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-Project Gutenberg's Max Butziwackel der Ameisenkaiser, by Luigi Bertelli
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Max Butziwackel der Ameisenkaiser
- Ein Buch für Kinder und große Leute
-
-Author: Luigi Bertelli
-
-Illustrator: Karl Elleder
-
-Translator: Luise von Koch
-
-Release Date: January 16, 2017 [EBook #53973]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist +so dargestellt+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so
- markiert~. Im Original fetter oder in größerer Schrift gesetzter
- Text ist =so ausgezeichnet=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Max Butziwackel
-
- der Ameisenkaiser
-
- Ein Buch für Kinder und große Leute
-
- Nach
-
- Luigi Bertelli
-
- deutsch bearbeitet von +Luise von Koch+
-
- Mit Buchschmuck von Karl Elleder
-
- Freiburg im Breisgau 1920
- Herder & Co. G. m. b. H. Verlagsbuchhandlung
-
- Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Wien, London, St. Louis Mo.
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-
-Buchdruckerei von +Herder & Co.+ G. m. b. H. in Freiburg i. Br.
-
-
-
-
-Zum Geleite.
-
-
-Bertellis Büchlein, das in der vorliegenden Übertragung dem deutschen
-Leserkreis zugänglich gemacht werden soll, ragt weit über den
-Durchschnitt der Jugendschriften empor. Der italienische Verfasser
-verbindet mit einer gründlichen Kenntnis der Insektenwelt eine
-südländisch reiche Phantasie und ein köstliches Erzählertalent. So
-konnte er seinen Landsleuten ein Werk schaffen, das Kindern und
-Erwachsenen eine lautere Quelle der Bildung und ein reicher Schatz
-der Belehrung geworden ist. -- Mit Freude erinnere ich mich noch der
-Zeit, da ich mir von italienischen Kindern aus dem Butziwackel erzählen
-ließ. Angeregt durch das Büchlein, betrachteten sie mit geschärften
-Augen die krabbelnde Ameise im Sande, den Wasserkäfer im Tümpel, die
-summende Hummel und Biene auf der blühenden Wiese; für die kindliche
-Vorstellungswelt wuchsen sie zu Gestalten aus dem Butziwackel.
-
-Wer die Schöpfung in der Kleinwelt des Insektenreiches betrachtet,
-findet darin einen unerschöpflichen Reichtum von Schönheit und eine
-ungeahnte Fülle von Kraft, die Spuren des allmächtigen und allweisen
-Schöpfers. In der durch die Naturgesetze bestimmten Vollkommenheit der
-unbewußten Geschöpfe sah der Mensch allezeit einen Antrieb zur eigenen
-sittlichen Vervollkommnung. Ein Führer zu neuen Kenntnissen, ein Mahner
-zu tapferem Vorwärtsstreben ist der Butziwackel.
-
-Ich habe an der deutschen Ausgabe ratend und helfend mitgearbeitet und
-kann nur wünschen, daß das Büchlein in die Hände vieler Kinder und
-Kinderfreunde komme. Es wird sich neben dem »+Bengele+« einen Platz im
-Kinderherzen erobern und wie jener Freude bereiten und Nutzen bringen.
-
- +Illenau+, August 1920.
-
- =A. Grumann.=
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Zum Geleite v
-
- 1. Drei Geschwister in der Sommerfrische 1
-
- 2. Max wird ein Ameisenei 6
-
- 3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes
- und Bitteres 9
-
- 4. Eine Ameisenmutter 17
-
- 5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder
- männlich noch weiblich 22
-
- 6. Eine Riesenschlange 28
-
- 7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise? 32
-
- 8. Die Überführung der Schlange 38
-
- 9. Max, der Soldat 43
-
- 10. Im Kuhstall der Ameisen 46
-
- 11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht 52
-
- 12. Butziwackel wird erkannt 56
-
- 13. Das weiße Fähnlein 59
-
- 14. Ein feindlicher Angriff 63
-
- 15. Max wird General auf dem Schlachtfeld 66
-
- 16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel 71
-
- 17. Kaiser Butziwackel I. 76
-
- 18. Der Überfall 82
-
- 19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den
- seinen zu hoch getragen 87
-
- 20. Das Kriegsgericht 90
-
- 21. Ein hochvornehmer Mordgeselle 95
-
- 22. Letztes Lebewohl 101
-
- 23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus
- einer Eichengalle herausspaziert 107
-
- 24. Auf dem Weg zur Mutter 113
-
- 25. Die geheimnisvolle Barke 117
-
- 26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff
- beginnen und sie zu Pferde beenden kann 122
-
- 27. Bei den Hummeln 127
-
- 28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder 133
-
- 29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen,
- wenn man keinen Hausschlüssel hat 137
-
- 30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt 142
-
- 31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser
- gegangen 146
-
- 32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe 153
-
- 33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen 158
-
- 34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines
- Grafen aller Hautflügler 166
-
- 35. Im Bienenreich 172
-
- 36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin 179
-
- 37. Das Geheimnis der Muskatellertraube 184
-
- 38. Die Stadt in Aufruhr 190
-
- 39. Max verläßt das Bienenreich 197
-
- 40. Eine Fahrt erster Klasse 200
-
- 41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher 206
-
- 42. Großzang findet beinahe den Hungertod 213
-
- 43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena 219
-
-
-
-
-1. Drei Geschwister in der Sommerfrische.
-
-
-Eigentlich, liebe Kinder, sollte ich meine Geschichte mit der
-Beschreibung eines Landhauses beginnen, das an einem glühendheißen
-Sommermittag, so gegen 2 Uhr, mitsamt dem ganzen Lande ringsum
-schläfrig dalag.
-
-So flüsterstill und schweigsam war es um diese Zeit, daß nicht einmal
-die rücksichtslosesten Schreier unter den Insekten, die kleinen
-Grillen, es wagten, die tiefe Ruhe zu stören.
-
-Übrigens weiß ich längst, wie unbeliebt Beschreibungen bei euch sind.
-Wo ihr sie immer in Büchern antrefft, überspringt ihr sie in einem
-Hops, nicht wahr? Zudem ist es so wie so nicht schwer, sich mitten in
-einem schönen Garten ein weißes Haus mit grünen Läden vorzustellen,
-umrankt von üppigem Weinlaub; denn zwei kräftige Weinstöcke waren an
-jeder Ecke des Hauses gepflanzt und umkränzten prächtig alle Fenster
-mit hellem Grün. Muskatellersorte war es, und wer diese kennt, weiß sie
-zu schätzen! In dichten Massen glänzten die Blätter; was aber leider
-fehlte, das waren die süßen Trauben. Nur hier und dort schimmerte es
-goldig zwischen dem Laube, auffallenderweise aber nur immer hübsch
-entfernt vom Fenster. Es kommt nämlich beglaubigtermaßen höchst selten
-vor, daß Muskatellertrauben in erreichbarer Fensternähe zu finden sind;
-wenn Knaben in einem solchen Hause wohnen, fast niemals.
-
-Bst! Bst! Seht dorthin an die Haustüre!
-
-Ganz langsam öffnet sie sich und heraus schleichen, eines hinter dem
-andern, drei Kinder. Bedächtig steigen sie die Steinstufen herab. Zwei
-Buben sind's und ein Mädchen. Mit schleppenden Schritten gehen sie
-dahin und aus den Augen stiehlt sich trübselige Müdigkeit und Unlust
-bis zum Nasenspitzchen hin.
-
-»Wie ist das möglich?« werdet ihr fragen, »im Sommer, zu dreien auf dem
-Lande, und trübselig, nicht froh und lustig sein?«
-
-Ich kann es erklären.
-
-Seht, jedes hält in der Hand ein Buch, aber kein Märchenbuch, keine
-Reiseabenteuer, sondern Schulbücher sind's. Vom Hause hört man rufen:
-
-»Fleißig sein, Kinder! Onkel Walter kommt bald heim und überhört euch!
-O weh, wenn ihr dann nichts könnt, ist es zu Ende mit der versprochenen
-Kahnpartie!«
-
-So schleichen die Dreie bekümmert ihres Weges. Ihre Bücher halten sie
-vor sich her, als ob es brennende Kerzen wären. Mit ihren traurig
-gesenkten Nasenspitzen erwecken sie den Eindruck, als ob sie zu einem
-Begräbnis gingen.
-
-Sobald sie an einem schattigen Plätzchen im dichten Fliederbusch
-angelangt sind, setzen sie sich auf die Steinbank, jedes ein wenig
-abgerückt vom andern. Vorsichtig öffnen sie die Bücher, so vorsichtig,
-als ob am Ende gar zwischen den Blättern ein Kobold säße, der ihnen an
-den Kopf springen könnte.
-
-Das Buch des Kleinsten scheint das gefährlichste zu sein, darinnen
-sitzt sicher der wildeste, kleine Kobold, denn er kann sich kaum
-überwinden, sein Buch aufzuschlagen.
-
-Das köstlich kühle Plätzchen war den Kindern besonders empfohlen
-worden. Papa, Mama und Onkel Walter behaupteten, man könne dort auch an
-heißen Tagen vortrefflich lernen.
-
-[Illustration]
-
-Aber, du liebe Zeit! Schon nach wenigen Minuten sank dem Kleinsten die
-Hand, die das Buch hielt. Er trieb seine Bäckchen zu kleinen rosigen
-Äpfelchen auf und versuchte ein quietschendes Jahrmarkttrompetchen
-nachzuahmen, indem er blasend die eingezogene Luft ausstieß. Da seine
-Kunst aber keinen Eindruck auf die Geschwister machte, bemerkte er tief
-aufseufzend:
-
-»Ach, es geht wirklich nicht!«
-
-Die beiden andern schienen aber emsig in ihr Studium vertieft zu sein,
-daher stieß er jetzt ungeduldig das Schwesterlein mit seinen Ellenbogen
-an und fragte unwillig:
-
-»Spürst denn du nicht, wie heiß es ist?«
-
-Zürnend hob die Kleine den Kopf.
-
-»Schweig, Max! Ich muß meinen ganzen Verstand zusammennehmen, denn
-meine Rechnungen sind sehr schwer.«
-
-»Ei, kann denn einer noch Verstand haben in solcher Hitze?«
-
-Nun mischte sich auch der Älteste in die Rede. Er gab sich ein sehr
-gewichtiges Aussehen, konnte aber seinen eigenen Unwillen kaum
-verbergen, als er sprach:
-
-»Die Wärme spielt hier gar keine Rolle. Im Gegenteil: Die Mutter sagt,
-hier sei es hübsch kühl und die Kühle schärfe den Verstand.«
-
-Der Kleinste dachte etwas darüber nach, dann sagte er mit größter
-Ehrlichkeit:
-
-»Jawohl! Aber wenn man keine Lust zum Lernen hat, dann hilft auch die
-beste Kühlung nichts.«
-
-Max hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. All den drei Kindern fehlte
-der Wille zum Lernen, und es wäre sehr schwer herauszubringen gewesen,
-welches von ihnen das faulste war.
-
-Kaum hatte der Kleine die Wahrheit offen ausgesprochen, schlossen
-sie mit einem Klaps ihre Bücher und warfen sie geräuschvoll auf die
-Steinbank. Dabei bekamen die unschuldigen Bücher noch nachgerufen:
-
-»Zum Kuckuck mit der Geschichte des Mittelalters!«
-
-»Lebt wohl, ihr greulichen Rechnungen!«
-
-»Gute Nacht, du lateinische Grammatik, du!«
-
-Moritz, der größte, erhob sich jetzt, pflanzte sich mit gespreizten
-Beinen vor dem Brüderchen auf und begann zu überlegen:
-
-»Unser ganzes Elend kommt daher, weil ihr eure Prüfung nicht bestanden
-habt.«
-
-»Bitte«, verbesserte Theresa, die Schwester, »du willst wohl sagen,
-weil +wir+ sie nicht bestanden haben.«
-
-Da lachte Max vorwitzig: »Daß wir neulich bei der Prüfung nicht gut
-weggekommen sind, wäre nicht so schlimm, aber daß wir noch einmal
-hinein müssen und lernen, lernen, lernen sollen, -- puh -- das ist
-schauderhaft!«
-
-Moritz, der sich vorgenommen hatte, mit der Zeit, -- wenn er so
-gemütlich weiterlernte wie bis jetzt, allerdings mit reichlich viel
-Zeit --, ein berühmter Rechtsanwalt zu werden, fand den Augenblick
-passend, eine seiner vielen Probereden zu halten, und begann sogleich
-im Rednerton:
-
-»Wie ihr wißt, kann ich die Einrichtung der Prüfungen durchaus nicht
-loben.«
-
-Max fiel ihm lachend ins Wort:
-
-»Und in der Prüfung hat man dich nicht gelobt.«
-
-»Wie kannst du dir erlauben, eine Rede zu unterbrechen, du Wicht,
-du Naseweis! -- Wenn du nicht gleich still bist, nenne ich dich
-+Butziwackel+.«
-
-Butziwackel! Schauderhaft. -- Wie war ihm dieses Wort verhaßt! --
-Was konnte er dafür, daß seine gute Mutter ihrem kleinsten Sohne
-in äußerster Sparsamkeit für den Landaufenthalt immer die alten,
-abgetragenen, fadenscheinigen Höschen ihres Moritz zumutete. Dem
-Wildfang Max wollten diese Höschen nie lange halten. So oft auch die
-Mutter den Sitzboden stopfte und flickte, es kam doch immer wieder
-einmal ein verdächtig weißes Zipfelchen zum Vorschein, das vorwitzig,
-einem Fähnlein gleich, hinter dem Kleinen herbammelte. Und darum
-schimpften sie Butziwackel.
-
-Für andere Leute mochte das Fähnlein ja recht putzig und lustig
-aussehen, für Max aber war es nur ärgerlich und entfachte seinen Zorn.
-
-Kaum hatte auch jetzt wieder sein älterer Bruder das verdrießliche Wort
-ausgesprochen, so griff Max nach dem Boden seines Höschens. Wahrlich!
-auch heute hing schon wieder frech ein Fähnlein heraus. Rasch stopfte
-er es ins Verborgene und ging grollend weg von seinen Geschwistern.
-
-
-
-
-2. Max wird ein Ameisenei.
-
-
-Mit Tränen in den Augen und zornrotem Gesichte lief unser kleiner Max
-durch den Garten und kam zu einer Felsgrotte, aus der ein Brünnlein
-plätschernd hervorsprang. Dort setzte er sich auf einen moosigen Stein,
-stützte den Kopf auf beide Arme und starrte vor sich auf den Boden.
-Siehe, da lief eine Ameisenschar wie eine lange Prozession geschäftig
-ihre Straße hin und her. Max schaute ihnen eine Zeitlang zu und
-dachte: »Wie schön haben's doch die Ameisen! Sie gehen den ganzen Tag
-spazieren, freuen sich des Lebens, müssen nicht lernen und kennen keine
-Prüfungen. Wenn ich doch nur auch eine Ameise wäre!«
-
-Er mußte seine Gedanken laut ausgesprochen haben; denn plötzlich hörte
-er neben sich eine Stimme:
-
-»Willst du, kleiner Faulpelz, wirklich eine Ameise werden?«
-
-Erschrocken wandte Max sich um und gewahrte einen sonderbaren Alten
-langsam auf sich zutreten. Gott, wie sah der Mann so merkwürdig aus!
-Woher war er nur gekommen? Auf seiner roten, spitzen Nase saß eine
-Riesenbrille, um den Hals schlang sich eine dicke, schwarze Binde, und
-ein grüner altmodischer Rock schleifte hinter seinen Fersen her. Dieser
-Mann beschaute lächelnd den verblüfften Kleinen mit Augen, die aus
-buschigen, fuchsroten Brauen hinter der funkelnden Brille wie Laternen
-leuchteten.
-
-[Illustration]
-
-Es war alles so unheimlich, und der tapfere Max hatte Mühe, seine
-Furcht zu verbergen. Er hätte nicht gewagt, den Alten zu befragen, wer
-er sei, und wie er in Vaters Garten hereinkäme. Eine Weile betrachtete
-der Fremde unsern Butziwackel, der schüchtern und gar nicht keck wie
-sonst, aber neugierig wie immer auch seinerseits den Unbekannten
-musterte. Der holte jetzt kopfschüttelnd aus einer tiefen Rocktasche
-eine großmächtige Dose hervor, öffnete sie sachte, stopfte sich eine
-ausgiebige Prise in die Abgründe seiner großen Nase, nieste dreimal
-und brummte dann mit näselnder Stimme die sonderbaren Worte:
-
- »Ameis!
- Mit Fleiß!
- So sei's!«
-
-Leise vor sich hinlachend, schlürfte er dann in seinen grasgrünen
-Pantoffeln und dem langen Schlepprock den Kiesweg entlang, der zum
-Gartentürchen gegen den Wald zu führte.
-
-Mit seinem roten Schnupftuch winkte er noch spöttisch Max zu, der
-ihm verwirrt nachschaute. Er bemerkte noch, wie der sonderbare Mann
-belustigt und kichernd seinen Kopf schüttelte und sodann geheimnisvoll
-hinter den Büschen am Wege verschwand. Starr vor Staunen und Verwirrung
-hatte Max die sonderlichen und unerklärlichen Worte vernommen. Wenn
-er sie leise nachsprach, so wurde ihm so furchtsam, so bang zu Mute,
-daß er am liebsten hätte fortlaufen mögen zu Therese und Moritz, die
-ihn vielleicht schon suchten. Allein, merkwürdig! Er konnte nicht vom
-Stein aufstehen, es war, wie wenn er festgeleimt wäre. Er wollte den
-Geschwistern rufen, die er von ferne auf dem Gartenwege sah, aber
-seine Stimme versagte. Er wollte ihnen zuwinken, aber er fühlte sich
-so bleiern müde, seine Augenlider waren schwer, sie fielen zu, und es
-wurde dunkel um ihn. Nein, wie sonderbar ward ihm doch zu Mute! Wurde
-er nicht klein und immer kleiner? War er nicht jetzt ganz weich und ein
-rundes Ding geworden? Er wollte die Arme heben, mit den Beinen zappeln,
-er hätte schreien mögen, weinen, fortlaufen, Widerstand leisten gegen
-die geheimnisvolle Kraft, die ihn zusehends veränderte und die, wenn
-sie noch länger über ihn Gewalt hatte, ihn zu einem spurlosen Nichts
-zusammenschrumpfen ließ. Er war wie eingeschnürt von allen Seiten, und
-deutlich spürte er, daß er die Form eines winzigen Eies annehme.
-
-In diesem unglücklichen Augenblick dachte er noch an das weiße
-Wackelfähnlein. Er machte den verzweifelten Versuch, dieses beschämende
-Fetzchen zu verstecken, umsonst, umsonst!
-
-Schon war Max am Ende seiner Verwandlung angelangt; er fühlte, wie
-seine Sinne sich verwirrten und umnebelten. Zwei schwarze Schatten
-tauchten noch vor seinen Blicken auf. O Gott, das waren vielleicht zwei
-Totengräber, die ihn holten! Gewiß, er täuschte sich nicht, sie hoben
-ihn sachte empor, und nun machte er den letzten angestrengten Versuch
-zu schreien:
-
-»Um Gottes willen, ich bin Max, helft mir doch das Zipfelchen
-verstecken!«
-
-Die vergebliche Mühe brachte ihn aber nur um die letzten Kräfte.
-Willenlos überließ er sich jetzt dem Schicksal und verlor das
-Bewußtsein.
-
-
-
-
-3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes und Bitteres.
-
-
-Wie lange blieb Max in Ohnmacht? Er konnte es nicht ermessen;
-aber wahrscheinlich währte der Zustand im Vergleich zu den großen
-Veränderungen, die mit ihm vorgingen, nicht lange.
-
-Als er zu sich kam, hatte er ein merkwürdiges Gefühl. Hatte ihn
-jemand für einen Garnwickel gehalten und Fäden über ihn gewunden?
-Er spürte es doch, er saß oder lag inmitten eines Fadenknäuels, aus
-dem herauszuschlüpfen er sich tapfer abmühte. Niemals hätte er das
-Kunststück fertig gebracht, wäre ihm nicht glücklicherweise jemand zu
-Hilfe gekommen, der sorgsam die Wirrnis der Fäden weitete und ihm Luft
-machte. Endlich konnte er den Kopf herausstrecken, gottlob folgten die
-befreiten Arme, und
-
-»Nur Mut«, hörte er jetzt eine Stimme ihm zureden.
-
-Mit einem letzten, gewaltigen Ruck gelang es ihm schließlich, den
-ganzen Körper frei zu bekommen, und zugleich fühlte er, wie man ihn
-zärtlich liebkoste und wunderlich beleckte.
-
-»Na«, meinte er überrascht, »was soll das?«
-
-»Ich wasche dich sauber, Kindchen.«
-
-»Wie, mit der Zunge? Bin ich ein Kätzchen geworden? Darf ich bitten, wo
-bin ich, wer sind Sie, und was ist mit mir geschehen?«
-
-Das hilfreiche Wesen antwortete:
-
-»Still, Kleines! Wie bist du doch so neugierig! Jetzt, wo du eben erst
-aus deinem Gespinst geschlüpft bist, kannst du noch nichts verstehen.
-Gedulde dich, bald wird dir alles klar werden, du kleiner Naseweis.«
-
-Naseweis hatte sie gesagt. Er war also schon erkannt und hütete sich,
-jetzt noch mehr wissen zu wollen. Aber bei der gütigen Ruhe, mit der
-er von allen Seiten gestriegelt wurde, erwachte sein Denken; seine
-Gedanken ordneten sich, und er wollte sich selbst Rechenschaft geben
-von seinem neuen Zustande. Gottlob, die letzten Wundererlebnisse hatten
-seinem Gedächtnis nicht weiter geschadet. Zunächst aber gab es leider,
-leider keinen Zweifel. Er befand sich in der ägyptischen Finsternis,
-von der er in der Schule einst gehört hatte, oder was ganz entsetzlich
-wäre, er war blind! Wie konnte er aber dann wissen, wo er sich jetzt
-aufhielt? Jawohl, Blinde haben ja solch feines Gefühl für den Raum, in
-dem sie sich befinden. Und er, er war in einem unterirdischen Zimmer,
-er wußte es, ohne herumzutasten. Ringsum beobachtete er mit feinstem
-Sinn ein emsiges Arbeiten von vielen geschäftigen Wesen, ohne solche
-zu sehen. Hatte er einen neuen Sinn bekommen? Er beantwortete sich
-jetzt von selbst die vorhin gestellten Fragen. Er war eine Ameise; das
-Wesen, das vor ihm stand, war auch eine Ameise, und sie beide befanden
-sich in einem Ameisenhaus. Soviel begriff er einstweilen, so wunderbar
-es auch war. Verworrene Bilder aus der letzten Vergangenheit tauchten
-in seinem Gedächtnis auf wie ein halbvergessener Traum. War nicht ein
-merkwürdiger, alter Herr dagewesen mit einem langen, grünen Rock und
-rotem Schnupftuch, mit Brille und Tabaksdose, der unversehens in dem
-Augenblick auf ihn zugetreten war, als er sich gewünscht hatte, eine
-Ameise zu sein, ohne Prüfungsnot und Bücherqual? Moritz, Therese? Wo
-werden sie sein? Zu Hause bei Vater und Mutter!
-
-Dieser Gedanke bewegte Max schmerzlich, allein er beruhigte sich nach
-und nach. Es war nun einmal nichts zu ändern. Weil er nicht lernen
-wollte, hatte er sich das gewünscht, was er jetzt war. Onkel Walter
-sagte stets: »Ein Mann muß die Folgen seines Handelns auf sich nehmen.«
-In der Schule hatte er ein Sprichwort gelernt: »Wie man sich bettet, so
-liegt man.« Mit vernünftiger Überlegung schloß er seine Betrachtung:
-
-»Ich bin jetzt eine Ameise, und es geht mir nicht schlecht. Aber Max
-bin ich doch auch noch. Wenn es nicht so wäre, kämen mir diese Fragen
-und Gedanken gar nicht in den Sinn. Folglich bin ich jedenfalls etwas
-viel Besseres als diese Insekten um mich, und ich werde immer tun
-können, was mir gefällt und was ich will.«
-
-Die pflegliche Ameise, die noch vor ihm verweilte und ihn auf den noch
-schwachen Füßen gehalten hatte, befragte jetzt Max:
-
-»Liebes Püppchen, du wirst wohl Hunger haben?«
-
-»Nicht wenig«, erwiderte Max erfreut, der längst schon Appetit
-verspürte.
-
-»Da, nimm«, sprach die Ameise und streifte ihm eine vorzügliche
-Süßspeise in den Mund. Mit gespitzten Lippen kostend und leckend wollte
-Max wissen:
-
-»Ach, was ist das Gutes?«
-
-»Blattlaushonig, junges Ameislein. Schmeckt er?«
-
-»Ausgezeichnet! Ich habe nie Besseres gegessen.«
-
-Erwartungsvoll öffnete er noch einmal den Mund, um ein zweites
-Honigschlückchen zu bekommen. Dabei machte er eine neue Beobachtung.
-
-Wie war doch nur sein Mund geworden? Sonderbar, ganz anders als
-sein Menschenmund! Er besaß zwei große, starke Unterkiefer, die man
-Mandibeln nennt. Ihre inneren Ränder waren gezackt wie eine Säge,
-und sie schlossen sich zusammen wie eine Zange. Doch dienten sie
-nicht zum Essen. Er spürte die Speise zuerst auf dem unteren Teil des
-Oberkiefers, der über den Unterkieferzangen lag und eine Art Lippe
-bildete. Auf dieser fühlte er, wie wir es mit der Zunge machen, den
-süßen Geschmack des Honigs, den er so behaglich einschlürfte.
-
-Durch die feine Speise gekräftigt, fragte er sehr bescheiden, um nicht
-wieder Naseweis genannt zu werden, seine liebevolle Pflegemutter:
-
-»Verzeihen Sie meine Neugierde! -- Was für gute Sachen werde ich mit
-meinen großen, starken Kieferzangen kauen, da ich sie zum Honigessen
-nicht gebrauchte?«
-
-»Gute Sachen? liebes Kind, gar keine; denn zum Kauen dienen deine
-kräftigen Zangen durchaus nicht.«
-
-»Wie, was? Nicht? Ja, wofür sind sie dann da?« fragte Max enttäuscht.
-
-»Wir gebrauchen sie als Waffe zu unserer Verteidigung und hauptsächlich
-zum Arbeiten.«
-
-»-- -- -- Zum Ar -- -- -- Arbei -- ten?«
-
-Vor Schreck fiel Max platt auf den Rücken und wäre liegen geblieben,
-wenn ihm nicht seine Pflegemama wieder auf die Beine geholfen hätte.
-
-»Ja, zum Arbeiten«, wiederholte deutlich die Ameise, »du wirst es gewiß
-recht bald lernen und üben.«
-
-Max sperrte seinen sonderbaren Mund mit den eingesägten Kieferzangen
-vor schmerzlicher Überraschung weit auf, während die Pflegerin ihn von
-neuem fleißig beleckte. Über diese Art von Reinlichkeitspflege wurde er
-wieder lustig. Er schüttelte und drehte sich vor Lachen und rief:
-
-»Hören Sie doch auf, das kitzelt ja unbändig.«
-
-Da mußte die Ameise selber lachen und erklärte ihm:
-
-»Ich glätte jetzt deine Fühler, sie sind der empfindlichste Teil deines
-Körpers.«
-
-»Fühler? Hm, hm, Fühler habe ich?«
-
-»Fühler nennen wir die feinen Stengelchen, die du oben auf deinem Kopfe
-trägst; greife nur mit deinen Beinchen danach, dann kannst du sie
-deutlich betasten«; zugleich half sie ihm diese Bewegung ausführen.
-
-Er fuhr sich mit den Vorderbeinchen, die wahrhaftig so geschickt wie
-Arme und Hände waren, über den Kopf, befühlte und betastete sich und
-behauptete: »Solche Dinger nennt man +Hörner+!«
-
-Wie gerne hätte er sich in einem Spiegel besehen, aber wo wäre ein
-solcher zu finden gewesen?
-
-»Nenne sie, wie du willst«, sagte freundlich die Ameise, »aber Hörner
-sind es sicher nicht, denn sie sind aus zartestem Stoff beschaffen,
-was man von Hörnern nicht behaupten kann. Wehe uns, hätten wir keine
-Fühler! Durch ihren Gebrauch finden wir unsere oft schwierigen Wege,
-vermeiden Hindernisse und geben uns gegenseitig damit Zeichen.«
-
-»Herrje, das ist viel auf einmal.«
-
-»Aber lange nicht alles. In den äußersten Enden der Fühler sitzt unser
-Geruchsinn.«
-
-»An der Spitze der Fühlhörner ist also die Nase?«
-
-Die Ameise lächelte über seine ungewohnte Art zu fragen und fügte der
-Belehrung hinzu, daß in den Fühlern nicht nur der Geruch, sondern auch
-das Gehör seinen Sitz habe.
-
-Nun, die Vorstellung, so lange Ohren zu haben, war etwas demütigend,
-und Max wollte schon ein bißchen beleidigt tun. Aber davon merkte die
-Sprecherin nichts und belehrte weiter:
-
-»Ohne Fühler könnten wir im Finstern uns nie zurechtfinden.«
-
-Max wurde es nach diesen Worten verständlich, wie er trotz der
-Dunkelheit Verschiedenes ganz gut wahrnehmen konnte. Das geschah eben
-durch den wunderbar feinen und vielfältigen Sinn in den Fühlern.
-Beruhigt war er aber trotzdem nicht, und er äußerte tief besorgt:
-
-»Wie traurig ist es trotzdem, keine Augen zu besitzen!«
-
-Jetzt mußte die Ameise herzlich lachen. Dabei streichelte sie den
-Kleinen und liebkoste ihn.
-
-Max, der immer ein wohlerzogener Junge gewesen war, erinnerte sich
-endlich, daß er für alle erwiesene Liebesmühe noch mit keinem
-Sterbenswörtchen gedankt habe. So begann er etwas verlegen:
-
-»Liebe Frau Ameise, wie heißen Sie eigentlich?«
-
-»Man nennt mich in meiner Familie Fuska. Gelehrte Leute aus meinem
-Stamme wissen, daß der Name lateinisch ist und soviel bedeutet wie ›die
-Dunkle‹.«
-
-»Verzeihen Sie, Frau Fuska, ich dachte noch nicht daran ›Danke schön‹
-zu sagen für Ihre große Güte, mit der Sie mich aus dem abscheulichen
-Garnwickel befreit, und für die vielen Belehrungen, die Sie mir erteilt
-haben.«
-
-»Kind, was fällt dir ein, ich habe nur meine Pflicht erfüllt.«
-
-»-- Pflicht? -- Wieso?« --
-
-»Ja, ich tat, was du den Ameisen, die nach dir geboren werden, auch tun
-wirst.«
-
-»Nun, das verstehe ich nicht; ich sollte auch ...?«
-
-»Wie könntest du jetzt schon etwas von bürgerlichen Pflichten
-verstehen! -- Wenn du später dem Unterricht beiwohnst, wirst du das
-Nötige schon darüber erfahren.«
-
-Bei dem Worte Unterricht machte Max mit seinen sämtlichen sechs Beinen
-einen Sprung nach rückwärts und wäre vor Schrecken fast ohnmächtig
-geworden.
-
-Was! er war ausgerechnet eine Ameise geworden, um dem Lernen zu
-entgehen, und nun hörte er hier vom Unterricht reden? Das war ein
-unerhörter Reinfall! Zitternd vor Schrecken stammelte Max:
-
-»Ich habe nicht gut verstanden, was sagten Sie, liebe Frau Fuska?«
-
-»Morgen ist die erste Unterrichtsstunde für die Neugeborenen. Man
-lernt dort alles, was eine rechte Ameise wissen und kennen muß, um ein
-nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden.«
-
-Versteinert stand der gute Max:
-
-»Wissen« ... »Kennen« hatte sie gesagt. Also lernen! -- Auch bei den
-Ameisen!
-
-[Illustration]
-
-Hatte sie das gemeint? Vor Entrüstung bebend stieß er die Frage hervor:
-
-»Gibt es bei den Ameisen vielleicht auch eine Sprachlehre, eine
-lateinische Grammatik?«
-
-Diese Frage verstand und beachtete Fuska gar nicht, sie wendete
-sich vielmehr an vorübereilende Genossinnen, um mit ihnen Zeichen
-auszutauschen.
-
-Max aber war es, als ob ihm ein Brocken im Halse steckte und ihn
-würgte; er war den Tränen nahe.
-
-Da er aber ein sehr geschickter Bursche war, besann er sich und
-sagte sich, wie unnütz das Weinen sei, besonders wenn man doch keine
-Augen hat. Er kletterte tief betrübt und niedergeschlagen auf das
-leere Fadenknäulchen, aus dem er vor kurzem mühsam und neugierig
-herausgekrochen war, setzte sich rittlings darauf und trommelte unmutig
-mit seinen Vorderbeinchen an die hohlen Wände, daß es widerhallte.
-
-
-
-
-4. Eine Ameisenmutter.
-
-
-Schon wendete sich seine Pflegerin Max wieder zu und sagte freundlich:
-
-»Komme mit mir!«
-
-Folgsam stieg Max von seiner großen Trommel herunter und bemerkte, wie
-gut er auf seinen Hinterbeinchen aufrecht stehen und gehen konnte.
-Wahrscheinlich waren ihm außer seinem Gedächtnis und seinem Verstande
-noch mehr menschliche Eigenschaften verblieben, und das konnte immerhin
-ein starker Trost für ihn sein in mancher Bitternis.
-
-So folgte er mit neuem Mute Fuska. Warum stieß er nur plötzlich einen
-jubelnden Freudenschrei aus? Was war geschehen? O Jubel! Er war nicht
-blind! Nein, er konnte sehen, großer Gott, wie gut konnte er sehen!
-
-In den weiten Saal, in den Fuska ihn eintreten ließ, drang von oben
-durch eine winzige Öffnung ein Lichtstrahl herein. Befand er sich
-vielleicht im Wohnzimmer oder gar im Speisesaale des Ameisenhauses?
-Aber wie eigenartig neu war sein Schauen! Er hatte einen viel
-übersichtlicheren Blick bekommen für alles, was ihn umgab. Ohne Kopf
-und Augen zu wenden, übersah er, was über ihm, vor ihm, hinter ihm
-und seitwärts geschah. Der Saal glich einer Grotte, die von Säulen
-gestützt wurde. Wände, Boden, alles war sauber geglättet und regelmäßig
-angeordnet. Rechts und links waren Ameisen emsig beschäftigt, und
-einige schauten ihn wohlwollend und freundlich an, lächelten auch wohl
-über seine staunende Miene. Alles dies konnte er sozusagen mit einem
-einzigen Blick beobachten.
-
-»Worüber bist du froh erregt?«, fragte ihn Fuska.
-
-»O wie glücklich bin ich«, rief Max freudestrahlend, »ich habe ja
-die besten Augen der Welt! Aber wie geht es wohl zu, daß ich so
-Verschiedenes zu gleicher Zeit sehen kann? Ich bewege weder Kopf noch
-Augen und trotzdem --«
-
-»Das kannst du ja auch gar nicht«, fiel Fuska belehrend ein. »Weißt
-du, liebes Ameislein, weil wir unsere Augen nicht bewegen können, hat
-uns die Natur anders geholfen. Unsere Augen sind so gebaut, daß wir
-durch ihre Form und Stellung ein weites Gesichtsfeld haben. Ja, ja,
-alle Geschöpfe sind von der großen Mutter Natur so ausgestattet, daß
-zu ihrem Leben und Dasein alles bereit ist, was sie zu ihrem Dasein
-brauchen. Wir Ameisen haben zwei zusammengesetzte Augen.«
-
-»Zusammengesetzte Augen! -- Kann man sie auch auseinandernehmen?«
-
-Fuska erklärte mit unerschöpflicher Geduld:
-
-»Die Oberfläche der beiden Augen, die links und rechts an unserem Kopfe
-liegen, ist aus kleinen sechseckigen Feldern zusammengesetzt. Jedes
-dieser Sechsecke zeigt nach oben eine Wölbung wie ein Brennglas, und
-jedes Feld ist ein vollkommenes Auge. Begreifst du nun, daß wir deshalb
-in jedem Augenblick nach allen Richtungen schauen können?«
-
-Max ging voll Neugier auf seine mütterliche Lehrerin zu, schaute ihr in
-die Augen und rief:
-
-»Mein Gott, das sieht ja aus wie ein feines Netz!«
-
-»Ganz richtig, unser Auge, aus vielen kleinen sechseckigen Augen
-zusammengesetzt, heißt darum auch Netzauge; Gelehrte nennen es
-Facettenauge. Doch sollst du dich über die Menge der Felder in meinem
-Auge nicht zu sehr wundern. Wir haben nicht viele, nicht einmal
-hundert.«
-
-»Wie, das heißt wenig?«
-
-»Im Vergleiche zu andern Insekten wohl. Solche Insekten, die in der
-Luft leben, würden mit hundert kaum zufrieden sein. Fliegenaugen haben
-etwa viertausend solcher Facettenaugen.«
-
-»Viertausend!«
-
-»Libellen haben mehr als zwölftausend.«
-
-Es ist kein Wunder, daß Max mit seiner Vorstellungskraft Fuskas
-Belehrung kaum mehr folgen konnte, als sie noch weiter erzählte:
-
-»Ein Insekt gibt es, das heißt Dolchwespe. Die Augen dieser Dolchwespe
-sind genau genommen fünfundzwanzigtausend Äuglein. -- Gelt, da staunst
-du?«
-
-Max fand tatsächlich keine Worte, um sein Erstaunen auszudrücken. »Wenn
-diese Dolchwespe kurzsichtig würde«, dachte er, »dann bräuchte sie alle
-Brillen der Welt für sich allein.« Fuska würde seinen witzigen Gedanken
-doch nicht verstehen; er verschwieg ihn mit halbem Bedauern und fragte
-weiter:
-
-»Wieviele Augen habe ich also?«
-
-»Komm her, ich zähle sie. -- Eins, zwei, drei ... So jetzt. -- Das eine
-von deinen beiden zusammengesetzten Augen hat sechzig Felder.«
-
-»Da hätte ich im ganzen hundertzwanzig Augen?«
-
-»Nein, du zählst deine einfachen Augen nicht mit.«
-
-»Ich habe auch noch einfache zu den zusammengesetzten? Genügen die
-hundertzwanzig nicht?«
-
-»Keineswegs; mit den hundertzwanzig bist du wohl imstande, mit einem
-Blick alles ringsum wahrzunehmen, aber die nächsten Gegenstände kannst
-du mit ihnen nicht klar unterscheiden. Wenn du mich ansiehst, tust du
-es mit den einfachen Augen.«
-
-Man denke sich, mit welchem Forscherblick jetzt Max Fuska aufs neue
-betrachtete. Richtig, auf Fuskas Scheitel entdeckte er im Dreieck
-gestellt drei helle, sanfte Äuglein, die in Perlmutterglanz leuchteten.
-
-»Rechnet man alles in allem«, zählte Max tief aufatmend, »so besitzen
-wir hundertdreiundzwanzig Augen.«
-
-»Es ist so, ganz richtig!«
-
-»Nun muß ich mich ein paar Minuten verschnaufen, ich kann es ja kaum
-glauben. Sollte man so etwas für möglich halten! Erst wollte ich
-glauben, ich sei blind, und nun entdecke ich an mir mehr als hundert
-Augen!«
-
-Die Sache gab Max gehörig zu denken. Still wiederholte er für sich:
-
-»Hundertdreiundzwanzig Augen! Hätte ich sie auch als Kind gehabt, so
-hätte ich mit hundertdreiundzwanzig in meine Bücher gucken müssen.«
-
-Wie er noch schaudernd bei solch ungeheuerlichem Bilde verweilte, hörte
-er ein Schreien im Saal:
-
-»Obacht! Holla! Platz gemacht!«
-
-Eine geflügelte Ameise kroch herein, gefolgt von einigen Gefährten.
-Mühselig und erschöpft bewegte sie sich vorwärts, von den Gefährten
-beinahe getragen und geschoben. Bei jedem ihrer Schritte hinterließ
-sie ein ovales Kügelchen, das vom Gefolge sorgfältig mit dem Munde
-aufgehoben wurde.
-
-»Das ist ein schöner Skandal«, entfuhr es Max, der kaum hinzusehen
-wagte.
-
-»Wo ist ein Skandal?« fragte Fuska verwundert.
-
-»Hm«, meinte Max, »ich finde das, was ich sehe, gerade nicht sehr
-anständig.«
-
-Fuska wies ihn unwillig zurecht und sprach:
-
-»Ach, so reden die Leute immer, wenn sie eine Sache nicht verstehen!
-Diese geflügelte Ameise, von der du weiß Gott was für unpassende Dinge
-zu sehen vermeinst, ist ein braves Ameisenweibchen, das hereingeführt
-wird, um uns seine Eierchen zu schenken.«
-
-Da schämte sich Max seiner voreiligen Anschuldigung und fragte dafür um
-so wißbegieriger:
-
-»Was machen die Ameisen mit den Eierchen?«
-
-»Sie befeuchten sie mit der Zunge, damit sie wachsen und gedeihen, und
-dann werden sie in ihre Stube gebracht.«
-
-»Das ist ja sehr nett. Bin ich auch so zu euch gekommen?«
-
-»Nein, das Ei, in dem du stecktest, fanden zwei unserer Schwestern auf
-einem moosigen Stein in der Nähe unseres Hauses; sie brachten es uns
-heim.«
-
-»Aha«, dachte Max, »das waren die zwei vermeintlichen Totengräber!«
-
-Aber er hütete sich, seine Geschichte zu erzählen. Wer hätte sie ihm
-geglaubt!?
-
-»Komme, damit ich dir zeige, wie wir Eier und Kinderchen pflegen«,
-sprach Fuska und zog Max mit sich fort, bis sie in einem Saal
-anlangten, der vermutlich die Kinderstube vorstellte. Wie gelbliches
-Korn lagen hier Eier aufgehäuft. Fuska wies darauf hin und sagte:
-
-»Sieh hier, der erste Zustand in unserer Entwicklung.«
-
-»Wie ist das zu meinen?«
-
-»Insekten kommen als Eier zur Welt. Das lebendige Eichen krümmt sich
-nach und nach, wird durchscheinend und verwandelt sich in eine +Larve+.«
-
-»Eine Larve«, rief Max, »ums Himmels willen! So spielen die Ameisen
-erst Fastnacht, bevor sie richtige Tierchen werden? Als ich mich einmal
-maskierte, setzte ich eine Larve vors Gesicht, um mich unkenntlich zu
-machen.«
-
-Fuska verstand nicht alles, was er redete, aber sie erklärte ihm
-liebenswürdig:
-
-»Gewiß, im Larvenzustand ist unsere eigentliche Lebensform zunächst
-vollständig vermummt. Wir liegen als hilflose Würmchen auf der Erde;
-aber dann, wenn wir die Verhüllung ablegen ... Doch das sollst du jetzt
-alles selbst sehen; komm!«
-
-
-
-
-5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder männlich noch weiblich.
-
-
-Fuska führte Max zu einer Saalecke, wo in langen Reihen höchst
-eigenartige Geschöpfe standen. Nein, wie sie doch aussahen! Oben waren
-sie dünn wie ein Fädchen, schwollen nach unten langsam an wie eine
-dicke Träne, die aus dem Auge rollt. Im Fallen wird sie dicker, und
-wenn sie über ein ungewaschenes Kindergesichtlein rinnt, nimmt sie eine
-schmutziggraue Farbe an. Gerade solche Färbung wiesen diese Wesen auf.
-Wie in einer Schule waren sie in Reihen nach der Größe aufgestellt.
-Beim Nähertreten bemerkte Max, daß die Dinger winzig kleine Köpfchen,
-aber weder Augen noch Füße hatten. Fast sahen sie aus wie eine Reihe
-von Zipfelmützen, die mit Lumpen ausgestopft und unten zugenäht sind.
-Max mußte bei diesem ungewohnten Anblick unbändig lachen.
-
-»Sehr geehrte Larven«, so redete er sie an und hob dabei seine Fühler
-hoch, »wieviel Hörner strecke ich?«
-
-Einige erwachsene Ameisen sahen ihn verweisend an.
-
-»Wie magst du dich über unsere Kleinen lustig machen?« sprach Fuska.
-»Hast du doch selbst vor kurzer Zeit nicht anders ausgesehen!«
-
-»Wie«, erwiderte Max, »bin ich auch so häßlich, so lächerlich gewesen?«
-
-»Und nur unserer Hilfe hast du es zu verdanken, daß du in diesem
-Zustande nicht elendiglich zugrunde gingst!«
-
-In der Tat konnte Max zusehen, wie die großen Ameisen sich mühten,
-diese Larven zu päppeln und sie mit zärtlicher Pflege zu umgeben.
-
-Nun war er ganz kleinlaut geworden, der übermütige Max.
-
-»Wie lange bleibt man denn in diesem Zustande?«
-
-»Je nachdem. Manche sind in vier Wochen fertig, andere brauchen zu
-ihrer Entwicklung neun Monate.«
-
-»Und ich? Habe ich so lange gebraucht?«
-
-»Nun du hattest es eilig. In zwanzig Tagen warst du schon aus der Larve
-eine Puppe geworden.«
-
-»Herrje! Eine Puppe!«
-
-Nun drängte Fuska ihn zu den hintersten Reihen, damit er genau die
-Tierchen in ihrer zweiten Verwandlung sehen könne. Wie entsetzlich
-schwer es aber für Max war, vor Fuska zu verbergen, daß ein neuer
-Lachkrampf bei ihm auszubrechen drohte, ist nicht zu sagen.
-
-»Das heißt man Puppen!?« kicherte Max mit mühsamer Zurückhaltung, denn
-er mußte sich fest auf die Lippen beißen und ein Füßchen vor den Mund
-drücken, um nicht herauszuplatzen vor Lachen. Diese trottelhaften
-Dinger reizten wirklich dazu.
-
-Waren denn das Ameisen? An den weichen, weißlich gelben Körper hatten
-sie Beine und Fühler eng angezogen, und so lahm lagen sie da, als hätte
-man sie eben durchs Öl gezogen.
-
-»Also, so soll ich ausgesehen haben?« sagte Max, der sich endlich zu
-einem artigen Ton gefaßt hatte.
-
-»So sahst du aus. Und wie sie, hast auch du eines Tages aufgehört zu
-essen, und obwohl es nicht alle Puppen so machen, hast du dich selber
-in ein Knäulchen eingesponnen und versteckt, und als du zu dem vierten
-Grad deines Lebens reif geworden warst, hast du angefangen zu nagen in
-deinem Knäulchen, und ich habe dir geholfen herauszukommen.«
-
-Max starrte Fuska mit seinen sämtlichen Augen an und rief: »Ich
-glaubte, Ameisen kämen zur Welt als richtige und fertige Ameisen.«
-
-»Wir Insekten sind allen jenen Verwandlungen unterworfen, die dir
-so wunderbar scheinen. Du wirst im Leben noch deren andere, viel
-merkwürdigere sehen.«
-
-»So bin ich also Ei gewesen, habe mich in eine Larve verwandelt, bin
-Puppe geworden und habe als solche ein Knäulchen gesponnen.«
-
-»Und dies Knäulchen«, so sagte Fuska überlegen, »das nennen die
-Menschen irrtümlich ein Ameisenei.«
-
-»Kann schon sein«, sagte Max. »Wie ist es nur möglich, daß ich mich gar
-nicht daran erinnere, das alles getan zu haben!«
-
-»Das glaube ich gerne, in jener Zeit war dein Körper unentwickelt und
-dein Verstand erst im Werden.«
-
-Diese Begründung leuchtete Max wohl ein.
-
-Eigentlich, so dachte er sich, machen auch die Menschen eine Reihe von
-Verwandlungen durch, von der Zeit an, wo sie als kleine Wickelkinder
-mit rotem Köpfchen und dickem Bäuchlein zur Welt kommen und gepäppelt
-werden müssen, bis zu ihrem vollkommenen Zustand, wo sie Schnurrbart
-und Backenbart tragen. In diesem Augenblick gab es eine neue
-Überraschung.
-
-[Illustration]
-
-Jene geflügelte Ameise war inzwischen mit Eierlegen fertig geworden.
