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-Project Gutenberg's William Wilberforce, der Sklavenfreund, by Hugo Oertel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: William Wilberforce, der Sklavenfreund
- Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet
-
-Author: Hugo Oertel
-
-Release Date: February 19, 2017 [EBook #54201]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILLIAM WILBERFORCE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist hier +so dargestellt+.
-
- Im Original fetter Text ist hier =so ausgezeichnet=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-[Illustration: Stahlstich v. Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg.
-
-William Wilberforce.
-
-Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden.]
-
-
-
-
- William Wilberforce,
- der Sklavenfreund.
-
- Ein Lebensbild,
-
- für die deutsche Jugend und das deutsche Volk
- gezeichnet
-
- von
-
- Hugo Oertel.
-
- Mit vier Abbildungen.
-
- Wiesbaden.
- =Julius Niedner=, Verlagshandlung.
- 1885.
-
- Philadelphia
- bei Schäfer & Koradi.
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
-I.
-
-
-Wir haben für den Mann, dessen Lebensbild wir auf den nachfolgenden
-Blättern zeichnen wollen, da vorne auf dem Titelblatte die nähere
-Bezeichnung »Der Sklavenfreund« gewählt, und gewiß mit gutem Grunde,
-wie jeder, der den Mann erst aus diesem Büchlein kennen lernt, nach
-Durchlesung desselben wird zugestehen müssen.
-
-Aber ob auch jeder unserer lieben Leser weiß, was es mit dieser
-Bezeichnung auf sich hat, und wie sehr dieselbe berechtigt, denjenigen,
-welchem sie mit voller Wahrheit zukommt, unter die bedeutenden Menschen
-zu zählen, denen in diesem Büchlein ein ehrendes Gedächtnis gestiftet
-werden soll?
-
-Was man unter +Sklaven+ versteht, brauchen wir ja wohl niemandem
-erst weitläufig zu erklären. Jedermann hat ohne Zweifel von jenen
-unglückseligen Menschen gehört, die von anderen Menschen, ihren
-Brüdern, in der entsetzlichsten Knechtschaft gehalten werden; über die
-von diesen, ihren sogenannten Herren, das vollste unbeschränkteste
-Eigentumsrecht in Anspruch genommen wird; die wie das Vieh oder eine
-tote Ware gekauft oder verkauft werden und meistenteils auch kaum eine
-bessere Behandlung wie das Vieh erfahren.
-
-Und wer etwa schon solch ein Buch gelesen hat, wie das wohlbekannte
-auch ins Deutsche übersetzte der Amerikanerin H. Beecher-Stowe, welches
-den Titel führt: »Onkel Toms Hütte«, der hat auch schon einen Einblick
-bekommen in das herzzerreißende Elend, welches die Sklaverei im
-Gefolge hat. Und wenn er nur ein menschlich fühlendes Herz in der Brust
-trägt, das sich von Jammer und Elend, wo und wie sie ihm begegnen,
-rühren läßt, geschweige denn, wenn sein Herz ein christliches ist, in
-welchem das Gebot lebt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! so kann
-er nicht anders, als seine höchste Achtung Solchen zollen, die ihre
-ganze Kraft einsetzen, um das Elend der Sklaverei lindern zu helfen, ja
-die auf die gänzliche Abschaffung der Sklaverei hinwirken, welche ohne
-Zweifel der größte Schandfleck für die Menschheit ist, der nur gedacht
-werden kann.
-
-Aber, so fragt man unwillkürlich, wie war es überhaupt möglich, daß
-etwas so Entsetzliches und Schändliches wie die Sklaverei in der
-Welt aufkam? Wie war es möglich, daß sich Menschen dazu herbeilassen
-konnten, andere Menschen in eine Lage zu setzen, in welcher die
-Menschenwürde geradezu mit Füßen getreten ist?
-
-Auf diese Frage kann man denn aber nur die rechte Antwort finden,
-wenn man erwägt, daß von Uranfang her das Psalmwort (Psalm 10,
-10) seine Wahrheit hatte: »Der Gottlose zerschlägt und drückt
-nieder und stößt zu Boden den Armen mit Gewalt«; daß von jeher der
-Stärkere, weil er dazu befähigt war, sich auch berechtigt hielt, den
-Schwächeren zu unterdrücken und sich dienstbar zu machen. So war es
-ja, wie gesagt, von Uranfang her, seitdem durch das Eindringen der
-Sünde in die Welt und durch den dadurch hervorgerufenen Abfall der
-Menschenherzen von Gott, in diesen an die Stelle der Liebe, dieses
-Abglanzes des göttlichen Wesens, die Selbstsucht getreten ist; so
-ist es noch heute, wo das Recht des Stärkeren ohne Scheu als ein
-natürliches, unangreifbares Menschenrecht hingestellt, und auch in den
-Schranken, die das Gesetz nur irgendwie zuläßt, mit der furchtbarsten
-Rücksichtslosigkeit geübt wird; so wird es auch bleiben, solange nicht
-das Grundgesetz des Christentums, das Gesetz der selbstverleugnenden
-Liebe allenthalben zur vollen Geltung gekommen ist, wonach der Starke
-seine Stärke nicht zur Unterdrückung, sondern zum Schutze des Schwachen
-verwenden soll.
-
-Die Sklaverei an und für sich ist deshalb auch fast so alt wie das
-Menschengeschlecht, und jedenfalls so alt als die Kriege in der Welt
-sind. Denn die ersten Sklaven waren ohne Zweifel Kriegsgefangene, die
-man zum Knechtsdienste zwang und gegen die man, weil sie Volks- oder
-Stammesfeinde waren, an deren Hände das Blut der eigenen Landsleute
-und Stammesgenossen klebte, ungescheut jede Grausamkeit und Gewaltthat
-glaubte üben zu dürfen. Erst allmählig mag sich dann die Sklaverei
-als ein dauernder, sogar gesetzlicher Zustand herausgebildet haben,
-bei welchem die Sklaven als lebende Ware betrachtet und mit voller
-Rechtsgiltigkeit gekauft und verkauft wurden.
-
-Die alten Denkmäler Ägyptens mit ihren Inschriften und Bildwerken
-erheben es zur unbestreitbaren Gewißheit, daß dort im Nillande schon
-etwa 1600 Jahre vor Christo die Sklaverei bestand, daß vollständige
-Sklavenmärkte abgehalten wurden, ja daß schon damals Negersklaven
-vorkamen, jedoch wohl nur als Kriegsgefangene, nicht aber als Glieder
-der Menschenrasse, die vorzugsweise zur Sklaverei bestimmt sei und bei
-der schon ihre Hautfarbe den Bann und den Fluch der Sklaverei bedingte.
-Der traurige Ruhm, diese letztere Anschauung von der Bestimmung der
-schwarzen Menschenrasse zur Sklaverei aufgebracht und diese Rasse als
-eine niedrige Menschenart hingestellt zu haben, die sich vom Tiere kaum
-anders als durch die äußere Gestalt unterscheide, fällt leider auf die
-christlichen Nationen der Neuzeit. Und, um dies hier schon einzufügen,
-leider wurde sogar aus dem Worte Gottes zu beweisen gesucht, daß die
-Sklaverei der Schwarzen ein gottgewollter Zustand sei. Man mißbrauchte
-nämlich jenen schweren Fluch, den Noah über die Nachkommen seines
-Sohnes Ham, den man als den Stammvater der schwarzen Rasse ansieht,
-aussprach, wie 1 Mos. 9, 25. 27 zu lesen steht, als Beweisstelle dafür;
-man nahm also einen menschlichen Vaterfluch, der durch eine schwere
-Sünde des Sohnes hervorgerufen war, als Ausdruck eines göttlichen
-Willens und begründete dadurch jene heillose Verwirrung der Gewissen,
-aus der, als aus einer trüben Quelle, all das entsetzliche Elend der
-Negersklaverei, all die grauenhaften Grausamkeiten des Handels mit
-Schwarzen hervorfloß.
-
-Auch unter den +Juden+ findet sich schon in frühester Zeit Sklaverei
-und Sklavenhandel. Abraham besaß eine Menge von »Knechten«, die wohl
-nichts anderes, als leibeigene Sklaven gewesen sind. Denn 1 Mos. 17,
-23 werden ausdrücklich unter diesen Knechten solche unterschieden, die
-daheim im Hause geboren, und solche, die erkauft waren. Wir haben also
-da schon eine durch Geburt vererbte und ebensowohl eine durch Kauf zu
-stande gekommenene Knechtschaft, und zwar in sehr ausgedehntem Maße.
-Denn 1 Mos. 14, 9 werden allein 318 waffenfähige Knechte erwähnt, die
-im Besitze des Erzvaters waren.
-
-Und weist nicht der Umstand, daß Jakobs Söhne ihren Bruder Joseph
-an israelitische Händler verkauften, ebenfalls darauf hin, daß der
-Sklavenhandel damals schon etwas ganz Gewöhnliches und Herkömmliches
-war?
-
-Allerdings scheinen die Knechte oder Sklaven damals völlig zur
-Familie gehört zu haben und keineswegs als völlig rechtlos geachtet
-worden zu sein. Denn sie wurden ebenso wie die eignen Kinder und
-Hausgenossen durch die Beschneidung in den Bund aufgenommen, den Gott
-der Herr mit Abraham gemacht hatte (1 Mos. 14, 9) und bei Elieser,
-dem treuen Knechte Abrahams, wurde sogar das Knechtsverhältnis ein so
-verschwindendes, daß Abraham, als ihm noch der eigene Sohn mangelte,
-Eliesers Sohn zu seinem Erben zu machen gedachte. (1 Mos. 15, 4.)
-
-Als Israel Gottes Volk geworden war und jedes Glied ein Knecht Gottes,
-durfte kein Israelit »auf leibeigene Weise« (3 Mos. 25, 42) verkauft
-werden, während die Leibeigenschaft von Nichtjuden nach wie vor
-bestehen blieb.
-
-Allerdings konnte ein Israelit nach dem Gesetze in die Dienste
-eines anderen kommen, entweder wenn er selbst sich und die Seinigen
-freiwillig demselben in die Dienstbarkeit verkaufte, weil er wegen
-Armut seine Familie nicht mehr durchbringen konnte, oder wenn er
-durch gerichtlichen Zwangsverkauf ihm zufiel, weil er z. B. für einen
-begangenen Diebstahl nicht den genügenden Ersatz leisten konnte. Aber
-es waren im Gesetze Anordnungen getroffen, welche dem in solcher Weise
-unfrei gewordenen die Rückkehr in die Freiheit und Selbstständigkeit
-ermöglichten; und vor allem durfte ein solcher Unfreier an Auswärtige
-nicht wieder verkauft werden.
-
-Jedoch auch die heidnischen Sklaven hatten sich nach dem mosaischen
-Gesetze einer im Ganzen menschlichen Behandlung zu erfreuen. Wer einen
-seiner heidnischen Sklaven bei etwaiger Züchtigung oder im Zorne
-tötete, wurde bestraft, wenn der Tod unmittelbar erfolgte; überlebte
-dagegen der Sklave die Mißhandlung um einige Tage, sodaß sein Tod nicht
-als unmittelbare Folge derselben angesehen werden konnte, so wurde
-angenommen, daß der Tod nicht absichtlich herbeigeführt worden sei,
-und der Herr wurde als durch den Verlust des Sklaven genug bestraft
-angesehen.
-
-Auch bei den alten +Griechen+ stand die Sklaverei in voller Blüte
-trotz des starken Freiheitssinnes, der in diesem Volke lebte; ja die
-ganze gesellschaftliche Ordnung der Griechen forderte gewissermaßen
-die Unfreiheit anderer, die Sklaverei, als notwendige Unterlage. Damit
-sich die freien Staatsbürger ganz und ausschließlich dem öffentlichen
-Leben und den Staatsgeschäften widmen könnten, wie es in einer Republik
-nötig erschien, durfte es nicht an Solchen fehlen, die sich lediglich
-den kleinlichen Geschäften des täglichen Lebens und der Besorgung des
-Hauswesens widmeten. Zu den schwereren und gröberen Arbeiten verwendete
-man die Kriegsgefangenen, während die auf den Märkten gekauften Sklaven
-vorzugsweise zu Hausdienern genommen wurden. Berühmte Sklavenmärkte
-wurden auf den Inseln Delos und Chios abgehalten, wohin aus Ägypten
-auch Negersklaven geschickt wurden, die als Luxus-Sklaven sehr beliebt
-waren und von besonderem Reichtum des Besitzers Zeugnis gaben.
-
-Ehe der berühmte Solon seine Gesetze gab, durfte der Gläubiger auch
-zahlungsunfähige Schuldner in die Sklaverei verkaufen, und selbst
-Eltern war dies mit ihren Kindern gestattet.
-
-Jedoch war bei den Griechen die Behandlung der Sklaven im Großen und
-Ganzen nichts weniger als unmenschlich. Der Herr konnte genötigt
-werden, einen Sklaven, den er aus Bosheit grausam behandelte, zu
-verkaufen, ja er konnte selbst alle seine Rechte auf ihn verlieren. In
-Athen wurde der Herr, welcher einen seiner Sklaven getötet hatte, in
-die Verbannung geschickt, und die Tötung eines fremden Sklaven wurde
-ebenso bestraft wie die eines freien Mannes. Überhaupt war der Sklave
-bei den Griechen nicht völlig rechtlos, konnte sogar bis zu einem
-gewissen Grade eigenes Vermögen erwerben.
-
-Anders war es bei den alten +Römern+, deren ganzes Staatswesen
-auf Gewaltsamkeit aufgebaut war und denen die beständig geführten
-Kriege zahllose Gefangene als Sklaven zuführten. Bei ihnen galt der
-kriegsgefangene Sklave nicht mehr als jede andere tote Kriegsbeute;
-er war nur eine Sache, über die dem Herrn das unbeschränkteste
-Eigentumsrecht zustand. Er konnte und durfte seine Sklaven ganz
-willkürlich verheiraten und dann wieder von Weib und Kind weg
-verkaufen, sie wegen Krankheit aussetzen, zum Kampfe mit wilden Tieren
-bestimmen oder auch selbst ungestraft töten.
-
-Rom wurde bald der bedeutendste Sklavenmarkt der Welt, und reiche
-Römer hatten die Sklaven zu vielen Hunderten. Allein dieselben wurden
-keineswegs blos zu den niedersten Knechtsdiensten verwendet, sondern es
-gab unter ihnen Ärzte, Schreiber, Dichter, Schriftsteller, Lehrer und
-Erzieher.
-
-Erst unter den Kaisern wurde die völlige Rechtlosigkeit der Sklaven
-einigermaßen beschränkt. Sie konnten jetzt Testamentserben werden und
-Verträge selbständig und rechtskräftig schließen; sie standen unter den
-Gesetzen des natürlichen Rechtes, durften z. B. nicht in bestimmten
-Verwandtschaftsgraden heiraten; sie konnten, wenn sie ihre Freilassung
-erlangt hatten, ihre früheren Herren wegen erlittener Mißhandlungen
-gesetzlich belangen. Gegen das Ende der Kaiserzeit war es für die
-vornehmen Römer ein Ehrenpunkt, recht viele Freigelassene zu haben, die
-zu dem Hause des Befreiers in einer gewissen Beziehung blieben.
-
-So blühte in der ganzen alten Welt die Sklaverei, allerdings zum
-größten Nachteile der Sklavenbesitzer selbst, die sich durch die
-Sklaverei der freien Arbeit entwöhnten und diese als eine Schande für
-den Freigeborenen ansehen lernten, ja der Staaten selber. Man kann wohl
-sagen, die alte Welt ging an der Sklaverei zu Grunde, weil sie durch
-dieselbe den arbeitenden Mittelstand verlor, ohne den kein Staatswesen
-auf die Dauer bestehen kann.
-
-Im Mittelalter nahm die Sklaverei die mildere Form der »Hörigkeit«
-an, welche die Freiheit und das Recht der Selbstbestimmung für die
-Hörigen keineswegs ganz aufhob. Nur wo das römische Recht volle Geltung
-erlangte, fand sich noch wirkliche Sklaverei der Kriegsgefangenen.
-Sonst wurden die Bewohner eines eroberten Landes nur gezwungen,
-den Grund und Boden zu bearbeiten und dann an die Sieger neben
-persönlichen Dienstleistungen, die bestimmt festgesetzt waren, gewisse
-Natural-Abgaben von dem Ertrag des ihnen überlassenen Landes zu
-entrichten.
-
-Wir haben schon oben erwähnt, daß erst die neuere Zeit sich den
-traurigen Ruhm erwarb, die Negersklaverei eingeführt und die Ansicht
-in Gang gebracht zu haben, daß die Neger eigentlich gar keine rechte
-Menschen seien, und daß es für die Weißen nichts Unmenschliches,
-sondern etwas völlig Berechtigtes sei, sie in die Sklaverei zu
-schleppen und sich ihre rohe Kraft dienstbar zu machen.
-
-Schon um's Jahr 1440 brachten die Portugiesen Negersklaven in den
-Handel und im Jahre 1460 bestand in der portugiesischen Hauptstadt
-Lissabon ein öffentlicher Markt, auf welchem Neger zum Kaufe gestellt
-wurden.
-
-Wie man dieselben erhielt? -- Durch Raubzüge, die man auf den Küsten
-Afrikas veranstaltete und auf denen man alle Neger, deren man
-habhaft werden konnte, einfing und sie in möglichst großer Zahl enge
-zusammengepfercht in kleine, schnellsegelnde Schiffe packte. Ging
-dabei auch ein großer Teil der Eingefangenen und vielleicht schwer
-Verwundeten zu Grunde, so wurde doch noch immer an den Überlebenden ein
-so großer Gewinn gemacht, daß die Habsucht reiche Befriedigung fand
-und die auf solche Raubzüge verwendeten Kosten hohe Zinsen trugen. Als
-diese Raubzüge sich nicht mehr lohnten, weil die Neger, durch Schaden
-klug gemacht, auf ihrer Hut waren und sich in das Innere des Landes
-und seine unzugänglichen Schlupfwinkel zurückgezogen, sobald sich ein
-Schiff an der Küste blicken ließ, auch den räuberischen Weißen blutigen
-Widerstand leisteten und den Tod der Gefangenschaft vorzogen, da suchte
-man mit den Negerhäuptlingen Verträge abzuschließen, welche diese
-verpflichteten, gegen nichtigen Tand und geringwertige Zeuge und Geräte
-ihre Untergebenen an die Weißen zu verkaufen. Wo die Überredung dabei
-nicht zum Ziele führte, mußte der Branntwein helfen, den halb oder ganz
-Trunkenen die Einwilligung abzupressen.
-
-Einen besonderen Aufschwung nahm die Negersklaverei und der grausame
-Handel mit den armen Schwarzen nach der Entdeckung Amerikas zu Ende des
-15. Jahrhunderts, denn die Spanier und Portugiesen erkannten bald, daß
-die eingeborenen Indianer der neuentdeckten Länder viel zu schwächlich
-seien, um die reichen Schätze, welche dort der üppige Boden und der
-Reichtum des Erdinnern an edlen Metallen in Aussicht stellten, in
-dem Maße zu heben, wie es die Habsucht und die entflammte Geldgierde
-begehrten. Für Europäer aber erwies sich das Klima als ein zu
-mörderisches, als daß man hätte daran denken dürfen, solche zu schwerer
-Arbeit zu verwenden. Überdies wollten diejenigen Europäer, welche nach
-dem neuentdeckten Weltteile hinüberzogen, nichts weniger als schwer
-arbeiten, sondern waren nur von der Sucht getrieben, drüben, wo man das
-Gold auf der Straße zu finden hoffte, recht schnell reich zu werden und
-dann mit Gold beladen wieder heimzukehren.
-
-So schien es als das beste, ja als das allein mögliche, um die
-kostbaren Entdeckungen recht auszubeuten, daß man die kräftigen, an das
-heißeste Klima gewöhnten Neger nach Amerika verpflanzte. Und je mehr es
-sich bewährte, daß dieselben das für die Europäer so verderbliche Klima
-auch bei der schwersten Arbeit prächtig ertrugen, desto mehr befestigte
-sich die Meinung und gestaltete sich allmählig zu einem unbestreitbaren
-Grundsatze, an dem niemand zu rütteln wagen durfte, daß die Neger für
-die westindischen Pflanzer ganz und gar unentbehrlich seien.
-
-Über die Frage, ob es recht sei, sie gewaltsam zu rauben und in
-die Ferne zu schleppen, setzte sich die gewissenlose Habsucht und
-Goldgierde leicht hinweg, oder, wo noch ein Gewissen sich regte, sie
-zu erheben, da mußte jene Stelle der heiligen Schrift (1. Mos. 9, 25,
-27) über alle Bedenken hinweghelfen, durch die man den Beweis erbracht
-sah, daß die Nachkommen Kanaans, als die man die Schwarzen betrachtete,
-nach göttlicher Ordnung für alle Zeiten bestimmt seien, den Fluch der
-Knechtschaft zu tragen.
-
-Die Wildheit der eingeführten Neger, die nur mit Zähneknirschen das
-aufgelegte Joch trugen, ihre für die Bewohner gebildeter Länder
-abschreckende Rohheit, ihre von derjenigen der Weißen so sehr
-abweichende Gesichtsbildung, alles dies brachte nun weiter leicht die
-Behauptung zur allgemeinen Geltung, die Schwarzen seien eigentlich
-nur Halbmenschen, welche nicht viel über dem Tiere ständen, und in
-bezug auf welche deshalb auch die wirklichen Menschen, die Weißen,
-das Gottesgebot für sich in Anspruch nehmen dürften, daß sie sich die
-Erde unterthan machen und über alle ihre Geschöpfe herrschen sollten.
-Das allein reichte freilich schon hin, für die Negersklaven von seiten
-ihrer Herren eine Behandlung herbeizuführen, die bei ihnen durchaus
-keine Menschenwürde mehr gelten ließ. Aber diese üble Behandlung mußte
-sich notwendigerweise noch steigern, wenn es galt, die Neger zur Arbeit
-anzuhalten, und das Kapital, welches man auf ihren Ankauf verwandt
-hatte, und welches noch fort und fort ihre Unterhaltung erforderte, mit
-möglichst hohem Gewinn aus ihrer Arbeit herauszupressen. Denn da konnte
-nur der härteste Zwang die angeborene Trägheit der Neger überwinden,
-und nur der furchtbaren Peitsche aus Nashornhaut, die schonungslos
-die nackten Schultern zerfleischte, konnte es gelingen, jede leiseste
-Regung der Wut und des Widerstandes gegen die unbarmherzigen Peiniger
-im Keime schon zu ersticken.
-
-Daß solche Wut dennoch bei den leidenschaftlichen, heißblütigen
-Schwarzen gelegentlich zum Ausbruche kam und sich dann in Grausamkeiten
-gegen die verhaßten Peiniger entlud, welche jeder Beschreibung spotten,
-konnte natürlich die Behandlung der Neger nicht besser machen und
-wurde nur als Beweis dafür geltend gemacht, daß ihnen gegenüber nur
-die furchtbarste Härte am Platze und im stande sei, die Weißen davor
-zu schützen, daß sie nicht von der überlegenen Körperkraft der Neger
-zermalmt würden, zumal da, wo, wie auf einsam gelegenen Pflanzungen,
-die Weißen in einer ganz verschwindenden Minderzahl ständen.
-
-Wie allgemein verbreitet und wie fest gegründet die Ansicht von
-der Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der Negersklaverei und des
-Negerhandels im Anfange des 16. Jahrhunderts war, beweist wohl nichts
-besser als der Umstand, daß selbst der edle Las Casas, der treue
-Freund und unermüdliche Schützer der amerikanischen Indianer, die
-Negersklaverei nicht für unchristlich ansah, wenn es auch durchaus
-falsch ist, daß er seinen Indianern zu Liebe selbst die Negersklaverei
-eingeführt oder doch wesentlich gefördert habe. Erst gegen Ende
-seines Lebens ging ihm in betreff der Negersklaverei eine richtigere
-Erkenntnis auf und eine tiefe Reue darüber, daß er die Negereinfuhr
-gebilligt habe.
-
-Wir haben schon erwähnt, daß bereits ums Jahr 1460 in der
-portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein förmlicher Markt für
-Negersklaven bestand. Die Portugiesen blieben auch fortan die
-Hauptsklavenhändler, während die Spanier für sich selbst bald den
-Sklavenhandel einstellten und sich durch Verträge mit anderen Nationen
-die für ihre westindischen Besitzungen nötigen Sklaven verschafften.
-So übernahm es im Jahre 1715 England vertragsmäßig, den Spaniern ihre
-Sklaven zu liefern und bedingte sich sogar das Recht aus, ihnen 144000
-Neger in die Sklaverei zu verkaufen.
-
-Denn nachdem im Jahre 1525 die ersten Negersklaven in England
-gelandet und verkauft waren, blühte dort der Sklavenhandel, an dem
-die öffentliche Meinung nicht den geringsten Anstoß nahm, rasch auf,
-begünstigt selbst von den Königen, die von den Sklavenhändlern hohe
-Abgaben erhoben.
-
-Von 1750 bis 1783 wurden etwa 30000 Neger jährlich unter englischer
-Flagge in die Sklaverei geführt, besonders von Liverpool aus, das zum
-Hauptstapelplatze des Negerhandels wurde. Im Jahre 1771 hatte diese
-Stadt 105 Schiffe, die sich lediglich mit dem Sklavenhandel befaßten
-und eigens dafür eingerichtet waren, während London nur 85, Bristol
-nur 25 solcher Schiffe hatte. Während man den Menschenverlust, den
-Afrika durch den Negerhandel erlitt, auf 40 Millionen Menschen schätzt,
-berechnet man den Gewinn, welchen England aus diesem Handel zog, auf
-400 Millionen Dollars, also über 1600 Millionen Mark!
-
-Indessen gaben sich auch noch andere Nationen, wenn auch in geringerem
-Maße, mit dem Negerhandel ab. Denn es war ein holländisches Schiff,
-welches im Jahre 1620 die ersten Sklaven in Nordamerika landete,
-und zwar zu Jamestown in Virginien und so den Grund legte zu der
-bedeutenden Negereinfuhr, die nun auch dort, besonders in den südlichen
-Staaten, in den Gang kam und nachweisbar von 1620 bis 1740 etwa 130000,
-von da bis 1776 etwa 300000 Neger in die nordamerikanischen Staaten
-brachte.
-
-Die Ansichten über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit des
-Sklavenhandels, die sich in Europa gebildet hatten, verpflanzten sich,
-von Eigennutz und Gewinnsucht getragen, rasch dorthin und gewannen
-so festen Grund in der öffentlichen Meinung, daß selbst die strenge
-Sekte der Quäker in Pennsylvanien die Sklaverei an sich nicht, sondern
-nur die dabei vorkommenden Gräuel mißbilligte. Allein die in diesen
-Staat eingewanderten Deutschen protestierten von vornherein gegen die
-Sklaverei als gegen etwas unsittliches und besonders unchristliches
-und verlangten schon im Jahre 1688 bei der Volksvertretung die
-unbedingte Abschaffung derselben. Sie verschafften dadurch dem
-deutschen Namen den unvergänglichen Ruhm, zuerst gegen die grauenhaften
-Zustände der Negersklaverei öffentlich aufgetreten zu sein. Ehre
-jenen unerschrockenen Männern, die es wagten, gegen die gegenteilige
-öffentliche Meinung ihre bessere Überzeugung tapfer zu vertreten!
-
-Allerdings fehlte es auch schon früher nicht an Einzelnen, welche
-sich wider die Sklaverei erhoben; aber es handelte sich dann stets
-um weiße Sklaven. So kaufte schon im 6. Jahrhundert der Bischof von
-Rom, Gregor der Große, britannische Jünglinge, welche in römische
-Kriegsgefangenschaft geraten und in Rom zum Verkaufe gestellt waren,
-los, unterwies sie sorgfältig im Christentum und ließ sie dann als
-Freie in ihre ferne Heimat zurückbringen, daß sie dort das Christentum
-ausbreiteten.
-
-Im Jahre 1270 schlossen England und Frankreich einen heiligen Bund,
-der zum Zwecke hatte, die Raubstaaten an der nordafrikanischen Küste,
-die sogenannten Barbareskenstaaten Algier, Tunis und Tripolis,
-zu züchtigen, welche die durch Seeraub erlangten Schiffer oder
-Küstenbewohner des mittelländischen Meeres als Sklaven zu verkaufen
-pflegten, und setzten ihre Bemühungen auch später noch fort, ohne
-jedoch den Sklavenhandel dieser Raubstaaten ganz unterdrücken zu
-können. Erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde diesem
-schmählichen Handel durch die Eroberung und Kolonisation Algiers von
-seiten der Franzosen ein Ende gemacht.
-
-Gegen den Negerhandel jedoch erhob sich die öffentliche Meinung erst
-zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, und zwar besonders
-infolge der eifrigen Bemühungen der englischen Quäkersekte und ihrer
-Führer G. Fox und W. Penn. Als es ihnen gelungen war, durch Wort und
-Schrift die Gewissen aufzuwecken, begann in England der Kampf gegen die
-Sklaverei und nahm nun von Jahr zu Jahr größeren Umfang an, wie sehr
-auch die westindischen Sklavenhalter und die englischen Sklavenhändler
-alles aufboten, denselben lahm zu legen. Und man muß es den Engländern
-lassen, daß sie die schwere Schuld, die sie den armen Schwarzen
-gegenüber auf sich geladen hatten durch den von ihnen getriebenen und
-geduldeten Negerhandel, redlich abzuzahlen bemüht gewesen sind und
-noch immer sich bemühen. Denn sie sind es, die mit schweren Kosten für
-den Staat an den afrikanischen Küsten beständig Wachtschiffe kreuzen
-lassen, um den Sklavenhändlern ihre Beute abzujagen, und wenn der
-Kommandant des englischen Geschwaders, welches diesen edlen Zweck zur
-Ausführung bringen soll, noch im Jahre 1880 an der Ostküste Afrikas 60
-Sklavenschiffe weggenommen und 855 Negern wieder zur Freiheit verholfen
-hat, so beweist das ebensowohl, daß der Sklavenhandel noch heute
-keineswegs völlig unterdrückt ist, wie auch das, daß England nach wie
-vor beharrlich und redlich bemüht ist, den Schandfleck abzuwaschen, den
-der Sklavenhandel auf den englischen Namen gebracht hat.
-
-Auch die nachfolgenden Blätter sollen den lieben Lesern einen
-englischen Mann vorführen, der zu seiner Zeit ein Hauptförderer
-dieser Bemühungen gewesen ist, und der deshalb nicht blos den Namen
-des »Sklavenfreundes« mit vollem Fug und Rechte verdient, sondern
-ebensosehr es verdient, daß sein Andenken von jedermann in hohen Ehren
-gehalten wird.
-
-
-
-
-II.
-
-
-+William Wilberforce+ -- so heißt der Ehrenmann, um den es sich
-handelt -- wurde geboren am 24. August des Jahres 1759 zu Hull in der
-Grafschaft York, und zwar als der einzige Sohn unter vier Kindern,
-von denen zwei Schwestern schon in früher Kindheit wieder verstarben.
-Sein Vater Robert Wilberforce leitete seine Abkunft von einer alten,
-vornehmen Familie her, die lange Zeit hindurch im östlichen Teile
-der Grafschaft York ein ausgedehntes Stammgut besessen habe, war
-aber jedenfalls ein nach unseren Begriffen reicher, nach englischen
-Begriffen wohlhabender Mann. In Gemeinschaft mit seinem Vater, der bis
-in sein Alter hinein das entscheidende Familienhaupt geblieben zu sein
-scheint, betrieb er ein ausgedehntes Handelsgeschäft und verwaltete den
-großen Landbesitz, den die Familie hatte.
-
-Der kleine William kam als feines, krausgliedriges Kind zur Welt
-und hat die Körperschwachheit, mit welcher er ins Leben eintrat,
-bis zu seinem Lebensende nicht völlig zu überwinden vermocht. Aber
-wer ihm in die hellen, geistvollen Augen sah, konnte ihm schon an
-der Wiege prophezeien, daß einmal etwas Rechtes aus ihm werden
-würde. Zum Knabenalter herangewachsen, entwickelte er trotz seines
-schwächlichen Körpers eine ungemeine Lebhaftigkeit und ein reiches,
-tiefes Gemütsleben, das ihn schnell zum Liebling aller machte.
-Außergewöhnlich frühe entfaltete er eine große Redefertigkeit, wie sie
-Kindern seines Alters in der Regel nicht eigen ist und erinnert damit
-an das allbekannte Sprüchlein: Was ein Dörnchen werden will, spitzt
-sich bei Zeiten.
-
-Noch ehe er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, verlor er seinen
-Vater, und da die Mutter sich wohl selbst nicht für fähig hielt,
-den lebhaften Knaben richtig zu erziehen, wurde er zu einem Oheim
-von väterlicher Seite gebracht, der mit ihm denselben Namen hatte,
-vielleicht also sein Pate war.
-
-Hier im Hause des Oheims fand er denn, was ihm weder die Schule zu
-Hull, die er bis jetzt besucht hatte, noch auch das Elternhaus gegeben:
-einen echt christlichen, frommen Geist. Die Tante gehörte der Sekte
-der Methodisten an, und wie sie selbst eine warme, aufrichtige Liebe
-zu Gottes Wort und eine tiefe Erkenntnis seiner heiligen Wahrheiten
-besaß, so suchte sie beides auch dem jungen Neffen einzupflanzen.
-Schien doch dessen reiches, tiefes Gemüt so recht dazu geeignet, die
-göttliche Wahrheit freudig in sich aufzunehmen und nachhaltig in sich
-wirken zu lassen. Was die eigne Mutter, die erst spät zum lebendigen
-Christentum kam, an dem sinnigen Knaben versäumt hatte, suchte die
-Tante desto eifriger nachzuholen und gewann durch die liebreiche Art
-ihrer erziehlichen Einwirkung einen nachhaltigen Einfluß auf Williams
-Gemüt.
-
-Allein das still ernste, fromme Wesen, welches dadurch bei dem Knaben
-einkehrte und sich bei seinen gelegentlichen Besuchen im Elternhause
-deutlich genug kundgab, war keineswegs weder nach dem Sinn der Mutter
-noch des Großvaters, der ebensowenig wie diese für ein ernstes
-Christentum viel übrig hatte. Man befürchtete, die fromme Tante werde
-den Jungen ganz zu ihrem Methodismus und zu dessen Weltflüchtigkeit
-herüberziehen, und ihn dadurch zu der hohen, glänzenden Lebensstellung
-untüchtig machen, zu der ihn seine reichen Geistesgaben einmal führen
-zu müssen schienen.
-
-William wurde deshalb schon wieder 1771 nach Hull ins Elternhaus
-zurückgerufen und sowohl die Mutter wie der Großvater boten alles
-auf, die frommen Eindrücke wieder zu verwischen, die er bei der Tante
-empfangen hatte. Der Großvater drohte ihm sogar damit, ihn enterben
-zu wollen, wenn er das häßliche methodistische Wesen nicht ablege. Da
-die Mutter ein reiches geselliges Leben liebte und das Haus selten
-von Gästen leer war, so konnte es kaum ausbleiben, daß der lebhafte
-zwölfjährige Knabe seine bisherigen Lebensgewohnheiten bald vergaß
-und mehr und mehr an den Zerstreuungen und Genüssen eines weltlichen
-geselligen Lebens Geschmack gewann. Die eifrige Beschäftigung mit
-dem Worte Gottes, die ihm die Tante beim Abschied noch besonders auf
-das Gewissen gebunden hatte, nahm von Tag zu Tag mehr bei ihm ab,
-und bald ergötzten ihn die weltlichen Dichter Englands, die man ihm
-geflissentlich in die Hände spielte, mehr als die einfachen kunstlosen
-Worte des heiligen Buches.
-
-Aber trotzdem konnte der gute Same, den die fromme Tante in das
-kindliche Herz ausgestreut hatte, nicht ganz erstickt werden. Ein
-ernster Sinn, der durch das zerstreuende gesellschaftliche Leben wohl
-für Tage und Wochen in den Hintergrund geschoben werden konnte, aber
-dennoch sich immer wieder geltend machte, wenn in der häuslichen
-Geselligkeit größere Ruhepausen eintraten, blieb der unverlierbare
-Gewinn des Aufenthalts im Hause des Oheims. Und wenn derselbe auch an
-der Beschäftigung mit den weltlichen Dichtern, die für den Knaben
-einen hohen Reiz besaß, einen gefährlichen Feind hatte, so gewann
-doch William durch diese Beschäftigung die außergewöhnlich große
-Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdrucke, welche ihm in
-seinem späteren Leben so sehr zu statten kam. Durfte er es doch wagen,
-schon als 15jähriger Knabe einen Aufsatz gegen den Sklavenhandel,
-dessen Gräuel schon jetzt sein mitleidiges Herz schaudern machten, an
-den Herausgeber einer öffentlichen Zeitschrift einzusenden, ohne daß
-derselbe als ein knabenhaftes Machwerk eine Zurückweisung erfahren
-hätte!
-
-Schon mit 17 Jahren war der reichbegabte William in seinen Kenntnissen
-so weit gefördert, daß er für den Besuch des St. Johns College auf der
-Universität Cambridge für reif erachtet werden konnte und dasselbe auch
-wirklich bezog, um den Kreis seiner Kenntnisse noch mehr zu erweitern
-und sich jene allgemeine Geistesbildung zu erwerben, die zur Erlangung
-einer geachteten Lebensstellung unerläßlich war. Denn von einem
-besonderen Lebensberuf, zu dem er sich hätte vorbereiten müssen, war
-einstweilen keine Rede bei ihm.
-
-Allein es sollte mit seinem Studieren vorläufig nicht viel werden. Denn
-kaum hatte er die Universität bezogen, so starben rasch hinter einander
-sowohl sein Großvater als auch sein Oheim. Als der einzige männliche
-Sproß der Familie erbte William nach dem englischen Gesetze das ganze
-väterliche und großväterliche Vermögen, und da der Oheim keine Kinder
-hatte, so fiel ihm auch dessen bedeutendes Vermögen zu. So saß denn
-der Jüngling plötzlich dem Überflusse im Schoß und sah sich all den
-mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt, welche derselbe im Gefolge hat.
-
-Bald sammelten sich um den reichen Erben eine Schar leichtfertiger
-Gesellen, die ihm helfen wollten, seine Schätze in einem
-ausschweifenden Leben zu vergeuden und die sich so diese Schätze selbst
-zu nutze zu machen suchten. Allein wie sie sich auch an ihn drängten,
-es gelang ihnen nicht, ihn in den Kot ihrer gemeinen niedrigen Genüsse
-hineinzuziehen; der gute Geist, den ihm die fromme Tante eingeprägt
-hatte, verleugnete sich nicht, sondern wurde ihm Schirm und Schild,
-sodaß er sich schon nach kurzer Zeit mit Ekel von der schlechten
-Gesellschaft abwandte.
-
-Er suchte besseren Umgang und fand ihn auch. Denn seine vortreffliche
-Unterhaltungsgabe, sein schlagfertiger, treffender Witz, sein schöner
-Gesang, seine allerdings nicht unbedenkliche Kunst, andere Menschen
-in ihrem Gebahren täuschend nachzuahmen, vor allen Dingen aber sein
-liebenswürdiges, gemütvolles Wesen: das waren lauter Vorzüge, die
-schnell einen weiten Kreis von Freunden um ihn sammelten und ihn zum
-geschätzten und geliebten Mittelpunkte desselben machten. Mit ernstem
-Studieren wurde es da freilich nicht viel, da William bei allen
-Vergnügungen seiner jugendlichen Freunde zugegen sein mußte und von
-ihnen, wenn er sich auch einmal zurückhalten wollte, mit freundlicher
-Gewaltsamkeit zur Teilnahme genötigt wurde.
-
-Wenn er auch in seinem späteren Leben es oft bedauern mußte, seine
-Lernzeit mehr den Vergnügungen als den Studien gewidmet zu haben, und
-den eifrigsten Fleiß aufzuwenden genötigt war, um das in der Jugend
-Versäumte wieder nachzuholen, so fand er doch auch in dem Strudel der
-Geselligkeit, dem er sich überließ, manche wertvolle Bekanntschaft, die
-ihm sonst vielleicht entgangen wäre. So schloß er mit dem nachmals so
-berühmt gewordene Staatsmann Pitt schon hier auf der Universität einen
-Freundschaftsbund, der nachher für das ganze Leben vorhielt und ihm
-nicht blos für das studentische Leben einen gewissen Halt gab und ihn
-den Ernst des Lebens nicht ganz vergessen ließ, sondern ihm auch für
-die Folgezeit von großem Vorteile war.
-
-Wie wenig das freie lustige Studentenleben vermocht hatte, ihn
-völlig um den Lebensernst zu bringen, zu welchem durch den Einfluß
-der Tante ein so guter Grund gelegt worden war, zeigte sich auch bei
-seinem Abgange von der Universität. Da sollte er, um den Grad und
-Titel zu erlangen, der in der Regel den Abgehenden beigelegt wurde,
-die Glaubensartikel der englischen Staatskirche unterschreiben und
-sich durch seine Unterschrift zur Annahme derselben verpflichten.
-Aber weil es um seine genaue Bekanntschaft mit diesen Artikeln etwas
-bedenklich aussehen mochte, verbot es ihm seine Gewissenhaftigkeit
-und Ehrlichkeit, dieselben so leichtfertig und gedankenlos zu
-unterschreiben. Er verweigerte deshalb seine Unterschrift und mußte
-sichs gefallen lassen, ohne einen Grad und Titel die Universität zu
-verlassen.
-
-Am nächsten hätte es wohl jetzt für unsren Wilberforce gelegen, in das
-von seinem Vater und Großvater geführte Handelsgeschäft einzutreten,
-welches nach deren Tode ein Verwandter für seine Rechnung weiter
-geführt hatte. Nicht blos, daß ihm dadurch eine ruhige, bequeme
-Lebensaufgabe zu teil geworden wäre, nein es winkte ihm auch dabei eine
-behagliche und doch ehrenvolle Lebensstellung.
-
-Aber sein lebhafter, strebsamer Geist konnte sich an einer solchen
-Aufgabe und Stellung nicht genügen lassen; es lockte ihn vielmehr,
-statt in die ruhige Stille des Privatlebens in die geräuschvolle Unruhe
-des öffentlichen Lebens einzutreten. An diesem Entschlusse war ohne
-Zweifel der nahe Umgang mit seinem Universitätsfreund Pitt wesentlich
-schuld, der schon von Haus aus für den Staatsdienst und die Geschäfte
-des öffentlichen Lebens bestimmt gewesen war und dem es dann auch
-offenbar gelungen war, dafür dem Freunde Geschmack beizubringen.
-
-Wilberforce löste das großväterliche Handelsgeschäft, das er nicht
-in seinem Namen fortführen lassen mochte, ganz auf und bewarb sich
-in seiner Vaterstadt Hull um die Ehre, deren Vertreter in dem Hause
-der Abgeordneten des Volkes, in dem sogenannten Parlamente zu werden.
-Um sich dazu tüchtig zu machen, nahm er, nachdem er sich zur Wahl
-angemeldet hatte, seinen Wohnsitz in London, und wohnte regelmäßig
-den Sitzungen des Parlaments bei, dessen Verhandlungen er mit der
-gespanntesten Aufmerksamkeit folgte. Daß er durch seinen Freund Pitt,
-mit welchem er dort wieder zusammentraf, nur noch in seinem Vorsatze
-befestigt wurde, die öffentliche Laufbahn eines Parlamentsmitgliedes zu
-betreten, ist leicht zu denken.
-
-Aber hieß es nicht zuviel erwarten, wenn Wilberforce annahm, seine
-Mitbürger würden ihn, der jetzt erst 21 Jahre zählte, wirklich zu ihrem
-Vertreter im Parlament wählen? Das mochte er sich wohl manchmal selber
-fragen und konnte dann gewiß diese Frage im Blicke auf seine Jugend und
-Unerfahrenheit nicht anders als bejahen. Allein gleichwohl ging sein
-sehnlicher Wunsch in Erfüllung und im Jahre 1780 wurde er wirklich zum
-Parlamentsmitgliede für Hull erwählt.
-
-Zeugt dies laut für die großen Hoffnungen, die seine Landsleute auf
-den jungen Mann setzten, so zeugt es hinwiederum auch dafür, wie wenig
-er sich der hohen, kaum erwarteten Ehre, die ihm durch seine Wahl
-zu teil geworden war, überhob und sich dadurch stolz und hochmütig
-machen ließ, daß er trotz seiner großen Redefertigkeit in der ersten
-Parlamentssitzung, die er mitmachte, seinen Mund nicht aufthat,
-sondern nur in aller Demut und Bescheidenheit auf die Reden anderer
-lauschte und außer den Sitzungen den größten Fleiß aufwandte, sich
-über jede Sache, die zur Verhandlung kam, vorher auf das genaueste und
-sorgfältigste zu unterrichten. Dabei kam ihm denn sein heller, klarer
-Geist trefflich zu statten und befähigte ihn, über jede vorkommende
-Sache eine feste durch keinen fremden Einfluß bestimmte Meinung zu
-gewinnen, und sich so die Selbstständigkeit in seinen Urteilen zu
-retten, die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verließ und die ihn,
-wenn sie ihn auch oft genug mit seinen besten Freunden in Widerspruch
-brachte, doch in keinen Widerstreit mit seinem eigenen Gewissen kommen
-ließ.
-
-Und nur von seinem Gewissen sich leiten zu lassen, wurde jetzt, wo
-er unter dem Ernste des Lebens den leichten Jugendsinn mehr und mehr
-ablegen lernte, sein fester, unumstößlicher Grundsatz, von dem er sich
-gelobte, niemals auch nur einen Fingerbreit abzuweichen.
-
-So war es denn auch vorzugsweise die Stimme seines Gewissens, welche
-ihn trieb, sofort, nachdem die Parlamentssitzung geendigt war, London
-zu verlassen und sich in die ländliche Stille zurückzuziehen. Denn
-je sorgfältiger er auf diese Stimme achtete, desto lauter rief ihm
-dieselbe zu, daß das geräuschvolle öffentliche Leben in der großen
-Stadt tausendfältige Versuchungen bereite, das innere geistliche
-Leben zu vernachlässigen und unter den unaufhörlichen Zerstreuungen
-des gesellschaftlichen Lebens einer unwürdigen, verderblichen inneren
-Zerfahrenheit zu verfallen. Und doch fing er jetzt, wie ein Brief an
-seine Schwester deutlich zeigt, an, einzusehen, daß das innere Leben
-nicht vernachlässigt werden dürfe, wenn man an wahrem Werte täglich
-zunehmen wolle, daß dasselbe aber nicht wachsen und gedeihen könne ohne
-ernste Sammlung des Herzens zu gewissenhafter Selbstbetrachtung.
-
-So lockend es auch für Wilberforce sein mochte, mit seinem Freunde Pitt
-und den vielen anderen Männern des Parlaments, deren Wohlwollen er
-sich bereits durch seine liebenswürdige Persönlichkeit gewonnen hatte,
-zusammenzubleiben und in ihrem Kreise die Parlamentsferien angenehm
-zu verleben, er folgte doch der mahnenden Stimme seines Gewissens und
-entfloh den Zerstreuungen und Genüssen des Londoner Lebens.
-
-An den Ufern des Winandersees in der Grafschaft Westmoreland mietete er
-sich einen schönen Landsitz und brachte dort in ungestörter Stille den
-Sommer zu, sich nur an den harmlosen Genüssen des Landlebens genügen
-lassend, für deren erfrischende Wirkung er einen starken Sinn und eine
-besondere Vorliebe hatte.
-
-Äußerlich und innerlich gestärkt kehrte er zu Anfang des Winters
-nach London zurück, wohin ihn die beginnende Parlamentssitzung rief.
-In dieser seiner zweiten Sitzung überwand er aber die jugendliche
-Scheu, die ihn während der ersten hatte schweigen lassen, und trat
-zum erstenmale als öffentlicher Redner auf. Aber wie staunte alles
-den jungen Mann an, der so glänzend und schlagfertig zu reden wußte!
-Von allen Seiten wurde er nach seiner ersten Rede beglückwünscht und
-es fehlte nicht an solchen, die es als ganz zweifellos hinstellten,
-daß ein solcher Redner mit der Zeit zu der Würde eines Mitgliedes des
-Oberhauses erhoben werden müsse.
-
-Allein der bescheidene Wilberforce geizte durchaus nicht nach solcher
-Ehre und Würde und wies lachend die Propheten zurück, die ihm eine
-so glänzende Zukunft verhießen. Er begehrte nichts weiter, als ein
-tüchtiger Vertreter seiner Wähler im Parlamente zu werden und verband
-sich sogar mit mehreren seiner Freunde im Unterhause dazu, niemals
-die Würde eines Mitglieds des Oberhauses, niemals auch eine Stelle
-oder ein Gehalt anzunehmen, um nicht die edle Unabhängigkeit und
-Selbständigkeit, die sie jetzt besaßen, zu verlieren. Er ist auch
-zeitlebens diesem Entschlusse treu geblieben.
-
-Als sein Freund Pitt im Jahre 1782 ins Ministerium kam, wahrte er
-selbst diesem gegenüber seine volle Unabhängigkeit, die sich durch
-keine Rücksichten beirren ließ. Er unterstützte ihn mit seinen
-Reden nur insoweit, als dessen Ansichten mit seinen eigenen völlig
-übereinstimmten; wo dies nicht der Fall war, wurde er ihm ein
-entschiedener Gegner trotz aller Freundschaft, die ihn mit ihm verband.
-Und für Pitt war dies kein Grund, den Freund fallen zu lassen. Im
-Gegenteile, er achtete Wilberforce deshalb um so höher und schloß sich
-ihm immer enger an. Fast täglich sahen sich die beiden Freunde und
-wurden sich nachgerade fast unentbehrlich, da sie beide in der von Witz
-und Laune gewürzten Unterhaltung, die sie mit einander führten, nach
-den anstrengenden Berufsarbeiten des Tages die beste Erfrischung fanden.
-
-Auch wenn die Sitzungen des Parlaments zu Ende waren, trennten sie
-sich nicht immer, sondern vereinigten sich zu gemeinschaftlichen
-Reisen, oder Pitt überraschte den Freund auf seinem stillen Landsitz
-am Winandersee und blieb dort längere oder kürzere Zeit, einmal sogar
-ganze 4 Monate lang.
-
-Da kamen denn auch wohl ernstere Unterhaltungen auf die Bahn, zu
-denen besonders Wilberforce jetzt mehr und mehr hinzuneigen begann,
-und infolge deren sich dann Pitt, der dem Christentum und der Religion
-überhaupt sehr kühl gegenüberstand, wohl überreden ließ, mit dem
-Freunde die Kirche zu besuchen.
-
-Im Herbste des Jahres 1783 machten die beiden Freunde eine gemeinsame
-Reise nach Frankreich und suchten und fanden dort nicht blos
-Gelegenheit, mit den bedeutendsten Männern Frankreichs bekannt zu
-werden, sondern fanden auch Zutritt an den königlichen Hof. Ihr
-Aufenthalt dauerte jedoch nur 6 Wochen, weil sich für Pitt die Aussicht
-eröffnete, daheim das Haupt eines neuen Ministeriums zu werden, und
-er deshalb seine Rückkehr beschleunigen mußte. Wirklich wurde er auch
-gegen Ende des Jahres von dem Könige zu diesem hohen Posten berufen
-und hatte es seinem Freunde Wilberforce zu danken, daß die zahlreichen
-Gegner, die seine Wahl zu hintertreiben suchten, nichts ausrichten
-konnten.
-
-Die meisten dieser Gegner gehörten nämlich der Grafschaft York an und
-waren Wilberforce zum größten Teile bekannt, sodaß er hoffen konnte,
-eine Einwirkung auf sie ausüben zu können. Er eilte deshalb sogleich in
-seine heimische Grafschaft und kam gerade zurecht, um einer Versammlung
-beiwohnen zu können, worin eine Bittschrift an den König gegen Pitt
-beschlossen werden sollte. Er ergriff darin das Wort und trat so feurig
-und kräftig für seinen Freund ein, daß alles dem gewaltigen Redner
-zujauchzte und selbst die erbittertsten Gegner Pitts nicht mehr wagten,
-gegen diesen den Mund aufzuthun.
-
-Und was war der weitere Erfolg dieser Rede? Der einmütige Beschluß
-der Versammlung, den Redner als Vertreter der ganzen Grafschaft ins
-Parlament zu schicken, ein Beschluß, der denn auch trotz aller
-Anstrengungen einer Gegenpartei bei den nächsten Wahlen zur Ausführung
-gebracht wurde.
-
-Damit hatte Wilberforce, der ja, um selbständig zu zu bleiben,
-weder ein Amt noch einen Sitz im Oberhause jemals annehmen wollte,
-die höchste Ehrenstufe erreicht, die bei solchem Vorsatze für ihn
-zugänglich war und war nun als Vertreter der größten Grafschaft
-Englands noch weit mehr als bisher im stande, seinem Freunde Pitt eine
-kräftige Unterstützung angedeihen zu lassen, wo er derselben benötigt
-war und wo es Wilberforce mit seiner gewissenhaften Überzeugung
-vereinigen konnte.
-
-Im Herbste des Jahres 1784 machte Wilberforce in Gemeinschaft mit
-seiner Mutter und seiner Schwester eine Reise nach Nizza und Italien,
-die nach Gottes Rat für die Gestaltung seines inneren Lebens eine sehr
-bedeutungsvolle Wendung herbeiführen sollte.
-
-Bisher hatte es nämlich Wilberforce trotz der Mahnungen seines
-Gewissens, trotz des je und dann mit Macht bei ihm hervorbrechenden
-Gefühles, daß es um sein inneres Leben nicht so stehe, wie es sollte,
-noch nicht über sich gewinnen können, mit seinem Christentum rechten
-vollen Ernst zu machen und ungescheut den Weg zu betreten, den ihn
-seine fromme Tante als den alleinigen Weg des Heils hatte kennen
-lehren. Das öffentliche Leben mit den großen Anforderungen, die es
-an sein Sinnen und Denken stellte, die Zerstreuungen des geselligen
-Lebens, denen er sich in London nicht entziehen konnte und mochte,
-hatten immer wieder die ernsten Vorsätze zu Schanden gemacht, die er
-wohl in seiner ländlichen Einsamkeit gefaßt hatte. Damit sollte es
-jetzt anders werden.
-
-Mutter und Schwester brachten zwar in dieser Hinsicht keine Änderung
-zuwege, da beide selber noch nicht weit mit ihrem Christentum
-vorangekommen waren und deshalb keinen anregenden Einfluß auf ihn
-ausüben konnten. Wohl aber geschah dies durch den Begleiter, den
-sich Wilberforce auf die italienische Reise mitnahm. Das war der
-nachmalige Professor an der Universität zu Cambridge Isaak Milner,
-ein wahrhaft frommer Mann, der freilich sein von jeder Einseitigkeit
-und Engherzigkeit freies Christentum nicht äußerlich zur Schau trug,
-sondern im Äußeren eher das Gepräge eines Weltmannes an sich hatte,
-aber doch von der Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums nicht
-allein auf das Innigste überzeugt war, sondern auch schon etwas an
-seinem Herzen erfahren hatte. Ihn, der ein alter Freund seines Hauses
-war, hatte Wilberforce gebeten, die Reise nach Italien mitzumachen, und
-sollte nun die Gewährung dieser Bitte zu einer Quelle reichen Segens
-für sich werden sehen.
-
-Schon vor der Abreise war es zwischen ihm und Milner zu einer sehr
-ernsten Unterredung gekommen, die für Wilberforce einen kräftigen
-Stachel in seinem Herzen zurückließ. Milner hatte nämlich einen Mann,
-von dem Wilberforce behauptete, daß er die Anforderungen an ein
-echt christliches Leben zu hoch spanne, mit großer Kraft und Wärme
-verteidigt und dadurch bewiesen, daß er dieselben Anforderungen an
-einen rechten Christen stelle. Da war denn in Wilberforce das Gewissen
-mit aller Macht rege geworden und hatte ihm bezeugt, daß er selbst
-noch weit davon entfernt sei, diesen Anforderungen zu genügen, und daß
-deshalb sein Christentum noch kein rechtes sei. Den Stachel, den dieses
-Zeugnis seines Gewissens bei ihm zurückließ, konnte er nicht wieder
-los werden und brachte sowohl auf der Reise selbst, wie auch während
-des mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Nizza, in allen Gesprächen mit
-Milner die christlichen Wahrheiten und die christlichen Pflichten immer
-wieder zur Besprechung. Was die Belehrungen des frommen Milner dann
-bei ihm angeregt hatten, ein ernstes Verlangen, mit seinem Christentum
-endlich einmal wirklichen vollen Ernst zu machen, das wurde noch durch
-ein gutes Buch bestärkt, welches Wilberforce zu Nizza in die Hände fiel
-und welches den »Anfang und Fortgang der wahren Gottseligkeit« zum
-Gegenstande hatte.
-
-Dieses Buch machte auf den angeregten Mann einen solchen Eindruck,
-daß er es fast nicht aus den Händen legte und als er anfangs des
-Jahres 1785 mit Milner nach England zurückreiste, während seine Mutter
-und seine Schwester noch in Nizza blieben, selbst während der Reise
-darin studierte und mit Milner das Gelesene besprach. Wie dieser
-ihm ernstlich anriet, machte er es sich nun zum heiligen Vorsatze,
-die Wahrheit des Gelesenen und Besprochenen selbst an der heiligen
-Schrift und ihren Aussprüchen zu prüfen und dem bisher nur zu sehr
-vernachlässigten heiligen Buche wieder die gebührende Aufmerksamkeit
-zuzuwenden.
-
-Über diesen Vorsatz kam er freilich vor der Hand noch nicht hinaus,
-denn bald hatten wieder die Parlamentsgeschäfte, sowie das zerstreuende
-Londoner Leben sein ganzes Sinnen und Denken, sowie seine ganze Zeit so
-in Anspruch genommen, daß es mit dem eifrigen Forschen im Worte Gottes
-nicht viel wurde.
-
-Erst auf der zweiten Reise nach Italien, die er nach Beendigung der
-Parlamentssitzungen mit Milner antrat, um Mutter und Schwester von
-Genua abzuholen, wohin dieselben inzwischen übergesiedelt waren,
-kam es wirklich zu einem solchen ernsten, eifrigen Suchen in der
-Schrift. Wilberforce hatte ein neues Testament in der griechischen
-Grundsprache mitgenommen und las dasselbe unterwegs gemeinschaftlich
-mit seinem Begleiter. Und diesem wurde es nun gegeben, die Tiefen des
-Schriftwortes für Wilberforce so zu erschließen, daß die göttliche
-Wahrheit diesem zur festesten, innigsten Überzeugung wurde.
-
-Die Rückreise von Genua wurde durch die Schweiz gemacht, und
-Wilberforce lernte bei einem längeren Aufenthalte in Zürich den frommen
-Lavater kennen, dessen tief und fest gegründeter Schriftglaube,
-dessen durch die innigste Frömmigkeit geweihte Persönlichkeit einen
-unverwischbaren mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihm recht
-lebendig unter die Augen stellten, wieviel ihm selber noch zu einem
-rechten Christen fehle.
-
-Nichtsdestoweniger kam es aber bei Wilberforce noch nicht sogleich zu
-einem ernsten Versuche, solchem Vorbilde nachzueifern. Vielmehr ließ
-der sechswöchentliche Aufenthalt in dem Badeorte Spaa, welcher auf
-der Heimreise den Rhein hinab besucht wurde, noch nicht die mindeste
-Spur davon sehen, daß Wilberforce auch nur daran denke, den weltlichen
-Genüssen und Vergnügungen zu entsagen und den Weg eines ernsten, im
-Lichte des Wortes Gottes geführten Lebens zu betreten. Gleichwohl
-begann hier aber in ihm der innere Kampf zwischen seinem laut und
-immer lauter mahnenden christlichen Gewissen und den Neigungen seines
-natürlichen Menschen.
-
-[Illustration]
-
-Der Gedanke, daß er plötzlich von der Welt abgerufen werden könne,
-ohne in rechter Weise für das Heil seiner Seele gesorgt zu haben,
-ergriff ihn mit Macht, das Bewußtsein, bisher von seinen Gaben und
-von seiner Zeit nicht den rechten gottgewollten Gebrauch gemacht zu
-haben, legte sich wie ein Zentnerstein auf seine Seele, und unter
-solchen beängstigenden Gedanken lernte er fühlen und ahnen, welch einen
-festen, starken Trost es gewähren müsse, wenn man die Verheißungen des
-Evangelii so recht voll und ganz mit dem Glauben ergriffen habe. Das
-trieb ihn denn zum Suchen in der Schrift und zum herzlichen Gebete um
-den wahren Glauben.
-
-Vor seiner Reisegesellschaft verschloß er jedoch noch ganz den schweren
-Kampf, der in seinem Herzen begonnen hatte; er wollte ihn in der Kraft
-seines Gottes und Heilandes allein durchkämpfen, und sein demütiger,
-keuscher Sinn hielt ihn ab, davon den andern gegenüber etwas merken zu
-lassen. Nur dem Tagebuche, das er jetzt regelmäßig zu führen anfing und
-das für uns die reichste und klarste Quelle ist, die rechte Erkenntnis
-und das volle Verständnis seiner inneren, geistlichen Entwickelung
-daraus zu schöpfen, vertraute er an, was außer ihm und seinem Gotte
-niemand wissen sollte. Wir sehen daraus, welch eifriges Ringen seiner
-Seele er sichs kosten ließ, in Christo, dem Heilande, Friede zu finden,
-und wie er auch allmählich durch Gottes Gnade fand, was er suchte.
-
-Besonders gesegnet wurde für ihn die freie Zeit, welche er nach seiner
-Heimkehr im November noch hatte, bis die neue Parlamentssitzung
-begann, die in den Februar des nächsten Jahres fiel und ihn natürlich
-wieder nötigte, in das unruhige öffentliche Leben zurückzukehren.
-Er brachte diese Zeit zu Wimbledon in der Nähe von London zu, wo er
-sich eine Wohnung mietete, die es ihm möglich machte, ohne allzugroße
-Unbequemlichkeit zu den Parlamentssitzungen zu fahren, und doch auch
-die Stille der Einsamkeit zu haben, so oft er sich deren bedürftig
-fühlte. Hier widmete er sich ganz dem Nachdenken über sich selbst
-und der ernstesten, eifrigsten Beschäftigung mit dem Worte Gottes und
-anderen religiösen Büchern.
-
-Jetzt schwand auch allmählich die Scheu bei ihm, mit dem, was sein
-Herz erfüllte, an die Öffentlichkeit zu treten; er wurde ein eifriger
-Besucher der Kirche und richtete in seinem eigenen Hause einen
-regelmäßigen, täglichen Hausgottesdienst ein, dem alle seine Diener
-anwohnten und den er selbst leitete. Nur zum Tische des Herrn wagte er
-noch nicht zu gehen, weil er dazu noch zu unwürdig zu sein glaubte, und
-es noch nicht gelernt hatte, sich ganz und ohne Rückhalt der Gnade des
-Heilandes zu übergeben. Die Briefe an seine Schwester aus dieser Zeit
-sind voll von den herzlichsten Bitten, sich ernstlich der Beschäftigung
-mit dem Worte Gottes hinzugeben; es drängte ihn nun, wo er für sich
-selbst die Quelle des Heils und des Friedens gefunden hatte, zu
-derselben auch diejenigen hinzuweisen, die seinem Herzen nahestanden.
-
-Große Überwindung kostete es ihn allerdings noch, auch seinen
-bisherigen Freunden kund werden zu lassen, welche innerliche
-Veränderung mit ihm vorgegangen war. Denn von den wenigsten derselben
-konnte er ein rechtes Verständnis für das, was sein Herz bewegte,
-erwarten, wohl aber desto mehr Spott und höhnisches Achselzucken.
-Allein die Erwägung, daß er ungestörter seinen Grundsätzen nach würde
-leben können, wenn er dieselben frei und rückhaltlos habe kund werden
-lassen, öffnete ihm den widerstrebenden Mund zum frischen, fröhlichen
-Bekenntnisse. Der gefürchtete Spott blieb nun freilich wohl aus, weil
-Wilberforce sich in zu hohem Maße die Achtung seiner Freunde erworben
-hatte, als daß man ihn hätte verspotten können; aber niemand begriff
-die mit dem Freunde vorgegangene Umwandlung. Man begriff am wenigsten
-bei ihm, der bisher als ein Muster von Sittenreinheit gegolten hatte,
-die demütigen Selbstanklagen wegen seiner Sünden; man schüttelte wohl
-im stillen den Kopf über ihn, ließ ihn aber sonst ruhig gehen und nahm
-am wenigsten von seiner Sinnesänderung Veranlassung, sich einmal auf
-den Zustand des eigenen Herzens zu besinnen.
-
-Dies war auch bei seinem Freunde Pitt der Fall, der natürlich
-zu den Ersten gehörte, dem er sein Inneres erschloß. Stand auch
-der große Staatsmann dem wahren Christentum keineswegs feindlich
-gegenüber, sondern schätzte es hoch, wo es ihm als ein aufrichtiges,
-lebenskräftiges entgegentrat, er war doch von seinen staatsmännischen
-Geschäften und Sorgen zu sehr erfüllt, von seinen Arbeiten zu sehr in
-Anspruch genommen, als daß er sich durch die inständigen Bitten, womit
-ihn Wilberforce bestürmte, hätte bewegen lassen, auch für die Sorge um
-sein Seelenheil Zeit und Kraft zu erübrigen.
-
-Je weniger Verständnis und Entgegenkommen aber Wilberforce bei seinen
-bisherigen Parlamentsfreunden fand, desto mehr neigten sich ihm die
-Herzen aller derer zu, die selber schon ernste Christen geworden waren,
-oder es doch werden wollten, und die natürlich den reich begabten,
-schon so angesehenen jungen Mann mit Freuden als einen der ihrigen
-begrüßten. Sie nahmen sich seiner in Liebe an, teilten ihm mit, was
-sie selbst schon an inneren geistlichen Erfahrungen gesammelt hatten,
-und bewahrten ihn dadurch vor den Verirrungen, in welche Neubekehrte
-so leicht geraten, wenn ihnen brüderliche Leitung und Handreichung
-mangelt. Besonders waren es ein hochgeachteter Geistlicher Namens
-Newton und ein alter Verwandter, John Thornton, deren herzlicher
-Teilnahme und liebevoller Leitung er sich zu erfreuen hatte und die
-ihm vor allen Dingen den guten Rat erteilten, vorsichtig zu sein im
-Anknüpfen neuer Bekanntschaften und Freundschaften und sich nicht zu
-leicht von den alten Freunden abzuwenden, sondern sich nur im Verkehre
-mit ihnen der sorgfältigsten Wachsamkeit zu befleißigen.
-
-Das Letztere wurde Wilberforce nun freilich schwer genug, und er
-mußte sich oft von seinem Gewissen anklagen lassen; aber er kannte
-ja nun die Quelle, aus welcher er immer wieder Beruhigung und Trost
-schöpfen konnte, sowie auch immer neue und wachsende Kraft zum Wachen
-und Beten, und die immer reichlicher für ihn zu fließen begann, als
-er erst gelernt hatte, das Vertrauen auf eigenes Verdienst und eigene
-Würdigkeit aufzugeben, das ihn bisher von dem Genusse des heiligen
-Abendmahls ferne gehalten hatte.
-
-Wir glaubten, ehe wir zur Schilderung der eigentlichen Lebensarbeit
-unseres Helden übergingen, zuerst, wie es im Vorstehenden versucht
-ist, seiner inneren Entwickelung etwas genauer nachgehen zu müssen.
-Denn wenn er nicht durch Gottes Gnade das geworden wäre, was wir
-bisher ihn haben werden sehen, ein entschiedener, glaubensfester und
-liebeseifriger Christ, so würde er sicher nicht der edle, mutige,
-aufopfernde Menschenfreund geworden sein, dessen Name nie vergessen
-werden wird und darf, wo diejenigen aufgezählt werden, die sich in
-besonderem Maße um die Menschheit verdient gemacht haben.
-
-
-
-
-III.
-
-
-Das wahre, lebendige Christentum, dem sich Wilberforce zugewandt hatte,
-hinderte ihn nicht, die Pflichten eines Parlamentsmitgliedes mit
-voller Treue und Hingebung zu erfüllen. Das wäre ja auch gewiß kein
-wahres Christentum, welches zur Erfüllung des irdischen Lebensberufs,
-darein man von Gott gesetzt ist, untüchtig machte. Und Wilberforce sah
-seine Wirksamkeit im Parlamente in der That als den Beruf an, den ihm
-Gott der Herr angewiesen habe, und hat sich dabei auch sicherlich nicht
-getäuscht.
-
-An den Sitzungen des Parlamentes im Jahre 1786 konnte er allerdings nur
-wenig Anteil nehmen wegen eines bösen Augenleidens, das ihn befiel.
-Er hatte sich durch eifriges Studieren, womit er die Lücken in seiner
-Universitätsbildung auszufüllen suchte, welche er jetzt oft empfindlich
-fühlte, die ohnehin schwachen Augen gründlich verdorben und mußte
-es sich auf den Rat eines ihm befreundeten Arztes zu Leeds gefallen
-lassen, den Spätherbst und einen Teil des Winters in dem Badeorte Bath
-zuzubringen.
-
-Ehe er sich dorthin begab, brachte er 14 Tage bei seiner Mutter und
-Schwester in Hull zu, welche er beide seit der italienischen Reise
-nicht mehr gesehen hatte. Hier gelang es ihm denn, die Besorgnisse
-der Mutter völlig zu beschwichtigen, denen sie sich hingegeben
-hatte, als das Gerücht zu ihr drang, ihr Sohn habe sich der Sekte
-der Methodisten angeschlossen. Wilberforce hatte sie freilich schon
-brieflich einigermaßen beruhigt und ihr versichert, daß er nach
-keiner menschlichen Lehre frage, sondern nur die heilige Schrift zur
-Richtschnur seiner Gedanken und Handlungen nehmen und sich nur von
-deren Vorschriften bei der Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten
-auf dem Platze, den ihm die Vorsehung angewiesen habe, leiten lassen
-wolle. Allein die mütterliche Befürchtung, der Sohn möge gleichwohl
-auf allerlei Thorheiten und Ueberspanntheiten verfallen sein, schwand
-erst gänzlich, als sie ihn persönlich wieder sah. Denn nun erkannte
-die Mutter, daß die ganze Veränderung, die mit dem Sohne vorgegangen
-war, nur in einer größeren Freundlichkeit und inneren Ruhe bestand,
-als er früher gehabt hatte, und in einem noch viel liebevolleren,
-bescheideneren und achtungsreicheren Benehmen gegen sie selbst, als er
-es schon früher bewiesen.
-
-Solch eine Veränderung konnte ihr natürlich nur wohlgefallen und sie
-veranlassen, das eigene Herz mehr aufzuschließen für eine Religion,
-welche im stande war, wenn es ernst mit ihr genommen wurde, solch
-gesegnete Veränderung hervorzubringen. Die ernsten religiösen
-Gespräche, welche der Sohn jetzt mit besonderer Vorliebe in Gang zu
-bringen suchte, ließ sie sich willig gefallen und gewann dadurch
-allmählig selbst einen tieferen Einblick in die tröstlichen Wahrheiten
-des Christentums, als sie ihn bisher gehabt hatte. Sie stimmte jetzt
-völlig in das Wort einer Freundin ein, der sie ihre Besorgnisse wegen
-der mit William vorgegangenen Sinnesänderung vertraut haben mochte,
-und die, nachdem sie diesen persönlich kennen gelernt und in bezug auf
-die ihm schuld gegebene Thorheit beobachtet hatte, voll Begeisterung
-ausrief: »Wenn das Thorheit ist, so möchte ich wünschen, daß wir alle
-so thöricht würden!«
-
-Das gesellige Leben, welches Wilberforce in dem Badeorte Bath in
-vollen Strömen umrauschte, konnte ihn jetzt in seinem ernsten Sinnen
-und Streben nicht mehr beirren; er schrieb vielmehr als Regel und
-Richtschnur für seinen Verkehr mit den Badegästen die schönen Worte in
-sein Tagebuch: »Wandle in Liebe! wo du auch bist, sei auf deiner Hut,
-eingedenk daß dein Handeln und Reden Einfluß haben kann auf das Gemüt
-derer, mit denen du zusammenkommst, indem sie mehr oder weniger geneigt
-werden, christliche Grundsätze aufzunehmen und ein christliches Leben
-zu führen!«
-
-An den Parlamentssitzungen des Jahres 1787 konnte Wilberforce wieder
-vollen Anteil nehmen und war mit Eröffnung der Sitzungen wieder
-pünktlich auf seinem Platze, nach wie vor ein treuer Unterstützer
-seines Freundes Pitt, mit dessen staatsmännischem Handeln er sich nur
-selten im Widerspruche fand.
-
-Was ihn aber jetzt, wo ihm die Augen für einen rechten Christenwandel
-geöffnet waren, besonders bewegte, war die vollendete Gleichgültigkeit
-gegen alles Heilige und Göttliche, die ihm sonst bei seiner Umgebung
-begegnete und vor allem die traurige Sittenlosigkeit, die er überall
-bei Hoch und Niedrig wahrnahm. Es war ihm unmöglich, dabei gleichgültig
-zu bleiben und es drängte ihn, seinerseits etwas zu thun, daß es besser
-werde.
-
-Mit ein paar gleichgesinnten Freunden faßte er den Plan, einen »Verein
-zur Schwächung und Entmutigung des Lasters« zu gründen und ging mit
-Feuereifer an die Ausführung desselben. Er ließ sich dabei von der
-gewiß richtigen Ansicht leiten, daß es der wirksamste Weg sei größere
-Verbrechen zu verhindern, wenn man die kleineren mit allem Ernste
-strafe und den allgemeinen Geist der Zügellosigkeit, die Quelle aller
-Laster, zu unterdrücken suche; denn wenn auch durch die Einwirkung auf
-die äußere Handlungsweise die Herzen der Menschen nicht geändert werden
-könnten, so würden sie doch dadurch geweckt und aufgeregt.
-
-Zunächst erwirkte er einen Königlichen Aufruf an die Statthalter der
-englischen Grafschaften, worin dieselben angewiesen wurden, die
-bestehenden Gesetze gegen Entheiligung des Sonntags, gegen Trunksucht
-und gegen die Verbreitung unsittlicher Schriften genau und strenge zu
-handhaben. Er mußte sich dabei freilich sagen, daß damit nicht viel
-gewonnen würde, wenn nicht überall die einflußreichsten Männer sich
-dazu verständen, persönlich gegen die herrschende Sittenlosigkeit
-anzugehen und selbst mit ihrem eigenen guten Vorbilde den niederen
-Ständen voranzugehen.
-
-Er machte sich deshalb, sobald die Parlamentssitzungen geschlossen
-waren, auf die Reise, um in erster Linie alle Bischöfe, dann aber auch
-andere angesehene Männer für die heilige Sache, die ihm auf dem Herzen
-lag, zu gewinnen, und seinem heiligen Ernste, seiner liebenswürdigen
-Persönlichkeit gelang es auch, nicht nur sämtliche Bischöfe, sondern
-auch einen großen Teil der Mitglieder des Ober- wie des Unterhauses zum
-Eintritt in seinen Verein zu bewegen, welcher dann während einer ganzen
-Reihe von Jahren eine reich gesegnete Thätigkeit entfaltete.
-
-Aber diese Reise und die rastlose Arbeit, die er sich auf derselben
-zumutete, hatte einen überaus ungünstigen Einfluß auf seine Gesundheit
-gehabt, und sollte er für die nächste Parlamentssitzung wieder recht
-bei Kräften sein, so mußte er wieder die Bäder von Bath gebrauchen, die
-ihm schon einmal so sehr wohl gethan hatten. Er gewann denn dort auch
-wirklich die gesuchte Kräftigung und überdies eine ihm sehr wichtige
-und wertvolle Bekanntschaft, die mit der bekannten Schriftstellerin
-und frommen Freundin der Jugend Hannah More, mit welcher er von da ab
-zeitlebens in naher Verbindung und noch näherer Geistesgemeinschaft
-blieb.
-
-Um diese Zeit fing aber auch Wilberforce an, +die+ Arbeit ernstlich und
-nachhaltig in Angriff zu nehmen, die fortan für ihn die wichtigste,
-ja so recht eigentlich seine Lebensarbeit werden sollte, und die ihm
-in ganz besonderem Maße die Hochachtung jedes edlen Menschen und
-einen unvergänglichen Platz in den Büchern der Geschichte erwarb,
-die Arbeit zu der Aufhebung des Sklavenhandels und zu der völligen
-Sklavenbefreiung.
-
-Wir haben bereits gehört, wie Wilberforce schon in seinem 15.
-Lebensjahre dem Sklavenhandel seine herzlichste Teilnahme zugewandt
-und sogar einen kleinen Aufsatz über denselben geschrieben hatte,
-ohne Zweifel dadurch veranlaßt, daß er in seiner Vaterstadt Hull mit
-eigenen Augen ein Sklavenschiff gesehen hatte, und durch die grausame
-Behandlung der armen Sklaven im tiefsten Herzensgrunde ergriffen worden
-war. Was damals seine ungeübte Feder in Bewegung gesetzt hatte, konnte
-wohl für eine Zeitlang in den Hintergrund seines Herzens gedrängt,
-aber nicht ganz aus demselben verwischt werden. Das beweisen seine uns
-aufbewahrt gebliebenen Briefe, aus denen hervorgeht, daß er im Jahre
-1781 einem Freunde welcher die westindische Insel Antigua besuchte, den
-Auftrag gab, sich über den Zustand der dortigen Sklaven genaue Kunde zu
-verschaffen, weil er, Wilberforce, beabsichtige, zu gelegener Zeit auf
-die Linderung der Leiden der unglücklichen Schwarzen hinzuarbeiten.
-
-Diese edle Absicht wurde bei Wilberforce wieder bestärkt und gefördert,
-vielleicht auch erst wieder neu angeregt durch eine Preisschrift über
-die Sklaverei, die im Jahre 1785 erschien und die einen jungen Mann,
-Thomas Clarkson, zum Verfasser hatte, welcher in dem nun beginnenden
-Kampfe gegen die Sklaverei ebenfalls einen bedeutenden Namen gewann.
-Aber was jetzt Wilberforce seine frühere Absicht wieder aufnehmen
-und nicht wieder aufgeben ließ, das war sein durch die christliche
-Erkenntnis, welche er gewonnen hatte, geschärftes Gewissen. Der Kampf
-gegen die Sklaverei wurde ihm nun in der That Gewissenssache.
-
-Aber es galt, in diesem Kampfe mit großer Vorsicht vorzugehen, wenn
-nicht von vorne herein alles verdorben werden sollte. Denn noch war die
-öffentliche Meinung so ziemlich ganz auf seiten des Sklavenhandels,
-und die Besitzer der 105 Schiffe, die schon im Jahre 1771 allein von
-Liverpool aus diesen schändlichen Handel betrieben hatten, und deren
-Zahl bei der Einträglichkeit dieses Handels wohl nicht gefallen,
-sondern eher gestiegen war, unterließen gewiß nichts, die ersten Spuren
-eines Gegensatzes und eines feindlichen Auftretens gegen ihr Geschäft
-sofort mit aller Macht zu unterdrücken. Man mußte jedenfalls gesicherte
-und nicht abzuleugnende thatsächliche Beweise für die bei dem
-Sklavenhandel vorkommenden Grausamkeiten haben, wenn man mit einiger
-Aussicht auf Erfolg es auch nur unternehmen wollte, die öffentliche
-Meinung umzustimmen und gegen den Sklavenhandel ins Feld zu führen.
-Denn nur gegen diesen, nicht aber gegen die Sklaverei überhaupt durfte
-man vorläufig den Kampf eröffnen.
-
-Nachdem sich Wilberforce der Teilnahme und Unterstützung seines
-Freundes Pitt bei dem zu eröffnenden Kampfe versichert hatte, trat
-er in eine Gesellschaft ein, welche sich unter dem Vorsitze des
-Rechtsgelehrten Granville Sharpe gebildet hatte, zu dem Zwecke,
-sichere Erkundigungen einzuziehen, durch welche es möglich wäre,
-den öffentlichen Unwillen gegen den Sklavenhandel wachzurufen,
-und zu diesem Zwecke die nötigen Kosten aufzubringen. Denn diese
-Erkundigungen sollten nicht blos diesseits des Ozeans in England selbst
-gesammelt werden, wo sich ja Gelegenheit genug dazu bot, nein auch wie
-es drüben in Westindien um die eingeführten Neger stand, sollte in
-sichere Erfahrung gebracht werden.
-
-Wilberforce arbeitete Tag und Nacht an der Sammlung und Sichtung der
-bereits eingegangenen Nachrichten und kam dabei zu der Überzeugung, daß
-schon diese allein Grund genug gäben, einen Antrag auf Abstellung des
-Sklavenhandels im Parlamente zu stellen. Er kündigte in seinem heiligen
-Eifer auch wirklich schon für den 2. Februar 1788 einen solchen an.
