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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Translator: Otto Buek - -Release Date: March 1, 2017 [EBook #54262] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 1: DIE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - Nikolaus Gogol - Tote Seelen - - Erster Band - - - - - Nikolaus Gogol - Sämmtliche Werke - In 8 Bänden - - - Herausgegeben - von - Otto Buek - - - Band 1 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1909 - - E. R. W. - - - Nikolaus Gogol - - - - - Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen - - - Übertragen - von - Otto Buek - - - Band 1 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1909 - - E. R. W. - - - Von diesem Buche wurden 100 Exemplare auf - van Geldern abgezogen, in der Presse - nummeriert und in Ganzleder gebunden. Der - Preis eines solchen Exemplares beträgt 16 - Mark. Den Druck besorgten _Mänicke_ und - _Jahn_ in Rudolstadt. Titel und Einband - zeichnete _E. R. Weiß_. - - - - - Vorrede des Herausgebers - - -Eine Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keiner besonderen -Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigung in sich selbst. Unter allen -großen Meistern des Romans, die die russische Literatur im XIX. -Jahrhundert hervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondere und -einzigartige Stellung ein; mögen die Vorgänger oder Nachfolger ihn, was -Weite des Horizonts, Tiefe der Seelenanalyse, Reinheit und Kultur der -Kunstform anbetrifft, erreichen oder gar übertreffen, an _Originalität_ -und Ursprünglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbst hat immerdar zu -seinem älteren Zeitgenossen Puschkin als dem unerreichten Vorbild einer -reinen idealisierenden Dichtung emporgeblickt, und er hat in einer -berühmten Apostrophe der »Toten Seelen« dieser Differenz und dem Abstand -zwischen seiner Begabung und der Puschkins in beredten Worten Ausdruck -gegeben, doch selbst Puschkin bleibt bei seinem großen und einzigen -Talent nur ein Zweig und Schößling am Stamm der großen europäischen -Literatur. In Gogol aber schuf sich das junge russische Volk zum ersten -Mal eine adäquate vollgültige dichterische Form, in ihm realisierte sie -einen literarischen Typus, der von da ab das Muster und Ideal für alle -kommenden Schriftstellergenerationen Rußlands geworden ist. Das ganze -jüngere Dichtergeschlecht von Turgenjew bis Tolstoi, das sich das -Interesse der westlichen Völker eroberte und unsere Aufmerksamkeit auf -Rußland hinlenkte, geht auf Gogol als seinen Ursprung zurück. In ihm -liegen alle Motive und Ideen, die _sie_ entwickeln und entfalten, wie im -Keime beschlossen, _er_ gab das Thema an, das sie in mannigfachen -Paraphrasen und Modulationen variieren; er schuf die Kunstform, an der -sie sich schulten; sie dachten und dichteten in seiner Sprache. Und -nicht in unsicheren unausgereiften Ansätzen vollzog er diesen -Schöpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mit dem Siegel der -Kraft und der Fülle der Vollendung rief er sein Werk -- die russische -Literatur -- fast wie aus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigen -Ausnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reine Linie des großen -Talents, und es gibt unter ihnen schlechterdings nichts Minderwertiges -und Unbedeutendes. Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typus des -russischen _Dichters_ geschaffen, indem er in sich jenen ewigen -Gegensatz, der das Leben der größten russischen Künstler beherrscht, zur -Ausprägung brachte; den Gegensatz zwischen dem _Dichter_ und dem -_Propheten_, die in ihnen ständig im Streite liegen. Bei keinem aber -tragen die Werke selbst trotz aller Objektivität so sehr den Stempel des -Persönlichen, wie bei Gogol, sind sie so sehr das treue Spiegelbild der -eigenen geistigen Lebenskämpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen und -Stimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grunde wird für das -Verständnis dieser so komplizierten und originalen Persönlichkeit der -Überblick über das Gesamtschaffen des Dichters zur Notwendigkeit. - -Einen solchen Überblick soll die vorliegende Ausgabe ermöglichen. Es -wurde dabei von einer chronologischen Anordnung der Werke abgesehen und -eine solche nach fachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die -inhaltlich und formal zusammengehörigen Schöpfungen sollen hier auch -zusammen erscheinen. Daß die Chronologie darüber nicht zu kurz kommt, -dafür ist durch ausführliche redaktionelle Noten genügend gesorgt, die -sich im Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgenden zwei Bänden -sind vor allem der Roman »Die toten Seelen« und drei einzelne Novellen -vereinigt, die auch durch einen ideellen Zusammenhang miteinander -verknüpft sind und sich gegenseitig beleuchten und erklären. Beide Bände -führen den Leser sogleich auf den Gipfel des Gogolschen Schaffens und -gewähren ihm einen großen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt -seiner Dichtung. Die »Toten Seelen« sind das größte Prosawerk des -modernen Rußlands und eines der Hauptwerke der humoristischen und -satirischen Literatur überhaupt: ein grauenhaftes Bild der Korruption -und der allgemeinmenschlichen und spezifisch russischen Verkommenheit. -Daneben ein soziologisches Gemälde eines historischen Zeitalters, in dem -der Extrakt einer Kulturepoche konzentriert ist. Was aber dem Ganzen -- -neben diesen wahrlich nicht geringen Vorzügen -- seinen Ewigkeitswert -sichert -- das ist das Menschliche und Typische, das es in sich birgt: -die Darstellung des Menschenlebens, wie es, von der kulturell-zufälligen -Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt, wenn das Rangverhältnis der Triebe -verkehrt, und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealität entblößt -wird. Es ist der Gerichtstag über die moderne Kultur, die den -_Erwerbstrieb_ sanktionierte und heiligte und das Denken und Trachten -des modernen Menschen auf die rein materielle Macht und Beherrschung der -Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenz nur in ihren Anfängen, in -ihrer Entstehung beobachten können, aber er hat mit dem -bewunderungswürdigen Scharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen -dieser Erscheinung für das Geistesleben antizipiert: den seelenmordenden -Fluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, die nivellierende und alles -erstickende Trivialität eines auf das Bloßstoffliche gerichteten Wesens. -Es gab keinen stärkeren Schilderer des _Gemein_menschlichen, -Alltäglichen und Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen, der -in den »Toten Seelen« das grandiose Symbol und in dem irrenden Ritter -des Erwerbs Pawel Iwanowitsch Tschitschikow -- den unsterblichen Typus -für das Triviale und Mittelmäßige fand, das die große Masse unseres -Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. -- Ein Gegenstück zu -dem großen Gemälde der »Toten Seelen« ist die romantische Novelle »Das -Porträt«, in der der Dichter die verheerenden Folgen desselben -Grundtriebes für Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleich ein -erschütterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der »zwei Seelen«, in dem -sich Gogols Leben aufzehrte; der einen, die von einem glühenden Drange -nach dem Idealen ergriffen, sich in der Welt der Körper nie dauernd wohl -fühlte, und der andern, die wie keine zweite mit dem Blick fürs -Irdische begabt, das Auge nie von der Erdenwelt und allem -Menschlich-Allzumenschlichen abzuziehen vermochte. - -Eine ausführliche Analyse der in diesem Bande vereinten Dichtungen -findet der Leser in der Einführung des bekannten Gogolforschers und -Mitgliedes der Petersburger Akademie der Wissenschaften, Nestor -Kotljarewski, die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine -Gepflogenheit, der wir auch bei den folgenden Bänden treu zu bleiben -gedenken. - -Zum Schluß wage ich noch den Wunsch auszusprechen, daß der deutsche -Leser dieser Gesamtausgabe Gogols die freie Empfänglichkeit -entgegenbringen möge, die das Werk eines Dichters beanspruchen kann, der -zwar der Gegenwart nicht mehr angehört, doch aber lebendig in ihr wirkt, -und dessen Schätzung in seinem Vaterlande mit dem zeitlichen Abstand nur -noch steigt und in fortwährendem Wachstum begriffen ist. - -_Charlottenburg_, den 24. Dezember 1908. - - Dr. Otto Buek. - - - - - Einführung - - - I. - -Gogols Roman »Die toten Seelen« nimmt in der russischen -Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts eine besondere und -einzigartige Stellung ein. Es ist der erste Roman von künstlerischem -Werte, in dem der russischen Gesellschaft ein großes und treues Bild -ihres eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem Pinsel eines -großen Künstlers und Realisten herstammte. In diesem Roman vergißt der -russische Dichter zum ersten Mal sich selbst, seine persönlichen -Sympathien und Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen, -die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzählungen einzuflechten -pflegte, und ist nur noch von einem Wunsche ergriffen: die nackte -Wahrheit auszusprechen über die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er -lebt. - -In diesem Sinne stellen die »Toten Seelen« ein künstlerisches Denkmal -dar, das in der Geschichte der russischen Literatur eine neue Ära -eröffnet. - -In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts -- dem Zeitalter der -sogenannten »Romantik« und des »Sentimentalismus« gab es für den -russischen Dichter nur _ein_ Objekt, das ihn stetig beschäftigte, seine -eigene Persönlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres für ihn als sein -eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, Stimmungen und dem freien Spiel -seiner Phantasie. Er wußte vor allem davon zu erzählen, wie die gesamte -Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und daher blieb sein -Verhältnis zu dieser Umwelt immer rein subjektiv. Mit dem vierten -Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts erfährt jedoch dieses subjektive -Verhalten des Künstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die sich sehr -rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung fortschreitet. Von -nun ab geht das Streben des Künstlers vor allem darauf, das Leben so -treu und vollständig als nur möglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln; -das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und in seinem -Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt der wichtigste Gegenstand -seines Interesses. Er beginnt es bis tief ins Einzelne zu analysieren, -um es dann im Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu -reproduzieren. Der Künstler sieht sein größtes Verdienst darin, seine -eigenen Sympathien und Antipathien zurücktreten zu lassen und womöglich -ganz zu verbergen. Er strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu -bearbeiten hat, so objektiv und unparteiisch als möglich zu erfassen und -restlos in sich aufzunehmen. - -Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Künstlers zur objektiven -Darstellung in der russischen Literatur ganz unverhüllt ans Licht. Im -»Revisor« und in den »Toten Seelen« besitzen wir zwei streng -realistische Gemälde russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus' I. So -wurde Gogol zum Begründer der sogenannten »naturalistischen« Schule, die -den Ruhm der russischen Literatur auch nach dem Westen trug. Und darin -sind alle russischen Künstler den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle -die Umwelt zum Gegenstand eines peinlichen und gründlichen Studiums -machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen Ausschnitt von ihr -objektiv doch zugleich künstlerisch wiederzuspiegeln. Das war die -Arbeitsmethode aller großen russischen Künstler; von Turgenjew, -Dostojewski und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und -Saltykow-Schtschedrin. Und wenn auch ein jeder von ihnen seine in seinen -Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck brachte und mit besonderer -Liebe bei _den_ Gestalten verweilte, die ihm selbst am nächsten standen; -wenn er mitten hinein in die Gemälde realer Wirklichkeit rein -persönliche Betrachtungen einflocht, und sich's erlaubte, eine Art -Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, so waren doch ihre Werke vor -allem und in erster Linie ein großes und detailliertes Bild der -lebendigen Wirklichkeit, ein historisches Dokument einer Epoche; es -blieb stets die Hauptsorge des Künstlers: nicht seine persönlichen -Ansichten und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sondern die Idee und den -Umriß des Lebens zu erfassen, das sich vor seinen Augen entrollte. - -So wird es verständlich, welch einen gewaltigen Einfluß das Schaffen -Gogols auf die Entwickelung der russischen Literatur gewinnen mußte. Der -sentimentale Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische -Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten zahlreichen -lyrischen Herzensergießungen in Prosa traten immer mehr zurück, um den -Raum für die Milieuerzählung -- für die realistische wirklichkeitstreue -Novelle mit ihrem großen und weiten Horizont frei zu machen: für eine -Prosaerzählung, die den Leser zu einem kritischen Verhalten gegen das -Leben und die ihn umgebende Wirklichkeit erweckte. - - - II. - -Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnen hatte, eine -Annäherung zwischen Kunst und Leben herbeizuführen -- Nikolaus -Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) -- war von Natur nichts weniger als ein -nüchterner, kaltblütiger Beobachter, oder ein Mann von kritischem -Verstande und einer Phantasie, die es versteht, ihre stürmischen Triebe -zu bändigen. - -Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seele zur Welt gekommen, und -doch wurde es seine Mission, der Dichtkunst reine Muster einer -realistischen, kühlen und nüchternen Naturdarstellung zu schenken. In -diesem Widerspruche liegt die ganze Tragödie seines Lebens beschlossen. - -Gogol gehört unbedingt zu jener Gattung von Menschen, für die die -Gegenwart nur ein Hinweis auf ein zukünftiges Ideal ist, und die ein -starker Glaube an ihre providentielle Sendung beseelt. - -Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihn immer in eine andre -Welt empor -- eine Welt der Vollkommenheit, in die er alles verlegt, was -ihm wert und teuer ist: all seine Begriffe von einer unerschütterlichen -Ordnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eine ewige Liebe und eine -jedem Wandel entrückte Wahrheit. Diese ideale Welt begleitet ihn durch -das ganze Leben, sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden der -Finsternis. Überall und jederzeit findet er in ihr seinen Lohn oder -seine Strafe und Verurteilung, _sie_ beschäftigt ununterbrochen seinen -Verstand und seine Phantasie, und oft absorbiert sie seine -Aufmerksamkeit so vollständig, daß sie ihn die Erde vergessen läßt; noch -häufiger aber ist sie dem Menschen die einzige Stütze, die ihn aufrecht -erhält bei der schweren Arbeit an der Gestaltung und Formung des -irdischen Daseins. - -Was immer für Überzeugungen solch ein Mensch haben mag, stets wird er -entweder hinter dem Leben zurückbleiben oder ihm weit voraneilen. Er -vermag sich nicht zu ergeben und zu demütigen vor dem Unabwendlichen und -Tatsächlichen. Immer fast wird er das reale Leben entwerten, und es -gewöhnlich verachten. Er vergewaltigt seinen Begriff und seine -Vorstellung von der Wirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt -sich meist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in der Regel -aber lebt er vom Vorgeschmack einer schöneren Zukunft: ein -nüchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachen bleibt ihm versagt, weil -er diese Tatsachen stets im Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in -die Lebensprinzipien hineinzwängt, an die er glaubt, _entgegen_ allen -Tatsachen. Er ist es nicht gewöhnt, sein Streben mit seinem Kräftevorrat -in Einklang zu bringen, und er vermag es nicht, ängstlich und peinlich -innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeit an seinem Lebenswerke tätig zu -sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leicht lösbar, zugleich -aber kann ihm schon der kleinste Mißerfolg, wie er keinem erspart -bleibt, das Gleichgewicht rauben und mißmutig machen. Er ist verliebt in -jenen idealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegt hat, -und darum wird es ihm so schwer, sich in die irdische Prosa -hineinzufinden, die nun einmal ein unvermeidliches und notwendiges -Erbteil unseres Lebens bildet. - -Solche Menschen pflegen wir mit dem Namen »Romantiker« zu bezeichnen, -indem wir uns eines alten und dunkelen Wortes bedienen, welches das -Übergewicht des Gefühls über den Verstand, und der Schwärmerei über das -Interesse des Augenblicks in der menschlichen Seele kennzeichnen soll. - -Die ganze Tragödie des Menschen und des Schriftstellers Gogol besteht -eben darin, daß der romantische Zug seines Geistes in einen Widerspruch -mit seinem eigenen Schaffen geraten mußte. Er war ein _Romantiker_ mit -allen charakteristischen Merkzeichen dieses Typus. Er liebte es, sich in -einer phantastischen Welt, in einer Welt der Sehnsucht und Erwartung zu -bewegen, d. h. entweder beschönigte und schmückte er das Leben aus, -indem er es in ein Märchen verwandelte, oder er stellte es sich vor, wie -es gemäß seinen religiösen und sittlichen Begriffen sein sollte. Er litt -furchtbar unter dem Zwiespalt, der ständig zwischen seinem Traume und -dem klaffte, was er um sich her erblickte, und es gelang ihm nie, das -Gefühl der Qual und des Sehnens durch eine gesunde Kritik am Bestehenden -und Unabwendlichen zu mildern. Wie alle Romantiker war er verliebt in -jenes Lebensideal, das er sich selbst geschaffen hatte, und -- was die -Hauptsache ist -- er hielt sich für berufen, das Herannahen dieses -Ideals zu beschleunigen und seinen endgültigen Triumph auf Erden -vorzubereiten. Er war nicht nur ein _träumender_, sondern auch ein -_kämpfender_ Romantiker. - -Doch bei all seiner romantischen Veranlagung besaß Gogol eine wundersame -Gabe, die das ganze Glück und die Schönheit, und zugleich das ganze -Unglück seines Lebens ausmachte: er besaß die seltene Fähigkeit, die -ganze Erbärmlichkeit, Kleinheit und Prosa, die Gemeinheit und den -Schmutz des wirklichen Lebens zu entdecken und überall zu erkennen. All -jene prosaischen Seiten des Lebens, die der Romantiker gewöhnlich -absichtlich nicht beachtet, die er übersieht oder übersehen _will_, sie -alle drängten sich auf Gogols Palette und verlangten gebieterisch nach -einer künstlerischen Verkörperung. Nur selten hat die Natur einen -Menschen hervorgebracht, der von Natur ein solcher Romantiker und -zugleich ein solcher Künstler in der Darstellung alles _Un_- und -_Wider_romantischen war, wie Gogol. Es ist daher ganz natürlich, daß der -Künstler bei einer solchen Spaltung und Zerklüftung seines Gemüts und -einer schöpferischen Begabung zu schwerem Leiden verurteilt war, und -sich nie von dem harten Zwiespalt zu befreien vermochte, der nur mit dem -Siege _einer_ dieser beiden Seelenkräfte endigen konnte: entweder mußte -das Talent, das Leben in seiner nackten Prosa darzustellen, im Künstler -das romantische Drängen seiner Seelen ertöten, oder die romantische -Stimmung mußte umgekehrt in ihm die Kraft wahrheitsgetreuer -Widerspiegelung des Lebens durch die Kunst ersticken und zerstören. - -Tatsächlich fand schließlich das Letztere statt: Gogols großes Talent -zur realistischen Lebensschilderung erlosch, und er verwandelte sich -immer mehr in den reinsten und aufrichtigsten Verkündiger religiöser und -sittlicher Gedanken. Doch vor dem endgültigen Erlöschen leuchtete dieses -realistische Talent noch einmal hell auf, um sich in den »Toten Seelen« -zum letzten Male in seinem ganzen Glanze zu entfalten. - - - III. - -Dieser Roman ist eine späte Frucht des Gogolschen Genies. Ein Werk, das -erst nach einem langen Kampfe zwischen den romantischen Neigungen seiner -Phantasie und seiner starken Begabung für die scharfe und treue -Lebensbeobachtung vollendet werden konnte. - -Schon in seinen ersten Novellen, den »Abenden am Weiler bei Dikanka« -(1831-32), machten sich die ersten Spuren dieses Zwiespalts bemerkbar. -In diesen Novellen trat Gogol als Schilderer kleinrussischen Lebens und -der niederen Volksklasse hervor, zugleich aber als phantasievoller Poet, -der die alten Sagen und Legenden schöpferisch neugestaltete und belebte. -Dieses früheste Werk läßt ganz deutlich eine Mischung beider Stile -erkennen, wobei freilich der träumerisch-phantastische noch die Oberhand -behält. Selbst die Naturbeschreibungen und die Charakteristik vieler von -den handelnden Personen ist in diesem Stile gehalten -- was Gogol -freilich nicht hinderte, andere Personen und Situationen mit -unverfälschter Schlichtheit und im Geiste einer wahren und echten -Realistik darzustellen. In dieser Vermischung zweier Stile, wie in dem -alternierenden Wechsel von Frohsinn und Wehmut, Weinen und Lachen, -zeigte es sich deutlich, daß das Schaffen des Dichters noch keine feste -Richtung angenommen hatte, daneben aber kam darin der innere Kampf zum -Ausdruck, der sich schon damals in des Künstlers Seele abspielte: der -Idealismus des Phantasten vermochte sich nicht zu vertragen mit der -starken Begabung des Realisten, der mit seinem Blicke die ganze -Häßlichkeit und Gemeinheit des Wirklichen durchdrang, welches er doch -selbst in einem andern, höheren und idealeren Sinne zu erfassen und zu -deuten strebte. - -Über diese hohe und ideale Bedeutung des künstlerischen Schaffens hat -Gogol in den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit sehr -viel nachgedacht. Ihn beschäftigte damals ganz besonders das bei den -Romantikern so beliebte Thema von den Leiden, die der Träumer, der -Idealist und der Künstler ganz notwendig auf sich nehmen muß, wenn ihn -das Schicksal schonungslos zusammenstoßen läßt mit der häßlichen, -unbarmherzigen Wirklichkeit. Am tiefsten hat Gogol dies Problem von -Zwiespalt zwischen Traum und Leben durchgeführt in seiner Novelle »Das -Porträt« (1834). - -Diese Novelle erinnert inhaltlich ganz an eine Erzählung von E. Th. A. -Hoffmann. Sie behandelt das Seelendrama eines jungen Künstlers, der -Verrat übt an der echten, reinen und hohen Kunst, sich aus Habgier in -den Dienst der Mode stellt, und zuletzt im Wahnsinn stirbt, als er -erkennt, daß er sein Talent zugrunde gerichtet hat. Der böse Genius -dieses unglücklichen Künstlers ist ein phantastisches Porträt des -Antichristen, das mit einer so realistischen oder vielmehr -naturalistischen Kunst dargestellt ist, daß ein Teil der Seele des -Antichristen in dieses Bildnis übergegangen ist. - -Die Kunst soll dem _Ideale dienen_ und nicht der _Reproduktion des -Wirklichen_ in seiner ganzen Nacktheit und Häßlichkeit -- dies ist der -Grundgedanke dieser Erzählung -- deren Moral ebenso durch den tragischen -Tod des Künstlers, der sich der Jagd nach dem Golde und der Mode ergab, -wie aus dem verderblichen Einfluß des Porträts, zu uns spricht: dieses -Porträts, das das Produkt einer hyperrealistischen Kunst war. - -Wie die deutschen Romantiker, so war auch Gogol von einem hohen, beinahe -religiösen Glauben an die Kunst ergriffen. Aber seine Kunstanschauung -vermochte doch nicht jenen Widerspruch vor ihm zu verhüllen, der -immerdar zwischen der Welt des Traumes und unserm Leben besteht. Er sah -den Abgrund, der zwischen diesen beiden Welten klafft, beständig vor -Augen, und dieser Anblick hatte für ihn etwas Furchtbares und -Schreckenerregendes. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu vergessen: sie -liegt in der Erschütterung und in dem Verlust des seelischen und -geistigen Gleichgewichts. Dies ist das Thema der beiden Erzählungen »Der -Newski-Prospekt« und »Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen«. - -Aber ganz allmählich vollzieht sich im Schaffen Gogols eine -entscheidende Wendung. Er gibt seinem Talente nach, er unterwirft sich -ihm, und geht zur Darstellung der Realität, der Wirklichkeit über; er -beschönigt sie nicht und idealisiert nicht mehr; er spiegelt sie ab, wie -sie ist, in erster Linie nach ihrer negativen Seite, die ihm von jeher -so stark in die Augen stach. Und nun stößt er mit dieser gemeinen -trivialen und schmutzigen Wirklichkeit auf dem Felde der Kunst zusammen, -und da erhebt sich vor ihm die ernste Frage, auf die er schon im -»Porträt« hingewiesen hat: dient die Kunst auch dann noch ihrer hohen -Mission, wenn sie den Schmutz und das Laster zur Darstellung bringt, und -zwar so natürlich und lebendig zur Darstellung bringt, daß es fast den -Anschein hat, als bleibe ein Stück von diesem Schmutz und diesem Laster -auf dem Kunstwerk selber haften? - -Und doch konnte Gogol seinem Talent auf die Dauer nicht Widerstand -bieten. So kam es, daß er seine Kunst immer mehr dem Leben annäherte. -Diese Annäherung macht sich besonders stark fühlbar in der -Novellensammlung, die im Jahre 1834 gleichzeitig mit seinen romantischen -Erzählungen erschien, und die den Namen »Mirgorod« trägt. - -Eine dieser Novellen die »Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit« ist ein -schlichtes Idyll, die Geschichte zweier zur Neige gehender -Menschenleben: ein psychologisches Essay, von einer Tiefe und Poesie, -wie sie von keiner romantischen Idylle erreicht wird. Die sentimentalen -und romantischen Schriftsteller liebten solche dankbare Sujets, wie die -Erzählung von zwei liebenden Herzen, die sich inmitten des Friedens der -Natur und fern von allen Lockungen der Kultur zusammenfinden. Die -»Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit« sind ein glücklicher Versuch, -die romantischen Elemente in diesem Stoff durch reale und kulturelle zu -ersetzen. An die Stelle der einsamen und wüsten Gegenden tritt hier ein -kleinrussisches Dorf -- an die Stelle der blasierten und enttäuschten -Helden und der schwermütigen oder leidenschaftlichen Heldinnen -- ein -altes Ehepaar; aber trotz dieser Schlichtheit und Durchsichtigkeit ist -diese Novelle überall von einer tiefen Wahrheit und Poesie durchdrungen. -Sie stellt in dem Schaffen Gogols einen der entscheidenden Siege des -Realismus' über die Romantik dar. - -Ein ganz anderer poetischer Horizont tut sich vor uns in der -historischen Erzählung »Taras Bulba« auf. Auch hier bemerkt man eine -deutliche Wendung von dem früheren idealisierenden Stil zum Realismus, -natürlich in dem Maße, als dies in einem historischen Romane möglich -ist. Es gibt eine Ansicht, nach der »Taras Bulba« Gogols größtes Werk -darstellt, und dieser Wertung fehlt es nicht an einer gewissen -Berechtigung. Der Inhalt dieser Erzählung ist vielleicht nicht weniger -umfassend und vielgestaltig wie der der »Toten Seelen«; auch hier findet -man denselben Reichtum an den mannigfaltigsten Typen und Episoden, die -gleiche Kraft und das gleiche schnelle Tempo der Handlung. Die -psychischen Regungen und Bewegungen sind im »Taras Bulba« vielleicht -sogar noch tiefer als in irgend einem andern Gogolschen Werke, schon aus -dem Grunde, weil die Gefühle und Empfindungen der Helden hier ernster -und komplizierter sind, als die der handelnden Personen in den »Toten -Seelen«. »Taras Bulba« -- das ist ein heroisches Epos, das einer -gewissen Idealität nicht entbehrt. Es lebt etwas darin vom Geist der -alten Sage, trotzdem aber bleiben die Seelenregungen der handelnden -Menschen stets wahr und frei von jeder romantischen Überspannung. Die -alte Zeit des Saporoger Kosakentums mit ihrem Kostüm, ihrem häuslichen -Leben, ihren Kriegen und Schlachten, die Beziehungen zwischen Juden und -Polen -- das alles ist im »Taras Bulba« mit einer wunderbaren Echtheit -und Wahrheit geschildert; dazu kommen die beschreibenden und -schildernden Elemente, die mit großer Geschicklichkeit in die Handlung -eingeflochten sind; sie beschweren sie nicht, sondern verleihen ihr bloß -noch mehr Lebhaftigkeit und Kolorit. »Taras Bulba« ist in seiner Art -eine kleinrussische _Ilias_, sowohl was das epische Gleichmaß der -Darstellung und den kriegerischen Geist des Werkes, als vor allem die -strenge Durchführung der Charaktere und die Plastizität der Episoden -anbetrifft. -- Soweit also der Realismus in einer historischen Erzählung -als künstlerisches Element neben dem legendären und der Archeologie -möglich und zulässig ist, ist er in dieser Epopöe zum Durchbruch -gekommen. - -Aber so recht heimisch in der realistischen Darstellungskunst wurde -Gogol erst mit der Vollendung seiner berühmten Komödie: »Der Revisor« -(1836). - -Gogol gehört zu jener wenig zahlreichen Dichtergruppe, die das -»russische« Theater schuf und die russische Lebenswirklichkeit -ungeschminkt und ohne Beschönigung auf die Bühne brachte. Die Geschichte -des russischen nationalen Theaters hat man von den Komödien »Von Wisins« -zu datieren. In diesen Stücken ist das Leben der adligen Gutsbesitzer, -der Epoche Katharinas I., mit genügender Treue geschildert, doch macht -sich hier noch ein Element unliebsam bemerkbar: das sentimentale -Räsonnement. Gleichfalls der Adel, diesmal aber der städtische -Beamtenadel, ist das Milieu, in dem Gribojedows »Verstand schafft -Leiden« spielt, diese geniale Satire, aber keineswegs auch geniale -Komödie. Auch hier erscheint die Wahrheit in einer gewissen Verzerrung: -ein Zugeständnis an die literarischen Traditionen der französischen -Vorbilder. - -Im »Revisor« endlich betritt die russische Beamtenwelt die Bühne. Auf -den Gegenstand dieser Komödie waren die Zuschauer schon in gewissem -Sinne vorbereitet durch eine Reihe von freilich recht farblosen Stücken, -in denen die Schriftsteller des XVIII. und der ersten Hälfte des XIX. -Jahrhunderts die Korruption gegeißelt und moralische Tiraden gegen die -Bestechlichkeit zum besten gegeben hatten. Der »Revisor« überragt alle -diese Stücke um Haupteslänge, schon deshalb, weil die in ihm -gezeichneten Typen wirkliche lebendige Menschen waren, denen der -Zuschauer jederzeit -- wenn auch nicht allen zugleich, so doch in -einzelnen Repräsentanten -- in seiner nächsten Nachbarschaft begegnen -konnte. Nach Gogol war es Ostrowski, der in seinen Dramen den -Kaufmannsstand auf die Bühne brachte und so das Gemälde des russischen -Lebens um einige bedeutsame Typen bereicherte. Das waren die drei -»finsteren Reiche« -- die Welt des _Adels_, des _Beamtentums_ und des -_Kaufmannsstandes_, die von nun ab den Russen von der Bühne herab an -jene dunklen Seiten der Wirklichkeit mahnten, die er stets zu -idealisieren geneigt war. In letzter Zeit ist diese Reihe noch um ein -neues Gemälde vermehrt und vervollständigt worden -- um das Bild der -dunkelen Welt des niederen Volkes: in dem Drama »Die Macht der -Finsternis« von Tolstoi. - -In seiner Komödie schwang Gogol die Geißel des Spottes über eine ganze -Kategorie gesellschaftlicher Mißstände und Laster, die mächtig in das -soziale Leben eingriffen: er brachte die Dummheit, die Gemeinheit und -Hohlheit der Administration auf die Bühne und strafte die offizielle -Welt, indem er sie dem Spott und Hohn eines Windbeutels, des hohlsten -aller Schwätzer preisgab, und sie durch ihn brandschatzen ließ. Zu guter -Letzt aber stellte er sie vor ihren gesetzlichen Richter und sandte -ihnen einen Gendarmen, der sie zur Vernunft bringen sollte. Die Komödie -bleibt in ihrem ersten Akt streng objektiv und sachlich, im letzten -freilich drängt sich die Moral recht deutlich vor. Der Polizeimeister -erscheint in seiner ganzen Dummheit, gibt sich selbst dem Gelächter und -der Verachtung preis und geizt nicht mit starken Worten zu seiner -eigenen Charakteristik. Der Gendarm erscheint, wie im letzten Akt des -Tartüffe, als der Vertreter des Gesetzes zur Beschwichtigung und -Beruhigung der Zuschauer; er erinnert sie daran, daß das Auge der -Regierung beständig wacht, auch dann noch, wenn man glaubt, daß es -schlafe. Aber der außerordentliche künstlerische Takt des Dichters hat -es so einzurichten verstanden, daß die Moral die Wahrheit der -Situationen und die Lebendigkeit der Typen nicht beeinträchtigte. Bis -dahin waren es die Zuschauer gewöhnt, mitten in der Handlung allerhand -erhebende und erbauliche Reden von der Bühne zu vernehmen, im »Revisor« -aber fehlten diese Reden vollständig. Diese Komödie war eine völlig -neue, originale Tat; sie paßte in keine der bekannten Formen der -dramatischen Kunst hinein, denn sie war weder eine sentimentale Komödie, -noch eine Posse, noch ein moralisches Schauspiel. - -Dieses Werk trug seinem Schöpfer einen großen Schmerz und -viele Enttäuschungen ein, denn es regte die heftigsten und -leidenschaftlichsten Anklagen gegen ihn auf. Er suchte Rettung und -Heilung von seiner geistigen Schwermut und der Gereiztheit gegen seine -Mitbürger in einer Reise. Dies war das ständige Mittel Gogols, das er -gegen seine Melancholie und gegen seine geistige Müdigkeit anwandte, und -es wirkte in der Tat weit sicherer und unfehlbarer als alle Medikamente. -Diese Neigung zum Wandern, zum Wechsel des Aufenthaltes war in seiner -romantischen Veranlagung begründet. In dieser Beziehung hatte er viel -Ähnlichkeit mit einem jener Schwärmer, die von Sehnsucht, Melancholie -oder Grimm getrieben, ihre Heimat verließen, um den Ufern eines neuen -fernen Vaterlandes zuzustreben. Auch Gogol besaß solch ein fernes -Vaterland, obwohl er Rußland mit einer geradezu abgöttischen Liebe -liebte, und sich unter fremden Menschen nie wohl fühlte. Er hatte noch -eine andere große Liebe: Italien. - -Gogol hat oft über seine Leidenschaft für das Wandern und Reisen -gegrübelt, und nach Gründen gesucht, um sein Nomadenleben zu -rechtfertigen; er begründete sie mit seiner Krankheit, die ihm einen -häufigen Wechsel des Klimas zur Notwendigkeit machte, und mit dem rein -geistigen Bedürfnis des Künstlers, der eine Distanz zwischen sich, den -Menschen und dem Leben suchte, wenn er sie in seinen Werken zur -Darstellung bringen wollte. Zuweilen freilich, wenn er in längeren -Abständen wieder nach Rußland zurückkehrte, fühlte er etwas wie -Gewissensbisse und ein mächtiges Anschwellen der Liebe zu seiner Heimat; -aber diese Gefühle blieben ohnmächtig gegenüber dem unklaren Drange, der -ihn in die Ferne zog. Seine Seele trug die Spuren jener Krankheit an -sich, die einst zu Beginn des Jahrhunderts im Westen herrschte, die -Menschen von der Heimat losriß und sie zu fernen Gestaden hintrieb -- -jene Krankheit an der ein Byron und ein Chateaubriand litten, und für -die Schubert in seinem Liede »Der Wanderer«, dem Lieblingslied aller -russischen Jünglinge und Jungfrauen der dreißiger Jahre einen so -wundervollen musikalischen Ausdruck fand. - -Allein was Gogol von seiner fünfjährigen Reise im Auslande (von -1836-1841) mitbrachte, war weder ein pessimistisches Tagebuch, noch ein -sentimentales Epos. Er brachte den ersten Teil der »Toten Seelen« mit: -einen Roman oder eine Dichtung, in der der junge russische Realismus -seinen höchsten Triumph feierte. Es war der letzte Sieg, den Gogol im -Felde der Dichtung erringen sollte. - - - IV. - -Während seines Aufenthaltes im Auslande und besonders in Italien war -Gogol sehr fleißig und die Arbeit ging glatt vonstatten. Es war die -Zeit, wo seine Schöpferkraft in voller Blüte stand. Die romantischen -Neigungen, die noch zum letztenmal in der schönen Novelle »Rom« zum -Ausbruch gekommen waren, traten allmählich zurück und machten einer -nüchternen, ruhigen und humorvollen Lebensanschauung Platz. Das sich -immer stärker entfaltende Talent des Schilderers, das zu einer innigen -Verschmelzung der künstlerischen Wahrheit mit der Lebenswahrheit -hinstrebte -- gewann immer mehr die Oberhand, was nicht nur in der -Zurückstellung und Aufgabe aller früheren Pläne, die noch im Geiste des -alten romantischen Stils konzipiert waren, zum Ausdruck kam, sondern -auch in der Art wie Gogol seine älteren Werke umschuf und neu -bearbeitete. - -In solch einem realistischen Geiste gestaltete Gogol zu dieser Zeit -seine Erzählungen »Das Porträt« und »Taras Bulba« um. Am stärksten und -freiesten aber entfaltete sich diese Kraft des Humoristen und -Lebensschilderers, die in dieser Epoche ihre höchsten Siege über die -sentimentalisch-romantischen Neigungen und Stimmungen des Dichters -feierte, in der Novelle: »Der Mantel«. Dieses Werk nimmt eine ganz -besondere Stellung in der Geschichte der russischen Literatur ein. Es -ist das zeitlich erste und vielleicht vollkommenste Beispiel dieser -Gattung, die später eine große Verbreitung fand und eine große soziale -Bedeutung gewann. Es ist eine Seite aus der Geschichte der »Erniedrigten -und Beleidigten«, die unmittelbar nach Gogol Dostojewski unter seinen -besonderen Schutz nahm. Im Westen setzte dieses Eintreten für die -Schwachen und Benachteiligten durch die Literatur und durch die Tat etwa -um dieselbe Zeit mit dem Wachstum und der raschen Verbreitung der -sozialistischen Ideen ein. In Rußland aber rührte der erste Versuch, die -Gesellschaft für jene große Masse derer zu interessieren, an denen sie -achtlos vorübergeht, von Gogol her, der ganz unbeeinflußt von den -westeuropäischen Tendenzen in seinem »Mantel« ein Werk schuf, das man -mit Recht als den Ausgangspunkt und Ursprung der sogenannten -»Anklageliteratur« in Rußland erklärt hat. Man muß dabei nur im Auge -behalten, daß in Gogols Erzählung der Protest und die Anklage sehr -abgedämpft erscheinen und mehr durch ein weiches Gefühl der Teilnahme -und des Mitleids ersetzt sind. Der Dichter läßt uns mit seinem -unscheinbaren Helden alle wichtigsten Etappen seines Lebens durchleben; -wir besuchen ihn in seiner Dachkammer, wo er langsam von jedem Rubel -Groschen auf Groschen in sein kleines Büchschen zurücklegt, alljährlich -das kleine Häuflein Kupfergeld nachzählt, um es durch Silbermünzen zu -ersetzen, wo er hungert und friert, die Kerze spart, seine Kleider -auszieht, damit sie nicht zu schnell fadenscheinig werden, und wo er -einsam in seinem Schlafrock dasitzt, die ewige Idee des Mantels in -seinem Geiste tragend; wir folgen ihm ins Departement, wo man ihn -ebensowenig beachtet, wie eine vorüber schwirrende Fliege, wo man ihn -verspottet, ihm Papierschnitzel auf seinen Kopf schüttet, wo er jahraus, -jahrein hinter seinem Pulte hockt und die Buchstaben sorgfältig aufs -Papier malt, oder die Akten beiseite legt, die er zu seinem eigenen -Vergnügen kopieren will. Der phantastische Schluß, den Gogol dieser -Erzählung gegeben hat, ist zwar etwas willkürlich, aber überaus -glücklich erfunden und trägt einen ganz anderen Charakter als seine -früheren phantastischen Erzählungen. Das Phantastische enthält eine -solche starke Beimischung von Spott, Humor und Fröhlichkeit, daß es fast -völlig gegen das letztere Element zurücktritt und seinen romantischen -Charakter gänzlich einbüßt. Der Autor braucht das Wunderbare nur um der -paar kleinen Genrebilder willen, mit denen er seine Novelle beschließt. - -So stark war Gogols Kunst, wenn er sich von seiner alten Manier abwandte -und seinem scharfen Beobachtungstalent und seinem Humor freien Lauf -ließ. - -Wer jedoch die Kraft und Macht dieser Gabe kennen lernen will, der muß -zu der tragikomischen Dichtung »Die toten Seelen« greifen. Hier legt -jede Seite ein beredtes Zeugnis dafür ab. - - - V. - -Die Arbeit an den Toten Seelen war für den Verfasser eine hohe Freude -und ein großer Schmerz. Noch nie hatte er einen so erhabenen Genuß und -eine solche innere Befriedigung empfunden, als in jenen Stunden, wenn -ganze Seiten seiner Dichtung wie von selbst aus der Feder flossen, und -nie hat er so gelitten, als in jenen langen Jahren, wo er monatelang auf -die ersehnte Inspiration warten mußte. Diese Arbeit hat Gogol 16 Jahre -lang beschäftigt: von 1835, als er die ersten Seiten des Werkes -niederschrieb, bis zum Beginn des Jahres 1852, als ihm der Tod die Feder -aus der Hand nahm. Von diesen 16 Jahren brauchte er 6: von 1835-1841 -- -während der er natürlich noch an andern Dichtungen arbeitete -- um den -ersten Teil zu vollenden. Die ihm noch übrig bleibenden 10 Jahre waren -ganz mit Versuchen ausgefüllt, eine Fortsetzung für sein Werk zu finden. - -Nach der Idee des Autors sollten die »Toten Seelen« eine »Dichtung« -werden, in welcher Rußland in der ganzen Mannigfaltigkeit seines -staatlichen und sozialen Lebens, mit all seinen lichten und dunkelen -Seiten erscheinen sollte. Gogol wollte hier in neuer Form das alte Epos -wieder aufleben lassen; daher nannte er wohl mit bewußter Anspielung auf -die Homerischen Gesänge seinen Roman -- ein Poem d. h. eine Dichtung. -Der Gesamtplan des Werkes stand natürlich im Geiste des Verfassers nicht -gleich völlig fertig da, und nahm mit den Jahren eine recht seltsame -Richtung an. Die ruhige, uninteressierte epische Erzählung verwandelte -sich immer mehr in eine Predigt sittlicher Wahrheiten, und der Wunsch, -Rußland möglichst vollständig nach all seinen Seiten darzustellen, trat -immer mehr hinter dem Ideal zurück, der ganzen Menschheit eine neue -Lehre zu künden, die die Seele erheben und ihr Leben erhöhen sollte. - -Gogol behielt den Entwurf zu seiner Dichtung für sich und sprach nur -selten und ganz im Allgemeinen zu seinen nächsten Freunden davon, wie -groß und tief sein Plan war. Die übertrieben stolzen Reden Gogols über -sein Werk erregten die heftigste Opposition unter seinen Freunden und -Bekannten, sie ärgerten und verstimmten sie. Hätten sie gewußt, wie -großartig dieser Plan des Künstlers tatsächlich war, sie hätten ihm -vielleicht seine Überhebung verziehen, die um so verzeihlicher war, als -Gogol nicht so sehr auf sein Künstlertum stolz war, als vielmehr darauf, -daß er im Besitze der sittlichen Wahrheit zu sein glaubte, und er fühlte -sich verpflichtet, seinen Nächsten diese Wahrheit zu verkünden, sobald -er dieser hohen Aufgabe würdig geworden war. - -Aber obgleich Gogol den Plan zu seinem Werk geheim hielt, ist es dennoch -möglich, nach gelegentlichen Äußerungen und Anspielungen, nach seinen -Unterhaltungen mit nahestehenden Personen, sowie nach seinen Briefen und -den Fragmenten des zweiten Teiles, das Geheimnis des Schriftstellers mit -genügender Genauigkeit zu enthüllen; es ist zugleich das Geheimnis des -Künstlers und Moralisten. - -»Gott hat mich erschaffen,« sagt Gogol einmal, »und er hat mir nichts -von meiner Mission verheimlicht. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine -_Epoche in der Literaturgeschichte_ zu begründen. Mein Beruf ist weit -einfacher und naheliegender: er besteht darin, woran überhaupt jeder -Mensch und nicht ich allein vor allem denken sollte. Mein Gebiet ist die -Seele, die starke, solide Sache des Lebens. Und daher muß auch mein -Handeln und mein Schaffen stark und solide sein.« »Die toten Seelen« -sollten in ihrem Gesamtaufbau ein solch »solides, starkes« Werk werden, -auf das der Mensch sich zu stützen vermochte, wenn Gewitterstürme über -seine Seele dahinbrausten, sie sollten der Katechismus seiner Rettung -sein. Diese Dichtung sollte dem Menschen ein Führer zu seiner sittlichen -Wiedergeburt werden, wie es für den Verfasser ein reinigendes Gebet war, -nach seiner geistigen und seelischen Erleuchtung, und nachdem er Buße -getan hatte für seine eigenen Sünden. - -Wie aber hatte dem Dichter eine solche Idee kommen können? - -Gogol war von Natur sentimental veranlagt, er liebte es, zu belehren und -zu predigen. Dieser moralisierende Ton findet sich schon in seinen -frühesten Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den Knaben -bewegten, sondern auch von dem lyrischen Schwung seiner Seele. Diese -Lyrik in seinem Fühlen und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen -Novellen, und so finden wir in diesen ersten Erzählungen neben einem -unschuldigen Frohsinn und Humor eine starke melancholische Note; den -Schmerz über die vielen traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben -Maße, als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der Dichter immer -stärker von dem Gedanken ergriffen, er sei berufen, etwas ganz Großes zu -erschaffen, und so kam es, daß ihn die sittlichen Tendenzen immer -mächtiger erfüllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten Aufführung -des »Revisor« überzeugte er sich, daß er wirklich die Kraft zu einer -sittlichen Einwirkung auf die Masse besaß, und von da ab war er -entschlossen, diese Kraft in den Dienst einer großen Sache zu stellen -und die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten zu -verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser Macht noch nicht -bewußt war, träumte er davon, etwas Großes zu leisten, der Wohltäter und -Lehrer seiner Nächsten und ein Held und Kämpfer für das Vaterland zu -werden. Um diese hohe Mission durchzuführen, setzte er seine ganze -Hoffnung auf sein Talent und begann nach einer seiner würdigen Aufgabe -d. h. nach einem großen und bedeutenden Stoff zu suchen, der seinem -Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen Gestaltung zu einer -wirklichen Wohltat für die Nächsten werden sollte. - -So konnte die Anekdote von dem Kauf der »toten Seelen« schnell ihren -komischen Charakter verlieren und sich in einen Gegenstand verwandeln, -für den der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen -passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte Gogol von nun ab -die ganze Kraft seines Lyrismus, in ihm wollte er der Macht seiner -eigenen sittlichen Überzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen -Stoff ständig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn bis zu der Höhe -jenes »großen Gegenstandes« emporzuheben, nach dessen Gestaltung er sich -sagen konnte: das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frühesten -Jugend träumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, daß eine solche -Umformung einer schlichten Anekdote zu einer grandiosen Idee nur langsam -und allmählich vor sich gehen konnte, und daß der Autor selbst bei -Beginn seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt sie bei -ihrer Vollendung annehmen werde. - -Neben dieser _ethischen_ Tendenz gewann auch die _patriotische_ Absicht -des Dichters einen mächtigen Einfluß auf die Dichtung. Gogols -Patriotismus hatte mit den Jahren bedeutend zugenommen, und als der -Dichter an die Ausführung seines Planes ging, hatte sich seine Liebe zum -Vaterland bereits zu einer stark _konservativen_ Weltanschauung mit -einer ausgesprochenen religiösen Färbung zusammengeschlossen. Und dieser -Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den Weg zur Wahrheit zu -weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung stecken, sondern erstarkte -noch mehr in dem Maße, als der Dichter an der ständigen Erweiterung und -Vertiefung seines Werkes tätig war. Gogol mußte in seinem Roman über -Rußland sprechen, und er hat seinem Vaterlande, besonders im ersten -Teil, manch bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung -seiner Dichtung dachte, ließ er uns seine Heimat nur von »einer Seite« -sehen, und noch dazu von ihrer allerunansehnlichsten. Der Held des -Romans und alle Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen von -einer geradezu erbärmlichen Hohlheit. Sie so zu lassen -- das bedeutete -grausam und herzlos gegen das eigene Vaterland verfahren, das hieß über -seine guten Seiten, hieß über alle Russen schweigen, die einen Anspruch -auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer wachsende Liebe zum -Vaterlande verpflichtete ihn, seinen Mitbürgern in seiner Dichtung auch -ein Wort der Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. Je mehr -sich der Rahmen der Erzählung erweiterte, um so drängender empfand er -diese Verpflichtung. Und Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur -Verherrlichung Rußlands und zur Bewunderung der russischen Tugenden -fort. Er wollte ihnen einen gebührenden Platz in seiner Dichtung -einräumen und spielte schon im ersten Teil des Romans darauf an. Er -wußte, daß der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der _besten_ -Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; indem er diesem Wunsche -entgegenkam und seinem eigenen patriotischen Gefühl Folge leistete, fing -er an, nach neuen positiven Typen für sein Werk zu suchen und seine -Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner früheren Werke -emporzustimmen. - -Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan der Dichtung. -Einen kaum geringeren, wenn nicht noch stärkeren Einfluß auf des -Dichters Schaffen gewann die religiöse Stimmung, die Gogol mit jedem -Jahre immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande entstand ihm -die Überzeugung von der besonderen Mission, die er zu erfüllen habe. Ihn -beseelte ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme an -ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches Schaffen steigerte sich in -seinen Augen bis zu einer Art Gottesdienst, und so ist es nur natürlich, -daß er sein Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten -begann, eine Pflicht, für die sich der Mensch lange kräftigen und -stählen muß, wenn er die große Aufgabe erfüllen will, die Gott in seine -Hände gelegt hat. Gogol begann sich auf seine schriftstellerische -Aufgabe durch Fasten und Gebet vorzubereiten; er »arbeitete ständig an -sich selbst«, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, was er -für unheilig und sündhaft hielt, und er richtete all seine Gedanken auf -seine sittliche Wiedergeburt; nur mit reinem Herzen und einem verklärten -Gemüt glaubte er seine hohe Sendung erfüllen zu können, und diese -Stimmung fand natürlich auch ihren Ausdruck in seiner Dichtung. Diese -sollte zu einer sittlichen Predigt werden, die sich an die Mitbürger und -Mitbrüder wendete, und zu einem Akt der Reinigung von den eigenen -Sünden. - -So verschmolz für Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der -eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde für ihn zu einem -reinigenden Opfer. Die Sünden, von denen er in ihr sprach, forderten -Sühne und Ahndung -- die Sünden seiner _Helden_, wie seine _eigenen_. -Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklärung und -Erleuchtung einer sündhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe -mystische Bedeutung an -- einen ähnlichen Sinn wie das große Epos -Dantes, das Gogol stets mit ehrfürchtiger Bewunderung las. - -Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum -Licht, aus der Hölle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden -mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Buße aus sündigen zu, -wenngleich nicht _heiligen_, so doch _edlen_ und _sittlichen_ Menschen -zu machen, ergriff und erschütterte die Seele des Dichters aufs tiefste. -Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur -Ausführung kommen, aber Gogol kam nie über das Nachdenken und Entwerfen -hinaus, und überantwortete schließlich das, was er davon -niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in -vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der -erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sündenfall des Russen, die -Erzählung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und -Gemeinheit. - - - VI. - -Wenn wir jene Stellen in den »Toten Seelen«, wo der Verfasser auf den -geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile -hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter -selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaßen die -direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des -»Revisors«. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit -erschütterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im -»Revisor« waren Beamte, zu denen sich in den »Toten Seelen« noch -Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint hier -unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und -Bewegungen der Helden des »Revisors« waren noch wenig differenziert und -nicht sehr vielgestaltig -- ganz anders verhält es sich in den »Toten -Seelen«, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker -Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt -sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe -ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite -der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die -wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich -der Held: Pawel Iwanowitsch _Tschitschikow_; ihn verbindet kein engeres -Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von außen -hereingeschneit wie _Chlestakow_ im »Revisor«. Dieser Held ist vom Autor -mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das -sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Führer in diesem -Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder -einzeln und für sich genommen so unendlich komisch und lächerlich wirkt, -und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck -hervorrufen. - -Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gnädig verfahren. Es ist -keine Frage, daß Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften -moralischen Qualitäten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht -unerfreulichen Aktualität ist. Als Mensch und Bürger ist er ein Gauner -und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persönlichkeit der -typische Repräsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral, -die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber -selber lebt und leben läßt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit -dieser kühlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswürdigen -und höflichen Räubers begnügt; er erzählt uns die ganze Geschichte -seiner Jugend, er erklärt uns, wie in Tschitschikow diese räuberischen -Instinkte entstehen konnten, und läßt uns darüber nachsinnen, ob die -ganze Verantwortung für die Spitzbübereien und Gaunereien seines Helden -wirklich auf Tschitschikow allein fällt, oder ob nicht die größere -Hälfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs, -abgewälzt werden muß. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, daß er dem -Leser geradezu die Frage vorlegt: »Ist Tschitschikow denn tatsächlich -ein solcher Lump?« Und er fährt fort: »Warum gleich ein Lump? Warum -sollen wir so streng gegen unsere Nächsten sein? -- Er ist einfach das, -was man einen guten _Wirt_ und ein _Erwerbsgenie_ nennt.« - -Der _Erwerbstrieb_ trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache, daß -Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet. -Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft »und es gibt -Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt«. - -Wenn es aber möglich war, schon für Tschitschikow soviel mildernde -Umstände geltend zu machen, so war dies noch leichter bei seinen -Freunden und Bekannten, die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren. -Und in der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit großer Milde; vor -allem gegen die Adligen, die er mit noch größerer Nachsicht behandelt, -als die Beamten. Freilich sind auch sie lauter hohle, armselige, elende -Menschen, aber eine besondere Entrüstung und eine allzu große Empörung -regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl über sie, wir bemitleiden -sie, aber schließlich würden auch wir mit ihnen leben können, ohne daß -uns allzu große Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. Was -ließe sich schließlich gegen den so vertrauensseligen und gutmütigen -Manilow einwenden, der stets bei jedem nur die besten Absichten -voraussetzt? Ja, selbst ein Sabakewitsch läßt sich fast ertragen: dieser -grobe und ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder -durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die übrigens für -seine Nächsten völlig unschädlich sind. Auch Pljuschkin und Korobotschka -verdienen eher unser Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst, -der die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die Armseligkeit -ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt sich, den Leser vor einer -voreiligen Verurteilung dieser beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin -in der glücklichsten, schon weit zurückliegenden Zeit seines Lebens, und -wir verstehen, daß ein Unglücklicher vor uns steht, der ein Opfer der -Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu kämpfen vermag. Der Dichter -spricht mit tiefem Schmerz von der Erbärmlichkeit, Kleinheit und -Häßlichkeit, bis zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf -diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den weisen Rat, wenn wir -aus dem weichen, zarten Jugendalter hinaustreten in das strenge -verhärtende Mannesalter, uns mit einem möglichst großen Vorrat von -Begeisterung und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs nicht -leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht uns mit diesen lebendigen -Leichen, und doch spricht er stets in einer Weise von ihnen, daß sie -nicht Abscheu hervorrufen, sondern uns eine Träne des Mitleids -entlocken. Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit, -Spitzbüberei und Zynismus, hat Gogol etwas so Gutmütiges und von jeder -Böswilligkeit Freies verliehen, daß er uns beinahe völlig entwaffnet und -die Fähigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zürnen. - -So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all jenen Personen, die er mit -seinem Helden zusammenführte, d. h. mit jener Klasse von Freien, die -keine eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit strenger -gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein Amt im Staate bekleideten, -mit andern Worten, wenn sie Beamte waren. - -Wie der »Revisor«, so enthalten auch die »Toten Seelen« keine Spur von -einer politischen Anspielung. Die Satire berührte auch nicht mit einem -Wort die höhere Obrigkeit und setzte sich bloß mit den niederen Klassen -des Beamtenstandes auseinander. - -Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten Gesinnung dar und daher -konnte sie auch den Leser zu keinerlei Betrachtungen veranlassen, die -sich _gegen_ die Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme -etwa der schicksalsreichen »Geschichte vom Hauptmann Kopeikin«, die der -Zensor durchaus nicht freigeben wollte, und die erst nach bedeutenden -Änderungen und Zugeständnissen seitens des Autors die Zensur passierte. -Diese Geschichte war die einzige gegen die souveräne Gewalt gerichtete -Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. In allen andern Fällen wählte -er sich bloß die ausführenden Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe, -wobei er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und Stellung seiner -Helden abstufte. Je höher ein Beamter stand, um so milder beurteilte ihn -der Verfasser, welcher freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung -durchaus nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der -Erwägung leiten ließ, daß ein hohes Maß von Intelligenz den Menschen -auch zu einer höheren Sittlichkeit verpflichte. - -So sind denn in den »Toten Seelen« alle höheren Beamten, selbst -abgesehen vom Generalgouverneur und vom Gouverneur, lauter ehrenwerte -und liebenswürdige Männer, die höchstens ein paar Seltsamkeiten oder -Eigenheiten an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft gibt -dem Moralisten nur wenig Anlaß zur Betrübnis, ja, er könnte sich nach -Gogols Ausdruck unter ihnen ganz wie zu Hause fühlen. - -Aber das Bild wechselt jäh und mächtig, wenn wir aus dem Kreise dieser -relativ hochgestellten Provinzbeamten in die niederen Sphären -hinabsteigen und zusammen mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten -bevölkerten Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier befinden wir uns im -Reiche der Akten, der schmutzigen und der sauberen, innerhalb dessen -Unrecht und Bosheit einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind -zugegen bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel Umstände -unter den gerade anwesenden, größtenteils ungebildeten Gerichtsbeamten -ausgewählt werden; wir sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstück die -Sanktion des Gesetzes erhält, wobei dem letzteren aus reiner -Liebenswürdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen Gebühren -abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise einem andern Bittsteller aufs -Konto gesetzt werden ... mit einem Wort, wir befinden uns mitten in -einer Gesellschaft von wirklichen Gaunern und Betrügern, denen jede Spur -von Sentimentalität, welche ihre Vorgesetzten auszeichnete, fremd ist, -und die einem nüchternen illusionslosen Utilitarismus huldigen. - -Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus der Stadt auf das Land -begeben, so treffen wir hier schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken, -wie z. B. auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann mit dem -weichen und zärtlichen Herzen, der alle Dörfer heimsucht und sie wie -eine verheerende Epidemie durchstreift, wofür er dann schließlich auch -von den Bauern ins Jenseits befördert wird. Diese Seite, die uns von den -Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die kühnste in der -gesamten Dichtung. - -Der erste Teil der »Toten Seelen« ist somit tatsächlich eine Epopöe der -menschlichen Erbärmlichkeit und Nichtigkeit. Erbärmlich ist dieser -_Erwerbsritter_ mit dem Instinkte des Raubtieres, erbärmlich und -armselig -- diese ganze Stadtgesellschaft, Männer wie Frauen -- -erbärmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, dieses -prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschränktheit, dieser Klatsch -und diese Verleumdung. Am charakteristischsten aber ist es wohl, daß -auch der _Bauern_stand, von dem der Autor nur ganz kurz und bei -Gelegenheit handelte, in den »Toten Seelen« vorzüglich nach seiner -unansehnlichen und erbärmlichen Seite dargestellt ist. Der Bauer ist -weder schlecht noch tugendhaft, weder gut noch böse, sondern nur -armselig, beschränkt und stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen -Verstand, noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele -sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols Zeitgenossen -taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht machen, wie das wohl der -Satiriker getan hätte, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Sünden -und Laster unserer ärmeren und schwächeren Mitbrüder lenken will, um -sein Nachdenken und sein Interesse für sie zu wecken. - -Daß der Dichter ein herzliches Mitgefühl für diese seine Mitbrüder -hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein kurzer Einblick in die -Betrachtungen, die Tschitschikow über das Schicksal der von ihm -gekauften Bauern anstellt, genügt, um sich zu überzeugen, daß sich der -Dichter in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre Herrn nach -ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt hatten, in -lebhaften Farben ausmalte. Aber jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem -Wege einem Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hören außer dem -törichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel Minaj. In der ganzen -Dichtung findet sich auch nicht eine Seite, wo der russische Bauer etwas -von dem ihm angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spüren läßt, wo -er uns durch jene geistigen und seelischen Fähigkeiten erfreut, von -denen alle Freunde des Vaterlandes uns so oft und sicherlich nicht ohne -Grund zu erzählen wußten. - - - VII. - -Dies ist in seinen wesentlichen Zügen der Inhalt des _ersten_ noch -erhaltenen Teils dieser großen Vaterlandsdichtung. Wie wir sahen, hatte -dieses Werk für seinen Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen; -es war seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften und -erbärmlichen Menschen vorzuführen, um uns dann ein schönes Bild ihrer -Erhebung zu geben; diese Dichtung war in den Augen des Autors eine an -sein Vaterland gerichtete Verheißung, daß es sich einst von allem -Häßlichen und Schmutzigen reinigen und der göttlichen Liebe würdig -erweisen werde. Dieser ethische Sinn seines Werkes wurde Gogol durch -seine religiösen Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches, -mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, daß Gogol als Ankläger des -Lasters, der Schwäche, der Gemeinheit, der Trägheit und Indolenz, mit -einem Wort, aller nur möglichen persönlichen und sozialen Schäden, einer -der fortgeschrittensten russischen Männer gewesen ist, und dieses hohe -Verdienst um das Vaterland vermag ihm niemand zu entreißen oder zu -schmälern. - -Aber bei einer näheren Bekanntschaft mit seinen Werken überzeugt man -sich leicht, daß seine Kraft und sein Talent nicht allein in der Anklage -und Geißelung bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher, -milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wußte gegen dieselben Menschen -gerechte Nachsicht zu üben, die er in seinen Werken an den Pranger -stellte. Er fand Worte der Vergebung und Rechtfertigung noch für den -Lasterhaftesten, ja er liebte es eigentlich gar nicht, von Lastern zu -sprechen und zog es vor, sie Schwächen zu nennen, wobei er den Leser -stets zur Milde gegen die Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte. -Er brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit. Nicht -sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten und ihrer Sünden, als -vielmehr dadurch, daß er in ihnen das Mitleid für ihre Nächsten weckte, -die durch eigene oder fremde Schuld ins Unglück geraten waren. - -Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, die die -große Bedeutung der »Toten Seelen« für die Literatur und das Leben -Rußlands ausmachen. Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser -erlebte nichts von den kühnen Verheißungen des Dichters. Der Leser -behielt nichts in seiner Hand zurück, als eine große Anklageschrift -gegen die Gesellschaft, in der er lebte, eine Anklageschrift freilich, -die von der Hand eines Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines -großen realistischen Künstlers stammte. - -Die »Toten Seelen« sind das erste Muster eines großen realistischen -Romans in der Literatur Rußlands, und das Schicksal, das oft sein -ironisches Spiel mit den Menschen treibt, wollte es, daß dieses große -Vorbild eines realistischen Romans von einem Romantiker und von einem -Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn mit -einem romantischen Traum begann und sie mit einer religiösen Predigt -beschloß. - -Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares Talent in die Wiege -gelegt, er besaß wie kein anderer die Fähigkeit einer reinen, -ungeschminkten, von jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung --- und in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt -erreichte, um schnell und für immer zu erlöschen, erschuf der Dichter -dieses großartige Gemälde von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum -erstenmal sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde von -verblüffender Treue erblickte. - - Nestor Kotljarewski. - - - - - Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows - oder - Die Toten Seelen. - Erster Teil - - - Erstes Kapitel - -Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein -schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewöhnlich -Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D., -Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. -- mit -einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren -mittleren Ranges nennt. Im Wagen saß ein Herr von nicht gerade -überwältigender Schönheit, aber doch von angenehmem Äußeren; er war -weder allzu dick noch allzu dünn, man konnte nicht sagen, daß er alt -war, doch war er andererseits auch nicht übermäßig jung. Seine Ankunft -erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von -keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der -Türe der dem Gasthof gegenüberliegenden Schenke standen, machten ein -paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefährt, als auf den -Insassen bezogen. »Sieh dir mal das Rad an,« sagte der eine zum andern. -»Was meinst du? Würde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder -nicht?« -- »Gewiß,« antwortete der andere. »Aber bis Kasan wird es wohl -nicht halten, denk ich.« -- »Bis Kasan wohl kaum,« versetzte der andere. -Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe -hielt, ging noch ein junger Mann vorüber. Er trug kurze, sehr enge weiße -Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein -Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form -einer bronzenen Pistole schmückte. Der junge Mann drehte sich um, sah -sich den Wagen an, während er seine Mütze, die der Wind fortzublasen -drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege. - -Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder -Aufwärter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt, -empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, daß es ein Ding der -Unmöglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszügen zu gewinnen. -Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen, -ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock, -dessen Taille beinahe in der Höhe des Nackens saß, schüttelte seine -Mähne und führte den Herrn flink durch den langen hölzernen Flurgang, um -dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. -- Das Zimmer -war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der -bekannten Art, wie nämlich alle Gasthöfe in den Provinzstädten sind, wo -die Reisenden für zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit -Schwabenkäfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit -einer Kommode vor der Tür, die ins anstoßende Gemach führt, in dem der -Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber äußerst neugieriger Mann, -der sich aufs lebhafteste für den Reisenden und alle Einzelheiten seiner -Person interessiert. Die äußere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus -dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war -nicht geweißt und ließ noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen, -die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen -Witterungsumschläge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war -gelb angestrichen, wie überall. Unten waren Läden, wo Pferdegeschirr, -Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger -im Fenster des Ladens saß ein Sbitenverkäufer[1] mit einem Samowar aus -Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar, -sodaß man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster ständen -zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart -gehabt hätte. - -Während der Reisende sich noch sein Zimmer näher ansah, wurde sein -Gepäck hereingetragen. Zunächst ein etwas abgenutzter Koffer aus weißem -Leder, dem man es ansah, daß er nicht zum erstenmal eine Reise machte. -Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem -kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein -Bursche von etwa dreißig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock, -der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen -und mürrischen Eindruck und hatte große dicke Lippen und eine ebensolche -Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kästchen aus Mahagoni mit -eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar -Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues -Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher -Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte, -während sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete, -einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit -diesem einen merkwürdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm -eigentümlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit -allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf -hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges -dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer -Matratze ähnlich sah, flach und zusammengedrückt wie ein Pfannkuchen und -vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem -Gastwirte geben lassen. - -[Fußnote 1: Sbiten: ein Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern -oder Salbei, das von den niederen Klassen statt Tee getrunken wird.] - -Während die Diener mit der Einrichtung beschäftigt waren, begab sich der -Herr in den Salon des Gasthofes. Jeder Reisende weiß aus Erfahrung, wie -so ein Salon beschaffen zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe -gestrichenen Wände, die oben vom Rauche geschwärzt und tiefer unten wie -poliert sind durch die Rücken der Reisenden und mehr noch durch die der -einheimischen Kaufleute, die an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch -hierher kommen, um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe -rauchige Decke, derselbe geschwärzte Kronleuchter mit einer Unzahl -herabhängender Glaskristalle, die jedesmal herumhüpften und klirrten, -wenn der Kellner über den abgeriebenen Läufer von Wachstuch sprang und -dabei gewandt das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von Teetassen -ruhte, wie Vögel am Meeresstrande; dieselben Ölgemälde, die eine ganze -Wand einnahmen, mit einem Wort: es war alles wie überall, höchstens mit -dem Unterschied, daß auf einem der Bilder eine Nymphe mit so gewaltigen -Brüsten dargestellt war, wie sie der Leser noch nicht gesehen hat. -Übrigens begegnet man ähnlichen Naturspielen auf vielen historischen -Gemälden, von denen man nicht weiß, woher sie, wann sie und von wem sie -zu uns nach Rußland gebracht wurden; mitunter freilich waren es unsere -vornehmen Würdenträger und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf -Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr warf seine Mütze -hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes Halstuch ab, wie es -unsere Ehefrauen ihren Gatten eigenhändig zu häkeln pflegen, wobei sie -stets noch allerhand nützliche Lehren hinzufügen, wie das Tuch umgelegt -werden muß; wer sie dagegen den Hagestolzen anfertigt, das kann ich -nicht mit Bestimmtheit sagen, Gott weiß es, ich habe nie ein solches -Halstuch getragen. Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt hatte, -bestellte er sich ein Mittagessen. Während die verschiedenen Speisen, -die einem gewöhnlich in den Gasthöfen vorgesetzt werden, aufgetragen -wurden, als da sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Blätterteig, die -wochenlang für die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten werden, -ferner Hirn mit Schoten, Würstchen mit Kraut, eine gebratene Pularde, -eine saure Gurke und das unvermeidliche jederzeit vorrätige -Splittertörtchen; während also dies alles aufgetragen wurde, aufgewärmt -oder kalt, ließ er sich von dem Diener oder Kellner allerhand törichte -Geschichten erzählen: wer den Gasthof früher besessen habe, wer sein -jetziger Besitzer sei, wie groß die Einnahmen seien, ob der Herr ein -großer Hallunke sei usw., worauf der Kellner die gewohnte Antwort gab: -»Oh! ein großer Spitzbube! gnädiger Herr!« Wie in dem aufgeklärten -Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklärten Rußland eine Menge -höchst ehrenwerter Leute, die es nicht über sich bringen, in einem -Gasthaus zu speisen, ohne mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm -ihre Scherze zu treiben. Übrigens stellte der Ankömmling nicht nur -sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch ganz genau nach dem Gouverneur, -nach dem Gerichtspräsidenten und Staatsanwalt der Stadt -- mit einem -Wort: er überging auch nicht einen von den hohen Beamten; und mit fast -noch größerer Ausführlichkeit erkundigte er sich nach allen bedeutenden -Großgrundbesitzern der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von ihnen -habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar was er für einen -Charakter habe und wie oft er in die Stadt komme; er fragte genau nach -den Zuständen, die im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht -Krankheiten oder Epidemieen, wie tödlich verlaufende Fieber, Blattern u. -s. f. gegeben habe, und dies alles tat er mit einer Peinlichkeit und -Ausführlichkeit, die weit mehr als bloße Neugierde erkennen ließ. Im -Betragen des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte er -sich ungewöhnlich laut. Es läßt sich kaum sagen, wie er das machte, -jedenfalls tönte seine Nase dabei gleich einer Trompete. Aber dieser -scheinbar so harmlose und unbedeutende Vorzug eroberte ihm die -Hochachtung des Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm, -seine Mähne schüttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen Kopf etwas -von seiner Höhe herabsinken ließ und fragte: »Wünschen der Herr -vielleicht etwas?« Nach dem Essen trank der Herr eine Tasse Kaffee und -ließ sich auf dem Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rücken, -das in den russischen Gasthäusern statt mit weicher Wolle mit einem -Etwas gestopft wird, das die größte Ähnlichkeit mit Kieseln oder -Ziegelsteinen hat. Er begann zu gähnen und ließ sich in sein Zimmer -führen, wo er sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern. -Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des Kellners seinen -Stand, Vor- und Familiennamen auf einen Papierfetzen, damit diese, wie -sich's gehört, der Polizei mitgeteilt werden könnten. Als der Kellner -die Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen: -»Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, Gutsbesitzer, reist in -eigenen Angelegenheiten.« Während der Kellner den Zettel noch immer zu -entziffern suchte, verließ Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof, -um sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden Eindruck -auf ihn machte; denn er fand, daß sie sich durchaus mit jeder andern -Provinzhauptstadt messen konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das -bescheidene Dunkelgrau der hölzernen Häuser fielen besonders ins Auge. -Die Häuser hatten ein, zwei oder anderthalb Stockwerke, mit den -stereotypen Mansarden, die wohl nach der Ansicht der dortigen -Architekten besonders schön waren. Stellenweise schienen diese Häuser -wie verloren inmitten der Straße, die breit wie ein Feld war, und -zwischen den Bretterzäunen, die gar kein Ende nehmen wollten; an andern -Punkten dagegen stießen sie eng aneinander, und hier machte sich auch -mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie und da sah man vom Regen -verwaschene Schilder, auf denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein -Paar blaue Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte: -Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschäft, mit Mützen und Hüten -und einem Schild mit der Inschrift: »Der Ausländer Wassili Fjodorow.« -Auf einem dieser Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in -Fräcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gäste zu tragen -pflegen, die im letzten Akte auf der Bühne erscheinen. Die Spieler waren -in der Stellung dargestellt, wo sie mit den Queues gerade zum Stoße -ausholen, mit ein wenig zurückgezogenen Armen und gekrümmten Beinen, als -ob sie soeben einen Luftsprung gemacht hätten. Unter diesem Bilde befand -sich die Inschrift: »Hier ist eine Schenke!« Hie und da standen unter -freiem Himmel auf der Straße Tische mit Nüssen, Seife, und Honigkuchen, -die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter befand sich eine -Garküche, auf deren Aushängeschild ein mächtiger Fisch abgebildet war, -in dem eine Gabel steckte. Am häufigsten aber begegnete man den -zweiköpfigen schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die -lakonische Inschrift: »Ausschank« ersetzt sind. Das Pflaster war überall -ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen Blick in den städtischen -Garten, der aus ein paar dünnen Bäumchen bestand, welche offenbar sehr -schlecht fortkamen und unten von Pfählen gestützt wurden, die ein -Dreieck bildeten und mit grüner Ölfarbe angestrichen waren. Übrigens -hieß es von ihnen in den Zeitungen, obwohl sie kaum Schilfhöhe -erreichten, bei Beschreibung einer Illumination: »Dank der Fürsorge -unseres Zivilgouverneurs ward unsere Stadt durch einen Garten voller -breitkroniger, schattenreicher Bäume verschönt, die an heißen -Sommertagen angenehme Kühle spenden.« Weiterhin hieß es: »Es sei rührend -anzusehen, wie die Herzen der Bürger in überquellender Dankbarkeit -erzitterten und Tränenströme in warmer Anerkennung der Verdienste -unseres verehrten Stadtoberhauptes vergössen.« Der Herr erkundigte sich -bei einem Polizisten ausführlich nach dem kürzesten Wege zur Domkirche, -zu den Amtsgebäuden, zum Gouverneur und begab sich schließlich zum Fluß -hinab, der mitten durch die Stadt floß. -- Unterwegs riß er einen -Reklamezettel ab, der an einer Plakatsäule klebte, um ihn zu Hause in -Ruhe durchzulesen. Dann betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht -angenehmem Äußeren, die auf den Holzbrettern des Bürgersteiges an ihm -vorüberging, begleitet von einem Knaben in militärischem Aufputz, der -ein Bündel in der Hand trug. Und nachdem er noch manchmal einen Blick -auf das Ganze geworfen hatte, wie um sich die Örtlichkeit gründlich -einzuprägen, ging er nach Hause und stieg geradewegs die Treppe zu -seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, der ihn hierbei leicht -unterstützte. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, setzte er sich an -seinen Tisch, ließ sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der -Tasche und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein wenig -zukniff. Übrigens stand nicht viel Bemerkenswertes auf dem Zettel. Man -gab ein Drama von Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und ein -Fräulein Sjablowa die Kora spielten. Die übrigen Personen waren noch -unbedeutender. Trotzdem las er sämtliche Namen durch, bis auf die Preise -der Parterreplätze und erfuhr, daß der Zettel in der städtischen -Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er ihn um, um sich zu -überzeugen, ob nicht noch etwas auf der Rückseite stehe. Aber da er -nichts fand, rieb er sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und -legte ihn in das Kästchen, in dem er alles aufzubewahren pflegte, was -ihm unter die Finger kam. Ich glaube der Tag wurde mit einer Portion -kalten Kalbsbratens, einer Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem -festen Schlaf beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, ähnlich dem -Geknarr eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen Gegenden unseres -geräumigen russischen Vaterlandes auszudrücken pflegt. -- - -Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. Der Reisende stellte sich -allen Honoratioren der Stadt vor. Er machte dem Gouverneur einen -Achtungsbesuch, der, wie sich's herausstellte, ebenso wie Tschitschikow -weder dick noch dünn war, den Annenorden im Knopfloch trug und, wie man -sich erzählte, selbst Prätendent des Sternes war; im übrigen war er ein -gutmütiger alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tüllstickereien -versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, zum Staatsanwalt, -zum Gerichtspräsidenten, zum Polizeimeister, zum Branntweinpächter und -Direktor der staatlichen Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht, -all die Gewaltigen dieser Welt aufzuzählen; genug, unser Reisender -entwickelte eine lebhafte Geschäftigkeit im Besuchemachen: er ging sogar -zum Inspektor der Sanitätsverwaltung und zum Stadtbaumeister, um ihnen -seine Aufwartung zu machen. Und lange noch saß er in seinem Wagen, bei -sich erwägend, wem er wohl noch einen Besuch machen könne, aber leider -fand sich in der Stadt kein Beamter mehr, den er nicht schon beglückt -hätte. Im Gespräch mit den Machthabern verstand er es vorzüglich, einem -jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. Zum Gouverneur sagte er wie -beiläufig, wenn man in seine Provinz komme, glaube man sich im -Paradiese, die Wege seien herrlich, es sei einem, als führe man über -Samt; und er fügte hinzu, die Regierung, welche es verstände, weise -Männer auf verantwortungsvolle Stellen zu setzen, verdiente das höchste -Lob und die größte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas höchst -Schmeichelhaftes über die städtischen Polizisten und den Vizegouverneur -und den Gerichtspräsidenten, die erst Staatsräte waren, nannte er im -Gespräche zweimal wie im Versehen »Exzellenz«, was ihnen sichtlich -Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, daß der Gouverneur ihn -noch am selben Tage zu einer kleinen Abendgesellschaft in seinem Hause -einlud; auch von den übrigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen -zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder einer Tasse Tee. - -Über sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende offenbar. Und wenn -er etwas sagte, so waren es meist Gemeinplätze. Er drückte sich mit -einer auffallenden Bescheidenheit aus, und sein Gespräch bewegte sich in -diesen Fällen in Redewendungen aus der Büchersprache, wie etwa folgende: -er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf dieser Welt, nicht wert, daß -man sich viel um ihn kümmere. Er habe in seinem Leben schon viel -erfahren und durchgemacht, für die Wahrheit gelitten und sich viele -Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. Jetzt sehne er -sich nach Ruhe, und daher suche er sich endlich ein Plätzchen, wo er -ungestört leben könne. Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt für -seine erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Repräsentanten des -Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung auszusprechen. -Das war alles, was man in der Stadt über den Fremden in Erfahrung -bringen konnte, der nicht zögerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu -erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft nahmen gute -zwei Stunden in Anspruch, und hierbei legte der Reisende eine solche -peinliche Aufmerksamkeit für seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur -selten begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschläfchen ließ er sich -ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange Zeit beide Wangen -mit Seife, wobei er die Zunge von innen gegen die Backe drückte. Dann -nahm er dem Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete sein -rundliches Gesicht überall sorgfältig ab, indem er bei den Ohren anfing -und dem Diener zuvor zweimal gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er -vor den Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, riß sich zwei aus der -Nase hervorragende Härchen aus und stand gleich darauf in einem -preißelbeerfarbenen roten gesprenkelten Fracke da. Nachdem er so seine -Toilette vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr -durch die ungemein breiten Straßen, welche von dem spärlichen Lichte -beleuchtet wurden, das aus einigen Fenstern fiel. Das Haus des -Gouverneurs war indessen so glänzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor -dem Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei Gendarmen. Aus -der Ferne klangen die Rufe der Vorreiter herüber; mit einem Wort, es war -alles so, wie es sich gehörte. Als Tschitschikow den Saal betrat, mußte -er die Augen für einen Moment schließen, weil der blendende Glanz der -Lichter, der Lampen und Damentoiletten geradezu überwältigend war. Alles -war wie mit Licht übergossen. Schwarze Fräcke schwirrten einzeln und in -Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den Zuckerhut an einem heißen -Julitag, während ihn die Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen -Fenster in weiße leuchtende Stücke zerschlägt: alle Kinder umstehen sie -und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer arbeitsharten Hände, -welche den Hammer schwingen, während geflügelte Schwadronen von Fliegen -von einem leichten Winde emporgetragen, kühn herbeifliegen, als wären -sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit der Frau und das -Sonnenlicht, das ihr Auge blendet, zu nutze machend, die süßen -Leckerbissen hier vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren. -Gesättigt vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt leckere -Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa um zu naschen, -sondern bloß um sich zu zeigen, auf dem Zuckerhaufen herumzuspazieren, -eine an der anderen ihre Vorder- oder Hinterfüßchen zu wetzen und sie an -den Flügelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpfötchen -vorstreckend, sich das Köpfchen zu krauen und mit einer kühnen Wendung -davonzufliegen, um bald in neuen, zudringlichen Schwärmen -wiederzukehren. Tschitschikow fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der -Gouverneur ihn schon am Arme faßte und der Gouverneurin vorstellte. Auch -bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: er sagte der -Dame ein Kompliment, wie es sich für einen Mann in mittleren Jahren -schickt, dessen Rang und Titel weder sehr hoch noch sehr niedrig sind. -Als die tanzenden Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die -Wand drückten, stand er, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, da, und -betrachtete die Tänzer einige Minuten lang sehr aufmerksam. Viele von -den Damen waren sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, andre -dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in eine Provinzstadt gelangen -läßt. Die Herren zerfielen hier wie überall in zwei Kategorien: die -einen waren sehr dünn und hager und drehten sich beständig um die Damen -herum; unter diesen gab es einige, die man nicht leicht von Petersburger -Herren hätte unterscheiden können; sie hatten ebenso sorgfältig -gepflegte Backenbärte, und ihre Barttracht war ebenso wohl überlegt und -geschmackvoll, oder sie hatten einfach hübsche, glattrasierte Ovale, -nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen Platz, sprachen ebensogut -französisch und brachten die Damen genau so zum Lachen wie in -Petersburg. Die andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder -die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick waren, ohne doch -wiederum zu dünn zu sein. Diese waren ganz anders in ihrem Auftreten, -sie sahen weg, gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer aus, ob -nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo einen grünen Tisch für -das Whistspiel aufgestellt habe. Ihre Gesichter waren rund und -wohlgenährt, einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; sie -trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Büscheln, noch Locken, noch >_a la -Diable m'emporte_< (Hol mich der Teufel), wie die Franzosen es nennen. -Das Haar war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekämmt, wie -geleckt, und ihre Gesichtszüge waren rund und kräftig. Das waren die -geachteten Würdenträger der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es -besser, auf dieser Welt Geschäfte zu machen als die Dünnen. Die Dünnen -sind meist Beamte für besondere Aufträge oder werden bloß in den Listen -geführt und treiben sich müßig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu -Leichtes, Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen -nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege liegt, sie nehmen immer -die bedeutenden Stellungen ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so -sitzen sie fest und sicher, sodaß eher der Sitz unter ihnen kracht oder -sich biegt, als daß sie herunterfallen. Jeder äußere Glanz ist ihnen -verhaßt, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so gut, wie den Dünnen, -dafür sind ihre Schatullen voll, und es ruht der Segen Gottes auf ihnen. -Der Dünne hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht -verpfändet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe da -- -plötzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein Haus da, das er sich auf -den Namen der Frau erworben hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner -ein kleines Gut in der Nähe des Städtchens und ein Stück Land mit allem -Zubehör. Und schließlich quittiert der Dicke, nachdem er Gott und dem -Kaiser genug gedient und sich die allgemeine Achtung erworben hat, -seinen Dienst, verläßt die Stadt und wird Landwirt, ein prächtiger -russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt ruhig und -herrlich und in Freuden. Seine dünnen Erben aber bringen wiederum nach -guter russischer Sitte den ganzen väterlichen Besitz im Eilposttempo -durch. Es läßt sich nicht verheimlichen, daß unseren Tschitschikow -ähnliche Betrachtungen beschäftigten, während er sich die Gesellschaft -näher ansah, und die Folge hiervon war, daß er sich schließlich zu den -Dicken gesellte, wo er beinahe lauter bekannte Gesichter vorfand: da war -der Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, der ein -wenig mit dem linken Augenlid zuckte, wie wenn er sagen wollte: »kommen -Sie doch ins Nebenzimmer, ich möchte Ihnen etwas erzählen« -- übrigens -ein ernster und schweigsamer Mann. Da war der Postmeister, ein kleines -Männchen, aber ein Witzbold und Philosoph; ferner der Gerichtspräsident, -ein sehr verständiger und liebenswürdiger Herr -- sie alle begrüßten ihn -wie einen alten Bekannten, worauf Tschitschikow sich ein wenig linkisch, -aber doch nicht ohne Grazie verbeugte. Hier machte er auch die -Bekanntschaft eines sehr höflichen und freundlichen Herrn, eines -Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas plump aussehenden Herrn -Sabakewitsch, der ihm sofort auf den Fuß trat und »Bitte um -Entschuldigung« dazu sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte, -als Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der gleichen -höflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich an den grünen Tisch, und -blieb bis zum Abendessen sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung -hörte sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man nun endlich -an eine ernste Beschäftigung geht. Und obwohl der Postmeister sehr -redselig war, so erhielt doch auch _sein_ Gesicht einen nachdenklichen -Ausdruck, er bedeckte seine Oberlippe mit der unteren und verharrte -während des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn er eine Figur -ausspielte, dann schlug er mit der Hand kräftig auf den Tisch. War es -eine Dame, dann fügte er hinzu: »Raus, alte Popin!« War es dagegen ein -König, so rief er: »Raus mit dem Tambower Bauern!« Der Präsident aber -antwortete: »Dem geb ich's auf den Schnauzbart! Dem geb ich's auf den -Schnauzbart!« Zuweilen entschlüpften ihnen Ausdrücke, wie die folgenden, -während sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: »Ach was: Was nicht -is, is nicht, in solchen Fällen spielt man Schellen!« oder einfache -Ausrufe wie: »Herzen! Herzchen! Pikentia!« oder »Piekchen, Piekchen, -Pickelchen!« oder einfach »Pikkolo«. Lauter Namen, mit denen sie in -ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen pflegten. Nach Beendigung -eines jeden Spieles wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut -gestritten. Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am Streit, -aber er wußte das so geschickt zu machen, daß alle zwar sahen, daß er -auch mitstritt, doch aber immer liebenswürdig blieb. Er sagte niemals: -»Sie spielten ...« sondern stets: »Sie hatten die Güte ... zu spielen« -oder: »ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu stechen« u. s. w. Um seine -Gegner noch mehr zu gewinnen, reichte er ihnen jedesmal seine -emaillierte Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu sehen waren, -die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan hatte. Am meisten -interessierten unseren Reisenden die beiden Gutsbesitzer Manilow und -Sabakewitsch, von denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich -sogleich nach ihnen beim Präsidenten und beim Postmeister, die er -hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen Fragen, die er ihnen -vorlegte, ließen erkennen, daß der neue Gast nicht nur sehr wißbegierig, -sondern auch sehr gründlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung -zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen besäße, und in welcher -Verfassung sich ihre Güter befänden; erst hierauf fragte er auch nach -ihren Vor- und Zunamen. In ganz kurzer Zeit wußte er sie alle zu -bezaubern. Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten Jahren, mit -Augen süß, wie Zucker, die er beim Lachen stets zusammenkniff, war ganz -begeistert von ihm. Er drückte ihm lange die Hand und bat ihn inständig, -ihm doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande zu machen, und er -fügte hinzu, sein Gut wäre nur fünfzehn Werst vom Stadttor entfernt, -worauf Tschitschikow mit höflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem -Händedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen Aufforderung nicht -nur mit dem größten Vergnügen nachkommen, sondern halte es sogar für -seine heiligste Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: »Ich bitte -gleichfalls darum,« dabei machte er eine kleine Verbeugung und zog den -Fuß ein wenig an, der in einem Stiefel von so gewaltigen Dimensionen -steckte, daß man wohl vergeblich nach einem zweiten Fuß suchen würde, -der zu diesem Stiefel gepaßt hätte, besonders zu unserer Zeit, wo die -Recken und Ritter in Rußland im Aussterben begriffen sind. - -Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen und zu einer -Abendgesellschaft beim Polizeimeister geladen. Um drei Uhr, nach dem -Mittagessen setzte man sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte -bis zwei Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm auch -die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, eines sehr -gewandten Herrn von dreißig Jahren, der ihn nach drei bis vier Worten zu -duzen begann. Den Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow -gleichfalls und behandelte sie höchst familiär; aber als man sich -hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen anfing, gaben der -Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr genau auf die Stiche acht, die -er machte, und ließen keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den -nächsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtspräsidenten, der seine -Gäste, darunter zwei Damen, in einem etwas fettigen Schlafrock empfing. -Dann besuchte er eine Soirée beim Vizegouverneur, ein großes Diner beim -Branntweinpächter und ein _kleines_ Diner beim Staatsanwalt, das sich -übrigens neben dem großen wohl sehen lassen konnte; und endlich noch ein -Dejeuner nach der Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und -gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, er war kaum eine -Stunde zu Hause und kam nur in den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende -verstand es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte sich -überall als erfahrener Weltmann. Worauf auch die Rede kam, er wußte -immer ein passendes Wort einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so -wußte auch er etwas über die Pferdezucht zu sagen; sprach man von den -Vorzügen der Hunde, so machte er auch hierbei ein paar feine -Bemerkungen; unterhielt man sich über eine Untersuchung, die vom -Gerichtshof angestellt wurde, -- so ließ er merken, daß ihm auch die -gerichtlichen Kniffe nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom -Billardspiel -- so gab er sich auch beim Billardspiel keine Blöße; kam -das Gespräch auf die Tugend -- so konnte er auch sehr schön, und sogar -mit Tränen im Auge von der Tugend reden; oder kam man auf die -Branntweindestillation zu sprechen, auch über Branntweindestillation -wußte er Bescheid -- oder auf die Zollwächter und Zollbeamten -- er -sprach auch über diese, als ob er selbst Zollbeamter oder Zollwächter -gewesen wäre. Das Merkwürdigste dabei war, daß er bei alledem eine -gewisse Würde und Gesetztheit bewahrte, und immer ein feines und -vornehmes Betragen zeigte. Er sprach weder zu laut noch zu leise, -sondern ganz so, wie es sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite -man ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann vom -Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten waren hoch erfreut über die Ankunft -dieser neuen Erscheinung. Der Gouverneur erklärte ihn für einen -wohlgesinnten Mann -- der Staatsanwalt für einen tüchtigen Mann -- der -Gendarmerieoberst für einen gelehrten -- der Gerichtspräsident für einen -hochgebildeten und ehrenwerten -- der Polizeimeister für einen -ehrenwerten und liebenswürdigen Mann und die Frau des Polizeimeisters -für einen _sehr_ liebenswürdigen und galanten Mann. Ja selbst -Sabakewitsch, der selten gut über seine Mitmenschen redete, sprach, als -er spät abends aus der Stadt zurückkehrte, während er sich entkleidete -und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: »Schatz, ich war heute abend -beim Gouverneur und beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die -Bekanntschaft des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht -habe: ein äußerst angenehmer Herr!« Worauf seine Gemahlin »Hm« machte -und ihm einen leichten Fußtritt gab. - -Diese für unseren Gast so schmeichelhafte Meinung bildete und erhielt -sich so lange in der Stadt, bis eine seltsame Eigentümlichkeit des -Reisenden sowie eine Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der -Provinz auszudrücken pflegt, von der der Leser in Kürze Näheres erfahren -soll, nahezu die ganze Stadt aufs höchste in Staunen und Zweifel -versetzten. - - - Zweites Kapitel - -Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt, indem er -beständig die Diners und Abendgesellschaften besuchte und so, wie man zu -sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. Endlich -entschloß er sich, seine Besuche auch über die Stadtgrenze auszudehnen -und den beiden Gutsbesitzern, Manilow und Sabakewitsch, seinem -Versprechen gemäß seine Aufwartung zu machen. Mag sein, daß ihn hierzu -noch ein anderer triftigerer Grund veranlaßte, eine ernstere -Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch von alledem wird -der Leser schon nach und nach und an der richtigen Stelle etwas -erfahren, vorausgesetzt, daß er die Geduld hat, diese lange Erzählung -durchzulesen, die sich in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und -freier entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nähert, welches unser -Werk krönen soll. Der Kutscher Seliphan empfing die Weisung, die Pferde -in aller Frühe vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka -aber erhielt den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer nebst dem -Koffer zu bewachen. Es wird für den Leser nicht überflüssig sein, die -Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen unseres Helden zu machen. Obwohl -beide zwar nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persönlichkeiten, -sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder sogar dritten Ranges -sind, und obgleich die bedeutendsten Vorgänge und die Federn dieser -Dichtung eben nicht auf ihnen ruhen, und sie höchstens einmal berühren -oder leichthin streifen; -- der Verfasser liebt es nun einmal so sehr, -in allen Dingen möglichst gründlich und ausführlich zu sein, und so -möchte er auch hier, trotzdem er selbst ein sehr guter Russe ist, genau -und peinlich verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht viel -Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht mehr viel zu dem -hinzuzufügen bleibt, was der Leser schon weiß, wie z. B. dies, daß -Petruschka einen etwas weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn -gehört hatte, und daß er wie alle Leute seines Schlages eine große Nase -und dicke Lippen hatte. Er neigte eher zur Schweigsamkeit als zur -Geschwätzigkeit und war sogar von einem hohen Trieb zur Bildung d. h. -zur Lektüre beseelt, worin er sich nicht irre machen ließ, auch wenn er -den Inhalt der Bücher nicht verstehen konnte: es war ihm vollkommen -gleichgültig, was er las, ob es nun »Die Abenteuer eines verliebten -Ritters,« eine einfache Fibel oder ein Gebetbuch war, -- er las alles -mit der gleichen Aufmerksamkeit; hätte man ihm ein chemisches Lehrbuch -in die Hand gegeben, -- er hätte auch dieses nicht verschmäht. Ihn -freute nicht das, _was_ er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger -der Prozeß des Lesens, daß sich nämlich aus den Buchstaben stets irgend -ein Wort bildete, dessen Bedeutung freilich mitunter nur der Teufel -selbst enträtseln mochte. Diese Lektüre wurde gewöhnlich im Vorzimmer in -liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze vorgenommen, die -infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrückt und dünn wie ein -Pfannkuchen war. Außer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die -zwei weitere Charakterzüge seiner Person bildeten: er liebte es zu -schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging und stand, in dem -bekannten Rock, und ferner schleppte er immer eine eigene Atmosphäre, -jenen ihm eigentümlichen Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft -eines Wohnzimmers erinnerte, so daß er nur irgendwo sein Bett -aufzustellen und seinen Mantel und seine Habseligkeiten mitzubringen -brauchte, um sofort den Eindruck zu erwecken, daß dieses Zimmer seit -zehn Jahren von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang noch niemand -darin gewohnt hatte. Tschitschikow, ein sehr empfindlicher Herr, der -leicht Ekel empfand, rümpfte gewöhnlich die Nase, wenn er morgens -gleichsam auf nüchternen Magen mit dem ersten Atemzuge diese Luft -einzog, schüttelte den Kopf und murmelte: »Hol' dich der Teufel, Kerl! -Du schwitzt wohl? Geh doch einmal ins Bad!« Worauf Petruschka gar nichts -erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; er nahm wohl die -Bürste, um den an der Wand hängenden Frack seines Herrn auszubürsten, -oder er begann einfach die Stube aufzuräumen. Woran dachte er wohl, -während er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: »Du bist -mir auch der Rechte! Bist du's noch immer nicht satt, vierzigmal ein und -dasselbe zu wiederholen ...« Gott mag es wissen, es ist schwer zu -erraten, was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn sein Herr ihm -gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, was sich zunächst über Petruschka -sagen läßt. Der Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... Aber -der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser so lange mit Leuten der -unteren Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung weiß, wie ungern sie -die Bekanntschaft der niederen Stände machen. So ist nun einmal der -Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft von Leuten -zu machen, ja mit ihnen familiär zu werden, die auch nur um _einen_ Rang -höher stehen als er, und der Gruß eines Grafen oder Fürsten gilt ihm -mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor macht sich sogar einige -Sorgen, weil sein Held nur Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch -allenfalls dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche -bereits den Rang eines Generals erreicht haben -- werden am Ende gar, -was Gott verhüte, einen jener verächtlichen Blicke auf ihn werfen, wie -sie der Mensch stolz auf alles wirft, was ihm zu Füßen einherkreucht, -oder werden was noch schlimmer wäre, mit einer Nichtachtung an ihm -vorbeigehen, die für den Autor tödlich wäre. Doch so betrübend beides -auch sein mag, wir müssen dennoch zu unserem Helden zurückkehren. -Nachdem er also noch am Abend sämtliche notwendigen Anordnungen -getroffen hatte, erwachte er in aller Frühe, wusch sich, rieb sich vom -Kopf bis zu den Füßen mit einem nassen Schwamm ab, was er nur des -Sonntags zu tun pflegte -- doch traf es sich gerade so, daß der Tag ein -Sonntag war --, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an Glanz und -Glätte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten gesprenkelten -preißelbeerfarbenen Frack und darüber einen mit Bärenfell gefütterten -Pelzmantel an und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner unter -dem Arm faßte und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite -unterstützte. Er bestieg den Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des -Gasthofes auf die Straße hinaus rollte. Ein vorübergehender Pope lüftete -seinen Hut und grüßte; ein paar Straßenjungen in schmutzigen Hemden -streckten ihre Hand aus und murmelten: »Lieber Herr, eine Gabe für uns -arme Waisen!« Als der Kutscher bemerkte, daß der eine nicht übel Lust -hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er ihm eins mit der -Peitsche und der Wagen polterte weiter über die Steine. Man war nicht -wenig erfreut, als man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum -erblickte, der anzeigte, daß die Qualen des holperigen Pflasters und -noch manche andere bald überstanden seien. Und nachdem Tschitschikow -noch ein paarmal gegen den Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen -jetzt auf ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt hinter ihnen, -da bot sich ihnen die bekannte Aussicht mit ihren Geschmacklosigkeiten -und Langweiligkeiten zu beiden Seiten der Landstraße: kleine mit Moos -bewachsene Erdhügel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dünne -Fichtenstämme, angekohlte Baumstämme, wildes Heidekraut und ähnliches -Zeug. Hie und da begegnete man schnurgerade angelegten Dörfern, deren -Häuser in ihrer Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Hütten waren -mit grauen Dächern gedeckt und mit hölzernem Schnitzwerk verziert, das -die Form eines gestärkten Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein -paar Bauern saßen wie gewöhnlich in Schafpelzen auf den Bänken vor der -Tür. Die Bäuerinnen mit dicken Gesichtern und eingeschnürten Brüsten -sahen aus den oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte -ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit -einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem sie fünfzehn Werst zurückgelegt -hatten, erinnerte sich Tschitschikow, daß nach Manilows Beschreibung -sein Gut nicht mehr fern sein könne; aber auch der sechzehnte -Streckenpfosten flog vorüber, ohne daß etwas von dem Gute zu entdecken -gewesen wäre. Und wenn sie nicht zufällig zwei Bauern begegnet wären, -wäre es ihnen sicher nicht geglückt, das Gut zu erreichen. Auf die -Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, nahmen die Bauern die -Mützen ab, und der eine von ihnen, der etwas klüger zu sein schien und -einen Spitzbart trug, antwortete: »Vielleicht meinen Sie Manilowka und -nicht Samanilowka?« -- - -»Nun ja, Manilowka« -- - -»Manilowka! Wenn du noch eine Werst fährst, dann bist du da, d. h. dann -liegt es gerade rechts.« -- - -»Rechts?« sagte der Kutscher. - -»Rechts,« sagte der Bauer. »Das ist der Weg nach Manilowka. Ein -Samanilowka gibt es überhaupt nicht. Es heißt so, d. h. sein Name ist -Manilowka. Ein Samanilowka aber existiert hier nicht. Da gerad auf dem -Berge wirst du ein steinernes, zweistöckiges Haus erblicken. Das ist das -Herrenhaus. Da wohnt nämlich der Herr selbst. Und das ist Manilowka. Ein -Samanilowka gibt es hier garnicht und hat es hier nicht gegeben.« - -Man machte sich also auf, Manilowka zu suchen. Nachdem sie noch zwei -Werst gefahren waren, kamen sie an einem Feldweg vorüber. Dann fuhren -sie noch zwei, drei oder sogar vier Werst; aber das zweistöckige, -steinerne Haus war noch immer nicht zu sehen. Hier erinnerte sich -Tschitschikow, daß, wenn uns ein Freund auf ein Landgut einlädt, das -fünfzehn Werst entfernt ist, die Entfernung dann sicherlich dreißig -Werst beträgt. Die Lage des Dorfes Manilowka hatte gewiß wenig -Verlockendes. Das Herrenhaus stand einsam auf einer Anhöhe und war jedem -Winde ausgesetzt, dem es einfiel, zu blasen. Der Abhang des Berges, auf -dem es stand, war mit schön geschorenem Rasen bedeckt. Hie und da -standen Bosquets nach englischer Manier aus Flieder und gelben Akazien. -Fünf bis sechs Birken streckten stellenweise in kleinen Gruppen ihre -dünnbelaubten, schmächtigen Wipfel empor. Unter zweien von ihnen befand -sich eine Laube mit einer flachen grünen Kuppel auf blauen, hölzernen -Säulen, welche die Inschrift trug: »Tempel einsamer Betrachtungen«; -etwas weiter unten lag ein Teich ganz im Grünen, was übrigens in den -englischen Gärten der russischen Gutsbesitzer keine Seltenheit ist. Am -Fuße dieser Anhöhe und teilweise auch längs des Abhanges schimmerten -überall kleine Blockhäuser, welche unser Held aus irgend einem Grunde -sofort zu zählen begann und deren er mehr als zweihundert zählte. Sie -standen ganz nackt da, nirgends erblickte man ein Bäumchen oder etwas -frisches Grün. Nichts wie die kahlen Balken starrten einen an. Die -Landschaft wurde durch zwei Bauersfrauen belebt, welche mit malerisch -aufgesteckten und aufgepolsterten Kleidern bis an die Knie im Teich -wateten und an zwei Stöcken ein zerrissenes Netz hinter sich her -schleiften, in dem sich zwei Krebse und eine silbern schimmernde Forelle -gefangen hatten. Die Weiber schienen sich veruneinigt zu haben und -traktierten einander mit Schimpfworten. Etwas abseits in der Ferne -schimmerte ein Fichtenwald in melancholischem Blau. Auch das Wetter -entsprach ganz der Stimmung, der Tag war weder klar noch trübe, sondern -zeigte eine Art hellgraue Färbung, wie man sie nur an den alten -Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, dieses zwar recht -friedlichen, aber besonders an Sonntagen recht unmäßigen Truppenteils. -Zur Vervollständigung des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, der die -Rolle eines Wetterpropheten spielte und jeden Witterungsumschlag -vorausverkündigte. Und obwohl sein Kopf von den Schnäbeln anderer Hähne -wegen gewisser Liebeshändel vollkommen bis auf die Hirnschale zerhackt -war, krähte er noch immer aus vollem Halse und schlug sogar noch mit den -Flügeln, die zerfetzt und zerzupft waren, wie ein Paar alte zertretene -Matten. Als Tschitschikow sich dem Tore näherte, bemerkte er den -Hausherrn, der in einem grünen Rock von Wolle auf der Freitreppe stand -und die Hände wie einen Schirm über die Augen hielt, um den -heranrollenden Wagen besser betrachten zu können. In dem Maße, als der -Wagen sich dem Hause näherte, wurden seine Augen munterer und -verbreitete sich ein Lächeln über sein Gesicht. - -»Pawel Iwanowitsch!« rief er schließlich aus, während Tschitschikow aus -dem Wagen stieg. »Endlich haben Sie sich doch an uns erinnert!« - -Die beiden Freunde küßten sich sehr herzlich, und Manilow führte seinen -Freund ins Zimmer. Obwohl die Zeit, während der sie den Flur, das -Vorzimmer und den Speisesaal durchschreiten, nur sehr kurz ist, wollen -wir doch zusehen, ob es uns nicht gelingt, sie uns zunutze zu machen, um -ein paar Worte über den Hausherrn zu sagen. Hier aber muß der Autor -leider gestehen, daß ein solches Unternehmen seine großen -Schwierigkeiten hat. Es ist weit leichter einen Charakter von einer -gewissen Größe zu schildern. Da braucht man die Farben nur so mit der -Hand auf die Leinewand zu werfen -- schwarze flammende Augen, dicke -buschige Augenbrauen, die große Stirnfalte, der schwarze oder feuerrote -Mantel kühn über die Schulter geworfen -- und das Porträt ist fertig; -aber all diese Herrschaften, deren es so viele auf der Welt gibt, die -sich äußerlich so sehr ähnlich sehen, und doch bei näherem Studium -und Anblick eine ganze Reihe äußerst feiner, kaum faßbarer -Eigentümlichkeiten aufweisen -- diese Leute sind äußerst schwer zu -porträtieren. Da muß man seine Aufmerksamkeit bis aufs Äußerste -anspannen, ehe es einem gelingt, all die feinen, fast verschwindenden -Züge hervortreten zu lassen, und es wird überhaupt nötig, den durch die -Menschenkenntnis geschärften Blick bis tief auf den Grund der -Menschenseele hinabzusenken. - -Nur Gott allein hätte vielleicht sagen können, was Manilow für einen -Charakter hatte. Es gibt eine Gattung von Menschen, die man -folgendermaßen zu bezeichnen pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht -dies noch das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land Seliphan, -wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht könnte man Manilow zu -_ihnen_ zählen. Äußerlich machte er einen recht stattlichen Eindruck; -seine Züge waren nicht unliebenswürdig, aber diese Liebenswürdigkeit war -zu stark mit einer gewissen Süßigkeit versetzt; in seinem Betragen und -Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, Vertrauen und Zuneigung -zu erwerben. Er lächelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue -Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, hätte ein jeder im ersten -Augenblick ausgerufen: »Welch ein angenehmer und freundlicher Mensch!« -Im darauffolgenden Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen -Augenblick später denkt man sich: >Pfui Teufel!< und macht, daß man -fortkommt; oder wenn man ihm nicht entfliehen kann, fühlt man eine -geradezu tödliche Langeweile. Nie hörte man ein lebhaftes oder -anmaßendes Wort von ihm, wie man es von jedem hören kann, wenn man einen -Gegenstand berührt, der ihm am Herzen liegt. Jeder hat sein -Steckenpferd: bei dem einen sind es die Windhunde; dem anderen kommt es -so vor, als ob er ein großer Musikliebhaber sei, und die ganzen Tiefen -dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich auf ein feudales -Mittagessen; ein vierter bemüht sich eine Rolle zu spielen, die um -wenigstens einen Zoll höher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein -fünfter, dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schläft und träumt -davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an Seite mit einem -Flügeladjutanten stolz vor allen Menschen, vor seinen Freunden und -Bekannten, ja sogar vor denen die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein -sechster hat eine so kräftige Hand, daß ihm der unnatürliche Wunsch -kommt, einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen kleinen -Hieb zu versetzen, während die Hand des Siebenten sich durchaus nicht -enthalten kann, überall Ordnung zu stiften und sich an die Herrn -Stationschefs oder die Postillons heranzumachen -- mit einem Wort, ein -jeder hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte nichts -derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte nur nach und -philosophierte, worüber er aber nachdachte, das weiß wohl auch nur Gott -allein. Man konnte auch nicht sagen, daß er sich mit der Landwirtschaft -beschäftigte, denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging alles wie von -selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: »Gnädiger Herr, -es wäre doch gut, wenn wir es so und so machten,« dann antwortete er -gewöhnlich »Ja, ja, gar nicht übel!« während er ruhig seine Pfeife -weiter rauchte, eine Gewohnheit, die er noch zur Zeit seines Dienstes in -der Armee angenommen hatte, wo er für einen der bescheidensten und -höflichsten Offiziere gehalten wurde. »Ja, ja, durchaus nicht übel!« -wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm kam, sich hinterm Ohr kratzte und -sprach: »Gnädiger Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir das -Geld für die Steuern zu verdienen,« dann sagte er: »Geh nur!« und fuhr -fort, seine Pfeife zu rauchen, wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam, -daß der Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen betrachtete -er von der Flurtreppe aus seinen Hof und seinen Teich, dann verbreitete -er sich wohl darüber, wie schön es doch wäre, wenn man vom Hause aus -einen unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brücke über den -Teich bauen könnte, zu dessen beiden Seiten Buden lägen, wo Kaufleute -allerhand Waren, die die Bauern brauchten, feilböten. Hierbei hatten -seine Augen etwas ungemein Süßes und sein Gesicht nahm einen äußerst -zufriedenen Ausdruck an. Übrigens blieb es trotz aller Projekte stets -nur bei den Worten. In seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem -Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche las er -beständig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte es immer an etwas; im -Salon standen prachtvolle Möbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen -und sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff hatte -wohl für die letzten zwei Lehnstühle nicht gereicht, denn sie standen -noch immer so da, bloß mit Sackleinwand überspannt; übrigens warnte der -Hausherr seine Gäste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich auf -einen der Stühle niederzulassen und sagte: »Setzen Sie sich nicht auf -diese Stühle, sie sind noch nicht fertig.« In einzelnen Zimmern standen -überhaupt keine Möbel, obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu -seiner Frau gesagt hatte: »Herz, wir müssen morgen dafür sorgen, daß wir -uns wenigstens für die erste Zeit Möbel kommen lassen.« Abends wurde ein -höchst eleganter Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken -Grazien und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt, -neben ihm aber stand irgend ein gewöhnlicher kupferner, hinkender, -verbogener, und ganz mit Talg bedeckter Invalide, und weder der Hausherr -noch die Hausfrau, noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken. -Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit einander zufrieden. -Trotzdem sie schon mehr als acht Jahre miteinander verheiratet waren, -schenkten sie sich noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nüsse und -sprachen mit einer rührend zärtlichen Stimme, welche von inniger Liebe -zeugte: »Mach doch dein Mündchen auf, Herzchen, ich will dir dies -Stückchen hineinstecken.« Es versteht sich von selbst, daß sich das -Mündchen in solchen Fällen äußerst graziös öffnete. Zum Geburtstag -bereitete man sich allerhand Überraschungen -- man schenkte sich z. B. -ein Perlenfutteral für die Zahnbürste usw. Und es geschah gar nicht -selten, daß, während sie beide auf dem Sofa saßen, ohne besonderen Grund -_er_ seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken ließ, die sie bis dahin in -der Hand hatten, um sich einen langen schmachtenden Kuß auf die Lippen -zu drücken, währenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre hätte -ausrauchen können. Mit einem Worte, sie waren das, was man glücklich -nennt. Man könnte freilich einwenden, es gäbe im Hause noch manches -andre zu tun, als sich lange Küsse zu geben und Überraschungen zu -bereiten, man könnte überhaupt noch vieles andre einwenden. Warum wurden -z. B. die Speisen so schlecht und so töricht zubereitet? Warum waren die -Vorratskammern so leer? Warum stahl die Haushälterin? Warum waren die -Diener immer so unsauber und betrunken? Warum schliefen die Knechte -beständig oder lungerten müßig herum? Aber dies alles sind gemeine -Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter Erziehung. Wie bekannt -wird die gute Erziehung in Pensionaten erworben, und in diesen -Pensionaten gibt es, wie jedermann weiß, drei Gegenstände, die die -Grundlage aller menschlichen Tugend ausmachen: die französische Sprache, -deren man für das häusliche Glück der Familie bedarf: das Klavierspiel, -das dazu dient, dem Gatten ein Paar angenehme Stunden zu bereiten, und -schließlich der eigentlich wirtschaftliche Teil: das Häkeln von -Geldbeuteln und ähnlichen Überraschungen. Übrigens gibt es mancherlei -Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, besonders in -neuerer Zeit: es hängt eben alles von der Verständigkeit und der -Fähigkeit der Pensionsvorsteherin ab. In gewissen Pensionaten ist es so, -daß zuerst das Klavier, dann die französische Sprache und erst zuletzt -der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter aber ist es auch gerade -umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche Teil: das Häkeln von kleinen -Geschenken usw., dann erst die französische Sprache und endlich das -Klavierspiel. Die Methoden sind eben verschieden. Doch hier wäre es am -Platze, noch die Bemerkung zu machen, daß Frau Manilow .... allein, ich -muß gestehen, daß ich mich ein wenig fürchte, über die Damen zu reden, -und außerdem ist es längst Zeit, daß ich zu unseren Helden zurückkehre, -die schon seit einigen Minuten vor der Türe des Salons stehen und sich -gegenseitig bitten, doch voranzugehen. - -»Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstände, bitte nach -Ihnen,« sagte Tschitschikow. - -»Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein Gast,« antwortete Manilow -und zeigte mit der Hand auf die Tür. - -»Aber ich bitte, bemühen Sie sich doch nicht, nein, bitte bemühen Sie -sich nicht; bitte gehen Sie doch voran,« sagte Tschitschikow. - -»Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es nicht zugeben, daß mein -Gast, ein so liebenswürdiger und feingebildeter Herr, nach mir -eintrete.« - -»Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran!« - -»Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein.« - -»Warum denn nur?« - -»Nun, so!« sagte Manilow mit einem freundlichen Lächeln. Endlich -zwängten sich beide Freunde seitwärts durch die Tür, wobei einer den -andern leicht zusammendrückte. - -»Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle,« sagte Manilow. -»Herzchen! Dies ist Pawel Iwanowitsch.« - -Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht bemerkt hatte, -während er und Manilow sich in das Zimmer hineinkomplimentierten. Sie -war ziemlich hübsch und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand. -Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der ihr sehr gut saß; -die kleine schmale Hand ließ schnell etwas auf den Tisch fallen und -preßte ein Battisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob -sie sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow küßte ihr -nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Hand. Frau Manilow sagte mit ihrer -etwas gaumigen Aussprache zu ihm, er habe ihnen eine große Freude mit -seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, daß ihr Mann sich -seiner nicht erinnere. - -»Ja!« murmelte Manilow, »meine Frau hat mich oft gefragt: >Warum kommt -denn dein Freund nicht?< Ich aber antwortete: >Warte nur, er wird schon -kommen!< Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem Besuche -beehrt. Sie haben uns wirklich einen großen Genuß bereitet -- es ist wie -ein Maitag, wie ein Fest des Herzens.« ... - -Als Tschitschikow vernahm, daß schon von Festen des Herzens die Rede -war, wurde er ein wenig verlegen und versetzte, er sei weder ein Mann -von berühmtem Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel. - -»Sie besitzen alles,« unterbrach ihn Manilow mit demselben einnehmenden -Lächeln, »Sie besitzen alles und sogar noch mehr!« - -»Wie haben Sie unsere Stadt gefunden?« fragte jetzt Frau Manilow. »Haben -Sie Ihre Zeit angenehm verbracht?« - -»Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt!« versetzte -Tschitschikow, »ich habe dort wunderschöne Stunden verlebt; die -Gesellschaft ist äußerst liebenswürdig und zuvorkommend!« - -»Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen?« fragte Frau Manilow -weiter. - -»Nicht wahr? ein äußerst ehrenwerter und liebenswürdiger Mann?« fügte -Manilow hinzu. - -»Sehr richtig,« sagte Tschitschikow, »ein höchst ehrenwerter Mann! Und -wie vortrefflich er seine Stellung ausfüllt, welches Verständnis er für -sie hat! Es wäre zu wünschen, wir hätten mehr solche Menschen!« - -»Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und in all seinen -Handlungen den richtigen Takt zu wahren,« fuhr Manilow lächelnd fort, -und dabei kniff er vor Vergnügen die Augen zusammen wie ein Kater, den -man sanft hinter den Ohren krabbelt. - -»Ein ungemein liebenswürdiger und höflicher Mann!« sagte Tschitschikow, -»und welch ein Künstler! Ich hätte mir gar nicht vorstellen können, daß -er so reizende Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir eine -Börse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet selten Damen, -die so schön sticken.« - -»Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! nicht wahr?« bemerkte -Manilow und kniff die Augen wieder zusammen. - -»Eine äußerst würdige und hochachtbare Persönlichkeit!« versetzte -Tschitschikow. - -»Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen der Polizeimeister -gefallen? Auch ein sehr liebenswürdiger Herr? Nicht wahr?« - -»Oh, ein äußerst liebenswürdiger Herr! Und wie klug und belesen er ist! -Ich habe zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten bis -zum frühen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein würdiger -Herr!« - -»Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters?« fragte hier -Frau Manilow. »Finden Sie nicht auch, daß es eine äußerst liebenswürdige -Dame ist?« - -»Oh, das ist eine der würdigsten und achtbarsten Damen, die ich kennen -gelernt habe!« erwiderte Tschitschikow. - -Auch der Gerichtspräsident und der Postmeister wurden nicht vergessen; -so nahm man allmählich wohl sämtliche Beamten der Stadt durch, und es -zeigte sich, daß es lauter höchst ehrenwerte Männer waren. - -»Leben Sie immer auf dem Lande?« fragte endlich Tschitschikow. - -»Den größten Teil des Jahres!« antwortete Manilow. »Wir fahren auch wohl -hin und wieder in die Stadt, um mit gebildeten Menschen zusammen zu -sein. Man verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gänzlich vor der -Welt verschließt.« - -»Sehr wahr, sehr richtig!« versetzte Tschitschikow. - -»Es wäre ja natürlich etwas andres,« fuhr Manilow fort, »wenn man -angenehme Nachbarn, wenn man z. B. einen Menschen hätte, mit dem man -sich sozusagen aussprechen, über die guten Manieren und feinen -Umgangsformen unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben könnte, -- -wissen Sie, so was fürs Herz, was einen über sich selbst hinaushebt ...« -Er wollte noch etwas hinzufügen, da er aber merkte, daß er sich ein -wenig vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die Luft und -sagte: »Dann hätten natürlich das Land und die Einsamkeit viele -Annehmlichkeiten. Aber ich habe tatsächlich niemanden. Höchstens liest -man einmal den »Sohn des Vaterlandes«. - -Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden und fügte hinzu, es -könne in der Tat gar nichts Schöneres geben, als ganz für sich allein zu -leben, den herrlichen Anblick der Natur zu genießen und nur hin und -wieder ein Buch zu lesen ... - -»Aber wissen Sie,« versetzte Manilow, »wenn man keinen Freund hat, dem -man sich mitteilen kann ...« - -»Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig!« unterbrach ihn -Tschitschikow, »was könnten uns denn alle Schätze der Welt helfen? ->_Gute Freunde sind besser als alle Reichtümer der Erde_< hat einmal ein -weiser Mann gesagt.« - -»Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte Manilow und machte dabei ein -freundliches oder vielmehr unangenehm süßliches Gesicht, gleich einer -Mixtur, die der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten einen -besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel Syrup versetzt hat, »dann -spürt man einen ganz besonderen, sozusagen -- geistigen Genuß ... Wie -zum Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glück, ich möchte -sagen, das seltene, ungetrübte Glück verschaffte, mich mit Ihnen -unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft genießen zu können ...« - -»Nein, ich muß doch bitten, was für eine angenehme Gesellschaft? ... Ich -bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts,« erwiderte -Tschitschikow. - -»Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz aufrichtig sein! Ich würde -mit Freuden die Hälfte meines Vermögens hingeben, um nur einen Teil -Ihrer großen Vorzüge zu besitzen!« - -»Im Gegenteil, ich hätte vielmehr allen Anlaß, mich zu freuen ...« - -Es läßt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige Gefühlserguß der beiden -Freunde geendigt hätte, wenn nicht der Diener eingetreten wäre, um zu -melden, das Essen sei aufgetragen. - -»Darf ich bitten,« sagte Manilow. - -»Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht mit einem Mittagessen -aufwarten können, wie Sie es wohl in den Hauptstädten und in vornehmen -Häusern gewohnt sind: bei uns ist's nur einfach, nach russischer Sitte, -nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von Herzen. Bitte seien Sie so -freundlich.« - -Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer zuerst eintreten -solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu entschloß und sich seitwärts -durch die Tür drückte. - -Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows Söhne; sie befanden sich -in dem Alter, wo man die Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch -auf hohen Stühlen sitzen läßt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, der -sich höflich lächelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die -Suppenterrine; der Gast mußte zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau -Platz nehmen, der Diener band den Kindern die Servietten vor. - -»Was für reizende Knaben!« sagte Tschitschikow mit einem Blick auf die -Kinder. »Wie alt sind sie?« - -»Der ältere ist sieben Jahre, der jüngere ist gestern sechs Jahre alt -geworden,« erklärte Frau Manilow. - -»Themistokljus!« sagte Manilow und wandte sich an den älteren, der sein -Kinn unter der Serviette hervorzuziehen suchte, die ihm der Diener -vorgebunden hatte. Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Höhe, -als er diesen halbgriechischen Namen hörte, dem Manilow aus einem -unbekannten Grunde die Endung _jus_ gegeben hatte; aber er beeilte sich, -seinem Gesicht sofort wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen. - -»Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schönste Stadt in -Frankreich?« - -Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistokljus, -als wolle er ihm in die Augen springen, aber schließlich beruhigte er -sich wieder und nickte nur mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete: -»Paris.« - -»Und welches ist bei uns die schönste Stadt?« fragte Manilow wieder. - -Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben. - -»Petersburg!« antwortete Themistokljus. - -»Und weiter?« - -»Moskau,« sagte Themistokljus. - -»Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge!« sagte Tschitschikow. »Sagen sie -bloß ...,« fuhr er fort, indem er sich mit dem Ausdruck höchsten -Erstaunens an Manilow wandte. »So jung und schon ein solches Wissen. Ich -muß Ihnen gestehen, dieses Kind hat außerordentliche Fähigkeiten!« - -»Oh, Sie kennen ihn noch nicht!« erwiderte Manilow, »er ist ungemein -scharfsinnig. Bei dem Jüngeren, Alcid, geht es nicht so schnell, dieser -dagegen ... wenn der irgend etwas bemerkt, einen Käfer oder ein -Würmchen, da blitzen seine Augen nur so, gleich läuft er hin und merkt -sich's. Ich will ihn die diplomatische Karriere ergreifen lassen. -Themistokljus!« fuhr er fort, indem er sich wieder an den Knaben wandte, -»willst du Gesandter werden?« - -»Ja« antwortete Themistokljus, während er an seinem Brot kaute und mit -dem Kopfe hin und her wackelte. - -Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende Diener dem Gesandten -die Nase ab, und das war nötig, sonst wäre ihm ein großer, recht -überflüssiger Tropfen in die Suppe gefallen. Das Gespräch wandte sich -jetzt den Genüssen des stillen und zurückgezogenen Landlebens zu und -wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau über das Stadttheater -und die Schauspieler unterbrochen. Der Lehrer beobachtete die -Sprechenden mit gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, daß -sie ihre Gesichter zu einem Lächeln verzogen, machte er seinen Mund weit -auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich hatte er ein dankbares Gemüt -und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise für die gute Behandlung -erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste Miene und klopfte -streng auf den Tisch, wobei er seinen Blick auf die ihm -gegenübersitzenden Kinder richtete. Und das hatte seinen guten Grund, -denn Themistokljus hatte den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen -zusammenkniff, den Mund weit öffnete und in ein klägliches Geschrei -ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, daß er dadurch um die süße -Speise kommen würde, brachte er den Mund wieder in seine frühere -Stellung und begann an seiner Hammelkeule zu nagen, während ihm die -Tränen über die Wangen liefen, die nur so vom Fette glänzten. - -Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden Worten an Tschitschikow: -»Sie essen ja gar nichts, Sie haben sich aber so wenig genommen,« worauf -Tschitschikow regelmäßig versetzte: »Ich danke bestens, ich bin satt. -Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der schönste -Leckerbissen.« Dann stand man vom Tische auf. Manilow war äußerst -zufrieden und wollte seinen Gast eben in den Salon geleiten, indem er -ihm die Hand auf den Rücken legte und ihn sanft unterstützte, als -Tschitschikow plötzlich mit höchst bedeutungsvoller Miene erklärte, er -müsse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen. - -»Dann möchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer zu folgen,« versetzte -Manilow und führte den Gast in ein kleines Gemach, dessen Fenster auf -den bläulich schimmernden Wald hinausging. »Dies ist mein kleiner -Winkel,« sagte Manilow. - -»Ein freundliches Stübchen,« sprach Tschitschikow und ließ seinen Blick -durch das Zimmer schweifen. Dieses hatte in der Tat mancherlei -Annehmlichkeiten: die Wände waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb -blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand aus vier Stühlen, -einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf dem man das Buch mit dem eingelegten -Lesezeichen, das wir schon bei Gelegenheit erwähnt haben, ein paar -vollgeschriebene Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak erblickte. -Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: in Form von Paketen, als -Inhalt der Tabaksdose, oder er lag einfach in Häufchen auf dem Tische -herum. Auf beiden Fensterbänken sah man auch ein paar Häuflein -Pfeifenasche, die sorgfältig in hübschen und regelmäßigen Abständen -angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, daß diese Beschäftigung dem -Hausherrn mitunter zum Zeitvertreib diente. - -»Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu nehmen,« sagte -Manilow. »Hier sitzen Sie bequemer.« - -»Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen!« - -»Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben!« sagte Manilow lächelnd. -»Dieser Lehnstuhl ist nun einmal für den Gast bestimmt. Ob Sie nun -wollen oder nicht -- Sie müssen drin Platz nehmen!« - -Tschitschikow setzte sich. - -»Gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Pfeife anbiete!« - -»Nein danke, ich rauche nicht!« sagte Tschitschikow freundlich und wie -bedauernd. - -»Warum nicht?« fragte Manilow ebenfalls freundlich und mit dem Tone des -Bedauerns. - -»Ich bin es nicht gewöhnt und fürchte mich, es mir anzugewöhnen; man -sagt, das Rauchen sei schlecht für die Gesundheit!« - -»Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß dies ein Vorurteil ist. Ich bin -sogar der Ansicht, daß das Pfeifenrauchen weit gesünder ist als das -Tabakschnupfen. Wir hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen -herrlichen, außerordentlich gebildeten Menschen, der legte die Pfeife -nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, sondern mit Respekt zu -sagen, auch nicht an anderen Orten. Und heute ist er bereits vierzig -Jahre alt und Gott sei dank so gesund, wie nur möglich.« - -Tschitschikow wandte ein, daß dies in der Tat vorkomme; überhaupt gäbe -es viele Dinge in der Natur, die auch ein großer Geist nicht begreifen -könne. - -»Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte vorzutragen ...« fuhr er -mit einer Stimme fort, in der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer -Ausdruck lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde um. Auch -Manilow sah sich um, ohne daß man hätte sagen können weshalb. »Wie lange -ist es her, daß Sie die Revisionsliste zum letztenmal einreichten?« - -»Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit zu sagen, ich -erinnere mich nicht mehr.« - -»Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben?« - -»Das weiß ich leider nicht; darnach muß man den Verwalter fragen. -Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, er muß heute hier sein.« - -Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein Mann von etwa vierzig -Jahren; er hatte ein glattrasiertes Kinn und einen Gehrock an, offenbar -führte er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich und -wohlgenährt, die gelbe Hautfarbe und die kleinen Äuglein waren ein -Beweis dafür, daß er mit weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste -vertraut war. Man sah sofort, daß er seine Laufbahn vollendet hatte, -gleich allen Leibeigenen, die die Güter ihrer Herrn verwalten; erst war -er ein gewöhnlicher Junge gewesen, der im Hause seines Herrn -aufgewachsen und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er irgend -eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der Hausfrau in besonderer -Gunst stand, geheiratet, und war dann selbst Hausmeister und endlich -Verwalter geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm er sich -natürlich genau so wie alle Verwalter: er verkehrte und befreundete sich -mit den reicheren Leuten im Dorf, legte den Ärmeren noch neue Lasten -auf, stand morgens früh gegen neun Uhr auf, wartete auf seine -Teemaschine und trank Tee. - -»Hör mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei uns gestorben, seit wir -die Revisionsliste zum letztenmal eingereicht haben?« - -»Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind viele gestorben,« sagte der -Verwalter, rülpste und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund. - -»Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht,« nahm jetzt Manilow das Wort, -»es sind sehr viele gestorben!« Hierbei wandte er sich an Tschitschikow, -indem er noch hinzufügte: »Wirklich sehr viele!« - -»Und wieviel werden es ungefähr sein?« fragte Tschitschikow. - -»Ja, wie viele ungefähr?« fiel Manilow ein. - -»Ja, wie soll ich sagen -- wie viele ungefähr. Das weiß man ja nicht, -wie viele gestorben sind. Niemand hat sie gezählt.« - -»Natürlich,« sagte Manilow, indem er sich an Tschitschikow wandte, »das -dachte ich mir gleich, die Sterblichkeit war sehr groß; wir wissen gar -nicht, wie viele gestorben sind.« - -»Bitte, zähle sie doch einmal,« sagte Tschitschikow, »und stelle mir ein -ausführliches Verzeichnis aller Namen auf.« - -»Jawohl, aller Namen!« sagte Manilow. - -Der Verwalter sagte: »Zu Befehl!« und entfernte sich. - -»Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafür?« fragte Manilow, -nachdem der Verwalter fortgegangen war. - -Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu bereiten: in dem -Ausdruck seines Gesichtes machte sich eine gewisse Anstrengung -bemerkbar, die ihn sogar ein wenig erröten ließ -- die Anstrengung, die -man macht, wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen sich -nicht fügen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu hören bekam, waren -so seltsame und unerhörte Dinge, wie sie noch nie ein menschliches Ohr -vernommen hat. - -»Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der Grund ist folgender: ich hätte -Lust, die Bauern zu kaufen,« sagte Tschitschikow, fing an zu stottern, -und schloß seine Rede. - -»Und darf ich mir die Frage erlauben,« sagte Manilow, »wie wollen Sie -die Bauern kaufen, mit dem Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also -ohne Land?« - -»Nein, ich will eigentlich keine Bauern,« sagte Tschitschikow, »ich -möchte tote ... haben.« - -»Wie? Verzeihen Sie ..., ich höre ein wenig schlecht, mir schien, ich -hätte ein ganz seltsames Wort gehört ...« - -»Ich möchte die toten Bauern kaufen, die aber nach der letzten Revision -noch als lebendig eingetragen sind,« erklärte Tschitschikow. - -Manilow ließ die Pfeife auf den Boden fallen, machte den Mund weit auf -und saß ein paar Minuten lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde, -die noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft gesprochen -hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten sich gegenseitig an wie -zwei Porträts, die man in der guten alten Zeit zu beiden Seiten des -Spiegels aufzuhängen pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf und sah -seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu erforschen, ob nicht ein -Lächeln um seine Lippen spiele, und ob er sich nicht bloß einen Spaß -erlaubt hätte: aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, -das Gesicht erschien ihm noch ernster und würdevoller als gewöhnlich. -Dann überlegte er ein wenig, ob der Gast nicht plötzlich verrückt -geworden sei, und sah ihn aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber -seine Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem wilden, -unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im Auge des Wahnsinnigen -flackert: alles war in Ordnung, ganz wie es sich gehört. Und so sehr -Manilow auch darüber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier zu -tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als den Tabakrauch in -feinen Strahlen auszublasen. - -»Ich möchte also wissen, ob Sie mir diese zwar tatsächlich toten, aber -vom Standpunkt der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen, überweisen -oder abtreten wollen, wie es Ihnen am besten erscheint.« - -Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, daß er ihn nur ansah, ohne -ein Wort finden zu können. - -»Mir scheint, Sie können sich nicht dazu entschließen?« bemerkte -Tschitschikow. - -»Ich ... oh nein, das ist es nicht,« sagte Manilow, »aber ich kann nicht -verstehen ... entschuldigen Sie ... ich war natürlich nicht in der Lage, -mir eine so glänzende Bildung anzueignen, von der gewissermaßen jede -Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht die hohe Gabe, -mich so kunstvoll auszudrücken .... Vielleicht ... verbirgt sich hier -... hinter Ihrer Erklärung, die Sie soeben abgaben ... etwas andres ... -Vielleicht war es nur eine stilistische Schönheit, um deretwillen Sie -sich so auszudrücken beliebten?« - -»Oh nein!« fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, »nein, ich nehme den -Gegenstand ganz buchstäblich, ganz so wie er ist, d. h. ich meine die -Seelen, die tatsächlich schon gestorben sind.« - -Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fühlte, daß hier etwas geschehen, -daß er ihm irgend eine Frage stellen müsse, und doch konnte nur der -Teufel wissen, was das für eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er -schließlich fand, bestand wiederum darin, daß er eine Wolke Tabakrauch -ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, sondern durch die -Nasenlöcher. - -»Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, so können wir mit Gottes -Hilfe gleich an die Aufstellung des Kaufvertrages gehen,« sagte -Tschitschikow. - -»Wie? Ein Kaufvertrag über tote Seelen?« - -»Nein! Das nicht!« antwortete Tschitschikow. »Wir sagen natürlich, sie -seien lebendig, wie es ja in der Tat in den Revisionslisten steht. Ich -pflege nie von den bürgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich -schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann nun mal nicht -anders; die Pflicht ist mir heilig, und das Gesetz ... vor dem Gesetz -muß ich verstummen.« - -Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich er den -eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht erfassen konnte; statt zu -antworten, nahm er ein paar so heftige Züge aus seiner Pfeife, daß diese -zu tönen begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich aus der -Pfeife eine Ansicht über diesen geradezu unerhörten Fall herausholen -wollte; die Pfeife aber gab nur heisere Töne von sich und sonst nichts. - -»Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel?« - -»Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie dürfen nicht etwa glauben, ich -hätte ein ... gewissermaßen kritisches Vorurteil in bezug auf Ihre -Persönlichkeit. Aber darf ich mir die Frage gestatten: wird dieses -Unternehmen ... oder um mich sozusagen deutlicher auszudrücken ... dies -Geschäft ... wird dieses Geschäft nicht am Ende im Widerspruch mit den -bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands stehen?« - -Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte Kopfbewegung und sah -Tschitschikow mit bedeutungsvoller Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag -in all seinen Zügen und besonders in den zusammengepreßten Lippen ein so -ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem Menschenantlitz -beobachtet hat, es sei denn bei einem ganz ungewöhnlich klugen Minister, -und auch bei dem nur, während er über ein ganz besonders schwieriges -Problem nachsann. - -Aber Tschitschikow erklärte einfach, ein solches Unternehmen oder -Geschäft könne den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven -Rußlands durchaus nicht zuwiderlaufen, und fügte nach einem Augenblick -noch hinzu, es würde dabei sogar noch etwas für den Fiskus abfallen, da -der Staat ja seine gesetzlichen Gebühren erhalte. - -»So meinen Sie also ...?« - -»Ich glaube, es geht sehr gut!« - -»Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. Dann habe ich -nichts dagegen,« sagte Manilow völlig beruhigt. - -»Jetzt müssen wir uns noch über den Preis einigen ...« - -»Wie? über den Preis?« sagte Manilow wieder ein wenig verblüfft. »Sie -glauben doch nicht, daß ich Geld für Seelen nehmen werde, die doch -gewissermaßen ... ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine, -ich möchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann würde ich für -meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergütung überlassen und auch den -Kaufvertrag auf mich nehmen.« - -Der Geschichtsschreiber, der über die hier mitgeteilten Begebenheiten -berichtet, verdiente sicherlich den schärfsten Tadel, wenn er an dieser -Stelle zu erwähnen unterließe, daß unser Gast von einer hohen Freude -erfüllt wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen hörte. So gesetzt -und besonnen er auch war, er hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht, -wie ein Ziegenbock, was, wie bekannt, nur im Ausbruche höchster Freude -geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl um, daß der wollene -Stoff, mit dem der Sitz überzogen war, platzte; auch Manilow wurde -aufmerksam und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner -überquellenden Dankbarkeit _überschüttete_ ihn der Gast förmlich mit -Worten der Anerkennung, bis jener ganz verlegen wurde, errötete, eine -abwehrende Bewegung mit dem Kopfe machte und endlich erklärte, das sei -ja ein reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis für seine -herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner Seele geben wollen, -und tote Seelen -- das sei doch sozusagen eine Bagatelle -- die reinste -Lumperei. - -»Durchaus keine Lumperei,« sagte Tschitschikow und drückte ihm die Hand. - -Hierbei stieß er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie es scheint, hatte er -große Lust, sein Herz auszuschütten; und nicht ohne Ausdruck und Gefühl -sprach er zuletzt folgende Worte: »Oh! wenn Sie wüßten, was Sie einem -Menschen ohne Namen und Titel mit diesem Geschenk, das anscheinend nur -eine Kleinigkeit ist, für einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was -habe ich nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten wütender -Wogen ... Was für Verfolgungen hatte ich nicht zu erdulden! Welcher -Schmerz blieb mir erspart! Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu -blieb, mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den hilflosen -Witwen und armen Waisen entgegenstreckte!« Und hierbei wischte er sich -sogar eine Träne aus dem Auge. - -Manilow war ganz gerührt. Beide Freunde drückten sich fortwährend die -Hand und sahen sich lange stumm in die Augen, in denen schöne Tränen -blinkten. Manilow wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der -seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drücken, daß jener kaum -noch wußte, wie er sie befreien solle. Nachdem er sie endlich sanft -zurückgezogen hatte, sagte er, es wäre gut, wenn man den Kaufkontrakt -gleich aufsetzen könnte und wenn Manilow selbst in der Stadt die nötigen -Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm er seinen Hut und -verabschiedete sich. - -»Wie? Sie wollen schon fahren?« fragte Manilow, der wie aus einem Traum -erwachte und beinahe erschrocken war. - -In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Zimmer. - -»Lisanka!« sagte Manilow mit etwas kläglicher Miene, »Pawel Iwanowitsch -will uns verlassen!« - -»Pawel Iwanowitsch ist unser wohl überdrüssig,« versetzte Frau Manilow. - -»Gnädige Frau!« sagte Tschitschikow, »hier, sehen Sie hier« -- und dabei -legte er seine Hand aufs Herz -- »Ja hier werde ich mir die Erinnerung -an die schönen Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und -glauben Sie mir, ich kann mir keine größere Seligkeit vorstellen, als -mit Ihnen, wenn auch nicht in einem Hause, so doch wenigstens in -nächster Nachbarschaft zu leben!« - -»Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch!« sagte Manilow, dem dieser Gedanke -offenbar sehr gefiel, »es wäre doch wirklich herrlich, wenn wir so -zusammen unter einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander -philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen könnten ...« - -»Oh, das wäre himmlisch!« sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. »Leben -Sie wohl, gnädige Frau!« fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand -küßte. »Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie meine Bitte -nicht!« - -»Oh, seien Sie ganz ruhig!« erwiderte Manilow, »wir trennen uns doch -nicht auf länger als zwei Tage!« - -Sie betraten das Speisezimmer. - -»Adieu, meine lieben Kleinen!« sagte Tschitschikow, als er Alcid und -Themistokljus erblickte, die mit einem hölzernen Husaren spielten, der -übrigens weder Hände noch Nase mehr hatte. »Lebt wohl, liebe Kinder. -Verzeiht, daß ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, aber ich muß -gestehen, ich wußte ja gar nicht, daß ihr auf der Welt seid. Aber wenn -ich das nächstemal wiederkomme, bringe ich euch sicher etwas mit. Dir -bringe ich einen Säbel. Willst du einen Säbel haben? Wie?« - -»Ja!« antwortete Themistokljus. - -»Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht wahr, du möchtest doch eine -Trommel haben?« fuhr Tschitschikow fort, indem er sich über Alcid -beugte. - -»Ja, eine Prommel,« sagte Alcid leise, indem er den Kopf senkte. - -»Schön also, ich will dir eine Trommel kaufen. -- Weißt du eine feine -Trommel. Die wird immer Trrr .... ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta -machen. Leb wohl, Herzchen! Adieu!« Er küßte ihn auf den Kopf und wandte -sich mit jenem Lächeln an Manilow und seine Frau, mit dem man sich an -alle Eltern zu wenden pflegt, wenn man ihnen zu verstehen geben will, -wie unschuldig doch die Wünsche ihrer Kinder sind. - -»Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel Iwanowitsch!« sagte Manilow, -als schon alle auf die Freitreppe hinausgetreten waren. »Sehen Sie doch, -was dort für Wolken heraufziehen!« - -»Das sind nur kleine Wölkchen,« meinte Tschitschikow. - -»Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch?« - -»Danach wollte ich Sie gerade fragen.« - -»Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklären!« Und Manilow machte -dem Kutscher die Sache in der liebenswürdigsten Weise klar, und sagte -sogar einmal _Sie_ zu ihm. - -Als der Kutscher hörte, daß er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen -und erst bei der dritten einbiegen müsse, sagte er: »Wir werden's schon -finden,« und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgrüßen -der Gatten, die noch lange auf den Fußspitzen standen und ihre -Taschentücher schwenkten. - -Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem -davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon längst nicht -mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da. -Endlich ging er wieder ins Haus zurück, ließ sich auf einem Stuhl nieder -und versank in Sinnen, von Herzen froh, daß er seinem Gast eine kleine -Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne daß er es -merkte, zu anderen Gegenständen hinüber, um endlich, Gott weiß wo, zu -landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schön es doch -wäre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in -Gedanken eine Brücke über den Fluß und darauf ein Haus mit einem -gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er -stellte sich vor, wie herrlich es sein müßte, dort abends im Freien -seinen Tee zu trinken und sich über angenehme Gegenstände zu -unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in -eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle -Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzückung versetzen, und wie -dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehört hatte, sie -zu Generälen ernennt, und so träumte er immer weiter; was nun noch alles -folgte, weiß Gott allein, wußte er es doch selbst nicht mehr genau. Aber -plötzlich drängte sich Tschitschikows seltsame Bitte jäh in seine -Träumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er -mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar -über ihn werden. So saß er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis -das Abendessen auf dem Tische stand. - - - Drittes Kapitel - -Unterdessen saß Tschitschikow vergnügt in seinem Wagen, der schon seit -einiger Zeit auf der Landstraße dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel -konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand seiner -Neigung und seines Geschmacks war, und es war daher auch kein Wunder, -wenn er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, -Überschläge und Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem -Gesichte spiegelten, mußten höchst angenehmer Art sein, denn sie -hinterließen in einem fort die Spuren eines vergnügten Lächelns auf -seinen Zügen. Ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, achtete er gar nicht -darauf, was für treffende Worte sein Kutscher, der offenbar von dem -Empfang durch die Bedienten und Knechte Manilows äußerst befriedigt war, -an den Schecken, das rechte Beipferd richtete. Dieser Schecke war sehr -schlau, und _tat_ bloß so, als ob er den Wagen auch vorwärts ziehe, -während sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, das -den Namen Assessor trug, weil man es irgend einem Assessor abgekauft -hatte, aus allen Kräften abquälten, das Gefährt weiter zu bringen, so -daß man ihnen das Vergnügen, welches ihnen das bereitete, von den Augen -ablesen konnte: »Brauch soviel Listen als du willst! Es hilft dir doch -nichts! Ich will dich doch überlisten!« sagte Seliphan, indem er sich -etwas erhob und dem Trägen einen Peitschenhieb versetzte. »Tu deine -Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist ein braves Pferd, -der tut seine Schuldigkeit; darum gebe ich ihm auch gern ein Maß Hafer -mehr, weil er ein braves Pferd ist. Und der Assessor -- der ist auch ein -gutes Pferd ... Nun, was schüttelst du die Ohren? Dummkopf, paß auf, -wenn man mir dir spricht! Ich werde dich schon nichts Schlechtes lehren, -du Esel! Seh einer, wo der hin will!« Hierbei gab er ihm wieder eins mit -der Peitsche und murmelte: »Uf! Barbar! Bonaparte, Verfluchter!« Dann -rief er allen miteinander ein: »He! Ihr Lieben!« zu, und gab allen -dreien eins mit der Peitsche, nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum -Beweise, daß er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen diese kleine -Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder an den Schecken: »Du -glaubst, es wird dir gelingen, dein schlechtes Betragen zu verbergen. -Nein, mein Lieber, tue recht, wenn du willst, daß man Achtung vor dir -haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem wir waren -- das -sind gute Menschen! Mit einem guten Menschen plaudere ich immer gern, -ein guter Mensch -- das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm -setze ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. Ein -guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren Herrn zum Beispiel -- -den achten alle Leute, hörst du wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient -hat und Skollegenrat ist ....« - -In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei den entferntesten und -abstraktesten Materien angelangt war. Hätte Tschitschikow aufmerksam -zugehört, er hätte noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person -Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit seinen eigenen -Angelegenheiten beschäftigt, daß erst ein heftiger Donnerschlag ihn aus -seinen Träumen weckte und ihn veranlaßte, sich ein wenig umzusehen; der -ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und große Regentropfen trafen die -staubige Chaussee. Ein zweiter noch stärkerer Donnerschlag folgte dem -ersten aus noch größerer Nähe, und plötzlich prasselte der Regen in -Strömen wie aus Gießkannen nieder. Zuerst fiel er in schräger Richtung -herab und peitschte bald die eine Seite, bald die andere Seite des -Kutschbocks, dann änderte er seine Angriffsmethode und rieselte -senkrecht auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow ins -Gesicht spritzten. Er ließ also das lederne Wagendeck mit den zwei -kleinen runden Fensterchen aufspannen, die eine freie Aussicht auf die -Landschaft gestatteten und befahl Seliphan, schneller zu fahren. -Seliphan, mitten in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, daß jetzt -nicht Zeit zum Säumen war, holte etwas wie einen Mantel aus grauem Stoff -unter dem Bock hervor, steckte die Hände in die Ärmel, ergriff die Zügel -und spornte die drei Gäule durch einen Zuruf an, welche unter dem -Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme Schwäche in den Beinen -spürten und sie kaum vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich -absolut nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich -hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich die Sache überlegt -und über den Weg nachgedacht hatte, kam er zur Überzeugung, daß sie -schon manchen Weg gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein -Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert und, ohne -lange nachzudenken, immer irgend einen Ausweg findet, so machte er bei -dem nächsten Kreuzweg eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden -zurief: »Hüh! liebe Freunde!« und dann jagte er im Galopp dahin, ohne -sich viel Gedanken darüber zu machen, wohin sie der eingeschlagene Weg -führen werde. - -Der Regen schien indessen nicht bald aufhören zu wollen. Der Staub, der -die Landstraße bedeckte, verwandelte sich schnell in weichen Dreck, es -wurde den Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen -fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte Unruhe, da -noch immer nichts von dem Gute Sabakewitschs zu sehen war. Seiner -Berechnung nach hätten sie schon längst da sein müssen. Er blickte nach -beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, und er -konnte nichts sehen. - -»Seliphan!« rief er endlich, indem er den Kopf aus dem Fenster steckte. - -»Ja, Gnädiger Herr?« antwortete Seliphan. - -»Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu sehen!« - -»Nein, gnädiger Herr, es ist nichts zu sehen!« und Seliphan schwang -seine Peitsche und stimmte etwas wie einen Gesang an. Ein Lied konnte -man es nicht nennen, denn es dehnte und zog sich so in die Länge, daß es -gar kein Ende nehmen wollte. Seliphan brachte alles darin unter, alle -aufmunternden und anspornenden Rufe, mit denen man im weiten Rußland, -von einem Ende bis zum andern, die Pferde zu beglücken pflegt, und alle -nur möglichen Adjektiva, ohne jede Auswahl, wie sie ihm gerade auf die -Zunge kamen. Schließlich ging er sogar so weit, daß er seine Pferde -Sekretäre nannte. - -Jetzt aber machte Tschitschikow die Entdeckung, daß sein Wagen von einer -Seite auf die andre schwankte, wobei der Insasse jedesmal einen -kräftigen Stoß erhielt; das brachte ihn auf den Gedanken, daß sie von -der Straße abgekommen seien und wahrscheinlich über ein gepflügtes -Ackerfeld führen. Auch Seliphan mußte es wohl bemerkt haben, aber er -sagte kein Wort. - -»Auf was für einem Wege fährst du eigentlich? du Spitzbube!« schrie -Tschitschikow. - -»Was ist zu machen, gnädiger Herr, es ist halt schon spät am Abend. Ich -sehe nicht einmal meine Peitsche, so finster ist es!« Bei diesen Worten -neigte sich der Wagen so sehr auf die Seite, daß Tschitschikow sich mit -beiden Händen festhalten mußte. Erst jetzt bemerkte er, daß Seliphan -einen tüchtigen Rausch hatte. - -»Halt! Halt! Du wirfst mich um!« rief er ihm zu. - -»Nicht doch, gnädiger Herr, wie können Sie denken, daß ich Sie umwerfe,« -sagte Seliphan. »Das wäre schlecht von mir, wenn ich das täte, das weiß -ich selbst; o nein, das tue ich nicht, unter keinen Umständen werfe ich -Sie um!« Hierauf versuchte er den Wagen umzuwenden, aber er drehte und -wendete ihn so lange, bis er ihn ganz umwarf. Tschitschikow fiel mit -Füßen und Händen in den Dreck. Übrigens gelang es Seliphan wenigstens -die Pferde zum Stehen zu bringen; wahrscheinlich aber wären sie auch -schon von selber stehen geblieben, weil sie sehr müde waren. Dieses -unerwartete Ereignis brachte Seliphan ganz aus der Fassung. Er kroch von -seinem Bock herunter, stellte sich vor den Wagen hin, stemmte beide -Hände in die Seite und sagte, während sein Herr sich im Schmutze -herumwälzte und sich vergeblich zu erheben versuchte: »Ist das Ding also -doch umgefallen!« - -»Du bist betrunken wie ein Schwein!« sagte Tschitschikow. - -»Nicht doch, gnädiger Herr! Wie könnte ich auch betrunken sein! Ich weiß -doch, daß es schlecht ist, betrunken zu sein. Ich hab' nur ein wenig mit -einem guten Freunde geplaudert; mit einem guten Menschen darf man doch -sprechen -- das ist doch nichts Schlimmes -- und nachher haben wir -zusammen gegessen. Das ist doch auch nichts Unrechtes -- ein wenig mit -einem guten Menschen zu schmausen.« - -»Was habe ich dir gesagt, als du das letztemal betrunken warst, wie? -Hast du's schon wieder vergessen?« sagte Tschitschikow. - -»Gewiß nicht, Euer Gnaden, wie könnte ich so etwas vergessen? Ich kenne -doch meine Pflicht! Ich weiß doch, wie unrecht es ist, betrunken zu -sein. Ich habe doch nur mit dem braven Menschen da gesprochen, es ist -doch nicht ...« - -»Ich lasse dir eine Tracht Prügel geben, dann wirst du schon wissen, was -es heißt, mit einem braven Menschen zu sprechen ...« - -»Wie es Euer Gnaden belieben wird,« antwortete Seliphan, der mit allem -zufrieden war. »Wenn's denn Prügel geben soll, nun gut, ich widersetze -mich nicht. Warum sollte es keine Prügel geben, wenn man's verdient hat; -das steht ganz bei Ihnen, dafür sind Sie der Herr! Der Bauer _muß_ -mitunter Prügel haben, sonst sticht ihn der Haber. Ordnung muß sein. -Wenn ich's verdient habe, dann laß mich nur durchprügeln, warum sollte -es auch keine Prügel geben?« - -Auf eine solche Überlegung fand Tschitschikow keine Antwort. In diesem -Augenblick aber schien sich das Schicksal selbst seiner erbarmen zu -wollen. Plötzlich erklang Hundegebell aus der Ferne. Hocherfreut gab -Tschitschikow Seliphan den Befehl zum Aufbruch und schärfte ihm ein, -recht schnell zu fahren. Ein russischer Kutscher hat einen feinen -Instinkt, wo ihn seine Augen verlassen; so kann es geschehen, daß er die -Augen zumacht, im Galopp dahinjagt und dennoch irgend ein Ziel erreicht. -Obgleich Seliphan nichts mehr sah, steuerte er mit seinen Pferden gerade -auf das Dorf los und machte erst Halt, als der Wagen mit der Deichsel -auf einen Zaun stieß, und durchaus nicht mehr weiter kommen wollte. -Tschitschikow konnte durch die dichte Nebelhülle nichts außer einem -Fleck entdecken, der wie ein Dach aussah. Er gab Seliphan den Auftrag, -nach dem Tor zu suchen, was ohne Zweifel recht lange gedauert hätte, -wenn es in Rußland nicht statt des Portiers flinke Hunde gäbe, die in so -lauter Weise Meldung von seiner Ankunft erstatteten, daß er sich die -Ohren mit den Fingern zustopfte. In einem Fenster leuchtete ein Licht -auf, dessen trübe Strahlen auch auf den Zaun fielen, und unseren -Reisenden den Weg zum Tore wiesen. Seliphan klopfte an, worauf sich bald -eine Pforte auftat und eine in einen Schlafrock gehüllte Gestalt sehen -ließ. Herr und Diener hörten eine heitere Frauenstimme, die ihnen -zurief: »Wer klopft da? Wer lärmt hier so?« - -»Wir sind Reisende, Mütterchen, wir suchen ein Nachtquartier,« sagte -Tschitschikow. - -»So? Seh einer den Leichtfuß!« murmelte die Alte. »Kommt zu so später -Abendstunde angefahren. Hier ist keine Herberge. Hier wohnt eine -Gutsbesitzerin.« - -»Was soll ich machen, Mütterchen? Wir haben uns verirrt. Wir können doch -bei dem Wetter nicht im Freien übernachten.« - -»Ja das Wetter ist trübe und schlecht,« bemerkte Seliphan. - -»Schweig! Esel,« sagte Tschitschikow. - -»Wer sind Sie?« fragte die Alte. - -»Ein Edelmann, Mütterchen.« - -Das Wort _Edelmann_ schien einigen Eindruck auf die Alte gemacht zu -haben. »Wart' ich will's der gnädigen Frau melden,« murmelte sie, -entfernte sich und kam nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand -wieder zurück. Das Tor öffnete sich. Jetzt wurde auch das andere Fenster -hell. Der Wagen fuhr durch das Tor und machte vor einem kleinen Häuschen -halt, das in der Dunkelheit nur mit Mühe zu erkennen war. Nur die eine -Seite war von dem Lichte erleuchtet, das aus den Fenstern fiel; vor dem -Hause sah man noch eine Pfütze im Lichte daliegen. Der Regen trommelte -laut auf das Holzdach und rieselte wie ein rauschender Bach in eine -daruntergestellte Tonne. Die Hunde heulten in allen Tonarten; der eine -hatte den Kopf hoch empor geworfen und stieß fortgesetzt lange klägliche -Töne hervor; dabei war er mit einem solchen Eifer bei der Sache, als ob -er Gott weiß wieviel dafür bezahlt bekäme; ein anderer produzierte sich -mit der Fertigkeit eines Küsters; zwischendurch erklang ununterbrochen -wie ein Postglöckchen der Diskant eines wahrscheinlich noch jungen -Köters, und dies ganze Konzert wurde getragen von dem gewaltigen Baß -eines alten, der wohl mit einer robusten Hundenatur ausgestattet war, -denn er schnarrte wie der Konterbaß eines Gesangchors, wenn das Konzert -in vollem Gange ist; die Tenöre stellen sich auf die Fußspitzen, um die -hohen Töne besser herauszubringen, alles strebt in die Höhe, und wirft -die Köpfe in den Nacken; nur _er_ allein, der Konterbaßspieler, steckt -das unrasierte Kinn in den Halskragen, hockt mit gebeugten Knieen fast -am Fußboden, und schmettert nun plötzlich von dort aus seine Note in die -Luft, daß alle Fensterscheiben erklirren und erzittern. Schon allein das -Hundegebell, das von diesen Musikanten herrührte, brachte einen auf die -Vermutung, daß dies ein recht ansehnliches Dorf sei; aber unser halb -erfrorener und durchnäßter Held dachte an gar nichts mehr, außer an ein -warmes Bett. Noch ehe der Wagen halten konnte, sprang er hinaus, -stolperte und wäre beinahe auf der Treppe hingefallen. Aus dem Flur trat -jetzt eine andere Frau, die etwas jünger war als die erste, aber ihr -dennoch recht ähnlich sah. Sie geleitete Tschitschikow ins Zimmer. Hier -angelangt, warf er einen flüchtigen Blick auf das Innere; das Zimmer war -mit alten gestreiften Tapeten bekleidet; an den Wänden hingen ein paar -Bilder, auf denen allerhand Vögel abgebildet waren, und zwischen den -Fenstern waren kleine altertümliche Spiegel mit dunklen Rahmen -aufgehängt, die die Form zusammengerollter Blätter hatten. Hinter jedem -Spiegel steckte ein Brief, ein altes Spiel Karten, ein Strumpf oder -dergleichen; dazu kam noch eine Wanduhr mit einem geblümten Zifferblatt -... Tschitschikow konnte nicht alles übersehen. Er fühlte, daß seine -Augen zufielen und seine Augenlider zusammenklebten, wie wenn sie jemand -mit Honig bestrichen hätte. Nach ein paar Minuten erschien die Hausfrau, -eine ältere Dame mit einer Nachthaube, die sie offenbar in der Eile -aufgesetzt hatte, und mit einem Flanelltuch um den Hals, eine von jenen -Matronen und kleinen Gutsbesitzerinnen, die immer über Mißernte und -Verluste jammern und den Kopf hängen lassen, während sie ganz im -Stillen, wenn auch langsam ein Geldstück nach dem andern in ihren bunten -Leinwandbeutel tun, den sie in der Schublade ihrer Kommode verschließen. -In den einen Geldsack legen sie die Rubel, in den nächsten die -Fünfzigkopeken-, in den dritten die Fünfundzwanzigkopekenstücke, und -doch sieht es so aus, als wenn in der Kommode nichts sei, als Wäsche, -Nachtjacken, Garnrollen und ein aufgetrennter Rock, der sich in ein -neues Kleid verwandelt, wenn das alte vor dem Fest beim Backen von -Stollen und Pfefferkuchen anbrennt oder von selbst verschleißt. Wenn das -Kleid jedoch nicht anbrennt und noch weiter vorhält, dann läßt unsere -sparsame Alte den Rock noch lange aufgetrennt in der Schublade liegen, -um ihn in ihrem Testament, zugleich mit manchem anderen Gerümpel, irgend -einer Nichte oder Cousine zweiten Grades zu vermachen. - -Tschitschikow bat um Entschuldigung wegen der Beunruhigung, die er ihr -mit seiner Ankunft verursacht habe. »Macht nichts, macht nichts!« sagte -die Hausfrau, »zu wie später Stunde Sie auch der Herrgott hierher -geführt hat! Bei dem Sturm und Schneewetter! Nach dem langen Weg sollte -ich Ihnen eigentlich was zu essen anbieten, aber es ist schon so spät in -der Nacht; ich kann nichts mehr herrichten!« - -Die Worte der Hausfrau wurden durch ein merkwürdiges Zischen -unterbrochen, sodaß Tschitschikow nicht wenig erschrak. Es war ein -Geräusch, als wenn sich das Zimmer plötzlich mit Schlangen angefüllt -hätte; aber ein Blick nach oben genügte, um ihn völlig zu beruhigen; er -überzeugte sich, daß der Ton von der Wanduhr herrührte, die offenbar -schlagen wollte. Auf das Zischen folgte denn auch gleich ein Schnarren, -und endlich schlug sie, nachdem sie alle Kräfte zusammengenommen hatte, -zwei Uhr und zwar in einem Ton, als ob jemand mit einem Stock auf einen -zerbrochenen Topf klopfte, worauf das Pendel aufs neue fortfuhr, sich im -ruhigen Takte hin- und herzubewegen. - -Tschitschikow dankte der Hausfrau, indem er versicherte, er brauche gar -nichts, sie möge sich nur nicht beunruhigen, außer dem Verlangen nach -einem Bett habe er keine anderen Wünsche. Zugleich erkundigte er sich, -wohin er sich eigentlich verirrt habe, und ob es noch weit von hier bis -zum Gut des Herrn Sabakewitsch sei, worauf die Alte erklärte, sie hätte -diesen Namen noch nie gehört, einen Gutsbesitzer dieses Namens gäbe es -überhaupt nicht. - -»Kennen sie wenigstens Manilow?« fragte Tschitschikow. - -»Wer ist das, Manilow?« - -»Ein Gutsbesitzer, Mütterchen.« - -»Nein, ich habe seinen Namen noch nie gehört, einen solchen Gutsbesitzer -gibt es nicht.« - -»Was gibt es denn hier für Gutsbesitzer?« - -»Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, Pljeschako.« - -»Sind es reiche Leute oder nicht?« - -»Nein, Väterchen, allzu reiche gibt's hier nicht. Der eine hat zwanzig, -der andere hat dreißig Seelen; solche mit hundert gibt's hier zu Lande -nicht.« - -Jetzt erst merkte Tschitschikow in was für eine abgelegene Gegend er -sich verirrt hatte. - -»Können Sie mir zum mindesten sagen, wie weit es von hier bis zur Stadt -ist?« - -»Es werden wohl gegen 60 Werst sein. Es tut mir wirklich leid, daß ich -Ihnen gar nichts vorsetzen kann! Haben Sie nicht Lust zu einem Glas Tee, -Väterchen?« - -»Danke schön, Mütterchen. Ich brauche nichts als ein Bett.« - -»Ja, wahrhaftig, nach einem so weiten Weg will man sich ordentlich -ausruhen. Sie können sich hier auf diesem Sofa ausstrecken, Väterchen. -He! Fetinja, bring doch eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Gott, -was für ein Wetter! Wie das stürmt! Die ganze Nacht hindurch brennt bei -mir die Kerze vor dem Heiligenbild. Ach, Herr Gott, dein Rücken und die -eine Seite sind ja voller Dreck, wie bei einem Eber. Wo hast du dich -denn so schmutzig gemacht?« - -»Gott sei dank, daß ich bloß schmutzig bin; ich kann froh sein, daß ich -mir nicht das ganze Rückgrat zerbrochen habe!« - -»Heiliger Jesus, was sprichst du? Willst du nicht etwas, um dir den -Rücken einzureiben?« - -»Nein, danke bestens! Bitte beunruhigen Sie sich nicht! Bitte sagen Sie -nur Ihrem Mädchen, sie möchte mir meine Kleider ein wenig trocknen und -rein machen!« - -»Hör mal, Fetinja!« sagte die Hausfrau, indem sie sich an das Weib -wandte, das mit dem Licht auf die Treppe hinausgetreten war und schon -ein Unterbett hereinbrachte, welches sie mit beiden Händen -aufschüttelte, sodaß eine ganze Wolke von Daunen durch das Zimmer flog. -»Nimm doch den Rock und den Mantel und trockne ihn am Feuer, wie du es -dem seligen Herrn zu tun pflegtest, und klopfe und bürste ihn nachher -gründlich aus.« - -»Jawohl, gnädige Frau!« sagte Fetinja, indem sie ein Laken über das -Unterbett breitete und ein paar Kopfkissen darauflegte. - -»So, nun ist das Bett fertig!« sagte die Hausfrau. »Gute Nacht, -Väterchen, schlaf gut. Brauchst du nicht noch irgend etwas? Vielleicht -bist du es gewöhnt, daß dir jemand die Fersen streicht. Mein seliger -Mann konnte ohne das gar nicht einschlafen.« - -Aber der Gast verzichtete auch auf dies Vergnügen. Die Hausfrau ging -hinaus, worauf er sich schleunigst entkleidete. Er gab Fetinja seine -ganze Rüstung, die obere wie die untere, und sie zog mit den nassen -Trophäen ab, nachdem sie ihm gleichfalls eine gute Nacht gewünscht -hatte. Als er allein war, vertiefte er sich nicht ohne Vergnügen in die -Betrachtung seines Bettes, das beinahe bis an die Decke reichte. Er -stellte einen Stuhl daran, stieg mit seiner Hilfe ins Bett, das unter -ihm beinahe bis zum Fußboden herabsank, und die aus ihren Schranken -verdrängten Daunen flogen nach allen Richtungen im Zimmer auseinander. -Nachdem er das Licht ausgelöscht hatte, zog er sich die Kattundecke über -den Kopf, rollte sich unter ihr wie eine Brezel zusammen und schlief -ohne Verzug ein. Am andern Tage wachte er ziemlich spät auf. Die Sonne -schien ihm durch das Fenster gerade ins Gesicht, und die Fliegen, die -gestern abend ruhig an den Wänden und an der Decke geschlafen hatten, -wendeten ihm jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit zu: eine setzte sich ihm -auf die Unterlippe, eine andre aufs Ohr, eine dritte traf Anstalten, -sich ihm aufs Auge zu setzen; eine dagegen, welche so unvorsichtig war, -gerade unterm Nasenloch Platz zu nehmen, zog er beim Erwachen mit einem -Atemzuge in die Nase hinein, was ihn natürlich veranlaßte, kräftig zu -niesen -- ein Umstand, der den Grund für sein Erwachen abgab. Er warf -einen Blick auf das Zimmer und bemerkte jetzt, daß nicht nur Vogelbilder -an der Wand hingen, es fand sich auch ein Porträt von Kutusow und ein -Ölgemälde, das einen alten Mann in einer Uniform mit roten Aufschlägen, -wie man sie unter Pawel Petrowitsch trug, darstellte. Die Wanduhr -schnarrte und schlug neun; der Kopf einer Frau guckte zur Türe hinein -und verschwand sofort wieder, denn Tschitschikow hatte seine sämtlichen -Kleidungsstücke abgelegt, um besser einschlafen zu können. Das Gesicht -kam ihm übrigens bekannt vor. Er suchte sich zu erinnern, wer das wohl -gewesen sein könnte, und besann sich schließlich darauf, daß es die -Wirtin selbst war. Er zog schnell sein Hemd an, seine Kleider lagen -trocken und reingebürstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet hatte, -trat er vor den Spiegel und nieste noch einmal so laut, daß ein -Truthahn, der sich gerade dem Fenster genähert hatte -- es lag nicht -sehr hoch über dem Erdboden -- plötzlich laut zu gackern anfing und ihm -in seiner seltsamen Sprache ganz schnell etwas zurief, wahrscheinlich -sollte es soviel bedeuten als »Prosit«, worauf ihn Tschitschikow einen -Trottel nannte. Dann trat er ans Fenster, um sich die Gegend anzusehen; -das Fenster ging, wie es schien, auf den Hühnerhof hinaus; wenigstens -war der kleine enge Hof, der vor ihm lag, voller Vögel und anderer -Haustiere. Eine unendliche Anzahl von Hühnern und Puten tummelte sich -dort umher; zwischen ihnen hindurch stolzierte gemessenen Schrittes ein -Hahn, schüttelte seinen Kamm und legte seinen Kopf auf die Seite, als -lausche er auf etwas. Auch eine Schweinefamilie war hier vertreten; das -alte Mutterschwein wühlte in einem Schutthaufen herum, wie im -Vorbeigehen verschlang es ein Küchel und fuhr gleich darauf wieder ruhig -fort, die Schalen alter Wassermelonen, die hier herumlagen, weiter zu -fressen. Dieser kleine Hof oder Hühnerhof wurde von einem Bretterzaun -umgrenzt, hinter dem sich große Gemüsegärten mit Kohl, Zwiebeln, -Kartoffeln, roten Rüben und anderen Gemüsearten ausdehnten. In den -Gemüsegärten bemerkte man hie und da Apfelbäume und andere Obstbäume, -die zum Schutz gegen die Elstern und Sperlinge mit Netzen bedeckt waren. -Und in der Tat schwirrten die Spatzen immerfort wie eine schräge Wolke -von einer Stelle zur andern. Aus demselben Grunde waren mehrfach -Vogelscheuchen auf langen Stangen und mit ausgebreiteten Armen -aufgestellt; eine von ihnen hatte sogar die Haube der Hausfrau auf. Auf -den Gemüsegarten folgten Bauernhütten, die zwar recht zerstreut dalagen -und keine regelmäßige Häuserflucht mit Plätzen und Straßen bildeten, -aber doch nach Tschitschikows Ansicht vom Wohlstand der Bewohner -zeugten, denn sie waren alle gut instand gehalten: das Bretterdach war -überall renoviert, wo es alt und schlecht zu werden begann, nirgends sah -man ein schiefes verfallenes Tor, und in den gedeckten Scheunen und -Ställen, in die man vom Fenster aus hineinsehen konnte, erblickte er -meist _einen_, häufig aber auch zwei beinah neue Reservewagen. »Hm! Das -Dörflein ist gar nicht so klein!« sagte er zu sich selbst und beschloß -sogleich, mit der Hausfrau zu sprechen, um sie näher kennen zu lernen. -Er guckte durch die Türspalte, durch die sie ihren Kopf hineingesteckt -hatte, und als er sie am Teetisch sitzen sah, trat er ins Zimmer und -ging ihr heiter und freundlich entgegen. - -»Guten Tag, Väterchen! Wie haben Sie geruht?« sagte die Hausfrau, indem -sie sich von ihrem Platze erhob. Sie war heute eleganter gekleidet als -gestern und hatte statt der Nachthaube ein schwarzes Häubchen auf dem -Kopfe. Der Hals war jedoch noch immer mit allerhand Tüchern umwickelt. - -»Vortrefflich, ausgezeichnet,« sprach Tschitschikow und ließ sich im -Lehnsessel nieder. »Und Sie, Mütterchen?« - -»Schlecht! Väterchen!« - -»Wieso?« - -»Ich kann nicht schlafen. Das Kreuz tut mir weh, und mein Bein schmerzt -mich, hier über'm Knöchel.« - -»Das geht vorüber, Mütterchen, achten Sie nur nicht darauf.« - -»Gott gebe, daß es schnell vorübergeht. Ich habe es schon mit -Schweinefett und Terpentin eingerieben. Was nehmen Sie zum Tee? Dort im -Glas ist Fruchtsaft.« - -Der Leser wird wohl schon bemerkt haben, daß Tschitschikow trotz seiner -Freundlichkeit sich viel ungezwungener ausdrückte und überhaupt nicht -viel Umstände machte. Man kann zugeben, daß Rußland vielleicht noch in -mancher Hinsicht hinter dem Ausland zurücksteht: was aber das feine -Benehmen anbelangt, so haben wir die Ausländer weit hinter uns gelassen. -Die vielen Schattierungen und Finessen in unseren Verkehrsformen sind -gar nicht aufzuzählen. Ein Franzose oder ein Deutscher kommen ihr Lebtag -nicht dahinter, nie werden sie die Eigenart und die feinen Unterschiede -in unserem Verhalten verstehen; sie sprechen fast in dem nämlichen Ton -und mit derselben Stimme mit einem Millionär und mit einem kleinen -Tabakkrämer, wenn sie sich auch in ihrer Seele vor dem ersteren noch so -sehr beugen und erniedrigen. Bei uns ist das ganz anders: wir haben -solche Künstler, die mit einem Gutsherrn, der zweihundert Seelen hat, -ganz anders sprechen, wie mit einem solchen, der dreihundert besitzt; -und mit diesem sprechen sie wieder ganz anders, wie mit einem, dem -fünfhundert gehören; und den letzteren behandeln sie wiederum anders, -wie einen reichen Gutsbesitzer, der über achthundert Seelen gebietet; so -kann man meinetwegen bis zu einer Million weiter fortgehen, immer findet -sich eine bestimmte Nüance. Nehmen wir einmal an, es gäbe, nicht bei -uns, sondern irgendwo in einem fernen Königreiche, eine Kanzlei, und -nehmen wir ferner an, diese Kanzlei habe einen Vorsteher oder Chef. Ich -bitte den Leser, sich diesen Mann einmal anzusehen, wenn er mitten unter -seinen Untergebenen dasitzt -- ich wette, das Wort würde ihm vor -Schrecken im Munde stecken bleiben. Stolz und Edelmut -- und was nicht -alles _noch_ liegt in seinem Blick? Man möchte zum Pinsel greifen und -ihn malen, um ihn in dieser Stellung festzuhalten: der reinste -Prometheus! wahrhaftig: ein Prometheus! Er blickt wie ein Adler, und -sein Gang ist biegsam, gesetzt und fest. Aber seht euch einmal diesen -Adler an, wenn er den Saal verläßt und sich dem Zimmer seines Chefs -nähert, er ist kaum wiederzuerkennen; wie ein flüchtiges Schneehuhn eilt -er mit seinem Aktenbündel unterm Arme dahin, daß ihm fast der Atem -ausgeht. In einer Gesellschaft oder auf einer Soiree, wo nicht allzu -hochstehende Persönlichkeiten zugegen sind, bleibt unser Prometheus ein -echter Prometheus, aber es braucht nur einer da zu sein, der etwas höher -steht als er, und mit unserem Prometheus geht eine solche Verwandlung -vor, wie sie sich selbst ein Ovid nicht träumen ließe: eine Fliege kann -nicht kleiner sein, er ist ganz wie vernichtet, wie ein Sandkorn! »Aber -das ist doch nicht Iwan Petrowitsch!« sagt man sich, wenn man ihn -erblickt, »Iwan Petrowitsch ist größer, der da ist ja ganz klein und -mager; jener spricht laut, hat eine Baßstimme und lacht niemals, aber -dieser hier, Teufel auch, der piepst ja wie ein Vogel und lacht -immerzu.« Kommt man aber näher und sieht genauer zu -- dann ist es -_doch_ Iwan Petrowitsch. »Aha, soso!« sagt man zu sich selbst .... Aber -wenden wir uns wieder zu den handelnden Personen. Wie wir sahen, war -Tschitschikow entschlossen, keine Umstände zu machen; so nahm er denn -eine Tasse Tee und etwas Fruchtsaft und sagte: - -»Sie haben aber ein schönes Gut, Mütterchen. Wieviel Seelen hat es -wohl?« - -»Etwas weniger als achtzig,« sagte die Hausfrau, »leider haben wir bloß -so schlechte Zeiten; voriges Jahr gab's wieder eine Mißernte, daß Gott -erbarm!« - -»Aber die Bauern sehen doch recht kräftig aus, und die Hütten sind ganz -stattlich. Gestatten Sie mir übrigens eine Frage: Wie ist Ihr -Familienname? Ich war so zerstreut, als ich gestern so spät ankam ....« - -»Karobotschka,[2] Kollegiensekretärswitwe.« - -»Danke bestens. Und Ihr Vor- und Vatername?« - -»Nasstassja Petrowna.« - -»Nasstassja Petrowna? Ein schöner Name! -- Nasstassja Petrowna. Ich habe -eine leibliche Tante, die Schwester meiner Mutter, die heißt auch -Nasstassja Petrowna.« - -»Und wie ist Ihr Name?« fragte die Gutsbesitzerin. »Sie sind doch -Assessor? Nicht?« - -»Nein, Mütterchen,« antwortete Tschitschikow lächelnd. »Ich bin nicht -Assessor; ich reise in eigenen Geschäften.« - -»So sind Sie Lieferant? Wie schade! ich habe meinen Honig so billig -verkauft; du hättest ihn mir sicher abgenommen, Väterchen, wie?« - -»Nein, Honig hätte ich wohl kaum gekauft.« - -»Nun, dann was anderes. Vielleicht Hanf? Davon habe ich jetzt zwar auch -nicht mehr viel -- ein halbes Pud höchstens.« - -»Ach nein, Mütterchen, ich brauch' eine andere Ware; sagen Sie mal, sind -bei Ihnen viele Bauern gestorben?« - -[Fußnote 2: Kästchen.] - -»Oh je! Väterchen, achtzehn Mann!« sagte die Alte seufzend. »Und lauter -so prächtige Leute, alles tüchtige Arbeiter. Es ist ja freilich auch -Nachwuchs da, aber was hat man davon, lauter schmächtiges Volk, und der -Steuereinnehmer kommt und will seine Steuer für jede Seele haben. Sie -sind doch schon tot, und doch muß man für sie zahlen, wie wenn sie noch -am Leben wären. Vorige Woche ist mir ein Schmied verbrannt, ein so -geschickter Schmied! Der hat auch das Schlosserhandwerk verstanden.« - -»War denn im Dorfe eine Feuersbrunst, Mütterchen?« - -»Gott verhüte ein solches Unglück! Eine Feuersbrunst, das wäre ja noch -viel schrecklicher. Nein, er ist ganz von selbst verbrannt. Das Feuer -ist da irgendwo im Innern bei ihm entstanden; er hat auch gar zu viel -getrunken, man sah nichts wie ein blaues Flämmchen, und so ist er -allmählich verkohlt, bis er auch ganz schwarz wurde wie eine Kohle; ach -war das ein geschickter Schmied. Jetzt kann ich gar nicht mehr -ausfahren. Es ist niemand da, der die Pferde beschlagen kann.« - -»Das war wohl Gottes Wille, Mütterchen,« sagte Tschitschikow seufzend, -»gegen Gottes Weisheit darf man nicht murren. Wissen Sie was? Überlassen -Sie sie mir, Nasstassja Petrowna?« - -»Wie Väterchen?« - -»Nun, all diese Leute, die gestorben sind.« - -»Wie kann ich sie Ihnen denn überlassen?« - -»Nun sehr einfach. Oder meinetwegen, ich kann sie Ihnen auch abkaufen. -Ich will Ihnen Geld für sie geben.« - -»Ja wie denn nur? Wirklich, ich verstehe Sie noch nicht. Willst du sie -aus der Erde ausgraben?« - -Tschitschikow merkte, daß die Alte übers Ziel hinausgeschossen hatte, -und hielt es daher für notwendig ihr klar zu machen, worum es sich -handele. Er erklärte ihr mit wenigen Worten, daß die Abtretung oder der -Verkauf nur auf dem Papiere statthaben und die Seelen als lebende gelten -sollten. - -»Ja, wozu brauchst du sie nur,« sagte die Alte, indem sie ihn verwundert -anstarrte. - -»Das ist schon meine Sache!« - -»Aber sie sind doch tot!« - -»Ja wer sagt denn, daß sie lebendig sind? Es ist doch Ihr eigener -Schade, daß sie tot sind. Sie zahlen doch Steuern für sie, und ich will -Sie von dieser Last und Sorge befreien. Verstehen Sie jetzt? Und nicht -nur befreien; ich will Ihnen noch fünfzehn Rubel dazu schenken. Nun, -ist's Ihnen jetzt klar?« - -»Ich weiß wirklich nicht,« sagte die Alte zögernd, »Tote habe ich noch -niemals verkauft.« - -»Das ist doch kein Wunder! Es wäre eher eins, _wenn_ Sie schon welche -verkauft hätten. Oder glauben Sie tatsächlich, daß sie überhaupt irgend -einen Wert haben?« - -»Nein, das glaube ich freilich nicht. Was könnten sie auch für einen -Wert haben? Sie sind ja zu nichts nütze! Mich beunruhigt bloß dies eine: -daß sie schon tot sind.« - -»Hat das Weib aber ein Brett vorm Kopf,« dachte Tschitschikow. »Hören -Sie, Mütterchen; denken Sie doch ein wenig nach! Das ist doch eine -bedeutende Einbuße für Sie. Sie müssen doch für jeden die Steuern -bezahlen, als ob er noch am Leben wäre.« - -»Ach, Väterchen, erinnere mich bloß nicht daran,« unterbrach ihn die -Gutsbesitzerin. »Vor drei Wochen habe ich erst wieder hundertfünfzig -Rubel einzahlen müssen, und dabei mußte ich noch den Steuerbeamten -gründlich spicken.« - -»Sehen Sie, Mütterchen, und nun denken Sie mal, von heute ab brauchen -Sie den Beamten nicht mehr zu spicken, denn jetzt zahle ich die Steuern -und nicht Sie. Ich nehme alle Lasten auf mich, auch die Kosten des -Kaufvertrags. Verstehen Sie!« - -Die Alte wurde nachdenklich; sie fing an einzusehen, daß das Geschäft -nicht so übel wäre; nur war es schon gar zu neu und unerhört, und sie -fürchtete, der Käufer könne sie wohl gar übers Ohr hauen. War er doch -Gott weiß woher und noch zu so später Stunde herein geschneit. - -»Also schlagen Sie ein, Mütterchen,« sprach Tschitschikow. - -»Wahrhaftig, Väterchen, Verstorbene habe ich noch nie verkauft. -Lebendige schon öfters, so noch vor drei Jahren: da habe ich dem -Protopopoff zwei Mädchen überlassen, jede für hundert Rubel; und er war -sehr zufrieden. Es sind vorzügliche Arbeiterinnen geworden. Sie können -sogar Servietten weben.« - -»Hier handelt es sich aber nicht um Lebende. Gott mit ihnen! Ich brauche -Tote!« - -»Wirklich, ich fürchte vor allem, ein schlechtes Geschäft zu machen. Du -willst mich am Ende betrügen, Väterchen. Vielleicht sind sie ..., kosten -sie gar viel mehr.« - -»Hören Sie, Mütterchen ... Wie Sie sich bloß anstellen! Was können sie -denn wert sein; überlegen Sie sich es doch nur! Das ist doch nichts! -Begreifen Sie doch, ein reines Nichts! Nehmen Sie das letzte, unnützeste -Ding, sagen wir sogar irgend einen alten Lappen: selbst der hat noch -einen Wert; den kauft Ihnen noch der Lumpenhändler ab. Aber die da, die -braucht doch überhaupt Keiner! Nein, sagen sie selbst, zu was sind sie -nütze!?« - -»Das ist schon ganz richtig! Freilich sind sie nichts nütze. Mich hält -auch nur ab, daß sie schon tot sind.« - -»Herr Gott, ist das eine klotzige Dickköpfigkeit,« sagte Tschitschikow -zu sich selber, und fing bereits an, die Geduld zu verlieren. »Mit der -soll einer auskommen. Wahrhaftig, ich schwitze! Verdammte Alte!« Und er -nahm sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß von -der Stirne. Übrigens hatte Tschitschikow eigentlich keinen Grund zu -seinem Ärger. Es gibt höchst achtbare Leute, sogar unter den -Staatsmännern, die, wenn man näher zusieht, auch nicht besser wie -Karobotschka sind. Hat sich so einer mal was in den Kopf gesetzt, so -bringst du es mit zehn Pferden nicht wieder heraus. Mach ihm Einwände -soviel du willst. Sie mögen so klar sein wie der lichte Tag, sie prallen -doch immer wieder zurück wie ein Gummiball von einer Steinmauer. Nachdem -sich Tschitschikow den Schweiß abgetrocknet hatte, kam er auf den -Gedanken, noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelänge, sie von -einer anderen Seite her auf den rechten Weg zu bringen. - -»Mütterchen,« sagte er, »entweder Sie wollen mich nicht verstehen, oder -Sie reden das alles nur, um nur überhaupt etwas zu reden ... Ich gebe -Ihnen Geld, fünfzehn Rubel in Banknoten; verstehen Sie? Das ist doch -Geld und liegt nicht auf der Straße. Wie teuer haben Sie zum Beispiel -Ihren Honig verkauft? Gestehen Sie mal!« - -»Für zwölf Rubel das Pud.« - -»Versündigen Sie sich nicht, Mütterchen! Zwölf haben Sie gewiß nicht -dafür bekommen.« - -»Bei Gott, Väterchen!« - -»Nun also sehen Sie, dafür war das auch Honig. Sie haben vielleicht ein -Jahr gebraucht, voller Sorgen und Mühe und Arbeit, bis Sie ihn -einsammeln konnten. Sind hin und her gefahren; haben die armen Bienen -geplagt. Sie einen ganzen Winter über im Keller gefüttert. Sehen Sie -wohl! Dagegen die toten Seelen, die sind doch nicht von dieser Welt. An -die haben Sie keinerlei Mühe und Arbeit gewendet. Es war halt Gottes -Wille, daß sie diese Welt verlassen und ihrem Hause Abbruch tun mußten. -Dort haben Sie für alle Ihre Sorge und Mühe zwölf Rubel bekommen, und -hier sollen Sie für ein reines Nichts, ganz umsonst, nicht zwölf, -sondern sogar fünfzehn Rubel und nicht in Silber, sondern in lauter -schönen blauen Scheinen ausbezahlt erhalten.« Nachdem Tschitschikow so -starke und überzeugende Gründe ins Feld geführt hatte, zweifelte er kaum -noch, daß die Alte endlich nachgeben werde. - -»Nein wirklich,« versetzte die Gutsbesitzerin, »ich bin eine arme und -unerfahrene Witwe, lieber will ich noch ein wenig warten, bis noch -andere Käufer kommen. Damit ich mich über den Preis vergewissern kann.« - -»Schämen Sie sich, Mütterchen! Denken Sie bloß selbst, was Sie da reden. -Wer wird denn so etwas kaufen wollen. Was soll er denn bloß damit -anfangen.« - -»Vielleicht kann man sie doch bei Gelegenheit in der Wirtschaft -verwenden ...« erwiderte die Alte. -- Aber sie vollendete ihre Rede -nicht, machte den Mund auf und starrte ihn beinahe mit Entsetzen an, -gespannt auf seine Antwort harrend. - -»Die Toten in der Wirtschaft! -- Herr Gott, wozu Sie sich wieder -verstiegen haben! Etwa um nachts die Spatzen in Ihrem Garten zu -scheuchen?! Wie?« - -»Heiliger Jesus hilf uns! Welch schreckliche Dinge du da sprichst,« -sagte die Alte, indem sie das Kreuz schlug. - -»Wozu wollen Sie sie denn sonst verwenden? Übrigens das Grab und die -Knochen können sie ja behalten. Der Kauf findet ja nur auf dem Papiere -statt. Nun also wie steht es? Geben Sie mir doch zum wenigsten eine -Antwort.« - -Die Alte versank wieder in Nachdenken. - -»Woran denken Sie bloß, Nastassja Petrowna?« - -»Wirklich, ich weiß nicht recht, was ich da machen soll? Kaufen Sie mir -lieber etwas Hanf ab!« - -»Ach was Hanf! Ich bitte Sie! Ich will was ganz anderes von Ihnen, und -Sie schwatzen mir Ihren Hanf auf. Lassen Sie den Hanf ruhig Hanf -bleiben! Wenn ich ein anderes Mal vorspreche, kaufe ich Ihnen vielleicht -auch Hanf ab. Nun, wie ist es, Nastassja Petrowna?« - -»Bei Gott es ist eine so seltene Ware, mit der ich noch nie was zu tun -gehabt habe.« - -Hier war Tschitschikows Geduld zu Ende. In seiner Wut packte er einen -Stuhl, stieß ihn auf die Erde und wünschte ihr den Teufel an den Hals. - -Vor dem Teufel war die Gutsbesitzerin aufs höchste entsetzt. - -»Ach, sprich mir nicht von ihm! Gott mit ihm!« rief sie aus und -erbleichte. »Noch die ganze vorige Nacht hab ich ihn fortwährend im -Traume gesehen, den Verfluchten. Ich wollte mir nach dem Gebet noch -einmal die Karten legen. Da hat ihn mir Gott offenbar zur Strafe -hergesandt. So greulich sah er aus. Seine Hörner waren länger als die -eines Ochsen.« - -»Ich wundere mich, daß sie Ihnen nicht zu Dutzenden erscheinen! Mich -leitet nichts wie die reinste Christenliebe; ich sehe eine arme Witwe, -die sich plagt und Not leidet ... Daß du doch krepiertest zusamt deinem -Gute.« - -»Ach, was für schreckliche Flüche du da ausstößt,« sagte die Alte und -sah ihn entsetzt an. - -»Wahrhaftig, es fehlen einem ja die Worte, rein wie ein -- entschuldigen -Sie den harten Ausdruck -- wie ein Kettenhund, der auf seinem Stroh -liegt; frißt das Stroh selbst nicht und läßt doch keinen andern ran. Ich -wollte Ihnen allerhand von Ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen -abkaufen, weil ich ja auch Lieferungen für den Staat übernehme ...« Hier -log er etwas hinzu, so ganz nebenher, und ohne es sich recht überlegt zu -haben, aber sehr geschickt. - -Diese Lieferungen für den Staat machten einen tiefen Eindruck auf -Nastassja Petrowna; wenigstens sagte sie mit beinahe flehender Stimme: -»Warum wirst du denn gleich so zornig? Hätte ich früher gewußt, daß du -so wild werden kannst, dann hätte ich lieber garnicht widersprochen.« - -»Ach was, ich bin garnicht zornig! Die ganze Sache ist keine ausgepreßte -Zitrone wert. Und ich sollte mich ärgern?« - -»Schön, schön, ich will sie dir ja für 15 Rubelscheine lassen. Nur eins, -Väterchen, vergiß mich nicht bei den Lieferungen, wenn du etwa Roggen -oder Gerstenmehl oder Buchweizen oder Fleisch brauchen solltest.« - -»Nein, nein, Mütterchen, ich werde dich schon nicht vergessen,« sagte -er, während er sich den Schweiß mit der Hand abtrocknete, der in drei -Sturzbächen über sein Gesicht floß. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie -nicht in der Stadt einen Vertrauensmann beim Gericht, einen Vertreter -oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschluß des Kaufkontraktes und -aller übrigen notwendigen Maßnahmen bevollmächtigen könnte. »Gewiß, den -Probst, Vater Kirill; sein Sohn ist am Gericht,« sagte Karobotschka. -Hierauf bat Tschitschikow sie, ihm eine Vollmacht zu schicken, ja er -übernahm es sogar, diese selbst aufzusetzen, um der Alten jegliche -unnütze Arbeit zu ersparen. - -»Es wäre doch gut,« dachte unterdes Karobotschka, »wenn er mir etwas -Mehl und Vieh für den Staat abnähme. Ich muß ihn für mich gewinnen. Es -ist noch etwas Teig von gestern abend da. Ich will mal hingehen und der -Fetinja sagen, sie soll Pfannkuchen backen. Auch eine Eierpastete von -Butterteig wäre nicht übel. Die macht sich sehr gut, und es nimmt nicht -viel Zeit weg.« Damit ging die Hausfrau hinaus, um ihren Plan mit der -Pastete auszuführen und ihn noch durch andere Produkte der häuslichen -Koch- und Backkunst zu ergänzen. Tschitschikow aber ging in den Salon, -in dem er die Nacht zugebracht hatte, um die notwendigen Papiere aus -seiner Schatulle zu holen. Das Zimmer war schon längst aufgeräumt, die -üppigen Plumeaus und Unterbetten waren hinausgeschafft. Vor dem Sofa -stand ein Tisch mit einer Decke darauf. Er setzte seine Schatulle auf -ihn und ließ sich auf das Sofa nieder, um ein wenig auszuruhen; denn er -fühlte, daß er ganz in Schweiß gebadet sei: alles, was er am Leibe trug, -vom Hemd bis zu den Strümpfen, war vollständig naß. »Hat die mir -zugesetzt, die verfluchte Alte,« sagte er, nachdem er ein wenig -ausgeruht hatte, und öffnete die Schatulle. Der Autor ist überzeugt, daß -mancher Leser neugierig sein wird, den Plan und die innere -Fächereinteilung der Schatulle kennen zu lernen. Meinetwegen, warum -sollte ich diese Neugierde nicht befriedigen. Also, da habt ihr sie, die -Einteilung; in der Mitte befindet sich der Seifennapf; auf den -Seifennapf folgen sechs bis sieben schmale Fächer für die Rasiermesser. -Dann kommen zwei viereckige Behältnisse für die Streusandbüchse und das -Tintenfaß. Zwischen beiden ist eine Rille für Federn, Siegellack und -Gegenstände von längerer Statur. Weiter folgten allerhand Fächer _mit_ -Deckel und _ohne_ Deckel, für die kürzeren Gegenstände, welche mit -Visitenkarten, Beerdigungsanzeigen, Theaterbilleten und anderen Zetteln -angefüllt waren, die hier als Reminiszenzen ruhten. Das ganze obere -Kästchen mit all seinen Fächern ließ sich herausheben. Unter ihm öffnete -sich ein weiter Raum, in dem Stöße von Papier in Bogengröße -aufgeschichtet lagen. Darunter befand sich ein kleines verborgenes -Kästchen, das sich unauffällig seitlich auftat, in dem er sein Geld zu -bewahren pflegte. Dieses Kästchen wurde von seinem Besitzer stets mit -einer solchen Geschwindigkeit auf- und im selben Augenblick wieder -zugemacht, daß man nicht mit Sicherheit angeben konnte, wieviel Geld es -enthielt. Tschitschikow ging sogleich an die Arbeit, schnitt die Feder -zurecht und begann zu schreiben. In diesem Moment trat die Hausfrau ins -Zimmer. - -»Hast du aber einen schönen Kasten, Väterchen!« sagte sie, indem sie -sich neben ihn setzte, »den hast du wohl in Moskau gekauft?« - -»Ja, in Moskau,« antwortete Tschitschikow und fuhr fort zu schreiben. - -»Ich weiß, dort kriegt man's nur gut. Vor zwei Jahren hat meine -Schwester gefütterte Stiefel für die Kinder von dort mitgebracht. -Vortreffliche Ware! So dauerhaft! Sie tragen sie noch heute. Ach, hast -du viel Stempelpapier,« fuhr sie fort, während sie einen Blick in die -Schatulle warf. Und in der Tat, es war sehr viel Papier darin. »Du -könntest mir ein paar Bogen schenken. Bei mir herrscht solch ein Mangel -daran. Es kommt doch vor, daß man ein Schreiben ans Gericht zu senden -hat. Dann ist immer kein Papier da.« - -Tschitschikow erklärte ihr, das sei kein Papier, wie sie es wünschte. Es -sei nur für Kaufkontrakte, und nicht für Gesuche geeignet. Übrigens gab -er ihr, um sie zu beruhigen, einen Bogen im Werte von einem Rubel. -Nachdem er seinen Brief vollendet hatte, ließ er sie unterschreiben und -bat sie um ein kurzes Verzeichnis der Bauern. Es stellte sich heraus, -daß die Gutsbesitzerin gar keine Listen über ihre Bauern führte, sondern -ihre Namen nur auswendig wußte. Er forderte sie auf, ihm diese zu -diktieren. Mehrfach geriet er in höchstes Erstaunen über ihre -Familiennamen und mehr noch über ihre Spitznamen, sodaß er jedesmal beim -Hören ein wenig innehielt, ehe er sie niederschrieb. Einen besondern -Eindruck machte auf ihn ein gewisser Peter Saweljew genannt der -Waschtrogverächter, sodaß er sich nicht enthalten konnte, auszurufen: -»Ist das aber ein langer Kerl!« Ein anderer trug den Beinamen Kuhfladen. -Ein dritter wurde einfach Johann das Rad genannt. Nachdem er mit dem -Schreiben fertig war, sog er die Luft tief durch die Nase ein und roch -den Duft einer in Butter schmorenden Speise. - -»Bitte bedienen Sie sich,« sagte die Wirtin. Tschitschikow sah sich um -und bemerkte, daß der Tisch mit leckeren Gerichten reich besetzt war; da -gab es Pilze, Gebäck, Spiegeleier, Pfannkuchen, Käsekeulchen, -Splittertörtchen und Fladen mit allerhand Pastetchen: Pastetchen mit -Zwiebeln, Pastetchen mit Mohn, Pastetchen mit Quark, Pastetchen mit -Stinten und weiß Gott, was sonst noch alles. - -»Bitte, vielleicht eine Eierpastete aus Butterteig gefällig?« sagte die -Wirtin. - -Tschitschikow rückte näher an die Eierpastete aus Butterteig heran, und -sprach sich sehr lobend über sie aus, nachdem er eine gute Hälfte von -ihr verspeist hatte. Und in der Tat, die Pastete war schon an und für -sich nicht übel; nach all den Plackereien und dem Geplänkel mit der -Alten aber schmeckte sie noch weit vorzüglicher. - -»Nehmen Sie Pfannkuchen?« sagte die Wirtin. Als Antwort auf diese Frage, -spießte Tschitschikow gleich drei Pfannkuchen auf, rollte sie zusammen, -tauchte sie in die geschmolzene Butter und beförderte sie in den Mund, -worauf er sich Lippen und Hände mit der Serviette abwischte. Nachdem er -dieses etwa dreimal wiederholt hatte, bat er die Hausfrau die Pferde -anspannen zu lassen. Nasstassja Petrowna schickte Fetinja sofort in den -Hof hinunter, und trug ihr zugleich auf, noch ein paar heiße Pfannkuchen -mitzubringen. - -»Ihre Pfannkuchen sind ausgezeichnet, Mütterchen,« sagte Tschitschikow, -indem er sich über die frischen Pfannkuchen hermachte. - -»Ja, das versteht meine Köchin sehr gut,« versetzte die Hausfrau, -»leider war nur die Ernte so schlecht, und das Mehl ist nicht so gut -geraten. Aber warum eilen Sie so? Väterchen?« fuhr sie fort, als sie -sah, daß Tschitschikow schon seinen Hut in der Hand hielt, »der Wagen -ist ja noch gar nicht fertig.« - -»Oh der ist schnell fertig, Mütterchen. Bei mir geht das sehr schnell.« - -»Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den Lieferungen?« - -»Nein, nein,« sagte Tschitschikow, während er in den Flur hinaustrat. - -»Sie wollen mir also keinen Speck abkaufen?« sagte die Hausfrau, indem -sie ihn hinausbegleitete. - -»Warum nicht? Gewiß kaufe ich Ihnen welchen ab. Nur nicht gleich jetzt.« - -»Zu Ostern werde ich schönen Speck haben.« - -»Seien Sie ruhig, ich kaufe Ihnen welchen ab; ich kaufe ihnen alles ab, -was Sie wollen, auch Schweinespeck.« - -»Vielleicht brauchen Sie auch Daunen? Während der Weihnachtsfasten werde -ich auch Daunen haben.« - -»Schön, schön,« sagte Tschitschikow. - -»Siehst du wohl, Väterchen, dein Wagen ist noch nicht fertig,« sprach -die Hausfrau, als sie auf die Treppe hinaustraten. - -»Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir bloß, wie ich auf die große -Landstraße gelange.« - -»Wie mache ich das nur?« sagte die Hausfrau. »Es ist nicht leicht, dir -das klar zu machen, man muß so oft wenden; vielleicht ist es das Beste, -ich gebe dir ein Mädchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst doch auf -dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich hinsetzen kann.« - -»Natürlich.« - -»Nun gut, dann gebe ich dir das Mädel mit, sie kennt den Weg, entführt -sie mir nur nicht gar, hörst du, neulich haben mir schon ein paar -Kaufleute einmal eine weggeholt.« - -Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mädchen nicht zu entführen -und Karobotschka kehrte wieder beruhigt zur Durchmusterung ihres Hofes -zurück. Erst glotzte sie die Haushälterin an, welche eine hölzerne Kanne -mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann warf sie einen Blick auf -einen Bauern, -- der im Torweg erschien, um allmählich immer mehr in -ihrem Haushalt unterzutauchen. Wozu aber beschäftigen wir uns eigentlich -so lange mit Karobotschka? Was ist uns Karobotschka, Manilow, -wirtschaftliches oder unwirtschaftliches Leben? Lassen wir sie! Ist es -nicht wunderbar eingerichtet in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man -sich's versieht, in Trauer über, wenn man sich gar zu lange bei ihr -aufhält, und Gott weiß, was sich einem dann für Gedanken aufdrängen! Man -könnte gar auf die Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich -so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher -Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der Abgrund, der sie -von ihrer Schwester trennt. Von ihr, welche unnahbare Mauern eines -aristokratischen Hauses mit seinen lieblich duftenden gußeisernen -Treppen beschützen, die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren -Teppichen prunken. Von ihr, welche gähnend neben ihrem halbgelesenen -Buche sitzt, in unruhiger Erwartung des weltmännisch-geistreichen -Besuchers, in dessen Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld eröffnet, wo -sie ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen lassen -kann. -- Gedanken, welche nach der heiligen Satzung der Mode eine ganze -Stadt wochenlang beschäftigen, Gedanken, die sich nicht darum drehen, -was in ihrem Hause und auf ihren Gütern vorgeht, die in Unordnung -geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet sind, welche -Umwälzung in der französischen Politik bevorsteht, oder welche Wendung -der moderne Katholizismus nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu über -diese Dinge reden? Aber warum fällt bisweilen in Augenblicken froher, -sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von selbst ein wundersamer Strahl in -uns hinein? Noch fand das Lächeln kaum Zeit, dem Gesichte zu -entschwinden, und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in -ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz? - -»Da ist er, da ist ja mein Wagen,« rief Tschitschikow, als er seine -Kutsche heranrollen sah, »was hast du nur solange getrödelt, du Esel! -Dein Rausch von gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen.« - -Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort. - -»Leben Sie wohl, Mütterchen! Nun wo ist Ihr Mädchen?« - -»Heh! Pelagia!« rief die Alte einem Mädchen von etwa elf Jahren zu, das -in der Nähe der Treppe stand. Die Kleine hatte ein selbstgewebtes, -farbiges Leinenkleid an. Sie war barfüßig, und schien doch Stiefeln -anzuhaben, denn ihre Füße waren bis oben hinauf mit frischem -Straßenschmutz bedeckt. »Zeig dem Herrn den Weg!« - -Seliphan half dem Mädchen auf den Bock, welches zuerst mit einem Fuß auf -das Trittbrett stieg, das sie bei dieser Gelegenheit ein wenig -beschmutzte. Hierauf schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich -neben Seliphan niederließ. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen Fuß auf -das Trittbrett und nahm endlich im Wagen Platz, der sich unter seinem -Gewichte nach rechts beugte. »So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie -wohl Mütterchen!« mit diesen Worten verabschiedete er sich von der -Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an. - -Seliphan war den Weg über sehr ernst und streng und widmete sich seinem -Dienst mit großer Aufmerksamkeit, was immer dann zu geschehen pflegte, -wenn er etwas verschuldet hatte oder betrunken gewesen war. Die Pferde -waren von einer bewundernswerten Sauberkeit. Das Kummet bei dem einen, -welches gewöhnlich zerlocht und zerfetzt war, sodaß das Werg unter dem -Leder hervorquoll, war sorgfältig genäht und ausgebessert. Er war -während des ganzen Weges sehr schweigsam, schwang nur hin und wieder die -Peitsche und unterließ es vollkommen, seine Pferde mit lehrhaften Reden -zu beehren, obwohl der Schecke natürlich gerne eine Belehrung -entgegengenommen hätte. Denn während einer solchen Rede pflegte der -wortfrohe Wagenlenker die Zügel immer recht lose in der Hand zu halten, -und er ließ auch die Peitsche nur _pro forma_ über den Rücken der Pferde -hüpfen. Aber der finstere Mund ließ dieses Mal nur monotone und -unfreundliche Ausrufe vernehmen, wie: »Hüh! Hüh! alte Krähe! was -trödelst du!« sonst nichts. Aber selbst der Braune und der Assessor -waren nicht zufrieden, weil sie kein einziges freundliches und Achtung -zollendes Wort zu hören bekamen. Der Schecke erhielt sogar häufig -äußerst unangenehme Schläge auf seine weichen, wohlgerundeten -Körperteile. »Sieh mal, was in den gefahren ist!?« dachte er sich, indem -er seine Ohren ein wenig spitzte. »Der weiß auch, wohin er haut; sucht -sich nicht etwa den Rücken aus, sondern gerade die empfindlichsten -Stellen. Schlägt einem die Peitsche um die Ohren oder geht einem sogar -an den Bauch.« - -»Rechts? Wie?« Mit dieser trockenen Frage wandte sich Seliphan an das -neben ihm sitzende Mädchen, indem er mit der Peitsche auf den vom Regen -geschwärzten Weg hinwies, der sich zwischen frischen, in hellem Grün -leuchtenden Feldern dahinzog. - -»Nein, noch nicht! Ich werde es dir schon sagen!« antwortete das -Mädchen. - -»Nun, wohin denn?« fragte Seliphan, als sie sich dem Kreuzweg näherten. - -»Dorthin!« sagte das Mädchen, indem es mit dem Finger die Richtung -anzeigte. - -»Ach! du!« sagte Seliphan, »das ist doch rechts! Kann rechts und links -nicht unterscheiden.« - -Obwohl der Tag sehr heiter war, war die Straße derartig schmutzig, daß -der Kot an den Wagenrädern kleben blieb und sie bald wie mit einer -Filzschicht bedeckte, was die Equipage am Fortkommen hinderte. Dazu war -der Boden noch sehr locker und lehmig. Dieses war die Ursache, daß sie -die Landstraße nicht vor Mittag erreichten. Ohne das Mädchen wäre es -ihnen wahrscheinlich auch schwerlich gelungen, weil die Wege nach allen -Richtungen auseinanderliefen, wie gefangene Krebse, wenn man sie aus dem -Netze schüttet. Und Seliphan hätte sich ohne seine Schuld leicht -verirren können. Bald darauf zeigte das Mädchen mit der Hand auf ein -Gebäude, das in der Ferne sichtbar wurde, und sagte: »Da ist die -Poststraße.« - -»Und was ist das für ein Gebäude?« fragte Seliphan. - -»Ein Wirtshaus,« sagte das Mädchen. - -»So, nun werden wir schon selbst den Weg finden. Du kannst jetzt nach -Hause gehen.« - -Er hielt an und half ihr beim Absteigen, während er vor sich -hinmurmelte: »Du Dreckbein!« - -Tschitschikow gab ihr eine Kupfermünze, und sie lief munter nach Hause, -hocherfreut, daß sie auf dem Kutschbock hatte fahren dürfen. - - - Viertes Kapitel - -Als man sich dem Wirtshause näherte, ließ Tschitschikow anhalten und -zwar aus zwei Gründen. Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, und -dann wünschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen und sich zu -stärken. Der Autor muß gestehen, daß er diese Art Leute um ihren guten -Magen und ihren Appetit aufrichtig beneidet. Für ihn haben jene große -Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg oder Moskau wohnen und -deren ganze Zeit im Nachdenken darüber aufgeht, was sie morgen zu Mittag -speisen werden, und was für ein Menu sie für übermorgen zusammenstellen -könnten, sie, die sich nicht eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie -ein paar Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und andere -Meerwunder verschlungen haben, um sich zum Schluß nach Karlsbad oder in -den Kaukasus zu begeben. Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid des -Autors wachrufen können. Wohl aber jene mittleren Leute, welche auf -_einer_ Station eine Portion Schinken bestellen, auf der nächsten ein -Spanferkel, auf der dritten ein Stück Stör oder Bratwurst mit Knoblauch, -und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn nichts passiert wäre, und -zwar zu jeder beliebigen Zeit. Die Suppe aus Quappe, Sterlet und -Fischmilch zischt und brodelt zwischen ihren Zähnen, begleitet von -Fischpasteten oder einer Welspirogge, sodaß bei jedem Unbeteiligten der -Appetit rege werden muß. -- Diese Leute erfreuen sich einer -beneidenswerten Himmelsgabe. Mehr als einer von den großen Herren würde -sofort die Hälfte seiner Bauern und der verpfändeten und unverpfändeten -Güter mit all ihren modernen Errungenschaften, die das In- und Ausland -hervorbrachten, darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, wie so -ein Mann des guten Bürgerstandes. Das Unglück ist leider nur, daß man -sich weder für Geld noch Güter mit und ohne Errungenschaften einen -solchen Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren Stände -besitzt. - -Das hölzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow unter sein -gastliches Vordach, welches auf gedrechselten Säulen ruhte, die große -Ähnlichkeit mit altertümlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus -war eine Art russische Bauernhütte, nur in etwas größerem Maßstab. Die -mit Schnitzwerk verzierten Karnise aus frischem Holze um die Fenster -herum und unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen Wänden ab. -Auf den Fensterläden waren Krüge mit Blumen abgebildet. - -Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen war, betrat er -den breiten Flur. Hier stieß er auf eine Tür, welche sich knarrend -auftat, sowie auf ein dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das -ihn mit folgenden Worten anredete: »Hierher, bitte!« In dem Gastzimmer -fand er lauter alte Bekannte, denen man immer in den kleinen hölzernen -Wirtshäusern an der Landstraße begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar, -die glatt gehobelten Wände aus Fichtenholz, ein dreieckiges Spind mit -Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete Porzellaneier vor den -Heiligen-Bildern, die an blauen und roten Bändern hingen, eine Katze, -die vor kurzem Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei Augen -vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen erkennen ließ, -endlich Sträuße aus wohlriechenden Kräutern und Nelken, welche hinter -die Heiligenbilder gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, daß -jeder, den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen begann, -sonst aber unbefriedigt blieb. - -»Haben Sie Spanferkel?