Durchlaucht — was ich jetzt sage, sage ich nicht, -um Tschitschikow zu verteidigen — aber das ist doch -alles noch garnicht bewiesen: die Untersuchung hat ja -noch garnicht stattgefunden.“ -</p> - -<p> -„Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der -Toten spielte, ist verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer -Gegenwart verhören.“ Der Fürst klingelte und befahl, -die Frau holen zu lassen. -</p> - -<p> -Murasow schwieg still. -</p> - -<p> -„Eine niederträchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine -Schande, daß die höchsten Beamten der Stadt, ja sogar -der Gouverneur selbst in sie verwickelt sind. Er wenigstens -dürfte doch nicht da sein, wo die Diebe und Faulenzer -ihr Wesen treiben!“ sagte der Fürst heftig. -</p> - -<p> -„Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -hatte doch gewisse Rechte und Ansprüche darauf; und -daß auch die andern von allen Seiten herbeigelaufen -kamen und mit daran profitieren wollten — das ist -doch nur <em>menschlich</em>, Durchlaucht! Eine reiche Frau -stirbt, sie hinterläßt ein Testament, das weder klug noch -gerecht ist, und nun strömen von allen Seiten Menschen -zusammen, die gern was verdienen möchten — das ist -doch alles so menschlich, so natürlich ...“ -</p> - -<p> -„Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... -Die Schurken!“ sagte der Fürst empört. „Ich habe -nicht einen einzigen anständigen Beamten: lauter -Lumpen.“ -</p> - -<p> -„Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. -ganz so, wie er sein sollte? Alle Beamten unserer -Stadt sind doch Menschen, die haben ihre Vorzüge und -ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre -Sache wirklich verstehen und tüchtige Fachleute sind, -aber wer ist denn frei von Sünde?“ -</p> - -<p> -„Hören Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie -mir bitte — Sie sind der einzige ehrliche Mensch, den -ich kenne — was macht es Ihnen eigentlich für ein -Vergnügen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz -zu nehmen<a id="corr-83"></a>?“ -</p> - -<p> -„Durchlaucht!“ versetzte Murasow: „wie die Menschen -auch sein mögen, die Sie Schurken und Gauner nennen — -sie bleiben immer doch Menschen. Wie soll man denn -den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man weiß, -daß er die Hälfte all seiner Übeltaten aus Roheit und -Unwissenheit begeht. Wir tuen doch selbst auf Schritt -und Tritt unrecht und stürzen jeden Augenblick andere -Menschen ins Unglück, oft ohne jede böse Absicht. -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!“ -</p> - -<p> -„Wie?“ rief der Fürst erstaunt aus. Er war aufs -höchste überrascht durch die unerwartete Wendung, die -die Unterhaltung nahm. -</p> - -<p> -Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien -zu überlegen und sagte schließlich: „Nun, denken Sie -zum Beispiel an den Fall Derpennikow.“ -</p> - -<p> -„Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein -Verbrechen gegen den Staat, das nahezu an Landesverrat -grenzt!“ -</p> - -<p> -„Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, -einen Jüngling, der sich infolge seiner Unerfahrenheit -von anderen verführen und fortreißen läßt, ebenso hart -zu bestrafen, wie einen der Rädelsführer? Dieser -Derpennikow mußte doch dieselbe Strafe erleiden wie -irgend ein Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen -ganz verschieden.“ -</p> - -<p> -„Um Gottes willen ...“ sagte der Fürst, dem -man seine Aufregung deutlich anmerkte: „Wissen Sie -etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe erst -neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man -möge sein Los mildern.“ -</p> - -<p> -„Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, daß ich etwas -weiß, was Sie nicht auch wissen. Es gibt allerdings -einen Umstand, der ihm von Nutzen sein könnte, aber -er würde selbst nichts davon hören wollen, weil das -einem andern schaden würde. Ich meine bloß dies: -ob Sie sich damals nicht vielleicht allzusehr übereilt haben? -Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich urteile nach meinem -eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, -da hatte ich auch viele Arbeiter unter mir: gute und -schlechte. Ich hätte damals auch das frühere Leben meiner -Leute berücksichtigen müssen, denn wenn man nicht alles -ganz kaltblütig überlegt, sondern die Menschen gleich anschreit -— dann schüchtert man sie nur ein, und kriegt -überhaupt nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen -dagegen Teilnahme und fragt sie nach allem, wie ein -Bruder den Bruder fragt — dann sagen sie einem alles -ganz von selbst und bitten gar nicht darum, daß man -Gnade walten lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert -und zürnen niemandem, weil sie sehen, daß nicht wir -sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.“ -</p> - -<p> -Der Fürst versank in Nachdenken, doch in diesem -Augenblick trat ein junger Beamter ins Zimmer und -blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm ehrfurchtsvoll -an der Türe stehen. Sorge und angestrengte Tätigkeit -spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen -Gesicht. Man sah es ihm an, daß er Beamter für -besondere Aufträge war. Dies war einer der wenigen -Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren -und denen das Aktenstudium Freude machte. Er hatte -weder einen brennenden Ehrgeiz, noch einen heißen Durst -nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den andern -gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er -überzeugt war, daß er hier an dieser Stelle an seinem -Platze war, wie an keiner andern der Welt, und daß -das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine verwickelte -Sache Schritt für Schritt zu verfolgen, zu -analysieren, sie in ihre Teile zu zerlegen, in diesem -Labyrinth den leitenden Faden zu entdecken, und alles -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -aufzuklären, — dann war er in seinem Element. Er -fand sich reichlich belohnt für seine Mühe und Arbeit -und die vielen schlaflosen Nächte, wenn die Sache sich -endlich aufzuhellen begann, wenn ihre geheimsten Triebfedern -ans Licht kamen und er fühlte, daß er imstande -war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, -sodaß sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig -wurde. Man kann wohl sagen, kein Schüler freut -sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines schwierigen -Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines -großen Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn -es ihm gelungen war, eine verwickelte Sache zu entwirren. -Dafür aber .... -</p> - -<p> -„... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot -herrscht; ich kenne diesen Teil besser als die Beamten: -ich will selbst untersuchen, was und wieviel ein jeder -braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will ich -auch persönlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, -d. h. ein einfacher Mann, kann sie ja doch leichter -zum Reden bringen, und vielleicht gelingt’s mir mit -Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem Wege zu -schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit -ihnen fertig: da kommt es höchstens zu weitläufigen -Schreibereien; sie werden ja schon so nicht mehr klug -aus den Akten und sehen bald über all dem Papier die -Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein -Geld dafür haben, denn bei Gott, in solch einer Zeit -wäre es wirklich eine Schande, noch an seinen Vorteil -zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich -habe noch etwas Korn in Reserve: außerdem -habe ich schon nach Sibirien schicken lassen; bis -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -zum nächsten Sommer erhalte ich wieder neues -geliefert.“ -</p> - -<p> -„Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij -Iwanowitsch, Sie leisten mir einen sehr großen Dienst -damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil hier — -das werden Sie selbst fühlen — weil hier jedes Wort -ohnmächtig wäre. Aber lassen Sie mich wenigstens -noch eins über jene Bitte sagen. Sagen Sie selbst: habe -ich denn das Recht, ganz über eine solche Sache hinwegzugehen, -wäre es anständig und ehrlich von mir, diesen -Schurken zu verzeihen?“ -</p> - -<p> -„Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, -um so mehr, da es viele ehrenwerte Männer unter ihnen -gibt. Die Lage der Menschen ist oft schwer, Durchlaucht, -oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, daß ein Mensch -nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann -näher zusieht — ist <em>er</em> es garnicht gewesen.“ -</p> - -<p> -„Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie -laufen lasse? Es gibt doch Leute unter ihnen, die nachher -noch hochnäsiger werden und am Ende noch behaupten -werden, sie hätten uns eingeschüchtert. Sie werden die -ersten sein, die keine Achtung für ....“ -</p> - -<p> -„Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht -zu sagen: lassen Sie sie alle rufen, erklären Sie -ihnen, daß Ihnen alles bekannt ist, schildern Sie ihnen -Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben geschildert -haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von -ihnen an Ihrer Stelle gemacht hätte.“ -</p> - -<p> -„Ja, glauben Sie denn, daß sie besseren Regungen -zugänglich sind außer allerhand Intrigen und dem Wunsch, -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -sich zu bereichern? Glauben Sie mir, sie werden mich -auslachen.“ -</p> - -<p> -„Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, -selbst der, der schlechter ist als die andern, hat ein gesundes -Gefühl für das Rechte. Es sei denn etwa irgend -ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe ist .. -Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht nötig, sich zu -verstecken. Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie -es mir gesagt haben. Sie schmähen sie ja doch und -sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der -gar nichts hören will und sehr selbstbewußt ist — nun -so mögen sie die Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt -Ihnen schließlich daran? Ihre Sache ist doch gerecht -und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht -vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.“ -</p> - -<p> -„Afanassij Iwanowitsch,“ sagte der Fürst nachdenklich: -„ich will es mir überlegen, einstweilen aber danke ich -Ihnen herzlich für Ihren Rat.“ -</p> - -<p> -„Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? -Wollen Sie ihm die Freiheit schenken?“ -</p> - -<p> -„Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen -daß er fortkommt, und zwar so schnell als möglich; je -weiter er von hier ist, desto besser. Ihm könnte ich -niemals verzeihen.“ -</p> - -<p> -Murasow verneigte sich und begab sich vom Fürsten -direkt zu Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten -Laune, in höchster Seelenruhe mit einem respektablen -Mittagessen beschäftigt, das ihm in mehreren Porzellanschüsseln -aus einem gleichfalls recht respektablen Restaurant -in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen -ersten Worten konnte der alte Herr sofort erkennen, -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -daß Tschitschikow schon mit einzelnen von den gerissenen -Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar, daß hier -auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand -mit im Spiel hatte. -</p> - -<p> -„Hören Sie, Pawel Iwanowitsch,“ sagte er, „ich -bringe Ihnen die Freiheit, aber unter einer Bedingung, -daß Sie sofort die Stadt verlassen. Packen Sie alle -Ihre Sachen, und machen Sie, daß Sie fortkommen; -Sie dürfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst verschlimmern -Sie nur Ihre Lage. Ich weiß, daß Ihnen -irgend ein Mensch hier Verhaltungsmaßregeln gibt; daher -will ich Ihnen verraten, daß man noch einer andern -Affäre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde -wird ihn mehr retten können. Es macht ihm natürlich -Spaß, auch andere Leute zugrunde zu richten, da es -ihm allein zu langweilig wäre, aber die Sache wird bald -aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung -zurückgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen -daher ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es -kommt wirklich nicht auf den Besitz allein an, um dessentwillen -die Menschen sich miteinander streiten und einander -umbringen, als ob es möglich wäre, hier auf Erden ein -geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das künftige -zu denken. Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, -solange die Menschen nicht all das fahren lassen, um -dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und zerfleischen, -und nicht daran denken, ihren <em>geistigen</em> Besitz -in Ordnung zu bringen — wird es auch um den -irdischen Besitz nicht wohlbestellt sein. Es werden Zeiten -der Hungersnot und der Armut kommen, wie für ein -ganzes Volk, so auch für den Einzelnen ... Das ist -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -doch so klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Körper -hängt doch von der Seele ab. Wie aber kann man -dann verlangen, daß alles gut gehe? Denken Sie nicht -an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige -Seele, und machen Sie sich mit Gottes Hilfe auf -den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise auch -morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht -gehen, — wenn ich nicht mehr da bin.“ -</p> - -<p> -Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow -versank in Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien -ihm abermals in seiner hohen Bedeutung. „Murasow -hat recht,“ sagte er, „es wird Zeit, einen andern -Weg einzuschlagen.“ Mit diesen Worten verließ er das -Gefängnis. Der Wachposten trug ihm die Schatulle -nach ..... Seliphan und Petruschka waren ganz -selig, als sie sahen, daß ihr Herr wieder frei war, und -freuten sich, als ob Gott weiß was passiert wäre. „Nun, -meine Lieben,“ sagte Tschitschikow, indem er sich gnädig -an sie wandte: „jetzt müssen wir packen und abreisen.“ -</p> - -<p> -„Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie -sollen sehen, wie wir fliegen werden,“ sprach Seliphan: -„Wir werden jetzt einen guten Weg haben: es ist reichlich -Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, daß wir die -Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, -daß ich sie garnicht mehr ansehen mag.“ -</p> - -<p> -„Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere -Kutsche auf ein Schlittengestell setzen,“ versetzte Tschitschikow -und ging selbst in die Stadt. Aber er konnte sich doch -nicht entschließen, Abschiedsbesuche zu machen. Nach diesem -unglücklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so mehr, -da in der Stadt allerlei äußerst ungünstige Gerüchte -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -über ihn zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit -Bekannten sorgfältig aus dem Wege zu gehn und trat -nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes, -bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit -Feuerglanz gekauft hatte; er erstand noch einmal vier -Arschin zu einem Frack und Hosen und begab sich hierauf -selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug genäht -hatte. Dieser erklärte sich bereit, seinen Fleiß und Eifer -für den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und -ließ das Völkchen seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch -bei Kerzenlicht mit Schere, Bügeleisen und Zähnen arbeiten, -sodaß der Frack noch am nächsten Tage fertig war. Die -Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte -den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schön, -ganz ebenso schön wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte -etwas Glänzendes, weiß Schimmerndes zwischen -seinen Haaren und murmelte schmerzlich: „Wie konnte -ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem -aber hätte ich mir die Haare nicht ausraufen dürfen!“ -Nachdem er seine Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte -er sich in seinen Wagen und verließ die Stadt in einer -seltsamen Gemütsverfassung. Das war nicht mehr der -alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des -früheren Tschitschikow. Man konnte seinen inneren -Seelenzustand mit einem zerstörten Gebäude vergleichen, -das nur deswegen niedergerissen wurde, um ein neues -daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch -noch nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven -Plan noch nicht gesandt und die Arbeiter im Zweifel -sind, was sie tun sollen. Eine Stunde vor ihm war -der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -mit Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine -Stunde nach Tschitschikows Abreise erging der Befehl -an die Beamten, vor dem Fürsten zu erscheinen: -er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle, -bis auf den letzten noch einmal sehen. -</p> - -<p> -In dem großen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur -bewohnte, war die gesamte Beamtenschaft -der Stadt versammelt vom Gouverneur bis zum letzten -Titularrat: die Bürovorsteher und Abteilungschefs, allerhand -Räte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, -solche die Geschenke annahmen und solche, die -keine annahmen, ganze und halbe Heuchler und Pharisäer, -und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle warteten -nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen -des Generalgouverneurs. Endlich betrat der Fürst den -Saal, er war weder finster noch heiter: sein Blick war -ebenso fest wie sein Schritt. Die ganze Beamtenschaft -verbeugte sich — viele verneigten sich tief bis zur Erde. -Der Fürst antwortete mit einer leichten Verbeugung und -begann folgendermaßen: -</p> - -<p> -„Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es für richtig, -Sie noch einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum -Teil den Anlaß zu meiner Reise mitzuteilen. Es hat -sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache -abgespielt. Ich nehme an, daß viele von den Anwesenden -wissen, welche Sache ich meine. Diese Sache hat zur -Aufdeckung einer ganzen Reihe von Vorgängen geführt, -die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar solche -Männer verwickelt scheinen, die ich bisher für rechtschaffen -und ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, -alles so zu verwirren und durcheinanderzubringen, -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -daß es völlig unmöglich werde, diesen Fall auf dem -formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen. -Ich weiß auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er -es sehr klug und fein verstanden hat, alle Beweise für -seine Teilnahme zu beseitigen. Nun aber habe ich mich -entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen Rechtswege -noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie -wie in Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen -und rasch zu erledigen. Ich hoffe, daß der Kaiser mir -die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich ihm den ganzen -Vorfall ausführlich darlege. In einem solchen Fall, wo -es nicht möglich ist, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, -wo ganze Schränke mit Akten verbrennen, und -wo man sich bemüht, durch einen Haufen von falschen -Zeugnissen und unbegründeten Denunziationen eine schon -an sich recht dunkle Affäre noch mehr zu verdunkeln — -da halte ich das Kriegsgericht für das einzige zuverlässige -Mittel, und ich wünsche Ihre Meinung darüber zu hören.“ -</p> - -<p> -Der Fürst hielt einen Augenblick inne, als erwarte -er eine Antwort. Alle standen stumm da, den Blick zu -Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich geworden. -</p> - -<p> -„Außerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, -obgleich ihre Urheber der festen Überzeugung leben, -daß niemand etwas davon erfahren konnte. Auch dieser -Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden, da -ich selbst hier der Ankläger und Supplikant bin, und -Sie können sicher sein, daß ich zwingende und evidente -Beweise vorlegen werde.“ -</p> - -<p> -Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne -von den Ängstlicheren wurden gleichfalls bestürzt und -verlegen. -</p> - -<p> -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -„Es versteht sich von selbst, <a id="corr-86"></a>daß der Hauptschuldige -und Anstifter seiner Titel und Ränge entkleidet und -daß sein Eigentum konfisziert werden wird. Die übrigen -werden ihrer Ämter enthoben. Es versteht sich von -selbst, daß zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige -werden mit leiden müssen. Aber was soll ich machen? -Die Sache ist zu schmählich und schreit nach einer gerechten -Strafe und Ahndung. Obwohl ich weiß, daß -dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da -wieder andere an ihre Stelle treten und die, welche -bis zu heutigem Tage ehrlich waren, unehrlich und solche, -denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrügern und -Verrätern werden werden — obwohl ich dies alles weiß, -bin ich gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, -denn das Gesetz ist verletzt und fordert strengste Ahndung. -Ich weiß, daß man mir Härte und Grausamkeit vorwerfen -wird, aber ich weiß auch ... daß ich Sie in -ein gefühlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln -muß, das auf die Häupter der Schuldigen herabfallen soll.“ -</p> - -<p> -Ein Zittern lief unwillkürlich über alle Gesichter. -</p> - -<p> -Der Fürst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Empörung -spiegelte sich in seinen Zügen. -</p> - -<p> -„Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Händen das -Schicksal vieler liegt und den selbst keine Bitten zu -erreichen vermochten, jetzt fleht er euch alle an: Alles -soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben sein: -ich will euer aller Fürsprecher sein, wenn ihr meine -Bitte erfüllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich -weiß, daß kein Mittel, keine Einschüchterung und keine -Strafe imstande ist, das Unrecht auszurotten, es hat schon -zu tief Wurzeln gefaßt. Die schimpfliche Sitte, Geschenke -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedürfnis geworden, -selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage -zum Bösen geboren wurden. Ich weiß wohl, daß es für -viele beinahe unmöglich ist, gegen die allgemeine Strömung -zu schwimmen. Und doch muß ich heute, in einem entscheidenden -und großen Augenblick, wo das Vaterland -in Gefahr ist, und wo ein jeder Bürger alles auf sich -nimmt und alles zum Opfer bringt, — einen Ruf an -Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die unter -Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, -und für die <em>Großherzigkeit</em> und <em>Edelmut</em> noch -keine leeren Worte geworden sind. Wozu wollen wir -hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig -ist? Vielleicht trage ich die größte Schuld; vielleicht -habe ich Sie zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; -vielleicht habe ich durch meinen übertriebenen -Argwohn so manchen unter euch abgestoßen, der den -ehrlichen Willen hatte, mir nützlich zu sein, obgleich -auch ich meinerseits etwas tun konnte .... Wenn -Sie wirklich wollten, daß die Gerechtigkeit auf der Seite -Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland wirklich lieb -gehabt hätten, dann durften <a id="corr-87"></a>Sie sich nicht durch den Stolz und -die Härte meines Auftretens gekränkt fühlen; Sie mußten -Ihren Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrücken -und <a id="corr-88"></a>Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre -Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe zum Guten unmöglich -nicht bemerken und mein Ohr unmöglich Ihren -verständigen und nützlichen Ratschlägen verschließen -können. Am Ende muß sich doch der Untergebene an -den Charakter seines Vorgesetzten und nicht der Vorgesetzte -an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -wäre das richtiger und bequemer, denn die Untergebenen -haben nur <em>einen</em> Vorgesetzten, während der -Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen hat. Aber -lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste -Schuld trägt. Jetzt handelt es sich darum, daß uns -die Pflicht auferlegt ward, das Vaterland zu retten; unser -Vaterland geht nicht daran zugrunde, daß zwanzig fremde -Völkerstämme uns mit Krieg überziehen, es geht zugrunde -an <em>uns</em> selbst; denn neben der rechtmäßigen -Regierung und Verwaltung hat sich noch eine andre -Regierung gebildet, die weit stärker ist als jede gesetzliche -Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, -alles ist genau taxiert und abgeschätzt, und die Preise -sind bereits allgemein bekannt gegeben. Und kein Regierender -vermag es, selbst wenn er weiser wäre als alle Gesetzgeber -und Regierenden der Welt, das Übel wieder auszurotten, -und wenn er die schlechten Beamten tausendmal -in ihren Machtbefugnissen beschränkte, indem er -noch andre Beamten anstellte, um jene zu beaufsichtigen. -Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fühlen lernt, -daß er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstände -wappnete ... heute wappnen muß gegen Unrecht und -Unwahrheit. Als Russe, als ein Mensch, der durch die -heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit euch verbunden -ist, in dessen Adern dasselbe Blut fließt wie in den -euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. -Ich wende mich an die unter euch, die einen Begriff -davon haben, was eine vornehme Denkungsart -ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht -zu erinnern, die dem Menschen vorgezeichnet ist, -an jedem Punkte, wo er steht. Ich bitte euch, euch -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures -irdischen Berufes klarer bewußt zu werden, weil -uns dieses nur dunkel vorschwebt, und weil wir -kaum ...“ -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -<span class="line1">Novellen</span> -</h2> - -<p class="trnpart"> -<span class="line1">übersetzt von</span><br /> -<span class="line2">Mario Spiro und S. Bugow</span> -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-3-1"> -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -Der Mantel -</h3> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer Ministerial-Abteilung ... -</p> - -<p> -Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in -welcher. In Rußland nämlich gibt es keine -empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-, -Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im -allgemeinen unter dem Namen „Bürokraten“ zusammenzufassen -pflegt. Hält sich heutzutage der eine von ihnen -für auch nur ein wenig in seiner Ehre gekränkt, so -bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die -ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll -neulich einmal ein Kreisrichter — ich weiß nicht mehr, -in welcher Stadt — einen Bericht abgefaßt haben, in -dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der Regierung -nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche -man sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters -eine verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und -zum Beweise dafür hatte er seinem Berichte einen riesigen -Folianten beigelegt, eine Art Roman, in dem man auf -jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter -begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen -Reklamationen den Riegel vorzuschieben, habe ich es -vorgezogen, den Schauplatz der folgenden Vorgänge undeutlich -zu lassen und mich mit der Angabe: In einer -Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung -war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein -Beamter, der — ich kann es leider nicht verschweigen — -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -ein wenig schlicht und unbedeutend aussah. Er war -recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm -jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war -sogar etwas kurzsichtig, beide Wangen waren voller -Runzeln, und sein Gesicht hatte eine bleiche Farbe, wie -bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden. Was soll -man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte -ihn das Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen -Rang im Amte betrifft — denn bei uns ziemt es sich -vor allem, den Rang eines Beamten festzustellen — so -war er das, was man im allgemeinen unter einem -ewigen „Titular-Rat“<a class="fnote" href="#footnote-9" id="fnote-9">[9]</a> versteht; d. h. er war einer jener -Unseligen, die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile -gewisser Schriftsteller herausgefordert haben, einer -Menschenklasse, die die beklagenswerte Angewohnheit -hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen vermögen, -anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war -Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name -läßt deutlich erkennen, daß er von dem Worte Schuh -herstammt; wann und zu welcher Zeit er jedoch von einem -Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig unbekannt. -Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres -Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten -immer nur Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre -neu sohlen ließen. Der Vor- und Vatername unseres Helden -war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht wird der Leser diese -Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich kann -ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern -daß die Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -ihm andere Namen zu geben. Man höre, wie das kam! -Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles trügt, -in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene -Mutter, die einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, -einfache Frau, ging natürlich, wie sich’s auch gebührt, -sofort daran, ihren Neugeborenen taufen zu lassen. Die -Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe gegenüber -befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch -Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines -Amtes, Bürochef im Senate, — und ihm zur Linken die -Patin Arina Semenowna Biellobruschkow, die Frau eines -Polizei-Inspektors, die mit mancherlei Vorzügen ausgestattet -war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen -zur Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers -Chosdasat. -</p> - -<p> -„Nein,“ dachte sie, „die gefallen mir alle nicht!“ -</p> - -<p> -Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man -im Kalender ein anderes Blatt auf und <a id="corr-91"></a>legte den Finger -auf drei andere Namen: Trifili, Dula und Warachatius. -„Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!“ rief die alte -Mutter aus. „Hat man jemals solche Namen gesehen? -Wahrhaftig, heute höre ich sie zum ersten Male in meinem -ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch Waradat oder -Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!“ -</p> - -<p> -Man blätterte von neuem im Kalender und fand -nun Pawsikachi und Wachtissi. -</p> - -<p> -„Nein, nun wird es mir klar,“ rief die Alte, „es -soll nicht sein! So mag er denn meinetwegen den -Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun einmal -keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. -So mag der Sohn denn auch Akaki heißen!“ Und -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -so taufte man ihn denn auf den Namen Akaki Akakiewitsch. -Das Kind wurde über den Taufstein gehalten: natürlich -schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, -wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages -Titular-Rat werden würde. So aber spielte sich dies -alles ab. Wir haben diese Tatsachen deshalb so breit -erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann, -daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß -ein anderer Name für den kleinen Akaki unmöglich gewesen -wäre. -</p> - -<p> -Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei -eintrat und wer ihm dort einen Platz verschaffte, vermag -heute niemand mehr zu sagen. Wie viele Vorgesetzte -aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander -gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten -Platz ein, man sah ihn stets auf demselben Stuhle sitzen, -in derselben Haltung, über dieselbe Arbeit gebeugt, mit -demselben Range, so daß man hätte glauben können, -daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt -gekommen sei, mit seinen kahlen Schläfen und in seiner -Dienstuniform. — In der Kanzlei, in der er angestellt -war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht -auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei -seinem Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten -und rechneten mit ihm nicht mehr als mit einer Fliege, -die gerade davongeflogen war. Seine Vorgesetzten behandelten -ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des -Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, -wenn sie vor ihm einen Stoß von Papieren aufhäuften: -</p> - -<p> -„Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!“ -— -</p> - -<p> -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -oder etwa: -</p> - -<p> -„Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme -Arbeit!“ -</p> - -<p> -oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter -wohlerzogenen Beamten am Platze ist. -</p> - -<p> -Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach -zu fragen, wer sie vor ihm hingelegt hatte, und ob der -Betreffende überhaupt dazu berechtigt gewesen war. Er -nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben. -Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren, -diente er als Gegenstand für ihre Spöttereien und zur -Zielscheibe für ihre Geistesblitze — soweit man bei Beamten -und besonders bei Kanzleibeamten überhaupt von -Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine -Menge erfundener Geschichten über ihn und über die -Frau, bei der er wohnte, eine siebzigjährige Greisin. -Man sprach davon, daß sie ihn hin und wieder verprügle, -man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor -den Altar treten wolle. Oder man ließ auch auf -sein Haupt Papierkügelchen herabregnen und wollte -ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären. -Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste -Beachtung; er erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts -von der Gegenwart der andern. Alle diese kleinen -Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im Arbeiten keinen -Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch -nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm -jedoch einmal der Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn -etwa am Arme und hinderte ihn am Schreiben, so sagte -er auch dann nur: -</p> - -<p> -„Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -Sie mich denn durchaus beleidigen?“ Und es lag etwas -merkwürdig Rührendes in diesen Worten und in der -Art, wie er sie sprach. -</p> - -<p> -Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der -soeben eine Anstellung im Bureau erhalten hatte und nach -dem Beispiel der andern sich auf seine Kosten lustig -machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als -hätte er einen Stich ins Herz bekommen, — und von -nun an sah er den alten Beamten mit ganz andern -Augen an. -</p> - -<p> -Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche -Macht ihn von seinen Kollegen, die er soeben erst kennen -gelernt und die er zuerst für gebildete und anständige -Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand er vor -ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel -später mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm -das Bild dieses alten kleinen Titularrates mit der kahlen -Stirn vor Augen und in seinen Ohren tönten die Worte -wider: -</p> - -<p> -„Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich -denn durchaus beleidigen?“ -</p> - -<p> -Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere, -die in ihnen schlummerten: -</p> - -<p> -„Bin ich nicht euer Bruder?“ -</p> - -<p> -Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, -und oft noch zuckte er später bei der Erkenntnis zusammen, -daß das menschliche Herz doch nur wenig -menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel -Härte und Roheit selbst denen eigen wäre, die eine -feine und vornehme Erziehung genossen hätten, und -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für gütige -und ehrenwerte Menschen galten. -</p> - -<p> -Nirgends konnte man einen Beamten finden, der -seinen Pflichten mit gleichem Eifer oblag wie unser -Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit gleichem Eifer — -arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er -Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus -schöne, eine freundliche Welt. Man konnte von seinen -Zügen das Vergnügen, das ihm das Kopieren bereitete, -ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er mit -einer ganz besonderen Genugtuung malte — in der -wahren Bedeutung des Wortes; kam er an eine wichtige -Stelle, so wurde er ein ganz anderer: er lächelte, seine -Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich, — und -wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie -ersehen, welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte. -</p> - -<p> -Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte -er sich zu seinem eigenen Erstaunen vielleicht zum Range -eines Staatsrates erhoben gesehen. Aber, wie seine -witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem Knopfloche -nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze Beharrlichkeit -trug ihm nur Hämorrhoiden ein. -</p> - -<p> -Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines -Tages doch eine gewisse Aufmerksamkeit erregte. Ein -Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter Mann, der ihn -für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm -eine wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der -Kopierung der gewöhnlichen Akten bestand, und zwar -sollte er einen Bericht an irgend eine andere -Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -ändern und im ganzen Texte das Pronomen der ersten -Person durch das der dritten ersetzen. -</p> - -<p> -Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn -derartig, sie kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm -der Schweiß von der Stirn rann und er endlich ausrief: -</p> - -<p> -„Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!“ -</p> - -<p> -Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende -kopieren. -</p> - -<p> -Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts -auf der Welt für ihn existiere. An seinen Anzug dachte -er nie. Seine ursprünglich grüne Uniform hatte allmählich -eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen -war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich -kurz war, beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm -lang erschien, ähnlich wie bei jenen Gipskatzen mit beweglichen -Köpfen, die die fremden Hausierer in den -russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern -zu verkaufen. -</p> - -<p> -Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner -Kleidung haften geblieben war, — bald ein Faden, -bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz besondere -Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter -einem Fenster vorbeizugehen, wo man aus ihm einen -nichts weniger als reinlichen Gegenstand auf die Straße -warf, und nur selten war sein Hut nicht mit einer -Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals -fiel es ihm ein, sich mit dem, was auf den Straßen -vor sich ging und alltäglich vor sich geht, zu beschäftigen, -mit Dingen, die die kecken forschenden Blicke seiner jungen -Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren gewohnt, -wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Trottoir sofort alles Merkwürdige herauszufinden, -wenn etwa ein Sterblicher mit zerrissenen Beinkleidern -sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes Lächeln entlockte. -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden -und regelmäßigen Linien seiner Kopieen vor sich, und er -mußte schon plötzlich an die Schnauze eines Pferdes, -das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies, geraten, -um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult -befand, vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, -sondern mitten auf der Straße. Und kam er nach Hause, -so setzte er sich sofort zu Tisch, schlang hastig seine Kohlsuppe -hinunter und verzehrte dann unbekümmert um -das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch -mit Knoblauch — samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, -die Gott und der Zufall dazugetan hatten. Hatte -er seinen Magen gefüllt, dann stand er auf, holte ein -kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann pflichtgemäß -die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause -mitgenommen hatte. Hatte er zufällig gerade keine -dienstlichen Schriftstücke abzuschreiben, so kopierte er zu -seinem eigenen Vergnügen Dokumente, denen er eine -besondere Wichtigkeit beimaß — nicht wegen ihrer mehr -oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an -irgend eine hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren. -</p> - -<p> -Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs -von dem Schleier der Nacht verhüllt ist und der -ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen gastronomischen -Neigungen und dem Gewichte seiner Börse -eingenommen hat, — wenn alle Welt sich von dem -Kratzen der Federn im Bureau, von den Sorgen und -den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -die unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen, -zu erholen sucht, so ist es ganz natürlich, daß -die Beamten den Rest des Tages irgend einer persönlichen -Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins -Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich -damit, die Toiletten und Hüte zu betrachten, andere -wieder besuchen eine Soirée, wo sie an irgend ein -hübsches Mädchen — irgend einen Stern, der am bescheidenen -Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt, -einige zärtliche und tiefempfundene Worte richten. -Manche dagegen — und diese sind die zahlreichsten — -besuchen einen Kollegen, der im dritten oder vierten -Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer -Küche und einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, -das einen mühselig erbeuteten Luxusgegenstand, eine Lampe -oder irgend einen auf Grund langer Einschränkungen -gekauften Artikel birgt. -</p> - -<p> -Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die -eine oder die andere Weise seinem Müßiggange nachgeht: -hier spielt man eine Partie Whist, dort nimmt -man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht -aus einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die -Skandalgeschichten, die in der großen Welt passieren, -denn in welcher Situation sich der Russe immer befinden -mag, nie kann er seine Gedanken von seiner -offiziellen Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose -Anekdoten im Umlaufe sind, wie zum Beispiel die von -dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht wird, -irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild -Peters des Großen den Schweif abgeschnitten. -</p> - -<p> -Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -und des Amüsements blieb Akaki Akakiewitsch -seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen können, -daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in -Gesellschaft gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben -müde geworden war und nicht mehr weiter -konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden -des folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die -ihm der liebe Gott noch reserviert hatte. -</p> - -<p> -So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der -bei einem Einkommen von vierhundert Rubeln mit -seinem Schicksale vollkommen zufrieden war, und er -würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er -nicht einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, -wie er nicht nur Titularräte, sondern auch die -geheimen, die wirklichen Staatsräte, die Hofräte und -selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen, -treffen kann. -</p> - -<p> -In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur -über ein Einkommen von ungefähr vierhundert Rubeln -verfügen, einen furchtbaren Feind, und dieser gräßliche -Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl -man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit -sehr zuträglich. -</p> - -<p> -Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der -verschiedenen Ämter sich in ihr Bureau begeben, sticht -ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die Nase, daß -die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken -sollen. -</p> - -<p> -Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger -in Person so sehr unter der Kälte leiden, daß -ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in die Augen -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten -ergehen, die doch über gar keine Mittel verfügen, um -sich gegen die Unbilden der Kälte zu schützen. Da sie -sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen können, -so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder -sechs Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann -bei dem Portier halt zu machen, um hier so lange auf -den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre eingefrorenen -bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten. -</p> - -<p> -Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im -Rücken und in den Schultern einen stechenden Schmerz, -obwohl er in großer Eile und außer Atem die Entfernung -von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen -pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte, -gelangte er schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel -nicht mehr ganz intakt sein müsse. Kaum war er in -sein Zimmer eingetreten, als er dieses Kleidungsstück sorgfältig -untersuchte und hierbei feststellte, daß der einst so -kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den -reinsten Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden -war, daß er fast durchsichtig schien; außerdem war das -Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich wissen, daß -dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die Spöttereien -von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, -man hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels -entzogen, um ihn Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, -daß dieses Kleidungsstück ein äußerst merkwürdiges -Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen -immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu -Jahr hatte der arme Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten, -um mit ihm eine schadhafte Stelle des Mantels -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts weniger -als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt -aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als -Akaki Akakiewitsch seine traurigen Betrachtungen beendet -hatte, sagte er sich, daß er ohne Zaudern den Mantel -zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock eine -ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse. -</p> - -<p> -Petrowitsch war ein <a id="corr-95"></a>Individuum, das schielte, pockennarbig -war und im nüchternen Zustande der Ehre -teilhaftig wurde, für die Herren Beamten Röcke und -Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas -anders im Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten, -hier länger bei diesem Schneider zu verweilen; -aber da es der Brauch nun einmal so will, keine Persönlichkeit -in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie -man nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen, -meinen Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu -abzukonterfeien. Früher, als er noch bei seinem -Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori. -Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen -Petrowitsch anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, -zunächst nur an den hohen Feiertagen, dann jedoch an -allen Kirchenfesten, die im Kalender mit einem Kreuz -verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den Gewohnheiten -seiner Großväter treu, und wenn seine Frau -mit ihm zanken wollte, hieß er sie eine gottlose Person -und eine Deutsche. Und da wir diese Frau schon erwähnt -haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar Worte -sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten, -außer daß sie eben die Frau des Petrowitsch war, und -daß sie eine Haube auf dem Kopfe trug. Im übrigen -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen, höchstens -erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der -Straße begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen -Mund zu einem Lächeln zu verziehen und einen unbestimmten -Laut von sich zu geben. Akaki Akakiewitsch -kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. -Die Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig, -feucht und strömte, wie alle Proletarierwohnungen in -St. Petersburg, einen Nase und Augen beizenden Branntweingeruch -aus. -</p> - -<p> -Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen -hinaufkroch, überlegte er, welchen Preis Petrowitsch wohl -für die Reparatur fordern könnte, und er beschloß, ihm -unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten. -</p> - -<p> -Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den -Rauchwolken aus der Küche einen Ausgang zu verschaffen; -Petrowitschs Frau war gerade dabei, hier Fische zu braten. -Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die so -voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie -bevölkernden Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche, -ohne daß die Frau seiner ansichtig wurde und trat in die Stube -hinein, wo der Schneider auf einem großen, roh gezimmerten -und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein türkischer -Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der -meisten russischen Schneider mit nackten Füßen. -</p> - -<p> -Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem -ein Umstand die Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der -Nagel eines Daumens, der zwar ein wenig verstümmelt, -sonst aber hart und starr war wie die Schale einer Schildkröte. -Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden -und mehrere Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -Knieen lag ein zerfetzter Rock. Seit einigen Minuten -bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch ohne -Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf -den Faden. -</p> - -<p> -„Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!“ schrie -er. „Bald habe ich keine Kraft mehr, verdammtes Ding!“ -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen -Augenblick erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter -Laune war. Es wäre ihm lieber gewesen, Petrowitsch -in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in denen -der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder -— wie seine Frau sich auszudrücken pflegte — wo -dieser einäugige Teufel sich eine solide Ration Fusel -einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein -leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der -Schneider ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, -daß er sich ehrfürchtig vor ihm vorbeugte und ihn mit -Danksagungen überschüttete. -</p> - -<p> -Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen -Abmachungen, beklagte sich über ihren Mann, schrie und -tobte und erklärte, er sei betrunken gewesen und habe -die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise angenommen. -Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel -war abgeschlossen. -</p> - -<p> -Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch -bis zu diesem Momente noch nicht der Flasche -zugesprochen, und in dieser Gemütsverfassung war der -Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig, einen -schrecklich hohen Preis zu fordern. -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte -gern wieder Reißaus genommen; jedoch es war dazu -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -zu spät: das Auge des Schneiders, sein einziges Auge, -denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und -so stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch: -</p> - -<p> -„Guten Tag, Petrowitsch!“ -</p> - -<p> -„Guten Tag, Herr!“ antwortete der Schneider, dessen -Blick sich sofort auf die Hand des Titular-Rates heftete, -um zu erkennen, was für ein Objekt sie trug. -</p> - -<p> -„Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich -wollte ...“ -</p> - -<p> -Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame -Titular-Rat es sich zur Regel gemacht hatte, seine -Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte, Präpositionen, -Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn ergaben, -auszudrücken. -</p> - -<p> -War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, -von besonderer Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, -den angefangenen Satz zu Ende zu sprechen. Wenn -die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann -stotterte er nur ein paar Worte heraus: „Das ist doch -wirklich ganz ...“ und dann folgte überhaupt nichts -mehr. Bald hatte er selbst vergessen, was er eigentlich -sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt. -</p> - -<p> -„Was wünschen Sie, Herr?“ fragte Petrowitsch ihn, -indem er ihn mit seinem einzigen Auge vom Kopf bis -zu den Füßen musterte und seinen fragenden Blick über -Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die -gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut -kannte, da er selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt -hatte. Das ist nun mal die Eigentümlichkeit aller -Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie einem -Bekannten begegnen. -</p> - -<p> -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich: -</p> - -<p> -„Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... -sehen Sie das Tuch ... übrigens ... ich für meinen -Teil ... ich glaube, er ist noch ganz gut ... nur -ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein -wenig abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz -neu ... nur an einer Stelle ein wenig abgescheuert ... -da, am Rücken ... und hier an der Schulter ... -zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... -es ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar -nicht viel daran zu tun ...“ -</p> - -<p> -Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete -ihn auf dem Tische aus, betrachtete ihn schweigend und -schüttelte dann das Haupt. Dann streckte er den Arm -nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit dem Bilde -eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. -Ich weiß nicht, was das für ein General war, denn -die Stelle, wo sich das Gesicht befand, war mit dem -Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider flugs -einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt. -</p> - -<p> -Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen -hatte, nahm er die Kutte von neuem in die Hände, -hielt sie ans Licht und schüttelte zum zweitenmal den -Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an, -schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner -vor Zeiten mit dem Porträt eines Generals geschmückten -und mit einem Papierstreifen geflickten Tabakdose hoch, -entnahm ihr eine zweite Prise, machte die Dose zu, -steckte sie ein und schrie endlich: -</p> - -<p> -„Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern! -Das ist ja nur ein ganz elender Fetzen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs -Herz zusammen. -</p> - -<p> -„Weshalb nicht, Petrowitsch?“ fragte er in dem -weinerlichen Ton eines Kindes, „dieser Rock sollte nicht -mehr auszubessern sein? Aber so sehen Sie doch, Petrowitsch! -nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an -der Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um -sie aufzunähen.“ -</p> - -<p> -„Allerdings habe ich genug Flicken,“ versetzte Petrowitsch, -„aber wie soll ich sie denn darauf nähen? Das -Tuch ist abgescheuert und hält nirgends mehr stand.“ -</p> - -<p> -„Ach was! so werden Sie einfach einen größeren -Flicken nehmen!“ -</p> - -<p> -„Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der -wird ja doch nicht halten, der Flicken wäre auch zu -groß; das kann man doch kaum noch Tuch nennen, ein -Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!“ -</p> - -<p> -„Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... -Das geht doch nicht.“ -</p> - -<p> -„Nein!“ erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, -„da ist gar nichts mehr zu machen! Dieser Stoff hat -ausgedient. Es wäre besser, daraus für den Winter -Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr -als Strümpfe. Ja, ja, das ist auch so eine deutsche -Erfindung, um den Leuten Geld abzunehmen.“ -</p> - -<p> -Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne -den Deutschen eins auszuwischen. -</p> - -<p> -„Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,“ -fügte er hinzu. -</p> - -<p> -„Einen neuen Mantel?“ -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -Das Atelier des Schneiders fing an ihn zu umkreisen -und der einzige Gegenstand, den er deutlich zu erkennen -vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt des -Generals auf Petrowitschs Tabaksdose. -</p> - -<p> -„Einen neuen Mantel?“ murmelte er wie traumverloren. -„Aber ich habe doch kein Geld dazu.“ -</p> - -<p> -„Jawohl, einen neuen Mantel!“ wiederholte Petrowitsch -mit grausamer Beharrlichkeit. -</p> - -<p> -„Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, -ich faßte einen solchen Entschluß ... wieviel? ...“ -</p> - -<p> -„Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?“ -</p> - -<p> -„Ja.“ -</p> - -<p> -„So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden -Sie schon anwenden müssen,“ erwiderte der Schneider, -indem er die Lippen zusammenkniff. -</p> - -<p> -Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand -ein ganz besonderes Vergnügen darin, seine Kunden zu -verblüffen und dann mit seinem einzigen schielenden Auge -den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten. -</p> - -<p> -„Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?“ sagte -Akaki Akakiewitsch. -</p> - -<p> -Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem -Ton aus, der fast einem Schrei glich, vielleicht dem -ersten, den er seit seiner Geburt ausgestoßen hatte, denn -gewöhnlich sprach er ja mit großer Furchtsamkeit. -</p> - -<p> -„Ja,“ versetzte Petrowitsch, „ohne Marderkragen und -Seidenfutter für den Umhang; sonst würde er sich auf -zweihundert Rubel belaufen.“ -</p> - -<p> -„Petrowitsch, ich beschwöre Sie,“ unterbrach ihn -Akaki Akakiewitsch flehend, der auf den Schneider und -all seine Effekte gar nicht mehr hörte, ihn auch nicht -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -hören wollte; „ich beschwöre Sie, diesen Mantel irgendwie -auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!“ -</p> - -<p> -„Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze -Ausgabe, eine reine Verschwendung,“ versetzte -Petrowitsch. -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz -niedergeschmettert zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen -Lippen, mit sich selbst äußerst zufrieden -wegen der so mannhaften Verteidigung des gesamten -Schneiderstandes, stehen blieb. -</p> - -<p> -Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule -in den Straßen umher. -</p> - -<p> -„Welche Widerwärtigkeit!“ sprach er beim Gehen vor -sich hin. „Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß -das so ausgehen würde ... Nein,“ fuhr er nach einem -kurzen Schweigen fort, „ich konnte nicht annehmen, daß -es dazu kommen würde ...“ Dann schwieg er wieder -eine Weile still und sagte schließlich: „Ich befinde mich -augenblicklich in einer durchaus unerwarteten Situation ... -in einer solchen Verlegenheit, daß ...“ -</p> - -<p> -Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte, -schlug er, anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner -Wohnung völlig entgegengesetzte Richtung ein, jedoch -ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger -schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken. -Von einem im Bau befindlichen Hause herab fiel ihm -eine ganze Mütze mit Gips auf den Kopf; er jedoch sah -und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte -gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener -Hellebarde den Weg versperrte und ihm aus seiner Dose -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -Tabak auf die schwielige Hand schüttete, erwachte er -rauh aus seinen Träumen. -</p> - -<p> -„Was tust du hier?“ schrie ihn der brutale Hüter -der öffentlichen Ordnung an; „kannst du nicht, wie es -sich gehört, auf dem Trottoir gehen?“ -</p> - -<p> -Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich -völlig aus dem Zustande der Betäubung. Er sammelte -wieder seine Gedanken, überblickte kaltblütig die Situation -und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate wie mit einem -Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut. -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte er endlich, „heute werde ich nichts -bei Petrowitsch erreichen; heute ist er schlechter Laune ... -vielleicht hat ihn seine Frau geprügelt, — ich werde -ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen. Sonntag -Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er -stark schielen, Durst haben, trinken wollen und seine -Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich werde ihm ein -Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er -viel eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel -sprechen lassen.“ -</p> - -<p> -Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki -Akakiewitsch bis zum nächsten Sonntag. An diesem -Tage begab er sich, als er von ferne Petrowitschs Frau -ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und -fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster -Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war -ganz verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, -worum es sich handelte, als er Akaki Akakiewitsch -sofort anschnauzte, als sei der Teufel in ihn gefahren. -</p> - -<p> -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -„Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können -sich jetzt nur einen neuen Mantel kaufen.“ -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück -in die Hand. -</p> - -<p> -„Danke, Euer Gnaden,“ antwortete Petrowitsch, „ich -werde auf Ihre Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren -Mantel anbetrifft, so dürfen Sie gar nicht mehr an ihn -denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert. -Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen -einen prachtvollen neuen anfertigen — ich bürge Ihnen -dafür!“ -</p> - -<p> -Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das -andere Mal den Schneider, den alten zu reparieren, -aber Petrowitsch wollte ihn gar nicht mehr anhören und -sagte: „Ich will Ihnen schon einen neuen anfertigen ... -Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe -geben. Ja, ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, -silberne Haken und Ösen an dem Kragen anbringen.“ -</p> - -<p> -Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich -einen neuen Mantel werde anschaffen müssen, -und zum zweitenmal fühlte er sich einer Ohnmacht nahe. -Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit -ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu -sagen, zu den Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle -Gratifikation. Aber dafür hatte er schon längst eine -Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar Beinkleider -kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld -bezahlen, der ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und -zwei neue Schäfte aufgesetzt hatte. Er mußte sich bei -der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen -Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -nennen, gegen den literarischen Anstand verstößt, kurz -alles war schon im voraus bestimmt. Und sollte — -ein unerwartetes Glück! — der Direktor etwa die Gratifikation -von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre -schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der -unerhört hohen Summe, die Petrowitsch für den Mantel -gefordert hatte? Ein Tropfen Wasser im Ozean. -</p> - -<p> -Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit -hatte, mitunter ganz unglaubliche Preise zu verlangen, -sodaß sich seine Frau oft nicht enthalten konnte, ihn -mit folgenden Worten anzufahren: -</p> - -<p> -„Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für -ein reines Nichts, und ein andermal reitet dich der Teufel, -einen so unendlich hohen Preis zu fordern, den der -Kerl selbst nicht wert ist.