-
-Aber die aufreibende, Körper und Geist gleicherweise angreifende
-Thätigkeit, die er sich zugemutet hatte, blieb nicht ohne Rückwirkung.
-Gegen Ende des Januar verfiel er in eine schwere Krankheit, die sich
-rasch so sehr verschlimmerte, daß er nicht mehr im stande war, zu der
-ihm verordneten Badekur in Bath abzureisen, und daß die Ärzte ihm
-nur noch höchstens 14 Tage zu leben gaben. Aber im Rate des Herrn
-war es anders beschlossen. Der bedenkliche Zustand der Krankheit
-hob sich wieder so weit, daß er nach Bath geschafft werden konnte,
-und die dortigen Heilquellen thaten auch diesmal wieder ihre gute
-Wirkung in Verbindung mit reichlichen Gaben von Opium, dessen Gebrauch
-von nun an für Wilberforce während seines ganzen ferneren Lebens
-eine Notwendigkeit wurde, so oft er eine Unordnung in seinem Körper
-verspürte.
-
-Die Sklavensache war aber inzwischen nicht liegen geblieben. Pitt
-selbst hatte sie zu der seinigen gemacht und am 9. Mai 1788 einen
-Antrag im Parlamente gestellt, wonach dieses sich verpflichten sollte,
-im Beginn der nächsten Sitzung jedenfalls sogleich die Verhältnisse des
-Sklavenhandels in Erwägung zu ziehen. Weiter wollte Pitt nicht gehen,
-weil der fehlte, welcher das nötige Material von Beweisen in Händen
-hatte, auf die ein weitergehender Antrag hätte gegründet werden müssen.
-
-Aber es geschah doch auch etwas Thatsächliches von Bedeutung.
-Auf den Antrag eines Sklavenfreundes, der sich mit eigenen Augen
-von der Einrichtung eines neu erbauten Sklavenschiffes überzeugt
-hatte und über die Anzahl der Sklaven erschrocken war, die in den
-engen Räumen desselben untergebracht werden sollten, wurde trotz
-des heftigsten Widerstandes der Vertreter von Liverpool durch
-einen Parlamentsbeschluß, dem auch das Oberhaus zustimmte, und
-der ebensowohl die königliche Bestätigung erlangt, festgesetzt,
-in welchem Verhältnisse zu dem vorhandenen Schiffsraum die Anzahl
-der einzuladenden Sklaven stehen müsse, und welche Maßregeln zu
-treffen seien, damit Leben und Gesundheit der noch immer enge genug
-zusammengepferchten Schwarzen möglichst geschont werde.
-
-Die herzliche Freude über diesen ersten, wenn auch nur sehr kleinen
-Erfolg trug gewiß nicht wenig dazu bei, die Besserung zu beschleunigen,
-die im Befinden des Kranken zu Bath wider alles Erwarten eingetreten
-war. Bald konnten die Ärzte Wilberforce gestatten, den Gebrauch des
-Bades einzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalte in Cambridge, wo
-er mit Milner zusammensein und von demselben wieder manche Anregung für
-sein geistliches Leben empfangen konnte, begab er sich nach Rayrigg,
-seinem stillen Landsitze in Westmoreland, um dort seine völlige
-Genesung abzuwarten, auf die jetzt mit voller Sicherheit gehofft werden
-konnte.
-
-Und diese völlige Genesung kam mit Gottes Hülfe trotz der beständigen
-Aufregung, welche die ununterbrochen kommenden und gehenden Gäste
-bereiteten, die sich nach der Gesundheit des verehrten Mannes
-erkundigen und ihm seine Einsamkeit zu erleichtern suchen wollten.
-Allerdings war und blieb seine Gesundheit eine schwache, welche ihm die
-größte Mäßigkeit und die strengste Enthaltsamkeit in seiner Lebensweise
-zur Notwendigkeit machte; allein er fand doch wieder die Kraft, nicht
-nur an den Parlamentssitzungen teilzunehmen, sondern auch noch nebenher
-für seine Sklavensache thätig zu sein.
-
-Selbst von Rayrigg aus machte er, sobald er es wagen durfte, da und
-dort Besuche, bei denen er durch seinen persönlichen Einfluß die
-Teilnahme für seine Bestrebungen zu gunsten der Sklaven zu wecken und
-zu verbreiten suchte und unterstützte dadurch wesentlich Clarkson, der
-beauftragt worden war, zu dem nämlichen Zwecke das Land zu bereisen.
-
-Für die Parlamentssitzung von 1789 bereitete er sich wieder auf das
-Eifrigste vor, um alle schon gesammelten und noch täglich eingehenden
-Beweise für die Grausamkeit und Schändlichkeit des Sklavenhandels recht
-bei der Hand zu haben und damit alle Einwendungen der Gegner, gründlich
-beseitigen zu können. Er ging wieder einen ganzen Monat auf's Land,
-um ganz ungestört zu bleiben und arbeitete wohl 8 bis 9 Stunden am
-Tage. Selbst die Nachricht von der Erkrankung seines Freundes Milner
-konnte ihn nicht bewegen, sich zu einem Besuche desselben von seiner
-Arbeit loszureißen, während er doch noch kurz vorher am Kranken- und
-Todesbette seiner Tante erfahren hatte, wie gesegnet das Krankenlager
-eines frommen Menschen für die Besucher desselben werden könne.
-
-Was ihn nicht ruhen ließ, war eine Mitteilung Pitts über die gewaltigen
-Anstrengungen, welche die Gegner machten, um die öffentliche Meinung
-zu ihren gunsten zu stimmen und in Zeitungen und Flugschriften dem
-Lande zu beweisen, daß durch eine Aufhebung oder auch nur Beschränkung
-des Sklavenhandels nicht allein das Wohl der westindischen Kolonien
-aufs Spiel gesetzt würde, die der Sklaven notwendig bedürften, sondern
-auch der ganze Handel der englischen Nation Gefahr liefe, geschädigt zu
-werden.
-
-Da galt es denn in der That auch, schlagende und unwiderlegliche
-thatsächliche Gegenbeweise in genügender Zahl bei der Hand zu haben.
-
-Wohlgerüstet mit denselben und voll festen Vertrauens auf die
-siegende Macht der Wahrheit trat Wilberforce am 12. Mai 1789 vor das
-Parlament und entwickelte mit der vollen Kraft seiner ausgezeichneten
-Beredsamkeit alle Gründe, die nur gegen den Sklavenhandel geltend
-zu machen waren. Vier ganze Stunden redete er fast bis zur völligen
-Erschöpfung seiner Kraft, und ein hochstehender Mann äußerte nachher
-über diese Rede: »Das Haus, die Nation, ja Europa sind Wilberforce
-auf das Äußerste verpflichtet, daß er diesen Gegenstand in der
-meisterhaftesten, eindringlichsten und beredtesten Weise vorgebracht
-hat.«
-
-Von allen Seiten beglückwünschte man Wilberforce, als er von der
-Rednerbühne herunterstieg. Und doch was war der thatsächliche Erfolg
-seiner Rede? Nur eine kleine Verbesserung des vorjährigen Beschlusses,
-daß jedes Sklavenschiff nur eine seinen Räumen entsprechende Anzahl von
-Sklaven aufnehmen dürfe.
-
-Die Sklavenhalter und Sklavenhändler, die »Westindier« wie wir sie
-fortan mit einem gemeinschaftlichen Namen nennen wollen, hatten
-nämlich aus Furcht vor der offenbar gewaltigen Wirkung der Rede, die
-Wilberforce gehalten, eine sofortige Abstimmung und Beschlußfassung
-des Parlamentes dadurch zu hintertreiben gewußt, daß sie den Antrag
-stellten, der nicht wohl abgelehnt werden konnte, das Parlament
-möge selbst ein Zeugenverhör anstellen, um die Richtigkeit oder
-Unrichtigkeit der von Wilberforce aufgeführten Beweise zu untersuchen.
-Damit war die Entscheidung wieder für ein Jahr verschoben; denn es war
-unmöglich, vor Schluß der gegenwärtigen Sitzung noch eine genügende
-Anzahl von Zeugen zu vernehmen, wenn auch sofort damit begonnen wurde.
-
-Schmerzlich bewegt, aber doch nicht entmutigt, eilte Wilberforce nach
-Beendigung der Sitzung wieder zu den Heilquellen von Bath, um dort Ruhe
-und Stärkung zu suchen, und hatte die Freude, nicht nur seine Mutter
-und seine Schwester daselbst vorzufinden, sondern auch den Sohn seines
-schon genannten Verwandten John Thornton, Henry Thornton, mit dem er
-eine innige und feste Freundschaft schloß.
-
-Von Bath aus besuchte er auch seine alte Freundin Hannah More, die sich
-aus den gelehrten Kreisen Londons, mit welchen sie sonst verkehrte,
-völlig zurückgezogen hatte, um ihre reichen Geistesgaben im Dienste
-des armen, völlig unwissenden Landvolkes zu verwenden und für dessen
-Unterricht zu sorgen.
-
-Auf einen schönen Punkt in der Nähe aufmerksam gemacht, unternahm der
-für Naturschönheiten äußerst empfängliche Wilberforce einen Ausflug
-dorthin, vergaß aber bald alle Naturschönheiten, als er die armen,
-leiblich und geistig verkommenen Bewohner der schönen Gegend kennen
-lernte.
-
-»Miß Hannah, es muß etwas für Chidder (so hieß die Gegend) geschehen!«
-das war der Ausruf, mit dem er bei seiner Rückkehr die Freundin
-begrüßte und auf den er immer wieder zurückkam, wenn er erzählen
-sollte, wie ihm die besuchte Gegend gefallen habe.
-
-Die Not des armen Volkes, welche er durch eigene Anschauung kennen
-gelernt hatte, bewegte sein mitleidiges Herz so sehr, daß er mit der
-Freundin sogleich beschloß, dort in Chidder Schulen anzulegen und sich
-bereit erklärte, alle Kosten auf seine Tasche zu übernehmen, wenn Miß
-Hannah sich der damit verbundenen Mühewaltung unterziehen wolle.
-
-»Wozu könnte ich besser meinen Überfluß anwenden?« antwortete er
-ablehnend, als ihm die Freundin für sein hochherziges Anerbieten danken
-wollte, und freute sich in der Folge jedesmal herzlich, wenn er hörte,
-daß das Unternehmen guten Fortgang habe.
-
-Auch die Parlamentssitzung von 1790 brachte für die Sklavensache keine
-wesentliche Förderung. Man fuhr nur fort, Zeugen zu verhören, und zwar
-Zeugen für und wider den Sklavenhandel, wenn auch die »Westindier« das
-Zeugenverhör ihrerseits gerne geschlossen gesehen hätten, nachdem die
-für sie günstigen Zeugen vernommen waren. Das Ende der Sitzung war da,
-ehe die Vernehmungen beendigt waren.
-
-Mit dem Ende dieser Sitzung waren die 7 Jahre abgelaufen, für deren
-Dauer die Mitglieder des Parlaments in England gewählt wurden, und
-Wilberforce mußte sich deshalb einer Neuwahl unterwerfen. Allein sein
-Name war schon so berühmt geworden, daß er sich seinen Wählern in
-Yorkshire nur vorzustellen brauchte, um ohne Weiteres eine Erneuerung
-seiner Wahl auf weitere 7 Jahre zu erlangen.
-
-Und doch hatte er etwas gethan, was bei jedem Anderen Anstoß und
-Widerwilligkeit erregt haben würde: er hatte die Wahl ausgeschlagen zu
-einem Vorsteher bei den großen Pferderennen, die in York abgehalten
-wurden, und die bekanntlich noch heute, wo sie auch gehalten werden,
-bei den Engländern in hohem Ansehen stehen. Er hatte jedoch den
-jährlichen Beitrag, den er für die Beteiligung an den Rennen hätte
-entrichten müssen, dem Hospitale der Grafschaft überwiesen, um zu
-zeigen, daß ihn nicht der Geiz abhalte, an einer Sache teil zu nehmen,
-für die er nach seiner ganzen Anschauungsweise kein besonderes
-Interesse haben konnte.
-
-Daß sich seine Schwester um diese Zeit mit einem frommen Manne, dem
-Geistlichen Clarke zu Hull, vermählte, war für Wilberforce eine große
-Freude. Denn nun durfte er hoffen -- und diese Hoffnung erfüllte sich
-auch -- daß die Bemühungen, die er selbst bisher gebraucht hatte,
-seine Schwester auf den Weg eines ernsten, lebendigen Christentums zu
-ziehen, und die auch keineswegs ganz vergeblich geblieben waren, von
-berufenen und geschickten Händen weiter geführt werden und gewiß zu
-einem gesegneten Ziele kommen würden. Auch für das geistliche Leben der
-geliebten Mutter durfte er von der Einwirkung des neuen Schwagers die
-gedeihliche Förderung erwarten, die sein treues, frommes Sohnesherz so
-sehnlich wünschte.
-
-Nach einer stärkenden Kur in den Bädern von Buxton gab sich Wilberforce
-daran, die von dem Unterhause vorgenommenen Zeugenverhöre zu prüfen und
-durchzuarbeiten, welche bis jetzt schon 1400 große Bogenseiten füllten.
-Galt es doch, die Scheingründe, welche für den Sklavenhandel geltend
-gemacht worden waren, zu entkräften und so den Gegnern die Waffen zu
-entreißen, mit denen sie ihre schändliche Sache verteidigten.
-
-Auf dem stillen Landsitze eines Jugendfreundes, wo er vor störenden
-Besuchen sicherer war als in seinem eigenen Heim, bewältigte
-Wilberforce diese ungeheure Arbeit, ohne danach zu fragen, ob es seine
-Gesundheit aushielte. Und Gott der Herr, in dessen Dienste und zu
-dessen Ehre zu arbeiten er sich bewußt war, verlieh ihm die dazu nötige
-Kraft. Wohl mag es eine Stärkung gewesen sein, die aus derselben Quelle
-ihren Ursprung nahm, daß ihm in diesen arbeitsvollen Tagen John Wesley,
-der Stifter der Methodistengemeinde, folgenden Brief schrieb:
-
- »Mein teurer Herr! Wenn es nicht die göttliche Allmacht ist,
- welche Sie berufen hat, ein Athanasius im Kampfe mit der
- Welt zu sein, so sehe ich nicht ab, wie Sie das glorreiche
- Unternehmen zu Ende bringen wollen, gegen eine Schändlichkeit
- aufzutreten, welche eine Schmach der Religion Englands und der
- menschlichen Natur ist. Wenn es nicht Gott ist, der Sie zu
- dieser Sache berufen hat, so werden Sie durch den Widerstand
- der Menschen und Teufel besiegt werden. Aber ist Gott für Sie,
- wer mag dann wider Sie sein? Sind alle Feinde zusammen stärker
- als Gott? O ermüden Sie nicht, gutes zu thun! Schreiten Sie
- fort im Namen Gottes und in der Kraft seiner Stärke, bis die
- amerikanische Sklaverei für immer von derselben verschwindet!
- Sie ist das Schimpflichste, was je unter der Sonne bestand. Daß
- Er, der Sie von Ihrer Jugend an geführt hat, fortfahren möge,
- Sie hierbei und in allen Stücken zu stärken, das ist das Gebet
- Ihres
-
- John Wesley.«
-
-Wie erhebend mußten für Wilberforce diese Worte sein aus dem Munde
-eines Mannes, der so eifrig war, rechtes Christentum zu fördern,
-und dessen Name überall in England einen hellen guten Klang hatte,
-selbst bei denjenigen, welche die Wege, die er einschlagen zu müssen
-glaubte, nicht billigten! Und doch wie demütig und bescheiden schreibt
-Wilberforce in seinem Tagebuch bei dieser Gelegenheit: »Möge Gott mir
-verleihen, daß ich fortan mehr zu seiner Ehre lebe und möge er mich
-in dem großen Werke segnen, das ich unter den Händen habe. Möchte
-ich zu ihm aufblicken nach Weisheit und Kraft und der Gabe, andere
-zu überzeugen! Möchte ich mich für den Ausgang ihm mit vollkommener
-Ergebung unterwerfen! Möchte ich Ihm ganz die Ehre geben, wenn ich das
-Ziel erreiche, und, wo nicht, von Herzen sprechen können: Dein Wille
-geschehe!«
-
-Was den ersten Seufzer angeht, daß ihm gegeben werden möge, mehr
-zu Ehren Gottes zu leben, so hat Wilberforce denselben nicht blos
-hier, sondern auch an anderen Stellen seines Tagebuches wiederholt
-ausgedrückt, ohne Zweifel deshalb, weil er sich innerlich Vorwürfe
-darüber machen zu müssen glaubte, daß er dem gesellschaftlichen Leben
-zuviel Zeit und Kraft widme. Aber was wollte er machen, wenn sich, wo
-er auch sein mochte, die verschiedenartigsten Leute um ihn drängten,
-und ihn selbst in die entferntesten Gegenden verfolgten, um Rat und
-Beistand bei ihm zu suchen oder sich auch nur seines Umganges zu
-erfreuen.
-
-»Ihr Haus ist ja gerade wie die Arche Noahs,« schrieb ihm einmal seine
-mütterliche Freundin Hannah More, »voll reiner und unreiner Tiere.«
-
-Und das Gleichnis traf in der That zu. Denn außer Missionsfreunden
-und befreundeten Parlamentsgenossen, die mit ihm in betreff der
-gemeinschaftlichen guten Sache Rat pflegen wollten, sah er sich auch
-von solchen angelaufen, die in ganz gewöhnlichen, weltlichen Dingen
-Rat und Unterstützung von ihm begehrten und denen er sich, weil sie zu
-seinen Wählern gehörten, nicht entziehen konnte.
-
-Wir verstehen es darum wohl, wenn er in seinem Tagebuche wiederholt
-schreibt: »Was für Gründe mich auch bestimmten, ein offenes Haus zu
-haben, so ist es doch gewiß, daß Einsamkeit und Ruhe der Betrachtung
-und dem Wachen günstiger sind. Ich will streben, mir öfters Zeiten des
-ununterbrochenen Umgangs mit Gott zu sichern.«
-
-Wir verstehen es ebensowohl, daß es ihn nach jeder der arbeitsvollen
-und aufregenden Parlamentssitzungen, innerlich drängte, sich irgendwo
-solch stille Zeiten zu verschaffen, die er an den Badeorten, die er
-seiner Gesundheit wegen besuchen mußte, unmöglich finden konnte.
-
-Was aber den letzten Seufzer in den oben angeführten Worten seines
-Tagebuches angeht, daß es ihm, wenn er in der Sklavensache sein
-vorgestecktes Ziel nicht erreichen sollte, gegeben werden möge, von
-Herzen zu sprechen: »Dein Wille ist geschehen!«, so scheint ihm diesen
-eine Vorahnung dessen, was nun kommen sollte, in das Herz und in die
-Feder gedrängt zu haben.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Am 18. April 1791 kam die Sklavensache im Parlament wieder vor und
-Wilberforce ergriff sogleich das Wort, um vorzutragen, was er durch
-sein eifriges Studium der Zeugenverhöre gewonnen hatte. Sorgfältig
-vermied er jede Bemerkung oder Anspielung, welche die Gegner persönlich
-hätte verletzen können, nur die unzweifelhaft bewiesenen Thatsachen
-ließ er reden. Aber wie auch nach ihm sein Freund Pitt, ja selbst
-dessen entschiedener politischer Gegner Fox für die Abschaffung des
-Sklavenhandels die Stimmen zu gewinnen suchten, es half nichts. Mit 163
-gegen 88 Stimmen wurde der dahin zielende Antrag verworfen.
-
-Denn die »Westindier« hatten große Summen aufgewendet, sich Stimmen
-zu ihren Gunsten zu erkaufen und leider auch charakterlose Menschen
-genug im Parlamente gefunden, die sich erkaufen ließen. Wo aber
-Eigennutz und Geldgierde das große Wort führten, mußten die mächtigsten
-Gründe ihre Wirkung versagen, mußten selbst solche gewaltige Worte
-vergeblich bleiben, wie die folgenden, mit denen Wilberforce seine Rede
-geschlossen hatte:
-
-»Von welchem Gesichtspunkte aus«, so rief er von Eifer glühend in die
-Versammlung hinein, »man auch die Sache betrachten mag, England hat die
-Pflicht, dieselbe zu fördern. Die Hälfte des verbrecherischen Handels
-wird von seinen Unterthanen geführt, und da demnach unsere Schuld
-so groß ist, so laßt uns auch bald anfangen, Buße zu thun. Es kommt
-einst ein Tag der Vergeltung, da wir von den Talenten, Fähigkeiten
-und Gelegenheiten, die uns gegeben waren, Rechenschaft thun müssen!
-Möge es uns dann nicht offenbar werden, daß wir unsere größere Macht
-zur Knechtung unserer Nebenmenschen, unsere größere Erkenntnis zur
-Schändung der Schöpfung Gottes angewendet haben!!«
-
-Mit der oben erwähnten Abstimmung war denn für diese Parlamentssitzung
-wieder die heilige Sache der Sklavenfreunde beseitigt, aber auch ihr
-Mut gebrochen? auch der Eifer eines Wilberforce gelähmt? -- Keineswegs.
-Man schlug nur jetzt einen andern Weg ein.
-
-Von den Vertretern des Volks war, wie sichs eben gezeigt hatte,
-nichts zu hoffen und zu erwarten, so beschloß man denn, sich an das
-Volk selbst zu wenden und dessen Gerechtigkeit und Menschlichkeit
-geradezu anzurufen. Es wurde ein Auszug aus den Parlamentsverhandlungen
-angefertigt, worin besonders die von Wilberforce als Waffen gebrauchten
-thatsächlichen Beweise für die Schändlichkeit des Sklavenhandels
-hervorgehoben waren, und dann dieser Auszug in zahllosen Abdrücken
-überallhin und in jeder möglichen Weise unter dem Volke zu verbreiten
-gesucht. Die Sklavenfreunde, an ihrer Spitze Wilberforce, ließen sich
-dabei weder Mühe noch Kosten verdrießen.
-
-Aber man kam auch weiter auf den Gedanken, zu versuchen, ob man nicht
-in thatsächlicher Weise den Hauptgrund, welchen die Gegner stets
-für die Sklaverei vorbrachten, entkräften und in seiner Nichtigkeit
-blosstellen könnte. Das war nämlich der Grund: die Neger seien
-eigentlich gar keine Menschen, sondern nur menschenähnliche Tiere. Man
-berief sich dann dabei stets auf die Zeugnisse der Sklavenbesitzer,
-welche durch eigene, reiche Erfahrung hätten zu der Überzeugung kommen
-müssen, daß die Neger zu jeder geistigen Bildung völlig unfähig seien.
-
-Da beschlossen denn die Sklavenfreunde, eine Ansiedelung für freie
-Neger zu gründen, worin diese unter der Leitung von wohlwollenden
-Menschen gesammelt und sorgfältig unterrichtet werden sollten, um
-selbst zu zeigen, daß sie in der That vernunftbegabte, bildungsfähige
-Wesen seien. Es bildete sich eine Gesellschaft, welche die nötigen
-Mittel für diesen Zweck zusammenschoß, und auf der Westküste Afrikas
-von den dortigen Negerfürsten eine Strecke Landes erkaufte, die
-sich besonders zum Anbaue zu eignen schien und den Namen »Sierra
-Leone« führte. Wilberforce war einer von den ersten Leitern dieses
-Unternehmens.
-
-Und dasselbe schien unter Gottes Segen glücken zu wollen. Es fehlte
-nicht an Negern, die den gebotenen Zufluchtsort gern annahmen. Denn in
-dem nordamerikanischen Befreiungskriege hatten sich eine ganze Anzahl
-entsprungener Sklaven aus den Südstaaten auf die Seite der englischen
-Regierung geschlagen und wacker gegen ihre früheren Herren kämpfen
-helfen. Sie waren natürlich von den Engländern für frei erklärt und
-nach Beendigung des Krieges auf der Halbinsel Neuschottland angesiedelt
-worden, um sie der Verfolgung ihrer ehemaligen Herren zu entziehen.
-Dort aber war ihnen das Klima zu rauh, und als sie deshalb von der
-afrikanischen Ansiedelung in Sierra Leone Kunde erhielten, sandten sie
-nach London und ließen die englische Regierung bitten, sie dorthin zu
-versetzen. Ihrem Wunsche wurde willfahrt, und in einer Stärke von 700
-Köpfen siedelten sie nach der neuen Kolonie über.
-
-Allerdings hatte die wohlgemeinte Ansiedelung anfangs nur schlechten
-Erfolg, da die Rohheit und geistige wie körperliche Trägheit der Neger
-fast aller Versuche spotteten, sie an ein geordnetes, thätiges Leben
-zu gewähren. Besser wurde es erst, als man mit Ernst daran ging, ihnen
-das Evangelium zu predigen und sie zum Christentume zu bekehren, und
-als unter christlichen Einflüssen ein neues Geschlecht herangewachsen
-war. Dann aber wurde auch die Kolonie in der That ein leuchtendes
-Zeugnis dafür, wie völlig haltlos und ungerechtfertigt die Ansicht sei,
-daß die Neger zum wenigsten eine untergeordnete Menschenrasse und zu
-jeder Bildung unfähig seien, und ist es bis heute, wo ja Gottlob, diese
-Ansicht kaum mehr einen ernsthaften Vertreter findet.
-
-Die vorhin erwähnte Maßregel, den Auszug aus den
-Parlamentsverhandlungen über die Sklaverei und den Sklavenhandel
-in Massen unter das Volk zu werfen, trug gute Früchte. Der
-Gerechtigkeitssinn und das Menschlichkeitsgefühl fingen unter dem Volke
-an sich zu regen und sich gegen die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels
-zu empören, nachdem dieselben einmal so recht nackt und klar auf
-Grund amtlicher Beweise aufgedeckt waren. Durch das ganze Land hin
-und her wurden Versammlungen gehalten und von denselben Bittschriften
-an das Parlament gerichtet, welche die Abschaffung des Sklavenhandels
-verlangten. Viele verbanden sich sogar im heiligen Eifer dazu, sich
-aller Erzeugnisse Westindiens zu enthalten, die der Sklavenarbeit ihren
-Ursprung verdankten.
-
-Alles schien im besten Zuge und ließ hoffen, daß in der
-Parlamentssitzung von 1792 die Abschaffung des Sklavenhandels
-beschlossen werden würde, obwohl die Sklavenhändler von Liverpool 10000
-Pfund Sterling (nach heutigem Gelde etwa 200000 Mark) aufwendeten, um
-wieder eine genügende Gegnerschaft im Parlamente zu schaffen.
-
-Da kamen unglücklicherweise mit einem Male die Nachrichten von dem
-furchtbaren Sklavenaufstande auf der westindischen Insel St. Domingo
-oder Haïti, die völlig dazu angethan waren, alle wohlwollende Teilnahme
-für die Sklaven in unbefestigten Herzen zu ersticken.
-
-Auf jener Insel, die im Ryswyker Frieden 1697 von Spanien, das sie
-seit der Entdeckung durch Kolumbus besessen hatte, an die Franzosen
-abgetreten worden war, lebten nämlich außer einer großen Masse
-eingeführter Negersklaven, die die Zahl der Weißen weit überwog,
-viele sogenannte »Mulatten«, welche Weiße zu Vätern hatten, und
-zum großen Teile freigelassen worden waren, oder doch den Negern
-gegenüber große Vorzüge genossen. Unter diesen »Farbigen«, wie sie
-hießen, hatten schnell die durch die französische Revolution in Gang
-gebrachten freiheitlichen Grundsätze Eingang gefunden und »Freiheit,
-Gleichheit, Brüderlichkeit« war auch bei ihnen die feurig verfochtene
-Losung geworden. Aber es ist ja nur zu wohl bekannt, wie die Männer
-der Revolution die »Brüderlichkeit« nur für Diejenigen wollten gelten
-lassen, die in allen Stücken mit ihnen in das nämliche Horn bliesen,
-und ebensowohl die »Freiheit und Gleichheit« nur soweit gelten ließen,
-als es ihnen paßte. So war man denn auch in der Nationalversammlung zu
-Paris durchaus nicht gewillt, den Farbigen ganz gleiche Rechte mit den
-Weißen einzuräumen und brachte dadurch bei dieser Mischlings-Rasse,
-die durch ihr schnell aufloderndes, feuriges Wesen bekannt ist, eine
-furchtbare Gährung hervor. Es kam zu einer Vereinigung der Farbigen mit
-den sonst von ihnen tief verachteten und gehaßten Negern, und am 23.
-August 1791 brach ein furchtbarer Aufstand beider gegen die Weißen los,
-der zur schonungslosen Niedermetzelung dieser fast auf der ganzen Insel
-führte.
-
-Diese bösen Nachrichten aus Westindien waren natürlich den
-Sklavenfeinden Wasser auf ihre Mühle und gaben ihnen willkommenen
-Grund, die Befürchtung auszustreuen, nach solchem Vorgange würden es
-auch die Neger auf den englischen Besitzungen in Westindien ihren
-Brüdern auf St. Domingo nachmachen und am Ende die ganze englische
-Herrschaft dort vernichten, wenn man sie nicht mit aller Strenge im
-Zaume halte und einen noch stärkeren Druck auf sie übe als bisher. --
-Dazu kam, daß auch unter den englischen Sklavenfreunden nicht wenige
-waren, die den Grundsätzen der französischen Revolution huldigten und
-denselben auch in England Eingang zu verschaffen suchten.
-
-Wilberforce, dessen heller, klarer Blick die Hohlheit der französischen
-Redensarten von den allgemeinen Menschenrechten von vorne herein
-durchschaute, bemühte sich vergebens, den unvorsichtigen Reden
-und Handlungen dieser seiner Kampfesgenossen zu wehren und mußte
-es erleben, daß man sein auf die Abschaffung des Sklavenhandels
-gerichtetes Streben mit den revolutionären Grundsätzen aus Frankreich
-in Verbindung brachte und ihn auf das schmählichste verleumdete. Er
-mußte es sogar erleben, daß König Georg III. wurde, was die Prinzen
-des königlichen Hauses zum Teil schon längst waren, ein entschiedener
-Gegner der Abschaffung des Sklavenhandels, während er sonst wohl,
-wenn er an Hoftagen mit Wilberforce zusammen traf, sich bei diesem
-freundlich nach seinen schwarzen Schützlingen erkundigt hatte. Wie weit
-dabei die Abneigung gegen die revolutionären Grundsätze mitspielte,
-oder aber die Rücksicht auf die königlichen Interessen, die geschädigt
-wurden, wenn die vom Sklavenhandel erhobenen Abgaben ausfielen, muß
-dahingestellt bleiben.
-
-Nichts destoweniger trat Wilberforce am 2. April 1792 mit dem Antrage
-auf sofortige Abschaffung des Sklavenhandels vor das Parlament,
-ermutigt durch sein gutes Gewissen, welches ihn von einer Hinneigung zu
-den Grundsätzen der Revolution völlig freisprach und angefeuert durch
-seinen heiligen Eifer, der die gute Sache auch jetzt nicht ruhen lassen
-konnte.
-
-Wiederum sprach er mit dem ganzen Feuer seiner hinreißenden
-Beredsamkeit; wiederum unterstützten ihn die beiden sonstigen Gegner,
-Pitt und Fox mit gleicher Kraft und Entschiedenheit, aber sein Antrag
-fiel dennoch durch. Doch hatten die gehaltenen Reden wenigstens den
-bei den gegenwärtigen Zeitläufen immerhin nicht unbedeutenden Erfolg,
-daß man sich mit 238 gegen 45 Stimmen für den Vorschlag erklärte, auf
-allmähliche Abschaffung des Sklavenhandels Bedacht zu nehmen. Es mußte
-jedoch dafür erst in einer neuen Parlamentssitzung ein besonderer
-Antrag eingebracht werden.
-
-Wilberforce konnte sich zu solch einem Antrage nicht entschließen,
-weil dadurch das einstweilige Fortbestehen des Sklavenhandels als
-gesetzmäßig hingestellt worden wäre. An seiner statt übernahm es
-einer der Minister ihn zu stellen und wollte den 1. Januar 1795 als
-den Tag angenommen haben, von welchem ab der Sklavenhandel aufhören
-müsse. Das war aber den meisten ein zu naher Termin und nach langen,
-heißen Verhandlungen wurde endlich auf den Antrag von Wilberforce
-mit 151 gegen 132 Stimmen der 1. Januar 1796 als Endtermin für den
-Sklavenhandel angenommen.
-
-Hätte nur auch das Oberhaus, das diesen Beschluß ebenfalls annehmen
-mußte, wenn er Gesetzeskraft erlangen sollte, in denselben eingestimmt!
-Allein dies war nicht der Fall, sondern es verschob seine Entscheidung
-bis zur nächsten Sitzung.
-
-Obwohl so noch durchaus nichts Festes und Bestimmtes erreicht war,
-ergossen doch die »Westindier« die ganze Schale ihres Zornes über
-Wilberforce, als den Mann, der im Kampfe gegen sie sich nicht zur Ruhe
-bringen ließ. Nicht blos, daß die schändlichsten Verleumdungen wider
-ihn ausgestreut wurden, nein selbst mörderische Pläne wurden gegen ihn
-geschmiedet, sodaß ihn seine Freunde nicht ohne bewaffnete Begleitung
-wollten auf die Reise gehen lassen. Möglich, daß auch seine Ernennung
-zum französischen Bürger, welche ihm in dieser Zeit zukam, nur eine
-böswillige Anzettelung seiner Feinde war, die ihn dadurch als einen
-unzweifelhaften Anhänger der französischen Revolution verdächtigen
-wollten. Freilich wurde ihm diese zweifelhafte Ehre sogleich wieder
-entzogen und sein Name aus den Listen der französischen Bürger
-gestrichen, als er in den Vorstand einer Gesellschaft trat, die sich
-die Unterstützung der durch die Revolution aus Frankreich vertriebenen
-Geistlichen zum Zwecke gesetzt hatte.
-
-Der Krieg mit Frankreich, welcher ausbrach, nachdem die Franzosen
-ihre gerühmte »Brüderlichkeit« soweit getrieben hatten, daß sie am
-21. Januar 1793 ihren König hinrichteten, brachte notwendig einen
-Stillstand in die Verhandlungen über die Sklavensache. Nun, wo man
-gesehen hatte, wie die Grundsätze der Revolution in Frankreich zum
-Umsturz aller bestehenden Ordnung führen konnten, schrack man vor allem
-zurück, was nur den mindesten Zusammenhang mit diesen Grundsätzen zu
-haben schien, wie man das ja bereits den Bemühungen der Sklavenfreunde
-und unseres Wilberforce insonderheit zum Vorwurfe gemacht hatte.
-Das Parlament weigerte sich in seiner großen Mehrzahl, auch nur die
-Entscheidung vom vorigen Jahre zu erneuern.
-
-Dem Kriege mit Frankreich war Wilberforce entgegen gewesen. Als
-derselbe unvermeidlich wurde, weil die französische Nationalversammlung
-auf die Rückberufung des englischen Gesandten nach der Hinrichtung
-Ludwigs XVI. damit antwortete, daß sie an England den Krieg erklärte,
-drang Wilberforce bei seinem Freunde Pitt darauf, daß England sich nur
-verteidigen solle, wenn es von Frankreich wirklich angegriffen würde.
-Allein da Pitt ein erbitterter Gegner des revolutionären Nachbars war,
-so ging er darauf nicht ein, und zum erstenmale fanden sich die beiden
-Freunde in entschiedenem Gegensatze.
-
-Wenn er aber auch so für den äußeren Frieden nichts durchsetzen
-konnte, so beteiligte sich Wilberforce desto eifriger an einem anderen
-Friedenswerke, zu dem sich jetzt Gelegenheit bot, und das ihm schon
-längere Zeit am Herzen gelegen hatte.
-
-Es lag nämlich die Notwendigkeit vor, die Karte der englischen Kolonien
-in Asien zu erneuern, und es kam im Parlament zu Verhandlungen über
-die sittlichen und religiösen Zustände der Eingeborenen in jenen
-Kolonien, bei denen der Regierung zum Vorwurfe gemacht werden mußte,
-daß sie diesen Zuständen bisher gar keine Aufmerksamkeit zugewendet
-habe. Da verlangte denn Wilberforce, daß Geistliche und Lehrer nach
-Ostindien geschickt würden, welche den Eingeborenen das Christentum
-brächten, wie dies von seiten der Sekten der Methodisten und Baptisten
-bereits geschehen sei. Er bekämpfte dabei mit aller Entschiedenheit
-den Grundsatz, dem die englische Regierung bisher gefolgt war, und der
-dahin ging, daß es am besten sei, die Eingeborenen bei ihrem Heidentum
-zu lassen. Es war ein tiefer Schmerz für ihn, zu sehen, wie sein
-Vorschlag mit allgemeiner Gleichgültigkeit aufgenommen wurde und sogar
-nur bei einzelnen der Bischöfe Unterstützung fand. Vergebens machte
-er geltend, daß eine Ablehnung seiner Forderung gleichbedeutend sei
-mit der öffentlichen amtlichen Erklärung, man achte das Christentum
-nur deshalb, weil es die im Lande bestehende Religion sei, nicht aber
-deshalb, weil es allein den rechten Heilsweg zeige und eine göttliche
-Offenbarung sei. -- Seine Anträge wurden nicht angenommen.
-
-Als mit der Hinrichtung Robespierres am 27. Juli 1794 die
-Schreckensherrschaft in Frankreich ihr Ende erreicht hatte, hielt
-Wilberforce die Zeit für gekommen, den Frieden mit Frankreich wieder
-herzustellen und England wieder die Segnungen des Friedens zuzuwenden.
-Trotz der entgegenstehenden Ansicht der meisten seiner Freunde,
-trotzdem, daß er dadurch wieder mit Pitt in offenen Widerspruch treten
-mußte, brachte er, lediglich den Mahnungen seines Gewissens folgend,
-im Dezember 1794 seine Friedensanträge im Parlamente ein. Er zog
-sich dadurch nicht blos die Unzufriedenheit des Königs, sondern auch
-seiner Wähler zu, achtete aber dessen nicht, sondern unterstützte nach
-Ablehnung seiner eigenen Anträge schon im Februar des folgenden Jahres
-wieder den Antrag auf Wiederherstellung des Friedens, welchen ein
-anderes Parlamentsglied eingebracht hatte, sowie jeden anderen dahin
-zielenden Antrag, der im Laufe dieser Parlamentssitzung gestellt wurde.
--- So heilig war ihm eine einmal gewonnene gewissenhafte Überzeugung.
-
-Zu einer inneren Entfremdung zwischen Wilberforce und Pitt kam es
-indessen durch diese Gegnerschaft in Sachen des Krieges keineswegs.
-Pitt wußte zu gut, daß der Freund lediglich aus der Gewissenhaftigkeit
-seiner Überzeugung heraus diese Gegnerschaft aufrecht erhielt und alles
-war zwischen beiden vergessen, als sich auch die Minister dem Frieden
-mit Frankreich glaubten zuneigen zu müssen.
-
-Sie gingen wieder einträchtig zusammen, als die Regierung vom
-Parlamente die Berechtigung zu außerordentlichen Maßregeln forderte,
-um den Revolutionsgeist unterdrücken zu können, der sich immer weiter
-im Lande auszubreiten schien und immer kecker und unverhohlener
-hervortrat. Schon predigte man offen in eigens dazu berufenen
-Versammlungen den Aufruhr gegen die Regierung, verbreitete ungescheut
-Bilder, durch welche der König auf dem Gange zum Schaffot dargestellt
-wurde, ja wagte es sogar, den König persönlich zu beunruhigen und
-zu beschimpfen, als er zur Eröffnung des Parlamentes fuhr. -- Da
-unterstützte denn Wilberforce furchtlos und kräftig, wenn auch ungern,
-die Forderung der Regierung und half dazu, daß sie, wenn schon auch
-erst nach langem und heißem Redekampfe bewilligt wurde.
-
-Er hatte aber damit nicht allein die Feindschaft der Freiheitspartei
-auf sich geladen, die sich auch im Parlamente gebildet hatte, sondern
-auch die ganze Masse seiner Wähler in der Grafschaft York wider sich
-erbittert, die sich von dem Revolutionsgeiste hatten bestricken lassen.
-Als er nun hörte, daß diese eine große öffentliche Versammlung abhalten
-wollten, um ihrem Unwillen gegen das Ministerium und seine Absichten
-Ausdruck zu geben, beeilte er sich, zu dieser Versammlung noch zurecht
-zu kommen und benutzte dazu sogar, ohne irgend welches Bedenken, weil
-sein eigener Wagen für eine so weite eilige Reise nicht gehörig in
-Ordnung war, den Wagen, den ihm der so verhaßte Minister zur Verfügung
-stellte.
-
-Allein als Wilberforce am Orte der Versammlung ankam, stellte es sich
-heraus, daß die sogenannte Freiheitspartei doch noch nicht so groß
-war, als man befürchtet hatte, und bei Eröffnung der Versammlung waren
-die Freunde und Anhänger des Ministeriums entschieden in der Überzahl.
-Ohne Furcht vor etwaigen Feindseligkeiten gegen seine Person trat
-Wilberforce in die stürmisch tobende Versammlung hinein, verschaffte
-sich Gehör und hielt eine glänzende Rede, die den Erfolg hatte, daß
-eine ganz gegenteilige Kundgebung als die beabsichtigte zu stande kam,
-nämlich eine Schrift, die bald mit zahlreichen Unterschriften bedeckt
-war, und worin man die entschiedenen und kräftigen Maßregeln des
-Ministeriums gegen die revolutionäre Partei vollständig billigte, und
-dieser Vorgang fand bald auch in anderen Grafschaften Nachahmung.
-
-So hatte Wilberforce den deutlichsten Beweis geliefert, wie falsch
-die ihm gemachten Vorwürfe wegen Hinneigung zu den Grundsätzen der
-Revolution gewesen seien, und glaubte denn nun, ohne aufs neue solche
-Vorwürfe erleiden zu müssen, seine Sklavensache wieder in Angriff
-nehmen zu können. Denn entmutigt war er durch die bisher nur errungenen
-geringen Erfolge keineswegs, und es lag gerade jetzt wieder ein
-besonderer Grund vor, in seiner Sache ernstlich vorzugehen.
-
-Frankreich hatte nämlich, um den verhaßten englischen Nachbarn
-einen empfindlichen Schaden zuzufügen und wo möglich die ganze
-Negerbevölkerung auf seinen westindischen Besitzungen in Aufruhr zu
-bringen, auf seinen eigenen Besitzungen drüben alle Neger für frei
-erklärt, und es dadurch auch wirklich dahin gebracht, daß auf den
-englischen Inseln Granada, St. Vincent und Dominica Empörungen der
-Neger stattfanden. Da hatten denn die Freunde des Sklavenhandels
-wieder Oberwasser und wußten den Mund nicht voll genug zu nehmen, um
-auszuschreien, daß man hier sehen könne, wozu die Freundschaft gegen
-die Neger führe.
-
-[Illustration]
-
-Sofort war Wilberforce auf dem Kampfplatze und brachte am 18. Februar
-1796 wieder seine alten Anträge auf Aufhebung des Sklavenhandels und
-wo möglich der Sklaverei selbst das Parlament, entwickelte auch
-wieder die alte, feurige Beredsamkeit für seine Herzenssache und
-wußte das thörichte Geschrei der Gegner mit der Wucht seiner Gründe
-zu übertäuben. Allein wiewohl er auch jetzt wieder von Pitt kräftig
-unterstützt wurde, konnte er doch seine Anträge nicht durchbringen,
-weil seine Freunde bei der schließlichen Abstimmung nicht in der
-nötigen Zahl auf dem Platze waren, und selbst der von ihm gestellte
-Antrag fiel durch, daß durch das Gesetz eine bessere Behandlung der
-Sklaven auf den Sklavenschiffen erzwungen werden möchte.
-
-Tiefbetrübt über diesen neuen Mißerfolg würde Wilberforce wohl nicht
-daran gedacht haben, sich um seine Wiederwahl ins Parlament zu
-bewerben, wie es jetzt nötig wurde, wenn er nicht zweifellos an den
-endlichen Sieg seiner guten Sache geglaubt und es deshalb für eine
-heilige Pflicht angesehen hätte, seine Wirksamkeit im Parlamente
-unbeirrt und mit aller Kraft fortzusetzen. Seine Wiederwahl hatte denn
-auch nicht die geringste Schwierigkeit.
-
-Bei einem Besuche seiner Mutter in Hull, den er bei Gelegenheit dieser
-Wiederwahl machte, durfte er mit inniger Freude wahrnehmen, wie die
-betagte Frau, die er so sehr liebte, jetzt durch Gottes Gnade innerlich
-eine ganz andere geworden und auf dem besten Wege war, sich mit ganzem,
-vollem Ernste dem wahren Christentum zuzuwenden. Ihre Bitte beim
-Abschiede, daß der Sohn ihrer fleißig in seinem Gebete gedenken möge,
-hat dieser gewiß von nun an mit doppelter Freudigkeit erfüllt.
-
-Wer nach dem bisher Erzählten denken wollte, Wilberforce habe für
-nichts anderes Interesse gehabt, als für seine Sklavensache und
-höchstens für das, was derselben irgendwie dienen konnte, der würde
-ihn durchaus falsch beurteilen. Sein Herz, das von der Liebe Christi
-durchdrungen war, trieb ihn vielmehr, wo und wie er nur konnte, das
-leibliche und geistliche Wohl aller seiner Mitmenschen zu fördern.
-
-Nicht blos, daß er bei jeder sich bietenden Gelegenheit für die heilige
-Sache der Mission eintrat und für ihre Ausbreitung und Förderung
-kämpfte, auch das leibliche Elend seiner Mitmenschen fand in ihm einen
-stets willigen und bereiten Helfer. So besuchte er, wenn er in London
-war, häufig die dortigen Krankenhäuser und brachte den Elenden neben
-geistlichem Zuspruche auch leibliche Erquickungen, ja hielt es nicht
-unter seiner Würde, ihnen auch selbst hülfreiche Handreichung zu thun.
-Auch unterstützte er nach wie vor seine Freundin Hannah More bei ihren
-Bemühungen, dem unwissenden Volke die Segnungen eines regelmäßigen
-Schulunterrichtes zuzuwenden und hatte dafür eine allezeit offene Hand.
-
-Besonders aber beschäftigte ihn schon seit Jahren eine Schrift, an der
-er ununterbrochen während seiner Mußezeiten arbeitete und welche den
-Titel führen sollte: »Eine praktische Übersicht des vorherrschenden
-religiösen Lehrbegriffs der Bekenner des Christentums in den höheren
-und mittleren Ständen dieses Landes, verglichen mit dem wahren
-Christentum«, also eine Schrift, die mit der Sklavensache zunächst gar
-nichts zu thun hatte.
-
-Es war nämlich für Wilberforce ein fortgesetzter tiefer Schmerz, zu
-sehen, wie wenig wahres, aufrichtiges und thatkräftiges Christentum in
-den Gesellschaftskreisen herrschte, darin er sich bewegte. Entweder
-trat ihm da eine vollständige Gleichgiltigkeit gegen das Christentum
-entgegen, die von diesem nicht einmal reden hören mochte, oder jene
-unerträgliche Schwatzhaftigkeit über das Christentum, der man es doch
-sofort abmerkte, daß sie ebensowenig aus aufrichtiger Hochachtung
-und Liebe für dasselbe hervorging, als ihr eine rechte christliche
-Erkenntnis oder gar eine wahrhaftige christliche Erfahrung zu Grunde
-lag. Diese betrübende Wahrnehmung ließ dem für das Christentum,
-dessen segensreiche Wirkung er täglich mehr an sich selbst erfuhr,
-begeisterten Manne keine Ruhe. Er betrachtete es als eine heilige
-Pflicht, mit der Gabe, die er empfangen hatte, auch anderen zu dienen,
-die derselben noch ermangelten, und möglichst viele von ihren falschen,
-verkehrten Wegen zu dem einzigen Wege zu rufen, der zum Frieden auf
-Erden und zur Seligkeit im Himmel führt.
-
-Bei denjenigen, welche ihm persönlich näher standen, that er dies
-mündlich mit rückhaltsloser Offenheit, aber auch mit so liebenswürdiger
-Milde und mit so teilnahmvoller Eindringlichkeit, daß ihm niemand
-zürnen konnte, auch wenn er sich vielleicht durch ein ernstes,
-strafendes Wort verletzt gefühlt hätte.
-
-Um aber auch auf weitere Kreise zu wirken, mit denen er keine
-persönliche Berührung hatte, schrieb er das erwähnte Buch. In der
-Einleitung zu demselben hob er besonders hervor, daß er, obgleich ein
-Nichtgeistlicher, sich doch verpflichtet gefühlt habe, solch ein Buch
-zu schreiben, weil er dafür halte, daß jeder Christ dazu berufen sei,
-das Heil seiner Nächsten nach Kräften zu fördern, und weil er denke,
-daß man einen Nichtgeistlichen für unparteiischer halten werde; er habe
-nicht für entschiedene Gegner des Christentums geschrieben, sondern für
-solche, die sich wohl Christen nennten, aber deren Leben durchaus nicht
-mit ihren Bekenntnissen übereinstimme.
-
-Nachdem er nun zuerst die Haupt- und Grundlehren des Evangeliums:
-von der Sünde, von der Erlösung durch den Herrn Jesum Christum, von
-der Heiligung durch den heiligen Geist in tiefer, schriftgemäßer
-Weise besprochen und mit hoher Glaubensfreudigkeit als die rechte
-seligmachende Weisheit und Wahrheit bezeugt hatte, welche niemand
-ungestraft und ohne Schaden verachten könne, ging er besonders darauf
-aus, zu beweisen, wie eine Sittlichkeit ohne Glauben nur hohles,
-kraftloses, hinfälliges Wesen sei, wie aber der Glaube nicht etwa
-blos in dem Fürwahrhalten der christlichen Lehre bestehe, sondern
-vielmehr ein Sauerteig sei, der das ganze Wesen durchdringen und zu
-einer vollen, rückhaltlosen Hingabe des Herzens und Lebens an Gott und
-den Heiland treiben müsse. An dieser Beweisführung, bei welcher er
-besonders die Redensarten näher beleuchtete, mit denen die Weltmenschen
-in der Regel jede Zumutung mit ihrem Christentum Ernst zu machen, von
-sich abwiesen, schloß sich dann der Nachweis, wie wahres Christentum
-mit allen Lebensverhältnissen und mit jeder Lebensstellung wohl
-verträglich sei und durchaus nichts Unmögliches von seinen Jüngern
-fordere.
-
-Sieben Jahre lang schon hatte Wilberforce an diesem Buche gearbeitet
-und, was er darin niederlegen wollte, nicht nur aufs Reiflichste
-erwogen, sondern auch an seinem eigenen Herzen und an seiner eigenen
-Lebenserfahrung soviel als möglich erprobt. Jetzt erst entschloß er
-sich, das Buch in Druck zu geben. Der Buchhändler, an welchen er sich
-deshalb wandte, hielt, nachdem er einen Blick in dasselbe gethan hatte,
-den Verfasser für einen liebenswürdigen Schwärmer, der aber mit dem
-Geschriebenen keinen großen Erfolg erzielen, sondern nur viel Spott
-und Hohn einernten werde. Dem Namen »Wilberforce« zu liebe, meinte er
-lächelnd, wolle er es wagen, 500 Exemplare zu drucken, aber es sei sehr
-fraglich, ob auch nur diese Absatz finden würden.
-
-Wie hatte sich aber der gute Mann verrechnet! Kaum war im April 1797
-der Druck vollendet, und das Buch ausgegeben, als auch bereits nach
-wenigen Tagen die 500 Exemplare vollständig vergriffen waren. Und
-damit war es nicht am Ende, nein, die Nachfrage nach dem Buche wurde
-so stark, daß im Laufe des nächsten halben Jahres 5 Auflagen in einer
-Stärke von im ganzen 7500 Exemplaren nachgedruckt werden mußten. Ja
-bis zum Jahre 1826 erlebte das Buch noch weitere 10 Auflagen und
-wurde ins Deutsche, Holländische, Französische, Italienische und
-Spanische übersetzt: jedenfalls ein unwiderlegliches Zeugnis von der
-Vortrefflichkeit und durchschlagenden Wirkung des Buches!
-
-»Ich preise Gott,« so schrieb der fromme Bischof von London über
-dasselbe, »daß in diesen schrecklichen Zeiten solch ein Werk erschienen
-ist, und ich will ihn inbrünstig bitten, daß es weiterhin einen
-mächtigen Einfluß gewinnen möge, vor allem aber auf mein eigenes Herz,
-welches dadurch zur Demut und hoffentlich bald auch zur Wirksamkeit
-angeregt wird.«
-
-Von allen Seiten kamen Wilberforce die ehrenvollsten Dankbezeugungen
-wegen seines Buches zu. Ja es zeigte ihm sogar jemand in einem
-namenlosen Schreiben an, er habe sich ein kleines Gut in der Grafschaft
-York gekauft, eigens zu dem Zwecke, bei der nächsten Wahl ins Parlament
-Wilberforce seine Stimme geben und ihm dadurch einen geringen Teil
-seiner Dankesschuld abtragen zu können.
-
-Aber eitel konnte Wilberforce nicht werden, wenn er auch die Anlage
-dazu in eben dem Maße besessen hätte, als er sie nicht besaß. Seine
-Feinde und Gegner sorgten dafür, daß es neben den vielen Anerkennungen
-auch nicht an den härtesten, lieblosesten Beurteilungen des Buches
-fehlte. War es ihnen doch ein Dorn im Auge, daß der Name des von ihnen
-so bitter Gehaßten durch das Buch noch größere Berühmtheit erlangte,
-als er sie schon hatte.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Wilberforce war bis jetzt, obwohl nahezu 38 Jahre alt, allein durchs
-Leben gegangen, ohne sich noch eine eigene Familie gegründet zu haben.
-Seine Besitzungen in Yorkshire ließ er durch seine dortigen Freunde
-und Bekannten verwalten, um nicht durch die gewöhnlichen, alltäglichen
-Lebenssorgen in seiner öffentlichen Thätigkeit gehindert zu sein.
-Obschon es ihm seine Mittel erlaubt hätten, erwarb er sich nicht einmal
-eine eigene Wohnung in London, wo er doch einen großen, wenn nicht den
-größten Teil seiner Zeit zubrachte.
-
-»Als einzelner Mann,« sagte er später einmal, »fand ich ein Vergnügen
-an dem Gedanken, allein in einem gemieteten Hause zu leben. Denn so
-ward ich beständig daran erinnert, daß hienieden noch nicht meine
-wahre Wohnung und Heimat sei, und daß ich die Pflicht habe, nach einer
-besseren Heimat auszusehen und zu streben.«
-
-Gleichwohl fühlte er sein Alleinstehen nicht selten als einen Mangel
-in seinem Leben, zumal, wenn er bei Besuchen seiner Freunde deren
-glückliches Familienleben sah, und die reinen erquickenden Freuden
-eines solchen schmecken und fühlen lernte. Denn seit der Verheiratung
-seiner Schwester fand er auch bei seiner Mutter, die einsam in Hull
-wohnte und sich von diesem Orte nicht trennen wollte, wenn er dieselbe
-gelegentlich besuchte, kein eigentliches Familienleben mehr, wie es
-sein gefühlvolles Herz begehrte.
-
-Allein so oft ihm auch schon der Gedanke mochte gekommen sein, sich
-einen eigenen Herd zu gründen, er hatte denselben bisher immer
-wieder von sich abweisen zu sollen geglaubt, weil er befürchtete,
-die Pflichten eines Familienhauptes würden ihn zu sehr in Anspruch
-nehmen, als daß er im stande wäre, dem Werke, das ihm ja mehr und mehr
-Lebensaufgabe wurde, die gebührende Zeit und Kraft zuzuwenden. Auch
-die eigene schwache Gesundheit mochte bei seiner Abneigung, sich zu
-vermählen, ein bedeutsames Wort mitsprechen.
-
-Am allerwenigsten aber glaubte Wilberforce gerade jetzt an die Gründung
-einer eigenen Familie denken zu dürfen, wo er es hatte erfahren
-müssen, daß seine Gegner selbst vor meuchlerischen Anschlägen auf sein
-Leben nicht zurückscheuten, und wo überdies sowohl die immer noch
-nicht völlig beigelegten kriegerischen Unruhen, als auch der in immer
-höherem Maße um sich greifende Geist der Empörung und des Aufruhrs alle
-Verhältnisse im Lande unsicher machten.
-
-Aber er sollte es erfahren, daß in der That die rechten Ehen »im Himmel
-geschlossen werden,« und daß Gottes Gedanken über seine Kinder oft ganz
-andere sind als die eigenen Menschengedanken, wenn dieselben auch auf
-dem Boden voller pflichtmäßiger Überzeugung erwachsen sind und durchaus
-nicht mit Gottes heiligen Geboten in Widerstreit stehen.
-
-Denn gerade jetzt, wo er in Bath die Osterferien 1797 zubrachte,
-führte ihm des Herrn Hand Diejenige zu, welche bestimmt war, ihm ein
-reiches häusliches Glück zu bereiten, und so den Mangel auszufüllen,
-den er sich bisher in opferwilliger Selbstverleugnung geglaubt hatte
-auferlegen zu müssen.
-
-Es war Barbara Ann, die älteste Tochter eines adeligen Herrn aus der
-Grafschaft Warwickshire, des Esquire Isaak Spooner zu Elmdon Hall.
-Schon die erste Begegnung dieser Dame hatte auf Wilberforce einen
-tiefen Eindruck gemacht und den Gedanken in ihm erweckt, daß eine
-Lebensgefährtin, die er sich erwählen sollte, gerade so und nicht
-anders sein müsse. Daß es aber nicht bestechende äußere Vorzüge waren,
-die diesen Eindruck auf ihn machten und ihm solche Gedanken erweckten,
-sondern vielmehr die inneren Eigenschaften, die er bei der neuen
-Bekannten wahrnahm und die sich ihm bei fortgesetzter Bekanntschaft
-immer deutlicher erschlossen, zeigt eine Stelle in seinem Tagebuche,
-welche er nach seiner Verlobung niederschrieb.
-
-»Der Würfel ist gefallen,« heißt es da. »Ich glaube, sie eignet sich
-ganz besonders für mich, und manche Umstände schienen mir diesen
-Schritt anzuraten. Ich hoffe, Gott wird mich dabei segnen; ich will
-darum zu ihm beten. Ich halte sie für eine ächte Christin, liebevoll,
-gefühlvoll, verständig in ihrem ganzen Wesen, mäßig in ihren Wünschen
-und Bestrebungen, fähig, Glück und Unglück zu ertragen, ohne davon
-beherrscht zu werden. Wenn ich voreilig gewesen bin, so vergieb mir, o
-Gott! Aber wenn, wie ich zuversichtlich hoffe, wir beide Dich lieben
-und fürchten, und Dir dienen werden, dann wollest Du uns segnen nach
-dem untrüglichen Worte Deiner Verheißung.«
-
-Am 23. April 1797 verlobte sich Wilberforce förmlich mit der Erwählten,
-und je näher er dieselbe kennen lernte, desto inniger wurde sein
-Dank gegen Gott, der sie ihn hatte finden lassen, desto freudiger und
-hoffnungsreicher sein Blick in die Zukunft, die sich bei der vollen
-inneren Übereinstimmung der beiden Verlobten zu einer glücklichen und
-gesegneten gestalten zu müssen schien.
-
-Die glücklichen Stunden jedoch, welche Wilberforce jetzt hier in Bath
-verleben durfte, konnten sein ernstes Pflichtgefühl auch nicht um einen
-Finger breit abschwächen und ihn zurückhalten, wenn die Pflicht zur
-Arbeit rief. Und das sollte schon wenige Tage nach der Verlobung der
-Fall werden.
-
-Es waren nämlich dadurch, daß Österreich, Englands bisheriger
-Bundesgenosse gegen Frankreich, mit diesem einen besonderen Frieden
-geschlossen hatte, ernste Verwickelungen für England entstanden,
-die auf den inneren Zustand des Landes einen höchst nachteiligen
-Einfluß äußerten. Deshalb lud der Minister Pitt seinen Freund, dessen
-Scharfsinn und staatsmännische Klugheit er in hohem Maße schätzte, auf
-das dringendste ein, sofort nach London zu kommen. Und Wilberforce
-zögerte keinen Augenblick, diesem Rufe zu folgen, so schwer es ihm auch
-werden mochte, sich jetzt sogleich wieder von seiner Braut zu trennen.
-
-Ja, als sich ihm in London die Überzeugung aufdrängte, daß sich
-die Verhältnisse des Landes in einem noch viel schlimmeren und
-gefährlicheren Zustande befänden, als er bei seiner Abreise befürchtet
-hatte, in einem Zustande, der für ihn selber Gefahren herbeiführen
-konnte, wenn er sich wieder voll und ganz an dem öffentlichen Leben
-beteiligte, entschloß er sich sogar dazu, wenn auch erst nach schwerem
-innerem Kampfe, seine Braut ihres Wortes zu entbinden, um sie nicht
-in die ihm drohenden Gefahren und Schicksale mit hineinzuziehen.
-Indessen nahm er schon nach zwei Tagen diesen ihm durch die erste
-augenblickliche Bestürzung eingegebenen Vorschlag wieder zurück im
-festen Vertrauen auf die Güte und Fürsorge Gottes, die ihn bisher in
-gefährlichen Lagen stets so treu und gnädig bewahrt habe und auch
-fernerhin bewahren werde.
-
-Die ernsten Zeitumstände, welche zu Zornesgerichten Gottes über das
-Land zu werden drohten, gaben Wilberforce den Mut, am 15. Mai wiederum
-die Sklavensache im Parlamente vorzubringen, weil er hoffen durfte,
-die ernste Hinweisung auf die drohenden Gottesgerichte würde auch die
-verstocktesten Gegner herumbringen, daß sie nicht länger gegen etwas
-widerstrebten, was diese Gerichte geradezu herausfordere. Aber er
-erntete nur Spott und Hohn wegen seiner unaufhörlichen Belästigungen
-des Parlaments, und mußte den Schmerz erleben, daß man sich mit 82
-gegen 74 Stimmen für die Beibehaltung des Sklavenhandels entschied,
-also nicht einmal die früheren Beschlüsse beachtete, worin doch die
-Abschaffung dieses Handels als etwas, das kommen werde und müsse,
-hingestellt worden war.
-
-Schmerzlich bewegt kehrte er, als seine Anwesenheit in London nicht
-mehr so dringend nötig erschien, nach Bath zurück und feierte erst am
-30. Mai in aller Stille seine Hochzeit. Nach einem kurzen Besuche bei
-seiner Freundin Hannah More, welcher er seine erwählte Lebensgefährtin
-glaubte vorstellen zu müssen, weil sie an seinem Wohl und Wehe so
-warmen Anteil nahm, kehrte er dann wieder nach London zurück, um
-den Sitzungen des Parlamentes bis zu ihrem Schlusse beizuwohnen,
-und es wo möglich durchzusetzen, daß bei den in Aussicht stehenden
-Friedensverhandlungen mit Frankreich für die Abschaffung des
-Sklavenhandels etwas gewonnen würde.
-
-Er nahm jedoch seine Frau mit sich und mietete für sie ein Landgut in
-der Nähe von London, wo er dann, nachdem die Tagesarbeit im Parlamente
-gethan war, im Glücke und Frieden des eigenen Hauses sich erholen
-konnte. Was ihm diesen Aufenthalt besonders lieb machte, war das, daß
-er ganz nahe bei dem Landsitze seines Freundes Eliot lag, des Schwagers
-von Minister Pitt, mit dem er schon seit Jahren auf das Engste
-verbunden war.
-
-Welch köstliche Tage er hier im Genusse der innigsten Freundschaft und
-des jungen, ehelichen Glückes verleben durfte, beweisen eine Reihe von
-Briefen, die er an auswärtige Freunde schrieb, und worin er die Gnade
-Gottes pries, die ihm alles gegeben habe, was der Mensch auf Erden
-zum Glücke bedürfe. Allein es sollte auch bei ihm so gehen, wie es ja
-der Herr bei den Seinigen so oft fügt, daß auf die Tage des sonnigen
-Glückes bald wieder trübe und dunkele Schmerzenstage folgen, und das
-prophetische Wort, womit einer seiner Freunde ihm geantwortet hatte:
-»ich fürchte, daß es kaum zur menschlichen Natur stimmt, lange so
-glücklich zu sein,« sollte nur zu schnell Wahrheit werden.
-
-Denn nicht allein, daß der von ihm hochgeschätzte Gatte seiner
-Schwester, der Prediger Clarke in Hull plötzlich und unerwartet vom
-Tode weggerafft wurde; auch sein innig geliebter Freund Eliot mußte
-denselben Weg gehen. Und wenn es für Wilberforce ein großer Trost
-gewesen war, daß seine alte Mutter und seine verwittwete Schwester an
-dem Nachfolger Clarkes, dem Bruder seines langjährigen Freundes Milner
-eine kräftige Stütze gefunden hatten, so wurde ihm auch dieser Trost
-bald wieder geraubt, da Joseph Milner schon nach ganz kurzer Zeit starb.
-
-Diese drei rasch aufeinander folgenden Todesfälle beugten Wilberforce
-tief nieder. Aber er verstand es auch, dieselben sich zum innerlichen
-Segen werden zu lassen. Wie eindringlich schrieb er in sein Tagebuch,
-»lehren auch diese Ereignisse, daß die uns zugemessene Zeit kurz ist! O
-möchte ich lernen und weise sein!«
-
-Und siehe, kaum hatte er diese Verluste einigermaßen überwunden, da
-traf ihn ein neuer Schlag, der sein gefühlvolles Herz tief verwundete.
-Nach kurzer Krankheit starb nämlich in Hull auch seine eigene Mutter,
-die ihm von Jahr zu Jahr lieber geworden war, je mehr sie sich, durch
-das Vorbild des frommen Sohnes angeregt, dem wahren Christentum
-zugewandt hatte und je mehr dadurch der innere Einklang zwischen Mutter
-und Sohn gewachsen war, der früher gefehlt hatte. Welch ein Trost
-war es für Wilberforce, sich an ihrem Sarge der festen Zuversicht
-überlassen zu können, daß ihr Ende ein seliges gewesen sei!
-
-Von ihrem Begräbnisse zurückgekehrt, durfte er es aber auch erfahren,
-daß Gottes Liebe in die Schmerzenstage des Lebens immer auch
-Freudenstunden einflicht, die das gebeugte Herz stärken und aufrichten
-sollen. Seine Gattin schenkte ihm nämlich jetzt im Sommer 1798 den
-ersten Sohn. Wie freudig jubelte er dafür in seinem Tagebuche Gott
-dem Herrn seinen Dank aus und wie inbrünstig betete er um Kraft und
-Beistand von oben, daß es ihm gelingen möge, das Kind zu einem rechten
-Christenmenschen zu erziehen!
-
-Mit der Sklavensache gab es auch in der Parlamentssitzung von 1798
-keinen Fortgang. Wilberforce brachte zwar seinen Antrag auf Verbot
-des Sklavenhandels getreulich wieder ein trotz des ärgerlichen
-Kopfschüttelns vieler Parlamentsmitglieder, die dieses ewig
-wiederkehrenden Antrags überdrüssig waren; aber wiederum fiel derselbe
-durch, wenn er auch nur mit der kleinen Mehrheit von 4 Stimmen
-abgelehnt wurde. Zwar gelang es den Gegnern nicht, irgend etwas
-vorzubringen, was die Beweise entkräften konnte, die Wilberforce
-für die beim Sklavenhandel vorkommenden entsetzlichen Grausamkeiten
-beibrachte, aber sie warfen ein und fanden für diesen Einwurf viele
-gläubige Abnehmer, daß der Sklavenhandel, wenn er gesetzlich verboten
-würde, dennoch nicht ganz aufhören, sondern in ungesetzlicher Weise
-fortgetrieben werden würde, und daß dann voraussichtlich unter dem
-Schleier des Geheimnisses noch viel größere Grausamkeiten vorkommen
-würden.
-
-Wollte es mit der Sklavensache noch immer keinen Fortgang gewinnen, so
-suchte Wilberforce dem Drange seiner thätigen Menschenliebe in allerlei
-anderer Weise zu genügen und suchte überall die Not auf, um sie nach
-Kräften zu lindern. Wir wissen, daß er im Jahre 1789 über 2000 Pfund
-Sterling, also über 40,000 Mark zu wohlthätigen Zwecken verwandte, eine
-Summe, bei welcher er gewiß nicht ängstlich berechnet hatte, ob sie
-nicht seine Vermögensverhältnisse überstiege. Dabei gab Wilberforce
-nie blindlings sein Geld weg, sondern prüfte immer erst sorgfältig,
-ob seine Unterstützungen auch nicht an Unwürdige weggeworfen seien.
-Es war also seine Wohlthätigkeit etwas mehr, als das blos äußerliche
-Sichloskaufen von einer Verpflichtung, die er sich durch seinen
-Reichtum auferlegt fühlte, sie war ein wirkliches Üben brüderlicher
-Liebe mit der Vorsicht und Weisheit, ohne welche die Wohlthätigkeit
-zur nutzlosen Verschwendung werden kann, ja zu einem verderblichen
-Förderungsmittel der Trägheit und des Lasters.
-
-Die günstige Aufnahme, welche sein Buch überall gefunden hatte und
-die ihm noch fortwährend zukommenden Zeugnisse von den segensreichen
-Wirkungen, die dasselbe übte, ließen ihn erkennen, daß ihm auch ein
-geistiges Pfund anvertraut sei, welches er ebensowohl wie das äußere
-seines Reichtums zum Wohle seiner Nebenmenschen zu verwenden habe.
-Da ihm nun zum Schreiben eines weiteren größeren Buches immer mehr
-die nötige Ruhe und freie Zeit gebrach, so beschloß er, in Verbindung
-mit mehreren gleichgesinnten Freunden eine religiöse Zeitschrift
-herauszugeben, welche dem überhandnehmenden Unglauben besonders in den
-mittleren Ständen einen Damm entgegensetzen sollte. Die erste Nummer
-dieser Zeitschrift, welche den Titel: »Der christliche Beobachter«
-führen sollte, erschien jedoch erst im Januar 1801.
-
-Auch die Ansiedelung auf Sierra Leone machte ihm in dieser Zeit
-viel zu schaffen, da dieselbe gerade damals mit besonders großen
-Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und doch bestehen bleiben und
-sich im Segen entwickeln mußte, wenn die Behauptung, daß die Neger
-keine bildungsfähigen Menschen seien, auf welche die Freunde
-des Sklavenhandels sich besonders stützten, in ihrer völligen
-Grundlosigkeit hingestellt, und diesen ihre beste, wirksamste Waffe
-entrissen werden sollte.
-
-Der glorreiche Sieg zur See, in welchem der englische Admiral Nelson am
-1. August 1798 bei Abukir fast die ganze französische Flotte vernichtet
-hatte und der in ganz England mit unsäglichem Jubel begrüßt worden
-war, gab Wilberforce neuen Mut, trotz aller erlittenen Niederlagen,
-auch in der Parlamentssitzung von 1799 wieder gegen den Sklavenhandel
-aufzutreten. Hatte doch der fromme Seeheld Nelson zur herzlichen Freude
-unseres Wilberforce in seinem Berichte ausdrücklich darauf hingewiesen,
-wieviel Dank das englische Volk für diesen Sieg seinem Gotte schuldig
-sei! Mußte es da nicht von durchschlagender Wirkung sein, wenn nun
-Wilberforce seinerseits mit seiner feurigen Beredsamkeit mahnte, diesen
-Dank durch Abstellung des Sklavenhandels thatsächlich darzubringen und
-nicht durch Verhärtung in einem anerkannten und zweifellosen Unrecht
-den Zorn Gottes über das Land zu reizen? -- Aber siehe, auch diesmal
-wieder fielen die warmen, begeisterten Worte, womit er seinen Antrag
-verfocht, auf unfruchtbaren Boden, sein Antrag fiel durch.
-
-Die tiefe Niedergeschlagenheit, in welche er wegen dieses neuen
-unerwarteten Mißerfolgs verfiel, brachte ihn auch körperlich
-sehr herunter. Ein heftiges Fieber befiel ihn und hinderte ihn,
-die Parlamentssitzung zu besuchen, welche auf den 24. September
-ausgeschrieben war, um die Entsendung eines Heeres nach den
-Niederlanden zu beraten, wo dasselbe gemeinschaftlich mit den Russen
-die Franzosen bekämpfen sollte.
-
-Da auch seine Gattin, die am 21. Juni von einem Töchterlein entbunden
-worden war, der Ruhe bedurfte, so mietete sich Wilberforce in der Nähe
-von Bath, dessen unruhiges Badeleben ihm nicht zusagte, eine Wohnung
-auf dem Lande und brachte dort vier Monate im Genusse eines ruhigen,
-ungestörten Familienlebens zu. Aber Arbeit machte er sich auch hier,
-weil er ohne solche nicht leben konnte. Die stillen Sonntage auf dem
-Lande, deren Köstlichkeit und Segen niemand besser zu würdigen wußte,
-als er, mahnten ihn, für die Förderung einer rechten Sonntagsheiligung
-thätig zu sein. Das war zwar nicht erst eine neue Thätigkeit. Denn
-er hatte schon das Parlament aufgefordert, gesetzlich gegen jede
-Entheiligung des Sonntages einzuschreiten, und als er das nicht
-durchsetzen konnte, wenigstens auf eigene Hand eine ganze Anzahl von
-Parlamentsgliedern zusammengebracht, die sich freiwillig verbanden,
-für eine rechte Sonntagsheiligung zu wirken und dabei selbst mit gutem
-Beispiel voranzugehen. Er hatte auch durch Verwendung seines Einflusses
-bei den Ministern eine Verfügung erwirkt, wonach niemand mehr gegen
-sein Gewissen durch Geld- und Freiheitsstrafen gezwungen werden durfte,
-sich an militärischen Übungen zu beteiligen, welche am Sonntage
-stattfanden, wie dies an vielen Orten geschah.
-
-Aber mußten nicht die stillen gesegneten Sonntage hier auf dem Lande
-ihm ein unwiderstehlicher Antrieb werden, in der Nähe und in der Ferne,
-durch Wort und Schrift darauf hinzuwirken, daß solch eine gesegnete
-Sonntagsfeier allenthalben möglich werde und auch allenthalben zu
-stande käme?
-
-Im Januar 1800 kehrte Wilberforce neu gestärkt nach London zurück
-und trat sofort wieder mit frischer Kraft in die parlamentarische
-Thätigkeit ein. Es handelte sich jetzt in der That um den Frieden
-mit Frankreich, über welchen von seiten Napoleons Unterhandlungen
-eingeleitet worden waren. Allein die von demselben vorgeschlagenen
-Friedensbedingungen waren der Art, daß selbst der friedliebende
-Wilberforce dazu raten mußte, sie zu verwerfen, und das Ministerium,
-welches gleicher Ansicht mit ihm war, kräftig unterstützte. »Wer heute
-meine Rede hörte,« sagte er selbst, »mußte mich für einen größeren
-Freund des Krieges halten, als ich es in Wahrheit bin.«
-
-Ein sehr erfreuliches Ereignis war es für Wilberforce, daß sein Freund
-Stephen, sein treuer Gefährte im Kampfe gegen den Sklavenhandel, dessen
-Scheußlichkeiten er bei einem langen Aufenthalte in Westindien durch
-eigenen Augenschein kennen gelernt hatte, seiner verwittweten Schwester
-die Hand reichte und dadurch eine noch nähere Verbindung mit ihm
-schloß, als sie bisher schon durch ihre Kampfgenossenschaft bestanden
-hatte.
-
-Aber bald fiel auch wieder ein düsterer Schatten in sein Leben, der
-um ein Haar zu einer völligen Trübsalsfinsternis geworden wäre. Denn
-bald nach der Rückkehr aus dem Seebade Bognor, wo er sich eine Zeit
-lang nach dem Parlamentsschlusse mit seiner Familie aufgehalten hatte,
-verfiel seine geliebte Gattin in eine schwere Krankheit, welche das
-Schlimmste befürchten ließ. Wie es dabei in seinem Inneren aussah, mag
-ein Brief beweisen, den er am 27. September an Hannah More schrieb.
-
- »Mein teure Freundin,« heißt es darin, »Sie sollen nicht
- durch eine andere Feder erfahren, daß es Gott gefallen, meine
- teuerste Frau mit einem gefährlichen Fieber heimzusuchen. Man
- sagt mir, daß der endliche Ausgang der Krankheit wahrscheinlich
- nicht bald entschieden sein werde, daß ich aber nach der
- Heftigkeit des Beginnens Ursache habe, alles zu fürchten, wenn
- auch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Aber ach, meine teuere
- Freundin, was für ein unaussprechlicher Segen ist es für mich,
- daß ich in Demut hoffen kann, der Tod werde für meine arme
- Gattin die Versetzung sein aus einer Welt der Sünde und der
- Sorge in das Land vollkommener Heiligkeit und nie endender
- Seligkeit! Wie tröstend ist der Gedanke, daß ihre Leiden ihr
- nicht allein zugeteilt, sondern auch zugemessen sind durch ein
- Wesen voll unendlicher Weisheit und Güte, welches sie liebt,
- wie ich hoffe, mehr als ein teures Kind von einem irdischen
- Vater geliebt ist! Ich weiß, Sie alle werden für mich fühlen,
- für mich und meine arme Leidende beten. Ich bin noch nicht
- genug an das Krankenbett gewöhnt; es ist äußerst angreifend
- für mich, ihre Heftigkeit und wirre Unruhe zu bemerken,
- ja bisweilen ihr Phantasieren zu hören, während damit ihr
- gewöhnlicher freundlicher Blick und ihre sanfte Ruhe verbunden
- ist. Möchten wir alle bereit sein und endlich alle in der
- Herrlichkeit zusammentreffen, jetzt aber wachen und beten und
- nüchtern sein und danach trachten, einzugehen; dann werden wir
- gewiß einst nicht ausgeschlossen werden. Ich pflege auch sonst
- solche Worte zu reden wie diese, und, wie ich hoffe, aus dem
- Herzen. Aber wieviel kräftiger prägen sie sich dem Geiste ein
- bei dem Anblick des Todes, wie ich ihn habe! Gott segne Sie
- alle! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes
- und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns Allen!
- Für immer Ihr W. Wilberforce.«
-
-Und weiter schreibt er in dieser Zeit: »Welch unaussprechliche
-Tröstung und Erleichterung ist es, in solch einem Augenblick die volle
-Zuversicht zu hegen, daß meine teuerste Gattin ihren Frieden mit Gott
-gemacht hat und für die furchtbare Vorladung nicht unvorbereitet ist!
-Ich danke Gott, daß ich im stande bin, mich seiner Züchtigung (welche
-leider nur zu sehr verdient ist) ohne Murren zu unterwerfen, und,
-wie ich demütig hoffe, mit Ergebung, ich möchte sagen: mit frohem,
-dankbarem Sinne gegen seinen heiligen Willen. Er weiß am besten, was
-uns gut ist, und wenn unsere Leiden hier, indem sie uns aus der
-Trägheit erwecken und uns näher zum Himmel drängen, in irgend einem
-Grade dazu dienen, das Glück der Ewigkeit zu erhöhen, so mögen wir wohl
-in der triumphierenden Sprache des Apostels ausrufen: »Unsere Trübsal,
-die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige über alle Maßen
-wichtige Herrlichkeit!« -- Mein teures Weib hat stets phantasiert, seit
-wir wußten, daß ihre Krankheit gefährlich sei. Wie wenig hätten wir für
-ihren Seelenzustand thun können, wenn er früher vernachlässigt worden
-wäre und wir nun erst gewünscht hätten, sie zum Tode vorzubereiten!
-Welch praktische Lehre für uns alle!«
-
-Welch tiefen Blick eröffnen uns diese Worte, die doch gewiß der
-unmittelbarste Erguß der Gedanken und Gefühle waren, in ein Herz voll
-des lautersten, aufrichtigsten Christentums, in ein Herz, das gelernt
-hatte, sich ganz im Glauben dem Herrn anzuvertrauen, in ein Herz, das
-für den Menschen nichts Höheres kannte, als den Gewinn des ewigen
-Lebens!
-
-Die züchtigende Hand des Herrn ließ es indessen bei Wilberforce nicht
-zum Äußersten kommen. Sein Flehen wurde erhört, die Krankheit wendete
-sich zum Besseren. Am 20. Oktober konnte er frohlockend und dankend
-melden, daß ihm sein geliebtes Weib erhalten sei und allmählich die
-Gesundheit und frühere Kraft wiedererlange. Wenn er sich aber dabei
-gleichsam in demselben Atem selbst anklagt, daß die ernsten Gefühle in
-den Augenblicken des Leidens hernach, wenn dasselbe durch Gottes Gnade
-vorüber sei, so bald wieder sich abschwächten und dahinschwänden, so
-beweist dies, wie sehr er gewohnt war, auch auf die leisesten Regungen
-seines Herzens zu achten und wie ihm äußere Erlebnisse in Freude und
-Leid niemals den heilsamen Blick in das eigene Herz trüben konnten.