« Mit dieser Frage wandte sich Tschitschikow an -die dicke Alte. - -»Gewiß!« - -»Mit Meerrettich und saurer Sahne?« - -»Freilich mit Sahne und Meerrettich.« - -»Her damit!« - -Die Alte ging, kramte im Speiseschrank umher und brachte einen Teller, -eine Serviette, steif gestärkt wie getrocknete Baumrinde, ferner ein -Messer mit einem gelblichen Knochengriff, und einer Klinge, dünn wie die -eines Federmessers und schließlich eine zweizinkige Gabel und ein -Salzfaß, das durchaus nicht geradestehen wollte. - -Unser Held ließ sich nach seiner Gewohnheit sogleich in ein Gespräch mit -ihr ein. Er erkundigte sich, ob sie selbst die Besitzerin des Gasthofes -oder ob noch ein Wirt da sei; wieviel das Geschäft abwerfe; ob ihre -Söhne bei ihr wohnten; was der älteste Sohn für einen Beruf habe und ob -er schon verheiratet oder noch Junggeselle sei; was er für eine Frau -genommen habe, mit oder ohne Mitgift; ob der Schwiegervater zufrieden -und ob der Sohn nicht ärgerlich gewesen sei, daß er zu wenig -Hochzeitsgeschenke bekommen habe. Mit einem Wort, er vergaß nicht das -Mindeste. Es versteht sich von selbst, daß er auch Erkundigungen darüber -einzog, was für Gutsbesitzer in der Nähe wohnten, und er erfuhr, daß es -deren verschiedene gäbe, einen gewissen Blochin, Potschitajew, Mylny, -Oberst Tscherpakow, Sabakewitsch. »Ah! du kennst Sabakewitsch?« fragte -er die Alte, und er hörte sogleich, daß sie nicht nur Sabakewitsch, -sondern auch Manilow kenne, und daß Manilow etwas »dewikater« sei als -Sabakewitsch. »Er bestellte sofort ein Huhn oder Kalbsbraten; gibt es -Hammelleber, so verlangt er auch Hammelleber und ißt von allem nur ein -wenig. Dagegen bestellt Sabakewitsch immer nur ein einziges Gericht, das -er dann aber auch ganz aufißt. Ja, er verlangt sogar noch eine größere -Portion für dasselbe Geld.« - -Während er sich in dieser Weise unterhielt und vergnügt sein Spanferkel -verzehrte, von dem nur noch ein kleines Stück auf dem Teller übrig -blieb, hörte er plötzlich das Rädergerassel einer heranrollenden -Equipage. Er blickte zum Fenster hinaus und sah eine zierliche Kutsche -vor dem Wirtshaus halten, die mit drei braven Pferden bespannt war. Aus -dem Wagen stiegen zwei Herren heraus. Der eine von ihnen war blond und -von hohem Wuchs, der andere etwas kleiner und brünett. Der Blonde trug -eine dunkelblaue Joppe, der andere hatte eine gewöhnliche buntgestreifte -Morgenjacke aus Bucharischem Stoffe an. Von ferne sah man noch ein -leeres Wägelchen herankommen, das von einem langhaarigen Viergespann mit -zerrissenen Halsbügeln und Halftern von Hanf gezogen wurde. Der Blonde -lief sofort die Treppe hinauf, während der Dunkelhaarige noch ein wenig -unten blieb, den Wagen untersuchte und, während er sich mit dem Knechte -unterhielt, dem herankommenden Gefährt allerhand Zeichen gab. -Tschitschikow kam seine Stimme ein wenig bekannt vor. Während er ihn -betrachtete, hatte der Blonde bereits die Tür gefunden und öffnete sie -eben. Dies war ein hochgewachsener Mann mit schmalem Gesicht oder, wie -man zu sagen pflegt, mit etwas verlebten Zügen und kleinem roten -Schnurrbart. Nach seiner gebräunten Gesichtsfarbe zu urteilen, hatte er -schon oft im Dampfe gestanden, wenn nicht im Pulverdampf, so doch im -Tabaksdampf. Er verbeugte sich höflich gegen Tschitschikow, worauf jener -mit einer gleichen Verbeugung antwortete. Sie hätten sicherlich schon -nach wenigen Minuten eine Unterhaltung angeknüpft und nähere -Bekanntschaft mit einander gemacht, weil der erste Schritt dazu ja schon -getan war und beide fast zu gleicher Zeit ihre Freude darüber äußerten, -daß der Staub auf der Landstraße durch den gestrigen Regen vollständig -niedergeschlagen und daß die Reise jetzt angenehm und kühl sei, wenn -nicht sein schwarzhaariger Gefährte plötzlich ins Zimmer getreten wäre; -er riß seinen Hut vom Kopfe und warf ihn auf den Tisch, indem er sich -mit einer kühnen Handbewegung durch das Haar fuhr. Dies war ein Mann von -mittlerem Wuchs, ein stattlicher Kerl mit vollen rosigen Wangen, -schneeweißen blitzenden Zähnen und pechschwarzem Backenbart. Dazu hatte -er so frische Farben wie Blut und Milch; sein Gesicht strotzte förmlich -vor Gesundheit. - -»Ba, Ba, Ba,« rief er plötzlich und breitete beim Anblick Tschitschikows -die Arme weit aus. »Was führt Sie hierher?« - -Hier erkannte Tschitschikow, daß es Nosdrjow war, jener Herr mit dem er -beim Staatsanwalt gespeist und der sich mit ihm schon nach wenigen -Minuten so vertraut gemacht hatte, daß er ihn zu duzen begann, obwohl -ihm Tschitschikow seinerseits nicht die geringste Veranlassung dazu -gegeben hatte. - -»Wo warst du?« fragte Nosdrjow und fuhr ohne die Antwort abzuwarten, -sogleich fort: »Ich komme von der Messe lieber Freund; du kannst mir -gratulieren. Ich bin blank; ich habe den letzten Heller dagelassen. Du -wirst mir's nicht glauben, daß ich noch nie in meinem Leben so blank -war. Ich habe mir eine Droschke mieten müssen. Sieh einmal aus dem -Fenster; da steht sie noch!« Hierbei drückte er Tschitschikows Kopf -herunter, sodaß dieser sich beinah am Fensterkreuz gestoßen hätte. »Sieh -doch die Klepper an, die verdammten Viecher haben mich kaum bis hierher -geschleppt. -- Ich mußte schließlich sogar in seinen Wagen steigen.« Bei -diesen Worten zeigte Nosdrjow mit dem Finger auf seinen Gefährten: - -»Ah -- ihr seid noch nicht bekannt. Mein Schwager Mishujew! Wir haben -schon den ganzen Morgen von dir gesprochen. >Paß mal auf,< habe ich -gesagt, >wenn wir Tschitschikow treffen.< Nein, wenn du wüßtest, Bruder, -wie blank ich bin. Glaub's oder nicht, ich bin nicht nur meine vier -Gäule los geworden, ich habe tatsächlich alles verjuchzt. Ich habe nicht -mal mehr Uhr und Kette.« Tschitschikow sah ihn an und überzeugte sich, -daß er wirklich weder Uhr noch Kette trug. Ja, es schien ihm sogar, daß -die eine Hälfte seines Backenbartes etwas kleiner und dünner war, als -die andre. - -»Und doch, wenn ich nur zwanzig Rubel in der Tasche gehabt hätte,« fuhr -Nosdrjow fort, »genau zwanzig und nicht mehr noch weniger, ich hätte -wahrhaftig Alles wieder gewonnen, d. h. ich hätte es nicht nur -wiedergewonnen, sondern, -- so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich -hätte jetzt noch dreißigtausend dazu in der Tasche.« - -»Das hast du auch schon da gesagt,« wandte ihm hier der Blonde ein. -»Aber als ich dir die fünfzig Rubel gab, hast du sie doch gleich darauf -verspielt.« - -»Ich hätte sie bei Gott nicht verloren. Wahrhaftig nicht. Hätte ich -damals keine Dummheit gemacht, so besäße ich sie noch jetzt. - -Hätte ich nach dem Paroli der verdammten Sieben keine Ecke geschlagen, -ich hätte die ganze Bank sprengen können.« - -»Du hast sie doch aber nicht gesprengt,« sagte der Blonde. - -»Natürlich nicht, weil ich eben die Ecke nicht zur rechten Zeit -geschlagen habe. Du glaubst wohl, daß dein Major sehr schön spielt?« - -»Schön oder nicht schön, er hat dich doch gerupft.« - -»Auch was Großes,« sagte Nosdrjow. - -»So hätte ich ihn auch reinlegen können. Er sollte mal versuchen, -Doublet zu spielen, dann wollen wir mal sehen, was der Kerl kann. Dafür -haben wir aber auch die letzten Tage fein durchgebummelt, Freund -Tschitschikow. Nein wirklich, die Messe war großartig. Selbst die -Kaufleute sagen, daß es noch niemals so ein Leben gab. Wir haben alles, -was von meinem Gut kam, zu den höchsten Preisen losgeschlagen. Ach, -Freund, wie wir gezecht haben. Wenn ich jetzt noch daran denke, Teufel -.... es ist doch schade, daß du nicht dabei warst. Stell dir vor, drei -Werst vor der Stadt stand ein Dragonerregiment und denk dir nur, -sämtliche Offiziere, soviel überhaupt da waren, ich glaube, an die -vierzig Mann hoch, kamen in die Stadt, und als dann erst das Saufen -losging ...... der Stabsrittmeister Patzelujeff, das ist doch ein -famoser Mensch; -- hat der einen Schnurrbart, -- -- -- so groß. Statt -Kognak sagt er einfach Jäckchen. >Bring mir doch schnell ein Jäckchen,< -ruft er dem Kellner zu. Leutnant Kufschinnikow ... Weißt du, Freund, ein -zu netter Mensch! Ein richtiger Zechbruder, das kann man wohl sagen. Wir -waren immer zusammen. Und was uns der Ponomarjow für einen Wein -vorgesetzt hat! Der ist nämlich ein Gauner, mußt du wissen. Bei dem darf -man nichts kaufen. Der Teufel mag wissen, womit der den Wein vermengt. -Der Kerl färbt ihn mit Sandelholz, gebranntem Kork und Holundermark; -wenn man ihm aber aus dem letzten Zimmer, das er sein Allerheiligstes -nennt, eine Flasche herausschmuggelt, wahrhaftig Freund, dann glaubt man -sich gleich im siebenten Himmel. Einen Champagner hatten wir, sage ich -dir! ... Dagegen ist der des Gouverneurs das reinste Weißbier. Stell dir -vor, nicht Cliquot, sondern irgend ein Cliquot-Matradura, gewissermaßen -ein potenziertes Cliquot. Und dann holte ich noch eine Flasche -französischen Wein, Marke Bonbon. Na, der Geruch -- ff., wie -Rosenknospen und sonst noch alles, was dein Herz begehrt .. Donner, -haben wir gezecht! .. Nach uns kam noch ein Fürst hin. Der ließ nach -Champagner schicken. -- Denk dir, in der ganzen Stadt keine Flasche -aufzutreiben: die Offiziere hatten den ganzen Sekt ausgetrunken. Du -kannst mir's glauben, ich allein hab während des Diners siebzehn -Flaschen hinter die Binde gegossen!« - -»Na, na! siebzehn Flaschen, das bringst du denn doch nicht fertig,« -bemerkte der Blonde. - -»So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hab sie doch ausgetrunken.« - -»Du magst reden was du willst. Ich sage dir, du kannst nicht einmal zehn -bewältigen.« - -»Was gilt die Wette!?« - -»Wozu denn wetten!« - -»Gut, wetten wir um die Flinte, die du dir in der Stadt gekauft hast!« - -»Ich mag nicht.« - -»Ach was, tu's doch, versuch's nur!« - -»Ich will's aber nicht versuchen.« - -»Du hast wohl keine Lust, deine Flinte zu verlieren! Hör mal, Freund -Tschitschikow, hab ich's aber bedauert, daß du nicht dabei warst. Ich -bin sicher, du hättest dich von Leutnant Kufschinnikow garnicht trennen -können. Ihr hättet euch gleich verstanden. Der ist nicht wie der -Staatsanwalt und die hiesigen Provinzgrößen unserer Stadt, die für jede -Kopeke zittern. Der macht alles mit: einen Landsknecht, Pharao, ein -Pokerchen, hält ein Bänkchen und alles, was du willst. Ach, -Tschitschikow, nun was hätte es dich gekostet, mitzumachen. Wirklich, du -bist ein Schwein, alter Saukerl du! Gib mir 'nen Kuß! Ich hab dich -schrecklich lieb. Nimm mal den Mishujew, das Schicksal hat uns -zusammengeführt; was ist er mir und was bin ich ihm? Kommt eines schönen -Tages angefahren, Gott weiß woher! Zufälliger Weise muß ich auch gerade -hier wohnen .... Und wieviel Wagen da waren, lieber Freund! Es ging -alles ins Große, weißt du. Engros! Ich hab auch mal Fortuna versucht und -zwei Büchschen Pomade, eine Porzellantasse und eine Gitarre gewonnen. -Dann hab ich nochmal mein Glück probiert und alles wieder verloren, so -'ne Gemeinheit, und noch sechs Rubel dazu. Wenn du wüßtest, was für ein -Don Juan der Kufschinnikow ist. Ich war auf allen Bällen mit ihm -zusammen. Da war eine, die war so aufgeputzt: Rüschen und Spitzen, und -weiß der Teufel, was die nicht alles an sich sitzen hatte. Ich dachte -mir immer, Teufel! Der Kufschinnikow aber -- so 'ne Bestie, was? -- -Setzt sich zu ihr und bekomplimentiert sie auf französisch. Du kannst -mir's glauben, der würde nicht einmal ein Bauernweib durchlassen. Das -nennt er »Erdbeeren pflücken«. Es waren auch herrliche Fische, und vor -allem Störe angekommen. Ich habe einen mitgebracht -- noch gut, daß mir -der Gedanke kam einen zu kaufen, solange ich noch Geld hatte. Wo reist -du denn jetzt hin?« - -»Ach, ich will zu einem Menschen hier,« sagte Tschitschikow. - -»Zu was für einem Menschen? Ach was, laß ihn laufen! Komm! wir fahren -zusammen zu mir nach Hause!« - -»Nein, nein, es geht nicht. Ich habe zu tun.« - -»Ach was, zu tun! Hat sich was ausgedacht! Oh du Opodeldok Iwanowitsch!« - -»Nein wirklich, ich habe zu tun, und sogar etwas sehr Wichtiges!« - -»Ich möchte darauf wetten, du lügst! Also sag mal, zu wem fährst du?« - -»Nun meinetwegen. Zu Sabakewitsch.« - -Hier brach Nosdrjow in jenes laute und helle Lachen aus, dessen nur ein -frischer und gesunder Mensch fähig ist, der dabei seinen Mund weit -auftut, uns die ganze Reihe seiner Zähne sehen läßt, die tadellos und -blendend weiß sind wie Zucker, während seine Gesichtsmuskeln hüpfen und -springen, sodaß der Nachbar im dritten Zimmer, das durch zwei Türen von -ihm getrennt ist, aus dem Schlaf in die Höhe fährt, die Augen aufreißt -und ausruft: »Was mag bloß in den gefahren sein!« - -»Was gibt es hier zu lachen?« sagte Tschitschikow, der sich ein wenig -über das Gelächter ärgerte. - -Aber Nosdrjow fuhr fort, aus vollem Halse zu lachen, indem er -zwischendurch rief: »Nein, bitte, verschone mich; ich berste vor -Lachen!« - -»Das ist durchaus nicht lächerlich: ich habe ihm mein Wort gegeben,« -sagte Tschitschikow. - -»Aber du wirst ja deines Lebens nicht froh, wenn du zu ihm hinfährst; -das ist doch ein ganz gemeiner Geizhals, ein Halsabschneider! Ich kenne -doch deinen Charakter; du befindest dich in einem ungeheueren Irrtum, -wenn du glaubst, du findest dort Gelegenheit zu einem kleinen Spielchen, -eine gute Flasche Bonbon oder sonst was. Hör mal, lieber Freund! Hol -doch der Teufel diesen Sabakewitsch! Komm zu mir! Ich setze dir einen -Stör vor. Der Ponomarjow, diese Bestie hat nur immer Kratzfüße gemacht -und versichert: >Ich tue es nur für Sie! Sie können die ganze Messe -absuchen und werden keinen solchen finden.< Übrigens ein durchtriebener -Spitzbube. Ich habe es ihm gleich ins Gesicht gesagt: >Sie und unser -Branntweinpächter, ihr seid die größten Gauner, die es auf der Welt -gibt,< hab ich ihm gesagt. Dabei lacht die Bestie und streicht sich den -Bart. Kufschinnikow und ich, wir haben jeden Tag in seinem Laden -gefrühstückt. Richtig, lieber Freund, beinah hätte ich vergessen, es dir -zu sagen: ich weiß zwar, du wirst mich nicht in Ruhe lassen, aber ich -sage es dir im voraus, du kriegst ihn nicht einmal für zehntausend -Rubel!« »He Porphyr!« rief er seinem Diener zu, indem er ans Fenster -trat. Dieser stand mit einem Messer in der einen Hand da, während er in -der andern eine Brotrinde und ein Stück Stör hielt, das er mit einem -glücklichen Griff erwischt hatte, als er gerade etwas aus dem Wagen -holen wollte. »He, Porphyr!« schrie Nosdrjow, »bring doch mal den -kleinen Köter herauf!« »Ein feiner Köter! Was!« fuhr er fort, indem er -sich an Tschitschikow wandte. »Natürlich gestohlen! Der Besitzer wollte -ihn um keinen Preis hergeben. Ich bot ihm die hellbraune Stute dafür, -weißt du, die, welche ich vom Chwostyrjow erstanden habe.« Übrigens -hatte Tschitschikow sein Lebtag weder Chwostyrjow noch die braune Stute -gesehen. - -»Wollen der gnädige Herr nichts zu sich nehmen?« sagte jetzt die Alte, -indem sie sich ihm näherte. - -»Nein! Nichts! Ich sag dir Freund! Wir haben gebummelt! Übrigens kannst -du mir einen Schnaps geben! Was habt ihr für welchen?« - -»Anis«, antwortete die Alte. - -»Nun meinetwegen, einen Anis,« rief Nosdrjow. - -»Dann gib mir gleich auch ein Gläschen!« sagte der Blonde. - -»Im Theater war eine Sängerin, die sang ganz wie 'ne Nachtigall, so'ne -Kanaille! Kufschinnikow, der neben mir saß, sagte zu mir: >Weißt du -Freund das wär so was! Da möcht ich mal Erdbeeren pflücken!< Ich glaube -die Zahl der Meßbuden war allein größer als fünfzig. Thenardi drehte -sich vier Stunden lang herum, wie eine Windmühle.« Hierbei nahm er das -Gläschen aus der Hand der Alten, die sich tief vor ihm verneigte. »Her -mit ihm!« rief er plötzlich aus, als er Porphyr erblickte, der mit einem -jungen Hund ins Zimmer trat. Porphyr war ebenso gekleidet wie sein Herr, -auch er trug eine wattierte bucharische Joppe, die nur ein wenig -fettiger war. - -»Gib ihn her, leg ihn hierher, auf den Fußboden!« - -Porphyr legte das Hündchen auf den Fußboden, welches seine vier Pfoten -weit ausstreckte und die Diele zu beschnüffeln begann. - -»Das ist ein Hund!« sagte Nosdrjow, indem er das Tier am Wickel nahm und -mit einer Hand in die Höhe hob. Das Hündchen stieß einen recht -kläglichen Ton aus. - -»Du hast wieder nicht getan, was ich dir befohlen habe,« sagte Nosdrjow -zu Porphyr gewendet, während er den Bauch des Hündchens aufmerksam -betrachtete. »Es ist dir garnicht eingefallen, ihn zu kämmen.« - -»Nein, ich habe ihn gekämmt.« - -»Wo kommen denn die Flöhe her!« - -»Das kann ich nicht wissen. So etwas kommt vor, vielleicht hat er sie -sich im Wagen geholt!« - -»Du lügst! Unsinn! Es ist dir nicht im Traume eingefallen, ihn zu -kämmen; ich glaube, der Esel hat ihm noch von den seinigen abgegeben. -Sieh nur, Tschitschikow, sieh nur, was für Ohren! Komm doch, streichele -ihn mal!« - -»Wozu! Ich sehe es ja auch so! Die Rasse ist gut,« sagte Tschitschikow. - -»Nein, streichele ihn nur mal; befühle mal die Ohren!« - -Tschitschikow tat Nosdrjow den Gefallen, und nahm den Hund bei den -Ohren. »Ja, es wird ein schönes Tier,« fügte er hinzu. - -»Und fühle mal seine kalte Schnauze an! Nimm doch die Hand!« Um ihn -nicht zu beleidigen, befühlte Tschitschikow auch die Schnauze, indem er -bemerkte: »Kein übler Riecher!« - -»Ein echter Bullenbeißer!« fuhr Nosdrjow fort. »Ich muß gestehen, ich -habe schon lange nach einem Bullenbeißer gefahndet. Da, Porphyr, trage -ihn fort.« - -Porphyr nahm das Hündchen beim Bauche und brachte es in den Wagen -zurück. - -»Hör mal, Tschitschikow, du mußt jetzt unbedingt zu mir kommen. Es sind -ja nur fünf Werst von hier. Wir sind im Handumdrehen da. Nachher kannst -du meinetwegen auch zu Sabakewitsch fahren.« - -»Hm!« dachte Tschitschikow, »ich könnte ja schließlich auch einen Besuch -bei Nosdrjow machen. Er ist am Ende nicht schlimmer als die andern. Ein -Mensch wie alle! Und zudem hat er noch Geld verloren. Der ist zu allem -fähig. Dem werd ich schon umsonst etwas abtrotzen. -- Also gut, -meinetwegen! Nur eins, du darfst mich nicht zurückhalten; meine Zeit ist -mir teuer.« - -»Siehst du, Herzchen, so gefällst du mir; das ist nett von dir. Komm, -laß dir einen Kuß dafür geben!« Und Nosdrjow und Tschitschikow umarmten -und küßten sich herzlich. »Famos, jetzt fahren wir zu dritt!« - -»Nein, mich mußt du schon entschuldigen,« sagte der Blonde. »Ich muß -nach Hause.« - -»Ach, Torheiten, Freund! Ich laß dich nicht fort.« - -»Nein wirklich, meine Frau wird sonst böse; übrigens kannst du ja jetzt -in seinen Wagen steigen.« - -»Nein, nein, nein! Du sollst garnicht daran denken.« - -Der Blonde war einer von jenen Menschen, in deren Charakter man zuerst -einen gewissen Starrsinn zu entdecken glaubt. Man hat kaum Zeit den Mund -zu öffnen, da fallen sie einem schon streitlustig ins Wort, und niemals -werden sie etwas zugeben, was ihrer Denkweise widerspricht. Es scheint -einem, daß sie nie einen Dummen klug nennen und vor allem niemals nach -der Pfeife eines anderen tanzen werden. Am Ende aber zeigt es sich, daß -in ihrem Wesen etwas Weiches, Nachgiebiges liegt, daß sie schließlich -gerade das zugeben, was sie erst bestritten haben, das Dumme -- klug -nennen und den herrlichsten Tanz nach der fremden Pfeife aufführen. Sie -fangen forsch an und enden schmählich. - -»Ah, Torheiten,« antwortete Nosdrjow auf einen Einwand des Blonden, -drückte ihm den Hut auf den Kopf und -- der Blonde folgte ihnen auf dem -Fuße. - -»Gnädiger Herr, der Schnaps ist noch nicht bezahlt,« rief die Alte ihnen -nach. - -»Schon recht, schon recht, Mütterchen! Sei so gut, lieber Schwager, -bezahle du für mich! Ich habe nicht mal Kupfer in der Tasche.« - -»Was bekommst du?« fragte der Schwager. - -»Es ist nicht der Rede wert, Väterchen. Es macht ja nur achtzig -Kopeken.« - -»Du lügst! Gib ihr 'nen halben Rubel! das ist mehr als genug.« - -»Ein bissel wenig, gnädiger Herr,« sagte die Alte. Indessen nahm sie das -Geld dankend an und lief atemlos voraus, um die Türe zu öffnen. Sie -hatte nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den vierten Teil -von dem, was sie gefordert hatte. - -Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren Kutschen Platz. -Tschitschikows Wagen fuhr neben der Equipage, in der Nosdrjow und sein -Schwager saßen, her, und so konnten sich alle drei während des ganzen -Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows kleiner, mit den dürren -Mietspferden bespannter Wagen folgte langsam nach und blieb immer mehr -zurück. In ihm saß Porphyr mit dem jungen Hunde. - -Da das Gespräch, in welches unsere Reisenden vertieft waren, sicherlich -kein großes Interesse für den Leser haben dürfte, werden wir gut tun, -diese Zeit zu benutzen, um einige Worte über Nosdrjow selbst zu sagen, -der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer Dichtung spielen -wird. - -Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon ein wenig bekannt. -Ein jeder von uns wird Leuten dieses Schlages sicherlich mehr als einmal -begegnet sein. Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben und in -der Schule gelten sie als gute Kameraden und kriegen bei alledem ihre -Prügel, die oft sehr schmerzhaft sind. Aus ihrem Gesicht spricht -Offenheit, Gradheit und eine gewisse Bravour. Sie schließen schnell -Freundschaften, und eh man sich's versieht, duzen sie einen schon. Sie -schwören immer ewige Freundschaft, und fast scheint's, daß sie ihr -Versprechen auch halten werden; aber dann kommt es beinahe immer so, daß -der neue Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen Mahle -durchprügelt. Das sind stets Schwätzer, Zechbrüder, feine Jungens, mit -einem Wort Leute, die was bedeuten. Nosdrjow war mit fünfunddreißig -Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und zwanzig: er liebte es -noch immer, zu bummeln und sich zu amüsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im -geringsten verändert, um so weniger, als seine Frau sehr bald ins -bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei Kindern zurückließ, die er -absolut nicht brauchen konnte. Übrigens hatte er die Aufsicht über die -Kinder einer recht appetitlichen Wärterin anvertraut. Er konnte es zu -Hause nie länger als einen Tag aushalten. Seine feine Nase roch es auf -fünfzig Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe gab, wo viele Menschen -zusammenkamen und Feste und Bälle gefeiert wurden; im selben Augenblick -war er da, stiftete Streit und Unordnung am grünen Tisch, denn er war, -wie all diese Leute ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Wie wir schon -aus dem ersten Kapitel erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und -sauber, er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststücken, und daher -gab's am Ende des Spiels gewöhnlich ein andres Spiel: entweder er bekam -eine Tracht Prügel und ein paar tüchtige Fußtritte oder man zupfte ihn -an seinem schönen dicken Backenbart, so daß er manchmal nur mit einer -Bart-Hälfte nach Hause kam, die auch nur noch recht dürftig aussah. Aber -seine gesunden runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und wurden -von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, daß der -Backenbart bald wieder nachwuchs und noch schöner wurde, als früher. Und -was dabei das Merkwürdigste war, und sicherlich nur allein in Rußland -passieren kann, -- schon nach ganz kurzer Zeit war er wieder mit seinen -Freunden zusammen, die ihn so hergenommen hatten, man begrüßte sich, wie -wenn nichts vorgefallen wäre, und auch er tat seinerseits nicht im -geringsten beleidigt. - -Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persönlichkeit. -Es gab keine einzige Gesellschaft, an der er teilnahm, wo nicht irgend -eine »Geschichte« passierte. Irgendeine »Geschichte« gab es immer: -entweder er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefaßt und aus dem -Saal geführt, oder seine eigenen Freunde sahen sich gezwungen, ihn -hinauszubefördern. Und wenn es nicht gerade dies war, _etwas_ ereignete -sich auf jeden Fall, was einem andern nie passiert wäre, sei es, daß er -sich in der Restauration so sehr betrank, daß er garnicht aus dem Lachen -herauskommen konnte, oder daß er sich so in seine eigenen Lügen -verstrickte, sodaß ihm zuletzt selbst davor übel wurde. Dazu log er ohne -jeden Grund und Anlaß. Plötzlich konnte es ihm einfallen, zu erzählen, -er habe einmal ein Pferd mit blau und rot gestreiftem Fell gehabt oder -irgend einen ähnlichen Blödsinn, bis alle Anwesenden weggingen und -sagten: »Na Bruder, mir scheint, du fängst an zu schwindeln!« Es gibt -Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem Nächsten einen üblen -Streich zu spielen, ohne die geringste Ursache dazu zu haben. So gibt es -zum Beispiel Leute von hohem Range, edlem Äußern und mit einem Stern auf -der Brust, die einem freundlich die Hand drücken, sich über die tiefsten -und erhabensten Gegenstände unterhalten, welche unseren Geist -beschäftigen, um einem plötzlich ganz offen vor aller Augen einen -niederträchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines ganz gewöhnlichen -Kollegienregistrators, nicht aber eines Mannes würdig ist, der einen -Stern auf der Brust trägt und über die tiefsten und erhabensten -Gegenstände spricht, die unseren Geist beschäftigen, sodaß man dasteht -und staunt, und höchstens mit den Achseln zuckt. Auch Nosdrjow hatte -diese merkwürdige Liebhaberei. Je näher sich einer ihm anschloß, um so -ärger trieb er es mit ihm: er verbreitete allerhand unmögliche Gerüchte, -wie sie sich kaum törichter und dümmer erfinden lassen, machte -Verlobungen rückgängig, verdarb einem das Geschäft und hielt sich dabei -keineswegs für den Feind des Betreffenden; im Gegenteil, fügte es sich -so, daß man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem höchst -freundschaftlich entgegen und sagte sogar: »Du bist doch ein ganz -gemeiner Kerl! Warum besuchst du mich niemals?« Nosdrjow war in mancher -Beziehung ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen -Sätteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, euch bis an alle -vier Enden der Welt zu begleiten, an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden -Tausch mit euch einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte -für ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den Hintergedanken, dabei zu -gewinnen; dies war nur die Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und -Keckheit, die in seinem Charakter lagen. War es ihm geglückt, auf der -Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel zu rupfen, dann -kaufte er alles Mögliche zusammen, was er im ersten besten Laden -vorfand: Halsbügel für seine Pferde, Räucherkerzchen, allerhand Tücher -für das Kindermädchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne -Waschschüssel, holländische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, Pistolen, -Heringe, Bilder, Schleifsteine, Töpfe, Stiefel, Porzellangeschirr, bis -ihm das Geld ausging. Übrigens passierte es nur höchst selten, daß er -all die schönen Dinge mit nach Hause brachte: gewöhnlich wurde er sie -noch am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern -glücklichern Spieler verspielte, der häufig noch die eigne Pfeife, den -Tabakbeutel und ein Mundstück, oder wohl gar noch das ganze Viergespann -mit allem Zubehör: Wagen und Kutscher dazu bekam, sodaß der Herr selbst -in einem kurzen Röckchen oder einer bucharischen Joppe auf die Suche -nach einem Freunde gehen mußte, der ihn in seinem Wagen mitnahm. So war -Nosdrjow! Vielleicht wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen und -sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows mehr! Ach nein! Die -Menschen, die so reden, haben sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so -bald aus dieser Welt verschwinden. Er ist überall, mitten unter uns, und -trägt vielleicht zufälligerweise nur einen andern Rock; aber die -Menschen sind leichtsinnig und oberflächlich; wie oft halten sie jemand, -wenn er nur einen andern Rock anhat, auch für einen ganz andern -Menschen! - -Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der Freitreppe des -Nosdrjowschen Hauses. Im Hause waren keinerlei Vorbereitungen für ihren -Empfang getroffen. Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter auf -einer Stehleiter, weißten die Wände und sangen ein monotones Lied dazu, -das gar kein Ende nehmen wollte; der ganze Fußboden war mit Kalk -bespritzt. Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich -mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann ins nächste Zimmer, -um dort weitere Befehle zu erteilen. Die Gäste hörten, wie er beim Koch -ein Mittagessen bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen -Appetit verspürte, ersah daraus, daß sie sich wohl kaum vor 5 Uhr zu -Tische setzen würden. Nosdrjow kam bald darauf zurück, um seine Gäste zu -einem Spaziergang durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle -Sehenswürdigkeiten desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas mehr als -zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen. Nosdrjow ruhte nicht -eher, als bis er ihnen alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu -zeigen übrig blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo man -zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen Fuchs und einen braunen -Hengst besichtigte. Der Hengst sah nicht gerade stattlich aus, aber -Nosdrjow versicherte und schwor, daß er zehntausend Rubel für ihn -bezahlt habe. - -»Zehntausend waren es sicher nicht,« bemerkte der Schwager, »der ist -noch keine tausend wert.« - -»Bei Gott! Er kostet zehntausend!« sagte Nosdrjow. - -»Du kannst schwören, soviel du willst,« erwiderte der Schwager. - -»Nun gut, willst du wetten?« sagte Nosdrjow. - -Aber der Schwager wollte nicht wetten. - -Dann zeigte Nosdrjow den Gästen einen leeren Verschlag, in dem früher -ein paar gute Pferde gestanden hatten. Daselbst befand sich auch ein -Ziegenbock, der nach einem alten Aberglauben in keinem Pferdestall -fehlen darf, und der sich mit seinen Genossen offenbar recht gut -vertrug, denn er spazierte unter ihren Bäuchen hindurch, als ob er zu -Hause wäre. Dann führte Nosdrjow die beiden Herren weiter, um ihnen -einen kleinen Wolf zu zeigen, welcher an der Kette lag. »Das ist ein -junger Wolf!« sagte er, »ich füttere ihn absichtlich mit rohem Fleisch!« -Dann sah man sich noch einen Teich an, in dem sich, nach Nosdrjows -Worten, Fische von solcher Größe befanden, daß mindestens zwei Menschen -dazu gehörten, um einen davon aus dem Wasser zu ziehen. Übrigens -unterließ es der Schwager auch diesmal nicht, seine Zweifel zu äußern. -»Hör mal Tschitschikow,« sagte Nosdrjow, »ich will dir ein paar -herrliche Hunde zeigen: man glaubt gar nicht, was die für kräftige -Muskeln haben! Und die Nase! So spitz wie eine Nadel!« Mit diesen Worten -führte er sie zu einem hübschen kleinen Häuschen, das von einem großen -und ringsum eingefriedigten Hof umgeben war. Als sie diesen betraten, -erblickten sie eine ganze Kollektion von Hunden, wollhaarige und -schlichthaarige aller nur möglichen Farben und Rassen, dunkelbraune, -schwarze, schwarz- und braungefleckte, halbgescheckte, getigerte, -braungescheckte, schwarzohrige, grauohrige usw. usw. ... Hier bekam man -sämtliche Hundenamen und alle nur möglichen Imperative zu hören wie -Beiß, Wach, Schimpf, Funke, Frechdachs, Gottseibeiuns, Störenfried, -Stich, Pfeil, Schwälbchen, Schätzchen, Vorstehdame. Nosdrjow bewegte -sich unter ihnen ganz wie ein Vater in seiner Familie: sie kamen alle -mit freudig erhobenen Schwänzen, die man in der Jägersprache Ruten -nennt, auf die Gäste zugestürzt und begrüßten sie lebhaft. Etwa zehn -Stück sprangen an Nosdrjow empor und legten ihm ihre Pfoten auf die -Schultern. »Schimpf« bezeugte dieselbe Freundschaft für Tschitschikow -und versetzte ihm, indem er sich auf die Hinterbeine stellte, einen -herzhaften Kuß, sodaß jener schleunigst ausspie. Dann ging man zur -Besichtigung der Hunde über, deren Muskelkraft Nosdrjows Stolz bildete --- und in der Tat, die Hunde waren gut. Hierauf sah man sich noch eine -Hündin aus der Krim an, welche schon blind war und nach Nosdrjows Worten -bald verrecken mußte. Vor zwei Jahren sei es noch eine recht gute Hündin -gewesen. Man nahm auch diese Hündin in Augenschein, und siehe da, sie -war wirklich blind. Von hier aus ging man weiter, um eine Wassermühle -anzusehen, der die Achse fehlte, an welcher der obere Mühlstein -befestigt ist, und um die er sich mit großer Geschwindigkeit dreht, oder -an der er nach dem seltsamen Ausdruck des russischen Bauern herauf und -herunter hüpft, weswegen er auch der »Hüpfer« genannt wird. »Nun kommt -bald die Schmiede,« sagte Nosdrjow. Nach einigen Schritten erblickten -sie tatsächlich eine Schmiede, deren Betrachtung man gleichfalls einige -Augenblicke widmete. - -»Auf diesem Felde,« sagte Nosdrjow, indem er mit dem Finger hinzeigte, -»gibt es eine solche Unmenge von Hasen, daß man die Erde garnicht sieht. -Ich selbst habe neulich einen mit der Hand bei den Hinterläufen -erwischt.« - -»Na, weißt du, mit der Hand erwischst du keinen Hasen.« - -»Und ich hab doch einen gefangen! Wahrhaftig!« antwortete Nosdrjow. »So, -nun will ich dich an die Grenze meines Gutes führen,« setzte er hinzu, -indem er sich an Tschitschikow wandte. - -Nosdrjow führte seine Gäste über das Feld, das stellenweise mit kleinen -Mooshügeln bedeckt war. Die Gäste mußten den Weg über Brachland und -geeggte Saatfelder nehmen. Tschitschikow verspürte eine gewisse -Ermüdung. An vielen Stellen sanken ihre Füße in dem Sumpfe ein: so tief -war das Land gelegen. Anfangs nahmen sie sich in acht und traten -vorsichtig auf, da sie aber sahen, daß das doch nichts half, -marschierten sie einfach drauflos, ohne zu fragen, wo der Dreck am -höchsten lag. Nachdem sie ein beträchtliches Stück Weges zurückgelegt -hatten, erblickten sie in der Tat die Grenze, welche durch einen -hölzernen Pfahl und einen schmalen Graben markiert wurde. - -»Das ist die Grenze,« sagte Nosdrjow. »Alles was diesseits liegt -- dies -alles ist mein Eigentum, und sogar jener Wald, den ihr da auf der -anderen Seite schimmern seht, und das ganze Stück, das hinter dem Walde -liegt, gehört mir.« - -»Seit wann ist denn das dein Wald?« fragte der Schwager. »Hast du ihn -etwa neulich angekauft? Früher gehörte er dir doch nicht.« - -»Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft,« sagte Nosdrjow. - -»Wie ging denn das so schnell?« - -»Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug bezahlen müssen, -weiß der Teufel!« - -»Aber du warst doch die ganze Zeit über auf der Messe?« - -»Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf der Messe sein und -zugleich Land kaufen. Nun ja, ich war auf der Messe und in meiner -Abwesenheit hat der Verwalter das Gehölz gekauft.« - -»Es müßte denn schon der Verwalter sein,« sagte der Schwager, noch immer -zweifelnd und schüttelte den Kopf. - -Die Gäste kehrten auf demselben elenden Wege nach Hause zurück. Nosdrjow -führte sie in seine Stube, in der übrigens nichts von alledem zu -entdecken war, was man gewöhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden -pflegt, d. h. weder Bücher noch Papiere, an der Wand hingen nur ein -Säbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, und eine andere zu -achthundert Rubel. Der Schwager sah sich im Zimmer um und schüttelte -bloß den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch einige -türkische Dolche; auf einem von ihnen las man die Inschrift »Meister -Sawelij Sibirjakow«, die wohl nur durch ein Versehen in ihn eingegraben -worden war. Darnach bekamen die Gäste eine Drehorgel zu sehen, auf der -Nosdrjow sogleich irgend ein Stück vortrug. Die Drehorgel hatte keinen -unangenehmen Klang, nur schien in ihrem Inneren etwas passiert zu sein, -denn die Mazurka, welche Nosdrjow spielte, ging plötzlich in das Lied: -»Held Malborough zog in die Schlacht« über, und dieses schloß wiederum -mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow drehte schon lange nicht mehr, -aber das Instrument hatte eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum -Schweigen zu bringen war und noch lange für sich allein weitertönte. -Dann ging man zu den Tabakspfeifen über, deren Nosdrjow eine ganze -Kollektion besaß: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, eingerauchte und -nicht eingerauchte, mit Lederüberzügen und ohne solche usw.; man sah -sich auch ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow erst -vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten Tabaksbeutel an, das -Geschenk einer Gräfin, welche sich auf einer Poststation bis über die -Ohren in ihn verliebt hatte, und deren Händchen das »subtilste -Superflüh« waren, ein Ausdruck, der für ihn wahrscheinlich soviel wie -die höchste Vollkommenheit bedeutete. Nachdem man ein paar Schnitten -Stör zu sich genommen hatte, setzte man sich gegen fünf Uhr zu Tisch. -Das Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr -bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr großen Wert auf die -Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils angebrannt, teils noch -nicht ganz gar. Der Koch ließ sich wahrscheinlich mehr durch eine -gewisse Inspiration leiten und bediente sich bei der Herstellung der -Gerichte aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: stand -zufälligerweise die Pfefferdose in seiner Nähe, dann schüttete er -Pfeffer in den Kochtopf -- lag ein Kohlkopf auf dem Tisch, so tat er -auch Kohl hinein und gab noch Milch, Schinken und Erbsen dazu -- mit -einem Wort: er schüttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die Hauptsache -war, daß das Gericht recht heiß war, irgend einen Geschmack würde es -schon haben! Dafür legte Nosdrjow ein großes Gewicht auf die Weine: die -Suppe stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den Gästen schon -ein Glas Portwein und ein zweites mit Haut Sauterne ein. In den Provinz- -und in den Kreisstädten gibt es nämlich keinen gewöhnlichen Sauterne. -Dann ließ Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, »wie ihn selbst -der Feldmarschall nicht besser getrunken hat«. Und in der Tat, der -Madeira brannte einem in der Kehle, denn die Kaufleute, welche den -Geschmack ihrer Kunden -- der Gutsbesitzer kannten, die einen -_kräftigen_ Madeira liebten, versetzten ihn tüchtig mit Rum und -bisweilen auch mit Königswasser, in der richtigen Erwägung, daß ein -russischer Magen alles vertragen könne. Zuletzt ließ sich Nosdrjow noch -eine ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine Art von -Synthese aus Champagner und Bourgognon enthielt. Er schenkte rechts und -links mit großem Eifer die Gläser voll und erwies dabei seinem Schwager -und Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte Tschitschikow -die Beobachtung, daß er sich selbst dabei am schlechtesten bedachte. -Dies veranlaßte ihn, auf der Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins -Gespräch mit seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas -vollschenkte, benutzte Tschitschikow den Moment, um den Inhalt seines -Glases in den Teller zu schütten. Bald darauf wurde auch eine Flasche -Vogelbeerschnaps hereingetragen, die nach Nosdrjows Worten ganz wie -Sahne schmeckte, aber seltsamerweise nur kräftig nach Fusel roch. -Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen Namen trug, welcher sich -sogar äußerst schwer aussprechen ließ, und den der Wirt selbst bei der -nächsten Gelegenheit ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war längst -zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber die Gäste saßen noch -immer an der Tafel, Tschitschikow konnte sich durchaus nicht -entschließen, mit Nosdrjow in Gegenwart des Schwagers über den -Gegenstand zu sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der Schwager -war schließlich doch ein fremder Mensch, die Sache selbst aber konnte -nur in einer vertraulichen und freundschaftlichen Unterhaltung erledigt -werden. Übrigens war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm -gefährlich werden konnte, denn wie es schien, hatte er gehörig geladen, -er saß nämlich stumm auf seinem Stuhle und sank beständig mit dem Kopf -vornüber. Endlich mußte er wohl selbst gemerkt haben, daß er sich in -einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er bat Nosdrjow, ihn -doch heimfahren zu lassen, und er tat dies mit einer so matten und müden -Stimme, als zöge man -- um mich eines volkstümlichen russischen -Ausdrucks zu bedienen -- dem Pferde das Zaumzeug mit der Zange über den -Kopf. - -»Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort!« sagte Nosdrjow. - -»Quäl mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich will fahren!« bat -der Schwager, »du mußt mich nicht so peinigen!« - -»Unsinn! Torheiten! Komm wir spielen noch einen kleinen Pharao.« - -»Nein, Bester, spiel lieber allein! Ich kann wirklich nicht, meine Frau -wird es mir sehr übel nehmen; ich muß ihr auch noch von der Messe -erzählen. Wahrhaftig Freund! es ist meine verfluchte Schuldigkeit, ihr -dies kleine Vergnügen zu bereiten. Bitte halte mich nicht auf!« - -»Hol doch die Frau der T....! Als ob das so was wichtiges wäre, was ihr -miteinander zu tun habt!« - -»Nein wirklich, Freund! Sie ist so gut, meine Frau -- so brav und treu, -eine musterhafte Gattin! Sie tut mir jeden Gefallen. Das kannst du mir -glauben, ich bin oft gerührt, bis zu Tränen gerührt. Nein, suche mich -nicht zum Bleiben zu veranlassen; so wahr ich ein ehrlicher Mann bin -- -ich muß fahren. Ich gebe dir mein Wort darauf! Hand aufs Herz!« - -»Laß ihn doch fahren, was haben wir von ihm?« sagte Tschitschikow leise -zu Nosdrjow. - -»Du hast eigentlich recht!« meinte Nosdrjow, »ich kann diese Waschlappen -nicht leiden!« und er fügte laut hinzu: »Nun dann hol dich der Teufel. -Geh! fahr nur zu deiner Frau, du alter Pantoffelheld!« - -»Nein, Freund! du darfst mich nicht Pantoffelheld schelten!« antwortete -der Schwager: »ich verdanke ihr mein Leben. Wirklich! Sie ist so lieb, -so gut, so sanft und zärtlich .... mir stehen oft die Tränen in den -Augen. Sie wird mich fragen, was ich auf der Messe gesehen habe -- ich -muß ihr alles erzählen -- sie ist so lieb ....« - -»Also mach, daß du fortkommst, und schwindele ihr irgend einen Blödsinn -vor!« - -»Nein, hör mal, lieber Freund! du darfst nicht so von ihr sprechen, -damit beleidigst du gewissermaßen auch mich, sie ist so gut und lieb.« - -»Nun dann packe dich doch! Mach, daß du zu ihr kommst!« - -»Ja, tatsächlich, Freund, ich will fahren; verzeih, daß ich nicht -bleiben kann. Ich wäre von Herzen froh, aber ich kann wahrhaftig nicht.« -Der Schwager stammelte noch lange allerhand Entschuldigungen, ohne zu -merken, daß er längst im Wagen saß, schon durchs Tor gerollt war und -sich unter freiem Himmel auf offenem Felde befand. Man darf annehmen, -daß seine Frau recht wenig von der Messe zu hören bekommen hat. - -»So ein Dreckkerl!« sagte Nosdrjow, der ans Fenster getreten war und der -davonjagenden Equipage nachblickte. »Da fährt er! Das Beipferd ist nicht -übel, ich fahnde schon längst darauf. Aber mit dem Kerl wird man ja doch -nicht einig. Ein alter Waschlappen und weiter nichts!« - -Man trat ins Nebenzimmer. Porphyr brachte Lichter herein und -Tschitschikow bemerkte plötzlich ein Spiel Karten in der Hand des -Hausherrn, ohne daß er hätte sagen können, woher er es genommen hatte. - -»Was meinst du zu einem kleinen Pharao, Freund!« sagte Nosdrjow, indem -er das Spiel zusammendrückte und wieder los ließ, sodaß das Kreuzband -zerriß und zu Boden fiel. »So zum Zeitvertreib weißt du. Ich will die -Bank mit dreihundert Rubeln halten!« - -Aber Tschitschikow tat so, als ob er garnicht gehört hätte, wovon -eigentlich die Rede war und sagte, wie wenn er sich plötzlich auf etwas -besönne. »Ach ja, um es nicht zu vergessen, ich habe eine kleine Bitte -an dich!« - -»Was für eine Bitte?« - -»Aber versprich mir zuerst, daß du sie erfüllen willst!« - -»Was ist das für eine Bitte?« - -»Nein, versprich mir's erst! Hörst du!« - -»Also gut. Meinetwegen!« - -»Dein Ehrenwort!« - -»Mein Ehrenwort!« - -»Also: du wirst doch wohl eine ganze Reihe von toten Bauern besitzen, -die noch nicht aus den Revisionslisten gestrichen sind.« - -»Natürlich! und was soll das hier!« - -»Übergib sie mir. Übertrage sie auf meinen Namen!« - -»Und wozu brauchst du sie?« - -»Ich brauche sie.« - -»Nein, sag wozu?« - -»Ich brauche sie eben .... das ist doch meine Sache -- mit einem Wort, -ich habe sie nötig.« - -»Da steckt bestimmt was dahinter. Du hast sicher irgend einen Plan mit -ihnen ausgeheckt. Gesteh's nur. Was ist's?« - -»Ach was für ein Plan! Solch eine Bagatelle. Was könnte ich damit -vorhaben?« - -»Ja, wozu brauchst du sie denn dann?« - -»Herr Gott! bist du neugierig! Du willst wohl jeden Dreck mit der Hand -befühlen, und wohl gar noch dran riechen!« - -»Ja, warum willst du es denn nicht sagen?« - -»Was hast du denn davon, wenn ich's dir sage? Ganz einfach, es ist so -eine Laune von mir!« - -»Nun gut, wenn du's mir nicht sagt, dann tu ich's eben nicht!« - -»Hör mal, das ist wirklich unanständig von dir. Hast mir dein Wort -gegeben, und willst es jetzt wieder zurücknehmen!« - -»Schön, wie du willst. Ich tu's halt nicht, bevor du mir's sagst.« - -»Was könnte ich ihm bloß sagen?« dachte Tschitschikow; er überlegte ein -wenig und erklärte dann, er brauche die toten Seelen, um sich Gewicht -und Einfluß in der Gesellschaft zu verschaffen, er habe keine großen -Besitzungen, und daher möchte er wenigstens einstweilen ein paar Seelen -haben. - -»Du schwindelst,« sagte Nosdrjow, indem er ihm ins Wort fiel, »du -schwindelst Bruder!« - -Tschitschikow mußte sich selbst gestehen, daß er nicht gerade geschickt -gelogen hatte, und die ersonnene Ausflucht eigentlich recht schwach war. -»Nun gut, dann will ich dir die Wahrheit sagen,« sagte er, indem er sich -verbesserte, »ich bitte dich nur um eins, es nicht weiter zu plaudern. -Ich habe die Absicht, mich zu verheiraten; aber leider sind der Vater -und die Mutter meiner Braut höchst ehrgeizige Leute, die hoch hinaus -wollen. Eine verfluchte Geschichte! ich ärgere mich beinahe, daß ich -mich überhaupt darauf eingelassen habe: sie wollen partout, daß der -Bräutigam mindestens dreihundert Seelen haben solle, und da mir beinahe -ganze hundertfünfzig daran fehlen, so .....« - -»Ne Bruder, du schwindelst!« rief Nosdrjow wieder. - -»Nein wirklich, diesmal hab' ich auch nicht einmal _so_viel gelogen,« -sagte Tschitschikow, indem er mit dem Daumen auf ein winziges Stück des -kleinen Fingers wies. - -»Den Kopf zum Pfande, daß du schwindelst!« - -»Hör mal, du beleidigt mich! Wer bin ich denn eigentlich? Warum soll ich -denn durchaus lügen?« - -»Aber ich kenne dich doch: du bist ja ein großer Spitzbube -- gestatte -mir bitte, dir das einmal in aller Freundschaft zu sagen. Wenn ich dein -Chef wäre, ich ließe dich am ersten besten Baum aufhängen.« - -Tschitschikow fühlte sich durch diese Bemerkung beleidigt. Jeder grobe, -die Grenzen der Schicklichkeit verletzende Ausdruck berührte ihn -peinlich. Alle Familiaritäten seitens anderer Personen waren ihm in der -Seele zuwider, und er suchte sich ihnen zu entziehen, es sei denn, daß -sie von hochgestellten Leuten ausgingen. Daher fühlte er sich jetzt im -Innersten gekränkt. - -»Bei Gott, ich ließe dich hängen!« wiederholte Nosdrjow, »ich meine das -ganz aufrichtig und sage das nicht um dich zu beleidigen, sondern -erlaube es mir als dein Freund.« - -»Alles hat seine Grenzen,« sagte Tschitschikow mit Würde. »Wenn du dich -mit solchen Redensarten brüsten willst, dann geh doch lieber in die -Kaserne.« -- Und er fügte hinzu: »Willst du sie mir nicht schenken, so -verkaufe sie mir wenigstens.« - -»Verkaufen! Aber ich kenne dich doch. Du bist ein Hallunke. Du wirst ja -doch nicht viel dafür geben.« - -»Na, du kannst so bleiben! Sieh einer an, du glaubst wohl, sie sind von -Edelstein, wie?« - -»Da siehst du es, ich kenne dich doch.« - -»Nein höre mal, Freund, was ist das für ein knickeriges Benehmen. Du -solltest sie mir wahrhaftig schenken.« - -»Also gut, um dir zu beweisen, daß ich nicht so ein Filz bin, will ich -dir garnichts für sie abnehmen. Kauf mir einen Hengst ab, dann kriegst -du sie gratis.« - -»Ich bitte dich, was soll ich mit dem Hengst?« sagte Tschitschikow, -höchst verwundert über diesen Vorschlag. - -»Was du damit sollst? Ich habe zehntausend Rubel für den Racker bezahlt, -und du sollst ihn für viertausend haben.« - -»Aber was soll ich bloß damit anfangen! Ich habe doch kein Gestüt.« - -»Ja höre doch nur, du versteht mich noch nicht. Ich nehme dir doch jetzt -nur dreitausend ab. Die übrigen tausend kannst du mir ja später -bezahlen.« - -»Ja aber, wenn ich ihn nun doch durchaus nicht brauchen kann! Gott mit -ihm!« - -»Nun gut, dann kauf mir die hellbraune Stute ab!« - -»Ich kann auch keine Stute brauchen.« - -»Ich gebe dir die Stute und das graue Pferd dazu, das du vorhin gesehen -hat, für zweitausend Rubel.« - -»Ich brauche keine Pferde!« sagte Tschitschikow. - -»Du kannst sie ja weiter verkaufen. Auf jeder Messe kriegst du das -Dreifache für sie.« - -»Dann verkauf sie doch lieber selbst, wenn du dir einen so großen Gewinn -davon versprichst.« - -»Ich weiß, daß ich dabei gewinne: aber ich möchte dir auch einen kleinen -Vorteil zukommen lassen.« - -Tschitschikow dankte ihm für seine freundliche Gesinnung und verzichtete -rundweg auf die braune Stute und das graue Roß. - -»So kauf mir ein paar Hunde ab! Ich habe da ein Pärchen für dich; da -läuft dir gleich ein Freudenschauer über den Rücken. Einen -stichelhaarigen mit borstigem Bart; die Haare stehen ihm zu Berge wie -die Stacheln eines Igels, und die Rippen -- die reinsten Faßreifen. Dazu -die klumppatschigen Pfoten -- die berühren kaum die Erde! ...« - -»Ach! Ich brauche keine Hunde. Ich bin doch kein Jäger.« - -»Aber ich möchte gerne, daß du ein paar Hunde hast. - -Übrigens weißt du, wenn du die Hunde nicht haben willst, dann kauf mir -die Drehorgel ab. Ein feines Stück, sage ich dir. Sie hat mich selbst, -so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, anderthalb Tausend gekostet. Dir -will ich sie für neunhundert lassen.« - -»Was soll ich mit der Drehorgel anfangen? Ich bin doch kein Deutscher, -daß ich mit ihr von Haus zu Haus wandern und um Geld betteln könnte!« - -»Aber das ist doch kein Leierkasten, wie ihn die Deutschen haben. Das -ist eine Orgel, sieh sie dir mal genau an. Lauter echtes Mahagoni! Komm, -ich will sie dir noch mal zeigen!« Und Nosdrjow ergriff Tschitschikows -Hand und zog ihn nach sich in das Nebenzimmer, er mochte sich sträuben, -die Füße gegen den Fußboden stemmen und versichern, soviel er wollte, er -kenne die Drehorgel zur Genüge, es nützte ihm alles nichts, er mußte -noch einmal hören, wie Malborough in die Schlacht zog. - -»Wenn du mir kein Geld geben willst, dann machen wir es folgendermaßen, -weißt du. Ich gebe dir die Drehorgel und dazu alle toten Seelen, die ich -habe und du überläßt mir dafür deine Kutsche und zahlst nur noch -dreihundert Rubel drauf.« - -»Noch mehr? Und wie soll ich fortkommen?« - -»Ich gebe dir einen andern Wagen. Komm herunter in den Stall, ich will -ihn dir gleich zeigen! Du mußt ihn nur neu anstreichen lassen. Dann ist -es eine herrliche Kutsche!« - -»Ist der von einem unruhigen Geiste besessen,« dachte Tschitschikow und -faßte den heroischen Entschluß, Nosdrjow mit seinen Kutschen, Drehorgeln -und allen möglichen und unmöglichen Hunden, trotz der geradezu -unerhörten, faßreifenähnlichen Rippen und klumppatschigen Pfoten ein für -alle Mal loszuwerden. - -»Aber du kriegst doch alles zusammen: die Kutsche, die Drehorgel und die -toten Seelen.« - -»Ich will aber nichts,« sagte Tschitschikow noch einmal. - -»Warum willst du bloß nicht?« - -»Ganz einfach, weil ich nicht will, und damit basta!« - -»Ach bist du ein Kerl! Mit dir kann man ja nicht verkehren wie mit einem -guten Freunde oder Kameraden. Wirklich so ein .....! Man merkt gleich, -daß du ein doppelzüngiger Mensch bist.« - -»Ja bin ich denn ein Esel, wie?! Wozu soll ich mir Dinge anschaffen, die -ich absolut nicht brauchen kann.« - -»Nein, bitte, rede nicht! Jetzt habe ich dich durchschaut. - -So ein Schuft, wahrhaftig. Also gut, höre mal, machen wir ein Partiechen -Pharao. Ich setze alle toten Seelen auf eine Karte und die Drehorgel -dazu.« - -»Nein, mein Bester, ein Glücksspiel verlieren, das hieße sich dem -dunklen Zufall aussetzen,« sagte Tschitschikow, während er nach den -Karten schielte, die jener in der Hand hielt. Beide Spiele machten einen -recht wenig Vertrauen erweckenden Eindruck auf ihn. Auch die Rückseite -sah recht verdächtig aus. - -»Warum denn dem Zufall,« sagte Nosdrjow, »das ist doch kein Zufall; wenn -das Glück dir günstig ist, Hölle und Teufel, was kannst du da nicht -alles gewinnen. Sieh doch nur, welch ein Glück, du hast,« sagte er, -indem er ein paar Karten auflegte, um Tschitschikows Spiellust -anzuregen. »Nein, solch ein Glück, solch ein Glück! Das flutscht nur so. -Siehst du, da ist die verfluchte Zehn, durch die ich alles verloren -habe. Ich ahnte es, daß sie mich im Stiche lassen wird. Aber ich machte -die Augen zu und dachte nur, hol dich der Teufel! Tu's nur Verräterin!« - -Während Nosdrjow noch sprach, brachte Porphyr eine Flasche herein. Aber -Tschitschikow lehnte entschieden ab und wollte weder spielen noch -trinken. - -»Warum willst du denn nicht spielen?« sagte Nosdrjow. - -»Weil ich keine Lust habe. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich überhaupt -kein Freund vom Spiel.« - -»Warum bist du denn kein Freund davon?« - -»Weil ich halt kein Freund davon bin,« sagte Tschitschikow und zuckte -die Achseln. - -»Jammerlappen, du!« - -»Was soll ich machen, wenn Gott mich mal so geschaffen hat.« - -»Ein Schlappschwanz und nichts weiter. Früher hielt ich dich doch -wenigstens noch für einen etwas anständigeren Menschen. Aber du hast ja -keine Ahnung vom guten Benehmen. Mit dir kann man nicht sprechen wie mit -einem Freunde, keine Spur von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Der -reinste Sabakewitsch! Solch ein Lump!« - -»Sag mal, warum schimpfst du mich eigentlich? Bin ich denn schuld, daß -ich nicht spielen kann? Verkauf mir doch die Seelen, wenn du schon so -ein Kerl bist, der um jeden Dreck zittert!« - -»Den Teufel kriegst du! Und noch dazu ohne Haare. Ich wollte sie dir -zuerst gratis geben, aber jetzt bekommst du überhaupt nichts, und wenn -du mir ein Königreich dafür bötest, ich geb sie nicht her. So ein -Beutelschneider! So'n dreckiger Lehmbudiker! Von nun ab will ich mit dir -überhaupt nichts zu tun haben. Porphyr geh mal runter und sag dem -Stalljungen, er soll seinen Pferden keinen Hafer geben. Die brauchen -nichts wie Heu zu fressen.« - -Dieser Schluß kam Tschitschikow in der Tat unerwartet. - -»Hätt' ich dich doch lieber gar nicht gesehen!« sagte Nosdrjow. - -Dieser Zwist hinderte indessen den Hausherrn und seinen Gast nicht, -zusammen zu Abend zu speisen, obwohl diesmal keine Weine mit -komplizierten und merkwürdigen Namen auf dem Tische prangten. Nur eine -einzige Flasche stand einsam da, mit einer Art Cypernwein, der aber im -übrigen nichts anderes war, als was man einen sauren Krätzer zu nennen -pflegt. Nach dem Abendessen führte Nosdrjow Tschitschikow in ein -Seitengemach, wo bereits ein Bett für ihn aufgeschlagen war und sagte: -»Da ist dein Bett. Ich mag dir nicht einmal gute Nacht wünschen.« - -Mit diesen Worten ging er hinaus und ließ Tschitschikow in der -allerschlechtesten Laune zurück. Er ärgerte sich innerlich über sich -selbst, und machte sich Vorwürfe, daß er mitgefahren war und seine -schöne Zeit unnütz verloren hatte; was er sich jedoch am wenigsten -verzeihen konnte, war dies, daß er über seine eigenste Angelegenheit mit -ihm gesprochen hatte; das war sehr unvorsichtig von ihm gewesen, er -hatte gehandelt wie ein Tor; denn die Sache selbst war durchaus nicht -von der Art, daß sie Nosdrjow -- anvertraut werden konnte ... Nosdrjow -war ein gemeiner Kerl; er konnte noch was hinzuschwindeln, weiß der -Teufel, was für Lügen darüber verbreiten, und schließlich konnte noch -eine dumme Klatschgeschichte daraus entstehen ... Fatal, höchst fatal! -»Ich bin doch wirklich ein Esel!« sprach er zu sich selber. Er schlief -die Nacht über sehr schlecht. Eine gewisse Gattung ganz kleiner aber -äußerst kecker und zudringlicher Insekten verfolgten ihn fortwährend mit -ihren Bissen, die unerträglich schmerzhaft waren, so daß er sich mit der -ganzen Hand an den betreffenden Stellen kratzte und murmelte: »Hol euch -der Teufel, mitsamt Nosdrjow!« Es war noch sehr früh, als er erwachte. -Sein erster Gang, nachdem er Stiefel und Schlafrock angezogen hatte, war -nach dem Stall, welcher sich am Ende des Hofes befand, wo er Seliphan -den Auftrag gab, die Pferde sofort anzuspannen. Auf dem Rückwege traf er -Nosdrjow, der ihm, gleichfalls im Schlafrock und mit der Pfeife im -Munde, im Hofe entgegen kam. - -Nosdrjow grüßte ihn freundschaftlich und fragte, wie er die Nacht -geschlafen habe. - -»Sehr mäßig!« antwortete Tschitschikow trocken. - -»Ich auch, Freund ...« sagte Nosdrjow ... »weißt du, die ganze Nacht hat -mich dies verdammte Viehzeug geplagt, ich mag's garnicht erzählen; dazu -habe ich nach dem gestrigen Abend einen Geschmack im Munde, wie wenn -eine ganze Schwadron drin übernachtet hätte. Denk dir, mir träumte, daß -ich Ruten bekomme. Wahrhaftig! Und weißt du von wem? Ich möchte wetten, -daß du's nicht errätst: vom Stabsrittmeister Pozelyjew und von -Kufschinnikow.« - -»Ja ja,« dachte Tschitschikow, »es wäre wirklich nicht schlecht, wenn du -einmal gründlich durchgebläut würdest.« - -»Bei Gott! Es hat verflucht weh getan! Ich bin sogar davon aufgewacht; -und in der Tat, es juckte mich am ganzen Körper; das verdammte -Gelichter, diese Flöhe! So, gehe jetzt hinauf und zieh dich an; ich -komme gleich wieder zu dir. Ich muß nur dem Schuft von Verwalter noch -mal den Kopf waschen.« - -Tschitschikow begab sich auf sein Zimmer, um sich zu waschen und -anzuziehen. Als er gleich darauf ins Speisezimmer trat, stand schon ein -Teeservice und eine Flasche Rum auf dem Tisch. Im Zimmer waren noch -Spuren vom gestrigen Diner und Souper bemerkbar; Bürste und Besen hatten -noch ihres Amtes nicht gewaltet. Auf dem Fußboden lagen Brodkrumen und -selbst auf dem Tischtuche sah man ganze Haufen von Tabakasche -herumliegen. Der Hausherr, der bald darauf hereinkam, hatte nichts an, -außer einem Schlafrock, unter dem die offene mit dichten Haaren -bewachsene Brust hervorguckte. So mit dem Pfeifenrohr in der einen, und -mit der Tasse, aus der er ab und zu nippte, in der anderen Hand, wäre er -so recht ein Bild für einen Maler gewesen, welcher die gelockten und -gekräuselten oder kurz geschorenen Köpfe nicht leiden kann, wie man sie -auf den Aushängeschildern der Barbierläden abgebildet findet. - -»Nun also, wie denkst du?« fragte Nosdrjow nach einer kurzen Pause, -»willst du um die Seelen spielen oder nicht?« - -»Ich hab dir doch schon gesagt, daß ich nicht mag; abkaufen -- tue ich -sie dir gern.« - -»Verkaufen will ich sie nicht: das wäre nicht freundschaftlich. Ich will -doch nicht weiß der Teufel wovon die Decke runterziehen. Ein Spielchen --- das ist eine andre Sache. Zieh doch eine Karte!« - -»Ich hab dir doch schon gesagt: ich mag nicht.« - -»Und tauschen willst du auch nicht?« - -»Nein!« - -»Nun dann höre, wollen wir Dame spielen? Gewinnst du -- so gehören sie -dir -- alle zusammen. Ich habe ja eine ganze Menge, die aus der -Revisionsliste gestrichen werden müssen. He Porphyr! Bring doch mal das -Damenbrett herein!« - -»Bemühe dich bitte nicht: ich spiele _doch_ nicht!« - -»Aber das ist doch kein Glücksspiel; hier kann doch weder von Glück noch -von Betrug die Rede sein, es hängt doch alles vom guten Spiel ab. -Übrigens mache ich dich darauf aufmerksam, daß ich sehr schlecht spiele; -du mußt mir etwas vorgeben.« - -»Vielleicht ist's das beste, ich setze mich hin und versuche es,« dachte -Tschitschikow. »Ich habe doch früher einmal garnicht übel Dame gespielt, -zudem wird es ihm hier schwer werden, zu mogeln.« - -»Also schön! Meinetwegen, eine Partie Dame will ich allenfalls mit dir -spielen.« - -»Die Seelen -- gegen hundert Rubel? Gut?« - -»Warum? Ich denke fünfzig sind auch genug.« - -»Nein, hör mal, fünfzig, das ist doch kein Einsatz? Dann setze ich -lieber noch einen gewöhnlichen Jagdhund oder eine goldene Petschaft -dazu, weißt du, so eine, wie man sie an der Uhrkette trägt.« - -»Nun gut! ich bin's zufrieden,« sagte Tschitschikow. - -»Und wieviel gibst du mir vor?« fragte Nosdrjow. - -»Wie käme ich dazu? Natürlich nichts.« - -»Laß mich wenigstens die ersten zwei Züge machen!« - -»Nein, ich spiele selbst schlecht genug.« - -»Das kennt man schon, dies schlechte Spiel!« sagte Nosdrjow, während er -anzog. - -»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,« sprach -Tschitschikow, der gleichfalls einen Zug machte. - -»Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel,« sagte Nosdrjow und zog -wieder. - -»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,« sprach -Tschitschikow und rückte weiter vor. - -»Das kennt man schon -- dies schlechte Spiel,« sagte Nosdrjow, während -er wieder einen Zug machte, und dabei mit dem Ärmel seines Schlafrockes -einen andern Stein verschob. - -»Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen! .... He, -was soll das lieber Freund? nimm mal den Zug wieder zurück!« rief -Tschitschikow. - -»Was?« - -»Den Stein da sollst du zurückziehen,« sagte Tschitschikow; aber jetzt -erblickte er plötzlich dicht vor seiner Nase noch einen zweiten Stein, -der eben im Begriff war, ins Damenfeld einzurücken. Wie der dahin -gekommen war, das wußte wohl nur Gott allein. »Nein,« sagte -Tschitschikow, »mit dir kann man unmöglich spielen. Man macht doch nicht -drei Züge auf einmal!« - -»Wieso denn drei? Das war doch nur ein Versehn. Der eine hat sich nur -zufällig verschoben; ich zieh ihn wieder zurück, wenn du willst.« - -»Und wie kommt der hierher?« - -»Welchen meinst du?« - -»Hier diesen, der in die Damenreihe einrückt.« - -»Da haben wir's! Als ob du's nicht weißt!« - -»Nein, mein Bester, ich habe alle Züge gezählt und erinnere mich sehr -gut an alles, du hast ihn erst eben vorgeschoben. _Da_ ist sein Platz!« - --- »Was -- dort?« sagte Nosdrjow errötend, »du phantasierst wohl, -Freund!« - -»Nein, Bester, _du_ scheinst zu phantasieren, aber leider nur mit wenig -Glück.« - -»Für wen hältst du mich,« sagte Nosdrjow, »glaubst du etwa, ich mogele?« - -»Ich halte dich für gar nichts, ich werde mich nur hüten, jemals wieder -mit dir zu spielen.« - -»Nein, jetzt kannst du nicht mehr vom Spiel zurücktreten,« ereiferte -sich Nosdrjow, »das Spiel ist angefangen!« - -»Ich darf doch wohl verzichten, da du nicht spielst wie ein anständiger -Mensch!« - -»Du lügst! Du hast kein Recht, so etwas zu behaupten!« - -»Nein, mein Bester, du bist es, der da lügt!« - -»Ich habe nicht gemogelt, und du kannst nicht mehr verzichten. Du mußt -die Partie zu Ende spielen!« - -»Dazu kannst du mich nicht zwingen,« sprach Tschitschikow kaltblütig, -trat ans Brett und warf die Steine durcheinander. - -Nosdrjow wurde rot vor Zorn und ging auf Tschitschikow los, so daß -dieser zwei Schritte zurücktrat. - -»Ich werde dich doch zwingen, mit mir zu spielen. Das nützt dir nichts, -daß du das Brett umgestoßen hast! Ich erinnere mich an sämtliche Züge! -Wir können das Spiel wieder aufstellen.« - -»Nein, mein Bester, ich spiele nicht mit dir, und damit Basta!« - -»Du willst also nicht spielen? wie?« - -»Du mußt doch selbst einsehen, daß man nicht mit dir spielen kann!« - -»Nein, sag's gradheraus: Willst du spielen oder nicht?« sagte Nosdrjow, -indem er Tschitschikow noch näher auf den Leib rückte. - -»Nein,« sprach Tschitschikow, während er seine Hände vor das Gesicht -hielt, er war auf alles gefaßt und fühlte, daß es einen heißen Kampf -geben würde. Diese Vorsicht war durchaus am Platze, denn Nosdrjow holte -aus, und es hätte leicht passieren können, daß eine von den schönen -runden Backen unseres Helden mit nie zu verwischender Schmach bedeckt -worden wäre; aber er parierte geschickt den Schlag, packte Nosdrjows -kampflustige Hände und hielt sie fest in den seinen. - -»Porphyr, Pawluschka!« schrie Nosdrjow wie ein Rasender, indem er -versuchte sich loszuringen. - -Bei diesen Worten ließ Tschitschikow, der die Knechte nicht gern zu -Zeugen dieser äußerst interessanten Szene machen wollte, und zugleich -fühlte, daß es doch keinen Wert hatte, Nosdrjow länger festzuhalten, -seine Hände fahren. In diesem Augenblick betrat Porphyr das Zimmer, -gefolgt von Pawluscha, einem handfesten Burschen, mit dem nicht gut -Kirschen essen war. - -»Du willst also die Partie nicht zu Ende spielen?« sagte Nosdrjow. »Sag -ja oder nein.« - -»Es ist mir unmöglich, sie zu Ende zu spielen,« sprach Tschitschikow und -warf einen Blick aus dem Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und -neben ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten schien, wo er -vorfahren könnte; aber jeder Ausweg aus dem Zimmer war verschlossen, -denn in der Türe standen zwei kräftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows. - -»Du willst also die Partie nicht beendigen?« wiederholte Nosdrjow, -dessen Antlitz vor Zorn glühte. - -»Wenn du spielen würdest, wie ein anständiger Mensch .... aber so .... -Nein!« - -»Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, daß du verlieren mußt, _kannst_ -du auf einmal nicht! Haut ihn!« schrie er plötzlich in rasender Wut, -indem er sich an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein -Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow wurde bleich wie ein -Stück Leinwand. Er wollte etwas sagen, aber er fühlte, daß seine Lippen -sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben. - -»Haut ihn!« schrie Nosdrjow, während er mit seinem Weichselrohr auf ihn -losstürzte, zornglühend und schwitzend, als ob er gegen eine -unbezwingliche Festung Sturm liefe. -- »Haut ihn!« schrie er mit der -Stimme eines tollen Leutnants, der während eines gewaltigen -Sturmangriffes seiner Kompagnie: »Vorwärts, Kinder!« zuruft, und dessen -unsinnige Kühnheit solch eine Berühmtheit erlangt hat, so daß die Ordre -ausgegeben werden mußte, während eines heftigen Gefechtes, ihn an Händen -und Füßen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat ihn schon -betört; um ihn herum scheint sich alles zu drehen. Die Gestalt des -Feldmarschalls Suworow scheint ihm voranzuschweben. Das große Ziel winkt -und blindlings stürzt er darauf zu. »Vorwärts, Kinder!« schreit er und -schon fliegt er voran, ohne zu überlegen, wie sehr er damit dem -wohlberechneten Angriffsplane schadet und ohne darauf zu achten, daß -Millionen von Büchsenläufen aus den Schießscharten der unbezwinglichen, -von Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, daß seine ohnmächtige -Kompagnie in die Luft fliegen muß wie leichter Federflaum und daß die -verhängnisvolle Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu -schließen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt gegen eine -Festung anstürmenden tollköpfigen Leutnant darstellte, die Festung -_selbst_, auf die er den wahnsinnigen Angriff unternahm, schien -keineswegs uneinnehmbar, im Gegenteil, die Festung fühlte eine derartige -Furcht, daß ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon ward ihm der Stuhl, -mit dem er sich verteidigen wollte, von den Leibeigenen aus den Händen -gerissen, schon bereitete er sich geschlossenen Auges und mehr tot als -lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes mit dem -Rücken in Empfang zu nehmen, und Gott weiß, was ihm noch sonst alles -hätte blühen können. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die -Schultern und alle wohlgepflegten Körperteile unseres Helden zu retten. -Ganz unerwartet erklangen plötzlich, wie die Stimme eines Himmelsboten, -die Töne eines Glöckchens, das Rädergerassel einer vorfahrenden Kutsche -und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere Schnaufen der -erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles eilte unwillkürlich ans -Fenster: ein Mann mit einem martialischen Schnauzbart, im Interimsrock -stieg aus dem Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn gefragt -hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow sich von seinem -Schreck hatte erholen können und während er sich noch in der -jämmerlichsten Lage befand, die je ein Sterblicher durchgemacht hat. - -»Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr Nosdrjow ist?« sagte der -Unbekannte, indem er einen erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem -Pfeifenrohr in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, der eben -aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu kommen begann. - -»Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre habe?« sagte Nosdrjow -auf ihn zugehend. - -»Ich bin der Kreisrichter!« - -»Und was wünschen Sie?« - -»Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche Mitteilung zu -überbringen. Sie befinden sich im Anklagezustand bis zur gerichtlichen -Beschlußfassung in dem gegen Sie schwebenden Prozeß.« - -»Ach Unsinn! Was für ein Prozeß?« sagte Nosdrjow. - -»Sie sind in die Sache des Gutsbesitzers Maksimow verwickelt, anläßlich -einer persönlichen Beleidigung, die Sie ihm in trunkenem Zustande durch -Verabfolgung von Rutenschlägen zugefügt haben sollen.« - -»Sie lügen, ich kenne den Gutsbesitzer Maksimow überhaupt nicht.« - -»Geehrter Herr! Gestatten sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache: ich -bin Offizier. Sie können das ihrem Diener sagen, aber nicht mir.« - -Hier ergriff Tschitschikow, ohne abzuwarten, was Nosdrjow darauf -antworten würde, schleunigst seine Mütze, schlüpfte hinterm Rücken des -Kreisrichters zur Türe hinaus, bestieg eilig seinen Wagen, und befahl -Seliphan die Pferde anzutreiben, so schnell er nur konnte. - - - Fünftes Kapitel - -Unser Held hatte übrigens gehörige Angst bekommen. Obwohl der Wagen in -wildem Galopp dahinjagte und Nosdrjows Gut hinter Hügeln, Feldern und -Anhöhen verschwunden war, blickte er sich immer noch furchtsam um, wie -in Erwartung, daß die Verfolger bald angesprengt kämen. Er atmete -schwer, und als er seine Hand aufs Herz legte, fühlte er, daß es hüpfte -wie eine Wachtel im Käfig. »Herr Gott, hat der mich schwitzen machen. -Bist du ein Kerl!« Dann wünschte er ihm den Teufel und seine Großmutter -an den Hals. Ja, es fielen sogar ein paar unschöne Ausdrücke; aber was -ist da zu machen: ein Russe, und noch dazu wenn er zornig ist! Zudem war -die Sache durchaus nicht scherzhaft: »Man mag sagen, was man will,« -sprach er zu sich selber, »wäre der Kreisrichter nicht auf der -Bildfläche erschienen, wer weiß, ob ich mich jetzt noch des Anblickes -dieser schönen Gotteswelt erfreuen könnte! Vielleicht wäre ich geplatzt, -wie eine Blase auf dem Wasser, ohne eine Spur meines irdischen Daseins, -ohne Nachkommen, ohne meinen Kindern und Kindeskindern Geld und Gut und -einen ehrlichen Namen zu hinterlassen!« Unser Held war sehr besorgt um -seine Nachkommenschaft. - -»So ein böser Herr!« dachte Seliphan. »Solch einen Herren hab' ich in -meinem Leben noch nicht gesehen. Wahrhaftig, dem sollte man ins Gesicht -spucken für dieses Betragen. Einen Menschen mag man noch eher hungern -lassen, aber einem Pferde muß man doch zu fressen geben. Denn so ein -Gaul liebt nun mal den Hafer. Das ist sozusagen seine Nahrung; was für -uns die Kost, ist für ihn der Hafer sozusagen. Das ist doch seine -Nahrung.« - -Auch die Pferde schienen sich eine ungünstige Meinung von Nosdrjow -gebildet zu haben. Nicht nur der Braune und der Assessor, selbst der -Schecke war schlechter Laune. Obgleich er für seinen Teil immer etwas -geringeren Hafer bekam und Seliphan ihm diesen nie anders in den Trog -schüttete, als mit den Worten: »Da, du Lump!«, es war doch immer Hafer -und nicht gewöhnliches Heu: er kaute mit Vergnügen daran und steckte -sein langes Maul häufig in die Krippe seiner beiden Nachbarn, um zu -kosten, was für eine Nahrung sie bekämen. Besonders tat er dies, wenn -Seliphan nicht im Stalle war. Aber dieses Mal nichts wie Heu -- das war -nicht schön! Sie alle waren unzufrieden. - -Aber bald wurden die Unzufriedenen mitten in ihren Herzensergießungen -durch ein ganz plötzliches und unerwartetes Ereignis unterbrochen, alle -Beteiligten mit Einschluß des Kutschers kamen erst wieder zur Besinnung, -als ein mit sechs Pferden bespannter Wagen gegen sie anrannte und das -Schreien der in dem Wagen sitzenden Damen und das Geschimpf und die -Drohungen der Kutscher fast über ihren Köpfen erklangen. »Ach, du -Spitzbube, verdammter, ich habe dir doch laut zugerufen: Weich aus nach -rechts, alte Krähe! Du bist wohl besoffen, wie?« Seliphan mußte sich -gestehen, daß er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte; aber da der -Russe seine Schuld vor andern Leuten nicht gerne zugibt, warf er sich in -die Brust und rief: »Und was jagst du so blind darauf los?! Hast wohl -deine Augen in der Schenke gelassen?« Hierauf zog er die Zügel kräftig -an, um den Wagen zurückzulenken und aus dem Knäuel herauszuwickeln. -Aber, ohweh, seine Bemühungen waren vergeblich; die Pferde hatten sich -mit ihrem Geschirr verhakt. Der Schecke beschnupperte neugierig seine -neuen Freunde, die ihn umringten. Unterdessen blickten die in dem Wagen -sitzenden Damen mit ängstlichen Gesichtern auf die allgemeine -Verwirrung. Die eine war schon alt, die andere ein sechzehnjähriges -junges Mädchen mit goldigem Haar, welches glatt gescheitelt ihr Gesicht -kleidsam einrahmte. Das reizende Oval ihres Antlitzes rundete sich wie -ein junges Eichen und schimmerte gleich diesem von weißem durchsichtigen -Glanze, wenn es frisch gelegt von der braunen, prüfenden Hand der -Schließerin gegen das Licht gehalten wird, und die hellen Strahlen des -Sonnenscheines es durchdringen. Ihre zarten, dünnen Ohrmuskeln -erzitterten, als glühten sie, von der sie durchflutenden Wärme. Dazu der -Ausdruck des Schreckens, der auf ihren offnen erstarrten Lippen lag, die -Tränen, die im Auge schimmerten, dies alles war so reizend, daß unser -Held sie einige Minuten lang traumverloren anblickte, ohne im geringsten -auf den Wirrwarr von Kutschen, Pferden und Kutschern zu achten. »Zurück! -Du Nowgorodsche Krähe!« rief der fremde Kutscher Seliphan zu. Dieser zog -die Zügel an, sein fremder Kollege tat dasselbe, die Pferde stemmten -sich rückwärts, um sogleich wieder zusammenzuprallen und sich aufs neue -im Riemenwerk zu verwickeln. Bei dieser Gelegenheit machte die neue -Bekanntschaft einen so tiefen Eindruck auf unsern Schecken, daß er -durchaus nicht wieder aus der Rinne heraus wollte, in die er durch ein -unverhofftes Schicksal geraten war. Er legte seine Schnauze auf den Hals -des neuen Kameraden und schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern: -wahrscheinlich irgend ein schreckliches Blech. Denn dieser schüttelte -beständig die Ohren. Während der großen Unordnung waren indessen Bauern -aus einem Dorf, das zum Glück nicht sehr weit entfernt war, hilfsbereit -herbeigeeilt. Da ein solches Schauspiel für einen Bauern eine wahre -Himmelsgabe ist, wie für den Deutschen seine Zeitungen oder sein Klub, -so hatte sich bald eine vielköpfige Schar um die Wagen gesammelt, und -nur die alten Weiber und Wickelkinder waren zu Hause geblieben. Man -schnürte die Riemen los, der Schecke bekam ein paar kräftige Püffe vor -die Schnauze, die ihn zum Rückzug veranlaßten: mit einem Wort, die -Pferde wurden getrennt und beiseite geführt. Aber war es der Ärger der -neuangekommenen Pferde, daß man sie von ihren neuen Freunden getrennt -hatte, war es Eigensinn, -- der Kutscher mochte auf sie loshauen soviel -er wollte, sie blieben wie angewurzelt stehen. Die Teilnahme und das -Interesse der Bauern wuchs bis zu ungeheuren Dimensionen an. Alle -drängten sich um die Wette mit weisen Ratschlägen vor. »Geh, -Andrjuschka, führ mal das rechte Beipferd vor. Onkel Mitjaj soll sich -auf das mittlere setzen. Schwing dich auf, Onkel Mitjaj!« Der lange und -hagere Onkel Mitjaj, ein Mann mit einem roten Bart, bestieg das -Mittelpferd. So glich er dem Glockenturm einer Dorfkirche oder richtiger -einem Brunnenhaken, mit dem man das Wasser aus dem Brunnen heraufzieht. -Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, aber es wollte nicht fruchten, -auch Onkel Mitjaj konnte nicht viel ausrichten. »Halt! Halt!« riefen die -Bauern, »setz dich lieber aufs Beipferd, Onkel Mitjaj; Onkel Minjaj soll -aufs Mittelpferd steigen!« Onkel Minjaj, ein breitschultriger Bauer mit -einem kohlschwarzen Bart und einem Bauch wie jener Riesensamowar, in dem -das süße Zwetschengetränk für die frierenden Scharen gekocht wird, die -einen ganzen Markt bevölkern, schwang sich vergnügt aufs Mittelpferd, -welches sich unter seiner Last fast bis zur Erde beugte. »Jetzt wird's -schon gehen,« riefen die Bauern: »Hau zu! Hau doch zu. Versetz ihm eins -mit der Knute: hörst du, jenem Hellen, da! -- was sträubt und spreizt -sich's wie 'ne Wassermücke.« Aber da sie sahen, daß die Sache doch nicht -von der Stelle kam, und alle Prügel nichts nützten, setzten sich beide, -Onkel Mitjaj und Onkel Minjaj zusammen auf das Mittelpferd und ließen -Andrjuschka auf das Beipferd steigen. Endlich verlor der Kutscher die -Geduld und jagte alle beide: Onkel Mitjaj samt Onkel Minjaj zum Teufel. -Und er tat gut daran, denn die Pferde dampften so, als ob sie eine ganze -Poststation zurückgelegt hätten, ohne auch nur einen Augenblick Halt -gemacht zu haben. Er ließ sie sich erst verschnaufen, worauf sie den -Wagen ganz von selbst fortzogen. Während sich dieser Vorgang abspielte, -war Tschitschikow ganz in die Betrachtung der fremden jungen Dame -versunken. Er versuchte es mehrmals, sie anzureden, aber es wollte ihm -immer nicht recht gelingen. Unterdessen waren die Damen davongefahren, -das reizende Köpfchen mit den feinen Gesichtszügen und der schlanken -Gestalt war verschwunden, wie eine Vision; und wieder befand sich -Tschitschikow auf der Landstraße, in seiner Kutsche mit den drei -Pferden, die der Leser schon kennt, und in Gesellschaft von Seliphan, -den öden, leeren Flächen der rings sich dehnenden Felder gegenüber. -Überall im Leben, in seinen harten, rauhen und ärmlichen, in den -unsaubern, schimmelbedeckten niederen Schichten -- wie in der sauberen -Korrektheit und Monotonie der höheren Stände -- überall begegnet uns, -wenn auch nur ein einziges Mal im Leben eine Erscheinung, die nichts -gemein hat mit alledem, was wir bisher gesehen, die wenigstens _einmal_ -ein neues Gefühl in uns entzündet, das keine Ähnlichkeit mit jenen hat, -die uns durch unser ganzes Leben begleiten. Bei jedem von uns bricht -einmal ein heller Strahl der Freude durch das Dunkel jener Leiden und -trüben Erfahrungen, aus denen unser Leben gewebt ist, so wie bisweilen -eine glänzende Equipage mit goldgezäumten malerischen Rossen und -blitzenden Fensterscheiben ganz plötzlich und unerwartet an einem öden -elenden Dorf vorbeijagt, welches nie ein andres Gefährt, als den -bekannten Bauernwagen gesehen hat: und lange noch stehen die Bauern -staunend mit offenem Munde da, und wagen es nicht, ihre Mützen wieder -aufzusetzen, obwohl die herrliche Equipage schon längst verschwunden und -über alle Berge ist. So ist auch die junge Blondine ganz plötzlich und -unerwartet in unserer Erzählung aufgetaucht, um auf dieselbe Weise -wieder zu verschwinden. Wäre ihr statt Tschitschikow irgend ein -zwanzigjähriger Jüngling begegnet -- ein Husar, oder ein Student oder -auch nur ein gewöhnlicher Sterblicher, der eben im Begriff ist, seinen -Lebensweg anzutreten. -- Du lieber Gott, was wäre nicht alles in ihm zum -Leben erwacht, was hätte nicht alles nach Ausdruck gedrängt! Er hätte -wohl noch lange wie betäubt auf demselben Flecke gestanden, während -seine Augen stumm die Ferne suchten, hätte den Weg und das Reiseziel und -alle Vorwürfe und Verweise, wegen seiner Saumseligkeit, ja er hätte sich -selbst vergessen, seinen Dienst, die Welt und überhaupt alles, was auf -der Welt existiert! - -Aber unser Held war schon ein Mann in mittleren Jahren und hatte einen -kühlen, ruhigen, umsichtigen Charakter. Auch er versank in Sinnen und -dachte über vieles nach, aber sein Denken war weit positiverer Natur: -seine Gedanken waren bei weitem nicht so unklar und unbestimmt, sondern -weit genauer und gründlicher. »Ein herrliches Weibchen!« sagte er, indem -er seine Tabakdose öffnete und eine Prise nahm. »Was aber das Beste an -ihr ist .... das Beste an ihr ist, daß sie soeben aus einem Institut -oder Pensionat entlassen zu sein scheint und daß sie noch nichts -spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zügen, die das ganze -Geschlecht verunzieren. Jetzt ist sie noch das reine Kind, alles an ihr -ist schlicht und einfach; sie spricht, wie ihr's ums Herz ist und lacht, -wenn ihr darnach zumute ist. Es läßt sich noch alles aus ihr machen, sie -kann ein herrliches Geschöpf, aber ebensogut auch ein verkrüppeltes -Wesen werden -- und so wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die -Tanten und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie in einem Jahr -mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, daß ihr eigener Vater sie nicht -wiedererkennen wird. Sie wird ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen -annehmen, wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, wenden und -knicksen, sich den Kopf darüber zerbrechen, _was_ sie, mit _wem_ sie und -wie _viel_ sie sprechen, wie sie ihren Kavalier anblicken muß usw. usw.; -wird fortwährend in der größten Angst schweben, ob sie nun kein -überflüssiges Wort gesagt hat, schließlich garnicht mehr wissen, was sie -zu tun hat, und wie eine große Lüge durch das Leben wandeln. Pfui -Teufel!« Hier verstummte er einen Augenblick und fuhr dann fort: -»Übrigens wüßte ich gern, wer sie eigentlich ist. Wer mag ihr Vater -sein? Irgend ein ehrenwerter Gutsbesitzer oder nur ein rechtschaffen -denkender Mensch, der sich im Dienst ein kleines Kapital erspart hat? -Wenn die Kleine so ein paar Hunderttausende mitbekäme -- das wäre weiß -Gott kein übler -- gar kein übler Bissen. Ein ordentlicher Mensch könnte -mit ihr sein Glück machen.« Die Zweimalhunderttausend erschienen ihm in -so reizendem Lichte, daß er sich innerlich Vorwürfe zu machen begann, -weswegen er sich während des Trubels mit den Equipagen nicht beim -Vorreiter nach dem Namen der Reisenden erkundigt habe. Doch das jetzt -sichtbar werdende Dorf Sabakewitschs zerstreute seine Gedanken und -lenkte sie auf ihren eigentlichen Gegenstand zurück. - -Das Dorf kam ihm recht groß vor; eine Birken- und eine Fichtenwaldung -rahmten es von beiden Seiten ein, wie zwei Flügel, von denen der eine -etwas dunkler erschien als der andre; in der Mitte stand ein hölzernes -Haus mit einem Anbau, einem roten Dach und dunkelgrauen -- oder -richtiger rohen Wänden -- eins von jenen Häusern, wie sie bei uns für -Soldaten und Kolonisten gebaut werden. Man merkte deutlich, daß der -Baumeister bei der Ausführung seines Planes beständig mit dem Geschmack -des Besitzers zu kämpfen hatte. Der Baumeister war ein Pedant und liebte -die Symmetrie, der Hausherr aber wollte es vor allem recht bequem haben -und hatte aus diesem Grunde offenbar auf einer Seite alle -korrespondierenden Fenster zumauern und statt ihrer nur eine kleine -runde Öffnung stehen lassen, die zu einer dunklen Kammer gehörte. Auch -der eine Erker war nicht in der Mitte des Hauses angebracht, so sehr -sich der Architekt bemüht hatte, dies durchzusetzen; der Hausherr wollte -durchaus die eine Säule beseitigt wissen, und so war es gekommen, daß -statt der vier Säulen nur drei dastanden. Der Hof war von einem -kräftigen und ungewöhnlich dicken Staketenzaun umgeben. Überhaupt schien -der Gutsherr vor allem auf Dauerhaftigkeit und Solidität bedacht zu -sein. Zum Bau der Ställe, der Scheunen und der Küche waren schwere dicke -Balken verwandt worden, die auf die Ewigkeit berechnet zu sein schienen. -Auch die Bauernhütten waren wunderbar fest und solide gebaut. Keine mit -Schnitzwerk verzierten Wände noch sonstiger Firlefanz -- es war alles -dicht und wie es sich gehört aneinandergepaßt und verkittet. Selbst der -Brunnen war mit so kräftigem Eichenholz eingefaßt, wie es sonst nur bei -Windmühlen und Schiffsbauten verwendet wird. Mit einem Wort -- alles was -Tschitschikow sah, war solide, und stand fest auf der Erde, in Reih und -Glied; wie es schien, nach einer plumpen unerschütterlichen Ordnung. Als -der Wagen vor der Freitreppe hielt, sah Tschitschikow zwei Gesichter, -die fast gleichzeitig zum Fenster hinausschauten: ein weibliches, das so -lang und schmal war, wie eine Gurke und eine Haube auf dem Kopfe trug, -und ein rundes männliches, so breit wie einer jener moldauischen -Kürbisse, die man in Rußland »Flaschen« nennt und aus denen man bei uns -die Balalaiken, jene leichten mit zwei Saiten bespannten -Musikinstrumente macht -- den Stolz und die Freude aller kecken und -lustigen Bauernburschen, dieser schmucken Jungen, welche den sie -umstehenden Mädchen mit weißem Hals und Busen, die gekommen sind, ihrem -sanften Saitengeklimper zu lauschen, kokett zublinzeln und zujuchzen. -Beide Gesichter verschwanden sogleich wieder, nachdem sie einen Blick -durchs Fenster geworfen hatten. Ein Lakai in einer grauen Jacke mit -einem blauen Stehkragen trat auf die Freitreppe hinaus und geleitete -Tschitschikow in den Flur, wo der Hausherr schon seiner wartete. Als er -den Gast erblickte, sagte er kurz: »Ich bitte,« worauf er ihn in die -inneren Gemächer führte. - -Als Tschitschikow hierbei einen kurzen Seitenblick auf Sabakewitsch -warf, kam er ihm diesmal wie ein Bär von mittlerer Größe vor. Und wie um -die Ähnlichkeit zu vollenden, hatte auch der Frack, den er trug, die -Farbe des Bärenfells: Ärmel und Hosen waren sehr lang, seine Füße -steckten in mächtigen Filzpantoffeln, dazu hatte er einen so -tolpatschigen Gang, daß er andern Leuten beständig auf die Füße trat. -Seine Gesichtsfarbe war glühend rot, wie die eines Kupfergroschens. Es -gibt ja bekanntlich viele solche Gesichter auf der Welt, über deren -detaillierterer Ausarbeitung sich die Natur nicht viel Kopfzerbrechens -gemacht, bei der sie keine feineren Instrumente wie Feile, Bohrer usw. -gebraucht, sondern die sie einfach mit ein paar kräftigen Axthieben -herausgehauen hat. Ein Hieb -- und siehe da es entstand die Nase -- ein -zweiter -- und die Lippen saßen am rechten Fleck; dann machte sie noch -ein Paar Löcher an Stelle der Augen mit dem großen Bohrer und der ganze -Kerl war fertig. Und ohne ihn erst noch zu behobeln und zu glätten, -sandte sie ihn mit den Worten: »er lebt« in die Welt. Solch eine -festgefügte aufs Geratewohl zurechtgezimmerte Gestalt war auch -Sabakewitsch: seine Haltung war eher ein wenig gebeugt als aufrecht, nur -selten drehte er seinen Kopf um, und sah infolge dieser Unbeweglichkeit -seinen Mitunterredner nur selten an, sondern blickte stets auf die -Ofenecke oder auf die Tür. Tschitschikow warf noch einmal einen -Seitenblick auf ihn, als er mit ihm ins Speisezimmer trat, und wieder -fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: »ein Bär, wahrhaftig ein -vollkommener Bär.« Welch seltsames Spiel des Schicksals: zu alledem -mußte er noch Michael[3] Semjonowitsch heißen. Da Tschitschikow -Sabakewitschs Gewohnheit, andern Leuten auf die Füße zu treten, kannte, -trat er selbst sehr vorsichtig auf, indem er ihn vorausgehen ließ. Der -Hausherr schien sich übrigens dieser schlechten Angewohnheit selbst -bewußt zu sein, denn er fragte immerfort: »Habe ich Sie vielleicht -beunruhigt?« Aber Tschitschikow dankte und versicherte höflich, er habe -bisher noch nichts von einer Beunruhigung gemerkt. - -Als sie in den Salon traten, zeigte Sabakewitsch auf einen Lehnstuhl und -sagte wieder: »Bitte.« Tschitschikow nahm Platz, warf aber zuvor noch -einen kurzen Blick auf die Wände und die Bilder, welche sie zierten. Es -waren alles lebensgroße Stahlstiche, welche lauter tüchtige Kerle, d. h. -griechische Feldherrn, wie Miauli, Kanari und Maurokordato darstellten, -letzteren in Uniform mit roten Beinkleidern und einer Brille auf der -Nase. All' diese Helden hatten so starke Lenden und so gewaltige -Schnauzbärte, daß einen schon eine Gänsehaut überlief, wenn man sie bloß -ansah. Unter diesen griechischen Athleten war wie durch einen -wunderbaren Zufall auch Fürst Bagration geraten, ein magerer, dünner -Mann mit einer kleinen Fahne und ein paar Kanonen zu seinen Füßen, der -noch dazu in einem ganz schmalen Rahmen steckte. Dann folgte wieder eine -griechische Heldin: die Bobelina, deren Beine allein größer waren, als -die ganze Figur eines jener Stutzer, die heute unsere Salons bevölkern. -Der Hausherr, der selbst ein ausnehmend gesunder und kräftiger Mann war, -wollte offenbar auch, daß lauter gesunde und kräftige Leute die Wände -seiner Zimmer zieren sollten. Neben der Bobelina, dicht am Fenster hing -noch ein Vogelkäfig, aus dem eine schwarze Amsel mit kleinen weißen -Pünktchen hervorguckte, die gleichfalls große Ähnlichkeit mit -Sabakewitsch hatte. Der Wirt und der Gast hatten noch keine zwei Minuten -stumm nebeneinander gesessen, als die Türe sich auftat, und die Frau des -Hauses, eine große Dame in einer Haube mit Bändern, die zu Hause gefärbt -zu sein schienen, ins Zimmer trat. Sie hatte einen wundervollen Gang und -hielt ihren Kopf gerade wie eine Palme. - -[Fußnote 3: In Rußland werden die Bären wie bei uns »Petz« mit dem Namen -»Mischa«, dem Diminutivum von Michael gerufen.] - -»Das ist meine Feodulia Iwanowna,« sagte Sabakewitsch. - -Tschitschikow küßte Feodulia Iwanowna die Hand, die sie ihm fast in den -Mund stopfte; bei dieser Gelegenheit machte er die Beobachtung, daß ihre -Hände mit Gurkenwasser gewaschen waren. - -»Herzchen, darf ich dir Pawel Iwanowitsch Tschitschikow vorstellen!« -fuhr Sabakewitsch fort. »Wir haben uns beim Gouverneur und beim -Postmeister kennen gelernt.« - -Feodulia Iwanowna bat Tschitschikow Platz zu nehmen, indem sie -gleichfalls »Bitte« sagte, und eine Kopfbewegung dazu machte, wie jene -Schauspielerinnen, die eine Königin darzustellen haben. Dann setzte sie -sich auf das Sofa, hüllte sich in ihr wollenes Tuch ein und zuckte von -nun ab weder mit den Augen noch mit den Brauen. - -Tschitschikow warf wieder einen Blick nach oben und wieder fiel ihm -Kanari mit seinen starken Lenden und dem nicht endenwollenden -Schnauzbart, die Bobelina und der Vogelbauer mit der Amsel in die Augen. - -Fast fünf Minuten beobachteten alle ein feierliches Schweigen, das nur -durch das Lärmen der Amsel unterbrochen wurde, die fortwährend mit dem -Schnabel gegen den Holzboden des Vogelkäfigs pochte, wenn sie ein paar -Brotkrumen aufpickte. Tschitschikow sah sich noch einmal im Zimmer um: -auch hier war alles klobig, fest und ganz ungewöhnlich derb, und hatte -eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Herrn des Hauses. In der Ecke des -Salons stand ein bauchiges Schreibpult auf vier äußerst plumpen Füßen -- -ein richtiger Bär. Der Tisch, die Stühle, die Lehnsessel -- alles trug -einen schwerfälligen und geradezu gefährlichen Charakter, jeder -Gegenstand, jeder Stuhl schien sagen zu wollen: »Ich bin auch ein -Sabakewitsch« oder »Auch ich bin Sabakewitsch ähnlich.« - -»Wir haben beim Gerichtspräsidenten Iwan Grigorjewitsch von Ihnen -gesprochen,« sagte endlich Tschitschikow, als er sah, daß keiner von den -Anwesenden Anstalten machte, das Gespräch zu beginnen: »Es war am -vorigen Donnerstag. Ich habe dort einen sehr schönen Abend verbracht.« - -»Ja! ich war damals nicht beim Gerichtspräsidenten,« sagte Sabakewitsch. - -»Ein prächtiger Mensch! Nicht wahr?« - -»Wen meinen Sie?« sagte Sabakewitsch, indem er die Ofenecke anblickte. - -»Den Gerichtspräsidenten!« - -»Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen: er ist zwar Freimaurer, aber ein -solcher Esel, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.« - -Tschitschikow wurde ein wenig stutzig durch diese denn doch etwas zu -starke Charakteristik, aber er fand seine Fassung bald wieder und fuhr -gleich darauf fort: »Natürlich, ein jeder Mensch hat seine Schwächen; -aber nicht wahr? der Gouverneur, das ist doch ein ganz ausgezeichneter -Mensch?« - -»Wie? der Gouverneur -- ein ausgezeichneter Mensch?« - -»Ja! hab ich nicht Recht?« - -»Ein Bandit, wie's keinen zweiten gibt.« - -»Wie? -- Der Gouverneur ein Bandit?!« sagte Tschitschikow, der durchaus -nicht begreifen konnte, wie der Gouverneur unter die Banditen geraten -war. »Ich muß gestehen, das hätte ich wirklich nicht gedacht,« fuhr er -fort. »Doch erlauben Sie mir die Bemerkung: seine Handlungen sind gar -nicht derart; man könnte eher sagen, daß er einen sehr weichen Charakter -hat.« Und wie zum Beweise führte er die Geldtaschen an, die jener -gestickt hatte und sprach mit hoher Anerkennung über den freundlichen -Ausdruck seines Gesichtes. - -»Aber das ist doch ein Banditengesicht!« sagte Sabakewitsch. »Geben Sie -ihm ein Messer in die Hand und schicken Sie ihn auf die Landstraße -hinaus, -- der schlachtet Sie kaltblütig ab -- um einen Groschen! Er und -der Vizegouverneur, -- das sind die reinsten -- Gogs und Magogs.« - -»Hm, die haben wohl was miteinander gehabt,« dachte Tschitschikow. »Ich -will mal mit ihm über den Polizeimeister reden, der ist, glaub' ich, -sein Freund.« -- »Übrigens, was mich betrifft,« fuhr er fort, »so muß -ich gestehen, daß mir der Polizeimeister bei weitem am besten gefällt. -Was ist das doch für ein gerader und offener Charakter; er hat etwas so -Schlichtes und Treuherziges an sich.« - -»Ein Gauner!« sagte Sabakewitsch ganz kaltblütig, »der ist fähig, Sie -zuerst zu betrügen und zu verraten und gleich darauf mit Ihnen zu Mittag -zu essen. Ich kenne sie alle miteinander: lauter Spitzbuben. Und so ist -die ganze Stadt; da sitzt ein Spitzbube auf dem andern, alles Judasse -und niederträchtige Verräter. Der einzige, der noch was taugt, ist der -Staatsanwalt -- aber auch der ist im Grunde genommen ein Schweinehund.« - -Nach diesen so wohlwollenden, wenn auch etwas kurzen biographischen -Charakteristiken, sah Tschitschikow ein, daß eine Erwähnung der übrigen -Beamten sich kaum noch verlohne, und er erinnerte sich, daß Sabakewitsch -den Leuten nicht gern etwas Gutes nachsagte. - -»Wie denkst du, Herzchen, gehen wir zu Tische?« sagte Frau Sabakewitsch -zu ihrem Gatten. - -»Bitte,« sagte Sabakewitsch und schritt auf den Anrichtetisch zu; Wirt -und Gast tranken zuerst nach altem gutem Brauch einen Schnaps und ließen -sich's gut schmecken, wie das im ganzen weiten Rußland in Städten und -Dörfern üblich ist, wo man stets, eh man sich zum Mittagessen hinsetzt, -zuvor einen kleinen Imbiß aus allerhand gesalzenen und appetiterregenden -Speisen und allen möglichen guten Sachen zu sich nimmt, worauf sie sich -alle ins Speisezimmer begaben. Allen voran schritt die Hausfrau, wie ein -schlanker Schwan. Den kleinen Tisch schmückten vier Gedecke. Der vierte -Platz wurde bald von einer Person besetzt, von der es schwer zu sagen -war, was sie eigentlich vorstellte: eine Dame oder ein Fräulein, eine -Verwandte, eine Haushälterin oder nur irgend eine Gesellschafterin, die -mit im Hause wohnte -- ein Wesen von etwa dreißig Jahren, ohne Haube und -mit einem Tuch um die Schultern. Es gibt solche Geschöpfe in dieser -Welt, die nicht die selbständige Existenz eines Objekts besitzen, -sondern gewissermaßen nur die Flecken oder Pünktchen auf einem -Gegenstande darstellen. Sie sitzen immer auf derselben Stelle und haben -alle dieselbe Haltung des Kopfes; man ist geneigt, sie für ein -Möbelstück zu halten, und kann sich nicht denken, daß sie je in ihrem -Leben den Mund geöffnet haben, um ein Wort zu sagen; dagegen braucht man -sie nur im Mädchenzimmer oder in der Vorratskammer zu beobachten, um -sich zu überzeugen, daß sie es faustdick hinter den Ohren sitzen haben. - -»Die Kohlsuppe ist heute ausgezeichnet, mein Schatz,« sagte -Sabakewitsch, während er die Suppe kostete und sich dazu ein mächtiges -Stück Saugbeutel vorlegte, von jenem berühmten Gericht, das gewöhnlich -zur Kohlsuppe gegessen wird und aus einem mit Buchweizen, Hirn und -Knöcheln gefüllten Hammelmagen besteht. »So eine Pastete,« fuhr er zu -Tschitschikow gewendet fort, »finden Sie in der ganzen Stadt nicht; dort -setzt man Ihnen, weiß der Teufel was vor!« - -»Beim Gouverneur ißt man übrigens gar nicht schlecht,« meinte -Tschitschikow. - -»Ja wissen Sie denn, wie diese Speisen zubereitet werden? Sie würden den -Appetit verlieren, wenn Sie das wüßten!« - -»Wie die Speisen zubereitet werden, darüber kann ich freilich nicht -urteilen; aber die Schweinekoteletts und der Fisch waren vorzüglich.« - -»Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen. Ich weiß genau, daß sie auf dem -Markte einkaufen. Der Schurke von Koch, der bei einem Franzosen in der -Lehre war, kauft einfach einen alten Kater, zieht ihm das Fell ab, und -serviert ihn dann als Hasen.« - -»Pfui! Was für häßliche Sachen du da erzählst!« sagte Sabakewitschs -Gattin. - -»Was kann ich dafür, Schätzchen! So macht man's nun einmal dort; ich bin -doch nicht schuld, daß das bei all den Leuten so Sitte ist. Alle -Abfälle, alles was unsere Akula mit Verlaub zu sagen in den Mülleimer -wirft, das tun die in die Suppe. Immer rein, alles rein.« - -»Immer redest du bei Tisch solche Sachen!« warf wiederum Frau -Sabakewitsch ein. - -»Was schadet denn das, Schätzchen,« versetzte Sabakewitsch. »Ja wenn -ich's noch selbst so machte, aber ich sage dir's ganz offen: solch ein -ekelhaftes Zeug würde ich nie essen. Nie würde ich einen Frosch in den -Mund nehmen, und wenn er in Zucker kandiert wäre, ebensowenig wie eine -Auster; ich weiß ganz gut wie so'ne Auster aussieht. Bitte nehmen Sie -doch noch ein Stück Hammelbraten,« fuhr er fort, indem er sich an -Tschitschikow wandte. »Das ist Hammellende mit Brei, und kein Frikassé, -wie es die vornehmen Herren lieben, wozu man Hammelfleisch nimmt, das -schon vier Tage lang auf dem Markte herumliegt. Das sind alles Finessen, -wie sie die Herrn Doktoren, die Deutschen und Franzosen erfunden haben; -ich würde sie dafür am liebsten alle hängen lassen. Die Diät -- das ist -auch so eine von ihren Erfindungen. Schöne Methode das -- einen mit -Hunger zu kurieren. Weil sie selbst eine so dünnblütige Natur haben, -bilden sie sich ein, sie könnten auch mit dem russischen Magen fertig -werden. Nein, das ist alles nichts Richtiges -- das sind lauter -Torheiten, das ist alles ...« Hierbei schüttelte Sabakewitsch sogar -zornig den Kopf. »Da reden sie immer von Aufklärung, und doch ist ihre -Aufklärung nichts als ein .... ff ....! Ich hätte fast was gesagt, aber -sowas schickt sich ja nicht bei Tische. Bei mir ist das ganz anders. -Wenn's bei mir Schweinebraten oder Gansbraten gibt, dann kommt gleich -ein ganzes Schwein oder eine ganze Gans auf den Tisch. Lieber will ich -nur zwei Gerichte haben, aber mich dafür auch ordentlich satt essen, bis -die liebe Seele Ruhe hat.« Und Sabakewitsch unterstützte seine Worte -eindrucksvoll durch die Tat: er legte sich den halben Hammelrücken auf -den Teller, schlang ihn hinunter und nagte noch die Knochen ab, bis -nichts mehr übrig blieb. - -»Ja, ja,« dachte Tschitschikow, »der weiß auch, was gut tut.« - -»Bei mir ist das anders,« sagte Sabakewitsch, indem er sich die Hände -mit der Serviette abwischte: »ich bin nicht so, wie irgend ein -Pljuschkin; der hat 800 Seelen und lebt und ißt dabei schlechter als -unser Kuhhirt.« - -»Wer ist dieser Pljuschkin?« fragte Tschitschikow. - -»Ein Hallunke,« versetzte Sabakewitsch. »So ein Geizhals, das kann man -sich gar nicht einmal vorstellen. Die Zuchthäusler leben noch besser als -der: er läßt ja all seine Leute verhungern.« - -»Wahrhaftig?« unterbrach ihn hier Tschitschikow mit teilnehmender Miene. -»Ist das wirklich so, wie Sie sagen, daß bei dem so viele Bauern -sterben.« - -»Wie die Fliegen.« - -»Nein, wirklich? Wie die Fliegen? Und darf ich fragen, wohnt er weit von -hier?« - -»Es werden etwa fünf Werst sein.« - -»Fünf Werst!« rief Tschitschikow aus, und dabei fing sogar sein Herz ein -wenig an zu klopfen. »Wenn man das Tor verläßt, liegt dann sein Gut -rechts oder links?« - -»Es ist besser, Sie wissen gar nicht, wie Sie zu diesem Hunde hinkommen! -Ich rate Ihnen, kümmern Sie sich lieber gar nicht darum,« sagte -Sabakewitsch, »es ist noch verzeihlicher, wenn jemand in ein -unanständiges Lokal geht als zu dem.« - -»Nein, ich frage ja auch nicht, weil ich irgend welche Absichten ... ich -erkundigte mich bloß, weil ich ein großes Interesse für Land und Leute -habe,« entgegnete Tschitschikow. - -Nach dem Hammelrücken gab es Käsekuchen, von denen jeder allein größer -war als ein Teller, und dann noch einen Truthahn von der Größe eines -Kalbes, der mit allerhand guten Sachen gefüllt war: mit Reis, Eiern, -Leber und weiß Gott mit was sonst noch, was einem nachträglich wie ein -Stein im Magen liegt. Damit war das Mittagessen zu Ende; aber als man -sich erhob, fühlte sich Tschitschikow um einen ganzen Zentner schwerer. -Man begab sich in den Salon, wo bereits ein kleiner Teller mit Kompott -und Marmelade auf dem Tische stand; -- es ließ sich nicht recht -definieren, was es eigentlich für ein Kompott darstellte -- es waren -weder Birnen, noch Pflaumen, noch Himbeeren -- übrigens rührte weder der -Wirt noch der Gast die Marmelade an. Die Hausfrau ging hinaus, um noch -ein paar Fruchttellerchen hereinzubringen. Diesen Augenblick benutzte -Tschitschikow, um sich an Sabakewitsch zu wenden, der ausgestreckt in -einem Lehnstuhl lag und nur noch stöhnte; so satt war er; hin und wieder -öffnete er den Mund, um ein paar unartikulierte Laute von sich zu geben, -wobei er das Kreuz schlug und sich die Hand vor den Mund hielt. -Tschitschikow also wandte sich zu ihm und sagte: »Ich möchte gern über -eine Sache mit Ihnen sprechen!« - -»Nehmen Sie nicht noch etwas Eingemachtes!« sagte die Hausfrau, die mit -einem Fruchtteller zurückkehrte. »Es sind Rettichschnitten, in Honig -gekocht!« - -»Nachher!« sagte Sabakewitsch, »geh jetzt mal auf dein Zimmer, Pawel -Iwanowitsch und ich möchten uns die Röcke ausziehen und ein wenig -ruhen!« - -Die Hausfrau wollte sogleich Unterbetten und Kopfkissen holen lassen, -aber Sabakewitsch erklärte: »Laß nur, wir ruhen uns schon im Lehnstuhle -aus,« und seine Gattin entfernte sich. - -Sabakewitsch streckte den Kopf ein wenig vor, um zu hören, um was für -eine Sache es sich handle. - -Tschitschikow holte sehr weit aus, sprach zuerst ganz allgemein von dem -russischen Staate, dessen Geräumigkeit und Größe er nicht genug loben -konnte, meinte, selbst die alte römische Monarchie sei nicht so groß -gewesen, die Ausländer hätten ganz recht, wenn sie sich wunderten ... -(Sabakewitsch lauschte noch immer mit vorgestrecktem Kopfe) und nach den -bestehenden Gesetzen zählten in diesem Reiche, dessen Ruhm ihm kein -anderes Land streitig machen könne, die in die Revisionslisten -aufgenommenen Seelen, selbst wenn sie ihren irdischen Lebenslauf -abgeschlossen hätten, bis zur Aufstellung neuer Revisionslisten, genau -so viel, wie die Lebenden, weil doch die zuständigen Behörden nicht noch -mit neuen zeitraubenden Pflichten und Aufgaben belastet werden könnten, -welche mit solchen überaus zahlreichen und detaillierten Erhebungen für -sie verbunden wären; auch würde durch eine solche Maßregel die -Kompliziertheit des ja ohnedies so verwickelten Staatsmechanismus noch -gesteigert werden, (Sabakewitsch streckte den Kopf noch immer vor und -hörte zu) indessen müsse man doch gestehen, daß diese Maßregel trotz -ihrer unbestreitbaren Legalität doch für manchen Gutsbesitzer recht -lästig sei, da sie ihn dazu verpflichte, nach wie vor seine Steuern für -die Bauern zu bezahlen, ganz ohne Rücksicht darauf, ob sie noch leben -oder nicht, doch sei er, Tschitschikow, bereit, aus einer besonderen -persönlichen Hochachtung für ihn, einen Teil dieser so überaus -drückenden Verpflichtung auf sich zu nehmen. Über den Hauptpunkt äußerte -sich Tschitschikow nur mit großer Zurückhaltung und sprach nie von -verstorbenen, sondern nur von »nichtexistierenden« Seelen. - -Sabakewitsch saß noch immer mit etwas vorgebeugtem Kopfe da und schien -ihm aufmerksam zuzuhören, aber sein Gesichtsausdruck ließ nicht das -leiseste Zeichen einer verborgenen Seelenregung erkennen. Man hätte -beinahe glauben können, daß man einen leblosen und unbeseelten Körper -vor sich habe, jedenfalls aber saß die Seele bei ihm nicht dort, wo sie -eigentlich sitzen soll, sondern weilte wie beim unsterblichen -Koschtschej[4] irgendwo in der Ferne hinter Bergen und Tälern und war -mit einer so dicken Schale umgeben, daß alles, was sich auf ihrem Grunde -regte, nicht die geringste Erschütterung an der Oberfläche hervorrief. - -»Nun also?« sagte Tschitschikow und wartete nicht ohne innere Aufregung -auf die Antwort. - -»Sie brauchen tote Seelen?« sagte Sabakewitsch ganz ruhig, ohne jeden -Ausdruck des Erstaunens, wie wenn hier von Roggen oder Weizen die Rede -wäre. - -[Fußnote 4: Spielt in dem russischen Sagenkreis die Rolle des Thanatos, -d. h. des Todes.] - -»Ja,« antwortete Tschitschikow, indem er versuchte, dem Wort etwas von -seiner Härte zu nehmen und hinzufügte: »solche, die nicht mehr -existieren.« - -»Es werden sich schon welche finden, gewiß! Warum nicht?« sagte -Sabakewitsch. - -»Ja, nicht wahr? Und wenn Sie welche haben sollten, werden Sie ohne -Zweifel froh sein, sie los zu werden?« - -»Bitte sehr! Ich bin gern bereit, die Ihnen zu verkaufen,« versetzte -Sabakewitsch, indem er den Kopf wieder emporrichtete. Offenbar witterte -er schon, daß der Käufer irgend einen Vorteil dabei haben mußte. - -»Teufel!« dachte Tschitschikow, »der Kerl verkauft sie mir, noch ehe ich -überhaupt ein Wort fallen ließ!« Und er fügte laut hinzu: »Und darf man -fragen: was Sie wohl dafür nehmen würden? Obwohl ... das eigentlich ein -Gegenstand ist ... bei dem man nicht gut von einem Preise reden kann -...« - -»Also! um nicht viel zu verlangen: Hundert Rubel pro Stück,« sagte -Sabakewitsch. - -»Hundert Rubel!« rief Tschitschikow aus, indem er den Mund weit aufriß -und Sabakewitsch erschrocken ins Gesicht starrte; er war sich nicht ganz -klar, ob er sich verhört, oder ob vielleicht Sabakewitschs Zunge infolge -ihrer Schwerfälligkeit eine ungeschickte Wendung gemacht habe, und mit -einem falschen Wort herausgeplatzt sei. - -»Ja finden Sie denn das zu teuer?« sagte Sabakewitsch und fügte sogleich -hinzu: »Und was ist Ihr Preis?« - -»Mein Preis? Wir befinden uns wohl in einem kleinen Irrtum oder -verstehen uns gegenseitig nicht und haben vergessen, worum es sich hier -eigentlich handelt. Hand aufs Herz. Ich denke achtzig Kopeken -- das ist -das äußerste.« - -»Herrgott! Ist das ein Einfall! Achtzig Kopeken?« - -»Nun, was denn? Meiner Ansicht nach kann man nicht mehr wie achtzig -Kopeken dafür bieten.« - -»Ich handle doch nicht mit alten Schuhen!« - -»Sie müssen aber doch auch zugeben, daß es keine Menschen sind.« - -»Ja, glauben Sie wirklich, Sie finden jemand, der Ihnen eine -eingetragene Seele für zwei Groschen verkauft!« - -»Nein, erlauben Sie, warum sagen Sie >eingetragene<? Die Seelen sind -doch schon lange tot. Was von ihnen übrig geblieben ist, ist ja doch nur -ein den Sinnen unfaßbarer Schall. Übrigens, um nicht noch viel Worte -drüber zu verlieren, anderthalb Rubel will ich Ihnen allenfalls geben, -aber auch keinen Heller mehr.« - -»Schämen Sie sich doch, von einer solchen Summe überhaupt zu reden! -Seien Sie ehrlich, nennen Sie den richtigen Preis!« - -»Ich kann nicht, Michael Semjonowitsch; bei meiner Ehre, ich kann nicht! -Was nicht geht, das geht nicht.« sagte Tschitschikow, bot aber aus -Politik sogleich noch etwas mehr. - -»Warum wollen Sie so knausern,« sprach Sabakewitsch, »es ist wahrhaftig -nicht zu teuer. Geraten Sie mal an einen andern, der wird Sie tüchtig -übers Ohr hauen und Ihnen irgend einen Schund anstelle der Seelen -aufhalsen. Bei mir dagegen kriegen Sie lauter auserlesene, vollkernige -Exemplare, alles Handwerker und kräftige Ackerleute. Passen Sie mal auf, -nehmen Sie zum Beispiel den Michejew, den Wagenbauer, der hat überhaupt -nur Federwagen gebaut, und das war keine Moskauer Arbeit, die grad für -eine Stunde reicht. Nein, was der machte, hatte Hand und Fuß; und dazu -polsterte und lackierte er den Wagen noch selbst.« - -Tschitschikow erlaubte sich den Einwand, daß Michejew denn doch schon -lange nicht mehr auf der Welt sei, aber Sabakewitsch war so sehr in den -Redestrom geraten, daß er sogar beredt wurde und in immer reißendere -Wortgefälle gelangte. - -»Und Stepan Probka, der Zimmermann? Ich setze meinen Kopf zum Pfande, -daß Sie keinen besseren Arbeiter finden werden. Wenn der in der Garde -gedient hätte, wozu der's noch gebracht hätte! Der war einen Meter 86 -groß!« - -Tschitschikow wollte wieder einwenden, daß doch auch Probka nicht mehr -auf der Welt sei; aber Sabakewitsch wurde offenbar vom dem Redefluß -fortgerissen. Der Wortschwall ergoß sich wie ein rauschender Gießbach, -daß es eine Lust war ihm zuzuhören. - -»Und dann Milaschkin, der Töpfermeister, der setzte Ihnen einen Ofen -hin, wo Sie nur wollten in jedem Hause. Oder Martin Teljatnikow, der -Schuster, ein Stich mit der Ahle, und er hatte ein paar Stiefel fertig; -und was für Stiefel! Dabei nahm er nie einen Tropfen Schnaps in den -Mund. Und Jeremej Sorokobljochin! Der ist allein soviel wert als die -andern zusammen. Der war in Moskau Händler, brachte allein 500 Rubel -Erbzins jährlich ein. Das sind Kerle! Nicht so ein Plunder, wie ihn euch -ein Pluschkin verkaufen wird.« - -»Aber erlauben Sie,« sagte Tschitschikow endlich, betroffen von solchem -Überschwang der Rede, die wie es schien, gar kein Ende nehmen wollte. -»Wozu zählen Sie mir alle ihre Vorzüge auf? Jetzt hat man ja doch nichts -mehr davon. Das sind doch lauter tote Leute! Mit Toten kann man -höchstens Vögel scheuchen, wie das Sprichwort sagt.« - -»Freilich sind sie tot,« sagte Sabakewitsch, der erst jetzt zu sich zu -kommen und sich darüber klar zu werden schien, daß es sich in der Tat um -Tote handele, fuhr aber sogleich fort: »Übrigens diese sogenannten -Lebenden, was sind das für Leute! Es sind Fliegen und keine Menschen.« - -»Dafür sind sie doch wenigstens lebendig! Aber jene sind doch eigentlich -nur ein Traum.« - -»O nein, durchaus kein Traum; ich sage Ihnen solch einen Kerl wie den -Michejew finden Sie nicht so leicht wieder; so ein Gestell, der geht -Ihnen nicht in dies Zimmer. Nein, das ist kein Traum. Hat der Kerl eine -Kraft in den Schultern gehabt, da kommt ein Pferd nicht gegen auf. Ich -möchte doch wissen, ob Sie noch anderswo so einen Traum antreffen -werden.« Bei den letzten Worten wandte er sich schon nicht mehr an -Tschitschikow, sondern an die die Wände zierenden Porträts Kolocotronis -und Bagrations, wie das oft bei Unterhaltungen zu geschehen pflegt, wenn -der eine der Mitunterredner aus einem unbekannten Grunde sich nicht an -die Person wendet, an die seine Worte gerichtet sind, sondern an irgend -einen zufällig hereingeschneiten Dritten, den er vielleicht garnicht -kennt, und obwohl er weiß, daß er von ihm weder eine Antwort, noch eine -Äußerung, noch ein Zeichen der Zustimmung zu gewärtigen hat. Und doch -heftet er seinen Blick auf ihn, als rufe er ihn zum Schiedsrichter an, -worauf der Unbekannte zunächst ein wenig verlegen wird und nicht recht -weiß, ob er sich zu der Frage äußern soll, von der er nichts gehört hat, -oder lieber zur Wahrung der Anstandsregeln noch ein wenig stehen bleiben -und dann erst fortgehen soll. - -»Nein, mehr als zwei Rubel kann ich nicht geben,« sagte Tschitschikow. - -»Schön, damit Sie sich nicht beklagen können, daß ich zuviel verlangt -habe und Ihnen garnicht ein bißchen entgegengekommen bin, bin ich -bereit, sie Ihnen für 75 Rubel das Stück -- aber in Papiergeld -- zu -lassen. Wirklich, ich tue es nur aus Freundschaft.« - -»Was fällt dem Kerl ein,« dachte Tschitschikow; »er hält mich wohl für -einen Esel!« Und er fügte laut hinzu: »Es ist doch wirklich merkwürdig, -es sieht fast so aus, als ob wir hier Theater oder Komödie spielen. -Anders kann ich es mir nicht erklären! Sie machen doch den Eindruck -eines klugen Mannes, der den gesamten Bildungsstoff beherrscht. Was ist -denn das Objekt, um das es sich handelt. Das ist doch bloß Ppff, ein -reines Nichts! Was für einen Wert hat es, wer braucht es!?!« - -»Sie wollen es aber doch kaufen; also brauchen Sie es doch wohl!« Hier -biß sich Tschitschikow auf die Lippen, ohne eine Antwort finden zu -können. Er murmelte etwas von Familienverhältnissen, aber Sabakewitsch -erklärte bloß: - -»Ich will garnichts von Ihren Verhältnissen wissen; ich mische mich nie -in Familienangelegenheiten -- das ist Ihre persönliche Sache. Sie -brauchen Seelen, und ich biete Ihnen welche an. Sie werden es noch -bereuen, daß Sie mir keine abgekauft haben.« - -»Zwei Rubel,« sagte Tschitschikow. - -»Ach sind Sie ein Mensch! Der Pirol pfeift stets dasselbe Lied, wie das -Sprichwort sagt: Hat sich da auf die zwei Rubel versteift und kann nun -durchaus nicht wieder davon loskommen. Nennen Sie doch einen -vernünftigen Preis.« - -»Na, hol ihn der Teufel!« dachte Tschitschikow, »meinetwegen, ich will -ihm noch einen halben Rubel spendieren, dem Hund! damit er sich was -zugute kommen lassen kann. Also gut, ich gebe Ihnen zwei Rubel fünfzig!« - -»Schön, dann will ich Ihnen auch mein letztes Wort sagen: Fünfzig Rubel! -Wahrhaftig. Sie kommen mir selbst teurer; billiger werden Sie sie -nirgends kriegen, lauter so tüchtige Leute!« - -»Ist das aber ein Geizhals!« dachte Tschitschikow und fuhr ärgerlich -fort: »Nein hören Sie mal! Sie tun wirklich so, als ob es sich hier um -eine ernste Sache handelt! Jeder andere würde sie mir umsonst geben. Ich -kriege sie überall gratis, weil jeder froh ist, wenn er sie los werden -kann. Das müßte doch wirklich ein großer Esel sein, der sie behalten und -Steuern für sie zahlen wollte.« - -»Aber wissen Sie auch, daß solche Käufe -- ich sage das ganz unter uns -und in aller Freundschaft, nicht überall erlaubt sind; und wenn ich oder -ein anderer davon erzählen wollte, so würde ein solcher Käufer jedes -Vertrauen einbüßen; niemand würde einen Kontrakt mit ihm schließen -wollen, und er käme in die größte Verlegenheit, wenn er seine Lage -verbessern wollte.« - -»Schau, schau, wo der hinaus will, der Schuft!« dachte Tschitschikow, -aber er verlor seine Geistesgegenwart nicht und erklärte mit der größten -Kaltblütigkeit: »Ganz wie Sie wünschen; wenn ich Ihnen den Plunder -abkaufen will, so tue ich das nicht, weil ich es nötig hätte, sondern -aus einer gewissen Laune, aus einem Hang meines Charakters. Wenn Ihnen -zwei Rubel fünfzig zu wenig sind, dann lassen wir es eben. Leben Sie -wohl!« - -»Den bringt man nicht aus der Fassung! Der gibt nicht so leicht nach!« -dachte Sabakewitsch. »Also gut, Gott mit Ihnen, geben Sie dreißig Rubel -und sie gehören Ihnen.« - -»Nein, ich sehe, Sie wollen sie nicht verkaufen; Leben Sie wohl.« - -»Erlauben Sie, erlauben Sie,« sagte Sabakewitsch, ohne seine Hand los zu -lassen, und trat ihm dabei auf den Fuß; unser Held hatte nämlich -vergessen, sich in acht zu nehmen, und mußte jetzt zur Strafe -aufschreien und auf einem Fuße hüpfen. - -»Bitte um Entschuldigung. Ich glaube, ich habe Sie etwas beunruhigt. -Bitte setzen Sie sich doch, hierher, ich bitte.« Er geleitete ihn zu -einem Lehnstuhl und hieß ihn hier Platz nehmen. Er tat das sogar mit -einiger Geschicklichkeit, wie ein Bär, der schon mit Menschen in -Berührung gekommen ist, ein paar Tanzdrehungen zu machen gelernt hat und -auch einige Kunststücke auszuführen weiß, wenn man zu ihm sagt: »Zeig -mal, Petz, wie es die Weiber im Dampfbad machen und wie stehlen kleine -Kinder Nüsse?« - -»Nein, wirklich ich verliere nur unnütz Zeit. Ich muß fort, ich habe -Eile!« - -»Bleiben Sie doch noch ein Augenblickchen. Ich will Ihnen gleich etwas -sagen, was Ihnen Freude machen wird.« Und Sabakewitsch rückte näher an -ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr, wie wenn er ihm ein Geheimnis -mitzuteilen hätte. »Wollen Sie eine Stange?« - -»Sie wollen sagen 25 Rubel? Nein, nein, nein! noch nicht den vierten -Teil. Keine Kopeke mehr.« - -Sabakewitsch antwortete nichts und auch Tschitschikow wurde still. -Dieses Schweigen währte etwa zwei Minuten. Fürst Bagration verfolgte von -seinem Wandplatz diesen Kauf mit der größten Aufmerksamkeit. - -»Also was ist Ihr höchstes Angebot?« sagte Sabakewitsch endlich. - -»Zwei Rubel fünfzig!« - -»Ihnen scheint eine menschliche Seele auch nicht mehr zu gelten als eine -abgebrühte Rübe. Geben Sie doch wenigstens drei Rubel!« - -»Ich sehe, mit Ihnen ist nichts anzufangen.« - -»Ich verkaufe mit Schaden! Aber was soll ich tun? Ich habe nun mal so -'ne Hundegutmütigkeit. Ich kann halt nicht anders, ich muß meinem -Nächsten immer eine kleine Freude bereiten. Wir werden wohl einen -Kaufvertrag aufsetzen müssen, damit alles seine Ordnung hat.« - -»Natürlich!« - -»Sehen Sie, wir werden also in die Stadt fahren müssen!« - -Damit war die Sache erledigt. Man beschloß, gleich am folgenden Tage in -die Stadt zu fahren, um den Kauf zum Abschluß zu bringen. - -Tschitschikow bat um die Liste der Bauern. Sabakewitsch war -einverstanden; er begab sich ins Büro, um die Bauernseelen -aufzuschreiben, die er nicht nur alle namentlich aufzählte, sondern auch -durch Aufzählung all ihrer Vorzüge charakterisierte. Unterdessen -musterte Tschitschikow, da er nichts Besseres zu tun hatte, die -voluminöse Silhouette seines Wirtes. Als er seinen Rücken, der so breit -war wie der eines kurzstämmigen Wjatkapferdes, und seine Füße erblickte, -welche große Ähnlichkeit mit ein paar Chausseepfeilern hatten, konnte er -sich nicht enthalten auszurufen: - -»Hat dich aber der liebe Gott verschwenderisch ausgestattet, da kann man -wirklich sagen, schlecht zugeschnitten aber gut genäht, wie es im -Sprichwort heißt. Bist du _gleich_ als ein solcher Bär geboren, oder -haben dich das Leben in der Wildnis, die Landwirtschaft, die Scherereien -mit den Bauern dazu gemacht, daß du jetzt das geworden bist, was man -einen Halsabschneider nennt; doch nein, ich glaube, du warst immer -derselbe und wärst es auch geblieben, selbst wenn du in Petersburg die -neueste, modernste Erziehung genossen hättest und dann erst losgegangen -wärest, selbst wenn du dein ganzes Leben lang in Petersburg und nicht in -der Wildnis gelebt hättest. Der ganze Unterschied besteht nur darin, daß -du jetzt deinen halben Hammelrücken mit Brei nebst einem Käsekuchen von -der Größe eines Suppentellers verschlingst, während du dort Kottelets -mit Trüffeln zu Mittag gegessen hättest. Dafür herrschest du jetzt -friedlich über deine Bauern, mit denen du so gut auskommst, und die du -natürlich nicht kränkst und nicht zu kurz kommen läßt. Sind sie doch -dein Eigentum, und du selbst hättest ja nur den Schaden davon, wenn du -anders handeltest. Dort in der Stadt aber würdest du über Beamte -herrschen, die du kräftig schuriegeln würdest, da du ja wüßtest, daß sie -nicht deine Leibeigenen sind, und du tätest die Krone nach Noten -plündern. Wer nun mal eine Teufelsfaust besitzt, dem glättest du sie -nicht zum Sammetpfötchen. Und biegst du ihm auch einen oder zwei Finger -gerade, um so mehr ist der Teufel los. Hat er erst einmal ein paar -Tropfen von irgend einer Kunst oder Wissenschaft genippt und hat er sich -zu einer hervorragenderen Gesellschaftsstellung emporgeschwungen, dann -wehe denen, welche tatsächlich etwas von dieser Kunst und Wissenschaft -verstehen; dann fällt es ihm wohl gar noch ein zu sagen, ich muß euch -doch mal zeigen, wer ich bin. Und dann läßt er euch plötzlich eine so -weise Verordnung vom Stapel, daß vielen Hören und Sehen vergeht. O, wenn -doch alle diese Halsabschneider ...!« - -»Die Liste ist fertig,« sagte Sabakewitsch mit einer Wendung des Kopfes. - -»Fertig? Bitte geben Sie sie doch einmal her!« Er überflog sie und war -erstaunt, mit welcher Genauigkeit und Pünktlichkeit sie aufgestellt war: -nicht allein daß der Beruf, das Handwerk, das Alter und die -Familienverhältnisse sorgfältig registriert waren, am Rande standen auch -noch besondere Notizen über das Betragen, die Nüchternheit usw. des -Betreffenden. Mit einem Wort, es war eine wahre Freude, die Liste -anzusehen. - -»Und nun bitte ich Sie um eine kleine Anzahlung,« sagte Sabakewitsch. - -»Wozu eine Anzahlung? Sie bekommen die ganze Summe in der Stadt.« - -»Na, Sie wissen doch, es ist mal so Sitte,« wandte Sabakewitsch ein. - -»Ich weiß nicht, wie ich es machen soll? Ich habe leider kein Geld -mitgenommen. Übrigens hier, nehmen Sie diese zehn Rubel!« - -»Ach was zehn! Geben Sie wenigstens fünfzig!« - -Tschitschikow machte allerhand Ausflüchte, er habe nicht soviel Geld bei -sich usw.; aber Sabakewitsch erklärte so kategorisch, er habe doch -welches, daß jener endlich noch einen Zettel aus der Tasche zog und -sagte: »Na, meinetwegen! da haben Sie noch fünfzehn. Das macht also im -ganzen fünfundzwanzig. Ich bitte jedoch um eine Quittung.« - -»Wozu denn eine Quittung?!« - -»Wissen Sie, es ist doch sicherer! Das Glück ist nun mal launisch! Es -kann soviel passieren.« - -»Gut, dann geben Sie das Geld her!« - -»Warum nur? Ich halte es ja in der Hand. Schreiben Sie erst die -Quittung, dann sollen Sie es sogleich haben!« - -»Ja, erlauben Sie mal, wie kann ich denn quittieren? Ich muß doch zuvor -das Geld gesehen haben.« - -Tschitschikow ließ die Banknoten los, und Sabakewitsch griff eiligst zu. -Er ging an den Tisch, und während er das Geld mit ein paar Fingern der -linken Hand bedeckte, bescheinigte er mit der anderen auf einem -Zettelchen, daß er fünfundzwanzig Rubel in staatlichen Banknoten für die -verkauften Seelen erhalten habe. Nachdem er die Quittung ausgestellt -hatte, prüfte er noch einmal das Papiergeld. - -»Der eine ist ein bissel alt,« murmelte er, während er einen der Scheine -ans Licht hielt! »und auch ein bissel zerrissen und abgenutzt. Na, aber -unter Freunden achtet man schließlich nicht darauf.« - -»Ein Halsabschneider! Ich sagte es ja,« dachte Tschitschikow. »Und noch -'ne Bestie dazu!« - -»Können Sie nicht Seelen weiblichen Geschlechtes brauchen?« - -»Nein, ich danke!« - -»Ich hätte sie Ihnen billig gelassen. Aus Freundschaft für Sie, schon -für einen Rubel das Stück.« - -»Nein, das weibliche Geschlecht hat für mich keine Reize.« - -»Freilich! Wenn dem so ist, ist jedes weitere Wort Verschwendung. Über -den Geschmack läßt sich nicht streiten: Der eine liebt den Popen, der -andre des Popen Frau, wie das Sprichwort sagt.« - -»Ich wollte Sie noch bitten, daß diese Angelegenheit ganz unter uns -bleibt,« sprach Tschitschikow, indem er sich verabschiedete. - -»Aber selbstverständlich! Einen dritten geht das doch garnichts an: was -zwei nahe Freunde im Vertrauen miteinander verhandeln, muß natürlich -unter ihnen bleiben. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen für Ihren Besuch -und bitte Sie, mich auch weiterhin nicht zu vergessen! Kommen Sie doch, -wenn es Ihre Zeit erlaubt, wieder einmal zum Mittagessen. Dann plaudern -wir ein Stündchen zusammen. Vielleicht findet sich noch einmal eine -Gelegenheit, einander einen Dienst zu erweisen.« - -»Nein, danke, mein Bester!« dachte Tschitschikow, indem er in den Wagen -stieg. »Hat mir zwei und einen halben Rubel für eine tote Seele -abgegaunert, dieser verfluchte Leuteschinder!« - -Tschitschikow war äußerst empört über Sabakewitschs Betragen. Er war -doch immerhin ein Bekannter von ihm. Sie hatten sich ja schon beim -Gouverneur und beim Polizeimeister gesehen, und doch hatte er ihn -behandelt wie einen gänzlich Fremden und ihm Geld für irgend einen -Plunder abgenommen. Als der Wagen durch das Hoftor rollte, sah er sich -noch einmal um: Sabakewitsch stand noch immer auf der Treppe und schien -ausspähen zu wollen, welche Richtung der Gast einschlagen werde. - -»Er steht noch immer da, der Schuft!« murmelte Tschitschikow durch die -Zähne; und er befahl Seliphan, den Weg durch das Dorf zu nehmen und so -zu fahren, daß man die Equipage vom Herrensitz aus nicht mehr sehen -könne. Er hatte die Absicht, Pluschkin aufzusuchen, bei dem, nach -Sabakewitschs Worten, die Menschen wie die Fliegen starben. Aber er -wollte nicht, daß Sabakewitsch dies erführe. Als der Wagen am Ende des -Dorfes war, rief er den ersten besten Bauern zu sich heran. Dieser hob -gerade einen dicken Balken, der am Wege lag, auf die Schulter und wollte -ihn wie eine unermüdliche Ameise nach seiner Hütte schleppen. - -»Heh! Du Langbart! Wie gelangt man denn von hier zu Pluschkin, ohne an -dem herrschaftlichen Wohnhause vorüber zu kommen?« - -Dem Bauern schien diese Frage einige Schwierigkeiten zu bereiten. - -»Na, du weißt es wohl nicht?« - -»Nein, gnädiger Herr, ich weiß nicht.« - -»Ach, du! Und dabei kriegt der Kerl schon graue Haare! Kennt den -Geizhals Pluschkin nicht, der seine Leute verhungern läßt.« - -»Ach so, der geflickte!« rief der Bauer aus. Er ließ diesem -Eigenschaftswort »der geflickte« auch noch ein sehr treffendes -Substantivum folgen, das wir jedoch unterdrücken, weil es in der Sprache -der bessern Welt nur selten gebraucht wird. Übrigens wäre es nicht -schwer zu erraten gewesen, daß dieser Ausdruck ein äußerst -kennzeichnender war, weil Tschitschikow noch lange weiter lachte, als -der Wagen schon ein beträchtliches Stück Weges zurückgelegt und die -Insassen den Bauern schon längst aus den Augen verloren hatten. Es liegt -eine gewaltige Kraft in der Ausdrucksweise des russischen Volkes. Wird -mal einer mit einem solchen Wörtchen bedacht, so erbt es sich fort von -Geschlecht zu Geschlecht; er schleppt es mit sich in den Dienst und in -die Pension, bis nach Petersburg, und bis ans Ende der Welt. Mach -Winkelzüge soviel und welcher Art du willst, such deinen Spitznamen zu -veredeln, laß meinetwegen gedungene Schreiberseelen ihn für reichlichen -Geldlohn von einem alten Fürstenadel ableiten, es hilft dir alles -nichts. Dein Spitzname krächzt ohne dein Zutun aus voller Rabenkehle und -verkündigt klar, woher der Vogel stammt. Ein treffend ausgesprochenes -Wort ist wie ein schwarz auf weiß gedrucktes. Es läßt sich mit keiner -Art herausbringen. Und wie wunderbar treffend ist alles, was aus den -tiefsten Tiefen Rußlands hervordringt, wo es weder deutsche, noch -finnische noch irgend welche anderen Volksstämme gibt, sondern alles ein -urwüchsiges Urprodukt des lebendigen wagemutig-kecken russischen Geistes -ist, der nicht lange nach dem rechten Worte sucht, der es nicht -erbrütet, wie die Henne ihre Kücken, sondern es mit einem Ruck in die -Welt setzt, wie einen Reisepaß für die Ewigkeit. Da brauchst du nicht -erst hinzuzufügen, was du für eine Nase und was für Lippen hast, mit -einem Strich bist du umrissen vom Scheitel bis zur Sohle. - -Wie das fromme heilige Rußland mit einer unübersehbaren Menge von -Klöstern und Kirchen mit Spitzen, Kuppeln und Kreuzen übersät ist, so -stoßen und drängen, schillern und wogen unzählbare Scharen von Völkern, -Geschlechtern und Stämmen auf dem Angesicht der Mutter Erde. Und jedes -dieser Völker, das in sich das Unterpfand der Kraft trägt, das -ausgestattet ist mit schöpferischen Geistesmächten, mit einer -helleuchtenden Eigenart und anderen Gottesgaben, hat sich sein -eigentümliches Gepräge gegeben, in einem selbst eigenen Worte, mit dem -es in der Bezeichnung eines Objekts einen Teil seines eigensten -Charakters wiederspiegelte. Herzenskenntnis und tiefe Lebensweisheit -klingt uns aus dem Worte des Britanniers entgegen; leicht beschwingt und -elegant blitzt auf und zerflattert das kurzlebige Wort des Franzosen; -klug und schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres Rätselwort der -Deutsche; aber es gibt kein Wort, das so weit ausladend, so keck sich -losringt aus den tiefsten Tiefen des Herzens, so brodelt, glüht, -vibriert von innerstem Leben, wie ein treffend urwüchsiges, russisches -Wort. - - - Sechstes Kapitel - -Einst, vor langer langer Zeit, in den Tagen meiner Jugend, meiner -unwiederbringlich entschwundenen Jugend, da machte es mir stets Freude, -wenn ich an einem unbekannten Ort vorüberfuhr: ganz gleich, ob es ein -kleines Dorf, ein armes Kreisstädtchen, ein Flecken oder eine größere -Ortschaft war. Wieviel Interessantes entdeckte da nicht der neugierige -Blick des Kindes! Jedes Gebäude, alles was den Stempel einer scharf -ausgeprägten Eigenart an sich trug, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich -und hinterließ einen tiefen Eindruck in der Seele des Knaben. Ein -steinernes Haus oder ein Staatsgebäude von der bekannten Bauart, mit den -vielen gemalten Fenstern, das in einsamer Höhe aus dem Haufen -einstöckiger Blockhäuser der Stadtbewohner hervorragte; eine runde -regelmäßige, mit weißem Eisenblech gedeckte Kuppel, die sich über der -schneeweißen neuen Kirche erhob, ein Marktplatz, ein kleinstädtischer -Galan, der im Städtchen umherschlenderte -- nichts entging dem scharf -aufmerkenden kindlichen Spürsinn -- und ich steckte meine Nase aus -meinem Zeltwagen heraus und betrachtete neugierig einen Rock von mir -gänzlich unbekanntem Schnitt, die offenen Holzkisten mit der weithin -leuchtenden Schwefelblüte, mit Nägeln, Seife und Rosinen, die mir -zugleich mit allerhand Schachteln und Büchsen voll vertrockneter -Moskauer Bonbons aus der Tür eines Gemüseladens entgegenschimmerten; -oder ich sah mir einen vorübergehenden Infanterie-Offizier an, den -irgend eine seltsame Schickung hierher in die Langeweile der Kreisstadt -verschlagen hatte, oder einen Kaufmann in einem langen Rock, der auf -einem Rennwagen an mir vorbeijagte -- und ließ mich von meinen Gedanken -weit forttragen in ihr armseliges Dasein. Ging ein Beamter des -Städtchens an mir vorüber, so fing ich schon an zu träumen und zu -grübeln: wo mag er wohl hingehen? Zu einer Abendgesellschaft bei einem -seiner Brüder oder vielleicht nur zu sich nach Hause, um ein halbes -Stündchen vor der Haustür zu sitzen, bis die Nacht sich niedersenkt und -sich dann mit Frau und Mutter, der Schwägerin und der ganzen Familie an -den Tisch zum frühen Abendmahl zu setzen? Und wovon würden sie wohl -sprechen, wenn das Mädchen mit dem Perlenbande, oder ein Knabe in einer -dicken Hausjacke nach der Suppe den unverwüstlichen Leuchter mit der -Talgkerze hereinträgt? Näherte ich mich dem Dorfe irgend eines -Gutsbesitzers, dann blickte ich neugierig auf den hohen, schmalen -hölzernen Glockenturm oder die alte geräumige hölzerne Kirche. Wie -anheimelnd blickten dann zwischen dem dichten Blätterwerk der Bäume das -rote Dach und die weißen Schornsteine des Herrenhauses hindurch, und ich -wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo es aus seinem Gartenverstecke -heraustreten und daliegen würde mit seiner so gar nicht öden oder -langweiligen Front. Und dann suchte ich wohl aus dem Äußeren zu erraten, -wer der Besitzer sei, ob er dick oder dünn sei, ob er Söhne oder wohl -gar ein halbes Dutzend Töchter habe, die das Haus mit ihrem hellen -Mädchenlachen, ihren Mädchenspielen und Scherzen beleben, eine lustige -Mädchenschar mit der unvermeidlichen Jüngsten und Schönsten; ob sie -schwarzäugig seien und er selbst ein lustiger Bruder sei oder finster -und mürrisch blicke, wie ein später Septembertag, beständig in sein -Notizbuch und in den Kalender sehe und von nichts anderem spreche, als -von dem für die Jugend, ach! so langweiligen Weizen oder Roggen. - -Heute fahre ich gleichmütig an jedem fremden Dorfe vorüber und blicke -gleichgültig auf seine elende Außenseite, mein erkalteter Blick fühlt -sich nicht angeheimelt, nichts reizt mich mehr zum Lachen, und was -früher, in vergangenen Jahren, meinem Gesicht eine Bewegung oder ein -Lächeln, und dem Munde nie versiegende Reden entlockte, das huscht jetzt -an mir vorbei, und teilnahmloses Schweigen schließt mir die Lippen. O -meine Jugend, o meine herrliche Frische! - -Während Tschitschikow in Sinnen versunken war und heimlich in sich -hineinlächelte wegen des schönen Spitznamens, mit dem die Bauern -Pluschkin bedacht hatten, hatte er garnicht darauf geachtet, daß der -Wagen mitten durch ein großes und weitläufiges Dorf mit zahlreichen -Straßen und Häusern hindurchrollte. Allein dies wurde ihm bald zum -Bewußtsein gebracht durch einen recht kräftigen Stoß, der ihm von dem -Knüppeldamm appliziert wurde, im Vergleich mit dem das städtische -Straßenpflaster das reinste Kinderspiel war. Diese Knüppel hoben und -senkten sich wie die Tasten eines Klaviers, und der Reisende, der sich -nicht in acht nahm, hatte jeden Augenblick eine Beule am Hinterkopf oder -einen blauen Fleck an der Stirn zu gewärtigen, oder er lief sogar -Gefahr, sich eigenzähnig die Zungenspitze abzubeißen, was ja auch nicht -gerade zu den größten Annehmlicheiten unseres irdischen Daseins gehört. -Die Bauernhäuser machten alle einen morschen, verfallenen Eindruck. Die -Balken waren wurmstichig und altersgrau. Manche Dächer glichen einem -Sieb. An andern bemerkte man nichts von der Dachbekleidung außer dem -Firstbalken, und darunter ein paar Latten, die sich wie die Rippen eines -Skeletts ausnahmen. Wahrscheinlich hatten die Besitzer selbst die -Bretter und Schindeln heruntergeholt, in der wichtigen Erwägung, daß man -eine Hütte doch nicht zum Schutz gegen den Regen baut, und daß es bei -heiterem Himmel ja nicht von selbst in den Eimer tropft, andererseits -aber auch kein Grund vorliegt, gerade in ihr mit dem Weibe auf dem Ofen -zu liegen, da ja anderswo Platz genug dazu da ist: in der Schenke, an -der Landstraße -- mit einem Wort, wo es dein Herz nur begehrt. Überall -fehlten die Scheiben. Hie und da waren die Fensteröffnungen mit einem -alten Lappen oder einem Kleidungsstück zugestopft. Die kleinen Altane -unter dem Dachvorsprung mit der bekannten Brüstung, die sich aus einem -unbekannten Grunde an vielen russischen Bauernhäusern finden, hatten -sich gesenkt und waren nachgedunkelt, was nicht einmal einen malerischen -Anblick darbot. Hinter den Hütten sah man an mehreren Stellen lange -Reihen von Getreidehaufen, die offenbar schon recht lange unbenutzt -dalagen: ihre Farbe glich der eines alten schlechtgebrannten -Ziegelsteins. Oben auf dem Haufen wuchs allerhand Plunder und an der -Seite hatten Schlingpflanzen Wurzel geschlagen. Das Getreide gehörte -anscheinend dem Gutsherrn; hinter den Kornhaufen und den morschen -Dächern ragten bald rechts bald links, je nach den Wendungen, die der -Wagen machen mußte, zwei Dorfkirchen empor, die ihre Türme in die klare -Luft reckten. Beide lagen dicht nebeneinander, die eine von Holz, die -andere von Stein mit gelb angestrichenen Mauern, die große -Schmutzflecken und klaffende Risse zeigten. Hie und da blickte das Haus -des Gutsherrn durch, bis es schließlich frei vor den Augen dastand, wo -die Häuserkette abriß und statt dessen ein freier Platz sich öffnete, -der etwas wie einen Gemüse- oder Kohlgarten darstellte und von einem -niedrigen, stellenweise stark mitgenommenen Zaun eingefriedigt war. Wie -ein hinfälliger, altersschwacher Invalide sah dieses sich hier endlos -hinstreckende Schloß aus. Stellenweise hatte es nur ein Stockwerk, -stellenweise auch zwei. Auf dem dunklen Dach, das sein Alter nicht immer -sicher beschützte, befanden sich gerade gegenüber zwei Aussichtstürme, -beide schon altersgebeugt und verblichen, da die Farbe, die sie -einstmals deckte, längst verschwunden war. Hie und da ließen die Mauern -die nackten Fachwerkfelder sehen. Offenbar hatten sie schon viel unter -Regengüssen, Wirbelstürmen, Ungewittern und Herbstschauern zu leiden -gehabt. Nur zwei von den Fenstern waren offen; die übrigen waren mit -Läden verdeckt oder sogar mit Brettern vernagelt. Die beiden offenen -Fenster waren jedoch ihrerseits auch schon ein wenig erblindet und das -eine mit einem blauen Papierdreieck verklebt. - -Ein großer, alter Garten, der hinter dem Hause lag, sich von dort weit -bis übers Dorf hinaus erstreckte und in den Feldern verlor, belebte -allein, obwohl auch schon verwildert und zugewachsen, dieses große Dorf -und bot in seiner malerischen Wildheit einen pittoresken Anblick dar. -Wie grüne Wolken und unregelmäßige Kuppeln von zitternden Blättern -ruhten im klaren Himmelsblau die verschlungenen Wipfel der Bäume, die in -ungebändigter Freiheit sich üppig hatten entfalten können. Der mächtige -weiße Stamm einer Riesenbirke ohne Krone, die der Sturm oder Blitz -gebrochen hatte, erhob sich aus diesem grünen Dickicht und rundete sich -in der Luft wie eine schlanke, schöngeformte Marmorsäule. Die schräge, -scharfkantige Bruchstelle, in die sie auslief statt in ein Kapitäl, hob -sich von dem schneeweißen Grund ab wie ein Hut oder ein schwarzer Vogel. -Grünschimmernder Hopfen, der mit seinem dichten Geflecht -Holundersträuche, Ebereschen und Haselbüsche in seinen engen Umarmungen -zu ersticken versuchte, kletterte am Stamm empor und rankte sich um die -halbgeborstene Birke. Auf halber Höhe ließ er sich wieder herabfallen, -um sich an andere Baumwipfel zu klammern, oder er senkte seine langen -Ranken in die Luft hinab, indem er seine Häkchen zu Ringen aufrollte, -die im sanften Winde schaukelten. Hie und da trat das im hellen -Sonnenlichte daliegende grüne Dickicht auseinander und ließ einen -dunkelen schattigen Grund sehen, der wie ein finsterer Rachen aufgähnte; -dieser war ganz in Schatten getaucht, man konnte mehr ahnen, als -erkennen, was einem aus der dunklen Tiefe entgegenschimmerte: einen -engen, schmalen Fußpfad, ein umgefallenes Geländer, eine verfallene -Laube, den hohlen morschen Stamm einer Weide, silbergraues Strauchwerk, -das stachelicht und dicht hinter der Weide hervorguckte, vertrocknete -Blätter und Äste, die in der allgemeinen Verwilderung wirr durcheinander -lagen, und endlich einen jungen Ahornschößling, der seine grünen -gelappten Blätter weit ausstreckte, und deren _eines_ ein Sonnenstrahl, -der sich Gott weiß auf welche Weise bis hierher den Weg gebahnt hatte, -in einen durchsichtig goldigglühenden Stern verwandelte, welcher aus der -dichten Finsternis herrlich hervorleuchtete. Ganz abseits am Rande des -Gartens standen einige hochgewachsene, alle andern Bäume weit -überragende Espen, die ein paar mächtige Krähennester in ihren -zitternden Baumkronen trugen. Hie und da ließ eine von ihnen einen -gebrochenen, aber noch lose am Stamm haftenden Ast mit seinen -vertrockneten Blättern traurig herabhängen. Mit einem Wort es war alles -sehr schön, wie weder Natur noch Kunst es _für sich allein_ -hervorzubringen vermögen, und wie es nur dort zu gelingen pflegt, wo -sich beide zu gemeinsamem Werke vereinigen, wenn die Natur noch einmal -über die oft ohne Sinn und Geschmack zusammengestoppelte Schöpfung des -Menschen mit ihrem Meißel drübergeht, ihr den letzten Schliff gibt, die -schweren Massen belebt, ihnen etwas Leichtes, Schwebendes verleiht, die -grobe handgreifliche Regelmäßigkeit und Symmetrie verwischt und die -elenden Mängel und Schnitzer beseitigt, welche die nackte Absicht allzu -aufdringlich zur Schau stellen, um jene wundersame Wärme über alles zu -ergießen, was in der frostigen Kälte wohldurchdachter, errechneter -Sauberkeit und Peinlichkeit entstand. - -Nachdem der Wagen noch einige Wendungen gemacht hatte, blieb er endlich -vor dem Hause selbst stehen, das jetzt fast noch düsterer und -trübseliger erschien. Die Mauern und das Tor waren mit grünem Schimmel -bedeckt. Im Hofe standen allerhand Gebäude: Vorratskammern, -Kornspeicher, das Gesindehaus usw. dicht nebeneinander -- auch sie alle -gleichfalls mit den deutlichen Spuren des Alters und der Baufälligkeit; -rechts und links sah man je ein Tor, das nach einem andern Hofe führte. -Alles legte Zeugnis davon ab, daß hier einmal in ganz großem Maßstabe -gewirtschaftet worden war, heute aber blickte alles trübe und finster. -Da gab es nichts, was das traurige Bild ein wenig erheitert hätte: -- -keine sich auftuenden Türen, keine ein- und ausgehenden Menschen, keine -lebendigen häuslichen Sorgen! Nur das Haupttor stand offen, und auch -dies nur, weil ein Mann mit einem schwerbeladenen Wagen, der mit -Bastmatten zugedeckt war, in den Hof fuhr; wie mit Absicht, um diesen -öden toten Ort ein wenig zu beleben: zu einer andern Zeit wäre auch -dieses Tor fest verschlossen gewesen, denn an der eisernen Krampe hing -ein mächtiges Riesenschloß. Vor einem der Gebäude entdeckte -Tschitschikow bald eine Gestalt, die sich mit dem Wagenführer zankte. Er -konnte sich lange nicht darüber klar werden, welchem Geschlechte die -Gestalt angehörte; ob es ein Mann oder eine Frau war. Das -Kleidungsstück, das sie anhatte, war völlig undefinierbar, und hatte -eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Frauenrock; dazu trug sie noch eine -Kappe auf dem Kopf, wie sie die Dorfweiber zu tragen pflegen. -»Wahrhaftig, ein Weibsbild!« dachte er, er fügte aber gleich hinzu: -»Nein, doch nicht!« -- »Natürlich ein Weibsbild!« sagte er endlich, -nachdem er sich die Gestalt näher angesehen hatte. Diese beobachtete ihn -ihrerseits gleichfalls mit großer Aufmerksamkeit. Der Ankömmling schien -für sie eine Art Weltwunder zu sein, weil sie nicht bloß ihn, sondern -auch Seliphan und selbst die Pferde vom Maule bis zum Schwanze aufs -gründlichste musterte. Nach dem an ihrem Gürtel hängenden Schlüsselbund -und den kräftigen Schimpfworten, mit denen sie den Bauern überhäufte, -urteilte Tschitschikow, daß dies wohl die Schließerin sein müsse. - -»Hör mal, Mütterchen,« sagte er, während er aus dem Wagen stieg, »was -macht der Herr?« - -»Ist nicht zu Hause!« versetzte die Schließerin, ohne den Schluß der -Frage abzuwarten, und sie fügte gleich hinzu, »und was wollen Sie von -ihm?« - -»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit.« - -»Dann treten Sie bitte ins Zimmer,« sagte die Schließerin, indem sie die -Türe öffnete, ihm den mit Mehlstaub bedeckten Rücken zuwandte und dabei -ein großes Loch in ihrem Rocke sehen ließ. - -Er betrat den großen dunklen Flur, aus dem ihn Grabeskälte wie aus einem -Keller anwehte. Aus dem Flur gelangte er in ein dunkles Zimmer, in das -nur wenig Licht aus einer breiten Spalte unter der Tür hineinfiel. Er -öffnete diese Tür und befand sich endlich in hellem Tageslicht. Die -Unordnung, die sich ihm überall aufdrängte, erregte sein Erstaunen. Es -sah fast so aus, als ob im ganzen Hause die Dielen gewaschen würden und -während dessen sämtliche Möbel in dieser Stube untergebracht worden -wären. Auf einem Tische stand sogar ein zerbrochener Stuhl, daneben eine -Uhr mit einem zerbrochenen Pendel, das eine Spinne bereits mit ihrem -Gewebe umsponnen hatte. Hier standen auch ein seitlich an die Wand -gelehnter Schrank mit altem Silbergerät und allerhand Karaffen aus -chinesischem Porzellan. Auf dem Schreibpult, das mit Perlmuttermosaik -ausgelegt, stellenweise seines Schmuckes entkleidet war und an seiner -Stelle die mit trockenem Leim gefüllten Lücken sichtbar werden ließ, lag -allerhand bunter Kram beieinander: ein Haufen eng beschriebener Zettel, -auf denen ein grünlich angelaufener Briefbeschwerer von Marmor mit einem -kleinen Ei als Griff ruhte, ein alter Schweinslederband mit rotem -Schnitt, eine trockene ausgepreßte Zitrone, die nicht größer war als -eine Walnuß, die abgebrochene Lehne eines Stuhles, ein Schnapsglas mit -einer roten Flüssigkeit und drei darin schwimmenden Fliegen, das mit -einem Briefbogen bedeckt war, ein Stückchen Siegellack, der Fetzen eines -irgendwo aufgelesenen Lappens, zwei Schreibfedern, die mit Tinte -beschmiert und ganz vertrocknet waren, wie wenn sie die Schwindsucht -hätten, ein gelblicher Zahnstocher, mit dem sich sein Herr wohl noch vor -der Einnahme Moskaus durch die Franzosen die Zähne gereinigt haben -mochte, usw. An den Wänden hingen nahe beieinander und in recht -geschmackloser Anordnung mehrere Bilder: ein schmaler Stahlstich von -irgend einer Schlacht, auf dem man fürchterliche Trommeln, schreiende -Soldaten mit Dreimastern auf den Köpfen und ersaufenden Pferden -erblickte. Der Stich befand sich in einem Rahmen von Mahagoniholz mit -schmalen Bronzeleisten und Bronzerosetten in den Ecken, jedoch ohne -Deckglas. Daneben hing ein gewaltiges nachgedunkeltes Ölgemälde, das die -halbe Wand einnahm, und auf dem Blumen, Früchte, eine zerschnittene -Wassermelone, die Schnauze eines Wildebers und der herunterhängende Kopf -einer wilden Ente abgebildet waren. Von der Mitte der Decke hing ein in -einem Leinewandsack eingenähter Kronleuchter herab, der so dicht mit -Staub bedeckt war, daß er dem Kokon eines Seidenwurmes glich. In einem -Winkel des Zimmers lag ein Haufen alter Sachen; dies waren gewissermaßen -die gröberen Gegenstände, die nicht gewürdigt wurden, auf dem Tisch zu -liegen. _Was_ das eigentlich für Sachen waren -- das ließ sich nicht -leicht angeben; denn es lastete eine so dicke Staubschicht auf ihnen, -daß jede Hand, die sie berührte, große Ähnlichkeit mit einem Handschuh -bekam; die einzigen Objekte, die sich mit einiger Deutlichkeit von dem -Schutthaufen abhoben, waren: ein Stück von einer zerbrochenen hölzernen -Schaufel und eine alte Schuhsohle. Kein Mensch hätte geglaubt, daß dies -Zimmer von einem lebenden Wesen bewohnt werde, wenn nicht eine alte -abgetragene Kappe, die auf dem Tische lag, davon Zeugnis abgelegt hätte. -Während unser Held noch in die Betrachtung dieser merkwürdigen -Zimmerausstattung versunken war, öffnete sich eine Seitentür, und -dieselbe Schließerin, die er auf dem Hofe getroffen hatte, trat herein. -Jetzt aber sah er, daß dies eher ein Schließer, als eine Schließerin -war: wenigstens pflegte sich eine Schließerin gewöhnlich nicht den Bart -zu rasieren, dieser Mensch aber tat es und zwar, wie es schien, recht -selten, denn sein Kinn und die untere Partie seines Gesichts glich einem -Striegel aus Eisendraht, mit dem man die Pferde im Stalle zu putzen -pflegt. Tschitschikows Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an; er -wartete mit Ungeduld darauf, was ihm der Schließer sagen würde. Dieser -schien jedoch seinerseits wiederum auf Tschitschikows Anrede zu warten. -Endlich entschloß sich der letztere, dem diese beiderseitige -Unentschlossenheit recht peinlich wurde, zu der Frage: - -»Nun, was macht dein Herr? Ist er zu Hause?« - -»Der Hausherr ist hier!« antwortete der Schließer. - -»Wo denn nur?« wiederholte Tschitschikow. - -»Sie sind wohl blind, Väterchen? Was?« versetzte der Schließer. -»Herrjeh! Ich bin doch der Herr des Hauses!« - -Hier wich unser Held unwillkürlich ein wenig zurück und sah jenen starr -an. Er hatte in seinem Leben mancherlei Leute kennen gelernt, selbst -solche wie wir, lieber Leser, sie wohl nie zu sehen bekommen. Aber einem -ähnlichen Wesen war er noch nie begegnet. An seinem Gesichte war nichts -Besonderes zu bemerken. Es unterschied sich kaum von dem der meisten -hagern alten Leute; nur das Kinn sprang etwas weit vor, und er mußte es -immer mit einem Taschentuch bedecken, um es nicht mit seinem Speichel zu -befeuchten. Die kleinen Äuglein waren noch nicht erloschen und bewegten -sich unter den buschigen Augenbrauen hin und her wie zwei Mäuschen, wenn -sie die zierlichen Schnäuzchen aus dem finsteren Loche stecken, die -Ohren spitzen, mit ihren feinen Schnurrbarthärchen spielend, -hinauslugen, ob nicht irgendwo ein Kater oder ein mutwilliger Knabe -versteckt liegt und argwöhnisch in der Luft herumschnüffeln. Das Kostüm -war noch interessanter. Es wäre eine vergebliche Bemühung gewesen, -herauskriegen zu wollen, woraus sein Schlafrock eigentlich -zusammengeflickt war: die Ärmel und die Kragenschöße waren so schmutzig -und glänzend, daß sie dem Juchtenleder glichen, aus dem man Stiefel -macht; hinten baumelten ihm statt zweier vier Rockschöße hinunter, aus -denen das Futter sich in Knäueln ans Tageslicht drängte. Um den Hals -hatte er auch ein undefinierbares Etwas geschlungen, von dem man nicht -sagen konnte, ob es ein alter Strumpf, eine Leibbinde oder eine Bandage -war. Ein Halstuch war es jedenfalls nicht. Mit einem Wort, hätte ihn -Tschitschikow in diesem Aufzug vor irgend einer Kirche getroffen, er -hätte ihm sicherlich einen Kupfergroschen gereicht; denn, zur Ehre -unseres Helden sei es gesagt, er hatte ein sehr mitleidiges Herz und -konnte sich niemals enthalten, einem armen Mann eine Kupfermünze zu -reichen. Aber der Mensch, der vor ihm stand, war kein Bettler, sondern -ein vornehmer Gutsherr. Und dieser Gutsherr besaß mehr als tausend -Seelen, ja man hätte lange nach einem zweiten suchen können, der soviel -Getreide, Mehl und Ackerfrüchte in seinen Speichern barg, dessen -Vorratskammern, Scheuern und Tennen gleich vollgepfropft waren mit Tuch -und Leinewand, rohen und gegerbten Schafsfellen, getrockneten Fischen, -mancherlei Gemüsearten und Früchten. Man brauchte bloß einen Blick in -seinen Hof zu werfen, wo Holz aller Art und allerhand Geschirr -aufgestapelt lagen, welches nie verwendet wurde -- und man hätte sich -auf den Moskauer Holzmarkt versetzt geglaubt, wo sich täglich die -geschäftigen Schwiegermütter und Basen versammeln, begleitet von ihren -Köchinnen, um ihre Einkäufe zu machen, und wo uns ganze Berge von -geschnitztem, gedrechseltem, geflochtenem und verzahntem Holze -entgegenschimmern: Fässer, Bottiche, Teereimer, Kannen mit und ohne -Maul, Wannen, Körbe, Hechelbretter, durch welche die Frauen ihren Flachs -und anderes Zeug ziehen, Kästchen aus dünnem, gebogenem Espenholz, -Körbchen aus geflochtener Birkenrinde und noch vieles, vieles andere zum -Bedarf des reichen und armen Russenlandes. Man hätte meinen sollen, wozu -brauchte Pluschkin eine solche Unmenge verschiedenartigster Erzeugnisse? -Selbst zwei so große Güter, wie das seine, hätten mehrere Menschenalter -lang keine Verwendung für sie gefunden. Ihm aber war auch das noch nicht -genug. Unzufrieden ging er alltäglich durch die Straßen seiner Dörfer -und blickte unter Brücken und Stege und alles, was ihm in den Weg kam: -eine alte Schuhsohle, irgend ein Fetzen eines alten Kleiderstücks, ein -eiserner Nagel, eine Dachziegelscherbe -- alles trug er mit sich fort -und warf es auf jenen Haufen, den Tschitschikow in dem Winkel des -Zimmers bemerkt hatte. »Da geht unser Fischer wieder auf die Jagd,« -pflegten die Bauern zu sagen, wenn sie ihn beutelüstern nach allen -Seiten ausspähen sahen. Und in der Tat: die Straße brauchte man hinter -ihm nicht mehr zu fegen; hatte ein vorüberfahrender Offizier einen -seiner Sporen verloren -- eh man sich's versah, lag sie auf dem Haufen; -hatte ein Weib in ihrer Blödigkeit einen Eimer am Brunnen stehen lassen, --- flugs schleppte er auch schon den Eimer mit sich fort. Übrigens, wenn -ein Bauer ihn dabei ertappte, dann widersetzte er sich nicht lange und -lieferte den geraubten Gegenstand gutwillig wieder aus; aber lag dieser -einmal im Haufen, dann war alles vorbei: er schwur und rief Gott zum -Zeugen an, daß er das Ding dann und dann, und da und da gekauft, oder -wohl gar von seinem Großvater geerbt habe. War er bei sich zu Hause, -dann hob er alles auf, was auf dem Fußboden lag: ein Stückchen -Siegellack, einen Papierfetzen, eine Feder, und legte alles auf das -Schreibpult oder auf die Fensterbank. - -Und doch gab es eine Zeit, wo er nur ein _sparsamer Hausherr_ gewesen -war! Auch _er_ war einst ein braver Ehemann und Familienvater, und seine -Nachbarn besuchten ihn, um bei ihm zu Mittag zu speisen, die Kunst des -Haushalts und weise Sparsamkeit von ihm zu lernen. Damals floß das ganze -Leben noch rasch und wohlgeordnet dahin: die Mühlen und Walzen -klapperten lustig, die Tuchfabriken, die Drechselbänke und Webstühle -arbeiteten unermüdlich; in alle Ecken und Winkel des geräumigen -Landgutes drang das scharfblickende Auge des Herrn und glitt wie eine -fleißige Spinne besorgt und geschäftig von einem Ende des -Wirtschaftsnetzes zum andern. In seinem Antlitz spiegelten sich freilich -niemals allzu starke Leidenschaften und Gefühle, aber aus seinem Auge -blitzte ein heller Verstand, aus seinen Reden sprachen Erfahrung und -Weltkenntnis, und seine Gäste hörten ihm gerne zu; die liebenswürdige -redselige Hausfrau war berühmt wegen ihrer Gastfreundschaft; zwei -liebliche Töchter begrüßten den Ankömmling, beide blond und frisch, wie -junge Rosen, der Sohn, ein lebhafter, munterer Junge kam ihm -entgegengesprungen, und küßte den Gast, ohne viel danach zu fragen ob es -diesem angenehm war, oder nicht. Alle Fenster im Hause standen offen. Im -Zwischenstock wohnte der französische Gouverneur, welcher stets gut -rasiert war und für einen glänzenden Schützen galt: jeden Tag brachte er -ein Birkhuhn oder ein paar Enten, oder zuweilen gar einige Sperlingseier -zum Mittagessen mit, aus denen er sich einen Eierkuchen backen ließ, den -außer ihm kein Mensch im ganzen Hause aß. Im selben Stock wohnte auch -eine Landsmännin von ihm, die Gouvernante der beiden Mädchen. Der -Hausherr selbst erschien immer in einem schwarzen Rock, der zwar schon -ein wenig abgetragen, aber stets ordentlich und sauber war, zu Tische; -die Ellenbogen waren noch nicht durchgerieben, und er war auch noch -nicht geflickt. Aber die gute Hausfrau starb, und ein Teil der Schlüssel -und der kleinen Sorgen fielen von nun ab ihm zu. Pluschkin wurde -unruhig, geizig und argwöhnisch, wie alle Witwer. Auf seine älteste -Tochter Alexandra Stepanowna wollte er sich nicht in allem verlassen, -und darin hatte er recht, denn Alexandra Stepanowna lief bald darauf mit -einem Stabsrittmeister irgend eines Kavallerieregiments davon und ließ -sich in aller Eile in einer Dorfkirche mit ihm trauen, da sie wußte, daß -der Vater die Offiziere nicht leiden konnte: er hatte nämlich das -merkwürdige Vorurteil, sie seien alle Spieler und Verschwender. Der -Vater sandte ihr seinen Fluch nach, aber es fiel ihm nicht ein, ihr -nachzureisen und sie zurückzuholen. Das Haus wurde von nun ab noch -leerer und öder. Der Geiz des Besitzers trat immer offener zutage; die -ersten grauen Haare, die bei ihm aufblitzten, die treuen Begleiter der -Habsucht, begünstigten noch ihre Entwickelung. Der französische -Hauslehrer erhielt seinen Abschied, weil der Sohn in den Staatsdienst -treten sollte; Madame wurde weggejagt, weil sie nicht ganz unbeteiligt -an der Entführung Alexandra Stepanownas war. Der Sohn, den der Vater in -die Provinzhauptstadt geschickt hatte, um ihn hier den Staatsdienst -gründlich kennen lernen zu lassen -- nämlich wie der Vater ihn verstand --- trat in ein Regiment ein, und schrieb dem Vater einen Brief, in dem -er ihn -- bereits nachdem er Offizier geworden war -- um Geld für die -Uniformierung bat; natürlich erhielt er hierauf nur das, was man im -Volke eine Nase zu nennen pflegt. Schließlich starb auch noch die letzte -Tochter, die bei Pljuschkin im Hause lebte, und der Alte blieb -mutterseelenallein auf dieser Welt zurück als Hüter, Wächter und -alleiniger Besitzer all seiner Reichtümer. Das einsame Leben gab der -Habsucht neue, reiche Nahrung, denn der Geiz hat bekanntlich einen -rechten Wolfshunger und wird nur um so unersättlicher, je mehr er -verschlingt: die menschlichen Regungen, die ja ohnedies nicht allzutief -in ihm wurzelten, wurden beinahe stündlich leichter und flacher, und -jeder Tag bröckelte von dieser verfallenen Ruine noch ein weiteres -Stückchen ab. In solch einem Augenblicke geschah es, daß der Sohn, wie -absichtlich, um die schlechte Meinung des Vaters vom Offiziersstand noch -zu bestätigen, sein ganzes Vermögen im Kartenspiele verlor; da sandte -ihm Pljuschkin seinen aufrichtigen väterlichen Fluch, und von da ab -kümmerte er sich überhaupt nicht um ihn, und interessierte sich nicht -mehr dafür, ob er noch auf der Welt sei oder nicht. Jedes Jahr wurde ein -neues Fenster im Gutshause verschlossen oder zugenagelt, bis schließlich -nur noch zwei übrig blieben, von denen eins, wie der Leser schon gehört -hat, mit Papier verklebt wurde; jedes Jahr verlor er ein neues richtiges -Stück von seinem Haushalt aus dem Auge, und sein enger Blick wandte sich -immer mehr allerhand Zettelchen und Federchen zu, die er in seinem -Zimmer vom Fußboden auflas; er wurde immer unzugänglicher und -unnachgiebiger gegen die Käufer, welche angereist kamen, um ihm etwas -von seinen landwirtschaftlichen Produkten abzukaufen; sie handelten und -feilschten mit ihm, gaben ihn endlich ganz auf und erklärten, dies sei -ein Teufel und kein Mensch; sein Heu und sein Korn verfaulten, seine -Vorräte und Heuschober verwandelten sich in reinen Dünger, es fehlte -bloß, daß man auf ihnen Kohl pflanzte; das Mehl in den Kellerräumen -wurde hart wie Stein, so daß man es mit dem Hammer zerklopfen mußte; die -Leinwand, die Wolle und die zu Hause gewebten Stoffe durfte man gar -nicht berühren, wenn sie sich nicht in Staub auflösen sollten. -Pljuschkin wußte selbst nicht mehr recht, was er alles besaß; das -einzige, dessen er sich noch erinnerte, war: ein Regal im Schrank, -- wo -eine Karaffe mit irgend einem Likörrest stand, auf der er ein Zeichen -eingeritzt hatte, damit sich nur niemand etwas vom Inhalt aneigne, -- -und ein Platz, wo eine Feder oder ein Stückchen Siegellack lag. Die -Einkünfte aber liefen ein wie früher! Der Bauer mußte nach wie vor -seinen Zins bezahlen, die Weiber hatten noch immer dieselbe Ration Nüsse -abzuliefern, die Weberin war noch immer verpflichtet, eine bestimmte -Menge ihres Ertrages an Gewebe dem Herrn abzugeben. Das wurde alles in -den Vorratskammern aufgespeichert, wo es verfaulte und sich in Schutt -verwandelte, und auch er wurde schließlich zu einem menschlichen -Schutthaufen. Alexandra Stepanowna besuchte ihn ein paar Male mit ihrem -kleinen Söhnchen, in der Hoffnung, etwas von ihm herauszubekommen; das -Nomadenleben mit dem Stabsrittmeister war offenbar doch nicht so -reizvoll, wie es ihr vor der Hochzeit erschienen war. Pljuschkin verzieh -ihr und schenkte dem kleinen Enkel sogar einen Knopf zum Spielen, der -gerade auf dem Tische lag, aber mit Geld wollte er nicht herausrücken. -Ein andres Mal kam Alexandra Stepanowna mit zwei Kindern angefahren und -brachte ihm einen Stollen zum Tee mit, sowie einen neuen Schlafrock, -weil der Vater einen solchen Schlafrock trug, daß es nicht nur peinlich, -sondern geradezu eine Schande war, ihn anzusehn. Pljuschkin liebkoste -und streichelte beide Enkelkinder, setzte einen auf sein rechtes und den -andern auf sein linkes Knie, und ließ sie auf- und niederhopsen, wie -wenn sie auf einem Pferde säßen; den Stollen und den Schlafrock nahm er -dankbar an, ohne jedoch der Tochter ein Gegengeschenk zu machen, so daß -Alexandra Stepanowna unverrichteter Sache zurückkehren mußte. - -So also war der Mann, der jetzt vor Tschitschikow stand! Man muß -zugeben, daß solche Gestalten einem in Rußland nicht allzuoft begegnen, -wo sich der Mensch eher auszubreiten und zu entfalten, als -zusammenzuziehen und zu konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung -setzt einen um so mehr in Erstaunen, als man gleich daneben in der -nächsten Nachbarschaft einen Gutsbesitzer treffen kann, der sein Leben -mit jenem breit ausladenden Elan genießt, und sein Hab und Gut mit jener -vornehmen Großartigkeit bis auf den letzten Heller verschwendet, die den -Russen nun einmal auszeichnen. Ein Reisender, der noch nicht viel von -der Welt gesehen hat, würde beim Anblick eines solchen Herrensitzes -stutzig werden und sich fragen, wie es nur möglich sei, daß ein so -mächtiger Prinz mitten unter diese kleinen unscheinbaren Bauern geraten -sei: schier wie Paläste ragen seine weißschimmernden steinernen Häuser, -mit ihren zahlreichen Schornsteinen, Aussichtstürmen und Seitenflügeln, -die von einer ganzen Schar von Nebengelassen und Wohnräumen für die -Besucher und Gäste umgeben sind. Was gibt es da nicht alles! Theater, -Bälle, Maskenfeste, die ganze Nacht hindurch liegt der feenhaft -illuminierte Garten im bunten Laternenglanze da, und rauschende Musik -erfüllt die Luft. Die halbe Provinz lustwandelt in reichem Festtagsputze -unter den Bäumen, niemand merkt und empfindet etwas von der wilden -drohenden Disharmonie dieser gewaltsamen Helligkeit, wenn aus dem -Baumdickicht von falschem Lichte beleuchtet sich plötzlich ein Ast -theatralisch hervorstreckt; kahl ragen seine des lichten Blätterschmucks -beraubten Arme in die Lüfte, hoch oben über allem breitet sich noch -ernster fast und dunkler und furchtbarer als sonst, der nächtliche -Himmel, und tief hinein in ewige Finsternis flüchten die rauhen Wipfel -der Bäume und grollen ob des Flitterglanzes, der ihre Wurzeln bestrahlt. - -Schon mehrere Minuten stand Pljuschkin schweigend da, ohne ein Wort zu -sagen; auch Tschitschikow wollte es nicht gelingen, ein Gespräch -einzuleiten, da er durch den Anblick seines Wirtes und der ganzen -seltsamen Umgebung immer wieder von seinem Vorhaben abgelenkt wurde. Es -wollte ihm lange nichts einfallen, mit welchen Worten er seinen Besuch -motivieren sollte. Es kam ihm schon der Gedanke, etwa folgendes -zu sagen: da er von den Tugenden und den ausgezeichneten -Charaktereigenschaften Pljuschkins gehört habe, habe er es für seine -Pflicht gehalten, ihm persönlich einen Beweis seiner Achtung zu geben; -aber er besann sich noch zur rechten Zeit und sagte sich, daß das denn -doch zu weit gegangen wäre. Er warf noch einen verstohlenen Blick auf -die ganze Zimmereinrichtung, und hatte die Empfindung, daß die Worte -Tugend und seltene Charaktereigenschaften mit Erfolg durch die Worte -Sparsamkeit und Ordnungsliebe ersetzt werden könnten; so verbesserte er -denn seine Rede in dem angegebenen Sinne, und sagte: da er von der -Sparsamkeit und der vortrefflichen Verwaltung der Pljuschkinschen Güter -gehört habe, habe er es für seine Pflicht gehalten, ihn näher kennen zu -lernen und ihm persönlich den Ausdruck seiner Hochachtung zu Füßen zu -legen. Es wäre selbstverständlich möglich gewesen noch einen anderen -besseren Grund anzuführen, aber es wollte ihm, wie gesagt, durchaus -nichts Hübscheres einfallen. - -Pljuschkin murmelte etwas, wobei er nur die Lippen bewegte, -- denn er -hatte keine Zähne mehr --; was er eigentlich sagen wollte, läßt sich -nicht mit Bestimmtheit angeben, wahrscheinlich aber hatten seine Worte -etwa folgenden Sinn: »Wenn du doch zum Teufel gingest, mit deiner -Hochachtung!« Aber da bei uns die Gastfreundschaft für eine der ersten -Pflichten und Tugenden gehalten wird, sodaß selbst der Geizhals ihre -Gesetze nicht ungestraft übertreten darf, so fügte er etwas deutlicher -hinzu: »Bitte nehmen Sie gefälligst Platz!« - -»Es ist schon sehr lange her, daß ich keine Gäste mehr empfangen habe,« -sagte er, »wenn ich offen sein soll, kommt auch wenig dabei heraus. Da -haben die Leute die höchst überflüssige und unsinnige Mode eingeführt, -sich gegenseitig Besuche zu machen -- und dann wundert man sich noch, -daß zu Hause alles drunter und drüber geht ... dazu muß man auch noch -immer Heu für die Pferde bereit halten! Ich habe schon längst zu Mittag -gespeist, meine Küche ist auch so niedrig und häßlich, und der -Schornstein ist ganz eingefallen: ich darf den Herd gar nicht anheizen, -damit es kein Schadenfeuer gibt.« - -»Steht es so!« dachte Tschitschikow, »gut, daß ich bei Sabakewitsch ein -Stück Quarkkuchen und einen Happen Lammfilet gegessen habe!« - -»Denken Sie bloß, was für ein Pech! Wenn ich nur einen Büschel Heu im -Hause hätte!« fuhr Pljuschkin fort. »Und in der Tat, woher soll man es -bloß nehmen? Ich habe nur wenig Land, der Bauer ist faul, liebt nicht zu -arbeiten und denkt nur immer an die Schenke ... man muß sich in acht -nehmen, daß man auf seine alten Tage nicht noch betteln gehen muß!« - -»Man hat mir aber doch gesagt,« wandte hier Tschitschikow bescheiden -ein, »daß Sie mehr als tausend Seelen haben!« - -»Wer hat Ihnen das gesagt, Sie hätten dem Kerle ins Gesicht spucken -sollen, der solche Gerüchte verbreitet, Väterchen! Das ist wohl ein -Spaßvogel, der sich über Sie lustig machen wollte. Da sagt man: tausend -Seelen, aber wenn man nachrechnet, dann bleibt nicht viel übrig! Im -vergangenen Jahr sind mir durch das verdammte Fieber ein ganzes Schock -Bauern weggestorben.« - -»Wahrhaftig? Sind es wirklich so viele,« rief Tschitschikow teilnehmend -aus. - -»O ja, sehr viele!« - -»Und darf ich fragen, wie viele?« - -»An die achtzig Mann!« - -»In der Tat?« - -»Ich lüge nicht, Väterchen!« - -»Und darf ich mir noch eine Frage erlauben? Diese Zahl bezieht sich doch -auf die ganze Zeit nach der letzten Revision?« - -»Das wäre ja noch gut!« sagte Pljuschkin, »_so_ gerechnet sind es noch -viel mehr: etwa hundert und zwanzig Seelen!« - -»Wirklich? Ganze hundert und zwanzig?« rief Tschitschikow aus und riß -sogar den Mund vor Verwunderung auf. - -»Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen: ich bin schon über -die sechzig hinaus!« sprach Pljuschkin, der sich durch Tschitschikows -beinahe freudigen Ausruf gekränkt zu fühlen schien. Tschitschikow sah -ein, daß eine solche Kälte und Teilnahmslosigkeit gegen fremdes Leid in -der Tat nicht schön sei, daher stieß er schnell noch einen Seufzer aus -und äußerte sein Bedauern. - -»Ihr Bedauern nützt mir leider nichts! Ich kann es doch nicht in den -Beutel stecken!« sagte Pljuschkin. »Sehen Sie, da wohnt neben mir ein -Hauptmann. Weiß der Teufel, wie der hier hereingeschneit ist. Will ein -Verwandter von mir sein: das geht immer Onkelchen hin, Onkelchen her, -und dabei küßt er mir stets die Hand; wenn der anfängt einem seine -Teilnahme zu äußern, dann erhebt er ein wahres Geheul, daß man sich rein -die Ohren zuhalten möchte. Der Mann hat ein ganz blaurotes Gesicht, er -liebt wohl die Branntweinflasche zu sehr. Wird sein Geld beim Regiment -durchgebracht haben, oder irgend eine Schauspielerin hat es ihm aus der -Tasche gelockt. Das wird der Grund sein, warum er so mitleidig ist!« - -Tschitschikow versuchte ihm zu erklären, daß seine Teilnahme ganz -anderer Art als die des Hauptmanns, und daß er bereit sei, sie nicht -allein mit Worten sondern auch durch die Tat zu beweisen; er schob daher -die Sache nicht länger auf und erklärte ohne alle Umschweife seine -Bereitwilligkeit, die schwere Pflicht der Steuerzahlung für sämtliche -Bauern, die durch einen so unglücklichen Zufall hinweggerafft worden -wären, auf sich nehmen zu wollen. Dieses Angebot brachte Pljuschkin -anscheinend völlig aus der Fassung. Seine Augen quollen hervor und -starrten ihr Gegenüber lange Zeit unverwandt an. Endlich sagte er: -»Waren Sie etwa beim Militär?« - -»Nein!« antwortete Tschitschikow schlau ausweichend, »ich war nur im -Zivildienst tätig.« - -»Im Zivildienst!« wiederholte Pljuschkin und kaute dabei an seinen -Lippen, wie wenn er einen Bissen im Munde hätte. »Ja, wie denn nur? Das -wäre ja doch nur zu Ihrem eigenen Schaden.« - -»Ihnen zu Gefallen würde ich selbst diesen Schaden auf mich nehmen.« - -»Ach, Väterchen! Ach, du mein Wohltäter!« rief Pljuschkin aus, ohne in -seiner Freude zu merken, daß ihm ein Stückchen Schnupftabak wie dicker -Kaffeesatz aus der Nase quoll, was keinen gerade malerischen Anblick -bot, und daß die zurückgeschlagenen Schöße seines Schlafrockes die -Unterkleidung sehen ließen, welche auch nicht appetitlich anzuschauen -war. »Sie tun ein gutes Werk an einem armen Greise! O, du mein Gott, du -mein Heiland!« Mehr brachte Pljuschkin nicht heraus. Aber es verging -keine Minute, als die Freude, die so plötzlich in den erstarrten Zügen -aufgeleuchtet war, ebenso schnell wieder verlosch, ohne eine Spur zu -hinterlassen, und sein Gesicht nahm wieder den alten besorgten Ausdruck -an. Er wischte es sich sogar mit dem Taschentuch ab, ballte es zu einem -Klumpen zusammen und rieb sich damit die Oberlippe. - -»Wollen Sie denn wirklich -- ich möchte Sie unter keinen Umständen -erzürnen -- mit Verlaub zu sagen, jedes Jahr diese Steuern bezahlen? Und -soll _ich_ oder die Krone das Geld erhalten?« - -»Wissen Sie was? das machen wir einfach so: wir schließen einen -Kaufkontrakt miteinander ab, als ob sie noch am Leben wären und Sie sie -mir verkauft hätten.« - -»Ja, einen Kaufkontrakt ...« sagte Pljuschkin, wurde ein wenig -nachdenklich und begann wieder an seinen Lippen zu kauen. »Sie sagen, -einen Kaufkontrakt -- das macht wieder neue Unkosten! Die Beamten beim -Gericht sind so unverschämt! Früher waren sie schon mit einem halben -Rubel in Kupfer und einem Sack Mehl dazu abzufinden. Jetzt aber -verlangen sie gleich eine ganze Fuhre Gerste und noch einen roten Lappen -als Zugabe. So geldgierig sind sie heutzutage. Ich begreife garnicht, -daß das niemand an die Öffentlichkeit bringt. Wenn man ihnen doch -wenigstens eine Moralpredigt halten wollte. Mit einem guten Wort kann -man schließlich jeden breitschlagen. Man mag sagen, was man will: einer -tüchtigen Moralpredigt widersteht niemand!« - -»Na na, du würdest ihr gewiß widerstehen,« dachte Tschitschikow; aber er -fügte gleich darauf laut hinzu, daß er aus persönlicher Hochachtung für -ihn bereit sei, auch die Kosten des Kaufvertrags auf sich zu nehmen. - -Als Pljuschkin hörte, daß sein Gast sogar die Spesen des Kaufvertrages -zu übernehmen gedenke, schloß er hieraus, daß er ein vollendeter Narr -sein müsse, und sich bloß so _anstelle_, als ob er im Zivildienst -gewesen sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient und sich -mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei alledem vermochte er es -jedoch nicht, seine Freude zu unterdrücken und überhäufte den Gast mit -allerhand Segenswünschen für ihn selbst und seine Kinder, ohne sich -übrigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. Dann trat er ans -Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Glasscheibe und rief: »Heh! -Proschka!« Gleich darauf hörte man, wie jemand atemlos über den Flur -rannte, sich dort geräuschvoll hin und her bewegte und mit den Stiefeln -aufstampfte. Endlich tat sich die Türe auf und Proschka, ein -dreizehnjähriger Junge, trat herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an, -daß er sie beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka eigentlich -so große Stiefel anhatte, soll der Leser sofort erfahren. Pljuschkin -besaß für seine sämtlichen Dienstboten nur ein Paar Stiefel, die immer -im Vorzimmer stehen mußten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen -Gemächer beordert wurde, mußte erst quer über den ganzen Hof einen Tanz -ausführen, bis er den Flur erreicht hatte, wo er die Stiefel anzog, um -in diesem Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des Zimmers -entledigte er sich im Flure wiederum seiner Fußbekleidung und trat den -Rückweg auf seinen höchsteigenen Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit -und besonders des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, aus -dem Fenster geblickt hätte, so hätte er sich des schönen Anblicks -erfreuen können, was für prächtige Sprünge Pljuschkins Diener -vollführten. - -»Sehen Sie nun diese Visage, Väterchen,« sagte Pljuschkin zu -Tschitschikow, indem er mit dem Finger auf Proschka zeigte. »Der Kerl -ist so dumm wie ein Holzklotz. Aber lassen Sie bloß etwas liegen, -schwupp, hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, du Esel? -Ja, was denn nur?« Hier machte er eine kleine Pause, während der -Proschka gleichfalls keinen Laut von sich gab. »Stell den Samowar auf! -Hörst du? Hier hast du den Schlüssel! Gib ihn der Mawra und sag ihr, sie -soll in die Speisekammer gehen. Da liegt auf dem Regal noch ein Zwieback -von Ostern her, Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den soll -sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du hin, dummer Kerl? Bist du -ein Schafskopf! Dir sitzt wohl der Teufel in den Fersen. Hör mich doch -erst an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. Sie soll ihn ein -bissel mit dem Messer abschaben; aber daß sie mir die Krumen nicht -wegwirft! Die müssen für die Hühner übrig bleiben. Und daß du mir nicht -mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt's was mit der Birkenrute, -verstehst du? daß du Geschmack daran bekommst. Du hast ja jetzt schon so -einen guten Appetit. Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir -nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine Schliche kommen, hier -vom Fenster aus. Man kann den Kerlen in nichts trauen,« fuhr er fort, -indem er sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen -Siebenmeilenstiefeln bereits in der Türe verschwunden war. Hierbei warf -er einen argwöhnischen Blick auf Tschitschikow. Dieser Zug einer -geradezu unerhörten Großmut und Großherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich -und verdächtig vor, und er dachte sich: »Weiß der Teufel, vielleicht ist -er auch nur so ein Prahlhans, wie alle diese Prasser und Verschwender! -Lügt einem was vor, um ein Stündchen zu verplaudern und ein paar Tassen -Tee zu trinken und macht dann, daß er fortkommt!« Er sagte daher teils -aus Vorsicht, teils um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daß es -nicht übel wäre, den Kaufvertrag so bald als möglich abzuschließen, denn -der Mensch sei ein gar unzuverlässiges und gebrechliches Ding: heute -rot, morgen tot. - -Tschitschikow erklärte sich bereit, den Kontrakt auf Wunsch sofort zu -unterschreiben und bat nur um ein Verzeichnis sämtlicher Bauern. - -Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, daß er irgend einen -Plan überdachte, und in der Tat zog er jetzt den Schlüsselbund hervor, -näherte sich dem Schrank, öffnete ihn, suchte lange unter den Gläsern -und Schalen herum und rief schließlich aus: »Jetzt kann ich ihn nicht -finden; ich hatte da doch einen feinen Likör; wenn die Bande ihn nur -nicht wieder ausgetrunken hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen. -Ah da ist er schon?« Tschitschikow bemerkte in seinen Händen eine kleine -Karaffe, die in einer Staubhülle steckte wie in einem Trikothemd. »Der -stammt noch von meiner seligen Frau her,« fuhr Pljuschkin fort, »die -Schließerin, diese Spitzbübin hat ihn hier stehen lassen und sich -überhaupt nicht mehr um ihn gekümmert, nicht einmal zugekorkt hat sie -ihn, die Kanaille! Weiß Gott was für Würmer und Fliegen und sonstiger -Plunder drin herum schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt -ist er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Gläschen einschenken.« - -Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem Eifer ab und -bemerkte, daß er schon gegessen und getrunken habe. - -»Schon gegessen und getrunken!« sagte Pljuschkin. »Freilich, freilich. -Einen Mann von gutem Stande erkennt man doch auf den ersten Blick: er -hat keinen Hunger und ist immer satt, so einen Schwindler kann man -füttern, soviel man will .... Da ist z. B. der Hauptmann: wenn der -angefahren kommt, dann heißt es gleich: >Onkelchen, haben Sie nicht -etwas zu essen?< Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein -Großvater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen, -darum treibt er sich überall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis -von all diesen Faulenzern? Natürlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie -alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel -geschrieben, um sie bei der nächsten Revision gleich streichen zu -lassen.« Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren -herumzuwühlen. Dabei löste er die Schnur von so manchem Päckchen und -warf die Papiere so durcheinander, daß eine Staubwolke dem Gaste in die -Nase stieg, und dieser niesen mußte. Endlich zog er einen Zettel hervor, -der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so -dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es -einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar -ein gewisser Grigorij »Immerlangsamvoran« aus der ganzen Menschenflut -hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig. -Tschitschikow lächelte unwillkürlich als er diese stattliche Zahl -übersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklärte Pljuschkin, er -werde wohl zum Abschluß des Kaufes nach der Stadt fahren müssen. - -»Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht -sich selbst überlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und -Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, daß ich keinen Nagel -mehr übrig behalte, an dem ich meinen Rock aufhängen könnte.« - -»Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?« - -»Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen -nichts mehr von mir wissen. Ach ja, _doch_, Väterchen! Wie denn -nicht! Natürlich habe ich einen,« rief er plötzlich aus. »Der -Gerichtspräsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich früher oft -besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund. -Wie oft sind wir zusammen über so manchen Zaun geklettert. Keinen -Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich könnte doch an -ihn schreiben?« - -»Aber natürlich.« - -»Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad!« - -Und über das erstarrte Gesicht huschte plötzlich etwas wie ein warmer -Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch wenigstens ein matter Abglanz -eines Gefühls belebte die toten Züge; wie wenn auf der Oberfläche eines -Gewässers ganz plötzlich und unerwartet ein Ertrinkender auftaucht und -nun die am Ufer versammelte Menge in freudiges Jauchzen ausbricht; aber -vergebens werfen die freudig erregten Schwestern und Brüder das rettende -Seil aus und warten ungeduldig darauf, daß sich eine Schulter oder der -vom Todeskampfe ermattete Arm aus den Fluten emporstrecke -- er war zum -letzten Mal emporgetaucht. Und stumm wird's ringsumher, und -schrecklicher noch, und öder erscheint jetzt die glatte ruhige Fläche -des launischen Elementes. So wurde auch Pljuschkins Gesicht, nachdem der -Schimmer eines Gefühls darüber hinweggeglitten war, fast noch kälter, -gemeiner und gefühlloser. - -»Auf dem Tisch lag doch ein Stückchen reines Papier,« sagte er, »aber -ich weiß nicht, wo es hingekommen ist: diese Taugenichtse von -Dienstboten!« -- Und er guckte _unter_ den Tisch und _auf_ den Tisch, -kramte überall herum und rief schließlich: »Mawra, he! Mawra!« Auf sein -Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, auf dem der dem -Leser schon bekannte Zwieback thronte. Jetzt entspann sich folgendes -Gespräch zwischen beiden: - -»Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin?« - -»Bei Gott, gnädiger Herr! Ich habe kein Papier gesehen, außer dem -Stückchen, mit dem Sie das Spitzglas bedeckt haben.« - -»Man sieht dir's ja an den Augen an, daß du es stibitzt hast.« - -»Wie käme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wüßte doch nichts damit -anzufangen. Ich kann ja nicht einmal lesen und schreiben.« - -»Das lügst du, du hast es zum Küster hingetragen, das ist ein -Tintenklexer, dem wirst du's wohl gegeben haben.« - -»Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier verschaffen. Der Küster -hat Ihren Papierfetzen überhaupt nicht zu sehen bekommen!« - -»Warte nur! Die Teufel werden dir beim jüngsten Gericht tüchtig zusetzen -mit ihren eisernen Halseisen. Paß einmal auf, wie die dich plagen -werden!« - -»Wofür sollten sie mich denn quälen, wenn ich doch das Papierstückchen -garnicht in der Hand gehabt habe. Sie können mir jede andere weibliche -Schwäche vorwerfen, aber daß ich stehle, das hat mir noch niemand -gesagt.« - -»Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du -dafür, daß du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich -mit ihren glühenden Zangen zwacken!« - -»Dann werd' ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin -unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem -unnütze Vorwürfe!« - -Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen -Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: »Na was regst du dich -denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie -kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh', bring mir etwas -Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir -womöglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er, -und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan!« - -Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm -die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in -den Fingern hin und her; er überlegte wohl, ob er nicht noch die Hälfte -davon abschneiden könne, aber schließlich sah er wohl ein, daß das nicht -ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfaß, das mit einer -verschimmelten Flüssigkeit angefüllt war, in der eine Menge Fliegen -herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die -große Ähnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mußte -fortwährend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in -übermütigen Sprüngen erging. Ängstlich fügte er Zeile an Zeile mit dem -lebhaften Bedauern, daß trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen -ihnen übrig blieb. - -Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit -konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat -das überhaupt noch den Schein der Wahrheit? -- Jawohl! -- Es gibt -überhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen -geschehen! Ein feuriger Jüngling von heute würde vielleicht mit -Entsetzen zurückprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen -Greisenalters vorhielte. O, hütet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr -heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste härtende -Mannesalter -- o, hütet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet, -verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder! -Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es -liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurück. Das Grab selbst -ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift -stehen: »hier liegt ein Mensch begraben.« Aber kein Schriftzeichen -belebt die kalten gefühllosen Züge des menschlichen Alters. - -»Haben Sie nicht vielleicht einen Freund,« sagte Pljuschkin, während er -den Brief zusammenfaltete, »der flüchtige Bauern brauchen könnte?« - -»Haben Sie auch flüchtige?« fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem -Traume erwachend. - -»Das ist es ja gerade, daß ich welche habe. Mein Schwager hat schon -Erkundigungen eingezogen, und sagt, er hätte gar keine Spur von ihnen -entdecken können; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen -klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemühen wollte, so -....« - -»Und wieviel werden's wohl sein?« - -»So an die siebzig Mann, mindestens.« - -»Wahrhaftig?« - -»Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne daß mir ein paar davonlaufen. Die -Leute sind heutzutage alle so unmäßig; tun den ganzen Tag nichts und -wollen nur immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ... -Wahrhaftig ich würde sie fast umsonst hergeben. Nicht wahr, Sie sagens -doch Ihrem Freunde: wenn er auch nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er -ein hübsches Sümmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an die -fünfhundert Rubel wert.« - -»Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen!« dachte -Tschitschikow, und erklärte, daß er leider keinen solchen Freund besäße, -und daß allein die Kosten dieses Verfahrens mehr betragen würden; die -Gerichte hält man sich am liebsten ganz vom Leibe, denn da muß man ja -selbst noch die Rockschöße hingeben. Aber wenn Pljuschkin sich wirklich -in einer so bedrängten Lage befände, dann sei er, Tschitschikow, aus -Sympathie für ihn bereit, eine kleine Summe zu bezahlen ... Aber das -sei, wie gesagt, eine solche Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert -sei. - -»Und wieviel würden Sie geben?« fragte Pljuschkin, der vor Habgier -bebte, und seine Hände zitterten wie Espenlaub. - -»Ich könnte fünfundzwanzig Kopeken pro Stück anlegen.« - -»Und zahlen Sie bar?« - -»Ja, Sie können das Geld gleich bekommen.« - -»Hören Sie Väterchen, Sie wissen doch, wie arm ich bin, Sie könnten mir -wirklich vierzig Kopeken geben.« - -»Verehrtester, ich würde Ihnen gerne nicht nur vierzig Kopeken, sondern -selbst fünfhundert Rubel pro Kopf bezahlen! Mit dem größten Vergnügen, -denn ich sehe, daß ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner -Gutmütigkeit Not leidet.« - -»Ja, nicht wahr! Bei Gott!« sagte Pljuschkin, ließ den Kopf hängen und -schüttelte ihn heftig. »Das macht alles die Gutmütigkeit.« - -»Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort erkannt. Warum sollte -ich nicht fünfhundert Rubel pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht -vermögend; fünf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, dann kostet -jede Seele rund dreißig Kopeken.« - -»Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Väterchen!« - -»Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel Seelen waren es doch, -sagten Sie nicht siebzig?« - -»Nein, es sind sogar achtundsiebzig.« - -»Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreißig Kopeken, das macht ...« hier -dachte unser Held eine Sekunde und nicht einen Augenblick länger nach -und sagte, »das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig Kopeken!« Er -war sehr stark in der Arithmetik. Dann ließ er Pljuschkin die Quittung -schreiben und händigte ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Händen -ergriff und mit ängstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte trug, als -hielte er in seinen Händen eine Flüssigkeit, die er jeden Augenblick zu -verschütten fürchtete. Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die -Banknoten noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig in eines der -Schubfächer, wo das Geld wahrscheinlich begraben blieb, bis Pater Karp -und Pater Polikarp, die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen -Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner Tochter und des -Schwiegersohnes -- und vielleicht auch des Hauptmanns, der durchaus mit -ihm verwandt sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen -hatte, ließ er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie es schien, -einen neuen Gesprächsstoff finden zu können. - -»Wie, Sie wollen schon fahren,« sagte er, als er Tschitschikow, der im -Begriff war, sein Taschentuch herauszuholen, eine kleine Bewegung machen -sah. Diese Frage erinnerte jenen daran, daß es in der Tat zwecklos sei, -sich hier noch länger aufzuhalten. »Ja, es ist Zeit!« sprach er und -griff nach dem Hute. - -»Wollen Sie denn keinen Tee?« - -»Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer Gelegenheit einmal zum -Tee vor.« - -»Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine aufsetzen lassen! Wenn -ich ehrlich sein soll, ich mache mir auch nichts aus Tee: es ist ein -teures Getränk, und dann sind auch die Zuckerpreise so unerhört -gestiegen. Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. Und den -Zwieback bringst du der Mawra! Hörst du? Sie soll ihn wieder auf den -alten Platz legen; oder nein, gib ihn lieber her, ich will ihn schon -selbst hintragen. Leben Sie wohl, Väterchen; Gott segne Sie! Und den -Brief geben Sie dem Gerichtspräsidenten, nicht wahr? Er soll ihn lesen! -Er ist doch ein alter Freund von mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele.« - -Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwürdig -eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow -davongefahren war, ließ Pljuschkin das Tor sofort schließen. Dann -schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu -überzeugen, ob auch alle Wächter an ihrem Platze seien, die an jeder -Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Faß statt auf eine -Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Küche, sah dort -nach, ob auch das Essen für die Dienstboten gut und schmackhaft -zubereitet sei, was für ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst -gründlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schließlich -noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Aufführung tüchtig -gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein -Zimmer zurück. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die -Idee, sich dem Gast gegenüber für dessen beispiellosen Edelmut -erkenntlich zu erweisen: »Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk -machen,« dachte er -- »es ist doch eine schöne silberne Uhr, und nicht -etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er -kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht -eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder -nein!« -- fuhr er nach einigem Nachdenken fort: »ich will sie ihm lieber -vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich -später noch meiner erinnert.« - -Aber unser Held war auch ohne Uhr in höchst vergnügter Stimmung. Eine so -unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen -ließ sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen, -sondern auch noch einige Dutzend flüchtige dazu: zusammen etwa -zweihundert Stück! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als -er sich Pljuschkins Landgute näherte, daß es hier was zu verdienen geben -würde, aber auf ein so gutes Geschäft hatte er nicht gerechnet. Den -ganzen Weg über war er außergewöhnlich lustig, pfiff und sang vor sich -hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in -eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam -und sonderbar klang, daß selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf -schüttelte und sagte: »Sieh mal an, wie mein Herr singen kann!« Es war -schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt näherten. Licht und Finsternis -gingen vollkommen ineinander über, und alle Gegenstände schienen -zusammenzufließen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte -undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der -Schnurrbart hoch über den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien -überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Räder und die -Luftsprünge, die die Equipage machte, ließen erkennen, daß man sich -bereits wieder auf der gepflasterten Straße befand. Die Laternen waren -noch nicht angezündet, hie und da blitzte in den Fenstern der Häuser ein -Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten -Vorgänge ab; man hörte es munkeln und flüstern, was um die nächtlichen -Stunden in Städten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten, -Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von -Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strümpfe, die an den -Straßenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermäuse. Aber Tschitschikow -bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit -Spazierstöckchen in der Hand wohl von einer Promenade außerhalb der -Stadt zurückkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von -weiblichen Stimmen herzurühren schienen: »Das lügst du, du bist wohl -besoffen; ich hätte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt!« oder »du -suchst wieder Händel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will -ich dir's schon zeigen.« Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein -Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjährigen Jüngling wirken, -wenn er aus dem Theater zurückkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle -Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem -Kopfe trägt. Welch wundersame Träume, welche tollen Phantasien wirbeln -in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu -schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab -- da -schlagen plötzlich jene verhängnisvollen Worte wie ein Donnerschlag -neben ihm ein, er fühlt sich wieder auf die Erde zurückversetzt, ja -sogar auf den »Heumarkt« in die nächste Nähe einer Schenke, und aufs -neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue Öde. - -Endlich machte der Wagen noch einen kräftigen Satz und tauchte wie in -einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka -empfangen, welcher, einen seiner Rockschöße in der einen Hand haltend -- -denn er liebte es nicht, daß die Schöße sich entzweiten -- mit der -anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer -Kerze, die Serviette über die Schulter geworfen, angelaufen. Es läßt -sich nicht sagen, ob Petruschka über die Ankunft seines Herrn sehr -erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verständnisinnig -mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein -wenig zu erhellen. - -»Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht,« sagte der -Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete. - -»Ja,« sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. »Und wie gehts bei -euch?« - -»Gottlob!« antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. »Gestern ist ein -Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn.« - -»Ein Leutnant?« - -»Ich weiß nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde.« - -»Schön, schön! Benimm dich auch fernerhin gut!« sagte Tschitschikow und -trat in sein Zimmer. Während er durch den Flur schritt, rümpfte er die -Nase und sprach zu Petruschka gewandt: »Du hättest auch die Fenster -aufmachen können.« - -»Ich habe sie ja aufgemacht,« entgegnete Petruschka; aber er log. -Uebrigens wußte sein Herr selbst, daß es eine Lüge war. Doch er wollte -nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemächtigte sich eine starke -Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte -Abendplatte, die nur aus einem Stück Spanferkel bestand, entkleidete -sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen, -festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glückspilze -kennen, welche nichts ahnen: weder von Hämorrhoiden, noch von Flöhen, -noch von einer allzu regen Geistestätigkeit. - - - Siebentes Kapitel - -Glücklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit -ihrer Kälte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern, -ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren -Postknechten, Schmieden und ähnlichen Vagabunden, endlich das traute -Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt -- schon -taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten -Zimmern auf, schon hört er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden -Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelärm der Kinder, stille -sanfte Worte unterbrochen von glühenden Zärtlichkeiten, die die Kraft -haben, alles vergangene Leid aus dem Gedächtnis zu tilgen. Glücklich der -Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem -Hagestolzen! Glücklich der Schriftsteller, der an den langweiligen, -widerwärtigen, durch ihre traurige Blöße erschreckenden Gestalten der -Wirklichkeit flüchtig vorüber eilend sich Charakteren nähert, welche des -Menschen hohe Würde verkörpern und erscheinen lassen, der aus dem großen -Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest, -der auch nicht _einmal_ dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward, -der nie von seiner eigenen Höhe zu seinen armseligen, schwachen Brüdern -herab stieg und, ohne das Irdische zu berühren, sich selig stürzte in -den erdentrückten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist -sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der -Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit -Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhüllt, mit Zauberworten -nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des -Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schönen Menschen weisend. -Händeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwärmt jauchzend seinen -Wagen. Einen großen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume -schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar über allem -hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen -glühenden Herzen, Tränen der Sympathie erglänzen in jedem Auge ... An -Macht kommt ihm kein Wesen gleich -- er ist ein Gott! Wie ganz anders -ist das Los des Schriftstellers, der sich erkühnte, all das ans Licht zu -ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgültigen -Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben -umstrickt, die ganze abgründige Tiefe jener kalten zerklüfteten -Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft öden Erdenweg bevölkern, und -mit dem kräftigen Schlag des unerbittlichen Meißels es wagte, sie klar -und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des -Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Tränen und der -einmütigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im -Innersten aufwühlte; ihm fliegt keine sechzehnjährige Jungfrau -entzückten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich -nicht berauschen am süßen Klang der Töne, die er der eigenen Leier -entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem -heuchlerisch gefühllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am -eignen warmen Busen genährten Geschöpfe armselig, gemein und nichtig -nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener -Schriftsteller, die die Menschheit schänden, ihm die Charakterzüge -seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den göttlichen -Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt -nicht an, daß gleich bewundernswürdig _jene_ Gläser sind, in denen sich -die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen -unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages -erkennt nicht an, daß hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann -mit hohem lyrischen Schwunge, und daß ein Abgrund gähnt zwischen jenem -und den unwürdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages -versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf für den -verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein -heimatloser Wanderer steht er allein auf öder Straße. Schwer und hart -ist sein Beruf und bitter fühlt er seine Einsamkeit. - -Und lange noch ist mir's von der geheimnisvollen Schicksalsmacht -beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das -ganze gewaltig treibende Leben zu überschauen, durch das aller Welt -_sichtbare_ Lachen und die keinem bekannten _unsichtbaren_ Tränen. Und -noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie -ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschütterten flammenden -Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majestätischen Donner -anderer Reden lauschen wird ... - -Vorwärts! Vorwärts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der -grämlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Laßt uns geschwind wieder -untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelärm und -Schellengeklingel: laßt uns zusehen was Tschitschikow macht. - -Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn -er hatte das behagliche Gefühl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem -er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rücken gelegen hatte, schnalzte -er mit den Fingern, und sein Gesicht verklärte sich bei dem Gedanken, -daß er jetzt nahezu vierhundert Seelen besaß. Dann sprang er aus dem -Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick -auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz -besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen -Freunden, ganz besonders während des Rasierens. »Sieh mal,« pflegte er -dann gewöhnlich zu sagen, »was ich für ein schönes rundes Kinn habe.« -Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen -einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog -sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an, -mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt, -welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung -findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen -Hemdchen zwei kühne Luftsprünge, wobei er sich nicht ohne -Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort -ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergnügt die Hände wie -ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung -vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich über -das Kästchen und holte ein Päckchen Papier hervor. Er wollte die Sache -so schnell als möglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu -schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des -Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhändig, um sich die Unkosten -für den Notar zu sparen. Auf die Formalitäten verstand er sich -vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, großen Buchstaben die -Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er -mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst -drum und dran hängt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er -danach auf diese Blätter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche -tatsächlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken, -Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht -einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames, -unheimliches Gefühl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu -besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentümliche Wesensart -zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehört hatten, trugen alle -irgend einen Spitznamen als Anhängsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich -durch Kürze und Gedrängtheit des Stiles aus: oft standen nur die -Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten. -Sabakewitschs Register setzte durch seine außerordentliche -Ausführlichkeit und Vollständigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch -so geringe Eigentümlichkeit, die nicht sorgfältig gebucht war: von einem -hieß es: »Ein guter Tischler,« von einem andern: »Er versteht seine -Sache und säuft nicht.« Ebenso sorgfältig waren die Eltern eines jeden -aufgezählt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von -einem gewissen Fedotow stand vermerkt: »Der Vater ist unbekannt, die -Mutter ist eine meiner Dienstmägde, namens Kapitolina, die jedoch einen -guten Charakter hat und nicht stiehlt.« All diese Einzelheiten verliehen -dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als hätten die -Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow überlas die Namen noch einmal -genau und sorgfältig. Eine seltsame Rührung erfaßte ihn, er seufzte und -sprach leise vor sich hin: »Herrgott welche Menge da dichtgedrängt -beieinander steht! Was mögt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben -lang, ihr Lieben? Wie mögt ihr euch durchgeschlagen haben?« Und seine -Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkürlich angezogen von -einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der -Trogverächter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehört -hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrücken: »Herrjeh, -ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl -gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer, -und wie hat der Tod dich ereilt? War's in der Schenke, oder hat dich gar -auf breiter Straße eine plumpe Fuhre überfahren, du Schlafmütze? -- -Stepan Probka, der Tischler, _ein braver nüchterner Mann_. -- Sieh da -bist du ja, mein Stepan Probka, du großer Held, der du für die Garde -geboren warst! Hast wohl manch weites Stück Weges durchwandert, die Axt -am Gürtel und die Stiefel über die Schulter geworfen, für einen Groschen -Brod verzehrt und für zwei Groschen gedörrten Fisch und du brachtest -dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nähtest -dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir -in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des -gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder -gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerüst herabgestürzt zu -Füßen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und -mitleidig murmelte: >Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!< um sich -sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle -hinaufzuklettern. -- Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He? ->Besoffen wie ein Schuster<, sagt ein Sprichwort. Ich kenn' dich, kenne -dich, mein Liebling; willst du's, so erzähle ich dir deine ganze -Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch -allesamt fütterte, für eure Nachlässigkeit mit dem Riemen züchtigte und -nie auf die Straße ließ, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein -wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob -nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden -über dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir -selbst: >Jetzt will ich mir ein eigenes Häuschen kaufen, aber ich will's -nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich -will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!< Und du zahltest deinem -Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest -dir einen Haufen Aufträge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum -Drittel des Preises ein Stück halbverfaulten Leders auf und verkauftest -jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon -nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich kräftig aus, wie du's -verdientest. So kam es, daß es in deinem Laden leer ward, du fingst an -zu trinken, dich auf der Straße herumzutreiben und sprachst: >Ist das -eine schlimme Welt! Wir Russen können rein verhungern: und an alledem -ist niemand schuld als der Deutsche!< -- Und was ist das für ein Mann: -Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild! -Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit -hineingeschmuggelt!« Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich -eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wußte Gott -allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, daß man -sie von ferne wirklich für ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname -hatte sogar die männliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt -Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rücksicht darauf und strich -sie einfach aus der Liste. -- »Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was -warst du wohl für ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein -Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim, -dem trauten Winkel für immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf -den Jahrmärkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf, -brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen -Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen -ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber -kräftigen Pferde, oder fiel's dir vielleicht ein, derweil du auf deinem -Lager lagst und vor dich hingrübeltest, plötzlich ohne jeden Grund und -Anlaß in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein -Eisloch, so daß keine Menschenseele weiß, wo du verschwunden bist? Oh du -mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu -sterben! -- Und ihr meine Lieblinge,« fuhr er fort, indem er einen Blick -auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flüchtige Seelen verzeichnet -standen: »ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was für einen Wert -habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure -schnellen Füße! Hattet ihr's wirklich gar so schlecht bei dem -Pljuschkin, oder machte es euch bloß Spaß im Walde herumzustreichen und -die Reisenden auszuplündern? Sitzt ihr vielleicht im Gefängnis oder habt -ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflügt? -Jeremej Leichtfuß, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt -man's schon an euren Namen an, daß ihr gute Läufer seid; Popor, der -Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf's Lesen und -Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und -sich ein hübsches Vermögen zusammengestohlen. Paß auf! paßloses -Individuum, du fällst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hände. -Zwar stellst du mutig deinen Mann: >Wer ist dein Herr?< fragt dich der -Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet, -seine Worte mit einem kräftigen Fluch: -- >Gutsbesitzer Soundso,< -antwortest du keck. >Und wie kommst du hierher?< fragt dich der -Hauptmann. >Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,< -erwiderst du ohne Zaudern. >Wo ist dein Paß?< >Bei meinem Herrn, dem -Kleinbürger Pimenow.< Pimenow wird gerufen. >Bist du Pimenow?< >Jawohl.< ->Hat er dir seinen Paß gegeben?< >Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.< ->Du lügst also?< sagt der Polizeihauptmann und läßt wieder ein kräftiges -Wort folgen. >Zu Befehl,< antwortest du frech: >ich gab ihm den Paß -nicht, weil ich sehr spät nach Hause kam, ich habe ihn dem Glöckner zur -Aufbewahrung gegeben.< -- >Der Glöckner soll herkommen! Hat er dir -seinen Paß gegeben.< -- >Nein, ich habe keinen Paß von ihm bekommen.< ->Warum lügst du schon wieder!< fragt der Polizeihauptmann aufs neue und -flicht zur Bestätigung abermals ein kräftiges Wörtlein ein. >Wo ist denn -dein Paß?< >Ich weiß genau, daß ich ihn bei mir hatte,< antwortest du -sicher, >wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren -haben.< -- >Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer -einen Kasten mit Kupfermünzen gestohlen?< sagt der Polizeihauptmann, -indem er zur Bekräftigung wiederum ein kerniges Wörtlein anfügt. ->Wahrhaftig nicht,< sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, >beim -Stehlen hat mich noch keiner ertappt.< >Und wie kommt es, daß man den -Mantel bei dir gefunden hat?< >Ich weiß nicht, wahrscheinlich hat ihn -ein anderer bei mir liegen lassen!< -- >O, du Hallunke, du Bestie!< sagt -der Polizeihauptmann kopfschüttelnd, und stemmt die Hände in die Seiten. ->Legt ihm Fußschellen an und führt ihn ins Gefängnis.< -- >Zu Befehl, -ich habe nichts dagegen,< antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose -aus der Tasche, reichst sie gutmütig den zwei Invaliden, die dir die -Fußschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist, -daß sie beim Militär waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben. -Und dann wanderst du ins Gefängnis und bleibst ruhig drin sitzen, -während das Gericht deine Sache prüft. Schließlich fällt es seinen -Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefängnis -transportiert. Das dortige Gericht läßt dich nach Wessjegonsk oder sonst -wohin weiterbefördern usw.; so wandert du aus einem Gefängnis ins andre -und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: >Nein das -Wessjegonskische Gefängnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da -kann man auch einmal das Knöchelspiel spielen, und da gibt's auch mehr -Gesellschaft.< -- Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher -Gegend treibst du dich herum? Lebst _du_ vielleicht irgendwo an der -Wolga und bist ein Fährmann geworden, weil du ein freies Leben liebst? -...« Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich. -Worüber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows, -oder war es jene natürliche, fast selbstverständliche Nachdenklichkeit, -die jeden Russen in jedem Lebensalter überfällt, welchem Stande und -Berufe er auch angehören mag, wenn er an die Lust eines freien -ungebundenen Lebens denkt? »In der Tat wo war jetzt Fyrow? -Wahrscheinlich spazierte er laut und fröhlich am Landungsplatze herum, -sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bändern an den -Hüten plaudert und lärmt der ganze Troß der Bootsführer, welche sich von -ihren schlanken, hohen Frauen und Schätzen verabschieden, die -Perlenbänder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt -sich der Reigen, helle Lieder ertönen aus fröhlichen Kehlen, der ganze -Landungsplatz wogt auf und nieder, während die Last- und Gepäckträger -unter Lärmen, Gezänk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun -Pud schwere Ballen auf den Rücken laden, Weizen und Erbsen geräuschvoll -in geräumige Schiffe schütten und Säcke mit Hafer und Buchweizen -fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer -Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getürmter Säcke und Ballen, die -den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze -Getreidearsenal empor, bis es in all' die geräumigen Barken und -Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem -Frühjahrseise den Fluß hinabschwimmt. Da gibt's Arbeit für euch in Hülle -und Fülle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwärmt -und über alle Stränge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im -Schweiße eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesängen, -die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst! - -»Herrjeh! Schon zwölf Uhr!« rief Tschitschikow plötzlich aus, indem er -auf die Uhr blickte. »Was säume ich bloß so lange? Wenn ich noch etwas -Vernünftiges getan hätte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug -und versinke dann noch in törichte Träumereien! Ich bin doch ein rechter -Narr! Wahrhaftig!« Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches -Kostüm mit einem europäischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an, -um sein kräftiges Bäuchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte -sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die -Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die -Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil -er sich zu verspäten fürchtete -- davor brauchte er keine Angst zu -haben, denn der Präsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch -die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der -die Tage verlängerte und frühe Nächte herabsandte, wenn er den Streit -seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand -geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den -lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als möglich zum Abschluß zu -bringen; solange dies nicht geschehen war, fühlte er sich unruhig und -unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, daß es -sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und daß es in -solchen Fällen besser sei, eine solche Last möglichst schnell -abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hüllte er sich in einen warmen Pelz -von braunem Tuch, der mit Bärenfell gefüttert war, und kaum war er auf -die Straße getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn -zusammenstieß, der gleichfalls einen mit Bärenpelz gefütterten Überwurf -um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen -auf dem Kopfe trug. Der Herr stieß einen Freudenschrei aus -- es war -Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fünf -Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Küsse, die sie -austauschten, so kräftig und inbrünstig, daß ihnen beiden nachher den -ganzen Tag über die Vorderzähne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben -vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen übrig, seine Augen waren -überhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fünfzehn Minuten lang hielt er -Tschitschikows Hand in seinen beiden Händen, bis sie ganz warm wurde. In -der feinsten und liebenswürdigsten Weise erzählte er ihm, wie er -herbeigeflogen wäre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schließen, -und er schloß seine Rede mit einem Kompliment, wie man es höchstens -einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert. -Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geöffnet, ohne noch recht zu -wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten -Bogen Papier, der mit einem roten Bändchen zusammengebunden war, aus -seinem Pelze hervorholte. - -»Was ist das?« - -»Das sind die Bauern.« - -»Ah!« -- Er rollte den Bogen sogleich auf, überflog ihn schnell mit den -Augen und war erstaunt über die Schönheit und Sauberkeit der -Handschrift. »Ist das aber schön geschrieben!« sagte er, »man braucht es -gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer -hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!« - -»Ach fragen Sie lieber gar nicht,« sagte Manilow. - -»Sie?« - -»Meine Frau!« - -»O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen soviel Mühe -gemacht habe!« - -»Für Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mühe zu groß!