-Nun sah man sie im Winkel dort mit einer, wie es schien, schmerzhaften
-Arbeit beschäftigt, denn sie strich sich gewaltsam heftig mit den
-Beinen über den Rücken und stöhnte laut dabei:
-
-»Ach, ach, ach!« Mit den Beinen stieß und drängte sie ihre vier
-geöffneten Flügel, bis es schließlich gelang, sie abzureißen. Dann
-seufzte sie tief auf und stöhnte erleichtert:
-
-»Gottlob, das hätten wir hinter uns!«
-
-Alle im Saale Anwesenden riefen ihr im Chore zu: »All Heil!« und
-»Hurra!« und »Wir gratulieren dir!«
-
-»Hörst du«, sagte Max neugierig, »sie gratulieren. Hat sie Geburtstag?«
--- Dabei schaute er mit seinen drei einfachen Augen voll Verwunderung
-und mit den hundertzwanzig zusammengesetzten fragend und neugierig um
-sich.
-
-Bereitwillig erklärte Fuska weiter:
-
-»Dies ist eine weibliche Ameise, wie ich dir schon sagte. Die meisten
-unserer jungen Ameisenmädchen suchen sich in der Luft einen Bräutigam,
-um Hochzeit zu halten. Diese hat aber ihr Fest in der Nähe des Hauses
-unter unserer Aufsicht in Gras und Blumen gehalten. Wir haben sie
-dann nach Hause zurückbegleitet, und weil sie eine kluge Frau ist,
-entledigte sie sich eben ihrer Flügel. So kann sie nicht mehr in
-Versuchung fallen, eines Tages fortzufliegen, bleibt dafür hübsch gut
-versorgt bei uns und schenkt uns ihre Eier, um unsere Familie groß und
-stark zu machen.«
-
-Verwirrt von soviel Neuem mußte Max ein bißchen ausruhen und darüber
-nachdenken. Nun wandte er sich wieder an Fuska:
-
-»Wie kann und mag man denn in der Luft Hochzeit halten? Das verstehe
-ich nicht.«
-
-»Es ist eben so.«
-
-»Liebe Fuska, ich habe ja keine Flügel, wie soll dann ich um Himmels
-willen einmal in der Luft meine Hochzeit halten?«
-
-»Was kümmert dich das? Männlein und Weiblein haben ja ihre Flügel.«
-
-Nun glaubte Max aber wirklich verrückt zu werden. »Weibchen haben
-Flügel. Gut. Männchen haben Flügel. Noch besser. Aber, darf ich
-fragen, was sind dann wir beide eigentlich? Ich und Sie, wir haben
-keine Flügel, ich begreife nicht ...«
-
-»Das ist sehr einfach: wir sind weder männlich noch weiblich.«
-
-»Waaaas???«
-
-»Wir sind geschlechtlose Wesen.«
-
-Wenn Max nicht eine so dunkle Hautfarbe gehabt hätte, hätte Fuska sehen
-müssen, wie er erblaßte. Wie ein frischgewaschenes Leintuch, so weiß,
-hätte er wohl ausgesehen. Es fuhr ihm durch alle Glieder. Bis jetzt
-hatte er für einen tüchtigen Buben gegolten, der ein großer Mann werden
-konnte. Wäre er als Ameisenmädchen geboren worden, er hätte sich in
-Gottes Namen darein gefügt. Aber nichts zu sein, weder Mann noch Frau,
-das war ja nicht zu ertragen. Im Ausbruch einer wilden Verzweiflung
-schrie er Fuska an:
-
-»Ich will nicht geschlechtlos sein! Ich will nicht, ich mag nicht.
-Ich bin ein Mann und will einer bleiben. Der Alte mit dem grauen
-Rock hatte kein Recht, aus mir zu machen, was ihm beliebte! Wenn er
-ein gerechter Mann gewesen wäre, hätte er mich erst fragen müssen.«
-Weinerlich bettelte er jetzt: »Ich will ein Mann sein, liebe Fuska, ich
-will Flügel haben! Kannst du mir nicht die Flügel ankleben, die von dem
-Weibchen dort abgeworfen wurden?«
-
-Fuska tröstete ihn liebevoll.
-
-»Dein kindliches Verlangen ist zu verstehen; leicht beneidet man
-diejenigen, die uns glücklicher scheinen, als wir es sind. Aber glaube
-mir, wenn man solche Leute oft näher kennenlernte, würde man froh sein
-um das, was man ist, und Gott dafür danken.«
-
-Allein Fuska hatte gut reden. Max traf dieser Schlag zu schwer. Wie
-vorhin, als er vom Beginn eines Unterrichts hörte, spürte er eine
-angstvolle Bangigkeit, die ihm den Hals zuschnürte. Tiefunglücklich
-schlug er sich mit dem rechten Vorderbeinchen vor die Stirne und
-stützte so seinen Kopf. Das Weinen war ihm näher als je.
-
-Aber auch diesmal bezwang er den ungeheuren Schmerz mit seiner
-Vernunft; er besann sich eines Bessern. Tränen weinen aus
-hundertdreiundzwanzig Augen, nein! Das hätte eine schöne Überschwemmung
-gegeben.
-
-
-
-
-6. Eine Riesenschlange.
-
-
-Schmeichelnd zog Fuska den nicht länger Widerstrebenden mit sich und
-sagte dazu: »Du möchtest ein Männlein sein, komm mit vor die Haustüre.«
-
-Sorglich führte sie ihn an der Hand, vielmehr am Füßchen und stieg zum
-Haupteingang empor, der zugleich den Saal mit Tageslicht versorgte.
-
-Draußen fiel Max von einem Staunen ins andere. Was sah er? Drei
-geflügelte Ameisen mit etwas kleineren Köpfen warfen sich wiederholt
-auf die Erde, wobei sie von einer Seite auf die andere fielen und die
-tollsten Purzelbäume schlugen.
-
-»Habt ihr Leibschmerzen?« wendete Max sich voll Mitleid zu den
-unglücklichen Insekten. Stammelnd stieß eines hervor:
-
-»Uh -- uh! Ach, ah! Oh! oh! oh! ...«
-
-»E--s--e--l!« rief Max.
-
-Das war gerade nicht sehr teilnahmvoll und artig, aber er meinte, nie
-dümmere Geschöpfe gesehen zu haben.
-
-»Siehst du wohl, das sind unsere Männchen.«
-
-»Ist so etwas möglich?«
-
-»Ja, sie sind weder besonders vernünftig noch sonst mit wertvollen
-Eigenschaften begabt.«
-
-»Das sehe ich; weder laufen, noch stehen, noch stillsitzen können sie.«
-
-»Ihre Lebensaufgabe ist erfüllt; sie sind mit der Braut zur Hochzeit
-geflogen, dann ermüdet herabgestürzt, und gleich werden sie sterben.«
-
-Starr und steif lagen bereits zwei, die Beinchen in die Luft gestreckt,
-auf dem Rücken da, ein drittes machte noch einige unfrohe Purzelbäume
-und stöhnte sein »Ach, Oh, Uh!« dazu.
-
-»Möchtest du mit diesen Armen tauschen?« fragte Fuska.
-
-»Mit solchen Dummköpfen? Nein, wahrhaftig nicht!« --
-
-»Habe ich es dir nicht gesagt? -- Die Männchen leben nur wenige Tage,
-während wir den Vorzug haben, ein, zwei, sogar bis neun Jahre zu leben,
-wenn uns kein Unglück zustößt.«
-
-»Da wollte ich schon lieber noch ein Weibchen sein«, sagte Max, der
-schaudernd den letzten Zuckungen des sterbenden Männchens zusah, »als
-solch eine Art von Mann!«
-
-»Gewinn hättest du auch davon keinen. Wie für Männchen, bestehen auch
-große Gefahren für Weibchen. Hungrige Vögel erschnappen sie im Fluge,
-und das Traurigste ist, daß sie auch nach glücklich vollendetem Flug
-niemals mehr ihr altes Heim finden.«
-
-»Nun, sie werden dann wohl in ein anderes Ameisenhaus gehen?«
-
-»Davor werden sie sich hüten! Fremde Ameisen werden nirgendwo
-eingelassen.«
-
-»Dann bekommt aber die Ameisenfamilie die Eier des verirrten Weibchens
-nicht«, eiferte Max, »wo keine Eier sind, ist es gleich zu Ende mit
-Larven, Puppen und Ameisen; zuletzt steht dann das Ameisenhaus leer!«
-
-»Was du sagst, wäre richtig, wenn wir geschlechtlose Ameisen nicht
-wüßten, was unsere Pflicht ist. Da wir das aber sehr genau wissen,
-geben wir stets Obacht und tragen die zu Boden gesunkenen Weibchen ins
-Haus herein, wo sie ihre Eier gerne ablegen, wie du selbst gesehen
-hast.«
-
-»Wie entstehen denn Männchen und Weibchen?«
-
-»Wie eben alle Ameisen entstehen. Aus dem Ei.«
-
-»Wie aber kam ich zu euch?«
-
-»Du weißt es ja. Dein Ei fand man auf einem moosigen Stein in der Nähe
-unseres Hauses. Wir erkannten, daß es zu uns gehörte.«
-
-Beide schwiegen. Maxens Herz war voll der verschiedensten Empfindungen.
-Über eine Weile fuhr Fuska fort:
-
-»Merke dir also: Mann sein, heißt bei uns soviel als einen einzigen,
-herrlich schönen Flug über Blumen zur Sonne machen, dann erschöpft
-zur Erde stürzen und in Betäubung sein Leben aushauchen. Um als
-Weibchen zu leben, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Flügel zu
-gebrauchen, um den schönen Sonnenflug mit einem Bräutigam zu feiern --
-wie oft aber geht dies Unternehmen übel aus! -- oder, trotz Flügel,
-auf der Erde bleiben und sich selber die Flügel auszureißen, um ihrer
-Versuchung nicht zu unterliegen. Wer bei uns Flügel besitzt, ist nicht
-zu beneiden. Wir geschlechtlose Ameisen aber sind recht die Herren des
-Hauses. Wir arbeiten ehrlich und unverdrossen, und die ganze Welt ehrt
-uns mit dem ruhmvollen Titel: ›Arbeiter‹.«
-
-Der Gedanke, unverdrossen zu arbeiten, war für Max durchaus nicht
-bestrickend, aber daß Fuska grundgescheit und hoch achtbar war, das sah
-er ein.
-
-»Wohlan«, sagte er, »ich will mich ferner nicht mehr über mein
-Schicksal beklagen.«
-
-Fuska liebte es, ein wenig zu predigen; jetzt legte sie ihm ihre
-Vorderbeinchen auf die Schultern, schaute ihn bewegt und ernst an und
-sprach:
-
-»Eine Ameise, die still ihrer Arbeit lebt, hat keine Ursache, irgend
-jemand zu beneiden. Du hast gesehen, wie der Schein trügt, und daß
-Flügel nicht verhindern können, sich auf der Erde den Hals zu brechen.«
-
-»Ja, ja«, sagte Max altklug, »es ist nicht alles Gold, was glänzt!«
-
-Inzwischen waren aus dem Hause Gruppen von Ameisen ausmarschiert, die
-eine Menge neu ausgeschlüpfter Ameislein führten, um sie an die Luft
-zu bringen. Mit Interesse folgte Max, und gerne hätte er mit ihnen ein
-wenig plaudern mögen. Aber alle horchten hoch auf, denn eine Stimme
-ließ sich hören: »Hierher! Schwestern! Hilfe ist nötig!«
-
-Eine kräftige Ameise krabbelte keuchend heran und berichtete:
-
-»Es gilt eine große Beute hereinzubringen. Wir sind kaum unserer zwölf
-und werden allein nicht mit ihr fertig.«
-
-Sofort nahm sich Fuska umsichtig der wichtigen Angelegenheit an,
-indem sie zunächst alle Anwesenden aufmunterte, mitzuhelfen. »Auch
-die Kleinen sollen mitkommen. Das Beispiel unserer Arbeit ist für die
-Kinder die beste Erziehung.« So befahl sie.
-
-Der Tag war herrlich und die Arbeit begann jedenfalls mit einem
-Spaziergang; das fand Max nicht übel. Auch war es ihm von jeher
-vergnüglich, einer Arbeit zuzusehen. Wie oft hatte er früher zu Therese
-gesagt:
-
-»Wenn ich einmal groß bin, will ich gerne die Menschen mit Arbeit
-versorgen, auch wenn keine für mich übrig bleibt.«
-
-Man zog gemeinsam einen hügeligen Weg entlang, voran als Wegweiserin
-die Ameise, die den Fund gemacht hatte.
-
-Wie man, um Atem zu schöpfen, einmal stehen blieb, meinte nachdenklich
-die Führerin:
-
-»Ich müßte mich sehr täuschen, aber auf diesem Weg brauchen wir mehr
-als tausend Leute, um unsere Beute heimzubringen.«
-
-Nach kurzer Weile des Weitermarsches rief sie: »Gleich sind wir am
-Orte, hinter dem Hügel stehen die andern.«
-
-In Wirklichkeit war der bezeichnete Hügel nur ein Maulwurfshaufen, aber
-man mußte tüchtig klettern, um ihn zu ersteigen. Max war als erster
-oben, und vor Überraschung schlug er seine Vorderbeinchen zusammen und
-richtete seine Fühler hoch auf.
-
-Am Fuße des Hügels lag vor seinem erstaunten Blicke eine riesige
-Schlange mit rosiger Haut. Zwanzig Ameisen hatten an dem Ungetüm
-bereits furchtlos Hand angelegt.
-
-Wie mag diese gefährliche Sache enden?
-
-
-
-
-7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise?
-
-
-Die Schlange war entsetzlich groß, und noch erkannte man nicht einmal
-ihre wahre Länge. Warum? Sie steckte, weiß Gott wie tief, mit dem
-Leibesende in der Erde, wo sich ihr Körper mit aller Kraft einstemmte.
-Mit verwegener Kühnheit wurde von den Ameisen der Versuch gemacht, das
-Untier aus seiner Erdhöhle herauszuzerren.
-
-Max wendete sich erregt zu Fuska.
-
-[Illustration]
-
-»Die sind wohl verrückt«, deutete er auf die Arbeiter. »Die Schlange
-ist tausendmal größer als wir, wenn sie den Rachen aufreißt,
-verschlingt sie uns alle zusammen.«
-
-Stolz erwiderte ihm Fuska:
-
-»Wir Ameisen sind mutige Leute und fürchten uns nicht leicht. Ferner
-erinnere dich, was ich dir vom trügerischen Schein sagte. Diese
-Schlange ist nichts weiter als ein fetter Wurm und heißt ~Lumbricus
-agricola~.«
-
-Vorsichtig näherte sich der kleine Max dem großen Ungeheuer,
-betrachtete es forschend und rief enttäuscht:
-
-»O, welch ein Aufwand von Fremdwörtern! Ein gewöhnlicher Regenwurm ist
-es, nichts weiter. Regenwurm sagt man, das versteht jeder sofort.«
-
-»Es ist aber höchst wichtig, daß wir Ameisen die Tiere, die um uns
-leben, nach der Art ihres Baues und ihrer Gewohnheiten kennen«,
-erwiderte Fuska.
-
-Max hatte mit seinem Kinderverstand freilich erfaßt, daß es sich hier
-um einen unschuldigen Regenwurm handelte; mit seinen Ameisenaugen
-erkannte er trotzdem den Ernst des Kampfes.
-
-Seinen Angreifern gegenüber blieb der Wurm immerhin eine Riesenschlange.
-
-Alle alten und jungen Ameisen hatten sich jetzt rings um das Ungeheuer
-aufgestellt, und Max war ehrgeizig genug, nicht zurückbleiben zu
-wollen. Er begann wie diese fleißig mit seinen Beinchen zu arbeiten.
-Der Körper des Wurmes überzog sich nach und nach mit einer säuerlichen
-Flüssigkeit. Max schnupperte daran.
-
-»Was ist das?« fragte er, den Mund verziehend.
-
-»Das ist unser Gift, das wir gegen Feinde benützen«, sagte seine
-Nachbarin.
-
-Es war Ameisensäure. Sie wird von den Ameisen erzeugt und am Hinterleib
-ausgespritzt.
-
-Das Ungetüm lag jetzt da, ohne sich vor- oder rückwärts zu bewegen.
-
-Da kam Max ein prächtiger Gedanke, den er ohne Zaudern zum besten gab.
-
-»Wißt ihr was? Wir zerschneiden den langen Kerl mit unsern Kieferzangen
-in zwei Teile«, rief er.
-
-Aber wie mit einer Stimme hielten alle ihm entgegen: »Das wäre eine
-unverzeihliche Dummheit. Sie käme dem Herrn schön zustatten; da könnte
-er die Hälfte, die im Boden steckt, bequem in Sicherheit bringen.«
-
-Max wußte eben nicht, daß es einem Regenwurm gar nicht einfällt zu
-sterben, wenn man ihn entzweischneidet. Max hatte bisher in der
-festen Überzeugung gelebt, daß ein Kinderverstand jedenfalls einem
-Ameisenhirnchen überlegen sei. Über das eben Erlebte wurde er sehr
-bescheiden. O weh, von einer Ameise mußte er sich so bekannte Dinge
-sagen lassen!
-
-Heldenhaft zogen die Ameisen, dehnten und streckten den Wurm, aber ohne
-jeden Erfolg. Er steckte wie eingemauert in seiner Höhle. Max entdeckte
-am Bauche des Tieres eine Art Borsten, mittels welcher es sich fest am
-Boden anklammerte, und bei solcher Gegenwehr ließ sich denken, daß alle
-Ameisenkraft nichts nützte. Ein Augenblick allgemeiner Ratlosigkeit
-folgte der äußersten Anstrengung. Die Klügste stieg nun auf den Rücken
-der Schlange und befahl den andern, sie festzuhalten, damit sie nicht
-vollends im Erdboden verschwände.
-
-»Hört mich an«, sprach sie eifrig, »dieser Starrkopf will sich nicht
-loslösen lassen. Wir werden ihm den Boden unter dem Leibe wegziehen!«
-
-Max verstand nicht, wie man dies machen könne, während alle andern
-flugs begriffen. Zum zweiten Male fühlte er sich gedemütigt.
-
-Unverweilt begaben sich alle Arbeiter bis auf etwa zehn, die die
-Schlange festhalten mußten, zum Rande der Höhle, in der sie mit
-einem Teile ihres Leibes versenkt war. Entschlossen arbeitete Max
-hier mit, und Fuskas Befehl: »Zangen gebrauchen!« war für ihn fast
-überflüssig. Alles schaufelte und grub, und die Kieferzangen, die er
-zur Aufnahme der süßen, flüssigen Sirupnahrung nicht hatte gebrauchen
-können, waren prachtvoll passende Werkzeuge. Mit ihnen ließ sich
-spielend packen, graben, heben und schaufeln. Im Nu war der Rand des
-Loches, in dem der Wurm steckte, abgebaut; tiefer und weiter gruben
-die fleißigen Arbeiter, und bald lag der ganze Leib der Schlange
-freigelegt in einer fast wagrechten Furche, in der das Tier sich mit
-seinen Borstenfüßen nicht mehr festhalten und die Spannkraft seiner
-Leibesringe nicht wie bisher ausnutzen konnte. Solange nämlich ein
-Teil des Wurmes wagrecht auf dem Boden lag und der andere senkrecht in
-der Höhle steckte, bildete der ganze Körper einen rechtwinkligen Haken
-und leistete einen fast nicht zu überwältigenden Widerstand. Jetzt
-hingegen lag der Wurm seiner ganzen Länge nach ausgestreckt in einem
-schiefen Graben und konnte mit einiger Mühe fortgeschafft werden. Max
-berechnete nachdenklich, daß das Tier mindestens fünfzehn Zentimeter
-lang war; im Verhältnis zur Größe einer Ameise war das ungeheuer viel.
-In Anbetracht seines eigenen Mutes, seiner herrlichen Waffen, die er
-an seinen Kieferzangen besaß, und der unglaublichen Geschicklichkeit
-seiner Gefährten kam aber keine Spur von Angst in Max auf. »Das werden
-wir schon schaffen«, so ging es wiederholt mitten in schwersten
-Anstrengungen von Mund zu Munde, und es lag nichts Großsprecherisches
-darin. Nun mußte der lange, schwere Körper nach Hause gezogen werden.
-Das war eine ganz besonders mühsame Aufgabe. Trotz geschickter
-Verteilung der Arbeitskräfte am Kopf, in der Mitte und am Ende der
-Schlange ging es nur langsam vorwärts. Der Wurm sträubte sich nach
-allen Seiten.
-
-Max half wacker mit.
-
-»Wenn mir früher jemand gesagt hätte, wie stark und mutig Ameisen
-sind«, dachte er, »ich hätte es nicht geglaubt! Wie oft mag ich achtlos
-über sie weggeschritten sein, ahnungslos, wie klug und geschäftig sie
-zu meinen Füßen arbeiteten!«
-
-Leider stieß das Unternehmen doch auf ein unüberwindliches Hindernis.
-Der Boden war mit Rasen bedeckt, und es ging nicht an, die Beute
-durch den dichten Wald der Halme und Blätter zu schleppen. Unsicher
-rutschte man, und haltlos verlor der Körper einen Teil seiner Kraft
-zum Schieben, Tragen und Stoßen. So kam der Zug zum Stehen. Endlich
-eine passende Gelegenheit für Max, seine Weisheit aufs neue leuchten zu
-lassen!
-
-»Nun muß die Schlange eben doch zerschnitten werden«, sagte er so
-bestimmten Tones, daß es wie ein Befehl klang.
-
-Die eifrige Jugend glaubte schon folgen zu müssen, als Fuska schnell
-»Halt« gebot.
-
-»Wir können unsere Beute ungeteilt nach Hause bringen«, entschied sie
-mit Ruhe und Nachdruck.
-
-»Aber wie denn?« rief Max ärgerlich. Galt denn sein Kinderverstand so
-wenig bei den Ameisen? Es war unausstehlich, wie man ihn mißachtete.
-
-Fuska ordnete in aller Ruhe an, daß eine gewisse Anzahl als Wächter
-bleiben sollten. »Die andern«, befahl sie, »gehen mit mir. Laßt euch
-indessen die Zeit nicht lange werden«, wendete sie sich noch freundlich
-zur befohlenen Wache, »die Arbeit wird lange währen, aber den Wurm
-bekommen wir ganz nach Hause.«
-
-So ging sie, gefolgt von den übrigen zum Ameisenhaus zurück und nahm
-dabei einen auffallend taktmäßigen Schritt an, als ob sie Bedenken
-trüge, ordentlich aufzutreten.
-
-»Weshalb geht sie denn so tolpatschig?« fragte Max seine Nachbarin.
-
-Ja er spottete sogar über seine gute Pflegerin und sprach:
-
-»Ei! ei! Frau Fuska hat, scheint's, Hühneraugen an den Füßen oder gar
-Frostbeulen im hohen Sommer, so zaghaft trippelt sie dahin.«
-
-
-
-
-8. Die Überführung der Schlange.
-
-
-An der Haustüre hielt Fuska an und berechnete laut: »Die Entfernung vom
-Wurm bis hierher beträgt nach meiner Schätzung hundertzwanzigmal meine
-Körperlänge.«
-
-In Max dämmerte mit Beschämung das Verständnis auf, warum Fuskas Art zu
-schreiten so eigentümlich gewesen war.
-
-»Wenn ich gut achtgebe, wie tief ich jetzt abwärts steige, wird es
-nicht schwer sein, die genaue Richtung zu finden. Frisch ans Werk«, so
-schloß sie jetzt mit aufmunterndem Wink. Nun schritt man vorsichtig
-abwärts, bis Fuska bestimmte: »Hier an dieser Stelle beginnen wir den
-Schacht. Während ich mit der Hälfte von euch grabe, schafft ihr andern
-sofort das abgegrabene Erdreich weg.«
-
-Max verstand genau, um was es sich handelte.
-
-»Ihr hofft einen Gang zu bauen, der an einen bestimmten Punkt führen
-soll«, bemerkte er.
-
-»Selbstverständlich, das tun wir«, so riefen alle durcheinander. Er
-aber, der siebenmal gescheite Vorwitz, sprach gelassen:
-
-»Ihr habt wohl alle den Verstand verloren?«
-
-Von Onkel Walter wußte er, welche Schwierigkeiten es zu überwinden
-kostete, bis der Gotthardtunnel gebaut war. Nach den verwickeltsten
-Berechnungen hatte man Jahre der Arbeit gebraucht, bis die Arbeiter,
-die an den entgegengesetzten Punkten die Bohrungen begonnen hatten,
-sich unter der Erde endlich begegneten und ein großes Freudenfest
-feiern konnten.
-
-»Ha«, lachte er in sich hinein, »so etwas wollen Ameisen fertigbringen!
-Lächerlich.«
-
-»Vorwärts, vorwärts«, stieß ihn Fuska derb an, daß er aus seinen
-Zweifeln jäh emporfuhr, »stehe nicht müßig! Wer immer grübelt und
-zögert, erreicht kein Ziel«, brummte sie, als ob sie seine Gedanken
-gelesen hätte.
-
-Welch mühsame Arbeit! Eine Stunde schon grub und schaufelte man, und
-noch war kein Ende abzusehen. Etwas boshaft, wie Max heute aufgelegt
-war, wendete er sich an Fuska: »Große Ingenieurin, ich möchte mir eine
-Bemerkung erlauben.«
-
-»Nur keck heraus damit«, sagte sie, die Anrede gutmütig belächelnd.
-
-»Mir will scheinen«, belehrte Max, »der Gang, den wir graben, führt
-mehr und mehr abwärts. Wir arbeiten ein Loch durch die Erdkugel!«
-
-»Sprich nur weiter«, drängte lachend Fuska.
-
-»Wenn wir das Leben haben, werden wir in ungefähr tausend Jahren in
-Amerika die Sonne wieder sehen!«
-
-Fuska ließ ihn sprechen, da er fleißig dazu weiterschaffte und grub.
-Die Tatsachen, so dachte sie, werden es ja lehren, ob er recht behielt.
-Mit sachlicher Ruhe wurde emsig gearbeitet, und man fühlte es bereits,
--- die Erdschicht, die noch zu durchbrechen war, war nur mehr eine
-dünne Wand. Eine letzte Weisung noch gab die geistvolle Leiterin, und
--- ein Lichtstrahl drang durch die erlangte Öffnung. Alle sprangen und
-sangen mit fröhlichem »Hurra!« ins Freie. Da lag er, der Regenwurm,
-kaum einen Ameisenschritt entfernt, umgeben von den treuen Wächtern,
-die, ihrer Ablösung froh, vergnügt mitjubelten.
-
-Max aber stand neuerdings überwältigt vor Staunen mit aufgesperrten
-Kieferzangen da und überlegte das Erlebnis! Kaum aus dem Gespinst
-geschlüpft, hatte er gesehen, welch umsichtige Hausfrauen und treue
-Wärterinnen die Ameisen sind. In langen Arbeitsstunden hatte er jetzt
-erfahren, welch kühne Schachtgräber sie sein können, und jetzt eben
-erlebte er den glänzenden Beweis ihrer Tiefbaukunst. Was war mehr zu
-bewundern, der Geist des großen Planes oder die Genauigkeit seiner
-Ausführung?
-
-»Wie ich mich mit euch freue«, sagte er bewegt zu den Gefährten, »ich
-hätte nie geglaubt, daß ihr dermaßen geschickt seid!«
-
-»Manchmal«, redete ihn Fuska an und blickte ihm wie Gedanken lesend in
-die Augen, »manchmal ist das Mißtrauen in anderer Leute Können nur ein
-versteckter und unfruchtbarer Hochmut. Weil man sich selber zu etwas
-unfähig fühlt, denkt man, andere werden auch nichts können!«
-
-Dabei räusperte sie sich mit auffallender Langsamkeit, während Max sich
-mit den Vorderbeinchen verlegen hinter den Fühlern kratzte, denn Fuska
-sah ihn ein wenig von der Seite an, als ob er ein auf der Tat ertappter
-Schelm wäre. Aber sie war doch zum Umarmen lieb und gut.
-
-»Na, na«, fuhr sie freundlich fort, »zweifle nur nicht an dir selbst.
-Heute bist du noch jung, aber in zwei, drei Tagen hast du dieselbe
-Ausdauer und Berechnungskunst wie wir alle, und du wirst gewiß eine
-Ameise werden, die unserer Familie würdig ist!«
-
-[Illustration]
-
-Da die Sonne sich bereits zum Untergange neigte, beeilten sich die
-Ameisen, den Regenwurm, der im Nu in den neugegrabenen Gang gezogen
-war, zu bergen. Der Eingang wurde gleich mit Blättchen, Erdkrumen
-und Hälmchen fest verbaut. Aus Vorsicht vor nächtlichen Einbrechern
-und andern Überraschungen schlossen sie sorgfältig das neue Tor zur
-Wohnung. Die Schlange aber lag in einer Kammer des Hauses wohlgeborgen.
-
-Wie sie ausgestreckt dalag, erinnerte sich Max jener Schulaufgabe,
-die von der Klugheit der Ameisen handelte. Es war die Fabel von der
-sorglosen Grille und der fleißigen Ameise, die er gelernt hatte und
-als Aufsatz niederschreiben sollte. Darum urteilte er jetzt nach
-dem Gelernten und sagte in frohlockendem Tone: »Ein prachtvoller
-Wintervorrat! Das gibt einen herrlichen Sonntagsbraten!«
-
-»Vorrat für den Winter?« Fuska sah Max verwundert dazu an.
-
-»Gelt«, erwiderte Max stolz auf sein Wissen, »gelt, du meinst, ich weiß
-es nicht, wie fleißig wir im Sommer arbeiten, damit wir auch im Winter
-etwas Gutes zu essen haben, wenn wir wegen der Kälte nicht ausgehen
-können.«
-
-Da lachten alle Umstehenden aus vollem Halse.
-
-»Nein, wie er töricht plaudert«, riefen sie, »wer wird denn im Winter
-essen?«
-
-»Nicht essen? -- Den ganzen Winter nichts essen?«
-
-»Im Winter schlafen wir doch!«
-
-»Liebe Fuska, höre doch, was sie sagen!«
-
-»Freilich«, bestätigte sie schmunzelnd über sein enttäuschtes Gesicht,
-»was sollten wir den ganzen unfreundlichen, kalten Winter über Besseres
-tun?«
-
-»Da schlafen wir immerfort, einen einzigen, guten, langen Schlaf?«
-
-»Ja, so ist es, Lieber.«
-
-»Wie können denn nur die Menschen«, so dachte jetzt Max, »ihren Kindern
-solche Geschichten erzählen von Tieren, die sie gar nicht ordentlich
-kennen!« Er war ganz müde vom Denken und den vielen neuen Eindrücken
-und fragte nun gähnend:
-
-»Und jetzt? Heute gehen wir gewiß recht bald schlafen?«
-
-»Was denkst du? Nachts verrichten wir unsere Hausarbeit!«
-
-»Immer arbeiten!« brummte Max. »Aber der lange Schlaf im Winter ist
-nicht übel. Was hat man doch als Kind für eine Schererei, sich abends
-auszuziehen, ins Bett zu legen, dann wieder alle Morgen aufstehen,
-anziehen, waschen, kämmen und so fort, bis abends dieselbe Leier wieder
-beginnt, und alle Tage so weiter, ein ewiges Einerlei!«
-
-Dies sagte er aber nur still zu sich selber.
-
-
-
-
-9. Max, der Soldat.
-
-
-»Du hast immer noch keine richtige Vorstellung«, sagte Fuska zu Max,
-»wie es in unserem Hause eigentlich aussieht. Reinige dich jetzt, ehe
-ich dich in die Kellerräume führe.«
-
-»Ich mich reinigen?« wunderte sich Max.
-
-»Das versteht sich! Wir haben uns beim Graben tüchtig bestaubt, und
-ich will nicht hoffen, daß du dich im Schmutze wohl fühlst wie eine
-Kotwanze.«
-
-Dieses Insekt mit dem häßlichen Namen, auf das Fuska anspielte und das
-bei den reinlichen Ameisen nicht gerade als Kosename gebraucht wird,
-heißt lateinisch ~Reduvius~, was Max trotz seiner Studien im Latein
-nicht wußte. Es lebt in den Häusern bei den Menschen. Die Larve hüllt
-sich in Wollstaub und allerlei Kehricht, wie man ihn in den Ecken
-unreinlicher Wohnungen antrifft. Vermummt in einen Staubmantel, fällt
-sie nun aus dem Hinterhalt arglose Mücken an und verspeist sie. Ist
-aber das Insekt ausgewachsen, dann gibt es seine ungehörige Hinterlist
-und niedrige Verschlagenheit auf und jagt nach Beute im offenen Kampfe.
-
-Fuska hatte recht, wenn sie die Lehre anknüpfte: »Reinlichkeit ist
-der erste und vornehmste Beweis eines gebildeten Geschöpfes, das
-Selbstachtung besitzt. Wir Ameisen halten sehr viel auf uns!«
-
-»Wie in aller Welt soll ich mich aber reinigen? Wo ist Wasser, Seife,
-Handtuch?« Fuska begriff durchaus nicht, was er meinte.
-
-»Nur rasch«, sagte sie, »mache dich sauber. Gebrauche flink deine
-Beinchen!«
-
-Max stellte sich ungeschickt genug an. Am Ende seiner Füße befand sich
-eine Art Kämmchen mit scharfen Zähnen; damit konnte er, wenn er die
-Füße hob und beugte, seine Fühler bürsten; kreuzte er die Beinchen, so
-ließen sich Kopf und Rücken kämmen und die feinen Härchen glätten und
-striegeln, die an den Fußspitzen wuchsen.
-
-»Wenn mir einer gesagt hätte, daß mir der Haarschopf an den Füßen
-wüchse!« witzelte er.
-
-Plötzlich hielt er laut jammernd inne.
-
-»Au weh, au weh!«
-
-»Was hast du, Kindchen?«
-
-»Ich armer Kerl! Ich blute! Blut läuft aus meinen Haaren!«
-
-»O du Dummerchen«, lachte Fuska, »du bist beim Kämmen an eine Drüse
-geraten.«
-
-»Drüse?«
-
-»Aus diesen Drüsen quillt ein Saft, mit dem wir unsere Staubhärchen
-befeuchten können.«
-
-»Wozu tun wir dies?«
-
-»O zu allerlei! Womit könntest du dich auf einer senkrechten, glatten
-Fläche halten, die bestiegen werden soll? In solchem Falle drückt man
-geschwind ein wenig Drüsensaft heraus; dieser klebt gerade so viel, daß
-er uns beim Gehen an der glatten Wand den festen Halt gibt.«
-
-Mit den Beinen hatte Max vorher gegraben, und mit ihnen hatte er
-geschickt die Erde fortgeschleudert, die ihm im Wege war. Jetzt rief
-er begeistert: »Was habe ich doch für kunstvolle Füße! Krallen sind
-daran, Staubhaare und Kämmchen. Fehlt nur noch Zahnbürste, Mundwasser
-und ein Spiegel, dann hätte ich die feinste Waschtischeinrichtung
-beisammen!«
-
-»Komm, komm!« eilte Fuska.
-
-Um ihn rannte alles so geschäftig durcheinander, daß er mit seinen
-neugierig vorgestreckten Fühlern unsanft an beschäftigte Ameisen
-anstieß.
-
-»Was laufen diese so? Was bedeutet dies Hin und Her?« fragte er.
-
-»Larven und Puppen werden herumgetragen. Sie sind sehr empfindlich
-gegen Kälte und Hitze.«
-
-»Sie erkälten sich wohl leicht und bekommen den Schnupfen?«
-
-»Wir bauen für unsere Kleinen hochgelegene und tiefe Stuben, wohin wir
-sie je nach Sonne und Regen tragen.«
-
-Max dachte mit Rührung daran, daß man auch ihn so treu herumgetragen
-hatte, und tiefbewegt sprach er:
-
-»Wie gerne mag ich die Ameisen leiden, diese guten Tierchen! Ich finde
-kaum Worte, um zu sagen, wie dankbar ich Ihnen, liebe Frau Fuska bin,
-für alles Liebe, was Sie mir schon getan haben.«
-
-»Du liebe Zeit, mache keine Redensarten! Ich habe an dir nur getan, was
-einst mir geschah und was du den nachkommenden Geschlechtern tun wirst.
-Bei uns Ameisen werden schon die Kinder angehalten, andern das zu tun,
-was wir selbst wünschen, daß es uns geschähe. Man muß Gutes tun, weil
-man Gutes empfangen hat, wie man eben jede Schuld bezahlt, wenn man
-ehrlich ist.«
-
-Unsere Beiden waren übrigens wieder innerhalb des wohlverrammelten
-Tores angelangt. Im Hausgang schritten einige Ameisen hin und her.
-
-»Was tun diese hier, Frau Fuska?«
-
-»Sie hüten als Schildwachen unser Haus und rufen sofort im Falle der
-Gefahr diejenigen an, die bei der Arbeit sind.«
-
-»Ich will auch eine Schildwache werden!«
-
-»Ohne Zweifel kannst du das, denn du scheinst eine kräftige, gesunde
-Ameise zu werden und hast alle Eigenschaften eines guten Soldaten in
-dir.«
-
-»Soldat! Soldaten gibt es auch bei den Ameisen? Juhe! -- Hurra!«
-
-»Im Notfalle kämpfen wir wohl alle, aber in unserer Familie sind die
-kräftigsten Arbeiter mit starkem Kopf und den mächtigen Kieferzangen
-besonders zum Kriegsdienst geeignet.«
-
-»Beim ersten Kampfe«, rief Max voll Begeisterung, »schwöre ich, daß
-ich es zum General bringen will!« Indem er dies sagte, hob er sein
-rechtes Vorderbeinchen zur Stirne empor und grüßte die Wachen stramm
-militärisch.
-
-
-
-
-10. Im Kuhstall der Ameisen.
-
-
-Während sie beide die entlegensten Winkel des Hauses besuchten, konnte
-sich Max von der Weitläufigkeit des Baues überzeugen. Es gab weite
-Gemächer, die mittels Gängen und Gräben in Verbindung standen. Alle
-mündeten sie in einen großen Saal im Mittelpunkt des Hauses. Wenn die
-Tageshitze am größten war, vereinigten sich hier in ihren Ruhestunden
-die Bewohner. In den weiten, dunklen, von Säulen und Pfeilern
-gestützten Gewölben tastete Max sich mit seinen feinen Fühlern sicher
-vorwärts und bewunderte überall die geistreiche Anlage des schönen
-Baues.
-
-Die Ameisen, das sah er klar, sind nicht bloß gute Pfleger, starke
-Arbeiter, schlaue, kluge Tunnelgräber, sie sind auch große Baumeister.
-Er stand nicht an, dies laut preisend Fuska als Artigkeit zu sagen.
-
-»Es wäre eine falsche Bescheidenheit«, erwiderte diese mit würdigem
-Stolze, »dein Lob abzulehnen. Aber ich muß auch gestehen, daß wir
-Ameisen zwar alle großes Geschick im Bauen haben, trotzdem besitzen wir
-aber keine bestimmte Bauart, wie z. B. die Bienen. Jeder arbeitet bei
-uns sozusagen nach eigenem Geschmack und eigener Laune. Auf diese Weise
-bekommen wir Häuser von unglaublicher Vielseitigkeit, die alle etwas
-Persönliches an sich haben.«
-
-»Es müßte sehr schwer sein«, bemerkte Max altklug, »eine Geschichte des
-Ameisenstiles zu schreiben.«
-
-»Riesig schwer! Denke, es gibt außer den verschiedensten Arten unserer
-unterirdischen Nester auch solche in freier Luft.«
-
-»In freier Luft? Schwebend? Wie merkwürdig!«
-
-»Jawohl! Es gibt Ameisenarten, die bauen ihr Häuschen auf
-Pflanzenzweige, sie kleben Blätter zusammen als Dach; andere wohnen in
-Eichengallen, in Felsenspalten, Mauerritzen, sogar im Holz der Bäume.«
-
-»Also Holzschnitzer, nicht wahr?«
-
-»Vollendete!«
-
-»So sind die Ameisen auch Bildhauer«, murmelte Max, und jetzt dachte
-er erst mit Verständnis an Namen, die ihm einst in der Schule recht
-langweilig schienen. Da war im Lesebuch von einem berühmten Mann die
-Rede, der Dante hieß; dieser war zugleich ein Staatsmann, ein Dichter
-und Gelehrter. Ein anderer hieß Michelangelo Buonarroti; von diesem
-gab es eine ganze Litanei zu merken: Bildhauer, Maler, Baumeister,
-Ingenieur, Dichter und Soldat sollte er einst gewesen sein! Und alles
-mit Note eins! Er hatte es nie recht glauben können, aber jetzt schien
-es ihm doch eher möglich, nachdem er bei den Ameisen auch so vielerlei
-Kunst vereinigt sah. Es war nicht ohne Grund, wenn er auf einen
-drolligen Einfall geriet:
-
-»Es kommt mir vor«, dachte er, »als ob ich, seit ich Ameise bin, ein
-großer Mann geworden sei.«
-
-Er fand übrigens, daß dies, was die Ameisen ihr Haus hießen, viel eher
-eine kunstvoll befestigte Stadt genannt werden durfte. Max, der von
-Fuska bereits gelernt hatte, Entfernungen abzuschätzen, berechnete
-die Tiefe und Höhe des Baues auf mindestens dreihundert Ameisenlängen
-und dachte mitleidig an das größte Menschenbauwerk, die berühmten
-ägyptischen Pyramiden. Ihr Bild hing in Onkel Walters Zimmer, und Onkel
-erzählte von ihnen, daß sie neunzigmal die Höhe eines Menschen hätten.
-
-Trotz aufrichtiger Bewunderung und Staunen für die kleinen Insekten,
-denen er jetzt selbst angehörte, spürte er nach und nach eine ihm von
-jeher wohlbekannte Regung seines Magens.
-
-Ohne Umstände sagte er daher:
-
-»Alles ist wunderschön, alles ist vorhanden, was eine Ameise sich
-wünschen kann, aber darf ich fragen, ob nicht irgendwo etwas Eßbares zu
-finden ist?«
-
-»Du kleiner Hungerleider«, lächelte Fuska. »Bisher bist du von mir
-gespeist worden, es ist aber jetzt an der Zeit, daß du allein essen
-lernst.«
-
-»O da mache ich sicher die schönsten Fortschritte, ich will es gerne
-versprechen!«
-
-»So komm, du sollst jetzt unsere Ställe kennenlernen.«
-
-Eine neue Überraschung! Ställe!
-
-»Ställe? Wirkliche, wahrhaftige Ställe?«
-
-»Komm nur, wir werden unsere Kühe melken.«
-
-Ziemlich einfältig blickte Max um sich.
-
-[Illustration]
-
-»Kühe? Wo? Melken? Wie?« -- Kopfschüttelnd ging er hinter Fuska
-her, die ihn in einen schiefen, aufwärts strebenden Gang führte,
-der bis zur Erdoberfläche reichte. Er fühlte die Luft freier und
-kühler wehen und bemerkte, daß der Gang oberhalb des Erdbodens weiter
-senkrecht emporstieg. Im Hohlraum des Ganges stand aus dem Erdboden
-herauswachsend der Stengel einer Pflanze. Es war ersichtlich, daß der
-röhrenförmige Bau errichtet war, um diese Pflanze zu schützen. Sie
-kletterten in die Höhe und gelangten schließlich in einen erweiterten
-Raum. Dieser glich einer hohlen Kugel. Hier lebten Insekten, die
-Max nicht gleich erkannte. Durch ein kleines Fensterchen drang ein
-Lichtstrahl ein, und Max sah, daß es Tierchen waren, wie er solche oft
-herdenweise an den Rosenzweigen in seinem Garten beobachtet hatte und
-die Onkel Walter Blattläuse nannte.
-
-»Hier hast du zwei Arten von Milchkühen«, lud Fuska ein, »wähle und laß
-es dir tüchtig schmecken.«
-
-Max stand verblüfft vor den Blattläusen und den Gallenläuschen, die
-Fuska Kühe genannt hatte.
-
-»Melken? Ja, wie denn? -- wo denn?«
-
-»Nun hinten!« ermunterte ihn Fuska.
-
-Max war verblüffter als zuvor. Wahrhaftig, für eine saubere Ameise, die
-sogar an den Füßen ihre Kämmchen mitführte, war dies eine schmutzige
-Geschichte. Allerdings hatte seine Mutter einmal in der Küche Brötchen
-mit einer gewissen Schnepfensache bestrichen, die dem Namen nach auch
-nichts Schönes versprach, die sich aber als Leckerbissen herausstellte.
-Ohne länger zimperlich zu zaudern, ahmte er Fuskas Beispiel nach, fing
-sich eine fette Kuh aus der Herde und begann tüchtig zu melken und zu
-schlucken, was sich die Blattlaus ohne Widerrede gefallen ließ. Es
-war natürlich keine Milch, was ihm da so gut mundete, sondern der ihm
-bereits bekannte vorzügliche Sirup. In mächtigen Zügen trank er sein
-Bäuchlein so rundlich voll, daß er zur Verdauung an die frische Luft zu
-gehen wünschte.
-
-Durch das Fenster stieg er mit Fuska ins Freie und kletterte längs der
-Außenwand zur Erde hinab. Nun lag das anmutige Bauwerk im Mondlicht vor
-seinen Blicken, dessen Äußeres er sich vorher nicht gut vorzustellen
-vermochte.
-
-Vom Erdboden aus erhob sich der Röhrenbau in Gestalt einer
-wohlgeformten, fast senkrecht stehenden Walze und schloß zu oberst
-in einer kugeligen Ausbuchtung ab. In diesem erweiterten Raume lebten
-die Blattläuse und Gallenläuse. Eine zierliche Krönung fand das hübsch
-gebaute Türmchen durch die langen, grünen Blätter der Pflanze, die aus
-der Dachöffnung herauswuchsen.
-
-»Beim Anblick dieses Bauwerkes steht mir ja der Verstand still«, meinte
-Max.
-
-»Und doch ist es gar nicht schwer, das alles zu begreifen«, sprach
-Fuska. -- »Die Blattläuse saugen ihre Nahrung aus der saftigen Rinde
-der Pflanzen. Wir verzehren mit Vorliebe den Honigseim, den sie in
-ihrem Körper bereiten und nach außen abgeben. Darum holen wir uns diese
-Insekten herbei, halten sie als Haustiere und melken sie, wie du es
-eben selbst getan hast.«
-
-»Ja, ja!« unterbrach Max schmunzelnd die Belehrung, »ich habe heute
-melken gelernt, und es hat mir geschmeckt wie noch nie im Leben.«
-
-»Gewiß! -- Allein, damit die Tierchen ihre süße Flüssigkeit von sich
-geben können, müssen sie auch zu essen haben. Darum haben wir ihnen
-den Stall um eine lebende Pflanze gebaut; auf dieser finden sie ihre
-Nahrung. Für gewöhnlich halten wir unsere Kühe in einem Raume innerhalb
-des Hauses. Das erspart viel Arbeit und ist viel bequemer. Aber wenn
-wir beim Ausheben unserer unterirdischen Höhlenwohnungen nicht auf
-die Wurzeln einer lebenden, saftigen Pflanze stoßen, dann müssen wir
-außerhalb des Hauses solche Bauten aufführen.«
-
-Wenn die Ameisen, wie es manchmal Menschen zustößt, sich hinterdenken
-könnten, dann hätte Max vor Verwunderung seinen Verstand verloren. --
-Unglaublich! -- Die Ameisen hatten, geradeso wie die Menschen, ihre
-melkbaren Kühe, sie bauten für diese Ställe, und diese Ställe waren in
-allem der Lebensweise ihrer Bewohner angepaßt. Die Kühe fanden darin,
-ohne daß man es ihnen hätte hintragen müssen, ein gutes Futter und
-gaben dafür ihre süße Milch. Was Max bis jetzt vom Ameisenleben gelernt
-hatte, war fast zuviel für seinen kleinen Kopf.
-
-Er mußte immer noch darüber nachdenken, als sie den Turm wieder
-hinaufkletterten, durch das Fenster einstiegen und durch die Röhre in
-das Ameisenhaus zurückkamen. Was er gelernt hatte, erregte seine helle
-Begeisterung: Die kleinen Ameisen sind Kindergärtnerinnen, Lehrer,
-Bergmänner, Soldaten, Maurer, Baumeister, Bildhauer und schließlich gar
-noch Viehzüchter.