-
-Die Hoffnung, welche Wilberforce gehegt hatte, daß er, wenn der Friede
-mit Frankreich, nach welchem jetzt ganz England seufzte, geschlossen
-werden würde, es werde durchsetzen können, daß die Abschaffung des
-Sklavenhandels unter die Friedensbedingungen aufgenommen würde, erwies
-sich als eine trügerische. Wiewohl sich Pitt mit ihm vereinigte, schlug
-dieser Plan fehl. Da wegen der wichtigen Arbeiten, die dem Parlamente
-vorlagen, auch ein neuer Antrag wegen des Sklavenhandels keine Aussicht
-hatte, nur zur Beratung zu kommen, mußte sich Wilberforce darauf
-beschränken, durch seinen Schwager Stephen kleinere Flugschriften gegen
-den Sklavenhandel abfassen zu lassen, die dann in Massen unter das Volk
-geworfen wurden, um bei diesem das Interesse für die Sklavensache,
-welches unter den kriegerischen Unruhen und dem Drucke einer großen
-Teuerung fast erloschen sein mußte, wieder neu zu beleben.
-
-Am 25. April 1802 war denn endlich zu Amiens der Friede mit Frankreich
-zu stande gekommen, und da Wilberforce wieder aufs neue als Vertreter
-für die Grafschaft York ins Parlament gewählt worden war, sprach er
-sich voll heiligen Eifers dafür aus, es sei nötig, die goldene Zeit
-des Friedens dazu zu verwenden, daß der sittliche Zustand des Landes
-gebessert werde, daß die Kinder der geringeren Stände in tugendhafter
-Sitte und zur Anhänglichkeit an die bürgerlichen und religiösen
-Einrichtungen des Landes erzogen würden, daß für die niedrigen Klassen
-der Steuerdruck ermäßigt und an Stelle der aufrührerischen Ansichten
-und Neigungen ein rechter Gemeingeist bei dem Volke geweckt und
-gepflegt würde.
-
-Man erklärte freilich solche Reden im Parlamente kurzweg für baren
-Unsinn, aber Wilberforce ließ sich durch solche beleidigende Urteile
-den Mund nicht zubinden und kam immer wieder von neuem in seinen Reden
-auf diese Forderungen zurück.
-
-Leider schien der Friede, den Wilberforce in solch heilsamer Weise
-benutzt haben wollte, nicht von langer Dauer sein zu sollen.
-Gegenseitige Beschwerden über Nichterfüllung der Bedingungen des
-Friedens von Amiens flogen über den Kanal hinüber, und es wurde bald
-klar, daß es zu einem Bruche mit dem französischen Gewalthaber, mit
-Napoleon kommen müsse, der auch England gerne unter sein Scepter
-gebeugt gesehen hätte.
-
-Bei dieser unsicheren Lage der äußeren Verhältnisse, welche die ganze
-Aufmerksamkeit und Sorge des Parlaments in Anspruch nahmen, hielt es
-Wilberforce für völlig aussichtslos, und nur dazu geeignet, den Unmut
-der Volksvertreter zu erregen, wenn er auch jetzt wieder seine alten
-Anträge erneuert hätte.
-
-Um aber nicht ganz unthätig in seiner großen Sache zu bleiben,
-entschloß er sich, wie es sein Schwager Stephen schon früher gethan
-hatte, eine Flugschrift zu schreiben, worin der ganze bisherige
-Gang der Verhandlungen über die Sklavensache klar und übersichtlich
-dargelegt wäre. Hatte doch seit dem Jahre 1792 eine sorgfältige und
-gründliche Verhandlung über diese Sache kaum mehr stattgefunden,
-und da fast die Hälfte der Volksvertreter, die damals im Parlamente
-gesessen hatten, durch neue ersetzt waren, so gab es unter diesen gewiß
-viele, denen jede nähere Bekanntschaft mit den bereits gepflogenen
-Verhandlungen und besonders mit den für die Schändlichkeit des
-Sklavenhandels beigebrachten Beweisen und Zeugnissen mangelte.
-
-Wilberforce begab sich nun sogleich an diese Schrift und arbeitete
-den ganzen Januar 1803 so angestrengt und anhaltend, daß er sich eine
-Krankheit zuzog, die ihn längere Zeit an das Lager fesselte.
-
-Kaum genesen beteiligte er sich mit feurigem Eifer im April 1803 an der
-Gründung der englischen Bibelgesellschaft, die noch heute in reichem
-Segen wirkt und schon viele Millionen Bibeln in hunderten von Sprachen
-nach allen Weltenden verbreitet hat.
-
-Nichts desto weniger ließ er über solchen Friedensarbeiten die äußere
-Lage des Vaterlandes nicht aus den Augen und half mit aller Macht
-darauf dringen, daß das Land in den gehörigen Verteidigungszustand
-gesetzt werde. Denn, wenn der Krieg mit Frankreich wirklich wieder
-ausbrach, so lag die Befürchtung nahe, Napoleon würde wenigstens
-den Versuch machen, mit einem Heere in England zu landen. Indessen,
-so lange der Krieg nicht wirklich erklärt sei, riet Wilberforce zum
-Frieden, wenn auch für denselben Opfer sollten gebracht werden müssen.
-Er glaubte fürchten zu müssen, daß Gott in einem neuen, leichtsinnig
-begonnenen Kriege seine Zornesgerichte über England werde kommen lassen.
-
-Als aber am 15. Mai 1803 der englische Gesandte Paris verlassen
-hatte und ihm am 18. die Kriegserklärung Napoleons auf dem Fuße
-folgte, forderte Wilberforce zu festen, kräftigen Schritten auf und
-sprach dafür trotz seines kränklichen Zustandes mit aller Wärme und
-Entschiedenheit, welche ihm die Vaterlandsliebe eingab.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Ein neues Ministerium, welches Pitt auf Befehl des Königs bildete,
-weil das bisherige sich für die bestehenden Verhältnisse zu schwach
-gezeigt hatte, zählte zu seinen Mitgliedern mehrere warme Freunde der
-Sklavensache, und Wilberforce konnte es deshalb nicht lassen, diesen
-günstigen Umstand zu benutzen und seinen Antrag auf Abschaffung des
-Sklavenhandels im Parlamente einzubringen, so unruhig auch die Zeiten
-waren.
-
-Er hatte auch die Freude, daß derselbe im Unterhause bei jeder der
-drei Beratungen oder »Lesungen« angenommen wurde; allein das Oberhaus,
-dem der Antrag jetzt vorgelegt werden mußte, entschied sich dafür, ihn
-in Anbetracht der jetzigen Zeitverhältnisse für die nächste Sitzung
-zurückzulegen. Es sollte aber ein Erlaß des Ministeriums erscheinen,
-durch welchen einstweilen dem Sklavenhandel Einhalt gethan würde.
-
-Indessen dieser Erlaß ließ ein ganzes Jahr auf sich warten, und als
-das Parlament sich wieder versammelte, wurde nicht etwa die günstige
-Entscheidung vom vorigen Jahre wiederholt und bestätigt, sondern wider
-alles Erwarten umgestoßen. Wilberforce blieb mit seinem Antrage in der
-Minderheit.
-
-So nahe am Ziele gewesen zu sein nach 17jähriger Thätigkeit, und nun
-doch wieder eine völlige Vereitelung seiner so gegründeten Hoffnung
-erleben zu müssen, war für Wilberforce ein tiefer, brennender Schmerz.
-Er schrieb in sein Tagebuch die klagenden Worte: »Nie habe ich bei
-irgend einer Gelegenheit im Parlamente soviel empfunden. Als ich in der
-Nacht aufgewacht war, konnte ich nicht wieder einschlafen. Die armen
-Schwarzen kamen mir nicht aus dem Sinne und die Schuld unseres sündigen
-Vaterlandes.«
-
-Aber nun die Hoffnung auf ein schließliches Gelingen seiner Arbeit ganz
-aufzugeben, war nicht die Sache eines Wilberforce. Dazu war seine
-Überzeugung, daß sein Werk aus Gott sei und dasselbe durch Menschen
-nicht gedämpft werden könne, viel zu tief und fest gegründet.
-
-»Herr Wilberforce,« sagte ihm jemand, »Sie sollten nicht erwarten,
-eine derartige Maßregel durchzusetzen. Sie haben wohl Geschick, eine
-Sache zu betreiben, und dies ist eine sehr achtbare Beschäftigung für
-Sie; aber wir beide haben genug vom Leben gesehen, um zu wissen, daß
-Menschen sich nicht dazu bringen lassen, nach allgemeinen Grundsätzen
-zu handeln, wo ihre Interessen im Spiele sind.«
-
-Und was antwortete Wilberforce?
-
-»Ich hoffe es dennoch durchzusetzen, und was noch mehr ist: ich hege
-die Zuversicht, daß ich es bald durchsetze. Ich habe die allmähliche
-Veränderung bemerkt, welche seit einiger Zeit in den Gesinnungen der
-Menschen vorgegangen ist, und wenn auch die Maßregel noch ein oder zwei
-Jahre hingezogen werden mag, so bin ich doch überzeugt, daß sie binnen
-kurzem zu stande kommt.«
-
-Pitt erließ jetzt endlich die versprochenen Befehle zur Hemmung des
-Sklavenhandels, aber sie erwiesen sich als zu unbestimmt abgefaßt,
-um irgend welchen Erfolg haben zu können, und Pitt wurde deshalb
-angegangen, sie zu ändern. Er that dies auch nach starkem Drängen
-und am 13.September 1805 wurde der geänderte Erlaß denn endlich
-veröffentlicht.
-
-Es war einer der letzten, welcher von Pitt ausging. Denn derselbe
-wurde bald darauf ernstlich krank, und wenn ihn auch die Freude über
-den Seesieg Nelsons bei Trafalgar (21. Oktober 1805), wobei dieser
-große Seeheld zwar selber das Leben verlor, aber auch die französische
-Seemacht so gut wie völlig vernichtet wurde, wieder ein wenig stärkte
-und ausrichtete, so beugte ihn doch die traurige Nachricht von der
-Niederlage der englischen Bundesgenossen, der Russen und Österreicher,
-bei Austerlitz (2. Dezember) aufs tiefste nieder und übte einen so
-nachteiligen Einfluß auf seinen durch heftige Gichtschmerzen und
-Verdauungsstörungen geschwächten Körper, daß er am 23. Januar 1806
-starb, wie Wilberforce sagte: »an gebrochenem Herzen, vom Feinde
-ebensowohl getötet wie Admiral Nelson.«
-
-Tief bewegt folgte Wilberforce dem Sarge des Mannes, der 25 Jahre lang
-die Angelegenheiten seines Vaterlandes geleitet hatte und ihm, wenn
-auch vielleicht wegen des großen Standesunterschiedes nicht gerade
-im vollsten und schönsten Sinne des Wortes Freund geworden war, wozu
-überdies die volle innere Übereinstimmung fehlte in den höchsten
-und wichtigsten Lebensfragen, so doch die vollste Hochachtung und
-Anhänglichkeit abgewonnen hatte.
-
-Dem neuen Ministerium, welches jetzt gebildet wurde, gehörten zum
-größten Teile Männer an, die zu den eifrigsten und lebendigsten
-Gegnern des Sklavenhandels zählen. Wie hob das wieder den Mut und die
-Freudigkeit des edlen Sklavenfreundes, und wie beeilte er sich nun
-sogleich wieder, die günstige Wendung der Dinge auszunutzen!
-
-Ein Vorschlag, den Sklavenhandel nach fremden Kolonieen zu verbieten,
-wurde zum Vorläufer des weitergehenden auf völlige Abschaffung und
-Unterdrückung dieses Handels gemacht und erhielt im Mai 1806 die
-Zustimmung sowohl des Unter- wie des Oberhauses. Auch der weitere
-Vorschlag, daß sich das Parlament zu baldiger gänzlicher Abschaffung
-des Sklavenhandels verpflichten sollte, wurde im Unterhause mit großer
-Mehrheit von 100 gegen 14, im Oberhause mit 42 gegen 21 Stimmen
-angenommen. Ebenso wurde eine von Wilberforce beantragte Adresse an
-den König beschlossen, worin dieser gebeten wurde dahin zu wirken, daß
-auch die übrigen Mächte Europas den Sklavenhandel aufheben möchten.
-
-Aber würde nicht, so mußte Wilberforce nun rechnen, die Sklavenhalter
-und Sklavenhändler jetzt, wo an der völligen Aufhebung des
-Sklavenhandels kaum mehr zu zweifeln schien, die ihnen noch gelassene
-Frist benutzen, um gerade jetzt diesen Handel in verstärktem Maße zu
-betreiben?
-
-Von diesem Gedanken geleitet, brachte er noch einmal vor Schluß der
-Sitzung einen Gesetzesvorschlag ein, welcher verbot, daß Schiffe, die
-bis jetzt nicht zum Sklavenhandel gebraucht worden seien, nunmehr
-dazu verwendet würden, und siehe auch dieser Vorschlag fand zu seiner
-unsäglichen Freude die Zustimmung beider Häuser.
-
-Allein es war für Wilberforce auf Grund der bisher gemachten
-Erfahrungen doch noch keine volle Sicherheit vorhanden, daß der lange
-und heiß ersehnte Sieg in seiner heiligen Sache nun endlich errungen
-sei, und er bot deshalb gerade jetzt seine ganze Kraft auf, ihr, soviel
-an ihm lag, zum völligen Siege zu verhelfen. Mit seinen Freunden
-bereitete er sich sorgfältig darauf vor, ein günstiges Zeugenverhör
-herbeiführen zu können, wenn allenfalls das Oberhaus noch einmal ein
-solches verlangen sollte. Er ging auch mit allem Eifer daran, seine
-vorhin erwähnte Flugschrift fertig zu machen, um dieselbe vor dem
-Zusammentreten des Oberhauses allen Mitgliedern desselben zusenden zu
-können und vollendete dieselbe durch rastloses Arbeiten so frühe, daß
-sie am letzten Januar 1807 ausgegeben werden konnte.
-
-Um ihn zu solchem Eifer aufzustacheln, hätte es indessen so ehrender
-Zeugnisse keineswegs bedurft, wie ihm ein solches bereits im Juni 1806
-durch eine Edinburger Zeitung ausgestellt worden war. Dort war nämlich
-zu lesen gewesen: »Wir wollen unsere Dankbarkeit dem Manne bezeugen,
-der diesen glorreichen Kampf begonnen und durchgeführt hat. Er hat dem
-Ausgange desselben alle seine Tage und alle seine Talente geweiht.
-Er hat sich jeglicher Belohnung für seine Anstrengungen entzogen,
-außer dem zufriedenstellenden Bewußtsein, seinen Mitgeschöpfen gutes
-erwiesen zu haben. Er hat der Menschheit gewidmet, was andere den
-Parteirücksichten geopfert haben, und den Ruhm, im Gedächtnisse einer
-dankbaren Welt fortzuleben den glänzenden Belohnungen des Ehrgeizes
-vorgezogen. Wir betrachten mit inniger Freude diesen ausgezeichneten
-Mann, wie er nahe vor seinem endlichen Triumphe sich befindet in der
-größten Schlacht, in der je menschliche Wesen fochten und in einer
-Sache, welche wir für einen Gegenstand des gerechten Neides der
-Ehrgeizigsten unter den Sterblichen halten.«
-
-Der Stachel, den Wilberforce im eigenen Herzen trug, der Stachel
-der Liebe zu den armen Schwarzen und die Überzeugung, von Gott zur
-Linderung ihrer Leiden berufen zu sein, war mächtiger als alle solche
-ehrenden Worte.
-
-Am 3. Februar 1807 kam die Sklavensache zur Verhandlung im Oberhause
-und beschäftigte dasselbe die ganze Nacht hindurch bis Morgens 5 Uhr.
-Aber obwohl zwei Minister, ja selbst Prinzen des Königlichen Hauses
-dagegen auftraten, erklärten sich doch schließlich 100 Stimmen für die
-Abschaffung des Sklavenhandels, und nur 34 dagegen.
-
-Nun fehlte nur noch eine günstige Entscheidung des Unterhauses, in
-welchem die Sache am 23. Februar vorgebracht werden sollte.
-
-Aber wie bangte nun unserem Wilberforce vor dieser entscheidenden
-Sitzung! Hatte er es doch schon einmal erleben müssen, daß es trotz
-der günstigsten, fast zweifellosen Aussichten zuletzt doch noch übel
-gegangen war! Wie eifrig betete er, daß Gott alles zum Besten wenden
-möge und stellte ihm in Demut alles anheim!
-
-Am 15. Februar schrieb er in sein Tagebuch: »Was für eine schreckliche
-Zeit ist das! Die Entscheidung der großen Frage nähert sich. Möge Gott,
-der die Herzen aller in seiner Gewalt hat, sie wenden wie im Oberhause!
-Möge er mich mit einem einfältigen Auge und Herzen ausrüsten, daß ich
-nur wünsche, Ihm zu gefallen, meinen Mitmenschen gutes zu erweisen und
-meinem angebeteten Erlöser meine Dankbarkeit zu bezeugen!«
-
-Und am 22. Februar, am Vorabende des Tages, der die Entscheidung
-bringen sollte, schrieb er ebenso demütig: »Gewiß nie hatte ich mehr
-Ursache zur Dankbarkeit als jetzt, da ich den großen Gegenstand
-meines Lebens zu Ende führe, auf welchen eine gnädige Vorsehung meine
-Gedanken vor 26 oder 27 Jahren und meine Thätigkeit seit 1787 oder 1788
-gerichtet hat. O Herr, laß mich dich preisen von ganzem Herzen; denn
-nie war jemand so sehr in der Schuld gegen dich. Wohin ich auch blicke,
-sehe ich mich mit Segnungen überhäuft. O möge meine Dankbarkeit nur
-einigermaßen im Verhältnisse zu denselben stehen!«
-
-Bei den Verhandlungen des folgenden Tages war es nur ein einziger
-westindischer Pflanzer und Sklavenhalter, der gegen das Gesetz sprach,
-aber durch eine glänzende Rede, die Wilberforce hielt und in der er
-noch einmal die ganze Fülle seiner Beweise für die Schändlichkeit des
-Sklavenhandels entwickelte, sofort zum Schweigen gebracht wurde. Von
-dieser Rede begeistert rief der Generalprokurator Romilly aus: »Was
-ist das Gefühl der Größe, das ein Kaiser der Franzosen, ein Napoleon,
-hat gegen das Hochgefühl dieses Privatmannes, der heute sein Haupt aufs
-Kissen legen darf mit dem Gedanken: der Sklavenhandel ist nicht mehr!«
-
-Ein Sturm des Beifalls brach los, wie ihn die Parlamentsräume noch
-nie gehört haben mochten. Alle die ernste würdevolle Zurückhaltung,
-die sonst in diesen Räumen üblich war und jede laute Beifallsäußerung
-verbot, war völlig vergessen, und als es zur Abstimmung kam,
-erklärten sich 283 Stimmen für, und nur 16 gegen die Abschaffung des
-Sklavenhandels.
-
-Wie in einem Triumphzuge wurde Wilberforce von seinen Freunden
-nach Hause geleitet, und von allen Seiten regnete es gleichsam
-Beglückwünschungen für ihn. Er aber ging in sein Kämmerlein und schrieb
-mit betendem Aufblicke nach oben in sein Tagebuch: »O wieviel Dank
-bin ich dem Geber alles Guten dafür schuldig, daß er mich in seiner
-gnädigen Fürsorge zu der großen Sache geführt hat, welche endlich nach
-fast 19jähriger Anstrengung Erfolg gehabt hat!«
-
-Nachdem das Gesetz wegen einiger Veränderungen, die daran gemacht
-worden waren, noch einmal durch das Oberhaus gegangen war und auch
-in der geänderten Fassung dessen Zustimmung erhalten hatte, erhielt
-es am 25. März 1807 auch die Königliche Bestätigung und damit volle
-Gesetzeskraft.
-
-Das Ministerium, welchem es Wilberforce zu verdanken hatte, daß er
-endlich mit seinen unaufhörlichen Anträgen durchgedrungen war, wurde
-bald darauf zu seinem großen Leidwesen von dem Könige entlassen;
-dadurch wurde aber auch eine Auflösung des Parlaments herbeigeführt,
-und es mußte zu neuen Wahlen geschritten werden.
-
-Hier zeigte es sich nun so recht handgreiflich, mit welcher Liebe
-seine Wähler in der Grafschaft York an ihrem bisherigen Vertreter
-Wilberforce hingen. Es war nämlich ein angesehener Mann, Lord Milton,
-als Mitbewerber um die Vertretung der Grafschaft aufgetreten, dem es
-ein Geringes war, die großen Kosten zu bestreiten, welche eine Wahl ins
-Parlament für den Gewählten mit sich führte. Es galt nämlich für ihn,
-allen Wählern, welche ihm seine Stimme geben sollten, die Kosten der
-Reise nach dem Wahlorte zu vergüten und das verursachte besonders in
-einer so weitausgedehnten Grafschaft, wie die Grafschaft York, höchst
-bedeutende Ausgaben. Traten mehrere Bewerber um die Stimmen der Wähler
-auf, so hatte in der Regel, wenn es sich nicht gerade um besondere
-Parteiinteressen handelte, derjenige die meiste Aussicht, gewählt zu
-werden, welcher sich bei Vergütung der Reisekosten am freigebigsten
-zeigte und den Ersatz so bemaß, daß auch wohl nach gemachter Reise noch
-etwas Erkleckliches in der Tasche blieb.
-
-Wilberforce hatte jetzt, wo er für eine Familie zu sorgen hatte, nicht
-Lust einen großen Teil seines Vermögens für einen Sitz im Unterhause
-zu opfern und ließ dies einmal in einer Versammlung seiner Freunde
-zu York so nebenher fallen. Da rief aber sofort jemand: »Wir dürfen
-unseren Wilberforce nicht verlassen, daher unterzeichne ich 500 Pfund
-zu den Wahlkosten.« -- Und siehe im Handumdrehen gleichsam war die
-bedeutende Summe von 18000 Pfund (360000 Mark) durch die Anwesenden
-gezeichnet und stieg nachher noch durch weitere Zeichnungen auf 64455
-Pfund, über eine Million Mark. Es wurde als eine Ehrensache für die
-Grafschaft angesehen, ihrem langjährigen hochgeschätzten Vertreter
-jedes persönliche Opfer an Geld zu ersparen, wo derselbe so treu und
-mit so hingebender Selbstverleugnung der Grafschaft seine Kraft und
-Zeit widmete.
-
-Nun erhielt zwar am ersten Wahltage Lord Milton mehr Stimmen als
-Wilberforce, allein am folgenden Tage stellten sich die für Wilberforce
-Stimmenden in so großer Zahl ein, daß dessen Name mit großer Mehrheit
-aus der Wahl hervorging. Es hatte den Gegnern wenig geholfen, daß sie
-über Wilberforce die nachteiligsten Gerüchte auszusprengen suchten,
-ja ihn sogar schon für tot erklärten, weil er wegen einer leichten
-Unpäßlichkeit das Zimmer hüten mußte.
-
-Aber auch jetzt war es nur Dank gegen Gott, der ihm solche Gunst bei
-den Menschen geschenkt habe, was sein Herz erfüllte, aber auch nicht
-die leiseste Regung von Hochmut, wie hätte er sonst die folgenden
-demütigen Worte in sein Tagebuch schreiben können, worin er sich
-gewöhnt hatte, all sein Denken und Fühlen niederzulegen? »Wenn ich
-auf meine Thätigkeit im Parlamente zurückblicke,« schreibt er da,
-»und sehe, wie wenig ich im ganzen genommen die Lehre Gottes und
-meines Heilandes geziert habe, so bin ich beschämt und beuge mich
-in den Staub. Möge, o Herr, alle Zeit, welche mir noch übrig ist,
-besser angewendet werden! Doch komme ich mit allen meinen Sünden,
-Vernachlässigungen und Irrtümern zum Kreuze und vertraue auf die freie
-Gnade Gottes in Christo, als auf meine einzige Hoffnung und Zukunft.«
-
-Überhaupt war er, selbst in den bewegten Tagen der Wahlzeit überaus
-ruhig und sorglos wegen der bevorstehenden Entscheidung. Wußte er doch,
-daß die Entscheidung fallen werde und fallen müsse, wie es in Gottes
-Rat und Willen beschlossen sei, und in den sich ganz zu fügen und immer
-völliger sich fügen zu lernen, war für ihn Hauptsache. So berührte er,
-als er am Sonntage vor der Wahl den Besuch eines Geistlichen empfing,
-diese mit keiner Silbe, sondern unterredete sich zu dessen großer
-Bewunderung lediglich über geistliche Dinge, wie es dem Tage des Herrn
-angemessen war.
-
-[Illustration]
-
-Und in einem Briefe an seine Frau aus diesen Tagen heißt es unter
-Anderem: »Wie schön muß Broomfield (der damalige Aufenthaltsort seiner
-Familie) in diesem Augenblicke sein! Auch hier ist spanischer Flieder
-und Weißdorn an warmen Stellen in Blüte. Ich stelle mir oft vor, wie
-ich den Garten mit Dir und den Kleinen durchstreife, und gewiß habe
-ich mich im Geiste mehrmals täglich mit Euch vereinigt und gehofft,
-wir wendeten uns zugleich an den Thron der Gnade. Wie barmherzig und
-gnädig ist Gott gegen mich! Gewiß muß ich die allgemeine Liebe, welche
-ich erfahre, als einen besonderen Beweis der Güte des Allmächtigen
-ansehen. Wahrlich kein Mensch hat soviel Ursache, den Ausspruch zu dem
-seinigen zu machen: »Gutes und Barmherzigkeit sind mir gefolgt mein
-Leben lang.« Ich danke Gott, mein Geist ist ruhig und heiter. Ich kann
-Ihm ohne Ängstlichkeit den Ausgang überlassen und wünsche nur, daß ich
-in der Stellung, in welche ich gesetzt werden mag, die Lehre Gottes
-und meines Heilandes und mein christliches Bekenntnis ehren möge. Ich
-muß gute Nacht sagen. Möge Gott dich segnen! Küsse die Kleinen und
-grüße freundlichst das ganze Haus und andere Freunde! Wenn es bei Euch
-so heiß gewesen ist, wie bei uns, (bei Ostwind zeigte das Thermometer
-um 12 Uhr im Schatten 77° Fahrenheit!) so müßt Ihr viel ausgestanden
-haben. Jeder Segen treffe Dich und die unsrigen in Zeit und
-Ewigkeit. Immer Dein anhänglicher W. Wilberforce.«
-
-Eine leichte Lungenentzündung, die ihn im Dezember 1807 befiel,
-hinderte Wilberforce, an der Parlamentssitzung dieses Winters
-teilzunehmen. Als aber im März 1808 eine sogenannte »afrikanische
-Stiftung« errichtet wurde, welche sichs zur Aufgabe stellte, dahin zu
-wirken, daß das Gesetz wegen Aufhebung des Sklavenhandels auch wirklich
-zur Ausführung gebracht werde, ließ er sich, obwohl seine Krankheit
-noch nicht völlig überwunden war, doch nicht abhalten, sich an dieser
-Stiftung mit allem Eifer zu beteiligen. Ohnehin schien es ihm, daß
-sich jetzt in Spanien, welches dem französischen Eroberer so kräftigen
-Widerstand im Volkskriege entgegensetzte, eine Stimmung bilden müsse,
-die der Aufhebung des Sklavenhandels auch in diesem Lande, das ihn
-ohnehin nur schwach betrieb, günstig wäre. Wo man Unterdrückung und
-Grausamkeit so verabscheuen lerne, meinte er, wie es jetzt die Spanier
-durch die Franzosen lernten, da könne man auch die Grausamkeiten des
-Sklavenhandels fernerhin nicht mehr ruhig mitansehen und dulden.
-
-Während er selber sich mit den spanischen Ministern in Verbindung
-setzte und von diesen auch die Zusicherung ihrer thätigen Teilnahme
-empfing, forderte er seinen Schwager Stephen auf, eine Flugschrift
-an das spanische Volk zu richten, um dasselbe über den Sklavenhandel
-gründlich zu belehren und ihm die Gräuel dieses Handels recht gründlich
-aufzudecken.
-
-Ebenso schrieb Wilberforce an den Präsidenten der vereinigten Staaten
-Nordamerikas, um eine Übereinkunft herbeizuführen, nach welcher
-es jedem Staate freistehen sollte, die Sklavenschiffe des andern
-wegzunehmen, um so den schändlichen Handel, gegen den sich jetzt
-auch die Nordamerikaner auflehnten, völlig lahm zu legen. Denn es war
-allerdings so gekommen, wie die »Westindier« im Parlamente vorausgesagt
-hatten, der Sklavenhandel, wenn auch gesetzlich verboten, wurde
-doch insgeheim und gegen das Gesetz fortgetrieben. Deshalb erwirkte
-Wilberforce auch bei dem Ministerium, daß den englischen Beamten
-auf den westindischen Inseln die größte Wachsamkeit in betreff des
-Sklavenhandels zur Pflicht gemacht wurde, und wandte sich eben deshalb
-auch an den englischen Konsul in Brasilien.
-
-Als er erfuhr, daß auf der ostindischen Insel Ceylon aus Rücksichten
-der Sparsamkeit fast alle christlichen Schulen geschlossen worden
-seien und dadurch die Verbreitung des Christentums dort aufs tiefste
-geschädigt sei, machte er auch diese Sache bei dem Ministerium anhängig
-und erwirkte, daß die alten Schulen zum größten Teile wieder eröffnet
-und neue gegründet wurden.
-
-So wirkte Wilberforce auch außerhalb des Parlamentes nach allen
-Seiten hin, wo sich nur die geringste Veranlassung bot, zum Segen der
-Menschheit und setzte seine schwache Körperkraft unbedenklich ein, wo
-es galt, etwas Gutes zu schaffen.
-
-Um auch während der Parlamentssitzungen bei seiner Familie sein
-zu können, bezog er mit derselben, die bisher in dem etwas weiter
-von London entlegenen Broomfield gewohnt hatte, jetzt eine dem
-Parlamentshause näher gelegene Wohnung in Kensington Gore. Denn er
-fühlte es immer mehr als eine heilige Pflicht, die er bisher wegen
-seiner ausgebreiteten öffentlichen Thätigkeit viel zu wenig hatte
-erfüllen können, sich selbst mit der Erziehung seiner Kinder zu
-befassen, deren Zahl im Laufe der Jahre auf 6 herangewachsen war,
-darunter 4 Söhne und 2 Töchter. Zwar konnte er sich darauf verlassen,
-daß seine Frau den günstigsten Einfluß auf dieselben üben und besonders
-auch für ihre christliche Erziehung sorgen werde; aber es drängte
-sein Vaterherz, gerade in der letzten Beziehung seinen Kindern auch
-selbst etwas zu werden und ihnen aus dem reichen Schatze seines Herzens
-mitzuteilen, was ihm selber von Gott gegeben war.
-
-Wenn er gehofft hatte, dies in der neuen Wohnung besser als bisher thun
-zu können, so war das freilich eine Täuschung; denn sein gastfreies
-Haus wurde gerade hier mehr denn je von Besuchern heimgesucht, ohne daß
-er es hindern konnte und wollte. Nur die frühen Morgenstunden blieben
-ihm frei, und diese war er seit langer Zeit gewöhnt, der Beschäftigung
-mit Gott vor Allem und dann seinen wichtigsten Arbeiten zu widmen.
-
-So nahm er denn nicht ungern das Anerbieten eines Freundes an, dessen
-leerstehenden Landsitz in Sussexshire mit seiner Familie zu beziehen,
-nachdem die Parlamentssitzung des Jahres 1810 beendet war. Und hier
-konnte er sich nun ganz seinen Kindern widmen, was ihm bisher nur an
-den Sonntagen möglich gewesen war. Dann pflegte er mit ihnen nach der
-gemeinsamen Familienandacht regelmäßig zur Kirche zu gehen und den
-übrigen Teil des Tages mit ihnen im Garten oder auf Spaziergängen zu
-verbringen.
-
-Hier in der ungestörten Stille des Landlebens konnte er ihre ganze Art
-und Weise beobachten und je nach der Verschiedenheit der bei ihnen sich
-zeigenden Neigungen und Anlagen seine erziehliche Einwirkung regeln.
-Vor Allem suchte er durch Liebe und Freundlichkeit, die er ihnen in
-reichster Fülle entgegenbrachte, ihre Herzen auch an sich zu fesseln,
-wie sie bereits auf das innigste an das treue Mutterherz gefesselt
-waren, und sich so einen wirksamen Einfluß auf ihr Gemüt zu sichern.
-Aber er ließ es ihnen gegenüber auch an dem nötigen Ernste nicht fehlen
-und strafte sie unnachsichtig, wo es sich nötig erwies. Sie in das
-rechte Verhältnis zu Gott, ihrem himmlischen Vater zu bringen, war und
-blieb jedoch seine Hauptsorge. Nur wachte er ängstlich darüber, daß
-sich in dieses Verhältnis nichts Unächtes und Gemachtes einschleiche,
-und daß die Kinder nicht Gefühle erheuchelten, die ihren Herzen fremd
-waren. Wenn er in ihnen die Liebe zu Gottes Wort und zur Kirche zu
-erwecken und zu nähren bemüht war, so that er das mehr durch sein
-eigenes Vorbild als durch Worte der Mahnung.
-
-Aus diesem für ihn selbst so lieblichen, für seine Kinder aber so
-ersprießlichen Stillleben wurde er indes bald durch die Nachricht
-aufgeschreckt, daß der König Georg III. ernsthaft erkrankt sei und
-deshalb schon am 1. November eine Sitzung des Parlamentes stattfinden
-müsse, um wegen einer Stellvertretung in der Regierung des Landes
-zu beraten. Da die Ärzte die Krankheit des Königs für hoffnungslos
-erklärten, so übernahm der Kronprinz, oder wie er in England stets
-heißt: der Prinz von Wales, im Januar 1811 die Regierung.
-
-Jetzt, wo eine Auflösung des Parlamentes und neue Wahlen zu erwarten
-standen, legte sich Wilberforce der Gedanke nahe, die mit so vieler
-Mühe und Arbeit verbundene Vertretung der großen Grafschaft York
-aufzugeben und sich lieber für einen kleineren Bezirk wählen zu
-lassen. Die sorgfältige Beschäftigung mit seinen Kindern hatte ihn die
-Notwendigkeit eines solchen Schrittes deutlich einsehen gelehrt.
-
-Seinen bisherigen Wählern wollte es freilich gar nicht einleuchten,
-daß sie den Mann verlieren sollten, der so lange mit hingebender Treue
-ihre Interessen im Parlamente vertreten hatte, und dessen Namen im
-ganzen Lande einen so hellen, guten Klang besaß; es bedurfte einer
-wiederholten bestimmten Erklärung von seiner Seite, daß er die ihm
-angetragene Wahl für den Flecken Bramber annehmen wolle, ehe sie an
-die Festigkeit seines Entschlusses glaubten. Aber als sie nicht mehr
-zweifeln konnten und ihn schweren Herzens aufgeben mußten, ehrten sie
-seine Verdienste um sie mit einer warmen anerkennenden Dankadresse.
-
-Daß Wilberforce dem Parlamente seine Thätigkeit nicht ganz entzog,
-wurde selbst von Solchen, die bisher seine Gegner gewesen waren,
-anerkannt und mit Freuden begrüßt.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Die freie Zeit, welche Wilberforce dadurch gewann, daß er nicht mehr
-soviel mit der Vertretung seines Wahlbezirks zu thun hatte, verwendete
-er außer für die Sklavensache, von welcher er täglich neu die Erfahrung
-machte, wieviel dabei noch zu thun sei, in der That jetzt in der
-gewissenhaftesten Weise für die Erziehung seiner Kinder. Er ließ sich
-dabei von der erfahrenen Kinderfreundin und Jugendlehrerin beraten, mit
-der er in so genauer, freundlicher Beziehung stand, von Hannah More.
-
-Sooft die Kinder, welche schon so weit erwachsen waren, daß sie
-auswärtige Schulen besuchten, nach Hause kamen, suchte er sich ihnen
-ganz zu widmen und ihnen durch Liebe und Freundlichkeit das Elternhaus
-recht teuer zu machen. War er mit ihnen auf dem Lande, so nahm er trotz
-seiner 50 Jahre lustig an ihren Spielen teil und entwickelte dabei
-einen solchen Eifer, daß er einmal wegen einer Verletzung am Beine, die
-er beim Ballspiel davongetragen hatte, mehrere Wochen das Zimmer hüten
-mußte.
-
-Dazwischen las er mit ihnen unterhaltende und belehrende Schriften,
-aber nicht ohne dieselben vorher auf ihren Inhalt genau angesehen zu
-haben, und würzte oder vervollständigte das Gelesene durch Mitteilungen
-aus seiner eigenen reichen Lebenserfahrung. Vornehmlich suchte er bei
-ihnen, soweit es ihrem Lebensalter angemessen war, eine rechte Liebe
-zu dem Worte Gottes zu erwecken, indem er es nicht allein täglich in
-den Familienandachten vorlas, sondern auch Besprechungen daran knüpfte
-und es in recht verständlicher, kindlicher Weise auslegte. Dabei war
-aber, wie schon bemerkt worden ist, seine ängstlichste Aufmerksamkeit
-darauf gerichtet, daß seine Kinder in der Wahrheit blieben und daß kein
-gemachtes Wesen bei ihnen aufkam. Mit dem bittersten Ernste strafte er
-alles, was nur an das Gebiet des geistlichen Geschwätzes anzustreifen
-schien, und mahnte unablässig zur Nüchternheit und Aufrichtigkeit.
-
-Noch ernster nahm er es damit, als er erfuhr, daß der Sohn eines
-Freundes auf böse Wege geriet und ein trauriges Ende nahm, weil er im
-elterlichen Hause durch unaufhörliche Beschäftigung mit religiösen
-Dingen einen vollständigen Widerwillen gegen alle Religion gefaßt hatte
-und sich, sowie er dem elterlichen Hause entwachsen war, ganz und gar
-dem Unglauben und der Freigeisterei in die Arme geworfen hatte.
-
-Gern gestattete er seinen Kindern harmlose Lebensfreuden und
-Erheiterungen, ja suchte ihnen selber solche in jeder möglichen Form
-zu bereiten. Überhaupt huldigte er bei der religiösen Erziehung seiner
-Kinder dem unzweifelhaft richtigen Grundsatze: »Sprich mehr zu Gott
-über deine Kinder, als zu deinen Kindern über Gott!«
-
-Wie treulich er das erstere that, mag eine Stelle aus seinem Tagebuche
-zeigen, worin er sich selbst anklagend sagt: »Ich bin mir der
-Unzulänglichkeit meiner Kräfte in allem, was die Erziehung meiner
-Kinder betrifft, wohl bewußt, hoffe aber in Demut und Zuversicht,
-daß ich in Wahrheit sagen kann: die geistlichen Angelegenheiten
-meiner Kinder sind das Hauptziel meines Strebens. Es kommt mir mehr
-darauf an, sie als wahre Christen, denn als große Gelehrte oder sonst
-ausgezeichnete Leute zu sehen. Ich bitte Gott ernstlich um Weisheit
-für mich und um reichliche Gnade für meine Kinder, und bin dabei fest
-entschlossen, alle meine Maßregeln genau zu überlegen und dann erst
-zu handeln. In Beziehung auf den Erfolg bin ich dann auf Grund der
-Verheißungen in der Schrift guten Mutes.«
-
-Um erkennen zu lassen, in welch herzlicher, kindlicher Weise
-Wilberforce mit seinen Kindern zu verkehren verstand, lassen wir hier
-einen Brief folgen, den er bei einer längeren Abwesenheit von Hause an
-einen seiner jüngeren Söhne richtete, und der zugleich darthut, daß er
-auch bei den dringendsten Geschäften doch Zeit zu gewinnen wußte, um
-sich mit seinen Kindern brieflich zu unterhalten.
-
- »Mein teuerster Sohn!« schreibt er, »es gefällt mir gar
- nicht, daß Du das einzige von meinen Kindern bist, welches
- während meiner Abwesenheit nicht an mich geschrieben hat
- und daß Du das einzige sein solltest, an welches ich nicht
- schriebe. Daher ergreife ich meine Feder, wenn auch nur für
- sehr wenige Augenblicke, um Dir zu versichern, daß ich nicht
- vermute, Dein Schweigen sei aus einem Mangel an Zuneigung
- entsprungen, sowenig als das meinige aus derselben Quelle
- herzuleiten ist. Es giebt einen gewissen bösen Geist, genannt
- »Aufschub«, welcher ein Schloß in der Luft zu Sandgate (NB.
- dem augenblicklichen Aufenthaltsorte der Familie) sowohl, wie
- an vielen anderen Plätzen bewohnt. Ich vermute, daß Du eines
- Tages, vielleicht an dem Schwanz Deines Drachen, aufgefahren
- bist und Dich in diesem Schlosse niedergelassen hast, worin es
- sehr große weite Zimmer mit herrlichen Aussichten nach allen
- Richtungen giebt. Wahrscheinlich wirst Du diese Wohnung nicht
- verlassen wollen, bis Du hörst, daß ich auf dem Wege nach
- Sandgate bin. Du könntest dort den »Morgen-Mann« (d. h. der
- alles auf morgen verschiebt) treffen, und ich hoffe, Du wirst
- von ihm verlangen, den Rest der unterhaltenden Geschichte
- zu hören, von welcher Miß Edgeworth einen Teil erzählt hat,
- obgleich ich fürchte, er wird zu sehr nach dem Geiste des
- Platzes handeln, als daß er nicht einen Teil der Geschichte
- noch unerzählt lassen sollte -- bis morgen. Doch ich treibe
- Scherze und bin doch diesen Morgen ungewöhnlich in meiner Zeit
- beengt. Ich will darum, mein teuerstes Kind, Dich nur noch
- ernstlich vor dem Aufschub warnen, als einem der gefährlichsten
- Feinde einer nützlichen Wirksamkeit, und Dir versichern, daß
- ich bin heute, morgen und immer, solange ich lebe
-
- Dein Dich liebender Vater W. Wilberforce.«
-
-Wie er aber mit seinen Kindern zu scherzen verstand, ließ es
-Wilberforce im Verkehre mit ihnen auch nicht am heiligsten Ernste
-fehlen. Das zeigt der Schluß eines Briefes, den er an seinen ältesten
-17jährigen Sohn richtete, und darin es heißt:
-
- »Da ich alle meine Zeit aufgewendet und auch die Deinige
- in Anspruch genommen habe, so muß ich zum Schlusse eilen,
- aber nicht ohne in wenigen Worten meinem teuern William zu
- versichern, wie oft ich an ihn denke, wie oft ich für ihn
- bete. O mein teuerster Sohn, ich beschwöre Dich ernstlich,
- Dich nicht verführen zu lassen zur Vernachlässigung, Abkürzung
- oder Übereilung Deiner Morgengebete. Vor allen Dingen hüte
- Dich, Gott in Deinem Kämmerlein zu vernachlässigen. Nichts ist
- gefährlicher für das Leben und die Macht der Religion, nichts
- veranlaßt gewisser Gott, seine Gnade zu entziehen. Lebe wohl,
- mein geliebter William, mein Erstgeborner, und o mein teuerster
- Sohn, halte im Gedächtnis, was für eine Quelle der Freude oder
- des Grams Du Deiner Dich liebenden Mutter sein kannst und
- Deinem Dich liebenden Vater und Freunde
-
- W. Wilberforce.
-
-Derartige Briefe wechselte der Vater wenigstens einmal wöchentlich mit
-seinen Kindern, und um nie daran gehindert zu sein, führte er stets
-Schreibgeräte bei sich, und schrieb nicht selten aus den Häusern seiner
-Freunde, bei denen er eingetreten war.
-
-Wenn wir bisher nur seiner eigenen Bemühungen um seine Kinder gedacht
-haben, so soll damit aber keineswegs angedeutet sein, als ob er dabei
-nicht in voller Gemeinschaft und in vollem Einklange mit seiner Gattin
-gehandelt habe. Im Gegenteile waren beide Eltern stets vereint in
-liebender Fürsorge für die Kinder. Dafür mag nachfolgende Stelle
-Zeugnis geben, die einem Briefe entnommen ist, den Wilberforce an seine
-Frau schrieb:
-
-»Möge Gott Dich segnen, und wenn es so sein Wille ist, möchten wir noch
-lange einander erhalten werden! Ich hege die lebendige Überzeugung, daß
-dies sehr auf dem Verhalten unserer Kinder beruht. Wie ich oft gesagt
-habe, laß es für uns ein Grund sein, danach zu trachten, daß wir selbst
-in der Gnade wachsen. Denn je mehr wir selbst die Gunst des Himmels zu
-erlangen suchen, um mich so auszudrücken, desto sicherer werden wir,
-was wir ja inbrünstig erbitten, das Heil unserer Kinder fördern. O daß
-ich nur noch sehen könnte, wie sie ihre Herzen Gott darbringen! Ich
-denke, dann könnte ich mich freudig zur Ruhe legen.«
-
-Über solch treuer Fürsorge für seine Kinder vergaß jedoch Wilberforce
-seine Sklavensache durchaus nicht, sondern benutzte die größere
-Freiheit von eigentlichen Berufsgeschäften, die er jetzt genoß, dazu,
-diese Sache auf immer weitere und höhere Bahnen zu bringen. Er wußte ja
-freilich wohl, daß ein Werk, das zu seiner Vorbereitung allein soviele
-Jahre erfordert hatte, und so schweren, heißen Kampf, nicht in kurzer
-Zeit vollendet dastehen könne, und deshalb steuerte er geduldig und
-beharrlich, Schritt um Schritt dem Endziele zu, das aber jetzt nicht
-mehr blos die Aufhebung des Sklavenhandels für ihn war, sondern die
-gänzliche Abschaffung der Sklaverei.
-
-Einstweilen konnte er sich nicht darüber täuschen, daß der
-Sklavenhandel ruhig seinen Gang fortging, daß selbst englische
-Schiffe trotz des bestehenden gesetzlichen Verbots ihn fortsetzen.
-In Voraussicht dessen hatte er schon sogleich nach seinem Siege im
-Parlamente darauf gedrungen, daß englische Kriegsschiffe an die
-afrikanischen Küsten beordert würden, um dort zu kreuzen, jedes
-englische Sklavenschiff wenigstens wegzunehmen und die darauf
-befindlichen Neger wieder in Freiheit zu setzen.
-
-Jetzt unterstützte er eifrig den Vorschlag, freie Arbeiter in die
-westindischen Kolonien überzuführen, welche dort gegen bestimmten Lohn
-auf den Plantagen arbeiteten.
-
-Vor Allem aber kam es darauf an, sorgfältig darüber zu wachen, und
-die geeigneten Maßregeln zu treffen, daß nicht, sei es heimlich durch
-englische, sei es öffentlich durch spanische, französische oder
-portugiesische Schiffe immer neue Neger in jene Kolonien eingeführt
-würden. Deshalb sollten die Namen sämtlicher Negersklaven, die sich
-dort bereits befänden, in öffentliche Listen eingetragen, und jeder
-Pflanzer bestraft werden, der bei einer eintretenden Untersuchung im
-Besitze eines nicht eingetragenen Sklaven befunden würde.
-
-Das wäre denn freilich ein gewaltiger Eingriff gewesen in die Rechte
-der einzelnen Kolonien und ihrer Regierungen, welche ziemlich
-selbständig wirtschafteten, und es stand zu befürchten, daß eine
-gewaltige Aufregung in allen Kolonien die Folge wäre. Daher glaubte
-man am besten zu thun, wenn man zuerst auf der Insel Trinidad, der
-südlichsten der kleinen Antillen vor dem Meerbusen von Paria, einen
-Versuch mit der Einregistrierung der Sklaven machte. Denn diese Insel,
-welche die Engländer von den Spaniern erobert hatten und welche 1802
-im Frieden von Amiens förmlich an sie abgetreten worden war, hatte
-noch keine so selbständige Regierung, daß man auf dieselbe besondere
-Rücksichten hätte nehmen müssen.
-
-Der Minister Perçeval, welcher seit 1807 das Ministerium leitete
-und Wilberforce in seinen Bestrebungen gerne unterstützte, erließ
-auch wirklich den Befehl, daß die Registrierung der Negersklaven auf
-Trinidad sofort zu geschehen habe, und war auch weiter durchaus nicht
-abgeneigt, diese Maßregel, wenn sie sich hier als wirksam zur Hemmung
-des Sklavenhandels bewähre, auf die übrigen westindischen Kolonieen
-Englands auszudehnen.
-
-Aber der wohlwollende, christlich gesinnte Mann fiel am 11. Mai 1812
-als das Opfer eines Wahnsinnigen, der ihn erschoß, tief betrauert von
-Wilberforce, der an ihm eine kräftige Stütze verlor und nun vorläufig
-wenig Aussicht hatte, daß die allgemeine Aufzeichnung der Sklaven in
-den Kolonieen zu stande komme. Nur in der »afrikanischen Stiftung«
-behielt man die Sache fest im Auge und zog sorgfältige Erkundigungen
-ein darüber, welche Wirkung die auf Trinidad ausgeführte Maßregel habe.
-
-Inzwischen richtete Wilberforce, der nicht ruhen konnte, seine Blicke
-von Westindien nach Ostindien hinüber, für das er ja schon einmal
-seine Thätigkeit eingesetzt hatte, um dazu zu helfen, daß den dortigen
-Eingeborenen in reicherem Maße das Christentum gebracht werde, als es
-die sogenannte »ostindische Kompagnie« gethan haben wollte, die dort
-drüben fast unabhängig von der Regierung des englischen Mutterlandes
-die Kolonieen beherrschte.
-
-Im Jahre 1813 erlosch nämlich einmal wieder der jener Kompagnie von
-England bewilligte Freibrief, laut dessen sie nicht blos den ganzen
-Handel mit England und allen anderen Ländern betrieb, sondern auch
-so ziemlich nach freiem Ermessen und Gutdünken wirtschaften konnte
-und dafür nur eine bestimmte Abgabe an die englische Regierung
-entrichtete. Viele Stimmen sprachen sich nun dafür aus, daß der
-Freibrief in seiner bisherigen Ausdehnung nicht mehr ausgestellt und
-dadurch jene Kompagnie zu einer beherrschenden Macht im Staate gemacht
-werden dürfe. Dies glaubte Wilberforce benutzen zu müssen, um einen
-Druck auf die ostindische Kompagnie auszuüben, daß sie, wie es auch
-sonst mit ihrem Freibriefe ergehen möge, wenigstens genötigt würde,
-die Hemmnisse zu beseitigen, welche sie bisher der Ausbreitung des
-Christentums in den Weg gelegt hatte. Er brachte die Angelegenheit
-im Parlamente zur Sprache, unterstützt von 900 Bittschriften, die er
-aus allen Teilen Englands zusammengebracht hatte. Er bot wieder seine
-ganze Beredtsamkeit auf und erreichte es zu seiner großen Freude auch
-wirklich, daß sich die große Mehrzahl des Parlaments zu Beschlüssen
-vereinigte, in Folge deren der Missionsarbeit in Ostindien kein
-Hindernis mehr bereitet werden konnte.
-
-Auch in seiner Sklavensache durfte er einen erfreulichen Fortschritt
-verzeichnen. Es war ihm nämlich schon lange ein Dorn im Auge gewesen,
-daß auf der einzigen Besitzung Schwedens in Westindien, auf der kleinen
-Insel St. Barthelemy, ein bedeutender Sklavenmarkt bestand, auf dem
-sich die westindischen Pflanzer trotz der Wachsamkeit der englischen
-Kriegsschiffe leicht mit Sklaven versorgen konnten, solange nicht
-die oben erwähnte Maßregel, die Sklaven aufzuzeichnen, allgemein
-durchgeführt war.
-
-Als nun Schweden, das auf Napoleons Befehl an England hatte den Krieg
-erklären müssen, aber unter diesem Kriegszustande selbst am meisten
-litt, nach Napoleons Niederlage in Rußland sich zum Anschlusse an
-die gegen Napoleon verbündeten europäischen Mächte entschloß und mit
-England seinen Frieden zu machen suchte, drang Wilberforce bei den
-Ministern darauf, daß in die Friedensbedingungen, die England stellte,
-auch die aufgenommen würde, daß Schweden den Sklavenhandel aufgeben
-und aufheben müsse. Es wurde ihm willfahrt, und als erst Schweden sich
-in Folge dessen zur Aufhebung des Sklavenhandels herbeigelassen hatte,
-folgte ihm auch Dänemark bald freiwillig darin nach.
-
-Auch vom Festlande herüber kamen verheißungsvolle Nachrichten, welche
-ein baldiges Ende von Napoleons Gewaltherrschaft und einen dauernden
-Frieden in Aussicht stellten, bei dessen Schließung etwas für die
-Sklavensache Ersprießliches durchzusetzen möglich schien. Und als
-das Gehoffte geschehen war, als Napoleon entthront und von seinen
-Marschällen aufgegeben, auf der Insel Elba saß, wie frohlockend schrieb
-da Wilberforce an seine alte Freundin Hannah More! Hatte er doch
-allezeit den Corsen für eine Gottesgeißel gehalten, die der Herr, wenn
-er sie zur Züchtigung der Völker gebraucht hätte, wieder wegwerfen
-würde. »So hat denn,« schrieb er jetzt, »die Dynastie Buonaparte
-aufgehört, zu regieren, wie Freund Talleyrand uns benachrichtigt;
-das hat Gott gethan! Wie sehr wünschte ich nur, daß mein armer alter
-Freund Pitt noch lebte, um Zeuge von dieser Entwickelung des 25 Jahre
-dauernden Dramas zu sein!« -- Wie ergriff er aber auch sofort die
-Gelegenheit, aus der völlig veränderten Lage Frankreichs für die
-Sklavensache Nutzen zu ziehen!
-
-Kaum hatte Ludwig XVIII. wieder seinen Einzug in Paris gehalten und
-den französischen Thron bestiegen, als er seinen Schwager Stephen
-veranlaßte, ein Schreiben an denselben zu richten und ihm ehrerbietig
-vorzustellen, wie nun, wo England und Amerika, Schweden und Dänemark
-den schändlichen Sklavenhandel abgestellt hätten und selbst Portugal
-seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit nicht mehr in Abrede stellte, ja
-sich zu allmählicher Aufhebung desselben verstehen wolle, Frankreich
-nicht zurückbleiben dürfe, da ohnehin während der langen Kriegszeit
-ihm dieser Handel so gut wie verloren gegangen wäre und eine
-gesetzliche Abschaffung desselben keine Interessen seiner Bewohner
-schädigen könnte.
-
-Wilberforce selbst aber entschloß sich, an den Kaiser von Rußland zu
-schreiben, als an den mächtigsten unter den verbündeten Monarchen, und
-ihn um seine Mitwirkung zur völligen Abschaffung des Sklavenhandels
-zu bitten. Dieser Brief war ihm so wichtig, daß er, was er sonst nie
-that, selbst einen Sonntag darauf verwendete, freilich nicht ohne sich
-nachher ernstlich selbst darüber zu strafen.
-
-Am Schlusse dieses Briefes hieß es: »Aber obgleich die Schuld und die
-Schande dieses schrecklichen Handels Großbritannien nicht mehr trifft,
-so besteht er selbst doch noch, und in der Hoffnung, Sire, daß Sie
-Ihren mächtigen Einfluß zur Unterdrückung desselben anwenden, rufe ich
-Sie im Namen der Religion, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit an,
-Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten. Dem göttlichen Segen vertraue
-ich diese Zeilen an. Möge das allmächtige Wesen, dem Sie, wie ich die
-Zuversicht hege, anhangen und dienen, welches Sie zum Hauptleiter bei
-der Befreiung des europäischen Festlandes von den Banden erhoben hat,
-in denen es durch eine geheimnißvolle Vorsehung so lange gehalten
-war, Sie zu dem geehrten Werkzeuge machen, durch welches es auch an
-Afrika seine gnädigen Absichten vollführt! Mögen Sie leben, Sire,
-ein Zeuge des gesegneten Erfolgs dieser Ihrer Wohlthaten, durch
-welche christliches Licht, sittliche Besserung und gesellschaftliches
-Wohlergehen über die in Nacht liegenden Gegenden kommen! Mögen Sie
-hören, wie die schwarzen Kinder nach der Schrift ihre Hände erheben
-zu dem allein wahren Gotte und nicht zeitlichen allein, sondern auch
-ewigen Segen herabrufen auf das Haupt Alexanders, des Kaisers der
-Russen, als des größten unter ihren irdischen Wohlthätern!«
-
-Wilberforce wollte durchaus, daß bei den Verhandlungen wegen des
-Pariser Friedens (Mai 1814) von seiten Englands die Forderung erhoben
-würde, daß die von ihm eroberten französischen Kolonieen nur unter
-der Bedingung zurückgegeben werden könnten, daß Frankreich sich zur
-Abschaffung des Sklavenhandels verstünde. Er setzte alles in Bewegung,
-um darauf hinzuwirken. Er wollte anfangs sogar selber in eigener
-Person nach Paris reisen und dort seinen Einfluß geltend machen, zog
-es jedoch endlich vor, zu Hause zu bleiben, weil ihm das Parlament ein
-geeigneterer Schauplatz für sein Wirken zu sein schien.
-
-Aber obwohl der frühere Leiter der Sierra Leone-Gesellschaft, der zu
-den eifrigsten Gegnern des Sklavenhandels gehörte, an seiner Stelle
-hinüberging und seinen Einfluß auf den englischen Bevollmächtigten
-in vollem Maße geltend machte, konnte dieser doch nur erreichen, daß
-Frankreich die Wiedererlangung seiner sämtlichen Kolonieen durch
-das unbestimmte Versprechen bezahlte, den Sklavenhandel binnen 5
-Jahren aufheben zu wollen. Der französische Hochmut, so tief er auch
-gedemütigt worden war, sträubte sich etwas anzunehmen, was von dem
-gehaßten England ausging und wie ein Befehl desselben aussehen konnte,
-und der englische Bevollmächtigte trug wohl diesem Hochmute zu sehr
-Rechnung.
-
-Wilberforce war auf das bitterste enttäuscht, gab sich aber sofort
-daran, zu retten, was noch zu retten war. Er mühte sich ab, recht
-viele Bittschriften herbeizuschaffen, in welchen das Volk sein
-Bedauern ausspreche über die Wendung, welche die Sklavensache jetzt
-genommen habe, und sich sogar zu weiteren Opfern an Kolonieen bereit
-erklärte, um Frankreich die ihm bewilligten 5 Jahre Sklavenhandel
-damit abzukaufen, aber auch ernstlich darauf dränge, daß, wenn sich
-eine Verkürzung dieses Zeitraums nicht erreichen ließe, durch eine
-allgemeine Übereinkunft aller europäischen Staaten der Sklavenhandel
-nach Ablauf dieser 5 Jahre für Seeraub erklärt und in der Behandlung
-diesem gleichgestellt werde.
-
-Diese Bittschriften, deren wirklich 800 zusammen kamen mit beinahe
-einer Million Unterschriften, und deren Übergabe an das Parlament
-Wilberforce, als »dem Vater unserer großen Sache« anvertraut
-wurden, sollten dazu führen, daß das Parlament eine Adresse an den
-Prinz-Regenten richte, worin die Bitte und der Wunsch Ausdruck fänden,
-der englische Bevollmächtigte für den bevorstehenden Wiener Kongreß
-möge beauftragt werden, fester und entschiedener, als es beim Pariser
-Friedensschlusse geschehen sei, in der Sklavenfrage aufzutreten.
-
-Wirklich gelang es auch der Beredtsamkeit, mit welcher Wilberforce die
-Sache im Parlamente vortrug, zu bewirken, daß eine solche Adresse an
-den Prinz-Regenten beschlossen wurde. »Wenn alle jetzt Lebenden«, sagte
-er unter Anderem, »ihre Häupter zur Ruhe gelegt haben, und die Thaten,
-welche jetzt so mächtig alle Gefühle aufregen, durch die Feder des
-kalten, unparteiischen Geschichtschreibers berichtet werden; wenn man
-sehen wird, daß eine solche Gelegenheit wie die jetzige verloren wurde;
-daß die erste Handlung des wieder eingesetzten Königs von Frankreich
-die Wiederherstellung eines Handels in Knechtschaft und Blut war: was
-für ein Urteil wird sich dann bilden von den Anstrengungen, welche
-England gemacht, oder von dem Einflusse, welchen es auf ein Volk unter
-so gewichtigen Verpflichtungen geäußert hat? Gewiß, man wird weder vom
-britischen Einflusse, noch von französischer Dankbarkeit eine hohe
-Meinung gewinnen!«
-
-Als im Juli 1814 der Kaiser von Rußland und der König von Preußen,
-von ihren siegreichen Heerführern begleitet, einen Besuch in London
-abstatteten, hatte Wilberforce bei dem Kaiser Alexander mehrmals
-Audienz und wurde stets von ihm auf das huldvollste empfangen, ja
-erhielt die Erlaubnis, sich noch weiter schriftlich an ihn zu wenden,
-wenn er es für gut hielte.
-
-Auch Friedrich Wilhelm III. wünschte Wilberforce kennen zu lernen und
-wurde so von ihm eingenommen, daß er ihm zum Andenken ein kostbares
-Porzellan-Service schenkte.
-
-Der alte Blücher, der einer von Wilberforce geleiteten Versammlung
-beiwohnte, worin beraten werden sollte, wie man helfen könne, die
-Leiden lindern, welche der Krieg über Deutschland gebracht, erhielt
-von dem heiligen Eifer, mit welchem Wilberforce für die Notleidenden
-redete, einen so tiefen lebhaften Eindruck, daß er sich nachher
-demselben vorstellen ließ und sich in sehr herzlicher Weise mit ihm
-unterhielt, allerdings vermittels eines Dolmetschers, da er der
-englischen Sprache ebensowenig mächtig war, wie Wilberforce der
-deutschen.
-
-Selbst von den Kosaken, die in Begleitung der Monarchen mit nach
-England gekommen waren, erzählt Wilberforce, daß sie obwohl sonst scheu
-gegen Jedermann, sich doch gegen ihn stets freundlich bewiesen hätten.
-Vielleicht hatten sie mitangesehen oder erfahren, daß nicht blos ihr
-Kaiser mit ihm freundlich gewesen, sondern auch der von ihnen so hoch
-geehrte »Marschall Vorwärts.«
-
-Aber was half es viel, daß Wilberforce bei all' diesen Gelegenheiten,
-den Mächtigen der Erde nahezukommen, darauf bedacht nahm, wo es nur
-irgend anging, ein gutes Wort für seine Herzenssache einzulegen? Was
-half's, daß er sich wegen derselben mit den angesehensten Männern
-Frankreichs in Briefwechsel einließ? Was half's, daß der englische
-Bevollmächtigte beim Wiener Kongreß die bündigsten Anweisungen erhalten
-hatte von seiten des Prinz-Regenten, die Sklavensache mit aller
-Entschiedenheit so wie es Wilberforce wünschte, zu betreiben? -- Der
-Erfolg all dieser Bemühungen war nur ein sehr geringer. Es wurde nur
-erreicht, daß der Sklavenhandel auf einen ganz bestimmten Teil der
-afrikanischen Küste beschränkt werden sollte. Denn außer dem Könige
-Ludwig XVIII. waren unter den höher gestellten Männern Frankreichs nur
-sehr wenige, die sich für die völlige Aufhebung des Sklavenhandels
-hatten gewinnen lassen. Daß diese Angelegenheit gerade von England so
-nachdrücklich betont, so kräftig betrieben wurde, gereichte ihr am
-allerwenigsten zur Empfehlung bei den Franzosen. Wie freudig man auch
-in Frankreich aufatmete, daß nun der Druck, welchen der Mann von Elba
-geübt hatte, aufhörte, es verdroß dennoch den französischen Hochmut im
-stillen, daß sich England allein unter den von ihm bekämpften Mächten
-unter diesen Druck nicht hatte beugen lassen.
-
-Wer hätte aber denken sollen, daß das, was auf dem Wege friedlicher
-Unterhandlungen nicht hatte erreicht werden können, mit einem Male
-durch einen Machtspruch dessen hinausgeführt werden würde, der so lange
-nicht nur seinem eigenen, sondern auch fremden Völkern das Joch der
-Knechtschaft aufgedrückt hatte?
-
-Am 1. März 1815 kehrte Napoleon von Elba zurück nach Frankreich,
-und wenn auch er sogleich von allen Monarchen Europas in die Acht
-erklärt wurde, war doch der Glanz seines Namens für die Eitelkeit der
-Franzosen so berückend, daß alle gegen ihn gesendeten Truppen des
-Königs dem gefeierten Feldherrn zufielen, und daß er ohne Widerstand
-den von dem geflüchteten Ludwig XVIII. verlassenen Thron Frankreichs
-wieder einnehmen konnte. Und -- wer hätte sich nicht darüber wundern
-sollen? -- eine seiner ersten Regierungshandlungen war die, daß er die
-gänzliche Aufhebung des Sklavenhandels verordnete, und zwar für sofort,
-ohne daß er sich an die im Pariser Frieden festgesetzte fünfzehnjährige
-Frist kehrte.
-
-Allerdings dauerte ja die ganze wiederhergestellte Kaiserliche
-Herrlichkeit nicht länger als 100 Tage und wurde bei Waterloo und bei
-Belle-Alliance durch die Anstrengungen Blüchers und Wellingtons ohne
-jegliche Hoffnung auf Wiederauferstehung begraben; aber als Ludwig
-XVIII. wieder auf den Thron Frankreichs zurückgekehrt war, mußte es als
-eine Unmöglichkeit erscheinen, jenen Machtspruch Napoleons gegen den
-Sklavenhandel wieder aufzuheben.
-
-Wilberforce freute sich selbstredend dieses erfolgreichen Machtspruchs
-von Herzen, wenn er auch deshalb von dem gefallenen Tyrannen keine
-bessere Meinung bekam. Er urteilte nach wie vor über ihn als eine
-Zuchtrute Gottes für die Völker Europas und drückte sich dahin aus,
-als er von seiner Wiederkunft von der Insel Elba hörte: »Er führt
-unbewußt den göttlichen Willen aus, und es ist wahrscheinlich, daß
-die Leiden, welche er früher über die Nationen Europas gebracht
-hat, die beabsichtigte Wirkung der Demütigung und Besserung nicht
-hervorbrachten; deshalb ist es ihm erlaubt worden, noch einmal
-aufzutreten und die Summe des menschlichen Elends zu mehren.«
-
-Es war gleichsam eine prophetische Anwandelung, die Wilberforce am
-18. Juni, dem Tage der Schlacht bei Belle-Alliance zu seinen Kindern
-sprechen ließ, als er sie bei dem Kirchgange auf dem stillen Dorfe, wo
-er sich gerade mit ihnen befand, auf die Schönheit der Natur aufmerksam
-machte: »Vielleicht bestehen in diesem Augenblicke, da wir so in
-Frieden zum Hause Gottes gehen, unsere braven Soldaten einen heftigen
-Kampf in Belgien. O wie dankbar sollten wir für alle Güte Gottes gegen
-uns sein!«
-
-Nach London zurückgekehrt, erfuhr er, daß sein »vielleicht« zur
-Wahrheit geworden war, und zwar aus sicherster Quelle. Denn ein
-Adjutant, den Blücher eigens herübergesandt hatte, brachte dem
-Prinz-Regenten die Freudenkunde von dem großen Siege, den die Engländer
-und Preußen nach heißem Kampfe erfochten hätten.
-
-»Hat Ihnen der Marschall Blücher noch einen anderen Auftrag gegeben?«
-fragte der Prinz-Regent den willkommenen Boten.
-
-»Ja,« antwortete dieser, »er hat mir aufgetragen, Herrn Wilberforce von
-allem, was vorgegangen ist, zu benachrichtigen.«
-
-»So gehen Sie auf alle Fälle selbst zu ihm,« antwortete der
-Prinz-Regent, »Sie werden sich über ihn freuen.«
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Wilberforce durfte jetzt, wo nur noch Spanien und Portugal an dem
-Sklavenhandel festhielten, ohne sich aber voraussichtlich noch lange
-dem Drucke der öffentlichen Meinung entziehen zu können, in bezug auf
-seine große, heilige Sache hell und freudig in die Zukunft blicken.
-Aber um so trüber und trauriger gestaltete sich für ihn persönlich die
-Gegenwart.
-
-Schon am 15. Januar 1815 nämlich war sein treuer Mitarbeiter und Freund
-Henry Thornton gestorben, von welchem er selbst bezeugt, daß derselbe
-einer seiner ältesten, genauesten, innigsten und wertvollsten Freunde
-gewesen sei, und dessen Verlust ihm um so schwerer fiel, weil er in
-christlicher Beziehung auf völlig gleichem Boden mit ihm gestanden
-hatte und so ein Austausch der Herzen über die höchsten, heiligsten
-Dinge und Fragen des Lebens zwischen ihnen möglich gewesen war.
-
-Bald nach demselben starben ihm noch zwei andere Freunde, die seinem
-Herzen ebenfalls nahe gestanden hatten, sodaß er an Hannah More
-schrieb: »Wie ergreifend! Wir schauen uns alle unwillkürlich um und
-fragen mit forschendem Blicke: Wer ist wohl der nächste, Herr? O
-möchten diese Warnungen die gehörigen Folgen haben, daß sie uns für die
-Vorladung bereit machen!«
-
-Und wenn auch nicht +der+ so doch +die+ »nächste« ließ nicht lange
-auf sich warten; denn schon am 13. Oktober folgte die Witwe von
-Henry Thornton ihrem Gatten nach mit einem Tode, der für den an
-ihr Sterbebett berufenen Wilberforce im höchsten Grade erbaulich
-wurde. Als er am Morgen ihres Todestages in die Versammlung einer
-Hülfs-Bibelgesellschaft ging, konnte er es nicht lassen, dort von dem
-tiefen Eindrucke, welchen die Sterbende auf ihn gemacht hatte, beredtes
-Zeugnis zu geben.
-
-»Ich komme jetzt eben,« sagte er, »von einem Auftritte, wo der Wert des
-Buches, dessen Verbreitung der Gegenstand Ihrer Thätigkeit ist, sich
-klar entfaltet hat. Ich darf das Zeugnis nicht vorenthalten, welches
-hier von der heilenden und siegreichen Wirksamkeit der vom Geiste
-Gottes eingegebenen Schrift sich zeigte. Ich komme aus einem Zimmer,
-in welchem eine Witwe, umgeben von ihren nun bald völlig verwaisten
-Kindern, befähigt ist, dem letzten Feinde ruhig ins Auge zu sehen.
-Sie selbst besitzt einen Frieden, welchen nichts trüben kann, da er
-die Gabe Gottes ist. Ihre Kinder sind in gewissem Grade im stande,
-das Vorgefühl der Hoffnung ihrer Verherrlichung zu hegen. Es ist ein
-Auftritt, welchem man beigewohnt haben muß, um den vollen Eindruck
-im Herzen zu erforschen: ein Bewußtsein der Zufriedenheit und des
-Glücks in den Augenblicken des tiefsten äußeren Mangels und Kummers,
-eine Erhebung über die Leiden und Anfechtungen dieses vergänglichen
-Lebens. -- Laßt mich fragen: ist dieser Trost in Traurigkeit, diese
-Hoffnung im Tode etwa ein Familiengeheimnis, von dem die Menschen im
-allgemeinen ausgeschlossen sind? Nein, es ist das, was das Wort Gottes
-allen bietet, welche es ergreifen wollen. Wie konnte ich daher umhin,
-zu kommen und Ihnen Glück zu wünschen, daß es ihnen gestattet ist,
-die geehrten Werkzeuge des Allmächtigen zur Verbreitung einer solchen
-Herzstärkung in einer sterblichen Welt zu sein? Wie konnte ich umhin,
-mich zu freuen, daß es mir vergönnt ist, mich mit Ihnen zu vereinigen
-in den Bemühungen, durch welche diese unvergänglichen Segnungen in
-Umlauf gesetzt werden?«
-
-Aber es waren nicht blos diese rasch hinter einander folgenden
-Todesfälle, wodurch ein trüber, trauriger Schatten in das Leben unseres
-Wilberforce fiel, sondern auch ein recht betrübendes persönliches
-Erlebnis.
-
-Im Parlamente wurde nämlich ein Gesetzesvorschlag eingebracht, wonach
-von dem in England eingeführten Getreide ein Zoll erhoben werden
-sollte, die sogenannte »Kornbill«. Begreiflicherweise war dies keine
-erwünschte Maßregel für alle, die Brot kaufen mußten, weil dasselbe
-dadurch notwendig verteuert werden mußte, allein es war eine Maßregel,
-die sich zum Schutze der inländischen Ackerbauer als unbedingt nötig
-erwies. Wilberforce prüfte gewissenhaft und sorgfältig die Sachlage und
-trug, als er sich von der Notwendigkeit des Kornzolles überzeugt hatte,
-durchaus kein Bedenken, der Kornbill seine Unterstützung zu teil werden
-zu lassen.
-
-Da wandte sich trotz seiner sonstigen allgemeinen Beliebtheit der
-Unwille des Volkes gegen ihn, und zwar in solchem Maße, daß er es für
-angezeigt hielt, eine Schutzwache von 6 Mann in sein Haus zu nehmen,
-um sich vor einem zu befürchtenden Sturme des Volkes auf dasselbe zu
-schützen. Auch er mußte es also erfahren, welch ein wetterwendisches
-Ding die Volksgunst sei und wie wenig es dieselbe verdiene, daß man
-begehrlich nach ihr hasche, ihr zu liebe vielleicht gar gegen die
-Stimme seines Gewissens handele.
-
-So wenig ihn aber die Gunst oder Ungunst des Volkes in seinem Verhalten
-irgendwie beeinflussen konnte, so wenig machte er sich auch aus den
-Gunstbezeugungen, die ihm von seiten des Hofes zukamen, als dieser
-in Brighton seinen Aufenthalt nahm, wo sich Wilberforce jetzt eben
-mit seiner Familie aufhielt. Der Prinz-Regent lud ihn zu wiederholten
-Besuchen ein und überhäufte ihn mit Artigkeiten. Er trug sogar selbst
-Sorge dafür, daß, wenn Wilberforce die Einladung zu Tische angenommen
-hatte, nur solche Personen in seine Nähe gesetzt wurden, von denen
-er keine Kränkung in seinen religiösen Anschauungen und Gefühlen zu
-befürchten hatte.
-
-Als ihn sein Schwager Stephen wegen dieser ihm erwiesenen Artigkeiten
-neckte und meinte, er würde am Ende doch noch »Peer«, d. h. Mitglied
-des Oberhauses, werden, antwortete er, da dürfe man unbesorgt sein, er
-werde als William Wilberforce leben und sterben; denn er sehe immer
-mehr, daß die Großen in der Welt am meisten zu bemitleiden seien und er
-danke deshalb stets seinem Gotte, daß er ihn in eine Stellung geführt
-habe, welche für seine Kinder nicht die großen oder wohl noch größere
-Versuchungen und Gefahren herbeiführen würde, die er selbst zu bestehen
-habe.
-
-Auch gab es für diese Gunstbezeugungen des Hofes bald wieder ein
-heilsames Gegengewicht in seinem Leben, das ihn, wenn er sich ja
-hochmütigen Regungen hätte hingeben wollen und können, alsbald wieder
-niederziehen und demütig machen mußte.
-
-Nicht allein, daß er von dem Ministerium im Stiche gelassen wurde,
-als er die sogenannte »Registerbill« wieder im Parlamente einbrachte,
-wonach die Zählung und namentliche Aufzeichnung der Sklaven, wie
-sie für die Insel Trinidad angeordnet worden war, und sich dort
-sowohl als ausführbar, als auch segensreich bewiesen hatte, für alle
-englischen Kolonieen in Westindien angeordnet werden sollte; nein
-auch die Gegner der Sklavensache regten sich wieder mit Macht, als
-sie inne wurden, welch' zarte Rücksichten das Ministerium damit auf
-die Selbstständigkeit der Regierungen in den Kolonieen nahm. Sie
-glaubten jetzt jedes weitere Fortschreiten des Sklavenfreundes in
-seinen Bestrebungen wirksam hindern zu können, und wählten dazu das
-verwerfliche Mittel, dessen Persönlichkeit anzutasten und nicht nur
-im Parlamente, sondern auch in Flugschriften, welche sie unter das
-Volk warfen, Wilberforce auf das schnödeste zu verdächtigen und
-zu verleumden. Man ging darin so weit, daß Wilberforce einmal mit
-bitterem Lächeln im Parlamente sagte: »Wenn alles, was mir meine Gegner
-vorwerfen, wahr wäre, so hätte ich schon vor 30 Jahren des Todes
-schuldig erklärt werden müssen.«
-
-Es war jedoch nicht die Furcht vor diesen Verleumdungen, welche ihn
-abhielt, in der Sitzung des Parlamentes von 1816 die Registerbill
-wiederum einzubringen, sondern der erfreuliche Umstand, daß sich jetzt
-Spanien zur völligen Aufgebung seines Sklavenhandels zu entschließen
-schien und deshalb in Verhandlungen mit England eintrat, die durch das
-Einbringen der Registerbill hätten gestört werden können. Allerdings
-zogen sich diese Verhandlungen bis ins folgende Jahr hin, weil Spanien
-für die Aufgebung des Sklavenhandels eine hohe Entschädigungssumme
-forderte; aber sie kamen doch endlich zum erwünschten Austrage,
-nachdem man über eine Entschädigungssumme von 400,000 Pfund Sterling
-(= 8 Millionen Mark) übereingekommen war, welche England bezahlen
-sollte. Dagegen verpflichtete sich Spanien, bis zum Jahre 1820 den
-Sklavenhandel aufzugeben, hielt aber trotzdem nachher diesen Termin
-nicht ein, sondern erfüllte erst im Jahre 1822 sein Versprechen.
-
-Als von der westindischen Insel Barbadoes Nachrichten über heftige
-Negeraufstände einliefen, die dort stattgefunden, war dies natürlich
-wieder eine willkommene Gelegenheit für die »Westindier,« Wilberforce
-wegen seiner Bemühungen für die Sklaven anzugreifen. Man gab die
-Grausamkeiten, welche sich die empörten Sklaven erlaubt hatten, diesen
-allein schuld, ohne anerkennen zu wollen, daß dieselben von seiten
-der Sklavenhalter durch ihre grausame, schonungslose Behandlung der
-Neger veranlaßt worden seien; man suchte daraus die Notwendigkeit
-zu beweisen, alle Bemühungen zu Gunsten der Neger aufzugeben, weil
-diese, wenn sie von solchen Bemühungen wieder hörten, dadurch zu immer
-neuen Empörungen und blutigen Befreiungsversuchen gereizt würden, und
-ebensowohl auch die andere Notwendigkeit, die widerwilligen Neger durch
-strengen und harten Druck niederzuhalten. Wilberforce mußte wieder
-seine ganze Beredsamkeit aufwenden, um seine Sache, sowie sich selbst
-und seine Grundsätze zu verteidigen. Er unterschrieb jedoch willig
-eine Adresse mit, die den Prinz-Regenten bitten sollte, seine ernste
-Mißbilligung der Vorgänge auf der westindischen Insel auszusprechen,
-aber auch den Regierungen der Kolonieen auf das Ernsteste geeignete
-Maßregeln zur Verbesserung der Lage der Neger zu empfehlen.
-
-Im Oktober 1816 traf unsern Wilberforce der schwere Schlag, daß seine
-innig geliebte Schwester, die Gattin seines Freundes Stephen, verstarb,
-das letzte Glied seiner Familie, von welcher er nun noch allein übrig
-war. Wenn er ihr mit trauerndem Herzen nachrühmen konnte, daß er in ihr
-die zärtlichste Schwester verloren habe, von der er in Wahrheit sagen
-könne, daß es wohl nie auf Erden eine anhänglichere, edlere und treuere
-Freundin ihres Bruders gegeben habe, so konnte er sich ebensowohl zum
-Troste sagen, daß sie in wahrem Frieden mit ihrem Gotte und Heilande
-heimgegangen sei.
-
-Wilberforce hatte bisher immer nur auf Aufhebung des Sklavenhandels und
-bessere Behandlung der Sklaven, welche einmal das Joch der Knechtschaft
-trugen, hingewirkt, ohne noch die gänzliche Aufhebung der Sklaverei
-und völlige Freilassung aller Sklaven, die ihm doch als höchstes
-Ziel vorschweben mußten, anders als in gelegentlichen Äußerungen
-bei Freunden angerührt zu haben. Allein es wurde ihm immer mehr zur
-Überzeugung, daß er nun auch thatsächlich auf dieses Ziel lossteuern
-müsse, wenn sein Werk kein halbes bleiben sollte. So lange es Sklaven
-gab, konnte auch der harte, grausame Geist nicht aussterben, mit dem
-man sich gegen ihre Aufstände glaubte wappnen zu müssen, und der jedes
-menschliche Mitgefühl mit den armen Schwarzen ersticken mußte.
-
-Eine große Freude wurde ihm dadurch bereitet, daß sich im Jahre 1817
-der Negerkönig Heinrich I. auf der Insel St. Domingo oder Haïti
-geradezu mit einer Bitte an ihn wandte, und es damit bewies, daß die
-Schwarzen seinen Eifer für ihr Wohl kannten und zu seiner Menschenliebe
-das vollste Zutrauen hatten.