« - -Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, daß er nach -der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschließen, erklärte -Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faßten sich -unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhöhung, bei jedem -Hügel, oder jeder Stufe stützte Manilow Tschitschikow mit der Hand und -hob ihn beinahe in die Höhe, wobei er angenehm lächelte und hinzufügte, -er werde es nie zugeben, daß Pawel Iwanowitsch sich weh tue. -Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wußte, wie er sich erkenntlich -erweisen solle, denn er fühlte, daß er nicht ganz leicht war. So halfen -sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das -Gerichtsgebäude lag -- ein großes dreistöckiges Haus, das so weiß war, -wie ein Stück Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm -tätigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Häuser, die sich noch sonst -auf dem Platze befanden, konnten sich an Größe nicht im geringsten mit -dem steinernen Amtsgebäude messen. Dies waren: ein Wächterhäuschen, vor -dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standplätze für -Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen -Bretterzäunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit -Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen, -oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrücken pflegt, _schönen_ Platze -zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein -paar unbestechliche Häupter der Themispriester heraus, um im selben -Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef -gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde _traten_ nicht ein, sondern -liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte -beschleunigte, da er nicht wollte, daß Manilow ihn mit der Hand -unterstützen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er -Tschitschikow nicht müde werden lassen wollte, und so kam es, daß beide -ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der -Korridor noch die Säle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders -auf. Damals kümmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal -schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und -angenehmeres Äußeres an. Themis empfing ihre Gäste ganz so wie sie war, -im Negligé und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die -Kanzleiräume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten, -aber der Autor hat eine große Ehrfurcht vor allen Amtsgebäuden. Selbst -wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres höchsten Glanzes, in -einem gleichsam veredelten und verschönten Zustande kennen zu lernen und -zu durchwandeln, das heißt, wenn die Dielen frisch gewichst und die -Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demütig gesenktem Blicke -hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles -fühlt und wie dort alles blüht und gedeiht. Unsere Helden sahen -gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, über den Tisch -gebeugte Köpfe, breite Nacken, Fräcke und Röcke von kleinstädtischem -Schnitt, oder sogar eine ganz gewöhnliche hellgraue Jacke, die recht -stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die -Schulter gebeugt, sodaß er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen -Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von -einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der -ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genuß seines -Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm -irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hörte man ein paar Worte -oder kurze Sätze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden: -»Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer -werfen Sie den Deckel von dem Tintenfaß weg; er gehört doch dem Staat!« -Dazwischen hörte man eine majestätische Stimme, die ohne Zweifel einem -Kanzleichef angehörte, gebieterisch rufen: »Da, schreib das ab, sonst -laß ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, daß du mir sechs -Tage lang nichts zu essen kriegst!« Das Geräusch vom Federgekritzel war -sehr stark und erinnerte an den Lärm, den ein paar Fuhren mit Reisig -verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fuß -hoch mit dürren Blättern bedeckt sind. - -Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei -jüngere Beamten saßen, und fragten diese: »Bitte! Können Sie uns sagen, -wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?« - -»Was wollen Sie?« sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich -umwandten. - -»Ich habe ein Gesuch einzureichen!« - -»Haben Sie etwas gekauft?« - -»Ich möchte zuvor wissen, wo die Abteilung für Kaufverträge ist? Hier -oder anderswo?« - -»Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und zu welchem Preise, dann -werden wir Ihnen sagen, wohin Sie sich wenden müssen. So geht es doch -nicht!« - -Tschitschikow merkte sogleich, daß die Beamten einfach neugierig waren, -wie alle jungen Beamten, und sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und -Bedeutung geben wollten. - -»Hören Sie, meine verehrten Herren,« sagte er, »ich weiß sehr gut, daß -alle Angelegenheiten, die sich auf Kaufverträge beziehen, in ein und -dasselbe Ressort gehören, ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen, -wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, was in diesen -Räumen vorgeht, dann müssen wir uns eben bei jemand anders erkundigen!« -Hierauf antworteten die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte bloß mit -einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr saß, der damit -beschäftigt war, Akten zu numerieren. Tschitschikow und Manilow -schritten zwischen den Tischen hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war -ganz in seine Tätigkeit versunken. - -»Darf ich fragen,« sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, »ob dies -die Abteilung für Kaufverträge ist?« - -Der Alte sah auf und sagte gedehnt: »Nein, hier ist keine Abteilung für -Kaufverträge.« - -»Wo denn?« - -»Die ist in der Kontraktabteilung.« - -»Und wo ist die Kontraktabteilung?« - -»Bei Iwan Antonowitsch.« - -»Und wo ist Iwan Antonowitsch?« - -Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke, worauf -Tschitschikow und Manilow sich zu Iwan Antonowitsch begaben. Iwan -Antonowitsch hatte schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie -von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich wieder über sein -Papier und schrieb eifrig weiter. - -»Darf ich fragen, ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist,« sagte -Tschitschikow mit einer Verbeugung. - -Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehört zu haben, denn er war ganz in -seine Akten vertieft und antwortete nichts. Man sah sofort, daß dies ein -Mann von reiferen Jahren war und kein junger Schwätzer und -Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch ein hoher Vierziger; er -hatte dichtes, schwarzes Haar, die ganze mittlere Partie seines Gesichts -trat stark hervor und schien sich gewissermaßen in der Nase konzentriert -zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen Gesichtern, die man bei -uns gewöhnlich als »Kannenschnauze« zu bezeichnen pflegt. - -»Darf ich fragen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?« -wiederholte Tschitschikow. - -»Hier,« sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen Rüssel ein wenig empor -hob und sogleich wieder zu schreiben begann. - -»Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe bei einigen -Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, die ich zu -Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe den Kontrakt mitgebracht, er -muß bloß noch unterschrieben werden.« - -»Und sind die Verkäufer zugegen?« - -»Einige sind da, und von den anderen habe ich Vollmachten.« - -»Haben Sie das Gesuch mitgebracht?« - -»Jawohl, ich habe es hier! Ich möchte gern ... Ich habe große Eile ... -Könnte ich die Sache nicht schon heute erledigen?« - -»Hm! Heute! Nein heute geht es nicht,« sagte Iwan Antonowitsch. »Man muß -noch Erkundigungen einziehen, ob sie nicht verpfändet sind.« - -»Übrigens ist Iwan Grigorowitsch, der Präsident, ein guter Freund von -mir; da ließe sich ja etwas zur Beschleunigung der Sache tun.« - -»Es handelt sich hier doch nicht bloß um Iwan Grigorowitsch; es sind -doch noch andere da,« sagte Iwan Antonowitsch mürrisch. - -Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer lag und sagte: »Die -anderen sollen schon nicht zu kurz kommen. Ich habe selbst gedient und -kenne den Instanzenweg.« - -»Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch,« sagte Iwan Antonowitsch etwas -besänftigt. »Er mag an passender Stelle seine Order geben. An uns soll -es nicht liegen.« - -Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche und legte ihn vor Iwan -Antonowitsch hin. Dieser nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn -sofort mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf aufmerksam -machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm durch eine Kopfbewegung zu -verstehen, daß er das nicht wünsche! - -»Der da wird Euch in die Kanzlei führen!« sagte Iwan Antonowitsch, indem -er mit dem Kopfe nickte. Und einer von den anwesenden Hohenpriestern, -welcher Themis mit solchem Eifer opferte, daß seine beiden Ärmel an den -Ellenbogen geplatzt waren und das Futter aus den Löchern hervorquoll, -wofür er seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte, -übernahm die Führerrolle bei unseren Freunden, wie einst Vergil bei -Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, in der lauter breite Lehnstühle -standen, auf deren einem vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Büchern -der Präsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fühlte sich der neue -Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, daß er sich durchaus nicht -entschließen konnte, seinen Fuß über die Schwelle zu setzen. Er kehrte -daher um, indem er den Freunden seinen Rücken zuwandte, welcher -abgerieben war wie eine Bastmatte, und an dem eine Hühnerfeder klebte. -Als sie ins Zimmer traten, bemerkten sie, daß der Präsident nicht allein -war, neben ihm saß Sabakewitsch, der ganz von dem Spiegel verdeckt -wurde. Die Ankunft der Gäste entlockte den Anwesenden ein paar freudige -Rufe, und der Präsidentensessel wurde geräuschvoll beiseite geschoben. -Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen langen Ärmeln von -allen Seiten sichtbar da. Der Präsident umarmte Tschitschikow, und das -Amtszimmer hallte wieder von den Küssen der Freunde. Man erkundigte sich -gegenseitig nach dem Wohlergehen, und hierbei stellte sich heraus, daß -beide an Hexenschuß litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs -Konto setzte. Wie es schien war der Präsident von Sabakewitsch schon -über das Kaufgeschäft unterrichtet; denn er gratulierte Tschitschikow -aufs herzlichste, was unsern Helden zunächst ein wenig in Verlegenheit -setzte, besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die beiden -Verkäufer, mit denen er doch im geheimen, unter vier Augen verhandelt -hatte, sich nun Aug in Auge gegenüberstanden. Er bedankte sich indessen -beim Präsidenten und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch wandte: - -»Und wie befinden Sie sich?« - -»Gott sei Dank, ich kann nicht klagen,« sagte Sabakewitsch, und in der -Tat, er hatte wirklich keinen Grund zur Klage, eher hätte sich ein Stück -Eisen erkälten und den Husten bekommen können, als dieser wunderbar -gebaute Gutsbesitzer. - -»Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit rühmen,« sagte der -Präsident. »Ihr seliger Herr Vater war auch so stark wie Sie.« - -»Ja, der ging auch allein auf die Bärenjagd!« antwortete Sabakewitsch. - -»Mir scheint, Sie würden es auch fertig bringen, einen Bären -umzuschmeißen, wenn Sie allein mit ihm in den Kampf gerieten,« meinte -der Präsident. - -»Nein, das bringe ich doch nicht fertig,« antwortete Sabakewitsch. »Mein -seliger alter Herr war doch kräftiger als ich,« und er fuhr seufzend -fort: »Nein, heutzutage gibt's keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie -z. B. gleich mein Leben. Was ist das für ein Leben, nur so, so, lala -...« - -»Und warum ist Ihr Leben nicht schön?« fragte der Präsident. - -»Nein, schön kann man es wirklich nicht nennen,« sagte Sabakewitsch -kopfschüttelnd. »Denken Sie doch selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin -schon in den Fünfzigern und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch -nur ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwür, oder einen Furunkel -gehabt hätte .... Das nimmt sicher kein gutes Ende! Das wird sich noch -einmal rächen ...« Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr -melancholisch. - -»Daß dich der ...!« dachten fast gleichzeitig Tschitschikow und der -Präsident: »Worüber der nicht zu klagen hat!« - -»Ich habe auch einen Brief für Sie,« sagte Tschitschikow, während er -Pljuschkins Schreiben aus der Tasche zog. - -»Von wem?« fragte der Präsident. Er nahm den Brief in Empfang, -entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: »Von Pljuschkin! Existiert der -auch noch auf dieser Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch für -ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ...« - -»Ein Schweinehund!« sagte Sabakewitsch. »So ein Schuft, der läßt all -seine Leute verhungern!« - -»Gern, mit Vergnügen!« rief der Präsident, nachdem er den Brief gelesen -hatte, »ich will ihn gerne vertreten! Wann wünschen Sie den Kauf -abzuschließen? Jetzt gleich oder etwas später?« - -»Gleich!« versetzte Tschitschikow: »Ich möchte Sie sogar bitten, dafür -zu sorgen, daß es gleich _heute_ geschieht. Ich möchte nämlich schon -morgen wieder weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich gleich -mitgebracht!« - -»Das ist alles sehr schön und gut, aber Sie werden schon verzeihen: so -früh können wir Sie unmöglich fortlassen. Die Kontrakte sollen noch -heute unterschrieben werden, aber Sie werden sich schon entschließen -müssen, noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will sogleich Order -erteilen,« fuhr er fort, indem er die Tür der Kanzlei öffnete, welche -ganz voll von Beamten war, die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen -umschwärmten, wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulässig -ist: »Ist Iwan Antonowitsch hier?« - -»Ja! Hier!« antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers. - -»Er soll herkommen!« - -Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft der Leser -schon gemacht hat, erschien im Amtszimmer und machte eine devote -Verbeugung. - -»Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle diese Kaufverträge und -...« - -»Iwan Grigorjewitsch!« fiel hier Sabakewitsch ein, »bitte vergessen Sie -nicht, daß wir auch noch Zeugen brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder -Partei. Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht viel zu -tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der Anwalt, besorgt all seine -Arbeiten; einen größeren Räuber wie den gibt's auf der Welt nicht -wieder! Der Sanitätsinspektor ist auch nicht sehr beschäftigt, und ist -wahrscheinlich auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten sitzt -und Karten spielt; ach, und dann gibt's ja noch eine ganze Reihe von -Leuten, die hier in der Nähe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin -- -lauter Leute, die der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last -fallen!« - -»Richtig! Sehr richtig!« sprach der Präsident, und schickte sofort einen -Kanzleibeamten fort, um sie holen zu lassen. - -»Ich habe noch eine Bitte,« sagte Tschitschikow: »Schicken Sie doch -bitte noch nach dem Vertrauensmann einer Gutsbesitzerin, mit der ich -auch ein kleines Geschäft abgeschlossen habe -- es ist der Sohn des -Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen.« - -»Mit Vergnügen, ich will ihn gleich holen lassen!« sprach der Präsident: -»es wird alles besorgt, ich bitte Sie nur eins, geben Sie den Beamten -nichts. Meine Freunde brauchen nicht zu zahlen.« Hierauf gab er Iwan -Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht wenig zu gefallen -schien. Die Verträge schienen einen vortrefflichen Eindruck auf den -Präsidenten gemacht zu haben, besonders als er sah, daß die Kaufsumme -nahezu hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow einige Minuten -lang in die Augen und sagte schließlich: »Sehen Sie wohl, Pawel -Iwanowitsch. Sie haben also eine Akquisition gemacht!« - -»Sehr richtig!« antwortete Tschitschikow. - -»Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! Daran haben Sie sehr wohl -getan!« - -»Ja, jetzt sehe ich selbst, daß ich nichts Besseres tun konnte. Mag es -sein, wie es will, der Lebenszweck des Menschen ist noch nicht endgültig -fixiert, solange er nicht festen Fuß auf dauerndem Grunde gefaßt hat, -und noch irgend einem chimärischen Jugendideal der Freidenker nachjagt.« -Bei dieser Gelegenheit verfehlte er nicht ein paar tadelnde Worte über -die jungen Leute und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts -wegen. Aber, was sehr merkwürdig war, es lag in seinen Worten noch immer -eine gewisse Unsicherheit, wie wenn er gleich darauf zu sich sagen -wollte: >Ach was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!< Ja, er -wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und Manilow anzusehen, weil er sich -fürchtete, einem unliebsamen Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen. -Aber seine Sorge war unnütz; in Sabakewitschs Gesicht regte und rührte -sich nichts, Manilow aber war ganz hingerissen von der schönen Rede, -schüttelte bloß den Kopf vor Vergnügen, und geriet dabei in eine solche -seelische Verzücktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners zu -bemächtigen pflegt, wenn die Sängerin noch die Violine überbietet und -einen so feinen hohen Ton in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine -Vogelkehle nicht herauszubringen vermag. - -»Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch nicht, was Sie eigentlich -gekauft haben?« bemerkte Sabakewitsch. »Und Sie, Iwan Grigorjewitsch? -Fragen Sie denn garnicht, was für einen Kauf er gemacht hat? Wüßten Sie -nur, was für prächtige Leute das sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe -ihm doch auch den Wagenmacher Michejew verkauft.« - -»Wahrhaftig? Nein?« versetzte der Präsident. »Ich kenne den Michejew; -der Mann ist ein Meister in seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke -repariert. Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... Haben Sie mir -denn nicht gesagt, daß er gestorben ist? ...« - -»Wer? Michejew tot?« fragte Sabakewitsch, der auch nicht einen -Augenblick die Fassung verlor. »Sie meinen wohl seinen Bruder, der ist -allerdings tot; dieser hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der -fühlt sich noch wohler als früher. Vor kurzem hat er mir noch eine -solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal in Moskau bekommen. Der -sollte eigentlich zum Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden.« - -»Ja, Michejew ist ein Meister,« versetzte der Präsident, »ich wundere -mich eigentlich, daß Sie sich so leicht von ihm trennen konnten.« - -»Ja, wenn's nur der eine Michejew wäre! Stepan Probka, der Tischler, der -Ziegelbrenner Miluschkin, der Schuster Maksim Teljatnikow -- sie gehen -alle fort, ich habe sie alle zusammen verkauft.« Und als der Präsident -fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn es doch lauter nützliche -Leute und Handwerker seien, die er in seinem Haushalt brauchen könne, -antwortete Sabakewitsch, indem er eine gleichgültige Handbewegung -machte: »Ich weiß nicht, es ist mir mal so'ne dumme Idee in den Kopf -gekommen! Ich habe mir halt gedacht: ach was, ich verkaufe sie, und hab' -sie dann dummer Weise wirklich verkauft!« Hierauf ließ er den Kopf -hängen, wie wenn es ihn jetzt tatsächlich reute, und er fügte hinzu: »Da -wird man alt und grau und wird doch nicht klüger!« - -»Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch,« sagte der Präsident. »Wozu -kaufen Sie eigentlich Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu -Ansiedelungszwecken?« - -»Natürlich zu Ansiedelungszwecken!« - -»So, das ist freilich was andres. Und wo wollen Sie sie ansiedeln?« - -»In dem .... Im Gouvernement Cherson.« - -»O, da gibt es ausgezeichneten Boden!« sprach der Präsident, und er -sprach sich sehr lobend über die Höhe und Güte des dortigen Grases aus. - -»Und haben Sie auch Land genug?« - -»Vollkommen genug -- genau soviel, als ich brauche, um die Bauern -anzusiedeln.« - -»Gibt's dort auch einen Fluß oder nur einen Teich?« - -»Einen Fluß. Übrigens ist auch ein Teich da.« Bei diesen Worten sah -Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch an, und obwohl dieser ebenso -unbeweglich wie vorher in seiner Stellung verharrte, schien es -Tschitschikow doch, als läse er in dessen Gesichte die Worte: »Du -schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, daß dieser Teich und Fluß -und das ganze Land überhaupt existieren.« - -Während die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, erschienen allmählich -die Zeugen: der Staatsanwalt, den der Leser schon kennt und der ewig mit -dem linken Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanitätskommission, -ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die andern, die nach -Sabakewitschs Worten der Erde durch ihren Müßigang zur Last fallen. -Viele von ihnen kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen -wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man hatte nicht nur -den _Sohn_ des Oberpriesters, Pater Cyrill, sondern auch den -Oberpriester selbst herangeholt. Jeder von den Zeugen setzte seine -Unterschrift mit Aufführung all seiner Titel und Würden unter das -Dokument, der eine in runder, der andre in schräger Schrift; bei einem -dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf zu spazieren, -oder es liefen solche Lettern mit unter, wie sie im russischen Alphabet -garnicht einmal vorkommen. Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und -sicher, die Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, und in -die Bücher und wohin sich's sonst noch gehört, eingetragen, nachdem die -ein halbes Prozent betragenden Gebühren und Spesen für die Ankündigung -im Amtsblatt erhoben worden waren, sodaß Tschitschikow nur eine -Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Präsident gab sogar Order ihm -nur die Hälfte von den Gebühren anzurechnen, während die andre Hälfte -einem andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. Wie man das -fertig brachte, weiß der liebe Himmel. - -»Und nun,« sagte der Präsident, nachdem alles glücklich erledigt war, -»hätten wir das Geschäft nur noch zu begießen.« - -»Mit Vergnügen,« sagte Tschitschikow. »Ich überlasse es Ihnen, die Zeit -zu bestimmen. Es wäre eine Sünde, wenn ich meinerseits mich weigern -wollte, in so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt springen zu -lassen.« - -»Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst,« sagte -der Präsident; »das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind -unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen -wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger -Zauberkünstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung -vorübergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein -glänzendes Frühstück da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser -Gelegenheit können wir auch eine Partie Whist machen.« - -Ein solch vernünftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen -lief schon bei der bloßen Erwähnung des Fischmarktes das Wasser im Munde -zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mütze, und die Sitzung war zu -Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch -- die -Kannenschnauze -- mit einer höflichen Verbeugung zu Tschitschikow: »Sie -haben für hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur -fünfundzwanzig für meine Mühe bekommen.« - -»Ja, was sind denn das für Bauern,« flüsterte ihm Tschitschikow leise -zu: »lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die -Hälfte wert.« Iwan Antonowitsch begriff, daß er einem Mann von festem -Charakter gegenüberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen würde. - -»Wieviel hat Ihnen Pljuschkin für die Seele abgenommen?« flüsterte ihm -Sabakewitsch ins andere Ohr. - -»Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt?« antwortete ihm -Tschitschikow. - -»Welchen Sperling?« fragte Sabakewitsch. - -»Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a -geschrieben.« - -»Von diesem Sperling weiß ich nichts,« sagte Sabakewitsch und mischte -sich unter die anderen Gäste. - -Die Gäste begaben sich schließlich _in corpore_ nach dem Hause des -Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatsächlich ein Zauberkünstler; -kaum hatte er gehört, worum es sich handelte, als er schon einen -Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich -heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr -flüsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: »Hast du verstanden?«, und -schon erschienen im andern Zimmer, während die Gäste noch ihren Whist -droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Störe, Hausen, -geräucherter Lachs, frischer und gepreßter Kaviar, Hering, Wels, -allerhand Käsesorten, geräucherte Zunge -- dies wenigstens war das Menu, -soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus -dem eigenen Haushalt und der eigenen Küche stammten: eine Fischpastete, -die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Störs gefüllt -war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig, -Splittertörtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater -und der Wohltäter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Bürger ganz -wie im eigenen Familienkreise, und in den Läden oder auf dem Tuchmarkt -wußte er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war überhaupt, -wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus -dem ff heraus. Es wäre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob _er_ -für sein _Amt_ oder sein _Amt_ für _ihn_ geschaffen war. Er wußte seinen -Posten so gut auszufüllen, daß seine Einnahmen sich beinahe auf das -Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgänger erhalten hatten, und doch -war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schätzten -ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der -Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und -obwohl er sie tüchtig bluten ließ, machte er doch auch dies mit einer -ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich -auf die Schulter und lächelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein, -ließ sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus: -wie die Geschäfte gehen und wie es sonst stände; wenn er erfuhr, daß -eins der Kinder krank sei, dann wußte er gleich Rat und verschrieb ihm -die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam -er in seinem Wagen daher gefahren, um überall für Ordnung zu sorgen, -dann hatte er immer für den einen oder andern das rechte Wort bereit: -»Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.« --- »Freilich, Alexei Iwanowitsch,« antwortet dieser und zieht die Mütze, -»freilich sollten wir!« »Hör doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu -mir und sieh dir mein Rennpferd an; das läuft noch schneller als das -deine; laß es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann -wollen wir sehen!« Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war, -lächelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und -sagte: »Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch!« Selbst die -Ladendiener nahmen hierbei ihre Mützen ab und sahen sich vergnügt an, -wie wenn sie sagen wollten: »Alexei Antonowitsch ist doch ein prächtiger -Mensch!« Mit einem Wort, er war sehr populär, und die Kaufleute hatten -eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: »Alexei Antonowitsch nimmt -zwar ein bissel viel, dafür hält er aber auch sein Wort.« - -Als der Polizeimeister sich überzeugte, daß das Frühstück fertig sei, -forderte er seine Gäste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle -begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer -Geruch bis in die Nebengemächer verbreitete. Dieser Geruch hatte die -Nasen unserer Gäste schon längst in angenehmer Weise gekitzelt, und -Sabakewitsch schielte fortwährend durch die Türe nach dem Tisch, da er -bereits von dem Stör Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem -großen Teller lag. Nachdem die Gäste erst einen Likör von jener -dunkelgrünen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den -durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in -Rußland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln -bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt, -der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte, -indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter -an den Käse heranmachte. Sabakewitsch würdigte indessen all diese -Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nächster Nachbarschaft -vom Stör ein; während jene aßen, tranken und sich unterhielten, -verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde völlig ein, und als -der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: »Und -was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren!« zugleich die -andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den -Stör hintrat, da merkte er, daß von dem Naturprodukt nur noch der -Schwanz übrig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die -Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von -den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen -getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Stör verarbeitet hatte, -ließ sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und aß und trank von da -ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der -Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der -erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf -das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite -galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glücklichen Ansiedlung. -Dann trank man auf die Gesundheit seiner künftigen reizenden Ehehälfte, -was unserm Helden ein freundliches Lächeln entlockte. Dann drängten sich -alle um ihn und suchten ihn zu überreden, daß er doch noch wenigstens -zwei Wochen in der Stadt bleiben möge. »Nein, Pawel Iwanowitsch! Das -hieße ja die Wohnung kalt werden lassen: über die Schwelle und gleich -wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen -Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir -verschaffen ihm eine Frau?« - -»Ja, ja, eine Frau!« fiel der Präsident ein, »sträuben Sie sich mit -Händen und Füßen, soviel Sie wollen, Sie werden doch verheiratet! Nichts -da, mein Bester! Mitgefangen, mitgehangen! Da dürfen Sie sich nicht -beklagen, wir lieben nicht zu spaßen!« - -»Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Händen und Füßen dagegen stemmen? -Die Heirat ist doch nicht solch eine Sache, daß man darüber gleich ... -Wenn nur eine Braut da wäre.« - -»Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie nicht? Es wird sich -alles finden, alles was Sie nur wollen.« - -»Nun, unter diesen Umständen ...« - -»Bravo, er bleibt!« schrieen alle: »Vivat Hurrah! Pawel Iwanowitsch, -Hurrah!« Und alle traten mit den Gläsern in der Hand auf Tschitschikow -zu, um mit ihm anzustoßen. Tschitschikow stieß mit allen an. - -»Nein, noch einmal!« sagten die Tollsten, und die Gläser mußten noch -einmal erklingen; ja sie wollten noch zum dritten Mal anstoßen, und so -machte man es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden alle -außerordentlich lustig. Der Präsident, welcher in angeheitertem Zustande -ein äußerst lieber Mensch war, schloß Tschitschikow mehrmals in seine -Arme und stammelte im Übermaß seines Gefühles: »Mein liebes Herz, mein -liebes Mamachen!« Ja, er knipste sogar mit den Fingern und begann um -Tschitschikow herumzutanzen, wobei er das bekannte Volkslied anstimmte: -»Ach du Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk.« Nach dem Sekt ging man zu -den Ungarweinen über, welche die Stimmung noch mehr hoben und noch mehr -zur Erheiterung der Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar -vergessen: man schrie, man zankte, man unterhielt sich über alle -möglichen und unmöglichen Dinge -- über Politik, ja sogar über -militärische Fragen, man führte freie Reden, für die ein jeder unter -gewöhnlichen Umständen seine eigenen Kinder durchgeprügelt hätte. Bei -dieser Gelegenheit wurde eine ganze Reihe höchst schwieriger Probleme -zur Lösung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie so froh und -heiter gefühlt, er kam sich tatsächlich schon als Chersonscher -Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand wirtschaftlichen Neuerungen und -Verbesserungen, von dem Dreifeldersystem, von dem Glück und der -Seligkeit zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine gereimte -Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu jener nur mit den Augen -blinzelte, denn er saß in seinem Lehnstuhl und fühlte nach dem Stör eine -starke Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst ein, daß er -sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er erkundigte sich, ob er -nicht einen Wagen bekommen könne und benutzte schließlich die Equipage -des Staatsanwalts, um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, wie es -sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter Wagenlenker, denn er hielt -die Zügel in der einen Hand, während er die andere zurückstreckte, um -den bedenklich hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. So -langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im Gasthof an, wo er noch lange -Zeit allerhand tolles Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten -Backen und einem Grübchen auf der rechten Wange, von Chersonschen -Gütern, Kapitalien und dergleichen mehr. Seliphan erhielt sogar -verschiedene Aufträge, die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so -sollte er zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen und -jeden einzeln aufrufen. Seliphan hörte lange schweigend zu und verließ -dann das Zimmer, nachdem er zu Petruschka gesagt hatte: »Geh, kleide den -Herrn aus!« Petruschka versuchte es zunächst, Tschitschikow die Stiefel -auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom Bette heruntergezogen -hätte. Schließlich war er damit fertig, der Herr entkleidete sich, wie -es sich gehört, wälzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum, -welches gewaltig krachte und ächzte, und schlief tatsächlich als -Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen trug Petruschka die Hosen und -den preißelbeerfarbenen Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus, -hängte sie über den hölzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie so -kräftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbürste, daß der ganze Korridor -in eine Staubwolke gehüllt zu sein schien. Als er die Kleider oben -herunternehmen wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der -soeben aus dem Stall zurückkehrte. Ihre Augen begegneten sich, und sie -verstanden sich sofort wie durch einen gewissen Instinkt: der Herr -schlief, warum sollte man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen -Besuch abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen schnell wieder -ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, und beide machten sich, ohne ein -Wort über ihr eigentliches Reiseziel zu verlieren, unter ganz -gleichgültigen Gesprächen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm nicht -allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen bloß über die Straße, bewegten -sich auf ein Haus zu, das dem Gasthof gerade gegenüberlag, und traten -durch eine niedrige rauchgeschwärzte Glastür, die in eine Art Kellerraum -führte, in das Lokal, wo schon eine ganze Gesellschaft von allerhand -Leuten ihrer wartete: da gab's Rasierte und Unrasierte, Männer mit -Pelzen und ohne solche, im bloßen Hemd und hie und da auch einen in -einem Mantel. Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, -- -weiß nur der liebe Gott; genug sie kamen nach einer Stunde Arm in Arm -und stumm wieder heraus, wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein -schienen und sich gegenseitig auf jede Straßenecke aufmerksam machten. -Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in Arm und ohne -einander auch nur einen Augenblick loszulassen, die Treppe hinauf, bis -auch dies Hindernis genommen war und sie oben anlangten. Petruschka -blieb einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still erwägend, -wie er sich wohl am besten darin plazieren könnte, dann legte er sich -quer darüber, sodaß seine Füße den Fußboden berührten. Seliphan stieg in -dasselbe Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch legte; er -hatte ganz vergessen, daß dies ja nicht seine eigentliche Schlafstätte, -und daß sein Platz irgendwo in der Bedientenstube oder im Stall bei den -Pferden war. Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von -gewaltiger Kraft und Stärke anstimmten, dem ihr Herr mit seinem feinen -Zephyrsäuseln durch die Nase sekundierte. Bald darauf wurde es auch im -ganzen Gasthofe still, und ein tiefer Schlaf bemächtigte sich aller -Bewohner; nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher -Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus Rjasan, der eine -große Leidenschaft für Stiefel zu haben schien, denn er hatte sich -bereits vier Paar Schuhe bestellt, und ließ sich nun schon das fünfte -Paar anmessen. Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel -auszuziehen und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht dazu -entschließen: die Stiefel saßen wirklich vorzüglich und immer wieder hob -er den Fuß in die Höhe und betrachtete wohlgefällig den schneidigen, -wunderbar geformten Absatz. - - - Achtes Kapitel - -Tschitschikows Einkäufe waren bereits der Gegenstand des Stadtgespräches -geworden. Man stritt, man unterhielt sich und debattierte darüber, ob es -vorteilhaft sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. Viele von -diesen Debatten zeichneten sich durch Gründlichkeit und Sachlichkeit -aus: »Natürlich ist das so,« sagten die einen, »das läßt sich nicht -bestreiten, der Boden ist in den südlichen Gouvernements wirklich gut -und sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern ohne Wasser -anfangen? da gibt's doch gar keine Flüsse.« -- »Das wäre noch nicht -schlimm, daß es kein Wasser gibt, das macht noch nichts, Stepan -Dimitrwejewitsch; aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache. -Man weiß ja, wie so'n Bauer ist: da wird er auf eine ganz jungfräuliche -Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau treiben -- und dabei ist -nichts da -- weder Haus noch Hof -- ich sag Ihnen, der läuft davon, das -ist so sicher wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an, -macht daß er fortkommt, dann können Sie lange suchen, bis Sie ihn -finden!« -- »Nein, erlauben Sie mal, Alexei Iwanowitsch, ich bin -durchaus nicht Ihrer Ansicht, wenn Sie sagen, die Bauern werden dem -Tschitschikow davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fähig und -gewöhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme -Handschuhe, dann können Sie ihn schicken, wohin Sie wollen, meinetwegen -bis nach Kamtschatka, der läuft ein bißchen herum, bis er warm ist, -nimmt die Axt und baut sich eine neue Hütte.« »Aber lieber Iwan -Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du hast garnicht -berücksichtigt, was das für Leute sind, die Tschitschikow da gekauft -hat. Du vergißt ganz, daß ein Gutsbesitzer doch einen tüchtigen Kerl -nicht so leicht ziehen läßt, ich möchte meinen Kopf dafür geben, daß das -lauter Säufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue Leute sind.« -- -»Schon gut, das gebe ich zu, das ist freilich richtig, daß niemand einen -tüchtigen Kerl verkaufen wird, und daß Tschitschikows Leute -wahrscheinlich größtenteils Trinker sind, aber man muß doch beachten, -daß ja gerade dies die Moral von der Geschichte ist: jetzt sind es -vielleicht lauter Taugenichtse, wenn man sie aber ansiedelt, können -plötzlich brave und tüchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch -nicht der erste Präzedenzfall in der Welt und in der Geschichte.« »Nie --- niemals,« versetzte der Verwalter der Staatsfabriken: »glauben Sie -mir, das kann niemals passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden -sich jetzt zwei mächtige Feinde erheben. Der eine Feind -- das ist die -Nähe der kleinrussischen Gouvernements, wo, wie bekannt, der -Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere Ihnen, in zwei Wochen werden -sie dem Suff verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der zweite -Feind -- das ist die Gewohnheit und der Hang zum Vagabundenleben, den -sich die Bauern durch die Übersiedelung erwerben werden. Es müßte denn -sein, daß Tschitschikow sie beständig im Auge behält und beaufsichtigt, -er müßte sie sehr streng behandeln, für jede Kleinigkeit hart bestrafen -und sich dabei nicht etwa auf einen anderen verlassen, sondern selbst -überall, wo es nötig ist, Püffe und Maulschellen austeilen.« -- »Wozu -soll Tschitschikow denn die Püffe selbst austeilen? Dazu kann er sich -doch einen Verwalter nehmen.« -- »Ja finden Sie gefälligst einen guten -Verwalter? Das sind lauter Gauner und Halunken!« -- »Sie sind nur darum -Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig anzustellen wissen.« -- -»Das ist richtig,« fielen hier viele ein. -- »Wenn der Gutsherr nun -selbst etwas von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt -- -dann wird er immer einen tüchtigen Verwalter finden.« Aber der Direktor -der Staatsfabriken wandte ein, für weniger als 5000 Rubel könne man -keinen guten Verwalter finden. Dagegen bemerkte der Präsident, man könne -auch schon für 3000 einen haben, worauf der Direktor erklärte: »Wo -wollen Sie ihn denn hernehmen? Sie können ihn sich doch nicht aus der -Nase ziehen?« worauf der Präsident versetzte: »Aus der Nase freilich -nicht, nein, aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nämlich -Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, wie ihn -Tschitschikow für seine Bauern braucht!« Viele versuchten sich in -Tschitschikows Lage zu versetzen, und die große Schwierigkeit, eine -solche Menge von Bauern in einem fremden Lande anzusiedeln, erfüllte sie -mit Angst und Besorgnis; jemand äußerte sogar die Befürchtung, es könne -noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen Elementen, wie die Bauern -Tschitschikows es wären, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister, -einen Aufruhr brauche man nicht zu befürchten; um dies zu verhindern, -gebe es ja Gottlob eine Macht: nämlich den Kreisrichter; der -Kreisrichter brauche sich nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu -begeben, sondern nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut würde schon -genügen, um die Bauern zur Raison zu bringen, sodaß sie sich zerstreuen -und ruhig nach Hause gehen würden. Viele äußerten ihre Ansichten und -machten Vorschläge, wie der aufrührerische Geist niederzuhalten sei, der -Tschitschikows Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darüber gingen recht -weit auseinander. Es gab solche, die sich gar zu sehr durch eine gewisse -militärische Strenge und überflüssige Grausamkeit auszeichneten, und -dann wieder andere, welche eine gewisse Milde ausströmten. Der -Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe sich jetzt einer -heiligen Pflicht gegenüber; er könne gewissermaßen der Vater seiner -Bauern werden, und, wie er sich auszudrücken beliebte, eine wohltuende -Aufklärung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterließ er -es nicht, sich höchst lobend über die Lancastersche Methode des -gegenseitigen Unterrichts zu äußern. - -So redete und disputierte man in der Stadt, und viele teilten -Tschitschikow aus persönlichem Interesse ihre Ansicht mit, gaben ihm -gute Ratschläge und boten ihm sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch -sicher an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Für die Ratschläge -dankte Tschitschikow höflichst, indem er versprach, sie bei Gelegenheit -zu verwerten, dagegen verzichtete er sehr entschieden auf die Eskorte -und erklärte, sie sei vollständig überflüssig; die von ihm gekauften -Bauern hätten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. Sie würden -den Umzug bereitwilligst mitmachen und begrüßten ihn sogar freudig. Von -einem Aufruhr könne überhaupt nicht die Rede sein. - -All diese Gespräche und Unterhaltungen hatten indessen für Tschitschikow -die allergünstigsten Folgen, die er für sich nur erhoffen konnte. Es -verbreitete sich nämlich das Gerücht, er sei nicht mehr und nicht -weniger als ein Millionär. Die Stadtbewohner hatten, wie wir schon im -ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow auch ohnedies in ihr Herz -geschlossen. Nach diesen Gerüchten aber gewannen sie ihn noch weit -lieber. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave, -gutmütige Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf -freundschaftlichem Fuße miteinander lebten, und ihre Unterhaltungen -trugen den Stempel ganz besonderer Treuherzigkeit und Milde: »Lieber -Freund, Ilja Iljitsch!« »Hör mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester!« -»Du schwindelst, Mütterchen, Iwan Grigorowitsch!« Zum Postmeister, der -Iwan Andrejewitsch hieß, pflegte man gewöhnlich zu sagen: »Sprechen Sie -deutsch, Iwan Andreitsch?« - -Mit einem Wort, es ging dort sehr familiär zu. Viele waren nicht ganz -ohne Bildung: der Gerichtspräsident kannte sogar die »Ludmilla« von -Shukowski auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der Neuheit -hatte, und er trug manche Stellen daraus geradezu meisterhaft vor, so -zum Beispiel den Vers: »Es schläft der Wald, die Täler schlummern«, ganz -besonders schön aber klang das Wort »hu« in seinem Munde, sodaß man -tatsächlich zu sehen glaubte, wie die Täler schlummerten; um die -Ähnlichkeit noch vollkommener zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit -auch noch die Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der -Philosophie zu und las ganze Nächte hindurch sehr fleißig in Youngs -»Nächten«, sowie im »Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur« von -Eckartshausen, aus dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich -bezogen, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. Übrigens war -er ein großer Witzbold, er hatte eine überaus blühende Sprache und -liebte es, wie er sich selbst ausdrückte, seine Rede »auszuschmücken«. -Und zwar schmückte er seine Reden mit einer Menge von Flickworten aus, -als da sind: »Lieber Herr, so und so, wissen Sie, verstehen Sie, können -Sie sich vorstellen, gewissermaßen, sozusagen« und andre mehr, mit denen -er nur so um sich warf; ferner schmückte er seine Reden noch recht -geschickt durch ein verständnisinniges Augenblinzeln aus, oder indem er -das eine Auge ganz zukniff, womit er vielen von seinen satirischen -Anspielungen einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die übrigen -Herren waren meist recht gebildete und aufgeklärte Leute: der eine las -Karamsin, der andre die »Moskauer Nachrichten« und ein dritter las sogar -überhaupt _nichts_. Der eine war was man eine Schlafmütze zu nennen -pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst einen kräftigen Rippenstoß -geben muß, wenn man ihn zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz -einfach ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Bärenhaut lag -und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen wäre, ihn überhaupt -aufzurütteln, da er ja doch nicht aufgestanden wäre. Was ihr Äußeres -anbelangt, so waren sie natürlich alle hübsche, stattliche, -vertraueneinflößende Leute -- einen Schwindsüchtigen gab es unter ihnen -nicht. Sie gehörten alle zu jener Menschengattung, welcher die Frauen in -zärtlichen Schäferstündchen unter vier Augen Namen wie die folgenden zu -geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, mein -Schnudelchen, mein Tönnchen, mein Moppelchen usw. Aber im allgemeinen -war es ein guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein -Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen Abend mit ihnen am -Whisttisch verbracht hatte, kam ihnen sehr schnell nahe und wurde -gewissermaßen einer der ihren. -- Dies traf aber noch mehr auf -Tschitschikow mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er kannte wirklich -das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie schlossen ihn so in ihr Herz, -daß er garnicht wußte, wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er -hörte immer nur: »Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine -einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch« -- mit einem Worte, er wurde -geradezu auf Händen getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber -unvergleichlich viel stärker und bedeutender, ja höchst erstaunlich und -wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um -das einigermaßen verständlich zu machen, müßten wir eigentlich -mancherlei über die Damen selbst sagen, über ihre Gesellschaften usw., -müßten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit lebendigen -leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird dem Autor sehr schwer. -Einerseits hält ihn seine unbegrenzte Achtung und Ehrfurcht vor den -Gattinnen der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... ja -andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. Die Damen der Stadt -N. waren ... nein es geht unmöglich: tatsächlich, ich habe Angst. -- Was -an den Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... Nein, es ist zu -seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, wie wenn sie ein Bleiklumpen -wäre. Also gut: ich werde es wohl schon einem andern überlassen müssen, -der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden Farben auf seiner -Palette hat, als ich, ihren Charakter zu schildern; wir werden uns -darauf beschränken müssen, zwei, drei Worte über ihr Äußeres und das, -was gewissermaßen mehr an der Oberfläche liegt, zu sagen. Die Damen der -Stadt N. waren das, was man präsentabel nennt, und in dieser Beziehung -dürften alle Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen, -was guten Ton, Etikette und jene feinsten und zartesten Gebote des -Anstands anbelangt, vor allem was die Beobachtung der Mode in ihren -letzten Einzelheiten anbetrifft, so waren sie hierin selbst den -Petersburger und Moskauer Damen um eine Ellenlänge voraus. Sie kleideten -sich mit großem Geschmack, fuhren in schönen Equipagen durch die Stadt: -wie die letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai mit -goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. Eine -Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf einer Treff-Zwei oder einem -Karo-Aß stand, eine heilige Sache. Zwei Damen, die vordem große -Freundinnen und Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer -Visitenkarte ganz auseinander -- eine von ihnen hatte es nämlich -unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. Und so sehr sich -ihre Männer und Verwandten nachher bemühten, sie wieder zu versöhnen, es -war vergebens -- es stellte sich vielmehr heraus, daß alles auf der Welt -möglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu versöhnen, die sich -wegen eines unterlassenen Gegenbesuches verfeindet haben. Die Damen -verharrten also in »gegenseitiger Abneigung«, wie sich die Gesellschaft -der Stadt ausdrückte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebühre, gab es -auch eine Menge äußerst erregter Auftritte, welche in den Herren oftmals -höchst erhabene und ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschützerrolle -entstehen ließen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natürlich nicht, -weil sie alle Zivilbeamte waren; dafür aber suchten sie einander etwas -am Zeuge zu flicken, wo sie nur konnten, was bekanntlich unter Umständen -weit schwieriger ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen der -Stadt N. sehr streng und voll edler Entrüstung gegen alle Laster und -Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig jede Schwäche, wo sie nur -eine solche wahrnahmen. Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam, -was man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im -Geheimen ab, und niemand ließ sich merken, was eigentlich vorgegangen -war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. Selbst der Mann wurde rechtzeitig -vorbereitet, sodaß er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte oder -davon hörte, kurz und bündig antworten konnte: »Was ich nicht weiß, -macht mich nicht heiß,« wie das Sprichwort sagt. Hier muß noch erwähnt -werden, daß die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger -Gefährtinnen stets einer großen Vorsicht und eines sicheren Taktes in -Worten und Ausdrücken befleißigten. Niemals hörte man sie sagen: »Ich -habe mich geschneuzt.« »Ich schwitze.« »Ich habe ausgespuckt,« sondern -sie drückten sich stattdessen folgendermaßen aus: »Ich habe mir die Nase -geputzt« oder »Ich habe von meinem Taschentuch Gebrauch gemacht.« Unter -keinen Umständen aber durfte man sagen: »Dieses Glas oder dieser Teller -stinkt.« Ja, man durfte nicht einmal etwas sagen, was wie eine -Anspielung darauf erscheinen konnte, sondern, man wählte stattdessen -einen Ausdruck wie den folgenden: »Dieses Glas benimmt sich nicht gut« -oder sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache noch mehr zu -veredeln, wurde nahezu die Hälfte aller Worte aus dem Sprachgebrauch -verbannt, weswegen man sehr oft seine Zuflucht zum Französischen nehmen -mußte. Das war dann eine ganz andere Sache. Im Französischen waren noch -ganz andere, weit kräftigere Worte gestattet als die oben erwähnten. Das -also ist es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflächlich -gesprochen, sagen läßt. Freilich, wenn man etwas tiefer hineinblickte, -so würden noch ganz andere Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr -gefährlich, zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe also an der -Oberfläche und fahre fort. Bis dahin hatten alle Damen merkwürdigerweise -nur wenig von Tschitschikow gesprochen, obwohl sie ihm natürlich, was -seine angenehmen und weltmännischen Umgangsformen anbelangt, volle -Gerechtigkeit widerfahren ließen. Aber seitdem sich das Gerücht von -seinen Millionen verbreitet hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf -seine sonstigen Eigenschaften gelenkt. Übrigens waren unsere Damen -keineswegs eigennützig oder gar habgierig. An alledem war nur das Wort -Millionär -- nicht der Millionär selbst, sondern eben das Wort allein -schuld; denn in dem bloßen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung -auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, welches in gleicher -Weise auf die Schurken wie auf die guten Menschen und auch die, welche -weder das eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; mit -einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. Der Millionär hat den -Vorzug, daß er die ganz uneigennützige Niedertracht, die reine -Niedertracht, die auf keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht, -vortrefflich beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, daß sie -nichts von ihm bekommen werden und auch gar keinen Anspruch darauf -haben, und doch laufen sie vor ihm her, lächeln ihm freundlich zu, -nehmen den Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu einem -Mittagessen, an dem der Millionär teilnehmen wird. Man kann nicht sagen, -daß diese sanfte Hinneigung zur Niedertracht auch von den Damen geteilt -wurde. Allein man fing doch in vielen Salons an, darüber zu reden, daß -Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schönheit, aber doch ein stattlicher -Mann sei, wie er sein soll, und daß er schon nicht mehr so hübsch wäre, -wenn er auch nur ein ganz klein wenig dicker und voller wäre. Bei dieser -Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende Worte über die -dünnen Männer: das seien ja eigentlich Zahnstocher und keine Männer. An -den Toiletten der Damen konnte man auch allerhand Ergänzungen -wahrnehmen. Auf dem Tuchmarkt herrschte ein großes Gedränge, man schob -und stieß sich dort geradezu. Es war die reinste Kirmeß. Soviel -Equipagen reihten sich aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie -sahen, daß ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe mitgebracht und -wegen ihres allzu hohen Preises bisher nicht hatten loswerden können, -eine gesuchte Ware wurden und reißenden Absatz fanden. Während des -Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten am Kleide eine -Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, daß er die ganze Kirche -einnahm, und daß der anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen -mußte, Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurückzuziehen, um das -Kleid der Gnädigen nicht zu beschädigen. Auch Tschitschikow mußte -schließlich etwas von der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit auffallen, die -ihm gezollt wurde. Als er eines schönen Tages zu sich nach Hause kam, -fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es ließ sich durchaus nicht -herausbekommen, von wem er stammte und wer ihn gebracht habe: Der -Kellner erzählte, der Überbringer habe ihm verboten, zu sagen, wer der -Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt und entschlossen an und zwar -folgendermaßen: »Nein, ich muß dir schreiben!« Dann war davon die Rede, -daß es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und diese Wahrheit fand -ihre Bekräftigung in einer Reihe von Punkten und Gedankenstrichen, -welche beinahe eine halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige -Sentenzen, deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, daß -wir es fast für unsere Pflicht halten, sie hier anzuführen: »Was ist -unser Leben? -- Ein Tal, in dem sich unsere Leiden angesiedelt haben. -Was ist die Welt? -- Ein Haufen von Menschen, der nichts empfindet.« -Hierauf erwähnte die Schreiberin, daß sie die Briefe ihrer zärtlichen -Mutter, welche seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr auf der Welt sei, -mit Tränen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in eine Wüste zu -folgen und die Stadt für immer zu verlassen, wo die Menschen in der -Gefangenschaft geistiger Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende -des Briefes strömte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, und folgende -Zeilen bildeten den Abschluß: - - Zwei Turteltäubchen bringen - Dich flugs zum Grabesstein, - Sie werden girren und singen - Dir von meiner Todespein. - -In der letzten Zeile war zwar das Versmaß nicht ganz in Ordnung, aber -das machte nichts: der Brief war ganz im Geiste der damaligen Zeit. Auch -fehlte die Unterschrift, der Vor- und Familienname, selbst Datum und -Jahreszahl fehlten. In einem Postskriptum hieß es bloß, Tschitschikows -eigenes Herz müsse die Schreiberin des Briefes erraten, und auf dem Ball -des Gouverneurs, der morgen stattfinde, werde das Original persönlich -zugegen sein. - -Das war alles sehr interessant. In der Anonymität lag soviel Reiz und -Lockung, soviel was die Neugierde herausforderte, daß Tschitschikow den -Brief noch ein zweites und drittes Mal überlas und schließlich ausrief: -»Es wäre doch höchst interessant, zu erfahren, wer eigentlich die -Schreiberin ist!« Mit einem Wort, die Sache begann ersichtlich eine -ernste Wendung zu nehmen; mehr als eine Stunde sann er über sein -seltsames Abenteuer nach, dann machte er eine nachlässige Gebärde, ließ -den Kopf herabsinken und murmelte: »Der Brief hat doch etwas -außerordentlich Geziertes!« Hierauf wurde der Bogen, wie sich das von -selbst versteht, sorgfältig zusammengefaltet und in die Schatulle -gelegt, wo er in nächster Nachbarschaft mit einem Theaterzettel und -einer Hochzeitseinladung zu liegen kam, welche nun schon sieben Jahre -unberührt auf demselben Flecke lag. Bald darauf brachte man ihm -tatsächlich eine Einladung zum Ball beim Gouverneur. Das ist in -Provinzstädten etwas sehr Gewöhnliches: wo es einen Gouverneur gibt, da -muß es auch Bälle geben, sonst könnte es der Adel leicht an der -gebührenden Liebe und Achtung fehlen lassen. - -Er ließ nun sofort alles nicht zur Sache Gehörige liegen und machte sich -davon frei, um sich voll und ganz den Vorbereitungen zum Balle zu -widmen; denn dazu gab's so manchen Sporn und Stachel. Dafür ist aber -wohl auch noch nie seit Erschaffung der Welt soviel Zeit und Sorgfalt -auf die Toilette verwendet worden. Die Besichtigung und Prüfung des -eigenen Angesichts vor dem Spiegel nahm allein eine ganze Stunde in -Anspruch. Er versuchte es, seinem Antlitz eine ganze Reihe und Skala -verschiedenartigster Ausdrücke zu verleihen: bald sollte es Ernst und -Würde, bald eine gewisse durch ein Lächeln gemilderte Achtung, bald -wieder nur Achtung ohne jedes Lächeln widerspiegeln; dann verbeugte er -sich einige Male vor dem Spiegel, welche Bewegung von einigen -unartikulierten Lauten begleitet wurde, die einige Ähnlichkeit mit -französischen Worten hatten, obwohl Tschitschikow absolut kein -Französisch verstand. Hierbei bereitete er sich selbst eine Menge höchst -angenehmer Überraschungen, zwinkerte sich mit den Augenbrauen und den -Lippen zu und bewegte sogar die Zunge ein paar Mal hin und her; du -lieber Gott, was macht man nicht alles, wenn man mit sich allein und -sich bewußt ist, daß man ein schöner Mann ist, und noch dazu die sichere -Überzeugung hat, daß niemand durch das Schlüsselloch guckt. Endlich -kraute er sich noch ein bißchen am Kinn und sagte: »Ei, ei, du kleiner -Bullenbeißer!« und begann sich anzuziehen. Während dieses Prozesses -befand er sich die ganze Zeit über in der glücklichsten Stimmung: wenn -er die Hosenträger anlegte, oder sich den Schlips umband, machte er -Kratzfüße, anmutige Verbeugungen und sogar einen Luftsprung, obwohl er -nie tanzen gelernt hatte. Dieser Luftsprung hatte nun allerdings einige -Folgen, die übrigens recht harmloser Natur waren: die Kommode fing an zu -zittern, und die Kleiderbürste fiel vom Tisch herunter. - -Sein Erscheinen auf dem Ball machte einen ganz außerordentlichen -Eindruck. Alle Anwesenden eilten ihm entgegen -- der eine hatte noch ein -Spiel Karten in der Hand, ein anderer brach das Gespräch am -interessantesten Punkte ab, als er gerade sagte: »Und denken Sie, -hierauf erwiderte das Kreisgericht ...« Was das Kreisgericht eigentlich -erwiderte, führte er gar nicht mehr aus, und stürmte auf unseren Helden -los, um ihn zu begrüßen: »Pawel Iwanowitsch!« »O, mein Gott, Pawel -Iwanowitsch!« »Lieber Pawel Iwanowitsch!« »Verehrtester Pawel -Iwanowitsch!« »Pawel Iwanowitsch, Herzchen!« »Da sind Sie ja Pawel -Iwanowitsch!« »Da ist er, _unser_ Pawel Iwanowitsch!« »Lassen Sie sich -umarmen, Pawel Iwanowitsch!« »Her mit ihm, seien Sie recht herzlich -geküßt, mein teurer Pawel Iwanowitsch!« Tschitschikow fühlte, wie er -fast gleichzeitig von mehreren umarmt wurde. Er hatte noch nicht Zeit, -sich aus der Umarmung des Gerichtspräsidenten zu befreien, als ihn schon -der Polizeimeister in _seine_ Arme schloß, dieser gab ihn an den -Inspektor des Sanitätswesens weiter, der Inspektor an den -Branntweinpächter, der Branntweinpächter an den Stadtbaumeister .... Der -Gouverneur, der währenddessen mit ein paar Damen zusammenstand und in -der einen Hand einen Zettel aus einer Bonbonniere, in der andern ein -Bologneserhündchen hielt, ließ, als er Tschitschikow erblickte, beides --- Zettel und Hündchen -- auf den Boden fallen, sodaß das Hündchen laut -aufheulte ... mit einem Wort, der Ankömmling verbreitete Heiterkeit und -Freude um sich her. Es gab kein Gesicht, das nicht vor Vergnügen -strahlte, oder doch wenigstens etwas von der allgemeinen Freude -widerspiegelte. So glänzen die Gesichter der Beamten während des Besuchs -ihres Chefs, der gekommen ist, die ihrer Leitung unterstehenden Ressorts -zu inspizieren; nachdem der erste Schreck vorüber ist, bemerken sie, daß -manches seinen Beifall findet, ja daß er sich sogar leutselig zu einem -kleinen Scherz herabläßt, d. h. ein paar Worte sagt und angenehm dazu -lächelt -- und nun lachen die ihn umringenden, ihm zunächst stehenden -Beamten doppelt herzlich, und ebenso herzlich lachen jene, die zwar die -gesprochenen Worte kaum gehört und noch weniger verstanden haben, ja -selbst der weit abseits an der Tür stehende Polizist, der noch nie in -seinem Leben gelacht, und eben erst dem Volke die Faust gezeigt hat -- -selbst er verzieht nach den unwandelbaren Gesetzen der Reflexion und der -Nachahmung sein Gesicht zu einem Lächeln, welches aber so wenig -Ähnlichkeit mit einem Lächeln hat, daß man eher meinen könnte, er habe -eine starke Prise genommen und müsse nun niesen. Unser Held beglückte -alle und jeden einzelnen mit einer Antwort und fühlte sich ganz -außergewöhnlich leicht und sicher: er verneigte sich nach rechts und -nach links, und zwar etwas seitwärts, wie das seine Gewohnheit war, aber -doch so ungezwungen, daß er alle Anwesenden entzückte. Die Damen -umringten ihn sogleich wie eine glänzende Girlande und hüllten ihn in -eine Wolke von Wohlgerüchen aller Art ein: die eine roch nach Rosen, die -andere brachte den Duft von Veilchen und Frühling mit, die dritte -strömte einen starken Resedaduft aus. Tschitschikow hob bloß die Nase -und zog den süßen Duft ein. In ihren Toiletten entwickelten sie -unendlich viel Geschmack; die Farben ihrer Mousselin-, Atlas- und -Tüllstoffe waren von einer so modernen Blässe und Mattigkeit, daß es -schwer wäre, auch nur einen Namen für jede Nuance zu finden -- eine -solche Höhe und Feinheit hatte Kultur und Geschmack hier erreicht! -Schleifen, Bänder und Blumensträuße umflatterten die Kleider in -malerischer Unordnung, obwohl an dieser Unordnung manch ordentlicher -Kopf sich viele Stunden abgemüht hatte. Der leichte Kopfputz ruhte -allein auf den Ohren und schien sagen zu wollen: »Halt! Ich fliege fort! -Schade nur, daß ich meine Schöne nicht mit mir forttragen kann!« Sie -hatten alle stark und eng geschnürte Taillen, welche dem Auge feste und -angenehme Formen darboten. (Bei dieser Gelegenheit muß ich erwähnen, daß -alle Damen der Stadt N. sich durch eine gewisse Fülle auszeichneten, -aber sie verstanden es, sich so kunstvoll zu schnüren und hatten dabei -so angenehme Umgangsformen, daß man es ihnen garnicht anmerkte, daß sie -dick waren). Alles war bei ihnen wohldurchdacht und zeugte von Umsicht -und Ueberlegung: der Hals und die Schultern waren nur gerade so weit -entblößt, als es unumgänglich notwendig war, auch nicht um einen Zoll -weiter: eine jede zeigte von ihren Besitzungen nur gerade soviel, als -nach ihrem eigenen Gefühl und ihrer Überzeugung nötig war, um einen Mann -zugrunde zu richten; der Rest war mit großem Takt und Geschmack verhüllt -und zugedeckt: irgend ein leichtes Halstuch aus einem Band, das noch -leichter und luftiger war, als jenes Gebäck, welches unter dem Namen -»Baiser« oder »Kuß« bekannt ist, schlang sich ätherisch um den Hals, -oder es ragte im Nacken unter dem Kleide eine kleine Spitzenwand aus -feinem Battist hervor, die man bei uns zu Lande »Sittenschild« zu nennen -pflegt. Diese Spitzenwand bedeckte vorn und hinten all das, was zwar -keinen Mann mehr zugrunde richten konnte, doch aber den Argwohn rege -hielt, daß gerade hier das eigentliche Verderben lauere. Lange -Handschuhe, die nicht ganz bis zu den Ärmeln reichten, ließen die -reizenden Teile des Armes oberhalb des Ellenbogens frei, welche bei -vielen eine beneidenswerte Fülle erkennen ließen; bei manchen waren die -Glacéhandschuhe sogar geplatzt, da sie zu hoch hinaufgeschoben waren -- -mit einem Wort, es war so, als ob ein jedes Ding hätte sagen wollen: -»Nein, dies ist keine Provinz, das ist Paris!« Nur hie und da guckte -plötzlich eine Haube, wie noch nie ein Mensch sie gesehen hat, oder eine -Pfauenfeder, oder sonst was, das jeder Mode Hohn sprach und einer -Eingebung des eigensten Geschmackes entsprang, hervor. Aber ohne das -geht es halt nicht ab -- das ist nun einmal die Eigentümlichkeit einer -Provinzstadt: es gibt immer einen Punkt, wo sie sozusagen aus der Rolle -fällt. Tschitschikow stand vor den Damen und dachte sich: »Welche ist -denn nun aber die Verfasserin des Briefes?« Er versuchte es, einen -Augenblick seine Nase hervorzustrecken; aber da stieß er mit ihr gegen -eine ganze Reihe von Ellenbogen, Aufschlägen, Ärmeln, Schleifen, -duftigen Hemdchen und Kleidern. Eine wilde Galoppade jagte wie toll an -ihm vorüber: die Frau des Postmeisters, der Kreisrichter, eine Dame mit -einer blauen Feder, eine Dame mit einer weißen Feder, der Georgische -Prinz Tschiphaihilidsew, ein Beamter aus Petersburg, ein Beamter aus -Moskau, ein Franzose namens Coucou, ein Herr Perchunowski und ein Herr -Berebendowski -- dies alles wuchs plötzlich vor ihm aus der Erde und -stürmte davon .... - -»Da haben wir die Provinz!« murmelte Tschitschikow, indem er zurückwich. -Aber als sich dann die Damen auf ihre Plätze begaben, fing er wieder an, -auszuschauen, ob er nicht nach dem Ausdruck des Gesichts und der Augen -erkennen könne, welche die Verfasserin des Briefes sei; allein weder die -Gesichter noch die Augen wollten ihm verraten, wer die Unbekannte sei. -Überall auf jedem Antlitz schwebte etwas kaum Merkliches, unendlich -Feines -- oh! wie Feines ...! »Nein,« sagte Tschitschikow zu sich -selbst: »Die Frau -- das ist ein Objekt« -- hierbei machte er eine -sprechende Handbewegung -- »darüber ist überhaupt kein Wort zu -verlieren! Es soll mal einer versuchen, all das zu erzählen oder -wiederzugeben, was über ihr Gesicht huscht, all diese Schlangenwindungen -und dies Wellengekräusel ... das läßt sich eben garnicht ausdrücken! -Ihre Augen allein sind ein so unendliches, grenzenloses Reich, wenn sich -da ein Mensch hinein verirrt, dann ist er verloren! Da holt ihn kein -Haken und keine Winde wieder heraus. Versuch' doch mal einer ihren Glanz -zu beschreiben: diesen feuchten, samtnen, zuckersüßen Glanz ... Gott -allein weiß, was es nicht alles für Arten solchen Glanzes gibt: einen -harten und weichen, ja selbst einen matten oder wie einige sich -ausdrücken, >wonnetrunkenen< Glanz und dann wieder einen ohne -Trunkenheit, der aber noch weit gefährlicher ist -- der einen nur so -beim Herzen packt und wie mit dem Fidelbogen über die Seele fährt. Nein, -da findet man kein Wort dafür: Es ist halt die >jalante< Hälfte des -Menschengeschlechts und weiter nichts!« - -Oh weh! Ich fürchte, unserem Held entschlüpfte ein Wort, das er von der -Straße her kannte. Aber was soll ich tun? Das ist nun einmal das Los des -Schriftstellers in Rußland! Aber selbst wenn ein Wort von der Straße in -dies Buch hineingetragen wäre, so ist das nicht die Schuld des -Schriftstellers, sondern die der Leser und vor allem der Leser aus den -besseren Gesellschaftskreisen: sie sind die ersten, von denen man kein -anständiges russisches Wort zu hören bekommt, sie beglücken euch mit -deutschen, französischen und englischen Reden in solchem Übermaß, daß -man gern darauf verzichten würde, und selbst mit Beibehaltung und -Wahrung jeder nur möglichen Aussprache: sprechen das Französisch durch -die Nase oder schnarren es, reden englisch wie irgend ein Vogel es nicht -besser fertig brächte, ja sie machen ein richtiges Vogelgesicht dazu und -lachen einen noch aus, wenn man ihnen dies nicht nachmachen kann. Das -einzige, was sie sorgfältig vermeiden, ist alles Russische -- höchstens -lassen sie sich auf dem Lande eine Villa in russischem Stile bauen. So -sind nun mal die Leser aus den höheren Ständen, und alle, die sich -selbst zu den höheren Ständen rechnen! Aber andererseits wieder: welche -Strenge, welche Ansprüche! Sie wollen durchaus, daß alles in einem -absolut korrekten, reinen und edlen Stile abgefaßt werde -- wollen mit -einem Wort, daß die russische Sprache wie von selbst, ganz reif und -fertig aus den Wolken herabfalle und sich ihnen auf die Zunge setze, -sodaß sie nur den Mund zu öffnen und ihr freien Lauf zu lassen brauchen. -Die weibliche Hälfte des Menschengeschlechts ist freilich höchst -rätselhaft; aber ich muß gestehen, die verehrten Herren Leser sind mir -oft noch weit rätselhafter. - -Unterdessen wurde Tschitschikows Ratlosigkeit immer größer, wie er die -Verfasserin des Briefes unter allen anwesenden Damen herauserkennen -sollte. Er machte noch einen Versuch, jede einzelne von den Damen mit -forschendem Blick zu mustern und bemerkte, daß in den Augen der holden -Weiblichkeit ein Etwas aufblitzte, was Hoffnung und süße Qual ins Herz -des armen Sterblichen einziehen ließ, sodaß er schließlich ausrief: -»Nein, es ist vergebens, ich errate es doch nicht!« Das hatte indessen -nicht den geringsten Einfluß auf seine gute Laune, die ihn die ganze -Zeit über nicht verließ. In seiner galanten ungezwungenen Art wechselte -er ein paar liebenswürdige Worte mit einigen Damen, ging mit schnellen -kleinen Schritten bald auf die eine und bald auf die andere zu, wie das -jene alten Gecken auf hohen Absätzen, welche man in Rußland -»Mäusehengste« nennt, zu tun pflegen, die sich gewandt und leicht um die -Damen herumbewegen. Wenn er sich schnell und sicher zwischen den -einzelnen Menschengruppen durchgewunden hatte, machte er einen Kratzfuß -und schlug dabei mit dem Füßchen ein wenig aus, was gewissermaßen die -Bedeutung eines Schnörkels oder eines Häkchens am Namenszug hatte. Die -Damen waren sehr glücklich und befriedigt und entdeckten an ihm nicht -nur einen ganzen Haufen von angenehmen und liebenswürdigen Seiten, -sondern fanden sogar etwas Majestätisches, Kriegerisches und -Martialisches im Ausdruck seines Gesichts, was den Frauen bekanntlich -sehr gefällt. Ja man hätte sich seinetwegen beinahe ein wenig gezankt: -es war bald von vielen bemerkt worden, daß Tschitschikow meist in der -Nähe der Türe stand, und nun suchte alles die der Türe zunächstehenden -Stühle zu besetzen, und als hierbei eine der Damen einer andern -zuvorkam, hätte es beinahe einen unangenehmen Auftritt gegeben, wobei -viele, die es selbst gern ebenso gemacht hätten, höchst empört über -diese Unverfrorenheit und Taktlosigkeit waren. - -Tschitschikow verwickelte sich bald in eine lebhafte Unterhaltung mit -den Damen, oder wurde vielmehr von diesen in eine lebhafte Unterhaltung -verwickelt, wobei er von ihnen mit einer wahren Fülle höchst feiner und -geistreicher allegorischer Bemerkungen überschüttet wurde, die alle -gedeutet und enträtselt werden mußten, so daß ihm der Schweiß auf die -Stirn trat, und er sogar die vornehmste Anstandsregel zu erfüllen -vergaß: nämlich der Frau des Hauses seine Aufwartung zu machen. Er -erinnerte sich erst daran, als er dicht neben sich die Stimme der Frau -Gouverneurin vernahm, die ihm schon einige Minuten lang gegenüberstand. -Die Gouverneurin schüttelte freundlich den Kopf und sagte in zärtlichem -und etwas schelmischem Tone zu ihm: »So sind Sie also, Pawel -Iwanowitsch! ...« Ich kann die Rede der Gouverneurin hier nicht genau -reproduzieren, ich weiß nur, daß sie ihm einige äußerst freundliche und -liebenswürdige Worte sagte, in der Art, wie sich die Damen und Kavaliere -in den Romanen und Erzählungen unserer vornehmsten Schriftsteller -auszudrücken pflegen, die mit besonderer Vorliebe das Leben in unseren -Salons beschreiben und bei dieser Gelegenheit merken lassen, daß sie -große Kenner des feinen Tones sind: sie sagte etwa: »Hat man sich -bereits so sehr Ihres Herzens bemächtigt, daß darin gar kein Plätzchen, -ja nicht einmal ein kleiner Winkel für die übrig geblieben ist, die Sie -in so hartherziger Weise vergessen konnten?« Unser Held wandte sich -sogleich an die Gouverneurin und war schon im Begriff, ihr mit einer -Antwort aufzuwarten, die sicherlich nicht schlechter gewesen wäre, als -die, welche wir in unseren modernen Romanen und Novellen von den -Swonskijs, Linskis, Lidins, Gremins und andern weltmännisch-gewandten -Militärpersonen hören können, als er unwillkürlich die Augen aufschlug -und plötzlich wie vom Schlage gerührt stehen blieb. - -Vor ihm stand die Gouverneurin, aber nicht allein: sie hielt ein -sechzehnjähriges junges Mädchen am Arm, eine frische Blondine, mit -feinen regelmäßigen Zügen, spitzem Kinn und schön gerundetem Oval des -Gesichts, das wohl einem Künstler als Modell zu einer Madonna hätte -dienen können, wie man es in Rußland nur selten findet, wo alle Dinge -mehr ins Weite schweifen: Berge und Wälder, Steppen, Gesichter, Lippen -und Füße -- es war dieselbe Blondine, welcher er unterwegs begegnet war, -als er von Nosdrjow kam, und als ihre Wagen durch die Dummheit der -Kutscher oder der Pferde auf so seltsame Weise zusammenstießen und mit -ihrem Geschirr in einander gerieten, und als Onkel Mitjai und Onkel -Minai den Knoten der Verwirrung lösen wollten. Tschitschikow wurde so -verlegen, daß er kein vernünftiges Wort über die Lippen bringen konnte -und einen so tollen Blödsinn herausstotterte, wie ihn allerdings weder -Gremin noch Swonskij noch Lidin jemals vom Stapel gelassen hätten. - -»Kennen Sie meine Tochter noch nicht?« sagte die Gouverneurin. »Sie hat -soeben das Pensionat verlassen.« - -Er erwiderte, er habe bereits das Vergnügen gehabt, ganz unerwartet ihre -Bekanntschaft zu machen; dann wollte er noch etwas hinzufügen, aber das -mißglückte ihm vollständig. Nachdem die Gouverneurin noch ein paar Worte -gesagt hatte, entfernte sie sich mit ihrer Tochter nach dem andern Ende -des Saals, um sich den andern Gästen zu widmen, und ließ Tschitschikow -wie angewurzelt stehen. Lange noch stand er auf demselben Fleck wie ein -Mensch, welcher heiter auf die Straße hinaustritt, um einen Spaziergang -zu machen, dessen Augen jedem Eindruck der Umgebung offen stehen, und -der plötzlich stehen bleibt, weil er sich erinnert, daß er noch etwas -vergessen hat; man kann sich überhaupt nichts Unbehilflicheres -vorstellen, als solch einen Menschen: Mit einem Schlage ist die -unbesorgte Miene von seinem Gesichte verschwunden. Mühsam sucht er sich -zu erinnern, was er denn eigentlich vergessen hat: das Taschentuch? Aber -das Taschentuch steckt in der Tasche! Sein Geld? Aber auch das Geld ist -da! Nichts scheint zu fehlen, und doch raunt ihm ein unbekannter Dämon -ins Ohr, er habe dennoch etwas vergessen. Verwirrt und kopflos blickt er -auf die vorüberwogende Menge, die vorbeijagenden Equipagen, auf die -Helme und Gewehre der Soldaten, die Aushängeschilder usw. und doch kommt -ihm nichts klar zu Bewußtsein. So auch wurde Tschitschikow allem -entfremdet, was um ihn her vor sich ging. Unterdessen flogen ihm von -duftigen Frauenlippen mancherlei Fragen und Anspielungen zu, die -Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. »Dürften wir armen Erdenbewohner uns -wohl erkühnen, Sie zu fragen, worüber Sie nachsinnen?« -- »Wo liegen die -seligen Gefilde, wo Ihr Gedanke weilt?« -- »Kann man den Namen -derjenigen erfahren, die Sie in dieses holde Tal der Träume gelockt -hat?« Aber er beachtete keine dieser Fragen, und die freundlichen Worte -waren wie in den Wind gesprochen, ja er war so unliebenswürdig, daß er -die Damen ruhig stehen ließ und sich nach der andern Seite des Saales -begab, um auszuspähen, wohin die Gouverneurin mit ihrer Tochter -entschwunden war. Aber die Damen wollten ihn doch nicht so leichten -Kaufes davonkommen lassen -- eine jede von ihnen war innerlich fest -entschlossen, keins von jenen Mitteln, die unsern Herzen so gefährlich -werden und keinen ihrer stärksten Reize unbenutzt zu lassen. Hier muß -ich einschalten, daß einige Damen, ich sage einige und keineswegs alle --- an einer kleinen Schwäche leiden: wenn sie etwas Reizvolles an sich -bemerken, sei es nun die Stirn, der Mund oder die Hände -- dann denken -sie gleich, dieser höchste Vorzug müsse auch allen anderen sofort -auffallen, sodaß alle wie ein Mann ausrufen sollten: »Seht, seht doch -nur, was sie für eine herrliche griechische Nase hat!« oder »Welch eine -entzückende regelmäßige Stirn!« Hat aber gar eine schöne Schultern, dann -ist sie im voraus überzeugt, daß alle jungen Leute von ihrem Anblick -ganz benommen sind und unbedingt ausrufen werden, wenn sie vorübergeht: -»Nein, was hat sie für herrliche Schultern!« während sie Gesicht, Haare, -Augen und Stirne keines Blickes würdigen, und wenn sie doch hinsehen, -diese Dinge als etwas ganz Nebensächliches behandeln werden. Wie gesagt, -so denken einzelne unter den Damen. Diesen Abend aber hatte sich eine -jede geschworen, beim Tanz so entzückend wie möglich zu erscheinen und -die Vorzüge ihrer größten Reize in vollem Glanze erstrahlen zu lassen. -Die Frau Postmeisterin ließ, während sie sich nach den Klängen eines -Walzers drehte, ihr Köpfchen so matt und müde auf die Schulter sinken, -daß man sich wirklich in eine höhere Welt versetzt glaubte. Eine äußerst -liebenswürdige Dame, welche garnicht in der Absicht zu tanzen auf den -Ball gekommen war, und bei der sich eine kleine Unannehmlichkeit oder -Inkommodität, wie sie sich selbst ausdrückte, in Form eines Hühnerauges -von der Größe einer Erbse auf dem rechten großen Zeh eingestellt hatte, -sodaß sie sogar Plüschstiefel hatte anziehen müssen, -- selbst diese -litt es nicht auf ihrem Platze, und auch sie machte einige Walzertouren -in ihren Plüschstiefeln, nur damit der Postmeisterin ihre Triumphe nicht -allzusehr zu Kopfe stiegen. - -Aber dies alles übte nicht die gewünschte Wirkung auf Tschitschikow; er -blickte kaum hin auf die Pas und Figuren, welche die Damen ausführten, -sondern erhob sich nur immer auf den Zehenspitzen, um über die Köpfe -hinweg auszuschauen, wo sich die interessante Blondine gerade befand; -bald hockte er wieder ein wenig nieder, um zwischen Schultern und Armen -etwas von ihr zu erhaschen; und jetzt endlich hatte er gefunden, er sah -sie neben der Mutter sitzen, über deren Haupt sich majestätisch eine Art -orientalischer Turban mit einer Feder schaukelte. Fast schien es, als -wolle er die Festung im Sturme nehmen. War es die Frühlingsstimmung, die -so stark auf ihn wirkte, oder gab es jemand, der ihn von hinten stieß? -Genug, er drängte sich entschlossen und unter Mißachtung aller -Hindernisse bis zu ihnen durch: der Branntweinpächter erhielt von ihm -einen Rippenstoß, daß er sich nur mit Not auf einem Beine zu erhalten -vermochte, was noch ein Glück war, da er sonst den ganzen Reigen bei -seinem Falle in Mitleidenschaft gezogen hätte; auch der Postmeister -sprang zurück und sah ihn mit Staunen an, in das sich etwas wie feine -Ironie mischte; aber Tschitschikow würdigte sie keines Blickes: er hatte -für nichts ein Auge, als für die ferne Blondine, die gerade im Begriff -war, einen langen Handschuh anzuziehen und sicherlich vor Verlangen -brannte über das Parkett dahinzuschweben. Währenddessen holzten in der -andern Ecke schon vier Paare eine Mazurka ab: die Absätze zerstießen -fast den Boden, und ein Hauptmann der Armee arbeitete mit Leib und -Seele, Händen und Füßen, indem er sich in solchen Figuren produzierte, -wie sie die lebhafteste Phantasie sich nicht hätte träumen lassen. -Tschitschikow schoß fast über die Füße der Tänzer hinweg geradenwegs auf -den Platz zu, wo die Gouverneurin mit ihrer Tochter saß. Allein, er -näherte sich ihnen doch nur sehr zaghaft und trippelte nicht so forsch -und keck mit den Füßen, ja er wurde sogar etwas verlegen und in all -seinen Bewegungen kam eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck. - -Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in unserm Helden sich -wirklich etwas wie Liebe regte; es ist sogar zweifelhaft, ob Männer wie -er, oder solche, die nicht gerade dick, aber doch auch nicht allzu dünn -sind, überhaupt der Liebe fähig sind; und doch spielte sich hier etwas -so Seltsames ab, daß er es sich selbst nicht erklären konnte: es kam ihm -so vor, wie er es nachher selbst eingestand, als ob der ganze Ball mit -all seinem Rausch und Trubel auf einige Augenblicke wie in weite Ferne -gerückt sei, die Geigen und Trompeten schienen wie hinter den Bergen zu -verhallen, und alles lag wie im Nebel gehüllt da, der einem nachlässig -hingemalten Felde auf einem Gemälde glich. Und von dem Hintergrunde -dieses trüben, nachlässig auf die Leinwand geworfenen Feldes hoben sich -allein die feinen Züge der entzückenden jungen Blondine scharf und -deutlich ab: das reizende Oval ihres Gesichtes, ihre schlanke elastische -Gestalt, wie man sie nur bei einem jungen Mädchen trifft, das eben aus -dem Pensionate kommt, ihr beinahe schlichtes weißes Kleid, welches sich -frei und leicht an die zarten jungen Glieder schmiegte, und überall die -herrlichen reinen Linien erkennen ließ. So glich sie einem wunderbaren, -kunstvoll geschnitzten Spielzeug aus Elfenbein; sie allein leuchtete -schneeweiß, klar und hell aus der trüben dunkelen Masse hervor. - -Es ist wohl nicht anders auf dieser Welt; offenbar werden auch die -Tschitschikows einmal in ihrem Leben, wenn auch nur für einen kurzen -Augenblick, zu Dichtern; doch das Wort _Dichter_ ist ein wenig -übertrieben. Wenigstens kam er sich in diesem Moment ganz wie ein junger -Mann oder gar wie ein fescher Husar vor. Sowie ein Stuhl neben der -Schönen frei wurde, nahm er sofort auf ihm Platz. Das Gespräch wollte -zuerst nicht recht vom Flecke kommen, aber nach einiger Zeit kam es in -Fluß, er bekam sogar Mut, aber .... Hier muß ich zu meinem großen -Bedauern bemerken, daß ältere, würdige Leute, die wichtige Ämter im -Staate bekleiden, gerade in der Unterhaltung mit Damen ein bißchen -schwerfällig werden; so richtig raus haben das nur die Leutnants, -dagegen gilt dies nicht mehr für die höheren Offiziere, vom Hauptmann -aufwärts. Wie sie das anfangen, das weiß der liebe Gott: es sind doch -wahrhaftig keine abgrundtiefen Dinge, die sie da vorbringen, aber die -jungen Mädchen schütteln sich auf ihren Stühlen vor Lachen; dagegen kann -euch ein Staatsrat die wundersamsten Dinge erzählen: sich etwa darüber -verbreiten, daß Rußland ein gewaltiges Reich ist, oder ein Kompliment -vom Stapel lassen, das natürlich nicht ohne Geist ist, aber dies alles -schmeckt doch zu sehr nach Bücherweisheit, und wenn er etwas Komisches -sagt, dann lacht er sicherlich unvergleichlich viel mehr darüber, als -seine Dame. Ich mache diese Bemerkung an dieser Stelle, damit die Leser -verstehen, warum unsere Blondine während der Erzählungen unseres Helden -zu gähnen begann. Unser Held aber schien das garnicht zu bemerken und -fuhr fort all die schönen Dinge auszukramen, die er schon mehrfach und -bei verschiedenen Gelegenheiten zum Besten gegeben hatte, und zwar: im -Gouvernement Simbirsk bei Sophron Iwanowitsch Bespetschny, in Gegenwart -von dessen Tochter Adelheide Sophronowna und drei Schwägerinnen: Marha -Gawrilowna, Alexandra Gawrilowna und Adelheid Gawrilowna; ferner bei -Fjoder Fjodorowitsch Perekrojew im Gouvernement Rjasan; bei Frol -Wossiljewitsch Pobedonski im Gouvernement Pensa und bei dessen Bruder -Pjotr Wassiljewitsch, in Gegenwart von dessen Schwägerin Katarina -Michailowna und deren Enkelkindern: Rosa Fjodorowna und Emilia -Fjodorowna; und endlich im Gouvernement Wjatka bei Pjotr -Warßonowjewitsch in Gegenwart der Schwester seiner Schwiegertochter -Pelageja Jegorowna und seiner Nichte Sofja Rostislawna und deren beiden -Stiefschwestern Sofja Alexandrowna und Maklatura Alexandrowna. - -Tschitschikows Benehmen erregte das Mißfallen aller Damen. Eine von -ihnen ging absichtlich an ihm vorbei, um ihm dies zu verstehen zu geben, -und streifte die Blondine sogar etwas nachlässig mit der breiten -Schleppe ihres Kleides, während sie den Shawl, der um ihre Schultern -flatterte, so dirigierte, daß sie die junge Dame mit dem Zipfel gerade -ins Gesicht traf; um dieselbe Zeit entfloh dem Munde einer anderen Dame -hinter Tschitschikows Rücken zugleich mit dem Veilchengeruch der von ihr -ausströmte, eine recht boshafte und bissige Bemerkung. Aber sei es nun, -daß er in der Tat nichts davon gehört hatte, sei es, daß er bloß so tat, -als ob er nichts höre, genug, seine Handlungsweise war in diesem Falle -nicht sehr korrekt und schön, denn man soll etwas auf die Meinung der -Damen geben: er sollte seinen Fehler bereuen, aber leider erst nachher, -als es schon zu spät war. - -Eine wirklich berechtigte Empörung malte sich in vielen Zügen. So groß -auch Tschitschikows Ansehen in der Gesellschaft war, so sehr man davon -überzeugt war, daß er Millionär sei, und obwohl sein Gesicht einen -majestätischen und sogar martialischen Ausdruck hatte, -- es gibt Dinge, -welche die Damen keinem Manne verzeihen, er mag sein, wer er will, und -sein Untergang ist besiegelt. Es gibt Fälle, wo die Frau, so -charakterschwach sie auch im Vergleich mit dem Manne ist, plötzlich -nicht nur fester und unbeugsamer wird, als der _Mann_, sondern _als -alles in der Welt_. Die Mißachtung, die Tschitschikow, ohne es -eigentlich selbst zu bemerken, den Damen erwiesen hatte, führte wieder -zum Frieden und zur Einigung, die durch den Vorfall mit dem Stuhl -beinahe in die Brüche gegangen wäre. In den von ihm leicht hingeworfenen -ganz unwichtigen und belanglosen Reden entdeckte man plötzlich boshafte -und spitzige Anspielungen. Um das Unglück zu vollenden, hatte noch ein -junger Mann ein paar satirische Strophen auf die Tänzer gedichtet, ohne -das es bekanntlich bei Bällen in der Provinz, beinahe nie abgeht. Sofort -wurden diese Verse Tschitschikow zugeschrieben. Die Empörung wurde immer -größer, die Damen standen in den verschiedenen Ecken des Saales zusammen -und tuschelten miteinander, wobei einige sehr unfreundliche Äußerungen -über ihn fielen; die arme Blondine aber ward vollkommen vernichtet, ihr -Todesurteil war unterschrieben. - -Inzwischen wartete unseres Helden eine höchst peinliche Überraschung; -während seine junge Nachbarin gähnte, und er ihr allerhand Geschichten -aus den entferntesten Zeitläuften erzählte, und sogar den griechischen -Philosophen Diogenes erwähnte, erschien plötzlich Nosdrjow auf der -Bildfläche, der gerade aus einem der hinteren Zimmer in den Saal trat. -Kam er aus dem Restaurationsraum oder war er aus dem kleinen grünen -Zimmer entsprungen, wo nicht bloß Whist, sondern weit weniger harmlose -Spiele gespielt wurden, erschien er aus freien Stücken, oder war er -herausgeschmissen worden, genug, er trat plötzlich fröhlich und sehr -aufgeräumt in den Saal, den Staatsanwalt am Arme, den er wohl schon eine -ganze Weile mit sich herumschleppte, denn der arme Staatsanwalt runzelte -seine Stirne und schaute nach allen Seiten aus, wahrscheinlich weil er -darüber nachsann, wie er sich von seinem freundlichen Reisebegleiter -befreien könne. Und in der Tat, seine Lage war wirklich unerträglich. -Nosdrjow hatte zwei Tassen Tee -- natürlich nicht ohne Rumzusatz -heruntergeschlürft und sich Mut getrunken. Jetzt log er wieder, daß sich -die Balken bogen. Als Tschitschikow ihn von ferne erblickte, entschloß -er sich sogar ein Opfer zu bringen, das heißt seinen angenehmen Platz zu -verlassen, und sich so schnell als möglich zu entfernen: denn er -versprach sich nichts Gutes von dieser Begegnung. Aber wie zum Trotz -tauchte plötzlich der Gouverneur neben ihm auf, um ihm seine große -Freude darüber auszudrücken, daß er Pawel Iwanowitsch endlich gefunden -habe, und hielt ihn fest, indem er ihn bat, Schiedsrichter in einem -kleinen Streit mit zwei Damen zu sein; man konnte sich nämlich nicht -darüber einigen ob die Liebe der Frau von Dauer sei oder nicht; jetzt -aber hatte Nosdrjow ihn schon bemerkt und ging geradewegs auf ihn zu: - -»Ah! Der Chersoner Gutsbesitzer! Der Chersoner Gutsbesitzer!« schrie er, -während er näher kam und so laut lachte, daß seine frischen Backen, die -so rot waren wie Frühjahrsrosen, nur so zitterten: »Nun? Hast du viel -Tote gekauft? Sie wissen doch Exzellenz!« schrie er aus vollem Halse, -indem er sich an den Gouverneur wandte, »er handelt mit toten Seelen! -Bei Gott! Hör mal Tschitschikow! Hör doch, ich sag dir's in aller -Freundschaft, wir sind doch hier unter lauter Freunden, da ist ja auch -Seine Exzellenz, ich würde dich hängen lassen, bei Gott, ich lasse dich -hängen!« - -Tschitschikow wußte nicht mehr, wie ihm wurde. »Sie werden mir's nicht -glauben, Exzellenz!« fuhr Nosdrjow fort: »wie er mir sagte: >Hör mal, -verkauf mir doch deine toten Seelen,< da bin ich fast geplatzt vor -Lachen. Dann komme ich in die Stadt, und da sagt man mir, er habe drei -Millionen Bauern gekauft, die er zur Kolonisation verwenden will, schöne -Kolonisation das! Er wollte mir doch Tote abkaufen. Hör mal -Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du bist ein Schwein! Da -ist ja auch seine Exzellenz, nicht wahr, Herr Staatsanwalt?« - -Aber der Staatsanwalt und Tschitschikow waren so verlegen und verwirrt, -daß sie gar keine Antwort fanden; unterdessen aber fuhr Nosdrjow, der -ein wenig angeheitert war, ohne auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen, -in seiner Rede fort: »Ja, ja mein Bester ... ich lasse dich nicht eher -los, als bist du mir sagst, wozu du die toten Seelen gekauft hast. Hör -mal, Tschitschikow, du solltest dich schämen; du weißt ja selbst, daß du -keinen besseren Freund hast, als mich. Sieh mal, da ist ja auch Seine -Exzellenz ... nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Sie werden es nicht -glauben, Exzellenz, wie wir aneinander hängen, tatsächlich, wenn Sie -mich fragten -- hier steh ich, und wenn Sie mich fragten: >Nosdrjow, sag -mal auf Ehre und Gewissen, wer ist dir lieber, dein eigener Vater oder -Tschitschikow!< so müßte ich sagen: Tschitschikow! Bei Gott! ... -Herzchen komm laß mich dir einen Kuß, einen Baiser geben. Sie werden -wohl erlauben, daß ich ihn küsse, Exzellenz. Sträube dich doch nicht -Tschitschikow, laß mich dir doch ein Baiserchen auf deine schneeweiße -Wange drücken!« Aber Nosdrjow kam mit seinem Baiser so übel an, daß er -beinahe auf den Boden geflogen wäre. Alle zogen sich von ihm zurück und -hörten nicht mehr auf ihn. Allein seine Worte von dem Kauf der toten -Seelen waren doch so laut aus vollem Halse herausgeschrieen und von -einem so schallenden Gelächter begleitet worden, daß sie selbst die -Aufmerksamkeit _der_ Gäste auf sich lenkten, die sich in den -entferntesten Ecken des Zimmers befanden. Diese Nachricht klang so -seltsam, daß alle starr und stumm, mit einem halb fragenden, halb -törichten Ausdruck auf dem Gesichte dastanden. Tschitschikow bemerkte, -wie mehrere Damen sich mit den Augen Zeichen machten und sich boshaft -und gehässig zulächelten, und er glaubte in manchen Gesichtern etwas -ganz Eigentümliches und Zweideutiges zu entdecken, was die allgemeine -Verlegenheit noch verstärkte. Daß Nosdrjow ein Erzlügner und Schwindler -war, das wußte jedermann, und es wäre keinem Menschen aufgefallen, wenn -er etwas ganz Unsinniges und Törichtes von ihm gehört hätte; aber der -sterbliche Mensch ist -- nein, es ist wirklich schwer zu verstehen, wie -dieser sterbliche Mensch nun eigentlich beschaffen ist; so albern und -läppisch eine Neuigkeit auch sein mag, wenn es nur eine _Neuigkeit_ ist, -so wird er sie unbedingt einem andern Sterblichen mitteilen, wenn auch -nur um zu sagen: »Was sie da wieder für ein Lügenmärchen verbreiten!« -Und der andre Sterbliche wird höchst vergnügt die Ohren spitzen, wenn er -auch später sagen wird: »Aber das ist doch eine gemeine Lüge, der man -gar keine Beachtung schenken sollte!« Und gleich darauf wird er sich -aufmachen und sich einen dritten Sterblichen suchen, um ihm die -Geschichte zu erzählen und dann mit ihm zusammen in edler Empörung -auszurufen: »Was für eine gemeine Lüge!« Und so wird das Gerücht die -Runde durch die ganze Stadt machen, und alle Sterblichen, soviel ihrer -da sind, werden solange über die Sache sprechen, bis sie sie satt -kriegen, und dann behaupten, die ganze Geschichte sei es nicht wert, daß -man über sie rede. - -Diese anscheinend so unbedeutende und belanglose Begebenheit hatte -unseren Helden indessen merklich verstimmt. So dumm und albern auch die -Reden eines Narren sind, oft reichen sie doch hin, um auch einen klugen -Mann in Verlegenheit zu bringen. Er fühlte sich plötzlich sehr -unbehaglich und peinlich berührt, wie wenn er mit einem schöngeputzten -Stiefel in eine schmutzige, stinkende Pfütze getreten wäre; mit einem -Wort, es war nicht schön, garnicht schön! Er versuchte es, nicht daran -zu denken, sich zu vergessen, zu zerstreuen, setzte sich sogar an den -Whisttisch, aber es ging alles schief wie ein verbogenes Rad: zweimal -spielte er die falsche Farbe aus, er vergaß sogar einmal, daß er eine -Karte nicht stechen durfte, holte mit der Hand aus und übertrumpfte -seine eigene Karte. Der Gerichtspräsident konnte es durchaus nicht -verstehen, wie es bloß möglich war, daß Pawel Iwanowitsch, der ein so -guter, ja man kann sagen feiner Spieler war, sich solche Schnitzer -zuschulden kommen und sogar seinen Pique-König übertrumpfen lassen -konnte, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, wie auf den -lieben Gott; dies waren seine eigenen Worte. Natürlich machten sich der -Postmeister, der Gerichtspräsident und sogar der Polizeimeister, wie das -zu geschehen pflegt, ein wenig über unsern Helden lustig und neckten ihn -damit, daß er wohl gar verliebt sei und daß Pawel Iwanowitsch, wie sie -ja wüßten, ein leicht entzündliches Herz habe. Auch sei es ihnen -bekannt, wer es verwundet hätte. Aber dieses war kein Trost für ihn, so -sehr er es auch versuchte, zu lächeln und die Scherze mit Scherzen zu -beantworten. Beim Abendessen wollte es ihm auch nicht gelingen, sich so -recht zur Geltung zu bringen, obwohl die Tischgesellschaft sehr angenehm -war und trotzdem man Nosdrjow schon längst hinausbefördert hatte, weil -selbst die Damen schließlich anerkennen mußten, daß sein Benehmen gar zu -skandalös war. Während des Kotillons hatte er nämlich ganz plötzlich auf -dem Parkett Platz genommen und die Tänzer bei den Frackschößen gepackt, -was nach dem Ausdruck der Damen, schon ein ganz unmögliches Betragen -war. Das Abendessen war sehr lustig: Alle Gesichter, die zwischen den -dreiarmigen Leuchtern, Blumen, Flaschen und Schüsseln mit Konfekt -hindurchschimmerten, glänzten vor eitel Freude und Befriedigung. Die -Offiziere, die Damen und die befrackten Herren -- flossen alle über vor -Liebenswürdigkeit bis zum Überdruß. Ein Oberst überreichte sogar seiner -Dame die Saucenschüssel, indem er sie auf der nackten Degenspitze -balancierte. Die älteren Herren, in deren Mitte auch Tschitschikow saß, -debattierten eifrig, und jedes treffende Wort wurde von einem kernhaften -Bissen Fisch oder Fleisch, der nur so von Senf triefte, begleitet; man -stritt gerade über die Gegenstände, für die sich Tschitschikow immer -lebhaft interessiert hatte, und doch glich er heute Abend einem -Menschen, der müde und zerschlagen von einem langen Wege heimgekehrt -ist, dessen Gehirn ihm den Dienst verweigert und dem nichts mehr -einfallen will. So wartete er denn nicht einmal das Ende des Soupers ab, -und fuhr viel früher nach Hause, als dies sonst seine Gewohnheit war. - -Dort in jenem Zimmer, das der Leser so gut kennt, mit der Kommode, die -vor der Türe stand, und den hie und da aus den Ecken herausguckenden -Schwabenkäfern, wollten indessen sein Geist und seine Gedanken ebenso -wenig zur Ruhe kommen, wie der wacklige Lehnstuhl, in dem er saß. Es war -ihm sehr schwer ums Herz. Eine lastende Leere quälte ihn: »Wenn doch -alle die Menschen, welche diese Bälle erfunden haben, der Teufel holte!« -rief er wütend. »Welchen Anlaß haben sie nur, so zu jubeln? In der -Provinz herrschen Mißernte, Teuerung und Hungersnot, und sie geben -Bälle! Auch was Rechtes: hüllen sich da in alte Weiberlappen. Denken -Wunder was sie sind, wenn sie mehr als tausend Rubel auf ihrem Leibe -tragen! Das muß doch schließlich der Bauer mit seiner Steuer bezahlen, -und am Ende fällt es gar auf unsereinen zurück. Man weiß doch, weswegen -die Herren so heucheln und sich dennoch bezahlen lassen: um ihrer Frau -einen teuren Shawl, Roben und weiß der Teufel wie sie es sonst noch -nennen zu kaufen! Und wozu das alles? Damit nur ja keins von diesen -liederlichen Frauenzimmern sagen kann, die Frau Postmeisterin habe ein -besseres Kleid angehabt, -- deswegen schmeißt man tausend Rubel aus dem -Fenster. Da schreit man: ein Ball, ein Ball, wie amüsant! Ich mache mir -einen Dreck aus so 'nem Ball, das entspricht dem russischen Wesen gar -nicht, das ist eine ganz unrussische Einrichtung. Pfui Teufel noch -einmal: kommt da plötzlich ein reifer erwachsener Mensch im schwarzen -Frack wie ein nackter, gerupfter Teufel angesprungen und fuchtelt mit -den Beinen hin und her. Und ein anderer steht wohl gar mit einem andern -zusammen, unterhält sich mit ihm über eine ernste Angelegenheit und -führt rechts und links allerlei Arabesken auf dem Fußboden aus ... Das -ist alles nichts wie Nachäfferei; nichts wie Nachäfferei. Weil der -Franzose mit vierzig Jahren noch gerad so ein Kind ist, wie mit -fünfzehn, darum müssen wir's auch so machen! Nein wirklich, nach jedem -Ball ist mir zumute als hätte ich irgendein Verbrechen begangen, man -möchte lieber gar nicht daran denken! Der Kopf ist einem so leer wie -nach einem Gespräch mit einem vornehmen Weltmann: der schwatzt einem was -vor, berührt alles nur ganz obenhin, tischt einem was auf, was er sich -aus Büchern zusammengerafft hat; das klingt alles sehr schön und nett, -und doch ist einem der Kopf grad so leer, wie vordem; so daß man -schließlich überzeugt ist, daß eine Unterhaltung mit einem einfachen -Kaufmann, der nichts kennt wie sein Geschäft, es dafür aber auch -gründlich und aus dem ff kennt, mehr wert ist als all diese -Kinkerlitzchen. Was hat man nun von solch einem Ball? Wenn es zum -Beispiel einem Schriftsteller einfiele, diese ganze Szene zu schildern, -genau so wie sie sich abgespielt hat? Sie würde sich doch in einem Buche -genau so töricht und albern ausnehmen wie in Natur. Man weiß wirklich -nicht, wie sie wirken würde: sittlich oder unsittlich? Weiß der Teufel, -was das ist. Man würde nur ausspucken und das Buch zuklappen!« So -unfreundlich äußerte sich Tschitschikow über die Bälle im allgemeinen; -aber ich glaube, sein Unwillen hatte auch noch einen andern Grund. Was -ihn am meisten ärgerte, war in Wahrheit garnicht der Ball, sondern der -Umstand, daß er hereingefallen, plötzlich vor allen Leuten in Gott weiß -was für einem Lichte erschienen war, und dabei eine so seltsame und -höchst zweideutige Rolle gespielt hatte. Freilich, wenn er das -Vorgefallene mit dem Auge eines vernünftigen Menschen überschaute, sah -er, daß das alles nur Kleinigkeiten waren, und daß ein törichtes Wort -gar nichts zu bedeuten habe, besonders jetzt, wo die Hauptsache bereits -glücklich vollendet und erledigt war. Aber -- so seltsam ist nun einmal -der Mensch: was ihn so tief betrübte, war dies, daß er sich die -Zuneigung derselben Menschen verscherzt hatte, die er doch selbst nicht -achtete, über die er so hart urteilte und die er wegen ihrer Eitelkeit -und Putzsucht so scharf getadelt hatte. Das ärgerte ihn um so mehr, als -er sich bei genauerer Prüfung eingestehen mußte, daß er selbst einige -Schuld daran trug. Trotzdem zürnte er sich selber nicht im geringsten -und darin hatte er natürlich recht. Wir leiden alle an dieser kleinen -Schwäche, daß wir uns selbst gerne etwas schonen und uns lieber irgend -einen von unseren Nächsten aussuchen, an dem wir unseren Ärger auslassen -können, entweder einen Diener oder einen von unseren Untergebenen, der -uns gerade in den Weg läuft, oder unsere Frau, oder endlich gar einen -Stuhl, den wir gegen die Türe oder weiß der Teufel wohin schleudern, -sodaß ein Bein oder die Lehne bricht, damit die Herrschaften unseren -Zorn einmal gründlich kennen lernen! So fand auch Tschitschikow bald -einen Nächsten, der alles auf seinen Schultern davon tragen mußte, was -ihm sein Zorn eingab. Dieser liebe Nächste war Nosdrjow, und es läßt -sich nicht leugnen, daß er so kräftig von hinten und vorne und von allen -Seiten vermöbelt wurde, wie höchstens noch irgend ein Spitzbube von -einem Dorfschulzen oder ein Postkutscher von einem Reisenden, einem -Hauptmann mit reicher Erfahrung oder unter Umständen auch von einem -General vermöbelt wird, welcher zu den vielen klassischen Schimpfworten, -die er ihm an den Kopf wirft, noch eine ganze Reihe von andern -unbekannten auskramt, die seinem eigensten Erfindergeist entspringen. -Nosdrjows ganzer Stammbaum wurde hergenommen, und vielen Mitgliedern -seiner Familie in aufsteigender Linie wurde stark mitgespielt. - -Aber während Tschitschikow so von trüben Gedanken geplagt, schlaflos in -seinem harten Lehnstuhle saß und Nosdrjow samt seiner ganzen Familie -tüchtig durchhechelte, während das Talglicht langsam niederbrannte, -dessen Docht schon ellenlang verkohlt war, sodaß die Kerze jede Minute -zu verlöschen drohte, während undurchdringliche nächtliche Finsternis -durchs Fenster blickte, und bei der nahenden Morgenröte schon im Begriff -war, in blaue Dämmerung umzuschlagen, während sich in der Ferne ab und -zu ein paar Hähne ihren Weckruf zukrähten, und irgendwo ein -Unglücklicher von unbekanntem Stand und Herkommen in einfachem -Wollmantel heimlich durch die stillen Straßen der verschlafenen Stadt -schlich, er, der nur den einen (leider nur den einen!) von dem -unbändigen russischen Volke ausgetretenen Weg kennt -- spielte sich am -andern Ende der Stadt ein Vorgang ab, welcher die peinliche Lage unseres -Helden noch verschlimmern sollte. Durch die entlegenen Straßen und -Gäßchen rasselte nämlich in diesem Augenblick ein gar seltsames Gefährt, -für welches nicht gleich ein Name zu finden wäre. Es hatte weder -Ähnlichkeit mit einem Bauernwagen, noch mit einer Kutsche, noch mit -einer Equipage, sondern glich eher einer pausbäckigen, dickbauchigen -Wassermelone, die man auf ein paar Räder gestellt hatte. Die Backen -dieser Wassermelone, d. h. die Wagentüren, welche noch Spuren von gelber -Farbe aufwiesen, schlossen sehr schlecht wegen des üblen Zustandes, in -dem sich die Klinken und Schlösser befanden, die nur notdürftig mit ein -paar Stricken zusammengebunden waren. Diese Wassermelone war mit -Kattunkopfkissen, die wie Tabaksbeutel, Rollkissen oder gewöhnliche -Kissen aussahen, und mit Säcken voll Getreide, Semmeln, Wecken und -Bretzeln aus gebrühtem Teig angefüllt. -- Oben guckten sogar eine -Hühner- und eine Salzpastete heraus. Auf dem Trittbrett stand eine -Gestalt, von lakaienhaftem Aussehen in einer gesprenkelten Jacke. Sie -war unrasiert, und ihre Haare begannen schon zu ergrauen. Mit einem -Wort, es war die bekannte Figur, die bei uns zu Lande »Bursch« genannt -zu werden pflegt. Der Lärm und das Gerassel der eisernen Klammern und -rostigen Schrauben weckten den Wächter am andern Ende der Stadt, sodaß -er seine Hellebarde aufrichtete und noch schlaftrunken aus voller Kehle: -Wer da? rief. Als er jedoch bemerkte, daß niemand da war, und nur ein -starkes Rasseln aus der Ferne herüber tönte, machte er sich flugs daran -ein Tierchen, das auf seinem Kragen saß, zu fangen, worauf er sich der -Laterne näherte, um hier eigenhändig das Todesurteil auf seinem Nagel zu -vollstrecken. Dann ließ er die Hellebarde wieder aus der Hand sinken, um -nach den Satzungen seines Ritterordens wieder einzuschlafen. Die Pferde -stolperten über ihre Vorderbeine, weil sie nicht beschlagen waren und -weil sie offenbar das bequeme Stadtpflaster noch nicht genügend kannten. -Die Kalesche machte noch ein paar Wendungen, indem sie aus einer Straße -in die andere einbog, und nahm endlich ihren Weg durch eine dunkle Gasse -an der kleinen Pfarrkirche St. Nikolaus vorüber, um vor dem Hause der -Frau Oberpfarrer Halt zu machen. Aus dem Wagen kroch ein Mädchen in -einem Flausrock und einem Tuch um den Kopf, und hämmerte mit beiden -Fäusten so stark auf das Tor los, wie ein Mann. (Der Bursche in dem -gesprenkelten Rock wurde erst nachher an den Füßen von seinem Standort -heruntergezogen, denn er schlief so fest wie ein Toter.) Die Hunde -fingen an zu bellen. Nach einiger Zeit öffnete sich auch das Tor und -verschlang, wenn auch nicht ohne Mühe, dieses plumpe Vehikel. Der Wagen -rollte in den engen Hof, in dem Holz aufgestapelt war, und in dem sich -mehrere Hühnerställe und andere Ställe befanden; zuletzt stieg noch eine -Dame aus dem Wagen; dies war die Gutsbesitzerin und Kollegiensekretärin -Korobotschka. Die alte Dame war bald nach der Abreise unseres Helden in -große Unruhe und Aufregung darüber geraten, daß sie von ihm betrogen -sein könnte, und hatte sich nach drei schlaflos verbrachten Nächten -endlich entschlossen, nach der Stadt zu fahren, obwohl die Pferde nicht -beschlagen waren, um dort Erkundigungen darüber einzuziehen, welchen -Kurs die toten Seelen hätten, und ob es nicht am Ende eine große Torheit -war, als sie sich überreden ließ, sie so billig zu verkaufen. Was ihre -Ankunft für Folgen hatte, kann der Leser aus einer Unterhaltung -entnehmen, welche bald darauf zwischen zwei Damen stattfand. Diese -Unterhaltung .... doch diese Unterhaltung mag lieber im nächsten Kapitel -stattfinden. - - - Neuntes Kapitel. - -Eines Morgens, noch vor der Stunde, wo in der Stadt N. die Besuchszeit -beginnt, flatterte aus der Türe eines orangefarbenen, hölzernen Hauses -mit einem Erker und einigen blau angestrichenen Säulen, eine Dame in -einem eleganten gestreiften Kleidchen heraus, begleitet von einem Lakai -in einem Mantel mit mehreren Kragen und einem runden glänzenden Hut mit -goldenen Tressen. Die Dame hüpfte eilig die steile Treppe hinab, um -gleich darauf in dem vor der Türe haltenden Wagen zu verschwinden. Der -Lakai warf sogleich die Wagentüre zu, sprang auf das Trittbrett und -schrie dem Kutscher »Vorwärts!« zu. Die Dame brachte eine Neuigkeit mit, -die sie soeben erfahren hatte, und spürte ein schier unüberwindliches -Verlangen, sie auch anderen Leuten mitzuteilen. Sie blickte jeden -Augenblick aus dem Fenster und mußte sich zu ihrem unendlichen Ärger -überzeugen, daß sie kaum mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt -hatte. Jedes Haus kam ihr heute länger vor als gewöhnlich, das armselige -Asyl für alte Frauen mit seinen schmalen Fenstern schien gar kein Ende -nehmen zu wollen, so daß die Dame es schließlich nicht mehr aushielt und -ausrief: »Das verfluchte Haus, ist es denn noch immer nicht zu Ende!« -Der Kutscher hatte schon zweimal den Befehl erhalten, sich doch zu -beeilen: »Schneller, schneller, Andrjuschka! Du fährst ja heute -unerträglich langsam!« Endlich war das Ziel erreicht. Die Kutsche hielt -vor einem einstöckigen hölzernen Haus von dunkelgrauer Farbe mit weißen -Basreliefs über den Fenstern, vor denen sich ein hohes Holzgitter -befand; ein schmaler Staketenzaun friedigte das Ganze ein, dahinter -standen ein paar magere Bäumchen, die beständig mit Straßenstaub bedeckt -waren und daher ganz weiß aussahen. An den Fenstern sah man einige -Blumentöpfe, einen Papagei, der sich in seinem Käfig schaukelte, indem -er sich mit seinem Schnabel an ein Stäbchen anhakte, und zwei Hündchen, -die in der Sonne schliefen. In diesem Hause wohnte eine treue und -aufrichtige Freundin der soeben eingetroffenen Dame. Der Autor ist in -großer Verlegenheit, wie er beide Damen bezeichnen soll und zwar so, daß -ihm niemand deswegen zürne, wie man dies ehemals zu tun pflegte. Irgend -einen Familiennamen erfinden -- das wäre zu gefährlich. Was er auch für -einen Namen wählen würde -- es würde sich ganz sicher in irgend einem -Winkel unseres Landes -- groß genug ist es dazu -- jemand finden, der -denselben Namen trägt, ihm ganz ernstlich böse sein, sein Todfeind -werden und sagen würde, der Autor sei allein deswegen hingereist, um im -geheimen zu erforschen und zu erfahren, wer dieser Jemand eigentlich -sei, in was für einem Pelz er spazieren gehe, bei welcher Frau Agrafena -Iwanowna er verkehre, und was seine Lieblingsgerichte seien; oder nenne -ihn bei seinem Rang und Titel -- so begibst du dich in eine noch größere -Gefahr. Gott behüte! Heutzutage sind alle Berufe und Stände bei uns so -empfindlich geworden, daß sie alles, was sie in einem Buche gedruckt -lesen, sofort für eine persönliche Beleidigung halten: das liegt nun mal -so in der Luft. Man braucht nur zu erklären: in der und der Stadt gebe -es einen dummen Kerl -- sofort ist's eine persönliche Beleidigung: im -Handumdrehen meldet sich schon ein Herr von sehr würdigem Äußeren und -schreit einen an: »Ich bin doch auch ein Mensch, also bin ich wohl -dumm?« Mit einem Wort, er hat es sogleich heraus, um was es sich -handelt. Und darum wollen wir, um all diesen unangenehmen Eventualitäten -aus dem Wege zu gehen, _die_ Dame, welche den Besuch erhielt, so nennen, -wie sie fast einstimmig von der ganzen Stadt N. genannt wurde: nämlich: -die _in jeder Beziehung angenehme_ Dame. Diesen Namen hatte sie von -Rechts wegen erhalten, denn sie hatte in der Tat kein Mittel gescheut, -um im höchsten Grade angenehm und liebenswürdig zu erscheinen, obwohl -freilich aus ihrer Liebenswürdigkeit oft die ganze Schlauheit und -Gewandtheit des weiblichen Charakters hervorblickte, und in manch einem -ihrer stets angenehmen Worte eine ganz gefährliche Spitze verborgen lag! -Garnicht erst davon zu reden, was für ein Grimm gegen jede in ihrem -Herzen kochte, die es gewagt hätte, auf irgend eine Weise in eine erste -Stellung einzurücken. Aber dies alles kleidete sich in das Gewand -feinster weltmännischer Formen, wie man sie nur in einer Provinzstadt -finden kann. Jede ihrer Bewegungen war geschmackvoll, sie schwärmte sehr -für lyrische Gedichte, verstand es sogar, hin und wieder ihr Köpfchen -träumerisch auf die Schulter sinken zu lassen, mit einem Wort, alle -waren einverstanden, daß sie wirklich eine _in jeder Beziehung angenehme -Dame_ sei. Die andre Dame, das heißt jene, welche soeben angekommen war, -hatte keinen so vielseitig veranlagten Charakter, und daher wollen wir -sie _bloß die angenehme Dame_ nennen. Ihre Ankunft weckte die Hündchen, -welche sich auf der Fensterbank sonnten: die zottige Adèle, die sich -beständig in ihrem eigenen Pelze verstrickte und den Rüden Potpourri, -der zwei Paar äußerst dünne Beinchen hatte. Beide stürzten mit -geringelten Schwänzen und unter lebhaftem Gebell ins Vorzimmer, wo die -neuangekommene Dame sich soeben ihres Shawles entledigte und nun in -einem Kleid von neustem Schnitt und moderner Farbe, mit einer langen Boa -um den Hals dastand. Ein intensiver Jasmingeruch verbreitete sich durch -das ganze Zimmer. Kaum hatte die in jeder Beziehung angenehme Dame von -der Ankunft der bloß angenehmen Dame erfahren, als auch sie schon ins -Vorzimmer gelaufen kam. Beide Freundinnen ergriffen sich bei der Hand, -küßten sich und schrieen dabei auf, wie zwei junge Mädchen, die sich -bald nach ihrer Entlassung aus dem Pensionat wieder treffen, bevor noch -die beiden Mütter ihnen klar gemacht haben, daß der Vater der einen -ärmer und kein so hoher Beamter ist, als der Vater der andern. Sie -küßten sich so laut, daß beide Hündchen wieder zu bellen begannen, wofür -sie einen sanften Schlag mit dem Tuche erhielten, -- und beide Damen -begaben sich in den natürlich blautapezierten Salon, in dem ein Sofa, -ein ovaler Tisch und ein paar Fensterschirme standen, um die sich Efeu -rankte; nach ihnen kam die zottige Adèle und der große Potpourri mit den -langen Beinen knurrend ins Zimmer gelaufen. »Hierher, hierher, in dieses -Eckchen!« sagte die Hausfrau, indem sie den Gast in einer Ecke des Sofas -Platz nehmen ließ. »So ist's schön, so ist's recht! Da haben Sie auch -ein Kissen!« Mit diesen Worten schob sie jener ein schön gesticktes -Kissen in den Rücken; die Stickerei stellte einen von jenen Rittern dar, -wie sie gewöhnlich auf Tülle gestickt werden: seine Nase hatte große -Ähnlichkeit mit einer Treppe und die Lippen waren viereckig. »Wie froh -ich bin, daß Sie ... Ich höre jemand vorfahren und denke mir, wer könnte -das wohl sein, schon so früh? Parascha meinte, es sei die Frau -Vizegouverneur, und ich sage noch zu ihr: sollte die dumme Person schon -wieder gekommen sein, um mich zu langweilen? ich wollte mich schon -verleugnen lassen ...« - -Die andre Dame war schon im Begriff zur Sache zu kommen und ihre -Neuigkeit auszukramen, aber ein Ausruf, den die in jeder Beziehung -angenehme Dame in diesem Augenblick tat, gab dem Gespräch eine ganz neue -Wendung. - -»Was für ein hübscher heller Kattunstoff!« rief die in jeder Beziehung -angenehme Dame, während sie das Kleid der bloß angenehmen Dame -aufmerksam musterte. - -»Ja ein sehr heller lebhafter Stoff! Praskowja Fjodorowna findet aber, -daß es hübscher aussehen würde, wenn die Karos noch etwas kleiner und -die Pünktchen nicht braun, sondern blau wären. Ich habe meiner Schwester -einen Stoff geschickt; der ist so entzückend! ich kann's gar nicht -sagen! Denken Sie nur: ganz schmale schmale Streifchen, auf blauem -Grunde, so schmal wie man sich's überhaupt nur vorstellen kann und -zwischen zwei Streifen immer Äuglein und Pfötchen, Äuglein und Pfötchen -.... Mit einem Wort, ganz herrlich! Man kann getrost behaupten, etwas -Schöneres hat es noch nie auf der Welt gegeben.« - -»Wissen Sie, Liebste, das wirkt zu bunt.« - -»Oh nein! Gar nicht bunt!« - -»Oh doch! Viel zu bunt!« - -Hier muß ich einschalten, daß die in jeder Beziehung angenehme Dame in -gewissem Sinne Materialistin war, eine starke Neigung zur Negation und -zum Zweifel hatte und sehr vieles an diesem Leben verneinte. - -Jetzt aber erklärte die bloß angenehme Dame, daß es durchaus nicht zu -bunt sei, und rief: »Ach ja, ich gratuliere, man trägt keine -Faltenbesätze mehr!« - -»Wieso trägt man keine mehr?« - -»Statt dessen werden jetzt nur noch Festons getragen!« - -»Ach! Festons sind doch aber nicht hübsch!« - -»Ja man trägt nur noch Festons, nichts wie Festons. Pelerinen aus -Festons, auf den Ärmeln Festons, Aufsätze aus Festons, unten Festons, -mit einem Wort überall Festons.« - -»Das ist aber schade Sofja Iwanowna, Festons sind nicht hübsch!« - -»Doch Anna Grigorjewna, sie machen sich reizend, ganz entzückend, man -näht sie so: erst faltet man sie zweimal, läßt einen breiten Schlitz und -oben ... Aber warten Sie, jetzt muß ich Ihnen etwas erzählen, worüber -Sie sich wundern werden und sagen werden, daß ... Ja wundern Sie sich -nur: die Taillen werden jetzt viel länger getragen, vorn laufen sie ein -wenig spitz aus und das vordere Fischbein ragt ganz weit hervor; der -Rock wird rings herum gerafft wie bei den alten Reifröcken, und sogar -hinten ein wenig wattiert, ganz _à la belle femme_.« - -»Nein, wissen Sie, das geht zu weit! Das muß ich denn doch sagen!« rief -die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, machte eine empörte -Kopfbewegung und richtete sich im Gefühl ihrer Würde stolz auf. - -»Sehr richtig, das geht zu weit, das muß ich auch sagen!« antwortete die -bloß angenehme Dame. - -»Nein, Verehrteste, machen Sie was Sie wollen, aber da tue ich nicht -mit!« - -»Ich auch nicht ... Wenn man sich vorstellt, was nicht alles Mode wird -... da hört doch alles auf! Ich habe meine Schwester um den Schnitt -gebeten, bloß so zum Scherz, wissen Sie. Meine Melanie ist eben am -Nähen.« - -»Was, Sie haben den Schnitt?« rief die in jeder Beziehung angenehme Dame -aus, nicht ohne daß man ihr eine gewisse innere Bewegung angemerkt -hätte. - -»Natürlich. Meine Schwester hat ihn mitgebracht!« - -»Herzchen, geben Sie ihn mir, bei allem, was Ihnen heilig ist!« - -»Schade, ich habe ihn schon Proskowja Iwanowna versprochen. Vielleicht -nach ihr?« - -»Wer wird denn etwas tragen, was Proskowja Iwanowna schon getragen hat? -Ich fände das sehr merkwürdig von Ihnen, wenn Sie eine Fremde ihrer -nächsten Freundin vorzögen!« - -»Aber sie ist doch meine Tante zweiten Grades?« - -»Ach, was ist das für eine Tante. Sie sind doch nur durch Ihren Mann mit -ihr verwandt ... Nein, Sofja Iwanowna, davon will ich gar nichts hören --- Sie wollen mich beleidigen, Sie haben mich wohl schon satt bekommen -und wollen die Bekanntschaft mit mir abbrechen ...« - -Die arme Sofja Iwanowna wußte garnicht, was sie anfangen sollte. Sie -merkte sehr gut, in welch ein Kreuzfeuer sie geraten war. Das kam von -der Wichtigtuerei! Sie hätte sich ihre dumme Zunge mit Nadeln zerstechen -mögen. - -»Nun, und was macht unser Galan?« fuhr jetzt die in jeder Beziehung -angenehme Dame fort. - -»Ach Gott, ach Gott. Und da sitze ich die ganze Zeit über mit Ihnen -zusammen. Eine schöne Geschichte! Wissen Sie Anna Grigorjewna, was ich -Ihnen für eine Neuigkeit mitgebracht habe?« Hier ging ihr der Atem aus, -ein ganzer Schwall von Worten drängte sich ihr auf die Zunge wie eine -Schar von Habichten, die wie ein Sturmwind dahinjagen und sich in -schnellem Fluge zu überholen streben. Es gehörte schon die ganze -unmenschliche Härte und Grausamkeit ihrer treusten Freundin dazu, um ihr -an dieser Stelle ins Wort zu fallen. - -»Loben Sie ihn und heben Sie ihn in den Himmel, soviel Sie wollen,« -sagte sie mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit. -- »Und ich sage Ihnen --- ich will es ihm meinetwegen selbst ins Gesicht sagen: er ist ein -nichtswürdiger Mensch; ein _nichts_würdiger, nichts_würdiger_ Mensch!« - -»Ja aber hören Sie doch nur, was ich Ihnen mitzuteilen habe!« - -»Da redet alle Welt davon, daß er schön sei, und dabei ist er nichts -weniger als schön, nichts weniger -- seine Nase -- er hat eine geradezu -widerwärtige Nase.« - -»Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch erzählen, Herzchen, -Anna Grigorjewna, so lassen Sie mich doch nur erzählen. Das ist ja eine -ganze Geschichte, ich sage Ihnen, eine Geschichte >Bö kon apell -istoar<,« sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster -Verzweiflung und mit flehender Stimme. -- Es ist vielleicht nicht -überflüssig, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß beide Damen sehr -viel fremde Worte und sogar lange französische Phrasen in ihr Gespräch -einflochten. Aber so groß die Ehrfurcht ist, die der Verfasser für die -französische Sprache hegt, wegen der heilsamen Folgen, die sie für unser -Vaterland hat, so groß seine Achtung vor jener löblichen Sitte unserer -besseren Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten, -natürlich nur aus innigster Liebe für ihr Vaterland, zu ihrer -Verständigung gebrauchen, er kann es trotzdem nicht über sich gewinnen, -einen Satz aus einer fremden Sprache in diese rein russische Dichtung -hineinzunehmen, und so fahren wir denn auch russisch fort. - -»Was für eine Geschichte?« - -»Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie sich bloß vorstellen -könnten, in was für einer Lage ich mich befand! Denken Sie sich, da -kommt heute die Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater -Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter Heinrich! Sie -wissen schon: der neue Gast, ja was sagen Sie bloß zu ihm?« - -»Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau Oberpfarrer die Kur?« - -»Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wäre noch nicht das schlimmste! Nein, -hören Sie bloß, was die Frau Oberpfarrer mir erzählt hat! >Denken Sie -sich,< sagte sie, >kommt da plötzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka -bleich wie der Tod zu mir gestürzt und erzählt mir, nein, Sie glauben -garnicht, was die mir erzählt hat. Hören Sie doch nur, was die mir -erzählt hat! Das ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, während -im Hause schon alles schlief, hört sie plötzlich einen Höllenlärm, wie -man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; mit aller Gewalt wird ans -Tor geklopft, und sie hört eine menschliche Stimme rufen: >Macht auf! -Macht auf! Sonst stoß ich das Tor ein ...< Nun, wie gefällt Ihnen das? -Was sagen Sie bloß zu unserm Galan?« - -»Ja, ist denn die Karobotschka jung und hübsch?« - -»Ach, was! Eine alte Schachtel!« - -»Das sind aber schöne Geschichten! Also hat er sich wohl an die Alte -rangemacht? Na, unsere Damen haben auch einen guten Geschmack, das kann -man wohl sagen. Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben!« - -»Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz anders, wie Sie -vermuten. Denken Sie sich, plötzlich steht er bis an die Zähne bewaffnet -vor ihr, der reinste Rinaldo Rinaldini, und brüllt sie an: >Verkaufe mir -die Seelen derer, die gestorben sind,< sagte er. Die Karobotschka -antwortet natürlich ganz vernünftig: >Ich kann sie nicht verkaufen; sie -sind doch schon tot.< -- >Nein,< ruft er, >sie sind nicht tot. Das ist -meine Sache, zu wissen, ob sie tot sind oder nicht,< sagte er. >Sie sind -nicht tot, sind nicht tot!< schreit er. >Sie sind nicht tot!< Mit einem -Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, das ganze Dorf läuft zusammen, -die Kinder heulen, alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den -andern, kurz: ein Orrörrr, Orrörrr, Orrörrr! Sie können sich garnicht -vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken ich war, als ich dies -alles hörte. >Liebe gnädige Frau,< sagt meine Maschka zu mir. >Besehen -Sie sich doch in dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!< >Ach, jetzt ist mir -nicht darum zu tun,< sage ich, >ich muß schnell zu Anna Grigorjewna -hinfahren und es ihr erzählen.< Ich lasse sofort anspannen. Mein -Kutscher Andruschka fragt mich, wohin er fahren soll, aber ich bringe -kein Wort heraus und sehe ihm nur ganz blöde ins Gesicht. Ich glaube -wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrückt geworden. Ach, Anna -Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen könnten, wie mich das -aufgeregt hat!« - -»Hm! Das ist sehr merkwürdig!« sagte die in jeder Beziehung angenehme -Dame. »Was hat das wohl zu bedeuten, das mit den toten Seelen? Ich muß -gestehen, von dieser Geschichte verstehe ich nichts, rein garnichts. -Jetzt höre ich bereits zum zweiten Male von diesen toten Seelen. Und da -behauptet mein Mann, daß Nosdrjow lügt! Irgend etwas steckt sicher -dahinter!« - -»Nein, aber denken Sie sich bloß in meine Lage hinein, Anna Grigorjewna, -wie mir zu Mute war, als ich das hörte!»Und jetzt,« sagt Karobotschka, -»weiß ich gar nicht, was ich anfangen soll! Er hat mich gezwungen irgend -eine falsche Urkunde zu unterschreiben,« sagt sie, »und mir dann -fünfzehn Rubel in Papier auf den Tisch geworfen. Ich,« sagt sie, »bin -eine unerfahrene hilflose Witwe und verstehe nichts von diesen Sachen.« -Das ist 'ne Geschichte! Nein, wenn Sie sich bloß vorstellen könnten, wie -mich das alles aufgeregt hat.« - -»Nein, sagen Sie was Sie wollen! Hier handelt es sich nicht um die toten -Seelen! Da steckt etwas ganz anderes dahinter.« - -»Ich muß gestehen, ich dachte schon selbst daran,« sagte die bloß -angenehme Dame ein wenig erstaunt. Sie wurde sofort von der heftigsten -Begierde gepeinigt, zu erfahren, was wohl dahinter stecken könne, und -daher sprach sie gedehnt: »Und was glauben Sie, was dahinter steckt?« - -»Nun, was denken Sie wohl?« - -»Was ich denke ...? Ich muß sagen ich stehe wie vor einem Rätsel.« - -»Ich möchte aber doch wissen, was Sie sich wohl dabei gedacht haben?« - -Allein der angenehmen Dame fiel nichts ein und daher schwieg sie. Sie -konnte sich bloß über die Dinge aufregen, aber feine Vermutungen und -Kombinationen aufzustellen, das war nicht ihre Sache, und daher empfand -sie mehr als jede andere ein starkes Bedürfnis nach zärtlicher -Freundschaft, Rat und Beistand. - -»Nun gut, dann will ich es Ihnen sagen, was diese toten Seelen zu -bedeuten haben,« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame und ihre -Freundin horchte auf und war ganz Ohr; ihre Ohren spitzten sich wie von -selbst. Sie richtete sich im Sitzen auf, sodaß sie das Sofa kaum noch -berührte und obwohl sie etwas kompakt war, wurde sie plötzlich beinahe -schlank und leicht wie Federflaum, sodaß man hätte glauben können, ein -noch so leichter Lufthauch müßte sie mit sich emportragen. - -So scheint ein vornehmer russischer Junker, ein Hundefreund, Jäger und -Draufgänger, wenn er sich dem Walde nähert, aus dem eben ein von den -Treibern halb tot gehetzter Hase herausspringt, sich mit seinem Roß und -der hocherhobenen Koppelpeitsche in der Hand in einem geronnenen -Augenblick in ein Pulverfaß zu verwandeln, in das im nächsten Moment der -zündende Funke fallen soll. Seine Augen möchten die trübe Luft -durchbohren, und für das arme Tier gibts kein Entrinnen mehr. Er setzt -ihm unaufhaltsam nach, und selbst wenn tausend wirbelnde Schneefelder -sich gegen ihn erhöben, die ihm mit ganzen Garben silberner Sterne Mund -und Augen, Schnurrbart, Augenbrauen und die kostbare Bibermütze -überschütteten. - -»Die toten Seelen ..« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame. - -»Wie? Was?« fuhr die Freundin ganz aufgeregt dazwischen. - -»Die toten Seelen ...!« - -»Ach so sprechen Sie doch, um Gottes Willen!« - -»Sind eine bloße Erfindung und nichts wie ein Vorwand. Hier handelt es -sich in Wahrheit um folgendes: er will die Tochter des Gouverneurs -entführen.« - -Diese Schlußfolgerung kam in der Tat sehr unerwartet und war in jeder -Beziehung ungewöhnlich. Als die angenehme Dame dieses hörte, blieb sie -wie versteinert auf ihrem Platze sitzen; sie erbleichte, wurde blaß wie -der Tod, und geriet diesmal ernstlich in Aufregung. »Oh mein Gott!« rief -sie, indem sie die Hände zusammenschlug: »das hätte ich mir wirklich -nicht träumen lassen!« - -»Ich muß sagen, Sie hatten kaum den Mund aufgetan, da wußte ich schon, -worum es sich handelt« antwortete die in jeder Beziehung angenehme Dame. - -»Was soll man aber nach alledem von der Erziehung im Pensionat denken. -Die liebe Unschuld!« - -»Schöne Unschuld! Ich habe die Dinge reden hören! wahrhaftig ich hätte -nicht den Mut gehabt, so etwas auszusprechen.« - -»Wissen Sie, Anna Grigorjewna, es ist wirklich zu schmerzlich, wenn man -sieht, wie weit heute die Unsittlichkeit geht!« - -»Und die Herren sind ganz verschossen in sie. Ich dagegen muß gestehen, -daß ich nichts an ihr finden kann.« - -»Sie ist schrecklich affektiert, geradezu unerträglich affektiert.« - -»Ach liebste Anna Grigorjewna, sie ist kalt wie ein Marmorbild, ohne den -geringsten Ausdruck im Gesicht.« - -»Nein, wie affektiert, wie schrecklich affektiert sie ist, Gott, wie -affektiert! Wer sie das nur gelehrt haben mag? Aber ich habe noch nie -ein Mädchen gesehen, das ein so geziertes Wesen gehabt hätte.« - -»Liebste, Sie ist eine Marmorstatue, und bleich wie der Tod.« - -»Ach, sagen Sie doch das nicht, Sofia Iwanowna, sie legt ja Rot auf, daß -es 'ne Schande ist.« - -»Nein, was sprechen Sie, Anna Grigorjewna; sie ist ja bleich wie Kreide, -ganz wie Kreide.« - -»Meine Liebe, ich habe doch neben ihr gesessen, die Schminke sitzt ihr -ja fingerdick auf den Wangen, und bröckelt stückweise ab wie der Kalk -von der Wand. Das hat sie von ihrer Mutter. Die ist selbst eine -abgefeimte Kokette, aber die Tochter ist der Mutter noch über.« - -»Nein, erlauben Sie, nein, sagen Sie selbst, wobei ich schwören soll, -ich gebe gleich alles hin, meinen Mann, meine Kinder, all mein Hab und -Gut, wenn sie auch nur ein bißchen, ein Fünkchen, auch nur einen Anflug -von Farbe hat!« - -»Ach, was reden Sie bloß, Sofia Iwanowna,« sagte die in jeder Beziehung -angenehme Dame, und schlug die Hände zusammen. - -»Nein, wie sonderbar Sie sind! wirklich, Anna Grigorjewna, ich sehe Sie -bloß an und staune!« sagte die angenehme Dame, und schlug gleichfalls -die Hände zusammen. - -Der Leser darf sich nicht darüber wundern, daß beide Damen sich durchaus -nicht über das einigen konnten, was sie doch fast zu gleicher Zeit -gesehen hatten. Es gibt tatsächlich sehr viele Dinge auf der Welt, die -diese merkwürdige Beschaffenheit haben; werden sie von _einer_ Dame -betrachtet, so sind sie ganz weiß; betrachtet sie dagegen eine andre -Dame, so sind sie ganz _rot_, rot wie Preißelbeeren. - -»Nun, da haben Sie _noch_ einen Beweis dafür, daß sie blaß ist,« fuhr -die angenehme Dame fort: »ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie wenn -es heute wäre, daß ich neben Manilow saß und zu ihm sagte: >Sehen Sie -doch, wie bleich sie ist!< Wirklich, man muß schon so unvernünftig sein, -wie unsere Herren, um sich für sie zu begeistern. Und unser Herr Galan -... Herrgott, wie er mir in diesem Augenblick widerwärtig war! Sie -können sich garnicht vorstellen, wie er mir widerwärtig war!« - -»Und doch gab es gewisse Damen, denen er nicht ganz gleichgültig war.« - -»Meinen Sie mich, Anna Grigorjewna? Das können Sie doch wirklich nicht -sagen. Niemals, niemals!« - -»Ich spreche doch nicht von Ihnen, es gibt doch noch andre Frauen auf -der Welt!« - -»Niemals, niemals, Anna Grigorjewna. Erlauben Sie mir zu bemerken, daß -ich mich sehr gut kenne; das trifft mich wirklich nicht, aber vielleicht -andre Damen, die sich den Schein der Unnahbarkeit zu geben suchen.« - -»Nein, verzeihen Sie Sofia Iwanowna, bitte lassen Sie sich sagen, daß -ich noch nie in eine solche Skandalgeschichte verwickelt war. So etwas -mag vielleicht jeder andern begegnen, aber mir nicht, Sie müssen mir -schon gestatten, Ihnen dieses zu bemerken.« - -»Warum sind Sie denn so gekränkt? Außer Ihnen waren doch noch andre -Damen anwesend, welche den Stuhl an der Türe zu allererst besetzen -wollten, um möglichst nahe bei ihm zu sitzen.« - -Man hätte meinen sollen, diese Worte der angenehmen Dame hätten -unbedingt ein Ungewitter zur Folge haben müssen; aber merkwürdigerweise -verstummten beide Damen ganz plötzlich, und der erwartete Sturm blieb -aus. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erinnerte sich noch zur -rechten Zeit, daß der Schnitt zum neuen Kleide noch nicht in ihrer Hand -war, und die bloß angenehme Dame war sich darüber klar, daß sie noch gar -keine Einzelheiten über die Entdeckung ihrer besten Freundin wußte, und -daher schloß man sehr schnell wieder Frieden. Übrigens kann man nicht -sagen, daß beide Damen von Natur das Bedürfnis hatten, sich -Unannehmlichkeiten zu bereiten, auch hatten sie nicht eigentlich einen -boshaften Charakter, es kam gleichsam ganz von selbst, daß sich während -des Gespräches der fast unmerkliche Wunsch in ihnen regte, einander -einen kleinen Hieb zu versetzen; da ereignete es sich denn zuweilen, daß -es der einen von beiden eine kleine Freude machte, der Freundin bei -Gelegenheit ein herzhaftes Wort zu sagen: »Da hast du's! nimm und friß -es!« So verschieden sind Herzensbedürfnisse beim männlichen und -weiblichen Geschlechte. - -»Ich kann nur eins nicht verstehen,« sagte die bloß angenehme Dame, »wie -Tschitschikow, der doch hier nur auf der Durchreise ist, sich zu einem -so tollkühnen Abenteuer entschließen konnte. Er muß doch irgend welche -Helfershelfer haben.« - -»Und Sie glauben wohl er hat keine?« - -»Und was meinen Sie, wer könnte ihm dabei helfen?« - -»Nun, zum Beispiel -- Nosdrjow!« - -»Glauben Sie wirklich -- Nosdrjow?« - -»Warum nicht. Der ist doch zu allem fähig. Wissen Sie denn nicht, er hat -seinen leiblichen Vater verkaufen oder richtiger am Kartentisch -verspielen wollen.« - -»Gott, was für interessante Neuigkeiten ich von Ihnen erfahre! Ich hätte -nie gedacht, daß auch Nosdrjow in diese Geschichte verwickelt sei.« - -»Und ich hab es mir gleich gedacht!« - -»Wenn man denkt, was in der Welt alles vorfällt! Sagen Sie bloß, wer -hätte es damals vermuten können, als Tschitschikow zum Besuch in unsere -Stadt kam, daß er solche tolle Sprünge machen würde? Ach Anna -Grigorjewna, wenn Sie wüßten, wie mich das aufregt! Wenn ich Sie nicht -hätte, Ihre Freundschaft und Ihre Güte .... Ich stände wirklich wie vor -einem Abgrund .... Wo sollte ich nur hin? Meine Maschka schaut mich an, -sieht daß ich bleich bin wie der Tod, und sagt zu mir: >Liebe gnädige -Frau, Sie sind ja bleich wie der Tod!< Und ich sage ihr noch: >Ach -Maschka, mir gehen jetzt ganz andere Gedanken im Kopf herum!< Nein so -etwas! Und der Nosdrjow steckt auch dahinter! Schöne Geschichte das!« - -Die angenehme Dame brannte darauf, noch weitere Details über die -Entführung d. h. etwas über den Tag, die Stunde und so weiter zu -erfahren, aber sie verlangte zu viel. Die in jeder Beziehung angenehme -Dame erklärte ganz einfach, sie wüßte nichts darüber. Und sie log -niemals: eine kühne Hypothese aufstellen -- das war eine andre Sache, -aber auch dies gelang ihr nur dann, wenn diese Hypothese auf einer -tiefen inneren Überzeugung beruhte; war diese innere Überzeugung aber -wirklich vorhanden, dann verstand es die Dame auch für sie einzustehen, -da hätte es der größte Advokat, der berühmteste Wortfechter und Sieger -über fremde Überzeugungen nur versuchen sollen, sich mit ihr im -Wettkampfe zu messen --: hier hätte er erst gemerkt, was das bedeutet: -eine innere Ueberzeugung. - -Daß beide Damen zuletzt ganz fest davon überzeugt waren, was sie vordem -auf die bloße Vermutung hin angenommen hatten, das ist durchaus nicht -merkwürdig. Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte -Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und der beste Beweis dafür sind -unsere gelehrten Erörterungen. So ein Gelehrter geht zuerst auch an die -Sache heran wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und -fast schüchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: »Hat nicht dies Land -seinen Namen von dorther, von jenem Winkel der Erde?« oder »Gehört nicht -vielleicht diese Urkunde einer anderen, späteren Zeit an?« oder »Müssen -wir nicht dies Volk für das und das Volk halten?« Hierauf zitiert er -sofort den und den Schriftsteller des Altertums, kaum aber hat er irgend -eine Anspielung entdeckt oder doch etwas was _er_ für eine Anspielung -hält, so legt er auch schon im kühnen Galopp los, bekommt Mut, beginnt -mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie mit seinesgleichen, -richtet Fragen an sie, die er sogar selbst in ihrem eigenen Namen -beantwortet, und er hat plötzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener -Hypothese er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, als sähe -er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm jetzt und er beschließt -seine Betrachtung mit den Worten: »Und so ist es gewesen. Dies Volk also -war es. Das ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand beurteilt -werden muß!« Und dann wird es feierlich vom Katheder verkündet, daß alle -es hören können -- und die neue Wahrheit spaziert in die Welt hinaus, um -weitere Anhänger und Bewunderer zu gewinnen. - -Während unsere beiden Damen eine so höchst verworrene und komplizierte -Sache so glücklich und mit soviel Scharfsinn geklärt und entwirrt -hatten, trat der Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen -Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden Auge in den Salon. -Beide Damen teilten ihm sofort alle Neuigkeiten mit, erzählten ihm von -dem Kauf der toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des -Gouverneurs zu entführen und redeten so lange auf ihn ein, bis er ganz -konfus wurde. Verwirrt stand er auf demselben Fleck, blinzelte mit dem -linken Augenlid, staubte sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem -Bart ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was er vernahm. In -einer solchen Verfassung überließen ihn die Damen sich selbst und -stürmten davon, jede in ihrer Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu -setzen. Dieses Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer halben -Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten aufgewühlt, alles befand sich -in wilder Gährung und bald begriff kein Mensch überhaupt noch etwas. Die -Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel zu erzeugen, daß -alle, besonders aber die Beamten, ihrer Sinne kaum noch mächtig waren. -Ihre Lage glich im ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine -Kameraden während des Schlafes eine Papierdüte mit Tabak, oder wie man's -bei uns nennt »einen Husaren« in die Nase gesteckt haben. Schnaufend und -mit der ganzen Gewalt des Schnarchenden zieht der Schläfer den Tabak -ein, erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach allen -Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, wo er sich befindet, -und was mit ihm vorgeht; doch nun erkennt er die Mauer, auf die der -schwache Lichtreflex eines Sonnenstrahles fällt, das Gelächter der -Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das nahende Morgenlicht, -das heiter durch das Fenster strahlt, den erwachenden Wald, aus dem -tausende von Vogelstimmen wiedertönen, das in der Morgensonne -erstrahlende Flüßchen, hie und da zwischen Schilfrohr versteckt, in -dessen glänzender Flut sich unzählige feuchte Knabenleiber tummeln, und -zum Bade laden -- und nun erst merkt er, daß ihm der Husar in der Nase -steckt. Genau so war im ersten Moment die Lage der Bewohner und Beamten -unserer Stadt. Ein jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die -Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des Gouverneurs, und -Tschitschikow; dies alles wogte und wirbelte in wunderlichster Weise in -ihren Köpfen durcheinander; erst später, nachdem die erste Verwirrung -sich gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge einzeln -voneinander zu unterscheiden, eins vom andern zu trennen, Rechenschaft -zu fordern, und sie wurden zornig, als sie sahen, daß durchaus keine -Klarheit über die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. »Was ist denn das -für eine Fabel, nein wirklich, was ist das für ein Gefasel von den toten -Seelen? Wo bleibt denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten -Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt es denn einen -solchen Esel, der so etwas täte? Und für was für ein unnützes Geld wird -er sie denn kaufen? Und schließlich, wozu kann er diese toten Seelen -bloß brauchen? Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit der -Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entführen wollte, warum sollte -er zu diesem Zwecke der toten Seelen bedürfen? Und wenn er sich tote -Seelen kaufen will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs zu -entführen? Wollte er ihr etwa die toten Seelen schenken? Was für einen -Unsinn sie da in der Stadt verbreiten! Was ist das wieder für eine -Ordnung: man darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten über -einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur überhaupt irgend einen Sinn -hätte! ... Andererseits aber muß doch etwas dahinter stecken, sonst wäre -doch dies Gerücht nicht entstanden. Irgend einen Grund muß es doch -haben. Aber was könnten die toten Seelen für ein Grund sein? Da fehlt es -doch sogar an einem vernünftigen Grunde! Das ist doch wirklich fast so -wie: »ein hölzernes Eisen«, »ein paar weichgekochte Stiefel« oder »ein -gläserner Stelzfuß!« Mit einem Wort, man sprach, man klatschte, man -tuschelte, und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von den -toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, von Tschitschikow und -von den toten Seelen, von der Tochter des Gouverneurs und von -Tschitschikow, und alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging es -durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken schien. Sämtliche -Faullenzer und Stubenhocker, die jahrelang in ihren Schlafröcken hinter -dem Ofen hockten und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu enge -Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder auf ihren betrunkenen -Kutscher schoben, kamen aus ihren Höhlen gekrochen, all die, welche -längst alle Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen -hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern Herrn Bärenhäuter und -Herrn Ofenhocker verkehrten (zwei berühmte Namen, die von den Ausdrücken -»auf der Bärenhaut« liegen und »hinterm Ofen hocken« abgeleitet und bei -uns sehr beliebt sind, ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und -Schlummersüß einen Besuch abstatten jenen totenähnlichen Schlaf auf der -Seite, auf dem Rücken und in allen möglichen anderen Lagen, bezeichnen -soll, der von einem kräftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsäuseln durch -die Nase und allem sonstigen Zubehör begleitet ist); alle die, welche -man nicht einmal durch die Aussicht auf eine teure Fischsuppe mit -meterlangen Sterlets und allen nur erdenklichen Pasteten, die einem auf -der Zunge zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; mit -einem Worte, es zeigte sich, daß die Stadt menschenreich und groß war, -und daß ein so lebhafter Verkehr in ihr herrschte, wie man es nur -wünschen konnte. Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und -ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man bis dahin noch nie -etwas gehört hatte; in den Salons erschien plötzlich ein baumlanger Kerl -mit einem durchschossenen Arm, ein wahrer Riese, von einer Größe, wie -sie überhaupt noch nie dagewesen war. Auf den Straßen sah man gedeckte -Wagen, vorsintflutliche Droschken, Klapperkästen, Rumpelkutschen -- und -der Brei war eingerührt. Zu einer anderen Zeit und unter anderen -Umständen hätten diese Gerüchte vielleicht gar keine Beachtung gefunden, -aber die Stadt N. war schon lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war -während der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, was man -in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine Klatschgeschichte zu nennen -pflegt und was bekanntlich für eine Stadt unter Umständen ebenso wichtig -ist, wie die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevölkerung der -Stadt teilte sich plötzlich in zwei völlig entgegengesetzte Parteien, -die zwei ganz verschiedene Standpunkte vertraten: die männliche und die -weibliche. Der Standpunkt der Männer war ganz unvernünftig und töricht; -sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die weibliche Partei -beschäftigte sich dagegen ausschließlich mit der Entführung der Tochter -des Gouverneurs. In dieser Partei -- zur Ehre der Damen sei es gesagt -- -herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und Überlegung. Es ist offenbar -schon mal Bestimmung der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und überall für -die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles sehr bald ein -bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe und handgreifliche Formen an, -alles klärte sich und wurde durchsichtig und deutlich wie ein -vollendetes scharf umrissenes Gemälde. Jetzt kam es an den Tag, daß -Tschitschikow schon längst in jene Person verliebt war, daß sie sich im -Garten beim Mondenschein getroffen, daß der Gouverneur Tschitschikow -seine Tochter längst zur Frau gegeben hätte, weil jener reich wie ein -Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von ihm verlassen worden -war, dazwischen gestanden hätte (woher man erfahren hatte, daß er -verheiratet war, wußte niemand anzugeben), daß diese Frau, die eine -hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rührenden Brief an den -Gouverneur geschrieben, und daß sich Tschitschikow angesichts der -entschiedenen Weigerung von Mutter und Vater, zu einer Entführung -entschlossen habe. In manchen Häusern wurde diese Geschichte allerdings -etwas anders erzählt: darnach hatte Tschitschikow überhaupt keine Frau, -hätte aber als der feine und stets sicher gehende Mann, sich, da er die -Tochter haben wollte, zunächst an die Mutter gemacht, und mit dieser -eine kleine Herzensaffäre angebahnt, erst später habe er um die Hand der -Tochter angehalten; die Mutter aber hätte gefürchtet, hier könne leicht -ein Verbrechen geschehen, das den heiligen Geboten der Religion -zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen gefoltert ganz -kurz abgeschlagen, erst jetzt habe sich Tschitschikow dazu entschlossen, -die Tochter zu entführen. Dazu kamen noch eine Menge von Aufklärungen -und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, je weiter die -Gerüchte sich verbreiteten und bis in die entlegensten Gassen und Winkel -der Stadt eindrangen. Bei uns in Rußland haben auch die unteren -Schichten der Gesellschaft eine große Vorliebe für Klatschgeschichten, -die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man denn bald auch in -solchen Häusern von diesem Skandal zu reden, wo man Tschitschikow -überhaupt nicht kannte, und so entstanden bald wiederum neue Erklärungen -und Gerüchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick interessanter, nahm -mit jedem neuen Tage immer neue und bestimmtere Formen an und kam so -schließlich in voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau -Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fühlte sich, als Mutter -einer Familie, und als erste Dame der Stadt, durch diese Geschichten -aufs tiefste beleidigt, besonders da sie nichts derartiges auch nur -vermutet hatte, und geriet in eine große und auch in jeder Beziehung -berechtigte Empörung. Die arme Blondine hatte ein höchst unangenehmes -Tete-a-tete mit ihr, wie es nur je ein sechzehnjähriges junges Mädchen -zu überstehen hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwürfen, -Ermahnungen und Drohungen ergoß sie über das arme Mädchen, sodaß diese -in Tränen ausbrach und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort -von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste Order -Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande mehr vorzulassen. - -Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese nämlich die Gouverneurin -betraf, erfüllt hatten, nahmen sie sich die männliche Partei vor, um sie -für sich zu gewinnen. Sie erklärten die Sache mit den toten Seelen für -eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, um jeden Verdacht ablenken und -so den Mädchenraub ungestört ausführen zu können. Viele von den Männern -ließen sich bekehren und schlossen sich der Partei der Damen an, -trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den Vorwürfen ihrer Genossen -aussetzten, welche sie Pantoffelhelden und Weiberröcke nannten -- zwei -Epitheta, die bekanntlich für das männliche Geschlecht einen recht -kränkenden Sinn haben. - -Aber so sehr sich auch die Männer wappnen, so großen Widerstand sie auch -leisten mochten, es fehlte in ihrer Partei schließlich doch an jener -Ordnung und Disziplin, welche die Frauenpartei auszeichneten. Bei ihnen -war alles plump, ungeschickt, unzweckmäßig, unharmonisch und schlecht; -in den Köpfen herrschte Unordnung und Wirrwarr, in den Gedanken -Unklarheit und Verworrenheit -- mit einem Worte, es kam eben die -unglückliche Natur des Mannes so recht zum Vorschein, diese grobe plumpe -schwerfällige Natur, die weder zur Verwaltung des Haushalts zu brauchen, -noch tiefer ehrlicher Überzeugungen fähig ist, diese kleingläubige, -träge, von ewigen Zweifeln, von Ängstlichkeit und Furcht zerrüttete -Natur. Die Männer behaupteten, das seien alles Torheiten, die Entführung -einer Gouverneurstochter sei weit eher etwas für einen Husaren, als für -eine Zivilperson, so etwas würde Tschitschikow auf keinen Fall tun, den -Frauen sei nicht zu trauen, sie lögen alle, ein Weib sei wie ein leerer -Sack, was man in ihn hineinschütte, das käme auch wieder aus ihm heraus: -der Hauptpunkt, auf den man sein Augenmerk richten müsse, das seien die -toten Seelen, zwar wisse der Teufel allein, was sie zu bedeuten hätten, -sicherlich aber stecke etwas sehr Schlimmes und Häßliches dahinter. -Warum es den Männern aber schien, daß etwas so Häßliches und Schlimmes -dahinter stecke -- dies werden wir sogleich erfahren. Es war soeben ein -neuer Generalgouverneur für die Provinz ernannt worden -- bekanntlich -ein Ereignis, das die Beamten stets in einen Zustand voller Unruhe und -Aufregung versetzt: da gibt's dann immer allerhand Untersuchungen und -Rüffel, da wird einem der Kopf ordentlich gewaschen und zurechtgesetzt, -da muß man von Amts wegen alle Suppen ausessen, mit denen der -Vorgesetzte seine Untergebenen zu traktieren pflegt. -- »Herr Gott!« -dachten die Beamten, »wenn er auch nur das erfährt, daß in der Stadt -solche Gerüchte zirkulieren, dann wird er nicht zum Scherze, sondern -ernstlich zornig werden.« Der Inspektor der Sanitätsverwaltung wurde -plötzlich ganz bleich, ihm fiel etwas ganz Schreckliches ein, ob nicht -das Wort »tote Seelen« eine Anspielung auf die vielen Leute sei, die bei -der letzten Fieberepidemie erkrankt und wegen der mangelhaften -Vorsichtsmaßregeln in den Häusern und Lazaretten gestorben waren, und ob -Tschitschikow nicht am Ende ein Beamter aus der Kanzlei des -Generalgouverneurs sei, der hier im geheimen eine Untersuchung in die -Wege leiten solle. Er teilte seine Befürchtungen dem Gerichtspräsidenten -mit. Der Gerichtspräsident erklärte sie für Torheiten, erblaßte aber -gleich darauf selbst bei dem Gedanken: wie aber, wenn die von -Tschitschikow gekauften Seelen wirklich tot wären? Hatte er es doch -zugelassen, daß der Kaufvertrag abgeschlossen wurde und noch dazu selbst -die Rolle eines Vertrauensmannes bei Pljuschkin übernommen. Wie, wenn -das dem Generalgouverneur zu Ohren käme, was dann? Er teilte diesem und -jenem seine Besorgnisse mit, und plötzlich erblaßte auch dieser und -jener: die Angst ist ansteckender als die Pest und teilt sich in einem -Augenblicke mit. Alle entdeckten plötzlich solche Sünden an sich selbst, -wie sie sie garnicht mal begangen hatten. Die Worte »tote Seelen« hatten -einen so unbestimmten Klang, daß sogar der Argwohn laut wurde, ob es -sich hier nicht um zwei Fälle handle, wo zwei Menschen zu früh begraben -worden waren. Beide Ereignisse lagen noch nicht sehr weit zurück. Das -erste war mit ein paar Kaufleuten aus Ssolwytschiegodsk passiert, welche -zur Messe in die Stadt gekommen waren und nach Erledigung ihrer -Geschäfte mit ein paar befreundeten Kaufleuten aus Ustssyssolsk eine -solenne Zecherei veranstaltet hatten. Eine Zecherei nach russischer Art -aber mit deutschen Finessen: Grogs, Punschen, Bowlen usw. Diese Zecherei -endigte natürlich, wie das gewöhnlich zu passieren pflegt, mit einer -weidlichen Prügelei. Die Herren aus Ssolwytschiegodsk setzten denen aus -Ustssyssolsk tüchtig zu, obwohl sie von diesen ebenfalls ein paar -kräftige Rippenstöße und Püffe in die Bauch- und Magengegend erhielten, -welche von den ungeheuerlichen Dimensionen der Fäuste zeugten, mit denen -die seligen Prügelhelden begabt waren. Dem einen von den Siegern war -sogar der Erker eingetrommelt, wie sich unsere Boxer auszudrücken -pflegen, d. h. die Nase derart platt geschlagen, daß kaum mehr als ein -Fingerglied von ihr übrig war. Die Kaufleute gestanden ihre Schuld ein -und erklärten, sie hätten sich einen kleinen Scherz erlaubt. Man sprach -sogar davon, daß sie für jeden der von ihnen Erlegten je vier -Hundertrubelscheine bezahlt hätten; übrigens aber blieb das eine sehr -dunkle Sache. Aus den angestellten Ermittlungen und Nachforschungen ging -hervor, daß die Kaufleute von Ustssyssolsk an Kohlengasvergiftung -zugrunde gegangen seien. Und so wurden sie denn auch als solche -begraben. Der andere Fall, der sich vor kurzem ereignet hatte, war -folgender: die Ministerialbauern des Dorfes Wschiwaja Speß hatten sich -mit ebensolchen Bauern der Dörfer Borow, Borowka und Sadirailowo -vereinigt und angeblich die Gendarmerie in der Person eines gewissen -Schöffen, namens Drobjaschkin vom Erdboden vertilgt. Die Gendarmerie, d. -h. der Schöffe Drobjaschkin sollte sich gar zuviel herausgenommen und -allzuoft ihr Dorf heimgesucht haben, was unter Umständen fast so -gefährlich war, wie eine Epidemie. Der Grund aber sei gewesen, daß die -Gendarmerie aus einer gewissen Herzschwäche den Weibern und Dorfmädeln -gar zu eifrig nachgestellt habe. Ganz klar ist zwar die Sache nicht, -obwohl die Bauern geradezu aussagten, die Gendarmerie sei lüstern -gewesen, wie ein Kater, mehr als einmal hätten sie _ihn_ vertreiben und -einmal sogar ganz nackt aus einer Bauernhütte hinausjagen müssen. -Natürlich hatte die Gendarmerie wegen ihrer Herzschwäche eine harte -Strafe verdient, andererseits ließ sich aber die Eigenmächtigkeit der -Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo auch nicht rechtfertigen und -verteidigen, wenn sie wirklich an dem Morde teilgenommen hatten. -Immerhin blieb es doch eine ganz dunkle Sache; man fand die Gendarmerie -am Wege liegen; ihre Uniform oder ihr Rock glich einem Haufen von -Lumpen, und das Gesicht war auch fast unkenntlich. Die Sache kam vor die -Behörden und schließlich vor das Kriminalgericht, wo man sie zuerst ganz -unter sich erörterte und in folgendem Sinne entschied: da es unbekannt -sei, wer von den Bauern eigentlich an dem Tode der Gendarmerie Schuld -trug, alle zusammen jedoch eine zu respektable Anzahl ausmachten, da -Drobjaschkin andererseits aber ein toter Mann sei, und daher wenig davon -haben würde, wenn er den Prozeß gewönne, die Bauern hingegen noch am -Leben seien, weshalb denn auch eine günstige Wendung des Prozesses von -großer Bedeutung für sie sei, so habe das Gericht beschlossen: daß der -Schöffe Drobjaschkin selbst die Schuld an seinem Tode trage, weil er die -Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo in ungerechter Weise bedrückt -und verfolgt habe, und daß er demgemäß, als er eines Abends in seinem -Schlitten nach Hause zurückkehrte, an einem Schlaganfall gestorben sei. -Die Sache schien damit nach allen Regeln der Kunst erledigt; plötzlich -aber fingen die Beamten an zu glauben, daß es sich in diesem Falle um -die genannten toten Seelen handele. Dazu kam noch, daß gerade um die -Zeit, als sich die Herren Beamten ohnedies in einer schwierigen Lage -befanden, beim Gouverneur zwei Papiere eingingen. Das eine enthielt die -Mitteilung, daß auf gewisse Anzeichen hin sich in der Provinz ein -Falschmünzer aufhalte, welcher falsches Papiergeld herstelle und sich -hinter verschiedenen Namen verstecke. Und daher sei es nötig, eine -strenge Untersuchung in die Wege zu leiten. Das andere Papier enthielt -eine Mitteilung des Gouverneurs der Nachbarprovinz über einen Räuber, -der sich der gerichtlichen Verfolgung entzogen hatte, und die -Aufforderung, wenn in der Provinz des Herrn Kollegen eine verdächtige -Person auftauchen sollte, welche weder Paß, noch sonstige -Legitimationspapiere vorlegen könne, diese sofort zu verhaften. Beide -Papiere riefen eine allgemeine Bestürzung hervor; alle bisherigen -Vermutungen und Folgerungen waren plötzlich über den Haufen geworfen. Es -lag natürlich nicht der geringste Anlaß zur Annahme vor, daß sich auch -nur ein Wort davon auf Tschitschikow bezöge. Wenn man sich dagegen -überlegte und daran erinnerte, daß eigentlich niemand recht wußte, wer -Tschitschikow sei, daß er sich selbst nur sehr unklar und unbestimmt -über seine Person geäußert und bloß erklärt hatte, daß er in seiner -Karriere Schiffbruch gelitten, weil er der Wahrheit hätte dienen wollen, -so mußte das frischen Verdacht erregen. Aber das alles war doch zu -unklar und verschwommen. Und wenn er weiter sagte, er habe sich viele -Feinde erworben, die ihm nach dem Leben trachteten, so gab das noch mehr -Grund zum Nachdenken: also hatte er in Lebensgefahr geschwebt, also -wurde er doch verfolgt: also mußte er doch irgend etwas begangen haben -... Ja wer war er denn nun eigentlich? Man durfte natürlich nicht -annehmen, daß er falsches Papiergeld verfertige, oder gar ein Räuber sei --- hatte er doch eine so gesinnungstüchtige Physiognomie; aber bei -alledem: wer war er denn nun tatsächlich? Und jetzt endlich stellten -sich die Herren Beamten die Frage, die sie sich gleich im Anfang, d. h. -im ersten Kapitel dieser Dichtung, hätten stellen sollen. Man beschloß -noch einige Nachforschungen bei all den Leuten anzustellen, die ihm die -toten Seelen verkauft hatten, um wenigstens zu erfahren, was das für ein -Geschäft gewesen sei, was man nun eigentlich unter diesen toten Seelen -zu verstehen habe und ob Tschitschikow nicht wenigstens einem von ihnen -zufällig oder so nebenher etwas von seinen Plänen und Absichten verraten -oder ihnen erzählt hätte, wer er sei. Zuerst wandte man sich an die -Karobotschka; aber aus der war nicht viel herauszubekommen: er hätte -halt für fünfzehn Rubel tote Seelen gekauft und kaufe auch Daunen ein, -ja er habe versprochen, ihr noch alles mögliche andere abzunehmen. Er -liefere auch Speck an den Staat und sei daher ganz gewiß ein Gauner; -denn es sei schon einmal einer dagewesen, der ihr Daunen abgekauft und -Specklieferungen an den Staat übernommen habe. Der habe alle miteinander -übers Ohr gehauen und die Frau Oberpfarrer um ganze hundert Rubel -betrogen. Mehr war nicht aus ihr herauszuholen; sie wiederholte immer -nur ein und dasselbe, und die Beamten überzeugten sich bald, daß -Karobotschka ganz einfach eine dämliche alte Schachtel sei. Manilow -erklärte, für Pawel Iwanowitsch werde er stets einstehen wie für sich -selber. Er würde gerne sein ganzes Gut dafür hingeben, wenn er nur einen -hundertsten Teil jener vortrefflichen Eigenschaften besäße, die -Pawel Iwanowitsch zierten; überhaupt äußerte er sich in der -schmeichelhaftesten Weise über ihn, indem er die Augen zusammenkniff und -noch einige Gedanken über Freundschaft von sich aus zugab. Diese -Gedanken zeugten natürlich in ausreichender Weise von den zarten -Regungen seines Herzens; aber sie klärten die Sache selbst eigentlich -doch nicht auf. Sabakewitsch erwiderte: seiner Ansicht nach sei -Tschitschikow ein braver Mensch, er Sabakewitsch habe ihm nur seine -besten Bauern verkauft: es seien Leute, die in jeder Hinsicht wohlauf -und munter seien; aber er könne natürlich nicht dafür garantieren, was -in Zukunft nicht noch alles geschehen könne. Wenn sie die Strapazen der -Übersiedelung nicht überstehen und unterwegs sterben sollten, so sei das -nicht seine Schuld; das liege in Gottes Hand. Es gäbe ja genug Epidemien -und andere tödliche Krankheiten in der Welt, und es habe schon Fälle -gegeben, wo ganze Dörfer ausgestorben seien. Die Herren Beamten nahmen -noch zu einem andern Mittel ihre Zuflucht, das man zwar nicht allzu -vornehm nennen kann, das aber doch zuweilen zur Anwendung kommt. Sie -ließen die Bedienten Tschitschikows auf allerhand Umwegen durch -befreundete Lakaien ausfragen, ob ihnen nicht irgend welche Einzelheiten -aus der Vergangenheit und den Lebensverhältnissen ihres Herrn bekannt -seien. Aber auch hier bekamen sie nur wenig zu hören. Von Petruschka -nahmen sie nichts mit als jenen etwas dumpfigen Geruch der Wohnstube, -und Seliphan erklärte nur kurz: »Er ist früher Beamter gewesen und hat -beim Zollamt gedient.« Das war alles. Diese Klasse von Menschen hat eine -seltsame Gewohnheit: wenn man sie direkt nach etwas fragt, dann können -sie sich nie auf etwas besinnen. Sie können sich die Dinge in ihrem -Kopfe nicht zusammenreimen, oder sagen einfach, daß sie nichts wissen. -Fragt man sie aber nach etwas anderem, dann bringen sie alles vor, was -ihr nur wünscht, und erzählen es euch mit solchen Einzelheiten, wie ihr -sie gar nicht mal hören wollt. Alle Nachforschungen, die von den Beamten -angestellt wurden, machten ihnen nur eins klar, daß sie wirklich nicht -wußten, wer Tschitschikow eigentlich war, und daß er doch aber sicher -etwas sein müßte. Schließlich beschlossen sie, sich endgültig über -diesen Gegenstand zu einigen, und wenigstens eine definitive -Entscheidung zu treffen, was hier zu tun sei, welche Maßregeln sie -ergreifen und wie sie ermitteln sollten, wer er sei: ob er ein Mensch, -den man als politisch unzuverlässig arretieren und verhaften müsse, oder -vielmehr ein solcher sei, der _sie selbst_ als politisch unzuverlässig -arretieren und verhaften könne. Zu diesem Zwecke verabredete man sich, -im Hause des Polizeimeisters zusammenzukommen, den der Leser ja schon -als Vater und Wohltäter der Stadt kennengelernt hat. - - - Zehntes Kapitel. - -Man versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, der ja dem Leser -schon als Vater und Wohltäter der Stadt bekannt ist. Hier hatten die -Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam zu machen, wie -eingefallen und abgemagert ihre Wangen von den beständigen Sorgen und -Aufregungen waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen -Generalgouverneurs, dann die kürzlich eingegangenen Papiere so -bedeutsamen Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen -- dies -alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, selbst -die Fräcke waren ihnen allen zu weit geworden. Alle waren ein wenig -heruntergekommen: der Gerichtspräsident, der Inspektor der -Sanitätsverwaltung, der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, ja -sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen man nie bei seinem -Familiennamen nannte, ein Herr mit einem goldenen Ring am Zeigefinger, -den er mit besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war ein -wenig abgemagert. Natürlich gab es darunter auch ein paar von jenen -verwegenen Rittern ohne Furcht und Tadel, welche nie die -Geistesgegenwart verloren: aber ihre Zahl war nur klein: ja es gab -eigentlich nur einen einzigen den man dazu zählen konnte, nämlich den -Postmeister. Er allein blieb völlig unverändert in dem ruhigen Gleichmaß -seines Wesens und sagte wie gewöhnlich in derartigen Fällen: »euch kennt -man schon, ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch so mancher -dem anderen Platz machen müssen, ich aber stehe bald dreißig Jahre auf -meinem Posten.« Worauf die andern Beamten gewöhnlich zu erwidern -pflegten: »Sie haben es gut Herr!« »Sprechen Sie deutsch, Iwan -Andreitsch.« »Dein Geschäft ist der Postdienst -- du hast bloß die -eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen und zu expedieren; du kannst -höchstens einmal dein Postamt eine Stunde zu früh schließen und dann -irgend einem Kaufmann, der sich verspätet hat, für die Annahme des -Briefes nach geschlossenem Schalter etwas abverlangen, oder du expediert -vielleicht ein Paket, welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter -diesen Umständen kann natürlich jeder ein Heiliger sein. Aber versetze -dich mal in unsere Lage, wo dir täglich der Teufel in eigner Person -erscheint und dir fortwährend etwas in die Hände spielt. _Du selbst_ -willst ja garnichts nehmen, er aber steckt es dir in die Hand. Bei dir -ist das Malheur nicht so groß; du hast bloß ein Söhnchen. Mir aber hat -Gott meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, daß sie mich jedes -Jahr mit irgend einem Praskuschka oder Petruschka beschenkt. Da würdest -du auch auf einer anderen Flöte pfeifen.« So sprachen die Beamten. Ob es -aber in der Tat möglich ist, dem Teufel auf die Dauer zu widerstehen, -das zu beurteilen, ist nicht Sache des Verfassers. In unserm Konzilium, -das sich bei dieser Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzüglich -der Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache des Volkes den -gesunden Menschenverstand zu nennen pflegt. Überhaupt sind wir, wie es -scheint, nicht so recht geschaffen für repräsentative Versammlungen. Bei -all unsern Sitzungen von denen der ländlichen Bauerngemeinden an bis zu -allen gelehrten und ungelehrten Komitees, herrscht, wenn nicht eine -leitende Persönlichkeit an der Spitze steht, ein recht bedenklicher -Wirrwarr. Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das so ist; -wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so veranlagt, daß ihm nur _die_ -Versammlungen und Beratungen gelingen, die irgend ein Diner oder eine -Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und Klubversammlungen auf -deutsche Manier. Dagegen ist der gute Wille jederzeit und zu allen guten -Dingen vorhanden. Plötzlich fällt es uns ein, wenn der Wind günstig ist, -irgend welche Wohltätigkeits-, Hilfs- und Gott weiß was für andere -Vereine zu gründen. Und wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann -man sicher sein, daß nichts dabei herauskommt. Vielleicht rührt das -daher, daß wir gleich im Anfang, d. h. zu früh, befriedigt sind, und -glauben, es sei schon alles getan. Wenn wir z. B. irgend eine -Gesellschaft mit wohltätigem Zweck gründen wollen und schon bedeutende -Summen dazu gestiftet haben, müssen wir unbedingt, um unsere so löbliche -Absicht bekannt zu machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen -der Stadt geladen sind und das mindestens die Hälfte der gezeichneten -Summe verschlingt. Für die andere Hälfte richtet sich das Komitee eine -prachtvolle Wohnung mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen -Summe fünf und ein halber Rubel übrig bleiben. Aber auch hier sind sich -die Mitglieder des Komitees noch nicht einig über die Verwendung und -Verteilung dieser Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante -oder Base vor. Übrigens war das Kollegium, das sich heute versammelt -hatte, ganz anderer Art: ein dringendes Bedürfnis hatte die Anwesenden -zusammengeführt. Und es handelte sich auch nicht um irgend welche Arme -oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung stehende Sache ging -jeden Beamten persönlich an; es handelte sich hier um eine Gefahr, die -allen in gleicher Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn -sich alle Beteiligten unter solchen Verhältnissen einmütiger und enger -zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem nahm die Sitzung einen -ganz tollen Ausgang. Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und -Streitigkeiten, wie sie ja bei all solchen Versammlungen -vorzukommen pflegen, kam in den Anschauungen und Äußerungen der -Versammlungsteilnehmer auch noch eine merkwürdige Unentschlossenheit zum -Ausdruck: der eine behauptete, Tschitschikow stelle falsche -Staatspapiere her, fügte jedoch gleich darauf hinzu: »vielleicht ist es -aber auch nicht so,« ein anderer erklärte, er sei ein Beamter aus dem -Büro des Generalgouverneurs, verbesserte sich aber sofort wieder und -meinte »übrigens: der Teufel mag wissen, wer er ist, vom Gesicht kann -man es einem Menschen doch nicht ablesen.« Gegen den Verdacht aber, daß -er ein verkleideter Dieb oder Räuber sei, lehnten sich alle in gleicher -Weise auf, man war der Ansicht, daß er doch ein vertraueneinflößendes -und gesinnungstüchtiges Äußeres besitze, aber auch in seinen Worten läge -nichts, was auf einen Menschen schließen ließe, der einer solch -gewalttätigen Handlungsweise verdächtig sei. Plötzlich rief der -Postmeister, der eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden -hatte -- sei es nun, daß ihm eine momentane Erleuchtung gekommen war, -sei es aus einem andern Grunde -- ganz unerwartet aus: »Wissen Sie, -meine Herren, wer er ist?« Er hatte diese Worte mit einer Stimme -herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschütterndes an sich hatte, so -daß sich allen Anwesenden wie aus einem Munde der Ruf entrang: »Nun -wer?« »Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, ist kein -anderer, als der Hauptmann Kopeikin!«[5] Und als ihn darauf alle -zugleich fragten: »Wer ist denn dieser Kopeikin?« antwortete der -Postmeister erstaunt: »Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin -ist?« - -Alle erwiderten, sie hätten noch nie etwas von diesem Hauptmann Kopeikin -gehört. - -»Der Hauptmann Kopeikin,« versetzte der Postmeister, indem er seine -Tabakdose nur ganz wenig öffnete, weil er sich fürchtete, es könnte am -Ende noch einer von den ihm Zunächststehenden mit den Fingern -hineinlangen, von deren Sauberkeit er nicht recht überzeugt war; pflegte -er doch zuweilen sogar zu sagen: »Weiß schon, weiß schon, mein Bester, -wo Sie Ihre Finger reingesteckt haben mögen! Tabak -- das ist ein -Objekt, das mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein -will.« -- »Der Hauptmann Kopeikin,« wiederholte er, nachdem er eine -Prise genommen hatte: »ja -- übrigens, wenn ich Ihnen von ihm erzählen -wollte -- das gäbe eine höchst interessante Geschichte; selbst für einen -Schriftsteller: sozusagen ein ganzes Poema.« - -[Fußnote 5: Groschen.] - -Alle Anwesenden äußerten den Wunsch, diese Geschichte oder dieses für -einen Schriftsteller so interessante »Poema«, wie sich der Postmeister -ausgedrückt hatte, kennen zu lernen, und er begann folgendermaßen: - - - »Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. - -Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,« hub der Postmeister -an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer -saßen, »nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen -Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett -eingeliefert. Ein Bruder Leichtfuß und launenhaft wie der Teufel, hatte -er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache -gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje -oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein -Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab's noch keine -von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: dieser -Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst -viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er -arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nämlich -den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der -Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht auch noch ernähren; -ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst mit knapper Not -meinen Unterhalt.< Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie -wohl, Verehrtester, da beschloß er nach Petersburg zu reisen und sich an -die Behörden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Unterstützung -zukommen lassen könnten, er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein -Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem -Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, -sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mühe und Not nach -Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich _nun_ dieser -selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in -der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es um ihn herum -licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, so eine Art -märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur, -plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine -Erbsenstraße oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt -irgend so ein Turm in die Luft und dort _hängen_ ein paar Brücken, -wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die -reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine -Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war -ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das -Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, -Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital -nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von -ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze -Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen -und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein -Landgut läßt sich dafür nicht kaufen, d. h. es ließe sich vielleicht -kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig -Tausend muß man sich erst beim König von Frankreich leihen. Genug, er -mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, für einen -Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine -Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein -Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich -wenden soll. >Wohin könntest du dich wenden,< sagt man ihm. >Die Beamten -der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist -alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurück. Aber es gibt hier eine -sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie's,< sagt man ihm, ->vielleicht können Sie dort was ausrichten.< -- >Nun gut, dann gehe ich -zur Kommission,< spricht Kopeikin. >Ich werd' es ihnen schon klar -machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut -vergossen und gewissermaßen mein Leben geopfert.< So stand er denn also -eines Morgens etwas früher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen -Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so hätte das -in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und -begab sich auf seinem Holzfuß einherhinkend zum Vorsitzenden der -Kommission. Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende -wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehört ihm. Eine -richtige Bauernhütte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange -Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem -Wort, die Sinne schwinden einem. So 'ne Türklinke aus Metall, der -feinste Komfort, sodaß man zuerst in den Laden laufen, sich für einen -Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hände -reiben muß, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen -Sie, da steht ein Portier mit einem großen Säbel, mit so 'ner -Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops -... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, -setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein -Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen -Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe -Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der -Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein -Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen -Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier -Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt: ->Gleich kommt der Präsident!< Und schon füllt sich das Zimmer mit -allerhand Epauletten und Achselbändern. Mit einem Worte die Menschen -drängen sich wie Bohnen in der Schüssel. Endlich, Verehrtester, tritt -auch der Präsident herein. Na, Sie können sich natürlich vorstellen: der -Präsident in eigener Person sozusagen. Und, natürlich, seinem Rang und -Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie. -Aus allem spricht die »Condewite« des Großstädters. Erst geht er zu -einem dann zum andern: >Warum sind Sie hier?< >Und Sie?< >Was wünschen -Sie?< >In welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein -Kopeikin an die Reihe: >So und so,< sagt er, >ich habe mein Blut -vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht -mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine -Unterstützung, irgend so 'ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine -Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.< Der -Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel -baumelt leer herunter. >Gut!< sagt er, >fragen Sie nach ein paar Tagen -mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz selig. >Na,< denkt er, >die Sache -macht sich.< Er ist in einer Laune, können Sie sich vorstellen; hüpft -geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um -einen Schnaps zu nehmen, aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich -eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand -Filets, nebst einer Flasche Wein -- mit einem Wort, es war eine feudale -Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine Engländerin -kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein Kopeikin, -dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach auf seinem -Stelzfuß nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei einstweilen -der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin -schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.< Dabei hatte er an diesem -einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hälfte seines Geldes -durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder -in die Kommission zum Präsidenten: >Ich bin gekommen,< sagt er, >um mir -Bescheid zu holen, so und so, infolge der überstandenen Krankheiten und -meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw., -verstehen Sie wohl.< Alles in der amtlichen Sprache, natürlich! >Ja, -ja,< sagt der Präsident, >zunächst aber muß ich Ihnen mitteilen, daß ich -in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag. -Sie sehen selber, was das für eine Zeit ist. Die kriegerischen -Operationen sind gewissermaßen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten -Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin -noch ein wenig. Sie können überzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen. -Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist -alles was ich geben kann ...< Na, Sie verstehen, er gab ihm natürlich -nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprüchen hätte man bis zum -Entscheidungstermin damit auskommen können. Aber mein Kopeikin hatte -keine Lust dazu. Er dachte er würde gleich morgen ein paar Tausender -erhalten: >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!<; -statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem -Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Engländerinnen -und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so'n Uhu, -oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus --- hat den Schwanz eingezogen und läßt die Ohren hängen. Das Leben in -Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem -hatte er auch schon gekostet. Und nun heißt es: sieh zu, wie du -weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie -wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem -Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an -irgend so einem Restaurant vorüber: und nun stellen Sie sich vor: der -Koch ist ein Ausländer, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem -offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische Wäsche, und -eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor -seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit -Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, daß unser -Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor Appetit. Oder -er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen -irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen -- zu -fünf Rubel das Stück, oder so 'ne Riesin von Wassermelone, so'n ganzer -Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem -Narren, der einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen -Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf Schritt und Tritt, es -läuft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, für ihn aber -heißt's: warte gefälligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: -einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und -andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm -morgen wieder._< >Ach was,< denkt er, >mögen Sie dort machen, was sie -wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die -Vorsitzenden in Bewegung und erkläre: nein, bitte schön, das geht nicht -so weiter!< Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, -- je -weniger einer im Oberstübchen los hat, desto mehr Mut hat er -- kommt er -also in die Kommission: >Nun was wünschen Sie?< fragt man ihn, >was -wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.< -- >Ich -bitt' Sie,< sagt er, >ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund -leben. Ich muß doch meine Kottelette und eine Flasche französischen -Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins -Theater gehen, verstehen Sie,< sagte er -- >Nein, da müssen Sie uns -schon entschuldigen,< sagte da der Vorsitzende .. >Was das anbelangt, so -müssen Sie sich schon gewissermaßen gedulden. Sie haben doch etwas -bekommen, um sich über Wasser zu halten, bis die Order von oben -eingelaufen ist, und Sie können überzeugt sein, daß Sie nach Gebühr -entschädigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, daß bei uns -in Rußland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaßen, sozusagen, -einen Dienst geleistet hat, daß der unversorgt geblieben wäre. Aber, -wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater -gehen wollen, nein, wissen Sie, dann müssen Sie schon entschuldigen. -Dazu verschaffen Sie sich nur gefälligst selbst die Mittel. Da müssen -Sie sich schon selbst helfen.< Aber denken Sie bloß, mein Kopeikin -verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer -Wand. Er erhob ein großes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in -Aufruhr. Er ließ ein wahres Hagelwetter über all diese Regierungsbeamten -und Sekretäre los ... >Ja dann seid ihr ja dies und jenes,< sagte er, ->ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr -Gesetzesverdreher!< Mit einem Wort, er wischte ihnen allen kräftig eins -aus. Zufällig kam ihm auch noch irgend so'n General aus einem andern -Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie -wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so -einem rasenden Kerl anfangen? Der Präsident sieht, es gibt keinen andern -Ausweg, man muß gewissermaßen, sozusagen, zu strengeren Maßregeln seine -Zuflucht nehmen. >Schön,< sagte er, >wenn Sie nicht damit zufrieden sind -was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die -Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in -Ihre Heimat abschieben. Der Feldjäger soll kommen und ihn nach der -Heimat transportieren!< Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der -steht schon da und wartet schon hinter der Tür: so'n baumlanger Kerl, -wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst für den Kurierdienst -geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser -braver Knecht Gottes in den Wagen befördert und ab geht's in Begleitung -des Feldjägers. >Na,< denkt Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das -Reisegeld. Auch dafür bin ich den Herren dankbar.< So fährt er denn, -Verehrtester, mit dem Feldjäger, und während er so an der Seite des -Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: ->Schön,< sagt er, >du erklärst mir, ich soll mir selbst helfen und die -Mittel suchen! Gut, schön,< sagt er, >ich will mir die Mittel schon -verschaffen!< Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin -er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und -daher sind denn auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im -Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, -wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier -schürzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also -Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, -es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine -Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie -wohl, war kein anderer als ...« - -»Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch,« unterbrach ihn plötzlich der -Polizeimeister, »du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein -Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...« - -Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die -Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte -garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser -Erzählung eingefallen war, und erklärte, das russische Sprichwort: »der -Verstand des Russen ist von hinten am stärksten!« sei vollkommen wahr. -Aber gleich darauf fing er an, Winkelzüge zu machen und versuchte sogar -sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, die Engländer -hätten, wie man aus den Zeitungen ersehen könne, die Mechanik sehr -vervollkommnet, und einer hätte sogar hölzerne Füße mit einem solchen -Mechanismus erfunden, daß man nur auf eine Spirale zu drücken brauche, -damit diese Füße einen in unbekannte Gegenden forttrügen, sodaß man den -Menschen überhaupt nicht mehr auffinden könne. - -Aber trotzdem zweifelten alle, daß Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin -sei, und fanden, daß der Postmeister schon gar zu weit über das Ziel -hinausgeschossen habe. Übrigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht -lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle -Hypothese des Postmeisters, womöglich noch weiter. Unter den vielen in -ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so -seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, daß Tschitschikow -vielleicht _Napoleon_ sein könne, der sich verkleidet in ihrer Stadt -aufhielte; die Engländer seien schon längst eifersüchtig auf Rußland, -auf seine Macht und seine Größe, und es wären schon mehrmals Karikaturen -erschienen, auf denen ein Russe im Gespräch mit einem Engländer -abgebildet war: der Engländer steht da und hält einen Hund an der Leine, -dieser Hund aber soll _Napoleon_ vorstellen: >Paß auf,< sagt der -Engländer, >wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf -dich.< Wer weiß, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena -losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in -Rußland umher, während er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei. - -Natürlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber -sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen -die Sache überlegte, konnte er sich's nicht verhehlen, daß -Tschitschikows Profil eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem Napoleons -hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht -hatte, hatte Napoleon persönlich gesehen und mußte gleichfalls zugeben, -daß er sicherlich nicht größer als Tschitschikow und auch von Statur -weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dünn -gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles für sehr -unwahrscheinlich halten, -- nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe -zuzugestehen, daß die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum -Tort mußte sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzählen, was -um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege, -sondern in nächster Nähe von beiden Hauptstädten lag. Übrigens darf man -nicht vergessen, daß all diese Ereignisse bald nach der glorreichen -Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere -Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten -und ungebildeten Leute wenigstens für die ersten acht Jahre -eingefleischte Politiker geworden. Die »Moskauer Nachrichten« und der -»Sohn des Vaterlandes« wurden so zerlesen, daß sie an den letzten Leser -nur noch als ein Häuflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu -gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den -Scheffel Hafer verkauft, Väterchen? -- Was denken Sie vom gestrigen -Schneefall? -- hörte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung? --- Ist Napoleon nicht wieder entwischt? -- Besonders die Kaufleute -fürchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung -eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker saß. Dieser -neue Prophet war plötzlich -- kein Mensch wußte woher -- in Bastschuhen -und in Felle gehüllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der -Stadt aufgetaucht und hatte verkündigt, Napoleon sei der Antichrist, der -jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette -schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze -Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins -Gefängnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte -er seine Mission erfüllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bißchen -Verstand gebracht. Und lange noch, selbst während des flottesten -Geschäftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier -beim Tee über den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten -und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, über -die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung, -welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben, -der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn -zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse -wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch -die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie -wieder zur Besinnung und merkten, daß ihre Phantasie schon allzu üppig -wucherte, und daß die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und -dachten her, überlegten her und überlegten hin, und kamen schließlich -zur Überzeugung, daß es vielleicht nicht übel wäre Nosdrjow einmal -gründlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit -den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte, -in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mußte er doch etwas über -dessen Lebensverhältnisse wissen; und so beschloß man denn, erst einmal -zu hören was Nosdrjow sagen werde. - -Höchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter -aller anderen Berufe: sie wußten doch ganz genau, daß Nosdrjow ein -Lügner sei, daß man ihm kein Wort glauben könne, selbst da nicht, wo es -sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre -Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott, -aber glaubt dafür, daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm seine Nase -juckt; er geht gleichgültig an einer Schöpfung des Dichters vorbei, -welche so deutlich für sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz -durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um -sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu stürzen, der ihm -irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und -vergewaltigt. Und das gefällt ihm. Da tut er den Mund weit auf und -schreit mit lauter Stimme: »Seht ihr! das ist reine Herzenskündigung!« -Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die Ärzte, um am Ende zu einem -alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke -kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug, -weil ihm plötzlich die tolle Idee kommt, es könne ihm etwas gegen seine -Krankheit nützen. Man hätte natürlich die Herren Beamten mit ihrer -schwierigen Lage entschuldigen können. Man sagt ja, daß ein Ertrinkender -nach einem Strohhalm greife, und daß er nicht soviel Überlegung habe, um -sich zu sagen, auf einem Strohhalm könne höchstens eine Fliege einen -Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fünf Zentner wiegt; -aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese Überlegung überhaupt -nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere -Herren schließlich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb -ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu -speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit -freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm -seinen Säbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das -Schreiben zu überbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen -Gegenstande beschäftigt; schon den vierten Tag verließ er das Haus -nicht, empfing keinen Menschen und ließ sich sogar das Mittagessen durch -das Fenster reichen -- mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah -beinah grün im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die größte -Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und -Zusammenstellung _eines_ Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem -ganzen _Schock_. Dabei mußte die Zeichnung aber so scharf sein, daß man -sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche -Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Während dieser ganzen Zeit -mußte Porphyr dem kleinen Bullenbeißer den Nabel mit einer besonderen -Bürste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war -sehr ärgerlich, daß er in seiner Einsamkeit gestört wurde; zuerst -schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem -Polizeimeister erfuhr, daß sich heute abend ein kleines Geschäftchen -machen ließe, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er -sofort milder gestimmt; er schloß also sein Zimmer schnell ab, kleidete -sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows -Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu -denen der Herren Beamten, daß selbst ihre _kühnsten_ Hypothesen über den -Haufen geworfen wurden. Dies war tatsächlich ein Mensch, für den es -überhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schüchtern und -vorsichtig _ihre_ Vermutungen waren, so fest und sicher waren die -_seinen_. Er antwortete sogleich, _ohne_ auch nur einen Moment zu -stocken auf alle Fragen. Er erklärte, Tschitschikow habe für einige -tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm -welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun -solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wäre, -um herumzuschnüffeln, antwortete Nosdrjow: natürlich sei er ein Spitzel; -schon in der Schule, die sie zusammen besucht hätten, sei er allgemein -eine Petze gescholten worden, sämtliche Kameraden, und unter ihnen auch -er, hätten ihn dafür einmal so kräftig durchgebläut, daß man ihm nachher -allein an den Schläfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mußte -- er -hatte ursprünglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren -ihm wie von selbst entschlüpft. -- Auf die Frage, ob er nicht falsches -Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natürlich mache er welches. Bei -dieser Gelegenheit erzählte er eine Geschichte von Tschitschikows -unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nämlich -herausgekommen, daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsches -Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich -gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tür -gestellt; Tschitschikow aber hätte die Banknoten in einer Nacht alle -miteinander vertauscht, sodaß man am anderen Tage, als die Siegel gelöst -wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow -tatsächlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entführen, -und ob es denn wahr sei, daß er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand -dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewiß habe er ihm geholfen, und -wenn er nicht dabei gewesen wäre, so wäre die ganze Sache mißglückt. -Hier stockte er ein wenig; er sah nämlich, daß er ohne allen Grund -gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte, -aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten können. Und dies war -auch keine Kleinigkeit, denn es drängten sich seiner Phantasie gleich so -interessante Einzelheiten auf, daß es tatsächlich ein Ding der -Unmöglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar -das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden -sollte; dies sei nämlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heiße Pater -Sidor, die Trauung sollte fünfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber -hätte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm -Tschitschikow nicht gedroht hätte, er werde es bekannt machen, daß jener -den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow, -habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfügung gestellt und auf allen -Stationen für Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details, -daß er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es -jemand, Napoleon zu erwähnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh, -denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar -keine Ähnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung -unmöglich war, sodaß die Beamten schließlich aufstanden und seufzend -weggingen; nur der Polizeimeister hörte ihm noch lange aufmerksam zu, -weil er immer noch erwartete, daß sich was aus ihm herausholen ließe, -aber schließlich machte auch er eine hoffnungslose Gebärde und sagte -nur: »Pfui Teufel!« Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden, -jede weitere Bemühung gliche wahrhaftig bloß dem Versuch, den Bock zu -melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher, -und man kam zum Schluß, daß es ganz unmöglich sei, herauszukriegen, wer -nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans -Licht, was für ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernünftig -und weise, wo es sich um Sachen handelt, die _andere_ Leute, nicht aber -_ihn selbst_ was angehen. Mit was für umsichtigen und wohlüberlegten -Ratschlägen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! »Welch -ein gescheiter Kopf!« ruft die Menge: »welch ein unbeugsamer Charakter!« -Aber laßt nur einmal irgend ein Unglück über diesen »gescheiten Kopf« -hereinbrechen, laßt ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen -- -wo ist da plötzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann -steht völlig fassungslos da, er hat sich in einen erbärmlichen Feigling, -in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen -verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrücken liebte. - -All dies Gerede, diese Gerüchte und Hypothesen machten aus irgend einem -Grunde den größten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck -war so stark, daß er nach Hause ging, zu grübeln begann und so ins -Grübeln hineinkam, daß er sich eines schönen Tags ganz plötzlich, und -ohne daß man hätte sagen können, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn -ein Schlag gerührt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem -Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fußboden aus. Wie das -in solchen Fällen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor -Schrecken; schlugen die Hände zusammen, riefen: »Ach Gott, ach Gott!« -ließen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und überzeugten sich -schließlich, daß der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war. -Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, daß der Verstorbene -tatsächlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner -Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die -Erscheinung des Todes _hier_ genau so schrecklich, wo sie sich nur an -einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem großen -manifestiert hätte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt -war, sich bewegt, Whist gespielt, alle möglichen Papiere unterschrieben -und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen -unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke -Auge blinzelte nicht mehr, und bloß die eine Augenbraue war noch ein -wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck -verlieh. Was das wohl für eine Frage war, die auf seinen Lippen -schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er -gestorben sei -- das weiß Gott allein. - -»Aber das ist doch unmöglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch -garnicht sein, daß die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und -Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der -Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mußte, um was es -sich hier handelte!« So wird mancher Leser sprechen und dem Autor -vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmögliche Dinge vor, oder -man wird die armen Beamten für Narren erklären, weil der Mensch ja -bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte »_Narr_« und zwanzigmal am -Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf -zu werfen. Es genügt schon, daß man eine törichte Eigenschaft unter zehn -vernünftigen habe, um trotz alledem für einen Narren erklärt zu werden. -Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen -Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der -ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo -der Mensch nur gerade _die_ Gegenstände erkennen kann, die sich -unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der -Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und für -überflüssig erklären möchte. Wie reich an Irrtümern ist doch die Welt, -an Irrtümern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wüßte. Was für -seltsame Schlangenwindungen, was für enge, verwachsene, unzugängliche, -abseitsführende Wege wählte die Menschheit in ihrem Streben nach der -ewigen Wahrheit, während der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie -der Weg, der in das prunkende Heiligtum des königlichen Palastes führt. -Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze -liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten -die Menschen an ihm vorbei in düsterer Finsternis, oft schon stieg die -Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch -schreckten sie zurück, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab, -verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wüste Gegenden -zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die -Augen zu weben, und trügenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgründen -vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo -gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit -wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich über die Verirrungen, es -lacht über die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, daß -diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, daß -jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkündet, daß auf allen Seiten der -mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes -Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner -selbst bewußt beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, über welche -die Nachkommen ebenso stolz lächeln werden. - -Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte -er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkältung, Reißen im Gesicht -und eine kleine Halsentzündung zugezogen, eine von jenen Krankheiten, -mit denen das Klima vieler unserer Provinzstädte die Einwohner besonders -freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jähes Ende -nähme, ehe er noch Zeit gehabt, für seine Nachkommenschaft zu sorgen, -beschloß er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Während dieser -Zeit gurgelte er beständig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche -er jedesmal mit Genuß verzehrte, auch trug er ein kleines Säckchen mit -Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen, -legte er sich ein ausführliches Verzeichnis über die von ihm gekauften -Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallière, -das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und -Sächelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und überflog -manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte -durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, daß kein einziger von -den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu -erkundigen, während doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor -seiner Tür gehalten hatte -- bald der des Staatsanwalts, bald der des -Postmeisters, bald der des Präsidenten. Er zuckte fortwährend mit den -Achseln, während er im Zimmer auf- und abging. Endlich fühlte er sich -etwas besser, und er war ganz glücklich, als er wieder soweit -hergestellt war, daß er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich -ohne Verzug an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß etwas warmes -Wasser in ein Glas, nahm Seife und Bürste heraus und ging daran, sich zu -rasieren, wozu es übrigens schon längst Zeit war, denn als er sein Kinn -mit der Hand befühlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: »Das ist -ja der reinste Wald!« Und in der Tat: wenn's auch gerade kein Wald war, -so ließ sich's doch nicht leugnen, daß auf Kinn und Wangen die Saat -üppig sproßte. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz -schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er -angezogen; er besprengte sich noch mit Kölnischem Wasser, hüllte sich -recht warm in seinen Mantel und trat auf die Straße hinaus, nachdem er -sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden -hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen --- etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm -freundlich zuzulächeln, die Häuser und die Bauern auf der Straße, die -eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon -mancher seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte -dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den -Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug -sogar ein wenig über die Schnur, und er begann über sich selbst zu -lachen und sich über sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung -fand er sich plötzlich dem Hause des Gouverneurs gegenüber. Schon hatte -er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel -abzulegen, als der Portier plötzlich auf ihn zuging und ihn durch -folgende Worte überraschte: »Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht -vorzulassen!« - -»Wie? Was fällt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch -ordentlich an!« fiel Tschitschikow erstaunt ein. - -»Gewiß habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch nicht zum ersten Mal,« -sagte der Portier. »Sie _allein_ darf ich ja gerade nicht vorlassen; -jeden andern, nur Sie nicht!« - -»Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht?« - -»So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund haben,« sagte der -Portier und fügte noch ein »Ja« hinzu, worauf er in nachlässiger Haltung -vor ihm stehen blieb, ganz ohne jenes freundliche Lächeln, mit dem er -ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen hatte. -Wahrscheinlich dachte er sich: »He! wenn dich die Herrschaften von der -Schwelle jagen, dann bist du sicherlich irgend ein Prolet!« - -»Unbegreiflich!« dachte Tschitschikow und begab sich sofort zum -Gerichtspräsidenten; aber der Präsident wurde bei seinem Anblick so -verlegen, daß er keine zwei Worte stammeln konnte und solch ein -törichtes Zeug zusammenschwatzte, daß alle beide verlegen wurden. -Tschitschikow entfernte sich und gab sich unterwegs alle mögliche Mühe, -herauszubekommen, was der Präsident eigentlich gemeint, und was seine -Worte für einen Sinn gehabt hätten, aber es wollte ihm durchaus nicht -gelingen. Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum -Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten sich entweder, ihn -zu empfangen, oder bereiteten ihm einen so seltsamen Empfang, führten so -eigentümliche Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwürdig, -daß er wirklich annehmen mußte, sie seien nicht ganz bei Verstande. Er -machte noch einen Versuch und ging zu einigen Bekannten, um den Grund -dieser Veränderung zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm nicht -glücken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die Stadt, ohne entscheiden zu -können, ob er selbst verrückt sei, oder die Beamten den Kopf verloren -hätten, ob dies alles nur ein Traum, oder alberne törichte Wirklichkeit -sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst spät am Abend, als -es schon dunkel zu werden begann, kehrte er in seinen Gasthof zurück, -den er in so glänzender Stimmung verlassen hatte, und ließ sich vor -Ärger und Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grübeln über die -Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er sich eine Tasse Tee ein, -als sich plötzlich die Zimmertür auftat und Nosdrjow, den er am -allerwenigsten erwartet hatte, hineintrat. - -»Für einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das Sprichwort sagt,« rief -dieser und nahm seinen Hut ab: »ich komme eben vorüber und sehe Licht in -deinem Fenster. >Wahrscheinlich schläft er noch nicht, denke ich mir, -ich muß doch mal rauf gehen und nachsehen.< Ah! das ist aber schön, daß -du Tee hast, ich trinke mit Vergnügen ein Täßchen mit: ich hab' heute -allerhand Zeug gegessen und fühle schon, daß mein Magen zu rebellieren -beginnt! Laß mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo ist denn deine -Pfeife?« - -»Ich rauche doch keine Pfeife,« sagte Tschitschikow trocken. - -»Unsinn, als ob ich nicht weiß, daß du ein enragierter Raucher bist. He! -Wie heißt doch gleich dein Diener? He Bachrameus, hör mal!« - -»Er heißt nicht Bachrameus, er heißt Petruschka.« - -»Wie? Du hattest doch früher einen Bachrameus?« - -»Ist mir nicht eingefallen!« sagte Tschitschikow. »Richtig, es ist ja -wahr. Das ist ja Derebin, der hat einen Bachrameus. Denk mal, was der -Derebin für ein Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn -gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun hat sie dem -Derebin ihr ganzes Vermögen zugeschrieben. Das wär doch fein, wenn unser -einer so eine Tante hätte, weißt du, das wären schöne Aussichten, was? -Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum ziehst du dich -plötzlich so von uns allen zurück, man sieht dich ja überhaupt nicht -mehr. Ich weiß, du beschäftigst dich mit wissenschaftlichen -Gegenständen, du liest sehr viel (woraus Nosdrjow schloß, daß unser Held -sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt und sehr viel -liest, das können wir, wie wir zu unserem Bedauern gestehen müssen, -leider nicht verraten, noch weniger aber hätte es Tschitschikow können). -Hör mal Tschitschikow! Wenn du bloß gesehen hättest ... das wär' was für -deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow einen satirischen -Geist haben sollte -- ist leider auch ganz unbekannt.) Denk mal, lieber -Freund, beim Kaufmann Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt, -nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, der mit mir dort -war, sagte immer, >wenn doch Tschitschikow bloß hier wäre, das wäre was -für ihn!< (Tschitschikow hatte Pererependjew überhaupt nie gesehen.) -Nein, gesteh's nur, Bester, damals hast du wirklich gemein an mir -gehandelt, weißt du noch, als wir Dame spielten? Ich hatte ja gewonnen -... Aber, du hast mich einfach beschwindelt! Aber, hol's der Teufel, ich -kann halt nicht lange böse sein. Neulich beim Präsidenten ... Ach ja, -ich muß dir noch sagen: in der Stadt sind alle gegen dich aufgebracht! -Sie glauben, daß du falsches Papiergeld machst .. Plötzlich fallen alle -über mich her -- na, ich stelle mich natürlich wie ein Berg vor dich hin --- ich habe ihnen was vorerzählt: daß wir zusammen in die Schule -gegangen sind, und daß ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort, -ich habe ihnen tüchtig was vorgeschwindelt!« - -»Ich soll falsches Papiergeld machen?« rief Tschitschikow aus und sprang -vom Stuhl auf. - -»Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt?« fuhr Nosdrjow -fort, »sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich für einen -Spitzel und Räuber. -- Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck -gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen -gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben -Angst, es könnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den -Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, daß er -mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnäsig ist und gar -zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man -kann sich natürlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball -geben, aber was nützt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hör mal, -Tschitschikow, du hast da eine gefährliche Sache unternommen?« - -»Was für eine gefährliche Sache?« fragte Tschitschikow unruhig. - -»Na, das mit der Entführung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich -habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich -euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: >Na! denke ich mir, der -Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...< Übrigens hast du keine gute -Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine -andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das -ist ein Prachtmädel! Da kann man sagen: Einfach entzückend!« - -»Was redest du da für ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des -Gouverneurs entführen. Was fällt dir ein?« sagte Tschitschikow und -starrte ihn verständnislos an. - -»Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrämer! Ich will -ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir -meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und -dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfügung stellen, nur unter einer -Bedingung: du mußt mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt -nötig, ich bin in einer verzweifelten Lage.« - -Während dieser törichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow -mehrmals die Augen, um sich zu überzeugen, ob er nicht etwa träume. Das -falsche Papiergeld, die Entführung der Tochter des Gouverneurs, der Tod -des Staatsanwalts, dessen Ursache _er_ sein sollte, die Ankunft des -Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein. -»Oh weh, wenn die Sache so steht,« dachte er, »dann darf ich nicht -länger säumen, dann muß ich mich schleunigst davonmachen.« - -Er suchte sich Nosdrjow möglichst schnell vom Halse zu schaffen, ließ -sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu -halten, weil er am nächsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle. -Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen -ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel -Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Türe stehen, ohne -sich vom Fleck zu rühren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer -unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht -bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen -einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstände und warf alles, was ihm -unter die Hände kam, in einen Korb hinein: Strümpfe, Hemden, die _reine_ -und die _schmutzige_ Wäsche, Stiefelbürsten, einen Kalender usw. Dies -alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am -selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unnütz Zeit -zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Türe und -verließ dann leise das Zimmer. Ganz bedächtig und so langsam, wie man -sich's nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den -Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurückließ. -Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet -diese Gebärde? und was hat sie überhaupt zu bedeuten? War es der Ärger, -daß die für morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen -in einem ebenso ärmlichen Pelze und einem ähnlichen Gürtel um die Taille -in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte -sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffäre angesponnen, und nun -sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem -höflichen Händedrücken abends in der Dämmerung, wenn die Burschen im -roten Hemde vor den Mägden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte -Volksmenge nach des Tages Last und Mühe leise Reden wechselt -- oder war -es nur der Schmerz, das warme Plätzchen in der Küche am Ofen unter dem -Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie -nur in der Stadt bekommt, verlassen zu müssen, um sich aufs neue in den -Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise -auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen -- errate wer's will. Gar -vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den -Ohren kratzt. - -[Fußnote 6: Ein Saiteninstrument: eine Art Guitarre.] - - - Elftes Kapitel. - -Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich -wachte er viel später auf, als er beabsichtigte -- dies war die erste -Unannehmlichkeit -- dann stand er auf und schickte sofort jemand -hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt -und alles zur Abreise bereit sei, mußte aber zu seinem Leidwesen -erfahren, daß die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten -zur Abreise getroffen seien -- und dies war die zweite Unannehmlichkeit. -Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem -Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstüber zu versetzen, und -wartete mit Ungeduld, was der wohl für eine Ausrede zu seiner -Entschuldigung vorbringen würde. Bald erschien Seliphan auch in der Tür, -worauf sein Herr das Vergnügen hatte, dieselben Reden über sich ergehen -zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hören bekommt, wenn man -verreisen will und große Eile hat. - -»Man muß doch aber die Pferde zuerst beschlagen lassen, Pawel -Iwanowitsch!