-
-Doch als sich Max an Fuskas Belehrungen über die Natur der Blattläuse
-erinnerte, kam auch ein banges Gefühl der Besorgnis über ihn, und er
-sprach zu sich selber:
-
-»Gott soll mich davor bewahren! Aber ich habe eine Ahnung und bringe
-sie nicht los. -- Am Ende hat die Gesellschaft auch noch einen
-Lateinprofessor, und ich muß wieder Grammatik studieren. -- +O je, o
-je!!+«
-
-
-
-
-11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht.
-
-
-Max war wieder in das Innere des Hauses zurückgekommen. Bald sollte er
-erfahren, daß Ameisen nicht an Verdauungsbeschwerden leiden.
-
-Drunten arbeiteten die Gefährten immer noch glättend, befestigend und
-erweiternd an dem neu gegrabenen Gang. Als drei dieser Fleißigen unsere
-Ankömmlinge bemerkten, eilten sie auf diese zu und begannen:
-
-»Wir haben Hunger, wollt ihr uns zu essen geben?«
-
-»Du hast für viere gegessen«, wendete sich Fuska zu Max, »sättige die
-drei!«
-
-Ehe Max begriff, was sie wohl meinte, hielt eine Arbeiterin ihren Mund
-an den seinen und saugte ihm eine gehörige Portion vom genossenen Sirup
-aus dem Leibe.
-
-Er konnte nur ganz einfältig dabei stillhalten.
-
-»Aber das sind dumme Witze!« rief er, als sie fertig war.
-
-Fuska erklärte: »In deinem Kröpfchen hast du einen Teil deiner
-genossenen Nahrung aufgespeichert. Das ist dein Vorratskämmerchen, aus
-dem du Larven und hungrige Arbeitsschwestern speisen kannst, wenn diese
-letzten vor Eifer keine Zeit finden, selber Nahrung zu suchen.«
-
-»Ach«, dachte Max, »bei den Menschen ist das nicht so einfach!
-Diejenigen Leute, die so viele Zeit, Mühe und Geld anwenden, sich alle
-Tage toll und voll zu essen, würden sich bedanken, wenn hungrige Leute
-sie um solche Unterstützung anriefen. Fleißige Ameisen finden also
-Kameraden, die ihnen das Essen in den Mund stecken, während es genug
-fleißige Menschen gibt, die manchmal weder Arbeit noch Essen finden,
-selbst wenn sie mit der Laterne danach suchten! Alle Ameisen haben, so
-sehe ich, einen unwiderstehlichen Trieb zur Arbeit, was man von den
-meisten Menschen gewiß nicht behaupten kann!«
-
-Seine Erlebnisse gaben Max einen großen, schönen Begriff von dem
-weisen, hilfsbereiten, brüderlichen Zusammenleben des Ameisenvolkes,
-das er als Kind so oberflächlich beachtet hatte. Als er zum ersten
-Male das Ameisenhaus betrat, hatte er sich mit seinem Verstande den
-kleinen Insekten hoch überlegen gedünkt. Jetzt aber begriff er, daß die
-Menschen ihnen kaum etwas voraushatten. Nicht einmal den Honig! Der
-Zuckersaft, den er verspeist hatte, war ja herrlich!
-
-In einem einzigen Tage hatte er eine neue Welt entdeckt, von der er
-sich nie hätte träumen lassen.
-
-Leider gibt es aber neben dem Guten auch Schlimmes in jeder Welt.
-
-Das erlebte Max schon am nächsten Morgen, als Fuska zu ihm sprach:
-
-»Heute ist schönes Wetter; da wird die Schule im Freien gehalten. Gehe
-mit den jungen Ameisen jetzt hinaus.«
-
-Bei diesen Worten verging Max alle Begeisterung. Schlechtgelaunt,
-verstimmt und ohne Lust schlich er hinaus hinter den andern her. Unter
-einem großen, schattigen Kürbisblatt hielt man an. Dort stand schon mit
-ernsten Mienen eine alte, würdevolle Ameise auf einem Kieselsteinchen.
-Dieses sollte jedenfalls den Tisch des Lehrers bedeuten.
-
-Die Ameislein wisperten und flüsterten sich zu, daß dies die älteste
-Ameise der Stadt sei, die schon viel von der Welt gesehen und erlebt
-habe und unendlich viel wisse.
-
-»Meine lieben Ameisen«, so begann der Professor, »es wird euch gut tun,
-wenn ihr kleinen, vor kurzem geborenen Leute etwas von der Geschichte
-und der Lebensweise des Ameisenvolkes erfahrt.«
-
-Hier räusperte sich der Professor und fuhr fort:
-
-»Wir gehören zur vornehmsten Ordnung der Insekten, zu jener der
-Hautflügler; diese darf sich rühmen, daß ihr zwei Insektenfamilien
-angehören, die durch Klugheit, Fleiß und geordnetes Zusammenleben vor
-andern sich auszeichnen: die Ameisen und die Bienen. Tausenderlei
-Sippen gibt es bei uns, über die ganze Welt sind wir verbreitet,
-von der kleinen, arbeitsfrohen braunen Ameise angefangen bis zur
-riesig großen, räuberischen Eciton, die in kleinen Kolonnen den
-Wald durchziehen, um Ameisennester zu plündern, die ihnen besonders
-gefallen. Von der häuslichen, rührigen gelben Schwester bis zur frechen
-südamerikanischen Raubameise, die des Nachts in die Wohnungen der
-Menschen einbricht und ihnen das Brot stiehlt. Wir leben in geordneten
-Volksstaaten. Jeder arbeitet, jeder hat dieselben Pflichten, dieselben
-Rechte, einer achtet und liebt den andern, und alle sind Brüder einer
-Familie.« Max sah die Sache ins Breite gehen, und weil er meinte, in
-der Ameisenschule gälten dieselben Zeichen wie bei den Menschenkindern,
-hob er schlau sein rechtes Vorderbeinchen in die Höhe, um eilig
-hinausgehen zu dürfen. Allein der Professor schien ihn nicht zu
-verstehen.
-
-Er fuhr, ohne Max zu beachten, in seiner Rede fort:
-
-»Ich bin eine alte Ameise, und nach vielen und ernsten Erfahrungen
-glaube ich, daß in weiten, fernen Tagen unser Volk einer leuchtenden,
-sonnigen Zukunft entgegengeht. Heute sind wir ja noch durch falsche
-Überlieferungen, irrige Meinungen und kleinliche Selbstsucht in viele
-Stämme geschieden und zu gegenseitigem Kampf und Krieg verdammt. Wir
-kennen heute noch nicht einmal die edle Freude der Gastfreundschaft,
-und jede fremde Ameise, die unserem Herde in Zutrauen naht, wird
-von uns grausam ermordet. Allein wer weiß es, ob nicht doch der Tag
-erstehe, an dem alle Ameisen der Erde ihre Irrtümer einsehen und ihren
-gegenseitigen Nutzen richtiger erkennen? Sie werden dann ihre sinnlose
-Feindschaft begraben und alle ihre Kräfte vereinigend das erste Volk
-der Insekten werden! Dann werden alle Rassen und Stämme von der
-~Mutilla europaea~ bis zur ~Oecodoma cephalotes~ --«
-
-»Au, au, o weh, o weh!«
-
-Die fremden Namen der ~Mutilla~ und der noch schlimmere ~cephalotes~
-waren Max so auf die Nerven gegangen, daß er sich vor grimmigem Leibweh
-nach allen Seiten wand.
-
-
-
-
-12. Butziwackel wird erkannt.
-
-
-Beängstigt unterbrach der Professor seine Lektion, trat vom Steinpult
-zu Max herab und fragte besorgt:
-
-»Wo fehlt es dir?«
-
-»Au, au, mir ist so übel! Es tut mir überall weh, hier oben, dort
-unten, in den Beinen, am Kopf -- au weh! au weh!«
-
-Der Professor war ein tüchtiger Kinderarzt und begann sogleich eine
-gründliche Untersuchung.
-
-»Verletzungen finde ich keine«, sagte er dann, »dein Körper ist
-tadellos gewachsen. Du hast Kopf, Brust, Hinterleib und sechs Beine.
-Hm, hm! Tut dir's hier weh? dort? da?« und dabei klopfte und horchte er
-an Brust und Kopf des Patienten.
-
-»Jawohl, hier und dort und da tut's weh!« wimmerte Max.
-
-»Merkwürdig! Dein Muskelsystem ist gut, und du kannst wie jede andere
-Ameise ein Gewicht ziehen, das dreißigmal schwerer ist als du selbst,
-während der Herr der Schöpfung, der Mensch, oft nicht so viel heben
-kann, als er selbst wiegt. Hier -- was fühlst du hier?«
-
-»O, es tut weh ... unten, hinten, vorne -- und oben auch!«
-
-»Aber dein Blut fließt regelrecht durch die Adern, Magen und Darm
-arbeiten, wie sich's gehört, hm, hm! Atme mal recht tief! Auch die
-Atmung ist gut. Sind's vielleicht die Nerven?«
-
-»Ach ja, die Nerven sind's vielleicht, Herr Professor. Ich spürte einen
-Stoß in allen Nerven, als ich vorhin die abscheulichen Fremdwörter
-hörte.«
-
-»Untersuchen wir also deine Nerven. -- Ich kann auch hier nichts
-Krankes finden! Die Nervenstränge sind in bestem Zustand, in den
-Nervenzentren liegen keine Störungen vor; du hast deren mehrere, und
-jedes arbeitet unabhängig vom andern. Würde man dich in zwei Stücke
-schneiden, könntest du einige Zeit in zwei getrennten Teilen leben.
-Untersuchen wir noch das Gehirn!«
-
-Zerknirscht lispelte Max:
-
-»Ich habe vielleicht recht wenig?«
-
-»Nichts dergleichen, genug hast du. Wie bei jeder richtigen Ameise ist
-das Gehirn der zweihundertachtzigste Teil deines Körpers, das heißt,
-es hat ungefähr dasselbe Größenverhältnis wie bei den entwickelten
-Säugetieren. Daher unsere hohe Geisteskraft«, fügte der Professor
-belehrend bei.
-
-Auf einmal wurde der Professor stutzig. Ganz sorgfältig betrachtete er
-mit seinen drei einfachen Augen den Hinterleib des Patienten und sagte:
-
-»Sapperlott! Da ist doch was nicht in Ordnung!«
-
-»Was ist's?« wollte Max erschrocken wissen.
-
-»Dreh dich herum! Ein ganz merkwürdiger Fall! So etwas habe ich mein
-Lebtag nicht gesehen!«
-
-Max fühlte, daß der Professor an etwas zerrte, und fragte kläglich, was
-er denn so Seltsames hätte.
-
-»Wer weiß, ob es nicht ein Gewächs ist«, meinte der Professor.
-
-»Ein Gewächs! O Gott, o Gott!«
-
-»Es ist biegsam, ein Gewebe, das ich nicht erklären kann.«
-
-Alle Ameisen kamen jetzt neugierig näher heran, so daß Max mitten in
-einem Kreise stand, und alle riefen:
-
-»Wie seltsam! Was mag das für ein weißes Zipfelchen sein?«
-
-»Zipfelchen!« schrie Max, am ganzen Körper zitternd vor Aufregung.
-
-Ein gräßlicher Gedanke durchfuhr blitzgeschwind sein Hirn. Wild blickte
-er um sich, stürzte sich auf einen Grashalm, der sich nebenan über eine
-Wasserpfütze neigte, kletterte an ihm empor und ließ sich, mit zwei
-Beinchen daran festgeklammert, frei über dem Wasser schweben. So konnte
-er sein Hinterteil im Spiegel betrachten. Es blieb kein Zweifel mehr.
-
-Klar widerspiegelte das Wasser seinen Körper, und genau sah er am
-obern Ende seines Hinterleibes das weiße Fähnchen. Es hätte nicht viel
-gefehlt, so wäre er vor Schreck ins Wasser gefallen.
-
-Mühsam zappelte er mit den Beinen, schwang sich wieder auf den Halm und
-kletterte zum Ufer hinab; er wollte seinem eigenen Bilde entfliehen.
-
-Am Ufer erwarteten ihn erregt die andern Ameisen und sprachen
-durcheinander:
-
-»Dieses weiße Ding ist verdächtig!«
-
-»Diese Ameise gehört nicht zu unserer Familie.«
-
-»Es ist eine Fremde!«
-
-»Ein Eindringling!«
-
-»Bringen wir sie um!«
-
-»Reißen wir ihr den Kopf ab!«
-
-Der arme Max aber war von seiner Entdeckung so erschüttert, daß er gar
-nicht daran dachte, sich zu wehren, obwohl er größer und stärker war
-als seine Gegner. Diese folgten ihrem Instinkt, und trotz der Lehren
-ihres weisen Professors umzingelten sie unsern Helden und wollten sich
-wie die Wilden mit aufgesperrten Kieferzangen auf ihn losstürzen.
-
-»Da habe ich viel Erfolg erzielt mit meinem Unterricht!« sprach traurig
-der Professor und überschaute ungehalten den Tumult.
-
-
-
-
-13. Das weiße Fähnlein.
-
-
-In dieses Getobe mischte sich mit lautem Angstschrei eine Stimme:
-
-»Ruhig! Was fällt euch ein!« Fuska war es. Beschützend trat sie
-zwischen Max und seine Feinde. Mit zitternden Fühlern und drohend
-aufgesperrten Kieferzangen stellte sie sich den Angreifern entgegen,
-die sofort einige Schritte zurückwichen.
-
-»Schämt euch!« rief Fuska empört. »Wie könnt ihr euch unterstehen, euch
-das Recht über Leben und Tod eines Gefährten anzumaßen? Ihr, die ihr
-kaum einen Tag alt und noch nicht trocken hinter den Ohren seid!«
-
-»Er gehört nicht zu unserem Stamm!« wagte jemand zu widersprechen.
-
-»Er hat ein weißes Zipfelchen hinten!« fügte ein anderer keck hinzu.
-
-Immer zorniger entgegnete Fuska:
-
-»Zipfel hin, Zipfel her! Erfahrene Ameisen haben das Ei als eines der
-Unseren erkannt und heimgebracht. Ich muß mich höchlich wundern, daß
-ihr, die ihr sozusagen noch die Eierschalen auf dem Rücken habt, daß
-ihr euch ein Urteil über einen solchen Fall anmaßt! Gelbschnäbel seid
-ihr! Nasenweise Rangen!«
-
-Alte Ameisen kamen in Eile herbeigerannt und halfen treu zu Fuska,
-während der Professor, die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, das
-Haupt bekümmert schüttelte.
-
-»Immer das gleiche«, murmelte er tief verstimmt, »werden denn
-die Ameisen niemals ihre törichten Vorurteile ablegen lernen? --
-Dieses ewige Mißtrauen ist die alleinige Ursache ihrer grausamen
-Unverträglichkeit. Schrecklich! Ich habe meine kostbare Zeit mit diesen
-Unverbesserlichen vergeudet!«
-
-Übrigens, der Wahrheit die Ehre, die kleinen Ameisen standen beschämt
-vor Fuska, die jetzt Max bei einem Vorderbeinchen nahm und ihn den
-andern vorstellte.
-
-»Seht ihn an«, sprach sie würdevoll, »und erkennt euer Unrecht. Sein
-Rücken ist schwärzlich, Brust und Kopf rötlich. Sind das nicht die
-hauptsächlichen Merkmale unserer Familie? Wer leugnet, daß er eine
-Rasenameise ist wie wir alle?«
-
-Bei diesen Feststellungen schwand in Maxens Feinden jedes Gefühl der
-Abneigung. Zum Zeichen ihrer Freundschaft umringten sie ihn alle, und
-jeder drängte herzu, ihn zu umarmen.
-
-Fuska nahm darauf Max mit sich und redete ihm in ihrer liebevollen
-Weise zu:
-
-»Komm ins Haus, du mußt dich von dem ausgestandenen Schrecken erholen.«
-In einem abseits gelegenen Kämmerlein angelangt, ließ Max seinem Kummer
-freien Lauf, und er klagte:
-
-»O liebe Fuska, ich bin ja gewiß dankbar. Aber wenn du wüßtest, wie
-unglücklich ich bin!«
-
-»Nicht doch, beruhige dich nur, liebes Kind.«
-
-»Das ist leicht gesagt, sich beruhigen«, klagte er.
-
-»Wer befreit mich von dem unseligen weißen Wackelfähnlein!«
-
-»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte es längst
-bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht es dir ganz nett an.«
-
-»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich jetzt deutlich,
-wie er bei seiner Verwandlung mit letzter Kraft versucht hatte, das
-heillose Zipfelchen zu verstecken.
-
-»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann kam es zum
-Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du größer geworden und das
-Dingelchen ist mit dir gewachsen, doch wie gesagt, es fiel mir gar
-nicht weiter auf.«
-
-»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in neuer Bestürzung.
-
-»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe dich nur, eine
-brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst du sehen, wie geehrt du mit
-dem weißen Fähnlein sein wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska
-das Zimmer. Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter
-anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses Schamgefühl
-abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam ihn Schmerz und Kummer
-über das herbe Geschick, welches ihn für immer zum Tragen dieser
-verhaßten Fahne zwang.
-
-»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten Stück
-meines Hemdes befreien können«, rief er wütend aus. »Als Kind bin ich
-von Schwester und Bruder ausgelacht worden, und nun werde ich auch den
-Ameisen zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte ich
-wenigstens mit einer Handbewegung das Zipfelchen verstecken, aber nun?
-Was tun? Jetzt ist es festgewachsen, und ich muß es immer, immerfort
-tragen. Wie oft habe ich mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen,
-aber Mutter wollte nicht hören, und ...«
-
-Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise geworden, plötzlich
-zum zweiten Male gekommen und beschäftigte ihn derart, daß er alles
-andere darüber vergaß.
-
-»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer. »Armes Mütterlein,
-wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen, und du weinst jetzt um
-deinen kleinen Max. Doch sei ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir,
-daß ich dir beinahe Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe
-Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so will ich doch
-immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich habe dich so lieb und möchte
-dich so gerne sehen und dir Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir
-hätte, das immer bei mir bliebe!
-
-[Illustration]
-
-Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das mir jetzt
-festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen. Um ihr sparen zu helfen,
-trug ich die alten Höschen, die immer von neuem zerrissen, und so
-trage ich jetzt zum Andenken an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie
-bin ich froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt es
-mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch wenn man's nicht
-begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.« Lachend und weinend zog
-er jetzt lustig an dem Wackelendchen, das ihm hinten herunterbaumelte
-und das dem kleinen Schelm den Namen Butziwackel verschafft hatte.
-Zuletzt erleichterte er sein Herz und weinte Freudentränen aus allen
-seinen hundertdreiundzwanzig Augen.
-
-
-
-
-14. Ein feindlicher Angriff.
-
-
-Nach wenigen Tagen war aus Max eine stattliche Ameise geworden.
-
-Sein Körper war kräftig entwickelt, seine Lehrzeit erfolgreich
-vollendet. Fuska entließ ihn aus ihrer Pflege und sagte:
-
-»Du hast von mir nichts mehr nötig!«
-
-»Sprich nicht so«, erwiderte Max, »deine Liebe habe ich immer nötig.«
--- Er wußte jetzt auch, daß man bei den Ameisen alle Leute mit »Du«
-anspricht, und deshalb ließ er das steife »Sie« fallen. Im täglichen,
-lustigen Ringkampfe mit seinen Gefährten war Max sehr kräftig geworden
-und in den Turnstunden -- die Ameisen treiben alle gern körperliche
-Übungen -- bekam er immer die erste Note. Es ist daher nicht zu
-verwundern, wenn die ganze Ameisenfamilie in ihm einen der tüchtigsten
-Soldaten sah.
-
-Wenn es galt, gewagte Unternehmungen zu veranstalten oder gefürchtete
-Wachtposten zu stehen, wurde stets Max dazu gewählt. Max bildete sich
-etwas darauf ein. Eines Tages fand er ein Hanfkörnlein und machte sich
-erfinderisch einen Panzer daraus. Er biß oben und unten sowie an jeder
-Seite ein Loch hinein, höhlte es aus und schlüpfte wie in einen Küraß
-hinein. Die Vorderbeinchen streckte er zu den Armlöchern heraus, und im
-Innern des Panzers hielt er das mittlere Beinpaar versteckt.
-
-So sah er, auf den Hinterfüßen stehend, wie ein stolzer Krieger aus.
-Eine derartige Uniform hatten die Ameisen nie gesehen, zuerst staunten
-sie ihn an; aber bald schenkten sie der Neuheit keine Beachtung mehr.
-Gab es doch viel Wichtigeres zu denken.
-
-Ernste Besorgnisse regten sie auf und störten das friedliche Leben des
-ruhigen, fleißigen Volkes.
-
-Seit einigen Tagen konnte man in der Nähe öfter fremde Ameisen
-bemerken, die sich sehr verdächtig benahmen und schleunigst die Flucht
-ergriffen, sobald sie sich beobachtet wußten. Ihr auffallendes Benehmen
-konnte nichts Gutes bedeuten. Und wirklich, eines heißen Mittags, als
-alle ermüdet im Mittelraum Kühlung suchten, erscholl plötzlich der
-Schreckensruf:
-
-»Die Roten Ameisen kommen!«
-
-Es waren die Wachen, die Lärm schlugen. -- Auf diesen Ruf stürzten
-viele Ameisen, Max an der Spitze, in den vordersten Gang, während ein
-unbeschreibliches Gewimmel im Kinderzimmer losbrach. In höchster Eile
-schleppten Hunderte von Pflegeschwestern Eier, Larven und Puppen in die
-untersten Räume, um sie der Gefahr zu entreißen. An der engsten Stelle
-des Ganges stießen die Kämpfer bereits auf eine eindringende Schar.
-Sofort erfaßte Max den Vorteil der Stellung gegenüber dem angreifenden
-Feinde. Dieser suchte denn auch vergeblich, sich den Durchbruch zu
-erzwingen, denn die Hausgenossen leisteten grimmigen Widerstand.
-
-»Einen Augenblick später«, behauptete Fuska, »und die Feinde wären in
-unsere ganze Stadt eingedrungen.«
-
-»Wir stehen wie eine feste Mauer«, schwor Max, indem er einen der
-Hauptangreifer zurückdrängte, »hier kommt keiner durch!«
-
-[Illustration]
-
-Trotzdem war er von dem Fortgang des Kampfes unbefriedigt. Festgehalten
-konnten in diesem Engpaß die Feinde wohl werden, allein sie wichen auch
-nicht wesentlich zurück, und da es in dieser Lage unmöglich war, eine
-Entscheidungsschlacht zu liefern, drohte die Sache gefährlich zu werden.
-
-»Es müssen ihrer viele sein«, meinte düster Fuska; »denn wenn sie nicht
-von rückwärts Unterstützung hätten, wären sie sicher schon geflohen.«
-
-Max überlegte eine Weile in schweren Gedanken versunken.
-
-»Fuska«, sagte er dann, »willst du die Verteidigung des Ganges
-übernehmen?«
-
-»Das ist nicht schwer«, erwiderte sie, »aber so, wie es jetzt ist, kann
-der Kampf ein Jahr dauern. Keiner wird nachgeben!«
-
-»Das wollen wir sehen!« rief Max. -- »Genügen dir zwanzig Leute, um den
-Feind hier festzuhalten?«
-
-»Das ist mehr als genug!«
-
-»Dann verlaß dich nur auf mich!«
-
-Max befahl zwanzig Ameisen, bei Fuska auszuhalten, und ganz leise, ohne
-daß der Feind etwas merkte, führte er ein ganzes Regiment rückwärts zu
-dem Gange, den wir von dem Einbringen des Regenwurmes kennen.
-
-Maxens Plan war eines großen Feldherrn würdig. Er fühlte sich bereits
-als ein Hindenburg der Ameisen. Am Ausgang des Ganges ließ er seine
-Schar, es waren etwa hundert Soldaten, lauter auserlesene Mannschaften,
-Halt machen. Er selbst bestieg einen Hügel, von dem aus man zum Haustor
-hinsehen konnte. Fuska hatte recht. Dort stand in langen Marschkolonnen
-das feindliche Heer vor den Toren und drängte den Vordersten nach,
-die bereits zum Angriffe eingedrungen waren. Max kam zu seiner Truppe
-zurück und befahl:
-
-»So ruhig wie möglich muß vorgerückt werden! Vorwärts! Marsch!«
-
-
-
-
-15. Max wird General auf dem Schlachtfeld.
-
-
-Ihr wißt, liebe Kinder, daß es unter den Menschen Faulenzer gibt.
-Obwohl sie gesund und kräftig genug sind, auch Arbeit genug fänden,
-geben sie den Menschen vor, krank und elend zu sein, betteln sie an
-und verdienen sich ihr Brot mit Lüge und Heuchelei. Andere Faulpelze
-werden frech und stehlen oder rauben dem arbeitsamen Mitbürger, was
-sie zum Leben brauchen. Bisweilen rotten sie sich zu einer Räuberbande
-zusammen, holen den fleißigen Landwirten die Früchte vom Felde und von
-den Bäumen, dringen in die Häuser der Leute ein und rauben den Bauern
-das Vieh aus dem Stalle, dem Kaufmann das Geld aus der Kasse. Wenn
-sich jemand den Räubern widersetzen will, werden sie frech, mißhandeln
-die Guten und schlagen sie tot. So macht die Trägheit aus den Menschen
-Diebe und Räuber. Ganz ähnliche Verhältnisse findet man auch bei den
-Insekten. Eine schlimme Diebs- und Räuberbande sind die Roten Ameisen.
-Wild, roh, zur Arbeit unfähig, haben sie allen ordentlichen Ameisen
-den Krieg erklärt, sich zu richtigen Räuberhorden vereinigt, greifen
-ruhige Arbeiterfamilien an, dringen in ihr Haus ein, rauben alles, was
-sie finden, sogar das Vieh, die Blatt- und Gallenläuse, und tragen
-alles fort in ihre Höhlen. Ganz unerhört aber ist es, daß sie auch
-Eier und Larven der Arbeiterameisen wegschleppen. Wißt ihr warum?
-Sie lassen diese Arbeiter bei sich zu Hause ausschlüpfen und halten
-sie als Sklaven. Diese als Kinder geraubten Ameisen müssen, wenn sie
-groß geworden sind, den Räubern alle häuslichen Geschäfte besorgen,
-ihnen dienen und sie sogar waschen und kämmen. Daher sagt man von
-den blutroten Raubameisen, sie seien ein gemischtes Volk. Außer der
-eigenen Sippe findet man bei ihnen eine fremde Art als Sklaven. Die
-Roten selbst sind Krieger. Als Sklaven suchen sie sich mit Vorliebe die
-dunklen Rasenameisen, weil diese sehr geschickt und fleißig sind.
-
-Ihr könnt euch vorstellen, mit welch wilder Gier sie vor dem
-Ameisenstaat standen, in dem Max und Fuska die Verteidigung leiteten.
-Sie konnten kaum den Augenblick erwarten, in den Bau einzudringen.
-Dann wollten sie als Sieger die Einwohner vernichten und ihre Habe an
-sich reißen. Aber urplötzlich ertönte über ihnen das Kriegsgeschrei:
-»Schlagt sie tot, die Räuber!« Mit seiner ganzen Schar brach Max
-seitlich in die feindlichen Marschreihen ein. Die Roten, die eine
-derartige Überrumpelung keineswegs erwartet hatten, stoben auseinander.
-Vergeblich versuchten sie sich wieder zu sammeln. Max mit seinen
-Getreuen zögerte nicht, den Feind in zwei Haufen zu trennen; so
-verhinderte er sie, geordneten Widerstand zu leisten. Wo immer er
-erschien, brachen Schrecken und Verwirrung los bei den Roten. So
-vorzüglich gelang der Überfall, daß der Feind an nichts anderes als an
-Flucht denken konnte.
-
-»Verfolgt die verfluchten Räuber! Schont mir keinen!« so feuerte Max
-die Seinen an.
-
-Während das siegreiche Regiment die Flüchtigen verfolgte, sprang er
-selbst rasch zu dem Eingang des Hauses und verdeckte ihn sorgfältig
-mit einem dürren Blatt, so daß nur eine winzige Öffnung blieb, durch
-die mit Mühe eine einzelne Ameise sich durchzwingen konnte. Denn die
-Feinde, die in den Gang eingedrungen waren, befanden sich noch immer
-drinnen. Sie hatten noch nicht bemerkt, daß ihr draußenstehendes
-Volk bereits eine schwere Niederlage erlitten hatte, und suchten den
-Durchbruch zu erkämpfen.
-
-»Diese Schufte«, so überlegte Max, »haben den Eingang und einen Teil
-unseres Hauses kennen gelernt. Es wäre gefährlich für uns, wenn
-sie am Leben blieben, denn sie hätten für ein zweites Mal unsern
-Festungsplan!« Er setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf das
-vorgeschobene Blatt, belauerte mit gezückten Kieferzangen die kleine
-Öffnung und schrie mit mächtiger Stimme hinein:
-
-»Hier stehe ich, Fuska, jage die Halunken heraus!«
-
-[Illustration]
-
-Im Innern des Ganges entstand sofort eine grenzenlose Verwirrung. Die
-Roten, entsetzt, eine feindliche Stimme von dorther zu vernehmen, wo
-sie ihre eigenen Leute zur Rückendeckung glaubten, machten in nie
-gesehener Eile kehrt und stürzten dem Ausgange zu, verfolgt von Fuska
-und ihren Tapfern. Geschoben und gedrängt, drückten sie sich am
-Eingang zu einem Knäuel zusammen, bis sie mit Not und Mühe die winzige
-Öffnung fanden, die Max für sie offen gelassen hatte. Einer nach dem
-andern mußten sie sich herausdrücken. Das war es gerade, was Max
-beabsichtigte. Lauernd stand er schon bereit. Mit offener Zange stürzte
-er sich auf jede herauskrabbelnde Rote und zwickte ihr ohne Umstände
-blitzschnell den Kopf ab. Bei dem blutigen Handwerk erfaßte ihn eine
-berauschte Stimmung. Er kam sich vor wie ein Rasierer, in dessen Stube
-die Leute auf Behandlung warten, und wie jener rief er jedesmal, wenn
-ein feindlicher Kopf in den Sand rollte:
-
-»Fertig! Der nächste Herr!« Elf Feinde waren schon auf diese Weise
-erledigt, und eben schickte er sich an, das Dutzend vollzumachen, da
-tönte es ihm entgegen:
-
-»Halt, oho, was fällt dir ein!?«
-
-Es war Fuska.
-
-»Ums Himmels willen!« rief Max zum Tode erschrocken, -- grauenhaft!
--- er mochte es gar nicht ausdenken, welch schauerliches Unheil er in
-seinem wilden Eifer beinahe angerichtet hätte.
-
-»Ach, verzeihe«, stammelte er entschuldigend, »ich war so im Zuge, und
-schau dich hier nur mal um!« Mit Staunen und Grauen betrachtete sie die
-Köpfe der Feinde. Nicht einer war entkommen.
-
-»Laß mich nur machen«, fuhr Max eifrig fort; dann lief er suchend umher
-und sammelte vor dem Eingang elf feste Tannennadeln. Auf jede spießte
-er einen abgebissenen Kopf und pflanzte sie wie Pfähle nebeneinander
-vor dem Tore auf.
-
-»Künftighin«, meinte er, »werden sich's die Raubritter überlegen, uns
-anzugreifen, wenn sie diesen Gartenzaun vor unserem Hause betrachten.«
-
-»Sie werden trotzdem wiederkommen«, sagte ernst Fuska, »die Roten sind
-unversöhnliche Feinde. Morgen erleben wir einen neuen Angriff.«
-
-Aus der Ferne hörte man schon seit einiger Zeit Rufe. Sie kamen näher
-und wurden immer lauter. Es war Maxens siegreiches Heer, das von
-der Verfolgung zurückkam. Als diese Tapfern ihren Führer neben den
-aufgespießten Feindesköpfen sahen, brachen sie in hellen Siegesjubel
-aus, der kein Ende nehmen wollte.
-
-»Hurra! Hurra! Es lebe der Held mit der weißen Fahne! Butziwackel lebe
-hoch! Unser General Butziwackel dreimal hoch!«
-
-Wie ein Donner rollte das Freudengeschrei der Sieger über das
-Schlachtfeld. Max legte heute zum erstenmal mit hoher Genugtuung sein
-rechtes Vorderbeinchen an seine Fahne, dachte dabei an seine Mutter und
-murmelte leise und tiefbewegt:
-
-»Gutes, liebes Mütterlein! Wie glücklich wärest du wohl, wenn du es
-wüßtest:
-
-Heute ist dein Max bei den Ameisen General geworden!«
-
-
-
-
-16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel.
-
-
-Noch jubelte das begeisterte Ameisenheer seinem siegreichen Feldherrn
-zu, als sich mitten im Volk die ernste Stimme des greisen Professors
-vernehmen ließ. Alles wurde plötzlich still, er aber sprach gelassen:
-
-»Eure Tat war gut, da ihr unsere Heimat verteidigt habt. Der Krieg
-aber ist an sich ein Verbrechen. Selbst wenn er aus gerechten
-Ursachen geführt werden muß, kann man ihn doch nur als eine traurige,
-beklagenswerte Notwendigkeit bezeichnen. Darum solltet ihr euch
-jetzt nicht der ungezügelten Siegerfreude hingeben, sondern vielmehr
-die Tatsache betrauern, daß unsere friedliche Arbeit durch den
-Gewaltstreich einer Räuberbande unterbrochen wurde. Allein die Arbeit
-und nichts anderes bringt einem kultivierten Volke Ruhm und Ehre.«
-
-Max wollte gegen die Auffassung des gelehrten Mannes Einwände
-vorbringen, dieser aber fuhr unbeirrt weiter:
-
-»Der Krieg bleibt immer ein Unglück, auch für den Sieger. Seht nur her;
-ihr erblickt tot und verwundet viele eurer Gefährten; den Larven und
-Puppen sind die Pflegeschwestern entrissen, viele starke Kieferzangen,
-die der Arbeit unseres Staates geweiht waren, sind für immer verloren!«
-
-Fuska, die Weise, gab dem Professor vollkommen recht. »Es ist so«,
-sprach sie. »Wir müssen daran denken, mit doppeltem Fleiße die Toten zu
-ersetzen. Jetzt heißt es zunächst, unser Haus von allem Ungesunden zu
-reinigen. Die Leichname unserer Helden und der gefallenen Feinde müssen
-fortgeschafft werden.«
-
-Alsbald nahm dieses vernünftige Volk die Arbeit mit Kraft und Mut
-wieder auf. Die Toten wurden weggeschafft, sofort begann im Hause die
-alte Friedenstätigkeit.
-
-Max gelüstete es, den Kriegsschauplatz noch einmal zu besichtigen. Ganz
-allein mit seinen hohen Gedanken schlenderte er durch die Umgebung.
-Nach dem errungenen Siege spürte er in sich eine stille Befriedigung.
-Sein Herz pochte stolz, wenn er alle Einzelheiten des vergangenen Tages
-betrachtete. Schon stieg ihm der Ehrgeiz zu Kopfe.
-
-Träume von kühnen Schlachten und herrlichen Triumphen erfüllten seine
-Seele. An einen Grashalm gelehnt, ließ er seinen siegestrunkenen
-Phantasien freien Lauf.
-
-»Mag der Professor predigen, was er will«, dachte er, »ich fühle mich
-als Ameise zu großen Dingen berufen. Der erste Schritt auf dem Wege des
-Ruhmes ist getan; ohne Frage bin ich der größte Schlachtenlenker, der
-bei einem Ameisenvolke lebte. Morgen werden uns die Roten, wie Fuska
-sagt, wieder angreifen. Das soll für mich ein neuer, glänzender Sieg
-werden. Und hernach -- was könnte mich dann noch hindern, in unserem
-Staate regierender Fürst und später König aller Ameisen zu werden!«
-
-[Illustration]
-
-In diesem Augenblicke vernahm er in der Nähe ein sonderbares Geräusch,
-das hörte sich an, als ob ihn jemand ob seiner ehrgeizigen Träume
-auslachen wollte. Aber schon war er eingehüllt in eine Nebelwolke, die
-einen unerträglichen Gestank verbreitete. Max sprang entsetzt zur Seite
-und gewahrte ein unbekanntes Insekt. Sein Rücken war schwarz, Hals und
-Beine ziegelrot. Rücksichtslos kehrte es ihm das Hinterteil entgegen.
-
-»Wer hat dich solche Unanständigkeit gelehrt?« rief Max wütend.
-
-Statt jeder Antwort schickte ihm das Insekt mit demselben Geräusch eine
-zweite Ladung entgegen. Eine übelriechende Gaswolke hüllte Max ein, so
-daß er nahe daran war, zu ersticken.
-
-Der Zorn stieg ihm aber jetzt so hoch, daß er die Kraft fand, sich auf
-diesen schlechterzogenen Frechling loszustürzen. Er sprang ihm auf den
-Rücken und packte ihn mit den Vorderbeinen fest beim Schopfe. Schon
-ging er daran, ihn mit seinen starken Kieferzangen zu köpfen, wie er es
-vor kurzem mit seinen Feinden gemacht hatte.
-
-»Um Gottes willen«, winselte das Tier, »töte mich nicht!«
-
-»Tut mir leid, ich kann nicht anders. Was glaubst du eigentlich? Einem
-General so etwas anzutun!«
-
-»Ach, ich glaubte, du wolltest mich angreifen, und ich suchte nur mich
-zu verteidigen.«
-
-»Papperlapapp! Das nennst du verteidigen? Machen es vielleicht alle so
-aus deiner Verwandtschaft?«
-
-»Ja, so machen wir es alle.«
-
-»Dann seid ihr alle abscheuliche Leute. Wie heißt ihr euch?«
-
-»Wir sind Bombardiere.«
-
-»Na, ausgezeichnet. Aber diese Art von Schießerei mißfällt mir
-gründlich.«
-
-Und geschwind öffnete er die Zangen, um diesem Herrn Bombardier den
-Kopf abzuzwicken. Aber zu guter Letzt kam ihm ein besserer Gedanke. Er
-beugte sich zu dem Insekt herab und schrie es ordentlich an:
-
-»Sage mal, Bombardier, wenn ich dir das Leben schenke, willst du dann
-versprechen, mich nie mehr zu beschießen?«
-
-»Darauf gebe ich dir das Wort eines ehrlichen Käfers.«
-
-»So bist du also ein Käfer?«
-
-»Freilich, siehst du es nicht? Schau mal her!«
-
-Der Bombardier spannte die Flügel aus und machte Max aufmerksam auf
-die besondern Merkmale seiner Gattung. Er besaß zwei außerordentlich
-feine Hautflügel zum Fliegen; diese lagen unter einem andern Flügelpaar
-von kräftiger Hornmasse wohl beschützt, wenn er sie nicht zum Fliegen
-brauchte.
-
-»Diese Anordnung der Flügel«, erklärte der Bombardier, »findest du
-fast bei allen Käfern. Ich selber heiße ~Brachinus crepitans~, aber
-die wenigsten Leute nennen mich bei meinem ehrlichen Namen, und sie
-schelten mich schlechthin Bombardier. Ich gehöre zur Familie der
-Laufkäfer. Wir haben unter unsern Brüdern die schönsten Deckflügel und
-glänzen schillernd in allen Farben.«
-
-»Ihr könnt so schön sein, als ihr wollt«, bemerkte Max, »aber Erziehung
-habt ihr keine!!«
-
-»Du spielst wohl auf den Dampf mit scharfem Geruch an, den wir aus
-unserem Hinterleib ausstoßen können?«
-
-»Ein schöner Dampf!« rief Max, »schön scharf, ich danke!«
-
-»Je nun, das ist meine Waffe! Sie schützt mich vor Angriffen und hilft
-mir, kleine Insekten zu erjagen.«
-
-»Elender! Du wolltest mich also verspeisen?«
-
-»Ich will es nicht leugnen. Aber du bist meiner Waffe nicht unterlegen.
-Das ist mir noch nie vorgekommen.«
-
-»Gott sei gedankt! So höre, was ich dir sage: Kannst du mir ein Dutzend
-Bombardiere, wie du einer bist, verschaffen?«
-
-»Ich kann es. Fünf wohnen mit mir unter einem Stein, andere haben ihre
-Wohnung in meiner Nachbarschaft.«
-
-»Sehr gut. Wie gefiele es euch, wenn ich euch hundert und mehr Ameisen
-zu einem Mittagessen besorgte?«
-
-»Ei, potztausend!«
-
-»So höre. Morgen in aller Frühe findest du dich mit deinen Leuten unter
-jenem Kürbisblatt ein. Du siehst dort das große Blatt?«
-
-»Zweifle nicht, wir sind zur Stelle.«
-
-»Dann werde ich morgen die nötigen Anweisungen geben. Lebe wohl,
-Freund! Bringe alle deine Leute und hebt mir eure Kanonenschüsse gut
-auf, wir werden die ganze Munition nötig haben.«
-
-Nach dieser Verabredung entfernte sich Max, in Gedanken und Plänen
-versunken. Die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, murmelte er
-befriedigt von seinem Erlebnis in sich hinein: »Die Weltgeschichte wird
-einst zu schreiben haben von den Taten des Generals Max Butziwackel.
-Wenn mich jetzt der große Napoleon sähe, wie klein müßte er sich
-vorkommen vor mir!«
-
-
-
-
-17. Kaiser Butziwackel I.
-
-
-Am folgenden Tag beim Morgengrauen versammelte Max alle erwachsenen
-Ameisen im großen Saale, und mit dem schnarrenden Befehlston eines
-Offiziers, der das Kommandieren längst gewöhnt ist, sagte er ohne
-Umschweife:
-
-»Ich teile euch mit, daß ich heute morgen einen Angriff auf die Roten
-Ameisen beabsichtige und ihnen eine Feldschlacht liefern will.«
-
-Der Professor schüttelte höchst mißbilligend den Kopf und sprach ernst:
-
-»Auf solche Weise verlassen wir das gute Recht und stellen uns auf die
-Seite des Unrechts. Gestern handelten wir in gerechter Notwehr, heute
-dagegen wollen wir bösartige Angreifer werden.«
-
-Eifrig hielt Max eine Gegenrede:
-
-»Wir müssen entschieden dem Handel ein kurzes Ende machen, sonst kann
-aus dem glorreichen Siege, den ich euch gestern erstritten habe, keine
-Gewähr für eine sichere Zukunft erstehen.«
-
-»O weh!« warnte der gute, weise Lehrer.
-
-»Du beginnst bereits, uns deine geleisteten Dienste vorzuzählen und zu
-prahlen, weil du deine Pflicht erfülltest!«
-
-»Ach was, Pflicht«, versetzte Max unwirsch, »hätte ich nicht meinen
-Mann gestellt, weiß Gott, wie es heute um euch stünde! Kurzum, meine
-Anordnungen sind gegeben, ich werde mich in kurzer Frist mit meinem
-Heer in Bewegung setzen.«
-
-Nun sprang der Professor aber zornbebend auf.
-
-»Dein Heer? Dein Heer! Wer gibt dir, Unsinniger, ein Recht, über Leib
-und Leben deiner Kameraden wie über dein Eigentum zu verfügen? Hast du
-denn ganz vergessen, daß in unserem Staate alle gleich sind und jeder
-dieselben Rechte und Pflichten hat?«
-
-»Wenn alle gleich sind«, antwortete Max hochmütig, »warum hat dann
-nicht ein anderer getan, was ich tat?«
-
-Ohne weitere Einwände anzuhören, ohne selbst auf Fuskas entschiedenen
-Rat zu achten, verließ er den Saal und rief mit erhobenem rechten
-Vorderbein:
-
-»Ob es euch zusagt oder nicht, -- die Soldaten, die mich gestern
-kämpfen sahen, haben Vertrauen zu mir und werden mir folgen!«
-
-Und unglaublich! Der größte Teil der Ameisen, berauscht vom Siege
-und der Aufregung des vorigen Tages, folgte mit Begeisterung Maxens
-Anordnungen.
-
-Schnurstracks marschierte er mit seiner Streiterschar zum Tore hinaus
-und dachte: »Kein Zweifel, das Heer ist mir zugetan. Ich kann sicher
-auf dessen Treue zählen, und nach der siegreichen Rückkehr ist ein
-Staatsstreich unausbleiblich.«
-
-An nicht allzu ferner Stelle kommandierte er »Halt!« Seine Soldaten
-stellte er in Reihen auf und verteilte Ämter und Würden. Dies wollte
-er tun, um ihren Ehrgeiz zu spornen, dann aber auch, um die einzelnen
-an sich zu fesseln, schließlich aber auch, um folgende Rede halten zu
-können:
-
-»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ihr habt bereits Beweise
-eures Mutes gegeben, ich werde mit eurer Hilfe auch heute den Feind
-vernichten.«
-
-»Hoch der General mit der weißen Fahne, hoch, hoch, hoch!« so schrien
-sie alle im Chor, und Max fuhr fort:
-
-»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Heute kann ich euch die
-besten Hoffnungen machen. Durch eine Überraschung wird uns der Sieg
-über die Feinde sicher sein. Bleibt hier in Bereitschaft und erwartet
-mich! Sobald ich zurückkomme, werden wir gegen den Feind anmarschieren!«
-
-Nach dieser Rede übertrug er das Kommando an Dickkopf und Großzang,
-zwei verdiente Krieger, die er zu seinen Adjutanten erhoben hatte und
-in die er volles Vertrauen setzte. Dickkopf gehörte zwar nicht zu den
-Gescheitesten, besaß aber eine außerordentliche Kraft und Ausdauer.
-Großzang war mit zwei schrecklichen Kieferzangen bewaffnet. Er hatte
-nur einen Fehler, und zwar den, daß er nie satt werden konnte. Tag und
-Nacht quälte ihn der Appetit. Diese beiden tapferen Streiter hatten
-ihrem Führer Max schon derartige Beweise ihrer Ergebenheit geliefert,
-daß er sich unbedingt auf sie verlassen konnte.
-
-Max begab sich zu dem bekannten Kürbisblatt, in dessen kühlem Schatten
-der gute Professor seinerzeit so warm für den Ameisenvölkerfrieden
-eingetreten war. Hier gerade traf General Butziwackel mit dem Käfer
-zusammen, mit dem er tags zuvor ein Bündnis für den Krieg geschlossen
-hatte.
-
-»Gut, daß du da bist!« sagte er ihm. »Wo sind die andern Bombardiere?«
-
-»Hier sind sie«, sprach der Käfer.
-
-Max sah unter einem Blatt die Kameraden seines Verbündeten versammelt,
-überzählte sie und rief erfreut:
-
-»Ihr seid ein volles Dutzend! Gut! Die andern stehen alle
-selbstverständlich unter deinem Kommando, nicht wahr?«
-
-»Jawohl!«
-
-»So passe jetzt mal gut auf! Ich bin der General, vorderhand
-wenigstens, später hoffe ich es noch weiter zu bringen; ich bin der
-General der Ameisen und Höchstkommandierender. Mein Heer ist ganz in
-der Nähe bereitgestellt, und ich werde es an den Feind heranführen!
-Sobald wir mit ihm in Fühlung geraten sind, üben wir einen Druck
-auf ihn aus, nach dieser Seite hin, verstanden? Sobald er in euern
-Feuerbereich kommt, kommandierst du sofort ›Feuer!‹ und bum! bum! bum!
-schießt ihr alles ohne Gnade und Erbarmen über den Haufen!«
-
-»Verlaß dich auf uns!« sprach der Herr Oberbombardier, -- »sie sollen
-schwimmen in ihrem Blute!«
-
-»Nun, guten Morgen und guten Appetit zur rechten Stunde!« rief Max und
-eilte zu seinem Heer zurück.
-
-»Nichts Neues?« fragte er Großzang und Dickkopf.
-
-»Zu Befehl, Herr General«, meldete Großzang, »in kurzer Entfernung von
-uns machte sich ein Fähnlein Roter bemerkbar, das gegen uns anzurücken
-schien. Als sie uns sahen, sind sie fluchtartig entwischt.«
-
-»Vorwärts also! Wir spüren sie auf, umzingeln sie und drängen den Feind
-dorthin zu jenem Kürbisblatt.« -- Er zeigte mit wichtiger Miene die
-genaue Stelle. -- »Dort steht meine Artillerie. Bataillon! Vorwärts,
-marsch!«
-
-Das Heer ging vor. Neben Max marschierte als Führer eine Ameise, die
-von der gestrigen Verfolgung her die Straßen genau kannte. Von dieser
-kundigen Ameise geführt, gelang es in kürzester Zeit, das Feindesheer
-zu entdecken, das bereits den Kampf zu erwarten schien.