-
-Mit diesem Negerkönige verhielt es sich aber folgendermaßen. Von dem
-großen Sklavenaufstande auf St. Domingo im Jahre 1791, von welchem
-bereits Erwähnung gethan wurde, und bei dem sich Neger und Farbige
-zur Vertilgung aller Weißen auf der Insel vereinigt hatten, war das
-Ende gewesen, daß in der That sämtliche Weiße, soweit ihnen nicht die
-rechtzeitige Flucht gelang, schonungslos niedergemetzelt wurden. Der
-französische Nationalkonvent hatte darauf am 4. Februar 1794 den Negern
-und Farbigen in dem französischen Teile der Insel völlige Freiheit
-und völlig gleiche Rechte mit den Weißen bewilligt und sogar einen
-der hervorragendsten unter den aufständischen Negern, einen gewissen
-Toussaint L'Ouverture, zum Obergeneral aller französischen Truppen auf
-der Insel eingesetzt. Als nun die Spanier 1795 im Frieden von Basel
-ihre Besitzungen auf der Insel an die Franzosen abgetreten hatten,
-nachdem ihr Versuch fehlgeschlagen war, gemeinsam mit den Engländern
-die mit den Franzosen verbündeten Neger zu besiegen, und auch die
-Engländer im Jahre 1797 die Insel ganz aufgegeben hatten, brachen
-die Neger in einem neuen Aufstande unter ihrem Führer Dessalines,
-auch die Herrschaft der Franzosen, so daß diese im November 1803 die
-Insel räumten. Jetzt warf sich Dessalines zum Herrscher der ganzen
-Insel auf, nahm den Titel: »Kaiser Jacob I.« an und führte ein rohes,
-grausames Regiment über Neger und Farbige. Aber schon nach einem Jahre
-wurde er in einer Empörung gegen ihn ermordet und nun brach die alte
-Eifersucht zwischen Negern und Farbigen wieder in hellen Flammen aus.
-Die Neger sammelten sich unter ihrem Generale Heinrich Christoph, die
-Farbigen unter dem Mulatten Pétion und teilten sich endlich friedlich
-in den Besitz der Insel. Die Farbigen gründeten unter Pétion eine
-Republik, die Neger unter Heinrich Christoph, welcher jedoch 1811 die
-Negerrepublik in eine erbliche Monarchie verwandelte und sich als König
-Heinrich I. die Krone aufsetzte. Obwohl als Sklave geboren, hatte er
-sich dennoch eine tüchtige geistige Bildung zu verschaffen gewußt und
-Erkenntnis genug gewonnen, um einzusehen, daß seine Herrschaft nur
-Bestand haben könne, wenn er sich bemühe, seine Schwarzen aus ihrer
-Rohheit und Unwissenheit herauszureißen.
-
-Schon im Jahre 1815 hatte er sich mit Wilberforce in Verbindung zu
-setzen gewußt und ihm erklärt, daß er in allen Stücken seinem Rate
-folgen wolle. Wilberforce hatte mit Erlaubnis der Regierung diese
-Verbindung gerne angenommen und gepflegt, weil der schwarze König
-versichert hatte, nicht blos die englische Sprache, sondern auch die
-evangelische Religion in seinem Königreiche einführen zu wollen.
-Wie ihm der Negerkönig sein Bildnis zugesandt hatte, so schickte
-Wilberforce als Gegengabe sein eigenes, sowie das seines ältesten
-Sohnes nach Domingo hinüber.
-
-Jetzt im Jahre 1817 wandte sich König Heinrich I. wiederum an
-Wilberforce mit der Bitte, ihm einen englischen Erzieher für seinen
-Sohn, sowie 7 Lehrer für das Volk und 7 Professoren für eine zu
-errichtende Hochschule zu senden, auch englische Landleute zur
-Ansiedelung auf St. Domingo zu bewegen, indem er zugleich 6000 Pfund
-Sterling (120,000 M.) zur Bestreitung der Kosten beilegte.
-
-Niemand wird bezweifeln, daß es für Wilberforce eine Gewissenssache
-wurde, dieser Bitte zu entsprechen, und mit der ängstlichsten
-Gewissenhaftigkeit die Leute auszuwählen, die er für die Verhältnisse
-in St. Domingo als die tüchtigsten und geeignetsten ansah. Allein es
-waren fruchtlose Bemühungen; denn im Jahre 1820 erschoß sich König
-Heinrich I. bei einem Aufstande, welcher sich gegen ihn wegen allzu
-strenge geübter Gerechtigkeit erhob, und die ganze Insel kam nun unter
-die Herrschaft eines Mulatten Boyer.
-
-Wilberforce, der sich bei dem Kongresse zu Aachen im Jahre 1818,
-allerdings vergeblich, bemüht hatte, für seinen König Heinrich I. die
-Anerkennung der europäischen Mächte zu erlangen, betrauerte es tief,
-daß der für die Bildung seiner Schwarzen so eifrige Mann ein solches
-Ende nahm und machte sich sogar Vorwürfe darüber, daß er für dessen
-christliche Bildung nicht genug gethan und gebetet habe.
-
-Auf dem Kongresse zu Aachen waren zwar die Bemühungen, die Wilberforce
-gemacht hatte, um zu erringen, daß von seiten der dort tagenden
-europäischen Mächte der Sklavenhandel, von dem er nur zu gut wußte,
-daß derselbe nach wie vor weiter betrieben würde, nun in der That mit
-der Seeräuberei auf gleiche Linie gestellt würde, von keinem Erfolge
-gekrönt, aber die deshalb geführten Verhandlungen hatten doch das
-Gute gehabt, daß den Mächten einmal wieder die Scheußlichkeiten des
-Sklavenhandels recht in Erinnerung gebracht wurden. Wilberforce hatte
-sich noch einmal schriftlich an den Kaiser von Rußland gewendet, aber
-wie sehr auch dieser, wie sehr auch die englischen Bevollmächtigten
-bei dem Kongresse sich darum bemühten, es konnte weder hier in Aachen,
-noch auch auf dem 4 Jahre später stattfindenden Kongresse zu Verona die
-allgemeine Erklärung des Sklavenhandels für Seeraub erlangt werden.
-
-Auch die »Registerbill«, obschon wiederholt von Wilberforce im
-Parlamente eingebracht und warm befürwortet, konnte nicht zur Annahme
-gelangen. Sie scheiterte stets an dem hitzigen Widerstande der
-»Westindier« und an ihrer steif festgehaltenen und deshalb von Vielen
-als richtig angesehenen Behauptung, daß die westindischen Kolonieen
-dadurch in ihrem Bestande gefährdet und dadurch auch England selbst
-schwer geschädigt werden würde. Die Verhandlungen darüber machten es
-aber allen Sklavenfreunden immer mehr zur unbestreitbaren Gewißheit,
-daß nur durch völlige Aufhebung der Sklaverei den entsetzlichen
-Grausamkeiten gegen die armen Neger ein Ende gemacht werden könne.
-
-Vorläufig war jedoch für Wilberforce noch nicht daran zu denken, mit
-einem bestimmten dahin zielenden Antrage vor das Parlament zu treten.
-Die öffentliche Meinung in England war dafür noch nicht reif genug.
-Aber seine Papiere aus dieser Zeit geben Zeugnis davon, wie er sich
-fortwährend mit dem großen, edlen Gedanken beschäftigte und unablässig
-auf Maßregeln sann, wie vorläufig wenigstens das Elend der armen
-Schwarzen gelindert werden könne. Er mußte eben in seiner heiligen
-Sache wirken, so lange es Tag für ihn war, und die 60 Lebensjahre,
-die er nun schon auf dem Nacken trug, mußten ihm von Tag zu Tage mehr
-eine Mahnung daran werden, daß es für ihn nicht mehr weit bis zum
-Lebensabende und bis zu der Nacht sei, da niemand mehr wirken kann.
-Auch fühlte er, der eigentlich niemals recht gesund und kräftig gewesen
-war, deutlich, daß seine Lebenskraft sehr in der Abnahme begriffen
-sei, und daß er nicht mehr so wie früher in allen Angelegenheiten des
-Parlaments die ganze Arbeitskraft einsetzen könne und dürfe, wenn er
-für diejenige, welche ihm am meisten am Herzen lag, noch ein wenig
-Kraft behalten wolle.
-
-Nur in Einer Angelegenheit, die mit seiner Sklavensache in keinem
-näheren Zusammenhange stand, konnte er es nicht lassen, wieder in die
-erste Reihe der Parlamentsredner einzutreten, weil sie ihm überaus
-wichtig erschien und im ganzen Lande große Aufregung verursachte.
-
-Der Prinz-Regent, welcher für seinen dem völligen Wahnsinne
-anheimgefallenen und dazu noch erblindeten Vater Georg III. schon
-seit 1811 die Regierung führte, lebte mit seiner Gemahlin, einer
-braunschweigischen Prinzessin, in einer höchst unglücklichen Ehe, und
-es kam so weit, daß die Königin, die schon längst getrennt von ihrem
-Gemahle lebte, endlich die gänzliche gesetzliche Scheidung ihrer Ehe
-beantragte.
-
-Wilberforce, dessen sittliches Gefühl sich dagegen sträubte, daß
-dem Volke von höchster Stelle aus solch ein böses Beispiel gegeben
-werden sollte und der, wenn die Scheidung der königlichen Ehe wirklich
-erfolgte, davon einen beklagenswerten Nachteil für die öffentliche
-Sittlichkeit befürchtete, bot im Parlamente alles auf, die Scheidung zu
-verhindern. Er fragte nichts danach, daß er sich dadurch das Mißfallen
-der Königin zuzog. Allein die Hartnäckigkeit dieser ließ jeden
-Vergleich zwischen den beiden Gatten vergeblich erscheinen, und es wäre
-wohl sicher zum Vollzug der Scheidung gekommen, wenn nicht im August
-1821 der Tod der Königin eingetreten wäre. Auch hierbei zeigte es sich
-wieder recht klar, wie Wilberforce weder nach rechts noch nach links
-sah, wenn ihm sein Weg durch eine klar erkannte Pflicht vorgezeichnet
-war. Denn nicht blos, daß er durch sein Auftreten im Parlamente bei
-der Ehescheidungs-Verhandlung die Gunst der Königin aufs Spiel setzte,
-nein er lief auch dadurch Gefahr, wieder in die Ungunst des Volkes zu
-geraten. Denn dieses stand in seiner großen Mehrzahl auf der Seite der
-Königin gegen den König, welcher sich durch sein zügelloses Leben,
-sowie auch durch seine Regierungsgrundsätze bei dem Volke äußerst
-mißliebig gemacht hatte und schon einmal von einem wütenden Volkshaufen
-thätlich angegriffen worden war.
-
-In seinem häuslichen Leben erlitt jetzt Wilberforce einen empfindlichen
-Verlust durch den Tod seiner ältesten Tochter Barbara. Dieselbe
-war schon im Jahre vorher kurz nach der Verheiratung des ältesten
-Bruders und um eben die Zeit, da Isaak Milner starb, schwer erkrankt
-gewesen, hatte sich aber unter der sorgfältigen, zärtlichen Pflege,
-welche ihr Vater und Mutter bei Tag und Nacht selbst gewidmet
-hatten, wieder soweit erholt, daß man sie dem Leben gewonnen glauben
-durfte. Doch jetzt im Jahre 1821 trat ein Rückfall ein, welchem
-ihre geschwächten Kräfte nicht gewachsen waren. Der Tod knickte die
-liebliche Menschenblume, die sich im Lichte des wahren Christentums zu
-herrlicher Blüte entfaltet hatte.
-
-»Ich werde nie«, so schrieb Wilberforce an einen Freund, »die
-Zärtlichkeit, den Glauben, die Liebe und die Andacht vergessen, mit
-welcher sie, nachdem sich auf ihren Wunsch alle Übrigen entfernt
-hatten, ihr letztes hörbares Gebet für sich und für uns sprach.
-Gehalten durch eine demütige Hoffnung auf die Gnade Gottes in ihrem
-Erlöser und Fürsprecher, war sie fähig, ihre Leiden mit Geduld und
-Ergebung zu tragen und eine Fassung zu bewahren, über welche sie sich
-selber wunderte. An dem Todestage selbst bat sie, man möge ihren Arzt
-fragen, ob noch Hoffnung auf Besserung sei, »aber wenn nicht«, fügte
-sie hinzu, »so ist alles gut«. -- Sie starb wie jemand, der einschläft,
-kaum ein Laut, nicht der geringste Kampf. Ich bin in der Dankbarkeit
-gegen den Geber alles Guten fast verpflichtet, meine Freunde
-aufzufordern, daß sie sich mit mir als über ein Zeugnis der göttlichen
-Gnade freuen. Das Bewußtsein, daß es unserm Kinde wohl ist, ist für uns
-ein Stärkungsmittel von unschätzbarer Wirksamkeit.«
-
-Die Gedanken und Gefühle, welche Wilberforce am Begräbnistage des
-geliebten Kindes seinem Tagebuche anvertraute, sind zu bezeichnend für
-sein inneres Leben, zu bezeichnend besonders für die innige Dankbarkeit
-gegen Gott, welche sein Herz erfüllte, als daß wir uns enthalten
-könnten, sie wenigstens teilweise hier mitzuteilen. Es war ein
-ungewöhnlich kalter Wintertag, an welchem das Begräbnis stattfand, und
-Wilberforce mußte sich, so schwer es ihm auch wurde, in Rücksicht auf
-seine schwache Gesundheit enthalten, den Sarg zum Grabe zu geleiten.
-Aber klagte und weinte er nur daheim? Nein, im Gegenteile.
-
-»Ich sah den Sarg«, schreibt er. »Wie eitel der Zierrat, wenn man
-daran denkt, in welchem Zustand der Erniedrigung sich der Körper
-befindet, der im Sarge liegt! Bald nachdem der Leichenwagen und unsere
-lieben Freunde fort waren, bin ich in mein kleines Zimmer gegangen, und
-hier beschäftige ich mich nun mit Schreiben und mit Gebet, indem ich
-Gott für seine wunderbare Güte gegen mich preise und meine äußerste
-Unwürdigkeit beklage. Denn wahrlich, blicke ich auf mein vergangenes
-Leben zurück und übersehe es; vergleiche ich besonders die zahlreichen,
-fast unzähligen Beweise von Gottes Freundlichkeit gegen mich damit, wie
-ich sie vergolten habe: so bin ich überwältigt und kann mit Wahrheit
-dem Zöllner nachsprechen: »Gott sei mir Sünder gnädig!« -- Es ist eine
-besondere Güte gegen mich, und die fast einzigartigen Vorzüge, die ich
-genossen habe, was mich so mit Demütigung und Scham erfüllt. Meine
-Tage erscheinen wenig, wenn ich zurückschaue, aber sie sind eher alles
-andere gewesen, als böse. Ich bin in allerlei Weise gesegnet worden,
-und zwar auf bleibende Weise, besonders dadurch, daß ich ein heiteres
-Gemüt und so reichliche Glücksgüter empfing. -- Ich bin so frühe für
-Hull ins Parlament gekommen, dann für Yorkshire sechsmal erwählt worden
-und hörte nur auf, für diese Grafschaft Parlamentsglied zu sein, weil
-ich selbst diese Stellung aufgab. Ich bin zum Werkzeuge erwählt worden,
-die Abschaffung des Sklavenhandels vorzubringen; ich habe mächtig
-der Sache des Christentums in Indien helfen können; ich bin nie in
-üblen Ruf gebracht, sondern immer bei allen öffentlichen Geschäften
-unterstützt worden. Ich entging der Lebensgefahr durch eine plötzliche
-Beihülfe der Vorsehung. Man hat mich nie beschimpft, weil ich mich
-weigerte, mich zu duellieren. -- Ich habe mich so spät, 37 Jahre alt,
-verheiratet und doch eine der liebevollsten Frauen gefunden. Ich habe
-6 Kinder gehabt, welche alle auf das äußerste an mir hangen. Obgleich
-uns unsere teure Barbara entrissen ist, so haben doch im ganzen wenige
-Menschen solchen Grund zur Dankbarkeit wegen der Kinder, die immer
-lauter Liebe gegen mich waren. -- Kein Mensch hat wohl je so viele
-liebe Freunde gehabt; sie überwältigen mich ganz mit ihrer Güte und
-zeigen, daß es weise war, Freundschaften mit Männern meines Ranges zu
-pflegen, vor allem religiöse Menschen zu Freunden zu wählen. Die Großen
-und Edlen behandeln mich jetzt alle mit Achtung, weil sie sehen, daß
-ich unabhängig von ihnen bin, und einige, glaube ich, fühlen eine wahre
-Anhänglichkeit an mich. -- Ferner habe ich Gaben genug, um mir Ansehen
-zu erwerben, wie durch die natürliche Gabe, öffentlich zu reden, obwohl
-mich mein Augenübel leider beim Studieren wie beim Schreiben hindert.
--- Ferner bin ich zu einem Werkzeuge gemacht worden, viel geistliches
-Gute durch mein Werk über das Christentum zu stiften. Wie viele haben
-mir mitgeteilt, es sei für sie das Mittel gewesen, daß sie sich Gott
-zugewendet haben!«
-
-Aber wie weit entfernt ist Wilberforce von Stolz und Selbstüberhebung
-bei dieser Aufzählung der ihm verliehenen Gaben und der von ihm
-geübten Wirksamkeit! Wie sieht er vielmehr alles als Gnadengaben und
-Gnadenwirkungen von oben herab an und gibt in tiefster Demut dem Herrn
-allein die Ehre dafür!
-
-»Und das alles,« so bekennt er, »dauert nun schon so lange, obgleich
-ich Gott so viele Ursache gegeben habe, es mir zu nehmen! Diese zu
-nennen, gehört nicht hierher, aber mein Herz weiß und fühlt sie und
-wird sie hoffentlich immer fühlen. Es ist aber eine große Gnade, daß
-Gott mich befähigt hat, einen reinen gleichmäßigen äußeren Wandel zu
-führen, sodaß ich meinem christlichen Bekenntnisse niemals Schande
-gemacht habe. Lobe den Herrn, meine Seele! Und nun, Herr, will ich mich
-noch feierlicher und entschlossener Dir weihen, und wünsche, noch mehr,
-als ich es je gethan habe, meine Fähigkeiten zu Deiner Ehre und in
-Deinem Dienste anzuwenden.«
-
-Gewiß eine eigentümliche Totenfeier am Begräbnistage eines lieben
-Kindes! Aber wer könnte zweifeln, daß es dadurch dem tiefbetrübten
-Vater möglich wurde, seinen großen menschlichen Schmerz unter die Füße
-zu treten und sich zu dem Worte Hiobs aufzuschwingen: »Der Herr hat's
-gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!?«
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Wie an dieser Tochter, so durfte Wilberforce aber auch an seinen
-übrigen Kindern hohe, heilige Vaterfreude erleben und die
-gottgesegneten Früchte einer Erziehung einernten, die von der größten
-Weisheit und Liebe geleitet war und besonders bei den höchsten,
-heiligsten Herzensangelegenheiten stets aus die größte Aufrichtigkeit
-und Wahrhaftigkeit drang.
-
-Er wollte nicht, daß seine Söhne in seine eigenen Fußstapfen treten
-und sich auch zu Männern des Parlaments heranbilden sollten. Er kannte
-dazu die Versuchlichkeit der öffentlichen Thätigkeit und die Gefahren,
-welche dieselben für das innere Leben hat, viel zu gut aus eigener
-Erfahrung. Vielmehr war es sein inniger Wunsch, daß sich seine Söhne,
-soweit sie sich dazu eigneten, dem Dienste der Kirche widmeten, und er
-durfte auch die große Freude erleben, daß sie diesen heiligen Beruf
-mit innerer Zustimmung und voller Herzensfreudigkeit ergriffen.
-
-Wie sehr er darauf bedacht war, daß ihnen die rechte innere Weihe für
-diesen Beruf zu teil werde, daß sie vor allem rechte Männer des Gebets
-würden, wie er selbst zu seinem eigenen täglich verspürten Segen durch
-Gottes Gnade einer geworden war, mag folgende Stelle aus einem Briefe
-an einen seiner Söhne zeigen, der in Cambridge seinen Studien oblag:
-
-»O mein teuerster Sohn,« schreibt er, »was gäbe ich darum, Dich als
-ein Licht in der Welt zu sehen! Der Gedanke daran lockt mir Thränen in
-die Augen und macht mich fast unfähig, fortzuschreiben. Mein teuerster
-Sohn, stecke dein Ziel hoch, strebe danach, ein Christ zu werden im
-vollsten Sinne des Wortes! Wie wenig weißt Du, zu welchem Dienste Dich
-Gott berufen kann! Die Jünglinge unserer Tage sind nicht in Gefahr, dem
-Feuer und Schwerte ausgesetzt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu
-werden; aber die Folge dieser Sicherheit ist, daß sie sich auch nicht
-auf die mildere Form der Verfolgung vorbereiten, welche zu erdulden sie
-vielleicht berufen werden. Aber alles ist möglich durch's Gebet, möchte
-ich sagen, und warum auch nicht? Denn daß es allmächtig ist, liegt in
-der gnädigen Ordnung Gottes, des Gottes voll Liebe und Treue. O darum
-bete, bete, bete, mein teuerster Sohn. Aber bedenke auch wohl, daß Du
-Deinen inneren Zustand nicht nach Deinem Gebete beurteilen darfst,
-sondern nach dessen Wirkung auf Deinen Charakter, Dein Gemüt und Deinen
-Wandel!«
-
-Gott schenkte Wilberforce das große Glück und die hohe Freude, daß
-sein zweiter und dritter Sohn sich zu ernsten, tüchtigen Geistlichen
-entwickelten und es wurde ihm vergönnt, sie beide noch vor seinem
-Tode in Amt und Würden zu sehen und mit eigenen Augen wahrzunehmen,
-daß sie ihr heiliges Amt ganz in dem Geiste führten, wie er es für
-nötig hielt, und mit der Treue und Gewissenhaftigkeit, für die sie in
-ihrem Vater das beste, leuchtendste Vorbild hatten. Der eine von ihnen
-wurde Vikar in East Forleigh in der Grafschaft Kent, der andere Rektor
-in Brighstone auf der Insel Wight. Für diejenigen Leser, welche mit
-den kirchlichen Verhältnissen in England weniger vertraut sind, sei
-dazu bemerkt, daß das Amt eines Vikars ebenso wie das eines Rektors
-ziemlich gleichbedeutend mit dem Amte unserer Pfarrer ist, nur mit dem
-Unterschiede, daß der Rektor seine eigene Gemeinde hat, während der
-Vikar eine der vielen Pfarreien, die den hohen englischen Geistlichen
-übertragen zu werden pflegen, verwaltet, jedoch ebenfalls ganz
-selbstständig.
-
-Seinen ältesten Sohn mußte Wilberforce sich der Landwirtschaft widmen
-lassen; denn seine schwächliche Gesundheit, besonders eine schwache
-Brust machten ihn für das Pfarramt untüchtig. Dagegen trat der jüngste
-wieder in die Fußstapfen seiner beiden vor ihm stehenden Brüder, und
-auch ihn durfte Wilberforce, ehedenn er starb, auf dem besten Wege
-sehen, ein treuer Diener der Kirche zu werden.
-
-Je mehr Wilberforce die Schwächen des Alters bei sich eintreten sah
--- und sie traten bei seinem schwächlichen Körper ungewöhnlich frühe
-ein -- desto mehr enthielt er sich längerer Reden im Parlamente, die
-er vielmehr seinen jüngeren Freunden überließ. Allein um so kräftiger
-und auf noch weitere Kreise wirkte er dafür durch Schriften, welche er
-verfaßte.
-
-So gab er im Februar 1823 wieder eine Schrift über die Sklavensache
-heraus, worin er, gestützt auf die reichen Erfahrungen eines fast
-35jährigen Kampfes in dieser Sache, die grausame Behandlungsweise
-beleuchtete, welche die Neger noch immer in der Sklaverei zu erdulden
-hatten, aber auch zugleich schlagend nachwies, wie nötig es sei,
-für den religiösen Unterricht der Sklaven zu sorgen, ihnen zu einem
-gesicherten Familienleben zu verhelfen und so ihrer Freilassung
-vorzuarbeiten, die ja doch einmal kommen werde und müsse.
-
-Der Erzbischof von Dublin war von dieser Schrift so begeistert, daß er
-ausdrücklich Wilberforce seinen Dank bezeugte und ihm sagte: »Dieser
-Zusatz zu den edlen Anstrengungen, welche Sie mit solcher Ausdauer für
-jenen so grausam behandelten Teil der gemeinsamen Kinder des Einen
-großen Vaters gemacht haben, wird von dem Segen begleitet sein, der
-solchen Arbeiten christlicher Liebe niemals ausbleibt.«
-
-Ja ein westindischer Sklavenhalter fühlte sich beim Durchlesen der
-Schrift so ergriffen von ihrem Inhalte, daß er erklärte, wenn es auch
-sein ganzes Vermögen kosten sollte, dieses willig hingeben zu wollen,
-damit seine armen Neger nicht allein zur Freiheit der Europäer, sondern
-auch zur Freiheit der Christen gebracht würden.
-
-Nachdem Wilberforce am 19. März 1823 eine aus der Sekte der Quäker
-hervorgegangene Bittschrift um Aufhebung des Sklavenhandels ins
-Parlament eingebracht und warm befürwortet hatte, schlug sein
-Freund Buxton, der jetzt die gemeinsame Sache im Parlamente führte,
-einen Beschluß vor, die Sklaverei überhaupt für unvereinbar mit dem
-Christentum, wie auch mit der englischen Verfassung zu erklären, ohne
-daß er jedoch die Annahme dieses Beschlusses durchsetzen konnte. Es war
-indessen damit der offene Kampf gegen die Sklaverei überhaupt und für
-die völlige Aufhebung derselben im Parlamente begonnen.
-
-Als im weiteren Verlaufe des Jahres 1823 die Minister, um doch
-ihrerseits etwas zu thun und ihren guten Willen zu beweisen, das Los
-der Sklaven mildern zu helfen, das Verbot erließen, daß die Aufseher
-der Negersklaven in den westindischen Kolonien fortan die gewaltige
-Peitsche nicht mehr immer bei sich trügen, von der die Sklavenhalter
-behauptet hatten, daß sie nicht sowohl zu grausamen Züchtigungen
-gebraucht würde, als vielmehr nur das Zeichen sei, woran die Neger ihre
-Aufseher erkannten, war in den Kolonien wieder ein Sklavenaufstand
-ausgebrochen. Die Sklaven hatten nämlich von diesem Verbote gehört
-und warteten vergeblich darauf, daß es auch beachtet würde; denn die
-Regierungen der Kolonien wagten nicht, dasselbe zu veröffentlichen. Die
-Sklaven sahen nun natürlich ihre Herren, die Pflanzer als diejenigen
-an, welche die wohlmeinenden Absichten des englischen Ministeriums für
-sie hintertrieben, hatten auch wohl das Verbot der Peitsche, welche für
-sie das große Zeichen der Sklaverei war, irrtümlich so aufgefaßt, als
-ob damit die ganze Sklaverei verboten sei, und erhoben sich deshalb
-gegen die Pflanzer in einem Aufstande, worin etliche Weiße das Leben
-verloren.
-
-Wilberforce, befürchtend, daß dadurch die Sklavensache wieder in
-Nachteil käme, konnte es sich trotz seiner Körperschwachheit nicht
-versagen, als Redner aufzutreten und tadelte das Verbot der Peitsche
-als eine unvorsichtige Maßregel, wodurch bei den gänzlich daraus
-unvorbereiteten Schwarzen unbegründete und zu weit gehende Hoffnungen
-erweckt worden seien, die fast mit Notwendigkeit zu dem Aufstande
-hätten führen müssen. Er erklärte alle halbe Maßregeln dieser
-Art für nutzlos, ja gefährlich und forderte das Parlament in der
-eindringlichsten Weise auf, schleunig und fest vorzugehen.
-
-»Ich fürchte«, sagte er, »wenn die Neger an der Hülfe durch das
-englische Parlament verzweifeln, so werden sie ihre Sache in die eigene
-Hand nehmen und immer wieder aufs neue versuchen, ihre Befreiung auf
-gewaltsamem Wege selber herbeizuführen.«
-
-Trotzdem, daß er sich durch diese Rede eine heftige Lungenentzündung
-zugezogen hatte, trat er doch, kaum genesen, noch einmal im Parlamente
-auf, um die Behauptung der Sklavenhalter zu entkräften, daß die
-Freilassung der Sklaven, die jetzt gefordert werde, für sie das
-unausbleibliche Verderben sein würde, und wiederholte die von ihm
-ausgesprochene Befürchtung, die soeben mit seinen eigenen Worten
-erwähnt wurde.
-
-»Möge es Gott gefallen«, so schloß er, »meine Befürchtungen zu schanden
-zu machen und den Ausgang günstiger zu gestalten, als ich befürchte!«
-
-Dies waren die letzten Worte, welche er im Parlamente über seine Sache
-redete, denn die eben erst überstandene Krankheit machte es ihm zur
-unbestreitbaren Gewißheit, daß er jetzt seine öffentliche Wirksamkeit
-als Parlamentsredner gänzlich aufgeben müsse. Als ihn auf einer
-kleinen Reise zum Besuche eines Freundes ein wiederholter Anfall der
-Lungenentzündung heimsuchte, verließ er London und zog sich auf einen
-stillen Landsitz zurück, um fortan seine noch übrige Lebenskraft ganz
-der Schriftstellerei und seiner Familie zu widmen.
-
-Vergebens setzten ihm diejenigen seiner Freunde, welche seine
-persönlichen Verhältnisse nicht genug kannten, zu, diesen Schritt
-nicht zu thun; vergebens bot man ihm an, ihm zu einem Sitze im
-Oberhause zu verhelfen, um nur ihn und seine reiche Erfahrung in den
-Dingen des öffentlichen Lebens nicht ganz entbehren zu müssen: wie er
-es früher als heilige Pflicht erkannt hatte, seine ganze Kraft an die
-übernommene Thätigkeit zu setzen, so erkannte er es jetzt, wo diese
-Kraft in sichtlicher Abnahme begriffen war, ebensowohl als heilige
-Pflicht, zurückzutreten und jüngeren, rüstigeren Kräften das Feld zu
-räumen.
-
-»Ich habe schon lange beabsichtigt«, schrieb er in sein Tagebuch am 1.
-Februar 1825, »mich zurückzuziehen, sobald die Zeit dieses Parlaments
-zu Ende wäre; daher ist nur zu überlegen, ob ich es jetzt thun soll,
-oder am Schlusse der nächsten Sitzung. Die Frage ist also, ob eine
-beschränkte Teilnahme an dieser Sitzung mir soviel Aussicht zur
-Wirksamkeit gibt, um mich zu einem Verbleiben im Parlamente bis zu
-dessen Ende zu berechtigen. Der Arzt scheint es nicht für notwendig
-zu halten, mir die Teilnahme gänzlich zu untersagen, aber er äußerte
-die Furcht, daß ich, wenn eine Krankheit eintreten sollte, nicht Kraft
-genug haben würde, sie zu überstehen. Hätte ich nun keine andere Bahn
-für meine Thätigkeit, so möchte es, oder vielmehr: würde es unrecht
-sein, es nicht auf die Gefahr ankommen zu lassen. Aber erstens hoffe
-ich, meine Feder mit Vorteil anwenden zu können, wenn ich mich in das
-Privatleben zurückgezogen habe, und zweitens ist mein Leben gerade
-jetzt von besonderem Werte für meine Familie. Alle meine Kinder stehen
-in solchen Lebensabschnitten und Verhältnissen, welche es dem Anscheine
-nach äußerst wünschenswert machen, daß ich ihnen noch erhalten werde.
-Man entbehrt mich jetzt nicht sehr im Parlamente; unsere Sache hat
-mächtige Verteidiger, welche ihre Stellungen eingenommen haben. Das
-Beispiel eines Mannes, welcher sich zurückzieht, wenn er fühlt, daß
-seine körperlichen und geistigen Kräfte schwächer werden, kann nützlich
-erscheinen. Das Publikum ist so sehr daran gewöhnt, Männer einen lang
-fortdauernden Sitz im Parlamente zur Erlangung eines höheren Ranges
-benützen zu sehen, daß ein entgegengesetztes Beispiel um so nötiger
-ist und von einem Solchen gezeigt werden muß, welcher bekennt, nach
-christlichen Grundsätzen zu handeln.«
-
-Wie man über die Wirksamkeit dachte, welche Wilberforce im Parlamente
-und auf das Parlament geübt hatte, mag folgende Stelle aus einem
-Freundesbriefe zeigen:
-
-»Mit vielem Bedauern, obgleich, wie ich sagen kann, nicht mit
-großer Verwunderung höre ich von Ihrer Absicht, sich vom Parlamente
-zurückzuziehen. Es wird ein schmerzlicher Verlust für ihre zahlreichen
-Freunde und für den Staat sein, aber es ist wohl ein weiser Entschluß
-in Beziehung auf Sie selbst. Es muß Ihnen die Bemerkung sehr zur
-Zufriedenheit gereichen, daß der sittliche Ton des Unterhauses sowohl
-wie der Nation im allgemeinen viel höher ist, als da Sie zuerst in das
-öffentliche Leben eintraten. Es kann kein Zweifel sein, daß Gott Sie zu
-dem geehrten Werkzeuge gemacht hat, viel zu dieser großen Verbesserung
-beizutragen. Es gibt, hoffe ich, einige viel versprechende junge
-Männer, die auftreten werden; aber ach! jetzt keinen, welcher Ihren
-Platz einnehmen könnte. Ich wollte es gäbe mehrere Elisas, auf welche
-Ihr Mandat fiele (NB. man vergleiche 2. Könige 2, 13--15). Das Gebet
-von Tausenden wird Ihnen in das Privatleben folgen, und das meinige
-wird fortwährend darauf gerichtet sein, daß Ihr wertvolles Leben bis
-zu den spätesten Zeiträumen als ein Segen für Ihre Familie, für die
-Kirche Gottes und für die Welt möge erhalten bleiben!«
-
-Wilberforce beschloß nun, London ganz zu verlassen und kaufte sich ein
-Gut, 10 Meilen nördlich von der Stadt, Highwood Hill genannt, um hier
-fortan in aller Stille und Ruhe bis an das Ende seiner Tage zu leben.
-Er hatte jedoch auch hier nicht in dem Maße, wie er es gehofft hatte,
-völlige Freiheit, über seine Zeit zu verfügen. Dazu gab es zu viele
-Freunde, von denen er sich nicht nicht ganz zurückziehen wollte, und
-die ihn, auch wenn er dies gewollt hätte, ihrerseits nicht losgelassen
-hätten, mit denen also ein fortgesetzter Briefwechsel unterhalten
-sein wollte; dazu gab es zu viele Gelegenheiten, mit Rat und That
-einzutreten, wo es sich um die Förderung des Reiches Gottes handelte,
-denen er sich nicht entziehen konnte und wollte.
-
-So suchte er, als man in London eine Schule für höheren Unterricht
-der Handwerker, also etwa eine Schule nach Art unserer heutigen
-»Fortbildungsschulen«, einrichten wollte, seinen Einfluß dahin geltend
-zu machen, daß ja auch der Unterricht in der Religion in den Lehrplan
-aufgenommen würde, weil es unverantwortlich sei, daß man die Jugend in
-dieser höchsten und wichtigsten Sache ohne Unterricht lassen wolle.
-
-Nicht minder bemühte er sich darum, daß an der Universität zu London,
-die jetzt neu gegründet werden sollte, ein besonderer Lehrstuhl für
-Vorlesungen über die Religion errichtet werde, welche jeder Student
-besuchen müsse, zog aber die Unterschrift seines Namens, welche er
-unter eine zu diesem Zwecke abgefaßte Bittschrift gesetzt hatte, wieder
-zurück, als man den Besuch der fraglichen Vorlesungen in das Belieben
-jedes einzelnen Studenten setzen wollte.
-
-Begreiflicherweise aber war und blieb seine ganze, volle Teilnahme nach
-wie vor der Sklavensache zugewendet. Wenn es sich um diese handelte,
-ließ er sich sogar bewegen, in öffentlichen Versammlungen den Vorsitz
-zu führen, was er sonst überall ablehnte. Nur wollte er nichts von
-»Frauen-Vereinen« zur Unterdrückung der Sklaverei hören, wie man sie
-jetzt von verschiedenen Seiten her ins Leben zu rufen suchte. Sein
-klares, nüchternes Urteil entschied sich dafür, daß es der Frau zwar
-wohl anstehe, wenn sie im stillen für die gute Sache wirke, »aber«,
-so sagte er, »wenn Frauen öffentliche Versammlungen veranstalten,
-Schriften veröffentlichen, von Haus zu Haus gehen, um Bittschriften
-zustande zu bringen, so sind das Beschäftigungen, die mir unpassend
-erscheinen für den weiblichen Charakter, wie er uns in der heiligen
-Schrift gezeichnet worden ist.«
-
-Trotz seiner 68 Jahre und seiner hinfälligen Gesundheit unternahm
-Wilberforce im Jahre 1827 eine längere Reise in das nördliche England,
-besonders durch die Grafschaft Yorkshire. Er wollte vor seinem Tode
-noch einmal die Gegend besuchen, welcher er seine beste Lebenszeit und
--kraft gewidmet hatte und noch einmal den vielen Freunden, die er dort
-besaß, die Hand zum Abschiede drücken, auch wohl da und dort noch ein
-gutes heilsames Wort anbringen. Aber er fand von vielen seiner dortigen
-Freunde nur die Gräber und schrieb deshalb voll Wehmut an seine
-langjährige, nun 82 Jahre alte Freundin Hannah More: »Meine Freunde
-fallen täglich um mich her, die Begleiter meiner Jugend, damals weit
-stärker und weit gesunder als ich, sind fort, während ich noch bleibe.
-Was für eine Spanne Zeit uns auch übrig sein mag, möchten wir beide die
-noch kommenden Tage zur Vorbereitung auf den letzten verwenden.«
-
-Und das that er seinerseits treulich während der Jahre, die er nun
-in Ruhe und Gleichförmigkeit auf seinem Highwood Hill verlebte.
-Nicht als ob er sich jetzt von allem geselligen Leben vollständig
-zurückgezogen und jenem trüben, finsteren Geiste gänzlicher Weltflucht
-sich überlassen hätte, den so viele fälschlich für die höchste Blüte
-des wahren Christentums ansehen, weil sie selber noch nichts wissen
-von wahrem Frieden und wahrer Freude im heiligen Geiste, die es
-möglich machen, das Apostelwort zu befolgen: seid allezeit fröhlich.
-Nein Wilberforce liebte auch jetzt noch ein heiteres, geselliges
-Leben und fand seine Freude daran, wußte aber freilich die geselligen
-Unterhaltungen auch so zu führen, daß sie für das innere Leben
-jedes Teilnehmers daran förderlich werden mußten, indem er aus den
-Erfahrungen seines reichen Lebens wie ein guter Haushalter altes und
-neues hervorbrachte. Übrigens war seine Zeiteinteilung eine durchaus
-geregelte und seine ganze Lebensweise eine durchaus einfache, seinen
-Jahren angemessene.
-
-Bald nach 7 Uhr morgens pflegte er im Sommer wie im Winter aufzustehen,
-und dann über eine Stunde auf seinem Zimmer mit Selbstbetrachtung,
-Gebet und Lesen des göttlichen Wortes zuzubringen. Während er sich für
-den Tag ankleidete, ließ er sich vorlesen, um ja keine Zeit für den
-Geist unbenutzt zu lassen. Um halb 10 Uhr traf er mit den seinigen
-zur Familienandacht zusammen. Diese selber abzuhalten, ließ er sich
-nicht nehmen, auch wenn seine Gesundheit nicht die beste war. Er las
-dann einen Abschnitt aus der heiligen Schrift vor, gewöhnlich aus dem
-Neuen Testamente, erklärte ihn mit heiligem Ernste und mit Worten, die
-vom heiligen Geiste gelehrt waren, und schärfte ihn mit wunderbarer
-Beredtsamkeit ein.
-
-Nach dieser Andacht, die etwa eine halbe Stunde dauerte, ging er,
-wenn es das Wetter irgendwie erlaubte, in den Garten, um sich an den
-Schönheiten der Natur zu erfreuen und sich die dafür so empfängliche
-Seele noch mehr zum Preise des Schöpfers stimmen zu lassen. Das
-Frühstück pflegte er auch jetzt spät einzunehmen, wie er sich
-schon längst gewöhnt hatte, um eine möglichst lange, ungestörte
-Arbeitszeit vor demselben zu haben. Aber desto länger verweilte er
-dann am Frühstückstische und ließ hier seine reiche, köstliche Gabe
-der Unterhaltung oft so in Fluß kommen, daß es 12 Uhr wurde, ehe er
-aufstand, besonders wenn er Besuch von lieben Freunden hatte, mit
-welchen er sich innerlich eins wußte und über die höchsten Lebensfragen
-frei und offen besprechen konnte.
-
-Bis 3 Uhr Nachmittags zog er sich wieder zurück, um zu studieren oder
-Briefe zu schreiben, und erging sich dann bei gutem Wetter noch ein
-Stündchen im Garten, am liebsten in Gesellschaft mit seinen guten
-Freunden oder auch nur von seinem Vorleser, und, wenn er alleine war,
-gewöhnlich ein Liedchen vor sich hinsingend, das von der freudigen
-Stimmung seines Herzens Kunde gab.
-
-Nach der Hauptmahlzeit, welche nach englischer Sitte erst um 5 Uhr
-Nachmittags, aber nie später, stattfand, legte er sich auf anderthalb
-Stunden nieder, um für den Abend, welcher in England stets dem
-geselligen Leben, wenn auch nur im engen Kreise der Familie gewidmet
-wird, neue Kräfte zu sammeln. Zuweilen arbeitete er nach der Ruhe
-noch eine Zeit lang bis zur Abendandacht, welche ebenso wie die
-Morgenandacht gehalten wurde, häufiger aber begab er sich sogleich
-wieder in den Kreis der Familie, wo denn der Abend oft bis nach
-Mitternacht mit Vorlesen, Erzählen und Gespräch zugebracht wurde.
-
-Die schönste Zeit im Jahre war die Weihnachtszeit, welche stets alle
-seine Kinder um ihn versammelte, und die er, sich ganz von der Arbeit
-losmachend, immer im Schoße seiner Familie verbrachte. Da konnte er
-mit seinen Kindern, solange sie noch klein waren, spielen wie ein
-Kind; aber er ließ es auch freilich nicht daran fehlen, den schon mehr
-erwachsenen Kindern ein Wegweiser zu dem zu werden, der da arm ward um
-unseretwillen, auf daß wir durch seine Armut reich würden.
-
-Waren einmal in späteren Jahren zwischen seinen Kindern, wie das
-ja wohl nirgends ganz ausbleibt, Verstimmungen und Entfremdungen
-eingetreten, so wußte er dieselben mit lindem Wort und liebreicher
-väterlicher Mahnung, oder noch lieber, wenn das hinreichte, mit einem
-witzigen Scherze wegzuschaffen, und setzte darein einen hohen Wert
-der jährlichen, weihnachtlichen Familienzusammenkünfte, daß sie die
-gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit zwischen Eltern und Kindern
-sowohl, wie zwischen den Geschwistern so lieblich förderten.
-
-»Unsere lieben Kinder«, schreibt er einmal nach solch einem gesegneten
-Familienfeste, »leben in vieler Einigkeit. Was für Grund zur
-Dankbarkeit habe ich, wenn ich meine fünf Kinder, meine Schwiegertocher
-und meine beiden Enkel um den Tisch versammelt sehe! Lobe den Herrn, o
-meine Seele!«
-
-Indessen blieben diese Jahre der Ruhe und des glücklichen Stilllebens
-in Highwood Hill nicht ohne jede Trübung; ja der Feierabend seines
-Lebens sollte für Wilberforce nicht ohne schwere Prüfungen verlaufen,
-damit er das Sehnen nach der himmlischen Heimat immer völliger in sein
-Herz kommen lasse, wo kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen mehr
-sein sollen.
-
-In Highwood Hill selbst war keine Kirche, deren regelmäßiger Besuch
-doch für unsern Wilberforce ein wesentlicher Bestandteil seiner
-Sonntagsfeier war. Der Umstand, daß die nächste Kirche 3 Meilen weit
-entfernt war, würde ihn sicherlich vom Kaufe des Gutes abgehalten
-haben, wenn nicht der Bau einer neuen Kirche bereits so gut wie
-beschlossene Sache gewesen wäre. Um den Bau zu beschleunigen, erklärte
-sich Wilberforce gegen den Geistlichen des Kirchspiels sofort nach dem
-Antritte seines Gutes bereit, die Kosten des Baus teils aus eigenen,
-teils aus Mitteln, zu deren Hergabe er Freunde willig machen wolle, zu
-bestreiten. Um dem Geistlichen in allen Stücken entgegen zu kommen,
-ging er sogar auf dessen Wunsch ein, daß die neue Kirche nicht in
-Highwood Hill selbst, sondern eine halbe englische Meile entfernt in
-einem kleinen Weiler erbaut werden möge.
-
-Gleichwohl aber trat der Geistliche aus irgend einem unbekannten Grunde
-gegen Wilberforce in Widerstreit und griff ihn öffentlich, sogar in
-seinen Predigten, als einen eigennützigen, selbstsüchtigen Menschen
-an, der nur seinen eigenen Vorteil, nicht aber das Wohl der Gemeinde
-im Auge habe. Und wirklich, der ehrwürdige, selbstverleugnungsvolle
-Greis sah sich jetzt in seinem 70ten Lebensjahre genötigt, gegen die
-wider ihn geschleuderten gehässigen Verleumdungen öffentlich sich zu
-verteidigen, und der Bau der Kirche verzögerte sich von Monat zu Monat.
-
-Tiefer und einschneidender in sein Schicksal wurde jedoch für
-Wilberforce ein anderes Erlebnis.
-
-Wilberforce hatte sich, wie wir schon erwähnt haben, von jeher
-gewöhnt, sich nur als Gottes Haushalter über das ihm anvertraute
-irdische Gut zu betrachten und dasselbe deshalb in reichem, manchmal
-überreichem Maße zu Werken der Wohlthätigkeit verwandt. Er war der
-Ansicht, daß auch seinen Kindern mehr Segen für ihre Zukunft daraus
-erwachsen würde, als wenn er bemüht wäre, das Familienvermögen zu
-vermehren und tote Schätze zusammenzuhäufen.
-
-Nun hatte er für seinen ältesten Sohn, der sich wegen seiner schwachen
-Gesundheit der Landwirtschaft gewidmet hatte, ein ansehnliches Gut
-kaufen lassen und sich dabei arglos in die Hände eines Unterhändlers
-gegeben, dem er volles Vertrauen glaubte schenken zu dürfen. Allein
-dieser ward zum Schelm an ihm, und brachte es durch seine Betrügereien
-und Kniffe dahin, daß Wilberforce einen sehr beträchtlichen Teil
-seines Vermögens verlor. Der Verlust war so bedeutend, daß er sich
-entschließen mußte, sein schönes Highwood Hill aufzugeben und seine
-ganze bisherige Lebensweise bedeutend einzuschränken.
-
-Zwar erboten sich seine Freunde, als sie dies vernahmen, auf der Stelle
-ihm seinen Verlust zu ersetzen und selbst ein »Westindier«, der ihn
-trotz seiner Gegnerschaft in der Sklavensache persönlich hochachtete,
-machte ihm dahin zielende Anerbietungen; aber Wilberforce glaubte auf
-diese Anerbietungen, so wohl sie ihm auch innerlich thun mochten, nicht
-eingehen zu dürfen, sondern vielmehr seine Lebensweise nach seinen
-jetzigen Vermögensverhältnissen einrichten zu müssen.
-
-Seine innere Heiterkeit blieb übrigens dabei ganz unangetastet, ja er
-pries die Vorsehung dafür, daß dieser Schlag nicht eher eingetreten
-sei, als jetzt, wo alle seine Kinder soweit erzogen waren und
-größtenteils schon eine gesicherte Lebensstellung hatten.
-
-Er beschloß, mit seiner Gattin abwechselnd, bei seinem zweiten und
-dritten Sohne, die ja beide schon im Amte standen, Wohnung und
-Aufenthalt zu nehmen, und, wenn er es auch bedauerte, seinen lieben
-Garten aufgeben zu müssen, sowie die Möglichkeit, werte Freunde unter
-seinem eigenen Dache zu beherbergen, so freute er sich doch andrerseits
-sehr, nun der zarten Liebeserweisungen kindlicher Anhänglichkeit und
-Dankbarkeit unausgesetzt genießen zu können. Als er sich von einem
-kleinen Unwohlsein wiedererholt hatte, sagte er: »Ich kann kaum
-begreifen, warum mein Leben so lange erhalten wird, es sei denn, damit
-ich beweisen kann, daß ein Mensch ebenso glücklich sein kann ohne als
-mit Vermögen.«
-
-Das Scheiden von Highwood Hill wurde aber für Wilberforce noch durch
-einen harten Schlag erschwert, der ohne Zweifel die ihn am meisten
-erschütternde Heimsuchung seines Greisenalters war. Es starb ihm
-nämlich, als er sich eben von der lieblichen Stätte losgerissen hatte,
-welche der Ruheplatz für seine letzten Lebenstage hatte werden sollen,
-seine einzige noch übrige Tochter. Zwar konnte er auch von ihr mit
-innigem Danke gegen Gott »eine heilige, ruhige, demütige Zuversicht zu
-ihrem Heilande« rühmen, »mit der sie sich gleichsam auf den Arm ihres
-Erlösers lehnte«, aber es war doch für das Vaterherz etwas unsäglich
-Bitteres, noch einmal einem teuren Kinde in das frühe Grab sehen zu
-müssen, und in den trauten Kreis seiner Familie, worin er sich wohl
-fühlte, eine empfindliche Lücke gerissen zu sehen.
-
-Wie rasch sich übrigens Wilberforce in das veränderte Leben
-eingewöhnte, und wie wohl es ihm dabei war, zeigt ein Brief an seinen
-Freund und Schwager Stephen. »Wir befinden uns«, so schreibt er aus
-dem Pfarrhause des einen Sohnes, »hier jetzt ungefähr 6 Wochen. Wie
-viel mehr Ursache habe ich, mich zu freuen, als über einen Verlust
-zu klagen, der einen solchen Erfolg gehabt hat! Wir sind unter das
-Dach unserer teueren Kinder gekommen; wir sind Zeugen, wie sie ein
-großes häusliches Glück genießen und gewissenhaft die Pflichten des
-wichtigsten Berufes erfüllen.«
-
-Die Gebrechen des Alters stellten sich bei Wilberforce, wie er öfters
-mit herzlichem Danke gegen Gott erwähnte, nur langsam ein und ohne
-die schmerzhaften Leiden, die sich so oft damit verbinden. Es war
-im wesentlichen nur ein größeres Bedürfnis von Ruhe, welches sie
-herbeiführten und dieses Bedürfnis konnte er sich in den stillen
-Pfarrhäusern seiner Söhne besser befriedigen, als es in Highwood Hill
-möglich gewesen wäre, dessen nähere Lage bei London auch häufigere
-Besuche seiner Freunde wie Solcher, die Rat bei ihm suchen wollten,
-gebracht haben würde. Aber, wie groß auch sein Ruhebedürfnis war, er
-vergaß es doch gänzlich und zeigte sich noch stets als einen sehr
-unterhaltenden Gesellschafter, wenn ihn Freunde besuchten, ja konnte
-noch in wahrhaft jugendliches Feuer geraten, wenn es galt, jemand, der
-ihn besuchte, auf das Eine, was not ist, hinzuweisen und ihn von den
-Irrtümern seines Weges zu überzeugen.
-
-Ebenso wurde er stets tief ergriffen und zu feuriger Begeisterung
-entflammt, wenn auf die Sklavensache die Rede kam, und wenn es sich
-darum handelte, die Notwendigkeit der völligen Abschaffung der
-Sklaverei zu beweisen.
-
-Als ein Bild von ihm gemalt werden sollte, und der Maler, der ihn
-nicht als den müden, altersschwachen Greis abkonterfeien wollte,
-als welcher er jetzt erschien, begehrte, man möge ihm irgend eine
-geistige Anregung zu verschaffen suchen, da genügte es, daß jemand die
-Bemerkung fallen ließ, nach den neuesten Nachrichten würden die Sklaven
-in Westindien jetzt doch weit besser als früher behandelt. Sofort
-regte sich da in Wilberforce der heilige Eifer, dies aus den neuesten
-Nachrichten, die er selber besaß, zu bestreiten und es entspann sich
-eine so belebte Unterhaltung, daß der Maler von ihm ein Bild gewann,
-wie er es haben wollte, und wie es auch sein mußte, um ihn in voller
-Lebenswahrheit darzustellen.
-
-Als im April 1833 zu Maidstone, dem Hauptorte der Grafschaft Kent, in
-der er sich gerade jetzt bei seinem Sohne in East Farleigh befand,
-eine Versammlung gehalten wurde, worin eine Adresse gegen die
-Sklaverei beschlossen werden sollte, ließ sich Wilberforce, obwohl er
-seit zwei Jahren nicht mehr öffentlich gesprochen hatte, doch nicht
-zurückhalten, die Versammlung zu besuchen und nicht allein als der
-erste die zu stande gekommene Adresse zu unterschreiben, sondern auch,
-obwohl nur mit schwacher Stimme für die heilige Sache zu sprechen,
-deren begeisterter Vorkämpfer er so lange Jahre hindurch gewesen war.
-Und wie freute er sich mit einer heiligen Freude, zu spüren, daß die
-öffentliche Meinung auf dem Punkte angekommen sei, wohin sie zu führen
-die letzte Anstrengung seines öffentlichen Lebens gewesen war! Denn in
-der ganzen großen Versammlung war niemand, der daran gezweifelt hätte,
-es müsse auf eine vollständige Beseitigung aller Sklaverei gedrungen
-werden.
-
-Wie gerne gab er seine Zustimmung dazu, daß selbst eine Entschädigung
-von 20 Millionen Pfund Sterling (= 400 Millionen Mark), welche an die
-Sklavenbesitzer sollte bezahlt werden, dem Lande aufgebürdet werde.
-
-Wie zuversichtlich schrieb er am Anfange des neuen Jahres an einen
-alten Freund und Kampfgenossen: »Ich wünsche Ihnen Glück, in ein
-Jahr eingetreten zu sein, das sich, wie ich zuversichtlich hoffe,
-dadurch auszeichnen wird, daß Sie sehen, wie dem mit Fluch beladenen
-Sklavenhandel der letzte tötliche Schlag gegeben, und die Freilassung
-der westindischen Sklaven endlich zu stande gebracht wird!«
-
-
-
-
-X.
-
-
-Hatte Wilberforce bisher schon, wenn er von dem Tode solcher vernahm,
-die ihm lieb und wert gewesen waren, immer an den eigenen Tod gedacht
-und sich nicht gegen die Mahnung verschlossen, die noch übrige
-Lebenszeit zur Vorbereitung auf denselben zu benutzen, so mußte ihm
-jetzt, wo er seine Lebenskraft von Tag zu Tage abnehmen fühlte, dieser
-Gedanke noch näher treten, diese Mahnung noch wichtiger werden.
-
-Und es sollte jetzt auch in der That rasch mit seinem Leben zu Ende
-gehen. Als der 74jährige Greis im April 1833 seinen auf der Insel Wight
-angestellten Sohn besuchen wollte, wurde er von der Grippe befallen,
-die ihn schon öfters heimgesucht hatte, von der er aber immer in den
-heilsamen Bädern von Bath Heilung gefunden. Auch jetzt wurde er von
-den besorgten Seinigen wieder dorthin gebracht und blieb dort 2 ganze
-Monate. Aber die gehoffte Heilung wollte nicht eintreten. Im Gegenteile
-nahmen seine Kräfte zusehends ab, sodaß die Seinigen es für geraten
-hielten, ihn, ehe seine Kräfte noch weiter schwänden, nach London zu
-bringen und ihn dort der Pflege eines berühmten Arztes zu übergeben,
-der ihn schon einmal von der gleichen Krankheit schnell geheilt hatte.
-
-Wilberforce fügte sich dem Wunsche seiner Angehörigen, obwohl es ihm
-selbst unzweifelhaft war, daß er keines irdischen Arztes mehr bedürfe.
-Er wollte sich eben in kindlicher Demut allem unterwerfen, was nur
-irgendwie als dem Willen Gottes entsprechend erschien, und dankte stets
-Gott für die Gnade, daß er ihn durch kein härteres Leiden prüfe, zumal
-durch kein solches, wodurch ihm die Klarheit des Geistes getrübt worden
-wäre.
-
-Und wie klar blieb sein Geist! Ja wie gingen ihm die Geistesaugen
-heller und immer heller auf, die eigene Sündhaftigkeit und Unwürdigkeit
-vor Gott zu erkennen, aber auch in die Fülle der Gnade Gottes in
-Christo Jesu tiefe, beseligende Blicke zu thun! Immer wieder bezeugte
-er, daß er nicht wert sei der Barmherzigkeit und Treue, die Gott an ihm
-während seines ganzen Lebens gethan habe; immer wieder pries er mit
-den höchsten, begeistertsten Worten die Gnade, die ihn das höchste und
-beste habe gewinnen lassen, was es für den Menschen geben könne, den
-inneren Frieden, der in der Erlösung des Sohnes Gottes so festen und
-gewissen Grund habe.
-
-»In Rücksicht auf mich selbst«, sagte er zu einem lieben alten Freund,
-der ihn auf seinem Krankenlager besuchte, und ihn auf die zukünftige
-Herrlichkeit verwies, welcher er mit Zuversicht entgegensehen dürfe,
-»in Rücksicht auf mich selbst habe ich nichts so sehr mit Nachdruck zu
-wiederholen als die Bitte des Zöllners: Gott, sei mir Sünder gnädig.«
-
-»Wenn ich bedenke, wie viel arme Leute leiden ohne die
-Bequemlichkeiten, welche ich habe, und die gütigen Freunde, welche um
-mich sind, so bin ich ganz beschämt darüber, wie es mir so gut geht.«
-Das war ein anderes seiner tief demütigen, dankerfüllten Worte.
-
-Auch klagte er, wie er denn sein Leben lang sich selber nie genug
-gethan und sich stets für einen unnützen Knecht bekannt hatte, jetzt
-besonders darüber, daß er nicht mehr mit denen, die ihm nahe getreten
-seien, gebetet und sie nicht genug auf den rechten Weg gewiesen habe.
-
-Stets waren seine Gedanken dem Heilande zugewandt, besonders wenn er
-Schmerzen hatte. In solch einer Stunde sagte er zu seinem Sohne Henry,
-der an sein Krankenlager geeilt war, und dem wir all die schönen Worte
-aus dem Munde des Sterbenden zu verdanken haben, die sich seinem
-Gedächtnisse unauslöschlich einprägten: »Gedenke daran, daß unser
-Heiland vom Himmel gekommen ist, und wenn uns ein kleiner Schmerz schon
-empfindlich ist, was hat Er nicht alles erduldet! Gewiß der Gedanke an
-die Leiden unseres Heilandes erregt Staunen und Verwunderung.«
-
-Brachten ihm die zahlreichen Freunde, welche die Parlamentssitzung
-nach London zusammengeführt hatte und die es nicht versäumten, den von
-ihnen allen so hoch Geehrten fleißig zu besuchen, zarte Beweise ihrer
-Aufmerksamkeit und Teilnahme dar, so sagte er nachher wohl: »Wie ganz
-anders würden sie mich beurteilen und ansehen, wenn sie mich wahrhaft
-kennten!«
-
-Am Freitage, den 26. Juli ließ sich der Kranke, um den herrlichen
-Sommertag zu genießen, auf seinem Stuhle ins Freie tragen; denn seine
-Schwäche ließ es ihm nicht mehr zu, auf den eigenen Füßen das Zimmer zu
-verlassen. Es war der Tag, an dem ein Gesetzesvorschlag wegen völliger
-Abschaffung der Sklaverei zum zweiten Male im Parlamente vorkam und
-auch zur Annahme gelangte. Als ihm die Nachricht davon überbracht und
-mitgeteilt wurde, daß auch die großen Geldopfer, die zur Entschädigung
-der Sklavenhalter für nötig erachtet wurden, kein Hindernis der Annahme
-des Gesetzes geworden seien, wie jubelte da der Leidende auf, der nun,
-was er als Jüngling gedacht, als Mann mit rastloser Ausdauer erstrebt
-hatte, vor seinem Ende noch mit dem sehnlich erwarteten Erfolge gekrönt
-sah! Mit welch inniger Dankbarkeit erhoben sich seine Blicke hinauf
-zu dem wolkenlosen Himmel, und falteten sich seine Hände bei dem
-Gebetsrufe: »O mein Gott, wie danke ich Dir, daß Du mich hast leben und
-ein Zeuge des Tages sein lassen, an dem sich England bereit erklärt
-hat, 20 Millionen Pfund für die Abschaffung der Sklaverei zu geben und
-sich von dieser Schande zu befreien!«
-
-Wie ein stärkender Balsam schien diese Nachricht auf ihn zu wirken.
-Denn er fühlte sich am Abende dieses Tages so wohl und heiter, daß man
-sich schon der Hoffnung hingab; es werde doch noch möglich sein, ihn
-von London wegzubringen zu einem seiner Söhne, damit er im engsten
-Familienkreise seine Heimfahrt halte, an deren Nähe jetzt kaum mehr
-zu zweifeln war. Mit besonderer Inbrunst nahm er an der Abendandacht
-teil und freute sich der zarten Pflege und Aufmerksamkeit, die ihm alle
-widmeten.
-
-»Was kann ein Mensch«, rief er aus, »zum Schlusse seines Lebens mehr
-wünschen, als von seiner Frau und von seinen Kindern gepflegt zu
-werden, welche alle in Freundlichkeit und Liebe gegen ihn wetteifern!«
-
-Jedoch die ungewöhnliche freudige Aufregung dieses Tages blieb nicht
-ohne Rückschlag. Am späten Abende stellte sich bei dem Kranken eine
-große Schwäche ein, und der folgende Tag brachte mehrere Schlaganfälle,
-die sein Gedächtnis schwächten und ihm große Leiden verursachten.
-Die Erklärung des Arztes, daß, wenn er diese Anfälle überlebe, noch
-schwerere Leiden, ja eine Störung des Verstandes in Aussicht ständen,
-mußte nun die Seinigen es als eine Gnade von Gott erbitten lassen, daß
-sein Ende nicht mehr allzu ferne sein möge.
-
-»Ich bin in einem sehr leidenden Zustande«, klagte er am Sonntage in
-einem Augenblicke, da er ganz hellen, lichten Geistes war.
-
-»Ja«, antwortete man ihm, »aber Sie haben ihren Fuß auf dem Felsen.«
-
-»Ich wage nicht«, erwiderte er, »dies so bestimmt zu behaupten, aber
-ich hoffe, ich habe ihn darauf.«
-
-Das waren seine letzten vernehmbaren Worte, und am Montage, den 29.
-Juli 1833 frühe morgens 3 Uhr hauchte er seinen letzten Seufzer aus.
-
-Wer dürfte zweifeln, daß mit demselben die Seele des treuen
-Sklavenfreundes einging zu dem, der seines Herzens Trost und Teil war,
-weil er mit seinem heiligen Versöhnungs- und Erlösungsblute aller
-Sklaverei ein Ende gemacht hat, daß sie einging zu der herrlichen
-Freiheit der Kinder Gottes?
-
-Auf 73 Jahre 11 Monate hatte Wilberforce das reich gesegnete Erdenleben
-bringen dürfen, das wir aus den vorstehenden Blättern zu schildern
-versucht haben; aber für alle Zeiten wird sein Gedächtnis währen
-überall, wo man nach denen fragt, und um die sich bekümmert, welche in
-Wahrheit Wohlthäter der Menschheit gewesen sind.
-
-Oder dürftest Du jetzt noch bezweifeln, lieber Leser, daß Wilberforce
-in der That ein solcher gewesen ist.
-
-Hat er nicht durch unermüdliches Wirken demjenigen Teile der
-Menschheit, welcher vorher unbeanstandet das furchtbare Joch einer
-leib- und seelenmörderischen Knechtschaft getragen hatte und in der
-öffentlichen Meinung mit den Tieren fast auf gleiche Stufe gestellt
-gewesen war, nicht allein zur Milderung seiner Leiden geholfen, sondern
-auch zur Anerkennung seiner Menschenwürde und Menschenrechte?
-
-Hat er nicht den übrigen Teil der Menschheit, der in seiner Verblendung
-der schwarzen und farbigen Rasse ohne Bedenken jenes furchtbare
-Joch der Sklaverei auferlegen zu dürfen geglaubt hatte, die Augen
-aufgethan und das Gewissen geschärft, das Jahrtausende hindurch geübte
-himmelschreiende Unrecht zu erkennen, und so den Fluch von ihm wenden
-helfen, der aus solchem Unrecht notwendig erwachsen muß?
-
-Hat er nicht -- und das möchten wir als die höchste Wohlthat preisen,
-die er der Menschheit erwiesen -- durch sein ganzes Leben und Wirken
-es jedem, der nur sehen +will+, klar und unwiderleglich unter die
-Augen gestellt, daß das wahre, lebendige Christentum die Quelle aller
-Tugenden ist, und daß zumal jene Tugenden, die allein befähigen großes
-für die Welt zu vollbringen, lediglich aus dieser Quelle geschöpft
-werden können: Der heilige Eifer, der für das in Gottes Namen begonnene
-Werk glüht, der feste Mannesmut, der vor keiner Gegnerschaft und vor
-keiner Widerwärtigkeit zurückbebt, die unermüdliche Geduld, die sich
-durch keine fehlgeschlagene Hoffnung beugen läßt, die hingebende
-Selbstverleugnung, die von jedem Suchen des Eigenen absteht?
-
-Und wir freuen uns zum Schlusse noch sagen zu können, daß es
-Wilberforce nicht erging, wie so manchem anderen Wohlthäter der
-Menschheit vor ihm und nach ihm, daß er erst bei der dankbaren Nachwelt
-die verdiente Anerkennung fand, während die kurzsichtige Mitwelt sie
-ihm versagte, oder doch nicht in gebührendem Maße zollte. Nein, die
-Hochachtung, die er schon zu seinen Lebzeiten selbst bei Feinden und
-Gegnern gefunden hatte, sie trat sofort bei seinem Tode in das hellste
-Lichte und machte sich in der ehrenvollsten Weise kund.
-
-Einstimmig erkannte das Parlament dem Verstorbenen die höchste Ehre
-zu, die England seinen großen Männern zu erweisen pflegt, daß nämlich
-sein Leichnam in der Westminsterabtei beigesetzt wurde, zur letzten
-Ruhestätte geleitet von den Mitgliedern des Ober- wie des Unterhauses,
-ja selbst von einem Prinzen des Königlichen Hauses und von dem
-Lordkanzler, die es nicht unter ihrer Würde erachteten, bei den Trägern
-des Leichentuches zu sein.
-
-In seiner Vaterstadt Hull, sowie in York, der Hauptstadt der so
-lange von ihm vertretenen Grafschaft, wurden an seinem Begräbnistage
-Gedächtnisfeierlichkeiten für Wilberforce veranstaltet, und während
-ihm seine Vaterstadt später eine Denksäule errichtete, setzte die
-ganze Grafschaft ihm ein Denkmal anderer Art, das aber gewiß mehr
-als eine Denksäule dem Sinne und Geiste entsprach, in welchem der
-Geehrte während seiner Lebenszeit gewirkt hatte, sie gründete eine
-Blindenanstalt, zur Ehre seines Namens.
-
-Auf den westindischen Inseln aber legten die Neger, die so viel Ursache
-hatten, seinen Namen zu segnen, bei der Nachricht von seinem Tode
-Trauerkleider an, und eben dasselbige that die farbige Bevölkerung in
-New-York.
-
-Und doch, was waren alle diese Ehrenbezeugungen und Verherrlichungen
-des Verstorbenen gegenüber der Herrlichkeit, die der Herr im Himmel
-droben bereit hielt für seinen treuen Knecht, der mit dem reichen
-Pfunde, welches ihm anvertraut gewesen war, so wirksam gewuchert und im
-Dienste seines himmlischen Herrn mit hingebender Liebe gewirkt hatte,
-so lange es Tag für ihn war! Wie ist da gewiß wahr geworden an ihm das
-schöne Wort des 116. Psalms: »Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten
-vor dem Herrn«! Wie durfte er dort gewiß voll seliger Freude jubeln
-mit den Worten desselben Psalms: »O Herr, ich bin Dein Knecht; du hast
-meine Bande zerrissen.«
-
-Wenn aber der geneigte Leser dieses Büchleins sich gedrungen fühlt,
-nicht blos den Namen Wilberforce mit Hochachtung zu nennen, so oft er
-ihm auf die Zunge kommt, sondern sich auch an dem hochgeachteten Manne
-ein Vorbild zu nehmen, und zwar nicht allein an dem heiligen Eifer
-für alles Hohe und Heilige, der ihn durchglühte, an der hingebenden
-Pflichttreue, die ihn nie ruhen ließ, an seiner rührenden Demut und
-Bescheidenheit, die ihn seiner reichen Gaben, seiner gesegneten
-Wirksamkeit sich niemals selbst überheben ließ, sondern auch vor
-allem an dem unermüdlichen, sich selbst nie genug thuenden Dichten
-und Trachten, sowohl seine eigene Seligkeit zu schaffen, als auch
-Anderen auf den rechten Weg zur Seligkeit zu verhelfen, soweit dies in
-Menschenkraft liegt: so ist der innigste Wunsch dessen erfüllt, der
-diese Blätter geschrieben hat.
-
-
-
-
-Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden.
-
-
-Durch alle Buchhandlungen und durch mich zu beziehen:
-
-
-Aus der Maje.
-
-Erzählungen von =W. O. von Horn= (W. Oertel.)
-
-Vier Bände.
-
-Broschiert 6 Mk. 40 Pfg., eleg. u. dauerh. geb. 9 Mk.
-
-Jeder Band ist einzeln broschiert à 1 Mark 60 Pf., gebunden à 2 Mark
-25 Pf. zu haben.
-
-Die große Anzahl starker Bände der »Maje, ein Volksbuch für Alt und
-Jung im deutschen Vaterlande« fehlen seit einer Reihe von Jahren
-gänzlich. Da nun fortwährend dieses gute deutsche Volksbuch verlangt
-wird, namentlich die darin befindlichen Erzählungen von +W. O. von
-Horn+ (nur darin erschienen), so hielt ich es für geboten, die
-Erzählungen neu aufzulegen, und glaube damit dem deutschen Volke
-einen Dienst zu erweisen. An diese Erzählungen sollen sich anreihen
-Erzählungen anderer anerkannter Autoren und die besten Beiträge
-naturgeschichtlichen, geographischen und geschichtlichen Inhaltes.
-Meine Auswahl trifft nur das Beste und glaube ich mit vollem Rechte
-sagen zu können, daß diese Auslese ein Volksbuch liefern wird, wie es
-die Volkslitteratur noch nicht hat.
-
-Aus jeder Seite, ja aus jeder Zeile der Horn'schen Erzählungen tritt
-uns eine Wärme, eine Innigkeit entgegen, wie sie nur hervorquellen kann
-aus einer zur vollen Andacht gestimmten edlen Seele. +W. O. von Horn's+
-Erzählungen, fromm, innig und populär, zeichnen sich eben so sehr
-durch treffende Schilderungen des Häuslichen und Landschaftlichen aus,
-wie durch Wahrheit und Tiefe der Charakterzeichnungen; sie sind daher
-allen Familien, in denen reine Erzählungen gesucht werden, sowie allen
-Volksbibliotheken zu empfehlen.
-
-
-Fünfter und sechster Band: Erzählungen anderer Autoren.
-
- Broschiert à 1 Mark 60 Pfg., elegant und dauerhaft gebunden
- 2 Mark 25 Pfg.
-
- =Aus der Maje=, wird im Ganzen acht Bände umfassen, deren jeder
- einzeln zu haben ist, und eine Bibliothek ersten Ranges für
- Familien und Volksbibliotheken bilden.
-
-
-Erzählungen
-
-aus dem
-
-Volksbuche: Die Spinnstube.
-
-Begonnen von =W. O. von Horn=.
-
-
-=Erster Band= (Jahrgänge 1875--1877).
-
-40 Bogen. Mit 3 Stahlstichen und 90 Holzschnitten.
-
-
-=Zweiter Band= (Jahrgänge 1878--1880).
-
-40 Bogen. Mit 3 Stahlstichen und 90 Holzschnitten.
-
-
-=Dritter Band= (Jahrgänge 1881--1883).
-
-40 Bogen. Mit 3 Stahlstichen und 90 Holzschnitten.
-
-Preis des Bandes broschiert 1 Mk. 20 Pfg., elegant gebunden 1 Mk.
-80 Pfg.
-
-Eine stets willkommene Gabe für deutsches Gemüts- und Familienleben
-werden die alten Jahrgänge für Haus- und Volks-Bibliotheken gern
-angeschafft.
-
-Ich habe mich zu obiger Ausgabe entschlossen, die in 120 Bogen 9
-Stahlstiche und 270 Holzschnitte, 23 große Erzählungen von +W. O. von
-Horn+ wie von den ersten Autoren und eine große Zahl kleinere Aufsätze
-enthält, daher bei dem sehr billigen Preis überall willkommen sein wird.
-
-=Von da ab wird die Spinnstube nur in der Höhe der Abonnentenzahl
-gedruckt.=
-
-
-Druck von +K. Schwab+ in Wiesbaden.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Kapitelnumerierung (Kapitel IV war doppelt) wurde korrigiert.
-
- Korrekturen:
-
- S. 25: zurückziehen → zurückzuziehen
- in die ländliche Stille {zurückzuziehen}
-
- S. 50: sie → Sie
- {Sie} hierbei und in allen Stücken zu stärken
-
- S. 76: 1789 → 1798
- in der Parlamentssitzung von {1798} keinen Fortgang.
-
- S. 135: Kant → Kent
- East Forleigh in der Grafschaft {Kent}
-
- S. 136: sie → Sie
- Anstrengungen, welche {Sie} mit solcher Ausdauer
-
- S. 140: sie → Sie
- als da {Sie} zuerst in das öffentliche Leben eintraten
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of William Wilberforce, der Sklavenfreund, by
-Hugo Oertel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILLIAM WILBERFORCE ***
-
-***** This file should be named 54201-0.txt or 54201-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/4/2/0/54201/
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-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
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-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
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-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
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- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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- of receipt of the work.
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-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-works.
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- The Project Gutenberg eBook of William Wilberforce, der Sklavenfreund, by Hugo Oertel.
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's William Wilberforce, der Sklavenfreund, by Hugo Oertel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: William Wilberforce, der Sklavenfreund
- Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet
-
-Author: Hugo Oertel
-
-Release Date: February 19, 2017 [EBook #54201]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILLIAM WILBERFORCE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist hier <em class="gesperrt">so dargestellt</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-<a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcover" >
-<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" >
-<img src="images/frontispiz.jpg" alt="Wilberforce" />
-<div class="caption">Stahlstich v. Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nürnberg.<br />
-<span class="large">William Wilberforce.</span><br />
-Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden.</div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h1>William Wilberforce,<br />
-<span class="smaller">der Sklavenfreund.</span></h1>
-<p class="h2">
-Ein Lebensbild,<br />
-<span class="smaller">für die deutsche Jugend und das deutsche Volk<br />
-gezeichnet</span></p>
-<p class="center">von</p>
-<p class="h2">Hugo Oertel.</p>
-<p class="center">
-Mit vier Abbildungen.</p>
-<p class="center p2">
-<b>Wiesbaden.</b><br />
-<b>Julius Niedner</b>, Verlagshandlung.<br />
-1885.</p>
-<p class="center">
-<b>Philadelphia</b><br />
-bei Schäfer &amp; Koradi.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-<h2 id="I">I.</h2>
-</div>
-
-<p>Wir haben für den Mann, dessen Lebensbild wir auf
-den nachfolgenden Blättern zeichnen wollen, da vorne auf
-dem Titelblatte die nähere Bezeichnung »Der Sklavenfreund«
-gewählt, und gewiß mit gutem Grunde, wie jeder,
-der den Mann erst aus diesem Büchlein kennen lernt,
-nach Durchlesung desselben wird zugestehen müssen.</p>
-
-<p>Aber ob auch jeder unserer lieben Leser weiß, was
-es mit dieser Bezeichnung auf sich hat, und wie sehr dieselbe
-berechtigt, denjenigen, welchem sie mit voller Wahrheit
-zukommt, unter die bedeutenden Menschen zu zählen, denen
-in diesem Büchlein ein ehrendes Gedächtnis gestiftet werden
-soll?</p>
-
-<p>Was man unter <em class="gesperrt">Sklaven</em> versteht, brauchen wir ja
-wohl niemandem erst weitläufig zu erklären. Jedermann
-hat ohne Zweifel von jenen unglückseligen Menschen gehört,
-die von anderen Menschen, ihren Brüdern, in der entsetzlichsten
-Knechtschaft gehalten werden; über die von
-diesen, ihren sogenannten Herren, das vollste unbeschränkteste
-Eigentumsrecht in Anspruch genommen wird; die wie
-das Vieh oder eine tote Ware gekauft oder verkauft werden
-und meistenteils auch kaum eine bessere Behandlung wie
-das Vieh erfahren.</p>
-
-<p>Und wer etwa schon solch ein Buch gelesen hat, wie
-das wohlbekannte auch ins Deutsche übersetzte der Amerikanerin
-H. Beecher-Stowe, welches den Titel führt: »Onkel
-Toms Hütte«, der hat auch schon einen Einblick bekommen
-in das herzzerreißende Elend, welches die Sklaverei im<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-Gefolge hat. Und wenn er nur ein menschlich fühlendes
-Herz in der Brust trägt, das sich von Jammer und Elend,
-wo und wie sie ihm begegnen, rühren läßt, geschweige
-denn, wenn sein Herz ein christliches ist, in welchem das
-Gebot lebt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! so
-kann er nicht anders, als seine höchste Achtung Solchen
-zollen, die ihre ganze Kraft einsetzen, um das Elend der
-Sklaverei lindern zu helfen, ja die auf die gänzliche Abschaffung
-der Sklaverei hinwirken, welche ohne Zweifel
-der größte Schandfleck für die Menschheit ist, der nur
-gedacht werden kann.</p>
-
-<p>Aber, so fragt man unwillkürlich, wie war es überhaupt
-möglich, daß etwas so Entsetzliches und Schändliches
-wie die Sklaverei in der Welt aufkam? Wie war
-es möglich, daß sich Menschen dazu herbeilassen konnten,
-andere Menschen in eine Lage zu setzen, in welcher die
-Menschenwürde geradezu mit Füßen getreten ist?</p>
-
-<p>Auf diese Frage kann man denn aber nur die rechte
-Antwort finden, wenn man erwägt, daß von Uranfang
-her das Psalmwort (Psalm 10, 10) seine Wahrheit hatte:
-»Der Gottlose zerschlägt und drückt nieder und stößt zu
-Boden den Armen mit Gewalt«; daß von jeher der Stärkere,
-weil er dazu befähigt war, sich auch berechtigt hielt,
-den Schwächeren zu unterdrücken und sich dienstbar zu
-machen. So war es ja, wie gesagt, von Uranfang her,
-seitdem durch das Eindringen der Sünde in die Welt
-und durch den dadurch hervorgerufenen Abfall der Menschenherzen
-von Gott, in diesen an die Stelle der Liebe,
-dieses Abglanzes des göttlichen Wesens, die Selbstsucht
-getreten ist; so ist es noch heute, wo das Recht des
-Stärkeren ohne Scheu als ein natürliches, unangreifbares
-Menschenrecht hingestellt, und auch in den Schranken, die<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-das Gesetz nur irgendwie zuläßt, mit der furchtbarsten
-Rücksichtslosigkeit geübt wird; so wird es auch bleiben,
-solange nicht das Grundgesetz des Christentums, das Gesetz
-der selbstverleugnenden Liebe allenthalben zur vollen Geltung
-gekommen ist, wonach der Starke seine Stärke nicht zur
-Unterdrückung, sondern zum Schutze des Schwachen verwenden
-soll.</p>
-
-<p>Die Sklaverei an und für sich ist deshalb auch fast
-so alt wie das Menschengeschlecht, und jedenfalls so alt
-als die Kriege in der Welt sind. Denn die ersten Sklaven
-waren ohne Zweifel Kriegsgefangene, die man zum Knechtsdienste
-zwang und gegen die man, weil sie Volks- oder
-Stammesfeinde waren, an deren Hände das Blut der
-eigenen Landsleute und Stammesgenossen klebte, ungescheut
-jede Grausamkeit und Gewaltthat glaubte üben zu dürfen.