“ -</p> - -<p> -Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem -Preise von achtzig Rubel für einen neuen Mantel einverstanden -sein würde. Aber wo sollte man selbst diese -achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm gelingen, -wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die -Hälfte oder sogar noch etwas mehr aufzutreiben. Woher -aber sollte er die andere Hälfte nehmen! -</p> - -<p> -Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki -Akakiewitsch zur Beschaffung dieser Summe anzuwenden -gedachte, Rechenschaft geben! -</p> - -<p> -Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er -einen Rubel erhielt, eine Kopeke in eine kleine Sparbüchse -zu werfen, die stets fest verschlossen war. Am -Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen -Kupferstücke heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von -gleichem Werte. Dieses Sparsystem hatte er schon -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen sich nach -Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr -als vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte -der in Betracht kommenden Summe. Aber die andere -Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig hernehmen? -Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich -sagte er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene -seiner Ausgaben reduzieren könne, des Abends -auf den Tee verzichten, keine Kerze anzünden und — -wenn er etwas zu arbeiten hätte — sich mit seinen -Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine -Arbeit bei ihrer Kerze zu vollenden. Er faßte auch den -Entschluß, auf der Straße möglichst sanft und vorsichtig -aufzutreten, ja wenn es ging auf den Zehenspitzen über -das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine -Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche -nicht so oft waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen -auszuziehen und statt dessen bloß seinen baumwollenen -Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes Stück, das -die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont hatte. -</p> - -<p> -Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, -aber nach und nach gewöhnte er sich an seine neue -Lebensweise und brachte es sogar soweit, sich, ohne Abendbrot -gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während -sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein -Geist in der unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem -Mantel neue Anregung. Von diesem Augenblicke an -hätte man sagen können, daß seine Natur das passende -Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß -noch ein anderer Mensch immer um ihn war, daß er -nicht mehr einsam war und daß ihm eine Gefährtin zur -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen begleitete; -diese Gefährtin — war das Bild seines Mantels, -wohl wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt -nicht umzubringen war. -</p> - -<p> -Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als -früher einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der -nur ein Ziel vor Augen hatte, das er auf jeden Fall erringen -will. Die Charakterlosigkeit und Ängstlichkeit in -seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine -lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden -und unsicheren Züge waren auf einmal verschwunden. -Mitunter glänzten seine Augen wie in neuem Leben, -und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die -Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz -gut einen Mantelkragen anbringen lassen könne. -</p> - -<p> -Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig -zerstreut. Eines Tages, als er wieder seine -Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm beinahe -ein Fehler untergelaufen wäre. -</p> - -<p> -„O, o!“ rief er aus. -</p> - -<p> -Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes. -</p> - -<p> -Mindestens einmal im Monat begab er sich zu -Petrowitsch, um sich mit ihm über den kostbaren Mantel -zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit ihm festzustellen, -zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, -wie teuer es wohl zu stehen kommen werde und welche -Farbe in Betracht käme. -</p> - -<p> -Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen; -aber jedesmal kehrte er zwar etwas besorgt aber doch -glücklich und zufrieden nach Hause zurück, denn nun -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles -besorgt, und der Mantel fix und fertig sein würde. -</p> - -<p> -Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft -hatte, ein. Der Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation -nicht von vierzig oder fünfzig, sondern von fünfundsechzig -Rubeln. Hatte etwa dieser brave Beamte -bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend -eines neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held -diese seltene Freigebigkeit nur seinem guten Sterne? -</p> - -<p> -Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde -um zwanzig Rubel reicher. Eine solche Vermehrung -seiner Ersparnisse mußte notwendig die Verwirklichung -seines Vorhabens beschleunigen. -</p> - -<p> -Noch zwei oder drei Monate, während deren er -hungerte, und Akaki Akakiewitsch hatte seine achtzig -Rubel beisammen. Sein gewöhnlich friedliches Herz -begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure -Summe von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er -Petrowitsch auf, und alle beide begaben sich noch am -selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler. -</p> - -<p> -Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. -Kein Wunder! Seit mehr denn einem Jahre hatten sie -sich über diese Anschaffung unterhalten, über alle Einzelheiten -hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten -sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste -studiert um sich über die Preise zu vergewissern. -Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen bessern Stoff -würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie -äußerst feste Leinewand, die nach der Meinung des -Schneiders besser als Seide war und überdies einen unvergleichlichen, -viel schöneren Glanz hatte. Marder -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie -entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in -dem ganzen Laden gab und das man schließlich wohl -auch für Marder halten konnte. -</p> - -<p> -Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch -voller vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose -Menge von Stichen, ohne die wäre er allerdings -früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit mit -zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles -war mit Seide gearbeitet, und der Schneider hatte die -Nähte mit den Zähnen, deren Spuren man noch sah, -gebügelt. Endlich kam er an, der so innig herbeigesehnte -Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu -beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in -dem Leben Akakij Akakiewitschs. -</p> - -<p> -Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am -frühen Morgen, bevor der Titular-Rat sich in sein Büro -begab. Er hätte garnicht zu gelegenerer Zeit kommen -können, denn die Kälte machte sich bereits bitter fühlbar, -und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden. -</p> - -<p> -Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen -Miene eines weltberühmten Schneiders. Seine -Physiognomie war von einem seltenen Ernst; niemals -hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem -Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller -Stolz den Abstand, der den Flickschneider von dem Künstler, -dem Verfertiger neuer Kleidungsstücke, scheidet. -</p> - -<p> -Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene -Leinewanddecke gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte -und dann wieder zusammenlegte, um sie seiner -Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz den Mantel mit -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf -die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, -strich ihm mit der Hand noch einmal über den Rücken, -und ein Lächeln der Genugtuung überlief seine Züge, als -er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch herabfallen -sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal -weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne -präsentieren. -</p> - -<p> -Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch -auch die Ärmel anprobieren; Petrowitsch half ihm -in die Ärmel hinein, und siehe da, sie saßen wundervoll. -Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen Einzelheiten, -und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig. -</p> - -<p> -Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte -er nicht, darauf hinzuweisen, daß er ihn nur wegen -der geringen Miete, weil er in einer kleinen Nebenstraße -wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen -brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft -mit Akakij Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann -bemerkte er noch, daß ein Schneider vom Newski Prospekt -allein für die Fasson eines gleichen Mantels mindestens -fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij -Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht -erst in eine Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich -vor den horrenden Summen, mit denen Petrowitsch zu -prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ seine Stube, -um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben. -</p> - -<p> -Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf -der Straße halt, um ihm so weit wie möglich mit den -Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße, durchquerte -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße -zurück, um den Mantel noch einmal von einer andern -Seite, d. h. von vorne zu betrachten. -</p> - -<p> -Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, -näherte sich Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick -fühlte er, daß von seinen Schultern ein neues -Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit -einem holden Lächeln der Genugtuung. -</p> - -<p> -Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: -zunächst, daß der Mantel warm war, sodann, daß er -gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er gegangen -war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die -Kanzlei, legte seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute -ihn sich noch einmal sorgfältig von allen Seiten an -und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel -zu achten. -</p> - -<p> -Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den -Bureaus verbreitet hatte, daß Akaki Akakiewitsch sich -einen neuen Mantel angeschafft, und die alte Kapuze zu -existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen -Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel -zu bewundern und den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen -zu überhäufen, daß er nicht umhin konnte, -ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten, -das bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz -machte. -</p> - -<p> -Aber wie groß war seine Überraschung, als seine -schrecklichen Kollegen ihn merken ließen, daß sein Mantel -einer feierlichen Einweihung bedürfe und daß sie auf ein -feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch -war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -was er zu seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend -stotterte er, das Kleidungsstück sei gar nicht so neu, -wie man glauben mochte, der Mantel wäre vielmehr -schon ganz alt. -</p> - -<p> -Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des -Bürovorstehers, der ohne Zweifel dartun wollte, daß er -so gar nicht stolz auf seinen Rang und Titel war und -daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht verschmähte, -nahm das Wort und sagte: -</p> - -<p> -„Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde -ich Sie bewirten. Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee -bei mir einzunehmen, ich habe heute gerade Geburtstag!“ -</p> - -<p> -Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte -und beeilten sich, seine Einladung mit großer Freude -anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst ablehnen, -man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von -ihm wäre, gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, -und so fügte er sich denn in das Notwendige. -</p> - -<p> -In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude -darüber, daß er auf diese Art Gelegenheit hatte, sich in -seinem Mantel auf der Straße zu zeigen. Dieser ganze -Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen Stimmung -trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus -und hängte ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff -und Futter geprüft hatte, an die Wand. Dann holte -er seine alte Kapuze herbei, um sie mit Petrowitschs -Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von -einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd -dachte er: „Welch ein Unterschied!“ Und noch lange -nachher, beim Mittagessen konnte er sich eines Lächelns -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer -Verfassung sein alter Mantel sich befand. -</p> - -<p> -Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, -und darnach setzte er sich nicht wie sonst an seine Kopieen. -Nein er streckte sich wie ein rechter Sybarit auf seinem -Sofa aus und erwartete das Herannahen des Abends. -Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging. -</p> - -<p> -Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die -Wohnung dieses Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen -so freigebig eingeladen hatte. Mein Gedächtnis -beginnt bereits etwas nachzulassen, und die Straßen und -Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine -derartige Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, -mich nur einigermaßen zurecht zu finden. Einzig und -allein daran erinnere ich mich, daß der würdige Beamte -in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß -infolgedessen seine Wohnung sehr weit von der Akakis -entfernt war. -</p> - -<p> -Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete -Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber -je mehr er sich der Wohnung seines Vorgesetzten näherte, -um so heller und belebter wurden die Straßen. Er begegnete -einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode -gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen -und Herren, die Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten -mit ihren Holzbänken und ihren mit goldenen Nägeln -geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle -Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, -die mit Bärenfellen versehene Schlitten aus -lackiertem Holz und prachtvolle Karossen lenkten, oder -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -er sah vornehme Equipagen mit eleganten Kutschböcken, -die knirschend über den Schnee dahinglitten. -</p> - -<p> -Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich -neues Schauspiel. Seit vielen Jahren war er nicht des -Abends ausgegangen. So recht neugierig blieb er vor -der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein Gemälde -zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das -Porträt einer Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte -und ihren kleinen entzückenden Fuß von einem jungen -Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, -der durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ. -</p> - -<p> -Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut -hatte, schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd -seinen Weg fort. Warum lächelte er wohl? Etwa -wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er sich -trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis -bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie -die meisten seiner Kollegen dachte: die Franzosen haben -mitunter etwas zu seltsame Einfälle; wenn sie einmal -so eine Sache machen wollen, dann ist es <a id="corr-100"></a>wirklich so -eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und -im übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines -andern zu versetzen und die Gedanken der Menschen zu -lesen. -</p> - -<p> -Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der -Gehilfe des Bureauchefs wohnte. Sein Vorgesetzter -lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe brannte -eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im -zweiten Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten -war, erblickte er eine lange Reihe Galoschen, dazwischen -dampfte und brodelte mitten im Zimmer ein Samowar, -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere -mit Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus -dem Zimmer nebenan drang ein wirres Geräusch, das -bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die Tür -öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem -Topf mit Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. -Die Gäste mußten bereits lange versammelt sein, -und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste Tasse -Tee geleert. -</p> - -<p> -Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken -und ging dann auf das hell erleuchtete Zimmer zu, -in dem sich seine mit langen Pfeifen ausgerüsteten -Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr -laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben. -</p> - -<p> -Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle -stehen, da er nicht wußte, was er tun sollte. Aber -seine Kollegen hatten ihn schon bemerkt, begrüßten ihn -mit großem Hallo und eilten sofort in das Vorzimmer, -um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm -raubte unserem braven Titular-Rat seine ganze Haltung. -Da er aber ein schlichter und treuherziger Mann war, -freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die Glückwünsche, -die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke -darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen -ihm nun die Freiheit wieder und gingen an ihre -Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung, -die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... -das alles verwirrte unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch -im höchsten Grade. Er wußte nicht, wo -er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen -sollte; schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -auf ihre Karten, bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit -fing er jedoch zu gähnen und sich zu langweilen an, denn er -empfand, daß die Stunde bereits längst verstrichen war, -um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte -sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man -ihm klarmachte, er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne -ein Glas Champagner zur Feier dieses denkwürdigen -Tages getrunken zu haben. -</p> - -<p> -Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, -das aus Heringsalat, kaltem Kalbsbraten, Kuchen, -Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu jedem -Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki -Akakiewitsch sah sich genötigt, zwei große Gläser von -diesem prickelnden Getränk zu leeren, und nach kurzer -Zeit bereits begann alles um ihn herum ein heiteres -Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß -Mitternacht vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen -war. -</p> - -<p> -In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, -schlich er sich insgeheim ins Vorzimmer, wo er den -Schmerz erlebte, seinen Mantel auf dem Boden erblicken -zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt, -entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und -ging die Treppe hinunter. -</p> - -<p> -Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen -von den Dienstboten und dem niederen Volke besuchten -Läden waren noch geöffnet; einige waren zwar schon -verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der -aus den Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die -Gäste noch nicht gegangen waren. Wahrscheinlich saßen -die Knechte und Mägde noch immer in lebhaftem -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener -Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen. -</p> - -<p> -Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch -den Weg nach seiner Wohnung ein. Er lief sogar, -ohne zu wissen warum, einer Dame nach, die wie -ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche -Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber -er besann sich bald wieder, blieb einen Augenblick stehen -und setzte dann seinen Weg langsam weiter fort, -höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das -er angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in -dunkele und unbelebte Gassen und plötzlich merkte er, -daß er sich in einer jener Straßen befand, die sich -des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe -auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und -schauerlicher. Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. -Die Laternen wurden immer seltener, da die -Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die Beleuchtung -dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, -Palisadenzäune — aber nirgends eine lebende Seele. -Bei dem fahlen Schein dieser Laternen glänzte der -Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen -Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig -da. Er gelangte an eine Stelle, wo die Straße -in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz -mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu -sehen waren. Es schien fast, als befände man sich in -einer weiten und trostlosen Wüste. -</p> - -<p> -In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein -Licht von einem Schilderhause her, das ihm am Ende -der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging -mit starkem Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine -drohende Gefahr. Der vor ihm liegende Raum erschien -ihm größer als der Ozean. -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte er, „ich will lieber garnicht hinsehen!“ -</p> - -<p> -Und er ging weiter, indem er die Augen beständig -zumachte. Als er sie öffnete, sah er sich plötzlich von -mehreren bärtigen Männern umgeben, deren Gesichter -er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel -vor den Augen, sein Herz krampfte sich zusammen. -</p> - -<p> -„Dieser Mantel gehört mir,“ schrie einer der Männer, -indem er Akaki Akakiewitsch an dem Kragen faßte. -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer -der Angreifer schloß ihm indessen mit seiner Faust, die -die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den Mund und -sagte zu ihm: -</p> - -<p> -„Laß dir’s nur nicht einfallen, zu schreien!“ Im -selben Augenblick fühlte der Titular-Rat, wie man ihm -seinen Mantel auszog, und fast gleichzeitig ließ ihn ein -Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er bewußtlos -liegen blieb. -</p> - -<p> -Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber -er vermochte niemand mehr zu erblicken. Seiner -Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er aus -Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum -bis zum anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer -sich lief er über den Platz und stürzte mit der letzten -Kraft der Verzweiflung auf das Schilderhäuschen zu, -wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig betrachtete -und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen -Lärm vollführe und wie ein Verrückter liefe. -</p> - -<p> -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte -er ihn mit bebender Stimme der Trunkenheit, -weil er nicht bemerkt hatte, daß man in nächster Nähe -von ihm die Passanten bestehle und ausplündere. -</p> - -<p> -„Ich habe nichts gesehen,“ erwiderte der Mann, „ich -sah Sie nur mitten auf dem Platze zusammen mit zwei -Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre Freunde. Es -ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen -den Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in -die Hand nehmen, nach den Dieben des Mantels forschen -lassen und eine Untersuchung einleiten.“ -</p> - -<p> -Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem -fürchterlichen Zustande zu Hause an: die wenigen Haare, -die er noch am Hinterkopf und an der Schläfe hatte, -hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und -Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin -ihn wie einen Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand -sie schnell auf und kam auf nackten, nur in Pantoffeln -steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete die Türe, indem -sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der -einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs -Anblick prallte sie entsetzt zurück. -</p> - -<p> -Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang -sie die Hände und rief: -</p> - -<p> -„Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor -wenden, sondern an den Bezirks-Kommissar. Der Inspektor -wird Sie mit schönen Worten abspeisen und doch -nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne -ich schon lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin, -dient jetzt bei ihm als Amme, und ich sehe sie -oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er geht jeden -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen -Leuten freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich -an, daß er ein braver Mann ist.“ -</p> - -<p> -Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich -Akaki traurig in sein Zimmer zurück. Wer sich nur -einigermaßen in die Situation eines andern hinein versetzen -kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte. -</p> - -<p> -Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. -Man bedeutete ihm, daß dieser hohe -Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er wieder. -Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der -Kommissar ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich -noch einmal um die Essenszeit ein, aber die Schreiber -wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten ihn, -was er wolle und warum er es denn so eilig habe, -ihren Chef zu sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben -machte Akaki Akakiewitsch einen Energieversuch. Er erklärte -kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf der -Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus -dem Departement, daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, -denn es handle sich um eine äußerst wichtige -Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand einfallen, -ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, -und dies könnte ihnen teuer zu stehen kommen. -</p> - -<p> -Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. -Einer der Schreiber ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. -Dieser gewährte nun Akaki Akakiewitsch eine -Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den Raub -seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. -Anstatt sich für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, -zu interessieren, fragte er den Titular-Rat, wie er denn -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher Stunde nach -Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen -Hause gewesen sei. -</p> - -<p> -Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat -keine Antwort und zog sich zurück, ohne genau zu -wissen, ob man sich überhaupt mit seiner Angelegenheit -beschäftigen würde oder nicht. -</p> - -<p> -Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau -gewesen: (ein unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am -folgenden Tage erschien er wieder, aber in welchem Zustand! -bleich, aufgeregt, mit seinem alten Mantel, der -nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine -Kollegen erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, -fanden sich noch immer einige Rohlinge, die aus vollem -Halse darüber lachen zu müssen glaubten; die Mehrzahl -indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und veranstaltete -zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise -hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig -ungenügendes Resultat, weil diese selben Beamten und -Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei Subskriptionen -beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt -ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich -um das Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres -Chefs soeben hatte erscheinen lassen. Das war der Grund, -weswegen nur eine ganz unbedeutende Summe zusammenkam. -</p> - -<p> -Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme -entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel -an Besserem einen guten Rat geben. Er sagte ihm, daß -es verlorene Mühe wäre, sich noch einmal an den Bezirkskommissar -zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob -seiner Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der -Tat glücken sollte, seinen Mantel aufzufinden, so würde -die Polizei dieses Kleidungsstück so lange in Verwahrung -behalten, bis sich der Titular-Rat nicht unumstößlich -sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels -legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine -gewisse, hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche -hochstehende Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen -zu den Behörden die Sache ohne große Schwierigkeit -erledigen könne. -</p> - -<p> -In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser -Ansicht Folge zu leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala -diese hohe Persönlichkeit eigentlich bekleidete, wie -hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte man nicht -sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese -<em>hohe Persönlichkeit</em> erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte -säße, bis dahin war sie nämlich eine ganz unbedeutende -Persönlichkeit gewesen. Allerdings gab es andre noch -höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich finden -sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, -die andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr -hohe und bedeutende Persönlichkeit ist. Genug, der in -Frage stehende Beamte setzte alle möglichen Hebel in -Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er -alle andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße -der Treppe auf ihn zu warten, bis er erschien, und -niemand konnte direkt zu ihm gelangen, sondern dies -alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. -Der Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär -das Audienzgesuch mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -oder einen noch höheren Beamten weitergab, und -dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit darüber -Bericht ab. -</p> - -<p> -Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in -unserem heiligen Rußland. Der Wunsch, es den hohen -Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die Manieren -seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer -Zeit ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus -beförderter Titular-Rat über einem seiner Zimmer die -Aufschrift „Beratungssaal“ anbringen. An der Tür standen -Diener mit roten Kragen und gestickten Röcken, um die -Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen -äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch -Platz bietenden „Saal“ hineinführten. -</p> - -<p> -Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu -unserem Beamten, zurück. Er hatte eine imponierende majestätische -Haltung, wenngleich sein Benehmen und seine Gewohnheiten -recht primitiv waren; sein System faßte sich in -einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge, -Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, -und beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade -zu tun hatte, bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf -verzichten können, soviel Energie zu entfalten, denn seine -zehn Untergebenen, die den ganzen Regierungsmechanismus -seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon ohnehin -genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten -sie eiligst ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um -bei seinem Vorübergang Spalier zu bilden. In seinen -Gesprächen mit seinen Untergebenen beobachtete er immer -eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende Worte: -</p> - -<p> -„Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -wem Sie sprechen? Vergessen Sie nicht, wen Sie vor -sich haben!“ -</p> - -<p> -Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig -und gefällig gegen seine Freunde. Nur sein -Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit dem -Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den -größten Teil seiner Zeit in einer Art Schwindel und -wußte kaum noch, wie er sich benehmen sollte, doch -wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen menschlich -und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger -und in mancher Beziehung sogar wie ein recht -gescheiter Mensch. Befand er sich jedoch mit einem -Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los — -dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, -und in dieser Situation war er wirklich zu bedauern, -um so mehr, als er selbst empfand, wie viel angenehmer -er seine Zeit hätte verbringen können. -</p> - -<p> -Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, -konnte es nicht entgehen, daß er vor Verlangen brannte, -sich in eine interessante Konversation zu mischen, aber -die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend zu erscheinen, -sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu -zeigen, hielt ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser -Art zu entziehen, beobachtete er eine außerordentliche -Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend ein -einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf -die Spitze getrieben, daß man ihn einen langweiligen -Peter nannte, und dieser Titel war wohl verdient. -</p> - -<p> -Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch -um Hilfe und Schutz angehen mußte. Der -Augenblick, den er wählte, um seine Absicht auszuführen, -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch, -dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals -zu schmeicheln. -</p> - -<p> -Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem -Arbeitszimmer und plauderte angeregt mit einem alten -Jugendfreunde, der vor kurzem angekommen war und -den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man -ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre -einer Audienz bei Seiner Exzellenz nachsuchte. -</p> - -<p> -„Wer ist das?“ fragte er kurz und sehr erstaunt. -</p> - -<p> -„Ein Beamter!“ -</p> - -<p> -„Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit, -ihn zu empfangen.“ -</p> - -<p> -Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte -sie daran, die gewünschte Audienz zu gewähren. Beide -Freunde hatten schon alles durchgesprochen. Schon -mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen -Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung -sie sich beide freundschaftlich auf die Knie klopften: -</p> - -<p> -„So geh, lieber Iwan Abramowitsch!“ -</p> - -<p> -„Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!“ -</p> - -<p> -Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich -empfangen, um seinen Freund seine ganze Bedeutung -empfinden zu lassen, dieser hatte nämlich den Dienst -quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher wollte -ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten -sich so lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es -ihm gefiele, sie zu empfangen. -</p> - -<p> -Endlich — nach mehreren Zwiegesprächen und einigen -neuen Pausen, währenddessen die beiden Freunde in -ihren bequemen Lehnsesseln liegend, den Rauch ihrer -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -Zigarren zur Decke sandten, schien sich der General-Direktor -plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um -eine Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär, -der mit verschiedenen Akten an der Tür stand, und sagte: -„Ich glaube es wartet da irgend ein Beamter auf mich. -Lassen Sie ihn herein!“ -</p> - -<p> -Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich -ihm mit untertäniger Miene in seiner alten Uniform -näherte, wandte er sich schroff zu ihm und fuhr ihn -in jenem strengen und rauhen Tone an, den er sich, wenn -er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert -hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen -Posten einnehmen und sich General nennen durfte. -</p> - -<p> -„Was wollen Sie?“ -</p> - -<p> -Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch -war wie niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. -Indes versuchte er es sich so gut er konnte verständlich -zu machen und zu erzählen, wie man ihn in unmenschlicher -Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht ohne -seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu -verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz -gewandt in der Hoffnung, daß er dank dieser hohen -und gütigen Protektion bei dem Polizei-Präsidenten oder -bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz seines -Kleidungsstückes gelangen könne. -</p> - -<p> -Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, -daß dies Benehmen viel zu familiär sei und herrschte -ihn daher kurz an: „Wie Herr! Sie wissen nicht, was -Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen -ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie -hätten eine Bittschrift einreichen sollen, die in die Hände -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -des Bureauchefs und aus ihnen in die des Abteilungsvorstandes -gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär -überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.“ -</p> - -<p> -„Gestatten Sie mir,“ unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch -mit großer Anstrengung, um den kargen Rest von -Geistesgegenwart, der ihm geblieben war, zusammenzunehmen. -Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken -und Erregung schwitzte. „Gestatten Sie mir, Eure -Exzellenz, Ihnen zu bemerken, daß, wenn ich mir die -Freiheit genommen habe, Sie mit dieser Angelegenheit -zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute, -von denen man nichts zu erwarten hat.“ -</p> - -<p> -„Wie? Was? Wahrhaftig!“ schrie ihn der General-Direktor -an. „Sie wagen es, hier eine solche Sprache -zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen Ansichten gelangt? -Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge -Leute derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!“ -</p> - -<p> -In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor -garnicht, daß der Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten -hatte und daß die Bezeichnung: junger Mann -nur noch relativ auf ihn angewendet werden konnte: im -Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich! -</p> - -<p> -„Wissen Sie auch,“ fuhr die hohe Persönlichkeit fort, -„mit wem Sie sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem -Sie stehen? Erinnern Sie sich daran! Ich sage: erinnern -Sie sich daran!“ -</p> - -<p> -Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen, -und seine Stimme nahm eine solche Schärfe, einen so -furchterregenden Umfang an, daß auch ein anderer erschrocken -zusammengefahren wäre. -</p> - -<p> -Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -sich kaum aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen -des Bureaudieners unfehlbar zu Boden gesunken. -Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn -fast ohnmächtig hinaus. -</p> - -<p> -Der General-Direktor war über die Wirkung seiner -Worte ganz erstaunt; sie überstieg seine Erwartung, und -voller Genugtuung darüber, daß sein herrischer Ton auf -einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß -dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf -er einen flüchtigen Blick auf seinen Freund, um zu -sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte. Wie -grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, -als er sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß -und ihn mit einem gewissen Schrecken ansah, einen -tiefen Eindruck feststellte! -</p> - -<p> -Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte -und wie er die Straßen durchwanderte, darüber hätte er -selbst niemals Rechenschaft geben können; denn er war -mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben war er -noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von -einem so strengen General-Direktor, so heftig gescholten -worden. -</p> - -<p> -In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, -wanderte er mit offenem Munde dahin, ohne dieses abscheuliche -Wetter überhaupt zu bemerken, und ohne auf dem -Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der -Wind, der nach Petersburger Sitte aus allen vier -Himmelsrichtungen blies, verursachte ihm eine Halsentzündung. -Nach Hause zurückgekehrt, war er außerstande, -ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war -geschwollen, und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -Bett. So groß ist mitunter die Wirkung einer gründlichen -Moralpauke! -</p> - -<p> -Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der -großmütigen Hilfe des St. Petersburger Klimas machte -seine Krankheit in kurzer Zeit beunruhigende Fortschritte. -Als der Arzt sich einstellte, war all seine Kunst bereits -nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte -nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein -Rezept, um ihn doch nicht ohne die Segnungen der -medizinischen Wissenschaft sterben zu lassen, und erklärte, -daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte. -</p> - -<p> -Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: -„Sie haben keine Zeit mehr zu verlieren; lassen Sie -ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz machen, -denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl -zu teuer.“ -</p> - -<p> -Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen -Worte? Waren sie es, die eine so erschütternde Wirkung -auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz leise über sein -trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können, -redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen -jagten unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald -sah er sich Petrowitsch gegenüber, den er beauftragte, -ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah er Fußangeln -für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett -zu entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner -Decke verkrochen, und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. -Bald fragte er, warum die alte Kapuze noch -an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel -habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der -ihn wieder mit Vorwürfen überhäufte, so daß er seine -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -Exzellenz um Gnade bat. Bald verwirrte er sich in so -seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß die erschreckte -alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem -Leben hatte sie derartige Dinge von ihm gehört, und die -zornigen Worte des Kranken ließen sie um so mehr außer -sich geraten, als der Titel einer Exzellenz jeden Augenblick -wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose -Sätze ohne Zusammenhang, die sich aber immer um -denselben Punkt drehten: um den Mantel. -</p> - -<p> -Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen -letzten Seufzer aus. Man legte weder auf sein Zimmer -noch auf seinen Schrank Siegel — und zwar aus dem -einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur -ein Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, -drei Paar Strümpfe, einige Hosenknöpfe und -seinen alten Mantel hinterließ. Wem fielen diese -Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser -dieser Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen -hat, sich genauer darüber zu informieren. -</p> - -<p> -Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt -und nach dem Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. -Die große Stadt Petersburg fuhr in ihrem gewöhnlichen -Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals -existiert hätte. -</p> - -<p> -So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder -einen Beschützer, noch einen Freund gehabt, das nie -jemand ein wahrhaft herzliches Interesse eingeflößt, das -nicht einmal die Neugier der sonst doch so forschungswütigen -Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch sonst nicht -verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer mikroskopischen -Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -einziges Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung -und den Spott seiner Kollegen ertragen. Ohne daß es je -ein außerordentliches Erlebnis gehabt hätte, war es -seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm -am Ende seiner Tage ein Lichtblick in Form eines -Mantels sein elendes Dasein belebt hatte, mußte das -Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch die -Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! .... -</p> - -<p> -Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef -durch einen Boten mitteilen, daß er sich sofort auf seinen -Posten zu begeben habe. Der Bureaudiener kam jedoch -mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat nicht -mehr kommen könne. -</p> - -<p> -„Und weshalb nicht?“ fragten die Beamten. -</p> - -<p> -„Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben -worden ist!“ -</p> - -<p> -So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod. -</p> - -<p> -Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer -Beamter ein, der viel robuster und gröber war und -der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren der Akten -die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine -viel schrägere Schrift hatte. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs -Geschichte hier endigen, und als hätten wir nichts mehr -über ihn mitzuteilen. Allein der bescheidene Titular-Rat -war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen -Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung -für sein bescheidenes von niemandem beachtetes Dasein, -und unsere Erzählung nimmt hier ganz unerwarteter -Weise eine recht phantastische Wendung. -</p> - -<p> -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das -Gerücht, daß in der Nähe der Katharinenbrücke Nacht -für Nacht ein Gespenst in der Uniform eines Kanzleibeamten -erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und -allen Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel -oder Rang zu kümmern, ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, -Bären-, Biberfell gefütterten Mäntel, kurz alle solche, -die die Menschen erfunden haben, um ihr eigenes Fell -gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger -Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen -und in ihm sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, -tödlich erschrocken, so schnell er konnte, davongelaufen, und -so war es ihm gelungen, zu entkommen, aber — obwohl -er schon fern war — hatte er es doch mit der Faust drohen -sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die -Schultern von Räten, — nicht nur von Titular-Räten, — -sondern auch von Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren -Raubes ihrer schönen warmen Kleidung den -heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren. -</p> - -<p> -Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln, -um dieses Gespenst — tot oder lebend — zu ergreifen -und an ihm eine exemplarische Strafe zu vollziehen; und -das wäre ihr auch beinahe gelungen. -</p> - -<p> -Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse -das Glück, das Gespenst gerade in dem Momente -am Kragen zu packen, wo es einem alten Musiker, der -vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel fortnehmen -wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe -und vertraute ihnen den Gefangenen an, während sie mit der -Hand in ihren Stiefel langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, -und ihre schon zum sechsten Male erfrorene Nase wieder -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von -solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen -konnte. Kaum hatte der Posten seinem linken Nasenloche -einige Körnchen anvertraut, während er das rechte -zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen begann, -daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel -ihre Augen verhüllte. Während sie sich die Lider rieben, -verschwand das Gespenst spurlos, so daß sie nicht -recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren Händen -gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen -eine so große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht -einmal einen lebendigen Menschen mehr zu verhaften -wagten und sich darauf beschränkten, ihm von ferne -zuzurufen: -</p> - -<p> -„Geht weiter! Geht weiter!“ -</p> - -<p> -Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke -umzugehen, und verbreitete in dem ganzen Viertel -einen gewaltigen Schrecken unter allen ängstlichen Leuten. -</p> - -<p> -Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, -der ursprünglichen Veranlassung unserer phantastischen, -aber durchaus wahren Geschichte, zurück. Der Wahrheit -gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe Persönlichkeit, -bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht -behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie -Mitleid mit ihm empfand. Ein gewisses Gefühl der -Teilnahme war dem Herzen des hohen Herrn durchaus nicht -fremd; er selbst hatte manch edle Regung, — sein einziger -Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes -auf seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen -war, hatte er sich aufs teilnahmsvollste mit -diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat beschäftigt, den er -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich krümmend -unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht -hatte. Diese Vision beunruhigte ihn derartig, daß er -eines Tages einem seiner Beamten den Auftrag gab, -sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten -und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne. -</p> - -<p> -Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß -der arme kleine Beamte kurz nach der Audienz einem -plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen war, empfand -der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte -den ganzen Tag in der düstersten Stimmung. -</p> - -<p> -Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen -Eindrücke zu verjagen, begab er sich des Abends -zu einem Freunde, bei dem er eine angenehme Gesellschaft -antraf, und — was die Hauptsache war — lauter Personen -von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren -brauchte. -</p> - -<p> -Und wirklich sah er sich auch bald all seiner -melancholischen Gedanken enthoben, er wurde wieder -lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in liebenswürdigster -Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen -wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend. -</p> - -<p> -Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, -bekanntlich das beste Mittel, um seine Heiterkeit wieder -zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses schäumenden -Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er -beschloß daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, -sondern eine seiner Freundinnen, ich glaube es war -eine deutsche Dame, namens Karoline Iwanowna, aufzusuchen, -zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt. -</p> - -<p> -Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -keineswegs mehr jung war, ja, daß man sie -überall als tadellosen Gatten und guten Familienvater -rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in -einem Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges -Töchterchen mit einer zwar hakenförmigen aber doch -ganz reizenden Nase, kamen allmorgentlich in sein Zimmer, -um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den Worten: -<span class="antiqua">Bonjour, papa</span> guten Morgen zu sagen. -</p> - -<p> -Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende -Erscheinung, bot ihm zuerst die Hand zum -Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie nach -innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich -sich die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit -äußerst wohl fühlte und durch die Zärtlichkeiten -der Familienmitglieder vollauf befriedigt schien, glaubte -sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten -spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin -seine Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger -als diese; aber so sind die Rätsel des Lebens, und wir -sind ja nicht befugt, sie hier lösen zu wollen. -</p> - -<p> -Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, -bestieg ihren Schlitten und sagte zu dem Kutscher: -</p> - -<p> -„Zu Karoline Iwanowna!“ -</p> - -<p> -Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt, -befand er sich in der angenehmsten Stimmung, die sich -ein Russe nur wünschen mag, einer Stimmung, wo -man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in -einem Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die -einen immer wohltuender sind als die anderen, und wo man -sich garnicht die Mühe zu nehmen braucht, nach ihnen -zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die glücklichen -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft -verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, -die den kleinen Kreis zu lautem Lachen gereizt und die -er halblaut kichernd wiederholte. Hierbei fand er, daß -sie noch genau so komisch waren wie damals, als -er sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte -sich daher nicht im mindesten darüber, daß er so herzhaft -hatte lachen müssen. -</p> - -<p> -Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der -ihn plötzlich ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze -Schneehaufen ins Gesicht schleuderte, in seinen Betrachtungen. -Der Nord pfiff durch seinen Mantel, blähte -ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die -Ohren und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, -um sich wieder aus ihm herauszuwinden. -</p> - -<p> -Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle -Hand sie am Kragen packte. Sie wandte sich um -und bemerkte einen kleinen, mit einer alten Uniform bekleideten -Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki Akakiewitschs -Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und -abgezehrt wie die eines Toten. -</p> - -<p> -Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit, -als sie bemerkte, daß sich der Mund des -Toten in krampfhaften Zuckungen verzog, den Direktor -mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte -ausbrach: -</p> - -<p> -„Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich -am Kragen packen. Ich will meinen Mantel. Du -hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in Nöten -war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. — -Nun sollst du mir deinen Mantel geben!“ -</p> - -<p> -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. -In seinem Bureau vor seinen Untergebenen fehlte es -ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er brauchte -nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief -jeder, der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und -sein imponierendes <a id="corr-104"></a>Äußeres warf: „Welch ein Charakter!“ -</p> - -<p> -Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten -offenbarte sich sein Heldentum nur in seiner äußeren -Erscheinung, und in diesem Augenblick war er so erschrocken, -daß er sogar um seine Gesundheit fürchten -mußte. -</p> - -<p> -Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel -aus und rief seinem Kutscher zu: -</p> - -<p> -„Schnell nach Hause! Schnell!“ -</p> - -<p> -Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das -in solchen Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten -und energischen Klang hatte und meist von -noch viel bestimmteren und energischeren Taten begleitet -zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang -seine Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. -In weniger als sechs Minuten hielt der Schlitten -vor dem Hause der hohen Persönlichkeit. Bleich, erschrocken -und ohne Mantel stieg er aus und begab sich -sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna -zu fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. -Er verbrachte eine so schreckliche Nacht, daß seine Tochter -am andern Morgen während des Tees entsetzt ausrief: -</p> - -<p> -„Du bist ja heute so bleich, Papa!“ -</p> - -<p> -Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, -noch von dem, wo er gewesen war, und was er am -Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte dieses -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem -Tage an fragte er seine Untergebenen nicht mehr in -seiner bisherigen schroffen Art: -</p> - -<p> -„Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor -Ihnen steht?“ -</p> - -<p> -Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, -in herrischem Tone mit ihnen zu sprechen, so hörte er -doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch an. -</p> - -<p> -Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich -das Gespenst nicht mehr. Augenscheinlich hatte es überhaupt -keine andere Absicht gehabt, als sich den Mantel -des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte -man von nun an nichts mehr davon, daß den Leuten -ihre Mäntel geraubt wurden. Allerdings gab es noch -einige ängstliche und übereifrige Personen, die sich durchaus -nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich -das Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren -Stadtvierteln zeige ... Und in der Tat, ein -Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen gesehen -haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der -Posten war jedoch von Natur ein wenig schwächlich — -hatte doch sogar ein gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel, -das aus einem Privathause ausgebrochen war, ihn zur -größten Freude und Erheiterung der herumstehenden -Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. -Dafür ließ er sich freilich nachher von jedem einen -Groschen für Tabak geben, um sie zu strafen, weil sie -sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er also ein -solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst -zu verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm -in der Dunkelheit nachzuschleichen. Da aber drehte sich -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -das Gespenst plötzlich um und schrie ihn an: „Was -willst du?“ wobei es ihm eine so schreckliche Faust -zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so -leicht zu sehen bekommt. -</p> - -<p> -„Nichts,“ antwortete der Wachtposten und nahm -eiligst Reißaus. -</p> - -<p> -Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer -als der des Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. -Er schien mit mächtigen Schritten der Obuhoffbrücke -zuzueilen und verschwand gleich darauf in der -dunklen Nacht. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-3-2"> -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -Die Nase -</h3> - -<h4 class="no" id="subchap-3-2-1"> -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -I. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> 25. März trug sich in St. Petersburg ein -außerordentliches Ereignis zu. -</p> - -<p> -Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier -Iwan Jakowlewitsch, dessen Familienname von dem -Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung eines an -Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift: -„Hier wird auch zur Ader gelassen!“ erkennen konnte, -geschwunden war. Dieser Barbier Iwan Jakowlewitsch -wachte also ziemlich frühzeitig auf und atmete den -Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im -Bette etwas empor und sah, wie seine Frau, eine äußerst -respektable Dame und leidenschaftliche Liebhaberin des -Kaffees, einige frischgebackene Brote aus dem Ofen -hervorholte. -</p> - -<p> -„Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich -keinen Kaffee trinken,“ sagte Iwan Jakowlewitsch; „ich -habe mehr Appetit auf Brot mit Zwiebeln.“ -</p> - -<p> -Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch -hätte gar zu gern von beidem gekostet; doch war er von -vornherein von der Unmöglichkeit einer derartigen -Schwelgerei völlig durchdrungen, denn Praskowia -Ossipowna ließ solche Launen nicht zu. -</p> - -<p> -„Iß meinetwegen Brot, Schafskopf,“ dachte die Frau -bei sich; „für mich wird dann um so mehr Kaffee übrig -bleiben ...“ und sie warf ein Brot auf den Tisch. -</p> - -<p> -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgründen -einen Leibrock über sein Hemd, nahm — nachdem er -am Tische Platz genommen hatte — etwas Salz, stutzte -zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an, -das Brot höchst bedächtig zu zerteilen. Er schnitt -es in zwei Hälften, schaute sich die eine Fläche an und -bemerkte zu seiner größten Verwunderung etwas Weißliches. -Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit dem -Messer daran herum und befühlte es mit dem Daumen. -„Das Ding ist ja ganz hart!“ sagte er zu sich; „was mag -denn das nur sein?“ -</p> - -<p> -Er schälte es mit den Fingern heraus und fand — -eine Nase! Iwan Jakowlewitsch ließ seine Arme sinken; -dann begann er sich seine Augen zu reiben und befühlte -es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war eine -Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren -Bildung er wiederzuerkennen glaubte. -</p> - -<p> -Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zügen: -aber dieses Entsetzen war harmlos im Vergleich mit -der Empörung, die sich seiner Gattin bemächtigte. -</p> - -<p> -„Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh?“ -fing sie wutentbrannt zu schreien an. „Du Dieb, du Trunkenbold! -Ich werde dich selbst der Polizei denunzieren! Was -für ein Lumpenkerl! Schon drei Herren haben mir gesagt, -du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen, -daß du sie beinahe abreißt!“ -</p> - -<p> -Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend, -hatte er doch soeben festgestellt, daß diese Nase keine -andere war als die des Kollegien-Assessors Kowalew, den -er Mittwochs und Sonntags zu rasieren pflegte. -</p> - -<p> -„Schweig doch, Praskowia Ossipowna,“ sagte er, „ich -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -werde sie in ein Stück Leinewand einschlagen und sie -in irgend eine Ecke verstecken, wo sie einige Tage -liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.“ -</p> - -<p> -„Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. -Ich soll zugeben, daß du eine abgeschnittene Nase im -Zimmer versteckst? Du gerösteter Zwieback du! Er kann -nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fähig, sein -Geschäft schnell und solid auszuführen! Herumstreicher, -Strauchdieb! Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen -Scherereien mit der Polizei zuziehen? Ach, du -bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg -damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst. -Ich will nichts davon wissen!