« - -»Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast du mir das denn nicht früher -gesagt? Du hast doch wohl Zeit genug dazu gehabt?« - -»Hm, ja, Zeit hätt' ich freilich dazu gehabt ... Aber dann ist da noch -was mit dem Rade los, Pawel Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen -aufsetzen müssen, der Weg hat so viele Gruben und Löcher, und ist so -holperig ... Ja, und dann habe ich noch etwas vergessen: der Kutschbock -ist entzwei, der ist so wackelig, daß er keine zwei Stationen mehr -halten kann.« - -»Schurke!« schrie Tschitschikow, schlug die Hände zusammen und ging auf -Seliphan los, daß dieser Angst bekam, sein Herr könne ihm ein recht -unangenehmes Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurücktrat. - -»Willst du mich umbringen? Willst du mich töten? Was? Du willst mich -wohl am Wege ermorden, wie ein Räuber und Strauchdieb? Du Schwein du, du -Meerungeheuer! Drei Wochen lang rühren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn -er nur ein einziges Wort gesagt hätte, der nichtsnutzige Kerl! Statt -dessen verschiebt er alles bis auf die letzte Stunde! Jetzt wo schon -alles so weit ist, daß man einsteigen und fortfahren möchte, gerade da -muß er einem solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es doch -gewußt? Hast du es etwa nicht gewußt? Wie? Antworte! Nun?« - -»Freilich!« antwortete Seliphan und ließ den Kopf hängen. - -»Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie?« Auf diese Frage erfolgte -keine Antwort. Seliphan stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und -schien zu sich selbst zu sprechen: »Siehst du wohl, wie das gekommen -ist: ich hab's doch gewußt, und trotzdem nicht gesagt!« - -»So, lauf jetzt zum Schmied und laß ihn kommen. In zwei Stunden muß -alles fertig sein, verstanden? Spätestens in zwei Stunden! Wenn's dann -nicht fertig ist, dann -- dann nehm ich dich und binde dich zu einem -Knoten zusammen!« Unser Held war ganz außer sich vor Wut. - -Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl seines Herrn -auszuführen; aber er besann sich noch einen Augenblick, blieb stehen und -sagte: »Wissen Sie, gnädiger Herr, den Schecken, den sollte man -eigentlich verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein Schurke -... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der hindert einen ja nur!« - -»So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen und ihn verschachern. -Was?« - -»Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur so kräftig aus; in -Wirklichkeit ist er höchst verschlagen und unzuverlässig, so ein Pferd -gibt's gar nicht wieder ...« - -»Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich ihn schon selbst. Hält der -Kerl hier noch lange Reden! Paß mal auf; wenn du mir nicht gleich ein -paar Schmiede holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix und -fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstüber, daß du nicht weißt, wo -dir der Kopf steht! Mach, daß du raus kommt! Marsch!« Seliphan verließ -das Zimmer. - -Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die man sich denken kann, -und warf seinen Säbel, den er auf Reisen immer bei sich trug, um die -Leute in Furcht und Respekt zu halten, wütend auf den Boden. Mehr als -eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden herum, ehe er mit -ihnen einig wurde, denn diese waren, wie das zu geschehen pflegt, ganz -abgefeimte Gauner und forderten das Sechsfache, als sie merkten, daß -Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch ereiferte, sie -Diebe, Räuber und Wegelagerer nannte, es wollte alles nichts fruchten; -er versuchte es sogar, sie mit dem jüngsten Gericht zu schrecken; aber -auch das machte keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben -fest, und ließen nicht nur nichts vom geforderten Preise ab, sondern -brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze fünfeinhalb, um den Wagen -in Ordnung zu bringen. Während dieser Zeit konnte Tschitschikow in -vollen Zügen jene schönen Minuten genießen, die jeder Reisende so gut -kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch einige Stücke -Bindfaden, ein paar Papierfetzen und anderer Plunder im Zimmer -herumliegen, wenn der Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht -ruhig zu Hause bleiben kann, und schließlich ans Fenster tritt, um sich -die Leute anzusehen, die unten auf der Straße vorüber gehen oder eilen, -über ihre Groschen sprechen, ihre blöden Blicke neugierig auf ihn -richten und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, der -durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. Alles was er sieht: der -vor ihm liegende Kaufladen, der Kopf der alten Frau, die im -gegenüberliegenden Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an das -mit kurzen Gardinen verhängte Fenster tritt, -- alles widert ihm an, und -doch kann er sich nicht entschließen, vom Fenster wegzugehen. Er rührt -sich nicht vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, er -vergißt _sich_ und seine ganze Umgebung, um gleich darauf wieder zu den -vertrauten Gegenständen zurückzukehren. Stumpfen Sinnes betrachtet er -alles, was um ihn herum lebt und webt, und zerdrückt schließlich -ärgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe fliegt und -ihm dabei gerade unter die Finger kommt. Aber alles in der Welt hat ein -Ende, und der ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in -Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehörte, das Rad -hatte einen neuen Reifen, die Pferde hatten zu trinken bekommen, und die -Schmiede entfernten sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezählt -und Tschitschikow eine glückliche Reise gewünscht hatten. Endlich waren -auch die Pferde vor den Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei -warme Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche gepackt, -auch Seliphan steckte sich noch etwas in die Tasche, die am Kutschbock -angebracht war, und unser Held verließ den Gasthof, um seinen Wagen zu -besteigen, begleitet vom Kellner, der wie immer seinen baumwollenen Rock -anhatte, und grüßend seinen Hut schwenkte, sowie von ein paar Kutschern -und Lakaien, die teils zum Gasthof gehörten, teils herbeigelaufen waren, -um zu sehen, wie der fremde Herr abfährt; nebst allem sonstigen Zubehör, -wie es bei einer Abreise nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in -die Equipage, und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange -unbenutzt im Stall gestanden hatte und den Leser vielleicht schon zu -langweilen beginnt, rollte zum Tore hinaus. »Gott sei Dank!« dachte -Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche, -Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden hatte, nahm -neben ihm Platz, unser Held setzte sich recht bequem auf dem grusischen -Teppich zurecht, legte sich ein Lederkissen in den Rücken, wobei er die -beiden warmen Bretzel kräftig zusammendrückte, und der Wagen setzte sich -aufs neue, hopsend und springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches -ja bekanntlich eine beträchtliche Schwungkraft besaß. Mit einem -seltsamen unklaren Gefühl blickte Tschitschikow auf die Häuser, die -Mauern, die Zäune und Straßen, die gleichfalls auf und ab zu hüpfen -schienen und langsam an seinen Augen vorüberzogen. Weiß Gott, ob es ihm -beschieden sein würde, sie in seinem Leben noch einmal wiederzusehen. -Bei einer Straßenkreuzung mußte der Wagen Halt machen, er wurde nämlich -durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze Straße entlang -dahin bewegte. Tschitschikow steckte den Kopf aus dem Wagen, und sagte -Petruschka, er solle einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte -sich heraus, daß es der Staatsanwalt war. Äußerst unangenehm berührt, -lehnte Tschitschikow sich schnell in eine Ecke zurück, ließ den Wagen -aufklappen und zog die Vorhänge zu. Während die Equipage still stand, -nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre Mützen ab und sahen sich den -Zug aufmerksam an, wobei sie sich besonders für die Wagen und ihre -Insassen zu interessieren und genau nachzuzählen schienen, wie viele von -den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu Fuß gingen; auch ihr Herr, -der ihnen befohlen hatte, sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von -den bekannten Lakaien zu grüßen, sah sich den Zug durch ein kleines -Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten folgten entblößten Hauptes -dem Sarge. Tschitschikow fürchtete sich einen Augenblick, sie könnten -seine Equipage erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie -unterhielten sich nicht einmal über jene praktischen Fragen, welche -gewöhnlich gestreift werden, wenn man an einer Beerdigung teilnimmt. All -ihre Gedanken konzentrierten sich auf sich selber; sie dachten darüber -nach, was der neue Generalgouverneur wohl für ein Mann sei, wie er die -Geschäfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen werde. Auf die -Beamten, welche zu Fuß gingen, folgte eine Reihe von Wagen, aus denen -Damen mit schwarzen Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den -Bewegungen ihrer Hände und Lippen mußte man schließen, daß sie in einer -lebhaften Unterhaltung begriffen waren: vielleicht sprachen auch sie -über die Ankunft des neuen Generalgouverneurs, äußerten ihre Vermutungen -über die Bälle die er geben würde und sorgten schon jetzt für ihre neuen -Rüschen und Aufsätze. Zuletzt kamen noch einige leere Droschken hinter -den Equipagen hergefahren, eine hinter der andern, und dann kam lange -nichts mehr, die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. Er -ließ das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster Seele, und sagte: -»Das war der Staatsanwalt! Er lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt -werden sie in den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum großen -Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, er der stets -ein geachteter Bürger, ein seltener Vater, das Muster von einem Gatten -gewesen sei; was werden sie nicht _noch_ alles schreiben: vielleicht -fügen sie auch noch hinzu, daß die Tränen der Witwen und Waisen ihn bis -ans Grab begleiteten; sieht man sich aber die Sache aus der Nähe an, und -geht man ihr ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich nichts -merkwürdig, außer deinen buschigen Augenbrauen.« Und er rief Seliphan -zu, er solle sich beeilen und sprach zu sich selber: »Eigentlich ist es -doch ganz gut, daß wir einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es -bedeute Glück, wenn ein Leichenwagen vorüberfährt.« - -Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die öden und leeren Straßen der -Vorstadt, und bald sah man zu beiden Seiten nichts mehr, als lange -Bretterzäune, welche das Ende der Stadt ankündigten. Nun hörte auch -schon das Straßenpflaster auf, da war der Schlagbaum, die Stadt lag -hinter den Reisenden -- man befand sich auf der öden einsamen -Landstraße. Und wieder jagte der Wagen den Postweg entlang mit seinen -altbekannten Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen, -Stationsbeamten, Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Dörfern mit -ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen bärtigen -Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der Herberge gelaufen kommt, dem -Wanderer, in zerrissenen Bastschuhen, welcher vielleicht schon -siebenhundert Werst zurückgelegt hat, den munteren Städtchen mit ihren -hölzernen Läden, Mehlfässern, Bastschuhen, Bretzeln und dem übrigen -Plunder, den scheckigen Schlagbäumen, den ewig in Reparatur befindlichen -Brücken, den unübersehbaren Feldern hüben und drüben, den Erntewagen, -dem reitenden Soldaten, der einen grünen Kasten voll Artilleriefutter -mit der Inschrift: An die so und so vielste Artilleriebrigade! mit sich -führt, den grünen, gelben oder frisch aufgeworfenen _schwarzen_ Streifen -Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, dem aus der Ferne -herüberklingenden melancholischen Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem -Nebeldunst, dem verhallenden Glockengeläute, den Scharen wilder Raben, -die vorüberziehen gleich Fliegenschwärmen und dem endlosen grenzenlosen -Horizont ... Oh, Rußland! mein Rußland! ich sehe dich, sehe dich aus -meiner herrlichen wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und -unfreundlich sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrönt von -frechen Wunderwerken kühner Kunst -- erheitern oder schrecken hier den -Blick, keine Städte mit vielfenstrigen hohen Palästen in wilde Felsen -eingebaut, keine malerischen Bäume und Efeuranken, in Häuser -eingewachsen, umbraust vom Staube ewiger Wasserfälle; nicht braucht das -Haupt sich zurückzuneigen, um mit dem Blick den grenzenlos zur Höhe -emporgetürmten Gebirgsblöcken folgen zu können; nicht blitzen hinter -langgestreckten, dunklen Säulengängen, um die sich Rebenzweige, Efeu und -Millionen wilder Rosen schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die -ewigen Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren Himmeln -verlieren. Frei, wüst und offen liegst du da; wie kleine Pünktchen oder -Zeichen, so ragen aus der Ebene deine niedrigen Städte auf: nichts -lockt, verführt, bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch -unbegreifliche, geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum klingt -unaufhörlich dein melancholisches, nie verstummendes, die ganze -unermeßliche Weite durcheilendes, von Meer zu Meere dringendes Lied uns -im Ohr? Welch ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft und -lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns ans Herz? Was sind -das für Töne, die unsere Seele so zärtlich umschmeicheln und küssen, zum -Herzen dringen und es süß umspinnen? O, Rußland! sag, was willst du nur -von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen uns geknüpft? Was blickst -du mich so an, und warum hält alles, alles was dich erfüllt, seine Augen -so erwartungsvoll auf mich gerichtet? ... Noch immer steh' ich zweifelnd -und unbeweglich da, schon hat die finstere regenschwangere Wolke mein -Haupt beschattet, und schon verstummt der Gedanke von deiner -grenzenlosen Ausdehnung. Was verheißt diese unermeßliche Freiheit und -Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoße, auch der unendliche Gedanke -geboren werden, wo du doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held -erstehn? wo frei der Raum sich weitet, auf daß _er_ sich entfalte und -ausbreite und frei dahinschreite? Und furchtbar umfängt mich der -majestätische Raum, der tief mein Inneres erschüttert mit all seinen -Schrecken; von einer übernatürlichen Macht ward mein Auge erleuchtet ... -O, welch eine schimmernde, wunderbare unbekannte Ferne! Mein Rußland! -... - -»Halt, halt, du Esel!« rief Tschitschikow Seliphan zu. - -»Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch runter!« schrie ihn ein -vorübersprengender Feldjäger an, der einen Schnurrbart von der Länge -eines Meters hatte. »Siehst du denn nicht, daß das ein staatlicher Wagen -ist? hol dich der Teufel!« Und wie eine Vision verschwand unter Donner -und Staubwolken das Dreigespann. - -Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch in dem Worte: -Landstraße! Und wie _herrlich_ ist sie selbst, diese _Landstraße_! Ein -heller Tag, Herbstblätter, die Luft ist kalt ... Hüll dich tiefer in -deinen Regenmantel! Die Mütze über die Ohren, und schmieg dich enger und -gemütlicher in deine Wagenecke! Ein letztes Mal noch läuft uns ein -Schauer durch unsere Glieder, und schon durchströmt uns behagliche -Wärme. Die Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. Die -Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf erklingt noch einmal das -Lied: »Nicht weißer Schnee ...«, das Schnauben der Pferde und das -Rasseln der Räder und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar -tief in die Wagenecke drückst. Doch nun erwachst du: fünf Stationen -liegen hinter dir; der Mond steht hoch am Himmel; du fährst durch eine -unbekannte Stadt, vorbei an Kirchen mit altertümlichen Holzkuppeln und -dunkelen Turmspitzen, an finsteren hölzernen und weißen steinernen -Häusern vorüber: hie und da ein breiter Streifen schimmernden -Mondlichts, gleich als ob weiße Leinentücher über Wände und Straßen -gebreitet wären, kohlschwarze Schatten legen sich schräg darüber, wie -flimmerndes Metall glänzen die helleuchtenden Holzdächer: und keine -Seele rings umher: alles schläft. Nur ein einsamer Lichtschein fällt -hier oder dort aus einem kleinen Fenster: ist es ein Bürgersmann, der -seine Stiefel stopft, oder ein Bäcker, der sich beim Ofen zu schaffen -macht? -- was kümmert's dich, o, welche Nacht! Himmlische Mächte! welch -eine Nacht webt droben in der Höhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher -Himmel in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfaßbar klar und -helltönend über uns breitest! ... Kühl weht dir in die Augen der kalte -Atem der Nacht und lullt dich ein in süßen Schlaf; nun schlummerst du, -vergißt dich ganz und schnarchst -- doch zornig bewegt und schüttelt -sich dein armer, in die Ecke gezwängter Nachbar unter deiner allzu -schweren Bürde. Von neuem erwachst du, und wieder liegen vor dir Felder -und Steppen; leer ist's um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in die -Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an dir vorüber; der Morgen -steigt empor; am bleichen kalten Horizont erscheint ein matter -Goldstreifen, kühler und kräftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hüll -dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Kälte! Wie wunderbar -umfängt aufs neue dich der Schlummer! Ein Stoß und abermals erwachst du. -Die Sonne steht schon im Zenith. »Vorsicht, Vorsicht!« ruft's neben dir, -der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet eine Fähre: ein -breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner Kessel in der Sonne glänzt; -ein Dorf, mit malerischen Hütten an den Hängen; wie ein Stern blitzt -abseits das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tönt der Bauern -munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit regt sich im Magen ... -Mein Gott, wie schön ist doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg! -Wie oft schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden und -Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst du mich empor und -rettetest hochherzig mich Armen! Und wieviel herrliche Gedanken und -Träume voll wundersamer Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie -viele beglückende Eindrücke erfüllen schon die Seele! ... Indessen auch -Freund Tschitschikows Träume waren durchaus nicht so ganz prosaischer -Art. Sehen wir einmal zu, was für Gefühle ihn beseelten! Anfangs empfand -er überhaupt nichts und sah sich immer wieder um, weil er sich -überzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich hinter ihm läge; aber als -er sah, daß sie längst verschwunden war, und keine Schmiede, keine -Mühle, noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt herum zu liegen -pflegt, mehr zu entdecken war, und selbst die weißen Spitzen der -steinernen Kirchen längst in die Erde gesunken waren, da richtete sich -seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und nach -links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn er vor _langer, langer_ -Zeit, in seiner frühesten Kindheit dort gewesen wäre. Schließlich fing -auch der Weg an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig zu und -lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor muß gestehen, daß er sich -eigentlich darüber freut, da er doch _so_ endlich einmal Gelegenheit -findet, einige Worte über seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde er -ja immer -- der Leser weiß es ja selbst -- bald durch Nosdrjow, bald -durch irgend einen Ball, bald durch die Damen oder den Stadtklatsch, -oder durch tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer erst -dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im Buche stehen, dagegen -immer für höchst wichtige Angelegenheiten gehalten werden, solange sie -noch in der Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite -legen und uns ganz der Sache selbst widmen. - -Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner Dichtung dem Leser gefallen -wird. Den Damen wird er ganz sicher nicht gefallen, das läßt sich schon -im Voraus mit Bestimmtheit behaupten -- denn die Damen wollen, daß ihr -Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit darstelle, und wenn ihm nur der -kleinste leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es für immer -vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die Seele hineinleuchten, sein -Bild reiner zurückstrahlen lassen, als ein Spiegel -- der Mann hätte -doch nicht den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Fülle und das -Alter Tschitschikows müssen ihm sehr schaden: diese Fülle wird man -unserem Helden nie verzeihen, und viele Damen werden sich verächtlich -abwenden und sagen: »Pfui, wie häßlich er ist!« Ach ja! Das alles ist -dem Autor wohl bekannt, und dennoch -- und trotz alledem kann er sich -keinen tugendhaften Menschen zum Helden wählen ... Allein ... vielleicht -wird man in dieser selben Erzählung noch nie angeschlagene Saiten -vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem unendlichen -Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann begabt mit göttlichen Vorzügen und -Tugenden an uns vorüberschreiten, oder ein herrliches russisches -Mädchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht wieder findet, -ausgestattet mit allen Schönheiten der weiblichen Seele voll -hochherzigen Strebens und zu jedem höchsten Opfer bereit! Verblassen und -dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften Männer und Frauen -anderer Stämme, wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! Zum -Lichte drängen werden sich alle mächtigen Regungen der russischen Seele, -.. und es wird an den Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift -und festhält, was nur die Oberfläche fremder Völker streifte ... Allein, -warum soll ich davon reden, was noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich's -für den Dichter, der längst des Mannes reifes Alter erreichte, und den -die ernste Strenge inneren Lebens und die erfrischende Nüchternheit der -Einsamkeit härteten und stählten, dem Knaben gleich sich zu vergessen. -Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz alledem ward -nicht der Tugendhafte zum Helden erwählt. Wir können es sogar sagen -warum er nicht erwählt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem armen -Tugendbold etwas Ruhe zu gönnen; weil das Wort »tugendhafter Mensch« -fortwährend auf allen Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen -zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen Schriftsteller -mehr gibt, der nicht beständig auf ihm herumreitet und ihn fortgesetzt -mit seiner Peitsche und Gott weiß womit sonst noch, vorwärts treibt; -weil man den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, daß bald auch -nicht der Schatten einer Tugend mehr an ihm sein wird, und nur noch ein -paar Rippen und etwas Haut statt des Leibes von ihm übrig bleiben -werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht mehr achtet. -Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den Schurken vor den Wagen zu -spannen. Und so wollen wir ihn denn vor unseren Wagen spannen! - -Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern -waren Edelleute, ob freilich von altem oder _nur_ von persönlichem Adel --- das weiß der liebe Gott. Äußerlich zeigte er keine Ähnlichkeit mit -ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei seiner Geburt zugegen -war, eine kleine kurze Dame, die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu -nennen pflegt, das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: »Ach -herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Er -sollte eigentlich der Großmama von mütterlicher Seite ähnlich sein, das -wäre sicherlich das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das -Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern 'nem wandernden -Junker.« Das Leben sah ihn anfangs unfreundlich und mürrisch, wie durch -ein trübes vom Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen Freund, -noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein kleines Stübchen, mit kleinen -Fensterchen, die weder im Sommer noch im Winter geöffnet wurden; sein -Vater war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell gefütterten -Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er über die nackten Füße zog; -beständig ging er im Zimmer auf und ab, seufzte und spuckte in den -Sandnapf in der Ecke, ewig mußte der Knabe auf der Bank sitzen, die -Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, die -unvermeidliche Vorschrift vor Augen: »Du sollst nicht lügen, sollst die -älteren Leute ehren und die Tugend im Herzen tragen!« Das ewige Klappern -und Schlürfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und strenge -Stimme: »Machst du schon wieder Dummheiten?« die sich immer dann -vernehmen ließ, wenn das Kind, angewidert von der Einförmigkeit seiner -Beschäftigung, irgend ein Häkchen oder Schnörkelchen an einem Buchstaben -anbrachte; und dann das lang bekannte aber immer peinliche Gefühl, das -den Worten folgte, wenn die Nägel der langen Finger sich von hinten -heranbewegten und das Ohrläppchen so schmerzhaft zusammendrehten. Das -ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, an die ihm nur eine -schwache Erinnerung geblieben war. Aber im Leben ändert sich alles -schnell und plötzlich: eines schönen Tages, als die ersten Strahlen der -Frühlingssonne die Erde erwärmten, und die Bäche zu rauschen begannen, -nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen -Bauernwagen, der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen wurde, -einem von jener Sorte, welche unsere Pferdehändler »Elstern« zu nennen -pflegen; der Wagen wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt, -dem Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows Vater -gehörte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die Fahrt, unterwegs -übernachtete man einmal, setzte über einen Fluß, nährte sich von kalten -Pasteten und gebratenem Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten -Tage gegen Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den -Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht ihrer Straßen, daß er -den Mund vor Erstaunen weit aufriß. Dann plumpste die »Elster« mitsamt -dem Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, abschüssigen und -ganz mit Schmutz bedeckten Straße bildete; lange arbeitete sie dort aus -aller Kraft, watete mit den Beinen im Kot herum, angespornt und -ermuntert von dem buckligen Kutscher und dem Herrn selbst, bis sie die -Kutsche schließlich aus dem Dreck herauszog und in einem kleinen Hof -landete; dieser lag an einem kleinen Hügel; vor dem alten Häuschen -standen zwei blühende Apfelbäume und hinter demselben befand sich ein -kleines niedriges Gärtchen, das nur aus ein paar Ebereschen, -Hollunderbüschen und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen -hölzernen Hüttchen bestand, welches mit Dachschindeln gedeckt war und -ein einziges halberblindetes Fensterchen hatte. Hier wohnte eine -Verwandte von Tschitschikow, ein altes vertrocknetes Mütterchen, die -aber noch jeden Morgen auf den Markt ging und ihre Strümpfe an der -Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen auf die Wange und freute -sich darüber, daß er so dick und wohlgenährt aussah. Hier sollte er von -nun ab bleiben und die städtische Schule besuchen. Der Vater blieb die -Nacht über bei der Alten. Am andern Tage machte er sich wieder auf den -Weg, um nach Hause zu fahren. Als er sich von seinem Sohne -verabschiedete, vergoß er keine Träne: er gab ihm einen halben Rubel -Kupfergeld für die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was bei weitem -wichtiger war, noch ein paar weise Lehren dazu: »Merk dir's Pawluscha, -lerne was Ordentliches, treib keine Dummheiten und mach keine schlechten -Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten und Lehrern zu -gefallen. Wenn du's deinen Vorgesetzten recht machst, wird dir alles -gelingen, selbst wenn du unbegabt bist und keine großen Fortschritte in -den Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine Mitschüler -überholen. Laß dich nicht zu viel mit den Kameraden ein; sie werden dir -nicht viel Gutes beibringen; aber wenn es dennoch dazu kommt, dann wähle -dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich sind, denn sie können dir -helfen und von Nutzen sein. Sei nicht zu freigiebig und gastfrei, -sondern mache es immer so, daß die anderen dich einladen und freihalten; -vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: auf ihn kannst du dich -eher verlassen, als auf alles in der Welt. Deine Freunde und Kameraden -werden dich übers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglück -verlassen, der Pfennig aber wird dich _nie_ verlassen, weder in Not noch -Gefahr! Mit dem Pfennig kannst du alles durchsetzen, wirst du alles -erreichen, wonach dein Herz nur begehrt.« Nach diesen weisen Lehren -verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und trat die Rückreise -mit seiner »Elster« an. Der Sohn sollte ihn nie wiedersehen, allein, er -bewahrte seine Worte und Lehren tief in der Seele. - -Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die Schule zu besuchen. -Besondere Fähigkeiten für eine bestimmte Wissenschaft legte er nicht an -den Tag; er zeichnete sich mehr durch Fleiß und Ordnungsliebe aus; dafür -aber kam bei ihm bald eine andere Fähigkeit zum Durchbruch: ein großer -praktischer Verstand. Er begriff sofort, worum es sich handelte und -benahm sich im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater es ihn -gelehrt hatte, d. h., er ließ sich stets einladen und freihalten, er -selbst dagegen tat nie etwas derartiges, ja, er hob sich sogar mitunter -die erhaltenen Gaben und Geschenke auf, um sie später bei Gelegenheit an -den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte er es gelernt, sich -alles zu versagen. Von dem halben Rubel, den er vom Vater erhalten -hatte, nahm er keine Kopeke, sondern fügte noch im selben Jahre etwas zu -dieser Summe hinzu, wobei er einen großen Unternehmungsgeist an den Tag -legte: er knetete aus Wachs einen Dompfaffen, strich ihn hübsch an und -verkaufte ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang mit -andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er kaufte auf dem Markte -Eßwaren ein und setzte sich in der Schule neben die, welche am reichsten -waren und das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, daß einem -Kameraden schlecht wurde -- was ein Zeichen des eintretenden -Hungergefühles war -- ließ er ihn unter der Bank, wie im Versehen, die -Ecke eines Pfefferkuchens oder eines Brötchens sehen. Hatte er ihn dann -ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte Summe ab, die stets in -einem gewissen Verhältnisse zur Größe seines Appetites stand. Zwei -Monate lang machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit einer -Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hölzernen Käfig eingesperrt -hielt; er brachte es endlich soweit, daß sich die Maus auf die -Hinterbeine stellte, sich auf Befehl hinlegte und wieder aufrichtete, -worauf er sie dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er sich -auf diese Weise ungefähr fünf Rubel zurückgelegt hatte, nähte er sie in -ein Säckchen ein, und fuhr fort, neues Geld zu sparen. In seinem -Verhalten zur Schulobrigkeit war er noch klüger. Niemand verstand es so -gut, wie er, mäuschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier müssen wir -bemerken, daß der Lehrer ein großer Freund der Ruhe und eines guten -Betragens war und die klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte; -es schien ihm immer, daß diese über ihn lachten. Es braucht nur einer, -der im Verdacht stand, gescheit und witzig zu sein, sich ein wenig auf -der Bank zu bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, um den -Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er verfolgte und strafte ihn ganz -unbarmherzig. »Ich will dir deinen Hochmut und deine Aufsässigkeit -austreiben!« rief er, »ich kenne dich durch und durch, so wie du dich -selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst schon erfahren, wie -der Hunger schmeckt!« Und der arme Knabe mußte sich die Kniee -durchscheuern und tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum. -»Fähigkeit, Begabung, Talent -- das ist alles Unsinn!« pflegte der -Lehrer zu sagen, »ich sehe vor allem aufs Betragen. Einem Schüler, der -sich anständig benimmt, würde ich auch dann noch die besten Noten in -allen Fächern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; wo ich -dagegen jenen bösen Geist des Widerspruches und der Spottlust entdecke --- da gibt's eine 0 selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte!« -So pflegte der Lehrer zu sprechen; daher haßte er auch Krylow so -ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln gesagt hatte: »Sauf -meinethalben, doch verstehe deine Sache!« Auch erzählte er immer mit -großer Befriedigung, wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, wie -in der Schule, in der er früher unterrichtet hatte, eine solche Stille -geherrscht habe, daß man eine Mücke durchs Zimmer fliegen hören konnte; -daß keiner von den Schülern während des ganzen Jahres auch nur _einmal_ -zu husten und sich während der Stunde zu schneuzen wagte, und daß bis -zum Glockenzeichen niemand hätte entscheiden können, ob jemand in der -Klasse war oder nicht. Tschitschikow erfaßte sofort den Geist und die -Absichten des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen -verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte während der ganzen Stunde auch -nicht _einmal_ mit der Wimper, man mochte ihn kneifen und zwicken, -soviel man wollte; sowie das Glockenzeichen ertönte, stürzte -Tschitschikow kopfüber an die Türe, um dem Lehrer als erster die Mütze -zu reichen -- der Lehrer trug eine gewöhnliche Bauernmütze; hierauf -verließ er zuerst die Klasse und suchte ihm recht häufig auf der Straße -zu begegnen, wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein -Verhalten war vom schönsten Erfolge gekrönt. Die ganze Zeit über, -während er die Schule besuchte, war er sehr gut angeschrieben, und bei -seinem Abgang erhielt er ein vorzügliches Zeugnis mit den besten Noten -in sämtlichen Fächern und außerdem noch ein Buch mit einer Inschrift in -goldenen Lettern: »Für lobenswerten Fleiß und musterhaftes Betragen.« -Bei seinem Abgang von der Schule war er bereits ein Jüngling von recht -anziehendem Äußeren, mit einem Kinn, das der sorgsamen Pflege durchs -Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit starb sein Vater. Er hinterließ -seinem Sohne vier völlig abgetragene Flaushemden, zwei alte Röcke, die -mit Lammfell gefüttert waren und eine ganz unbedeutende Geldsumme. Der -Vater verstand es offenbar nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er -selbst aber hatte nur wenig zurückgelegt. Tschitschikow verkaufte -sogleich das alte Häuschen samt dem dazugehörigen dürftigen Grund und -Boden für tausend Rubel, und schickte die Leibeigenen-Familie die es -bewohnt hatte, nach der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst -niederzulassen und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit wurde -sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und gutes Betragen legte, -wegen seiner Unfähigkeit oder einer andern Verfehlung halber entlassen; -er begann vor Gram zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht -einmal mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam und -verhungerte er in irgend einer ungeheizten abgelegenen Dachkammer. Als -seine früheren Schüler, hinter deren Witz und Scharfsinn er immer -Ungehorsam und Aufsässigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren, -veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung für ihn, und -verkauften sogar einige von ihren eigenen Sachen, die sie nur schwer -entbehren konnten; nur Pawluscha Tschitschikow machte Ausflüchte, er -habe nichts, und opferte bloß ein armseliges silbernes Fünfkopekenstück, -das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! vor die Füße -warfen. Der arme Lehrer bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als er -von dieser Handlung seiner früheren Schüler erfuhr; die Tränen stürzten -ihm in Bächen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den erlöschenden Augen. -»Noch auf dem Totenbett schickt Gott mir diese Tränen!« rief er mit -schwacher Stimme, er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie -Tschitschikow an ihm gehandelt hatte und fügte hinzu: »Ach, Pawluscha, -Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verändert! Was für ein braver -artiger Junge er doch war! Er hatte so gar nichts Wildes und war so -weich wie Seide. Wie hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch -betrogen! ...« - -Und doch kann man nicht sagen, daß die Natur unseres Helden so rauh und -hart, und daß sein Gefühl so abgestumpft war, daß er weder Mitleid noch -Teilnahme kannte. Beide Gefühle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wäre -zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu -großen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umständen hätte er die -Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem -Wort, der väterliche Rat: »sei sparsam und ehre den Pfennig« war auf -guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes -selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die -ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er -sich leiten ließ; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und -Überfluß, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt, -schmackhafte Diners -- das war es, was ihn ganz erfüllte und fortwährend -beschäftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich -selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen würde, all -diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in -einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem -Geschirr an ihm vorüberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen, -und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: »Und er war doch -ein gewöhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekräuseltes Haar!« Alles, -was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck -auf ihn, daß er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er -die Schule verließ, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war -sein Wunsch, so schnell als möglich ans Werk zu gehen und in den -Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzüglichen Zeugnisse gelang -es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten; -selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus! -Schließlich fand sich doch noch ein kleines Pöstchen, mit einem Gehalt -von dreißig bis vierzig Rubel jährlich. Aber er war fest entschlossen, -sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu -überwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhörte -Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schränkte seine Bedürfnisse -auf das Allernotwendigste ein. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend -saß er unermüdlich hinter seinem Tische, ohne daß seine geistigen und -körperlichen Kräfte nur im geringsten nachließen, schrieb und schrieb, -verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief -in der Kanzlei auf dem Tische, aß mitunter mit den Hausknechten und -Wächtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes -wohlgepflegtes Äußeres zu bewahren, sich anständig zu kleiden, seinem -Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen -Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man muß sagen, daß die Beamten -der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und -Häßlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht -gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die -Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit -einem Wort es sah gar nicht hübsch aus. Sie führten alle eine sehr -strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen -durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen, -daß sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten -haben; ja sie kamen sogar häufig etwas angeheitert in den Dienst, so daß -es im Amtszimmer recht ungemütlich wurde, da man die Luft nichts weniger -als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mußte Tschitschikow -natürlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil -von ihnen; seine Züge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch -enthielt er sich aller geistigen Getränke. Und doch wurde ihm die -Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten -Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefühllosigkeit und -Unerschütterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein -Lächeln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grüßend entgegen, oder -erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders -gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder -auf der Straße; nie äußerte er das geringste Interesse oder etwas wie -Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, daß er -betrunken gewesen wäre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht -hätte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst -der Räuber in Augenblicken des Rausches tut; -- von alledem war auch -nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Güte, -aber gerade in diesem vollständigen Mangel aller starken Gefühle und -Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an -dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein -Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion. -Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es übersät war, -machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts -Erben drischt. Man sollte meinen, es hätte über alle Menschenkraft gehen -müssen, einem solchen Menschen näher zu treten und seine Zuneigung zu -gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte -er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefällig zu -erweisen; er untersuchte sorgfältig wie die Federn geschnitten waren, -mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der -genannten Art, und legte sie so hin, daß jener sie leicht finden konnte; -er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab; -schaffte einen neuen Lappen für das Tintenfaß an; ferner lief er stets -nach seiner Mütze -- der häßlichsten Mütze, die es je auf der Welt gab, -und legte sie jedesmal kurz vor dem Schluß der Sitzung neben ihn hin; -oder er bürstete ihm den Rücken ab, wenn er sich an der Wand weiß -gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten -Eindruck, gerad als ob es überhaupt nicht geschehen wäre. Schließlich -jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben -seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, daß er eine erwachsene Tochter -hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob »nachts Erbsen darauf -gedroschen« würden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu -bestürmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags -besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste -gekleidet, mit einem prachtvoll gestärkten Vorhemd _vis à vis_ von ihr -auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar ließ sich -erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit -gekommen, daß Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald -geradezu unentbehrlich zu machen wußte; er kaufte Mehl und Zucker ein, -verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar -»Papachen« und küßte ihm die Hand. Im Gericht war alles überzeugt, daß -Ende Februar, vor den großen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der -gestrenge Aktuar bemühte sich sogar bei seinem Vorgesetzten für ihn, und -bald darauf saß Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der -gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annäherung -an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage ließ er seinen -Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er -sich schon eine andere Wohnung. Er hörte auf, den Aktuar »Papachen« zu -titulieren und ihm die Hand zu küssen, die Sache mit der Heirat wurde -immer weiter hinausgeschoben, fast als ob überhaupt niemals davon die -Rede gewesen wäre. Trotzdem drückte er dem Aktuar auch fürderhin, wenn -er ihm begegnete, zärtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so daß -der Alte trotz seiner großen Schwerfälligkeit und seiner hartnäckigen -Gleichgültigkeit jedesmal den Kopf schüttelte und murmelte: »Hat der -mich beschwindelt, dieser Satan!« - -Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da -ab ging es leichter und mit noch größerem Erfolge vorwärts. Man fing an, -ihn zu beachten. Besaß er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf -dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine -Betragen und den kecken Wagemut in allen geschäftlichen Unternehmungen. -Mit diesen Mitteln eroberte er sich in kürzester Zeit das, was man ein -»warmes Plätzchen« zu nennen pflegt, und wußte es aufs trefflichste -auszunützen. Man muß nämlich wissen, daß man um diese Zeit streng gegen -die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Maßnahmen hatten indes für -ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil -auszunutzen wußte, und er legte hierbei einen echt russischen -Erfindungsgeist an den Tag, der sich während der Zeiten starken Drucks -stets in seiner höchsten Blüte zeigt. Er machte es nämlich -folgendermaßen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die -Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten »Empfehlungsschreiben -des Fürsten Chowanski« wie man sich bei uns in Rußland ausdrückt, -hervorzuziehen -- sagte er sogleich mit einem freundlichen Lächeln, -wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: »Sie denken wohl, daß -ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das -müssen wir auch ohne jede Entschädigung tun! Was das anbelangt, so -können Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schönster Ordnung! Darf -ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemühen. -Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt!« Der entzückte Bittsteller -kehrte ganz begeistert nach Hause zurück und dachte sich: »Endlich mal -ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gäbe, das ist ja ein wahres -Kleinod!« Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber -seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es -ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei -- man hat seine Papiere noch -garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. »Ach entschuldigen -Sie,« sagt Tschitschikow sehr höflich, indem er den Herrn bei beiden -Händen ergreift: »Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen, -morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst höchst -peinlich!« All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten -begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknöpft wurde, so -suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den -Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen, -weder morgen, noch übermorgen, noch überübermorgen. Der Bittsteller -fängt an zu überlegen: »Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht?« Er -erkundigt sich, und erhält die Antwort: »Die Schreiber müssen was -bekommen!« »Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen -ihre fünfundzwanzig, meinetwegen sogar fünfzig Kopeken haben.« -- »Nein, -damit ist's nicht getan, Sie müssen schon mindestens einen _weißen_ -Zettel[7] hinlegen.« »Was? den Schreibern einen weißen?« ruft der -Bittsteller erstaunt aus. »Ja, warum regen Sie sich nur so auf?« -antwortet man ihm: »das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur -ihre fünfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten -weiter!« Hier schlägt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und -flucht wütend über die neue Ordnung, über die Maßnahmen gegen das -Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten. -Früher, da wußte man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man -dem Geschäftsführer einen _roten_ Zettel auf den Tisch, und die Sache -war erledigt; jetzt muß man dagegen einen _weißen_ opfern und verliert -noch dazu eine ganze Woche, ehe man überhaupt heraus kriegt, was hier -eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigennützigkeit und die -Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natürlich ganz -recht: aber dafür gibt's eben heute keine Bestechungen mehr: alle -geschäftsführenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur -die Schreiber und Sekretäre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch -tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Tätigkeit auf: es bildete -sich eine Kommission für den Bau eines großen Staatsgebäudes. In diese -Kommission ließ auch er sich hineinwählen, und wurde eins ihrer -tätigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang -bemühte man sich um das Staatsgebäude, aber war es nun das Klima, oder -lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht -fortschreiten und kam nicht über das Fundament hinaus. Dafür aber -schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der -Stadt eine Reihe von schönen Häusern in gut bürgerlichem Stile an; -offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen -schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine -Familie zu gründen. Erst jetzt und unter den neuen Verhältnissen begann -auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen -Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst -jetzt entschloß er sich zu einer milderen Handhabung der -Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und -nun erst stellte es sich heraus, daß er eigentlich nie ein Feind jener -Genüsse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so -gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch -nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen -Luxus: schaffte sich einen Koch und feine holländische Hemden an. Auch -kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs -allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und -glänzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche -Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zügel selbst -in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprünge machen ließ; -jetzt wurde auch die Sitte eingeführt, sich mit einem Schwamm, der in -eine Mischung von Wasser und _Eau de Cologne_ getaucht wurde, zu -waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt -zu erhalten, schon ... - -[Fußnote 7: Fünfundzwanzig Rubel.] - -Da wurde plötzlich anstelle der alten Schlafmütze ein neuer Sektionschef -ernannt, ein strenger Herr, der beim Militär gedient hatte, und ein -geschworener Feind des Bestechungssystems, und alles dessen war, was man -Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon am folgenden Tage -scheuchte er alle Beamten bis auf den letzten auf, verlangte -Rechenschaftsberichte, entdeckte auf Schritt und Tritt Mißstände, sah, -daß überall Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Häuser im -bürgerlichen Stil -- und ordnete sogleich eine Untersuchung an. Die -Beamten wurden ihres Dienstes entsetzt; die Häuser im bürgerlichen Stil -vom Staate beschlagnahmt und in allerhand wohltätige Anstalten und -Schulen für Kantonisten umgewandelt; alle Beamten erhielten eine -kräftige Moralpauke, am meisten aber unser Freund Tschitschikow. Sein -Gesicht erregte plötzlich trotz seines angenehmen Ausdrucks das höchste -Mißfallen des Chefs -- warum eigentlich -- das weiß Gott allein; oft -gibt es überhaupt keinen Grund dafür -- genug, er warf einen tödlichen -Haß auf Tschitschikow. Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar -in seinem Zorn! Da er aber schließlich doch nur ein alter Soldat war und -all die feinen Kniffe und Kunstgriffe des Zivils nicht kannte, gelang es -den andern Beamten durch Vortäuschung eines ehrlichen Gesichts und durch -die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine Gnade zu erwerben, und -der General kam bald in die Hand noch weit größerer und schlimmerer -Halunken, die er noch dazu garnicht dafür hielt; ja er war schließlich -sogar noch zufrieden, daß er die rechten Leute gefunden habe und rühmte -sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen nach ihren Talenten -und Fähigkeiten zu würdigen und abzuschätzen. Die Beamten kamen sogleich -hinter seinen Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm -standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht und -jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; überall, wo sie -dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so wie ein Fischer mit seiner -Harpune einem fetten Stör nachjagt, und zwar mit so großem Erfolg, daß -ein jeder von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen Tausend -Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten sich auch mehrere von den -früheren Beamten und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow -allein wollte es nicht glücken, sich wieder beim Chef einzuschmeicheln; -so sehr sich auch der erste Sekretär des Generals unter dem Eindruck -eines Empfehlungsbriefes des Fürsten Chowanski um ihn bemühte und für -ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und Steuerung der -Nase des Gouverneurs verstand -- er vermochte dennoch nichts -auszurichten. Der General war nun einmal ein solcher Mensch, der sich -wohl an der Nase herumführen ließ (übrigens ohne, daß er es selbst -wußte); hatte sich aber einmal ein Gedanke in seinem Kopfe festgesetzt, -dann saß er so fest, wie ein eiserner Nagel und keine Macht der Welt -hätte ihn wieder herausziehen können. Alles was der kluge Sekretär -erreichen konnte, war, daß die alte schmutzige Dienstliste vernichtet -wurde, aber selbst hierzu konnte er seinen Chef nur veranlassen, indem -er an sein Mitleid apellierte und ihm in glühenden Farben das traurige -Schicksal Tschitschikows und seiner unglücklichen Familie ausmalte, die -ja Gott sei Dank garnicht existierte. - -»Was tun!« sprach Tschitschikow: »ich hab eingehakt, raufgezogen, und -das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt -- da ist kein Wort zu -verlieren. Durch Geheul und Gegrein macht man das Unglück nicht wieder -gut. Man muß ans Werk gehen und handeln!« Und er beschloß, seine -Laufbahn von neuem zu beginnen, sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und -sich wieder zu beschränken, so schön und herrlich er sich auch vordem zu -entfalten begonnen hatte. Er entschloß sich, in eine andere Stadt -überzusiedeln und dort bekannt und berühmt zu werden. Aber es wollte -alles nicht recht glücken. In ganz kurzer Zeit mußte er zwei- oder -dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, denn die damit verbundene -Tätigkeit war höchst unsauber und widerwärtig. Der Leser muß nämlich -wissen, daß Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit gab, wie -kaum sonst jemand in der Welt. Und obwohl er sich im Anfang auch in -einer unsauberen Gesellschaft bewegen mußte, blieb seine Seele doch -immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, wenn die Tische in -den Amtsstuben lackiert waren und alles fein und nobel aussah. Nie -erlaubte er sich in seinen Reden ein unanständiges Wort, und es kränkte -ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die schuldige Achtung -gegen seine Titel und Würden vermißte. Ich glaube, es wird dem Leser -angenehm sein, zu erfahren, daß er jeden zweiten Tag seine Wäsche -wechselte; im Sommer während der heißesten Zeit sogar zweimal täglich: -jeder unangenehme Geruch beleidigte sein empfindliches Geruchsorgan. -Daher steckte er sich auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn -anzukleiden und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar Nelken in die -Nase; und oft waren seine Nerven zarter als die eines jungen Mädchens; -daher wurde es ihm auch so schwer, wieder in jene Schichten -unterzutauchen, wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren ganz -unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, er magerte dennoch -ein wenig ab und bekam eine grünliche Gesichtsfarbe von all diesen -Widerwärtigkeiten und Schicksalsschlägen. Eben hatte er angefangen, dick -zu werden und sich jene runden und gefälligen Körperformen zuzulegen, in -deren Besitz der Leser ihn angetroffen hat, als er seine erste -Bekanntschaft machte; und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel -betrachtete, an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: an ein -reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, und ein Lächeln hatte bei -diesem Gedanken sein Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens -in den Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: »Heilige -Mutter Gottes, wie häßlich ich geworden bin!« Und es verging ihm für -lange Zeit die Lust, sich im Spiegel zu betrachten. Aber unser Held -ertrug alles, ertrug es geduldig und mutig -- und so erhielt er denn -endlich eine Stellung beim Zollamt. Hier müssen wir erwähnen, daß ein -solcher Posten schon längst Gegenstand seiner geheimen Wünsche gewesen -war. Er hatte gesehen, was sich die Zollbeamten für wunderschöne -ausländische Sachen anschafften, was für herrlichen Batist und Porzellan -sie ihren Schwestern, Vettern und Basen zum Geschenk machten. Oft schon -hatte er seufzend ausgerufen: »Das wär so etwas für mich: die Grenze ist -nahe, man ist in der Nähe von gebildeten Leuten, was für feine -holländische Hemden man sich da zulegen könnte!« Und wir müssen -hinzufügen, daß er auch noch an eine besondere Sorte französischer Seife -dachte, welche der Haut eine außerordentliche Weiße und Geschmeidigkeit -und den Wangen Frische und Glanz verlieh; was das für eine Marke war, -das mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, daß sie nur -an der Grenze zu haben war. Genug, er sehnte sich schon lange nach dem -Zollamt, aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem Dienst in -der Baukommission erwuchsen, hielten ihn noch zurück, und er sagte sich -mit Recht, daß das Zollamt eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem -Dache sei, während die Baukommission doch immerhin ein Sperling in der -Hand war. Jetzt aber hatte er sich entschlossen, unter allen Umständen -beim Zollamt unterzukommen -- und das setzte er denn auch tatsächlich -durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich ans Werk. Das Schicksal -selbst schien ihn zum Zollbeamten prädestiniert zu haben. Eine gleiche -Geschäftigkeit und ein solch durchdringender Scharfblick war noch nie -vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er sich bereits eine solche -Sicherheit im Zollfach angeeignet, daß er buchstäblich alles wußte: er -brauchte garnicht abzumessen oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort -nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket enthalten waren; und -wenn er ein Gepäckstück in die Hand nahm, konnte er sofort sagen, -wieviel es wog; was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie -seine eigenen Kameraden sich ausdrückten, geradezu »eine Witterung wie -ein guter Jagdhund«: es war wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden -Knopf befühlte, und dies alles geschah mit einer vernichtenden -Kaltblütigkeit und einer geradezu unglaublichen Höflichkeit. Während die -unglücklichen Objekte der Untersuchung vor Wut rasten, alle -Selbstbeherrschung verloren und eine unwiderstehliche Lust verspürten, -sein angenehmes Gesicht tüchtig durchzubläuen, verzog er keine Miene und -sagte immer mit der gleichen Liebenswürdigkeit: »Wollen Sie nicht die -Gefälligkeit besitzen, sich ein wenig zu bemühen und aufzustehen!« oder -»Wollen Sie nicht die Güte haben, gnädige Frau, und ein wenig ins -Nebenzimmer treten. Die Gattin eines unserer Beamten möchte ein paar -Worte mit Ihnen sprechen«, oder »Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen das -Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer auftrenne«. Und mit -diesen Worten zog er ganz kaltblütig alle möglichen Tücher, Shawls usw. -von dort hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst die -Vorgesetzten erklärten, das sei ein Teufel und kein Mensch. Überall fand -er etwas: zwischen den Rädern, in der Deichsel, in den Ohren der Pferde -und Gott weiß, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter in den -Kopf käme, etwas zu suchen, und wohin sich höchstens ein Zollbeamter -verirren kann. Der arme Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die -Grenze passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich den -Schweiß, der ihm aus allen Poren getreten war, ab, schlug ein Kreuz und -murmelte: »Na, na!« Seine Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen, -der eben dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, um ihm -eine kleine Standrede zu halten und ihn statt dessen zu seinem höchsten -Erstaunen kräftig durchwalkte. Bald wußten sich die Schmuggler vor ihm -nicht mehr zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung der -gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit -waren unvergleichlich und geradezu unnatürlich. Er legte sich nicht -einmal ein kleines Kapital aus den konfiszierten Waren und den -beschlagnahmten Sachen an, welche dem Staate vorenthalten wurden, um die -unnützen Schreibereien zu vermeiden. Ein solcher uneigennütziger Eifer -im Dienst mußte natürlich allgemeines Staunen erregen und schließlich -auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt einen Titel und wurde -befördert, woraufhin er der Regierung ein Projekt vorlegte, wie man -sämtliche Schmuggler fangen und dingfest machen könnte. Diesem Projekte -legte er nur noch die Bitte um Einsendung der hierzu erforderlichen -Mittel bei. Sogleich wurde ihm das Oberkommando und die unbeschränkte -Vollmacht zur Ausführung aller möglichen Untersuchungen und -Ermittelungen erteilt. Das war es allein, was er brauchte. Um diese Zeit -hatte sich gerade eine große Gesellschaft von Schmugglern gebildet, -welche ganz bewußt und planmäßig vorgingen: das freche Unternehmen -versprach, Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon längst etwas -davon erfahren und sich sogar geweigert, die Abgesandten zu kaufen, -indem er ganz trocken erklärte, die Zeit sei noch nicht gekommen. -Nachdem er jedoch alle Fäden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er -die Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen ließ: Jetzt ist es Zeit. Er -hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre hätte er hier mehr -gewinnen können, als er sich je in zwanzig Jahren durch noch so eifrige -Diensttätigkeit erwerben konnte. _Vordem_ wollte er sich nicht mit ihnen -einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, und daher nicht -viel erhalten hätte. Jetzt dagegen lagen die Dinge ganz anders, jetzt -konnte er ihnen seine Bedingungen diktieren. Damit die Sache sich -möglichst glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten auf -seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, der Kollege konnte -der Versuchung nicht widerstehen, trotzdem seine Haare schon zu grauen -begannen. Der Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur -Tat. Ihre ersten Operationen waren von glänzenden Erfolgen gekrönt. Der -Leser hat sicher schon jene berühmte Geschichte von der Reise der -gescheidten, spanischen Hammel gehört, welche die Grenze in doppelten -Häuten überschritten und dabei für eine Million Brabanter Spitzen unter -dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete sich gerade zu der Zeit, als -Tschitschikow beim Zollamt war. Hätte er selbst nicht an diesem -Unternehmen teilgenommen, kein Jude in der ganzen Welt hätte es fertig -gebracht, einen ähnlichen Streich auszuführen. Nachdem die Hammel die -Grenze drei oder viermal überschritten hatten, stellte es sich heraus, -daß beide Beamten je vierhunderttausend Rubel Kapital besaßen. Ja man -munkelte, daß es bei Tschitschikow sogar in die Fünfhunderttausend -gegangen wäre, weil er noch etwas kecker war, als der andre. Gott weiß, -welche gewaltige Höhe diese gepriesenen Summen erreicht hätten, wenn -nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen über den Weg gelaufen wäre. Der -Teufel verdrehte beiden Beamten den Kopf. Der Haber stach sie, und sie -gerieten ohne jeden Grund aneinander. Während einer lebhaften -Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch etwas zu viel -getrunken hatte, den andern Beamten einen _Popensohn_, worauf dieser, -der _wirklich_ der Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde -aufs tiefste beleidigt fühlte und ihn sehr heftig und außerordentlich -scharf anfuhr. Und zwar sagte er ihm folgendes: »Das lügst du! Ich bin -Staatsrat und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn,« und -dann fügte er, um ihm einen Stich zu versetzen und ihn noch mehr zu -ärgern, noch hinzu: »Jawohl, so ist's!« Obwohl er unseren Tschitschikow -damit noch übertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemünzte -Schimpfwort zurückgab, und trotzdem die Wendung: »Jawohl, so ist's« -schon stark genug war, genügte ihm dies jedoch noch nicht, sondern er -sandte noch außerdem eine geheime Denunziation an die Behörde. Übrigens -ging die Rede, beide hätten überdies noch einen Streit wegen eines -frischen handfesten Weibleins gehabt, die nach dem Ausdruck der Beamten -»kernig« gewesen sei, wie eine Rübe, ja es seien sogar ein paar kräftige -Kerle gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in einer dunkelen -Gasse tüchtig durchwalken sollten; schließlich aber hätten beide Beamten -eine Nase erhalten, und ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich -der betreffenden Dame bemächtigt. Wie sich die Sache in Wahrheit -zugetragen hat, das weiß Gott allein. Genug, die geheimen Abmachungen -mit den Schmugglern wurden ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat -wurde zwar gleichfalls gestürzt, aber er zog seinen Kollegen mit in -seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor Gericht gestellt, ihr ganzer -Besitz konfisziert und versiegelt, und dies alles brach über ihre -schuldigen Häupter herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr -Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und als sie wieder zu sich -kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der -Staatsrat überlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo -elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem Schicksal stand -und blieb fest. Er verstand es, einen Teil der Summe in Sicherheit zu -bringen, so fein auch die Witterung der Beamten war, die erschienen -waren um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche und -Ausflüchte an, deren sich ein erfahrener Mann, welcher die Menschen nur -allzu gut kennt, zu bedienen pflegt: hier suchte er durch seine -angenehmen Umgangsformen Eindruck zu machen, dort durch rührende Reden, -hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden können, und -da erwarb er sich die Gunst der Beamten, indem er ihnen etwas zusteckte, -mit einem Wort, er wußte seine Sache so gut zu führen, daß er wenigstens -keinen so schmählichen und unehrenhaften Abschied erhielt, wie sein -Kollege und, wenn auch mit knapper Not, dem Strafrichter entrann. -Freilich: das Kapital und all die schönen ausländischen Sachen waren -dabei draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre Liebhaber -gefunden. Es gelang ihm, sich höchstens zehntausend Rubel aus diesem -Zusammenbruch zu retten, die er sich für alle Fälle zurückgelegt hatte, -dazu noch zwei Dutzend holländische Hemden, eine kleine Kutsche, wie sie -Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: den Kutscher -Seliphan und den Bedienten Petruschka, außerdem hatten ihm die -Zollbeamten, aus reiner Herzensgüte noch fünf oder sechs Stück Seife -geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch erhalte -- das war -alles. In so trauriger Lage befand sich nun mit einem Male wieder unser -Held. Welch ungeheueres Mißgeschick war plötzlich über ihn -hereingebrochen! Das nannte er im Dienste der Wahrheit leiden. Man -sollte meinen, nach all diesen Stürmen, Versuchungen, Schicksalsschlägen -und den bösen Zufällen dieses Lebens hätte er sich mit seinen letzten -teuren Zehntausend in den friedlichen Erdenwinkel eines -Provinzstädtchens zurückgezogen, um dort für immer einzurosten: da hätte -er wohl im geblümten Schlafrock am Fenster eines niedrigen Häuschens -gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern rauften, oder er wäre -vielleicht zur Erholung einmal in den Hühnerhof hinabgegangen, um sich -persönlich das Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden sollte, -und so hätte er sein Dasein zwar still, doch in seiner Art auch nicht -ganz nutzlos hingebracht. Aber es kam anders; man muß der -unbezwinglichen Charakterstärke unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren -lassen. Nach all diesen Schlägen, welche genügt hätten, einen Menschen -wenn nicht umzubringen, so doch für immer gegen alles abzukühlen und -zahm zu machen, war in ihm jene unerhörte Leidenschaft noch immer nicht -erloschen. Er war ärgerlich und zornig, murrte wider die ganze Welt, -schimpfte über die Ungerechtigkeit des Schicksals, war empört über die -Schlechtigkeit der Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue -Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte eine Mannhaftigkeit an -den Tag, vor der die träge Geduld des Deutschen zu Nichts -zusammenschrumpft, welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen -Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig durch die Adern, -und es bedurfte eines starken, vernünftigen Willens, um all jene Triebe -zu zügeln, welche in ihm nach außen drängten, um sich hier frei zu -ergehen und auszuleben. Er überlegte lange hin und her, und in seinen -Überlegungen war immer etwas Richtiges enthalten. Warum bin _ich_ es -gerade? Warum mußte das Unglück jetzt über _mich_ hereinbrechen? Wer -säumt denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach _Erwerb_. Ich habe -doch niemand unglücklich gemacht, habe keine Witwe beraubt, keinen -Menschen an den Bettelstab gebracht, nur von dem Überflusse genommen -dort wo jeder andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt hätte. -Hätte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, so hätten andere -es statt meiner getan. Warum sollen denn andere schwelgen und glücklich -sein? Und warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was bin ich jetzt? -Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem braven Familienvater ins Auge -sehen? Muß ich nicht Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, daß -ich nur die Erde unnütz belaste? Und was sollen einst meine Kinder -sagen? -- »Seht unsern Vater an,« werden sie sagen; »er war ein -Schweinehund, und hat uns kein Vermögen hinterlassen.« - -Wir wissen bereits, daß Tschitschikow sehr besorgt um seine Nachkommen -war. Es ist damit eine kitzliche Sache. So mancher würde nicht so tief -in den fremden Beutel greifen, wenn sich ihm nicht immer die seltsame, -unbegreifliche Frage wie von selbst auf die Lippen drängte: »Und was -werden meine Kinder sagen?« Und der künftige Stammvater greift eilig -nach dem, was ihm zu allererst unter die Finger kommt, wie ein -vorsichtiger Kater, welcher ängstlich zur Seite schielt, ob nicht der -Hausherr in der Nähe ist: sieht er ein Stück Seife liegen, eine Kerze, -ein Endchen Speck, kommt ihm ein Kanarienvogel unter die Pfoten, er -nimmt alles mit und verschmäht nichts. So jammerte und klagte unser -Held, und doch arbeitete sein Kopf unaufhörlich weiter. Unabläßlich -wollte sich etwas formen und wartete nur auf den Plan zu dem neu zu -errichtenden Bau. Und wiederum schrumpfte er zusammen, wieder begann er -ein hartes Arbeitsleben, wieder schränkte er sich in allem ein, wieder -stieg er aus der Sphäre des Wohlstandes und der Reinheit in den Schmutz -und das Elend des Daseins hinab. In Erwartung eines Besseren ließ er -sich sogar dazu herbei, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu übernehmen, -ein Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bürgerrecht erkämpft hat, -dessen Träger von allen Seiten Püffe und Stöße erdulden müssen, von den -niederen Gerichtsbeamten und von ihren Vorgesetzten verachtet werden und -zum Antichambrieren, zum Erleiden jeglicher Grobheiten und Beleidigungen -verurteilt sind. Allein die Not machte unsern Helden zu allem fähig. -Unter den mancherlei Aufträgen, mit deren Ausführung er betraut wurde, -gab es auch folgenden: es sollten einige hundert Bauern bei -Vormundschaftsgericht verpfändet werden. Das Gut, zu dem die Bauern -gehörten, stand vor dem Ruin. Furchtbare Viehseuchen, die Mißwirtschaft -spitzbübischer Verwalter, Epidemien, denen die besten Arbeiter zum Opfer -fielen, Mißernten und nicht zum mindesten die Unvernunft des Gutsherrn -hatten es dem Ruin entgegengeführt. Der Besitzer hatte sich in Moskau -ein modernes Haus im neusten und vornehmsten Geschmack erbaut, dabei -aber war sein ganzes Vermögen bis zur letzten Kopeke draufgegangen, so -daß ihm kaum noch was zum Essen übrig blieb. So sah er sich denn -gezwungen, sein einziges Gut, das ihm noch übrig geblieben war, zu -verpfänden. Hypothekengeschäfte mit dem Staate waren damals noch -ziemlich unbekannt und erst vor kurzem eingeführt, daher entschloß man -sich nicht ohne inneres Unbehagen zu einem solchen Schritt. -Tschitschikow hatte in seiner Eigenschaft als Gerichtsvollzieher -sämtliche Vorbereitungen zu treffen; vor allem sorgte er, daß auch alle -Anwesenden in der rechten Stimmung waren (ohne diese vorbereitende -Maßnahme ist es bekanntlich nicht einmal möglich, die einfachsten -Erkundigungen einzuziehen -- unter einer Flasche Madeira pro Kopf geht's -jedenfalls nicht ab), nachdem er also alle, auf die es hierbei ankam, in -die rechte Geistesverfassung versetzt hatte, erklärte er ihnen: es gäbe -bei dieser Sache noch einen Umstand, der unbedingt berücksichtigt werden -müsse: »die Hälfte der Bauern sei gestorben, da müsse man sich in acht -nehmen, daß später nicht etwa Klagen laut würden ...« »Sie stehen aber -doch in der Revisionsliste, nicht wahr?« sagte der Sekretär. »Freilich,« -erwiderte Tschitschikow. »Nun was fürchten Sie denn dann noch?« sagte -der Sekretär. »Der eine stirbt, ein andrer wird geboren, nun gut, dann -ist doch nichts verloren.« Wie man sieht, verstand es der Sekretär in -Versen zu sprechen. Hier aber blitzte in unserem Helden der genialste -Gedanke auf, der je einem Menschen in den Kopf gekommen war. »O, ich -Einfaltspinsel!« sprach er zu sich selbst, »ich suche meine Handschuhe -und sie stecken ruhig in meinem Gürtel! Hätte ich mir all diese Leute, -welche gestorben sind, gekauft, noch ehe die neuen Revisionslisten -aufgestellt wurden; hätte ich sie mir, sagen wir einmal, für tausend -Rubel erworben und dann beim Vormundschaftsgericht verpfändet; dann -hätte ich zweihundert Rubel für die Seele bekommen, und das würde heute -genau zweimal hunderttausend Rubel ausmachen! Und dazu ist jetzt gerade -der günstigste Augenblick: die Epidemie ist erst eben vorüber, die hat -gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer haben ihr Geld -verspielt, zechen jetzt herum, und haben ihr ganzes Vermögen -durchgebracht; alles will nach Petersburg und in den Staatsdienst -treten: die Güter liegen darnieder, die Verwalter kümmern sich kaum um -sie, mit jedem Jahre wird's schwerer, die Steuern einzutreiben; wie gern -wird mir da jeder seine toten Bauern abtreten, nur um keine Kopfsteuer -für sie bezahlen zu müssen, ja am Ende nehme ich noch diesem oder jenem -ein paar Kopeken dafür ab. Das ist natürlich nicht leicht, es kostet -viele Mühe, man muß ewig in Sorgen schweben, daß man hereinfällt, und -daß eine neue Geschichte daraus entsteht. Aber wozu hat denn der Mensch -schließlich seinen Verstand? Das Gute dabei ist ja eben dies: daß die -Sache so unwahrscheinlich ist: niemand wird es recht glauben wollen. -Freilich ohne Land kann man sie weder kaufen noch verpfänden; aber ich -werde sie eben zu Ansiedelungszwecken kaufen, natürlich: zu -Ansiedelungszwecken; jetzt bekommt man ja das Land im Gouvernement -Taurien und Cherson fast umsonst; dort kannst du kolonisieren soviel -dein Herz begehrt! Ich führe sie eben einfach dorthin: ins Chersonsche -Gouvernement; da mögen sie meinetwegen leben! Und die Ansiedelung läßt -sich ja auf ganz gesetzlichem Wege vollziehen, nach allen Regeln der -Kunst, durch das Gericht. Wenn sie ein Zeugnis verlangen, gut, ich habe -nichts dagegen: Warum nicht? Ich werde auch ein Zeugnis mit der -eigenhändigen Unterschrift irgend eines Kreisrichters vorlegen. Das Gut -wird »Tschitschikowka« oder nach meinem Taufnamen »Pawlowskoje« -genannt.« So kam im Kopfe unseres Helden dieser seltsame Plan zustande; -ich weiß garnicht, ob ihm die Leser sehr dankbar für ihn sein werden, -dagegen läßt es sich kaum ausdrücken, wie sehr der Verfasser sich ihm -verpflichtet fühlt; wie dem auch sei, wäre Tschitschikow nicht auf -diesen Gedanken gekommen -- nie hätte diese Dichtung das Licht der Welt -erblickt. - -Er schlug nach russischer Sitte ein Kreuz und ging an die Ausführung -seines großen Planes. Indem er vorschützte, er suche sich ein Plätzchen, -wo er sich niederlassen könne, und noch unter mancherlei anderen -Vorwänden, begann er damit, sich alle Ecken und Enden unseres Reiches -anzusehen, vorzüglich aber die, welche mehr als andere unter allerhand -Unglücksfällen zu leiden hatten, als da sind: Mißernten, Todesfälle usw. -usw. Mit einem Wort, wo sich ihm die günstigste Gelegenheit bot, sich -möglichst billig Bauern zu erwerben, deren er ja bedurfte. Dabei wandte -er sich nicht aufs geradewohl an den ersten besten Gutsbesitzer, sondern -wählte sich Leute nach seinem Geschmack aus, nämlich solche, mit denen -sich ein Geschäft dieser Art ohne große Schwierigkeiten abwickeln ließ. -Hierbei suchte er zunächst ihre nähere Bekanntschaft zu machen und ihre -Zuneigung zu gewinnen, um die Bauern womöglich zum Geschenk zu erhalten -und sie nicht bar bezahlen zu müssen. Daher darf der Leser auch dem -Autor nicht böse sein, wenn die Personen, die bisher im Laufe unserer -Erzählung auftraten, nicht immer nach seinem Geschmacke waren: das ist -Tschitschikows Schuld; denn hier ist _er_ der Herr der Situation, und -wir müssen ihm folgen, wohin zu wandern es ihm einfällt. Wir -unsererseits können, wenn man uns den Vorwurf macht, unsere Personen und -Charaktere seien unscheinbar und blaß, nur immer wieder sagen, daß man -im Beginn einer Sache nie ihren ganzen Umfang und die ganze Breite und -Tiefe ihres Verlaufs ermessen kann. Die Einfahrt in eine Stadt, und sei -es selbst die in die Reichshauptstadt, ist immer uninteressant. Zunächst -erscheint alles grau und einförmig. Endlose Fabriken und -rauchgeschwärzte Werkstätten ziehen sich in trübseliger Monotonie dahin. -Erst später erscheinen die Ecken sechsstöckiger Häuser, vornehme Läden, -Aushängeschilder, die langen Zeilen der Straßen mit Türmen, Säulen, -Denkmälern, Kirchen, mit ihrem Straßenlärm und Glanz und all den -Wundern, die Menschenhand und Menschengeist erschaffen. Wie die ersten -Einkäufe zustande kamen hat der Leser selbst gesehen; wie die Sache -weiter gehen wird, welche Erfolge und Mißerfolge unsern Helden erwarten, -was für Hindernisse weit schwierigerer Art er zu besiegen und zu -überwinden haben wird, wie dann gewaltige Gestalten vor uns auftreten, -wie sich die geheimsten Hebel unserer sich breit ergießenden Erzählung -in Bewegung setzen werden, wie der Horizont auseinander treten, und sie -selbst in majestätisch-lyrischem Strome dahinfluten wird, dies werden -wir später sehen. Ein weiter Weg ist's, den unsere Brigade zurückzulegen -hat bestehend aus einem Herrn mittleren Alters, einer Kutsche, wie die -Junggesellen zu benutzen pflegen, dem Diener Petruschka, dem Kutscher -Seliphan und dem Dreigespann edler Rosse, denen wir ja vorgestellt sind, -vom Assessor bis zum niederträchtigen Schecken. Da haben wir unsern -Helden wie er leibt und lebt. Aber vielleicht wird man noch eine -Charakteristik durch einen letzten Strich von mir verlangen: was ist er -für ein Mann nach der Seite seiner moralischen Qualitäten? Daß er kein -Held, erfüllt von allen Tugenden, Vorzügen und allen nur möglichen -Vollkommenheiten ist -- das ist evident. Wer also ist er? Folglich wohl -ein Schurke? Warum ein Schurke? Warum sollen wir so streng gegen andere -Leute sein? Jetzt gibt's bei uns keine Schurken mehr. Es gibt -wohlgesinnte, gesinnungstüchtige, angenehme Menschen, aber solche, die -ihre Physiognomie zur öffentlichen Beschimpfung darbieten müßten, um den -Streich auf die Wange in Empfang zu nehmen, gibt es nur sehr selten. Von -dieser Sorte werden wir kaum zwei bis drei finden und selbst sie reden -heute schon laut von der Tugend. Das Richtigste wäre es wohl, ihn einen -guten Wirt oder ein Erwerbsgenie zu nennen. Der Erwerbstrieb -- trägt -die Schuld an allem: er ist die Ursache all jener Affären und Geschäfte, -die die Welt »nicht ganz sauber« nennt. Freilich, so ein Charakter hat -schon etwas Abstoßendes an sich, und derselbe Leser, der sich auf seinem -Lebenswege mit so einem Menschen anfreundet, ihn in sein Haus einführt -und manche angenehme Stunde mit ihm verbringt, wird ihn mißtrauisch -ansehen, sowie er ihm in irgend einem Drama oder einer Dichtung -begegnet. Aber dreimal weise ist der, der überhaupt keinen Charakter -verabscheut, sondern prüfend seinen Blick auf ihn heftet und ihn -begreifen lernt in seinen innersten Triebfedern; wie schnell wandelt -sich alles im Menschen: eh man sich's versieht, hat sich im Innern ein -furchtbarer Wurm eingenistet, der wächst und wächst und alle -Lebenskräfte herrisch in sich aufsaugt. Und mehr als einmal schon -geschah es, daß in einem Menschen, der zu Höherem geboren war, nicht nur -eine übermächtige Leidenschaft gewaltig emporwuchs und erstarkte, nein -oft schon ließ ein armseliger minderwertiger Trieb ihn all seine hohen -und heiligen Pflichten vergessen und in elenden Nichtigkeiten etwas -Großes und Verehrungswürdiges sehen. Unendlich wie der Sand am Meere -sind des Menschen Leidenschaften, und keine gleicht der andern, alle -sind sie dem Menschen im Anfang gefügig und gehorsam, die hohen wie die -niedrigen, und erst später werden sie zu furchtbaren Despoten. Selig ist -der zu preisen, der sich unter allen die herrlichste Leidenschaft -erwählte: er wächst und mehrt sich täglich und stündlich sein -grenzenloses Glück, tiefer und immer tiefer dringt er ein in das -unendliche Paradies seiner Seele. Aber es gibt Leidenschaften, deren -Wahl nicht vom Menschen abhängt. Sie werden mit ihm geboren in der -Stunde, da er zur Welt kommt, und keine Kraft ward ihm gegeben, sie weit -von sich zu stoßen. Ein höherer Plan ist es, der sie lenkt, und es liegt -etwas in ihnen, das ewig ruft und lockt und keinen Augenblick im Leben -verstummt. Ihre große irdische Laufbahn zu vollenden ist ihre -Bestimmung, ob sie nun als finstere Gestalten vorüberwandeln oder als -herrlich leuchtende Erscheinungen, die den lauten Jubel der Welt -entfachen, indem sie an uns vorüberziehen -- ganz gleich -- sie kamen, -um das dem Menschen unbekannte Gute zu erfüllen. Und vielleicht stammt -auch die Leidenschaft die unseren Helden Tschitschikow lenkt und -vorwärtstreibt nicht aus ihm selber, und es liegt auch in seinem kalten -frostigen Dasein etwas beschlossen, was einstmals den Menschen auf die -Kniee und in den Staub niederzwingen wird vor der Weisheit des Himmels. -Und es ist noch ein Geheimnis, warum diese Gestalt gerade in dieser -Dichtung erscheinen mußte, die hiermit den Schauplatz der Welt betritt. - -Aber nicht das ist das Bittere, daß man mit unserem Helden unzufrieden -sein wird; weit bitterer und schmerzlicher ist dieses: in meiner Seele -lebt die unumstößliche Gewißheit, daß die Leser dennoch und trotz -alledem mit diesem Helden, mit demselben Tschitschikow zufrieden sein -könnten. Hätte der Autor ihm nicht so tief ins Herz geblickt, hätte er -nicht alles aufgerührt, was im tiefsten Grunde seiner Seele lebt und nur -dem Blick der Welt entgeht und verborgen bleibt, hätte er nicht seine -geheimsten Gedanken enthüllt, die kein Mensch dem andern vertraut, -sondern ihn so gezeigt, wie er der ganzen Stadt, Manilow und all den -anderen -- erschienen war, -- so wären alle Leute sehr befriedigt, und -jeder würde ihn für einen äußerst interessanten Menschen halten. -Freilich wäre dann sein Bild und seine Gestalt nicht so lebendig vor -unser Auge getreten: dafür hätte auch keine Erregung in unserer Seele -nachgezittert, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt hätten, und wir -könnten uns ruhig wieder an unseren Kartentisch setzen, welcher der -Trost und die Freude ganz Rußlands ist. Ja meine braven Leser, ihr wollt -der Menschen nackte Armut lieber nicht sehen: »Warum nur?« sprecht ihr, -»wozu dient das alles? Wissen wir denn nicht selber, daß es gar viel -Verächtliches und Törichtes in der Welt gibt? Auch ohnedies muß man oft -Dinge sehen, die keineswegs tröstlich sind. Zeigt uns doch lieber das -Schöne, das was entzückt und begeistert! Helft uns, uns lieber selbst zu -vergessen!« -- »Warum sagst du mir, daß es schlecht um meine Wirtschaft -steht, Bruder?« sagt ein Gutsbesitzer zu seinem Verwalter »ich weiß das -auch _ohne_ dich, lieber Freund: kannst du denn wirklich nicht von etwas -andrem reden? Wie? Hilf mir lieber das alles zu vergessen, und nicht -daran zu denken -- dann bin ich glücklich.« Und so wird das Geld, das -dazu hätte dienen können, um das Gut etwas in die Höhe zu bringen, für -allerhand Mittelchen ausgegeben, um sich selbst zu vergessen. Der Geist -wird eingeschläfert, der vielleicht plötzlich einen Quell gewaltiger -Reichtümer entdeckt hätte; das Gut kommt unter den Hammer, der Gutsherr -muß betteln gehen, um sich zu vergessen; mit einer Seele, die zu jeder -äußersten Niedertracht und Gemeinheit bereit ist, vor denen er selbst -einst zurückgeschreckt wäre. - -Noch eine andere Klage wird gegen den Autor laut; sie rührt von den -sogenannten Patrioten her, welche ruhig in ihren Winkeln sitzen und sich -mit ganz gleichgültigen Dingen abgeben: sich ein Kapital aufhäufen und -sich ein schönes Los auf Kosten anderer bereiten; sowie aber etwas -geschieht, was nach ihrer Meinung dem Vaterland zur Unehre gereicht, -_sowie_ irgend ein Buch erscheint, das eine bittre Wahrheit enthält -- -dann kommen sie aus allen Ecken und Winkeln herausgekrochen, wie die -Spinnen, welche eine Fliege entdeckt haben, die sich in ihr Netz -verstrickte, und erheben ein lautes Geschrei: »Ja, ist es denn gut, -solche Dinge ans Licht zu bringen, sie offen zu verkünden. All das, was -da beschrieben wird, gehört ja zu _uns_ -- ist's also klug, so etwas zu -tun? Und was sollen die Ausländer sagen? Ist es denn angenehm, zu hören, -daß andre Leute schlecht von uns reden?« Und sie denken: tut es uns denn -nicht weh? Denken: sind wir etwa nicht Patrioten? Auf solch weise -Bemerkungen, besonders hinsichtlich der Ausländer, kann ich keine -passende Antwort finden. Es wäre denn etwa diese: In irgend einem -entlegenen Winkel Rußlands lebten einmal zwei Männer. Der eine war der -Vater einer großen Familie und hieß Kifa Mokiewitsch; er war ein sanfter -friedlicher Mensch, der ein Freund eines bequemen und ruhigen Lebens -war. Mit seiner Familie beschäftigte er sich kaum; sein Dasein war mehr -der Spekulation gewidmet, ihn beschäftigten in erster Linie -»philosophische Fragen« wie er sie nannte: »Nehmt z. B. das Tier,« -pflegte er zu sagen, indem er im Zimmer auf und abging, »das Tier wird -doch ganz nackt geboren. Warum gerade nackt? Warum nicht vielmehr -befiedert wie der Vogel: warum kriecht es z. B. nicht aus dem Ei? Nein, -wirklich, es ist sonderbar ... man versteht die Natur immer weniger, je -mehr man sich in sie vertieft!« So dachte der Bürger Kifa Mokiewitsch. -Aber das war noch nicht das Wichtigste. Der andre Bürger war Mokij -Kifowitsch, sein leiblicher Sohn. Er war das, was man in Rußland einen -Helden zu nennen pflegt, und während sich der Vater mit der Geburt des -Tieres beschäftigte, drängte es _seine_ zwanzigjährige, breitschultrige -Gestalt mit aller Macht danach, sich zu entfalten und auszuleben. Er -konnte nie eine Sache leicht und nur so obenhin in Angriff nehmen -- -stets brach sich jemand dabei den Arm oder er trug eine Beule auf der -Nase davon. Zu Hause und in der Nachbarschaft liefen alle, von den -Mädchen auf dem Hofe -- bis auf den letzten Hund -- davon, wenn sie ihn -erblickten, sogar sein eigenes Bett, das in seinem Schlafzimmer stand, -schlug er in Trümmer. So war Mokij Kifowitsch, sonst aber war er ein -braver, gutmütiger Mensch. Jedoch das ist nicht das Wichtigste. Das -Wichtigste hierbei ist das, was nun kommt: »Ich bitt dich gnädiger Herr -Kifa Mokiewitsch,« sagten die eigenen und fremden Knechte und Mägde zum -Vater: »was ist dein Mokij Kifowitsch doch für ein Herr? Der läßt keinen -Menschen in Ruhe, ist der zudringlich!« »Ja, ja, etwas mutwillig ist er -schon,« erwiderte gewöhnlich der Vater: »aber was ist da zu tun? Hauen -kann ich ihn doch nicht mehr, alle Menschen würden über meine Härte und -Grausamkeit schreien, und dann ist er ein so ehrgeiziger Mensch; wenn -ich ihm in Gegenwart anderer Leute einen Vorwurf machte -- würde er sich -wohl in acht nehmen; aber vergeßt auch die Öffentlichkeit nicht -- das -ist eben das Unglück. Wenn die Stadt es erfährt, wird sie ihn gleich -einen Schweinehund nennen. Glaubt ihr denn, daß mir das nicht weh tun -würde? Bin ich denn nicht sein Vater? Meint ihr, weil ich mich mit der -Philosophie beschäftige und mitunter keine Zeit für andere Dinge habe, -sei ich nicht Vater? O nein, ihr irrt euch. Ich _bin_ Vater, jawohl ich -bin _Vater_, zum Teufel noch einmal, das laß ich mir nicht nehmen. Mokij -Kifowitsch -- der sitzt mir hier ganz tief im Herzen.« Und Kifa -Mokijewitsch schlug sich mit der Faust kräftig auf die Brust und geriet -in die größte Erregung: »Und wenn er schon sein Leben lang ein -Schweinehund bleiben sollte, so soll man es wenigstens nicht von mir -erfahren; ich kann ihn doch nicht verraten!« Nachdem er so von seinem -väterlichen Gefühl Zeugnis abgelegt hatte, ließ er Mokij Kifowitsch -ruhig seine Heldentaten fortsetzen und kehrte selbst zu seinen geliebten -Gegenständen zurück, indem er sich plötzlich irgend eine Frage wie etwa -die folgende vorlegte: »Hm, wenn die Elefanten Eier legten, müßten die -Eierschalen da nicht so dick sein, daß keine Kanonenkugel sie -zertrümmern könnte; ja, ja, es ist Zeit ein neues Schießwerkzeug zu -erfinden!« So verbrachten unsere zwei Bewohner des friedlichen -Erdenwinkels ihr Leben, sie, die am Schluß unserer Dichtung so plötzlich -wie aus einem Fenster hervorguckten, um ihre bescheidene Antwort auf den -Vorwurf glühender Patrioten vorzubringen, welche sich vielleicht lange -ganz ruhig mit irgendwelchen Philosophemen oder mit der Vergrößerung -ihres Wohlstandes auf Kosten des von ihnen so glühend geliebten -Vaterlandes beschäftigten und keineswegs darum besorgt sind, daß nur -nichts Böses geschieht, sondern allein darum, daß nur ja niemand sage, -sie täten Schlimmes. Doch nein, weder der Patriotismus noch jenes erste -Gefühl sind der Grund all dieser Anklagen und Vorwürfe. Dahinter -versteckt sich etwas ganz andres. Warum soll ich es verheimlichen? Wer -anders, wenn nicht der Autor hätte die Pflicht, die heilige Wahrheit zu -verkündigen? Ihr fürchtet den tiefen forschend auf euch gerichteten -Blick. Ihr wagt es nicht, diesen Blick selbst auf die Gegenstände zu -richten, ihr liebt es, mit blinden Augen gedankenlos über alles -hinwegzugleiten. Ihr werdet vielleicht auch von Herzen über -Tschitschikow lachen: vielleicht sogar den Autor _loben_ und sagen: -»Übrigens, manches hat er wirklich sehr fein beobachtet! Das muß doch -ein Mensch von heiterem Temperament sein!« Und nach diesen Worten werdet -ihr mit verdoppeltem Stolze zu euch selbst zurückkehren, ein -selbstgefälliges Lächeln wird euer Gesicht verklären, und ihr werdet -fortfahren: »Man muß doch sagen: in einigen Gegenden Rußlands gibt es -wirklich höchst merkwürdige und komische Menschen, und recht abgefeimte -Schurken dazu!« Doch wer von euch wird sich voll christlicher Demut, -nicht laut und öffentlich, sondern in aller Stille, in jenen -Augenblicken wo die Seele einsame Selbstgespräche mit sich führt, tief -im Innern die Frage vorlegen: »Wie? lebt nicht vielleicht auch in _mir_ -etwas von Tschitschikow?« Warum nicht gar. Laßt dagegen irgend einen -Beamten, einen Mann mittleren Ranges an einem andern vorübergehn -- -sofort wird er seinen Nachbarn anstoßen, und während er sich fast -ausschütten möchte vor Lachen, zu ihm sagen: »Sieh, sieh, das ist -Tschitschikow, da geht er vorüber!« Und er wird allen Anstand, den er -seinem Rang und Alter schuldig ist, vergessen, ihm wie ein Kind -nachlaufen, ihn verhöhnen, necken und ihm nachrufen: »Tschitschikow! -Tschitschikow! Tschitschikow!« - -Aber wir sprechen so laut und vergessen ganz, daß unser Held, der -während der Erzählung seiner Lebensgeschichte fest schlief, schon -aufgewacht ist und leicht hören könnte, daß man seinen Familiennamen so -oft wiederholt. Er ist doch ein Mensch, der sich leicht gekränkt fühlt -und sehr unzufrieden ist, wenn man ohne die schuldige Achtung von ihm -spricht. Dem Leser kann's freilich ziemlich gleich sein, ob ihm -Tschitschikow böse ist oder nicht; was dagegen den Autor anbelangt, so -darf er sich unter keinen Umständen mit seinem Helden veruneinigen: er -hat noch manches Stück Weges Hand in Hand mit ihm zurückzulegen; noch -liegen zwei große Teile dieser Dichtung vor ihm, und das ist doch -wirklich keine Kleinigkeit. - -»He, he! Was fällt dir ein!« rief Tschitschikow Seliphan zu, »du ...?« - -»Wie?« sagte Seliphan langsam. - -»Wie? fragst du! Trottel du! Wie fährst du denn? Vorwärts, rühr dich!« - -Und in der Tat, Seliphan saß schon lange auf seinem Bock und blinzelte -mit den Augen. Nur hie und da schlug er im Halbschlaf die gleichfalls -schlafenden Pferde mit den Zügeln leicht auf den Rücken. Auch Petruschka -hatte schon lange und, Gott weiß, wo seine Mütze verloren, er war auf -dem Bock zurückgesunken und stützte seinen Kopf auf Tschitschikows Knie, -von dem er manchen kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde munter und -versetzte dem Schecken ein paar tüchtige Hiebe, worauf dieser einen -lebhaften Trab anschlug; dann ließ er seine Peitsche über den Rücken der -Pferde sausen und rief mit dünner Stimme gleichsam singend: »Nur keine -Furcht!« Die Pferde wachten auf und zogen den leichten Wagen mit sich -fort, der wie ein Flaum dahinflog. Seliphan schwenkte bloß die Peitsche -und rief: »He, he, he!« indem er auf seinem Bock rhythmisch hin und her -hopste, während der Wagen über die Berge und Täler der Landstraße -dahinjagte, welche langsam bergab führte. Tschitschikow wurde auf seinem -Polster leicht emporgehoben, er lächelte vergnügt, denn er liebte das -schnelle Fahren. Und welcher Russe liebt das schnelle Fahren nicht? -Sollte seine Seele, die sich überall und immer nach dem Taumel und -Wirbel sehnt, und oft laut ausrufen möchte: »Ach was, hol' doch alles -der Teufel,« sollte seine Seele es nicht lieben? Es nicht lieben, wenn -etwas so Wundersames, Beseeligendes darin liegt? Wie eine unbekannte -Gewalt hebt dich's auf seinen Flügel, du fliegst dahin und mit dir alles -um dich her: die Meilensteine, die Kaufleute auf ihren Wagensitzen, der -Wald zu beiden Seiten mit den dunklen Reihen seiner Tannen und Fichten, -dem Lärm der Äxte und dem Rabengekrächze: der ganze Weg flieht vorüber --- weit fort in unbekannte Fernen; und etwas Furchtbares, Schreckliches -liegt in diesem rasenden Aufblitzen und Verschwinden, wo der -vorübergleitende Gegenstand kaum Zeit hat, feste Formen anzunehmen und -nur der Himmel über uns, die leichten Wolken und der sich Bahn brechende -Mond allein unbeweglich still zu stehen scheinen. Mein Dreigespann, o du -Vogeldreigespann! wer hat dich erfunden? Nur aus einem kecken mutigen -Volk konntest du hervorgehen -- in jenem Lande, das nicht zu spaßen -liebt, sondern sich wie die unendliche Ebene streckt und breitet über -die halbe Erde: versuch's doch die Meilensteine zu zählen, ohne daß -dir's vor den Augen flimmert! Wahrlich kein schlau ersonnenes Gefährt -bist du, genietet durch eiserne Klammern. Sondern schnell, aufs -geratewohl mit Axt und Meißel hat dich ein flinker Jaroslawscher Bauer -verfertigt und zusammengefügt. Dich lenkt kein Postillon in deutschen -Stulpenstiefeln, bebartet und behandschuht sitzt er da, der Teufel weiß -worauf; und wenn er aufsteht, seine Peitsche schwingt und sein -unendliches Lied anstimmt -- dann stürmen die Rosse dahin wie ein -Wirbelwind. Zu einer runden, glatten Fläche fließen die Speichen der -Räder zusammen. Es donnert der Weg. Erschrocken schreit der Fußgänger -auf und bleibt wie angewurzelt stehen. -- Und dahin fliegt das Gefährt, -fliegt und fliegt! ... Und schon sieht man in der Ferne nichts wie eine -dichte Staubwolke, und wirbelnd folgt die Luft. - -Jagst nicht auch du, Rußland, so dahin, wie ein keckes unerreichbares -Dreigespann? Rauchend dampft unter dir der Boden; es dröhnen die Stege. -Und alles bleibt zurück, weit hinter dir zurück. Wie durch ein -göttliches Wunder betäubt, steht festgebannt der staunende Zuschauer. -Ist es ein Blitz, der aus den Wolken zuckte? Was bedeutet diese -grauenerweckende Bewegung? Und was für unbekannte Kräfte wohnen in -diesen, nie gesehenen Rossen? Oh, ihr Rosse! Ihr wunderbaren Rosse! Lebt -ein Wirbelwind in euren Mähnen? Bebt ein wachsames Ohr euch in jeder -Ader? Lauscht ihr auf ein trautes altbekanntes Lied von oben, und spannt -jetzt einträchtig eure ehernen Brüste? Kaum rühren eure flüchtigen Hufe -die Erde, in eine langgestreckte Linie verwandelt fliegt ihr durch die -Lüfte, und fort stürmt das ganze, gottbegeisterte! ... Rußland? Wohin -jagst du, gib Antwort! Du bleibst stumm. Wundersam ertönt der Gesang des -Glöckchens. Wie von Winden zerfetzt, braust und erstarrt die Luft; -alles, was auf Erden lebt und webt, fließt vorüber; und es weichen vor -dir, treten zur Seite, und geben dir Raum alle anderen Staaten und -Völker. - - - - - Anhang zum ersten Teil - - - I. - Vorrede - zur zweiten Auflage des ersten Bandes - der - »Toten Seelen« - 1846 - - - Der Verfasser an den Leser - -Wer du auch sein magst, lieber Leser, auf welchem Platze du stehst, -welches Amt du bekleidet, ob du Rang und Würden dein eigen nennt, ein -schlichter Mann von einfachem Stande bist, wenn dir Gott die edle Gabe -des Lesens verliehen hat und dir ein Zufall dieses Buch in die Hände -spielte, so bitte ich dich, mir zu helfen. - -In dem Buche, das vor dir liegt und dessen erste Auflage du -wahrscheinlich schon gelesen hat, ist ein Mensch dargestellt, der mitten -aus dem russischen Staate herausgegriffen ward. Er bereist unser -russisches Vaterland, und trifft hier mit Menschen jeder Art und jedes -Standes, mit vornehmen und einfachen zusammen. Er ward mehr _darum_ zum -Helden ausersehen, um die _Laster_ und _Mängel_, als die _Vorzüge_ und -_Tugenden_ des Russen aufzuzeigen; aber auch all die Menschen, die ihn -umgeben, sind so gewählt worden, daß sie unsere Fehler und Schwächen -widerspiegeln, die besseren Menschen und Charaktere sollen erst in den -folgenden Teilen vorgeführt werden. In diesem Buche ist manches -unrichtig dargestellt, und nicht so, wie die Dinge sich wirklich im -russischen Vaterlande zutragen, weil ich ja nicht alles kennen lernen -und in Erfahrung bringen konnte. Ein ganzes Menschenleben würde nicht -ausreichen, um auch nur den hundertsten Teil von dem zu erforschen, was -in unserer Heimat vorgeht. Zudem mögen sich infolge meiner eigenen -Unachtsamkeit, Unreife und Übereilung mancherlei Irrtümer und -Fehlschlüsse eingeschlichen haben, sodaß es wohl keine Seite in diesem -Buche gibt, an der nicht irgend etwas zu berichtigen wäre, und daher -bitte ich dich, lieber Leser, wo du es kannst, mich zu verbessern. Du -darfst diese Mühe nicht gering schätzen. Auf welch hoher Stufe der -Bildung und des Lebens du auch stehen mögest, so unbedeutend und nichtig -dir auch mein Buch erscheinen und so kleinlich und unwichtig dir es -vorkommen mag, mein Werk zu verbessern und deine Bemerkungen dazu -niederzuschreiben, ich bitte dich dennoch darum, es zu tun. Aber auch -du, lieber Leser, von _schlichter_ Bildung und einfachem Stande, sollst -dich nicht für zu unwissend halten, mich zu belehren. Ein jeder Mensch, -der gelebt, die Welt gesehen hat, und mancherlei Menschen begegnet ist, -hat sicher vielerlei gemerkt, was einem andern entgangen ist, und vieles -erfahren, was andere nicht wissen. Ich möchte daher nicht gerne auf -deine Bemerkungen verzichten. Es ist unmöglich, daß du nicht etwas zu -irgend einer Stelle meines Buches zu sagen hättest, wenn du es nur -aufmerksam durchliest. - -Wie schön wäre es zum Beispiel, wenn auch nur _einer_ von jenen Leuten, -deren Kenntnisse so groß, deren Lebenserfahrung so reich ist, und die -den Kreis von Menschen, die ich beschrieben habe, genau kennen, seine -Anmerkungen zu dem ganzen Buche niederschreiben und _gar nicht anders_ -an die Lektüre gehen wollte, als mit einer Feder in der Hand und einem -Stück Papier, das er vor sich auf dem Tische liegen hat. Wie schön wäre -es, wenn er jedesmal, nachdem er einige Seiten gelesen hat, sich an sein -ganzes Leben und das aller der Menschen, denen er auf seinem Wege -begegnet ist, an alle Ereignisse, die sich vor seinen Augen abspielten, -und auch an alles das erinnern wollte, was er selbst sah oder hörte, ob -es nun Ähnlichkeit mit den Begebenheiten hat, die in meinem Buche -geschildert sind, oder ihnen gerade entgegengesetzt ist -- und wenn er -dann alles genau so beschriebe, wie es sich in seiner Erinnerung -darstellt und mir hierauf jedes vollgeschriebene Blatt zusenden würde, -bis er auf diese Weise das ganze Buch zu Ende gelesen hätte. Welch einen -großen wahrhaften Dienst würde er mir damit erweisen. Der Stil und die -Schönheit des Ausdrucks brauchen ihm hierbei keine Sorge zu machen: hier -handelt es sich nur um die Sache selbst und um ihre Wahrheit und nicht -um den Stil. Auch braucht er sich nicht zu zieren, wenn er mich tadeln, -oder mir einen Vorwurf machen, oder mich auf eine Gefahr und auf den -Schaden hinweisen wollte, den ich durch die falsche und unüberlegte -Darstellung einer Sache gestiftet habe, wo doch nur Nutzen und Besserung -meine wahre Absicht war. Für all dieses wäre ich ihm von Herzen dankbar. - -Ferner wäre es sehr gut, wenn sich ein Mensch aus dem höheren Stande -finden würde, welcher durch alles -- durch das Leben selbst und durch -seine Bildung -- jenen Kreisen fernsteht, die in meinem Buche -geschildert sind, der aber das Leben des Standes kennt, zu dem er selbst -gehört, und wenn ein solcher Mensch sich entschließen könnte, mein Buch -auf die gleiche Weise von Anfang an zu lesen, alle Menschen der höheren -Stände an seinem geistigen Auge vorüber ziehen zu lassen und streng -darauf zu achten, ob es nicht doch etwas Gemeinsames zwischen allen -Ständen gibt, ob sich nicht doch zuweilen in den höheren Kreisen -dasselbe wiederholt, was in den niederen Sphären zu geschehen pflegt? -Und wenn er nun alles, was ihm hierüber einfällt, das heißt also jedes -Vorkommnis aus den höheren Gesellschaftskreisen, das zur Bestätigung -oder Widerlegung dieses Gedankens dienen kann, ganz so schildern wollte, -wie es sich vor seinen Augen abspielte, ohne die Menschen selbst mit -ihren Sitten, Neigungen und Gewohnheiten zu vergessen oder die -seelenlosen Sachen, die sie umgeben, zu übergehen, von der Kleidung bis -hinab zu den Möbeln und den Mauern der Häuser, die sie bewohnen. Ich -_muß_ diesen Stand kennen, der die Blüte der Nation repräsentiert. Ich -kann die letzten Bände meines Werkes nicht in die Welt hinausgehen -lassen, bevor ich das Leben Rußlands nach all seinen Seiten kennen -gelernt habe, wenigstens in dem Maße, als dies für mein Werk notwendig -ist. - -Auch wäre es nicht schlecht, wenn irgend jemand, der mit einer reichen -Phantasie und der Fähigkeit ausgestattet ist, sich alle möglichen -menschlichen Verhältnisse recht lebhaft vorzustellen, und die Menschen -in Gedanken auf Schritt und Tritt in allen Lebenslagen zu begleiten -- -mit einem Wort, wenn jemand der es versteht, sich in den Geist eines -jeden Autors, den er liest, hinein zu versetzen oder seine Ideen weiter -zu führen und zu entfalten -- jede Person, die ich in meinem Buche -auftreten lasse, aufmerksam verfolgen und mir dann sagen wollte, wie sie -sich in diesem oder jenem Falle verhalten muß, was ihr, nach dem Anfang -zu schließen, im weiteren Verlauf der Erzählung zustoßen müßte, was für -neue Situationen sich hieraus ergeben könnten, und was ich wohl noch zu -meiner Beschreibung hinzufügen sollte; ich würde nämlich dies alles -sorgsam berücksichtigen bis zu der Zeit, wo mein Buch in einer neuen, -besseren und würdigeren Ausgabe vor den Leser treten wird. - -Um eines noch möchte ich den, der mich durch seine Anmerkungen erfreuen -will, herzlichst bitten: wenn er sie niederschreibt, soll er nicht daran -denken, daß er sie für einen Menschen schreibt, der ihm an Bildung -gleich steht, der denselben Geschmack und dieselben Gedanken hat, wie er -selbst, und vieles auch ohne weitere Erklärungen verstehen wird; -vielmehr bitte ich ihn, so zu tun, als ob er einen Menschen vor sich -hat, der sich in bezug auf Bildung nicht mit ihm messen kann, und der -fast gar nichts gelernt hat. Es wäre vielleicht noch besser, wenn er -sich an meiner Statt irgend einen Wilden vorstellen würde, der sein -ganzes Leben in einem entlegenen Dorfe verbracht hat, dem man jede -kleinste Einzelheit umständlich erklären muß, wenn er sie verstehen -soll, und dem gegenüber man sich der einfachsten Ausdrucksweise -befleißigen muß, fast wie vor einem Kinde, um nur ja kein Wort zu -gebrauchen, das über seinen Horizont geht. Wenn jeder das stets im Auge -behalten wird, wenn jeder von denen, die dazu bereit sind, ihre -Bemerkungen zu meinem Buche niederzuschreiben, das stets im Auge behält, -dann werden diese Anmerkungen noch weit interessanter werden und noch -mehr an Wert gewinnen, als er es selbst glaubt; mir aber wird er einen -großen und wahrhaften Dienst erweisen. - -Wenn es sich also so fügen sollte, daß meine Leser meinen Herzenswunsch -berücksichtigen und erfüllen, und wenn sich unter ihnen wirklich ein -paar Menschen von so gutem Herzen finden sollten, die bereit wären, -meine Bitte zu erfüllen, dann können sie mir ihre Anmerkungen auf -folgendem Wege übersenden: sie mögen ein an mich adressiertes Paket in -ein andres Paket einpacken und dieses an eine der hier nambar gemachten -Personen schicken: entweder an den Rektor der St. Petersburger -Universität Seine Exzellenz Peter Alexandrowitsch Pletnew (zu -adressieren an die Universität von St. Petersburg) oder an den Professor -der Moskauer Universität S. H. Stepan Petrowitsch Schewyrew (zu -adressieren an die Universität Moskau) je nachdem, welche Stadt dem -Absender näher liegt. - -Zuletzt spreche ich noch allen Journalisten und Literaten überhaupt, -meinen aufrichtigen Dank aus für die Rezensionen und Besprechungen, -welche sie meinem Buche angedeihen ließen; sie haben meinem Herzen und -meiner Seele, trotz mancher Maßlosigkeiten und Übertreibungen, wie sie -nun mal in der menschlichen Natur liegen, einen großen Vorteil und -Nutzen gebracht, und daher bitte ich sie alle, mich auch diesmal mit -ihrem Urteil nicht im Stiche zu lassen. Ich kann ihnen das aufrichtige -Versprechen geben, daß ich alles was sie mir zu meiner Aufklärung und -Belehrung zu sagen haben, mit Dank entgegennehmen werde. - - - II. - Reflexionen, - die sich auf den ersten Teil beziehen. - -Die Idee einer Stadt -- äußerster Grad von Hohlheit des in ihr -herrschenden Treibens. Klatschereien und Zwischenträgereien, die alle -Grenzen übersteigen. Wie dies alles aus dem Müßiggang entspringt und den -höchsten Grad der Lächerlichkeit angenommen hat, und wie ganz gescheite -Leute schließlich dazu kommen, die größten Dummheiten zu begehen. - -Einzelheiten aus den Gesprächen der Frauen. Wie sich in die allgemeinen -Klatschereien noch solche von privatem Charakter mischen, und wie -hierbei keine die andere schont. Wie Gerüchte und Vermutungen entstehen. -Wie diese Vermutungen den Gipfel der Lächerlichkeit erreichen. Wie alle -unwillkürlich an diesen Klatschereien teilnehmen, und wie -Pantoffelhelden und Weiberknechte entstehen. - -Wie die Hohlheit, die Ohnmacht und Tatenlosigkeit des Lebens abgelöst -werden durch einen trüben, nichtssagenden Tod. Wie sinnlos dieses -furchtbare Ereignis eintritt und vorübergeht. Nichts bewegt sich. Der -Tod überrascht dieses völlig unbewegte Leben. Dem Leser muß jedoch die -tote Gefühllosigkeit des Lebens dadurch noch furchtbarer erscheinen. - -Die entsetzliche Dämmerung des Lebens zieht vorüber, darin liegt ein -tiefes Mysterium verborgen. Ist das nicht etwas ganz Furchtbares? Dieses -sich aufbäumende rebellierende müßige Leben -- ist es nicht eine -Erscheinung von furchtbarer Größe? ... Leben! ... Im Ballkostüm, im -Frack, da, wo man klatscht und Visitenkarten wechselt -- da glaubt -keiner an den Tod .... - -_Einzelheiten._ Die Damen zanken sich gerade deswegen, weil die eine -haben möchte, daß Tschitschikow dies sei, während die andere wünscht, -daß er etwas anders sei -- und daher merken sie sich nur die Gerüchte, -die zu ihrer Idee von ihm passen. - -Andere Damen erscheinen auf der Bildfläche. - -Die in jeder Beziehung angenehme Dame hat einen Hang zur Sinnlichkeit -und liebt davon zu erzählen, wie sie diesen Hang zuweilen besiegt habe, -und zwar mit Hilfe ihres Verstandes, und wie sie es immer verstanden -habe, die Männer in einer gewissen Distanz zu halten. Übrigens geschah -das eigentlich ganz von selbst und auf ganz unschuldige Weise. Es trat -ihr nie einer zu nahe, aus dem einfachen Grunde, weil sie schon in ihrer -Jugend eine große Ähnlichkeit mit einem Nachtwächter hatte, trotzdem sie -so angenehm war und trotz all ihrer guten Eigenschaften. -- »Nein, meine -Liebe, wissen Sie, ich liebe es, den Mann erst ein wenig anzulocken, ihn -dann abzustoßen und dann _wieder_ anzulocken.« So verfährt sie auch auf -dem Ball mit Tschitschikow. Die andern überlegen sich es gleichfalls, -wie sie sich benehmen sollen. Die eine tritt sehr respektvoll auf. Zwei -Damen fassen sich unter, gehen auf und ab und nehmen sich vor, solange -als möglich zu lachen. Dann finden sie plötzlich, daß Tschitschikow -keine guten Manieren hat. - -Die in jeder Beziehung angenehme Dame liebt es, Beschreibungen von -Bällen zu lesen. Auch die Beschreibung des Wiener Kongresses -interessiert sie sehr. Ferner interessiert sich diese Dame sehr für -Toiletten, d. h. sie liebt es, andre Damen daraufhin zu beobachten, ob -ihnen ein Kleid gut sitzt oder nicht. - -Während sie auf ihrem Stuhl sitzt, beobachtet sie die Eintretenden. »Die -N. versteht sich garnicht zu kleiden, nein wirklich sie versteht es -nicht. Dieses Tuch kleidet sie garnicht.« -- »Wie reizend die Tochter -des Gouverneurs gekleidet ist!« -- »Aber Liebste, sie ist doch -abscheulich gekleidet.« -- Und wenn es selbst so wäre -- -- - -Die ganze Stadt mit ihrem wilden Durcheinander von Klatschereien und -Zwischenträgereien -- ist das Urbild der Tatenlosigkeit und Hohlheit des -menschlichen Lebens in seiner Masse. Das Geschwätz ist in die Welt -gesetzt und mit ihm alle nur möglichen Kombinationen. Die Hauptzüge der -Ballgesellschaft. - -Das Urbild des Gegensatzes im II. Teil, der sich mit der in sich -zerrissenen und zerklüfteten Tatenlosigkeit beschäftigt. - -Wie könnte man alle Welten der Tatenlosigkeit und des Müßigganges in all -ihren Spielarten auf die eine Art des städtischen Müßigganges -zurückführen, und wie könnte man den städtischen Müßiggang zum Urbild -der Untätigkeit und des Müßigganges der ganzen Welt erheben. - -Dazu müssen alle ähnlichen Züge mit eingeschlossen werden, und es muß -eine gewisse Stetigkeit in die Erzählung kommen. - - - III. - Ende des neunten Kapitels - in veränderter Fassung. - -Sie dachten nach und überlegten und beschlossen endlich, die Verkäufer -auszufragen, mit denen Tschitschikow verhandelt, und denen er diese -rätselhaften toten Seelen abgekauft hatte. Dem Staatsanwalt fiel die -Aufgabe zu, zu Sabakewitsch zu gehen und mit ihm zu sprechen, und der -Präsident erbot sich persönlich zu Karobotschka zu fahren. Wir wollen -uns daher gleichfalls aufmachen, ihnen nachgehen und zusehen, was sie -dort alles erfuhren. - - - Kapitel ... - -Sabakewitsch lebte mit seiner Gemahlin in einem Hause, das etwas abseits -von dem lauten und lärmenden Getriebe lag. Er hatte sich ein massives, -solide gebautes Haus gewählt, wo ihm die Decke nicht überm Kopfe -einzustürzen drohte, und in dem es sich bequem und glücklich leben ließ. -Der Besitzer des Hauses war ein Kaufmann namens Kolotyrkin, auch ein -sehr solider Herr. Sabakewitsch hatte nur seine Frau bei sich, seine -Kinder waren nicht mitgekommen. Er fing schon an, sich zu langweilen, -dachte bereits an die Abreise und wartete nur noch auf den Zins für ein -Stück Land, das drei Bürger der Stadt bei ihm gepachtet hatten, um Rüben -darauf zu pflanzen, sowie ferner auf ein modernes wattiertes Kleid, das -seine Frau bei einen Schneider bestellt hatte, und das bald fertig sein -sollte. Er wurde bereits ein wenig ungeduldig und schimpfte, während er -in seinem Lehnstuhl saß, beständig auf die Gaunereien und Launen anderer -Leute, wobei er an seiner Frau vorbeisah und auf die Ofenecke blickte. -In einem solchen Moment trat der Staatsanwalt ins Zimmer. Sobakewitsch -sagte: »Ich bitte,« indem er sich einen Augenblick erhob, um sich jedoch -sogleich wieder zu setzen. Der Staatsanwalt ging auf Feodulia Iwanowna -zu, küßte ihr die Hand und nahm gleichfalls auf einem Stuhle Platz. Auch -Feodulia Iwanowna ließ sich auf einem Stuhle nieder, nachdem sie den -Handkuß in Empfang genommen hatte. Alle drei Stühle waren mit grüner -Ölfarbe angestrichen, und die Ecken waren mit gelben Wasserlilien, der -rohen Malerei eines Dilettanten geziert. - -»Ich bin gekommen, um über eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu -sprechen,« sagte der Staatsanwalt. - -»Herzchen, geh doch auf dein Zimmer! Die Schneiderin wartet -wahrscheinlich auf dich.« - -Feodulia ging auf ihr Zimmer. - -Der Staatsanwalt begann folgendermaßen: »Gestatten Sie mir eine Frage: -was für Bauern haben Sie an Pawel Iwanowitsch Tschitschikow verkauft?« - -»Wie meinen Sie das: was für Bauern?« sagte Sabakewitsch. »Wir haben -doch einen Kaufkontrakt aufgesetzt; da steht es drin, was es für Leute -waren: der eine ist Wagenbauer ...« - -»In der Stadt kursieren jedoch ....« versetzte der Staatsanwalt ein -wenig verlegen .... »In der Stadt kursieren Gerüchte ....« - -»Es gibt eben zuviel Narren in der Stadt, von denen werden wohl die -Gerüchte herstammen,« sagte Sabakewitsch ruhig. - -»Nein, nein, Michael Semjonytsch, das sind so merkwürdige Gerüchte, daß -einem davon ganz wirr im Kopfe wird, es heißt, es handele sich hier -garnicht um Bauern, und ihre Ansiedelung, und man behauptet, dieser -Tschitschikow sei eine höchst rätselhafte Persönlichkeit. Es werden -höchst verdächtige Vermutungen laut, man redet so eigentümliche Dinge in -der Stadt ...« - -»Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Sind Sie etwa ein altes Weib?« -fragte Sabakewitsch. - -Diese Frage verblüffte den Staatsanwalt aufs äußerste. Er hatte sich -noch nie gefragt, ob er ein altes Weib sei, oder irgend etwas andres. - -»Sie sollten sich schämen, solche Fragen zu stellen und noch damit zu -mir zu kommen,« fuhr Sabakewitsch fort. - -Der Staatsanwalt stammelte einige Entschuldigungen. - -»Gehen Sie doch zu den alten Klatschweibern, die hinter ihrem Webstuhl -sitzen und sich abends Schauergeschichten über Gespenster und Hexen -erzählen. Oder wenn Ihnen mit Gottes Hilfe nichts Besseres einfallen -will, dann spielen Sie doch lieber Knöchel mit den kleinen Jungen. Was -kommen Sie und beunruhigen Sie einen ehrlichen Menschen? Bin ich etwa -Ihr Hanswurst, wie? Sie kümmern sich zu wenig um Ihren Beruf, und denken -zu wenig daran, dem Vaterland zu dienen, Ihren Nächsten nützlich zu sein -und Ihre Kollegen zu schonen. Sie wollen immer der erste sein und laufen -gleich hin, wenn irgend ein Esel Sie irgendwo hinschickt. Passen Sie -auf, Sie werden noch einmal um nichts und wieder nichts zu Falle kommen, -und elendiglich zugrunde gehn, ohne eine gute Erinnerung an sich zu -hinterlassen.« - -Der Staatsanwalt war ganz bestürzt und wußte absolut nicht, was er auf -diese unerwartete Moralpredigt antworten sollte. Ganz beschämt und -vernichtet verließ er Sabakewitsch: dieser aber rief ihm noch nach: -»Pack dich zum Teufel, du Hund!« - -In diesem Augenblick erschien Feodulia: »Warum ist der Staatsanwalt so -plötzlich fortgegangen?« fragte sie. - -»Der Kerl hat Gewissensbisse bekommen und ist weggelaufen,« versetzte -Sabakewitsch. »Da hast du wieder so ein Beispiel, Herzchen. So ein alter -Knabe! hat schon graue Haare und doch weiß ich, daß er noch immer den -Frauen anderer Leute keine Ruhe läßt. Das ist einmal die Art dieser -Menschen: sie sind eben Hundesöhne alle miteinander. Nicht genug, daß -sie der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last fallen, sie machen -solche Sachen, daß man sie allesamt in einen Sack stecken und ins Wasser -werfen sollte! Die ganze Stadt ist nichts wie eine Räuberhöhle. Wir -haben hier nichts mehr zu suchen. Wir wollen nach Hause fahren.« - -Frau Sabakewitsch wollte einwenden, daß ihr Kleid noch nicht fertig sei, -und daß sie sich noch zu den Feiertagen ein paar Haubenbänder kaufen -müsse, aber Sabakewitsch erklärte: »Das sind alles Modetorheiten, -Herzchen; das nimmt noch ein schlechtes Ende.« Er befahl, alles für die -Reise vorzubereiten; begab sich selbst mit einem Polizeikommissar zu den -drei Bürgern der Stadt, um die Pacht für die Rüben einzukassieren; ging -hierauf zu der Schneiderin, nahm ihr das unfertige Kleid, an dem noch -gearbeitet wurde, weg, ganz so wie es war, mit der darinsteckenden Nadel -und dem Faden, um es zu Hause fertig nähen zu lassen, und fuhr bald -darauf zur Stadt hinaus. Unterwegs wiederholte er fortwährend, es sei -geradezu gefährlich, in diese Stadt zu kommen, denn hier säße ja ein -Schuft und Gauner auf dem andern, und da könne es einem noch leicht -passieren, daß man mit ihnen in dem allgemeinen Sumpfe versinke. - -Inzwischen eilte der Staatsanwalt in der höchsten Bestürzung über den -Empfang, den ihm Sabakewitsch bereitet hatte, nach Hause. Er befand sich -in einer solchen Verlegenheit, daß er sich nicht einmal darüber klar -werden konnte, wie er dem Präsidenten das Resultat seines Besuches -mitteilen sollte. - -Indessen auch der Präsident hatte nur wenig zur Aufklärung der Sache -beigetragen. Er fuhr zuerst in seiner Kutsche in die Stadt und geriet -dabei in eine so enge und schmutzige Gasse, daß während des ganzen Weges -bald das rechte, bald das linke Rad seines Wagens höher stand als das -andre. So kam es, daß er erst mit seinem Kinn und dann mit dem -Hinterkopf sehr heftig auf seinen Spazierstock aufstieß und seine -Kleider ganz mit Kot bespritzt wurden. Quatschend und schlürfend bahnte -sich der Wagen den Weg durch den Kot, bis man endlich beim Probst -anlangte, wo die Insassen von lebhaftem Schweinegegrunze begrüßt wurden. -Der Präsident ließ seine Kutsche halt machen und ging zu Fuß an -allerhand Zimmern und Stuben vorüber nach dem Hausflur. Hier bat er sich -zunächst ein Handtuch aus, um sich das Gesicht abzuwischen. Karobotschka -empfing ihn ganz so wie Tschitschikow, mit demselben melancholischen -Ausdruck im Gesicht. Um den Hals hatte sie etwas wie ein Flanelltuch -geschlungen. In dem Zimmer schwirrten unzählige Scharen von Fliegen, und -auf dem Tisch stand ein undefinierbares Gericht, das ihnen offenbar sehr -widerwärtig war, an das sie sich jedoch schon gewöhnt zu haben schienen. -Korobotschka bat ihn Platz zu nehmen. - -Der Präsident begann zuerst damit, daß er ihren Mann gekannt habe und -ging dann plötzlich zu der Frage über: »Sagen Sie bitte, ist es wahr, -daß neulich in der Nacht ein Mensch mit der Pistole in der Hand zu Ihnen -gekommen ist und Ihnen gedroht hat, Sie zu ermorden, wenn Sie ihm nicht, -der Teufel weiß was für Seelen abtreten wollten? Können Sie uns nicht -erklären, was er damit eigentlich für eine Absicht verfolgte.« - -»Gewiß, warum sollte ich das nicht können! Versetzen Sie sich doch in -meine Lage: fünfundzwanzig Rubel in Banknoten! Ich weiß wirklich nicht: -ich bin Witwe und habe ja gar keine Erfahrung; es ist doch so leicht, -mich zu betrügen und noch dazu in einer Sache, von der ich wahrhaftig -auch nicht das Mindeste verstehe, Väterchen. Was Hanf kostet, das weiß -ich, Speck habe ich auch schon verkauft, noch voriges ...« - -»Nein, bitte, erzählen Sie mir doch die Sache erst recht ausführlich. -Wie war das doch? Hatte er wirklich eine Pistole in der Hand?« - -»Nein, Väterchen. Gott behüte, Pistolen habe ich keine gesehen. Aber ich -bin bloß eine Witwe -- ich kann doch wirklich nicht wissen, wie hoch die -toten Seelen im Preise stehen. Nicht wahr Väterchen, Sie werden mich -nicht im Stiche lassen, sagen Sie es mir doch bitte, damit ich den -richtigen Preis erfahre.« - -»Was für einen Preis? Was für einen Preis, Mütterchen? Was für einen -Preis meinen Sie?« - -»Den Preis für tote Seelen, Väterchen!« - -»Ist sie dumm geboren oder ist sie übergeschnappt?« dachte der -Präsident, indem er ihr starr ins Gesicht sah. - -»Fünfundzwanzig Rubel? Ich weiß wirklich nicht, vielleicht sind sie -fünfzig Rubel wert, oder sogar noch mehr.« - -»Bitte zeigen Sie mir doch den Schein,« sagte der Präsident und hielt -ihn ans Licht, um sich zu überzeugen, ob er nicht falsch sei. Aber es -war ein ganz gewöhnlicher ordentlicher Schein. - -»Aber so erzählen Sie doch bloß, wie der Kauf zustande kam, und was er -Ihnen eigentlich abgekauft hat. Es will mir nicht in den Kopf ... ich -kann absolut nichts verstehen ...« - -»Gewiß hat er mir welche abgekauft,« sagte Karobotschka, »aber warum -wollen Sie mir bloß nicht sagen, was die tote Seele kostet, damit ich -doch ihren richtigen Preis kennen lerne.« - -»Ich bitte Sie, was reden Sie da! Wo hat man denn je davon gehört, daß -tote Seelen verkauft werden?« - -»Warum wollen Sie mir den Preis durchaus nicht sagen?« - -»Ach was Preis! Ich bitte Sie, von was für einem Preise kann denn hier -die Rede sein? Sagen Sie mir doch ernstlich, wie die Sache war. Hat er -Ihnen mit etwas gedroht? Wollte er Sie etwa verführen?« - -»Nein, Väterchen, was Sie für Dinge reden! ... Jetzt sehe ich, daß Sie -auch ein Käufer sind.« -- Und sie sah ihm argwöhnisch in die Augen. - -»Ach was! ich bin doch Gerichtspräsident, Mütterchen!« - -»Nein, Väterchen, sagen Sie, was Sie wollen, Sie wollen mich wohl auch -.... Sie haben auch die Absicht ... mich zu betrügen. Aber was haben Sie -bloß davon? Sie haben doch nur selbst den Schaden davon. Ich hätte Ihnen -gern Daunen verkauft: ich werde zu Weihnachten schöne Daunen haben.« - -»Mütterchen! Ich sage Ihnen doch, daß ich der Gerichtspräsident bin. Was -mache ich mit ihren Daunen, sagen Sie doch selbst! Ich will Ihnen doch -gar nichts abkaufen.« - -»Aber das ist doch ein ganz christliches Werk, Väterchen,« fuhr -Karobotschka fort. »Heute verkaufe _ich_ Ihnen was und morgen werden -vielleicht _Sie_ mir etwas verkaufen wollen. Sehen Sie, wenn wir uns -gegenseitig übers Ohr hauen, wo blieben da Recht und Gerechtigkeit? Das -wäre doch eine Sünde gegen Gott!« - -»Ich bin aber doch kein Kaufmann, Mütterchen, ich bin -Gerichtspräsident!« - -»Gott weiß, vielleicht sind Sie wirklich der Gerichtspräsident. Ich kann -das doch nicht wissen. Nun also? Ich bin doch eine arme Witwe? Warum -fragen Sie mich denn so aus? Nein, Väterchen, ich sehe, daß Sie selbst -... auch ... welche kaufen wollen.« - -»Mütterchen, ich rate Ihnen, sich an den Arzt zu wenden,« sagte der -Gerichtspräsident wütend. »Bei Ihnen scheint's wirklich dort oben nicht -ganz richtig zu sein« -- fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf seine -Stirn zeigte. Mit diesen Worten stand er auf und ging hinaus. - -Karobotschka aber blieb dabei, daß sie es mit einem Kaufmann zu tun -gehabt habe und wunderte sich bloß, wie unfreundlich und bösartig die -Leute heutzutage geworden seien, und wie schwer es doch eine arme Witwe -auf dieser Welt habe. Der Präsident aber gelangte mit Mühe und Not, von -unten bis oben mit Kot bespritzt, nach Hause, nachdem ihm unterwegs noch -ein Wagenrad gebrochen war. Das war das Resultat dieser unfreundlichen -und erfolglosen Reise, wenn man nicht noch die Beule am Kinn mitrechnen -wollte, die er sich mit seinem Stock beigebracht hatte. In der Nähe -seines Hauses traf er den Staatsanwalt, der ihm in einer Kutsche -entgegengefahren kam. Er schien sehr schlechter Laune zu sein und ließ -den Kopf hängen. - -»Nun was haben Sie von Sabakewitsch erfahren?« - -Der Staatsanwalt senkte das Haupt und versetzte: »In meinem ganzen Leben -bin ich noch nicht so behandelt worden.« ... - -»Wieso?« - -»Er hat mir einen Fußtritt gegeben,« sagte der Staatsanwalt mit -betrübter Miene. - -»Wie?« - -»Er hat mir gesagt, ich sei ein unnützer Mensch und tauge nicht für -meinen Posten: und doch habe ich meine Kollegen noch nie denunziert. -Andere Staatsanwälte schreiben jede Woche Denunziationen, ich habe doch -unter jedes Aktenstück mein »Gelesen« gesetzt, selbst in solchen Fällen, -wo es eigentlich meine Pflicht gewesen wäre, über die Kollegen Bericht -zu erstatten. -- Ich habe auch nie eine Sache absichtlich in die Länge -gezogen.« - -Der Staatsanwalt war ganz zerknirscht. - -»Nun und was sagt er über Tschitschikow?« fragte der Präsident. - -»Was er gesagt hat? Er hat uns alle alte Weiber und Schafsköpfe -genannt.« - -Der Präsident wurde nachdenklich. Doch in diesem Augenblick kam eine -dritte Kutsche angefahren: es war der Vize-Gouverneur. - -»Meine Herren! Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß wir auf der Hut -sein müssen. Man sagt, unsere Provinz soll wirklich einen -Generalgouverneur erhalten.« Der Präsident und der Staatsanwalt rissen -den Mund auf, und der Gerichtspräsident dachte sich: »Der kommt auch -gerade zur rechten Zeit, um die Suppe auszuessen, die wir hier -eingebrockt haben, und für die sich der Teufel selbst bedanken würde. -Wenn der erfährt, was für eine Unordnung in der Stadt herrscht!« - -»Schlag auf Schlag!« dachte der Staatsanwalt, der ganz geknickt dastand. - -»Und wissen Sie nichts darüber, wer zum Generalgouverneur ernannt werden -soll, was er für ein Mensch ist, und was für einen Charakter er hat?« - -»Davon ist noch nichts bekannt,« sagte der Vizegouverneur. - -In diesem Moment kam der Postmeister in einer Droschke angefahren. - -»Meine Herren! Ich gratuliere Ihnen zum neuen Generalgouverneur.« - -»Wir wissen schon, wir wissen schon, aber es ist doch noch gar nichts -bekannt,« versetzte der Vizegouverneur. - -»O, nein, man weiß schon, wer es ist,« erwiderte der Postmeister: »Fürst -Odnosorowski-Tschementinski.« - -»Nun und was spricht man von ihm?« - -»Er soll ein sehr strenger Herr sein,« sagte der Postmeister, »ein sehr -weitsichtiger Mann von sehr starkem Charakter. Er soll früher bei irgend -einer staatlichen Baukommission gewesen sein, verstehen Sie wohl. Da -seien einmal kleine Unregelmäßigkeiten vorgekommen. Nun, was denken Sie -wohl Verehrtester, er hat alle miteinander zerschmettert, er hat sie -ganz zu Staub zermalmt, sodaß überhaupt nichts mehr von ihnen übrig -blieb, sehen Sie wohl.« - -»Hier in der Stadt sind doch aber die strengen Maßregeln garnicht am -Platze.« - -»O je, das ist ein gelehrtes Haus! lieber Herr! Ein Mensch von -kolossalen Dimensionen!« fuhr der Postmeister fort. »Einmal passierte -was ....« - -»Aber meine Herren,« sagte der Postmeister, »wir reden hier ganz offen -auf der Straße in Gegenwart unserer Kutscher. Fahren wir doch lieber zu -...« - -Erst jetzt kamen die Herren wieder zu sich. Auf der Straße hatten sich -nämlich schon mehrere Zuschauer angesammelt, welche dastanden und die -vier Herren, die sich von ihren Droschken aus miteinander unterhielten, -angafften. Die Kutscher spornten ihre Pferde an und die vier Droschken -fuhren eine hinter der andern zum Gerichtspräsidenten. - -»Daß uns der Teufel diesen Tschitschikow auch gerade im ungünstigsten -Augenblick hierher senden mußte!« dachte der Präsident, während er im -Vorzimmer seinen bis oben mit Dreck bespritzten Pelz auszog. - -»Mir wirbelt alles im Kopfe herum,« sagte der Staatsanwalt und legte -gleichfalls den Pelz ab. - -»Aus dieser Sache werde ich nicht klug,« sprach der Vizegouverneur, -indem er sich seines Pelzes entledigte. - -Der Postmeister sagte gar nichts und begnügte sich damit, seinen Pelz -abzulegen. - -Man trat ins Zimmer, wo sofort ein kleiner Imbiß hereingetragen wurde. -Die Provinzialbehörden können nun mal nicht ohne solch einen Imbiß -auskommen, und wenn sich zwei Beamte in einer Provinz zusammenfinden, so -stellt sich der Imbiß ganz von selbst als dritter im Bunde ein. - -Der Gerichtspräsident trat an den Tisch, goß sich ein Gläschen bitteren -Wermuth ein und sagte: »Schlagt mich tot, ich weiß nicht, wer dieser -Tschitschikow ist.« - -»Ich noch weniger,« versetzte der Staatsanwalt. »Eine so verwickelte -Affäre ist mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe -wirklich nicht den Mut, die Sache in die Hand zu nehmen.« - -»Und doch! trotzalledem. Was der Mensch für einen weltmännischen Schliff -besitzt!« meinte der Postmeister, indem er sich erst einen dunklen Likör -einschenkte, ein paar Tropfen von einem rosafarbenen hinzugoß und beide -miteinander mischte: »Er war sicher in Paris. Ich glaube bestimmt, er -ist etwas Ähnliches, wie ein Diplomat gewesen.« - -In diesem Augenblick betrat der Polizeimeister das Zimmer, der -allbekannte und so hoch verehrte Wohltäter der Stadt, der Abgott der -Kaufmannschaft und berühmte Künstler und Arrangeur opulenter Diners, -Soupers und sonstiger Festivitäten. - -»Meine Herren,« rief er aus, »ich habe nicht das Geringste über -Tschitschikow erfahren können. Ich konnte doch nicht in seinen eigenen -Papieren herumstöbern: er verläßt ja auch sein Zimmer garnicht mehr, und -scheint krank zu sein. Ich habe mich auch bei seinen Leuten erkundigt. -Seinen Bedienten Petruschka und den Kutscher Seliphan ausgefragt. Der -erste war ein wenig betrunken, übrigens scheint er sich immer in solch -einem Zustande zu befinden.« Bei diesen Worten trat der Polizeimeister -an das Anrichtetischchen und bereitete sich eine Mischung aus drei -Likören. »Petruschka behauptet, sein Herr hätte mit allerhand Leuten zu -tun gehabt, ich glaube, es sind lauter ehrenwerte Männer, die er nannte, -so z. B. Perekrojewski ..... er führte dann noch eine Reihe von -Gutsbesitzern an -- alles Kollegienräte oder sogar Staatsräte. Der -Kutscher Seliphan erzählt, alle hätten ihn für einen gescheiten Mann -gehalten, weil er sich im Dienste vortrefflich bewährt und ausgezeichnet -habe. Er habe im Zollamt gedient und hätte in irgend einer staatlichen -Baukommission gesessen! Was das für eine Kommission gewesen sei, das -konnte er mir jedoch nicht sagen. Er habe drei Pferde: »Eins hätten sie -vor drei Jahren gekauft, den Schecken hätten sie gegen ein anderes von -gleicher Farbe umgetauscht und das dritte hätten sie gleichfalls gekauft -.....« sagte er. Er erklärt ganz bestimmt, Tschitschikow heiße wirklich -Pawel Iwanowitsch und sei Kollegienrat.« - -Alle Beamten versanken in tiefes Sinnen. - -»Ein anständiger Mensch, und dazu noch Kollegienrat!« dachte der -Staatsanwalt, »und entschließt sich zu einer solchen Sache! Will die -Tochter des Gouverneurs entführen, kommt auf die wahnsinnige Idee, tote -Seelen zu kaufen und in tiefer Nacht alte Scharteken von -Gutsbesitzerinnen aus dem Schlafe zu stören -- das schickt sich wohl für -einen Husarenleutnant, aber doch nicht für einen Kollegienrat!« - -»Wenn er Kollegienrat ist, wie kann er sich denn dann zu einer so -verbrecherischen Handlung, zur Fälschung von Banknoten, entschließen,« -dachte der Vizegouverneur, der selbst auch Kollegienrat war, die Flöte -spielte und in seinem Innern weit mehr zu den schönen Künsten als zum -Verbrechen neigte. - -»Sagen Sie, was Sie wollen, meine Herren, aber wir müssen dieser Sache -ein Ende machen! Komme was da wolle! Denken Sie doch, wenn der -Generalgouverneur erscheint und dahinter kommt, daß bei uns weiß der -Teufel was los ist!« - -»Und wie denken Sie, daß wir handeln müssen?« - -Der Polizeimeister versetzte: »Ich glaube wir müssen entschlossen -vorgehen.« - -»Wie meinen Sie das: entschlossen?« wandte der Präsident ein. - -»Wir müssen ihn verhaften lassen, als einen Menschen, der sich -verdächtig gemacht hat.« - -»Ja aber wie? wenn er statt dessen _uns_ als verdächtige Individuen -verhaften läßt?« - -»Waaas?« - -»Nun, ich meine, wenn er etwa hierhergesandt worden ist und geheime -Vollmachten hat! Tote Seelen? Hm! Wenn das nur kein Vorwand ist, daß er -sie kauft, ein Vorwand, um etwas über jene Toten zu erfahren, die, wie -es im Bericht heißt, >aus unbekannten Ursachen< verstorben sind.« - -Diese Worte ließen alle verstummen. Der Staatsanwalt war aufs äußerste -überrascht. Auch der Präsident, der sie selbst ausgesprochen hatte, -wurde nachdenklich. Beiden ... - -»Also meine Herren, was sollen wir tun?« sagte der Polizeimeister, der -Wohltäter der Stadt und der Liebling der Kaufleute, indem er die -wunderbare Mischung aus dem süßen und bitteren Likör hinabstürzte und -einen Bissen in den Mund steckte. - -Ein Diener brachte eine Flasche Madeira und einige Weingläser herein. - -»Ich weiß wirklich nicht, was wir anfangen sollen?« sagte der Präsident. - -»Meine Herren,« erklärte hier der Postmeister, nachdem er ein Glas -Madeira hinabgegossen und ein Stück holländischen Käse mit Butter nebst -einem Bissen Stör verschlungen hatte, »ich bin der Meinung, daß wir -diese Sache gründlich untersuchen müssen, wir müssen sie gründlich -durchforschen und gemeinsam _in corpore_ beraten, d. h. wir sollten alle -zusammenkommen wie im englischen Parlament, verstehen Sie wohl, um den -Gegenstand zu ergründen, damit er uns in all seinen feinsten Details -deutlich und durchsichtig wird, verstehen Sie?« - -»Meinetwegen wollen wir uns irgendwo versammeln,« sagte der -Polizeimeister. - -»Ja, wir wollen uns versammeln,« fiel der Präsident ein, »und gemeinsam -entscheiden, wer dieser Tschitschikow ist.« - -»Ja, das wird das vernünftigste sein -- wir müssen entscheiden, wer -Tschitschikow ist.« - -»Wir wollen jeden um seine Meinung fragen, und dann entscheiden, wer -Tschitschikow ist.« - -Bei diesen Worten verspürten alle zugleich eine unbändige Lust nach ein -paar Flaschen Champagner. Man trennte sich, höchst befriedigt darüber, -daß das Komitee alles aufklären und den sicheren Beweis erbringen werde, -wer eigentlich Tschitschikow war. - - - IV. - - - A. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. - (Nach einer der ersten Fassungen.) - -»Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, werter Herr,« hub der Postmeister an, -obwohl nicht ein einzelner Herr, sondern ganze sechs im Zimmer anwesend -waren, »nach dem Feldzuge von 1812 wurde zusammen mit andern Verwundeten -auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. War es bei -Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, lieber Herr, -er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, -damals gabs noch keine von den bekannten Veranstaltungen und -Einrichtungen für die Verwundeten: dieser Invalidenfonds -- das können -Sie sich wohl denken -- der wurde sozusagen erst viel später gegründet. -Unser Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er arbeiten muß, aber verstehen -Sie wohl, er hatte ja doch nur einen Arm, nämlich den linken. Er schrieb -also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: ->Ich kann dich nicht auch noch ernähren.< Denken Sie sich! >Ich verdiene -mir nur selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.< Nun sehen Sie wohl, -werter Herr, da beschloß denn mein Kopeikin nach Petersburg zu reisen -und an die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine -kleine Unterstützung bewilligen wolle: er habe doch gewissermaßen, -sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also -in einem Gepäckwagen oder in einem staatlichen Transportwagen nach der -Hauptstadt, Verehrtester, und gelangte so mit Mühe und Not nach -Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich nun dieser -selbe, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin plötzlich in der Hauptstadt, die -sozusagen in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hat! Mit einem Male ist -es um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des -Lebens, so eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. -Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder -solch eine Erbsenstraße oder, hol's der Teufel, irgend so eine -Liteinaja, _da_ ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort _hängen_ -ein paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit -einem Wort die reinste Semiramis. Verehrtester, tatsächlich! Erst trieb -er sich eine Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; -aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und -all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, -Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital -nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von -ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze -Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen -das war alles, verstehen Sie wohl. So mietete er sich denn schließlich -ein Zimmer in einem Gasthaus zur Stadt Reval für einen Rubel pro Tag. -Sie wissen: ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein -Stück Suppenfleisch dazu. Er sieht also: große Sprünge kann er da nicht -machen. Er beschloß daher, am folgenden Tage zum Minister zu gehen, -Verehrtester. Der Kaiser war nämlich damals nicht in der Hauptstadt, -denn die Armee war noch nicht aus dem Kriege zurückgekehrt, das können -Sie sich wohl denken. So stand er denn eines Morgens etwas früher auf, -kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn sehen Sie wohl, wäre -er zum Barbier gegangen, so hätte das im gewissen Sinne neue Ausgaben -verursacht, zog sich seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß -umherhumpelnd zum Minister. Und nun stellen Sie sich vor, er fragt erst -einen Schutzmann, wo der Minister wohnt. >Dort,< antwortet dieser und -zeigt auf ein Haus am Schloßquai. Eine feine Bauernhütte kann ich Ihnen -sagen! Große Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor und überall -Metall, denken Sie sich bloß, Verehrtester! So'ne Türklinke, wissen Sie, -da muß man zuerst in einen Laden laufen, sich für einen Groschen Seife -kaufen und sich sozusagen stundenlang die Hände reiben, ehe man es wagt -sie anzufassen! Mit einem Wort, nichts als Ebenholz und Lack, daß einem -fast die Sinne schwinden, Verehrtester! Am Eingang, verstehen Sie, da -steht so ein Portier: der reinste Generalissimus: so'ne -Grafenphisiognomie, mit einem Säbel in der Hand und einem Battistkragen, -Teufel auch! Wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich -also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um -nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so -eine vergoldete Porzellanvase zu stoßen, verstehen Sie. Sehen Sie wohl, -natürlich mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer -Zeit gekommen war, wo der Minister sozusagen noch kaum aus dem Bette -gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes -Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein -Kopeikin wartet also vier Stunden lang, da kommt endlich der Adjutant -oder ein anderer diensthabender Beamter und sagt: Der Minister wird -gleich erscheinen. Im Vorzimmer aber drängen sich schon die Menschen wie -die Bohnen in einer Schüssel. Lauter hohe Beamte der vierten Klasse, -Oberste und hie und da sogar einer mit Markronen auf den Achselklappen, -verstehen Sie wohl, mit einem Wort sozusagen die ganze Generalität. -Schließlich betritt denn auch der Minister das Zimmer, Verehrtester! Sie -können sich vorstellen: er geht erst zum einen und dann zum andern: -Warum sind Sie gekommen? Und Sie? Was wünschen Sie? Zuletzt kommt auch -mein Kopeikin an die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt: ->so und so, ich habe mein Blut vergossen und ein Bein und einen Arm -verloren, sozusagen: ich kann nicht mehr arbeiten, und habe daher die -Kühnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren.< Der Minister sieht: -der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt leer herunter. ->Gut,< sagte er, >fragen Sie nach ein paar Tagen wieder an.< Na also -Verehrtester, es vergehen keine vier oder fünf Tage, da erscheint mein -Kopeikin schon wieder bei dem Minister. Dieser erkennt ihn sogleich -wieder, verstehen Sie wohl. >Ah!< sagt er, >leider kann ich Ihnen -diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rückkunft des Kaisers -zu gedulden. Dann wird sicherlich etwas für die Verwundeten und die -Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen, -sozusagen, vermag ich nichts für Sie zu tun.< Hierauf macht er eine -kurze Verbeugung und die Audienz ist zu Ende. Sie können sich denken, -daß mein Kopeikin sich in einer recht prekären Lage befand, als er den -Minister verließ; hatte er doch gewissermaßen weder eine Zusage noch -eine Absage erhalten. Das Leben in der Hauptstadt aber wurde natürlich -immer schwieriger für ihn, das können Sie sich wohl vorstellen. Er denkt -sich also: >ich will doch noch einmal zum Minister gehen und ihm sagen: -Machen Sie was Sie wollen, Exzellenz, ich habe bald nichts mehr zu -essen; wenn Sie mir nicht helfen, dann muß ich gewissermaßen vor Hunger -sterben.< Aber wie er zum Minister hinkommt, da heißt es: >Es geht -nicht, der Minister empfängt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.< -Am folgenden Tage -- dieselbe Geschichte, der Portier sieht ihn kaum -noch an. Mein Kopeikin hat nur noch ein Fünfzig-Kopekenstück in der -Tasche. Früher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe, und ein -Stück Suppenfleisch dazu, jetzt aber kauft er sich höchstens irgend so -einen Häring oder so eine Salzgurke und für zwei Groschen Brot -- mit -einem Wort, der arme Kerl hungert tatsächlich, und doch hat er einen -Appetit wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorüber -und nun stellen Sie sich vor: der Koch das ist ein Teufelskerl, so ein -Ausländer, wissen Sie, der trägt immer nur die feinste holländische -Wäsche, steht vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb -oder Kottelets mit Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, -daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor -Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da -sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit -Kirschen -- zu fünf Rubel das Stück, oder so 'ne Riesin von -Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, -und sucht nach einem Narren, der einem überflüssigen Hunderter in der -Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf -Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser im Munde -zusammen, für ihn aber heißt's: warte gefälligst bis morgen. Und nun -stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser -Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres -Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Endlich hielt es der -arme Kerl nicht mehr aus und beschloß, sich um jeden Preis noch einmal -eine Audienz zu verschaffen. Er stellte sich also am Eingang auf und -wartete, ob nicht noch irgend ein Bittsteller erscheinen werde; -schließlich schlüpft er denn auch mit irgend so einen General, wissen -Sie, ins Haus, und humpelt auf seinem Stelzfuß bis ins Vorzimmer. Der -Minister erscheint wie gewöhnlich zur Audienz: >Was haben Sie? und was -wünschen Sie?< >Ah,< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen -doch schon erklärt, daß Sie warten sollen, bis über Ihr Gesuch -entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu -essen, sozusagen ...< -- >Was soll ich denn machen? Ich kann nichts für -Sie tun, Sie müssen sich schon selbst helfen und sich selbst die Mittel -zu verschaffen suchen.< -- >Aber Eure Exzellenz, das können Sie doch -selbst gewissermaßen beurteilen, was kann ich mir denn für Mittel -verschaffen, wo mir eine Hand und ein Fuß fehlt.< Er wollte noch -hinzufügen: >mit der Nase aber kann ich erst recht nichts anfangen; da -kann man sich höchstens einmal schneuzen, aber selbst dazu muß man sich -ein Taschentuch kaufen.< Allein der Minister, sehen wohl, lieber Herr, --- sei es nun, daß Kopeikin ihn langweilte, oder daß er tatsächlich mit -wichtigen Staatsangelegenheiten beschäftigt war -- der Minister also, -können Sie sich vorstellen, wird ganz aufgeregt und zornig. >Gehen Sie!< -ruft er, >solche wie Sie, sind noch viele da, gehen Sie und warten Sie -ruhig, bis die Reihe an Sie kommt!< Jedoch mein Kopeikin antwortete -- -der Hunger treibt ihn zum äußersten, wissen Sie --: >Tuen Sie was Sie -wollen, Exzellenz; ich rühre mich nicht vom Flecke, bevor Sie die -entsprechende Ordre erteilt haben.< Da aber, lieber Herr, können Sie -sich vorstellen, da geriet der Minister ganz außer sich. Und in der Tat, -bis dahin war es wohl in den Annalen der Weltgeschichte noch nie -vorgekommen, daß sich sozusagen irgend ein Kopeikin erkühnte, so mit -einem Minister zu sprechen. Sie können sich vorstellen, was ein -erzürnter Minister ist, das ist doch gewissermaßen ein Staatsmann -sozusagen. >Sie frecher Mensch!< schrie er: >Wo ist der Feldjäger? Der -Feldjäger soll kommen und ihn nach seiner Heimat abschieben!< Der -Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon -hinter der Tür: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von -der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein -richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den -Wagen befördert, und ab geht's in Begleitung des Feldjägers. >Na,< denkt -Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den -Herren dankbar.< So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und -während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er -gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: >Schön,< sagt er, >der -Minister erklärt mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! -Gut, meinetwegen< sagt er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< -Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich -gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn -auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der -Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die -Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt -sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin -verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es -vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine -Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie -wohl, war kein anderer als der Hauptmann Kopeikin. Er sammelte sich -allerhand fahnenflüchtige Soldaten und bildete aus ihnen gewissermaßen -eine ganze Räuberbande. Dies war, können Sie sich, natürlich vorstellen, -sogleich nach dem Kriege: da war noch alles an ein ungebundenes Leben -gewöhnt, wissen Sie -- das Leben galt damals kaum mehr als einen -Groschen: eine Freiheit und Zügellosigkeit sag ich Ihnen, man pfiff auf -alles -- mit einem Wort, Verehrtester, er hatte eine ganze Armee zu -seiner Verfügung. Kein Reisender konnte mehr ruhig passieren, und dies -alles richtete sich, sozusagen, nur gegen den Reichsschatz. Wenn einer -vorüber kam, der in seinen eigenen Geschäften reiste -- na, dann fragte -man nur: >was wollen Sie?< und ließ ihn laufen! Handelte es sich dagegen -um einen staatlichen Transport; Viehfutter, Proviant oder Geld, -- mit -einem Wort alles, was sozusagen den Namen des Staates trägt -- da gab's -kein Pardon. Nun, Sie können sich vorstellen, er brandschatzte den -Beutel des Fiskus gründlich. Oder er hört etwa, daß der Termin für die -Bezahlung der Staatssteuern vor der Tür steht -- sofort ist er an Ort -und Stelle. Er läßt sogleich den Dorfschulzen zu sich rufen und schreit: ->her mit dem Zins und den Staatssteuern.< Na, Sie können sich denken, -der Bauer sieht: >so ein hinkender Teufel, sein Rockkragen ist rot und -glänzt vor lauter Gold wie die Federn eines Phönix, Teufel auch, das -schmeckt nach Ohrfeigen.< >Da nimm, Väterchen, aber laß uns nur in -Ruhe.< Er denkt natürlich: >das ist irgend so ein Kreisrichter oder -womöglich noch was Schlimmeres sozusagen.< Das Geld aber, Verehrtester, -das nimmt er natürlich in Empfang, ganz wie es sich gehört, und stellt -den Bauern eine Quittung aus, um sie gewissermaßen vor den Behörden zu -entschuldigen, und ihnen zu bescheinigen, daß sie das Geld wirklich -abgeliefert und ihre Steuern vollzählich bezahlt haben, empfangen aber -habe es _der_ und _der_ d. h. der Hauptmann Kopeikin; ja er setzte sogar -noch sein Siegel darunter, mit einem Wort, Verehrtester, er raubt und -stiehlt, daß es nur so eine Art hat. Mehrere Male wurden -Soldatendetachements ausgesandt, um ihn zu fangen, aber mein Kopeikin -kümmert sich den Teufel darum. Das waren eben lauter Schinderhannesse, -verstehen Sie, die da zusammen gekommen waren ... Schließlich aber bekam -er doch wohl Angst, als er sah, daß dies kein Spaß war, und daß er sich -da sozusagen eine schöne Suppe eingebrockt hatte; die Verfolgungen -nahmen jeden Augenblick zu, er selbst aber hatte sich unterdessen ein -recht hübsches Kapitälchen zurückgelegt lieber Herr, na, und da rückte -er denn sozusagen eines Tages ins Ausland aus, ins Ausland, -Verehrtester, verstehen Sie wohl, d. h. in die Vereinigten Staaten. Von -dort aus schreibt er einen Brief an den Kaiser, können Sie sich denken, -einen äußerst redegewandten und so großartig stilisierten Brief, wie Sie -sich nur vorstellen können. All diese Platos und Demosthenesse im -Altertum -- das sind sozusagen die reinsten Waschlappen oder Küster -gegen ihn: >du darfst nicht glauben, Kaiser,< schreibt er, >daß ich -dieses und jenes< ... Mit einem Wort, er ließ euch Perioden vom Stapel --- geradezu glänzend! >Nur die Notwendigkeit war die Ursache meines -Handelns,< sagt er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und -gewissermaßen mein Leben nicht geschont und nun habe ich, denken Sie -sich bloß, nichts mehr zum Leben. Ich bitte dich, meine Kameraden -straflos ausgehen zu lassen,< sagt er, >sie sind unschuldig, denn ich -habe sie sozusagen verführt, übe Gnade und verfüge, daß in Zukunft, wenn -die Verwundeten aus dem Kriege zurückkehren, können Sie sich denken, -gewissermaßen für sie gesorgt werde ..< Mit einem Wort, der Brief war -außerordentlich gewandt stilisiert. Na, Sie können sich denken, der -Kaiser war natürlich gerührt. Es tat seinem kaiserlichen Herzen leid um -den Mann, obwohl er tatsächlich ein Verbrecher war, und gewissermaßen -sozusagen die Todesstrafe verdient hatte, na, und da er sah, wie ein -Unschuldiger sozusagen zum Verbrecher werden kann und zugeben mußte, daß -hier eine Unterlassungsünde vorlag -- übrigens konnte man in jener -unruhigen Zeit auch nicht für alles sorgen -- Gott allein, kann man wohl -sagen, ist ganz ohne Verfehlungen -- mit einem Wort, lieber Herr, der -Kaiser geruhte diesmal, sozusagen ein einzig dastehendes Beispiel seiner -hochherzigen Gesinnung zu geben: er befahl, die Schuldigen nicht weiter -zu verfolgen und gab zugleich strenge Ordre, ein Komitee zu gründen, das -sich ausschließlich mit der Fürsorge um die Verwundeten zu beschäftigen -habe sozusagen und dies ... Verehrtester -- war gewissermaßen der Anlaß -für die Gründung des Invalidenfonds, durch den jetzt sozusagen in jeder -Hinsicht für die Verwundeten gesorgt ist, und ein ähnliches Institut -gibt es tatsächlich weder in England noch in allen übrigen aufgeklärten -Staaten, können Sie sich denken. Das also ist der Hauptmann Kopeikin, -Verehrtester. Nun aber glaube ich folgendes: wahrscheinlich wird er all -sein Geld in den Vereinigten Staaten vertan haben, und ist nun zu uns -zurückgekehrt, um noch einmal zu versuchen, ob es ihm nicht vielleicht -sozusagen, gewissermaßen mit einem neuen Unternehmen gelingen mag.« - - - B. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. - (In der vom Zensor gestrichenen Fassung.) - -»Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,« hub der Postmeister -an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer -saßen, »nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen -Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett -eingeliefert. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig -gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie -wissen doch, damals gab's noch keine von den bekannten Einrichtungen für -die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken, -der wurde sozusagen erst viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin -sieht also, daß er arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur -einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen -Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht _auch_ -noch ernähren; ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst nur -mit knapper Not meinen Unterhalt.< Da beschloß denn mein Hauptmann -Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, nach Petersburg zu reisen und an -die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine kleine -Unterstützung bewilligen wolle. So und so, er habe doch gewissermaßen, -sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen .... Er fuhr also -in einem Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen in die -Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug er gelangte mit Mühe und -Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich -_nun_ dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das -sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es -um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, -so eine Art märchenhafte Scheherazade verstehen Sie mich wohl. Denken -Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine -Erbsenstraße oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt -irgend so ein Turm in die Luft und dort _hängen_ ein paar Brücken, -wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die -reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine -Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war -ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das -Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, -Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital -nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von -ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze -Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus zehn blauen Scheinen -... Genug, er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval -ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei -Gängen, eine Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht -also, daß sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, -wohin er sich wenden soll. Man sagt ihm, es gäbe so'ne Oberkommission, -gewissermaßen so ein Direktorium sozusagen, an dessen Spitze der General -_en chef_ soundso stehe. Der Kaiser, müssen Sie wissen, war nämlich um -jene Zeit noch nicht in der Hauptstadt, und die Armee, können Sie sich -vorstellen, war noch nicht aus Paris zurückgekehrt, alles war noch im -Ausland. So stand denn mein Kopeikin eines Morgens etwas früher auf, -kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre -er zum Barbier gegangen, so hätte das in gewissem Sinne neue Ausgaben -verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß -einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich bloß -vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. >Da< antwortet man ihm und -zeigt auf ein Haus am Schloßquai. Eine feine Bauernhütte, können Sie -sich vorstellen. Meterlange Spiegelscheiben in den Fenstern, kann ich -Ihnen sagen, sodaß die Vasen und alles, was sich sonst noch in den -Zimmern befindet, gleichsam draußen vor einem zu stehen scheinen, und -man all diese schönen Dinge geradezu greifen zu können glaubt: die Wände -sind von kostbarem Marmor, wissen Sie, alles ist von Metall, und so'ne -Türklinke, denken Sie sich, da muß man zuerst in einen Laden laufen, -sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann sozusagen zwei -Stunden lang die Hände reiben, ehe man sie anzufassen wagt. Dazu alles -lackiert, mit einem Wort die Sinne schwinden einem gewissermaßen. Der -Portier sieht aus wie ein Generalissimus: so eine Grafenphisiognomie mit -einem goldenen Säbel in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch, -wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem -Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem -Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete -Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich -mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen -war, wo der General, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und -sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, -verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also -vier Stunden lang; da kommt endlich der Adjutant oder irgend ein -diensthabender Beamter herein und sagt: >Gleich kommt der General!< Im -Empfangszimmer aber drängen sich schon die Menschen, wie die Bohnen in -einer Schüssel. Lauter hohe Beamte der vierten und fünften Klasse, nicht -solche elende Sklaven wie unsereiner sondern alles Oberste, und hie und -da sogar einer mit Makronen auf den Achselklappen, mit einem Wort, die -ganze Generalität sozusagen. Plötzlich geht eine kaum merkliche Bewegung -durch das Zimmer, wie so'n feiner Äther, wissen Sie. Hie und da hört man -jemand Pst ... Pst ... rufen und dann tritt eine fürchterliche Stille -ein. Der hohe Staatsbeamte hatte das Zimmer betreten. Na, Sie können -sich vorstellen, ein Staatsmann, sozusagen. Natürlich seinem Rang und -Titel entsprechend, so ein _Physionomio_, so ein Ausdruck, verstehen Sie -wohl. Alles was sich im Empfangszimmer befand, stand natürlich sofort -stramm, alles zittert und bebt und wartet auf die Entscheidung seines -Schicksals sozusagen. Der Minister oder Staatsmann geht erst zum einen, -und dann zum andern. >Warum sind Sie hier? Und Sie? Was wünschen Sie? In -welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an -die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt: So und so, -Exzellenz ich habe sozusagen mein Blut vergossen, und gewissermaßen -einen Arm und ein Bein verloren. Ich kann nicht mehr arbeiten und habe -die Kühnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren. Der Minister -sieht: der Mann hat einen Stelzfuß, und der rechte Ärmel baumelt leer -herunter verstehen Sie wohl. >Gut,< sagt er, >fragen Sie nach ein paar -Tagen mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz seelig: schon allein, daß -ihm eine Audienz bewilligt wurde sozusagen, daß er gewürdigt wurde mit -einem der ersten Würdenträger des Staats zu sprechen, können Sie sich -denken, und dann die Hoffnung, daß sich endlich sein Schicksal, -gewissermaßen die Frage nach der Pension entscheiden sollte! Er ist in -der besten Laune, kann ich Ihnen sagen. Er hüpft geradezu auf dem -Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkin, um einen Schnaps zu -nehmen; aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich eine Kotelette mit -Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer -Flasche Wein, ging abends ins Theater -- mit einem Wort, es war eine -feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine -Engländerin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein -Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach -auf seinem Stelzfuß nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei -einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. -Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band gekommen.< Nach drei vier -Tagen erscheint mein Kopeikin abermals beim Minister. Der Minister tritt -ein. >So und so,< sagt Kopeikin, >ich bin gekommen um zu erfahren, was -Eure Exzellenz über das Schicksal der Kranken und Verwundeten zu -verfügen geruht haben ... und dergleichen mehr, können Sie sich denken, -in der amtlichen Sprache natürlich!< Der hohe Staatsbeamte, stellen Sie -sich vor, erkennt ihn sogleich wieder. >Ah, gut,< sagt er, >leider kann -ich Ihnen diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rückkunft -des Kaisers zu gedulden; dann wird sicherlich etwas für die Verwundeten -und Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen, -sozusagen, vermag ich nichts für Sie zu tun.< Damit verbeugt er sich, -und die Audienz ist zu Ende, verstehen Sie. Sie können sich denken, daß -sich mein Kopeikin hiernach in einer höchst prekären Lage befand. Er -hatte schon damit gerechnet, daß ihm morgen das Geld ausbezahlt werden -würde. >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!<; -statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem -Termin. Da kommt er nun wie so'n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit -Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus -- hat den Schwanz -eingezogen und läßt die Ohren hängen. >Nee,< denkt er, >ich will doch -_noch_ einmal hingehen und dem Minister erklären, ich habe bald nichts -mehr zu essen, wenn Sie mir nicht helfen, muß ich, sozusagen, vor Hunger -sterben.< Mit einem Wort lieber Herr, er geht wieder an den Schloßquai -und fragt nach dem Minister: >Es geht nicht,< heißt es, >der Minister -empfängt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.< Am folgenden Tage -- -dieselbe Geschichte, der Portier will ihn kaum noch ansehen. Mein -Kopeikin aber hat nur noch einen blauen Schein in der Tasche, verstehen -Sie wohl. Früher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe und ein -Stück Suppenfleisch, jetzt aber kauft er sich höchstens so einen Häring -oder irgend so eine Salzgurke und für zwei Groschen Brot --, mit einem -Wort, der arme Kerl hungert tatsächlich, und doch hat er einen Appetit -wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorüber und, -nun stellen Sie sich vor, der Koch -- das ist irgend so ein Ausländer, -so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trägt -immer nur die feinste holländische Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie -Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet -euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trüffeln, mit einem Wort, -irgend so eine Delikatesse, daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst -aufgefressen hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden -vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder -ein Körbchen mit Kirschen -- zu fünf Rubel das Stück, oder so 'ne Riesin -von Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster -entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen überflüssigen Hunderter -in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie -Verführungen auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser -im Munde zusammen, für ihn aber heißt's: warte gefälligst bis morgen. -Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, -dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein -bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Schließlich -hielt es der arme Kerl nicht mehr aus und beschloß, die Festung -sozusagen im Sturme zu nehmen, verstehen Sie. Er stellte sich also am -Eingang auf und wartete, ob nicht noch ein Bittsteller erscheinen werde, -und richtig, es gelang ihm denn auch, mit irgend einem General -hindurchzuschlüpfen und auf seinem Stelzfuß bis ins Vorzimmer zu -humpeln. Der hohe Staatsmann erscheint wie gewöhnlich. >Was wünschen -Sie? Und Sie?< >Ah!< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen -doch schon erklärt, daß Sie warten sollen, bis über Ihr Gesuch -entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu -essen, sozusagen ...< >Was soll ich denn machen? ich kann nichts für Sie -tun, Sie müssen sich gewissermaßen einstweilen selbst helfen und sich -selbst die Mittel zu verschaffen suchen.< -- >Aber Exzellenz, daß müssen -Sie doch sozusagen selbst einsehen, wie kann ich mir denn die Mittel -verschaffen, wo mir ein Arm und ein Bein fehlt?< >Aber verstehen Sie -doch!< sagte der Minister, >ich kann Sie doch gewissermaßen nicht auf -meine Kosten erhalten, wir haben noch viele Verwundete, die könnten doch -alle dieselben Ansprüche machen. Wappnen Sie sich mit Geduld. Ich gebe -Ihnen mein Ehrenwort: wenn der Kaiser kommt, wird er Gnade üben und Sie -nicht im Stiche lassen.< -- >Aber ich kann doch nicht warten, -Exzellenz,< versetzte Kopeikin, und zwar fängt er schon an, grob zu -werden sozusagen. Da aber wurde der Staatsmann etwas ärgerlich, -verstehen Sie, und in der Tat: rings herum stehen lauter Generäle und -warten auf eine Antwort oder eine Ordre; hier handelte es sich sozusagen -um wichtige Staatsangelegenheiten, die gewissermaßen eine schleunige -Erledigung erfordern -- jeder verlorene Augenblick kann von Bedeutung -sein -- und da kommt so ein aufdringlicher Teufel und läßt einen nicht -los, können Sie sich denken. -- >Entschuldigen, ich habe keine Zeit -- -ich habe noch andere wichtigere Dinge zu tun, als mit Ihnen zu reden.< -Er sagt es gewissermaßen durch die Blume, es sei nun die höchste Zeit, -daß er sich aus dem Staube mache, verstehen Sie wohl. Jedoch mein -Kopeikin antwortet -- der Hunger treibt ihn nämlich zum äußersten, -müssen Sie wissen. >Tun Sie, was Sie wollen, Exzellenz, ich rühre mich -nicht vom Flecke, bevor Sie die entsprechende Ordre erteilt haben.< Na, -Sie können sich denken: einem Staatsmann so zu antworten, der nur ein -Wort zu sagen braucht, damit man kopfüber rausfliegt, sodaß der Teufel -selbst einen nicht mehr auffinden kann sozusagen ... Wenn ein Beamter, -der auch nur um _einen_ Rang tiefer steht als wir, unsereinem so etwas -sagen wollte, so würde man es schon eine Frechheit nennen. Nun aber -denken Sie sich -- diese Distanz, diese gewaltige Distanz! Ein General -_en chef_ -- und irgend ein Kopeikin sozusagen! Neunzig Rubel und eine -Null. Der General, verstehen Sie, der maß ihn bloß mit einem Blick -- -der reinste Kanonenschuß sozusagen: da hätte keiner Stand gehalten, da -wäre jedem das Herz in die Hosen gefallen. Mein Kopeikin aber, können -Sie sich vorstellen, rührt sich nicht vom Flecke und steht da wie -angewurzelt. >Nun? Was warten Sie?< sagt der General und packt ihn mit -beiden Händen bei den Schultern. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen, er -behandelt ihn noch ziemlich gnädig: ein anderer hätte ihn so -angeschnauzt, daß die ganze Straße noch drei Tage nachher auf dem Kopfe -gestanden und sich mit ihm im Kreise gedreht hätte sozusagen, er aber -sagte nur >Gut, wenn das Leben für Sie hier zu teuer ist und Sie nicht -ruhig in der Hauptstadt auf die Entscheidung Ihres Schicksals warten -können, dann lasse ich Sie auf Staatskosten in die Heimat befördern. Der -Feldjäger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!< Der -Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon -hinter der Tür: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von -der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein -richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den -Wagen befördert und ab geht's in Begleitung des Feldjägers. >Na,< denkt -Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den -Herren dankbar.< So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und -während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er -gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: >Schön,< sagt er, >du erklärst -mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,< sagt -er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< Wie er nun an seinen -Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, -darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die -Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit -untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. -Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann man -wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden -ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch -nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande -auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie wohl, war -kein anderer als ...« - - * * * * * - -1. _Die Toten Seelen, Band I_, sind in der zweiten Hälfte des Jahres -1835 begonnen und 1841 vollendet. Sie erschienen am 21. Mai (2. Juni) -1842. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 9. Mai (21. Mai) -1842. Die vom Zensor gestrichene »Geschichte vom Hauptmann Kopeikin« -wurde vom Autor in fünf Tagen vom 5.-9. (17.-21.) Mai 1842 umgearbeitet. - -2. _Die Vorrede zur zweiten Auflage des I. Bandes der Toten Seelen_ -(pag. 431) wurde Ende Juli entworfen und im September 1846 vollendet. -Sie erschien zugleich mit der zweiten Auflage dieser »Dichtung«. Die -Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 25. August (6. September) -1846. - -3. _Die Reflexionen zum ersten Teil der Toten Seelen_ (pag. 436) stammen -wahrscheinlich aus dem Jahre 1846. - -4. _Das Ende des IX. Kapitels in veränderter Fassung_ (pag. 439) wurde -etwa im Jahre 1843 niedergeschrieben. - -5. _Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin_: _Variante A_ (pag. 452) ist -im August 1841, _Variante B_ (pag. 461), die vom Zensor gestrichen -wurde, im November 1841 vollendet. Der Text der vorliegenden deutschen -Ausgabe geht auf die russischen Ausgaben von N. S. Tichonrawow und W. I. -Schönrock zurück. - - _Der Herausgeber._ - - * * * * * - - - Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. - -Einige Übertragungsfehler wurden ebenfalls unverändert belassen. Auf -Seite 194 heißt es »jedes Jahr verlor er ein neues richtiges Stück von -seinem Haushalt aus dem Auge«. Tatsächlich steht im Original hier -»Hauptteil«, was wohl eher der Formulierung »wichtiges Stück« -entsprechen würde. An zwei Stellen im Anhang heißt es »Markronen« oder -»Makronen auf den Achselklappen«. Auch dies wurde so beibehalten. Das -russische Original hat aber an dieser Stelle »Makkaroni«, was wohl eher -die Fransen der Epauletten beschreibt. - -Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des -russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. XXXV]: - ... und Leibeigenen gesellen. Aber das Gemälde erscheint ... - ... und Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint ... - - [S. 8]: - ... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder eine Paar blaue ... - ... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein Paar blaue ... - - [S. 11]: - ... Zum Gouverneuer sagte er wie beiläufig, wenn man in ... - ... Zum Gouverneur sagte er wie beiläufig, wenn man in ... - - [S. 12]: - ... wie es sich gehörte. Als Ttschitschikow den Saal betrat, ... - ... wie es sich gehörte. Als Tschitschikow den Saal betrat, ... - - [S. 15]: - ... müssig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ... - ... müßig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ... - - [S. 17]: - ... »Herzen! Herzchen! Pikentia!« oder »Pieckchen, Piekchen, ... - ... »Herzen! Herzchen! Pikentia!« oder »Piekchen, Piekchen, ... - - [S. 18]: - ... mit höflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigen ... - ... mit höflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem ... - - [S. 18]: - ... nochkommen, sondern halte es sogar für seine heiligste ... - ... nachkommen, sondern halte es sogar für seine heiligste ... - - [S. 19]: - ... anfing, gaben der Polizeimeister und Staatsanwalt sehr ... - ... anfing, gaben der Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr ... - - [S. 25]: - ... also noch am Abend sämliche notwendigen Anordnungen getroffen ... - ... also noch am Abend sämtliche notwendigen Anordnungen - getroffen ... - - [S. 29]: - ... alten Uniformen unserer Garnisonsoldaten bemerken kann, ... - ... alten Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, ... - - [S. 42]: - ... werden!« ... - ... werden?« ... - - [S. 48]: - ... aber er konnte nicht derartiges entdecken, im Gegenteil, ... - ... aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, ... - - [S. 53]: - ... konnten ...« ... - ... könnten ...« ... - - [S. 55]: - ... sagte er: »Wir werden's schon finden,« und Ttschitschikow ... - ... sagte er: »Wir werden's schon finden,« und Tschitschikow ... - - [S. 72]: - ... »Das geht vorüber, Mütterchen, achten sie nur nicht ... - ... »Das geht vorüber, Mütterchen, achten Sie nur nicht ... - - [S. 79]: - ... noch einen Versuch zu machan, ob es ihm etwa gelänge, ... - ... noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelänge, ... - - [S. 87]: - ... »Nicht war, Sie vergessen mich also nicht bei den ... - ... »Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den ... - - [S. 106]: - ... »Hm!« dachte Titschikow, »ich könnte ja schließlich ... - ... »Hm!« dachte Tschitschikow, »ich könnte ja schließlich ... - - [S. 118]: - ... eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und - Merschaumpfeifen, ... - ... eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und - Meerschaumpfeifen, ... - - [S. 128]: - ... »Nein, nein Bester, ein Glücksspiel verlieren, das ... - ... »Nein, mein Bester, ein Glücksspiel verlieren, das ... - - [S. 135]: - ... »Für wen hälst du mich,« sagte Nosdrjow, »glaubst ... - ... »Für wen hältst du mich,« sagte Nosdrjow, »glaubst ... - - [S. 149]: - ... erblickte, sagt er kurz: »Ich bitte,« worauf er ihn in die ... - ... erblickte, sagte er kurz: »Ich bitte,« worauf er ihn in die ... - - [S. 157]: - ... Hammelbraten,« fuhr er fort, indem er sich an Tschischikow ... - ... Hammelbraten,« fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow ... - - [S. 158]: - ... links!« ... - ... links?« ... - - [S. 169]: - ... »Also was ist Ihr höchstes Angebot!« sagte Sabakewitsch ... - ... »Also was ist Ihr höchstes Angebot?« sagte Sabakewitsch ... - - [S. 174]: - ... Wohnhause vorüber zu kommen.« ... - ... Wohnhause vorüber zu kommen?« ... - - [S. 176]: - ... klingt uns aus dem Worte der Britanniers ... - ... klingt uns aus dem Worte des Britanniers ... - - [S. 176]: - ... schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres Räselwort ... - ... schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres Rätselwort ... - - [S. 195]: - ... und zu konzentieren liebt, und eine solche Erscheinung ... - ... und zu konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung ... - - [S. 196]: - ... den Anblick seines Wirtes uud der ganzen seltsamen ... - ... den Anblick seines Wirtes und der ganzen seltsamen ... - - [S. 199]: - ... eine solche Kälte und Teilnahmlosigkeit gegen fremdes ... - ... eine solche Kälte und Teilnahmslosigkeit gegen fremdes ... - - [S. 210]: - ... flüchtige Bauern brauchen könnte!« ... - ... flüchtige Bauern brauchen könnte?« ... - - [S. 212]: - ... Frage erinnerte jenen daran, das es in der Tat zwecklos ... - ... Frage erinnerte jenen daran, daß es in der Tat zwecklos ... - - [S. 213]: - ... »Wollen Sie denn keinen Tee.« ... - ... »Wollen Sie denn keinen Tee?« ... - - [S. 233]: - ... freundlicheres und angenehmeres Äußere an. Themis ... - ... freundlicheres und angenehmeres Äußeres an. Themis ... - - [S. 244]: - ... es doch lauter nützliche Leute und Handwerker seinen, die ... - ... es doch lauter nützliche Leute und Handwerker seien, die ... - - [S. 245]: - ... Iwan Antonowitsch erledigt alles gewandt und sicher, die ... - ... Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und sicher, die ... - - [S. 251]: - ... verheiraten. Nicht war, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ... - ... verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ... - - [S. 256]: - ... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht ihrer Ansicht, ... - ... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht Ihrer Ansicht, ... - - [S. 280]: - ... Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. »Dürften wir arme ... - ... Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. »Dürften wir armen ... - - [S. 306]: - ... nichtwürdiger Mensch; ein nichtswürdiger, nichtswürdiger ... - ... nichtswürdiger Mensch; ein nichtswürdiger, nichtswürdiger ... - - [S. 309]: - ... »Nein, aber denken Sie sich blos in meine Lage ... - ... »Nein, aber denken Sie sich bloß in meine Lage ... - - [S. 309]: - ... ich das hörte!« Und jetzt,« sagt Karobotschka, »weiß ... - ... ich das hörte!»Und jetzt,« sagt Karobotschka, »weiß ... - - [S. 310]: - ... daher schwieg sie. Sie konnte sich blos über die Dinge ... - ... daher schwieg sie. Sie konnte sich bloß über die Dinge ... - - [S. 311]: - ... in einen geronnenen Augenblick in ein Pulverfaß zu ... - ... in einem geronnenen Augenblick in ein Pulverfaß zu ... - - [S. 313]: - ... sie auch nur ein bischen, ein Fünkchen, auch nur einen ... - ... sie auch nur ein bißchen, ein Fünkchen, auch nur einen ... - - [S. 318]: - ... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlied, staubte ... - ... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlid, staubte ... - - [S. 335]: - ... günstig ist, irgend welche Wohltätigkeit-, Hilfs- und ... - ... günstig ist, irgend welche Wohltätigkeits-, Hilfs- und ... - - [S. 336]: - ... und gesinnungstüchtiges Äußere besitze, aber auch in ... - ... und gesinnungstüchtiges Äußeres besitze, aber auch in ... - - [S. 338]: (mehrfache Fälle) - ... meinen Unterhalt.< Da beschloß denn mein Hauptman Kopeikin, ... - ... meinen Unterhalt.< Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, ... - - [S. 339]: - ... oder einem statlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, ... - ... oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, ... - - [S. 348]: - ... aber andererseis auch wiederum nicht allzu dünn gewesen ... - ... aber andererseits auch wiederum nicht allzu dünn gewesen ... - - [S. 348]: - ... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgenwo abseits ... - ... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits ... - - [S. 364]: - ... Offen gestanden, Sie haben Furcht vor dem neuen ... - ... Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen ... - - [S. 370]: - ... In zwei Stunden muß alles fertig sein, Verstanden? ... - ... In zwei Stunden muß alles fertig sein, verstanden? ... - - [S. 370]: - ... »Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich ihm schon ... - ... »Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich ihn schon ... - - [S. 377]: - ... tief mein Inneres erschüttet mit all seinen Schrecken; ... - ... tief mein Inneres erschüttert mit all seinen Schrecken; ... - - [S. 378]: - ... und schon durchströmmt uns behagliche Wärme. Die ... - ... und schon durchströmt uns behagliche Wärme. Die ... - - [S. 378]: - ... -- was kümmert's dich, O, welche Nacht! ... - ... -- was kümmert's dich, o, welche Nacht! ... - - [S. 383]: - ... die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, - angewiedert ... - ... die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, angewidert ... - - [S. 388]: - ... wo ich dagegen jenem bösen Geist des Widerspruches ... - ... wo ich dagegen jenen bösen Geist des Widerspruches ... - - [S. 390]: - ... angegriffen, die er beschlossen hätte, nie auszugeben; mit ... - ... angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit ... - - [S. 392]: - ... wohlgepflegtes Äußere zu bewahren, sich anständig zu kleiden, ... - ... wohlgepflegtes Äußeres zu bewahren, sich anständig zu - kleiden, ... - - [S. 400]: - ... überall, wo sie dergleichen sie antrafen, verfolgten sie es, - so ... - ... überall, wo sie dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so ... - - [S. 401]: - ... Mitleid appellierte und ihm in glühenden Farben das ... - ... Mitleid apellierte und ihm in glühenden Farben das ... - - [S. 408]: - ... draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre Liebehaber ... - ... draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre Liebhaber ... - - [S. 411]: - ... Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bügerrecht erkämpft ... - ... Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bürgerrecht erkämpft ... - - [S. 413]: - ... gottlob nicht wenigen das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ... - ... gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ... - - [S. 425]: - ... machen kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde ... - ... manchen kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde ... - - [S. 460]: - ... er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und - gewissermassen ... - ... er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und gewissermaßen ... - - [S. 460]: - ... sagt er, >Sie sind unschuldig, denn ich habe Sie sozusagen ... - ... sagt er, >sie sind unschuldig, denn ich habe sie sozusagen ... - - [S. 460]: - ... können Sie sich denken, gewissermaßen für Sie gesorgt ... - ... können Sie sich denken, gewissermaßen für sie gesorgt ... - - [S. 460]: - ... werde ..< mit einem Wort, der Brief war außerordentlich ... - ... werde ..< Mit einem Wort, der Brief war außerordentlich ... - - [S. 460]: - ... gründen, daß sich ausschließlich mit der Fürsorge um ... - ... gründen, das sich ausschließlich mit der Fürsorge um ... - - [S. 461]: - ... in einem Gepäckwagen oder einem stattlichen Transportwagen ... - ... in einem Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen ... - - [S. 463]: - ... in der Hand und einem Battisikragen, Teufel auch, wie ... - ... in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch, wie ... - - [S. 464]: - ... Wort, die ganze Generalität sozuzagen. Plötzlich geht ... - ... Wort, die ganze Generalität sozusagen. Plötzlich geht ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I, by -Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 1: DIE *** - -***** This file should be named 54262-8.txt or 54262-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/2/6/54262/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Translator: Otto Buek - -Release Date: March 1, 2017 [EBook #54262] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 1: DIE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<p class="halftitle"> -Nikolaus Gogol<br /> -Tote Seelen -</p> - -<p class="halfvol"> -Erster Band -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ser"> -<span class="line1">Nikolaus Gogol</span><br /> -<span class="line2">Sämmtliche Werke</span><br /> -<span class="line3">In 8 Bänden</span> -</p> - -<p class="edt"> -<span class="line1">Herausgegeben</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Otto Buek</span> -</p> - -<p class="vol"> -Band 1 -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1909</span> -</p> - -<p class="erw"> -E. R. W. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Nikolaus Gogol -</p> - -<h1 class="title"> -Die Abenteuer Tschitschikows -oder Die toten Seelen -</h1> - -<p class="trn"> -<span class="line1">Übertragen</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Otto Buek</span> -</p> - -<p class="vol"> -Band 1 -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1909</span> -</p> - -<p class="erw"> -E. R. W. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="imp"> -Von diesem Buche wurden 100 Exemplare auf -van Geldern abgezogen, in der Presse nummeriert -und in Ganzleder gebunden. Der Preis eines solchen -Exemplares beträgt 16 Mark. Den Druck -besorgten <em>Mänicke</em> und <em>Jahn</em> in Rudolstadt. -Titel und Einband zeichnete <em>E. R. Weiß</em>. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<div class="centerpic"> -<img src="images/portrait.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<h2 class="foreword" id="part-1"> -Vorrede des Herausgebers -</h2> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-VII" class="pagenum" title="VII"></a> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Gesamtausgabe der Werke Gogols bedarf keiner -besonderen Rechtfertigung; sie hat ihre Rechtfertigung -in sich selbst. Unter allen großen Meistern des -Romans, die die russische Literatur im XIX. Jahrhundert -hervorgebracht hat, nimmt Gogol eine besondere -und einzigartige Stellung ein; mögen die Vorgänger oder -Nachfolger ihn, was Weite des Horizonts, Tiefe der -Seelenanalyse, Reinheit und Kultur der Kunstform anbetrifft, -erreichen oder gar übertreffen, an <em>Originalität</em> -und Ursprünglichkeit kommt ihm keiner gleich. Er selbst -hat immerdar zu seinem älteren Zeitgenossen Puschkin -als dem unerreichten Vorbild einer reinen idealisierenden -Dichtung emporgeblickt, und er hat in einer berühmten -Apostrophe der „Toten Seelen“ dieser Differenz -und dem Abstand zwischen seiner Begabung und der -Puschkins in beredten Worten Ausdruck gegeben, doch -selbst Puschkin bleibt bei seinem großen und einzigen -Talent nur ein Zweig und Schößling am Stamm der -großen europäischen Literatur. In Gogol aber schuf -sich das junge russische Volk zum ersten Mal eine adäquate -vollgültige dichterische Form, in ihm realisierte sie -einen literarischen Typus, der von da ab das Muster -und Ideal für alle kommenden Schriftstellergenerationen -Rußlands geworden ist. Das ganze jüngere Dichtergeschlecht -von Turgenjew bis Tolstoi, das sich das -Interesse der westlichen Völker eroberte und unsere Aufmerksamkeit -auf Rußland hinlenkte, geht auf Gogol als -seinen Ursprung zurück. In ihm liegen alle Motive und -Ideen, die <em>sie</em> entwickeln und entfalten, wie im Keime -beschlossen, <em>er</em> gab das Thema an, das sie in mannigfachen -<a id="page-VIII" class="pagenum" title="VIII"></a> -Paraphrasen und Modulationen variieren; er -schuf die Kunstform, an der sie sich schulten; sie -dachten und dichteten in seiner Sprache. Und nicht -in unsicheren unausgereiften Ansätzen vollzog er diesen -Schöpfungsakt an der russischen Dichtung, sondern mit -dem Siegel der Kraft und der Fülle der Vollendung -rief er sein Werk — die russische Literatur — fast wie -aus dem Nichts hervor. Wie nur bei ganz wenigen -Ausnahmen, zeigen all seine Werke die gleiche reine -Linie des großen Talents, und es gibt unter ihnen -schlechterdings nichts Minderwertiges und Unbedeutendes. -Und zugleich mit der Dichtung hat Gogol den Typus -des russischen <em>Dichters</em> geschaffen, indem er in sich -jenen ewigen Gegensatz, der das Leben der größten -russischen Künstler beherrscht, zur Ausprägung brachte; -den Gegensatz zwischen dem <em>Dichter</em> und dem <em>Propheten</em>, -die in ihnen ständig im Streite liegen. Bei -keinem aber tragen die Werke selbst trotz aller Objektivität -so sehr den Stempel des Persönlichen, wie bei Gogol, -sind sie so sehr das treue Spiegelbild der eigenen geistigen -Lebenskämpfe, der Niederschlag ihrer Schwankungen und -Stimmungen, wie bei ihm. Schon aus diesem Grunde -wird für das Verständnis dieser so komplizierten und -originalen Persönlichkeit der Überblick über das Gesamtschaffen -des Dichters zur Notwendigkeit. -</p> - -<p> -Einen solchen Überblick soll die vorliegende Ausgabe -ermöglichen. Es wurde dabei von einer chronologischen -Anordnung der Werke abgesehen und eine solche nach -fachlichen Gesichtspunkten zugrunde gelegt. Die inhaltlich -und formal zusammengehörigen Schöpfungen -sollen hier auch zusammen erscheinen. Daß die Chronologie -darüber nicht zu kurz kommt, dafür ist durch -ausführliche redaktionelle Noten genügend gesorgt, die sich -im Anhange eines jeden Bandes finden. In den folgenden -zwei Bänden sind vor allem der Roman „Die toten -Seelen“ und drei einzelne Novellen vereinigt, die auch -durch einen ideellen Zusammenhang miteinander verknüpft -<a id="page-IX" class="pagenum" title="IX"></a> -sind und sich gegenseitig beleuchten und erklären. -Beide Bände führen den Leser sogleich auf den Gipfel -des Gogolschen Schaffens und gewähren ihm einen -großen Ausblick auf den Ideen- und Formengehalt seiner -Dichtung. Die „Toten Seelen“ sind das größte Prosawerk -des modernen Rußlands und eines der Hauptwerke -der humoristischen und satirischen Literatur überhaupt: ein -grauenhaftes Bild der Korruption und der allgemeinmenschlichen -und spezifisch russischen Verkommenheit. -Daneben ein soziologisches Gemälde eines historischen Zeitalters, -in dem der Extrakt einer Kulturepoche konzentriert -ist. Was aber dem Ganzen — neben diesen wahrlich nicht -geringen Vorzügen — seinen Ewigkeitswert sichert — -das ist das Menschliche und Typische, das es in sich -birgt: die Darstellung des Menschenlebens, wie es, von -der kulturell-zufälligen Einkleidung abgesehen, sich ausnimmt, -wenn das Rangverhältnis der Triebe verkehrt, -und das Dasein von aller Geistigkeit und Idealität -entblößt wird. Es ist der Gerichtstag über die moderne -Kultur, die den <em>Erwerbstrieb</em> sanktionierte und -heiligte und das Denken und Trachten des modernen -Menschen auf die rein materielle Macht und Beherrschung -der Natur hinlenkte. Gogol hat diese Kulturtendenz -nur in ihren Anfängen, in ihrer Entstehung beobachten -können, aber er hat mit dem bewunderungswürdigen -Scharfblick eines Hellsehers die ganzen Folgen dieser -Erscheinung für das Geistesleben antizipiert: den seelenmordenden -Fluch der Erwerbsjagd und des Besitzes, die -nivellierende und alles erstickende Trivialität eines auf -das Bloßstoffliche gerichteten Wesens. Es gab keinen -stärkeren Schilderer des <em>Gemein</em>menschlichen, Alltäglichen -und Brutalen, als Gogol, und so ist auch er es gewesen, -der in den „Toten Seelen“ das grandiose Symbol -und in dem irrenden Ritter des Erwerbs Pawel Iwanowitsch -Tschitschikow — den unsterblichen Typus für das -Triviale und Mittelmäßige fand, das die große Masse -unseres Lebens und den Querschnitt unserer Kultur bildet. — -<a id="page-X" class="pagenum" title="X"></a> -Ein Gegenstück zu dem großen Gemälde der „Toten -Seelen“ ist die romantische Novelle „Das Porträt“, in -der der Dichter die verheerenden Folgen desselben Grundtriebes -für Kunst schildert. Diese Novelle ist zugleich -ein erschütterndes Bekenntnis von dem Zwiespalt der -„zwei Seelen“, in dem sich Gogols Leben aufzehrte; -der einen, die von einem glühenden Drange nach dem -Idealen ergriffen, sich in der Welt der Körper nie -dauernd wohl fühlte, und der andern, die wie keine -zweite mit dem Blick fürs Irdische begabt, das Auge -nie von der Erdenwelt und allem Menschlich-Allzumenschlichen -abzuziehen vermochte. -</p> - -<p> -Eine ausführliche Analyse der in diesem Bande vereinten -Dichtungen findet der Leser in der Einführung -des bekannten Gogolforschers und Mitgliedes der Petersburger -Akademie der Wissenschaften, Nestor Kotljarewski, -die wir dem ersten Bande vorausschicken, eine Gepflogenheit, -der wir auch bei den folgenden Bänden treu -zu bleiben gedenken. -</p> - -<p> -Zum Schluß wage ich noch den Wunsch auszusprechen, -daß der deutsche Leser dieser Gesamtausgabe Gogols die -freie Empfänglichkeit entgegenbringen möge, die das -Werk eines Dichters beanspruchen kann, der zwar der -Gegenwart nicht mehr angehört, doch aber lebendig in -ihr wirkt, und dessen Schätzung in seinem Vaterlande -mit dem zeitlichen Abstand nur noch steigt und in -fortwährendem Wachstum begriffen ist. -</p> - -<p class="date"> -<em>Charlottenburg</em>, den 24. Dezember 1908. -</p> - -<p class="sign"> -<b>Dr. Otto Buek.</b> -</p> - -<h2 class="intro" id="part-2"> -<a id="page-XI" class="pagenum" title="XI"></a> -Einführung -</h2> - -<h3 class="no pbb" id="chapter-2-1"> -<a id="page-XIII" class="pagenum" title="XIII"></a> -I. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">ogols</span> Roman „Die toten Seelen“ nimmt in der -russischen Literaturgeschichte des XIX. Jahrhunderts -eine besondere und einzigartige Stellung ein. Es ist der -erste Roman von künstlerischem Werte, in dem der russischen -Gesellschaft ein großes und treues Bild ihres -eigenen Lebens geschenkt ward, ein Bild, das aus dem -Pinsel eines großen Künstlers und Realisten herstammte. -In diesem Roman vergißt der russische Dichter zum -ersten Mal sich selbst, seine persönlichen Sympathien und -Antipathien, jene erbaulichen moralischen Betrachtungen, -die er nach alter Sitte in seine Novellen und Erzählungen -einzuflechten pflegte, und ist nur noch von einem -Wunsche ergriffen: die nackte Wahrheit auszusprechen -über die dunkeln Seiten des Zeitalters, in dem er lebt. -</p> - -<p> -In diesem Sinne stellen die „Toten Seelen“ ein -künstlerisches Denkmal dar, das in der Geschichte der -russischen Literatur eine neue Ära eröffnet. -</p> - -<p> -In den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts — -dem Zeitalter der sogenannten „Romantik“ und des -„Sentimentalismus“ gab es für den russischen Dichter -nur <em>ein</em> Objekt, das ihn stetig beschäftigte, seine -eigene Persönlichkeit. Es gab nichts Wichtigeres für -ihn als sein eigenes Selbst, mit all seinen Gedanken, -Stimmungen und dem freien Spiel seiner Phantasie. -Er wußte vor allem davon zu erzählen, wie die gesamte -Umwelt sich in ihm, dem Dichter spiegelte; und -daher blieb sein Verhältnis zu dieser Umwelt immer rein -subjektiv. Mit dem vierten Jahrzehnt des XIX. Jahrhunderts -erfährt jedoch dieses subjektive Verhalten des -<a id="page-XIV" class="pagenum" title="XIV"></a> -Künstlers zu seiner Umgebung eine Wandlung, die -sich sehr rasch vollzieht und schnell in der gleichen Richtung -fortschreitet. Von nun ab geht das Streben des -Künstlers vor allem darauf, das Leben so treu und vollständig -als nur möglich zu ergreifen und wiederzuspiegeln; -das Leben selbst in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und -in seinem Gegensatz zu ihm, dem Dichter wird jetzt -der wichtigste Gegenstand seines Interesses. Er beginnt -es bis tief ins Einzelne zu analysieren, um es dann im -Ganzen oder in seinen Teilen rein und treu zu -reproduzieren. Der Künstler sieht sein größtes Verdienst -darin, seine eigenen Sympathien und Antipathien zurücktreten -zu lassen und womöglich ganz zu verbergen. Er -strebt nur darnach, jenen Stoff, den er zu bearbeiten -hat, so objektiv und unparteiisch als möglich zu erfassen -und restlos in sich aufzunehmen. -</p> - -<p> -Erst mit Gogol tritt diese Hinwendung des Künstlers -zur objektiven Darstellung in der russischen Literatur ganz -unverhüllt ans Licht. Im „Revisor“ und in den „Toten -Seelen“ besitzen wir zwei streng realistische Gemälde -russischen Lebens aus der Epoche Nikolaus’ I. So wurde -Gogol zum Begründer der sogenannten „naturalistischen“ -Schule, die den Ruhm der russischen Literatur auch nach -dem Westen trug. Und darin sind alle russischen Künstler -den Spuren Gogols gefolgt, indem sie alle die Umwelt -zum Gegenstand eines peinlichen und gründlichen Studiums -machten, um sie dann als Ganzes oder doch einen -Ausschnitt von ihr objektiv doch zugleich künstlerisch -wiederzuspiegeln. Das war die Arbeitsmethode aller -großen russischen Künstler; von Turgenjew, Dostojewski -und Ostrowski bis zu Gontscharow, Tolstoi und Saltykow-Schtschedrin. -Und wenn auch ein jeder von ihnen seine -in seinen Werken eigene Weltanschauung zum Ausdruck -brachte und mit besonderer Liebe bei <em>den</em> Gestalten verweilte, -die ihm selbst am nächsten standen; wenn er -mitten hinein in die Gemälde realer Wirklichkeit rein -persönliche Betrachtungen einflocht, und sich’s erlaubte, -<a id="page-XV" class="pagenum" title="XV"></a> -eine Art Glaubensbekenntnis vor dem Leser abzulegen, -so waren doch ihre Werke vor allem und in erster Linie -ein großes und detailliertes Bild der lebendigen Wirklichkeit, -ein historisches Dokument einer Epoche; es blieb -stets die Hauptsorge des Künstlers: nicht seine persönlichen -Ansichten und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, -sondern die Idee und den Umriß des Lebens zu erfassen, -das sich vor seinen Augen entrollte. -</p> - -<p> -So wird es verständlich, welch einen gewaltigen -Einfluß das Schaffen Gogols auf die Entwickelung der -russischen Literatur gewinnen mußte. Der sentimentale -Roman mit seiner didaktischen Tendenz, die romantische -Novelle, die dem Leben so fremd blieb, und die bekannten -zahlreichen lyrischen Herzensergießungen in Prosa traten -immer mehr zurück, um den Raum für die Milieuerzählung -— für die realistische wirklichkeitstreue Novelle -mit ihrem großen und weiten Horizont frei zu machen: -für eine Prosaerzählung, die den Leser zu einem kritischen -Verhalten gegen das Leben und die ihn umgebende -Wirklichkeit erweckte. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-2-2"> -II. -</h3> - -<p class="noindent"> -Aber der Schriftsteller, der so entschlossen damit begonnen -hatte, eine Annäherung zwischen Kunst und -Leben herbeizuführen — Nikolaus Wassiljewitsch Gogol -(1809-1852) — war von Natur nichts weniger als ein -nüchterner, kaltblütiger Beobachter, oder ein Mann von -kritischem Verstande und einer Phantasie, die es versteht, -ihre stürmischen Triebe zu bändigen. -</p> - -<p> -Gogol war mit einer wahrhaft romantischen Seele -zur Welt gekommen, und doch wurde es seine Mission, -der Dichtkunst reine Muster einer realistischen, kühlen und -nüchternen Naturdarstellung zu schenken. In diesem Widerspruche -liegt die ganze Tragödie seines Lebens beschlossen. -</p> - -<p> -Gogol gehört unbedingt zu jener Gattung von -Menschen, für die die Gegenwart nur ein Hinweis auf -<a id="page-XVI" class="pagenum" title="XVI"></a> -ein zukünftiges Ideal ist, und die ein starker Glaube -an ihre providentielle Sendung beseelt. -</p> - -<p> -Das geistige Wesen eines solchen Menschen zieht ihn -immer in eine andre Welt empor — eine Welt der Vollkommenheit, -in die er alles verlegt, was ihm wert und -teuer ist: all seine Begriffe von einer unerschütterlichen -Ordnung der Gerechtigkeit, seinen Glauben an eine -ewige Liebe und eine jedem Wandel entrückte Wahrheit. -Diese ideale Welt begleitet ihn durch das ganze Leben, -sie leuchtet ihm voran in Tagen und Stunden der -Finsternis. Überall und jederzeit findet er in ihr seinen -Lohn oder seine Strafe und Verurteilung, <em>sie</em> beschäftigt -ununterbrochen seinen Verstand und seine Phantasie, -und oft absorbiert sie seine Aufmerksamkeit so vollständig, -daß sie ihn die Erde vergessen läßt; noch häufiger aber -ist sie dem Menschen die einzige Stütze, die ihn aufrecht -erhält bei der schweren Arbeit an der Gestaltung und -Formung des irdischen Daseins. -</p> - -<p> -Was immer für Überzeugungen solch ein Mensch -haben mag, stets wird er entweder hinter dem Leben -zurückbleiben oder ihm weit voraneilen. Er vermag sich -nicht zu ergeben und zu demütigen vor dem Unabwendlichen -und Tatsächlichen. Immer fast wird er das -reale Leben entwerten, und es gewöhnlich verachten. Er -vergewaltigt seinen Begriff und seine Vorstellung von der -Wirklichkeit um seines Traumes willen, und sehnt sich -meist nach der Vergangenheit, die er idealisiert; in der -Regel aber lebt er vom Vorgeschmack einer schöneren -Zukunft: ein nüchtern-kritisches Verhalten zu den Tatsachen -bleibt ihm versagt, weil er diese Tatsachen stets -im Lichte seines Vorurteils sieht, und sie in die Lebensprinzipien -hineinzwängt, an die er glaubt, <em>entgegen</em> -allen Tatsachen. Er ist es nicht gewöhnt, sein Streben -mit seinem Kräftevorrat in Einklang zu bringen, und -er vermag es nicht, ängstlich und peinlich innerhalb der -Grenzen seiner Fähigkeit an seinem Lebenswerke tätig -zu sein; die schwierigsten Fragen erscheinen ihm leicht -<a id="page-XVII" class="pagenum" title="XVII"></a> -lösbar, zugleich aber kann ihm schon der kleinste Mißerfolg, -wie er keinem erspart bleibt, das Gleichgewicht -rauben und mißmutig machen. Er ist verliebt in jenen -idealen Begriff vom Leben, den er sich selbst zurechtgelegt -hat, und darum wird es ihm so schwer, sich in die -irdische Prosa hineinzufinden, die nun einmal ein unvermeidliches -und notwendiges Erbteil unseres Lebens bildet. -</p> - -<p> -Solche Menschen pflegen wir mit dem Namen -„Romantiker“ zu bezeichnen, indem wir uns eines -alten und dunkelen Wortes bedienen, welches das Übergewicht -des Gefühls über den Verstand, und der -Schwärmerei über das Interesse des Augenblicks in -der menschlichen Seele kennzeichnen soll. -</p> - -<p> -Die ganze Tragödie des Menschen und des Schriftstellers -Gogol besteht eben darin, daß der romantische -Zug seines Geistes in einen Widerspruch mit seinem -eigenen Schaffen geraten mußte. Er war ein <em>Romantiker</em> -mit allen charakteristischen Merkzeichen dieses Typus. -Er liebte es, sich in einer phantastischen Welt, in einer -Welt der Sehnsucht und Erwartung zu bewegen, d. h. -entweder beschönigte und schmückte er das Leben aus, -indem er es in ein Märchen verwandelte, oder er stellte -es sich vor, wie es gemäß seinen religiösen und sittlichen -Begriffen sein sollte. Er litt furchtbar unter dem -Zwiespalt, der ständig zwischen seinem Traume und dem -klaffte, was er um sich her erblickte, und es gelang -ihm nie, das Gefühl der Qual und des Sehnens durch -eine gesunde Kritik am Bestehenden und Unabwendlichen -zu mildern. Wie alle Romantiker war er verliebt in -jenes Lebensideal, das er sich selbst geschaffen hatte, und -— was die Hauptsache ist — er hielt sich für berufen, -das Herannahen dieses Ideals zu beschleunigen und -seinen endgültigen Triumph auf Erden vorzubereiten. -Er war nicht nur ein <em>träumender</em>, sondern auch ein -<em>kämpfender</em> Romantiker. -</p> - -<p> -Doch bei all seiner romantischen Veranlagung besaß -Gogol eine wundersame Gabe, die das ganze Glück -<a id="page-XVIII" class="pagenum" title="XVIII"></a> -und die Schönheit, und zugleich das ganze Unglück -seines Lebens ausmachte: er besaß die seltene Fähigkeit, -die ganze Erbärmlichkeit, Kleinheit und Prosa, die Gemeinheit -und den Schmutz des wirklichen Lebens zu entdecken -und überall zu erkennen. All jene prosaischen Seiten des -Lebens, die der Romantiker gewöhnlich absichtlich nicht beachtet, -die er übersieht oder übersehen <em>will</em>, sie alle drängten -sich auf Gogols Palette und verlangten gebieterisch nach -einer künstlerischen Verkörperung. Nur selten hat die -Natur einen Menschen hervorgebracht, der von Natur ein -solcher Romantiker und zugleich ein solcher Künstler -in der Darstellung alles <em>Un</em>- und <em>Wider</em>romantischen -war, wie Gogol. Es ist daher ganz natürlich, daß der -Künstler bei einer solchen Spaltung und Zerklüftung -seines Gemüts und einer schöpferischen Begabung zu -schwerem Leiden verurteilt war, und sich nie von dem -harten Zwiespalt zu befreien vermochte, der nur mit -dem Siege <em>einer</em> dieser beiden Seelenkräfte endigen -konnte: entweder mußte das Talent, das Leben in seiner -nackten Prosa darzustellen, im Künstler das romantische -Drängen seiner Seelen ertöten, oder die romantische -Stimmung mußte umgekehrt in ihm die Kraft wahrheitsgetreuer -Widerspiegelung des Lebens durch die Kunst -ersticken und zerstören. -</p> - -<p> -Tatsächlich fand schließlich das Letztere statt: Gogols -großes Talent zur realistischen Lebensschilderung erlosch, -und er verwandelte sich immer mehr in den reinsten -und aufrichtigsten Verkündiger religiöser und sittlicher -Gedanken. Doch vor dem endgültigen Erlöschen leuchtete -dieses realistische Talent noch einmal hell auf, um sich -in den „Toten Seelen“ zum letzten Male in seinem -ganzen Glanze zu entfalten. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-2-3"> -III. -</h3> - -<p class="noindent"> -Dieser Roman ist eine späte Frucht des Gogolschen -Genies. Ein Werk, das erst nach einem langen Kampfe -<a id="page-XIX" class="pagenum" title="XIX"></a> -zwischen den romantischen Neigungen seiner Phantasie -und seiner starken Begabung für die scharfe und treue -Lebensbeobachtung vollendet werden konnte. -</p> - -<p> -Schon in seinen ersten Novellen, den „Abenden am -Weiler bei Dikanka“ (1831-32), machten sich die ersten -Spuren dieses Zwiespalts bemerkbar. In diesen Novellen -trat Gogol als Schilderer kleinrussischen Lebens und der -niederen Volksklasse hervor, zugleich aber als phantasievoller -Poet, der die alten Sagen und Legenden schöpferisch -neugestaltete und belebte. Dieses früheste Werk läßt -ganz deutlich eine Mischung beider Stile erkennen, wobei -freilich der träumerisch-phantastische noch die Oberhand -behält. Selbst die Naturbeschreibungen und die Charakteristik -vieler von den handelnden Personen ist in -diesem Stile gehalten — was Gogol freilich nicht -hinderte, andere Personen und Situationen mit unverfälschter -Schlichtheit und im Geiste einer wahren -und echten Realistik darzustellen. In dieser Vermischung -zweier Stile, wie in dem alternierenden Wechsel von -Frohsinn und Wehmut, Weinen und Lachen, zeigte es -sich deutlich, daß das Schaffen des Dichters noch keine -feste Richtung angenommen hatte, daneben aber kam -darin der innere Kampf zum Ausdruck, der sich schon -damals in des Künstlers Seele abspielte: der Idealismus -des Phantasten vermochte sich nicht zu vertragen mit -der starken Begabung des Realisten, der mit seinem -Blicke die ganze Häßlichkeit und Gemeinheit des Wirklichen -durchdrang, welches er doch selbst in einem andern, -höheren und idealeren Sinne zu erfassen und zu deuten -strebte. -</p> - -<p> -Über diese hohe und ideale Bedeutung des künstlerischen -Schaffens hat Gogol in den ersten Jahren -seiner schriftstellerischen Tätigkeit sehr viel nachgedacht. -Ihn beschäftigte damals ganz besonders das bei den -Romantikern so beliebte Thema von den Leiden, die der -Träumer, der Idealist und der Künstler ganz notwendig -auf sich nehmen muß, wenn ihn das Schicksal schonungslos -<a id="page-XX" class="pagenum" title="XX"></a> -zusammenstoßen läßt mit der häßlichen, unbarmherzigen -Wirklichkeit. Am tiefsten hat Gogol dies Problem -von Zwiespalt zwischen Traum und Leben durchgeführt -in seiner Novelle „Das Porträt“ (1834). -</p> - -<p> -Diese Novelle erinnert inhaltlich ganz an eine Erzählung -von E. Th. A. Hoffmann. Sie behandelt das -Seelendrama eines jungen Künstlers, der Verrat übt -an der echten, reinen und hohen Kunst, sich aus Habgier -in den Dienst der Mode stellt, und zuletzt im Wahnsinn -stirbt, als er erkennt, daß er sein Talent zugrunde -gerichtet hat. Der böse Genius dieses unglücklichen -Künstlers ist ein phantastisches Porträt des Antichristen, -das mit einer so realistischen oder vielmehr naturalistischen -Kunst dargestellt ist, daß ein Teil der Seele -des Antichristen in dieses Bildnis übergegangen ist. -</p> - -<p> -Die Kunst soll dem <em>Ideale dienen</em> und nicht der -<em>Reproduktion des Wirklichen</em> in seiner ganzen -Nacktheit und Häßlichkeit — dies ist der Grundgedanke -dieser Erzählung — deren Moral ebenso durch den -tragischen Tod des Künstlers, der sich der Jagd nach -dem Golde und der Mode ergab, wie aus dem verderblichen -Einfluß des Porträts, zu uns spricht: dieses Porträts, -das das Produkt einer hyperrealistischen Kunst war. -</p> - -<p> -Wie die deutschen Romantiker, so war auch Gogol -von einem hohen, beinahe religiösen Glauben an die -Kunst ergriffen. Aber seine Kunstanschauung vermochte -doch nicht jenen Widerspruch vor ihm zu verhüllen, der -immerdar zwischen der Welt des Traumes und unserm -Leben besteht. Er sah den Abgrund, der zwischen diesen -beiden Welten klafft, beständig vor Augen, und dieser -Anblick hatte für ihn etwas Furchtbares und Schreckenerregendes. -Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu vergessen: -sie liegt in der Erschütterung und in dem Verlust -des seelischen und geistigen Gleichgewichts. Dies -ist das Thema der beiden Erzählungen „Der Newski-Prospekt“ -und „Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen“. -</p> - -<p> -Aber ganz allmählich vollzieht sich im Schaffen Gogols -<a id="page-XXI" class="pagenum" title="XXI"></a> -eine entscheidende Wendung. Er gibt seinem Talente -nach, er unterwirft sich ihm, und geht zur Darstellung -der Realität, der Wirklichkeit über; er beschönigt sie nicht -und idealisiert nicht mehr; er spiegelt sie ab, wie sie ist, -in erster Linie nach ihrer negativen Seite, die ihm von -jeher so stark in die Augen stach. Und nun stößt er -mit dieser gemeinen trivialen und schmutzigen Wirklichkeit -auf dem Felde der Kunst zusammen, und da erhebt -sich vor ihm die ernste Frage, auf die er schon -im „Porträt“ hingewiesen hat: dient die Kunst auch -dann noch ihrer hohen Mission, wenn sie den -Schmutz und das Laster zur Darstellung bringt, und -zwar so natürlich und lebendig zur Darstellung bringt, -daß es fast den Anschein hat, als bleibe ein Stück von -diesem Schmutz und diesem Laster auf dem Kunstwerk -selber haften? -</p> - -<p> -Und doch konnte Gogol seinem Talent auf die Dauer -nicht Widerstand bieten. So kam es, daß er seine -Kunst immer mehr dem Leben annäherte. Diese Annäherung -macht sich besonders stark fühlbar in der -Novellensammlung, die im Jahre 1834 gleichzeitig mit -seinen romantischen Erzählungen erschien, und die den -Namen „Mirgorod“ trägt. -</p> - -<p> -Eine dieser Novellen die „Gutsbesitzer aus der -guten alten Zeit“ ist ein schlichtes Idyll, die Geschichte -zweier zur Neige gehender Menschenleben: ein psychologisches -Essay, von einer Tiefe und Poesie, wie sie von -keiner romantischen Idylle erreicht wird. Die sentimentalen -und romantischen Schriftsteller liebten solche dankbare -Sujets, wie die Erzählung von zwei liebenden -Herzen, die sich inmitten des Friedens der Natur und -fern von allen Lockungen der Kultur zusammenfinden. -Die „Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit“ sind ein -glücklicher Versuch, die romantischen Elemente in -diesem Stoff durch reale und kulturelle zu ersetzen. An -die Stelle der einsamen und wüsten Gegenden tritt hier -ein kleinrussisches Dorf — an die Stelle der blasierten -<a id="page-XXII" class="pagenum" title="XXII"></a> -und enttäuschten Helden und der schwermütigen oder -leidenschaftlichen Heldinnen — ein altes Ehepaar; aber -trotz dieser Schlichtheit und Durchsichtigkeit ist diese -Novelle überall von einer tiefen Wahrheit und Poesie -durchdrungen. Sie stellt in dem Schaffen Gogols einen -der entscheidenden Siege des Realismus’ über die -Romantik dar. -</p> - -<p> -Ein ganz anderer poetischer Horizont tut sich vor -uns in der historischen Erzählung „Taras Bulba“ auf. -Auch hier bemerkt man eine deutliche Wendung von -dem früheren idealisierenden Stil zum Realismus, -natürlich in dem Maße, als dies in einem historischen -Romane möglich ist. Es gibt eine Ansicht, nach der -„Taras Bulba“ Gogols größtes Werk darstellt, und -dieser Wertung fehlt es nicht an einer gewissen Berechtigung. -Der Inhalt dieser Erzählung ist vielleicht -nicht weniger umfassend und vielgestaltig wie der der „Toten -Seelen“; auch hier findet man denselben Reichtum an -den mannigfaltigsten Typen und Episoden, die gleiche -Kraft und das gleiche schnelle Tempo der Handlung. -Die psychischen Regungen und Bewegungen sind im -„Taras Bulba“ vielleicht sogar noch tiefer als in irgend -einem andern Gogolschen Werke, schon aus dem Grunde, -weil die Gefühle und Empfindungen der Helden hier -ernster und komplizierter sind, als die der handelnden -Personen in den „Toten Seelen“. „Taras Bulba“ — -das ist ein heroisches Epos, das einer gewissen Idealität -nicht entbehrt. Es lebt etwas darin vom Geist der alten -Sage, trotzdem aber bleiben die Seelenregungen der -handelnden Menschen stets wahr und frei von jeder -romantischen Überspannung. Die alte Zeit des Saporoger -Kosakentums mit ihrem Kostüm, ihrem häuslichen -Leben, ihren Kriegen und Schlachten, die Beziehungen -zwischen Juden und Polen — das alles ist im „Taras -Bulba“ mit einer wunderbaren Echtheit und Wahrheit -geschildert; dazu kommen die beschreibenden und schildernden -Elemente, die mit großer Geschicklichkeit in die -<a id="page-XXIII" class="pagenum" title="XXIII"></a> -Handlung eingeflochten sind; sie beschweren sie nicht, -sondern verleihen ihr bloß noch mehr Lebhaftigkeit und -Kolorit. „Taras Bulba“ ist in seiner Art eine kleinrussische -<em>Ilias</em>, sowohl was das epische Gleichmaß der -Darstellung und den kriegerischen Geist des Werkes, als -vor allem die strenge Durchführung der Charaktere -und die Plastizität der Episoden anbetrifft. — Soweit -also der Realismus in einer historischen Erzählung als -künstlerisches Element neben dem legendären und der -Archeologie möglich und zulässig ist, ist er in dieser -Epopöe zum Durchbruch gekommen. -</p> - -<p> -Aber so recht heimisch in der realistischen Darstellungskunst -wurde Gogol erst mit der Vollendung seiner berühmten -Komödie: „Der Revisor“ (1836). -</p> - -<p> -Gogol gehört zu jener wenig zahlreichen Dichtergruppe, -die das „russische“ Theater schuf und die -russische Lebenswirklichkeit ungeschminkt und ohne Beschönigung -auf die Bühne brachte. Die Geschichte des -russischen nationalen Theaters hat man von den -Komödien „Von Wisins“ zu datieren. In diesen Stücken -ist das Leben der adligen Gutsbesitzer, der Epoche -Katharinas I., mit genügender Treue geschildert, doch -macht sich hier noch ein Element unliebsam bemerkbar: -das sentimentale Räsonnement. Gleichfalls der Adel, -diesmal aber der städtische Beamtenadel, ist das Milieu, -in dem Gribojedows „Verstand schafft Leiden“ spielt, -diese geniale Satire, aber keineswegs auch geniale -Komödie. Auch hier erscheint die Wahrheit in einer -gewissen Verzerrung: ein Zugeständnis an die literarischen -Traditionen der französischen Vorbilder. -</p> - -<p> -Im „Revisor“ endlich betritt die russische Beamtenwelt -die Bühne. Auf den Gegenstand dieser Komödie -waren die Zuschauer schon in gewissem Sinne vorbereitet -durch eine Reihe von freilich recht farblosen Stücken, -in denen die Schriftsteller des XVIII. und der ersten -Hälfte des XIX. Jahrhunderts die Korruption gegeißelt -und moralische Tiraden gegen die Bestechlichkeit zum -<a id="page-XXIV" class="pagenum" title="XXIV"></a> -besten gegeben hatten. Der „Revisor“ überragt alle diese -Stücke um Haupteslänge, schon deshalb, weil die in -ihm gezeichneten Typen wirkliche lebendige Menschen -waren, denen der Zuschauer jederzeit — wenn auch nicht -allen zugleich, so doch in einzelnen Repräsentanten — -in seiner nächsten Nachbarschaft begegnen konnte. Nach -Gogol war es Ostrowski, der in seinen Dramen den -Kaufmannsstand auf die Bühne brachte und so das -Gemälde des russischen Lebens um einige bedeutsame -Typen bereicherte. Das waren die drei „finsteren Reiche“ — -die Welt des <em>Adels</em>, des <em>Beamtentums</em> und des -<em>Kaufmannsstandes</em>, die von nun ab den Russen von -der Bühne herab an jene dunklen Seiten der Wirklichkeit -mahnten, die er stets zu idealisieren geneigt war. -In letzter Zeit ist diese Reihe noch um ein neues Gemälde -vermehrt und vervollständigt worden — um das Bild der -dunkelen Welt des niederen Volkes: in dem Drama -„Die Macht der Finsternis“ von Tolstoi. -</p> - -<p> -In seiner Komödie schwang Gogol die Geißel des -Spottes über eine ganze Kategorie gesellschaftlicher Mißstände -und Laster, die mächtig in das soziale Leben eingriffen: -er brachte die Dummheit, die Gemeinheit und -Hohlheit der Administration auf die Bühne und strafte -die offizielle Welt, indem er sie dem Spott und Hohn -eines Windbeutels, des hohlsten aller Schwätzer preisgab, -und sie durch ihn brandschatzen ließ. Zu guter -Letzt aber stellte er sie vor ihren gesetzlichen Richter -und sandte ihnen einen Gendarmen, der sie zur Vernunft -bringen sollte. Die Komödie bleibt in ihrem ersten -Akt streng objektiv und sachlich, im letzten freilich drängt -sich die Moral recht deutlich vor. Der Polizeimeister -erscheint in seiner ganzen Dummheit, gibt sich selbst -dem Gelächter und der Verachtung preis und geizt -nicht mit starken Worten zu seiner eigenen Charakteristik. -Der Gendarm erscheint, wie im letzten Akt des -Tartüffe, als der Vertreter des Gesetzes zur Beschwichtigung -und Beruhigung der Zuschauer; er erinnert sie -<a id="page-XXV" class="pagenum" title="XXV"></a> -daran, daß das Auge der Regierung beständig wacht, -auch dann noch, wenn man glaubt, daß es schlafe. -Aber der außerordentliche künstlerische Takt des Dichters -hat es so einzurichten verstanden, daß die Moral die -Wahrheit der Situationen und die Lebendigkeit der Typen -nicht beeinträchtigte. Bis dahin waren es die Zuschauer -gewöhnt, mitten in der Handlung allerhand erhebende -und erbauliche Reden von der Bühne zu vernehmen, im -„Revisor“ aber fehlten diese Reden vollständig. Diese -Komödie war eine völlig neue, originale Tat; sie -paßte in keine der bekannten Formen der dramatischen -Kunst hinein, denn sie war weder eine sentimentale -Komödie, noch eine Posse, noch ein moralisches Schauspiel. -</p> - -<p> -Dieses Werk trug seinem Schöpfer einen großen -Schmerz und viele Enttäuschungen ein, denn es regte -die heftigsten und leidenschaftlichsten Anklagen gegen ihn -auf. Er suchte Rettung und Heilung von seiner geistigen -Schwermut und der Gereiztheit gegen seine Mitbürger -in einer Reise. Dies war das ständige Mittel Gogols, -das er gegen seine Melancholie und gegen seine geistige -Müdigkeit anwandte, und es wirkte in der Tat weit -sicherer und unfehlbarer als alle Medikamente. Diese -Neigung zum Wandern, zum Wechsel des Aufenthaltes -war in seiner romantischen Veranlagung begründet. In -dieser Beziehung hatte er viel Ähnlichkeit mit einem -jener Schwärmer, die von Sehnsucht, Melancholie oder -Grimm getrieben, ihre Heimat verließen, um den Ufern -eines neuen fernen Vaterlandes zuzustreben. Auch -Gogol besaß solch ein fernes Vaterland, obwohl er -Rußland mit einer geradezu abgöttischen Liebe liebte, -und sich unter fremden Menschen nie wohl fühlte. -Er hatte noch eine andere große Liebe: Italien. -</p> - -<p> -Gogol hat oft über seine Leidenschaft für das Wandern -und Reisen gegrübelt, und nach Gründen gesucht, -um sein Nomadenleben zu rechtfertigen; er begründete -sie mit seiner Krankheit, die ihm einen häufigen Wechsel -<a id="page-XXVI" class="pagenum" title="XXVI"></a> -des Klimas zur Notwendigkeit machte, und mit dem -rein geistigen Bedürfnis des Künstlers, der eine Distanz -zwischen sich, den Menschen und dem Leben suchte, -wenn er sie in seinen Werken zur Darstellung bringen -wollte. Zuweilen freilich, wenn er in längeren Abständen -wieder nach Rußland zurückkehrte, fühlte er -etwas wie Gewissensbisse und ein mächtiges Anschwellen -der Liebe zu seiner Heimat; aber diese Gefühle blieben -ohnmächtig gegenüber dem unklaren Drange, der ihn -in die Ferne zog. Seine Seele trug die Spuren jener -Krankheit an sich, die einst zu Beginn des Jahrhunderts -im Westen herrschte, die Menschen von der Heimat -losriß und sie zu fernen Gestaden hintrieb — jene -Krankheit an der ein Byron und ein Chateaubriand -litten, und für die Schubert in seinem Liede „Der -Wanderer“, dem Lieblingslied aller russischen Jünglinge -und Jungfrauen der dreißiger Jahre einen so wundervollen -musikalischen Ausdruck fand. -</p> - -<p> -Allein was Gogol von seiner fünfjährigen Reise im -Auslande (von 1836-1841) mitbrachte, war weder -ein pessimistisches Tagebuch, noch ein sentimentales -Epos. Er brachte den ersten Teil der „Toten Seelen“ -mit: einen Roman oder eine Dichtung, in der der -junge russische Realismus seinen höchsten Triumph feierte. -Es war der letzte Sieg, den Gogol im Felde der Dichtung -erringen sollte. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-2-4"> -IV. -</h3> - -<p class="noindent"> -Während seines Aufenthaltes im Auslande und besonders -in Italien war Gogol sehr fleißig und die -Arbeit ging glatt vonstatten. Es war die Zeit, wo -seine Schöpferkraft in voller Blüte stand. Die romantischen -Neigungen, die noch zum letztenmal in der schönen -Novelle „Rom“ zum Ausbruch gekommen waren, traten -allmählich zurück und machten einer nüchternen, ruhigen -und humorvollen Lebensanschauung Platz. Das sich -<a id="page-XXVII" class="pagenum" title="XXVII"></a> -immer stärker entfaltende Talent des Schilderers, das -zu einer innigen Verschmelzung der künstlerischen Wahrheit -mit der Lebenswahrheit hinstrebte — gewann immer -mehr die Oberhand, was nicht nur in der Zurückstellung -und Aufgabe aller früheren Pläne, die noch im Geiste -des alten romantischen Stils konzipiert waren, zum -Ausdruck kam, sondern auch in der Art wie Gogol -seine älteren Werke umschuf und neu bearbeitete. -</p> - -<p> -In solch einem realistischen Geiste gestaltete Gogol -zu dieser Zeit seine Erzählungen „Das Porträt“ und -„Taras Bulba“ um. Am stärksten und freiesten aber -entfaltete sich diese Kraft des Humoristen und Lebensschilderers, -die in dieser Epoche ihre höchsten Siege über -die sentimentalisch-romantischen Neigungen und Stimmungen -des Dichters feierte, in der Novelle: „Der -Mantel“. Dieses Werk nimmt eine ganz besondere -Stellung in der Geschichte der russischen Literatur ein. -Es ist das zeitlich erste und vielleicht vollkommenste -Beispiel dieser Gattung, die später eine große Verbreitung -fand und eine große soziale Bedeutung gewann. Es ist -eine Seite aus der Geschichte der „Erniedrigten und -Beleidigten“, die unmittelbar nach Gogol Dostojewski -unter seinen besonderen Schutz nahm. Im Westen setzte -dieses Eintreten für die Schwachen und Benachteiligten -durch die Literatur und durch die Tat etwa um dieselbe -Zeit mit dem Wachstum und der raschen Verbreitung -der sozialistischen Ideen ein. In Rußland aber rührte -der erste Versuch, die Gesellschaft für jene große Masse -derer zu interessieren, an denen sie achtlos vorübergeht, -von Gogol her, der ganz unbeeinflußt von den westeuropäischen -Tendenzen in seinem „Mantel“ ein Werk -schuf, das man mit Recht als den Ausgangspunkt und -Ursprung der sogenannten „Anklageliteratur“ in Rußland -erklärt hat. Man muß dabei nur im Auge behalten, -daß in Gogols Erzählung der Protest und die -Anklage sehr abgedämpft erscheinen und mehr durch ein -weiches Gefühl der Teilnahme und des Mitleids ersetzt -<a id="page-XXVIII" class="pagenum" title="XXVIII"></a> -sind. Der Dichter läßt uns mit seinem unscheinbaren -Helden alle wichtigsten Etappen seines Lebens durchleben; -wir besuchen ihn in seiner Dachkammer, wo er langsam -von jedem Rubel Groschen auf Groschen in sein kleines -Büchschen zurücklegt, alljährlich das kleine Häuflein -Kupfergeld nachzählt, um es durch Silbermünzen zu ersetzen, -wo er hungert und friert, die Kerze spart, seine -Kleider auszieht, damit sie nicht zu schnell fadenscheinig -werden, und wo er einsam in seinem Schlafrock dasitzt, -die ewige Idee des Mantels in seinem Geiste tragend; -wir folgen ihm ins Departement, wo man ihn ebensowenig -beachtet, wie eine vorüber schwirrende Fliege, -wo man ihn verspottet, ihm Papierschnitzel auf -seinen Kopf schüttet, wo er jahraus, jahrein hinter -seinem Pulte hockt und die Buchstaben sorgfältig aufs -Papier malt, oder die Akten beiseite legt, die er zu -seinem eigenen Vergnügen kopieren will. Der phantastische -Schluß, den Gogol dieser Erzählung gegeben -hat, ist zwar etwas willkürlich, aber überaus glücklich -erfunden und trägt einen ganz anderen Charakter als -seine früheren phantastischen Erzählungen. Das Phantastische -enthält eine solche starke Beimischung von Spott, -Humor und Fröhlichkeit, daß es fast völlig gegen das -letztere Element zurücktritt und seinen romantischen -Charakter gänzlich einbüßt. Der Autor braucht das -Wunderbare nur um der paar kleinen Genrebilder -willen, mit denen er seine Novelle beschließt. -</p> - -<p> -So stark war Gogols Kunst, wenn er sich von -seiner alten Manier abwandte und seinem scharfen -Beobachtungstalent und seinem Humor freien Lauf -ließ. -</p> - -<p> -Wer jedoch die Kraft und Macht dieser Gabe kennen -lernen will, der muß zu der tragikomischen Dichtung -„Die toten Seelen“ greifen. Hier legt jede Seite -ein beredtes Zeugnis dafür ab. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-2-5"> -<a id="page-XXIX" class="pagenum" title="XXIX"></a> -V. -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Arbeit an den Toten Seelen war für den Verfasser -eine hohe Freude und ein großer Schmerz. Noch -nie hatte er einen so erhabenen Genuß und eine solche -innere Befriedigung empfunden, als in jenen Stunden, -wenn ganze Seiten seiner Dichtung wie von selbst -aus der Feder flossen, und nie hat er so gelitten, als -in jenen langen Jahren, wo er monatelang auf die -ersehnte Inspiration warten mußte. Diese Arbeit hat -Gogol 16 Jahre lang beschäftigt: von 1835, als er die -ersten Seiten des Werkes niederschrieb, bis zum Beginn -des Jahres 1852, als ihm der Tod die Feder aus der -Hand nahm. Von diesen 16 Jahren brauchte er 6: von -1835-1841 — während der er natürlich noch an -andern Dichtungen arbeitete — um den ersten Teil zu -vollenden. Die ihm noch übrig bleibenden 10 Jahre -waren ganz mit Versuchen ausgefüllt, eine Fortsetzung -für sein Werk zu finden. -</p> - -<p> -Nach der Idee des Autors sollten die „Toten Seelen“ -eine „Dichtung“ werden, in welcher Rußland in der -ganzen Mannigfaltigkeit seines staatlichen und sozialen -Lebens, mit all seinen lichten und dunkelen Seiten erscheinen -sollte. Gogol wollte hier in neuer Form das -alte Epos wieder aufleben lassen; daher nannte er wohl -mit bewußter Anspielung auf die Homerischen Gesänge -seinen Roman — ein Poem d. h. eine Dichtung. -Der Gesamtplan des Werkes stand natürlich im Geiste -des Verfassers nicht gleich völlig fertig da, und nahm mit -den Jahren eine recht seltsame Richtung an. Die ruhige, -uninteressierte epische Erzählung verwandelte sich immer -mehr in eine Predigt sittlicher Wahrheiten, und der -Wunsch, Rußland möglichst vollständig nach all seinen -Seiten darzustellen, trat immer mehr hinter dem -Ideal zurück, der ganzen Menschheit eine neue Lehre -zu künden, die die Seele erheben und ihr Leben erhöhen -sollte. -</p> - -<p> -<a id="page-XXX" class="pagenum" title="XXX"></a> -Gogol behielt den Entwurf zu seiner Dichtung für -sich und sprach nur selten und ganz im Allgemeinen -zu seinen nächsten Freunden davon, wie groß und tief -sein Plan war. Die übertrieben stolzen Reden Gogols -über sein Werk erregten die heftigste Opposition unter -seinen Freunden und Bekannten, sie ärgerten und verstimmten -sie. Hätten sie gewußt, wie großartig dieser -Plan des Künstlers tatsächlich war, sie hätten ihm vielleicht -seine Überhebung verziehen, die um so verzeihlicher -war, als Gogol nicht so sehr auf sein Künstlertum -stolz war, als vielmehr darauf, daß er im Besitze -der sittlichen Wahrheit zu sein glaubte, und er fühlte -sich verpflichtet, seinen Nächsten diese Wahrheit zu verkünden, -sobald er dieser hohen Aufgabe würdig geworden -war. -</p> - -<p> -Aber obgleich Gogol den Plan zu seinem Werk geheim -hielt, ist es dennoch möglich, nach gelegentlichen -Äußerungen und Anspielungen, nach seinen Unterhaltungen -mit nahestehenden Personen, sowie nach seinen -Briefen und den Fragmenten des zweiten Teiles, das -Geheimnis des Schriftstellers mit genügender Genauigkeit -zu enthüllen; es ist zugleich das Geheimnis des -Künstlers und Moralisten. -</p> - -<p> -„Gott hat mich erschaffen,“ sagt Gogol einmal, -„und er hat mir nichts von meiner Mission verheimlicht. -Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine <em>Epoche in -der Literaturgeschichte</em> zu begründen. Mein Beruf -ist weit einfacher und naheliegender: er besteht darin, -woran überhaupt jeder Mensch und nicht ich allein vor -allem denken sollte. Mein Gebiet ist die Seele, die -starke, solide Sache des Lebens. Und daher muß auch -mein Handeln und mein Schaffen stark und solide sein.“ -„Die toten Seelen“ sollten in ihrem Gesamtaufbau ein -solch „solides, starkes“ Werk werden, auf das der Mensch -sich zu stützen vermochte, wenn Gewitterstürme über -seine Seele dahinbrausten, sie sollten der Katechismus -seiner Rettung sein. Diese Dichtung sollte dem -<a id="page-XXXI" class="pagenum" title="XXXI"></a> -Menschen ein Führer zu seiner sittlichen Wiedergeburt -werden, wie es für den Verfasser ein reinigendes Gebet -war, nach seiner geistigen und seelischen Erleuchtung, -und nachdem er Buße getan hatte für seine eigenen -Sünden. -</p> - -<p> -Wie aber hatte dem Dichter eine solche Idee kommen -können? -</p> - -<p> -Gogol war von Natur sentimental veranlagt, -er liebte es, zu belehren und zu predigen. Dieser moralisierende -Ton findet sich schon in seinen frühesten -Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den -Knaben bewegten, sondern auch von dem lyrischen -Schwung seiner Seele. Diese Lyrik in seinem Fühlen -und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen Novellen, -und so finden wir in diesen ersten Erzählungen -neben einem unschuldigen Frohsinn und Humor eine -starke melancholische Note; den Schmerz über die vielen -traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben Maße, -als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der -Dichter immer stärker von dem Gedanken ergriffen, er -sei berufen, etwas ganz Großes zu erschaffen, und so -kam es, daß ihn die sittlichen Tendenzen immer mächtiger -erfüllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten -Aufführung des „Revisor“ überzeugte er sich, daß er -wirklich die Kraft zu einer sittlichen Einwirkung auf die -Masse besaß, und von da ab war er entschlossen, diese -Kraft in den Dienst einer großen Sache zu stellen und -die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten -zu verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser -Macht noch nicht bewußt war, träumte er davon, etwas -Großes zu leisten, der Wohltäter und Lehrer seiner -Nächsten und ein Held und Kämpfer für das Vaterland -zu werden. Um diese hohe Mission durchzuführen, -setzte er seine ganze Hoffnung auf sein Talent und begann -nach einer seiner würdigen Aufgabe d. h. nach -einem großen und bedeutenden Stoff zu suchen, der -seinem Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen -<a id="page-XXXII" class="pagenum" title="XXXII"></a> -Gestaltung zu einer wirklichen Wohltat für die Nächsten -werden sollte. -</p> - -<p> -So konnte die Anekdote von dem Kauf der -„toten Seelen“ schnell ihren komischen Charakter verlieren -und sich in einen Gegenstand verwandeln, für den -der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen -passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte -Gogol von nun ab die ganze Kraft seines Lyrismus, -in ihm wollte er der Macht seiner eigenen sittlichen -Überzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen -Stoff ständig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn -bis zu der Höhe jenes „großen Gegenstandes“ emporzuheben, -nach dessen Gestaltung er sich sagen konnte: -das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frühesten -Jugend träumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, daß -eine solche Umformung einer schlichten Anekdote zu einer -grandiosen Idee nur langsam und allmählich vor sich -gehen konnte, und daß der Autor selbst bei Beginn -seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt -sie bei ihrer Vollendung annehmen werde. -</p> - -<p> -Neben dieser <em>ethischen</em> Tendenz gewann auch die -<em>patriotische</em> Absicht des Dichters einen mächtigen Einfluß -auf die Dichtung. Gogols Patriotismus hatte mit -den Jahren bedeutend zugenommen, und als der Dichter -an die Ausführung seines Planes ging, hatte sich seine -Liebe zum Vaterland bereits zu einer stark <em>konservativen</em> -Weltanschauung mit einer ausgesprochenen -religiösen Färbung zusammengeschlossen. Und dieser -Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den -Weg zur Wahrheit zu weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung -stecken, sondern erstarkte noch mehr in dem -Maße, als der Dichter an der ständigen Erweiterung -und Vertiefung seines Werkes tätig war. Gogol mußte -in seinem Roman über Rußland sprechen, und er hat -seinem Vaterlande, besonders im ersten Teil, manch -bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung -seiner Dichtung dachte, ließ er uns seine Heimat -<a id="page-XXXIII" class="pagenum" title="XXXIII"></a> -nur von „einer Seite“ sehen, und noch dazu von ihrer -allerunansehnlichsten. Der Held des Romans und alle -Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen -von einer geradezu erbärmlichen Hohlheit. Sie so zu -lassen — das bedeutete grausam und herzlos gegen das -eigene Vaterland verfahren, das hieß über seine guten -Seiten, hieß über alle Russen schweigen, die einen Anspruch -auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer -wachsende Liebe zum Vaterlande verpflichtete ihn, seinen -Mitbürgern in seiner Dichtung auch ein Wort der -Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. -Je mehr sich der Rahmen der Erzählung erweiterte, um -so drängender empfand er diese Verpflichtung. Und -Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur Verherrlichung -Rußlands und zur Bewunderung der russischen -Tugenden fort. Er wollte ihnen einen gebührenden -Platz in seiner Dichtung einräumen und spielte schon -im ersten Teil des Romans darauf an. Er wußte, daß -der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der -<em>besten</em> Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; -indem er diesem Wunsche entgegenkam und seinem eigenen -patriotischen Gefühl Folge leistete, fing er an, nach neuen -positiven Typen für sein Werk zu suchen und seine -Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner -früheren Werke emporzustimmen. -</p> - -<p> -Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan -der Dichtung. Einen kaum geringeren, wenn nicht -noch stärkeren Einfluß auf des Dichters Schaffen gewann -die religiöse Stimmung, die Gogol mit jedem Jahre -immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande -entstand ihm die Überzeugung von der besonderen -Mission, die er zu erfüllen habe. Ihn beseelte -ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme -an ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches -Schaffen steigerte sich in seinen Augen bis zu einer Art -Gottesdienst, und so ist es nur natürlich, daß er sein -Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten -<a id="page-XXXIV" class="pagenum" title="XXXIV"></a> -begann, eine Pflicht, für die sich der Mensch lange kräftigen -und stählen muß, wenn er die große Aufgabe erfüllen -will, die Gott in seine Hände gelegt hat. Gogol begann -sich auf seine schriftstellerische Aufgabe durch Fasten -und Gebet vorzubereiten; er „arbeitete ständig an sich -selbst“, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, -was er für unheilig und sündhaft hielt, und er richtete -all seine Gedanken auf seine sittliche Wiedergeburt; nur -mit reinem Herzen und einem verklärten Gemüt glaubte -er seine hohe Sendung erfüllen zu können, und diese -Stimmung fand natürlich auch ihren Ausdruck in seiner -Dichtung. Diese sollte zu einer sittlichen Predigt werden, -die sich an die Mitbürger und Mitbrüder wendete, und -zu einem Akt der Reinigung von den eigenen Sünden. -</p> - -<p> -So verschmolz für Gogol die schriftstellerische Aufgabe -mit der eigensten Sache seines Herzens. Seine -Dichtung wurde für ihn zu einem reinigenden Opfer. -Die Sünden, von denen er in ihr sprach, forderten -Sühne und Ahndung — die Sünden seiner <em>Helden</em>, -wie seine <em>eigenen</em>. Sein Werk verwandelte sich in -die Geschichte der Verklärung und Erleuchtung einer -sündhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe -mystische Bedeutung an — einen ähnlichen Sinn wie -das große Epos Dantes, das Gogol stets mit ehrfürchtiger -Bewunderung las. -</p> - -<p> -Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der -aus der Finsternis zum Licht, aus der Hölle zum Himmel -emporsteigt, der Gedanke, seine Helden mit sich emporzuziehen, -sie durch Reue und Buße aus sündigen -zu, wenngleich nicht <em>heiligen</em>, so doch <em>edlen</em> und -<em>sittlichen</em> Menschen zu machen, ergriff und erschütterte -die Seele des Dichters aufs tiefste. Dieser Gedanke -sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur -Ausführung kommen, aber Gogol kam nie über das -Nachdenken und Entwerfen hinaus, und überantwortete -schließlich das, was er davon niedergeschrieben hatte, -den Flammen. So ist denn alles, was uns in vollendeter -<a id="page-XXXV" class="pagenum" title="XXXV"></a> -und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, -nur der erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom -Sündenfall des Russen, die Erzählung von seinen Lastern, -seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und Gemeinheit. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-2-6"> -VI. -</h3> - -<p class="noindent"> -Wenn wir jene Stellen in den „Toten Seelen“, wo -der Verfasser auf den geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung -und auf die folgenden Teile hindeutet, d. h. alle -lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter selbst das -Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaßen die -direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung -des „Revisors“. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in -seiner Wahrheit erschütterndes Bild russischen Lebens dar. -Die handelnden Personen im „Revisor“ waren Beamte, -zu denen sich in den „Toten Seelen“ noch Gutsbesitzer -und <a id="corr-0"></a>Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint -hier unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen -Regungen und Bewegungen der Helden des „Revisors“ -waren noch wenig differenziert und nicht sehr vielgestaltig -— ganz anders verhält es sich in den „Toten -Seelen“, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, -voll starker Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie -charakteristischer Typen rollt sich vor uns auf, und jede -dieser Typen zeigt eine scharfe ausgesprochene Physiognomie, -die von der ersten bis zur letzten Seite der Dichtung -unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, -die wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, -lebt und bewegt sich der Held: Pawel Iwanowitsch -<em>Tschitschikow</em>; ihn verbindet kein engeres Band mit -der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von -außen hereingeschneit wie <em>Chlestakow</em> im „Revisor“. -Dieser Held ist vom Autor mit besonderer Liebe und -Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das sich -alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Führer -in diesem Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern -<a id="page-XXXVI" class="pagenum" title="XXXVI"></a> -und Beamten, von denen jeder einzeln und für sich genommen -so unendlich komisch und lächerlich wirkt, und -die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen -Eindruck hervorrufen. -</p> - -<p> -Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr -gnädig verfahren. Es ist keine Frage, daß Tschitschikow -ein Mann von recht zweifelhaften moralischen Qualitäten, -einer dunklen Vergangenheit und einer recht unerfreulichen -Aktualität ist. Als Mensch und Bürger ist er ein -Gauner und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, -als Persönlichkeit der typische Repräsentant einer sehr -weit verbreiteten Durchschnittsmoral, die in ihrem tiefsten -Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber selber lebt -und leben läßt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit -dieser kühlen und unbefangenen Charakteristik dieses so -liebenswürdigen und höflichen Räubers begnügt; er erzählt -uns die ganze Geschichte seiner Jugend, er erklärt -uns, wie in Tschitschikow diese räuberischen Instinkte -entstehen konnten, und läßt uns darüber nachsinnen, ob -die ganze Verantwortung für die Spitzbübereien und -Gaunereien seines Helden wirklich auf Tschitschikow allein -fällt, oder ob nicht die größere Hälfte seiner Schuld -auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs, abgewälzt -werden muß. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so -weit, daß er dem Leser geradezu die Frage vorlegt: -„Ist Tschitschikow denn tatsächlich ein solcher Lump?“ -Und er fährt fort: „Warum gleich ein Lump? Warum -sollen wir so streng gegen unsere Nächsten sein? — Er -ist einfach das, was man einen guten <em>Wirt</em> und ein -<em>Erwerbsgenie</em> nennt.“ -</p> - -<p> -Der <em>Erwerbstrieb</em> trägt die Schuld an allem: -er ist die Ursache, daß Dinge geschehen, die die Welt -als nicht ganz sauber bezeichnet. Tschitschikow ist das -Opfer seiner Leidenschaft „und es gibt Leidenschaften, -deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt“. -</p> - -<p> -Wenn es aber möglich war, schon für Tschitschikow -soviel mildernde Umstände geltend zu machen, so war -<a id="page-XXXVII" class="pagenum" title="XXXVII"></a> -dies noch leichter bei seinen Freunden und Bekannten, -die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren. Und in -der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit großer -Milde; vor allem gegen die Adligen, die er mit noch -größerer Nachsicht behandelt, als die Beamten. Freilich -sind auch sie lauter hohle, armselige, elende Menschen, -aber eine besondere Entrüstung und eine allzu große -Empörung regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl -über sie, wir bemitleiden sie, aber schließlich würden auch -wir mit ihnen leben können, ohne daß uns allzu große -Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. -Was ließe sich schließlich gegen den so vertrauensseligen -und gutmütigen Manilow einwenden, der stets bei jedem -nur die besten Absichten voraussetzt? Ja, selbst ein -Sabakewitsch läßt sich fast ertragen: dieser grobe und -ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder -durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die -übrigens für seine Nächsten völlig unschädlich sind. -Auch Pljuschkin und Korobotschka verdienen eher unser -Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst, der -die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die -Armseligkeit ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt -sich, den Leser vor einer voreiligen Verurteilung dieser -beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin in der glücklichsten, -schon weit zurückliegenden Zeit seines Lebens, und -wir verstehen, daß ein Unglücklicher vor uns steht, der -ein Opfer der Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu -kämpfen vermag. Der Dichter spricht mit tiefem Schmerz -von der Erbärmlichkeit, Kleinheit und Häßlichkeit, bis -zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf -diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den -weisen Rat, wenn wir aus dem weichen, zarten Jugendalter -hinaustreten in das strenge verhärtende Mannesalter, -uns mit einem möglichst großen Vorrat von Begeisterung -und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs -nicht leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht -uns mit diesen lebendigen Leichen, und doch spricht er -<a id="page-XXXVIII" class="pagenum" title="XXXVIII"></a> -stets in einer Weise von ihnen, daß sie nicht Abscheu -hervorrufen, sondern uns eine Träne des Mitleids entlocken. -Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit, -Spitzbüberei und Zynismus, hat Gogol -etwas so Gutmütiges und von jeder Böswilligkeit Freies -verliehen, daß er uns beinahe völlig entwaffnet und die -Fähigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zürnen. -</p> - -<p> -So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all -jenen Personen, die er mit seinem Helden zusammenführte, -d. h. mit jener Klasse von Freien, die keine -eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit -strenger gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein -Amt im Staate bekleideten, mit andern Worten, wenn -sie Beamte waren. -</p> - -<p> -Wie der „Revisor“, so enthalten auch die „Toten -Seelen“ keine Spur von einer politischen Anspielung. -Die Satire berührte auch nicht mit einem Wort die -höhere Obrigkeit und setzte sich bloß mit den niederen -Klassen des Beamtenstandes auseinander. -</p> - -<p> -Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten -Gesinnung dar und daher konnte sie auch den Leser zu -keinerlei Betrachtungen veranlassen, die sich <em>gegen</em> die -Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme -etwa der schicksalsreichen „Geschichte vom Hauptmann -Kopeikin“, die der Zensor durchaus nicht freigeben wollte, -und die erst nach bedeutenden Änderungen und Zugeständnissen -seitens des Autors die Zensur passierte. -Diese Geschichte war die einzige gegen die souveräne -Gewalt gerichtete Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. -In allen andern Fällen wählte er sich bloß die ausführenden -Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe, wobei -er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und -Stellung seiner Helden abstufte. Je höher ein Beamter -stand, um so milder beurteilte ihn der Verfasser, welcher -freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung durchaus -nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der -Erwägung leiten ließ, daß ein hohes Maß von Intelligenz -<a id="page-XXXIX" class="pagenum" title="XXXIX"></a> -den Menschen auch zu einer höheren Sittlichkeit -verpflichte. -</p> - -<p> -So sind denn in den „Toten Seelen“ alle höheren -Beamten, selbst abgesehen vom Generalgouverneur und -vom Gouverneur, lauter ehrenwerte und liebenswürdige -Männer, die höchstens ein paar Seltsamkeiten oder Eigenheiten -an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft -gibt dem Moralisten nur wenig Anlaß zur -Betrübnis, ja, er könnte sich nach Gogols Ausdruck -unter ihnen ganz wie zu Hause fühlen. -</p> - -<p> -Aber das Bild wechselt jäh und mächtig, wenn wir -aus dem Kreise dieser relativ hochgestellten Provinzbeamten -in die niederen Sphären hinabsteigen und zusammen -mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten bevölkerten -Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier -befinden wir uns im Reiche der Akten, der schmutzigen -und der sauberen, innerhalb dessen Unrecht und Bosheit -einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind zugegen -bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel -Umstände unter den gerade anwesenden, größtenteils -ungebildeten Gerichtsbeamten ausgewählt werden; wir -sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstück die Sanktion -des Gesetzes erhält, wobei dem letzteren aus reiner -Liebenswürdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen -Gebühren abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise -einem andern Bittsteller aufs Konto gesetzt werden ... -mit einem Wort, wir befinden uns mitten in einer Gesellschaft -von wirklichen Gaunern und Betrügern, denen -jede Spur von Sentimentalität, welche ihre Vorgesetzten -auszeichnete, fremd ist, und die einem nüchternen illusionslosen -Utilitarismus huldigen. -</p> - -<p> -Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus -der Stadt auf das Land begeben, so treffen wir hier -schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken, wie z. B. -auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann -mit dem weichen und zärtlichen Herzen, der alle Dörfer -heimsucht und sie wie eine verheerende Epidemie durchstreift, -<a id="page-XL" class="pagenum" title="XL"></a> -wofür er dann schließlich auch von den Bauern -ins Jenseits befördert wird. Diese Seite, die uns von -den Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die -kühnste in der gesamten Dichtung. -</p> - -<p> -Der erste Teil der „Toten Seelen“ ist somit tatsächlich -eine Epopöe der menschlichen Erbärmlichkeit und -Nichtigkeit. Erbärmlich ist dieser <em>Erwerbsritter</em> mit -dem Instinkte des Raubtieres, erbärmlich und armselig — -diese ganze Stadtgesellschaft, Männer wie Frauen — -erbärmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, -dieses prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschränktheit, -dieser Klatsch und diese Verleumdung. Am -charakteristischsten aber ist es wohl, daß auch der <em>Bauern</em>stand, -von dem der Autor nur ganz kurz und bei Gelegenheit -handelte, in den „Toten Seelen“ vorzüglich nach -seiner unansehnlichen und erbärmlichen Seite dargestellt -ist. Der Bauer ist weder schlecht noch tugendhaft, weder -gut noch böse, sondern nur armselig, beschränkt und -stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen Verstand, -noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele -sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols -Zeitgenossen taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht -machen, wie das wohl der Satiriker getan hätte, der -die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Sünden und Laster -unserer ärmeren und schwächeren Mitbrüder lenken will, -um sein Nachdenken und sein Interesse für sie zu wecken. -</p> - -<p> -Daß der Dichter ein herzliches Mitgefühl für diese -seine Mitbrüder hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein -kurzer Einblick in die Betrachtungen, die Tschitschikow -über das Schicksal der von ihm gekauften Bauern anstellt, -genügt, um sich zu überzeugen, daß sich der Dichter -in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre -Herrn nach ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis -ausgestellt hatten, in lebhaften Farben ausmalte. Aber -jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem Wege einem -Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hören außer -dem törichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel -<a id="page-XLI" class="pagenum" title="XLI"></a> -Minaj. In der ganzen Dichtung findet sich auch nicht -eine Seite, wo der russische Bauer etwas von dem ihm -angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spüren läßt, -wo er uns durch jene geistigen und seelischen Fähigkeiten -erfreut, von denen alle Freunde des Vaterlandes uns -so oft und sicherlich nicht ohne Grund zu erzählen wußten. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-2-7"> -VII. -</h3> - -<p class="noindent"> -Dies ist in seinen wesentlichen Zügen der Inhalt des -<em>ersten</em> noch erhaltenen Teils dieser großen Vaterlandsdichtung. -Wie wir sahen, hatte dieses Werk für seinen -Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen; es war -seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften -und erbärmlichen Menschen vorzuführen, um uns -dann ein schönes Bild ihrer Erhebung zu geben; diese -Dichtung war in den Augen des Autors eine an sein -Vaterland gerichtete Verheißung, daß es sich einst von -allem Häßlichen und Schmutzigen reinigen und der -göttlichen Liebe würdig erweisen werde. Dieser ethische -Sinn seines Werkes wurde Gogol durch seine religiösen -Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches, -mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, daß Gogol als -Ankläger des Lasters, der Schwäche, der Gemeinheit, -der Trägheit und Indolenz, mit einem Wort, aller nur -möglichen persönlichen und sozialen Schäden, einer der -fortgeschrittensten russischen Männer gewesen ist, und -dieses hohe Verdienst um das Vaterland vermag ihm -niemand zu entreißen oder zu schmälern. -</p> - -<p> -Aber bei einer näheren Bekanntschaft mit seinen -Werken überzeugt man sich leicht, daß seine Kraft und -sein Talent nicht allein in der Anklage und Geißelung -bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher, -milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wußte gegen -dieselben Menschen gerechte Nachsicht zu üben, die er in -seinen Werken an den Pranger stellte. Er fand Worte -der Vergebung und Rechtfertigung noch für den Lasterhaftesten, -ja er liebte es eigentlich gar nicht, von -<a id="page-XLII" class="pagenum" title="XLII"></a> -Lastern zu sprechen und zog es vor, sie Schwächen zu -nennen, wobei er den Leser stets zur Milde gegen die -Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte. Er -brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit. -Nicht sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten -und ihrer Sünden, als vielmehr dadurch, daß er in ihnen -das Mitleid für ihre Nächsten weckte, die durch eigene -oder fremde Schuld ins Unglück geraten waren. -</p> - -<p> -Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, -die die große Bedeutung der „Toten Seelen“ -für die Literatur und das Leben Rußlands ausmachen. -Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser erlebte -nichts von den kühnen Verheißungen des Dichters. -Der Leser behielt nichts in seiner Hand zurück, als eine -große Anklageschrift gegen die Gesellschaft, in der er -lebte, eine Anklageschrift freilich, die von der Hand eines -Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines großen -realistischen Künstlers stammte. -</p> - -<p> -Die „Toten Seelen“ sind das erste Muster eines großen -realistischen Romans in der Literatur Rußlands, und das -Schicksal, das oft sein ironisches Spiel mit den Menschen -treibt, wollte es, daß dieses große Vorbild eines -realistischen Romans von einem Romantiker und von -einem Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn -mit einem romantischen Traum begann -und sie mit einer religiösen Predigt beschloß. -</p> - -<p> -Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares -Talent in die Wiege gelegt, er besaß wie kein -anderer die Fähigkeit einer reinen, ungeschminkten, von -jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung — und -in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt -erreichte, um schnell und für immer zu erlöschen, -erschuf der Dichter dieses großartige Gemälde -von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum erstenmal -sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde -von verblüffender Treue erblickte. -</p> - -<p class="sign"> -<b>Nestor Kotljarewski.</b> -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<span class="line1">Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows</span><br /> -<span class="line2">oder</span><br /> -<span class="line3">Die Toten Seelen.</span><br /> -<span class="line4">Erster Teil</span> -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-1"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -Erstes Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">urch</span> das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt -N. N. rollte ein schmucker, leicht federnder, kleiner -Wagen, wie ihn gewöhnlich Junggesellen zu benutzen -pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D., Majore, -Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. — mit -einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene -Herren mittleren Ranges nennt. Im Wagen saß -ein Herr von nicht gerade überwältigender Schönheit, aber -doch von angenehmem Äußeren; er war weder allzu dick -noch allzu dünn, man konnte nicht sagen, daß er alt war, -doch war er andererseits auch nicht übermäßig jung. -Seine Ankunft erregte in dem Gasthofe nicht das -geringste Aufsehen und war von keinerlei besonderen -Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der Türe -der dem Gasthof gegenüberliegenden Schenke standen, -machten ein paar Bemerkungen, die sich noch dazu -mehr auf das Gefährt, als auf den Insassen bezogen. -„Sieh dir mal das Rad an,“ sagte der eine zum andern. -„Was meinst du? Würde es wohl zum Beispiel bis -Moskau halten, oder nicht?“ — „Gewiß,“ antwortete -der andere. „Aber bis Kasan wird es wohl nicht halten, -denk ich.“ — „Bis Kasan wohl kaum,“ versetzte der -andere. Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als -dann der Wagen vor dem Gasthofe hielt, ging noch ein -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -junger Mann vorüber. Er trug kurze, sehr enge weiße -Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte -und unter dem ein Vorhemd hervorguckte, das eine -Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form einer bronzenen -Pistole schmückte. Der junge Mann drehte sich um, -sah sich den Wagen an, während er seine Mütze, die -der Wind fortzublasen drohte, mit der Hand festhielt, -und ging seiner Wege. -</p> - -<p> -Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr -von dem Kellner oder Aufwärter, wie man sie in den -russischen Schenken zu nennen pflegt, empfangen, einem -so lebhaften und beweglichen Wesen, daß es ein Ding -der Unmöglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszügen -zu gewinnen. Gewandt und sicher kam er mit der -Serviette in der Hand herausgelaufen, ein hoch aufgeschossener -Bursche in einem langen baumwollenen Rock, -dessen Taille beinahe in der Höhe des Nackens saß, -schüttelte seine Mähne und führte den Herrn flink durch -den langen hölzernen Flurgang, um dem Reisenden das -ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. — Das -Zimmer war eins von der bekannten Art; denn auch der -Gasthof war einer von der bekannten Art, wie nämlich alle -Gasthöfe in den Provinzstädten sind, wo die Reisenden für -zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit -Schwabenkäfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, -und mit einer Kommode vor der Tür, die ins anstoßende -Gemach führt, in dem der Nachbar wohnt, ein -stiller, schweigsamer, aber äußerst neugieriger Mann, der sich -aufs lebhafteste für den Reisenden und alle Einzelheiten -seiner Person interessiert. Die äußere Fassade des Gasthofes -entsprach durchaus dem Innern: sie war sehr -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war nicht -geweißt und ließ noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen, -die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen -Witterungsumschläge noch mehr nachgedunkelt waren. -Die obere Etage war gelb angestrichen, wie überall. -Unten waren Läden, wo Pferdegeschirr, Bindfaden und -Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger -im Fenster des Ladens saß ein Sbitenverkäufer<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> mit einem -Samowar aus Kupfer und einem Gesicht, das ebenso -kupferrot war wie sein Samowar, sodaß man aus der -Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster ständen zwei -Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen -Bart gehabt hätte. -</p> - -<p> -Während der Reisende sich noch sein Zimmer näher -ansah, wurde sein Gepäck hereingetragen. Zunächst ein -etwas abgenutzter Koffer aus weißem Leder, dem man -es ansah, daß er nicht zum erstenmal eine Reise machte. -Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen -Mann in einem kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha -hereingebracht. Letzterer war ein Bursche von etwa -dreißig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock, -der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte -einen etwas strengen und mürrischen Eindruck und hatte -große dicke Lippen und eine ebensolche Nase. Nach dem -Koffer wurden ein kleines Kästchen aus Mahagoni mit -eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, -ein Paar Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, -das in blaues Papier eingewickelt war. Als -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -alles besorgt war, begab sich der Kutscher Seliphan in -den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen -machte, während sich der Lakai Petruscha in dem kleinen -Vorzimmer einrichtete, einem finstern Loche, wohin er -aber schon seinen Mantel und zugleich mit diesem einen -merkwürdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm -eigentümlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem -Sack mit allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, -den er gleich darauf hereinschleppte. In dieser Kammer -stellte er an der Wand ein enges dreibeiniges Bett auf -und legte einen Gegenstand darauf, der einer Matratze -ähnlich sah, flach und zusammengedrückt wie ein Pfannkuchen -und vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte -sich das Ding von dem Gastwirte geben lassen. -</p> - -<p> -Während die Diener mit der Einrichtung beschäftigt -waren, begab sich der Herr in den Salon des Gasthofes. -Jeder Reisende weiß aus Erfahrung, wie so ein Salon beschaffen -zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe gestrichenen -Wände, die oben vom Rauche geschwärzt und -tiefer unten wie poliert sind durch die Rücken der Reisenden -und mehr noch durch die der einheimischen Kaufleute, die -an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch hierher kommen, -um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe -rauchige Decke, derselbe geschwärzte Kronleuchter mit einer -Unzahl herabhängender Glaskristalle, die jedesmal herumhüpften -und klirrten, wenn der Kellner über den abgeriebenen -Läufer von Wachstuch sprang und dabei gewandt -das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von -Teetassen ruhte, wie Vögel am Meeresstrande; dieselben -Ölgemälde, die eine ganze Wand einnahmen, -mit einem Wort: es war alles wie überall, höchstens -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -mit dem Unterschied, daß auf einem der Bilder -eine Nymphe mit so gewaltigen Brüsten dargestellt war, -wie sie der Leser noch nicht gesehen hat. Übrigens begegnet -man ähnlichen Naturspielen auf vielen historischen -Gemälden, von denen man nicht weiß, woher sie, wann sie -und von wem sie zu uns nach Rußland gebracht wurden; -mitunter freilich waren es unsere vornehmen Würdenträger -und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf -Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr -warf seine Mütze hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes -Halstuch ab, wie es unsere Ehefrauen ihren -Gatten eigenhändig zu häkeln pflegen, wobei sie stets -noch allerhand nützliche Lehren hinzufügen, wie das Tuch -umgelegt werden muß; wer sie dagegen den Hagestolzen -anfertigt, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, -Gott weiß es, ich habe nie ein solches Halstuch getragen. -Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt -hatte, bestellte er sich ein Mittagessen. Während -die verschiedenen Speisen, die einem gewöhnlich in den -Gasthöfen vorgesetzt werden, aufgetragen wurden, als da -sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Blätterteig, die -wochenlang für die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten -werden, ferner Hirn mit Schoten, Würstchen mit -Kraut, eine gebratene Pularde, eine saure Gurke und -das unvermeidliche jederzeit vorrätige Splittertörtchen; -während also dies alles aufgetragen wurde, aufgewärmt -oder kalt, ließ er sich von dem Diener oder -Kellner allerhand törichte Geschichten erzählen: wer -den Gasthof früher besessen habe, wer sein jetziger -Besitzer sei, wie groß die Einnahmen seien, ob der -Herr ein großer Hallunke sei usw., worauf der -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Kellner die gewohnte Antwort gab: „Oh! ein großer -Spitzbube! gnädiger Herr!“ Wie in dem aufgeklärten -Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklärten Rußland -eine Menge höchst ehrenwerter Leute, die es nicht -über sich bringen, in einem Gasthaus zu speisen, ohne -mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm -ihre Scherze zu treiben. Übrigens stellte der Ankömmling -nicht nur sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch -ganz genau nach dem Gouverneur, nach dem Gerichtspräsidenten -und Staatsanwalt der Stadt — mit einem -Wort: er überging auch nicht einen von den hohen Beamten; -und mit fast noch größerer Ausführlichkeit erkundigte -er sich nach allen bedeutenden Großgrundbesitzern -der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von -ihnen habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar -was er für einen Charakter habe und wie oft er in die -Stadt komme; er fragte genau nach den Zuständen, die -im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht -Krankheiten oder Epidemieen, wie tödlich verlaufende -Fieber, Blattern u. s. f. gegeben habe, und dies alles tat -er mit einer Peinlichkeit und Ausführlichkeit, die weit -mehr als bloße Neugierde erkennen ließ. Im Betragen -des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte -er sich ungewöhnlich laut. Es läßt sich kaum sagen, wie -er das machte, jedenfalls tönte seine Nase dabei gleich -einer Trompete. Aber dieser scheinbar so harmlose und -unbedeutende Vorzug eroberte ihm die Hochachtung des -Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm, -seine Mähne schüttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen -Kopf etwas von seiner Höhe herabsinken ließ und fragte: -„Wünschen der Herr vielleicht etwas?“ Nach dem Essen -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -trank der Herr eine Tasse Kaffee und ließ sich auf dem -Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rücken, -das in den russischen Gasthäusern statt mit weicher Wolle -mit einem Etwas gestopft wird, das die größte Ähnlichkeit -mit Kieseln oder Ziegelsteinen hat. Er begann -zu gähnen und ließ sich in sein Zimmer führen, wo er -sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern. -Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des -Kellners seinen Stand, Vor- und Familiennamen auf -einen Papierfetzen, damit diese, wie sich’s gehört, der -Polizei mitgeteilt werden könnten. Als der Kellner die -Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen: -„Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, -Gutsbesitzer, reist in eigenen Angelegenheiten.“ Während -der Kellner den Zettel noch immer zu entziffern suchte, -verließ Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof, um -sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden -Eindruck auf ihn machte; denn er fand, daß sie sich -durchaus mit jeder andern Provinzhauptstadt messen -konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das bescheidene -Dunkelgrau der hölzernen Häuser fielen besonders ins -Auge. Die Häuser hatten ein, zwei oder anderthalb -Stockwerke, mit den stereotypen Mansarden, die wohl -nach der Ansicht der dortigen Architekten besonders -schön waren. Stellenweise schienen diese Häuser wie -verloren inmitten der Straße, die breit wie ein -Feld war, und zwischen den Bretterzäunen, die gar -kein Ende nehmen wollten; an andern Punkten dagegen -stießen sie eng aneinander, und hier machte -sich auch mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie -und da sah man vom Regen verwaschene Schilder, auf -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder <a id="corr-3"></a>ein Paar blaue -Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte: -Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschäft, mit -Mützen und Hüten und einem Schild mit der Inschrift: -„Der Ausländer Wassili Fjodorow.“ Auf einem dieser -Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in -Fräcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gäste -zu tragen pflegen, die im letzten Akte auf der Bühne -erscheinen. Die Spieler waren in der Stellung dargestellt, -wo sie mit den Queues gerade zum Stoße ausholen, -mit ein wenig zurückgezogenen Armen und gekrümmten -Beinen, als ob sie soeben einen Luftsprung gemacht hätten. -Unter diesem Bilde befand sich die Inschrift: „Hier ist -eine Schenke!“ Hie und da standen unter freiem Himmel -auf der Straße Tische mit Nüssen, Seife, und Honigkuchen, -die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter -befand sich eine Garküche, auf deren Aushängeschild ein -mächtiger Fisch abgebildet war, in dem eine Gabel steckte. -Am häufigsten aber begegnete man den zweiköpfigen -schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die -lakonische Inschrift: „Ausschank“ ersetzt sind. Das Pflaster -war überall ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen -Blick in den städtischen Garten, der aus ein paar -dünnen Bäumchen bestand, welche offenbar sehr schlecht -fortkamen und unten von Pfählen gestützt wurden, die -ein Dreieck bildeten und mit grüner Ölfarbe angestrichen -waren. Übrigens hieß es von ihnen in den Zeitungen, -obwohl sie kaum Schilfhöhe erreichten, bei Beschreibung -einer Illumination: „Dank der Fürsorge unseres Zivilgouverneurs -ward unsere Stadt durch einen Garten -voller breitkroniger, schattenreicher Bäume verschönt, die -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -an heißen Sommertagen angenehme Kühle spenden.“ -Weiterhin hieß es: „Es sei rührend anzusehen, wie die -Herzen der Bürger in überquellender Dankbarkeit erzitterten -und Tränenströme in warmer Anerkennung der -Verdienste unseres verehrten Stadtoberhauptes vergössen.“ -Der Herr erkundigte sich bei einem Polizisten ausführlich nach -dem kürzesten Wege zur Domkirche, zu den Amtsgebäuden, -zum Gouverneur und begab sich schließlich zum Fluß -hinab, der mitten durch die Stadt floß. — Unterwegs -riß er einen Reklamezettel ab, der an einer Plakatsäule -klebte, um ihn zu Hause in Ruhe durchzulesen. Dann -betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht angenehmem -Äußeren, die auf den Holzbrettern des Bürgersteiges -an ihm vorüberging, begleitet von einem Knaben -in militärischem Aufputz, der ein Bündel in der Hand trug. -Und nachdem er noch manchmal einen Blick auf das -Ganze geworfen hatte, wie um sich die Örtlichkeit gründlich -einzuprägen, ging er nach Hause und stieg geradewegs -die Treppe zu seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, -der ihn hierbei leicht unterstützte. Nachdem er seinen -Tee getrunken hatte, setzte er sich an seinen Tisch, ließ -sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der Tasche -und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein -wenig zukniff. Übrigens stand nicht viel Bemerkenswertes -auf dem Zettel. Man gab ein Drama von -Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und -ein Fräulein Sjablowa die Kora spielten. Die übrigen -Personen waren noch unbedeutender. Trotzdem las er -sämtliche Namen durch, bis auf die Preise der Parterreplätze -und erfuhr, daß der Zettel in der städtischen -Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -ihn um, um sich zu überzeugen, ob nicht noch etwas -auf der Rückseite stehe. Aber da er nichts fand, rieb er -sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und legte -ihn in das Kästchen, in dem er alles aufzubewahren -pflegte, was ihm unter die Finger kam. Ich glaube der -Tag wurde mit einer Portion kalten Kalbsbratens, einer -Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem festen Schlaf -beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, ähnlich dem Geknarr -eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen -Gegenden unseres geräumigen russischen Vaterlandes auszudrücken -pflegt. — -</p> - -<p> -Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. -Der Reisende stellte sich allen Honoratioren der Stadt -vor. Er machte dem Gouverneur einen Achtungsbesuch, -der, wie sich’s herausstellte, ebenso wie Tschitschikow -weder dick noch dünn war, den Annenorden im Knopfloch -trug und, wie man sich erzählte, selbst Prätendent -des Sternes war; im übrigen war er ein gutmütiger -alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tüllstickereien -versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, -zum Staatsanwalt, zum Gerichtspräsidenten, zum Polizeimeister, -zum Branntweinpächter und Direktor der staatlichen -Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht, all die Gewaltigen -dieser Welt aufzuzählen; genug, unser Reisender -entwickelte eine lebhafte Geschäftigkeit im Besuchemachen: -er ging sogar zum Inspektor der Sanitätsverwaltung -und zum Stadtbaumeister, um ihnen seine Aufwartung -zu machen. Und lange noch saß er in seinem Wagen, -bei sich erwägend, wem er wohl noch einen Besuch -machen könne, aber leider fand sich in der Stadt kein -Beamter mehr, den er nicht schon beglückt hätte. Im -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Gespräch mit den Machthabern verstand er es vorzüglich, -einem jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. -Zum <a id="corr-4"></a>Gouverneur sagte er wie beiläufig, wenn man in -seine Provinz komme, glaube man sich im Paradiese, -die Wege seien herrlich, es sei einem, als führe man -über Samt; und er fügte hinzu, die Regierung, welche -es verstände, weise Männer auf verantwortungsvolle -Stellen zu setzen, verdiente das höchste Lob und die -größte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas -höchst Schmeichelhaftes über die städtischen Polizisten -und den Vizegouverneur und den Gerichtspräsidenten, -die erst Staatsräte waren, nannte er im Gespräche zweimal -wie im Versehen „Exzellenz“, was ihnen sichtlich -Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, daß der -Gouverneur ihn noch am selben Tage zu einer kleinen -Abendgesellschaft in seinem Hause einlud; auch von den -übrigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen -zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder -einer Tasse Tee. -</p> - -<p> -Über sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende -offenbar. Und wenn er etwas sagte, so waren es meist -Gemeinplätze. Er drückte sich mit einer auffallenden -Bescheidenheit aus, und sein Gespräch bewegte sich in -diesen Fällen in Redewendungen aus der Büchersprache, -wie etwa folgende: er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf -dieser Welt, nicht wert, daß man sich viel um ihn kümmere. -Er habe in seinem Leben schon viel erfahren und -durchgemacht, für die Wahrheit gelitten und sich viele -Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. -Jetzt sehne er sich nach Ruhe, und daher suche er -sich endlich ein Plätzchen, wo er ungestört leben könne. -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt für seine -erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Repräsentanten -des Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung -auszusprechen. Das war alles, was man in -der Stadt über den Fremden in Erfahrung bringen konnte, -der nicht zögerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu -erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft -nahmen gute zwei Stunden in Anspruch, und hierbei -legte der Reisende eine solche peinliche Aufmerksamkeit -für seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur selten -begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschläfchen ließ -er sich ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange -Zeit beide Wangen mit Seife, wobei er die Zunge von -innen gegen die Backe drückte. Dann nahm er dem -Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete -sein rundliches Gesicht überall sorgfältig ab, indem er -bei den Ohren anfing und dem Diener zuvor zweimal -gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er vor den -Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, riß sich zwei -aus der Nase hervorragende Härchen aus und stand -gleich darauf in einem preißelbeerfarbenen roten gesprenkelten -Fracke da. Nachdem er so seine Toilette -vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr -durch die ungemein breiten Straßen, welche von dem -spärlichen Lichte beleuchtet wurden, das aus einigen -Fenstern fiel. Das Haus des Gouverneurs war indessen -so glänzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor dem -Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei -Gendarmen. Aus der Ferne klangen die Rufe der -Vorreiter herüber; mit einem Wort, es war alles so, -wie es sich gehörte. Als <a id="corr-5"></a>Tschitschikow den Saal betrat, -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -mußte er die Augen für einen Moment schließen, weil -der blendende Glanz der Lichter, der Lampen und Damentoiletten -geradezu überwältigend war. Alles war wie -mit Licht übergossen. Schwarze Fräcke schwirrten einzeln -und in Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den -Zuckerhut an einem heißen Julitag, während ihn die -Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen Fenster in -weiße leuchtende Stücke zerschlägt: alle Kinder umstehen -sie und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer -arbeitsharten Hände, welche den Hammer schwingen, -während geflügelte Schwadronen von Fliegen von einem -leichten Winde emporgetragen, kühn herbeifliegen, als -wären sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit -der Frau und das Sonnenlicht, das ihr Auge -blendet, zu nutze machend, die süßen Leckerbissen hier -vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren. Gesättigt -vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt -leckere Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa -um zu naschen, sondern bloß um sich zu zeigen, auf dem -Zuckerhaufen herumzuspazieren, eine an der anderen ihre -Vorder- oder Hinterfüßchen zu wetzen und sie an den -Flügelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpfötchen -vorstreckend, sich das Köpfchen zu krauen und mit einer -kühnen Wendung davonzufliegen, um bald in neuen, -zudringlichen Schwärmen wiederzukehren. Tschitschikow -fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der Gouverneur ihn -schon am Arme faßte und der Gouverneurin vorstellte. -Auch bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: -er sagte der Dame ein Kompliment, wie es sich für einen -Mann in mittleren Jahren schickt, dessen Rang und Titel -weder sehr hoch noch sehr niedrig sind. Als die tanzenden -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die -Wand drückten, stand er, die Hände auf dem Rücken -gekreuzt, da, und betrachtete die Tänzer einige Minuten -lang sehr aufmerksam. Viele von den Damen waren -sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, -andre dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in -eine Provinzstadt gelangen läßt. Die Herren zerfielen -hier wie überall in zwei Kategorien: die einen waren -sehr dünn und hager und drehten sich beständig um -die Damen herum; unter diesen gab es einige, die man -nicht leicht von Petersburger Herren hätte unterscheiden -können; sie hatten ebenso sorgfältig gepflegte Backenbärte, -und ihre Barttracht war ebenso wohl überlegt und -geschmackvoll, oder sie hatten einfach hübsche, glattrasierte -Ovale, nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen -Platz, sprachen ebensogut französisch und brachten die -Damen genau so zum Lachen wie in Petersburg. Die -andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder -die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick -waren, ohne doch wiederum zu dünn zu sein. Diese -waren ganz anders in ihrem Auftreten, sie sahen weg, -gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer -aus, ob nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo -einen grünen Tisch für das Whistspiel aufgestellt -habe. Ihre Gesichter waren rund und wohlgenährt, -einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; -sie trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Büscheln, -noch Locken, noch ‚<span class="antiqua">a la Diable m’emporte</span>‘ (Hol mich -der Teufel), wie die Franzosen es nennen. Das Haar -war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekämmt, -wie geleckt, und ihre Gesichtszüge waren rund -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -und kräftig. Das waren die geachteten Würdenträger -der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es besser, -auf dieser Welt Geschäfte zu machen als die Dünnen. -Die Dünnen sind meist Beamte für besondere Aufträge -oder werden bloß in den Listen geführt und treiben sich -<a id="corr-6"></a>müßig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, -Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen -nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege -liegt, sie nehmen immer die bedeutenden Stellungen -ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so sitzen sie fest -und sicher, sodaß eher der Sitz unter ihnen kracht oder -sich biegt, als daß sie herunterfallen. Jeder äußere Glanz -ist ihnen verhaßt, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so -gut, wie den Dünnen, dafür sind ihre Schatullen voll, -und es ruht der Segen Gottes auf ihnen. Der Dünne -hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht -verpfändet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe -da — plötzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein -Haus da, das er sich auf den Namen der Frau erworben -hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner ein kleines -Gut in der Nähe des Städtchens und ein Stück Land -mit allem Zubehör. Und schließlich quittiert der Dicke, -nachdem er Gott und dem Kaiser genug gedient und -sich die allgemeine Achtung erworben hat, seinen Dienst, -verläßt die Stadt und wird Landwirt, ein prächtiger -russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt -ruhig und herrlich und in Freuden. Seine dünnen -Erben aber bringen wiederum nach guter russischer Sitte -den ganzen väterlichen Besitz im Eilposttempo durch. -Es läßt sich nicht verheimlichen, daß unseren Tschitschikow -ähnliche Betrachtungen beschäftigten, während er sich die -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Gesellschaft näher ansah, und die Folge hiervon war, -daß er sich schließlich zu den Dicken gesellte, wo er beinahe -lauter bekannte Gesichter vorfand: da war der -Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, -der ein wenig mit dem linken Augenlid zuckte, -wie wenn er sagen wollte: „kommen Sie doch ins -Nebenzimmer, ich möchte Ihnen etwas erzählen“ — -übrigens ein ernster und schweigsamer Mann. Da war -der Postmeister, ein kleines Männchen, aber ein Witzbold -und Philosoph; ferner der Gerichtspräsident, ein -sehr verständiger und liebenswürdiger Herr — sie alle -begrüßten ihn wie einen alten Bekannten, worauf -Tschitschikow sich ein wenig linkisch, aber doch nicht ohne -Grazie verbeugte. Hier machte er auch die Bekanntschaft -eines sehr höflichen und freundlichen Herrn, -eines Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas -plump aussehenden Herrn Sabakewitsch, der ihm sofort -auf den Fuß trat und „Bitte um Entschuldigung“ dazu -sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte, als -Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der -gleichen höflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich -an den grünen Tisch, und blieb bis zum Abendessen -sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung hörte -sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man -nun endlich an eine ernste Beschäftigung geht. Und obwohl -der Postmeister sehr redselig war, so erhielt doch -auch <em>sein</em> Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck, er bedeckte -seine Oberlippe mit der unteren und verharrte -während des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn -er eine Figur ausspielte, dann schlug er mit der Hand -kräftig auf den Tisch. War es eine Dame, dann fügte -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -er hinzu: „Raus, alte Popin!“ War es dagegen ein -König, so rief er: „Raus mit dem Tambower Bauern!“ -Der Präsident aber antwortete: „Dem geb ich’s auf den -Schnauzbart! Dem geb ich’s auf den Schnauzbart!“ -Zuweilen entschlüpften ihnen Ausdrücke, wie die folgenden, -während sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: -„Ach was: Was nicht is, is nicht, in solchen Fällen -spielt man Schellen!“ oder einfache Ausrufe wie: -„Herzen! Herzchen! Pikentia!“ oder „<a id="corr-7"></a>Piekchen, Piekchen, -Pickelchen!“ oder einfach „Pikkolo“. Lauter Namen, -mit denen sie in ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen -pflegten. Nach Beendigung eines jeden Spieles -wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut gestritten. -Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am -Streit, aber er wußte das so geschickt zu machen, -daß alle zwar sahen, daß er auch mitstritt, doch aber -immer liebenswürdig blieb. Er sagte niemals: „Sie -spielten ...“ sondern stets: „Sie hatten die Güte ... -zu spielen“ oder: „ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu -stechen“ u. s. w. Um seine Gegner noch mehr zu gewinnen, -reichte er ihnen jedesmal seine emaillierte -Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu -sehen waren, die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan -hatte. Am meisten interessierten unseren Reisenden die -beiden Gutsbesitzer Manilow und Sabakewitsch, von -denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich sogleich -nach ihnen beim Präsidenten und beim Postmeister, -die er hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen -Fragen, die er ihnen vorlegte, ließen erkennen, daß der -neue Gast nicht nur sehr wißbegierig, sondern auch sehr -gründlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen besäße, -und in welcher Verfassung sich ihre Güter befänden; -erst hierauf fragte er auch nach ihren Vor- und Zunamen. -In ganz kurzer Zeit wußte er sie alle zu bezaubern. -Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten -Jahren, mit Augen süß, wie Zucker, die er beim Lachen -stets zusammenkniff, war ganz begeistert von ihm. Er -drückte ihm lange die Hand und bat ihn inständig, ihm -doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande -zu machen, und er fügte hinzu, sein Gut wäre nur -fünfzehn Werst vom Stadttor entfernt, worauf Tschitschikow -mit höflichem Kopfnicken und warmem <a id="corr-8"></a>aufrichtigem -Händedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen -Aufforderung nicht nur mit dem größten Vergnügen -<a id="corr-9"></a>nachkommen, sondern halte es sogar für seine heiligste -Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: „Ich bitte -gleichfalls darum,“ dabei machte er eine kleine Verbeugung -und zog den Fuß ein wenig an, der in einem -Stiefel von so gewaltigen Dimensionen steckte, daß man -wohl vergeblich nach einem zweiten Fuß suchen würde, -der zu diesem Stiefel gepaßt hätte, besonders zu unserer -Zeit, wo die Recken und Ritter in Rußland im Aussterben -begriffen sind. -</p> - -<p> -Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen -und zu einer Abendgesellschaft beim Polizeimeister -geladen. Um drei Uhr, nach dem Mittagessen setzte man -sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte bis zwei -Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm -auch die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, -eines sehr gewandten Herrn von dreißig Jahren, der -ihn nach drei bis vier Worten zu duzen begann. Den -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow -gleichfalls und behandelte sie höchst familiär; aber als -man sich hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen -anfing, gaben der Polizeimeister und <a id="corr-10"></a>der Staatsanwalt sehr -genau auf die Stiche acht, die er machte, und ließen -keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den -nächsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtspräsidenten, -der seine Gäste, darunter zwei Damen, in einem etwas -fettigen Schlafrock empfing. Dann besuchte er eine -Soirée beim Vizegouverneur, ein großes Diner beim -Branntweinpächter und ein <em>kleines</em> Diner beim Staatsanwalt, -das sich übrigens neben dem großen wohl sehen -lassen konnte; und endlich noch ein Dejeuner nach der -Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und -gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, -er war kaum eine Stunde zu Hause und kam nur in -den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende verstand -es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte -sich überall als erfahrener Weltmann. Worauf auch -die Rede kam, er wußte immer ein passendes Wort -einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so wußte auch -er etwas über die Pferdezucht zu sagen; sprach man von -den Vorzügen der Hunde, so machte er auch hierbei ein -paar feine Bemerkungen; unterhielt man sich über eine -Untersuchung, die vom Gerichtshof angestellt wurde, — -so ließ er merken, daß ihm auch die gerichtlichen Kniffe -nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom Billardspiel -— so gab er sich auch beim Billardspiel keine -Blöße; kam das Gespräch auf die Tugend — so konnte -er auch sehr schön, und sogar mit Tränen im Auge von -der Tugend reden; oder kam man auf die Branntweindestillation -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -zu sprechen, auch über Branntweindestillation -wußte er Bescheid — oder auf die Zollwächter und -Zollbeamten — er sprach auch über diese, als ob er -selbst Zollbeamter oder Zollwächter gewesen wäre. Das -Merkwürdigste dabei war, daß er bei alledem eine -gewisse Würde und Gesetztheit bewahrte, und immer -ein feines und vornehmes Betragen zeigte. Er sprach -weder zu laut noch zu leise, sondern ganz so, wie es -sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite man -ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann -vom Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten -waren hoch erfreut über die Ankunft dieser neuen -Erscheinung. Der Gouverneur erklärte ihn für einen -wohlgesinnten Mann — der Staatsanwalt für einen -tüchtigen Mann — der Gendarmerieoberst für einen -gelehrten — der Gerichtspräsident für einen hochgebildeten -und ehrenwerten — der Polizeimeister für -einen ehrenwerten und liebenswürdigen Mann und die -Frau des Polizeimeisters für einen <em>sehr</em> liebenswürdigen -und galanten Mann. Ja selbst Sabakewitsch, der selten -gut über seine Mitmenschen redete, sprach, als er spät -abends aus der Stadt zurückkehrte, während er sich -entkleidete und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: -„Schatz, ich war heute abend beim Gouverneur und -beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die Bekanntschaft -des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht -habe: ein äußerst angenehmer Herr!“ Worauf -seine Gemahlin „Hm“ machte und ihm einen leichten -Fußtritt gab. -</p> - -<p> -Diese für unseren Gast so schmeichelhafte Meinung -bildete und erhielt sich so lange in der Stadt, bis -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -eine seltsame Eigentümlichkeit des Reisenden sowie eine -Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der -Provinz auszudrücken pflegt, von der der Leser in Kürze -Näheres erfahren soll, nahezu die ganze Stadt aufs höchste -in Staunen und Zweifel versetzten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Zweites Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">chon</span> mehr als eine Woche lebte der Fremde in -der Stadt, indem er beständig die Diners und -Abendgesellschaften besuchte und so, wie man -zu sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. -Endlich entschloß er sich, seine Besuche auch über -die Stadtgrenze auszudehnen und den beiden Gutsbesitzern, -Manilow und Sabakewitsch, seinem Versprechen gemäß -seine Aufwartung zu machen. Mag sein, daß ihn hierzu -noch ein anderer triftigerer Grund veranlaßte, eine ernstere -Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch -von alledem wird der Leser schon nach und nach und an -der richtigen Stelle etwas erfahren, vorausgesetzt, daß er -die Geduld hat, diese lange Erzählung durchzulesen, die sich -in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und freier -entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nähert, welches -unser Werk krönen soll. Der Kutscher Seliphan empfing -die Weisung, die Pferde in aller Frühe vor den uns -schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka aber erhielt -den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer -nebst dem Koffer zu bewachen. Es wird für den Leser -nicht überflüssig sein, die Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen -unseres Helden zu machen. Obwohl beide zwar -nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persönlichkeiten, -sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -sogar dritten Ranges sind, und obgleich die bedeutendsten -Vorgänge und die Federn dieser Dichtung eben nicht -auf ihnen ruhen, und sie höchstens einmal berühren -oder leichthin streifen; — der Verfasser liebt es nun -einmal so sehr, in allen Dingen möglichst gründlich und -ausführlich zu sein, und so möchte er auch hier, trotzdem -er selbst ein sehr guter Russe ist, genau und peinlich -verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht -viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht -mehr viel zu dem hinzuzufügen bleibt, was der Leser -schon weiß, wie z. B. dies, daß Petruschka einen etwas -weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn -gehört hatte, und daß er wie alle Leute seines Schlages -eine große Nase und dicke Lippen hatte. Er neigte eher -zur Schweigsamkeit als zur Geschwätzigkeit und war sogar -von einem hohen Trieb zur Bildung d. h. zur Lektüre -beseelt, worin er sich nicht irre machen ließ, auch wenn -er den Inhalt der Bücher nicht verstehen konnte: es war -ihm vollkommen gleichgültig, was er las, ob es nun -„Die Abenteuer eines verliebten Ritters,“ eine einfache Fibel -oder ein Gebetbuch war, — er las alles mit der gleichen -Aufmerksamkeit; hätte man ihm ein chemisches Lehrbuch in -die Hand gegeben, — er hätte auch dieses nicht verschmäht. -Ihn freute nicht das, <em>was</em> er las, sondern das Lesen selbst, -oder richtiger der Prozeß des Lesens, daß sich nämlich aus den -Buchstaben stets irgend ein Wort bildete, dessen Bedeutung -freilich mitunter nur der Teufel selbst enträtseln -mochte. Diese Lektüre wurde gewöhnlich im Vorzimmer -in liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze -vorgenommen, die infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrückt -und dünn wie ein Pfannkuchen war. -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Außer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die -zwei weitere Charakterzüge seiner Person bildeten: er liebte -es zu schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging -und stand, in dem bekannten Rock, und ferner schleppte -er immer eine eigene Atmosphäre, jenen ihm eigentümlichen -Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft -eines Wohnzimmers erinnerte, so daß er nur irgendwo -sein Bett aufzustellen und seinen Mantel und seine -Habseligkeiten mitzubringen brauchte, um sofort den Eindruck -zu erwecken, daß dieses Zimmer seit zehn Jahren -von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang -noch niemand darin gewohnt hatte. Tschitschikow, -ein sehr empfindlicher Herr, der leicht Ekel empfand, -rümpfte gewöhnlich die Nase, wenn er morgens -gleichsam auf nüchternen Magen mit dem ersten Atemzuge -diese Luft einzog, schüttelte den Kopf und murmelte: -„Hol’ dich der Teufel, Kerl! Du schwitzt wohl? Geh -doch einmal ins Bad!“ Worauf Petruschka gar nichts -erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; -er nahm wohl die Bürste, um den an der Wand hängenden -Frack seines Herrn auszubürsten, oder er begann einfach -die Stube aufzuräumen. Woran dachte er wohl, -während er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich -selbst: „Du bist mir auch der Rechte! Bist du’s noch -immer nicht satt, vierzigmal ein und dasselbe zu wiederholen -...“ Gott mag es wissen, es ist schwer zu erraten, -was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn -sein Herr ihm gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, -was sich zunächst über Petruschka sagen läßt. Der -Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... -Aber der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -so lange mit Leuten der unteren Klasse zu unterhalten, -da er aus Erfahrung weiß, wie ungern sie die Bekanntschaft -der niederen Stände machen. So ist nun einmal -der Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft -von Leuten zu machen, ja mit ihnen familiär -zu werden, die auch nur um <em>einen</em> Rang höher stehen -als er, und der Gruß eines Grafen oder Fürsten gilt -ihm mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor -macht sich sogar einige Sorgen, weil sein Held nur -Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch allenfalls -dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche -bereits den Rang eines Generals erreicht haben — -werden am Ende gar, was Gott verhüte, einen jener -verächtlichen Blicke auf ihn werfen, wie sie der Mensch -stolz auf alles wirft, was ihm zu Füßen einherkreucht, -oder werden was noch schlimmer wäre, mit einer Nichtachtung -an ihm vorbeigehen, die für den Autor tödlich wäre. -Doch so betrübend beides auch sein mag, wir müssen -dennoch zu unserem Helden zurückkehren. Nachdem er -also noch am Abend <a id="corr-11"></a>sämtliche notwendigen Anordnungen getroffen -hatte, erwachte er in aller Frühe, wusch sich, rieb -sich vom Kopf bis zu den Füßen mit einem nassen -Schwamm ab, was er nur des Sonntags zu tun pflegte -— doch traf es sich gerade so, daß der Tag ein Sonntag -war —, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an -Glanz und Glätte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten -gesprenkelten preißelbeerfarbenen Frack und -darüber einen mit Bärenfell gefütterten Pelzmantel an -und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner -unter dem Arm faßte und bald auf der einen, bald -auf der anderen Seite unterstützte. Er bestieg den -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des Gasthofes -auf die Straße hinaus rollte. Ein vorübergehender -Pope lüftete seinen Hut und grüßte; ein paar Straßenjungen -in schmutzigen Hemden streckten ihre Hand aus -und murmelten: „Lieber Herr, eine Gabe für uns arme -Waisen!“ Als der Kutscher bemerkte, daß der eine nicht -übel Lust hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er -ihm eins mit der Peitsche und der Wagen polterte weiter -über die Steine. Man war nicht wenig erfreut, als -man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum erblickte, -der anzeigte, daß die Qualen des holperigen Pflasters -und noch manche andere bald überstanden seien. Und -nachdem Tschitschikow noch ein paarmal gegen den -Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen jetzt auf -ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt -hinter ihnen, da bot sich ihnen die bekannte Aussicht -mit ihren Geschmacklosigkeiten und Langweiligkeiten zu beiden -Seiten der Landstraße: kleine mit Moos bewachsene -Erdhügel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dünne -Fichtenstämme, angekohlte Baumstämme, wildes Heidekraut -und ähnliches Zeug. Hie und da begegnete man -schnurgerade angelegten Dörfern, deren Häuser in ihrer -Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Hütten -waren mit grauen Dächern gedeckt und mit hölzernem -Schnitzwerk verziert, das die Form eines gestärkten -Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein paar -Bauern saßen wie gewöhnlich in Schafpelzen auf den -Bänken vor der Tür. Die Bäuerinnen mit dicken Gesichtern -und eingeschnürten Brüsten sahen aus den -oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte -ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -hervor. Mit einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem -sie fünfzehn Werst zurückgelegt hatten, erinnerte sich -Tschitschikow, daß nach Manilows Beschreibung sein -Gut nicht mehr fern sein könne; aber auch der sechzehnte -Streckenpfosten flog vorüber, ohne daß etwas von -dem Gute zu entdecken gewesen wäre. Und wenn sie -nicht zufällig zwei Bauern begegnet wären, wäre es -ihnen sicher nicht geglückt, das Gut zu erreichen. Auf -die Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, -nahmen die Bauern die Mützen ab, und der eine von -ihnen, der etwas klüger zu sein schien und einen Spitzbart -trug, antwortete: „Vielleicht meinen Sie Manilowka -und nicht Samanilowka?“ — -</p> - -<p> -„Nun ja, Manilowka“ — -</p> - -<p> -„Manilowka! Wenn du noch eine Werst fährst, dann -bist du da, d. h. dann liegt es gerade rechts.“ — -</p> - -<p> -„Rechts?“ sagte der Kutscher. -</p> - -<p> -„Rechts,“ sagte der Bauer. „Das ist der Weg nach -Manilowka. Ein Samanilowka gibt es überhaupt nicht. -Es heißt so, d. h. sein Name ist Manilowka. Ein -Samanilowka aber existiert hier nicht. Da gerad auf -dem Berge wirst du ein steinernes, zweistöckiges Haus -erblicken. Das ist das Herrenhaus. Da wohnt nämlich der -Herr selbst. Und das ist Manilowka. Ein Samanilowka -gibt es hier garnicht und hat es hier nicht gegeben.“ -</p> - -<p> -Man machte sich also auf, Manilowka zu suchen. -Nachdem sie noch zwei Werst gefahren waren, kamen sie -an einem Feldweg vorüber. Dann fuhren sie noch zwei, -drei oder sogar vier Werst; aber das zweistöckige, steinerne -Haus war noch immer nicht zu sehen. Hier erinnerte -sich Tschitschikow, daß, wenn uns ein Freund auf ein -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Landgut einlädt, das fünfzehn Werst entfernt ist, die -Entfernung dann sicherlich dreißig Werst beträgt. Die Lage -des Dorfes Manilowka hatte gewiß wenig Verlockendes. -Das Herrenhaus stand einsam auf einer Anhöhe und -war jedem Winde ausgesetzt, dem es einfiel, zu blasen. -Der Abhang des Berges, auf dem es stand, war mit -schön geschorenem Rasen bedeckt. Hie und da standen -Bosquets nach englischer Manier aus Flieder und gelben -Akazien. Fünf bis sechs Birken streckten stellenweise in -kleinen Gruppen ihre dünnbelaubten, schmächtigen Wipfel -empor. Unter zweien von ihnen befand sich eine Laube -mit einer flachen grünen Kuppel auf blauen, hölzernen -Säulen, welche die Inschrift trug: „Tempel einsamer Betrachtungen“; -etwas weiter unten lag ein Teich ganz im -Grünen, was übrigens in den englischen Gärten der -russischen Gutsbesitzer keine Seltenheit ist. Am Fuße -dieser Anhöhe und teilweise auch längs des Abhanges -schimmerten überall kleine Blockhäuser, welche unser Held -aus irgend einem Grunde sofort zu zählen begann und -deren er mehr als zweihundert zählte. Sie standen ganz -nackt da, nirgends erblickte man ein Bäumchen oder -etwas frisches Grün. Nichts wie die kahlen Balken -starrten einen an. Die Landschaft wurde durch zwei -Bauersfrauen belebt, welche mit malerisch aufgesteckten -und aufgepolsterten Kleidern bis an die Knie im Teich -wateten und an zwei Stöcken ein zerrissenes Netz -hinter sich her schleiften, in dem sich zwei Krebse und -eine silbern schimmernde Forelle gefangen hatten. Die -Weiber schienen sich veruneinigt zu haben und traktierten -einander mit Schimpfworten. Etwas abseits in der -Ferne schimmerte ein Fichtenwald in melancholischem -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Blau. Auch das Wetter entsprach ganz der Stimmung, -der Tag war weder klar noch trübe, sondern zeigte eine -Art hellgraue Färbung, wie man sie nur an den -alten Uniformen unserer <a id="corr-13"></a>Garnisonssoldaten bemerken kann, -dieses zwar recht friedlichen, aber besonders an Sonntagen -recht unmäßigen Truppenteils. Zur Vervollständigung -des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, der die Rolle -eines Wetterpropheten spielte und jeden Witterungsumschlag -vorausverkündigte. Und obwohl sein Kopf von -den Schnäbeln anderer Hähne wegen gewisser Liebeshändel -vollkommen bis auf die Hirnschale zerhackt war, -krähte er noch immer aus vollem Halse und schlug sogar -noch mit den Flügeln, die zerfetzt und zerzupft waren, -wie ein Paar alte zertretene Matten. Als Tschitschikow -sich dem Tore näherte, bemerkte er den Hausherrn, der -in einem grünen Rock von Wolle auf der Freitreppe -stand und die Hände wie einen Schirm über die Augen -hielt, um den heranrollenden Wagen besser betrachten zu -können. In dem Maße, als der Wagen sich dem Hause -näherte, wurden seine Augen munterer und verbreitete -sich ein Lächeln über sein Gesicht. -</p> - -<p> -„Pawel Iwanowitsch!“ rief er schließlich aus, während -Tschitschikow aus dem Wagen stieg. „Endlich haben -Sie sich doch an uns erinnert!“ -</p> - -<p> -Die beiden Freunde küßten sich sehr herzlich, und -Manilow führte seinen Freund ins Zimmer. Obwohl -die Zeit, während der sie den Flur, das Vorzimmer -und den Speisesaal durchschreiten, nur sehr kurz ist, -wollen wir doch zusehen, ob es uns nicht gelingt, sie -uns zunutze zu machen, um ein paar Worte über den -Hausherrn zu sagen. Hier aber muß der Autor leider -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -gestehen, daß ein solches Unternehmen seine großen -Schwierigkeiten hat. Es ist weit leichter einen Charakter -von einer gewissen Größe zu schildern. Da braucht -man die Farben nur so mit der Hand auf die Leinewand -zu werfen — schwarze flammende Augen, dicke -buschige Augenbrauen, die große Stirnfalte, der schwarze -oder feuerrote Mantel kühn über die Schulter geworfen -— und das Porträt ist fertig; aber all diese Herrschaften, -deren es so viele auf der Welt gibt, die sich äußerlich -so sehr ähnlich sehen, und doch bei näherem Studium -und Anblick eine ganze Reihe äußerst feiner, kaum -faßbarer Eigentümlichkeiten aufweisen — diese Leute sind -äußerst schwer zu porträtieren. Da muß man seine -Aufmerksamkeit bis aufs Äußerste anspannen, ehe es -einem gelingt, all die feinen, fast verschwindenden Züge -hervortreten zu lassen, und es wird überhaupt nötig, den -durch die Menschenkenntnis geschärften Blick bis tief auf -den Grund der Menschenseele hinabzusenken. -</p> - -<p> -Nur Gott allein hätte vielleicht sagen können, was -Manilow für einen Charakter hatte. Es gibt eine Gattung -von Menschen, die man folgendermaßen zu bezeichnen -pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht dies noch -das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land -Seliphan, wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht -könnte man Manilow zu <em>ihnen</em> zählen. Äußerlich machte -er einen recht stattlichen Eindruck; seine Züge waren -nicht unliebenswürdig, aber diese Liebenswürdigkeit war -zu stark mit einer gewissen Süßigkeit versetzt; in seinem -Betragen und Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, -Vertrauen und Zuneigung zu erwerben. Er -lächelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, hätte ein -jeder im ersten Augenblick ausgerufen: „Welch ein angenehmer -und freundlicher Mensch!“ Im darauffolgenden -Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen -Augenblick später denkt man sich: ‚Pfui Teufel!‘ und -macht, daß man fortkommt; oder wenn man ihm nicht -entfliehen kann, fühlt man eine geradezu tödliche Langeweile. -Nie hörte man ein lebhaftes oder anmaßendes -Wort von ihm, wie man es von jedem hören kann, -wenn man einen Gegenstand berührt, der ihm am Herzen -liegt. Jeder hat sein Steckenpferd: bei dem einen -sind es die Windhunde; dem anderen kommt es so vor, -als ob er ein großer Musikliebhaber sei, und die ganzen -Tiefen dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich -auf ein feudales Mittagessen; ein vierter bemüht sich -eine Rolle zu spielen, die um wenigstens einen Zoll -höher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein fünfter, -dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schläft und -träumt davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an -Seite mit einem Flügeladjutanten stolz vor allen Menschen, -vor seinen Freunden und Bekannten, ja sogar vor denen -die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein sechster hat eine -so kräftige Hand, daß ihm der unnatürliche Wunsch kommt, -einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen -kleinen Hieb zu versetzen, während die Hand des Siebenten -sich durchaus nicht enthalten kann, überall Ordnung zu -stiften und sich an die Herrn Stationschefs oder die -Postillons heranzumachen — mit einem Wort, ein jeder -hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte -nichts derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte -nur nach und philosophierte, worüber er aber nachdachte, -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -das weiß wohl auch nur Gott allein. Man konnte auch -nicht sagen, daß er sich mit der Landwirtschaft beschäftigte, -denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging -alles wie von selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter -zu ihm sagte: „Gnädiger Herr, es wäre doch -gut, wenn wir es so und so machten,“ dann antwortete -er gewöhnlich „Ja, ja, gar nicht übel!“ während er -ruhig seine Pfeife weiter rauchte, eine Gewohnheit, die -er noch zur Zeit seines Dienstes in der Armee angenommen -hatte, wo er für einen der bescheidensten und -höflichsten Offiziere gehalten wurde. „Ja, ja, durchaus -nicht übel!“ wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm -kam, sich hinterm Ohr kratzte und sprach: „Gnädiger -Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir -das Geld für die Steuern zu verdienen,“ dann sagte -er: „Geh nur!“ und fuhr fort, seine Pfeife zu rauchen, -wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam, daß der -Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen -betrachtete er von der Flurtreppe aus seinen Hof und -seinen Teich, dann verbreitete er sich wohl darüber, wie -schön es doch wäre, wenn man vom Hause aus einen -unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brücke -über den Teich bauen könnte, zu dessen beiden Seiten -Buden lägen, wo Kaufleute allerhand Waren, die die -Bauern brauchten, feilböten. Hierbei hatten seine -Augen etwas ungemein Süßes und sein Gesicht nahm -einen äußerst zufriedenen Ausdruck an. Übrigens blieb -es trotz aller Projekte stets nur bei den Worten. In -seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem -Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche -las er beständig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -es immer an etwas; im Salon standen prachtvolle -Möbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen und -sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff -hatte wohl für die letzten zwei Lehnstühle nicht gereicht, -denn sie standen noch immer so da, bloß mit Sackleinwand -überspannt; übrigens warnte der Hausherr -seine Gäste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich -auf einen der Stühle niederzulassen und sagte: „Setzen -Sie sich nicht auf diese Stühle, sie sind noch nicht fertig.“ -In einzelnen Zimmern standen überhaupt keine Möbel, -obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu seiner -Frau gesagt hatte: „Herz, wir müssen morgen dafür -sorgen, daß wir uns wenigstens für die erste Zeit Möbel -kommen lassen.“ Abends wurde ein höchst eleganter -Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken Grazien -und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt, -neben ihm aber stand irgend ein gewöhnlicher -kupferner, hinkender, verbogener, und ganz mit Talg bedeckter -Invalide, und weder der Hausherr noch die Hausfrau, -noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken. -Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit -einander zufrieden. Trotzdem sie schon mehr als acht -Jahre miteinander verheiratet waren, schenkten sie sich -noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nüsse und -sprachen mit einer rührend zärtlichen Stimme, welche -von inniger Liebe zeugte: „Mach doch dein Mündchen -auf, Herzchen, ich will dir dies Stückchen hineinstecken.“ -Es versteht sich von selbst, daß sich das Mündchen in -solchen Fällen äußerst graziös öffnete. Zum Geburtstag -bereitete man sich allerhand Überraschungen — man -schenkte sich z. B. ein Perlenfutteral für die Zahnbürste -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -usw. Und es geschah gar nicht selten, daß, -während sie beide auf dem Sofa saßen, ohne besonderen -Grund <em>er</em> seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken ließ, -die sie bis dahin in der Hand hatten, um sich einen -langen schmachtenden Kuß auf die Lippen zu drücken, -währenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre hätte -ausrauchen können. Mit einem Worte, sie waren das, -was man glücklich nennt. Man könnte freilich einwenden, -es gäbe im Hause noch manches andre zu -tun, als sich lange Küsse zu geben und Überraschungen -zu bereiten, man könnte überhaupt noch vieles andre -einwenden. Warum wurden z. B. die Speisen so schlecht -und so töricht zubereitet? Warum waren die Vorratskammern -so leer? Warum stahl die Haushälterin? -Warum waren die Diener immer so unsauber und betrunken? -Warum schliefen die Knechte beständig oder -lungerten müßig herum? Aber dies alles sind gemeine -Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter -Erziehung. Wie bekannt wird die gute Erziehung in -Pensionaten erworben, und in diesen Pensionaten gibt es, -wie jedermann weiß, drei Gegenstände, die die Grundlage -aller menschlichen Tugend ausmachen: die französische -Sprache, deren man für das häusliche Glück der Familie -bedarf: das Klavierspiel, das dazu dient, dem Gatten ein -Paar angenehme Stunden zu bereiten, und schließlich der -eigentlich wirtschaftliche Teil: das Häkeln von Geldbeuteln -und ähnlichen Überraschungen. Übrigens gibt es mancherlei -Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, -besonders in neuerer Zeit: es hängt eben alles -von der Verständigkeit und der Fähigkeit der Pensionsvorsteherin -ab. In gewissen Pensionaten ist es so, daß -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -zuerst das Klavier, dann die französische Sprache und -erst zuletzt der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter -aber ist es auch gerade umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche -Teil: das Häkeln von kleinen Geschenken usw., -dann erst die französische Sprache und endlich das Klavierspiel. -Die Methoden sind eben verschieden. Doch -hier wäre es am Platze, noch die Bemerkung zu machen, -daß Frau Manilow .... allein, ich muß gestehen, daß -ich mich ein wenig fürchte, über die Damen zu reden, -und außerdem ist es längst Zeit, daß ich zu unseren -Helden zurückkehre, die schon seit einigen Minuten vor -der Türe des Salons stehen und sich gegenseitig bitten, -doch voranzugehen. -</p> - -<p> -„Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstände, -bitte nach Ihnen,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein -Gast,“ antwortete Manilow und zeigte mit der Hand -auf die Tür. -</p> - -<p> -„Aber ich bitte, bemühen Sie sich doch nicht, nein, -bitte bemühen Sie sich nicht; bitte gehen Sie doch -voran,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es -nicht zugeben, daß mein Gast, ein so liebenswürdiger -und feingebildeter Herr, nach mir eintrete.“ -</p> - -<p> -„Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran!“ -</p> - -<p> -„Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein.“ -</p> - -<p> -„Warum denn nur?“ -</p> - -<p> -„Nun, so!“ sagte Manilow mit einem freundlichen -Lächeln. Endlich zwängten sich beide Freunde seitwärts -durch die Tür, wobei einer den andern leicht zusammendrückte. -</p> - -<p> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -„Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle,“ -sagte Manilow. „Herzchen! Dies ist Pawel -Iwanowitsch.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht -bemerkt hatte, während er und Manilow sich in das -Zimmer hineinkomplimentierten. Sie war ziemlich hübsch -und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand. -Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der -ihr sehr gut saß; die kleine schmale Hand ließ schnell -etwas auf den Tisch fallen und preßte ein Battisttaschentuch -mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob sie -sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow -küßte ihr nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Hand. -Frau Manilow sagte mit ihrer etwas gaumigen Aussprache -zu ihm, er habe ihnen eine große Freude mit -seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, daß -ihr Mann sich seiner nicht erinnere. -</p> - -<p> -„Ja!“ murmelte Manilow, „meine Frau hat mich -oft gefragt: ‚Warum kommt denn dein Freund nicht?‘ -Ich aber antwortete: ‚Warte nur, er wird schon kommen!‘ -Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem -Besuche beehrt. Sie haben uns wirklich einen großen -Genuß bereitet — es ist wie ein Maitag, wie ein Fest -des Herzens.“ ... -</p> - -<p> -Als Tschitschikow vernahm, daß schon von Festen -des Herzens die Rede war, wurde er ein wenig verlegen -und versetzte, er sei weder ein Mann von berühmtem -Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel. -</p> - -<p> -„Sie besitzen alles,“ unterbrach ihn Manilow mit -demselben einnehmenden Lächeln, „Sie besitzen alles und -sogar noch mehr!“ -</p> - -<p> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -„Wie haben Sie unsere Stadt gefunden?“ fragte -jetzt Frau Manilow. „Haben Sie Ihre Zeit angenehm -verbracht?“ -</p> - -<p> -„Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt!“ versetzte -Tschitschikow, „ich habe dort wunderschöne Stunden -verlebt; die Gesellschaft ist äußerst liebenswürdig und -zuvorkommend!“ -</p> - -<p> -„Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen?“ -fragte Frau Manilow weiter. -</p> - -<p> -„Nicht wahr? ein äußerst ehrenwerter und liebenswürdiger -Mann?“ fügte Manilow hinzu. -</p> - -<p> -„Sehr richtig,“ sagte Tschitschikow, „ein höchst ehrenwerter -Mann! Und wie vortrefflich er seine Stellung -ausfüllt, welches Verständnis er für sie hat! Es wäre -zu wünschen, wir hätten mehr solche Menschen!“ -</p> - -<p> -„Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und -in all seinen Handlungen den richtigen Takt zu wahren,“ -fuhr Manilow lächelnd fort, und dabei kniff er vor -Vergnügen die Augen zusammen wie ein Kater, den -man sanft hinter den Ohren krabbelt. -</p> - -<p> -„Ein ungemein liebenswürdiger und höflicher Mann!“ -sagte Tschitschikow, „und welch ein Künstler! Ich hätte -mir gar nicht vorstellen können, daß er so reizende -Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir -eine Börse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet -selten Damen, die so schön sticken.“ -</p> - -<p> -„Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! -nicht wahr?“ bemerkte Manilow und kniff die Augen -wieder zusammen. -</p> - -<p> -„Eine äußerst würdige und hochachtbare Persönlichkeit!“ -versetzte Tschitschikow. -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -„Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen -der Polizeimeister gefallen? Auch ein sehr liebenswürdiger -Herr? Nicht wahr?“ -</p> - -<p> -„Oh, ein äußerst liebenswürdiger Herr! Und wie -klug und belesen er ist! Ich habe zusammen mit dem -Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten bis zum -frühen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein -würdiger Herr!“ -</p> - -<p> -„Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters?“ -fragte hier Frau Manilow. „Finden Sie nicht -auch, daß es eine äußerst liebenswürdige Dame ist?“ -</p> - -<p> -„Oh, das ist eine der würdigsten und achtbarsten -Damen, die ich kennen gelernt habe!“ erwiderte Tschitschikow. -</p> - -<p> -Auch der Gerichtspräsident und der Postmeister -wurden nicht vergessen; so nahm man allmählich wohl -sämtliche Beamten der Stadt durch, und es zeigte sich, -daß es lauter höchst ehrenwerte Männer waren. -</p> - -<p> -„Leben Sie immer auf dem Lande?“ fragte endlich -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Den größten Teil des Jahres!“ antwortete Manilow. -„Wir fahren auch wohl hin und wieder in die Stadt, -um mit gebildeten Menschen zusammen zu sein. Man -verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gänzlich -vor der Welt verschließt.“ -</p> - -<p> -„Sehr wahr, sehr richtig!“ versetzte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Es wäre ja natürlich etwas andres,“ fuhr Manilow -fort, „wenn man angenehme Nachbarn, wenn man z. B. -einen Menschen hätte, mit dem man sich sozusagen -aussprechen, über die guten Manieren und feinen Umgangsformen -unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -könnte, — wissen Sie, so was fürs Herz, was einen -über sich selbst hinaushebt ...“ Er wollte noch etwas -hinzufügen, da er aber merkte, daß er sich ein wenig -vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die -Luft und sagte: „Dann hätten natürlich das Land und -die Einsamkeit viele Annehmlichkeiten. Aber ich habe -tatsächlich niemanden. Höchstens liest man einmal den -„Sohn des Vaterlandes“. -</p> - -<p> -Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden -und fügte hinzu, es könne in der Tat gar nichts Schöneres -geben, als ganz für sich allein zu leben, den herrlichen -Anblick der Natur zu genießen und nur hin und -wieder ein Buch zu lesen ... -</p> - -<p> -„Aber wissen Sie,“ versetzte Manilow, „wenn man -keinen Freund hat, dem man sich mitteilen kann ...“ -</p> - -<p> -„Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig!“ unterbrach -ihn Tschitschikow, „was könnten uns denn alle -Schätze der Welt helfen? ‚<em>Gute Freunde sind besser -als alle Reichtümer der Erde</em>‘ hat einmal ein weiser -Mann gesagt.“ -</p> - -<p> -„Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch,“ sagte Manilow -und machte dabei ein freundliches oder vielmehr -unangenehm süßliches Gesicht, gleich einer Mixtur, die -der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten -einen besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel -Syrup versetzt hat, „dann spürt man einen ganz besonderen, -sozusagen — geistigen Genuß ... Wie zum -Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glück, ich -möchte sagen, das seltene, ungetrübte Glück verschaffte, -mich mit Ihnen unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft -genießen zu können ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -„Nein, ich muß doch bitten, was für eine angenehme -Gesellschaft? ... Ich bin nur ein unbedeutender Mensch -und sonst nichts,“ erwiderte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz -aufrichtig sein! Ich würde mit Freuden die Hälfte -meines Vermögens hingeben, um nur einen Teil Ihrer -großen Vorzüge zu besitzen!“ -</p> - -<p> -„Im Gegenteil, ich hätte vielmehr allen Anlaß, mich -zu freuen ...“ -</p> - -<p> -Es läßt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige -Gefühlserguß der beiden Freunde geendigt hätte, wenn -nicht der Diener eingetreten wäre, um zu melden, das -Essen sei aufgetragen. -</p> - -<p> -„Darf ich bitten,“ sagte Manilow. -</p> - -<p> -„Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht -mit einem Mittagessen aufwarten können, wie Sie es -wohl in den Hauptstädten und in vornehmen Häusern -gewohnt sind: bei uns ist’s nur einfach, nach russischer -Sitte, nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von -Herzen. Bitte seien Sie so freundlich.“ -</p> - -<p> -Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer -zuerst eintreten solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu -entschloß und sich seitwärts durch die Tür drückte. -</p> - -<p> -Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows -Söhne; sie befanden sich in dem Alter, wo man die -Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch auf hohen -Stühlen sitzen läßt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, -der sich höflich lächelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte -sich vor die Suppenterrine; der Gast mußte zwischen dem -Hausherrn und der Hausfrau Platz nehmen, der Diener -band den Kindern die Servietten vor. -</p> - -<p> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -„Was für reizende Knaben!“ sagte Tschitschikow mit -einem Blick auf die Kinder. „Wie alt sind sie?“ -</p> - -<p> -„Der ältere ist sieben Jahre, der jüngere ist gestern -sechs Jahre alt geworden,“ erklärte Frau Manilow. -</p> - -<p> -„Themistokljus!“ sagte Manilow und wandte sich -an den älteren, der sein Kinn unter der Serviette hervorzuziehen -suchte, die ihm der Diener vorgebunden hatte. -Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Höhe, -als er diesen halbgriechischen Namen hörte, dem Manilow -aus einem unbekannten Grunde die Endung <em>jus</em> -gegeben hatte; aber er beeilte sich, seinem Gesicht sofort -wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen. -</p> - -<p> -„Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schönste -Stadt in Frankreich?“ -</p> - -<p> -Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit -auf Themistokljus, als wolle er ihm in die Augen springen, -aber schließlich beruhigte er sich wieder und nickte nur -mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete: „Paris.“ -</p> - -<p> -„Und welches ist bei uns die schönste Stadt?“ fragte -Manilow wieder. -</p> - -<p> -Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben. -</p> - -<p> -„Petersburg!“ antwortete Themistokljus. -</p> - -<p> -„Und weiter?“ -</p> - -<p> -„Moskau,“ sagte Themistokljus. -</p> - -<p> -„Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge!“ sagte -Tschitschikow. „Sagen sie bloß ...,“ fuhr er fort, indem -er sich mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens an -Manilow wandte. „So jung und schon ein solches -Wissen. Ich muß Ihnen gestehen, dieses Kind hat -außerordentliche Fähigkeiten!“ -</p> - -<p> -„Oh, Sie kennen ihn noch nicht!“ erwiderte Manilow, -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -„er ist ungemein scharfsinnig. Bei dem Jüngeren, Alcid, -geht es nicht so schnell, dieser dagegen ... wenn der -irgend etwas bemerkt, einen Käfer oder ein Würmchen, -da blitzen seine Augen nur so, gleich läuft er hin und -merkt sich’s. Ich will ihn die diplomatische Karriere -ergreifen lassen. Themistokljus!“ fuhr er fort, indem er -sich wieder an den Knaben wandte, „willst du Gesandter -werden<a id="corr-15"></a>?“ -</p> - -<p> -„Ja“ antwortete Themistokljus, während er an -seinem Brot kaute und mit dem Kopfe hin und her -wackelte. -</p> - -<p> -Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende -Diener dem Gesandten die Nase ab, und das war nötig, -sonst wäre ihm ein großer, recht überflüssiger Tropfen -in die Suppe gefallen. Das Gespräch wandte sich jetzt -den Genüssen des stillen und zurückgezogenen Landlebens -zu und wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau -über das Stadttheater und die Schauspieler unterbrochen. -Der Lehrer beobachtete die Sprechenden mit -gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, daß -sie ihre Gesichter zu einem Lächeln verzogen, machte er -seinen Mund weit auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich -hatte er ein dankbares Gemüt und wollte sich -dem Hausherrn auf diese Weise für die gute Behandlung -erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste -Miene und klopfte streng auf den Tisch, wobei er seinen -Blick auf die ihm gegenübersitzenden Kinder richtete. Und -das hatte seinen guten Grund, denn Themistokljus hatte -den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen zusammenkniff, -den Mund weit öffnete und in ein klägliches -Geschrei ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, daß -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -er dadurch um die süße Speise kommen würde, brachte -er den Mund wieder in seine frühere Stellung und begann -an seiner Hammelkeule zu nagen, während ihm -die Tränen über die Wangen liefen, die nur so vom Fette -glänzten. -</p> - -<p> -Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden -Worten an Tschitschikow: „Sie essen ja gar nichts, Sie -haben sich aber so wenig genommen,“ worauf Tschitschikow -regelmäßig versetzte: „Ich danke bestens, ich bin satt. -Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der -schönste Leckerbissen.“ Dann stand man vom Tische auf. -Manilow war äußerst zufrieden und wollte seinen Gast -eben in den Salon geleiten, indem er ihm die Hand auf -den Rücken legte und ihn sanft unterstützte, als Tschitschikow -plötzlich mit höchst bedeutungsvoller Miene erklärte, er -müsse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen. -</p> - -<p> -„Dann möchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer -zu folgen,“ versetzte Manilow und führte den Gast in ein -kleines Gemach, dessen Fenster auf den bläulich schimmernden -Wald hinausging. „Dies ist mein kleiner Winkel,“ -sagte Manilow. -</p> - -<p> -„Ein freundliches Stübchen,“ sprach Tschitschikow -und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. -Dieses hatte in der Tat mancherlei Annehmlichkeiten: -die Wände waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb -blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand -aus vier Stühlen, einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf -dem man das Buch mit dem eingelegten Lesezeichen, das -wir schon bei Gelegenheit erwähnt haben, ein paar vollgeschriebene -Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak -erblickte. Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -in Form von Paketen, als Inhalt der Tabaksdose, oder -er lag einfach in Häufchen auf dem Tische herum. Auf -beiden Fensterbänken sah man auch ein paar Häuflein -Pfeifenasche, die sorgfältig in hübschen und regelmäßigen -Abständen angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, -daß diese Beschäftigung dem Hausherrn mitunter zum -Zeitvertreib diente. -</p> - -<p> -„Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu -nehmen,“ sagte Manilow. „Hier sitzen Sie bequemer.“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen!“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben!“ -sagte Manilow lächelnd. „Dieser Lehnstuhl ist nun einmal -für den Gast bestimmt. Ob Sie nun wollen oder -nicht — Sie müssen drin Platz nehmen!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow setzte sich. -</p> - -<p> -„Gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Pfeife anbiete!“ -</p> - -<p> -„Nein danke, ich rauche nicht!“ sagte Tschitschikow -freundlich und wie bedauernd. -</p> - -<p> -„Warum nicht?“ fragte Manilow ebenfalls freundlich -und mit dem Tone des Bedauerns. -</p> - -<p> -„Ich bin es nicht gewöhnt und fürchte mich, es mir -anzugewöhnen; man sagt, das Rauchen sei schlecht für -die Gesundheit!“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß dies ein Vorurteil -ist. Ich bin sogar der Ansicht, daß das Pfeifenrauchen -weit gesünder ist als das Tabakschnupfen. Wir -hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen herrlichen, -außerordentlich gebildeten Menschen, der legte die -Pfeife nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, -sondern mit Respekt zu sagen, auch nicht an anderen -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Orten. Und heute ist er bereits vierzig Jahre alt und -Gott sei dank so gesund, wie nur möglich.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow wandte ein, daß dies in der Tat vorkomme; -überhaupt gäbe es viele Dinge in der Natur, -die auch ein großer Geist nicht begreifen könne. -</p> - -<p> -„Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte -vorzutragen ...“ fuhr er mit einer Stimme fort, in -der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer Ausdruck -lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde -um. Auch Manilow sah sich um, ohne daß man hätte -sagen können weshalb. „Wie lange ist es her, daß Sie -die Revisionsliste zum letztenmal einreichten?“ -</p> - -<p> -„Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit -zu sagen, ich erinnere mich nicht mehr.“ -</p> - -<p> -„Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben?“ -</p> - -<p> -„Das weiß ich leider nicht; darnach muß man den -Verwalter fragen. Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, -er muß heute hier sein.“ -</p> - -<p> -Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein -Mann von etwa vierzig Jahren; er hatte ein glattrasiertes -Kinn und einen Gehrock an, offenbar führte -er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich -und wohlgenährt, die gelbe Hautfarbe und die -kleinen Äuglein waren ein Beweis dafür, daß er mit -weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste vertraut -war. Man sah sofort, daß er seine Laufbahn -vollendet hatte, gleich allen Leibeigenen, die die Güter -ihrer Herrn verwalten; erst war er ein gewöhnlicher -Junge gewesen, der im Hause seines Herrn aufgewachsen -und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er -irgend eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Hausfrau in besonderer Gunst stand, geheiratet, und -war dann selbst Hausmeister und endlich Verwalter -geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm -er sich natürlich genau so wie alle Verwalter: -er verkehrte und befreundete sich mit den reicheren Leuten -im Dorf, legte den Ärmeren noch neue Lasten auf, -stand morgens früh gegen neun Uhr auf, wartete auf -seine Teemaschine und trank Tee. -</p> - -<p> -„Hör mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei -uns gestorben, seit wir die Revisionsliste zum letztenmal -eingereicht haben?“ -</p> - -<p> -„Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind -viele gestorben,“ sagte der Verwalter, rülpste und hielt -sich die Hand wie ein Schild vor den Mund. -</p> - -<p> -„Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht,“ nahm -jetzt Manilow das Wort, „es sind sehr viele gestorben!“ -Hierbei wandte er sich an Tschitschikow, indem er noch -hinzufügte: „Wirklich sehr viele!“ -</p> - -<p> -„Und wieviel werden es ungefähr sein?“ fragte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ja, wie viele ungefähr?“ fiel Manilow ein. -</p> - -<p> -„Ja, wie soll ich sagen — wie viele ungefähr. Das -weiß man ja nicht, wie viele gestorben sind. Niemand -hat sie gezählt.“ -</p> - -<p> -„Natürlich,“ sagte Manilow, indem er sich an -Tschitschikow wandte, „das dachte ich mir gleich, die -Sterblichkeit war sehr groß; wir wissen gar nicht, wie -viele gestorben sind.“ -</p> - -<p> -„Bitte, zähle sie doch einmal,“ sagte Tschitschikow, „und -stelle mir ein ausführliches Verzeichnis aller Namen auf.“ -</p> - -<p> -„Jawohl, aller Namen!“ sagte Manilow. -</p> - -<p> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Der Verwalter sagte: „Zu Befehl!“ und entfernte sich. -</p> - -<p> -„Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich -dafür?“ fragte Manilow, nachdem der Verwalter fortgegangen -war. -</p> - -<p> -Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu -bereiten: in dem Ausdruck seines Gesichtes machte sich -eine gewisse Anstrengung bemerkbar, die ihn sogar ein -wenig erröten ließ — die Anstrengung, die man macht, -wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen -sich nicht fügen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu -hören bekam, waren so seltsame und unerhörte Dinge, -wie sie noch nie ein menschliches Ohr vernommen hat. -</p> - -<p> -„Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der -Grund ist folgender: ich hätte Lust, die Bauern zu kaufen,“ -sagte Tschitschikow, fing an zu stottern, und schloß seine -Rede. -</p> - -<p> -„Und darf ich mir die Frage erlauben,“ sagte Manilow, -„wie wollen Sie die Bauern kaufen, mit dem -Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also ohne Land?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich will eigentlich keine Bauern,“ sagte Tschitschikow, -„ich möchte tote ... haben.“ -</p> - -<p> -„Wie? Verzeihen Sie ..., ich höre ein wenig schlecht, -mir schien, ich hätte ein ganz seltsames Wort gehört ...“ -</p> - -<p> -„Ich möchte die toten Bauern kaufen, die aber nach -der letzten Revision noch als lebendig eingetragen sind,“ erklärte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -Manilow ließ die Pfeife auf den Boden fallen, -machte den Mund weit auf und saß ein paar Minuten -lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde, die -noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft -gesprochen hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -sich gegenseitig an wie zwei Porträts, die man in der -guten alten Zeit zu beiden Seiten des Spiegels aufzuhängen -pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf -und sah seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu -erforschen, ob nicht ein Lächeln um seine Lippen spiele, -und ob er sich nicht bloß einen Spaß erlaubt hätte: -aber er konnte <a id="corr-16"></a>nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, -das Gesicht erschien ihm noch ernster und würdevoller -als gewöhnlich. Dann überlegte er ein wenig, ob der -Gast nicht plötzlich verrückt geworden sei, und sah ihn -aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber seine -Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem -wilden, unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im -Auge des Wahnsinnigen flackert: alles war in Ordnung, -ganz wie es sich gehört. Und so sehr Manilow auch -darüber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier -zu tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als -den Tabakrauch in feinen Strahlen auszublasen. -</p> - -<p> -„Ich möchte also wissen, ob Sie mir diese zwar -tatsächlich toten, aber vom Standpunkt der gesetzlichen -Form noch lebenden Seelen, überweisen oder abtreten -wollen, wie es Ihnen am besten erscheint.“ -</p> - -<p> -Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, daß -er ihn nur ansah, ohne ein Wort finden zu können. -</p> - -<p> -„Mir scheint, Sie können sich nicht dazu entschließen?“ -bemerkte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ich ... oh nein, das ist es nicht,“ sagte Manilow, -„aber ich kann nicht verstehen ... entschuldigen -Sie ... ich war natürlich nicht in der Lage, mir eine so -glänzende Bildung anzueignen, von der gewissermaßen jede -Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -die hohe Gabe, mich so kunstvoll auszudrücken .... -Vielleicht ... verbirgt sich hier ... hinter Ihrer Erklärung, -die Sie soeben abgaben ... etwas andres ... -Vielleicht war es nur eine stilistische Schönheit, um deretwillen -Sie sich so auszudrücken beliebten?“ -</p> - -<p> -„Oh nein!“ fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, „nein, -ich nehme den Gegenstand ganz buchstäblich, ganz so wie -er ist, d. h. ich meine die Seelen, die tatsächlich schon -gestorben sind.“ -</p> - -<p> -Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fühlte, daß -hier etwas geschehen, daß er ihm irgend eine Frage stellen -müsse, und doch konnte nur der Teufel wissen, was das -für eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er schließlich -fand, bestand wiederum darin, daß er eine Wolke -Tabakrauch ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, -sondern durch die Nasenlöcher. -</p> - -<p> -„Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, -so können wir mit Gottes Hilfe gleich an die Aufstellung -des Kaufvertrages gehen,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Wie? Ein Kaufvertrag über tote Seelen?“ -</p> - -<p> -„Nein! Das nicht!“ antwortete Tschitschikow. „Wir -sagen natürlich, sie seien lebendig, wie es ja in der Tat -in den Revisionslisten steht. Ich pflege nie von den -bürgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich -schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann -nun mal nicht anders; die Pflicht ist mir heilig, und -das Gesetz ... vor dem Gesetz muß ich verstummen.“ -</p> - -<p> -Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich -er den eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht -erfassen konnte; statt zu antworten, nahm er ein paar -so heftige Züge aus seiner Pfeife, daß diese zu tönen -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich -aus der Pfeife eine Ansicht über diesen geradezu unerhörten -Fall herausholen wollte; die Pfeife aber gab -nur heisere Töne von sich und sonst nichts. -</p> - -<p> -„Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel?“ -</p> - -<p> -„Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie dürfen nicht -etwa glauben, ich hätte ein ... gewissermaßen kritisches -Vorurteil in bezug auf Ihre Persönlichkeit. Aber darf ich -mir die Frage gestatten: wird dieses Unternehmen ... -oder um mich sozusagen deutlicher auszudrücken ... -dies Geschäft ... wird dieses Geschäft nicht am Ende -im Widerspruch mit den bürgerlichen Satzungen und den -weiteren Perspektiven Rußlands stehen?“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte -Kopfbewegung und sah Tschitschikow mit bedeutungsvoller -Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag in all seinen Zügen -und besonders in den zusammengepreßten Lippen ein so -ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem -Menschenantlitz beobachtet hat, es sei denn bei einem -ganz ungewöhnlich klugen Minister, und auch bei dem -nur, während er über ein ganz besonders schwieriges -Problem nachsann. -</p> - -<p> -Aber Tschitschikow erklärte einfach, ein solches Unternehmen -oder Geschäft könne den bürgerlichen Satzungen -und den weiteren Perspektiven Rußlands durchaus nicht -zuwiderlaufen, und fügte nach einem Augenblick noch -hinzu, es würde dabei sogar noch etwas für den Fiskus abfallen, -da der Staat ja seine gesetzlichen Gebühren erhalte. -</p> - -<p> -„So meinen Sie also ...?“ -</p> - -<p> -„Ich glaube, es geht sehr gut!“ -</p> - -<p> -„Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Dann habe ich nichts dagegen,“ sagte Manilow völlig -beruhigt. -</p> - -<p> -„Jetzt müssen wir uns noch über den Preis -einigen ...“ -</p> - -<p> -„Wie? über den Preis?“ sagte Manilow wieder ein -wenig verblüfft. „Sie glauben doch nicht, daß ich Geld -für Seelen nehmen werde, die doch gewissermaßen ... -ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine, -ich möchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann -würde ich für meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergütung -überlassen und auch den Kaufvertrag auf mich nehmen.“ -</p> - -<p> -Der Geschichtsschreiber, der über die hier mitgeteilten -Begebenheiten berichtet, verdiente sicherlich den schärfsten -Tadel, wenn er an dieser Stelle zu erwähnen unterließe, -daß unser Gast von einer hohen Freude erfüllt -wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen -hörte. So gesetzt und besonnen er auch war, er hätte -am liebsten einen Luftsprung gemacht, wie ein Ziegenbock, -was, wie bekannt, nur im Ausbruche höchster -Freude geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl -um, daß der wollene Stoff, mit dem der Sitz überzogen -war, platzte; auch Manilow wurde aufmerksam -und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner -überquellenden Dankbarkeit <em>überschüttete</em> ihn der Gast -förmlich mit Worten der Anerkennung, bis jener ganz -verlegen wurde, errötete, eine abwehrende Bewegung mit -dem Kopfe machte und endlich erklärte, das sei ja ein -reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis für -seine herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner -Seele geben wollen, und tote Seelen — das sei doch -sozusagen eine Bagatelle — die reinste Lumperei. -</p> - -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -„Durchaus keine Lumperei,“ sagte Tschitschikow und -drückte ihm die Hand. -</p> - -<p> -Hierbei stieß er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie -es scheint, hatte er große Lust, sein Herz auszuschütten; -und nicht ohne Ausdruck und Gefühl sprach er zuletzt -folgende Worte: „Oh! wenn Sie wüßten, was Sie -einem Menschen ohne Namen und Titel mit diesem -Geschenk, das anscheinend nur eine Kleinigkeit ist, für -einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was habe ich -nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten -wütender Wogen ... Was für Verfolgungen hatte -ich nicht zu erdulden! Welcher Schmerz blieb mir erspart! -Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu blieb, -mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den -hilflosen Witwen und armen Waisen entgegenstreckte!“ -Und hierbei wischte er sich sogar eine Träne aus dem -Auge. -</p> - -<p> -Manilow war ganz gerührt. Beide Freunde drückten -sich fortwährend die Hand und sahen sich lange stumm -in die Augen, in denen schöne Tränen blinkten. Manilow -wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der -seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drücken, -daß jener kaum noch wußte, wie er sie befreien solle. -Nachdem er sie endlich sanft zurückgezogen hatte, sagte -er, es wäre gut, wenn man den Kaufkontrakt gleich -aufsetzen könnte und wenn Manilow selbst in der Stadt -die nötigen Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm -er seinen Hut und verabschiedete sich. -</p> - -<p> -„Wie? Sie wollen schon fahren?“ fragte Manilow, -der wie aus einem Traum erwachte und beinahe erschrocken -war. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins -Zimmer. -</p> - -<p> -„Lisanka!“ sagte Manilow mit etwas kläglicher -Miene, „Pawel Iwanowitsch will uns verlassen!“ -</p> - -<p> -„Pawel Iwanowitsch ist unser wohl überdrüssig,“ -versetzte Frau Manilow. -</p> - -<p> -„Gnädige Frau!“ sagte Tschitschikow, „hier, sehen Sie -hier“ — und dabei legte er seine Hand aufs Herz — -„Ja hier werde ich mir die Erinnerung an die schönen -Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! -Und glauben Sie mir, ich kann mir keine größere Seligkeit -vorstellen, als mit Ihnen, wenn auch nicht in einem -Hause, so doch wenigstens in nächster Nachbarschaft zu -leben!“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch!“ sagte -Manilow, dem dieser Gedanke offenbar sehr gefiel, „es -wäre doch wirklich herrlich, wenn wir so zusammen unter -einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander -philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen -<a id="corr-17"></a>könnten ...“ -</p> - -<p> -„Oh, das wäre himmlisch!“ sagte Tschitschikow mit -einem Seufzer. „Leben Sie wohl, gnädige Frau!“ -fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand küßte. -„Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie -meine Bitte nicht!“ -</p> - -<p> -„Oh, seien Sie ganz ruhig!“ erwiderte Manilow, -„wir trennen uns doch nicht auf länger als zwei Tage!“ -</p> - -<p> -Sie betraten das Speisezimmer. -</p> - -<p> -„Adieu, meine lieben Kleinen!“ sagte Tschitschikow, -als er Alcid und Themistokljus erblickte, die mit einem -hölzernen Husaren spielten, der übrigens weder Hände -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -noch Nase mehr hatte. „Lebt wohl, liebe Kinder. Verzeiht, -daß ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, -aber ich muß gestehen, ich wußte ja gar nicht, daß ihr -auf der Welt seid. Aber wenn ich das nächstemal wiederkomme, -bringe ich euch sicher etwas mit. Dir bringe -ich einen Säbel. Willst du einen Säbel haben? Wie?“ -</p> - -<p> -„Ja!“ antwortete Themistokljus. -</p> - -<p> -„Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht -wahr, du möchtest doch eine Trommel haben?“ fuhr -Tschitschikow fort, indem er sich über Alcid beugte. -</p> - -<p> -„Ja, eine Prommel,“ sagte Alcid leise, indem er den -Kopf senkte. -</p> - -<p> -„Schön also, ich will dir eine Trommel kaufen. — -Weißt du eine feine Trommel. Die wird immer Trrr .... -ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta machen. Leb wohl, -Herzchen! Adieu!“ Er küßte ihn auf den Kopf und -wandte sich mit jenem Lächeln an Manilow und seine -Frau, mit dem man sich an alle Eltern zu wenden pflegt, -wenn man ihnen zu verstehen geben will, wie unschuldig -doch die Wünsche ihrer Kinder sind. -</p> - -<p> -„Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel -Iwanowitsch!“ sagte Manilow, als schon alle auf die -Freitreppe hinausgetreten waren. „Sehen Sie doch, was -dort für Wolken heraufziehen!“ -</p> - -<p> -„Das sind nur kleine Wölkchen,“ meinte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch?“ -</p> - -<p> -„Danach wollte ich Sie gerade fragen.“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklären!“ -Und Manilow machte dem Kutscher die -Sache in der liebenswürdigsten Weise klar, und sagte -sogar einmal <em>Sie</em> zu ihm. -</p> - -<p> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Als der Kutscher hörte, daß er zwei Wegkreuzungen -abseits liegen lassen und erst bei der dritten einbiegen müsse, -sagte er: „Wir werden’s schon finden,“ und <a id="corr-19"></a>Tschitschikow -fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgrüßen der Gatten, -die noch lange auf den Fußspitzen standen und ihre -Taschentücher schwenkten. -</p> - -<p> -Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und -folgte dem davonrollenden Wagen mit den Augen, und als -dieser schon längst nicht mehr zu sehen war, stand er noch -immer mit der Pfeife im Munde da. Endlich ging er -wieder ins Haus zurück, ließ sich auf einem Stuhl nieder -und versank in Sinnen, von Herzen froh, daß er seinem -Gast eine kleine Freude bereitet hatte. Dann schweiften -seine Gedanken, ohne daß er es merkte, zu anderen -Gegenständen hinüber, um endlich, Gott weiß wo, zu -landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, -wie schön es doch wäre, mit dem Freunde am Ufer eines -Flusses zu leben, dann baute er in Gedanken eine Brücke -über den Fluß und darauf ein Haus mit einem gewaltigen -Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen -konnte, und er stellte sich vor, wie herrlich es sein -müßte, dort abends im Freien seinen Tee zu trinken -und sich über angenehme Gegenstände zu unterhalten; -oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in -eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren -und alle Anwesenden durch ihr feines Benehmen in -Entzückung versetzen, und wie dann der Kaiser, der von -der Freundschaft der beiden gehört hatte, sie zu Generälen -ernennt, und so träumte er immer weiter; was nun noch -alles folgte, weiß Gott allein, wußte er es doch selbst -nicht mehr genau. Aber plötzlich drängte sich Tschitschikows -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -seltsame Bitte jäh in seine Träumereien, und dieser Gedanke -wollte ihm nicht recht in den Kopf: er mochte ihn -drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht -klar über ihn werden. So saß er noch lange mit der -Pfeife im Munde da, bis das Abendessen auf dem Tische -stand. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Drittes Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nterdessen</span> saß Tschitschikow vergnügt in seinem -Wagen, der schon seit einiger Zeit auf der Landstraße -dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel -konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand -seiner Neigung und seines Geschmacks war, und es war -daher auch kein Wunder, wenn er sich bald mit Leib und -Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, Überschläge und -Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem Gesichte -spiegelten, mußten höchst angenehmer Art sein, denn -sie hinterließen in einem fort die Spuren eines vergnügten -Lächelns auf seinen Zügen. Ganz mit seinen Gedanken -beschäftigt, achtete er gar nicht darauf, was für treffende -Worte sein Kutscher, der offenbar von dem Empfang -durch die Bedienten und Knechte Manilows äußerst befriedigt -war, an den Schecken, das rechte Beipferd -richtete. Dieser Schecke war sehr schlau, und <em>tat</em> bloß -so, als ob er den Wagen auch vorwärts ziehe, während -sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, -das den Namen Assessor trug, weil man es irgend -einem Assessor abgekauft hatte, aus allen Kräften abquälten, -das Gefährt weiter zu bringen, so daß man -ihnen das Vergnügen, welches ihnen das bereitete, von -den Augen ablesen konnte: „Brauch soviel Listen als -du willst! Es hilft dir doch nichts! Ich will dich doch -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -überlisten!“ sagte Seliphan, indem er sich etwas erhob -und dem Trägen einen Peitschenhieb versetzte. „Tu deine -Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist -ein braves Pferd, der tut seine Schuldigkeit; darum gebe -ich ihm auch gern ein Maß Hafer mehr, weil er ein braves -Pferd ist. Und der Assessor — der ist auch ein gutes -Pferd ... Nun, was schüttelst du die Ohren? Dummkopf, -paß auf, wenn man mir dir spricht! Ich werde -dich schon nichts Schlechtes lehren, du Esel! Seh einer, -wo der hin will!“ Hierbei gab er ihm wieder eins mit -der Peitsche und murmelte: „Uf! Barbar! Bonaparte, -Verfluchter!“ Dann rief er allen miteinander ein: „He! -Ihr Lieben!“ zu, und gab allen dreien eins mit der Peitsche, -nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum Beweise, -daß er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen -diese kleine Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder -an den Schecken: „Du glaubst, es wird dir gelingen, -dein schlechtes Betragen zu verbergen. Nein, mein Lieber, -tue recht, wenn du willst, daß man Achtung vor dir -haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem -wir waren — das sind gute Menschen! Mit einem guten -Menschen plaudere ich immer gern, ein guter Mensch — -das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm setze -ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. -Ein guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren -Herrn zum Beispiel — den achten alle Leute, hörst du -wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient hat und -Skollegenrat ist ....“ -</p> - -<p> -In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei -den entferntesten und abstraktesten Materien angelangt -war. Hätte Tschitschikow aufmerksam zugehört, er hätte -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person -Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit -seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß erst ein -heftiger Donnerschlag ihn aus seinen Träumen weckte -und ihn veranlaßte, sich ein wenig umzusehen; der ganze -Himmel war mit Wolken bedeckt, und große Regentropfen -trafen die staubige Chaussee. Ein zweiter -noch stärkerer Donnerschlag folgte dem ersten aus noch -größerer Nähe, und plötzlich prasselte der Regen in -Strömen wie aus Gießkannen nieder. Zuerst fiel er -in schräger Richtung herab und peitschte bald die eine -Seite, bald die andere Seite des Kutschbocks, dann -änderte er seine Angriffsmethode und rieselte senkrecht -auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow -ins Gesicht spritzten. Er ließ also das lederne Wagendeck -mit den zwei kleinen runden Fensterchen aufspannen, -die eine freie Aussicht auf die Landschaft gestatteten und -befahl Seliphan, schneller zu fahren. Seliphan, mitten -in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, daß jetzt -nicht Zeit zum Säumen war, holte etwas wie einen -Mantel aus grauem Stoff unter dem Bock hervor, -steckte die Hände in die Ärmel, ergriff die Zügel und -spornte die drei Gäule durch einen Zuruf an, welche -unter dem Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme -Schwäche in den Beinen spürten und sie kaum -vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich absolut -nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich -hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich -die Sache überlegt und über den Weg nachgedacht hatte, -kam er zur Überzeugung, daß sie schon manchen Weg -gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert -und, ohne lange nachzudenken, immer irgend einen -Ausweg findet, so machte er bei dem nächsten Kreuzweg -eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden -zurief: „Hüh! liebe Freunde!“ und dann jagte er im -Galopp dahin, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, -wohin sie der eingeschlagene Weg führen werde. -</p> - -<p> -Der Regen schien indessen nicht bald aufhören zu -wollen. Der Staub, der die Landstraße bedeckte, verwandelte -sich schnell in weichen Dreck, es wurde den -Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen -fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte -Unruhe, da noch immer nichts von dem Gute -Sabakewitschs zu sehen war. Seiner Berechnung nach -hätten sie schon längst da sein müssen. Er blickte nach -beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, -und er konnte nichts sehen. -</p> - -<p> -„Seliphan!“ rief er endlich, indem er den Kopf -aus dem Fenster steckte. -</p> - -<p> -„Ja, Gnädiger Herr?“ antwortete Seliphan. -</p> - -<p> -„Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu -sehen!“ -</p> - -<p> -„Nein, gnädiger Herr, es ist nichts zu sehen!“ und -Seliphan schwang seine Peitsche und stimmte etwas -wie einen Gesang an. Ein Lied konnte man es nicht -nennen, denn es dehnte und zog sich so in die Länge, -daß es gar kein Ende nehmen wollte. Seliphan brachte -alles darin unter, alle aufmunternden und anspornenden -Rufe, mit denen man im weiten Rußland, von einem -Ende bis zum andern, die Pferde zu beglücken pflegt, -und alle nur möglichen Adjektiva, ohne jede Auswahl, -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -wie sie ihm gerade auf die Zunge kamen. Schließlich -ging er sogar so weit, daß er seine Pferde Sekretäre -nannte. -</p> - -<p> -Jetzt aber machte Tschitschikow die Entdeckung, daß -sein Wagen von einer Seite auf die andre schwankte, -wobei der Insasse jedesmal einen kräftigen Stoß erhielt; -das brachte ihn auf den Gedanken, daß sie von der -Straße abgekommen seien und wahrscheinlich über ein -gepflügtes Ackerfeld führen. Auch Seliphan mußte es -wohl bemerkt haben, aber er sagte kein Wort. -</p> - -<p> -„Auf was für einem Wege fährst du eigentlich? -du Spitzbube!“ schrie Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Was ist zu machen, gnädiger Herr, es ist halt -schon spät am Abend. Ich sehe nicht einmal meine -Peitsche, so finster ist es!“ Bei diesen Worten neigte -sich der Wagen so sehr auf die Seite, daß Tschitschikow -sich mit beiden Händen festhalten mußte. Erst jetzt -bemerkte er, daß Seliphan einen tüchtigen Rausch hatte. -</p> - -<p> -„Halt! Halt! Du wirfst mich um!“ rief er ihm zu. -</p> - -<p> -„Nicht doch, gnädiger Herr, wie können Sie denken, -daß ich Sie umwerfe,“ sagte Seliphan. „Das wäre -schlecht von mir, wenn ich das täte, das weiß ich selbst; -o nein, das tue ich nicht, unter keinen Umständen werfe -ich Sie um!“ Hierauf versuchte er den Wagen umzuwenden, -aber er drehte und wendete ihn so lange, bis -er ihn ganz umwarf. Tschitschikow fiel mit Füßen und -Händen in den Dreck. Übrigens gelang es Seliphan -wenigstens die Pferde zum Stehen zu bringen; wahrscheinlich -aber wären sie auch schon von selber stehen -geblieben, weil sie sehr müde waren. Dieses unerwartete -Ereignis brachte Seliphan ganz aus der Fassung. Er -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -kroch von seinem Bock herunter, stellte sich vor den -Wagen hin, stemmte beide Hände in die Seite und -sagte, während sein Herr sich im Schmutze herumwälzte -und sich vergeblich zu erheben versuchte: „Ist das Ding -also doch umgefallen!“ -</p> - -<p> -„Du bist betrunken wie ein Schwein!“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Nicht doch, gnädiger Herr! Wie könnte ich auch -betrunken sein! Ich weiß doch, daß es schlecht ist, -betrunken zu sein. Ich hab’ nur ein wenig mit einem -guten Freunde geplaudert; mit einem guten Menschen -darf man doch sprechen — das ist doch nichts Schlimmes -— und nachher haben wir zusammen gegessen. Das -ist doch auch nichts Unrechtes — ein wenig mit einem -guten Menschen zu schmausen.“ -</p> - -<p> -„Was habe ich dir gesagt, als du das letztemal -betrunken warst, wie? Hast du’s schon wieder vergessen?“ -sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Gewiß nicht, Euer Gnaden, wie könnte ich so etwas -vergessen? Ich kenne doch meine Pflicht! Ich weiß -doch, wie unrecht es ist, betrunken zu sein. Ich habe -doch nur mit dem braven Menschen da gesprochen, es -ist doch nicht ...“ -</p> - -<p> -„Ich lasse dir eine Tracht Prügel geben, dann wirst -du schon wissen, was es heißt, mit einem braven -Menschen zu sprechen ...“ -</p> - -<p> -„Wie es Euer Gnaden belieben wird,“ antwortete -Seliphan, der mit allem zufrieden war. „Wenn’s denn -Prügel geben soll, nun gut, ich widersetze mich nicht. -Warum sollte es keine Prügel geben, wenn man’s verdient -hat; das steht ganz bei Ihnen, dafür sind Sie -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -der Herr! Der Bauer <em>muß</em> mitunter Prügel haben, -sonst sticht ihn der Haber. Ordnung muß sein. Wenn -ich’s verdient habe, dann laß mich nur durchprügeln, -warum sollte es auch keine Prügel geben?“ -</p> - -<p> -Auf eine solche Überlegung fand Tschitschikow keine -Antwort. In diesem Augenblick aber schien sich das -Schicksal selbst seiner erbarmen zu wollen. Plötzlich -erklang Hundegebell aus der Ferne. Hocherfreut gab -Tschitschikow Seliphan den Befehl zum Aufbruch und -schärfte ihm ein, recht schnell zu fahren. Ein russischer -Kutscher hat einen feinen Instinkt, wo ihn seine Augen -verlassen; so kann es geschehen, daß er die Augen zumacht, -im Galopp dahinjagt und dennoch irgend ein -Ziel erreicht. Obgleich Seliphan nichts mehr sah, steuerte -er mit seinen Pferden gerade auf das Dorf los und -machte erst Halt, als der Wagen mit der Deichsel auf -einen Zaun stieß, und durchaus nicht mehr weiter kommen -wollte. Tschitschikow konnte durch die dichte Nebelhülle -nichts außer einem Fleck entdecken, der wie ein -Dach aussah. Er gab Seliphan den Auftrag, nach dem -Tor zu suchen, was ohne Zweifel recht lange gedauert -hätte, wenn es in Rußland nicht statt des Portiers flinke -Hunde gäbe, die in so lauter Weise Meldung von -seiner Ankunft erstatteten, daß er sich die Ohren mit den -Fingern zustopfte. In einem Fenster leuchtete ein Licht -auf, dessen trübe Strahlen auch auf den Zaun fielen, -und unseren Reisenden den Weg zum Tore wiesen. -Seliphan klopfte an, worauf sich bald eine Pforte auftat -und eine in einen Schlafrock gehüllte Gestalt sehen ließ. -Herr und Diener hörten eine heitere Frauenstimme, die -ihnen zurief: „Wer klopft da? Wer lärmt hier so?“ -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -„Wir sind Reisende, Mütterchen, wir suchen ein -Nachtquartier,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„So? Seh einer den Leichtfuß!“ murmelte die Alte. -„Kommt zu so später Abendstunde angefahren. Hier ist -keine Herberge. Hier wohnt eine Gutsbesitzerin.“ -</p> - -<p> -„Was soll ich machen, Mütterchen? Wir haben uns -verirrt. Wir können doch bei dem Wetter nicht im Freien -übernachten.“ -</p> - -<p> -„Ja das Wetter ist trübe und schlecht,“ bemerkte -Seliphan. -</p> - -<p> -„Schweig! Esel,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Wer sind Sie?“ fragte die Alte. -</p> - -<p> -„Ein Edelmann, Mütterchen.“ -</p> - -<p> -Das Wort <em>Edelmann</em> schien einigen Eindruck auf -die Alte gemacht zu haben. „Wart’ ich will’s der -gnädigen Frau melden,“ murmelte sie, entfernte sich und -kam nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand -wieder zurück. Das Tor öffnete sich. Jetzt wurde -auch das andere Fenster hell. Der Wagen fuhr durch -das Tor und machte vor einem kleinen Häuschen halt, -das in der Dunkelheit nur mit Mühe zu erkennen war. -Nur die eine Seite war von dem Lichte erleuchtet, das -aus den Fenstern fiel; vor dem Hause sah man noch -eine Pfütze im Lichte daliegen. Der Regen trommelte -laut auf das Holzdach und rieselte wie ein rauschender -Bach in eine daruntergestellte Tonne. Die Hunde heulten -in allen Tonarten; der eine hatte den Kopf hoch empor -geworfen und stieß fortgesetzt lange klägliche Töne hervor; -dabei war er mit einem solchen Eifer bei der Sache, als -ob er Gott weiß wieviel dafür bezahlt bekäme; ein anderer -produzierte sich mit der Fertigkeit eines Küsters; zwischendurch -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -erklang ununterbrochen wie ein Postglöckchen der -Diskant eines wahrscheinlich noch jungen Köters, und -dies ganze Konzert wurde getragen von dem gewaltigen -Baß eines alten, der wohl mit einer robusten Hundenatur -ausgestattet war, denn er schnarrte wie der Konterbaß -eines Gesangchors, wenn das Konzert in vollem -Gange ist; die Tenöre stellen sich auf die Fußspitzen, -um die hohen Töne besser herauszubringen, alles strebt -in die Höhe, und wirft die Köpfe in den Nacken; nur <em>er</em> -allein, der Konterbaßspieler, steckt das unrasierte Kinn in -den Halskragen, hockt mit gebeugten Knieen fast am Fußboden, -und schmettert nun plötzlich von dort aus seine Note -in die Luft, daß alle Fensterscheiben erklirren und erzittern. -Schon allein das Hundegebell, das von diesen -Musikanten herrührte, brachte einen auf die Vermutung, -daß dies ein recht ansehnliches Dorf sei; aber unser halb -erfrorener und durchnäßter Held dachte an gar nichts -mehr, außer an ein warmes Bett. Noch ehe der Wagen -halten konnte, sprang er hinaus, stolperte und wäre -beinahe auf der Treppe hingefallen. Aus dem Flur -trat jetzt eine andere Frau, die etwas jünger war als -die erste, aber ihr dennoch recht ähnlich sah. Sie geleitete -Tschitschikow ins Zimmer. Hier angelangt, warf er einen -flüchtigen Blick auf das Innere; das Zimmer war mit alten -gestreiften Tapeten bekleidet; an den Wänden hingen ein -paar Bilder, auf denen allerhand Vögel abgebildet waren, -und zwischen den Fenstern waren kleine altertümliche -Spiegel mit dunklen Rahmen aufgehängt, die die Form -zusammengerollter Blätter hatten. Hinter jedem Spiegel -steckte ein Brief, ein altes Spiel Karten, ein Strumpf -oder dergleichen; dazu kam noch eine Wanduhr mit -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -einem geblümten Zifferblatt ... Tschitschikow konnte -nicht alles übersehen. Er fühlte, daß seine Augen zufielen -und seine Augenlider zusammenklebten, wie wenn -sie jemand mit Honig bestrichen hätte. Nach ein paar -Minuten erschien die Hausfrau, eine ältere Dame mit -einer Nachthaube, die sie offenbar in der Eile aufgesetzt -hatte, und mit einem Flanelltuch um den Hals, eine von -jenen Matronen und kleinen Gutsbesitzerinnen, die immer -über Mißernte und Verluste jammern und den Kopf -hängen lassen, während sie ganz im Stillen, wenn auch -langsam ein Geldstück nach dem andern in ihren bunten -Leinwandbeutel tun, den sie in der Schublade ihrer Kommode -verschließen. In den einen Geldsack legen sie die -Rubel, in den nächsten die Fünfzigkopeken-, in den dritten -die Fünfundzwanzigkopekenstücke, und doch sieht es so -aus, als wenn in der Kommode nichts sei, als Wäsche, -Nachtjacken, Garnrollen und ein aufgetrennter Rock, -der sich in ein neues Kleid verwandelt, wenn das alte -vor dem Fest beim Backen von Stollen und Pfefferkuchen -anbrennt oder von selbst verschleißt. Wenn das Kleid -jedoch nicht anbrennt und noch weiter vorhält, dann läßt -unsere sparsame Alte den Rock noch lange aufgetrennt -in der Schublade liegen, um ihn in ihrem Testament, -zugleich mit manchem anderen Gerümpel, irgend einer -Nichte oder Cousine zweiten Grades zu vermachen. -</p> - -<p> -Tschitschikow bat um Entschuldigung wegen der Beunruhigung, -die er ihr mit seiner Ankunft verursacht habe. -„Macht nichts, macht nichts!“ sagte die Hausfrau, „zu -wie später Stunde Sie auch der Herrgott hierher geführt -hat! Bei dem Sturm und Schneewetter! Nach dem langen -Weg sollte ich Ihnen eigentlich was zu essen anbieten, -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -aber es ist schon so spät in der Nacht; ich kann nichts -mehr herrichten!“ -</p> - -<p> -Die Worte der Hausfrau wurden durch ein merkwürdiges -Zischen unterbrochen, sodaß Tschitschikow nicht -wenig erschrak. Es war ein Geräusch, als wenn sich -das Zimmer plötzlich mit Schlangen angefüllt hätte; aber -ein Blick nach oben genügte, um ihn völlig zu beruhigen; -er überzeugte sich, daß der Ton von der Wanduhr herrührte, -die offenbar schlagen wollte. Auf das Zischen -folgte denn auch gleich ein Schnarren, und endlich schlug -sie, nachdem sie alle Kräfte zusammengenommen hatte, -zwei Uhr und zwar in einem Ton, als ob jemand mit -einem Stock auf einen zerbrochenen Topf klopfte, worauf -das Pendel aufs neue fortfuhr, sich im ruhigen Takte -hin- und herzubewegen. -</p> - -<p> -Tschitschikow dankte der Hausfrau, indem er versicherte, -er brauche gar nichts, sie möge sich nur nicht -beunruhigen, außer dem Verlangen nach einem Bett -habe er keine anderen Wünsche. Zugleich erkundigte er -sich, wohin er sich eigentlich verirrt habe, und ob es noch -weit von hier bis zum Gut des Herrn Sabakewitsch -sei, worauf die Alte erklärte, sie hätte diesen Namen noch -nie gehört, einen Gutsbesitzer dieses Namens gäbe es -überhaupt nicht. -</p> - -<p> -„Kennen sie wenigstens Manilow?“ fragte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Wer ist das, Manilow?“ -</p> - -<p> -„Ein Gutsbesitzer, Mütterchen.“ -</p> - -<p> -„Nein, ich habe seinen Namen noch nie gehört, einen -solchen Gutsbesitzer gibt es nicht.“ -</p> - -<p> -„Was gibt es denn hier für Gutsbesitzer?“ -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -„Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, -Pljeschako.“ -</p> - -<p> -„Sind es reiche Leute oder nicht?“ -</p> - -<p> -„Nein, Väterchen, allzu reiche gibt’s hier nicht. Der -eine hat zwanzig, der andere hat dreißig Seelen; solche -mit hundert gibt’s hier zu Lande nicht.“ -</p> - -<p> -Jetzt erst merkte Tschitschikow in was für eine abgelegene -Gegend er sich verirrt hatte. -</p> - -<p> -„Können Sie mir zum mindesten sagen, wie weit es -von hier bis zur Stadt ist?“ -</p> - -<p> -„Es werden wohl gegen 60 Werst sein. Es tut mir -wirklich leid, daß ich Ihnen gar nichts vorsetzen kann! -Haben Sie nicht Lust zu einem Glas Tee, Väterchen?“ -</p> - -<p> -„Danke schön, Mütterchen. Ich brauche nichts als -ein Bett.“ -</p> - -<p> -„Ja, wahrhaftig, nach einem so weiten Weg will -man sich ordentlich ausruhen. Sie können sich hier auf -diesem Sofa ausstrecken, Väterchen. He! Fetinja, bring -doch eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Gott, -was für ein Wetter! Wie das stürmt! Die ganze -Nacht hindurch brennt bei mir die Kerze vor dem -Heiligenbild. Ach, Herr Gott, dein Rücken und die -eine Seite sind ja voller Dreck, wie bei einem Eber. -Wo hast du dich denn so schmutzig gemacht?“ -</p> - -<p> -„Gott sei dank, daß ich bloß schmutzig bin; ich kann -froh sein, daß ich mir nicht das ganze Rückgrat zerbrochen -habe!“ -</p> - -<p> -„Heiliger Jesus, was sprichst du? Willst du nicht -etwas, um dir den Rücken einzureiben?“ -</p> - -<p> -„Nein, danke bestens! Bitte beunruhigen Sie sich -nicht! Bitte sagen Sie nur Ihrem Mädchen, sie -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -möchte mir meine Kleider ein wenig trocknen und rein -machen!“ -</p> - -<p> -„Hör mal, Fetinja!“ sagte die Hausfrau, indem sie -sich an das Weib wandte, das mit dem Licht auf -die Treppe hinausgetreten war und schon ein Unterbett -hereinbrachte, welches sie mit beiden Händen aufschüttelte, -sodaß eine ganze Wolke von Daunen durch das Zimmer -flog. „Nimm doch den Rock und den Mantel und -trockne ihn am Feuer, wie du es dem seligen Herrn zu -tun pflegtest, und klopfe und bürste ihn nachher gründlich -aus.“ -</p> - -<p> -„Jawohl, gnädige Frau!“ sagte Fetinja, indem sie -ein Laken über das Unterbett breitete und ein paar -Kopfkissen darauflegte. -</p> - -<p> -„So, nun ist das Bett fertig!“ sagte die Hausfrau. -„Gute Nacht, Väterchen, schlaf gut. Brauchst du nicht -noch irgend etwas? Vielleicht bist du es gewöhnt, daß -dir jemand die Fersen streicht. Mein seliger Mann konnte -ohne das gar nicht einschlafen.“ -</p> - -<p> -Aber der Gast verzichtete auch auf dies Vergnügen. -Die Hausfrau ging hinaus, worauf er sich schleunigst -entkleidete. Er gab Fetinja seine ganze Rüstung, die -obere wie die untere, und sie zog mit den nassen Trophäen -ab, nachdem sie ihm gleichfalls eine gute Nacht gewünscht -hatte. Als er allein war, vertiefte er sich nicht -ohne Vergnügen in die Betrachtung seines Bettes, das -beinahe bis an die Decke reichte. Er stellte einen Stuhl -daran, stieg mit seiner Hilfe ins Bett, das unter ihm -beinahe bis zum Fußboden herabsank, und die aus ihren -Schranken verdrängten Daunen flogen nach allen Richtungen -im Zimmer auseinander. Nachdem er das -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Licht ausgelöscht hatte, zog er sich die Kattundecke über -den Kopf, rollte sich unter ihr wie eine Brezel zusammen -und schlief ohne Verzug ein. Am andern Tage -wachte er ziemlich spät auf. Die Sonne schien ihm -durch das Fenster gerade ins Gesicht, und die Fliegen, -die gestern abend ruhig an den Wänden und an der -Decke geschlafen hatten, wendeten ihm jetzt ihre ganze -Aufmerksamkeit zu: eine setzte sich ihm auf die Unterlippe, -eine andre aufs Ohr, eine dritte traf Anstalten, -sich ihm aufs Auge zu setzen; eine dagegen, welche so -unvorsichtig war, gerade unterm Nasenloch Platz zu -nehmen, zog er beim Erwachen mit einem Atemzuge in -die Nase hinein, was ihn natürlich veranlaßte, kräftig -zu niesen — ein Umstand, der den Grund für sein -Erwachen abgab. Er warf einen Blick auf das -Zimmer und bemerkte jetzt, daß nicht nur Vogelbilder -an der Wand hingen, es fand sich auch ein Porträt -von Kutusow und ein Ölgemälde, das einen alten Mann -in einer Uniform mit roten Aufschlägen, wie man sie -unter Pawel Petrowitsch trug, darstellte. Die Wanduhr -schnarrte und schlug neun; der Kopf einer Frau -guckte zur Türe hinein und verschwand sofort wieder, -denn Tschitschikow hatte seine sämtlichen Kleidungsstücke -abgelegt, um besser einschlafen zu können. Das Gesicht -kam ihm übrigens bekannt vor. Er suchte sich zu erinnern, -wer das wohl gewesen sein könnte, und besann -sich schließlich darauf, daß es die Wirtin selbst war. -Er zog schnell sein Hemd an, seine Kleider lagen trocken -und reingebürstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet -hatte, trat er vor den Spiegel und nieste noch -einmal so laut, daß ein Truthahn, der sich gerade -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -dem Fenster genähert hatte — es lag nicht sehr hoch -über dem Erdboden — plötzlich laut zu gackern anfing -und ihm in seiner seltsamen Sprache ganz schnell -etwas zurief, wahrscheinlich sollte es soviel bedeuten als -„Prosit“, worauf ihn Tschitschikow einen Trottel nannte. -Dann trat er ans Fenster, um sich die Gegend anzusehen; -das Fenster ging, wie es schien, auf den Hühnerhof -hinaus; wenigstens war der kleine enge Hof, der -vor ihm lag, voller Vögel und anderer Haustiere. Eine -unendliche Anzahl von Hühnern und Puten tummelte -sich dort umher; zwischen ihnen hindurch stolzierte gemessenen -Schrittes ein Hahn, schüttelte seinen Kamm -und legte seinen Kopf auf die Seite, als lausche er auf -etwas. Auch eine Schweinefamilie war hier vertreten; -das alte Mutterschwein wühlte in einem Schutthaufen -herum, wie im Vorbeigehen verschlang es ein Küchel -und fuhr gleich darauf wieder ruhig fort, die Schalen -alter Wassermelonen, die hier herumlagen, weiter zu fressen. -Dieser kleine Hof oder Hühnerhof wurde von einem -Bretterzaun umgrenzt, hinter dem sich große Gemüsegärten -mit Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln, roten Rüben -und anderen Gemüsearten ausdehnten. In den Gemüsegärten -bemerkte man hie und da Apfelbäume und andere -Obstbäume, die zum Schutz gegen die Elstern und -Sperlinge mit Netzen bedeckt waren. Und in der Tat -schwirrten die Spatzen immerfort wie eine schräge Wolke -von einer Stelle zur andern. Aus demselben Grunde -waren mehrfach Vogelscheuchen auf langen Stangen -und mit ausgebreiteten Armen aufgestellt; eine von -ihnen hatte sogar die Haube der Hausfrau auf. -Auf den Gemüsegarten folgten Bauernhütten, die zwar -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -recht zerstreut dalagen und keine regelmäßige Häuserflucht -mit Plätzen und Straßen bildeten, aber doch nach -Tschitschikows Ansicht vom Wohlstand der Bewohner -zeugten, denn sie waren alle gut instand gehalten: das -Bretterdach war überall renoviert, wo es alt und schlecht -zu werden begann, nirgends sah man ein schiefes verfallenes -Tor, und in den gedeckten Scheunen und Ställen, -in die man vom Fenster aus hineinsehen konnte, erblickte -er meist <em>einen</em>, häufig aber auch zwei beinah -neue Reservewagen. „Hm! Das Dörflein ist gar nicht -so klein!“ sagte er zu sich selbst und beschloß sogleich, -mit der Hausfrau zu sprechen, um sie näher kennen zu -lernen. Er guckte durch die Türspalte, durch die sie -ihren Kopf hineingesteckt hatte, und als er sie am Teetisch -sitzen sah, trat er ins Zimmer und ging ihr heiter -und freundlich entgegen. -</p> - -<p> -„Guten Tag, Väterchen! Wie haben Sie geruht?“ -sagte die Hausfrau, indem sie sich von ihrem Platze erhob. -Sie war heute eleganter gekleidet als gestern und -hatte statt der Nachthaube ein schwarzes Häubchen auf -dem Kopfe. Der Hals war jedoch noch immer mit -allerhand Tüchern umwickelt. -</p> - -<p> -„Vortrefflich, ausgezeichnet,“ sprach Tschitschikow und -ließ sich im Lehnsessel nieder. „Und Sie, Mütterchen?“ -</p> - -<p> -„Schlecht! Väterchen!“ -</p> - -<p> -„Wieso?“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht schlafen. Das Kreuz tut mir weh, -und mein Bein schmerzt mich, hier über’m Knöchel.“ -</p> - -<p> -„Das geht vorüber, Mütterchen, achten <a id="corr-25"></a>Sie nur nicht -darauf.“ -</p> - -<p> -„Gott gebe, daß es schnell vorübergeht. Ich habe es -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -schon mit Schweinefett und Terpentin eingerieben. Was -nehmen Sie zum Tee? Dort im Glas ist Fruchtsaft.“ -</p> - -<p> -Der Leser wird wohl schon bemerkt haben, daß Tschitschikow -trotz seiner Freundlichkeit sich viel ungezwungener -ausdrückte und überhaupt nicht viel Umstände machte. -Man kann zugeben, daß Rußland vielleicht noch in mancher -Hinsicht hinter dem Ausland zurücksteht: was aber -das feine Benehmen anbelangt, so haben wir die Ausländer -weit hinter uns gelassen. Die vielen Schattierungen -und Finessen in unseren Verkehrsformen sind -gar nicht aufzuzählen. Ein Franzose oder ein Deutscher -kommen ihr Lebtag nicht dahinter, nie werden sie -die Eigenart und die feinen Unterschiede in unserem Verhalten -verstehen; sie sprechen fast in dem nämlichen Ton -und mit derselben Stimme mit einem Millionär und mit -einem kleinen Tabakkrämer, wenn sie sich auch in ihrer -Seele vor dem ersteren noch so sehr beugen und erniedrigen. -Bei uns ist das ganz anders: wir haben solche -Künstler, die mit einem Gutsherrn, der zweihundert -Seelen hat, ganz anders sprechen, wie mit einem -solchen, der dreihundert besitzt; und mit diesem sprechen -sie wieder ganz anders, wie mit einem, dem fünfhundert -gehören; und den letzteren behandeln sie wiederum -anders, wie einen reichen Gutsbesitzer, der über -achthundert Seelen gebietet; so kann man meinetwegen -bis zu einer Million weiter fortgehen, immer findet -sich eine bestimmte Nüance. Nehmen wir einmal an, es -gäbe, nicht bei uns, sondern irgendwo in einem fernen -Königreiche, eine Kanzlei, und nehmen wir ferner an, diese -Kanzlei habe einen Vorsteher oder Chef. Ich bitte den -Leser, sich diesen Mann einmal anzusehen, wenn er mitten -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -unter seinen Untergebenen dasitzt — ich wette, das Wort -würde ihm vor Schrecken im Munde stecken bleiben. -Stolz und Edelmut — und was nicht alles <em>noch</em> liegt -in seinem Blick? Man möchte zum Pinsel greifen und -ihn malen, um ihn in dieser Stellung festzuhalten: der -reinste Prometheus! wahrhaftig: ein Prometheus! Er -blickt wie ein Adler, und sein Gang ist biegsam, gesetzt -und fest. Aber seht euch einmal diesen Adler an, wenn -er den Saal verläßt und sich dem Zimmer seines Chefs -nähert, er ist kaum wiederzuerkennen; wie ein flüchtiges -Schneehuhn eilt er mit seinem Aktenbündel unterm Arme -dahin, daß ihm fast der Atem ausgeht. In einer Gesellschaft -oder auf einer Soiree, wo nicht allzu hochstehende -Persönlichkeiten zugegen sind, bleibt unser Prometheus -ein echter Prometheus, aber es braucht nur einer da zu -sein, der etwas höher steht als er, und mit unserem -Prometheus geht eine solche Verwandlung vor, wie sie -sich selbst ein Ovid nicht träumen ließe: eine Fliege -kann nicht kleiner sein, er ist ganz wie vernichtet, -wie ein Sandkorn! „Aber das ist doch nicht Iwan -Petrowitsch!“ sagt man sich, wenn man ihn erblickt, -„Iwan Petrowitsch ist größer, der da ist ja ganz klein -und mager; jener spricht laut, hat eine Baßstimme -und lacht niemals, aber dieser hier, Teufel auch, der -piepst ja wie ein Vogel und lacht immerzu.“ Kommt -man aber näher und sieht genauer zu — dann ist es -<em>doch</em> Iwan Petrowitsch. „Aha, soso!“ sagt man zu sich -selbst .... Aber wenden wir uns wieder zu den -handelnden Personen. Wie wir sahen, war Tschitschikow -entschlossen, keine Umstände zu machen; so nahm er denn -eine Tasse Tee und etwas Fruchtsaft und sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -„Sie haben aber ein schönes Gut, Mütterchen. -Wieviel Seelen hat es wohl?“ -</p> - -<p> -„Etwas weniger als achtzig,“ sagte die Hausfrau, -„leider haben wir bloß so schlechte Zeiten; voriges Jahr -gab’s wieder eine Mißernte, daß Gott erbarm!“ -</p> - -<p> -„Aber die Bauern sehen doch recht kräftig aus, und -die Hütten sind ganz stattlich. Gestatten Sie mir -übrigens eine Frage: Wie ist Ihr Familienname? Ich -war so zerstreut, als ich gestern so spät ankam ....“ -</p> - -<p> -„Karobotschka,<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> Kollegiensekretärswitwe.“ -</p> - -<p> -„Danke bestens. Und Ihr Vor- und Vatername?“ -</p> - -<p> -„Nasstassja Petrowna.“ -</p> - -<p> -„Nasstassja Petrowna? Ein schöner Name! — Nasstassja -Petrowna. Ich habe eine leibliche Tante, die Schwester -meiner Mutter, die heißt auch Nasstassja Petrowna.“ -</p> - -<p> -„Und wie ist Ihr Name?“ fragte die Gutsbesitzerin. -„Sie sind doch Assessor? Nicht?“ -</p> - -<p> -„Nein, Mütterchen,“ antwortete Tschitschikow lächelnd. -„Ich bin nicht Assessor; ich reise in eigenen Geschäften.“ -</p> - -<p> -„So sind Sie Lieferant? Wie schade! ich habe -meinen Honig so billig verkauft; du hättest ihn mir -sicher abgenommen, Väterchen, wie?“ -</p> - -<p> -„Nein, Honig hätte ich wohl kaum gekauft.“ -</p> - -<p> -„Nun, dann was anderes. Vielleicht Hanf? Davon -habe ich jetzt zwar auch nicht mehr viel — ein halbes -Pud höchstens.“ -</p> - -<p> -„Ach nein, Mütterchen, ich brauch’ eine andere -Ware; sagen Sie mal, sind bei Ihnen viele Bauern gestorben?“ -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -„Oh je! Väterchen, achtzehn Mann!“ sagte die Alte -seufzend. „Und lauter so prächtige Leute, alles tüchtige -Arbeiter. Es ist ja freilich auch Nachwuchs da, aber -was hat man davon, lauter schmächtiges Volk, und der -Steuereinnehmer kommt und will seine Steuer für jede -Seele haben. Sie sind doch schon tot, und doch muß -man für sie zahlen, wie wenn sie noch am Leben wären. -Vorige Woche ist mir ein Schmied verbrannt, ein so -geschickter Schmied! Der hat auch das Schlosserhandwerk -verstanden.“ -</p> - -<p> -„War denn im Dorfe eine Feuersbrunst, Mütterchen?“ -</p> - -<p> -„Gott verhüte ein solches Unglück! Eine Feuersbrunst, -das wäre ja noch viel schrecklicher. Nein, er ist -ganz von selbst verbrannt. Das Feuer ist da irgendwo -im Innern bei ihm entstanden; er hat auch gar zu viel -getrunken, man sah nichts wie ein blaues Flämmchen, -und so ist er allmählich verkohlt, bis er auch ganz schwarz -wurde wie eine Kohle; ach war das ein geschickter Schmied. -Jetzt kann ich gar nicht mehr ausfahren. Es ist niemand -da, der die Pferde beschlagen kann.“ -</p> - -<p> -„Das war wohl Gottes Wille, Mütterchen,“ sagte -Tschitschikow seufzend, „gegen Gottes Weisheit darf man -nicht murren. Wissen Sie was? Überlassen Sie sie -mir, Nasstassja Petrowna?“ -</p> - -<p> -„Wie Väterchen?“ -</p> - -<p> -„Nun, all diese Leute, die gestorben sind.“ -</p> - -<p> -„Wie kann ich sie Ihnen denn überlassen?“ -</p> - -<p> -„Nun sehr einfach. Oder meinetwegen, ich kann sie -Ihnen auch abkaufen. Ich will Ihnen Geld für sie geben.“ -</p> - -<p> -„Ja wie denn nur? Wirklich, ich verstehe Sie noch -nicht. Willst du sie aus der Erde ausgraben?“ -</p> - -<p> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Tschitschikow merkte, daß die Alte übers Ziel hinausgeschossen -hatte, und hielt es daher für notwendig ihr -klar zu machen, worum es sich handele. Er erklärte ihr -mit wenigen Worten, daß die Abtretung oder der Verkauf -nur auf dem Papiere statthaben und die Seelen -als lebende gelten sollten. -</p> - -<p> -„Ja, wozu brauchst du sie nur,“ sagte die Alte, indem -sie ihn verwundert anstarrte. -</p> - -<p> -„Das ist schon meine Sache!“ -</p> - -<p> -„Aber sie sind doch tot!“ -</p> - -<p> -„Ja wer sagt denn, daß sie lebendig sind? Es -ist doch Ihr eigener Schade, daß sie tot sind. Sie -zahlen doch Steuern für sie, und ich will Sie von -dieser Last und Sorge befreien. Verstehen Sie jetzt? -Und nicht nur befreien; ich will Ihnen noch fünfzehn -Rubel dazu schenken. Nun, ist’s Ihnen jetzt klar?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß wirklich nicht,“ sagte die Alte zögernd, -„Tote habe ich noch niemals verkauft.“ -</p> - -<p> -„Das ist doch kein Wunder! Es wäre eher eins, -<em>wenn</em> Sie schon welche verkauft hätten. Oder glauben -Sie tatsächlich, daß sie überhaupt irgend einen Wert -haben?“ -</p> - -<p> -„Nein, das glaube ich freilich nicht. Was könnten -sie auch für einen Wert haben? Sie sind ja zu nichts -nütze! Mich beunruhigt bloß dies eine: daß sie schon -tot sind.“ -</p> - -<p> -„Hat das Weib aber ein Brett vorm Kopf,“ dachte -Tschitschikow. „Hören Sie, Mütterchen; denken Sie doch -ein wenig nach! Das ist doch eine bedeutende Einbuße -für Sie. Sie müssen doch für jeden die Steuern bezahlen, -als ob er noch am Leben wäre.“ -</p> - -<p> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -„Ach, Väterchen, erinnere mich bloß nicht daran,“ -unterbrach ihn die Gutsbesitzerin. „Vor drei Wochen -habe ich erst wieder hundertfünfzig Rubel einzahlen -müssen, und dabei mußte ich noch den Steuerbeamten -gründlich spicken.“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie, Mütterchen, und nun denken Sie mal, -von heute ab brauchen Sie den Beamten nicht mehr zu -spicken, denn jetzt zahle ich die Steuern und nicht Sie. -Ich nehme alle Lasten auf mich, auch die Kosten des -Kaufvertrags. Verstehen Sie!“ -</p> - -<p> -Die Alte wurde nachdenklich; sie fing an einzusehen, -daß das Geschäft nicht so übel wäre; nur war es schon gar -zu neu und unerhört, und sie fürchtete, der Käufer könne -sie wohl gar übers Ohr hauen. War er doch Gott -weiß woher und noch zu so später Stunde herein geschneit. -</p> - -<p> -„Also schlagen Sie ein, Mütterchen,“ sprach Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, Väterchen, Verstorbene habe ich noch nie -verkauft. Lebendige schon öfters, so noch vor drei Jahren: -da habe ich dem Protopopoff zwei Mädchen überlassen, -jede für hundert Rubel; und er war sehr zufrieden. Es -sind vorzügliche Arbeiterinnen geworden. Sie können -sogar Servietten weben.“ -</p> - -<p> -„Hier handelt es sich aber nicht um Lebende. Gott -mit ihnen! Ich brauche Tote!“ -</p> - -<p> -„Wirklich, ich fürchte vor allem, ein schlechtes Geschäft -zu machen. Du willst mich am Ende betrügen, -Väterchen. Vielleicht sind sie ..., kosten sie gar viel -mehr.“ -</p> - -<p> -„Hören Sie, Mütterchen ... Wie Sie sich bloß -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -anstellen! Was können sie denn wert sein; überlegen Sie -sich es doch nur! Das ist doch nichts! Begreifen Sie -doch, ein reines Nichts! Nehmen Sie das letzte, unnützeste -Ding, sagen wir sogar irgend einen alten Lappen: -selbst der hat noch einen Wert; den kauft Ihnen noch -der Lumpenhändler ab. Aber die da, die braucht doch -überhaupt Keiner! Nein, sagen sie selbst, zu was sind -sie nütze!?“ -</p> - -<p> -„Das ist schon ganz richtig! Freilich sind sie nichts -nütze. Mich hält auch nur ab, daß sie schon tot sind.“ -</p> - -<p> -„Herr Gott, ist das eine klotzige Dickköpfigkeit,“ -sagte Tschitschikow zu sich selber, und fing bereits an, -die Geduld zu verlieren. „Mit der soll einer auskommen. -Wahrhaftig, ich schwitze! Verdammte Alte!“ Und -er nahm sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte -sich den Schweiß von der Stirne. Übrigens hatte -Tschitschikow eigentlich keinen Grund zu seinem Ärger. -Es gibt höchst achtbare Leute, sogar unter den Staatsmännern, -die, wenn man näher zusieht, auch nicht besser -wie Karobotschka sind. Hat sich so einer mal was -in den Kopf gesetzt, so bringst du es mit zehn Pferden -nicht wieder heraus. Mach ihm Einwände soviel du -willst. Sie mögen so klar sein wie der lichte Tag, sie -prallen doch immer wieder zurück wie ein Gummiball -von einer Steinmauer. Nachdem sich Tschitschikow den -Schweiß abgetrocknet hatte, kam er auf den Gedanken, -noch einen Versuch zu <a id="corr-28"></a>machen, ob es ihm etwa gelänge, -sie von einer anderen Seite her auf den rechten Weg -zu bringen. -</p> - -<p> -„Mütterchen,“ sagte er, „entweder Sie wollen mich -nicht verstehen, oder Sie reden das alles nur, um -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -nur überhaupt etwas zu reden ... Ich gebe Ihnen -Geld, fünfzehn Rubel in Banknoten; verstehen Sie? Das -ist doch Geld und liegt nicht auf der Straße. Wie teuer -haben Sie zum Beispiel Ihren Honig verkauft? Gestehen -Sie mal!“ -</p> - -<p> -„Für zwölf Rubel das Pud.“ -</p> - -<p> -„Versündigen Sie sich nicht, Mütterchen! Zwölf -haben Sie gewiß nicht dafür bekommen.“ -</p> - -<p> -„Bei Gott, Väterchen!“ -</p> - -<p> -„Nun also sehen Sie, dafür war das auch Honig. -Sie haben vielleicht ein Jahr gebraucht, voller Sorgen -und Mühe und Arbeit, bis Sie ihn einsammeln konnten. -Sind hin und her gefahren; haben die armen Bienen -geplagt. Sie einen ganzen Winter über im Keller gefüttert. -Sehen Sie wohl! Dagegen die toten Seelen, -die sind doch nicht von dieser Welt. An die haben Sie -keinerlei Mühe und Arbeit gewendet. Es war halt Gottes -Wille, daß sie diese Welt verlassen und ihrem Hause -Abbruch tun mußten. Dort haben Sie für alle Ihre -Sorge und Mühe zwölf Rubel bekommen, und hier -sollen Sie für ein reines Nichts, ganz umsonst, nicht -zwölf, sondern sogar fünfzehn Rubel und nicht in Silber, -sondern in lauter schönen blauen Scheinen ausbezahlt -erhalten.“ Nachdem Tschitschikow so starke und -überzeugende Gründe ins Feld geführt hatte, zweifelte -er kaum noch, daß die Alte endlich nachgeben werde. -</p> - -<p> -„Nein wirklich,“ versetzte die Gutsbesitzerin, „ich bin -eine arme und unerfahrene Witwe, lieber will ich noch -ein wenig warten, bis noch andere Käufer kommen. -Damit ich mich über den Preis vergewissern kann.“ -</p> - -<p> -„Schämen Sie sich, Mütterchen! Denken Sie bloß -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -selbst, was Sie da reden. Wer wird denn so etwas -kaufen wollen. Was soll er denn bloß damit anfangen.“ -</p> - -<p> -„Vielleicht kann man sie doch bei Gelegenheit in der -Wirtschaft verwenden ...“ erwiderte die Alte. — Aber -sie vollendete ihre Rede nicht, machte den Mund auf -und starrte ihn beinahe mit Entsetzen an, gespannt auf -seine Antwort harrend. -</p> - -<p> -„Die Toten in der Wirtschaft! — Herr Gott, -wozu Sie sich wieder verstiegen haben! Etwa um nachts -die Spatzen in Ihrem Garten zu scheuchen?! Wie?“ -</p> - -<p> -„Heiliger Jesus hilf uns! Welch schreckliche Dinge -du da sprichst,“ sagte die Alte, indem sie das Kreuz schlug. -</p> - -<p> -„Wozu wollen Sie sie denn sonst verwenden? Übrigens -das Grab und die Knochen können sie ja behalten. -Der Kauf findet ja nur auf dem Papiere statt. Nun -also wie steht es? Geben Sie mir doch zum wenigsten -eine Antwort.“ -</p> - -<p> -Die Alte versank wieder in Nachdenken. -</p> - -<p> -„Woran denken Sie bloß, Nastassja Petrowna?“ -</p> - -<p> -„Wirklich, ich weiß nicht recht, was ich da machen -soll? Kaufen Sie mir lieber etwas Hanf ab!“ -</p> - -<p> -„Ach was Hanf! Ich bitte Sie! Ich will was -ganz anderes von Ihnen, und Sie schwatzen mir Ihren -Hanf auf. Lassen Sie den Hanf ruhig Hanf bleiben! Wenn -ich ein anderes Mal vorspreche, kaufe ich Ihnen vielleicht -auch Hanf ab. Nun, wie ist es, Nastassja Petrowna?“ -</p> - -<p> -„Bei Gott es ist eine so seltene Ware, mit der ich -noch nie was zu tun gehabt habe.“ -</p> - -<p> -Hier war Tschitschikows Geduld zu Ende. In seiner -Wut packte er einen Stuhl, stieß ihn auf die Erde und -wünschte ihr den Teufel an den Hals. -</p> - -<p> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Vor dem Teufel war die Gutsbesitzerin aufs höchste -entsetzt. -</p> - -<p> -„Ach, sprich mir nicht von ihm! Gott mit ihm!“ -rief sie aus und erbleichte. „Noch die ganze vorige -Nacht hab ich ihn fortwährend im Traume gesehen, -den Verfluchten. Ich wollte mir nach dem Gebet noch -einmal die Karten legen. Da hat ihn mir Gott offenbar -zur Strafe hergesandt. So greulich sah er aus. -Seine Hörner waren länger als die eines Ochsen.“ -</p> - -<p> -„Ich wundere mich, daß sie Ihnen nicht zu -Dutzenden erscheinen! Mich leitet nichts wie die reinste -Christenliebe; ich sehe eine arme Witwe, die sich plagt -und Not leidet ... Daß du doch krepiertest zusamt -deinem Gute.“ -</p> - -<p> -„Ach, was für schreckliche Flüche du da ausstößt,“ -sagte die Alte und sah ihn entsetzt an. -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, es fehlen einem ja die Worte, rein wie -ein — entschuldigen Sie den harten Ausdruck — wie -ein Kettenhund, der auf seinem Stroh liegt; frißt das -Stroh selbst nicht und läßt doch keinen andern ran. -Ich wollte Ihnen allerhand von Ihren landwirtschaftlichen -Erzeugnissen abkaufen, weil ich ja auch Lieferungen -für den Staat übernehme ...“ Hier log er etwas -hinzu, so ganz nebenher, und ohne es sich recht überlegt -zu haben, aber sehr geschickt. -</p> - -<p> -Diese Lieferungen für den Staat machten einen -tiefen Eindruck auf Nastassja Petrowna; wenigstens -sagte sie mit beinahe flehender Stimme: „Warum wirst -du denn gleich so zornig? Hätte ich früher gewußt, -daß du so wild werden kannst, dann hätte ich -lieber garnicht widersprochen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -„Ach was, ich bin garnicht zornig! Die ganze -Sache ist keine ausgepreßte Zitrone wert. Und ich -sollte mich ärgern?“ -</p> - -<p> -„Schön, schön, ich will sie dir ja für 15 Rubelscheine -lassen. Nur eins, Väterchen, vergiß mich nicht -bei den Lieferungen, wenn du etwa Roggen oder -Gerstenmehl oder Buchweizen oder Fleisch brauchen -solltest.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, Mütterchen, ich werde dich schon nicht -vergessen,“ sagte er, während er sich den Schweiß mit -der Hand abtrocknete, der in drei Sturzbächen über -sein Gesicht floß. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie -nicht in der Stadt einen Vertrauensmann beim Gericht, -einen Vertreter oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschluß -des Kaufkontraktes und aller übrigen notwendigen -Maßnahmen bevollmächtigen könnte. „Gewiß, den -Probst, Vater Kirill; sein Sohn ist am Gericht,“ sagte -Karobotschka. Hierauf bat Tschitschikow sie, ihm eine -Vollmacht zu schicken, ja er übernahm es sogar, diese selbst -aufzusetzen, um der Alten jegliche unnütze Arbeit zu -ersparen. -</p> - -<p> -„Es wäre doch gut,“ dachte unterdes Karobotschka, -„wenn er mir etwas Mehl und Vieh für den Staat -abnähme. Ich muß ihn für mich gewinnen. Es ist -noch etwas Teig von gestern abend da. Ich will mal -hingehen und der Fetinja sagen, sie soll Pfannkuchen -backen. Auch eine Eierpastete von Butterteig wäre nicht -übel. Die macht sich sehr gut, und es nimmt nicht -viel Zeit weg.“ Damit ging die Hausfrau hinaus, um -ihren Plan mit der Pastete auszuführen und ihn noch -durch andere Produkte der häuslichen Koch- und Backkunst -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -zu ergänzen. Tschitschikow aber ging in den -Salon, in dem er die Nacht zugebracht hatte, um die -notwendigen Papiere aus seiner Schatulle zu holen. -Das Zimmer war schon längst aufgeräumt, die üppigen -Plumeaus und Unterbetten waren hinausgeschafft. Vor -dem Sofa stand ein Tisch mit einer Decke darauf. Er -setzte seine Schatulle auf ihn und ließ sich auf das -Sofa nieder, um ein wenig auszuruhen; denn er fühlte, -daß er ganz in Schweiß gebadet sei: alles, was er am -Leibe trug, vom Hemd bis zu den Strümpfen, war -vollständig naß. „Hat die mir zugesetzt, die verfluchte -Alte,“ sagte er, nachdem er ein wenig ausgeruht hatte, -und öffnete die Schatulle. Der Autor ist überzeugt, -daß mancher Leser neugierig sein wird, den Plan und -die innere Fächereinteilung der Schatulle kennen zu lernen. -Meinetwegen, warum sollte ich diese Neugierde nicht -befriedigen. Also, da habt ihr sie, die Einteilung; in -der Mitte befindet sich der Seifennapf; auf den Seifennapf -folgen sechs bis sieben schmale Fächer für die -Rasiermesser. Dann kommen zwei viereckige Behältnisse -für die Streusandbüchse und das Tintenfaß. -Zwischen beiden ist eine Rille für Federn, Siegellack und -Gegenstände von längerer Statur. Weiter folgten allerhand -Fächer <em>mit</em> Deckel und <em>ohne</em> Deckel, für die kürzeren -Gegenstände, welche mit Visitenkarten, Beerdigungsanzeigen, -Theaterbilleten und anderen Zetteln angefüllt -waren, die hier als Reminiszenzen ruhten. Das ganze -obere Kästchen mit all seinen Fächern ließ sich herausheben. -Unter ihm öffnete sich ein weiter Raum, in dem Stöße -von Papier in Bogengröße aufgeschichtet lagen. Darunter -befand sich ein kleines verborgenes Kästchen, das sich -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -unauffällig seitlich auftat, in dem er sein Geld zu bewahren -pflegte. Dieses Kästchen wurde von seinem -Besitzer stets mit einer solchen Geschwindigkeit auf- und -im selben Augenblick wieder zugemacht, daß man nicht -mit Sicherheit angeben konnte, wieviel Geld es enthielt. -Tschitschikow ging sogleich an die Arbeit, schnitt die -Feder zurecht und begann zu schreiben. In diesem -Moment trat die Hausfrau ins Zimmer. -</p> - -<p> -„Hast du aber einen schönen Kasten, Väterchen!“ -sagte sie, indem sie sich neben ihn setzte, „den hast du -wohl in Moskau gekauft?“ -</p> - -<p> -„Ja, in Moskau,“ antwortete Tschitschikow und fuhr -fort zu schreiben. -</p> - -<p> -„Ich weiß, dort kriegt man’s nur gut. Vor zwei -Jahren hat meine Schwester gefütterte Stiefel für die -Kinder von dort mitgebracht. Vortreffliche Ware! So -dauerhaft! Sie tragen sie noch heute. Ach, hast du -viel Stempelpapier,“ fuhr sie fort, während sie einen -Blick in die Schatulle warf. Und in der Tat, es war -sehr viel Papier darin. „Du könntest mir ein paar Bogen -schenken. Bei mir herrscht solch ein Mangel daran. Es -kommt doch vor, daß man ein Schreiben ans Gericht -zu senden hat. Dann ist immer kein Papier da.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow erklärte ihr, das sei kein Papier, wie -sie es wünschte. Es sei nur für Kaufkontrakte, und nicht -für Gesuche geeignet. Übrigens gab er ihr, um sie zu -beruhigen, einen Bogen im Werte von einem Rubel. -Nachdem er seinen Brief vollendet hatte, ließ er sie -unterschreiben und bat sie um ein kurzes Verzeichnis der -Bauern. Es stellte sich heraus, daß die Gutsbesitzerin gar -keine Listen über ihre Bauern führte, sondern ihre Namen -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -nur auswendig wußte. Er forderte sie auf, ihm diese -zu diktieren. Mehrfach geriet er in höchstes Erstaunen -über ihre Familiennamen und mehr noch über ihre -Spitznamen, sodaß er jedesmal beim Hören ein wenig -innehielt, ehe er sie niederschrieb. Einen besondern -Eindruck machte auf ihn ein gewisser Peter Saweljew -genannt der Waschtrogverächter, sodaß er sich nicht -enthalten konnte, auszurufen: „Ist das aber ein langer -Kerl!“ Ein anderer trug den Beinamen Kuhfladen. -Ein dritter wurde einfach Johann das Rad genannt. -Nachdem er mit dem Schreiben fertig war, sog er die -Luft tief durch die Nase ein und roch den Duft einer -in Butter schmorenden Speise. -</p> - -<p> -„Bitte bedienen Sie sich,“ sagte die Wirtin. Tschitschikow -sah sich um und bemerkte, daß der Tisch mit -leckeren Gerichten reich besetzt war; da gab es Pilze, Gebäck, -Spiegeleier, Pfannkuchen, Käsekeulchen, Splittertörtchen -und Fladen mit allerhand Pastetchen: Pastetchen mit -Zwiebeln, Pastetchen mit Mohn, Pastetchen mit Quark, -Pastetchen mit Stinten und weiß Gott, was sonst noch alles. -</p> - -<p> -„Bitte, vielleicht eine Eierpastete aus Butterteig gefällig?“ -sagte die Wirtin. -</p> - -<p> -Tschitschikow rückte näher an die Eierpastete aus -Butterteig heran, und sprach sich sehr lobend über sie -aus, nachdem er eine gute Hälfte von ihr verspeist hatte. -Und in der Tat, die Pastete war schon an und für sich -nicht übel; nach all den Plackereien und dem Geplänkel -mit der Alten aber schmeckte sie noch weit vorzüglicher. -</p> - -<p> -„Nehmen Sie Pfannkuchen?“ sagte die Wirtin. Als -Antwort auf diese Frage, spießte Tschitschikow gleich drei -Pfannkuchen auf, rollte sie zusammen, tauchte sie in die -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -geschmolzene Butter und beförderte sie in den Mund, -worauf er sich Lippen und Hände mit der Serviette abwischte. -Nachdem er dieses etwa dreimal wiederholt -hatte, bat er die Hausfrau die Pferde anspannen zu -lassen. Nasstassja Petrowna schickte Fetinja sofort in den -Hof hinunter, und trug ihr zugleich auf, noch ein paar -heiße Pfannkuchen mitzubringen. -</p> - -<p> -„Ihre Pfannkuchen sind ausgezeichnet, Mütterchen,“ -sagte Tschitschikow, indem er sich über die frischen Pfannkuchen -hermachte. -</p> - -<p> -„Ja, das versteht meine Köchin sehr gut,“ versetzte -die Hausfrau, „leider war nur die Ernte so schlecht, und -das Mehl ist nicht so gut geraten. Aber warum eilen -Sie so? Väterchen?“ fuhr sie fort, als sie sah, daß -Tschitschikow schon seinen Hut in der Hand hielt, „der -Wagen ist ja noch gar nicht fertig.“ -</p> - -<p> -„Oh der ist schnell fertig, Mütterchen. Bei mir geht -das sehr schnell.“ -</p> - -<p> -„Nicht <a id="corr-31"></a>wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den -Lieferungen?“ -</p> - -<p> -„Nein, nein,“ sagte Tschitschikow, während er in den -Flur hinaustrat. -</p> - -<p> -„Sie wollen mir also keinen Speck abkaufen?“ sagte -die Hausfrau, indem sie ihn hinausbegleitete. -</p> - -<p> -„Warum nicht? Gewiß kaufe ich Ihnen welchen -ab. Nur nicht gleich jetzt.“ -</p> - -<p> -„Zu Ostern werde ich schönen Speck haben.“ -</p> - -<p> -„Seien Sie ruhig, ich kaufe Ihnen welchen ab; ich -kaufe ihnen alles ab, was Sie wollen, auch Schweinespeck.“ -</p> - -<p> -„Vielleicht brauchen Sie auch Daunen? Während -der Weihnachtsfasten werde ich auch Daunen haben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -„Schön, schön,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Siehst du wohl, Väterchen, dein Wagen ist noch nicht -fertig,“ sprach die Hausfrau, als sie auf die Treppe -hinaustraten. -</p> - -<p> -„Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir bloß, wie ich -auf die große Landstraße gelange.“ -</p> - -<p> -„Wie mache ich das nur?“ sagte die Hausfrau. -„Es ist nicht leicht, dir das klar zu machen, man muß -so oft wenden; vielleicht ist es das Beste, ich gebe dir -ein Mädchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst -doch auf dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich -hinsetzen kann.“ -</p> - -<p> -„Natürlich.“ -</p> - -<p> -„Nun gut, dann gebe ich dir das Mädel mit, sie -kennt den Weg, entführt sie mir nur nicht gar, hörst -du, neulich haben mir schon ein paar Kaufleute einmal -eine weggeholt.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mädchen -nicht zu entführen und Karobotschka kehrte wieder beruhigt -zur Durchmusterung ihres Hofes zurück. Erst -glotzte sie die Haushälterin an, welche eine hölzerne -Kanne mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann -warf sie einen Blick auf einen Bauern, — der im Torweg -erschien, um allmählich immer mehr in ihrem Haushalt -unterzutauchen. Wozu aber beschäftigen wir uns -eigentlich so lange mit Karobotschka? Was ist uns -Karobotschka, Manilow, wirtschaftliches oder unwirtschaftliches -Leben? Lassen wir sie! Ist es nicht wunderbar eingerichtet -in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man sich’s -versieht, in Trauer über, wenn man sich gar zu lange -bei ihr aufhält, und Gott weiß, was sich einem dann -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -für Gedanken aufdrängen! Man könnte gar auf die -Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich -so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher -Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der -Abgrund, der sie von ihrer Schwester trennt. Von ihr, -welche unnahbare Mauern eines aristokratischen Hauses -mit seinen lieblich duftenden gußeisernen Treppen beschützen, -die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren -Teppichen prunken. Von ihr, welche gähnend -neben ihrem halbgelesenen Buche sitzt, in unruhiger Erwartung -des weltmännisch-geistreichen Besuchers, in dessen -Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld eröffnet, wo sie -ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen -lassen kann. — Gedanken, welche nach der heiligen Satzung -der Mode eine ganze Stadt wochenlang beschäftigen, Gedanken, -die sich nicht darum drehen, was in ihrem -Hause und auf ihren Gütern vorgeht, die in Unordnung -geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet -sind, welche Umwälzung in der französischen Politik bevorsteht, -oder welche Wendung der moderne Katholizismus -nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu über diese -Dinge reden? Aber warum fällt bisweilen in Augenblicken -froher, sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von -selbst ein wundersamer Strahl in uns hinein? Noch -fand das Lächeln kaum Zeit, dem Gesichte zu entschwinden, -und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in -ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz? -</p> - -<p> -„Da ist er, da ist ja mein Wagen,“ rief Tschitschikow, -als er seine Kutsche heranrollen sah, „was hast -du nur solange getrödelt, du Esel! Dein Rausch von -gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort. -</p> - -<p> -„Leben Sie wohl, Mütterchen! Nun wo ist Ihr -Mädchen?“ -</p> - -<p> -„Heh! Pelagia!“ rief die Alte einem Mädchen von -etwa elf Jahren zu, das in der Nähe der Treppe stand. -Die Kleine hatte ein selbstgewebtes, farbiges Leinenkleid -an. Sie war barfüßig, und schien doch Stiefeln anzuhaben, -denn ihre Füße waren bis oben hinauf mit frischem -Straßenschmutz bedeckt. „Zeig dem Herrn den Weg!“ -</p> - -<p> -Seliphan half dem Mädchen auf den Bock, welches -zuerst mit einem Fuß auf das Trittbrett stieg, das sie -bei dieser Gelegenheit ein wenig beschmutzte. Hierauf -schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich neben -Seliphan niederließ. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen -Fuß auf das Trittbrett und nahm endlich im Wagen -Platz, der sich unter seinem Gewichte nach rechts beugte. -„So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie wohl Mütterchen!“ -mit diesen Worten verabschiedete er sich von der -Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an. -</p> - -<p> -Seliphan war den Weg über sehr ernst und streng -und widmete sich seinem Dienst mit großer Aufmerksamkeit, -was immer dann zu geschehen pflegte, wenn er -etwas verschuldet hatte oder betrunken gewesen war. -Die Pferde waren von einer bewundernswerten Sauberkeit. -Das Kummet bei dem einen, welches gewöhnlich -zerlocht und zerfetzt war, sodaß das Werg unter dem -Leder hervorquoll, war sorgfältig genäht und ausgebessert. -Er war während des ganzen Weges sehr schweigsam, -schwang nur hin und wieder die Peitsche und unterließ -es vollkommen, seine Pferde mit lehrhaften Reden zu -beehren, obwohl der Schecke natürlich gerne eine Belehrung -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -entgegengenommen hätte. Denn während einer -solchen Rede pflegte der wortfrohe Wagenlenker die Zügel -immer recht lose in der Hand zu halten, und er ließ -auch die Peitsche nur <span class="antiqua">pro forma</span> über den Rücken der -Pferde hüpfen. Aber der finstere Mund ließ dieses Mal -nur monotone und unfreundliche Ausrufe vernehmen, -wie: „Hüh! Hüh! alte Krähe! was trödelst du!“ sonst -nichts. Aber selbst der Braune und der Assessor waren -nicht zufrieden, weil sie kein einziges freundliches und -Achtung zollendes Wort zu hören bekamen. Der Schecke -erhielt sogar häufig äußerst unangenehme Schläge auf -seine weichen, wohlgerundeten Körperteile. „Sieh mal, -was in den gefahren ist!?“ dachte er sich, indem er -seine Ohren ein wenig spitzte. „Der weiß auch, wohin -er haut; sucht sich nicht etwa den Rücken aus, sondern -gerade die empfindlichsten Stellen. Schlägt einem die -Peitsche um die Ohren oder geht einem sogar an den -Bauch.“ -</p> - -<p> -„Rechts? Wie?“ Mit dieser trockenen Frage wandte -sich Seliphan an das neben ihm sitzende Mädchen, indem -er mit der Peitsche auf den vom Regen geschwärzten -Weg hinwies, der sich zwischen frischen, in hellem Grün -leuchtenden Feldern dahinzog. -</p> - -<p> -„Nein, noch nicht! Ich werde es dir schon sagen!“ -antwortete das Mädchen. -</p> - -<p> -„Nun, wohin denn?“ fragte Seliphan, als sie sich -dem Kreuzweg näherten. -</p> - -<p> -„Dorthin!“ sagte das Mädchen, indem es mit dem -Finger die Richtung anzeigte. -</p> - -<p> -„Ach! du!“ sagte Seliphan, „das ist doch rechts! -Kann rechts und links nicht unterscheiden.“ -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Obwohl der Tag sehr heiter war, war die -Straße derartig schmutzig, daß der Kot an den Wagenrädern -kleben blieb und sie bald wie mit einer Filzschicht -bedeckte, was die Equipage am Fortkommen -hinderte. Dazu war der Boden noch sehr locker und -lehmig. Dieses war die Ursache, daß sie die Landstraße -nicht vor Mittag erreichten. Ohne das Mädchen wäre -es ihnen wahrscheinlich auch schwerlich gelungen, weil -die Wege nach allen Richtungen auseinanderliefen, wie -gefangene Krebse, wenn man sie aus dem Netze schüttet. -Und Seliphan hätte sich ohne seine Schuld leicht verirren -können. Bald darauf zeigte das Mädchen mit -der Hand auf ein Gebäude, das in der Ferne sichtbar -wurde, und sagte: „Da ist die Poststraße.“ -</p> - -<p> -„Und was ist das für ein Gebäude?“ fragte -Seliphan. -</p> - -<p> -„Ein Wirtshaus,“ sagte das Mädchen. -</p> - -<p> -„So, nun werden wir schon selbst den Weg finden. -Du kannst jetzt nach Hause gehen.“ -</p> - -<p> -Er hielt an und half ihr beim Absteigen, während -er vor sich hinmurmelte: „Du Dreckbein!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow gab ihr eine Kupfermünze, und sie -lief munter nach Hause, hocherfreut, daß sie auf dem -Kutschbock hatte fahren dürfen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-4"> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Viertes Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> man sich dem Wirtshause näherte, ließ Tschitschikow -anhalten und zwar aus zwei Gründen. -Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, -und dann wünschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen -und sich zu stärken. Der Autor muß gestehen, daß er -diese Art Leute um ihren guten Magen und ihren -Appetit aufrichtig beneidet. Für ihn haben jene große -Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg -oder Moskau wohnen und deren ganze Zeit im Nachdenken -darüber aufgeht, was sie morgen zu Mittag -speisen werden, und was für ein Menu sie für übermorgen -zusammenstellen könnten, sie, die sich nicht -eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie ein paar -Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und -andere Meerwunder verschlungen haben, um sich zum -Schluß nach Karlsbad oder in den Kaukasus zu begeben. -Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid -des Autors wachrufen können. Wohl aber jene mittleren -Leute, welche auf <em>einer</em> Station eine Portion -Schinken bestellen, auf der nächsten ein Spanferkel, -auf der dritten ein Stück Stör oder Bratwurst mit -Knoblauch, und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn -nichts passiert wäre, und zwar zu jeder beliebigen Zeit. -Die Suppe aus Quappe, Sterlet und Fischmilch zischt -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -und brodelt zwischen ihren Zähnen, begleitet von Fischpasteten -oder einer Welspirogge, sodaß bei jedem -Unbeteiligten der Appetit rege werden muß. — Diese -Leute erfreuen sich einer beneidenswerten Himmelsgabe. -Mehr als einer von den großen Herren würde sofort -die Hälfte seiner Bauern und der verpfändeten und -unverpfändeten Güter mit all ihren modernen Errungenschaften, -die das In- und Ausland hervorbrachten, -darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, -wie so ein Mann des guten Bürgerstandes. Das Unglück -ist leider nur, daß man sich weder für Geld noch -Güter mit und ohne Errungenschaften einen solchen -Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren -Stände besitzt. -</p> - -<p> -Das hölzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow -unter sein gastliches Vordach, welches auf gedrechselten -Säulen ruhte, die große Ähnlichkeit mit -altertümlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus -war eine Art russische Bauernhütte, nur in etwas -größerem Maßstab. Die mit Schnitzwerk verzierten -Karnise aus frischem Holze um die Fenster herum und -unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen -Wänden ab. Auf den Fensterläden waren Krüge mit -Blumen abgebildet. -</p> - -<p> -Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen -war, betrat er den breiten Flur. Hier stieß er -auf eine Tür, welche sich knarrend auftat, sowie auf ein -dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das ihn -mit folgenden Worten anredete: „Hierher, bitte!“ In -dem Gastzimmer fand er lauter alte Bekannte, denen man -immer in den kleinen hölzernen Wirtshäusern an der Landstraße -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar, die -glatt gehobelten Wände aus Fichtenholz, ein dreieckiges -Spind mit Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete -Porzellaneier vor den Heiligen-Bildern, die an blauen -und roten Bändern hingen, eine Katze, die vor kurzem -Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei -Augen vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen -erkennen ließ, endlich Sträuße aus wohlriechenden -Kräutern und Nelken, welche hinter die Heiligenbilder -gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, daß jeder, -den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen -begann, sonst aber unbefriedigt blieb. -</p> - -<p> -„Haben Sie Spanferkel?“ Mit dieser Frage wandte -sich Tschitschikow an die dicke Alte. -</p> - -<p> -„Gewiß!“ -</p> - -<p> -„Mit Meerrettich und saurer Sahne?“ -</p> - -<p> -„Freilich mit Sahne und Meerrettich.“ -</p> - -<p> -„Her damit!“ -</p> - -<p> -Die Alte ging, kramte im Speiseschrank umher und -brachte einen Teller, eine Serviette, steif gestärkt wie -getrocknete Baumrinde, ferner ein Messer mit einem -gelblichen Knochengriff, und einer Klinge, dünn wie die -eines Federmessers und schließlich eine zweizinkige Gabel -und ein Salzfaß, das durchaus nicht geradestehen wollte. -</p> - -<p> -Unser Held ließ sich nach seiner Gewohnheit sogleich -in ein Gespräch mit ihr ein. Er erkundigte sich, ob sie -selbst die Besitzerin des Gasthofes oder ob noch ein Wirt -da sei; wieviel das Geschäft abwerfe; ob ihre Söhne -bei ihr wohnten; was der älteste Sohn für einen Beruf -habe und ob er schon verheiratet oder noch Junggeselle -sei; was er für eine Frau genommen habe, mit oder -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -ohne Mitgift; ob der Schwiegervater zufrieden und ob -der Sohn nicht ärgerlich gewesen sei, daß er zu wenig -Hochzeitsgeschenke bekommen habe. Mit einem Wort, -er vergaß nicht das Mindeste. Es versteht sich von selbst, -daß er auch Erkundigungen darüber einzog, was für -Gutsbesitzer in der Nähe wohnten, und er erfuhr, daß -es deren verschiedene gäbe, einen gewissen Blochin, Potschitajew, -Mylny, Oberst Tscherpakow, Sabakewitsch. „Ah! -du kennst Sabakewitsch?“ fragte er die Alte, und er -hörte sogleich, daß sie nicht nur Sabakewitsch, sondern -auch Manilow kenne, und daß Manilow etwas „dewikater“ -sei als Sabakewitsch. „Er bestellte sofort ein Huhn oder -Kalbsbraten; gibt es Hammelleber, so verlangt er auch -Hammelleber und ißt von allem nur ein wenig. Dagegen -bestellt Sabakewitsch immer nur ein einziges Gericht, -das er dann aber auch ganz aufißt. Ja, er verlangt -sogar noch eine größere Portion für dasselbe Geld.“ -</p> - -<p> -Während er sich in dieser Weise unterhielt und vergnügt -sein Spanferkel verzehrte, von dem nur noch ein -kleines Stück auf dem Teller übrig blieb, hörte er plötzlich -das Rädergerassel einer heranrollenden Equipage. Er -blickte zum Fenster hinaus und sah eine zierliche Kutsche -vor dem Wirtshaus halten, die mit drei braven Pferden -bespannt war. Aus dem Wagen stiegen zwei Herren -heraus. Der eine von ihnen war blond und von hohem -Wuchs, der andere etwas kleiner und brünett. Der Blonde -trug eine dunkelblaue Joppe, der andere hatte eine gewöhnliche -buntgestreifte Morgenjacke aus Bucharischem -Stoffe an. Von ferne sah man noch ein leeres Wägelchen -herankommen, das von einem langhaarigen Viergespann -mit zerrissenen Halsbügeln und Halftern von Hanf gezogen -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -wurde. Der Blonde lief sofort die Treppe hinauf, -während der Dunkelhaarige noch ein wenig unten blieb, -den Wagen untersuchte und, während er sich mit dem -Knechte unterhielt, dem herankommenden Gefährt allerhand -Zeichen gab. Tschitschikow kam seine Stimme ein -wenig bekannt vor. Während er ihn betrachtete, hatte -der Blonde bereits die Tür gefunden und öffnete sie -eben. Dies war ein hochgewachsener Mann mit schmalem -Gesicht oder, wie man zu sagen pflegt, mit etwas verlebten -Zügen und kleinem roten Schnurrbart. Nach seiner -gebräunten Gesichtsfarbe zu urteilen, hatte er schon oft -im Dampfe gestanden, wenn nicht im Pulverdampf, so -doch im Tabaksdampf. Er verbeugte sich höflich gegen -Tschitschikow, worauf jener mit einer gleichen Verbeugung -antwortete. Sie hätten sicherlich schon nach wenigen -Minuten eine Unterhaltung angeknüpft und nähere Bekanntschaft -mit einander gemacht, weil der erste Schritt -dazu ja schon getan war und beide fast zu gleicher Zeit -ihre Freude darüber äußerten, daß der Staub auf der -Landstraße durch den gestrigen Regen vollständig niedergeschlagen -und daß die Reise jetzt angenehm und kühl -sei, wenn nicht sein schwarzhaariger Gefährte plötzlich -ins Zimmer getreten wäre; er riß seinen Hut vom Kopfe -und warf ihn auf den Tisch, indem er sich mit einer kühnen -Handbewegung durch das Haar fuhr. Dies war ein Mann -von mittlerem Wuchs, ein stattlicher Kerl mit vollen rosigen -Wangen, schneeweißen blitzenden Zähnen und pechschwarzem -Backenbart. Dazu hatte er so frische Farben wie Blut -und Milch; sein Gesicht strotzte förmlich vor Gesundheit. -</p> - -<p> -„Ba, Ba, Ba,“ rief er plötzlich und breitete beim Anblick -Tschitschikows die Arme weit aus. „Was führt Sie hierher?“ -</p> - -<p> -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Hier erkannte Tschitschikow, daß es Nosdrjow war, -jener Herr mit dem er beim Staatsanwalt gespeist -und der sich mit ihm schon nach wenigen Minuten so vertraut -gemacht hatte, daß er ihn zu duzen begann, obwohl -ihm Tschitschikow seinerseits nicht die geringste -Veranlassung dazu gegeben hatte. -</p> - -<p> -„Wo warst du?“ fragte Nosdrjow und fuhr ohne -die Antwort abzuwarten, sogleich fort: „Ich komme -von der Messe lieber Freund; du kannst mir gratulieren. -Ich bin blank; ich habe den letzten Heller dagelassen. -Du wirst mir’s nicht glauben, daß ich noch nie in -meinem Leben so blank war. Ich habe mir eine Droschke -mieten müssen. Sieh einmal aus dem Fenster; da -steht sie noch!“ Hierbei drückte er Tschitschikows Kopf -herunter, sodaß dieser sich beinah am Fensterkreuz gestoßen -hätte. „Sieh doch die Klepper an, die verdammten -Viecher haben mich kaum bis hierher geschleppt. -— Ich mußte schließlich sogar in seinen -Wagen steigen.“ Bei diesen Worten zeigte Nosdrjow -mit dem Finger auf seinen Gefährten: -</p> - -<p> -„Ah — ihr seid noch nicht bekannt. Mein Schwager -Mishujew! Wir haben schon den ganzen Morgen von -dir gesprochen. ‚Paß mal auf,‘ habe ich gesagt, ‚wenn -wir Tschitschikow treffen.‘ Nein, wenn du wüßtest, -Bruder, wie blank ich bin. Glaub’s oder nicht, ich -bin nicht nur meine vier Gäule los geworden, ich habe -tatsächlich alles verjuchzt. Ich habe nicht mal mehr -Uhr und Kette.“ Tschitschikow sah ihn an und überzeugte -sich, daß er wirklich weder Uhr noch Kette trug. -Ja, es schien ihm sogar, daß die eine Hälfte seines Backenbartes -etwas kleiner und dünner war, als die andre. -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -„Und doch, wenn ich nur zwanzig Rubel in der -Tasche gehabt hätte,“ fuhr Nosdrjow fort, „genau zwanzig -und nicht mehr noch weniger, ich hätte wahrhaftig Alles -wieder gewonnen, d. h. ich hätte es nicht nur wiedergewonnen, -sondern, — so wahr ich ein ehrlicher Mann -bin, ich hätte jetzt noch dreißigtausend dazu in der -Tasche.“ -</p> - -<p> -„Das hast du auch schon da gesagt,“ wandte ihm -hier der Blonde ein. „Aber als ich dir die fünfzig -Rubel gab, hast du sie doch gleich darauf verspielt.“ -</p> - -<p> -„Ich hätte sie bei Gott nicht verloren. Wahrhaftig -nicht. Hätte ich damals keine Dummheit gemacht, so -besäße ich sie noch jetzt. -</p> - -<p> -Hätte ich nach dem Paroli der verdammten Sieben -keine Ecke geschlagen, ich hätte die ganze Bank sprengen -können.“ -</p> - -<p> -„Du hast sie doch aber nicht gesprengt,“ sagte der -Blonde. -</p> - -<p> -„Natürlich nicht, weil ich eben die Ecke nicht zur -rechten Zeit geschlagen habe. Du glaubst wohl, daß -dein Major sehr schön spielt?“ -</p> - -<p> -„Schön oder nicht schön, er hat dich doch gerupft.“ -</p> - -<p> -„Auch was Großes,“ sagte Nosdrjow. -</p> - -<p> -„So hätte ich ihn auch reinlegen können. Er sollte -mal versuchen, Doublet zu spielen, dann wollen wir -mal sehen, was der Kerl kann. Dafür haben wir aber -auch die letzten Tage fein durchgebummelt, Freund -Tschitschikow. Nein wirklich, die Messe war großartig. -Selbst die Kaufleute sagen, daß es noch niemals so ein -Leben gab. Wir haben alles, was von meinem Gut -kam, zu den höchsten Preisen losgeschlagen. Ach, -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Freund, wie wir gezecht haben. Wenn ich jetzt noch -daran denke, Teufel .... es ist doch schade, daß du -nicht dabei warst. Stell dir vor, drei Werst vor der -Stadt stand ein Dragonerregiment und denk dir nur, -sämtliche Offiziere, soviel überhaupt da waren, ich -glaube, an die vierzig Mann hoch, kamen in die Stadt, -und als dann erst das Saufen losging ...... der -Stabsrittmeister Patzelujeff, das ist doch ein famoser -Mensch; — hat der einen Schnurrbart, — — — so -groß. Statt Kognak sagt er einfach Jäckchen. ‚Bring -mir doch schnell ein Jäckchen,‘ ruft er dem Kellner zu. -Leutnant Kufschinnikow ... Weißt du, Freund, ein -zu netter Mensch! Ein richtiger Zechbruder, das kann -man wohl sagen. Wir waren immer zusammen. Und -was uns der Ponomarjow für einen Wein vorgesetzt -hat! Der ist nämlich ein Gauner, mußt du wissen. -Bei dem darf man nichts kaufen. Der Teufel mag -wissen, womit der den Wein vermengt. Der Kerl färbt -ihn mit Sandelholz, gebranntem Kork und Holundermark; -wenn man ihm aber aus dem letzten Zimmer, -das er sein Allerheiligstes nennt, eine Flasche herausschmuggelt, -wahrhaftig Freund, dann glaubt man sich -gleich im siebenten Himmel. Einen Champagner hatten -wir, sage ich dir! ... Dagegen ist der des Gouverneurs -das reinste Weißbier. Stell dir vor, nicht Cliquot, -sondern irgend ein Cliquot-Matradura, gewissermaßen ein -potenziertes Cliquot. Und dann holte ich noch eine -Flasche französischen Wein, Marke Bonbon. Na, der -Geruch — ff., wie Rosenknospen und sonst noch alles, -was dein Herz begehrt .. Donner, haben wir gezecht! .. -Nach uns kam noch ein Fürst hin. Der ließ nach -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Champagner schicken. — Denk dir, in der ganzen Stadt -keine Flasche aufzutreiben: die Offiziere hatten den -ganzen Sekt ausgetrunken. Du kannst mir’s glauben, ich -allein hab während des Diners siebzehn Flaschen hinter -die Binde gegossen!“ -</p> - -<p> -„Na, na! siebzehn Flaschen, das bringst du denn -doch nicht fertig,“ bemerkte der Blonde. -</p> - -<p> -„So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hab sie -doch ausgetrunken.“ -</p> - -<p> -„Du magst reden was du willst. Ich sage dir, -du kannst nicht einmal zehn bewältigen.“ -</p> - -<p> -„Was gilt die Wette!?“ -</p> - -<p> -„Wozu denn wetten!“ -</p> - -<p> -„Gut, wetten wir um die Flinte, die du dir in -der Stadt gekauft hast!“ -</p> - -<p> -„Ich mag nicht.“ -</p> - -<p> -„Ach was, tu’s doch, versuch’s nur!“ -</p> - -<p> -„Ich will’s aber nicht versuchen.“ -</p> - -<p> -„Du hast wohl keine Lust, deine Flinte zu verlieren! -Hör mal, Freund Tschitschikow, hab ich’s aber bedauert, -daß du nicht dabei warst. Ich bin sicher, du hättest -dich von Leutnant Kufschinnikow garnicht trennen können. -Ihr hättet euch gleich verstanden. Der ist nicht wie -der Staatsanwalt und die hiesigen Provinzgrößen -unserer Stadt, die für jede Kopeke zittern. Der macht alles -mit: einen Landsknecht, Pharao, ein Pokerchen, hält ein -Bänkchen und alles, was du willst. Ach, Tschitschikow, -nun was hätte es dich gekostet, mitzumachen. Wirklich, -du bist ein Schwein, alter Saukerl du! Gib mir ’nen -Kuß! Ich hab dich schrecklich lieb. Nimm mal den -Mishujew, das Schicksal hat uns zusammengeführt; -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -was ist er mir und was bin ich ihm? Kommt eines -schönen Tages angefahren, Gott weiß woher! Zufälliger -Weise muß ich auch gerade hier wohnen .... -Und wieviel Wagen da waren, lieber Freund! Es ging -alles ins Große, weißt du. Engros! Ich hab auch mal -Fortuna versucht und zwei Büchschen Pomade, eine -Porzellantasse und eine Gitarre gewonnen. Dann -hab ich nochmal mein Glück probiert und alles wieder -verloren, so ’ne Gemeinheit, und noch sechs Rubel dazu. -Wenn du wüßtest, was für ein Don Juan der -Kufschinnikow ist. Ich war auf allen Bällen mit -ihm zusammen. Da war eine, die war so aufgeputzt: -Rüschen und Spitzen, und weiß der Teufel, was die -nicht alles an sich sitzen hatte. Ich dachte mir immer, -Teufel! Der Kufschinnikow aber — so ’ne Bestie, -was? — Setzt sich zu ihr und bekomplimentiert sie -auf französisch. Du kannst mir’s glauben, der würde -nicht einmal ein Bauernweib durchlassen. Das nennt -er „Erdbeeren pflücken“. Es waren auch herrliche Fische, -und vor allem Störe angekommen. Ich habe einen -mitgebracht — noch gut, daß mir der Gedanke kam -einen zu kaufen, solange ich noch Geld hatte. Wo -reist du denn jetzt hin?“ -</p> - -<p> -„Ach, ich will zu einem Menschen hier,“ sagte -Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Zu was für einem Menschen? Ach was, laß -ihn laufen! Komm! wir fahren zusammen zu mir -nach Hause!“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, es geht nicht. Ich habe zu tun.“ -</p> - -<p> -„Ach was, zu tun! Hat sich was ausgedacht! -Oh du Opodeldok Iwanowitsch!“ -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -„Nein wirklich, ich habe zu tun, und sogar etwas -sehr Wichtiges!“ -</p> - -<p> -„Ich möchte darauf wetten, du lügst! Also sag -mal, zu wem fährst du?“ -</p> - -<p> -„Nun meinetwegen. Zu Sabakewitsch.“ -</p> - -<p> -Hier brach Nosdrjow in jenes laute und helle -Lachen aus, dessen nur ein frischer und gesunder Mensch -fähig ist, der dabei seinen Mund weit auftut, uns die -ganze Reihe seiner Zähne sehen läßt, die tadellos und -blendend weiß sind wie Zucker, während seine Gesichtsmuskeln -hüpfen und springen, sodaß der Nachbar im -dritten Zimmer, das durch zwei Türen von ihm getrennt -ist, aus dem Schlaf in die Höhe fährt, die -Augen aufreißt und ausruft: „Was mag bloß in den -gefahren sein!“ -</p> - -<p> -„Was gibt es hier zu lachen?“ sagte Tschitschikow, -der sich ein wenig über das Gelächter ärgerte. -</p> - -<p> -Aber Nosdrjow fuhr fort, aus vollem Halse zu -lachen, indem er zwischendurch rief: „Nein, bitte, verschone -mich; ich berste vor Lachen!“ -</p> - -<p> -„Das ist durchaus nicht lächerlich: ich habe ihm mein -Wort gegeben,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Aber du wirst ja deines Lebens nicht froh, wenn -du zu ihm hinfährst; das ist doch ein ganz gemeiner -Geizhals, ein Halsabschneider! Ich kenne doch deinen -Charakter; du befindest dich in einem ungeheueren Irrtum, -wenn du glaubst, du findest dort Gelegenheit zu -einem kleinen Spielchen, eine gute Flasche Bonbon oder -sonst was. Hör mal, lieber Freund! Hol doch der -Teufel diesen Sabakewitsch! Komm zu mir! Ich setze -dir einen Stör vor. Der Ponomarjow, diese Bestie hat -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -nur immer Kratzfüße gemacht und versichert: ‚Ich tue -es nur für Sie! Sie können die ganze Messe absuchen -und werden keinen solchen finden.‘ Übrigens ein durchtriebener -Spitzbube. Ich habe es ihm gleich ins Gesicht -gesagt: ‚Sie und unser Branntweinpächter, ihr seid die -größten Gauner, die es auf der Welt gibt,‘ hab ich ihm -gesagt. Dabei lacht die Bestie und streicht sich den Bart. -Kufschinnikow und ich, wir haben jeden Tag in seinem -Laden gefrühstückt. Richtig, lieber Freund, beinah hätte -ich vergessen, es dir zu sagen: ich weiß zwar, du wirst -mich nicht in Ruhe lassen, aber ich sage es dir im voraus, -du kriegst ihn nicht einmal für zehntausend Rubel!“ -„He Porphyr!“ rief er seinem Diener zu, indem er ans -Fenster trat. Dieser stand mit einem Messer in der -einen Hand da, während er in der andern eine Brotrinde -und ein Stück Stör hielt, das er mit einem glücklichen -Griff erwischt hatte, als er gerade etwas aus dem Wagen -holen wollte. „He, Porphyr!“ schrie Nosdrjow, „bring -doch mal den kleinen Köter herauf!“ „Ein feiner Köter! -Was!“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow -wandte. „Natürlich gestohlen! Der Besitzer wollte ihn -um keinen Preis hergeben. Ich bot ihm die hellbraune -Stute dafür, weißt du, die, welche ich vom Chwostyrjow -erstanden habe.“ Übrigens hatte Tschitschikow sein Lebtag -weder Chwostyrjow noch die braune Stute gesehen. -</p> - -<p> -„Wollen der gnädige Herr nichts zu sich nehmen?“ -sagte jetzt die Alte, indem sie sich ihm näherte. -</p> - -<p> -„Nein! Nichts! Ich sag dir Freund! Wir haben -gebummelt! Übrigens kannst du mir einen Schnaps -geben! Was habt ihr für welchen?“ -</p> - -<p> -„Anis“, antwortete die Alte. -</p> - -<p> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -„Nun meinetwegen, einen Anis,“ rief Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Dann gib mir gleich auch ein Gläschen!“ sagte der -Blonde. -</p> - -<p> -„Im Theater war eine Sängerin, die sang ganz wie ’ne -Nachtigall, so’ne Kanaille! Kufschinnikow, der neben mir -saß, sagte zu mir: ‚Weißt du Freund das wär so was! -Da möcht ich mal Erdbeeren pflücken!‘ Ich glaube die Zahl -der Meßbuden war allein größer als fünfzig. Thenardi -drehte sich vier Stunden lang herum, wie eine Windmühle.“ -Hierbei nahm er das Gläschen aus der Hand -der Alten, die sich tief vor ihm verneigte. „Her mit ihm!“ -rief er plötzlich aus, als er Porphyr erblickte, der mit -einem jungen Hund ins Zimmer trat. Porphyr war -ebenso gekleidet wie sein Herr, auch er trug eine wattierte -bucharische Joppe, die nur ein wenig fettiger war. -</p> - -<p> -„Gib ihn her, leg ihn hierher, auf den Fußboden!“ -</p> - -<p> -Porphyr legte das Hündchen auf den Fußboden, -welches seine vier Pfoten weit ausstreckte und die Diele -zu beschnüffeln begann. -</p> - -<p> -„Das ist ein Hund!“ sagte Nosdrjow, indem er das -Tier am Wickel nahm und mit einer Hand in die Höhe -hob. Das Hündchen stieß einen recht kläglichen Ton aus. -</p> - -<p> -„Du hast wieder nicht getan, was ich dir befohlen -habe,“ sagte Nosdrjow zu Porphyr gewendet, während -er den Bauch des Hündchens aufmerksam betrachtete. -„Es ist dir garnicht eingefallen, ihn zu kämmen.“ -</p> - -<p> -„Nein, ich habe ihn gekämmt.“ -</p> - -<p> -„Wo kommen denn die Flöhe her!“ -</p> - -<p> -„Das kann ich nicht wissen. So etwas kommt vor, -vielleicht hat er sie sich im Wagen geholt!“ -</p> - -<p> -„Du lügst! Unsinn! Es ist dir nicht im Traume -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -eingefallen, ihn zu kämmen; ich glaube, der Esel hat -ihm noch von den seinigen abgegeben. Sieh nur, -Tschitschikow, sieh nur, was für Ohren! Komm doch, -streichele ihn mal!“ -</p> - -<p> -„Wozu! Ich sehe es ja auch so! Die Rasse ist gut,“ -sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Nein, streichele ihn nur mal; befühle mal die Ohren!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow tat Nosdrjow den Gefallen, und -nahm den Hund bei den Ohren. „Ja, es wird ein -schönes Tier,“ fügte er hinzu. -</p> - -<p> -„Und fühle mal seine kalte Schnauze an! Nimm -doch die Hand!“ Um ihn nicht zu beleidigen, befühlte -Tschitschikow auch die Schnauze, indem er bemerkte: -„Kein übler Riecher!“ -</p> - -<p> -„Ein echter Bullenbeißer!“ fuhr Nosdrjow fort. „Ich -muß gestehen, ich habe schon lange nach einem Bullenbeißer -gefahndet. Da, Porphyr, trage ihn fort.“ -</p> - -<p> -Porphyr nahm das Hündchen beim Bauche und -brachte es in den Wagen zurück. -</p> - -<p> -„Hör mal, Tschitschikow, du mußt jetzt unbedingt -zu mir kommen. Es sind ja nur fünf Werst von hier. -Wir sind im Handumdrehen da. Nachher kannst du -meinetwegen auch zu Sabakewitsch fahren.“ -</p> - -<p> -„Hm!