-Erst allmählig mag sich dann die Sklaverei als ein dauernder,
-sogar gesetzlicher Zustand herausgebildet haben, bei
-welchem die Sklaven als lebende Ware betrachtet und mit
-voller Rechtsgiltigkeit gekauft und verkauft wurden.</p>
-
-<p>Die alten Denkmäler Ägyptens mit ihren Inschriften
-und Bildwerken erheben es zur unbestreitbaren Gewißheit,
-daß dort im Nillande schon etwa 1600 Jahre vor Christo
-die Sklaverei bestand, daß vollständige Sklavenmärkte
-abgehalten wurden, ja daß schon damals Negersklaven
-vorkamen, jedoch wohl nur als Kriegsgefangene, nicht aber
-als Glieder der Menschenrasse, die vorzugsweise zur Sklaverei
-bestimmt sei und bei der schon ihre Hautfarbe den
-Bann und den Fluch der Sklaverei bedingte. Der traurige
-Ruhm, diese letztere Anschauung von der Bestimmung der
-schwarzen Menschenrasse zur Sklaverei aufgebracht und
-diese Rasse als eine niedrige Menschenart hingestellt zu
-haben, die sich vom Tiere kaum anders als durch die<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-äußere Gestalt unterscheide, fällt leider auf die christlichen
-Nationen der Neuzeit. Und, um dies hier schon einzufügen,
-leider wurde sogar aus dem Worte Gottes zu
-beweisen gesucht, daß die Sklaverei der Schwarzen ein
-gottgewollter Zustand sei. Man mißbrauchte nämlich jenen
-schweren Fluch, den Noah über die Nachkommen seines
-Sohnes Ham, den man als den Stammvater der schwarzen
-Rasse ansieht, aussprach, wie 1&nbsp;Mos. 9, 25. 27 zu
-lesen steht, als Beweisstelle dafür; man nahm also einen
-menschlichen Vaterfluch, der durch eine schwere Sünde des
-Sohnes hervorgerufen war, als Ausdruck eines göttlichen
-Willens und begründete dadurch jene heillose Verwirrung
-der Gewissen, aus der, als aus einer trüben Quelle,
-all das entsetzliche Elend der Negersklaverei, all die grauenhaften
-Grausamkeiten des Handels mit Schwarzen hervorfloß.</p>
-
-<p>Auch unter den <em class="gesperrt">Juden</em> findet sich schon in frühester
-Zeit Sklaverei und Sklavenhandel. Abraham besaß eine
-Menge von »Knechten«, die wohl nichts anderes, als leibeigene
-Sklaven gewesen sind. Denn 1&nbsp;Mos. 17, 23
-werden ausdrücklich unter diesen Knechten solche unterschieden,
-die daheim im Hause geboren, und solche, die
-erkauft waren. Wir haben also da schon eine durch Geburt
-vererbte und ebensowohl eine durch Kauf zu stande
-gekommenene Knechtschaft, und zwar in sehr ausgedehntem
-Maße. Denn 1&nbsp;Mos. 14, 9 werden allein 318 waffenfähige
-Knechte erwähnt, die im Besitze des Erzvaters
-waren.</p>
-
-<p>Und weist nicht der Umstand, daß Jakobs Söhne
-ihren Bruder Joseph an israelitische Händler verkauften,
-ebenfalls darauf hin, daß der Sklavenhandel damals schon
-etwas ganz Gewöhnliches und Herkömmliches war?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Allerdings scheinen die Knechte oder Sklaven damals
-völlig zur Familie gehört zu haben und keineswegs als
-völlig rechtlos geachtet worden zu sein. Denn sie wurden
-ebenso wie die eignen Kinder und Hausgenossen durch
-die Beschneidung in den Bund aufgenommen, den Gott
-der Herr mit Abraham gemacht hatte (1&nbsp;Mos. 14, 9)
-und bei Elieser, dem treuen Knechte Abrahams, wurde
-sogar das Knechtsverhältnis ein so verschwindendes, daß
-Abraham, als ihm noch der eigene Sohn mangelte,
-Eliesers Sohn zu seinem Erben zu machen gedachte.
-(1&nbsp;Mos. 15, 4.)</p>
-
-<p>Als Israel Gottes Volk geworden war und jedes
-Glied ein Knecht Gottes, durfte kein Israelit »auf leibeigene
-Weise« (3&nbsp;Mos. 25, 42) verkauft werden, während
-die Leibeigenschaft von Nichtjuden nach wie vor bestehen
-blieb.</p>
-
-<p>Allerdings konnte ein Israelit nach dem Gesetze in
-die Dienste eines anderen kommen, entweder wenn er selbst
-sich und die Seinigen freiwillig demselben in die Dienstbarkeit
-verkaufte, weil er wegen Armut seine Familie nicht
-mehr durchbringen konnte, oder wenn er durch gerichtlichen
-Zwangsverkauf ihm zufiel, weil er z. B. für einen
-begangenen Diebstahl nicht den genügenden Ersatz leisten
-konnte. Aber es waren im Gesetze Anordnungen getroffen,
-welche dem in solcher Weise unfrei gewordenen die Rückkehr in
-die Freiheit und Selbstständigkeit ermöglichten; und vor
-allem durfte ein solcher Unfreier an Auswärtige nicht wieder
-verkauft werden.</p>
-
-<p>Jedoch auch die heidnischen Sklaven hatten sich nach
-dem mosaischen Gesetze einer im Ganzen menschlichen Behandlung
-zu erfreuen. Wer einen seiner heidnischen Sklaven
-bei etwaiger Züchtigung oder im Zorne tötete, wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-bestraft, wenn der Tod unmittelbar erfolgte; überlebte
-dagegen der Sklave die Mißhandlung um einige Tage,
-sodaß sein Tod nicht als unmittelbare Folge derselben angesehen
-werden konnte, so wurde angenommen, daß der
-Tod nicht absichtlich herbeigeführt worden sei, und der
-Herr wurde als durch den Verlust des Sklaven genug
-bestraft angesehen.</p>
-
-<p>Auch bei den alten <em class="gesperrt">Griechen</em> stand die Sklaverei
-in voller Blüte trotz des starken Freiheitssinnes, der in
-diesem Volke lebte; ja die ganze gesellschaftliche Ordnung
-der Griechen forderte gewissermaßen die Unfreiheit anderer,
-die Sklaverei, als notwendige Unterlage. Damit sich die
-freien Staatsbürger ganz und ausschließlich dem öffentlichen
-Leben und den Staatsgeschäften widmen könnten,
-wie es in einer Republik nötig erschien, durfte es nicht
-an Solchen fehlen, die sich lediglich den kleinlichen Geschäften
-des täglichen Lebens und der Besorgung des Hauswesens
-widmeten. Zu den schwereren und gröberen Arbeiten
-verwendete man die Kriegsgefangenen, während die auf
-den Märkten gekauften Sklaven vorzugsweise zu Hausdienern
-genommen wurden. Berühmte Sklavenmärkte wurden
-auf den Inseln Delos und Chios abgehalten, wohin
-aus Ägypten auch Negersklaven geschickt wurden, die als
-Luxus-Sklaven sehr beliebt waren und von besonderem
-Reichtum des Besitzers Zeugnis gaben.</p>
-
-<p>Ehe der berühmte Solon seine Gesetze gab, durfte
-der Gläubiger auch zahlungsunfähige Schuldner in die
-Sklaverei verkaufen, und selbst Eltern war dies mit ihren
-Kindern gestattet.</p>
-
-<p>Jedoch war bei den Griechen die Behandlung der
-Sklaven im Großen und Ganzen nichts weniger als unmenschlich.
-Der Herr konnte genötigt werden, einen Sklaven,<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-den er aus Bosheit grausam behandelte, zu verkaufen,
-ja er konnte selbst alle seine Rechte auf ihn verlieren.
-In Athen wurde der Herr, welcher einen seiner Sklaven
-getötet hatte, in die Verbannung geschickt, und die Tötung
-eines fremden Sklaven wurde ebenso bestraft wie die eines
-freien Mannes. Überhaupt war der Sklave bei den Griechen
-nicht völlig rechtlos, konnte sogar bis zu einem gewissen
-Grade eigenes Vermögen erwerben.</p>
-
-<p>Anders war es bei den alten <em class="gesperrt">Römern</em>, deren ganzes
-Staatswesen auf Gewaltsamkeit aufgebaut war und denen
-die beständig geführten Kriege zahllose Gefangene als
-Sklaven zuführten. Bei ihnen galt der kriegsgefangene
-Sklave nicht mehr als jede andere tote Kriegsbeute; er
-war nur eine Sache, über die dem Herrn das unbeschränkteste
-Eigentumsrecht zustand. Er konnte und durfte seine
-Sklaven ganz willkürlich verheiraten und dann wieder von
-Weib und Kind weg verkaufen, sie wegen Krankheit aussetzen,
-zum Kampfe mit wilden Tieren bestimmen oder auch
-selbst ungestraft töten.</p>
-
-<p>Rom wurde bald der bedeutendste Sklavenmarkt der
-Welt, und reiche Römer hatten die Sklaven zu vielen
-Hunderten. Allein dieselben wurden keineswegs blos zu
-den niedersten Knechtsdiensten verwendet, sondern es gab
-unter ihnen Ärzte, Schreiber, Dichter, Schriftsteller, Lehrer
-und Erzieher.</p>
-
-<p>Erst unter den Kaisern wurde die völlige Rechtlosigkeit
-der Sklaven einigermaßen beschränkt. Sie konnten
-jetzt Testamentserben werden und Verträge selbständig und
-rechtskräftig schließen; sie standen unter den Gesetzen des
-natürlichen Rechtes, durften z. B. nicht in bestimmten Verwandtschaftsgraden
-heiraten; sie konnten, wenn sie ihre
-Freilassung erlangt hatten, ihre früheren Herren wegen erlittener<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Mißhandlungen gesetzlich belangen. Gegen das
-Ende der Kaiserzeit war es für die vornehmen Römer
-ein Ehrenpunkt, recht viele Freigelassene zu haben, die
-zu dem Hause des Befreiers in einer gewissen Beziehung
-blieben.</p>
-
-<p>So blühte in der ganzen alten Welt die Sklaverei,
-allerdings zum größten Nachteile der Sklavenbesitzer selbst,
-die sich durch die Sklaverei der freien Arbeit entwöhnten
-und diese als eine Schande für den Freigeborenen ansehen
-lernten, ja der Staaten selber. Man kann wohl sagen,
-die alte Welt ging an der Sklaverei zu Grunde, weil sie
-durch dieselbe den arbeitenden Mittelstand verlor, ohne
-den kein Staatswesen auf die Dauer bestehen kann.</p>
-
-<p>Im Mittelalter nahm die Sklaverei die mildere Form
-der »Hörigkeit« an, welche die Freiheit und das Recht
-der Selbstbestimmung für die Hörigen keineswegs ganz
-aufhob. Nur wo das römische Recht volle Geltung erlangte,
-fand sich noch wirkliche Sklaverei der Kriegsgefangenen.
-Sonst wurden die Bewohner eines eroberten
-Landes nur gezwungen, den Grund und Boden zu bearbeiten
-und dann an die Sieger neben persönlichen Dienstleistungen,
-die bestimmt festgesetzt waren, gewisse Natural-Abgaben
-von dem Ertrag des ihnen überlassenen Landes
-zu entrichten.</p>
-
-<p>Wir haben schon oben erwähnt, daß erst die neuere
-Zeit sich den traurigen Ruhm erwarb, die Negersklaverei
-eingeführt und die Ansicht in Gang gebracht zu haben,
-daß die Neger eigentlich gar keine rechte Menschen seien,
-und daß es für die Weißen nichts Unmenschliches, sondern
-etwas völlig Berechtigtes sei, sie in die Sklaverei zu
-schleppen und sich ihre rohe Kraft dienstbar zu machen.</p>
-
-<p>Schon um's Jahr 1440 brachten die Portugiesen<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-Negersklaven in den Handel und im Jahre 1460 bestand
-in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein öffentlicher
-Markt, auf welchem Neger zum Kaufe gestellt wurden.</p>
-
-<p>Wie man dieselben erhielt? &ndash; Durch Raubzüge, die
-man auf den Küsten Afrikas veranstaltete und auf denen
-man alle Neger, deren man habhaft werden konnte, einfing
-und sie in möglichst großer Zahl enge zusammengepfercht
-in kleine, schnellsegelnde Schiffe packte. Ging dabei
-auch ein großer Teil der Eingefangenen und vielleicht
-schwer Verwundeten zu Grunde, so wurde doch noch immer
-an den Überlebenden ein so großer Gewinn gemacht, daß
-die Habsucht reiche Befriedigung fand und die auf solche
-Raubzüge verwendeten Kosten hohe Zinsen trugen. Als
-diese Raubzüge sich nicht mehr lohnten, weil die Neger,
-durch Schaden klug gemacht, auf ihrer Hut waren und
-sich in das Innere des Landes und seine unzugänglichen
-Schlupfwinkel zurückgezogen, sobald sich ein Schiff an der
-Küste blicken ließ, auch den räuberischen Weißen blutigen
-Widerstand leisteten und den Tod der Gefangenschaft vorzogen,
-da suchte man mit den Negerhäuptlingen Verträge
-abzuschließen, welche diese verpflichteten, gegen nichtigen
-Tand und geringwertige Zeuge und Geräte ihre Untergebenen
-an die Weißen zu verkaufen. Wo die Überredung
-dabei nicht zum Ziele führte, mußte der Branntwein
-helfen, den halb oder ganz Trunkenen die Einwilligung
-abzupressen.</p>
-
-<p>Einen besonderen Aufschwung nahm die Negersklaverei
-und der grausame Handel mit den armen Schwarzen nach
-der Entdeckung Amerikas zu Ende des 15. Jahrhunderts,
-denn die Spanier und Portugiesen erkannten bald, daß
-die eingeborenen Indianer der neuentdeckten Länder viel
-zu schwächlich seien, um die reichen Schätze, welche dort<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-der üppige Boden und der Reichtum des Erdinnern an
-edlen Metallen in Aussicht stellten, in dem Maße zu heben,
-wie es die Habsucht und die entflammte Geldgierde begehrten.
-Für Europäer aber erwies sich das Klima als
-ein zu mörderisches, als daß man hätte daran denken
-dürfen, solche zu schwerer Arbeit zu verwenden. Überdies
-wollten diejenigen Europäer, welche nach dem neuentdeckten
-Weltteile hinüberzogen, nichts weniger als schwer arbeiten,
-sondern waren nur von der Sucht getrieben, drüben, wo
-man das Gold auf der Straße zu finden hoffte, recht
-schnell reich zu werden und dann mit Gold beladen wieder
-heimzukehren.</p>
-
-<p>So schien es als das beste, ja als das allein mögliche,
-um die kostbaren Entdeckungen recht auszubeuten,
-daß man die kräftigen, an das heißeste Klima gewöhnten
-Neger nach Amerika verpflanzte. Und je mehr es sich
-bewährte, daß dieselben das für die Europäer so verderbliche
-Klima auch bei der schwersten Arbeit prächtig ertrugen,
-desto mehr befestigte sich die Meinung und gestaltete
-sich allmählig zu einem unbestreitbaren Grundsatze,
-an dem niemand zu rütteln wagen durfte, daß die Neger
-für die westindischen Pflanzer ganz und gar unentbehrlich
-seien.</p>
-
-<p>Über die Frage, ob es recht sei, sie gewaltsam zu
-rauben und in die Ferne zu schleppen, setzte sich die gewissenlose
-Habsucht und Goldgierde leicht hinweg, oder,
-wo noch ein Gewissen sich regte, sie zu erheben, da mußte
-jene Stelle der heiligen Schrift (1. Mos. 9, 25, 27)
-über alle Bedenken hinweghelfen, durch die man den Beweis
-erbracht sah, daß die Nachkommen Kanaans, als die
-man die Schwarzen betrachtete, nach göttlicher Ordnung<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-für alle Zeiten bestimmt seien, den Fluch der Knechtschaft
-zu tragen.</p>
-
-<p>Die Wildheit der eingeführten Neger, die nur mit
-Zähneknirschen das aufgelegte Joch trugen, ihre für die
-Bewohner gebildeter Länder abschreckende Rohheit, ihre
-von derjenigen der Weißen so sehr abweichende Gesichtsbildung,
-alles dies brachte nun weiter leicht die Behauptung
-zur allgemeinen Geltung, die Schwarzen seien eigentlich
-nur Halbmenschen, welche nicht viel über dem Tiere
-ständen, und in bezug auf welche deshalb auch die wirklichen
-Menschen, die Weißen, das Gottesgebot für sich in
-Anspruch nehmen dürften, daß sie sich die Erde unterthan
-machen und über alle ihre Geschöpfe herrschen sollten.
-Das allein reichte freilich schon hin, für die Negersklaven
-von seiten ihrer Herren eine Behandlung herbeizuführen,
-die bei ihnen durchaus keine Menschenwürde mehr gelten
-ließ. Aber diese üble Behandlung mußte sich notwendigerweise
-noch steigern, wenn es galt, die Neger zur Arbeit
-anzuhalten, und das Kapital, welches man auf ihren Ankauf
-verwandt hatte, und welches noch fort und fort ihre
-Unterhaltung erforderte, mit möglichst hohem Gewinn aus
-ihrer Arbeit herauszupressen. Denn da konnte nur der
-härteste Zwang die angeborene Trägheit der Neger überwinden,
-und nur der furchtbaren Peitsche aus Nashornhaut,
-die schonungslos die nackten Schultern zerfleischte, konnte
-es gelingen, jede leiseste Regung der Wut und des Widerstandes
-gegen die unbarmherzigen Peiniger im Keime schon
-zu ersticken.</p>
-
-<p>Daß solche Wut dennoch bei den leidenschaftlichen,
-heißblütigen Schwarzen gelegentlich zum Ausbruche kam
-und sich dann in Grausamkeiten gegen die verhaßten Peiniger
-entlud, welche jeder Beschreibung spotten, konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-natürlich die Behandlung der Neger nicht besser machen
-und wurde nur als Beweis dafür geltend gemacht, daß
-ihnen gegenüber nur die furchtbarste Härte am Platze und
-im stande sei, die Weißen davor zu schützen, daß sie nicht
-von der überlegenen Körperkraft der Neger zermalmt
-würden, zumal da, wo, wie auf einsam gelegenen Pflanzungen,
-die Weißen in einer ganz verschwindenden Minderzahl
-ständen.</p>
-
-<p>Wie allgemein verbreitet und wie fest gegründet die
-Ansicht von der Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der
-Negersklaverei und des Negerhandels im Anfange des 16.
-Jahrhunderts war, beweist wohl nichts besser als der Umstand,
-daß selbst der edle Las Casas, der treue Freund und
-unermüdliche Schützer der amerikanischen Indianer, die
-Negersklaverei nicht für unchristlich ansah, wenn es auch
-durchaus falsch ist, daß er seinen Indianern zu Liebe
-selbst die Negersklaverei eingeführt oder doch wesentlich
-gefördert habe. Erst gegen Ende seines Lebens ging ihm
-in betreff der Negersklaverei eine richtigere Erkenntnis auf
-und eine tiefe Reue darüber, daß er die Negereinfuhr gebilligt
-habe.</p>
-
-<p>Wir haben schon erwähnt, daß bereits ums Jahr 1460
-in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein förmlicher
-Markt für Negersklaven bestand. Die Portugiesen blieben
-auch fortan die Hauptsklavenhändler, während die Spanier
-für sich selbst bald den Sklavenhandel einstellten und sich
-durch Verträge mit anderen Nationen die für ihre westindischen
-Besitzungen nötigen Sklaven verschafften. So übernahm
-es im Jahre 1715 England vertragsmäßig, den
-Spaniern ihre Sklaven zu liefern und bedingte sich sogar
-das Recht aus, ihnen 144000 Neger in die Sklaverei zu
-verkaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>Denn nachdem im Jahre 1525 die ersten Negersklaven
-in England gelandet und verkauft waren, blühte dort der
-Sklavenhandel, an dem die öffentliche Meinung nicht den
-geringsten Anstoß nahm, rasch auf, begünstigt selbst von
-den Königen, die von den Sklavenhändlern hohe Abgaben
-erhoben.</p>
-
-<p>Von 1750 bis 1783 wurden etwa 30000 Neger jährlich
-unter englischer Flagge in die Sklaverei geführt,
-besonders von Liverpool aus, das zum Hauptstapelplatze
-des Negerhandels wurde. Im Jahre 1771 hatte diese
-Stadt 105 Schiffe, die sich lediglich mit dem Sklavenhandel
-befaßten und eigens dafür eingerichtet waren,
-während London nur 85, Bristol nur 25 solcher Schiffe
-hatte. Während man den Menschenverlust, den Afrika
-durch den Negerhandel erlitt, auf 40 Millionen Menschen
-schätzt, berechnet man den Gewinn, welchen England aus
-diesem Handel zog, auf 400 Millionen Dollars, also über
-1600 Millionen Mark!</p>
-
-<p>Indessen gaben sich auch noch andere Nationen, wenn
-auch in geringerem Maße, mit dem Negerhandel ab. Denn
-es war ein holländisches Schiff, welches im Jahre 1620
-die ersten Sklaven in Nordamerika landete, und zwar zu
-Jamestown in Virginien und so den Grund legte zu der
-bedeutenden Negereinfuhr, die nun auch dort, besonders
-in den südlichen Staaten, in den Gang kam und nachweisbar
-von 1620 bis 1740 etwa 130000, von da bis
-1776 etwa 300000 Neger in die nordamerikanischen Staaten
-brachte.</p>
-
-<p>Die Ansichten über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit
-des Sklavenhandels, die sich in Europa gebildet hatten,
-verpflanzten sich, von Eigennutz und Gewinnsucht getragen,
-rasch dorthin und gewannen so festen Grund in der öffentlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Meinung, daß selbst die strenge Sekte der Quäker
-in Pennsylvanien die Sklaverei an sich nicht, sondern nur
-die dabei vorkommenden Gräuel mißbilligte. Allein die
-in diesen Staat eingewanderten Deutschen protestierten
-von vornherein gegen die Sklaverei als gegen etwas unsittliches
-und besonders unchristliches und verlangten schon
-im Jahre 1688 bei der Volksvertretung die unbedingte
-Abschaffung derselben. Sie verschafften dadurch dem deutschen
-Namen den unvergänglichen Ruhm, zuerst gegen die grauenhaften
-Zustände der Negersklaverei öffentlich aufgetreten
-zu sein. Ehre jenen unerschrockenen Männern, die es
-wagten, gegen die gegenteilige öffentliche Meinung ihre
-bessere Überzeugung tapfer zu vertreten!</p>
-
-<p>Allerdings fehlte es auch schon früher nicht an Einzelnen,
-welche sich wider die Sklaverei erhoben; aber es
-handelte sich dann stets um weiße Sklaven. So kaufte
-schon im 6. Jahrhundert der Bischof von Rom, Gregor
-der Große, britannische Jünglinge, welche in römische
-Kriegsgefangenschaft geraten und in Rom zum Verkaufe
-gestellt waren, los, unterwies sie sorgfältig im Christentum
-und ließ sie dann als Freie in ihre ferne Heimat
-zurückbringen, daß sie dort das Christentum ausbreiteten.</p>
-
-<p>Im Jahre 1270 schlossen England und Frankreich
-einen heiligen Bund, der zum Zwecke hatte, die Raubstaaten
-an der nordafrikanischen Küste, die sogenannten
-Barbareskenstaaten Algier, Tunis und Tripolis, zu züchtigen,
-welche die durch Seeraub erlangten Schiffer oder
-Küstenbewohner des mittelländischen Meeres als Sklaven
-zu verkaufen pflegten, und setzten ihre Bemühungen auch
-später noch fort, ohne jedoch den Sklavenhandel dieser
-Raubstaaten ganz unterdrücken zu können. Erst in den
-dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde diesem<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-schmählichen Handel durch die Eroberung und Kolonisation
-Algiers von seiten der Franzosen ein Ende gemacht.</p>
-
-<p>Gegen den Negerhandel jedoch erhob sich die öffentliche
-Meinung erst zu Ende des 17. und zu Anfang des 18.
-Jahrhunderts, und zwar besonders infolge der eifrigen
-Bemühungen der englischen Quäkersekte und ihrer Führer
-G. Fox und W. Penn. Als es ihnen gelungen war,
-durch Wort und Schrift die Gewissen aufzuwecken, begann
-in England der Kampf gegen die Sklaverei
-und nahm nun von Jahr zu Jahr größeren Umfang
-an, wie sehr auch die westindischen Sklavenhalter und die
-englischen Sklavenhändler alles aufboten, denselben lahm
-zu legen. Und man muß es den Engländern lassen,
-daß sie die schwere Schuld, die sie den armen Schwarzen
-gegenüber auf sich geladen hatten durch den von ihnen
-getriebenen und geduldeten Negerhandel, redlich abzuzahlen
-bemüht gewesen sind und noch immer sich bemühen. Denn
-sie sind es, die mit schweren Kosten für den Staat an
-den afrikanischen Küsten beständig Wachtschiffe kreuzen
-lassen, um den Sklavenhändlern ihre Beute abzujagen,
-und wenn der Kommandant des englischen Geschwaders,
-welches diesen edlen Zweck zur Ausführung bringen soll,
-noch im Jahre 1880 an der Ostküste Afrikas 60 Sklavenschiffe
-weggenommen und 855 Negern wieder zur Freiheit
-verholfen hat, so beweist das ebensowohl, daß der
-Sklavenhandel noch heute keineswegs völlig unterdrückt ist,
-wie auch das, daß England nach wie vor beharrlich und
-redlich bemüht ist, den Schandfleck abzuwaschen, den der
-Sklavenhandel auf den englischen Namen gebracht hat.</p>
-
-<p>Auch die nachfolgenden Blätter sollen den lieben Lesern
-einen englischen Mann vorführen, der zu seiner Zeit ein
-Hauptförderer dieser Bemühungen gewesen ist, und der<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-deshalb nicht blos den Namen des »Sklavenfreundes« mit
-vollem Fug und Rechte verdient, sondern ebensosehr es
-verdient, daß sein Andenken von jedermann in hohen
-Ehren gehalten wird.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="II">II.</h2>
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">William Wilberforce</em> &ndash; so heißt der Ehrenmann,
-um den es sich handelt &ndash; wurde geboren am 24.
-August des Jahres 1759 zu Hull in der Grafschaft York,
-und zwar als der einzige Sohn unter vier Kindern, von
-denen zwei Schwestern schon in früher Kindheit wieder
-verstarben. Sein Vater Robert Wilberforce leitete seine
-Abkunft von einer alten, vornehmen Familie her, die
-lange Zeit hindurch im östlichen Teile der Grafschaft York
-ein ausgedehntes Stammgut besessen habe, war aber jedenfalls
-ein nach unseren Begriffen reicher, nach englischen
-Begriffen wohlhabender Mann. In Gemeinschaft mit seinem
-Vater, der bis in sein Alter hinein das entscheidende
-Familienhaupt geblieben zu sein scheint, betrieb er ein
-ausgedehntes Handelsgeschäft und verwaltete den großen
-Landbesitz, den die Familie hatte.</p>
-
-<p>Der kleine William kam als feines, krausgliedriges
-Kind zur Welt und hat die Körperschwachheit, mit welcher
-er ins Leben eintrat, bis zu seinem Lebensende nicht völlig
-zu überwinden vermocht. Aber wer ihm in die hellen, geistvollen
-Augen sah, konnte ihm schon an der Wiege prophezeien,
-daß einmal etwas Rechtes aus ihm werden würde. Zum
-Knabenalter herangewachsen, entwickelte er trotz seines
-schwächlichen Körpers eine ungemeine Lebhaftigkeit und
-ein reiches, tiefes Gemütsleben, das ihn schnell zum Liebling<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-aller machte. Außergewöhnlich frühe entfaltete er
-eine große Redefertigkeit, wie sie Kindern seines Alters
-in der Regel nicht eigen ist und erinnert damit an das
-allbekannte Sprüchlein: Was ein Dörnchen werden will,
-spitzt sich bei Zeiten.</p>
-
-<p>Noch ehe er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, verlor
-er seinen Vater, und da die Mutter sich wohl selbst
-nicht für fähig hielt, den lebhaften Knaben richtig zu erziehen,
-wurde er zu einem Oheim von väterlicher Seite
-gebracht, der mit ihm denselben Namen hatte, vielleicht
-also sein Pate war.</p>
-
-<p>Hier im Hause des Oheims fand er denn, was ihm
-weder die Schule zu Hull, die er bis jetzt besucht hatte,
-noch auch das Elternhaus gegeben: einen echt christlichen,
-frommen Geist. Die Tante gehörte der Sekte der Methodisten
-an, und wie sie selbst eine warme, aufrichtige Liebe
-zu Gottes Wort und eine tiefe Erkenntnis seiner heiligen
-Wahrheiten besaß, so suchte sie beides auch dem jungen
-Neffen einzupflanzen. Schien doch dessen reiches, tiefes
-Gemüt so recht dazu geeignet, die göttliche Wahrheit freudig
-in sich aufzunehmen und nachhaltig in sich wirken zu
-lassen. Was die eigne Mutter, die erst spät zum lebendigen
-Christentum kam, an dem sinnigen Knaben versäumt
-hatte, suchte die Tante desto eifriger nachzuholen und gewann
-durch die liebreiche Art ihrer erziehlichen Einwirkung
-einen nachhaltigen Einfluß auf Williams Gemüt.</p>
-
-<p>Allein das still ernste, fromme Wesen, welches dadurch
-bei dem Knaben einkehrte und sich bei seinen gelegentlichen
-Besuchen im Elternhause deutlich genug kundgab, war
-keineswegs weder nach dem Sinn der Mutter noch des
-Großvaters, der ebensowenig wie diese für ein ernstes
-Christentum viel übrig hatte. Man befürchtete, die fromme<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-Tante werde den Jungen ganz zu ihrem Methodismus
-und zu dessen Weltflüchtigkeit herüberziehen, und ihn dadurch
-zu der hohen, glänzenden Lebensstellung untüchtig
-machen, zu der ihn seine reichen Geistesgaben einmal
-führen zu müssen schienen.</p>
-
-<p>William wurde deshalb schon wieder 1771 nach Hull
-ins Elternhaus zurückgerufen und sowohl die Mutter wie
-der Großvater boten alles auf, die frommen Eindrücke
-wieder zu verwischen, die er bei der Tante empfangen
-hatte. Der Großvater drohte ihm sogar damit, ihn enterben
-zu wollen, wenn er das häßliche methodistische Wesen
-nicht ablege. Da die Mutter ein reiches geselliges Leben
-liebte und das Haus selten von Gästen leer war, so konnte
-es kaum ausbleiben, daß der lebhafte zwölfjährige Knabe
-seine bisherigen Lebensgewohnheiten bald vergaß und mehr
-und mehr an den Zerstreuungen und Genüssen eines weltlichen
-geselligen Lebens Geschmack gewann. Die eifrige
-Beschäftigung mit dem Worte Gottes, die ihm die Tante
-beim Abschied noch besonders auf das Gewissen gebunden
-hatte, nahm von Tag zu Tag mehr bei ihm ab, und bald
-ergötzten ihn die weltlichen Dichter Englands, die man
-ihm geflissentlich in die Hände spielte, mehr als die einfachen
-kunstlosen Worte des heiligen Buches.</p>
-
-<p>Aber trotzdem konnte der gute Same, den die fromme
-Tante in das kindliche Herz ausgestreut hatte, nicht ganz
-erstickt werden. Ein ernster Sinn, der durch das zerstreuende
-gesellschaftliche Leben wohl für Tage und Wochen
-in den Hintergrund geschoben werden konnte, aber dennoch
-sich immer wieder geltend machte, wenn in der häuslichen
-Geselligkeit größere Ruhepausen eintraten, blieb der unverlierbare
-Gewinn des Aufenthalts im Hause des Oheims.
-Und wenn derselbe auch an der Beschäftigung mit den<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-weltlichen Dichtern, die für den Knaben einen hohen Reiz
-besaß, einen gefährlichen Feind hatte, so gewann doch
-William durch diese Beschäftigung die außergewöhnlich
-große Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdrucke,
-welche ihm in seinem späteren Leben so sehr zu statten
-kam. Durfte er es doch wagen, schon als 15jähriger
-Knabe einen Aufsatz gegen den Sklavenhandel, dessen
-Gräuel schon jetzt sein mitleidiges Herz schaudern machten,
-an den Herausgeber einer öffentlichen Zeitschrift einzusenden,
-ohne daß derselbe als ein knabenhaftes Machwerk
-eine Zurückweisung erfahren hätte!</p>
-
-<p>Schon mit 17 Jahren war der reichbegabte William
-in seinen Kenntnissen so weit gefördert, daß er für den
-Besuch des St. Johns College auf der Universität Cambridge
-für reif erachtet werden konnte und dasselbe auch
-wirklich bezog, um den Kreis seiner Kenntnisse noch mehr
-zu erweitern und sich jene allgemeine Geistesbildung zu
-erwerben, die zur Erlangung einer geachteten Lebensstellung
-unerläßlich war. Denn von einem besonderen Lebensberuf,
-zu dem er sich hätte vorbereiten müssen, war einstweilen
-keine Rede bei ihm.</p>
-
-<p>Allein es sollte mit seinem Studieren vorläufig nicht
-viel werden. Denn kaum hatte er die Universität bezogen,
-so starben rasch hinter einander sowohl sein Großvater
-als auch sein Oheim. Als der einzige männliche Sproß
-der Familie erbte William nach dem englischen Gesetze
-das ganze väterliche und großväterliche Vermögen, und
-da der Oheim keine Kinder hatte, so fiel ihm auch dessen
-bedeutendes Vermögen zu. So saß denn der Jüngling
-plötzlich dem Überflusse im Schoß und sah sich all den
-mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt, welche derselbe im
-Gefolge hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>Bald sammelten sich um den reichen Erben eine Schar
-leichtfertiger Gesellen, die ihm helfen wollten, seine Schätze
-in einem ausschweifenden Leben zu vergeuden und die sich
-so diese Schätze selbst zu nutze zu machen suchten. Allein
-wie sie sich auch an ihn drängten, es gelang ihnen nicht,
-ihn in den Kot ihrer gemeinen niedrigen Genüsse hineinzuziehen;
-der gute Geist, den ihm die fromme Tante eingeprägt
-hatte, verleugnete sich nicht, sondern wurde ihm
-Schirm und Schild, sodaß er sich schon nach kurzer Zeit
-mit Ekel von der schlechten Gesellschaft abwandte.</p>
-
-<p>Er suchte besseren Umgang und fand ihn auch. Denn
-seine vortreffliche Unterhaltungsgabe, sein schlagfertiger,
-treffender Witz, sein schöner Gesang, seine allerdings nicht
-unbedenkliche Kunst, andere Menschen in ihrem Gebahren
-täuschend nachzuahmen, vor allen Dingen aber sein liebenswürdiges,
-gemütvolles Wesen: das waren lauter Vorzüge,
-die schnell einen weiten Kreis von Freunden um
-ihn sammelten und ihn zum geschätzten und geliebten
-Mittelpunkte desselben machten. Mit ernstem Studieren
-wurde es da freilich nicht viel, da William bei allen
-Vergnügungen seiner jugendlichen Freunde zugegen sein
-mußte und von ihnen, wenn er sich auch einmal zurückhalten
-wollte, mit freundlicher Gewaltsamkeit zur Teilnahme
-genötigt wurde.</p>
-
-<p>Wenn er auch in seinem späteren Leben es oft bedauern
-mußte, seine Lernzeit mehr den Vergnügungen als den
-Studien gewidmet zu haben, und den eifrigsten Fleiß
-aufzuwenden genötigt war, um das in der Jugend Versäumte
-wieder nachzuholen, so fand er doch auch in dem
-Strudel der Geselligkeit, dem er sich überließ, manche
-wertvolle Bekanntschaft, die ihm sonst vielleicht entgangen
-wäre. So schloß er mit dem nachmals so berühmt gewordene<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Staatsmann Pitt schon hier auf der Universität einen
-Freundschaftsbund, der nachher für das ganze Leben vorhielt
-und ihm nicht blos für das studentische Leben einen
-gewissen Halt gab und ihn den Ernst des Lebens nicht
-ganz vergessen ließ, sondern ihm auch für die Folgezeit
-von großem Vorteile war.</p>
-
-<p>Wie wenig das freie lustige Studentenleben vermocht
-hatte, ihn völlig um den Lebensernst zu bringen, zu welchem
-durch den Einfluß der Tante ein so guter Grund gelegt
-worden war, zeigte sich auch bei seinem Abgange von der
-Universität. Da sollte er, um den Grad und Titel zu
-erlangen, der in der Regel den Abgehenden beigelegt
-wurde, die Glaubensartikel der englischen Staatskirche unterschreiben
-und sich durch seine Unterschrift zur Annahme derselben
-verpflichten. Aber weil es um seine genaue Bekanntschaft
-mit diesen Artikeln etwas bedenklich aussehen
-mochte, verbot es ihm seine Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit,
-dieselben so leichtfertig und gedankenlos zu unterschreiben.
-Er verweigerte deshalb seine Unterschrift und
-mußte sichs gefallen lassen, ohne einen Grad und Titel
-die Universität zu verlassen.</p>
-
-<p>Am nächsten hätte es wohl jetzt für unsren Wilberforce
-gelegen, in das von seinem Vater und Großvater geführte
-Handelsgeschäft einzutreten, welches nach deren Tode ein
-Verwandter für seine Rechnung weiter geführt hatte. Nicht
-blos, daß ihm dadurch eine ruhige, bequeme Lebensaufgabe
-zu teil geworden wäre, nein es winkte ihm auch
-dabei eine behagliche und doch ehrenvolle Lebensstellung.</p>
-
-<p>Aber sein lebhafter, strebsamer Geist konnte sich an
-einer solchen Aufgabe und Stellung nicht genügen lassen;
-es lockte ihn vielmehr, statt in die ruhige Stille des Privatlebens
-in die geräuschvolle Unruhe des öffentlichen Lebens<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-einzutreten. An diesem Entschlusse war ohne Zweifel der
-nahe Umgang mit seinem Universitätsfreund Pitt wesentlich
-schuld, der schon von Haus aus für den Staatsdienst
-und die Geschäfte des öffentlichen Lebens bestimmt gewesen
-war und dem es dann auch offenbar gelungen
-war, dafür dem Freunde Geschmack beizubringen.</p>
-
-<p>Wilberforce löste das großväterliche Handelsgeschäft,
-das er nicht in seinem Namen fortführen lassen mochte,
-ganz auf und bewarb sich in seiner Vaterstadt Hull um
-die Ehre, deren Vertreter in dem Hause der Abgeordneten
-des Volkes, in dem sogenannten Parlamente zu werden.
-Um sich dazu tüchtig zu machen, nahm er, nachdem er sich
-zur Wahl angemeldet hatte, seinen Wohnsitz in London,
-und wohnte regelmäßig den Sitzungen des Parlaments
-bei, dessen Verhandlungen er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
-folgte. Daß er durch seinen Freund Pitt, mit
-welchem er dort wieder zusammentraf, nur noch in seinem
-Vorsatze befestigt wurde, die öffentliche Laufbahn eines
-Parlamentsmitgliedes zu betreten, ist leicht zu denken.</p>
-
-<p>Aber hieß es nicht zuviel erwarten, wenn Wilberforce
-annahm, seine Mitbürger würden ihn, der jetzt erst 21
-Jahre zählte, wirklich zu ihrem Vertreter im Parlament
-wählen? Das mochte er sich wohl manchmal selber fragen
-und konnte dann gewiß diese Frage im Blicke auf seine
-Jugend und Unerfahrenheit nicht anders als bejahen. Allein
-gleichwohl ging sein sehnlicher Wunsch in Erfüllung und
-im Jahre 1780 wurde er wirklich zum Parlamentsmitgliede
-für Hull erwählt.</p>
-
-<p>Zeugt dies laut für die großen Hoffnungen, die seine
-Landsleute auf den jungen Mann setzten, so zeugt es hinwiederum
-auch dafür, wie wenig er sich der hohen, kaum
-erwarteten Ehre, die ihm durch seine Wahl zu teil geworden<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-war, überhob und sich dadurch stolz und hochmütig
-machen ließ, daß er trotz seiner großen Redefertigkeit
-in der ersten Parlamentssitzung, die er mitmachte, seinen
-Mund nicht aufthat, sondern nur in aller Demut und
-Bescheidenheit auf die Reden anderer lauschte und außer
-den Sitzungen den größten Fleiß aufwandte, sich über
-jede Sache, die zur Verhandlung kam, vorher auf das
-genaueste und sorgfältigste zu unterrichten. Dabei kam
-ihm denn sein heller, klarer Geist trefflich zu statten
-und befähigte ihn, über jede vorkommende Sache eine feste
-durch keinen fremden Einfluß bestimmte Meinung zu gewinnen,
-und sich so die Selbstständigkeit in seinen Urteilen
-zu retten, die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verließ
-und die ihn, wenn sie ihn auch oft genug mit seinen
-besten Freunden in Widerspruch brachte, doch in keinen
-Widerstreit mit seinem eigenen Gewissen kommen ließ.</p>
-
-<p>Und nur von seinem Gewissen sich leiten zu lassen,
-wurde jetzt, wo er unter dem Ernste des Lebens den leichten
-Jugendsinn mehr und mehr ablegen lernte, sein fester,
-unumstößlicher Grundsatz, von dem er sich gelobte, niemals
-auch nur einen Fingerbreit abzuweichen.</p>
-
-<p>So war es denn auch vorzugsweise die Stimme seines
-Gewissens, welche ihn trieb, sofort, nachdem die Parlamentssitzung
-geendigt war, London zu verlassen und sich
-in die ländliche Stille <span id="corr025">zurückzuziehen</span>. Denn je sorgfältiger
-er auf diese Stimme achtete, desto lauter rief ihm dieselbe
-zu, daß das geräuschvolle öffentliche Leben in der
-großen Stadt tausendfältige Versuchungen bereite, das
-innere geistliche Leben zu vernachlässigen und unter den
-unaufhörlichen Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens
-einer unwürdigen, verderblichen inneren Zerfahrenheit zu
-verfallen. Und doch fing er jetzt, wie ein Brief an seine<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-Schwester deutlich zeigt, an, einzusehen, daß das innere
-Leben nicht vernachlässigt werden dürfe, wenn man an
-wahrem Werte täglich zunehmen wolle, daß dasselbe aber
-nicht wachsen und gedeihen könne ohne ernste Sammlung
-des Herzens zu gewissenhafter Selbstbetrachtung.</p>
-
-<p>So lockend es auch für Wilberforce sein mochte, mit
-seinem Freunde Pitt und den vielen anderen Männern
-des Parlaments, deren Wohlwollen er sich bereits durch
-seine liebenswürdige Persönlichkeit gewonnen hatte, zusammenzubleiben
-und in ihrem Kreise die Parlamentsferien
-angenehm zu verleben, er folgte doch der mahnenden
-Stimme seines Gewissens und entfloh den Zerstreuungen
-und Genüssen des Londoner Lebens.</p>
-
-<p>An den Ufern des Winandersees in der Grafschaft
-Westmoreland mietete er sich einen schönen Landsitz und
-brachte dort in ungestörter Stille den Sommer zu, sich
-nur an den harmlosen Genüssen des Landlebens genügen
-lassend, für deren erfrischende Wirkung er einen starken
-Sinn und eine besondere Vorliebe hatte.</p>
-
-<p>Äußerlich und innerlich gestärkt kehrte er zu Anfang
-des Winters nach London zurück, wohin ihn die beginnende
-Parlamentssitzung rief. In dieser seiner zweiten Sitzung
-überwand er aber die jugendliche Scheu, die ihn während
-der ersten hatte schweigen lassen, und trat zum erstenmale
-als öffentlicher Redner auf. Aber wie staunte alles den
-jungen Mann an, der so glänzend und schlagfertig zu
-reden wußte! Von allen Seiten wurde er nach seiner
-ersten Rede beglückwünscht und es fehlte nicht an solchen,
-die es als ganz zweifellos hinstellten, daß ein solcher Redner
-mit der Zeit zu der Würde eines Mitgliedes des
-Oberhauses erhoben werden müsse.</p>
-
-<p>Allein der bescheidene Wilberforce geizte durchaus nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-nach solcher Ehre und Würde und wies lachend die Propheten
-zurück, die ihm eine so glänzende Zukunft verhießen.
-Er begehrte nichts weiter, als ein tüchtiger Vertreter
-seiner Wähler im Parlamente zu werden und verband
-sich sogar mit mehreren seiner Freunde im Unterhause
-dazu, niemals die Würde eines Mitglieds des Oberhauses,
-niemals auch eine Stelle oder ein Gehalt anzunehmen,
-um nicht die edle Unabhängigkeit und Selbständigkeit,
-die sie jetzt besaßen, zu verlieren. Er ist auch
-zeitlebens diesem Entschlusse treu geblieben.</p>
-
-<p>Als sein Freund Pitt im Jahre 1782 ins Ministerium
-kam, wahrte er selbst diesem gegenüber seine volle Unabhängigkeit,
-die sich durch keine Rücksichten beirren ließ.
-Er unterstützte ihn mit seinen Reden nur insoweit, als
-dessen Ansichten mit seinen eigenen völlig übereinstimmten;
-wo dies nicht der Fall war, wurde er ihm ein entschiedener
-Gegner trotz aller Freundschaft, die ihn mit ihm
-verband. Und für Pitt war dies kein Grund, den Freund
-fallen zu lassen. Im Gegenteile, er achtete Wilberforce
-deshalb um so höher und schloß sich ihm immer enger an.
-Fast täglich sahen sich die beiden Freunde und wurden
-sich nachgerade fast unentbehrlich, da sie beide in der von
-Witz und Laune gewürzten Unterhaltung, die sie mit
-einander führten, nach den anstrengenden Berufsarbeiten
-des Tages die beste Erfrischung fanden.</p>
-
-<p>Auch wenn die Sitzungen des Parlaments zu Ende
-waren, trennten sie sich nicht immer, sondern vereinigten
-sich zu gemeinschaftlichen Reisen, oder Pitt überraschte den
-Freund auf seinem stillen Landsitz am Winandersee und
-blieb dort längere oder kürzere Zeit, einmal sogar ganze
-4 Monate lang.</p>
-
-<p>Da kamen denn auch wohl ernstere Unterhaltungen<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-auf die Bahn, zu denen besonders Wilberforce jetzt mehr
-und mehr hinzuneigen begann, und infolge deren sich dann
-Pitt, der dem Christentum und der Religion überhaupt
-sehr kühl gegenüberstand, wohl überreden ließ, mit dem
-Freunde die Kirche zu besuchen.</p>
-
-<p>Im Herbste des Jahres 1783 machten die beiden
-Freunde eine gemeinsame Reise nach Frankreich und suchten
-und fanden dort nicht blos Gelegenheit, mit den bedeutendsten
-Männern Frankreichs bekannt zu werden, sondern
-fanden auch Zutritt an den königlichen Hof. Ihr Aufenthalt
-dauerte jedoch nur 6 Wochen, weil sich für Pitt die
-Aussicht eröffnete, daheim das Haupt eines neuen Ministeriums
-zu werden, und er deshalb seine Rückkehr beschleunigen
-mußte. Wirklich wurde er auch gegen Ende des
-Jahres von dem Könige zu diesem hohen Posten berufen
-und hatte es seinem Freunde Wilberforce zu danken, daß
-die zahlreichen Gegner, die seine Wahl zu hintertreiben
-suchten, nichts ausrichten konnten.</p>
-
-<p>Die meisten dieser Gegner gehörten nämlich der Grafschaft
-York an und waren Wilberforce zum größten Teile
-bekannt, sodaß er hoffen konnte, eine Einwirkung auf sie
-ausüben zu können. Er eilte deshalb sogleich in seine
-heimische Grafschaft und kam gerade zurecht, um einer
-Versammlung beiwohnen zu können, worin eine Bittschrift
-an den König gegen Pitt beschlossen werden sollte. Er
-ergriff darin das Wort und trat so feurig und kräftig
-für seinen Freund ein, daß alles dem gewaltigen Redner
-zujauchzte und selbst die erbittertsten Gegner Pitts nicht
-mehr wagten, gegen diesen den Mund aufzuthun.</p>
-
-<p>Und was war der weitere Erfolg dieser Rede? Der
-einmütige Beschluß der Versammlung, den Redner als
-Vertreter der ganzen Grafschaft ins Parlament zu schicken,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-ein Beschluß, der denn auch trotz aller Anstrengungen einer
-Gegenpartei bei den nächsten Wahlen zur Ausführung gebracht
-wurde.</p>
-
-<p>Damit hatte Wilberforce, der ja, um selbständig zu
-zu bleiben, weder ein Amt noch einen Sitz im Oberhause
-jemals annehmen wollte, die höchste Ehrenstufe erreicht,
-die bei solchem Vorsatze für ihn zugänglich war und war
-nun als Vertreter der größten Grafschaft Englands noch
-weit mehr als bisher im stande, seinem Freunde Pitt
-eine kräftige Unterstützung angedeihen zu lassen, wo er
-derselben benötigt war und wo es Wilberforce mit seiner
-gewissenhaften Überzeugung vereinigen konnte.</p>
-
-<p>Im Herbste des Jahres 1784 machte Wilberforce in
-Gemeinschaft mit seiner Mutter und seiner Schwester eine
-Reise nach Nizza und Italien, die nach Gottes Rat für
-die Gestaltung seines inneren Lebens eine sehr bedeutungsvolle
-Wendung herbeiführen sollte.</p>
-
-<p>Bisher hatte es nämlich Wilberforce trotz der Mahnungen
-seines Gewissens, trotz des je und dann mit Macht
-bei ihm hervorbrechenden Gefühles, daß es um sein inneres
-Leben nicht so stehe, wie es sollte, noch nicht über sich
-gewinnen können, mit seinem Christentum rechten vollen
-Ernst zu machen und ungescheut den Weg zu betreten,
-den ihn seine fromme Tante als den alleinigen Weg des
-Heils hatte kennen lehren. Das öffentliche Leben mit den
-großen Anforderungen, die es an sein Sinnen und Denken
-stellte, die Zerstreuungen des geselligen Lebens, denen er
-sich in London nicht entziehen konnte und mochte, hatten
-immer wieder die ernsten Vorsätze zu Schanden gemacht,
-die er wohl in seiner ländlichen Einsamkeit gefaßt hatte.
-Damit sollte es jetzt anders werden.</p>
-
-<p>Mutter und Schwester brachten zwar in dieser Hinsicht<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-keine Änderung zuwege, da beide selber noch nicht
-weit mit ihrem Christentum vorangekommen waren und
-deshalb keinen anregenden Einfluß auf ihn ausüben konnten.
-Wohl aber geschah dies durch den Begleiter, den sich Wilberforce
-auf die italienische Reise mitnahm. Das war der
-nachmalige Professor an der Universität zu Cambridge
-Isaak Milner, ein wahrhaft frommer Mann, der freilich
-sein von jeder Einseitigkeit und Engherzigkeit freies
-Christentum nicht äußerlich zur Schau trug, sondern im
-Äußeren eher das Gepräge eines Weltmannes an sich
-hatte, aber doch von der Wahrheit und Göttlichkeit des
-Christentums nicht allein auf das Innigste überzeugt war,
-sondern auch schon etwas an seinem Herzen erfahren hatte.
-Ihn, der ein alter Freund seines Hauses war, hatte
-Wilberforce gebeten, die Reise nach Italien mitzumachen,
-und sollte nun die Gewährung dieser Bitte zu einer Quelle
-reichen Segens für sich werden sehen.</p>
-
-<p>Schon vor der Abreise war es zwischen ihm und
-Milner zu einer sehr ernsten Unterredung gekommen, die
-für Wilberforce einen kräftigen Stachel in seinem Herzen
-zurückließ. Milner hatte nämlich einen Mann, von dem
-Wilberforce behauptete, daß er die Anforderungen an ein
-echt christliches Leben zu hoch spanne, mit großer Kraft
-und Wärme verteidigt und dadurch bewiesen, daß er
-dieselben Anforderungen an einen rechten Christen stelle.
-Da war denn in Wilberforce das Gewissen mit aller
-Macht rege geworden und hatte ihm bezeugt, daß er selbst
-noch weit davon entfernt sei, diesen Anforderungen zu
-genügen, und daß deshalb sein Christentum noch kein
-rechtes sei. Den Stachel, den dieses Zeugnis seines Gewissens
-bei ihm zurückließ, konnte er nicht wieder los
-werden und brachte sowohl auf der Reise selbst, wie auch<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-während des mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Nizza, in
-allen Gesprächen mit Milner die christlichen Wahrheiten
-und die christlichen Pflichten immer wieder zur Besprechung.
-Was die Belehrungen des frommen Milner dann
-bei ihm angeregt hatten, ein ernstes Verlangen, mit seinem
-Christentum endlich einmal wirklichen vollen Ernst zu
-machen, das wurde noch durch ein gutes Buch bestärkt,
-welches Wilberforce zu Nizza in die Hände fiel und
-welches den »Anfang und Fortgang der wahren Gottseligkeit«
-zum Gegenstande hatte.</p>
-
-<p>Dieses Buch machte auf den angeregten Mann einen
-solchen Eindruck, daß er es fast nicht aus den Händen
-legte und als er anfangs des Jahres 1785 mit Milner
-nach England zurückreiste, während seine Mutter und
-seine Schwester noch in Nizza blieben, selbst während
-der Reise darin studierte und mit Milner das Gelesene
-besprach. Wie dieser ihm ernstlich anriet, machte
-er es sich nun zum heiligen Vorsatze, die Wahrheit des
-Gelesenen und Besprochenen selbst an der heiligen Schrift
-und ihren Aussprüchen zu prüfen und dem bisher nur zu
-sehr vernachlässigten heiligen Buche wieder die gebührende
-Aufmerksamkeit zuzuwenden.</p>
-
-<p>Über diesen Vorsatz kam er freilich vor der Hand noch
-nicht hinaus, denn bald hatten wieder die Parlamentsgeschäfte,
-sowie das zerstreuende Londoner Leben sein ganzes
-Sinnen und Denken, sowie seine ganze Zeit so in Anspruch
-genommen, daß es mit dem eifrigen Forschen im
-Worte Gottes nicht viel wurde.</p>
-
-<p>Erst auf der zweiten Reise nach Italien, die er nach
-Beendigung der Parlamentssitzungen mit Milner antrat,
-um Mutter und Schwester von Genua abzuholen, wohin
-dieselben inzwischen übergesiedelt waren, kam es wirklich<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-zu einem solchen ernsten, eifrigen Suchen in der Schrift.
-Wilberforce hatte ein neues Testament in der griechischen
-Grundsprache mitgenommen und las dasselbe unterwegs
-gemeinschaftlich mit seinem Begleiter. Und diesem wurde
-es nun gegeben, die Tiefen des Schriftwortes für Wilberforce
-so zu erschließen, daß die göttliche Wahrheit
-diesem zur festesten, innigsten Überzeugung wurde.</p>
-
-<p>Die Rückreise von Genua wurde durch die Schweiz
-gemacht, und Wilberforce lernte bei einem längeren Aufenthalte
-in Zürich den frommen Lavater kennen, dessen tief
-und fest gegründeter Schriftglaube, dessen durch die innigste
-Frömmigkeit geweihte Persönlichkeit einen unverwischbaren
-mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihm recht lebendig
-unter die Augen stellten, wieviel ihm selber noch zu
-einem rechten Christen fehle.</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger kam es aber bei Wilberforce noch
-nicht sogleich zu einem ernsten Versuche, solchem Vorbilde
-nachzueifern. Vielmehr ließ der sechswöchentliche Aufenthalt
-in dem Badeorte Spaa, welcher auf der Heimreise
-den Rhein hinab besucht wurde, noch nicht die mindeste
-Spur davon sehen, daß Wilberforce auch nur daran denke,
-den weltlichen Genüssen und Vergnügungen zu entsagen
-und den Weg eines ernsten, im Lichte des Wortes Gottes
-geführten Lebens zu betreten. Gleichwohl begann hier aber
-in ihm der innere Kampf zwischen seinem laut und immer
-lauter mahnenden christlichen Gewissen und den Neigungen
-seines natürlichen Menschen.</p>
-
-<div class="figcenter" >
-<img src="images/ill_32.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Der Gedanke, daß er plötzlich von der Welt abgerufen
-werden könne, ohne in rechter Weise für das Heil seiner
-Seele gesorgt zu haben, ergriff ihn mit Macht, das Bewußtsein,
-bisher von seinen Gaben und von seiner Zeit
-nicht den rechten gottgewollten Gebrauch gemacht zu haben,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-legte sich wie ein Zentnerstein auf seine Seele, und unter
-solchen beängstigenden Gedanken lernte er fühlen und ahnen,
-welch einen festen, starken Trost es gewähren müsse, wenn
-man die Verheißungen des Evangelii so recht voll und
-ganz mit dem Glauben ergriffen habe. Das trieb ihn
-denn zum Suchen in der Schrift und zum herzlichen Gebete
-um den wahren Glauben.</p>
-
-<p>Vor seiner Reisegesellschaft verschloß er jedoch noch
-ganz den schweren Kampf, der in seinem Herzen begonnen
-hatte; er wollte ihn in der Kraft seines Gottes und Heilandes
-allein durchkämpfen, und sein demütiger, keuscher
-Sinn hielt ihn ab, davon den andern gegenüber etwas
-merken zu lassen. Nur dem Tagebuche, das er jetzt regelmäßig
-zu führen anfing und das für uns die reichste und
-klarste Quelle ist, die rechte Erkenntnis und das volle Verständnis
-seiner inneren, geistlichen Entwickelung daraus
-zu schöpfen, vertraute er an, was außer ihm und seinem
-Gotte niemand wissen sollte. Wir sehen daraus, welch
-eifriges Ringen seiner Seele er sichs kosten ließ, in Christo,
-dem Heilande, Friede zu finden, und wie er auch allmählich
-durch Gottes Gnade fand, was er suchte.</p>
-
-<p>Besonders gesegnet wurde für ihn die freie Zeit, welche
-er nach seiner Heimkehr im November noch hatte, bis die
-neue Parlamentssitzung begann, die in den Februar des
-nächsten Jahres fiel und ihn natürlich wieder nötigte, in
-das unruhige öffentliche Leben zurückzukehren. Er brachte
-diese Zeit zu Wimbledon in der Nähe von London zu,
-wo er sich eine Wohnung mietete, die es ihm möglich
-machte, ohne allzugroße Unbequemlichkeit zu den Parlamentssitzungen
-zu fahren, und doch auch die Stille der
-Einsamkeit zu haben, so oft er sich deren bedürftig fühlte.
-Hier widmete er sich ganz dem Nachdenken über sich selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-und der ernstesten, eifrigsten Beschäftigung mit dem Worte
-Gottes und anderen religiösen Büchern.</p>
-
-<p>Jetzt schwand auch allmählich die Scheu bei ihm, mit
-dem, was sein Herz erfüllte, an die Öffentlichkeit zu treten;
-er wurde ein eifriger Besucher der Kirche und richtete in
-seinem eigenen Hause einen regelmäßigen, täglichen Hausgottesdienst
-ein, dem alle seine Diener anwohnten und
-den er selbst leitete. Nur zum Tische des Herrn wagte
-er noch nicht zu gehen, weil er dazu noch zu unwürdig
-zu sein glaubte, und es noch nicht gelernt hatte, sich ganz
-und ohne Rückhalt der Gnade des Heilandes zu übergeben.
-Die Briefe an seine Schwester aus dieser Zeit
-sind voll von den herzlichsten Bitten, sich ernstlich der Beschäftigung
-mit dem Worte Gottes hinzugeben; es drängte
-ihn nun, wo er für sich selbst die Quelle des Heils und
-des Friedens gefunden hatte, zu derselben auch diejenigen
-hinzuweisen, die seinem Herzen nahestanden.</p>
-
-<p>Große Überwindung kostete es ihn allerdings noch,
-auch seinen bisherigen Freunden kund werden zu lassen,
-welche innerliche Veränderung mit ihm vorgegangen war.
-Denn von den wenigsten derselben konnte er ein rechtes
-Verständnis für das, was sein Herz bewegte, erwarten,
-wohl aber desto mehr Spott und höhnisches Achselzucken.
-Allein die Erwägung, daß er ungestörter seinen Grundsätzen
-nach würde leben können, wenn er dieselben frei und
-rückhaltlos habe kund werden lassen, öffnete ihm den
-widerstrebenden Mund zum frischen, fröhlichen Bekenntnisse.
-Der gefürchtete Spott blieb nun freilich wohl aus,
-weil Wilberforce sich in zu hohem Maße die Achtung
-seiner Freunde erworben hatte, als daß man ihn hätte
-verspotten können; aber niemand begriff die mit dem
-Freunde vorgegangene Umwandlung. Man begriff am<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-wenigsten bei ihm, der bisher als ein Muster von Sittenreinheit
-gegolten hatte, die demütigen Selbstanklagen wegen
-seiner Sünden; man schüttelte wohl im stillen den Kopf
-über ihn, ließ ihn aber sonst ruhig gehen und nahm am
-wenigsten von seiner Sinnesänderung Veranlassung, sich
-einmal auf den Zustand des eigenen Herzens zu besinnen.</p>
-
-<p>Dies war auch bei seinem Freunde Pitt der Fall, der
-natürlich zu den Ersten gehörte, dem er sein Inneres erschloß.
-Stand auch der große Staatsmann dem wahren
-Christentum keineswegs feindlich gegenüber, sondern schätzte
-es hoch, wo es ihm als ein aufrichtiges, lebenskräftiges
-entgegentrat, er war doch von seinen staatsmännischen
-Geschäften und Sorgen zu sehr erfüllt, von seinen Arbeiten
-zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich durch die
-inständigen Bitten, womit ihn Wilberforce bestürmte, hätte
-bewegen lassen, auch für die Sorge um sein Seelenheil
-Zeit und Kraft zu erübrigen.</p>
-
-<p>Je weniger Verständnis und Entgegenkommen aber
-Wilberforce bei seinen bisherigen Parlamentsfreunden
-fand, desto mehr neigten sich ihm die Herzen aller derer
-zu, die selber schon ernste Christen geworden waren, oder
-es doch werden wollten, und die natürlich den reich begabten,
-schon so angesehenen jungen Mann mit Freuden
-als einen der ihrigen begrüßten. Sie nahmen sich seiner
-in Liebe an, teilten ihm mit, was sie selbst schon an
-inneren geistlichen Erfahrungen gesammelt hatten, und bewahrten
-ihn dadurch vor den Verirrungen, in welche Neubekehrte
-so leicht geraten, wenn ihnen brüderliche Leitung
-und Handreichung mangelt. Besonders waren es ein hochgeachteter
-Geistlicher Namens Newton und ein alter Verwandter,
-John Thornton, deren herzlicher Teilnahme und
-liebevoller Leitung er sich zu erfreuen hatte und die ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-vor allen Dingen den guten Rat erteilten, vorsichtig zu
-sein im Anknüpfen neuer Bekanntschaften und Freundschaften
-und sich nicht zu leicht von den alten Freunden
-abzuwenden, sondern sich nur im Verkehre mit ihnen der
-sorgfältigsten Wachsamkeit zu befleißigen.</p>
-
-<p>Das Letztere wurde Wilberforce nun freilich schwer
-genug, und er mußte sich oft von seinem Gewissen anklagen
-lassen; aber er kannte ja nun die Quelle,
-aus welcher er immer wieder Beruhigung und Trost
-schöpfen konnte, sowie auch immer neue und wachsende
-Kraft zum Wachen und Beten, und die immer reichlicher
-für ihn zu fließen begann, als er erst gelernt hatte, das
-Vertrauen auf eigenes Verdienst und eigene Würdigkeit
-aufzugeben, das ihn bisher von dem Genusse des heiligen
-Abendmahls ferne gehalten hatte.</p>
-
-<p>Wir glaubten, ehe wir zur Schilderung der eigentlichen
-Lebensarbeit unseres Helden übergingen, zuerst, wie
-es im Vorstehenden versucht ist, seiner inneren Entwickelung
-etwas genauer nachgehen zu müssen. Denn wenn
-er nicht durch Gottes Gnade das geworden wäre, was
-wir bisher ihn haben werden sehen, ein entschiedener,
-glaubensfester und liebeseifriger Christ, so würde er sicher
-nicht der edle, mutige, aufopfernde Menschenfreund geworden
-sein, dessen Name nie vergessen werden wird und
-darf, wo diejenigen aufgezählt werden, die sich in besonderem
-Maße um die Menschheit verdient gemacht haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="III">III.</h2>
-</div>
-
-<p>Das wahre, lebendige Christentum, dem sich Wilberforce
-zugewandt hatte, hinderte ihn nicht, die Pflichten<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-eines Parlamentsmitgliedes mit voller Treue und Hingebung
-zu erfüllen. Das wäre ja auch gewiß kein wahres
-Christentum, welches zur Erfüllung des irdischen Lebensberufs,
-darein man von Gott gesetzt ist, untüchtig machte.
-Und Wilberforce sah seine Wirksamkeit im Parlamente
-in der That als den Beruf an, den ihm Gott der Herr
-angewiesen habe, und hat sich dabei auch sicherlich nicht
-getäuscht.</p>
-
-<p>An den Sitzungen des Parlamentes im Jahre 1786
-konnte er allerdings nur wenig Anteil nehmen wegen
-eines bösen Augenleidens, das ihn befiel. Er hatte sich
-durch eifriges Studieren, womit er die Lücken in seiner
-Universitätsbildung auszufüllen suchte, welche er jetzt oft
-empfindlich fühlte, die ohnehin schwachen Augen gründlich
-verdorben und mußte es sich auf den Rat eines ihm befreundeten
-Arztes zu Leeds gefallen lassen, den Spätherbst
-und einen Teil des Winters in dem Badeorte Bath
-zuzubringen.</p>
-
-<p>Ehe er sich dorthin begab, brachte er 14 Tage bei
-seiner Mutter und Schwester in Hull zu, welche er beide
-seit der italienischen Reise nicht mehr gesehen hatte.
-Hier gelang es ihm denn, die Besorgnisse der Mutter
-völlig zu beschwichtigen, denen sie sich hingegeben hatte,
-als das Gerücht zu ihr drang, ihr Sohn habe sich der
-Sekte der Methodisten angeschlossen. Wilberforce hatte
-sie freilich schon brieflich einigermaßen beruhigt und ihr
-versichert, daß er nach keiner menschlichen Lehre frage,
-sondern nur die heilige Schrift zur Richtschnur seiner
-Gedanken und Handlungen nehmen und sich nur von deren
-Vorschriften bei der Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten
-auf dem Platze, den ihm die Vorsehung angewiesen
-habe, leiten lassen wolle. Allein die mütterliche Befürchtung,<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-der Sohn möge gleichwohl auf allerlei Thorheiten
-und Ueberspanntheiten verfallen sein, schwand erst gänzlich,
-als sie ihn persönlich wieder sah. Denn nun erkannte
-die Mutter, daß die ganze Veränderung, die mit dem
-Sohne vorgegangen war, nur in einer größeren Freundlichkeit
-und inneren Ruhe bestand, als er früher gehabt
-hatte, und in einem noch viel liebevolleren, bescheideneren
-und achtungsreicheren Benehmen gegen sie selbst, als er
-es schon früher bewiesen.</p>
-
-<p>Solch eine Veränderung konnte ihr natürlich nur wohlgefallen
-und sie veranlassen, das eigene Herz mehr aufzuschließen
-für eine Religion, welche im stande war, wenn
-es ernst mit ihr genommen wurde, solch gesegnete Veränderung
-hervorzubringen. Die ernsten religiösen Gespräche,
-welche der Sohn jetzt mit besonderer Vorliebe in
-Gang zu bringen suchte, ließ sie sich willig gefallen und
-gewann dadurch allmählig selbst einen tieferen Einblick in
-die tröstlichen Wahrheiten des Christentums, als sie ihn
-bisher gehabt hatte. Sie stimmte jetzt völlig in das Wort
-einer Freundin ein, der sie ihre Besorgnisse wegen der mit
-William vorgegangenen Sinnesänderung vertraut haben
-mochte, und die, nachdem sie diesen persönlich kennen gelernt
-und in bezug auf die ihm schuld gegebene Thorheit beobachtet
-hatte, voll Begeisterung ausrief: »Wenn das Thorheit
-ist, so möchte ich wünschen, daß wir alle so thöricht würden!«</p>
-
-<p>Das gesellige Leben, welches Wilberforce in dem
-Badeorte Bath in vollen Strömen umrauschte, konnte ihn
-jetzt in seinem ernsten Sinnen und Streben nicht mehr
-beirren; er schrieb vielmehr als Regel und Richtschnur
-für seinen Verkehr mit den Badegästen die schönen Worte
-in sein Tagebuch: »Wandle in Liebe! wo du auch bist,
-sei auf deiner Hut, eingedenk daß dein Handeln und<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-Reden Einfluß haben kann auf das Gemüt derer, mit
-denen du zusammenkommst, indem sie mehr oder weniger
-geneigt werden, christliche Grundsätze aufzunehmen und
-ein christliches Leben zu führen!«</p>
-
-<p>An den Parlamentssitzungen des Jahres 1787 konnte
-Wilberforce wieder vollen Anteil nehmen und war mit
-Eröffnung der Sitzungen wieder pünktlich auf seinem
-Platze, nach wie vor ein treuer Unterstützer seines Freundes
-Pitt, mit dessen staatsmännischem Handeln er sich nur
-selten im Widerspruche fand.</p>
-
-<p>Was ihn aber jetzt, wo ihm die Augen für einen
-rechten Christenwandel geöffnet waren, besonders bewegte,
-war die vollendete Gleichgültigkeit gegen alles Heilige und
-Göttliche, die ihm sonst bei seiner Umgebung begegnete
-und vor allem die traurige Sittenlosigkeit, die er überall
-bei Hoch und Niedrig wahrnahm. Es war ihm unmöglich,
-dabei gleichgültig zu bleiben und es drängte ihn,
-seinerseits etwas zu thun, daß es besser werde.</p>
-
-<p>Mit ein paar gleichgesinnten Freunden faßte er den
-Plan, einen »Verein zur Schwächung und Entmutigung
-des Lasters« zu gründen und ging mit Feuereifer an die
-Ausführung desselben. Er ließ sich dabei von der gewiß
-richtigen Ansicht leiten, daß es der wirksamste Weg sei
-größere Verbrechen zu verhindern, wenn man die kleineren
-mit allem Ernste strafe und den allgemeinen Geist der
-Zügellosigkeit, die Quelle aller Laster, zu unterdrücken
-suche; denn wenn auch durch die Einwirkung auf die
-äußere Handlungsweise die Herzen der Menschen nicht
-geändert werden könnten, so würden sie doch dadurch geweckt
-und aufgeregt.</p>
-
-<p>Zunächst erwirkte er einen Königlichen Aufruf an die
-Statthalter der englischen Grafschaften, worin dieselben<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-angewiesen wurden, die bestehenden Gesetze gegen Entheiligung
-des Sonntags, gegen Trunksucht und gegen die
-Verbreitung unsittlicher Schriften genau und strenge zu
-handhaben. Er mußte sich dabei freilich sagen, daß damit
-nicht viel gewonnen würde, wenn nicht überall die einflußreichsten
-Männer sich dazu verständen, persönlich gegen
-die herrschende Sittenlosigkeit anzugehen und selbst mit
-ihrem eigenen guten Vorbilde den niederen Ständen voranzugehen.</p>
-
-<p>Er machte sich deshalb, sobald die Parlamentssitzungen
-geschlossen waren, auf die Reise, um in erster Linie alle
-Bischöfe, dann aber auch andere angesehene Männer für
-die heilige Sache, die ihm auf dem Herzen lag, zu gewinnen,
-und seinem heiligen Ernste, seiner liebenswürdigen
-Persönlichkeit gelang es auch, nicht nur sämtliche
-Bischöfe, sondern auch einen großen Teil der Mitglieder
-des Ober- wie des Unterhauses zum Eintritt in seinen
-Verein zu bewegen, welcher dann während einer ganzen
-Reihe von Jahren eine reich gesegnete Thätigkeit entfaltete.</p>
-
-<p>Aber diese Reise und die rastlose Arbeit, die er sich
-auf derselben zumutete, hatte einen überaus ungünstigen
-Einfluß auf seine Gesundheit gehabt, und sollte er für
-die nächste Parlamentssitzung wieder recht bei Kräften sein,
-so mußte er wieder die Bäder von Bath gebrauchen, die
-ihm schon einmal so sehr wohl gethan hatten. Er gewann
-denn dort auch wirklich die gesuchte Kräftigung und überdies
-eine ihm sehr wichtige und wertvolle Bekanntschaft,
-die mit der bekannten Schriftstellerin und frommen Freundin
-der Jugend Hannah More, mit welcher er von da
-ab zeitlebens in naher Verbindung und noch näherer
-Geistesgemeinschaft blieb.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p>
-
-<p>Um diese Zeit fing aber auch Wilberforce an,
-<em class="gesperrt">die</em> Arbeit ernstlich und nachhaltig in Angriff zu nehmen,
-die fortan für ihn die wichtigste, ja so recht eigentlich
-seine Lebensarbeit werden sollte, und die ihm in ganz
-besonderem Maße die Hochachtung jedes edlen Menschen
-und einen unvergänglichen Platz in den Büchern der
-Geschichte erwarb, die Arbeit zu der Aufhebung des Sklavenhandels
-und zu der völligen Sklavenbefreiung.</p>
-
-<p>Wir haben bereits gehört, wie Wilberforce schon in
-seinem 15. Lebensjahre dem Sklavenhandel seine herzlichste
-Teilnahme zugewandt und sogar einen kleinen
-Aufsatz über denselben geschrieben hatte, ohne Zweifel
-dadurch veranlaßt, daß er in seiner Vaterstadt Hull mit
-eigenen Augen ein Sklavenschiff gesehen hatte, und durch
-die grausame Behandlung der armen Sklaven im tiefsten
-Herzensgrunde ergriffen worden war. Was damals seine
-ungeübte Feder in Bewegung gesetzt hatte, konnte wohl
-für eine Zeitlang in den Hintergrund seines Herzens gedrängt,
-aber nicht ganz aus demselben verwischt werden.
-Das beweisen seine uns aufbewahrt gebliebenen Briefe,
-aus denen hervorgeht, daß er im Jahre 1781 einem Freunde
-welcher die westindische Insel Antigua besuchte, den Auftrag
-gab, sich über den Zustand der dortigen Sklaven
-genaue Kunde zu verschaffen, weil er, Wilberforce, beabsichtige,
-zu gelegener Zeit auf die Linderung der Leiden
-der unglücklichen Schwarzen hinzuarbeiten.</p>
-
-<p>Diese edle Absicht wurde bei Wilberforce wieder bestärkt
-und gefördert, vielleicht auch erst wieder neu angeregt durch
-eine Preisschrift über die Sklaverei, die im Jahre 1785
-erschien und die einen jungen Mann, Thomas Clarkson,
-zum Verfasser hatte, welcher in dem nun beginnenden Kampfe
-gegen die Sklaverei ebenfalls einen bedeutenden Namen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-gewann. Aber was jetzt Wilberforce seine frühere Absicht
-wieder aufnehmen und nicht wieder aufgeben ließ, das war
-sein durch die christliche Erkenntnis, welche er gewonnen
-hatte, geschärftes Gewissen. Der Kampf gegen die Sklaverei
-wurde ihm nun in der That Gewissenssache.</p>
-
-<p>Aber es galt, in diesem Kampfe mit großer Vorsicht
-vorzugehen, wenn nicht von vorne herein alles verdorben
-werden sollte. Denn noch war die öffentliche Meinung so
-ziemlich ganz auf seiten des Sklavenhandels, und die Besitzer
-der 105 Schiffe, die schon im Jahre 1771 allein von
-Liverpool aus diesen schändlichen Handel betrieben hatten,
-und deren Zahl bei der Einträglichkeit dieses Handels
-wohl nicht gefallen, sondern eher gestiegen war, unterließen
-gewiß nichts, die ersten Spuren eines Gegensatzes und
-eines feindlichen Auftretens gegen ihr Geschäft sofort mit
-aller Macht zu unterdrücken. Man mußte jedenfalls gesicherte
-und nicht abzuleugnende thatsächliche Beweise für
-die bei dem Sklavenhandel vorkommenden Grausamkeiten
-haben, wenn man mit einiger Aussicht auf Erfolg es
-auch nur unternehmen wollte, die öffentliche Meinung
-umzustimmen und gegen den Sklavenhandel ins Feld zu
-führen. Denn nur gegen diesen, nicht aber gegen die
-Sklaverei überhaupt durfte man vorläufig den Kampf
-eröffnen.</p>
-
-<p>Nachdem sich Wilberforce der Teilnahme und Unterstützung
-seines Freundes Pitt bei dem zu eröffnenden
-Kampfe versichert hatte, trat er in eine Gesellschaft ein,
-welche sich unter dem Vorsitze des Rechtsgelehrten Granville
-Sharpe gebildet hatte, zu dem Zwecke, sichere Erkundigungen
-einzuziehen, durch welche es möglich wäre,
-den öffentlichen Unwillen gegen den Sklavenhandel wachzurufen,
-und zu diesem Zwecke die nötigen Kosten aufzubringen.<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Denn diese Erkundigungen sollten nicht blos
-diesseits des Ozeans in England selbst gesammelt werden,
-wo sich ja Gelegenheit genug dazu bot, nein auch wie es
-drüben in Westindien um die eingeführten Neger stand,
-sollte in sichere Erfahrung gebracht werden.</p>
-
-<p>Wilberforce arbeitete Tag und Nacht an der Sammlung
-und Sichtung der bereits eingegangenen Nachrichten und
-kam dabei zu der Überzeugung, daß schon diese allein Grund
-genug gäben, einen Antrag auf Abstellung des Sklavenhandels
-im Parlamente zu stellen. Er kündigte in seinem
-heiligen Eifer auch wirklich schon für den 2. Februar
-1788 einen solchen an.</p>
-
-<p>Aber die aufreibende, Körper und Geist gleicherweise
-angreifende Thätigkeit, die er sich zugemutet hatte, blieb
-nicht ohne Rückwirkung. Gegen Ende des Januar verfiel
-er in eine schwere Krankheit, die sich rasch so sehr
-verschlimmerte, daß er nicht mehr im stande war, zu der
-ihm verordneten Badekur in Bath abzureisen, und daß
-die Ärzte ihm nur noch höchstens 14 Tage zu leben gaben.
-Aber im Rate des Herrn war es anders beschlossen. Der
-bedenkliche Zustand der Krankheit hob sich wieder so weit,
-daß er nach Bath geschafft werden konnte, und die dortigen
-Heilquellen thaten auch diesmal wieder ihre gute Wirkung
-in Verbindung mit reichlichen Gaben von Opium, dessen
-Gebrauch von nun an für Wilberforce während seines
-ganzen ferneren Lebens eine Notwendigkeit wurde, so oft
-er eine Unordnung in seinem Körper verspürte.</p>
-
-<p>Die Sklavensache war aber inzwischen nicht liegen geblieben.