-
-Mittels eines schlauen Manövers umging Max den Feind derart, daß er
-ihn im Rücken fassen und leicht nach der gewünschten Richtung drängen
-konnte. Der Gegner schien keine Ahnung von den Plänen des Feindes zu
-haben.
-
-»Welch einfältige Kerle!« murmelte Max. »Sie haben keinen Begriff von
-Kriegskunst.«
-
-Im geeigneten Augenblick ging er zum Angriff über. Die Roten versuchten
-keinen Widerstand, da sie höchstens zu fünfzig waren.
-
-»Drängt sie vorwärts!« rief Max seinen Soldaten zu.
-
-Doch es war unnötig. Als ob die Roten gar nichts Besseres wünschten, so
-ließen sie sich zum Kürbisblatt hintreiben. Nur hie und da schaute, in
-voller Flucht, einer sich um, ob man ihnen auch wirklich noch auf den
-Fersen sei.
-
-Im selben Augenblick, als sie an dem Kürbisblatt ankamen, hörte man das
-laute Kommando:
-
-»Feuer!«
-
-Ein donnernder Schuß mit einer wohlgezielten Ladung folgte dem
-Kommando. Die Roten waren plötzlich in eine Rauchwolke gehüllt, deren
-ekler und scharfer Geruch ihnen den Atem raubte. Nochmal wiederholte
-sich das Kommando, und nochmal, dichter und heftiger, verbreitete sich
-der Dampf. Max hielt sein Heer an, zeigte seinen Leuten die dichten
-Gaswolken und rief:
-
-»Dort stehen meine Bombardiere, die den Feind mit Kanonendonner
-empfangen!«
-
-Jetzt begriffen alle, welch frohe Überraschung ihnen Max zum
-glücklichen Ausgang des Kampfes bereitet hatte; in unbändiger
-Begeisterung toste es durch das Heer:
-
-»Hurra! Hurra! Hurra!«
-
-Indessen drang aber der üble Dampf der Geschosse bis zu den eigenen
-Reihen. Max ließ darum eine Schwenkung nach links machen, und während
-die erstickten Roten im letzten Todeskampf zuckten, führte er seine
-Leute hinter einen Steindamm in Sicherheit, stellte sie in Reih und
-Glied auf und hielt folgende Ansprache:
-
-»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ehe wir zu dieser Schlacht
-ausrückten, wollten sich einige alte Ameisen mit allen möglichen
-Behauptungen meinen Plänen widersetzen. -- Und nun seht! Ein schöner,
-großer Erfolg krönt mein Werk. Dank den mächtigen Verbündeten, welche
-ich für unsere Sache zu erwerben wußte, ist unser Haus gerettet vor
-seinem unerbittlichen Erbfeinde!«
-
-»Jawohl, jawohl!« riefen die Soldaten.
-
-»Längst schon habe ich beobachtet«, fuhr Max mit sorgenschwerer Miene
-fort, »daß die Regierung unseres Staates eine recht mangelhafte und
-einseitige ist! Viel zu wenig persönliche Freiheit gewährt sie, viel
-zu wenig Fortschritt ist von ihr zu erhoffen. Fortschritt und Freiheit
-aber sind die zwei notwendigsten Dinge für eine moderne Ameise. Wenn
-die Gleichberechtigung aller Ameisen weiter besteht, dann werden wir
-auch ferner mit Altweibergeschwätz, mit veralteten Anschauungen und mit
-Kinderängsten zu kämpfen haben.
-
-Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ich schlage daher vor, daß
-ihr aus euren eigenen Reihen eine Ameise von Geist und Mut erwählt,
-eine Ameise, zu der ihr volles Vertrauen habt; daß ihr diese Ameise zu
-eurem Oberhaupte ernennt, zu eurem König oder, wenn ihr wollt, zu eurem
-Kaiser!«
-
-»Jawohl, jawohl!« riefen alle zusammen.
-
-»Kurz, es müßte eine Ameise sein von hervorragenden Gaben des Geistes
-und des Herzens wie zum Beispiel ich; eine Ameise, welche die
-Kriegskunst kennt, wie ich sie kenne; eine Ameise, die gegebenenfalls
-eine Schlacht zu gewinnen verstünde wie ich! Eine Ameise braucht ihr,
-die euch zum Ruhm zu führen weiß, wie ich es tat! Doch ich selbst
-mische mich nicht in eure Wahl. Ihr seid frei, zu wählen, wen ihr wollt
-und wer euch gefällt.«
-
-Nach diesen Worten zog sich Max mit unglaublicher Bescheidenheit und
-edlem Anstand zurück.
-
-Aber das Heer brach einstimmig in den Ruf aus:
-
-»Max wollen wir wählen! Unsern Butziwackel mit dem weißen Fähnlein.«
-
-Das ließ sich unser Held nicht zweimal sagen.
-
-Würdevoll trat er vor seine Soldaten, grüßte, alle Reihen abschreitend,
-vornehm seine Truppen und erklärte feierlich:
-
-»So nenne ich mich denn:
-
- ›Butziwackel I.,
- Kaiser aller Ameisen.‹«
-
-Und alles Volk rief:
-
-»Hoch Kaiser Butziwackel I., hoch, hoch, hoch!«
-
-
-
-
-18. Der Überfall.
-
-
-So war also Maxens Traum verwirklicht.
-
-Seinen Ehrgeiz wußte er vor sich selbst glänzend zu rechtfertigen, und
-er sprach still vor sich hin:
-
-»Obwohl ich im Grunde nie große Lust zum Lernen hatte, bin ich doch
-stets ein gescheites Kind gewesen. Da ich Ameise geworden bin, finde
-ich es nur natürlich, daß ich es bei diesen kleinen Ameisen so bald
-schon zum Kaiser brachte.«
-
-Wenn aber einer ein ehrgeiziger Streber ist, so trifft ihn todsicher
-die gerechte Strafe dafür. Der Ehrgeiz läßt sich nämlich niemals
-befriedigen. Sobald der Streber ein Ziel erreicht hat, steckt er sich
-gleich ein anderes, noch höheres. So kam auch unser Max nicht mehr
-zur Ruhe. Der Traum einer neuen, größeren Stellung lockte ihn; hinter
-dieser winkte eine noch größere Würde, und so immer weiter. Niemals
-würde er sagen können: »Jetzt ist mir's wohl! Ich bin froh und habe ein
-zufriedenes Gemüt.«
-
-»Kaiser der Ameisen«, dachte Max eben bei sich, »das ist durchaus nicht
-mehr als ein Titel, der mir gebührt. Ich muß noch viel mehr werden!
-Die Ameisen sind nur ein Teil der großen Ordnung der Hautflügler. Wie
-wäre es, wenn ich das Oberhaupt der ganzen Ordnung würde? Und dann,
-nachdem ich schon ein Bündnis mit den Bombardieren geschlossen habe,
-könnte ich ja meine Macht über die Ordnung der Käfer auch ausdehnen.
-Und wer könnte in weiterer Folge etwas dagegen haben, wenn ich Kaiser
-über sämtliche Insekten der Welt würde? Ist vielleicht der Mensch nicht
-der Beherrscher der Tiere? Wenn schon also ein Menschenkind sich in ein
-Insekt verwandelt, so muß es zum mindesten danach streben, Kaiser aller
-Insekten zu werden!«
-
-Vorderhand freilich mußte er sich begnügen, auf der immerhin sehr
-erhabenen Sprosse in der Leiter seines Ruhmes zu stehen; der Ehrgeiz
-aber riß seine Gedanken und ausschweifenden Wünsche zur schwindelnden
-Höhe aller Ehren und Würden empor. Im Tone gnädiger Herablassung
-sprach er zu seinen Leuten:
-
-»Gut, gut! Ich will den Titel eures Kaisers annehmen; doch wird es der
-Form halber gut sein, in mein Reich mit euch zurückzukehren, um dort in
-aller Feierlichkeit von meinem erhabenen Amte Besitz zu nehmen.«
-
-Ganz leise fügte er für sich hinzu: »Was für ein Gesicht wird wohl
-der einfältige Professor mit seinem unnötigen Latein dazu machen? Der
-wird sich hübsch ärgern!« Mit kühnem Blick überflog er noch einmal
-das Schlachtfeld. Dort vergnügten sich die Bombardiere daran, die
-Roten Ameisen, welche im Gasdampf erstickt waren, laut schmatzend
-aufzufressen. Max aber verlor für solchen ekelhaften Anblick keine
-Zeit; er stellte sich an die Spitze seines Heeres und führte es zum
-Ameisenhaus zurück. Vor dem Eingang blieb er wie angewurzelt stehen.
-Ein kalter Schrecken überfiel ihn.
-
-»Was ist hier los!« rief er bestürzt.
-
-Es mußte etwas Schlimmes geschehen sein. Schon das Äußere machte
-einen unordentlichen Eindruck. Der ringsum aufgeführte Schutzdamm war
-teilweise zerstört, der Gang ins Innere da und dort schwer beschädigt.
-Max stürmte voll böser Ahnungen mit seinem Generalstab ins Innere.
-Im großen Saal befand er sich zu seinem maßlosen Staunen von einer
-Menge Ameisen umringt, die er im ersten Schrecken gar nicht erkannte.
-Deutlich vernahm er sofort eine scharfe Stimme:
-
-»Auf, ihr Leute! Sorgt, daß dies Heer nicht mehr hereinkommt!«
-
-Diese Worte und verschiedene andere gefährliche Zeichen entschleierten
-plötzlich dem armen Max die entsetzliche Lage, in welcher er sich mit
-den Gefährten befand. Sein Reich, sein eigenes Reich war bereits von
-den Roten Ameisen besetzt! Er konnte weder das Wie noch das Woher
-verstehen, aber der Fall war so klar, daß kein Zweifel blieb. Während
-er in seiner Aufregung vergeblich nach einer Erklärung suchte, spürte
-er zwei fremde Fühler, die ihn zudringlich betasteten. Auf einmal
-schrie's mit höhnender Stimme:
-
-[Illustration]
-
-»Aha, da haben wir ihn, den General mit dem Hanfküraß. Das ist der
-Held, der die großen Feldschlachten liefert!«
-
-Voll Zorn schrie Max: »Das geht mir denn doch zu weit. Was soll das
-heißen?«
-
-»Gleich erkläre ich es dir, hochberühmter Schlachtenlenker! Du dachtest
-uns daranzukriegen, und inzwischen haben wir dir ein Schnippchen
-geschlagen. Nach unserer gestrigen Niederlage hätten wir kaum mehr
-einen Angriff gewagt. Aber du bist mit deinem Heere ausgerückt, um
-die große Schlacht zu schlagen. Du wolltest uns angreifen. Wir waren
-durch unsere Spione über deine Absichten wohlunterrichtet und haben dir
-inzwischen hier im Hause einen schönen Empfang bereitet!«
-
-Richtig. Max erinnerte sich, daß Adjutant Großzang ihm ein Fähnlein
-Roter Ameisen gemeldet hatte, die in der Nähe umhergeschlichen waren.
-
-»Nachdem wir«, fuhr der andere fort, »unsere Erkundigungen durch Spione
-eingezogen hatten, schickten wir dir fünfzig Leute entgegen mit dem
-Befehl, dich um jeden Preis aufzuhalten und irgendwie zu beschäftigen.
-Das geschah. Während du die Fünfzig verfolgen ließest, sind wir mit
-ganzer Heeresmacht hierher marschiert, haben dein Reich, das du ohne
-Verteidigung zurückließest, überfallen, und jetzt ..., nun, du wirst ja
-hören und sehen, was weiter geschieht.«
-
-Der Sprecher befahl nun in völlig verändertem Tone:
-
-»Bewacht diesen Gefangenen! Ich werde ihm zeigen, was wir Roten aus
-seiner Kriegskunst gelernt haben!«
-
-Max stand wehrlos der Übermacht gegenüber. Den Sinn der letzten Worte
-verstand er bald nur zu gut. Aus den Bewegungen rings umher und
-aus den Kommandorufen, die er hörte, konnte er schließen, daß die
-Roten dasselbe Spiel wiederholten, das er selbst gegen sie gestern
-angewendet hatte. Während eine Abteilung Roter den Eingang verteidigte,
-marschierte eine andere durch den berühmten Regenwurmtunnel, um von
-hinten her in Maxens Regiment einzufallen und es zu vernichten.
-Einen Augenblick hoffte er, daß seine wackeren Soldaten dem Angriff
-widerstehen würden, und er verharrte in atemloser, gespannter Angst um
-die Seinen. Die Minuten schienen zur Ewigkeit zu werden. Da hörte er
-die Stimme von vorhin von der Höhe des Haupteinganges herunterschreien:
-
-»Sieg, Sieg!«
-
-Nun blieb dem armen Max keine Hoffnung mehr. Sein gutes Heer war
-geschlagen, alles war verloren. Geknickt beugte er sein Haupt, und so
-leise, daß niemand es verstehen konnte, flüsterte er:
-
-»Jetzt ist's vorbei mit Kaiser Butziwackel I.!«
-
-
-
-
-19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den seinen zu hoch
-getragen.
-
-
-Die Roten hielten jetzt Kriegsrat. Jene Ameise, die, wie es Max schien,
-Generalsrang bei den Roten besaß, ließ sich neuerdings hören:
-
-»Wir haben den Krieg gewonnen«, so sagte sie, »der Feind ist
-niedergerungen, und wir haben von seinem Reich Besitz genommen. Es ist
-unnötig, seine Eier, Larven und Puppen in unsern Bezirk zu bringen. Wir
-sind hier die Herren und werden unsere Macht in diesem Reich ausüben
-durch eine Besatzungstruppe, die hier bleibt. Im Kampfe hat jeder von
-euch auf seinem Posten seine Pflicht getan. Darum gelten die Rechte
-des Sieges für alle in gleicher Weise. Die Ameisen, die sich hier aus
-Eiern, Larven und Puppen entwickeln und der Rasse des besiegten Volkes
-angehören, sollen Sklaven unseres Reiches sein, zum Nutzen aller ohne
-Ausnahme.«
-
-Während die Roten den Worten ihres Generals lauten Beifall
-zollten, konnte Max nicht umhin, sein eigenes Vorgehen mit dem des
-Räuberhauptmanns zu vergleichen. Zum ersten Male bedrückte ihn
-zentnerschwer die ungeheure Last seiner Verantwortung. Entgegen den
-Ratschlägen seiner vielerfahrenen Kameraden, der eigenen Ehrsucht
-zuliebe, hatte er den Feind herausgefordert. Vom blutigen Kriege
-hatte er den Vorteil gezogen, Kaiser zu werden. Er war allein die
-Ursache des Zusammenbruches, er allein hatte das namenlose Unglück
-über dieses gute, bescheidene und fleißige Volk gebracht, welches
-nichts anderes begehrte, als in Frieden zu arbeiten und zu leben.
-Rauh wurde er aus seinen herzbeklemmenden Betrachtungen aufgeschreckt
-durch des siegreichen Generals Stimme: »Kriegsgefangene vor das Haus!
-Hinrichtungen werden im Freien vollzogen! Dies erspart uns die Mühe,
-die Leichen der Verurteilten wegzubringen.«
-
-Könnten einer Ameise die Haare zu Berge stehen und könnte schwarze Haut
-erblassen, Max wäre kreideweiß geworden, und er hätte am ganzen Körper
-eine Gänsehaut bekommen -- wäre er noch ein Kind gewesen.
-
-Zwei Soldaten führten ihn hinaus, und hier konnte er den feindlichen
-General beim Tageslicht betrachten.
-
-Es war eine Ameise mit kräftigem Körperbau und wohlgeformten Gliedern.
-Auf seinem Gesichte lag ein so wildverwegener Ausdruck, daß eine
-ehrliche Ameise zu Tode erschrocken wäre, wäre sie ihm im Mondschein
-begegnet.
-
-»Wie schade«, sagte Max, dem beim Tageslicht der Mut wieder wuchs,
-»hätten wir Schutzleute und Gendarmen, dies wäre der erste Galgenvogel,
-den ich einsperren ließe!«
-
-Der Rote General verstand ihn nicht. Er wandte sich an seine Schergen
-und befahl:
-
-»Beginnt die Hinrichtungen mit dem Ältesten.«
-
-Max wandte sich um und sah den Professor, der in Sinnen vertieft
-zwischen seinen Wächtern stand. Als dieser den Befehl des Roten
-vernahm, erhob er seinen geistvollen Kopf mit Ernst und Würde und
-sprach:
-
-»Ehe ich sterbe, wende ich mich noch einmal an alle Ameisen der Welt,
-von welchem Stamme sie auch sein mögen. Alle frage ich, wielange noch
-soll die unvernünftige Feindschaft herrschen zwischen Völkern, die
-die Natur zu Brüdern schuf? Gibt es nicht genug gemeinsame Feinde zu
-bekämpfen unter Insekten der fremden Ordnungen und vor allem unter
-den Vögeln? -- Durch den inneren Aufbau unserer Staaten ragt ihr über
-alle andern Insekten hervor. Ihr seid ihnen an Geist überlegen, eure
-Arbeitsfreudigkeit steht einzig da in der Welt. Vereinigt eure Staaten
-zum großen Völkerbunde! Ihr Ameisen der ganzen Welt, vereinigt euch!
-Dies ist der letzte Wunsch eines Sterbenden, der lange genug gelebt hat
-und der euch nun für immer verläßt. Ich nenne euch alle zum Abschied
-Brüder und Schwestern, und dieser Name soll euch bedeuten: Friede und
-Verzeihung!«
-
-Max war erschüttert von den aus tiefster Seele gesprochenen Worten
-dieses ehrwürdigen Ameisengreises, dieses wahrhaften Volksfreundes.
-Wer weiß, ob nicht auch unter den Roten etliche waren, die von der
-tiefernsten Rede ergriffen und überzeugt wurden?
-
-Aber, hatte vielleicht er sich überzeugen lassen damals, als man ihm
-Vernunft und Einsicht predigte? Wenn uns jemand auf künftige Gefahren
-und düstere Möglichkeiten aufmerksam macht, die ein eitles Streben nach
-vermeintlich großen Dingen in sich schließen, spricht er zu tauben
-Ohren, und blind rennt der Tor seinen nichtigen Wünschen nach. Kommt
-dann das große Unglück als Folge seiner Handlungen, dann, ja leider
-erst dann dämmert ihm die Wahrheit, und er gibt dem weisen Ratgeber
-recht.
-
-Glaubt ihr also, daß die Roten, die die Schlacht gewonnen hatten und
-im Siegestaumel ihrer Erfolge waren, den Reden des Professors Gehör
-schenkten?
-
-Der General gab ein Zeichen, und der erste Kopf, der fiel, war dieses
-unersetzbare Haupt, abgebissen von den Kieferzangen eines rohen
-Henkers. In gleicher Weise erging es allen Kriegsgefangenen. Wie
-entsetzlich, wie schauderhaft aber war für Max der Augenblick, als er
-unter den Verurteilten seine liebe Pflegemutter erkannte.
-
-»Fuska!« schrie er auf im wütenden Schmerze.
-
-»Gib dich zufrieden meinetwegen«, sprach die Gute, »was wirklich wehe
-tut, ist der Gedanke, daß unsere Kinder in Sklaverei geraten.«
-
-Max konnte sich nicht mehr länger halten, er sprang vor und rief:
-
-»Nein, nein, schont meine Fuska! Ich selbst, ich bin allein schuld an
-allem, ich ganz allein! Ich schwöre euch, sie wollte keinen Krieg, ich
-aber war böse und ungehorsam und wollte ihren Rat nicht hören ...«
-
-Weiter kam er nicht. Einige Rote hielten den Erregten fest, und der
-Kopf der braven Fuska fiel. Max, beinahe wahnsinnig vor Schmerz und
-gequält von Gewissensbissen, schrie:
-
-»Tötet mich, tötet mich!«
-
-»Halt!« rief da jemand. Alle drehten sich, um zu sehen, wer da komme.
-Eine Rote Ameise hinkte staubbedeckt heran auf fünf Beinen; das sechste
-fehlte ihr.
-
-
-
-
-20. Das Kriegsgericht.
-
-
-Die fünfbeinige Ameise schüttelte sich stöhnend den Staub ab, stellte
-sich inmitten der Versammlung und rief mit zornbebender Stimme:
-
-»Es wäre gut«, so sage ich euch, »diesem General mit dem Hanfpanzer den
-Prozeß zu machen, ehe man ihn tötet.«
-
-Max hatte im ersten Augenblick Hoffnung geschöpft, seine Lage könnte
-sich verbessern, jedoch seine Täuschung währte nicht lange.
-
-»Wie ihr seht«, so fuhr die Ameise fort, »bin ich eine von denen, die
-dem Feind entgegengeschickt wurden, um ihn von unserem Heer abzulenken.«
-
-»Vortrefflich!« rief der Rote General, »was bringst du Neues? Wie kommt
-es, daß du allein bist?«
-
-»Ach«, sagte mit bitterer Miene die Ameise, »die sind alle gestorben
-und verdorben und längst verdaut.«
-
-»Verdaut? Was soll das heißen?«
-
-»Fragt den Hanfgeneral! Er weiß es.«
-
-Max hielt es für klug, zu schweigen.
-
-»Stellt euch vor«, begann die Klägerin und diesmal mit verächtlichem
-Ausdruck, »daß dieser Tropf sich mit einem Dutzend Bombardieren
-verbündet hatte. Verräterisch standen sie an der großen Kürbishalle,
-und kaum hatten wir uns dorthin gewendet, beschossen sie uns dermaßen
-mit Gas, daß die ganze Kolonne sofort betäubt niederstürzte. Ich selbst
-bin wie durch ein Wunder entkommen, zwar nicht heil, aber doch lebend.
-Diese elenden Bombardiere stürzten sich sofort auf die Gefallenen, um
-sie zu fressen. Sie waren bereits gesättigt, bis sie an mich kamen, und
-rissen mir nur noch ein Bein aus.«
-
-Ein Schrei der Entrüstung ging nach diesem Berichte durch den
-versammelten Rat der Roten.
-
-»Was!« rief der General zu Max gewendet. »Das hast du getan? Du, der
-du zu einer Ameisenart gehörst, die uns Barbaren und Räuber schimpft!
-Anstatt offen und ehrlich zu kämpfen, hast du zu der gemeinsten und
-unwürdigsten List gegriffen! Hast dich nicht entblödet, mit den Käfern,
-diesen Kannibalen, ein Bündnis zu schließen!«
-
-Max wollte erwidern:
-
-»Auch die Menschen schließen im Kriegsfall Bündnisse mit andern, die
-nicht zu ihrer gleichen Rasse gehören.«
-
-Allein er wußte ja bereits, daß das Beispiel menschlicher Sitten und
-Gebräuche auf die Ameisen keinerlei Eindruck macht.
-
-»Wir sind ein Räubervolk«, rief der Rote General, »aber zu solchen
-Gemeinheiten verstehen wir uns niemals!«
-
-Die hinkende Ameise nahm jetzt wieder das Wort:
-
-»Das ist noch gar nichts!« rief sie. »Ihr müßt wissen, daß ich auf der
-Flucht aus jenem Gemetzel diesem Schlingel mit seinem Heer begegnet
-bin. Ich versteckte mich hinter einem Stein, und ich habe gehört, daß
-er sich zum Oberhaupt aller Ameisen ausrufen ließ mit dem Namen: Kaiser
-Butziwackel der Erste!«
-
-»Ausgezeichnet! Butziwackel der Erste!« rief hohnlachend der General
-der Roten.
-
-»Du hast also versucht, unsere gesellschaftliche Ordnung aufzuheben, in
-der alle gleich sind mit denselben Rechten und Pflichten?«
-
-Die Ameisen, die Max im Kreise umstanden, waren bei dieser Mitteilung
-vollständig fassungslos. Max begriff jetzt, daß es unmöglich sei, mit
-menschlichen Gedanken und Vorstellungen unter Ameisen auszukommen und
-zu leben.
-
-Allein für ihn war sowieso keine Rettung mehr vom Tode!
-
-Was lag ihm auch noch daran, nachdem er mit Grauen das Unglück
-überschaute, das sein Ehrgeiz angerichtet hatte! Was bot ihm das
-Leben, nachdem seine liebe Fuska enthauptet war und der beste, größte
-Lehrer der Ameisen seine letzten Worte gesprochen hatte!
-
-Er war bereit, zu sterben. Doch seine mutige Ergebung wurde durch den
-Roten General schwer erschüttert, der also anhub:
-
-»Hört es alle an! -- Dieser Wahnsinnige hat sich unbeschreiblicher
-Verbrechen schuldig gemacht, darum sei auch seine Strafe eine
-unerhörte. Ergreift ihn, zwickt ihm nach und nach alle Beine ab, dann
-die Fühler; sein Kopf soll zuletzt fallen, damit er noch mit eigenen
-Augen seiner Strafe zusehen kann!«
-
-Max war bei der Vorstellung einer solchen Tortur nahe daran, ohnmächtig
-zu werden.
-
-Mühsam erhob er sich auf seine Hinterbeine und rief flehend:
-
-»Jawohl, ich bin schuldig; ich erkenne alle meine Fehler. Tötet mich,
-aber laßt mich nicht so grausam leiden!«
-
-Helles Hohngelächter gellte von allen Seiten. Man warf ihn zur Erde.
-Zwei Henker ergriffen seine Hinterbeine; sie zogen aus Leibeskräften,
-aber die Beine saßen fest und ließen sich nicht ausreißen. Zwei andere
-zerrten an dem mittleren Beinpaar, das ohne Schwierigkeit vom Leibe
-brach. Max aber schrie seine Henker in dieser unerhörten Lage an:
-
-»Mörder! ... Diebe! ... Schurken!« ...
-
-Doch merkwürdig. Der Verlust der beiden Beine hatte Max gar nicht
-wehe getan, und auch nach dieser Verstümmelung fühlte er sich noch
-im Vollbesitz seiner Kräfte. Sodann wollten die beiden Henker seine
-Vorderbeine abreißen, aber diese saßen sehr fest, so daß der Rote
-General, als er die unnütze Anstrengung seiner Diener sah, ganz wütend
-wurde und ausrief:
-
-[Illustration]
-
-»Ihr Trottel seid zu nichts zu gebrauchen! Fort, laßt mich selber
-machen! Ich will doch sehen, ob ich diesem Teufel nicht mit einem
-einzigen Biß den Kopf abtrenne!«
-
-Verwegen näherte er sich Max. Noch aber hatte er keine drei Schritte
-getan, als er wankend ausrief:
-
-»O weh! Das ist mein Tod!«
-
-Wie Max das hörte, glaubte er, den General hätte ein Schlaganfall
-getroffen, und er wollte schon der göttlichen Vorsehung dafür danken;
-jedoch es war nicht dieses. Eine fremde Person erschien plötzlich, die,
-wie es schien, auch ihrerseits an dem gräßlichen Werke der Hinrichtung
-teilnehmen wollte und blitzschnell über den Roten General hergefallen
-war. Mit verdüsterter Miene murmelte Max:
-
-»Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen!«
-
-
-
-
-21. Ein hochvornehmer Mordgeselle.
-
-
-Der neue Ankömmling war ein Insekt von der Familie der Grab- oder
-Mordwespen. Sie stelzte auf hohen Beinen daher, besonders das hintere
-Paar war unglaublich lang. An den Außenrändern der Unterschenkel saßen
-so viel Stacheln und Zähne, daß sie wie Sägen aussahen.
-
-Dieses kecke Tier war mir nichts, dir nichts in den hohen
-Kriegsgerichtshof hereingeplatzt und fing ohne Umstände an, einem nach
-dem andern mit seinem schrecklichen Stachel den Leib zu durchbohren.
-Zwischen Richtern und Verurteilten gab es jetzt nicht mehr den
-mindesten Unterschied.
-
-In der Verwirrung, die entstanden war, konnten sich wohl einige Ameisen
-retten, indem sie sich kopfüber in den nächsten Gang des Hauses
-stürzten; aber mit einem fürchterlichen Satz war die Wespe schon auf
-Max losgesprungen:
-
-»So weit ist es mit mir gekommen!« seufzte schwerbedrückt der
-unglückliche Kaiser Butziwackel der Erste.
-
-Sobald er aber die Wespe winseln hörte: »Au weh, wie hart bist du
-doch!« da wuchs schnell sein Mut. Er fühlte sich aufs beste geschützt
-in seinem guten Hanfpanzer. Erleichtert aufatmend flüsterte er:
-
-»Gesegnet sei mein Hanfküraß!«
-
-Die Wespe stand jetzt mit hochgezogenen Beinen und forschendem Blick
-vor ihm, betrachtete ihn mißtrauisch von allen Seiten und brummte
-unverständliche Worte. Dabei ließ sie ihren Stachel prüfend in der
-Scheide aus und ein gleiten, denn sie dachte nicht anders, als daß die
-feine Spitze desselben schon beschädigt sei.
-
-Aber die Waffe war noch in bestem Zustande und besaß nicht eine einzige
-Scharte. Halb und halb begütigt über diese Entdeckung, halb zornig
-noch über Max, fragte sie ihn:
-
-»Sage mir auf der Stelle, warum du so harthäutig bist!« --
-
-Max hatte jetzt seinen ganzen Mut wieder gefunden und antwortete nicht
-ohne einen Anflug von Humor:
-
-»Ei, so bin ich schon lange. Als ich noch zur Schule ging, meinte der
-Lehrer, ich hätte einen harten Kopf. Aber seit einiger Zeit habe ich
-eine harte Haut. Doch wer bist du?«
-
-»Ich bin eine Mordwespe.«
-
-»Heilige Zeit!«
-
-»Jawohl, ich heiße ~Ammophila sabulosa~, zu deutsch: Sandwespe. Aber
-man nennt uns Mörder, weil wir auf Fliegen, Spinnen, Raupen und Ameisen
-Jagd machen. Gott sei Lob und Dank, daß nicht alle so hart sind wie du!«
-
-»Höre«, sagte Max entrüstet, »was Spinnen, Raupen, Fliegen betrifft,
-will ich nichts dagegen sagen; aber daß du Ameisen angreifst, ich sage
-dir, für eine anständige Wespe finde ich das eine Spitzbüberei. Oder
-weißt du nicht, daß wir verwandt sind?«
-
-Er erinnerte sich nämlich, daß ihm die verstorbene Fuska einmal gesagt
-hatte, daß alle Wespen, Bienen, Hummeln zur gleichen Ordnung wie die
-Ameisen gehören und somit zum großen, ruhmreichen Volk der Immen und
-Hautflügler, das wunderbar stark und klug ist.
-
-Es entstand nun eine Pause im Gespräch, während der die beiden
-Personen, die sich bisher in Verteidigungsstellung drohend
-gegenübergestanden waren, sich gegenseitig mit etwas mehr Höflichkeit
-betrachteten. Max zeigte eine aufrichtige Bewunderung in seinem Blicke,
-als er den schrecklichen Angreifer von allen Seiten besah, und er kam
-zu dem Schlußurteil:
-
-»Ein Mörder mag sie sein, aber fein tritt sie auf. Sie muß aus guter
-Familie stammen.«
-
-Die Wespe hatte wirklich ein prachtvolles Kleid von lebhaft gelber
-Farbe; sie war schlank, anmutig in ihren Bewegungen, höchst lebhaft und
-viel schöner als alle andern Wespen, die Max als Kind beobachtet hatte.
-
-»Welche Taille!« dachte der entthronte Kaiser.
-
-»Jetzt verstehe ich erst, warum man scherzte, Mutterchen habe eine
-Wespentaille!«
-
-Da war er beim Gedanken an die Mutter den Tränen bereits wieder nahe,
-und zu gleicher Zeit fühlte er im Herzen den unwiderstehlichen Wunsch,
-sein Mütterlein wieder zu sehen, und um dieses Gedankens willen, den
-diesmal die Wespe angeregt hatte, schenkte er dem schönen Tier seine
-Liebe. Auch die Wespe schien jetzt besänftigt und unterbrach die Pause:
-
-»Schau, schau, da sind wir also verwandt? Dann reiche mir das Bein,
-damit wir Frieden schließen.«
-
-Weil Max ein wenig unschlüssig dastand, fuhr sie lebhaft fort:
-
-»Na, na, bist du vielleicht noch empört über meine Jagd auf Ameisen?
-Wenn ich nicht irre, waret ihr bei meiner Ankunft damit beschäftigt,
-euch recht brüderlich gegenseitig den Garaus zu machen. Mir scheint,
-daß Mord unter Geschwistern ein ruchloseres Geschäft ist als unter
-weitläufigen Verwandten!«
-
-Gegen diese Rede ließ sich wirklich nichts einwenden, darum entgegnete
-Max sanft und mild:
-
-»Ja, ja, du hast recht. Durch dich wurde ich aus den Zangen meiner
-Ameisenbrüder errettet, wenn du das auch nicht beabsichtigt hattest.
-Aber trotzdem darfst du doch nicht vergessen, daß wir Ameisen unter den
-Hautflüglern das stärkste, das klügste und das, das, das -- -- --«
-
-[Illustration]
-
-Max fand keine Zeit mehr, ein drittes lobendes Eigenschaftswort
-für sein Volk zu finden, denn die Wespe ließ den Redner plötzlich
-mit einer unerwarteten und raschen Bewegung im Stich, um über eine
-ansehnlich große Raupe herzufallen, welche das Unglück hatte, in der
-Nähe vorbeizukriechen. Es war das Werk eines Augenblicks. Die Wespe
-ließ ihren Stachel aus der Scheide gleiten und versetzte die Raupe mit
-ein paar Stichen in einen Zustand, der es ihr unmöglich machte, ihren
-Spaziergang fortzusetzen.
-
-»Hast du sie totgestochen?« schrie Max und lief herbei.
-
-Die Wespe schüttelte den Kopf und murmelte auf geheimnisvolle Art:
-
-»Was glaubst du wohl? Ich bin doch nicht so einfältig!«
-
-Dann setzte sie sich vergnüglich singend rittlings auf ihr Opfer,
-ergriff es mit ihren Zangen und begann den Körper, der zehnmal schwerer
-war als sie selbst, gegen einen kleinen, sandigen Graben zu schleifen,
-an dessen Abhang sich ein rundes Loch befand, mit Kieselsteinchen,
-Hälmchen und Erdkügelchen wohl bedeckt und versteckt. Max war
-erstaunt, ein so vornehmes Insekt zugleich so stark, so kühn und
-geistesgegenwärtig zu finden; er folgte der Wespe Schritt für Schritt,
-bis er ganz nahe am Grabenrande war. Hier sah er, wie sie sich mitsamt
-der Raupe vollends hinunterstürzte, immer rittlings auf ihr sitzend.
-
-Auf dem Grunde des Grabens angelangt, ließ die Wespe ihre Beute los,
-schüttelte sich den Staub von den Flügeln und kehrte sich zu Max, der
-noch oben am Grabenrand stand. Er hatte gefürchtet, daß die Wespe
-drunten vom Gewicht ihres Opfers erdrückt werden könnte.
-
-»Hast du dir wehe getan?« fragte er sie.
-
-»Nicht die Spur«, antwortete lachend die Wespe.
-
-»Diese Rutschpartie war der leichtere Teil meiner Arbeit. Schwerer
-ist's, die Raupe in das Haus hineinzutragen!«
-
-Dabei wies sie auf ihren Hauseingang, der an der Seite des Abhanges zu
-sehen war. Max stieg vorsichtig hinab, und mit schlecht versteckter
-Gönnermiene sprach er:
-
-»Ich werde dir helfen.«
-
-Aber die Wespe lehnte mit einer würdevollen Bewegung ab.
-
-»Bah!« sagte sie spöttisch, »wir sind an andere Strapazen gewöhnt und
-haben es nicht nötig, daß das stärkste und intelligenteste Volk der
-Hautflügler sich für uns bemühe.«
-
-Max kämpfte bei diesen Worten gegen seinen schwer getroffenen Hochmut.
-
-»Es wäre mir übrigens lieb«, fügte die Wespe hinzu, »wenn du auf
-das Raupenwürmlein ein bißchen aufpaßtest, während ich im Haus erst
-nachsehen muß, ob alles zu ihrem Empfang bereit ist.«
-
-»O, hast du vielleicht Angst, daß es entwische?«
-
-»Das nicht, aber du sollst achtgeben, daß sich niemand der Raupe
-nähert. Kann ich mich auf dich verlassen?«
-
-»Aber natürlich!«
-
-Mit fröhlichem Gesumse schlüpfte die Wespe in ihre Höhle hinein, und
-Max blieb als Wachtposten bei der Raupe stehen.
-
-Kaum war die Wespe verschwunden, als sich eine kleine, graue Fliege auf
-den Körper der Schmetterlingsraupe niederließ, wie angepappt darauf
-sitzen blieb und eifrig mit einer Arbeit beschäftigt war, für die Max
-keine Erklärung fand. Er schrie:
-
-»Mach, daß du weiter fliegst! Dieser Wurm gehört nicht dir!« Die Fliege
-flog darauf hohnlachend davon und zischelte boshaft:
-
-»Wenn auch nicht mir, so gehört er doch meinen Kindern!«
-
-Als die Wespe gleich darauf wieder erschien, sagte Max, die Raupe
-forschend betrachtend:
-
-»Es fehlt kein Härchen an ihr! Sage mir nur, liebe Wespe, ißt du sie
-denn ganz allein auf?«
-
-»Aufessen! Gott, wie kommst du auf diesen Gedanken?«
-
-»Ja, warum hast du sie denn ermordet?«
-
-»Ich habe sie doch gar nicht ermordet! Sie ist nur gelähmt.
-Verstehst du nicht, wenn sie tot wäre, und ich müßte sie in mein
-Haus nehmen, würde sie in kurzer Zeit in Fäulnis übergehen, was sehr
-gesundheitsschädlich wäre.«
-
-»Du behältst sie im Hause? Was machst du nur mit solchen Sachen?«
-
-»Ach, sie ist doch für meine Kinder!«
-
-»O«, rief Max bestürzt, »dasselbe hat ja vorhin die graue Fliege auch
-gesagt!«
-
-Die Wespe fuhr mit einem Sprung zurück und schrie voll Zorn:
-
-»Die graue Fliege sagst du? Ach, das Gesindel! Eine graue Fliege hat
-sich am Ende wohl gar auf meine Raupe gesetzt? Antworte sofort!«
-
-»Aber ... ja ...«, stammelte Max, der nicht verstand, wie man sich
-wegen einer solchen Kleinigkeit so aufregen konnte. -- »Einen einzigen
-Augenblick nur ist sie auf der Raupe gesessen, ich jagte sie ja gleich
-weg!«
-
-»Ach, diese Diebin, das hat sie mir angetan!« so heulte jetzt die Wespe
-und untersuchte dabei die Raupe. »Da haben wir's schon! Da sind ihre
-Spuren! Und ich hatte mich so geplagt! Meine Arbeit war nun für das
-Lumpengesindel! Miserables Schmarotzerpack! Ah, sie hoffte am Ende
-noch, daß ich die Raupe im eigenen Hause beschütze! Haha, der schönen
-Augen ihrer Kinder zuliebe! O, die Elende!«
-
-Die Wespe war jetzt derart gereizt, daß Max sich nicht getraute,
-noch etwas zu sagen. Er duckte sich in seinen Hanfküraß zusammen und
-murmelte:
-
-»Gott bewahre mich! Wenn sie jetzt mit mir Streit anfinge, dann wäre
-ich verloren, auch wenn ich mich in einen Zwetschgenkern verkröche!«
-
-
-
-
-22. Letztes Lebewohl.
-
-
-Nach und nach beruhigte sich die Wespe ein wenig, aber sie hörte nicht
-auf zu brummen:
-
-»Alle Mühe umsonst! Alle Arbeit weggeworfen! Nun muß ich wieder von
-vorn anfangen!«
-
-»Verzeihe!« sagte Max, dessen Neugier über die Furcht Meister wurde,
-»erkläre mir doch, was haben denn deine Kinder und die Kinder der
-grauen Fliege zusammen mit der armen Raupe zu tun, die so friedlich
-schlummert, als ob ihr nichts geschehen wäre?«
-
-»Wie, was! Ich habe doch diese Raupe einzig meiner eigenen Kinder wegen
-erobert!«
-
-»Warum bringst du sie dann nicht endlich in dein Haus?«
-
-»Weil die graue Fliege sie jetzt für ihre Kinder weggenommen hat.«
-
-»Langsam, langsam, mir schwindelt im Kopf! Wie kann sie dir genommen
-worden sein? Die Raupe liegt ja noch hier!«
-
-»Du weißt doch gar nichts! ... Nun wohl, so höre, ob ich nicht recht
-habe, gegen dieses elende Fliegenweib aufgebracht zu sein. Wir
-Wespen erjagen gewisse Tiere, lähmen sie und tragen sie heim, einzig
-deswegen, um in ihren Körper unsere Eier abzulegen; nach einiger Zeit
-kommen aus den Eiern die Larven -- unsere Kinder, verstehst du? Diese
-finden sogleich ihre Nahrung bereit, indem sie das Innere des Tieres
-aufessen, in das ihre Mutter sie vorsorglich hineingelegt hat. Die
-Speise reicht so lange, bis die Larven ein Knäulchen spinnen und sich
-in Puppen verwandeln, aus denen sie dann als vollkommene Insekten
-hervorgehen, um im Lichte der Sonne zu leben. Einige Wespen meiner Art
-erjagen sich Spinnen, andere Grillen, ich ziehe Raupen vor, weil sie
-mehr Fleisch besitzen. So weit wäre alles gut! Allein da gibt es auch
-in der Insektenwelt herumziehende Stromer, wie diese graue Mücke, die
-das Leben ihrer Kinder auf dieselbe Art sichern müssen; doch haben
-diese Feiglinge weder die Kraft noch den Mut, Spinnen und Raupen zu
-jagen, wie wir es machen. Was tun sie also? Diese Gauner schleichen
-um unsere Häuser herum, spitzeln alles aus, und sobald sie sehen, daß
-wir die Mitgift für unsere Kinder heimbringen, leise, leise -- hast du
-nicht gesehen, siehst du nimmer -- legen diese Diebe geschwind ihre
-Eier in unsere Beute! Begreifst du es jetzt? Hättest du mich nicht
-benachrichtigt, so hätte ich jetzt mein gutes Ei in die Raupe gelegt,
-in der Meinung, für das Fortkommen eines meiner Kinder gesorgt zu
-haben. Und was wäre statt dessen erfolgt? Die Eier der grauen Fliege
-hätten sich rascher entwickelt als meines, und ihre Larven hätten die
-ganze Raupe aufgegessen, während meine an den leeren Tisch gekommen
-wäre und elend hätte verhungern müssen. -- Nun, sage, ist das nicht
-eine gemeine Schurkerei von diesen schmarotzenden Insekten, die ihren
-Kindern mühelos die Früchte unserer Arbeit zukommen lassen? Siehst du,
-jetzt kann ich die ganze Geschichte von vorn anfangen; ich muß eine
-andere Raupe erjagen und sie hierher schleppen. Aber in Gottes Namen!
-Was tut eine Mutter nicht für ihre Kinder! -- Arbeiten und nur den Mut
-nicht verlieren!«
-
-Bei diesen letzten Worten schien es, als ob aller Zorn bei ihr
-verraucht wäre.
-
-»Auf Wiedersehen«, sagte sie in entschiedenem Tone. »Jetzt gibt es kein
-besseres Mittel, als die verlorene Zeit wieder einholen.«
-
-Sofort breitete sie ihre Flügel aus und summte in ihrer fröhlichen
-Weise davon.
-
-Max rief ihr noch nach: »Auf Wiedersehen, liebe Sandwespe!«
-
-Er fühlte wirklich etwas wie Freundschaft für dies Tierchen. Es war
-wohl eine Mordwespe, und ihre Jagdgebräuche waren geradezu grausam.
-Aber nicht die Bosheit machte sie mordsüchtig und blutgierig. Sie tat
-alles nur für das Leben ihrer Kinder, wie auch die graue Fliege nur
-ihren Kindern zuliebe eine Diebin wurde. Die eine, stark und kühn, nahm
-andern Tieren das Leben, um es ihren Kindern zu geben; die andere,
-unfähig zum Raube, stahl zu dem gleichen Zweck dem Räuber seine Beute.
-
-Max begann zu verstehen, daß alle Sorge und Arbeit der Insekten ohne
-Ausnahme auf ein hohes, edles Ziel hinstrebt. Mochten sie es erreichen,
-wie sie wollten, auch durch List und Mord, suchten sie einzig
-ihrer Nachkommenschaft das Leben zu sichern. Alles Streben dieser
-Tierchen ging darauf hinaus, daß das Ei befruchtet wurde, daß der
-ausgeschlüpften Larve ihre Nahrung zur Verfügung stand, daß die Jungen
-noch beschützt seien gegen alle Feinde, bis sie in ihrer Vollendung als
-fertige Tiere auftreten konnten. Dann fängt das wunderbare Spiel von
-vorn an. Das neue Geschlecht sorgt mit gleicher Fürsicht und mühender
-Liebe, wie sie ihm selbst zuteil geworden war, für seine Nachkommen.
-
-Max erinnerte sich von neuem an die Herzlichkeit, mit der ihn die gute
-Fuska einst aufgenommen und in das Leben eingeführt hatte, als er
-aus seinem Knäulchen schlüpfte. Fuska, die liebevolle Pflegerin, die
-seinetwegen hatte sterben müssen!
-
-In so traurigen Gedanken vertieft, war er wieder auf den Grabenrand
-hinaufgeklettert. Nun wandte er sich gegen sein einstiges trautes
-Ameisenhaus, das für ihn Heimat, leider auch der Schauplatz großen
-Unglücks gewesen war. Da sah Max zwei Untertanen seines einstigen
-Reiches, die mühsam einen Kürbiskern schleppten, und sein Herz wurde
-ihm weit.
-
-»Freunde!« rief er sie tiefbewegt an, »kennt ihr mich nicht mehr?«
-
-»Da schau!« sagten sie ohne jegliche Gemütsbewegung und hielten ein
-wenig an, »was und wo arbeitest denn du jetzt?«
-
-»Ach, ich führe das Leben eines Verbannten«, klagte er bitter. »Wie
-geht es euch? Wohin tragt ihr den Kürbissamen?«
-
-»O du liebe Zeit! In unser Dorf, wo unsere Herren wohnen.«
-
-»Wie? Eure Herren? Und nennt es doch noch euer Dorf?«
-
-»Warum denn nicht? Wir sind ihre Knechte, so wollte es das Schicksal.
-Wir arbeiten und quälen uns für sie, aber wir dürfen dort wohnen
-bleiben.«
-
-Max war empört über den Stumpfsinn, mit welchem die Brüder ihre
-schmähliche Knechtschaft ertrugen. Er mußte sie verachten und rief
-ihnen nach:
-
-»Schmutzige Sklavenseelen, pfui!«
-
-Dann setzte er seinen Weg fort und dachte nicht im geringsten daran,
-daß die einzige Ursache ihrer traurigen und unverschuldeten Sklaverei
-sein ungezügelter, unvernünftiger und herzloser Ehrgeiz gewesen war.
-Was half es, wenn er auch jetzt gerade von einem guten Gedanken erfüllt
-war? Er schaute hin und her, als ob er etwas suche. Wenige Schritte
-vom Ameisenhaus entfernt blieb er lauschend stehen, denn er hörte
-ein Geräusch, wie wenn ein Hund Knochen zerbisse. Max wandte sich
-dem Lärm zu und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Vor ihm lagen
-die traurigen Überreste seiner verstümmelten Mitgefangenen, die,
-unglücklicher als er, ihr Leben lassen mußten. Die Köpfe vom Rumpfe
-abgerissen, lagen sie da, und inmitten dieses jammervollen Haufens
-zerrissener Körper saßen drei Ameisen -- es ist entsetzlich zu sagen --
-beim Mahl. Sie verschlangen mit lustigen Scherzen die Überreste ihrer
-Schwestern und Brüder.