“ dachte <a id="corr-38"></a>Tschitschikow, „ich könnte ja schließlich -auch einen Besuch bei Nosdrjow machen. Er ist am -Ende nicht schlimmer als die andern. Ein Mensch wie -alle! Und zudem hat er noch Geld verloren. Der ist -zu allem fähig. Dem werd ich schon umsonst etwas -abtrotzen. — Also gut, meinetwegen! Nur eins, du -darfst mich nicht zurückhalten; meine Zeit ist mir teuer.“ -</p> - -<p> -„Siehst du, Herzchen, so gefällst du mir; das ist -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -nett von dir. Komm, laß dir einen Kuß dafür geben!“ -Und Nosdrjow und Tschitschikow umarmten und küßten -sich herzlich. „Famos, jetzt fahren wir zu dritt!“ -</p> - -<p> -„Nein, mich mußt du schon entschuldigen,“ sagte -der Blonde. „Ich muß nach Hause.“ -</p> - -<p> -„Ach, Torheiten, Freund! Ich laß dich nicht fort.“ -</p> - -<p> -„Nein wirklich, meine Frau wird sonst böse; übrigens -kannst du ja jetzt in seinen Wagen steigen.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, nein! Du sollst garnicht daran denken.“ -</p> - -<p> -Der Blonde war einer von jenen Menschen, in deren -Charakter man zuerst einen gewissen Starrsinn zu entdecken -glaubt. Man hat kaum Zeit den Mund zu öffnen, -da fallen sie einem schon streitlustig ins Wort, und niemals -werden sie etwas zugeben, was ihrer Denkweise -widerspricht. Es scheint einem, daß sie nie einen Dummen -klug nennen und vor allem niemals nach der Pfeife -eines anderen tanzen werden. Am Ende aber zeigt es -sich, daß in ihrem Wesen etwas Weiches, Nachgiebiges -liegt, daß sie schließlich gerade das zugeben, was sie -erst bestritten haben, das Dumme — klug nennen und -den herrlichsten Tanz nach der fremden Pfeife aufführen. -Sie fangen forsch an und enden schmählich. -</p> - -<p> -„Ah, Torheiten,“ antwortete Nosdrjow auf einen -Einwand des Blonden, drückte ihm den Hut auf den -Kopf und — der Blonde folgte ihnen auf dem Fuße. -</p> - -<p> -„Gnädiger Herr, der Schnaps ist noch nicht bezahlt,“ -rief die Alte ihnen nach. -</p> - -<p> -„Schon recht, schon recht, Mütterchen! Sei so gut, -lieber Schwager, bezahle du für mich! Ich habe nicht -mal Kupfer in der Tasche.“ -</p> - -<p> -„Was bekommst du?“ fragte der Schwager. -</p> - -<p> -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -„Es ist nicht der Rede wert, Väterchen. Es macht -ja nur achtzig Kopeken.“ -</p> - -<p> -„Du lügst! Gib ihr ’nen halben Rubel! das ist -mehr als genug.“ -</p> - -<p> -„Ein bissel wenig, gnädiger Herr,“ sagte die Alte. -Indessen nahm sie das Geld dankend an und lief -atemlos voraus, um die Türe zu öffnen. Sie hatte -nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den -vierten Teil von dem, was sie gefordert hatte. -</p> - -<p> -Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren -Kutschen Platz. Tschitschikows Wagen fuhr neben der -Equipage, in der Nosdrjow und sein Schwager saßen, -her, und so konnten sich alle drei während des ganzen -Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows -kleiner, mit den dürren Mietspferden bespannter Wagen -folgte langsam nach und blieb immer mehr zurück. -In ihm saß Porphyr mit dem jungen Hunde. -</p> - -<p> -Da das Gespräch, in welches unsere Reisenden vertieft -waren, sicherlich kein großes Interesse für den -Leser haben dürfte, werden wir gut tun, diese Zeit zu -benutzen, um einige Worte über Nosdrjow selbst zu -sagen, der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer -Dichtung spielen wird. -</p> - -<p> -Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon -ein wenig bekannt. Ein jeder von uns wird Leuten -dieses Schlages sicherlich mehr als einmal begegnet sein. -Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben -und in der Schule gelten sie als gute Kameraden und -kriegen bei alledem ihre Prügel, die oft sehr schmerzhaft -sind. Aus ihrem Gesicht spricht Offenheit, Gradheit -und eine gewisse Bravour. Sie schließen schnell Freundschaften, -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -und eh man sich’s versieht, duzen sie einen -schon. Sie schwören immer ewige Freundschaft, und -fast scheint’s, daß sie ihr Versprechen auch halten werden; -aber dann kommt es beinahe immer so, daß der neue -Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen -Mahle durchprügelt. Das sind stets Schwätzer, Zechbrüder, -feine Jungens, mit einem Wort Leute, die -was bedeuten. Nosdrjow war mit fünfunddreißig -Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und -zwanzig: er liebte es noch immer, zu bummeln und -sich zu amüsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im geringsten -verändert, um so weniger, als seine Frau sehr -bald ins bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei -Kindern zurückließ, die er absolut nicht brauchen konnte. -Übrigens hatte er die Aufsicht über die Kinder einer -recht appetitlichen Wärterin anvertraut. Er konnte -es zu Hause nie länger als einen Tag aushalten. -Seine feine Nase roch es auf fünfzig -Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe -gab, wo viele Menschen zusammenkamen und Feste -und Bälle gefeiert wurden; im selben Augenblick war -er da, stiftete Streit und Unordnung am grünen Tisch, -denn er war, wie all diese Leute ein leidenschaftlicher -Kartenspieler. Wie wir schon aus dem ersten Kapitel -erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und sauber, -er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststücken, -und daher gab’s am Ende des Spiels gewöhnlich ein -andres Spiel: entweder er bekam eine Tracht Prügel und -ein paar tüchtige Fußtritte oder man zupfte ihn an -seinem schönen dicken Backenbart, so daß er manchmal -nur mit einer Bart-Hälfte nach Hause kam, die auch -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -nur noch recht dürftig aussah. Aber seine gesunden -runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und -wurden von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, -daß der Backenbart bald wieder nachwuchs und -noch schöner wurde, als früher. Und was dabei das -Merkwürdigste war, und sicherlich nur allein in Rußland -passieren kann, — schon nach ganz kurzer Zeit war -er wieder mit seinen Freunden zusammen, die ihn so -hergenommen hatten, man begrüßte sich, wie wenn -nichts vorgefallen wäre, und auch er tat seinerseits nicht -im geringsten beleidigt. -</p> - -<p> -Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche -Persönlichkeit. Es gab keine einzige Gesellschaft, -an der er teilnahm, wo nicht irgend eine „Geschichte“ -passierte. Irgendeine „Geschichte“ gab es immer: entweder -er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefaßt -und aus dem Saal geführt, oder seine eigenen Freunde -sahen sich gezwungen, ihn hinauszubefördern. Und -wenn es nicht gerade dies war, <em>etwas</em> ereignete sich auf -jeden Fall, was einem andern nie passiert wäre, sei es, -daß er sich in der Restauration so sehr betrank, daß er -garnicht aus dem Lachen herauskommen konnte, oder -daß er sich so in seine eigenen Lügen verstrickte, sodaß -ihm zuletzt selbst davor übel wurde. Dazu log er ohne jeden -Grund und Anlaß. Plötzlich konnte es ihm einfallen, zu -erzählen, er habe einmal ein Pferd mit blau und rot -gestreiftem Fell gehabt oder irgend einen ähnlichen Blödsinn, -bis alle Anwesenden weggingen und sagten: „Na -Bruder, mir scheint, du fängst an zu schwindeln!“ Es -gibt Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem -Nächsten einen üblen Streich zu spielen, ohne die geringste -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Ursache dazu zu haben. So gibt es zum Beispiel -Leute von hohem Range, edlem Äußern und mit einem -Stern auf der Brust, die einem freundlich die Hand -drücken, sich über die tiefsten und erhabensten Gegenstände -unterhalten, welche unseren Geist beschäftigen, -um einem plötzlich ganz offen vor aller Augen einen -niederträchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines -ganz gewöhnlichen Kollegienregistrators, nicht aber eines -Mannes würdig ist, der einen Stern auf der Brust -trägt und über die tiefsten und erhabensten Gegenstände -spricht, die unseren Geist beschäftigen, sodaß man dasteht -und staunt, und höchstens mit den Achseln zuckt. Auch -Nosdrjow hatte diese merkwürdige Liebhaberei. Je näher -sich einer ihm anschloß, um so ärger trieb er es mit -ihm: er verbreitete allerhand unmögliche Gerüchte, wie -sie sich kaum törichter und dümmer erfinden lassen, -machte Verlobungen rückgängig, verdarb einem das -Geschäft und hielt sich dabei keineswegs für den Feind -des Betreffenden; im Gegenteil, fügte es sich so, daß -man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem -höchst freundschaftlich entgegen und sagte sogar: „Du -bist doch ein ganz gemeiner Kerl! Warum besuchst du -mich niemals?“ Nosdrjow war in mancher Beziehung -ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen -Sätteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, -euch bis an alle vier Enden der Welt zu begleiten, -an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden Tausch mit euch -einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte -für ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den -Hintergedanken, dabei zu gewinnen; dies war nur die -Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und Keckheit, die in -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -seinem Charakter lagen. War es ihm geglückt, auf der -Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel -zu rupfen, dann kaufte er alles Mögliche zusammen, -was er im ersten besten Laden vorfand: Halsbügel für -seine Pferde, Räucherkerzchen, allerhand Tücher für das -Kindermädchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne -Waschschüssel, holländische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, -Pistolen, Heringe, Bilder, Schleifsteine, Töpfe, Stiefel, -Porzellangeschirr, bis ihm das Geld ausging. Übrigens -passierte es nur höchst selten, daß er all die schönen Dinge -mit nach Hause brachte: gewöhnlich wurde er sie noch -am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern -glücklichern Spieler verspielte, der häufig noch die eigne -Pfeife, den Tabakbeutel und ein Mundstück, oder wohl -gar noch das ganze Viergespann mit allem Zubehör: Wagen -und Kutscher dazu bekam, sodaß der Herr selbst in einem -kurzen Röckchen oder einer bucharischen Joppe auf die -Suche nach einem Freunde gehen mußte, der ihn in -seinem Wagen mitnahm. So war Nosdrjow! Vielleicht -wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen -und sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows -mehr! Ach nein! Die Menschen, die so reden, haben -sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so bald aus -dieser Welt verschwinden. Er ist überall, mitten unter -uns, und trägt vielleicht zufälligerweise nur einen andern -Rock; aber die Menschen sind leichtsinnig und oberflächlich; -wie oft halten sie jemand, wenn er nur einen andern -Rock anhat, auch für einen ganz andern Menschen! -</p> - -<p> -Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der -Freitreppe des Nosdrjowschen Hauses. Im Hause -waren keinerlei Vorbereitungen für ihren Empfang getroffen. -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter -auf einer Stehleiter, weißten die Wände und sangen -ein monotones Lied dazu, das gar kein Ende nehmen -wollte; der ganze Fußboden war mit Kalk bespritzt. -Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich -mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann -ins nächste Zimmer, um dort weitere Befehle zu erteilen. -Die Gäste hörten, wie er beim Koch ein Mittagessen -bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen Appetit -verspürte, ersah daraus, daß sie sich wohl kaum vor -5 Uhr zu Tische setzen würden. Nosdrjow kam bald -darauf zurück, um seine Gäste zu einem Spaziergang -durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle Sehenswürdigkeiten -desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas -mehr als zwei Stunden, um alles in Augenschein zu -nehmen. Nosdrjow ruhte nicht eher, als bis er ihnen -alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu zeigen übrig -blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo -man zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen -Fuchs und einen braunen Hengst besichtigte. Der Hengst -sah nicht gerade stattlich aus, aber Nosdrjow versicherte -und schwor, daß er zehntausend Rubel für ihn -bezahlt habe. -</p> - -<p> -„Zehntausend waren es sicher nicht,“ bemerkte der -Schwager, „der ist noch keine tausend wert.“ -</p> - -<p> -„Bei Gott! Er kostet zehntausend!“ sagte Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Du kannst schwören, soviel du willst,“ erwiderte -der Schwager. -</p> - -<p> -„Nun gut, willst du wetten?“ sagte Nosdrjow. -</p> - -<p> -Aber der Schwager wollte nicht wetten. -</p> - -<p> -Dann zeigte Nosdrjow den Gästen einen leeren -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Verschlag, in dem früher ein paar gute Pferde gestanden -hatten. Daselbst befand sich auch ein Ziegenbock, der -nach einem alten Aberglauben in keinem Pferdestall -fehlen darf, und der sich mit seinen Genossen offenbar -recht gut vertrug, denn er spazierte unter ihren Bäuchen -hindurch, als ob er zu Hause wäre. Dann führte -Nosdrjow die beiden Herren weiter, um ihnen einen -kleinen Wolf zu zeigen, welcher an der Kette lag. -„Das ist ein junger Wolf!“ sagte er, „ich füttere ihn -absichtlich mit rohem Fleisch!“ Dann sah man sich -noch einen Teich an, in dem sich, nach Nosdrjows -Worten, Fische von solcher Größe befanden, daß -mindestens zwei Menschen dazu gehörten, um einen davon -aus dem Wasser zu ziehen. Übrigens unterließ -es der Schwager auch diesmal nicht, seine Zweifel zu -äußern. „Hör mal Tschitschikow,“ sagte Nosdrjow, -„ich will dir ein paar herrliche Hunde zeigen: man -glaubt gar nicht, was die für kräftige Muskeln haben! -Und die Nase! So spitz wie eine Nadel!“ Mit diesen -Worten führte er sie zu einem hübschen kleinen Häuschen, -das von einem großen und ringsum eingefriedigten Hof -umgeben war. Als sie diesen betraten, erblickten sie eine -ganze Kollektion von Hunden, wollhaarige und schlichthaarige -aller nur möglichen Farben und Rassen, -dunkelbraune, schwarze, schwarz- und braungefleckte, -halbgescheckte, getigerte, braungescheckte, schwarzohrige, -grauohrige usw. usw. ... Hier bekam man sämtliche -Hundenamen und alle nur möglichen Imperative zu -hören wie Beiß, Wach, Schimpf, Funke, Frechdachs, -Gottseibeiuns, Störenfried, Stich, Pfeil, Schwälbchen, -Schätzchen, Vorstehdame. Nosdrjow bewegte sich unter -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -ihnen ganz wie ein Vater in seiner Familie: sie kamen -alle mit freudig erhobenen Schwänzen, die man in der -Jägersprache Ruten nennt, auf die Gäste zugestürzt -und begrüßten sie lebhaft. Etwa zehn Stück sprangen -an Nosdrjow empor und legten ihm ihre Pfoten auf -die Schultern. „Schimpf“ bezeugte dieselbe Freundschaft -für Tschitschikow und versetzte ihm, indem er sich auf -die Hinterbeine stellte, einen herzhaften Kuß, sodaß -jener schleunigst ausspie. Dann ging man zur Besichtigung -der Hunde über, deren Muskelkraft Nosdrjows -Stolz bildete — und in der Tat, die Hunde waren -gut. Hierauf sah man sich noch eine Hündin aus der -Krim an, welche schon blind war und nach Nosdrjows -Worten bald verrecken mußte. Vor zwei Jahren sei -es noch eine recht gute Hündin gewesen. Man nahm -auch diese Hündin in Augenschein, und siehe da, sie war -wirklich blind. Von hier aus ging man weiter, um -eine Wassermühle anzusehen, der die Achse fehlte, an -welcher der obere Mühlstein befestigt ist, und um die -er sich mit großer Geschwindigkeit dreht, oder an der -er nach dem seltsamen Ausdruck des russischen Bauern -herauf und herunter hüpft, weswegen er auch der -„Hüpfer“ genannt wird. „Nun kommt bald die -Schmiede,“ sagte Nosdrjow. Nach einigen Schritten -erblickten sie tatsächlich eine Schmiede, deren Betrachtung -man gleichfalls einige Augenblicke widmete. -</p> - -<p> -„Auf diesem Felde,“ sagte Nosdrjow, indem er mit -dem Finger hinzeigte, „gibt es eine solche Unmenge von -Hasen, daß man die Erde garnicht sieht. Ich selbst -habe neulich einen mit der Hand bei den Hinterläufen -erwischt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -„Na, weißt du, mit der Hand erwischst du keinen -Hasen.“ -</p> - -<p> -„Und ich hab doch einen gefangen! Wahrhaftig!“ -antwortete Nosdrjow. „So, nun will ich dich an die -Grenze meines Gutes führen,“ setzte er hinzu, indem er -sich an Tschitschikow wandte. -</p> - -<p> -Nosdrjow führte seine Gäste über das Feld, das -stellenweise mit kleinen Mooshügeln bedeckt war. Die -Gäste mußten den Weg über Brachland und geeggte -Saatfelder nehmen. Tschitschikow verspürte eine gewisse -Ermüdung. An vielen Stellen sanken ihre Füße in dem -Sumpfe ein: so tief war das Land gelegen. Anfangs -nahmen sie sich in acht und traten vorsichtig auf, da -sie aber sahen, daß das doch nichts half, marschierten -sie einfach drauflos, ohne zu fragen, wo der Dreck am -höchsten lag. Nachdem sie ein beträchtliches Stück Weges -zurückgelegt hatten, erblickten sie in der Tat die Grenze, -welche durch einen hölzernen Pfahl und einen schmalen -Graben markiert wurde. -</p> - -<p> -„Das ist die Grenze,“ sagte Nosdrjow. „Alles was -diesseits liegt — dies alles ist mein Eigentum, und sogar -jener Wald, den ihr da auf der anderen Seite schimmern -seht, und das ganze Stück, das hinter dem Walde liegt, -gehört mir.“ -</p> - -<p> -„Seit wann ist denn das dein Wald?“ fragte der -Schwager. „Hast du ihn etwa neulich angekauft? Früher -gehörte er dir doch nicht.“ -</p> - -<p> -„Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft,“ sagte Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Wie ging denn das so schnell?“ -</p> - -<p> -„Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug -bezahlen müssen, weiß der Teufel!“ -</p> - -<p> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -„Aber du warst doch die ganze Zeit über auf der -Messe?“ -</p> - -<p> -„Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf -der Messe sein und zugleich Land kaufen. Nun ja, ich -war auf der Messe und in meiner Abwesenheit hat der -Verwalter das Gehölz gekauft.“ -</p> - -<p> -„Es müßte denn schon der Verwalter sein,“ sagte -der Schwager, noch immer zweifelnd und schüttelte den -Kopf. -</p> - -<p> -Die Gäste kehrten auf demselben elenden Wege nach -Hause zurück. Nosdrjow führte sie in seine Stube, in -der übrigens nichts von alledem zu entdecken war, was -man gewöhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden -pflegt, d. h. weder Bücher noch Papiere, an der Wand -hingen nur ein Säbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, -und eine andere zu achthundert Rubel. Der -Schwager sah sich im Zimmer um und schüttelte bloß -den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch -einige türkische Dolche; auf einem von ihnen las man -die Inschrift „Meister Sawelij Sibirjakow“, die wohl nur -durch ein Versehen in ihn eingegraben worden war. Darnach -bekamen die Gäste eine Drehorgel zu sehen, auf der -Nosdrjow sogleich irgend ein Stück vortrug. Die Drehorgel -hatte keinen unangenehmen Klang, nur schien in -ihrem Inneren etwas passiert zu sein, denn die Mazurka, -welche Nosdrjow spielte, ging plötzlich in das Lied: „Held -Malborough zog in die Schlacht“ über, und dieses schloß -wiederum mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow -drehte schon lange nicht mehr, aber das Instrument hatte -eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum Schweigen -zu bringen war und noch lange für sich allein weitertönte. -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Dann ging man zu den Tabakspfeifen über, deren Nosdrjow -eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und <a id="corr-39"></a>Meerschaumpfeifen, -eingerauchte und nicht eingerauchte, mit Lederüberzügen -und ohne solche usw.; man sah sich auch -ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow -erst vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten -Tabaksbeutel an, das Geschenk einer Gräfin, -welche sich auf einer Poststation bis über die Ohren in -ihn verliebt hatte, und deren Händchen das „subtilste -Superflüh“ waren, ein Ausdruck, der für ihn wahrscheinlich -soviel wie die höchste Vollkommenheit bedeutete. -Nachdem man ein paar Schnitten Stör zu sich genommen -hatte, setzte man sich gegen fünf Uhr zu Tisch. Das -Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr -bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr großen Wert -auf die Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils -angebrannt, teils noch nicht ganz gar. Der Koch ließ -sich wahrscheinlich mehr durch eine gewisse Inspiration -leiten und bediente sich bei der Herstellung der Gerichte -aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: -stand zufälligerweise die Pfefferdose in seiner Nähe, dann -schüttete er Pfeffer in den Kochtopf — lag ein Kohlkopf -auf dem Tisch, so tat er auch Kohl hinein und gab -noch Milch, Schinken und Erbsen dazu — mit einem -Wort: er schüttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die -Hauptsache war, daß das Gericht recht heiß war, irgend -einen Geschmack würde es schon haben! Dafür legte -Nosdrjow ein großes Gewicht auf die Weine: die Suppe -stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den -Gästen schon ein Glas Portwein und ein zweites mit -Haut Sauterne ein. In den Provinz- und in den -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Kreisstädten gibt es nämlich keinen gewöhnlichen Sauterne. -Dann ließ Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, -„wie ihn selbst der Feldmarschall nicht besser getrunken -hat“. Und in der Tat, der Madeira brannte einem in -der Kehle, denn die Kaufleute, welche den Geschmack -ihrer Kunden — der Gutsbesitzer kannten, die einen -<em>kräftigen</em> Madeira liebten, versetzten ihn tüchtig mit -Rum und bisweilen auch mit Königswasser, in der -richtigen Erwägung, daß ein russischer Magen alles -vertragen könne. Zuletzt ließ sich Nosdrjow noch eine -ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine -Art von Synthese aus Champagner und Bourgognon -enthielt. Er schenkte rechts und links mit großem Eifer -die Gläser voll und erwies dabei seinem Schwager und -Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte -Tschitschikow die Beobachtung, daß er sich selbst dabei -am schlechtesten bedachte. Dies veranlaßte ihn, auf der -Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins Gespräch mit -seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas vollschenkte, -benutzte Tschitschikow den Moment, um den -Inhalt seines Glases in den Teller zu schütten. Bald -darauf wurde auch eine Flasche Vogelbeerschnaps hereingetragen, -die nach Nosdrjows Worten ganz wie Sahne -schmeckte, aber seltsamerweise nur kräftig nach Fusel -roch. Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen -Namen trug, welcher sich sogar äußerst schwer aussprechen -ließ, und den der Wirt selbst bei der nächsten Gelegenheit -ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war -längst zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber -die Gäste saßen noch immer an der Tafel, Tschitschikow -konnte sich durchaus nicht entschließen, mit Nosdrjow -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -in Gegenwart des Schwagers über den Gegenstand zu -sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der -Schwager war schließlich doch ein fremder Mensch, die -Sache selbst aber konnte nur in einer vertraulichen und -freundschaftlichen Unterhaltung erledigt werden. Übrigens -war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm gefährlich -werden konnte, denn wie es schien, hatte er -gehörig geladen, er saß nämlich stumm auf seinem Stuhle -und sank beständig mit dem Kopf vornüber. Endlich -mußte er wohl selbst gemerkt haben, daß er sich in -einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er -bat Nosdrjow, ihn doch heimfahren zu lassen, und er -tat dies mit einer so matten und müden Stimme, als -zöge man — um mich eines volkstümlichen russischen -Ausdrucks zu bedienen — dem Pferde das Zaumzeug -mit der Zange über den Kopf. -</p> - -<p> -„Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort!“ sagte -Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Quäl mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich -will fahren!“ bat der Schwager, „du mußt mich nicht -so peinigen!“ -</p> - -<p> -„Unsinn! Torheiten! Komm wir spielen noch einen -kleinen Pharao.“ -</p> - -<p> -„Nein, Bester, spiel lieber allein! Ich kann wirklich -nicht, meine Frau wird es mir sehr übel nehmen; ich -muß ihr auch noch von der Messe erzählen. Wahrhaftig -Freund! es ist meine verfluchte Schuldigkeit, ihr dies -kleine Vergnügen zu bereiten. Bitte halte mich nicht auf!“ -</p> - -<p> -„Hol doch die Frau der T....! Als ob das so -was wichtiges wäre, was ihr miteinander zu tun habt!“ -</p> - -<p> -„Nein wirklich, Freund! Sie ist so gut, meine -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Frau — so brav und treu, eine musterhafte Gattin! -Sie tut mir jeden Gefallen. Das kannst du mir glauben, -ich bin oft gerührt, bis zu Tränen gerührt. Nein, suche -mich nicht zum Bleiben zu veranlassen; so wahr ich ein -ehrlicher Mann bin — ich muß fahren. Ich gebe dir -mein Wort darauf! Hand aufs Herz!“ -</p> - -<p> -„Laß ihn doch fahren, was haben wir von ihm?“ -sagte Tschitschikow leise zu Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Du hast eigentlich recht!“ meinte Nosdrjow, „ich -kann diese Waschlappen nicht leiden!“ und er fügte laut -hinzu: „Nun dann hol dich der Teufel. Geh! fahr -nur zu deiner Frau, du alter Pantoffelheld!“ -</p> - -<p> -„Nein, Freund! du darfst mich nicht Pantoffelheld -schelten!“ antwortete der Schwager: „ich verdanke ihr -mein Leben. Wirklich! Sie ist so lieb, so gut, so sanft -und zärtlich .... mir stehen oft die Tränen in den -Augen. Sie wird mich fragen, was ich auf der Messe -gesehen habe — ich muß ihr alles erzählen — sie ist -so lieb ....“ -</p> - -<p> -„Also mach, daß du fortkommst, und schwindele ihr -irgend einen Blödsinn vor!“ -</p> - -<p> -„Nein, hör mal, lieber Freund! du darfst nicht so -von ihr sprechen, damit beleidigst du gewissermaßen auch -mich, sie ist so gut und lieb.“ -</p> - -<p> -„Nun dann packe dich doch! Mach, daß du zu ihr -kommst!“ -</p> - -<p> -„Ja, tatsächlich, Freund, ich will fahren; verzeih, -daß ich nicht bleiben kann. Ich wäre von Herzen froh, -aber ich kann wahrhaftig nicht.“ Der Schwager stammelte -noch lange allerhand Entschuldigungen, ohne zu merken, -daß er längst im Wagen saß, schon durchs Tor gerollt -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -war und sich unter freiem Himmel auf offenem Felde -befand. Man darf annehmen, daß seine Frau recht -wenig von der Messe zu hören bekommen hat. -</p> - -<p> -„So ein Dreckkerl!“ sagte Nosdrjow, der ans Fenster -getreten war und der davonjagenden Equipage nachblickte. -„Da fährt er! Das Beipferd ist nicht übel, ich fahnde -schon längst darauf. Aber mit dem Kerl wird man ja -doch nicht einig. Ein alter Waschlappen und weiter nichts!“ -</p> - -<p> -Man trat ins Nebenzimmer. Porphyr brachte Lichter -herein und Tschitschikow bemerkte plötzlich ein Spiel Karten -in der Hand des Hausherrn, ohne daß er hätte sagen -können, woher er es genommen hatte. -</p> - -<p> -„Was meinst du zu einem kleinen Pharao, Freund!“ -sagte Nosdrjow, indem er das Spiel zusammendrückte -und wieder los ließ, sodaß das Kreuzband zerriß und -zu Boden fiel. „So zum Zeitvertreib weißt du. Ich -will die Bank mit dreihundert Rubeln halten!“ -</p> - -<p> -Aber Tschitschikow tat so, als ob er garnicht gehört -hätte, wovon eigentlich die Rede war und sagte, wie -wenn er sich plötzlich auf etwas besönne. „Ach ja, um -es nicht zu vergessen, ich habe eine kleine Bitte an dich!“ -</p> - -<p> -„Was für eine Bitte?“ -</p> - -<p> -„Aber versprich mir zuerst, daß du sie erfüllen willst!“ -</p> - -<p> -„Was ist das für eine Bitte?“ -</p> - -<p> -„Nein, versprich mir’s erst! Hörst du!“ -</p> - -<p> -„Also gut. Meinetwegen!“ -</p> - -<p> -„Dein Ehrenwort!“ -</p> - -<p> -„Mein Ehrenwort!“ -</p> - -<p> -„Also: du wirst doch wohl eine ganze Reihe von -toten Bauern besitzen, die noch nicht aus den Revisionslisten -gestrichen sind.“ -</p> - -<p> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -„Natürlich! und was soll das hier!“ -</p> - -<p> -„Übergib sie mir. Übertrage sie auf meinen Namen!“ -</p> - -<p> -„Und wozu brauchst du sie?“ -</p> - -<p> -„Ich brauche sie.“ -</p> - -<p> -„Nein, sag wozu?“ -</p> - -<p> -„Ich brauche sie eben .... das ist doch meine -Sache — mit einem Wort, ich habe sie nötig.“ -</p> - -<p> -„Da steckt bestimmt was dahinter. Du hast sicher -irgend einen Plan mit ihnen ausgeheckt. Gesteh’s nur. -Was ist’s?“ -</p> - -<p> -„Ach was für ein Plan! Solch eine Bagatelle. -Was könnte ich damit vorhaben?“ -</p> - -<p> -„Ja, wozu brauchst du sie denn dann?“ -</p> - -<p> -„Herr Gott! bist du neugierig! Du willst wohl jeden Dreck -mit der Hand befühlen, und wohl gar noch dran riechen!“ -</p> - -<p> -„Ja, warum willst du es denn nicht sagen?“ -</p> - -<p> -„Was hast du denn davon, wenn ich’s dir sage? -Ganz einfach, es ist so eine Laune von mir!“ -</p> - -<p> -„Nun gut, wenn du’s mir nicht sagt, dann tu -ich’s eben nicht!“ -</p> - -<p> -„Hör mal, das ist wirklich unanständig von dir. -Hast mir dein Wort gegeben, und willst es jetzt wieder -zurücknehmen!“ -</p> - -<p> -„Schön, wie du willst. Ich tu’s halt nicht, bevor -du mir’s sagst.“ -</p> - -<p> -„Was könnte ich ihm bloß sagen?“ dachte Tschitschikow; -er überlegte ein wenig und erklärte dann, er -brauche die toten Seelen, um sich Gewicht und Einfluß -in der Gesellschaft zu verschaffen, er habe keine großen -Besitzungen, und daher möchte er wenigstens einstweilen -ein paar Seelen haben. -</p> - -<p> -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -„Du schwindelst,“ sagte Nosdrjow, indem er ihm -ins Wort fiel, „du schwindelst Bruder!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow mußte sich selbst gestehen, daß er nicht -gerade geschickt gelogen hatte, und die ersonnene Ausflucht -eigentlich recht schwach war. „Nun gut, dann -will ich dir die Wahrheit sagen,“ sagte er, indem er sich -verbesserte, „ich bitte dich nur um eins, es nicht weiter -zu plaudern. Ich habe die Absicht, mich zu verheiraten; -aber leider sind der Vater und die Mutter meiner Braut -höchst ehrgeizige Leute, die hoch hinaus wollen. Eine -verfluchte Geschichte! ich ärgere mich beinahe, daß ich -mich überhaupt darauf eingelassen habe: sie wollen -partout, daß der Bräutigam mindestens dreihundert -Seelen haben solle, und da mir beinahe ganze hundertfünfzig -daran fehlen, so .....“ -</p> - -<p> -„Ne Bruder, du schwindelst!“ rief Nosdrjow wieder. -</p> - -<p> -„Nein wirklich, diesmal hab’ ich auch nicht einmal -<em>so</em>viel gelogen,“ sagte Tschitschikow, indem er mit dem -Daumen auf ein winziges Stück des kleinen Fingers wies. -</p> - -<p> -„Den Kopf zum Pfande, daß du schwindelst!“ -</p> - -<p> -„Hör mal, du beleidigt mich! Wer bin ich denn -eigentlich? Warum soll ich denn durchaus lügen?“ -</p> - -<p> -„Aber ich kenne dich doch: du bist ja ein großer -Spitzbube — gestatte mir bitte, dir das einmal in aller -Freundschaft zu sagen. Wenn ich dein Chef wäre, ich -ließe dich am ersten besten Baum aufhängen.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow fühlte sich durch diese Bemerkung beleidigt. -Jeder grobe, die Grenzen der Schicklichkeit verletzende -Ausdruck berührte ihn peinlich. Alle Familiaritäten -seitens anderer Personen waren ihm in der Seele -zuwider, und er suchte sich ihnen zu entziehen, es sei -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -denn, daß sie von hochgestellten Leuten ausgingen. -Daher fühlte er sich jetzt im Innersten gekränkt. -</p> - -<p> -„Bei Gott, ich ließe dich hängen!“ wiederholte -Nosdrjow, „ich meine das ganz aufrichtig und sage das -nicht um dich zu beleidigen, sondern erlaube es mir als -dein Freund.“ -</p> - -<p> -„Alles hat seine Grenzen,“ sagte Tschitschikow mit -Würde. „Wenn du dich mit solchen Redensarten brüsten -willst, dann geh doch lieber in die Kaserne.“ — Und -er fügte hinzu: „Willst du sie mir nicht schenken, so -verkaufe sie mir wenigstens.“ -</p> - -<p> -„Verkaufen! Aber ich kenne dich doch. Du bist -ein Hallunke. Du wirst ja doch nicht viel dafür geben.“ -</p> - -<p> -„Na, du kannst so bleiben! Sieh einer an, du glaubst -wohl, sie sind von Edelstein, wie?“ -</p> - -<p> -„Da siehst du es, ich kenne dich doch.“ -</p> - -<p> -„Nein höre mal, Freund, was ist das für ein -knickeriges Benehmen. Du solltest sie mir wahrhaftig -schenken.“ -</p> - -<p> -„Also gut, um dir zu beweisen, daß ich nicht so -ein Filz bin, will ich dir garnichts für sie abnehmen. -Kauf mir einen Hengst ab, dann kriegst du sie gratis.“ -</p> - -<p> -„Ich bitte dich, was soll ich mit dem Hengst?“ -sagte Tschitschikow, höchst verwundert über diesen -Vorschlag. -</p> - -<p> -„Was du damit sollst? Ich habe zehntausend -Rubel für den Racker bezahlt, und du sollst ihn für -viertausend haben.“ -</p> - -<p> -„Aber was soll ich bloß damit anfangen! Ich habe -doch kein Gestüt.“ -</p> - -<p> -„Ja höre doch nur, du versteht mich noch nicht. -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Ich nehme dir doch jetzt nur dreitausend ab. Die -übrigen tausend kannst du mir ja später bezahlen.“ -</p> - -<p> -„Ja aber, wenn ich ihn nun doch durchaus nicht -brauchen kann! Gott mit ihm!“ -</p> - -<p> -„Nun gut, dann kauf mir die hellbraune Stute ab!“ -</p> - -<p> -„Ich kann auch keine Stute brauchen.“ -</p> - -<p> -„Ich gebe dir die Stute und das graue Pferd dazu, -das du vorhin gesehen hat, für zweitausend Rubel.“ -</p> - -<p> -„Ich brauche keine Pferde!“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Du kannst sie ja weiter verkaufen. Auf jeder -Messe kriegst du das Dreifache für sie.“ -</p> - -<p> -„Dann verkauf sie doch lieber selbst, wenn du dir -einen so großen Gewinn davon versprichst.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß, daß ich dabei gewinne: aber ich möchte -dir auch einen kleinen Vorteil zukommen lassen.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow dankte ihm für seine freundliche Gesinnung -und verzichtete rundweg auf die braune Stute -und das graue Roß. -</p> - -<p> -„So kauf mir ein paar Hunde ab! Ich habe da -ein Pärchen für dich; da läuft dir gleich ein Freudenschauer -über den Rücken. Einen stichelhaarigen mit -borstigem Bart; die Haare stehen ihm zu Berge wie -die Stacheln eines Igels, und die Rippen — die -reinsten Faßreifen. Dazu die klumppatschigen Pfoten — -die berühren kaum die Erde! ...“ -</p> - -<p> -„Ach! Ich brauche keine Hunde. Ich bin doch -kein Jäger.“ -</p> - -<p> -„Aber ich möchte gerne, daß du ein paar Hunde -hast. -</p> - -<p> -Übrigens weißt du, wenn du die Hunde nicht -haben willst, dann kauf mir die Drehorgel ab. Ein -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -feines Stück, sage ich dir. Sie hat mich selbst, so wahr -ich ein ehrlicher Mann bin, anderthalb Tausend gekostet. -Dir will ich sie für neunhundert lassen.“ -</p> - -<p> -„Was soll ich mit der Drehorgel anfangen? Ich -bin doch kein Deutscher, daß ich mit ihr von Haus zu -Haus wandern und um Geld betteln könnte!“ -</p> - -<p> -„Aber das ist doch kein Leierkasten, wie ihn die -Deutschen haben. Das ist eine Orgel, sieh sie dir mal -genau an. Lauter echtes Mahagoni! Komm, ich will -sie dir noch mal zeigen!“ Und Nosdrjow ergriff -Tschitschikows Hand und zog ihn nach sich in das -Nebenzimmer, er mochte sich sträuben, die Füße gegen -den Fußboden stemmen und versichern, soviel er wollte, -er kenne die Drehorgel zur Genüge, es nützte ihm alles -nichts, er mußte noch einmal hören, wie Malborough -in die Schlacht zog. -</p> - -<p> -„Wenn du mir kein Geld geben willst, dann machen -wir es folgendermaßen, weißt du. Ich gebe dir die -Drehorgel und dazu alle toten Seelen, die ich habe und -du überläßt mir dafür deine Kutsche und zahlst nur -noch dreihundert Rubel drauf.“ -</p> - -<p> -„Noch mehr? Und wie soll ich fortkommen?“ -</p> - -<p> -„Ich gebe dir einen andern Wagen. Komm herunter in -den Stall, ich will ihn dir gleich zeigen! Du mußt ihn nur -neu anstreichen lassen. Dann ist es eine herrliche Kutsche!“ -</p> - -<p> -„Ist der von einem unruhigen Geiste besessen,“ -dachte Tschitschikow und faßte den heroischen Entschluß, -Nosdrjow mit seinen Kutschen, Drehorgeln und allen -möglichen und unmöglichen Hunden, trotz der geradezu -unerhörten, faßreifenähnlichen Rippen und klumppatschigen -Pfoten ein für alle Mal loszuwerden. -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -„Aber du kriegst doch alles zusammen: die Kutsche, -die Drehorgel und die toten Seelen.“ -</p> - -<p> -„Ich will aber nichts,“ sagte Tschitschikow noch einmal. -</p> - -<p> -„Warum willst du bloß nicht?“ -</p> - -<p> -„Ganz einfach, weil ich nicht will, und damit basta!“ -</p> - -<p> -„Ach bist du ein Kerl! Mit dir kann man ja nicht -verkehren wie mit einem guten Freunde oder Kameraden. -Wirklich so ein .....! Man merkt gleich, daß du -ein doppelzüngiger Mensch bist.“ -</p> - -<p> -„Ja bin ich denn ein Esel, wie?! Wozu soll ich mir -Dinge anschaffen, die ich absolut nicht brauchen kann.“ -</p> - -<p> -„Nein, bitte, rede nicht! Jetzt habe ich dich durchschaut. -</p> - -<p> -So ein Schuft, wahrhaftig. Also gut, höre mal, -machen wir ein Partiechen Pharao. Ich setze alle toten -Seelen auf eine Karte und die Drehorgel dazu.“ -</p> - -<p> -„Nein, <a id="corr-45"></a>mein Bester, ein Glücksspiel verlieren, das -hieße sich dem dunklen Zufall aussetzen,“ sagte Tschitschikow, -während er nach den Karten schielte, die jener in -der Hand hielt. Beide Spiele machten einen recht -wenig Vertrauen erweckenden Eindruck auf ihn. Auch -die Rückseite sah recht verdächtig aus. -</p> - -<p> -„Warum denn dem Zufall,“ sagte Nosdrjow, „das -ist doch kein Zufall; wenn das Glück dir günstig ist, -Hölle und Teufel, was kannst du da nicht alles gewinnen. -Sieh doch nur, welch ein Glück, du hast,“ sagte er, indem -er ein paar Karten auflegte, um Tschitschikows Spiellust -anzuregen. „Nein, solch ein Glück, solch ein Glück! -Das flutscht nur so. Siehst du, da ist die verfluchte -Zehn, durch die ich alles verloren habe. Ich ahnte es, -daß sie mich im Stiche lassen wird. Aber ich machte -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -die Augen zu und dachte nur, hol dich der Teufel! Tu’s -nur Verräterin!“ -</p> - -<p> -Während Nosdrjow noch sprach, brachte Porphyr -eine Flasche herein. Aber Tschitschikow lehnte entschieden -ab und wollte weder spielen noch trinken. -</p> - -<p> -„Warum willst du denn nicht spielen?“ sagte Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Weil ich keine Lust habe. Wenn ich ehrlich sein -soll, bin ich überhaupt kein Freund vom Spiel.“ -</p> - -<p> -„Warum bist du denn kein Freund davon?“ -</p> - -<p> -„Weil ich halt kein Freund davon bin,“ sagte Tschitschikow -und zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -„Jammerlappen, du!“ -</p> - -<p> -„Was soll ich machen, wenn Gott mich mal so geschaffen -hat.“ -</p> - -<p> -„Ein Schlappschwanz und nichts weiter. Früher hielt -ich dich doch wenigstens noch für einen etwas anständigeren -Menschen. Aber du hast ja keine Ahnung -vom guten Benehmen. Mit dir kann man nicht sprechen -wie mit einem Freunde, keine Spur von Aufrichtigkeit und -Ehrlichkeit. Der reinste Sabakewitsch! Solch ein Lump!“ -</p> - -<p> -„Sag mal, warum schimpfst du mich eigentlich? -Bin ich denn schuld, daß ich nicht spielen kann? Verkauf -mir doch die Seelen, wenn du schon so ein Kerl bist, -der um jeden Dreck zittert!“ -</p> - -<p> -„Den Teufel kriegst du! Und noch dazu ohne Haare. -Ich wollte sie dir zuerst gratis geben, aber jetzt bekommst -du überhaupt nichts, und wenn du mir ein Königreich -dafür bötest, ich geb sie nicht her. So ein Beutelschneider! -So’n dreckiger Lehmbudiker! Von nun ab -will ich mit dir überhaupt nichts zu tun haben. Porphyr -geh mal runter und sag dem Stalljungen, er soll seinen -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Pferden keinen Hafer geben. Die brauchen nichts wie -Heu zu fressen.“ -</p> - -<p> -Dieser Schluß kam Tschitschikow in der Tat unerwartet. -</p> - -<p> -„Hätt’ ich dich doch lieber gar nicht gesehen!“ sagte -Nosdrjow. -</p> - -<p> -Dieser Zwist hinderte indessen den Hausherrn und -seinen Gast nicht, zusammen zu Abend zu speisen, obwohl -diesmal keine Weine mit komplizierten und merkwürdigen -Namen auf dem Tische prangten. Nur eine einzige -Flasche stand einsam da, mit einer Art Cypernwein, der -aber im übrigen nichts anderes war, als was man einen -sauren Krätzer zu nennen pflegt. Nach dem Abendessen -führte Nosdrjow Tschitschikow in ein Seitengemach, wo -bereits ein Bett für ihn aufgeschlagen war und sagte: -„Da ist dein Bett. Ich mag dir nicht einmal gute -Nacht wünschen.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten ging er hinaus und ließ Tschitschikow -in der allerschlechtesten Laune zurück. Er ärgerte -sich innerlich über sich selbst, und machte sich Vorwürfe, -daß er mitgefahren war und seine schöne Zeit unnütz -verloren hatte; was er sich jedoch am wenigsten verzeihen -konnte, war dies, daß er über seine eigenste Angelegenheit -mit ihm gesprochen hatte; das war sehr unvorsichtig -von ihm gewesen, er hatte gehandelt wie ein Tor; denn -die Sache selbst war durchaus nicht von der Art, daß -sie Nosdrjow — anvertraut werden konnte ... Nosdrjow -war ein gemeiner Kerl; er konnte noch was hinzuschwindeln, -weiß der Teufel, was für Lügen darüber verbreiten, -und schließlich konnte noch eine dumme Klatschgeschichte -daraus entstehen ... Fatal, höchst fatal! „Ich bin doch -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -wirklich ein Esel!“ sprach er zu sich selber. Er schlief die -Nacht über sehr schlecht. Eine gewisse Gattung ganz -kleiner aber äußerst kecker und zudringlicher Insekten -verfolgten ihn fortwährend mit ihren Bissen, die unerträglich -schmerzhaft waren, so daß er sich mit der ganzen -Hand an den betreffenden Stellen kratzte und murmelte: -„Hol euch der Teufel, mitsamt Nosdrjow!“ Es war -noch sehr früh, als er erwachte. Sein erster Gang, nachdem -er Stiefel und Schlafrock angezogen hatte, war -nach dem Stall, welcher sich am Ende des Hofes befand, -wo er Seliphan den Auftrag gab, die Pferde sofort -anzuspannen. Auf dem Rückwege traf er Nosdrjow, -der ihm, gleichfalls im Schlafrock und mit der Pfeife -im Munde, im Hofe entgegen kam. -</p> - -<p> -Nosdrjow grüßte ihn freundschaftlich und fragte, -wie er die Nacht geschlafen habe. -</p> - -<p> -„Sehr mäßig!“ antwortete Tschitschikow trocken. -</p> - -<p> -„Ich auch, Freund ...“ sagte Nosdrjow ... -„weißt du, die ganze Nacht hat mich dies verdammte -Viehzeug geplagt, ich mag’s garnicht erzählen; dazu -habe ich nach dem gestrigen Abend einen Geschmack -im Munde, wie wenn eine ganze Schwadron drin übernachtet -hätte. Denk dir, mir träumte, daß ich Ruten -bekomme. Wahrhaftig! Und weißt du von wem? -Ich möchte wetten, daß du’s nicht errätst: vom Stabsrittmeister -Pozelyjew und von Kufschinnikow.“ -</p> - -<p> -„Ja ja,“ dachte Tschitschikow, „es wäre wirklich -nicht schlecht, wenn du einmal gründlich durchgebläut -würdest.“ -</p> - -<p> -„Bei Gott! Es hat verflucht weh getan! Ich -bin sogar davon aufgewacht; und in der Tat, es juckte -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -mich am ganzen Körper; das verdammte Gelichter, diese -Flöhe! So, gehe jetzt hinauf und zieh dich an; ich -komme gleich wieder zu dir. Ich muß nur dem Schuft -von Verwalter noch mal den Kopf waschen.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow begab sich auf sein Zimmer, um sich -zu waschen und anzuziehen. Als er gleich darauf ins -Speisezimmer trat, stand schon ein Teeservice und eine -Flasche Rum auf dem Tisch. Im Zimmer waren noch -Spuren vom gestrigen Diner und Souper bemerkbar; -Bürste und Besen hatten noch ihres Amtes nicht gewaltet. -Auf dem Fußboden lagen Brodkrumen und -selbst auf dem Tischtuche sah man ganze Haufen von -Tabakasche herumliegen. Der Hausherr, der bald darauf -hereinkam, hatte nichts an, außer einem Schlafrock, -unter dem die offene mit dichten Haaren bewachsene -Brust hervorguckte. So mit dem Pfeifenrohr in der -einen, und mit der Tasse, aus der er ab und zu nippte, -in der anderen Hand, wäre er so recht ein Bild für -einen Maler gewesen, welcher die gelockten und gekräuselten -oder kurz geschorenen Köpfe nicht leiden kann, wie man -sie auf den Aushängeschildern der Barbierläden abgebildet -findet. -</p> - -<p> -„Nun also, wie denkst du?“ fragte Nosdrjow nach -einer kurzen Pause, „willst du um die Seelen spielen -oder nicht?“ -</p> - -<p> -„Ich hab dir doch schon gesagt, daß ich nicht mag; -abkaufen — tue ich sie dir gern.“ -</p> - -<p> -„Verkaufen will ich sie nicht: das wäre nicht freundschaftlich. -Ich will doch nicht weiß der Teufel wovon -die Decke runterziehen. Ein Spielchen — das ist eine -andre Sache. Zieh doch eine Karte!“ -</p> - -<p> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -„Ich hab dir doch schon gesagt: ich mag nicht.“ -</p> - -<p> -„Und tauschen willst du auch nicht?“ -</p> - -<p> -„Nein!“ -</p> - -<p> -„Nun dann höre, wollen wir Dame spielen? Gewinnst -du — so gehören sie dir — alle zusammen. -Ich habe ja eine ganze Menge, die aus der Revisionsliste -gestrichen werden müssen. He Porphyr! Bring doch -mal das Damenbrett herein!“ -</p> - -<p> -„Bemühe dich bitte nicht: ich spiele <em>doch</em> nicht!“ -</p> - -<p> -„Aber das ist doch kein Glücksspiel; hier kann doch -weder von Glück noch von Betrug die Rede sein, es -hängt doch alles vom guten Spiel ab. Übrigens mache -ich dich darauf aufmerksam, daß ich sehr schlecht spiele; -du mußt mir etwas vorgeben.“ -</p> - -<p> -„Vielleicht ist’s das beste, ich setze mich hin und -versuche es,“ dachte Tschitschikow. „Ich habe doch früher -einmal garnicht übel Dame gespielt, zudem wird es ihm -hier schwer werden, zu mogeln.“ -</p> - -<p> -„Also schön! Meinetwegen, eine Partie Dame will -ich allenfalls mit dir spielen.“ -</p> - -<p> -„Die Seelen — gegen hundert Rubel? Gut?“ -</p> - -<p> -„Warum? Ich denke fünfzig sind auch genug.“ -</p> - -<p> -„Nein, hör mal, fünfzig, das ist doch kein Einsatz? -Dann setze ich lieber noch einen gewöhnlichen Jagdhund -oder eine goldene Petschaft dazu, weißt du, so eine, wie -man sie an der Uhrkette trägt.“ -</p> - -<p> -„Nun gut! ich bin’s zufrieden,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Und wieviel gibst du mir vor?“ fragte Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Wie käme ich dazu? Natürlich nichts.“ -</p> - -<p> -„Laß mich wenigstens die ersten zwei Züge machen!“ -</p> - -<p> -„Nein, ich spiele selbst schlecht genug.“ -</p> - -<p> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -„Das kennt man schon, dies schlechte Spiel!“ sagte -Nosdrjow, während er anzog. -</p> - -<p> -„Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die -Hand genommen,“ sprach Tschitschikow, der gleichfalls -einen Zug machte. -</p> - -<p> -„Das kennt man schon — dies schlechte Spiel,“ -sagte Nosdrjow und zog wieder. -</p> - -<p> -„Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die -Hand genommen,“ sprach Tschitschikow und rückte weiter vor. -</p> - -<p> -„Das kennt man schon — dies schlechte Spiel,“ -sagte Nosdrjow, während er wieder einen Zug machte, -und dabei mit dem Ärmel seines Schlafrockes einen -andern Stein verschob. -</p> - -<p> -„Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die -Hand genommen! .... He, was soll das lieber Freund? -nimm mal den Zug wieder zurück!“ rief Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Was?“ -</p> - -<p> -„Den Stein da sollst du zurückziehen,“ sagte Tschitschikow; -aber jetzt erblickte er plötzlich dicht vor seiner -Nase noch einen zweiten Stein, der eben im Begriff -war, ins Damenfeld einzurücken. Wie der dahin gekommen -war, das wußte wohl nur Gott allein. „Nein,“ -sagte Tschitschikow, „mit dir kann man unmöglich spielen. -Man macht doch nicht drei Züge auf einmal!“ -</p> - -<p> -„Wieso denn drei? Das war doch nur ein Versehn. -Der eine hat sich nur zufällig verschoben; ich zieh ihn -wieder zurück, wenn du willst.“ -</p> - -<p> -„Und wie kommt der hierher?“ -</p> - -<p> -„Welchen meinst du?“ -</p> - -<p> -„Hier diesen, der in die Damenreihe einrückt.“ -</p> - -<p> -„Da haben wir’s! Als ob du’s nicht weißt!“ -</p> - -<p> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -„Nein, mein Bester, ich habe alle Züge gezählt und -erinnere mich sehr gut an alles, du hast ihn erst eben -vorgeschoben. <em>Da</em> ist sein Platz!“ -</p> - -<p> -— „Was — dort?“ sagte Nosdrjow errötend, „du -phantasierst wohl, Freund!“ -</p> - -<p> -„Nein, Bester, <em>du</em> scheinst zu phantasieren, aber -leider nur mit wenig Glück.“ -</p> - -<p> -„Für wen <a id="corr-46"></a>hältst du mich,“ sagte Nosdrjow, „glaubst -du etwa, ich mogele?“ -</p> - -<p> -„Ich halte dich für gar nichts, ich werde mich nur -hüten, jemals wieder mit dir zu spielen.“ -</p> - -<p> -„Nein, jetzt kannst du nicht mehr vom Spiel zurücktreten,“ -ereiferte sich Nosdrjow, „das Spiel ist angefangen!“ -</p> - -<p> -„Ich darf doch wohl verzichten, da du nicht spielst -wie ein anständiger Mensch!“ -</p> - -<p> -„Du lügst! Du hast kein Recht, so etwas zu behaupten!“ -</p> - -<p> -„Nein, mein Bester, du bist es, der da lügt!“ -</p> - -<p> -„Ich habe nicht gemogelt, und du kannst nicht mehr -verzichten. Du mußt die Partie zu Ende spielen!“ -</p> - -<p> -„Dazu kannst du mich nicht zwingen,“ sprach Tschitschikow -kaltblütig, trat ans Brett und warf die Steine -durcheinander. -</p> - -<p> -Nosdrjow wurde rot vor Zorn und ging auf Tschitschikow -los, so daß dieser zwei Schritte zurücktrat. -</p> - -<p> -„Ich werde dich doch zwingen, mit mir zu spielen. -Das nützt dir nichts, daß du das Brett umgestoßen -hast! Ich erinnere mich an sämtliche Züge! Wir können -das Spiel wieder aufstellen.“ -</p> - -<p> -„Nein, mein Bester, ich spiele nicht mit dir, und -damit Basta!“ -</p> - -<p> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -„Du willst also nicht spielen? wie?“ -</p> - -<p> -„Du mußt doch selbst einsehen, daß man nicht mit -dir spielen kann!“ -</p> - -<p> -„Nein, sag’s gradheraus: Willst du spielen oder -nicht?“ sagte Nosdrjow, indem er Tschitschikow noch -näher auf den Leib rückte. -</p> - -<p> -„Nein,“ sprach Tschitschikow, während er seine -Hände vor das Gesicht hielt, er war auf alles gefaßt -und fühlte, daß es einen heißen Kampf geben würde. -Diese Vorsicht war durchaus am Platze, denn Nosdrjow -holte aus, und es hätte leicht passieren können, daß -eine von den schönen runden Backen unseres Helden -mit nie zu verwischender Schmach bedeckt worden wäre; -aber er parierte geschickt den Schlag, packte Nosdrjows -kampflustige Hände und hielt sie fest in den seinen. -</p> - -<p> -„Porphyr, Pawluschka!“ schrie Nosdrjow wie ein -Rasender, indem er versuchte sich loszuringen. -</p> - -<p> -Bei diesen Worten ließ Tschitschikow, der die Knechte -nicht gern zu Zeugen dieser äußerst interessanten Szene -machen wollte, und zugleich fühlte, daß es doch keinen -Wert hatte, Nosdrjow länger festzuhalten, seine Hände -fahren. In diesem Augenblick betrat Porphyr das -Zimmer, gefolgt von Pawluscha, einem handfesten -Burschen, mit dem nicht gut Kirschen essen war. -</p> - -<p> -„Du willst also die Partie nicht zu Ende spielen?“ -sagte Nosdrjow. „Sag ja oder nein.“ -</p> - -<p> -„Es ist mir unmöglich, sie zu Ende zu spielen,“ -sprach Tschitschikow und warf einen Blick aus dem -Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und neben -ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten -schien, wo er vorfahren könnte; aber jeder Ausweg -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -aus dem Zimmer war verschlossen, denn in der Türe -standen zwei kräftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows. -</p> - -<p> -„Du willst also die Partie nicht beendigen?“ -wiederholte Nosdrjow, dessen Antlitz vor Zorn glühte. -</p> - -<p> -„Wenn du spielen würdest, wie ein anständiger -Mensch .... aber so .... Nein!“ -</p> - -<p> -„Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, daß -du verlieren mußt, <em>kannst</em> du auf einmal nicht! Haut -ihn!“ schrie er plötzlich in rasender Wut, indem er sich -an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein -Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow -wurde bleich wie ein Stück Leinwand. Er wollte -etwas sagen, aber er fühlte, daß seine Lippen sich bewegten, -ohne einen Laut von sich zu geben. -</p> - -<p> -„Haut ihn!“ schrie Nosdrjow, während er mit seinem -Weichselrohr auf ihn losstürzte, zornglühend und schwitzend, -als ob er gegen eine unbezwingliche Festung Sturm -liefe. — „Haut ihn!“ schrie er mit der Stimme eines -tollen Leutnants, der während eines gewaltigen Sturmangriffes -seiner Kompagnie: „Vorwärts, Kinder!“ zuruft, -und dessen unsinnige Kühnheit solch eine Berühmtheit -erlangt hat, so daß die Ordre ausgegeben werden mußte, -während eines heftigen Gefechtes, ihn an Händen und -Füßen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat -ihn schon betört; um ihn herum scheint sich alles zu -drehen. Die Gestalt des Feldmarschalls Suworow scheint -ihm voranzuschweben. Das große Ziel winkt und blindlings -stürzt er darauf zu. „Vorwärts, Kinder!“ schreit -er und schon fliegt er voran, ohne zu überlegen, wie -sehr er damit dem wohlberechneten Angriffsplane schadet -und ohne darauf zu achten, daß Millionen von Büchsenläufen -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -aus den Schießscharten der unbezwinglichen, von -Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, daß -seine ohnmächtige Kompagnie in die Luft fliegen muß -wie leichter Federflaum und daß die verhängnisvolle -Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu -schließen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt -gegen eine Festung anstürmenden tollköpfigen Leutnant -darstellte, die Festung <em>selbst</em>, auf die er den wahnsinnigen -Angriff unternahm, schien keineswegs uneinnehmbar, -im Gegenteil, die Festung fühlte eine derartige -Furcht, daß ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon -ward ihm der Stuhl, mit dem er sich verteidigen wollte, -von den Leibeigenen aus den Händen gerissen, schon bereitete -er sich geschlossenen Auges und mehr tot als -lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes -mit dem Rücken in Empfang zu nehmen, -und Gott weiß, was ihm noch sonst alles hätte blühen -können. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die -Schultern und alle wohlgepflegten Körperteile unseres -Helden zu retten. Ganz unerwartet erklangen plötzlich, -wie die Stimme eines Himmelsboten, die Töne eines -Glöckchens, das Rädergerassel einer vorfahrenden Kutsche -und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere -Schnaufen der erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles -eilte unwillkürlich ans Fenster: ein Mann mit einem -martialischen Schnauzbart, im Interimsrock stieg aus dem -Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn -gefragt hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow -sich von seinem Schreck hatte erholen können und -während er sich noch in der jämmerlichsten Lage befand, -die je ein Sterblicher durchgemacht hat. -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -„Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr -Nosdrjow ist?“ sagte der Unbekannte, indem er einen -erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem Pfeifenrohr -in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, -der eben aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu -kommen begann. -</p> - -<p> -„Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre -habe?“ sagte Nosdrjow auf ihn zugehend. -</p> - -<p> -„Ich bin der Kreisrichter!“ -</p> - -<p> -„Und was wünschen Sie?“ -</p> - -<p> -„Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche -Mitteilung zu überbringen. Sie befinden sich im -Anklagezustand bis zur gerichtlichen Beschlußfassung in -dem gegen Sie schwebenden Prozeß.“ -</p> - -<p> -„Ach Unsinn! Was für ein Prozeß?“ sagte -Nosdrjow. -</p> - -<p> -„Sie sind in die Sache des Gutsbesitzers Maksimow -verwickelt, anläßlich einer persönlichen Beleidigung, die -Sie ihm in trunkenem Zustande durch Verabfolgung -von Rutenschlägen zugefügt haben sollen.“ -</p> - -<p> -„Sie lügen, ich kenne den Gutsbesitzer Maksimow -überhaupt nicht.“ -</p> - -<p> -„Geehrter Herr! Gestatten sie, daß ich Sie darauf -aufmerksam mache: ich bin Offizier. Sie können das -ihrem Diener sagen, aber nicht mir.“ -</p> - -<p> -Hier ergriff Tschitschikow, ohne abzuwarten, was -Nosdrjow darauf antworten würde, schleunigst seine -Mütze, schlüpfte hinterm Rücken des Kreisrichters zur -Türe hinaus, bestieg eilig seinen Wagen, und befahl -Seliphan die Pferde anzutreiben, so schnell er nur konnte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-5"> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Fünftes Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nser</span> Held hatte übrigens gehörige Angst bekommen. -Obwohl der Wagen in wildem Galopp dahinjagte -und Nosdrjows Gut hinter Hügeln, Feldern und -Anhöhen verschwunden war, blickte er sich immer noch -furchtsam um, wie in Erwartung, daß die Verfolger -bald angesprengt kämen. Er atmete schwer, und als er -seine Hand aufs Herz legte, fühlte er, daß es hüpfte -wie eine Wachtel im Käfig. „Herr Gott, hat der mich -schwitzen machen. Bist du ein Kerl!“ Dann wünschte -er ihm den Teufel und seine Großmutter an den Hals. -Ja, es fielen sogar ein paar unschöne Ausdrücke; aber -was ist da zu machen: ein Russe, und noch dazu wenn -er zornig ist! Zudem war die Sache durchaus nicht -scherzhaft: „Man mag sagen, was man will,“ sprach -er zu sich selber, „wäre der Kreisrichter nicht auf der -Bildfläche erschienen, wer weiß, ob ich mich jetzt noch -des Anblickes dieser schönen Gotteswelt erfreuen könnte! -Vielleicht wäre ich geplatzt, wie eine Blase auf dem -Wasser, ohne eine Spur meines irdischen Daseins, ohne -Nachkommen, ohne meinen Kindern und Kindeskindern -Geld und Gut und einen ehrlichen Namen zu hinterlassen!“ -Unser Held war sehr besorgt um seine Nachkommenschaft. -</p> - -<p> -„So ein böser Herr!“ dachte Seliphan. „Solch -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -einen Herren hab’ ich in meinem Leben noch nicht gesehen. -Wahrhaftig, dem sollte man ins Gesicht spucken -für dieses Betragen. Einen Menschen mag man noch -eher hungern lassen, aber einem Pferde muß man doch -zu fressen geben. Denn so ein Gaul liebt nun mal den -Hafer. Das ist sozusagen seine Nahrung; was für uns -die Kost, ist für ihn der Hafer sozusagen. Das ist doch -seine Nahrung.“ -</p> - -<p> -Auch die Pferde schienen sich eine ungünstige -Meinung von Nosdrjow gebildet zu haben. Nicht nur -der Braune und der Assessor, selbst der Schecke war -schlechter Laune. Obgleich er für seinen Teil immer -etwas geringeren Hafer bekam und Seliphan ihm diesen -nie anders in den Trog schüttete, als mit den Worten: -„Da, du Lump!“, es war doch immer Hafer und nicht -gewöhnliches Heu: er kaute mit Vergnügen daran und -steckte sein langes Maul häufig in die Krippe seiner -beiden Nachbarn, um zu kosten, was für eine Nahrung -sie bekämen. Besonders tat er dies, wenn Seliphan -nicht im Stalle war. Aber dieses Mal nichts wie Heu — -das war nicht schön! Sie alle waren unzufrieden. -</p> - -<p> -Aber bald wurden die Unzufriedenen mitten in ihren -Herzensergießungen durch ein ganz plötzliches und unerwartetes -Ereignis unterbrochen, alle Beteiligten mit -Einschluß des Kutschers kamen erst wieder zur Besinnung, -als ein mit sechs Pferden bespannter Wagen gegen sie anrannte -und das Schreien der in dem Wagen sitzenden Damen -und das Geschimpf und die Drohungen der Kutscher -fast über ihren Köpfen erklangen. „Ach, du Spitzbube, verdammter, -ich habe dir doch laut zugerufen: Weich aus -nach rechts, alte Krähe! Du bist wohl besoffen, wie?“ -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -Seliphan mußte sich gestehen, daß er eine Ungeschicklichkeit -begangen hatte; aber da der Russe seine Schuld vor -andern Leuten nicht gerne zugibt, warf er sich in die -Brust und rief: „Und was jagst du so blind darauf -los?! Hast wohl deine Augen in der Schenke gelassen?“ -Hierauf zog er die Zügel kräftig an, um den Wagen -zurückzulenken und aus dem Knäuel herauszuwickeln. -Aber, ohweh, seine Bemühungen waren vergeblich; die -Pferde hatten sich mit ihrem Geschirr verhakt. Der -Schecke beschnupperte neugierig seine neuen Freunde, die -ihn umringten. Unterdessen blickten die in dem Wagen -sitzenden Damen mit ängstlichen Gesichtern auf die allgemeine -Verwirrung. Die eine war schon alt, die andere -ein sechzehnjähriges junges Mädchen mit goldigem Haar, -welches glatt gescheitelt ihr Gesicht kleidsam einrahmte. -Das reizende Oval ihres Antlitzes rundete sich wie ein -junges Eichen und schimmerte gleich diesem von weißem -durchsichtigen Glanze, wenn es frisch gelegt von der braunen, -prüfenden Hand der Schließerin gegen das Licht gehalten -wird, und die hellen Strahlen des Sonnenscheines es durchdringen. -Ihre zarten, dünnen Ohrmuskeln erzitterten, als -glühten sie, von der sie durchflutenden Wärme. Dazu der -Ausdruck des Schreckens, der auf ihren offnen erstarrten -Lippen lag, die Tränen, die im Auge schimmerten, dies -alles war so reizend, daß unser Held sie einige Minuten -lang traumverloren anblickte, ohne im geringsten auf -den Wirrwarr von Kutschen, Pferden und Kutschern zu -achten. „Zurück! Du Nowgorodsche Krähe!“ rief der -fremde Kutscher Seliphan zu. Dieser zog die Zügel an, -sein fremder Kollege tat dasselbe, die Pferde stemmten -sich rückwärts, um sogleich wieder zusammenzuprallen -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -und sich aufs neue im Riemenwerk zu verwickeln. Bei -dieser Gelegenheit machte die neue Bekanntschaft einen -so tiefen Eindruck auf unsern Schecken, daß er durchaus -nicht wieder aus der Rinne heraus wollte, in die er -durch ein unverhofftes Schicksal geraten war. Er legte -seine Schnauze auf den Hals des neuen Kameraden und -schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern: wahrscheinlich -irgend ein schreckliches Blech. Denn dieser schüttelte beständig -die Ohren. Während der großen Unordnung -waren indessen Bauern aus einem Dorf, das zum Glück -nicht sehr weit entfernt war, hilfsbereit herbeigeeilt. Da -ein solches Schauspiel für einen Bauern eine wahre -Himmelsgabe ist, wie für den Deutschen seine Zeitungen -oder sein Klub, so hatte sich bald eine vielköpfige Schar -um die Wagen gesammelt, und nur die alten Weiber -und Wickelkinder waren zu Hause geblieben. Man schnürte -die Riemen los, der Schecke bekam ein paar kräftige -Püffe vor die Schnauze, die ihn zum Rückzug veranlaßten: -mit einem Wort, die Pferde wurden getrennt -und beiseite geführt. Aber war es der Ärger der neuangekommenen -Pferde, daß man sie von ihren neuen -Freunden getrennt hatte, war es Eigensinn, — der -Kutscher mochte auf sie loshauen soviel er wollte, sie -blieben wie angewurzelt stehen. Die Teilnahme und das -Interesse der Bauern wuchs bis zu ungeheuren Dimensionen -an. Alle drängten sich um die Wette mit -weisen Ratschlägen vor. „Geh, Andrjuschka, führ mal -das rechte Beipferd vor. Onkel Mitjaj soll sich auf -das mittlere setzen. Schwing dich auf, Onkel Mitjaj!“ -Der lange und hagere Onkel Mitjaj, ein Mann mit -einem roten Bart, bestieg das Mittelpferd. So glich -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -er dem Glockenturm einer Dorfkirche oder richtiger einem -Brunnenhaken, mit dem man das Wasser aus dem -Brunnen heraufzieht. Der Kutscher hieb auf die Pferde -ein, aber es wollte nicht fruchten, auch Onkel Mitjaj -konnte nicht viel ausrichten. „Halt! Halt!“ riefen die -Bauern, „setz dich lieber aufs Beipferd, Onkel Mitjaj; Onkel -Minjaj soll aufs Mittelpferd steigen!“ Onkel Minjaj, ein -breitschultriger Bauer mit einem kohlschwarzen Bart und -einem Bauch wie jener Riesensamowar, in dem das süße -Zwetschengetränk für die frierenden Scharen gekocht wird, -die einen ganzen Markt bevölkern, schwang sich vergnügt -aufs Mittelpferd, welches sich unter seiner Last -fast bis zur Erde beugte. „Jetzt wird’s schon gehen,“ -riefen die Bauern: „Hau zu! Hau doch zu. Versetz -ihm eins mit der Knute: hörst du, jenem Hellen, da! — -was sträubt und spreizt sich’s wie ’ne Wassermücke.“ -Aber da sie sahen, daß die Sache doch nicht von der -Stelle kam, und alle Prügel nichts nützten, setzten sich -beide, Onkel Mitjaj und Onkel Minjaj zusammen auf -das Mittelpferd und ließen Andrjuschka auf das Beipferd -steigen. Endlich verlor der Kutscher die Geduld und -jagte alle beide: Onkel Mitjaj samt Onkel Minjaj zum -Teufel. Und er tat gut daran, denn die Pferde dampften -so, als ob sie eine ganze Poststation zurückgelegt hätten, -ohne auch nur einen Augenblick Halt gemacht zu haben. -Er ließ sie sich erst verschnaufen, worauf sie den Wagen -ganz von selbst fortzogen. Während sich dieser Vorgang -abspielte, war Tschitschikow ganz in die Betrachtung -der fremden jungen Dame versunken. Er versuchte es -mehrmals, sie anzureden, aber es wollte ihm immer -nicht recht gelingen. Unterdessen waren die Damen davongefahren, -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -das reizende Köpfchen mit den feinen -Gesichtszügen und der schlanken Gestalt war verschwunden, -wie eine Vision; und wieder befand sich Tschitschikow -auf der Landstraße, in seiner Kutsche mit den drei -Pferden, die der Leser schon kennt, und in Gesellschaft -von Seliphan, den öden, leeren Flächen der rings sich -dehnenden Felder gegenüber. Überall im Leben, in -seinen harten, rauhen und ärmlichen, in den unsaubern, -schimmelbedeckten niederen Schichten — wie in der -sauberen Korrektheit und Monotonie der höheren Stände -— überall begegnet uns, wenn auch nur ein einziges Mal -im Leben eine Erscheinung, die nichts gemein hat mit alledem, -was wir bisher gesehen, die wenigstens <em>einmal</em> ein -neues Gefühl in uns entzündet, das keine Ähnlichkeit -mit jenen hat, die uns durch unser ganzes Leben begleiten. -Bei jedem von uns bricht einmal ein heller -Strahl der Freude durch das Dunkel jener Leiden und -trüben Erfahrungen, aus denen unser Leben gewebt ist, -so wie bisweilen eine glänzende Equipage mit goldgezäumten -malerischen Rossen und blitzenden Fensterscheiben -ganz plötzlich und unerwartet an einem öden -elenden Dorf vorbeijagt, welches nie ein andres Gefährt, -als den bekannten Bauernwagen gesehen hat: und lange -noch stehen die Bauern staunend mit offenem Munde -da, und wagen es nicht, ihre Mützen wieder aufzusetzen, -obwohl die herrliche Equipage schon längst verschwunden -und über alle Berge ist. So ist auch die junge Blondine -ganz plötzlich und unerwartet in unserer Erzählung aufgetaucht, -um auf dieselbe Weise wieder zu verschwinden. -Wäre ihr statt Tschitschikow irgend ein zwanzigjähriger -Jüngling begegnet — ein Husar, oder ein Student oder -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -auch nur ein gewöhnlicher Sterblicher, der eben im Begriff -ist, seinen Lebensweg anzutreten. — Du lieber Gott, -was wäre nicht alles in ihm zum Leben erwacht, was -hätte nicht alles nach Ausdruck gedrängt! Er hätte wohl -noch lange wie betäubt auf demselben Flecke gestanden, -während seine Augen stumm die Ferne suchten, hätte -den Weg und das Reiseziel und alle Vorwürfe und -Verweise, wegen seiner Saumseligkeit, ja er hätte sich -selbst vergessen, seinen Dienst, die Welt und überhaupt -alles, was auf der Welt existiert! -</p> - -<p> -Aber unser Held war schon ein Mann in mittleren -Jahren und hatte einen kühlen, ruhigen, umsichtigen -Charakter. Auch er versank in Sinnen und dachte -über vieles nach, aber sein Denken war weit positiverer -Natur: seine Gedanken waren bei weitem -nicht so unklar und unbestimmt, sondern weit genauer -und gründlicher. „Ein herrliches Weibchen!“ sagte er, -indem er seine Tabakdose öffnete und eine Prise nahm. -„Was aber das Beste an ihr ist .... das Beste an -ihr ist, daß sie soeben aus einem Institut oder Pensionat -entlassen zu sein scheint und daß sie noch nichts -spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zügen, -die das ganze Geschlecht verunzieren. Jetzt ist sie noch -das reine Kind, alles an ihr ist schlicht und einfach; -sie spricht, wie ihr’s ums Herz ist und lacht, wenn ihr -darnach zumute ist. Es läßt sich noch alles aus ihr -machen, sie kann ein herrliches Geschöpf, aber ebensogut -auch ein verkrüppeltes Wesen werden — und so -wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die Tanten -und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie -in einem Jahr mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -daß ihr eigener Vater sie nicht wiedererkennen wird. Sie wird -ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen annehmen, -wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, -wenden und knicksen, sich den Kopf darüber zerbrechen, -<em>was</em> sie, mit <em>wem</em> sie und wie <em>viel</em> sie sprechen, wie -sie ihren Kavalier anblicken muß usw. usw.; wird fortwährend -in der größten Angst schweben, ob sie nun -kein überflüssiges Wort gesagt hat, schließlich garnicht -mehr wissen, was sie zu tun hat, und wie eine große -Lüge durch das Leben wandeln. Pfui Teufel!“ Hier -verstummte er einen Augenblick und fuhr dann fort: -„Übrigens wüßte ich gern, wer sie eigentlich ist. Wer -mag ihr Vater sein? Irgend ein ehrenwerter Gutsbesitzer -oder nur ein rechtschaffen denkender Mensch, der -sich im Dienst ein kleines Kapital erspart hat? Wenn -die Kleine so ein paar Hunderttausende mitbekäme — -das wäre weiß Gott kein übler — gar kein übler -Bissen. Ein ordentlicher Mensch könnte mit ihr sein -Glück machen.“ Die Zweimalhunderttausend erschienen -ihm in so reizendem Lichte, daß er sich innerlich Vorwürfe -zu machen begann, weswegen er sich während -des Trubels mit den Equipagen nicht beim Vorreiter -nach dem Namen der Reisenden erkundigt habe. Doch -das jetzt sichtbar werdende Dorf Sabakewitschs zerstreute -seine Gedanken und lenkte sie auf ihren eigentlichen -Gegenstand zurück. -</p> - -<p> -Das Dorf kam ihm recht groß vor; eine Birken- und -eine Fichtenwaldung rahmten es von beiden Seiten ein, wie -zwei Flügel, von denen der eine etwas dunkler erschien -als der andre; in der Mitte stand ein hölzernes Haus -mit einem Anbau, einem roten Dach und dunkelgrauen — -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -oder richtiger rohen Wänden — eins von jenen Häusern, -wie sie bei uns für Soldaten und Kolonisten gebaut -werden. Man merkte deutlich, daß der Baumeister bei -der Ausführung seines Planes beständig mit dem Geschmack -des Besitzers zu kämpfen hatte. Der Baumeister -war ein Pedant und liebte die Symmetrie, der Hausherr -aber wollte es vor allem recht bequem haben und hatte -aus diesem Grunde offenbar auf einer Seite alle korrespondierenden -Fenster zumauern und statt ihrer nur eine -kleine runde Öffnung stehen lassen, die zu einer dunklen -Kammer gehörte. Auch der eine Erker war nicht in der -Mitte des Hauses angebracht, so sehr sich der Architekt -bemüht hatte, dies durchzusetzen; der Hausherr wollte -durchaus die eine Säule beseitigt wissen, und so war es gekommen, -daß statt der vier Säulen nur drei dastanden. Der -Hof war von einem kräftigen und ungewöhnlich dicken -Staketenzaun umgeben. Überhaupt schien der Gutsherr vor -allem auf Dauerhaftigkeit und Solidität bedacht zu sein. -Zum Bau der Ställe, der Scheunen und der Küche waren -schwere dicke Balken verwandt worden, die auf die -Ewigkeit berechnet zu sein schienen. Auch die Bauernhütten -waren wunderbar fest und solide gebaut. Keine -mit Schnitzwerk verzierten Wände noch sonstiger Firlefanz -— es war alles dicht und wie es sich gehört aneinandergepaßt -und verkittet. Selbst der Brunnen war mit so -kräftigem Eichenholz eingefaßt, wie es sonst nur bei -Windmühlen und Schiffsbauten verwendet wird. Mit -einem Wort — alles was Tschitschikow sah, war solide, -und stand fest auf der Erde, in Reih und Glied; wie -es schien, nach einer plumpen unerschütterlichen Ordnung. -Als der Wagen vor der Freitreppe hielt, sah Tschitschikow -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -zwei Gesichter, die fast gleichzeitig zum Fenster hinausschauten: -ein weibliches, das so lang und schmal war, -wie eine Gurke und eine Haube auf dem Kopfe trug, -und ein rundes männliches, so breit wie einer jener -moldauischen Kürbisse, die man in Rußland „Flaschen“ -nennt und aus denen man bei uns die Balalaiken, jene -leichten mit zwei Saiten bespannten Musikinstrumente -macht — den Stolz und die Freude aller kecken und -lustigen Bauernburschen, dieser schmucken Jungen, welche -den sie umstehenden Mädchen mit weißem Hals und -Busen, die gekommen sind, ihrem sanften Saitengeklimper -zu lauschen, kokett zublinzeln und zujuchzen. Beide Gesichter -verschwanden sogleich wieder, nachdem sie einen -Blick durchs Fenster geworfen hatten. Ein Lakai in einer -grauen Jacke mit einem blauen Stehkragen trat auf die -Freitreppe hinaus und geleitete Tschitschikow in den Flur, -wo der Hausherr schon seiner wartete. Als er den Gast -erblickte, <a id="corr-50"></a>sagte er kurz: „Ich bitte,“ worauf er ihn in die -inneren Gemächer führte. -</p> - -<p> -Als Tschitschikow hierbei einen kurzen Seitenblick auf -Sabakewitsch warf, kam er ihm diesmal wie ein Bär -von mittlerer Größe vor. Und wie um die Ähnlichkeit -zu vollenden, hatte auch der Frack, den er trug, die -Farbe des Bärenfells: Ärmel und Hosen waren sehr -lang, seine Füße steckten in mächtigen Filzpantoffeln, -dazu hatte er einen so tolpatschigen Gang, daß er andern -Leuten beständig auf die Füße trat. Seine Gesichtsfarbe -war glühend rot, wie die eines Kupfergroschens. Es -gibt ja bekanntlich viele solche Gesichter auf der Welt, -über deren detaillierterer Ausarbeitung sich die Natur -nicht viel Kopfzerbrechens gemacht, bei der sie keine feineren -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -Instrumente wie Feile, Bohrer usw. gebraucht, sondern -die sie einfach mit ein paar kräftigen Axthieben herausgehauen -hat. Ein Hieb — und siehe da es entstand -die Nase — ein zweiter — und die Lippen saßen am -rechten Fleck; dann machte sie noch ein Paar Löcher an -Stelle der Augen mit dem großen Bohrer und der ganze -Kerl war fertig. Und ohne ihn erst noch zu behobeln und -zu glätten, sandte sie ihn mit den Worten: „er lebt“ in -die Welt. Solch eine festgefügte aufs Geratewohl zurechtgezimmerte -Gestalt war auch Sabakewitsch: seine Haltung -war eher ein wenig gebeugt als aufrecht, nur selten -drehte er seinen Kopf um, und sah infolge dieser Unbeweglichkeit -seinen Mitunterredner nur selten an, sondern -blickte stets auf die Ofenecke oder auf die Tür. -Tschitschikow warf noch einmal einen Seitenblick auf ihn, -als er mit ihm ins Speisezimmer trat, und wieder fuhr -ihm der Gedanke durch den Sinn: „ein Bär, wahrhaftig -ein vollkommener Bär.“ Welch seltsames Spiel des -Schicksals: zu alledem mußte er noch Michael<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> -Semjonowitsch heißen. Da Tschitschikow Sabakewitschs -Gewohnheit, andern Leuten auf die Füße zu treten, -kannte, trat er selbst sehr vorsichtig auf, indem er ihn -vorausgehen ließ. Der Hausherr schien sich übrigens -dieser schlechten Angewohnheit selbst bewußt zu sein, denn -er fragte immerfort: „Habe ich Sie vielleicht beunruhigt?“ -Aber Tschitschikow dankte und versicherte höflich, er habe -bisher noch nichts von einer Beunruhigung gemerkt. -</p> - -<p> -Als sie in den Salon traten, zeigte Sabakewitsch -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -auf einen Lehnstuhl und sagte wieder: „Bitte.“ Tschitschikow -nahm Platz, warf aber zuvor noch einen kurzen -Blick auf die Wände und die Bilder, welche sie zierten. -Es waren alles lebensgroße Stahlstiche, welche lauter -tüchtige Kerle, d. h. griechische Feldherrn, wie Miauli, -Kanari und Maurokordato darstellten, letzteren in Uniform -mit roten Beinkleidern und einer Brille auf der -Nase. All’ diese Helden hatten so starke Lenden und -so gewaltige Schnauzbärte, daß einen schon eine Gänsehaut -überlief, wenn man sie bloß ansah. Unter diesen -griechischen Athleten war wie durch einen wunderbaren -Zufall auch Fürst Bagration geraten, ein magerer, -dünner Mann mit einer kleinen Fahne und ein paar -Kanonen zu seinen Füßen, der noch dazu in einem -ganz schmalen Rahmen steckte. Dann folgte wieder eine -griechische Heldin: die Bobelina, deren Beine allein -größer waren, als die ganze Figur eines jener Stutzer, -die heute unsere Salons bevölkern. Der Hausherr, der -selbst ein ausnehmend gesunder und kräftiger Mann -war, wollte offenbar auch, daß lauter gesunde und -kräftige Leute die Wände seiner Zimmer zieren sollten. -Neben der Bobelina, dicht am Fenster hing noch ein -Vogelkäfig, aus dem eine schwarze Amsel mit kleinen -weißen Pünktchen hervorguckte, die gleichfalls große -Ähnlichkeit mit Sabakewitsch hatte. Der Wirt und -der Gast hatten noch keine zwei Minuten stumm -nebeneinander gesessen, als die Türe sich auftat, und -die Frau des Hauses, eine große Dame in einer Haube -mit Bändern, die zu Hause gefärbt zu sein schienen, -ins Zimmer trat. Sie hatte einen wundervollen Gang -und hielt ihren Kopf gerade wie eine Palme. -</p> - -<p> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -„Das ist meine Feodulia Iwanowna,“ sagte -Sabakewitsch. -</p> - -<p> -Tschitschikow küßte Feodulia Iwanowna die Hand, -die sie ihm fast in den Mund stopfte; bei dieser Gelegenheit -machte er die Beobachtung, daß ihre Hände -mit Gurkenwasser gewaschen waren. -</p> - -<p> -„Herzchen, darf ich dir Pawel Iwanowitsch Tschitschikow -vorstellen!“ fuhr Sabakewitsch fort. „Wir -haben uns beim Gouverneur und beim Postmeister -kennen gelernt.“ -</p> - -<p> -Feodulia Iwanowna bat Tschitschikow Platz zu -nehmen, indem sie gleichfalls „Bitte“ sagte, und eine -Kopfbewegung dazu machte, wie jene Schauspielerinnen, -die eine Königin darzustellen haben. Dann setzte sie -sich auf das Sofa, hüllte sich in ihr wollenes Tuch -ein und zuckte von nun ab weder mit den Augen noch -mit den Brauen. -</p> - -<p> -Tschitschikow warf wieder einen Blick nach oben und -wieder fiel ihm Kanari mit seinen starken Lenden und -dem nicht endenwollenden Schnauzbart, die Bobelina -und der Vogelbauer mit der Amsel in die Augen. -</p> - -<p> -Fast fünf Minuten beobachteten alle ein feierliches -Schweigen, das nur durch das Lärmen der Amsel -unterbrochen wurde, die fortwährend mit dem Schnabel -gegen den Holzboden des Vogelkäfigs pochte, wenn sie -ein paar Brotkrumen aufpickte. Tschitschikow sah sich -noch einmal im Zimmer um: auch hier war alles klobig, -fest und ganz ungewöhnlich derb, und hatte eine merkwürdige -Ähnlichkeit mit dem Herrn des Hauses. In -der Ecke des Salons stand ein bauchiges Schreibpult -auf vier äußerst plumpen Füßen — ein richtiger Bär. -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -Der Tisch, die Stühle, die Lehnsessel — alles trug einen -schwerfälligen und geradezu gefährlichen Charakter, jeder -Gegenstand, jeder Stuhl schien sagen zu wollen: „Ich -bin auch ein Sabakewitsch“ oder „Auch ich bin Sabakewitsch -ähnlich.“ -</p> - -<p> -„Wir haben beim Gerichtspräsidenten Iwan Grigorjewitsch -von Ihnen gesprochen,“ sagte endlich Tschitschikow, -als er sah, daß keiner von den Anwesenden Anstalten -machte, das Gespräch zu beginnen: „Es war am vorigen -Donnerstag. Ich habe dort einen sehr schönen Abend -verbracht.“ -</p> - -<p> -„Ja! ich war damals nicht beim Gerichtspräsidenten,“ -sagte Sabakewitsch. -</p> - -<p> -„Ein prächtiger Mensch! Nicht wahr?“ -</p> - -<p> -„Wen meinen Sie?“ sagte Sabakewitsch, indem er -die Ofenecke anblickte. -</p> - -<p> -„Den Gerichtspräsidenten!“ -</p> - -<p> -„Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen: er ist -zwar Freimaurer, aber ein solcher Esel, wie ihn die Welt -noch nicht gesehen hat.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow wurde ein wenig stutzig durch diese -denn doch etwas zu starke Charakteristik, aber er fand -seine Fassung bald wieder und fuhr gleich darauf fort: -„Natürlich, ein jeder Mensch hat seine Schwächen; aber -nicht wahr? der Gouverneur, das ist doch ein ganz ausgezeichneter -Mensch?“ -</p> - -<p> -„Wie? der Gouverneur — ein ausgezeichneter Mensch?“ -</p> - -<p> -„Ja! hab ich nicht Recht?“ -</p> - -<p> -„Ein Bandit, wie’s keinen zweiten gibt.“ -</p> - -<p> -„Wie? — Der Gouverneur ein Bandit?!“ sagte -Tschitschikow, der durchaus nicht begreifen konnte, wie -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -der Gouverneur unter die Banditen geraten war. „Ich -muß gestehen, das hätte ich wirklich nicht gedacht,“ fuhr -er fort. „Doch erlauben Sie mir die Bemerkung: seine -Handlungen sind gar nicht derart; man könnte eher -sagen, daß er einen sehr weichen Charakter hat.“ Und -wie zum Beweise führte er die Geldtaschen an, die -jener gestickt hatte und sprach mit hoher Anerkennung -über den freundlichen Ausdruck seines Gesichtes. -</p> - -<p> -„Aber das ist doch ein Banditengesicht!“ sagte -Sabakewitsch. „Geben Sie ihm ein Messer in die Hand -und schicken Sie ihn auf die Landstraße hinaus, — der -schlachtet Sie kaltblütig ab — um einen Groschen! Er -und der Vizegouverneur, — das sind die reinsten — -Gogs und Magogs.“ -</p> - -<p> -„Hm, die haben wohl was miteinander gehabt,“ -dachte Tschitschikow. „Ich will mal mit ihm über den -Polizeimeister reden, der ist, glaub’ ich, sein Freund.“ — -„Übrigens, was mich betrifft,“ fuhr er fort, „so muß -ich gestehen, daß mir der Polizeimeister bei weitem am -besten gefällt. Was ist das doch für ein gerader und -offener Charakter; er hat etwas so Schlichtes und Treuherziges -an sich.“ -</p> - -<p> -„Ein Gauner!“ sagte Sabakewitsch ganz kaltblütig, -„der ist fähig, Sie zuerst zu betrügen und zu verraten -und gleich darauf mit Ihnen zu Mittag zu essen. Ich -kenne sie alle miteinander: lauter Spitzbuben. Und so -ist die ganze Stadt; da sitzt ein Spitzbube auf dem -andern, alles Judasse und niederträchtige Verräter. Der -einzige, der noch was taugt, ist der Staatsanwalt — -aber auch der ist im Grunde genommen ein Schweinehund.“ -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -Nach diesen so wohlwollenden, wenn auch etwas -kurzen biographischen Charakteristiken, sah Tschitschikow -ein, daß eine Erwähnung der übrigen Beamten sich -kaum noch verlohne, und er erinnerte sich, daß Sabakewitsch -den Leuten nicht gern etwas Gutes nachsagte. -</p> - -<p> -„Wie denkst du, Herzchen, gehen wir zu Tische?“ -sagte Frau Sabakewitsch zu ihrem Gatten. -</p> - -<p> -„Bitte,“ sagte Sabakewitsch und schritt auf den Anrichtetisch -zu; Wirt und Gast tranken zuerst nach altem -gutem Brauch einen Schnaps und ließen sich’s gut -schmecken, wie das im ganzen weiten Rußland in Städten -und Dörfern üblich ist, wo man stets, eh man sich zum -Mittagessen hinsetzt, zuvor einen kleinen Imbiß aus allerhand -gesalzenen und appetiterregenden Speisen und allen -möglichen guten Sachen zu sich nimmt, worauf sie sich alle -ins Speisezimmer begaben. Allen voran schritt die -Hausfrau, wie ein schlanker Schwan. Den kleinen Tisch -schmückten vier Gedecke. Der vierte Platz wurde bald -von einer Person besetzt, von der es schwer zu sagen -war, was sie eigentlich vorstellte: eine Dame oder ein -Fräulein, eine Verwandte, eine Haushälterin oder nur -irgend eine Gesellschafterin, die mit im Hause wohnte — -ein Wesen von etwa dreißig Jahren, ohne Haube und -mit einem Tuch um die Schultern. Es gibt solche Geschöpfe -in dieser Welt, die nicht die selbständige Existenz -eines Objekts besitzen, sondern gewissermaßen nur die -Flecken oder Pünktchen auf einem Gegenstande darstellen. -Sie sitzen immer auf derselben Stelle und haben alle -dieselbe Haltung des Kopfes; man ist geneigt, sie für -ein Möbelstück zu halten, und kann sich nicht denken, -daß sie je in ihrem Leben den Mund geöffnet haben, -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -um ein Wort zu sagen; dagegen braucht man sie nur -im Mädchenzimmer oder in der Vorratskammer zu beobachten, -um sich zu überzeugen, daß sie es faustdick -hinter den Ohren sitzen haben. -</p> - -<p> -„Die Kohlsuppe ist heute ausgezeichnet, mein Schatz,“ -sagte Sabakewitsch, während er die Suppe kostete und -sich dazu ein mächtiges Stück Saugbeutel vorlegte, von -jenem berühmten Gericht, das gewöhnlich zur Kohlsuppe -gegessen wird und aus einem mit Buchweizen, Hirn -und Knöcheln gefüllten Hammelmagen besteht. „So -eine Pastete,“ fuhr er zu Tschitschikow gewendet fort, -„finden Sie in der ganzen Stadt nicht; dort setzt man -Ihnen, weiß der Teufel was vor!“ -</p> - -<p> -„Beim Gouverneur ißt man übrigens gar nicht -schlecht,“ meinte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ja wissen Sie denn, wie diese Speisen zubereitet -werden? Sie würden den Appetit verlieren, wenn Sie -das wüßten!“ -</p> - -<p> -„Wie die Speisen zubereitet werden, darüber kann -ich freilich nicht urteilen; aber die Schweinekoteletts und -der Fisch waren vorzüglich.“ -</p> - -<p> -„Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen. Ich -weiß genau, daß sie auf dem Markte einkaufen. Der -Schurke von Koch, der bei einem Franzosen in der -Lehre war, kauft einfach einen alten Kater, zieht ihm -das Fell ab, und serviert ihn dann als Hasen.“ -</p> - -<p> -„Pfui! Was für häßliche Sachen du da erzählst!“ -sagte Sabakewitschs Gattin. -</p> - -<p> -„Was kann ich dafür, Schätzchen! So macht man’s -nun einmal dort; ich bin doch nicht schuld, daß das bei -all den Leuten so Sitte ist. Alle Abfälle, alles was -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -unsere Akula mit Verlaub zu sagen in den Mülleimer -wirft, das tun die in die Suppe. Immer rein, alles rein.“ -</p> - -<p> -„Immer redest du bei Tisch solche Sachen!“ warf -wiederum Frau Sabakewitsch ein. -</p> - -<p> -„Was schadet denn das, Schätzchen,“ versetzte Sabakewitsch. -„Ja wenn ich’s noch selbst so machte, aber ich -sage dir’s ganz offen: solch ein ekelhaftes Zeug würde -ich nie essen. Nie würde ich einen Frosch in den Mund -nehmen, und wenn er in Zucker kandiert wäre, ebensowenig -wie eine Auster; ich weiß ganz gut wie so’ne -Auster aussieht. Bitte nehmen Sie doch noch ein Stück -Hammelbraten,“ fuhr er fort, indem er sich an <a id="corr-53"></a>Tschitschikow -wandte. „Das ist Hammellende mit Brei, und -kein Frikassé, wie es die vornehmen Herren lieben, wozu -man Hammelfleisch nimmt, das schon vier Tage lang -auf dem Markte herumliegt. Das sind alles Finessen, -wie sie die Herrn Doktoren, die Deutschen und Franzosen -erfunden haben; ich würde sie dafür am liebsten alle -hängen lassen. Die Diät — das ist auch so eine von -ihren Erfindungen. Schöne Methode das — einen mit -Hunger zu kurieren. Weil sie selbst eine so dünnblütige -Natur haben, bilden sie sich ein, sie könnten auch mit -dem russischen Magen fertig werden. Nein, das ist alles -nichts Richtiges — das sind lauter Torheiten, das ist -alles ...“ Hierbei schüttelte Sabakewitsch sogar zornig -den Kopf. „Da reden sie immer von Aufklärung, und -doch ist ihre Aufklärung nichts als ein .... ff ....! -Ich hätte fast was gesagt, aber sowas schickt sich ja -nicht bei Tische. Bei mir ist das ganz anders. Wenn’s -bei mir Schweinebraten oder Gansbraten gibt, dann -kommt gleich ein ganzes Schwein oder eine ganze Gans -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -auf den Tisch. Lieber will ich nur zwei Gerichte haben, -aber mich dafür auch ordentlich satt essen, bis die -liebe Seele Ruhe hat.“ Und Sabakewitsch unterstützte -seine Worte eindrucksvoll durch die Tat: er legte sich -den halben Hammelrücken auf den Teller, schlang ihn -hinunter und nagte noch die Knochen ab, bis nichts -mehr übrig blieb. -</p> - -<p> -„Ja, ja,“ dachte Tschitschikow, „der weiß auch, was -gut tut.“ -</p> - -<p> -„Bei mir ist das anders,“ sagte Sabakewitsch, indem -er sich die Hände mit der Serviette abwischte: „ich bin -nicht so, wie irgend ein Pljuschkin; der hat 800 Seelen -und lebt und ißt dabei schlechter als unser Kuhhirt.“ -</p> - -<p> -„Wer ist dieser Pljuschkin?“ fragte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ein Hallunke,“ versetzte Sabakewitsch. „So ein -Geizhals, das kann man sich gar nicht einmal vorstellen. -Die Zuchthäusler leben noch besser als der: er läßt ja -all seine Leute verhungern.“ -</p> - -<p> -„Wahrhaftig?“ unterbrach ihn hier Tschitschikow mit -teilnehmender Miene. „Ist das wirklich so, wie Sie -sagen, daß bei dem so viele Bauern sterben.“ -</p> - -<p> -„Wie die Fliegen.“ -</p> - -<p> -„Nein, wirklich? Wie die Fliegen? Und darf ich -fragen, wohnt er weit von hier?“ -</p> - -<p> -„Es werden etwa fünf Werst sein.“ -</p> - -<p> -„Fünf Werst!“ rief Tschitschikow aus, und dabei -fing sogar sein Herz ein wenig an zu klopfen. „Wenn -man das Tor verläßt, liegt dann sein Gut rechts oder -links<a id="corr-54"></a>?“ -</p> - -<p> -„Es ist besser, Sie wissen gar nicht, wie Sie zu -diesem Hunde hinkommen! Ich rate Ihnen, kümmern Sie -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -sich lieber gar nicht darum,“ sagte Sabakewitsch, „es ist -noch verzeihlicher, wenn jemand in ein unanständiges -Lokal geht als zu dem.“ -</p> - -<p> -„Nein, ich frage ja auch nicht, weil ich irgend welche -Absichten ... ich erkundigte mich bloß, weil ich ein -großes Interesse für Land und Leute habe,“ entgegnete -Tschitschikow. -</p> - -<p> -Nach dem Hammelrücken gab es Käsekuchen, von -denen jeder allein größer war als ein Teller, und dann -noch einen Truthahn von der Größe eines Kalbes, der -mit allerhand guten Sachen gefüllt war: mit Reis, -Eiern, Leber und weiß Gott mit was sonst noch, was -einem nachträglich wie ein Stein im Magen liegt. Damit -war das Mittagessen zu Ende; aber als man sich -erhob, fühlte sich Tschitschikow um einen ganzen Zentner -schwerer. Man begab sich in den Salon, wo bereits ein -kleiner Teller mit Kompott und Marmelade auf dem -Tische stand; — es ließ sich nicht recht definieren, was -es eigentlich für ein Kompott darstellte — es waren -weder Birnen, noch Pflaumen, noch Himbeeren — -übrigens rührte weder der Wirt noch der Gast die -Marmelade an. Die Hausfrau ging hinaus, um noch -ein paar Fruchttellerchen hereinzubringen. Diesen Augenblick -benutzte Tschitschikow, um sich an Sabakewitsch zu -wenden, der ausgestreckt in einem Lehnstuhl lag und nur -noch stöhnte; so satt war er; hin und wieder öffnete er -den Mund, um ein paar unartikulierte Laute von sich -zu geben, wobei er das Kreuz schlug und sich die Hand -vor den Mund hielt. Tschitschikow also wandte sich -zu ihm und sagte: „Ich möchte gern über eine Sache -mit Ihnen sprechen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -„Nehmen Sie nicht noch etwas Eingemachtes!“ sagte -die Hausfrau, die mit einem Fruchtteller zurückkehrte. -„Es sind Rettichschnitten, in Honig gekocht!“ -</p> - -<p> -„Nachher!“ sagte Sabakewitsch, „geh jetzt mal auf -dein Zimmer, Pawel Iwanowitsch und ich möchten uns -die Röcke ausziehen und ein wenig ruhen!“ -</p> - -<p> -Die Hausfrau wollte sogleich Unterbetten und Kopfkissen -holen lassen, aber Sabakewitsch erklärte: „Laß -nur, wir ruhen uns schon im Lehnstuhle aus,“ und -seine Gattin entfernte sich. -</p> - -<p> -Sabakewitsch streckte den Kopf ein wenig vor, um -zu hören, um was für eine Sache es sich handle. -</p> - -<p> -Tschitschikow holte sehr weit aus, sprach zuerst ganz -allgemein von dem russischen Staate, dessen Geräumigkeit -und Größe er nicht genug loben konnte, meinte, -selbst die alte römische Monarchie sei nicht so groß gewesen, -die Ausländer hätten ganz recht, wenn sie sich -wunderten ... (Sabakewitsch lauschte noch immer mit -vorgestrecktem Kopfe) und nach den bestehenden Gesetzen -zählten in diesem Reiche, dessen Ruhm ihm kein -anderes Land streitig machen könne, die in die Revisionslisten -aufgenommenen Seelen, selbst wenn sie ihren -irdischen Lebenslauf abgeschlossen hätten, bis zur Aufstellung -neuer Revisionslisten, genau so viel, wie die -Lebenden, weil doch die zuständigen Behörden nicht noch -mit neuen zeitraubenden Pflichten und Aufgaben belastet -werden könnten, welche mit solchen überaus zahlreichen -und detaillierten Erhebungen für sie verbunden -wären; auch würde durch eine solche Maßregel die -Kompliziertheit des ja ohnedies so verwickelten Staatsmechanismus -noch gesteigert werden, (Sabakewitsch -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -streckte den Kopf noch immer vor und hörte zu) -indessen müsse man doch gestehen, daß diese Maßregel -trotz ihrer unbestreitbaren Legalität doch für -manchen Gutsbesitzer recht lästig sei, da sie ihn dazu -verpflichte, nach wie vor seine Steuern für die Bauern -zu bezahlen, ganz ohne Rücksicht darauf, ob sie noch -leben oder nicht, doch sei er, Tschitschikow, bereit, aus -einer besonderen persönlichen Hochachtung für ihn, einen -Teil dieser so überaus drückenden Verpflichtung auf sich -zu nehmen. Über den Hauptpunkt äußerte sich Tschitschikow -nur mit großer Zurückhaltung und sprach nie von -verstorbenen, sondern nur von „nichtexistierenden“ Seelen. -</p> - -<p> -Sabakewitsch saß noch immer mit etwas vorgebeugtem -Kopfe da und schien ihm aufmerksam zuzuhören, aber -sein Gesichtsausdruck ließ nicht das leiseste Zeichen einer -verborgenen Seelenregung erkennen. Man hätte beinahe -glauben können, daß man einen leblosen und unbeseelten -Körper vor sich habe, jedenfalls aber saß die Seele -bei ihm nicht dort, wo sie eigentlich sitzen soll, sondern -weilte wie beim unsterblichen Koschtschej<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> irgendwo in -der Ferne hinter Bergen und Tälern und war mit einer -so dicken Schale umgeben, daß alles, was sich auf ihrem -Grunde regte, nicht die geringste Erschütterung an der -Oberfläche hervorrief. -</p> - -<p> -„Nun also?“ sagte Tschitschikow und wartete nicht -ohne innere Aufregung auf die Antwort. -</p> - -<p> -„Sie brauchen tote Seelen?“ sagte Sabakewitsch -ganz ruhig, ohne jeden Ausdruck des Erstaunens, wie -wenn hier von Roggen oder Weizen die Rede wäre. -</p> - -<p> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -„Ja,“ antwortete Tschitschikow, indem er versuchte, -dem Wort etwas von seiner Härte zu nehmen und hinzufügte: -„solche, die nicht mehr existieren.“ -</p> - -<p> -„Es werden sich schon welche finden, gewiß! Warum -nicht?“ sagte Sabakewitsch. -</p> - -<p> -„Ja, nicht wahr? Und wenn Sie welche haben -sollten, werden Sie ohne Zweifel froh sein, sie los zu -werden?“ -</p> - -<p> -„Bitte sehr! Ich bin gern bereit, die Ihnen zu verkaufen,“ -versetzte Sabakewitsch, indem er den Kopf -wieder emporrichtete. Offenbar witterte er schon, daß -der Käufer irgend einen Vorteil dabei haben mußte. -</p> - -<p> -„Teufel!“ dachte Tschitschikow, „der Kerl verkauft sie -mir, noch ehe ich überhaupt ein Wort fallen ließ!“ Und -er fügte laut hinzu: „Und darf man fragen: was Sie -wohl dafür nehmen würden? Obwohl ... das eigentlich -ein Gegenstand ist ... bei dem man nicht gut von -einem Preise reden kann ...“ -</p> - -<p> -„Also! um nicht viel zu verlangen: Hundert Rubel -pro Stück,“ sagte Sabakewitsch. -</p> - -<p> -„Hundert Rubel!“ rief Tschitschikow aus, indem er -den Mund weit aufriß und Sabakewitsch erschrocken ins -Gesicht starrte; er war sich nicht ganz klar, ob er sich -verhört, oder ob vielleicht Sabakewitschs Zunge infolge -ihrer Schwerfälligkeit eine ungeschickte Wendung gemacht -habe, und mit einem falschen Wort herausgeplatzt sei. -</p> - -<p> -„Ja finden Sie denn das zu teuer?“ sagte Sabakewitsch -und fügte sogleich hinzu: „Und was ist Ihr Preis?“ -</p> - -<p> -„Mein Preis? Wir befinden uns wohl in einem -kleinen Irrtum oder verstehen uns gegenseitig nicht und -haben vergessen, worum es sich hier eigentlich handelt. -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Hand aufs Herz. Ich denke achtzig Kopeken — das ist -das äußerste.“ -</p> - -<p> -„Herrgott! Ist das ein Einfall! Achtzig Kopeken?“ -</p> - -<p> -„Nun, was denn? Meiner Ansicht nach kann man -nicht mehr wie achtzig Kopeken dafür bieten.“ -</p> - -<p> -„Ich handle doch nicht mit alten Schuhen!“ -</p> - -<p> -„Sie müssen aber doch auch zugeben, daß es keine -Menschen sind.“ -</p> - -<p> -„Ja, glauben Sie wirklich, Sie finden jemand, der -Ihnen eine eingetragene Seele für zwei Groschen verkauft!“ -</p> - -<p> -„Nein, erlauben Sie, warum sagen Sie ‚eingetragene‘? -Die Seelen sind doch schon lange tot. Was -von ihnen übrig geblieben ist, ist ja doch nur ein den -Sinnen unfaßbarer Schall. Übrigens, um nicht noch -viel Worte drüber zu verlieren, anderthalb Rubel will ich -Ihnen allenfalls geben, aber auch keinen Heller mehr.“ -</p> - -<p> -„Schämen Sie sich doch, von einer solchen Summe -überhaupt zu reden! Seien Sie ehrlich, nennen Sie den -richtigen Preis!“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht, Michael Semjonowitsch; bei meiner -Ehre, ich kann nicht! Was nicht geht, das geht nicht.“ -sagte Tschitschikow, bot aber aus Politik sogleich noch -etwas mehr. -</p> - -<p> -„Warum wollen Sie so knausern,“ sprach Sabakewitsch, -„es ist wahrhaftig nicht zu teuer. Geraten Sie -mal an einen andern, der wird Sie tüchtig übers Ohr -hauen und Ihnen irgend einen Schund anstelle der -Seelen aufhalsen. Bei mir dagegen kriegen Sie lauter -auserlesene, vollkernige Exemplare, alles Handwerker und -kräftige Ackerleute. Passen Sie mal auf, nehmen Sie -zum Beispiel den Michejew, den Wagenbauer, der hat -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -überhaupt nur Federwagen gebaut, und das war keine -Moskauer Arbeit, die grad für eine Stunde reicht. Nein, -was der machte, hatte Hand und Fuß; und dazu -polsterte und lackierte er den Wagen noch selbst.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow erlaubte sich den Einwand, daß Michejew -denn doch schon lange nicht mehr auf der Welt sei, -aber Sabakewitsch war so sehr in den Redestrom geraten, -daß er sogar beredt wurde und in immer reißendere -Wortgefälle gelangte. -</p> - -<p> -„Und Stepan Probka, der Zimmermann? Ich setze -meinen Kopf zum Pfande, daß Sie keinen besseren -Arbeiter finden werden. Wenn der in der Garde gedient -hätte, wozu der’s noch gebracht hätte! Der war -einen Meter 86 groß!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow wollte wieder einwenden, daß doch auch -Probka nicht mehr auf der Welt sei; aber Sabakewitsch -wurde offenbar vom dem Redefluß fortgerissen. Der -Wortschwall ergoß sich wie ein rauschender Gießbach, -daß es eine Lust war ihm zuzuhören. -</p> - -<p> -„Und dann Milaschkin, der Töpfermeister, der setzte -Ihnen einen Ofen hin, wo Sie nur wollten in jedem -Hause. Oder Martin Teljatnikow, der Schuster, ein -Stich mit der Ahle, und er hatte ein paar Stiefel fertig; -und was für Stiefel! Dabei nahm er nie einen Tropfen -Schnaps in den Mund. Und Jeremej Sorokobljochin! -Der ist allein soviel wert als die andern zusammen. -Der war in Moskau Händler, brachte allein 500 Rubel -Erbzins jährlich ein. Das sind Kerle! Nicht so ein -Plunder, wie ihn euch ein Pluschkin verkaufen wird.“ -</p> - -<p> -„Aber erlauben Sie,“ sagte Tschitschikow endlich, -betroffen von solchem Überschwang der Rede, die wie -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -es schien, gar kein Ende nehmen wollte. „Wozu -zählen Sie mir alle ihre Vorzüge auf? Jetzt hat man -ja doch nichts mehr davon. Das sind doch lauter tote -Leute! Mit Toten kann man höchstens Vögel scheuchen, -wie das Sprichwort sagt.“ -</p> - -<p> -„Freilich sind sie tot,“ sagte Sabakewitsch, der erst -jetzt zu sich zu kommen und sich darüber klar zu werden -schien, daß es sich in der Tat um Tote handele, fuhr -aber sogleich fort: „Übrigens diese sogenannten Lebenden, -was sind das für Leute! Es sind Fliegen und keine -Menschen.“ -</p> - -<p> -„Dafür sind sie doch wenigstens lebendig! Aber -jene sind doch eigentlich nur ein Traum.“ -</p> - -<p> -„O nein, durchaus kein Traum; ich sage Ihnen -solch einen Kerl wie den Michejew finden Sie nicht so -leicht wieder; so ein Gestell, der geht Ihnen nicht in -dies Zimmer. Nein, das ist kein Traum. Hat der -Kerl eine Kraft in den Schultern gehabt, da kommt -ein Pferd nicht gegen auf. Ich möchte doch wissen, -ob Sie noch anderswo so einen Traum antreffen -werden.“ Bei den letzten Worten wandte er sich schon -nicht mehr an Tschitschikow, sondern an die die Wände -zierenden Porträts Kolocotronis und Bagrations, wie -das oft bei Unterhaltungen zu geschehen pflegt, wenn -der eine der Mitunterredner aus einem unbekannten -Grunde sich nicht an die Person wendet, an die seine -Worte gerichtet sind, sondern an irgend einen zufällig -hereingeschneiten Dritten, den er vielleicht garnicht kennt, -und obwohl er weiß, daß er von ihm weder eine -Antwort, noch eine Äußerung, noch ein Zeichen der Zustimmung -zu gewärtigen hat. Und doch heftet er seinen -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -Blick auf ihn, als rufe er ihn zum Schiedsrichter an, -worauf der Unbekannte zunächst ein wenig verlegen wird -und nicht recht weiß, ob er sich zu der Frage äußern -soll, von der er nichts gehört hat, oder lieber zur -Wahrung der Anstandsregeln noch ein wenig stehen -bleiben und dann erst fortgehen soll. -</p> - -<p> -„Nein, mehr als zwei Rubel kann ich nicht geben,“ -sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Schön, damit Sie sich nicht beklagen können, daß -ich zuviel verlangt habe und Ihnen garnicht ein bißchen -entgegengekommen bin, bin ich bereit, sie Ihnen für -75 Rubel das Stück — aber in Papiergeld — zu -lassen. Wirklich, ich tue es nur aus Freundschaft.“ -</p> - -<p> -„Was fällt dem Kerl ein,“ dachte Tschitschikow; „er -hält mich wohl für einen Esel!“ Und er fügte laut -hinzu: „Es ist doch wirklich merkwürdig, es sieht fast -so aus, als ob wir hier Theater oder Komödie spielen. -Anders kann ich es mir nicht erklären! Sie machen -doch den Eindruck eines klugen Mannes, der den gesamten -Bildungsstoff beherrscht. Was ist denn das -Objekt, um das es sich handelt. Das ist doch bloß -Ppff, ein reines Nichts! Was für einen Wert hat es, -wer braucht es!?!“ -</p> - -<p> -„Sie wollen es aber doch kaufen; also brauchen -Sie es doch wohl!“ Hier biß sich Tschitschikow auf die -Lippen, ohne eine Antwort finden zu können. Er -murmelte etwas von Familienverhältnissen, aber Sabakewitsch -erklärte bloß: -</p> - -<p> -„Ich will garnichts von Ihren Verhältnissen -wissen; ich mische mich nie in Familienangelegenheiten — -das ist Ihre persönliche Sache. Sie brauchen Seelen, -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -und ich biete Ihnen welche an. Sie werden es noch -bereuen, daß Sie mir keine abgekauft haben.“ -</p> - -<p> -„Zwei Rubel,“ sagte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Ach sind Sie ein Mensch! Der Pirol pfeift -stets dasselbe Lied, wie das Sprichwort sagt: Hat -sich da auf die zwei Rubel versteift und kann nun -durchaus nicht wieder davon loskommen. Nennen Sie -doch einen vernünftigen Preis.“ -</p> - -<p> -„Na, hol ihn der Teufel!“ dachte Tschitschikow, -„meinetwegen, ich will ihm noch einen halben Rubel -spendieren, dem Hund! damit er sich was zugute -kommen lassen kann. Also gut, ich gebe Ihnen zwei -Rubel fünfzig!“ -</p> - -<p> -„Schön, dann will ich Ihnen auch mein letztes -Wort sagen: Fünfzig Rubel! Wahrhaftig. Sie -kommen mir selbst teurer; billiger werden Sie sie -nirgends kriegen, lauter so tüchtige Leute!“ -</p> - -<p> -„Ist das aber ein Geizhals!“ dachte Tschitschikow -und fuhr ärgerlich fort: „Nein hören Sie mal! Sie -tun wirklich so, als ob es sich hier um eine ernste -Sache handelt! Jeder andere würde sie mir umsonst -geben. Ich kriege sie überall gratis, weil jeder froh -ist, wenn er sie los werden kann. Das müßte doch -wirklich ein großer Esel sein, der sie behalten und -Steuern für sie zahlen wollte.“ -</p> - -<p> -„Aber wissen Sie auch, daß solche Käufe — ich -sage das ganz unter uns und in aller Freundschaft, -nicht überall erlaubt sind; und wenn ich oder ein -anderer davon erzählen wollte, so würde ein solcher -Käufer jedes Vertrauen einbüßen; niemand würde -einen Kontrakt mit ihm schließen wollen, und er käme -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -in die größte Verlegenheit, wenn er seine Lage verbessern -wollte.“ -</p> - -<p> -„Schau, schau, wo der hinaus will, der Schuft!“ -dachte Tschitschikow, aber er verlor seine Geistesgegenwart -nicht und erklärte mit der größten Kaltblütigkeit: -„Ganz wie Sie wünschen; wenn ich Ihnen den Plunder -abkaufen will, so tue ich das nicht, weil ich es nötig -hätte, sondern aus einer gewissen Laune, aus einem Hang -meines Charakters. Wenn Ihnen zwei Rubel fünfzig -zu wenig sind, dann lassen wir es eben. Leben Sie wohl!“ -</p> - -<p> -„Den bringt man nicht aus der Fassung! Der gibt -nicht so leicht nach!“ dachte Sabakewitsch. „Also gut, -Gott mit Ihnen, geben Sie dreißig Rubel und sie gehören -Ihnen.“ -</p> - -<p> -„Nein, ich sehe, Sie wollen sie nicht verkaufen; -Leben Sie wohl.“ -</p> - -<p> -„Erlauben Sie, erlauben Sie,“ sagte Sabakewitsch, -ohne seine Hand los zu lassen, und trat ihm dabei auf -den Fuß; unser Held hatte nämlich vergessen, sich in -acht zu nehmen, und mußte jetzt zur Strafe aufschreien -und auf einem Fuße hüpfen. -</p> - -<p> -„Bitte um Entschuldigung. Ich glaube, ich habe Sie -etwas beunruhigt. Bitte setzen Sie sich doch, hierher, -ich bitte.“ Er geleitete ihn zu einem Lehnstuhl und -hieß ihn hier Platz nehmen. Er tat das sogar mit -einiger Geschicklichkeit, wie ein Bär, der schon mit Menschen -in Berührung gekommen ist, ein paar Tanzdrehungen -zu machen gelernt hat und auch einige Kunststücke auszuführen -weiß, wenn man zu ihm sagt: „Zeig mal, -Petz, wie es die Weiber im Dampfbad machen und wie -stehlen kleine Kinder Nüsse?“ -</p> - -<p> -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -„Nein, wirklich ich verliere nur unnütz Zeit. Ich -muß fort, ich habe Eile!“ -</p> - -<p> -„Bleiben Sie doch noch ein Augenblickchen. Ich will -Ihnen gleich etwas sagen, was Ihnen Freude machen -wird.“ Und Sabakewitsch rückte näher an ihn heran -und flüsterte ihm ins Ohr, wie wenn er ihm ein Geheimnis -mitzuteilen hätte. „Wollen Sie eine Stange?“ -</p> - -<p> -„Sie wollen sagen 25 Rubel? Nein, nein, nein! -noch nicht den vierten Teil. Keine Kopeke mehr.“ -</p> - -<p> -Sabakewitsch antwortete nichts und auch Tschitschikow -wurde still. Dieses Schweigen währte etwa zwei Minuten. -Fürst Bagration verfolgte von seinem Wandplatz diesen -Kauf mit der größten Aufmerksamkeit. -</p> - -<p> -„Also was ist Ihr höchstes Angebot<a id="corr-55"></a>?“ sagte Sabakewitsch -endlich. -</p> - -<p> -„Zwei Rubel fünfzig!“ -</p> - -<p> -„Ihnen scheint eine menschliche Seele auch nicht mehr -zu gelten als eine abgebrühte Rübe. Geben Sie doch -wenigstens drei Rubel!“ -</p> - -<p> -„Ich sehe, mit Ihnen ist nichts anzufangen.“ -</p> - -<p> -„Ich verkaufe mit Schaden! Aber was soll ich tun? -Ich habe nun mal so ’ne Hundegutmütigkeit. Ich kann halt -nicht anders, ich muß meinem Nächsten immer eine -kleine Freude bereiten. Wir werden wohl einen Kaufvertrag -aufsetzen müssen, damit alles seine Ordnung hat.“ -</p> - -<p> -„Natürlich!“ -</p> - -<p> -„Sehen Sie, wir werden also in die Stadt fahren -müssen!“ -</p> - -<p> -Damit war die Sache erledigt. Man beschloß, gleich -am folgenden Tage in die Stadt zu fahren, um den -Kauf zum Abschluß zu bringen. -</p> - -<p> -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -Tschitschikow bat um die Liste der Bauern. Sabakewitsch -war einverstanden; er begab sich ins Büro, um -die Bauernseelen aufzuschreiben, die er nicht nur alle -namentlich aufzählte, sondern auch durch Aufzählung -all ihrer Vorzüge charakterisierte. Unterdessen musterte -Tschitschikow, da er nichts Besseres zu tun hatte, die -voluminöse Silhouette seines Wirtes. Als er seinen -Rücken, der so breit war wie der eines kurzstämmigen -Wjatkapferdes, und seine Füße erblickte, welche große -Ähnlichkeit mit ein paar Chausseepfeilern hatten, konnte -er sich nicht enthalten auszurufen: -</p> - -<p> -„Hat dich aber der liebe Gott verschwenderisch ausgestattet, -da kann man wirklich sagen, schlecht zugeschnitten -aber gut genäht, wie es im Sprichwort heißt. Bist du -<em>gleich</em> als ein solcher Bär geboren, oder haben dich das -Leben in der Wildnis, die Landwirtschaft, die Scherereien -mit den Bauern dazu gemacht, daß du jetzt das geworden -bist, was man einen Halsabschneider nennt; doch nein, -ich glaube, du warst immer derselbe und wärst es auch -geblieben, selbst wenn du in Petersburg die neueste, -modernste Erziehung genossen hättest und dann erst losgegangen -wärest, selbst wenn du dein ganzes Leben lang -in Petersburg und nicht in der Wildnis gelebt hättest. -Der ganze Unterschied besteht nur darin, daß du jetzt -deinen halben Hammelrücken mit Brei nebst einem Käsekuchen -von der Größe eines Suppentellers verschlingst, -während du dort Kottelets mit Trüffeln zu Mittag gegessen -hättest. Dafür herrschest du jetzt friedlich über -deine Bauern, mit denen du so gut auskommst, und die -du natürlich nicht kränkst und nicht zu kurz kommen läßt. -Sind sie doch dein Eigentum, und du selbst hättest ja -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -nur den Schaden davon, wenn du anders handeltest. -Dort in der Stadt aber würdest du über Beamte -herrschen, die du kräftig schuriegeln würdest, da du ja -wüßtest, daß sie nicht deine Leibeigenen sind, und du tätest -die Krone nach Noten plündern. Wer nun mal eine -Teufelsfaust besitzt, dem glättest du sie nicht zum -Sammetpfötchen. Und biegst du ihm auch einen oder -zwei Finger gerade, um so mehr ist der Teufel los. Hat -er erst einmal ein paar Tropfen von irgend einer Kunst -oder Wissenschaft genippt und hat er sich zu einer hervorragenderen -Gesellschaftsstellung emporgeschwungen, dann -wehe denen, welche tatsächlich etwas von dieser Kunst -und Wissenschaft verstehen; dann fällt es ihm wohl gar -noch ein zu sagen, ich muß euch doch mal zeigen, wer -ich bin. Und dann läßt er euch plötzlich eine so weise -Verordnung vom Stapel, daß vielen Hören und Sehen -vergeht. O, wenn doch alle diese Halsabschneider ...!“ -</p> - -<p> -„Die Liste ist fertig,“ sagte Sabakewitsch mit einer -Wendung des Kopfes. -</p> - -<p> -„Fertig? Bitte geben Sie sie doch einmal her!“ Er -überflog sie und war erstaunt, mit welcher Genauigkeit -und Pünktlichkeit sie aufgestellt war: nicht allein daß der -Beruf, das Handwerk, das Alter und die Familienverhältnisse -sorgfältig registriert waren, am Rande standen -auch noch besondere Notizen über das Betragen, die -Nüchternheit usw. des Betreffenden. Mit einem Wort, -es war eine wahre Freude, die Liste anzusehen. -</p> - -<p> -„Und nun bitte ich Sie um eine kleine Anzahlung,“ -sagte Sabakewitsch. -</p> - -<p> -„Wozu eine Anzahlung? Sie bekommen die ganze -Summe in der Stadt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -„Na, Sie wissen doch, es ist mal so Sitte,“ -wandte Sabakewitsch ein. -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, wie ich es machen soll? Ich habe -leider kein Geld mitgenommen. Übrigens hier, nehmen -Sie diese zehn Rubel!“ -</p> - -<p> -„Ach was zehn! Geben Sie wenigstens fünfzig!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow machte allerhand Ausflüchte, er habe -nicht soviel Geld bei sich usw.; aber Sabakewitsch erklärte -so kategorisch, er habe doch welches, daß jener -endlich noch einen Zettel aus der Tasche zog und sagte: -„Na, meinetwegen! da haben Sie noch fünfzehn. Das -macht also im ganzen fünfundzwanzig. Ich bitte jedoch -um eine Quittung.“ -</p> - -<p> -„Wozu denn eine Quittung?!“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie, es ist doch sicherer! Das Glück ist -nun mal launisch! Es kann soviel passieren.“ -</p> - -<p> -„Gut, dann geben Sie das Geld her!“ -</p> - -<p> -„Warum nur? Ich halte es ja in der Hand. Schreiben -Sie erst die Quittung, dann sollen Sie es sogleich haben!“ -</p> - -<p> -„Ja, erlauben Sie mal, wie kann ich denn quittieren? -Ich muß doch zuvor das Geld gesehen haben.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow ließ die Banknoten los, und Sabakewitsch -griff eiligst zu. Er ging an den Tisch, und während -er das Geld mit ein paar Fingern der linken Hand bedeckte, -bescheinigte er mit der anderen auf einem Zettelchen, -daß er fünfundzwanzig Rubel in staatlichen Banknoten -für die verkauften Seelen erhalten habe. Nachdem er -die Quittung ausgestellt hatte, prüfte er noch einmal -das Papiergeld. -</p> - -<p> -„Der eine ist ein bissel alt,“ murmelte er, während -er einen der Scheine ans Licht hielt! „und auch ein bissel -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -zerrissen und abgenutzt. Na, aber unter Freunden achtet -man schließlich nicht darauf.“ -</p> - -<p> -„Ein Halsabschneider! Ich sagte es ja,“ dachte -Tschitschikow. „Und noch ’ne Bestie dazu!“ -</p> - -<p> -„Können Sie nicht Seelen weiblichen Geschlechtes -brauchen?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich danke!“ -</p> - -<p> -„Ich hätte sie Ihnen billig gelassen. Aus Freundschaft -für Sie, schon für einen Rubel das Stück.“ -</p> - -<p> -„Nein, das weibliche Geschlecht hat für mich keine Reize.“ -</p> - -<p> -„Freilich! Wenn dem so ist, ist jedes weitere Wort -Verschwendung. Über den Geschmack läßt sich nicht -streiten: Der eine liebt den Popen, der andre des Popen -Frau, wie das Sprichwort sagt.“ -</p> - -<p> -„Ich wollte Sie noch bitten, daß diese Angelegenheit -ganz unter uns bleibt,“ sprach Tschitschikow, indem er -sich verabschiedete. -</p> - -<p> -„Aber selbstverständlich! Einen dritten geht das doch -garnichts an: was zwei nahe Freunde im Vertrauen -miteinander verhandeln, muß natürlich unter ihnen bleiben. -Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen für Ihren -Besuch und bitte Sie, mich auch weiterhin nicht zu vergessen! -Kommen Sie doch, wenn es Ihre Zeit erlaubt, -wieder einmal zum Mittagessen. Dann plaudern wir -ein Stündchen zusammen. Vielleicht findet sich noch einmal -eine Gelegenheit, einander einen Dienst zu erweisen.“ -</p> - -<p> -„Nein, danke, mein Bester!“ dachte Tschitschikow, -indem er in den Wagen stieg. „Hat mir zwei und -einen halben Rubel für eine tote Seele abgegaunert, -dieser verfluchte Leuteschinder!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow war äußerst empört über Sabakewitschs -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -Betragen. Er war doch immerhin ein Bekannter von -ihm. Sie hatten sich ja schon beim Gouverneur und -beim Polizeimeister gesehen, und doch hatte er ihn behandelt -wie einen gänzlich Fremden und ihm Geld für -irgend einen Plunder abgenommen. Als der Wagen -durch das Hoftor rollte, sah er sich noch einmal um: -Sabakewitsch stand noch immer auf der Treppe und -schien ausspähen zu wollen, welche Richtung der Gast -einschlagen werde. -</p> - -<p> -„Er steht noch immer da, der Schuft!“ murmelte -Tschitschikow durch die Zähne; und er befahl Seliphan, -den Weg durch das Dorf zu nehmen und so zu fahren, -daß man die Equipage vom Herrensitz aus nicht mehr -sehen könne. Er hatte die Absicht, Pluschkin aufzusuchen, -bei dem, nach Sabakewitschs Worten, die Menschen wie -die Fliegen starben. Aber er wollte nicht, daß Sabakewitsch -dies erführe. Als der Wagen am Ende des -Dorfes war, rief er den ersten besten Bauern zu sich -heran. Dieser hob gerade einen dicken Balken, der am -Wege lag, auf die Schulter und wollte ihn wie eine -unermüdliche Ameise nach seiner Hütte schleppen. -</p> - -<p> -„Heh! Du Langbart! Wie gelangt man denn -von hier zu Pluschkin, ohne an dem herrschaftlichen -Wohnhause vorüber zu kommen<a id="corr-56"></a>?“ -</p> - -<p> -Dem Bauern schien diese Frage einige Schwierigkeiten -zu bereiten. -</p> - -<p> -„Na, du weißt es wohl nicht?“ -</p> - -<p> -„Nein, gnädiger Herr, ich weiß nicht.“ -</p> - -<p> -„Ach, du! Und dabei kriegt der Kerl schon graue -Haare! Kennt den Geizhals Pluschkin nicht, der seine -Leute verhungern läßt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -„Ach so, der geflickte!“ rief der Bauer aus. Er -ließ diesem Eigenschaftswort „der geflickte“ auch noch -ein sehr treffendes Substantivum folgen, das wir jedoch -unterdrücken, weil es in der Sprache der bessern -Welt nur selten gebraucht wird. Übrigens wäre es nicht -schwer zu erraten gewesen, daß dieser Ausdruck ein -äußerst kennzeichnender war, weil Tschitschikow noch -lange weiter lachte, als der Wagen schon ein beträchtliches -Stück Weges zurückgelegt und die Insassen den -Bauern schon längst aus den Augen verloren hatten. -Es liegt eine gewaltige Kraft in der Ausdrucksweise -des russischen Volkes. Wird mal einer mit einem solchen -Wörtchen bedacht, so erbt es sich fort von Geschlecht zu -Geschlecht; er schleppt es mit sich in den Dienst und in -die Pension, bis nach Petersburg, und bis ans Ende -der Welt. Mach Winkelzüge soviel und welcher Art -du willst, such deinen Spitznamen zu veredeln, laß -meinetwegen gedungene Schreiberseelen ihn für reichlichen -Geldlohn von einem alten Fürstenadel ableiten, es -hilft dir alles nichts. Dein Spitzname krächzt ohne -dein Zutun aus voller Rabenkehle und verkündigt klar, -woher der Vogel stammt. Ein treffend ausgesprochenes -Wort ist wie ein schwarz auf weiß gedrucktes. Es -läßt sich mit keiner Art herausbringen. Und wie -wunderbar treffend ist alles, was aus den tiefsten Tiefen -Rußlands hervordringt, wo es weder deutsche, noch -finnische noch irgend welche anderen Volksstämme gibt, -sondern alles ein urwüchsiges Urprodukt des lebendigen -wagemutig-kecken russischen Geistes ist, der nicht lange -nach dem rechten Worte sucht, der es nicht erbrütet, wie -die Henne ihre Kücken, sondern es mit einem Ruck -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -in die Welt setzt, wie einen Reisepaß für die Ewigkeit. -Da brauchst du nicht erst hinzuzufügen, was du für eine -Nase und was für Lippen hast, mit einem Strich bist du -umrissen vom Scheitel bis zur Sohle. -</p> - -<p> -Wie das fromme heilige Rußland mit einer unübersehbaren -Menge von Klöstern und Kirchen mit -Spitzen, Kuppeln und Kreuzen übersät ist, so stoßen -und drängen, schillern und wogen unzählbare Scharen -von Völkern, Geschlechtern und Stämmen auf dem -Angesicht der Mutter Erde. Und jedes dieser Völker, -das in sich das Unterpfand der Kraft trägt, das ausgestattet -ist mit schöpferischen Geistesmächten, mit einer -helleuchtenden Eigenart und anderen Gottesgaben, hat -sich sein eigentümliches Gepräge gegeben, in einem -selbst eigenen Worte, mit dem es in der Bezeichnung -eines Objekts einen Teil seines eigensten Charakters -wiederspiegelte. Herzenskenntnis und tiefe Lebensweisheit -klingt uns aus dem Worte <a id="corr-57"></a>des Britanniers -entgegen; leicht beschwingt und elegant blitzt auf und -zerflattert das kurzlebige Wort des Franzosen; klug und -schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres <a id="corr-58"></a>Rätselwort -der Deutsche; aber es gibt kein Wort, das so -weit ausladend, so keck sich losringt aus den tiefsten -Tiefen des Herzens, so brodelt, glüht, vibriert von -innerstem Leben, wie ein treffend urwüchsiges, russisches -Wort. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-6"> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Sechstes Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">inst,</span> vor langer langer Zeit, in den Tagen meiner -Jugend, meiner unwiederbringlich entschwundenen -Jugend, da machte es mir stets Freude, wenn ich -an einem unbekannten Ort vorüberfuhr: ganz gleich, ob es -ein kleines Dorf, ein armes Kreisstädtchen, ein Flecken oder -eine größere Ortschaft war. Wieviel Interessantes entdeckte -da nicht der neugierige Blick des Kindes! Jedes Gebäude, -alles was den Stempel einer scharf ausgeprägten Eigenart -an sich trug, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich und hinterließ -einen tiefen Eindruck in der Seele des Knaben. -Ein steinernes Haus oder ein Staatsgebäude von der -bekannten Bauart, mit den vielen gemalten Fenstern, -das in einsamer Höhe aus dem Haufen einstöckiger Blockhäuser -der Stadtbewohner hervorragte; eine runde regelmäßige, -mit weißem Eisenblech gedeckte Kuppel, die sich -über der schneeweißen neuen Kirche erhob, ein Marktplatz, -ein kleinstädtischer Galan, der im Städtchen umherschlenderte -— nichts entging dem scharf aufmerkenden kindlichen -Spürsinn — und ich steckte meine Nase aus meinem -Zeltwagen heraus und betrachtete neugierig einen Rock -von mir gänzlich unbekanntem Schnitt, die offenen Holzkisten -mit der weithin leuchtenden Schwefelblüte, mit -Nägeln, Seife und Rosinen, die mir zugleich mit allerhand -Schachteln und Büchsen voll vertrockneter Moskauer -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Bonbons aus der Tür eines Gemüseladens entgegenschimmerten; -oder ich sah mir einen vorübergehenden Infanterie-Offizier -an, den irgend eine seltsame Schickung -hierher in die Langeweile der Kreisstadt verschlagen hatte, -oder einen Kaufmann in einem langen Rock, der auf -einem Rennwagen an mir vorbeijagte — und ließ mich -von meinen Gedanken weit forttragen in ihr armseliges -Dasein. Ging ein Beamter des Städtchens an -mir vorüber, so fing ich schon an zu träumen und zu -grübeln: wo mag er wohl hingehen? Zu einer Abendgesellschaft -bei einem seiner Brüder oder vielleicht nur -zu sich nach Hause, um ein halbes Stündchen vor der -Haustür zu sitzen, bis die Nacht sich niedersenkt und -sich dann mit Frau und Mutter, der Schwägerin und -der ganzen Familie an den Tisch zum frühen Abendmahl -zu setzen? Und wovon würden sie wohl sprechen, wenn -das Mädchen mit dem Perlenbande, oder ein Knabe in -einer dicken Hausjacke nach der Suppe den unverwüstlichen -Leuchter mit der Talgkerze hereinträgt? Näherte -ich mich dem Dorfe irgend eines Gutsbesitzers, dann -blickte ich neugierig auf den hohen, schmalen hölzernen -Glockenturm oder die alte geräumige hölzerne Kirche. -Wie anheimelnd blickten dann zwischen dem dichten -Blätterwerk der Bäume das rote Dach und die -weißen Schornsteine des Herrenhauses hindurch, und -ich wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo es aus -seinem Gartenverstecke heraustreten und daliegen würde -mit seiner so gar nicht öden oder langweiligen Front. -Und dann suchte ich wohl aus dem Äußeren zu erraten, -wer der Besitzer sei, ob er dick oder dünn sei, ob er -Söhne oder wohl gar ein halbes Dutzend Töchter habe, -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -die das Haus mit ihrem hellen Mädchenlachen, ihren -Mädchenspielen und Scherzen beleben, eine lustige Mädchenschar -mit der unvermeidlichen Jüngsten und Schönsten; -ob sie schwarzäugig seien und er selbst ein lustiger Bruder -sei oder finster und mürrisch blicke, wie ein später Septembertag, -beständig in sein Notizbuch und in den Kalender -sehe und von nichts anderem spreche, als von -dem für die Jugend, ach! so langweiligen Weizen oder -Roggen. -</p> - -<p> -Heute fahre ich gleichmütig an jedem fremden -Dorfe vorüber und blicke gleichgültig auf seine elende -Außenseite, mein erkalteter Blick fühlt sich nicht angeheimelt, -nichts reizt mich mehr zum Lachen, und was -früher, in vergangenen Jahren, meinem Gesicht eine -Bewegung oder ein Lächeln, und dem Munde nie versiegende -Reden entlockte, das huscht jetzt an mir vorbei, -und teilnahmloses Schweigen schließt mir die Lippen. -O meine Jugend, o meine herrliche Frische! -</p> - -<p> -Während Tschitschikow in Sinnen versunken war -und heimlich in sich hineinlächelte wegen des schönen -Spitznamens, mit dem die Bauern Pluschkin bedacht -hatten, hatte er garnicht darauf geachtet, daß der -Wagen mitten durch ein großes und weitläufiges -Dorf mit zahlreichen Straßen und Häusern hindurchrollte. -Allein dies wurde ihm bald zum Bewußtsein -gebracht durch einen recht kräftigen Stoß, der ihm von -dem Knüppeldamm appliziert wurde, im Vergleich mit -dem das städtische Straßenpflaster das reinste Kinderspiel -war. Diese Knüppel hoben und senkten sich wie -die Tasten eines Klaviers, und der Reisende, der sich -nicht in acht nahm, hatte jeden Augenblick eine Beule am -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Hinterkopf oder einen blauen Fleck an der Stirn zu -gewärtigen, oder er lief sogar Gefahr, sich eigenzähnig die -Zungenspitze abzubeißen, was ja auch nicht gerade zu -den größten Annehmlicheiten unseres irdischen Daseins -gehört. Die Bauernhäuser machten alle einen morschen, -verfallenen Eindruck. Die Balken waren wurmstichig -und altersgrau. Manche Dächer glichen einem Sieb. -An andern bemerkte man nichts von der Dachbekleidung -außer dem Firstbalken, und darunter ein paar Latten, -die sich wie die Rippen eines Skeletts ausnahmen. -Wahrscheinlich hatten die Besitzer selbst die Bretter und -Schindeln heruntergeholt, in der wichtigen Erwägung, -daß man eine Hütte doch nicht zum Schutz gegen -den Regen baut, und daß es bei heiterem Himmel ja -nicht von selbst in den Eimer tropft, andererseits aber -auch kein Grund vorliegt, gerade in ihr mit dem Weibe -auf dem Ofen zu liegen, da ja anderswo Platz genug -dazu da ist: in der Schenke, an der Landstraße — -mit einem Wort, wo es dein Herz nur begehrt. Überall -fehlten die Scheiben. Hie und da waren die Fensteröffnungen -mit einem alten Lappen oder einem Kleidungsstück -zugestopft. Die kleinen Altane unter dem Dachvorsprung -mit der bekannten Brüstung, die sich aus einem -unbekannten Grunde an vielen russischen Bauernhäusern -finden, hatten sich gesenkt und waren nachgedunkelt, -was nicht einmal einen malerischen Anblick darbot. -Hinter den Hütten sah man an mehreren Stellen -lange Reihen von Getreidehaufen, die offenbar schon -recht lange unbenutzt dalagen: ihre Farbe glich der -eines alten schlechtgebrannten Ziegelsteins. Oben auf -dem Haufen wuchs allerhand Plunder und an der -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -Seite hatten Schlingpflanzen Wurzel geschlagen. Das Getreide -gehörte anscheinend dem Gutsherrn; hinter den Kornhaufen -und den morschen Dächern ragten bald rechts bald -links, je nach den Wendungen, die der Wagen machen mußte, -zwei Dorfkirchen empor, die ihre Türme in die klare Luft -reckten. Beide lagen dicht nebeneinander, die eine von -Holz, die andere von Stein mit gelb angestrichenen -Mauern, die große Schmutzflecken und klaffende Risse -zeigten. Hie und da blickte das Haus des Gutsherrn -durch, bis es schließlich frei vor den Augen dastand, wo -die Häuserkette abriß und statt dessen ein freier Platz -sich öffnete, der etwas wie einen Gemüse- oder Kohlgarten -darstellte und von einem niedrigen, stellenweise -stark mitgenommenen Zaun eingefriedigt war. Wie ein -hinfälliger, altersschwacher Invalide sah dieses sich hier -endlos hinstreckende Schloß aus. Stellenweise hatte es -nur ein Stockwerk, stellenweise auch zwei. Auf dem -dunklen Dach, das sein Alter nicht immer sicher beschützte, -befanden sich gerade gegenüber zwei Aussichtstürme, -beide schon altersgebeugt und verblichen, da die Farbe, -die sie einstmals deckte, längst verschwunden war. Hie -und da ließen die Mauern die nackten Fachwerkfelder -sehen. Offenbar hatten sie schon viel unter Regengüssen, -Wirbelstürmen, Ungewittern und Herbstschauern -zu leiden gehabt. Nur zwei von den Fenstern waren -offen; die übrigen waren mit Läden verdeckt oder sogar -mit Brettern vernagelt. Die beiden offenen Fenster waren -jedoch ihrerseits auch schon ein wenig erblindet und -das eine mit einem blauen Papierdreieck verklebt. -</p> - -<p> -Ein großer, alter Garten, der hinter dem Hause lag, -sich von dort weit bis übers Dorf hinaus erstreckte und -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -in den Feldern verlor, belebte allein, obwohl auch schon -verwildert und zugewachsen, dieses große Dorf und bot -in seiner malerischen Wildheit einen pittoresken Anblick -dar. Wie grüne Wolken und unregelmäßige Kuppeln -von zitternden Blättern ruhten im klaren Himmelsblau -die verschlungenen Wipfel der Bäume, die in ungebändigter -Freiheit sich üppig hatten entfalten können. Der -mächtige weiße Stamm einer Riesenbirke ohne Krone, die -der Sturm oder Blitz gebrochen hatte, erhob sich aus -diesem grünen Dickicht und rundete sich in der Luft wie -eine schlanke, schöngeformte Marmorsäule. Die schräge, -scharfkantige Bruchstelle, in die sie auslief statt in ein -Kapitäl, hob sich von dem schneeweißen Grund ab wie -ein Hut oder ein schwarzer Vogel. Grünschimmernder -Hopfen, der mit seinem dichten Geflecht Holundersträuche, -Ebereschen und Haselbüsche in seinen engen Umarmungen -zu ersticken versuchte, kletterte am Stamm empor und -rankte sich um die halbgeborstene Birke. Auf halber -Höhe ließ er sich wieder herabfallen, um sich an andere -Baumwipfel zu klammern, oder er senkte seine langen -Ranken in die Luft hinab, indem er seine Häkchen zu -Ringen aufrollte, die im sanften Winde schaukelten. -Hie und da trat das im hellen Sonnenlichte daliegende -grüne Dickicht auseinander und ließ einen dunkelen -schattigen Grund sehen, der wie ein finsterer Rachen -aufgähnte; dieser war ganz in Schatten getaucht, man -konnte mehr ahnen, als erkennen, was einem aus der -dunklen Tiefe entgegenschimmerte: einen engen, schmalen -Fußpfad, ein umgefallenes Geländer, eine verfallene -Laube, den hohlen morschen Stamm einer Weide, silbergraues -Strauchwerk, das stachelicht und dicht hinter der -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Weide hervorguckte, vertrocknete Blätter und Äste, die -in der allgemeinen Verwilderung wirr durcheinander -lagen, und endlich einen jungen Ahornschößling, der seine -grünen gelappten Blätter weit ausstreckte, und deren -<em>eines</em> ein Sonnenstrahl, der sich Gott weiß auf welche -Weise bis hierher den Weg gebahnt hatte, in einen -durchsichtig goldigglühenden Stern verwandelte, welcher -aus der dichten Finsternis herrlich hervorleuchtete. Ganz -abseits am Rande des Gartens standen einige hochgewachsene, -alle andern Bäume weit überragende Espen, -die ein paar mächtige Krähennester in ihren zitternden -Baumkronen trugen. Hie und da ließ eine von ihnen -einen gebrochenen, aber noch lose am Stamm haftenden -Ast mit seinen vertrockneten Blättern traurig herabhängen. -Mit einem Wort es war alles sehr schön, wie -weder Natur noch Kunst es <em>für sich allein</em> hervorzubringen -vermögen, und wie es nur dort zu gelingen -pflegt, wo sich beide zu gemeinsamem Werke vereinigen, -wenn die Natur noch einmal über die oft ohne Sinn -und Geschmack zusammengestoppelte Schöpfung des -Menschen mit ihrem Meißel drübergeht, ihr den letzten -Schliff gibt, die schweren Massen belebt, ihnen etwas -Leichtes, Schwebendes verleiht, die grobe handgreifliche -Regelmäßigkeit und Symmetrie verwischt und die elenden -Mängel und Schnitzer beseitigt, welche die nackte Absicht -allzu aufdringlich zur Schau stellen, um jene wundersame -Wärme über alles zu ergießen, was in der -frostigen Kälte wohldurchdachter, errechneter Sauberkeit -und Peinlichkeit entstand. -</p> - -<p> -Nachdem der Wagen noch einige Wendungen gemacht -hatte, blieb er endlich vor dem Hause selbst stehen, das -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -jetzt fast noch düsterer und trübseliger erschien. Die -Mauern und das Tor waren mit grünem Schimmel -bedeckt. Im Hofe standen allerhand Gebäude: Vorratskammern, -Kornspeicher, das Gesindehaus usw. dicht -nebeneinander — auch sie alle gleichfalls mit den deutlichen -Spuren des Alters und der Baufälligkeit; rechts -und links sah man je ein Tor, das nach einem andern -Hofe führte. Alles legte Zeugnis davon ab, daß hier -einmal in ganz großem Maßstabe gewirtschaftet worden -war, heute aber blickte alles trübe und finster. Da gab -es nichts, was das traurige Bild ein wenig erheitert -hätte: — keine sich auftuenden Türen, keine ein- und -ausgehenden Menschen, keine lebendigen häuslichen -Sorgen! Nur das Haupttor stand offen, und auch -dies nur, weil ein Mann mit einem schwerbeladenen -Wagen, der mit Bastmatten zugedeckt war, in den Hof -fuhr; wie mit Absicht, um diesen öden toten Ort ein -wenig zu beleben: zu einer andern Zeit wäre auch dieses -Tor fest verschlossen gewesen, denn an der eisernen -Krampe hing ein mächtiges Riesenschloß. Vor einem der Gebäude -entdeckte Tschitschikow bald eine Gestalt, die sich mit -dem Wagenführer zankte. Er konnte sich lange nicht darüber -klar werden, welchem Geschlechte die Gestalt angehörte; -ob es ein Mann oder eine Frau war. Das Kleidungsstück, -das sie anhatte, war völlig undefinierbar, und hatte eine gewisse -Ähnlichkeit mit einem Frauenrock; dazu trug sie -noch eine Kappe auf dem Kopf, wie sie die Dorfweiber -zu tragen pflegen. „Wahrhaftig, ein Weibsbild!“ dachte -er, er fügte aber gleich hinzu: „Nein, doch nicht!“ — -„Natürlich ein Weibsbild!“ sagte er endlich, nachdem er -sich die Gestalt näher angesehen hatte. Diese beobachtete -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -ihn ihrerseits gleichfalls mit großer Aufmerksamkeit. Der -Ankömmling schien für sie eine Art Weltwunder zu sein, -weil sie nicht bloß ihn, sondern auch Seliphan und -selbst die Pferde vom Maule bis zum Schwanze aufs -gründlichste musterte. Nach dem an ihrem Gürtel -hängenden Schlüsselbund und den kräftigen Schimpfworten, -mit denen sie den Bauern überhäufte, urteilte -Tschitschikow, daß dies wohl die Schließerin sein müsse. -</p> - -<p> -„Hör mal, Mütterchen,“ sagte er, während er aus -dem Wagen stieg, „was macht der Herr?“ -</p> - -<p> -„Ist nicht zu Hause!“ versetzte die Schließerin, ohne -den Schluß der Frage abzuwarten, und sie fügte gleich -hinzu, „und was wollen Sie von ihm?“ -</p> - -<p> -„Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit.“ -</p> - -<p> -„Dann treten Sie bitte ins Zimmer,“ sagte die -Schließerin, indem sie die Türe öffnete, ihm den mit -Mehlstaub bedeckten Rücken zuwandte und dabei ein -großes Loch in ihrem Rocke sehen ließ. -</p> - -<p> -Er betrat den großen dunklen Flur, aus dem ihn -Grabeskälte wie aus einem Keller anwehte. Aus dem -Flur gelangte er in ein dunkles Zimmer, in das nur -wenig Licht aus einer breiten Spalte unter der Tür -hineinfiel. Er öffnete diese Tür und befand sich endlich -in hellem Tageslicht. Die Unordnung, die sich ihm überall -aufdrängte, erregte sein Erstaunen. Es sah fast -so aus, als ob im ganzen Hause die Dielen gewaschen -würden und während dessen sämtliche Möbel -in dieser Stube untergebracht worden wären. Auf -einem Tische stand sogar ein zerbrochener Stuhl, daneben -eine Uhr mit einem zerbrochenen Pendel, das -eine Spinne bereits mit ihrem Gewebe umsponnen -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -hatte. Hier standen auch ein seitlich an die Wand gelehnter -Schrank mit altem Silbergerät und allerhand -Karaffen aus chinesischem Porzellan. Auf dem Schreibpult, -das mit Perlmuttermosaik ausgelegt, stellenweise -seines Schmuckes entkleidet war und an seiner -Stelle die mit trockenem Leim gefüllten Lücken sichtbar -werden ließ, lag allerhand bunter Kram beieinander: -ein Haufen eng beschriebener Zettel, auf denen ein -grünlich angelaufener Briefbeschwerer von Marmor mit -einem kleinen Ei als Griff ruhte, ein alter Schweinslederband -mit rotem Schnitt, eine trockene ausgepreßte -Zitrone, die nicht größer war als eine Walnuß, die abgebrochene -Lehne eines Stuhles, ein Schnapsglas mit -einer roten Flüssigkeit und drei darin schwimmenden -Fliegen, das mit einem Briefbogen bedeckt war, ein -Stückchen Siegellack, der Fetzen eines irgendwo aufgelesenen -Lappens, zwei Schreibfedern, die mit Tinte -beschmiert und ganz vertrocknet waren, wie wenn sie -die Schwindsucht hätten, ein gelblicher Zahnstocher, mit -dem sich sein Herr wohl noch vor der Einnahme -Moskaus durch die Franzosen die Zähne gereinigt haben -mochte, usw. An den Wänden hingen nahe beieinander -und in recht geschmackloser Anordnung mehrere Bilder: -ein schmaler Stahlstich von irgend einer Schlacht, auf -dem man fürchterliche Trommeln, schreiende Soldaten -mit Dreimastern auf den Köpfen und ersaufenden -Pferden erblickte. Der Stich befand sich in einem -Rahmen von Mahagoniholz mit schmalen Bronzeleisten -und Bronzerosetten in den Ecken, jedoch ohne -Deckglas. Daneben hing ein gewaltiges nachgedunkeltes -Ölgemälde, das die halbe Wand einnahm, und auf -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -dem Blumen, Früchte, eine zerschnittene Wassermelone, die -Schnauze eines Wildebers und der herunterhängende -Kopf einer wilden Ente abgebildet waren. Von der -Mitte der Decke hing ein in einem Leinewandsack -eingenähter Kronleuchter herab, der so dicht mit Staub -bedeckt war, daß er dem Kokon eines Seidenwurmes glich. -In einem Winkel des Zimmers lag ein Haufen alter -Sachen; dies waren gewissermaßen die gröberen Gegenstände, -die nicht gewürdigt wurden, auf dem Tisch zu -liegen. <em>Was</em> das eigentlich für Sachen waren — das -ließ sich nicht leicht angeben; denn es lastete eine so dicke -Staubschicht auf ihnen, daß jede Hand, die sie berührte, -große Ähnlichkeit mit einem Handschuh bekam; die -einzigen Objekte, die sich mit einiger Deutlichkeit von dem -Schutthaufen abhoben, waren: ein Stück von einer zerbrochenen -hölzernen Schaufel und eine alte Schuhsohle. -Kein Mensch hätte geglaubt, daß dies Zimmer von einem -lebenden Wesen bewohnt werde, wenn nicht eine alte abgetragene -Kappe, die auf dem Tische lag, davon Zeugnis -abgelegt hätte. Während unser Held noch in die Betrachtung -dieser merkwürdigen Zimmerausstattung versunken -war, öffnete sich eine Seitentür, und dieselbe -Schließerin, die er auf dem Hofe getroffen hatte, trat -herein. Jetzt aber sah er, daß dies eher ein Schließer, -als eine Schließerin war: wenigstens pflegte sich eine -Schließerin gewöhnlich nicht den Bart zu rasieren, dieser -Mensch aber tat es und zwar, wie es schien, recht selten, -denn sein Kinn und die untere Partie seines Gesichts -glich einem Striegel aus Eisendraht, mit dem man die -Pferde im Stalle zu putzen pflegt. Tschitschikows Gesicht -nahm einen fragenden Ausdruck an; er wartete mit Ungeduld -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -darauf, was ihm der Schließer sagen würde. -Dieser schien jedoch seinerseits wiederum auf Tschitschikows -Anrede zu warten. Endlich entschloß sich der letztere, -dem diese beiderseitige Unentschlossenheit recht peinlich -wurde, zu der Frage: -</p> - -<p> -„Nun, was macht dein Herr? Ist er zu Hause?“ -</p> - -<p> -„Der Hausherr ist hier!“ antwortete der Schließer. -</p> - -<p> -„Wo denn nur?“ wiederholte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Sie sind wohl blind, Väterchen? Was?“ versetzte der -Schließer. „Herrjeh! Ich bin doch der Herr des Hauses!“ -</p> - -<p> -Hier wich unser Held unwillkürlich ein wenig zurück -und sah jenen starr an. Er hatte in seinem Leben -mancherlei Leute kennen gelernt, selbst solche wie wir, -lieber Leser, sie wohl nie zu sehen bekommen. Aber -einem ähnlichen Wesen war er noch nie begegnet. An -seinem Gesichte war nichts Besonderes zu bemerken. -Es unterschied sich kaum von dem der meisten hagern -alten Leute; nur das Kinn sprang etwas weit vor, und -er mußte es immer mit einem Taschentuch bedecken, -um es nicht mit seinem Speichel zu befeuchten. Die -kleinen Äuglein waren noch nicht erloschen und bewegten -sich unter den buschigen Augenbrauen hin und her wie -zwei Mäuschen, wenn sie die zierlichen Schnäuzchen -aus dem finsteren Loche stecken, die Ohren spitzen, mit -ihren feinen Schnurrbarthärchen spielend, hinauslugen, -ob nicht irgendwo ein Kater oder ein mutwilliger -Knabe versteckt liegt und argwöhnisch in der Luft herumschnüffeln. -Das Kostüm war noch interessanter. Es -wäre eine vergebliche Bemühung gewesen, herauskriegen -zu wollen, woraus sein Schlafrock eigentlich zusammengeflickt -war: die Ärmel und die Kragenschöße waren so -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -schmutzig und glänzend, daß sie dem Juchtenleder glichen, -aus dem man Stiefel macht; hinten baumelten ihm -statt zweier vier Rockschöße hinunter, aus denen das -Futter sich in Knäueln ans Tageslicht drängte. Um den -Hals hatte er auch ein undefinierbares Etwas geschlungen, -von dem man nicht sagen konnte, ob es -ein alter Strumpf, eine Leibbinde oder eine Bandage -war. Ein Halstuch war es jedenfalls nicht. Mit -einem Wort, hätte ihn Tschitschikow in diesem Aufzug -vor irgend einer Kirche getroffen, er hätte ihm sicherlich -einen Kupfergroschen gereicht; denn, zur Ehre -unseres Helden sei es gesagt, er hatte ein sehr mitleidiges -Herz und konnte sich niemals enthalten, einem -armen Mann eine Kupfermünze zu reichen. Aber der -Mensch, der vor ihm stand, war kein Bettler, sondern -ein vornehmer Gutsherr. Und dieser Gutsherr besaß -mehr als tausend Seelen, ja man hätte lange nach -einem zweiten suchen können, der soviel Getreide, -Mehl und Ackerfrüchte in seinen Speichern barg, dessen -Vorratskammern, Scheuern und Tennen gleich vollgepfropft -waren mit Tuch und Leinewand, rohen und -gegerbten Schafsfellen, getrockneten Fischen, mancherlei -Gemüsearten und Früchten. Man brauchte bloß einen -Blick in seinen Hof zu werfen, wo Holz aller Art und -allerhand Geschirr aufgestapelt lagen, welches nie verwendet -wurde — und man hätte sich auf den Moskauer -Holzmarkt versetzt geglaubt, wo sich täglich die -geschäftigen Schwiegermütter und Basen versammeln, -begleitet von ihren Köchinnen, um ihre Einkäufe zu -machen, und wo uns ganze Berge von geschnitztem, -gedrechseltem, geflochtenem und verzahntem Holze entgegenschimmern: -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Fässer, Bottiche, Teereimer, Kannen -mit und ohne Maul, Wannen, Körbe, Hechelbretter, -durch welche die Frauen ihren Flachs und anderes -Zeug ziehen, Kästchen aus dünnem, gebogenem Espenholz, -Körbchen aus geflochtener Birkenrinde und noch -vieles, vieles andere zum Bedarf des reichen und armen -Russenlandes. Man hätte meinen sollen, wozu brauchte -Pluschkin eine solche Unmenge verschiedenartigster Erzeugnisse? -Selbst zwei so große Güter, wie das -seine, hätten mehrere Menschenalter lang keine Verwendung -für sie gefunden. Ihm aber war auch das -noch nicht genug. Unzufrieden ging er alltäglich durch -die Straßen seiner Dörfer und blickte unter Brücken -und Stege und alles, was ihm in den Weg kam: eine -alte Schuhsohle, irgend ein Fetzen eines alten Kleiderstücks, -ein eiserner Nagel, eine Dachziegelscherbe — alles -trug er mit sich fort und warf es auf jenen Haufen, -den Tschitschikow in dem Winkel des Zimmers bemerkt -hatte. „Da geht unser Fischer wieder auf die Jagd,“ -pflegten die Bauern zu sagen, wenn sie ihn beutelüstern -nach allen Seiten ausspähen sahen. Und in der Tat: die -Straße brauchte man hinter ihm nicht mehr zu fegen; hatte -ein vorüberfahrender Offizier einen seiner Sporen verloren -— eh man sich’s versah, lag sie auf dem Haufen; hatte -ein Weib in ihrer Blödigkeit einen Eimer am Brunnen -stehen lassen, — flugs schleppte er auch schon den Eimer -mit sich fort. Übrigens, wenn ein Bauer ihn dabei ertappte, -dann widersetzte er sich nicht lange und lieferte -den geraubten Gegenstand gutwillig wieder aus; aber -lag dieser einmal im Haufen, dann war alles vorbei: -er schwur und rief Gott zum Zeugen an, daß er das -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -Ding dann und dann, und da und da gekauft, oder -wohl gar von seinem Großvater geerbt habe. War er -bei sich zu Hause, dann hob er alles auf, was auf dem -Fußboden lag: ein Stückchen Siegellack, einen Papierfetzen, -eine Feder, und legte alles auf das Schreibpult -oder auf die Fensterbank. -</p> - -<p> -Und doch gab es eine Zeit, wo er nur ein <em>sparsamer -Hausherr</em> gewesen war! Auch <em>er</em> war einst -ein braver Ehemann und Familienvater, und seine -Nachbarn besuchten ihn, um bei ihm zu Mittag zu -speisen, die Kunst des Haushalts und weise Sparsamkeit -von ihm zu lernen. Damals floß das ganze Leben -noch rasch und wohlgeordnet dahin: die Mühlen und -Walzen klapperten lustig, die Tuchfabriken, die Drechselbänke -und Webstühle arbeiteten unermüdlich; in alle -Ecken und Winkel des geräumigen Landgutes drang -das scharfblickende Auge des Herrn und glitt wie eine -fleißige Spinne besorgt und geschäftig von einem Ende -des Wirtschaftsnetzes zum andern. In seinem Antlitz -spiegelten sich freilich niemals allzu starke Leidenschaften -und Gefühle, aber aus seinem Auge blitzte ein heller -Verstand, aus seinen Reden sprachen Erfahrung und -Weltkenntnis, und seine Gäste hörten ihm gerne zu; -die liebenswürdige redselige Hausfrau war berühmt wegen -ihrer Gastfreundschaft; zwei liebliche Töchter begrüßten -den Ankömmling, beide blond und frisch, wie junge -Rosen, der Sohn, ein lebhafter, munterer Junge kam -ihm entgegengesprungen, und küßte den Gast, ohne -viel danach zu fragen ob es diesem angenehm war, -oder nicht. Alle Fenster im Hause standen offen. Im -Zwischenstock wohnte der französische Gouverneur, welcher -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -stets gut rasiert war und für einen glänzenden Schützen -galt: jeden Tag brachte er ein Birkhuhn oder ein paar -Enten, oder zuweilen gar einige Sperlingseier zum -Mittagessen mit, aus denen er sich einen Eierkuchen -backen ließ, den außer ihm kein Mensch im ganzen Hause -aß. Im selben Stock wohnte auch eine Landsmännin -von ihm, die Gouvernante der beiden Mädchen. Der Hausherr -selbst erschien immer in einem schwarzen Rock, der -zwar schon ein wenig abgetragen, aber stets ordentlich -und sauber war, zu Tische; die Ellenbogen waren noch -nicht durchgerieben, und er war auch noch nicht geflickt. -Aber die gute Hausfrau starb, und ein Teil der Schlüssel -und der kleinen Sorgen fielen von nun ab ihm zu. -Pluschkin wurde unruhig, geizig und argwöhnisch, wie -alle Witwer. Auf seine älteste Tochter Alexandra -Stepanowna wollte er sich nicht in allem verlassen, -und darin hatte er recht, denn Alexandra Stepanowna -lief bald darauf mit einem Stabsrittmeister irgend -eines Kavallerieregiments davon und ließ sich in aller -Eile in einer Dorfkirche mit ihm trauen, da sie wußte, -daß der Vater die Offiziere nicht leiden konnte: er hatte -nämlich das merkwürdige Vorurteil, sie seien alle Spieler -und Verschwender. Der Vater sandte ihr seinen -Fluch nach, aber es fiel ihm nicht ein, ihr nachzureisen -und sie zurückzuholen. Das Haus wurde -von nun ab noch leerer und öder. Der Geiz des Besitzers -trat immer offener zutage; die ersten grauen Haare, -die bei ihm aufblitzten, die treuen Begleiter der Habsucht, -begünstigten noch ihre Entwickelung. Der französische -Hauslehrer erhielt seinen Abschied, weil der Sohn in den -Staatsdienst treten sollte; Madame wurde weggejagt, -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -weil sie nicht ganz unbeteiligt an der Entführung -Alexandra Stepanownas war. Der Sohn, den der -Vater in die Provinzhauptstadt geschickt hatte, um ihn -hier den Staatsdienst gründlich kennen lernen zu lassen — -nämlich wie der Vater ihn verstand — trat in ein -Regiment ein, und schrieb dem Vater einen Brief, in -dem er ihn — bereits nachdem er Offizier geworden -war — um Geld für die Uniformierung bat; natürlich -erhielt er hierauf nur das, was man im Volke eine -Nase zu nennen pflegt. Schließlich starb auch noch die -letzte Tochter, die bei Pljuschkin im Hause lebte, und -der Alte blieb mutterseelenallein auf dieser Welt zurück -als Hüter, Wächter und alleiniger Besitzer all -seiner Reichtümer. Das einsame Leben gab der Habsucht -neue, reiche Nahrung, denn der Geiz hat bekanntlich -einen rechten Wolfshunger und wird nur um -so unersättlicher, je mehr er verschlingt: die menschlichen -Regungen, die ja ohnedies nicht allzutief in ihm -wurzelten, wurden beinahe stündlich leichter und flacher, -und jeder Tag bröckelte von dieser verfallenen Ruine -noch ein weiteres Stückchen ab. In solch einem -Augenblicke geschah es, daß der Sohn, wie absichtlich, -um die schlechte Meinung des Vaters vom Offiziersstand -noch zu bestätigen, sein ganzes Vermögen im -Kartenspiele verlor; da sandte ihm Pljuschkin seinen -aufrichtigen väterlichen Fluch, und von da ab kümmerte -er sich überhaupt nicht um ihn, und interessierte sich -nicht mehr dafür, ob er noch auf der Welt sei oder -nicht. Jedes Jahr wurde ein neues Fenster im Gutshause -verschlossen oder zugenagelt, bis schließlich nur -noch zwei übrig blieben, von denen eins, wie der -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -Leser schon gehört hat, mit Papier verklebt wurde; jedes -Jahr verlor er ein neues <a id="wichtiges"></a>richtiges Stück von seinem Haushalt -aus dem Auge, und sein enger Blick wandte sich immer mehr -allerhand Zettelchen und Federchen zu, die er in seinem -Zimmer vom Fußboden auflas; er wurde immer unzugänglicher -und unnachgiebiger gegen die Käufer, welche -angereist kamen, um ihm etwas von seinen landwirtschaftlichen -Produkten abzukaufen; sie handelten und feilschten -mit ihm, gaben ihn endlich ganz auf und erklärten, dies -sei ein Teufel und kein Mensch; sein Heu und sein Korn -verfaulten, seine Vorräte und Heuschober verwandelten -sich in reinen Dünger, es fehlte bloß, daß man auf ihnen -Kohl pflanzte; das Mehl in den Kellerräumen wurde -hart wie Stein, so daß man es mit dem Hammer zerklopfen -mußte; die Leinwand, die Wolle und die zu -Hause gewebten Stoffe durfte man gar nicht berühren, -wenn sie sich nicht in Staub auflösen sollten. Pljuschkin -wußte selbst nicht mehr recht, was er alles besaß; das -einzige, dessen er sich noch erinnerte, war: ein Regal im -Schrank, — wo eine Karaffe mit irgend einem Likörrest -stand, auf der er ein Zeichen eingeritzt hatte, damit sich nur -niemand etwas vom Inhalt aneigne, — und ein Platz, -wo eine Feder oder ein Stückchen Siegellack lag. Die -Einkünfte aber liefen ein wie früher! Der Bauer mußte -nach wie vor seinen Zins bezahlen, die Weiber hatten -noch immer dieselbe Ration Nüsse abzuliefern, die Weberin -war noch immer verpflichtet, eine bestimmte Menge -ihres Ertrages an Gewebe dem Herrn abzugeben. Das -wurde alles in den Vorratskammern aufgespeichert, wo -es verfaulte und sich in Schutt verwandelte, und auch -er wurde schließlich zu einem menschlichen Schutthaufen. -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -Alexandra Stepanowna besuchte ihn ein paar Male mit -ihrem kleinen Söhnchen, in der Hoffnung, etwas von -ihm herauszubekommen; das Nomadenleben mit dem -Stabsrittmeister war offenbar doch nicht so reizvoll, wie -es ihr vor der Hochzeit erschienen war. Pljuschkin verzieh -ihr und schenkte dem kleinen Enkel sogar einen Knopf -zum Spielen, der gerade auf dem Tische lag, aber mit -Geld wollte er nicht herausrücken. Ein andres Mal kam -Alexandra Stepanowna mit zwei Kindern angefahren -und brachte ihm einen Stollen zum Tee mit, sowie einen -neuen Schlafrock, weil der Vater einen solchen Schlafrock -trug, daß es nicht nur peinlich, sondern geradezu -eine Schande war, ihn anzusehn. Pljuschkin liebkoste -und streichelte beide Enkelkinder, setzte einen auf sein -rechtes und den andern auf sein linkes Knie, und ließ -sie auf- und niederhopsen, wie wenn sie auf einem Pferde -säßen; den Stollen und den Schlafrock nahm er dankbar -an, ohne jedoch der Tochter ein Gegengeschenk zu machen, -so daß Alexandra Stepanowna unverrichteter Sache zurückkehren -mußte. -</p> - -<p> -So also war der Mann, der jetzt vor Tschitschikow -stand! Man muß zugeben, daß solche Gestalten einem -in Rußland nicht allzuoft begegnen, wo sich der Mensch -eher auszubreiten und zu entfalten, als zusammenzuziehen -und zu <a id="corr-61"></a>konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung -setzt einen um so mehr in Erstaunen, als -man gleich daneben in der nächsten Nachbarschaft einen -Gutsbesitzer treffen kann, der sein Leben mit jenem -breit ausladenden Elan genießt, und sein Hab und Gut -mit jener vornehmen Großartigkeit bis auf den letzten -Heller verschwendet, die den Russen nun einmal auszeichnen. -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Ein Reisender, der noch nicht viel von der -Welt gesehen hat, würde beim Anblick eines solchen -Herrensitzes stutzig werden und sich fragen, wie es nur -möglich sei, daß ein so mächtiger Prinz mitten unter -diese kleinen unscheinbaren Bauern geraten sei: schier -wie Paläste ragen seine weißschimmernden steinernen -Häuser, mit ihren zahlreichen Schornsteinen, Aussichtstürmen -und Seitenflügeln, die von einer ganzen Schar -von Nebengelassen und Wohnräumen für die Besucher -und Gäste umgeben sind. Was gibt es da nicht alles! -Theater, Bälle, Maskenfeste, die ganze Nacht hindurch -liegt der feenhaft illuminierte Garten im bunten Laternenglanze -da, und rauschende Musik erfüllt die Luft. Die -halbe Provinz lustwandelt in reichem Festtagsputze unter -den Bäumen, niemand merkt und empfindet etwas von -der wilden drohenden Disharmonie dieser gewaltsamen -Helligkeit, wenn aus dem Baumdickicht von falschem -Lichte beleuchtet sich plötzlich ein Ast theatralisch hervorstreckt; -kahl ragen seine des lichten Blätterschmucks beraubten -Arme in die Lüfte, hoch oben über allem breitet -sich noch ernster fast und dunkler und furchtbarer als -sonst, der nächtliche Himmel, und tief hinein in ewige -Finsternis flüchten die rauhen Wipfel der Bäume und -grollen ob des Flitterglanzes, der ihre Wurzeln bestrahlt. -</p> - -<p> -Schon mehrere Minuten stand Pljuschkin schweigend -da, ohne ein Wort zu sagen; auch Tschitschikow wollte -es nicht gelingen, ein Gespräch einzuleiten, da er durch -den Anblick seines Wirtes <a id="corr-62"></a>und der ganzen seltsamen -Umgebung immer wieder von seinem Vorhaben abgelenkt -wurde. Es wollte ihm lange nichts einfallen, mit welchen -Worten er seinen Besuch motivieren sollte. Es kam -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -ihm schon der Gedanke, etwa folgendes zu sagen: da er -von den Tugenden und den ausgezeichneten Charaktereigenschaften -Pljuschkins gehört habe, habe er es für -seine Pflicht gehalten, ihm persönlich einen Beweis seiner -Achtung zu geben; aber er besann sich noch zur rechten -Zeit und sagte sich, daß das denn doch zu weit gegangen -wäre. Er warf noch einen verstohlenen Blick auf die ganze -Zimmereinrichtung, und hatte die Empfindung, daß die -Worte Tugend und seltene Charaktereigenschaften mit -Erfolg durch die Worte Sparsamkeit und Ordnungsliebe -ersetzt werden könnten; so verbesserte er denn seine Rede -in dem angegebenen Sinne, und sagte: da er von der -Sparsamkeit und der vortrefflichen Verwaltung der -Pljuschkinschen Güter gehört habe, habe er es für seine -Pflicht gehalten, ihn näher kennen zu lernen und ihm -persönlich den Ausdruck seiner Hochachtung zu Füßen -zu legen. Es wäre selbstverständlich möglich gewesen -noch einen anderen besseren Grund anzuführen, aber es -wollte ihm, wie gesagt, durchaus nichts Hübscheres einfallen. -</p> - -<p> -Pljuschkin murmelte etwas, wobei er nur die Lippen -bewegte, — denn er hatte keine Zähne mehr —; was -er eigentlich sagen wollte, läßt sich nicht mit Bestimmtheit -angeben, wahrscheinlich aber hatten seine Worte -etwa folgenden Sinn: „Wenn du doch zum Teufel -gingest, mit deiner Hochachtung!“ Aber da bei uns die -Gastfreundschaft für eine der ersten Pflichten und Tugenden -gehalten wird, sodaß selbst der Geizhals ihre Gesetze -nicht ungestraft übertreten darf, so fügte er etwas deutlicher -hinzu: „Bitte nehmen Sie gefälligst Platz!“ -</p> - -<p> -„Es ist schon sehr lange her, daß ich keine Gäste -mehr empfangen habe,“ sagte er, „wenn ich offen sein -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -soll, kommt auch wenig dabei heraus. Da haben die -Leute die höchst überflüssige und unsinnige Mode eingeführt, -sich gegenseitig Besuche zu machen — und dann -wundert man sich noch, daß zu Hause alles drunter -und drüber geht ... dazu muß man auch noch immer -Heu für die Pferde bereit halten! Ich habe schon längst -zu Mittag gespeist, meine Küche ist auch so niedrig und -häßlich, und der Schornstein ist ganz eingefallen: ich -darf den Herd gar nicht anheizen, damit es kein Schadenfeuer -gibt.“ -</p> - -<p> -„Steht es so!“ dachte Tschitschikow, „gut, daß ich -bei Sabakewitsch ein Stück Quarkkuchen und einen -Happen Lammfilet gegessen habe!“ -</p> - -<p> -„Denken Sie bloß, was für ein Pech! Wenn ich -nur einen Büschel Heu im Hause hätte!“ fuhr Pljuschkin -fort. „Und in der Tat, woher soll man es bloß nehmen? -Ich habe nur wenig Land, der Bauer ist faul, liebt -nicht zu arbeiten und denkt nur immer an die Schenke ... -man muß sich in acht nehmen, daß man auf seine -alten Tage nicht noch betteln gehen muß!“ -</p> - -<p> -„Man hat mir aber doch gesagt,“ wandte hier -Tschitschikow bescheiden ein, „daß Sie mehr als -tausend Seelen haben!“ -</p> - -<p> -„Wer hat Ihnen das gesagt, Sie hätten dem Kerle -ins Gesicht spucken sollen, der solche Gerüchte verbreitet, -Väterchen! Das ist wohl ein Spaßvogel, der sich über -Sie lustig machen wollte. Da sagt man: tausend Seelen, -aber wenn man nachrechnet, dann bleibt nicht viel -übrig! Im vergangenen Jahr sind mir durch das -verdammte Fieber ein ganzes Schock Bauern weggestorben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -„Wahrhaftig? Sind es wirklich so viele,“ rief -Tschitschikow teilnehmend aus. -</p> - -<p> -„O ja, sehr viele!“ -</p> - -<p> -„Und darf ich fragen, wie viele?“ -</p> - -<p> -„An die achtzig Mann!“ -</p> - -<p> -„In der Tat?“ -</p> - -<p> -„Ich lüge nicht, Väterchen!“ -</p> - -<p> -„Und darf ich mir noch eine Frage erlauben? Diese -Zahl bezieht sich doch auf die ganze Zeit nach der letzten -Revision?“ -</p> - -<p> -„Das wäre ja noch gut!“ sagte Pljuschkin, „<em>so</em> gerechnet -sind es noch viel mehr: etwa hundert und -zwanzig Seelen!“ -</p> - -<p> -„Wirklich? Ganze hundert und zwanzig?“ rief -Tschitschikow aus und riß sogar den Mund vor Verwunderung -auf. -</p> - -<p> -„Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen: -ich bin schon über die sechzig hinaus!“ sprach Pljuschkin, -der sich durch Tschitschikows beinahe freudigen Ausruf -gekränkt zu fühlen schien. Tschitschikow sah ein, daß -eine solche Kälte und <a id="corr-65"></a>Teilnahmslosigkeit gegen fremdes -Leid in der Tat nicht schön sei, daher stieß er schnell -noch einen Seufzer aus und äußerte sein Bedauern. -</p> - -<p> -„Ihr Bedauern nützt mir leider nichts! Ich kann -es doch nicht in den Beutel stecken!“ sagte Pljuschkin. -„Sehen Sie, da wohnt neben mir ein Hauptmann. -Weiß der Teufel, wie der hier hereingeschneit ist. Will -ein Verwandter von mir sein: das geht immer Onkelchen -hin, Onkelchen her, und dabei küßt er mir stets die -Hand; wenn der anfängt einem seine Teilnahme zu -äußern, dann erhebt er ein wahres Geheul, daß man -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -sich rein die Ohren zuhalten möchte. Der Mann hat -ein ganz blaurotes Gesicht, er liebt wohl die Branntweinflasche -zu sehr. Wird sein Geld beim Regiment -durchgebracht haben, oder irgend eine Schauspielerin hat -es ihm aus der Tasche gelockt. Das wird der Grund -sein, warum er so mitleidig ist!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow versuchte ihm zu erklären, daß seine -Teilnahme ganz anderer Art als die des Hauptmanns, -und daß er bereit sei, sie nicht allein mit Worten -sondern auch durch die Tat zu beweisen; er schob daher -die Sache nicht länger auf und erklärte ohne alle Umschweife -seine Bereitwilligkeit, die schwere Pflicht der -Steuerzahlung für sämtliche Bauern, die durch einen so -unglücklichen Zufall hinweggerafft worden wären, auf -sich nehmen zu wollen. Dieses Angebot brachte Pljuschkin -anscheinend völlig aus der Fassung. Seine Augen quollen -hervor und starrten ihr Gegenüber lange Zeit unverwandt -an. Endlich sagte er: „Waren Sie etwa beim -Militär?“ -</p> - -<p> -„Nein!“ antwortete Tschitschikow schlau ausweichend, -„ich war nur im Zivildienst tätig.“ -</p> - -<p> -„Im Zivildienst!“ wiederholte Pljuschkin und kaute -dabei an seinen Lippen, wie wenn er einen Bissen im -Munde hätte. „Ja, wie denn nur? Das wäre ja -doch nur zu Ihrem eigenen Schaden.“ -</p> - -<p> -„Ihnen zu Gefallen würde ich selbst diesen Schaden -auf mich nehmen.“ -</p> - -<p> -„Ach, Väterchen! Ach, du mein Wohltäter!“ rief -Pljuschkin aus, ohne in seiner Freude zu merken, daß -ihm ein Stückchen Schnupftabak wie dicker Kaffeesatz -aus der Nase quoll, was keinen gerade malerischen -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -Anblick bot, und daß die zurückgeschlagenen Schöße -seines Schlafrockes die Unterkleidung sehen ließen, welche -auch nicht appetitlich anzuschauen war. „Sie tun ein -gutes Werk an einem armen Greise! O, du mein Gott, -du mein Heiland!“ Mehr brachte Pljuschkin nicht -heraus. Aber es verging keine Minute, als die Freude, -die so plötzlich in den erstarrten Zügen aufgeleuchtet -war, ebenso schnell wieder verlosch, ohne eine Spur zu -hinterlassen, und sein Gesicht nahm wieder den alten -besorgten Ausdruck an. Er wischte es sich sogar mit dem -Taschentuch ab, ballte es zu einem Klumpen zusammen -und rieb sich damit die Oberlippe. -</p> - -<p> -„Wollen Sie denn wirklich — ich möchte Sie unter -keinen Umständen erzürnen — mit Verlaub zu sagen, -jedes Jahr diese Steuern bezahlen? Und soll <em>ich</em> oder -die Krone das Geld erhalten?“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie was? das machen wir einfach so: wir -schließen einen Kaufkontrakt miteinander ab, als ob sie -noch am Leben wären und Sie sie mir verkauft hätten.“ -</p> - -<p> -„Ja, einen Kaufkontrakt ...“ sagte Pljuschkin, -wurde ein wenig nachdenklich und begann wieder an -seinen Lippen zu kauen. „Sie sagen, einen Kaufkontrakt -— das macht wieder neue Unkosten! Die Beamten -beim Gericht sind so unverschämt! Früher waren sie schon -mit einem halben Rubel in Kupfer und einem Sack -Mehl dazu abzufinden. Jetzt aber verlangen sie gleich -eine ganze Fuhre Gerste und noch einen roten Lappen -als Zugabe. So geldgierig sind sie heutzutage. Ich -begreife garnicht, daß das niemand an die Öffentlichkeit -bringt. Wenn man ihnen doch wenigstens eine Moralpredigt -halten wollte. Mit einem guten Wort kann man -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -schließlich jeden breitschlagen. Man mag sagen, was -man will: einer tüchtigen Moralpredigt widersteht niemand!“ -</p> - -<p> -„Na na, du würdest ihr gewiß widerstehen,“ dachte -Tschitschikow; aber er fügte gleich darauf laut hinzu, -daß er aus persönlicher Hochachtung für ihn bereit sei, -auch die Kosten des Kaufvertrags auf sich zu nehmen. -</p> - -<p> -Als Pljuschkin hörte, daß sein Gast sogar die Spesen -des Kaufvertrages zu übernehmen gedenke, schloß er -hieraus, daß er ein vollendeter Narr sein müsse, und -sich bloß so <em>anstelle</em>, als ob er im Zivildienst gewesen -sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient -und sich mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei -alledem vermochte er es jedoch nicht, seine Freude zu -unterdrücken und überhäufte den Gast mit allerhand -Segenswünschen für ihn selbst und seine Kinder, ohne -sich übrigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. -Dann trat er ans Fenster, trommelte mit den -Fingern gegen die Glasscheibe und rief: „Heh! Proschka!“ -Gleich darauf hörte man, wie jemand atemlos über den -Flur rannte, sich dort geräuschvoll hin und her bewegte -und mit den Stiefeln aufstampfte. Endlich tat sich die -Türe auf und Proschka, ein dreizehnjähriger Junge, trat -herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an, daß er sie -beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka -eigentlich so große Stiefel anhatte, soll der Leser sofort -erfahren. Pljuschkin besaß für seine sämtlichen Dienstboten -nur ein Paar Stiefel, die immer im Vorzimmer -stehen mußten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen -Gemächer beordert wurde, mußte erst quer über den -ganzen Hof einen Tanz ausführen, bis er den Flur erreicht -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -hatte, wo er die Stiefel anzog, um in diesem -Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des -Zimmers entledigte er sich im Flure wiederum seiner -Fußbekleidung und trat den Rückweg auf seinen höchsteigenen -Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit und besonders -des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, -aus dem Fenster geblickt hätte, so hätte er sich des -schönen Anblicks erfreuen können, was für prächtige -Sprünge Pljuschkins Diener vollführten. -</p> - -<p> -„Sehen Sie nun diese Visage, Väterchen,“ sagte -Pljuschkin zu Tschitschikow, indem er mit dem Finger -auf Proschka zeigte. „Der Kerl ist so dumm wie ein -Holzklotz. Aber lassen Sie bloß etwas liegen, schwupp, -hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, -du Esel? Ja, was denn nur?“ Hier machte er eine -kleine Pause, während der Proschka gleichfalls keinen -Laut von sich gab. „Stell den Samowar auf! Hörst -du? Hier hast du den Schlüssel! Gib ihn der Mawra -und sag ihr, sie soll in die Speisekammer gehen. Da -liegt auf dem Regal noch ein Zwieback von Ostern her, -Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den -soll sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du -hin, dummer Kerl? Bist du ein Schafskopf! Dir sitzt -wohl der Teufel in den Fersen. Hör mich doch erst -an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. -Sie soll ihn ein bissel mit dem Messer abschaben; aber -daß sie mir die Krumen nicht wegwirft! Die müssen -für die Hühner übrig bleiben. Und daß du mir nicht -mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt’s was mit der -Birkenrute, verstehst du? daß du Geschmack daran bekommst. -Du hast ja jetzt schon so einen guten Appetit. -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir -nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine -Schliche kommen, hier vom Fenster aus. Man kann -den Kerlen in nichts trauen,“ fuhr er fort, indem er -sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen -Siebenmeilenstiefeln bereits in der Türe verschwunden -war. Hierbei warf er einen argwöhnischen Blick auf -Tschitschikow. Dieser Zug einer geradezu unerhörten -Großmut und Großherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich -und verdächtig vor, und er dachte sich: „Weiß der -Teufel, vielleicht ist er auch nur so ein Prahlhans, -wie alle diese Prasser und Verschwender! Lügt einem -was vor, um ein Stündchen zu verplaudern und ein -paar Tassen Tee zu trinken und macht dann, daß er -fortkommt!“ Er sagte daher teils aus Vorsicht, teils -um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daß -es nicht übel wäre, den Kaufvertrag so bald als möglich -abzuschließen, denn der Mensch sei ein gar unzuverlässiges -und gebrechliches Ding: heute rot, morgen tot. -</p> - -<p> -Tschitschikow erklärte sich bereit, den Kontrakt auf -Wunsch sofort zu unterschreiben und bat nur um ein -Verzeichnis sämtlicher Bauern. -</p> - -<p> -Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, -daß er irgend einen Plan überdachte, und in der Tat -zog er jetzt den Schlüsselbund hervor, näherte sich dem -Schrank, öffnete ihn, suchte lange unter den Gläsern -und Schalen herum und rief schließlich aus: „Jetzt kann -ich ihn nicht finden; ich hatte da doch einen feinen -Likör; wenn die Bande ihn nur nicht wieder ausgetrunken -hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen. Ah da -ist er schon?“ Tschitschikow bemerkte in seinen Händen -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -eine kleine Karaffe, die in einer Staubhülle steckte wie -in einem Trikothemd. „Der stammt noch von meiner -seligen Frau her,“ fuhr Pljuschkin fort, „die Schließerin, -diese Spitzbübin hat ihn hier stehen lassen und sich überhaupt -nicht mehr um ihn gekümmert, nicht einmal zugekorkt -hat sie ihn, die Kanaille! Weiß Gott was für -Würmer und Fliegen und sonstiger Plunder drin herum -schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt ist -er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Gläschen -einschenken.“ -</p> - -<p> -Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem -Eifer ab und bemerkte, daß er schon gegessen und getrunken -habe. -</p> - -<p> -„Schon gegessen und getrunken!“ sagte Pljuschkin. -„Freilich, freilich. Einen Mann von gutem Stande erkennt -man doch auf den ersten Blick: er hat keinen Hunger -und ist immer satt, so einen Schwindler kann man -füttern, soviel man will .... Da ist z. B. der -Hauptmann: wenn der angefahren kommt, dann heißt es -gleich: ‚Onkelchen, haben Sie nicht etwas zu essen?‘ -Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein -Großvater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause -nichts zu essen, darum treibt er sich überall herum! Sie -brauchen also ein Verzeichnis von all diesen Faulenzern? -Natürlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie alle -miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel -geschrieben, um sie bei der nächsten Revision gleich -streichen zu lassen.“ Pljuschkin setzte die Brille auf und -begann in seinen Papieren herumzuwühlen. Dabei löste -er die Schnur von so manchem Päckchen und warf die -Papiere so durcheinander, daß eine Staubwolke dem -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -Gaste in die Nase stieg, und dieser niesen mußte. Endlich -zog er einen Zettel hervor, der beiderseits eng beschrieben -war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so dicht -wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, -da gab es einen Paramonoff und Pimenow, einen -Panteleimonow, ja es tauchte sogar ein gewisser Grigorij -„Immerlangsamvoran“ aus der ganzen Menschenflut -hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig. -Tschitschikow lächelte unwillkürlich als er -diese stattliche Zahl übersah. Er steckte den Zettel in die -Tasche und erklärte Pljuschkin, er werde wohl zum Abschluß -des Kaufes nach der Stadt fahren müssen. -</p> - -<p> -„Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich -kann doch mein Haus nicht sich selbst überlassen! Meine -Dienstboten sind lauter Diebe und Spitzbuben; die ziehen -mich in einem Tage so aus, daß ich keinen Nagel mehr -übrig behalte, an dem ich meinen Rock aufhängen könnte.“ -</p> - -<p> -„Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?“ -</p> - -<p> -„Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle -schon tot, oder wollen nichts mehr von mir wissen. -Ach ja, <em>doch</em>, Väterchen! Wie denn nicht! Natürlich habe -ich einen,“ rief er plötzlich aus. „Der Gerichtspräsident, -das ist ja mein guter Freund! Der hat mich früher oft -besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein -Jugendfreund. Wie oft sind wir zusammen über so -manchen Zaun geklettert. Keinen Bekannten? Ich sage -Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich könnte doch -an ihn schreiben?“ -</p> - -<p> -„Aber natürlich.“ -</p> - -<p> -„Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad!“ -</p> - -<p> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -Und über das erstarrte Gesicht huschte plötzlich etwas -wie ein warmer Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch -wenigstens ein matter Abglanz eines Gefühls belebte die -toten Züge; wie wenn auf der Oberfläche eines Gewässers -ganz plötzlich und unerwartet ein Ertrinkender -auftaucht und nun die am Ufer versammelte Menge in -freudiges Jauchzen ausbricht; aber vergebens werfen die -freudig erregten Schwestern und Brüder das rettende -Seil aus und warten ungeduldig darauf, daß sich eine -Schulter oder der vom Todeskampfe ermattete Arm aus -den Fluten emporstrecke — er war zum letzten Mal -emporgetaucht. Und stumm wird’s ringsumher, und -schrecklicher noch, und öder erscheint jetzt die glatte ruhige -Fläche des launischen Elementes. So wurde auch -Pljuschkins Gesicht, nachdem der Schimmer eines Gefühls -darüber hinweggeglitten war, fast noch kälter, gemeiner -und gefühlloser. -</p> - -<p> -„Auf dem Tisch lag doch ein Stückchen reines Papier,“ -sagte er, „aber ich weiß nicht, wo es hingekommen ist: -diese Taugenichtse von Dienstboten!“ — Und er guckte -<em>unter</em> den Tisch und <em>auf</em> den Tisch, kramte überall -herum und rief schließlich: „Mawra, he! Mawra!“ Auf -sein Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, -auf dem der dem Leser schon bekannte Zwieback thronte. -Jetzt entspann sich folgendes Gespräch zwischen beiden: -</p> - -<p> -„Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin?“ -</p> - -<p> -„Bei Gott, gnädiger Herr! Ich habe kein Papier -gesehen, außer dem Stückchen, mit dem Sie das Spitzglas -bedeckt haben.“ -</p> - -<p> -„Man sieht dir’s ja an den Augen an, daß du es -stibitzt hast.“ -</p> - -<p> -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -„Wie käme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wüßte -doch nichts damit anzufangen. Ich kann ja nicht einmal -lesen und schreiben.“ -</p> - -<p> -„Das lügst du, du hast es zum Küster hingetragen, -das ist ein Tintenklexer, dem wirst du’s wohl gegeben -haben.“ -</p> - -<p> -„Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier -verschaffen. Der Küster hat Ihren Papierfetzen überhaupt -nicht zu sehen bekommen!“ -</p> - -<p> -„Warte nur! Die Teufel werden dir beim jüngsten -Gericht tüchtig zusetzen mit ihren eisernen Halseisen. -Paß einmal auf, wie die dich plagen werden!“ -</p> - -<p> -„Wofür sollten sie mich denn quälen, wenn ich doch -das Papierstückchen garnicht in der Hand gehabt habe. -Sie können mir jede andere weibliche Schwäche vorwerfen, -aber daß ich stehle, das hat mir noch niemand -gesagt.“ -</p> - -<p> -„Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen -werden! Das hast du dafür, daß du deinen Herrn -beschwindelt hast, werden sie sagen und dich mit ihren -glühenden Zangen zwacken!“ -</p> - -<p> -„Dann werd’ ich eben antworten: Ich bin unschuldig, -bei Gott, ich bin unschuldig ... Aber da -liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem -unnütze Vorwürfe!“ -</p> - -<p> -Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, -hielt einen Augenblick inne, kaute an seinen -Lippen und sagte: „Na was regst du dich denn gleich -so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, -und sie kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. -Geh’, bring mir etwas Feuer, damit ich den Brief versiegeln -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -kann. Halt! du bringst mir womöglich noch -eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er, -und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen -brennenden Kienspan!“ -</p> - -<p> -Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den -Lehnstuhl, nahm die Feder in die Hand und drehte und -wendete den Zettel noch lange in den Fingern hin und her; -er überlegte wohl, ob er nicht noch die Hälfte davon abschneiden -könne, aber schließlich sah er wohl ein, daß -das nicht ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfaß, -das mit einer verschimmelten Flüssigkeit angefüllt war, -in der eine Menge Fliegen herumschwammen, und begann -zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die große -Ähnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und -mußte fortwährend den Lauf der Feder hemmen, die -sich auf dem Papier in übermütigen Sprüngen erging. -Ängstlich fügte er Zeile an Zeile mit dem lebhaften -Bedauern, daß trotzdem noch immer etwas leerer Raum -zwischen ihnen übrig blieb. -</p> - -<p> -Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und -Erbärmlichkeit konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar -konnte er sich wandeln? Hat das überhaupt noch den -Schein der Wahrheit? — Jawohl! — Es gibt überhaupt -nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen -geschehen! Ein feuriger Jüngling von heute würde vielleicht -mit Entsetzen zurückprallen, wenn man ihm das -Bild seines eigenen Greisenalters vorhielte. O, hütet -sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr heraustretet -aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste -härtende Mannesalter — o, hütet sorgsam jede menschliche -Regung, verschwendet, verliert sie nicht unbedacht -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -unterwegs: ihr findet sie nie wieder! Furchtbar und -grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, -es liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurück. -Das Grab selbst ist barmherziger; auf dem Leichenstein -wird vielleicht die Inschrift stehen: „hier liegt ein Mensch -begraben.“ Aber kein Schriftzeichen belebt die kalten -gefühllosen Züge des menschlichen Alters. -</p> - -<p> -„Haben Sie nicht vielleicht einen Freund,“ sagte -Pljuschkin, während er den Brief zusammenfaltete, „der -flüchtige Bauern brauchen könnte<a id="corr-66"></a>?“ -</p> - -<p> -„Haben Sie auch flüchtige?“ fragte Tschitschikow -schnell, wie aus einem Traume erwachend. -</p> - -<p> -„Das ist es ja gerade, daß ich welche habe. Mein -Schwager hat schon Erkundigungen eingezogen, und sagt, -er hätte gar keine Spur von ihnen entdecken können; -aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen klirren, -wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemühen -wollte, so ....“ -</p> - -<p> -„Und wieviel werden’s wohl sein?“ -</p> - -<p> -„So an die siebzig Mann, mindestens.“ -</p> - -<p> -„Wahrhaftig?“ -</p> - -<p> -„Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne daß mir -ein paar davonlaufen. Die Leute sind heutzutage alle -so unmäßig; tun den ganzen Tag nichts und wollen nur -immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ... -Wahrhaftig ich würde sie fast umsonst hergeben. Nicht -wahr, Sie sagens doch Ihrem Freunde: wenn er auch -nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er ein hübsches -Sümmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an -die fünfhundert Rubel wert.“ -</p> - -<p> -„Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen!“ -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -dachte Tschitschikow, und erklärte, daß er -leider keinen solchen Freund besäße, und daß allein die -Kosten dieses Verfahrens mehr betragen würden; die -Gerichte hält man sich am liebsten ganz vom Leibe, -denn da muß man ja selbst noch die Rockschöße hingeben. -Aber wenn Pljuschkin sich wirklich in einer so -bedrängten Lage befände, dann sei er, Tschitschikow, -aus Sympathie für ihn bereit, eine kleine Summe zu -bezahlen ... Aber das sei, wie gesagt, eine solche -Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert sei. -</p> - -<p> -„Und wieviel würden Sie geben?“ fragte Pljuschkin, der -vor Habgier bebte, und seine Hände zitterten wie Espenlaub. -</p> - -<p> -„Ich könnte fünfundzwanzig Kopeken pro Stück -anlegen.“ -</p> - -<p> -„Und zahlen Sie bar?“ -</p> - -<p> -„Ja, Sie können das Geld gleich bekommen.“ -</p> - -<p> -„Hören Sie Väterchen, Sie wissen doch, wie arm -ich bin, Sie könnten mir wirklich vierzig Kopeken geben.“ -</p> - -<p> -„Verehrtester, ich würde Ihnen gerne nicht nur -vierzig Kopeken, sondern selbst fünfhundert Rubel pro -Kopf bezahlen! Mit dem größten Vergnügen, denn -ich sehe, daß ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner -Gutmütigkeit Not leidet.“ -</p> - -<p> -„Ja, nicht wahr! Bei Gott!“ sagte Pljuschkin, ließ -den Kopf hängen und schüttelte ihn heftig. „Das -macht alles die Gutmütigkeit.“ -</p> - -<p> -„Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort -erkannt. Warum sollte ich nicht fünfhundert Rubel -pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht vermögend; -fünf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, -dann kostet jede Seele rund dreißig Kopeken.“ -</p> - -<p> -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -„Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Väterchen!“ -</p> - -<p> -„Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel -Seelen waren es doch, sagten Sie nicht siebzig?“ -</p> - -<p> -„Nein, es sind sogar achtundsiebzig.“ -</p> - -<p> -„Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreißig Kopeken, -das macht ...“ hier dachte unser Held eine Sekunde -und nicht einen Augenblick länger nach und sagte, -„das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig -Kopeken!“ Er war sehr stark in der Arithmetik. Dann -ließ er Pljuschkin die Quittung schreiben und händigte -ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Händen -ergriff und mit ängstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte -trug, als hielte er in seinen Händen eine Flüssigkeit, -die er jeden Augenblick zu verschütten fürchtete. -Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die Banknoten -noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig -in eines der Schubfächer, wo das Geld wahrscheinlich -begraben blieb, bis Pater Karp und Pater Polikarp, -die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen -Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner -Tochter und des Schwiegersohnes — und vielleicht auch -des Hauptmanns, der durchaus mit ihm verwandt -sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen -hatte, ließ er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie -es schien, einen neuen Gesprächsstoff finden zu können. -</p> - -<p> -„Wie, Sie wollen schon fahren,“ sagte er, als er -Tschitschikow, der im Begriff war, sein Taschentuch -herauszuholen, eine kleine Bewegung machen sah. Diese -Frage erinnerte jenen daran, <a id="corr-67"></a>daß es in der Tat zwecklos -sei, sich hier noch länger aufzuhalten. „Ja, es ist -Zeit!“ sprach er und griff nach dem Hute. -</p> - -<p> -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -„Wollen Sie denn keinen Tee<a id="corr-68"></a>?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer -Gelegenheit einmal zum Tee vor.“ -</p> - -<p> -„Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine -aufsetzen lassen! Wenn ich ehrlich sein soll, ich mache -mir auch nichts aus Tee: es ist ein teures Getränk, und -dann sind auch die Zuckerpreise so unerhört gestiegen. -Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. -Und den Zwieback bringst du der Mawra! Hörst du? -Sie soll ihn wieder auf den alten Platz legen; oder nein, -gib ihn lieber her, ich will ihn schon selbst hintragen. -Leben Sie wohl, Väterchen; Gott segne Sie! Und den -Brief geben Sie dem Gerichtspräsidenten, nicht wahr? -Er soll ihn lesen! Er ist doch ein alter Freund von -mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele.“ -</p> - -<p> -Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser -merkwürdig eingeschrumpfte alte Mann in den Hof -hinab. Nachdem Tschitschikow davongefahren war, -ließ Pljuschkin das Tor sofort schließen. Dann schritt -er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu -überzeugen, ob auch alle Wächter an ihrem Platze seien, -die an jeder Ecke standen und mit Holzschaufeln auf -ein leeres Faß statt auf eine Blechtrommel schlugen; -er warf auch einen Blick in die Küche, sah dort nach, -ob auch das Essen für die Dienstboten gut und schmackhaft -zubereitet sei, was für ihn jedoch nur ein Vorwand -war, sich selbst gründlichst an Brei und Kohlsuppe satt -zu essen. Nachdem er schließlich noch alle bis auf den -letzten wegen ihrer schlechten Aufführung tüchtig gescholten -und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte -er in sein Zimmer zurück. Als er allein war, kam ihm -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -einen Augenblick sogar die Idee, sich dem Gast gegenüber -für dessen beispiellosen Edelmut erkenntlich zu erweisen: -„Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk -machen,“ dachte er — „es ist doch eine schöne silberne -Uhr, und nicht etwa von Tomback oder Bronze; sie ist -freilich etwas verdorben, aber er kann sie ja reparieren -lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht eine -Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen -will. Oder nein!“ — fuhr er nach einigem Nachdenken -fort: „ich will sie ihm lieber vermachen; er soll sie erst -nach meinem Tode erhalten, damit er sich später noch -meiner erinnert.“ -</p> - -<p> -Aber unser Held war auch ohne Uhr in höchst vergnügter -Stimmung. Eine so unerwartete Akquisition -war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen ließ -sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote -Seelen, sondern auch noch einige Dutzend flüchtige dazu: -zusammen etwa zweihundert Stück! Er hatte ja freilich -schon so eine Ahnung gehabt, als er sich Pljuschkins -Landgute näherte, daß es hier was zu verdienen geben -würde, aber auf ein so gutes Geschäft hatte er nicht -gerechnet. Den ganzen Weg über war er außergewöhnlich -lustig, pfiff und sang vor sich hin, indem er sich -die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in -eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, -welches so seltsam und sonderbar klang, daß selbst -Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf schüttelte -und sagte: „Sieh mal an, wie mein Herr singen kann!“ -Es war schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt -näherten. Licht und Finsternis gingen vollkommen ineinander -über, und alle Gegenstände schienen zusammenzufließen. -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz -unbestimmte undefinierbare Farbe angenommen; dem -Posten vor der Stadt schien der Schnurrbart hoch über -den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien überhaupt -nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der -Räder und die Luftsprünge, die die Equipage machte, -ließen erkennen, daß man sich bereits wieder auf der -gepflasterten Straße befand. Die Laternen waren noch -nicht angezündet, hie und da blitzte in den Fenstern der -Häuser ein Licht auf, und in den Winkeln und Gassen -spielten sich die bekannten Vorgänge ab; man hörte es -munkeln und flüstern, was um die nächtlichen Stunden -in Städten stets zu geschehen pflegt, wo es viele -Soldaten, Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung -gibt, eine Art von Damen mit roten Shawls, -in Schuhen und ohne Strümpfe, die an den Straßenkreuzungen -herumschwirren wie die Fledermäuse. Aber -Tschitschikow bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die -schlanken Beamten, die mit Spazierstöckchen in der -Hand wohl von einer Promenade außerhalb der Stadt -zurückkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, -die von weiblichen Stimmen herzurühren schienen: „Das -lügst du, du bist wohl besoffen; ich hätte ihm nie eine -solche Frechheit erlaubt!“ oder „du suchst wieder Händel -du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will -ich dir’s schon zeigen.“ Mit einem Wort, all jene -Reden, die wie ein Dampfbad auf einen phantasiereichen -zwanzigjährigen Jüngling wirken, wenn er aus dem -Theater zurückkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle -Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer -Gitarre in seinem Kopfe trägt. Welch wundersame -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -Träume, welche tollen Phantasien wirbeln in seinem -Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel -zu schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller -einen Besuch ab — da schlagen plötzlich jene verhängnisvollen -Worte wie ein Donnerschlag neben ihm ein, er fühlt -sich wieder auf die Erde zurückversetzt, ja sogar auf den -„Heumarkt“ in die nächste Nähe einer Schenke, und aufs -neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue Öde. -</p> - -<p> -Endlich machte der Wagen noch einen kräftigen Satz -und tauchte wie in einem Erdloch im Tore unter. -Tschitschikow wurde von Petruschka empfangen, welcher, -einen seiner Rockschöße in der einen Hand haltend — -denn er liebte es nicht, daß die Schöße sich entzweiten — -mit der anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. -Auch der Kellner kam mit einer Kerze, die Serviette -über die Schulter geworfen, angelaufen. Es läßt -sich nicht sagen, ob Petruschka über die Ankunft seines -Herrn sehr erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan -und er sich verständnisinnig mit dem Auge zu, und sein -sonst so strenges Gesicht schien sich ein wenig zu erhellen. -</p> - -<p> -„Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen -geruht,“ sagte der Kellner, indem er ihm auf der Treppe -voranleuchtete. -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. -„Und wie gehts bei euch?“ -</p> - -<p> -„Gottlob!“ antwortete der Kellner mit einer -Verbeugung. „Gestern ist ein Offizier angekommen. -Er wohnt auf Nummer sechzehn.“ -</p> - -<p> -„Ein Leutnant?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht. Er kommt aus Rjasan und hat -braune Pferde.“ -</p> - -<p> -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -„Schön, schön! Benimm dich auch fernerhin gut!“ -sagte Tschitschikow und trat in sein Zimmer. Während -er durch den Flur schritt, rümpfte er die Nase und sprach -zu Petruschka gewandt: „Du hättest auch die Fenster -aufmachen können.“ -</p> - -<p> -„Ich habe sie ja aufgemacht,“ entgegnete Petruschka; -aber er log. Uebrigens wußte sein Herr selbst, daß es -eine Lüge war. Doch er wollte nicht widersprechen. Nach -der langen Fahrt bemächtigte sich eine starke Ermattung -aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte -Abendplatte, die nur aus einem Stück Spanferkel bestand, -entkleidete sich sofort, kroch unter die Decke und -versank sogleich in einen tiefen, festen Schlaf, in jenen -wundersamen Schlaf, den nur die Glückspilze kennen, -welche nichts ahnen: weder von Hämorrhoiden, noch -von Flöhen, noch von einer allzu regen Geistestätigkeit. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-7"> -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -Siebentes Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">lücklich</span> der Reisende, der nach einer weiten, -langweiligen Fahrt mit ihrer Kälte, ihrem -Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern, -ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem -Herumgezanke, ihren Postknechten, Schmieden und ähnlichen -Vagabunden, endlich das traute Dach mit dem -immer heller werdenden Lichterglanz erblickt — schon -taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim -mit den bekannten Zimmern auf, schon hört er die -jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden Hausgenossen, -die freudige Aufregung und das Gelärm der Kinder, -stille sanfte Worte unterbrochen von glühenden Zärtlichkeiten, -die die Kraft haben, alles vergangene Leid aus -dem Gedächtnis zu tilgen. Glücklich der Familienvater, -dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem -Hagestolzen! Glücklich der Schriftsteller, der an den -langweiligen, widerwärtigen, durch ihre traurige Blöße -erschreckenden Gestalten der Wirklichkeit flüchtig vorüber -eilend sich Charakteren nähert, welche des Menschen hohe -Würde verkörpern und erscheinen lassen, der aus dem -großen Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die -wenigen Ausnahmen erkiest, der auch nicht <em>einmal</em> dem -heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward, der nie von -seiner eigenen Höhe zu seinen armseligen, schwachen -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -Brüdern herab stieg und, ohne das Irdische zu berühren, -sich selig stürzte in den erdentrückten Chor erhabener Gestalten. -Doppelt beneidenswert ist sein herrliches Los, -er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der Familie; -indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. -Mit Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen -umhüllt, mit Zauberworten nahm er schmeichelnd ihren -Geist gefangen, verbergend vor ihnen des Lebens rauhe -Wirklichkeit und ihnen den schönen Menschen weisend. -Händeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwärmt -jauchzend seinen Wagen. Einen großen Weltendichter -nennt man ihn, der im hohen Raume schwebt ob allen -andern Genien dieser Welt, wie der Aar über allem -hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige -Schauer in jungen glühenden Herzen, Tränen der -Sympathie erglänzen in jedem Auge ... An Macht -kommt ihm kein Wesen gleich — er ist ein Gott! Wie -ganz anders ist das Los des Schriftstellers, der sich erkühnte, -all das ans Licht zu ziehen, was jederzeit vor -jedem Auge liegt und doch dem gleichgültigen Blicke -entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der -unser Leben umstrickt, die ganze abgründige Tiefe jener -kalten zerklüfteten Alltagscharaktere, die unsern dornigen, -oft öden Erdenweg bevölkern, und mit dem kräftigen -Schlag des unerbittlichen Meißels es wagte, sie klar und -plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet -nicht des Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm -aus den Tränen und der einmütigen Begeisterung tieferregter -Seelen, die sein Wort tief im Innersten aufwühlte; -ihm fliegt keine sechzehnjährige Jungfrau entzückten -Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -kann sich nicht berauschen am süßen Klang der Töne, -die er der eigenen Leier entlockte, und nicht wird er dem -Gerichte des Tages entgehen, dem heuchlerisch gefühllosen -Richterspruch des Augenblicks, der die am eignen -warmen Busen genährten Geschöpfe armselig, gemein -und nichtig nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen -wird inmitten jener Schriftsteller, die die Menschheit -schänden, ihm die Charakterzüge seiner eigenen Helden -beilegen und ihm Herz und Seele und den göttlichen -Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht -des Tages erkennt nicht an, daß gleich bewundernswürdig -<em>jene</em> Gläser sind, in denen sich die Sternenheere -spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen -unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht -des Tages erkennt nicht an, daß hohes begeistertes -Lachen sich wohl messen kann mit hohem lyrischen -Schwunge, und daß ein Abgrund gähnt zwischen jenem -und den unwürdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. -Das Gericht des Tages versteht dies nicht und verwandelt -alles in Schimpf und Vorwurf für den verachteten -Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne -Teilnahme wie ein heimatloser Wanderer steht er allein -auf öder Straße. Schwer und hart ist sein Beruf und -bitter fühlt er seine Einsamkeit. -</p> - -<p> -Und lange noch ist mir’s von der geheimnisvollen -Schicksalsmacht beschieden, den Weg fortzuwandeln -Hand in Hand mit meinem Helden, das ganze gewaltig -treibende Leben zu überschauen, durch das aller Welt -<em>sichtbare</em> Lachen und die keinem bekannten <em>unsichtbaren</em> -Tränen. Und noch fern ist die Zeit, wo ein andrer -Springquell hoher Begeisterung wie ein Wirbelsturm -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -aus dem von heiligem Schauer erschütterten flammenden -Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem -majestätischen Donner anderer Reden lauschen wird ... -</p> - -<p> -Vorwärts! Vorwärts! fort mit der finsteren Miene, -fort mit der grämlichen Runzel, die deine Stirne furcht. -Laßt uns geschwind wieder untertauchen in das Leben -mit all seinem tonlosen Gelärm und Schellengeklingel: -laßt uns zusehen was Tschitschikow macht. -</p> - -<p> -Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und -streckte sich, denn er hatte das behagliche Gefühl, sich -gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem er noch ein paar -Minuten ruhig auf dem Rücken gelegen hatte, schnalzte -er mit den Fingern, und sein Gesicht verklärte sich bei -dem Gedanken, daß er jetzt nahezu vierhundert Seelen -besaß. Dann sprang er aus dem Bett, betrachtete sich -nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick auf sein -Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn -ganz besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit -vor seinen Freunden, ganz besonders während des Rasierens. -„Sieh mal,“ pflegte er dann gewöhnlich zu sagen, -„was ich für ein schönes rundes Kinn habe.“ Und dabei -streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen -einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, -sondern zog sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten -Blumenbesatz an, mit denen die Stadt Torshok einen so -schwunghaften Handel treibt, welcher in unserer russischen -Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung findet. Hierauf -machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen -Hemdchen zwei kühne Luftsprünge, wobei er sich -nicht ohne Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. -Und dann ging er sofort ans Werk: er -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -rieb sich vor der Schatulle ebenso vergnügt die Hände -wie ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, -um eine Untersuchung vorzunehmen und nun vor das -Anrichtetischchen tritt, beugte sich über das Kästchen -und holte ein Päckchen Papier hervor. Er wollte -die Sache so schnell als möglich erledigen, um sie nicht -auf die lange Bank zu schieben. Daher ging er -rasch entschlossen an die Aufsetzung des Kaufkontraktes -und kopierte ihn dann eigenhändig, um sich die Unkosten -für den Notar zu sparen. Auf die Formalitäten -verstand er sich vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, -großen Buchstaben die Jahreszahl achtzehnhundert -und so und so viel hin; hierauf schrieb er mit kleinen Buchstaben -darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch -sonst drum und dran hängt. In zwei Stunden war -alles fix und fertig. Als er danach auf diese Blätter -hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche tatsächlich -einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken, Kutscherdienste -geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht -einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich -ihn ein wundersames, unheimliches Gefühl. Jeder -Zettel schien seinen eigenen Charakter zu besitzen, und -das schien den Bauern selbst eine eigentümliche Wesensart -zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehört -hatten, trugen alle irgend einen Spitznamen als -Anhängsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich durch Kürze -und Gedrängtheit des Stiles aus: oft standen nur die -Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf -ein paar Punkte folgten. Sabakewitschs Register setzte -durch seine außerordentliche Ausführlichkeit und Vollständigkeit -in Erstaunen; da gab es keine noch so geringe -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -Eigentümlichkeit, die nicht sorgfältig gebucht war: -von einem hieß es: „Ein guter Tischler,“ von einem -andern: „Er versteht seine Sache und säuft nicht.“ -Ebenso sorgfältig waren die Eltern eines jeden aufgezählt -und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau -beschrieben. Nur von einem gewissen Fedotow stand -vermerkt: „Der Vater ist unbekannt, die Mutter ist -eine meiner Dienstmägde, namens Kapitolina, die jedoch -einen guten Charakter hat und nicht stiehlt.“ -All diese Einzelheiten verliehen dem Ganzen eine -gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als -hätten die Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow -überlas die Namen noch einmal genau und sorgfältig. -Eine seltsame Rührung erfaßte ihn, er seufzte und sprach -leise vor sich hin: „Herrgott welche Menge da dichtgedrängt -beieinander steht! Was mögt ihr wohl alles -getrieben haben, euer Leben lang, ihr Lieben? Wie mögt -ihr euch durchgeschlagen haben?“ Und seine Augen -hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkürlich angezogen -von einem Namen. Dies war der bekannte Peter -Saweljewitsch, der Trogverächter, welcher einst der Gutsbesitzerin -Karobotschka gehört hatte. Und abermals -konnte er den Ausruf nicht unterdrücken: „Herrjeh, ist -der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was -magst du wohl gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, -oder ein schlichter Bauer, und wie hat der Tod -dich ereilt? War’s in der Schenke, oder hat dich gar -auf breiter Straße eine plumpe Fuhre überfahren, du -Schlafmütze? — Stepan Probka, der Tischler, <em>ein -braver nüchterner Mann</em>. — Sieh da bist du -ja, mein Stepan Probka, du großer Held, der du für -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -die Garde geboren warst! Hast wohl manch weites -Stück Weges durchwandert, die Axt am Gürtel und die -Stiefel über die Schulter geworfen, für einen Groschen -Brod verzehrt und für zwei Groschen gedörrten Fisch -und du brachtest dann wohl jedes Mal einen Hunderter -in deinem Beutel mit oder nähtest dir gar einen -Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn -dir in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du -vielleicht nur um des gemeinen Mammons willen bis auf -die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder gar bis aufs Kreuz -emporgeklettert und von dem Gerüst herabgestürzt zu -Füßen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den -Kopf kratzte und mitleidig murmelte: ‚Ach Wanja, -was ist nur in dich gefahren!‘ um sich sogleich den -Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner -Stelle hinaufzuklettern. — Maxim Telhatnikow, der -Schuster. Der Schuster? He? ‚Besoffen wie ein -Schuster‘, sagt ein Sprichwort. Ich kenn’ dich, kenne -dich, mein Liebling; willst du’s, so erzähle ich dir deine -ganze Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen -in die Lehre, der euch allesamt fütterte, für eure Nachlässigkeit -mit dem Riemen züchtigte und nie auf die -Straße ließ, damit ihr keine Streiche macht. Du warst -ein wahres Weltwunder und kein Schuster, und der -Deutsche konnte dein Lob nicht hell genug singen, wenn -er mit seiner Frau oder seinem Kameraden über dich -sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du -zu dir selbst: ‚Jetzt will ich mir ein eigenes Häuschen -kaufen, aber ich will’s nicht machen wie der Deutsche, -der einen Groschen zum andern legt, ich will mit einem -Schlage ein reicher Mann werden!‘ Und du zahltest -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -deinem Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir -einen Laden an, besorgtest dir einen Haufen Aufträge -und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum Drittel -des Preises ein Stück halbverfaulten Leders auf und -verkauftest jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber -deine Schuhe platzten schon nach zwei Wochen und -deine Kunden schimpften dich kräftig aus, wie du’s -verdientest. So kam es, daß es in deinem Laden leer -ward, du fingst an zu trinken, dich auf der Straße -herumzutreiben und sprachst: ‚Ist das eine schlimme -Welt! Wir Russen können rein verhungern: und an -alledem ist niemand schuld als der Deutsche!‘ — -Und was ist das für ein Mann: Jelisawetus Sperling? -Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild! -Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der -Schurke hat sie mit hineingeschmuggelt!“ Tschitschikow -hatte ganz recht: dies war wirklich eine Frau. Wie sie -in diese Gesellschaft gekommen war, das wußte Gott -allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll -hingemalt, daß man sie von ferne wirklich für ein -Mannsbild halten konnte, ja der Vorname hatte sogar -die männliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt -Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rücksicht -darauf und strich sie einfach aus der Liste. — „Und du -Grigorij Immerlangsamvoran! Was warst du wohl -für ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich -ein Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, -und dem eignen Heim, dem trauten Winkel -für immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten -auf den Jahrmärkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs -deinen Geist auf, brachten dich deine eigenen -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -Freunde wegen eines dicken rotbackigen Soldatenweibes -um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an -deinen ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann -deiner kleinen aber kräftigen Pferde, oder fiel’s dir vielleicht -ein, derweil du auf deinem Lager lagst und vor -dich hingrübeltest, plötzlich ohne jeden Grund und Anlaß -in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs -in ein Eisloch, so daß keine Menschenseele weiß, -wo du verschwunden bist? Oh du mein russisches -Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu -sterben! — Und ihr meine Lieblinge,“ fuhr er fort, indem -er einen Blick auf die Liste warf, auf der Pljuschkins -flüchtige Seelen verzeichnet standen: „ihr freut euch -zwar noch eures Lebens, aber was für einen Wert habt -ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch -wohl jetzt eure schnellen Füße! Hattet ihr’s wirklich gar -so schlecht bei dem Pljuschkin, oder machte es euch bloß -Spaß im Walde herumzustreichen und die Reisenden -auszuplündern? Sitzt ihr vielleicht im Gefängnis oder -habt ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen -Felder ihr nun pflügt? Jeremej Leichtfuß, Nikita -Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt man’s -schon an euren Namen an, daß ihr gute Läufer seid; -Popor, der Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, -der sich auf’s Lesen und Schreiben verstand! der hat -sicher kein Messer in die Hand genommen und sich ein -hübsches Vermögen zusammengestohlen. Paß auf! -paßloses Individuum, du fällst noch einmal dem Polizeihauptmann -in die Hände. Zwar stellst du mutig deinen -Mann: ‚Wer ist dein Herr?‘ fragt dich der Hauptmann -und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet, -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -seine Worte mit einem kräftigen Fluch: — ‚Gutsbesitzer -Soundso,‘ antwortest du keck. ‚Und wie kommst du -hierher?‘ fragt dich der Hauptmann. ‚Ich bin gegen -Bezahlung des Erbzinses freigelassen,‘ erwiderst du ohne -Zaudern. ‚Wo ist dein Paß?‘ ‚Bei meinem Herrn, -dem Kleinbürger Pimenow.‘ Pimenow wird gerufen. -‚Bist du Pimenow?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Hat er dir seinen Paß -gegeben?‘ ‚Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.‘ -‚Du lügst also?‘ sagt der Polizeihauptmann und -läßt wieder ein kräftiges Wort folgen. ‚Zu Befehl,‘ -antwortest du frech: ‚ich gab ihm den Paß nicht, -weil ich sehr spät nach Hause kam, ich habe ihn -dem Glöckner zur Aufbewahrung gegeben.‘ — ‚Der -Glöckner soll herkommen! Hat er dir seinen Paß gegeben.‘ -— ‚Nein, ich habe keinen Paß von ihm bekommen.‘ -‚Warum lügst du schon wieder!‘ fragt der -Polizeihauptmann aufs neue und flicht zur Bestätigung -abermals ein kräftiges Wörtlein ein. ‚Wo ist denn -dein Paß?‘ ‚Ich weiß genau, daß ich ihn bei mir -hatte,‘ antwortest du sicher, ‚wahrscheinlich werde ich -ihn wohl unterwegs irgendwo verloren haben.‘ — ‚Und -warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem -Pfarrer einen Kasten mit Kupfermünzen gestohlen?‘ sagt -der Polizeihauptmann, indem er zur Bekräftigung -wiederum ein kerniges Wörtlein anfügt. ‚Wahrhaftig -nicht,‘ sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, ‚beim -Stehlen hat mich noch keiner ertappt.‘ ‚Und wie kommt -es, daß man den Mantel bei dir gefunden hat?‘ ‚Ich -weiß nicht, wahrscheinlich hat ihn ein anderer bei mir -liegen lassen!‘ — ‚O, du Hallunke, du Bestie!‘ sagt -der Polizeihauptmann kopfschüttelnd, und stemmt die -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -Hände in die Seiten. ‚Legt ihm Fußschellen an und -führt ihn ins Gefängnis.‘ — ‚Zu Befehl, ich habe -nichts dagegen,‘ antwortet du. Und du ziehst deine -Tabaksdose aus der Tasche, reichst sie gutmütig den -zwei Invaliden, die dir die Fußschellen angelegt haben -und fragt sie aus, ob es schon lange her ist, daß sie -beim Militär waren und an welchem Kriege sie teilgenommen -haben. Und dann wanderst du ins Gefängnis -und bleibst ruhig drin sitzen, während das Gericht -deine Sache prüft. Schließlich fällt es seinen Spruch, -und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er -Gefängnis transportiert. Das dortige Gericht läßt dich -nach Wessjegonsk oder sonst wohin weiterbefördern usw.; -so wandert du aus einem Gefängnis ins andre und -sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: -‚Nein das Wessjegonskische Gefängnis ist doch netter, -da ist doch mehr Platz, da kann man auch einmal das -Knöchelspiel spielen, und da gibt’s auch mehr Gesellschaft.‘ -— Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, -in welcher Gegend treibst du dich herum? Lebst <em>du</em> -vielleicht irgendwo an der Wolga und bist ein Fährmann -geworden, weil du ein freies Leben liebst? ...“ -Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich. -Worüber sann er wohl nach? Dachte er an -das Schicksal Abakum Fyrows, oder war es jene natürliche, -fast selbstverständliche Nachdenklichkeit, die jeden -Russen in jedem Lebensalter überfällt, welchem Stande -und Berufe er auch angehören mag, wenn er an die -Lust eines freien ungebundenen Lebens denkt? „In der -Tat wo war jetzt Fyrow? Wahrscheinlich spazierte er -laut und fröhlich am Landungsplatze herum, sich heiter -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bändern -an den Hüten plaudert und lärmt der ganze Troß der -Bootsführer, welche sich von ihren schlanken, hohen -Frauen und Schätzen verabschieden, die Perlenbänder um -den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es -schwingt sich der Reigen, helle Lieder ertönen aus fröhlichen -Kehlen, der ganze Landungsplatz wogt auf und -nieder, während die Last- und Gepäckträger unter Lärmen, -Gezänk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken -neun Pud schwere Ballen auf den Rücken laden, Weizen -und Erbsen geräuschvoll in geräumige Schiffe schütten und -Säcke mit Hafer und Buchweizen fortschleppen; weithin -blinken die gewaltigen Haufen gleich einer Pyramide -von Kanonenkugeln aufeinander getürmter Säcke und -Ballen, die den ganzen Platz bedecken, und machtvoll -ragt dieses ganze Getreidearsenal empor, bis es in all’ -die geräumigen Barken und Fahrzeuge verladen ist, und -diese endlose Flotte zugleich mit dem Frühjahrseise den -Fluß hinabschwimmt. Da gibt’s Arbeit für euch in -Hülle und Fülle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr -einst munter geschwärmt und über alle Stränge geschlagen, -geht ihr nun ans Werk und zieht im Schweiße -eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und -Gesängen, die so unendlich sind, wie die russische -Heimat selbst! -</p> - -<p> -„Herrjeh! Schon zwölf Uhr!“ rief Tschitschikow plötzlich -aus, indem er auf die Uhr blickte. „Was säume -ich bloß so lange? Wenn ich noch etwas Vernünftiges -getan hätte, aber da rede ich erst allerhand albernes -Zeug und versinke dann noch in törichte Träumereien! -Ich bin doch ein rechter Narr! Wahrhaftig!“ Mit -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -diesen Worten vertauschte er sein schottisches Kostüm mit -einem europäischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester -an, um sein kräftiges Bäuchlein nicht so hervortreten zu -lassen, besprengte sich mit Eau de Cologne, nahm seinen -warmen Hut in die Hand und die Aktenmappe unter -den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die -Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich -sehr, nicht weil er sich zu verspäten fürchtete — davor -brauchte er keine Angst zu haben, denn der Präsident -war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch die -Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte -Zeus Homers, der die Tage verlängerte und frühe -Nächte herabsandte, wenn er den Streit seiner geliebten -Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand -geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow -hatte selbst den lebhaften Wunsch, die Sache so schnell -als möglich zum Abschluß zu bringen; solange dies nicht -geschehen war, fühlte er sich unruhig und unbehaglich: -denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, -daß es sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen -handele und daß es in solchen Fällen besser sei, eine -solche Last möglichst schnell abzuwerfen. Unter solchen -Gedanken hüllte er sich in einen warmen Pelz von -braunem Tuch, der mit Bärenfell gefüttert war, und -kaum war er auf die Straße getreten, als er an der -Ecke der Gasse mit einem Herrn zusammenstieß, der -gleichfalls einen mit Bärenpelz gefütterten Überwurf um -die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit -Ohrenklappen auf dem Kopfe trug. Der Herr stieß -einen Freudenschrei aus — es war Manilow. Beide -schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fünf -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die -Küsse, die sie austauschten, so kräftig und inbrünstig, -daß ihnen beiden nachher den ganzen Tag über die -Vorderzähne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben -vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen übrig, -seine Augen waren überhaupt nicht mehr zu sehen. -Etwa fünfzehn Minuten lang hielt er Tschitschikows -Hand in seinen beiden Händen, bis sie ganz warm wurde. -In der feinsten und liebenswürdigsten Weise erzählte er -ihm, wie er herbeigeflogen wäre, um Pawel Iwanowitsch -in seine Arme zu schließen, und er schloß seine -Rede mit einem Kompliment, wie man es höchstens -einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, das man zum -Tanze auffordert. Tschitschikow hatte kaum seinen Mund -geöffnet, ohne noch recht zu wissen, wie er ihm danken -sollte, als Manilow einen zusammengerollten Bogen -Papier, der mit einem roten Bändchen zusammengebunden -war, aus seinem Pelze hervorholte. -</p> - -<p> -„Was ist das?“ -</p> - -<p> -„Das sind die Bauern.“ -</p> - -<p> -„Ah!“ — Er rollte den Bogen sogleich auf, überflog -ihn schnell mit den Augen und war erstaunt über die Schönheit -und Sauberkeit der Handschrift. „Ist das aber schön -geschrieben!“ sagte er, „man braucht es gar nicht erst abschreiben -zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! -Wer hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!“ -</p> - -<p> -„Ach fragen Sie lieber gar nicht,“ sagte Manilow. -</p> - -<p> -„Sie?“ -</p> - -<p> -„Meine Frau!“ -</p> - -<p> -„O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, daß ich -Ihnen soviel Mühe gemacht habe!“ -</p> - -<p> -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -„Für Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mühe zu -groß!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow -erfuhr, daß er nach der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt -abzuschließen, erklärte Manilow sich bereit, ihn -dorthin zu begleiten. Die Freunde faßten sich unter -und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhöhung, -bei jedem Hügel, oder jeder Stufe stützte Manilow -Tschitschikow mit der Hand und hob ihn beinahe in -die Höhe, wobei er angenehm lächelte und hinzufügte, -er werde es nie zugeben, daß Pawel Iwanowitsch sich -weh tue. Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht -wußte, wie er sich erkenntlich erweisen solle, denn er -fühlte, daß er nicht ganz leicht war. So halfen sie -sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, -wo das Gerichtsgebäude lag — ein großes dreistöckiges -Haus, das so weiß war, wie ein Stück Kreide, wahrscheinlich, -um die Seelenreinheit der in ihm tätigen -Beamten zu symbolisieren. Die andern Häuser, die -sich noch sonst auf dem Platze befanden, konnten sich -an Größe nicht im geringsten mit dem steinernen -Amtsgebäude messen. Dies waren: ein Wächterhäuschen, -vor dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei -bis drei Standplätze für Mietskutschen, und endlich gab -es noch hie und da einen von jenen langen Bretterzäunen, -mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, -die mit Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst -war nichts auf diesem einsamen, oder wie man sich bei -uns zu Lande auszudrücken pflegt, <em>schönen</em> Platze zu -sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes -guckten ein paar unbestechliche Häupter der Themispriester -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -heraus, um im selben Augenblick wieder zu verschwinden: -wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef gerade -ins Zimmer trat. Die beiden Freunde <em>traten</em> nicht ein, -sondern liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow -seine Schritte beschleunigte, da er nicht wollte, daß -Manilow ihn mit der Hand unterstützen solle, dieser aber -lief seinerseits wieder voraus, weil er Tschitschikow nicht -müde werden lassen wollte, und so kam es, daß beide -ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. -Weder der Korridor noch die Säle fielen ihnen -durch ihre Reinlichkeit besonders auf. Damals kümmerte -man sich noch recht wenig darum, und was einmal -schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein -freundlicheres und angenehmeres <a id="corr-75"></a>Äußeres an. Themis -empfing ihre Gäste ganz so wie sie war, im Negligé -und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch -die Kanzleiräume beschreiben, durch die unsere Helden -hindurchschritten, aber der Autor hat eine große Ehrfurcht -vor allen Amtsgebäuden. Selbst wenn er Gelegenheit -hatte, sie in der Periode ihres höchsten Glanzes, -in einem gleichsam veredelten und verschönten Zustande -kennen zu lernen und zu durchwandeln, das heißt, -wenn die Dielen frisch gewichst und die Tische neu -lackiert waren, lief er eilig, mit demütig gesenktem Blicke -hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl -sich dort alles fühlt und wie dort alles blüht und gedeiht. -Unsere Helden sahen gewaltige Mengen Papier, reines und -vollgeschriebenes, über den Tisch gebeugte Köpfe, breite -Nacken, Fräcke und Röcke von kleinstädtischem Schnitt, oder -sogar eine ganz gewöhnliche hellgraue Jacke, die recht -stark von den andern abstach und deren Besitzer den -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -Kopf auf die Schulter gebeugt, sodaß er fast auf dem -Papier lag, mit schwungvollen Lettern ein Protokoll -niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von einem Gut, -welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, -der ein Menschenalter lang darum prozessiert und im -ruhigen Genuß seines Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, -nun verloren hatte, oder das ihm irgendwo -konfisziert worden war. Hie und da hörte man -ein paar Worte oder kurze Sätze, die von einer heiseren -Stimme gesprochen wurden: „Fedossej Iwanowitsch, -reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer -werfen Sie den Deckel von dem Tintenfaß weg; er gehört -doch dem Staat!