-Pitt selbst hatte sie zu der seinigen gemacht und
-am 9. Mai 1788 einen Antrag im Parlamente gestellt,
-wonach dieses sich verpflichten sollte, im Beginn der nächsten
-Sitzung jedenfalls sogleich die Verhältnisse des Sklavenhandels<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-in Erwägung zu ziehen. Weiter wollte Pitt nicht
-gehen, weil der fehlte, welcher das nötige Material von
-Beweisen in Händen hatte, auf die ein weitergehender
-Antrag hätte gegründet werden müssen.</p>
-
-<p>Aber es geschah doch auch etwas Thatsächliches von
-Bedeutung. Auf den Antrag eines Sklavenfreundes, der
-sich mit eigenen Augen von der Einrichtung eines neu
-erbauten Sklavenschiffes überzeugt hatte und über die Anzahl
-der Sklaven erschrocken war, die in den engen Räumen
-desselben untergebracht werden sollten, wurde trotz des
-heftigsten Widerstandes der Vertreter von Liverpool durch
-einen Parlamentsbeschluß, dem auch das Oberhaus zustimmte,
-und der ebensowohl die königliche Bestätigung
-erlangt, festgesetzt, in welchem Verhältnisse zu dem vorhandenen
-Schiffsraum die Anzahl der einzuladenden Sklaven
-stehen müsse, und welche Maßregeln zu treffen seien,
-damit Leben und Gesundheit der noch immer enge genug
-zusammengepferchten Schwarzen möglichst geschont werde.</p>
-
-<p>Die herzliche Freude über diesen ersten, wenn auch
-nur sehr kleinen Erfolg trug gewiß nicht wenig dazu bei,
-die Besserung zu beschleunigen, die im Befinden des Kranken
-zu Bath wider alles Erwarten eingetreten war. Bald
-konnten die Ärzte Wilberforce gestatten, den Gebrauch
-des Bades einzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalte
-in Cambridge, wo er mit Milner zusammensein und von
-demselben wieder manche Anregung für sein geistliches
-Leben empfangen konnte, begab er sich nach Rayrigg,
-seinem stillen Landsitze in Westmoreland, um dort seine
-völlige Genesung abzuwarten, auf die jetzt mit voller
-Sicherheit gehofft werden konnte.</p>
-
-<p>Und diese völlige Genesung kam mit Gottes Hülfe
-trotz der beständigen Aufregung, welche die ununterbrochen<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-kommenden und gehenden Gäste bereiteten, die sich nach
-der Gesundheit des verehrten Mannes erkundigen und ihm
-seine Einsamkeit zu erleichtern suchen wollten. Allerdings
-war und blieb seine Gesundheit eine schwache, welche ihm
-die größte Mäßigkeit und die strengste Enthaltsamkeit in
-seiner Lebensweise zur Notwendigkeit machte; allein er
-fand doch wieder die Kraft, nicht nur an den Parlamentssitzungen
-teilzunehmen, sondern auch noch nebenher für
-seine Sklavensache thätig zu sein.</p>
-
-<p>Selbst von Rayrigg aus machte er, sobald er es
-wagen durfte, da und dort Besuche, bei denen er durch
-seinen persönlichen Einfluß die Teilnahme für seine Bestrebungen
-zu gunsten der Sklaven zu wecken und zu
-verbreiten suchte und unterstützte dadurch wesentlich Clarkson,
-der beauftragt worden war, zu dem nämlichen Zwecke
-das Land zu bereisen.</p>
-
-<p>Für die Parlamentssitzung von 1789 bereitete er sich
-wieder auf das Eifrigste vor, um alle schon gesammelten
-und noch täglich eingehenden Beweise für die Grausamkeit
-und Schändlichkeit des Sklavenhandels recht bei der Hand
-zu haben und damit alle Einwendungen der Gegner,
-gründlich beseitigen zu können. Er ging wieder einen
-ganzen Monat auf's Land, um ganz ungestört zu bleiben
-und arbeitete wohl 8 bis 9 Stunden am Tage. Selbst die
-Nachricht von der Erkrankung seines Freundes Milner
-konnte ihn nicht bewegen, sich zu einem Besuche desselben
-von seiner Arbeit loszureißen, während er doch noch kurz
-vorher am Kranken- und Todesbette seiner Tante erfahren
-hatte, wie gesegnet das Krankenlager eines frommen
-Menschen für die Besucher desselben werden könne.</p>
-
-<p>Was ihn nicht ruhen ließ, war eine Mitteilung Pitts
-über die gewaltigen Anstrengungen, welche die Gegner<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-machten, um die öffentliche Meinung zu ihren gunsten zu
-stimmen und in Zeitungen und Flugschriften dem Lande zu
-beweisen, daß durch eine Aufhebung oder auch nur Beschränkung
-des Sklavenhandels nicht allein das Wohl der westindischen
-Kolonien aufs Spiel gesetzt würde, die der Sklaven
-notwendig bedürften, sondern auch der ganze Handel der
-englischen Nation Gefahr liefe, geschädigt zu werden.</p>
-
-<p>Da galt es denn in der That auch, schlagende und
-unwiderlegliche thatsächliche Gegenbeweise in genügender
-Zahl bei der Hand zu haben.</p>
-
-<p>Wohlgerüstet mit denselben und voll festen Vertrauens
-auf die siegende Macht der Wahrheit trat Wilberforce
-am 12. Mai 1789 vor das Parlament und entwickelte
-mit der vollen Kraft seiner ausgezeichneten Beredsamkeit
-alle Gründe, die nur gegen den Sklavenhandel geltend zu
-machen waren. Vier ganze Stunden redete er fast bis zur
-völligen Erschöpfung seiner Kraft, und ein hochstehender
-Mann äußerte nachher über diese Rede: »Das Haus, die
-Nation, ja Europa sind Wilberforce auf das Äußerste
-verpflichtet, daß er diesen Gegenstand in der meisterhaftesten,
-eindringlichsten und beredtesten Weise vorgebracht
-hat.«</p>
-
-<p>Von allen Seiten beglückwünschte man Wilberforce,
-als er von der Rednerbühne herunterstieg. Und doch was
-war der thatsächliche Erfolg seiner Rede? Nur eine kleine
-Verbesserung des vorjährigen Beschlusses, daß jedes Sklavenschiff
-nur eine seinen Räumen entsprechende Anzahl von
-Sklaven aufnehmen dürfe.</p>
-
-<p>Die Sklavenhalter und Sklavenhändler, die »Westindier«
-wie wir sie fortan mit einem gemeinschaftlichen
-Namen nennen wollen, hatten nämlich aus Furcht vor der
-offenbar gewaltigen Wirkung der Rede, die Wilberforce<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-gehalten, eine sofortige Abstimmung und Beschlußfassung
-des Parlamentes dadurch zu hintertreiben gewußt, daß sie
-den Antrag stellten, der nicht wohl abgelehnt werden konnte,
-das Parlament möge selbst ein Zeugenverhör anstellen,
-um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der von Wilberforce
-aufgeführten Beweise zu untersuchen. Damit war die
-Entscheidung wieder für ein Jahr verschoben; denn es
-war unmöglich, vor Schluß der gegenwärtigen Sitzung
-noch eine genügende Anzahl von Zeugen zu vernehmen,
-wenn auch sofort damit begonnen wurde.</p>
-
-<p>Schmerzlich bewegt, aber doch nicht entmutigt, eilte
-Wilberforce nach Beendigung der Sitzung wieder zu den
-Heilquellen von Bath, um dort Ruhe und Stärkung zu
-suchen, und hatte die Freude, nicht nur seine Mutter und
-seine Schwester daselbst vorzufinden, sondern auch den Sohn
-seines schon genannten Verwandten John Thornton, Henry
-Thornton, mit dem er eine innige und feste Freundschaft
-schloß.</p>
-
-<p>Von Bath aus besuchte er auch seine alte Freundin
-Hannah More, die sich aus den gelehrten Kreisen Londons,
-mit welchen sie sonst verkehrte, völlig zurückgezogen
-hatte, um ihre reichen Geistesgaben im Dienste des armen,
-völlig unwissenden Landvolkes zu verwenden und für dessen
-Unterricht zu sorgen.</p>
-
-<p>Auf einen schönen Punkt in der Nähe aufmerksam gemacht,
-unternahm der für Naturschönheiten äußerst empfängliche
-Wilberforce einen Ausflug dorthin, vergaß aber
-bald alle Naturschönheiten, als er die armen, leiblich und
-geistig verkommenen Bewohner der schönen Gegend kennen
-lernte.</p>
-
-<p>»Miß Hannah, es muß etwas für Chidder (so hieß
-die Gegend) geschehen!« das war der Ausruf, mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-er bei seiner Rückkehr die Freundin begrüßte und auf
-den er immer wieder zurückkam, wenn er erzählen sollte,
-wie ihm die besuchte Gegend gefallen habe.</p>
-
-<p>Die Not des armen Volkes, welche er durch eigene
-Anschauung kennen gelernt hatte, bewegte sein mitleidiges
-Herz so sehr, daß er mit der Freundin sogleich beschloß,
-dort in Chidder Schulen anzulegen und sich bereit erklärte,
-alle Kosten auf seine Tasche zu übernehmen, wenn Miß
-Hannah sich der damit verbundenen Mühewaltung unterziehen
-wolle.</p>
-
-<p>»Wozu könnte ich besser meinen Überfluß anwenden?«
-antwortete er ablehnend, als ihm die Freundin für sein
-hochherziges Anerbieten danken wollte, und freute sich in
-der Folge jedesmal herzlich, wenn er hörte, daß das
-Unternehmen guten Fortgang habe.</p>
-
-<p>Auch die Parlamentssitzung von 1790 brachte für die
-Sklavensache keine wesentliche Förderung. Man fuhr nur
-fort, Zeugen zu verhören, und zwar Zeugen für und
-wider den Sklavenhandel, wenn auch die »Westindier«
-das Zeugenverhör ihrerseits gerne geschlossen gesehen hätten,
-nachdem die für sie günstigen Zeugen vernommen waren.
-Das Ende der Sitzung war da, ehe die Vernehmungen
-beendigt waren.</p>
-
-<p>Mit dem Ende dieser Sitzung waren die 7 Jahre
-abgelaufen, für deren Dauer die Mitglieder des Parlaments
-in England gewählt wurden, und Wilberforce
-mußte sich deshalb einer Neuwahl unterwerfen. Allein
-sein Name war schon so berühmt geworden, daß er sich
-seinen Wählern in Yorkshire nur vorzustellen brauchte,
-um ohne Weiteres eine Erneuerung seiner Wahl auf weitere
-7 Jahre zu erlangen.</p>
-
-<p>Und doch hatte er etwas gethan, was bei jedem Anderen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-Anstoß und Widerwilligkeit erregt haben würde:
-er hatte die Wahl ausgeschlagen zu einem Vorsteher bei
-den großen Pferderennen, die in York abgehalten wurden,
-und die bekanntlich noch heute, wo sie auch gehalten
-werden, bei den Engländern in hohem Ansehen stehen.
-Er hatte jedoch den jährlichen Beitrag, den er für die
-Beteiligung an den Rennen hätte entrichten müssen, dem
-Hospitale der Grafschaft überwiesen, um zu zeigen, daß
-ihn nicht der Geiz abhalte, an einer Sache teil zu nehmen,
-für die er nach seiner ganzen Anschauungsweise kein besonderes
-Interesse haben konnte.</p>
-
-<p>Daß sich seine Schwester um diese Zeit mit einem
-frommen Manne, dem Geistlichen Clarke zu Hull, vermählte,
-war für Wilberforce eine große Freude. Denn
-nun durfte er hoffen &ndash; und diese Hoffnung erfüllte sich
-auch &ndash; daß die Bemühungen, die er selbst bisher gebraucht
-hatte, seine Schwester auf den Weg eines ernsten, lebendigen
-Christentums zu ziehen, und die auch keineswegs
-ganz vergeblich geblieben waren, von berufenen und geschickten
-Händen weiter geführt werden und gewiß zu
-einem gesegneten Ziele kommen würden. Auch für das
-geistliche Leben der geliebten Mutter durfte er von der
-Einwirkung des neuen Schwagers die gedeihliche Förderung
-erwarten, die sein treues, frommes Sohnesherz so
-sehnlich wünschte.</p>
-
-<p>Nach einer stärkenden Kur in den Bädern von Buxton
-gab sich Wilberforce daran, die von dem Unterhause vorgenommenen
-Zeugenverhöre zu prüfen und durchzuarbeiten,
-welche bis jetzt schon 1400 große Bogenseiten füllten.
-Galt es doch, die Scheingründe, welche für den Sklavenhandel
-geltend gemacht worden waren, zu entkräften und<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-so den Gegnern die Waffen zu entreißen, mit denen sie
-ihre schändliche Sache verteidigten.</p>
-
-<p>Auf dem stillen Landsitze eines Jugendfreundes, wo
-er vor störenden Besuchen sicherer war als in seinem
-eigenen Heim, bewältigte Wilberforce diese ungeheure
-Arbeit, ohne danach zu fragen, ob es seine Gesundheit
-aushielte. Und Gott der Herr, in dessen Dienste und
-zu dessen Ehre zu arbeiten er sich bewußt war, verlieh
-ihm die dazu nötige Kraft. Wohl mag es eine Stärkung
-gewesen sein, die aus derselben Quelle ihren Ursprung
-nahm, daß ihm in diesen arbeitsvollen Tagen John
-Wesley, der Stifter der Methodistengemeinde, folgenden
-Brief schrieb:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Mein teurer Herr! Wenn es nicht die göttliche
-Allmacht ist, welche Sie berufen hat, ein Athanasius
-im Kampfe mit der Welt zu sein, so sehe ich nicht ab,
-wie Sie das glorreiche Unternehmen zu Ende bringen
-wollen, gegen eine Schändlichkeit aufzutreten, welche
-eine Schmach der Religion Englands und der menschlichen
-Natur ist. Wenn es nicht Gott ist, der Sie zu
-dieser Sache berufen hat, so werden Sie durch den
-Widerstand der Menschen und Teufel besiegt werden.
-Aber ist Gott für Sie, wer mag dann wider Sie sein?
-Sind alle Feinde zusammen stärker als Gott? O ermüden
-Sie nicht, gutes zu thun! Schreiten Sie fort
-im Namen Gottes und in der Kraft seiner Stärke,
-bis die amerikanische Sklaverei für immer von derselben
-verschwindet! Sie ist das Schimpflichste, was je unter
-der Sonne bestand. Daß Er, der Sie von Ihrer
-Jugend an geführt hat, fortfahren möge, <span id="corr050">Sie</span> hierbei
-und in allen Stücken zu stärken, das ist das Gebet
-Ihres</p>
-
-<p class="right">
-John Wesley.«
-</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<p>Wie erhebend mußten für Wilberforce diese Worte
-sein aus dem Munde eines Mannes, der so eifrig war,
-rechtes Christentum zu fördern, und dessen Name überall
-in England einen hellen guten Klang hatte, selbst bei
-denjenigen, welche die Wege, die er einschlagen zu müssen
-glaubte, nicht billigten! Und doch wie demütig und bescheiden
-schreibt Wilberforce in seinem Tagebuch bei dieser
-Gelegenheit: »Möge Gott mir verleihen, daß ich fortan
-mehr zu seiner Ehre lebe und möge er mich in dem großen
-Werke segnen, das ich unter den Händen habe. Möchte
-ich zu ihm aufblicken nach Weisheit und Kraft und der
-Gabe, andere zu überzeugen! Möchte ich mich für den Ausgang
-ihm mit vollkommener Ergebung unterwerfen! Möchte
-ich Ihm ganz die Ehre geben, wenn ich das Ziel erreiche,
-und, wo nicht, von Herzen sprechen können: Dein Wille
-geschehe!«</p>
-
-<p>Was den ersten Seufzer angeht, daß ihm gegeben
-werden möge, mehr zu Ehren Gottes zu leben, so hat
-Wilberforce denselben nicht blos hier, sondern auch an
-anderen Stellen seines Tagebuches wiederholt ausgedrückt,
-ohne Zweifel deshalb, weil er sich innerlich Vorwürfe
-darüber machen zu müssen glaubte, daß er dem gesellschaftlichen
-Leben zuviel Zeit und Kraft widme. Aber was
-wollte er machen, wenn sich, wo er auch sein mochte, die
-verschiedenartigsten Leute um ihn drängten, und ihn selbst
-in die entferntesten Gegenden verfolgten, um Rat und
-Beistand bei ihm zu suchen oder sich auch nur seines Umganges
-zu erfreuen.</p>
-
-<p>»Ihr Haus ist ja gerade wie die Arche Noahs,«
-schrieb ihm einmal seine mütterliche Freundin Hannah
-More, »voll reiner und unreiner Tiere.«</p>
-
-<p>Und das Gleichnis traf in der That zu. Denn außer<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Missionsfreunden und befreundeten Parlamentsgenossen,
-die mit ihm in betreff der gemeinschaftlichen guten Sache
-Rat pflegen wollten, sah er sich auch von solchen angelaufen,
-die in ganz gewöhnlichen, weltlichen Dingen Rat
-und Unterstützung von ihm begehrten und denen er sich,
-weil sie zu seinen Wählern gehörten, nicht entziehen konnte.</p>
-
-<p>Wir verstehen es darum wohl, wenn er in seinem
-Tagebuche wiederholt schreibt: »Was für Gründe mich
-auch bestimmten, ein offenes Haus zu haben, so ist es
-doch gewiß, daß Einsamkeit und Ruhe der Betrachtung
-und dem Wachen günstiger sind. Ich will streben, mir
-öfters Zeiten des ununterbrochenen Umgangs mit Gott zu
-sichern.«</p>
-
-<p>Wir verstehen es ebensowohl, daß es ihn nach jeder
-der arbeitsvollen und aufregenden Parlamentssitzungen,
-innerlich drängte, sich irgendwo solch stille Zeiten zu verschaffen,
-die er an den Badeorten, die er seiner Gesundheit
-wegen besuchen mußte, unmöglich finden konnte.</p>
-
-<p>Was aber den letzten Seufzer in den oben angeführten
-Worten seines Tagebuches angeht, daß es ihm, wenn
-er in der Sklavensache sein vorgestecktes Ziel nicht erreichen
-sollte, gegeben werden möge, von Herzen zu sprechen:
-»Dein Wille ist geschehen!«, so scheint ihm diesen eine
-Vorahnung dessen, was nun kommen sollte, in das Herz
-und in die Feder gedrängt zu haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="IV">IV.</h2>
-</div>
-
-<p>Am 18. April 1791 kam die Sklavensache im Parlament
-wieder vor und Wilberforce ergriff sogleich das
-Wort, um vorzutragen, was er durch sein eifriges Studium<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-der Zeugenverhöre gewonnen hatte. Sorgfältig vermied
-er jede Bemerkung oder Anspielung, welche die Gegner
-persönlich hätte verletzen können, nur die unzweifelhaft
-bewiesenen Thatsachen ließ er reden. Aber wie auch nach
-ihm sein Freund Pitt, ja selbst dessen entschiedener politischer
-Gegner Fox für die Abschaffung des Sklavenhandels
-die Stimmen zu gewinnen suchten, es half nichts. Mit
-163 gegen 88 Stimmen wurde der dahin zielende Antrag
-verworfen.</p>
-
-<p>Denn die »Westindier« hatten große Summen aufgewendet,
-sich Stimmen zu ihren Gunsten zu erkaufen und
-leider auch charakterlose Menschen genug im Parlamente
-gefunden, die sich erkaufen ließen. Wo aber Eigennutz
-und Geldgierde das große Wort führten, mußten die
-mächtigsten Gründe ihre Wirkung versagen, mußten selbst
-solche gewaltige Worte vergeblich bleiben, wie die folgenden,
-mit denen Wilberforce seine Rede geschlossen hatte:</p>
-
-<p>»Von welchem Gesichtspunkte aus«, so rief er von
-Eifer glühend in die Versammlung hinein, »man auch die
-Sache betrachten mag, England hat die Pflicht, dieselbe
-zu fördern. Die Hälfte des verbrecherischen Handels wird
-von seinen Unterthanen geführt, und da demnach unsere
-Schuld so groß ist, so laßt uns auch bald anfangen,
-Buße zu thun. Es kommt einst ein Tag der Vergeltung,
-da wir von den Talenten, Fähigkeiten und Gelegenheiten,
-die uns gegeben waren, Rechenschaft thun müssen! Möge
-es uns dann nicht offenbar werden, daß wir unsere größere
-Macht zur Knechtung unserer Nebenmenschen, unsere
-größere Erkenntnis zur Schändung der Schöpfung Gottes
-angewendet haben!!«</p>
-
-<p>Mit der oben erwähnten Abstimmung war denn für
-diese Parlamentssitzung wieder die heilige Sache der Sklavenfreunde<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-beseitigt, aber auch ihr Mut gebrochen? auch
-der Eifer eines Wilberforce gelähmt? &ndash; Keineswegs.
-Man schlug nur jetzt einen andern Weg ein.</p>
-
-<p>Von den Vertretern des Volks war, wie sichs eben
-gezeigt hatte, nichts zu hoffen und zu erwarten, so beschloß
-man denn, sich an das Volk selbst zu wenden und
-dessen Gerechtigkeit und Menschlichkeit geradezu anzurufen.
-Es wurde ein Auszug aus den Parlamentsverhandlungen
-angefertigt, worin besonders die von Wilberforce als Waffen
-gebrauchten thatsächlichen Beweise für die Schändlichkeit
-des Sklavenhandels hervorgehoben waren, und dann dieser
-Auszug in zahllosen Abdrücken überallhin und in jeder
-möglichen Weise unter dem Volke zu verbreiten gesucht.
-Die Sklavenfreunde, an ihrer Spitze Wilberforce, ließen
-sich dabei weder Mühe noch Kosten verdrießen.</p>
-
-<p>Aber man kam auch weiter auf den Gedanken, zu versuchen,
-ob man nicht in thatsächlicher Weise den Hauptgrund,
-welchen die Gegner stets für die Sklaverei vorbrachten,
-entkräften und in seiner Nichtigkeit blosstellen
-könnte. Das war nämlich der Grund: die Neger seien
-eigentlich gar keine Menschen, sondern nur menschenähnliche
-Tiere. Man berief sich dann dabei stets auf die Zeugnisse
-der Sklavenbesitzer, welche durch eigene, reiche Erfahrung
-hätten zu der Überzeugung kommen müssen, daß
-die Neger zu jeder geistigen Bildung völlig unfähig seien.</p>
-
-<p>Da beschlossen denn die Sklavenfreunde, eine Ansiedelung
-für freie Neger zu gründen, worin diese unter der
-Leitung von wohlwollenden Menschen gesammelt und sorgfältig
-unterrichtet werden sollten, um selbst zu zeigen, daß
-sie in der That vernunftbegabte, bildungsfähige Wesen
-seien. Es bildete sich eine Gesellschaft, welche die nötigen
-Mittel für diesen Zweck zusammenschoß, und auf der Westküste<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-Afrikas von den dortigen Negerfürsten eine Strecke
-Landes erkaufte, die sich besonders zum Anbaue zu eignen
-schien und den Namen »Sierra Leone« führte. Wilberforce
-war einer von den ersten Leitern dieses Unternehmens.</p>
-
-<p>Und dasselbe schien unter Gottes Segen glücken zu
-wollen. Es fehlte nicht an Negern, die den gebotenen
-Zufluchtsort gern annahmen. Denn in dem nordamerikanischen
-Befreiungskriege hatten sich eine ganze Anzahl
-entsprungener Sklaven aus den Südstaaten auf die Seite
-der englischen Regierung geschlagen und wacker gegen ihre
-früheren Herren kämpfen helfen. Sie waren natürlich
-von den Engländern für frei erklärt und nach Beendigung
-des Krieges auf der Halbinsel Neuschottland angesiedelt
-worden, um sie der Verfolgung ihrer ehemaligen Herren
-zu entziehen. Dort aber war ihnen das Klima zu rauh,
-und als sie deshalb von der afrikanischen Ansiedelung in
-Sierra Leone Kunde erhielten, sandten sie nach London
-und ließen die englische Regierung bitten, sie dorthin zu
-versetzen. Ihrem Wunsche wurde willfahrt, und in einer
-Stärke von 700 Köpfen siedelten sie nach der neuen Kolonie
-über.</p>
-
-<p>Allerdings hatte die wohlgemeinte Ansiedelung anfangs
-nur schlechten Erfolg, da die Rohheit und geistige wie
-körperliche Trägheit der Neger fast aller Versuche spotteten,
-sie an ein geordnetes, thätiges Leben zu gewähren. Besser
-wurde es erst, als man mit Ernst daran ging, ihnen das
-Evangelium zu predigen und sie zum Christentume zu bekehren,
-und als unter christlichen Einflüssen ein neues
-Geschlecht herangewachsen war. Dann aber wurde auch
-die Kolonie in der That ein leuchtendes Zeugnis dafür,
-wie völlig haltlos und ungerechtfertigt die Ansicht sei, daß
-die Neger zum wenigsten eine untergeordnete Menschenrasse<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-und zu jeder Bildung unfähig seien, und ist es bis heute,
-wo ja Gottlob, diese Ansicht kaum mehr einen ernsthaften
-Vertreter findet.</p>
-
-<p>Die vorhin erwähnte Maßregel, den Auszug aus den
-Parlamentsverhandlungen über die Sklaverei und den
-Sklavenhandel in Massen unter das Volk zu werfen,
-trug gute Früchte. Der Gerechtigkeitssinn und das Menschlichkeitsgefühl
-fingen unter dem Volke an sich zu regen
-und sich gegen die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels
-zu empören, nachdem dieselben einmal so recht nackt und
-klar auf Grund amtlicher Beweise aufgedeckt waren. Durch
-das ganze Land hin und her wurden Versammlungen gehalten
-und von denselben Bittschriften an das Parlament
-gerichtet, welche die Abschaffung des Sklavenhandels verlangten.
-Viele verbanden sich sogar im heiligen Eifer
-dazu, sich aller Erzeugnisse Westindiens zu enthalten, die
-der Sklavenarbeit ihren Ursprung verdankten.</p>
-
-<p>Alles schien im besten Zuge und ließ hoffen, daß in
-der Parlamentssitzung von 1792 die Abschaffung des
-Sklavenhandels beschlossen werden würde, obwohl die
-Sklavenhändler von Liverpool 10000 Pfund Sterling
-(nach heutigem Gelde etwa 200000 Mark) aufwendeten,
-um wieder eine genügende Gegnerschaft im Parlamente
-zu schaffen.</p>
-
-<p>Da kamen unglücklicherweise mit einem Male die Nachrichten
-von dem furchtbaren Sklavenaufstande auf der
-westindischen Insel St. Domingo oder Haïti, die völlig
-dazu angethan waren, alle wohlwollende Teilnahme für
-die Sklaven in unbefestigten Herzen zu ersticken.</p>
-
-<p>Auf jener Insel, die im Ryswyker Frieden 1697 von
-Spanien, das sie seit der Entdeckung durch Kolumbus besessen
-hatte, an die Franzosen abgetreten worden war,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-lebten nämlich außer einer großen Masse eingeführter
-Negersklaven, die die Zahl der Weißen weit überwog,
-viele sogenannte »Mulatten«, welche Weiße zu Vätern
-hatten, und zum großen Teile freigelassen worden waren,
-oder doch den Negern gegenüber große Vorzüge genossen.
-Unter diesen »Farbigen«, wie sie hießen, hatten schnell die
-durch die französische Revolution in Gang gebrachten freiheitlichen
-Grundsätze Eingang gefunden und »Freiheit,
-Gleichheit, Brüderlichkeit« war auch bei ihnen die feurig
-verfochtene Losung geworden. Aber es ist ja nur zu wohl
-bekannt, wie die Männer der Revolution die »Brüderlichkeit«
-nur für Diejenigen wollten gelten lassen, die in
-allen Stücken mit ihnen in das nämliche Horn bliesen,
-und ebensowohl die »Freiheit und Gleichheit« nur soweit
-gelten ließen, als es ihnen paßte. So war man denn
-auch in der Nationalversammlung zu Paris durchaus nicht
-gewillt, den Farbigen ganz gleiche Rechte mit den Weißen
-einzuräumen und brachte dadurch bei dieser Mischlings-Rasse,
-die durch ihr schnell aufloderndes, feuriges Wesen
-bekannt ist, eine furchtbare Gährung hervor. Es kam zu
-einer Vereinigung der Farbigen mit den sonst von ihnen
-tief verachteten und gehaßten Negern, und am 23. August
-1791 brach ein furchtbarer Aufstand beider gegen die
-Weißen los, der zur schonungslosen Niedermetzelung dieser
-fast auf der ganzen Insel führte.</p>
-
-<p>Diese bösen Nachrichten aus Westindien waren natürlich
-den Sklavenfeinden Wasser auf ihre Mühle und gaben
-ihnen willkommenen Grund, die Befürchtung auszustreuen,
-nach solchem Vorgange würden es auch die Neger auf den
-englischen Besitzungen in Westindien ihren Brüdern auf
-St. Domingo nachmachen und am Ende die ganze englische
-Herrschaft dort vernichten, wenn man sie nicht mit<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-aller Strenge im Zaume halte und einen noch stärkeren
-Druck auf sie übe als bisher. &ndash; Dazu kam, daß auch
-unter den englischen Sklavenfreunden nicht wenige waren,
-die den Grundsätzen der französischen Revolution huldigten
-und denselben auch in England Eingang zu verschaffen
-suchten.</p>
-
-<p>Wilberforce, dessen heller, klarer Blick die Hohlheit
-der französischen Redensarten von den allgemeinen Menschenrechten
-von vorne herein durchschaute, bemühte sich vergebens,
-den unvorsichtigen Reden und Handlungen dieser
-seiner Kampfesgenossen zu wehren und mußte es erleben,
-daß man sein auf die Abschaffung des Sklavenhandels gerichtetes
-Streben mit den revolutionären Grundsätzen aus
-Frankreich in Verbindung brachte und ihn auf das schmählichste
-verleumdete. Er mußte es sogar erleben, daß König
-Georg III. wurde, was die Prinzen des königlichen Hauses
-zum Teil schon längst waren, ein entschiedener Gegner der
-Abschaffung des Sklavenhandels, während er sonst wohl,
-wenn er an Hoftagen mit Wilberforce zusammen traf, sich
-bei diesem freundlich nach seinen schwarzen Schützlingen
-erkundigt hatte. Wie weit dabei die Abneigung gegen die
-revolutionären Grundsätze mitspielte, oder aber die Rücksicht
-auf die königlichen Interessen, die geschädigt wurden,
-wenn die vom Sklavenhandel erhobenen Abgaben ausfielen,
-muß dahingestellt bleiben.</p>
-
-<p>Nichts destoweniger trat Wilberforce am 2. April 1792
-mit dem Antrage auf sofortige Abschaffung des Sklavenhandels
-vor das Parlament, ermutigt durch sein gutes
-Gewissen, welches ihn von einer Hinneigung zu den Grundsätzen
-der Revolution völlig freisprach und angefeuert durch
-seinen heiligen Eifer, der die gute Sache auch jetzt nicht
-ruhen lassen konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>Wiederum sprach er mit dem ganzen Feuer seiner hinreißenden
-Beredsamkeit; wiederum unterstützten ihn die
-beiden sonstigen Gegner, Pitt und Fox mit gleicher Kraft
-und Entschiedenheit, aber sein Antrag fiel dennoch durch.
-Doch hatten die gehaltenen Reden wenigstens den bei den
-gegenwärtigen Zeitläufen immerhin nicht unbedeutenden
-Erfolg, daß man sich mit 238 gegen 45 Stimmen für
-den Vorschlag erklärte, auf allmähliche Abschaffung des
-Sklavenhandels Bedacht zu nehmen. Es mußte jedoch
-dafür erst in einer neuen Parlamentssitzung ein besonderer
-Antrag eingebracht werden.</p>
-
-<p>Wilberforce konnte sich zu solch einem Antrage nicht
-entschließen, weil dadurch das einstweilige Fortbestehen des
-Sklavenhandels als gesetzmäßig hingestellt worden wäre.
-An seiner statt übernahm es einer der Minister ihn zu
-stellen und wollte den 1. Januar 1795 als den Tag angenommen
-haben, von welchem ab der Sklavenhandel aufhören
-müsse. Das war aber den meisten ein zu naher
-Termin und nach langen, heißen Verhandlungen wurde
-endlich auf den Antrag von Wilberforce mit 151 gegen
-132 Stimmen der 1. Januar 1796 als Endtermin für
-den Sklavenhandel angenommen.</p>
-
-<p>Hätte nur auch das Oberhaus, das diesen Beschluß
-ebenfalls annehmen mußte, wenn er Gesetzeskraft erlangen
-sollte, in denselben eingestimmt! Allein dies war nicht
-der Fall, sondern es verschob seine Entscheidung bis zur
-nächsten Sitzung.</p>
-
-<p>Obwohl so noch durchaus nichts Festes und Bestimmtes
-erreicht war, ergossen doch die »Westindier« die ganze
-Schale ihres Zornes über Wilberforce, als den Mann,
-der im Kampfe gegen sie sich nicht zur Ruhe bringen ließ.
-Nicht blos, daß die schändlichsten Verleumdungen wider<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-ihn ausgestreut wurden, nein selbst mörderische Pläne
-wurden gegen ihn geschmiedet, sodaß ihn seine Freunde
-nicht ohne bewaffnete Begleitung wollten auf die Reise
-gehen lassen. Möglich, daß auch seine Ernennung zum
-französischen Bürger, welche ihm in dieser Zeit zukam,
-nur eine böswillige Anzettelung seiner Feinde war, die
-ihn dadurch als einen unzweifelhaften Anhänger der französischen
-Revolution verdächtigen wollten. Freilich wurde
-ihm diese zweifelhafte Ehre sogleich wieder entzogen und
-sein Name aus den Listen der französischen Bürger gestrichen,
-als er in den Vorstand einer Gesellschaft trat,
-die sich die Unterstützung der durch die Revolution aus
-Frankreich vertriebenen Geistlichen zum Zwecke gesetzt hatte.</p>
-
-<p>Der Krieg mit Frankreich, welcher ausbrach, nachdem
-die Franzosen ihre gerühmte »Brüderlichkeit« soweit getrieben
-hatten, daß sie am 21. Januar 1793 ihren König
-hinrichteten, brachte notwendig einen Stillstand in die
-Verhandlungen über die Sklavensache. Nun, wo man
-gesehen hatte, wie die Grundsätze der Revolution in Frankreich
-zum Umsturz aller bestehenden Ordnung führen
-konnten, schrack man vor allem zurück, was nur den mindesten
-Zusammenhang mit diesen Grundsätzen zu haben
-schien, wie man das ja bereits den Bemühungen der
-Sklavenfreunde und unseres Wilberforce insonderheit zum
-Vorwurfe gemacht hatte. Das Parlament weigerte sich
-in seiner großen Mehrzahl, auch nur die Entscheidung vom
-vorigen Jahre zu erneuern.</p>
-
-<p>Dem Kriege mit Frankreich war Wilberforce entgegen
-gewesen. Als derselbe unvermeidlich wurde, weil die
-französische Nationalversammlung auf die Rückberufung
-des englischen Gesandten nach der Hinrichtung Ludwigs XVI.
-damit antwortete, daß sie an England den Krieg erklärte,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-drang Wilberforce bei seinem Freunde Pitt darauf, daß
-England sich nur verteidigen solle, wenn es von Frankreich
-wirklich angegriffen würde. Allein da Pitt ein erbitterter
-Gegner des revolutionären Nachbars war, so
-ging er darauf nicht ein, und zum erstenmale fanden sich
-die beiden Freunde in entschiedenem Gegensatze.</p>
-
-<p>Wenn er aber auch so für den äußeren Frieden nichts
-durchsetzen konnte, so beteiligte sich Wilberforce desto eifriger
-an einem anderen Friedenswerke, zu dem sich jetzt
-Gelegenheit bot, und das ihm schon längere Zeit am
-Herzen gelegen hatte.</p>
-
-<p>Es lag nämlich die Notwendigkeit vor, die Karte der
-englischen Kolonien in Asien zu erneuern, und es kam im
-Parlament zu Verhandlungen über die sittlichen und religiösen
-Zustände der Eingeborenen in jenen Kolonien, bei
-denen der Regierung zum Vorwurfe gemacht werden mußte,
-daß sie diesen Zuständen bisher gar keine Aufmerksamkeit
-zugewendet habe. Da verlangte denn Wilberforce, daß
-Geistliche und Lehrer nach Ostindien geschickt würden,
-welche den Eingeborenen das Christentum brächten, wie
-dies von seiten der Sekten der Methodisten und Baptisten
-bereits geschehen sei. Er bekämpfte dabei mit aller Entschiedenheit
-den Grundsatz, dem die englische Regierung
-bisher gefolgt war, und der dahin ging, daß es am besten
-sei, die Eingeborenen bei ihrem Heidentum zu lassen. Es
-war ein tiefer Schmerz für ihn, zu sehen, wie sein Vorschlag
-mit allgemeiner Gleichgültigkeit aufgenommen wurde
-und sogar nur bei einzelnen der Bischöfe Unterstützung
-fand. Vergebens machte er geltend, daß eine Ablehnung
-seiner Forderung gleichbedeutend sei mit der öffentlichen
-amtlichen Erklärung, man achte das Christentum nur deshalb,
-weil es die im Lande bestehende Religion sei, nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-aber deshalb, weil es allein den rechten Heilsweg zeige
-und eine göttliche Offenbarung sei. &ndash; Seine Anträge
-wurden nicht angenommen.</p>
-
-<p>Als mit der Hinrichtung Robespierres am 27. Juli
-1794 die Schreckensherrschaft in Frankreich ihr Ende erreicht
-hatte, hielt Wilberforce die Zeit für gekommen, den
-Frieden mit Frankreich wieder herzustellen und England
-wieder die Segnungen des Friedens zuzuwenden. Trotz
-der entgegenstehenden Ansicht der meisten seiner Freunde,
-trotzdem, daß er dadurch wieder mit Pitt in offenen
-Widerspruch treten mußte, brachte er, lediglich den Mahnungen
-seines Gewissens folgend, im Dezember 1794 seine
-Friedensanträge im Parlamente ein. Er zog sich dadurch
-nicht blos die Unzufriedenheit des Königs, sondern auch
-seiner Wähler zu, achtete aber dessen nicht, sondern unterstützte
-nach Ablehnung seiner eigenen Anträge schon im
-Februar des folgenden Jahres wieder den Antrag auf
-Wiederherstellung des Friedens, welchen ein anderes Parlamentsglied
-eingebracht hatte, sowie jeden anderen dahin
-zielenden Antrag, der im Laufe dieser Parlamentssitzung
-gestellt wurde. &ndash; So heilig war ihm eine einmal gewonnene
-gewissenhafte Überzeugung.</p>
-
-<p>Zu einer inneren Entfremdung zwischen Wilberforce
-und Pitt kam es indessen durch diese Gegnerschaft in Sachen
-des Krieges keineswegs. Pitt wußte zu gut, daß der Freund
-lediglich aus der Gewissenhaftigkeit seiner Überzeugung
-heraus diese Gegnerschaft aufrecht erhielt und alles war
-zwischen beiden vergessen, als sich auch die Minister dem
-Frieden mit Frankreich glaubten zuneigen zu müssen.</p>
-
-<p>Sie gingen wieder einträchtig zusammen, als die Regierung
-vom Parlamente die Berechtigung zu außerordentlichen
-Maßregeln forderte, um den Revolutionsgeist unterdrücken<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-zu können, der sich immer weiter im Lande auszubreiten
-schien und immer kecker und unverhohlener hervortrat.
-Schon predigte man offen in eigens dazu berufenen
-Versammlungen den Aufruhr gegen die Regierung,
-verbreitete ungescheut Bilder, durch welche der König auf
-dem Gange zum Schaffot dargestellt wurde, ja wagte es
-sogar, den König persönlich zu beunruhigen und zu beschimpfen,
-als er zur Eröffnung des Parlamentes fuhr. &ndash;
-Da unterstützte denn Wilberforce furchtlos und kräftig,
-wenn auch ungern, die Forderung der Regierung und half
-dazu, daß sie, wenn schon auch erst nach langem und
-heißem Redekampfe bewilligt wurde.</p>
-
-<p>Er hatte aber damit nicht allein die Feindschaft der
-Freiheitspartei auf sich geladen, die sich auch im Parlamente
-gebildet hatte, sondern auch die ganze Masse seiner
-Wähler in der Grafschaft York wider sich erbittert, die
-sich von dem Revolutionsgeiste hatten bestricken lassen.
-Als er nun hörte, daß diese eine große öffentliche Versammlung
-abhalten wollten, um ihrem Unwillen gegen das
-Ministerium und seine Absichten Ausdruck zu geben, beeilte
-er sich, zu dieser Versammlung noch zurecht zu kommen
-und benutzte dazu sogar, ohne irgend welches Bedenken,
-weil sein eigener Wagen für eine so weite eilige Reise
-nicht gehörig in Ordnung war, den Wagen, den ihm der
-so verhaßte Minister zur Verfügung stellte.</p>
-
-<p>Allein als Wilberforce am Orte der Versammlung
-ankam, stellte es sich heraus, daß die sogenannte Freiheitspartei
-doch noch nicht so groß war, als man befürchtet
-hatte, und bei Eröffnung der Versammlung waren die
-Freunde und Anhänger des Ministeriums entschieden in
-der Überzahl. Ohne Furcht vor etwaigen Feindseligkeiten
-gegen seine Person trat Wilberforce in die stürmisch tobende<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Versammlung hinein, verschaffte sich Gehör und hielt eine
-glänzende Rede, die den Erfolg hatte, daß eine ganz gegenteilige
-Kundgebung als die beabsichtigte zu stande kam,
-nämlich eine Schrift, die bald mit zahlreichen Unterschriften
-bedeckt war, und worin man die entschiedenen und kräftigen
-Maßregeln des Ministeriums gegen die revolutionäre
-Partei vollständig billigte, und dieser Vorgang fand bald
-auch in anderen Grafschaften Nachahmung.</p>
-
-<p>So hatte Wilberforce den deutlichsten Beweis geliefert,
-wie falsch die ihm gemachten Vorwürfe wegen Hinneigung
-zu den Grundsätzen der Revolution gewesen seien, und
-glaubte denn nun, ohne aufs neue solche Vorwürfe erleiden
-zu müssen, seine Sklavensache wieder in Angriff
-nehmen zu können. Denn entmutigt war er durch die
-bisher nur errungenen geringen Erfolge keineswegs, und
-es lag gerade jetzt wieder ein besonderer Grund vor, in
-seiner Sache ernstlich vorzugehen.</p>
-
-<p>Frankreich hatte nämlich, um den verhaßten englischen
-Nachbarn einen empfindlichen Schaden zuzufügen und wo
-möglich die ganze Negerbevölkerung auf seinen westindischen
-Besitzungen in Aufruhr zu bringen, auf seinen
-eigenen Besitzungen drüben alle Neger für frei erklärt,
-und es dadurch auch wirklich dahin gebracht, daß auf den
-englischen Inseln Granada, St. Vincent und Dominica
-Empörungen der Neger stattfanden. Da hatten denn die
-Freunde des Sklavenhandels wieder Oberwasser und wußten
-den Mund nicht voll genug zu nehmen, um auszuschreien,
-daß man hier sehen könne, wozu die Freundschaft gegen
-die Neger führe.</p>
-
-<div class="figcenter" >
-<img src="images/ill_64.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Sofort war Wilberforce auf dem Kampfplatze und
-brachte am 18. Februar 1796 wieder seine alten Anträge
-auf Aufhebung des Sklavenhandels und wo möglich der<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-Sklaverei selbst das Parlament, entwickelte auch wieder
-die alte, feurige Beredsamkeit für seine Herzenssache und
-wußte das thörichte Geschrei der Gegner mit der Wucht
-seiner Gründe zu übertäuben. Allein wiewohl er auch
-jetzt wieder von Pitt kräftig unterstützt wurde, konnte er
-doch seine Anträge nicht durchbringen, weil seine Freunde
-bei der schließlichen Abstimmung nicht in der nötigen Zahl
-auf dem Platze waren, und selbst der von ihm gestellte
-Antrag fiel durch, daß durch das Gesetz eine bessere Behandlung
-der Sklaven auf den Sklavenschiffen erzwungen
-werden möchte.</p>
-
-<p>Tiefbetrübt über diesen neuen Mißerfolg würde Wilberforce
-wohl nicht daran gedacht haben, sich um seine
-Wiederwahl ins Parlament zu bewerben, wie es jetzt nötig
-wurde, wenn er nicht zweifellos an den endlichen Sieg
-seiner guten Sache geglaubt und es deshalb für eine heilige
-Pflicht angesehen hätte, seine Wirksamkeit im Parlamente
-unbeirrt und mit aller Kraft fortzusetzen. Seine Wiederwahl
-hatte denn auch nicht die geringste Schwierigkeit.</p>
-
-<p>Bei einem Besuche seiner Mutter in Hull, den er bei
-Gelegenheit dieser Wiederwahl machte, durfte er mit inniger
-Freude wahrnehmen, wie die betagte Frau, die er so sehr
-liebte, jetzt durch Gottes Gnade innerlich eine ganz andere
-geworden und auf dem besten Wege war, sich mit ganzem,
-vollem Ernste dem wahren Christentum zuzuwenden. Ihre
-Bitte beim Abschiede, daß der Sohn ihrer fleißig in seinem
-Gebete gedenken möge, hat dieser gewiß von nun an mit
-doppelter Freudigkeit erfüllt.</p>
-
-<p>Wer nach dem bisher Erzählten denken wollte, Wilberforce
-habe für nichts anderes Interesse gehabt, als für
-seine Sklavensache und höchstens für das, was derselben
-irgendwie dienen konnte, der würde ihn durchaus falsch<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-beurteilen. Sein Herz, das von der Liebe Christi durchdrungen
-war, trieb ihn vielmehr, wo und wie er nur
-konnte, das leibliche und geistliche Wohl aller seiner Mitmenschen
-zu fördern.</p>
-
-<p>Nicht blos, daß er bei jeder sich bietenden Gelegenheit
-für die heilige Sache der Mission eintrat und für ihre
-Ausbreitung und Förderung kämpfte, auch das leibliche
-Elend seiner Mitmenschen fand in ihm einen stets willigen
-und bereiten Helfer. So besuchte er, wenn er in London
-war, häufig die dortigen Krankenhäuser und brachte den
-Elenden neben geistlichem Zuspruche auch leibliche Erquickungen,
-ja hielt es nicht unter seiner Würde, ihnen
-auch selbst hülfreiche Handreichung zu thun. Auch unterstützte
-er nach wie vor seine Freundin Hannah More bei
-ihren Bemühungen, dem unwissenden Volke die Segnungen
-eines regelmäßigen Schulunterrichtes zuzuwenden
-und hatte dafür eine allezeit offene Hand.</p>
-
-<p>Besonders aber beschäftigte ihn schon seit Jahren eine
-Schrift, an der er ununterbrochen während seiner Mußezeiten
-arbeitete und welche den Titel führen sollte: »Eine
-praktische Übersicht des vorherrschenden religiösen Lehrbegriffs
-der Bekenner des Christentums in den höheren und
-mittleren Ständen dieses Landes, verglichen mit dem wahren
-Christentum«, also eine Schrift, die mit der Sklavensache
-zunächst gar nichts zu thun hatte.</p>
-
-<p>Es war nämlich für Wilberforce ein fortgesetzter tiefer
-Schmerz, zu sehen, wie wenig wahres, aufrichtiges und
-thatkräftiges Christentum in den Gesellschaftskreisen herrschte,
-darin er sich bewegte. Entweder trat ihm da eine vollständige
-Gleichgiltigkeit gegen das Christentum entgegen,
-die von diesem nicht einmal reden hören mochte, oder
-jene unerträgliche Schwatzhaftigkeit über das Christentum,<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-der man es doch sofort abmerkte, daß sie ebensowenig aus
-aufrichtiger Hochachtung und Liebe für dasselbe hervorging,
-als ihr eine rechte christliche Erkenntnis oder gar
-eine wahrhaftige christliche Erfahrung zu Grunde lag.
-Diese betrübende Wahrnehmung ließ dem für das Christentum,
-dessen segensreiche Wirkung er täglich mehr an sich
-selbst erfuhr, begeisterten Manne keine Ruhe. Er betrachtete
-es als eine heilige Pflicht, mit der Gabe, die er
-empfangen hatte, auch anderen zu dienen, die derselben
-noch ermangelten, und möglichst viele von ihren falschen,
-verkehrten Wegen zu dem einzigen Wege zu rufen, der
-zum Frieden auf Erden und zur Seligkeit im Himmel
-führt.</p>
-
-<p>Bei denjenigen, welche ihm persönlich näher standen,
-that er dies mündlich mit rückhaltsloser Offenheit, aber
-auch mit so liebenswürdiger Milde und mit so teilnahmvoller
-Eindringlichkeit, daß ihm niemand zürnen konnte,
-auch wenn er sich vielleicht durch ein ernstes, strafendes
-Wort verletzt gefühlt hätte.</p>
-
-<p>Um aber auch auf weitere Kreise zu wirken, mit denen
-er keine persönliche Berührung hatte, schrieb er das erwähnte
-Buch. In der Einleitung zu demselben hob er
-besonders hervor, daß er, obgleich ein Nichtgeistlicher, sich
-doch verpflichtet gefühlt habe, solch ein Buch zu schreiben,
-weil er dafür halte, daß jeder Christ dazu berufen sei,
-das Heil seiner Nächsten nach Kräften zu fördern, und
-weil er denke, daß man einen Nichtgeistlichen für unparteiischer
-halten werde; er habe nicht für entschiedene Gegner
-des Christentums geschrieben, sondern für solche, die sich
-wohl Christen nennten, aber deren Leben durchaus nicht
-mit ihren Bekenntnissen übereinstimme.</p>
-
-<p>Nachdem er nun zuerst die Haupt- und Grundlehren<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-des Evangeliums: von der Sünde, von der Erlösung
-durch den Herrn Jesum Christum, von der Heiligung
-durch den heiligen Geist in tiefer, schriftgemäßer Weise
-besprochen und mit hoher Glaubensfreudigkeit als die rechte
-seligmachende Weisheit und Wahrheit bezeugt hatte, welche
-niemand ungestraft und ohne Schaden verachten könne,
-ging er besonders darauf aus, zu beweisen, wie eine Sittlichkeit
-ohne Glauben nur hohles, kraftloses, hinfälliges
-Wesen sei, wie aber der Glaube nicht etwa blos in dem
-Fürwahrhalten der christlichen Lehre bestehe, sondern vielmehr
-ein Sauerteig sei, der das ganze Wesen durchdringen
-und zu einer vollen, rückhaltlosen Hingabe des
-Herzens und Lebens an Gott und den Heiland treiben
-müsse. An dieser Beweisführung, bei welcher er besonders
-die Redensarten näher beleuchtete, mit denen die Weltmenschen
-in der Regel jede Zumutung mit ihrem Christentum
-Ernst zu machen, von sich abwiesen, schloß sich dann
-der Nachweis, wie wahres Christentum mit allen Lebensverhältnissen
-und mit jeder Lebensstellung wohl verträglich
-sei und durchaus nichts Unmögliches von seinen Jüngern
-fordere.</p>
-
-<p>Sieben Jahre lang schon hatte Wilberforce an diesem
-Buche gearbeitet und, was er darin niederlegen wollte,
-nicht nur aufs Reiflichste erwogen, sondern auch an seinem
-eigenen Herzen und an seiner eigenen Lebenserfahrung
-soviel als möglich erprobt. Jetzt erst entschloß er sich,
-das Buch in Druck zu geben. Der Buchhändler, an welchen
-er sich deshalb wandte, hielt, nachdem er einen Blick in
-dasselbe gethan hatte, den Verfasser für einen liebenswürdigen
-Schwärmer, der aber mit dem Geschriebenen
-keinen großen Erfolg erzielen, sondern nur viel Spott und
-Hohn einernten werde. Dem Namen »Wilberforce« zu<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-liebe, meinte er lächelnd, wolle er es wagen, 500 Exemplare
-zu drucken, aber es sei sehr fraglich, ob auch nur
-diese Absatz finden würden.</p>
-
-<p>Wie hatte sich aber der gute Mann verrechnet! Kaum
-war im April 1797 der Druck vollendet, und das Buch
-ausgegeben, als auch bereits nach wenigen Tagen die 500
-Exemplare vollständig vergriffen waren. Und damit war
-es nicht am Ende, nein, die Nachfrage nach dem Buche
-wurde so stark, daß im Laufe des nächsten halben Jahres
-5 Auflagen in einer Stärke von im ganzen 7500 Exemplaren
-nachgedruckt werden mußten. Ja bis zum Jahre
-1826 erlebte das Buch noch weitere 10 Auflagen und
-wurde ins Deutsche, Holländische, Französische, Italienische
-und Spanische übersetzt: jedenfalls ein unwiderlegliches Zeugnis
-von der Vortrefflichkeit und durchschlagenden Wirkung
-des Buches!</p>
-
-<p>»Ich preise Gott,« so schrieb der fromme Bischof von
-London über dasselbe, »daß in diesen schrecklichen Zeiten
-solch ein Werk erschienen ist, und ich will ihn inbrünstig
-bitten, daß es weiterhin einen mächtigen Einfluß gewinnen
-möge, vor allem aber auf mein eigenes Herz, welches
-dadurch zur Demut und hoffentlich bald auch zur Wirksamkeit
-angeregt wird.«</p>
-
-<p>Von allen Seiten kamen Wilberforce die ehrenvollsten
-Dankbezeugungen wegen seines Buches zu. Ja es zeigte
-ihm sogar jemand in einem namenlosen Schreiben an, er
-habe sich ein kleines Gut in der Grafschaft York gekauft,
-eigens zu dem Zwecke, bei der nächsten Wahl ins Parlament
-Wilberforce seine Stimme geben und ihm dadurch
-einen geringen Teil seiner Dankesschuld abtragen zu
-können.</p>
-
-<p>Aber eitel konnte Wilberforce nicht werden, wenn er<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-auch die Anlage dazu in eben dem Maße besessen hätte,
-als er sie nicht besaß. Seine Feinde und Gegner sorgten
-dafür, daß es neben den vielen Anerkennungen auch nicht
-an den härtesten, lieblosesten Beurteilungen des Buches
-fehlte. War es ihnen doch ein Dorn im Auge, daß der
-Name des von ihnen so bitter Gehaßten durch das Buch
-noch größere Berühmtheit erlangte, als er sie schon hatte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="V">V.</h2>
-</div>
-
-<p>Wilberforce war bis jetzt, obwohl nahezu 38 Jahre
-alt, allein durchs Leben gegangen, ohne sich noch eine
-eigene Familie gegründet zu haben. Seine Besitzungen
-in Yorkshire ließ er durch seine dortigen Freunde und Bekannten
-verwalten, um nicht durch die gewöhnlichen, alltäglichen
-Lebenssorgen in seiner öffentlichen Thätigkeit gehindert
-zu sein. Obschon es ihm seine Mittel erlaubt
-hätten, erwarb er sich nicht einmal eine eigene Wohnung
-in London, wo er doch einen großen, wenn nicht den
-größten Teil seiner Zeit zubrachte.</p>
-
-<p>»Als einzelner Mann,« sagte er später einmal, »fand
-ich ein Vergnügen an dem Gedanken, allein in einem
-gemieteten Hause zu leben. Denn so ward ich beständig
-daran erinnert, daß hienieden noch nicht meine wahre
-Wohnung und Heimat sei, und daß ich die Pflicht habe,
-nach einer besseren Heimat auszusehen und zu streben.«</p>
-
-<p>Gleichwohl fühlte er sein Alleinstehen nicht selten als
-einen Mangel in seinem Leben, zumal, wenn er bei Besuchen
-seiner Freunde deren glückliches Familienleben sah,
-und die reinen erquickenden Freuden eines solchen schmecken
-und fühlen lernte. Denn seit der Verheiratung seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-Schwester fand er auch bei seiner Mutter, die einsam in
-Hull wohnte und sich von diesem Orte nicht trennen wollte,
-wenn er dieselbe gelegentlich besuchte, kein eigentliches
-Familienleben mehr, wie es sein gefühlvolles Herz begehrte.</p>
-
-<p>Allein so oft ihm auch schon der Gedanke mochte gekommen
-sein, sich einen eigenen Herd zu gründen, er hatte
-denselben bisher immer wieder von sich abweisen zu sollen
-geglaubt, weil er befürchtete, die Pflichten eines Familienhauptes
-würden ihn zu sehr in Anspruch nehmen, als
-daß er im stande wäre, dem Werke, das ihm ja mehr
-und mehr Lebensaufgabe wurde, die gebührende Zeit und
-Kraft zuzuwenden. Auch die eigene schwache Gesundheit
-mochte bei seiner Abneigung, sich zu vermählen, ein bedeutsames
-Wort mitsprechen.</p>
-
-<p>Am allerwenigsten aber glaubte Wilberforce gerade
-jetzt an die Gründung einer eigenen Familie denken zu
-dürfen, wo er es hatte erfahren müssen, daß seine Gegner
-selbst vor meuchlerischen Anschlägen auf sein Leben nicht
-zurückscheuten, und wo überdies sowohl die immer noch
-nicht völlig beigelegten kriegerischen Unruhen, als auch der
-in immer höherem Maße um sich greifende Geist der Empörung
-und des Aufruhrs alle Verhältnisse im Lande unsicher
-machten.</p>
-
-<p>Aber er sollte es erfahren, daß in der That die rechten
-Ehen »im Himmel geschlossen werden,« und daß Gottes
-Gedanken über seine Kinder oft ganz andere sind als die
-eigenen Menschengedanken, wenn dieselben auch auf dem
-Boden voller pflichtmäßiger Überzeugung erwachsen sind
-und durchaus nicht mit Gottes heiligen Geboten in Widerstreit
-stehen.</p>
-
-<p>Denn gerade jetzt, wo er in Bath die Osterferien
-1797 zubrachte, führte ihm des Herrn Hand Diejenige<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-zu, welche bestimmt war, ihm ein reiches häusliches Glück
-zu bereiten, und so den Mangel auszufüllen, den er sich
-bisher in opferwilliger Selbstverleugnung geglaubt hatte
-auferlegen zu müssen.</p>
-
-<p>Es war Barbara Ann, die älteste Tochter eines adeligen
-Herrn aus der Grafschaft Warwickshire, des Esquire Isaak
-Spooner zu Elmdon Hall. Schon die erste Begegnung
-dieser Dame hatte auf Wilberforce einen tiefen Eindruck
-gemacht und den Gedanken in ihm erweckt, daß eine Lebensgefährtin,
-die er sich erwählen sollte, gerade so und nicht
-anders sein müsse. Daß es aber nicht bestechende äußere
-Vorzüge waren, die diesen Eindruck auf ihn machten und
-ihm solche Gedanken erweckten, sondern vielmehr die inneren
-Eigenschaften, die er bei der neuen Bekannten wahrnahm
-und die sich ihm bei fortgesetzter Bekanntschaft immer
-deutlicher erschlossen, zeigt eine Stelle in seinem Tagebuche,
-welche er nach seiner Verlobung niederschrieb.</p>
-
-<p>»Der Würfel ist gefallen,« heißt es da. »Ich glaube,
-sie eignet sich ganz besonders für mich, und manche Umstände
-schienen mir diesen Schritt anzuraten. Ich hoffe,
-Gott wird mich dabei segnen; ich will darum zu ihm
-beten. Ich halte sie für eine ächte Christin, liebevoll,
-gefühlvoll, verständig in ihrem ganzen Wesen, mäßig in
-ihren Wünschen und Bestrebungen, fähig, Glück und Unglück
-zu ertragen, ohne davon beherrscht zu werden. Wenn
-ich voreilig gewesen bin, so vergieb mir, o Gott! Aber
-wenn, wie ich zuversichtlich hoffe, wir beide Dich lieben
-und fürchten, und Dir dienen werden, dann wollest Du
-uns segnen nach dem untrüglichen Worte Deiner Verheißung.«</p>
-
-<p>Am 23. April 1797 verlobte sich Wilberforce förmlich
-mit der Erwählten, und je näher er dieselbe kennen<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-lernte, desto inniger wurde sein Dank gegen Gott, der
-sie ihn hatte finden lassen, desto freudiger und hoffnungsreicher
-sein Blick in die Zukunft, die sich bei der vollen
-inneren Übereinstimmung der beiden Verlobten zu einer
-glücklichen und gesegneten gestalten zu müssen schien.</p>
-
-<p>Die glücklichen Stunden jedoch, welche Wilberforce jetzt
-hier in Bath verleben durfte, konnten sein ernstes Pflichtgefühl
-auch nicht um einen Finger breit abschwächen und
-ihn zurückhalten, wenn die Pflicht zur Arbeit rief. Und
-das sollte schon wenige Tage nach der Verlobung der
-Fall werden.</p>
-
-<p>Es waren nämlich dadurch, daß Österreich, Englands
-bisheriger Bundesgenosse gegen Frankreich, mit diesem
-einen besonderen Frieden geschlossen hatte, ernste Verwickelungen
-für England entstanden, die auf den inneren
-Zustand des Landes einen höchst nachteiligen Einfluß
-äußerten. Deshalb lud der Minister Pitt seinen Freund,
-dessen Scharfsinn und staatsmännische Klugheit er in hohem
-Maße schätzte, auf das dringendste ein, sofort nach London
-zu kommen. Und Wilberforce zögerte keinen Augenblick,
-diesem Rufe zu folgen, so schwer es ihm auch werden
-mochte, sich jetzt sogleich wieder von seiner Braut zu
-trennen.</p>
-
-<p>Ja, als sich ihm in London die Überzeugung aufdrängte,
-daß sich die Verhältnisse des Landes in einem noch viel
-schlimmeren und gefährlicheren Zustande befänden, als er
-bei seiner Abreise befürchtet hatte, in einem Zustande, der
-für ihn selber Gefahren herbeiführen konnte, wenn er sich
-wieder voll und ganz an dem öffentlichen Leben beteiligte,
-entschloß er sich sogar dazu, wenn auch erst nach schwerem
-innerem Kampfe, seine Braut ihres Wortes zu entbinden,
-um sie nicht in die ihm drohenden Gefahren und Schicksale<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-mit hineinzuziehen. Indessen nahm er schon nach
-zwei Tagen diesen ihm durch die erste augenblickliche Bestürzung
-eingegebenen Vorschlag wieder zurück im festen
-Vertrauen auf die Güte und Fürsorge Gottes, die ihn
-bisher in gefährlichen Lagen stets so treu und gnädig bewahrt
-habe und auch fernerhin bewahren werde.</p>
-
-<p>Die ernsten Zeitumstände, welche zu Zornesgerichten
-Gottes über das Land zu werden drohten, gaben Wilberforce
-den Mut, am 15. Mai wiederum die Sklavensache
-im Parlamente vorzubringen, weil er hoffen durfte, die
-ernste Hinweisung auf die drohenden Gottesgerichte würde
-auch die verstocktesten Gegner herumbringen, daß sie nicht
-länger gegen etwas widerstrebten, was diese Gerichte
-geradezu herausfordere. Aber er erntete nur Spott und
-Hohn wegen seiner unaufhörlichen Belästigungen des Parlaments,
-und mußte den Schmerz erleben, daß man sich
-mit 82 gegen 74 Stimmen für die Beibehaltung des
-Sklavenhandels entschied, also nicht einmal die früheren
-Beschlüsse beachtete, worin doch die Abschaffung dieses
-Handels als etwas, das kommen werde und müsse, hingestellt
-worden war.</p>
-
-<p>Schmerzlich bewegt kehrte er, als seine Anwesenheit
-in London nicht mehr so dringend nötig erschien, nach
-Bath zurück und feierte erst am 30. Mai in aller Stille
-seine Hochzeit. Nach einem kurzen Besuche bei seiner
-Freundin Hannah More, welcher er seine erwählte Lebensgefährtin
-glaubte vorstellen zu müssen, weil sie an seinem
-Wohl und Wehe so warmen Anteil nahm, kehrte er dann
-wieder nach London zurück, um den Sitzungen des Parlamentes
-bis zu ihrem Schlusse beizuwohnen, und es wo
-möglich durchzusetzen, daß bei den in Aussicht stehenden<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-Friedensverhandlungen mit Frankreich für die Abschaffung
-des Sklavenhandels etwas gewonnen würde.</p>
-
-<p>Er nahm jedoch seine Frau mit sich und mietete für
-sie ein Landgut in der Nähe von London, wo er dann,
-nachdem die Tagesarbeit im Parlamente gethan war, im
-Glücke und Frieden des eigenen Hauses sich erholen konnte.
-Was ihm diesen Aufenthalt besonders lieb machte, war
-das, daß er ganz nahe bei dem Landsitze seines Freundes
-Eliot lag, des Schwagers von Minister Pitt, mit dem
-er schon seit Jahren auf das Engste verbunden war.</p>
-
-<p>Welch köstliche Tage er hier im Genusse der innigsten
-Freundschaft und des jungen, ehelichen Glückes verleben
-durfte, beweisen eine Reihe von Briefen, die er an auswärtige
-Freunde schrieb, und worin er die Gnade Gottes
-pries, die ihm alles gegeben habe, was der Mensch auf
-Erden zum Glücke bedürfe. Allein es sollte auch bei ihm
-so gehen, wie es ja der Herr bei den Seinigen so oft
-fügt, daß auf die Tage des sonnigen Glückes bald wieder
-trübe und dunkele Schmerzenstage folgen, und das prophetische
-Wort, womit einer seiner Freunde ihm geantwortet
-hatte: »ich fürchte, daß es kaum zur menschlichen
-Natur stimmt, lange so glücklich zu sein,« sollte nur zu
-schnell Wahrheit werden.</p>
-
-<p>Denn nicht allein, daß der von ihm hochgeschätzte Gatte
-seiner Schwester, der Prediger Clarke in Hull plötzlich
-und unerwartet vom Tode weggerafft wurde; auch sein
-innig geliebter Freund Eliot mußte denselben Weg gehen.
-Und wenn es für Wilberforce ein großer Trost gewesen
-war, daß seine alte Mutter und seine verwittwete Schwester
-an dem Nachfolger Clarkes, dem Bruder seines langjährigen
-Freundes Milner eine kräftige Stütze gefunden hatten,<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-so wurde ihm auch dieser Trost bald wieder geraubt, da
-Joseph Milner schon nach ganz kurzer Zeit starb.</p>
-
-<p>Diese drei rasch aufeinander folgenden Todesfälle
-beugten Wilberforce tief nieder. Aber er verstand es auch,
-dieselben sich zum innerlichen Segen werden zu lassen.
-Wie eindringlich schrieb er in sein Tagebuch, »lehren auch
-diese Ereignisse, daß die uns zugemessene Zeit kurz ist!
-O möchte ich lernen und weise sein!«</p>
-
-<p>Und siehe, kaum hatte er diese Verluste einigermaßen
-überwunden, da traf ihn ein neuer Schlag, der sein gefühlvolles
-Herz tief verwundete. Nach kurzer Krankheit
-starb nämlich in Hull auch seine eigene Mutter, die ihm
-von Jahr zu Jahr lieber geworden war, je mehr sie sich,
-durch das Vorbild des frommen Sohnes angeregt, dem
-wahren Christentum zugewandt hatte und je mehr dadurch
-der innere Einklang zwischen Mutter und Sohn gewachsen
-war, der früher gefehlt hatte. Welch ein Trost war es
-für Wilberforce, sich an ihrem Sarge der festen Zuversicht
-überlassen zu können, daß ihr Ende ein seliges gewesen sei!</p>
-
-<p>Von ihrem Begräbnisse zurückgekehrt, durfte er es
-aber auch erfahren, daß Gottes Liebe in die Schmerzenstage
-des Lebens immer auch Freudenstunden einflicht, die
-das gebeugte Herz stärken und aufrichten sollen. Seine
-Gattin schenkte ihm nämlich jetzt im Sommer 1798 den
-ersten Sohn. Wie freudig jubelte er dafür in seinem
-Tagebuche Gott dem Herrn seinen Dank aus und wie inbrünstig
-betete er um Kraft und Beistand von oben, daß
-es ihm gelingen möge, das Kind zu einem rechten Christenmenschen
-zu erziehen!</p>
-
-<p>Mit der Sklavensache gab es auch in der Parlamentssitzung
-von <span id="corr076">1798</span> keinen Fortgang. Wilberforce brachte
-zwar seinen Antrag auf Verbot des Sklavenhandels getreulich<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-wieder ein trotz des ärgerlichen Kopfschüttelns
-vieler Parlamentsmitglieder, die dieses ewig wiederkehrenden
-Antrags überdrüssig waren; aber wiederum fiel derselbe
-durch, wenn er auch nur mit der kleinen Mehrheit
-von 4 Stimmen abgelehnt wurde. Zwar gelang es den
-Gegnern nicht, irgend etwas vorzubringen, was die Beweise
-entkräften konnte, die Wilberforce für die beim
-Sklavenhandel vorkommenden entsetzlichen Grausamkeiten
-beibrachte, aber sie warfen ein und fanden für diesen Einwurf
-viele gläubige Abnehmer, daß der Sklavenhandel,
-wenn er gesetzlich verboten würde, dennoch nicht ganz aufhören,
-sondern in ungesetzlicher Weise fortgetrieben werden
-würde, und daß dann voraussichtlich unter dem Schleier
-des Geheimnisses noch viel größere Grausamkeiten vorkommen
-würden.</p>
-
-<p>Wollte es mit der Sklavensache noch immer keinen
-Fortgang gewinnen, so suchte Wilberforce dem Drange
-seiner thätigen Menschenliebe in allerlei anderer Weise zu
-genügen und suchte überall die Not auf, um sie nach
-Kräften zu lindern. Wir wissen, daß er im Jahre 1789
-über 2000 Pfund Sterling, also über 40,000 Mark zu
-wohlthätigen Zwecken verwandte, eine Summe, bei welcher
-er gewiß nicht ängstlich berechnet hatte, ob sie nicht seine
-Vermögensverhältnisse überstiege. Dabei gab Wilberforce
-nie blindlings sein Geld weg, sondern prüfte immer erst
-sorgfältig, ob seine Unterstützungen auch nicht an Unwürdige
-weggeworfen seien. Es war also seine Wohlthätigkeit
-etwas mehr, als das blos äußerliche Sichloskaufen
-von einer Verpflichtung, die er sich durch seinen Reichtum
-auferlegt fühlte, sie war ein wirkliches Üben brüderlicher
-Liebe mit der Vorsicht und Weisheit, ohne welche die
-Wohlthätigkeit zur nutzlosen Verschwendung werden kann,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-ja zu einem verderblichen Förderungsmittel der Trägheit
-und des Lasters.</p>
-
-<p>Die günstige Aufnahme, welche sein Buch überall gefunden
-hatte und die ihm noch fortwährend zukommenden
-Zeugnisse von den segensreichen Wirkungen, die dasselbe
-übte, ließen ihn erkennen, daß ihm auch ein geistiges Pfund
-anvertraut sei, welches er ebensowohl wie das äußere
-seines Reichtums zum Wohle seiner Nebenmenschen zu
-verwenden habe. Da ihm nun zum Schreiben eines weiteren
-größeren Buches immer mehr die nötige Ruhe und
-freie Zeit gebrach, so beschloß er, in Verbindung mit
-mehreren gleichgesinnten Freunden eine religiöse Zeitschrift
-herauszugeben, welche dem überhandnehmenden Unglauben
-besonders in den mittleren Ständen einen Damm
-entgegensetzen sollte. Die erste Nummer dieser Zeitschrift,
-welche den Titel: »Der christliche Beobachter« führen sollte,
-erschien jedoch erst im Januar 1801.</p>
-
-<p>Auch die Ansiedelung auf Sierra Leone machte ihm
-in dieser Zeit viel zu schaffen, da dieselbe gerade damals
-mit besonders großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte
-und doch bestehen bleiben und sich im Segen entwickeln
-mußte, wenn die Behauptung, daß die Neger keine bildungsfähigen
-Menschen seien, auf welche die Freunde des
-Sklavenhandels sich besonders stützten, in ihrer völligen
-Grundlosigkeit hingestellt, und diesen ihre beste, wirksamste
-Waffe entrissen werden sollte.</p>
-
-<p>Der glorreiche Sieg zur See, in welchem der englische
-Admiral Nelson am 1. August 1798 bei Abukir fast die
-ganze französische Flotte vernichtet hatte und der in
-ganz England mit unsäglichem Jubel begrüßt worden war,
-gab Wilberforce neuen Mut, trotz aller erlittenen Niederlagen,
-auch in der Parlamentssitzung von 1799 wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-gegen den Sklavenhandel aufzutreten. Hatte doch der
-fromme Seeheld Nelson zur herzlichen Freude unseres
-Wilberforce in seinem Berichte ausdrücklich darauf hingewiesen,
-wieviel Dank das englische Volk für diesen Sieg
-seinem Gotte schuldig sei! Mußte es da nicht von durchschlagender
-Wirkung sein, wenn nun Wilberforce seinerseits
-mit seiner feurigen Beredsamkeit mahnte, diesen Dank
-durch Abstellung des Sklavenhandels thatsächlich darzubringen
-und nicht durch Verhärtung in einem anerkannten
-und zweifellosen Unrecht den Zorn Gottes über das Land
-zu reizen? &ndash; Aber siehe, auch diesmal wieder fielen die
-warmen, begeisterten Worte, womit er seinen Antrag verfocht,
-auf unfruchtbaren Boden, sein Antrag fiel durch.</p>
-
-<p>Die tiefe Niedergeschlagenheit, in welche er wegen dieses
-neuen unerwarteten Mißerfolgs verfiel, brachte ihn auch
-körperlich sehr herunter. Ein heftiges Fieber befiel ihn
-und hinderte ihn, die Parlamentssitzung zu besuchen, welche
-auf den 24. September ausgeschrieben war, um die Entsendung
-eines Heeres nach den Niederlanden zu beraten,
-wo dasselbe gemeinschaftlich mit den Russen die Franzosen
-bekämpfen sollte.</p>
-
-<p>Da auch seine Gattin, die am 21. Juni von einem
-Töchterlein entbunden worden war, der Ruhe bedurfte,
-so mietete sich Wilberforce in der Nähe von Bath, dessen
-unruhiges Badeleben ihm nicht zusagte, eine Wohnung
-auf dem Lande und brachte dort vier Monate im Genusse
-eines ruhigen, ungestörten Familienlebens zu. Aber Arbeit
-machte er sich auch hier, weil er ohne solche nicht leben
-konnte. Die stillen Sonntage auf dem Lande, deren Köstlichkeit
-und Segen niemand besser zu würdigen wußte,
-als er, mahnten ihn, für die Förderung einer rechten
-Sonntagsheiligung thätig zu sein. Das war zwar nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-erst eine neue Thätigkeit. Denn er hatte schon das Parlament
-aufgefordert, gesetzlich gegen jede Entheiligung des
-Sonntages einzuschreiten, und als er das nicht durchsetzen
-konnte, wenigstens auf eigene Hand eine ganze Anzahl
-von Parlamentsgliedern zusammengebracht, die sich freiwillig
-verbanden, für eine rechte Sonntagsheiligung zu
-wirken und dabei selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.
-Er hatte auch durch Verwendung seines Einflusses bei
-den Ministern eine Verfügung erwirkt, wonach niemand
-mehr gegen sein Gewissen durch Geld- und Freiheitsstrafen
-gezwungen werden durfte, sich an militärischen Übungen
-zu beteiligen, welche am Sonntage stattfanden, wie dies
-an vielen Orten geschah.</p>
-
-<p>Aber mußten nicht die stillen gesegneten Sonntage hier
-auf dem Lande ihm ein unwiderstehlicher Antrieb werden,
-in der Nähe und in der Ferne, durch Wort und Schrift
-darauf hinzuwirken, daß solch eine gesegnete Sonntagsfeier
-allenthalben möglich werde und auch allenthalben zu
-stande käme?</p>
-
-<p>Im Januar 1800 kehrte Wilberforce neu gestärkt nach
-London zurück und trat sofort wieder mit frischer Kraft
-in die parlamentarische Thätigkeit ein. Es handelte sich
-jetzt in der That um den Frieden mit Frankreich, über
-welchen von seiten Napoleons Unterhandlungen eingeleitet
-worden waren. Allein die von demselben vorgeschlagenen
-Friedensbedingungen waren der Art, daß selbst der friedliebende
-Wilberforce dazu raten mußte, sie zu verwerfen,
-und das Ministerium, welches gleicher Ansicht mit ihm
-war, kräftig unterstützte. »Wer heute meine Rede hörte,«
-sagte er selbst, »mußte mich für einen größeren Freund
-des Krieges halten, als ich es in Wahrheit bin.«</p>
-
-<p>Ein sehr erfreuliches Ereignis war es für Wilberforce,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-daß sein Freund Stephen, sein treuer Gefährte im Kampfe
-gegen den Sklavenhandel, dessen Scheußlichkeiten er bei
-einem langen Aufenthalte in Westindien durch eigenen
-Augenschein kennen gelernt hatte, seiner verwittweten
-Schwester die Hand reichte und dadurch eine noch nähere
-Verbindung mit ihm schloß, als sie bisher schon durch ihre
-Kampfgenossenschaft bestanden hatte.</p>
-
-<p>Aber bald fiel auch wieder ein düsterer Schatten in
-sein Leben, der um ein Haar zu einer völligen Trübsalsfinsternis
-geworden wäre. Denn bald nach der Rückkehr
-aus dem Seebade Bognor, wo er sich eine Zeit lang nach
-dem Parlamentsschlusse mit seiner Familie aufgehalten
-hatte, verfiel seine geliebte Gattin in eine schwere Krankheit,
-welche das Schlimmste befürchten ließ. Wie es dabei
-in seinem Inneren aussah, mag ein Brief beweisen, den
-er am 27. September an Hannah More schrieb.</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p class="noind">»Mein teure Freundin,« heißt es darin, »Sie sollen
-nicht durch eine andere Feder erfahren, daß es Gott
-gefallen, meine teuerste Frau mit einem gefährlichen
-Fieber heimzusuchen. Man sagt mir, daß der endliche
-Ausgang der Krankheit wahrscheinlich nicht
-bald entschieden sein werde, daß ich aber nach der
-Heftigkeit des Beginnens Ursache habe, alles zu
-fürchten, wenn auch nicht jede Hoffnung aufzugeben.
-Aber ach, meine teuere Freundin, was für ein unaussprechlicher
-Segen ist es für mich, daß ich in
-Demut hoffen kann, der Tod werde für meine arme
-Gattin die Versetzung sein aus einer Welt der Sünde
-und der Sorge in das Land vollkommener Heiligkeit
-und nie endender Seligkeit! Wie tröstend ist der
-Gedanke, daß ihre Leiden ihr nicht allein zugeteilt,
-sondern auch zugemessen sind durch ein Wesen voll<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-unendlicher Weisheit und Güte, welches sie liebt,
-wie ich hoffe, mehr als ein teures Kind von einem
-irdischen Vater geliebt ist! Ich weiß, Sie alle werden
-für mich fühlen, für mich und meine arme Leidende
-beten. Ich bin noch nicht genug an das Krankenbett
-gewöhnt; es ist äußerst angreifend für mich,
-ihre Heftigkeit und wirre Unruhe zu bemerken, ja
-bisweilen ihr Phantasieren zu hören, während damit
-ihr gewöhnlicher freundlicher Blick und ihre
-sanfte Ruhe verbunden ist. Möchten wir alle bereit
-sein und endlich alle in der Herrlichkeit zusammentreffen,
-jetzt aber wachen und beten und nüchtern
-sein und danach trachten, einzugehen; dann werden
-wir gewiß einst nicht ausgeschlossen werden. Ich
-pflege auch sonst solche Worte zu reden wie diese,
-und, wie ich hoffe, aus dem Herzen. Aber wieviel
-kräftiger prägen sie sich dem Geiste ein bei dem
-Anblick des Todes, wie ich ihn habe! Gott segne
-Sie alle! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi,
-die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen
-Geistes sei mit uns Allen! Für immer Ihr W.
-Wilberforce.«</p></div>
-
-<p>Und weiter schreibt er in dieser Zeit: »Welch unaussprechliche
-Tröstung und Erleichterung ist es, in solch einem
-Augenblick die volle Zuversicht zu hegen, daß meine teuerste
-Gattin ihren Frieden mit Gott gemacht hat und für die
-furchtbare Vorladung nicht unvorbereitet ist! Ich danke
-Gott, daß ich im stande bin, mich seiner Züchtigung
-(welche leider nur zu sehr verdient ist) ohne Murren zu
-unterwerfen, und, wie ich demütig hoffe, mit Ergebung,
-ich möchte sagen: mit frohem, dankbarem Sinne gegen
-seinen heiligen Willen. Er weiß am besten, was uns<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-gut ist, und wenn unsere Leiden hier, indem sie uns aus
-der Trägheit erwecken und uns näher zum Himmel drängen,
-in irgend einem Grade dazu dienen, das Glück der Ewigkeit
-zu erhöhen, so mögen wir wohl in der triumphierenden
-Sprache des Apostels ausrufen: »Unsere Trübsal, die
-zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige über alle Maßen
-wichtige Herrlichkeit!« &ndash; Mein teures Weib hat stets
-phantasiert, seit wir wußten, daß ihre Krankheit gefährlich
-sei. Wie wenig hätten wir für ihren Seelenzustand
-thun können, wenn er früher vernachlässigt worden wäre
-und wir nun erst gewünscht hätten, sie zum Tode vorzubereiten!
-Welch praktische Lehre für uns alle!«</p>
-
-<p>Welch tiefen Blick eröffnen uns diese Worte, die doch
-gewiß der unmittelbarste Erguß der Gedanken und Gefühle
-waren, in ein Herz voll des lautersten, aufrichtigsten
-Christentums, in ein Herz, das gelernt hatte, sich ganz
-im Glauben dem Herrn anzuvertrauen, in ein Herz, das
-für den Menschen nichts Höheres kannte, als den Gewinn
-des ewigen Lebens!</p>
-
-<p>Die züchtigende Hand des Herrn ließ es indessen bei
-Wilberforce nicht zum Äußersten kommen. Sein Flehen
-wurde erhört, die Krankheit wendete sich zum Besseren.