-
-»Ihr Elenden«, schrie Max, »so fehlt es denn auch unter Ameisen nicht
-an schändlichen Hyänen und Schakalen!?«
-
-Wirklich gibt es einige Ameisenarten, die so tief gesunken sind,
-Leichen zu verzehren. Beispiele solcher Schande sind ja zum Glück
-äußerst selten, aber sie genügen, um den guten Namen des ganzen Volkes
-zu schänden, den es sich durch seine vielen Vorzüge und Tugenden unter
-allen Insekten erworben hat.
-
-So tragen die Schlechten, abgesehen von dem Schaden, den sie durch
-ihre Missetaten den Guten zufügen, sehr oft die schwere Schuld, den
-unbefleckten Namen einer ganzen Familie, ja selbst des ganzen Landes zu
-beschmutzen, das diese Schädlinge hervorbrachte. Deshalb tat Max gut
-daran, auf die drei kannibalischen Schwelger so grimmig loszugehen,
-daß sie keine Zeit hatten, sich von ihrer Überraschung zu erholen und
-Widerstand zu leisten. Alle drei fielen unter seinen Streichen.
-
-Nun erst beschaute er genauer die Überreste der tapfern Gefährten. Vor
-dem schauerlichen Bilde krampfte sich sein Herz zusammen.
-
-Weinend warf er sich inmitten dieser Ärmsten auf die Knie, und in
-tiefem Schmerze rief er:
-
-»Verzeihung! Verzeihung! Hätte ich doch auf die Mahnungen des
-Professors gehört! Wäre ich bescheiden und fleißig geblieben wie ihr
-Teuren! Wieviel Unglück habe ich über euch gebracht! Fuska, liebe
-Mutter und Lehrerin, auch du bist tot! Wäre es bei den Ameisen üblich,
-so würde ich dir das schönste Denkmal aufstellen, daß alle Welt es
-bewundern müßte. Darauf ließe ich mit goldenen Buchstaben die Inschrift
-setzen:
-
- +Fuska+.
- Seiner guten Ameisenmutter
- der entthronte Kaiser
- Butziwackel I.«
-
-
-
-
-23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus einer Eichengalle
-herausspaziert.
-
-
-»Und nun was jetzt?«
-
-Das war die Frage, die Max beschäftigte, als er seinen Weg wieder
-aufnahm, und auf die er vorderhand keine Antwort wußte. Ganz allein,
-verloren in der weiten Welt, ohne Familie, ohne Freunde! Dies war
-die traurige Lage des armen Insektleins, das vor wenigen Stunden zum
-ersten Kaiser der Ameisen erwählt worden war. »Was verschlägt's«, so
-dachte Max, »auch Napoleon der Erste mußte es erleben, nach St. Helena
-verbannt zu werden!«
-
-Doch dieser geschichtliche Vergleich war ein magerer Trost für ihn.
-Während er den Graben, in dem die Sandwespe ihr Nest hatte, von neuem
-durchquerte, betrachtete er schwermütig das Haus seiner Freundin, das
-schon verschlossen war, und er flüsterte:
-
-»Ach, ein jeder hat sein Haus! Ich allein finde kein Loch, wo ich die
-Nacht zubringen könnte!«
-
-Bei diesem Gedankengang kam ihm eine Erinnerung, die ihn mit Trost und
-frohen Hoffnungen erfüllte.
-
-»Hab' ich denn nicht doch ein Haus? Und in diesem Haus wohnt ja meine
-Mutter und Onkel Walter. O wenn ich das finden könnte!«
-
-Der Gedanke war gut; jawohl! Aber kaum hatte Max mit ihm zu spielen
-begonnen, erhob sich auch schon schroff und steil die größte
-Schwierigkeit, so daß er bitter ausrief:
-
-»Der reinste Wahnsinn! Wie könnte ich armes, kleines Ameislein, für
-das jeder Grashalm ein Baum, jeder Busch ein Wald, jeder Kiesel ein
-Felsen, jede Scholle ein Berg ist, wie könnte ich einen Ort finden, den
-ich nicht sehen kann, von dem ich nicht weiß, in welcher Richtung er
-liegt!?« -- -- --
-
-So schlich er entmutigt seines Weges, wohin ihn eben seine müden Beine
-trugen, und kam dabei am Fuße einer großen Eiche an. »Wenn ich auf
-ihren Gipfel stiege«, dachte er, »wer weiß, ob ich von dort oben nicht
-mein Haus entdecken könnte?!«
-
-Mutig kletterte er am Stamme empor. Nur der Gedanke an die Heimat
-machte ihn zu dieser Anstrengung fähig. Kurz zuvor hatte er sich sehr
-matt gefühlt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß er seit geraumer Zeit
-nichts gegessen hatte.
-
-In einiger Höhe hielt er an und schaute ringsumher: Nichts! Er stieg
-weiter bis ins oberste Gezweige. Ringsumher schaute er nur eine wirre
-Welt. Jetzt begriff er, daß es mit den Augen einer Ameise unmöglich
-sei, deutlich in die Ferne zu sehen.
-
-Aus der traurigen Stimmung, in die ihn diese Erfahrung versetzte, wurde
-er durch ein eigenartige Geräusch aufgestört. Es kam ganz aus der Nähe,
-es mußte auf demselben Blatt sein, auf dem er stand. Er schaute sich
-um und erkannte, daß er sich neben einer Eichengalle befand, einer von
-jenen rötlichen Kugeln, die man häufig auf Eichenblättern sieht, und
-mit denen er früher oft gespielt hatte.
-
-[Illustration]
-
-Max krabbelte auf diese Galle hinauf und war nicht wenig erstaunt, als
-er merkte, daß das Geräusch aus dem Innern der Kugel drang. Als ob ein
-feiner Bohrer durch hartes Holz seinen Weg suchte, so knirschte und
-raschelte es da drinnen. Max lief rings um die Kugel und untersuchte
-sie aufs genaueste. Da er auf der Oberfläche nicht die geringste
-Öffnung fand, fragte er sich, welches Geheimnis wohl im Innern
-eingeschlossen sein könnte. Plötzlich hörte er hinter sich ein feines
-Stimmchen, das piepste etwas müde:
-
-»Endlich bin ich so weit!«
-
-Max drehte sich flugs um. Ein winziges Köpfchen guckte aus einem
-Löchlein der Galle heraus, drehte sich hin und her und betrachtete
-alles ringsum mit lebhafter Neugier.
-
-»Ei, wie schön ist die Welt!« sagte das Stimmchen, bebend vor Vergnügen.
-
-»Sei mir gegrüßt!« rief Max, »und komme doch ganz hervor!«
-
-Aus dem Löchlein schoben sich zwei kleine Beinchen, die sich am Rande
-anklammerten, dann folgte sogleich das ganze Tierlein. Es war kaum ein
-paar Millimeter lang, schwarz, mit fadenförmigen, nicht geknickten
-Fühlern und mit zwei allerfeinsten, durchsichtigen Flügelchen
-ausgestattet.
-
-»Oho«, rief Max, »eine kleine Fliege!«
-
-»Entschuldige«, erwiderte das kleine Geschöpfchen, »ich bin keine
-Fliege, ich bin eine Gallwespe; die Gelehrten nennen mich ~Cynips
-gemmae~.«
-
-»Eine Gallwespe?«
-
-»Ganz richtig, ich gehöre zur Ordnung der Immen oder Hautflügler.«
-
-»Dann bist du eine weitläufige Verwandte von mir. Als mein Bäschen
-wirst du mir wohl erklären, wie du es fertig brachtest, in diese Kugel
-einzudringen?«
-
-»Eindringen? Ich bin nicht eingedrungen, du willst wohl sagen:
-herauszuschlüpfen.«
-
-Max betrachtete sie verwundert. »Das ist mir neu! Kann einer aus einer
-Kugel herausschlüpfen, ohne erst hineingekommen zu sein?«
-
-»So höre! Bei uns Gallwespen ist folgender Brauch: Unsere Mutter --
-ich kann dir das sagen, weil ich es selber durch meine natürliche
-Veranlagung weiß -- legt das Ei auf ein Eichenblatt, indem sie es mit
-dem Legestachel ansticht. Aus diesem Legestachel tritt zugleich das Ei
-heraus. Der Stich verursacht auf dem Blatt eine Wunde, und die Wunde
-läßt das Blatt anschwellen, so daß sich eine kleine Kugel bildet. Diese
-wächst durch den Saft der Pflanze. Inzwischen entwickelt sich aus dem
-darinliegenden Ei die Larve. Diese findet in der Kugel ihre Nahrung
-und ihr Häuschen. Hier bleiben wir ein Jährchen ungestört und essen,
-verwandeln uns zur Puppe und werden danach ein vollkommenes Insekt.
-Jetzt müssen wir von innen heraus die Kugel durchbohren, langsam,
-langsam, bis sich eine Straße bildet, auf der wir endlich herauskommen,
-wie ich es gemacht habe. -- Aber du kannst mir's glauben, da heißt es
-kräftig drauflosnagen!«
-
-»Ist es wohl so hart, dein Kugelhäuschen?«
-
-»Geh mal herein und überzeuge dich selbst davon!«
-
-Er schlüpfte zum Türchen hinein, das die Gallwespe gebohrt hatte, und
-nun konnte er sich einen genauen Begriff von der Arbeit machen, die
-seine neue Freundin fertig gebracht hatte. Im Innern der holzartigen
-Galle war eine Art Kammer, die aus einem noch viel festeren Stoffe als
-die äußere Kugel bestand. Die Wand dieser Kammer war so hart wie ein
-Kirschkern.
-
-»Und du«, rief Max erstaunt, »du hast so harte Mauern durchbrechen
-können? Da gratuliere ich!«
-
-»Ich danke dir. Wenn du wüßtest, wie froh ich jetzt bin! Verstehst du
-das? Da drinnen eingesperrt sein ist kein Vergnügen; doch man weiß,
-eines Tages wird man herauskommen, die Flügel ausspannen und in freier
-Luft leben.«
-
-»Ah!« atmete sie tief auf, »nun ist die große Stunde, die ersehnte
-Belohnung für die lange Gefangenschaft gekommen!«
-
-»Du Glückliche!« seufzte Max traurig. »Wenn ich doch auch Flügel hätte!«
-
-Sein Wunsch brachte ihn auf einen Gedanken, der wie ein Hoffnungsstrahl
-in sein düsteres Dasein leuchtete. Dringlich wandte er sich zur jungen
-Gallwespe und sprach:
-
-»Höre, liebe Freundin, ich hätte eine große Bitte ... wirst du so
-freundlich sein ... Du bist zwar kaum geboren ... nun wohl: mit einer
-guten Handlung kannst du dein Leben beginnen. Ich verspreche dir, daß
-ich es dir nie vergessen werde! Willst du?«
-
-»Du plauderst zuviel; bitte, laß mich hören, um was es sich handelt?«
-
-»Richtig! Es handelt sich darum, daß ich ein menschliches Wohnhaus mit
-einem Weinstock an der Wand finden möchte. Auf einem Rundflug könntest
-du es vielleicht erspähen.«
-
-»Aber Lieber, wie soll ich denn ein Menschenhaus erkennen? Ich bin doch
-eben erst auf die Welt gekommen!«
-
-Diese Bemerkung war richtig, und Max kostete es Anstrengung genug, um
-dem jungen Insekt zu beschreiben, wie sein Haus aussähe. Endlich schien
-die Gallwespe begriffen zu haben, und er brauchte ihr nur noch zu sagen:
-
-»Du kannst mit deinen Flügeln nach allen Richtungen herumstreifen; dann
-kehrst du zu mir zurück, mir zu sagen, ob es dir gelungen ist, mein
-Haus zu entdecken, das ich so gern sehen möchte. Willst du mir diesen
-großen Gefallen erweisen?«
-
-»Ich will es versuchen! Es gelüstet mich sowieso, meine Flügel zu
-erproben« -- -- -- und eins -- zwei -- drei -- -- -- erhob sich das
-junge Gallwespchen vom Sitze und flog in die schöne Welt hinein.
-
-Kaiser Butziwackel aber rief ihm noch zu:
-
-»Wenn du es fertigbringst, schwöre ich dir ewige Freundschaft!«
-
-
-
-
-24. Auf dem Weg zur Mutter.
-
-
-Wie lange wartete Max auf seinem Blatt! Er wäre in Verlegenheit
-gekommen, es uns genau zu sagen; denn er hatte keine Uhr bei sich. Aber
-es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Endlich konnte er der zurückkehrenden
-Gallwespe zurufen:
-
-»Na, und?!«
-
-»Nun«, erwiderte diese und setzte sich zu ihm auf das Blatt, »ich
-glaube etwas entdeckt zu haben, das deiner Beschreibung ähnlich ist.«
-
-»O, wirklich? Ist's weit von hier? Ist es dorthin oder hierhin? Wo
-ist's?«
-
-»Bei meiner Galle! Gönne mir nur eine Minute zum Ausschnaufen! -- Höre,
-das Haus, das ich sah, liegt in derselben Richtung wie das Blatt, auf
-dem wir sitzen.«
-
-»So, so, also dorthinaus!« deutete Max mit seinem rechten
-Vorderbeinchen.
-
-Max merkte sich genau die Richtung, besann sich und rief:
-
-»Jetzt gehe ich ... Liebe Gallwespe, wie bin ich dir dankbar! ... Aber
-wir werden uns wiedersehen, gelt!«
-
-Er umarmte sie, empfahl sich höflich und stieg langsam den Weg, den er
-auf die Eiche hinaufgeklettert war, wieder hinab.
-
-»Langsam?« werden sofort alle kleinen Leser fragen. »Wie, er sehnte
-sich so sehr heimzukommen, und er ging langsam?«
-
-Gerade deshalb. Er ging langsam, weil er Eile hatte.
-
-Ihr wißt es selbst, es gibt Kinder, die voll guten Willens sind. Sagt
-man ihnen: »Geh mir rasch da- oder dorthin«, so laufen sie auch schon
-und rufen: »Ich bin gleich dort.«
-
-Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren; denn im Eifer
-haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin sie eigentlich gehen
-sollten. Zu große Eile macht oft, daß man erst recht zu spät kommt. Max
-hatte als Kind immer alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als
-Ameise aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also von
-der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt für Schritt,
-schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll des Weges und berechnete
-die zurückgelegte Strecke. Auch überschätzte er die vor ihm liegende
-mit einer Genauigkeit und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese
-kleinen Geschöpfe kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens
-blieb nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem Gesichte
-genau in der Richtung, die das Blatt oben auf dem Baume hatte. Er
-konnte daher seinen Weg sofort geradeaus in der Richtung verfolgen, die
-ihm die Gallwespe angegeben hatte.
-
-Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar ausgebildeten
-Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm war er imstande, auf
-die unbedeutendsten Zeichen zu achten und sich nach solch feinen
-Wahrnehmungen zurechtzufinden, die für Menschen unfaßbar sind.
-Gleichwohl bedauerte Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche
-hatte aufwenden müssen.
-
-»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser auf ihren Straßen
-haben!«
-
-Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er nicht doch noch
-dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere Bildung und Fortschritt zu
-bringen. Allein er ließ bald von seinen Träumen ab und verfolgte mit
-Eifer das eigentliche Ziel seiner Reise und sprach:
-
-»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur Mutter.«
-
-Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum bemerkte Max
-allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei Insekten, die alle
-nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde.
-
-»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach Hause.« Diese
-Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue seine müden Beinchen, und
-seine Reise schien ihm nicht mehr so unsicher und gefährlich. Auch den
-Hunger spürte er nicht mehr so quälend.
-
-Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein nahes Getöse
-aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten und den gewalttätigen
-Drohungen nach zu urteilen, gab es da einen entsetzlichen Kampf auf
-Leben und Tod.
-
-Eine Wespe, von der Art der Sandwespe -- Max hatte nun schon eine ganz
-nette Insektenkenntnis --, drückte mit aller Kraft eine Grille auf den
-Boden nieder. Diese wehrte sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die
-Wespe der besiegten Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib
-bohren, als sie plötzlich davon abstand.
-
-»Halt ein!«
-
-Das war Max, der sie anschrie. Er kam zur guten Stunde für die Grille.
-Die Angreiferin war überrascht, ließ ein wenig locker, und es gelang
-der zu Tode Geängstigten, ihrem Feinde zu entschlüpfen. Mit einem Hupf
-war sie in ihrem Loche. Dafür fiel die Wespe wütend vor Zorn über Max
-her. Aber es ging ihr wie einstens der Sandwespe. Der tötende Stachel
-glitt auf dem Hanfpanzer ab, und Max sagte lachend:
-
-»Verehrteste Frau Mörderin, diesmal sind Sie schön ausgerutscht!«
-
-»Was mischest du dich in meine Angelegenheiten, du hergelaufener
-Fremdling! Drei Grillen habe ich bereits zu Hause eingebracht, und eine
-fehlt mir noch; endlich hatte ich sie glücklich, und du bist schuld,
-daß sie mir entwischte.«
-
-»Genügen die dreie dir nicht?«
-
-»Keineswegs! Ich brauche vier Stück für meine Eier. Habe ich keine
-viere, so bekommen meine Kinder nicht genug zu essen. Nun kann ich
-deines Vorwitzes halber von neuem die Jagd beginnen.«
-
-»Verzeihung, Frau Mordwespe, die arme Grille tat mir leid. Mit deiner
-wilden Kraft wirst du gewiß bald eine andere bekommen. Lebe wohl und
-entschuldige vielmals!«
-
-Max nahm seinen Weg wieder auf. Der Zweikampf zwischen Wespe und Grille
-und seine Unterhaltung mit dem betrogenen Sieger hatte ihn nicht im
-geringsten in der Richtung des Weitermarsches beirrt.
-
-»Ohne mein Eingreifen«, sprach er für sich, »wäre die Grille schön
-eingegangen! Diese Mordwespen besitzen eine verteufelte Kraft. Man
-sieht es ihnen gar nicht an. Gleichwohl muß ich meine Freundin
-Gallwespe noch mehr bewundern. Sie ist viel kleiner und war doch
-imstande, sich einen Weg durch ihre steinharte Kugel zu bahnen!«
-
-Max wanderte und wanderte unermüdlich weiter. Ihn drängte die
-Sehnsucht, ans Ziel zu gelangen, und der Weg zur Mutter war gar so
-weit.
-
-Bald nachher bemerkte er ein anderes Geschöpf, das den gleichen Weg
-verfolgte wie er, aber auf eine bequemere und schnellere Weise. Es
-war ein äußerst fein gebautes Insekt mit langem, dunkelgrauem, dünnem
-Körper, mattgelb am Kopf, an der Brust gefleckt und mit vier leichten,
-ja allerleichtesten Flügeln versehen. Damit bewegte es sich von einem
-Strauch zum andern und tat, als ob es etwas suchte und durchaus nicht
-finden könne.
-
-»Ach, liebe Libelle«, sprach Max emporschauend, »was würde ich nicht
-bezahlen, wenn ich jetzt Flügel hätte wie du!«
-
-Das geflügelte Insekt schaute ihn mit seinen hervorstehenden Augen an
-und lachte laut:
-
-»Ich bin keine Libelle.«
-
-»Was bist du dann?« fragte Max und blieb stehen.
-
-»Wenn du's wissen willst, -- ich habe viele Beziehungen zu
-deinesgleichen.«
-
-»Das freut mich zu hören; dann können wir ja in Freundschaft verkehren!«
-
-»Meinetwegen«, antwortete das Insekt nicht sehr höflich. Dabei setzte
-es sich, unbekümmert um Max bedächtig umherspähend, auf einen Grashalm.
-Max näherte sich, er wollte wissen, was es denn eigentlich zu tun
-vorhabe.
-
-
-
-
-25. Die geheimnisvolle Barke.
-
-
-Nach einigen heftigen Anstrengungen schien das geflügelte Insekt
-sich wieder zu erholen. Es streckte den Körper, drehte sich um sich
-selbst und betrachtete mit Liebe ein Häufchen Eier, die am Grashalm
-festgeklebt waren. Sie waren etwas über drei Millimeter lang, gelblich
-und an dem dickeren Ende rot gefärbt.
-
-»So, das hätten wir«, sagte das rätselhafte Geschöpf und beschaute
-sichtlich befriedigt sein Werk. »Man lebt so kurz; aber wenn man für
-die Nachkommenschaft gesorgt hat, kann man getrost sterben. Meine
-Kinder werden weiterleben.«
-
-Max, der unterdessen stumm vor Staunen dabeigestanden war, konnte sich
-jetzt nicht länger halten und rief:
-
-»Aber du bist einmal eine brave Mutter!«
-
-»Hm, freilich«, erwiderte ganz verschmitzt das Insekt, »vielleicht käme
-es dir besser zu statten, wenn ich es nicht wäre!«
-
-»Ich begreife dich nicht. Doch da du keine Libelle sein willst, darf
-man vielleicht fragen, wer du bist?«
-
-»So viel kann ich dir sagen, ich bin eine große Verehrerin der Ameisen,
-aber ich weiß nicht, ob sie mich ebenso lieben wie ich sie.« Dann fuhr
-sie, Max spöttisch musternd, fort: »Gehe du nur einstweilen deiner
-Straße; ich verweile hier, um meine Kinder in Sicherheit zu bringen,
-denen ich wünsche, sie möchten in ihrem Leben recht vielen Ameisen
-begegnen, die so gut sind wie du; du scheinst mir eine ausgezeichnete
-Ameise zu sein.«
-
-Die sonderbare Betonung der letzten Worte gaben dem Satz einen
-unheimlichen Sinn. Oder sollten sie eine besondere Artigkeit bedeuten?
-Max rannte, von einer innerlichen Stimme gemahnt, eiligst weiter, ohne
-sich für eine solche Artigkeit mit diesem Beigeschmack zu bedanken.
-In schweren Gedanken und mit einigem Herzklopfen zog er in langen
-Schritten fürbaß und grübelte vergebens, in den verborgenen Sinn jener
-Worte einzudringen. Nach einem guten Stück Weges hörte er hinter sich
-sprechen:
-
-»Willst du wirklich wissen, wer ich bin?«
-
-Max schnellte erschrocken rasch herum. Auf einem Grashalm, der über ihm
-schwankte, saß das Insekt, das er Libelle genannt hatte.
-
-»Da wir weit genug von meinen Eiern sind und du sie vergeblich suchen
-würdest, will ich es dir sagen: Zittere! Ich bin der Ameisenlöwe.«
-
-Diesmal war es Max, der hellauf lachte. Der grausige Name, die
-schreckliche Betonung, die theatralische Feierlichkeit, mit der das
-Insekt ihn aussprach, versetzten unsern Helden in beste Laune. Mit
-tiefer Verneigung nahm er die Vorstellung entgegen und ahmte antwortend
-die herausfordernde Sprechweise dieses Löwen nach.
-
-[Illustration]
-
-»Entschuldigen Sie vielmals, Herr Ameisentiger, wenn ich Sie nicht
-gleich erkannt habe! Auf Wiedersehen, Herr Ameisenleopard! Herr
-Ameisennilpferd, ich empfehle mich Ihnen als Wärter für Ihre jungen
-Löwen, die aus Ihren Eiern schlüpfen. Wenn Sie nur nicht mit ihren
-Löwenkrallen die Eierschalen zu früh zerbrechen!«
-
-Trotz aller schlechten Witze war sich Max nur zu sehr des unangenehmen
-Eindrucks bewußt, den der Name auf ihn gemacht hatte. Er erinnerte
-sich dunkel, während seines Lebens im Ameisenheim gehört zu haben, der
-Herr Professor wolle eine Vorlesung über Ameisenlöwen halten. Fuska
-sagte damals zu ihm, er möge recht aufpassen dabei; denn man müsse
-sich arg vor diesen Geschöpfen in acht nehmen. Viel später erst sollte
-unser verbannter, armer Kaiser mit eigener, entsetzlicher Lebensgefahr
-die Erklärung des Geheimnisses finden, das in den Worten seines
-unheimlichen Reisegefährten versteckt lag.
-
-Ohne von der Richtung seines Hauses abzuirren, schritt er rüstig
-vorwärts. Lange war er schon gegangen, als sich unversehens vor ihm
-ein Hindernis einstellte, das mit einem Schlage alle frohen Hoffnungen
-vernichtete, die er während des langen Marsches genährt hatte. Vor
-seinen Füßen dehnte sich ein für eine Ameise unendlich großer See
-aus. Man bedenke nur, daß ihn ein Mann kaum mit einem Satze hätte
-überspringen können. Was tun? Wie ans jenseitige Ufer gelangen, ohne
-die Richtung zu verlieren? Richtung verloren, alles verloren! Wo könnte
-er je die Straße wiederfinden, die ihm seine Freundin Gallwespe gezeigt
-hatte?
-
-Das einzige wäre gewesen, den See in liniengerader Richtung zu
-überqueren. Aber wie? Er konnte das jenseitige Ufer nicht einmal sehen.
-Mit verzweifelnden Blicken schaute Max hierhin und dorthin und ließ
-sie über den See gleiten, der blutrot gefärbt in der Abendsonne lag.
-Vergebens wartete er auf eine gute Eingebung, und endlich erfaßte ihn
-der Mut der Verzweiflung.
-
-»Ich weiß nicht einmal«, jammerte er laut, »ob eine Ameise schwimmen
-kann! Doch was liegt daran. Entweder werde ich meine Mutter
-wiederfinden oder im Gedanken an sie ertrinken und sterben.«
-
-So durchschritt er das letzte Grasbüschlein, das ihn vom Wasserrand
-trennte, näherte sich entschlossen der Flut und wollte sich eben
-hineinstürzen, als er mit einem Freudenschrei plötzlich zurückwich.
-
-Unmittelbar vor ihm schwamm eine vornehme Barke mit sechs Rudern. Max
-glaubte sogar, eine bequeme, gelbe Sitzbank darin zu sehen. Diese Barke
-schien eigens auf ihn gewartet zu haben, mit keinem andern Zweck, als
-ihn aus grausamer Verlegenheit zu retten.
-
-Begreiflicherweise überlegte Max nicht zweimal. Da die Barke ein klein
-wenig vom Ufer abstand, fand er sofort einen geistvollen Ausweg, um
-einsteigen zu können, ohne zu ertrinken oder mindestens pudelnaß zu
-werden. Er kletterte flugs auf einen langen Grashalm, der sich vom
-Ufer über das Wasser neigte. An der Spitze angelangt, schaute er
-sich genau um, brachte den Halm durch die Schwere seines Körpers in
-Schaukelbewegung, und wie er gerade über das Schifflein zu pendeln
-kam, sprang er ab und kam in der Barke vor die Bank zu stehen, die er
-gesehen hatte.
-
-»Jetzt aber tüchtig gerudert!« rief Max und versuchte die Ruder zu
-ergreifen.
-
-Aber das war gar nicht nötig. Als ob die geheimnisvolle Barke nichts
-anderes erwartet hätte als seinen Befehl, streckte sich das letzte
-Ruderpaar mit Zauberkraft weit aus, schlug mit kräftigem Schlag ins
-Wasser und führte die Barke mit größter Schnelligkeit vom Ufer weg auf
-hohe See.
-
-
-
-
-26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff beginnen und sie zu
-Pferde beenden kann.
-
-
-»Ach, das ist ja ein Dampfschiff!« rief Max aus, als er mit
-außerordentlicher Schnelligkeit in den See hinaustrieb.
-
-Wie von unsichtbarer Hand bewegt, glitten die Ruder in gleichmäßigen
-Schlägen auf und nieder, und Max dachte nicht anders, als daß die
-Kraft durch einen Dampfkessel irgendwo im Innern des Schiffes erzeugt
-würde, das die schlanke Form eines Kahnes hatte. Während Max auf
-seinem Schnelldampfer stand, sah er eine Menge anderer Schiffe
-seltsamster Bauart vorüberfahren. Sie erschienen oft plötzlich an
-der Oberfläche und verschwanden rätselhaft in die Tiefe, so daß Max
-in hellem Vergnügen glaubte, er befinde sich mitten im Manöver einer
-Unterseebootflottille. Für einen Augenblick vergaß er vor Glück über
-diesen herrlichen Anblick, den der Zufall ihm schenkte, sein ersehntes
-Ziel. Sofort auch beschäftigten ehrgeizige Träume seinen erregten Sinn.
-
-»Wie wäre es«, dachte er hochstrebend, »wenn ich hier als gefürchteter
-Admiral einige feindliche Schiffe in den Grund bohrte?«
-
-Erfüllt von neuen kriegerischen Plänen, spazierte er sinnend und wie
-ein echter Seebär mit breitspurig schwankendem Gang auf dem Deck seines
-Schiffes hin und her. An einer Stelle bemerkte er eine Reihe von
-Röhrchen, eines dicht neben dem andern. Aufmerksam verweilte er hier
-und sagte schlau:
-
-»Aha, da haben wir die Sprachrohre!«
-
-Er beugte seinen Kopf über eines der Röhrchen, und da es offen war,
-rief er hinab ins Innere des Dampfers:
-
-[Illustration]
-
-»Hallo! Maschinisten, Heizer, Achtung!«
-
-Eine Stimme antwortete:
-
-»Hallo! Wer da?«
-
-»Hier Admiral Max Butziwackel! Alle Mann an Bord! Rasch herauf!«
-
-Einen Augenblick war es still, dann ertönte die Antwort:
-
-»Hinaufkommen? Ich finde es gescheiter, hinunterzutauchen!«
-
-Mit einem gewaltigen Ruck und Schlag streckten die zwei Ruder sich aus.
-Das Schiff bäumte sich erst auf, dann fuhr es kopfüber in die Tiefe.
-Max wurde mit hinuntergerissen, und schwindelnd dachte er:
-
-»Aha, ein Tauchboot!« Dabei umklammerte er voll Geistesgegenwart das
-Rohr, das ihm als Sprachrohr nicht besondere Dienste geleistet hatte.
-Zugleich begriff er mit Schrecken, daß die Unterwasserreise für ihn auf
-offenem Deck nicht lange dauern müsse, um ihn dem Tode des Ertrinkens
-zu weihen. Deshalb ließ er seine Stütze lieber los und zappelte wie
-rasend, bis es ihm gelang, an die Oberfläche emporzukommen. Doch das
-Wasserschlucken, der Schrecken und die Überanstrengung hatten seine
-Kräfte so erschöpft, daß er sich zu elend fühlte, um noch weiter zu
-kommen. Er glaubte sich verloren, und einer Ohnmacht nahe, stammelte er
-als letzten Stoßseufzer:
-
-»O du meine liebe Mutter!«
-
-Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Max streckte seine Arme aus, faßte
-etwas und klammerte sich so fest daran, wie es nur ein Ertrinkender
-fertigbringt. Von oben aber rief's:
-
-»Oho, wer zieht an meinem Bein?«
-
-Der arme Schiffbrüchige nahm seine letzten, sinkenden Kräfte und seinen
-ganzen Mut zusammen, denn er sagte sich:
-
-»Habe ich ein Bein erwischt, so gehört es wohl einer Person, die auf
-dem Wasser spazieren kann. Eine solche kann ich aber gerade brauchen,
-also Mut!«
-
-Er kletterte an dem langen, schwarzen Bein hoch, und mit dem Erfolg
-wuchsen Kraft und Mut. Wie durch ein Wunder gelangte er über Wasser
-und schwang sich gewandt auf den Rücken des fremden Beinbesitzers, der
-abwehrend ausrief:
-
-»Wer steigt mir auf den Rücken?!«
-
-»Ich bin es«, sagte Max, indem er sich rittlings zurechtsetzte.
-
-»Eine Ameise bin ich, mit zwei vorzüglich scharfen Zangen bewaffnet,
-kraft deren ich dich höflichst ersuche, mich schleunigst ans Ufer zu
-befördern.«
-
-Der Ton, in dem Max sprach, ließ seinen Träger vermuten, daß die
-Ameise zu allem eher als zum Ertrinken entschlossen war und keinen
-Widerspruch duldete. Deshalb nahm das merkwürdige Geschöpf den Weg auf
-dem Wasser gutwillig wieder unter seine Beine. Inzwischen betrachtete
-Max sein Wasserpferd genauer. Es war ein dunkles Insekt mit langem,
-dünnem Körper und einem Kopf, der allein ein Drittel seiner Gesamtlänge
-ausmachte und der mit außerordentlich langen Fühlern versehen war.
-Sechs gleichlange Beine standen weit vom Körper ab und waren ebenfalls
-ungewöhnlich lang.
-
-»Gesegnet seien deine Beine!« sagte Max bedeutend freundlicher als
-vorhin, »sei du nur froh, daß du nicht auch auf ein Unterseeboot zur
-Überfahrt angewiesen bist. Doch bitte, wer bist du?«
-
-»Ich bin ein Wasserläufer«, erwiderte das Insekt mit Freimut. »Wir
-Wasserläufer haben zwar Flügel, doch macht es uns keinen Spaß, sie
-oft zu benützen. Höchstens, wenn wir einmal über Land zu einem andern
-Gewässer wollen.«
-
-So sprechend, öffnete das Tierchen zierlich die hornigen schwarzen
-Flügeldecken, die auf seinem Rücken lagen. Unter ihnen kamen zwei ganz
-dünne, dunkle Hautflügel zum Vorschein, denen Max mit einem gewandten
-Ruck auswich.
-
-»Ich will nicht prahlen«, fuhr der Wassertreter fort, »aber in meiner
-Familie gibt es Leute, die noch tüchtiger sind als ich. Diese können
-gegen die Strömung reißender Flüsse laufen, andere spielen auf den
-gefährlichen Wassern tropischer Meere.«
-
-Max merkte längst, daß er es mit einem fein gebildeten Herrn zu tun
-hatte, und er fühlte die Verpflichtung, sich wegen der unverfroren
-kecken Art zu entschuldigen, mit der er einen Freiplatz auf seinem
-Rücken beansprucht hatte. So entspann sich zwischen Roß und Reiter
-eine artige Unterhaltung. Max erzählte haarklein sein Abenteuer auf
-dem verzauberten Schiff, das ihn mit sich in die Tiefe gerissen hatte.
-Der Wasserläufer nickte verständig mit seinen Fühlern und sagte
-nachdenklich: »Das wird jedenfalls der Rückenschwimmer gewesen sein,
-die ~Notonecta glauca~.«
-
-»Was, so heißt das Schiff?«
-
-»Nein, nein, so heißt das Insekt. Es gehört zu meiner Ordnung und
-lebt wie ich im stehenden Wasser. Aber während ich nur auf der
-Wasserfläche schreite, taucht dieses auch in die Tiefe, um drunten auf
-dem Schlammgrunde kleine Wassertiere zu fischen, die es mit seinem
-giftigen Schnabel tötet. Kommt es an die Oberfläche, so bleibt es mit
-dem Unterleib nach oben liegen. Dann sieht man seine gelbe Brust,
-seinen behaarten Bauch und seine sechs ausgestreckten Beine, von denen
-das hinterste, längste Paar zum Rudern dient. Es kommt eigentlich nur
-herauf, um Luft zu schnappen, denn die vermeintlichen Sprachrohre, die
-Haarröhrchen, dienen ihm, um Luft damit zu sammeln.«
-
-»Was sagst du mir da!« entsetzte sich Max, der seinen ungeheuerlichen
-Irrtum mit Beschämung einsah.
-
-»Es ist so, wie ich sage, und du wirst dich noch mehr wundern. Der
-Rückenschwimmer hat auch Flügel, stärkere als ich, und er versteht
-vortrefflich zu fliegen.«
-
-»Ei, ei, welch bevorzugtes Geschöpf, mit vielseitiger Begabung! Es
-fährt als Unterseeboot und ist zugleich Wasserflugzeug. Diese Erfindung
-haben die Menschen im großen Kriege noch nicht gemacht!«
-
-So plauderten sie höchst unterhaltend, bis der Wasserläufer mit seinem
-Reiter am Ufer anlangte. Voll freudigen Dankes sprang Max von seinem
-Wasserpferd ans Land und rief:
-
-»Teurer Wasserläufer, in tausend Jahren könnte ich dir deinen
-liebenswürdigen Dienst nicht vergessen. Nenne mir doch die Ordnung, der
-du zugehörst.«
-
-»Ich gehöre zur vornehmen Ordnung der Schnabelkerfe und Halbdecker. Wir
-Wasserläufer bilden eine eigene Familie, wie auch die Rückenschwimmer.«
-
-»Wohlan, gesegnet seien alle Wasserläufer. Begegnest du aber dem
-Rückenschwimmer, so sage ihm, daß es eine Ungezogenheit ist, wie er
-ahnungslose Reisende, die sich ihm anvertrauen, behandelt!«
-
-Der Wasserläufer lächelte still vor sich hin, drehte sich elegant
-um und entfernte sich in langen, raschen Schritten vom Ufer. Max
-folgte mit feuchten Blicken dem schattenhaften Wesen, dessen dünne
-Beine lautlos über die Fläche glitten. Als längst nichts mehr von
-ihm zu sehen war, blickte Max einsam um sich und rief in großer
-Niedergeschlagenheit aus:
-
-»Was nun!«
-
-
-
-
-27. Bei den Hummeln.
-
-
-Was sollte nun der arme Verbannte beginnen so ganz allein, bei dunkler
-Nacht, verlassen auf unbekannter Erde? Er kannte die Richtung seines
-Weges nicht, er wußte nicht einmal, ob er nach seiner Seefahrt auch
-tatsächlich an jener Küste gelandet war, die er erreichen wollte, oder
-ob er gar wieder dahin zurückgekommen war, von wo er sich eingeschifft
-hatte.
-
-»Könnte ich wenigstens einen Unterschlupf zum Übernachten finden«,
-seufzte Max.
-
-Lange suchte er die Umgebung ab. Endlich fand er auf einem Hügelchen
-ein Loch und schlüpfte ganz leise hinein. Dabei tastete er sich
-vorsichtig mit den Fühlern voran und hielt für alle Fälle seine Zangen
-bereit.
-
-Es war ein vielfach gewundener, breiter und tiefer Schacht. Als Max bei
-einer bestimmten Wendung dieses unterirdischen Ganges angelangt war,
-hörte er einen langgezogenen, tiefen Ton, der in ihm alte Erinnerungen
-weckte und seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
-
-»Es ist kein Zweifel«, sprach er zu sich selbst, »da herinnen wohnt
-ganz gewiß ein Musiker, der ein wahrer Künstler ist auf seiner
-Baßgeige.«
-
-Neben dem ersten Spieler ließ sich bald ein zweiter, ein dritter, dann
-ein vierter und fünfter vernehmen, und durch die geräumigen Gewölbe der
-finstern Höhle klang eine feierliche Harmonie von Tönen im tiefsten
-Baß, so daß Max meinte:
-
-»Das ist mehr als ein Künstler! Das ist offenbar die hohe Schule für
-Baßmusik.«
-
-Max war entzückt über die schönen Töne und rief gleich nach der ersten
-Pause:
-
-»Bravo! Bravo! ~Da capo!~«
-
-Nach diesem Beifall trat eine große Stille ein.
-
-Dann aber gaben sich die trefflichen Musiker gegenseitig einige Töne
-an, als ob sie ihre Instrumente stimmen wollten, und endlich spielten
-sie mit stets wachsender Stärke die Melodie zu dem Liedchen:
-
- »Rumpidibum, Rumpidibum,
- Wer geht um, wer geht um?
- Ist's ein Feind, so bleib' er fern,
- Doch den Freund empfang' ich gern!
- Wer steht vorm Tor,
- Rumpidibum,
- Der tret' hervor!«
-
-Max, der das Lied vorzüglich verstand, näherte sich und sagte mit
-einschmeichelnder Stimme:
-
-»Ich bin ein armes, kleines Insektlein, welches bei den Herrschaften
-für diese Nacht um Aufnahme bittet.«
-
-[Illustration]
-
-Da wiederholte ein einzelner Geiger den letzten Satz:
-
- »Brüderlein fein, tritt herein! Rumpidibum!«
-
-Unser Verbannter trat mit ausgestreckten Fühlern ein. Die Bewohner
-kamen ihm in derselben Haltung entgegen. Sie betrachteten ihn genau mit
-ihren Fühlern, um ihn kennenzulernen, und offenbar fanden sie an dem
-Fremdling nichts auszusetzen, denn dieselbe Stimme, die ihn eingeladen
-hatte einzutreten, redete ihn an:
-
-»Ruhe bei uns aus, wie es dir gefällt, und fürchte nichts. Das
-gastliche Haus der Hummeln birgt keinen Verrat!«
-
-Max dankte tief bewegt. Er kroch in ein Winkelchen und streckte mit
-Wonne die armen, müden Glieder aus, die so viel geleistet hatten.
-
-Während der Nacht konnte unser Held verschiedene Konzerte von Baßgeigen
-hören. Er bemerkte auch, daß die Bewohner der Höhle stets mit schweren
-Schritten hin und her gingen und dabei unablässig brummten.
-
-Stellt euch vor, mit welcher Neugier er den Morgen erwartete, um diese
-merkwürdigen Musikanten bei Licht zu besehen. Da erblickte er denn
-eine Anzahl wohlbeleibter, kugelrunder Tiere vor sich. Sie waren dicht
-behaart vom Kopfe bis zum Abschluß des Hinterleibes. Die Behaarung
-glänzte tiefschwarz und wurde nur unterbrochen von einer gelben
-Halskrause, einer gleichfarbigen Schärpe über den Rücken und ging am
-abgerundeten Ende des Körpers über in ein zartes Weiß. Am Bruststück
-trugen die Tiere zwei Paar Flügel, ähnlich denen der Wespen.
-
-»Was für reizende kleine Bären!« lobte Max.
-
-Sie hatten ja wirklich etwas Bärenartiges an sich, und doch waren es
-Insekten von milden, höflichen Sitten, voll Eifer für ihre Kinder, voll
-Zuneigung für ihre Familie, unermüdliche Arbeiter, die vom Morgen bis
-Abend beschäftigt waren, aus Blumen den Honigsaft für ihre junge Brut
-heimzuholen.
-
-Baukünstler sind die Hummeln nicht, das sah Max sofort. Ein verlassenes
-Mausloch, einen von Ameisen noch nicht in Anspruch genommenen
-Maulwurfshaufen, einen schlangenförmigen Gang desselben Tieres oder
-sonstige Hohlräume im Erdboden und Steingeröll wählen die in der Erde
-nistenden Arten. Andere bauen ihr Nest zwischen Moos und Gras. Aber
-wenn auch am Hummelneste die Kunst fehlt, so herrscht drinnen dafür
-eine friedliche Eintracht. Im Hummelstaate arbeiten alle. Männer und
-Frauen führen das gleiche einfache, ehrliche Leben.
-
-Die guten Hummeln! Immer leben sie zusammen in Frieden, immer brummen
-sie, und immer sind sie gegen alle Gutgesinnten lieb und artig, obschon
-sie ein so bärenhaftes Äußeres haben. Ein jeder mag daraus ersehen,
-daß man die Leute nicht nach dem Äußern abschätzen und beurteilen
-darf. Auch bei den Menschen birgt sich recht oft unter rauher und
-unansehnlicher Hülle ein edles, vornehmes Gemüt, wie auch im Gegensatz
-die Schönheit oft durch ihren inneren Unwert schwer enttäuscht.
-
-Max, der rasch Freundschaft mit seinen Wirten geschlossen, fand bald
-Gelegenheit, alle ihre guten Eigenschaften kennenzulernen, von denen
-die Mildtätigkeit gegen Arme nicht die letzte ist.
-
-Gerade als er seine Dankbarkeit für die gewährte Aufnahme äußern
-wollte, erschien am Eingang der Wohnung ein haariges, schwarzes,
-geflügeltes Insekt, welches einer Hummel glich, aber dessen Sprache
-doch die Zugehörigkeit zu einer andern Sippe verriet. Es bettelte
-bescheiden:
-
-»Gebt doch einer armen, erwerbslosen Maurerbiene eine kleine
-Unterstützung!«
-
-Dann erzählte das Tierchen seine Jammergeschichte.
-
-»Ich bin eine Mörtel- oder Maurerbiene. Seit zwei Tagen arbeite ich
-an meinem Nest, das ich an der äußeren Wand einer Menschenwohnung
-anlegte. Da kam eine Schwesterbiene von jener berüchtigten Art, die man
-ja leider kennt, und reizte mich durch ihre unverschämten Ansprüche
-an meinen mühsam erworbenen Besitz. In einem wilden Kampf um meine
-Rechte zog ich den kürzern, und die Freche bemächtigte sich meines fast
-fertigen Nestes. Übel zugerichtet, mußte ich fliehen und finde jetzt
-nicht einmal mehr die Kraft, ein wenig Honig zu sammeln; darum wende
-ich mich an euch, ihr guten Hummeln, daß ihr mir ein wenig zu essen
-gebt.«
-
-Von ihrer Darstellung ergriffen, bereiteten ihr die braven Leute sofort
-ein ausgiebiges Frühstück, an dem auch Max sehr gern teilnahm, denn
-sein Magen brummte bereits, als ob er selber eine Hummelgeige geworden
-wäre. Nach dem Essen flogen die Hummeln alle weg, um draußen Honig zu
-sammeln. Die Maurerbiene hatte sich herzlich bedankt und wollte auch
-fortgehen. Da trat Max, auf den ihre Geschichte tiefen Eindruck gemacht
-hatte, zu ihr hin und sprach:
-
-»Höre, dir ist ein Unrecht geschehen, das ich wieder gutmachen möchte.«
-
-Max hatte von seiner Mutter oft gehört, daß es Pflicht eines jeden
-Ehrenmannes sei, sich für den Schwachen zu verwenden, wenn er der rohen
-Gewalt ausgesetzt ist, und daß es sich gehört, das gute Recht gegen
-jeden Unterdrücker zu verteidigen.
-
-»Wo ist dein geraubtes Nest?« fragte Max.
-
-Die Biene schüttelte traurig den Kopf und sprach:
-
-»Wenn ich selbst es nicht verteidigen konnte mit meinem spitzen
-Stachel, so bleibt wenig Hoffnung, liebe Ameise, daß du mir helfen
-könntest, es zurückzuerobern. Doch will ich es dir für alle Fälle
-weisen. Mein Nest ist an der Vorderseite eines Hauses, das in gerader
-Richtung vor uns liegt. Es ist ziemlich weit von hier; man erkennt
-es an einer großen Rebe, die sich an seinen Mauern bis unters Dach
-emporrankt.«
-
-Damit flog die Maurerbiene mit einem Seufzer fort und hörte nicht mehr
-auf Max, der vor Aufregung kaum fragen konnte:
-
-»Ist es eine Muskatellerrebe?«
-
-
-
-
-28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder.
-
-
-Es mußte sicher die Muskatellerrebe sein. Das Haus, an dem die Biene
-ihr Nest gemauert hatte, mußte seine Heimat sein.
-
-Weshalb denn? Nun deshalb, weil Max sich nach dem Nest der Maurerbiene
-erkundigt hatte, um ein gutes Werk zu tun. Gute Taten aber lohnen
-sich immer. Und noch ein anderer Grund: Max hatte an seine Mutter
-gedacht, sich ihrer Mahnungen erinnert und war jetzt voll Eifer, sie zu
-befolgen. Wenn ein Kind sich so gut benimmt, kommt immer etwas Rechtes
-dabei heraus.
-
-»Ich scheide nun«, sagte Max zu den Hummeln, »mit einem Herzen voll
-Dankbarkeit gegen euch. Ihr seid liebe Geschöpfe, und eure Güte ist so
-groß, daß ihr selbst nicht wißt, wie vielen Unglücklichen ihr mit euren
-Wohltaten Trost spendet. Denn seht, die Barmherzigkeit, die ihr an der
-armen Maurerbiene übtet, bringt mir das unnennbare Glück, meine Heimat
-wiederzufinden. Darum muß ich euch doppelt dankbar sein!«
-
-Max hatte recht. Das ist die wunderbare Kraft der Nächstenliebe, daß
-ihre Wirkungen weiter gehen, als jene ahnen, die Gutes tun. Darum
-erntet auch ein Mensch, der seine Mitmenschen wirklich liebt und dem
-Bedürftigen Wohltaten spendet, so vielen Dank, und der Segen der Armen
-und Notleidenden strömt ihm zu und beglückt ihn wie den Wanderer der
-Duft der Blüten, ohne daß er selbst wüßte, wie er so viel innere Freude
-verdient hätte. Voll Mut und Vertrauen folgte also Max dem Weg, den ihm
-die Biene angewiesen hatte. Er ging, ohne sich zu verweilen, rüstig
-vorwärts. Die Straße war gut, und kein Hindernis stellte sich ihm
-diesmal in den Weg. Als er fast den ganzen Tag marschiert war, befand
-er sich endlich vor seinem Hause.