“ -</p> - -<p> -Iwan Jakowlewitsch war völlig zerschmettert. Er überlegte -und überlegte ... und wußte im Grunde garnicht was. -</p> - -<p> -„Der Teufel soll wissen, wie das nur möglich ist!“ -sagte er endlich, indem er sich mit der Hand über die Ohren -fuhr. „Bin ich gestern betrunken nach Hause gekommen -oder nicht? Allerdings kann ich das nicht mit Gewißheit -sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier -um einen ganz außergewöhnlichen Vorgang; denn das -Brot — das Brot wird doch gebacken, während eine -Nase ... Weiß Gott, ich verstehe das nie und nimmer!“ -</p> - -<p> -Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, -ein Polizist könnte diese Nase bei ihm entdecken und ihn -zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in eine vollkommene -Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als sähe er -einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen -Degen vor sich ... und er zitterte am ganzen Körper. -Endlich zog er seine Beinkleider und Stiefel an, wickelte -die Nase schnell unter den peinlichsten Ermahnungen -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -seiner Frau in ein Stück Leinewand und verließ seine -Wohnung. -</p> - -<p> -Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem -Brunnen, unter einer Schwelle niederzulegen oder sie wie -absichtslos fallen zu lassen, und dann in eine andere -Straße einzubiegen. -</p> - -<p> -Aber unglücklicherweise lief er einem Bekannten in -die Arme, der ihn sofort zu fragen anfing: -</p> - -<p> -„Wo gehst du denn hin?“ oder: „Wen willst du -denn schon so frühzeitig rasieren?“ sodaß Iwan Jakowlewitsch -durchaus keinen günstigen Moment für sein Vorhaben -erwischen konnte. In der Folge glückte es ihm -zwar einmal, die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann -machte ihm schon von weitem mit der Hellebarde -ein Zeichen und rief ihm zu: „Heb’s doch auf! Du -hast da etwas fallen lassen!“ Und Iwan Jakowlewitsch -ward so genötigt, die Nase aufzuheben und in -seine Tasche zu stecken. Verzweiflung überfiel ihn, und -zwar um so heftiger, je mehr sich die Straße bevölkerte -und je mehr Läden und Wirtshäuser geöffnet wurden. -</p> - -<p> -Er entschloß sich, auf die Isaaksbrücke zu gehen. -Vielleicht würde er dort ein Mittel finden, die Nase -unbemerkt in die Newa zu werfen! ... -</p> - -<p> -Aber ich habe einen Fehler begangen, daß ich dem -Leser bis jetzt noch nichts über Iwan Jakowlewitsch, -eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte Persönlichkeit, -berichtet habe. -</p> - -<p> -Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker, -der etwas auf sich hält, ein furchtbarer Trunkenbold, -und obgleich er täglich die Bärte anderer Leute rasierte, -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -rasierte er doch niemals seinen eigenen. Sein Frack — -denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Überrock — -war bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen -und grauen Flecken übersät; der Kragen -glänzte schon ein wenig, und anstelle von drei Knöpfen sah -man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfäden. -</p> - -<p> -Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein -Zyniker; wenn der Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner -Gewohnheit, während er rasiert wurde, zu ihm sagte: -</p> - -<p> -„Deine Hände stinken immer, Iwan Jakowlewitsch!“ -so antwortete er gelassen: -</p> - -<p> -„Warum sollen sie denn stinken?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, Brüderchen, aber sie stinken!“ versetzte -hierauf der Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan -Jakowlewitsch nahm dann erst eine Prise und seifte -hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie -hinter den Ohren und unter dem Kinne ein — mit einem -Worte, er seifte ihn ein, wo es ihm Vergnügen machte. -</p> - -<p> -Dieser ehrenwerte Bürger war nun endlich auf der -Isaaksbrücke angekommen. Zunächst warf er einen -spähenden Blick auf die Umgebung, beugte sich über -das Geländer, wie wenn er die vielen Fische im Wasser -beobachten wollte, und warf dann das Päckchen mit -der Nase ganz behutsam hinab. -</p> - -<p> -Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem -Male zehn Pud<a class="fnote" href="#footnote-10" id="fnote-10">[10]</a> vom Herzen. Ja, er lächelte sogar. -</p> - -<p> -Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell -seine Beamten zu rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein -Schild mit der Inschrift „Tee und Lebensmittel“ trug, -und bestellte dort ein Glas Punsch. Plötzlich bemerkte -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -er jedoch ganz in der Nähe am Ende der Brücke, den Bezirkskommissar, -einen Mann von vornehmem Äußeren, mit -breitem Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch -wurde vor Entsetzen starr wie ein Eisklumpen. Der -Kommissar winkte ihm mit der Hand und sagte zu ihm: -</p> - -<p> -„Komm doch mal näher, mein Lieber!“ -</p> - -<p> -Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebräuchlichen -Höflichkeitsformen sehr wohl kannte, schon von weitem -die Mütze, sprang herbei und sagte: -</p> - -<p> -„Ich wünsche Ew. Wohlgeboren einen schönen guten -Morgen!“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, Brüderchen, laß nur das ‚Ew. Wohlgeboren‘ -aus dem Spiel! — Sag mir lieber, was hattest -du da auf der Brücke zu tun?“ -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege -zu meinen Kunden, die ich rasieren soll, und schaute -hinab, ob die Strömung sehr stark ist!“ -</p> - -<p> -„Du lügst! Du schwindelst! So kommst du mit -nicht davon! Willst du mir jetzt wohl Rede stehen?“ -</p> - -<p> -„Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal -wöchentlich ohne jede Bezahlung zu rasieren!“ versetzte -Iwan Jakowlewitsch. -</p> - -<p> -„Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich -rasieren bereits drei Barbiere und rechnen sich diese -Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte dich, mir zu sagen, -was du dort gemacht hast!“ -</p> - -<p> -Iwan Jakowlewitsch erblaßte ... -</p> - -<p> -Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdring<a id="corr-106"></a>liches Dunkel -unsere Geschichte ein, und über die folgenden Geschehnisse -weiß man absolut nichts zu berichten. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-2-2"> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -II. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Kollegien-Assessor<a class="fnote" href="#footnote-11" id="fnote-11">[11]</a> Kowalew erwachte eines -Morgens besonders früh und bewegte seine Lippen, -um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie -es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß -er hierfür einen Grund hätte angeben können. Er reckte -sich erst tüchtig und suchte dann nach einem kleinen -Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein -Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner -Nase aufgesprungen war. Aber zu seinem größten Erstaunen -befand sich anstelle seiner Nase in seinem Gesicht eine durchaus -ebene und glatte <a id="corr-107"></a>Fläche! Voller Schrecken ließ Kowalew -sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit dem -Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! -Er befühlte die Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, -um festzustellen, ob er vielleicht noch schliefe; aber nein, -er schien tatsächlich nicht zu schlafen. Der Kollegien-Assessor -Kowalew sprang aus seinem Bett, schüttelte und -rüttelte sich, — doch die Nase war und blieb verschwunden! -Er ließ sich sofort seine Kleider bringen -und stürzte schleunigst zu dem Polizeivorstand. -</p> - -<p> -Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -über Kowalew zu sagen, damit der Leser ermessen kann, -um welche Art von Kollegien-Assessor es sich bei unserem -Freunde Kowalew handelt. -</p> - -<p> -Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die -diesen Rang ihren Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, -die ihn während ihrer Dienstzeit im Kaukasus -erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit wissenschaftlicher -Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, -denn Rußland ist ein so seltsames Land, daß all -seine Kollegien-Assessoren von Riga bis Kamtschatka sich -getroffen fühlen, wenn auch nur von einem dieser -Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle -Ämter und alle Grade. -</p> - -<p> -Kowalew war ein <em>kaukasischer</em> Kollegien-Assessor. Seit -zwei Jahren erst bekleidete er diesen Rang, und es gab -kaum einen Moment, in dem er sich nicht an seine -Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und -Gewicht zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen -Kollegien-Assessor vor, sondern stets als Major. „Hör doch, -mein Täubchen,“ sagte er gewöhnlich, so oft er auf der -Straße eine alte Frau traf, die Leinewand feilbot, „geh doch -zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der Sadovaja<a class="fnote" href="#footnote-12" id="fnote-12">[12]</a> -und frage nur: ‚Wohnt hier der Major Kowalew?‘ -Jedermann wird dir gern Auskunft erteilen.“ Oder begegnete -er einer artigen Schönen, so flüsterte er ihr -ganz leise zu: „Du brauchst nur nach der Wohnung -des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!“ Aus -diesem Grunde wollen auch wir ihn von nun an stets -den „Major“ nennen. -</p> - -<p> -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang -auf dem Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen -war stets peinlich sauber und frisch gestärkt. Sein -Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei -Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und -Militär-Ärzten, d. h. fast bei allen Leuten trifft, die runde -Backen und rote Wangen haben und gut „Boston“ spielen. -Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der Wangen -bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an -der Uhrkette eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, -die mit einem Wappen oder auch mit der -Inschrift „Mittwoch“, „Donnerstag“, „Montag“ usw. -versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn -dazu veranlaßt, nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus -dem Grunde, weil er eine seinem Range angemessene -Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er Glück hatte, -die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines -schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. -Der Major Kowalew war einer Ehe durchaus -nicht abgeneigt, doch mußte seine Auserkorene über eine -Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln -verfügen. Und nun mag sich der Leser in die -Empfindungen dieses Majors versetzen, als er anstelle -seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase nur -eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte. -</p> - -<p> -Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger -Kutscher auf der Straße; so war er also genötigt, zu -Fuß zu gehen — in seinen Mantel eingehüllt und das -Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn -er gerade Nasenbluten hätte. -</p> - -<p> -„Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -mir; es ist doch unmöglich, daß mir meine Nase so ohne -weiteres aus dem Gesicht geschwunden ist,“ dachte er. -</p> - -<p> -Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort -einen Blick in den Spiegel zu werfen. Zum Glück für -ihn befand sich weiter niemand im Lokal, außer einigen -Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle zurecht -rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken -heiße Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und -Stühlen lagen kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage. -</p> - -<p> -„Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,“ -sagte er; „nun kann ich meine Untersuchung beginnen!“ -</p> - -<p> -Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein. -</p> - -<p> -„Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen -ist,“ schrie er, indem er empört ausspie; „wenn sich -wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas anderes -befände! Aber nichts, absolut gar nichts!“ -</p> - -<p> -Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen -hatte, verließ er das Lokal und beschloß, wider -seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen und -keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden. -</p> - -<p> -Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines -Hauses stehen. Seine Augen wurden von einer unerklärlichen -Erscheinung angezogen: ein Wagen hielt dicht -neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm -entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe -hinaufeilte. Wie groß war Kowalews Entsetzen, wie -groß war sein Erstaunen, als er in ihm seine eigene -Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen -Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles -um ihn herumdrehe, und nur mit Mühe vermochte er sich -aufrecht zu halten. Aber trotzdem beschloß er, obwohl er am -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker, zu warten, -bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen -Wagen zu steigen. -</p> - -<p> -Nach Ablauf zweier Minuten erschien die „Nase“ -tatsächlich. Sie trug eine goldgestickte Uniform mit hohem -steifen Kragen, Beinkleider aus Semischleder, und an der -Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes konnte -man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte. -Der Anzug des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche -abstattete. Er schaute sich nach links und nach rechts -um, rief dem Kutscher ein „Vorwärts!“ zu und rollte -davon. -</p> - -<p> -Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn -nahe. Er wußte nicht, was er von einem so überraschenden -Ereignis halten sollte. Wie war es denn auch -nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend -in seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren -konnte, jetzt eine Uniform trug! Er stürzte hinter dem -Wagen her, der glücklicherweise nicht sehr weit fuhr und -vor dem Gostini Dwor<a class="fnote" href="#footnote-13" id="fnote-13">[13]</a> halt machte. -</p> - -<p> -Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen -einer Reihe alter Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern -und zwei großen Öffnungen statt der Augen hindurch, -über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. Sonst -trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand -sich in einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen -Entschluß fassen konnte und lediglich in allen Winkeln und -Ecken nach dem Herrn Ausschau hielt; endlich sah er ihn -vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr Gesicht -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter -Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren. -</p> - -<p> -„Soll ich ihn anreden?“ dachte Kowalew. „Aus seiner -ganzen Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz -geht klar und deutlich hervor, daß es ein Staatsrat -ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anstellen soll! ...“ -</p> - -<p> -Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates -zu husten; aber die Nase verließ auch nicht für -eine Minute ihren Standpunkt. -</p> - -<p> -„Mein Herr!“ sagte Kowalew, der sich innerlich -Mut zuzusprechen versuchte, „mein Herr! ...“ -</p> - -<p> -„Was wünschen Sie?“ fragte die Nase, indem sie -sich umwandte. -</p> - -<p> -„Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, -daß ... Sie sollten doch wissen, wohin Sie gehören. -Und plötzlich finde ich Sie, und noch dazu ... hier? ... -Sie müssen doch zugeben ...“ -</p> - -<p> -„Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon -Sie sprechen. Erklären Sie sich deutlicher!“ -</p> - -<p> -„Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?“ -dachte Kowalew. Und sich ein Herz fassend begann er: -</p> - -<p> -„Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe -zurzeit keine Nase. Sie müssen zugeben, das schickt -sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der Woskressenski-Brücke -geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde -nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch -was mich anbetrifft, der ich die Ehre habe, Beamter -zu sein und der ich außerdem Beziehungen zu vielen -Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum -Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates -ist, und noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -Ich weiß nicht, mein Herr“ — und hierbei zuckte der Major -Kowalew mit den Achseln — „entschuldigen Sie tausendmal -... aber wenn man die Sache vom Standpunkt -der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können -selbst begreifen ...“ -</p> - -<p> -„Ich begreife absolut nichts,“ erwiderte die Nase. -„Erklären Sie sich deutlicher.“ -</p> - -<p> -„Mein Herr,“ versetzte Kowalew mit Würde, „ich -weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll. Hier -handelt es sich doch, wie mich dünkt, um einen durchaus -klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz -und gut, Sie sind doch meine eigene Nase!“ -</p> - -<p> -Die Nase blickte den Major an, und runzelte die -Stirne. -</p> - -<p> -„Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus -selbständig. Außerdem können zwischen uns nicht die geringsten -Beziehungen existieren. Nach den Knöpfen Ihrer -Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern Ressort -dienen.“ -</p> - -<p> -Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den -Rücken. -</p> - -<p> -Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, -was er tun, ja nicht einmal was er sich denken sollte. -In diesem Augenblick ertönte das angenehme Rascheln -eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit -Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet -von einem jungen Mädchen, deren weißes Kleid ihre -harmonische Figur aufs vorteilhafteste zur Geltung -brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide -Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit -mächtigem Bart und einem ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -begleitet. Er blieb hinter den Damen stehen -und öffnete seine Tabaksdose. -</p> - -<p> -Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen -seines Batisthemdes zurecht, brachte sein an einer goldenen -Kette hängendes Petschaft in Ordnung und wandte seine -ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die sich leicht -wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße -Hand mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. -Das Lächeln auf Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, -als er unter dem Hut ein rundes Kinn von blendender -<a id="corr-109"></a>Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in -ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich. -</p> - -<p> -Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel -gestochen zurück. -</p> - -<p> -Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase -mehr hatte; und heiße Tränen entströmten seinen Augen. -</p> - -<p> -Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn -laut und deutlich zu sagen, daß er nur die Larve eines -Staatsrates trüge, daß er ein Lump, ein Spitzbube -wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne -Nase ... Aber die Nase war verschwunden; sie hatte -den günstigen Augenblick benutzt und sich entfernt, -höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch abzustatten. -</p> - -<p> -Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. -Er blieb noch eine Minute unter dem Säulengang -stehen und schaute sich gespannt nach allen Seiten um, -ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er erinnerte -sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt -und die Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte -nicht auf den Mantel geachtet, auch nicht auf die Farbe -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -des Wagens noch auf die der Pferde; er wußte nicht -einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was -für eine Livree er trug. Überdies waren eine solche -Anzahl von Fahrzeugen aller Art im Trab durch die -Straßen gefahren, daß es schwer war, sie voneinander -zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte herausgefunden, -wie hätte er ihm Halt gebieten sollen? -</p> - -<p> -Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem -Newski-Prospekt wimmelte es von Menschen. Ein üppiger -Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von der -Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein -Hofrat, ein Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders -aber vor fremden Leuten, „Oberstleutnant“ -zu titulieren pflegte. <em>Dort</em> sah er seinen Busenfreund -Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen -ließ, und <em>dort</em> einen andern Major, der gleich -ihm seinen Grad im Kaukasus erlangt hatte, und der -ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge doch -zu ihm herüberkommen. -</p> - -<p> -„Der Teufel soll ihn holen!“ sagte Kowalew. „Kutscher! -bring mich doch auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.“ -</p> - -<p> -Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher -jeden Augenblick zu: „Fahr zu, so schnell du kannst!“ -</p> - -<p> -„Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?“ fragte er sofort -beim Eintritt in das Vestibül. -</p> - -<p> -„Nein,“ antwortete der Portier; „er ist soeben weggegangen.“ -</p> - -<p> -„Das ist ja wundervoll!“ -</p> - -<p> -„Gewiß,“ fügte der Portier hinzu, „erst vor ganz -kurzer Zeit ist er fortgegangen. Wären Sie nur eine -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -Minute früher gekommen, Sie hätten ihn sicher noch -getroffen.“ -</p> - -<p> -Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte -Kowalew wieder in den Wagen zurück und rief dem -Kutscher mit verzweifelter Stimme zu: -</p> - -<p> -„Fahr weiter!“ -</p> - -<p> -„Wohin?“ fragte der Kutscher. -</p> - -<p> -„Geradeaus!“ -</p> - -<p> -„Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer -Straßenecke: also rechts oder links?“ -</p> - -<p> -Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von -neuem zum Nachdenken. In seiner Lage wäre es vor allem -angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium zu gehen, nicht -weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort gehörte, -sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung -als sonst wo rechnen konnte. Sich an das Ressort -zu wenden, in dem die Nase angestellt war, wäre -sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den eigenen -Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für -diesen Mann nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er -sich denn nicht mittels einer Lüge aus einer solchen -Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen, als er -behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. -Kowalew wollte dem Kutscher gerade den Befehl geben, -er solle ihn zum Polizei-Präsidium fahren, als ihm der -Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei -ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den -günstigen Augenblick benutzen und die Stadt verlassen -könnte; — und dann wären alle Nachforschungen überflüssig -gewesen, oder sie konnten sich, was Gott verhüten -mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -gab ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. -Er beschloß, direkt nach der Expedition der Amtszeitung -zu fahren und dort sofort eine Annonce mit der genauen -Angabe seines Signalements einrücken zu lassen, -damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen -oder ihm doch wenigstens die Wohnung dieses Räubers -mitteilen konnten. -</p> - -<p> -Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl -er dem Kutscher, nach der betreffenden Expedition -zu fahren, bearbeitete während der ganzen Fahrt -unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen -Fäusten und schrie: -</p> - -<p> -„Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!“ -</p> - -<p> -„Aber, Herr!“ antwortete nur immer kopfschüttelnd -der Kutscher und schlug mit dem Zügel über den Rücken -des Pferdes, das so behaart war wie ein Bologneserhund. -</p> - -<p> -Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz -atemlos in ein kleines Empfangszimmer, wo ein alter -Beamter in einem schäbigen Frack und mit einer Brille -hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den -Zähnen hielt und Kupfergeld zählte. -</p> - -<p> -„Wer nimmt hier Annoncen an?“ schrie Kowalew; -„doch ich bitte um Verzeihung, guten Morgen vor -allen Dingen!“ -</p> - -<p> -„Guten Morgen!“ sagte der alte Beamte und blickte -einen Moment empor, um seine Aufmerksamkeit sofort -wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden. -</p> - -<p> -„Ich möchte ein Inserat aufgeben ...“ -</p> - -<p> -„Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu -wollen,“ fuhr der Beamte fort, indem er mit der -Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und mit einem -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln -verschob. -</p> - -<p> -Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, -dem man seine lange Dienstzeit in aristokratischen -Häusern anmerkte, stand mit einem Zettel vor dem Tisch -und hielt es für angebracht, auf seine gesellschaftliche -Bildung hinzuweisen. -</p> - -<p> -„Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser -kleine Hund keine acht Groschen wert ist; ich für meine -Person würde nicht acht Pfennig für ihn geben. Aber -die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn -in der Tat an, — deshalb verspricht sie seinem -Ueberbringer hundert Rubel. In aller Höflichkeit sei’s gesagt, -aber unter uns: die Geschmacksrichtungen der Leute -sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal -Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen -einen Windhund oder einen Pudel; dafür kann man -ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel anwenden, -aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen -Hund.“ -</p> - -<p> -Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen -mit einer sehr bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen -ruhig die Buchstaben des Zettels, den der Diener -mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine Menge -alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls -mit Zetteln in der Hand angesammelt. -</p> - -<p> -Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, -der sich sehr gut geführt hatte, von seinem Besitzer aus -dem Dienst entlassen worden war, aus einem andern, -daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris -bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -neunzehnjähriges Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig -noch andere Arbeiten verrichten konnte, eine Stellung. -Dort wollte jemand eine Droschke ohne Federn verkaufen, -oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten -Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen -Rüben- und Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem -Zubehör (zwei Pferdeställen, nebst einem Platz, wo man -einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald anpflanzen -konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte -Sohlen zu verkaufen hätten, und luden täglich von -8 bis 3 Uhr zu deren Besichtigung ein. -</p> - -<p> -Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, -war klein, und infolgedessen war die Luft in ihm -äußerst dumpf; allein der Kollegien-Assessor Kowalew -merkte nichts davon, denn sein Gesicht war mit -einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich -Gott weiß wo — -</p> - -<p> -„Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es -sehr eilig ...“ sagte er endlich ungeduldig. -</p> - -<p> -„Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig -Kopeken! ... Nur noch eine Minute! ... Ein Rubel -vierundsechzig Kopeken!“ sagte der alte Herr, indem er den -alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf. -</p> - -<p> -„Was wünschen Sie?“ sagte er endlich, indem -er sich an Kowalew wandte. -</p> - -<p> -„Ich bitte Sie,“ sagte Kowalew ... „es handelt -sich um eine schier unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem -Augenblick weiß ich noch nicht, wie sie bloß passieren -konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu wollen, -daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, -eine gute Belohnung erhalten soll.“ -</p> - -<p> -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -„Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?“ -</p> - -<p> -„Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz -unmöglich, ihn zu nennen. Ich habe aber gute Beziehungen, -zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der Gattin -eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna -Podtotschina, die einen höheren Offizier zum Mann hat. -Wenn sie es erführen ... Gott behüte! Sie können -ganz einfach schreiben: ‚Ein Kollegien-Assessor‘ oder noch -besser: ‚Ein Major‘.“ -</p> - -<p> -„Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?“ -</p> - -<p> -„Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große -Gemeinheit! Nein, mir ist ... die Nase ausgerückt! ...“ -</p> - -<p> -„Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! -Und um welche Summe hat Sie Herr Nase bestohlen?“ -</p> - -<p> -„Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine -Nase, meine eigene Nase ist es, die verschwunden -ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir einen -Streich spielen wollen!“ -</p> - -<p> -„Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich -verstehe absolut nichts von alledem!“ -</p> - -<p> -„Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. -Aber das wichtigste bei dieser Angelegenheit ist die Tatsache, -daß sie jetzt in der Stadt herumspaziert und sich -Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte ich -Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen -sollte, sie ohne Verzug zu mir bringen möge. Sagen -Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne diesen Körperteil, -der doch unbedingt zu meiner Person gehört, existieren? -Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... -wenn man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen -ja garnicht bemerken. Aber ich gehe doch jeden Donnerstag -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -zu Frau Staatsrat Tschechtarewa; Frau Pelagia Grigoriewna -Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers und -Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute Bekannte -von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen -Familien Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, -ob ich so herumlaufen kann ... Es ist mir doch augenblicklich -ganz unmöglich, mich irgendwo zu zeigen.“ -</p> - -<p> -Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die -Lippen zusammenkniff. -</p> - -<p> -„Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!“ -sagte er endlich nach längerem Stillschweigen. -</p> - -<p> -„Wie? — Weshalb nicht?“ -</p> - -<p> -„Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren -könnte. Wenn jemand schreibt, daß ihm seine Nase abhanden -gekommen ist, dann ... Auch ohne dies wird -schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten -und Lügen gedruckt werden!“ -</p> - -<p> -„Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, -wie mir scheint, ganz klar und ....“ -</p> - -<p> -„Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns -vorige Woche passiert ist. Es erscheint ein Beamter, -ganz wie Sie heute, und bringt uns ein Inserat, das -ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem -Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels -angekündigt. Sie werden einwenden: ‚Ich kann keine -Ähnlichkeit mit meinem Fall entdecken!‘ Aber es stellte -sich bald heraus, daß das lediglich eine Mystifikation -gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines -Geschäftes gemeint.“ -</p> - -<p> -„Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -sondern nach meiner eigenen Nase; hören Sie: das ist -doch fast so, als ob ich nach mir selbst suchte!“ -</p> - -<p> -„Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!“ -</p> - -<p> -„Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden -ist?“ -</p> - -<p> -„Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den -Arzt etwas an; ich habe gehört, daß einige von ihnen -eine große Geschicklichkeit in der Herstellung künstlicher -Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung, daß -Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft -gern einen Scherz erlauben!“ -</p> - -<p> -„Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! -Gestatten Sie, wenn es nicht anders geht, daß ich es -Ihnen demonstriere!“ -</p> - -<p> -„Warum diese Aufregung?“ fuhr der Beamte fort, -indem er eine Prise nahm. „Aber schließlich ..., wenn -es Sie weiter nicht inkommodiert,“ fügte er neugierig -hinzu, „ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!“ -</p> - -<p> -Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem -Gesichte fort. -</p> - -<p> -„In der Tat, das ist äußerst sonderbar!“ sagte der -Beamte. „Die Stelle ist ja ganz eben wie ein frischgebackener -Eierkuchen. Ja, sie ist glatt, — es ist schier -unglaublich!“ -</p> - -<p> -„Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen -Sie wohl selbst, daß Sie mein Inserat unmöglich nicht -aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür zu ganz -besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh -darüber, daß diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft -hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -Der Major <a id="corr-114"></a>ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer -Schmeichelei herab. -</p> - -<p> -„Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich -keine Schwierigkeit,“ sagte der Beamte; „nur sehe ich -darin keinen Vorteil für Sie. Sie sollten sich an irgend -einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren Fall als -Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in -der „Biene des Nordens“ — hierbei nahm er eine -Prise — „zur Belehrung der Jugend“ — hierbei schneuzte -er sich — „oder noch besser zur allgemeinen Unterhaltung -veröffentlichen könnte.“ -</p> - -<p> -Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. -Er warf einen Blick auf das Feuilleton des Zeitungsblattes -und auf die Theaternotizen; ein Lächeln huschte -über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen -Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die -Tasche, um einen blauen Zettel hervorzuholen — denn -nach seiner Meinung mußten die höheren Offiziere -mindestens im Parkett sitzen —; aber der Gedanke an -seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen. -</p> - -<p> -Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit -Kowalew, der sich in einer höchst peinlichen Situation -befand. Von dem Wunsche beseelt, seinen Kummer ein -wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen -Worten seine Teilnahme auszusprechen: -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein -solches Mißgeschick widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht -eine Prise Tabak? Das vertreibt die Kopfschmerzen -und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein -unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -Tabaksdose, indem er den Deckel, der mit dem Porträt -einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr geschickter -Weise wegschob. -</p> - -<p> -Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew -um den Rest seiner Geduld. -</p> - -<p> -„Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen -können!“ sagte er zornig. „Sehen Sie denn nicht, daß -mir augenblicklich gerade der Körperteil fehlt, der zum -Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist? Der -Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt -garnicht mehr sehen, selbst dann nicht, wenn es kein -stinkender Beresinski, sondern echter Rapé wäre.“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau -und begab sich aufs Polizei-Kommissariat. -</p> - -<p> -Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen -Beamten an, der gerade gähnte, sich streckte und laut -zu sich selbst sprach: „Ich würde jetzt mit großem Vergnügen -noch ein paar Stündchen schlafen.“ -</p> - -<p> -Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors -nichts weniger als gelegen kam. -</p> - -<p> -Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von -allen möglichen Kunstgegenständen; doch zog er einen -mit dem kaiserlichen Wappen geschmückten Schein allen -andern Dingen vor. -</p> - -<p> -„Das ist ein Stück,“ sagte er oft, „wie es nirgends -ein besseres gibt: es braucht keine Nahrung, nimmt wenig -Platz ein, läßt sich bequem in die Tasche stecken und -zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.“ -</p> - -<p> -Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung -fallen, daß die Stunde nach dem Mittagessen -nicht der geeignete Moment zur Erledigung amtlicher -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst -darauf hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe -zu pflegen, wenn man gegessen habe — woraus der -Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die Gepflogenheiten -der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht -ganz unbekannt waren —, und daß ein ordentlicher Mann -seine Nase nicht verliere. -</p> - -<p> -Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste. -</p> - -<p> -Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine -äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, -was man über ihn sagte, doch niemals vergab er -einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende -Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken -alle üblen Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere -durchgehen ließ, aber niemals ein Wort, das sich gegen -die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des Kommissars -brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er -kopfschüttelnd und im Bewußtsein seiner Würde die -Hände erhob und erklärte: -</p> - -<p> -„Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende -Äußerungen nichts zu erwidern habe.“ -</p> - -<p> -Und damit ging er. -</p> - -<p> -Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären -seine Beine abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und -seine Behausung erschien ihm nach allen diesen fruchtlosen -Nachforschungen sehr traurig und sehr schmutzig. Beim -Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten -schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem -Rücken lag, sich damit unterhielt, an die Zimmerdecke -zu spucken, und hierbei mit großer Geschicklichkeit -stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche Gleichgültigkeit -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm -mit seinem Hut auf die Stirn und schrie ihn an: -</p> - -<p> -„Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!“ -</p> - -<p> -Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte -schleunigst herbei, um ihm seinen Mantel abzunehmen. -</p> - -<p> -Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf -sich in einen Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte: -</p> - -<p> -„Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches -Unglück verdient? Hätte ich eine Hand oder einen Fuß -verloren — das wäre noch nicht so schlimm; aber ein -Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel -was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der -das Bürgerrecht verloren hat, das ist ganz einfach ein -Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen -möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder -im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens -selbst verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, -ohne jede Veranlassung zu verduften! Nein, nein ... -das ist ja ganz unmöglich!“ — fügte er nach kurzem -Nachdenken hinzu —, „es ist ganz unglaublich, daß eine -Nase so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu -unwahrscheinlich. Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde -es mir nur ein. Vielleicht habe ich aus Versehen statt -eines Glases Wasser den Branntwein ausgetrunken, mit -dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe. -Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen -haben, und so habe ich ihn gewiß ganz -ahnungslos heruntergegossen.“ -</p> - -<p> -Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff -sich der Major so heftig ins Fleisch, daß er einen lauten -Schrei ausstieß. Dieser Schmerz überzeugte ihn endgültig -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -davon, daß er am Leben war und vernünftig handelte. -Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit -den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die -Nase könne doch vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber -er trat sogleich wieder einen Schritt zurück und murmelte: -</p> - -<p> -„Die reinste Karikatur!“ -</p> - -<p> -Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm -noch ein Knopf verschwunden, ein silberner Löffel, eine -Uhr oder etwas dergleichen! — aber eine Nase ... und -noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem -eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die -verschiedenen Umstände an sich vorüberziehen und kam -schließlich zu dem Resultat, daß noch am ehesten Frau -Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an -seinem Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig -zum Schwiegersohne begehrte. Es machte ihm Spaß, -ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging er einer -deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame -ihm nun offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter -zur Frau geben würde, lehnte er diese Ehre unter vielen -Komplimenten mit der Begründung ab, er wäre noch -zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um -die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen. -</p> - -<p> -Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus -diesem Grunde beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, -und zu diesem Behufe einige alte Hexen gegen -ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, daß -ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten -sein sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. -Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn noch -am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -sowie auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz -heil und gesund gewesen. Daran erinnerte er sich ganz -deutlich. Außerdem hätte er doch irgend einen Schmerz -empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell -geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden. -</p> - -<p> -Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, -er wollte die Frau Podtotschina beim Gericht verklagen -oder sich wenigstens persönlich zu ihr begeben und sie -zur Rechenschaft ziehen. -</p> - -<p> -Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen -Lichtschimmer gestört, der durch die Türritzen drang und -ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer eine Kerze -angezündet hatte. -</p> - -<p> -Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in -der Hand haltend, und bald war das Zimmer hell erleuchtet. -Kowalews erste Bewegung war es, sein Taschentuch -zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der -sich noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit -der dumme Lakai nicht das Maul aufzureißen brauchte, -wenn er seinen Herrn so sonderbar entstellt sah. -</p> - -<p> -Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, -denn eine unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer -vernehmen und fragte: -</p> - -<p> -„Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?“ -</p> - -<p> -„Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major -Kowalew,“ sagte dieser, indem er eiligst die Tür öffnete. -</p> - -<p> -Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, -mit einem nicht all zu hellen, noch all zu dunklen -Backenbart und runden Wangen, derselbe, den wir beim -Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke -getroffen haben, trat ein. -</p> - -<p> -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -„Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?“ -</p> - -<p> -„In der Tat!“ -</p> - -<p> -„Sie ist soeben gefunden worden.“ -</p> - -<p> -„Was sagen Sie da?“ schrie der Major Kowalew. -Die Freude machte ihn sprachlos. -</p> - -<p> -Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, -wobei seine Lippen und Wangen von dem flackernden -Kerzenlicht erhellt wurden. -</p> - -<p> -„Auf welche Weise?“ fragte er endlich. -</p> - -<p> -„Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade -im Moment ihrer Abreise verhaftet. Sie hatte schon -einen Platz im Wagen eingenommen, um nach Riga zu -fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. -Und das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für -einen Herrn gehalten habe; aber ich setzte glücklicherweise -meine Brille auf und erkannte sogleich, daß es eine -Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich kurzsichtig -bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich -wohl, daß Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide -weder Nase, noch Bart, noch sonst etwas. Meine -Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch -nicht mehr als ich.“ -</p> - -<p> -Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen. -</p> - -<p> -„Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.“ -</p> - -<p> -„Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie -sie sehr nötig haben, habe ich sie gleich mitgebracht. -Das Merkwürdigste ist, daß der Hauptschuldige an dieser -ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus der -Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam -sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, -daß er ein Trunkenbold und Dieb ist; erst vor drei Tagen -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -hat er in einem Laden eine Schachtel mit Knöpfen entwendet. -Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche -und holte die Nase hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt -war. -</p> - -<p> -„Ja, das ist sie!“ schrie Kowalew. „Das ist sie -und keine andere! Trinken Sie vielleicht eine Tasse -Tee mit mir?“ -</p> - -<p> -„Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, -aber das ist mir leider unmöglich. Ich muß -mich von hier aus sofort in ein Konfektionshaus begeben -... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel -entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, -die Mutter meiner Frau, und meine Kinder warten zu -Hause auf mich ... Mein Ältester berechtigt zu den -schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht intelligenter -Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine -geeignete Erziehung zu geben ...“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen -hatte, befand sich dieser einige Minuten in einer -unbeschreiblichen Geistesverfassung; einen Moment lang -konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche -Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er -die wieder gefundene Nase vorsichtig zwischen seine beiden -Hände und schaute sie noch einmal mit großer Aufmerksamkeit -an. -</p> - -<p> -„Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!“ sagte -er. „Hier auf der linken Seite ist auch das Pickelchen -von gestern ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen. -</p> - -<p> -Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; -bald läßt die Freude nach und, während Sekunde auf -Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell einer peinigenden -Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten -Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das -Fallen eines Steines im Wasser erzeugt, allmählich in -der glatten Oberfläche zerrinnt. -</p> - -<p> -Kowalew begann, das Vorgefallene zu <a id="corr-115"></a>überdenken, -und begriff, daß sein Abenteuer noch nicht zu Ende war. -Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt mußte man sie -vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen -und befestigen. -</p> - -<p> -„Wenn sie nun nicht halten wird?“ -</p> - -<p> -Bei diesem Gedanken erbleichte der Major. -</p> - -<p> -Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er -an den Tisch und ergriff den Spiegel, um sich die Nase -nur nicht schief anzusetzen. Seine Hände zitterten. Mit -großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie wieder -an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die -Nase hielt nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, -erwärmte sie mit seinem Atem und brachte sie von -neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen beiden -Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten! -</p> - -<p> -„So sitz doch, du Rindvieh!“ sagte Kowalew zu ihr. -</p> - -<p> -Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel -mit einem recht sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork -auf den Tisch. Kowalews ganzes Gesicht zuckte konvulsivisch -zusammen. -</p> - -<p> -„Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht -haften bleiben sollte?“ sagte er voller Schrecken. -</p> - -<p> -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die -sie gehörte, — aber auch dieses Mal ohne Erfolg. -</p> - -<p> -Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte -zu gehen, der eine der schönsten Wohnungen im ersten -Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt war ein -Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über -ein Paar herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle -urgesunde Frau. Schon am frühen Morgen pflegte -er frische Äpfel zu essen. Als besondere Eigentümlichkeit -wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen, -die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er -spülte ihn nach dem Aufstehen fast dreiviertel Stunden -lang und putzte sich stets die Zähne mit fünf verschiedenen -Bürstchen. -</p> - -<p> -Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten. -</p> - -<p> -Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel -Zeit verstrichen war, seit Kowalew den Verlust bemerkt -hatte, faßte er den Major am Kinn und gab ihm mit -dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase -befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der -Major mit dem Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich -heftig an die Mauer schlug. Der Arzt meinte, das -mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf -von der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links -zu neigen, befühlte ihn und ließ dann ein gedehntes -„Hm“ vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch einen -Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr -wie ein Pferd, dessen Zähne man untersucht. -</p> - -<p> -Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf -und sagte: -</p> - -<p> -„Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -die Geschichte auf sich beruhen, sonst könnte es noch -schlimmer werden. Gewiß kann man die Nase wieder -befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das -unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die -Versicherung, daß es dann noch schlimmer werden kann.“ -</p> - -<p> -„Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne -Nase existieren?“ sagte Kowalew. „Schlimmer als jetzt -kann es ja garnicht werden. Da soll doch das heilige -Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn -mit einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich -muß doch meine guten Beziehungen pflegen, heute abend -muß ich sogar noch zwei Besuche abstatten. Ich bin mit -vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B. mit -Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, -die die Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich -ich mit dieser Dame nach dem Vorgefallenen nur -noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie mir den -Gefallen,“ fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, -„setzen Sie sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. -Wenn es auch nicht gut aussieht, die Hauptsache ist, -daß sie hält; in gefährlichen Situationen könnte ich sie -ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich -auch garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, -daß sie sich durch eine unvorsichtige Bewegung ablösen -könnte. Und was das Honorar für Ihren Besuch anbetrifft, -so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es -mir meine Mittel gestatten ...“ -</p> - -<p> -„Glauben Sie mir,“ sagte der Arzt nicht allzu laut, -aber auch nicht allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem -und eindringlichem Tone, „daß ich meine -Kunst niemals um des schnöden Mammons willen -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen -meinen Beruf. Ich nehme gern eine Vergütung für -meinen Besuch an, aber einzig und allein, um Sie -nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß -kann ich Ihre Nase wieder anheften. Aber ich gebe -Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es mir so nicht -glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. -Lassen Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie -die betreffende Stelle recht häufig mit kaltem Wasser, -und ich versichere Sie, daß Sie sich ohne Nase ebenso -gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich -Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit -Spiritus aufzubewahren oder noch besser zwei Suppenlöffel -Branntwein und heißen Essig in den Rezipienten -zu tun, — auf diese Weise könnten Sie viel Geld für -sie erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, -wenn Sie nicht zu teuer sind!“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich -sie verkaufen!“ rief der Major Kowalew verzweifelt aus; -„lieber will ich sie vernichten!“ -</p> - -<p> -„Entschuldigen Sie,“ sagte der Arzt und erhob sich; -„ich wollte Ihnen nur nützlich sein ... Was ist da -zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich von meinem -guten Willen überzeugt.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung -verließ der Arzt das Zimmer. Kowalew hatte -nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und in seiner -tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen -Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen -Frackes hervorleuchtete. -</p> - -<p> -Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -Klage gegen Frau Podtotschina einreichte, an sie zu -schreiben und sie zu fragen, ob sie seiner Forderung -nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte. -</p> - -<p> -Dieser Brief lautete folgendermaßen: -</p> - -<div class="letter"> -<p class="adr"> -„Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna! -</p> - -<p> -Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise -zu begreifen. Seien Sie überzeugt, daß -Sie hierdurch nichts gewinnen und mich keineswegs -dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. -Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, -so ist die Rolle, dessen versichere ich Sie, die Sie, die -Hauptanstifterin, in ihr spielen, von allem andern zu -schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr plötzliches Verschwinden -von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre Verkleidung -als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten -in natürlicher Gestalt: das alles ist nur die -Folge einer Behexung, die Sie oder irgend welche von -Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich inszeniert haben. -Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht zu -haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte -die in Frage kommende Nase sich nicht noch heute -an ihrem alten Platze befinden, mich gezwungen sehen -würde, den Beistand und Schutz der Gerichte anzurufen. -</p> - -<p> -Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner -vorzüglichen Hochachtung -</p> - -<p class="sign"> -Ihr ergebener Diener<br /> -Platon Kowalew.“ -</p> - -</div> - -<div class="letter"> -<p class="adr"> -„Geehrter Herr Platon Kusmitsch! -</p> - -<p> -Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen -versetzt. Ich gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -so ungerechte Vorwürfe erwartet. Ich gebe Ihnen -die Versicherung, daß ich den Beamten, von dem -Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, -bei mir empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp -Iwanowitsch Potantschikow besucht. Und obgleich er -in der Tat um die Hand meiner Tochter angehalten -hat und auf einen tadellosen, nüchternen Lebenswandel -und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm -doch keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann -noch von Ihrer Nase. Wenn Sie damit sagen wollen, -daß ich die Absicht habe, Ihnen eine Nase zu drehen -statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber -nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn -wie Sie sehr wohl wissen, ist gerade das Gegenteil -davon der Fall; und wenn Sie gegenwärtig gesonnen -sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl zu -machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung -zuteil werden zu lassen. Damit wäre in der -Tat einer meiner innigsten Wünsche erfüllt. In dieser -Hoffnung bin ich wie stets -</p> - -<p class="sign"> -Ihre gehorsame Dienerin<br /> -Alexandra Podtotschina.“ -</p> - -</div> - -<p> -„Nein!“ sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen -hatte, „sie ist sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! -Solch einen Brief kann nie und nimmer eine Person -schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen hat.“ -</p> - -<p> -Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, -war er doch schon mehrfach mit Untersuchungen in den -kaukasischen Provinzen betraut worden. -</p> - -<p> -„Wie mag es nur geschehen sein?“ fragte er sich -immer wieder. „Hol’s der Teufel!“ -</p> - -<p> -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -Und er ließ resigniert die Hände sinken. -</p> - -<p> -Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das -Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis verbreitet -— und zwar, wie es ja Brauch ist, nicht ohne -Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu -dieser Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher -Vorgänge. Kurz vorher hatten nämlich das Publikum -allerhand Experimente mit dem tierischen Magnetismus -beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die Scheunenstraße -noch etwas völlig Neues. Man braucht es also -nicht allzu sonderbar zu finden, daß bald darauf das -Gerücht auftauchte, die Nase des Kollegien-Assessors -Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden Tag -um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine -Menge Neugieriger strömte daher alltäglich dorthin. -Irgend jemand hatte erzählt, die Nase hielte sich in -Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort -die Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, -einen Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter -Spekulant von höchst würdigem Äußeren mit -einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der -Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen -feilzubieten pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne -Bänke vor dem Laden aufstellen, lud die Neugierigen -ein, Platz zu nehmen und erhob ein Eintrittsgeld -von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D. -erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich -das Schauspiel anzuschaun, und schlängelte sich mit -großer Mühe durch die Menge; aber zu seiner größten -Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt -der Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -Kamisol nebst einer Lithographie, die ein junges Mädchen -darstellte, wie es sich seinen Strumpf hinaufzieht, und einen -Stutzer mit ausgeschnittener Weste und Spitzbart, der -sie hinter einem Baume beobachtet — ein Bild, das -schon seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. -Der Oberst ging fort, indem er ärgerlich sagte: -</p> - -<p> -„Wie kann man nur die Leute durch solche -dumme und unwahrscheinliche Gerüchte auf die Beine -bringen? ...“ -</p> - -<p> -Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die -Nase des Majors Kowalew garnicht auf dem Newski-Prospekt, -sondern im Taurischen Garten herumspaziere; -man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon -Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, -sehr über dieses seltsame Naturwunder gestaunt. Von -der medizinischen Fakultät wurden einige Studenten -hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt -bat den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, -dieses Phänomen doch ja ihren Kindern zu zeigen und -womöglich eine gründliche, lehrreiche Erklärung hinzuzufügen. -</p> - -<p> -All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener -Müßiggänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen dürfen -und deren Pflicht es ist, die Damen zu zerstreuen — -und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an -Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte -sich doch eine Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute -sehr ungehalten über all diese Scherze. Ein Herr erklärte -sogar voller Empörung, er begriffe nicht, wie in -einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde -Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -darüber, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht -mehr Beachtung schenke. Dieser Herr gehörte augenscheinlich -zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert -hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten -mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten -der Ehegatten. Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich -unsere Historie von neuem in einen dichten Schleier, -und über alle folgenden Ereignisse ist wieder <a id="corr-117"></a>nichts bekannt. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-2-3"> -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -III. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht -möglich wäre, und oft passieren Dinge, die -geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe -Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren -gegangen war und in der ganzen Stadt eine solche -Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz unerklärliche -Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen -den beiden Wangen des Majors Kowalew. Das geschah -am 7. April. -</p> - -<p> -Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den -Spiegel sah, erblickte er darin seine Nase. Er griff mit -seiner Hand nach ihr, — wahrhaftig, es war seine Nase. -</p> - -<p> -„Mein Gott!“ sagte Kowalew, und er wollte schon -vor Freude im Zimmer barfuß ein Tänzchen machen, -aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. Er -befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah -sich noch einmal im Spiegel — aber die Nase war -in der Tat wieder da! Er trocknete sich mit dem Handtuch -ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, — -aber die Nase war noch immer da! -</p> - -<p> -„Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe -da so eine Art Pickel auf der Nase,“ sagte er und -dachte indessen bei sich: -</p> - -<p> -„Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -antwortete: ‚Nein, Herr, Sie haben nicht nur keinen Pickel -auf der Nase, Sie haben ja überhaupt keine Nase!‘“ -</p> - -<p> -Aber Iwan bemerkte: -</p> - -<p> -„Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.“ -</p> - -<p> -„Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!“ sagte -der Major im stillen zu sich selbst und knipste mit -den Fingernägeln. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan -Jakowlewitsch im Türrahmen — furchtsam wie eine Katze, -die ein Stück Talg gestohlen und dafür Prügel bekommmen -hat. -</p> - -<p> -„Sag mal vor allem: sind deine Hände auch -sauber?“ schrie ihm Kowalew schon von weitem entgegen. -</p> - -<p> -„Gewiß sind sie sauber!“ -</p> - -<p> -„Du lügst!“ -</p> - -<p> -„Bei Gott, sie sind sauber, Herr!“ -</p> - -<p> -„Na, dann mal los!“ -</p> - -<p> -Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band -ihm eine Serviette um. In einem Moment verwandelte -sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen mit Hilfe -eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an -ihren Namenstagen den Gästen servieren. -</p> - -<p> -„Da schau her!“ sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich -selbst, nachdem er sich die Nase angesehen; dann wandte -er den Kopf ein wenig, um sie auch von der Seite zu -prüfen, „wahrhaftig sie sitzt tadellos!“ — und noch lange -betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer -Zartheit und Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine -eigene Person handle, zwei Finger, um die Nasenspitze -zu ergreifen. -</p> - -<p> -Das war Iwan Jakowlewitschs System. -</p> - -<p> -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -„Achtung!“ schrie Kowalew. -</p> - -<p> -Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor -den Kopf und zitterte wie noch nie zuvor in seinem -Leben. Endlich begann er mit großer Vorsicht, ihm -unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu -kitzeln; obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja -das Geruchsorgan nicht stützen durfte, überwand er doch -alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem Zeigefinger -bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte -er denn sein Geschäft glücklich zu Ende. -</p> - -<p> -Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke -und fuhr schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf -der Schwelle befahl er dem Kellner, ihm eine Tasse -Schokolade zu bringen, und blickte gleichzeitig schnell -noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase war -noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit -spöttischer Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase -hatte, die nicht viel größer war als ein Westenknopf. -</p> - -<p> -Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, -in dem er sich um die Stelle eines Vizegouverneurs -oder doch wenigstens um die eines Exekutors -bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute -er in den Spiegel, — die Nase war noch immer da! -</p> - -<p> -Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, -der gleichfalls Major war, einem großen Spaßvogel, -dem er auf all seine bissigen Bemerkungen stets nur die -eine Antwort zu geben pflegte: -</p> - -<p> -„O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!“ -</p> - -<p> -Und er dachte sich unterwegs: -</p> - -<p> -„Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -Lachen ausbricht, so ist das das sicherste Zeichen, daß -alles in Ordnung ist.“ -</p> - -<p> -Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken. -</p> - -<p> -„Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!“ -murmelte Kowalew. -</p> - -<p> -Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der -Gattin eines höheren Offiziers nebst ihrer Tochter; er -machte eine tiefe Verbeugung und wurde mit den -freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere -Zeit mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose -und stopfte sie sich mit Absicht in ihrer Gegenwart in -beide Nasenlöcher, indem er sich dachte: -</p> - -<p> -„Da habt ihr’s! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich -denke ja garnicht daran, mich mit deiner Tochter zu -verheiraten! <span class="antiqua">Par amour</span> — na, meinetwegen! Das -ginge noch allenfalls.“ -</p> - -<p> -Und der <a id="corr-118"></a>Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts -geschehen wäre, auf dem Newski-Prospekt, in den Theatern -und überall. Seine Nase saß, wie wenn nichts vorgefallen -wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah -es ihr an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und -seitdem sah man Major Kowalew stets in guter Laune, -er lachte und blickte mit leidenschaftlichem Interesse allen -schönen Frauen nach. Einmal sah man ihn sogar im -Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu -welchem Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, -denn er war ja garnicht Ritter eines Ordens. -</p> - -<p> -Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen -Hauptstadt unseres großen Reiches abgespielt hat. Jetzt -finden wir allerdings bei näherer Überlegung viel Unwahrscheinliches -in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß es -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet -und an verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates -auftaucht, — wie konnte Kowalew nicht begreifen, -daß man doch nicht durch die Amtszeitung nach einer -Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den -hohen Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen -muß. Das ist eine Kleinigkeit. Denn ich gehöre -ganz und gar nicht zu den habgierigen Leuten. Aber so -etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht! -</p> - -<p> -Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, -und wie konnte Iwan Jakowlewitsch selbst ...? Nein, -das werde ich nie und nimmer begreifen; wahrhaftig, -das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und -noch unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich -Autoren solche Gegenstände wählen können. Man muß -zugeben, daß das in der Tat ganz unbegreiflich ist. -Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht -ein Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland -nicht den geringsten Nutzen, und zweitens ... aber -auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich -weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat. -</p> - -<p> -Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten -Endes vielleicht doch eins oder das andere oder das -dritte davon begreifen! Denn schließlich, wo stößt man -denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich -über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens -<em>etwas</em> davon bestehen. Man mag sagen, was man -will: derartige Dinge kommen in der Welt vor — -wenngleich höchst selten, aber sie <em>kommen</em> vor. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-3-3"> -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -Das Porträt -</h3> - -<h4 class="part" id="subchap-3-3-1"> -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -<span class="line1">Erster Teil.</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">irgends</span> blieben soviel Menschen stehen wie -vor dem Bilderladen in der Schtschukin-Passage. -Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst mannigfaltige -Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die -Bilder waren meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem -Lack gefirnißt und mit dunkelgelben, flittergoldenen -Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit weißen -Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender -Abend, ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem -ausgerenkten Arm, der eher einem Truthahn in Manschetten -als einem Menschen ähnlich sieht: das sind gewöhnlich -die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu -kamen noch einige gestochene Abbildungen: ein Porträt -von Chosrev-Mirsa in einer Hammelfellmütze und etwa -das Bild eines Generals mit Dreispitz und krummer Nase. -Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen -Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind -und von der instinktiven Begabung des Russen zeugen, -behangen zu sein. Auf einem war die Zarentochter Miliktrissa -Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt Jerusalem zu sehen, -über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände -ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch -einen Teil der Erde und zwei betende russische Bauern -in Fausthandschuhen einhüllte. Für diese Erzeugnisse -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch -ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich -schon sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für -seinen Herrn in der Hand hält, der seinem Magen die -Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben wird; neben ihm -steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter Soldat, -dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser -feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer -Schachtel, die Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine -Art. Die Bauern pflegen ihre Zeigefinger darauf zu -drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit ernster -Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich -mit Hinweis auf die Karikaturen übereinander lustig, -alte Lakaien in Friesmänteln schauen sich diese Dinge -an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen müssen, -und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, -kommen instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was -denn das Volk wieder zusammen klatscht, und um sich -das anzuschaun, was sich das Volk anschaut. -</p> - -<p> -Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, -der gerade die Passage passierte, unwillkürlich vor dem -Laden stehen; der alte Mantel und der nicht sehr sorgfältige -Anzug ließen in ihm einen Menschen erkennen, -der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und -keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, -die doch gerade für die Jugend sonst einen geheimnisvollen -Reiz in sich zu bergen pflegt. Er blieb vor dem -Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese greulichen -Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche -Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem -diese Machwerke wohl von Nutzen wären. Daß das russische -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -Volk von diesen Jeruslanen Lazarewitschen, diesen Freß- -und Saufhelden, sowie von dem Foma und Jerjoma hingerissen -wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die -abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus -verständlich. Aber wo sind die Käufer für diese bunten, -schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten diese flämischen -Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die bereits -einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der -Kunst erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier -aufs tiefste erniedrigt wird? Dies waren allem -Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder eines -Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen -Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum -Ausdruck gekommen. Aber hier war nichts zu entdecken -als Stumpfheit, eine kraftlose, greisenhafte Talentlosigkeit, -die sich eigenmächtig in die Reihen der Künste -drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten -Handwerken ihren Platz hatte, — eine Talentlosigkeit, -die übrigens ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche -mitten in die Kunst importierte. Dieselben Farben, -die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand, die eher einem -roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem -Menschen! ... -</p> - -<p> -Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis -er schließlich gar nicht mehr an sie dachte, inzwischen -aber sprach der Besitzer des Ladens, ein verschimmelter -Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit Sonntag -nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm -um den Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, -was ihm gefallen hatte und was er kaufen wollte. -„Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine Landschaft, -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie -sich doch nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in -die Augen; die sind eben erst aus der Börse gekommen, -sogar der Firnis ist noch nicht trocken. Oder nehmen Sie -doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn Rubel! -der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber -auch ein rechter Winter!“ Hierbei schnellte der Händler -mit den Fingerspitzen leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, -um die Güte des Winters recht zu betonen. -„Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde -und zu Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? -He, Junge, gib mal einen Bindfaden her!“ — „Wart, -Bruder, nicht so schnell!“ sagte der endlich zu sich -kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler -sich im Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war -ihm etwas peinlich, nichts zu kaufen, nachdem er sich schon -so lange im Laden aufgehalten hatte, und er sagte: „Aber -warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort etwas für mich -finde.“ Und er bückte sich und fing an, die auf dem Fußboden -aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten -Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche -Ehre genossen. Da waren altertümliche Porträts von -Ahnen, deren Nachkommen man in der Welt sicher -nirgends hätte finden können — unbekannte Bilder, deren -Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: -mit einem Worte, allerlei alter Plunder. Aber -der Maler fing an, sie genauer zu untersuchen, indem -er in seinem Inneren zu sich sagte: „Vielleicht findet sich -doch noch etwas darunter!“ Er hatte mehr als einmal -gehört, wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem -Kram Gemälde großer Meister fand. -</p> - -<p> -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen -hatte, ließ seine Zuvorkommenheit nach, er -placierte sich in seiner gewöhnlichen Stellung und gebührenden -Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten -an und zeigte ihnen mit einer großen Geste <a id="corr-119"></a>seinen Laden. -„Hierher, Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie -herein, kommen Sie herein! Soeben von der Börse -importiert!“ Er schrie sich tot, aber meistenteils ohne -jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit -dem Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der -Türe seiner Bude stand, und erinnerte sich schließlich, daß -er noch einen Käufer im Laden hatte; sofort wandte er -den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich -hinein. „Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?“ -Aber der Künstler stand schon eine geraume -Zeit vor einem Porträt in einem großen Rahmen, der -von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum -noch die Spuren der Vergoldung glänzten. -</p> - -<p> -Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen -Gesicht und hervorstehenden Backenknochen. Seine -Züge schienen einen Augenblick von einer krampfhaften -Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie nordische -Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. -Er war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie -schmutzig und beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow -entdeckte in ihm sofort die Spuren der Arbeit eines großen -Künstlers, nachdem es ihm gelungen war, den Staub -vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht -ausgeführt zu sein, aber die Kraft der Pinselführung -war eine überwältigende. Seltsamer als alles waren -jedoch die Augen; der Künstler schien seine ganze -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. -Sie starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt -heraus und zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch -ihre sonderbare Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an -die Tür gebracht hatte, blickten ihn die Augen noch stärker -an. Fast denselben Eindruck machten sie auch auf die -Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben war, -rief: „Er starrt, er starrt mich an!“ und wich zurück. Eine -unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte -sich seiner, und er stellte das Bild auf den Boden. -</p> - -<p> -„Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!“ -meinte der Ladenbesitzer. -</p> - -<p> -„Und was kostet es?“ fragte der Künstler. -</p> - -<p> -„Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! -Geben Sie fünfundsiebzig Kopeken!“ -</p> - -<p> -„Nein.“ -</p> - -<p> -„Na, was geben Sie?“ -</p> - -<p> -„Zwanzig,“ sagte der Maler, indem er sich zum -Weggehen anschickte. -</p> - -<p> -„Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! -Mit zwanzig Kopeken ist ja nicht einmal der Rahmen -bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? Herr -Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens -zehn Kopeken zu. Nehmen Sie, nehmen Sie es, also -gut, geben Sie zwanzig Kopeken. Wirklich, nur -um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste -Käufer sind.“ — Und dabei führte er mit der Hand eine -Geste aus, die zu sagen schien: „Sei dem, wie ihm sei, -mag das Bild verloren gehen!“ -</p> - -<p> -So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet -ein altes Porträt gekauft, und er dachte sich: „Wozu -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?“ Aber es -blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück -aus der Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, -nahm das Porträt unter den Arm und trug es nach -Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig -Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld -waren. Seine Gedanken trübten sich mit einem -Mal; ein Gefühl des Ärgers und der gleichgültigen Leere -erfaßte ihn im selben Augenblick. „Hol’s der Teufel! -Wie scheußlich ist es auf der Welt!“ dachte er wie jeder -Russe, dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch -ging er schnellen Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. -Der Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die -eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die -dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen -Schein schwach bestrahlt; aber nach und nach erglänzte -immer stärker und stärker der kühle bläuliche Schein des -Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von Häusern und -Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller -Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, -der in einem durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte -schimmerte, und dabei entschlüpften seinem Munde die -Worte: „Was für ein zarter Ton!“ „Wie ärgerlich! -Hol’s der Teufel!“ Und während er sich das Porträt -bequemer zurechtschob, das fortwährend unter seinem -Arme hinunterglitt, beschleunigte er seine Schritte. -</p> - -<p> -Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich -nach seiner Wohnung in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, -mühsam und keuchend kletterte er die mit Spülwasser -begossenen und von den Spuren von Katzen und -Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -Tür; niemand antwortete, sein Diener war nicht zu -Hause. Er lehnte sich auf das Fensterbrett und entschloß -sich, geduldig zu warten, bis er endlich hinter sich die -Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: -dies war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und -Dielenfeger, der den Fußboden allerdings mit seinen -Stiefeln stets wieder zu beschmutzen pflegte, während er ihn -fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte während der -Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore -zu. Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch -zu finden, das infolge der Dunkelheit kaum zu -sehen war. Endlich wurde die Tür geöffnet. Tschartkow -betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten Künstlern, -unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im -allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel -zu übergeben, begab er sich in sein Atelier, einen großen, -aber niedrigen quadratischen Raum mit zugefrorenen -Fensterscheiben, der mit allerlei künstlerischem Plunder, -Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen und -wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen -und Stühlen liegenden Draperieen angefüllt war. Er -war äußerst müde, legte den Mantel ab, stellte zerstreut -das mitgebrachte Porträt zwischen zwei andere Bilder -und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man -nicht behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, -denn die Messingknöpfe, die es einst befestigt hatten, -residierten in stolzer Selbständigkeit. Das Gleiche ließ -sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine -schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige -Wäsche darunter aufbewahren konnte. Nachdem er -ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, soweit -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend -ausgeruht hatte, fragte er endlich nach einer Kerze. -</p> - -<p> -„Wir haben keine Kerze mehr!“ sagte Nikita. -</p> - -<p> -„Weshalb nicht?“ -</p> - -<p> -„Es war doch schon gestern keine da,“ sagte Nikita. -Der Künstler erinnerte sich in der Tat, daß es auch -gestern keine Kerze mehr gab, beruhigte sich und schwieg -still. Er ließ sich auskleiden und zog hierauf seinen -schon arg verschlissenen Schlafrock an. -</p> - -<p> -„Der Wirt ist wieder dagewesen!“ fuhr Nikita fort. -</p> - -<p> -„So! Er kam wegen des Geldes!“ meinte der Künstler -mit wegwerfender Miene. -</p> - -<p> -„Aber er war nicht allein da,“ sagte Nikita. -</p> - -<p> -„Wer denn noch?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.“ -</p> - -<p> -„Wozu denn ein Polizeibeamter?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung -noch nicht bezahlt ist.“ -</p> - -<p> -„Nun, und was soll daraus werden?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, -wenn er nicht zahlen will, so soll er doch ausziehen! -Sie wollten beide morgen wiederkommen.“ -</p> - -<p> -„Mögen sie nur kommen!“ sagte Tschartkow mit -trauriger Gleichgültigkeit, und eine melancholische Regenstimmung -bemächtigte sich seiner. -</p> - -<p> -Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent -zu manchen Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken -der Inspiration zeigte sein Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, -tiefes Verständnis und einen heißen Drang, der -Natur nahe zu kommen. „Sieh, sieh, Bruder,“ sagte ihm -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -mehr als einmal sein Professor, „du hast Talent. Es -wäre eine Sünde, wenn du es zugrunde richten wolltest. -Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas lockt dich, -dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen, -alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert -mehr, du willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich -nur vor, daß aus dir nicht etwa ein moderner Maler -wird. Deine Farben sind schon jetzt etwas zu scharf und -zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng und -manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du -trachtest schon nach modernen Beleuchtungseffekten und -willst nur das wiedergeben, was dem ersten besten in die -Augen springt. Nimm dich in acht, daß du nicht etwa -in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, -die große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe -schon manchmal eine stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt -oder einen gebügelten Hut ... ich weiß ja, wie -verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack -der Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, -anstatt daß es ihm Förderung einträgt. Hab -Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder Arbeit, laß -ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde -nachjagen ... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht -entgehen.“ -</p> - -<p> -Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte -unser Maler in der Tat etwas über die Stränge -schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem Wort: -zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. -Aber bei alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. -Bisweilen konnte er, wenn er an seine Arbeit gegangen -war, alles vergessen, und er riß sich nicht anders von -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -ihr los als wie von einem herrlichen Traume. -Sein Geschmack wurde immer subtiler; noch erfaßte -er nicht die ganze Tiefe Raffaels, doch wurde er -von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen, -er blieb vor den Porträts Tizians stehen und -begeisterte sich an der vlämischen Schule. Noch war der -dunkle Schleier, der die alten Bilder verhüllt, nicht ganz -vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn hin -und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich -er dem Professor innerlich nicht beistimmte, daß -die alten Meister für uns so durchaus unerreichbar -wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte -Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt -hätte, daß die Nachbildung der Natur recht häufig -intensiver, lebendiger, treuer geworden war, kurz, er -dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich die -Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es -mit Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal -wurde er ärgerlich, wenn er sah, wie ein zugereister -Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, der oft -genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur -durch gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung -und schreiende Farben allgemeines Aufsehen erregte und -sich in einem Augenblick ein ganzes Kapital erwarb. -Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von -seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt -vergaß, sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg -bedrängte, wenn er keine Kopeke mehr hatte, um sich -Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der aufdringliche -Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die -Wohnung von ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -seiner hungrigen Phantasie in angenehmem Lichte das -Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar mit dem -Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, -alles im Stich zu lassen und sich aus Gram und -allem zum Trotz dem Trunk zu ergeben. Und nun -war er wieder einmal in einer solchen Lage. -</p> - -<p> -„Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!“ wiederholte er -verdrießlich; „aber schließlich hat auch die Geduld ihr -Ende. Hab Geduld, und womit soll ich denn eigentlich -morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es -mir niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und -Zeichnungen verkaufen wollte, so würde man mir doch für -sie alle zusammen noch keine zwanzig Kopeken geben. -Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich -fühle es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; -aus jedem habe ich etwas gelernt. Aber was -frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ... und -das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, -Versuche ... Und wer, der nicht zufällig meinen Namen -kennt, wird sie denn kaufen mögen? Wer bedarf denn -eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser Naturstudien -oder gar meiner unbeendigten „Psyche“? Wen -interessiert dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das -Porträt meines Nikita, wenn es auch wirklich besser -ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers? Und -weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und -plage ich mich, wie ein Schüler mit dem Abc, wo ich -doch nicht weniger berühmt sein, als die andern und -gleich ihnen Geld verdienen könnte.“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler -plötzlich. Ein krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -von der Leinwand her — sich weit vorbeugend — an; -zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn, als ob sie -ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten -zu wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er -aufschreien und Nikita rufen, der bereits in seinem Vorzimmer -schnarchte wie ein zweiter Polyphem. Aber plötzlich -blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der Angst verließ -ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte -Porträt, das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, -in den das ganze Zimmer getaucht war, beleuchtete -auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare -Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu -reinigen. Er benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr -einige Mal mit ihm über die Fläche, wusch den dicken -und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz herunter, -hängte es vor sich an die Wand hin und war über -dieses ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. -Das ganze Gesicht schien Leben zu bekommen und -die Augen blickten ihn so an, daß er erzitterte, zurückwich -und ganz verdutzt sagte: „Er sieht mich an, er -blickt mich mit Menschenaugen an!“ Tschartkow mußte -plötzlich an eine Geschichte denken, die er einmal -von seinem Professor über ein Bildnis des berühmten -Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das -der große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet -hatte, doch noch immer für unvollendet ausgab, -und das nach Vasaris Worten dennoch von allen -für das vollkommenste und <a id="corr-121"></a>vollendetste Kunstwerk -erklärt wurde. Am hervorragendsten waren daran die -Augen, die in höchstem Maße die Bewunderung aller -Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten, kaum -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die -Leinwand gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm -hängenden Porträt, war es noch sonderbarer. Das war -keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie des -Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es -schien, als wären sie einem lebenden Antlitze entnommen -und in dieses Bildnis eingesetzt. Das hatte nichts mehr -mit <a id="corr-122"></a>jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts -eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich -auch der dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers -bemächtigte sich vielmehr nur ein krankhaftes -quälendes Gefühl. -</p> - -<p> -„Was ist das?“ fragte sich der Künstler unwillkürlich. -„Das ist doch in der Tat Natur, lebendige Natur! -Woher also dieses seltsame, unangenehme Gefühl? Oder -wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich -schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer -Ton? Oder erscheint der Gegenstand, wenn man -gefühllos, gleichgültig, ohne innere Anteilnahme an ihn -herantritt, stets nur in seiner abschreckenden Wirklichkeit -— ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen, -überall verborgenen Gedankens? — in jener Wirklichkeit, -die sich offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen -Messer bewaffnet, <a id="corr-123"></a>einem Menschen nahn, in der Erwartung, -etwas Herrliches zu schaun, sein Inneres -bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum -erscheint denn die einfache gemeine Natur bei einem -Künstler in einer gewissen Verklärung — und man erhält -keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es scheint -einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und -alles fließt und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -um einen herum. Und warum erscheint ebendieselbe -Natur bei einem anderen Künstler niedrig und schmutzig, -während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt -ihm eben das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine -Landschaft, so herrlich sie auch sein mag, doch unvollkommen -erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie erleuchtet.“ -</p> - -<p> -Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese -wunderbaren Augen zu betrachten, und sah wieder mit -Entsetzen, daß sie ihn wirklich anstarrten. Das war keine -Kopie nach der Natur mehr, das war jene entsetzliche -Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen -Toten Leben gegeben hätte. War es der -Mondschein, der Wahngebilde und Träume mit sich -brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als -das nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas -anderes die Ursache? Es wurde ihm — er wußte -selbst nicht warum — ängstlich und bang zumute, er -fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat -leise vom Porträt zurück, wandte sich nach der andern -Seite und bemühte sich, es nicht anzublicken; inzwischen -aber schielte sein Auge dennoch ganz wie von selbst unwillkürlich -nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm -sogar die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß, -Unruhe. Es war ihm, als folgte ihm immer jemand, -und jedesmal sah er sich scheu um. Jede Feigheit -lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und -seine Nerven waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend -konnte er sich seine instinktive Furcht selbst nicht erklären. -Er setzte sich in eine Ecke, aber auch hier hatte er das -Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die Achsel -in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -aus dem Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine -Angst zu verscheuchen. Endlich erhob er sich zaghaft, -ohne die Augen zu erheben, von seinem Platze, begab -sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein -Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte -Zimmer und das ihm gerade gegenüber an der -Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer heftete es -jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand -anders als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein -Lager zu verlassen, er ergriff ein Laken, trat an das -Porträt heran und hüllte es in das Betttuch ein. -</p> - -<p> -Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig -wieder zu Bett und begann über die Armut, über das -erbärmliche Schicksal des Künstlers, über den Dornenweg, -der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken, unterdessen -aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte -der spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten -Porträt. Der Mondenschein ließ das Weiß des Lakens -noch heller erscheinen, und es kam Tschartkow so vor, -als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch das -Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte -er sich davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion -handelte. Aber jetzt ... tatsächlich ... jetzt steht es vor -ihm ... er sieht es, sieht es ganz klar. Das Laken -ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei -da und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an, -späht geradezu in sein Inneres hinein. Es wurde ihm -kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit einem Male, -wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden -Händen auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und -beide Beine herausstreckend, aus dem Rahmen springt. -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch ein leerer -Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im -Zimmer wider und näherten sich immer mehr dem Schirme. -Das Herz des armen Künstlers begann stärker zu pochen. -Während er vor Angst kaum zu atmen wagte, schien -er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den -Kopf nach ihm hinter den Schirm strecken würde. -Und in der Tat, jetzt beugte sich sein bronzefarbenes -Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn. -Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte -jedoch, daß ihm der Ton in der Kehle stecken blieb; -er versuchte sich zu rühren, irgend eine Bewegung auszuführen. -Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst. -Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete -er dieses furchtbare, hochgewachsene, in ein weites asiatisches -Gewand gehüllte Phantom und wartete ab, was es -tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des -Lagers nieder und zog etwas aus den Falten seines -Kleides hervor. Es war ein Geldbeutel. Er schnürte -ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln, schüttelte -ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere -Rollen, die wie längliche Säulchen aussahen, auf den -Boden; jede war in blaues Papier eingeschlagen und -trug die Aufschrift: „Tausend Dukaten“. Seine langen -knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend, -begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen <a id="corr-125"></a>ihm -das Gold entgegenglänzte. Mit wie tödlicher Qual auch -der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er war doch -von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und -beobachtete unverwandt, wie die knochigen Hände es -aufrollten, wie es glänzte, fern und dumpf klirrte und -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich bemerkte -er eine Rolle, die abseits von den anderen unter -sein Bett gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie -und spähte voller Furcht danach, ob sie der Alte nicht -etwa vermißte. Der Greis schien jedoch sehr beschäftigt -zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte -sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, -hinter der spanischen Wand hervor. Tschartkows -Herz schlug heftig, als er hörte, wie sich die Schritte im -Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten. -Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem -Drucke und erzitterte am ganzen Körper, als er -plötzlich vernahm, wie sich die Schritte wieder dem -Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr geworden, -daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er -denn auch zu ihm hinter die Wand. Voller Verzweiflung -hielt der Künstler die Rolle krampfhaft -in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, -sich zu bewegen, schrie auf und erwachte. -</p> - -<p> -Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. -Sein Herz schlug so stark, wie es nur schlagen konnte. -Die Brust war wie <a id="corr-126"></a>eingeschnürt, wie wenn sie den letzten -Atemzug getan hätte. „War es denn wirklich ein Traum?“ -sagte er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf -faßte. Aber die furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung -widersprach dieser Annahme. Hatte er doch, nachdem -er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in den -Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten -Gewandes flatterte noch vor ihm her, und seine Hand -spürte deutlich, daß sie noch vor einer Minute irgend -einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der Mondschein -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -überflutete das Zimmer und ließ bald eine -Staffelei, bald eine fertige Haube, bald eine auf dem -Stuhl vergessene Draperie, bald ein Paar ungeputzte -Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst jetzt -bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern -dicht vor dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand. -Wie er hierhin gelangt war, das konnte er sich auf -keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn der -Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war -— das Laken fehlte tatsächlich! — Regungslos und -voller Angst starrte er es an und sah, wie sich -zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn -richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er -wollte fliehen, fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt -waren. Und nun sieht er — es ist kein -Traum! — wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen -und seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als -wollten sie sich an ihn festsaugen. Mit einem Schrei -der Verzweiflung sprang er zurück und erwachte. -</p> - -<p> -„War auch das nur ein Traum?“ fragte er sich und -tastete mit den Händen um sich, während sein Herz -zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch genau in -jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. -Vor ihm stand der Schirm, das Zimmer war vom -Mondschein erfüllt, und durch den Spalt der spanischen -Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken -verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt -hatte. Folglich hatte er wieder geträumt; aber die -geballte Faust hatte noch immer die Empfindung, daß -sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz klopfte -stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -seiner Brust, war unerträglich. Er spähte durch den -Spalt und betrachtete unverwandt das Laken. Und -nun sieht er klar und deutlich, wie dieses allmählich -heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten -und sich bemühten, es abzustreifen. „Herr Gott, -was ist denn das?“ rief er voller Verzweiflung, bekreuzigte -sich und erwachte. -</p> - -<p> -War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, -besinnungslos aus dem Bett, unfähig, zu begreifen, -was denn eigentlich mit ihm geschehen war: -ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder -eine lebendige Erscheinung ihn gequält hatte. In der -Absicht, die seelische Erregung und das stürmende -Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu stillen, -trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter -Windstoß von außen her brachte ihn wieder zu sich. -Der Mond bestrahlte noch immer die Dächer und die -weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine -Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still. -Nur selten drang das ferne Rasseln einer Mietsdroschke -an das Ohr, deren Kutscher, in Erwartung -eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre -eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. -Lange schaute Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon -zeigten sich am Himmel die Anzeichen der nahenden -Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu schlafen, -er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins -Bett und schlief bald fest ein wie ein Toter. -</p> - -<p> -Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme -Gefühl, das einen Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung -überfällt. Sein Kopf schmerzte ihn heftig. -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme -Feuchtigkeit erfüllte die Luft und drang durch die -Spalten seiner Fenster, die mit Bildern oder grundierten -Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und unzufrieden wie -ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen verschlissenen -Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun -sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum. -Dabei wirkte dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, -daß er sich sogar dem Argwohn hingab, vielleicht hätte -ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder eine -Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, -— etwa eine Vision. Er schob das Laken zurück und -betrachtete nun dieses schreckliche Porträt beim hellen -Tageslicht. Die Augen wirkten in der Tat durch ihr ungewöhnliches -Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er -nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner -Seele eine unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung -zurück. Trotzdem aber wollte er nicht recht -daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen -war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein -entsetzliches Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das -Gefühl, als ob ein Etwas im Blick und im Gesichtsausdruck -des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese Nacht -bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den -Druck, wie wenn eine andere sich erst kurz vorher von -ihr losgerissen hätte, und er kam zur Überzeugung, daß -die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner Hand -gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte. -</p> - -<p> -„Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses -Geldes gehörte!“ sagte er, indem er tief aufseufzte, und -er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit der verlockenden -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -Aufschrift „Tausend Dukaten“, die er im -Traum erblickt hatte, aus dem Beutel herausfielen. -Sie öffneten sich, das Gold glänzte und funkelte vor -seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er -aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in -die leere Luft starrend, völlig unfähig, sich von diesem -Gegenstande loszureißen, wie ein Kind, das vor einer -süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser im -Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von -anderen verzehrt wird. -</p> - -<p> -Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was -ihn wieder auf unangenehme Weise in die Wirklichkeit -zurückversetzte. Der Wirt trat ein, und mit ihm der -Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine Leute bekanntlich -noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines -Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen -Hauses, in dem Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, -die irgendwo in der 15. Linie der Wassilij-Insel, im -Petersburger Viertel oder in einer entfernteren Ecke -von Kolomna ein Häuschen besitzen — ein Geschöpf, -deren es in Rußland noch viele gibt und deren Charakter -ebenso schwer zu bestimmen ist, wie die Farbe eines -abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er Hauptmann -der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, -war aber auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: -ein Meister im Prügeln, behend, geckenhaft und dumm; -nun aber, wo er alt geworden war, vereinigten sich alle diese -hervorstechenden Eigenheiten zu einer gewissen undeutlichen -Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und -hatte schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte -er sein Äußeres, er prahlte nicht mehr so unverschämt, -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -war nicht mehr so arrogant und liebte es nur, -Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn zusammenzuschwatzen; -er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte -die Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats -seine Mieter wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem -Schlüssel in der Hand auf die Straße hinaus, um -einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, -und vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer, -in der dieser gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit -einem Wort, es war einfach ein Mann im Ruhestande, -der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen -er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen -mußte, nichts zurückbehalten hatte als ein paar platte -Gewohnheiten. -</p> - -<p> -„Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!“ meinte -der Wirt, indem er sich an den Polizeikommissar wandte -und mit den Armen eine bezeichnende Geste vollführte; -„er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal -nicht!“ -</p> - -<p> -„Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld -habe? Warten Sie doch nur, ich werde schon bezahlen!“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht warten, Väterchen,“ erwiderte der -Wirt heftig und klopfte mit dem Schlüssel, den er in der -Hand hielt, auf den Tisch. „Der Oberstleutnant -Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem -Hause; Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine -Scheune und einen Stall für zwei Pferde abgemietet: -eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen Sie, -was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir -ist es nicht Sitte, daß man mir den Zins schuldig -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -bleibt. Wollen Sie sofort das Geld bezahlen und dann -die Wohnung räumen.“ -</p> - -<p> -„Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann -müssen Sie auch zahlen,“ meinte der Polizeikommissar, -indem er leicht den Kopf schüttelte und den Zeigefinger -zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes steckte. -</p> - -<p> -„Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch -eben die Frage. Ich verfüge jetzt noch nicht über einen -Pfennig.“ -</p> - -<p> -„In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch -durch die Erzeugnisse Ihrer Kunst sicherstellen,“ meinte -der Kommissar. „Er wird vielleicht damit einverstanden -sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.“ -</p> - -<p> -„Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder! -Wären es noch Gemälde von vornehmem Inhalt, so daß -man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa ein -General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten -Kutusow! Aber da malt er sich hier einen Bauern im -Hemde hin, seinen Diener, der ihm die Farben reibt! -Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde -ihm den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus -den Riegeln herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen -Sie nur, was für Gegenstände er sich wählt. Da malt -er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere, -aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier -gemalt ist! Mit dem ganzen Schmutz und Dreck, der -überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das -Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. -Bei mir wohnen die Mieter sieben Jahre lang, ein -Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna Petrowna ... -Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie -ein Schwein! ... Einfach wie ein ..., Gott soll -mich davor bewahren!“ -</p> - -<p> -Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören. -Der Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen -mit der Prüfung der Bilder und Skizzen und bekundete -hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte als der Wirt, -und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz unempfänglich -war. -</p> - -<p> -„He,“ sagte er, während er mit dem Finger gegen -eine Leinwand klopfte, auf der ein nacktes Frauenzimmer -dargestellt war, „dieser Gegenstand ist ja recht pikant, ... -und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so schwarz -unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? -Wie?“ -</p> - -<p> -„Das ist ein Schatten!“ antwortete Tschartkow herb -und ohne ihn anzusehen. -</p> - -<p> -„Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen! -Unter der Nase fällt es doch gar zu sehr auf,“ sagte -der Kommissar. „Und wessen Porträt ist dies hier?“ -fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises -näherte. „Der ist ja entsetzlich! War er denn wirklich -so schrecklich? Mein Gott, der starrt einen ja geradezu -an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert! Wer -hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?“ -</p> - -<p> -„Ach, das ist ein ...,“ sagte Tschartkow, doch er -sprach den Satz nicht zu Ende. -</p> - -<p> -Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar -hatte offenbar infolge des ungeschlachten Baues seiner -polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu fest angepackt. -Die Leisten an der Seite waren eingedrückt, -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -die eine fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend -eine in blaues Papier gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift -„Tausend Dukaten“ sprang Tschartkow in die -Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie aufzuheben, -ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft -mit einer Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte. -</p> - -<p> -„Es klang doch hier wie Geld!“ sagte der Kommissar, -der etwas Klirrendes hatte auf den Boden fallen hören -und den die Schnelligkeit, mit der Tschartkow herbeistürzte, -daran hinderte, genau zu erkennen, was es war. -</p> - -<p> -„Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie -zu wissen, was ich hier habe?“ -</p> - -<p> -„Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem -Wirt sofort die Miete zahlen müssen! Weil Sie Geld -haben, aber nichts zahlen wollen!“ -</p> - -<p> -„Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!“ -</p> - -<p> -„Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher -bezahlen? Wozu mußten Sie den Wirt beunruhigen -und die Polizei belästigen?“ -</p> - -<p> -„Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich -werde ihm heute abend alles bezahlen und sofort die -Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen Wirte -nicht mehr bleiben will.“ -</p> - -<p> -„Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen -alles bezahlen,“ sagte der Kommissar, sich an den Wirt -wendend. „Wenn es sich jedoch herausstellt, daß Sie -heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann -sollte es mir sehr leid tun, Herr Maler!“ -</p> - -<p> -Sprach’s, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -Flur hinaus. Der Wirt folgte ihm mit gesenktem Kopf -und anscheinend etwas nachdenklich auf dem Fuße. -</p> - -<p> -„Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!“ sagte -Tschartkow, als er hörte, daß die Tür des Vorzimmers -sich hinter ihnen geschlossen hatte. Er warf noch einen -Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz allein -zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, -nachdem er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, -unter heftigem Herzklopfen die Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! -sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die alle -ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer -funkelten! — Wie wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen -und fragte sich immer und immer wieder: „Ist -das alles nicht doch nur ein Traum?“ Die Rolle enthielt -genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig -denen, die er im Traum gesehen hatte. Einige Minuten -wühlte er prüfend in ihnen herum und konnte sich noch -immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten plötzlich -alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern -auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der -sicheren Voraussicht ihres zukünftigen Ruins hinterlassen -hatten. Er dachte sich: „Vielleicht hatte auch in diesem Falle -irgend ein Großvater den Einfall, seinem Enkel ein -Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen -eines Familienporträts verbarg.“ Voll von romantischen -Vorstellungen fing er sogar an, darüber nachzudenken, -ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall und seinem Schicksale -irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht -gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft -wäre, und ob es nicht von einer geheimnisvollen Macht -vorausbestimmt gewesen sei, daß er es erwerben sollte. -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An -einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt -und unmerklich von einem Brettchen verdeckt wurde, -daß die Dukaten hier bis in alle Ewigkeit ungestört -verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des -Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete -das Porträt und bewunderte immer wieder die -vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche Zeichnung -der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich -vor, ließen jedoch noch immer ein unangenehmes -Gefühl in seinem Innern zurück. „Nein,“ sagte er zu -sich selbst, „wessen Großvater du auch sein magst, ich -werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen -Rahmen anfertigen lassen.“ Hierbei ließ er die Hand -auf den vor ihm liegenden Goldhaufen fallen und sein -Herz begann infolge dieser Berührung heftig zu pochen. -„Was nun tun?“ dachte er, während er die Blicke auf -das Geld richtete. „Jetzt bin ich mindestens für drei -Jahre gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen -und arbeiten. Jetzt habe ich Geld genug für -Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die sonstigen Lebensbedürfnisse -sowie für die Wohnung. Stören und belästigen -wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir -eine vorzügliche Gliederpuppe kaufen, werde mir einen -Gipstorso bestellen, werde mir Füße modellieren lassen, -eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten Bildern -anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für -mich allein ohne Übereilung und ohne an den Verkauf -zu denken, arbeite, überhole ich alle meine Kollegen und -kann ein tüchtiger Künstler werden.“ -</p> - -<p> -So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -ihm diesen guten Vorsatz eingab. Aber aus seinem -Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher und -klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, -da erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse -seiner zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden -Jugend! Jetzt war alles in seiner Macht, was er -bisher nur mit neiderfüllten Augen angeschaut, was er -nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das -Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das -Herz zu pochen begann, als er nur daran dachte, sich -einen modernen Frack anzuziehn, nach dem langen Fasten -endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine -schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater -und in eine Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld -in die Tasche und trat auf die Straße hinaus. -</p> - -<p> -Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom -Kopf bis zu den Füßen neu einkleiden, wobei er sich -unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte Parfüms -und Pomade, mietete sich — ohne lange zu handeln — -eine vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit -Spiegeln und großen Fensterscheiben, erstand ebenfalls, -ohne sich zu besinnen in einem Laden eine teure Lorgnette -und eine Unmenge von Krawatten, — weit mehr als -er überhaupt nötig hatte —, ließ sich von einem Friseur -die Locken kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten -Equipage ohne jeden Zweck durch die Stadt, aß sich in -einer Konditorei an Konfitüren satt, und ging dann -ins Restaurant „Zum Franzosen“, von dem er bis jetzt -nicht mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. -Dort speiste er stolz wie ein Spanier, warf hochmütige -Blicke auf seine Mitgäste und strich sich vor dem Spiegel -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er trank -sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls -nur vom Hörensagen kannte. Der Wein benebelte -sein Hirn ein wenig, und so trat er denn animiert, angeheitert -und keck oder wie man in Rußland zu sagen -pflegt: „Selbst dem Teufel kein Bruder!“ auf die Straße. -Wie ein Geck spazierte er den Bürgersteig entlang und -warf nachlässige Blicke durch seine Lorgnette auf die -Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen früheren -Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er -ihn gar nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor -noch lange unbeweglich stehen blieb wie ein personifiziertes -Fragezeichen ... -</p> - -<p> -Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, -die Staffelei, die Bilder, die Leinewand, hatte er noch -am selben Abend in seine prachtvolle Wohnung bringen -lassen; das Bessere stellte er an exponierten Stellen auf, -das Minderwertige warf er in die Ecke; dann schritt er -in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, -wobei er sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In -seiner Seele erwachte sofort das unüberwindliche Verlangen, -den Ruhm bei den Haaren zu packen und sich -der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als -hörte er Rufe wie die folgenden: „Tschartkow! Tschartkow! -Haben Sie das Bild von Tschartkow gesehen? -Über was für eine rasche Pinselführung doch der Tschartkow -verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser -Tschartkow besitzt!“ Verträumt ging er wieder durch -sein Zimmer und war bald in wer weiß welche Regionen -entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit -einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -Blattes, um sich dessen großmütigen Beistand -zu erbitten; er wurde von dem Journalisten, der ihn -sofort „Geehrter Herr“ anredete, ihm beide Hände drückte, -und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen -und nach seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste -empfangen, — und schon am nächsten Tage erschien in -der Zeitung gleich hinter einer Ankündigung von neu -in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit -folgender Überschrift: -</p> - -<p class="center"> -„<em>Ein ungewöhnliches Talent!</em><br /> -Der Maler Tschartkow. -</p> - -<p> -Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der -Hauptstadt mit einer — man kann ruhig sagen — in -jeder Beziehung herrlichen und außerordentlichen Entdeckung -zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir -viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von -wunderbarer Schönheit besitzen, nur gab es bis jetzt kein -Mittel, sie auf die wundertätige Leinewand zu übertragen -und sie dadurch der Nachkommenschaft zu erhalten. Jetzt -ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns erstanden, -der alles in sich vereinigt, was uns not tut. -Von nun ab darf jede Schönheit fest davon überzeugt -sein, daß sie sich mit der ganzen Grazie ihres ätherischen, -leichten, faszinierenden und wunderbaren Reizes im -Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater -wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, -der Kaufmann, der Krieger, der Bürger, der Staatsmann -können ihre glorreiche Laufbahn ruhig fortsetzen. -Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem Spaziergange, -von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine, -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem -großen Künstler. Das herrliche Atelier des Malers -Newski-Prospekt Nr. .. steckt voller Porträts, die von -seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder -Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man -sich mehr wundern soll: über den Realismus, die Ähnlichkeit -mit den Originalen, oder über die ungewöhnliche -Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein -Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, -Andrei Petrowitsch! (Der Journalist hatte anscheinend -viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich und uns -mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu -würdigen; allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch -und zugleich damit Reichtum und Wohlstand — obwohl -sich einige Journalisten aus unserer Mitte auch dagegen -auflehnen werden — wird Dein Lohn sein.“ -</p> - -<p> -Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese -Anzeige; sein Gesicht strahlte. In der Presse wurde -über ihn geredet, das war etwas ganz Neues für ihn. -Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der -Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm -sehr. Der Satz „Vivat Andrei Petrowitsch“ erweckte -ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf bedrucktem -Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, -die er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann -rasch, im Zimmer auf- und abzugehen, und sich mit -den Fingern durch die Haare zu fahren; bald setzte er -sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und -ließ sich auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend -vorstellte, wie er die Besucher empfangen würde, -dann trat er an eine Leinewand heran und pinselte keck -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse -Bewegungen abzulocken. -</p> - -<p> -Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, -und er beeilte sich, sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung -eines Lakaien in einer pelzgefütterten Livree, -und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen Mädchens, -betrat das Atelier. -</p> - -<p> -„Sind Sie Monsieur Tschartkow?“ fragte die Dame. -Der Künstler verneigte sich. -</p> - -<p> -„Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts -sollen der Gipfel der Vollkommenheit sein.“ Nach diesen -einleitenden Worten bewaffnete die Dame ihr Auge mit -einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die -nackten Wände gleiten. „Und wo sind Ihre Porträts?“ -</p> - -<p> -„Man hat sie soeben abgeholt,“ sagte der Künstler -etwas verlegen. „Ich bin erst vor kurzem in diese -Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie noch -unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.“ -</p> - -<p> -„Waren Sie in Italien?“ fragte die Dame, indem -sie ihr Lorgnon in Ermangelung eines andern Objektes -für ihre Beobachtungen auf ihn selbst richtete. -</p> - -<p> -„Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die -Absicht ... Übrigens habe ich es jetzt aufgeschoben ... -Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind Sie nicht müde?“ -</p> - -<p> -„Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage -gesessen. Ah, hier! Endlich sehe ich eine Arbeit von -Ihnen,“ sagte die Dame, während sie an die gegenüberliegende -Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort -lehnenden Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. -„<span class="antiqua">C’est charmant, Lise, venez-ici!</span> Ein Zimmer im -Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! Ein -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine -Palette ... Dieser Staub hier, siehst du, wie der -Staub gemalt ist? <span class="antiqua">C’est charmant!