-Am 20. Oktober konnte er frohlockend und dankend melden,
-daß ihm sein geliebtes Weib erhalten sei und allmählich
-die Gesundheit und frühere Kraft wiedererlange. Wenn
-er sich aber dabei gleichsam in demselben Atem selbst anklagt,
-daß die ernsten Gefühle in den Augenblicken des Leidens
-hernach, wenn dasselbe durch Gottes Gnade vorüber sei,
-so bald wieder sich abschwächten und dahinschwänden, so
-beweist dies, wie sehr er gewohnt war, auch auf die leisesten
-Regungen seines Herzens zu achten und wie ihm äußere<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-Erlebnisse in Freude und Leid niemals den heilsamen Blick
-in das eigene Herz trüben konnten.</p>
-
-<p>Die Hoffnung, welche Wilberforce gehegt hatte, daß
-er, wenn der Friede mit Frankreich, nach welchem jetzt
-ganz England seufzte, geschlossen werden würde, es werde
-durchsetzen können, daß die Abschaffung des Sklavenhandels
-unter die Friedensbedingungen aufgenommen würde, erwies
-sich als eine trügerische. Wiewohl sich Pitt mit ihm
-vereinigte, schlug dieser Plan fehl. Da wegen der wichtigen
-Arbeiten, die dem Parlamente vorlagen, auch ein
-neuer Antrag wegen des Sklavenhandels keine Aussicht
-hatte, nur zur Beratung zu kommen, mußte sich Wilberforce
-darauf beschränken, durch seinen Schwager Stephen
-kleinere Flugschriften gegen den Sklavenhandel abfassen zu
-lassen, die dann in Massen unter das Volk geworfen wurden,
-um bei diesem das Interesse für die Sklavensache,
-welches unter den kriegerischen Unruhen und dem Drucke
-einer großen Teuerung fast erloschen sein mußte, wieder
-neu zu beleben.</p>
-
-<p>Am 25. April 1802 war denn endlich zu Amiens
-der Friede mit Frankreich zu stande gekommen, und da
-Wilberforce wieder aufs neue als Vertreter für die Grafschaft
-York ins Parlament gewählt worden war, sprach
-er sich voll heiligen Eifers dafür aus, es sei nötig, die
-goldene Zeit des Friedens dazu zu verwenden, daß der
-sittliche Zustand des Landes gebessert werde, daß die
-Kinder der geringeren Stände in tugendhafter Sitte und
-zur Anhänglichkeit an die bürgerlichen und religiösen Einrichtungen
-des Landes erzogen würden, daß für die niedrigen
-Klassen der Steuerdruck ermäßigt und an Stelle der aufrührerischen
-Ansichten und Neigungen ein rechter Gemeingeist
-bei dem Volke geweckt und gepflegt würde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>Man erklärte freilich solche Reden im Parlamente kurzweg
-für baren Unsinn, aber Wilberforce ließ sich durch
-solche beleidigende Urteile den Mund nicht zubinden und
-kam immer wieder von neuem in seinen Reden auf diese
-Forderungen zurück.</p>
-
-<p>Leider schien der Friede, den Wilberforce in solch heilsamer
-Weise benutzt haben wollte, nicht von langer Dauer
-sein zu sollen. Gegenseitige Beschwerden über Nichterfüllung
-der Bedingungen des Friedens von Amiens flogen
-über den Kanal hinüber, und es wurde bald klar,
-daß es zu einem Bruche mit dem französischen Gewalthaber,
-mit Napoleon kommen müsse, der auch England
-gerne unter sein Scepter gebeugt gesehen hätte.</p>
-
-<p>Bei dieser unsicheren Lage der äußeren Verhältnisse,
-welche die ganze Aufmerksamkeit und Sorge des Parlaments
-in Anspruch nahmen, hielt es Wilberforce für völlig
-aussichtslos, und nur dazu geeignet, den Unmut der Volksvertreter
-zu erregen, wenn er auch jetzt wieder seine alten
-Anträge erneuert hätte.</p>
-
-<p>Um aber nicht ganz unthätig in seiner großen Sache
-zu bleiben, entschloß er sich, wie es sein Schwager Stephen
-schon früher gethan hatte, eine Flugschrift zu schreiben,
-worin der ganze bisherige Gang der Verhandlungen über
-die Sklavensache klar und übersichtlich dargelegt wäre.
-Hatte doch seit dem Jahre 1792 eine sorgfältige und
-gründliche Verhandlung über diese Sache kaum mehr stattgefunden,
-und da fast die Hälfte der Volksvertreter, die
-damals im Parlamente gesessen hatten, durch neue ersetzt
-waren, so gab es unter diesen gewiß viele, denen jede nähere
-Bekanntschaft mit den bereits gepflogenen Verhandlungen
-und besonders mit den für die Schändlichkeit des Sklavenhandels
-beigebrachten Beweisen und Zeugnissen mangelte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>Wilberforce begab sich nun sogleich an diese Schrift
-und arbeitete den ganzen Januar 1803 so angestrengt und
-anhaltend, daß er sich eine Krankheit zuzog, die ihn längere
-Zeit an das Lager fesselte.</p>
-
-<p>Kaum genesen beteiligte er sich mit feurigem Eifer im
-April 1803 an der Gründung der englischen Bibelgesellschaft,
-die noch heute in reichem Segen wirkt und schon
-viele Millionen Bibeln in hunderten von Sprachen nach
-allen Weltenden verbreitet hat.</p>
-
-<p>Nichts desto weniger ließ er über solchen Friedensarbeiten
-die äußere Lage des Vaterlandes nicht aus den
-Augen und half mit aller Macht darauf dringen, daß
-das Land in den gehörigen Verteidigungszustand gesetzt
-werde. Denn, wenn der Krieg mit Frankreich wirklich
-wieder ausbrach, so lag die Befürchtung nahe, Napoleon
-würde wenigstens den Versuch machen, mit einem Heere
-in England zu landen. Indessen, so lange der Krieg
-nicht wirklich erklärt sei, riet Wilberforce zum Frieden,
-wenn auch für denselben Opfer sollten gebracht werden
-müssen. Er glaubte fürchten zu müssen, daß Gott in
-einem neuen, leichtsinnig begonnenen Kriege seine Zornesgerichte
-über England werde kommen lassen.</p>
-
-<p>Als aber am 15. Mai 1803 der englische Gesandte
-Paris verlassen hatte und ihm am 18. die Kriegserklärung
-Napoleons auf dem Fuße folgte, forderte Wilberforce zu
-festen, kräftigen Schritten auf und sprach dafür trotz seines
-kränklichen Zustandes mit aller Wärme und Entschiedenheit,
-welche ihm die Vaterlandsliebe eingab.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="VI">VI.</h2>
-</div>
-
-<p>Ein neues Ministerium, welches Pitt auf Befehl des
-Königs bildete, weil das bisherige sich für die bestehenden<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-Verhältnisse zu schwach gezeigt hatte, zählte zu seinen Mitgliedern
-mehrere warme Freunde der Sklavensache, und
-Wilberforce konnte es deshalb nicht lassen, diesen günstigen
-Umstand zu benutzen und seinen Antrag auf Abschaffung
-des Sklavenhandels im Parlamente einzubringen, so unruhig
-auch die Zeiten waren.</p>
-
-<p>Er hatte auch die Freude, daß derselbe im Unterhause
-bei jeder der drei Beratungen oder »Lesungen« angenommen
-wurde; allein das Oberhaus, dem der Antrag jetzt
-vorgelegt werden mußte, entschied sich dafür, ihn in Anbetracht
-der jetzigen Zeitverhältnisse für die nächste Sitzung
-zurückzulegen. Es sollte aber ein Erlaß des Ministeriums
-erscheinen, durch welchen einstweilen dem Sklavenhandel
-Einhalt gethan würde.</p>
-
-<p>Indessen dieser Erlaß ließ ein ganzes Jahr auf sich
-warten, und als das Parlament sich wieder versammelte,
-wurde nicht etwa die günstige Entscheidung vom vorigen
-Jahre wiederholt und bestätigt, sondern wider alles Erwarten
-umgestoßen. Wilberforce blieb mit seinem Antrage
-in der Minderheit.</p>
-
-<p>So nahe am Ziele gewesen zu sein nach 17jähriger
-Thätigkeit, und nun doch wieder eine völlige Vereitelung
-seiner so gegründeten Hoffnung erleben zu müssen, war
-für Wilberforce ein tiefer, brennender Schmerz. Er schrieb
-in sein Tagebuch die klagenden Worte: »Nie habe ich bei
-irgend einer Gelegenheit im Parlamente soviel empfunden.
-Als ich in der Nacht aufgewacht war, konnte ich nicht
-wieder einschlafen. Die armen Schwarzen kamen mir
-nicht aus dem Sinne und die Schuld unseres sündigen
-Vaterlandes.«</p>
-
-<p>Aber nun die Hoffnung auf ein schließliches Gelingen
-seiner Arbeit ganz aufzugeben, war nicht die Sache eines<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-Wilberforce. Dazu war seine Überzeugung, daß sein Werk
-aus Gott sei und dasselbe durch Menschen nicht gedämpft
-werden könne, viel zu tief und fest gegründet.</p>
-
-<p>»Herr Wilberforce,« sagte ihm jemand, »Sie sollten
-nicht erwarten, eine derartige Maßregel durchzusetzen. Sie
-haben wohl Geschick, eine Sache zu betreiben, und dies
-ist eine sehr achtbare Beschäftigung für Sie; aber wir
-beide haben genug vom Leben gesehen, um zu wissen, daß
-Menschen sich nicht dazu bringen lassen, nach allgemeinen
-Grundsätzen zu handeln, wo ihre Interessen im Spiele sind.«</p>
-
-<p>Und was antwortete Wilberforce?</p>
-
-<p>»Ich hoffe es dennoch durchzusetzen, und was noch mehr
-ist: ich hege die Zuversicht, daß ich es bald durchsetze.
-Ich habe die allmähliche Veränderung bemerkt, welche seit
-einiger Zeit in den Gesinnungen der Menschen vorgegangen
-ist, und wenn auch die Maßregel noch ein oder
-zwei Jahre hingezogen werden mag, so bin ich doch überzeugt,
-daß sie binnen kurzem zu stande kommt.«</p>
-
-<p>Pitt erließ jetzt endlich die versprochenen Befehle zur
-Hemmung des Sklavenhandels, aber sie erwiesen sich als
-zu unbestimmt abgefaßt, um irgend welchen Erfolg haben
-zu können, und Pitt wurde deshalb angegangen, sie zu
-ändern. Er that dies auch nach starkem Drängen und
-am 13.September 1805 wurde der geänderte Erlaß denn
-endlich veröffentlicht.</p>
-
-<p>Es war einer der letzten, welcher von Pitt ausging.
-Denn derselbe wurde bald darauf ernstlich krank, und
-wenn ihn auch die Freude über den Seesieg Nelsons bei
-Trafalgar (21. Oktober 1805), wobei dieser große Seeheld
-zwar selber das Leben verlor, aber auch die französische
-Seemacht so gut wie völlig vernichtet wurde, wieder
-ein wenig stärkte und ausrichtete, so beugte ihn doch die<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-traurige Nachricht von der Niederlage der englischen Bundesgenossen,
-der Russen und Österreicher, bei Austerlitz
-(2. Dezember) aufs tiefste nieder und übte einen so nachteiligen
-Einfluß auf seinen durch heftige Gichtschmerzen
-und Verdauungsstörungen geschwächten Körper, daß er am
-23. Januar 1806 starb, wie Wilberforce sagte: »an gebrochenem
-Herzen, vom Feinde ebensowohl getötet wie
-Admiral Nelson.«</p>
-
-<p>Tief bewegt folgte Wilberforce dem Sarge des Mannes,
-der 25 Jahre lang die Angelegenheiten seines Vaterlandes
-geleitet hatte und ihm, wenn auch vielleicht wegen des
-großen Standesunterschiedes nicht gerade im vollsten und
-schönsten Sinne des Wortes Freund geworden war, wozu
-überdies die volle innere Übereinstimmung fehlte in den
-höchsten und wichtigsten Lebensfragen, so doch die vollste
-Hochachtung und Anhänglichkeit abgewonnen hatte.</p>
-
-<p>Dem neuen Ministerium, welches jetzt gebildet wurde,
-gehörten zum größten Teile Männer an, die zu den eifrigsten
-und lebendigsten Gegnern des Sklavenhandels zählen.
-Wie hob das wieder den Mut und die Freudigkeit des edlen
-Sklavenfreundes, und wie beeilte er sich nun sogleich wieder,
-die günstige Wendung der Dinge auszunutzen!</p>
-
-<p>Ein Vorschlag, den Sklavenhandel nach fremden Kolonieen
-zu verbieten, wurde zum Vorläufer des weitergehenden
-auf völlige Abschaffung und Unterdrückung dieses
-Handels gemacht und erhielt im Mai 1806 die Zustimmung
-sowohl des Unter- wie des Oberhauses. Auch der
-weitere Vorschlag, daß sich das Parlament zu baldiger
-gänzlicher Abschaffung des Sklavenhandels verpflichten sollte,
-wurde im Unterhause mit großer Mehrheit von 100 gegen
-14, im Oberhause mit 42 gegen 21 Stimmen angenommen.
-Ebenso wurde eine von Wilberforce beantragte<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Adresse an den König beschlossen, worin dieser gebeten
-wurde dahin zu wirken, daß auch die übrigen Mächte
-Europas den Sklavenhandel aufheben möchten.</p>
-
-<p>Aber würde nicht, so mußte Wilberforce nun rechnen,
-die Sklavenhalter und Sklavenhändler jetzt, wo an der
-völligen Aufhebung des Sklavenhandels kaum mehr zu
-zweifeln schien, die ihnen noch gelassene Frist benutzen,
-um gerade jetzt diesen Handel in verstärktem Maße zu betreiben?</p>
-
-<p>Von diesem Gedanken geleitet, brachte er noch einmal
-vor Schluß der Sitzung einen Gesetzesvorschlag ein, welcher
-verbot, daß Schiffe, die bis jetzt nicht zum Sklavenhandel
-gebraucht worden seien, nunmehr dazu verwendet würden,
-und siehe auch dieser Vorschlag fand zu seiner unsäglichen
-Freude die Zustimmung beider Häuser.</p>
-
-<p>Allein es war für Wilberforce auf Grund der bisher
-gemachten Erfahrungen doch noch keine volle Sicherheit
-vorhanden, daß der lange und heiß ersehnte Sieg in seiner
-heiligen Sache nun endlich errungen sei, und er bot deshalb
-gerade jetzt seine ganze Kraft auf, ihr, soviel an ihm
-lag, zum völligen Siege zu verhelfen. Mit seinen Freunden
-bereitete er sich sorgfältig darauf vor, ein günstiges Zeugenverhör
-herbeiführen zu können, wenn allenfalls das Oberhaus
-noch einmal ein solches verlangen sollte. Er ging
-auch mit allem Eifer daran, seine vorhin erwähnte Flugschrift
-fertig zu machen, um dieselbe vor dem Zusammentreten
-des Oberhauses allen Mitgliedern desselben zusenden
-zu können und vollendete dieselbe durch rastloses Arbeiten
-so frühe, daß sie am letzten Januar 1807 ausgegeben
-werden konnte.</p>
-
-<p>Um ihn zu solchem Eifer aufzustacheln, hätte es indessen
-so ehrender Zeugnisse keineswegs bedurft, wie ihm
-ein solches bereits im Juni 1806 durch eine Edinburger<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-Zeitung ausgestellt worden war. Dort war nämlich zu
-lesen gewesen: »Wir wollen unsere Dankbarkeit dem Manne
-bezeugen, der diesen glorreichen Kampf begonnen und durchgeführt
-hat. Er hat dem Ausgange desselben alle seine
-Tage und alle seine Talente geweiht. Er hat sich jeglicher
-Belohnung für seine Anstrengungen entzogen, außer
-dem zufriedenstellenden Bewußtsein, seinen Mitgeschöpfen
-gutes erwiesen zu haben. Er hat der Menschheit gewidmet,
-was andere den Parteirücksichten geopfert haben,
-und den Ruhm, im Gedächtnisse einer dankbaren Welt
-fortzuleben den glänzenden Belohnungen des Ehrgeizes
-vorgezogen. Wir betrachten mit inniger Freude diesen
-ausgezeichneten Mann, wie er nahe vor seinem endlichen
-Triumphe sich befindet in der größten Schlacht, in der
-je menschliche Wesen fochten und in einer Sache, welche
-wir für einen Gegenstand des gerechten Neides der Ehrgeizigsten
-unter den Sterblichen halten.«</p>
-
-<p>Der Stachel, den Wilberforce im eigenen Herzen trug,
-der Stachel der Liebe zu den armen Schwarzen und die
-Überzeugung, von Gott zur Linderung ihrer Leiden berufen
-zu sein, war mächtiger als alle solche ehrenden Worte.</p>
-
-<p>Am 3. Februar 1807 kam die Sklavensache zur Verhandlung
-im Oberhause und beschäftigte dasselbe die ganze
-Nacht hindurch bis Morgens 5 Uhr. Aber obwohl zwei
-Minister, ja selbst Prinzen des Königlichen Hauses dagegen
-auftraten, erklärten sich doch schließlich 100 Stimmen
-für die Abschaffung des Sklavenhandels, und nur 34
-dagegen.</p>
-
-<p>Nun fehlte nur noch eine günstige Entscheidung des
-Unterhauses, in welchem die Sache am 23. Februar vorgebracht
-werden sollte.</p>
-
-<p>Aber wie bangte nun unserem Wilberforce vor dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-entscheidenden Sitzung! Hatte er es doch schon einmal erleben
-müssen, daß es trotz der günstigsten, fast zweifellosen
-Aussichten zuletzt doch noch übel gegangen war! Wie
-eifrig betete er, daß Gott alles zum Besten wenden möge
-und stellte ihm in Demut alles anheim!</p>
-
-<p>Am 15. Februar schrieb er in sein Tagebuch: »Was
-für eine schreckliche Zeit ist das! Die Entscheidung der
-großen Frage nähert sich. Möge Gott, der die Herzen
-aller in seiner Gewalt hat, sie wenden wie im Oberhause!
-Möge er mich mit einem einfältigen Auge und Herzen
-ausrüsten, daß ich nur wünsche, Ihm zu gefallen, meinen
-Mitmenschen gutes zu erweisen und meinem angebeteten
-Erlöser meine Dankbarkeit zu bezeugen!«</p>
-
-<p>Und am 22. Februar, am Vorabende des Tages, der
-die Entscheidung bringen sollte, schrieb er ebenso demütig:
-»Gewiß nie hatte ich mehr Ursache zur Dankbarkeit als
-jetzt, da ich den großen Gegenstand meines Lebens zu
-Ende führe, auf welchen eine gnädige Vorsehung meine
-Gedanken vor 26 oder 27 Jahren und meine Thätigkeit
-seit 1787 oder 1788 gerichtet hat. O Herr, laß mich
-dich preisen von ganzem Herzen; denn nie war jemand
-so sehr in der Schuld gegen dich. Wohin ich auch blicke,
-sehe ich mich mit Segnungen überhäuft. O möge meine
-Dankbarkeit nur einigermaßen im Verhältnisse zu denselben
-stehen!«</p>
-
-<p>Bei den Verhandlungen des folgenden Tages war es
-nur ein einziger westindischer Pflanzer und Sklavenhalter,
-der gegen das Gesetz sprach, aber durch eine glänzende
-Rede, die Wilberforce hielt und in der er noch einmal
-die ganze Fülle seiner Beweise für die Schändlichkeit des
-Sklavenhandels entwickelte, sofort zum Schweigen gebracht
-wurde. Von dieser Rede begeistert rief der Generalprokurator<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-Romilly aus: »Was ist das Gefühl der Größe,
-das ein Kaiser der Franzosen, ein Napoleon, hat gegen
-das Hochgefühl dieses Privatmannes, der heute sein Haupt
-aufs Kissen legen darf mit dem Gedanken: der Sklavenhandel
-ist nicht mehr!«</p>
-
-<p>Ein Sturm des Beifalls brach los, wie ihn die Parlamentsräume
-noch nie gehört haben mochten. Alle die
-ernste würdevolle Zurückhaltung, die sonst in diesen Räumen
-üblich war und jede laute Beifallsäußerung verbot, war
-völlig vergessen, und als es zur Abstimmung kam, erklärten
-sich 283 Stimmen für, und nur 16 gegen die Abschaffung
-des Sklavenhandels.</p>
-
-<p>Wie in einem Triumphzuge wurde Wilberforce von
-seinen Freunden nach Hause geleitet, und von allen Seiten
-regnete es gleichsam Beglückwünschungen für ihn. Er aber
-ging in sein Kämmerlein und schrieb mit betendem Aufblicke
-nach oben in sein Tagebuch: »O wieviel Dank bin
-ich dem Geber alles Guten dafür schuldig, daß er mich
-in seiner gnädigen Fürsorge zu der großen Sache geführt
-hat, welche endlich nach fast 19jähriger Anstrengung Erfolg
-gehabt hat!«</p>
-
-<p>Nachdem das Gesetz wegen einiger Veränderungen, die
-daran gemacht worden waren, noch einmal durch das
-Oberhaus gegangen war und auch in der geänderten Fassung
-dessen Zustimmung erhalten hatte, erhielt es am 25. März
-1807 auch die Königliche Bestätigung und damit volle
-Gesetzeskraft.</p>
-
-<p>Das Ministerium, welchem es Wilberforce zu verdanken
-hatte, daß er endlich mit seinen unaufhörlichen
-Anträgen durchgedrungen war, wurde bald darauf zu
-seinem großen Leidwesen von dem Könige entlassen; dadurch
-wurde aber auch eine Auflösung des Parlaments<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-herbeigeführt, und es mußte zu neuen Wahlen geschritten
-werden.</p>
-
-<p>Hier zeigte es sich nun so recht handgreiflich, mit welcher
-Liebe seine Wähler in der Grafschaft York an ihrem bisherigen
-Vertreter Wilberforce hingen. Es war nämlich
-ein angesehener Mann, Lord Milton, als Mitbewerber um
-die Vertretung der Grafschaft aufgetreten, dem es ein Geringes
-war, die großen Kosten zu bestreiten, welche eine
-Wahl ins Parlament für den Gewählten mit sich führte.
-Es galt nämlich für ihn, allen Wählern, welche ihm seine
-Stimme geben sollten, die Kosten der Reise nach dem Wahlorte
-zu vergüten und das verursachte besonders in einer
-so weitausgedehnten Grafschaft, wie die Grafschaft York,
-höchst bedeutende Ausgaben. Traten mehrere Bewerber um
-die Stimmen der Wähler auf, so hatte in der Regel,
-wenn es sich nicht gerade um besondere Parteiinteressen
-handelte, derjenige die meiste Aussicht, gewählt zu werden,
-welcher sich bei Vergütung der Reisekosten am freigebigsten
-zeigte und den Ersatz so bemaß, daß auch wohl nach gemachter
-Reise noch etwas Erkleckliches in der Tasche blieb.</p>
-
-<p>Wilberforce hatte jetzt, wo er für eine Familie zu
-sorgen hatte, nicht Lust einen großen Teil seines Vermögens
-für einen Sitz im Unterhause zu opfern und ließ dies
-einmal in einer Versammlung seiner Freunde zu York so
-nebenher fallen. Da rief aber sofort jemand: »Wir
-dürfen unseren Wilberforce nicht verlassen, daher unterzeichne
-ich 500 Pfund zu den Wahlkosten.« &ndash; Und siehe
-im Handumdrehen gleichsam war die bedeutende Summe
-von 18000 Pfund (360000 Mark) durch die Anwesenden
-gezeichnet und stieg nachher noch durch weitere Zeichnungen
-auf 64455 Pfund, über eine Million Mark. Es wurde
-als eine Ehrensache für die Grafschaft angesehen, ihrem<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-langjährigen hochgeschätzten Vertreter jedes persönliche Opfer
-an Geld zu ersparen, wo derselbe so treu und mit so
-hingebender Selbstverleugnung der Grafschaft seine Kraft
-und Zeit widmete.</p>
-
-<p>Nun erhielt zwar am ersten Wahltage Lord Milton
-mehr Stimmen als Wilberforce, allein am folgenden Tage
-stellten sich die für Wilberforce Stimmenden in so großer
-Zahl ein, daß dessen Name mit großer Mehrheit aus der
-Wahl hervorging. Es hatte den Gegnern wenig geholfen,
-daß sie über Wilberforce die nachteiligsten Gerüchte auszusprengen
-suchten, ja ihn sogar schon für tot erklärten,
-weil er wegen einer leichten Unpäßlichkeit das Zimmer
-hüten mußte.</p>
-
-<p>Aber auch jetzt war es nur Dank gegen Gott, der ihm
-solche Gunst bei den Menschen geschenkt habe, was sein
-Herz erfüllte, aber auch nicht die leiseste Regung von
-Hochmut, wie hätte er sonst die folgenden demütigen Worte
-in sein Tagebuch schreiben können, worin er sich gewöhnt
-hatte, all sein Denken und Fühlen niederzulegen? »Wenn
-ich auf meine Thätigkeit im Parlamente zurückblicke,«
-schreibt er da, »und sehe, wie wenig ich im ganzen genommen
-die Lehre Gottes und meines Heilandes geziert
-habe, so bin ich beschämt und beuge mich in den Staub.
-Möge, o Herr, alle Zeit, welche mir noch übrig ist, besser
-angewendet werden! Doch komme ich mit allen meinen
-Sünden, Vernachlässigungen und Irrtümern zum Kreuze
-und vertraue auf die freie Gnade Gottes in Christo, als
-auf meine einzige Hoffnung und Zukunft.«</p>
-
-<p>Überhaupt war er, selbst in den bewegten Tagen der
-Wahlzeit überaus ruhig und sorglos wegen der bevorstehenden
-Entscheidung. Wußte er doch, daß die Entscheidung
-fallen werde und fallen müsse, wie es in Gottes<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-Rat und Willen beschlossen sei, und in den sich ganz zu
-fügen und immer völliger sich fügen zu lernen, war für
-ihn Hauptsache. So berührte er, als er am Sonntage
-vor der Wahl den Besuch eines Geistlichen empfing, diese
-mit keiner Silbe, sondern unterredete sich zu dessen großer
-Bewunderung lediglich über geistliche Dinge, wie es dem
-Tage des Herrn angemessen war.</p>
-
-<div class="figcenter" >
-<img src="images/ill_96.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p>Und in einem Briefe an seine Frau aus diesen Tagen
-heißt es unter Anderem: »Wie schön muß Broomfield (der
-damalige Aufenthaltsort seiner Familie) in diesem Augenblicke
-sein! Auch hier ist spanischer Flieder und Weißdorn
-an warmen Stellen in Blüte. Ich stelle mir oft vor, wie
-ich den Garten mit Dir und den Kleinen durchstreife,
-und gewiß habe ich mich im Geiste mehrmals täglich mit
-Euch vereinigt und gehofft, wir wendeten uns zugleich an
-den Thron der Gnade. Wie barmherzig und gnädig ist
-Gott gegen mich! Gewiß muß ich die allgemeine Liebe,
-welche ich erfahre, als einen besonderen Beweis der Güte
-des Allmächtigen ansehen. Wahrlich kein Mensch hat
-soviel Ursache, den Ausspruch zu dem seinigen zu machen:
-»Gutes und Barmherzigkeit sind mir gefolgt mein Leben
-lang.« Ich danke Gott, mein Geist ist ruhig und heiter.
-Ich kann Ihm ohne Ängstlichkeit den Ausgang überlassen
-und wünsche nur, daß ich in der Stellung, in welche ich
-gesetzt werden mag, die Lehre Gottes und meines Heilandes
-und mein christliches Bekenntnis ehren möge. Ich
-muß gute Nacht sagen. Möge Gott dich segnen! Küsse
-die Kleinen und grüße freundlichst das ganze Haus und
-andere Freunde! Wenn es bei Euch so heiß gewesen ist,
-wie bei uns, (bei Ostwind zeigte das Thermometer um
-12 Uhr im Schatten 77° Fahrenheit!) so müßt Ihr viel
-ausgestanden haben. Jeder Segen treffe Dich und die<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-unsrigen in Zeit und Ewigkeit. Immer Dein anhänglicher
-W. Wilberforce.«</p>
-
-<p>Eine leichte Lungenentzündung, die ihn im Dezember
-1807 befiel, hinderte Wilberforce, an der Parlamentssitzung
-dieses Winters teilzunehmen. Als aber im März 1808
-eine sogenannte »afrikanische Stiftung« errichtet wurde,
-welche sichs zur Aufgabe stellte, dahin zu wirken, daß das
-Gesetz wegen Aufhebung des Sklavenhandels auch wirklich
-zur Ausführung gebracht werde, ließ er sich, obwohl
-seine Krankheit noch nicht völlig überwunden war, doch
-nicht abhalten, sich an dieser Stiftung mit allem Eifer
-zu beteiligen. Ohnehin schien es ihm, daß sich jetzt in
-Spanien, welches dem französischen Eroberer so kräftigen
-Widerstand im Volkskriege entgegensetzte, eine Stimmung
-bilden müsse, die der Aufhebung des Sklavenhandels auch
-in diesem Lande, das ihn ohnehin nur schwach betrieb,
-günstig wäre. Wo man Unterdrückung und Grausamkeit
-so verabscheuen lerne, meinte er, wie es jetzt die Spanier
-durch die Franzosen lernten, da könne man auch die Grausamkeiten
-des Sklavenhandels fernerhin nicht mehr ruhig
-mitansehen und dulden.</p>
-
-<p>Während er selber sich mit den spanischen Ministern
-in Verbindung setzte und von diesen auch die Zusicherung
-ihrer thätigen Teilnahme empfing, forderte er seinen
-Schwager Stephen auf, eine Flugschrift an das spanische
-Volk zu richten, um dasselbe über den Sklavenhandel
-gründlich zu belehren und ihm die Gräuel dieses Handels
-recht gründlich aufzudecken.</p>
-
-<p>Ebenso schrieb Wilberforce an den Präsidenten der
-vereinigten Staaten Nordamerikas, um eine Übereinkunft
-herbeizuführen, nach welcher es jedem Staate freistehen
-sollte, die Sklavenschiffe des andern wegzunehmen, um so<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-den schändlichen Handel, gegen den sich jetzt auch die Nordamerikaner
-auflehnten, völlig lahm zu legen. Denn es
-war allerdings so gekommen, wie die »Westindier« im
-Parlamente vorausgesagt hatten, der Sklavenhandel, wenn
-auch gesetzlich verboten, wurde doch insgeheim und gegen
-das Gesetz fortgetrieben. Deshalb erwirkte Wilberforce
-auch bei dem Ministerium, daß den englischen Beamten
-auf den westindischen Inseln die größte Wachsamkeit in
-betreff des Sklavenhandels zur Pflicht gemacht wurde,
-und wandte sich eben deshalb auch an den englischen Konsul
-in Brasilien.</p>
-
-<p>Als er erfuhr, daß auf der ostindischen Insel Ceylon
-aus Rücksichten der Sparsamkeit fast alle christlichen Schulen
-geschlossen worden seien und dadurch die Verbreitung des
-Christentums dort aufs tiefste geschädigt sei, machte er
-auch diese Sache bei dem Ministerium anhängig und erwirkte,
-daß die alten Schulen zum größten Teile wieder
-eröffnet und neue gegründet wurden.</p>
-
-<p>So wirkte Wilberforce auch außerhalb des Parlamentes
-nach allen Seiten hin, wo sich nur die geringste Veranlassung
-bot, zum Segen der Menschheit und setzte seine
-schwache Körperkraft unbedenklich ein, wo es galt, etwas
-Gutes zu schaffen.</p>
-
-<p>Um auch während der Parlamentssitzungen bei seiner
-Familie sein zu können, bezog er mit derselben, die bisher
-in dem etwas weiter von London entlegenen Broomfield
-gewohnt hatte, jetzt eine dem Parlamentshause näher gelegene
-Wohnung in Kensington Gore. Denn er fühlte
-es immer mehr als eine heilige Pflicht, die er bisher
-wegen seiner ausgebreiteten öffentlichen Thätigkeit viel zu
-wenig hatte erfüllen können, sich selbst mit der Erziehung
-seiner Kinder zu befassen, deren Zahl im Laufe der Jahre<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-auf 6 herangewachsen war, darunter 4 Söhne und 2
-Töchter. Zwar konnte er sich darauf verlassen, daß seine
-Frau den günstigsten Einfluß auf dieselben üben und besonders
-auch für ihre christliche Erziehung sorgen werde;
-aber es drängte sein Vaterherz, gerade in der letzten Beziehung
-seinen Kindern auch selbst etwas zu werden und
-ihnen aus dem reichen Schatze seines Herzens mitzuteilen,
-was ihm selber von Gott gegeben war.</p>
-
-<p>Wenn er gehofft hatte, dies in der neuen Wohnung
-besser als bisher thun zu können, so war das freilich eine
-Täuschung; denn sein gastfreies Haus wurde gerade hier
-mehr denn je von Besuchern heimgesucht, ohne daß er es
-hindern konnte und wollte. Nur die frühen Morgenstunden
-blieben ihm frei, und diese war er seit langer Zeit gewöhnt,
-der Beschäftigung mit Gott vor Allem und dann
-seinen wichtigsten Arbeiten zu widmen.</p>
-
-<p>So nahm er denn nicht ungern das Anerbieten eines
-Freundes an, dessen leerstehenden Landsitz in Sussexshire
-mit seiner Familie zu beziehen, nachdem die Parlamentssitzung
-des Jahres 1810 beendet war. Und hier konnte
-er sich nun ganz seinen Kindern widmen, was ihm bisher
-nur an den Sonntagen möglich gewesen war. Dann
-pflegte er mit ihnen nach der gemeinsamen Familienandacht
-regelmäßig zur Kirche zu gehen und den übrigen Teil des
-Tages mit ihnen im Garten oder auf Spaziergängen zu
-verbringen.</p>
-
-<p>Hier in der ungestörten Stille des Landlebens konnte
-er ihre ganze Art und Weise beobachten und je nach der
-Verschiedenheit der bei ihnen sich zeigenden Neigungen und
-Anlagen seine erziehliche Einwirkung regeln. Vor Allem
-suchte er durch Liebe und Freundlichkeit, die er ihnen in
-reichster Fülle entgegenbrachte, ihre Herzen auch an sich<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-zu fesseln, wie sie bereits auf das innigste an das treue
-Mutterherz gefesselt waren, und sich so einen wirksamen
-Einfluß auf ihr Gemüt zu sichern. Aber er ließ es ihnen
-gegenüber auch an dem nötigen Ernste nicht fehlen und
-strafte sie unnachsichtig, wo es sich nötig erwies. Sie in
-das rechte Verhältnis zu Gott, ihrem himmlischen Vater
-zu bringen, war und blieb jedoch seine Hauptsorge. Nur
-wachte er ängstlich darüber, daß sich in dieses Verhältnis
-nichts Unächtes und Gemachtes einschleiche, und daß die
-Kinder nicht Gefühle erheuchelten, die ihren Herzen fremd
-waren. Wenn er in ihnen die Liebe zu Gottes Wort
-und zur Kirche zu erwecken und zu nähren bemüht war,
-so that er das mehr durch sein eigenes Vorbild als durch
-Worte der Mahnung.</p>
-
-<p>Aus diesem für ihn selbst so lieblichen, für seine Kinder
-aber so ersprießlichen Stillleben wurde er indes bald durch
-die Nachricht aufgeschreckt, daß der König Georg III. ernsthaft
-erkrankt sei und deshalb schon am 1. November
-eine Sitzung des Parlamentes stattfinden müsse, um wegen
-einer Stellvertretung in der Regierung des Landes zu beraten.
-Da die Ärzte die Krankheit des Königs für hoffnungslos
-erklärten, so übernahm der Kronprinz, oder wie
-er in England stets heißt: der Prinz von Wales, im
-Januar 1811 die Regierung.</p>
-
-<p>Jetzt, wo eine Auflösung des Parlamentes und neue
-Wahlen zu erwarten standen, legte sich Wilberforce der
-Gedanke nahe, die mit so vieler Mühe und Arbeit verbundene
-Vertretung der großen Grafschaft York aufzugeben
-und sich lieber für einen kleineren Bezirk wählen
-zu lassen. Die sorgfältige Beschäftigung mit seinen Kindern
-hatte ihn die Notwendigkeit eines solchen Schrittes deutlich
-einsehen gelehrt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<p>Seinen bisherigen Wählern wollte es freilich gar nicht
-einleuchten, daß sie den Mann verlieren sollten, der so
-lange mit hingebender Treue ihre Interessen im Parlamente
-vertreten hatte, und dessen Namen im ganzen Lande
-einen so hellen, guten Klang besaß; es bedurfte einer
-wiederholten bestimmten Erklärung von seiner Seite, daß
-er die ihm angetragene Wahl für den Flecken Bramber
-annehmen wolle, ehe sie an die Festigkeit seines Entschlusses
-glaubten. Aber als sie nicht mehr zweifeln konnten und
-ihn schweren Herzens aufgeben mußten, ehrten sie seine
-Verdienste um sie mit einer warmen anerkennenden Dankadresse.</p>
-
-<p>Daß Wilberforce dem Parlamente seine Thätigkeit nicht
-ganz entzog, wurde selbst von Solchen, die bisher seine
-Gegner gewesen waren, anerkannt und mit Freuden
-begrüßt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="VII">VII.</h2>
-</div>
-
-<p>Die freie Zeit, welche Wilberforce dadurch gewann,
-daß er nicht mehr soviel mit der Vertretung seines Wahlbezirks
-zu thun hatte, verwendete er außer für die Sklavensache,
-von welcher er täglich neu die Erfahrung machte,
-wieviel dabei noch zu thun sei, in der That jetzt in der
-gewissenhaftesten Weise für die Erziehung seiner Kinder.
-Er ließ sich dabei von der erfahrenen Kinderfreundin und
-Jugendlehrerin beraten, mit der er in so genauer, freundlicher
-Beziehung stand, von Hannah More.</p>
-
-<p>Sooft die Kinder, welche schon so weit erwachsen waren,
-daß sie auswärtige Schulen besuchten, nach Hause kamen,
-suchte er sich ihnen ganz zu widmen und ihnen durch Liebe<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-und Freundlichkeit das Elternhaus recht teuer zu machen.
-War er mit ihnen auf dem Lande, so nahm er trotz
-seiner 50 Jahre lustig an ihren Spielen teil und entwickelte
-dabei einen solchen Eifer, daß er einmal wegen
-einer Verletzung am Beine, die er beim Ballspiel davongetragen
-hatte, mehrere Wochen das Zimmer hüten mußte.</p>
-
-<p>Dazwischen las er mit ihnen unterhaltende und belehrende
-Schriften, aber nicht ohne dieselben vorher auf
-ihren Inhalt genau angesehen zu haben, und würzte oder
-vervollständigte das Gelesene durch Mitteilungen aus
-seiner eigenen reichen Lebenserfahrung. Vornehmlich suchte
-er bei ihnen, soweit es ihrem Lebensalter angemessen war,
-eine rechte Liebe zu dem Worte Gottes zu erwecken, indem
-er es nicht allein täglich in den Familienandachten vorlas,
-sondern auch Besprechungen daran knüpfte und es in recht
-verständlicher, kindlicher Weise auslegte. Dabei war aber,
-wie schon bemerkt worden ist, seine ängstlichste Aufmerksamkeit
-darauf gerichtet, daß seine Kinder in der Wahrheit
-blieben und daß kein gemachtes Wesen bei ihnen aufkam.
-Mit dem bittersten Ernste strafte er alles, was
-nur an das Gebiet des geistlichen Geschwätzes anzustreifen
-schien, und mahnte unablässig zur Nüchternheit und Aufrichtigkeit.</p>
-
-<p>Noch ernster nahm er es damit, als er erfuhr, daß der
-Sohn eines Freundes auf böse Wege geriet und ein trauriges
-Ende nahm, weil er im elterlichen Hause durch unaufhörliche
-Beschäftigung mit religiösen Dingen einen vollständigen
-Widerwillen gegen alle Religion gefaßt hatte
-und sich, sowie er dem elterlichen Hause entwachsen war,
-ganz und gar dem Unglauben und der Freigeisterei in die
-Arme geworfen hatte.</p>
-
-<p>Gern gestattete er seinen Kindern harmlose Lebensfreuden<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-und Erheiterungen, ja suchte ihnen selber solche
-in jeder möglichen Form zu bereiten. Überhaupt huldigte
-er bei der religiösen Erziehung seiner Kinder dem unzweifelhaft
-richtigen Grundsatze: »Sprich mehr zu Gott
-über deine Kinder, als zu deinen Kindern über Gott!«</p>
-
-<p>Wie treulich er das erstere that, mag eine Stelle aus
-seinem Tagebuche zeigen, worin er sich selbst anklagend
-sagt: »Ich bin mir der Unzulänglichkeit meiner Kräfte in
-allem, was die Erziehung meiner Kinder betrifft, wohl
-bewußt, hoffe aber in Demut und Zuversicht, daß ich in
-Wahrheit sagen kann: die geistlichen Angelegenheiten meiner
-Kinder sind das Hauptziel meines Strebens. Es kommt
-mir mehr darauf an, sie als wahre Christen, denn als
-große Gelehrte oder sonst ausgezeichnete Leute zu sehen.
-Ich bitte Gott ernstlich um Weisheit für mich und um
-reichliche Gnade für meine Kinder, und bin dabei fest
-entschlossen, alle meine Maßregeln genau zu überlegen und
-dann erst zu handeln. In Beziehung auf den Erfolg bin
-ich dann auf Grund der Verheißungen in der Schrift
-guten Mutes.«</p>
-
-<p>Um erkennen zu lassen, in welch herzlicher, kindlicher
-Weise Wilberforce mit seinen Kindern zu verkehren verstand,
-lassen wir hier einen Brief folgen, den er bei einer
-längeren Abwesenheit von Hause an einen seiner jüngeren
-Söhne richtete, und der zugleich darthut, daß er auch bei
-den dringendsten Geschäften doch Zeit zu gewinnen wußte,
-um sich mit seinen Kindern brieflich zu unterhalten.</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p class="noind">»Mein teuerster Sohn!« schreibt er, »es gefällt mir
-gar nicht, daß Du das einzige von meinen Kindern
-bist, welches während meiner Abwesenheit nicht an
-mich geschrieben hat und daß Du das einzige sein
-solltest, an welches ich nicht schriebe. Daher ergreife<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-ich meine Feder, wenn auch nur für sehr wenige
-Augenblicke, um Dir zu versichern, daß ich nicht
-vermute, Dein Schweigen sei aus einem Mangel an
-Zuneigung entsprungen, sowenig als das meinige
-aus derselben Quelle herzuleiten ist. Es giebt einen
-gewissen bösen Geist, genannt »Aufschub«, welcher
-ein Schloß in der Luft zu Sandgate (NB. dem
-augenblicklichen Aufenthaltsorte der Familie) sowohl,
-wie an vielen anderen Plätzen bewohnt. Ich vermute,
-daß Du eines Tages, vielleicht an dem Schwanz
-Deines Drachen, aufgefahren bist und Dich in diesem
-Schlosse niedergelassen hast, worin es sehr große
-weite Zimmer mit herrlichen Aussichten nach allen
-Richtungen giebt. Wahrscheinlich wirst Du diese
-Wohnung nicht verlassen wollen, bis Du hörst, daß
-ich auf dem Wege nach Sandgate bin. Du könntest
-dort den »Morgen-Mann« (d. h. der alles auf morgen
-verschiebt) treffen, und ich hoffe, Du wirst von ihm
-verlangen, den Rest der unterhaltenden Geschichte zu
-hören, von welcher Miß Edgeworth einen Teil erzählt
-hat, obgleich ich fürchte, er wird zu sehr nach
-dem Geiste des Platzes handeln, als daß er nicht
-einen Teil der Geschichte noch unerzählt lassen sollte
-&ndash; bis morgen. Doch ich treibe Scherze und bin
-doch diesen Morgen ungewöhnlich in meiner Zeit
-beengt. Ich will darum, mein teuerstes Kind, Dich
-nur noch ernstlich vor dem Aufschub warnen, als
-einem der gefährlichsten Feinde einer nützlichen Wirksamkeit,
-und Dir versichern, daß ich bin heute, morgen
-und immer, solange ich lebe</p>
-
-<p class="right">
-Dein Dich liebender Vater W. Wilberforce.«
-</p></div>
-
-<p>Wie er aber mit seinen Kindern zu scherzen verstand,<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-ließ es Wilberforce im Verkehre mit ihnen auch nicht am
-heiligsten Ernste fehlen. Das zeigt der Schluß eines
-Briefes, den er an seinen ältesten 17jährigen Sohn richtete,
-und darin es heißt:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p class="noind">»Da ich alle meine Zeit aufgewendet und auch die
-Deinige in Anspruch genommen habe, so muß ich
-zum Schlusse eilen, aber nicht ohne in wenigen
-Worten meinem teuern William zu versichern, wie
-oft ich an ihn denke, wie oft ich für ihn bete. O
-mein teuerster Sohn, ich beschwöre Dich ernstlich,
-Dich nicht verführen zu lassen zur Vernachlässigung,
-Abkürzung oder Übereilung Deiner Morgengebete.
-Vor allen Dingen hüte Dich, Gott in Deinem
-Kämmerlein zu vernachlässigen. Nichts ist gefährlicher
-für das Leben und die Macht der Religion,
-nichts veranlaßt gewisser Gott, seine Gnade zu entziehen.
-Lebe wohl, mein geliebter William, mein
-Erstgeborner, und o mein teuerster Sohn, halte im
-Gedächtnis, was für eine Quelle der Freude oder
-des Grams Du Deiner Dich liebenden Mutter sein
-kannst und Deinem Dich liebenden Vater und Freunde</p>
-
-<p class="right">
-W. Wilberforce.
-</p></div>
-
-<p>Derartige Briefe wechselte der Vater wenigstens einmal
-wöchentlich mit seinen Kindern, und um nie daran
-gehindert zu sein, führte er stets Schreibgeräte bei sich,
-und schrieb nicht selten aus den Häusern seiner Freunde,
-bei denen er eingetreten war.</p>
-
-<p>Wenn wir bisher nur seiner eigenen Bemühungen um
-seine Kinder gedacht haben, so soll damit aber keineswegs
-angedeutet sein, als ob er dabei nicht in voller Gemeinschaft
-und in vollem Einklange mit seiner Gattin gehandelt
-habe. Im Gegenteile waren beide Eltern stets vereint<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-in liebender Fürsorge für die Kinder. Dafür mag nachfolgende
-Stelle Zeugnis geben, die einem Briefe entnommen
-ist, den Wilberforce an seine Frau schrieb:</p>
-
-<p>»Möge Gott Dich segnen, und wenn es so sein Wille
-ist, möchten wir noch lange einander erhalten werden!
-Ich hege die lebendige Überzeugung, daß dies sehr auf
-dem Verhalten unserer Kinder beruht. Wie ich oft gesagt
-habe, laß es für uns ein Grund sein, danach zu trachten,
-daß wir selbst in der Gnade wachsen. Denn je mehr
-wir selbst die Gunst des Himmels zu erlangen suchen,
-um mich so auszudrücken, desto sicherer werden wir, was
-wir ja inbrünstig erbitten, das Heil unserer Kinder fördern.
-O daß ich nur noch sehen könnte, wie sie ihre Herzen
-Gott darbringen! Ich denke, dann könnte ich mich freudig
-zur Ruhe legen.«</p>
-
-<p>Über solch treuer Fürsorge für seine Kinder vergaß
-jedoch Wilberforce seine Sklavensache durchaus nicht, sondern
-benutzte die größere Freiheit von eigentlichen Berufsgeschäften,
-die er jetzt genoß, dazu, diese Sache auf immer
-weitere und höhere Bahnen zu bringen. Er wußte ja
-freilich wohl, daß ein Werk, das zu seiner Vorbereitung
-allein soviele Jahre erfordert hatte, und so schweren, heißen
-Kampf, nicht in kurzer Zeit vollendet dastehen könne, und
-deshalb steuerte er geduldig und beharrlich, Schritt um
-Schritt dem Endziele zu, das aber jetzt nicht mehr blos
-die Aufhebung des Sklavenhandels für ihn war, sondern
-die gänzliche Abschaffung der Sklaverei.</p>
-
-<p>Einstweilen konnte er sich nicht darüber täuschen, daß
-der Sklavenhandel ruhig seinen Gang fortging, daß selbst
-englische Schiffe trotz des bestehenden gesetzlichen Verbots
-ihn fortsetzen. In Voraussicht dessen hatte er schon sogleich
-nach seinem Siege im Parlamente darauf gedrungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-daß englische Kriegsschiffe an die afrikanischen Küsten beordert
-würden, um dort zu kreuzen, jedes englische Sklavenschiff
-wenigstens wegzunehmen und die darauf befindlichen
-Neger wieder in Freiheit zu setzen.</p>
-
-<p>Jetzt unterstützte er eifrig den Vorschlag, freie Arbeiter
-in die westindischen Kolonien überzuführen, welche
-dort gegen bestimmten Lohn auf den Plantagen arbeiteten.</p>
-
-<p>Vor Allem aber kam es darauf an, sorgfältig darüber
-zu wachen, und die geeigneten Maßregeln zu treffen,
-daß nicht, sei es heimlich durch englische, sei es öffentlich
-durch spanische, französische oder portugiesische Schiffe immer
-neue Neger in jene Kolonien eingeführt würden. Deshalb
-sollten die Namen sämtlicher Negersklaven, die sich dort
-bereits befänden, in öffentliche Listen eingetragen, und
-jeder Pflanzer bestraft werden, der bei einer eintretenden
-Untersuchung im Besitze eines nicht eingetragenen Sklaven
-befunden würde.</p>
-
-<p>Das wäre denn freilich ein gewaltiger Eingriff gewesen
-in die Rechte der einzelnen Kolonien und ihrer
-Regierungen, welche ziemlich selbständig wirtschafteten,
-und es stand zu befürchten, daß eine gewaltige Aufregung
-in allen Kolonien die Folge wäre. Daher glaubte man
-am besten zu thun, wenn man zuerst auf der Insel Trinidad,
-der südlichsten der kleinen Antillen vor dem Meerbusen
-von Paria, einen Versuch mit der Einregistrierung der
-Sklaven machte. Denn diese Insel, welche die Engländer
-von den Spaniern erobert hatten und welche 1802 im
-Frieden von Amiens förmlich an sie abgetreten worden
-war, hatte noch keine so selbständige Regierung, daß
-man auf dieselbe besondere Rücksichten hätte nehmen müssen.</p>
-
-<p>Der Minister Perçeval, welcher seit 1807 das Ministerium
-leitete und Wilberforce in seinen Bestrebungen<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-gerne unterstützte, erließ auch wirklich den Befehl, daß die
-Registrierung der Negersklaven auf Trinidad sofort zu
-geschehen habe, und war auch weiter durchaus nicht abgeneigt,
-diese Maßregel, wenn sie sich hier als wirksam
-zur Hemmung des Sklavenhandels bewähre, auf die übrigen
-westindischen Kolonieen Englands auszudehnen.</p>
-
-<p>Aber der wohlwollende, christlich gesinnte Mann fiel
-am 11. Mai 1812 als das Opfer eines Wahnsinnigen,
-der ihn erschoß, tief betrauert von Wilberforce, der an
-ihm eine kräftige Stütze verlor und nun vorläufig wenig
-Aussicht hatte, daß die allgemeine Aufzeichnung der Sklaven
-in den Kolonieen zu stande komme. Nur in der »afrikanischen
-Stiftung« behielt man die Sache fest im Auge
-und zog sorgfältige Erkundigungen ein darüber, welche
-Wirkung die auf Trinidad ausgeführte Maßregel habe.</p>
-
-<p>Inzwischen richtete Wilberforce, der nicht ruhen konnte,
-seine Blicke von Westindien nach Ostindien hinüber, für
-das er ja schon einmal seine Thätigkeit eingesetzt hatte,
-um dazu zu helfen, daß den dortigen Eingeborenen in
-reicherem Maße das Christentum gebracht werde, als es
-die sogenannte »ostindische Kompagnie« gethan haben wollte,
-die dort drüben fast unabhängig von der Regierung des
-englischen Mutterlandes die Kolonieen beherrschte.</p>
-
-<p>Im Jahre 1813 erlosch nämlich einmal wieder der
-jener Kompagnie von England bewilligte Freibrief, laut
-dessen sie nicht blos den ganzen Handel mit England und
-allen anderen Ländern betrieb, sondern auch so ziemlich
-nach freiem Ermessen und Gutdünken wirtschaften konnte
-und dafür nur eine bestimmte Abgabe an die englische
-Regierung entrichtete. Viele Stimmen sprachen sich nun
-dafür aus, daß der Freibrief in seiner bisherigen Ausdehnung
-nicht mehr ausgestellt und dadurch jene Kompagnie<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-zu einer beherrschenden Macht im Staate gemacht werden
-dürfe. Dies glaubte Wilberforce benutzen zu müssen, um
-einen Druck auf die ostindische Kompagnie auszuüben,
-daß sie, wie es auch sonst mit ihrem Freibriefe ergehen
-möge, wenigstens genötigt würde, die Hemmnisse zu beseitigen,
-welche sie bisher der Ausbreitung des Christentums
-in den Weg gelegt hatte. Er brachte die Angelegenheit
-im Parlamente zur Sprache, unterstützt von 900
-Bittschriften, die er aus allen Teilen Englands zusammengebracht
-hatte. Er bot wieder seine ganze Beredtsamkeit
-auf und erreichte es zu seiner großen Freude auch wirklich,
-daß sich die große Mehrzahl des Parlaments zu Beschlüssen
-vereinigte, in Folge deren der Missionsarbeit in Ostindien
-kein Hindernis mehr bereitet werden konnte.</p>
-
-<p>Auch in seiner Sklavensache durfte er einen erfreulichen
-Fortschritt verzeichnen. Es war ihm nämlich schon
-lange ein Dorn im Auge gewesen, daß auf der einzigen
-Besitzung Schwedens in Westindien, auf der kleinen Insel
-St. Barthelemy, ein bedeutender Sklavenmarkt bestand,
-auf dem sich die westindischen Pflanzer trotz der Wachsamkeit
-der englischen Kriegsschiffe leicht mit Sklaven versorgen
-konnten, solange nicht die oben erwähnte Maßregel,
-die Sklaven aufzuzeichnen, allgemein durchgeführt war.</p>
-
-<p>Als nun Schweden, das auf Napoleons Befehl an
-England hatte den Krieg erklären müssen, aber unter diesem
-Kriegszustande selbst am meisten litt, nach Napoleons
-Niederlage in Rußland sich zum Anschlusse an die gegen
-Napoleon verbündeten europäischen Mächte entschloß und
-mit England seinen Frieden zu machen suchte, drang Wilberforce
-bei den Ministern darauf, daß in die Friedensbedingungen,
-die England stellte, auch die aufgenommen
-würde, daß Schweden den Sklavenhandel aufgeben und<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-aufheben müsse. Es wurde ihm willfahrt, und als erst
-Schweden sich in Folge dessen zur Aufhebung des Sklavenhandels
-herbeigelassen hatte, folgte ihm auch Dänemark
-bald freiwillig darin nach.</p>
-
-<p>Auch vom Festlande herüber kamen verheißungsvolle
-Nachrichten, welche ein baldiges Ende von Napoleons Gewaltherrschaft
-und einen dauernden Frieden in Aussicht
-stellten, bei dessen Schließung etwas für die Sklavensache
-Ersprießliches durchzusetzen möglich schien. Und als das
-Gehoffte geschehen war, als Napoleon entthront und von
-seinen Marschällen aufgegeben, auf der Insel Elba saß,
-wie frohlockend schrieb da Wilberforce an seine alte Freundin
-Hannah More! Hatte er doch allezeit den Corsen für eine
-Gottesgeißel gehalten, die der Herr, wenn er sie zur Züchtigung
-der Völker gebraucht hätte, wieder wegwerfen
-würde. »So hat denn,« schrieb er jetzt, »die Dynastie
-Buonaparte aufgehört, zu regieren, wie Freund Talleyrand
-uns benachrichtigt; das hat Gott gethan! Wie sehr wünschte
-ich nur, daß mein armer alter Freund Pitt noch lebte,
-um Zeuge von dieser Entwickelung des 25 Jahre dauernden
-Dramas zu sein!« &ndash; Wie ergriff er aber auch sofort
-die Gelegenheit, aus der völlig veränderten Lage Frankreichs
-für die Sklavensache Nutzen zu ziehen!</p>
-
-<p>Kaum hatte Ludwig XVIII. wieder seinen Einzug in
-Paris gehalten und den französischen Thron bestiegen, als
-er seinen Schwager Stephen veranlaßte, ein Schreiben an
-denselben zu richten und ihm ehrerbietig vorzustellen, wie
-nun, wo England und Amerika, Schweden und Dänemark
-den schändlichen Sklavenhandel abgestellt hätten und selbst
-Portugal seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit nicht mehr
-in Abrede stellte, ja sich zu allmählicher Aufhebung desselben
-verstehen wolle, Frankreich nicht zurückbleiben dürfe,<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-da ohnehin während der langen Kriegszeit ihm dieser
-Handel so gut wie verloren gegangen wäre und eine gesetzliche
-Abschaffung desselben keine Interessen seiner Bewohner
-schädigen könnte.</p>
-
-<p>Wilberforce selbst aber entschloß sich, an den Kaiser
-von Rußland zu schreiben, als an den mächtigsten unter
-den verbündeten Monarchen, und ihn um seine Mitwirkung
-zur völligen Abschaffung des Sklavenhandels zu bitten.
-Dieser Brief war ihm so wichtig, daß er, was er sonst
-nie that, selbst einen Sonntag darauf verwendete, freilich
-nicht ohne sich nachher ernstlich selbst darüber zu strafen.</p>
-
-<p>Am Schlusse dieses Briefes hieß es: »Aber obgleich
-die Schuld und die Schande dieses schrecklichen Handels
-Großbritannien nicht mehr trifft, so besteht er selbst doch
-noch, und in der Hoffnung, Sire, daß Sie Ihren mächtigen
-Einfluß zur Unterdrückung desselben anwenden, rufe
-ich Sie im Namen der Religion, der Gerechtigkeit und
-Menschlichkeit an, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten.
-Dem göttlichen Segen vertraue ich diese Zeilen an. Möge
-das allmächtige Wesen, dem Sie, wie ich die Zuversicht
-hege, anhangen und dienen, welches Sie zum Hauptleiter
-bei der Befreiung des europäischen Festlandes von den
-Banden erhoben hat, in denen es durch eine geheimnißvolle
-Vorsehung so lange gehalten war, Sie zu dem geehrten
-Werkzeuge machen, durch welches es auch an Afrika
-seine gnädigen Absichten vollführt! Mögen Sie leben,
-Sire, ein Zeuge des gesegneten Erfolgs dieser Ihrer Wohlthaten,
-durch welche christliches Licht, sittliche Besserung
-und gesellschaftliches Wohlergehen über die in Nacht liegenden
-Gegenden kommen! Mögen Sie hören, wie die schwarzen
-Kinder nach der Schrift ihre Hände erheben zu dem allein
-wahren Gotte und nicht zeitlichen allein, sondern auch<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-ewigen Segen herabrufen auf das Haupt Alexanders, des
-Kaisers der Russen, als des größten unter ihren irdischen
-Wohlthätern!«</p>
-
-<p>Wilberforce wollte durchaus, daß bei den Verhandlungen
-wegen des Pariser Friedens (Mai 1814) von
-seiten Englands die Forderung erhoben würde, daß die
-von ihm eroberten französischen Kolonieen nur unter der
-Bedingung zurückgegeben werden könnten, daß Frankreich
-sich zur Abschaffung des Sklavenhandels verstünde. Er
-setzte alles in Bewegung, um darauf hinzuwirken. Er
-wollte anfangs sogar selber in eigener Person nach Paris
-reisen und dort seinen Einfluß geltend machen, zog es
-jedoch endlich vor, zu Hause zu bleiben, weil ihm das
-Parlament ein geeigneterer Schauplatz für sein Wirken zu
-sein schien.</p>
-
-<p>Aber obwohl der frühere Leiter der Sierra Leone-Gesellschaft,
-der zu den eifrigsten Gegnern des Sklavenhandels
-gehörte, an seiner Stelle hinüberging und seinen Einfluß
-auf den englischen Bevollmächtigten in vollem Maße geltend
-machte, konnte dieser doch nur erreichen, daß Frankreich
-die Wiedererlangung seiner sämtlichen Kolonieen durch
-das unbestimmte Versprechen bezahlte, den Sklavenhandel
-binnen 5 Jahren aufheben zu wollen. Der französische
-Hochmut, so tief er auch gedemütigt worden war, sträubte
-sich etwas anzunehmen, was von dem gehaßten England
-ausging und wie ein Befehl desselben aussehen konnte,
-und der englische Bevollmächtigte trug wohl diesem Hochmute
-zu sehr Rechnung.</p>
-
-<p>Wilberforce war auf das bitterste enttäuscht, gab sich
-aber sofort daran, zu retten, was noch zu retten war.
-Er mühte sich ab, recht viele Bittschriften herbeizuschaffen,
-in welchen das Volk sein Bedauern ausspreche über die<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-Wendung, welche die Sklavensache jetzt genommen habe,
-und sich sogar zu weiteren Opfern an Kolonieen bereit
-erklärte, um Frankreich die ihm bewilligten 5 Jahre
-Sklavenhandel damit abzukaufen, aber auch ernstlich darauf
-dränge, daß, wenn sich eine Verkürzung dieses Zeitraums
-nicht erreichen ließe, durch eine allgemeine Übereinkunft
-aller europäischen Staaten der Sklavenhandel nach Ablauf
-dieser 5 Jahre für Seeraub erklärt und in der Behandlung
-diesem gleichgestellt werde.</p>
-
-<p>Diese Bittschriften, deren wirklich 800 zusammen kamen
-mit beinahe einer Million Unterschriften, und deren Übergabe
-an das Parlament Wilberforce, als »dem Vater
-unserer großen Sache« anvertraut wurden, sollten dazu
-führen, daß das Parlament eine Adresse an den Prinz-Regenten
-richte, worin die Bitte und der Wunsch Ausdruck
-fänden, der englische Bevollmächtigte für den bevorstehenden
-Wiener Kongreß möge beauftragt werden, fester
-und entschiedener, als es beim Pariser Friedensschlusse
-geschehen sei, in der Sklavenfrage aufzutreten.</p>
-
-<p>Wirklich gelang es auch der Beredtsamkeit, mit welcher
-Wilberforce die Sache im Parlamente vortrug, zu bewirken,
-daß eine solche Adresse an den Prinz-Regenten beschlossen
-wurde. »Wenn alle jetzt Lebenden«, sagte er unter Anderem,
-»ihre Häupter zur Ruhe gelegt haben, und die
-Thaten, welche jetzt so mächtig alle Gefühle aufregen,
-durch die Feder des kalten, unparteiischen Geschichtschreibers
-berichtet werden; wenn man sehen wird, daß eine solche
-Gelegenheit wie die jetzige verloren wurde; daß die erste
-Handlung des wieder eingesetzten Königs von Frankreich
-die Wiederherstellung eines Handels in Knechtschaft und
-Blut war: was für ein Urteil wird sich dann bilden von
-den Anstrengungen, welche England gemacht, oder von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Einflusse, welchen es auf ein Volk unter so gewichtigen Verpflichtungen
-geäußert hat? Gewiß, man wird weder vom
-britischen Einflusse, noch von französischer Dankbarkeit eine
-hohe Meinung gewinnen!«</p>
-
-<p>Als im Juli 1814 der Kaiser von Rußland und der
-König von Preußen, von ihren siegreichen Heerführern
-begleitet, einen Besuch in London abstatteten, hatte Wilberforce
-bei dem Kaiser Alexander mehrmals Audienz und
-wurde stets von ihm auf das huldvollste empfangen, ja
-erhielt die Erlaubnis, sich noch weiter schriftlich an ihn
-zu wenden, wenn er es für gut hielte.</p>
-
-<p>Auch Friedrich Wilhelm III. wünschte Wilberforce
-kennen zu lernen und wurde so von ihm eingenommen,
-daß er ihm zum Andenken ein kostbares Porzellan-Service
-schenkte.</p>
-
-<p>Der alte Blücher, der einer von Wilberforce geleiteten
-Versammlung beiwohnte, worin beraten werden sollte, wie
-man helfen könne, die Leiden lindern, welche der Krieg
-über Deutschland gebracht, erhielt von dem heiligen Eifer,
-mit welchem Wilberforce für die Notleidenden redete, einen
-so tiefen lebhaften Eindruck, daß er sich nachher demselben
-vorstellen ließ und sich in sehr herzlicher Weise mit ihm
-unterhielt, allerdings vermittels eines Dolmetschers, da er
-der englischen Sprache ebensowenig mächtig war, wie Wilberforce
-der deutschen.</p>
-
-<p>Selbst von den Kosaken, die in Begleitung der Monarchen
-mit nach England gekommen waren, erzählt Wilberforce,
-daß sie obwohl sonst scheu gegen Jedermann,
-sich doch gegen ihn stets freundlich bewiesen hätten. Vielleicht
-hatten sie mitangesehen oder erfahren, daß nicht blos ihr
-Kaiser mit ihm freundlich gewesen, sondern auch der von
-ihnen so hoch geehrte »Marschall Vorwärts.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p>
-
-<p>Aber was half es viel, daß Wilberforce bei all' diesen
-Gelegenheiten, den Mächtigen der Erde nahezukommen,
-darauf bedacht nahm, wo es nur irgend anging, ein gutes
-Wort für seine Herzenssache einzulegen? Was half's, daß
-er sich wegen derselben mit den angesehensten Männern
-Frankreichs in Briefwechsel einließ? Was half's, daß der
-englische Bevollmächtigte beim Wiener Kongreß die bündigsten
-Anweisungen erhalten hatte von seiten des Prinz-Regenten,
-die Sklavensache mit aller Entschiedenheit so
-wie es Wilberforce wünschte, zu betreiben? &ndash; Der Erfolg
-all dieser Bemühungen war nur ein sehr geringer. Es
-wurde nur erreicht, daß der Sklavenhandel auf einen ganz
-bestimmten Teil der afrikanischen Küste beschränkt werden
-sollte. Denn außer dem Könige Ludwig XVIII. waren
-unter den höher gestellten Männern Frankreichs nur sehr
-wenige, die sich für die völlige Aufhebung des Sklavenhandels
-hatten gewinnen lassen. Daß diese Angelegenheit
-gerade von England so nachdrücklich betont, so kräftig betrieben
-wurde, gereichte ihr am allerwenigsten zur Empfehlung
-bei den Franzosen. Wie freudig man auch in
-Frankreich aufatmete, daß nun der Druck, welchen der
-Mann von Elba geübt hatte, aufhörte, es verdroß dennoch
-den französischen Hochmut im stillen, daß sich England
-allein unter den von ihm bekämpften Mächten unter diesen
-Druck nicht hatte beugen lassen.</p>
-
-<p>Wer hätte aber denken sollen, daß das, was auf dem
-Wege friedlicher Unterhandlungen nicht hatte erreicht werden
-können, mit einem Male durch einen Machtspruch dessen
-hinausgeführt werden würde, der so lange nicht nur seinem
-eigenen, sondern auch fremden Völkern das Joch der Knechtschaft
-aufgedrückt hatte?</p>
-
-<p>Am 1. März 1815 kehrte Napoleon von Elba zurück<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-nach Frankreich, und wenn auch er sogleich von allen Monarchen
-Europas in die Acht erklärt wurde, war doch
-der Glanz seines Namens für die Eitelkeit der Franzosen
-so berückend, daß alle gegen ihn gesendeten Truppen des
-Königs dem gefeierten Feldherrn zufielen, und daß er ohne
-Widerstand den von dem geflüchteten Ludwig XVIII. verlassenen
-Thron Frankreichs wieder einnehmen konnte. Und
-&ndash; wer hätte sich nicht darüber wundern sollen? &ndash;
-eine seiner ersten Regierungshandlungen war die, daß er
-die gänzliche Aufhebung des Sklavenhandels verordnete,
-und zwar für sofort, ohne daß er sich an die im Pariser
-Frieden festgesetzte fünfzehnjährige Frist kehrte.</p>
-
-<p>Allerdings dauerte ja die ganze wiederhergestellte Kaiserliche
-Herrlichkeit nicht länger als 100 Tage und wurde
-bei Waterloo und bei Belle-Alliance durch die Anstrengungen
-Blüchers und Wellingtons ohne jegliche Hoffnung
-auf Wiederauferstehung begraben; aber als Ludwig
-XVIII. wieder auf den Thron Frankreichs zurückgekehrt
-war, mußte es als eine Unmöglichkeit erscheinen, jenen
-Machtspruch Napoleons gegen den Sklavenhandel wieder
-aufzuheben.</p>
-
-<p>Wilberforce freute sich selbstredend dieses erfolgreichen
-Machtspruchs von Herzen, wenn er auch deshalb von dem
-gefallenen Tyrannen keine bessere Meinung bekam. Er
-urteilte nach wie vor über ihn als eine Zuchtrute Gottes
-für die Völker Europas und drückte sich dahin aus, als
-er von seiner Wiederkunft von der Insel Elba hörte: »Er
-führt unbewußt den göttlichen Willen aus, und es ist wahrscheinlich,
-daß die Leiden, welche er früher über die Nationen
-Europas gebracht hat, die beabsichtigte Wirkung
-der Demütigung und Besserung nicht hervorbrachten; deshalb<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-ist es ihm erlaubt worden, noch einmal aufzutreten
-und die Summe des menschlichen Elends zu mehren.«</p>
-
-<p>Es war gleichsam eine prophetische Anwandelung, die
-Wilberforce am 18. Juni, dem Tage der Schlacht bei Belle-Alliance
-zu seinen Kindern sprechen ließ, als er sie bei
-dem Kirchgange auf dem stillen Dorfe, wo er sich gerade
-mit ihnen befand, auf die Schönheit der Natur aufmerksam
-machte: »Vielleicht bestehen in diesem Augenblicke, da wir
-so in Frieden zum Hause Gottes gehen, unsere braven
-Soldaten einen heftigen Kampf in Belgien. O wie dankbar
-sollten wir für alle Güte Gottes gegen uns sein!«</p>
-
-<p>Nach London zurückgekehrt, erfuhr er, daß sein »vielleicht«
-zur Wahrheit geworden war, und zwar aus sicherster Quelle.
-Denn ein Adjutant, den Blücher eigens herübergesandt
-hatte, brachte dem Prinz-Regenten die Freudenkunde von
-dem großen Siege, den die Engländer und Preußen nach
-heißem Kampfe erfochten hätten.</p>
-
-<p>»Hat Ihnen der Marschall Blücher noch einen anderen
-Auftrag gegeben?« fragte der Prinz-Regent den willkommenen
-Boten.</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete dieser, »er hat mir aufgetragen,
-Herrn Wilberforce von allem, was vorgegangen ist, zu
-benachrichtigen.«</p>
-
-<p>»So gehen Sie auf alle Fälle selbst zu ihm,« antwortete
-der Prinz-Regent, »Sie werden sich über ihn
-freuen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="VIII">VIII.</h2>
-</div>
-
-<p>Wilberforce durfte jetzt, wo nur noch Spanien und
-Portugal an dem Sklavenhandel festhielten, ohne sich aber
-voraussichtlich noch lange dem Drucke der öffentlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-Meinung entziehen zu können, in bezug auf seine große,
-heilige Sache hell und freudig in die Zukunft blicken.
-Aber um so trüber und trauriger gestaltete sich für ihn
-persönlich die Gegenwart.</p>
-
-<p>Schon am 15. Januar 1815 nämlich war sein treuer
-Mitarbeiter und Freund Henry Thornton gestorben, von
-welchem er selbst bezeugt, daß derselbe einer seiner ältesten,
-genauesten, innigsten und wertvollsten Freunde gewesen sei,
-und dessen Verlust ihm um so schwerer fiel, weil er in
-christlicher Beziehung auf völlig gleichem Boden mit ihm
-gestanden hatte und so ein Austausch der Herzen über die
-höchsten, heiligsten Dinge und Fragen des Lebens zwischen
-ihnen möglich gewesen war.</p>
-
-<p>Bald nach demselben starben ihm noch zwei andere
-Freunde, die seinem Herzen ebenfalls nahe gestanden hatten,
-sodaß er an Hannah More schrieb: »Wie ergreifend! Wir
-schauen uns alle unwillkürlich um und fragen mit forschendem
-Blicke: Wer ist wohl der nächste, Herr? O möchten
-diese Warnungen die gehörigen Folgen haben, daß sie
-uns für die Vorladung bereit machen!«</p>
-
-<p>Und wenn auch nicht <em class="gesperrt">der</em> so doch <em class="gesperrt">die</em> »nächste« ließ
-nicht lange auf sich warten; denn schon am 13. Oktober
-folgte die Witwe von Henry Thornton ihrem Gatten nach
-mit einem Tode, der für den an ihr Sterbebett berufenen
-Wilberforce im höchsten Grade erbaulich wurde. Als er
-am Morgen ihres Todestages in die Versammlung einer
-Hülfs-Bibelgesellschaft ging, konnte er es nicht lassen, dort
-von dem tiefen Eindrucke, welchen die Sterbende auf ihn
-gemacht hatte, beredtes Zeugnis zu geben.</p>
-
-<p>»Ich komme jetzt eben,« sagte er, »von einem Auftritte,
-wo der Wert des Buches, dessen Verbreitung der Gegenstand
-Ihrer Thätigkeit ist, sich klar entfaltet hat. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-darf das Zeugnis nicht vorenthalten, welches hier von der
-heilenden und siegreichen Wirksamkeit der vom Geiste Gottes
-eingegebenen Schrift sich zeigte. Ich komme aus einem
-Zimmer, in welchem eine Witwe, umgeben von ihren nun
-bald völlig verwaisten Kindern, befähigt ist, dem letzten
-Feinde ruhig ins Auge zu sehen. Sie selbst besitzt einen
-Frieden, welchen nichts trüben kann, da er die Gabe Gottes
-ist. Ihre Kinder sind in gewissem Grade im stande, das
-Vorgefühl der Hoffnung ihrer Verherrlichung zu hegen.
-Es ist ein Auftritt, welchem man beigewohnt haben muß,
-um den vollen Eindruck im Herzen zu erforschen: ein Bewußtsein
-der Zufriedenheit und des Glücks in den Augenblicken
-des tiefsten äußeren Mangels und Kummers, eine
-Erhebung über die Leiden und Anfechtungen dieses vergänglichen
-Lebens. &ndash; Laßt mich fragen: ist dieser Trost
-in Traurigkeit, diese Hoffnung im Tode etwa ein Familiengeheimnis,
-von dem die Menschen im allgemeinen ausgeschlossen
-sind? Nein, es ist das, was das Wort Gottes
-allen bietet, welche es ergreifen wollen. Wie konnte ich
-daher umhin, zu kommen und Ihnen Glück zu wünschen,
-daß es ihnen gestattet ist, die geehrten Werkzeuge des Allmächtigen
-zur Verbreitung einer solchen Herzstärkung in
-einer sterblichen Welt zu sein? Wie konnte ich umhin,
-mich zu freuen, daß es mir vergönnt ist, mich mit Ihnen
-zu vereinigen in den Bemühungen, durch welche diese unvergänglichen
-Segnungen in Umlauf gesetzt werden?«</p>
-
-<p>Aber es waren nicht blos diese rasch hinter einander
-folgenden Todesfälle, wodurch ein trüber, trauriger Schatten
-in das Leben unseres Wilberforce fiel, sondern auch ein
-recht betrübendes persönliches Erlebnis.</p>
-
-<p>Im Parlamente wurde nämlich ein Gesetzesvorschlag
-eingebracht, wonach von dem in England eingeführten Getreide<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-ein Zoll erhoben werden sollte, die sogenannte »Kornbill«.
-Begreiflicherweise war dies keine erwünschte Maßregel für
-alle, die Brot kaufen mußten, weil dasselbe dadurch notwendig
-verteuert werden mußte, allein es war eine Maßregel,
-die sich zum Schutze der inländischen Ackerbauer als
-unbedingt nötig erwies. Wilberforce prüfte gewissenhaft
-und sorgfältig die Sachlage und trug, als er sich von der
-Notwendigkeit des Kornzolles überzeugt hatte, durchaus
-kein Bedenken, der Kornbill seine Unterstützung zu teil
-werden zu lassen.</p>
-
-<p>Da wandte sich trotz seiner sonstigen allgemeinen Beliebtheit
-der Unwille des Volkes gegen ihn, und zwar in
-solchem Maße, daß er es für angezeigt hielt, eine Schutzwache
-von 6 Mann in sein Haus zu nehmen, um sich
-vor einem zu befürchtenden Sturme des Volkes auf dasselbe
-zu schützen. Auch er mußte es also erfahren, welch
-ein wetterwendisches Ding die Volksgunst sei und wie
-wenig es dieselbe verdiene, daß man begehrlich nach ihr
-hasche, ihr zu liebe vielleicht gar gegen die Stimme seines
-Gewissens handele.</p>
-
-<p>So wenig ihn aber die Gunst oder Ungunst des Volkes
-in seinem Verhalten irgendwie beeinflussen konnte, so wenig
-machte er sich auch aus den Gunstbezeugungen, die ihm
-von seiten des Hofes zukamen, als dieser in Brighton
-seinen Aufenthalt nahm, wo sich Wilberforce jetzt eben
-mit seiner Familie aufhielt. Der Prinz-Regent lud ihn
-zu wiederholten Besuchen ein und überhäufte ihn mit
-Artigkeiten. Er trug sogar selbst Sorge dafür, daß, wenn
-Wilberforce die Einladung zu Tische angenommen hatte,
-nur solche Personen in seine Nähe gesetzt wurden, von
-denen er keine Kränkung in seinen religiösen Anschauungen
-und Gefühlen zu befürchten hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<p>Als ihn sein Schwager Stephen wegen dieser ihm
-erwiesenen Artigkeiten neckte und meinte, er würde am
-Ende doch noch »Peer«, d. h. Mitglied des Oberhauses,
-werden, antwortete er, da dürfe man unbesorgt sein, er
-werde als William Wilberforce leben und sterben; denn
-er sehe immer mehr, daß die Großen in der Welt am
-meisten zu bemitleiden seien und er danke deshalb stets
-seinem Gotte, daß er ihn in eine Stellung geführt habe,
-welche für seine Kinder nicht die großen oder wohl noch
-größere Versuchungen und Gefahren herbeiführen würde,
-die er selbst zu bestehen habe.</p>
-
-<p>Auch gab es für diese Gunstbezeugungen des Hofes
-bald wieder ein heilsames Gegengewicht in seinem Leben,
-das ihn, wenn er sich ja hochmütigen Regungen hätte
-hingeben wollen und können, alsbald wieder niederziehen
-und demütig machen mußte.</p>
-
-<p>Nicht allein, daß er von dem Ministerium im Stiche
-gelassen wurde, als er die sogenannte »Registerbill« wieder
-im Parlamente einbrachte, wonach die Zählung und namentliche
-Aufzeichnung der Sklaven, wie sie für die Insel
-Trinidad angeordnet worden war, und sich dort sowohl als
-ausführbar, als auch segensreich bewiesen hatte, für alle
-englischen Kolonieen in Westindien angeordnet werden sollte;
-nein auch die Gegner der Sklavensache regten sich wieder
-mit Macht, als sie inne wurden, welch' zarte Rücksichten
-das Ministerium damit auf die Selbstständigkeit der Regierungen
-in den Kolonieen nahm. Sie glaubten jetzt
-jedes weitere Fortschreiten des Sklavenfreundes in seinen
-Bestrebungen wirksam hindern zu können, und wählten
-dazu das verwerfliche Mittel, dessen Persönlichkeit anzutasten
-und nicht nur im Parlamente, sondern auch in Flugschriften,
-welche sie unter das Volk warfen, Wilberforce<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-auf das schnödeste zu verdächtigen und zu verleumden.