-
-Es war wirklich sein Haus. Wer könnte beschreiben, liebe Kinder, mit
-welchen Gefühlen Max die zwei Stufen emporkletterte, die er an jenem
-denkwürdigen Julimittag, mit der lateinischen Grammatik in der Hand, in
-Gesellschaft der Geschwister herabgestiegen war!
-
-»Was ist aus Moritz und Therese geworden?«
-
-Das war eine brennende Frage, auf die er keine Antwort wußte.
-
-Erfährt er etwas darüber, wenn er ins Haus eintritt? Aber so groß auch
-sein Verlangen war, erst wollte er der Biene, die ihm unverhofft so
-unendlich nützlich gewesen war, sein Versprechen einlösen.
-
-Es war ihm wie ein Gelübde, das er zu erfüllen hatte. Er krabbelte
-an der geschlossenen Haustüre hinauf, lief kreuz und quer an
-der Vorderwand des Hauses herum, um das Nest zu finden, das er
-wiedererobern wollte. Ganz oben, unter dem Dache, sah er ein solches,
-das sicher von einer geschickten und starken Maurerbiene gebaut worden
-war. Es bestand aus Tonerde und sah sich von außen an wie ein schwach
-gebogenes Rohr, das aus der Mauer herauswächst. Eben schlüpfte eilig
-ein geflügeltes Insekt hinein, das eine arme Raupe mit den Vorderbeinen
-an seine Räuberbrust drückte und mithineinschleppte. So rasch er
-konnte, rannte Max zum Eingang der Röhre und rief hinein:
-
-»Ist jemand zu Hause?«
-
-Sofort ließ sich im Innern ein zorniges Kreischen und Schelten hören.
-Gleich darauf erschien die rechtmäßige Besitzerin an der Schwelle des
-wohlgebauten Häuschens.
-
-Wäre unser Held nicht rasch beiseitegetreten, das Insekt, blind vor
-Zorn, hätte ihn über den Haufen gerannt. Das Nest, an das Max geraten
-war, gehörte einer Mauer-Lehmwespe. Diese ist ein kräftiges Insekt,
-dabei aber mißtrauisch und zornwütig im höchsten Grade. Nur wenig
-entfernt von dieser Stelle erblickte Max ein anderes Gebäude, das von
-außen genau aussah wie eine Handvoll Schlamm, der an die Mauer gepappt
-war. Als er es aber näher betrachtete und sich dabei der Beschreibung
-erinnerte, die die Biene ihm von ihrem Haus gemacht hatte, erkannte er,
-daß er jetzt gefunden hatte, was er suchte. Er entdeckte den Eingang,
-näherte sich ihm und hörte jemand drinnen summen. Mit Geduld bewaffnet
-und seine scharfen Zangen in Bereitschaft, stellte er sich hier auf und
-wartete. Die Sonne war schon untergegangen, und Max stand seinem Worte
-getreu noch da, um den Dieb, sobald er herauskäme, zu fassen. Endlich
-kam das Gesumme näher, die Biene zeigte sich an der Türe des geraubten
-Hauses. Mit sicherem Sprung saß er ihr auch schon auf dem Rücken,
-ergriff sie mit den Kieferzangen beim Kopf, umschlang mit vier Beinen
-ihre Flügel und den Leib, und wie er sie so kräftig unter sich gebracht
-hatte, daß sie sich nicht mehr rühren konnte, sagte er spöttisch:
-
-»Sie entschuldigen wohl gütigst, ich komme nur, um den Mietzins für das
-Haus einzutreiben.«
-
-Die Biene drohte mit ihrem Stachel. Aber Max biß ihn schnell mit seinen
-Zangen ab und rief dazu:
-
-»Tut mir leid, aber es muß sein. Sie haben keine Erlaubnis, Waffen zu
-tragen!«
-
-Auf diese Weise hatte er sie unschädlich gemacht; jetzt ließ er sie los
-und sagte ihr verächtlich:
-
-»Mach', daß du schleunigst fortkommst, und lasse dich hier nicht mehr
-sehen. Sei froh, daß ich dir nur den Stachel nehme. Ohne ihn wirst du
-deine frechen Räubereien in Zukunft wohl unterlassen.«
-
-Die freche Landstreicherin verlangte nichts mehr und flog davon. Max
-aber vernahm eine Stimme:
-
-»Du liebe Ameise, laß dich umarmen!« Sie kam von der rechtmäßigen
-Nestbesitzerin. Diese war von den Hummeln weggeflogen und hatte schon
-wieder angefangen, sich in der Nähe ein neues Nest zu bauen. Aufmerksam
-geworden durch die laute Zänkerei, war sie zufällig Zeugin des ganzen
-Vorfalls zwischen Max und der bösen Biene gewesen.
-
-»Siehst du, daß ich fähig war, mein Versprechen zu halten?« sagte Max.
-»Jetzt kannst du wieder dein Haus beziehen ohne Furcht und Bangen, und
-deine Feindin wird dir die Arbeit nie mehr vereiteln.«
-
-Hierauf krabbelte unsere brave Ameise die Mauer hinab und ging der
-Haustüre zu. --
-
-»Und die Muskatellertrauben?« so werden die Leser mit wässerigem Mund
-fragen.
-
-Nun, die bleiben, wo sie waren.
-
-Maxens Sinnen und Trachten war ganz darin aufgegangen, der armen
-Maurerbiene zu ihrem Rechte zu verhelfen. Als er das getan hatte,
-fühlte er nur den einen Drang, in sein Haus hineinzukommen. Darum fiel
-es ihm heute auch gar nicht ein, die Muskatellertrauben zu versuchen,
-an denen er früher als Kind tagtäglich genascht hatte.
-
-
-
-
-29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, wenn man keinen
-Hausschlüssel hat.
-
-
-»Endlich!« stöhnte der entthronte Kaiser Butziwackel I. bewegt,
-»endlich kann ich sagen: Zu Hause!«
-
-Aber wie ihr wohl schon längst bemerkt habt, hatte unser Freund den
-Fehler, die Dinge immer zu leicht zu nehmen. Auch diesmal mußte er
-leider bald erfahren, daß es nicht so einfach ist, in ein geschlossenes
-Haus einzudringen, auch wenn man ein winzig kleines Tierchen geworden
-ist.
-
-Es sei zunächst gesagt, daß der Schreiner die Haustüre so genau
-eingepaßt hatte, daß weder an den Pfosten noch auf der Schwelle ein
-Spältlein zu finden war. Und Max suchte doch mit unendlichem Fleiß.
-
-Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu kommen, aber auch hier ging es
-nicht, denn innen am Schlüsselloch war ein Messingschildchen, und er
-mußte wohl oder übel wieder umkehren, nachdem er vergebens im Schloß
-herumgekrabbelt war.
-
-Da kam ihm der Gedanke, wieder an den Mauern hinaufzuklettern, um zu
-sehen, ob er vielleicht durch ein Fenster hineinkäme; doch gab er den
-Plan gleich wieder auf.
-
-»Auch die Fenster werden fest verschlossen sein«, dachte er, »denn in
-dieser Stunde schläft alles in meinem Hause.«
-
-Ganz trostlos lief unser Butziwackel vor der Türe hin und her. Er, der
-einst so viel von künftiger Größe geträumt hatte, wünschte jetzt zum
-ersten Male, noch viel kleiner zu sein, als er schon war. Da gewahrte
-er beim Mondlicht ein ganz kleines Löchlein in der Haustüre, wie es ein
-Holzwurm ins Holz zu bohren pflegt.
-
-»Ha, am Ende kann ich auf diesem Wege in mein Haus gelangen«, sagte er
-für sich und machte gleich den Versuch.
-
-Weil das Löchlein schrecklich eng war, nagte er am Rande mit seinen
-Kieferzangen so lange, bis er durchschlüpfen konnte. Je weiter er
-vorwärts kam, desto breiter und bequemer wurde der Weg. Es war ein
-vielgewundener, dunkler Gang, der manchmal anstieg, manchmal abfiel und
-voll Sägemehl lag, das jedenfalls von dem unbekannten Bewohner dieses
-Ortes hier angehäuft worden war.
-
-»Wer weiß«, dachte Max, »was für ein Kauz das sein mag, der sich damit
-vergnügt, meine Haustüre durchzunagen!«
-
-So schritt er, immer vorsichtig mit den Fühlern tastend, voran, um
-allenfalsigen Überraschungen zuvorzukommen. Nach einem guten Stück
-Weges hielt er an. Vor ihm lag etwas Weiches, Zartes, das die Straße
-versperrte.
-
-Zugleich ließ sich im Finstern eine Stimme hören, die sprach:
-
-»Oho! Wer kratzt mich denn dahinten?«
-
-So unglaublich das bei Maxens Veranlagung erscheint, diesmal machte er
-zunächst eine weise Überlegung.
-
-»Dieser Herr«, so sagte er sich, »ist also hinten sehr zart; aber sein
-Kopf muß erschrecklich hart sein, sonst könnte er nicht Haustüren
-durchnagen. Darum wird es sich empfehlen, mit ihm zu verhandeln, ehe er
-sich gegen mich umdrehen kann.«
-
-Er faßte mit den vier Beinen, die er noch hatte, den weichen, zarten
-Körper, zwickte ihn ein ganz klein wenig mit seinen Zangen und sagte
-listig:
-
-»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe.«
-
-»Au, au, du bringst mich ja um!«
-
-»Das könnte schon geschehen; aber glaube mir nur, gerne täte ich es
-nicht.«
-
-»Gestatte doch wenigstens, daß ich mich umdrehe!«
-
-»Das ist gar nicht nötig, wir können auch so ein paar Worte zusammen
-plaudern.«
-
-»Aber wer bist du denn, was willst du?«
-
-»Sehen Sie, verehrter Herr, ich bin eine bescheidene, kleine Ameise,
-aber wie Sie bemerkt haben, bin ich wohl imstande, Sie mit einem
-einzigen Biß in zwei gleiche Teile zu zerlegen.«
-
-[Illustration]
-
-»Um Gottes willen.«
-
-»Nur nicht erschrecken! Was ich von Ihnen wissen will, ist fürs erste
-dies: Wenn ich Ihnen nichts zuleide tue, darf ich dann hoffen, daß auch
-Sie Ihre Waffen nicht gegen mich gebrauchen? Nebenbei gesagt, ich habe
-hohe Achtung vor Ihrem Handwerkszeug und beglückwünsche Sie.«
-
-»Ich verspreche, daß ich dir nichts Böses tue.«
-
-»Auf Insektenehrenwort?«
-
-»Ich beschwöre es dir bei der Ordnung der Hautflügler, zu denen ich
-mich rechne.«
-
-»Ah, da schau!« rief Max überrascht aus, »dann können wir im vollsten
-Vertrauen miteinander reden, denn ich gehöre auch zu deiner Familie.«
-
-Sowie sich der Unbekannte frei fühlte, wendete er sich um, und Max
-fühlte statt des weichen Körpers einen Kopf vor sich, der in eine
-hornharte Spitze ausging.
-
-»Jetzt könnte ich dich zu Mehl zerreiben«, sagte der Besitzer dieses
-Kopfes, »aber ich gab mein Ehrenwort. Auch stehe ich gerade vor einem
-neuen, bedeutsamen Abschnitt meines Lebens und will das gegebene Wort
-nicht brechen.«
-
-»Das ist ein sehr guter Entschluß.«
-
-»Aber erkläre mir, wie bist du in meine Wohnung eingedrungen?«
-
-»Ich bin in dein Haus eingedrungen, um in das meine zu gelangen. Mit
-einem Wort, ich muß durch diese Türe hindurchkommen.«
-
-»Für jetzt ist das unmöglich. Der Gang ist hier zu Ende.«
-
-»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du bist doch so
-geschickt!«
-
-»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer näher rückt die
-feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles gut geht!«
-
-Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch finsterem Ort
-erweckten in Max eine Riesenneugierde; er konnte nicht länger schweigen
-und fragte:
-
-»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu tun habe, und
-erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend aufgibst, seit ich mit dir
-rede.«
-
-Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann er feierlich:
-
-»Ich bin der ~Sirex juvencus~, die Kiefernholzwespe. Durch den
-Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich, daß die Stunde
-meiner Verwandlung gekommen ist. Ich weiß, daß ich in kurzer Zeit ein
-großes, schönes Insekt sein werde, das in der Luft fliegen kann. Seit
-mehr als einem Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei in
-dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem Ei entschlüpft,
-bohren und graben müssen, bohren und bohren immerzu. Je größer ich
-wuchs, desto breiter mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit
-bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu genießen. In
-kurzem werde ich einschlafen, werde mich in eine Puppe verwandeln,
-um aus ihr als vollkommenes Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie
-zu kommen, muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht
-zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als ich noch kleiner
-war, ist jetzt, da ich groß geworden bin, viel zu eng für mich. Du
-siehst, wie richtig ich sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick
-meines Lebens stehe.«
-
-Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer nicht
-verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen eines weitgereisten Insektes
-geben, deshalb sagte er:
-
-»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch stärkeren Nagern
-begegnet bin als dir. Ich habe sogar eine Freundin, die Gallwespe, die
-versteht es, Kugeln auf Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind
-als ein Zwetschgenkern.«
-
-Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann von neuem
-zu nagen. Das von dem starken Werkzeug des Insektes erfaßte Holz
-stäubte wie ein Sägemehlregen umher, während sich der Gang rasch
-verbreiterte und verlängerte.
-
-Auf einmal unterbrach die Larve ihre Arbeit, und es war Max, als ob sie
-murmelte: »Nein, das wäre doch niederträchtig!«
-
-Dann bohrte sie wieder wütend weiter, aber plötzlich rief sie:
-
-»O ich Unglückselige!«
-
-Max drängte sich zu ihr.
-
-Die arme Larve war an der Grenze der Holzschicht angekommen und
-murmelte unverständliche Worte.
-
-»Was ist geschehen?« fragte Max besorgt.
-
-Die andere ließ den Kopf sinken und sprach mit schwacher Stimme:
-
-»Das ist kein Holz, was mir den Ausgang verschließt.«
-
-Max untersuchte die Wand. Das Ergebnis brachte ihn zur Verzweiflung.
-
-Er stand mit seinem Holzbohrer vor dem inneren Eisenbeschlag der Türe.
-
-
-
-
-30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt.
-
-
-Das war eine traurige Lage.
-
-Diese arme Larve hatte mehr als ein Jahr gearbeitet, um sich für die
-Stunde ihrer Verwandlung einen Ausweg zu verschaffen; und jetzt, wo es
-gerade am schönsten geworden wäre, war sie vor eine Metallwand geraten.
-
-»Was tun?« fragte der ängstlich zuschauende Max mit Herzklopfen. Die
-Wespenlarve aber schüttelte mit aller Seelenkraft ihren Ärger ab, nahm
-sich fest zusammen und rief sich selber Mut zu:
-
-»Nur nicht nachlassen, nicht verzagen! Ich muß durchkommen, ich fühle,
-daß ich keine Zeit zu verlieren habe.«
-
-»Wirst du umkehren? Einen neuen Weg suchen?«
-
-»Umkehren? Was fällt dir ein! Ich nage das Metall durch«, so sprach sie
-in stolzem Trotz.
-
-Max schaute recht verblüfft darein. Sein Staunen wurde immer größer,
-als er auch schon ein Geräusch hörte, wie wenn eine Feile rasch
-und gleichmäßig über Metall raspelte. Wahrhaftiger Gott, die Larve
-durchbohrte das Eisen! Wenn unser Freund gewußt hätte, daß berühmte
-Naturforscher beobachteten, wie diese Insekten drei Zentimeter dicke
-Bleiwände durchlöcherten, hätte er sich nicht so maßlos gewundert.
-
-»Diese Holzwespe kann noch mehr wie meine Freundin, die Gallwespe«,
-rief Max, »dieser Leistung gegenüber bedeuten die Holzkugeln nicht
-viel. Lieber Freund«, scherzte er, »du könntest wirklich mit dem Kopf
-die dicksten Mauern einrennen, ohne dir den Schädel zu zertrümmern.«
-
-»Spaß beiseite«, erwiderte fast außer Atem die abgearbeitete Larve,
-»für mich handelt es sich jetzt um Leben oder Tod. Hier sterben, im
-Dunkeln, in dem Augenblick, der mich frei in den Lüften finden sollte,
-das will mir nicht in den Sinn!«
-
-»Willst du deine Verwandlung hier abwarten?«
-
-»Ja, ich habe dazu Ruhe nötig; denn in kurzer Zeit bin ich Puppe, um
-aus ihr schön und vollkommen zu erstehen. Aber der Durchgang ist offen,
-willst du nicht ins Haus eintreten?« Sie wies mit artiger Bewegung an
-das Löchlein, das ihr das Tor zum Leben bedeutete.
-
-Max dankte mit innigen Worten:
-
-»Wenn ich dir irgendwie einmal nützlich sein kann«, sagte er, »so soll
-mir das eine Freude sein!«
-
-»Danke, gönne mir jetzt Ruhe!«
-
-Max kroch durch die Öffnung im Beschlag und lief an der inneren
-Türseite hinab, bis er sich auf der Diele des Hauses befand. Sobald er
-den Fußboden erreicht hatte, fing er vor Befriedigung zu tanzen an und
-sang dazu:
-
-»Ich bin daheim, ganz nahe bei lieb Mütterlein!«
-
-Wie trieb ihn die Sehnsucht, sie wiederzusehen! Er rannte in der
-Finsternis nach allen Enden herum, um die Türe zum Zimmer zu suchen.
-Ein Hindernis im Wege hemmte seinen Lauf. Es lag da ein Apfelbutzen,
-der durch irgendeine Unachtsamkeit am Boden liegengeblieben war. Mit
-seinen Beinen hätte Max leicht darüber wegkommen können, aber wer
-mit dem Vorbeilaufen nicht einverstanden war, das war der Magen. Der
-brummte so heftig, als wollte er das Baßgeigenkonzert wiederholen,
-das seit dem schönen Frühstück bei den guten Hummeln verstummt war.
-So machte sich denn das hungrige Ameislein ohne viel Federlesens
-ans Essen, wobei alte, schöne Erinnerungen erwachten. Mit innigem
-Wohlbehagen sprach er kauend vor sich hin:
-
-»Äpfel waren immer meine Leibspeise, aber erst jetzt weiß ich, daß
-sogar der Butzen noch ganz vorzüglich schmeckt.«
-
-Geraume Weile speiste er und ließ sich's wohl sein; hatte er doch seit
-frühem Morgen nichts mehr gegessen, und nachdem er den Versuchungen
-der Muskatellertraube so männlich widerstanden hatte, war ihm der
-Genuß, besonders nach den Gemütsaufregungen im finstern Wespengang,
-schon recht zu gönnen. Zu all dem brauchte er jetzt keine Angst mehr
-auszustehen, die Richtung zu verlieren, deshalb entschloß er sich, sich
-mit Seelenruhe die ganze Nacht dem süßen Apfelbutzen zu widmen. Bei
-Tage wollte er dann die Zimmer besuchen.
-
-Endlich brach ein schwacher Lichtschein durch den herzförmigen
-Ausschnitt des geschlossenen Fensterladens, und beim Klappern eines
-nahenden Trittes ließ Max geschwind die Reste seiner Mahlzeit im
-Stiche. Franziska, das Zimmermädchen, kam, um wie an jedem Morgen die
-Fenster zu öffnen. Da hörte Max ein eigenartiges Geräusch und gleich
-dazu einen Schreckensschrei. Was war denn geschehen? Das konnte keiner
-erraten. Durch ein Löchlein im Türbeschlag war ein großes Insekt
-herausgeflogen. Sein Körper glänzte wie aus blauem Stahl, es hatte
-rötliche Schenkel, gelbe Flügel und ungebrochene Fühler, die nach vorne
-gerichtet waren und sich mit der Spitze ein wenig in die Höhe bogen.
-
-Franziska hatte bei dieser überraschenden Erscheinung einen Schrei
-ausgestoßen. Jetzt ergriff sie den Wischlappen, den sie an die Schürze
-gesteckt hatte, und machte mit diesem eine unbarmherzige Jagd auf
-den seltenen Eindringling, der in Todesangst einen Ausweg suchte.
-Max erkannte sofort seine neu ausgeschlüpfte Holzwespe und hörte sie
-verzweifelt rufen:
-
-»O Ameise, hilf mir doch!«
-
-Sofort wußte Max, was zu tun war. Er kletterte wie der Blitz über
-Franziskas Schuh empor bis zum Strumpf, drang mit dem Kopf zwischen
-zwei Maschen hindurch und zwickte, so kräftig er nur konnte, Franziska
-gerade in dem Augenblick in die Haut, als sie mit dem Staubtuch das
-arme Insekt erschlagen wollte. Sie stieß einen lauten Schrei aus und
-ließ das Tuch fallen. Indessen flog das geängstigte Tier zum Fenster
-hinaus und rief:
-
-»Ameise, du hast mir das schöne Leben gerettet! Nie werde ich dich
-vergessen!«
-
-Max hatte sich rasch auf den Boden fallen lassen und lief eiligst
-davon. Franziska aber juckte heftig an ihrem Bein und rief:
-
-»Diese verwünschten Flöhe!«
-
-
-
-
-31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser gegangen!
-
-
-Max war recht froh, der guten Holzwespe seine Dankesschuld abgestattet
-zu haben. Er hatte dabei Geistesgegenwart gezeigt und war jetzt stolz
-und zufrieden mit sich selber. Aber Menschenfüße flößten ihm wenig
-Zutrauen ein, und da man im Hause nach und nach verschiedene Schritte
-hörte, verkroch er sich vor Angst, zertreten zu werden. Lieber
-kletterte er eine Wand hinauf, als noch länger einer solchen Gefahr
-ausgesetzt zu sein.
-
-»Nein«, dachte er, »wenn der Mensch, dieses Untier, wüßte, welche
-wunderbaren Formen und Lebenskräfte in uns kleinen Wesen verborgen
-sind, wäre er beim Gehen gewiß vorsichtiger, um uns nicht zu
-zerdrücken.«
-
-Im anstoßenden Zimmer ließen sich jetzt Stimmen vernehmen. Um besser
-sehen zu können, stieg Max an der Wand empor auf den Kleiderrechen.
-Hier nahm er auf dem Rand eines großen Filzhutes Platz und sagte leise
-und fröhlich vor sich hin:
-
-»Von hier aus beherrsche ich das ganze Zimmer. Gleich werden sie alle
-zum Frühstück erscheinen, ich werde sie sehen und hören, was meine
-Lieben sprechen!« Gleich darauf trat sein Onkel Walter ein. Wie bewegt
-betrachtete ihn Max, aber seine Bewegung kehrte sich in Schrecken, als
-er ihn sagen hörte:
-
-»Franziska, den Hut abbürsten, ich will in die Stadt gehen!«
-
-Max erschauderte. Der Hut wurde abgenommen; die Krempe erzitterte unter
-seinen Füßen. Bei jedem Bürstenstrich erwartete er, mitsamt dem Staub
-weiß Gott wohin geschleudert zu werden. Ach, vielleicht wäre es so
-besser gewesen! Glücklicherweise aber nehmen es Zimmermädchen meistens
-nicht besonders genau mit dem Ausbürsten der Kleider ihrer Herrschaft.
-Franziska fand den Hut halb gebürstet sauber genug.
-
-So war Max wieder einmal gerettet; allein er lebte jetzt von der Gnade
-eines Hutes, und dieser wieder war abhängig von Onkel Walter. Ging
-dieser spazieren, so mußte Max unbedingt mit ihm ausgehen.
-
-»Einerlei«, dachte er ohne weitere Sorge. »Zwingt er mich jetzt zum
-Spaziergang, so muß er mich auch wieder heimtragen.« Leichtfüßig und
-leichtherzig spazierte er inzwischen den Hutrand entlang.
-
-Leider aber machte Max die Rechnung ohne seinen Lateinprofessor. Dieser
-Spielverderber mußte ihm jetzt sogar noch sein Ameisenleben verpfuschen!
-
-Nicht weit entfernt vom Landhaus wurde Max durch einen Schwung vom
-Hutrand unsanft im Bogen zur Erde geschleudert. Onkel Walter hatte vor
-dem Lateinprofessor, der des Weges kam, in größter Hochachtung seinen
-Hut tief gezogen. Er konnte ja nicht ahnen, daß er dabei seinem lieben
-Neffen einen solchen Schabernack spielte.
-
-Max erholte sich leichter von seinem Fall als von dem Schrecken über
-sein Mißgeschick und rief zornbebend aus:
-
-»Dieser greuliche Professor! Wenn ich meine Holzwespe treffe, sage ich
-ihr, sie möge ihm ein Loch in seinen Kopf bohren.«
-
-Unser Held war ganz außer sich, sonst hätte er so etwas Böses
-keinesfalls gesagt. Man muß aber gerecht sein, diesmal hatte er
-wirklich großes Unglück.
-
-Nach harten Mühen, gefährlichen Abenteuern, nach so vielen
-überstandenen Gefahren war er endlich in seinem Hause angelangt. Nun
-sah er sich durch einen unglücklichen Zufall vom schwer erreichten
-Ziel weiter als je entfernt. Er lag mit den Beinen in der Luft auf dem
-Erdboden eines unbekannten Ortes; allem nach wird es ihm unmöglich
-sein, sich zurechtzufinden. Da vernahm er eine Stimme in der Nähe:
-
-»Noch nie in meinem Leben habe ich ein Insekt ohne Flügel so kühne
-Purzelbäume schlagen sehen! Wäre einer von uns aus solcher Höhe
-abgestürzt, mit den Beinen nach oben, der hätte nicht so leicht wieder
-krabbeln können!«
-
-Das waren sonderbare Geschöpfe, die mit solchen Bemerkungen das
-Unglück unseres Freundes besprachen. Max konnte ein lautes Oho! der
-Verwunderung nicht unterdrücken, als er ihrer ansichtig wurde. Es waren
-Ameisen, ganz sicher, aber so merkwürdige, wie Max sich solche nicht
-im Traume vorgestellt hätte. Ganz gelb, mit mächtigem Hinterleib und
-schauderhaft dickem Bauch.
-
-»Woher kommt ihr, dickbäuchige Schwestern?« rief Max sie an.
-
-»Weither wie du«, sagte eine lachend. »Du kommst aus schwindelnder
-Höhe, wir aus weiter Ferne.«
-
-»Ei, woher denn?«
-
-»Aus Mexiko.«
-
-Max glaubte, die Ameisen wollten ihn zum besten haben, und schon wollte
-er entsprechend erwidern, als eine sagte:
-
-»Schwestern, macht weiter, es ist Zeit zur Heimkehr, die Sonne kommt!«
-
-Die fremden Ameisen trotteten ihres Weges. Langsam schleppten sie sich
-mit ihren dicken, gelben Bäuchen vorwärts, und unser Freund folgte
-ihnen ohne Bedenken, er hätte gar nicht anders gekonnt; erstens wollte
-er zu gern Näheres über sie erfahren, und dann wußte er im Augenblick
-nichts Besseres anzufangen. Langsam erkletterte er mit den Gelben eine
-Anhöhe, auf deren Gipfel sich ein kleiner, sandiger Erdhaufen erhob,
-wahrscheinlich ihr Nest. Und richtig standen am Eingange des Sandhügels
-drei Ameisen Wache, doch waren diese schlank und ohne jenen unförmigen
-Bauch.
-
-Die Wachen begrüßten die Ankommenden mit freundlichem Zuruf:
-
-»Willkommen, Schwestern! Wie seid ihr schwerbeladen!«
-
-Sogleich bemerkten sie auch Max, der heimlich hinter ihnen herschlich,
-und riefen ihn scharf an:
-
-»Wer ist der Fremde? Woher kommt er? Ausweis zeigen!«
-
-Max trat sofort offen vor, grüßte militärisch die drei Schildwachen und
-sagte würdig:
-
-»Ich bitte euch, erkennt mich als zu euch gehörig an, ohne euch an
-meiner schwarzen Farbe zu stoßen. Gestattet meine Anwesenheit in eurem
-Hause, in Anbetracht dessen, daß ich keine feindlichen Absichten hege.«
-
-Diese feine Rede, namentlich die Wendung »in Anbetracht dessen«, machte
-großen Eindruck auf die Schildwachen, und in gemildertem Ton erwiderten
-sie:
-
-»Was hast du dann für Absichten?«
-
-»Vernehmt also«, nahm Max seine Rede sprachgewandt wieder auf, »ich bin
-so, wie ihr mich seht, eine arme Ameise, die ihres Landes verbannt ist
-infolge eines traurigen Krieges. Ich bin allein, und ihr habt nichts
-zu befürchten. Mein einziger Wunsch ist zu wissen, wer ihr seid, woher
-ihr kommt, und welche Gebräuche ihr übt, daß ich sie nach ihrem Werte
-schätzen lerne.«
-
-Diese schmeichelhafte Rede verfehlte ihren Eindruck nicht. Die Wachen
-zogen sich zu einer kurzen Beratung zurück, in der beschlossen wurde,
-dem Fremdling zwar die Erlaubnis zum Eintritt und einer Besichtigung
-zu geben, doch ihm vorsichtshalber eine einheimische Ameise zur
-Begleitung beizugesellen. So stieg Max in den trichterförmigen Eingang
-des Sandhügels hinab, der in der Mitte des Baues gelegen war. Von der
-weiten Öffnung führte die Trichterröhre senkrecht zum ersten Stockwerk
-des Baues. Max sagte seiner Führerin viel Schönes über die kunstvollen
-Anlagen des geräumigen Hauses, dessen Herstellung von großer Mühe und
-Sorgfalt zeugte; denn die bröselige Erde erschwerte das Ausheben von
-Höhlen und Gängen, weil sie gar zu leicht nachrutschte. Durch einen
-senkrecht geführten Schacht ging es zum unteren Stockwerk, das aus zehn
-großen Kammern bestand, deren Wände nicht mehr so schön glatt waren wie
-oben. Max hatte aber kaum mehr ein Auge für so etwas Nebensächliches,
-denn in diesen nur schwach beleuchteten Zimmern befand er sich vor
-einem derartig befremdenden Schauspiel, daß er unwillkürlich ausrief:
-
-»Ja -- träume ich denn?«
-
-»Träumen?« meinte verwundert die Führerin. »Unsere vollen Honigtöpfe
-sind gottlob keine Träume!«
-
-Festgeklammert an der Wand jedes Raumes saßen da oder hingen vielmehr
-etliche dreißig Ameisen. Ihr ungeheurer Bauch glänzte durchscheinend
-gelb wie ein dicker Öltropfen.
-
-»Volle Honigtöpfe?« stammelte erstaunt Max, der die Augen nicht davon
-abwenden konnte.
-
-»Freilich, deine große Verwunderung verrät deine Unkenntnis! Ihr
-andern Ameisen habt eben keine Ahnung von der gediegenen Einrichtung
-unseres Ernährungsamtes und unserer wirtschaftlichen Umsicht. Wir sind
-mexikanische Ameisen«, sagte sie ein wenig hochmütig, »und befinden
-uns nur zufällig in diesem Lande. Weißt du, in einem jener Ungeheuer,
-in denen die Menschen über die großen Wasser fahren« -- sie meinte
-natürlich Ozeandampfer und Kauffahrteischiffe -- »wurden einmal bei uns
-in Mexiko Pflanzen verladen, in deren erdigen Wurzeln einige Insekten
-unbeachtet mit hieher reisten. Unter diesen war auch eine Mutter
-unseres Stammes, und diese begründete unser heute lebendes Volk und
-errichtete mit ihm dies Haus.«
-
-[Illustration]
-
-»O!« rief Max, »kamen die fremden Ameisen vielleicht mit der
-mexikanischen Eiche an, die in einem Garten hierzulande steht?«
-
-»Ganz richtig; mit einer wellblätterigen Eiche.«
-
-Vor zwei Jahren hatte tatsächlich Onkel Walter eine solche Eiche
-geschickt bekommen und im Garten der Eltern gepflanzt. Welche
-Hoffnungen erwachten bei dieser Feststellung! Er war sicher nicht allzu
-weit entfernt von seinem Hause, in das zurückzugelangen sein heißes
-Sehnen war.
-
-»Die wellblätterige Eiche«, fuhr die Führerin wie zur Bestätigung der
-hoffnungsfrohen Vermutung fort, »liefert uns unser tägliches Brot. Aus
-ihren Gallen, die ihr eine Gallwespe beibringt, sammeln die Ameisen,
-denen du nächtlicherweile begegnet bist, einen köstlichen Saft. So
-mächtig füllen sie sich davon an, daß sie den unförmig dicken Bauch
-bekommen und nur mühsam wieder heimziehen können. Hier angekommen,
-steigen sie an den Wänden empor, wo dann andere Kameraden sie bis
-zur äußersten Möglichkeit weiter füttern. So werden sie bis zum Rand
-gefüllte Töpfe.«
-
-»Und bleiben sie immer so hängen?« fragte Max mitleidig.
-
-»Versteht sich. Sie können sich nicht mehr rühren und haben auch
-weiter nichts zu tun, als die Nahrung für die Arbeiter aufzubewahren.
-Sie melden sich übrigens freiwillig zu ihrem Dienst, zu dem man eben
-berufen sein muß; ja, ja, schwer ist er schon!«
-
-Max war in der Seele tief bewegt. Es gab also Ameisen, die
-Honigbehälter werden! Honig, nicht zum Selberessen, nein! Voll
-Entsagung stellen sie ihren eigenen Körper zur Verfügung; zum Wohle der
-Brüder sind sie lebende Vorratskammern.
-
-Vielesserei ist also bei diesen Tieren wahrhaftig etwas anderes als
-bei den Menschen, die sich so zahlreich in garstiger Weise den Magen
-überfüllen.
-
-Während er so dachte, konnte er selbst sehen, wie die gelben Ameisen,
-denen er begegnet war, sich anschickten, die bereits hängenden Genossen
-vollzustopfen. Sie päppelten ihnen einen Teil der gesammelten Nahrung
-ein und sagten dazu sich einander lustig zublinzelnd:
-
-»Heute dir, morgen mir!«
-
-»Willst du ein wenig von unserem Honig versuchen?« fragte die Führerin.
-
-Das brauchte man Max nicht zweimal fragen. Mit Vergnügen ließ er
-sich von einer Ameise, die sich noch bewegen konnte, den süßen Saft
-einflößen. Wie schleckig er war! Ein wenig säuerlich von der darin
-enthaltenen Ameisensäure, aber dafür desto schmackhafter.
-
-»Welche Wunder vollbringt die Schöpfung! Nun sah ich sogar lebendige
-Honigtöpfe.« So dachte Max, als er den Rückweg antrat. Er bedankte
-sich aufs herzlichste bei den drei Schildwachen und allen, die er
-kennengelernt hatte. Eben, als er sich verabschieden wollte, gellte der
-Schreckensruf von allen Seiten:
-
-»Der Wendehals!«
-
-Im selben Augenblick fühlte sich Max am Genick erfaßt, und mit drei
-Unglücksgenossen von Mexikanern wurde er durch die Lüfte getragen.
-
-
-
-
-32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe.
-
-
-Eine Tatsache muß zunächst festgestellt werden:
-
-Wenn Maximilian Butziwackel I., Kaiser des Einzelstaates der
-Rasenameisen und Thronanwärter des allgemeinen Ameisenweltreiches,
-sein ehrgeiziges Ziel nicht erreichen konnte, geschah es nicht
-aus Mangel an hervorragender Geisteskraft oder entschlossener
-Willensrichtung. Sogar jetzt, wo er schon auf der Zunge eines
-Vogels klebte und gefangen saß im Schnabel eines unbarmherzigen
-Ameisenwürgers, kam ihm ein rettender Gedanke. Er kauerte sich, so
-klein er konnte, in seinen Hanfpanzer zusammen, und der Vogel, der
-statt Max nur mehr das Hanfkörnlein spürte, spuckte dies mißachtend
-aus, ahnungslos, welch eine gute Ameise da drinnen steckte. Der
-Wendehals begnügte sich also mit drei statt mit vier Opfern. Max
-fiel zur Erde, und diesmal segnete er seinen Absturz. Der Wendehals
-schüttelte gewohnheitsmäßig seinen Kopf und flog weiter, aber Max rief
-ihm voll heiligen Zornes nach:
-
-»Elender Vernichter unseres edlen Volkes! Mögen die drei Mexikaner dir
-lebenslang schwer im Magen liegen bleiben!«
-
-Er wandte sich hierhin und dorthin, um die Gegend zu besichtigen
-und sich zurechtzufinden. Wo war er? Das wußte er, vom Hause der
-ausländischen Ameisen war er noch nicht weit entfernt, und dies lag
-ja nahe bei der wellblättrigen Eiche. Diese wieder war dem Hause
-benachbart, von dem er losgerissen war, und in das er sich unendlich
-zurücksehnte. Trotz aller dieser richtigen Schlußfolgerungen gelang
-es ihm doch nicht zu bestimmen, wohin er sich zu wenden habe, um sein
-Ziel zu erreichen. So lief denn Max ratlos hin und her und kam zu einer
-Hecke wilder Rosen.
-
-»Da hinauf will ich klimmen, denn von solch hohem Standpunkt aus läßt
-es sich weit ins Land schauen.«
-
-Gesagt, getan. Er stieg und stieg, schaute von Zeit zu Zeit genau
-umher, ohne aber irgend etwas Genaues auszukundschaften. Als er die
-höchststehende Rose erreicht hatte, hielt er an und atmete den süßen
-Duft ein, der seine Seele mit lindem Trost erfüllte.
-
-Doch was spielte sich denn da im Innern der Rose ab? Max vergaß die
-Lust am Dufte, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde von einer schönen
-Biene gefesselt, die im Schoße der Blume mit geschäftiger Emsigkeit
-arbeitete.
-
-Die Biene leckte mit sichtlichem Vergnügen an den Staubfäden der Blume
-und steckte dabei ihren Kopf tief in den duftenden Kelch. Dann sammelte
-sie den Blütenstaub und sang eine fröhliche Weise dazu:
-
- »Summ, summ, summ, summ!
- So treu wie Gold,
- Ein Blümchen klein,
- So rein und hold,
- Läßt grüßen fein.
-
- Summ, summ, summ, summ!
- Sei du ihm gut!
- Dein Herz allein
- Gefallen tut
- Dem Blümelein.
-
- Summ, summ, summ, summ!
- Ich trag' davon
- Den Gruß von dir,
- Als Botenlohn
- Gib Honig mir!
- Summ, summ, summ, summ!«
-
-Bei diesem fröhlichen Liedchen erzitterte die Rose leise, und freigebig
-reichte sie dem goldigen Insekt gerne ihre Staubfäden dar. Als ein
-schöner Vorrat gesammelt war, stieg die Biene aus dem Blumenkelch
-heraus und widmete sich, auf einem Rosenblatt stehend, mit höchster
-Sorgfalt einer Arbeit, der Max mit Verwunderung zusah. Geschickt
-streifte sie mit den zwei Vorderbeinchen den Blütenstaub ab, der sich
-an den dichten Härchen ihres Körpers eingepudert hatte, nahm ihn mit
-den beiden mittleren Beinen auf, um ihn von diesen auf das dritte und
-hinterste Beinpaar zu befördern. Diese waren ein Wunder an Feinheit und
-Zweckmäßigkeit des Baues. Sie waren dicht behaart und gestalteten sich
-in ihrer Mitte zu einem kleinen Körbchen. Darein sammelte das emsige
-Tierchen die ganze Ernte des Blütenstaubes und trug ihn nach Hause. Der
-entzückte Beobachter rief nun laut aus:
-
-»Frau Biene, Sie haben wunderbare Beine! Wissen Sie das?«
-
-Die Biene aber wandte sich dem Störenfried ärgerlich zu und herrschte
-ihn an:
-
-»Hast du sonst nichts zu tun als zu gaffen?«
-
-Bei dieser Zurechtweisung fühlte Max, wie sein Blut kochte. Er vergaß
-allen Anstand und erwiderte gereizt:
-
-»Ich tue, was ich will. Und du? Was machst du?«
-
-»Ich tue jedenfalls Besseres, ich tue meine Pflicht. Ich bin
-übrigens erstaunt, daß eine Ameise sich erkühnt, auf zarten Blumen
-herumzutrampeln. Blumen sind unser Bereich!«
-
-Bei solchen Verweisen konnte Max nicht mehr ruhig bleiben. Er schrie
-die Biene an:
-
-»Dein Bereich? Ich möchte doch sehen, ob du andern Insekten verbieten
-kannst, an den Rosen zu riechen! Herumtrampeln! Da hört sich doch
-alles auf. Wie? Ich stehe da und bin niemand im Weg und soll Blüten
-zertrampeln? Und du? Du kommst her, um alles aufzulecken und
-auszusaugen, schleppst fort, was du schleppen kannst, noch dazu in
-verborgenen Körben an den Hinterbeinen! Eine schöne Geschichte! Du
-Hamsterer du!«
-
-Die Biene hatte während dieses Zornausbruches ihren Stachel mehrmals
-in der Scheide spielen lassen und leicht zu verstehende Zeichen damit
-gemacht. Schließlich aber bemeisterte sie ihren Verdruß und bemerkte
-kühl:
-
-»Eine so einfältige Ameise habe ich noch nirgends getroffen, wie du
-bist.«
-
-Ehe unser Freund antworten konnte, fuhr sie fort:
-
-»Schwätzen hat keinen Sinn. Beweise will ich dir geben. Weißt denn du,
-was eine Blume eigentlich ist? Kennst du ihr geheimes Leben? Weißt du,
-daß sie atmet, schläft, leidet, sich freut, liebt und lebt wie wir?«
-
-In seinem Ameisendasein hatte Max viele Wahrnehmungen gemacht, die
-ihm als Kind ferne lagen. Er hatte längst in den Kräutern, über die
-er lief, ein gewisses Leben und Bewegung entdeckt, die ein Mensch nie
-erfaßt; Lebenszeichen, für Menschenaugen allzu fein. Max hatte sich
-überdies nie gerne mit Pflanzen abgegeben. Darum war auch er an den
-feinen Äußerungen des Pflanzenlebens achtlos vorübergegangen. Die Worte
-der Biene eröffneten ihm eine neue Welt.
-
-»Siehst du«, fuhr die Biene fort, »nun stehst du so einfältig da wie
-zuvor. Du weißt nicht einmal, daß die Blumen, wie du, Vater und Mutter
-haben; daß die Blumeneltern sich Blumenkinder wünschen, die so schön
-und duftend sind wie sie selbst. Aber die Blumen stehen festgewurzelt.
-Sie lieben sich und möchten einander viel erzählen und können es nicht.
-Wer trägt nun zum einen und andern die liebevollen Gedanken von Duft
-und die süßen Botschaften von Nektar, die reinen Küsse aus Blütenstaub?
--- Wir geflügelten Insekten sind es, wir Bienen. Wir kennen sie alle,
-wir wissen ihre Geheimnisse, und wir sind die Liebesboten der verlobten
-Blumenpaare. Und sie sind froh und öffnen uns für diesen Liebesdienst
-ihre Blumenkelche, empfangen uns in ihrem Schoß und geben uns ihren
-Honig, den wir unsern Angehörigen heimbringen.«
-
-Die geschäftige Biene summte von neuem ihr Liedchen, die Rose aber
-erbebte in froher Lust:
-
- »Summ, summ, summ, summ!
- So treu wie Gold
- Ein Blümchen klein,
- So rein und hold,
- Läßt grüßen fein.
-
- Summ, summ, summ, summ!
- Du, sei ihm gut,
- Dein Herz allein
- Gefallen tut
- Dem Blümelein.
-
- Summ, summ, summ, summ!
- Ich trag' davon
- Den Gruß von dir,
- Als Botenlohn
- Gib Honig mir!
- Summ, summ, summ, summ!«
-
-
-
-
-33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen.
-
-
-Max stand bewegt und ergriffen da. Die Worte der Biene, die beim Beginn
-der Darlegungen herb und spottlustig klangen, wurden im Laufe ihrer
-Rede liebenswürdig und sogar herzlich. Der aufgeregte Ton, der zu
-Anfang des Gespräches geherrscht hatte, war einer artigen und zarten
-Stimmung gewichen.
-
-»Nein, wieviel des Schönen hast du erzählt!« nickte Max beifällig ihr
-zu.
-
-Es zog ihn mächtig zu der lieben Biene, und er fragte sie:
-
-»Wollen wir miteinander gut sein?«
-
-»Gerne«, antwortete schlicht die Biene.
-
-»Das ist lieb von dir! Um dir zu beweisen, wie sehr ich deine
-Freundschaft schätze, werde ich sofort die Rose verlassen, aber nicht
-wahr, du weihst mich noch in das Geheimnis ein, wie du Honig und Wachs
-bereitest?«
-
-»Das ist nicht schwer für mich. Mit meinem Rüssel sauge ich die
-Honigdrüse aus, die meist am Fuße der Staubfäden zu finden ist. Dieser
-Saft fließt in meinen Honigmagen und wird hier zum fertigen Honig.
-Was das Wachs betrifft, so schwitzen wir es in unserem Hause an der
-Unterseite des Hinterleibes aus.«
-
-»Noch eine Frage«, bat Max wißbegierig.
-
-»Aber schnell, bitte. Die Sonne geht bald unter, und wir haben strenge
-Hausordnung in unserem Stock.«
-
-»Was ist denn das, euer Stock?«
-
-»Wie, das weißt du auch nicht? Der Stock ist unser Dorf, unsere
-Gemeinde. Nun? Was noch?«
-
-»Ach, deinen Namen möchte ich gar gerne wissen.«
-
-»Ich heiße Süßchen.«
-
-Die Biene mit dem reizenden Namen flog davon, und Max mochte die
-Augen nicht von ihr wenden, bis er sie hinter einem Baume entschweben
-sah. Dann stieg unser Held vom Rosenstrauch herab, um seinen Weg
-wieder zu suchen. Er war aber nicht der einzige gewesen, der den Flug
-Schönsüßchens verfolgt hatte. In der Nähe schrillte eine kreischende
-Stimme, die von einem Rosenzweig zu kommen schien.
-
-»Ha, ha«, so verstand Max, »endlich habe ich herausgekriegt, wo du,
-teure Frau Biene, wohnst! Heute abend werde ich mich einmal gütlich tun
-an deinem Honig!«
-
-Bestürzt, ja entsetzt sah Max um sich. Angeklammert am Rosenzweig sah
-er vor sich ein schwarzes Ungetüm von düsterem Aussehen. Es hatte einen
-dicken, behaarten, braunen Rücken und mitten drauf -- ein schauriger
-Anblick -- war in gelber Farbe ein Totenkopf gemalt. Als Max das
-fürchterliche Insekt gewahrte, erschrak er heftig. Das Ungetier aber
-fuhr mit seiner schrillen Stimme fort:
-
-»Vortrefflich! Donner und Doria! Wenn's dunkel wird, werde ich mir, so
-wahr ich Atropos heiße, das Leben versüßen.«
-
-Es war wahrhaftig ein Acheronte, einer jener großen Schmetterlinge,
-welche man Totenkopf nennt wegen der düstern, gelben Zeichnung auf
-ihrem Rücken, und die, wenn sie gereizt werden, einen pfeifenden,
-schrillen Ton ausstoßen, der bisweilen so unheimlich wie das Bild
-wirkt. Die düstere Färbung, die unheimliche Zeichnung, die Größe des
-Schmetterlings und sein Erscheinen im Dunkeln sind die Ursache, daß
-dumme, abergläubische Menschen sie für Unglückstiere halten, wie es
-auch mit Eulen und Käuzchen geschieht. Die Angst solcher einfältigen
-Leute ist unsinnig, aber andere Geschöpfe können sich mit gutem Recht
-vor diesem Schmetterling fürchten. Wie die Vöglein gut tun, sich vor
-der Eule zu verstecken, welche sie nur allzusehr liebt und sie recht
-wohlschmeckend findet, so müssen die Bienen vor dem Totenkopf auf der
-Hut sein, da er nach ihrem Honig lüstern ist.