</span> — Und hier eine -andere Leinwand: eine Frau, die sich das Gesicht wäscht ... -<span class="antiqua">Quelle jolie Figure!</span> ... Ach, ein Bäuerlein! Liese, -Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau -her, ein Bäuerlein! ... Also Sie malen nicht nur -Porträts?“ -</p> - -<p> -„O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter -Skizzen!“ -</p> - -<p> -„Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen -Porträtisten? Nicht wahr, es gibt jetzt keinen solchen -mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft in der Farbengebung -... Keine solche ... wie schade, daß ich es -Ihnen nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine -Liebhaberin der Malerei und hatte bewaffnet mit ihrem -Lorgnon alle Galerien Italiens durchwandert.) Allerdings -Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für -eine ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in -seinen Gesichtern sogar noch mehr Ausdruck enthalten -ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl<a id="corr-129"></a>?“ -</p> - -<p> -„Wer ist dieser Nohl?“ fragte der Maler. -</p> - -<p> -„Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat -meine Tochter gezeichnet, als sie noch zwölf Jahre alt -war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen — Liese, -du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir -sind in der Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort -ein Porträt von Liese in Angriff nehmen würden.“ -</p> - -<p> -„Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu -Diensten.“ Sofort schob er die Staffelei mit einem -präparierten Keilrahmen heran, nahm die Palette in -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen -der Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur -gewesen, er hätte in diesem Gesichte sogleich die ersten -Spuren einer kindlichen Leidenschaft für Bälle, einer peinigenden -Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor und nach -dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen -Kleide auf einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden -Folgen eines erheuchelten Eifers für die verschiedensten -Künste, zu dem sie die Mutter zur Erbauung der Seele -und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt. Allein -der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie -eine lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige -Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes -Vibrieren, ein dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische -Zierlichkeit der Figur. Und er bereitete sich schon -im voraus auf einen Triumph; endlich war die Gelegenheit -da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, -der sich bis dahin nur an den rohen Zügen ordinärer -Modelle, an langweiligen Antiken und Kopien nach -einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu offenbaren. -Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht -ihm von der Leinwand entgegenblicken werde. -</p> - -<p> -„Wissen Sie,“ sagte die Dame mit einem fast -rührenden Ausdruck, „ich möchte ... sie hat jetzt dieses -Kleid an ... mir wäre es offengestanden lieber, daß -sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. -Es wäre mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre -und im Schatten eines Baumes säße ... mit einer -Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf eine -weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß -es so aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -Ball oder zu einer modischen Soirée ... Offengestanden, -unsere Bälle töten die Seele so sehr und morden jeden -letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr Einfachheit! -Nicht wahr?“ Doch ach, leider konnte man es -sowohl der Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, -daß sie sich alle beide auf allerhand Bällen so müde -getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs anzuschauen -waren. -</p> - -<p> -Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung -seines Modells an, überlegte sich alles reiflich, nahm -mit dem Pinsel das Maß, kniff das eine Auge ein wenig -zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame von -weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, -die er in einer Stunde beendigte. Da er mit seiner -Arbeit zufrieden war, machte er sich sofort an die eigentliche -Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen -hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen -Damen vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen -Bohèmegepflogenheiten zurück, indem er sich durch einige -Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen halblaute Bemerkungen, -wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn -er sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne -viel Umstände zu machen, ließ er auf einen Wink des -Pinsels hin das Modell, das sich schließlich zu bewegen -begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ, den -Kopf hochheben. -</p> - -<p> -„Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!“ -sagte die Dame. „Nein bitte, noch ein wenig,“ bat -der eifrige Maler. -</p> - -<p> -„Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!“ versetzte -die Dame, zog ihre kleine, an einer goldnen Kette -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -vom Gürtel herabhängende Uhr hervor und rief ganz -überrascht aus: „Ach wie spät!“ -</p> - -<p> -„Nur noch ein Augenblickchen,“ sagte Tschartkow -mit der einfältigen und bittenden Gebärde eines Kindes. -</p> - -<p> -Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, -seinen künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach -ihm aber dafür, ein anderes Mal länger zu bleiben. -</p> - -<p> -„Das ist doch ärgerlich!“ dachte Tschartkow, „meine -Hand war gerade in Schwung gekommen.“ Und er -erinnerte sich daran, wie er von niemandem gestört und -gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der -Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz -regungslos auf einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn -malen, so lange man wollte, ja, er schlief sogar in der -gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte Tschartkow -Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich -vor der Leinwand stehn. -</p> - -<p> -Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den -Nachdenklichen aus seinem Traume, er stürzte schnell -zur Tür, um die Damen hinauszugeleiten. Auf der -Treppe erhielt er die Einladung, in der nächsten Woche -bei ihnen zu dinieren, und kehrte mit fröhlicher Miene -in sein Zimmer zurück. Die aristokratische Dame hatte -ihn vollkommen bezaubert — bis dahin hatte er solche -Geschöpfe als etwas für ihn Unerreichbares angesehen, -als Wesen, die nur dazu geboren sind, in prächtigen -Equipagen mit Dienern in kostbaren Livreen und gallonierten -Kutschern an armen Sterblichen, wie er, vorbeizusausen -und einen im verschlissenen Mantel zu Fuß -einherschreitenden Burschen mit einem gleichgültigen Blick -zu streifen. Mit einem Male aber war eines dieser -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -Wesen zu ihm in seine Wohnung gekommen; er malte -dessen Porträt und war zu einem Diner in ein aristokratisches -Haus eingeladen. Eine ganz ungewöhnliche -Zufriedenheit bemächtigte sich seiner, er war vollständig -trunken vor Freude und belohnte sich für seine gute -Laune mit einem famosen Souper, einem Theaterbesuch -und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer -Equipage durch die Stadt. -</p> - -<p> -Während all dieser Tage kam ihm seine gewohnte -Arbeit gar nicht in den Sinn; er war nur mit Vorbereitungen -auf den Besuch beschäftigt, und wartete -auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertönen pflegte. -Endlich erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter -wieder. Er ließ sie Platz nehmen, rückte die Leinewand -schon mit einer gewissen Sicherheit und mit -den Prätensionen eines Mannes von feinen Manieren -zurecht, und begann seine Arbeit. Der sonnige Tag -und die gute Beleuchtung leisteten ihm große Dienste. -Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge -von Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf -der Leinewand dem Porträt einen hohen Wert verleihen -konnten. Er sah, daß es wohl möglich war, -etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen -darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der -Natur entgegentrat. Sein Herz fing leicht zu klopfen -an, weil er die Kraft in sich fühlte, etwas, was -andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu -bringen. Die Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er -gab sich ihr völlig hin und vergaß bald wieder die aristokratische -Herkunft des Originals; mit benommenem -Atem stellte er fest, wie die zarten Züge und der fast -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -durchsichtige Körper des siebenzehnjährigen Mädchens -allmählich auf der Leinwand erschienen. Keine noch so -zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten gelben -Ton, einen kaum merklichen bläulichen Schimmer unter -den Augen — und war sogar schon im Begriff, einen -kleinen Pickel, der sich auf der Stirne befand, zu verzeichnen, -als er plötzlich neben sich die Stimme der -Mutter vernahm. „Ach nein, wozu nur? Das ist -nicht nötig! Auch hier haben Sie ... hier an einigen -Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu sein, und auch -dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken.“ Der -Maler fing an zu erklären, daß sich gerade diese -Pünktchen und die gelbe Farbe besonders gut machten, -weil sie im Gesicht als angenehme und leichte Töne -wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, daß das überhaupt -keine Töne seien, daß sie sich garnicht gut ausnähmen, -und daß es ihm nur so vorkäme. „Aber so -erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser einen -Stelle, etwas Gelb aufzutragen!“ bat der Künstler mit -harmloser Miene. Indessen gerade das wurde ihm -nicht erlaubt. Man erklärte ihm, daß Liese heute bloß -nicht in Stimmung sei, daß sie sonst ganz und gar -nicht gelb aussehe, und daß ihr Gesicht im Gegenteil -durch die Frische seines Teints überrasche. Traurig -machte er sich daran, die beanstandeten Spuren -seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele -fast unmerkliche Züge mußten schwinden, und mit -Ihnen schwand zum Teil auch die Ähnlichkeit dahin. Gleichgültig -begann er dem Bilde jenes konventionelle Kolorit -mitzuteilen, das sich von vornherein ganz mechanisch -und wie von selbst einstellt und auch einem nach der -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -Natur gemalten Gesicht eine gewisse kühle Idealität -verleiht, wie wir sie auf Schülerprogrammen antreffen. -Die Dame war jedoch sehr zufrieden, daß nunmehr -das Verletzende der Farbengebung gänzlich vermieden -wurde. Sie drückte nur ihr Erstaunen darüber aus, -daß die Arbeit so langsam vor sich ging, und fügte -hinzu, sie hätte gehört, er könnte schon in zwei Sitzungen -ein vollständiges Porträt malen. Der Maler fand -hierauf keine Antwort. Die Damen erhoben sich und -wollten fortgehen. Er legte den Pinsel nieder, geleitete -sie bis an die Tür und blieb lange Zeit in trüber -Stimmung vor seinem Porträt stehen. -</p> - -<p> -Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen -aber schwebten jene zarten weiblichen Züge, jene Schatten -und luftigen Töne, die er bemerkt, und die sein Pinsel -dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem Auge. -Ganz von ihnen erfüllt, stellte er das Porträt beiseite -und suchte aus irgend einer Ecke seine „Psyche“ hervor, -die er vor längerer Zeit einmal flüchtig skizziert hatte. -Es war ein graziös hingemaltes, aber rein ideales -und kaltes Gesichtchen, das bloß allgemeine und wenig -charakteristische Züge aufwies und noch auf keinem lebendigen -Körper saß. Er begann diese Züge mit dem -Pinsel nachzuziehen, während er sich dabei an alles erinnerte, -was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner -aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm -erfaßten Linien, Schatten und Töne nahmen hierbei -jene verklärte Form an, wie sie dem Künstler erscheinen, -wenn er die Natur genügend in sich aufgenommen -hat, sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbürtiges -Werk schafft. Die Psyche lebte allmählich -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum flüchtig -bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der -Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich -von selbst der Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen -eigenartigen Ausdruck, der ihr das Recht auf den -Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen -durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im -Ganzen ausgenutzt, was ihm das Original bot, und -war von seiner Arbeit vollkommen hingerissen. Einige -Tage lang beschäftigte er sich nur mit ihr, da überraschte -ihn zufällig das Eintreten der bekannten Damen -bei dieser Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von -der Staffelei zu entfernen; die beiden Damen stießen -einen frohen Ruf des Erstaunens aus und schlugen die -Hände zusammen. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Lise, Lise!</span> ach, wie ähnlich! <span class="antiqua">Superbe, superbe!</span> -Was für ein schöner Einfall, sie in einem griechischen -Kostüm zu malen! Welche Überraschung!“ -</p> - -<p> -Der Künstler wußte nicht, wie er die Damen über -ihren angenehmen Irrtum aufklären sollte. Verlegen -und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise: „Das ist -Psyche!“ -</p> - -<p> -„Als Psyche? <span class="antiqua">C’est charmant!</span>“ sagte die Mutter -lächelnd zu ihrer gleichfalls lächelnden Tochter. „Nicht -wahr, <span class="antiqua">Lise</span>, so machst du dich am besten, so als Psyche, -nicht? <span class="antiqua">Quelle idée délicieuse!</span> Aber was für eine -Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, -ich habe zwar von Ihnen gelesen und gehört, ich wußte -aber doch nicht, daß Sie ein solches Talent sind. Nein, -Sie müssen unbedingt auch noch <em>mein</em> Porträt malen!“ -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche -präsentieren ... -</p> - -<p> -„Was soll ich mit ihnen anfangen?“ dachte der -Künstler. „Wenn sie es selbst durchaus wollen, gebe ich -einfach die „Psyche“ für das aus, was ihnen am -meisten behagt!“ Und er sagte laut: „Belieben Sie -noch für eine Weile Platz zu nehmen. Ich möchte hier -noch einen Tupfen auftragen!“ -</p> - -<p> -„Ach, ich fürchte, daß Sie hier irgend etwas ... -Sie ist jetzt so ähnlich.“ -</p> - -<p> -Aber der Künstler merkte wohl, daß sich ihre Befürchtungen -nur auf gelben Ton bezogen, und beruhigte -sie, indem er sagte, daß er den Augen nur -noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. -In Wirklichkeit aber war es ihm zu peinlich zumute, -er wollte wenigstens die Ähnlichkeit mit dem Original -noch etwas verstärken, damit ihm wenigstens niemand -seine Schamlosigkeit zum Vorwurf machen könne. -Und in der Tat, das Antlitz ließ bald immer deutlicher -die Züge des blassen Mädchens erkennen. -</p> - -<p> -„Genug,“ sagte die Mutter, die zu fürchten begann, -daß die Ähnlichkeit allzu groß werden könnte. Dem -Künstler wurde durch ein Lächeln, durch Geld, Komplimente, -herzliche Händedrücke und eine Einladung -zum Diner eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem -Worte, er wurde nur so überschüttet mit Schmeicheleien -und höchsten Zeichen der Anerkennung. -</p> - -<p> -Das Porträt erregte in der Stadt Aufsehen. Die -Damen zeigten es ihren Freundinnen; alle bewunderten -die Kunst, mit der der Maler es verstanden hatte, die -Ähnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schönheit -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -und Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde -natürlich nicht ohne einen leichten Anflug von Neid -festgestellt, und mit einem Male war der Künstler mit -Arbeiten überhäuft. Fast schien es, als wollte die -ganze Stadt sich bei ihm porträtieren lassen. Im Flur -ertönte jeden Augenblick die Glocke. — Dieser äußere -Erfolg konnte zwar sein Glück ausmachen, da er ihm -eine große Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit -und die Zahl der Gesichter, die er malen mußte, war -in der Tat sehr groß. Leider waren es jedoch alles -Menschen, mit denen man nur schwer auskommen -konnte, eilige, beschäftigte Menschen oder Personen, die -der großen Gesellschaft angehörten und infolgedessen -noch mehr als alle anderen abgehetzt und aufs äußerste -ungeduldig waren. -</p> - -<p> -Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn -gestellt wurde, war diese, daß er was Gutes leisten und -möglichst schnell arbeiten solle. -</p> - -<p> -Bald sah der Maler die Unmöglichkeit ein, seine Porträts -sorgfältig auszuführen, er gelangte vielmehr zur Überzeugung, -daß man die genauere Charakteristik durch -einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen, nur das -große Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten müsse -und sich nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben -dürfe: mit einem Worte, er begriff, daß er es -sich nicht erlauben konnte, die Natur in ihrer ganzen -Vollkommenheit wiederzugeben. Außerdem muß hinzugefügt -werden, daß fast alle seine Modelle auch noch -andere Wünsche geltend machten. Die Damen verlangten, -daß hauptsächlich die Seele und das Wesen auf den -Porträts betont, andere Züge dagegen unter Umständen -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -durchaus hintangesetzt würden, daß alle Ecken abgerundet, -alle Mängel verwischt oder wenn möglich ganz und gar -ausgemerzt werden sollten, mit einem Worte, daß das -Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung -reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, -ihre Mienen einen solchen Ausdruck an, daß der Künstler -aufs höchste erstaunt war. Die eine bemühte sich, eine -gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte wiederzuspiegeln, -die andere nahm eine verträumte Pose an, die dritte -wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen -lassen und spitzte ihn so zu, bis er sich endlich in einen -Punkt verwandelte, der nicht größer als ein Stecknadelknopf -war. Trotz alledem aber verlangte man Ähnlichkeit -und ungezwungene Natürlichkeit von ihm. Und -die Herren waren nicht besser als die Damen. Der -eine wollte mit einer kraftvollen, energischen Kopfhaltung -dargestellt werden, der andere mit durchgeistigten und -gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant wünschte, -daß Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter -hatte das Bestreben, möglichst viel Gradheit -und Edelmut in seinen Gesichtsausdruck zu legen, -stützte die Hand auf ein Buch, das die deutliche Aufschrift -trug: „Ich bin stets für die Wahrheit eingetreten!“, -und wollte in dieser Pose porträtiert sein. Anfangs -trat dem Künstler infolge dieser Forderungen der Schweiß -auf die Stirn, all dies mußte genau durchdacht werden, -und doch räumte man ihm nur eine geringe Frist dafür -ein. Schließlich jedoch begriff er den Kern der Sache -und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon -zwei, drei Worte reichten hin, ihn darüber zu belehren, -wie sich ein jeder dargestellt wissen wollte. Wer nach -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -einem Mars Verlangen trug, dem steckte er einen Mars -ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen hatte, -dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen -als Corinna, als Undine oder gar als Aspasia erscheinen -wollten, war für ihn ohne jeden Belang: er willigte -mit großem Vergnügen in alles ein und legte schon aus -eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine beträchtliche -Dosis Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkür, die -nirgends Schaden stiften kann und für die man sogar -mitunter eine gewisse Unähnlichkeit mit in den Kauf -nimmt. Allmählich fing er selbst an, sich über die -erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels -zu wundern. Die Porträtierten aber waren ganz entzückt -und erklärten ihn für ein Genie. -</p> - -<p> -Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler. -Er begann, Diners zu besuchen und Damen in die -Galerien und sogar auf Bälle und Feste zu begleiten, -sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, daß -ein Künstler gesellschaftsfähig sein müsse, daß er sich -standesgemäß zu betragen habe, daß sich die Maler im -allgemeinen wie die Schuster kleiden, sich nicht anständig -zu benehmen, den höheren Ton nicht zu wahren verstehen -und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im -Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und -Akkuratesse; er hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm -stutzerhafte Schüler an, kleidete sich mehrere Male am -Tage um, ließ sich das Haar brennen, beschäftigte sich -damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er -seine Besucher zu empfangen gedachte, und legte den -größten Wert auf die Pflege seines Äußeren, um einen -möglichst günstigen Eindruck auf die Damen zu machen, -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch -jenen Künstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und -im stillen in seinem Kämmerlein auf der Wassilij-Insel -gearbeitet hatte. Über Künstler und Kunst fällte er -nur noch die anmaßendsten Urteile, er behauptete, man -mäße den früheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie -alle mit Ausnahme von Raffael hätten keine lebendigen -Menschen, sondern bloß Heringe geschaffen, und er erklärte, -die Ansicht, daß ihnen etwas Heiliges innewohne, -existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst -Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und -viele seiner Bilder genössen überhaupt nur aus einem -gewissen Atavismus einen so hohen Ruhm; er schrie, -daß Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch Kenntnis -der Anatomie imponieren wollte, daß er gar keine Grazie -besäße, und daß man einen wirklichen Glanz, und die -wahre Kraft der Pinselführung und des Kolorits nur -in dem gegenwärtigen Zeitalter finden könne. Dann -kam er naturgemäß auch auf sich selbst zu sprechen. -„Ich verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen,“ -pflegte er zu sagen, „da hocken und brüten sie über ihrer -Arbeit: ein Mensch, der mehrere Monate hintereinander -an einem Bilde herumtiftelt, ist meines Erachtens -nichts als ein gewöhnlicher Tagelöhner und kein Künstler; -ich kann nicht glauben, daß er Talent besitzt. Ein Genie -schafft kühn und schnell. Sehen Sie,“ pflegte er zu -sagen, indem er sich an seine Besucher wandte, „dieses -Porträt hier habe ich in zwei Tagen gemalt, dieses -Köpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen -Stunden, und das dort in etwas mehr als einer Stunde. -Nein, offengestanden, ich kann doch ein Werk nicht als -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich gesetzt -ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr.“ -So sprach er zu seinen Gästen, und diese bewunderten -die Kraft und Leichtigkeit seiner Pinselführung, stießen -Rufe des Erstaunens aus, wenn sie hörten, in wie -kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten es -nachher auch anderen mit. „Das ist ein Talent, o ein -großes, wahres Talent! Sehen Sie nur, wie seine -Augen glänzen, wenn er spricht. <span class="antiqua">Il y a quelque -chose d’extraordinaire dans toute sa figure!</span>“ -</p> - -<p> -Dem Künstler schmeichelte es, solche Reden über sich -zu hören. Wenn er in den Journalen öffentlich gelobt -und gepriesen wurde, dann freute er sich wie ein Kind, -obgleich diese Lobeserhebungen von ihm für bares Geld -gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt -immer mit sich herum und zeigte es gleichsam -unabsichtlich all seinen Bekannten und Freunden. Und -dies ergötzte ihn aufs höchste, so einfältig und naiv es -war. Sein Ruhm wuchs, die Aufträge und Bestellungen -mehrten sich; schon fing er an, der immer gleichen -Porträts und Gesichter, deren Ausdruck er bereits auswendig -kannte, überdrüssig zu werden. Schon malte -er ohne große Begeisterung, indem er sich nur noch -bemühte, den Kopf auf die Leinewand zu werfen; das -übrige überließ er seinen Schülern. Früher suchte er -wenigstens noch, seinen Porträts ein neues Moment abzugewinnen, -durch eine neue Stellung, durch die Kraft -der Pinselführung oder durch gewisse Effekte zu überraschen. -Jetzt langweilte ihn auch dies allmählich. Das -dauernde Grübeln und Suchen nach Neuem ermüdete -seinen Geist. Er <em>konnte</em> es bald auch gar nicht mehr, -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmäßige -Lebensweise und die Gesellschaft, in der er die Rolle -eines Lebemanns zu spielen suchte, entfremdeten ihn der -wirklichen Arbeit. Seine Pinselführung wurde kalt und -stumpf, und erstarrte unmerklich in eintönigen, konventionellen, -längst verbrauchten Formen. Die langweiligen, -kalten, ewig gepflegten, ledernen oder sozusagen -zugeknöpften Gesichter der Beamten, der militärischen wie -der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen großen -Spielraum. Die prächtigen Drapierungen, die starken -Bewegungen und Leidenschaften hatte er völlig vergessen. -Von künstlerischer Komposition, von dramatischem Leben, -von einer erhabenen Steigerung war überhaupt nicht -mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie -Uniformen, Korsetts und Fräcke, alles Dinge, die einen -Künstler kalt lassen und die jede Phantasie ertöten. -Selbst die am leichtesten zu erreichenden Vorzüge gingen -seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber fanden sie immer -noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und -Künstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den -Achseln zuckten. Die wenigen, die Tschartkow von -früher her kannten, vermochten nicht zu verstehen, wie -ein Talent, dessen Stärke sich schon in dem jungen -Schüler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und -sie bemühten sich vergebens, zu erraten, wie in einem -Menschen plötzlich die Begabung erlöschen könne, in -demselben Augenblick, wo seine Kräfte erst eben zu voller -Entfaltung gekommen waren. -</p> - -<p> -Aber der von seinen Erfolgen trunkene Künstler -hörte alle diese Äußerungen nicht. Schon begann er -zu altern, mit den Jahren bemächtigte sich seiner eine -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -gewisse geistige Schwerfälligkeit, er wurde allmählich -immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon -las er in den Zeitungen und Journalen Epitheta wie -die folgenden: „Unser verehrter Andrej Petrowitsch!“ -„Unser hochverdienter ...!“ Schon bot man ihm Ehrenämter -an, lud ihn zu Prüfungen ein und wählte ihn -in verschiedene Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren -Alter immer zu geschehen pflegt, entschieden für -Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er durchaus -von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern -nur deshalb, um sie als Angriffswaffe gegen seine -jüngeren Kollegen zu benutzen. Schon vergnügte er -sich damit, nach Art älterer Herren der ganzen Jugend -ohne Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte -Geistesrichtung zum Vorwurf zu machen. Schon neigte -er sich der Auffassung zu, daß alles in der Welt ganz -einfach und wie von selbst vor sich gehe, daß es keine -Inspiration gebe und daß alles einem strengen Regiment, -der Ordnung und einer monotonen Regelmäßigkeit -unterworfen sein müsse, — mit einem Wort, er war -bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und -Drang, der überhaupt jemals in einem Menschen pulsiert -hat, zu verschwinden beginnt, wo die Töne des zauberhaften -Bogens nur gedämpft an die Seele rühren und -das Herz nicht mehr mit erschütternden Klängen umkreisen, -wo der Kuß der Schönheit keine jungfräulichen -Kräfte mehr in Flammen wandelt — wo sich dafür -aber alle verglühten Gefühle dem Klirren des -Goldes um so zugänglicher erweisen, immer aufmerksamer -auf seine verlockende Musik lauschen, -ihr allmählich und unmerklich immer mehr Macht -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -über sich einräumen und sich sanft von ihr einlullen -lassen. -</p> - -<p> -Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht -verdient hat, keinen Genuß gewähren. Nur den, der -seiner würdig ist, erfüllt er ständig mit einem wonnigen -Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen -und Wünsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm -Leidenschaft, Ideal, Schreckbild, Genuß und Lebenszweck. -In seinen Tischen häuften sich Päckchen von Banknoten -an, und wie jeder, dem dieses schreckliche Geschenk zuteil -wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr -in einen langweiligen, nur dem Golde zugänglichen, -törichten Geizhals, einen sinnlosen Sammler, und er -war schon auf dem besten Wege, zu einem jener Sonderlinge -zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt -gar viele gibt. Ein warmblütiger und gütiger Mensch -betrachtet sie voll Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne -Särge, die sich vor ihm bewegen und einen leblosen -Klumpen anstelle eines Herzens in sich bergen. Aber -eine merkwürdige Begebenheit sollte bald sein ganzes -Wesen durchrütteln und erschüttern. -</p> - -<p> -Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein -Schreiben, in dem die Akademie der Künste ihn als -ihr hochverehrtes Mitglied um sein Erscheinen und um -sein Urteil über ein neues Werk bat, das aus Italien -angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung -weilenden russischen Künstler zum Urheber hatte. Dieser -Künstler war ein ehemaliger Freund von ihm, der seit -langem die Leidenschaft für die Kunst in sich barg, und -sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine -Arbeit vergraben hatte; er hatte sich von all seinen -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -Freunden und Verwandten, von allen lieben Gewohnheiten -losgerissen und war in ein Land geeilt, wo ein -herrlicher Himmel eine majestätische Kunst reifen läßt: -in das überwältigende Rom, bei dessen Erwähnung -eines Künstlers feuriges Herz stets voll und stürmisch -zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie ein -Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes -Studium. Ihn kümmerte es wenig, daß -sich die Menschen über sein seltsames Wesen aufhielten, -daß man seine Unfähigkeit, sich in der guten Gesellschaft -zu bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen -tadelte und von dem Schaden sprach, den er dem Künstlerstande -durch seinen ärmlichen, altmodischen Anzug zufügte. -Es war ihm völlig gleichgültig, ob ihm seine Kollegen -zürnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der -Kunst verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermüdlich -besuchte er die Galerien und Museen, er konnte stundenlang -vor den Werken der großen Meister stehen und -deren wundervolle Pinselführung studieren. Er vollendete -kein Werk, bevor er sich angesichts dieser großen Vorbilder -geprüft und sich aus ihren Werken einen stummen -und doch so beredten Rat geholt hatte. An lärmenden -Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte er sich nie, -er nahm weder für, noch gegen die Puristen Partei, -sondern ließ allen die schuldige Anerkennung zuteil -werden, indem er in allem nur das Schöne zu entdecken -wußte, bis er sich endlich einzig und allein dem göttlichen -Raffael als seinem Lehrmeister überließ, — wie -auch ein großer Dichter, der schon so viele verschiedene -Werke voll Anmut und majestätischer Schönheit kennen -gelernt hat, zuletzt nur noch Homers Ilias als die überragende -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -Dichtung gelten läßt, nachdem er entdeckt hat, -daß in diesem Epos alles enthalten ist, was man von -einem Kunstwerk verlangen kann, und daß sich hier -alles in höchster Vollkommenheit wiederspiegelt. Und -so hatte er sich denn bei dieser beständigen Arbeit an sich -selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle -Schönheit der Gedanken und die hohe Anmut einer -schier überirdischen Pinselführung erworben. -</p> - -<p> -Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits -eine Menge von Besuchern vor, die vor dem Bilde standen. -Eine tiefe Stille, wie sie nur selten unter so zahlreichen -Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er beeilte sich, -seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine -tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild. -Aber, o Gott! was war das, was er da erblickte! -</p> - -<p> -Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand -das Werk des Künstlers vor ihm. Bescheiden, göttlich, -unschuldig und einfach wie das Genie selbst, schien es -hoch über allem zu schweben. Es war, als senkten -die himmlischen Gestalten, verwundert über so viele auf -sie gerichteten Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern. -Mit einem Gefühl unwillkürlichen Staunens starrten -die Eingeweihten die neue, nie gesehene Pinselführung -an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die Schulung -an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der -Haltung, und die an Corregio, die sich in der vollkommenen -Technik verriet. Aber den gewaltigsten Eindruck -machte die in der Seele des Künstlers wirkende -Schöpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemäldes -war von ihr durchdrungen; alles atmete eine strenge -Gesetzmäßigkeit und innere Kraft; jedes Ding ließ jene -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -wundervoll schwebende und fließende Rundung der Linien -erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das -Auge des schaffenden Künstlers sieht, bei dem Nachahmer -und Kopisten aber stets eckig und hart erscheint. Man -fühlte ganz deutlich, wie der Künstler alles, was er der -äußeren Welt entnommen, in sich, in seiner Seele verschlossen -hatte, um es erst später aus dieser geistigen Quelle -gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln -zu lassen. Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was -für ein unermeßlicher Abgrund zwischen einem Kunstwerk -und einer einfachen Kopie der Natur gähnt. Es ist -unmöglich, jene ungewöhnliche Stille zu schildern, die -alle Anwesenden beobachteten, während sie ihre Augen -auf das Bild gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut -störte die andächtige Stimmung. Die Wirkung des -Bildes hatte sich inzwischen nur noch verstärkt. Strahlend -und wie ein unbegreifliches Wunder löste es sich von -allem Irdischen los, um sich schließlich ganz in einen -Augenblick — die Frucht eines dem Künstler vom Himmel -eingegebenen Gedankens — zu verwandeln, in einen -Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als -Vorbereitung dient. Unwillkürlich wandelte die das -Bild umringenden Beschauer das Bedürfnis zu weinen -an; es schien, als hätten sich alle Kunstanschauungen, -alle dreisten, regellosen und willkürlichen Abweichungen des -Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das -göttliche Werk vereinigt. -</p> - -<p> -Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow -vor dem Bilde, und erst als schließlich doch eine kleine -Bewegung durch die Reihen der Besucher und Autoritäten -ging, als man sich laut über den Wert des Werkes zu -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -unterhalten begann, als man sich schließlich auch an -Tschartkow mit der Bitte wandte, sein Urteil abzugeben, -kam er wieder zu sich, versuchte seine gewöhnliche gleichmütige -Miene aufzusetzen und war eben im Begriff, -ein paar Plattheiten zu äußern, wie man sie wohl von -verknöcherten Routiniers zu hören bekommt. Er wollte -schon sagen: „Hm, gewiß, man kann dem Maler ja -nicht alles Talent absprechen; Talent hat er, das ist -unleugbar. Man sieht, daß er etwas ausdrücken will. -Was aber die Hauptsache betrifft,“ — und hierauf sollten -natürlich einige lobende Worte folgen, die keinem Künstler -gut bekommen wären. Aber er führte seine Absicht -nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen, statt dessen -drangen Tränen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner -Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus -dem Saal. -</p> - -<p> -Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert -mitten in seinem prächtigen Atelier, seine ganze -Vergangenheit lebte einen Augenblick wieder in ihm auf, -als wäre die Jugend zu ihm zurückgekehrt, und als -wären die erloschenen Funken seines Talentes in -ihm wieder aufgelodert. Die Binde fiel plötzlich von -seinen Augen. Gott! wie hatte er die besten Jahre -seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die -spärliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt -hatte, und die sich vielleicht jetzt groß und herrlich -entfaltet und vielleicht ebenfalls Tränen des Staunens -und der Dankbarkeit entlockt hätte, so plump ersticken -können. Wie hatte er sie in sich ertöten, erbarmungslos vernichten -können! Es schien, als wären in diesem Augenblicke -plötzlich alles Streben und alle Leidenschaften in -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -seiner Seele erwacht, alle Gefühle, die auch sie einmal -gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und trat vor -die Leinwand. Ein kalter Schweiß bedeckte seine Stirn; -er verwandelte sich völlig in <em>einen</em> einzigen Wunsch -und war ganz von <em>einem</em> Gedanken beseelt. Er wollte -den gefallenen Engel darstellen. Diese Vorstellung -stimmte am besten mit <a id="corr-131"></a>seinem Seelenzustand überein, -aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine -Posen, Gruppen und Ideen hatten etwas Gezwungenes -und Wirres. Sein Pinsel und seine Phantasie wurden -zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmächtige -Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich -selber auferlegt hatte, zu zerbrechen, verleitete ihn gleich -zu Anfang zu Unrichtigkeiten und Fehlern. Er hatte -die ermüdend lange Stufenleiter der nur allmählich -zu erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze -der großen zukünftigen Wissenschaft übersprungen. Ein -heftiger Verdruß bemächtigte sich seiner, er ließ all’ -seine letzten Schöpfungen: die seelenlosen Modebilder, die -Porträts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und -Staatsräten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich -allein in sein Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen -und versenkte sich ganz in die Arbeit. Wie -ein geduldiger Knabe, wie ein Schüler saß er an seinem -Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwächlich war -alles, was sein Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt -strauchelte er über die Unkenntnis der elementarsten -Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte erkältend -auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie -als unüberbrückbares Hindernis entgegen. Der Pinsel -wandte sich unwillkürlich wieder den alten versteinerten -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -Formen zu, die Arme nahmen ihre gewohnte Haltung -an, der Kopf wagte es nicht, sich eine ungewöhnliche -Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des -Kleides hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm -durchaus nicht fügen und sich nicht an die neue Körperstellung -anpassen. Und Tschartkow fühlte es, fühlte es -selbst und sah es mit eigenen Augen. -</p> - -<p> -„Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe -ich mich nicht selbst betrogen?“ Mit diesen Worten -suchte er seine früheren Werke hervor, die er einst in -so reiner Stimmung, so völlig frei von Habsucht und -Geldgier in seiner ärmlichen Mansarde auf der abgelegenen -Wassilij-Insel, fern von den Menschen geschaffen -hatte; damals, als er noch nichts von Überfluß -und all den raffinierten Genüssen der Großstadt wußte. -Jetzt stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete -sie aufmerksam, und sein ganzes früheres Leben voll -Not und Entbehrung erstand wieder vor ihm. „Ja ...“ -sagte er ganz verzweifelt, „ich <em>hatte</em> Talent! wohin ich -auch blicke, überall entdecke ich deutliche Spuren davon!“ -</p> - -<p> -Er blieb stehen und erzitterte plötzlich am ganzen -Leibe. Sein Blick begegnete einem Augenpaar, das -starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes ungewöhnliche -Porträt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft -hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten -gestanden, von anderen Bildern verdeckt, und so war es -ihm völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Jetzt aber, -wo alle modernen Porträts und Gemälde, die sein -Atelier anfüllten, entfernt waren, blickte es plötzlich zusammen -mit den früheren Werken seiner Jugend hervor. -Als er sich nun an die sonderbare Geschichte dieses Porträts -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -erinnerte, als er daran dachte, daß dieses merkwürdige -Bildnis gewissermaßen die Ursache seiner Wandlung -geworden war, daß die große Geldsumme, die ihm -auf so wunderbare Weise zuteil geworden, alle die falschen -und eitlen Regungen, die sein Talent zugrunde richten -sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele von -einem fast sinnlosen Grimm erfaßt, und er ließ das verhaßte -Bildnis sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung -wollte ihn trotzdem nicht verlassen. All seine -Gefühle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs Tiefste -aufgerührt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual -kennen, die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in -der Natur vorkommt, wenn ein schwaches Talent sich -mehr abzuringen versucht, als es zu leisten vermag, und -doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene -Qual, die zwar einen Jüngling zu großen Taten spornt, -aber den, der schon zu alt ist, um zu träumen, vergebens -und fruchtlos mit einem heißen Schaffensdurste peinigt — -jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu grauenhaften -Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid -bemächtigte sich seiner. Er wurde gelb vor Ärger, wenn -er einem Werke gegenüberstand, das den Stempel des -Talentes trug. Er knirschte mit den Zähnen und durchbohrte -es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In -seiner Seele regten sich höllische Vorsätze, wie sie so leicht -kein Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie -war er bemüht, sie zur Ausführung zu bringen. Er -fing an, alles Beste anzukaufen, was in seiner Kunst -produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein -Bild erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, -stürzte sich mit der Wut eines Tigers darauf, riß es -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -entzwei, schnitt es in Stücke und zerstampfte es mit -frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermögen, das -er angehäuft hatte, ermöglichte es ihm, dieses teuflische -Bedürfnis zu befriedigen: er riß all seine mit Gold gefüllten -Säcke auf und öffnete all seine Truhen. Nie -hat es ein so verständnisloses Scheusal gegeben, das so -viele herrliche Kunstwerke vernichtet hätte, wie dieser -rasende Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich -zeigte, verzweifelte jeder im voraus daran, sich ein Kunstwerk -erwerben zu können, es schien, als hätte der erzürnte -Himmel diese entsetzliche Geißel absichtlich in die Welt -gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese -grauenhafte Leidenschaft ließ ihn in einem schrecklichen -Lichte erscheinen. Von ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. -Ein wütender Welt- und Menschenhaß und eine -furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zügen -wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dämon -zu sein, den uns Puschkin so wunderbar geschildert hat. -Nichts als giftgeschwollene Reden und heftige Worte des -Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer Harpye, -wenn er auf der Straße dahergestürmt kam; alle, -selbst seine guten Bekannten, bemühten sich, ihm auszuweichen, -wenn sie seiner von ferne ansichtig wurden, -und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden, ja -sie erklärten, ein solches Zusammentreffen genüge schon, -um ihnen den ganzen Tag zu vergiften. -</p> - -<p> -Zum Glück für die Welt und die Kunst konnte ein -solch aufgeregtes und gewalttätiges Leben nicht lange -dauern. Die Dimensionen, zu denen seine Leidenschaft -anwuchs, waren zu kolossal und übertrieben, als daß -ein schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -Die Wut- und Wahnsinnsanfälle wiederholten sich immer -häufiger und gingen schließlich in eine entsetzliche Krankheit -über, — ein furchtbares, von einem heftigen, schnell -um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes Fieber -ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten -von ihm zurückgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale -eines unheilbaren Irrsinns. Er wütete so um sich, -daß ihn oft mehrere Menschen nicht bändigen konnten. -Immer wieder tauchten die längst vergessenen lebendigen -Augen eines seltsamen Porträts vor ihm auf; und dann -verfiel er in ein fürchterliches Toben. Alle Menschen, -die sein Bett umstanden, schienen ihm diesen grauenhaften -Porträts zu gleichen, und diese Porträts verdoppelten, -verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen Augen; es -kam ihm vor, als wenn alle Wände mit Bildern bedeckt -wären, die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich -auf ihn gerichtet hielten; schreckliche Porträts -blickten von der Decke, vom Boden nach ihm hin, das -Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche, -um immer noch mehr von diesen starren und -unbeweglichen Augen fassen zu können. Der Arzt, der -sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der schon -manches über seine seltsame Geschichte gehört hatte, bemühte -sich aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung -zwischen den Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, -und den realen Vorgängen zu ermitteln, er hatte jedoch -keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und fühlte -nichts als seine Qual, stieß nur entsetzliche Schreie aus -und führte ganz unzusammenhängende Reden. Endlich -gab er in einem letzten stummen Ausbruch des Schmerzes -sein Leben auf. Seine Leiche war schrecklich anzusehen. -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -Von seinen ungeheuren Reichtümern war nichts mehr -zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und -Stücke der großen Kunstwerke fand, deren Wert viele -Millionen betrug, da erst verstand man, welch entsetzlichen -Gebrauch er von ihnen gemacht hatte. -</p> - -<h4 class="part" id="subchap-3-3-2"> -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -<span class="line1">Zweiter Teil</span> -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen -stand vor dem Portal eines Hauses, in dem der -Nachlaß eines jener reichen Kunstliebhaber versteigert -wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren -und Kupidos versenkt, ihr ganzes Leben sanft verträumten, -ohne eigenes Zutun sich den Ruf von Mäzenen erwarben -und treuherzig ihre Millionen verschwendeten, -die sie von ihren soliden Vätern geerbt oder sogar früher -einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche -Mäzene gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes -Jahrhundert hat schon längst die langweilige -Physiognomie eines Bankiers angenommen, der seine -Millionen nur in der Gestalt von nüchternen auf dem -Papier verzeichneten Zahlenreihen genießt. Eine bunte -Menge von Besuchern und Käufern, die von allen -Seiten wie die Raubvögel herbeigestürzt waren, erfüllte den -großen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen -Händlern aus der Passage und sogar von dem Trödelmarkt -in blauen deutschen Röcken; ihr Aussehen und -ihr Gesichtsausdruck war hier sicherer, freier und fiel -nicht durch jene unangenehmere Unterwürfigkeit und -Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Händler so -eigentümlich ist, wenn er die Kunden in seinem Laden -bedient. Hier ließen sie sich ruhig gehen, trotzdem sich -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -in demselben Saale viele Aristokraten befanden, vor denen -sie an einem andern Orte durch tiefe Bücklinge und -Kratzfüße den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen -Staub weggefegt hätten. Hier benahmen sie sich ganz -ungezwungen, betasteten ohne viel Umstände zu machen, -die Bilder und Bücher, um die Güte der Waren festzustellen, -und schraubten dreist die Preise, die die gräflichen -Kunstkenner für ein Werk boten, in die Höhe. -Hier traf man so manchen Repräsentanten jener Menschenklasse, -die man auf allen Auktionen findet, und die -täglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl -in ein Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen -und aristokratischen Kunstfreunden, die es für -ihre Pflicht hielten, keine Gelegenheit zu versäumen, bei -der sie ihre Sammlungen vergrößern könnten, und die -zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten, und -endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, -deren Anzüge und Börsen einen recht dürftigen Eindruck -machen und die hier täglich ohne jedes eigennützige Ziel -erscheinen, einzig und allein zu dem Zwecke, um zu -beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, — wer mehr, -und wer weniger geben, wer den andern überbieten, und -wem endlich der Gegenstand zugesprochen werden wird. -Viele Bilder standen ganz regellos durcheinander, dazwischen -sah man Möbel und Bücher mit den Initialen -des früheren Besitzers, der vielleicht niemals das löbliche -Bedürfnis gespürt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab -es chinesische Vasen, marmorne Tischplatten, neue und -alte Möbel mit verschnörkelten Linien, Greifen, Sphinxen -und Löwentatzen, Lampen und Kronleuchter <em>mit</em> und -<em>ohne</em> Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -es herrschte hier nicht einmal so viel Ordnung, wie man -sie selbst in einem Kunstladen vorzufinden pflegt. Das Ganze -stellte sozusagen ein großes Chaos von Kunstwerken dar. -Überhaupt ist ja das Gefühl, das wir angesichts einer -Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet -einen an wie ein Begräbnis. Der Saal, in dem sie -stattfindet, ist stets düster, die mit Möbeln und Bildern -verstellten Fenster lassen das Licht nur spärlich hineindringen, -das auf den Gesichtern liegende Schweigen und -die Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer -aufschlägt und zu Ehren der armen, hier auf so sonderbare -Weise zusammengeratenen Künste eine Messe liest: -alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das -eigentümlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war -offenbar im vollen Gange. Ein großer Haufe anständig -gekleideter, dicht zusammenstehender Menschen ließ deutliche -Spuren seines Interesses und seiner Erregung erkennen. -Die Worte „... Rubel! ... Rubel!“ die -von allen Seiten ertönten, ließen dem Ausrufer keine -Zeit, den immer noch wachsenden Preis, der bereits das -Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu wiederholen; -die herumstehende Menge bemühte sich um ein -Porträt, das jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei -verstand, aufs lebhafteste fesseln mußte. Es trug den -sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend war es -schon des öfteren restauriert und erneuert worden, es -stellte die dunklen Züge eines mit einem weiten Gewande -bekleideten Asiaten dar, dessen Gesicht einen ganz ungewöhnlich -eigenartigen Ausdruck hatte. Was jedoch die -Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war -das intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -länger man sie betrachtete, um so tiefer schienen sie einem -bis ins innerste Innere zu blicken. Diese Eigentümlichkeit, -die auffallende Kunstfertigkeit des Malers nahmen -die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der -Bewerber waren bereits zurückgetreten, weil der Preis -ganz enorm in die Höhe geschraubt wurde. Lediglich -zwei als Kunstliebhaber bekannte Aristokraten waren noch -übriggeblieben und wollten durchaus nicht auf die Erwerbung -des Gemäldes verzichten. Sie erhitzten sich -und hätten wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden -emporgetrieben, wenn nicht plötzlich einer der Anwesenden -sich mit der folgenden Bemerkung an sie gewandt hätte: -„Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick -ruhen zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf -dieses Porträt als jeder andere!“ -</p> - -<p> -Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller -Anwesenden auf den Sprecher; es war ein schlanker -Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit langen -schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine -gewisse freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, ließ eine -Seele erkennen, die sich von allen aufreibenden Erregungen, -die der gesellschaftliche Verkehr mit sich bringt, -fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller modischen Übertriebenheiten, -jeder seiner Züge deutete auf seinen Künstlerberuf -hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens -B., den viele der Anwesenden persönlich kannten. -</p> - -<p> -„Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen -mögen,“ fuhr er fort, als er die allgemeine Aufmerksamkeit -auf sich gerichtet sah, „Sie würden doch vielleicht -selbst einsehen, daß ich berechtigt war, sie zu äußern, -wenn Sie sich dazu entschließen könnten, eine kleine Geschichte -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -mit anzuhören. Alles bestärkt mich in der -Überzeugung, daß gerade dies das Porträt ist, das ich -suche.“ -</p> - -<p> -Eine nur allzu natürliche Neugierde sprach aus allen -Gesichtern, und selbst der Ausrufer hielt mit offenem -Munde und mit erhobenem Hammer, neugierig und gespannt -in seinem Geschäfte inne. Zu Beginn der Erzählung -wandten sich die Blicke vieler unwillkürlich dem -Porträt zu, um sich nach und nach immer mehr auf -den Erzähler zu heften, dessen Bericht immer interessanter -und spannender wurde. -</p> - -<p> -„Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil -bekannt, den man Kolomna nennt,“ begann er. „Hier -ist alles anders als in den andern Teilen Petersburgs. -Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch -an die Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel -gerät, ist einem fast zumute, als ob einen nach und nach -alle jugendlichen Gefühle und Leidenschaften verlassen. -Hier hinein fällt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig -und starr und unbeweglich. Hierher flüchtet sich alles, -was sich als Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. -Hier schlagen inaktive Beamte, Witwen und Personen -in bescheidenen Verhältnissen ihr Ruheplätzchen auf, die -auf eine Entscheidung des Senats harren und sich daher -selbst zu einem fast lebenslänglichen Aufenthalt in diesem -Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete -Köchinnen, die sich den ganzen Tag hindurch auf den -Märkten herumtreiben, stundenlang in dem Kramladen -stehen, mit dem Verkäufer schwatzen und sich jeden Tag -für fünf Kopeken Kaffee und für vier Kopeken Zucker kaufen, -und endlich findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -man am besten mit dem einen Worte „die Aschgrauen“ -bezeichnen könnte, Menschen, deren Anzug und deren -Gesicht, Haare und Augen eine trübe, aschgraue Farbe -haben, wie ein Tag, an dem es nicht stürmt und wo die -Sonne nicht scheint, sondern wo weder das eine noch -das andre stattfindet: ein grauer Nebel hüllt alles ein -und nimmt allen Gegenständen ihre scharfen Konturen. -Zu ihnen kann man alle abgedankten Logenschließer, Titularräte -und Marsjünger mit einem ausgestochenen Auge -und dicken aufgedunsenen Lippen rechnen. Lauter Menschen -ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft, sie gehen -stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, -die geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen -tagelang, ohne an etwas zu denken. In ihren Zimmern -sieht es öde und leer aus; oft besteht ihr Mobiliar -einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer -Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhörlich nippen, -ohne daß sie ihnen ernstlich zu Kopfe steigt, was einem -gewöhnlich nur nach einem kräftigen Schluck zustößt, -wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher Handwerksbursche -— dieser Student der Meschtschanskistraße<a class="fnote" href="#footnote-14" id="fnote-14">[14]</a> -und alleinige Beherrscher des Bürgersteigs zu gestatten -pflegt, — allerdings erst — wenn Mitternacht vorüber ist. -</p> - -<p> -In Kolomna geht es äußerst still zu; nur selten -zeigt sich ein Wagen, in dem Schauspieler sitzen, und -der dann durch sein donnerndes Gerassel allein die allgemeine -Ruhe stört. Hier gibt es nur Fußgänger, so -mancher Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und -ohne Fahrgast dahergefahren oder schleppt etwas Heu -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -für seine struppige Mähre herbei. Eine Wohnung kann -man hier schon für fünf Rubel monatlich haben, den -Morgenkaffee miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine -Pension beziehen, gehören hier schon zu den vornehmsten -Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen, die ihre -Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen über -die teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. -Sie haben gewöhnlich eine junge Tochter, ein -wortkarges, mitunter recht niedliches Geschöpf, dazu -ein garstiges Hündchen und eine Wanduhr mit -einem traurig tickenden Pendel. Weiter gibt es hier -Schauspieler, denen es ihre Gage nicht gestattet, von -Kolomna wegzugehen, ein freies Völkchen, das wie alle -Künstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren -Schlafröcken da, und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus -Pappe allerlei Gegenstände, die man im Hause braucht, -spielen mit einem Freunde oder Gast eine Partie Dame -oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei -man jedoch nicht etwa denken darf, daß sie am Abend -etwas anderes tun, höchstens daß sie zuweilen noch einen -Grog zu sich nehmen. Auf diese Magnaten und Aristokraten -von Kolomna folgt schließlich nur noch das gemeinste -und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wäre -ebenso schwierig, wie die Aufzählung jener zahlreichen -Insekten, die in altem Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, -die beten, alte Weiber, die trinken, und solche, die zugleich -beten und trinken, ferner solche, die sich auf völlig unbekannte -Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen ganze -Haufen alter Lumpen und Wäschestücke von der Kalinkin-Brücke -nach dem Trödelmarkte schleppen, um sie -dort für fünfzehn Kopeken zu verkaufen; mit einem -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit, dessen -Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum -zu verbessern vermöchte. -</p> - -<p> -All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, -um Ihnen zu zeigen, wie oft dieses Volk in die -Notlage kommt, eine plötzliche, vorübergehende Hilfe in -Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu nehmen. -Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele -Wucherer, die ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen -kleinere Summen leihen. Diese kleinen Wucherer sind -viel herzloser und gefühlloser, als die großen, denn sie -entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen -offen zur Schau stellenden Elend, das der reiche und -vornehme Wucherer gar nicht kennt, weil er nur mit -solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten Equipage -vorfahren, — und daher erstirbt in ihnen schon -früh jedes menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern -gab es einen ... aber hier darf ich wohl erwähnen, -daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen -will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die -Regierungszeit der verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. -Sie können sich vorstellen, daß auch das Äußere Kolomnas -und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend -verändert haben. Also unter den Wucherern gab es -einen, der in jeder Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch -war. Er hatte sich schon vor langer Zeit in diesem -Viertel niedergelassen und trug stets ein weites, asiatisches -Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine -südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich -angehörte, ob er ein Inder, Grieche oder Perser war, -darüber konnte niemand etwas Bestimmtes aussagen. -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle, magere, -verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe -und die großen, feurigen Augen mit den finsteren, -buschigen Augenbrauen ließen ihn als eine markante -Erscheinung unter allen aschgrauen Bewohnern der Hauptstadt -hervortreten. Selbst seine Behausung hatte keine -Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. -Er wohnte in einem steinernen Hause, wie sie vormals -genuesische Kaufleute zu errichten pflegten. Die Fenster -hatten eine unregelmäßige Form, waren alle verschieden -groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen. -Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen -Kollegen, daß er jeden seiner Klienten, ob es nun eine -alte Bettlerin oder ein verschwenderischer höherer Beamter -des Hofes war, mit einer beliebigen Summe zu -versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante -Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf -einer feinen Weltdame hervorlugte. Man erzählte sich, -wie das so gewöhnlich geschieht, daß seine eisernen -Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und -verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, -daß er aber trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher -Wucherer wäre. Er verlieh sein Geld sehr gerne und -setzte annehmbare äußerst bequeme Zahlungstermine für -seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch allerhand -eigentümliche <a id="corr-135"></a>arithmetische Operationen zu ganz -maßlosen Summen anwachsen. So wenigstens urteilte -Fama über ihn; was aber am auffälligsten war und -auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das -seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. -Sie gingen alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -nun aber nur leeres Geschwätz, nur ein sinnloses, abergläubiges -Gerede der Menschen oder ein mit Absicht -verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen -gab es doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer -Zeit vor allen Augen abspielten und die einen tiefen und -überwältigenden Eindruck auf die Leute machten. Damals -lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen -aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren -im Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit -auf sich: ein glühender Verehrer alles Echten und -Erhabenen, ein eifriger Förderer menschlicher Geistesarbeit -und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch, -der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So -kam es denn, daß er sehr bald nach seinen Verdiensten -von der Zarin selbst ausgezeichnet wurde, die ihm ein -mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen übereinstimmendes -bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, -auf dem er viel für die Wissenschaften und für -alles Gute wirken konnte. Der junge Beamte umgab -sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte -allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. -Er gab auf eigene Kosten eine Reihe von nützlichen -Werken heraus, verteilte eine Menge von Aufträgen -und setzte viele Preise aus; auf diese Weise -verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich -in pekuniäre Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer -und hochherziger Charakter war, wollte er nicht -von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen -aufzunehmen und wandte sich endlich an den -uns schon bekannten Wucherer. Er erhielt auch eine -bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit -einem Male ein Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden -Geister und Talente. An allem, was ihm -vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten -und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit -brach gerade die französische Revolution aus, und dieses -Ereignis gab ihm plötzlich den Anlaß zu allen möglichen -Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall fing er -an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis -schien ihm eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er -wurde so argwöhnisch, daß er sich schließlich sogar selbst -zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer ganzen Reihe -abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her -und machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die -Folgen einer solchen Handlungsweise war natürlich die, -daß das Gerücht davon bis an den Thron gelangte. -Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach -sich in hochherziger Weise, die der schönste Schmuck -gekrönter Häupter ist, darüber aus. Ihre Worte sind -uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr tiefer Sinn -prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, -es seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die -hohen und vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in -einer solchen Staatsform seien die Werke des Geistes, -der Dichtung und der Künste keineswegs verachtet und -Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen -ihre natürlichen Protektoren, erst unter <em>ihrem</em> hochherzigen -Schutze erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., -während andererseits ein Dante in seinem republikanischen -Vaterlande keine Ruhestätte finden konnte. Wahre Genies -entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern mächtiger -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse -häßlicher politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, -die der Welt bis jetzt noch keinen einzigen Dichter -geschenkt hätten. Sie erklärte, man müsse die Dichter -und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn -sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten -sie vor häßlichen Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, -die Dichter und alle schaffenden Künstler seien -die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen: sie seien -der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen -Herrschers kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. -Während die Kaiserin diese Worte sprach, war sie unendlich -schön und göttlich. Ich erinnere mich, daß die -alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon -sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme -für den Fall. Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt -werden, daß sich in dem Herzen eines Russen stets -der hochherzige Wunsch regt, die Partei der Bedrückten -zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte -Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft -und seines Amtes enthoben, aber noch eine weit -peinigendere Strafe war es für ihn, daß er eine unverhüllte -und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern -seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, -wie sehr seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter -Stolz, betrogener Ehrgeiz, vernichtete Hoffnungen: -all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer drückenden -Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß -sein Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall -trug sich gleichfalls vor aller Augen zu. Von den vielen -schönen Frauen, an denen unsere nordische Hauptstadt -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -damals nicht arm war, lief besonders <em>eine</em> allen -anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer -Weise alle Reize unserer nordischen Schönheit -mit denen des Südens; das war ein kostbarer Edelstein, -wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein -Vater gestand, niemals in <a id="corr-136"></a>seinem Leben etwas Ähnliches -gesehen zu haben. Alle Vorzüge schienen sich in diesem -Wesen vereinigt zu haben: Reichtum, Geld und seelische -Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der -interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war -ein Fürst R..., ein vornehmer junger Mann von -wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet und von ritterlichem, -hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller -Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter -Grandisson. Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu -wahnsinnig in sie verliebt, und seine Liebe wurde ebenso -feurig erwidert. Leider erschien bloß den Verwandten -diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie -gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie -war in Ungnade gefallen, und der schlechte Zustand -seiner Verhältnisse war allgemein bekannt. Plötzlich -verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt, allem -Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht -aber bald darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen -Prunk und Luxus entfaltete. Seine glänzenden -Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe bekannt. -Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald -darauf findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die -überall Aufsehen erregt. Woher diese Veränderung und -der ungeheure Reichtum des Bräutigams stammte, darüber -konnte freilich niemand genauere Auskunft geben; -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche -Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen -und hätte bei ihm eine größere Anleihe gemacht. -Wie dem aber auch war, die Hochzeit beschäftigte -die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten -den Neid aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und -standhaft sie sich geliebt — und was für lange Qualen -beide zu erdulden gehabt hatten; überall schätzte man -sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge. -Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten -sich schon im voraus die paradiesischen Wonnen aus, -die den jungen Ehegatten bevorständen. Und doch kam -alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit -dem Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift -einer argwöhnischen Eifersucht und Unduldsamkeit schien -plötzlich seinen bis dahin vornehmen und makellosen -Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen -entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, -der seine Frau beständig quälte, und scheute schließlich — -was niemand voraussehen konnte — nicht einmal vor -den unmenschlichsten Taten zurück: er peinigte und schlug -seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die -Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst -eine so glänzende Erscheinung gewesen war und Scharen -von treuen Anbetern und glühenden Verehrern angezogen -hatte. Endlich ließ sie — unfähig, ihr schweres Los -noch weiter zu ertragen — ein Wort über Scheidung -fallen, aber der Gatte geriet schon bei dem leisesten -Gedanken daran in Wut. In der ersten Erregung -drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer -ein, und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -wenn er nicht überwältigt und festgehalten worden wäre. -Ganz außer sich und voller Verzweiflung zückte er sein -Messer gegen sich selbst und beschloß sein Leben in schrecklichen -Qualen. -</p> - -<p> -Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen -der ganzen Welt abgespielt hatten, wurde noch eine -Reihe anderer erzählt, die sich unter den niedren -Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso entsetzlichen -Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer -wurden plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen -ihre Chefs, ein Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch -ehrlich und fleißig gedient hatte, erstach auf einmal -einen Fahrgast wegen einiger Pfennige. Natürlich -mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr -ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen -Bewohnern Kolomnas eine Art unwillkürlichen Grauens -einflößen. Niemand zweifelte mehr daran, daß dieser -Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte -sich, daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die -einem die Haare zu Berge steigen ließen, und die der -unglückliche Schuldner nie einem andern mitzuteilen -wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft -ausübe, von selbst zu glühen anfange und seltsame -Merkzeichen an sich trage ..., mit einem Worte, es -waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf. -Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß -die ganze Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt -armer alter Frauen, kleiner Beamter und untergeordneter -Schauspieler, kurz, all dieses elenden Volkes, das wir -soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die höchste -Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -um ein Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme -alte Frauen, die es vorzogen, vor Hunger zu sterben, -als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem -Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich -von einer seltsamen Angst ergriffen. Die -Passanten wichen ihm furchtsam aus, drehten sich immer -wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne -verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren -Blicken. Schon in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, -daß jedermann unwillkürlich den Eindruck -hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu -haben. Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man -sie selten bei einem Menschen antrifft, diese glühende, -bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten buschigen Augenbrauen, -die unerträglich schrecklichen Augen, selbst seine -weite, bauschige asiatische Kleidung — alles schien darauf -hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen -vor denen, die dieser Körper in sich barg, verbleichen -mußten. Jedesmal, wenn mein Vater ihm begegnete, -blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei solch -einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: „Ein -Teufel! Ein wahrhaftiger Teufel!“ Doch nun muß -ich Sie schnell noch mit meinem Vater bekannt machen, -der übrigens der eigentliche Held dieser Geschichte ist. -</p> - -<p> -Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger -Mensch. Er war ein seltener Künstler, einer -von denen, wie sie nur Rußland aus seinem jungfräulichen -Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen -Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die -Anleitung der Schule ganz aus sich selbst heraus entdeckt -hatte, und in dem mächtigen Drange nach ständiger -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht -selbst unbekannt blieben, immer den Weg ging, -den ihm sein Instinkt wies: er war eines jener ursprünglichen -Wunder, die von den Zeitgenossen nicht selten -mit dem verletzenden Beiwort „ungebildeter Mensch“ -bezeichnet und die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick -nicht ernüchtert und abgekühlt werden, sondern -nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen -schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich -lassen, die ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht -haben. Er erkannte in jedem Gegenstand intuitiv die -Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm die -wahre Bedeutung des Wortes „Historische Malerei“ auf, -er begriff, warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes -Porträt von Raffael, Lionardo da Vinci, Tizian oder -Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung hatten, -während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts -dennoch nur ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller -Prätensionen des Malers, damit ein großes historisches -Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene Neigung -als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen -des Christentums, der höchsten und letzten Stufe des -Erhabenen, zu. Er besaß weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, -Eigenschaften, die leider bei so vielen Künstlern -einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden. -Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, -beinahe grober Mensch, der sich nach außen durch eine -harte Rinde gegen die Umwelt abschloß und innerlich -nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über seine Mitmenschen -zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich -milde und versöhnlich äußerte. „Wozu soll ich mich nach -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -ihnen richten?“ pflegte er gewöhnlich zu sagen; „ich -arbeite ja nicht für sie! Ich will meine Bilder ja -nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich -versteht, wird mir sicher dankbar sein. Einem Mann -aus der vornehmen Gesellschaft kann man es nicht -weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; -dafür versteht er was von Karten, von guten Weinen -oder Pferden ... Wozu braucht denn ein großer -Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch erst -von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln -verlegt, dann ist er erst recht nicht zu ertragen. <span class="antiqua">Suum -cuique!</span> Schuster bleib bei deinen Leisten! Meiner -Meinung nach ist ein Mensch, der es offen eingesteht, -wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, -der so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von -denen er gar keine Ahnung hat, und der nur herumpfuscht -und andre Leute schädigt.“ Er arbeitete schon -für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel -zum Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu -weiterem Schaffen bot. Auch weigerte er sich niemals, -einem andern zu helfen und einem armen Kollegen -hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen, -frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und -das war vielleicht der Grund, daß es ihm so gut gelang, -den von ihm gemalten Gesichtern jenen hohen -Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große -Talent vergebens strebt. Endlich glückte es ihm, durch -unausgesetzte Arbeit und rastlose Verfolgung des einmal -vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu erringen, -die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen -hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -Aufträge, Wandgemälde für Kirchen zu malen, und es -fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er gerade durch -solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere -mich nicht mehr genau an das Sujet und weiß -nur noch, daß auf dem Gemälde der gefallene Engel, -der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte. Dieses -Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn -malen? In der Person dieses Engels mußte der furchtbare -Druck und die Pein, die auf dem Menschen lastet, -zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl -oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er -dachte sich unwillkürlich: „Das wäre das rechte Vorbild -für meinen Teufel!“ Und nun stellen Sie sich -selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als -eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines -Ateliers gepocht wurde, und der schreckliche Wucherer -bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß sein Inneres erbebte, -und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper -überlief. -</p> - -<p> -„Du bist Maler?“ fragte er, ohne viel Umstände -zu machen, meinen Vater. -</p> - -<p> -„Ja, ich bin Maler!“ versetzte mein Vater verwirrt -und gespannt, was nun folgen würde. -</p> - -<p> -„Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht -bald sterben! Kinder habe ich nicht. Aber ich -will nicht ganz untergehen, ich will weiterleben. Kannst -du mir ein solches Porträt malen, das den vollen Eindruck -des Lebens macht?“ -</p> - -<p> -Mein Vater dachte: „Was kann ich mir Besseres -wünschen? Er bietet sich mir selbst als Modell für -den Teufel an!“ So willigte er denn ein, sie einigten -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage -erschien mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. -Der Hof mit den hohen Mauern, die Hunde, die -eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, -die mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und -endlich der seltsame Hausherr selbst, der ihm unbeweglich -gegenüber saß: all das machte einen eigentümlichen -Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht -unten so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von -oben hereindringen konnte. „Hol’s der Teufel! wie -fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!“ sagte er vor sich -hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er befürchtete, -daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden -könne. „Was für eine Kraft in ihm liegt,“ wiederholte -er leise; „wenn es mir nur zur Hälfte gelingt, -ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er -alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. -Er wird mir wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, -wenn ich der Natur auch nur im mindesten -treu bleibe. Was für auffallende Züge!“ wiederholte -er unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und -nun sah er selbst, wie schon einige Partien des Gesichts -auf der Leinwand erschienen. Aber je mehr er sich ihnen -näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst unbegreifliches -Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem -aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, -jeden kleinsten Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu -registrieren. Vor allem beschäftigte er sich mit der Darstellung -der Augen; in ihnen lag so viel Kraft, daß -man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen -auf dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -fest vorgenommen, um jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten -Töne und Schattierungen aus ihnen herauszuholen -und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber -kaum hatte er begonnen, sich in sie zu versenken und -zu vertiefen, als ein solch unbegreiflicher Druck, ein solch -eigentümlicher Widerwille seine Seele erfaßte, daß er -für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst -nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. -Endlich konnte er es nicht länger ertragen; er fühlte, -wie sich diese Augen in seine Seele bohrten und eine -sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage -wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz -ängstlich zumute. Er warf den Pinsel in die Ecke -und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er könne -ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen -müssen, welche Veränderung diese Worte in dem schrecklichen -Manne hervorriefen. Er warf sich plötzlich vor -dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und -flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, -daß sein ganzes Schicksal und seine ganze irdische Existenz -von diesem Porträt abhingen, schon jetzt habe ja -des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der -Leinwand festgehalten — wenn diese Züge genau im -Bilde fixiert würden — werde sein Leben durch eine -übernatürliche Macht im Porträt weiter fortbestehen; -dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde -der Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten -meinen Vater; sie erschienen ihm so ungewöhnlich und -frevelhaft, daß er Pinsel und Palette wegwarf und -jählings aus dem Zimmer stürzte. -</p> - -<p> -Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch; am andern -Morgen ließ ihm der Wucherer durch eine Frau, das -einzige Wesen, das bei ihm diente, das Porträt zustellen. -Sie erklärte ihm ohne alle Umschweife, daß ihr Herr -das Bild nicht haben wolle, nichts dafür bezahlen werde -und es ihm daher zurücksende. Am Abend desselben -Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers, -und die Nachricht, daß er demnächst nach dem Brauche -seiner Religion beigesetzt werden solle. Dies alles erschien -ihm höchst unerklärlich und seltsam, zu alledem -aber machten sich von diesem Moment an in seinem -Charakter gewisse Veränderungen bemerkbar. Er litt -unter einer merkwürdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, -deren Ursache er selbst nicht begreifen konnte, ja er tat -bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm erwartet -hätte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die -Arbeiten eines seiner Schüler die Aufmerksamkeit eines -kleinen Kreises von Kennern und Liebhabern auf sich; -mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und eine -tiefe Neigung für ihn gefaßt. Jetzt aber wurde er -plötzlich von einem häßlichen Neid gegen ihn ergriffen. -Die allgemeine Sympathie, die sich in den Unterhaltungen -über ihn äußerte, wurde meinem Vater ganz -unerträglich. Endlich erfuhr er zu seinem großen Verdruß, -daß sein Schüler den Auftrag erhalten hatte, ein -Bild für eine erst vor kurzem vollendete prachtvolle -Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine furchtbare -Wut. „Ich werde diesem Grünschnabel doch nicht den -Triumph gönnen!“ rief er aus. „Nein, mein Lieber, -du hoffst zu früh, die Alten in den Staub zu ziehen! -Gott sei Dank, noch fühle ich genug Kraft in mir! -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in -den Staub zieht!“ Und der biedere, in seinem Kerne -grundehrliche Mann wandte sich allen möglichen Ränken -und Schleichwegen zu, die er bisher stets verabscheut -hatte, und brachte es endlich auch so weit, daß um den -Auftrag für das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb -ausgeschrieben wurde, an dem sich natürlich auch andere -Künstler beteiligten durften. Hierauf schloß er sich in -seinem Atelier ein und machte sich eifrig an die Arbeit. -Es schien, als ob sich seine ganzen Kräfte und seine -ganze Persönlichkeit auf dieses Gemälde konzentriert -hätten, und in der Tat kam so eins seiner besten Werke -zustande. Niemand zweifelte daran, daß ihm die Palme -zufallen würde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht, -aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie -die Nacht zum Tage. Plötzlich jedoch machte einer der -anwesenden Kunstrichter — wenn ich nicht irre, ein -Geistlicher — eine Bemerkung, die alle überraschte. „In -dem Bilde dieses Künstlers offenbart sich wirklich ein -starkes Talent,“ meinte er, „aber den Gesichtern geht -der fromme, heilige Ausdruck ab. Es liegt vielmehr -etwas Dämonisches in diesen Augen, als hätte eine -böse Macht die Hand des Künstlers geführt.“ Alle -blickten hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte -ließ sich nicht bestreiten. Mein Vater stürzte auf sein -Bild los, wie um diese verletzende Bemerkung selbst auf -ihre Berechtigung hin zu prüfen, aber er gewahrte mit -Entsetzen, daß er allen seinen Gestalten die Augen des -Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch -und vernichtend an, daß er selbst unwillkürlich schauderte. -Das Bild wurde abgelehnt, und er mußte zu seinem unbeschreiblichen -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -Ärger erfahren, daß die Palme seinem -Schüler zufiel. Es läßt sich unmöglich beschreiben, in -welcher Wut und Raserei er nach Hause zurückkehrte. -Er hätte beinahe meine Mutter geschlagen, er warf die -Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und Staffeleien, riß das -Porträt des Wucherers von der Wand, ließ sich ein -Messer geben und wollte Feuer im Kamin entzünden, -um das Bild — nachdem er es in Stücke geschnitten -hätte — zu verbrennen. Aber bei diesem Vorhaben -wurde er durch die Ankunft eines Freundes überrascht, -der soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund -war gleich ihm ein Maler, ein lustiger Bursche, der stets -mit sich zufrieden war, sich nicht mit weitliegenden -Plänen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter die -Hand kamen, fröhlich in Angriff nahm, um sich nach -deren Beendigung noch fröhlicher ans Schlemmen und -Zechen zu machen. -</p> - -<p> -„Was hast du da? Was willst du verbrennen?“ -fragte er ihn, indem er an das Porträt herantrat. „Aber -ich bitte dich, das ist ja eines deiner besten Werke! Das -ist ja der Wucherer, der erst kürzlich gestorben ist! Ja, -das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht -bloß vorzüglich getroffen, du bist ihm sozusagen in -die Augen hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja -nicht einmal geblickt, als er noch am Leben war, wie hier -bei dir!“ -</p> - -<p> -„Ich möchte gern sehen, wie sie mich aus dem -Feuer anblicken werden!“ sagte mein Vater, während -er eine Bewegung machte, um das Porträt in den Kamin -zu schleudern. „Halt, um Gottes willen,“ fiel der Freund -ein und hielt ihn am Arme fest. „Gib es doch lieber -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -mir, wenn es dir so lästig ist!“ Mein Vater sträubte -sich anfangs, gab aber schließlich nach, und der lustige -Kerl schleppte — höchst erfreut über diese Erwerbung — -das Porträt mit sich fort. -</p> - -<p> -Nachdem er fortgegangen war, fühlte sich mein Vater -mit einem Male ruhiger, als wäre ihm mit der Entfernung -des Porträts eine Last vom Herzen gefallen. -Er wunderte sich selbst über seinen Zorn, seinen Neid -und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. -Er dachte lange über seine Tat nach, war in tiefster -Seele betrübt und sagte mit innerem Gram zu sich selbst: -„Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war -wohlverdient, daß mein Bild zurückgewiesen wurde; es -war ja nur zu dem Zwecke geschaffen, um meinen Genossen -zu vernichten. Ein teuflisches Gefühl des Neides -hat meinen Pinsel geführt, daher mußte sich auch ein -teuflisches Gefühl in dem Bilde wiederspiegeln.“ Sofort -suchte er seinen ehemaligen Schüler auf, umarmte ihn -stürmisch, bat ihn um Verzeihung und bemühte sich — -soweit es ihm möglich war — seine Schuld wieder gut -zu machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei -der Arbeit wie ehedem, aber jetzt konnte man immer ein -tiefes Sinnen in seinen Zügen bemerken. Er betete -häufiger, er war viel schweigsamer als früher und drückte -sich nicht mehr so schroff über die Menschen aus. Selbst -das herbe Äußere seines Wesens schien sich verloren zu -haben. Bald darauf aber ereignete sich etwas, was ihn -noch tiefer erschütterte. Er hatte seinen Freund, der sich -das Porträt von ihm ausgebeten hatte, schon seit längerer -Zeit nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, -ihn zu besuchen, da erschien dieser selbst eines -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -Tages plötzlich in seinem Atelier. Nachdem beide ein paar -gleichgültige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund: -„Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das -Porträt verbrennen wolltest! Mag es der Teufel holen; -es hat etwas Schreckliches an sich! Ich glaube an keine -Hexerei, aber man mag sagen, was man will! — ich -glaube, der Böse sitzt darin.“ -</p> - -<p> -„Wieso?“ fragte mein Vater. -</p> - -<p> -„Seitdem ich es bei mir aufgehängt habe, liegt es -auf mir wie ein furchtbarer Druck ... als ob ich -jemand ermorden wollte. Zeit meines Lebens wußte ich -nicht, was Schlaflosigkeit heißt, jetzt aber habe ich nicht -nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche -Träume ... d. h. ich weiß selbst nicht recht, ob es nur -Träume sind oder noch irgend etwas anders: wie wenn -mich ein böser Geist erwürgen will ... und immer -spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem -Worte, ich kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. -Niemals ist mir so etwas passiert. Ich bin all diese -Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ... Eine -entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf -etwas Furchtbares, ich fühlte, wie ich zu niemand ein -fröhliches und aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien -es mir, als würde ich beobachtet und bespitzelt. Erst -nachdem ich das Porträt meinem Neffen geschenkt habe, -der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir’s, als wenn -mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Mit einem -Schlage wurde mir wieder froh zumute, so wie du mich -hier vor dir siehst! Wahrhaftig, Freund, da hast du -aber einen schönen Teufel geschaffen!“ -</p> - -<p> -Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -auf diese Erzählung und fragte schließlich: „Und -jetzt ist das Porträt bei deinem Neffen?“ -</p> - -<p> -„Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es -ja auch nicht aus!“ versetzte der Spaßvogel. „Des -Wucherers eigene Seele scheint in dieses Porträt hinübergewandert -zu sein. Er springt aus dem Rahmen, -spaziert in dem Zimmer herum — und was mein Neffe -sonst noch darüber erzählt, geht über jede Beschreibung. -Ich würde ihn tatsächlich für verrückt halten, hätte ich -nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Porträt -an irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser -konnte es nicht aushalten und hat es seinerseits wieder -einem andern aufgehalst.“ -</p> - -<p> -Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen -Vater. Er versank in tiefes Grübeln, wurde melancholisch -und gelangte endlich zur Überzeugung, daß sein Pinsel -dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, daß das Leben -des Wucherers tatsächlich zum Teil auf das Porträt -übergegangen war, und daß es jetzt die Menschen -beunruhige, ihnen dämonische Empfindungen einflöße, -Künstler vom rechten Wege abbringe, häßliche Anwandlungen -von Neid erzeuge usw. Drei Unglücksfälle, die -sich unmittelbar darauf ereigneten: der plötzliche Tod -seiner Frau, seiner Tochter und seines kleinen Sohnes, -erschütterten ihn aufs tiefste, er hielt sie für eine Strafe -des Himmels und entschloß sich, aus dem weltlichen -Leben zu scheiden. -</p> - -<p> -Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres ließ -er mich in die Kunstschule eintreten und zog sich selbst -nach Erledigung seiner geschäftlichen Angelegenheiten in -ein einsames Kloster zurück, wo er bald die Mönchskutte -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -anlegte. Dort setzte er alle Brüder durch seine -asketische Lebensführung und durch die strenge Beobachtung -aller Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren -hatte, daß er ein Maler sei, trug er ihm auf, -für die Klosterkirche das Bild ihres Heiligen zu malen. -Aber der fromme und demütige Bruder erklärte entschieden, -daß er unwürdig sei, den Pinsel zu führen, -weil er ihn entweiht habe, und daß er seine Seele zuerst -durch harte Arbeit und schwere Opfer reinigen müsse, -um wieder würdig zu sein, eine solche Arbeit zu übernehmen. -Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte -es für seine Person — soweit dies möglich war — die -strengen Satzungen des Klosterlebens noch zu verschärfen; -schließlich genügte ihm jedoch auch dieses nicht mehr, es -erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den Segen -des Priors, verließ das Kloster und zog sich in eine -völlige Einsamkeit zurück. Er baute sich aus Baumzweigen -eine Hütte, nährte sich nur von rohen Wurzeln, -trug Steine von einer Stelle zur andern, stand von -Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel -erhobenen Armen da, murmelte beständig Gebete — mit -einem Worte, er erlegte sich alle nur möglichen Geduldsproben -und Prüfungen auf, für die man nur in den -Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. -So peinigte er einige Jahre hindurch seinen Körper und -stärkte ihn gleichzeitig mit Hilfe der belebenden Kraft -des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages wieder in -dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: „Jetzt -bin ich bereit! Wenn es Gott gefällt, werde ich meine -Arbeit vollenden.“ -</p> - -<p> -Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -Geburt Jesu. Ein ganzes Jahr verbrachte er bei seiner -Arbeit, ohne seine Zelle zu verlassen, wobei er sich nur -notdürftig durch kärgliche Nahrung am Leben erhielt -und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorüber war, -war das Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der -Malerei geworden. Hier muß ich bemerken, daß weder -die Brüder, noch der Prior viel von der Malerei verstanden, -aber alle waren über die ungewöhnliche Reinheit -und Heiligkeit der Gestalten aufs höchste erfreut. -Eine göttliche Demut und Milde in den Zügen der -heiligen Gottesmutter, die sich über ihr Kind beugt, ein -tiefes Sinnen in den Augen des göttlichen Kindes, das -schon etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein -feierliches Schweigen der von dem göttlichen Wunder -überwältigten Könige, die vor dem Kinde knien, und -endlich eine überirdische, unbeschreibliche Stille, die über -dem ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer -so harmonischen Kraft und Macht der Schönheit, daß -der Eindruck ein geradezu zauberischer, magischer war. -Alle Brüder stürzten vor dem neuen Bilde auf die Knie, -und der gerührte Prior sprach: „Wahrlich! Es ist nicht -möglich, daß ein Mensch nur mit Hilfe menschlicher -Kunst ein solches Bild zu schaffen vermochte; eine höhere, -heilige Kraft hat deinen Pinsel geführt; des Himmels -Segen ruhte auf deinem Werke!“ -</p> - -<p> -Um diese Zeit schloß ich mein Studium in der -Akademie ab, ich erhielt die goldene Medaille und mit -ihr eröffnete sich mir die frohe Aussicht auf eine Kunstreise -nach Italien, den schönsten Traum eines zwanzigjährigen -Künstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich -von meinem Vater, von dem ich seit zwölf Jahren getrennt -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -lebte, zu verabschieden. Ich muß gestehen, daß -sein Bild längst aus meiner Erinnerung geschwunden -war. Ich hatte einiges über die Strenge und Heiligkeit -seines Lebens gehört und bereitete mich schon im -voraus darauf vor, das herbe Äußere eines durch das -ewige Fasten und Wachen abgemagerten und vertrockneten -Anachoreten zu erblicken, für den nichts auf der Welt -existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war -ich erstaunt, als ich mich plötzlich einem herrlichen, göttlichen -Greise gegenüber befand! In seinem Gesichte -spiegelte sich auch nicht die geringste Ermattung oder -Müdigkeit, es strahlte vielmehr von der Klarheit und -Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweißer -Bart und ganz dünne, fast ätherische Haare von der -gleichen silbrigen Farbe bedeckten malerisch seine Brust -und die Falten seiner schwarzen Kutte, und reichten bis -zu dem Stricke herab, der sein ärmliches Mönchsgewand -umgürtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darüber, -aus seinem Munde Gedanken und Worte über die Kunst -zu vernehmen, die ich sicherlich noch lange in meiner -Seele bewahren werde. Und ich wünschte aufrichtig, -daß ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue. -</p> - -<p> -„Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn,“ sagte er, -während er mich segnete; „dir steht ein Weg bevor, den -du von nun an dein ganzes Leben hindurch beschreiten -wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du -hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. -Richte es also nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles -was du siehst! Mache alles deinem Pinsel dienstbar! -Doch strebe stets danach, in jedem Ding die innere Idee -zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -Schöpfung zu ergründen. Selig ist der Auserwählte, -der es enthüllt hat. Für ihn gibt’s in der Natur kein -gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen bleibt der -wahrhaft schöpferische Künstler ebenso erhaben wie im -Großen. Das Verächtliche wirkt nicht mehr verächtlich, -weil es von der herrlichen Seele des Schöpfers durchleuchtet -wird und einen hohen Ausdruck erhält, indem -es durch das reinigende Feuer seines Geistes hindurchgeht. -Die Kunst läßt den Menschen das zukünftige -himmlische Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde -steht sie höher als alles andere. Und wie die feierliche -Ruhe jede weltliche Erregung, wie das Schaffen -die Zerstörung, wie der Engel — bloß durch die reine -Unschuld seiner lichten Seele — all die unzählbaren -Kräfte und stolzen Leidenschaften des Satans übertrifft, -so steht erhaben über allem, was es auf der Welt gibt, -das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum -Opfer bringen, sie mußt du lieben mit dem ganzen -Feuer deiner Seele, nicht mit der Inbrunst, die die -irdische Wollust entfacht, sondern mit einer stillen -himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht -imstande, sich über die Erde zu erheben und die hohe -wunderbare Harmonie zu erzeugen, die den Frieden in -unser Herz gießt. Denn um die ganze Welt zu dieser -Besänftigung und Versöhnung zu bringen, steigt ja ein -edles Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher -erregt es nie Unfrieden und Empörung in der Seele, -sondern strebt ewig, gleich einem wundersam klingenden -Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, -finstere Augenblicke ...“ Er hielt inne und ich sah, -wie sich plötzlich sein klares Antlitz verdüsterte, als hätte -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -eine Wolke es beschattet. „Ich hatte ein Erlebnis ...“ -fuhr er fort, „bis auf den heutigen Tag ist mir nicht -klar, was jene rätselhafte Gestalt bedeutete, deren Porträt -ich damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische -Erscheinung. Ich weiß, die Welt leugnet die Existenz -des Teufels, und daher will auch ich nicht über ihn -sprechen. Ich will nur sagen, daß ich jenen Mann nur -mit einem heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich -arbeitete ohne jede Freude und Liebe an meinem Werk. -Ich mußte mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich -suchte mein inneres Gefühl zu betäuben und der Natur -treu zu bleiben. Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, -und daher sind auch die Empfindungen, die sich beim -Anblick dieses Bildes aller Menschen bemächtigen, wild -und rebellisch; es sind Gefühle der Unruhe, die es erzeugt, -und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der -Künstler auch in der Wiedergabe der Leidenschaft die -edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehört, daß dieses Porträt -von Hand zu Hand geht und überall quälende, peinigende -Eindrücke erregt, daß es im Künstler Gefühle des Neides, -des dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bösen -Trieb zur Verfolgung und Unterdrückung entfache. -Möge der Allerhöchste dich vor solchen Leidenschaften bewahren! -Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist -besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf -sich zu nehmen, als einem andern auch nur das geringste -Unrecht zuzufügen. Rette die Reinheit deiner Seele! -Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele muß reiner -und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles -verziehen werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus -in einem festlichen Gewande verläßt, braucht nur ein -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -vorüberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu bespritzen, -und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen -mit den Fingern auf ihn und spotten über seine Nachlässigkeit, -während ein anderer von unten bis oben beschmutzt -sein kann, ohne daß es die Menge bemerkt; er -trägt einen gewöhnlichen Alltagsrock, und da fällt es -eben nicht weiter auf.“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. -Niemals in meinem Leben fühlte ich mich so erhoben -wie an diesem Tage. Mit tiefer Ehrfurcht und einem -Gefühle seltener Bewunderung, das mehr war, als einfache -Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen -und küßte seine herabhängenden, silberweißen Haare. -</p> - -<p> -Eine Träne glänzte in seinen Augen. „Erfülle mir -noch eine Bitte, lieber Sohn,“ sagte er beim Abschied -zu mir. „Vielleicht gelingt es dir einmal, das Porträt -zu entdecken, von dem ich dir erzählt habe. Du wirst -es sofort an den ungewöhnlichen Augen und an ihrem -unnatürlichen Ausdruck erkennen. Solltest du es finden, -so gelobe mir, es zu vernichten.“ -</p> - -<p> -Sie können selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch -möglich war, ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. -Ich schwur ihm hoch und heilig, seine Bitte zu erfüllen. -Fünfzehn Jahre lang vermochte ich nicht, irgend etwas -zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters auch -nur im geringsten entsprach, als mir plötzlich bei dieser -Auktion ....“ -</p> - -<p> -Der Künstler vollendete den Satz nicht; er richtete -sein Auge auf die Wand, um das Porträt noch einmal -zu prüfen, und alle, die ihm mit Spannung zugehört -hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -suchten das geheimnisvolle Porträt. Aber zum allgemeinen -Erstaunen war es plötzlich von der Wand verschwunden. -Ein leises Gemurmel und Geflüster durchlief -die Menge, doch plötzlich eilte wie ein Lauffeuer das -Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand -gelungen, während die Zuhörer gespannt auf den Erzähler -lauschten, das Bild zu entwenden, und noch lange -nachher blieben die Zuhörer im Zweifel, ob sie diese -merkwürdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es -nur ein Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von -der Betrachtung der alten Gemälde ermüdeten Augen -getäuscht hatte, um gleich darauf für immer zu verschwinden. -</p> - -<h2 class="appendix" id="part-4"> -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -Anhang zum zweiten Teil -</h2> - -<h3 class="appendix" id="chapter-4-1"> -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -Varianten zum zweiten Teil der „Toten Seelen“. -</h3> - -<p class="noindent"> -Der zweite Band der „Toten Seelen“ wurde im -Jahre 1840 begonnen, allein das Werk blieb Fragment. -Von der ursprünglichen Fassung dieses zweiten Teiles hat -sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines -Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten -Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn -sauber ab. Es ist jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln -er bestand. Von dieser Fassung haben sich vier Hefte -erhalten. Noch im selben Jahre 1842 beginnt Gogol den -ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten -und entwirft in diesen Heften: „ein Chaos, aus dem -der Kosmos der ‚Toten Seelen‘ hervorgehen soll“. Dies -ist der Text, den wir unserer Ausgabe des zweiten Bandes -zugrunde gelegt haben. Der vollständige Text dieser -Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni -und Juli 1845 vom Autor verbrannt. Wir führen in -diesem Anhang die wichtigsten Varianten der ursprünglichen -Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergänzung -zum vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen -tieferen Einblick in die Idee und den Grundplan des -ganzen Werkes, vorzüglich aber des unvollendeten -zweiten Teiles zu vermitteln. -</p> - -<p class="sign"> -<em>Der Herausgeber.</em> -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -<a id="tv-1" href="#tva-1">1.</a> Wir haben unserem Text auch die <em>letzten</em> Verbesserungen -und Ergänzungen mit eingefügt, die zum Teil -über den Zeilen, zum Teil auf dem linken Rande der Seite -nachgetragen waren. Das folgende Stück ist mehrfach verändert -und umgestaltet worden. Der ursprüngliche Text hatte -nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten: -</p> - -<p> -Ob solche Charaktere <em>geboren</em> werden — oder -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -ob sie allmählich dazu werden, was sie sind — diese -Frage läßt sich nicht beantworten. Wir wollen daher -lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner Erziehung -erzählen — und den Leser selbst urteilen lassen. -Der Direktor der Schule, in welcher Tentennikow erzogen -wurde, war ein ganz außerordentlicher Mann: Alexander -Petrowitsch besaß die Gabe, das Wesen eines Menschen -durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind, -das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst -zu ihm ging, um ihm alles zu beichten. Aber mehr -noch. Wenn der kleine Wildfang ihn verließ, dann ließ -er nicht etwa die Nase hängen, sondern er ging erhobenen -Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschluß, -wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte. In -den Vorwürfen, die Alexander Petrowitsch seinen Schülern -machte, lag etwas Ermutigendes und Kräftigendes: -nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die -die menschlichen Fähigkeiten zur Entwickelung und zur -Reife bringt, und daher war er vor allem darauf bedacht, -diesen Trieb zu erwecken. Alexander Petrowitsch -sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen -pflegte er zu sagen: „Ich verlange Verstand und nichts -anderes von meinen Schülern. Wer darnach strebt, -seinen Verstand auszubilden, der denkt nicht an dumme -Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.“ Man -warf ihm vor, er ließe den Begabten gar zu viel Freiheit -und erlaube ihnen, sich über die weniger Begabten -lustig zu machen und sie sogar zu kränken. Hierauf -pflegte er zu entgegnen: „Was soll ich machen? Ich -habe nun einmal eine Vorliebe für die Klugen und ich -will, daß alle es sehen sollen.“ Er hielt es auch für -notwendig, vor allem .... -</p> - -<p> -<a id="tv-2" href="#tva-2">2.</a> In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die -1867 unter der Redaktion von Th. W. Tschishow erschienen -ist, hat diese Stelle folgenden Wortlaut: „Dieser -wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den -Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -erfülltes Herz pochte noch lange bei dem Gedanken, -daß er zu den Auserwählten gehören werde, die den -zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat -mit sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen -so weit überholt, daß er als einer der Tüchtigsten in die -oberste Klasse versetzt wurde. Er selbst wollte kaum an -dies große Glück glauben.“ -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-3" href="#tva-3">3.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -Als er klein war, war er ein gescheiter und -begabter Knabe gewesen, bald lebhaft und ausgelassen, -bald träumerisch und nachdenklich. War es ein glücklicher -oder unglücklicher Zufall — genug er kam in eine -Schule, deren Direktor trotz einiger Schwächen und -Eigenheiten, ein in seiner Art ungewöhnlicher Mensch -war. Alexander Petrowitsch besaß die Gabe, das -Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig -herauszufühlen und zu erkennen; und er wußte, welche -Sprache man mit ihnen sprechen muß. Nie ließ ein -Kind die Nase hängen, wenn es von ihm fortging; -im Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis -erhalten hatte, fühlte es sich gestärkt und ermutigt und -von dem glühenden Wunsche beseelt, seinen Fehler oder -sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der -Zöglinge dieses Mannes war äußerlich so lebhaft, unartig -und mutwillig, sodaß man sie für ein ungezügeltes -Korps von Freischärlern hätte halten können; aber das -wäre eine Täuschung gewesen; die Macht <em>eines</em> Menschen -hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen -Schelm oder Wildfang, der nicht selbst zum Direktor -gekommen wäre, um ihm all seine Streiche und Untaten -zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele -waren ihm bekannt und vertraut. Sein Tun und -Lassen war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Er erklärte, -man müsse im Menschen vor allem das Ehrgefühl -wecken — er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den -Menschen vorwärtstreibt —, ohne diesen Trieb zu entbinden, -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> -sei es unmöglich, einen Menschen zur Tätigkeit zu -spornen. Manche Unarten und Streiche ließ er den Kindern -hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu unterdrücken: -in diesem Überdenstrangschlagen der Kinder sah -er den Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. -Er bedurfte dessen, um zu erforschen, was im Kinde -verborgen lag. So beobachtet ein kluger Arzt ruhig die -vorübergehenden Anfälle des Kranken oder einen Ausschlag, -der sich plötzlich auf der Haut zeigt, und er bekämpft -sie nicht, sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, -um um so sicherer zu erkennen, was in des Menschen -Innern vorgeht. -</p> - -<p> -Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr groß: in den -meisten Fächern unterrichtete er selbst, und man muß -gestehen, er verstand es, ohne Pedanterie und weitläufige -Terminologie, ohne jene großartigen Anschauungen -und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat -zu machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer -Wissenschaft in wenigen Worten wiederzugeben, so daß -auch die ungereiften Geister es sofort begriffen, warum -sie dieses Wissen nötig hatten. Er behauptete, das was -der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des -Lebens; wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann -werde er schon selbst begreifen und einsehen, womit er -sich in erster Linie beschäftigen müsse. -</p> - -<p> -Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines -besonderen Lehrfaches erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten -teilnehmen durften. Die Unbegabten entließ -er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf -sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nämlich -der Ansicht, daß man sie nicht zuviel quälen und plagen -dürfe; es sei schon genug, wenn man geduldige und -fleißige Arbeiter aus ihnen mache, die einen gegebenen -Auftrag genau und pünktlich zur Ausführung bringen, -und sich ohne Hochmut, Überhebung und einen allzu -weiten Horizont in ihrer Sphäre bewegen könnten. -„Mit den Klugen und Begabten dagegen muß ich mir -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -viel Mühe geben,“ pflegte er oft zu sagen. Und hier, -beim Unterricht dieses Gegenstandes wurde Alexander -Petrowitsch ein völlig anderer Mensch; er erklärte -schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von -seinen Schülern nichts wie gesunden Menschenverstand -gefordert, nun aber werde er von ihnen einen höheren -Verstand verlangen — nicht jene Art von Verstand, -die dazu gehört, um einen Dummkopf zu hänseln oder -lächerlich zu machen, sondern jene, die es über sich zu -gewinnen vermag, jegliche Beleidigung zu ertragen, dem -Toren zu vergeben und sich stets zu beherrschen. Hier -erst verlangte er das von seinen Schülern, was andre -schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine -höhere Art von Verstand nannte: In jeder Lebenslage in -Schmerz, Bitternis und Enttäuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -— die das dauernde Besitztum jedes Menschen sein -sollte — das war es, was er Verstand nannte. Aber -Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, -daß er die Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von -allen Wissenschaften wählte er nur die aus, welche geeignet -waren, aus dem Menschen einen tüchtigen Bürger seines -Landes zu machen. Der größte Teil der Vorlesungen bestand -darin, daß der Lehrer den Schülern erzählte, was den -Menschen in allen Berufsarten und auf allen Stufen -des Staatsdienstes und privater Betätigung erwarte. -Alle Bitternisse und Enttäuschungen, alle Hindernisse, -die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben, -alle Verführungen und Versuchungen, die ihm -bevorstehen, führte er ihnen nackt und ungeschminkt vor -Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen. Nichts war -ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und Ämter -kennen gelernt hätte. Mit einem Wort, die Zukunft, -wie er sie den Schülern ausmalte, war keineswegs rosig. -Und seltsam! sei es nun, daß der Ehrgeiz in ihnen so -stark angeregt war, sei es, daß im Auge dieses merkwürdigen -Pädagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das -dem Jüngling ein beständiges „Vorwärts“ zuzurufen -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -schien — dieses herrliche Wort, welches im russischen -Volke solche Wunder wirkt, — genug, die jungen Leute -fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fährnisse -aufzusuchen, und dürsteten darnach, sich überall da -tätig und wirksam zu zeigen, wo es ein Hindernis zu -überwinden, wo es galt, einen hohen Mut und Seelenstärke -an den Tag zu legen. Es kam etwas Nüchternes -und Vernünftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch -stellte allerhand Versuche und Prüfungen mit ihnen -an, und sorgte dafür, daß ihnen bald durch sie selbst, bald -seitens ihrer eigenen Kameraden schwere Kränkungen widerfuhren; -als sie es aber merkten, wurden sie noch vorsichtiger. -Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr -bedeutend. Die wenigen Jünglinge jedoch, die ihn vollständig -absolvierten, waren abgehärtete Männer geworden, -die gewissermaßen im Pulverdampf gestanden hatten. -Im Dienste wußten sie sich auf dem exponiertesten -Posten zu halten, während viele, die weit klüger waren, -als sie, es nicht lange aushielten, wegen kleiner persönlicher -Unannehmlichkeiten den Dienst quittierten oder, -ahnungslos wie sie waren, in die Hände von Gaunern -und Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zöglinge -des Alexander Petrowitsch nicht nur fest auf -ihren Posten, sondern verstanden es auch, gereift durch -Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen -Einfluß noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen -auszuüben. -</p> - -<p> -<a id="tv-4" href="#tva-4">4.</a> In dem von Tschishow herausgegebenen Text -der „Toten Seelen“ findet sich folgende Variante dieser -Stelle: -</p> - -<p> -„An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser -Fjodor Iwanowitsch, ein gutmütiger und eifriger -Mann, der jedoch eine ganz andre Ansicht vertrat als -jener. In dem freien Sichgehenlassen der Kinder der -oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und -Zügellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei -äußere Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -daß die jungen Leute während der Stunde die äußerste -Stille bewahren und niemals anders als paarweise -spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz -zwischen zwei Paaren mit dem Metermaße abmessen. -Die Schüler mußten, des schöneren Anblicks wegen, -nach der Größe und nicht nach ihren Fähigkeiten auf -den Schulbänken Platz nehmen, so daß die Dummen -die fettesten Bissen erhielten und — die Klugen sich -mit den Knochen begnügen mußten. Dies erregte Unzufriedenheit, -und alles murrte laut, als der neue -Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgänger -erklärte, daß er keinen Wert auf die Begabung -und die Fortschritte der Schüler in den Wissenschaften -lege, vor allem auf ein gutes Betragen sehe, und -daß er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes -Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel -vorziehe. Aber gerade das, wonach er so eifrig strebte, -sollte Fjodor Iwanowitsch nicht erreichen.“ -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-5" href="#tva-5">5.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. -Das ganze Gut hatte von der Ankunft erfahren -und sich vor der Freitreppe des herrschaftlichen Hauses -versammelt. Bauernkittel, Bärte von jeder nur möglichen -Form: spatenförmige, schaufelförmige, keilförmige, -rote, blonde, silberweiße ... bedeckten den Platz. Die -Bauern schrieen aus voller Kehle: „Bist du endlich da -Väterchen? Wir haben so lange auf dich gewartet!“ -Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prügelei, -weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrängen -wollte. Ein altes, welkes Mütterchen, das wie eine getrocknete -Birne aussah, wand sich zwischen den Beinen -der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hände -zusammen und quiekte: „Du mein liebes Rotznäschen! -Nein, wie mager du bist. Die verfluchten Deutschen -haben dich, scheint’s, halbtot gequält!“ — „Fort mit -dir, Alte!“ riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -Spitzbärtigen zu: „drängt sich da vor, das krumme Gestell!“ -Einer von ihnen ließ hier noch ein Wörtchen -folgen, bei dem nur ein russischer Bauer sich das Lachen -verbeißen kann. Der Herr aber hielt es nicht aus und -lachte laut auf, und doch war er gerührt bis in die -tiefste Seele. „So viel Liebe! Und wofür nur?“ dachte -er. „Dafür, daß ich sie nie gesehen, mich nie um sie -gekümmert habe! Von heut ab aber geb ich euch das -Versprechen, eure Mühen und Arbeiten mit euch zu -teilen! Ich will all meine Kräfte anspannen und euch -helfen, das zu werden, was ihr sein solltet, wozu euch -eure eigenste gute und prächtige Natur bestimmt hat, -— eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, -ich will euer wahrhafter Vater werden!“ -</p> - -<p> -Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung -und Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, -daß sein Verwalter wirklich ein altes Weib und ein -Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines Verwalters; -d. h. er führte zwar sorgfältig Rechnung über -Hühner und Eier, über Hanf und Leinwand, welche -von den Bauernfrauen geliefert wurden, aber er hatte -keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat, und zu -alledem war er sehr argwöhnisch und fürchtete sich vor -jedem Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem -Leben. Tentennikow jagte den dummen Verwalter davon -und nahm sich einen andern, einen energischen, forschen -Mann; er ging über die nebensächlichen Dinge hinweg -und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er -setzte den Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, ließ -den Bauern mehr Zeit, für sich selbst zu arbeiten, und -glaubte, nun würde alles ganz vortrefflich weitergehen. -Er interessierte sich für alles, erschien selbst auf den -Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den -Mühlen, am Landungsplatz und war beim Laden und -bei der Abfertigung der Barken und Kähne zugegen. -</p> - -<p> -„Ja, ja, der ist schnellfüßig!“ sagten die Bauern -und kratzten sich hinter den Ohren, denn sie waren bei -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -dem langen Weiberregiment des früheren Verwalters -allesamt in Trägheit und Müßiggang verfallen. Aber -das dauerte nicht lange. -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-6" href="#tva-6">6.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas Ähnliches -im Traume und dann träumt er sein ganzes -Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm für alle -Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr -Name war Ulinka. Sie hatte eine merkwürdige Erziehung -genossen. Sie war von einer englischen Gouvernante -erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand. -Ihre Mutter war schon früh gestorben, und ihr Vater -hatte keine Zeit, sich viel um sie zu kümmern. Übrigens -konnte es bei seiner unsinnigen Liebe zu seiner Tochter -nicht anders kommen, als daß er sie verwöhnte. Es -ist außerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. -Sie hatte etwas Lebendiges wie das Leben selbst. Sie -war eigentlich mehr lieblich als schön und gütig als klug; -sie war schlanker und ätherischer als ein klassisches -Frauenbildnis. Man hätte unmöglich sagen können, -welches Land ihr seinen Stempel aufgedrückt habe, denn -man hätte nicht so leicht ein ähnliches Profil und ähnliche -Gesichtszüge finden können, es sei denn auf antiken -Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, -war alles an ihr eigenartig und urwüchsig. Wenn -jemand gesehen hätte, wie ein plötzlicher Zorn strenge -Falten in ihre herrliche Stirne grub, und wie sie sich -leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er hätte glauben -können, dies sei das launischste Geschöpf von der Welt. -Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie davon hörte, -daß ein anderer ungerecht oder grausam behandelt worden -war. Wie schnell jedoch wäre dieser Zorn verschwunden, -wenn sie denselben Menschen, dem sie zürnte, im Unglück -gesehen hätte. Wie hätte sie ihm da ihren Geldbeutel -zugeworfen, ohne darüber nachzudenken, ob dies -klug oder dumm sei, wie hätte sie ihr Kleid in Stücke -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet -gewesen wäre. -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-7" href="#tva-7">7.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -„O nein, Exzellenz,“ fiel hier Tschitschikow ein, -indem er sich an Ulinka wandte. „Als Christen müssen -wir gerade solche Menschen lieben.“ Und er fuhr gleich -darauf mit einem verschmitzten Lächeln zum General -gewendet fort: „Kennen Sie vielleicht die Geschichte, -Exzellenz: Lieb’ uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir -weiß und sauber sind, wird uns jeder lieb haben.“ -</p> - -<p> -„Nein, ich kenne sie nicht.“ -</p> - -<p> -„Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte,“ sprach -Tschitschikow noch immer verschmitzt lächelnd. „Auf dem -Gute des Fürsten Guksowski, den Eure Exzellenz sicherlich -kennen ...“ -</p> - -<p> -„Nein, ich habe nicht das Vergnügen.“ -</p> - -<p> -„Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, -Exzellenz. Eines Tages mußte er wegen der Rekrutenaushebung -usw. nach der Stadt fahren. Natürlich -mußten die Richter tüchtig geschmiert werden. Übrigens -gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr -freundlich auf. Einmal war er bei ihnen zum Mittag -eingeladen, und da sagte er denn unter anderem: ‚Nun, -meine Herren? Wollen Sie <em>mir</em> nicht auch einmal die -Ehre geben und mich auf dem Gute des Fürsten besuchen?‘ -‚Gern‘, sagen sie. ‚Wir kommen‘. Kurze Zeit -darauf hatte das Gericht auf einem der Güter des -Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure -Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich habe nicht die Ehre.“ -</p> - -<p> -„Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, -dafür aber kehrten sie im Wirtschaftsgebäude, beim alten -gräflichen Ökonomen ein, und da wurden dann drei -Tage und drei Nächte lang ununterbrochen Karten gespielt. -Die Teemaschine und der Punsch wurden natürlich -überhaupt nicht abgetragen. Bald war es dem Alten -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -indessen zu viel, und, um sie los zu werden, sagte er zu -ihnen: ‚Warum sucht ihr denn nicht diesen Deutschen, -den Verwalter des Fürsten, auf? Er wohnt ja gar nicht -weit von hier.‘ — ‚Ei, das ist eine Idee,‘ schreien sie, -setzen sich halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie -sie sind in ihre Wagen, und fort geht es zu dem -Deutschen. — Dieser aber hatte sich gerade verheiratet, -Exzellenz: mit einem jungen subtilen Fräulein aus einem -Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilität mimisch -auszudrücken). Sie saßen gerade zusammen beim Tee -und dachten an nichts Schlimmes — da öffnet sich plötzlich -die Tür — und die ganze Gesellschaft stürmt herein.“ -</p> - -<p> -„Ich kann mir die Situation denken — die sind mir -aber auch gut!“ bemerkte der General. -</p> - -<p> -„Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: ‚Was -wünschen Sie?‘ -</p> - -<p> -‚He!‘ rufen sie. ‚Bist du so einer?‘ Und bei -diesen Worten veränderten sich plötzlich ihre Gesichter -und ihre Mienen. ‚Wir kommen in einer offiziellen -Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem -Gute! Her mit den Kassenbüchern!‘ Der versucht Einwände -zu machen. ‚Hollah. Wo sind die Zeugen!‘ -Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die -Stadt, und der brave Deutsche muß anderthalb Jahr -in der Untersuchungshaft schmachten.“ -</p> - -<p> -„Schöne Geschichte!“ sagte der General. -</p> - -<p> -Ulinka schlug vor Schreck die Hände zusammen. -</p> - -<p> -„Seine Frau suchte sich überall für ihn zu verwenden,“ -fuhr Tschitschikow fort. „Aber was kann eine junge, -unerfahrene Frau ausrichten? Noch gut, daß sich ein -paar brave Leute fanden, die ihr den Rat gaben, die -Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu -schaffen. So kam er denn schließlich mit zweitausend -Rubeln und einem Mittagessen davon. Während dieses -Mittagessens nun, als alle bereits ein wenig angeheitert -waren, und er gleichfalls, sagen sie plötzlich zu ihm: -‚Schämtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -Du wolltest uns durchaus geschniegelt und gebügelt, -rasiert und im Frack vor dir sehen: Nein Verehrtester, -lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß und -sauber sind, wird uns jeder lieb haben.‘“ -</p> - -<p> -Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich. -</p> - -<p> -„Ich verstehe nicht, wie Sie lachen können, Papa!“ -sagte sie schnell, und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche -Stirn ... „So eine gemeine Handlung, für die -man sie, ich weiß nicht wohin, schicken sollte ...“ -</p> - -<p> -„Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht,“ sagte -der General, „aber was soll ich machen, wenn ich es -so lächerlich finde. Wie sagten Sie gleich: Liebe uns -so weiß wie ...