-Man ging darin so weit, daß Wilberforce einmal mit
-bitterem Lächeln im Parlamente sagte: »Wenn alles, was
-mir meine Gegner vorwerfen, wahr wäre, so hätte ich
-schon vor 30 Jahren des Todes schuldig erklärt werden
-müssen.«</p>
-
-<p>Es war jedoch nicht die Furcht vor diesen Verleumdungen,
-welche ihn abhielt, in der Sitzung des Parlamentes
-von 1816 die Registerbill wiederum einzubringen,
-sondern der erfreuliche Umstand, daß sich jetzt Spanien
-zur völligen Aufgebung seines Sklavenhandels zu entschließen
-schien und deshalb in Verhandlungen mit England
-eintrat, die durch das Einbringen der Registerbill
-hätten gestört werden können. Allerdings zogen sich diese
-Verhandlungen bis ins folgende Jahr hin, weil Spanien
-für die Aufgebung des Sklavenhandels eine hohe Entschädigungssumme
-forderte; aber sie kamen doch endlich
-zum erwünschten Austrage, nachdem man über eine Entschädigungssumme
-von 400,000 Pfund Sterling (= 8
-Millionen Mark) übereingekommen war, welche England
-bezahlen sollte. Dagegen verpflichtete sich Spanien, bis
-zum Jahre 1820 den Sklavenhandel aufzugeben, hielt
-aber trotzdem nachher diesen Termin nicht ein, sondern
-erfüllte erst im Jahre 1822 sein Versprechen.</p>
-
-<p>Als von der westindischen Insel Barbadoes Nachrichten
-über heftige Negeraufstände einliefen, die dort stattgefunden,
-war dies natürlich wieder eine willkommene Gelegenheit
-für die »Westindier,« Wilberforce wegen seiner Bemühungen
-für die Sklaven anzugreifen. Man gab die Grausamkeiten,
-welche sich die empörten Sklaven erlaubt hatten,
-diesen allein schuld, ohne anerkennen zu wollen, daß dieselben
-von seiten der Sklavenhalter durch ihre grausame,<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-schonungslose Behandlung der Neger veranlaßt worden
-seien; man suchte daraus die Notwendigkeit zu beweisen,
-alle Bemühungen zu Gunsten der Neger aufzugeben,
-weil diese, wenn sie von solchen Bemühungen wieder
-hörten, dadurch zu immer neuen Empörungen und blutigen
-Befreiungsversuchen gereizt würden, und ebensowohl
-auch die andere Notwendigkeit, die widerwilligen Neger
-durch strengen und harten Druck niederzuhalten. Wilberforce
-mußte wieder seine ganze Beredsamkeit aufwenden,
-um seine Sache, sowie sich selbst und seine Grundsätze
-zu verteidigen. Er unterschrieb jedoch willig eine Adresse
-mit, die den Prinz-Regenten bitten sollte, seine ernste Mißbilligung
-der Vorgänge auf der westindischen Insel auszusprechen,
-aber auch den Regierungen der Kolonieen auf
-das Ernsteste geeignete Maßregeln zur Verbesserung der
-Lage der Neger zu empfehlen.</p>
-
-<p>Im Oktober 1816 traf unsern Wilberforce der schwere
-Schlag, daß seine innig geliebte Schwester, die Gattin
-seines Freundes Stephen, verstarb, das letzte Glied seiner
-Familie, von welcher er nun noch allein übrig war. Wenn
-er ihr mit trauerndem Herzen nachrühmen konnte, daß
-er in ihr die zärtlichste Schwester verloren habe, von der
-er in Wahrheit sagen könne, daß es wohl nie auf Erden
-eine anhänglichere, edlere und treuere Freundin ihres
-Bruders gegeben habe, so konnte er sich ebensowohl zum
-Troste sagen, daß sie in wahrem Frieden mit ihrem Gotte
-und Heilande heimgegangen sei.</p>
-
-<p>Wilberforce hatte bisher immer nur auf Aufhebung
-des Sklavenhandels und bessere Behandlung der Sklaven,
-welche einmal das Joch der Knechtschaft trugen, hingewirkt,
-ohne noch die gänzliche Aufhebung der Sklaverei
-und völlige Freilassung aller Sklaven, die ihm doch als<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-höchstes Ziel vorschweben mußten, anders als in gelegentlichen
-Äußerungen bei Freunden angerührt zu haben.
-Allein es wurde ihm immer mehr zur Überzeugung, daß
-er nun auch thatsächlich auf dieses Ziel lossteuern müsse,
-wenn sein Werk kein halbes bleiben sollte. So lange es
-Sklaven gab, konnte auch der harte, grausame Geist nicht
-aussterben, mit dem man sich gegen ihre Aufstände glaubte
-wappnen zu müssen, und der jedes menschliche Mitgefühl
-mit den armen Schwarzen ersticken mußte.</p>
-
-<p>Eine große Freude wurde ihm dadurch bereitet, daß
-sich im Jahre 1817 der Negerkönig Heinrich I. auf der
-Insel St. Domingo oder Haïti geradezu mit einer Bitte
-an ihn wandte, und es damit bewies, daß die Schwarzen
-seinen Eifer für ihr Wohl kannten und zu seiner Menschenliebe
-das vollste Zutrauen hatten.</p>
-
-<p>Mit diesem Negerkönige verhielt es sich aber folgendermaßen.
-Von dem großen Sklavenaufstande auf St. Domingo
-im Jahre 1791, von welchem bereits Erwähnung
-gethan wurde, und bei dem sich Neger und Farbige zur
-Vertilgung aller Weißen auf der Insel vereinigt hatten,
-war das Ende gewesen, daß in der That sämtliche Weiße,
-soweit ihnen nicht die rechtzeitige Flucht gelang, schonungslos
-niedergemetzelt wurden. Der französische Nationalkonvent
-hatte darauf am 4. Februar 1794 den Negern
-und Farbigen in dem französischen Teile der Insel völlige
-Freiheit und völlig gleiche Rechte mit den Weißen bewilligt
-und sogar einen der hervorragendsten unter den
-aufständischen Negern, einen gewissen Toussaint L'Ouverture,
-zum Obergeneral aller französischen Truppen auf
-der Insel eingesetzt. Als nun die Spanier 1795 im
-Frieden von Basel ihre Besitzungen auf der Insel an die
-Franzosen abgetreten hatten, nachdem ihr Versuch fehlgeschlagen<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-war, gemeinsam mit den Engländern die mit den
-Franzosen verbündeten Neger zu besiegen, und auch die
-Engländer im Jahre 1797 die Insel ganz aufgegeben
-hatten, brachen die Neger in einem neuen Aufstande unter
-ihrem Führer Dessalines, auch die Herrschaft der Franzosen,
-so daß diese im November 1803 die Insel räumten.
-Jetzt warf sich Dessalines zum Herrscher der ganzen Insel
-auf, nahm den Titel: »Kaiser Jacob I.« an und führte
-ein rohes, grausames Regiment über Neger und Farbige.
-Aber schon nach einem Jahre wurde er in einer Empörung
-gegen ihn ermordet und nun brach die alte Eifersucht
-zwischen Negern und Farbigen wieder in hellen
-Flammen aus. Die Neger sammelten sich unter ihrem
-Generale Heinrich Christoph, die Farbigen unter dem
-Mulatten Pétion und teilten sich endlich friedlich in den
-Besitz der Insel. Die Farbigen gründeten unter Pétion
-eine Republik, die Neger unter Heinrich Christoph, welcher
-jedoch 1811 die Negerrepublik in eine erbliche Monarchie
-verwandelte und sich als König Heinrich I. die Krone
-aufsetzte. Obwohl als Sklave geboren, hatte er sich dennoch
-eine tüchtige geistige Bildung zu verschaffen gewußt
-und Erkenntnis genug gewonnen, um einzusehen, daß seine
-Herrschaft nur Bestand haben könne, wenn er sich bemühe,
-seine Schwarzen aus ihrer Rohheit und Unwissenheit
-herauszureißen.</p>
-
-<p>Schon im Jahre 1815 hatte er sich mit Wilberforce
-in Verbindung zu setzen gewußt und ihm erklärt, daß er
-in allen Stücken seinem Rate folgen wolle. Wilberforce
-hatte mit Erlaubnis der Regierung diese Verbindung gerne
-angenommen und gepflegt, weil der schwarze König versichert
-hatte, nicht blos die englische Sprache, sondern auch
-die evangelische Religion in seinem Königreiche einführen<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-zu wollen. Wie ihm der Negerkönig sein Bildnis zugesandt
-hatte, so schickte Wilberforce als Gegengabe sein
-eigenes, sowie das seines ältesten Sohnes nach Domingo
-hinüber.</p>
-
-<p>Jetzt im Jahre 1817 wandte sich König Heinrich I.
-wiederum an Wilberforce mit der Bitte, ihm einen englischen
-Erzieher für seinen Sohn, sowie 7 Lehrer für das
-Volk und 7 Professoren für eine zu errichtende Hochschule
-zu senden, auch englische Landleute zur Ansiedelung auf
-St. Domingo zu bewegen, indem er zugleich 6000 Pfund
-Sterling (120,000 M.) zur Bestreitung der Kosten beilegte.</p>
-
-<p>Niemand wird bezweifeln, daß es für Wilberforce eine
-Gewissenssache wurde, dieser Bitte zu entsprechen, und
-mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit die Leute auszuwählen,
-die er für die Verhältnisse in St. Domingo als
-die tüchtigsten und geeignetsten ansah. Allein es waren
-fruchtlose Bemühungen; denn im Jahre 1820 erschoß sich
-König Heinrich I. bei einem Aufstande, welcher sich gegen
-ihn wegen allzu strenge geübter Gerechtigkeit erhob, und
-die ganze Insel kam nun unter die Herrschaft eines Mulatten
-Boyer.</p>
-
-<p>Wilberforce, der sich bei dem Kongresse zu Aachen im
-Jahre 1818, allerdings vergeblich, bemüht hatte, für seinen
-König Heinrich I. die Anerkennung der europäischen Mächte
-zu erlangen, betrauerte es tief, daß der für die Bildung
-seiner Schwarzen so eifrige Mann ein solches Ende nahm
-und machte sich sogar Vorwürfe darüber, daß er für dessen
-christliche Bildung nicht genug gethan und gebetet habe.</p>
-
-<p>Auf dem Kongresse zu Aachen waren zwar die Bemühungen,
-die Wilberforce gemacht hatte, um zu erringen,
-daß von seiten der dort tagenden europäischen Mächte der
-Sklavenhandel, von dem er nur zu gut wußte, daß derselbe<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-nach wie vor weiter betrieben würde, nun in der
-That mit der Seeräuberei auf gleiche Linie gestellt würde,
-von keinem Erfolge gekrönt, aber die deshalb geführten
-Verhandlungen hatten doch das Gute gehabt, daß den
-Mächten einmal wieder die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels
-recht in Erinnerung gebracht wurden. Wilberforce
-hatte sich noch einmal schriftlich an den Kaiser von
-Rußland gewendet, aber wie sehr auch dieser, wie sehr
-auch die englischen Bevollmächtigten bei dem Kongresse
-sich darum bemühten, es konnte weder hier in Aachen,
-noch auch auf dem 4 Jahre später stattfindenden Kongresse
-zu Verona die allgemeine Erklärung des Sklavenhandels
-für Seeraub erlangt werden.</p>
-
-<p>Auch die »Registerbill«, obschon wiederholt von Wilberforce
-im Parlamente eingebracht und warm befürwortet,
-konnte nicht zur Annahme gelangen. Sie scheiterte stets
-an dem hitzigen Widerstande der »Westindier« und an
-ihrer steif festgehaltenen und deshalb von Vielen als richtig
-angesehenen Behauptung, daß die westindischen Kolonieen
-dadurch in ihrem Bestande gefährdet und dadurch auch
-England selbst schwer geschädigt werden würde. Die Verhandlungen
-darüber machten es aber allen Sklavenfreunden
-immer mehr zur unbestreitbaren Gewißheit, daß nur durch
-völlige Aufhebung der Sklaverei den entsetzlichen Grausamkeiten
-gegen die armen Neger ein Ende gemacht
-werden könne.</p>
-
-<p>Vorläufig war jedoch für Wilberforce noch nicht daran
-zu denken, mit einem bestimmten dahin zielenden Antrage
-vor das Parlament zu treten. Die öffentliche Meinung
-in England war dafür noch nicht reif genug. Aber seine
-Papiere aus dieser Zeit geben Zeugnis davon, wie er
-sich fortwährend mit dem großen, edlen Gedanken beschäftigte<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-und unablässig auf Maßregeln sann, wie vorläufig
-wenigstens das Elend der armen Schwarzen gelindert
-werden könne. Er mußte eben in seiner heiligen Sache
-wirken, so lange es Tag für ihn war, und die 60 Lebensjahre,
-die er nun schon auf dem Nacken trug, mußten ihm
-von Tag zu Tage mehr eine Mahnung daran werden,
-daß es für ihn nicht mehr weit bis zum Lebensabende
-und bis zu der Nacht sei, da niemand mehr wirken kann.
-Auch fühlte er, der eigentlich niemals recht gesund und
-kräftig gewesen war, deutlich, daß seine Lebenskraft sehr
-in der Abnahme begriffen sei, und daß er nicht mehr so
-wie früher in allen Angelegenheiten des Parlaments die
-ganze Arbeitskraft einsetzen könne und dürfe, wenn er für
-diejenige, welche ihm am meisten am Herzen lag, noch
-ein wenig Kraft behalten wolle.</p>
-
-<p>Nur in Einer Angelegenheit, die mit seiner Sklavensache
-in keinem näheren Zusammenhange stand, konnte er
-es nicht lassen, wieder in die erste Reihe der Parlamentsredner
-einzutreten, weil sie ihm überaus wichtig erschien
-und im ganzen Lande große Aufregung verursachte.</p>
-
-<p>Der Prinz-Regent, welcher für seinen dem völligen
-Wahnsinne anheimgefallenen und dazu noch erblindeten
-Vater Georg III. schon seit 1811 die Regierung führte,
-lebte mit seiner Gemahlin, einer braunschweigischen Prinzessin,
-in einer höchst unglücklichen Ehe, und es kam so
-weit, daß die Königin, die schon längst getrennt von ihrem
-Gemahle lebte, endlich die gänzliche gesetzliche Scheidung
-ihrer Ehe beantragte.</p>
-
-<p>Wilberforce, dessen sittliches Gefühl sich dagegen sträubte,
-daß dem Volke von höchster Stelle aus solch ein böses Beispiel
-gegeben werden sollte und der, wenn die Scheidung
-der königlichen Ehe wirklich erfolgte, davon einen beklagenswerten<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-Nachteil für die öffentliche Sittlichkeit befürchtete,
-bot im Parlamente alles auf, die Scheidung zu verhindern.
-Er fragte nichts danach, daß er sich dadurch das Mißfallen
-der Königin zuzog. Allein die Hartnäckigkeit dieser
-ließ jeden Vergleich zwischen den beiden Gatten vergeblich
-erscheinen, und es wäre wohl sicher zum Vollzug der Scheidung
-gekommen, wenn nicht im August 1821 der Tod
-der Königin eingetreten wäre. Auch hierbei zeigte es sich
-wieder recht klar, wie Wilberforce weder nach rechts noch
-nach links sah, wenn ihm sein Weg durch eine klar erkannte
-Pflicht vorgezeichnet war. Denn nicht blos, daß
-er durch sein Auftreten im Parlamente bei der Ehescheidungs-Verhandlung
-die Gunst der Königin aufs Spiel
-setzte, nein er lief auch dadurch Gefahr, wieder in die
-Ungunst des Volkes zu geraten. Denn dieses stand in
-seiner großen Mehrzahl auf der Seite der Königin gegen
-den König, welcher sich durch sein zügelloses Leben, sowie
-auch durch seine Regierungsgrundsätze bei dem Volke äußerst
-mißliebig gemacht hatte und schon einmal von einem wütenden
-Volkshaufen thätlich angegriffen worden war.</p>
-
-<p>In seinem häuslichen Leben erlitt jetzt Wilberforce
-einen empfindlichen Verlust durch den Tod seiner ältesten
-Tochter Barbara. Dieselbe war schon im Jahre vorher
-kurz nach der Verheiratung des ältesten Bruders und um
-eben die Zeit, da Isaak Milner starb, schwer erkrankt gewesen,
-hatte sich aber unter der sorgfältigen, zärtlichen
-Pflege, welche ihr Vater und Mutter bei Tag und Nacht
-selbst gewidmet hatten, wieder soweit erholt, daß man sie
-dem Leben gewonnen glauben durfte. Doch jetzt im Jahre
-1821 trat ein Rückfall ein, welchem ihre geschwächten Kräfte
-nicht gewachsen waren. Der Tod knickte die liebliche Menschenblume,<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-die sich im Lichte des wahren Christentums zu
-herrlicher Blüte entfaltet hatte.</p>
-
-<p>»Ich werde nie«, so schrieb Wilberforce an einen Freund,
-»die Zärtlichkeit, den Glauben, die Liebe und die Andacht
-vergessen, mit welcher sie, nachdem sich auf ihren Wunsch
-alle Übrigen entfernt hatten, ihr letztes hörbares Gebet
-für sich und für uns sprach. Gehalten durch eine demütige
-Hoffnung auf die Gnade Gottes in ihrem Erlöser
-und Fürsprecher, war sie fähig, ihre Leiden mit Geduld
-und Ergebung zu tragen und eine Fassung zu bewahren,
-über welche sie sich selber wunderte. An dem Todestage
-selbst bat sie, man möge ihren Arzt fragen, ob noch Hoffnung
-auf Besserung sei, »aber wenn nicht«, fügte sie
-hinzu, »so ist alles gut«. &ndash; Sie starb wie jemand, der
-einschläft, kaum ein Laut, nicht der geringste Kampf. Ich
-bin in der Dankbarkeit gegen den Geber alles Guten fast
-verpflichtet, meine Freunde aufzufordern, daß sie sich mit
-mir als über ein Zeugnis der göttlichen Gnade freuen.
-Das Bewußtsein, daß es unserm Kinde wohl ist, ist für
-uns ein Stärkungsmittel von unschätzbarer Wirksamkeit.«</p>
-
-<p>Die Gedanken und Gefühle, welche Wilberforce am
-Begräbnistage des geliebten Kindes seinem Tagebuche anvertraute,
-sind zu bezeichnend für sein inneres Leben, zu
-bezeichnend besonders für die innige Dankbarkeit gegen
-Gott, welche sein Herz erfüllte, als daß wir uns enthalten
-könnten, sie wenigstens teilweise hier mitzuteilen. Es
-war ein ungewöhnlich kalter Wintertag, an welchem das
-Begräbnis stattfand, und Wilberforce mußte sich, so schwer
-es ihm auch wurde, in Rücksicht auf seine schwache Gesundheit
-enthalten, den Sarg zum Grabe zu geleiten. Aber
-klagte und weinte er nur daheim? Nein, im Gegenteile.</p>
-
-<p>»Ich sah den Sarg«, schreibt er. »Wie eitel der<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Zierrat, wenn man daran denkt, in welchem Zustand
-der Erniedrigung sich der Körper befindet, der im Sarge
-liegt! Bald nachdem der Leichenwagen und unsere lieben
-Freunde fort waren, bin ich in mein kleines Zimmer gegangen,
-und hier beschäftige ich mich nun mit Schreiben
-und mit Gebet, indem ich Gott für seine wunderbare
-Güte gegen mich preise und meine äußerste Unwürdigkeit
-beklage. Denn wahrlich, blicke ich auf mein vergangenes
-Leben zurück und übersehe es; vergleiche ich besonders die
-zahlreichen, fast unzähligen Beweise von Gottes Freundlichkeit
-gegen mich damit, wie ich sie vergolten habe: so
-bin ich überwältigt und kann mit Wahrheit dem Zöllner
-nachsprechen: »Gott sei mir Sünder gnädig!« &ndash; Es ist
-eine besondere Güte gegen mich, und die fast einzigartigen
-Vorzüge, die ich genossen habe, was mich so mit Demütigung
-und Scham erfüllt. Meine Tage erscheinen wenig,
-wenn ich zurückschaue, aber sie sind eher alles andere gewesen,
-als böse. Ich bin in allerlei Weise gesegnet worden,
-und zwar auf bleibende Weise, besonders dadurch,
-daß ich ein heiteres Gemüt und so reichliche Glücksgüter
-empfing. &ndash; Ich bin so frühe für Hull ins Parlament
-gekommen, dann für Yorkshire sechsmal erwählt worden
-und hörte nur auf, für diese Grafschaft Parlamentsglied
-zu sein, weil ich selbst diese Stellung aufgab. Ich bin
-zum Werkzeuge erwählt worden, die Abschaffung des Sklavenhandels
-vorzubringen; ich habe mächtig der Sache des
-Christentums in Indien helfen können; ich bin nie in
-üblen Ruf gebracht, sondern immer bei allen öffentlichen
-Geschäften unterstützt worden. Ich entging der Lebensgefahr
-durch eine plötzliche Beihülfe der Vorsehung. Man
-hat mich nie beschimpft, weil ich mich weigerte, mich zu
-duellieren. &ndash; Ich habe mich so spät, 37 Jahre alt, verheiratet<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-und doch eine der liebevollsten Frauen gefunden.
-Ich habe 6 Kinder gehabt, welche alle auf das äußerste
-an mir hangen. Obgleich uns unsere teure Barbara entrissen
-ist, so haben doch im ganzen wenige Menschen solchen
-Grund zur Dankbarkeit wegen der Kinder, die immer
-lauter Liebe gegen mich waren. &ndash; Kein Mensch hat wohl
-je so viele liebe Freunde gehabt; sie überwältigen mich
-ganz mit ihrer Güte und zeigen, daß es weise war, Freundschaften
-mit Männern meines Ranges zu pflegen, vor
-allem religiöse Menschen zu Freunden zu wählen. Die
-Großen und Edlen behandeln mich jetzt alle mit Achtung,
-weil sie sehen, daß ich unabhängig von ihnen bin, und
-einige, glaube ich, fühlen eine wahre Anhänglichkeit an
-mich. &ndash; Ferner habe ich Gaben genug, um mir Ansehen
-zu erwerben, wie durch die natürliche Gabe, öffentlich zu
-reden, obwohl mich mein Augenübel leider beim Studieren
-wie beim Schreiben hindert. &ndash; Ferner bin ich zu einem
-Werkzeuge gemacht worden, viel geistliches Gute durch mein
-Werk über das Christentum zu stiften. Wie viele haben
-mir mitgeteilt, es sei für sie das Mittel gewesen, daß sie
-sich Gott zugewendet haben!«</p>
-
-<p>Aber wie weit entfernt ist Wilberforce von Stolz und
-Selbstüberhebung bei dieser Aufzählung der ihm verliehenen
-Gaben und der von ihm geübten Wirksamkeit! Wie sieht
-er vielmehr alles als Gnadengaben und Gnadenwirkungen
-von oben herab an und gibt in tiefster Demut dem Herrn
-allein die Ehre dafür!</p>
-
-<p>»Und das alles,« so bekennt er, »dauert nun schon
-so lange, obgleich ich Gott so viele Ursache gegeben habe,
-es mir zu nehmen! Diese zu nennen, gehört nicht hierher,
-aber mein Herz weiß und fühlt sie und wird sie hoffentlich
-immer fühlen. Es ist aber eine große Gnade, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-Gott mich befähigt hat, einen reinen gleichmäßigen äußeren
-Wandel zu führen, sodaß ich meinem christlichen Bekenntnisse
-niemals Schande gemacht habe. Lobe den Herrn,
-meine Seele! Und nun, Herr, will ich mich noch feierlicher
-und entschlossener Dir weihen, und wünsche, noch
-mehr, als ich es je gethan habe, meine Fähigkeiten zu
-Deiner Ehre und in Deinem Dienste anzuwenden.«</p>
-
-<p>Gewiß eine eigentümliche Totenfeier am Begräbnistage
-eines lieben Kindes! Aber wer könnte zweifeln, daß es
-dadurch dem tiefbetrübten Vater möglich wurde, seinen
-großen menschlichen Schmerz unter die Füße zu treten und
-sich zu dem Worte Hiobs aufzuschwingen: »Der Herr hat's
-gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn
-sei gelobt!?«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="IX">IX.</h2>
-</div>
-
-<p>Wie an dieser Tochter, so durfte Wilberforce aber auch
-an seinen übrigen Kindern hohe, heilige Vaterfreude erleben
-und die gottgesegneten Früchte einer Erziehung einernten,
-die von der größten Weisheit und Liebe geleitet
-war und besonders bei den höchsten, heiligsten Herzensangelegenheiten
-stets aus die größte Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit
-drang.</p>
-
-<p>Er wollte nicht, daß seine Söhne in seine eigenen Fußstapfen
-treten und sich auch zu Männern des Parlaments
-heranbilden sollten. Er kannte dazu die Versuchlichkeit
-der öffentlichen Thätigkeit und die Gefahren, welche dieselben
-für das innere Leben hat, viel zu gut aus eigener
-Erfahrung. Vielmehr war es sein inniger Wunsch, daß
-sich seine Söhne, soweit sie sich dazu eigneten, dem Dienste
-der Kirche widmeten, und er durfte auch die große Freude<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-erleben, daß sie diesen heiligen Beruf mit innerer Zustimmung
-und voller Herzensfreudigkeit ergriffen.</p>
-
-<p>Wie sehr er darauf bedacht war, daß ihnen die rechte
-innere Weihe für diesen Beruf zu teil werde, daß sie vor
-allem rechte Männer des Gebets würden, wie er selbst
-zu seinem eigenen täglich verspürten Segen durch Gottes
-Gnade einer geworden war, mag folgende Stelle aus einem
-Briefe an einen seiner Söhne zeigen, der in Cambridge
-seinen Studien oblag:</p>
-
-<p>»O mein teuerster Sohn,« schreibt er, »was gäbe ich
-darum, Dich als ein Licht in der Welt zu sehen! Der Gedanke
-daran lockt mir Thränen in die Augen und macht
-mich fast unfähig, fortzuschreiben. Mein teuerster Sohn,
-stecke dein Ziel hoch, strebe danach, ein Christ zu werden
-im vollsten Sinne des Wortes! Wie wenig weißt Du,
-zu welchem Dienste Dich Gott berufen kann! Die Jünglinge
-unserer Tage sind nicht in Gefahr, dem Feuer und
-Schwerte ausgesetzt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt
-zu werden; aber die Folge dieser Sicherheit ist, daß sie
-sich auch nicht auf die mildere Form der Verfolgung vorbereiten,
-welche zu erdulden sie vielleicht berufen werden.
-Aber alles ist möglich durch's Gebet, möchte ich sagen, und
-warum auch nicht? Denn daß es allmächtig ist, liegt in
-der gnädigen Ordnung Gottes, des Gottes voll Liebe und
-Treue. O darum bete, bete, bete, mein teuerster Sohn.
-Aber bedenke auch wohl, daß Du Deinen inneren Zustand
-nicht nach Deinem Gebete beurteilen darfst, sondern nach
-dessen Wirkung auf Deinen Charakter, Dein Gemüt und
-Deinen Wandel!«</p>
-
-<p>Gott schenkte Wilberforce das große Glück und die
-hohe Freude, daß sein zweiter und dritter Sohn sich zu
-ernsten, tüchtigen Geistlichen entwickelten und es wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-ihm vergönnt, sie beide noch vor seinem Tode in Amt
-und Würden zu sehen und mit eigenen Augen wahrzunehmen,
-daß sie ihr heiliges Amt ganz in dem Geiste
-führten, wie er es für nötig hielt, und mit der Treue und
-Gewissenhaftigkeit, für die sie in ihrem Vater das beste,
-leuchtendste Vorbild hatten. Der eine von ihnen wurde
-Vikar in East Forleigh in der Grafschaft <span id="corr135">Kent</span>, der andere
-Rektor in Brighstone auf der Insel Wight. Für diejenigen
-Leser, welche mit den kirchlichen Verhältnissen in
-England weniger vertraut sind, sei dazu bemerkt, daß das
-Amt eines Vikars ebenso wie das eines Rektors ziemlich
-gleichbedeutend mit dem Amte unserer Pfarrer ist, nur
-mit dem Unterschiede, daß der Rektor seine eigene Gemeinde
-hat, während der Vikar eine der vielen Pfarreien, die den
-hohen englischen Geistlichen übertragen zu werden pflegen,
-verwaltet, jedoch ebenfalls ganz selbstständig.</p>
-
-<p>Seinen ältesten Sohn mußte Wilberforce sich der
-Landwirtschaft widmen lassen; denn seine schwächliche Gesundheit,
-besonders eine schwache Brust machten ihn für
-das Pfarramt untüchtig. Dagegen trat der jüngste wieder
-in die Fußstapfen seiner beiden vor ihm stehenden Brüder,
-und auch ihn durfte Wilberforce, ehedenn er starb, auf
-dem besten Wege sehen, ein treuer Diener der Kirche zu
-werden.</p>
-
-<p>Je mehr Wilberforce die Schwächen des Alters bei
-sich eintreten sah &ndash; und sie traten bei seinem schwächlichen
-Körper ungewöhnlich frühe ein &ndash; desto mehr enthielt er
-sich längerer Reden im Parlamente, die er vielmehr seinen
-jüngeren Freunden überließ. Allein um so kräftiger und
-auf noch weitere Kreise wirkte er dafür durch Schriften,
-welche er verfaßte.</p>
-
-<p>So gab er im Februar 1823 wieder eine Schrift über<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-die Sklavensache heraus, worin er, gestützt auf die reichen
-Erfahrungen eines fast 35jährigen Kampfes in dieser
-Sache, die grausame Behandlungsweise beleuchtete, welche
-die Neger noch immer in der Sklaverei zu erdulden hatten,
-aber auch zugleich schlagend nachwies, wie nötig es sei,
-für den religiösen Unterricht der Sklaven zu sorgen, ihnen
-zu einem gesicherten Familienleben zu verhelfen und so
-ihrer Freilassung vorzuarbeiten, die ja doch einmal kommen
-werde und müsse.</p>
-
-<p>Der Erzbischof von Dublin war von dieser Schrift
-so begeistert, daß er ausdrücklich Wilberforce seinen Dank
-bezeugte und ihm sagte: »Dieser Zusatz zu den edlen Anstrengungen,
-welche <span id="corr136">Sie</span> mit solcher Ausdauer für jenen so
-grausam behandelten Teil der gemeinsamen Kinder des
-Einen großen Vaters gemacht haben, wird von dem Segen
-begleitet sein, der solchen Arbeiten christlicher Liebe niemals
-ausbleibt.«</p>
-
-<p>Ja ein westindischer Sklavenhalter fühlte sich beim
-Durchlesen der Schrift so ergriffen von ihrem Inhalte,
-daß er erklärte, wenn es auch sein ganzes Vermögen
-kosten sollte, dieses willig hingeben zu wollen, damit seine
-armen Neger nicht allein zur Freiheit der Europäer,
-sondern auch zur Freiheit der Christen gebracht würden.</p>
-
-<p>Nachdem Wilberforce am 19. März 1823 eine aus
-der Sekte der Quäker hervorgegangene Bittschrift um
-Aufhebung des Sklavenhandels ins Parlament eingebracht
-und warm befürwortet hatte, schlug sein Freund Buxton,
-der jetzt die gemeinsame Sache im Parlamente führte,
-einen Beschluß vor, die Sklaverei überhaupt für unvereinbar
-mit dem Christentum, wie auch mit der englischen
-Verfassung zu erklären, ohne daß er jedoch die Annahme
-dieses Beschlusses durchsetzen konnte. Es war indessen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-damit der offene Kampf gegen die Sklaverei überhaupt
-und für die völlige Aufhebung derselben im Parlamente
-begonnen.</p>
-
-<p>Als im weiteren Verlaufe des Jahres 1823 die Minister,
-um doch ihrerseits etwas zu thun und ihren guten
-Willen zu beweisen, das Los der Sklaven mildern zu
-helfen, das Verbot erließen, daß die Aufseher der Negersklaven
-in den westindischen Kolonien fortan die gewaltige
-Peitsche nicht mehr immer bei sich trügen, von der die
-Sklavenhalter behauptet hatten, daß sie nicht sowohl zu
-grausamen Züchtigungen gebraucht würde, als vielmehr
-nur das Zeichen sei, woran die Neger ihre Aufseher erkannten,
-war in den Kolonien wieder ein Sklavenaufstand
-ausgebrochen. Die Sklaven hatten nämlich von diesem
-Verbote gehört und warteten vergeblich darauf, daß es
-auch beachtet würde; denn die Regierungen der Kolonien
-wagten nicht, dasselbe zu veröffentlichen. Die Sklaven
-sahen nun natürlich ihre Herren, die Pflanzer als diejenigen
-an, welche die wohlmeinenden Absichten des englischen
-Ministeriums für sie hintertrieben, hatten auch wohl das
-Verbot der Peitsche, welche für sie das große Zeichen der
-Sklaverei war, irrtümlich so aufgefaßt, als ob damit die
-ganze Sklaverei verboten sei, und erhoben sich deshalb
-gegen die Pflanzer in einem Aufstande, worin etliche
-Weiße das Leben verloren.</p>
-
-<p>Wilberforce, befürchtend, daß dadurch die Sklavensache
-wieder in Nachteil käme, konnte es sich trotz seiner Körperschwachheit
-nicht versagen, als Redner aufzutreten und
-tadelte das Verbot der Peitsche als eine unvorsichtige
-Maßregel, wodurch bei den gänzlich daraus unvorbereiteten
-Schwarzen unbegründete und zu weit gehende Hoffnungen
-erweckt worden seien, die fast mit Notwendigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-zu dem Aufstande hätten führen müssen. Er erklärte alle
-halbe Maßregeln dieser Art für nutzlos, ja gefährlich und
-forderte das Parlament in der eindringlichsten Weise auf,
-schleunig und fest vorzugehen.</p>
-
-<p>»Ich fürchte«, sagte er, »wenn die Neger an der
-Hülfe durch das englische Parlament verzweifeln, so werden
-sie ihre Sache in die eigene Hand nehmen und immer
-wieder aufs neue versuchen, ihre Befreiung auf gewaltsamem
-Wege selber herbeizuführen.«</p>
-
-<p>Trotzdem, daß er sich durch diese Rede eine heftige
-Lungenentzündung zugezogen hatte, trat er doch, kaum genesen,
-noch einmal im Parlamente auf, um die Behauptung
-der Sklavenhalter zu entkräften, daß die Freilassung
-der Sklaven, die jetzt gefordert werde, für sie das unausbleibliche
-Verderben sein würde, und wiederholte die von
-ihm ausgesprochene Befürchtung, die soeben mit seinen
-eigenen Worten erwähnt wurde.</p>
-
-<p>»Möge es Gott gefallen«, so schloß er, »meine Befürchtungen
-zu schanden zu machen und den Ausgang günstiger
-zu gestalten, als ich befürchte!«</p>
-
-<p>Dies waren die letzten Worte, welche er im Parlamente
-über seine Sache redete, denn die eben erst überstandene
-Krankheit machte es ihm zur unbestreitbaren Gewißheit,
-daß er jetzt seine öffentliche Wirksamkeit als Parlamentsredner
-gänzlich aufgeben müsse. Als ihn auf einer
-kleinen Reise zum Besuche eines Freundes ein wiederholter
-Anfall der Lungenentzündung heimsuchte, verließ er London
-und zog sich auf einen stillen Landsitz zurück, um fortan
-seine noch übrige Lebenskraft ganz der Schriftstellerei und
-seiner Familie zu widmen.</p>
-
-<p>Vergebens setzten ihm diejenigen seiner Freunde, welche
-seine persönlichen Verhältnisse nicht genug kannten, zu,<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-diesen Schritt nicht zu thun; vergebens bot man ihm an,
-ihm zu einem Sitze im Oberhause zu verhelfen, um nur
-ihn und seine reiche Erfahrung in den Dingen des öffentlichen
-Lebens nicht ganz entbehren zu müssen: wie er es
-früher als heilige Pflicht erkannt hatte, seine ganze Kraft
-an die übernommene Thätigkeit zu setzen, so erkannte er
-es jetzt, wo diese Kraft in sichtlicher Abnahme begriffen
-war, ebensowohl als heilige Pflicht, zurückzutreten und
-jüngeren, rüstigeren Kräften das Feld zu räumen.</p>
-
-<p>»Ich habe schon lange beabsichtigt«, schrieb er in sein
-Tagebuch am 1. Februar 1825, »mich zurückzuziehen, sobald
-die Zeit dieses Parlaments zu Ende wäre; daher ist
-nur zu überlegen, ob ich es jetzt thun soll, oder am Schlusse
-der nächsten Sitzung. Die Frage ist also, ob eine beschränkte
-Teilnahme an dieser Sitzung mir soviel Aussicht
-zur Wirksamkeit gibt, um mich zu einem Verbleiben im
-Parlamente bis zu dessen Ende zu berechtigen. Der Arzt
-scheint es nicht für notwendig zu halten, mir die Teilnahme
-gänzlich zu untersagen, aber er äußerte die Furcht,
-daß ich, wenn eine Krankheit eintreten sollte, nicht Kraft
-genug haben würde, sie zu überstehen. Hätte ich nun
-keine andere Bahn für meine Thätigkeit, so möchte es,
-oder vielmehr: würde es unrecht sein, es nicht auf die
-Gefahr ankommen zu lassen. Aber erstens hoffe ich, meine
-Feder mit Vorteil anwenden zu können, wenn ich mich in
-das Privatleben zurückgezogen habe, und zweitens ist mein
-Leben gerade jetzt von besonderem Werte für meine Familie.
-Alle meine Kinder stehen in solchen Lebensabschnitten
-und Verhältnissen, welche es dem Anscheine nach
-äußerst wünschenswert machen, daß ich ihnen noch erhalten
-werde. Man entbehrt mich jetzt nicht sehr im Parlamente;
-unsere Sache hat mächtige Verteidiger, welche ihre Stellungen<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-eingenommen haben. Das Beispiel eines Mannes,
-welcher sich zurückzieht, wenn er fühlt, daß seine körperlichen
-und geistigen Kräfte schwächer werden, kann nützlich
-erscheinen. Das Publikum ist so sehr daran gewöhnt,
-Männer einen lang fortdauernden Sitz im Parlamente
-zur Erlangung eines höheren Ranges benützen zu sehen,
-daß ein entgegengesetztes Beispiel um so nötiger ist und
-von einem Solchen gezeigt werden muß, welcher bekennt,
-nach christlichen Grundsätzen zu handeln.«</p>
-
-<p>Wie man über die Wirksamkeit dachte, welche Wilberforce
-im Parlamente und auf das Parlament geübt hatte,
-mag folgende Stelle aus einem Freundesbriefe zeigen:</p>
-
-<p>»Mit vielem Bedauern, obgleich, wie ich sagen kann,
-nicht mit großer Verwunderung höre ich von Ihrer Absicht,
-sich vom Parlamente zurückzuziehen. Es wird ein
-schmerzlicher Verlust für ihre zahlreichen Freunde und für
-den Staat sein, aber es ist wohl ein weiser Entschluß in
-Beziehung auf Sie selbst. Es muß Ihnen die Bemerkung
-sehr zur Zufriedenheit gereichen, daß der sittliche
-Ton des Unterhauses sowohl wie der Nation im allgemeinen
-viel höher ist, als da <span id="corr140">Sie</span> zuerst in das öffentliche
-Leben eintraten. Es kann kein Zweifel sein, daß Gott
-Sie zu dem geehrten Werkzeuge gemacht hat, viel zu dieser
-großen Verbesserung beizutragen. Es gibt, hoffe ich, einige
-viel versprechende junge Männer, die auftreten werden;
-aber ach! jetzt keinen, welcher Ihren Platz einnehmen
-könnte. Ich wollte es gäbe mehrere Elisas, auf welche
-Ihr Mandat fiele (NB. man vergleiche 2. Könige 2, 13&ndash;15).
-Das Gebet von Tausenden wird Ihnen in das Privatleben
-folgen, und das meinige wird fortwährend darauf
-gerichtet sein, daß Ihr wertvolles Leben bis zu den spätesten<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Zeiträumen als ein Segen für Ihre Familie, für
-die Kirche Gottes und für die Welt möge erhalten bleiben!«</p>
-
-<p>Wilberforce beschloß nun, London ganz zu verlassen
-und kaufte sich ein Gut, 10 Meilen nördlich von der
-Stadt, Highwood Hill genannt, um hier fortan in aller
-Stille und Ruhe bis an das Ende seiner Tage zu leben.
-Er hatte jedoch auch hier nicht in dem Maße, wie er es
-gehofft hatte, völlige Freiheit, über seine Zeit zu verfügen.
-Dazu gab es zu viele Freunde, von denen er sich nicht
-nicht ganz zurückziehen wollte, und die ihn, auch wenn er
-dies gewollt hätte, ihrerseits nicht losgelassen hätten, mit
-denen also ein fortgesetzter Briefwechsel unterhalten sein
-wollte; dazu gab es zu viele Gelegenheiten, mit Rat und
-That einzutreten, wo es sich um die Förderung des Reiches
-Gottes handelte, denen er sich nicht entziehen konnte und
-wollte.</p>
-
-<p>So suchte er, als man in London eine Schule für
-höheren Unterricht der Handwerker, also etwa eine Schule
-nach Art unserer heutigen »Fortbildungsschulen«, einrichten
-wollte, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß ja
-auch der Unterricht in der Religion in den Lehrplan aufgenommen
-würde, weil es unverantwortlich sei, daß man
-die Jugend in dieser höchsten und wichtigsten Sache ohne
-Unterricht lassen wolle.</p>
-
-<p>Nicht minder bemühte er sich darum, daß an der Universität
-zu London, die jetzt neu gegründet werden sollte,
-ein besonderer Lehrstuhl für Vorlesungen über die Religion
-errichtet werde, welche jeder Student besuchen
-müsse, zog aber die Unterschrift seines Namens, welche
-er unter eine zu diesem Zwecke abgefaßte Bittschrift
-gesetzt hatte, wieder zurück, als man den Besuch der fraglichen<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-Vorlesungen in das Belieben jedes einzelnen Studenten
-setzen wollte.</p>
-
-<p>Begreiflicherweise aber war und blieb seine ganze,
-volle Teilnahme nach wie vor der Sklavensache zugewendet.
-Wenn es sich um diese handelte, ließ er sich sogar bewegen,
-in öffentlichen Versammlungen den Vorsitz zu führen,
-was er sonst überall ablehnte. Nur wollte er nichts
-von »Frauen-Vereinen« zur Unterdrückung der Sklaverei
-hören, wie man sie jetzt von verschiedenen Seiten her ins
-Leben zu rufen suchte. Sein klares, nüchternes Urteil
-entschied sich dafür, daß es der Frau zwar wohl anstehe,
-wenn sie im stillen für die gute Sache wirke, »aber«, so
-sagte er, »wenn Frauen öffentliche Versammlungen veranstalten,
-Schriften veröffentlichen, von Haus zu Haus
-gehen, um Bittschriften zustande zu bringen, so sind das
-Beschäftigungen, die mir unpassend erscheinen für den
-weiblichen Charakter, wie er uns in der heiligen Schrift
-gezeichnet worden ist.«</p>
-
-<p>Trotz seiner 68 Jahre und seiner hinfälligen Gesundheit
-unternahm Wilberforce im Jahre 1827 eine längere
-Reise in das nördliche England, besonders durch die Grafschaft
-Yorkshire. Er wollte vor seinem Tode noch einmal
-die Gegend besuchen, welcher er seine beste Lebenszeit und
--kraft gewidmet hatte und noch einmal den vielen Freunden,
-die er dort besaß, die Hand zum Abschiede drücken,
-auch wohl da und dort noch ein gutes heilsames Wort
-anbringen. Aber er fand von vielen seiner dortigen
-Freunde nur die Gräber und schrieb deshalb voll Wehmut
-an seine langjährige, nun 82 Jahre alte Freundin
-Hannah More: »Meine Freunde fallen täglich um mich
-her, die Begleiter meiner Jugend, damals weit stärker
-und weit gesunder als ich, sind fort, während ich noch<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-bleibe. Was für eine Spanne Zeit uns auch übrig sein
-mag, möchten wir beide die noch kommenden Tage zur
-Vorbereitung auf den letzten verwenden.«</p>
-
-<p>Und das that er seinerseits treulich während der Jahre,
-die er nun in Ruhe und Gleichförmigkeit auf seinem
-Highwood Hill verlebte. Nicht als ob er sich jetzt von
-allem geselligen Leben vollständig zurückgezogen und jenem
-trüben, finsteren Geiste gänzlicher Weltflucht sich überlassen
-hätte, den so viele fälschlich für die höchste Blüte des
-wahren Christentums ansehen, weil sie selber noch nichts
-wissen von wahrem Frieden und wahrer Freude im heiligen
-Geiste, die es möglich machen, das Apostelwort zu
-befolgen: seid allezeit fröhlich. Nein Wilberforce liebte
-auch jetzt noch ein heiteres, geselliges Leben und fand
-seine Freude daran, wußte aber freilich die geselligen
-Unterhaltungen auch so zu führen, daß sie für das innere
-Leben jedes Teilnehmers daran förderlich werden mußten,
-indem er aus den Erfahrungen seines reichen Lebens wie
-ein guter Haushalter altes und neues hervorbrachte.
-Übrigens war seine Zeiteinteilung eine durchaus geregelte
-und seine ganze Lebensweise eine durchaus einfache, seinen
-Jahren angemessene.</p>
-
-<p>Bald nach 7 Uhr morgens pflegte er im Sommer wie
-im Winter aufzustehen, und dann über eine Stunde auf
-seinem Zimmer mit Selbstbetrachtung, Gebet und Lesen
-des göttlichen Wortes zuzubringen. Während er sich für
-den Tag ankleidete, ließ er sich vorlesen, um ja keine Zeit
-für den Geist unbenutzt zu lassen. Um halb 10 Uhr traf
-er mit den seinigen zur Familienandacht zusammen. Diese
-selber abzuhalten, ließ er sich nicht nehmen, auch wenn
-seine Gesundheit nicht die beste war. Er las dann einen
-Abschnitt aus der heiligen Schrift vor, gewöhnlich aus<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-dem Neuen Testamente, erklärte ihn mit heiligem Ernste
-und mit Worten, die vom heiligen Geiste gelehrt waren,
-und schärfte ihn mit wunderbarer Beredtsamkeit ein.</p>
-
-<p>Nach dieser Andacht, die etwa eine halbe Stunde
-dauerte, ging er, wenn es das Wetter irgendwie erlaubte,
-in den Garten, um sich an den Schönheiten der Natur
-zu erfreuen und sich die dafür so empfängliche Seele noch
-mehr zum Preise des Schöpfers stimmen zu lassen. Das
-Frühstück pflegte er auch jetzt spät einzunehmen, wie er
-sich schon längst gewöhnt hatte, um eine möglichst lange,
-ungestörte Arbeitszeit vor demselben zu haben. Aber desto
-länger verweilte er dann am Frühstückstische und ließ
-hier seine reiche, köstliche Gabe der Unterhaltung oft so
-in Fluß kommen, daß es 12 Uhr wurde, ehe er aufstand,
-besonders wenn er Besuch von lieben Freunden hatte, mit
-welchen er sich innerlich eins wußte und über die höchsten
-Lebensfragen frei und offen besprechen konnte.</p>
-
-<p>Bis 3 Uhr Nachmittags zog er sich wieder zurück, um
-zu studieren oder Briefe zu schreiben, und erging sich dann
-bei gutem Wetter noch ein Stündchen im Garten, am
-liebsten in Gesellschaft mit seinen guten Freunden oder
-auch nur von seinem Vorleser, und, wenn er alleine war,
-gewöhnlich ein Liedchen vor sich hinsingend, das von der
-freudigen Stimmung seines Herzens Kunde gab.</p>
-
-<p>Nach der Hauptmahlzeit, welche nach englischer Sitte
-erst um 5 Uhr Nachmittags, aber nie später, stattfand,
-legte er sich auf anderthalb Stunden nieder, um für den
-Abend, welcher in England stets dem geselligen Leben,
-wenn auch nur im engen Kreise der Familie gewidmet
-wird, neue Kräfte zu sammeln. Zuweilen arbeitete er
-nach der Ruhe noch eine Zeit lang bis zur Abendandacht,
-welche ebenso wie die Morgenandacht gehalten wurde,<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-häufiger aber begab er sich sogleich wieder in den Kreis
-der Familie, wo denn der Abend oft bis nach Mitternacht
-mit Vorlesen, Erzählen und Gespräch zugebracht wurde.</p>
-
-<p>Die schönste Zeit im Jahre war die Weihnachtszeit,
-welche stets alle seine Kinder um ihn versammelte, und
-die er, sich ganz von der Arbeit losmachend, immer im
-Schoße seiner Familie verbrachte. Da konnte er mit
-seinen Kindern, solange sie noch klein waren, spielen wie
-ein Kind; aber er ließ es auch freilich nicht daran fehlen,
-den schon mehr erwachsenen Kindern ein Wegweiser zu
-dem zu werden, der da arm ward um unseretwillen,
-auf daß wir durch seine Armut reich würden.</p>
-
-<p>Waren einmal in späteren Jahren zwischen seinen
-Kindern, wie das ja wohl nirgends ganz ausbleibt, Verstimmungen
-und Entfremdungen eingetreten, so wußte er
-dieselben mit lindem Wort und liebreicher väterlicher Mahnung,
-oder noch lieber, wenn das hinreichte, mit einem
-witzigen Scherze wegzuschaffen, und setzte darein einen
-hohen Wert der jährlichen, weihnachtlichen Familienzusammenkünfte,
-daß sie die gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit
-zwischen Eltern und Kindern sowohl, wie zwischen
-den Geschwistern so lieblich förderten.</p>
-
-<p>»Unsere lieben Kinder«, schreibt er einmal nach solch
-einem gesegneten Familienfeste, »leben in vieler Einigkeit.
-Was für Grund zur Dankbarkeit habe ich, wenn ich meine
-fünf Kinder, meine Schwiegertocher und meine beiden Enkel
-um den Tisch versammelt sehe! Lobe den Herrn, o meine
-Seele!«</p>
-
-<p>Indessen blieben diese Jahre der Ruhe und des glücklichen
-Stilllebens in Highwood Hill nicht ohne jede Trübung;
-ja der Feierabend seines Lebens sollte für Wilberforce
-nicht ohne schwere Prüfungen verlaufen, damit er<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-das Sehnen nach der himmlischen Heimat immer völliger
-in sein Herz kommen lasse, wo kein Leid, kein Geschrei,
-keine Schmerzen mehr sein sollen.</p>
-
-<p>In Highwood Hill selbst war keine Kirche, deren
-regelmäßiger Besuch doch für unsern Wilberforce ein wesentlicher
-Bestandteil seiner Sonntagsfeier war. Der Umstand,
-daß die nächste Kirche 3 Meilen weit entfernt war,
-würde ihn sicherlich vom Kaufe des Gutes abgehalten
-haben, wenn nicht der Bau einer neuen Kirche bereits so
-gut wie beschlossene Sache gewesen wäre. Um den Bau
-zu beschleunigen, erklärte sich Wilberforce gegen den Geistlichen
-des Kirchspiels sofort nach dem Antritte seines Gutes
-bereit, die Kosten des Baus teils aus eigenen, teils aus
-Mitteln, zu deren Hergabe er Freunde willig machen
-wolle, zu bestreiten. Um dem Geistlichen in allen Stücken
-entgegen zu kommen, ging er sogar auf dessen Wunsch
-ein, daß die neue Kirche nicht in Highwood Hill selbst,
-sondern eine halbe englische Meile entfernt in einem kleinen
-Weiler erbaut werden möge.</p>
-
-<p>Gleichwohl aber trat der Geistliche aus irgend einem
-unbekannten Grunde gegen Wilberforce in Widerstreit
-und griff ihn öffentlich, sogar in seinen Predigten, als
-einen eigennützigen, selbstsüchtigen Menschen an, der nur
-seinen eigenen Vorteil, nicht aber das Wohl der Gemeinde
-im Auge habe. Und wirklich, der ehrwürdige, selbstverleugnungsvolle
-Greis sah sich jetzt in seinem 70ten Lebensjahre
-genötigt, gegen die wider ihn geschleuderten gehässigen
-Verleumdungen öffentlich sich zu verteidigen, und der
-Bau der Kirche verzögerte sich von Monat zu Monat.</p>
-
-<p>Tiefer und einschneidender in sein Schicksal wurde
-jedoch für Wilberforce ein anderes Erlebnis.</p>
-
-<p>Wilberforce hatte sich, wie wir schon erwähnt haben,<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-von jeher gewöhnt, sich nur als Gottes Haushalter über
-das ihm anvertraute irdische Gut zu betrachten und dasselbe
-deshalb in reichem, manchmal überreichem Maße
-zu Werken der Wohlthätigkeit verwandt. Er war der
-Ansicht, daß auch seinen Kindern mehr Segen für ihre
-Zukunft daraus erwachsen würde, als wenn er bemüht
-wäre, das Familienvermögen zu vermehren und tote Schätze
-zusammenzuhäufen.</p>
-
-<p>Nun hatte er für seinen ältesten Sohn, der sich
-wegen seiner schwachen Gesundheit der Landwirtschaft
-gewidmet hatte, ein ansehnliches Gut kaufen lassen
-und sich dabei arglos in die Hände eines Unterhändlers
-gegeben, dem er volles Vertrauen glaubte schenken zu
-dürfen. Allein dieser ward zum Schelm an ihm, und
-brachte es durch seine Betrügereien und Kniffe dahin, daß
-Wilberforce einen sehr beträchtlichen Teil seines Vermögens
-verlor. Der Verlust war so bedeutend, daß er sich
-entschließen mußte, sein schönes Highwood Hill aufzugeben
-und seine ganze bisherige Lebensweise bedeutend einzuschränken.</p>
-
-<p>Zwar erboten sich seine Freunde, als sie dies vernahmen,
-auf der Stelle ihm seinen Verlust zu ersetzen und
-selbst ein »Westindier«, der ihn trotz seiner Gegnerschaft
-in der Sklavensache persönlich hochachtete, machte ihm dahin
-zielende Anerbietungen; aber Wilberforce glaubte auf
-diese Anerbietungen, so wohl sie ihm auch innerlich thun
-mochten, nicht eingehen zu dürfen, sondern vielmehr seine
-Lebensweise nach seinen jetzigen Vermögensverhältnissen
-einrichten zu müssen.</p>
-
-<p>Seine innere Heiterkeit blieb übrigens dabei ganz unangetastet,
-ja er pries die Vorsehung dafür, daß dieser
-Schlag nicht eher eingetreten sei, als jetzt, wo alle seine<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Kinder soweit erzogen waren und größtenteils schon eine
-gesicherte Lebensstellung hatten.</p>
-
-<p>Er beschloß, mit seiner Gattin abwechselnd, bei seinem
-zweiten und dritten Sohne, die ja beide schon im Amte
-standen, Wohnung und Aufenthalt zu nehmen, und, wenn
-er es auch bedauerte, seinen lieben Garten aufgeben zu
-müssen, sowie die Möglichkeit, werte Freunde unter seinem
-eigenen Dache zu beherbergen, so freute er sich doch andrerseits
-sehr, nun der zarten Liebeserweisungen kindlicher
-Anhänglichkeit und Dankbarkeit unausgesetzt genießen zu
-können. Als er sich von einem kleinen Unwohlsein wiedererholt
-hatte, sagte er: »Ich kann kaum begreifen, warum
-mein Leben so lange erhalten wird, es sei denn, damit
-ich beweisen kann, daß ein Mensch ebenso glücklich sein
-kann ohne als mit Vermögen.«</p>
-
-<p>Das Scheiden von Highwood Hill wurde aber für
-Wilberforce noch durch einen harten Schlag erschwert, der
-ohne Zweifel die ihn am meisten erschütternde Heimsuchung
-seines Greisenalters war. Es starb ihm nämlich, als er
-sich eben von der lieblichen Stätte losgerissen hatte, welche
-der Ruheplatz für seine letzten Lebenstage hatte werden
-sollen, seine einzige noch übrige Tochter. Zwar konnte
-er auch von ihr mit innigem Danke gegen Gott »eine
-heilige, ruhige, demütige Zuversicht zu ihrem Heilande«
-rühmen, »mit der sie sich gleichsam auf den Arm ihres
-Erlösers lehnte«, aber es war doch für das Vaterherz
-etwas unsäglich Bitteres, noch einmal einem teuren Kinde
-in das frühe Grab sehen zu müssen, und in den trauten
-Kreis seiner Familie, worin er sich wohl fühlte, eine
-empfindliche Lücke gerissen zu sehen.</p>
-
-<p>Wie rasch sich übrigens Wilberforce in das veränderte
-Leben eingewöhnte, und wie wohl es ihm dabei war, zeigt ein<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-Brief an seinen Freund und Schwager Stephen. »Wir
-befinden uns«, so schreibt er aus dem Pfarrhause des
-einen Sohnes, »hier jetzt ungefähr 6 Wochen. Wie viel
-mehr Ursache habe ich, mich zu freuen, als über einen
-Verlust zu klagen, der einen solchen Erfolg gehabt hat!
-Wir sind unter das Dach unserer teueren Kinder gekommen;
-wir sind Zeugen, wie sie ein großes häusliches Glück genießen
-und gewissenhaft die Pflichten des wichtigsten Berufes
-erfüllen.«</p>
-
-<p>Die Gebrechen des Alters stellten sich bei Wilberforce,
-wie er öfters mit herzlichem Danke gegen Gott erwähnte,
-nur langsam ein und ohne die schmerzhaften Leiden, die
-sich so oft damit verbinden. Es war im wesentlichen nur
-ein größeres Bedürfnis von Ruhe, welches sie herbeiführten
-und dieses Bedürfnis konnte er sich in den stillen Pfarrhäusern
-seiner Söhne besser befriedigen, als es in Highwood
-Hill möglich gewesen wäre, dessen nähere Lage bei
-London auch häufigere Besuche seiner Freunde wie Solcher,
-die Rat bei ihm suchen wollten, gebracht haben würde.
-Aber, wie groß auch sein Ruhebedürfnis war, er vergaß
-es doch gänzlich und zeigte sich noch stets als einen sehr
-unterhaltenden Gesellschafter, wenn ihn Freunde besuchten,
-ja konnte noch in wahrhaft jugendliches Feuer geraten,
-wenn es galt, jemand, der ihn besuchte, auf das Eine,
-was not ist, hinzuweisen und ihn von den Irrtümern
-seines Weges zu überzeugen.</p>
-
-<p>Ebenso wurde er stets tief ergriffen und zu feuriger
-Begeisterung entflammt, wenn auf die Sklavensache die
-Rede kam, und wenn es sich darum handelte, die Notwendigkeit
-der völligen Abschaffung der Sklaverei zu beweisen.</p>
-
-<p>Als ein Bild von ihm gemalt werden sollte, und der<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-Maler, der ihn nicht als den müden, altersschwachen Greis
-abkonterfeien wollte, als welcher er jetzt erschien, begehrte,
-man möge ihm irgend eine geistige Anregung zu verschaffen
-suchen, da genügte es, daß jemand die Bemerkung fallen
-ließ, nach den neuesten Nachrichten würden die Sklaven
-in Westindien jetzt doch weit besser als früher behandelt.
-Sofort regte sich da in Wilberforce der heilige Eifer, dies
-aus den neuesten Nachrichten, die er selber besaß, zu bestreiten
-und es entspann sich eine so belebte Unterhaltung,
-daß der Maler von ihm ein Bild gewann, wie er es
-haben wollte, und wie es auch sein mußte, um ihn in
-voller Lebenswahrheit darzustellen.</p>
-
-<p>Als im April 1833 zu Maidstone, dem Hauptorte der
-Grafschaft Kent, in der er sich gerade jetzt bei seinem
-Sohne in East Farleigh befand, eine Versammlung gehalten
-wurde, worin eine Adresse gegen die Sklaverei beschlossen
-werden sollte, ließ sich Wilberforce, obwohl er seit
-zwei Jahren nicht mehr öffentlich gesprochen hatte, doch
-nicht zurückhalten, die Versammlung zu besuchen und nicht
-allein als der erste die zu stande gekommene Adresse zu
-unterschreiben, sondern auch, obwohl nur mit schwacher
-Stimme für die heilige Sache zu sprechen, deren begeisterter
-Vorkämpfer er so lange Jahre hindurch gewesen war.
-Und wie freute er sich mit einer heiligen Freude, zu spüren,
-daß die öffentliche Meinung auf dem Punkte angekommen
-sei, wohin sie zu führen die letzte Anstrengung seines
-öffentlichen Lebens gewesen war! Denn in der ganzen
-großen Versammlung war niemand, der daran gezweifelt
-hätte, es müsse auf eine vollständige Beseitigung aller
-Sklaverei gedrungen werden.</p>
-
-<p>Wie gerne gab er seine Zustimmung dazu, daß selbst
-eine Entschädigung von 20 Millionen Pfund Sterling<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-(= 400 Millionen Mark), welche an die Sklavenbesitzer
-sollte bezahlt werden, dem Lande aufgebürdet werde.</p>
-
-<p>Wie zuversichtlich schrieb er am Anfange des neuen
-Jahres an einen alten Freund und Kampfgenossen: »Ich
-wünsche Ihnen Glück, in ein Jahr eingetreten zu sein,
-das sich, wie ich zuversichtlich hoffe, dadurch auszeichnen
-wird, daß Sie sehen, wie dem mit Fluch beladenen Sklavenhandel
-der letzte tötliche Schlag gegeben, und die Freilassung
-der westindischen Sklaven endlich zu stande gebracht
-wird!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="X">X.</h2>
-</div>
-
-<p>Hatte Wilberforce bisher schon, wenn er von dem
-Tode solcher vernahm, die ihm lieb und wert gewesen
-waren, immer an den eigenen Tod gedacht und sich nicht
-gegen die Mahnung verschlossen, die noch übrige Lebenszeit
-zur Vorbereitung auf denselben zu benutzen, so mußte
-ihm jetzt, wo er seine Lebenskraft von Tag zu Tage abnehmen
-fühlte, dieser Gedanke noch näher treten, diese
-Mahnung noch wichtiger werden.</p>
-
-<p>Und es sollte jetzt auch in der That rasch mit seinem
-Leben zu Ende gehen. Als der 74jährige Greis im April
-1833 seinen auf der Insel Wight angestellten Sohn besuchen
-wollte, wurde er von der Grippe befallen, die ihn
-schon öfters heimgesucht hatte, von der er aber immer in den
-heilsamen Bädern von Bath Heilung gefunden. Auch jetzt
-wurde er von den besorgten Seinigen wieder dorthin gebracht
-und blieb dort 2 ganze Monate. Aber die gehoffte
-Heilung wollte nicht eintreten. Im Gegenteile nahmen
-seine Kräfte zusehends ab, sodaß die Seinigen es für geraten<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-hielten, ihn, ehe seine Kräfte noch weiter schwänden,
-nach London zu bringen und ihn dort der Pflege eines
-berühmten Arztes zu übergeben, der ihn schon einmal von
-der gleichen Krankheit schnell geheilt hatte.</p>
-
-<p>Wilberforce fügte sich dem Wunsche seiner Angehörigen,
-obwohl es ihm selbst unzweifelhaft war, daß er keines
-irdischen Arztes mehr bedürfe. Er wollte sich eben in
-kindlicher Demut allem unterwerfen, was nur irgendwie
-als dem Willen Gottes entsprechend erschien, und dankte
-stets Gott für die Gnade, daß er ihn durch kein härteres
-Leiden prüfe, zumal durch kein solches, wodurch ihm die
-Klarheit des Geistes getrübt worden wäre.</p>
-
-<p>Und wie klar blieb sein Geist! Ja wie gingen ihm
-die Geistesaugen heller und immer heller auf, die eigene
-Sündhaftigkeit und Unwürdigkeit vor Gott zu erkennen,
-aber auch in die Fülle der Gnade Gottes in Christo Jesu
-tiefe, beseligende Blicke zu thun! Immer wieder bezeugte
-er, daß er nicht wert sei der Barmherzigkeit und Treue,
-die Gott an ihm während seines ganzen Lebens gethan
-habe; immer wieder pries er mit den höchsten, begeistertsten
-Worten die Gnade, die ihn das höchste und beste habe
-gewinnen lassen, was es für den Menschen geben könne,
-den inneren Frieden, der in der Erlösung des Sohnes
-Gottes so festen und gewissen Grund habe.</p>
-
-<p>»In Rücksicht auf mich selbst«, sagte er zu einem
-lieben alten Freund, der ihn auf seinem Krankenlager besuchte,
-und ihn auf die zukünftige Herrlichkeit verwies,
-welcher er mit Zuversicht entgegensehen dürfe, »in Rücksicht
-auf mich selbst habe ich nichts so sehr mit Nachdruck
-zu wiederholen als die Bitte des Zöllners: Gott, sei
-mir Sünder gnädig.«</p>
-
-<p>»Wenn ich bedenke, wie viel arme Leute leiden ohne<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-die Bequemlichkeiten, welche ich habe, und die gütigen Freunde,
-welche um mich sind, so bin ich ganz beschämt darüber,
-wie es mir so gut geht.« Das war ein anderes seiner
-tief demütigen, dankerfüllten Worte.</p>
-
-<p>Auch klagte er, wie er denn sein Leben lang sich selber
-nie genug gethan und sich stets für einen unnützen Knecht
-bekannt hatte, jetzt besonders darüber, daß er nicht mehr
-mit denen, die ihm nahe getreten seien, gebetet und sie
-nicht genug auf den rechten Weg gewiesen habe.</p>
-
-<p>Stets waren seine Gedanken dem Heilande zugewandt,
-besonders wenn er Schmerzen hatte. In solch einer Stunde
-sagte er zu seinem Sohne Henry, der an sein Krankenlager
-geeilt war, und dem wir all die schönen Worte aus
-dem Munde des Sterbenden zu verdanken haben, die sich
-seinem Gedächtnisse unauslöschlich einprägten: »Gedenke
-daran, daß unser Heiland vom Himmel gekommen ist,
-und wenn uns ein kleiner Schmerz schon empfindlich ist,
-was hat Er nicht alles erduldet! Gewiß der Gedanke an
-die Leiden unseres Heilandes erregt Staunen und Verwunderung.«</p>
-
-<p>Brachten ihm die zahlreichen Freunde, welche die Parlamentssitzung
-nach London zusammengeführt hatte und die
-es nicht versäumten, den von ihnen allen so hoch Geehrten
-fleißig zu besuchen, zarte Beweise ihrer Aufmerksamkeit
-und Teilnahme dar, so sagte er nachher wohl: »Wie ganz
-anders würden sie mich beurteilen und ansehen, wenn sie
-mich wahrhaft kennten!«</p>
-
-<p>Am Freitage, den 26. Juli ließ sich der Kranke, um
-den herrlichen Sommertag zu genießen, auf seinem Stuhle
-ins Freie tragen; denn seine Schwäche ließ es ihm nicht
-mehr zu, auf den eigenen Füßen das Zimmer zu verlassen.
-Es war der Tag, an dem ein Gesetzesvorschlag<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-wegen völliger Abschaffung der Sklaverei zum zweiten
-Male im Parlamente vorkam und auch zur Annahme
-gelangte. Als ihm die Nachricht davon überbracht und
-mitgeteilt wurde, daß auch die großen Geldopfer, die zur
-Entschädigung der Sklavenhalter für nötig erachtet wurden,
-kein Hindernis der Annahme des Gesetzes geworden seien,
-wie jubelte da der Leidende auf, der nun, was er als
-Jüngling gedacht, als Mann mit rastloser Ausdauer erstrebt
-hatte, vor seinem Ende noch mit dem sehnlich erwarteten
-Erfolge gekrönt sah! Mit welch inniger Dankbarkeit
-erhoben sich seine Blicke hinauf zu dem wolkenlosen
-Himmel, und falteten sich seine Hände bei dem Gebetsrufe:
-»O mein Gott, wie danke ich Dir, daß Du mich
-hast leben und ein Zeuge des Tages sein lassen, an dem
-sich England bereit erklärt hat, 20 Millionen Pfund für
-die Abschaffung der Sklaverei zu geben und sich von dieser
-Schande zu befreien!«</p>
-
-<p>Wie ein stärkender Balsam schien diese Nachricht auf
-ihn zu wirken. Denn er fühlte sich am Abende dieses
-Tages so wohl und heiter, daß man sich schon der Hoffnung
-hingab; es werde doch noch möglich sein, ihn von
-London wegzubringen zu einem seiner Söhne, damit er
-im engsten Familienkreise seine Heimfahrt halte, an deren
-Nähe jetzt kaum mehr zu zweifeln war. Mit besonderer
-Inbrunst nahm er an der Abendandacht teil und freute
-sich der zarten Pflege und Aufmerksamkeit, die ihm alle
-widmeten.</p>
-
-<p>»Was kann ein Mensch«, rief er aus, »zum Schlusse
-seines Lebens mehr wünschen, als von seiner Frau und
-von seinen Kindern gepflegt zu werden, welche alle in
-Freundlichkeit und Liebe gegen ihn wetteifern!«</p>
-
-<p>Jedoch die ungewöhnliche freudige Aufregung dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Tages blieb nicht ohne Rückschlag. Am späten Abende
-stellte sich bei dem Kranken eine große Schwäche ein, und
-der folgende Tag brachte mehrere Schlaganfälle, die sein
-Gedächtnis schwächten und ihm große Leiden verursachten.
-Die Erklärung des Arztes, daß, wenn er diese Anfälle
-überlebe, noch schwerere Leiden, ja eine Störung des Verstandes
-in Aussicht ständen, mußte nun die Seinigen es
-als eine Gnade von Gott erbitten lassen, daß sein Ende
-nicht mehr allzu ferne sein möge.</p>
-
-<p>»Ich bin in einem sehr leidenden Zustande«, klagte er
-am Sonntage in einem Augenblicke, da er ganz hellen,
-lichten Geistes war.</p>
-
-<p>»Ja«, antwortete man ihm, »aber Sie haben ihren
-Fuß auf dem Felsen.«</p>
-
-<p>»Ich wage nicht«, erwiderte er, »dies so bestimmt zu
-behaupten, aber ich hoffe, ich habe ihn darauf.«</p>
-
-<p>Das waren seine letzten vernehmbaren Worte, und
-am Montage, den 29. Juli 1833 frühe morgens 3 Uhr
-hauchte er seinen letzten Seufzer aus.</p>
-
-<p>Wer dürfte zweifeln, daß mit demselben die Seele des
-treuen Sklavenfreundes einging zu dem, der seines Herzens
-Trost und Teil war, weil er mit seinem heiligen
-Versöhnungs- und Erlösungsblute aller Sklaverei ein
-Ende gemacht hat, daß sie einging zu der herrlichen Freiheit
-der Kinder Gottes?</p>
-
-<p>Auf 73 Jahre 11 Monate hatte Wilberforce das reich
-gesegnete Erdenleben bringen dürfen, das wir aus den
-vorstehenden Blättern zu schildern versucht haben; aber
-für alle Zeiten wird sein Gedächtnis währen überall, wo
-man nach denen fragt, und um die sich bekümmert, welche
-in Wahrheit Wohlthäter der Menschheit gewesen sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p>
-
-<p>Oder dürftest Du jetzt noch bezweifeln, lieber Leser,
-daß Wilberforce in der That ein solcher gewesen ist.</p>
-
-<p>Hat er nicht durch unermüdliches Wirken demjenigen
-Teile der Menschheit, welcher vorher unbeanstandet das
-furchtbare Joch einer leib- und seelenmörderischen Knechtschaft
-getragen hatte und in der öffentlichen Meinung mit
-den Tieren fast auf gleiche Stufe gestellt gewesen war,
-nicht allein zur Milderung seiner Leiden geholfen, sondern
-auch zur Anerkennung seiner Menschenwürde und Menschenrechte?</p>
-
-<p>Hat er nicht den übrigen Teil der Menschheit, der in
-seiner Verblendung der schwarzen und farbigen Rasse ohne
-Bedenken jenes furchtbare Joch der Sklaverei auferlegen
-zu dürfen geglaubt hatte, die Augen aufgethan und das
-Gewissen geschärft, das Jahrtausende hindurch geübte
-himmelschreiende Unrecht zu erkennen, und so den Fluch
-von ihm wenden helfen, der aus solchem Unrecht notwendig
-erwachsen muß?</p>
-
-<p>Hat er nicht &ndash; und das möchten wir als die höchste
-Wohlthat preisen, die er der Menschheit erwiesen &ndash; durch
-sein ganzes Leben und Wirken es jedem, der nur sehen
-<em class="gesperrt">will</em>, klar und unwiderleglich unter die Augen gestellt,
-daß das wahre, lebendige Christentum die Quelle aller
-Tugenden ist, und daß zumal jene Tugenden, die allein
-befähigen großes für die Welt zu vollbringen, lediglich
-aus dieser Quelle geschöpft werden können: Der heilige
-Eifer, der für das in Gottes Namen begonnene Werk
-glüht, der feste Mannesmut, der vor keiner Gegnerschaft
-und vor keiner Widerwärtigkeit zurückbebt, die unermüdliche
-Geduld, die sich durch keine fehlgeschlagene Hoffnung
-beugen läßt, die hingebende Selbstverleugnung, die von
-jedem Suchen des Eigenen absteht?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>Und wir freuen uns zum Schlusse noch sagen zu können,
-daß es Wilberforce nicht erging, wie so manchem anderen
-Wohlthäter der Menschheit vor ihm und nach ihm, daß
-er erst bei der dankbaren Nachwelt die verdiente Anerkennung
-fand, während die kurzsichtige Mitwelt sie ihm
-versagte, oder doch nicht in gebührendem Maße zollte.
-Nein, die Hochachtung, die er schon zu seinen Lebzeiten
-selbst bei Feinden und Gegnern gefunden hatte, sie trat
-sofort bei seinem Tode in das hellste Lichte und machte
-sich in der ehrenvollsten Weise kund.</p>
-
-<p>Einstimmig erkannte das Parlament dem Verstorbenen
-die höchste Ehre zu, die England seinen großen Männern
-zu erweisen pflegt, daß nämlich sein Leichnam in der Westminsterabtei
-beigesetzt wurde, zur letzten Ruhestätte geleitet
-von den Mitgliedern des Ober- wie des Unterhauses, ja
-selbst von einem Prinzen des Königlichen Hauses und
-von dem Lordkanzler, die es nicht unter ihrer Würde erachteten,
-bei den Trägern des Leichentuches zu sein.</p>
-
-<p>In seiner Vaterstadt Hull, sowie in York, der Hauptstadt
-der so lange von ihm vertretenen Grafschaft, wurden
-an seinem Begräbnistage Gedächtnisfeierlichkeiten für Wilberforce
-veranstaltet, und während ihm seine Vaterstadt
-später eine Denksäule errichtete, setzte die ganze Grafschaft
-ihm ein Denkmal anderer Art, das aber gewiß mehr als
-eine Denksäule dem Sinne und Geiste entsprach, in welchem
-der Geehrte während seiner Lebenszeit gewirkt hatte,
-sie gründete eine Blindenanstalt, zur Ehre seines Namens.</p>
-
-<p>Auf den westindischen Inseln aber legten die Neger,
-die so viel Ursache hatten, seinen Namen zu segnen, bei
-der Nachricht von seinem Tode Trauerkleider an, und
-eben dasselbige that die farbige Bevölkerung in New-York.</p>
-
-<p>Und doch, was waren alle diese Ehrenbezeugungen und<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Verherrlichungen des Verstorbenen gegenüber der Herrlichkeit,
-die der Herr im Himmel droben bereit hielt für
-seinen treuen Knecht, der mit dem reichen Pfunde, welches
-ihm anvertraut gewesen war, so wirksam gewuchert und
-im Dienste seines himmlischen Herrn mit hingebender
-Liebe gewirkt hatte, so lange es Tag für ihn war! Wie
-ist da gewiß wahr geworden an ihm das schöne Wort
-des 116. Psalms: »Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten
-vor dem Herrn«! Wie durfte er dort gewiß voll
-seliger Freude jubeln mit den Worten desselben Psalms:
-»O Herr, ich bin Dein Knecht; du hast meine Bande
-zerrissen.«</p>
-
-<p>Wenn aber der geneigte Leser dieses Büchleins sich
-gedrungen fühlt, nicht blos den Namen Wilberforce mit
-Hochachtung zu nennen, so oft er ihm auf die Zunge
-kommt, sondern sich auch an dem hochgeachteten Manne
-ein Vorbild zu nehmen, und zwar nicht allein an dem
-heiligen Eifer für alles Hohe und Heilige, der ihn durchglühte,
-an der hingebenden Pflichttreue, die ihn nie ruhen
-ließ, an seiner rührenden Demut und Bescheidenheit, die
-ihn seiner reichen Gaben, seiner gesegneten Wirksamkeit
-sich niemals selbst überheben ließ, sondern auch vor allem
-an dem unermüdlichen, sich selbst nie genug thuenden
-Dichten und Trachten, sowohl seine eigene Seligkeit zu
-schaffen, als auch Anderen auf den rechten Weg zur Seligkeit
-zu verhelfen, soweit dies in Menschenkraft liegt: so
-ist der innigste Wunsch dessen erfüllt, der diese Blätter
-geschrieben hat.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center larger">Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden.</p>
-
-<p class="center">Durch alle Buchhandlungen und durch mich zu beziehen:</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Aus der Maje.</p>
-
-<p class="center">Erzählungen von <b>W. O. von Horn</b> (W. Oertel.)</p>
-
-<p class="center">Vier Bände.</p>
-
-<p class="center">Broschiert 6&nbsp;Mk. 40&nbsp;Pfg., eleg. u. dauerh. geb. 9&nbsp;Mk.</p>
-
-<p class="center">Jeder Band ist einzeln broschiert à 1&nbsp;Mark 60&nbsp;Pf., gebunden
-à 2&nbsp;Mark 25&nbsp;Pf. zu haben.</p>
-
-<p>Die große Anzahl starker Bände der »Maje, ein Volksbuch für
-Alt und Jung im deutschen Vaterlande« fehlen seit einer Reihe
-von Jahren gänzlich. Da nun fortwährend dieses gute deutsche
-Volksbuch verlangt wird, namentlich die darin befindlichen Erzählungen
-von <em class="gesperrt">W. O. von Horn</em> (nur darin erschienen), so hielt ich
-es für geboten, die Erzählungen neu aufzulegen, und glaube damit
-dem deutschen Volke einen Dienst zu erweisen. An diese Erzählungen
-sollen sich anreihen Erzählungen anderer anerkannter Autoren und
-die besten Beiträge naturgeschichtlichen, geographischen und geschichtlichen
-Inhaltes. Meine Auswahl trifft nur das Beste und glaube
-ich mit vollem Rechte sagen zu können, daß diese Auslese ein Volksbuch
-liefern wird, wie es die Volkslitteratur noch nicht hat.</p>
-
-<p>Aus jeder Seite, ja aus jeder Zeile der Horn'schen Erzählungen
-tritt uns eine Wärme, eine Innigkeit entgegen, wie sie nur hervorquellen
-kann aus einer zur vollen Andacht gestimmten edlen
-Seele. <em class="gesperrt">W. O. von Horn's</em> Erzählungen, fromm, innig und
-populär, zeichnen sich eben so sehr durch treffende Schilderungen
-des Häuslichen und Landschaftlichen aus, wie durch Wahrheit und
-Tiefe der Charakterzeichnungen; sie sind daher allen Familien, in
-denen reine Erzählungen gesucht werden, sowie allen Volksbibliotheken
-zu empfehlen.</p>
-
-<p class="center"><b>Fünfter und sechster Band: Erzählungen anderer Autoren.</b></p>
-
-<div class="hang">
-
-<p>Broschiert à 1&nbsp;Mark 60&nbsp;Pfg., elegant und dauerhaft gebunden
-2&nbsp;Mark 25&nbsp;Pfg.</p></div>
-
-<div class="hang">
-
-<p><b>Aus der Maje</b>, wird im Ganzen acht Bände umfassen,
-deren jeder einzeln zu haben ist, und eine Bibliothek ersten
-Ranges für Familien und Volksbibliotheken bilden.</p></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center larger">Erzählungen</p>
-
-<p class="center">aus dem</p>
-
-<p class="h2">Volksbuche: Die Spinnstube.</p>
-
-<p class="center">Begonnen von <b>W. O. von Horn</b>.</p>
-
-<p class="center"><b>Erster Band</b> (Jahrgänge 1875&ndash;1877).<br />
-40 Bogen. Mit 3 Stahlstichen
-und 90 Holzschnitten.</p>
-
-<p class="center"><b>Zweiter Band</b> (Jahrgänge 1878&ndash;1880).<br />
-40 Bogen. Mit 3 Stahlstichen
-und 90 Holzschnitten.</p>
-
-<p class="center"><b>Dritter Band</b> (Jahrgänge 1881&ndash;1883).<br />
-40 Bogen. Mit 3 Stahlstichen und 90 Holzschnitten.</p>
-
-<p class="center">Preis des Bandes broschiert 1&nbsp;Mk. 20&nbsp;Pfg.,<br />
-elegant gebunden 1&nbsp;Mk. 80&nbsp;Pfg.</p>
-
-<p>Eine stets willkommene Gabe für deutsches Gemüts-
-und Familienleben werden die alten Jahrgänge für Haus-
-und Volks-Bibliotheken gern angeschafft.</p>
-
-<p>Ich habe mich zu obiger Ausgabe entschlossen, die in
-120 Bogen 9 Stahlstiche und 270 Holzschnitte, 23 große
-Erzählungen von <em class="gesperrt">W. O. von Horn</em> wie von den ersten
-Autoren und eine große Zahl kleinere Aufsätze enthält,
-daher bei dem sehr billigen Preis überall willkommen
-sein wird.</p>
-
-<p><b>Von da ab wird die Spinnstube nur in der Höhe
-der Abonnentenzahl gedruckt.</b></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center">Druck von <em class="gesperrt">K. Schwab</em> in Wiesbaden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Kapitelnumerierung (Kapitel IV war doppelt) wurde korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 25: zurückziehen → zurückzuziehen<br />
-in die ländliche Stille <a href="#corr025">zurückzuziehen</a></p>
-<p>
-S. 50: sie → Sie<br />
-<a href="#corr050">Sie</a> hierbei und in allen Stücken zu stärken</p>
-<p>
-S. 76: 1789 → 1798<br />
-in der Parlamentssitzung von <a href="#corr076">1798</a> keinen Fortgang.</p>
-<p>
-S. 135: Kant → Kent<br />
-East Forleigh in der Grafschaft <a href="#corr135">Kent</a></p>
-<p>
-S. 136: sie → Sie<br />
-Anstrengungen, welche <a href="#corr136">Sie</a> mit solcher Ausdauer</p>
-<p>
-S. 140: sie → Sie<br />
-als da <a href="#corr140">Sie</a> zuerst in das öffentliche Leben eintraten</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of William Wilberforce, der Sklavenfreund, by
-Hugo Oertel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILLIAM WILBERFORCE ***
-
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-works. See paragraph 1.E below.
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--- a/old/54201-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
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deleted file mode 100644
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