“ Dazwischen hörte man eine -majestätische Stimme, die ohne Zweifel einem Kanzleichef -angehörte, gebieterisch rufen: „Da, schreib das ab, -sonst laß ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, -daß du mir sechs Tage lang nichts zu essen kriegst!“ Das -Geräusch vom Federgekritzel war sehr stark und erinnerte -an den Lärm, den ein paar Fuhren mit Reisig verursachen, -wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen -Fuß hoch mit dürren Blättern bedeckt sind. -</p> - -<p> -Tschitschikow und Manilow traten an den ersten -Tisch, an dem zwei jüngere Beamten saßen, und fragten -diese: „Bitte! Können Sie uns sagen, wo hier die Abteilung -für Kaufverträge ist?“ -</p> - -<p> -„Was wollen Sie?“ sagten die beiden Beamten zugleich, -indem sie sich umwandten. -</p> - -<p> -„Ich habe ein Gesuch einzureichen!“ -</p> - -<p> -„Haben Sie etwas gekauft?“ -</p> - -<p> -„Ich möchte zuvor wissen, wo die Abteilung für -Kaufverträge ist? Hier oder anderswo?“ -</p> - -<p> -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -„Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und -zu welchem Preise, dann werden wir Ihnen sagen, wohin -Sie sich wenden müssen. So geht es doch nicht!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow merkte sogleich, daß die Beamten einfach -neugierig waren, wie alle jungen Beamten, und -sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und Bedeutung -geben wollten. -</p> - -<p> -„Hören Sie, meine verehrten Herren,“ sagte er, „ich -weiß sehr gut, daß alle Angelegenheiten, die sich auf -Kaufverträge beziehen, in ein und dasselbe Ressort gehören, -ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen, -wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, -was in diesen Räumen vorgeht, dann müssen wir uns -eben bei jemand anders erkundigen!“ Hierauf antworteten -die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte bloß mit -einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr -saß, der damit beschäftigt war, Akten zu numerieren. -Tschitschikow und Manilow schritten zwischen den Tischen -hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war ganz in -seine Tätigkeit versunken. -</p> - -<p> -„Darf ich fragen,“ sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, -„ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist?“ -</p> - -<p> -Der Alte sah auf und sagte gedehnt: „Nein, hier ist -keine Abteilung für Kaufverträge.“ -</p> - -<p> -„Wo denn?“ -</p> - -<p> -„Die ist in der Kontraktabteilung.“ -</p> - -<p> -„Und wo ist die Kontraktabteilung?“ -</p> - -<p> -„Bei Iwan Antonowitsch.“ -</p> - -<p> -„Und wo ist Iwan Antonowitsch?“ -</p> - -<p> -Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere -Zimmerecke, worauf Tschitschikow und Manilow sich zu -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Iwan Antonowitsch begaben. Iwan Antonowitsch hatte -schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie -von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich -wieder über sein Papier und schrieb eifrig weiter. -</p> - -<p> -„Darf ich fragen, ob dies die Abteilung für Kaufverträge -ist,“ sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung. -</p> - -<p> -Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehört zu haben, -denn er war ganz in seine Akten vertieft und antwortete -nichts. Man sah sofort, daß dies ein Mann -von reiferen Jahren war und kein junger Schwätzer und -Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch -ein hoher Vierziger; er hatte dichtes, schwarzes Haar, -die ganze mittlere Partie seines Gesichts trat stark hervor -und schien sich gewissermaßen in der Nase konzentriert -zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen -Gesichtern, die man bei uns gewöhnlich als „Kannenschnauze“ -zu bezeichnen pflegt. -</p> - -<p> -„Darf ich fragen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge -ist?“ wiederholte Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Hier,“ sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen -Rüssel ein wenig empor hob und sogleich wieder zu -schreiben begann. -</p> - -<p> -„Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe -bei einigen Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, -die ich zu Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe -den Kontrakt mitgebracht, er muß bloß noch unterschrieben -werden.“ -</p> - -<p> -„Und sind die Verkäufer zugegen?“ -</p> - -<p> -„Einige sind da, und von den anderen habe ich -Vollmachten.“ -</p> - -<p> -„Haben Sie das Gesuch mitgebracht?“ -</p> - -<p> -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -„Jawohl, ich habe es hier! Ich möchte gern ... -Ich habe große Eile ... Könnte ich die Sache nicht -schon heute erledigen?“ -</p> - -<p> -„Hm! Heute! Nein heute geht es nicht,“ sagte -Iwan Antonowitsch. „Man muß noch Erkundigungen -einziehen, ob sie nicht verpfändet sind.“ -</p> - -<p> -„Übrigens ist Iwan Grigorowitsch, der Präsident, -ein guter Freund von mir; da ließe sich ja etwas zur -Beschleunigung der Sache tun.“ -</p> - -<p> -„Es handelt sich hier doch nicht bloß um Iwan -Grigorowitsch; es sind doch noch andere da,“ sagte -Iwan Antonowitsch mürrisch. -</p> - -<p> -Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer -lag und sagte: „Die anderen sollen schon nicht zu kurz -kommen. Ich habe selbst gedient und kenne den Instanzenweg.“ -</p> - -<p> -„Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch,“ sagte -Iwan Antonowitsch etwas besänftigt. „Er mag an -passender Stelle seine Order geben. An uns soll es -nicht liegen.“ -</p> - -<p> -Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche -und legte ihn vor Iwan Antonowitsch hin. Dieser -nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn sofort -mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf -aufmerksam machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm -durch eine Kopfbewegung zu verstehen, daß er das nicht -wünsche! -</p> - -<p> -„Der da wird Euch in die Kanzlei führen!“ sagte -Iwan Antonowitsch, indem er mit dem Kopfe nickte. -Und einer von den anwesenden Hohenpriestern, welcher -Themis mit solchem Eifer opferte, daß seine beiden -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -Ärmel an den Ellenbogen geplatzt waren und das -Futter aus den Löchern hervorquoll, wofür er seinerzeit -den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte, -übernahm die Führerrolle bei unseren Freunden, wie -einst Vergil bei Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, -in der lauter breite Lehnstühle standen, auf deren einem -vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Büchern der -Präsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fühlte -sich der neue Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, -daß er sich durchaus nicht entschließen konnte, -seinen Fuß über die Schwelle zu setzen. Er kehrte daher -um, indem er den Freunden seinen Rücken zuwandte, -welcher abgerieben war wie eine Bastmatte, -und an dem eine Hühnerfeder klebte. Als sie ins -Zimmer traten, bemerkten sie, daß der Präsident nicht -allein war, neben ihm saß Sabakewitsch, der ganz von -dem Spiegel verdeckt wurde. Die Ankunft der Gäste -entlockte den Anwesenden ein paar freudige Rufe, und -der Präsidentensessel wurde geräuschvoll beiseite geschoben. -Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen -langen Ärmeln von allen Seiten sichtbar da. Der -Präsident umarmte Tschitschikow, und das Amtszimmer -hallte wieder von den Küssen der Freunde. Man erkundigte -sich gegenseitig nach dem Wohlergehen, und -hierbei stellte sich heraus, daß beide an Hexenschuß -litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs -Konto setzte. Wie es schien war der Präsident von -Sabakewitsch schon über das Kaufgeschäft unterrichtet; -denn er gratulierte Tschitschikow aufs herzlichste, was -unsern Helden zunächst ein wenig in Verlegenheit setzte, -besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -beiden Verkäufer, mit denen er doch im geheimen, unter -vier Augen verhandelt hatte, sich nun Aug in Auge -gegenüberstanden. Er bedankte sich indessen beim Präsidenten -und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch -wandte: -</p> - -<p> -„Und wie befinden Sie sich?“ -</p> - -<p> -„Gott sei Dank, ich kann nicht klagen,“ sagte -Sabakewitsch, und in der Tat, er hatte wirklich keinen -Grund zur Klage, eher hätte sich ein Stück Eisen erkälten -und den Husten bekommen können, als dieser -wunderbar gebaute Gutsbesitzer. -</p> - -<p> -„Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit -rühmen,“ sagte der Präsident. „Ihr seliger Herr Vater -war auch so stark wie Sie.“ -</p> - -<p> -„Ja, der ging auch allein auf die Bärenjagd!“ antwortete -Sabakewitsch. -</p> - -<p> -„Mir scheint, Sie würden es auch fertig bringen, -einen Bären umzuschmeißen, wenn Sie allein mit ihm -in den Kampf gerieten,“ meinte der Präsident. -</p> - -<p> -„Nein, das bringe ich doch nicht fertig,“ antwortete -Sabakewitsch. „Mein seliger alter Herr war doch kräftiger -als ich,“ und er fuhr seufzend fort: „Nein, heutzutage -gibt’s keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie z. B. -gleich mein Leben. Was ist das für ein Leben, nur -so, so, lala ...“ -</p> - -<p> -„Und warum ist Ihr Leben nicht schön?“ fragte -der Präsident. -</p> - -<p> -„Nein, schön kann man es wirklich nicht nennen,“ -sagte Sabakewitsch kopfschüttelnd. „Denken Sie doch -selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin schon in den Fünfzigern -und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch nur -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwür, oder einen -Furunkel gehabt hätte .... Das nimmt sicher kein -gutes Ende! Das wird sich noch einmal rächen ...“ -Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr melancholisch. -</p> - -<p> -„Daß dich der ...!“ dachten fast gleichzeitig Tschitschikow -und der Präsident: „Worüber der nicht zu -klagen hat!“ -</p> - -<p> -„Ich habe auch einen Brief für Sie,“ sagte Tschitschikow, -während er Pljuschkins Schreiben aus der -Tasche zog. -</p> - -<p> -„Von wem?“ fragte der Präsident. Er nahm den -Brief in Empfang, entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: -„Von Pljuschkin! Existiert der auch noch auf dieser -Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch für -ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ...“ -</p> - -<p> -„Ein Schweinehund!“ sagte Sabakewitsch. „So ein -Schuft, der läßt all seine Leute verhungern!“ -</p> - -<p> -„Gern, mit Vergnügen!“ rief der Präsident, nachdem -er den Brief gelesen hatte, „ich will ihn gerne -vertreten! Wann wünschen Sie den Kauf abzuschließen? -Jetzt gleich oder etwas später?“ -</p> - -<p> -„Gleich!“ versetzte Tschitschikow: „Ich möchte Sie -sogar bitten, dafür zu sorgen, daß es gleich <em>heute</em> geschieht. -Ich möchte nämlich schon morgen wieder -weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich -gleich mitgebracht!“ -</p> - -<p> -„Das ist alles sehr schön und gut, aber Sie werden -schon verzeihen: so früh können wir Sie unmöglich -fortlassen. Die Kontrakte sollen noch heute unterschrieben -werden, aber Sie werden sich schon entschließen müssen, -noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -sogleich Order erteilen,“ fuhr er fort, indem er die Tür -der Kanzlei öffnete, welche ganz voll von Beamten war, -die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen umschwärmten, -wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulässig -ist: „Ist Iwan Antonowitsch hier?“ -</p> - -<p> -„Ja! Hier!“ antwortete eine Stimme aus dem -Innern des Zimmers. -</p> - -<p> -„Er soll herkommen!“ -</p> - -<p> -Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft -der Leser schon gemacht hat, erschien im -Amtszimmer und machte eine devote Verbeugung. -</p> - -<p> -„Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle -diese Kaufverträge und ...“ -</p> - -<p> -„Iwan Grigorjewitsch!“ fiel hier Sabakewitsch ein, -„bitte vergessen Sie nicht, daß wir auch noch Zeugen -brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder Partei. -Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht -viel zu tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der -Anwalt, besorgt all seine Arbeiten; einen größeren Räuber -wie den gibt’s auf der Welt nicht wieder! Der Sanitätsinspektor -ist auch nicht sehr beschäftigt, und ist wahrscheinlich -auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten -sitzt und Karten spielt; ach, und dann gibt’s -ja noch eine ganze Reihe von Leuten, die hier in der -Nähe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin — lauter -Leute, die der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur -Last fallen!“ -</p> - -<p> -„Richtig! Sehr richtig!“ sprach der Präsident, und -schickte sofort einen Kanzleibeamten fort, um sie holen -zu lassen. -</p> - -<p> -„Ich habe noch eine Bitte,“ sagte Tschitschikow: -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -„Schicken Sie doch bitte noch nach dem Vertrauensmann -einer Gutsbesitzerin, mit der ich auch ein kleines -Geschäft abgeschlossen habe — es ist der Sohn des -Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen.“ -</p> - -<p> -„Mit Vergnügen, ich will ihn gleich holen lassen!“ -sprach der Präsident: „es wird alles besorgt, ich bitte -Sie nur eins, geben Sie den Beamten nichts. Meine -Freunde brauchen nicht zu zahlen.“ Hierauf gab er -Iwan Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht -wenig zu gefallen schien. Die Verträge schienen einen -vortrefflichen Eindruck auf den Präsidenten gemacht zu -haben, besonders als er sah, daß die Kaufsumme nahezu -hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow -einige Minuten lang in die Augen und sagte schließlich: -„Sehen Sie wohl, Pawel Iwanowitsch. Sie haben also -eine Akquisition gemacht!“ -</p> - -<p> -„Sehr richtig!“ antwortete Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! -Daran haben Sie sehr wohl getan!“ -</p> - -<p> -„Ja, jetzt sehe ich selbst, daß ich nichts Besseres tun -konnte. Mag es sein, wie es will, der Lebenszweck -des Menschen ist noch nicht endgültig fixiert, solange -er nicht festen Fuß auf dauerndem Grunde gefaßt hat, -und noch irgend einem chimärischen Jugendideal der -Freidenker nachjagt.“ Bei dieser Gelegenheit verfehlte -er nicht ein paar tadelnde Worte über die jungen Leute -und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts -wegen. Aber, was sehr merkwürdig war, es lag in -seinen Worten noch immer eine gewisse Unsicherheit, -wie wenn er gleich darauf zu sich sagen wollte: ‚Ach -was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!‘ -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -Ja, er wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und -Manilow anzusehen, weil er sich fürchtete, einem unliebsamen -Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen. -Aber seine Sorge war unnütz; in Sabakewitschs Gesicht -regte und rührte sich nichts, Manilow aber war ganz -hingerissen von der schönen Rede, schüttelte bloß den -Kopf vor Vergnügen, und geriet dabei in eine solche -seelische Verzücktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners -zu bemächtigen pflegt, wenn die Sängerin noch -die Violine überbietet und einen so feinen hohen Ton -in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine Vogelkehle -nicht herauszubringen vermag. -</p> - -<p> -„Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch -nicht, was Sie eigentlich gekauft haben?“ bemerkte -Sabakewitsch. „Und Sie, Iwan Grigorjewitsch? Fragen -Sie denn garnicht, was für einen Kauf er gemacht -hat? Wüßten Sie nur, was für prächtige Leute das -sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe ihm doch -auch den Wagenmacher Michejew verkauft.“ -</p> - -<p> -„Wahrhaftig? Nein?“ versetzte der Präsident. „Ich -kenne den Michejew; der Mann ist ein Meister in -seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke repariert. -Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... -Haben Sie mir denn nicht gesagt, daß er gestorben -ist? ...“ -</p> - -<p> -„Wer? Michejew tot?“ fragte Sabakewitsch, der -auch nicht einen Augenblick die Fassung verlor. „Sie -meinen wohl seinen Bruder, der ist allerdings tot; dieser -hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der fühlt -sich noch wohler als früher. Vor kurzem hat er mir -noch eine solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -in Moskau bekommen. Der sollte eigentlich zum -Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden.“ -</p> - -<p> -„Ja, Michejew ist ein Meister,“ versetzte der Präsident, -„ich wundere mich eigentlich, daß Sie sich so -leicht von ihm trennen konnten.“ -</p> - -<p> -„Ja, wenn’s nur der eine Michejew wäre! Stepan -Probka, der Tischler, der Ziegelbrenner Miluschkin, der -Schuster Maksim Teljatnikow — sie gehen alle fort, -ich habe sie alle zusammen verkauft.“ Und als der -Präsident fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn -es doch lauter nützliche Leute und Handwerker <a id="corr-78"></a>seien, die -er in seinem Haushalt brauchen könne, antwortete -Sabakewitsch, indem er eine gleichgültige Handbewegung -machte: „Ich weiß nicht, es ist mir mal so’ne dumme -Idee in den Kopf gekommen! Ich habe mir halt gedacht: -ach was, ich verkaufe sie, und hab’ sie dann -dummer Weise wirklich verkauft!“ Hierauf ließ er den -Kopf hängen, wie wenn es ihn jetzt tatsächlich reute, -und er fügte hinzu: „Da wird man alt und grau und -wird doch nicht klüger!“ -</p> - -<p> -„Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch,“ -sagte der Präsident. „Wozu kaufen Sie eigentlich -Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu Ansiedelungszwecken?“ -</p> - -<p> -„Natürlich zu Ansiedelungszwecken!“ -</p> - -<p> -„So, das ist freilich was andres. Und wo wollen -Sie sie ansiedeln?“ -</p> - -<p> -„In dem .... Im Gouvernement Cherson.“ -</p> - -<p> -„O, da gibt es ausgezeichneten Boden!“ sprach der -Präsident, und er sprach sich sehr lobend über die Höhe -und Güte des dortigen Grases aus. -</p> - -<p> -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -„Und haben Sie auch Land genug?“ -</p> - -<p> -„Vollkommen genug — genau soviel, als ich brauche, -um die Bauern anzusiedeln.“ -</p> - -<p> -„Gibt’s dort auch einen Fluß oder nur einen Teich?“ -</p> - -<p> -„Einen Fluß. Übrigens ist auch ein Teich da.“ Bei -diesen Worten sah Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch -an, und obwohl dieser ebenso unbeweglich wie -vorher in seiner Stellung verharrte, schien es Tschitschikow -doch, als läse er in dessen Gesichte die Worte: „Du -schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, daß dieser -Teich und Fluß und das ganze Land überhaupt -existieren.“ -</p> - -<p> -Während die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, -erschienen allmählich die Zeugen: der Staatsanwalt, den -der Leser schon kennt und der ewig mit dem linken -Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanitätskommission, -ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die -andern, die nach Sabakewitschs Worten der Erde durch -ihren Müßigang zur Last fallen. Viele von ihnen -kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen -wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man -hatte nicht nur den <em>Sohn</em> des Oberpriesters, Pater Cyrill, -sondern auch den Oberpriester selbst herangeholt. Jeder -von den Zeugen setzte seine Unterschrift mit Aufführung -all seiner Titel und Würden unter das Dokument, der -eine in runder, der andre in schräger Schrift; bei einem -dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf -zu spazieren, oder es liefen solche Lettern mit unter, wie -sie im russischen Alphabet garnicht einmal vorkommen. -Iwan Antonowitsch <a id="corr-79"></a>erledigte alles gewandt und sicher, die -Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -und in die Bücher und wohin sich’s sonst noch gehört, eingetragen, -nachdem die ein halbes Prozent betragenden -Gebühren und Spesen für die Ankündigung im Amtsblatt -erhoben worden waren, sodaß Tschitschikow nur -eine Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Präsident -gab sogar Order ihm nur die Hälfte von den Gebühren -anzurechnen, während die andre Hälfte einem -andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. -Wie man das fertig brachte, weiß der liebe Himmel. -</p> - -<p> -„Und nun,“ sagte der Präsident, nachdem alles -glücklich erledigt war, „hätten wir das Geschäft nur -noch zu begießen.“ -</p> - -<p> -„Mit Vergnügen,“ sagte Tschitschikow. „Ich überlasse -es Ihnen, die Zeit zu bestimmen. Es wäre eine -Sünde, wenn ich meinerseits mich weigern wollte, in -so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt -springen zu lassen.“ -</p> - -<p> -„Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen -wir selbst,“ sagte der Präsident; „das ist nur unsere -Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind unser Gast: also -laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? -Gehen wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: -das ist ein richtiger Zauberkünstler; wenn der am Fischmarkt -oder an einer Weinhandlung vorübergeht, braucht -er nur zu winken, und es steht gleich ein glänzendes -Frühstück da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei -dieser Gelegenheit können wir auch eine Partie Whist -machen.“ -</p> - -<p> -Ein solch vernünftiges Anerbieten konnte niemand -ausschlagen. Den Zeugen lief schon bei der bloßen Erwähnung -des Fischmarktes das Wasser im Munde zusammen; -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -alles griff sofort zu Hut oder Mütze, und -die Sitzung war zu Ende. Als man durch die Kanzlei -schritt, sagte Iwan Antonowitsch — die Kannenschnauze -— mit einer höflichen Verbeugung zu Tschitschikow: -„Sie haben für hunderttausend Rubel Bauern -gekauft, und ich habe nur fünfundzwanzig für meine -Mühe bekommen.“ -</p> - -<p> -„Ja, was sind denn das für Bauern,“ flüsterte -ihm Tschitschikow leise zu: „lauter schlechtes nichtsnutziges -Volk, die sind noch nicht die Hälfte wert.“ -Iwan Antonowitsch begriff, daß er einem Mann von -festem Charakter gegenüberstand, von dem er nicht mehr -herausbekommen würde. -</p> - -<p> -„Wieviel hat Ihnen Pljuschkin für die Seele abgenommen?“ -flüsterte ihm Sabakewitsch ins andere Ohr. -</p> - -<p> -„Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt?“ -antwortete ihm Tschitschikow. -</p> - -<p> -„Welchen Sperling?“ fragte Sabakewitsch. -</p> - -<p> -„Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie -haben ja noch us statt a geschrieben.“ -</p> - -<p> -„Von diesem Sperling weiß ich nichts,“ sagte -Sabakewitsch und mischte sich unter die anderen Gäste. -</p> - -<p> -Die Gäste begaben sich schließlich <span class="antiqua">in corpore</span> nach -dem Hause des Polizeimeisters. Der Polizeimeister war -tatsächlich ein Zauberkünstler; kaum hatte er gehört, -worum es sich handelte, als er schon einen Polizeikommissar, -einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, -zu sich heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr -als zwei Worte ins Ohr flüsterte; dann fragte er ihn -nur noch kurz: „Hast du verstanden?“, und schon erschienen -im andern Zimmer, während die Gäste noch -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -ihren Whist droschen, die herrlichsten Dinge auf dem -Tische: Störe, Hausen, geräucherter Lachs, frischer und -gepreßter Kaviar, Hering, Wels, allerhand Käsesorten, -geräucherte Zunge — dies wenigstens war das Menu, -soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch -einige Zugaben, die aus dem eigenen Haushalt und der -eigenen Küche stammten: eine Fischpastete, die mit dem -Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren -Störs gefüllt war, eine Pastete mit Pfifferlingen, -Pastetchen aus Butterteig, Splittertörtchen usw. Der -Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater und -der Wohltäter der Stadt. Er benahm sich im Kreise -der Bürger ganz wie im eigenen Familienkreise, und in -den Läden oder auf dem Tuchmarkt wußte er Bescheid -wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war überhaupt, -wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und -hatte seinen Beruf aus dem ff heraus. Es wäre sicherlich -schwer zu entscheiden gewesen, ob <em>er</em> für sein <em>Amt</em> -oder sein <em>Amt</em> für <em>ihn</em> geschaffen war. Er wußte seinen -Posten so gut auszufüllen, daß seine Einnahmen sich -beinahe auf das Doppelte von dem beliefen, was seine -Vorgänger erhalten hatten, und doch war er in der ganzen -Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schätzten ihn -am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; -und in der Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, -stand mit ihnen Gevatter, und obwohl er sie tüchtig -bluten ließ, machte er doch auch dies mit einer ganz -besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen -freundlich auf die Schulter und lächelte ihnen zu, oder -er lud sie zum Tee ein, ließ sich zu einer Partie Dame -auffordern und fragte sie nach allem aus: wie die Geschäfte -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -gehen und wie es sonst stände; wenn er erfuhr, -daß eins der Kinder krank sei, dann wußte er gleich -Rat und verschrieb ihm die richtige Arzenei; mit einem -Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam er in -seinem Wagen daher gefahren, um überall für Ordnung -zu sorgen, dann hatte er immer für den einen oder -andern das rechte Wort bereit: „Nun Michej, sollen -wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.“ — -„Freilich, Alexei Iwanowitsch,“ antwortet dieser und -zieht die Mütze, „freilich sollten wir!“ „Hör doch, Ilja -Paramonowitsch, komm doch mal zu mir und sieh dir -mein Rennpferd an; das läuft noch schneller als das -deine; laß es doch auch mal vor den Rennschlitten -spannen, und dann wollen wir sehen!“ Der Kaufmann, -der ein passionierter Pferdefreund war, lächelte hierbei -ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und -sagte: „Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch!“ -Selbst die Ladendiener nahmen hierbei ihre Mützen ab -und sahen sich vergnügt an, wie wenn sie sagen wollten: -„Alexei Antonowitsch ist doch ein prächtiger Mensch!“ -Mit einem Wort, er war sehr populär, und die Kaufleute -hatten eine sehr hohe Meinung von ihm und -sagten: „Alexei Antonowitsch nimmt zwar ein bissel -viel, dafür hält er aber auch sein Wort.“ -</p> - -<p> -Als der Polizeimeister sich überzeugte, daß das Frühstück -fertig sei, forderte er seine Gäste auf, den Whist -nach Tisch fortzusetzen, und alle begaben sich in das -Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer -Geruch bis in die Nebengemächer verbreitete. Dieser -Geruch hatte die Nasen unserer Gäste schon längst in -angenehmer Weise gekitzelt, und Sabakewitsch schielte -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -fortwährend durch die Türe nach dem Tisch, da er -bereits von dem Stör Notiz genommen hatte, der -etwas abseits auf einem großen Teller lag. Nachdem -die Gäste erst einen Likör von jener dunkelgrünen -Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den -durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen -bei uns in Rußland Petschaften gemacht werden, trat -man von allen Seiten mit Gabeln bewaffnet an den -Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt, -der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem -wahren Lichte, indem der eine sich an den Kaviar, ein -anderer an den Lachs, ein dritter an den Käse heranmachte. -Sabakewitsch würdigte indessen all diese Kleinigkeiten -keines Blickes und richtete sich in nächster Nachbarschaft -vom Stör ein; während jene aßen, tranken und -sich unterhielten, verleibte er ihn sich in einer kurzen -Viertelstunde völlig ein, und als der Polizeimeister sich -an den Fisch erinnerte und mit den Worten: „Und was -denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren!“ -zugleich die andern aufforderte, ihm zu folgen und mit -der Gabel in der Hand vor den Stör hintrat, da merkte -er, daß von dem Naturprodukt nur noch der Schwanz -übrig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob -ihn die Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, -der etwas abseits von den andern stand, und stocherte -mit der Gabel auf einem kleinen getrockneten Fischchen -herum. Nachdem er den Stör verarbeitet hatte, ließ -sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und aß und -trank von da ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch -mit den Augen. Der Polizeimeister liebte, wie es schien, -nicht mit dem Wein zu sparen. Der erste Toast wurde, -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf das -Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. -Der zweite galt dem Wohlergehen seiner Bauern und -ihrer glücklichen Ansiedlung. Dann trank man auf die -Gesundheit seiner künftigen reizenden Ehehälfte, was -unserm Helden ein freundliches Lächeln entlockte. Dann -drängten sich alle um ihn und suchten ihn zu überreden, -daß er doch noch wenigstens zwei Wochen in der Stadt -bleiben möge. „Nein, Pawel Iwanowitsch! Das hieße -ja die Wohnung kalt werden lassen: über die Schwelle -und gleich wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch -eine Zeitlang bei uns! Kommen Sie, wir wollen Sie -verheiraten. Nicht <a id="corr-80"></a>wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen -ihm eine Frau?“ -</p> - -<p> -„Ja, ja, eine Frau!“ fiel der Präsident ein, „sträuben -Sie sich mit Händen und Füßen, soviel Sie wollen, -Sie werden doch verheiratet! Nichts da, mein Bester! -Mitgefangen, mitgehangen! Da dürfen Sie sich nicht -beklagen, wir lieben nicht zu spaßen!“ -</p> - -<p> -„Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Händen -und Füßen dagegen stemmen? Die Heirat ist doch -nicht solch eine Sache, daß man darüber gleich ... -Wenn nur eine Braut da wäre.“ -</p> - -<p> -„Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie -nicht? Es wird sich alles finden, alles was Sie nur -wollen.“ -</p> - -<p> -„Nun, unter diesen Umständen ...“ -</p> - -<p> -„Bravo, er bleibt!“ schrieen alle: „Vivat Hurrah! -Pawel Iwanowitsch, Hurrah!“ Und alle traten mit -den Gläsern in der Hand auf Tschitschikow zu, um mit -ihm anzustoßen. Tschitschikow stieß mit allen an. -</p> - -<p> -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -„Nein, noch einmal!“ sagten die Tollsten, und die -Gläser mußten noch einmal erklingen; ja sie wollten -noch zum dritten Mal anstoßen, und so machte man -es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden -alle außerordentlich lustig. Der Präsident, welcher in angeheitertem -Zustande ein äußerst lieber Mensch war, schloß -Tschitschikow mehrmals in seine Arme und stammelte -im Übermaß seines Gefühles: „Mein liebes Herz, mein -liebes Mamachen!“ Ja, er knipste sogar mit den -Fingern und begann um Tschitschikow herumzutanzen, -wobei er das bekannte Volkslied anstimmte: „Ach du -Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk.“ Nach dem Sekt -ging man zu den Ungarweinen über, welche die Stimmung -noch mehr hoben und noch mehr zur Erheiterung der -Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar vergessen: -man schrie, man zankte, man unterhielt sich über -alle möglichen und unmöglichen Dinge — über Politik, ja -sogar über militärische Fragen, man führte freie Reden, -für die ein jeder unter gewöhnlichen Umständen seine -eigenen Kinder durchgeprügelt hätte. Bei dieser Gelegenheit -wurde eine ganze Reihe höchst schwieriger Probleme -zur Lösung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie -so froh und heiter gefühlt, er kam sich tatsächlich schon -als Chersonscher Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand -wirtschaftlichen Neuerungen und Verbesserungen, von -dem Dreifeldersystem, von dem Glück und der Seligkeit -zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine -gereimte Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu -jener nur mit den Augen blinzelte, denn er saß in -seinem Lehnstuhl und fühlte nach dem Stör eine starke -Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -ein, daß er sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er -erkundigte sich, ob er nicht einen Wagen bekommen -könne und benutzte schließlich die Equipage des Staatsanwalts, -um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, -wie es sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter -Wagenlenker, denn er hielt die Zügel in der einen Hand, -während er die andere zurückstreckte, um den bedenklich -hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. -So langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im -Gasthof an, wo er noch lange Zeit allerhand tolles -Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten -Backen und einem Grübchen auf der rechten Wange, -von Chersonschen Gütern, Kapitalien und dergleichen -mehr. Seliphan erhielt sogar verschiedene Aufträge, -die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so sollte er -zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen -und jeden einzeln aufrufen. Seliphan hörte lange -schweigend zu und verließ dann das Zimmer, nachdem -er zu Petruschka gesagt hatte: „Geh, kleide den Herrn -aus!“ Petruschka versuchte es zunächst, Tschitschikow -die Stiefel auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom -Bette heruntergezogen hätte. Schließlich war er damit -fertig, der Herr entkleidete sich, wie es sich gehört, -wälzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum, -welches gewaltig krachte und ächzte, und schlief tatsächlich -als Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen -trug Petruschka die Hosen und den preißelbeerfarbenen -Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus, hängte -sie über den hölzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie -so kräftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbürste, -daß der ganze Korridor in eine Staubwolke gehüllt zu -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -sein schien. Als er die Kleider oben herunternehmen -wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der -soeben aus dem Stall zurückkehrte. Ihre Augen begegneten -sich, und sie verstanden sich sofort wie durch -einen gewissen Instinkt: der Herr schlief, warum sollte -man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen Besuch -abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen -schnell wieder ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, -und beide machten sich, ohne ein Wort über ihr eigentliches -Reiseziel zu verlieren, unter ganz gleichgültigen -Gesprächen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm -nicht allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen bloß über -die Straße, bewegten sich auf ein Haus zu, das dem -Gasthof gerade gegenüberlag, und traten durch eine -niedrige rauchgeschwärzte Glastür, die in eine Art -Kellerraum führte, in das Lokal, wo schon eine ganze -Gesellschaft von allerhand Leuten ihrer wartete: da gab’s -Rasierte und Unrasierte, Männer mit Pelzen und ohne solche, -im bloßen Hemd und hie und da auch einen in einem Mantel. -Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, -— weiß nur der liebe Gott; genug sie kamen nach -einer Stunde Arm in Arm und stumm wieder heraus, -wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein schienen und -sich gegenseitig auf jede Straßenecke aufmerksam machten. -Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in -Arm und ohne einander auch nur einen Augenblick loszulassen, -die Treppe hinauf, bis auch dies Hindernis -genommen war und sie oben anlangten. Petruschka blieb -einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still -erwägend, wie er sich wohl am besten darin plazieren -könnte, dann legte er sich quer darüber, sodaß seine -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -Füße den Fußboden berührten. Seliphan stieg in dasselbe -Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch -legte; er hatte ganz vergessen, daß dies ja nicht seine -eigentliche Schlafstätte, und daß sein Platz irgendwo in -der Bedientenstube oder im Stall bei den Pferden war. -Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von -gewaltiger Kraft und Stärke anstimmten, dem ihr Herr mit -seinem feinen Zephyrsäuseln durch die Nase sekundierte. -Bald darauf wurde es auch im ganzen Gasthofe still, -und ein tiefer Schlaf bemächtigte sich aller Bewohner; -nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher -Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus -Rjasan, der eine große Leidenschaft für Stiefel zu haben -schien, denn er hatte sich bereits vier Paar Schuhe bestellt, -und ließ sich nun schon das fünfte Paar anmessen. -Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel auszuziehen -und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht -dazu entschließen: die Stiefel saßen wirklich vorzüglich -und immer wieder hob er den Fuß in die Höhe und -betrachtete wohlgefällig den schneidigen, wunderbar geformten -Absatz. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-8"> -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -Achtes Kapitel -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">schitschikows</span> Einkäufe waren bereits der Gegenstand -des Stadtgespräches geworden. Man stritt, man -unterhielt sich und debattierte darüber, ob es vorteilhaft -sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. -Viele von diesen Debatten zeichneten sich durch Gründlichkeit -und Sachlichkeit aus: „Natürlich ist das so,“ -sagten die einen, „das läßt sich nicht bestreiten, der Boden -ist in den südlichen Gouvernements wirklich gut und -sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern -ohne Wasser anfangen? da gibt’s doch gar keine Flüsse.“ -— „Das wäre noch nicht schlimm, daß es kein Wasser -gibt, das macht noch nichts, Stepan Dimitrwejewitsch; -aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache. Man -weiß ja, wie so’n Bauer ist: da wird er auf eine ganz -jungfräuliche Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau -treiben — und dabei ist nichts da — weder Haus noch -Hof — ich sag Ihnen, der läuft davon, das ist so sicher -wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an, -macht daß er fortkommt, dann können Sie lange suchen, -bis Sie ihn finden!“ — „Nein, erlauben Sie mal, -Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht <a id="corr-82"></a>Ihrer Ansicht, -wenn Sie sagen, die Bauern werden dem Tschitschikow -davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fähig und -gewöhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -Paar warme Handschuhe, dann können Sie ihn schicken, -wohin Sie wollen, meinetwegen bis nach Kamtschatka, -der läuft ein bißchen herum, bis er warm ist, nimmt -die Axt und baut sich eine neue Hütte.“ „Aber lieber -Iwan Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du -hast garnicht berücksichtigt, was das für Leute sind, die -Tschitschikow da gekauft hat. Du vergißt ganz, daß -ein Gutsbesitzer doch einen tüchtigen Kerl nicht so leicht -ziehen läßt, ich möchte meinen Kopf dafür geben, daß -das lauter Säufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue -Leute sind.“ — „Schon gut, das gebe ich zu, -das ist freilich richtig, daß niemand einen tüchtigen Kerl -verkaufen wird, und daß Tschitschikows Leute wahrscheinlich -größtenteils Trinker sind, aber man muß doch -beachten, daß ja gerade dies die Moral von der Geschichte -ist: jetzt sind es vielleicht lauter Taugenichtse, -wenn man sie aber ansiedelt, können plötzlich brave und -tüchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch nicht -der erste Präzedenzfall in der Welt und in der Geschichte.“ -„Nie — niemals,“ versetzte der Verwalter -der Staatsfabriken: „glauben Sie mir, das kann niemals -passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden -sich jetzt zwei mächtige Feinde erheben. Der eine Feind — -das ist die Nähe der kleinrussischen Gouvernements, wo, -wie bekannt, der Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere -Ihnen, in zwei Wochen werden sie dem Suff -verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der -zweite Feind — das ist die Gewohnheit und der Hang -zum Vagabundenleben, den sich die Bauern durch die -Übersiedelung erwerben werden. Es müßte denn sein, -daß Tschitschikow sie beständig im Auge behält und beaufsichtigt, -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -er müßte sie sehr streng behandeln, für jede -Kleinigkeit hart bestrafen und sich dabei nicht etwa auf -einen anderen verlassen, sondern selbst überall, wo es -nötig ist, Püffe und Maulschellen austeilen.“ — „Wozu -soll Tschitschikow denn die Püffe selbst austeilen? Dazu -kann er sich doch einen Verwalter nehmen.“ — „Ja -finden Sie gefälligst einen guten Verwalter? Das -sind lauter Gauner und Halunken!“ — „Sie sind nur -darum Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig -anzustellen wissen.“ — „Das ist richtig,“ fielen hier -viele ein. — „Wenn der Gutsherr nun selbst etwas -von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt — -dann wird er immer einen tüchtigen Verwalter finden.“ -Aber der Direktor der Staatsfabriken wandte ein, für -weniger als 5000 Rubel könne man keinen guten Verwalter -finden. Dagegen bemerkte der Präsident, man -könne auch schon für 3000 einen haben, worauf der -Direktor erklärte: „Wo wollen Sie ihn denn hernehmen? -Sie können ihn sich doch nicht aus der Nase ziehen?“ worauf -der Präsident versetzte: „Aus der Nase freilich nicht, nein, -aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nämlich -Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, -wie ihn Tschitschikow für seine Bauern braucht!“ Viele -versuchten sich in Tschitschikows Lage zu versetzen, und -die große Schwierigkeit, eine solche Menge von Bauern -in einem fremden Lande anzusiedeln, erfüllte sie mit -Angst und Besorgnis; jemand äußerte sogar die Befürchtung, -es könne noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen -Elementen, wie die Bauern Tschitschikows es -wären, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister, -einen Aufruhr brauche man nicht zu befürchten; um -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -dies zu verhindern, gebe es ja Gottlob eine Macht: -nämlich den Kreisrichter; der Kreisrichter brauche sich -nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu begeben, sondern -nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut würde schon -genügen, um die Bauern zur Raison zu bringen, sodaß -sie sich zerstreuen und ruhig nach Hause gehen würden. Viele -äußerten ihre Ansichten und machten Vorschläge, wie -der aufrührerische Geist niederzuhalten sei, der Tschitschikows -Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darüber -gingen recht weit auseinander. Es gab solche, die sich -gar zu sehr durch eine gewisse militärische Strenge und -überflüssige Grausamkeit auszeichneten, und dann wieder -andere, welche eine gewisse Milde ausströmten. Der -Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe -sich jetzt einer heiligen Pflicht gegenüber; er könne gewissermaßen -der Vater seiner Bauern werden, und, wie -er sich auszudrücken beliebte, eine wohltuende Aufklärung -unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterließ -er es nicht, sich höchst lobend über die Lancastersche -Methode des gegenseitigen Unterrichts zu äußern. -</p> - -<p> -So redete und disputierte man in der Stadt, und -viele teilten Tschitschikow aus persönlichem Interesse ihre -Ansicht mit, gaben ihm gute Ratschläge und boten ihm -sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch sicher an -ihren Bestimmungsort zu transportieren. Für die Ratschläge -dankte Tschitschikow höflichst, indem er versprach, -sie bei Gelegenheit zu verwerten, dagegen verzichtete er -sehr entschieden auf die Eskorte und erklärte, sie sei -vollständig überflüssig; die von ihm gekauften Bauern -hätten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. -Sie würden den Umzug bereitwilligst mitmachen und -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -begrüßten ihn sogar freudig. Von einem Aufruhr -könne überhaupt nicht die Rede sein. -</p> - -<p> -All diese Gespräche und Unterhaltungen hatten indessen -für Tschitschikow die allergünstigsten Folgen, die er -für sich nur erhoffen konnte. Es verbreitete sich nämlich -das Gerücht, er sei nicht mehr und nicht weniger als -ein Millionär. Die Stadtbewohner hatten, wie wir -schon im ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow -auch ohnedies in ihr Herz geschlossen. Nach diesen Gerüchten -aber gewannen sie ihn noch weit lieber. Übrigens, -um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave, gutmütige -Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf -freundschaftlichem Fuße miteinander lebten, und ihre -Unterhaltungen trugen den Stempel ganz besonderer -Treuherzigkeit und Milde: „Lieber Freund, Ilja Iljitsch!“ -„Hör mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester!“ -„Du schwindelst, Mütterchen, Iwan Grigorowitsch!“ -Zum Postmeister, der Iwan Andrejewitsch hieß, pflegte -man gewöhnlich zu sagen: „Sprechen Sie deutsch, Iwan -Andreitsch?“ -</p> - -<p> -Mit einem Wort, es ging dort sehr familiär zu. -Viele waren nicht ganz ohne Bildung: der Gerichtspräsident -kannte sogar die „Ludmilla“ von Shukowski -auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der -Neuheit hatte, und er trug manche Stellen daraus -geradezu meisterhaft vor, so zum Beispiel den Vers: -„Es schläft der Wald, die Täler schlummern“, ganz besonders -schön aber klang das Wort „hu“ in seinem -Munde, sodaß man tatsächlich zu sehen glaubte, wie die -Täler schlummerten; um die Ähnlichkeit noch vollkommener -zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit auch noch die -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der -Philosophie zu und las ganze Nächte hindurch sehr -fleißig in Youngs „Nächten“, sowie im „Schlüssel zu -den Geheimnissen der Natur“ von Eckartshausen, aus -dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich bezogen, -konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. -Übrigens war er ein großer Witzbold, er hatte -eine überaus blühende Sprache und liebte es, wie er -sich selbst ausdrückte, seine Rede „auszuschmücken“. Und -zwar schmückte er seine Reden mit einer Menge von -Flickworten aus, als da sind: „Lieber Herr, so und so, -wissen Sie, verstehen Sie, können Sie sich vorstellen, -gewissermaßen, sozusagen“ und andre mehr, mit denen -er nur so um sich warf; ferner schmückte er seine Reden -noch recht geschickt durch ein verständnisinniges Augenblinzeln -aus, oder indem er das eine Auge ganz zukniff, -womit er vielen von seinen satirischen Anspielungen -einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die übrigen -Herren waren meist recht gebildete und aufgeklärte -Leute: der eine las Karamsin, der andre die „Moskauer -Nachrichten“ und ein dritter las sogar überhaupt -<em>nichts</em>. Der eine war was man eine Schlafmütze zu -nennen pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst -einen kräftigen Rippenstoß geben muß, wenn man ihn -zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz einfach -ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Bärenhaut -lag und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen -wäre, ihn überhaupt aufzurütteln, da er ja doch nicht -aufgestanden wäre. Was ihr Äußeres anbelangt, so -waren sie natürlich alle hübsche, stattliche, vertraueneinflößende -Leute — einen Schwindsüchtigen gab es -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -unter ihnen nicht. Sie gehörten alle zu jener Menschengattung, -welcher die Frauen in zärtlichen Schäferstündchen -unter vier Augen Namen wie die folgenden -zu geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, -mein Schnudelchen, mein Tönnchen, mein -Moppelchen usw. Aber im allgemeinen war es ein -guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein -Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen -Abend mit ihnen am Whisttisch verbracht hatte, kam -ihnen sehr schnell nahe und wurde gewissermaßen einer -der ihren. — Dies traf aber noch mehr auf Tschitschikow -mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er -kannte wirklich das Geheimnis, sich beliebt zu machen. -Sie schlossen ihn so in ihr Herz, daß er garnicht wußte, -wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er hörte -immer nur: „Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie -doch noch eine einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch“ -— mit einem Worte, er wurde geradezu auf -Händen getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber unvergleichlich -viel stärker und bedeutender, ja höchst erstaunlich -und wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow -auf die Damen machte. Um das einigermaßen -verständlich zu machen, müßten wir eigentlich mancherlei -über die Damen selbst sagen, über ihre Gesellschaften -usw., müßten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit -lebendigen leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird -dem Autor sehr schwer. Einerseits hält ihn seine unbegrenzte -Achtung und Ehrfurcht vor den Gattinnen -der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... -ja andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. -Die Damen der Stadt N. waren ... nein es geht -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -unmöglich: tatsächlich, ich habe Angst. — Was an den -Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... -Nein, es ist zu seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, -wie wenn sie ein Bleiklumpen wäre. Also gut: ich -werde es wohl schon einem andern überlassen müssen, -der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden -Farben auf seiner Palette hat, als ich, ihren Charakter -zu schildern; wir werden uns darauf beschränken müssen, -zwei, drei Worte über ihr Äußeres und das, was gewissermaßen -mehr an der Oberfläche liegt, zu sagen. -Die Damen der Stadt N. waren das, was man -präsentabel nennt, und in dieser Beziehung dürften alle -Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen, -was guten Ton, Etikette und jene feinsten und -zartesten Gebote des Anstands anbelangt, vor allem -was die Beobachtung der Mode in ihren letzten Einzelheiten -anbetrifft, so waren sie hierin selbst den Petersburger -und Moskauer Damen um eine Ellenlänge -voraus. Sie kleideten sich mit großem Geschmack, -fuhren in schönen Equipagen durch die Stadt: wie die -letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai -mit goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. -Eine Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf -einer Treff-Zwei oder einem Karo-Aß stand, eine heilige -Sache. Zwei Damen, die vordem große Freundinnen und -Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer Visitenkarte -ganz auseinander — eine von ihnen hatte es nämlich -unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. -Und so sehr sich ihre Männer und Verwandten nachher -bemühten, sie wieder zu versöhnen, es war vergebens — -es stellte sich vielmehr heraus, daß alles auf der Welt -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -möglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu versöhnen, -die sich wegen eines unterlassenen Gegenbesuches -verfeindet haben. Die Damen verharrten also in „gegenseitiger -Abneigung“, wie sich die Gesellschaft der Stadt -ausdrückte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebühre, -gab es auch eine Menge äußerst erregter Auftritte, -welche in den Herren oftmals höchst erhabene und -ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschützerrolle entstehen -ließen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natürlich -nicht, weil sie alle Zivilbeamte waren; dafür aber suchten -sie einander etwas am Zeuge zu flicken, wo sie nur -konnten, was bekanntlich unter Umständen weit schwieriger -ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen -der Stadt N. sehr streng und voll edler Entrüstung gegen alle -Laster und Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig -jede Schwäche, wo sie nur eine solche wahrnahmen. -Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam, was -man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im -Geheimen ab, und niemand ließ sich merken, was eigentlich -vorgegangen war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. -Selbst der Mann wurde rechtzeitig vorbereitet, -sodaß er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte -oder davon hörte, kurz und bündig antworten konnte: -„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß,“ wie das -Sprichwort sagt. Hier muß noch erwähnt werden, daß -die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger -Gefährtinnen stets einer großen Vorsicht und eines -sicheren Taktes in Worten und Ausdrücken befleißigten. -Niemals hörte man sie sagen: „Ich habe mich geschneuzt.“ -„Ich schwitze.“ „Ich habe ausgespuckt,“ -sondern sie drückten sich stattdessen folgendermaßen aus: -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -„Ich habe mir die Nase geputzt“ oder „Ich habe von -meinem Taschentuch Gebrauch gemacht.“ Unter keinen -Umständen aber durfte man sagen: „Dieses Glas oder -dieser Teller stinkt.“ Ja, man durfte nicht einmal etwas -sagen, was wie eine Anspielung darauf erscheinen konnte, -sondern, man wählte stattdessen einen Ausdruck wie den -folgenden: „Dieses Glas benimmt sich nicht gut“ oder -sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache -noch mehr zu veredeln, wurde nahezu die Hälfte aller -Worte aus dem Sprachgebrauch verbannt, weswegen -man sehr oft seine Zuflucht zum Französischen nehmen -mußte. Das war dann eine ganz andere Sache. Im -Französischen waren noch ganz andere, weit kräftigere -Worte gestattet als die oben erwähnten. Das also ist -es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflächlich -gesprochen, sagen läßt. Freilich, wenn man -etwas tiefer hineinblickte, so würden noch ganz andere -Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr gefährlich, -zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe -also an der Oberfläche und fahre fort. Bis dahin hatten -alle Damen merkwürdigerweise nur wenig von Tschitschikow -gesprochen, obwohl sie ihm natürlich, was seine -angenehmen und weltmännischen Umgangsformen anbelangt, -volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Aber -seitdem sich das Gerücht von seinen Millionen verbreitet -hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf seine sonstigen -Eigenschaften gelenkt. Übrigens waren unsere Damen -keineswegs eigennützig oder gar habgierig. An alledem -war nur das Wort Millionär — nicht der Millionär -selbst, sondern eben das Wort allein schuld; denn in -dem bloßen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, -welches in gleicher Weise auf die Schurken wie -auf die guten Menschen und auch die, welche weder das -eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; -mit einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. -Der Millionär hat den Vorzug, daß er die ganz uneigennützige -Niedertracht, die reine Niedertracht, die auf -keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht, vortrefflich -beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, -daß sie nichts von ihm bekommen werden und auch -gar keinen Anspruch darauf haben, und doch laufen sie -vor ihm her, lächeln ihm freundlich zu, nehmen den -Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu -einem Mittagessen, an dem der Millionär teilnehmen -wird. Man kann nicht sagen, daß diese sanfte Hinneigung -zur Niedertracht auch von den Damen geteilt wurde. -Allein man fing doch in vielen Salons an, darüber zu -reden, daß Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schönheit, -aber doch ein stattlicher Mann sei, wie er sein soll, und daß -er schon nicht mehr so hübsch wäre, wenn er auch nur -ein ganz klein wenig dicker und voller wäre. Bei -dieser Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende -Worte über die dünnen Männer: das seien ja eigentlich -Zahnstocher und keine Männer. An den Toiletten der -Damen konnte man auch allerhand Ergänzungen wahrnehmen. -Auf dem Tuchmarkt herrschte ein großes Gedränge, -man schob und stieß sich dort geradezu. Es -war die reinste Kirmeß. Soviel Equipagen reihten sich -aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie -sahen, daß ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe -mitgebracht und wegen ihres allzu hohen Preises bisher -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -nicht hatten loswerden können, eine gesuchte Ware -wurden und reißenden Absatz fanden. Während des -Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten -am Kleide eine Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, -daß er die ganze Kirche einnahm, und daß der -anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen mußte, -Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurückzuziehen, -um das Kleid der Gnädigen nicht zu beschädigen. -Auch Tschitschikow mußte schließlich etwas von der ungewöhnlichen -Aufmerksamkeit auffallen, die ihm gezollt -wurde. Als er eines schönen Tages zu sich nach Hause -kam, fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es -ließ sich durchaus nicht herausbekommen, von wem er -stammte und wer ihn gebracht habe: Der Kellner erzählte, -der Überbringer habe ihm verboten, zu sagen, -wer der Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt -und entschlossen an und zwar folgendermaßen: „Nein, -ich muß dir schreiben!“ Dann war davon die Rede, -daß es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und -diese Wahrheit fand ihre Bekräftigung in einer Reihe -von Punkten und Gedankenstrichen, welche beinahe eine -halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige Sentenzen, -deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, -daß wir es fast für unsere Pflicht halten, sie hier anzuführen: -„Was ist unser Leben? — Ein Tal, in dem -sich unsere Leiden angesiedelt haben. Was ist die -Welt? — Ein Haufen von Menschen, der nichts -empfindet.“ Hierauf erwähnte die Schreiberin, daß -sie die Briefe ihrer zärtlichen Mutter, welche seit fünfundzwanzig -Jahren nicht mehr auf der Welt sei, mit -Tränen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -eine Wüste zu folgen und die Stadt für immer zu -verlassen, wo die Menschen in der Gefangenschaft geistiger -Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende des -Briefes strömte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, -und folgende Zeilen bildeten den Abschluß: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zwei Turteltäubchen bringen</p> - <p class="verse">Dich flugs zum Grabesstein,</p> - <p class="verse">Sie werden girren und singen</p> - <p class="verse">Dir von meiner Todespein.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p> -In der letzten Zeile war zwar das Versmaß nicht ganz in -Ordnung, aber das machte nichts: der Brief war ganz im -Geiste der damaligen Zeit. Auch fehlte die Unterschrift, -der Vor- und Familienname, selbst Datum und Jahreszahl -fehlten. In einem Postskriptum hieß es bloß, -Tschitschikows eigenes Herz müsse die Schreiberin des -Briefes erraten, und auf dem Ball des Gouverneurs, -der morgen stattfinde, werde das Original persönlich zugegen -sein. -</p> - -<p> -Das war alles sehr interessant. In der Anonymität -lag soviel Reiz und Lockung, soviel was die Neugierde -herausforderte, daß Tschitschikow den Brief noch ein -zweites und drittes Mal überlas und schließlich ausrief: -„Es wäre doch höchst interessant, zu erfahren, wer -eigentlich die Schreiberin ist!“ Mit einem Wort, die -Sache begann ersichtlich eine ernste Wendung zu nehmen; -mehr als eine Stunde sann er über sein seltsames -Abenteuer nach, dann machte er eine nachlässige Gebärde, -ließ den Kopf herabsinken und murmelte: „Der Brief -hat doch etwas außerordentlich Geziertes!“ Hierauf -wurde der Bogen, wie sich das von selbst versteht, sorgfältig -zusammengefaltet und in die Schatulle gelegt, -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -wo er in nächster Nachbarschaft mit einem Theaterzettel -und einer Hochzeitseinladung zu liegen kam, welche nun -schon sieben Jahre unberührt auf demselben Flecke lag. -Bald darauf brachte man ihm tatsächlich eine Einladung -zum Ball beim Gouverneur. Das ist in Provinzstädten -etwas sehr Gewöhnliches: wo es einen Gouverneur -gibt, da muß es auch Bälle geben, sonst könnte es der -Adel leicht an der gebührenden Liebe und Achtung fehlen -lassen. -</p> - -<p> -Er ließ nun sofort alles nicht zur Sache Gehörige -liegen und machte sich davon frei, um sich voll und -ganz den Vorbereitungen zum Balle zu widmen; denn -dazu gab’s so manchen Sporn und Stachel. Dafür ist -aber wohl auch noch nie seit Erschaffung der Welt soviel -Zeit und Sorgfalt auf die Toilette verwendet worden. -Die Besichtigung und Prüfung des eigenen Angesichts vor -dem Spiegel nahm allein eine ganze Stunde in Anspruch. -Er versuchte es, seinem Antlitz eine ganze Reihe und -Skala verschiedenartigster Ausdrücke zu verleihen: bald -sollte es Ernst und Würde, bald eine gewisse durch ein -Lächeln gemilderte Achtung, bald wieder nur Achtung -ohne jedes Lächeln widerspiegeln; dann verbeugte er -sich einige Male vor dem Spiegel, welche Bewegung von -einigen unartikulierten Lauten begleitet wurde, die einige -Ähnlichkeit mit französischen Worten hatten, obwohl -Tschitschikow absolut kein Französisch verstand. Hierbei -bereitete er sich selbst eine Menge höchst angenehmer -Überraschungen, zwinkerte sich mit den Augenbrauen -und den Lippen zu und bewegte sogar die Zunge ein -paar Mal hin und her; du lieber Gott, was macht man -nicht alles, wenn man mit sich allein und sich bewußt -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -ist, daß man ein schöner Mann ist, und noch dazu die -sichere Überzeugung hat, daß niemand durch das -Schlüsselloch guckt. Endlich kraute er sich noch ein -bißchen am Kinn und sagte: „Ei, ei, du kleiner Bullenbeißer!“ -und begann sich anzuziehen. Während dieses -Prozesses befand er sich die ganze Zeit über in der -glücklichsten Stimmung: wenn er die Hosenträger anlegte, -oder sich den Schlips umband, machte er Kratzfüße, -anmutige Verbeugungen und sogar einen Luftsprung, -obwohl er nie tanzen gelernt hatte. Dieser -Luftsprung hatte nun allerdings einige Folgen, die -übrigens recht harmloser Natur waren: die Kommode -fing an zu zittern, und die Kleiderbürste fiel vom Tisch -herunter. -</p> - -<p> -Sein Erscheinen auf dem Ball machte einen ganz -außerordentlichen Eindruck. Alle Anwesenden eilten ihm -entgegen — der eine hatte noch ein Spiel Karten in -der Hand, ein anderer brach das Gespräch am interessantesten -Punkte ab, als er gerade sagte: „Und denken Sie, -hierauf erwiderte das Kreisgericht ...“ Was das -Kreisgericht eigentlich erwiderte, führte er gar nicht -mehr aus, und stürmte auf unseren Helden los, um -ihn zu begrüßen: „Pawel Iwanowitsch!“ „O, mein Gott, -Pawel Iwanowitsch!“ „Lieber Pawel Iwanowitsch!“ -„Verehrtester Pawel Iwanowitsch!“ „Pawel Iwanowitsch, -Herzchen!“ „Da sind Sie ja Pawel Iwanowitsch!“ -„Da ist er, <em>unser</em> Pawel Iwanowitsch!“ „Lassen -Sie sich umarmen, Pawel Iwanowitsch!“ „Her mit -ihm, seien Sie recht herzlich geküßt, mein teurer -Pawel Iwanowitsch!“ Tschitschikow fühlte, wie er fast -gleichzeitig von mehreren umarmt wurde. Er hatte -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -noch nicht Zeit, sich aus der Umarmung des Gerichtspräsidenten -zu befreien, als ihn schon der Polizeimeister -in <em>seine</em> Arme schloß, dieser gab ihn an den Inspektor -des Sanitätswesens weiter, der Inspektor an den Branntweinpächter, -der Branntweinpächter an den Stadtbaumeister -.... Der Gouverneur, der währenddessen -mit ein paar Damen zusammenstand und in der einen -Hand einen Zettel aus einer Bonbonniere, in der andern -ein Bologneserhündchen hielt, ließ, als er Tschitschikow -erblickte, beides — Zettel und Hündchen — auf den -Boden fallen, sodaß das Hündchen laut aufheulte ... -mit einem Wort, der Ankömmling verbreitete Heiterkeit -und Freude um sich her. Es gab kein Gesicht, das -nicht vor Vergnügen strahlte, oder doch wenigstens etwas -von der allgemeinen Freude widerspiegelte. So glänzen -die Gesichter der Beamten während des Besuchs ihres -Chefs, der gekommen ist, die ihrer Leitung unterstehenden -Ressorts zu inspizieren; nachdem der erste Schreck -vorüber ist, bemerken sie, daß manches seinen Beifall -findet, ja daß er sich sogar leutselig zu einem kleinen -Scherz herabläßt, d. h. ein paar Worte sagt und angenehm -dazu lächelt — und nun lachen die ihn umringenden, -ihm zunächst stehenden Beamten doppelt -herzlich, und ebenso herzlich lachen jene, die zwar die -gesprochenen Worte kaum gehört und noch weniger verstanden -haben, ja selbst der weit abseits an der Tür -stehende Polizist, der noch nie in seinem Leben gelacht, -und eben erst dem Volke die Faust gezeigt hat — selbst -er verzieht nach den unwandelbaren Gesetzen der Reflexion -und der Nachahmung sein Gesicht zu einem Lächeln, -welches aber so wenig Ähnlichkeit mit einem Lächeln -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -hat, daß man eher meinen könnte, er habe eine starke -Prise genommen und müsse nun niesen. Unser Held -beglückte alle und jeden einzelnen mit einer Antwort -und fühlte sich ganz außergewöhnlich leicht und sicher: -er verneigte sich nach rechts und nach links, und zwar -etwas seitwärts, wie das seine Gewohnheit war, aber -doch so ungezwungen, daß er alle Anwesenden entzückte. -Die Damen umringten ihn sogleich wie eine glänzende -Girlande und hüllten ihn in eine Wolke von Wohlgerüchen -aller Art ein: die eine roch nach Rosen, die -andere brachte den Duft von Veilchen und Frühling -mit, die dritte strömte einen starken Resedaduft -aus. Tschitschikow hob bloß die Nase und zog -den süßen Duft ein. In ihren Toiletten entwickelten -sie unendlich viel Geschmack; die Farben ihrer Mousselin-, -Atlas- und Tüllstoffe waren von einer so modernen -Blässe und Mattigkeit, daß es schwer wäre, auch nur -einen Namen für jede Nuance zu finden — eine solche -Höhe und Feinheit hatte Kultur und Geschmack hier -erreicht! Schleifen, Bänder und Blumensträuße umflatterten -die Kleider in malerischer Unordnung, obwohl -an dieser Unordnung manch ordentlicher Kopf sich -viele Stunden abgemüht hatte. Der leichte Kopfputz -ruhte allein auf den Ohren und schien sagen zu wollen: -„Halt! Ich fliege fort! Schade nur, daß ich meine -Schöne nicht mit mir forttragen kann!“ Sie hatten -alle stark und eng geschnürte Taillen, welche dem -Auge feste und angenehme Formen darboten. (Bei -dieser Gelegenheit muß ich erwähnen, daß alle Damen -der Stadt N. sich durch eine gewisse Fülle auszeichneten, -aber sie verstanden es, sich so kunstvoll zu schnüren -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -und hatten dabei so angenehme Umgangsformen, daß -man es ihnen garnicht anmerkte, daß sie dick waren). -Alles war bei ihnen wohldurchdacht und zeugte von Umsicht -und Ueberlegung: der Hals und die Schultern -waren nur gerade so weit entblößt, als es unumgänglich -notwendig war, auch nicht um einen Zoll weiter: eine -jede zeigte von ihren Besitzungen nur gerade soviel, als -nach ihrem eigenen Gefühl und ihrer Überzeugung nötig -war, um einen Mann zugrunde zu richten; der Rest -war mit großem Takt und Geschmack verhüllt und -zugedeckt: irgend ein leichtes Halstuch aus einem Band, -das noch leichter und luftiger war, als jenes Gebäck, -welches unter dem Namen „Baiser“ oder „Kuß“ bekannt -ist, schlang sich ätherisch um den Hals, oder es -ragte im Nacken unter dem Kleide eine kleine Spitzenwand -aus feinem Battist hervor, die man bei uns zu -Lande „Sittenschild“ zu nennen pflegt. Diese Spitzenwand -bedeckte vorn und hinten all das, was zwar -keinen Mann mehr zugrunde richten konnte, doch aber -den Argwohn rege hielt, daß gerade hier das eigentliche -Verderben lauere. Lange Handschuhe, die nicht ganz -bis zu den Ärmeln reichten, ließen die reizenden Teile -des Armes oberhalb des Ellenbogens frei, welche bei -vielen eine beneidenswerte Fülle erkennen ließen; bei -manchen waren die Glacéhandschuhe sogar geplatzt, da -sie zu hoch hinaufgeschoben waren — mit einem -Wort, es war so, als ob ein jedes Ding hätte sagen -wollen: „Nein, dies ist keine Provinz, das ist Paris!“ -Nur hie und da guckte plötzlich eine Haube, wie noch -nie ein Mensch sie gesehen hat, oder eine Pfauenfeder, -oder sonst was, das jeder Mode Hohn sprach und einer -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -Eingebung des eigensten Geschmackes entsprang, hervor. -Aber ohne das geht es halt nicht ab — das ist nun -einmal die Eigentümlichkeit einer Provinzstadt: es gibt -immer einen Punkt, wo sie sozusagen aus der Rolle -fällt. Tschitschikow stand vor den Damen und dachte -sich: „Welche ist denn nun aber die Verfasserin des -Briefes?“ Er versuchte es, einen Augenblick seine Nase -hervorzustrecken; aber da stieß er mit ihr gegen eine -ganze Reihe von Ellenbogen, Aufschlägen, Ärmeln, -Schleifen, duftigen Hemdchen und Kleidern. Eine wilde -Galoppade jagte wie toll an ihm vorüber: die Frau -des Postmeisters, der Kreisrichter, eine Dame mit einer -blauen Feder, eine Dame mit einer weißen Feder, der -Georgische Prinz Tschiphaihilidsew, ein Beamter aus -Petersburg, ein Beamter aus Moskau, ein Franzose -namens Coucou, ein Herr Perchunowski und ein Herr -Berebendowski — dies alles wuchs plötzlich vor ihm -aus der Erde und stürmte davon .... -</p> - -<p> -„Da haben wir die Provinz!“ murmelte Tschitschikow, -indem er zurückwich. Aber als sich dann die -Damen auf ihre Plätze begaben, fing er wieder an, -auszuschauen, ob er nicht nach dem Ausdruck des Gesichts -und der Augen erkennen könne, welche die Verfasserin -des Briefes sei; allein weder die Gesichter noch -die Augen wollten ihm verraten, wer die Unbekannte -sei. Überall auf jedem Antlitz schwebte etwas kaum -Merkliches, unendlich Feines — oh! wie Feines ...! -„Nein,“ sagte Tschitschikow zu sich selbst: „Die Frau — -das ist ein Objekt“ — hierbei machte er eine sprechende -Handbewegung — „darüber ist überhaupt kein Wort -zu verlieren! Es soll mal einer versuchen, all das zu -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -erzählen oder wiederzugeben, was über ihr Gesicht -huscht, all diese Schlangenwindungen und dies Wellengekräusel -... das läßt sich eben garnicht ausdrücken! -Ihre Augen allein sind ein so unendliches, grenzenloses -Reich, wenn sich da ein Mensch hinein verirrt, dann -ist er verloren! Da holt ihn kein Haken und keine -Winde wieder heraus. Versuch’ doch mal einer ihren -Glanz zu beschreiben: diesen feuchten, samtnen, zuckersüßen -Glanz ... Gott allein weiß, was es nicht alles -für Arten solchen Glanzes gibt: einen harten und -weichen, ja selbst einen matten oder wie einige sich ausdrücken, -‚wonnetrunkenen‘ Glanz und dann wieder einen -ohne Trunkenheit, der aber noch weit gefährlicher ist — -der einen nur so beim Herzen packt und wie mit dem -Fidelbogen über die Seele fährt. Nein, da findet man -kein Wort dafür: Es ist halt die ‚jalante‘ Hälfte des -Menschengeschlechts und weiter nichts!“ -</p> - -<p> -Oh weh! Ich fürchte, unserem Held entschlüpfte -ein Wort, das er von der Straße her kannte. Aber was -soll ich tun? Das ist nun einmal das Los des Schriftstellers -in Rußland! Aber selbst wenn ein Wort von -der Straße in dies Buch hineingetragen wäre, so ist -das nicht die Schuld des Schriftstellers, sondern die der -Leser und vor allem der Leser aus den besseren Gesellschaftskreisen: -sie sind die ersten, von denen man kein -anständiges russisches Wort zu hören bekommt, sie beglücken -euch mit deutschen, französischen und englischen -Reden in solchem Übermaß, daß man gern darauf -verzichten würde, und selbst mit Beibehaltung und -Wahrung jeder nur möglichen Aussprache: sprechen das -Französisch durch die Nase oder schnarren es, reden -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -englisch wie irgend ein Vogel es nicht besser fertig -brächte, ja sie machen ein richtiges Vogelgesicht dazu -und lachen einen noch aus, wenn man ihnen dies nicht -nachmachen kann. Das einzige, was sie sorgfältig vermeiden, -ist alles Russische — höchstens lassen sie sich -auf dem Lande eine Villa in russischem Stile bauen. -So sind nun mal die Leser aus den höheren Ständen, -und alle, die sich selbst zu den höheren Ständen rechnen! -Aber andererseits wieder: welche Strenge, welche Ansprüche! -Sie wollen durchaus, daß alles in einem -absolut korrekten, reinen und edlen Stile abgefaßt werde — -wollen mit einem Wort, daß die russische Sprache wie -von selbst, ganz reif und fertig aus den Wolken herabfalle -und sich ihnen auf die Zunge setze, sodaß sie nur -den Mund zu öffnen und ihr freien Lauf zu lassen -brauchen. Die weibliche Hälfte des Menschengeschlechts -ist freilich höchst rätselhaft; aber ich muß gestehen, die -verehrten Herren Leser sind mir oft noch weit rätselhafter. -</p> - -<p> -Unterdessen wurde Tschitschikows Ratlosigkeit immer -größer, wie er die Verfasserin des Briefes unter allen -anwesenden Damen herauserkennen sollte. Er machte -noch einen Versuch, jede einzelne von den Damen mit -forschendem Blick zu mustern und bemerkte, daß in -den Augen der holden Weiblichkeit ein Etwas aufblitzte, -was Hoffnung und süße Qual ins Herz des -armen Sterblichen einziehen ließ, sodaß er schließlich -ausrief: „Nein, es ist vergebens, ich errate es doch -nicht!“ Das hatte indessen nicht den geringsten Einfluß -auf seine gute Laune, die ihn die ganze Zeit über nicht -verließ. In seiner galanten ungezwungenen Art wechselte -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -er ein paar liebenswürdige Worte mit einigen Damen, -ging mit schnellen kleinen Schritten bald auf die eine -und bald auf die andere zu, wie das jene alten Gecken -auf hohen Absätzen, welche man in Rußland „Mäusehengste“ -nennt, zu tun pflegen, die sich gewandt -und leicht um die Damen herumbewegen. Wenn er -sich schnell und sicher zwischen den einzelnen Menschengruppen -durchgewunden hatte, machte er einen Kratzfuß -und schlug dabei mit dem Füßchen ein wenig aus, -was gewissermaßen die Bedeutung eines Schnörkels -oder eines Häkchens am Namenszug hatte. Die Damen -waren sehr glücklich und befriedigt und entdeckten an -ihm nicht nur einen ganzen Haufen von angenehmen -und liebenswürdigen Seiten, sondern fanden sogar etwas -Majestätisches, Kriegerisches und Martialisches im Ausdruck -seines Gesichts, was den Frauen bekanntlich sehr -gefällt. Ja man hätte sich seinetwegen beinahe ein -wenig gezankt: es war bald von vielen bemerkt worden, -daß Tschitschikow meist in der Nähe der Türe stand, -und nun suchte alles die der Türe zunächstehenden Stühle zu -besetzen, und als hierbei eine der Damen einer andern -zuvorkam, hätte es beinahe einen unangenehmen Auftritt -gegeben, wobei viele, die es selbst gern ebenso -gemacht hätten, höchst empört über diese Unverfrorenheit -und Taktlosigkeit waren. -</p> - -<p> -Tschitschikow verwickelte sich bald in eine lebhafte -Unterhaltung mit den Damen, oder wurde vielmehr -von diesen in eine lebhafte Unterhaltung verwickelt, -wobei er von ihnen mit einer wahren Fülle -höchst feiner und geistreicher allegorischer Bemerkungen -überschüttet wurde, die alle gedeutet und enträtselt -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -werden mußten, so daß ihm der Schweiß auf die -Stirn trat, und er sogar die vornehmste Anstandsregel -zu erfüllen vergaß: nämlich der Frau des Hauses -seine Aufwartung zu machen. Er erinnerte sich erst -daran, als er dicht neben sich die Stimme der Frau -Gouverneurin vernahm, die ihm schon einige Minuten -lang gegenüberstand. Die Gouverneurin schüttelte freundlich -den Kopf und sagte in zärtlichem und etwas -schelmischem Tone zu ihm: „So sind Sie also, Pawel -Iwanowitsch! ...“ Ich kann die Rede der Gouverneurin -hier nicht genau reproduzieren, ich weiß nur, -daß sie ihm einige äußerst freundliche und liebenswürdige -Worte sagte, in der Art, wie sich die Damen -und Kavaliere in den Romanen und Erzählungen -unserer vornehmsten Schriftsteller auszudrücken pflegen, -die mit besonderer Vorliebe das Leben in unseren Salons -beschreiben und bei dieser Gelegenheit merken lassen, -daß sie große Kenner des feinen Tones sind: sie sagte -etwa: „Hat man sich bereits so sehr Ihres Herzens bemächtigt, -daß darin gar kein Plätzchen, ja nicht einmal -ein kleiner Winkel für die übrig geblieben ist, die Sie -in so hartherziger Weise vergessen konnten?“ Unser -Held wandte sich sogleich an die Gouverneurin und -war schon im Begriff, ihr mit einer Antwort aufzuwarten, -die sicherlich nicht schlechter gewesen wäre, -als die, welche wir in unseren modernen Romanen und -Novellen von den Swonskijs, Linskis, Lidins, Gremins -und andern weltmännisch-gewandten Militärpersonen -hören können, als er unwillkürlich die Augen aufschlug -und plötzlich wie vom Schlage gerührt stehen blieb. -</p> - -<p> -Vor ihm stand die Gouverneurin, aber nicht allein: -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -sie hielt ein sechzehnjähriges junges Mädchen am Arm, -eine frische Blondine, mit feinen regelmäßigen Zügen, -spitzem Kinn und schön gerundetem Oval des Gesichts, -das wohl einem Künstler als Modell zu einer Madonna -hätte dienen können, wie man es in Rußland nur -selten findet, wo alle Dinge mehr ins Weite schweifen: -Berge und Wälder, Steppen, Gesichter, Lippen und -Füße — es war dieselbe Blondine, welcher er unterwegs -begegnet war, als er von Nosdrjow kam, und als -ihre Wagen durch die Dummheit der Kutscher oder der -Pferde auf so seltsame Weise zusammenstießen und mit -ihrem Geschirr in einander gerieten, und als Onkel -Mitjai und Onkel Minai den Knoten der Verwirrung -lösen wollten. Tschitschikow wurde so verlegen, daß er -kein vernünftiges Wort über die Lippen bringen konnte -und einen so tollen Blödsinn herausstotterte, wie ihn -allerdings weder Gremin noch Swonskij noch Lidin jemals -vom Stapel gelassen hätten. -</p> - -<p> -„Kennen Sie meine Tochter noch nicht?“ sagte die -Gouverneurin. „Sie hat soeben das Pensionat verlassen.“ -</p> - -<p> -Er erwiderte, er habe bereits das Vergnügen gehabt, -ganz unerwartet ihre Bekanntschaft zu machen; -dann wollte er noch etwas hinzufügen, aber das mißglückte -ihm vollständig. Nachdem die Gouverneurin -noch ein paar Worte gesagt hatte, entfernte sie sich mit -ihrer Tochter nach dem andern Ende des Saals, um -sich den andern Gästen zu widmen, und ließ Tschitschikow -wie angewurzelt stehen. Lange noch stand er auf -demselben Fleck wie ein Mensch, welcher heiter auf die -Straße hinaustritt, um einen Spaziergang zu machen, -dessen Augen jedem Eindruck der Umgebung offen stehen, -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -und der plötzlich stehen bleibt, weil er sich erinnert, daß -er noch etwas vergessen hat; man kann sich überhaupt -nichts Unbehilflicheres vorstellen, als solch einen Menschen: -Mit einem Schlage ist die unbesorgte Miene von seinem -Gesichte verschwunden. Mühsam sucht er sich zu erinnern, -was er denn eigentlich vergessen hat: das Taschentuch? -Aber das Taschentuch steckt in der Tasche! Sein Geld? -Aber auch das Geld ist da! Nichts scheint zu fehlen, und -doch raunt ihm ein unbekannter Dämon ins Ohr, -er habe dennoch etwas vergessen. Verwirrt und kopflos -blickt er auf die vorüberwogende Menge, die vorbeijagenden -Equipagen, auf die Helme und Gewehre der -Soldaten, die Aushängeschilder usw. und doch kommt -ihm nichts klar zu Bewußtsein. So auch wurde -Tschitschikow allem entfremdet, was um ihn her vor -sich ging. Unterdessen flogen ihm von duftigen Frauenlippen -mancherlei Fragen und Anspielungen zu, die -Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. „Dürften wir <a id="corr-83"></a>armen -Erdenbewohner uns wohl erkühnen, Sie zu fragen, -worüber Sie nachsinnen?“ — „Wo liegen die seligen -Gefilde, wo Ihr Gedanke weilt?“ — „Kann man den -Namen derjenigen erfahren, die Sie in dieses holde Tal -der Träume gelockt hat?“ Aber er beachtete keine -dieser Fragen, und die freundlichen Worte waren wie in -den Wind gesprochen, ja er war so unliebenswürdig, daß -er die Damen ruhig stehen ließ und sich nach der andern -Seite des Saales begab, um auszuspähen, wohin die -Gouverneurin mit ihrer Tochter entschwunden war. Aber -die Damen wollten ihn doch nicht so leichten Kaufes -davonkommen lassen — eine jede von ihnen war innerlich -fest entschlossen, keins von jenen Mitteln, die unsern -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -Herzen so gefährlich werden und keinen ihrer stärksten Reize -unbenutzt zu lassen. Hier muß ich einschalten, daß -einige Damen, ich sage einige und keineswegs alle — an -einer kleinen Schwäche leiden: wenn sie etwas Reizvolles -an sich bemerken, sei es nun die Stirn, der Mund -oder die Hände — dann denken sie gleich, dieser höchste -Vorzug müsse auch allen anderen sofort auffallen, -sodaß alle wie ein Mann ausrufen sollten: „Seht, -seht doch nur, was sie für eine herrliche griechische Nase -hat!“ oder „Welch eine entzückende regelmäßige Stirn!“ -Hat aber gar eine schöne Schultern, dann ist sie im -voraus überzeugt, daß alle jungen Leute von ihrem -Anblick ganz benommen sind und unbedingt ausrufen -werden, wenn sie vorübergeht: „Nein, was hat sie für -herrliche Schultern!“ während sie Gesicht, Haare, Augen -und Stirne keines Blickes würdigen, und wenn sie doch -hinsehen, diese Dinge als etwas ganz Nebensächliches -behandeln werden. Wie gesagt, so denken einzelne unter -den Damen. Diesen Abend aber hatte sich eine jede -geschworen, beim Tanz so entzückend wie möglich zu -erscheinen und die Vorzüge ihrer größten Reize in -vollem Glanze erstrahlen zu lassen. Die Frau Postmeisterin -ließ, während sie sich nach den Klängen eines -Walzers drehte, ihr Köpfchen so matt und müde auf -die Schulter sinken, daß man sich wirklich in eine -höhere Welt versetzt glaubte. Eine äußerst liebenswürdige -Dame, welche garnicht in der Absicht zu tanzen -auf den Ball gekommen war, und bei der sich eine -kleine Unannehmlichkeit oder Inkommodität, wie sie sich -selbst ausdrückte, in Form eines Hühnerauges von der -Größe einer Erbse auf dem rechten großen Zeh eingestellt -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -hatte, sodaß sie sogar Plüschstiefel hatte anziehen -müssen, — selbst diese litt es nicht auf ihrem Platze, -und auch sie machte einige Walzertouren in ihren -Plüschstiefeln, nur damit der Postmeisterin ihre Triumphe -nicht allzusehr zu Kopfe stiegen. -</p> - -<p> -Aber dies alles übte nicht die gewünschte Wirkung -auf Tschitschikow; er blickte kaum hin auf die Pas und -Figuren, welche die Damen ausführten, sondern erhob -sich nur immer auf den Zehenspitzen, um über die Köpfe -hinweg auszuschauen, wo sich die interessante Blondine -gerade befand; bald hockte er wieder ein wenig nieder, -um zwischen Schultern und Armen etwas von ihr zu -erhaschen; und jetzt endlich hatte er gefunden, er sah -sie neben der Mutter sitzen, über deren Haupt sich -majestätisch eine Art orientalischer Turban mit einer Feder -schaukelte. Fast schien es, als wolle er die Festung im -Sturme nehmen. War es die Frühlingsstimmung, die -so stark auf ihn wirkte, oder gab es jemand, der ihn -von hinten stieß? Genug, er drängte sich entschlossen -und unter Mißachtung aller Hindernisse bis zu ihnen -durch: der Branntweinpächter erhielt von ihm einen -Rippenstoß, daß er sich nur mit Not auf einem Beine -zu erhalten vermochte, was noch ein Glück war, da er -sonst den ganzen Reigen bei seinem Falle in Mitleidenschaft -gezogen hätte; auch der Postmeister sprang zurück -und sah ihn mit Staunen an, in das sich etwas wie feine -Ironie mischte; aber Tschitschikow würdigte sie keines -Blickes: er hatte für nichts ein Auge, als für die ferne Blondine, -die gerade im Begriff war, einen langen Handschuh -anzuziehen und sicherlich vor Verlangen brannte über das -Parkett dahinzuschweben. Währenddessen holzten in -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -der andern Ecke schon vier Paare eine Mazurka ab: die -Absätze zerstießen fast den Boden, und ein Hauptmann -der Armee arbeitete mit Leib und Seele, Händen und -Füßen, indem er sich in solchen Figuren produzierte, wie -sie die lebhafteste Phantasie sich nicht hätte träumen -lassen. Tschitschikow schoß fast über die Füße der Tänzer -hinweg geradenwegs auf den Platz zu, wo die Gouverneurin -mit ihrer Tochter saß. Allein, er näherte sich -ihnen doch nur sehr zaghaft und trippelte nicht so forsch -und keck mit den Füßen, ja er wurde sogar etwas verlegen -und in all seinen Bewegungen kam eine gewisse -Hilflosigkeit zum Ausdruck. -</p> - -<p> -Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in -unserm Helden sich wirklich etwas wie Liebe regte; es -ist sogar zweifelhaft, ob Männer wie er, oder solche, -die nicht gerade dick, aber doch auch nicht allzu dünn -sind, überhaupt der Liebe fähig sind; und doch spielte -sich hier etwas so Seltsames ab, daß er es sich selbst -nicht erklären konnte: es kam ihm so vor, wie er es -nachher selbst eingestand, als ob der ganze Ball mit all -seinem Rausch und Trubel auf einige Augenblicke wie -in weite Ferne gerückt sei, die Geigen und Trompeten -schienen wie hinter den Bergen zu verhallen, und alles -lag wie im Nebel gehüllt da, der einem nachlässig hingemalten -Felde auf einem Gemälde glich. Und von -dem Hintergrunde dieses trüben, nachlässig auf die Leinwand -geworfenen Feldes hoben sich allein die feinen -Züge der entzückenden jungen Blondine scharf und -deutlich ab: das reizende Oval ihres Gesichtes, ihre -schlanke elastische Gestalt, wie man sie nur bei einem -jungen Mädchen trifft, das eben aus dem Pensionate -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -kommt, ihr beinahe schlichtes weißes Kleid, welches sich -frei und leicht an die zarten jungen Glieder schmiegte, -und überall die herrlichen reinen Linien erkennen ließ. -So glich sie einem wunderbaren, kunstvoll geschnitzten -Spielzeug aus Elfenbein; sie allein leuchtete schneeweiß, -klar und hell aus der trüben dunkelen Masse hervor. -</p> - -<p> -Es ist wohl nicht anders auf dieser Welt; offenbar -werden auch die Tschitschikows einmal in ihrem Leben, -wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, zu Dichtern; -doch das Wort <em>Dichter</em> ist ein wenig übertrieben. -Wenigstens kam er sich in diesem Moment ganz wie -ein junger Mann oder gar wie ein fescher Husar vor. -Sowie ein Stuhl neben der Schönen frei wurde, nahm -er sofort auf ihm Platz. Das Gespräch wollte zuerst -nicht recht vom Flecke kommen, aber nach einiger Zeit -kam es in Fluß, er bekam sogar Mut, aber .... -Hier muß ich zu meinem großen Bedauern bemerken, -daß ältere, würdige Leute, die wichtige Ämter im Staate -bekleiden, gerade in der Unterhaltung mit Damen ein -bißchen schwerfällig werden; so richtig raus haben das -nur die Leutnants, dagegen gilt dies nicht mehr für die -höheren Offiziere, vom Hauptmann aufwärts. Wie sie -das anfangen, das weiß der liebe Gott: es sind doch -wahrhaftig keine abgrundtiefen Dinge, die sie da vorbringen, -aber die jungen Mädchen schütteln sich auf ihren -Stühlen vor Lachen; dagegen kann euch ein Staatsrat die -wundersamsten Dinge erzählen: sich etwa darüber verbreiten, -daß Rußland ein gewaltiges Reich ist, oder ein -Kompliment vom Stapel lassen, das natürlich nicht ohne -Geist ist, aber dies alles schmeckt doch zu sehr nach Bücherweisheit, -und wenn er etwas Komisches sagt, dann lacht -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -er sicherlich unvergleichlich viel mehr darüber, als seine -Dame. Ich mache diese Bemerkung an dieser Stelle, -damit die Leser verstehen, warum unsere Blondine -während der Erzählungen unseres Helden zu -gähnen begann. Unser Held aber schien das garnicht -zu bemerken und fuhr fort all die schönen Dinge auszukramen, -die er schon mehrfach und bei verschiedenen -Gelegenheiten zum Besten gegeben hatte, und zwar: -im Gouvernement Simbirsk bei Sophron Iwanowitsch -Bespetschny, in Gegenwart von dessen Tochter Adelheide -Sophronowna und drei Schwägerinnen: Marha Gawrilowna, -Alexandra Gawrilowna und Adelheid Gawrilowna; -ferner bei Fjoder Fjodorowitsch Perekrojew im Gouvernement -Rjasan; bei Frol Wossiljewitsch Pobedonski im -Gouvernement Pensa und bei dessen Bruder Pjotr -Wassiljewitsch, in Gegenwart von dessen Schwägerin -Katarina Michailowna und deren Enkelkindern: Rosa -Fjodorowna und Emilia Fjodorowna; und endlich im -Gouvernement Wjatka bei Pjotr Warßonowjewitsch in -Gegenwart der Schwester seiner Schwiegertochter -Pelageja Jegorowna und seiner Nichte Sofja Rostislawna -und deren beiden Stiefschwestern Sofja Alexandrowna -und Maklatura Alexandrowna. -</p> - -<p> -Tschitschikows Benehmen erregte das Mißfallen aller -Damen. Eine von ihnen ging absichtlich an ihm vorbei, -um ihm dies zu verstehen zu geben, und streifte die -Blondine sogar etwas nachlässig mit der breiten Schleppe -ihres Kleides, während sie den Shawl, der um ihre -Schultern flatterte, so dirigierte, daß sie die junge Dame -mit dem Zipfel gerade ins Gesicht traf; um dieselbe -Zeit entfloh dem Munde einer anderen Dame hinter -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -Tschitschikows Rücken zugleich mit dem Veilchengeruch -der von ihr ausströmte, eine recht boshafte und bissige -Bemerkung. Aber sei es nun, daß er in der Tat -nichts davon gehört hatte, sei es, daß er bloß so tat, -als ob er nichts höre, genug, seine Handlungsweise war -in diesem Falle nicht sehr korrekt und schön, denn man -soll etwas auf die Meinung der Damen geben: er -sollte seinen Fehler bereuen, aber leider erst nachher, als -es schon zu spät war. -</p> - -<p> -Eine wirklich berechtigte Empörung malte sich in -vielen Zügen. So groß auch Tschitschikows Ansehen in -der Gesellschaft war, so sehr man davon überzeugt war, -daß er Millionär sei, und obwohl sein Gesicht einen -majestätischen und sogar martialischen Ausdruck hatte, — -es gibt Dinge, welche die Damen keinem Manne verzeihen, -er mag sein, wer er will, und sein Untergang -ist besiegelt. Es gibt Fälle, wo die Frau, so charakterschwach -sie auch im Vergleich mit dem Manne ist, -plötzlich nicht nur fester und unbeugsamer wird, als der -<em>Mann</em>, sondern <em>als alles in der Welt</em>. Die -Mißachtung, die Tschitschikow, ohne es eigentlich selbst -zu bemerken, den Damen erwiesen hatte, führte wieder -zum Frieden und zur Einigung, die durch den Vorfall -mit dem Stuhl beinahe in die Brüche gegangen wäre. -In den von ihm leicht hingeworfenen ganz unwichtigen -und belanglosen Reden entdeckte man plötzlich boshafte -und spitzige Anspielungen. Um das Unglück zu vollenden, -hatte noch ein junger Mann ein paar satirische Strophen -auf die Tänzer gedichtet, ohne das es bekanntlich bei -Bällen in der Provinz, beinahe nie abgeht. Sofort -wurden diese Verse Tschitschikow zugeschrieben. Die -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -Empörung wurde immer größer, die Damen standen -in den verschiedenen Ecken des Saales zusammen und -tuschelten miteinander, wobei einige sehr unfreundliche -Äußerungen über ihn fielen; die arme Blondine aber -ward vollkommen vernichtet, ihr Todesurteil war unterschrieben. -</p> - -<p> -Inzwischen wartete unseres Helden eine höchst peinliche -Überraschung; während seine junge Nachbarin gähnte, -und er ihr allerhand Geschichten aus den entferntesten -Zeitläuften erzählte, und sogar den griechischen Philosophen -Diogenes erwähnte, erschien plötzlich Nosdrjow auf der -Bildfläche, der gerade aus einem der hinteren Zimmer -in den Saal trat. Kam er aus dem Restaurationsraum -oder war er aus dem kleinen grünen Zimmer entsprungen, -wo nicht bloß Whist, sondern weit weniger harmlose -Spiele gespielt wurden, erschien er aus freien Stücken, -oder war er herausgeschmissen worden, genug, er trat -plötzlich fröhlich und sehr aufgeräumt in den Saal, den -Staatsanwalt am Arme, den er wohl schon eine ganze -Weile mit sich herumschleppte, denn der arme Staatsanwalt -runzelte seine Stirne und schaute nach allen -Seiten aus, wahrscheinlich weil er darüber nachsann, wie -er sich von seinem freundlichen Reisebegleiter befreien -könne. Und in der Tat, seine Lage war wirklich unerträglich. -Nosdrjow hatte zwei Tassen Tee — natürlich -nicht ohne Rumzusatz heruntergeschlürft und sich Mut -getrunken. Jetzt log er wieder, daß sich die Balken bogen. -Als Tschitschikow ihn von ferne erblickte, entschloß er sich -sogar ein Opfer zu bringen, das heißt seinen angenehmen -Platz zu verlassen, und sich so schnell als möglich zu entfernen: -denn er versprach sich nichts Gutes von dieser -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -Begegnung. Aber wie zum Trotz tauchte plötzlich der -Gouverneur neben ihm auf, um ihm seine große Freude -darüber auszudrücken, daß er Pawel Iwanowitsch endlich -gefunden habe, und hielt ihn fest, indem er ihn -bat, Schiedsrichter in einem kleinen Streit mit zwei -Damen zu sein; man konnte sich nämlich nicht darüber -einigen ob die Liebe der Frau von Dauer sei oder nicht; -jetzt aber hatte Nosdrjow ihn schon bemerkt und ging -geradewegs auf ihn zu: -</p> - -<p> -„Ah! Der Chersoner Gutsbesitzer! Der Chersoner -Gutsbesitzer!“ schrie er, während er näher kam und so -laut lachte, daß seine frischen Backen, die so rot waren -wie Frühjahrsrosen, nur so zitterten: „Nun? Hast -du viel Tote gekauft? Sie wissen doch Exzellenz!“ -schrie er aus vollem Halse, indem er sich an den -Gouverneur wandte, „er handelt mit toten Seelen! -Bei Gott! Hör mal Tschitschikow! Hör doch, ich sag -dir’s in aller Freundschaft, wir sind doch hier unter -lauter Freunden, da ist ja auch Seine Exzellenz, ich -würde dich hängen lassen, bei Gott, ich lasse dich hängen!“ -</p> - -<p> -Tschitschikow wußte nicht mehr, wie ihm wurde. -„Sie werden mir’s nicht glauben, Exzellenz!“ fuhr -Nosdrjow fort: „wie er mir sagte: ‚Hör mal, verkauf -mir doch deine toten Seelen,‘ da bin ich fast geplatzt -vor Lachen. Dann komme ich in die Stadt, und da -sagt man mir, er habe drei Millionen Bauern gekauft, -die er zur Kolonisation verwenden will, schöne Kolonisation -das! Er wollte mir doch Tote abkaufen. Hör -mal Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du -bist ein Schwein! Da ist ja auch seine Exzellenz, nicht -wahr, Herr Staatsanwalt?“ -</p> - -<p> -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -Aber der Staatsanwalt und Tschitschikow waren so -verlegen und verwirrt, daß sie gar keine Antwort fanden; -unterdessen aber fuhr Nosdrjow, der ein wenig angeheitert -war, ohne auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen, -in seiner Rede fort: „Ja, ja mein Bester ... ich lasse -dich nicht eher los, als bist du mir sagst, wozu du die -toten Seelen gekauft hast. Hör mal, Tschitschikow, du -solltest dich schämen; du weißt ja selbst, daß du keinen -besseren Freund hast, als mich. Sieh mal, da ist ja -auch Seine Exzellenz ... nicht wahr, Herr Staatsanwalt? -Sie werden es nicht glauben, Exzellenz, wie -wir aneinander hängen, tatsächlich, wenn Sie mich fragten -— hier steh ich, und wenn Sie mich fragten: ‚Nosdrjow, -sag mal auf Ehre und Gewissen, wer ist dir lieber, -dein eigener Vater oder Tschitschikow!‘ so müßte ich -sagen: Tschitschikow! Bei Gott! ... Herzchen komm -laß mich dir einen Kuß, einen Baiser geben. Sie werden -wohl erlauben, daß ich ihn küsse, Exzellenz. Sträube -dich doch nicht Tschitschikow, laß mich dir doch ein Baiserchen -auf deine schneeweiße Wange drücken!“ Aber Nosdrjow -kam mit seinem Baiser so übel an, daß er beinahe auf -den Boden geflogen wäre. Alle zogen sich von ihm -zurück und hörten nicht mehr auf ihn. Allein seine -Worte von dem Kauf der toten Seelen waren doch so -laut aus vollem Halse herausgeschrieen und von einem -so schallenden Gelächter begleitet worden, daß sie selbst -die Aufmerksamkeit <em>der</em> Gäste auf sich lenkten, die sich in -den entferntesten Ecken des Zimmers befanden. Diese -Nachricht klang so seltsam, daß alle starr und stumm, -mit einem halb fragenden, halb törichten Ausdruck auf -dem Gesichte dastanden. Tschitschikow bemerkte, wie -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -mehrere Damen sich mit den Augen Zeichen machten -und sich boshaft und gehässig zulächelten, und er glaubte -in manchen Gesichtern etwas ganz Eigentümliches und -Zweideutiges zu entdecken, was die allgemeine Verlegenheit -noch verstärkte. Daß Nosdrjow ein Erzlügner und -Schwindler war, das wußte jedermann, und es wäre -keinem Menschen aufgefallen, wenn er etwas ganz Unsinniges -und Törichtes von ihm gehört hätte; aber der -sterbliche Mensch ist — nein, es ist wirklich schwer zu -verstehen, wie dieser sterbliche Mensch nun eigentlich beschaffen -ist; so albern und läppisch eine Neuigkeit auch -sein mag, wenn es nur eine <em>Neuigkeit</em> ist, so wird -er sie unbedingt einem andern Sterblichen mitteilen, wenn -auch nur um zu sagen: „Was sie da wieder für ein -Lügenmärchen verbreiten!“ Und der andre Sterbliche -wird höchst vergnügt die Ohren spitzen, wenn er auch -später sagen wird: „Aber das ist doch eine gemeine Lüge, -der man gar keine Beachtung schenken sollte!“ Und -gleich darauf wird er sich aufmachen und sich einen -dritten Sterblichen suchen, um ihm die Geschichte zu erzählen -und dann mit ihm zusammen in edler Empörung -auszurufen: „Was für eine gemeine Lüge!“ Und so -wird das Gerücht die Runde durch die ganze Stadt -machen, und alle Sterblichen, soviel ihrer da sind, werden -solange über die Sache sprechen, bis sie sie satt kriegen, -und dann behaupten, die ganze Geschichte sei es nicht -wert, daß man über sie rede. -</p> - -<p> -Diese anscheinend so unbedeutende und belanglose -Begebenheit hatte unseren Helden indessen merklich verstimmt. -So dumm und albern auch die Reden eines -Narren sind, oft reichen sie doch hin, um auch einen -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -klugen Mann in Verlegenheit zu bringen. Er fühlte -sich plötzlich sehr unbehaglich und peinlich berührt, wie -wenn er mit einem schöngeputzten Stiefel in eine -schmutzige, stinkende Pfütze getreten wäre; mit einem -Wort, es war nicht schön, garnicht schön! Er versuchte -es, nicht daran zu denken, sich zu vergessen, zu zerstreuen, -setzte sich sogar an den Whisttisch, aber es -ging alles schief wie ein verbogenes Rad: zweimal -spielte er die falsche Farbe aus, er vergaß sogar -einmal, daß er eine Karte nicht stechen durfte, holte mit -der Hand aus und übertrumpfte seine eigene Karte. -Der Gerichtspräsident konnte es durchaus nicht verstehen, -wie es bloß möglich war, daß Pawel Iwanowitsch, der -ein so guter, ja man kann sagen feiner Spieler war, -sich solche Schnitzer zuschulden kommen und sogar -seinen Pique-König übertrumpfen lassen konnte, auf den -er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, wie auf den lieben -Gott; dies waren seine eigenen Worte. Natürlich machten -sich der Postmeister, der Gerichtspräsident und sogar der -Polizeimeister, wie das zu geschehen pflegt, ein wenig -über unsern Helden lustig und neckten ihn damit, daß -er wohl gar verliebt sei und daß Pawel Iwanowitsch, -wie sie ja wüßten, ein leicht entzündliches Herz habe. -Auch sei es ihnen bekannt, wer es verwundet hätte. -Aber dieses war kein Trost für ihn, so sehr er es auch -versuchte, zu lächeln und die Scherze mit Scherzen zu -beantworten. Beim Abendessen wollte es ihm auch nicht -gelingen, sich so recht zur Geltung zu bringen, obwohl -die Tischgesellschaft sehr angenehm war und trotzdem -man Nosdrjow schon längst hinausbefördert hatte, weil -selbst die Damen schließlich anerkennen mußten, daß sein -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -Benehmen gar zu skandalös war. Während des Kotillons -hatte er nämlich ganz plötzlich auf dem Parkett Platz -genommen und die Tänzer bei den Frackschößen gepackt, -was nach dem Ausdruck der Damen, schon ein ganz -unmögliches Betragen war. Das Abendessen war sehr lustig: -Alle Gesichter, die zwischen den dreiarmigen Leuchtern, -Blumen, Flaschen und Schüsseln mit Konfekt hindurchschimmerten, -glänzten vor eitel Freude und Befriedigung. -Die Offiziere, die Damen und die befrackten Herren — -flossen alle über vor Liebenswürdigkeit bis zum Überdruß. -Ein Oberst überreichte sogar seiner Dame die Saucenschüssel, -indem er sie auf der nackten Degenspitze -balancierte. Die älteren Herren, in deren Mitte auch -Tschitschikow saß, debattierten eifrig, und jedes treffende -Wort wurde von einem kernhaften Bissen Fisch oder -Fleisch, der nur so von Senf triefte, begleitet; man -stritt gerade über die Gegenstände, für die sich Tschitschikow -immer lebhaft interessiert hatte, und doch glich -er heute Abend einem Menschen, der müde und zerschlagen -von einem langen Wege heimgekehrt ist, dessen -Gehirn ihm den Dienst verweigert und dem nichts mehr -einfallen will. So wartete er denn nicht einmal das -Ende des Soupers ab, und fuhr viel früher nach Hause, -als dies sonst seine Gewohnheit war. -</p> - -<p> -Dort in jenem Zimmer, das der Leser so gut kennt, -mit der Kommode, die vor der Türe stand, und den -hie und da aus den Ecken herausguckenden Schwabenkäfern, -wollten indessen sein Geist und seine Gedanken -ebenso wenig zur Ruhe kommen, wie der wacklige -Lehnstuhl, in dem er saß. Es war ihm sehr schwer -ums Herz. Eine lastende Leere quälte ihn: „Wenn -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -doch alle die Menschen, welche diese Bälle erfunden -haben, der Teufel holte!“ rief er wütend. „Welchen -Anlaß haben sie nur, so zu jubeln? In der Provinz -herrschen Mißernte, Teuerung und Hungersnot, und sie -geben Bälle! Auch was Rechtes: hüllen sich da in -alte Weiberlappen. Denken Wunder was sie sind, wenn -sie mehr als tausend Rubel auf ihrem Leibe tragen! -Das muß doch schließlich der Bauer mit seiner Steuer -bezahlen, und am Ende fällt es gar auf unsereinen -zurück. Man weiß doch, weswegen die Herren so -heucheln und sich dennoch bezahlen lassen: um ihrer -Frau einen teuren Shawl, Roben und weiß der Teufel -wie sie es sonst noch nennen zu kaufen! Und wozu -das alles? Damit nur ja keins von diesen liederlichen -Frauenzimmern sagen kann, die Frau Postmeisterin habe -ein besseres Kleid angehabt, — deswegen schmeißt man -tausend Rubel aus dem Fenster. Da schreit man: ein -Ball, ein Ball, wie amüsant! Ich mache mir einen -Dreck aus so ’nem Ball, das entspricht dem russischen -Wesen gar nicht, das ist eine ganz unrussische Einrichtung. -Pfui Teufel noch einmal: kommt da plötzlich -ein reifer erwachsener Mensch im schwarzen Frack wie -ein nackter, gerupfter Teufel angesprungen und fuchtelt -mit den Beinen hin und her. Und ein anderer steht -wohl gar mit einem andern zusammen, unterhält sich -mit ihm über eine ernste Angelegenheit und führt rechts -und links allerlei Arabesken auf dem Fußboden aus ... -Das ist alles nichts wie Nachäfferei; nichts wie Nachäfferei. -Weil der Franzose mit vierzig Jahren noch -gerad so ein Kind ist, wie mit fünfzehn, darum müssen -wir’s auch so machen! Nein wirklich, nach jedem Ball -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -ist mir zumute als hätte ich irgendein Verbrechen begangen, -man möchte lieber gar nicht daran denken! Der Kopf -ist einem so leer wie nach einem Gespräch mit einem -vornehmen Weltmann: der schwatzt einem was vor, -berührt alles nur ganz obenhin, tischt einem was auf, -was er sich aus Büchern zusammengerafft hat; das -klingt alles sehr schön und nett, und doch ist einem der -Kopf grad so leer, wie vordem; so daß man schließlich -überzeugt ist, daß eine Unterhaltung mit einem einfachen -Kaufmann, der nichts kennt wie sein Geschäft, -es dafür aber auch gründlich und aus dem ff kennt, mehr -wert ist als all diese Kinkerlitzchen. Was hat man nun -von solch einem Ball? Wenn es zum Beispiel einem -Schriftsteller einfiele, diese ganze Szene zu schildern, genau -so wie sie sich abgespielt hat? Sie würde sich doch in -einem Buche genau so töricht und albern ausnehmen -wie in Natur. Man weiß wirklich nicht, wie sie wirken -würde: sittlich oder unsittlich? Weiß der Teufel, was -das ist. Man würde nur ausspucken und das Buch -zuklappen!“ So unfreundlich äußerte sich Tschitschikow -über die Bälle im allgemeinen; aber ich glaube, sein -Unwillen hatte auch noch einen andern Grund. Was -ihn am meisten ärgerte, war in Wahrheit garnicht der -Ball, sondern der Umstand, daß er hereingefallen, -plötzlich vor allen Leuten in Gott weiß was für einem -Lichte erschienen war, und dabei eine so seltsame und -höchst zweideutige Rolle gespielt hatte. Freilich, wenn -er das Vorgefallene mit dem Auge eines vernünftigen -Menschen überschaute, sah er, daß das alles nur -Kleinigkeiten waren, und daß ein törichtes Wort gar -nichts zu bedeuten habe, besonders jetzt, wo die Hauptsache -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -bereits glücklich vollendet und erledigt war. -Aber — so seltsam ist nun einmal der Mensch: was -ihn so tief betrübte, war dies, daß er sich die Zuneigung -derselben Menschen verscherzt hatte, die er doch selbst -nicht achtete, über die er so hart urteilte und die er -wegen ihrer Eitelkeit und Putzsucht so scharf getadelt -hatte. Das ärgerte ihn um so mehr, als er sich bei genauerer -Prüfung eingestehen mußte, daß er selbst einige -Schuld daran trug. Trotzdem zürnte er sich selber -nicht im geringsten und darin hatte er natürlich recht. -Wir leiden alle an dieser kleinen Schwäche, daß wir -uns selbst gerne etwas schonen und uns lieber irgend -einen von unseren Nächsten aussuchen, an dem wir -unseren Ärger auslassen können, entweder einen Diener -oder einen von unseren Untergebenen, der uns gerade -in den Weg läuft, oder unsere Frau, oder endlich gar -einen Stuhl, den wir gegen die Türe oder weiß der -Teufel wohin schleudern, sodaß ein Bein oder die Lehne -bricht, damit die Herrschaften unseren Zorn einmal -gründlich kennen lernen! So fand auch Tschitschikow -bald einen Nächsten, der alles auf seinen Schultern -davon tragen mußte, was ihm sein Zorn eingab. -Dieser liebe Nächste war Nosdrjow, und es läßt sich -nicht leugnen, daß er so kräftig von hinten und vorne -und von allen Seiten vermöbelt wurde, wie höchstens -noch irgend ein Spitzbube von einem Dorfschulzen -oder ein Postkutscher von einem Reisenden, einem -Hauptmann mit reicher Erfahrung oder unter Umständen -auch von einem General vermöbelt wird, -welcher zu den vielen klassischen Schimpfworten, die er ihm -an den Kopf wirft, noch eine ganze Reihe von andern -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -unbekannten auskramt, die seinem eigensten Erfindergeist -entspringen. Nosdrjows ganzer Stammbaum wurde -hergenommen, und vielen Mitgliedern seiner Familie in -aufsteigender Linie wurde stark mitgespielt. -</p> - -<p> -Aber während Tschitschikow so von trüben Gedanken -geplagt, schlaflos in seinem harten Lehnstuhle saß und -Nosdrjow samt seiner ganzen Familie tüchtig durchhechelte, -während das Talglicht langsam niederbrannte, dessen -Docht schon ellenlang verkohlt war, sodaß die Kerze jede -Minute zu verlöschen drohte, während undurchdringliche -nächtliche Finsternis durchs Fenster blickte, und bei der -nahenden Morgenröte schon im Begriff war, in blaue -Dämmerung umzuschlagen, während sich in der Ferne -ab und zu ein paar Hähne ihren Weckruf zukrähten, und -irgendwo ein Unglücklicher von unbekanntem Stand und -Herkommen in einfachem Wollmantel heimlich durch die -stillen Straßen der verschlafenen Stadt schlich, er, der -nur den einen (leider nur den einen!) von dem unbändigen -russischen Volke ausgetretenen Weg kennt — spielte sich -am andern Ende der Stadt ein Vorgang ab, welcher -die peinliche Lage unseres Helden noch verschlimmern -sollte. Durch die entlegenen Straßen und Gäßchen rasselte -nämlich in diesem Augenblick ein gar seltsames Gefährt, -für welches nicht gleich ein Name zu finden wäre. Es -hatte weder Ähnlichkeit mit einem Bauernwagen, noch -mit einer Kutsche, noch mit einer Equipage, sondern glich -eher einer pausbäckigen, dickbauchigen Wassermelone, die -man auf ein paar Räder gestellt hatte. Die Backen -dieser Wassermelone, d. h. die Wagentüren, welche noch -Spuren von gelber Farbe aufwiesen, schlossen sehr schlecht -wegen des üblen Zustandes, in dem sich die Klinken und -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -Schlösser befanden, die nur notdürftig mit ein paar -Stricken zusammengebunden waren. Diese Wassermelone -war mit Kattunkopfkissen, die wie Tabaksbeutel, Rollkissen -oder gewöhnliche Kissen aussahen, und mit Säcken voll -Getreide, Semmeln, Wecken und Bretzeln aus gebrühtem -Teig angefüllt. — Oben guckten sogar eine Hühner- und -eine Salzpastete heraus. Auf dem Trittbrett stand eine -Gestalt, von lakaienhaftem Aussehen in einer gesprenkelten -Jacke. Sie war unrasiert, und ihre Haare begannen -schon zu ergrauen. Mit einem Wort, es war die bekannte -Figur, die bei uns zu Lande „Bursch“ genannt -zu werden pflegt. Der Lärm und das Gerassel der -eisernen Klammern und rostigen Schrauben weckten den -Wächter am andern Ende der Stadt, sodaß er seine Hellebarde -aufrichtete und noch schlaftrunken aus voller Kehle: -Wer da? rief. Als er jedoch bemerkte, daß niemand da -war, und nur ein starkes Rasseln aus der Ferne herüber -tönte, machte er sich flugs daran ein Tierchen, das auf -seinem Kragen saß, zu fangen, worauf er sich der Laterne -näherte, um hier eigenhändig das Todesurteil auf seinem -Nagel zu vollstrecken. Dann ließ er die Hellebarde wieder -aus der Hand sinken, um nach den Satzungen seines -Ritterordens wieder einzuschlafen. Die Pferde stolperten über -ihre Vorderbeine, weil sie nicht beschlagen waren und weil -sie offenbar das bequeme Stadtpflaster noch nicht genügend -kannten. Die Kalesche machte noch ein paar Wendungen, -indem sie aus einer Straße in die andere einbog, und -nahm endlich ihren Weg durch eine dunkle Gasse an -der kleinen Pfarrkirche St. Nikolaus vorüber, um vor -dem Hause der Frau Oberpfarrer Halt zu machen. Aus -dem Wagen kroch ein Mädchen in einem Flausrock und -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -einem Tuch um den Kopf, und hämmerte mit beiden -Fäusten so stark auf das Tor los, wie ein Mann. -(Der Bursche in dem gesprenkelten Rock wurde erst -nachher an den Füßen von seinem Standort heruntergezogen, -denn er schlief so fest wie ein Toter.) Die -Hunde fingen an zu bellen. Nach einiger Zeit öffnete -sich auch das Tor und verschlang, wenn auch nicht -ohne Mühe, dieses plumpe Vehikel. Der Wagen rollte -in den engen Hof, in dem Holz aufgestapelt war, und -in dem sich mehrere Hühnerställe und andere Ställe -befanden; zuletzt stieg noch eine Dame aus dem Wagen; -dies war die Gutsbesitzerin und Kollegiensekretärin -Korobotschka. Die alte Dame war bald nach der Abreise -unseres Helden in große Unruhe und Aufregung -darüber geraten, daß sie von ihm betrogen sein könnte, -und hatte sich nach drei schlaflos verbrachten Nächten -endlich entschlossen, nach der Stadt zu fahren, obwohl -die Pferde nicht beschlagen waren, um dort Erkundigungen -darüber einzuziehen, welchen Kurs die toten Seelen -hätten, und ob es nicht am Ende eine große Torheit -war, als sie sich überreden ließ, sie so billig zu verkaufen. -Was ihre Ankunft für Folgen hatte, kann der -Leser aus einer Unterhaltung entnehmen, welche bald -darauf zwischen zwei Damen stattfand. Diese Unterhaltung -.... doch diese Unterhaltung mag lieber im -nächsten Kapitel stattfinden. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-9"> -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -Neuntes Kapitel. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ines</span> Morgens, noch vor der Stunde, wo in der -Stadt N. die Besuchszeit beginnt, flatterte aus -der Türe eines orangefarbenen, hölzernen Hauses -mit einem Erker und einigen blau angestrichenen Säulen, -eine Dame in einem eleganten gestreiften Kleidchen -heraus, begleitet von einem Lakai in einem Mantel mit -mehreren Kragen und einem runden glänzenden Hut -mit goldenen Tressen. Die Dame hüpfte eilig die steile -Treppe hinab, um gleich darauf in dem vor der Türe -haltenden Wagen zu verschwinden. Der Lakai warf -sogleich die Wagentüre zu, sprang auf das Trittbrett -und schrie dem Kutscher „Vorwärts!“ zu. Die Dame -brachte eine Neuigkeit mit, die sie soeben erfahren hatte, -und spürte ein schier unüberwindliches Verlangen, sie -auch anderen Leuten mitzuteilen. Sie blickte jeden -Augenblick aus dem Fenster und mußte sich zu ihrem -unendlichen Ärger überzeugen, daß sie kaum mehr -als die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Jedes -Haus kam ihr heute länger vor als gewöhnlich, das -armselige Asyl für alte Frauen mit seinen schmalen -Fenstern schien gar kein Ende nehmen zu wollen, so -daß die Dame es schließlich nicht mehr aushielt und -ausrief: „Das verfluchte Haus, ist es denn noch immer -nicht zu Ende!“ Der Kutscher hatte schon zweimal den -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -Befehl erhalten, sich doch zu beeilen: „Schneller, -schneller, Andrjuschka! Du fährst ja heute unerträglich -langsam!“ Endlich war das Ziel erreicht. Die Kutsche -hielt vor einem einstöckigen hölzernen Haus von dunkelgrauer -Farbe mit weißen Basreliefs über den Fenstern, -vor denen sich ein hohes Holzgitter befand; ein schmaler -Staketenzaun friedigte das Ganze ein, dahinter standen -ein paar magere Bäumchen, die beständig mit Straßenstaub -bedeckt waren und daher ganz weiß aussahen. -An den Fenstern sah man einige Blumentöpfe, einen -Papagei, der sich in seinem Käfig schaukelte, indem er -sich mit seinem Schnabel an ein Stäbchen anhakte, -und zwei Hündchen, die in der Sonne schliefen. In -diesem Hause wohnte eine treue und aufrichtige -Freundin der soeben eingetroffenen Dame. Der Autor -ist in großer Verlegenheit, wie er beide Damen bezeichnen -soll und zwar so, daß ihm niemand deswegen zürne, -wie man dies ehemals zu tun pflegte. Irgend einen -Familiennamen erfinden — das wäre zu gefährlich. -Was er auch für einen Namen wählen würde — es -würde sich ganz sicher in irgend einem Winkel unseres -Landes — groß genug ist es dazu — jemand finden, -der denselben Namen trägt, ihm ganz ernstlich böse -sein, sein Todfeind werden und sagen würde, der Autor -sei allein deswegen hingereist, um im geheimen zu erforschen -und zu erfahren, wer dieser Jemand eigentlich sei, -in was für einem Pelz er spazieren gehe, bei welcher -Frau Agrafena Iwanowna er verkehre, und was -seine Lieblingsgerichte seien; oder nenne ihn bei -seinem Rang und Titel — so begibst du dich -in eine noch größere Gefahr. Gott behüte! Heutzutage -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -sind alle Berufe und Stände bei uns so empfindlich -geworden, daß sie alles, was sie in einem Buche gedruckt -lesen, sofort für eine persönliche Beleidigung -halten: das liegt nun mal so in der Luft. Man braucht -nur zu erklären: in der und der Stadt gebe es einen -dummen Kerl — sofort ist’s eine persönliche Beleidigung: -im Handumdrehen meldet sich schon ein Herr von sehr -würdigem Äußeren und schreit einen an: „Ich bin doch -auch ein Mensch, also bin ich wohl dumm?“ Mit einem -Wort, er hat es sogleich heraus, um was es sich handelt. -Und darum wollen wir, um all diesen unangenehmen -Eventualitäten aus dem Wege zu gehen, <em>die</em> Dame, -welche den Besuch erhielt, so nennen, wie sie fast einstimmig -von der ganzen Stadt N. genannt wurde: -nämlich: die <em>in jeder Beziehung angenehme</em> Dame. -Diesen Namen hatte sie von Rechts wegen erhalten, denn -sie hatte in der Tat kein Mittel gescheut, um im höchsten -Grade angenehm und liebenswürdig zu erscheinen, obwohl -freilich aus ihrer Liebenswürdigkeit oft die ganze -Schlauheit und Gewandtheit des weiblichen Charakters -hervorblickte, und in manch einem ihrer stets angenehmen -Worte eine ganz gefährliche Spitze verborgen -lag! Garnicht erst davon zu reden, was für -ein Grimm gegen jede in ihrem Herzen kochte, die es -gewagt hätte, auf irgend eine Weise in eine erste -Stellung einzurücken. Aber dies alles kleidete sich in -das Gewand feinster weltmännischer Formen, wie man -sie nur in einer Provinzstadt finden kann. Jede ihrer -Bewegungen war geschmackvoll, sie schwärmte sehr für -lyrische Gedichte, verstand es sogar, hin und wieder ihr -Köpfchen träumerisch auf die Schulter sinken zu lassen, -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -mit einem Wort, alle waren einverstanden, daß sie wirklich -eine <em>in jeder Beziehung angenehme Dame</em> sei. -Die andre Dame, das heißt jene, welche soeben angekommen -war, hatte keinen so vielseitig veranlagten Charakter, -und daher wollen wir sie <em>bloß die angenehme Dame</em> -nennen. Ihre Ankunft weckte die Hündchen, welche sich -auf der Fensterbank sonnten: die zottige Adèle, die sich -beständig in ihrem eigenen Pelze verstrickte und den Rüden -Potpourri, der zwei Paar äußerst dünne Beinchen hatte. -Beide stürzten mit geringelten Schwänzen und unter lebhaftem -Gebell ins Vorzimmer, wo die neuangekommene -Dame sich soeben ihres Shawles entledigte und nun in -einem Kleid von neustem Schnitt und moderner Farbe, -mit einer langen Boa um den Hals dastand. Ein intensiver -Jasmingeruch verbreitete sich durch das ganze Zimmer. -Kaum hatte die in jeder Beziehung angenehme Dame -von der Ankunft der bloß angenehmen Dame erfahren, -als auch sie schon ins Vorzimmer gelaufen kam. Beide -Freundinnen ergriffen sich bei der Hand, küßten sich -und schrieen dabei auf, wie zwei junge Mädchen, die -sich bald nach ihrer Entlassung aus dem Pensionat -wieder treffen, bevor noch die beiden Mütter ihnen klar -gemacht haben, daß der Vater der einen ärmer und -kein so hoher Beamter ist, als der Vater der andern. -Sie küßten sich so laut, daß beide Hündchen wieder zu -bellen begannen, wofür sie einen sanften Schlag mit -dem Tuche erhielten, — und beide Damen begaben sich -in den natürlich blautapezierten Salon, in dem ein Sofa, -ein ovaler Tisch und ein paar Fensterschirme standen, -um die sich Efeu rankte; nach ihnen kam die zottige -Adèle und der große Potpourri mit den langen Beinen -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -knurrend ins Zimmer gelaufen. „Hierher, hierher, in -dieses Eckchen!“ sagte die Hausfrau, indem sie den Gast -in einer Ecke des Sofas Platz nehmen ließ. „So ist’s -schön, so ist’s recht! Da haben Sie auch ein Kissen!“ Mit -diesen Worten schob sie jener ein schön gesticktes Kissen in -den Rücken; die Stickerei stellte einen von jenen Rittern -dar, wie sie gewöhnlich auf Tülle gestickt werden: seine -Nase hatte große Ähnlichkeit mit einer Treppe und die -Lippen waren viereckig. „Wie froh ich bin, daß -Sie ... Ich höre jemand vorfahren und denke mir, -wer könnte das wohl sein, schon so früh? Parascha -meinte, es sei die Frau Vizegouverneur, und ich sage -noch zu ihr: sollte die dumme Person schon wieder -gekommen sein, um mich zu langweilen? ich wollte -mich schon verleugnen lassen ...“ -</p> - -<p> -Die andre Dame war schon im Begriff zur Sache -zu kommen und ihre Neuigkeit auszukramen, aber ein -Ausruf, den die in jeder Beziehung angenehme Dame in -diesem Augenblick tat, gab dem Gespräch eine ganz -neue Wendung. -</p> - -<p> -„Was für ein hübscher heller Kattunstoff!“ rief -die in jeder Beziehung angenehme Dame, während sie -das Kleid der bloß angenehmen Dame aufmerksam -musterte. -</p> - -<p> -„Ja ein sehr heller lebhafter Stoff! Praskowja -Fjodorowna findet aber, daß es hübscher aussehen -würde, wenn die Karos noch etwas kleiner -und die Pünktchen nicht braun, sondern blau wären. -Ich habe meiner Schwester einen Stoff geschickt; -der ist so entzückend! ich kann’s gar nicht sagen! -Denken Sie nur: ganz schmale schmale Streifchen, auf -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -blauem Grunde, so schmal wie man sich’s überhaupt -nur vorstellen kann und zwischen zwei Streifen immer -Äuglein und Pfötchen, Äuglein und Pfötchen .... -Mit einem Wort, ganz herrlich! Man kann getrost behaupten, -etwas Schöneres hat es noch nie auf der Welt -gegeben.“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie, Liebste, das wirkt zu bunt.“ -</p> - -<p> -„Oh nein! Gar nicht bunt!“ -</p> - -<p> -„Oh doch! Viel zu bunt!“ -</p> - -<p> -Hier muß ich einschalten, daß die in jeder Beziehung -angenehme Dame in gewissem Sinne Materialistin war, -eine starke Neigung zur Negation und zum Zweifel hatte -und sehr vieles an diesem Leben verneinte. -</p> - -<p> -Jetzt aber erklärte die bloß angenehme Dame, daß -es durchaus nicht zu bunt sei, und rief: „Ach ja, ich -gratuliere, man trägt keine Faltenbesätze mehr!“ -</p> - -<p> -„Wieso trägt man keine mehr?“ -</p> - -<p> -„Statt dessen werden jetzt nur noch Festons getragen!“ -</p> - -<p> -„Ach! Festons sind doch aber nicht hübsch!“ -</p> - -<p> -„Ja man trägt nur noch Festons, nichts wie -Festons. Pelerinen aus Festons, auf den Ärmeln -Festons, Aufsätze aus Festons, unten Festons, mit -einem Wort überall Festons.“ -</p> - -<p> -„Das ist aber schade Sofja Iwanowna, Festons -sind nicht hübsch!“ -</p> - -<p> -„Doch Anna Grigorjewna, sie machen sich reizend, -ganz entzückend, man näht sie so: erst faltet man sie -zweimal, läßt einen breiten Schlitz und oben ... Aber -warten Sie, jetzt muß ich Ihnen etwas erzählen, worüber -Sie sich wundern werden und sagen werden, daß ... -Ja wundern Sie sich nur: die Taillen werden jetzt viel -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -länger getragen, vorn laufen sie ein wenig spitz aus -und das vordere Fischbein ragt ganz weit hervor; der -Rock wird rings herum gerafft wie bei den alten Reifröcken, -und sogar hinten ein wenig wattiert, ganz <span class="antiqua">à la -belle femme</span>.“ -</p> - -<p> -„Nein, wissen Sie, das geht zu weit! Das muß -ich denn doch sagen!“ rief die in jeder Beziehung angenehme -Dame aus, machte eine empörte Kopfbewegung -und richtete sich im Gefühl ihrer Würde -stolz auf. -</p> - -<p> -„Sehr richtig, das geht zu weit, das muß ich -auch sagen!“ antwortete die bloß angenehme Dame. -</p> - -<p> -„Nein, Verehrteste, machen Sie was Sie wollen, -aber da tue ich nicht mit!“ -</p> - -<p> -„Ich auch nicht ... Wenn man sich vorstellt, -was nicht alles Mode wird ... da hört doch alles -auf! Ich habe meine Schwester um den Schnitt gebeten, -bloß so zum Scherz, wissen Sie. Meine Melanie -ist eben am Nähen.“ -</p> - -<p> -„Was, Sie haben den Schnitt?“ rief die in jeder -Beziehung angenehme Dame aus, nicht ohne daß man -ihr eine gewisse innere Bewegung angemerkt hätte. -</p> - -<p> -„Natürlich. Meine Schwester hat ihn mitgebracht!“ -</p> - -<p> -„Herzchen, geben Sie ihn mir, bei allem, was Ihnen -heilig ist!“ -</p> - -<p> -„Schade, ich habe ihn schon Proskowja Iwanowna -versprochen. Vielleicht nach ihr?“ -</p> - -<p> -„Wer wird denn etwas tragen, was Proskowja -Iwanowna schon getragen hat? Ich fände das sehr -merkwürdig von Ihnen, wenn Sie eine Fremde ihrer -nächsten Freundin vorzögen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -„Aber sie ist doch meine Tante zweiten Grades?“ -</p> - -<p> -„Ach, was ist das für eine Tante. Sie sind doch -nur durch Ihren Mann mit ihr verwandt ... Nein, -Sofja Iwanowna, davon will ich gar nichts hören — -Sie wollen mich beleidigen, Sie haben mich wohl schon -satt bekommen und wollen die Bekanntschaft mit mir -abbrechen ...“ -</p> - -<p> -Die arme Sofja Iwanowna wußte garnicht, was -sie anfangen sollte. Sie merkte sehr gut, in welch ein -Kreuzfeuer sie geraten war. Das kam von der Wichtigtuerei! -Sie hätte sich ihre dumme Zunge mit Nadeln -zerstechen mögen. -</p> - -<p> -„Nun, und was macht unser Galan?“ fuhr jetzt -die in jeder Beziehung angenehme Dame fort. -</p> - -<p> -„Ach Gott, ach Gott. Und da sitze ich die ganze -Zeit über mit Ihnen zusammen. Eine schöne Geschichte! -Wissen Sie Anna Grigorjewna, was ich Ihnen für eine -Neuigkeit mitgebracht habe?“ Hier ging ihr der Atem -aus, ein ganzer Schwall von Worten drängte sich ihr -auf die Zunge wie eine Schar von Habichten, die wie -ein Sturmwind dahinjagen und sich in schnellem Fluge -zu überholen streben. Es gehörte schon die ganze unmenschliche -Härte und Grausamkeit ihrer treusten Freundin -dazu, um ihr an dieser Stelle ins Wort zu fallen. -</p> - -<p> -„Loben Sie ihn und heben Sie ihn in den Himmel, -soviel Sie wollen,“ sagte sie mit einer ungewöhnlichen -Lebhaftigkeit. — „Und ich sage Ihnen — ich will es -ihm meinetwegen selbst ins Gesicht sagen: er ist ein -<a id="corr-89"></a>nichtswürdiger Mensch; ein <em>nichts</em>würdiger, nichts<em>würdiger</em> -Mensch!“ -</p> - -<p> -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -„Ja aber hören Sie doch nur, was ich Ihnen mitzuteilen -habe!“ -</p> - -<p> -„Da redet alle Welt davon, daß er schön sei, und -dabei ist er nichts weniger als schön, nichts weniger — -seine Nase — er hat eine geradezu widerwärtige Nase.“ -</p> - -<p> -„Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch -erzählen, Herzchen, Anna Grigorjewna, so lassen Sie -mich doch nur erzählen. Das ist ja eine ganze Geschichte, -ich sage Ihnen, eine Geschichte ‚Bö kon apell istoar‘,“ -sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster -Verzweiflung und mit flehender Stimme. — Es ist -vielleicht nicht überflüssig, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, -daß beide Damen sehr viel fremde Worte und -sogar lange französische Phrasen in ihr Gespräch einflochten. -Aber so groß die Ehrfurcht ist, die der Verfasser -für die französische Sprache hegt, wegen der heilsamen -Folgen, die sie für unser Vaterland hat, so groß -seine Achtung vor jener löblichen Sitte unserer besseren -Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten, -natürlich nur aus innigster Liebe für ihr Vaterland, zu -ihrer Verständigung gebrauchen, er kann es trotzdem -nicht über sich gewinnen, einen Satz aus einer fremden -Sprache in diese rein russische Dichtung hineinzunehmen, -und so fahren wir denn auch russisch fort. -</p> - -<p> -„Was für eine Geschichte?“ -</p> - -<p> -„Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie -sich bloß vorstellen könnten, in was für einer Lage ich -mich befand! Denken Sie sich, da kommt heute die -Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater -Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -Heinrich! Sie wissen schon: der neue Gast, ja was -sagen Sie bloß zu ihm?“ -</p> - -<p> -„Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau -Oberpfarrer die Kur?“ -</p> - -<p> -„Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wäre noch nicht -das schlimmste! Nein, hören Sie bloß, was die Frau -Oberpfarrer mir erzählt hat! ‚Denken Sie sich,‘ sagte -sie, ‚kommt da plötzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka -bleich wie der Tod zu mir gestürzt und erzählt mir, -nein, Sie glauben garnicht, was die mir erzählt hat. -Hören Sie doch nur, was die mir erzählt hat! Das -ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, während -im Hause schon alles schlief, hört sie plötzlich einen Höllenlärm, -wie man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; -mit aller Gewalt wird ans Tor geklopft, und sie hört -eine menschliche Stimme rufen: ‚Macht auf! Macht -auf! Sonst stoß ich das Tor ein ...‘ Nun, wie gefällt -Ihnen das? Was sagen Sie bloß zu unserm Galan?“ -</p> - -<p> -„Ja, ist denn die Karobotschka jung und hübsch?“ -</p> - -<p> -„Ach, was! Eine alte Schachtel!“ -</p> - -<p> -„Das sind aber schöne Geschichten! Also hat er sich -wohl an die Alte rangemacht? Na, unsere Damen -haben auch einen guten Geschmack, das kann man wohl sagen. -Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben!“ -</p> - -<p> -„Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz -anders, wie Sie vermuten. Denken Sie sich, plötzlich -steht er bis an die Zähne bewaffnet vor ihr, der reinste -Rinaldo Rinaldini, und brüllt sie an: ‚Verkaufe mir die -Seelen derer, die gestorben sind,‘ sagte er. Die Karobotschka -antwortet natürlich ganz vernünftig: ‚Ich kann -sie nicht verkaufen; sie sind doch schon tot.‘ — ‚Nein,‘ -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -ruft er, ‚sie sind nicht tot. Das ist meine Sache, zu -wissen, ob sie tot sind oder nicht,‘ sagte er. ‚Sie sind -nicht tot, sind nicht tot!‘ schreit er. ‚Sie sind nicht tot!‘ -Mit einem Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, -das ganze Dorf läuft zusammen, die Kinder heulen, -alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den andern, -kurz: ein Orrörrr, Orrörrr, Orrörrr! Sie können sich -garnicht vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken -ich war, als ich dies alles hörte. ‚Liebe gnädige Frau,‘ sagt -meine Maschka zu mir. ‚Besehen Sie sich doch in -dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!‘ ‚Ach, jetzt ist mir -nicht darum zu tun,‘ sage ich, ‚ich muß schnell zu Anna -Grigorjewna hinfahren und es ihr erzählen.‘ Ich lasse -sofort anspannen. Mein Kutscher Andruschka fragt mich, -wohin er fahren soll, aber ich bringe kein Wort heraus -und sehe ihm nur ganz blöde ins Gesicht. Ich glaube -wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrückt geworden. -Ach, Anna Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen -könnten, wie mich das aufgeregt hat!“ -</p> - -<p> -„Hm! Das ist sehr merkwürdig!“ sagte die in jeder -Beziehung angenehme Dame. „Was hat das wohl zu -bedeuten, das mit den toten Seelen? Ich muß gestehen, -von dieser Geschichte verstehe ich nichts, rein garnichts. -Jetzt höre ich bereits zum zweiten Male von diesen -toten Seelen. Und da behauptet mein Mann, daß Nosdrjow -lügt! Irgend etwas steckt sicher dahinter!“ -</p> - -<p> -„Nein, aber denken Sie sich <a id="corr-91"></a>bloß in meine Lage -hinein, Anna Grigorjewna, wie mir zu Mute war, als -ich das hörte!<a id="corr-92"></a>„Und jetzt,“ sagt Karobotschka, „weiß -ich gar nicht, was ich anfangen soll! Er hat mich -gezwungen irgend eine falsche Urkunde zu unterschreiben,“ -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -sagt sie, „und mir dann fünfzehn Rubel in Papier auf -den Tisch geworfen. Ich,“ sagt sie, „bin eine unerfahrene -hilflose Witwe und verstehe nichts von diesen -Sachen.“ Das ist ’ne Geschichte! Nein, wenn Sie -sich bloß vorstellen könnten, wie mich das alles aufgeregt -hat.“ -</p> - -<p> -„Nein, sagen Sie was Sie wollen! Hier handelt -es sich nicht um die toten Seelen! Da steckt etwas -ganz anderes dahinter.“ -</p> - -<p> -„Ich muß gestehen, ich dachte schon selbst daran,“ -sagte die bloß angenehme Dame ein wenig erstaunt. -Sie wurde sofort von der heftigsten Begierde gepeinigt, -zu erfahren, was wohl dahinter stecken könne, und -daher sprach sie gedehnt: „Und was glauben Sie, was -dahinter steckt?“ -</p> - -<p> -„Nun, was denken Sie wohl?“ -</p> - -<p> -„Was ich denke ...? Ich muß sagen ich stehe -wie vor einem Rätsel.“ -</p> - -<p> -„Ich möchte aber doch wissen, was Sie sich wohl -dabei gedacht haben?“ -</p> - -<p> -Allein der angenehmen Dame fiel nichts ein und -daher schwieg sie. Sie konnte sich <a id="corr-93"></a>bloß über die Dinge -aufregen, aber feine Vermutungen und Kombinationen -aufzustellen, das war nicht ihre Sache, und daher empfand -sie mehr als jede andere ein starkes Bedürfnis nach -zärtlicher Freundschaft, Rat und Beistand. -</p> - -<p> -„Nun gut, dann will ich es Ihnen sagen, was -diese toten Seelen zu bedeuten haben,“ sagte die in -jeder Beziehung angenehme Dame und ihre Freundin -horchte auf und war ganz Ohr; ihre Ohren spitzten -sich wie von selbst. Sie richtete sich im Sitzen auf, -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -sodaß sie das Sofa kaum noch berührte und obwohl -sie etwas kompakt war, wurde sie plötzlich beinahe -schlank und leicht wie Federflaum, sodaß man hätte -glauben können, ein noch so leichter Lufthauch müßte -sie mit sich emportragen. -</p> - -<p> -So scheint ein vornehmer russischer Junker, ein -Hundefreund, Jäger und Draufgänger, wenn er sich -dem Walde nähert, aus dem eben ein von den Treibern -halb tot gehetzter Hase herausspringt, sich mit seinem -Roß und der hocherhobenen Koppelpeitsche in der Hand -in <a id="corr-94"></a>einem geronnenen Augenblick in ein Pulverfaß zu -verwandeln, in das im nächsten Moment der zündende -Funke fallen soll. Seine Augen möchten die trübe -Luft durchbohren, und für das arme Tier gibts kein -Entrinnen mehr. Er setzt ihm unaufhaltsam nach, und -selbst wenn tausend wirbelnde Schneefelder sich gegen -ihn erhöben, die ihm mit ganzen Garben silberner -Sterne Mund und Augen, Schnurrbart, Augenbrauen -und die kostbare Bibermütze überschütteten. -</p> - -<p> -„Die toten Seelen ..“ sagte die in jeder Beziehung -angenehme Dame. -</p> - -<p> -„Wie? Was?“ fuhr die Freundin ganz aufgeregt -dazwischen. -</p> - -<p> -„Die toten Seelen ...!“ -</p> - -<p> -„Ach so sprechen Sie doch, um Gottes Willen!“ -</p> - -<p> -„Sind eine bloße Erfindung und nichts wie ein -Vorwand. Hier handelt es sich in Wahrheit um -folgendes: er will die Tochter des Gouverneurs entführen.“ -</p> - -<p> -Diese Schlußfolgerung kam in der Tat sehr unerwartet -und war in jeder Beziehung ungewöhnlich. Als -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -die angenehme Dame dieses hörte, blieb sie wie versteinert -auf ihrem Platze sitzen; sie erbleichte, wurde -blaß wie der Tod, und geriet diesmal ernstlich in -Aufregung. „Oh mein Gott!“ rief sie, indem sie die -Hände zusammenschlug: „das hätte ich mir wirklich -nicht träumen lassen!“ -</p> - -<p> -„Ich muß sagen, Sie hatten kaum den Mund aufgetan, -da wußte ich schon, worum es sich handelt“ -antwortete die in jeder Beziehung angenehme Dame. -</p> - -<p> -„Was soll man aber nach alledem von der Erziehung -im Pensionat denken. Die liebe Unschuld!“ -</p> - -<p> -„Schöne Unschuld! Ich habe die Dinge reden -hören! wahrhaftig ich hätte nicht den Mut gehabt, so -etwas auszusprechen.“ -</p> - -<p> -„Wissen Sie, Anna Grigorjewna, es ist wirklich zu -schmerzlich, wenn man sieht, wie weit heute die Unsittlichkeit -geht!“ -</p> - -<p> -„Und die Herren sind ganz verschossen in sie. Ich -dagegen muß gestehen, daß ich nichts an ihr finden -kann.“ -</p> - -<p> -„Sie ist schrecklich affektiert, geradezu unerträglich -affektiert.“ -</p> - -<p> -„Ach liebste Anna Grigorjewna, sie ist kalt wie ein -Marmorbild, ohne den geringsten Ausdruck im Gesicht.“ -</p> - -<p> -„Nein, wie affektiert, wie schrecklich affektiert sie ist, -Gott, wie affektiert! Wer sie das nur gelehrt haben -mag? Aber ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, -das ein so geziertes Wesen gehabt hätte.“ -</p> - -<p> -„Liebste, Sie ist eine Marmorstatue, und bleich wie -der Tod.“ -</p> - -<p> -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -„Ach, sagen Sie doch das nicht, Sofia Iwanowna, -sie legt ja Rot auf, daß es ’ne Schande ist.“ -</p> - -<p> -„Nein, was sprechen Sie, Anna Grigorjewna; sie -ist ja bleich wie Kreide, ganz wie Kreide.“ -</p> - -<p> -„Meine Liebe, ich habe doch neben ihr gesessen, die -Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf den Wangen, und -bröckelt stückweise ab wie der Kalk von der Wand. -Das hat sie von ihrer Mutter. Die ist selbst eine abgefeimte -Kokette, aber die Tochter ist der Mutter -noch über.“ -</p> - -<p> -„Nein, erlauben Sie, nein, sagen Sie selbst, wobei -ich schwören soll, ich gebe gleich alles hin, meinen -Mann, meine Kinder, all mein Hab und Gut, wenn -sie auch nur ein <a id="corr-97"></a>bißchen, ein Fünkchen, auch nur einen -Anflug von Farbe hat!“ -</p> - -<p> -„Ach, was reden Sie bloß, Sofia Iwanowna,“ -sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame, und -schlug die Hände zusammen. -</p> - -<p> -„Nein, wie sonderbar Sie sind! wirklich, Anna -Grigorjewna, ich sehe Sie bloß an und staune!“ sagte -die angenehme Dame, und schlug gleichfalls die Hände -zusammen. -</p> - -<p> -Der Leser darf sich nicht darüber wundern, daß beide -Damen sich durchaus nicht über das einigen konnten, -was sie doch fast zu gleicher Zeit gesehen hatten. Es -gibt tatsächlich sehr viele Dinge auf der Welt, die diese -merkwürdige Beschaffenheit haben; werden sie von <em>einer</em> -Dame betrachtet, so sind sie ganz weiß; betrachtet sie -dagegen eine andre Dame, so sind sie ganz <em>rot</em>, rot -wie Preißelbeeren. -</p> - -<p> -„Nun, da haben Sie <em>noch</em> einen Beweis dafür, -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -daß sie blaß ist,“ fuhr die angenehme Dame fort: „ich -erinnere mich noch ganz deutlich, wie wenn es heute -wäre, daß ich neben Manilow saß und zu ihm sagte: -‚Sehen Sie doch, wie bleich sie ist!‘ Wirklich, man -muß schon so unvernünftig sein, wie unsere Herren, um -sich für sie zu begeistern. Und unser Herr Galan ... -Herrgott, wie er mir in diesem Augenblick widerwärtig -war! Sie können sich garnicht vorstellen, wie er mir -widerwärtig war!“ -</p> - -<p> -„Und doch gab es gewisse Damen, denen er nicht -ganz gleichgültig war.“ -</p> - -<p> -„Meinen Sie mich, Anna Grigorjewna? Das -können Sie doch wirklich nicht sagen. Niemals, niemals!“ -</p> - -<p> -„Ich spreche doch nicht von Ihnen, es gibt doch -noch andre Frauen auf der Welt!“ -</p> - -<p> -„Niemals, niemals, Anna Grigorjewna. Erlauben -Sie mir zu bemerken, daß ich mich sehr gut kenne; das -trifft mich wirklich nicht, aber vielleicht andre Damen, -die sich den Schein der Unnahbarkeit zu geben suchen.“ -</p> - -<p> -„Nein, verzeihen Sie Sofia Iwanowna, bitte lassen -Sie sich sagen, daß ich noch nie in eine solche Skandalgeschichte -verwickelt war. So etwas mag vielleicht jeder -andern begegnen, aber mir nicht, Sie müssen mir schon -gestatten, Ihnen dieses zu bemerken.“ -</p> - -<p> -„Warum sind Sie denn so gekränkt? Außer Ihnen -waren doch noch andre Damen anwesend, welche den -Stuhl an der Türe zu allererst besetzen wollten, um -möglichst nahe bei ihm zu sitzen.“ -</p> - -<p> -Man hätte meinen sollen, diese Worte der angenehmen -Dame hätten unbedingt ein Ungewitter zur -Folge haben müssen; aber merkwürdigerweise verstummten -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -beide Damen ganz plötzlich, und der erwartete Sturm -blieb aus. Die in jeder Beziehung angenehme Dame -erinnerte sich noch zur rechten Zeit, daß der Schnitt -zum neuen Kleide noch nicht in ihrer Hand war, und -die bloß angenehme Dame war sich darüber klar, daß -sie noch gar keine Einzelheiten über die Entdeckung ihrer -besten Freundin wußte, und daher schloß man sehr -schnell wieder Frieden. Übrigens kann man nicht sagen, -daß beide Damen von Natur das Bedürfnis hatten, sich -Unannehmlichkeiten zu bereiten, auch hatten sie nicht -eigentlich einen boshaften Charakter, es kam gleichsam -ganz von selbst, daß sich während des Gespräches der fast -unmerkliche Wunsch in ihnen regte, einander einen kleinen -Hieb zu versetzen; da ereignete es sich denn zuweilen, -daß es der einen von beiden eine kleine Freude machte, -der Freundin bei Gelegenheit ein herzhaftes Wort zu -sagen: „Da hast du’s! nimm und friß es!“ So verschieden -sind Herzensbedürfnisse beim männlichen und -weiblichen Geschlechte. -</p> - -<p> -„Ich kann nur eins nicht verstehen,“ sagte die bloß -angenehme Dame, „wie Tschitschikow, der doch hier nur -auf der Durchreise ist, sich zu einem so tollkühnen -Abenteuer entschließen konnte. Er muß doch irgend -welche Helfershelfer haben.“ -</p> - -<p> -„Und Sie glauben wohl er hat keine?“ -</p> - -<p> -„Und was meinen Sie, wer könnte ihm dabei helfen?“ -</p> - -<p> -„Nun, zum Beispiel — Nosdrjow!“ -</p> - -<p> -„Glauben Sie wirklich — Nosdrjow?“ -</p> - -<p> -„Warum nicht. Der ist doch zu allem fähig. Wissen -Sie denn nicht, er hat seinen leiblichen Vater verkaufen -oder richtiger am Kartentisch verspielen wollen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -„Gott, was für interessante Neuigkeiten ich von -Ihnen erfahre! Ich hätte nie gedacht, daß auch -Nosdrjow in diese Geschichte verwickelt sei.“ -</p> - -<p> -„Und ich hab es mir gleich gedacht!“ -</p> - -<p> -„Wenn man denkt, was in der Welt alles vorfällt! -Sagen Sie bloß, wer hätte es damals vermuten -können, als Tschitschikow zum Besuch in unsere -Stadt kam, daß er solche tolle Sprünge machen würde? -Ach Anna Grigorjewna, wenn Sie wüßten, wie mich -das aufregt! Wenn ich Sie nicht hätte, Ihre Freundschaft -und Ihre Güte .... Ich stände wirklich wie -vor einem Abgrund .... Wo sollte ich nur hin? -Meine Maschka schaut mich an, sieht daß ich bleich bin -wie der Tod, und sagt zu mir: ‚Liebe gnädige Frau, -Sie sind ja bleich wie der Tod!‘ Und ich sage ihr -noch: ‚Ach Maschka, mir gehen jetzt ganz andere Gedanken -im Kopf herum!‘ Nein so etwas! Und der -Nosdrjow steckt auch dahinter! Schöne Geschichte das!“ -</p> - -<p> -Die angenehme Dame brannte darauf, noch weitere -Details über die Entführung d. h. etwas über den Tag, -die Stunde und so weiter zu erfahren, aber sie verlangte -zu viel. Die in jeder Beziehung angenehme -Dame erklärte ganz einfach, sie wüßte nichts darüber. -Und sie log niemals: eine kühne Hypothese aufstellen — -das war eine andre Sache, aber auch dies gelang ihr -nur dann, wenn diese Hypothese auf einer tiefen inneren -Überzeugung beruhte; war diese innere Überzeugung -aber wirklich vorhanden, dann verstand es die Dame -auch für sie einzustehen, da hätte es der größte Advokat, -der berühmteste Wortfechter und Sieger über fremde -Überzeugungen nur versuchen sollen, sich mit ihr im -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -Wettkampfe zu messen —: hier hätte er erst gemerkt, -was das bedeutet: eine innere Ueberzeugung. -</p> - -<p> -Daß beide Damen zuletzt ganz fest davon überzeugt -waren, was sie vordem auf die bloße Vermutung hin -angenommen hatten, das ist durchaus nicht merkwürdig. -Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte -Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und -der beste Beweis dafür sind unsere gelehrten Erörterungen. -So ein Gelehrter geht zuerst auch an die Sache heran -wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und fast -schüchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: „Hat nicht -dies Land seinen Namen von dorther, von jenem Winkel -der Erde?“ oder „Gehört nicht vielleicht diese Urkunde -einer anderen, späteren Zeit an?“ oder „Müssen wir -nicht dies Volk für das und das Volk halten?“ Hierauf -zitiert er sofort den und den Schriftsteller des Altertums, -kaum aber hat er irgend eine Anspielung entdeckt -oder doch etwas was <em>er</em> für eine Anspielung hält, so -legt er auch schon im kühnen Galopp los, bekommt Mut, -beginnt mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie -mit seinesgleichen, richtet Fragen an sie, die er sogar -selbst in ihrem eigenen Namen beantwortet, und er hat -plötzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener Hypothese -er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, -als sähe er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm -jetzt und er beschließt seine Betrachtung mit den Worten: -„Und so ist es gewesen. Dies Volk also war es. Das -ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand -beurteilt werden muß!“ Und dann wird es feierlich -vom Katheder verkündet, daß alle es hören -können — und die neue Wahrheit spaziert in die -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -Welt hinaus, um weitere Anhänger und Bewunderer -zu gewinnen. -</p> - -<p> -Während unsere beiden Damen eine so höchst verworrene -und komplizierte Sache so glücklich und mit -soviel Scharfsinn geklärt und entwirrt hatten, trat der -Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen -Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden -Auge in den Salon. Beide Damen teilten ihm sofort -alle Neuigkeiten mit, erzählten ihm von dem Kauf der -toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des -Gouverneurs zu entführen und redeten so lange auf ihn -ein, bis er ganz konfus wurde. Verwirrt stand er auf -demselben Fleck, blinzelte mit dem linken <a id="corr-100"></a>Augenlid, staubte -sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem Bart -ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was -er vernahm. In einer solchen Verfassung überließen ihn -die Damen sich selbst und stürmten davon, jede in ihrer -Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu setzen. Dieses -Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer -halben Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten -aufgewühlt, alles befand sich in wilder Gährung und -bald begriff kein Mensch überhaupt noch etwas. Die -Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel -zu erzeugen, daß alle, besonders aber die Beamten, ihrer -Sinne kaum noch mächtig waren. Ihre Lage glich im -ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine Kameraden -während des Schlafes eine Papierdüte mit Tabak, oder -wie man’s bei uns nennt „einen Husaren“ in die Nase -gesteckt haben. Schnaufend und mit der ganzen Gewalt -des Schnarchenden zieht der Schläfer den Tabak ein, -erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -allen Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, -wo er sich befindet, und was mit ihm vorgeht; doch -nun erkennt er die Mauer, auf die der schwache Lichtreflex -eines Sonnenstrahles fällt, das Gelächter der -Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das -nahende Morgenlicht, das heiter durch das Fenster -strahlt, den erwachenden Wald, aus dem tausende -von Vogelstimmen wiedertönen, das in der Morgensonne -erstrahlende Flüßchen, hie und da zwischen Schilfrohr -versteckt, in dessen glänzender Flut sich unzählige -feuchte Knabenleiber tummeln, und zum Bade laden — -und nun erst merkt er, daß ihm der Husar in der -Nase steckt. Genau so war im ersten Moment die -Lage der Bewohner und Beamten unserer Stadt. Ein -jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die -Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des -Gouverneurs, und Tschitschikow; dies alles wogte und -wirbelte in wunderlichster Weise in ihren Köpfen durcheinander; -erst später, nachdem die erste Verwirrung sich -gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge -einzeln voneinander zu unterscheiden, eins vom andern -zu trennen, Rechenschaft zu fordern, und sie wurden -zornig, als sie sahen, daß durchaus keine Klarheit über -die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. „Was -ist denn das für eine Fabel, nein wirklich, was ist das -für ein Gefasel von den toten Seelen? Wo bleibt -denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten -Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt -es denn einen solchen Esel, der so etwas täte? Und für -was für ein unnützes Geld wird er sie denn kaufen? Und -schließlich, wozu kann er diese toten Seelen bloß brauchen? -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit -der Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entführen -wollte, warum sollte er zu diesem Zwecke der toten -Seelen bedürfen? Und wenn er sich tote Seelen kaufen -will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs -zu entführen? Wollte er ihr etwa die toten Seelen -schenken? Was für einen Unsinn sie da in der Stadt -verbreiten! Was ist das wieder für eine Ordnung: man -darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten -über einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur -überhaupt irgend einen Sinn hätte! ... Andererseits -aber muß doch etwas dahinter stecken, sonst wäre doch -dies Gerücht nicht entstanden. Irgend einen Grund -muß es doch haben. Aber was könnten die toten -Seelen für ein Grund sein? Da fehlt es doch sogar -an einem vernünftigen Grunde! Das ist doch wirklich -fast so wie: „ein hölzernes Eisen“, „ein paar weichgekochte -Stiefel“ oder „ein gläserner Stelzfuß!“ Mit -einem Wort, man sprach, man klatschte, man tuschelte, -und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von -den toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, -von Tschitschikow und von den toten Seelen, von der -Tochter des Gouverneurs und von Tschitschikow, und -alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging -es durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken -schien. Sämtliche Faullenzer und Stubenhocker, die -jahrelang in ihren Schlafröcken hinter dem Ofen hockten -und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu -enge Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder -auf ihren betrunkenen Kutscher schoben, kamen aus -ihren Höhlen gekrochen, all die, welche längst alle -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen -hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern -Herrn Bärenhäuter und Herrn Ofenhocker -verkehrten (zwei berühmte Namen, die von den Ausdrücken -„auf der Bärenhaut“ liegen und „hinterm -Ofen hocken“ abgeleitet und bei uns sehr beliebt sind, -ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und -Schlummersüß einen Besuch abstatten jenen totenähnlichen -Schlaf auf der Seite, auf dem Rücken und in -allen möglichen anderen Lagen, bezeichnen soll, der von -einem kräftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsäuseln durch -die Nase und allem sonstigen Zubehör begleitet ist); alle -die, welche man nicht einmal durch die Aussicht auf -eine teure Fischsuppe mit meterlangen Sterlets und allen -nur erdenklichen Pasteten, die einem auf der Zunge -zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; -mit einem Worte, es zeigte sich, daß die Stadt menschenreich -und groß war, und daß ein so lebhafter Verkehr -in ihr herrschte, wie man es nur wünschen konnte. -Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und -ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man -bis dahin noch nie etwas gehört hatte; in den Salons -erschien plötzlich ein baumlanger Kerl mit einem durchschossenen -Arm, ein wahrer Riese, von einer Größe, -wie sie überhaupt noch nie dagewesen war. Auf den -Straßen sah man gedeckte Wagen, vorsintflutliche -Droschken, Klapperkästen, Rumpelkutschen — und der -Brei war eingerührt. Zu einer anderen Zeit und unter -anderen Umständen hätten diese Gerüchte vielleicht gar -keine Beachtung gefunden, aber die Stadt N. war schon -lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war während -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, -was man in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine -Klatschgeschichte zu nennen pflegt und was bekanntlich -für eine Stadt unter Umständen ebenso wichtig ist, wie -die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevölkerung -der Stadt teilte sich plötzlich in zwei völlig entgegengesetzte -Parteien, die zwei ganz verschiedene Standpunkte -vertraten: die männliche und die weibliche. Der Standpunkt -der Männer war ganz unvernünftig und töricht; -sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die -weibliche Partei beschäftigte sich dagegen ausschließlich -mit der Entführung der Tochter des Gouverneurs. -In dieser Partei — zur Ehre der Damen sei es gesagt -— herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und -Überlegung. Es ist offenbar schon mal Bestimmung -der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und überall für -die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles -sehr bald ein bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe -und handgreifliche Formen an, alles klärte sich und -wurde durchsichtig und deutlich wie ein vollendetes -scharf umrissenes Gemälde. Jetzt kam es an den Tag, -daß Tschitschikow schon längst in jene Person verliebt -war, daß sie sich im Garten beim Mondenschein getroffen, -daß der Gouverneur Tschitschikow seine Tochter -längst zur Frau gegeben hätte, weil jener reich wie ein -Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von -ihm verlassen worden war, dazwischen gestanden hätte -(woher man erfahren hatte, daß er verheiratet war, -wußte niemand anzugeben), daß diese Frau, die eine -hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rührenden -Brief an den Gouverneur geschrieben, und daß sich -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -Tschitschikow angesichts der entschiedenen Weigerung von -Mutter und Vater, zu einer Entführung entschlossen habe. -In manchen Häusern wurde diese Geschichte allerdings -etwas anders erzählt: darnach hatte Tschitschikow überhaupt -keine Frau, hätte aber als der feine und stets -sicher gehende Mann, sich, da er die Tochter haben -wollte, zunächst an die Mutter gemacht, und mit -dieser eine kleine Herzensaffäre angebahnt, erst später -habe er um die Hand der Tochter angehalten; die -Mutter aber hätte gefürchtet, hier könne leicht ein Verbrechen -geschehen, das den heiligen Geboten der Religion -zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen -gefoltert ganz kurz abgeschlagen, erst jetzt habe -sich Tschitschikow dazu entschlossen, die Tochter zu entführen. -Dazu kamen noch eine Menge von Aufklärungen -und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, -je weiter die Gerüchte sich verbreiteten und bis in die -entlegensten Gassen und Winkel der Stadt eindrangen. -Bei uns in Rußland haben auch die unteren Schichten -der Gesellschaft eine große Vorliebe für Klatschgeschichten, -die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man -denn bald auch in solchen Häusern von diesem Skandal -zu reden, wo man Tschitschikow überhaupt nicht kannte, -und so entstanden bald wiederum neue Erklärungen und -Gerüchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick -interessanter, nahm mit jedem neuen Tage immer neue -und bestimmtere Formen an und kam so schließlich in -voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau -Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fühlte -sich, als Mutter einer Familie, und als erste Dame der -Stadt, durch diese Geschichten aufs tiefste beleidigt, -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -besonders da sie nichts derartiges auch nur vermutet -hatte, und geriet in eine große und auch in jeder Beziehung -berechtigte Empörung. Die arme Blondine hatte -ein höchst unangenehmes Tete-a-tete mit ihr, wie es -nur je ein sechzehnjähriges junges Mädchen zu überstehen -hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwürfen, -Ermahnungen und Drohungen ergoß sie über -das arme Mädchen, sodaß diese in Tränen ausbrach -und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort -von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste -Order Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande -mehr vorzulassen. -</p> - -<p> -Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese -nämlich die Gouverneurin betraf, erfüllt hatten, nahmen -sie sich die männliche Partei vor, um sie für sich zu -gewinnen. Sie erklärten die Sache mit den toten -Seelen für eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, -um jeden Verdacht ablenken und so den Mädchenraub -ungestört ausführen zu können. Viele von den Männern -ließen sich bekehren und schlossen sich der Partei der -Damen an, trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den -Vorwürfen ihrer Genossen aussetzten, welche sie Pantoffelhelden -und Weiberröcke nannten — zwei Epitheta, die -bekanntlich für das männliche Geschlecht einen recht -kränkenden Sinn haben. -</p> - -<p> -Aber so sehr sich auch die Männer wappnen, so -großen Widerstand sie auch leisten mochten, es fehlte -in ihrer Partei schließlich doch an jener Ordnung und -Disziplin, welche die Frauenpartei auszeichneten. Bei -ihnen war alles plump, ungeschickt, unzweckmäßig, unharmonisch -und schlecht; in den Köpfen herrschte Unordnung -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -und Wirrwarr, in den Gedanken Unklarheit -und Verworrenheit — mit einem Worte, es kam -eben die unglückliche Natur des Mannes so recht zum -Vorschein, diese grobe plumpe schwerfällige Natur, die -weder zur Verwaltung des Haushalts zu brauchen, noch -tiefer ehrlicher Überzeugungen fähig ist, diese kleingläubige, -träge, von ewigen Zweifeln, von Ängstlichkeit und Furcht -zerrüttete Natur. Die Männer behaupteten, das seien -alles Torheiten, die Entführung einer Gouverneurstochter -sei weit eher etwas für einen Husaren, als für eine -Zivilperson, so etwas würde Tschitschikow auf keinen -Fall tun, den Frauen sei nicht zu trauen, sie lögen alle, -ein Weib sei wie ein leerer Sack, was man in ihn -hineinschütte, das käme auch wieder aus ihm heraus: der -Hauptpunkt, auf den man sein Augenmerk richten müsse, -das seien die toten Seelen, zwar wisse der Teufel allein, -was sie zu bedeuten hätten, sicherlich aber stecke etwas -sehr Schlimmes und Häßliches dahinter. Warum es -den Männern aber schien, daß etwas so Häßliches -und Schlimmes dahinter stecke — dies werden wir sogleich -erfahren. Es war soeben ein neuer Generalgouverneur -für die Provinz ernannt worden — bekanntlich -ein Ereignis, das die Beamten stets in einen -Zustand voller Unruhe und Aufregung versetzt: da gibt’s -dann immer allerhand Untersuchungen und Rüffel, da wird -einem der Kopf ordentlich gewaschen und zurechtgesetzt, -da muß man von Amts wegen alle Suppen ausessen, -mit denen der Vorgesetzte seine Untergebenen zu traktieren -pflegt. — „Herr Gott!“ dachten die Beamten, -„wenn er auch nur das erfährt, daß in der Stadt solche -Gerüchte zirkulieren, dann wird er nicht zum Scherze, -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -sondern ernstlich zornig werden.“ Der Inspektor der -Sanitätsverwaltung wurde plötzlich ganz bleich, ihm fiel -etwas ganz Schreckliches ein, ob nicht das Wort „tote -Seelen“ eine Anspielung auf die vielen Leute sei, die bei -der letzten Fieberepidemie erkrankt und wegen der mangelhaften -Vorsichtsmaßregeln in den Häusern und Lazaretten -gestorben waren, und ob Tschitschikow nicht am Ende -ein Beamter aus der Kanzlei des Generalgouverneurs -sei, der hier im geheimen eine Untersuchung in die Wege -leiten solle. Er teilte seine Befürchtungen dem Gerichtspräsidenten -mit. Der Gerichtspräsident erklärte sie für -Torheiten, erblaßte aber gleich darauf selbst bei dem Gedanken: -wie aber, wenn die von Tschitschikow gekauften -Seelen wirklich tot wären? Hatte er es doch zugelassen, -daß der Kaufvertrag abgeschlossen wurde und noch dazu -selbst die Rolle eines Vertrauensmannes bei Pljuschkin -übernommen. Wie, wenn das dem Generalgouverneur -zu Ohren käme, was dann? Er teilte diesem und jenem -seine Besorgnisse mit, und plötzlich erblaßte auch dieser -und jener: die Angst ist ansteckender als die Pest und -teilt sich in einem Augenblicke mit. Alle entdeckten -plötzlich solche Sünden an sich selbst, wie sie sie garnicht -mal begangen hatten. Die Worte „tote Seelen“ hatten -einen so unbestimmten Klang, daß sogar der Argwohn -laut wurde, ob es sich hier nicht um zwei Fälle handle, -wo zwei Menschen zu früh begraben worden waren. -Beide Ereignisse lagen noch nicht sehr weit zurück. Das -erste war mit ein paar Kaufleuten aus Ssolwytschiegodsk -passiert, welche zur Messe in die Stadt gekommen waren -und nach Erledigung ihrer Geschäfte mit ein paar befreundeten -Kaufleuten aus Ustssyssolsk eine solenne -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -Zecherei veranstaltet hatten. Eine Zecherei nach russischer -Art aber mit deutschen Finessen: Grogs, Punschen, -Bowlen usw. Diese Zecherei endigte natürlich, wie das -gewöhnlich zu passieren pflegt, mit einer weidlichen -Prügelei. Die Herren aus Ssolwytschiegodsk setzten denen -aus Ustssyssolsk tüchtig zu, obwohl sie von diesen ebenfalls -ein paar kräftige Rippenstöße und Püffe in die -Bauch- und Magengegend erhielten, welche von den -ungeheuerlichen Dimensionen der Fäuste zeugten, mit -denen die seligen Prügelhelden begabt waren. Dem einen -von den Siegern war sogar der Erker eingetrommelt, -wie sich unsere Boxer auszudrücken pflegen, d. h. die -Nase derart platt geschlagen, daß kaum mehr als ein -Fingerglied von ihr übrig war. Die Kaufleute gestanden -ihre Schuld ein und erklärten, sie hätten sich einen kleinen -Scherz erlaubt. Man sprach sogar davon, daß sie für -jeden der von ihnen Erlegten je vier Hundertrubelscheine -bezahlt hätten; übrigens aber blieb das eine sehr dunkle -Sache. Aus den angestellten Ermittlungen und Nachforschungen -ging hervor, daß die Kaufleute von Ustssyssolsk -an Kohlengasvergiftung zugrunde gegangen seien. Und -so wurden sie denn auch als solche begraben. Der andere -Fall, der sich vor kurzem ereignet hatte, war folgender: -die Ministerialbauern des Dorfes Wschiwaja Speß hatten -sich mit ebensolchen Bauern der Dörfer Borow, Borowka -und Sadirailowo vereinigt und angeblich die Gendarmerie -in der Person eines gewissen Schöffen, namens Drobjaschkin -vom Erdboden vertilgt. Die Gendarmerie, d. h. -der Schöffe Drobjaschkin sollte sich gar zuviel herausgenommen -und allzuoft ihr Dorf heimgesucht -haben, was unter Umständen fast so gefährlich war, -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -wie eine Epidemie. Der Grund aber sei gewesen, daß -die Gendarmerie aus einer gewissen Herzschwäche den -Weibern und Dorfmädeln gar zu eifrig nachgestellt habe. -Ganz klar ist zwar die Sache nicht, obwohl die Bauern -geradezu aussagten, die Gendarmerie sei lüstern gewesen, -wie ein Kater, mehr als einmal hätten sie <em>ihn</em> vertreiben -und einmal sogar ganz nackt aus einer Bauernhütte -hinausjagen müssen. Natürlich hatte die Gendarmerie -wegen ihrer Herzschwäche eine harte Strafe verdient, -andererseits ließ sich aber die Eigenmächtigkeit der Bauern -von Wschiwaja Speß und Sadirailowo auch nicht rechtfertigen -und verteidigen, wenn sie wirklich an dem Morde -teilgenommen hatten. Immerhin blieb es doch eine ganz -dunkle Sache; man fand die Gendarmerie am Wege -liegen; ihre Uniform oder ihr Rock glich einem Haufen -von Lumpen, und das Gesicht war auch fast unkenntlich. -Die Sache kam vor die Behörden und schließlich vor -das Kriminalgericht, wo man sie zuerst ganz unter -sich erörterte und in folgendem Sinne entschied: da es -unbekannt sei, wer von den Bauern eigentlich an -dem Tode der Gendarmerie Schuld trug, alle zusammen -jedoch eine zu respektable Anzahl ausmachten, da -Drobjaschkin andererseits aber ein toter Mann sei, und -daher wenig davon haben würde, wenn er den Prozeß -gewönne, die Bauern hingegen noch am Leben seien, -weshalb denn auch eine günstige Wendung des Prozesses -von großer Bedeutung für sie sei, so habe das Gericht -beschlossen: daß der Schöffe Drobjaschkin selbst die -Schuld an seinem Tode trage, weil er die Bauern von -Wschiwaja Speß und Sadirailowo in ungerechter Weise -bedrückt und verfolgt habe, und daß er demgemäß, als -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -er eines Abends in seinem Schlitten nach Hause zurückkehrte, -an einem Schlaganfall gestorben sei. Die -Sache schien damit nach allen Regeln der Kunst erledigt; -plötzlich aber fingen die Beamten an zu glauben, -daß es sich in diesem Falle um die genannten toten -Seelen handele. Dazu kam noch, daß gerade um die -Zeit, als sich die Herren Beamten ohnedies in einer -schwierigen Lage befanden, beim Gouverneur zwei -Papiere eingingen. Das eine enthielt die Mitteilung, -daß auf gewisse Anzeichen hin sich in der Provinz ein -Falschmünzer aufhalte, welcher falsches Papiergeld herstelle -und sich hinter verschiedenen Namen verstecke. -Und daher sei es nötig, eine strenge Untersuchung in -die Wege zu leiten. Das andere Papier enthielt eine -Mitteilung des Gouverneurs der Nachbarprovinz über -einen Räuber, der sich der gerichtlichen Verfolgung entzogen -hatte, und die Aufforderung, wenn in der -Provinz des Herrn Kollegen eine verdächtige Person -auftauchen sollte, welche weder Paß, noch sonstige -Legitimationspapiere vorlegen könne, diese sofort zu -verhaften. Beide Papiere riefen eine allgemeine Bestürzung -hervor; alle bisherigen Vermutungen und -Folgerungen waren plötzlich über den Haufen geworfen. -Es lag natürlich nicht der geringste Anlaß zur Annahme -vor, daß sich auch nur ein Wort davon auf Tschitschikow -bezöge. Wenn man sich dagegen überlegte und -daran erinnerte, daß eigentlich niemand recht wußte, -wer Tschitschikow sei, daß er sich selbst nur sehr unklar -und unbestimmt über seine Person geäußert und bloß -erklärt hatte, daß er in seiner Karriere Schiffbruch gelitten, -weil er der Wahrheit hätte dienen wollen, so -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -mußte das frischen Verdacht erregen. Aber das alles -war doch zu unklar und verschwommen. Und wenn er -weiter sagte, er habe sich viele Feinde erworben, die ihm -nach dem Leben trachteten, so gab das noch mehr -Grund zum Nachdenken: also hatte er in Lebensgefahr -geschwebt, also wurde er doch verfolgt: also mußte er -doch irgend etwas begangen haben ... Ja wer war er -denn nun eigentlich? Man durfte natürlich nicht annehmen, -daß er falsches Papiergeld verfertige, oder gar -ein Räuber sei — hatte er doch eine so gesinnungstüchtige -Physiognomie; aber bei alledem: wer war er -denn nun tatsächlich? Und jetzt endlich stellten sich die -Herren Beamten die Frage, die sie sich gleich im Anfang, -d. h. im ersten Kapitel dieser Dichtung, hätten stellen -sollen. Man beschloß noch einige Nachforschungen bei -all den Leuten anzustellen, die ihm die toten Seelen -verkauft hatten, um wenigstens zu erfahren, was das -für ein Geschäft gewesen sei, was man nun eigentlich -unter diesen toten Seelen zu verstehen habe und ob -Tschitschikow nicht wenigstens einem von ihnen zufällig -oder so nebenher etwas von seinen Plänen und Absichten -verraten oder ihnen erzählt hätte, wer er sei. -Zuerst wandte man sich an die Karobotschka; aber aus der -war nicht viel herauszubekommen: er hätte halt für -fünfzehn Rubel tote Seelen gekauft und kaufe auch -Daunen ein, ja er habe versprochen, ihr noch alles -mögliche andere abzunehmen. Er liefere auch Speck -an den Staat und sei daher ganz gewiß ein Gauner; -denn es sei schon einmal einer dagewesen, der ihr -Daunen abgekauft und Specklieferungen an den Staat -übernommen habe. Der habe alle miteinander übers -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -Ohr gehauen und die Frau Oberpfarrer um ganze -hundert Rubel betrogen. Mehr war nicht aus ihr -herauszuholen; sie wiederholte immer nur ein und -dasselbe, und die Beamten überzeugten sich bald, daß -Karobotschka ganz einfach eine dämliche alte Schachtel -sei. Manilow erklärte, für Pawel Iwanowitsch werde -er stets einstehen wie für sich selber. Er würde gerne -sein ganzes Gut dafür hingeben, wenn er nur einen -hundertsten Teil jener vortrefflichen Eigenschaften besäße, -die Pawel Iwanowitsch zierten; überhaupt äußerte -er sich in der schmeichelhaftesten Weise über ihn, indem -er die Augen zusammenkniff und noch einige Gedanken -über Freundschaft von sich aus zugab. Diese Gedanken -zeugten natürlich in ausreichender Weise von den -zarten Regungen seines Herzens; aber sie klärten die -Sache selbst eigentlich doch nicht auf. Sabakewitsch -erwiderte: seiner Ansicht nach sei Tschitschikow ein -braver Mensch, er Sabakewitsch habe ihm nur seine -besten Bauern verkauft: es seien Leute, die in jeder -Hinsicht wohlauf und munter seien; aber er könne -natürlich nicht dafür garantieren, was in Zukunft nicht -noch alles geschehen könne. Wenn sie die Strapazen -der Übersiedelung nicht überstehen und unterwegs -sterben sollten, so sei das nicht seine Schuld; das liege -in Gottes Hand. Es gäbe ja genug Epidemien und -andere tödliche Krankheiten in der Welt, und es habe -schon Fälle gegeben, wo ganze Dörfer ausgestorben -seien. Die Herren Beamten nahmen noch zu einem -andern Mittel ihre Zuflucht, das man zwar nicht allzu -vornehm nennen kann, das aber doch zuweilen zur -Anwendung kommt. Sie ließen die Bedienten Tschitschikows -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -auf allerhand Umwegen durch befreundete -Lakaien ausfragen, ob ihnen nicht irgend welche Einzelheiten -aus der Vergangenheit und den Lebensverhältnissen -ihres Herrn bekannt seien. Aber auch hier -bekamen sie nur wenig zu hören. Von Petruschka -nahmen sie nichts mit als jenen etwas dumpfigen -Geruch der Wohnstube, und Seliphan erklärte nur -kurz: „Er ist früher Beamter gewesen und hat beim -Zollamt gedient.“ Das war alles. Diese Klasse von -Menschen hat eine seltsame Gewohnheit: wenn man -sie direkt nach etwas fragt, dann können sie sich nie -auf etwas besinnen. Sie können sich die Dinge in -ihrem Kopfe nicht zusammenreimen, oder sagen einfach, -daß sie nichts wissen. Fragt man sie aber nach etwas -anderem, dann bringen sie alles vor, was ihr nur -wünscht, und erzählen es euch mit solchen Einzelheiten, -wie ihr sie gar nicht mal hören wollt. Alle Nachforschungen, -die von den Beamten angestellt wurden, -machten ihnen nur eins klar, daß sie wirklich nicht -wußten, wer Tschitschikow eigentlich war, und daß -er doch aber sicher etwas sein müßte. Schließlich beschlossen -sie, sich endgültig über diesen Gegenstand zu -einigen, und wenigstens eine definitive Entscheidung zu -treffen, was hier zu tun sei, welche Maßregeln sie ergreifen -und wie sie ermitteln sollten, wer er sei: ob er -ein Mensch, den man als politisch unzuverlässig arretieren -und verhaften müsse, oder vielmehr ein solcher sei, der <em>sie -selbst</em> als politisch unzuverlässig arretieren und verhaften -könne. Zu diesem Zwecke verabredete man sich, im Hause -des Polizeimeisters zusammenzukommen, den der Leser ja -schon als Vater und Wohltäter der Stadt kennengelernt hat. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-10"> -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -Zehntes Kapitel. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">an</span> versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, -der ja dem Leser schon als Vater und -Wohltäter der Stadt bekannt ist. Hier hatten -die Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam -zu machen, wie eingefallen und abgemagert ihre Wangen von -den beständigen Sorgen und Aufregungen waren. Und in -der Tat, die Ernennung des neuen Generalgouverneurs, -dann die kürzlich eingegangenen Papiere so bedeutsamen -Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen — -dies alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern -hinterlassen, selbst die Fräcke waren ihnen allen zu weit -geworden. Alle waren ein wenig heruntergekommen: -der Gerichtspräsident, der Inspektor der Sanitätsverwaltung, -der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, -ja sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen -man nie bei seinem Familiennamen nannte, ein Herr -mit einem goldenen Ring am Zeigefinger, den er mit -besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war -ein wenig abgemagert. Natürlich gab es darunter auch -ein paar von jenen verwegenen Rittern ohne Furcht und -Tadel, welche nie die Geistesgegenwart verloren: aber -ihre Zahl war nur klein: ja es gab eigentlich nur -einen einzigen den man dazu zählen konnte, nämlich -den Postmeister. Er allein blieb völlig unverändert in -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -dem ruhigen Gleichmaß seines Wesens und sagte wie -gewöhnlich in derartigen Fällen: „euch kennt man schon, -ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch -so mancher dem anderen Platz machen müssen, ich aber -stehe bald dreißig Jahre auf meinem Posten.“ Worauf -die andern Beamten gewöhnlich zu erwidern pflegten: -„Sie haben es gut Herr!“ „Sprechen Sie deutsch, Iwan -Andreitsch.“ „Dein Geschäft ist der Postdienst — du hast -bloß die eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen -und zu expedieren; du kannst höchstens einmal dein -Postamt eine Stunde zu früh schließen und dann irgend -einem Kaufmann, der sich verspätet hat, für die Annahme -des Briefes nach geschlossenem Schalter etwas -abverlangen, oder du expediert vielleicht ein Paket, -welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter diesen -Umständen kann natürlich jeder ein Heiliger sein. Aber -versetze dich mal in unsere Lage, wo dir täglich der Teufel -in eigner Person erscheint und dir fortwährend etwas in die -Hände spielt. <em>Du selbst</em> willst ja garnichts nehmen, er -aber steckt es dir in die Hand. Bei dir ist das Malheur -nicht so groß; du hast bloß ein Söhnchen. Mir aber hat Gott -meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, daß sie -mich jedes Jahr mit irgend einem Praskuschka oder -Petruschka beschenkt. Da würdest du auch auf einer -anderen Flöte pfeifen.“ So sprachen die Beamten. Ob -es aber in der Tat möglich ist, dem Teufel auf die Dauer -zu widerstehen, das zu beurteilen, ist nicht Sache des -Verfassers. In unserm Konzilium, das sich bei dieser -Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzüglich der -Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache -des Volkes den gesunden Menschenverstand zu nennen -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -pflegt. Überhaupt sind wir, wie es scheint, nicht so -recht geschaffen für repräsentative Versammlungen. Bei all -unsern Sitzungen von denen der ländlichen Bauerngemeinden -an bis zu allen gelehrten und ungelehrten -Komitees, herrscht, wenn nicht eine leitende Persönlichkeit -an der Spitze steht, ein recht bedenklicher Wirrwarr. -Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das -so ist; wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so -veranlagt, daß ihm nur <em>die</em> Versammlungen und Beratungen -gelingen, die irgend ein Diner oder eine -Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und -Klubversammlungen auf deutsche Manier. Dagegen ist -der gute Wille jederzeit und zu allen guten Dingen -vorhanden. Plötzlich fällt es uns ein, wenn der Wind -günstig ist, irgend welche <a id="corr-104"></a>Wohltätigkeits-, Hilfs- und -Gott weiß was für andere Vereine zu gründen. Und -wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann man -sicher sein, daß nichts dabei herauskommt. Vielleicht -rührt das daher, daß wir gleich im Anfang, d. h. zu -früh, befriedigt sind, und glauben, es sei schon alles -getan. Wenn wir z. B. irgend eine Gesellschaft mit -wohltätigem Zweck gründen wollen und schon bedeutende -Summen dazu gestiftet haben, müssen wir -unbedingt, um unsere so löbliche Absicht bekannt zu -machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen -der Stadt geladen sind und das mindestens die Hälfte -der gezeichneten Summe verschlingt. Für die andere -Hälfte richtet sich das Komitee eine prachtvolle Wohnung -mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen -Summe fünf und ein halber Rubel übrig bleiben. Aber -auch hier sind sich die Mitglieder des Komitees noch -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -nicht einig über die Verwendung und Verteilung dieser -Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante -oder Base vor. Übrigens war das Kollegium, das sich -heute versammelt hatte, ganz anderer Art: ein dringendes -Bedürfnis hatte die Anwesenden zusammengeführt. -Und es handelte sich auch nicht um irgend welche -Arme oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung -stehende Sache ging jeden Beamten persönlich an; -es handelte sich hier um eine Gefahr, die allen in gleicher -Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn -sich alle Beteiligten unter solchen Verhältnissen einmütiger -und enger zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem -nahm die Sitzung einen ganz tollen Ausgang. -Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten, -wie sie ja bei all solchen Versammlungen vorzukommen -pflegen, kam in den Anschauungen und -Äußerungen der Versammlungsteilnehmer auch noch eine -merkwürdige Unentschlossenheit zum Ausdruck: der eine -behauptete, Tschitschikow stelle falsche Staatspapiere her, -fügte jedoch gleich darauf hinzu: „vielleicht ist es aber -auch nicht so,“ ein anderer erklärte, er sei ein Beamter -aus dem Büro des Generalgouverneurs, verbesserte sich -aber sofort wieder und meinte „übrigens: der Teufel mag -wissen, wer er ist, vom Gesicht kann man es einem -Menschen doch nicht ablesen.“ Gegen den Verdacht -aber, daß er ein verkleideter Dieb oder Räuber -sei, lehnten sich alle in gleicher Weise auf, man war -der Ansicht, daß er doch ein vertraueneinflößendes -und gesinnungstüchtiges <a id="corr-105"></a>Äußeres besitze, aber auch in -seinen Worten läge nichts, was auf einen Menschen -schließen ließe, der einer solch gewalttätigen Handlungsweise -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -verdächtig sei. Plötzlich rief der Postmeister, der -eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden -hatte — sei es nun, daß ihm eine momentane Erleuchtung -gekommen war, sei es aus einem andern -Grunde — ganz unerwartet aus: „Wissen Sie, meine -Herren, wer er ist?“ Er hatte diese Worte mit einer -Stimme herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschütterndes -an sich hatte, so daß sich allen Anwesenden -wie aus einem Munde der Ruf entrang: „Nun wer?“ -„Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, -ist kein anderer, als der Hauptmann Kopeikin!“<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> -Und als ihn darauf alle zugleich fragten: „Wer ist -denn dieser Kopeikin?“ antwortete der Postmeister erstaunt: -„Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin ist?“ -</p> - -<p> -Alle erwiderten, sie hätten noch nie etwas von diesem -Hauptmann Kopeikin gehört. -</p> - -<p> -„Der Hauptmann Kopeikin,“ versetzte der Postmeister, -indem er seine Tabakdose nur ganz wenig öffnete, weil er -sich fürchtete, es könnte am Ende noch einer von den ihm -Zunächststehenden mit den Fingern hineinlangen, von -deren Sauberkeit er nicht recht überzeugt war; pflegte -er doch zuweilen sogar zu sagen: „Weiß schon, weiß -schon, mein Bester, wo Sie Ihre Finger reingesteckt -haben mögen! Tabak — das ist ein Objekt, das mit -peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein will.“ — -„Der Hauptmann Kopeikin,“ wiederholte er, nachdem -er eine Prise genommen hatte: „ja — übrigens, wenn -ich Ihnen von ihm erzählen wollte — das gäbe eine -höchst interessante Geschichte; selbst für einen Schriftsteller: -sozusagen ein ganzes Poema.“ -</p> - -<p> -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -Alle Anwesenden äußerten den Wunsch, diese Geschichte -oder dieses für einen Schriftsteller so interessante -„Poema“, wie sich der Postmeister ausgedrückt hatte, -kennen zu lernen, und er begann folgendermaßen: -</p> - -<h4 class="subchap" id="subchap-3-10-1"> -„Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin. -</h4> - -<p class="noindent"> -Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,“ -hub der Postmeister an, trotzdem nicht <em>ein einzelner</em> -Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saßen, „nach dem -Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen -Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin -ins Lazarett eingeliefert. Ein Bruder Leichtfuß und -launenhaft wie der Teufel, hatte er alles durchgemacht, -was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache -gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. -War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig -gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen -Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab’s noch -keine von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: -dieser Invalidenfond, das können Sie sich -wohl denken, der wurde sozusagen erst viel später gegründet. -Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er -arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur -einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach -Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: -‚Ich kann dich nicht auch noch ernähren; ich,‘ denken -Sie sich nur, ‚ich verdiene mir selbst mit knapper Not -meinen Unterhalt.‘ Da beschloß denn mein <a id="corr-107"></a>Hauptmann Kopeikin, -sehen Sie wohl, Verehrtester, da beschloß er nach Petersburg -zu reisen und sich an die Behörden zu wenden, ob sie -ihm nicht eine kleine Unterstützung zukommen lassen könnten, -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein Leben geopfert -und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem Gepäckwagen -oder einem <a id="corr-108"></a>staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, -sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit -Mühe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich -vor: da befindet sich <em>nun</em> dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann -Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in der ganzen Welt -nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es um ihn herum licht -und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, so -eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich -wohl. Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so -ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstraße oder, -hol’s der Teufel, irgend so eine Liteinaja, <em>da</em> ragt -irgend so ein Turm in die Luft und dort <em>hängen</em> ein -paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und -Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Tatsächlich, -Verehrtester! Erst trieb er sich eine Weile in -den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; -aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, -Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese -Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit -einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur -so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die -Nase merkt schon von ferne, daß es nach Tausenden -riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines -Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen -und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie -wissen ja, ein Landgut läßt sich dafür nicht kaufen, d. h. -es ließe sich vielleicht kaufen, wenn man noch vierzig -Tausend dazulegte; aber die vierzig Tausend muß man -sich erst beim König von Frankreich leihen. Genug, -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt -Reval ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein -Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein -Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein -Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, -wohin er sich wenden soll. ‚Wohin könntest du dich -wenden,‘ sagt man ihm. ‚Die Beamten der Regierung -sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das -ist alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurück. -Aber es gibt hier eine sogenannte provisorische Kommission. -Versuchen Sie’s,‘ sagt man ihm, ‚vielleicht können Sie -dort was ausrichten.‘ — ‚Nun gut, dann gehe ich zur -Kommission,‘ spricht Kopeikin. ‚Ich werd’ es ihnen -schon klar machen. So und so steht die Sache. Ich -habe, sozusagen, mein Blut vergossen und gewissermaßen -mein Leben geopfert.‘ So stand er denn also eines -Morgens etwas früher auf, kratzte sich mit der linken -Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre er zum -Barbier gegangen, so hätte das in gewissem Sinne neue -Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und begab -sich auf seinem Holzfuß einherhinkend zum Vorsitzenden -der Kommission. Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt -also, wo der Vorsitzende wohnt. Da sagt man ihm, -jenes Haus dort am Kai, das gehört ihm. Eine richtige -Bauernhütte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange -Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! -Mit einem Wort, die Sinne schwinden einem. So ’ne -Türklinke aus Metall, der feinste Komfort, sodaß man -zuerst in den Laden laufen, sich für einen Groschen Seife -kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hände -reiben muß, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -Eingang, verstehen Sie, da steht ein Portier mit einem -großen Säbel, mit so ’ner Grafenphysiognomie, und -Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops ... -Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins -Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht -mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, -gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen Sie wohl, -zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe -Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo -der Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen -war und sein Kammerdiener ihm eben irgend -so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo -man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier -Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende -Beamte und sagt: ‚Gleich kommt der Präsident!‘ -Und schon füllt sich das Zimmer mit allerhand Epauletten -und Achselbändern. Mit einem Worte die -Menschen drängen sich wie Bohnen in der Schüssel. -Endlich, Verehrtester, tritt auch der Präsident herein. -Na, Sie können sich natürlich vorstellen: der Präsident -in eigener Person sozusagen. Und, natürlich, seinem -Rang und Titel entsprechend so eine Physiognomie, so -ein Ausdruck, verstehen Sie. Aus allem spricht die -„Condewite“ des Großstädters. Erst geht er zu -einem dann zum andern: ‚Warum sind Sie hier?‘ -‚Und Sie?‘ ‚Was wünschen Sie?‘ ‚In welcher -Angelegenheit kommen Sie?‘ Zuletzt kommt auch -mein Kopeikin an die Reihe: ‚So und so,‘ sagt er, -‚ich habe mein Blut vergossen, ein Bein und einen -Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht mehr arbeiten -und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -Unterstützung, irgend so ’ne Anweisung, beziehungsweise -auf eine kleine Gratifikation oder Pension, verstehen -Sie wohl, bekommen kann.‘ Der Vorsitzende sieht der -Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt -leer herunter. ‚Gut!‘ sagt er, ‚fragen Sie nach ein -paar Tagen mal wieder an!‘ Mein Kopeikin ist ganz -selig. ‚Na,‘ denkt er, ‚die Sache macht sich.‘ Er ist -in einer Laune, können Sie sich vorstellen; hüpft geradezu -auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant -von Palkiku um einen Schnaps zu nehmen, aß in der -Stadt London zu Mittag, ließ sich eine Kotelette mit -Kapern kommen, dazu ’ne Poularde und allerhand -Filets, nebst einer Flasche Wein — mit einem Wort, -es war eine feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir -sieht er plötzlich eine Engländerin kommen. Wissen -Sie, schlank wie irgend so’n Schwan. Mein Kopeikin, -dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, -trach auf seinem Stelzfuß nach; ‚ach nein!‘ denkt er, -‚hol die Kurmacherei einstweilen der Teufel; das -kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin -schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.‘ Dabei -hatte er an diesem einen Tage, bitte ich zu bemerken, -fast die Hälfte seines Geldes durchgebracht. Nach drei -vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder in -die Kommission zum Präsidenten: ‚Ich bin gekommen,‘ -sagt er, ‚um mir Bescheid zu holen, so und so, infolge -der überstandenen Krankheiten und meiner Verwundungen -.... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen -usw., verstehen Sie wohl.‘ Alles in der amtlichen -Sprache, natürlich! ‚Ja, ja,‘ sagt der Präsident, -‚zunächst aber muß ich Ihnen mitteilen, daß ich in -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts -zu tun vermag. Sie sehen selber, was das für eine -Zeit ist. Die kriegerischen Operationen sind gewissermaßen, -sozusagen, noch nicht beendigt. Warten Sie -die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie -sich bis dahin noch ein wenig. Sie können überzeugt -sein, man wird Sie nicht vergessen. Sollten Sie indessen -nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. -Das ist alles was ich geben kann ...‘ Na, Sie verstehen, -er gab ihm natürlich nicht viel, aber bei -bescheidenen Ansprüchen hätte man bis zum Entscheidungstermin -damit auskommen können. Aber -mein Kopeikin hatte keine Lust dazu. Er dachte -er würde gleich morgen ein paar Tausender erhalten: -‚Da hast du was, mein Lieber, trink eins -und amüsier dich!‘; statt dessen aber muß er -warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem -Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all -diese Engländerinnen und Soupers und Kotelettes -im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so’n Uhu, oder -Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom -Präsidenten heraus — hat den Schwanz eingezogen -und läßt die Ohren hängen. Das Leben in Petersburg -hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem -und jenem hatte er auch schon gekostet. Und nun heißt -es: sieh zu, wie du weiterkommt, von all diesen -Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie wohl. Und dabei -war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem -Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft -kam er nicht an irgend so einem Restaurant vorüber: -und nun stellen Sie sich vor: der Koch ist ein Ausländer, -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem -offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische -Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, -da steht nun der Kerl vor seinem Herd und -bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit -Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, -daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen -hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen -Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter -Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen — zu -fünf Rubel das Stück, oder so ’ne Riesin von Wassermelone, -so’n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem -Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der -einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen -Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen -auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das -Wasser im Munde zusammen, für ihn aber heißt’s: -warte gefälligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage -vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die -Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres -Gericht unter dem Namen: ‚<em>Komm morgen wieder.</em>‘ -‚Ach was,‘ denkt er, ‚mögen Sie dort machen, was sie -wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und -all die Vorsitzenden in Bewegung und erkläre: nein, -bitte schön, das geht nicht so weiter!‘ Und in der Tat, -frech und aufdringlich, wie er ist, — je weniger einer -im Oberstübchen los hat, desto mehr Mut hat er — -kommt er also in die Kommission: ‚Nun was wünschen -Sie?‘ fragt man ihn, ‚was wollen Sie noch weiter, -Sie haben doch schon Bescheid erhalten.‘ — ‚Ich bitt’ -Sie,‘ sagt er, ‚ich kann doch nicht so von der Hand -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -in den Mund leben. Ich muß doch meine Kottelette -und eine Flasche französischen Rotwein zum Mittagessen -haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins Theater -gehen, verstehen Sie,‘ sagte er — ‚Nein, da müssen -Sie uns schon entschuldigen,‘ sagte da der Vorsitzende .. -‚Was das anbelangt, so müssen Sie sich schon gewissermaßen -gedulden. Sie haben doch etwas bekommen, -um sich über Wasser zu halten, bis die Order von oben -eingelaufen ist, und Sie können überzeugt sein, daß Sie -nach Gebühr entschädigt werden sollen: denn es ist bisher -ohne Beispiel, daß bei uns in Rußland ein Mann, -der seinem Vaterland gewissermaßen, sozusagen, einen -Dienst geleistet hat, daß der unversorgt geblieben wäre. -Aber, wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren -und ins Theater gehen wollen, nein, wissen Sie, dann -müssen Sie schon entschuldigen. Dazu verschaffen Sie -sich nur gefälligst selbst die Mittel. Da müssen Sie -sich schon selbst helfen.‘ Aber denken Sie bloß, mein -Kopeikin verzieht keine Miene. Die Worte prallen von -ihm ab wie Erbsen von einer Wand. Er erhob ein -großes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in -Aufruhr. Er ließ ein wahres Hagelwetter über all diese -Regierungsbeamten und Sekretäre los ... ‚Ja dann -seid ihr ja dies und jenes,‘ sagte er, ‚ja, dann kennt ihr -ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr Gesetzesverdreher!‘ -Mit einem Wort, er wischte ihnen allen kräftig -eins aus. Zufällig kam ihm auch noch irgend so’n -General aus einem andern Ressort unter die Finger. -Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie wohl. -Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man -nur mit so einem rasenden Kerl anfangen? Der Präsident -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -sieht, es gibt keinen andern Ausweg, man muß -gewissermaßen, sozusagen, zu strengeren Maßregeln seine -Zuflucht nehmen. ‚Schön,‘ sagte er, ‚wenn Sie -nicht damit zufrieden sind was man Ihnen gibt, und -hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die Entscheidung -Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen -in Ihre Heimat abschieben. Der Feldjäger soll kommen -und ihn nach der Heimat transportieren!‘ Der Feldjäger -aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet -schon hinter der Tür: so’n baumlanger Kerl, wissen Sie, -mit einer Hand wie von der Natur selbst für den -Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger -Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes -in den Wagen befördert und ab geht’s in Begleitung -des Feldjägers. ‚Na,‘ denkt Kopeikin, ‚da spar’ ich -wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den -Herren dankbar.‘ So fährt er denn, Verehrtester, mit -dem Feldjäger, und während er so an der Seite des -Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu -sich selber: ‚Schön,‘ sagt er, ‚du erklärst mir, ich soll -mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,‘ -sagt er, ‚ich will mir die Mittel schon verschaffen!‘ -Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und -wohin er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts -bekannt geworden. Und daher sind denn auch die -Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome -der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, -wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, -sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann -man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo -also Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei -Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande -auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, -sehen Sie wohl, war kein anderer als ...“ -</p> - -<p> -„Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch,“ unterbrach -ihn plötzlich der Polizeimeister, „du sagtest doch selber, -dem Hauptmann Kopeikin habe ein Bein und ein Arm -gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...“ -</p> - -<p> -Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit -aller Kraft vor die Stirne und nannte sich vor versammeltem -Publikum ein Rindvieh. Er konnte garnicht -verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang -dieser Erzählung eingefallen war, und erklärte, das -russische Sprichwort: „der Verstand des Russen ist von -hinten am stärksten!“ sei vollkommen wahr. Aber gleich -darauf fing er an, Winkelzüge zu machen und versuchte -sogar sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, -die Engländer hätten, wie man aus den Zeitungen ersehen -könne, die Mechanik sehr vervollkommnet, und -einer hätte sogar hölzerne Füße mit einem solchen -Mechanismus erfunden, daß man nur auf eine Spirale -zu drücken brauche, damit diese Füße einen in unbekannte -Gegenden forttrügen, sodaß man den Menschen überhaupt -nicht mehr auffinden könne. -</p> - -<p> -Aber trotzdem zweifelten alle, daß Tschitschikow der -Hauptmann Kopeikin sei, und fanden, daß der Postmeister -schon gar zu weit über das Ziel hinausgeschossen -habe. Übrigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht -lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle -Hypothese des Postmeisters, womöglich noch weiter. -Unter den vielen in ihrer Art geistreichen Vermutungen -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -war besonders eine bemerkenswert: so seltsam es klingt, -es wurde die Ansicht laut, daß Tschitschikow vielleicht -<em>Napoleon</em> sein könne, der sich verkleidet in ihrer Stadt -aufhielte; die Engländer seien schon längst eifersüchtig -auf Rußland, auf seine Macht und seine Größe, und -es wären schon mehrmals Karikaturen erschienen, auf -denen ein Russe im Gespräch mit einem Engländer abgebildet -war: der Engländer steht da und hält einen -Hund an der Leine, dieser Hund aber soll <em>Napoleon</em> -vorstellen: ‚Paß auf,‘ sagt der Engländer, ‚wenn mir etwas -nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf dich.‘ Wer weiß, -vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena -losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows -in Rußland umher, während er doch in Wahrheit -garnicht Tschitschikow sei. -</p> - -<p> -Natürlich schenkten die Beamten dieser Hypothese -keinen Glauben, aber sie wurden doch nachdenklich und, -wenn jeder von ihnen sich im stillen die Sache überlegte, -konnte er sich’s nicht verhehlen, daß Tschitschikows Profil eine -verdächtige Ähnlichkeit mit dem Napoleons hatte. Der -Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht -hatte, hatte Napoleon persönlich gesehen und mußte -gleichfalls zugeben, daß er sicherlich nicht größer als -Tschitschikow und auch von Statur weder allzu dick, -aber <a id="corr-112"></a>andererseits auch wiederum nicht allzu dünn gewesen -sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles für -sehr unwahrscheinlich halten, — nun auch der Autor ist -bereit ihm zuliebe zuzugestehen, daß die Geschichte sehr -unwahrscheinlich ist; aber wie zum Tort mußte sich -alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzählen, was -um so seltsamer ist, da die Stadt nicht <a id="corr-113"></a>irgendwo abseits -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -vom Wege, sondern in nächster Nähe von beiden -Hauptstädten lag. Übrigens darf man nicht vergessen, -daß all diese Ereignisse bald nach der glorreichen Vertreibung -der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren -alle unsere Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen -und alle gebildeten und ungebildeten Leute -wenigstens für die ersten acht Jahre eingefleischte Politiker -geworden. Die „Moskauer Nachrichten“ und der „Sohn -des Vaterlandes“ wurden so zerlesen, daß sie an den -letzten Leser nur noch als ein Häuflein Papierfetzen gelangten, -der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Statt -Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den -Scheffel Hafer verkauft, Väterchen? — Was denken -Sie vom gestrigen Schneefall? — hörte man nur noch -Fragen: Nun, was steht in der Zeitung? — Ist Napoleon -nicht wieder entwischt? — Besonders die Kaufleute -fürchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die -Prophezeiung eines Wahrsagers, welcher schon seit drei -Jahren im Kerker saß. Dieser neue Prophet war plötzlich -— kein Mensch wußte woher — in Bastschuhen und in Felle -gehüllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der Stadt -aufgetaucht und hatte verkündigt, Napoleon sei der Antichrist, -der jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren -an einer steinernen Kette schmachte, aber bald werde er -seine Ketten sprengen und sich die ganze Welt unterwerfen. -Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen -ins Gefängnis geworfen worden, und das -von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte er seine Mission -erfüllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bißchen -Verstand gebracht. Und lange noch, selbst während des -flottesten Geschäftsganges kamen die Kaufleute im -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -Wirtshaus zusammen, um sich hier beim Tee über den -Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten -und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne -es zu wollen, über die Sache nach und glaubten unter -dem Einflusse der mystischen Stimmung, welche bekanntlich -damals alle Geister beherrschte, in jedem -Buchstaben, der in dem Wort Napoleon vorkam, einen -besonderen, bedeutungsvollen Sinn zu entdecken; viele -wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse -wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so -wunderbar, wenn auch die Beamten in diesem Punkte -stutzig wurden. Allein bald kamen sie wieder zur Besinnung -und merkten, daß ihre Phantasie schon allzu -üppig wucherte, und daß die Sache doch ganz -anders liege. Sie dachten hin und dachten her, überlegten -her und überlegten hin, und kamen schließlich -zur Überzeugung, daß es vielleicht nicht übel wäre -Nosdrjow einmal gründlich auszuhorchen. Da er es -ja gewesen war, der die Geschichte mit den toten Seelen -zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte, -in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mußte -er doch etwas über dessen Lebensverhältnisse wissen; -und so beschloß man denn, erst einmal zu hören was -Nosdrjow sagen werde. -</p> - -<p> -Höchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und -mit ihnen die Vertreter aller anderen Berufe: sie wußten -doch ganz genau, daß Nosdrjow ein Lügner sei, daß -man ihm kein Wort glauben könne, selbst da nicht, wo -es sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen -sie zu ihm ihre Zuflucht. Da mag einer den Menschen -verstehen! Er glaubt nicht an Gott, aber glaubt dafür, -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm seine Nase -juckt; er geht gleichgültig an einer Schöpfung des Dichters -vorbei, welche so deutlich für sich zeugt, wie das Licht -der Sonne, ganz durchdrungen ist von innerer Harmonie -und schlichter weiser Einfalt, um sich gierig auf das Erzeugnis -eines kecken Kopfes zu stürzen, der ihm irgend -ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt -und vergewaltigt. Und das gefällt ihm. Da tut -er den Mund weit auf und schreit mit lauter Stimme: -„Seht ihr! das ist reine Herzenskündigung!“ Sein -ganzes Leben lang pfeift er auf die Ärzte, um am -Ende zu einem alten Weibe zu laufen, welches die Leute -mit Sympathiemitteln und Spucke kuriert, oder er braut -sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug, weil -ihm plötzlich die tolle Idee kommt, es könne ihm etwas -gegen seine Krankheit nützen. Man hätte natürlich die -Herren Beamten mit ihrer schwierigen Lage entschuldigen -können. Man sagt ja, daß ein Ertrinkender nach einem -Strohhalm greife, und daß er nicht soviel Überlegung -habe, um sich zu sagen, auf einem Strohhalm könne -höchstens eine Fliege einen Spazierritt wagen, nicht aber -er, der vier oder gar fünf Zentner wiegt; aber wie gesagt, -in der Gefahr stellt er diese Überlegung überhaupt -nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen -denn auch unsere Herren schließlich ihre Zuflucht zu -Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb ihm sofort einen -Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend -zu speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln -und mit freundlichen roten Backen machte sich -spornstreichs auf den Weg, nahm seinen Säbel in die -Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -Schreiben zu überbringen. Nosdrjow war gerade mit -einem sehr wichtigen Gegenstande beschäftigt; schon den -vierten Tag verließ er das Haus nicht, empfing keinen -Menschen und ließ sich sogar das Mittagessen durch das -Fenster reichen — mit einem Wort, er war ganz abgemagert -und sah beinah grün im Gesicht aus. Die -Sache selbst erforderte die größte Aufmerksamkeit und -Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und Zusammenstellung -<em>eines</em> Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus -einem ganzen <em>Schock</em>. Dabei mußte die Zeichnung aber -so scharf sein, daß man sich auf sie verlassen konnte, wie -auf seinen besten Freund. Eine solche Arbeit erfordert -mindestens zwei Wochen. Während dieser ganzen Zeit -mußte Porphyr dem kleinen Bullenbeißer den Nabel -mit einer besonderen Bürste reinigen und ihn dreimal -am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war sehr -ärgerlich, daß er in seiner Einsamkeit gestört wurde; -zuerst schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als -er jedoch von dem Polizeimeister erfuhr, daß sich heute -abend ein kleines Geschäftchen machen ließe, da irgend -ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er sofort -milder gestimmt; er schloß also sein Zimmer schnell ab, -kleidete sich in aller Eile an und begab sich zum -Polizeimeister. Nosdrjows Aussagen, Zeugnisse und -Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu -denen der Herren Beamten, daß selbst ihre <em>kühnsten</em> -Hypothesen über den Haufen geworfen wurden. Dies -war tatsächlich ein Mensch, für den es überhaupt kein -Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schüchtern -und vorsichtig <em>ihre</em> Vermutungen waren, so fest und -sicher waren die <em>seinen</em>. Er antwortete sogleich, <em>ohne</em> -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -auch nur einen Moment zu stocken auf alle Fragen. -Er erklärte, Tschitschikow habe für einige tausend Rubel -tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe -ihm welche verkauft, weil er den Grund einsehe, -warum man das nicht tun solle. Auf die Frage, ob jener -nicht ein Spitzel sei, der gekommen wäre, um herumzuschnüffeln, -antwortete Nosdrjow: natürlich sei er ein -Spitzel; schon in der Schule, die sie zusammen besucht -hätten, sei er allgemein eine Petze gescholten worden, -sämtliche Kameraden, und unter ihnen auch er, hätten ihn -dafür einmal so kräftig durchgebläut, daß man ihm -nachher allein an den Schläfen zweihundertvierzig Blutegel -setzen mußte — er hatte ursprünglich nur vierzig -sagen wollen, aber die zweihundert waren ihm wie von -selbst entschlüpft. — Auf die Frage, ob er nicht falsches -Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natürlich -mache er welches. Bei dieser Gelegenheit erzählte er -eine Geschichte von Tschitschikows unglaublicher Geschicklichkeit -und Gewandtheit: es sei nämlich herausgekommen, -daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsches -Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das -Haus gerichtlich gesperrt, einen Posten vor den Eingang -und zwei Soldaten vor jede Tür gestellt; Tschitschikow -aber hätte die Banknoten in einer Nacht alle miteinander -vertauscht, sodaß man am anderen Tage, als -die Siegel gelöst wurden, lauter echte Scheine vorfand. -Auf die Frage: ob Tschitschikow tatsächlich die Absicht -habe, die Tochter des Gouverneurs zu entführen, und -ob es denn wahr sei, daß er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und -Beistand dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewiß -habe er ihm geholfen, und wenn er nicht dabei -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -gewesen wäre, so wäre die ganze Sache mißglückt. -Hier stockte er ein wenig; er sah nämlich, daß er ohne -allen Grund gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten -geraten konnte, aber er hatte eben die -Zunge nicht im Zaum halten können. Und dies war -auch keine Kleinigkeit, denn es drängten sich seiner -Phantasie gleich so interessante Einzelheiten auf, daß -es tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit war, ganz auf -sie zu verzichten: so nannte er denn sogar das Dorf, -wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung -stattfinden sollte; dies sei nämlich das Dorf Truchmatschowka, -der Pope heiße Pater Sidor, die Trauung -sollte fünfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber hätte -der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm -Tschitschikow nicht gedroht hätte, er werde es bekannt -machen, daß jener den Kaufmann Michael mit einer -Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow, habe ihnen -sogar seinen Wagen zur Verfügung gestellt und auf -allen Stationen für Pferde gesorgt. Er verlor sich -bereits soweit in Details, daß er sogar die Postillone -bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es jemand, -Napoleon zu erwähnen, aber er wurde dessen selbst -nicht froh, denn Nosdrjow schwatzte einen solchen -Unsinn zusammen, der nicht nur gar keine Ähnlichkeit -mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung -unmöglich war, sodaß die Beamten schließlich aufstanden -und seufzend weggingen; nur der Polizeimeister hörte -ihm noch lange aufmerksam zu, weil er immer noch -erwartete, daß sich was aus ihm herausholen ließe, -aber schließlich machte auch er eine hoffnungslose Gebärde -und sagte nur: „Pfui Teufel!“ Und alle Anwesenden -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -waren mit ihm einverstanden, jede weitere -Bemühung gliche wahrhaftig bloß dem Versuch, den -Bock zu melken. So war denn die Lage unserer Beamten -noch schlimmer als vorher, und man kam zum -Schluß, daß es ganz unmöglich sei, herauszukriegen, wer -nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder -so recht ans Licht, was für ein Wesen der Mensch ist: -er ist nur da klug, vernünftig und weise, wo es sich um -Sachen handelt, die <em>andere</em> Leute, nicht aber <em>ihn selbst</em> -was angehen. Mit was für umsichtigen und wohlüberlegten -Ratschlägen versorgt er euch nicht in den -schwersten Lebenslagen! „Welch ein gescheiter Kopf!“ -ruft die Menge: „welch ein unbeugsamer Charakter!“ -Aber laßt nur einmal irgend ein Unglück über diesen -„gescheiten Kopf“ hereinbrechen, laßt ihn selbst einmal -in schwere Lebenslagen kommen — wo ist da plötzlich -sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann steht -völlig fassungslos da, er hat sich in einen erbärmlichen -Feigling, in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach -in einen Waschlappen verwandelt, wie Nosdrjow -sich auszudrücken liebte. -</p> - -<p> -All dies Gerede, diese Gerüchte und Hypothesen -machten aus irgend einem Grunde den größten Eindruck -auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck war so -stark, daß er nach Hause ging, zu grübeln begann und -so ins Grübeln hineinkam, daß er sich eines schönen -Tags ganz plötzlich, und ohne daß man hätte sagen -können, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn ein Schlag -gerührt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit -einem Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf -den Fußboden aus. Wie das in solchen Fällen zu geschehen -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -pflegt, schrieen alle laut auf vor Schrecken; -schlugen die Hände zusammen, riefen: „Ach Gott, ach -Gott!“ ließen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu -lassen, und überzeugten sich schließlich, daß der Staatsanwalt -nur noch ein seelenloser Leichnam war. Jetzt -erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, daß der -Verstorbene tatsächlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem -er sich in seiner Bescheidenheit nichts davon hatte merken -lassen. Und doch war die Erscheinung des Todes <em>hier</em> -genau so schrecklich, wo sie sich nur an einem der kleinen -Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem großen -manifestiert hätte: er, der noch vor kurzem unter den -Lebenden gewandelt war, sich bewegt, Whist gespielt, -alle möglichen Papiere unterschrieben und so oft -mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden -Augen unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt -auf dem Tische, das linke Auge blinzelte nicht mehr, -und bloß die eine Augenbraue war noch ein wenig -emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden -Ausdruck verlieh. Was das wohl für eine Frage war, -die auf seinen Lippen schwebte? ob er wissen wollte, wozu -er gelebt hatte, oder wozu er gestorben sei — das -weiß Gott allein. -</p> - -<p> -„Aber das ist doch unmöglich, das ist ganz undenkbar! -das kann doch garnicht sein, daß die Beamten sich -gegenseitig so in Furcht und Schrecken jagten, eine -solche Verwirrung anrichteten und sich so von -der Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes -Kind einsehen mußte, um was es sich hier handelte!“ -So wird mancher Leser sprechen und dem Autor vorwerfen, -er bringe unwahrscheinliche und unmögliche -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -Dinge vor, oder man wird die armen Beamten für -Narren erklären, weil der Mensch ja bekanntlich sehr -freigiebig mit dem Worte „<em>Narr</em>“ und zwanzigmal -am Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen -Kosenamen an den Kopf zu werfen. Es genügt schon, -daß man eine törichte Eigenschaft unter zehn vernünftigen -habe, um trotz alledem für einen Narren -erklärt zu werden. Der Leser hat es leicht, zu -urteilen, wo er ruhig in seinem stillen Winkel sitzt und -von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm -der ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da -unten herabzusehen, wo der Mensch nur gerade <em>die</em> Gegenstände -erkennen kann, die sich unmittelbar vor seiner Nase -befinden. Und es gibt in der Chronik der Weltgeschichte so -manches Jahrhundert, das er einfach streichen und für -überflüssig erklären möchte. Wie reich an Irrtümern -ist doch die Welt, an Irrtümern die heute vielleicht ein -Kind zu vermeiden wüßte. Was für seltsame -Schlangenwindungen, was für enge, verwachsene, unzugängliche, -abseitsführende Wege wählte die Menschheit -in ihrem Streben nach der ewigen Wahrheit, -während der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, -wie der Weg, der in das prunkende Heiligtum des -königlichen Palastes führt. Breiter und herrlicher ist er -als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze liegt er -da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und -doch irrten die Menschen an ihm vorbei in düsterer -Finsternis, oft schon stieg die Vernunft vom Himmel -herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch -schreckten sie zurück, kamen sie immer aufs neue vom -rechten Wege ab, verstanden sie es am hellichten Tage, sich -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -in verborgene wüste Gegenden zu verlaufen, immer -wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die -Augen zu weben, und trügenden Irrlichtern nachjagend, -bis zu Abgründen vorzudringen, um sich dann mit -Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo gibt es einen -Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit -wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich -über die Verirrungen, es lacht über die Torheiten seiner -Vorfahren, aber es sieht nicht, daß diese Chronik mit -der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, daß -jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkündet, daß -auf allen Seiten der mahnenden Finger auf es -selbst weist, auf unser heute lebendes Geschlecht; aber -es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner -selbst bewußt beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, -über welche die Nachkommen ebenso stolz -lächeln werden. -</p> - -<p> -Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; -wie mit Absicht hatte er sich gerade um diese Zeit eine -leichte Erkältung, Reißen im Gesicht und eine kleine -Halsentzündung zugezogen, eine von jenen Krankheiten, -mit denen das Klima vieler unserer Provinzstädte die -Einwohner besonders freigebig bedenkt. Damit nur sein -Leben um Gottes Willen kein jähes Ende nähme, ehe -er noch Zeit gehabt, für seine Nachkommenschaft zu -sorgen, beschloß er lieber drei, vier Tage zu Hause zu -bleiben. Während dieser Zeit gurgelte er beständig -mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche er jedesmal -mit Genuß verzehrte, auch trug er ein kleines -Säckchen mit Kamillen und Kampfer auf der Wange. -Um sich ein wenig zu zerstreuen, legte er sich ein -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -ausführliches Verzeichnis über die von ihm gekauften -Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der -Herzogin Savallière, das er in seinem Koffer fand, sah -noch einmal alle Zettelchen und Sächelchen durch, die -sich in seiner Schatulle befanden, und überflog manches -noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. -Er konnte durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten -habe, daß kein einziger von den Beamten der -Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu -erkundigen, während doch noch vor wenigen Tagen fast -immer ein Wagen vor seiner Tür gehalten hatte — -bald der des Staatsanwalts, bald der des Postmeisters, -bald der des Präsidenten. Er zuckte fortwährend mit -den Achseln, während er im Zimmer auf- und abging. -Endlich fühlte er sich etwas besser, und er war -ganz glücklich, als er wieder soweit hergestellt war, daß -er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich ohne -Verzug an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß etwas -warmes Wasser in ein Glas, nahm Seife und Bürste -heraus und ging daran, sich zu rasieren, wozu es -übrigens schon längst Zeit war, denn als er sein -Kinn mit der Hand befühlte und in den Spiegel -blickte, rief er aus: „Das ist ja der reinste Wald!