“ -</p> - -<p> -„So schwarz ... Exzellenz,“ verbesserte <a id="corr-139"></a>ihn Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir weiß -sind, wird uns jeder lieb haben. Ha, ha, ha, ha ...“ -Und der ganze Körper des Generals schüttelte sich vor -Lachen. Die Schultern, welche einstmals Achselklappen getragen -hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit -Achselklappen geschmückt wären. -</p> - -<p> -Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte -sein Gelächter jedoch aus Achtung vor dem General -mehr auf den Laut e ab: „he, he, he, he.“ Und sein -Körper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schütteln, -nur seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine -dicken Achselklappen. -</p> - -<p> -„Dieser unrasierte Gerichtshof mag schön ausgesehen -haben!“ rief der General aus und fuhr fort zu -lachen. -</p> - -<p> -„Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne -Schlaf — — das ist so gut wie gefastet: sie sahen -sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!“ sagte -Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen. -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-8" href="#tva-8">8.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -„Ich errichte auch keine besonderen Gebäude zu -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -diesem Zwecke. Ich besitze keine großartigen Prachtbauten -mit Säulen und Giebeln, ich verschreibe mir keine Meister -und Handwerker aus dem Auslande, vor allem aber -würde ich nie einen Bauern seiner natürlichen Tätigkeit: -der Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird -nur während einer Hungersnot gearbeitet, und auch -dann beschäftige ich nur zugewanderte Arbeiter, die sich -damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine -ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann -sollte sich erst einmal genauer auf seinem Gute umsehen, -dann würde er bemerken, daß sich jeder Lappen noch -zu was verwenden läßt, und daß man aus jedem -Plunder noch einen Gewinn herausschlagen kann, so daß -man ihn schließlich sogar wegwirft und sagt: „Fort -damit! Ich brauche dich nicht!“ -</p> - -<p> -„Das ist wirklich erstaunlich!“ sagte Tschitschikow -ganz ergriffen. „Im höchsten Grade erstaunlich! Das -wunderbarste aber ist, daß jeglicher Plunder noch Gewinn -bringen kann!“ -</p> - -<p> -„Hm! Das ist es nicht allein!“ Skudronshoglo -schloß seine Rede nicht: die Galle hatte sich in ihm angesammelt, -und er mußte seinen Zorn an seinen Gutsnachbarn -auslassen. „Da ist noch so ein gescheiter Kopf! -— Was denken Sie wohl, was der für ein Gebäude -errichtet hat. Ein Asyl für Arme; einen steinernen -Palast — auf dem Lande! Ein christliches Werk! Wenn -der Mensch sich durchaus nützlich machen und hilfsbereit -erweisen will, dann mag er doch dem Bauern helfen, -seine Schuldigkeit zu tun und ihn nicht daran hindern, -seine Pflicht als Christenmensch zu erfüllen. Hilf dem -Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und laß es nicht -zu, daß er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm -dazu, daß er seinen Bruder und seinen Nächsten bei -sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel -dazu, unterstütze ihn aus allen Kräften, und ziehe dich -nicht von ihm zurück, sonst wird er seine christlichen -Pflichten vollkommen vergessen. Wohin man blickt, -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -lauter Don Quixotes! <em>Zweihundert Rubel</em> jährlich -kommt <em>ein</em> Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit -diesem Gelde will ich auf meinem Gute ganze <em>zehn</em> -Menschen ernähren!“ Skudronshoglo war sehr zornig -und spie vor Wut aus. -</p> - -<p> -Tschitschikow interessierte sich nicht für das Armenhaus: -er wollte durchaus die Rede darauf bringen, daß -jeder Plunder Gewinn bringen kann. Aber Skudronshoglo -war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm, -und seine Rede strömte unaufhaltsam fort. -</p> - -<p> -„Und dann gibt es da noch einen andern Don -Quixote: einen Don Quixote der Aufklärung! Der baut -überall Schulen! In der Tat, gibt es etwas Nützlicheres -für den Menschen als die Kenntnis der Sprache und -Schrift? Was aber macht <em>er</em>? Jetzt kommen die -Bauern aus den Dörfern und klagen mir: ‚Was sind -denn das für Zustände, Väterchen! Unsere Söhne -sind ganz aufsässig geworden, sie wollen uns gar nicht -mehr bei der Arbeit helfen, wollen alle Schreiber werden -— man braucht aber doch gar nicht so viele Schreiber — -einer ist schon genug!‘ So weit ist es also schon gekommen!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow interessierte sich auch nicht für die -Schulen, jedoch Platonow griff diese Frage auf und -bemerkte: „Dabei kann man aber doch nicht stehen -bleiben, daß wir <em>jetzt</em> keine Schreiber brauchen. Wir -müssen auch an unsere Nachkommen denken.“ -</p> - -<p> -„Ach laß doch, Bruder! Laß doch das Klügeln! -Was wollt Ihr nur mit Euren Nachkommen! Alle -Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der Große. -Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, -und denkt nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt -lieber dafür, daß Eure Bauern wohlhabend und reich -werden, und daß sie Zeit behalten, auch etwas zu lernen, -wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem -Stocke in der Hand vor sie hin und schreit sie nicht -an: ‚Du mußt in die Schule gehen, ob du willst oder -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -nicht!‘ Weiß der Teufel, womit die Leute heutzutage -anfangen! Nein, bitte, hören Sie mal, ich fordere Sie -auf, selbst zu urteilen.“ Hier rückte Skudronshoglo -näher an Tschitschikow heran und nahm ihn sozusagen -gründlich ins Gebet, um ihn recht tief in die Sache -einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines -Frackes: „Sagen Sie, was kann klarer sein? Die -Bauern sind doch dazu da, damit Sie sie in ihrem -Beruf und Stand unterstützen und fördern. Worin aber -besteht dieser? Was ist denn die Beschäftigung der -Bauern? Doch wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? -Nun, so sorgen Sie auch dafür, daß er ein tüchtiger -Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da -finden sich gescheite Köpfe, die erklären: ‚Aus diesem -Zustande muß er herausgeführt werden. Sein Leben ist -zu primitiv und einfach: er soll auch etwas von dem -Luxus kosten.‘ Daß ihr selbst infolge dieses Luxus -lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, -weiß der Teufel, an was für neuen Krankheiten leidet, -und daß es bald keinen achtzehnjährigen Bengel mehr -geben wird, der nicht schon von allem gekostet hat — -der keine Zähne im Munde und keine Haare mehr auf dem -Kopfe hat, — daran denkt ihr nicht und wollt auch -noch andre Leute anstecken! Gott sei Dank, daß wir -wenigstens noch einen gesunden Stand besitzen, der noch -nichts von all diesen Finessen weiß! Dafür müßten -wir Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt -achte ich weit höher als einen andern Menschen. Gott -gäbe, daß alle Menschen Ackerbau trieben!“ -</p> - -<p> -„Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, -Landwirt zu werden?“ fragte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ich meine, es ist vernünftiger und ehrenhafter -und nicht vorteilhafter. Im Schweiße deines Angesichts -sollst du dein Brot erwerben — das ward uns allen -gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange -Erfahrung bewiesen, daß die Landwirtschaft die -Sitten verbessert und veredelt. Wo der Ackerbau die -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildet, da herrscht -Wohlstand und Überfluß! Da gibt es keine Armut und -keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist -dem Menschen gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. -da gibt es nichts zu klügeln! Ich sage zum Bauern: -‚Es ist ganz gleich, für wen du dich mühst: für mich, -für dich, für deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, -daß du arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster -Gehilfe. Hast du kein Vieh, nun wohl — da ist ein -Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit, dir alles -zu geben, nur sei fleißig und arbeite! Für mich wäre -es der Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete -und wenn ich Armut und Mißwirtschaft um mich sehe. -Ich dulde keinen Müßiggang: ich bin bei dir, damit -du arbeitest.‘ Hm. Man glaubt, man könne seine Einkünfte -durch Fabriken und industrielle Unternehmungen -vermehren! Denken Sie doch lieber erst daran, daß jeder -Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden Sie ganz -von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all -diese dummen Erfindungen.“ ... -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-9" href="#tva-9">9.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -„So ein Esel!“ dachte Tschitschikow. „Solch eine -Tante würde ich hegen und pflegen, wie eine Amme -ihr Kind.“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht -trocken!“ sagte Chlobujew. „He, Kirjuschka! Bring -schnell noch eine Flasche Champagner.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken,“ fiel hier -Platonow ein. -</p> - -<p> -„Ich auch nicht,“ sagte Tschitschikow, und beide -weigerten sich kategorisch, weiter zu trinken. -</p> - -<p> -„Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie -mich in der Stadt besuchen werden. Am 8. Juni gebe -ich ein kleines Diner für die Honoratioren der Stadt.“ -</p> - -<p> -„Wie!“ rief Platonow aus. „Jetzt, wo Sie so gut -wie ruiniert sind, geben Sie Diners?“ -</p> - -<p> -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -„Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das -ist halt meine Pflicht,“ versetzte Chlobujew. „Sie haben -mich doch auch eingeladen.“ -</p> - -<p> -<a id="tv-10" href="#tva-10">10.</a> Vor diesem Worte sind in der vorliegenden -Fassung zwei Seiten herausgeschnitten. Wir führen hier -die entsprechende Stelle aus der andern Fassung an: -</p> - -<p> -„Die Sache ist eigentlich ein großer Unsinn. Er hat -nicht genug Land, und da hat er sich eben ein fremdes -Stück Brachland angeeignet, d. h. er rechnete darauf, -daß niemand es braucht, und daß die Besitzer nicht -drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich -schon seit vielen Jahren die Bauern gerade an dieser -Stelle, um dort Johannisnacht zu feiern. Daher bin -ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar besseres -Stück Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist -mir heilig.“ -</p> - -<p> -„Sie würden ihm also unter Umständen ein anderes -Stück Land abgeben?“ -</p> - -<p> -„Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren -wäre, aber ich glaube, er will die Gerichte anrufen. -Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den Prozeß -gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen -klar, aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die -noch am Leben sind, und sich sehr gut erinnern, wem -das Land gehört hat.“ -</p> - -<p> -„Hm!“ dachte Tschitschikow. „Wie ich sehe, seid ihr -alle beide raffinierte Kerls.“ Und er fügte laut hinzu: -„Mir scheint, diese Sache läßt sich friedlich beilegen. -Alles hängt davon ab, ob sich jemand findet, der zwischen -Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....“ -</p> - -<p> -Damit schließt die 96. Seite der Handschrift; die -folgenden zwei Seiten sind verloren gegangen. In der -ersten Ausgabe des zweiten Bandes der „Toten Seelen“ -hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser -Stelle gemacht: Hier fehlt eine größere Partie, in -der wahrscheinlich erzählt wird, wie Tschitschikow zum -Gutsbesitzer Lenitzyn fährt. Der Her. -</p> - -<p> -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -„... daß es auch für Sie selbst sehr vorteilhaft -wäre z. B. alle toten Seelen auf meinen Namen zu -übertragen, d. h. ich meine alle die toten Bauern auf -Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. -Dann könnte ich auch die Steuern für sie bezahlen. -Um aber kein Ärgernis zu geben, könnten wir <span class="antiqua">pro -forma</span> einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so, als -ob sie noch am Leben wären.“ -</p> - -<p> -„Da haben wir’s!“ dachte Lenitzyn: „das ist aber -eine höchst merkwürdige Geschichte.“ Er schob -sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er befand -sich in der höchsten Verlegenheit. -</p> - -<p> -„Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie -hierüber mit mir einverstanden sein werden,“ fuhr Tschitschikow -fort, „denn das ist eine ganz ähnliche Sache, -wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie bleibt -natürlich ganz unter uns — wir sind doch gesetzte und -vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis -geben.“ -</p> - -<p> -Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer -äußerst peinlichen Situation. Er hatte durchaus nicht -voraussehen können, daß die von ihm noch vor wenigen -Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat umgesetzt -werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen -unerwartet. Selbstverständlich konnte für niemand -etwas Schädliches daraus entstehen: jeder Gutsbesitzer -hätte, wenn es darauf angekommen wäre, ebensogut -Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie -auf die lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei -Verluste daraus entstehen; der ganze Unterschied bestand -bloß darin, daß sie jetzt in <em>einer</em> Hand vereinigt sein -würden, während sie sich im andern Falle in vielen -befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. -Er war ein Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt -und ein Geschäftsmann im guten Sinne war. Er hätte -sich nie bestechen lassen und für Geld eine schlechte Sache -vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie -er ihn bezeichnen sollte: handelte es sich hier um ein -sauberes oder um ein unsauberes Geschäft? Hätte sich -ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn gewandt, -dann hätte er sagen können: „Ach Unsinn, das sind -Torheiten! Ich will doch nicht mehr Puppen spielen -und alberne Streiche machen!“ Aber der Gast gefiel -ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele Berührungspunkte -in bezug auf ihre Anschauungen über -die Fortschritte der Aufklärung und der Wissenschaften, -wie konnte er ihm da etwas abschlagen? Lenitzyn befand -sich in einer überaus verzwickten Lage. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge -Gattin Lenitzyns ins Zimmer, wie um ihn aus dieser -verzweifelten Situation zu erlösen. Sie war bleich und -mager wie alle Petersburger Damen und ebenso geschmackvoll -gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme -auf dem Fuße, die ein Kind auf den Armen trug, die -jüngste Frucht der jungen Ehe. Tschitschikow ging natürlich -sofort auf die Dame zu und begrüßte sie aufs -liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon -die Geste mit der er ihr entgegentrat und dabei den -Kopf anmutig auf die Seite neigte, genügte vollkommen, -um sie ganz für sich einzunehmen. Dann -eilte er auf das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick -laut zu schreien begann, sich aber sehr schnell -wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar freundliche -Worte sagte, ihm A—u, A—u zurief, mit den Fingern -schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft -zeigte. Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich -von Tschitschikow ruhig auf die Hände nehmen und -hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann sogar -fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich -erfreute. -</p> - -<p> -Aber war es nun das Vergnügen, welches das -Kindchen verspürte, oder etwas andres, genug es passierte -ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. Frau Lenitzyn -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -schrie laut auf: „Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen -noch den ganzen Frack verderben!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines -neuen Frackes und war aufs höchste erschrocken. Der -ganze Ärmel war hin: „Wenn dich doch der Teufel -holte, verdammter Schelm!“ murmelte er ärgerlich vor -sich in. -</p> - -<p> -Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten -schleunigst davon, um kölnisches Wasser zu holen; -hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn zu und -begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern. -</p> - -<p> -„Das macht nichts, das macht wirklich nichts,“ -sagte Tschitschikow: „Was kann einem denn ein unschuldiges -Kind antun?“ Zugleich aber dachte er sich: -„Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! -Ein goldenes Alter!“ bemerkte er, als er endlich ganz -trocken war, und ein freundliches Lächeln erhellte aufs -neue seine Züge. -</p> - -<p> -„Tatsächlich,“ versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls -mit einem freundlichen Lächeln an Tschitschikow -wandte, „was gibt es Schöneres als das Kindesalter. -Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die -Zukunft ...“ -</p> - -<p> -„Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,“ -entgegnete Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Sofort!“ sagte Lenitzyn. -</p> - -<p> -Ich glaube indes, daß beide schwindelten. Wenn -man ihnen im Ernst einen solchen Tausch angeboten -hätte, sie wären sofort zu Kreuze gekrochen. Es ist -doch auch wirklich kein Vergnügen, bei der Amme -auf dem Arme zu sitzen und fremde Fräcke zu ruinieren. -</p> - -<p> -Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten -sich entfernt, denn auch der Kleine bedurfte einer gründlichen -Reinigung: er hatte nicht nur Tschitschikow beglückt, -sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen. -</p> - -<p> -Übrigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche -Vorfall den Hausherrn noch mehr für Tschitschikow -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so angenehmen -und höflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der -so freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und -seine Güte noch dazu so großmütig mit seinem Frack -bezahlen mußte. Lenitzyn dachte nämlich: „Warum -sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfüllen, wenn er -es doch so sehr wünscht ...“ -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-11" href="#tva-11">11.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem -persischen mit Gold bordierten Schlafrock auf dem Sofa -und verhandelte mit einem vorüberreisenden Schmuggler -jüdischer Abstammung, der das Russische mit einem -deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stück feinste -holländische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, -um sich neue Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln -mit Seife von allererster Qualität (es war -dieselbe Seife, die er sich ehemals während seines Dienstes -im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die -tatsächlich die Kraft besaß, den Wangen eine geradezu -unerhörte Reinheit und Zartheit zu verleihen). Während -nun Tschitschikow mit Kennerblick all diese für jeden -gebildeten Menschen so überaus notwendigen Gegenstände -einkaufte, hörte man draußen das Gerassel eines heranrollenden -Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und -gleich darauf betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch -Lenitzyn das Zimmer. -</p> - -<p> -„Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und -zu dieser Seife, und wie gefällt Ihnen dies Ding hier, -das ich mir gestern angeschafft habe?“ Mit diesen -Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen -verzierte Kappe auf und präsentierte sich seinem Gast -mit einem Anstand und einer Würde, die der des persischen -Schahs nicht viel nachgegeben hätte. -</p> - -<p> -Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur: -</p> - -<p> -„Ich muß Sie dringend in einer Angelegenheit -sprechen.“ Man sah es ihm an, daß er sehr erregt war. -<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen Akzent -wurde sofort hinausbefördert, und beide Freunde blieben -allein. -</p> - -<p> -„Wissen Sie, was passiert ist? Eine schöne Geschichte! -Es hat sich noch ein zweites Testament gefunden, das -die alte Dame vor fünf Jahren gemacht hat. Darin -verschreibt sie die Hälfte ihrer Güter dem Kloster und -die andre Hälfte ihren beiden Adoptivtöchtern. Das ist -alles.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow war ganz erschrocken. -</p> - -<p> -„Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch -nichts zu bedeuten; es hat durch das zweite seine Rechtskraft -verloren!“ -</p> - -<p> -„Es steht aber im zweiten Testament nichts davon -drin, daß das erste dadurch annulliert wird.“ -</p> - -<p> -„Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stößt -alle vorhergehenden um. Das bedeutet nichts! Das -erste Testament hat keine Gültigkeit. Ich kenne den -Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, -als es aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, -wer waren die Zeugen?“ -</p> - -<p> -„Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. -Als Zeugen fungierten die Assessoren a. D. Burmilow -und Chawanow.“ -</p> - -<p> -„Das ist schlimm, sehr schlimm!“ dachte Tschitschikow. -„Dieser Chawanow soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow -ist ein alter Tartüffe, der liest Sonntags in der -Kirche aus der Bibel vor. — Ach was, Unsinn, Unsinn,“ -fuhr er laut fort, denn er fühlte sich wieder mutig und -entschlossen. „Das weiß ich besser: ich war zugegen, -als die Alte starb. Ich muß das doch besser wissen -als andre Leute. Ich bin bereit, die Sache zu beschwören.“ -</p> - -<p> -Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten -Lenitzyn ein wenig. -</p> - -<p> -Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob -Tschitschikow nicht am Ende das Testament gefälscht -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -haben könnte (er hätte es sich freilich nicht einmal vorstellen -können, daß die Sache sich so verhalte, wie sie -sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwürfe -wegen seines Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, -alles zu beschwören, war ein offenkundiger Beweis, daß -er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel Iwanowitsch -wirklich den Mut gehabt hätte, einen Eid darauf abzulegen, -jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten. -</p> - -<p> -Tschitschikow ließ sofort den Wagen vorfahren und -begab sich zu seinem Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt -war ein außerordentlich geschickter und erfahrener Mann. -Er befand sich schon seit fünfzehn Jahren im Anklagezustand, -aber er verstand es, seine Maßregeln so gut -zu treffen, daß es unmöglich war, ihn seines Amtes -zu entsetzen. Jedermann wußte, daß er es für seine -Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die Strafkolonien -verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten -Dinge verdächtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende -Beweise gegen ihn aufzubringen. Der Mann war tatsächlich -mit einem geheimnisvollen Schimmer umgeben, -man hätte ihn sicher für einen Zauberer erklärt, wenn -unsere Erzählung in einem unaufgeklärten Zeitalter gespielt -hätte. -</p> - -<p> -Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen -fettigen Schlafrock in Erstaunen, der in einem krassen -Gegensatz zu den schönen Mahagonimöbeln, der goldenen, -mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr, dem Armleuchter, -der durch die Tüllhülle hindurchschimmerte und -zu der ganzen Umgebung stand, denn diese trug -den deutlichen Stempel einer weltmännischen europäischen -Bildung. -</p> - -<p> -Tschitschikow ließ sich jedoch durch den skeptischen -Blick des Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung -bringen, sondern klärte ihn über die schwierige Sachlage -auf und ließ die verlockende Aussicht auf seinen -Dank und seine Erkenntlichkeit für den ihm erteilten -Rat und Beistand vor ihm erstehen. -</p> - -<p> -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlässigkeit -aller irdischen Dinge und Güter an und deutete -Tschitschikow gegenüber in zarter Weise an, daß eine -Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein Sperling in -der Hand ihm lieber sei. -</p> - -<p> -Was war da zu machen? Man mußte ihm schon -den Sperling in die Hand drücken. Die skeptische -Kühle unseres Philosophen verschwand sofort, und es -stellte sich heraus, daß er der beste Mensch von der -Welt und ein äußerst angenehmer Gesellschafter war, -der selbst Tschitschikow, was die Schönheit und weltmännische -Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte, -wenig nachgab. -</p> - -<p> -„Machen wir doch lieber nicht so viel Umstände — -Sie haben sich wohl das Testament gar nicht ordentlich -angesehn; es wird sicher noch irgend eine Bemerkung -oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber -für einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, -solche Objekte mit sich nach Hause zu nehmen, aber -wenn man die Beamten ordentlich darum angeht ... -Ich für meinen Teil werde meinen ganzen Einfluß -aufbieten.“ -</p> - -<p> -„Ich verstehe,“ dachte Tschitschikow und versetzte: -„In der Tat, ich kann mich nicht mehr genau darauf -besinnen, ob es nicht doch eine Notiz enthielt — es ist -fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst aufgesetzt -hätte.“ -</p> - -<p> -„Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. Übrigens -können Sie ganz ruhig sein,“ fuhr er gutmütig fort. -„Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen, selbst wenn -es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, -es gibt keine solche Sache, die sich nicht wieder gut -machen ließe. Sehen Sie doch mich an. Ich bin -immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen -mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemütsruhe stören.“ -Und in der Tat, das Gesicht unseres Philosophen ließ -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -nicht die geringste Bewegung erkennen, so daß Tschitschikow -lange ... -</p> - -<p> -„Natürlich ist das das wichtigste,“ versetzte er. „Aber -Sie werden mir doch zugestehen, daß es Verhältnisse -geben kann, Gefahren und Nachstellungen seitens der -Feinde, und so verzwickte Lagen, daß man darüber seine -Geistesgegenwart verlieren muß.“ -</p> - -<p> -„Glauben Sie mir, das wäre kleinmütig,“ entgegnete -der Philosoph sehr ruhig und freundlich. „Achten -Sie vor allem darauf, daß die Sache auf dem Aktenwege -erledigt wird, und daß es keine mündlichen Auseinandersetzungen -gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, daß -es zum Klappen kommt, und daß die Entscheidung -herannaht, — dann dürfen Sie sich nicht etwa rechtfertigen -oder verteidigen, sondern Sie müssen einfach -mit neuen Tatsachen herausrücken.“ -</p> - -<p> -„Man muß also ...“ -</p> - -<p> -„Die Sache möglichst verwickeln — das ist alles,“ -versetzte der Philosoph, „sie mit neuen, nicht zur Sache -gehörigen Details komplizieren, die auch noch andre -Leute in die Affäre hineinziehen. Man muß die Fäden -durcheinander wirren — das ist das ganze Geheimnis. -Mögen doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie -damit fertig werden!“ wiederholte er, indem er Tschitschikow -sehr vergnügt ansah, so wie ein Lehrer seinen -Schüler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel -aus der russischen Grammatik erklärt. -</p> - -<p> -„Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, -mit denen man die Augen anderer Leute umnebeln -kann!“ sagte Tschitschikow, indem er den Philosophen -gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, -der die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm -sein Lehrer erklärt, schon begriffen hat. -</p> - -<p> -„Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, -daß Sie sich finden werden: wenn man sich nur häufig -genug darin übt, dann wird auch der Kopf allmählig -erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man -<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> -Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert -ist, dann finden viele Leute ihren Vorteil dabei: -man braucht immer mehr Beamte, und diese wollen -ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, -man muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. -Es macht nichts, wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen -werden: sie müssen sich rechtfertigen, auf die -Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt’s eben -was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände -wirklich kritisch werden, muß man zuallererst -daran denken, die ganze Affäre recht verwickelt zu machen. -Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, daß sich bald -niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so -ruhig? Weil ich genau weiß: wenn meine Sache schief -geht, dann ziehe ich alle miteinander in sie hinein: den -Gouverneur, den Vizegouverneur, den Polizeimeister, -den Kassierer — ich lasse keinen frei ausgehen. Ich -kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer -dem andern zürnt, ob er sich über ihn ärgert und ihm -etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen sie sich nachher -aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere -Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im -trüben Wasser krebsen gehn. Sie warten ja alle zusammen -darauf, daß nur ein möglichst großer Wirrwarr -entsteht.“ Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow -wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, -dem er ein noch weit interessanteres Kapitel aus der -russischen Grammatik erklärt. -</p> - -<p> -„Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,“ dachte -Tschitschikow und verabschiedete sich in der besten und -vergnügtesten Laune vom Rechtsanwalt. -</p> - -<p> -Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher -warf er sich mit einer nachlässigen Sicherheit in -die weichen Kissen seiner Equipage, befahl Seliphan das -Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster -zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr -Wyschnepokromow in eigener Person. Als er <em>zum</em> -<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> -Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck schließen lassen -und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt, -jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und -wandte allen Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht -zu, das unter dem keck auf das Ohr gerückten neuen -Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan erhielt -den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu -nehmen. Die einheimischen und zugereisten Kaufleute -standen an ihren Ladentüren und grüßten ihn ehrerbietig; -Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß nicht ohne -ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte -er schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, -doch waren auch sie ganz entzückt von dem gewandten -und sicheren Wesen und den feinen Manieren -des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher -wie einen alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew -gab es fast immer eine Messe; war der Pferde- und -Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren -für die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an -die Reihe. Die Kaufleute, die per Axe angereist kamen, -rechneten damit, per Schlitten nach Hause zurückzukehren. -</p> - -<p> -„Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,“ rief ihm -ein Kaufmann von der Ladentüre aus entgegen. Er -trug einen deutschen Rock, der in Moskau verfertigt -war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit. -Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der -einen Hand seinen Hut, während er mit der andern -leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei suchte er seinem -Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck -zu geben. -</p> - -<p> -Tschitschikow trat in den Laden: „Lassen Sie sehen, -was Sie für Stoffe haben, Verehrtester.“ -</p> - -<p> -Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das -die zwei Ladentische verband, in die Höhe, schaffte sich -so einen Durchgang und stand sogleich dienstbereit da, -indem er seinen Waren den Rücken und dem Käufer -sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte -<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> -er entblößten Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, -noch einmal seinen Gast. Dann setzte er den Hut auf, -stützte sich mit beiden Händen auf den Ladentisch, beugte -sich etwas vor und sagte: „Was für Stoffe wünschen -Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie -unsere vaterländischen Produkte vor?“ -</p> - -<p> -„Ich wünsche einen russischen Stoff,“ versetzte -Tschitschikow, „aber von der allerbesten Sorte, einen -sogenannten englischen.“ -</p> - -<p> -„Und welche Farben finden Ihren Beifall?“ fragte -der Kaufmann, der sich noch immer in der angenehmsten -Weise auf seinen beiden Händen balancierte. -</p> - -<p> -„Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- -oder flaschengrünen Stoff, wenn möglich mit einer -preißelbeerfarbenen Nuance?“ -</p> - -<p> -„Ich kann Ihnen das Versprechen geben, daß Sie -die allerbeste Sorte erhalten werden, was Besseres werden -Sie auch in beiden Hauptstädten nicht finden,“ -versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff -zu holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, -rollte sie von hinten auf und hielt den Stoff ans Licht. -„Ein wunderbares Farbenspiel! Das Allermodernste, -etwas für den erlesensten Geschmack!“ Und in der Tat, -der Stoff glänzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit -feinem Instinkte erkannt, daß ein Kenner der Tuchsorten -vor ihm stand und daher wollte er erst gar nicht mit -einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen. -</p> - -<p> -„Hm, nicht übel,“ bemerkte Tschitschikow, nachdem -er das Tuch flüchtig gemustert hatte. „Aber wissen -Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir lieber gleich die -Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie -keinen mit einem Stich ins Rote?“ -</p> - -<p> -„Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie -sie heute modern zu werden beginnt. Da habe ich einen -Stoff von allererster Qualität. Ich mache Sie darauf -aufmerksam, daß er sehr teuer ist, aber wie gesagt: -dafür ist es auch die allerbeste Sorte.“ -</p> - -<p> -<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann -rollte sie mit noch größerer Geschwindigkeit auseinander -und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war es -ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, -jedoch so, daß dieser nicht nur die Möglichkeit hatte, -ihn gründlich zu besichtigen, sondern sogar zu betasten -und zu beriechen. Und er fügte nur kurz hinzu: -„Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.“ -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-12" href="#tva-12">12.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -Man einigte sich über den Preis. Ein eisernes -Metermaß maß Tschitschikow gleich einem Zauberstabe -in wenigen Augenblicken den Stoff für Frack und -Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen -Einschnitt mit der Schere, riß das Tuch mit beiden -Händen der ganzen Breite nach auseinander und verbeugte -sich, nachdem diese Operation vollendet war, in -außerordentlich feiner und liebenswürdiger Weise vor -Tschitschikow. Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt -und geschickt in Papier gewickelt. Hierauf wurde eine -dünne Schnur herumgeschlungen und das Paket war -fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, -aber da fühlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm -umschlang, und seine Ohren vernahmen die -Worte: „Was kaufen Sie hier ein, Verehrtester.“ -</p> - -<p> -„Ah, welch glückliches Zusammentreffen!“ rief Tschitschikow -aus. -</p> - -<p> -„Ja, es ist ein glücklicher Zufall, der uns hier zusammenführt,“ -hörte er die Stimme desselben Mannes -sagen, der seine Taille umschlungen hatte. Es war -Wyschnepokromow. „Ich wollte schon achtlos an dem -Laden vorübergehn, da sehe ich plötzlich ein bekanntes -Gesicht — einem solchen Vergnügen kann man sich -doch unmöglich entziehen. Ja, ja, dies Jahr sind die -Stoffe weit schöner. Es ist eine wahre Schande. Früher -konnte man beim besten Willen nichts Vernünftiges -bekommen. Ich hätte gern vierzig Rubel bezahlt ... -<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -meinetwegen sogar fünfzig, wenn ich nur etwas Gutes -bekommen hätte. Was mich anbelangt, so will ich entweder -das Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht -wahr?“ -</p> - -<p> -„Sehr richtig!“ versetzte Tschitschikow. „Wozu quält -man sich so, wenn man nicht auch was Gutes haben -soll?“ -</p> - -<p class="center"> -<a id="tv-13" href="#tva-13">13.</a> Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -Der alte Mann begrüßte alle Anwesenden und -wandte sich direkt an Chlobujew: „Entschuldigen Sie, -aber ich sah von weitem, wie Sie in den Laden traten, -und da entschloß ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre -Zeit ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie -nachher frei sind und an meinem Hause vorüberkommen, -dann seien Sie doch so freundlich, einen Augenblick -bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.“ -</p> - -<p> -Chlobujew versetzte: „Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.“ -</p> - -<p> -Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. -„Mir wirbelt’s förmlich im Kopfe,“ sagte Tschitschikow -„wenn ich daran denke, daß dieser Mensch ganze zehn -Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!“ -</p> - -<p> -„Ja, das gehört sich in der Tat nicht,“ bemerkte -Wyschnepokromow; „die Kapitale sollten nicht in der -Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist ein Gegenstand, -über den in Europa sehr viel geschrieben wird. -Wenn du Geld hast, mußt du es auch mit den andern -teilen: mache Geschenke, gib Bälle, entwickele einen -wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und Handwerker -etwas verdienen.“ -</p> - -<p> -„Das kann ich gar nicht verstehen!“ wiederholte -Tschitschikow. „Zehn Millionen! Und dabei lebt er -wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol’s der Teufel, was -kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! -Da kann man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und -Generäle sollten bei mir verkehren!“ -</p> - -<p> -<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> -„Jawohl,“ bemerkte der Kaufmann, „das ist in der -Tat keine gebildete Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger -ist, dann ist er eben nicht mehr Kaufmann sondern -gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich -mir auch eine Loge im Theater halten, und kann meine -Tochter doch keinem einfachen Oberst mehr zur Frau -geben. Nein, dann müßte schon mindestens ein General -kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was -ist mir ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim -Konditor und nicht bei einer gewöhnlichen Köchin ...“ -</p> - -<p> -„Da ist doch jedes Wort überflüssig!“ sagte Wyschnepokromow. -„Mit zehn Millionen kann man vieles -anfangen. Geben Sie mir nur die zehn Millionen, Sie -sollen schon sehen, was ich damit beginne!“ -</p> - -<p> -„Nein,“ dachte Tschitschikow: „bei <em>dir</em> wären die -zehn Millionen schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen -ein solches Sümmchen hätte, ich wüßte sie in der Tat -gut anzulegen.“ -</p> - -<p> -„Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,“ dachte -Chlobujew, „dann wäre ich nicht so töricht wie früher, -ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden. Nachdem -man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt -man den Wert jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es -ganz anders anfangen ...“ Aber gleich darauf wurde -er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage vor: -„Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?“ -dann machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte -hinzu: „Kein Gedanke! Ich glaube, ich würde es ebenso -ausgeben wie früher.“ Damit verließ er den Laden -und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, -was dieser ihm mitzuteilen habe. -</p> - -<p> -„Ich erwartete Sie!“ sagte Murasow, als er Chlobujew -eintreten sah. „Bitte, kommen Sie doch in mein -Zimmer.“ Und er führte Chlobujew in das Stübchen, -welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein Beamter, -der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte -in keinem schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen. -</p> - -<p> -<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -„Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch -gebessert? Ich glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas -hinterlassen?“ -</p> - -<p> -„Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? -Ich weiß nicht, ob sich meine Verhältnisse wirklich gebessert -haben. Ich habe bloß fünfzig Bauern und dreißigtausend -Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner -Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie -nichts übrig. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte -mit diesem Testament ist nicht ganz sauber. -Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, -Afanassij Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, -Sie werden sich wundern, was für Dinge in der Welt -passieren. Dieser Tschitschikow ...“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von -diesem Tschitschikow reden, möchte ich zuerst von Ihnen -selber sprechen. Sagen Sie mir bitte, wieviel Geld hätten -Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse -hineinzukommen<a id="corr-140"></a>? Was denken Sie wohl?“ -</p> - -<p> -„Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz -bescheidenes Leben beginnen zu können — dazu brauche ich -mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht noch mehr.“ -</p> - -<p> -„Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden -Sie dann wohl anfangen?“ -</p> - -<p> -„Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und -mich der Erziehung meiner Kinder widmen, ich kann -doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten. Ich bin -ja zu nichts mehr zu gebrauchen.“ -</p> - -<p> -„Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?“ -</p> - -<p> -„Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie -selbst, ich kann doch nicht wieder als Bureauschreiber anfangen. -Sie vergessen, daß ich Familie habe. Ich bin schon -über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin träge -und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich -doch nicht erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. -Ich muß Ihnen übrigens gestehen, ich würde auch keine -<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -Stellung annehmen, wo es was zu verdienen gibt. Ich -bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber Geldgeschenke -würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur -nicht dies. Mit diesem Krasnonossow und Samosistow -würde ich mich nicht vertragen.“ -</p> - -<p> -„Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, -wie man leben kann, wenn man kein Ziel, wenn -man keinen Weg vor Augen hat; man kann doch nicht -weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen -hat; man kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. -Das Leben ist eben eine Reise. Entschuldigen -Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von denen Sie -da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, -sie sind tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind -sie vom rechten Wege abgekommen, wie das uns sündigen -Menschen wohl passieren kann; aber wir wollen -hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer -nur vorwärts marschiert, — <em>muß</em> schließlich das Ziel -erreichen, man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, -daß er wieder auf den rechten Weg hinauskommt. Wie -aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt. -Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.“ -</p> - -<p> -„Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich -fühle, wie recht Sie haben .... aber ich sage Ihnen, -in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit erstorben. Ich sehe -nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen -sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer -Holzklotz. Früher, als ich noch jünger war, da schien -es mir, daß alles vom Gelde abhänge, daß, wenn ich -bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte, ich -alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme -Künstler unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand -nützliche Institutionen gründen und Sammlungen anlegen. -Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß, daß ich -das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten -reichen Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. -Jetzt sehe ich jedoch, daß auch dies eitel ist und wenig -<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> -Wert hat. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich tauge nichts -mehr, gar nichts mehr, das können Sie mir glauben. -Ich bin zu nichts mehr fähig.“ -</p> - -<p> -<a id="tv-14" href="#tva-14">14.</a> Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. -Die neuere Fassung dieser Stelle hängt in der Handschrift -nicht mit der ursprünglichen zusammen. Daher -mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle reproduziert -werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen -wurde. -</p> - -<p class="center"> -Variante der andern Fassung. -</p> - -<p> -„Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch -in die Kirche, um zu beten; ich weiß es, Sie versäumen -keine Früh- noch Abendmesse. Sie stehen nicht gern -früh auf, und doch tuen Sie es und gehen — schon -um 4 Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute -schlafen.“ -</p> - -<p> -„Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. -Das tue ich um meines Seelenheiles willen, denn ich -bin überzeugt, daß ich damit mein müßiges Leben -mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So -widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich -auch sein mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet -und eine gewisse Selbstüberwindung Gott wohlgefällig -sind. Ich will Ihnen gestehen, ich bete ohne Glauben, -aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen -Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch -das Pferd und das Vieh seinen Herrn, der über sie -gebietet.“ -</p> - -<p> -„Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein -wollen, weil Sie um das Heil Ihrer Seele besorgt -sind, und das gibt Ihnen Kraft und veranlaßt Sie so -früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit -derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie -Sie Ihm dienen, zu dem Sie beten, Sie würden bald -eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in der Welt -könnte Ihre Begeisterung dämpfen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> -„Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, -das ist was ganz andres. Im ersten Falle sehe ich doch, -daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin bereit, in ein -Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen, -die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, -denn dort werde ich wissen, für wen ich mich mühe. -Da brauche ich nicht nachzudenken und zu grübeln. -Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft -ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. -Dort habe ich mich zu unterwerfen, und ich weiß, daß -ich mich Gott unterwerfe.“ -</p> - -<p> -„Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen -Dingen nicht ebenso? Wir sollen doch auch in der Welt -<em>Gott</em> dienen und keinem andern. Und wenn wir einem -andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil -wir überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne -das könnten wir niemandem dienen. Was sind denn -all unsere Gaben und Fähigkeiten, die bei jedem anders -geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres -Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können -doch nicht ins Kloster gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt -und haben Familie!“ -</p> - -<p> -Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort. -</p> - -<p> -„Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine -feste Grundlage stellen und von nun ab vernünftiger -und sparsamer wirtschaften, wenn Sie zweihunderttausend -Rubel hätten?“ -</p> - -<p> -„Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit -haben, der ich gewachsen bin — ich würde mich der -Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte die -Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.“ -</p> - -<p> -„Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! -Nach zwei Jahren werden Sie wieder ganz tief in -Schulden stecken, wie in einem Netz.“ -</p> - -<p> -Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann -gedehnt: „Aber nach den Erfahrungen, die ich ....“ -</p> - -<p> -„Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!“ fiel -<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> -Murasow ein. „Sie haben ein gutes Herz, Ihre -Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld -bitten — Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen -können; wenn Sie einen armen Mann sehen, werden -Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen kommt, -werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder -menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil -und das Rechnen aber werden Sie dabei vergessen. -Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch in aller -Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande, -Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder -kann nur ein Vater erziehen, der seine Pflicht schon erfüllt -hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein gutes -Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder -erziehen zu können. Ich frage mich sogar — Sie entschuldigen -mich doch, Peter Petrowitsch — ob es Ihren -Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets mit Ihnen -zusammen zu sein!“ -</p> - -<p> -Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich -in Gedanken nach allen Richtungen und hatte schließlich -das Gefühl, daß Murasow nicht ganz unrecht hatte. -</p> - -<p> -„Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen -Sie mir Ihre Kinder und die Ordnung Ihrer Verhältnisse, -verlassen Sie Ihre Familie und Ihre Kinder, -ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind -doch gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand -sind; Sie sind doch nahe am Verhungern. Hier gilt -es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan -Potapytsch?“ -</p> - -<p> -„Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in -einer Joppe herumläuft.“ -</p> - -<p> -„Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter -heirateten lauter Beamte, und er lebte wie ein Fürst. -Aber er machte Bankrott — und da blieb ihm eben -nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu -werden. Es wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer -einfachen Schüssel zu essen, <em>ihm</em>, der an silberne Teller -<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> -gewöhnt war, und die Hände wollten nicht recht arbeiten, -denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt könnte -Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, -aber nun will er es selbst nicht. Er hat sich wieder -genug zusammengespart, aber er sagt: ‚Nein, Afanassij -Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir selber, sondern -<em>Gott</em>. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst -willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen -will und nicht den Menschen, und da Gott nur -durch den Mund der besten Menschen zu uns spricht. -Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür -verantwortlich, sondern Sie.‘ — Sehen Sie, so denkt -Iwan Potapytsch, und doch ist er, wenn ich ehrlich sein -soll, viel, viel klüger als ich.“ -</p> - -<p> -„Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre -Überlegenheit anerkennen ... ich will gern Ihr Diener -sein, und alles tun, was Sie wollen, ich gebe mich ganz -in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last auf, -die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und -ich sage Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.“ -</p> - -<p> -„Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, -aber da Sie doch nun einmal Gott dienen -wollen — da haben Sie ein Gott wohlgefälliges Werk! -Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß -durch freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht -werden. Leider fehlt es an Mitteln, sie müssen durch -eine Sammlung herbeigeschafft werden. Ziehen Sie -einen einfachen Pelz an — Sie sind doch jetzt ein -schlichter Mensch — ein verarmter Edelmann — und so -gut wie ein Bettler, was brauchen Sie sich zu schämen? — -nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand, besteigen -Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie -alle Städte und Dörfer der Umgegend. Der Archierei<a class="fnote" href="#footnote-15" id="fnote-15">[15]</a> -wird Ihnen seinen Segen geben und Ihnen das Kassenbuch -aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit Gott!“ -</p> - -<p> -<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig -neue Tätigkeit, die ihm hier vorgeschlagen wurde. Er -war doch immerhin ein Mann von altem Adel und -sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen -und mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, -um Geld für die Kirche zu sammeln! Aber er konnte -nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache nicht mehr -entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk! -</p> - -<p> -„Sie überlegen noch?“ fragte Murasow, „Sie werden -damit einen doppelten Dienst leisten: Gott und mir.“ -</p> - -<p> -„Ihnen?“ -</p> - -<p> -„Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in -Gegenden kommen, wo ich noch nicht war, und werden -dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie die Bauern -leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und -wie überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, -ich liebe die Bauern von ganzem Herzen, vielleicht -deshalb, weil ich selbst von Bauern abstamme. Die -Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge -unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und -Sektierer suchen sie zu verführen und gegen die Obrigkeit -aufzureizen, und wenn ein Mensch Not leidet, dann -lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere -Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der -sich in einer bedrängten Lage befindet. Aber das ist es -ja gerade, die Hilfe und Strafe darf nicht von unten -kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein Recht -mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts -Gutes entstehen; dabei haben nur die Diebe und -Räuber den Vorteil. Sie sind ein kluger Mensch, Sie -werden alles gründlich studieren und in Erfahrung bringen, -wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn -bedrücken, und wo sein eigner unruhiger Charakter die -Schuld trägt. Und dann, wenn Sie wiederkommen, -werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will -Ihnen auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die -Sie unter die verteilen mögen, die wirklich und unschuldigerweise -<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -Not leiden. Es wird auch gut sein, -wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht -klar machen, es sei Gottes Wille, daß wir unsere -Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten, wenn -wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen -und uns nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. -Mit einem Worte, reden Sie ihnen gut zu, ohne sie -gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie, ihr -Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn -gegen jemand finden, da nehmen Sie all Ihre Kräfte -zusammen.“ -</p> - -<p> -„Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir -übertragen wollen, ist ein heiliges Amt,“ sagte Chlobujew. -„Dies ist ein heiliges Werk! Bedenken Sie, wen Sie -damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen -übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel -führt, der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.“ -</p> - -<p> -„Ich sage ja auch nicht, das Sie dies <em>alles</em> ausführen -sollen, tuen Sie, was möglich ist, was in Ihren -Kräften steht. Die Sache ist die: Sie werden trotzdem -mit einem großen Wissensschatz und einer großen Ortskenntnis -zurückkehren, Sie werden genau über die Lage -der betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter -würde dem Bauern nie persönlich gegenübertreten, und -auch der Bauer würde nicht aufrichtig gegen ihn sein. -Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für -die Kirche zu sammeln, — Sie werden überall einen -Einblick gewinnen in die Lage des kleinen Mannes, in -den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden Gelegenheit -haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich -sage Ihnen das, weil der Generalgouverneur solche Leute -wie Sie gerade jetzt besonders nötig hat, und Sie können, -ganz abgesehen von den bureaukratischen Titeln, eine -Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen stiften werden.“ -</p> - -<p> -„Gut denn! Ich will’s versuchen, ich will all meine -Kräfte anspannen und mir die größte Mühe geben,“ -<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> -sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme an, -daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob -wieder tapfer das Haupt, wie ein Mensch, den eine -neue Hoffnung belebt. „Ich sehe, daß Gott Ihnen die -rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche -Dinge weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.“ -</p> - -<p> -„Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was -ist es mit Tschitschikow, und von welcher Angelegenheit -sprachen Sie vorhin?“ sagte Murasow. -</p> - -<p> -„Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu -unerhörte Dinge erzählen. Was der alles anstellt ... -Wissen Sie auch, Afanassij Wassiljewitsch, daß das -Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat sich -gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen -des ganzen Gutes.“ -</p> - -<p> -„Was sagen Sie? Und wer hat das falsche -Testament hergestellt?“ -</p> - -<p> -„Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige -Geschichte. Man sagt: Tschitschikow sei der Verfasser; -das Testament sei erst nach dem Tode der Testantin -unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man -verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen -unterschrieben hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche -und skandalöse Affäre. Man hat Verdacht, daß auch -noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht -schon überall davon, und der Generalgouverneur soll -bereits davon Kunde haben. Man sagt, es seien über -tausend Klagen von den verschiedensten Seiten eingelaufen. -Die Freier machen sich jetzt schon an Marja Jeremejewna; -zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. -Eine widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.“ -</p> - -<p> -„Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die -Sache wird sicherlich nicht ganz sauber sein. Ich muß -gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow -mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,“ sagte -Murasow. -</p> - -<p> -„Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, -<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> -um daran zu erinnern, daß es noch einen rechtmäßigen -Erben gibt ...“ -</p> - -<p> -„Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in -den Haaren liegen,“ dachte Chlobujew, als er sich von -Murasow verabschiedet hatte. — „Afanassij Wassiljewitsch -ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl überlegt -haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn -eben erfüllen — das ist das Ganze.“ Und er fing -schon an, an seine Reise zu denken, während Murasow -noch immer in Gedanken wiederholte: „Ein höchst rätselhafter -Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! -Wer mit dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf -ein edles Ziel hinarbeitete! ...“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten -Teiles der toten Seelen verbrannt hatte, ging er sogleich -an die Ausarbeitung eines neuen Planes. -Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten -Bandes fertig. In den folgenden Jahren wurde die -Arbeit unter mehreren größeren Unterbrechungen fortgesetzt. -Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow -mehrere Kapitel der <em>neuen</em> Fassung vor. Arnoldi, der -einige Male bei diesen Vorlesungen zugegen war, gibt -den Inhalt des von ihm Gehörten folgendermaßen -wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe): -</p> - -<p> -„Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste -Kapitel des zweiten Teils) ein wenig anders; es war -überhaupt weit sorgfältiger durchgearbeitet, obwohl der -Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß mit dem -Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte -ein zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des -Generals beschrieben wird. Tschitschikow blieb zum -Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka -noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle -<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> -einer Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, -der seit unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren -Grund auf dem Gute Betrischtschews wohnte. -Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein farbloses, -ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase -und sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, -konnte tagelang schweigen und ließ nur ihre Augen mit -dem dumm-fragenden Blick beständig nach allen Seiten -schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich erinnere: -Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß -bestimmt, daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß -„Eskadron“ nannten. Er schwieg auch fortwährend, -mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach mit -dem General spielen. Während des Diners passierte -nichts Außerordentliches. Der General war lustig und -scherzte mit Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. -Ulinka war nachdenklich, ihr Gesicht belebte -sich bloß, wenn die Rede auf Tentennikow kam. Nach -dem Essen spielte der General eine Partie Schach mit -dem Spanier und wiederholte andauernd, während er -eine Figur vorschob: „Lieb uns so weiß wie“, worauf -Tschitschikow ihn beständig verbesserte: „So schwarz, -Exzellenz.“ „Ja, ja,“ sagte der General, „lieb uns so -schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott -selbst lieb haben.“ Nach fünf Minuten versprach er sich -jedoch abermals und fing wieder an: „Lieb uns so weiß -wie“. — Tschitschikow verbesserte ihn aufs neue, und -der General wiederholte noch einmal: „Lieb uns so schwarz -wie wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde -uns auch der Herrgott lieb haben.