-
-Max hatte die bösen Absichten des Insektes wohl verstanden, und da er
-für Bienen im allgemeinen und für Süßchen im besondern eine warme
-Zuneigung verspürte, so sagte er jetzt für sich:
-
-»Der Stock ist in der Nähe, ein günstiger Zufall hat mich eingeweiht in
-die Einbruchspläne des schwarzen Diebes, wie wäre es, wenn ich eilte,
-Süßchen zu warnen?«
-
-Er warf einen Blick auf den Baum, dem die Biene zugeflogen war, und
-richtete seine Schritte gegen Süßchens Wohnung. Er rannte, was er
-konnte, achtete kein Hindernis und sagte sich: Das Untier ist ein
-gerissener Dieb; es will erst einbrechen, wenn es finster ist. Wenn ich
-auch keine Flügel habe wie dieser Gauner, so werde ich trotzdem vor ihm
-dort anklopfen können. Da -- was war das? Er hielt überrascht im Laufe
-inne. Hatte er nicht rufen hören:
-
-»Hurra! Es lebe der Kaiser!«
-
-Er spähte und konnte niemand entdecken. Schon wollte er weiterwandern,
-im Glauben, daß er sich getäuscht habe, als er den Ruf ein zweites Mal
-hörte, und diesmal konnte es gewiß keine Sinnestäuschung sein.
-
-»Max Butziwackel! Hoch!«
-
-Zwischen Schreck und Freude verlor er schier die Besinnung. Zu seiner
-linken Seite lag ein dichter Graswald, aus dem hervor keuchend zwei
-Ameisen auf ihn zustürzten, in denen er sofort seine zwei Adjutanten
-erkannte. Ein gemeinsamer Freudenschrei:
-
-»Unser Kaiser!«
-
-»Dickkopf! Großzang!«
-
-Ein unbeschreibliches Bild! Die drei Ameisen fielen sich gegenseitig
-in die Arme. Eine Sintflut von Fragen folgte der zärtlichen Umarmung;
-Erklärungen, Berichte und Erzählungen regnete es nur so, und nach der
-ersten Pause ging es von neuem los:
-
-»Unser Kaiser! Er ist's! Hier steht er vor uns! Wer kann es glauben!«
-so rief Großzang, und Dickkopf setzte hinzu:
-
-»Wir beweinten ihn als tot!«
-
-»Eure Teilnahme ehrt mich«, sprach Max gerührt, »und ich kann euch
-versichern, jetzt fühle ich mich wie neu geboren durch euern Anblick.
-Wie kommt ihr hierher? Wie ist es euch ergangen?«
-
-»Ach, wir sind nur durch ein Wunder gerettet worden. Kaum weiß
-ich's, wie wir entwischt sind. Eine Schar Roter verfolgte uns mit
-aufgesperrten Zangen und schimpfte unglaublich roh hinter uns drein.
--- Welche Schlacht! Ist es möglich, daß wir sie verlieren konnten,
-trotz deines erhabenen Einfalles, unser Heer durch die Bombardiere zu
-verstärken!«
-
-Feierlich sprach Max:
-
-»Was wollt ihr? Das Glück ist nicht immer die Freundin großer
-Geister. Genug! Ihr stellt euch nicht vor, wie ich mich freue, euch
-wiederzusehen!«
-
-»Wie froh sind erst wir! Wir wollen bis ans Ende unserer Tage bei dir
-bleiben.«
-
-»So begleitet mich«, sprach Max väterlich zu den beiden. »Während
-wir raschen Schrittes gehen, könnt ihr eure Geschichte erzählen.« So
-schritten sie alle drei dem Bienenstock zu.
-
-»Denke dir nur«, fing Dickkopf an.
-
-»Stelle dir vor«, sprudelte zu gleicher Zeit Großzang.
-
-»Einer nach dem andern«, entschied Max.
-
-»Großzang, dir erteile ich zuerst das Wort.«
-
-»Stelle dir also vor«, fing dieser an, »daß wir bis jetzt ein
-Landstreicherleben führen mußten, umlauert von tausend Gefahren!«
-
-»Wie auch ich!«
-
-»Ohne je zu wissen, wo man nachts sein müdes Haupt hinlegen könne!«
-
-»Wie ich!«
-
-»Keine Ahnung, wo eine Mahlzeit hernehmen!«
-
-»Euer Kaiser aß nichts mehr seit heute früh!«
-
-»Kurz, wir haben das elendeste Leben geführt, das man sich denken kann.
-Aber jetzt, wo wir dich wiedergefunden haben, wo wir bei dir bleiben
-können, jetzt fürchten wir nichts mehr. Nicht wahr, Dickkopf?«
-
-»Jawohl!«
-
-Max frohlockte, und die zwei Adjutanten schrien:
-
-»Es lebe Kaiser Butziwackel I.!«
-
-Da hagelte wie eine Antwort auf diesen Ruf ein Steinregen hernieder
-und hüllte den Kaiser samt seinem Gefolge ein. Unser Held, der die
-Erde unter seinen Füßen wanken fühlte, hatte kaum Zeit, sich an einen
-Grashalm festzuklammern, während Großzang ihm um den Hals fiel und rief:
-
-»Halte mich, ich falle!«
-
-Es war das Werk eines Augenblickes. Wie durch Zauberschlag hörte der
-Steinregen auf, und Max und Großzang hörten eine schwache Stimme, die
-unter der Erde um Hilfe zu rufen schien. Fest umschlungen blickten sie
-unwillkürlich unter sich und erschauderten. Ein schreckliches Bild bot
-sich ihren Blicken.
-
-Sie befanden sich auf dem Rande eines trichterförmigen Loches, auf
-dessen Grunde der arme Dickkopf vergeblich kämpfte, gepackt von den
-riesigen Zangen eines furchtbaren Tieres, das den Unglücklichen
-aussaugte und dazwischen hin und wieder ausrief:
-
-»Hm, die schmeckt fein!«
-
-[Illustration]
-
-»Ein Ameisenlöwe!« stammelte Großzang zitternd.
-
-»Ameisenlöwe!« wiederholte Max, und er erinnerte sich seines Abenteuers
-mit dem libellenähnlichen Insekt. -- »Ah, nun verstehe ich dessen
-Worte! Ich sah das vollkommene Insekt, und hier unten sehe ich die
-Larve. Also deshalb wünschte mein damaliger Gefährte seinen Kindern,
-sie sollten vielen Ameisen begegnen, die so gut sind wie ich!«
-
-Das Scheusal saugte unterdes sein Opfer aus und warf dann die Hülle
-über seinen Sandtrichter hinaus. Als ob es auf Maxens Betrachtungen
-antworten wollte, rief es befriedigt aus:
-
-»Die war ausgezeichnet!«
-
-Jetzt erst konnte Max den blutdürstigen Löwen in all seinen
-Schrecknissen genauer betrachten. Aus dem Grunde des Loches, wo er
-sich fast bis zur Hälfte des Körpers eingegraben hatte, ragte das
-entsetzliche Tier heraus. Es hatte ein schwarzes, bedrohliches Maul,
-sieben Augen auf jeder Seite und war mit mächtigen Zangen bewaffnet.
-Sein Leib war mit schwarzen borstigen Haaren besetzt. Die zwei mit
-Krallen bewaffneten Beine krabbelten neben dem Kopfe aus dem Abgrund
-hervor. Es wandte seine vierzehn Augen auf die zwei entsetzten Ameisen
-und sprach mit Grabesstimme:
-
-»Jetzt werdet ihr beide da oben bald herunterkommen, wie ich hoffe!
-Heute hätte ich bei so später Stunde nicht mehr an eine so saftige
-Abendmahlzeit gedacht. Ich jage sonst nur, wenn die Sonne scheint.«
-
-Wie es so sprach, krallte es die Tatzen ein, und mit außerordentlicher
-Kraft und Gewandtheit schleuderte es die sandige Erde, in der es saß,
-wie eine Flut von Steinregen auf die zwei erschrockenen Zuschauer. Max
-fühlte sich schon durch die fallenden und rutschenden Sandkörnchen in
-den Schlund des Trichters hinabgezogen; mit der äußersten Anstrengung
-hielt er Großzang an sich gepreßt, und mit ihm klammerte er sich
-verzweifelt an den Grashalm, der beide bis jetzt getragen hatte, und es
-gelang ihm, sich zitternd vor Aufregung daran emporzuziehen.
-
-Die beiden Ameisen waren gerettet.
-
-»O je, o je!« rief Großzang, »das war eine böse Sache. Dir allein, mein
-Kaiser, danke ich das Leben!«
-
-»Und ich verdanke dir einen steifen Hals, so hast du dich an mir
-festgeklammert! Aber das macht nichts. -- Dem da ist es schlimmer
-ergangen!«
-
-Er deutete dabei auf die Hülle Dickkopfs, die mit den Beinen in der
-Luft neben ihnen lag.
-
-»Der Ärmste!« rief Großzang tiefbewegt. »Von ihm ist nichts geblieben
-als die Schale. Das Untier hat ihn ausgesaugt ohne jede Rücksicht.
-Jetzt freut es mich doch, daß wir seit zwei Tagen nichts gegessen
-hatten, sein Körper muß hübsch trocken gewesen sein. Aber, daß der arme
-Freund so wie ein ausgeblasenes Ei werden könnte, das hätte ich doch
-nie geglaubt!«
-
-Beim Weitergehen wandte sich der Kaiser Butziwackel sehr ernst zu
-seinem Gefährten und sprach:
-
-»Adjutant, hast du den Straßenräuber da drunten in seinem Trichter
-gesehen?«
-
-»Leider! Es ist eine für uns Ameisen schreckliche Larve.«
-
-»Sehr wohl! Sobald wir einem zweiten von dieser Sorte begegnen, befehle
-ich dir, ihn mir fünf Minuten vorher zu melden! Gehen wir! -- Vorwärts,
-marsch!«
-
-
-
-
-34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines Grafen aller
-Hautflügler.
-
-
-Das schauerliche Abenteuer mit dem Ameisenlöwen und vorher das
-Wiederfinden und die Begrüßung der beiden Adjutanten hatte Max kostbare
-Zeit gekostet. Als er endlich in der Nähe des Bienenstockes ankam, war
-es bereits dunkel geworden.
-
-»Wie ich fürchte, bin ich zu spät gekommen«, murmelte in Sorge der
-entthronte Kaiser, während er den Baum erkletterte.
-
-»Aber wohin gehen wir denn?« wagte Großzang zu fragen, der wohl sah,
-wie gedankenvoll Max geworden war.
-
-»Wir wollen ein Bienendorf retten, das von einem schwarzen Dieb bedroht
-ist.«
-
-»O wie fein! Da kann man vielleicht ein bißchen Honig bekommen?«
-
-Mit strengem Blick aber rügte Max:
-
-»Adjutant! Es handelt sich jetzt um ein ruhmreiches Abenteuer zu edlem
-Zwecke; und du denkst ans Essen!«
-
-»Es ist wahr; aber daran ist mein knurrender Magen schuld; er ist so
-leer, als ob er -- Gott behüte uns davor -- von einem Ameisenlöwen
-ausgesaugt worden wäre.«
-
-Die beiden Ameisen standen endlich vor dem Eingang zum Bienenstock.
-
-Mit verzweifelten Gebärden stürzten eben einige Bienen daraus hervor
-und summten in höchster Aufregung:
-
-»Der Totenkopf! Der Totenkopf!«
-
-Man sah sogleich, daß es im ganzen Bienendorf entsetzlich toll zuging.
-Gefolgt von seinem Adjutanten stürmte Max hinein. Die verwirrten und
-erschreckten Schildwachen beachteten ihn nicht, und bald stand er an
-der Stelle, wo sich eben das bedrohlichste Schauspiel abwickelte.
-
-Der entsetzliche Totenkopf war in den Stock eingedrungen. Da saß er
-mit seinem großen plumpen Leib, bebend vor Gier, die riesigen Flügel
-zitterten, sein Rüssel zuckte, und vergebens versuchte das Bienenvolk,
-das ihn umgab, sein verderbliches Vordringen zu verhindern.
-
-Vergebens bemühten sich die Überfallenen, den elastischen Panzer zu
-durchstechen, von dem der dicke Körper des Tieres weich und nachgiebig
-wie von einem Gummimantel umschlossen war. Angstvolle Stimmen schrien
-in all diese Verwirrung hinein:
-
-»Er wird alle unsere Lagerräume plündern!«
-
-»Er frißt unsere Kinder!«
-
-»Er wird die Königin töten!«
-
-Max wandte sich zu seinem Adjutanten und sagte leise zu ihm:
-
-»Hörst du, um eine Königin handelt es sich! Um jeden Preis muß diese
-gerettet werden!«
-
-»Aber wie? Wenn schon die Bienen mit ihrem Stachel nichts vermögen?«
-fragte Großzang ratlos.
-
-[Illustration]
-
-»Dummkopf! Was der Stachel nicht kann, tut die Zange.«
-
-Unbekümmert und rücksichtslos schlürfte inzwischen der Totenkopf
-so viel Honig, als er nur konnte, trotz des lauten Protestes des
-Bienenvolkes. Da gellte plötzlich ein Schrei aus dem vollen Munde des
-Räubers:
-
-»Au, mein Bein!«
-
-Ein zweiter ungeduldiger Schmerzensruf folgte:
-
-»Zum Kuckuck, wer schneidet mir denn meine Fühler ab?«
-
-Zu gleicher Zeit rief Max, der sich rittlings auf den Totenkopf gesetzt
-hatte:
-
-»Großzang, wenn du ihm nur ein einziges Glied am Körper läßt, bist du
-nicht länger mein Adjutant!«
-
-Bei diesem ebenso unerwarteten als heftigen Angriff der Ameisen
-versuchte der abscheuliche Totenkopf sich nach Kräften zu wehren. Er
-schlug um sich und schleuderte dabei die armen Bienen umher, daß sie
-mit den Beinchen nach oben herumwirbelten.
-
-Der Kampfplatz war eng, und die gespreizten Flügel des Totenkopfes
-versperrten den Weg. Aber schon hatte jemand an Abhilfe gedacht; denn
-siehe, einer der Flügel fiel ab, und gleich löste der zweite, dritte
-und vierte sich los. Das hatte Großzang mit seinen scharfen Zangen
-wahrlich gut gemacht.
-
-Ohne Flügel und ohne Fühler wollte sich der Totenkopf auf dem einzigen
-Bein, das ihm geblieben war, aufrichten. Doch auch dieses zwickte
-Großzang unbarmherzig ab. Der verstümmelte Rumpf des Untiers lag
-nun da, ohne sich bewegen zu können. Im Nu hatte sich die Nachricht
-davon in alle Ecken und Winkel des Bienenstockes verbreitet, und ein
-hellstimmiger, unbeschreiblicher Siegesjubel brach los:
-
- Viktoria! Viktoria!
-
-Allen Lärm übertönend rief eine Stimme:
-
-»Wer hat diesen Dieb auf solche Weise unschädlich machen können?«
-
-Max erkannte die Stimme und rief:
-
-»Süßchen, Süßchen! Bist du's?«
-
-»Ei, ei!« sagte die Biene erstaunt und setzte sich zu Max auf den
-Rücken des Totenkopfes, »das ist ja die Ameise, der ich auf dem
-Rosenstock begegnet bin! Wie kommst denn du hierher zu uns?«
-
-»Ich kannte die Absichten dieses schwarzen Herrn und bin herbeigeeilt,
-das Bienendorf zu retten.«
-
-»Du!« rief Süßchen und sah ihn gerührt an. »Schwestern«, rief sie,
-»verneigt euch vor dieser Ameise. Ihr verdanken wir unsere Rettung!«
-
-Ein schallendes »Hurra« folgte dieser Bekanntgabe.
-
-Max dankte tief bewegt und sprach:
-
-»Haltet ein! Nicht ich allein habe ein Recht auf euern Beifall. --
-Großzang, Großzang, tritt vor!«
-
-Aber Großzang antwortete nicht.
-
-»Dieser Vielfraß«, dachte Max, »wird schon in eine Honigkammer
-eingefallen sein. Aber er soll was hören, wenn er zurückkommt!«
-
-Inzwischen hatte Süßchen mit der zärtlichen und liebevollen Stimme, die
-sie sich im Umgang mit den Blumen angewöhnt hatte, gesagt:
-
-»Du bleibst doch bei uns, nicht? Es ist zu spät geworden, um
-heimzukehren!«
-
-»O wie gerne!« beeilte sich Max zu antworten, »um so lieber, als ich
-zurzeit keine Wohnung besitze.«
-
-Süßchen schien sehr erstaunt über diese Erklärung und war nahe daran
-zu fragen wie und warum; denn sie war neugierig, über ihren Befreier
-Näheres zu erfahren; aber da sie eine höchst taktvolle Biene war,
-überwand sie sich und sagte nur:
-
-»Wie gerne hörte ich deine Geschichte; morgen erzählst du sie mir
-vielleicht? Selbstverständlich bleibst du und jene Ameise, der du
-eben gerufen hast, hier, d. h. wenn sie noch bei uns herinnen ist.
-Ich selbst muß jetzt den Schwestern helfen, das Haus von diesem
-Eindringling zu säubern.«
-
-Max stieg mit ihr vom Rücken des Totenkopfes herunter. Süßchen aber
-gesellte sich zu den andern Bienen, die mit vereinten Kräften den
-Körper des Untiers fortzuschaffen versuchten.
-
-Aber dessen Gewicht und Umfang war derart, daß es keine leichte Sache
-war, ihn zu bewegen. Schließlich rief eine Biene:
-
-»Hört mich an, ihr Lieben! Diesen greulichen Wicht aus dem Stock
-hinauszuschaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, ich schlage vor,
-ihn auf die Seite des Ganges zu schleppen und ihn dort luftdicht
-abzuschließen.«
-
-Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Alle Bienen stellten sich an der
-einen Seite des schweren, häßlichen Körpers auf, hoben und schoben mit
-verdoppelten Kräften den Dieb, bis es ihnen schließlich gelang, den
-Koloß von der Stelle zu rücken. Nach dem ersten Ruck ließ sich unter
-dem Tier eine schwache Stimme vernehmen:
-
-»Gottlob! Länger hätte es nicht mehr dauern dürfen, sonst wäre ich
-unter dieser Schuttmasse erstickt!«
-
-Der mutige Großzang war unglücklicherweise unter den mächtigen
-Schmetterling zu liegen gekommen, als er ihm das letzte Bein abgezwickt
-hatte. Max half ihm hervor und rief mit feierlicher Gebärde:
-
-»Adjutant! Du bist ein tapferer Soldat!«
-
-»Ich folgte deinem Befehl; du hattest mich ja mit dem Verluste meiner
-Stellung bedroht, wenn ich diesem Frechling ein einziges Bein lassen
-würde.«
-
-»Du hast männlich deine Pflicht getan; zum Lohne ernenne ich dich in
-Gegenwart dieses edlen Volkes zum erlauchten Grafen aller Hautflügler.«
-
-Großzang verstand kaum die volle Bedeutung dieser Auszeichnung; so viel
-aber war klar für ihn, daß sein Kaiser ihm eine hervorragende Stellung
-im Reiche der Insekten zugedacht hatte. Untertänig stammelte er mit
-tiefer Verneigung:
-
-»Majestät, ich danke!«
-
-Der Körper des Totenkopfes war jetzt auf die Seite gerollt. Max setzte
-im Triumphgefühl seinen rechten Fuß auf des Tieres Kopf, wies auf die
-düstere, gelbe Schädelzeichnung über dem Rücken des Tieres und machte
-dabei die Bemerkung:
-
-»Der ehrsame Herr -- Gott hab' ihn selig! -- hat allem Anschein nach
-bei Lebzeiten schon an seinen Tod gedacht; um uns die Kosten zu
-ersparen für einen Grabstein, ließ er sich die Inschrift auf den Buckel
-malen!«
-
-
-
-
-35. Im Bienenreich.
-
-
-Am nächsten Morgen erwachte Max, dem die dankbaren Bienen ein hübsches
-Schlafkämmerlein angewiesen hatten, sehr schlecht gelaunt.
-
-»Dieser greuliche Totenkopf«, sagte er, »hat mir die ganze Nacht
-verdorben. Ich hatte gräßliche Träume über ihn. -- Großzang! Hallo,
-Großzang! Großzang!«
-
-Der gräfliche Adjutant schreckte aus seinem tiefen Schlummer auf.
-
-»Na endlich!« rief Max, »was für eine Art zu schlafen! Ein kaiserlicher
-Adjutant, das merke dir, schläft nur mit dem einen Auge, mit dem andern
-hat er stets zu wachen.«
-
-»Ich habe Hunger«, gähnte verschlafen der Herr Graf.
-
-»Du bist unersättlich, mein Lieber! Gestern abend hast du bei dem
-Schmaus, den uns die Bienen gaben, für Viere gegessen. Es ist unbedingt
-nötig, daß du dich änderst; denn meine Einkünfte erlauben mir
-vorderhand nicht, einen solchen Vielfraß von Adjutanten zu halten.«
-
-Mit gnädigem Ton fuhr er dann fort:
-
-»Etwas anderes! -- Heute morgen müssen wir den Palast der Bienen
-besuchen, und wir werden der Königin vorgestellt werden. Verstehst du,
-der Königin! Benimm dich deiner Stellung entsprechend und blamiere mich
-nicht!«
-
-Der Gedanke, der Königin vorgestellt zu werden, genügte, um Max wieder
-in beste Laune zu versetzen.
-
-Seinem Adjutanten gab er eine Menge Anweisungen über die höfischen
-Sitten und Gebräuche und schärfte ihm ein, sich genau daran zu halten.
-
-Gerade wollte er ihm noch einen schönen Vers beibringen, mit dem der
-Adjutant den Kaiser der Königin vorstellen sollte, als jemand an der
-Türe klopfte und fragte:
-
-»Darf ich eintreten, liebe Freundin?«
-
-Es war Süßchen.
-
-Max ging ihr entgegen und sagte:
-
-»Meine Teure, vor allen Dingen muß ich dir erklären, daß ich keine
-Freundin bin.«
-
-»Wie? Keine Freundin?«
-
-»Nein, aber dein Freund; denn ich bin ein Mann.«
-
-»Und diese andere Ameise?«
-
-»Ein Freund, gleich mir: beide gehören wir dem männlichen Geschlechte
-an.«
-
-»Ihr habt doch keine Flügel; deshalb dachte ich, ihr seiet
-geschlechtslose Ameisen, und hielt euch für tüchtige Arbeiter, wie ich
-eine Arbeitsbiene bin.«
-
-Max mußte lachen und schaute Großzang an.
-
-»Arbeiter! Hörst du, Adjutant? -- Süßchen meint, wir wären zwei
-Arbeiter. Sie hat keine Ahnung, was wir sind. Und wenn sie erst hört,
-wer ich bin! Jetzt ist es Zeit, das Inkognito fallen zu lassen.
-Großzang, stelle mich vor!«
-
-Großzang verneigte sich tief, zeigte auf Max und sprach würdevoll:
-
-»Max Butziwackel I., Kaiser der Ameisen.«
-
-Max deutete auf Großzang und sprach:
-
-»Mein Adjutant Großzang, Graf aller Hautflügler, des Kaisers
-Butziwackel erster und einziger Offizier. Dickkopf, der zweite
-Adjutant, wurde gestern von einem Ameisenlöwen ausgesaugt.«
-
-Süßchen blieb unglaublich überrascht bei dieser Doppelvorstellung.
-
-Max bemerkte, wie verständnislos sie seiner Größe gegenüberstand, und
-erachtete es deshalb für nötig, eine Erklärung folgen zu lassen. Er
-erzählte ihr vertraulich die Geschichte seines Aufstiegs zu fürstlicher
-Höhe und den jähen Sturz von seinem Throne.
-
-Die Biene hörte aufmerksam zu, und als er geendet hatte, sagte sie:
-
-»Höre mal, ich habe nie einen Thron verloren und strebe nach keiner
-Krone. Ich kenne nur den freudigen Drang zur vergnüglichen Arbeit. Hast
-du, Unglücklicher, auch diesen verloren? Bitte, beeile dich, wenn du
-jetzt unser Haus besichtigen willst.«
-
-Diese Worte verdrossen Max ungeheuer, aber seinen Zorn schüttete er
-über den unschuldigen Großzang aus, den er barsch anfuhr:
-
-»Na, Adjutant, was tust du denn? Erhebe dich endlich! Hörst du nicht?
-Wir gehen jetzt, den Palast zu besichtigen. Komme sofort. Wie lange
-braucht es noch, bis du dich rührst?«
-
-Dann verließ er majestätisch das Zimmer, Süßchen zur Seite, der
-Adjutant hinterdrein.
-
-Zunächst ging es zum Eingang, an dem Max eine Veränderung gegen gestern
-wahrnahm. Die Toröffnung war viel niedriger und schmäler geworden. An
-beiden Innenseiten des Ganges waren neue Mauern aufgeführt, die aus
-einer braunen, klebrigen Masse bestanden.
-
-»Ei«, bemerkte Max, »hier sah es doch anders aus, als ich eintrat.«
-
-»Freilich«, erwiderte Süßchen, »das ist ein Neubau. In Zukunft wird
-ein Totenkopf sich besinnen, hier einzutreten. Wir haben unser Haustor
-verbessert.«
-
-»Wie ist es möglich, in einer Nacht so gewaltige Mauern aufzuführen?«
-
-»Bei uns geht alles flink«, scherzte Süßchen. »Wir sammeln, wie du
-vielleicht weißt, bei den Pflanzen Harz, und dieses verarbeiten wir
-zu einer klebrigen Masse, dem Kittwachs. Damit streichen wir im Hause
-Ritzen und Löcher aus. Mit diesem Baumaterial haben wir den Eingang
-verengert; wir kitten damit auch unsere Waben an der Decke und an den
-Seitenwänden fest.«
-
-»Welch großartige Leistung!« rief Großzang, der doch auch etwas sagen
-wollte, bewundernd aus. »Und mit welcher Genauigkeit und Schnelligkeit
-diese Veränderung ins Werk gesetzt wurde!«
-
-»O, die Fixigkeit, die verstehen wir«, bemerkte Süßchen gutgelaunt.
-»Bis man sich umschaut, errichten wir Mauern, vor denen sich einer
-fürchten kann!«
-
-Die Drei schritten in ihrer Besichtigung weiter. Max überzeugte sich
-mehr und mehr, daß es sich keineswegs um ein Haus handelte, wie
-Süßchen es nannte, noch um einen Palast, wie er glaubte, sondern um
-eine wirkliche und wahrhaft große Stadt, erbaut nach allen Regeln der
-Baukunst, der Gesundheitslehre und der Bequemlichkeit.
-
-Die zwei Hauptmerkmale ihrer Bauart waren Harmonie der Linien und weise
-Ausnützung des Raumes.
-
-Das ganze Innere dieser weiten Stadt bestand aus einer Unmenge von
-Zimmern, die alle in genau sechseckiger Form erbaut waren. An jeder
-Seite des Sechsecks stieß ein benachbartes Zimmer an.
-
-»Ihr werdet wohl verstehen«, sprach Süßchen zu den beiden Ameisen, »daß
-das Sechseck die einzige Form ist, die uns gestattet, im gegebenen Raum
-die größtmögliche Anzahl von Zimmern oder, wie wir sagen, Zellen zu
-bauen. Jede andere Form würde für uns einen größeren Verlust an Raum
-bedeuten.«
-
-»Das ist klar«, erwiderte rasch überzeugt Max, »ihr habt die Raumfrage
-in geistvoller Weise gelöst! Aber wie ist es möglich, diese Zellen so
-regelmäßig und so genau zu machen?«
-
-»Das geht so zu! Sobald wir den Platz für unsere Wohnung bestimmt
-haben, sei es in einem Mauerloch oder in einem hohlen Baum, wie dieser
-hier, bauen wir zuerst die inneren Wände der Zellen. Unser Baustoff ist
-das Wachs, das wir an der Unterseite des Hinterleibes ausschwitzen.
-Dieses befeuchten, kneten und formen wir mit dem Munde und fügen
-Stückchen an Stückchen zusammen. Und weil wir viele sind und immerfort
-einander ablösen, geht die Arbeit rasch voran. Bald entsteht aus einer
-größeren Anzahl von fertiggebauten inneren Zellenwänden ein fester
-Streifen Wachs. Man nennt ihn die Mittelwand, weil er die beiderseits
-anzubauenden Zellen trennt. Von der Mittelwand aus ziehen unsere
-gewandtesten und tüchtigsten Bauleute die Seitenwände unserer Zellen.
-Wollt ihr das sehen?«
-
-Süßchen führte die zwei Gäste an eine Stelle, wo gerade neue
-Wachszellen gebaut wurden. Da wurde gehobelt, gemauert und poliert, bis
-die sechs Seitenwände die nötige Länge erreicht hatten und ein bequemes
-und sauberes Kämmerlein einschlossen.
-
-»Wie schnell hier gearbeitet wird!« rief Großzang erstaunt.
-
-»Und dabei gut!« fügte Max mit Kennermiene bei.
-
-Er wunderte sich um so mehr, da er schon wußte, daß bei den Menschen
-Schnellarbeiter und Schlechtarbeiter meistens das gleiche bedeutet.
-Natürlich stimmt das nicht immer und nicht in jedem Fall.
-
-»Da ist nichts zu verwundern«, erwiderte Süßchen; »wir sind imstande,
-in einem Tag und einer Nacht bis zu viertausend Zellen zu bauen.«
-
-»Welch eine Riesenarbeit!« meinte Max. »Aber ich erlaube mir zu
-bemerken, daß die Zellen nicht gleich groß sind.«
-
-»Das versteht sich!« rief Süßchen; »dies hier sind die Zellen
-für solche Eier, aus denen wir Arbeitsbienen herauskommen, wir
-Geschlechtslose«, und dabei deutete sie im Kreise herum, auch auf Max
-und Großzang.
-
-»Wir sind nicht geschlechtslos«, sagte Max ärgerlich. »Ich gab dir
-bereits zu verstehen, daß wir Männer sind!«
-
-»Das ist mir entfallen«, sprach Süßchen spöttisch und fuhr fort: »Hier,
-diese größeren Zellen sind für jene Eier bestimmt, aus denen männliche
-Bienen geboren werden, ... wirkliche Männchen, verstehst du? Und diese
-letzteren hier sind die Zellen für die Weibchen; diese sind rund, groß,
-prachtvoll, denn unsere Weibchen sind bestimmt, Königinnen zu werden.«
-
-»Was? Wie?« sagte Max, »Königinnen!«
-
-Auf dies hin hätte er gerne eine Reihe von Fragen gestellt, aber in
-ebendemselben Augenblicke stand man vor einem sonderbaren Hügel, vor
-dem Max neugierig anhielt.
-
-»Süßchen, was ist denn dies?« fragte er voll Interesse.
-
-»Dies ist der Körper des Totenkopfes, des Schmetterlings, den du
-besiegt hast. Da wir ihn nicht hinausbringen konnten, haben wir ihn
-einbalsamiert. So kann er nicht verwesen und uns die Luft verpesten.«
-
-»Einbalsamiert!« rief Max und beguckte den harten Körper, der am Boden
-festklebte.
-
-»Was soll das heißen?«
-
-»Das heißt, wir haben den Leichnam des Totenkopfes rings mit Wachs
-ummauert und mit Kitt am Boden festgeklebt. So ist er luftdicht
-abgeschlossen, kann darum nicht verwesen und uns die Luft verderben.
-Ich will euch noch ein anderes Tier zeigen, das wir auf diese Art
-unschädlich gemacht haben.«
-
-Damit führte Süßchen die beiden in ein anderes Stockwerk und sprach:
-
-»Seht ihr die Schnecke da? Sie ist einst in unser Haus gekrochen, und
-wir haben mit ihr kurzen Prozeß gemacht. Ein Stich trieb sie in ihr
-Schneckenhaus hinein, mit dem Kittwachs haben wir ringsumher am Boden
-das Schneckenhaus festgeklebt, und jetzt ist sie in ihrem eigenen Haus
-begraben.«
-
-Max und Großzang waren aufs höchste erstaunt nicht nur über die
-Kunst, sondern auch über die Geistesgegenwart der Bienen. Sie wollten
-eben ihre Bewunderung ausdrücken, als sich plötzlich ein dreimaliges
-taktmäßiges Gesumme wie ein Trompetensignal vernehmen ließ. Süßchen
-flüsterte leise:
-
-»Still, die Königin kommt!«
-
-
-
-
-36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin.
-
-
-Eine Biene von majestätischer Haltung schritt einher. Sie war umgeben
-von einer Anzahl junger Bienen, die ihr tausend Freundlichkeiten
-erwiesen und ihr immer wieder den Rüssel boten, um sie mit süßer
-Honigspeise zu erquicken.
-
-»Das sind die Gesellschaftsdamen der Königin!« flüsterte Süßchen.
-
-Vor jeder Zelle hielt die Königin an und legte ein winziges Ei hinein.
-Umstehende sangen dabei begeistert für die fruchtbare Mutter ihres
-Volkes das Königslied:
-
- »Heil unsrer Königin,
- Mutter und Herrscherin,
- Summ, summ, summ, summ!
- Lebensquell! Dienstbereit
- Neigen wir allezeit
- Dir uns in Ewigkeit.
- Summ, summ, summ, summ!«
-
-Da hielt die Königin in ihrer Beschäftigung ein.
-
-»Ich hoffe«, sprach sie, »daß mein Volk mit mir zufrieden ist. Mit dem
-Ei, das ich eben gelegt habe, sind es heute zweihundert geworden.«
-
-Max machte einen etwas unkaiserlichen Sprung vor Staunen und rief:
-
-»Zweihundert Eier an einem Tage! Wie lange geht diese Arbeit so weiter?«
-
-»Je nachdem«, erwiderte Süßchen, »gewöhnlich dauert es drei Monate, bis
-ungefähr fünfzehntausend Eier gelegt sind.«
-
-»Fünfzehntausend Eier! Liebe Zeit, damit könnte man für alle Leute
-Pfannkuchen backen!«
-
-Während die beiden noch die wunderbare Bienenmutter bestaunten, die so
-vielen Jungen Leben gibt, hatte sich Süßchen ehrfürchtig der Königin
-genähert. Sie sprach einige Worte mit ihr allein und wandte sich dann
-an die beiden Gäste:
-
-»Die Königin teilt mir mit, daß sie sich freuen würde, euch
-kennenzulernen. Sie wünscht eure Vorstellung.«
-
-Dem Kaiser der Ameisen lief ein Ehrfurchtsschauer über den Rücken.
-
-»Adjutant!« flüsterte er Großzang zu, »der Augenblick, mich zu melden,
-ist gekommen. Denke genau an alle Unterweisungen, die ich dir für diese
-große Stunde gegeben habe.« Auf dies trat er etwas in den Hintergrund
-zurück. Großzang aber schritt wie ein ritterlicher Schildknappe vor die
-Königin und meldete mit Gesang den Herrscher an:
-
- »Der Kaiser kommt, der Kaiser kommt!
- Tralallala! Tralallala!
- Gebt alle Ehre, die ihm frommt!
- Tralallala! Tralallala!«
-
-Alles schwieg. Jeder schaute erstaunt auf Max, der mit feierlichem
-Schritt vortrat, sich tief vor der Königin neigte und mit bewegter
-Stimme sprach:
-
-»Wir, Maximilian Butziwackel I., Kaiser aller Ameisen, sind erfreut,
-der mächtigen, weisen Bienenkönigin Unsere Huldigung darzubringen.
-Wir versichern sie Unserer Freundschaft und geben Unserer
-Verwandtschaftstreue gebührenden Ausdruck!«
-
-Die Königin war höchst erstaunt über dieses ihr fremdartige Gebaren der
-Gäste. Aber um sich die Unkenntnis der neuen Sitte nicht anmerken zu
-lassen, wandte sie sich mit liebenswürdigen Worten an beide Ameisen:
-
-»Wer immer ihr seid, es ist meine Pflicht, euch vor meinem ganzen Volke
-meine Dankbarkeit auszusprechen für die Rettung des Bienenstaates vor
-einem seiner schrecklichsten Feinde. Betrachtet dieses Haus als das
-eure!«
-
-Max dankte mit überströmendem Herzen und einer tiefen Verneigung. Als
-die Hofdamen um die Königin in respektvoller Entfernung einen Halbkreis
-bildeten, gab der Kaiser seinem Adjutanten ein Zeichen, wie diese
-zurückzutreten. Die Königin begann die Unterhaltung:
-
-»Ich bin sehr zufrieden«, sagte sie mit gütigem Lächeln, »daß diese
-Gelegenheit die Ameisen und die Bienen, die beiden edelsten und
-verständigsten Arten der Hautflügler, einander näher gebracht hat!«
-
-»Gewiß!« erwiderte Max, »wir haben viele Gewohnheiten und manche
-Instinkte gemeinsam. Wie die Bienen leben auch wir in Gesellschaft,
-und diese Gesellschaft ist wie die eure aus Weibchen, Männchen und
-Geschlechtslosen oder Arbeitern zusammengesetzt. Bei dieser Gelegenheit
-möchte ich jedoch feststellen, daß weder mein Adjutant noch ich zu
-den Geschlechtslosen gehören, wie es wohl den Anschein hat. Wir sind
-vielmehr Männer.«
-
-»Wie sonderbar«, erwiderte ihm die Königin, »ich dachte, die Ameisen
-töten wie wir ihre Männchen?«
-
-Max hielt es nun für nützlich, dem Gespräch eine Wendung zu geben. Ohne
-auf die Bemerkung der Königin einzugehen, sprach er:
-
-»Majestät, ich hatte das Vergnügen, Ihr Reich zu besuchen ... Ich war
-erstaunt, ein Reich von außergewöhnlicher Größe zu finden.«
-
-»Jawohl! Aber auch ihr Ameisen bildet große Staaten. Ist euer Reich
-vielleicht kleiner als meines?«
-
-»O viel kleiner!« erwiderte Max ein wenig verlegen. »Und wie zahlreich
-müssen erst Ihre Untertanen sein?« beeilte er sich, weiter zu fragen.
-
-»Es sind ungefähr dreißigtausend Einwohner.«
-
-»Dreißigtausend Bienen! Das ist eine überwältigende Zahl!«
-
-»Wie groß ist euer Ameisenvolk?«
-
-»Ach, Majestät!« antwortete Max immer verlegener, »meine Untertanen!
-... Da stehen sie alle.« Er wies auf seinen Adjutanten und rief:
-
-»Großzang, Graf aller Hautflügler, mein letzter Untertan und
-Flügeladjutant.«
-
-Großzang verneigte sich tief.
-
-Max bemerkte, daß die Königin ihn nicht recht verstand. Er hielt es
-also für nötig, ihr die bemerkenswertesten Taten seines Lebens zu
-erzählen; so fing er denn an:
-
-»Teuerste Majestät! Unter uns können wir ja ohne Umstände reden. Ich
-bin ein armer, entthronter Kaiser, ein Fürst ohne Volk und Land, und
-ich kann nicht umhin, dich in der glücklichen Lage einer wahren Königin
-zu beneiden. Bedient, geachtet und angebetet lebst du inmitten deines
-Volkes!«
-
-Bei diesen Worten verzog die Königin den Mund, neigte sich zu Max und
-sagte ganz vertraulich:
-
-»Königin? Ich bin es und bin es nicht!«
-
-»Du bist es! Ich wollte, ich könnte so wie du regieren!«
-
-»So, so? Was würdest du dazu sagen, wenn du den lieben, langen Tag Eier
-legen müßtest?«
-
-Bei dieser Bemerkung wurde Max trotz seiner schwarzen Haut ganz rot vor
-Entrüstung.
-
-»Bedenke doch«, fuhr die Biene fort, »daß ich in meinem Reich zugleich
-etwas mehr und etwas weniger bin als Königin. Ich bin die gemeinsame
-Mutter, die Lebensquelle des Volkes. Ich sichere ihm den Bestand, weil
-ich allein für die Nachkommenschaft sorge. Dies Volk ist mein, weil
-ich es schuf, es zur Welt brachte; es ist mein Kind und ich bin seine
-Mutter. Aber glaubst du, daß ich zu meinem Vergnügen Königin geworden
-sei? Ich bin Königin, damit ich Eier lege, viele Eier! Bin es nur unter
-der Bedingung, daß ich das Volk erhalte, und Königin bin ich nur,
-solange ich dem Volk Mutter sein kann. An dem Tage, an dem ich mein
-Reich nicht mehr vergrößere, höre ich auf, Königin zu sein. Wie du
-siehst, ist meine Stellung sehr hoch von einem hohen Gesichtspunkt aus
-betrachtet, sehr erbärmlich von einem niederen aus gesehen.«
-
-An Maxens langgezogenem Gesicht konnte man nicht ergründen, welchen
-der beiden Gesichtspunkte er vertrat und welche Auffassung von der
-Würde einer Bienenkönigin er bekommen hatte, aber jedenfalls machten
-die edle Sprache und das würdevolle Auftreten der hohen Frau einen
-tiefen Eindruck auf ihn. So viel erfaßte er sicher, daß man, um bei den
-Insekten etwas zu gelten, erst etwas Ordentliches leisten mußte.
-
-Mit wehmütigem Ton setzte die Königin ihr Gespräch fort.
-
-»Wenn ich wenigstens nach all meiner Sorge und Mühe ruhig altern
-könnte! Aber im Handumdrehen kann es geschehen, daß ... nun, ich will
-nicht weiter davon reden!«
-
-Max hätte gern auf der weiteren Aussprache dieses begonnenen Gedankens
-bestanden, allein er fürchtete, als taktlos zu gelten, und sagte nur:
-
-»Hoffentlich erlaubst du mir, manchmal zu kommen, um mit einer
-Ebenbürtigen zu plaudern.«
-
-»Mit Vergnügen, mein Lieber!«
-
-Max verneigte sich, küßte der Königin ritterlich das Vorderbeinchen
-und verabschiedete sich von ihr, während ringsum lauter Jubel über das
-festliche und noch nie erlebte Ereignis widerhallte:
-
-»Hoch die Königin!«
-
-»Es lebe die Ameise mit dem Wackelfähnlein!«
-
-Freudestrahlend wandte sich Max an seinen Adjutanten:
-
-»Dieser Freundschaftsbund berechtigt zu großen Hoffnungen! Wer weiß, ob
-nicht doch noch meine Stunde schlägt!«
-
-»Ach, alles recht!« flüsterte Großzang ihm zu, »aber mein Magen brummt,
-und ich hoffe nur auf die Stunde, in der es was zu essen gibt!«
-
-
-
-
-37. Das Geheimnis der Muskatellertraube.
-
-
-In der schönen, großen Bienenstadt, wo es an nichts fehlte, inmitten
-eines lieben, bescheidenen Volkes, führten die zwei Ameisen ein
-stilles, süßes Leben.
-
-»Ein Dasein, so süß wie Honig«, verglich Großzang; denn für Honig hatte
-er ein ganz außerordentliches Verständnis. Dankbar für die erwiesenen
-Wohltaten hatten die Bienen den beiden Gästen eine leere Kammer
-zur Verfügung gestellt, wo auf einem Tischchen, das Max aus einem
-Kürbiskern gefertigt hatte, dreimal des Tages ein Mahl aufgetragen
-wurde, das wirklich eines Kaisers würdig war. Einmal bereitete Süßchen
-für die beiden Gäste einen Königinnenbrei, ein ausgezeichnetes Gericht,
-das noch viel besser schmeckte als der gewöhnliche Honig. Kaum hatte
-der schleckige Adjutant davon gekostet, so rief er schon:
-
-»Das bestelle ich für alle Tage.«
-
-»Das geht nicht«, wehrte Süßchen. »Diese Speise enthält mehr Zucker
-und andere kostbare Nährstoffe. Sie ist durch ihren hohen Nährwert
-bestimmt, die ausschließliche Nahrung solcher Larven zu sein, die
-Königinnen werden sollen.«
-
-»Aha«, begriff Max, »der Brei hat ganz besondere Kraft?«
-
-»Gewiß. Die Art der Nahrung ist von großem Einfluß auf die Entwicklung
-der Larven. In gewöhnlichen Zellen speisen die Larven die alltägliche
-Mahlzeit, und es kommt eine Arbeitsbiene hervor. In den königlichen
-Gemächern wird der besondere Futterbrei aufgetragen, und dabei
-entwickelt sich eine Königin, die wegen der kraftvollen Speise größer
-wächst wie wir und in ihrer größeren Zelle auch Platz zum Größerwerden
-hat. Gäben wir den Arbeiterlarven nur diese Speise, bekämen wir lauter
-Königinnen.«
-
-Max sperrte den Mund und alle hundertdreiundzwanzig Augen auf. Es wurde
-ihm furchtbar unbehaglich zumute, und er fragte vorsichtig ängstlich:
-
-»Süßchen, könnte es am Ende dahin kommen, daß ich eines Tages Hunderte
-von Eiern legen müßte, weil ich von der Wunderspeise gegessen habe?«
-
-Süßchen lächelte bloß über einen so sonderbaren Einfall.
-
-»Süßchen, um des Himmels willen, antworte! Ich fühle schon etwas
-Ungewöhnliches in mir vorgehen. Heiliger Gott, hilf! schnell! Ach, ein
-solcher Verrat wäre gräßlich!«
-
-Als Süßchen sah, daß Max ganz außer sich kam vor Angst und Unruhe,
-sagte sie tröstend:
-
-»Was du dir einbildest! Diese Speise kann doch bei Ameisen nicht die
-gleiche Wirkung haben wie bei Bienenlarven.«
-
-Max, der sich schon verurteilt gesehen hatte, bis zum Ende des Sommers
-fünfzehntausend Eier legen zu müssen, holte einen tiefen Seufzer
-der Erleichterung aus seiner Brust. Dann bat er, lieber doch keinen
-Königinnenbrei mehr zu bringen, -- man könnte doch nicht sicher wissen,
-wie er wirke. Das war aber nicht nach dem Wunsche des hungrigen Herrn
-Grafen Großzang.
-
-»O wie schade«, rief er mit aufrichtigstem Bedauern, »für jeden
-Mundvoll dieser Götterspeise verpflichte ich mich, von früh bis abends
-Eier zu legen!«
-
-Da strafte ihn Max mit einem strengen Blick und rief:
-
-»Schäme dich! Ein kaiserlicher Flügeladjutant und solche Pläne! Das
-müßte sich gut ausnehmen! Dich muß ich einmal ordentlich vornehmen und
-einige neue militärische Übungen machen lassen!«
-
-Seit sich Kaiser Butziwackel im Bienenhaus befand, inmitten eines
-Volkes, das seiner Königin treu ergeben war, seitdem er gar das
-Vertrauen dieser hohen Frau besaß, war aller kindischer Ehrgeiz
-in seinem Ameisenkopf aufs neue erwacht. Es reiften daraus die
-wunderlichsten Pläne zukünftiger militärischer Abenteuer, von
-glorreichen Unternehmungen, Eroberungen und Verbesserungen im Reiche
-der gesamten Insektenwelt; Süßchen, die sich zwar all diesen geäußerten
-Träumen gegenüber kühl und ablehnend verhielt, fühlte sich trotzdem
-geschmeichelt durch Maxens Anspielung, daß sie eines Tages zur Herzogin
-erhoben werden solle, um die oberste Verwaltung über sämtliche
-kaiserliche Vorratskammern zu führen. Um Max zufriedenzustellen, hatte
-sie ihm aus gelbem Wachs und braunem Kittwachs nach seinen Anweisungen
-eine schöne Kaiserkrone verfertigt sowie auch zwei prachtvolle
-Harnische. Einen für Max, den anderen für seinen Adjutanten.