“ Und -in der Tat: wenn’s auch gerade kein Wald war, so -ließ sich’s doch nicht leugnen, daß auf Kinn und Wangen -die Saat üppig sproßte. Nachdem er sich rasiert hatte, -kleidete er sich ganz schnell an, ja er sprang beinahe aus -seinen Hosen heraus. Endlich war er angezogen; er -besprengte sich noch mit Kölnischem Wasser, hüllte sich -recht warm in seinen Mantel und trat auf die Straße -hinaus, nachdem er sich vorsichtiger Weise vorher noch -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -ein Tuch um die Wange gebunden hatte. Sein erster -Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen — -etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien -ihm freundlich zuzulächeln, die Häuser und die Bauern -auf der Straße, die eigentlich eine sehr ernste Miene -zur Schau trugen und von denen schon mancher seinen -Bruder übers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch -sollte dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm -allerhand Gedanken in den Sinn: bald dachte er an -die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug sogar ein -wenig über die Schnur, und er begann über sich selbst -zu lachen und sich über sich selbst lustig zu machen. In -solcher Stimmung fand er sich plötzlich dem Hause des -Gouverneurs gegenüber. Schon hatte er den Flur betreten -und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel -abzulegen, als der Portier plötzlich auf ihn zuging und -ihn durch folgende Worte überraschte: „Ich habe den -Befehl erhalten, Sie nicht vorzulassen!“ -</p> - -<p> -„Wie? Was fällt dir ein? Du erkennst mich wohl -nicht? Sieh mich doch ordentlich an!“ fiel Tschitschikow -erstaunt ein. -</p> - -<p> -„Gewiß habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch -nicht zum ersten Mal,“ sagte der Portier. „Sie <em>allein</em> -darf ich ja gerade nicht vorlassen; jeden andern, nur -Sie nicht!“ -</p> - -<p> -„Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht?“ -</p> - -<p> -„So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund -haben,“ sagte der Portier und fügte noch ein „Ja“ -hinzu, worauf er in nachlässiger Haltung vor ihm stehen -blieb, ganz ohne jenes freundliche Lächeln, mit dem er -ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -hatte. Wahrscheinlich dachte er sich: „He! wenn -dich die Herrschaften von der Schwelle jagen, dann bist -du sicherlich irgend ein Prolet!“ -</p> - -<p> -„Unbegreiflich!“ dachte Tschitschikow und begab sich -sofort zum Gerichtspräsidenten; aber der Präsident wurde -bei seinem Anblick so verlegen, daß er keine zwei Worte -stammeln konnte und solch ein törichtes Zeug zusammenschwatzte, -daß alle beide verlegen wurden. Tschitschikow -entfernte sich und gab sich unterwegs alle mögliche -Mühe, herauszubekommen, was der Präsident eigentlich -gemeint, und was seine Worte für einen Sinn gehabt -hätten, aber es wollte ihm durchaus nicht gelingen. -Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum -Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten -sich entweder, ihn zu empfangen, oder bereiteten ihm -einen so seltsamen Empfang, führten so eigentümliche -Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwürdig, -daß er wirklich annehmen mußte, sie seien nicht -ganz bei Verstande. Er machte noch einen Versuch und -ging zu einigen Bekannten, um den Grund dieser Veränderung -zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm -nicht glücken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die -Stadt, ohne entscheiden zu können, ob er selbst verrückt -sei, oder die Beamten den Kopf verloren hätten, ob dies -alles nur ein Traum, oder alberne törichte Wirklichkeit -sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst -spät am Abend, als es schon dunkel zu werden begann, -kehrte er in seinen Gasthof zurück, den er in so glänzender -Stimmung verlassen hatte, und ließ sich vor Ärger und -Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grübeln -über die Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -sich eine Tasse Tee ein, als sich plötzlich die Zimmertür auftat -und Nosdrjow, den er am allerwenigsten erwartet hatte, -hineintrat. -</p> - -<p> -„Für einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das -Sprichwort sagt,“ rief dieser und nahm seinen Hut ab: -„ich komme eben vorüber und sehe Licht in deinem Fenster. -‚Wahrscheinlich schläft er noch nicht, denke ich mir, ich -muß doch mal rauf gehen und nachsehen.‘ Ah! das -ist aber schön, daß du Tee hast, ich trinke mit Vergnügen -ein Täßchen mit: ich hab’ heute allerhand Zeug gegessen -und fühle schon, daß mein Magen zu rebellieren beginnt! -Laß mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo -ist denn deine Pfeife?“ -</p> - -<p> -„Ich rauche doch keine Pfeife,“ sagte Tschitschikow -trocken. -</p> - -<p> -„Unsinn, als ob ich nicht weiß, daß du ein enragierter -Raucher bist. He! Wie heißt doch gleich dein -Diener? He Bachrameus, hör mal!“ -</p> - -<p> -„Er heißt nicht Bachrameus, er heißt Petruschka.“ -</p> - -<p> -„Wie? Du hattest doch früher einen Bachrameus?“ -</p> - -<p> -„Ist mir nicht eingefallen!“ sagte Tschitschikow. -„Richtig, es ist ja wahr. Das ist ja Derebin, der hat -einen Bachrameus. Denk mal, was der Derebin für ein -Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn -gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun -hat sie dem Derebin ihr ganzes Vermögen zugeschrieben. -Das wär doch fein, wenn unser einer so eine Tante -hätte, weißt du, das wären schöne Aussichten, was? -Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum -ziehst du dich plötzlich so von uns allen zurück, man -sieht dich ja überhaupt nicht mehr. Ich weiß, du beschäftigst -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -dich mit wissenschaftlichen Gegenständen, du -liest sehr viel (woraus Nosdrjow schloß, daß unser Held -sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt und -sehr viel liest, das können wir, wie wir zu unserem -Bedauern gestehen müssen, leider nicht verraten, noch weniger -aber hätte es Tschitschikow können). Hör mal Tschitschikow! -Wenn du bloß gesehen hättest ... das wär’ was für -deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow -einen satirischen Geist haben sollte — ist leider auch -ganz unbekannt.) Denk mal, lieber Freund, beim Kaufmann -Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt, -nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, -der mit mir dort war, sagte immer, ‚wenn doch Tschitschikow -bloß hier wäre, das wäre was für ihn!‘ -(Tschitschikow hatte Pererependjew überhaupt nie gesehen.) -Nein, gesteh’s nur, Bester, damals hast du wirklich gemein -an mir gehandelt, weißt du noch, als wir Dame -spielten? Ich hatte ja gewonnen ... Aber, du hast -mich einfach beschwindelt! Aber, hol’s der Teufel, ich -kann halt nicht lange böse sein. Neulich beim Präsidenten -... Ach ja, ich muß dir noch sagen: in der -Stadt sind alle gegen dich aufgebracht! Sie glauben, -daß du falsches Papiergeld machst .. Plötzlich fallen -alle über mich her — na, ich stelle mich natürlich wie -ein Berg vor dich hin — ich habe ihnen was vorerzählt: -daß wir zusammen in die Schule gegangen sind, und -daß ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort, -ich habe ihnen tüchtig was vorgeschwindelt!“ -</p> - -<p> -„Ich soll falsches Papiergeld machen?“ rief Tschitschikow -aus und sprang vom Stuhl auf. -</p> - -<p> -„Warum hast du sie denn auch so in Schrecken -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -gejagt?“ fuhr Nosdrjow fort, „sie sind ja halb toll -vor Angst: sie halten dich für einen Spitzel und Räuber. — -Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck gestorben .. -morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? -Offen gestanden, <a id="corr-116"></a>sie haben Furcht vor dem neuen -Generalgouverneur, und haben Angst, es könnte deinetwegen -noch eine Geschichte geben; was den Generalgouverneur -anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, -daß er mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er -allzu hochnäsig ist und gar zu dicke tut. Der Adel -will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man kann -sich natürlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen -Ball geben, aber was nützt das? Damit ist noch nichts -gewonnen. Aber hör mal, Tschitschikow, du hast da -eine gefährliche Sache unternommen?“ -</p> - -<p> -„Was für eine gefährliche Sache?“ fragte Tschitschikow -unruhig. -</p> - -<p> -„Na, das mit der Entführung der Gouverneurstochter. -Offen gesagt, ich habe das von dir erwartet, -bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich euch zum -ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: ‚Na! denke -ich mir, der Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...‘ -Übrigens hast du keine gute Wahl getroffen; ich finde -gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine andre, eine -Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, -das ist ein Prachtmädel! Da kann man sagen: Einfach -entzückend!“ -</p> - -<p> -„Was redest du da für ein Blech zusammen? Wer -will denn die Tochter des Gouverneurs entführen. -Was fällt dir ein?“ sagte Tschitschikow und starrte ihn -verständnislos an. -</p> - -<p> -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -„Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein -Geheimniskrämer! Ich will ganz offen sein, ich bin -eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir -meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den -Brautkranz halten und dir meinen Wagen und meine -Pferde zur Verfügung stellen, nur unter einer Bedingung: -du mußt mir dreitausend Rubel leihen. -Ich hab sie unbedingt nötig, ich bin in einer verzweifelten -Lage.“ -</p> - -<p> -Während dieser törichten Reden Nosdrjows rieb -sich Tschitschikow mehrmals die Augen, um sich zu -überzeugen, ob er nicht etwa träume. Das falsche -Papiergeld, die Entführung der Tochter des Gouverneurs, -der Tod des Staatsanwalts, dessen Ursache <em>er</em> -sein sollte, die Ankunft des Generalgouverneurs, dies -alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein. „Oh weh, -wenn die Sache so steht,“ dachte er, „dann darf ich -nicht länger säumen, dann muß ich mich schleunigst -davonmachen.“ -</p> - -<p> -Er suchte sich Nosdrjow möglichst schnell vom Halse -zu schaffen, ließ sofort Seliphan rufen und befahl ihm, -sich bei Sonnenaufgang bereit zu halten, weil er am -nächsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle. -Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu -sehen, den Wagen ordentlich zu schmieren usw. usw. -Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel Iwanowitsch, -blieb aber trotzdem eine Weile an der Türe stehen, ohne -sich vom Fleck zu rühren. Der Herr befahl Petruschka, -sofort den Koffer unter dem Bett hervorzuholen, der -schon mit einer dicken Staubschicht bedeckt war, und -begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstände und -warf alles, was ihm unter die Hände kam, in einen -Korb hinein: Strümpfe, Hemden, die <em>reine</em> und die -<em>schmutzige</em> Wäsche, Stiefelbürsten, einen Kalender usw. -Dies alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte -unbedingt noch am selben Abend damit fertig sein, um -am anderen Morgen nicht unnütz Zeit zu verlieren. -Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Türe und -verließ dann leise das Zimmer. Ganz bedächtig und -so langsam, wie man sich’s nur vorstellen kann, stieg -er die Treppe hinunter, indem er den Abdruck seiner -feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurückließ. -Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. -Was bedeutet diese Gebärde? und was hat sie -überhaupt zu bedeuten? War es der Ärger, daß die -für morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem -Kollegen in einem ebenso ärmlichen Pelze und einem -ähnlichen Gürtel um die Taille in irgend einer kaiserlichen -Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte sich an -dem neuen Ort schon eine Herzensaffäre angesponnen, -und nun sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem -Toreingange und mit dem höflichen Händedrücken abends -in der Dämmerung, wenn die Burschen im roten Hemde -vor den Mägden auf der Balalaika<a class="fnote" href="#footnote-6" id="fnote-6">[6]</a> klimperten und die -bunte Volksmenge nach des Tages Last und Mühe leise -Reden wechselt — oder war es nur der Schmerz, das -warme Plätzchen in der Küche am Ofen unter dem -Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche -Pastete, wie man sie nur in der Stadt bekommt, -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -verlassen zu müssen, um sich aufs neue in den Regen -und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und -Unbill der Reise auf sich zu nehmen? Das mag -Gott wissen — errate wer’s will. Gar vielerlei hat -es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter -den Ohren kratzt. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-11"> -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -Elftes Kapitel. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet -hatte. Erstlich wachte er viel später auf, -als er beabsichtigte — dies war die erste -Unannehmlichkeit — dann stand er auf und schickte sofort -jemand hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen -in Ordnung, die Pferde angespannt und alles zur Abreise -bereit sei, mußte aber zu seinem Leidwesen erfahren, -daß die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten -zur Abreise getroffen seien — und dies war die -zweite Unannehmlichkeit. Das brachte ihn geradezu in -Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem Freunde -Seliphan einen ordentlichen Nasenstüber zu versetzen, und -wartete mit Ungeduld, was der wohl für eine Ausrede -zu seiner Entschuldigung vorbringen würde. Bald erschien -Seliphan auch in der Tür, worauf sein Herr das Vergnügen -hatte, dieselben Reden über sich ergehen zu lassen, -die man stets von den Bedienten zu hören bekommt, -wenn man verreisen will und große Eile hat. -</p> - -<p> -„Man muß doch aber die Pferde zuerst beschlagen -lassen, Pawel Iwanowitsch!“ -</p> - -<p> -„Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast -du mir das denn nicht früher gesagt? Du hast doch wohl -Zeit genug dazu gehabt?“ -</p> - -<p> -„Hm, ja, Zeit hätt’ ich freilich dazu gehabt ... -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -Aber dann ist da noch was mit dem Rade los, Pawel -Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen aufsetzen -müssen, der Weg hat so viele Gruben und Löcher, -und ist so holperig ... Ja, und dann habe ich noch -etwas vergessen: der Kutschbock ist entzwei, der ist so wackelig, -daß er keine zwei Stationen mehr halten kann.“ -</p> - -<p> -„Schurke!“ schrie Tschitschikow, schlug die Hände zusammen -und ging auf Seliphan los, daß dieser Angst -bekam, sein Herr könne ihm ein recht unangenehmes -Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurücktrat. -</p> - -<p> -„Willst du mich umbringen? Willst du mich -töten? Was? Du willst mich wohl am Wege ermorden, -wie ein Räuber und Strauchdieb? Du -Schwein du, du Meerungeheuer! Drei Wochen lang -rühren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn er nur -ein einziges Wort gesagt hätte, der nichtsnutzige Kerl! -Statt dessen verschiebt er alles bis auf die letzte -Stunde! Jetzt wo schon alles so weit ist, daß man -einsteigen und fortfahren möchte, gerade da muß er einem -solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es -doch gewußt? Hast du es etwa nicht gewußt? Wie? -Antworte! Nun?“ -</p> - -<p> -„Freilich!“ antwortete Seliphan und ließ den Kopf -hängen. -</p> - -<p> -„Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie?“ -Auf diese Frage erfolgte keine Antwort. Seliphan -stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und schien -zu sich selbst zu sprechen: „Siehst du wohl, wie das -gekommen ist: ich hab’s doch gewußt, und trotzdem -nicht gesagt!“ -</p> - -<p> -„So, lauf jetzt zum Schmied und laß ihn kommen. -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -In zwei Stunden muß alles fertig sein, <a id="corr-120"></a>verstanden? -Spätestens in zwei Stunden! Wenn’s dann nicht fertig -ist, dann — dann nehm ich dich und binde dich zu -einem Knoten zusammen!“ Unser Held war ganz außer -sich vor Wut. -</p> - -<p> -Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl -seines Herrn auszuführen; aber er besann sich noch -einen Augenblick, blieb stehen und sagte: „Wissen Sie, -gnädiger Herr, den Schecken, den sollte man eigentlich -verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein -Schurke ... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der -hindert einen ja nur!“ -</p> - -<p> -„So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen -und ihn verschachern. Was?“ -</p> - -<p> -„Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur -so kräftig aus; in Wirklichkeit ist er höchst verschlagen -und unzuverlässig, so ein Pferd gibt’s gar nicht wieder ...“ -</p> - -<p> -„Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich <a id="corr-121"></a>ihn schon -selbst. Hält der Kerl hier noch lange Reden! Paß -mal auf; wenn du mir nicht gleich ein paar Schmiede -holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix -und fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstüber, daß -du nicht weißt, wo dir der Kopf steht! Mach, daß du -raus kommt! Marsch!“ Seliphan verließ das Zimmer. -</p> - -<p> -Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die -man sich denken kann, und warf seinen Säbel, den er -auf Reisen immer bei sich trug, um die Leute in Furcht -und Respekt zu halten, wütend auf den Boden. Mehr als -eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden -herum, ehe er mit ihnen einig wurde, denn diese waren, -wie das zu geschehen pflegt, ganz abgefeimte Gauner -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -und forderten das Sechsfache, als sie merkten, daß -Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch -ereiferte, sie Diebe, Räuber und Wegelagerer nannte, -es wollte alles nichts fruchten; er versuchte es sogar, sie mit -dem jüngsten Gericht zu schrecken; aber auch das machte -keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben -fest, und ließen nicht nur nichts vom geforderten Preise -ab, sondern brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze -fünfeinhalb, um den Wagen in Ordnung zu bringen. -Während dieser Zeit konnte Tschitschikow in vollen Zügen -jene schönen Minuten genießen, die jeder Reisende so -gut kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch -einige Stücke Bindfaden, ein paar Papierfetzen und -anderer Plunder im Zimmer herumliegen, wenn der -Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht -ruhig zu Hause bleiben kann, und schließlich ans Fenster -tritt, um sich die Leute anzusehen, die unten auf -der Straße vorüber gehen oder eilen, über ihre Groschen -sprechen, ihre blöden Blicke neugierig auf ihn richten -und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, -der durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. -Alles was er sieht: der vor ihm liegende Kaufladen, -der Kopf der alten Frau, die im gegenüberliegenden -Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an -das mit kurzen Gardinen verhängte Fenster tritt, — -alles widert ihm an, und doch kann er sich nicht entschließen, -vom Fenster wegzugehen. Er rührt sich nicht -vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, -er vergißt <em>sich</em> und seine ganze Umgebung, um gleich -darauf wieder zu den vertrauten Gegenständen zurückzukehren. -Stumpfen Sinnes betrachtet er alles, was -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -um ihn herum lebt und webt, und zerdrückt schließlich -ärgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe -fliegt und ihm dabei gerade unter die Finger -kommt. Aber alles in der Welt hat ein Ende, und der -ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in -Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehörte, -das Rad hatte einen neuen Reifen, die Pferde -hatten zu trinken bekommen, und die Schmiede entfernten -sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezählt -und Tschitschikow eine glückliche Reise gewünscht -hatten. Endlich waren auch die Pferde vor den -Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei warme -Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche -gepackt, auch Seliphan steckte sich noch etwas in die -Tasche, die am Kutschbock angebracht war, und unser -Held verließ den Gasthof, um seinen Wagen zu besteigen, -begleitet vom Kellner, der wie immer seinen -baumwollenen Rock anhatte, und grüßend seinen Hut -schwenkte, sowie von ein paar Kutschern und Lakaien, -die teils zum Gasthof gehörten, teils herbeigelaufen -waren, um zu sehen, wie der fremde Herr abfährt; -nebst allem sonstigen Zubehör, wie es bei einer Abreise -nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in die Equipage, -und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange unbenutzt -im Stall gestanden hatte und den Leser -vielleicht schon zu langweilen beginnt, rollte zum Tore -hinaus. „Gott sei Dank!“ dachte Tschitschikow und -schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche, -Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden -hatte, nahm neben ihm Platz, unser Held setzte -sich recht bequem auf dem grusischen Teppich zurecht, -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -legte sich ein Lederkissen in den Rücken, wobei er -die beiden warmen Bretzel kräftig zusammendrückte, -und der Wagen setzte sich aufs neue, hopsend und -springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches ja -bekanntlich eine beträchtliche Schwungkraft besaß. Mit -einem seltsamen unklaren Gefühl blickte Tschitschikow -auf die Häuser, die Mauern, die Zäune und Straßen, -die gleichfalls auf und ab zu hüpfen schienen und -langsam an seinen Augen vorüberzogen. Weiß Gott, -ob es ihm beschieden sein würde, sie in seinem Leben -noch einmal wiederzusehen. Bei einer Straßenkreuzung -mußte der Wagen Halt machen, er wurde nämlich -durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze -Straße entlang dahin bewegte. Tschitschikow steckte den -Kopf aus dem Wagen, und sagte Petruschka, er solle -einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte sich -heraus, daß es der Staatsanwalt war. Äußerst unangenehm -berührt, lehnte Tschitschikow sich schnell in eine -Ecke zurück, ließ den Wagen aufklappen und -zog die Vorhänge zu. Während die Equipage still -stand, nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre -Mützen ab und sahen sich den Zug aufmerksam an, -wobei sie sich besonders für die Wagen und ihre Insassen -zu interessieren und genau nachzuzählen schienen, wie -viele von den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu -Fuß gingen; auch ihr Herr, der ihnen befohlen hatte, -sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von den bekannten -Lakaien zu grüßen, sah sich den Zug durch ein -kleines Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten -folgten entblößten Hauptes dem Sarge. Tschitschikow -fürchtete sich einen Augenblick, sie könnten seine Equipage -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie unterhielten -sich nicht einmal über jene praktischen Fragen, -welche gewöhnlich gestreift werden, wenn man an einer -Beerdigung teilnimmt. All ihre Gedanken konzentrierten -sich auf sich selber; sie dachten darüber nach, was der -neue Generalgouverneur wohl für ein Mann sei, wie er -die Geschäfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen -werde. Auf die Beamten, welche zu Fuß gingen, folgte -eine Reihe von Wagen, aus denen Damen mit schwarzen -Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den Bewegungen -ihrer Hände und Lippen mußte man schließen, -daß sie in einer lebhaften Unterhaltung begriffen waren: -vielleicht sprachen auch sie über die Ankunft des neuen -Generalgouverneurs, äußerten ihre Vermutungen über -die Bälle die er geben würde und sorgten schon jetzt für -ihre neuen Rüschen und Aufsätze. Zuletzt kamen noch -einige leere Droschken hinter den Equipagen hergefahren, -eine hinter der andern, und dann kam lange nichts mehr, -die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. -Er ließ das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster -Seele, und sagte: „Das war der Staatsanwalt! Er -lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt werden sie in -den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum großen -Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, -er der stets ein geachteter Bürger, ein seltener -Vater, das Muster von einem Gatten gewesen sei; was -werden sie nicht <em>noch</em> alles schreiben: vielleicht fügen -sie auch noch hinzu, daß die Tränen der Witwen und -Waisen ihn bis ans Grab begleiteten; sieht man sich -aber die Sache aus der Nähe an, und geht man ihr -ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -nichts merkwürdig, außer deinen buschigen Augenbrauen.“ -Und er rief Seliphan zu, er solle sich beeilen und sprach -zu sich selber: „Eigentlich ist es doch ganz gut, daß wir -einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es bedeute -Glück, wenn ein Leichenwagen vorüberfährt.“ -</p> - -<p> -Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die öden -und leeren Straßen der Vorstadt, und bald sah man -zu beiden Seiten nichts mehr, als lange Bretterzäune, -welche das Ende der Stadt ankündigten. Nun hörte auch -schon das Straßenpflaster auf, da war der Schlagbaum, -die Stadt lag hinter den Reisenden — man befand sich -auf der öden einsamen Landstraße. Und wieder jagte -der Wagen den Postweg entlang mit seinen altbekannten -Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen, Stationsbeamten, -Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Dörfern -mit ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen -bärtigen Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der -Herberge gelaufen kommt, dem Wanderer, in zerrissenen -Bastschuhen, welcher vielleicht schon siebenhundert Werst -zurückgelegt hat, den munteren Städtchen mit ihren -hölzernen Läden, Mehlfässern, Bastschuhen, Bretzeln und -dem übrigen Plunder, den scheckigen Schlagbäumen, den -ewig in Reparatur befindlichen Brücken, den unübersehbaren -Feldern hüben und drüben, den Erntewagen, -dem reitenden Soldaten, der einen grünen -Kasten voll Artilleriefutter mit der Inschrift: An die so -und so vielste Artilleriebrigade! mit sich führt, den grünen, -gelben oder frisch aufgeworfenen <em>schwarzen</em> Streifen -Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, -dem aus der Ferne herüberklingenden melancholischen -Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem Nebeldunst, dem -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -verhallenden Glockengeläute, den Scharen wilder Raben, -die vorüberziehen gleich Fliegenschwärmen und dem endlosen -grenzenlosen Horizont ... Oh, Rußland! mein -Rußland! ich sehe dich, sehe dich aus meiner herrlichen -wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und unfreundlich -sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrönt von -frechen Wunderwerken kühner Kunst — erheitern oder -schrecken hier den Blick, keine Städte mit vielfenstrigen hohen -Palästen in wilde Felsen eingebaut, keine malerischen Bäume -und Efeuranken, in Häuser eingewachsen, umbraust vom -Staube ewiger Wasserfälle; nicht braucht das Haupt sich zurückzuneigen, -um mit dem Blick den grenzenlos zur Höhe -emporgetürmten Gebirgsblöcken folgen zu können; nicht -blitzen hinter langgestreckten, dunklen Säulengängen, um -die sich Rebenzweige, Efeu und Millionen wilder Rosen -schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die ewigen -Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren -Himmeln verlieren. Frei, wüst und offen liegst du da; -wie kleine Pünktchen oder Zeichen, so ragen aus der -Ebene deine niedrigen Städte auf: nichts lockt, verführt, -bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch unbegreifliche, -geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum -klingt unaufhörlich dein melancholisches, nie verstummendes, -die ganze unermeßliche Weite durcheilendes, von -Meer zu Meere dringendes Lied uns im Ohr? Welch -ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft -und lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns -ans Herz? Was sind das für Töne, die unsere Seele -so zärtlich umschmeicheln und küssen, zum Herzen dringen -und es süß umspinnen? O, Rußland! sag, was willst -du nur von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -uns geknüpft? Was blickst du mich so an, und warum -hält alles, alles was dich erfüllt, seine Augen so erwartungsvoll -auf mich gerichtet? ... Noch immer -steh’ ich zweifelnd und unbeweglich da, schon hat die -finstere regenschwangere Wolke mein Haupt beschattet, -und schon verstummt der Gedanke von deiner grenzenlosen -Ausdehnung. Was verheißt diese unermeßliche -Freiheit und Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoße, -auch der unendliche Gedanke geboren werden, wo du -doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held erstehn? -wo frei der Raum sich weitet, auf daß <em>er</em> sich -entfalte und ausbreite und frei dahinschreite? Und -furchtbar umfängt mich der majestätische Raum, der -tief mein Inneres <a id="corr-127"></a>erschüttert mit all seinen Schrecken; -von einer übernatürlichen Macht ward mein Auge erleuchtet -... O, welch eine schimmernde, wunderbare -unbekannte Ferne! Mein Rußland! ... -</p> - -<p> -„Halt, halt, du Esel!“ rief Tschitschikow Seliphan zu. -</p> - -<p> -„Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch -runter!“ schrie ihn ein vorübersprengender Feldjäger an, -der einen Schnurrbart von der Länge eines Meters -hatte. „Siehst du denn nicht, daß das ein staatlicher -Wagen ist? hol dich der Teufel!“ Und wie eine Vision verschwand -unter Donner und Staubwolken das Dreigespann. -</p> - -<p> -Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch -in dem Worte: Landstraße! Und wie <em>herrlich</em> ist sie -selbst, diese <em>Landstraße</em>! Ein heller Tag, Herbstblätter, -die Luft ist kalt ... Hüll dich tiefer in deinen Regenmantel! -Die Mütze über die Ohren, und schmieg dich -enger und gemütlicher in deine Wagenecke! Ein letztes -Mal noch läuft uns ein Schauer durch unsere Glieder, -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -und schon <a id="corr-129"></a>durchströmt uns behagliche Wärme. Die -Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. -Die Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf -erklingt noch einmal das Lied: „Nicht weißer Schnee ...“, -das Schnauben der Pferde und das Rasseln der Räder -und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar -tief in die Wagenecke drückst. Doch nun erwachst du: -fünf Stationen liegen hinter dir; der Mond steht hoch -am Himmel; du fährst durch eine unbekannte Stadt, -vorbei an Kirchen mit altertümlichen Holzkuppeln und -dunkelen Turmspitzen, an finsteren hölzernen und weißen -steinernen Häusern vorüber: hie und da ein breiter -Streifen schimmernden Mondlichts, gleich als ob weiße -Leinentücher über Wände und Straßen gebreitet wären, -kohlschwarze Schatten legen sich schräg darüber, wie -flimmerndes Metall glänzen die helleuchtenden Holzdächer: -und keine Seele rings umher: alles schläft. Nur ein -einsamer Lichtschein fällt hier oder dort aus einem kleinen -Fenster: ist es ein Bürgersmann, der seine Stiefel stopft, -oder ein Bäcker, der sich beim Ofen zu schaffen macht? -— was kümmert’s dich, <a id="corr-131"></a>o, welche Nacht! -Himmlische Mächte! welch eine Nacht webt droben -in der Höhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher Himmel -in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfaßbar -klar und helltönend über uns breitest! ... Kühl weht -dir in die Augen der kalte Atem der Nacht und lullt -dich ein in süßen Schlaf; nun schlummerst du, vergißt -dich ganz und schnarchst — doch zornig bewegt und -schüttelt sich dein armer, in die Ecke gezwängter Nachbar -unter deiner allzu schweren Bürde. Von neuem erwachst -du, und wieder liegen vor dir Felder und Steppen; -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -leer ist’s um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in -die Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an -dir vorüber; der Morgen steigt empor; am bleichen -kalten Horizont erscheint ein matter Goldstreifen, kühler -und kräftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hüll -dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Kälte! -Wie wunderbar umfängt aufs neue dich der Schlummer! -Ein Stoß und abermals erwachst du. Die Sonne steht -schon im Zenith. „Vorsicht, Vorsicht!“ ruft’s neben dir, -der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet -eine Fähre: ein breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner -Kessel in der Sonne glänzt; ein Dorf, mit malerischen -Hütten an den Hängen; wie ein Stern blitzt abseits -das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tönt der -Bauern munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit -regt sich im Magen ... Mein Gott, wie schön ist -doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg! Wie oft -schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden -und Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst -du mich empor und rettetest hochherzig mich Armen! -Und wieviel herrliche Gedanken und Träume voll wundersamer -Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie -viele beglückende Eindrücke erfüllen schon die Seele! ... -Indessen auch Freund Tschitschikows Träume waren -durchaus nicht so ganz prosaischer Art. Sehen wir einmal -zu, was für Gefühle ihn beseelten! Anfangs empfand -er überhaupt nichts und sah sich immer wieder um, -weil er sich überzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich -hinter ihm läge; aber als er sah, daß sie längst -verschwunden war, und keine Schmiede, keine Mühle, -noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -herum zu liegen pflegt, mehr zu entdecken war, und -selbst die weißen Spitzen der steinernen Kirchen längst -in die Erde gesunken waren, da richtete sich seine ganze -Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und -nach links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn -er vor <em>langer, langer</em> Zeit, in seiner frühesten Kindheit -dort gewesen wäre. Schließlich fing auch der Weg -an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig -zu und lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor -muß gestehen, daß er sich eigentlich darüber freut, da -er doch <em>so</em> endlich einmal Gelegenheit findet, einige -Worte über seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde -er ja immer — der Leser weiß es ja selbst — bald -durch Nosdrjow, bald durch irgend einen Ball, bald -durch die Damen oder den Stadtklatsch, oder durch -tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer -erst dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im -Buche stehen, dagegen immer für höchst wichtige Angelegenheiten -gehalten werden, solange sie noch in der -Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite -legen und uns ganz der Sache selbst widmen. -</p> - -<p> -Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner -Dichtung dem Leser gefallen wird. Den Damen -wird er ganz sicher nicht gefallen, das läßt sich schon -im Voraus mit Bestimmtheit behaupten — denn die -Damen wollen, daß ihr Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit -darstelle, und wenn ihm nur der kleinste -leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es für -immer vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die -Seele hineinleuchten, sein Bild reiner zurückstrahlen -lassen, als ein Spiegel — der Mann hätte doch nicht -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Fülle -und das Alter Tschitschikows müssen ihm sehr schaden: -diese Fülle wird man unserem Helden nie verzeihen, -und viele Damen werden sich verächtlich abwenden und -sagen: „Pfui, wie häßlich er ist!“ Ach ja! Das alles -ist dem Autor wohl bekannt, und dennoch — und trotz -alledem kann er sich keinen tugendhaften Menschen zum -Helden wählen ... Allein ... vielleicht wird man -in dieser selben Erzählung noch nie angeschlagene Saiten -vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem -unendlichen Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann -begabt mit göttlichen Vorzügen und Tugenden an -uns vorüberschreiten, oder ein herrliches russisches -Mädchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht -wieder findet, ausgestattet mit allen Schönheiten -der weiblichen Seele voll hochherzigen Strebens -und zu jedem höchsten Opfer bereit! Verblassen -und dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften -Männer und Frauen anderer Stämme, -wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! -Zum Lichte drängen werden sich alle mächtigen Regungen -der russischen Seele, .. und es wird an den -Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift und -festhält, was nur die Oberfläche fremder Völker -streifte ... Allein, warum soll ich davon reden, was -noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich’s für den -Dichter, der längst des Mannes reifes Alter erreichte, -und den die ernste Strenge inneren Lebens und die -erfrischende Nüchternheit der Einsamkeit härteten und -stählten, dem Knaben gleich sich zu vergessen. Jedes -Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -alledem ward nicht der Tugendhafte zum Helden erwählt. -Wir können es sogar sagen warum er nicht -erwählt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem -armen Tugendbold etwas Ruhe zu gönnen; weil das -Wort „tugendhafter Mensch“ fortwährend auf allen -Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen -zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen -Schriftsteller mehr gibt, der nicht beständig auf ihm -herumreitet und ihn fortgesetzt mit seiner Peitsche und -Gott weiß womit sonst noch, vorwärts treibt; weil man -den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, -daß bald auch nicht der Schatten einer Tugend mehr -an ihm sein wird, und nur noch ein paar Rippen und -etwas Haut statt des Leibes von ihm übrig bleiben -werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht -mehr achtet. Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den -Schurken vor den Wagen zu spannen. Und so wollen -wir ihn denn vor unseren Wagen spannen! -</p> - -<p> -Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres -Helden. Seine Eltern waren Edelleute, ob freilich von -altem oder <em>nur</em> von persönlichem Adel — das weiß -der liebe Gott. Äußerlich zeigte er keine Ähnlichkeit -mit ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei -seiner Geburt zugegen war, eine kleine kurze Dame, -die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu nennen pflegt, -das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: -„Ach herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir -vorgestellt habe! Er sollte eigentlich der Großmama -von mütterlicher Seite ähnlich sein, das wäre sicherlich -das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das -Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -’nem wandernden Junker.“ Das Leben sah ihn anfangs -unfreundlich und mürrisch, wie durch ein trübes vom -Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen -Freund, noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein -kleines Stübchen, mit kleinen Fensterchen, die weder im -Sommer noch im Winter geöffnet wurden; sein Vater -war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell -gefütterten Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er -über die nackten Füße zog; beständig ging er im Zimmer -auf und ab, seufzte und spuckte in den Sandnapf in -der Ecke, ewig mußte der Knabe auf der Bank sitzen, -die Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, -die unvermeidliche Vorschrift vor Augen: „Du -sollst nicht lügen, sollst die älteren Leute ehren und die -Tugend im Herzen tragen!“ Das ewige Klappern und -Schlürfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und -strenge Stimme: „Machst du schon wieder Dummheiten?“ -die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, <a id="corr-133"></a>angewidert -von der Einförmigkeit seiner Beschäftigung, -irgend ein Häkchen oder Schnörkelchen an einem Buchstaben -anbrachte; und dann das lang bekannte aber -immer peinliche Gefühl, das den Worten folgte, -wenn die Nägel der langen Finger sich von hinten heranbewegten -und das Ohrläppchen so schmerzhaft zusammendrehten. -Das ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, -an die ihm nur eine schwache Erinnerung -geblieben war. Aber im Leben ändert sich alles schnell -und plötzlich: eines schönen Tages, als die ersten -Strahlen der Frühlingssonne die Erde erwärmten, und -die Bäche zu rauschen begannen, nahm der Vater seinen -Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen Bauernwagen, -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen -wurde, einem von jener Sorte, welche unsere -Pferdehändler „Elstern“ zu nennen pflegen; der Wagen -wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt, dem -Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows -Vater gehörte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die -Fahrt, unterwegs übernachtete man einmal, setzte über -einen Fluß, nährte sich von kalten Pasteten und gebratenem -Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten Tage gegen -Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den -Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht -ihrer Straßen, daß er den Mund vor Erstaunen weit -aufriß. Dann plumpste die „Elster“ mitsamt dem -Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, -abschüssigen und ganz mit Schmutz bedeckten Straße -bildete; lange arbeitete sie dort aus aller Kraft, watete -mit den Beinen im Kot herum, angespornt und ermuntert -von dem buckligen Kutscher und dem Herrn -selbst, bis sie die Kutsche schließlich aus dem Dreck -herauszog und in einem kleinen Hof landete; -dieser lag an einem kleinen Hügel; vor dem alten -Häuschen standen zwei blühende Apfelbäume und hinter -demselben befand sich ein kleines niedriges Gärtchen, -das nur aus ein paar Ebereschen, Hollunderbüschen -und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen -hölzernen Hüttchen bestand, welches mit Dachschindeln -gedeckt war und ein einziges halberblindetes Fensterchen -hatte. Hier wohnte eine Verwandte von Tschitschikow, -ein altes vertrocknetes Mütterchen, die aber noch jeden -Morgen auf den Markt ging und ihre Strümpfe -an der Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -auf die Wange und freute sich darüber, daß er so dick und -wohlgenährt aussah. Hier sollte er von nun ab bleiben -und die städtische Schule besuchen. Der Vater blieb die -Nacht über bei der Alten. Am andern Tage machte er -sich wieder auf den Weg, um nach Hause zu fahren. -Als er sich von seinem Sohne verabschiedete, vergoß er -keine Träne: er gab ihm einen halben Rubel Kupfergeld -für die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was -bei weitem wichtiger war, noch ein paar weise Lehren -dazu: „Merk dir’s Pawluscha, lerne was Ordentliches, -treib keine Dummheiten und mach keine schlechten -Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten -und Lehrern zu gefallen. Wenn du’s deinen Vorgesetzten -recht machst, wird dir alles gelingen, selbst wenn -du unbegabt bist und keine großen Fortschritte in den -Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine -Mitschüler überholen. Laß dich nicht zu viel mit den -Kameraden ein; sie werden dir nicht viel Gutes beibringen; -aber wenn es dennoch dazu kommt, dann -wähle dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich -sind, denn sie können dir helfen und von Nutzen sein. -Sei nicht zu freigiebig und gastfrei, sondern mache es -immer so, daß die anderen dich einladen und freihalten; -vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: -auf ihn kannst du dich eher verlassen, als auf alles in -der Welt. Deine Freunde und Kameraden werden dich -übers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglück -verlassen, der Pfennig aber wird dich <em>nie</em> verlassen, -weder in Not noch Gefahr! Mit dem Pfennig kannst -du alles durchsetzen, wirst du alles erreichen, wonach -dein Herz nur begehrt.“ Nach diesen weisen Lehren -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und -trat die Rückreise mit seiner „Elster“ an. Der Sohn -sollte ihn nie wiedersehen, allein, er bewahrte seine -Worte und Lehren tief in der Seele. -</p> - -<p> -Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die -Schule zu besuchen. Besondere Fähigkeiten für eine -bestimmte Wissenschaft legte er nicht an den Tag; er -zeichnete sich mehr durch Fleiß und Ordnungsliebe aus; -dafür aber kam bei ihm bald eine andere Fähigkeit -zum Durchbruch: ein großer praktischer Verstand. Er -begriff sofort, worum es sich handelte und benahm sich -im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater -es ihn gelehrt hatte, d. h., er ließ sich stets einladen -und freihalten, er selbst dagegen tat nie etwas derartiges, -ja, er hob sich sogar mitunter die erhaltenen -Gaben und Geschenke auf, um sie später bei Gelegenheit -an den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte -er es gelernt, sich alles zu versagen. Von dem halben -Rubel, den er vom Vater erhalten hatte, nahm er keine -Kopeke, sondern fügte noch im selben Jahre etwas zu -dieser Summe hinzu, wobei er einen großen Unternehmungsgeist -an den Tag legte: er knetete aus Wachs -einen Dompfaffen, strich ihn hübsch an und verkaufte -ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang -mit andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er -kaufte auf dem Markte Eßwaren ein und setzte sich in -der Schule neben die, welche am reichsten waren und -das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, daß -einem Kameraden schlecht wurde — was ein Zeichen -des eintretenden Hungergefühles war — ließ er ihn -unter der Bank, wie im Versehen, die Ecke eines Pfefferkuchens -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -oder eines Brötchens sehen. Hatte er ihn dann -ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte -Summe ab, die stets in einem gewissen Verhältnisse -zur Größe seines Appetites stand. Zwei Monate lang -machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit -einer Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hölzernen -Käfig eingesperrt hielt; er brachte es endlich soweit, daß -sich die Maus auf die Hinterbeine stellte, sich auf -Befehl hinlegte und wieder aufrichtete, worauf er sie -dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er -sich auf diese Weise ungefähr fünf Rubel zurückgelegt -hatte, nähte er sie in ein Säckchen ein, und fuhr fort, -neues Geld zu sparen. In seinem Verhalten zur Schulobrigkeit -war er noch klüger. Niemand verstand es so -gut, wie er, mäuschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier -müssen wir bemerken, daß der Lehrer ein großer Freund -der Ruhe und eines guten Betragens war und die -klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte; es -schien ihm immer, daß diese über ihn lachten. Es -braucht nur einer, der im Verdacht stand, gescheit -und witzig zu sein, sich ein wenig auf der Bank zu -bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, -um den Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er -verfolgte und strafte ihn ganz unbarmherzig. „Ich will -dir deinen Hochmut und deine Aufsässigkeit austreiben!“ -rief er, „ich kenne dich durch und durch, so wie du dich -selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst -schon erfahren, wie der Hunger schmeckt!“ Und -der arme Knabe mußte sich die Kniee durchscheuern und -tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum. -„Fähigkeit, Begabung, Talent — das ist alles Unsinn!“ -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -pflegte der Lehrer zu sagen, „ich sehe vor allem aufs -Betragen. Einem Schüler, der sich anständig benimmt, -würde ich auch dann noch die besten Noten in allen -Fächern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; -wo ich dagegen <a id="corr-134"></a>jenen bösen Geist des Widerspruches -und der Spottlust entdecke — da gibt’s eine 0 -selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte!“ So -pflegte der Lehrer zu sprechen; daher haßte er auch -Krylow so ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln -gesagt hatte: „Sauf meinethalben, doch verstehe deine -Sache!“ Auch erzählte er immer mit großer Befriedigung, -wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, -wie in der Schule, in der er früher unterrichtet hatte, eine -solche Stille geherrscht habe, daß man eine Mücke durchs -Zimmer fliegen hören konnte; daß keiner von den Schülern -während des ganzen Jahres auch nur <em>einmal</em> zu husten -und sich während der Stunde zu schneuzen wagte, und -daß bis zum Glockenzeichen niemand hätte entscheiden -können, ob jemand in der Klasse war oder nicht. -Tschitschikow erfaßte sofort den Geist und die Absichten -des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen -verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte während -der ganzen Stunde auch nicht <em>einmal</em> mit der Wimper, -man mochte ihn kneifen und zwicken, soviel man wollte; -sowie das Glockenzeichen ertönte, stürzte Tschitschikow -kopfüber an die Türe, um dem Lehrer als erster die -Mütze zu reichen — der Lehrer trug eine gewöhnliche -Bauernmütze; hierauf verließ er zuerst die Klasse und -suchte ihm recht häufig auf der Straße zu begegnen, -wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein -Verhalten war vom schönsten Erfolge gekrönt. Die -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -ganze Zeit über, während er die Schule besuchte, war -er sehr gut angeschrieben, und bei seinem Abgang erhielt -er ein vorzügliches Zeugnis mit den besten Noten -in sämtlichen Fächern und außerdem noch ein Buch mit -einer Inschrift in goldenen Lettern: „Für lobenswerten -Fleiß und musterhaftes Betragen.“ Bei seinem Abgang -von der Schule war er bereits ein Jüngling von recht -anziehendem Äußeren, mit einem Kinn, das der sorgsamen -Pflege durchs Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit -starb sein Vater. Er hinterließ seinem Sohne vier -völlig abgetragene Flaushemden, zwei alte Röcke, die -mit Lammfell gefüttert waren und eine ganz unbedeutende -Geldsumme. Der Vater verstand es offenbar -nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er selbst -aber hatte nur wenig zurückgelegt. Tschitschikow verkaufte -sogleich das alte Häuschen samt dem dazugehörigen -dürftigen Grund und Boden für tausend Rubel, und -schickte die Leibeigenen-Familie die es bewohnt hatte, nach -der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst niederzulassen -und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit -wurde sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und -gutes Betragen legte, wegen seiner Unfähigkeit oder einer -andern Verfehlung halber entlassen; er begann vor Gram -zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht einmal -mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam -und verhungerte er in irgend einer ungeheizten -abgelegenen Dachkammer. Als seine früheren Schüler, -hinter deren Witz und Scharfsinn er immer Ungehorsam -und Aufsässigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren, -veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung -für ihn, und verkauften sogar einige von ihren eigenen -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -Sachen, die sie nur schwer entbehren konnten; nur Pawluscha -Tschitschikow machte Ausflüchte, er habe nichts, und -opferte bloß ein armseliges silbernes Fünfkopekenstück, -das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! -vor die Füße warfen. Der arme Lehrer bedeckte -sein Gesicht mit beiden Händen, als er von dieser Handlung -seiner früheren Schüler erfuhr; die Tränen stürzten -ihm in Bächen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den -erlöschenden Augen. „Noch auf dem Totenbett schickt -Gott mir diese Tränen!“ rief er mit schwacher Stimme, -er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie Tschitschikow -an ihm gehandelt hatte und fügte hinzu: „Ach, Pawluscha, -Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verändert! Was -für ein braver artiger Junge er doch war! Er hatte -so gar nichts Wildes und war so weich wie Seide. Wie -hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch betrogen! ...“ -</p> - -<p> -Und doch kann man nicht sagen, daß die Natur -unseres Helden so rauh und hart, und daß sein Gefühl -so abgestumpft war, daß er weder Mitleid noch Teilnahme -kannte. Beide Gefühle waren ihm sehr wohl -bekannt, und er wäre zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur -durfte sie nicht in einem gar zu großen Geldopfer bestehen, -denn unter keinen Umständen hätte er die Summe -angegriffen, die er beschlossen <a id="corr-135"></a>hatte, nie auszugeben; mit -einem Wort, der väterliche Rat: „sei sparsam und ehre -den Pfennig“ war auf guten Boden gefallen. Und -doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes selbst -willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, -die ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren -die Motive, von denen er sich leiten ließ; was ihm vorschwebte, -war ein Leben in Wohlstand und Überfluß, -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter -Haushalt, schmackhafte Diners — das war es, was ihn -ganz erfüllte und fortwährend beschäftigte. Und dazu -sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich selbst und -andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen würde, -all diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend -ein reicher Mann in einem leichten eleganten Wagen, -mit stolzen Pferden in schimmerndem Geschirr an ihm -vorüberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen, -und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: -„Und er war doch ein gewöhnlicher Handlungsgehilfe -und trug gekräuseltes Haar!“ Alles, was von -Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen -Eindruck auf ihn, daß er es mitunter selbst nicht recht -verstehen konnte. Als er die Schule verließ, ruhte er -nicht einmal ein wenig aus: so stark war sein Wunsch, -so schnell als möglich ans Werk zu gehen und in den -Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzüglichen -Zeugnisse gelang es ihm nur eine unbedeutende Stelle -in der Finanzkammer zu erhalten; selbst in den entlegensten -Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus! Schließlich -fand sich doch noch ein kleines Pöstchen, mit einem -Gehalt von dreißig bis vierzig Rubel jährlich. Aber er -war fest entschlossen, sich ganz dem Dienste zu widmen -und alle Hindernisse zu besiegen und zu überwinden. -Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhörte Selbstverleugnung -und Geduld an den Tag, und schränkte -seine Bedürfnisse auf das Allernotwendigste ein. Vom -frühen Morgen bis zum späten Abend saß er unermüdlich -hinter seinem Tische, ohne daß seine geistigen und -körperlichen Kräfte nur im geringsten nachließen, schrieb -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -und schrieb, verschwand vollkommen hinter seinen Akten, -ging kaum nach Hause, schlief in der Kanzlei auf dem -Tische, aß mitunter mit den Hausknechten und Wächtern -zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes -wohlgepflegtes <a id="corr-136"></a>Äußeres zu bewahren, sich anständig zu kleiden, -seinem Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen -und sogar seinen Bewegungen einen gewissen Adel zu -geben. Man muß sagen, daß die Beamten der Finanzkammer -sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und -Häßlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie -schlecht gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, -das Kinn war schief, die Oberlippe aufgedunsen wie -eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit einem Wort -es sah gar nicht hübsch aus. Sie führten alle eine -sehr strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, -als wollten sie einen durchhauen; sie brachten dem -Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen, daß sich bei -den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten -haben; ja sie kamen sogar häufig etwas angeheitert -in den Dienst, so daß es im Amtszimmer recht -ungemütlich wurde, da man die Luft nichts weniger als -aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten -mußte Tschitschikow natürlich auffallen, war er doch -fast in allem das vollkommene Gegenteil von ihnen; -seine Züge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, -auch enthielt er sich aller geistigen Getränke. Und doch -wurde ihm die Karriere durchaus nicht leicht gemacht. -Er erhielt einen ganz alten Aktuar zum Chef, ein -wahres Muster starrer Gefühllosigkeit und Unerschütterlichkeit; -er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein -Lächeln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -grüßend entgegen, oder erkundigte sich nach dem -Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders gesehen, -als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause -oder auf der Straße; nie äußerte er das geringste -Interesse oder etwas wie Teilnahme an fremdem -Schicksal; nie war es ihm begegnet, daß er betrunken -gewesen wäre und in diesem Zustand einmal herzhaft -gelacht hätte; nie hatte er sich einem wilden Taumel -hingegeben, wie es selbst der Räuber in Augenblicken -des Rausches tut; — von alledem war auch nicht ein -Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit -und Güte, aber gerade in diesem vollständigen Mangel -aller starken Gefühle und Leidenschaften lag etwas -Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an dem -man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte -an kein Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte -eine rauhe Proportion. Nur die zahlreichen Pockennarben -und -Gruben, mit denen es übersät war, -machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen -der Teufel nachts Erben drischt. Man sollte meinen, -es hätte über alle Menschenkraft gehen müssen, einem -solchen Menschen näher zu treten und seine Zuneigung -zu gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen -Versuch. Zuerst suchte er sich ihm in allerhand unbedeutenden -Kleinigkeiten gefällig zu erweisen; er untersuchte -sorgfältig wie die Federn geschnitten waren, mit -denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar -von der genannten Art, und legte sie so hin, daß jener -sie leicht finden konnte; er blies und wischte den -Streusand und Tabak von seinem Tische ab; schaffte -einen neuen Lappen für das Tintenfaß an; ferner lief -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -er stets nach seiner Mütze — der häßlichsten Mütze, die -es je auf der Welt gab, und legte sie jedesmal kurz -vor dem Schluß der Sitzung neben ihn hin; oder er -bürstete ihm den Rücken ab, wenn er sich an der Wand -weiß gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht -den geringsten Eindruck, gerad als ob es überhaupt -nicht geschehen wäre. Schließlich jedoch gelang es -Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben seines -Chefs zu gewinnen: er erfuhr, daß er eine erwachsene -Tochter hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als -ob „nachts Erbsen darauf gedroschen“ würden. Und -nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu bestürmen. -Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche -sie Sonntags besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs -feinste und tadelloseste gekleidet, mit einem prachtvoll -gestärkten Vorhemd <span class="antiqua">vis à vis</span> von ihr auf, und die -Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar ließ sich -erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen -war es so weit gekommen, daß Tschitschikow -zu ihm ins Haus zog und sich hier bald geradezu unentbehrlich -zu machen wußte; er kaufte Mehl und Zucker -ein, verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, -nannte den Herrn Aktuar „Papachen“ und küßte ihm -die Hand. Im Gericht war alles überzeugt, daß Ende -Februar, vor den großen Fasten die Hochzeit stattfinden -werde. Der gestrenge Aktuar bemühte sich sogar bei -seinem Vorgesetzten für ihn, und bald darauf saß -Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der -gerade frei geworden war. Das war wohl der -Hauptzweck seiner Annäherung an den greisen Aktuar -gewesen, denn noch am selbigen Tage ließ er seinen -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am -folgenden Tage nahm er sich schon eine andere Wohnung. -Er hörte auf, den Aktuar „Papachen“ zu titulieren und -ihm die Hand zu küssen, die Sache mit der Heirat -wurde immer weiter hinausgeschoben, fast als ob überhaupt -niemals davon die Rede gewesen wäre. Trotzdem -drückte er dem Aktuar auch fürderhin, wenn er -ihm begegnete, zärtlich die Hand, lud ihn zu sich zum -Tee ein, so daß der Alte trotz seiner großen Schwerfälligkeit -und seiner hartnäckigen Gleichgültigkeit jedesmal -den Kopf schüttelte und murmelte: „Hat der mich -beschwindelt, dieser Satan!“ -</p> - -<p> -Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun -genommen war. Von da ab ging es leichter und mit -noch größerem Erfolge vorwärts. Man fing an, ihn -zu beachten. Besaß er doch alles, was man braucht, -wenn man sich auf dieser Welt durchschlagen will: die -angenehmen Manieren, das feine Betragen und den -kecken Wagemut in allen geschäftlichen Unternehmungen. -Mit diesen Mitteln eroberte er sich in kürzester Zeit das, -was man ein „warmes Plätzchen“ zu nennen pflegt, -und wußte es aufs trefflichste auszunützen. Man muß -nämlich wissen, daß man um diese Zeit streng gegen die -Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Maßnahmen -hatten indes für ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr -zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen wußte, und er -legte hierbei einen echt russischen Erfindungsgeist an den -Tag, der sich während der Zeiten starken Drucks stets -in seiner höchsten Blüte zeigt. Er machte es nämlich -folgendermaßen: sobald ein Bittsteller erschien, und die -Hand in die Tasche steckte, um eins von den sattsam -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -bekannten „Empfehlungsschreiben des Fürsten Chowanski“ -wie man sich bei uns in Rußland ausdrückt, hervorzuziehen -— sagte er sogleich mit einem freundlichen -Lächeln, wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: -„Sie denken wohl, daß ich .... nein, bitte! nein! -Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das müssen -wir auch ohne jede Entschädigung tun! Was das anbelangt, -so können Sie ganz ruhig sein. Morgen ist -alles in schönster Ordnung! Darf ich fragen, wo Sie -wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemühen. -Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt!“ Der entzückte -Bittsteller kehrte ganz begeistert nach Hause -zurück und dachte sich: „Endlich mal ein Mensch! ach, -wenn es doch mehr solcher gäbe, das ist ja ein wahres -Kleinod!“ Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet -zwei, aber seine Akten wollen noch immer nicht -kommen. Am dritten Tag ist es ebenso. Er geht -noch einmal in die Kanzlei — man hat seine -Papiere noch garnicht angesehen. Er geht wieder zu -seinem Kleinod. „Ach entschuldigen Sie,“ sagt Tschitschikow -sehr höflich, indem er den Herrn bei beiden -Händen ergreift: „Wir hatten so schrecklich viel zu tun, -aber morgen, morgen sollen Sie sie unbedingt haben! -Es ist mir selbst höchst peinlich!“ All diese Worte wurden -von geradezu bezaubernden Gesten begleitet. Wenn bei -dieser Gelegenheit der Rock aufgeknöpft wurde, so suchte -die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, -indem sie den Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten -wollen trotzdem nicht kommen, weder morgen, noch -übermorgen, noch überübermorgen. Der Bittsteller fängt -an zu überlegen: „Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht?“ -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -Er erkundigt sich, und erhält die Antwort: „Die Schreiber -müssen was bekommen!“ „Meinetwegen, warum sollte -ich ihnen nichts geben: Sie sollen ihre fünfundzwanzig, -meinetwegen sogar fünfzig Kopeken haben.“ — „Nein, -damit ist’s nicht getan, Sie müssen schon mindestens -einen <em>weißen</em> Zettel<a class="fnote" href="#footnote-7" id="fnote-7">[7]</a> hinlegen.“ „Was? den Schreibern -einen weißen?“ ruft der Bittsteller erstaunt aus. „Ja, -warum regen Sie sich nur so auf?“ antwortet man -ihm: „das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich -nur ihre fünfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die -Herren Vorgesetzten weiter!“ Hier schlägt sich der harmlose -Bittsteller vor den Kopf und flucht wütend über -die neue Ordnung, über die Maßnahmen gegen das -Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen -der Beamten. Früher, da wußte man wenigstens, was -man zu machen hatte: da legte man dem Geschäftsführer -einen <em>roten</em> Zettel auf den Tisch, und die Sache war -erledigt; jetzt muß man dagegen einen <em>weißen</em> opfern -und verliert noch dazu eine ganze Woche, ehe man -überhaupt heraus kriegt, was hier eigentlich los ist! ... -hol der Teufel diese Uneigennützigkeit und die Vornehmtuerei -der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natürlich -ganz recht: aber dafür gibt’s eben heute keine Bestechungen -mehr: alle geschäftsführenden Beamten sind rechtschaffene, -ehrliche Leute und nur die Schreiber und Sekretäre sind -noch Halunken und Gauner. Bald jedoch tat sich vor -Tschitschikow ein weites Feld der Tätigkeit auf: es bildete -sich eine Kommission für den Bau eines großen -Staatsgebäudes. In diese Kommission ließ auch er sich -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -hineinwählen, und wurde eins ihrer tätigsten Mitglieder. -Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang bemühte -man sich um das Staatsgebäude, aber war es nun -das Klima, oder lag es an den Materialien, genug, -der Bau wollte durchaus nicht fortschreiten und kam -nicht über das Fundament hinaus. Dafür aber -schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen -Enden der Stadt eine Reihe von schönen -Häusern in gut bürgerlichem Stile an; offenbar war -dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder -fingen schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu -erfreuen und sich eine Familie zu gründen. Erst jetzt -und unter den neuen Verhältnissen begann auch Tschitschikow, -sich von dem schwer lastenden Druck seiner -strengen Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung -zu befreien. Erst jetzt entschloß er sich zu einer milderen -Handhabung der Fastenvorschriften, die er solange -aufs strengste beobachtet hatte, und nun erst stellte es -sich heraus, daß er eigentlich nie ein Feind jener Genüsse -gewesen war, deren er sich in den Tagen einer -feurigen Jugend so gut zu enthalten verstand, gerade -in den Jahren, wo der Mensch noch nicht Herr seiner -selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen Luxus: -schaffte sich einen Koch und feine holländische Hemden -an. Auch kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der -Provinz keineswegs allgemein getragen wurden und -bevorzugte besonders die braunen und glänzenden hellroten -Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche -Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er -wohl die Zügel selbst in der Hand hielt und das Beipferd -elegante Seitensprünge machen ließ; jetzt wurde -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -auch die Sitte eingeführt, sich mit einem Schwamm, -der in eine Mischung von Wasser und <span class="antiqua">Eau de Cologne</span> -getaucht wurde, zu waschen; schon kaufte er sich teure -Seife, um seine Haut weich und glatt zu erhalten, -schon ... -</p> - -<p> -Da wurde plötzlich anstelle der alten Schlafmütze -ein neuer Sektionschef ernannt, ein strenger Herr, der -beim Militär gedient hatte, und ein geschworener Feind -des Bestechungssystems, und alles dessen war, was -man Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon -am folgenden Tage scheuchte er alle Beamten bis auf -den letzten auf, verlangte Rechenschaftsberichte, entdeckte -auf Schritt und Tritt Mißstände, sah, daß überall -Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Häuser -im bürgerlichen Stil — und ordnete sogleich eine Untersuchung -an. Die Beamten wurden ihres Dienstes -entsetzt; die Häuser im bürgerlichen Stil vom Staate beschlagnahmt -und in allerhand wohltätige Anstalten und -Schulen für Kantonisten umgewandelt; alle Beamten -erhielten eine kräftige Moralpauke, am meisten aber -unser Freund Tschitschikow. Sein Gesicht erregte plötzlich -trotz seines angenehmen Ausdrucks das höchste -Mißfallen des Chefs — warum eigentlich — das weiß -Gott allein; oft gibt es überhaupt keinen Grund dafür — -genug, er warf einen tödlichen Haß auf Tschitschikow. -Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar in -seinem Zorn! Da er aber schließlich doch nur ein alter -Soldat war und all die feinen Kniffe und Kunstgriffe -des Zivils nicht kannte, gelang es den andern Beamten -durch Vortäuschung eines ehrlichen Gesichts und -durch die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -Gnade zu erwerben, und der General kam bald in die -Hand noch weit größerer und schlimmerer Halunken, die -er noch dazu garnicht dafür hielt; ja er war schließlich sogar noch -zufrieden, daß er die rechten Leute gefunden habe und -rühmte sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen -nach ihren Talenten und Fähigkeiten zu würdigen und -abzuschätzen. Die Beamten kamen sogleich hinter seinen -Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm -standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht -und jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; -überall, wo sie dergleichen <a id="corr-141"></a> antrafen, verfolgten sie es, so -wie ein Fischer mit seiner Harpune einem fetten Stör nachjagt, -und zwar mit so großem Erfolg, daß ein jeder -von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen -Tausend Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten -sich auch mehrere von den früheren Beamten -und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow -allein wollte es nicht glücken, sich wieder beim -Chef einzuschmeicheln; so sehr sich auch der erste Sekretär -des Generals unter dem Eindruck eines Empfehlungsbriefes -des Fürsten Chowanski um ihn bemühte und -für ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und -Steuerung der Nase des Gouverneurs verstand — er -vermochte dennoch nichts auszurichten. Der General -war nun einmal ein solcher Mensch, der sich wohl an -der Nase herumführen ließ (übrigens ohne, daß er es -selbst wußte); hatte sich aber einmal ein Gedanke in -seinem Kopfe festgesetzt, dann saß er so fest, wie ein -eiserner Nagel und keine Macht der Welt hätte ihn -wieder herausziehen können. Alles was der kluge -Sekretär erreichen konnte, war, daß die alte schmutzige -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -Dienstliste vernichtet wurde, aber selbst hierzu konnte -er seinen Chef nur veranlassen, indem er an sein -Mitleid <a id="corr-143"></a>apellierte und ihm in glühenden Farben das -traurige Schicksal Tschitschikows und seiner unglücklichen -Familie ausmalte, die ja Gott sei Dank garnicht -existierte. -</p> - -<p> -„Was tun!“ sprach Tschitschikow: „ich hab eingehakt, -raufgezogen, und das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt -— da ist kein Wort zu verlieren. Durch -Geheul und Gegrein macht man das Unglück nicht -wieder gut. Man muß ans Werk gehen und handeln!“ -Und er beschloß, seine Laufbahn von neuem zu beginnen, -sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und sich -wieder zu beschränken, so schön und herrlich er sich -auch vordem zu entfalten begonnen hatte. Er entschloß -sich, in eine andere Stadt überzusiedeln und dort -bekannt und berühmt zu werden. Aber es wollte alles -nicht recht glücken. In ganz kurzer Zeit mußte er -zwei- oder dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, -denn die damit verbundene Tätigkeit war höchst unsauber -und widerwärtig. Der Leser muß nämlich -wissen, daß Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit -gab, wie kaum sonst jemand in der Welt. Und -obwohl er sich im Anfang auch in einer unsauberen -Gesellschaft bewegen mußte, blieb seine Seele doch -immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, -wenn die Tische in den Amtsstuben lackiert waren und -alles fein und nobel aussah. Nie erlaubte er sich in -seinen Reden ein unanständiges Wort, und es kränkte -ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die -schuldige Achtung gegen seine Titel und Würden vermißte. -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -Ich glaube, es wird dem Leser angenehm sein, -zu erfahren, daß er jeden zweiten Tag seine Wäsche -wechselte; im Sommer während der heißesten Zeit sogar -zweimal täglich: jeder unangenehme Geruch beleidigte -sein empfindliches Geruchsorgan. Daher steckte er sich -auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn anzukleiden -und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar -Nelken in die Nase; und oft waren seine Nerven zarter -als die eines jungen Mädchens; daher wurde es ihm -auch so schwer, wieder in jene Schichten unterzutauchen, -wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren -ganz unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, -er magerte dennoch ein wenig ab und bekam -eine grünliche Gesichtsfarbe von all diesen Widerwärtigkeiten -und Schicksalsschlägen. Eben hatte er angefangen, -dick zu werden und sich jene runden und gefälligen -Körperformen zuzulegen, in deren Besitz der Leser ihn -angetroffen hat, als er seine erste Bekanntschaft machte; -und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel betrachtete, -an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: -an ein reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, -und ein Lächeln hatte bei diesem Gedanken sein -Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens in den -Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: -„Heilige Mutter Gottes, wie häßlich ich geworden bin!“ -Und es verging ihm für lange Zeit die Lust, sich im -Spiegel zu betrachten. Aber unser Held ertrug alles, ertrug -es geduldig und mutig — und so erhielt er denn endlich -eine Stellung beim Zollamt. Hier müssen wir erwähnen, -daß ein solcher Posten schon längst Gegenstand -seiner geheimen Wünsche gewesen war. Er hatte gesehen, -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -was sich die Zollbeamten für wunderschöne ausländische -Sachen anschafften, was für herrlichen Batist -und Porzellan sie ihren Schwestern, Vettern und Basen -zum Geschenk machten. Oft schon hatte er seufzend -ausgerufen: „Das wär so etwas für mich: die Grenze -ist nahe, man ist in der Nähe von gebildeten Leuten, -was für feine holländische Hemden man sich da -zulegen könnte!“ Und wir müssen hinzufügen, -daß er auch noch an eine besondere Sorte französischer -Seife dachte, welche der Haut eine außerordentliche -Weiße und Geschmeidigkeit und den Wangen Frische -und Glanz verlieh; was das für eine Marke war, das -mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, -daß sie nur an der Grenze zu haben war. -Genug, er sehnte sich schon lange nach dem Zollamt, -aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem -Dienst in der Baukommission erwuchsen, hielten ihn -noch zurück, und er sagte sich mit Recht, daß das Zollamt -eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem -Dache sei, während die Baukommission doch immerhin -ein Sperling in der Hand war. Jetzt aber hatte er -sich entschlossen, unter allen Umständen beim Zollamt -unterzukommen — und das setzte er denn auch tatsächlich -durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich -ans Werk. Das Schicksal selbst schien ihn zum Zollbeamten -prädestiniert zu haben. Eine gleiche Geschäftigkeit -und ein solch durchdringender Scharfblick war noch -nie vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er -sich bereits eine solche Sicherheit im Zollfach angeeignet, -daß er buchstäblich alles wußte: er brauchte garnicht abzumessen -oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket -enthalten waren; und wenn er ein Gepäckstück in die -Hand nahm, konnte er sofort sagen, wieviel es wog; -was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie -seine eigenen Kameraden sich ausdrückten, geradezu -„eine Witterung wie ein guter Jagdhund“: es war -wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden Knopf befühlte, -und dies alles geschah mit einer vernichtenden -Kaltblütigkeit und einer geradezu unglaublichen Höflichkeit. -Während die unglücklichen Objekte der Untersuchung -vor Wut rasten, alle Selbstbeherrschung verloren -und eine unwiderstehliche Lust verspürten, sein -angenehmes Gesicht tüchtig durchzubläuen, verzog er -keine Miene und sagte immer mit der gleichen Liebenswürdigkeit: -„Wollen Sie nicht die Gefälligkeit besitzen, -sich ein wenig zu bemühen und aufzustehen!“ oder -„Wollen Sie nicht die Güte haben, gnädige Frau, und -ein wenig ins Nebenzimmer treten. Die Gattin eines -unserer Beamten möchte ein paar Worte mit Ihnen -sprechen“, oder „Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen das -Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer -auftrenne“. Und mit diesen Worten zog er ganz kaltblütig -alle möglichen Tücher, Shawls usw. von dort -hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst -die Vorgesetzten erklärten, das sei ein Teufel und kein -Mensch. Überall fand er etwas: zwischen den Rädern, -in der Deichsel, in den Ohren der Pferde und Gott -weiß, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter -in den Kopf käme, etwas zu suchen, und wohin sich -höchstens ein Zollbeamter verirren kann. Der arme -Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die Grenze -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich -den Schweiß, der ihm aus allen Poren getreten war, -ab, schlug ein Kreuz und murmelte: „Na, na!“ Seine -Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen, der eben -dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, -um ihm eine kleine Standrede zu halten und ihn statt -dessen zu seinem höchsten Erstaunen kräftig durchwalkte. -Bald wußten sich die Schmuggler vor ihm nicht mehr -zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung -der gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit -und Unbestechlichkeit waren unvergleichlich und geradezu -unnatürlich. Er legte sich nicht einmal ein kleines -Kapital aus den konfiszierten Waren und den beschlagnahmten -Sachen an, welche dem Staate vorenthalten -wurden, um die unnützen Schreibereien zu vermeiden. -Ein solcher uneigennütziger Eifer im Dienst mußte -natürlich allgemeines Staunen erregen und schließlich -auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt -einen Titel und wurde befördert, woraufhin er der Regierung -ein Projekt vorlegte, wie man sämtliche Schmuggler -fangen und dingfest machen könnte. Diesem Projekte -legte er nur noch die Bitte um Einsendung der -hierzu erforderlichen Mittel bei. Sogleich wurde ihm -das Oberkommando und die unbeschränkte Vollmacht -zur Ausführung aller möglichen Untersuchungen und Ermittelungen -erteilt. Das war es allein, was er brauchte. -Um diese Zeit hatte sich gerade eine große Gesellschaft -von Schmugglern gebildet, welche ganz bewußt und -planmäßig vorgingen: das freche Unternehmen versprach, -Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon längst -etwas davon erfahren und sich sogar geweigert, die -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -Abgesandten zu kaufen, indem er ganz trocken erklärte, -die Zeit sei noch nicht gekommen. Nachdem er jedoch -alle Fäden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er die -Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen ließ: Jetzt ist es -Zeit. Er hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre -hätte er hier mehr gewinnen können, als er sich je in -zwanzig Jahren durch noch so eifrige Diensttätigkeit erwerben -konnte. <em>Vordem</em> wollte er sich nicht mit ihnen -einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, -und daher nicht viel erhalten hätte. Jetzt dagegen lagen -die Dinge ganz anders, jetzt konnte er ihnen seine Bedingungen -diktieren. Damit die Sache sich möglichst -glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten -auf seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, -der Kollege konnte der Versuchung nicht widerstehen, -trotzdem seine Haare schon zu grauen begannen. Der -Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur -Tat. Ihre ersten Operationen waren von glänzenden -Erfolgen gekrönt. Der Leser hat sicher schon jene berühmte -Geschichte von der Reise der gescheidten, spanischen -Hammel gehört, welche die Grenze in doppelten Häuten -überschritten und dabei für eine Million Brabanter -Spitzen unter dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete -sich gerade zu der Zeit, als Tschitschikow beim Zollamt -war. Hätte er selbst nicht an diesem Unternehmen teilgenommen, -kein Jude in der ganzen Welt hätte es -fertig gebracht, einen ähnlichen Streich auszuführen. -Nachdem die Hammel die Grenze drei oder viermal -überschritten hatten, stellte es sich heraus, daß beide Beamten -je vierhunderttausend Rubel Kapital besaßen. -Ja man munkelte, daß es bei Tschitschikow sogar in -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -die Fünfhunderttausend gegangen wäre, weil er noch -etwas kecker war, als der andre. Gott weiß, welche -gewaltige Höhe diese gepriesenen Summen erreicht hätten, -wenn nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen über den -Weg gelaufen wäre. Der Teufel verdrehte beiden Beamten -den Kopf. Der Haber stach sie, und sie gerieten -ohne jeden Grund aneinander. Während einer lebhaften -Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch -etwas zu viel getrunken hatte, den andern Beamten -einen <em>Popensohn</em>, worauf dieser, der <em>wirklich</em> der -Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde -aufs tiefste beleidigt fühlte und ihn sehr heftig und -außerordentlich scharf anfuhr. Und zwar sagte -er ihm folgendes: „Das lügst du! Ich bin Staatsrat -und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn,“ -und dann fügte er, um ihm einen Stich zu versetzen -und ihn noch mehr zu ärgern, noch hinzu: „Jawohl, -so ist’s!“ Obwohl er unseren Tschitschikow damit noch -übertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemünzte -Schimpfwort zurückgab, und trotzdem die Wendung: -„Jawohl, so ist’s“ schon stark genug war, genügte ihm -dies jedoch noch nicht, sondern er sandte noch außerdem -eine geheime Denunziation an die Behörde. Übrigens -ging die Rede, beide hätten überdies noch einen Streit -wegen eines frischen handfesten Weibleins gehabt, die -nach dem Ausdruck der Beamten „kernig“ gewesen sei, -wie eine Rübe, ja es seien sogar ein paar kräftige Kerle -gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in -einer dunkelen Gasse tüchtig durchwalken sollten; schließlich -aber hätten beide Beamten eine Nase erhalten, und -ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich der -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -betreffenden Dame bemächtigt. Wie sich die Sache in -Wahrheit zugetragen hat, das weiß Gott allein. Genug, -die geheimen Abmachungen mit den Schmugglern wurden -ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat -wurde zwar gleichfalls gestürzt, aber er zog seinen Kollegen -mit in seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor -Gericht gestellt, ihr ganzer Besitz konfisziert und versiegelt, -und dies alles brach über ihre schuldigen Häupter -herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr -Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und -als sie wieder zu sich kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, -was sie angerichtet hatten. Der Staatsrat -überlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo -elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem -Schicksal stand und blieb fest. Er verstand es, einen -Teil der Summe in Sicherheit zu bringen, so fein auch -die Witterung der Beamten war, die erschienen waren -um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche -und Ausflüchte an, deren sich ein erfahrener Mann, -welcher die Menschen nur allzu gut kennt, zu bedienen -pflegt: hier suchte er durch seine angenehmen Umgangsformen -Eindruck zu machen, dort durch rührende Reden, -hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden -können, und da erwarb er sich die Gunst der Beamten, -indem er ihnen etwas zusteckte, mit einem Wort, er -wußte seine Sache so gut zu führen, daß er wenigstens -keinen so schmählichen und unehrenhaften Abschied -erhielt, wie sein Kollege und, wenn auch mit knapper -Not, dem Strafrichter entrann. Freilich: das Kapital -und all die schönen ausländischen Sachen waren dabei -draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre <a id="corr-144"></a>Liebhaber -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -gefunden. Es gelang ihm, sich höchstens zehntausend -Rubel aus diesem Zusammenbruch zu retten, -die er sich für alle Fälle zurückgelegt hatte, dazu noch -zwei Dutzend holländische Hemden, eine kleine Kutsche, -wie sie Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: -den Kutscher Seliphan und den Bedienten -Petruschka, außerdem hatten ihm die Zollbeamten, aus -reiner Herzensgüte noch fünf oder sechs Stück Seife -geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch -erhalte — das war alles. In so trauriger Lage -befand sich nun mit einem Male wieder unser Held. -Welch ungeheueres Mißgeschick war plötzlich über -ihn hereingebrochen! Das nannte er im Dienste -der Wahrheit leiden. Man sollte meinen, nach all -diesen Stürmen, Versuchungen, Schicksalsschlägen und -den bösen Zufällen dieses Lebens hätte er sich mit -seinen letzten teuren Zehntausend in den friedlichen -Erdenwinkel eines Provinzstädtchens zurückgezogen, um -dort für immer einzurosten: da hätte er wohl im geblümten -Schlafrock am Fenster eines niedrigen Häuschens -gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern -rauften, oder er wäre vielleicht zur Erholung einmal in -den Hühnerhof hinabgegangen, um sich persönlich das -Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden -sollte, und so hätte er sein Dasein zwar still, doch in -seiner Art auch nicht ganz nutzlos hingebracht. Aber -es kam anders; man muß der unbezwinglichen Charakterstärke -unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren lassen. -Nach all diesen Schlägen, welche genügt hätten, einen -Menschen wenn nicht umzubringen, so doch für immer -gegen alles abzukühlen und zahm zu machen, war in -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -ihm jene unerhörte Leidenschaft noch immer nicht erloschen. -Er war ärgerlich und zornig, murrte wider -die ganze Welt, schimpfte über die Ungerechtigkeit des -Schicksals, war empört über die Schlechtigkeit der -Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue -Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte -eine Mannhaftigkeit an den Tag, vor der die träge -Geduld des Deutschen zu Nichts zusammenschrumpft, -welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen -Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig -durch die Adern, und es bedurfte eines starken, vernünftigen -Willens, um all jene Triebe zu zügeln, welche -in ihm nach außen drängten, um sich hier frei zu ergehen -und auszuleben. Er überlegte lange hin und her, -und in seinen Überlegungen war immer etwas Richtiges -enthalten. Warum bin <em>ich</em> es gerade? Warum mußte -das Unglück jetzt über <em>mich</em> hereinbrechen? Wer säumt -denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach <em>Erwerb</em>. -Ich habe doch niemand unglücklich gemacht, habe keine -Witwe beraubt, keinen Menschen an den Bettelstab gebracht, -nur von dem Überflusse genommen dort wo jeder -andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt -hätte. Hätte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe -gepackt, so hätten andere es statt meiner getan. Warum -sollen denn andere schwelgen und glücklich sein? Und -warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was -bin ich jetzt? Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem -braven Familienvater ins Auge sehen? Muß ich nicht -Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, daß -ich nur die Erde unnütz belaste? Und was sollen einst -meine Kinder sagen? — „Seht unsern Vater an,“ werden -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -sie sagen; „er war ein Schweinehund, und hat uns kein -Vermögen hinterlassen.“ -</p> - -<p> -Wir wissen bereits, daß Tschitschikow sehr besorgt um -seine Nachkommen war. Es ist damit eine kitzliche Sache. -So mancher würde nicht so tief in den fremden Beutel -greifen, wenn sich ihm nicht immer die seltsame, unbegreifliche -Frage wie von selbst auf die Lippen drängte: -„Und was werden meine Kinder sagen?“ Und der künftige -Stammvater greift eilig nach dem, was ihm zu allererst -unter die Finger kommt, wie ein vorsichtiger Kater, welcher -ängstlich zur Seite schielt, ob nicht der Hausherr in der -Nähe ist: sieht er ein Stück Seife liegen, eine Kerze, -ein Endchen Speck, kommt ihm ein Kanarienvogel unter -die Pfoten, er nimmt alles mit und verschmäht nichts. -So jammerte und klagte unser Held, und doch arbeitete -sein Kopf unaufhörlich weiter. Unabläßlich wollte sich -etwas formen und wartete nur auf den Plan zu dem -neu zu errichtenden Bau. Und wiederum schrumpfte er -zusammen, wieder begann er ein hartes Arbeitsleben, -wieder schränkte er sich in allem ein, wieder stieg er aus -der Sphäre des Wohlstandes und der Reinheit in den -Schmutz und das Elend des Daseins hinab. In Erwartung -eines Besseren ließ er sich sogar dazu herbei, -das Amt eines Gerichtsvollziehers zu übernehmen, ein -Beruf, der sich bei uns noch nicht das <a id="corr-148"></a>Bürgerrecht erkämpft -hat, dessen Träger von allen Seiten Püffe und -Stöße erdulden müssen, von den niederen Gerichtsbeamten -und von ihren Vorgesetzten verachtet werden und zum -Antichambrieren, zum Erleiden jeglicher Grobheiten und -Beleidigungen verurteilt sind. Allein die Not machte -unsern Helden zu allem fähig. Unter den mancherlei -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -Aufträgen, mit deren Ausführung er betraut wurde, -gab es auch folgenden: es sollten einige hundert Bauern -bei Vormundschaftsgericht verpfändet werden. Das Gut, -zu dem die Bauern gehörten, stand vor dem Ruin. -Furchtbare Viehseuchen, die Mißwirtschaft spitzbübischer -Verwalter, Epidemien, denen die besten Arbeiter zum -Opfer fielen, Mißernten und nicht zum mindesten die -Unvernunft des Gutsherrn hatten es dem Ruin entgegengeführt. -Der Besitzer hatte sich in Moskau ein modernes -Haus im neusten und vornehmsten Geschmack erbaut, -dabei aber war sein ganzes Vermögen bis zur letzten -Kopeke draufgegangen, so daß ihm kaum noch was -zum Essen übrig blieb. So sah er sich denn gezwungen, -sein einziges Gut, das ihm noch übrig geblieben war, -zu verpfänden. Hypothekengeschäfte mit dem Staate -waren damals noch ziemlich unbekannt und erst vor -kurzem eingeführt, daher entschloß man sich nicht ohne -inneres Unbehagen zu einem solchen Schritt. Tschitschikow -hatte in seiner Eigenschaft als Gerichtsvollzieher -sämtliche Vorbereitungen zu treffen; vor allem sorgte -er, daß auch alle Anwesenden in der rechten Stimmung -waren (ohne diese vorbereitende Maßnahme ist es bekanntlich -nicht einmal möglich, die einfachsten Erkundigungen -einzuziehen — unter einer Flasche Madeira pro Kopf -geht’s jedenfalls nicht ab), nachdem er also alle, auf -die es hierbei ankam, in die rechte Geistesverfassung -versetzt hatte, erklärte er ihnen: es gäbe bei dieser Sache -noch einen Umstand, der unbedingt berücksichtigt werden -müsse: „die Hälfte der Bauern sei gestorben, da müsse -man sich in acht nehmen, daß später nicht etwa Klagen -laut würden ...“ „Sie stehen aber doch in der Revisionsliste, -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -nicht wahr?“ sagte der Sekretär. „Freilich,“ erwiderte -Tschitschikow. „Nun was fürchten Sie denn -dann noch?“ sagte der Sekretär. „Der eine stirbt, ein -andrer wird geboren, nun gut, dann ist doch nichts verloren.“ -Wie man sieht, verstand es der Sekretär in -Versen zu sprechen. Hier aber blitzte in unserem Helden -der genialste Gedanke auf, der je einem Menschen in -den Kopf gekommen war. „O, ich Einfaltspinsel!“ -sprach er zu sich selbst, „ich suche meine Handschuhe und -sie stecken ruhig in meinem Gürtel! Hätte ich mir all -diese Leute, welche gestorben sind, gekauft, noch ehe die -neuen Revisionslisten aufgestellt wurden; hätte ich sie -mir, sagen wir einmal, für tausend Rubel erworben -und dann beim Vormundschaftsgericht verpfändet; dann -hätte ich zweihundert Rubel für die Seele bekommen, -und das würde heute genau zweimal hunderttausend -Rubel ausmachen! Und dazu ist jetzt gerade der günstigste -Augenblick: die Epidemie ist erst eben vorüber, die hat -gottlob nicht <a id="corr-149"></a>wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer -haben ihr Geld verspielt, zechen jetzt herum, und -haben ihr ganzes Vermögen durchgebracht; alles will -nach Petersburg und in den Staatsdienst treten: die -Güter liegen darnieder, die Verwalter kümmern sich kaum -um sie, mit jedem Jahre wird’s schwerer, die Steuern einzutreiben; -wie gern wird mir da jeder seine toten Bauern abtreten, -nur um keine Kopfsteuer für sie bezahlen zu müssen, -ja am Ende nehme ich noch diesem oder jenem ein -paar Kopeken dafür ab. Das ist natürlich nicht leicht, -es kostet viele Mühe, man muß ewig in Sorgen -schweben, daß man hereinfällt, und daß eine neue -Geschichte daraus entsteht. Aber wozu hat denn der -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -Mensch schließlich seinen Verstand? Das Gute dabei -ist ja eben dies: daß die Sache so unwahrscheinlich ist: -niemand wird es recht glauben wollen. Freilich ohne -Land kann man sie weder kaufen noch verpfänden; aber -ich werde sie eben zu Ansiedelungszwecken kaufen, -natürlich: zu Ansiedelungszwecken; jetzt bekommt man -ja das Land im Gouvernement Taurien und Cherson -fast umsonst; dort kannst du kolonisieren soviel dein -Herz begehrt! Ich führe sie eben einfach dorthin: ins -Chersonsche Gouvernement; da mögen sie meinetwegen -leben! Und die Ansiedelung läßt sich ja auf ganz gesetzlichem -Wege vollziehen, nach allen Regeln der Kunst, -durch das Gericht. Wenn sie ein Zeugnis verlangen, -gut, ich habe nichts dagegen: Warum nicht? Ich werde -auch ein Zeugnis mit der eigenhändigen Unterschrift -irgend eines Kreisrichters vorlegen. Das Gut wird -„Tschitschikowka“ oder nach meinem Taufnamen „Pawlowskoje“ -genannt.“ So kam im Kopfe unseres Helden -dieser seltsame Plan zustande; ich weiß garnicht, ob -ihm die Leser sehr dankbar für ihn sein werden, dagegen -läßt es sich kaum ausdrücken, wie sehr der -Verfasser sich ihm verpflichtet fühlt; wie dem auch -sei, wäre Tschitschikow nicht auf diesen Gedanken -gekommen — nie hätte diese Dichtung das Licht der -Welt erblickt. -</p> - -<p> -Er schlug nach russischer Sitte ein Kreuz und ging -an die Ausführung seines großen Planes. Indem er -vorschützte, er suche sich ein Plätzchen, wo er sich -niederlassen könne, und noch unter mancherlei anderen -Vorwänden, begann er damit, sich alle Ecken und Enden -unseres Reiches anzusehen, vorzüglich aber die, welche -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -mehr als andere unter allerhand Unglücksfällen zu leiden -hatten, als da sind: Mißernten, Todesfälle usw. usw. -Mit einem Wort, wo sich ihm die günstigste Gelegenheit -bot, sich möglichst billig Bauern zu erwerben, deren er ja -bedurfte. Dabei wandte er sich nicht aufs geradewohl an den -ersten besten Gutsbesitzer, sondern wählte sich Leute nach -seinem Geschmack aus, nämlich solche, mit denen sich ein Geschäft -dieser Art ohne große Schwierigkeiten abwickeln ließ. -Hierbei suchte er zunächst ihre nähere Bekanntschaft zu machen -und ihre Zuneigung zu gewinnen, um die Bauern womöglich -zum Geschenk zu erhalten und sie nicht bar bezahlen -zu müssen. Daher darf der Leser auch dem -Autor nicht böse sein, wenn die Personen, die bisher -im Laufe unserer Erzählung auftraten, nicht immer nach -seinem Geschmacke waren: das ist Tschitschikows Schuld; -denn hier ist <em>er</em> der Herr der Situation, und wir müssen -ihm folgen, wohin zu wandern es ihm einfällt. Wir -unsererseits können, wenn man uns den Vorwurf macht, -unsere Personen und Charaktere seien unscheinbar und -blaß, nur immer wieder sagen, daß man im Beginn -einer Sache nie ihren ganzen Umfang und die ganze -Breite und Tiefe ihres Verlaufs ermessen kann. Die -Einfahrt in eine Stadt, und sei es selbst die in die Reichshauptstadt, -ist immer uninteressant. Zunächst erscheint -alles grau und einförmig. Endlose Fabriken und rauchgeschwärzte -Werkstätten ziehen sich in trübseliger Monotonie -dahin. Erst später erscheinen die Ecken sechsstöckiger -Häuser, vornehme Läden, Aushängeschilder, die -langen Zeilen der Straßen mit Türmen, Säulen, Denkmälern, -Kirchen, mit ihrem Straßenlärm und Glanz -und all den Wundern, die Menschenhand und Menschengeist -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -erschaffen. Wie die ersten Einkäufe zustande kamen -hat der Leser selbst gesehen; wie die Sache weiter gehen -wird, welche Erfolge und Mißerfolge unsern Helden -erwarten, was für Hindernisse weit schwierigerer Art er -zu besiegen und zu überwinden haben wird, wie dann -gewaltige Gestalten vor uns auftreten, wie sich die geheimsten -Hebel unserer sich breit ergießenden Erzählung -in Bewegung setzen werden, wie der Horizont auseinander -treten, und sie selbst in majestätisch-lyrischem -Strome dahinfluten wird, dies werden wir später sehen. -Ein weiter Weg ist’s, den unsere Brigade zurückzulegen -hat bestehend aus einem Herrn mittleren Alters, einer -Kutsche, wie die Junggesellen zu benutzen pflegen, dem -Diener Petruschka, dem Kutscher Seliphan und dem Dreigespann -edler Rosse, denen wir ja vorgestellt sind, vom -Assessor bis zum niederträchtigen Schecken. Da haben -wir unsern Helden wie er leibt und lebt. Aber vielleicht -wird man noch eine Charakteristik durch einen -letzten Strich von mir verlangen: was ist er für ein -Mann nach der Seite seiner moralischen Qualitäten? -Daß er kein Held, erfüllt von allen Tugenden, Vorzügen -und allen nur möglichen Vollkommenheiten ist — das -ist evident. Wer also ist er? Folglich wohl ein Schurke? -Warum ein Schurke? Warum sollen wir so streng -gegen andere Leute sein? Jetzt gibt’s bei uns keine -Schurken mehr. Es gibt wohlgesinnte, gesinnungstüchtige, -angenehme Menschen, aber solche, die ihre -Physiognomie zur öffentlichen Beschimpfung darbieten -müßten, um den Streich auf die Wange in Empfang -zu nehmen, gibt es nur sehr selten. Von dieser -Sorte werden wir kaum zwei bis drei finden und -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -selbst sie reden heute schon laut von der Tugend. Das -Richtigste wäre es wohl, ihn einen guten Wirt oder ein -Erwerbsgenie zu nennen. Der Erwerbstrieb — trägt die -Schuld an allem: er ist die Ursache all jener Affären und -Geschäfte, die die Welt „nicht ganz sauber“ nennt. Freilich, -so ein Charakter hat schon etwas Abstoßendes an sich, und -derselbe Leser, der sich auf seinem Lebenswege mit so einem -Menschen anfreundet, ihn in sein Haus einführt und manche -angenehme Stunde mit ihm verbringt, wird ihn mißtrauisch -ansehen, sowie er ihm in irgend einem Drama oder einer -Dichtung begegnet. Aber dreimal weise ist der, der überhaupt -keinen Charakter verabscheut, sondern prüfend seinen Blick -auf ihn heftet und ihn begreifen lernt in seinen innersten -Triebfedern; wie schnell wandelt sich alles im Menschen: -eh man sich’s versieht, hat sich im Innern ein furchtbarer -Wurm eingenistet, der wächst und wächst und alle -Lebenskräfte herrisch in sich aufsaugt. Und mehr als -einmal schon geschah es, daß in einem Menschen, der zu -Höherem geboren war, nicht nur eine übermächtige -Leidenschaft gewaltig emporwuchs und erstarkte, nein oft -schon ließ ein armseliger minderwertiger Trieb ihn all seine -hohen und heiligen Pflichten vergessen und in elenden -Nichtigkeiten etwas Großes und Verehrungswürdiges -sehen. Unendlich wie der Sand am Meere sind des -Menschen Leidenschaften, und keine gleicht der andern, -alle sind sie dem Menschen im Anfang gefügig und gehorsam, -die hohen wie die niedrigen, und erst später -werden sie zu furchtbaren Despoten. Selig ist der zu -preisen, der sich unter allen die herrlichste Leidenschaft -erwählte: er wächst und mehrt sich täglich und stündlich -sein grenzenloses Glück, tiefer und immer tiefer dringt -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -er ein in das unendliche Paradies seiner Seele. Aber -es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht vom Menschen -abhängt. Sie werden mit ihm geboren in der Stunde, -da er zur Welt kommt, und keine Kraft ward ihm gegeben, -sie weit von sich zu stoßen. Ein höherer Plan -ist es, der sie lenkt, und es liegt etwas in ihnen, das -ewig ruft und lockt und keinen Augenblick im Leben -verstummt. Ihre große irdische Laufbahn zu vollenden -ist ihre Bestimmung, ob sie nun als finstere Gestalten -vorüberwandeln oder als herrlich leuchtende Erscheinungen, -die den lauten Jubel der Welt entfachen, indem sie an -uns vorüberziehen — ganz gleich — sie kamen, um das -dem Menschen unbekannte Gute zu erfüllen. Und vielleicht -stammt auch die Leidenschaft die unseren Helden -Tschitschikow lenkt und vorwärtstreibt nicht aus ihm -selber, und es liegt auch in seinem kalten frostigen Dasein -etwas beschlossen, was einstmals den Menschen auf die -Kniee und in den Staub niederzwingen wird vor der -Weisheit des Himmels. Und es ist noch ein Geheimnis, -warum diese Gestalt gerade in dieser Dichtung erscheinen -mußte, die hiermit den Schauplatz der Welt betritt. -</p> - -<p> -Aber nicht das ist das Bittere, daß man mit -unserem Helden unzufrieden sein wird; weit bitterer -und schmerzlicher ist dieses: in meiner Seele lebt die -unumstößliche Gewißheit, daß die Leser dennoch und -trotz alledem mit diesem Helden, mit demselben -Tschitschikow zufrieden sein könnten. Hätte der Autor -ihm nicht so tief ins Herz geblickt, hätte er nicht alles -aufgerührt, was im tiefsten Grunde seiner Seele lebt -und nur dem Blick der Welt entgeht und verborgen -bleibt, hätte er nicht seine geheimsten Gedanken enthüllt, -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -die kein Mensch dem andern vertraut, sondern ihn so -gezeigt, wie er der ganzen Stadt, Manilow und all den -anderen — erschienen war, — so wären alle Leute sehr -befriedigt, und jeder würde ihn für einen äußerst interessanten -Menschen halten. Freilich wäre dann sein Bild -und seine Gestalt nicht so lebendig vor unser Auge getreten: -dafür hätte auch keine Erregung in unserer Seele -nachgezittert, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt -hätten, und wir könnten uns ruhig wieder an unseren -Kartentisch setzen, welcher der Trost und die Freude ganz -Rußlands ist. Ja meine braven Leser, ihr wollt der -Menschen nackte Armut lieber nicht sehen: „Warum nur?“ -sprecht ihr, „wozu dient das alles? Wissen wir denn -nicht selber, daß es gar viel Verächtliches und Törichtes -in der Welt gibt? Auch ohnedies muß man oft Dinge -sehen, die keineswegs tröstlich sind. Zeigt uns doch lieber -das Schöne, das was entzückt und begeistert! Helft -uns, uns lieber selbst zu vergessen!“ — „Warum sagst -du mir, daß es schlecht um meine Wirtschaft steht, -Bruder?“ sagt ein Gutsbesitzer zu seinem Verwalter „ich -weiß das auch <em>ohne</em> dich, lieber Freund: kannst du denn -wirklich nicht von etwas andrem reden? Wie? Hilf mir -lieber das alles zu vergessen, und nicht daran zu denken — -dann bin ich glücklich.“ Und so wird das Geld, das -dazu hätte dienen können, um das Gut etwas in die -Höhe zu bringen, für allerhand Mittelchen ausgegeben, -um sich selbst zu vergessen. Der Geist wird eingeschläfert, -der vielleicht plötzlich einen Quell gewaltiger Reichtümer -entdeckt hätte; das Gut kommt unter den Hammer, der -Gutsherr muß betteln gehen, um sich zu vergessen; mit -einer Seele, die zu jeder äußersten Niedertracht und Gemeinheit -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -bereit ist, vor denen er selbst einst zurückgeschreckt -wäre. -</p> - -<p> -Noch eine andere Klage wird gegen den Autor laut; -sie rührt von den sogenannten Patrioten her, welche -ruhig in ihren Winkeln sitzen und sich mit ganz gleichgültigen -Dingen abgeben: sich ein Kapital aufhäufen -und sich ein schönes Los auf Kosten anderer bereiten; -sowie aber etwas geschieht, was nach ihrer Meinung -dem Vaterland zur Unehre gereicht, <em>sowie</em> irgend ein -Buch erscheint, das eine bittre Wahrheit enthält — dann -kommen sie aus allen Ecken und Winkeln herausgekrochen, -wie die Spinnen, welche eine Fliege entdeckt haben, die -sich in ihr Netz verstrickte, und erheben ein lautes Geschrei: -„Ja, ist es denn gut, solche Dinge ans Licht zu -bringen, sie offen zu verkünden. All das, was da beschrieben -wird, gehört ja zu <em>uns</em> — ist’s also klug, so -etwas zu tun? Und was sollen die Ausländer sagen? -Ist es denn angenehm, zu hören, daß andre Leute -schlecht von uns reden?“ Und sie denken: tut es uns -denn nicht weh? Denken: sind wir etwa nicht -Patrioten? Auf solch weise Bemerkungen, besonders -hinsichtlich der Ausländer, kann ich keine passende Antwort -finden. Es wäre denn etwa diese: In irgend -einem entlegenen Winkel Rußlands lebten einmal zwei -Männer. Der eine war der Vater einer großen Familie -und hieß Kifa Mokiewitsch; er war ein sanfter friedlicher -Mensch, der ein Freund eines bequemen und ruhigen -Lebens war. Mit seiner Familie beschäftigte er sich -kaum; sein Dasein war mehr der Spekulation gewidmet, -ihn beschäftigten in erster Linie „philosophische Fragen“ -wie er sie nannte: „Nehmt z. B. das Tier,“ pflegte er -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -zu sagen, indem er im Zimmer auf und abging, „das -Tier wird doch ganz nackt geboren. Warum gerade -nackt? Warum nicht vielmehr befiedert wie der Vogel: -warum kriecht es z. B. nicht aus dem Ei? Nein, -wirklich, es ist sonderbar ... man versteht die Natur -immer weniger, je mehr man sich in sie vertieft!“ So -dachte der Bürger Kifa Mokiewitsch. Aber das war -noch nicht das Wichtigste. Der andre Bürger war Mokij -Kifowitsch, sein leiblicher Sohn. Er war das, was man -in Rußland einen Helden zu nennen pflegt, und während -sich der Vater mit der Geburt des Tieres beschäftigte, -drängte es <em>seine</em> zwanzigjährige, breitschultrige Gestalt -mit aller Macht danach, sich zu entfalten und auszuleben. -Er konnte nie eine Sache leicht und nur so obenhin in -Angriff nehmen — stets brach sich jemand dabei den -Arm oder er trug eine Beule auf der Nase davon. Zu -Hause und in der Nachbarschaft liefen alle, von den -Mädchen auf dem Hofe — bis auf den letzten Hund — -davon, wenn sie ihn erblickten, sogar sein eigenes Bett, -das in seinem Schlafzimmer stand, schlug er in Trümmer. -So war Mokij Kifowitsch, sonst aber war er ein braver, -gutmütiger Mensch. Jedoch das ist nicht das Wichtigste. -Das Wichtigste hierbei ist das, was nun kommt: „Ich -bitt dich gnädiger Herr Kifa Mokiewitsch,“ sagten die -eigenen und fremden Knechte und Mägde zum Vater: -„was ist dein Mokij Kifowitsch doch für ein Herr? -Der läßt keinen Menschen in Ruhe, ist der zudringlich!“ -„Ja, ja, etwas mutwillig ist er schon,“ erwiderte gewöhnlich -der Vater: „aber was ist da zu tun? Hauen -kann ich ihn doch nicht mehr, alle Menschen würden -über meine Härte und Grausamkeit schreien, und dann -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -ist er ein so ehrgeiziger Mensch; wenn ich ihm in -Gegenwart anderer Leute einen Vorwurf machte — -würde er sich wohl in acht nehmen; aber vergeßt auch die -Öffentlichkeit nicht — das ist eben das Unglück. Wenn die -Stadt es erfährt, wird sie ihn gleich einen Schweinehund -nennen. Glaubt ihr denn, daß mir das nicht weh tun -würde? Bin ich denn nicht sein Vater? Meint ihr, -weil ich mich mit der Philosophie beschäftige und mitunter -keine Zeit für andere Dinge habe, sei ich nicht -Vater? O nein, ihr irrt euch. Ich <em>bin</em> Vater, jawohl -ich bin <em>Vater</em>, zum Teufel noch einmal, das laß ich -mir nicht nehmen. Mokij Kifowitsch — der sitzt mir -hier ganz tief im Herzen.“ Und Kifa Mokijewitsch schlug -sich mit der Faust kräftig auf die Brust und geriet in -die größte Erregung: „Und wenn er schon sein Leben -lang ein Schweinehund bleiben sollte, so soll man es -wenigstens nicht von mir erfahren; ich kann ihn doch -nicht verraten!“ Nachdem er so von seinem väterlichen -Gefühl Zeugnis abgelegt hatte, ließ er Mokij Kifowitsch -ruhig seine Heldentaten fortsetzen und kehrte selbst zu -seinen geliebten Gegenständen zurück, indem er sich -plötzlich irgend eine Frage wie etwa die folgende vorlegte: -„Hm, wenn die Elefanten Eier legten, müßten -die Eierschalen da nicht so dick sein, daß keine Kanonenkugel -sie zertrümmern könnte; ja, ja, es ist Zeit ein -neues Schießwerkzeug zu erfinden!“ So verbrachten -unsere zwei Bewohner des friedlichen Erdenwinkels -ihr Leben, sie, die am Schluß unserer Dichtung so -plötzlich wie aus einem Fenster hervorguckten, um ihre -bescheidene Antwort auf den Vorwurf glühender -Patrioten vorzubringen, welche sich vielleicht lange ganz -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -ruhig mit irgendwelchen Philosophemen oder mit der -Vergrößerung ihres Wohlstandes auf Kosten des von -ihnen so glühend geliebten Vaterlandes beschäftigten und -keineswegs darum besorgt sind, daß nur nichts Böses -geschieht, sondern allein darum, daß nur ja niemand -sage, sie täten Schlimmes. Doch nein, weder der -Patriotismus noch jenes erste Gefühl sind der Grund -all dieser Anklagen und Vorwürfe. Dahinter versteckt -sich etwas ganz andres. Warum soll ich es verheimlichen? -Wer anders, wenn nicht der Autor hätte die Pflicht, -die heilige Wahrheit zu verkündigen? Ihr fürchtet den -tiefen forschend auf euch gerichteten Blick. Ihr wagt es -nicht, diesen Blick selbst auf die Gegenstände zu richten, -ihr liebt es, mit blinden Augen gedankenlos über alles -hinwegzugleiten. Ihr werdet vielleicht auch von Herzen -über Tschitschikow lachen: vielleicht sogar den Autor -<em>loben</em> und sagen: „Übrigens, manches hat er wirklich -sehr fein beobachtet! Das muß doch ein Mensch von -heiterem Temperament sein!“ Und nach diesen Worten -werdet ihr mit verdoppeltem Stolze zu euch selbst -zurückkehren, ein selbstgefälliges Lächeln wird euer -Gesicht verklären, und ihr werdet fortfahren: „Man -muß doch sagen: in einigen Gegenden Rußlands gibt -es wirklich höchst merkwürdige und komische Menschen, -und recht abgefeimte Schurken dazu!“ Doch wer von -euch wird sich voll christlicher Demut, nicht laut und -öffentlich, sondern in aller Stille, in jenen Augenblicken -wo die Seele einsame Selbstgespräche mit sich führt, -tief im Innern die Frage vorlegen: „Wie? lebt nicht -vielleicht auch in <em>mir</em> etwas von Tschitschikow?“ -Warum nicht gar. Laßt dagegen irgend einen Beamten, -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -einen Mann mittleren Ranges an einem andern vorübergehn -— sofort wird er seinen Nachbarn anstoßen, und während -er sich fast ausschütten möchte vor Lachen, zu ihm -sagen: „Sieh, sieh, das ist Tschitschikow, da geht er -vorüber!“ Und er wird allen Anstand, den er seinem -Rang und Alter schuldig ist, vergessen, ihm wie ein -Kind nachlaufen, ihn verhöhnen, necken und ihm nachrufen: -„Tschitschikow! Tschitschikow! Tschitschikow!“ -</p> - -<p> -Aber wir sprechen so laut und vergessen ganz, daß -unser Held, der während der Erzählung seiner Lebensgeschichte -fest schlief, schon aufgewacht ist und leicht -hören könnte, daß man seinen Familiennamen so oft -wiederholt. Er ist doch ein Mensch, der sich leicht gekränkt -fühlt und sehr unzufrieden ist, wenn man ohne -die schuldige Achtung von ihm spricht. Dem Leser -kann’s freilich ziemlich gleich sein, ob ihm Tschitschikow -böse ist oder nicht; was dagegen den Autor anbelangt, -so darf er sich unter keinen Umständen mit seinem -Helden veruneinigen: er hat noch manches Stück Weges -Hand in Hand mit ihm zurückzulegen; noch liegen zwei -große Teile dieser Dichtung vor ihm, und das ist -doch wirklich keine Kleinigkeit. -</p> - -<p> -„He, he! Was fällt dir ein!“ rief Tschitschikow -Seliphan zu, „du ...?“ -</p> - -<p> -„Wie?“ sagte Seliphan langsam. -</p> - -<p> -„Wie? fragst du! Trottel du! Wie fährst du denn? -Vorwärts, rühr dich!“ -</p> - -<p> -Und in der Tat, Seliphan saß schon lange auf seinem -Bock und blinzelte mit den Augen. Nur hie und da -schlug er im Halbschlaf die gleichfalls schlafenden -Pferde mit den Zügeln leicht auf den Rücken. Auch -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -Petruschka hatte schon lange und, Gott weiß, wo seine -Mütze verloren, er war auf dem Bock zurückgesunken und -stützte seinen Kopf auf Tschitschikows Knie, von dem er -<a id="corr-152"></a>manchen kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde -munter und versetzte dem Schecken ein paar tüchtige -Hiebe, worauf dieser einen lebhaften Trab anschlug; -dann ließ er seine Peitsche über den Rücken der Pferde -sausen und rief mit dünner Stimme gleichsam singend: -„Nur keine Furcht!“ Die Pferde wachten auf und zogen -den leichten Wagen mit sich fort, der wie ein Flaum -dahinflog. Seliphan schwenkte bloß die Peitsche und -rief: „He, he, he!“ indem er auf seinem Bock rhythmisch -hin und her hopste, während der Wagen über die Berge -und Täler der Landstraße dahinjagte, welche langsam -bergab führte. Tschitschikow wurde auf seinem -Polster leicht emporgehoben, er lächelte vergnügt, -denn er liebte das schnelle Fahren. Und welcher Russe -liebt das schnelle Fahren nicht? Sollte seine Seele, die -sich überall und immer nach dem Taumel und Wirbel -sehnt, und oft laut ausrufen möchte: „Ach was, hol’ -doch alles der Teufel,“ sollte seine Seele es nicht lieben? -Es nicht lieben, wenn etwas so Wundersames, -Beseeligendes darin liegt? Wie eine unbekannte Gewalt -hebt dich’s auf seinen Flügel, du fliegst dahin und mit -dir alles um dich her: die Meilensteine, die Kaufleute -auf ihren Wagensitzen, der Wald zu beiden Seiten mit -den dunklen Reihen seiner Tannen und Fichten, dem -Lärm der Äxte und dem Rabengekrächze: der ganze Weg -flieht vorüber — weit fort in unbekannte Fernen; und -etwas Furchtbares, Schreckliches liegt in diesem rasenden -Aufblitzen und Verschwinden, wo der vorübergleitende -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -Gegenstand kaum Zeit hat, feste Formen anzunehmen -und nur der Himmel über uns, die leichten Wolken -und der sich Bahn brechende Mond allein unbeweglich -still zu stehen scheinen. Mein Dreigespann, o du Vogeldreigespann! -wer hat dich erfunden? Nur aus einem -kecken mutigen Volk konntest du hervorgehen — in -jenem Lande, das nicht zu spaßen liebt, sondern sich wie -die unendliche Ebene streckt und breitet über die halbe -Erde: versuch’s doch die Meilensteine zu zählen, ohne -daß dir’s vor den Augen flimmert! Wahrlich kein schlau -ersonnenes Gefährt bist du, genietet durch eiserne -Klammern. Sondern schnell, aufs geratewohl mit Axt -und Meißel hat dich ein flinker Jaroslawscher Bauer -verfertigt und zusammengefügt. Dich lenkt kein Postillon -in deutschen Stulpenstiefeln, bebartet und behandschuht -sitzt er da, der Teufel weiß worauf; und wenn er aufsteht, -seine Peitsche schwingt und sein unendliches Lied -anstimmt — dann stürmen die Rosse dahin wie ein -Wirbelwind. Zu einer runden, glatten Fläche fließen -die Speichen der Räder zusammen. Es donnert der -Weg. Erschrocken schreit der Fußgänger auf und bleibt -wie angewurzelt stehen. — Und dahin fliegt das Gefährt, -fliegt und fliegt! ... Und schon sieht man in -der Ferne nichts wie eine dichte Staubwolke, und -wirbelnd folgt die Luft. -</p> - -<p> -Jagst nicht auch du, Rußland, so dahin, wie ein -keckes unerreichbares Dreigespann? Rauchend dampft -unter dir der Boden; es dröhnen die Stege. Und alles -bleibt zurück, weit hinter dir zurück. Wie durch ein -göttliches Wunder betäubt, steht festgebannt der staunende -Zuschauer. Ist es ein Blitz, der aus den Wolken -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -zuckte? Was bedeutet diese grauenerweckende Bewegung? -Und was für unbekannte Kräfte wohnen in -diesen, nie gesehenen Rossen? Oh, ihr Rosse! Ihr -wunderbaren Rosse! Lebt ein Wirbelwind in euren -Mähnen? Bebt ein wachsames Ohr euch in jeder -Ader? Lauscht ihr auf ein trautes altbekanntes Lied -von oben, und spannt jetzt einträchtig eure ehernen -Brüste? Kaum rühren eure flüchtigen Hufe die Erde, -in eine langgestreckte Linie verwandelt fliegt ihr durch -die Lüfte, und fort stürmt das ganze, gottbegeisterte! ... -Rußland? Wohin jagst du, gib Antwort! Du bleibst -stumm. Wundersam ertönt der Gesang des Glöckchens. -Wie von Winden zerfetzt, braust und erstarrt die Luft; -alles, was auf Erden lebt und webt, fließt vorüber; -und es weichen vor dir, treten zur Seite, und geben -dir Raum alle anderen Staaten und Völker. -</p> - -<h2 class="appendix" id="part-4"> -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -Anhang zum ersten Teil -</h2> - -<h3 class="no app346 pbb" id="chapter-4-1"> -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -<span class="line1">I.</span><br /> -<span class="line2">Vorrede</span><br /> -<span class="line3">zur zweiten Auflage des ersten Bandes</span><br /> -<span class="line4">der</span><br /> -<span class="line5">„Toten Seelen“</span><br /> -<span class="line6">1846</span> -</h3> - -<p class="hdr"> -Der Verfasser an den Leser -</p> - -<p class="noindent"> -Wer du auch sein magst, lieber Leser, auf welchem -Platze du stehst, welches Amt du bekleidet, ob du Rang -und Würden dein eigen nennt, ein schlichter Mann von -einfachem Stande bist, wenn dir Gott die edle Gabe -des Lesens verliehen hat und dir ein Zufall dieses Buch -in die Hände spielte, so bitte ich dich, mir zu helfen. -</p> - -<p> -In dem Buche, das vor dir liegt und dessen erste -Auflage du wahrscheinlich schon gelesen hat, ist ein -Mensch dargestellt, der mitten aus dem russischen Staate -herausgegriffen ward. Er bereist unser russisches Vaterland, -und trifft hier mit Menschen jeder Art und jedes -Standes, mit vornehmen und einfachen zusammen. Er -ward mehr <em>darum</em> zum Helden ausersehen, um die -<em>Laster</em> und <em>Mängel</em>, als die <em>Vorzüge</em> und <em>Tugenden</em> -des Russen aufzuzeigen; aber auch all die Menschen, -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -die ihn umgeben, sind so gewählt worden, daß sie -unsere Fehler und Schwächen widerspiegeln, die -besseren Menschen und Charaktere sollen erst in den -folgenden Teilen vorgeführt werden. In diesem Buche -ist manches unrichtig dargestellt, und nicht so, wie die -Dinge sich wirklich im russischen Vaterlande zutragen, -weil ich ja nicht alles kennen lernen und in Erfahrung -bringen konnte. Ein ganzes Menschenleben würde nicht -ausreichen, um auch nur den hundertsten Teil von dem -zu erforschen, was in unserer Heimat vorgeht. Zudem -mögen sich infolge meiner eigenen Unachtsamkeit, Unreife -und Übereilung mancherlei Irrtümer und Fehlschlüsse -eingeschlichen haben, sodaß es wohl keine Seite in -diesem Buche gibt, an der nicht irgend etwas zu berichtigen -wäre, und daher bitte ich dich, lieber Leser, wo du es -kannst, mich zu verbessern. Du darfst diese Mühe nicht -gering schätzen. Auf welch hoher Stufe der Bildung -und des Lebens du auch stehen mögest, so unbedeutend -und nichtig dir auch mein Buch erscheinen und so kleinlich -und unwichtig dir es vorkommen mag, mein Werk -zu verbessern und deine Bemerkungen dazu niederzuschreiben, -ich bitte dich dennoch darum, es zu tun. Aber auch du, -lieber Leser, von <em>schlichter</em> Bildung und einfachem -Stande, sollst dich nicht für zu unwissend halten, mich -zu belehren. Ein jeder Mensch, der gelebt, die Welt -gesehen hat, und mancherlei Menschen begegnet ist, hat -sicher vielerlei gemerkt, was einem andern entgangen ist, -und vieles erfahren, was andere nicht wissen. Ich -möchte daher nicht gerne auf deine Bemerkungen verzichten. -Es ist unmöglich, daß du nicht etwas zu irgend -einer Stelle meines Buches zu sagen hättest, wenn du -es nur aufmerksam durchliest. -</p> - -<p> -Wie schön wäre es zum Beispiel, wenn auch nur -<em>einer</em> von jenen Leuten, deren Kenntnisse so groß, deren -Lebenserfahrung so reich ist, und die den Kreis von -Menschen, die ich beschrieben habe, genau kennen, seine -Anmerkungen zu dem ganzen Buche niederschreiben und -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -<em>gar nicht anders</em> an die Lektüre gehen wollte, als -mit einer Feder in der Hand und einem Stück -Papier, das er vor sich auf dem Tische liegen hat. Wie -schön wäre es, wenn er jedesmal, nachdem er einige -Seiten gelesen hat, sich an sein ganzes Leben und das -aller der Menschen, denen er auf seinem Wege begegnet -ist, an alle Ereignisse, die sich vor seinen Augen abspielten, -und auch an alles das erinnern wollte, was -er selbst sah oder hörte, ob es nun Ähnlichkeit mit den -Begebenheiten hat, die in meinem Buche geschildert sind, -oder ihnen gerade entgegengesetzt ist — und wenn er -dann alles genau so beschriebe, wie es sich in seiner -Erinnerung darstellt und mir hierauf jedes vollgeschriebene -Blatt zusenden würde, bis er auf diese Weise das ganze -Buch zu Ende gelesen hätte. Welch einen großen wahrhaften -Dienst würde er mir damit erweisen. Der Stil -und die Schönheit des Ausdrucks brauchen ihm hierbei -keine Sorge zu machen: hier handelt es sich nur um die -Sache selbst und um ihre Wahrheit und nicht um den -Stil. Auch braucht er sich nicht zu zieren, wenn er mich -tadeln, oder mir einen Vorwurf machen, oder mich auf -eine Gefahr und auf den Schaden hinweisen wollte, den -ich durch die falsche und unüberlegte Darstellung einer -Sache gestiftet habe, wo doch nur Nutzen und Besserung -meine wahre Absicht war. Für all dieses wäre ich ihm -von Herzen dankbar. -</p> - -<p> -Ferner wäre es sehr gut, wenn sich ein Mensch -aus dem höheren Stande finden würde, welcher durch -alles — durch das Leben selbst und durch seine -Bildung — jenen Kreisen fernsteht, die in meinem -Buche geschildert sind, der aber das Leben des Standes -kennt, zu dem er selbst gehört, und wenn ein solcher -Mensch sich entschließen könnte, mein Buch auf die -gleiche Weise von Anfang an zu lesen, alle Menschen der -höheren Stände an seinem geistigen Auge vorüber ziehen -zu lassen und streng darauf zu achten, ob es nicht doch -etwas Gemeinsames zwischen allen Ständen gibt, ob -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -sich nicht doch zuweilen in den höheren Kreisen dasselbe -wiederholt, was in den niederen Sphären zu geschehen -pflegt? Und wenn er nun alles, was ihm hierüber -einfällt, das heißt also jedes Vorkommnis aus den -höheren Gesellschaftskreisen, das zur Bestätigung oder -Widerlegung dieses Gedankens dienen kann, ganz so -schildern wollte, wie es sich vor seinen Augen abspielte, -ohne die Menschen selbst mit ihren Sitten, Neigungen -und Gewohnheiten zu vergessen oder die seelenlosen -Sachen, die sie umgeben, zu übergehen, von der -Kleidung bis hinab zu den Möbeln und den Mauern -der Häuser, die sie bewohnen. Ich <em>muß</em> diesen Stand -kennen, der die Blüte der Nation repräsentiert. Ich -kann die letzten Bände meines Werkes nicht in die -Welt hinausgehen lassen, bevor ich das Leben Rußlands -nach all seinen Seiten kennen gelernt habe, wenigstens -in dem Maße, als dies für mein Werk notwendig -ist. -</p> - -<p> -Auch wäre es nicht schlecht, wenn irgend jemand, -der mit einer reichen Phantasie und der Fähigkeit ausgestattet -ist, sich alle möglichen menschlichen Verhältnisse -recht lebhaft vorzustellen, und die Menschen in Gedanken -auf Schritt und Tritt in allen Lebenslagen zu begleiten -— mit einem Wort, wenn jemand der es versteht, sich -in den Geist eines jeden Autors, den er liest, hinein -zu versetzen oder seine Ideen weiter zu führen und zu -entfalten — jede Person, die ich in meinem Buche auftreten -lasse, aufmerksam verfolgen und mir dann sagen -wollte, wie sie sich in diesem oder jenem Falle verhalten -muß, was ihr, nach dem Anfang zu schließen, -im weiteren Verlauf der Erzählung zustoßen müßte, -was für neue Situationen sich hieraus ergeben könnten, -und was ich wohl noch zu meiner Beschreibung -hinzufügen sollte; ich würde nämlich dies alles sorgsam -berücksichtigen bis zu der Zeit, wo mein Buch in -einer neuen, besseren und würdigeren Ausgabe vor -den Leser treten wird. -</p> - -<p> -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -Um eines noch möchte ich den, der mich durch seine -Anmerkungen erfreuen will, herzlichst bitten: wenn er -sie niederschreibt, soll er nicht daran denken, daß er sie -für einen Menschen schreibt, der ihm an Bildung gleich -steht, der denselben Geschmack und dieselben Gedanken -hat, wie er selbst, und vieles auch ohne weitere Erklärungen -verstehen wird; vielmehr bitte ich ihn, so zu -tun, als ob er einen Menschen vor sich hat, der sich -in bezug auf Bildung nicht mit ihm messen kann, und -der fast gar nichts gelernt hat. Es wäre vielleicht -noch besser, wenn er sich an meiner Statt irgend einen -Wilden vorstellen würde, der sein ganzes Leben in -einem entlegenen Dorfe verbracht hat, dem man jede -kleinste Einzelheit umständlich erklären muß, wenn er -sie verstehen soll, und dem gegenüber man sich der einfachsten -Ausdrucksweise befleißigen muß, fast wie vor -einem Kinde, um nur ja kein Wort zu gebrauchen, das -über seinen Horizont geht. Wenn jeder das stets im -Auge behalten wird, wenn jeder von denen, die dazu -bereit sind, ihre Bemerkungen zu meinem Buche niederzuschreiben, -das stets im Auge behält, dann werden -diese Anmerkungen noch weit interessanter werden und -noch mehr an Wert gewinnen, als er es selbst glaubt; -mir aber wird er einen großen und wahrhaften Dienst -erweisen. -</p> - -<p> -Wenn es sich also so fügen sollte, daß meine Leser -meinen Herzenswunsch berücksichtigen und erfüllen, und -wenn sich unter ihnen wirklich ein paar Menschen von -so gutem Herzen finden sollten, die bereit wären, -meine Bitte zu erfüllen, dann können sie mir ihre -Anmerkungen auf folgendem Wege übersenden: sie -mögen ein an mich adressiertes Paket in ein andres -Paket einpacken und dieses an eine der hier nambar gemachten -Personen schicken: entweder an den Rektor der -St. Petersburger Universität Seine Exzellenz Peter -Alexandrowitsch Pletnew (zu adressieren an die Universität -von St. Petersburg) oder an den Professor der Moskauer -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -Universität S. H. Stepan Petrowitsch Schewyrew (zu -adressieren an die Universität Moskau) je nachdem, -welche Stadt dem Absender näher liegt. -</p> - -<p> -Zuletzt spreche ich noch allen Journalisten und -Literaten überhaupt, meinen aufrichtigen Dank aus für -die Rezensionen und Besprechungen, welche sie meinem -Buche angedeihen ließen; sie haben meinem Herzen und -meiner Seele, trotz mancher Maßlosigkeiten und Übertreibungen, -wie sie nun mal in der menschlichen Natur -liegen, einen großen Vorteil und Nutzen gebracht, und -daher bitte ich sie alle, mich auch diesmal mit ihrem -Urteil nicht im Stiche zu lassen. Ich kann ihnen das -aufrichtige Versprechen geben, daß ich alles was sie -mir zu meiner Aufklärung und Belehrung zu sagen -haben, mit Dank entgegennehmen werde. -</p> - -<h3 class="no app346" id="chapter-4-2"> -<span class="line1">II.</span><br /> -<span class="line2">Reflexionen,</span><br /> -<span class="line3">die sich auf den ersten Teil beziehen.</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Idee einer Stadt — äußerster Grad von Hohlheit -des in ihr herrschenden Treibens. Klatschereien -und Zwischenträgereien, die alle Grenzen übersteigen. -Wie dies alles aus dem Müßiggang entspringt und den -höchsten Grad der Lächerlichkeit angenommen hat, und -wie ganz gescheite Leute schließlich dazu kommen, die -größten Dummheiten zu begehen. -</p> - -<p> -Einzelheiten aus den Gesprächen der Frauen. Wie -sich in die allgemeinen Klatschereien noch solche von -privatem Charakter mischen, und wie hierbei keine die -andere schont. Wie Gerüchte und Vermutungen entstehen. -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -Wie diese Vermutungen den Gipfel der Lächerlichkeit -erreichen. Wie alle unwillkürlich an diesen -Klatschereien teilnehmen, und wie Pantoffelhelden und -Weiberknechte entstehen. -</p> - -<p> -Wie die Hohlheit, die Ohnmacht und Tatenlosigkeit -des Lebens abgelöst werden durch einen trüben, nichtssagenden -Tod. Wie sinnlos dieses furchtbare Ereignis -eintritt und vorübergeht. Nichts bewegt sich. Der -Tod überrascht dieses völlig unbewegte Leben. Dem -Leser muß jedoch die tote Gefühllosigkeit des Lebens -dadurch noch furchtbarer erscheinen. -</p> - -<p> -Die entsetzliche Dämmerung des Lebens zieht vorüber, -darin liegt ein tiefes Mysterium verborgen. Ist das nicht -etwas ganz Furchtbares? Dieses sich aufbäumende -rebellierende müßige Leben — ist es nicht eine Erscheinung -von furchtbarer Größe? ... Leben! ... -Im Ballkostüm, im Frack, da, wo man klatscht und -Visitenkarten wechselt — da glaubt keiner an den -Tod .... -</p> - -<p> -<em>Einzelheiten.</em> Die Damen zanken sich gerade deswegen, -weil die eine haben möchte, daß Tschitschikow -dies sei, während die andere wünscht, daß er etwas -anders sei — und daher merken sie sich nur die Gerüchte, -die zu ihrer Idee von ihm passen. -</p> - -<p> -Andere Damen erscheinen auf der Bildfläche. -</p> - -<p> -Die in jeder Beziehung angenehme Dame hat einen -Hang zur Sinnlichkeit und liebt davon zu erzählen, -wie sie diesen Hang zuweilen besiegt habe, und zwar -mit Hilfe ihres Verstandes, und wie sie es immer verstanden -habe, die Männer in einer gewissen Distanz zu halten. -Übrigens geschah das eigentlich ganz von selbst und auf ganz -unschuldige Weise. Es trat ihr nie einer zu nahe, aus -dem einfachen Grunde, weil sie schon in ihrer Jugend -eine große Ähnlichkeit mit einem Nachtwächter hatte, -trotzdem sie so angenehm war und trotz all ihrer guten -Eigenschaften. — „Nein, meine Liebe, wissen Sie, ich -liebe es, den Mann erst ein wenig anzulocken, ihn dann -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -abzustoßen und dann <em>wieder</em> anzulocken.“ So verfährt -sie auch auf dem Ball mit Tschitschikow. Die -andern überlegen sich es gleichfalls, wie sie sich benehmen -sollen. Die eine tritt sehr respektvoll auf. Zwei Damen -fassen sich unter, gehen auf und ab und nehmen sich -vor, solange als möglich zu lachen. Dann finden sie -plötzlich, daß Tschitschikow keine guten Manieren hat. -</p> - -<p> -Die in jeder Beziehung angenehme Dame liebt es, -Beschreibungen von Bällen zu lesen. Auch die Beschreibung -des Wiener Kongresses interessiert sie sehr. -Ferner interessiert sich diese Dame sehr für Toiletten, d. h. -sie liebt es, andre Damen daraufhin zu beobachten, ob -ihnen ein Kleid gut sitzt oder nicht. -</p> - -<p> -Während sie auf ihrem Stuhl sitzt, beobachtet sie -die Eintretenden. „Die N. versteht sich garnicht zu -kleiden, nein wirklich sie versteht es nicht. Dieses Tuch -kleidet sie garnicht.“ — „Wie reizend die Tochter des -Gouverneurs gekleidet ist!“ — „Aber Liebste, sie ist -doch abscheulich gekleidet.“ — Und wenn es selbst so -wäre — — -</p> - -<p> -Die ganze Stadt mit ihrem wilden Durcheinander -von Klatschereien und Zwischenträgereien — ist das Urbild -der Tatenlosigkeit und Hohlheit des menschlichen -Lebens in seiner Masse. Das Geschwätz ist in die Welt -gesetzt und mit ihm alle nur möglichen Kombinationen. -Die Hauptzüge der Ballgesellschaft. -</p> - -<p> -Das Urbild des Gegensatzes im II. Teil, der sich mit der in -sich zerrissenen und zerklüfteten Tatenlosigkeit beschäftigt. -</p> - -<p> -Wie könnte man alle Welten der Tatenlosigkeit und -des Müßigganges in all ihren Spielarten auf die eine -Art des städtischen Müßigganges zurückführen, und wie -könnte man den städtischen Müßiggang zum Urbild der -Untätigkeit und des Müßigganges der ganzen Welt erheben. -</p> - -<p> -Dazu müssen alle ähnlichen Züge mit eingeschlossen -werden, und es muß eine gewisse Stetigkeit in die Erzählung -kommen. -</p> - -<h3 class="no app346" id="chapter-4-3"> -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -<span class="line1">III.</span><br /> -<span class="line2">Ende des neunten Kapitels</span><br /> -<span class="line3">in veränderter Fassung.</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Sie dachten nach und überlegten und beschlossen -endlich, die Verkäufer auszufragen, mit denen Tschitschikow -verhandelt, und denen er diese rätselhaften toten Seelen -abgekauft hatte. Dem Staatsanwalt fiel die Aufgabe -zu, zu Sabakewitsch zu gehen und mit ihm zu sprechen, -und der Präsident erbot sich persönlich zu Karobotschka -zu fahren. Wir wollen uns daher gleichfalls aufmachen, -ihnen nachgehen und zusehen, was sie dort alles erfuhren. -</p> - -<p class="hdr"> -Kapitel ... -</p> - -<p class="noindent"> -Sabakewitsch lebte mit seiner Gemahlin in einem -Hause, das etwas abseits von dem lauten und lärmenden -Getriebe lag. Er hatte sich ein massives, solide gebautes -Haus gewählt, wo ihm die Decke nicht überm Kopfe -einzustürzen drohte, und in dem es sich bequem und -glücklich leben ließ. Der Besitzer des Hauses war ein -Kaufmann namens Kolotyrkin, auch ein sehr solider Herr. -Sabakewitsch hatte nur seine Frau bei sich, seine Kinder -waren nicht mitgekommen. Er fing schon an, sich zu -langweilen, dachte bereits an die Abreise und wartete -nur noch auf den Zins für ein Stück Land, das drei -Bürger der Stadt bei ihm gepachtet hatten, um Rüben -darauf zu pflanzen, sowie ferner auf ein modernes -wattiertes Kleid, das seine Frau bei einen Schneider bestellt -hatte, und das bald fertig sein sollte. Er wurde -bereits ein wenig ungeduldig und schimpfte, während er -in seinem Lehnstuhl saß, beständig auf die Gaunereien -und Launen anderer Leute, wobei er an seiner Frau vorbeisah -und auf die Ofenecke blickte. In einem solchen -Moment trat der Staatsanwalt ins Zimmer. Sobakewitsch -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -sagte: „Ich bitte,“ indem er sich einen Augenblick -erhob, um sich jedoch sogleich wieder zu setzen. Der -Staatsanwalt ging auf Feodulia Iwanowna zu, küßte -ihr die Hand und nahm gleichfalls auf einem Stuhle -Platz. Auch Feodulia Iwanowna ließ sich auf einem -Stuhle nieder, nachdem sie den Handkuß in Empfang -genommen hatte. Alle drei Stühle waren mit grüner -Ölfarbe angestrichen, und die Ecken waren mit gelben -Wasserlilien, der rohen Malerei eines Dilettanten geziert. -</p> - -<p> -„Ich bin gekommen, um über eine wichtige Angelegenheit -mit Ihnen zu sprechen,“ sagte der Staatsanwalt. -</p> - -<p> -„Herzchen, geh doch auf dein Zimmer! Die -Schneiderin wartet wahrscheinlich auf dich.“ -</p> - -<p> -Feodulia ging auf ihr Zimmer. -</p> - -<p> -Der Staatsanwalt begann folgendermaßen: „Gestatten -Sie mir eine Frage: was für Bauern haben Sie -an Pawel Iwanowitsch Tschitschikow verkauft?“ -</p> - -<p> -„Wie meinen Sie das: was für Bauern?“ sagte -Sabakewitsch. „Wir haben doch einen Kaufkontrakt -aufgesetzt; da steht es drin, was es für Leute waren: -der eine ist Wagenbauer ...“ -</p> - -<p> -„In der Stadt kursieren jedoch ....“ versetzte der -Staatsanwalt ein wenig verlegen .... „In der Stadt -kursieren Gerüchte ....“ -</p> - -<p> -„Es gibt eben zuviel Narren in der Stadt, von denen -werden wohl die Gerüchte herstammen,“ sagte Sabakewitsch -ruhig. -</p> - -<p> -„Nein, nein, Michael Semjonytsch, das sind so merkwürdige -Gerüchte, daß einem davon ganz wirr im Kopfe -wird, es heißt, es handele sich hier garnicht um Bauern, -und ihre Ansiedelung, und man behauptet, dieser -Tschitschikow sei eine höchst rätselhafte Persönlichkeit. Es -werden höchst verdächtige Vermutungen laut, man redet -so eigentümliche Dinge in der Stadt ...“ -</p> - -<p> -„Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Sind Sie etwa -ein altes Weib?“ fragte Sabakewitsch. -</p> - -<p> -Diese Frage verblüffte den Staatsanwalt aufs -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -äußerste. Er hatte sich noch nie gefragt, ob er ein altes -Weib sei, oder irgend etwas andres. -</p> - -<p> -„Sie sollten sich schämen, solche Fragen zu stellen und -noch damit zu mir zu kommen,“ fuhr Sabakewitsch fort. -</p> - -<p> -Der Staatsanwalt stammelte einige Entschuldigungen. -</p> - -<p> -„Gehen Sie doch zu den alten Klatschweibern, die -hinter ihrem Webstuhl sitzen und sich abends Schauergeschichten -über Gespenster und Hexen erzählen. Oder -wenn Ihnen mit Gottes Hilfe nichts Besseres einfallen -will, dann spielen Sie doch lieber Knöchel mit den -kleinen Jungen. Was kommen Sie und beunruhigen -Sie einen ehrlichen Menschen? Bin ich etwa Ihr -Hanswurst, wie? Sie kümmern sich zu wenig um -Ihren Beruf, und denken zu wenig daran, dem Vaterland -zu dienen, Ihren Nächsten nützlich zu sein und -Ihre Kollegen zu schonen. Sie wollen immer der erste -sein und laufen gleich hin, wenn irgend ein Esel Sie -irgendwo hinschickt. Passen Sie auf, Sie werden noch -einmal um nichts und wieder nichts zu Falle kommen, -und elendiglich zugrunde gehn, ohne eine gute Erinnerung -an sich zu hinterlassen.“ -</p> - -<p> -Der Staatsanwalt war ganz bestürzt und wußte -absolut nicht, was er auf diese unerwartete Moralpredigt -antworten sollte. Ganz beschämt und vernichtet -verließ er Sabakewitsch: dieser aber rief ihm noch nach: -„Pack dich zum Teufel, du Hund!“ -</p> - -<p> -In diesem Augenblick erschien Feodulia: „Warum -ist der Staatsanwalt so plötzlich fortgegangen?“ fragte sie. -</p> - -<p> -„Der Kerl hat Gewissensbisse bekommen und ist -weggelaufen,“ versetzte Sabakewitsch. „Da hast du wieder -so ein Beispiel, Herzchen. So ein alter Knabe! hat -schon graue Haare und doch weiß ich, daß er noch immer -den Frauen anderer Leute keine Ruhe läßt. Das -ist einmal die Art dieser Menschen: sie sind eben Hundesöhne -alle miteinander. Nicht genug, daß sie der lieben -Erde durch ihren Müßiggang zur Last fallen, sie machen -solche Sachen, daß man sie allesamt in einen Sack -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -stecken und ins Wasser werfen sollte! Die ganze Stadt -ist nichts wie eine Räuberhöhle. Wir haben hier nichts -mehr zu suchen. Wir wollen nach Hause fahren.“ -</p> - -<p> -Frau Sabakewitsch wollte einwenden, daß ihr Kleid -noch nicht fertig sei, und daß sie sich noch zu den -Feiertagen ein paar Haubenbänder kaufen müsse, aber -Sabakewitsch erklärte: „Das sind alles Modetorheiten, -Herzchen; das nimmt noch ein schlechtes Ende.“ Er -befahl, alles für die Reise vorzubereiten; begab sich -selbst mit einem Polizeikommissar zu den drei Bürgern -der Stadt, um die Pacht für die Rüben einzukassieren; -ging hierauf zu der Schneiderin, nahm ihr das unfertige -Kleid, an dem noch gearbeitet wurde, weg, ganz -so wie es war, mit der darinsteckenden Nadel und dem -Faden, um es zu Hause fertig nähen zu lassen, und fuhr -bald darauf zur Stadt hinaus. Unterwegs wiederholte -er fortwährend, es sei geradezu gefährlich, in diese -Stadt zu kommen, denn hier säße ja ein Schuft und -Gauner auf dem andern, und da könne es einem noch -leicht passieren, daß man mit ihnen in dem allgemeinen -Sumpfe versinke. -</p> - -<p> -Inzwischen eilte der Staatsanwalt in der höchsten -Bestürzung über den Empfang, den ihm Sabakewitsch -bereitet hatte, nach Hause. Er befand sich in einer -solchen Verlegenheit, daß er sich nicht einmal darüber -klar werden konnte, wie er dem Präsidenten das Resultat -seines Besuches mitteilen sollte. -</p> - -<p> -Indessen auch der Präsident hatte nur wenig zur -Aufklärung der Sache beigetragen. Er fuhr zuerst in -seiner Kutsche in die Stadt und geriet dabei in eine so -enge und schmutzige Gasse, daß während des ganzen -Weges bald das rechte, bald das linke Rad seines -Wagens höher stand als das andre. So kam es, daß -er erst mit seinem Kinn und dann mit dem Hinterkopf -sehr heftig auf seinen Spazierstock aufstieß und seine -Kleider ganz mit Kot bespritzt wurden. Quatschend und -schlürfend bahnte sich der Wagen den Weg durch den Kot, bis -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -man endlich beim Probst anlangte, wo die Insassen von -lebhaftem Schweinegegrunze begrüßt wurden. Der -Präsident ließ seine Kutsche halt machen und ging zu -Fuß an allerhand Zimmern und Stuben vorüber nach -dem Hausflur. Hier bat er sich zunächst ein Handtuch -aus, um sich das Gesicht abzuwischen. Karobotschka -empfing ihn ganz so wie Tschitschikow, mit demselben -melancholischen Ausdruck im Gesicht. Um den Hals -hatte sie etwas wie ein Flanelltuch geschlungen. In dem -Zimmer schwirrten unzählige Scharen von Fliegen, und -auf dem Tisch stand ein undefinierbares Gericht, das -ihnen offenbar sehr widerwärtig war, an das sie sich -jedoch schon gewöhnt zu haben schienen. Korobotschka bat -ihn Platz zu nehmen. -</p> - -<p> -Der Präsident begann zuerst damit, daß er ihren -Mann gekannt habe und ging dann plötzlich zu der -Frage über: „Sagen Sie bitte, ist es wahr, daß neulich -in der Nacht ein Mensch mit der Pistole in der Hand -zu Ihnen gekommen ist und Ihnen gedroht hat, Sie -zu ermorden, wenn Sie ihm nicht, der Teufel weiß -was für Seelen abtreten wollten? Können Sie uns -nicht erklären, was er damit eigentlich für eine Absicht -verfolgte.“ -</p> - -<p> -„Gewiß, warum sollte ich das nicht können! Versetzen -Sie sich doch in meine Lage: fünfundzwanzig -Rubel in Banknoten! Ich weiß wirklich nicht: ich bin -Witwe und habe ja gar keine Erfahrung; es ist doch -so leicht, mich zu betrügen und noch dazu in einer -Sache, von der ich wahrhaftig auch nicht das Mindeste -verstehe, Väterchen. Was Hanf kostet, das weiß ich, -Speck habe ich auch schon verkauft, noch voriges ...“ -</p> - -<p> -„Nein, bitte, erzählen Sie mir doch die Sache erst -recht ausführlich. Wie war das doch? Hatte er wirklich -eine Pistole in der Hand?“ -</p> - -<p> -„Nein, Väterchen. Gott behüte, Pistolen habe ich -keine gesehen. Aber ich bin bloß eine Witwe — ich -kann doch wirklich nicht wissen, wie hoch die toten -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -Seelen im Preise stehen. Nicht wahr Väterchen, Sie -werden mich nicht im Stiche lassen, sagen Sie es mir -doch bitte, damit ich den richtigen Preis erfahre.“ -</p> - -<p> -„Was für einen Preis? Was für einen Preis, -Mütterchen? Was für einen Preis meinen Sie?“ -</p> - -<p> -„Den Preis für tote Seelen, Väterchen!“ -</p> - -<p> -„Ist sie dumm geboren oder ist sie übergeschnappt?“ -dachte der Präsident, indem er ihr starr ins Gesicht sah. -</p> - -<p> -„Fünfundzwanzig Rubel? Ich weiß wirklich nicht, -vielleicht sind sie fünfzig Rubel wert, oder sogar noch -mehr.“ -</p> - -<p> -„Bitte zeigen Sie mir doch den Schein,“ sagte der -Präsident und hielt ihn ans Licht, um sich zu überzeugen, -ob er nicht falsch sei. Aber es war ein ganz -gewöhnlicher ordentlicher Schein. -</p> - -<p> -„Aber so erzählen Sie doch bloß, wie der Kauf -zustande kam, und was er Ihnen eigentlich abgekauft -hat. Es will mir nicht in den Kopf ... ich kann absolut -nichts verstehen ...“ -</p> - -<p> -„Gewiß hat er mir welche abgekauft,“ sagte Karobotschka, -„aber warum wollen Sie mir bloß nicht sagen, -was die tote Seele kostet, damit ich doch ihren richtigen -Preis kennen lerne.“ -</p> - -<p> -„Ich bitte Sie, was reden Sie da! Wo hat man -denn je davon gehört, daß tote Seelen verkauft werden?“ -</p> - -<p> -„Warum wollen Sie mir den Preis durchaus nicht -sagen?“ -</p> - -<p> -„Ach was Preis! Ich bitte Sie, von was für einem -Preise kann denn hier die Rede sein? Sagen Sie mir -doch ernstlich, wie die Sache war. Hat er Ihnen mit -etwas gedroht? Wollte er Sie etwa verführen?“ -</p> - -<p> -„Nein, Väterchen, was Sie für Dinge reden! ... -Jetzt sehe ich, daß Sie auch ein Käufer sind.“ — Und -sie sah ihm argwöhnisch in die Augen. -</p> - -<p> -„Ach was! ich bin doch Gerichtspräsident, Mütterchen!“ -</p> - -<p> -„Nein, Väterchen, sagen Sie, was Sie wollen, Sie -wollen mich wohl auch .... Sie haben auch die Absicht -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -... mich zu betrügen. Aber was haben Sie bloß -davon? Sie haben doch nur selbst den Schaden davon. -Ich hätte Ihnen gern Daunen verkauft: ich werde zu -Weihnachten schöne Daunen haben.“ -</p> - -<p> -„Mütterchen! Ich sage Ihnen doch, daß ich der -Gerichtspräsident bin. Was mache ich mit ihren Daunen, -sagen Sie doch selbst! Ich will Ihnen doch gar nichts -abkaufen.“ -</p> - -<p> -„Aber das ist doch ein ganz christliches Werk, -Väterchen,“ fuhr Karobotschka fort. „Heute verkaufe <em>ich</em> -Ihnen was und morgen werden vielleicht <em>Sie</em> mir etwas -verkaufen wollen. Sehen Sie, wenn wir uns gegenseitig -übers Ohr hauen, wo blieben da Recht und Gerechtigkeit? -Das wäre doch eine Sünde gegen Gott!“ -</p> - -<p> -„Ich bin aber doch kein Kaufmann, Mütterchen, ich -bin Gerichtspräsident!“ -</p> - -<p> -„Gott weiß, vielleicht sind Sie wirklich der Gerichtspräsident. -Ich kann das doch nicht wissen. Nun also? -Ich bin doch eine arme Witwe? Warum fragen Sie -mich denn so aus? Nein, Väterchen, ich sehe, daß Sie -selbst ... auch ... welche kaufen wollen.“ -</p> - -<p> -„Mütterchen, ich rate Ihnen, sich an den Arzt zu -wenden,“ sagte der Gerichtspräsident wütend. „Bei Ihnen -scheint’s wirklich dort oben nicht ganz richtig zu sein“ — -fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf seine Stirn -zeigte. Mit diesen Worten stand er auf und ging hinaus. -</p> - -<p> -Karobotschka aber blieb dabei, daß sie es mit einem -Kaufmann zu tun gehabt habe und wunderte sich bloß, -wie unfreundlich und bösartig die Leute heutzutage geworden -seien, und wie schwer es doch eine arme Witwe -auf dieser Welt habe. Der Präsident aber gelangte mit -Mühe und Not, von unten bis oben mit Kot bespritzt, -nach Hause, nachdem ihm unterwegs noch ein Wagenrad -gebrochen war. Das war das Resultat dieser -unfreundlichen und erfolglosen Reise, wenn man -nicht noch die Beule am Kinn mitrechnen wollte, die er -sich mit seinem Stock beigebracht hatte. In der Nähe -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -seines Hauses traf er den Staatsanwalt, der ihm in -einer Kutsche entgegengefahren kam. Er schien sehr -schlechter Laune zu sein und ließ den Kopf hängen. -</p> - -<p> -„Nun was haben Sie von Sabakewitsch erfahren?“ -</p> - -<p> -Der Staatsanwalt senkte das Haupt und versetzte: -„In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht so behandelt -worden.“ ... -</p> - -<p> -„Wieso?“ -</p> - -<p> -„Er hat mir einen Fußtritt gegeben,“ sagte der -Staatsanwalt mit betrübter Miene. -</p> - -<p> -„Wie?“ -</p> - -<p> -„Er hat mir gesagt, ich sei ein unnützer Mensch und -tauge nicht für meinen Posten: und doch habe ich meine -Kollegen noch nie denunziert. Andere Staatsanwälte -schreiben jede Woche Denunziationen, ich habe doch unter -jedes Aktenstück mein „Gelesen“ gesetzt, selbst in solchen -Fällen, wo es eigentlich meine Pflicht gewesen wäre, über -die Kollegen Bericht zu erstatten. — Ich habe auch nie -eine Sache absichtlich in die Länge gezogen.“ -</p> - -<p> -Der Staatsanwalt war ganz zerknirscht. -</p> - -<p> -„Nun und was sagt er über Tschitschikow?“ fragte -der Präsident. -</p> - -<p> -„Was er gesagt hat? Er hat uns alle alte Weiber -und Schafsköpfe genannt.“ -</p> - -<p> -Der Präsident wurde nachdenklich. Doch in diesem -Augenblick kam eine dritte Kutsche angefahren: es war -der Vize-Gouverneur. -</p> - -<p> -„Meine Herren! Ich muß Sie darauf aufmerksam -machen, daß wir auf der Hut sein müssen. Man sagt, -unsere Provinz soll wirklich einen Generalgouverneur -erhalten.“ Der Präsident und der Staatsanwalt rissen -den Mund auf, und der Gerichtspräsident dachte sich: -„Der kommt auch gerade zur rechten Zeit, um die Suppe -auszuessen, die wir hier eingebrockt haben, und für die -sich der Teufel selbst bedanken würde. Wenn der erfährt, -was für eine Unordnung in der Stadt herrscht!“ -</p> - -<p> -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -„Schlag auf Schlag!“ dachte der Staatsanwalt, der -ganz geknickt dastand. -</p> - -<p> -„Und wissen Sie nichts darüber, wer zum Generalgouverneur -ernannt werden soll, was er für ein Mensch -ist, und was für einen Charakter er hat?“ -</p> - -<p> -„Davon ist noch nichts bekannt,“ sagte der Vizegouverneur. -</p> - -<p> -In diesem Moment kam der Postmeister in einer -Droschke angefahren. -</p> - -<p> -„Meine Herren! Ich gratuliere Ihnen zum neuen -Generalgouverneur.“ -</p> - -<p> -„Wir wissen schon, wir wissen schon, aber es ist doch -noch gar nichts bekannt,“ versetzte der Vizegouverneur. -</p> - -<p> -„O, nein, man weiß schon, wer es ist,“ erwiderte -der Postmeister: „Fürst Odnosorowski-Tschementinski.“ -</p> - -<p> -„Nun und was spricht man von ihm?“ -</p> - -<p> -„Er soll ein sehr strenger Herr sein,“ sagte der Postmeister, -„ein sehr weitsichtiger Mann von sehr starkem -Charakter. Er soll früher bei irgend einer staatlichen -Baukommission gewesen sein, verstehen Sie wohl. Da -seien einmal kleine Unregelmäßigkeiten vorgekommen. -Nun, was denken Sie wohl Verehrtester, er hat alle -miteinander zerschmettert, er hat sie ganz zu Staub zermalmt, -sodaß überhaupt nichts mehr von ihnen übrig -blieb, sehen Sie wohl.“ -</p> - -<p> -„Hier in der Stadt sind doch aber die strengen -Maßregeln garnicht am Platze.“ -</p> - -<p> -„O je, das ist ein gelehrtes Haus! lieber Herr! -Ein Mensch von kolossalen Dimensionen!“ fuhr der Postmeister -fort. „Einmal passierte was ....“ -</p> - -<p> -„Aber meine Herren,“ sagte der Postmeister, „wir -reden hier ganz offen auf der Straße in Gegenwart -unserer Kutscher. Fahren wir doch lieber zu ...“ -</p> - -<p> -Erst jetzt kamen die Herren wieder zu sich. Auf der -Straße hatten sich nämlich schon mehrere Zuschauer angesammelt, -welche dastanden und die vier Herren, die -sich von ihren Droschken aus miteinander unterhielten, -<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -angafften. Die Kutscher spornten ihre Pferde an und -die vier Droschken fuhren eine hinter der andern zum -Gerichtspräsidenten. -</p> - -<p> -„Daß uns der Teufel diesen Tschitschikow auch -gerade im ungünstigsten Augenblick hierher senden mußte!“ -dachte der Präsident, während er im Vorzimmer seinen -bis oben mit Dreck bespritzten Pelz auszog. -</p> - -<p> -„Mir wirbelt alles im Kopfe herum,“ sagte der -Staatsanwalt und legte gleichfalls den Pelz ab. -</p> - -<p> -„Aus dieser Sache werde ich nicht klug,“ sprach der -Vizegouverneur, indem er sich seines Pelzes entledigte. -</p> - -<p> -Der Postmeister sagte gar nichts und begnügte sich -damit, seinen Pelz abzulegen. -</p> - -<p> -Man trat ins Zimmer, wo sofort ein kleiner Imbiß -hereingetragen wurde. Die Provinzialbehörden können -nun mal nicht ohne solch einen Imbiß auskommen, und -wenn sich zwei Beamte in einer Provinz zusammenfinden, -so stellt sich der Imbiß ganz von selbst als dritter im -Bunde ein. -</p> - -<p> -Der Gerichtspräsident trat an den Tisch, goß sich -ein Gläschen bitteren Wermuth ein und sagte: „Schlagt -mich tot, ich weiß nicht, wer dieser Tschitschikow ist.“ -</p> - -<p> -„Ich noch weniger,“ versetzte der Staatsanwalt. -„Eine so verwickelte Affäre ist mir in meiner ganzen -Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe wirklich nicht -den Mut, die Sache in die Hand zu nehmen.“ -</p> - -<p> -„Und doch! trotzalledem. Was der Mensch für einen -weltmännischen Schliff besitzt!“ meinte der Postmeister, -indem er sich erst einen dunklen Likör einschenkte, ein -paar Tropfen von einem rosafarbenen hinzugoß und -beide miteinander mischte: „Er war sicher in Paris. -Ich glaube bestimmt, er ist etwas Ähnliches, wie ein -Diplomat gewesen.“ -</p> - -<p> -In diesem Augenblick betrat der Polizeimeister das -Zimmer, der allbekannte und so hoch verehrte Wohltäter -der Stadt, der Abgott der Kaufmannschaft und berühmte -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -Künstler und Arrangeur opulenter Diners, Soupers und -sonstiger Festivitäten. -</p> - -<p> -„Meine Herren,“ rief er aus, „ich habe nicht das -Geringste über Tschitschikow erfahren können. Ich -konnte doch nicht in seinen eigenen Papieren herumstöbern: -er verläßt ja auch sein Zimmer garnicht mehr, -und scheint krank zu sein. Ich habe mich auch bei -seinen Leuten erkundigt. Seinen Bedienten Petruschka -und den Kutscher Seliphan ausgefragt. Der erste war -ein wenig betrunken, übrigens scheint er sich immer in -solch einem Zustande zu befinden.“ Bei diesen Worten -trat der Polizeimeister an das Anrichtetischchen und bereitete -sich eine Mischung aus drei Likören. „Petruschka -behauptet, sein Herr hätte mit allerhand Leuten zu tun -gehabt, ich glaube, es sind lauter ehrenwerte Männer, -die er nannte, so z. B. Perekrojewski ..... er führte -dann noch eine Reihe von Gutsbesitzern an — alles -Kollegienräte oder sogar Staatsräte. Der Kutscher -Seliphan erzählt, alle hätten ihn für einen gescheiten -Mann gehalten, weil er sich im Dienste vortrefflich bewährt -und ausgezeichnet habe. Er habe im Zollamt -gedient und hätte in irgend einer staatlichen Baukommission -gesessen! Was das für eine Kommission -gewesen sei, das konnte er mir jedoch nicht sagen. Er habe -drei Pferde: „Eins hätten sie vor drei Jahren gekauft, -den Schecken hätten sie gegen ein anderes von gleicher -Farbe umgetauscht und das dritte hätten sie gleichfalls -gekauft .....“ sagte er. Er erklärt ganz bestimmt, -Tschitschikow heiße wirklich Pawel Iwanowitsch und sei -Kollegienrat.“ -</p> - -<p> -Alle Beamten versanken in tiefes Sinnen. -</p> - -<p> -„Ein anständiger Mensch, und dazu noch Kollegienrat!“ -dachte der Staatsanwalt, „und entschließt sich zu -einer solchen Sache! Will die Tochter des Gouverneurs -entführen, kommt auf die wahnsinnige Idee, tote -Seelen zu kaufen und in tiefer Nacht alte Scharteken -von Gutsbesitzerinnen aus dem Schlafe zu stören — -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -das schickt sich wohl für einen Husarenleutnant, aber -doch nicht für einen Kollegienrat!“ -</p> - -<p> -„Wenn er Kollegienrat ist, wie kann er sich denn -dann zu einer so verbrecherischen Handlung, zur Fälschung -von Banknoten, entschließen,“ dachte der Vizegouverneur, -der selbst auch Kollegienrat war, die Flöte spielte und in -seinem Innern weit mehr zu den schönen Künsten als -zum Verbrechen neigte. -</p> - -<p> -„Sagen Sie, was Sie wollen, meine Herren, aber -wir müssen dieser Sache ein Ende machen! Komme was -da wolle! Denken Sie doch, wenn der Generalgouverneur -erscheint und dahinter kommt, daß bei uns weiß der -Teufel was los ist!“ -</p> - -<p> -„Und wie denken Sie, daß wir handeln müssen?“ -</p> - -<p> -Der Polizeimeister versetzte: „Ich glaube wir müssen -entschlossen vorgehen.“ -</p> - -<p> -„Wie meinen Sie das: entschlossen?“ wandte der -Präsident ein. -</p> - -<p> -„Wir müssen ihn verhaften lassen, als einen Menschen, -der sich verdächtig gemacht hat.“ -</p> - -<p> -„Ja aber wie? wenn er statt dessen <em>uns</em> als verdächtige -Individuen verhaften läßt?“ -</p> - -<p> -„Waaas?“ -</p> - -<p> -„Nun, ich meine, wenn er etwa hierhergesandt worden -ist und geheime Vollmachten hat! Tote Seelen? Hm! -Wenn das nur kein Vorwand ist, daß er sie kauft, -ein Vorwand, um etwas über jene Toten zu erfahren, -die, wie es im Bericht heißt, ‚aus unbekannten Ursachen‘ -verstorben sind.“ -</p> - -<p> -Diese Worte ließen alle verstummen. Der Staatsanwalt -war aufs äußerste überrascht. Auch der Präsident, der sie -selbst ausgesprochen hatte, wurde nachdenklich. Beiden ... -</p> - -<p> -„Also meine Herren, was sollen wir tun?“ sagte -der Polizeimeister, der Wohltäter der Stadt und der -Liebling der Kaufleute, indem er die wunderbare Mischung -aus dem süßen und bitteren Likör hinabstürzte und einen -Bissen in den Mund steckte. -</p> - -<p> -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -Ein Diener brachte eine Flasche Madeira und einige -Weingläser herein. -</p> - -<p> -„Ich weiß wirklich nicht, was wir anfangen sollen?“ -sagte der Präsident. -</p> - -<p> -„Meine Herren,“ erklärte hier der Postmeister, nachdem -er ein Glas Madeira hinabgegossen und ein Stück -holländischen Käse mit Butter nebst einem Bissen Stör -verschlungen hatte, „ich bin der Meinung, daß wir diese -Sache gründlich untersuchen müssen, wir müssen sie -gründlich durchforschen und gemeinsam <span class="antiqua">in corpore</span> beraten, -d. h. wir sollten alle zusammenkommen wie im -englischen Parlament, verstehen Sie wohl, um den -Gegenstand zu ergründen, damit er uns in all seinen -feinsten Details deutlich und durchsichtig wird, verstehen -Sie?“ -</p> - -<p> -„Meinetwegen wollen wir uns irgendwo versammeln,“ -sagte der Polizeimeister. -</p> - -<p> -„Ja, wir wollen uns versammeln,“ fiel der Präsident -ein, „und gemeinsam entscheiden, wer dieser Tschitschikow -ist.“ -</p> - -<p> -„Ja, das wird das vernünftigste sein — wir müssen -entscheiden, wer Tschitschikow ist.“ -</p> - -<p> -„Wir wollen jeden um seine Meinung fragen, und -dann entscheiden, wer Tschitschikow ist.“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten verspürten alle zugleich eine unbändige -Lust nach ein paar Flaschen Champagner. Man -trennte sich, höchst befriedigt darüber, daß das Komitee -alles aufklären und den sicheren Beweis erbringen werde, -wer eigentlich Tschitschikow war. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-4-4"> -<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> -IV. -</h3> - -<h4 class="subchap app2" id="subchap-4-4-1"> -<span class="line1">A. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.</span><br /> -<span class="line2">(Nach einer der ersten Fassungen.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, werter Herr,“ -hub der Postmeister an, obwohl nicht ein einzelner Herr, -sondern ganze sechs im Zimmer anwesend waren, „nach -dem Feldzuge von 1812 wurde zusammen mit andern -Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin -ins Lazarett eingeliefert. War es bei Krasnoje oder in -der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, lieber Herr, -er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. -Sie wissen doch, damals gabs noch keine von den -bekannten Veranstaltungen und Einrichtungen für die -Verwundeten: dieser Invalidenfonds — das können Sie -sich wohl denken — der wurde sozusagen erst viel später -gegründet. Unser Hauptmann Kopeikin sieht also, daß -er arbeiten muß, aber verstehen Sie wohl, er hatte ja -doch nur einen Arm, nämlich den linken. Er schrieb -also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab -ihm zur Antwort: ‚Ich kann dich nicht auch noch ernähren.‘ -Denken Sie sich! ‚Ich verdiene mir nur selbst -mit knapper Not meinen Unterhalt.‘ Nun sehen Sie -wohl, werter Herr, da beschloß denn mein Kopeikin -nach Petersburg zu reisen und an die Gnade des -Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine kleine -Unterstützung bewilligen wolle: er habe doch gewissermaßen, -sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen -... Er fuhr also in einem Gepäckwagen oder in einem -staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, Verehrtester, -und gelangte so mit Mühe und Not nach -Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet -<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> -sich nun dieser selbe, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin -plötzlich in der Hauptstadt, die sozusagen in der ganzen -Welt nicht ihresgleichen hat! Mit einem Male ist es um -ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des -Lebens, so eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen -Sie mich wohl. Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm -so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstraße oder, -hol’s der Teufel, irgend so eine Liteinaja, <em>da</em> ragt -irgend so ein Turm in die Luft und dort <em>hängen</em> ein -paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und -Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Verehrtester, -tatsächlich! Erst trieb er sich eine Weile in -den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; -aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, -Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese -Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit -einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur -so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die -Nase merkt schon von ferne, daß es nach Tausenden -riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines -Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen -das war alles, verstehen Sie wohl. So mietete er sich -denn schließlich ein Zimmer in einem Gasthaus zur -Stadt Reval für einen Rubel pro Tag. Sie wissen: -ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und -ein Stück Suppenfleisch dazu. Er sieht also: große -Sprünge kann er da nicht machen. Er beschloß daher, -am folgenden Tage zum Minister zu gehen, Verehrtester. -Der Kaiser war nämlich damals nicht in der Hauptstadt, -denn die Armee war noch nicht aus dem Kriege -zurückgekehrt, das können Sie sich wohl denken. So -stand er denn eines Morgens etwas früher auf, kratzte -sich mit der linken Hand seinen Bart, denn sehen Sie -wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so hätte das im -gewissen Sinne neue Ausgaben verursacht, zog sich seine -Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß umherhumpelnd -zum Minister. Und nun stellen Sie sich vor, -<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> -er fragt erst einen Schutzmann, wo der Minister wohnt. -‚Dort,‘ antwortet dieser und zeigt auf ein Haus am -Schloßquai. Eine feine Bauernhütte kann ich Ihnen -sagen! Große Fensterscheiben, meterlange Spiegel, -Marmor und überall Metall, denken Sie sich bloß, -Verehrtester! So’ne Türklinke, wissen Sie, da muß -man zuerst in einen Laden laufen, sich für einen -Groschen Seife kaufen und sich sozusagen stundenlang -die Hände reiben, ehe man es wagt sie anzufassen! -Mit einem Wort, nichts als Ebenholz und Lack, daß -einem fast die Sinne schwinden, Verehrtester! Am -Eingang, verstehen Sie, da steht so ein Portier: der -reinste Generalissimus: so’ne Grafenphisiognomie, mit -einem Säbel in der Hand und einem Battistkragen, -Teufel auch! Wie ein wohlgepflegter Mops. Mein -Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins -Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht -mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, -gegen so eine vergoldete Porzellanvase zu stoßen, verstehen -Sie. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe -Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen -war, wo der Minister sozusagen noch kaum aus dem -Bette gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben -irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie -wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet -also vier Stunden lang, da kommt endlich der Adjutant -oder ein anderer diensthabender Beamter und sagt: Der -Minister wird gleich erscheinen. Im Vorzimmer aber -drängen sich schon die Menschen wie die Bohnen in -einer Schüssel. Lauter hohe Beamte der vierten Klasse, -Oberste und hie und da sogar einer mit <a id="Markronen"></a>Markronen -auf den Achselklappen, verstehen Sie wohl, mit einem -Wort sozusagen die ganze Generalität. Schließlich betritt -denn auch der Minister das Zimmer, Verehrtester! Sie -können sich vorstellen: er geht erst zum einen und dann -zum andern: Warum sind Sie gekommen? Und Sie? -Was wünschen Sie? Zuletzt kommt auch mein -<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -Kopeikin an die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut -zusammen und sagt: ‚so und so, ich habe mein -Blut vergossen und ein Bein und einen Arm verloren, -sozusagen: ich kann nicht mehr arbeiten, und habe -daher die Kühnheit, an die Gnade des Monarchen -zu apellieren.‘ Der Minister sieht: der Mann hat einen -Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt leer herunter. -‚Gut,‘ sagte er, ‚fragen Sie nach ein paar Tagen wieder -an.‘ Na also Verehrtester, es vergehen keine vier oder -fünf Tage, da erscheint mein Kopeikin schon wieder bei -dem Minister. Dieser erkennt ihn sogleich wieder, verstehen -Sie wohl. ‚Ah!‘ sagt er, ‚leider kann ich Ihnen -diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rückkunft -des Kaisers zu gedulden. Dann wird sicherlich -etwas für die Verwundeten und die Invaliden geschehen, -aber ohne die Einwilligung des Monarchen, sozusagen, -vermag ich nichts für Sie zu tun.‘ Hierauf macht er -eine kurze Verbeugung und die Audienz ist zu Ende. Sie -können sich denken, daß mein Kopeikin sich in einer recht -prekären Lage befand, als er den Minister verließ; hatte -er doch gewissermaßen weder eine Zusage noch eine Absage -erhalten. Das Leben in der Hauptstadt aber wurde -natürlich immer schwieriger für ihn, das können Sie sich -wohl vorstellen. Er denkt sich also: ‚ich will doch noch -einmal zum Minister gehen und ihm sagen: Machen Sie -was Sie wollen, Exzellenz, ich habe bald nichts mehr -zu essen; wenn Sie mir nicht helfen, dann muß ich gewissermaßen -vor Hunger sterben.‘ Aber wie er zum Minister -hinkommt, da heißt es: ‚Es geht nicht, der Minister -empfängt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.‘ -Am folgenden Tage — dieselbe Geschichte, der Portier -sieht ihn kaum noch an. Mein Kopeikin hat nur noch -ein Fünfzig-Kopekenstück in der Tasche. Früher da leistete -er sich noch einen Teller Kohlsuppe, und ein Stück Suppenfleisch -dazu, jetzt aber kauft er sich höchstens irgend so -einen Häring oder so eine Salzgurke und für zwei Groschen -Brot — mit einem Wort, der arme Kerl hungert tatsächlich, -<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -und doch hat er einen Appetit wie ein Wolf. -Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorüber -und nun stellen Sie sich vor: der Koch das ist ein -Teufelskerl, so ein Ausländer, wissen Sie, der trägt immer -nur die feinste holländische Wäsche, steht vor seinem Herd -und bereitet euch irgend so ein Finserb oder Kottelets -mit Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, -daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen -hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen -Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter -Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen — zu -fünf Rubel das Stück, oder so ’ne Riesin von Wassermelone, -so’n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem -Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der -einem überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen -Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen -auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das -Wasser im Munde zusammen, für ihn aber heißt’s: -warte gefälligst bis morgen. Und nun stellen Sie sich seine -Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die -Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres -Gericht unter dem Namen: ‚<em>Komm morgen wieder.</em>‘ -Endlich hielt es der arme Kerl nicht mehr aus und beschloß, -sich um jeden Preis noch einmal eine Audienz -zu verschaffen. Er stellte sich also am Eingang auf und -wartete, ob nicht noch irgend ein Bittsteller erscheinen -werde; schließlich schlüpft er denn auch mit irgend so -einen General, wissen Sie, ins Haus, und humpelt -auf seinem Stelzfuß bis ins Vorzimmer. Der Minister -erscheint wie gewöhnlich zur Audienz: ‚Was haben Sie? -und was wünschen Sie?‘ ‚Ah,‘ ruft er, wie er Kopeikin -erblickt, ‚ich habe Ihnen doch schon erklärt, daß Sie -warten sollen, bis über Ihr Gesuch entschieden wird.‘ — -‚Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu essen, -sozusagen ...‘ — ‚Was soll ich denn machen? Ich -kann nichts für Sie tun, Sie müssen sich schon selbst -helfen und sich selbst die Mittel zu verschaffen suchen.‘ — -<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> -‚Aber Eure Exzellenz, das können Sie doch selbst gewissermaßen -beurteilen, was kann ich mir denn für Mittel -verschaffen, wo mir eine Hand und ein Fuß fehlt.‘ Er -wollte noch hinzufügen: ‚mit der Nase aber kann ich erst -recht nichts anfangen; da kann man sich höchstens einmal -schneuzen, aber selbst dazu muß man sich ein Taschentuch -kaufen.‘ Allein der Minister, sehen wohl, lieber Herr, -— sei es nun, daß Kopeikin ihn langweilte, oder daß -er tatsächlich mit wichtigen Staatsangelegenheiten beschäftigt -war — der Minister also, können Sie sich vorstellen, -wird ganz aufgeregt und zornig. ‚Gehen Sie!‘ -ruft er, ‚solche wie Sie, sind noch viele da, gehen Sie -und warten Sie ruhig, bis die Reihe an Sie kommt!‘ -Jedoch mein Kopeikin antwortete — der Hunger treibt -ihn zum äußersten, wissen Sie —: ‚Tuen Sie was Sie -wollen, Exzellenz; ich rühre mich nicht vom Flecke, bevor -Sie die entsprechende Ordre erteilt haben.‘ Da aber, -lieber Herr, können Sie sich vorstellen, da geriet der -Minister ganz außer sich. Und in der Tat, bis dahin -war es wohl in den Annalen der Weltgeschichte noch nie -vorgekommen, daß sich sozusagen irgend ein Kopeikin erkühnte, -so mit einem Minister zu sprechen. Sie können -sich vorstellen, was ein erzürnter Minister ist, das ist doch -gewissermaßen ein Staatsmann sozusagen. ‚Sie frecher -Mensch!‘ schrie er: ‚Wo ist der Feldjäger? Der Feldjäger -soll kommen und ihn nach seiner Heimat abschieben!‘ -Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der -steht schon da und wartet schon hinter der Tür: so’n -baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von -der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit -einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser -braver Knecht Gottes in den Wagen befördert, und ab geht’s -in Begleitung des Feldjägers. ‚Na,‘ denkt Kopeikin, ‚da -spar’ ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich -den Herren dankbar.‘ So fährt er denn, Verehrtester, mit -dem Feldjäger, und während er so an der Seite des -Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu -<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -sich selber: ‚Schön,‘ sagt er, ‚der Minister erklärt mir, ich -soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, meinetwegen‘ -sagt er, ‚ich will mir die Mittel schon verschaffen!‘ -Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und -wohin er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts -bekannt geworden. Und daher sind denn auch die -Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome -der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, -wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, -sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann -man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo -also Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; -aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei -Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande -auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, -sehen Sie wohl, war kein anderer als der Hauptmann -Kopeikin. Er sammelte sich allerhand fahnenflüchtige -Soldaten und bildete aus ihnen gewissermaßen -eine ganze Räuberbande. Dies war, können Sie sich, -natürlich vorstellen, sogleich nach dem Kriege: da war -noch alles an ein ungebundenes Leben gewöhnt, wissen -Sie — das Leben galt damals kaum mehr als einen -Groschen: eine Freiheit und Zügellosigkeit sag ich Ihnen, -man pfiff auf alles — mit einem Wort, Verehrtester, -er hatte eine ganze Armee zu seiner Verfügung. Kein -Reisender konnte mehr ruhig passieren, und dies alles -richtete sich, sozusagen, nur gegen den Reichsschatz. Wenn -einer vorüber kam, der in seinen eigenen Geschäften -reiste — na, dann fragte man nur: ‚was wollen Sie?‘ -und ließ ihn laufen! Handelte es sich dagegen um -einen staatlichen Transport; Viehfutter, Proviant oder -Geld, — mit einem Wort alles, was sozusagen den -Namen des Staates trägt — da gab’s kein Pardon. Nun, -Sie können sich vorstellen, er brandschatzte den Beutel -des Fiskus gründlich. Oder er hört etwa, daß der -Termin für die Bezahlung der Staatssteuern vor der -Tür steht — sofort ist er an Ort und Stelle. Er läßt -<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -sogleich den Dorfschulzen zu sich rufen und schreit: ‚her -mit dem Zins und den Staatssteuern.‘ Na, Sie können sich -denken, der Bauer sieht: ‚so ein hinkender Teufel, sein -Rockkragen ist rot und glänzt vor lauter Gold wie die -Federn eines Phönix, Teufel auch, das schmeckt nach -Ohrfeigen.‘ ‚Da nimm, Väterchen, aber laß uns nur -in Ruhe.‘ Er denkt natürlich: ‚das ist irgend so ein -Kreisrichter oder womöglich noch was Schlimmeres sozusagen.‘ -Das Geld aber, Verehrtester, das nimmt er -natürlich in Empfang, ganz wie es sich gehört, und stellt -den Bauern eine Quittung aus, um sie gewissermaßen -vor den Behörden zu entschuldigen, und ihnen zu bescheinigen, -daß sie das Geld wirklich abgeliefert und ihre -Steuern vollzählich bezahlt haben, empfangen aber habe -es <em>der</em> und <em>der</em> d. h. der Hauptmann Kopeikin; ja er -setzte sogar noch sein Siegel darunter, mit einem Wort, -Verehrtester, er raubt und stiehlt, daß es nur so eine -Art hat. Mehrere Male wurden Soldatendetachements -ausgesandt, um ihn zu fangen, aber mein Kopeikin -kümmert sich den Teufel darum. Das waren eben -lauter Schinderhannesse, verstehen Sie, die da zusammen -gekommen waren ... Schließlich aber bekam er doch -wohl Angst, als er sah, daß dies kein Spaß war, und -daß er sich da sozusagen eine schöne Suppe eingebrockt -hatte; die Verfolgungen nahmen jeden Augenblick zu, -er selbst aber hatte sich unterdessen ein recht hübsches -Kapitälchen zurückgelegt lieber Herr, na, und da rückte -er denn sozusagen eines Tages ins Ausland aus, -ins Ausland, Verehrtester, verstehen Sie wohl, d. h. in -die Vereinigten Staaten. Von dort aus schreibt er -einen Brief an den Kaiser, können Sie sich denken, -einen äußerst redegewandten und so großartig stilisierten -Brief, wie Sie sich nur vorstellen können. All diese Platos -und Demosthenesse im Altertum — das sind sozusagen -die reinsten Waschlappen oder Küster gegen ihn: ‚du darfst -nicht glauben, Kaiser,‘ schreibt er, ‚daß ich dieses und -jenes‘ ... Mit einem Wort, er ließ euch Perioden -<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> -vom Stapel — geradezu glänzend! ‚Nur die -Notwendigkeit war die Ursache meines Handelns,‘ sagt -er; ‚ich habe sozusagen mein Blut vergossen und <a id="corr-163"></a>gewissermaßen -mein Leben nicht geschont und nun habe -ich, denken Sie sich bloß, nichts mehr zum Leben. Ich -bitte dich, meine Kameraden straflos ausgehen zu lassen,‘ -sagt er, ‚<a id="corr-164"></a>sie sind unschuldig, denn ich habe <a id="corr-165"></a>sie sozusagen -verführt, übe Gnade und verfüge, daß in Zukunft, -wenn die Verwundeten aus dem Kriege zurückkehren, -können Sie sich denken, gewissermaßen für <a id="corr-166"></a>sie gesorgt -werde ..‘ <a id="corr-167"></a>Mit einem Wort, der Brief war außerordentlich -gewandt stilisiert. Na, Sie können sich denken, der -Kaiser war natürlich gerührt. Es tat seinem kaiserlichen -Herzen leid um den Mann, obwohl er tatsächlich ein -Verbrecher war, und gewissermaßen sozusagen die Todesstrafe -verdient hatte, na, und da er sah, wie ein Unschuldiger -sozusagen zum Verbrecher werden kann und -zugeben mußte, daß hier eine Unterlassungsünde vorlag — -übrigens konnte man in jener unruhigen Zeit auch nicht -für alles sorgen — Gott allein, kann man wohl sagen, -ist ganz ohne Verfehlungen — mit einem Wort, lieber -Herr, der Kaiser geruhte diesmal, sozusagen ein einzig -dastehendes Beispiel seiner hochherzigen Gesinnung zu -geben: er befahl, die Schuldigen nicht weiter zu verfolgen -und gab zugleich strenge Ordre, ein Komitee zu -gründen, <a id="corr-169"></a>das sich ausschließlich mit der Fürsorge um -die Verwundeten zu beschäftigen habe sozusagen und -dies ... Verehrtester — war gewissermaßen der Anlaß -für die Gründung des Invalidenfonds, durch den -jetzt sozusagen in jeder Hinsicht für die Verwundeten -gesorgt ist, und ein ähnliches Institut gibt es tatsächlich -weder in England noch in allen übrigen aufgeklärten -Staaten, können Sie sich denken. Das also ist der -Hauptmann Kopeikin, Verehrtester. Nun aber glaube -ich folgendes: wahrscheinlich wird er all sein Geld in -den Vereinigten Staaten vertan haben, und ist nun zu -uns zurückgekehrt, um noch einmal zu versuchen, ob es -<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> -ihm nicht vielleicht sozusagen, gewissermaßen mit einem -neuen Unternehmen gelingen mag.“ -</p> - -<h4 class="subchap app2" id="subchap-4-4-2"> -<span class="line1">B. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.</span><br /> -<span class="line2">(In der vom Zensor gestrichenen Fassung.)</span> -</h4> - -<p class="noindent"> -„Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,“ -hub der Postmeister an, trotzdem nicht <em>ein einzelner</em> -Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saßen, „nach dem -Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen -Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins -Lazarett eingeliefert. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht -von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und -einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab’s noch -keine von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: -dieser Invalidenfond, das können Sie sich -wohl denken, der wurde sozusagen erst viel später gegründet. -Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er -arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur -einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach -Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: -‚Ich kann dich nicht <em>auch</em> noch ernähren; ich,‘ denken -Sie sich nur, ‚ich verdiene mir selbst nur mit knapper Not -meinen Unterhalt.‘ Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, -sehen Sie wohl, Verehrtester, nach Petersburg zu reisen -und an die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser -ihm nicht eine kleine Unterstützung bewilligen wolle. So -und so, er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein Leben -geopfert und sein Blut vergossen .... Er fuhr also -in einem Gepäckwagen oder einem <a id="corr-171"></a>staatlichen Transportwagen -in die Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, -genug er gelangte mit Mühe und Not nach Petersburg. -<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> -Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich <em>nun</em> -dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, -das sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen -hat! Plötzlich ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaßen -ein weites Feld des Lebens, so eine Art -märchenhafte Scheherazade verstehen Sie mich wohl. -Denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt -oder solch eine Erbsenstraße oder, hol’s der -Teufel, irgend so eine Liteinaja, <em>da</em> ragt irgend so ein -Turm in die Luft und dort <em>hängen</em> ein paar Brücken, -wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit -einem Wort die reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! -Erst trieb er sich eine Weile in den Straßen -herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war -ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und -all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das -reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, -man tritt das Kapital nur so mit Füßen. -Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon -von ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie -wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes -Kopeikin besteht aus zehn blauen Scheinen ... Genug, -er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt -Reval ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein -Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein -Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein -Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, -wohin er sich wenden soll. Man sagt ihm, es gäbe -so’ne Oberkommission, gewissermaßen so ein Direktorium -sozusagen, an dessen Spitze der General <span class="antiqua">en chef</span> soundso -stehe. Der Kaiser, müssen Sie wissen, war nämlich -um jene Zeit noch nicht in der Hauptstadt, und die -Armee, können Sie sich vorstellen, war noch nicht aus -Paris zurückgekehrt, alles war noch im Ausland. So -stand denn mein Kopeikin eines Morgens etwas früher -auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, -sehen Sie wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so -<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> -hätte das in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, -zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß -einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. -Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt also, wo der -Vorsitzende wohnt. ‚Da‘ antwortet man ihm und zeigt -auf ein Haus am Schloßquai. Eine feine Bauernhütte, -können Sie sich vorstellen. Meterlange Spiegelscheiben -in den Fenstern, kann ich Ihnen sagen, sodaß die Vasen -und alles, was sich sonst noch in den Zimmern befindet, -gleichsam draußen vor einem zu stehen scheinen, und -man all diese schönen Dinge geradezu greifen zu können -glaubt: die Wände sind von kostbarem Marmor, wissen -Sie, alles ist von Metall, und so’ne Türklinke, denken -Sie sich, da muß man zuerst in einen Laden laufen, -sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann -sozusagen zwei Stunden lang die Hände reiben, ehe -man sie anzufassen wagt. Dazu alles lackiert, mit -einem Wort die Sinne schwinden einem gewissermaßen. -Der Portier sieht aus wie ein Generalissimus: so -eine Grafenphisiognomie mit einem goldenen Säbel -in der Hand und einem <a id="corr-172"></a>Battistkragen, Teufel auch, wie -ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich -also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in -einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend -so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete -Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoßen. Sehen -Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe Ewigkeit dort -warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der -General, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen -war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein -silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man -sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier -Stunden lang; da kommt endlich der Adjutant oder -irgend ein diensthabender Beamter herein und sagt: -‚Gleich kommt der General!‘ Im Empfangszimmer -aber drängen sich schon die Menschen, wie die Bohnen -in einer Schüssel. Lauter hohe Beamte der vierten und -<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -fünften Klasse, nicht solche elende Sklaven wie unsereiner -sondern alles Oberste, und hie und da sogar -einer mit <a id="Makronen"></a>Makronen auf den Achselklappen, mit einem -Wort, die ganze Generalität <a id="corr-173"></a>sozusagen. Plötzlich geht -eine kaum merkliche Bewegung durch das Zimmer, wie -so’n feiner Äther, wissen Sie. Hie und da hört man -jemand Pst ... Pst ... rufen und dann tritt eine -fürchterliche Stille ein. Der hohe Staatsbeamte hatte -das Zimmer betreten. Na, Sie können sich vorstellen, -ein Staatsmann, sozusagen. Natürlich seinem Rang und -Titel entsprechend, so ein <span class="antiqua">Physionomio</span>, so ein Ausdruck, -verstehen Sie wohl. Alles was sich im Empfangszimmer -befand, stand natürlich sofort stramm, alles zittert -und bebt und wartet auf die Entscheidung seines Schicksals -sozusagen. Der Minister oder Staatsmann geht erst -zum einen, und dann zum andern. ‚Warum sind Sie -hier? Und Sie? Was wünschen Sie? In welcher -Angelegenheit kommen Sie?‘ Zuletzt kommt auch -mein Kopeikin an die Reihe, nimmt seinen ganzen -Mut zusammen und sagt: So und so, Exzellenz ich -habe sozusagen mein Blut vergossen, und gewissermaßen -einen Arm und ein Bein verloren. Ich kann nicht mehr -arbeiten und habe die Kühnheit, an die Gnade des -Monarchen zu apellieren. Der Minister sieht: der -Mann hat einen Stelzfuß, und der rechte Ärmel baumelt -leer herunter verstehen Sie wohl. ‚Gut,‘ sagt er, -‚fragen Sie nach ein paar Tagen mal wieder an!‘ -Mein Kopeikin ist ganz seelig: schon allein, daß ihm -eine Audienz bewilligt wurde sozusagen, daß er gewürdigt -wurde mit einem der ersten Würdenträger des -Staats zu sprechen, können Sie sich denken, und dann -die Hoffnung, daß sich endlich sein Schicksal, gewissermaßen -die Frage nach der Pension entscheiden sollte! -Er ist in der besten Laune, kann ich Ihnen sagen. -Er hüpft geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er -ins Restaurant von Palkin, um einen Schnaps zu -nehmen; aß in der Stadt London zu Mittag, ließ -<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -sich eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu ’ne Poularde -und allerhand Filets, nebst einer Flasche Wein, ging -abends ins Theater — mit einem Wort, es war eine -feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er -plötzlich eine Engländerin kommen. Wissen Sie, schlank -wie irgend so’n Schwan. Mein Kopeikin, dessen Blut -in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach auf seinem -Stelzfuß nach; ‚ach nein!‘ denkt er, ‚hol die Kurmacherei -einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich -meine Pension habe. Ich bin schon gar zu sehr aus Rand -und Band gekommen.‘ Nach drei vier Tagen erscheint -mein Kopeikin abermals beim Minister. Der Minister -tritt ein. ‚So und so,‘ sagt Kopeikin, ‚ich bin gekommen -um zu erfahren, was Eure Exzellenz über das Schicksal -der Kranken und Verwundeten zu verfügen geruht -haben ... und dergleichen mehr, können Sie sich denken, -in der amtlichen Sprache natürlich!‘ Der hohe Staatsbeamte, -stellen Sie sich vor, erkennt ihn sogleich wieder. -‚Ah, gut,‘ sagt er, ‚leider kann ich Ihnen diesmal keinen -andern Rat geben, als sich bis zur Rückkunft des Kaisers -zu gedulden; dann wird sicherlich etwas für die Verwundeten -und Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung -des Monarchen, sozusagen, vermag ich nichts -für Sie zu tun.‘ Damit verbeugt er sich, und die Audienz -ist zu Ende, verstehen Sie. Sie können sich denken, daß -sich mein Kopeikin hiernach in einer höchst prekären Lage -befand. Er hatte schon damit gerechnet, daß ihm morgen -das Geld ausbezahlt werden würde. ‚Da hast du was, -mein Lieber, trink eins und amüsier dich!‘; statt dessen -aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu -welchem Termin. Da kommt er nun wie so’n Uhu, oder -Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom -Präsidenten heraus — hat den Schwanz eingezogen -und läßt die Ohren hängen. ‚Nee,‘ denkt er, ‚ich will -doch <em>noch</em> einmal hingehen und dem Minister erklären, -ich habe bald nichts mehr zu essen, wenn Sie mir nicht -helfen, muß ich, sozusagen, vor Hunger sterben.‘ Mit -<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> -einem Wort lieber Herr, er geht wieder an den Schloßquai -und fragt nach dem Minister: ‚Es geht nicht,‘ heißt es, -‚der Minister empfängt heute niemand, kommen Sie -morgen wieder.‘ Am folgenden Tage — dieselbe Geschichte, -der Portier will ihn kaum noch ansehen. Mein Kopeikin -aber hat nur noch einen blauen Schein in der Tasche, -verstehen Sie wohl. Früher da leistete er sich noch einen -Teller Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch, jetzt aber -kauft er sich höchstens so einen Häring oder irgend so -eine Salzgurke und für zwei Groschen Brot —, mit -einem Wort, der arme Kerl hungert tatsächlich, und doch -hat er einen Appetit wie ein Wolf. Oft kommt er -an irgend so einem Restaurant vorüber und, nun stellen -Sie sich vor, der Koch — das ist irgend so ein Ausländer, -so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem -offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische -Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, -da steht nun der Kerl vor seinem Herd und -bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit -Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, -daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen -hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen -Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter -Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen — zu -fünf Rubel das Stück, oder so ’ne Riesin von Wassermelone, -so’n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem -Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der -einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen -Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen -auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser -im Munde zusammen, für ihn aber heißt’s: warte gefälligst -bis morgen. Und nun stellen Sie sich seine Lage -vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die -Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres -Gericht unter dem Namen: ‚<em>Komm morgen wieder.</em>‘ -Schließlich hielt es der arme Kerl nicht mehr aus und -beschloß, die Festung sozusagen im Sturme zu nehmen, -<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> -verstehen Sie. Er stellte sich also am Eingang auf -und wartete, ob nicht noch ein Bittsteller erscheinen -werde, und richtig, es gelang ihm denn auch, mit irgend -einem General hindurchzuschlüpfen und auf seinem -Stelzfuß bis ins Vorzimmer zu humpeln. Der hohe -Staatsmann erscheint wie gewöhnlich. ‚Was wünschen -Sie? Und Sie?‘ ‚Ah!‘ ruft er, wie er Kopeikin erblickt, -‚ich habe Ihnen doch schon erklärt, daß Sie -warten sollen, bis über Ihr Gesuch entschieden wird.‘ — -‚Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu essen, -sozusagen ...‘ ‚Was soll ich denn machen? ich kann -nichts für Sie tun, Sie müssen sich gewissermaßen -einstweilen selbst helfen und sich selbst die Mittel zu -verschaffen suchen.‘ — ‚Aber Exzellenz, daß müssen Sie -doch sozusagen selbst einsehen, wie kann ich mir denn -die Mittel verschaffen, wo mir ein Arm und ein Bein -fehlt?‘ ‚Aber verstehen Sie doch!‘ sagte der Minister, -‚ich kann Sie doch gewissermaßen nicht auf meine Kosten -erhalten, wir haben noch viele Verwundete, die könnten -doch alle dieselben Ansprüche machen. Wappnen Sie -sich mit Geduld. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: -wenn der Kaiser kommt, wird er Gnade üben und Sie -nicht im Stiche lassen.‘ — ‚Aber ich kann doch nicht -warten, Exzellenz,‘ versetzte Kopeikin, und zwar fängt -er schon an, grob zu werden sozusagen. Da aber wurde -der Staatsmann etwas ärgerlich, verstehen Sie, und in -der Tat: rings herum stehen lauter Generäle und warten -auf eine Antwort oder eine Ordre; hier handelte es sich -sozusagen um wichtige Staatsangelegenheiten, die gewissermaßen -eine schleunige Erledigung erfordern — -jeder verlorene Augenblick kann von Bedeutung sein — -und da kommt so ein aufdringlicher Teufel und läßt -einen nicht los, können Sie sich denken. — ‚Entschuldigen, -ich habe keine Zeit — ich habe noch andere wichtigere -Dinge zu tun, als mit Ihnen zu reden.‘ Er sagt es -gewissermaßen durch die Blume, es sei nun die höchste -Zeit, daß er sich aus dem Staube mache, verstehen Sie -<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> -wohl. Jedoch mein Kopeikin antwortet — der Hunger -treibt ihn nämlich zum äußersten, müssen Sie wissen. -‚Tun Sie, was Sie wollen, Exzellenz, ich rühre mich -nicht vom Flecke, bevor Sie die entsprechende Ordre erteilt -haben.‘ Na, Sie können sich denken: einem Staatsmann -so zu antworten, der nur ein Wort zu sagen -braucht, damit man kopfüber rausfliegt, sodaß der -Teufel selbst einen nicht mehr auffinden kann sozusagen -... Wenn ein Beamter, der auch nur um <em>einen</em> -Rang tiefer steht als wir, unsereinem so etwas sagen -wollte, so würde man es schon eine Frechheit nennen. -Nun aber denken Sie sich — diese Distanz, diese gewaltige -Distanz! Ein General <span class="antiqua">en chef</span> — und irgend -ein Kopeikin sozusagen! Neunzig Rubel und eine Null. -Der General, verstehen Sie, der maß ihn bloß mit -einem Blick — der reinste Kanonenschuß sozusagen: da -hätte keiner Stand gehalten, da wäre jedem das Herz -in die Hosen gefallen. Mein Kopeikin aber, können -Sie sich vorstellen, rührt sich nicht vom Flecke und -steht da wie angewurzelt. ‚Nun? Was warten Sie?‘ -sagt der General und packt ihn mit beiden Händen bei -den Schultern. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen, -er behandelt ihn noch ziemlich gnädig: ein anderer hätte -ihn so angeschnauzt, daß die ganze Straße noch drei -Tage nachher auf dem Kopfe gestanden und sich mit -ihm im Kreise gedreht hätte sozusagen, er aber sagte -nur ‚Gut, wenn das Leben für Sie hier zu teuer ist -und Sie nicht ruhig in der Hauptstadt auf die Entscheidung -Ihres Schicksals warten können, dann lasse -ich Sie auf Staatskosten in die Heimat befördern. Der Feldjäger -soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!‘ -Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da -und wartet schon hinter der Tür: so’n baumlanger Kerl, -wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst -für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein -richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht -Gottes in den Wagen befördert und ab geht’s in Begleitung -<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> -des Feldjägers. ‚Na,‘ denkt Kopeikin, ‚da spar’ -ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den -Herren dankbar.‘ So fährt er denn, Verehrtester, mit -dem Feldjäger, und während er so an der Seite des -Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu -sich selber: ‚Schön,‘ sagt er, ‚du erklärst mir, ich soll -mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,‘ -sagt er, ‚ich will mir die Mittel schon verschaffen!‘ -Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und -wohin er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts -bekannt geworden. Und daher sind denn auch die -Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome -der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, -wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, -sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann -man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo -also Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; -aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei -Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande -auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, -sehen Sie wohl, war kein anderer als ...“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p> -1. <em>Die Toten Seelen, Band I</em>, sind in der -zweiten Hälfte des Jahres 1835 begonnen und 1841 vollendet. -Sie erschienen am 21. Mai (2. Juni) 1842. Die -Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 9. Mai -(21. Mai) 1842. Die vom Zensor gestrichene „Geschichte -vom Hauptmann Kopeikin“ wurde vom Autor in fünf -Tagen vom 5.-9. (17.-21.) Mai 1842 umgearbeitet. -</p> - -<p> -2. <em>Die Vorrede zur zweiten Auflage des -I. Bandes der Toten Seelen</em> (pag. <a href="#page-431">431</a>) wurde Ende -<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> -Juli entworfen und im September 1846 vollendet. -Sie erschien zugleich mit der zweiten Auflage dieser -„Dichtung“. Die Unterschrift des Zensors trägt das -Datum: den 25. August (6. September) 1846. -</p> - -<p> -3. <em>Die Reflexionen zum ersten Teil der -Toten Seelen</em> (pag. <a href="#page-436">436</a>) stammen wahrscheinlich -aus dem Jahre 1846. -</p> - -<p> -4. <em>Das Ende des IX. Kapitels in veränderter -Fassung</em> (pag. <a href="#page-439">439</a>) wurde etwa im Jahre 1843 -niedergeschrieben. -</p> - -<p> -5. <em>Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin</em>: -<em>Variante A</em> (pag. <a href="#page-452">452</a>) ist im August 1841, -<em>Variante B</em> (pag. <a href="#page-461">461</a>), die vom Zensor gestrichen -wurde, im November 1841 vollendet. Der Text -der vorliegenden deutschen Ausgabe geht auf die russischen -Ausgaben von N. S. Tichonrawow und W. I. Schönrock -zurück. -</p> - -<p class="sign"> -<em>Der Herausgeber.</em> -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="printer"> -Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt. -</p> - - -<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Sbiten: ein Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern -oder Salbei, das von den niederen Klassen statt Tee getrunken -wird. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Kästchen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> In Rußland werden die Bären wie bei uns „Petz“ mit -dem Namen „Mischa“, dem Diminutivum von Michael gerufen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Spielt in dem russischen Sagenkreis die Rolle des Thanatos, -d. h. des Todes. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Groschen. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-6" id="footnote-6">[6]</a> Ein Saiteninstrument: eine Art Guitarre. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-7" id="footnote-7">[7]</a> Fünfundzwanzig Rubel. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. -</p> - -<p> -Einige Übertragungsfehler wurden ebenfalls unverändert belassen. -Auf <a href="#page-194">Seite 194</a> heißt es »<a href="#wichtiges">jedes Jahr -verlor er ein neues richtiges Stück von seinem Haushalt aus dem Auge</a>«. -Tatsächlich steht im Original hier »Hauptteil«, was wohl eher der Formulierung -»wichtiges Stück« entsprechen würde. -An zwei Stellen im Anhang heißt es »<a href="#Markronen">Markronen</a>« oder »<a href="#Makronen">Makronen</a> -auf den Achselklappen«. Auch dies wurde so beibehalten. Das russische -Original hat aber an dieser Stelle »Makkaroni«, was wohl eher die -Fransen der Epauletten beschreibt. -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter -Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... und <span class="underline">Leibeigenen</span> gesellen. Aber das Gemälde erscheint ...<br /> -... und <a href="#corr-0"><span class="underline">Leibeigene</span></a> gesellen. Aber das Gemälde erscheint ...<br /> -</li> - -<li> -... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder <span class="underline">eine</span> Paar blaue ...<br /> -... denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder <a href="#corr-3"><span class="underline">ein</span></a> Paar blaue ...<br /> -</li> - -<li> -... Zum <span class="underline">Gouverneuer</span> sagte er wie beiläufig, wenn man in ...<br /> -... Zum <a href="#corr-4"><span class="underline">Gouverneur</span></a> sagte er wie beiläufig, wenn man in ...<br /> -</li> - -<li> -... wie es sich gehörte. Als <span class="underline">Ttschitschikow</span> den Saal betrat, ...<br /> -... wie es sich gehörte. Als <a href="#corr-5"><span class="underline">Tschitschikow</span></a> den Saal betrat, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">müssig</span> herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ...<br /> -... <a href="#corr-6"><span class="underline">müßig</span></a> herum; ihre Existenz hat etwas gar zu Leichtes, ...<br /> -</li> - -<li> -... „Herzen! Herzchen! Pikentia!“ oder „<span class="underline">Pieckchen</span>, Piekchen, ...<br /> -... „Herzen! Herzchen! Pikentia!“ oder „<a href="#corr-7"><span class="underline">Piekchen</span></a>, Piekchen, ...<br /> -</li> - -<li> -... mit höflichem Kopfnicken und warmem <span class="underline">aufrichtigen</span> ...<br /> -... mit höflichem Kopfnicken und warmem <a href="#corr-8"><span class="underline">aufrichtigem</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">nochkommen</span>, sondern halte es sogar für seine heiligste ...<br /> -... <a href="#corr-9"><span class="underline">nachkommen</span></a>, sondern halte es sogar für seine heiligste ...<br /> -</li> - -<li> -... anfing, gaben der Polizeimeister und Staatsanwalt sehr ...<br /> -... anfing, gaben der Polizeimeister und <a href="#corr-10"><span class="underline">der</span></a> Staatsanwalt sehr ...<br /> -</li> - -<li> -... also noch am Abend <span class="underline">sämliche</span> notwendigen Anordnungen getroffen ...<br /> -... also noch am Abend <a href="#corr-11"><span class="underline">sämtliche</span></a> notwendigen Anordnungen getroffen ...<br /> -</li> - -<li> -... alten Uniformen unserer <span class="underline">Garnisonsoldaten</span> bemerken kann, ...<br /> -... alten Uniformen unserer <a href="#corr-13"><span class="underline">Garnisonssoldaten</span></a> bemerken kann, ...<br /> -</li> - -<li> -... werden<span class="underline">!</span>“ ...<br /> -... werden<a href="#corr-15"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... aber er konnte <span class="underline">nicht</span> derartiges entdecken, im Gegenteil, ...<br /> -... aber er konnte <a href="#corr-16"><span class="underline">nichts</span></a> derartiges entdecken, im Gegenteil, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">konnten</span> ...“ ...<br /> -... <a href="#corr-17"><span class="underline">könnten</span></a> ...“ ...<br /> -</li> - -<li> -... sagte er: „Wir werden’s schon finden,“ und <span class="underline">Ttschitschikow</span> ...<br /> -... sagte er: „Wir werden’s schon finden,“ und <a href="#corr-19"><span class="underline">Tschitschikow</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... „Das geht vorüber, Mütterchen, achten <span class="underline">sie</span> nur nicht ...<br /> -... „Das geht vorüber, Mütterchen, achten <a href="#corr-25"><span class="underline">Sie</span></a> nur nicht ...<br /> -</li> - -<li> -... noch einen Versuch zu <span class="underline">machan</span>, ob es ihm etwa gelänge, ...<br /> -... noch einen Versuch zu <a href="#corr-28"><span class="underline">machen</span></a>, ob es ihm etwa gelänge, ...<br /> -</li> - -<li> -... „Nicht <span class="underline">war</span>, Sie vergessen mich also nicht bei den ...<br /> -... „Nicht <a href="#corr-31"><span class="underline">wahr</span></a>, Sie vergessen mich also nicht bei den ...<br /> -</li> - -<li> -... „Hm!“ dachte <span class="underline">Titschikow</span>, „ich könnte ja schließlich ...<br /> -... „Hm!“ dachte <a href="#corr-38"><span class="underline">Tschitschikow</span></a>, „ich könnte ja schließlich ...<br /> -</li> - -<li> -... eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und <span class="underline">Mer</span>schaumpfeifen, ...<br /> -... eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und <a href="#corr-39"><span class="underline">Meer</span></a>schaumpfeifen, ...<br /> -</li> - -<li> -... „Nein, <span class="underline">nein</span> Bester, ein Glücksspiel verlieren, das ...<br /> -... „Nein, <a href="#corr-45"><span class="underline">mein</span></a> Bester, ein Glücksspiel verlieren, das ...<br /> -</li> - -<li> -... „Für wen <span class="underline">hälst</span> du mich,“ sagte Nosdrjow, „glaubst ...<br /> -... „Für wen <a href="#corr-46"><span class="underline">hältst</span></a> du mich,“ sagte Nosdrjow, „glaubst ...<br /> -</li> - -<li> -... erblickte, <span class="underline">sagt</span> er kurz: „Ich bitte,“ worauf er ihn in die ...<br /> -... erblickte, <a href="#corr-50"><span class="underline">sagte</span></a> er kurz: „Ich bitte,“ worauf er ihn in die ...<br /> -</li> - -<li> -... Hammelbraten,“ fuhr er fort, indem er sich an <span class="underline">Tschischikow</span> ...<br /> -... Hammelbraten,“ fuhr er fort, indem er sich an <a href="#corr-53"><span class="underline">Tschitschikow</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... links<span class="underline">!</span>“ ...<br /> -... links<a href="#corr-54"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... „Also was ist Ihr höchstes Angebot<span class="underline">!</span>“ sagte Sabakewitsch ...<br /> -... „Also was ist Ihr höchstes Angebot<a href="#corr-55"><span class="underline">?</span></a>“ sagte Sabakewitsch ...<br /> -</li> - -<li> -... Wohnhause vorüber zu kommen<span class="underline">.</span>“ ...<br /> -... Wohnhause vorüber zu kommen<a href="#corr-56"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... klingt uns aus dem Worte <span class="underline">der</span> Britanniers ...<br /> -... klingt uns aus dem Worte <a href="#corr-57"><span class="underline">des</span></a> Britanniers ...<br /> -</li> - -<li> -... schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres <span class="underline">Räselwort</span> ...<br /> -... schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres <a href="#corr-58"><span class="underline">Rätselwort</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... und zu <span class="underline">konzentieren</span> liebt, und eine solche Erscheinung ...<br /> -... und zu <a href="#corr-61"><span class="underline">konzentrieren</span></a> liebt, und eine solche Erscheinung ...<br /> -</li> - -<li> -... den Anblick seines Wirtes <span class="underline">uud</span> der ganzen seltsamen ...<br /> -... den Anblick seines Wirtes <a href="#corr-62"><span class="underline">und</span></a> der ganzen seltsamen ...<br /> -</li> - -<li> -... eine solche Kälte und <span class="underline">Teilnahmlosigkeit</span> gegen fremdes ...<br /> -... eine solche Kälte und <a href="#corr-65"><span class="underline">Teilnahmslosigkeit</span></a> gegen fremdes ...<br /> -</li> - -<li> -... flüchtige Bauern brauchen könnte<span class="underline">!</span>“ ...<br /> -... flüchtige Bauern brauchen könnte<a href="#corr-66"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... Frage erinnerte jenen daran, <span class="underline">das</span> es in der Tat zwecklos ...<br /> -... Frage erinnerte jenen daran, <a href="#corr-67"><span class="underline">daß</span></a> es in der Tat zwecklos ...<br /> -</li> - -<li> -... „Wollen Sie denn keinen Tee<span class="underline">.</span>“ ...<br /> -... „Wollen Sie denn keinen Tee<a href="#corr-68"><span class="underline">?</span></a>“ ...<br /> -</li> - -<li> -... freundlicheres und angenehmeres <span class="underline">Äußere</span> an. Themis ...<br /> -... freundlicheres und angenehmeres <a href="#corr-75"><span class="underline">Äußeres</span></a> an. Themis ...<br /> -</li> - -<li> -... es doch lauter nützliche Leute und Handwerker <span class="underline">seinen</span>, die ...<br /> -... es doch lauter nützliche Leute und Handwerker <a href="#corr-78"><span class="underline">seien</span></a>, die ...<br /> -</li> - -<li> -... Iwan Antonowitsch <span class="underline">erledigt</span> alles gewandt und sicher, die ...<br /> -... Iwan Antonowitsch <a href="#corr-79"><span class="underline">erledigte</span></a> alles gewandt und sicher, die ...<br /> -</li> - -<li> -... verheiraten. Nicht <span class="underline">war</span>, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ...<br /> -... verheiraten. Nicht <a href="#corr-80"><span class="underline">wahr</span></a>, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ...<br /> -</li> - -<li> -... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht <span class="underline">ihrer</span> Ansicht, ...<br /> -... Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht <a href="#corr-82"><span class="underline">Ihrer</span></a> Ansicht, ...<br /> -</li> - -<li> -... Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. „Dürften wir <span class="underline">arme</span> ...<br /> -... Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. „Dürften wir <a href="#corr-83"><span class="underline">armen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">nicht</span>würdiger Mensch; ein nichtswürdiger, nichtswürdiger ...<br /> -... <a href="#corr-89"><span class="underline">nichts</span></a>würdiger Mensch; ein nichtswürdiger, nichtswürdiger ...<br /> -</li> - -<li> -... „Nein, aber denken Sie sich <span class="underline">blos</span> in meine Lage ...<br /> -... „Nein, aber denken Sie sich <a href="#corr-91"><span class="underline">bloß</span></a> in meine Lage ...<br /> -</li> - -<li> -... ich das hörte!<span class="underline">“ </span>Und jetzt,“ sagt Karobotschka, „weiß ...<br /> -... ich das hörte!<a href="#corr-92"><span class="underline">„</span></a>Und jetzt,“ sagt Karobotschka, „weiß ...<br /> -</li> - -<li> -... daher schwieg sie. Sie konnte sich <span class="underline">blos</span> über die Dinge ...<br /> -... daher schwieg sie. Sie konnte sich <a href="#corr-93"><span class="underline">bloß</span></a> über die Dinge ...<br /> -</li> - -<li> -... in <span class="underline">einen</span> geronnenen Augenblick in ein Pulverfaß zu ...<br /> -... in <a href="#corr-94"><span class="underline">einem</span></a> geronnenen Augenblick in ein Pulverfaß zu ...<br /> -</li> - -<li> -... sie auch nur ein <span class="underline">bischen</span>, ein Fünkchen, auch nur einen ...<br /> -... sie auch nur ein <a href="#corr-97"><span class="underline">bißchen</span></a>, ein Fünkchen, auch nur einen ...<br /> -</li> - -<li> -... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken <span class="underline">Augenlied</span>, staubte ...<br /> -... demselben Fleck, blinzelte mit dem linken <a href="#corr-100"><span class="underline">Augenlid</span></a>, staubte ...<br /> -</li> - -<li> -... günstig ist, irgend welche <span class="underline">Wohltätigkeit-</span>, Hilfs- und ...<br /> -... günstig ist, irgend welche <a href="#corr-104"><span class="underline">Wohltätigkeits-</span></a>, Hilfs- und ...<br /> -</li> - -<li> -... und gesinnungstüchtiges <span class="underline">Äußere</span> besitze, aber auch in ...<br /> -... und gesinnungstüchtiges <a href="#corr-105"><span class="underline">Äußeres</span></a> besitze, aber auch in ...<br /> -</li> - -<li> - (mehrfache Fälle)<br /> -... meinen Unterhalt.‘ Da beschloß denn mein <span class="underline">Hauptman</span> Kopeikin, ...<br /> -... meinen Unterhalt.‘ Da beschloß denn mein <a href="#corr-107"><span class="underline">Hauptmann</span></a> Kopeikin, ...<br /> -</li> - -<li> -... oder einem <span class="underline">statlichen</span> Transportwagen nach der Hauptstadt, ...<br /> -... oder einem <a href="#corr-108"><span class="underline">staatlichen</span></a> Transportwagen nach der Hauptstadt, ...<br /> -</li> - -<li> -... aber <span class="underline">andererseis</span> auch wiederum nicht allzu dünn gewesen ...<br /> -... aber <a href="#corr-112"><span class="underline">andererseits</span></a> auch wiederum nicht allzu dünn gewesen ...<br /> -</li> - -<li> -... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht <span class="underline">irgenwo</span> abseits ...<br /> -... um so seltsamer ist, da die Stadt nicht <a href="#corr-113"><span class="underline">irgendwo</span></a> abseits ...<br /> -</li> - -<li> -... Offen gestanden, <span class="underline">Sie</span> haben Furcht vor dem neuen ...<br /> -... Offen gestanden, <a href="#corr-116"><span class="underline">sie</span></a> haben Furcht vor dem neuen ...<br /> -</li> - -<li> -... In zwei Stunden muß alles fertig sein, <span class="underline">Verstanden</span>? ...<br /> -... In zwei Stunden muß alles fertig sein, <a href="#corr-120"><span class="underline">verstanden</span></a>? ...<br /> -</li> - -<li> -... „Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich <span class="underline">ihm</span> schon ...<br /> -... „Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich <a href="#corr-121"><span class="underline">ihn</span></a> schon ...<br /> -</li> - -<li> -... tief mein Inneres <span class="underline">erschüttet</span> mit all seinen Schrecken; ...<br /> -... tief mein Inneres <a href="#corr-127"><span class="underline">erschüttert</span></a> mit all seinen Schrecken; ...<br /> -</li> - -<li> -... und schon <span class="underline">durchströmmt</span> uns behagliche Wärme. Die ...<br /> -... und schon <a href="#corr-129"><span class="underline">durchströmt</span></a> uns behagliche Wärme. Die ...<br /> -</li> - -<li> -... — was kümmert’s dich, <span class="underline">O</span>, welche Nacht! ...<br /> -... — was kümmert’s dich, <a href="#corr-131"><span class="underline">o</span></a>, welche Nacht! ...<br /> -</li> - -<li> -... die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, <span class="underline">angewiedert</span> ...<br /> -... die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, <a href="#corr-133"><span class="underline">angewidert</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... wo ich dagegen <span class="underline">jenem</span> bösen Geist des Widerspruches ...<br /> -... wo ich dagegen <a href="#corr-134"><span class="underline">jenen</span></a> bösen Geist des Widerspruches ...<br /> -</li> - -<li> -... angegriffen, die er beschlossen <span class="underline">hätte</span>, nie auszugeben; mit ...<br /> -... angegriffen, die er beschlossen <a href="#corr-135"><span class="underline">hatte</span></a>, nie auszugeben; mit ...<br /> -</li> - -<li> -... wohlgepflegtes <span class="underline">Äußere</span> zu bewahren, sich anständig zu kleiden, ...<br /> -... wohlgepflegtes <a href="#corr-136"><span class="underline">Äußeres</span></a> zu bewahren, sich anständig zu kleiden, ...<br /> -</li> - -<li> -... überall, wo sie dergleichen <span class="underline">sie</span> antrafen, verfolgten sie es, so ...<br /> -... überall, wo sie dergleichen <a href="#corr-141"></a> antrafen, verfolgten sie es, so ...<br /> -</li> - -<li> -... Mitleid <span class="underline">appellierte</span> und ihm in glühenden Farben das ...<br /> -... Mitleid <a href="#corr-143"><span class="underline">apellierte</span></a> und ihm in glühenden Farben das ...<br /> -</li> - -<li> -... draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre <span class="underline">Liebehaber</span> ...<br /> -... draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre <a href="#corr-144"><span class="underline">Liebhaber</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Beruf, der sich bei uns noch nicht das <span class="underline">Bügerrecht</span> erkämpft ...<br /> -... Beruf, der sich bei uns noch nicht das <a href="#corr-148"><span class="underline">Bürgerrecht</span></a> erkämpft ...<br /> -</li> - -<li> -... gottlob nicht <span class="underline">wenigen</span> das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ...<br /> -... gottlob nicht <a href="#corr-149"><span class="underline">wenige</span></a> das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">machen</span> kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde ...<br /> -... <a href="#corr-152"><span class="underline">manchen</span></a> kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde ...<br /> -</li> - -<li> -... er; ‚ich habe sozusagen mein Blut vergossen und <span class="underline">gewissermassen</span> ...<br /> -... er; ‚ich habe sozusagen mein Blut vergossen und <a href="#corr-163"><span class="underline">gewissermaßen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... sagt er, ‚<span class="underline">Sie</span> sind unschuldig, denn ich habe <span class="underline">Sie</span> sozusagen ...<br /> -... sagt er, ‚<a href="#corr-164"><span class="underline">sie</span></a> sind unschuldig, denn ich habe <a href="#corr-165"><span class="underline">sie</span></a> sozusagen ...<br /> -</li> - -<li> -... können Sie sich denken, gewissermaßen für <span class="underline">Sie</span> gesorgt ...<br /> -... können Sie sich denken, gewissermaßen für <a href="#corr-166"><span class="underline">sie</span></a> gesorgt ...<br /> -</li> - -<li> -... werde ..‘ <span class="underline">mit</span> einem Wort, der Brief war außerordentlich ...<br /> -... werde ..‘ <a href="#corr-167"><span class="underline">Mit</span></a> einem Wort, der Brief war außerordentlich ...<br /> -</li> - -<li> -... gründen, <span class="underline">daß</span> sich ausschließlich mit der Fürsorge um ...<br /> -... gründen, <a href="#corr-169"><span class="underline">das</span></a> sich ausschließlich mit der Fürsorge um ...<br /> -</li> - -<li> -... in einem Gepäckwagen oder einem <span class="underline">stattlichen</span> Transportwagen ...<br /> -... in einem Gepäckwagen oder einem <a href="#corr-171"><span class="underline">staatlichen</span></a> Transportwagen ...<br /> -</li> - -<li> -... in der Hand und einem <span class="underline">Battisikragen</span>, Teufel auch, wie ...<br /> -... in der Hand und einem <a href="#corr-172"><span class="underline">Battistkragen</span></a>, Teufel auch, wie ...<br /> -</li> - -<li> -... Wort, die ganze Generalität <span class="underline">sozuzagen</span>. Plötzlich geht ...<br /> -... Wort, die ganze Generalität <a href="#corr-173"><span class="underline">sozusagen</span></a>. Plötzlich geht ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 1: Die Toten Seelen I, by -Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 1: DIE *** - -***** This file should be named 54262-h.htm or 54262-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/2/6/54262/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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