“ Nachdem der General -mehrere Partieen mit dem Spanier gespielt hatte, schlug -er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm zu -spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst -geschickt aus der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, -bedrängte und setzte den General mit seinen Zügen in -Verlegenheit, verlor aber schließlich doch die Partie: der -General war sehr zufrieden, daß er einen so starken -<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> -Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn -noch mehr lieb. Beim Abschied bat er ihn, sobald als -möglich wiederzukehren, und auch Tentennikow mitzubringen. -Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam, -erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der -General es bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei -sich sähe, wie der General sein Benehmen aufrichtig bereue -und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch abzustatten -und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um -das Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Das -war natürlich alles erfunden. Aber Tentennikow, der -sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich selbstverständlich, -einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn -die Sache sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen -lassen und noch morgen zum General fahren, um ihm -mit seinem Besuch zuvorzukommen. Tschitschikow billigt -diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am folgenden -Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend -desselben Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß -er den General angeschwindelt und ihm erzählt habe, -daß Tentennikow eine Geschichte der Generäle schreibe. -Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas gesagt -habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der -General auf diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. -Tschitschikow erklärt ihm, er wisse eigentlich selbst nicht, -wie ihm dieses Wort entschlüpft sei, aber es sei nun -einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn -er durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu -schweigen und die Sache nicht geradezu abzuleugnen, -um <em>ihn</em> — Tschitschikow nicht vor dem General zu -kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute -des Generals. Tentennikow begrüßt den General und -Ulinka, und man setzt sich zum Mittagessen. Die Beschreibung -dieses Diners war meiner Ansicht nach die -schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in -der Mitte, rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, -neben Tschitschikow Ulinka, neben Tentennikow -<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> -der Spanier und zwischen dem Spanier und Ulinka — die -Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er -sich wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit -einem Menschen plaudern konnte, der eine Geschichte der -vaterländischen Generäle schrieb. Tentennikow war glücklich, -weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von Zeit -zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls -glücklich, weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt -war, und der Vater die alten guten Beziehungen zu -ihm wiederhergestellt hatte, und auch Tschitschikow war -sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser -reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ -ihre Augen frei nach allen Seiten schweifen, der Spanier -betrachtete seinen Teller und erhob seinen Blick nur -dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er -suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht -aus den Augen, während die Schüssel längs der Tafel -die Runde machte, oder bis sich jemand des guten -Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange -brachte der General das Gespräch auf Tentennikows -Werk und erwähnte das Jahr 1812. Tschitschikow zitterte -vor Angst und wartete gespannt auf die Antwort. Aber -Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte, -es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des -Feldzuges, der einzelnen Schlachten und der Personen -zu schreiben, die in diesem Kriege eine Rolle gespielt -hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner -bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, -die diese Epoche behandelt hätten, aber man -müsse diese Zeit von einer andern Seite ansehen; was -sie besonders auszeichne, sei dies, daß das ganze Volk -sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu -verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und -Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle -Stände hätten sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe -vereint, jeder wäre bereit gewesen, sein Letztes -dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache aufzuopfern. -<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> -Das sei das Große an diesem Kriege, und -das wäre es, was er wohl in einem leuchtenden Bilde -festhalten möchte: all diese vielen unbeachteten Heldentaten -und diese geheimen und großen Opfer eines Volkes! -Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war -in diesem Augenblick völlig durchdrungen von glühender -Liebe zu seinem russischen Vaterlande. Betrischtschew -hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal hörte er ein -so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm -wie ein reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. -In diesem Moment war der General sehr schön. Und -Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an Tentennikow, -sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; -wie eine herrliche Musik berauschten sie diese -Reden, sie liebte, sie war stolz auf ihn. Der Spanier -betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer als früher -und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem -dummen und verständnislosen Blick an. Als Tentennikow -geendigt hatte, blieb alles eine Zeitlang stumm, -alle waren aufs tiefste erschüttert ... Tschitschikow, -der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das -Schweigen. „Ja,“ bemerkte er, „1812 herrschte eine -furchtbare Kälte!“ — „Es handelt sich hier gar nicht -um die Kälte,“ sagte der General und sah ihn sehr -streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General -reichte Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; -aber Tentennikow war ganz selig, denn er las Beifall -und Anerkennung in Ulinkas Augen, die Geschichte der -Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und angenehm -für alle Beteiligten. — An die nun folgende -Anordnung der Kapitel kann ich mich nicht mehr genau -erinnern, ich weiß nur noch, daß Ulinka sich nach diesem -Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich über Tentennikow -zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser -entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer -Mutter um Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach -dem Gebet betrat sie das Zimmer ihres Vaters, kniete -<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> -vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu -ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte -lange, gab jedoch schließlich seine Zustimmung. Tentennikow -wurde herbeigerufen und erfuhr, daß der -General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage -nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung -erhalten hatte, ließ er Ulinka einen Augenblick allein und -lief ganz außer sich vor Glück in den Garten. Er -mußte mit sich allein sein. Das Glück überwältigte -ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische -Seiten. — Ein heißer Sommertag — um die Mittagszeit. -Tentennikow sitzt in dem dichten schattenreichen -Garten, und rings um ihn herum herrscht eine tiefe -heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert; -jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze -in der Luft, die Grillen im Grase, die vielen -schwärmenden Insekten, und endlich Tentennikows Gefühle, -des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! — -Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so -wundersam, so voller Kraft, Farbe und Poesie war, -daß mir das Herz vor Erregung stille stand. Gogol -las vorzüglich! — Im Übermaß seines Gefühls weinte -Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor -sich, sein ganzes Leben seiner Braut zu widmen. In -diesem Moment erschien Tschitschikow am Ende der Allee. -Tentennikow umarmt und dankt ihm: „Sie sind mein -Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann -ich Ihnen nur danken. Mein Leben wäre zu wenig -für solch einen Dienst.“ Sofort kommt Tschitschikow -eine Idee: „Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein -bloßer Zufall,“ antwortet er, „ich bin sehr erfreut, aber -Sie können sich sehr leicht dankbar erweisen.“ „Wodurch, -wodurch?“ ruft Tentennikow, „sprechen Sie es aus, -schnell, und es ist geschehen.“ Hier erzählt ihm Tschitschikow -von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300 -Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. -„Aber warum müssen sie denn unbedingt tot sein?“ -<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> -fragt Tentennikow, der nicht recht versteht, was Tschitschikow -eigentlich will. „Ich werde Ihnen <span class="antiqua">pro forma</span> all -meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren -Vertrag Ihrem Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr -Gut erhalten haben, können wir ja den Kontrakt wieder -vernichten.“ Tschitschikow ist ganz sprachlos vor Erstaunen. -„Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch -einem Schritt ... Sie fürchten sich gar nicht, daß ich -Sie betrügen und Ihr Vertrauen mißbrauchen könnte?“ -Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. „Was?“ -ruft er aus, „ich sollte <em>Ihnen</em> mißtrauen, dem ich -mehr verdanke als mein Leben.“ Hier umarmen sie -sich, und die Sache war abgemacht. Tschitschikow schlief -an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im -Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man -den Verwandten die Verlobung mitteilen solle; ob es -sich schriftlich erledigen ließe, oder ob jemand die Nachricht -persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war offenbar -sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin -Sjusjukina und seine andern vornehmen Verwandten -dieses Ereignis aufnehmen würden, Tschitschikow wußte -sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er machte -dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen -Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von -der Verlobung Ulinkas und Tentennikows benachrichtigen -zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder das Geschäft -mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde -mit Dank angenommen. „Ich kann mir nichts Besseres -wünschen,“ dachte der General, „er ist ein gescheiter -Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen, -den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel -zu machen, daß alle zufrieden sein werden.“ Der General -bot Tschitschikow seinen zweisitzigen, im Auslande -verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte ihm -noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow -sollte sich schon nach wenigen Tagen auf den Weg -machen. Von da ab sahen ihn alle im Hause des -<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> -Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund -des Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt -war, ließ er sofort Seliphan und Petruschka rufen -und erklärte ihnen, sie sollten sich zur Abreise rüsten. -Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul -geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, -und die Pferde blieben ganz ohne Pflege und Aufsicht. -Petruschka aber stellte fortwährend den Bauernmädchen -nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen -des Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun -auf dem breiten Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken -werde, da erwachten wieder all seine Kutscherinstinkte, -er betrachtete die Equipage mit großer Aufmerksamkeit, -mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des -Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie -sie überhaupt nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte -mit Vergnügen an seine Reise und malte sich schon -aus, wie er sich auf den weichen Polstern ausstrecken, -und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen -schnell wie der Wind dahintragen werde.“ -</p> - -<p> -Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt -verteilt war, hat Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt -hierzu: „Dies ist alles, was Gogol in meiner -Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner -Schwester hat er, wie ich glaube, <em>neun</em> Kapitel vorgelesen“ -[Rußkij Westnik (Russischer Bote) 1862, -Januarheft, Seite 74-79]. Die Umarbeitung der -Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der -Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren -„eigentlich nur zwei bis drei Kapitel“ vollständig fertig. -</p> - -<p> -Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres -1852 las Gogol Schewyrew die beiden letzten Kapitel -des zweiten Bandes der „Toten Seelen“ vor. Alles, -was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 -bis 1852 niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige -Tage vor seinem Tode verbrannt. -</p> - -<h3 class="appendix" id="chapter-4-2"> -<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> -Anhang zu den Novellen -</h3> - -<p class="noindent"> -<em>Der Mantel.</em> Der Plan zu dieser Novelle stammt -aus dem Jahre 1834. Der erste Entwurf aus dem -Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für die -erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, -wo diese Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -<em>Die Nase.</em> Diese Novelle wurde 1832 begonnen -und in ihrer ersten Fassung die für den Moskowski -Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt war, Anfang -März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal -für den Puschkinschen „Sowremennik“ („Der Zeitgenosse“) -umgearbeitet, wo sie im dritten Bande erschienen -ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte -1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende -Stelle des Manuskripts vor der Drucklegung im „Zeitgenossen“ -umgearbeitet <a id="corr-142"></a>werden: -</p> - -<p> -„Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine -Reihe alter Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief -in allerhand Tüchern und Lappen steckten, daß man -von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden Augen. -Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber -schritt er an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die -Kirche war nur schwach besucht, die Mehrzahl der -Beter stand vorne am Eingange in der Türe. Kowaljew -war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich -gewann, zu beten. Er suchte „die Nase“, suchte sie -in allen Winkeln und sah den Herrn endlich etwas abseits -in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht -ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete -mit dem Ausdruck tiefster Andacht. „Unter welchem -Vorwande soll ich mich ihm bloß nähern?“ dachte -<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> -Kowalew. „Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr, -und noch dazu Staatsrat.“ Er stellte sich neben ihn -und hustete ein paarmal laut, aber die Nase verharrte -in ihrer andächtigen Stellung und beugte sich immerfort -tief bis zur Erde. „Geehrter Herr!“ sagte Kowalew, -indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: „Geehrter -Herr!“ „Was ist Ihnen gefällig?“ entgegnete -jener, indem er sich umdrehte. — „Ich finde es sehr -seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten -wissen, wo Ihr Platz ist ... und plötzlich finde ich -Sie ... hier ... in der Kirche. Sie müssen selbst -zugeben, daß ...“ -</p> - -<p> -„Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte -erklären Sie sich deutlicher.“ „Wie soll ich es ihm -nur klar machen?“ dachte Kowalew, faßte jedoch wieder -Mut und begann: „Ich will natürlich ... Übrigens -bin ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie -müssen doch zugeben, in meiner Lage ist das höchst -peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der -Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet -... <em>Die</em> braucht freilich keine Nase ... Aber -ein Mann, der Ansprüche auf einen Gouverneursposten -hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen -wird ... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.“ — -Hierbei zuckte der Major mit den Achseln. „Verzeihen -Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des -Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie -doch selbst einsehen ...“ „Ich verstehe kein Wort,“ -versetzte die Nase, „<a id="corr-143"></a>bitte drücken Sie sich etwas deutlicher -aus.“ -</p> - -<p> -„Mein Herr,“ sagte Kowalew ernst und würdig. -„Ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll ... -Die Sache liegt doch wohl <em>sehr</em> klar ... oder Sie -wollen bloß nicht ... <em>Sie sind doch meine Nase</em>, -meine <em>eigene</em> Nase!“ Die Nase sah den Major an -und runzelte die Stirn. -</p> - -<p> -„Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! -<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> -Ich stehe völlig selbständig da. Nebenbei bemerkt kann -es zwischen uns keine näheren Beziehungen geben. Nach -den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen, dienen -Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während -ich in der wissenschaftlichen Branche tätig bin.“ Kowalew -befand sich in der größten Verlegenheit und war ganz -verwirrt. „Was soll ich machen?“ dachte er. Doch -in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das angenehme -Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich -umfangreiche Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide -steckte, welches einige Ähnlichkeit mit einem gothischen -Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde begleitet von -einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, -das sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, -und mit einem Strohhut, der so leicht und zart war, -wie eine Meringentorte. Hinter beiden stand ein großer -Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem ganzen -Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose -zu öffnen und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew -näherte sich der Gruppe, ordnete den Batistkragen seines -Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner Uhrkette und -wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine Aufmerksamkeit -der duftigen Dame zu, die sich gleich einer -Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen -mit den weißen durchsichtigen Fingern an die Stirne -führte. Das Lächeln, welches auf Kowalews Lippen -schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm -unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange -entgegenleuchtete. Aber plötzlich sprang er zurück, wie -wenn er sich an einem glühenden Eisen verbrannt hätte; -er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht anstelle der -Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten -seinem Auge. Er drehte sich um um dem -Herrn offen zu erklären, er trage bloß die Maske eines -Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und -ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts <em>andres</em> als seine -<em>eigene</em> Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, -<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> -sie hatte wahrscheinlich schon einen bedeutenden Vorsprung -gewonnen und stattete wieder irgend jemandem -einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das -Wetter war wundervoll, heiter und sonnig; auf dem -Newski-Prospekt wimmelte es nur so von Menschen. -Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die -Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, -der Hofrat ...“ -</p> - -<p> -Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende -Stelle der ursprünglichen Fassung: „Der ehrenwerte Beamte -hörte ihn mit vielsagender Miene an und fuhr -fort, das vor ihm liegende Geld zu zählen, von dem -er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten -hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand -alte Weiber, Kommis, Hausburschen und Kutscher, -jeder mit Zetteln in der Hand. In dem einen Zettel -wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner -Kutscher von guter Führung abzugeben; in dem andern -wurde eine noch wenig gebrauchte Equipage feilgeboten, -die aus der Zeit Peters des Großen stammte und -keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein -gesundes Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, -die als Wäscherin gedient hatte, aber auch bei andern -häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch schon -mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide -Droschke zu verkaufen, der nur eine Feder mangelte, -oder einen jungen wilden Apfelschimmel von 17 Jahren; -dort wurden ein Posten frisch aus London eingetroffener -Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte -indische Radieschen ausgeboten, eine schöne -Villa mit allen Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen -und einem Platz, wo man sehr gut einen Garten anlegen -konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels -bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine -anständige Belohnung in Aussicht gestellt, oder es -wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei die -Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten -<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> -Stunde zur Versteigerung einzufinden. Das -Zimmer, in dem sich alle diese Leute aufhielten, war -klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf -und dick, daß man sie mit dem Messer schneiden -konnte, denn die russischen Bauern haben die merkwürdige -Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu verdichten, -und wo einmal vier Hausknechte in roten -Hemden und ein Kutscher zusammenkommen, da kann -man ruhig eine Axt in der Luft aufhängen. Zum -Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen, -er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann -befand sich ja auch seine Nase Gott weiß wo.“ — -</p> - -<p> -Das von den Worten „Gleich, gleich“ bis zum -Schluß des zweiten Kapitels reichende Stück ist eine -spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit einfacheren -Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle -folgendermaßen: -</p> - -<p> -„Gleich, gleich! — Zwei Rubel dreiundvierzig -Kopeken ... einen Rubel sechzig Kopeken!“ sagte -der grauhaarige Herr, während er den alten Weibern -und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. -„Und was wünschen Sie?“ fragte er endlich, indem -er sich an Kowalew wandte. -</p> - -<p> -„Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,“ -sagte Kowalew: „es ist eine unerhörte Gaunerei oder -Betrügerei passiert — ich kann der Sache noch immer -nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, -in die Zeitung einrücken zu lassen, daß derjenige, der -diesen Schurken dingfest macht, eine ausreichende Belohnung -erhalten soll.“ -</p> - -<p> -„Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?“ -</p> - -<p> -„Kowalew, — Kollegien-Assessor Kowalew, Sie -brauchen übrigens bloß zu schreiben: ein Mann vom -Range eines Majors ...“ -</p> - -<p> -„Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? -Ist er einer Ihrer Leibeigenen?“ -</p> - -<p> -„O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre -<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> -noch keine so große Gemeinheit. Nein es ist -eine ... Nase.“ -</p> - -<p> -„Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat -Sie denn dieser Herr Nase um eine große Summe bestohlen?“ -</p> - -<p> -„Eine <em>Nase</em> ... das heißt, Sie verstehen mich -falsch. Meine — meine eigene Nase ist ganz spurlos -verschwunden. Der Teufel selbst hat sich einen Scherz -mit mir erlaubt. — Und nun fährt diese Nase als Herr -verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum -Narren ... Ich möchte Sie nun bitten, eine Annonce -in die Zeitung einrücken zu lassen, daß jeder, der den Kerl abfassen -sollte, ihn mir persönlich vorführen möge — diesen -Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, -ich muß husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe -kaum noch ein Wort heraus.“ -</p> - -<p> -Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus -seinen fest zusammen<a id="corr-145"></a>gekniffenen Lippen schließen konnte. -</p> - -<p> -„Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,“ -sagte er schließlich nach längerem Stillschweigen. -</p> - -<p> -„Wie? Warum nicht?“ -</p> - -<p> -„So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel -setzen. Da könnte jeder kommen und anzeigen, daß ihm -seine Nase oder seine Lippen ausgerückt seien ... -Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte -verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.“ -</p> - -<p> -„Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden -gekommen ist!“ -</p> - -<p> -„Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist -das Sache des Arztes. Man sagt, es gibt Menschen, -die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen können. -Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie -machen wohl gern einen Scherz.“ -</p> - -<p> -„Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. -Bei Gott ich lüge nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?“ -</p> - -<p> -„Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz -bemühen,“ fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise -<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> -nahm. „Übrigens, wenn es Ihnen nicht zu viel Umstände -macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern -ansehen,“ fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu. -</p> - -<p> -Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg. -</p> - -<p> -„In der Tat, das ist sehr merkwürdig,“ sagte der -Beamte, „das sieht genau so aus, wie ein frisch gebackener -Eierkuchen. Die Fläche ist ja geradezu unglaublich -glatt und eben.“ -</p> - -<p> -„Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie -die Annonce sofort einrücken.“ -</p> - -<p> -„Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das -wäre ja eine Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß -Ihnen ein großer Vorteil daraus erwachsen würde. -Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache bekannt -wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem -Schriftsteller mit, einem Mann, der eine gewandte Feder -führt, der könnte den Fall als ein interessantes Naturspiel -beschreiben und den Artikel in der „Biene des -Nordens“ veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine -Prise) zum Nutzen und zur Belehrung aller jungen -Leute, die sich mit den Wissenschaften beschäftigen (hierbei -wischte er sich die Nase ab), oder überhaupt zur -Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.“ -</p> - -<p> -Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und -niedergeschlagen. Er warf einen Blick auf ein vor ihm -liegendes Zeitungsblatt und den Vergnügungsanzeiger; -schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären, als er -den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine -Hand griff mechanisch nach der Tasche — sie suchte nach -einem blauen Schein, denn nach Kowalews Ansicht -mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers -mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an -seine Nase schnitt wie ein scharfes Messer in sein Herz. -Der arme Kowalew machte sich also auf und begab sich -von einem unerträglichen Schmerz gequält zum Polizeikommissar, -der ein großer Freund von Süßigkeiten war; -sein ganzer Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit -<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> -Zuckerhüten vollgestellt, die ihm die Kaufleute aus einer -besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten. Die -Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel -aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung -hingen schon friedlich in der Ecke; sein dreijähriges -Söhnchen machte sich bereits mit dem mächtigen Dreimaster -zu schaffen, und der Kommissar war eben im -Begriff, sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens -den Genüssen des Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew -bei ihm ein, gerad als jener sich bequem auf dem Sofa -ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen -Gähnen verzog und sagte: „So, nun leg’ ich mich auf -zwei Stunden hin; ich werde ein feines Schläfchen -tun.“ Daher kann man sich vorstellen, wie ungelegen -ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich -weiß nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee -oder ein paar Meter Tuch mitgebracht hätte, viel freundlicher -empfangen worden wäre. Der Kommissar war -ein großer Freund der Künste und aller Manufakturgegenstände -überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe nichts -Angenehmeres als eine Staatsbanknote: „Sie braucht nur -wenig Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und -wenn man sie fallen läßt, geht sie nicht entzwei.“ -</p> - -<p> -Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl -und trocken. Er erklärte, daß die Zeit nach dem Essen -nicht der geeignete Moment für amtliche Nachforschungen -sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der Mensch, -wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, -(woraus deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar -ein Philosoph war); einem anständigen Menschen könne -es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen werde, -und es laufen in der Welt genug Majore herum, die -nicht einmal ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, -und sich in allerhand unanständigen Lokalen herumtreiben. -</p> - -<p> -Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! -Man muß nämlich wissen, daß Kowalew eine äußerst -empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, -<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> -was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die -seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war -der Ansicht, daß man auch in den Theaterstücken wohl -eine Bemerkung über die höheren Offiziere durchlassen -könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die -<em>Stabs</em>offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars -brachte ihn derartig aus der Fassung, daß -er empört den Kopf schüttelte, die Hände weit ausstreckte -und würdevoll ausrief: „Ich muß gestehen, daß -ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern -habe ...“ Und damit ging er hinaus. -</p> - -<p> -Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause -zurück; nach all diesen seelischen Erschütterungen wußte -er kaum noch, ob er auf seinen Füßen stehe oder nicht. -Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach, nachdem -er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen -aus: „Mein Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß -ein solches Unglück verdient? Hätte ich noch eine Hand -oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren -abhanden gekommen — es wäre noch immer leichter -zu ertragen, aber ein Mensch ohne Nase — das ist ein -Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen -möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder -wäre ich selbst schuld daran — aber so ganz ohne Grund -zu verschwinden! Weiß Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! -Vielleicht schlafe ich bloß, und ich habe dies -alles nur geträumt.“ — Und der Kollegien-Assessor kniff -sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz -beinahe laut aufgeschrieen hätte. „Nein, hol’s der -Teufel, ich schlafe nicht!“ Er stand ganz leise auf, -näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die Augen erst -ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: „Wer -weiß, vielleicht hatte er doch noch eine Nase!“ aber er -sprang sogleich wieder vom Spiegel zurück und murmelte: -„Weiß der Teufel! Die reinste Karikatur!“ -</p> - -<p> -Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich -und völlig unwahrscheinlich; man hätte ihn -<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> -wirklich für einen Traum halten müssen, wenn er nicht -tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge -von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. -Der Major überlegte lange Zeit, wer wohl hier der -Schuldige sein möchte; und kam schließlich zum Resultat, -daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin eines verstorbenen -Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück -treffe. Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre -Tochter heiraten solle, und er hatte ihr auch in der Tat -die Cour geschnitten, war aber zugleich einer deutlichen -Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm -jedoch die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre -Tochter zur Frau geben würde, da trat er den Rückzug -an und sagte, er sei noch zu jung und müsse noch gegen -fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig -Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an -ihm rächen wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, -und ein paar alte Hexen gegen ihn aufgehetzt, -wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst mit dabei geholfen. -</p> - -<p> -Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, -hörte er plötzlich im Vorzimmer eine fremde Stimme: -„Wohnt hier der Kollegienassessor Kowalew?“ -</p> - -<p> -„Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu -Hause!“ sagte er, indem er vom Stuhl aufsprang und -die Türe öffnete. Es war der Polizeikommissar, der -am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann -von sehr würdigem Äußeren. -</p> - -<p> -„Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.“ -</p> - -<p> -„In der Tat!“ -</p> - -<p> -„Sie ist soeben angehalten worden.“ -</p> - -<p> -„Was sagen Sie“ rief der Major hocherfreut aus. -„Auf welche Weise ist das geschehen?“ -</p> - -<p> -„Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat -sie fast im Moment ihrer Abreise angehalten. Sie hatte -schon ihren Platz im Postwagen eingenommen, um nach -Riga zu fahren. Der Paß war schon längst ausgestellt -<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> -und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das -Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen -Herrn gehalten habe, aber ich hatte zum Glück meine -Brille mitgenommen; so setzte ich sie denn auf und erkannte -sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin -nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, -unterscheide ich weder Nase noch Bart oder sonst etwas. -Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht -auch fast gar nichts.“ -</p> - -<p> -Kowalew war außer sich vor Freude: „Wo ist sie, -wo? Ich laufe sofort hin!“ -</p> - -<p> -„Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, -ich habe sie deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste -ist, daß der Hauptschuldige an der ganzen Sache ein -Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der -zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn -schon lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold -ist; erst vor drei Tagen hat er im Gostinny Dwor -ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen. Ihre Nase ist -gänzlich unversehrt.“ Mit diesen Worten steckte der -Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte -die Nase heraus, die in ein Stück Papier eingewickelt war. -</p> - -<p> -„Ja, das ist sie!“ rief Kowalew ganz selig aus. -„Das ist sie wirklich. Wollen Sie eine Tasse Tee mit -mir trinken?“ -</p> - -<p> -„Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider -unmöglich. Ich bin sehr beschäftigt. Die Lebensmittel -sind jetzt so teuer geworden. Meine Schwiegermutter, -d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im -Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste -berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, das ist wirklich -ein recht intelligenter Bursche, mir fehlen nur leider die -Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.“ -</p> - -<p> -Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten -Zettel vom Tisch und drückte ihn dem Polizeikommissar -in die Hand, dieser machte einen Kratzfuß und ging zur -Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte Kowalew -<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> -seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen -Bauern, der mit seiner Fuhre auf den Boulevard geraten -war, eine kräftige Mahnung in Form einer Ohrfeige -erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder zu -sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... -„Gott sei Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! -Nun will ich sie mir aber auch wieder ansetzen.“ Mit -diesen Worten versuchte er es, sie an ihren alten Platz -zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, -daß die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. -„Nun sitz doch fest, du Rindvieh!“ sagte er zu ihr, -aber die Nase war ganz dumm und fiel immer wieder -auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des -Majors verzerrte sich krampfhaft. „Sollte sie wirklich -nicht haften bleiben?“ sprach er erschrocken. Aber die -Nase fiel tatsächlich auf den Tisch. „Ach Gott, ach -Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe -ja ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten -ist, man sie doch gar nicht wieder ansetzen kann.“ -</p> - -<p> -Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen -Ereignis in der ganzen Residenz verbreitet, -und natürlich, wie das zu geschehen pflegt, nicht ohne -viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit -standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher -Vorgänge: erst kurz vorher hatten Experimente -mit dem tierischen Magnetismus das ganze -Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den -tanzenden Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns -Gedächtnis, und es war daher kein Wunder, -daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase -des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich -um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt spazieren. -Eine Menge von Neugierigen strömte dort jeden Tag -zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken -all jener eleganten Müßigänger, die bei keiner -Gesellschaft fehlen, und die es sich zur Pflicht machen, -die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. -<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> -Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an -Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab -doch auch viele, die sehr ungehalten über diese Klatschereien -waren, und ein Herr mit einem Stern erklärte ganz -empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten -Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte -entstehen könnten; ja er wunderte sich, daß die <em>Regierung</em> -diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenkte. Dieser -Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die -es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in -alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen -Zwistigkeiten der Ehegatten. -</p> - -<p> -Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen -Gerüchten Kunde bekommen, obwohl ich nicht sagen -kann, auf welche Weise, denn er verließ fast niemals -sein Zimmer. — Er befahl, niemand vorzulassen, ließ -sich nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn -selbst die tollste Posse gegeben wurde; er spielte nicht -einmal mehr eine Partie Boston, mied sogar Herrn -Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im -Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr -einer Leiche als einem lebendigen Menschen glich ... -</p> - -<p> -Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, -nur ein Traum des Majors. Als er wieder erwachte, -geriet er so außer sich vor Freude, daß er wie toll aus -seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich -überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im -bloßen Hemde durch das Zimmer zu hüpfen begann. Er -führte sogar einen ganzen Tanz auf, der eine Art Mischung -aus einer Française und einer polnischen Mazurka darstellte. -Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die -Tür steckte, um zu sehen, was sein Herr treibe, da rief -der Major ihm zu: „Mach, daß du hinaus kommst! -Worüber wunderst du dich?“ Nach einer Minute aber -warf er sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder -auf und schrie: „He, Iwan!“ — „Was wünschen der -gnädige Herr?“ — „Hat nicht ein Mädel — so ein -<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> -hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?“ -— „Nein, gnädiger Herr!“ — „Hm,“ sagte -der Major Kowalew und blickte lächelnd in den -Spiegel.“ -</p> - -<p> -Gogol hat „Die Nase“ <em>noch einmal</em> für die <em>erste</em> -Gesamtausgabe seiner Werke umgearbeitet und ihr dort -einen andern <em>Schluß</em> gegeben. Im Sowremennik -(„Zeitgenossen“) von Puschkin lautet dieser Schluß -folgendermaßen: -</p> - -<p> -„Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. -Plötzlich befand sich die Nase des Majors -wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im Anfang -Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am -fünften oder sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens -erwachte, nahm er den Spiegel zur Hand und -bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich gehörte, -zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst -erstaunt ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und -befühlte die Nase mehrmals mit der Hand, denn er -war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase sei. Aber -da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders -als seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem -Bett und absolvierte im Zimmer einen Tanz, der eine -Mischung aus einer Française und einem russischen -Trepak darstellte. — Dann ließ er sich anziehen, wusch -sich und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit -mit einer Bürste angenommen hatte, mit der -man sich bequem die Kleider bürsten konnte. — Und -schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor -auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo -er lustig einherschritt und fröhliche Blicke auf alle -Passanten warf; viele sahen ihn sogar im Gostinny -Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem -Zwecke dies jedoch geschah — das hätte freilich niemand sagen -können, denn er besaß gar keinen Orden. -</p> - -<p> -Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie -absolut nicht verstehen. Und was soll das alles? Was -<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> -hat es für einen Zweck? Ich bin überzeugt, daß weit -mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist. -Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine -Nase ganz allein in einer Uniform in der Stadt herumfährt -— und noch dazu als ein Mann von dem hohen -Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew -wirklich nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung -nach einer Nase suchen darf? Ich meine das nicht in -dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure Sache -ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht -zu den geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist -unschicklich, das ist ganz ungehörig und geht nun einmal -nicht. Eine Absurdität und weiter nichts! — Und -dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er -so plötzlich auftauchen und dann wieder verschwinden, -ohne daß man weiß, warum und zu welchem Zweck. — -Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie ich -selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt -nicht, wie ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann! -Wozu soll das führen? Welchen Zweck kann das haben? -Was beweist diese Erzählung? Nein — ich verstehe es -nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. — Freilich ... -die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann -passieren doch in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche -Dinge: wie aber verhält es sich mit diesem -Fall? — Warum mußte die <em>Nase</em> von Kowalew ... -und warum mußte Kowalew <em>selbst</em> ...? Nein, ich -verstehe es nicht, ich verstehe es durchaus nicht. Die -Sache erscheint mir so unerklärlich, daß ich ... Nein, -das läßt sich einfach nicht verstehen!“ -</p> - -<p class="vs"> -<em>Das Porträt.</em> Der erste Entwurf dieser Novelle -erschien in Gogols „Arabesken“, 1841 wurde sie in Rom -umgearbeitet. Die neue Fassung ist frühestens im -März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal -durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses -Jahres Pletnew eingesandt, der sie im „Sowremennik“ -<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> -(Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3 abdruckte. Die -Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. -1851 nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner -„Werke“ noch einige unbedeutende stilistische Veränderungen -vor. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="printer"> -Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt. -</p> - - -<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Hier fehlt ein größeres Stück, das den Übergang vom -zweiten zum dritten Kapitel bilden sollte. -</p> - -<p class="sign"> -Anm. d. Herausg.<br /> - -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Petuch = deutscher Hahn. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Arschin = ⅔ Meter. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew -in der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gespräch -zwischen Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine größere Lücke -auf. Man muß annehmen, daß Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag -macht, das Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben. -</p> - -<p class="sign"> -Anm. des Herausgebers.<br /> - -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Eine Art Weißbier. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Hiermit schließt die 96. Seite des Manuskripts, weiter -fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes -hat S. Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht: -„Hier ist eine Lücke im Manuskript, welche wohl die -Erzählung enthielt, wie Tschitschikow sich aufmachte, um den -Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.“ -</p> - -<p class="sign"> -Anm. des Herausgebers.<br /> - -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> In dem Manuskript trägt dieser Abschnitt keine Kapitelüberschrift; -er stammt also aus einem ganz frühen Entwurf, in -dem die Kapiteleinteilung noch nicht durchgeführt war. -</p> - -<p class="sign"> -Der Herausgeber.<br /> - -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-8" id="footnote-8">[8]</a> Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen -Seeschlacht. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-9" id="footnote-9">[9]</a> Die russische bürokratische Hierarchie oder der Tschin zerfällt -in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehört der neunten an. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-10" id="footnote-10">[10]</a> Ein Pud = etwa 35 Pfund. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-11" id="footnote-11">[11]</a> Kollegien-Assessor: so heißen die Beamten des achten Beamtengrades. -Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung führt -Kowalew. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-12" id="footnote-12">[12]</a> Große Straße in St. Petersburg. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-13" id="footnote-13">[13]</a> Ein großer Bazar. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-14" id="footnote-14">[14]</a> Kleinbürgerstraße. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-15" id="footnote-15">[15]</a> Erzpriester. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Verweise auf Varianten im Text des zweiten Teils der Toten Seelen -(im Anhang) sind mit Nummern in runden Klammern gekennzeichnet. -</p> - -<p> -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. -</p> - -<p> -Zwei offensichtliche Übertragungsfehler wurden -ebenfalls unverändert belassen. Auf <a href="#page-71">Seite 71</a> sagt der General zu -Tschitschikow: »<a href="#zuverkaufen">Dir die toten Seelen abzukaufen?</a>« -Im Original heißt es hingegen richtig: »zu überlassen«, da ja der General der Besitzer -der Bauern ist. Auf <a href="#page-171">Seite 171</a> hat Chlobujew nicht -»<a href="#fuenfzig">fünfzigtausend Bauern</a>«, sondern wie im Original -»fünfzig Bauern« geerbt. -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter -Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... Ohren Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...<br /> -... Ohren <a href="#corr-3"><span class="underline">am</span></a> Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...<br /> -</li> - -<li> -... dann ließ er es fast ganz an der früheren <span class="underline">Aufmerkksamkeit</span> ...<br /> -... dann ließ er es fast ganz an der früheren <a href="#corr-4"><span class="underline">Aufmerksamkeit</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... auffangen, wenn sie sich <span class="underline">allenthaben</span> im Himmel und ...<br /> -... auffangen, wenn sie sich <a href="#corr-5"><span class="underline">allenthalben</span></a> im Himmel und ...<br /> -</li> - -<li> -... wie jeder Bauer heißt, wer mit <span class="underline">diesen</span> und jenem verwandt ...<br /> -... wie jeder Bauer heißt, wer mit <a href="#corr-8"><span class="underline">diesem</span></a> und jenem verwandt ...<br /> -</li> - -<li> -... und die Lage der Ställe <span class="underline">außerordenlich</span> bequem. ...<br /> -... und die Lage der Ställe <a href="#corr-10"><span class="underline">außerordentlich</span></a> bequem. ...<br /> -</li> - -<li> -... ergreifen wollten, <span class="underline">vertbeugte</span> sich mit bewundernswürdiger ...<br /> -... ergreifen wollten, <a href="#corr-12"><span class="underline">verbeugte</span></a> sich mit bewundernswürdiger ...<br /> -</li> - -<li> -... „Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche<span class="underline">.</span> ...<br /> -... „Und fährt er noch spazieren? Macht er Besuche<a href="#corr-16"><span class="underline">?</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Ist er noch gut auf den Beinen<span class="underline">!</span>“ ...<br /> -... Ist er noch gut auf den Beinen<a href="#corr-17"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... „Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters<span class="underline">!</span>“ ...<br /> -... „Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters<a href="#corr-19"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... „Ich weiß, was Sie jetzt denken<span class="underline">?</span>“ sagte Petuch. ...<br /> -... „Ich weiß, was Sie jetzt denken<a href="#corr-21"><span class="underline">!</span></a>“ sagte Petuch. ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Alexyascha</span>. ...<br /> -... <a href="#corr-23"><span class="underline">Alexascha</span></a>. ...<br /> -</li> - -<li> -... sehne? Wenn mich doch jemand ein <span class="underline">bischen</span> ärgern ...<br /> -... sehne? Wenn mich doch jemand ein <a href="#corr-25"><span class="underline">bißchen</span></a> ärgern ...<br /> -</li> - -<li> -... weitere <span class="underline">lößten</span> sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ...<br /> -... weitere <a href="#corr-31"><span class="underline">lösten</span></a> sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich ...<br /> -</li> - -<li> -... zu jagen, saßen <span class="underline">Nikoloscha</span> und Alexascha stumm da und ...<br /> -... zu jagen, saßen <a href="#corr-32"><span class="underline">Nikolascha</span></a> und Alexascha stumm da und ...<br /> -</li> - -<li> -... herein!“ dachte Tschitschikow. „Da ist der <span class="underline">Brantweinpächter</span> ...<br /> -... herein!“ dachte Tschitschikow. „Da ist der <a href="#corr-34"><span class="underline">Branntweinpächter</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... meiner Schwester und von <span class="underline">meinen</span> Schwager verabschieden.“ ...<br /> -... meiner Schwester und von <a href="#corr-35"><span class="underline">meinem</span></a> Schwager verabschieden.“ ...<br /> -</li> - -<li> -... erste hier in der Gegend. Er bezieht <span class="underline">Einkünft</span> im Werte ...<br /> -... erste hier in der Gegend. Er bezieht <a href="#corr-36"><span class="underline">Einkünfte</span></a> im Werte ...<br /> -</li> - -<li> -... konnte <span class="underline">Tchitschikow</span> nur die Spuren eines echt weiblichen ...<br /> -... konnte <a href="#corr-40"><span class="underline">Tschitschikow</span></a> nur die Spuren eines echt weiblichen ...<br /> -</li> - -<li> -... in <span class="underline">einem</span> Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. ...<br /> -... in <a href="#corr-42"><span class="underline">einer</span></a> Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. ...<br /> -</li> - -<li> -... „Ich habe dir’s schon gesagt, <span class="underline">Ich</span> lasse nicht mit mir ...<br /> -... „Ich habe dir’s schon gesagt, <a href="#corr-44"><span class="underline">ich</span></a> lasse nicht mit mir ...<br /> -</li> - -<li> -... kannte auch keine andere Sprache außer der <span class="underline">russichen</span>. ...<br /> -... kannte auch keine andere Sprache außer der <a href="#corr-45"><span class="underline">russischen</span></a>. ...<br /> -</li> - -<li> -... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es <span class="underline">ihm</span> gekostet ...<br /> -... er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es <a href="#corr-48"><span class="underline">ihn</span></a> gekostet ...<br /> -</li> - -<li> -... Tschitschikow sah <span class="underline">ihn</span> aufmerksam ins Gesicht, hörte ...<br /> -... Tschitschikow sah <a href="#corr-49"><span class="underline">ihm</span></a> aufmerksam ins Gesicht, hörte ...<br /> -</li> - -<li> -... steht zu <span class="underline">ihrer</span> Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...<br /> -... steht zu <a href="#corr-51"><span class="underline">Ihrer</span></a> Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...<br /> -</li> - -<li> -... daß man sich von <span class="underline">den französischer</span> Invasion und dem ...<br /> -... daß man sich von <a href="#corr-55"><span class="underline">der französischen</span></a> Invasion und dem ...<br /> -</li> - -<li> -... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß <span class="underline">Tschischitkow</span> ...<br /> -... Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß <a href="#corr-60"><span class="underline">Tschitschikow</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... „Und was wollen Sie dann anfangen<span class="underline">!</span>“ ...<br /> -... „Und was wollen Sie dann anfangen<a href="#corr-63"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... die <span class="underline">einem</span> Geld kosten? — Aber glauben Sie nur nicht, ...<br /> -... die <a href="#corr-67"><span class="underline">einen</span></a> Geld kosten? — Aber glauben Sie nur nicht, ...<br /> -</li> - -<li> -... und <span class="underline">töchrichtes</span> Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...<br /> -... und <a href="#corr-69"><span class="underline">törichtes</span></a> Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...<br /> -</li> - -<li> -... Name war <span class="underline">Wassillij</span>. ...<br /> -... Name war <a href="#corr-71"><span class="underline">Wassilij</span></a>. ...<br /> -</li> - -<li> -... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes <span class="underline">Karneal</span>siegel, ...<br /> -... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes <a href="#corr-74"><span class="underline">Karneol</span></a>siegel, ...<br /> -</li> - -<li> -... „<span class="underline">Das</span> dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!“ ...<br /> -... „<a href="#corr-75"><span class="underline">Daß</span></a> dich doch der Teufel holte, kleiner Satan!“ ...<br /> -</li> - -<li> -... für <span class="underline">ihre</span> Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...<br /> -... für <a href="#corr-76"><span class="underline">Ihre</span></a> Güte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...<br /> -</li> - -<li> -... Betrügereien vorgekommen, <span class="underline">Alfanassij</span> Wassiljewitsch! ...<br /> -... Betrügereien vorgekommen, <a href="#corr-77"><span class="underline">Afanassij</span></a> Wassiljewitsch! ...<br /> -</li> - -<li> -... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, <span class="underline">das</span> die Sache ...<br /> -... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, <a href="#corr-78"><span class="underline">daß</span></a> die Sache ...<br /> -</li> - -<li> -... zu nehmen<span class="underline">.</span>“ ...<br /> -... zu nehmen<a href="#corr-83"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... „Es versteht sich von selbst, <span class="underline">deß</span> der Hauptschuldige ...<br /> -... „Es versteht sich von selbst, <a href="#corr-86"><span class="underline">daß</span></a> der Hauptschuldige ...<br /> -</li> - -<li> -... gehabt hätten, dann durften <span class="underline">sie</span> sich nicht durch den Stolz und ...<br /> -... gehabt hätten, dann durften <a href="#corr-87"><span class="underline">Sie</span></a> sich nicht durch den Stolz und ...<br /> -</li> - -<li> -... und <span class="underline">ihr</span> eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ...<br /> -... und <a href="#corr-88"><span class="underline">Ihr</span></a> eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich hätte Ihre ...<br /> -</li> - -<li> -... im Kalender ein anderes Blatt auf und <span class="underline">legten</span> den Finger ...<br /> -... im Kalender ein anderes Blatt auf und <a href="#corr-91"><span class="underline">legte</span></a> den Finger ...<br /> -</li> - -<li> -... Petrowitsch war ein <span class="underline">Individium</span>, das schielte, pockennarbig ...<br /> -... Petrowitsch war ein <a href="#corr-95"><span class="underline">Individuum</span></a>, das schielte, pockennarbig ...<br /> -</li> - -<li> -... so eine Sache machen wollen, dann ist es <span class="underline">wirlich</span> so ...<br /> -... so eine Sache machen wollen, dann ist es <a href="#corr-100"><span class="underline">wirklich</span></a> so ...<br /> -</li> - -<li> -... sein imponierendes <span class="underline">Äußere</span> warf: „Welch ein Charakter!“ ...<br /> -... sein imponierendes <a href="#corr-104"><span class="underline">Äußeres</span></a> warf: „Welch ein Charakter!“ ...<br /> -</li> - -<li> -... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdring<span class="underline">les</span> Dunkel ...<br /> -... Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdring<a href="#corr-106"><span class="underline">liches</span></a> Dunkel ...<br /> -</li> - -<li> -... ebene und glatte <span class="underline">Fäche</span>! Voller Schrecken ließ Kowalew ...<br /> -... ebene und glatte <a href="#corr-107"><span class="underline">Fläche</span></a>! Voller Schrecken ließ Kowalew ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Weise</span> und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...<br /> -... <a href="#corr-109"><span class="underline">Weiße</span></a> und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...<br /> -</li> - -<li> -... Der Major <span class="underline">lies</span> sich, wie man sieht, sogar zu einer ...<br /> -... Der Major <a href="#corr-114"><span class="underline">ließ</span></a> sich, wie man sieht, sogar zu einer ...<br /> -</li> - -<li> -... Kowalew begann, das Vorgefallene zu <span class="underline">überbedenken</span>, ...<br /> -... Kowalew begann, das Vorgefallene zu <a href="#corr-115"><span class="underline">überdenken</span></a>, ...<br /> -</li> - -<li> -... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder <span class="underline">nichs</span> bekannt. ...<br /> -... und über alle folgenden Ereignisse ist wieder <a href="#corr-117"><span class="underline">nichts</span></a> bekannt. ...<br /> -</li> - -<li> -... Und der <span class="underline">Mojor</span> Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...<br /> -... Und der <a href="#corr-118"><span class="underline">Major</span></a> Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...<br /> -</li> - -<li> -... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste <span class="underline">sein</span> Laden. ...<br /> -... an und zeigte ihnen mit einer großen Geste <a href="#corr-119"><span class="underline">seinen</span></a> Laden. ...<br /> -</li> - -<li> -... für das vollkommenste und <span class="underline">vollendeste</span> Kunstwerk ...<br /> -... für das vollkommenste und <a href="#corr-121"><span class="underline">vollendetste</span></a> Kunstwerk ...<br /> -</li> - -<li> -... mit <span class="underline">jenen</span> hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ...<br /> -... mit <a href="#corr-122"><span class="underline">jenem</span></a> hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts ...<br /> -</li> - -<li> -... Messer bewaffnet, <span class="underline">einen</span> Menschen nahn, in der Erwartung, ...<br /> -... Messer bewaffnet, <a href="#corr-123"><span class="underline">einem</span></a> Menschen nahn, in der Erwartung, ...<br /> -</li> - -<li> -... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen <span class="underline">ihn</span> ...<br /> -... begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen <a href="#corr-125"><span class="underline">ihm</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Die Brust war wie <span class="underline">ei</span>geschnürt, wie wenn sie den letzten ...<br /> -... Die Brust war wie <a href="#corr-126"><span class="underline">ein</span></a>geschnürt, wie wenn sie den letzten ...<br /> -</li> - -<li> -... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl<span class="underline">!</span>“ ...<br /> -... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl<a href="#corr-129"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... stimmte am besten mit <span class="underline">seinen</span> Seelenzustand überein, ...<br /> -... stimmte am besten mit <a href="#corr-131"><span class="underline">seinem</span></a> Seelenzustand überein, ...<br /> -</li> - -<li> -... eigentümliche <span class="underline">arithmetrische</span> Operationen zu ganz ...<br /> -... eigentümliche <a href="#corr-135"><span class="underline">arithmetische</span></a> Operationen zu ganz ...<br /> -</li> - -<li> -... Vater gestand, niemals in <span class="underline">seinen</span> Leben etwas Ähnliches ...<br /> -... Vater gestand, niemals in <a href="#corr-136"><span class="underline">seinem</span></a> Leben etwas Ähnliches ...<br /> -</li> - -<li> -... „So schwarz ... Exzellenz,“ verbesserte <span class="underline">ihm</span> Tschitschikow. ...<br /> -... „So schwarz ... Exzellenz,“ verbesserte <a href="#corr-139"><span class="underline">ihn</span></a> Tschitschikow. ...<br /> -</li> - -<li> -... hineinzukommen<span class="underline">.</span> Was denken Sie wohl?“ ...<br /> -... hineinzukommen<a href="#corr-140"><span class="underline">?</span></a> Was denken Sie wohl?“ ...<br /> -</li> - -<li> -... umgearbeitet <span class="underline">worden</span>: ...<br /> -... umgearbeitet <a href="#corr-142"><span class="underline">werden</span></a>: ...<br /> -</li> - -<li> -... versetzte die Nase, „<span class="underline">bitten</span> drücken Sie sich etwas deutlicher ...<br /> -... versetzte die Nase, „<a href="#corr-143"><span class="underline">bitte</span></a> drücken Sie sich etwas deutlicher ...<br /> -</li> - -<li> -... seinen fest zusammen<span class="underline">gekniffen</span> Lippen schließen konnte. ...<br /> -... seinen fest zusammen<a href="#corr-145"><span class="underline">gekniffenen</span></a> Lippen schließen konnte. ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 2: Die Toten Seelen -II / Novellen, by Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 2: DIE *** - -***** This file should be named 54263-h.htm or 54263-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/2/6/54263/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/54263-h/images/cover-page.jpg b/old/54263-h/images/cover-page.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index aada1e3..0000000 --- a/old/54263-h/images/cover-page.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/54263-h/images/logo.jpg b/old/54263-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 96a2186..0000000 --- a/old/54263-h/images/logo.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/54263-h/images/portrait.jpg b/old/54263-h/images/portrait.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index fabc235..0000000 --- a/old/54263-h/images/portrait.jpg +++ /dev/null |