-
-[Illustration]
-
-In dieser kriegerischen Rüstung wurde täglich feierliche Heerschau
-gehalten, wobei Max seinem einzigen Offizier und Soldaten befahl:
-
-»Abzählen! zu zwei!«
-
-Und Großzang zählte:
-
-»Eins!«
-
-Rings um die zwei kampflustigen Krieger arbeitete mit fieberhafter
-Lust das Bienenvolk, um das Leben des heranwachsenden Geschlechtes
-sicherzustellen. Unter den scharfen Augen der spähenden Schildwachen
-flogen am Eingang des Stockes die Arbeiterinnen. Sie trugen Futter für
-die Larven ein und füllten die Vorratskammern mit Lebensmitteln für
-die schlechte Jahreszeit. In jeder Minute kamen mindestens hundert
-Arbeits- oder Trachtbienen schwerbeladen am Eingang an, und Max, der
-oft dabeistand, um zuzusehen, beobachtete, daß jede Biene vier Flüge
-täglich machte. Da nun das Volk dreißigtausend Bürger zählte, so
-waren's zusammen hundertzwanzigtausend Ausflüge. Jeder Ausflug aber
-bedeutete: Ernte. Dabei hatte sich Max aber doch verrechnet, denn von
-den Dreißigtausend blieb ein Drittel zur Hausarbeit daheim. Es kamen
-also in Wirklichkeit achtzigtausend honig- und blütenstaubbeladene
-Bienen eingeflogen. Dieses emsige Aus und Ein gab einem oberflächlichen
-Zuschauer allerdings den Eindruck von Unordnung und Verwirrung,
-aber Max sah tiefer in dies Leben und konnte sich nicht genugtun im
-Bewundern seiner fabelhaften Regelmäßigkeit. Jeder erfüllte pünktlich
-seine eigene Aufgabe. Während die Sammlerinnen den Blütenstaub
-ordnungsgemäß in die entsprechenden Vorratszellen einlegten, widmeten
-sich andere der Reinigung des Gemeinwesens, andere sah er eine tote
-Biene fortschaffen, und wieder andere beförderten einen fremden
-Störenfried an die Luft. Mit liebenswürdiger Sorge verpflegt, wuchsen
-die jungen Larven augensichtlich, und unser Max vergnügte sich damit,
-sie in ihren Zellen zu besuchen, wo sie mit ihren fußlosen, weichen
-Körperchen still lagen. Eines Morgens sah er befremdet, wie diejenigen
-Bienen, die sonst Nahrung für die Larven herbeitrugen, sorgfältig die
-Zellchen mit einer Wachsdecke schlossen.
-
-»Nun müssen die Kinder ersticken!« rief Max besorgt.
-
-»Ei, warum nicht gar!« beeilte sich eine Biene zu erwidern. »Diese
-Larven sind nun genügend entwickelt, sie sollen sich jetzt verpuppen,
-um danach vollkommene Bienen zu werden. Es wird ihnen nicht allzuviel
-Mühe kosten, das Wachstürchen selbst durchzubrechen.«
-
-Wißbegierig folgte Max solcher Arbeit, und er sah, wie unter andern
-auch eine Königinnenzelle verschlossen wurde. Ihre Wachsdecke wurde
-kuppelförmig geformt.
-
-»Potztausend«, rief Max, »wie viele Vorrechte haben doch die Damen!«
-
-Da kam gerade Großzang daher und meldete eifrig, daß die Mahlzeit
-aufgetragen sei. Max folgte seinem Adjutanten in sein Zimmer, wo eine
-von Süßchen beauftragte Biene ein leckeres Mahl auftischte. Max kostete
-und prüfte gedankenvoll den herrlichen Bissen im Munde.
-
-»Das kenne ich doch! Der Geschmack ist mir doch nicht neu! Wo in aller
-Welt habe ich nur das schon gegessen?«
-
-Plötzlich sprang er erfreut auf:
-
-»Ich hab's! Meine Muskatellertrauben! Es schmeckt nach der Traube an
-unserem Landhaus!«
-
-Und zur aufhorchenden Biene gewandt, fuhr er in Erregung fort:
-
-»Liebste Freundin, woher ist der edle Saft zu dieser Speise geholt? O
-sage es mir, du hast keine Ahnung, wie notwendig ich das wissen muß!«
-
-»Ja, der Saft ist gut. Wir holen ihn von einer hübschen Rebe, die sich
-um ein Menschenhaus rankt.«
-
-»Sie ist's, sie ist's! Mein Weinstock ist es! Sage, sage schnell, ist's
-weit von hier?«
-
-»Na, ziemlich weit!«
-
-»Höre, liebstes Bienchen, sage mir eines«, bettelte Max dringlich,
-»könntest du mich nicht auf deinem Rücken hintragen? O tue es, ich will
-mich ganz leicht machen, und du bist mein Luftschiff, nicht?«
-
-»Heute ist es auf keinen Fall mehr möglich, es gibt zuviel zu tun!«
-
-»Morgen dann?!«
-
-»Vielleicht morgen; kann sein!«
-
-»Also abgemacht, morgen früh«, jubelte Max.
-
-Er sprang und sang vor Freude, wie es sich für einen Kaiser eigentlich
-gar nicht geziemt. Aber über der Hoffnung, sein Mütterlein zu sehen,
-vergaß er allen Ehrgeiz und alle Träume der Zukunft mit einem Schlag.
-Er hätte dem Tag die Geschwindigkeit eines Blitzes gewünscht. Morgen
-wollte er nach seinem Hause zurückkehren, von dem er auf gröbliche
-Weise durch Onkel Walter weggeschleppt worden war. Sicher genügte
-jedesmal schon die Erinnerung an die Heimat, alle bösen Verstimmungen
-zu verscheuchen.
-
-Es bleibt eben ewig wahr, daß der Gedanke an eine gute Mutter alle
-schlimmen Pläne aus dem Kopfe verjagt.
-
-
-
-
-38. Die Stadt in Aufruhr.
-
-
-Leider verging der Tag nicht mit Blitzesschnelle, sondern wie keiner
-noch schlich er langsam dahin. Übrigens brachte er schwere schreckliche
-Ereignisse. Max bemerkte schon in aller Frühe, als er der Königin
-begegnete, eine unbegreifliche Veränderung. Sie war merkwürdig unruhig
-und nicht so würdevoll gelassen wie sonst. Er hatte sich zu ihr
-begeben wollen, um sein Scheiden aus ihrem Reiche zu melden. Sein
-Adjutant, der ihn bei dem Abschiedsbesuch begleitete, wollte gleich
-ihm sich bedanken für die große Gastfreundschaft, die beide empfangen
-hatten.
-
-Voller Erregung und mit rauher Stimme redete die Königin ihn zuerst an:
-
-»Du kommst eben recht! Du hast mich vor kurzem um meine Macht und mein
-Ansehen beneidet. Ist es nicht so?«
-
-»Gewiß!« erwiderte Max, »ich wüßte niemand, der so mächtig, so
-verehrt -- --«
-
-»Mächtig? Verehrt?« fiel ihm die Königin in seine beginnende Lobrede,
-»willst du erleben, wie groß meine Macht ist, wie mich meine Untertanen
-ehren?«
-
-Sie wandte sich an eine vorübereilende Gruppe von Bienen und rief ihnen
-zu:
-
-»Heda! Bringt mir das Frühstück!«
-
-Bestürzt sah Max, wie die eiligen Bienen den Kopf schüttelten und sich
-nicht weiter um den Befehl kümmerten.
-
-»Ha, siehst Du, wie gehorsam meine Untertanen sind! Und warum? Man
-erwartet die Geburt einer neuen Königin, der ich selbst das Leben gab.«
-
-»Wie!« rief Max, »diese großen Zellen dort im Hintergrunde enthalten
-also Königinnen, die dich stürzen wollen?« Die Königin antwortete
-nicht, sondern sah gespannt nach der Richtung, die Max bezeichnet
-hatte. Mit einem Wutschrei stürzte sie unversehens dorthin:
-
-»Ah, da sind sie ja schon, diese neuen Königinnen!« rief sie gellend.
-
-Max folgte ihr erschrocken. Aber bei den Königinzellen war ein dichter
-Schwarm von Arbeiterinnen, die ersichtlich Wache standen. Sie hatten
-die Ankunft der alten Königin im voraus erwartet, warfen sich ihr
-entgegen, trieben sie zurück und schrien sie an:
-
-»Hier kommt niemand durch!«
-
-Max war außer sich über eine solche Frechheit. Er hatte seit seinem
-Eintritt ins Bienenhaus so viele Beweise von Ergebenheit gesehen,
-die dieses Volk seiner Herrscherin zollte, und konnte darum nicht
-glauben, daß alles plötzlich anders geworden sei und heller Aufruhr
-herrsche. Nun geschah doch das Unbegreifliche; es blieb nicht mehr zu
-zweifeln: eine Umwälzung begann. An diesem Tag waren nur ganz wenig
-Bienen ausgeflogen, die Stadt steckte voll von erregten Arbeiterinnen,
-welche da und dort in Gruppen herumstanden und hastig hin und her
-redeten. Im Vorübergehen hörte Max eine Biene, die mitten in einem
-beifallspendenden Schwarm eine Rede hielt:
-
-»Es sind zuviel hier bei uns!« schrie sie, »seit zwei Tagen sind
-fünftausend neue Bürger geboren. Wenn wir nicht alle ersticken wollen,
-müssen wir einen Entschluß fassen!«
-
-Max begriff nichts. Aber gewiß handelte es sich um große Dinge im
-Staat. Er suchte daher Süßchen auf, um es zu befragen; aber in der
-wirren Menge konnte er sie nicht finden. Er verlangte Auskunft von
-andern Bienen, aber sie antworteten ihm nicht. Sie waren alle zu
-erregt, zu beschäftigt mit eigenen Gedanken, um auf ihn zu achten.
-
-Max ging jetzt auf sein Zimmer und blieb dort in schweren Gedanken.
-Hier traf er mit Unwillen Großzang, der, aller höheren Interessen bar,
-die Reste des Muskatellerhonigs verzehrte.
-
-»Unglückseliger!« rief er, »wie kannst du jetzt noch deinem
-unersättlichen Magen dienen, wo draußen das ganze Volk in hellem
-Aufruhr tobt!«
-
-Der Adjutant stand mit offenem Munde vor Staunen da. Dann gab er sich
-einer letzten Versuchung hin und rief:
-
-»Majestät, noch einen Mundvoll, dann komme ich sofort!«
-
-Max aber, auf dem Gipfel seines Zornes, ergriff ihn an der Gurgel,
-schüttelte ihn heftig und schrie:
-
-»Wenn du diesen Mundvoll hinunterschluckst, dann sollst du mich
-kennenlernen!«
-
-Er ließ ihn nicht eher los, bis er den schönen Mundvoll herausgegeben
-hatte.
-
-»Was gibt's denn?« stammelte Großzang, sobald er wieder Atem bekam.
-»Sind denn alle verrückt geworden in dieser Stadt?«
-
-Die Gärung hatte indessen zugenommen. Jetzt summten und brummten alle
-Bienen, schlugen mit den Flügeln und gebärdeten sich so aufgeregt, als
-ob sie wirklich alle den Kopf verloren hätten. Da näherte sich die alte
-Königin. Erhaben und bewundernswert in ihrer Majestät sprach sie:
-
-»Mein Volk! Bis jetzt glaube ich meine Pflicht als gemeinsame Mutter
-peinlich genau erfüllt zu haben. Die ungeheure Zahl der jungen Bienen
-beweist es, die ich unter euch sehe, lauter Kinder, die seit kurzem
-geboren sind und denen ich das Leben gab.«
-
-»Wahr ist's! Es lebe die Königin!« riefen viele.
-
-»Danke!« erwiderte sie kühl das Haupt neigend. »Ich sehe, meine Sendung
-ist erfüllt; die Nachkommenschaft, die ich geschaffen und für die ihr
-alle gearbeitet habt, braucht Platz. Sie muß ihre eigene Tätigkeit
-hier beginnen, muß ein neues und junges Reich gründen.«
-
-Schon öffnet sich die Zelle einer neuen Königin.
-
-»Es lebe die neue Königin!« riefen andere.
-
-»Sie lebe!« fuhr die alte Königin fort, »und sei glücklich in eurer
-Mitte! Doch ihr wißt, daß in einem geordneten Bienenstaat nicht
-zugleich zwei Königinnen, zwei Mütter, leben dürfen. Unverbrüchlichen
-Gehorsam, zarte Sorge und unteilbare Liebe bringt ihr der einen Mutter
-des Volkes entgegen. Nie werden diese Gefühle für zwei bestehen können.
-So bleibe denn die junge Königin hier. Möge sie neue, starke und mutige
-Geschlechter erzeugen! Ich habe meine Lebensaufgabe noch nicht ganz
-erfüllt; viele neue Wesen fühle ich noch an meinem Herzen schlagen,
-viele junge Leben haben das meine noch nötig. Ich scheide daher und
-gehe, um ein neues Reich zu gründen, neuen Kindern Mutter zu sein. Ich
-danke der Natur, die mir die Kraft gegeben hat, zwei Völker zu gründen
-und zu beherrschen. Wer mich liebt, der folge mir nach!«
-
-Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, ging sie dem Ausgang zu.
-
-In der Volksmenge entstand jetzt eine unbeschreibliche Verwirrung, ein
-schreckliches Gedränge. Eine große Anzahl von Bienen folgte der alten
-Königin zum Ausgang. Auf ein Zeichen von ihr nahmen sie in raschester
-Bewegung ihren Flug hinaus zum Bienenstock. Mitten aus dieser dichten
-Wolke von summenden Bienen hörten die beiden Ameisen eine Stimme rufen:
-
-»Lebe wohl, lieber Max!«
-
-Schnell lief er dem Ausgang zu, wo er Süßchen sah, die, ihrer alten
-Königin treu, dem ausziehenden Schwarm folgte. Die zwei Ameisen
-kehrten wehmütig in die Stadt zurück und waren untröstlich über die
-Veränderungen. Sie wurden noch schmerzlicher bewegt, als sie sahen, daß
-die Erregung im Hause immer noch wuchs. Die zurückgebliebenen Bienen
-zogen in unordentlichen Reihen zu den Königszellen, wo immer noch der
-dichte Bienenschwarm Wache hielt, der die alte Königin abgewiesen
-hatte. Jetzt widerhallte im Stock ein Schreien und Rufen:
-
-»Obacht! Hier ist sie schon!«
-
-Eine junge Biene hatte eben die Wachsdecke ihres Geburtszimmerchens
-durchbrochen. An dem längeren Körper sowie an den kürzeren Flügeln
-konnte man gleich sehen, daß es ein Weibchen war. Sie schaute rings
-umher. Als sie neben sich die königlichen Zellen bemerkte, geriet sie
-in so schlechte Laune, daß sie sich plötzlich mit gezücktem Stachel
-wuchtig auf die nächste Zelle warf. Sie war schon im Begriffe, deren
-Decke mit ihrem spitzen Degen zu durchbohren und schrie:
-
-»Was sollen diese andern? Weg mit ihnen!«
-
-Die stets bereiten Wachen aber verhinderten die rasende Biene an einer
-solchen Freveltat. Schnell wurde sie vom Volke umringt, fortgezogen,
-und nicht nur an den Flügeln, sondern auch an den Beinen festgehalten.
-Unmöglich konnte sie daher einen zweiten Versuch erneuern. Vergebens
-suchte sie sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Ermüdet und nach
-überwundenem Zorn einsichtig genug, blieb sie schließlich sitzen. Man
-sah aber, es ging in ihrem Innern etwas vor; denn ohne die Flügel
-auszubreiten, bewegte sie diese leise bebend. In dieser Stellung sang
-sie erst ganz leise, dann immer lauter das Morgenlied ihres Daseins:
-
- »Stunde des Werdens, gegrüßet sei mir!
- Leben zu geben,
- Ordnung und Heil,
- Ward mir das Leben
- Heute zuteil.
- Schöpfer des Lebens, wie danke ich dir!
-
- Kommende Völker umschließet mein Schoß,
- Mächtig entfaltet
- Sich euer Reich.
- Einig erhaltet,
- Kinderlein, euch!
- Ehret die Mutter, sie machet euch groß.«
-
-Alle Bienen hielten still in der Arbeit ein. In Ehrfurcht neigten sie
-das Haupt. Unwiderstehlich erfaßte sie das Lied der Mutter und Königin.
-Alle gelobten Liebe und Treue.
-
-Nach einigen Tagen erhob sich die Königin und sprach:
-
-»Ich habe meinen hohen Beruf erfaßt und kenne meine Bestimmung.
-Nun gehe ich hin, sie zu erfüllen. Wer begleitet mich zum frohen
-Hochzeitsfluge?«
-
-Eine Anzahl Bienen summte mit ihr lustig ins Freie. Drinnen aber rief
-man ihnen nach:
-
-»Heil unserer Königin! Sie kehre glücklich und gesegnet wieder!«
-
-Max, der dabeistand, hörte noch eben zurückrufen:
-
-»Leb' wohl, Kaiser Butziwackel!«
-
-Es war die Stimme seiner Freundin, die er als Luftschiff sich erkoren
-hatte.
-
-»Ach Gott«, seufzte er traurig, »wie lange wird es jetzt wohl dauern,
-bis ich mein Haus wiedersehe!«
-
-
-
-
-39. Max verläßt das Bienenreich.
-
-
-Max hatte als Kind schon vom Schwärmen der Bienen vernommen, aber jetzt
-erst, wo er selbst als Ameise am Insektenleben teilnahm, erfaßte er die
-Ursache, warum ein Bienenschwarm den Mutterstock verläßt.
-
-Die Bevölkerung war durch den jungen Nachwuchs so zahlreich
-geworden, daß sie sich mehr als verdoppelt hatte. Der Stock wurde
-daher zu eng, er konnte die Tausende von Insekten nicht mehr
-fassen. Gesundheitspflege, Reinlichkeit, geregelte Arbeit konnten
-in so beengtem Zusammenleben des Volkes nicht mehr bestehen; die
-gesellschaftliche Ordnung wurde in dieser ungeheuren Masse unmöglich;
-die Verwirrung war auf den Gipfel getrieben, die weisen Einrichtungen
-drohten durch Übervölkerung zu entarten. Was tun? Man brauchte
-ein Mittel und zwar ein rasches, um eine Verminderung des Volkes
-zu erreichen; es war nötig, daß ein Teil der Bevölkerung aus dem
-Vaterlande auswanderte, damit es nicht als Ganzes zugrunde gehe. Und
-siehe! Die alte Königin, die Mutter des Volkes, die Gründerin des
-Staates, liefert den höchsten Beweis ihrer Hingebung und Sorge. Sie
-geht zuerst. Sie wandert freiwillig aus und verläßt alles, was sie
-geliebt hat. In höchster Aufopferung verbannt sie sich vom Vaterland,
-um es zu retten. Sie geht, um irgendwo in der Fremde mit denen, die
-ihr freien Willens folgen, einen neuen Staat zu gründen. Sie gibt
-allen jungen Bienenmüttern das edle Beispiel, wie man erziehend auf
-den Gemeinsinn der Nachkommen wirkt. Alles das geschieht, um künftigen
-Geschlechtern ein gesundes Dasein zu sichern! Wenn so Hohes erreicht
-werden soll, was liegt daran, daß viele den Ort verlassen müssen, an
-dem sie geboren sind? Sie dienen künftigem Leben und erfüllen damit
-die von Gott gegebene Aufgabe.
-
-Max, der auch bisweilen auf einen klugen Gedanken kam, fand für das
-Schwärmen der Bienen einen Vergleich in der Geschichte der Menschheit.
-Da war es zur Zeit der Völkerwanderung auch geschehen, daß ganze Stämme
-wegen Übervölkerung neue Wohnsitze suchen mußten.
-
-Die Umwälzungen im Bienenstaate und die neugeschaffenen Verhältnisse
-machten Max nach und nach das Leben bei seinen Gastfreunden
-unbehaglich. Er vermißte die alte Königin; seine Freundin Süßchen war
-fort. Fast alle Bienen, die vom Raubzug des Totenkopfes wußten, und
-bei denen Max nebst Großzang aus Dankbarkeit für die Errettung in
-einem gewissen Ansehen standen, hatten sich dem Schwarm beim Ausflug
-angeschlossen. Das Volk war ein anderes geworden, es hatte sich
-verjüngt und erneut, und die Zeit der Verwirrung war jetzt beendet.
-Während dieser hatte keiner sich um die beiden Ameisen gekümmert, aber
-nun passierte es manchmal, daß man im Vorbeigehen scheele Blicke sah
-und gehässige Bemerkungen hörte. Es stand sehr zu befürchten, daß die
-Bienen bald eine ganze Flut von Fragen an sie richteten: »Wer seid ihr?
-Was tut ihr da? Mit welchem Rechte lebt ihr bei einem Volke, das nicht
-das eure ist?« Dann quälte den armen Kaiser noch ein anderes schweres
-Bedenken:
-
-»Wenn sie mich für einen Feind halten, kann es geschehen, daß sie
-mich eines schönen Tages einbalsamieren, wie sie es mit dem Totenkopf
-gemacht haben.«
-
-Die Furcht, eine Mumie zu werden, reifte einen großen Entschluß.
-
-»Adjutant«, sagte er zu Großzang, »wir müssen uns zum Abmarsch
-vorbereiten.«
-
-»Wieso?«
-
-»Wir müssen fort, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, daß diese neuen
-Bürger uns mit Kittwachs einhüllen, um zwei Mumien aus uns zu machen.«
-
-Großzang hörte sehr niedergeschlagen zu:
-
-»Muß denn das sein? Es war so angenehm hier!« grollte er. »Wer wird uns
-künftig Honig geben? Wie köstlich war das Muskatellergericht! Und den
-Königinnenbrei bekomme ich nirgends wieder!«
-
-»Ich werde dir Honig geben! Ich bereite dir auch ein
-Muskatellergericht!« so drohte ihm erzürnt Max. »Mach', daß wir
-fortkommen von hier!«
-
-Großzang fügte sich mit wehem Herzen. Am Ausgang des Bienenstockes
-standen sie noch ein Weilchen, überschauten Abschied nehmend nochmals
-die gastliche Stätte und sagten still ein herzliches Lebewohl.
-
-Hatten sie hier doch soviel Gastfreundschaft genossen, und bis jetzt
-war ihnen nur Gutes widerfahren. Kaum hatten sie drei Schritte gemacht,
-als sie im Hause hinter sich festliches Gesumse hörten, das sich dem
-Ausgang näherte. Es erschien eine stattliche Bienenschar, die junge
-Königin inmitten. Singend und tanzend flogen sie vorm Haustor auf und
-nieder. Diese jungen Bienen hielten scharf Umschau und prägten sich
-die Lage ihrer Wohnung und deren Eingang genau ein. Dann unternahm
-die Königin einen Flug um den Stock, worauf sie zu den Genossen
-zurückkehrte. Ein zweites und drittes Mal wiederholte sie dies
-gefällige Spiel, bis sie endlich fröhlich ausrief:
-
-»Nun finde ich meinen Weg sicher wieder allein zurück!«
-
-Beifall summend rief die Menge:
-
-»Es lebe die Königin! Es lebe die Braut!«
-
-Hoch in die blauen, sonnigen Lüfte ging der Flug. Unter freiem
-Himmel, inmitten des Wohlgeruches aller Blumen jubelten die Männchen
-summend ihr nach. Sie erwählte sich einen Bräutigam, mit dem sie sich
-vermählte. Dieser starb gleich nach der Hochzeit draußen auf blumiger
-Flur. Die Königin aber kehrte als fruchtbare Mutter zurück zu ihrem
-Volke und sang ihr Lied:
-
- »Kommende Völker umschließet mein Schoß.
- Mächtig entfaltet
- Sich euer Reich.
- Einig erhaltet,
- Kinderlein, euch!
- Ehret die Mutter, sie machet euch groß!«
-
-
-
-
-40. Eine Fahrt erster Klasse.
-
-
-Die zwei Ameisen kamen am Fuße des Baumes an, der in seinem hohlen
-Innern das Bienenvolk beherbergte, als die Sonne im höchsten
-Mittagglanze stand. Das von ihren Strahlen liebkoste Land leuchtete vor
-Freude und Behagen im goldenen Lichte.
-
-Max sah noch einmal empor zur Höhe, um dem gastlichen Bienenstock
-einen letzten Gruß zuzuwerfen, da bemerkte er, daß um ihn und Großzang
-ein dichter Regen von geflügelten Insekten herniederging, wobei ein
-kläglicher Chor von Seufzern ertönte:
-
-»O weh, o weh! Hilfe! Ich sterbe. -- Ich sterbe.«
-
-Am Fuß der Eiche war der Boden bedeckt von dickleibigen Bienen mit
-wahren Glotzaugen.
-
-»Aha, ich merke was!« murmelte Max. »Das sind die armen Männchen!«
-
-[Illustration]
-
-Es waren in der Tat die Drohnen. Die Hochzeit mußte beendet sein. Die
-Arbeitsbienen durchbohrten mit ihrem furchtbaren Speer die wehrlosen
-Männchen und warfen sie aus der Stadt hinaus; denn sie wollten darin
-nur die geschickten und fleißigen Arbeiterinnen behalten.
-
-»Gewissenlose Unterdrücker der Wehrlosen!« rief Max empört aus und
-wendete sich zornig ab.
-
-Wir wollen die Sache mit Ruhe erwägen. -- Dieses wilde Gemetzel ist
-zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung der Bienen nötig. Die
-Männchen, die den Namen Drohnen haben, stellten jetzt nichts weiter vor
-als eine Anzahl von Herumstehern, Nichtstuern, Schmarotzern, die von
-den Mühen anderer leben wollen.
-
-Die Arbeiterinnen sind weise genug, die unnützen Faulenzer aus ihrem
-Staate zu verjagen, wo jeder von der Arbeit lebt.
-
-Dieser Auftritt war allerdings nicht geeignet, in den beiden
-Ameisen frohe Gedanken zu erwecken; sie verfolgten ihren Weg mit
-niedergeschlagenen Augen, schwermütig, ohne Ziel, ohne Hoffnung in
-eine unsichere, dunkle Zukunft hinein. Max glaubte nicht mehr an eine
-Möglichkeit, heimzukehren; er dachte sich verurteilt, das Leben eines
-unsteten, ewig herumirrenden Insektes zu führen; er wagte nicht mehr
-zu hoffen, daß es ihm in diesem Leben je beschieden sei, als Herrscher
-eines großen Reiches seine ehrgeizigen Träume zu verwirklichen.
-
-Großzang war bescheidener, erinnerte sich mit Wehmut an die drei
-täglichen Mahlzeiten, von denen eine süßer geschmeckt hatte als die
-andere. Nun waren die schönen Tage vorüber! Von jetzt ab hieß es wieder
-gegen den Appetit ankämpfen, Großzangs wildesten und unüberwindbarsten
-Feind. So wanderten die beiden geraume Zeit, als sie über sich in den
-Zweigen eines weitästigen Baumes lautes Gesumme hörten.
-
-Sie blieben stehen und lauschten.
-
-An dem äußersten Zweige eines der untersten Äste hing eine Riesentraube
-von Bienen. Eine klammerte mit den Vorderbeinen fest an der andern,
-und aus dieser lebenden Traube drangen tausend Stimmen, die deutlich
-die Worte summten:
-
-»Jetzt hängen wir lange genug hier. Wir müssen einen Ort finden, wo
-wir uns einrichten, aber in der Nähe! Die Königin hat den Leib voll
-Eier und kann nicht mehr weit fliegen. Schnell, dorthin! Nein, lieber
-dahin! ...«
-
-Max brach in einen hellen Freudenschrei aus, denn mitten aus dem
-Gesumme hatte er seine Freundin Süßchen herausgehört. Zu gleicher Zeit
-rief er auch schon Großzang warnend zu:
-
-»Obacht! Hier ist der Fuß eines großen Tieres.«
-
-In Wirklichkeit war es eines Mannes Fuß. Aber die kleinen Insekten
-machen keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem Menschenfuß
-und dem eines Ochsen; sie wissen nur, daß beide mit der nämlichen
-Gedankenlosigkeit stets bereit sind, sie zu zertreten. Max konnte
-sich gerade noch retten und sah vor sich einen Mann mit einer
-Drahtmaske über dem Gesicht. In den Händen hielt er, die Öffnung nach
-oben gerichtet, einen glockenförmigen Strohkorb und näherte diesen
-vorsichtig dem Zweig, von dem die Bienentraube herabhing. Max hatte
-kaum Zeit zu rufen:
-
-»Süßchen, gib acht, er fängt dich!«
-
-Da hatte der Mann dem Zweig schon einen heftigen Stoß gegeben, so
-daß die ganze aneinanderhängende Bienenschar in den Korb fiel.
-Geschwind deckte der Mann den Korb mit einem Brettchen zu und ging
-mit dem Bienenvolke freudig grinsend fort. Kurz entschlossen sagte
-Max zu Großzang: »Rasch! Mir nach!« und kletterte auf den Stiefel des
-Mannes, dann stieg er weiter empor und rastete erst auf dem Rande des
-Stiefelrohres.
-
-»Bist du da, Adjutant?« fragte Max besorgt.
-
-»Zu Befehl! Aber wozu diese Kletterpartie?«
-
-»Aus zwei Gründen, lieber Adjutant! Erstens sparen wir uns die Mühe, zu
-Fuß zu wandern, und zweitens lassen wir uns sicher und bequem an den
-Ort tragen, wo unsere Freunde ihre neue Stadt bauen werden.«
-
-»Wohin trägt sie denn dieser Mensch?«
-
-»Ich vermute, in einen Bienenkasten, den Menschen gebaut haben, um den
-Honig ernten zu können.«
-
-»Spitzbuben!« schrie Großzang, der die Sache vom Ameisenstandpunkt aus
-betrachtete. »Schämen diese großen, dicken Menschen sich denn nicht,
-von der Arbeit winzig kleiner Geschöpfe zu leben? Solche Schmarotzer
-sollte es nicht geben!«
-
-Max schwieg betroffen. Auch war die Reise zu unbequem zum Plaudern. So
-oft der Fuß, auf dem sie saßen, auf die Erde stapfte, gab es beiden
-einen solchen Ruck, daß sie sich kaum im Gleichgewicht halten konnten,
-um nicht herunterzupurzeln.
-
-»Wir müssen einen sicherern Platz suchen«, entschied Max. »Hier ist
-scheint's dritter Klasse; wir wollen sehen, ob es uns nicht gelingt, in
-ein Abteil erster Klasse zu gelangen.«
-
-Gefolgt von Großzang hielt er sich an den Hosen des Mannes fest,
-überschritt sodann kühn wie ein Seiltänzer ihren unteren Saum,
-kletterte außen empor bis zur Jacke und stieg an dieser hoch, bis er
-den Rockkragen erreicht hatte.
-
-»Hier sitzt man gut«, rief er. »Es ist zwar ein bißchen schmierig;
-für erste Klasse dürfte es sauberer sein. Der Mann, der diesen Kragen
-trägt, hält nicht viel auf Reinlichkeit!«
-
-Er hatte kaum diese Betrachtung angestellt, als er ganz nahe über
-sich, mitten in einem Walde von roten Haaren, ein graues Tier sah, das
-neugierig auf die beiden Ameisen herunterschaute.
-
-»Heda!« bemerkte es mit bissigem Ausdruck, »was wollt ihr hier oben?
-Das ist mein Feld. Wißt ihr, wer ich bin?«
-
-»Um Gottes willen, sag' es lieber nicht!« sprach Max mit Ekel, »es ist
-zwar das erste Mal, daß ich dich sehe, allein ich erkenne dich nach dem
-Orte, wo du wohnst!«
-
-»Oje! du brauchst dich nicht so zu zieren«, sagte die Sprecherin,
-streckte ihren Leib aus dem zerrauften roten Wald heraus und klammerte
-sich dabei mit scharfen Krallen am Ende eines Haares an; »ich gehöre zu
-einer Insektenart, die geradesoviel gilt wie die deine!«
-
-»Sag's nochmal, so will ich es glauben«, spöttelte Max.
-
-»Jawohl! Was bildest du dir ein? Ich bin eine brave Laus, und in meiner
-Ordnung gibt es berühmte Gesangskünstler, die Zikaden, kühne Seefahrer,
-die auf dem Wasser gehen können, wie der Wasserläufer, berühmte
-Maler, die das Geheimnis einer herrlichen Farbenbereitung besitzen,
-die Kochenille; auch schimmernde Sterne gibt es bei uns, die Licht
-verbreiten -- die Laternenträger!«
-
-»Kann sein«, erwiderte Max unwirsch; »ich kann mir denken, wie diese
-guten Leute sich schämen, mit dir verwandt zu sein!«
-
-»Oho! Ihr Ameisen schämt euch aber nicht, soviel ich weiß, meine
-Verwandten, die Blattläuse auszusaugen, die ihrerseits den Pflanzen den
-gleichen Dienst erweisen wie wir den Menschen.«
-
-»Saubere Dienste!« höhnte Max.
-
-»Sauber oder nicht! Ich sage dir nur, wenn du noch weiter da
-heraufspazierst, rufe ich meine sämtlichen Kinder herbei, dann kannst
-du etwas erleben.«
-
-»Ha, ha, Kinder hast du auch?«
-
-»Das wollte ich meinen«, sagte das graue Weiblein stolz; »ich kann
-fünfzig Eier legen in einem Tage.«
-
-»Glückauf! Möchten sie alle fünfzig noch jung geknickt werden!«
-
-Max wandte sich gern ab, lief vom Kragen eilfertig über die linke
-Schulter des Mannes herab und versteckte sich tief in einer Ärmelfalte,
-nur um das greuliche Tier nicht länger zu sehen.
-
-»Eine merkwürdige Sache«, bemerkte Großzang, der Max auf Schritt und
-Tritt nachlief, »dieser Mensch raubt den Bienen ihren Honig, und das
-Insekt da droben saugt dem Menschen das Blut aus.«
-
-»Na, an Steuern und Abgaben kommt keiner vorbei«, schloß Max die für
-Großzang merkwürdig kluge Beobachtung. »Aber es muß einer schon ein arg
-schmutziger Kerl sein, wenn er den Läusen freiwillig einen Blutzoll
-entrichtet!«
-
-
-
-
-41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher.
-
-
-Schon geraume Weile reisten Max und sein Adjutant auf dem Ärmel,
-als der Mann anhielt. Max sah zwischen den Bäumen künstliche
-Bienenwohnungen und erkannte, daß er sich im Besitztum des
-Bienenzüchters befand, der mit seinem Vater wohl bekannt war, und
-der ungefähr tausend Schritte von seinem Haus entfernt wohnte:
-für ein Kind eine kleine Entfernung, aber ein ungeheurer Weg für
-Ameisenbeinchen! Der Mann, auf dem Max reiste, beugte sich nieder
-und stülpte mit rascher Bewegung die Strohglocke über ein zu ihr
-passendes, walzenförmiges Unterteil. Jetzt war die neue Familie in
-einem kuppelförmigen Bienenhäuschen untergebracht, in dem sie sich sehr
-wohl befand, denn die fleißigen Arbeitsbienen machten sich sogleich an
-ihre Geschäfte. Max gab Großzang ein Zeichen und rief:
-
-»Schleunig absteigen!«
-
-Zunächst liefen die beiden am Ärmel empor, gegen die Schulter hin, um
-dann über den Rücken der Joppe den Abstieg zu nehmen. Der Mann hatte
-sich inzwischen die Drahtmaske abgenommen und beguckte sorgfältig
-seine Bienenvölker. Eines davon schien verdächtig unruhig. Er mußte,
-um nachzusehen, was da vorgehe, den Deckel heben. Die Bienen waren
-schlecht gelaunt und sehr erregt. So stürzte im Nu ein wütendes Heer
-aus dem Stocke auf den Mann los und hüllte ihn wie eine Wolke ein,
-brummend und summend sein Gesicht bedrohend. Schnell lief er davon;
-doch die zornigen Bienen verfolgten ihn und zerstachen ihm jämmerlich
-Gesicht und Hände. Endlich ließen sie von dem Gepeinigten ab, der sich
-fluchend an einem Grabenrand niederließ, den Kittel auszog und sich
-mit ihm das schmerzhaft anschwellende Gesicht rieb. Dann legte er das
-Kleidungsstück neben sich ins Gras.
-
-Das war alles so schnell vor sich gegangen, daß die beiden Reisenden
-todsicher auf unbekanntes Gebiet gestürzt wären, hätten sie nicht das
-unglaubliche Glück gehabt, in die Rocktasche zu fallen. Freilich war
-es trotzdem ein zweifelhaftes Vergnügen, denn Max und sein Adjutant
-befanden sich jetzt mitten in einem Gekrümmel von Tabakresten und
-Zigarrenstummeln. Um dem greulichen Gestank zu entgehen, blieb nichts
-anderes übrig, als in die Tabakpfeife zu flüchten, wo es durchaus
-nicht besser roch. Als der Kittel bewegungslos lag, sagte Max:
-
-»Nur geschwind heraus! Wir ersticken hier!«
-
-[Illustration]
-
-Nicht ohne Mühe fanden sie den Ausgang und liefen im Eiltrab davon, dem
-Graben entlang, an dessen Rand der Verletzte jammernd die Bienenstachel
-sich aus den Händen entfernte. Der arme, gehetzte Kaiser rannte mit
-seinem Adjutanten so schnell, als gelte es einen Wettlauf an ein
-bestimmtes Ziel. Es war aber die innere Unruhe über die Ungewißheit
-seiner Lage, die ihn so dahinjagte. Die Hoffnung, bei den befreundeten
-Bienen wieder anzukommen, war vernichtet. Vielleicht war er ihnen nahe,
-wer weiß es? Aber die Reise in der finstern Tasche und die Kreuz-
-und Quersprünge des zerstochenen Bienenvaters waren schuld, daß sie
-beide aus dem verlässigen Ortssinn der Insekten keinen Nutzen ziehen
-konnten. Sie rannten also aufs Geratewohl vorwärts, und Max hätte gern
-sein Kaiserreich, das er nicht besaß, hingegeben für ein sicheres
-Nachtquartier. Großzang hätte für einen Imbiß der bescheidensten Art
-seinen Grafentitel geopfert.
-
-Die zwei Wanderer waren bereits ein gut Stück Weges dahingezogen, als
-Großzang, seinen Kaiser betrachtend, plötzlich erschrocken ausrief:
-
-»Majestät! Die Krone!«
-
-Max betastete eilig sein Haupt. Die Krone, die kaiserliche Krone, sie
-war nicht mehr da! -- Ach Gott! die lag in der Joppentasche, bei den
-Stummeln und der Tabakspfeife, als klägliches Beispiel, wie man aus
-den höchsten Ehren dieser Welt jäh in den Staub stürzen könne. Das war
-für unsern Helden ein harter Schlag! Er blieb erst stumm stehen, dann
-übermannte ihn der Schmerz; er fiel zur Erde und brach in Wehklagen aus:
-
-»Teuerster Adjutant! Es ist unnütz, noch weiter zu gehen. Wohin? Wozu?
-Es ist gescheiter, wir erwarten hier den Tod -- alle beide.« Ohne auf
-Großzang zu hören, der ihn trösten wollte, murmelte er:
-
-»O Mutter, meine liebe, gute Mutter!«
-
-Der Gedanke an die Mutter hatte ihn noch jedesmal gestärkt, so auch
-diesmal. Als er den Blick erhob, bemerkte er ein schönes Insekt, das
-auf ihn zuflog. Dies Insekt kannte er. Es erinnerte ihn an sein teures
-Haus, seine liebe Familie. War es doch auch in jenem Haus geboren wie
-er selbst.
-
-»Frau Holzwespe!« rief Max ihm zu.
-
-»Ei«, sprach die Holzwespe erfreut, »bist du es denn wirklich, lieber
-Freund?«
-
-Es war richtig jener stahlblau leuchtende Hautflüger, der damals als
-Larve für sich und Max den Weg durch den metallenen Türbeschlag gebohrt
-hatte.
-
-»Ja, ich bin es! O liebe Holzwespe, wenn du wüßtest, welcher Trost,
-welche Freude es für mich ist, dich zu sehen!«
-
-»Für mich keine geringere!« sagte das Insekt artig und setzte sich
-neben die zwei Ameisen. »Niemals vergesse ich dir den Dienst, den du
-mir erwiesen hast! Du hast mich aus der Gefahr gerettet, von jener
-Menschenfrau zerdrückt zu werden! -- Aber wie kommst du denn hierher?«
-
-»Ach, das Unglück hat mich so verfolgt, daß ich nicht mehr weiß, wo ich
-mein müdes Haupt hinlegen soll!«
-
-»O du Ärmster!«
-
-Die Holzwespe dachte ein wenig nach, dann sagte sie:
-
-»Warte! Vielleicht kann ich dir eine Wohnung verraten, wo du, wenn mich
-nicht alles täuscht, gut aufgehoben wärst. -- Siehst du die Eiche dort?«
-
-»Jawohl, ich sehe sie!«
-
-»Also gut! Als ich vorhin auf ihren Zweigen saß, hörte ich in ihrem
-Innern ein schwaches Geräusch, wie wenn jemand drinnen Holz zersägte.
-Du weißt, in solchen Dingen habe ich ein wenig Erfahrung. Irre ich
-nicht, so handelt es sich um ein Insekt, das seine letzte Verwandlung
-erreicht hat und jetzt versucht, herauszukommen. Willst du, daß wir
-zusammen die Wohnung besichtigen?«
-
-»Ja, natürlich!« willigte Max freudig ein.
-
-So gingen sie zusammen zur Eiche, und nachdem Max der Holzwespe seinen
-Adjutanten vorgestellt hatte, sprach er zu ihm:
-
-»Teurer Adjutant, dieser zarte Freund beißt sogar Eisen durch; ich habe
-es selbst gesehen!«
-
-Jedoch Großzang war nicht einmal so arg verwundert darüber, wie es Max
-erwartet hatte. Er hatte selbst so sehr Hunger, um in ein Eisen zu
-beißen, und sagte kühl:
-
-»Ich glaub's gern!«
-
-Die Holzwespe stieg an der Eiche empor, gefolgt von den beiden Ameisen.
-An einer gewissen Stelle hielt sie inne:
-
-»Hört ihr's!« fragte sie hinhorchend.
-
-Man vernahm ein ganz leises Geräusch aus dem Innern des Baumes.
-
-»Wir müssen etwas warten«, sagte sie weiter, »aber es dauert sicher
-nicht mehr lange. Der Freund da drinnen arbeitet wie rasend.«
-
-Richtig, gleich darauf, unmittelbar vor Max, öffnete sich ein winziges
-Löchlein, und es erschien ein drollig lebhaftes Köpfchen, das sich nach
-allen Seiten hin bewegte und zugleich große Freude und großes Staunen
-ausdrückte.
-
-Man hörte ein süßes, feines Gesumse, das lautete:
-
-»Endlich atme ich dich, du gesegnete Luft!«
-
-Aus dem Löchlein kamen jetzt zwei reizende Pfötchen hervor, die sich
-fest am Rande anklammerten, und nach und nach erschien ein prächtiges
-Insekt mit Flügeln und einer herrlich metallisch violetten Färbung.
-
-»Eine Biene!« rief Max, der eine Flut von Fragen in Bereitschaft hatte.
-Doch das Insekt breitete mit Wonne die Flügel aus, streckte und putzte
-die Beinchen, wiegte den Kopf hin und her, machte sodann eine artige
-Verbeugung, flog fort und rief:
-
-»Wie wunderschön ist das Leben!«
-
-»Sie hat recht«, sagte die Holzwespe zu Max, der über diese rasche
-Flucht ein wenig beleidigt dastand; »glaube mir, Lieber, für ein
-Geschöpf, das so lange im Finstern eingeschlossen war, das als
-Larve nur in einer einzigen Hoffnung lebte, für den einzigen Zweck
-arbeitete, endlich als vollkommenes Insekt an das Licht zu kommen, ist
-dieser Augenblick, wenn er endlich da ist, zu wichtig, als daß man sich
-mit neugierigen Leuten ins Plaudern einließe. Ich kann das sagen, ich
-habe es selbst erlebt.«
-
-»Ich kann es begreifen«, sagte Max beschwichtigt.
-
-Aber die Gleichgültigkeit Großzangs der erstaunlichen Nagekunst seiner
-Wespenfreundin gegenüber, konnte er noch nicht verwinden. Es drängte
-ihn daher, seinem stumpfsinnigen Adjutanten den Vorgang näher zu
-beschreiben:
-
-»Verstehst du denn auch, diese Dame hat Eisen, richtiges Eisen zernagt,
-um aus ihrem Gefängnis auszubrechen!«
-
-»Ach ja«, sagte Großzang gelangweilt. »Meinst du denn, ich sei taub?
-Übrigens, um ein solches Meisterstück auszuführen, kommt es nur auf den
-Zustand an, in dem sich einer gerade befindet!«
-
-»Wie meinst du das?«
-
-»Nun, ich zum Beispiel, ich würde gegenwärtig Eisen nicht nur zernagen,
-sondern sogar aufessen.«
-
-Max betrachtete ihn kopfschüttelnd und hätte ihm gern einiges erwidert,
-wenn nicht im selben Augenblicke aus dem Löchlein ein zweites Köpfchen
-hervorgeschaut hätte, dem ersten gleich in jeder Hinsicht.
-
-Mit süßem Gesumme sprach das Bienchen:
-
-»Gelobtes Land, endlich sehe ich dich!«
-
-Und wie seine Schwester breitete es die Flügel aus, machte eine
-Verneigung und flog davon, ohne daß Max nur ein Wort mit ihm hätte
-sprechen können. Da verlor er die Geduld und sagte entschlossen:
-
-»So, nun ist die Reihe an mir; ich trete jetzt in das Haus ein.«
-
-Wie bestürzt blieb er aber stehen, als er drinnen immer noch wütend
-bohren und sägen hörte! Nicht lange, so erschien abermals ein zartes
-Köpfchen und rief:
-
-»Endlich!«
-
-»Endlich möchte ich doch auch wissen«, unterbrach sofort unwillig Max
-die begonnene frohe Rede, und griff fest zu. »Jetzt habe ich satt mit
-der unanständigen Eile. Endlich! Wer bist du? Wie heißt du? Woher
-kommst du? Was willst du tun? Wohin gehst du? Ich sage dir, wenn du
-mir nicht Rede stehst, so lasse ich dich nicht fliegen, und du kannst
-zusehen, wie du deine Geschäfte ohne Kopf besorgst!«
-
-
-
-
-42. Großzang findet beinahe den Hungertod.
-
-
-Bei der Drohung, den Kopf zu verlieren, erschrak das arme Geschöpf
-dermaßen, daß es kein Wort herausbrachte. Max bereute schnell seine
-grobe Heftigkeit und sagte lächelnd:
-
-»Sei doch nicht so! Es war nur Scherz. Ich tue dir gewiß nichts.«
-
-»Danke!« sprach gerührt die Biene. »Es wäre gräßlich, wenn man sterben
-müßte, wo man eben zu leben anfängt.«
-
-»Fürchte dich nicht! Ich bin ein großer Bienenfreund, und du bist doch
-eine Biene, nicht wahr?«
-
-»Ja, ich bin eine Holzbiene.«
-
-»Eine Holzbiene? -- Du arbeitest also wie ein Schreiner? Ich hätte dich
-eher für einen Tapezier gehalten.«
-
-Max glaubte, eine gute Bemerkung zu machen, und war daher enttäuscht
-über den ernsten Ton, mit dem die Holzbiene erklärte:
-
-»Die Tapezierbienen bauen ihr Nest etwas anders.«
-
-»Was? Es gibt wirklich solche?«
-
-»Natürlich; wie es Maurerbienen, Wollbienen und Erdbienen unter uns
-gibt.«
-
-Die Holzbiene gab jetzt ihre Ungeduld zu erkennen. Max bemerkte es und
-sagte:
-
-»Ich sehe, du hast es eilig, und ich halte dich mit meinem Geplauder
-auf. Sage mir nur noch schnell: Ist dies hier dein Haus?«
-
-»Es war bis jetzt mein Haus«, erwiderte die Biene, »aber von heute an
-habe ich ein größeres, schöneres, helleres, meine Wohnung ist jetzt die
-weite Welt!«
-
-»Dann bleibt dies Haus leer, und man braucht keine Miete zu bezahlen,
-wenn man hier wohnen will?«
-
-»Nein, aber es sind noch meine zwei Schwestern in ihren Zimmern da
-drinnen. Sie arbeiten schon an ihrer Türe. Hörst du sie?«
-
-Man vernahm in der Tat jetzt wieder das bekannte Geräusch, als ob
-jemand immerzu Holz sägte.
-
-»Unser Haus ist von meiner Mutter erbaut worden, so wie ich eines für
-meine Kinder machen will. Darum kann ich dir sagen, wie es gemacht
-wird. Man gräbt einen schönen Gang in einen Baumstamm, am Ende
-desselben legt man einen Brei aus Honig und Blütenstaub hinein.«
-
-Da schrie Großzang gierig dazwischen:
-
-»Laß mich sehen, wie du den Teig bereitest!«
-
-»Seinerzeit werde ich ihn schon machen«, fuhr die Biene fort, »ich
-sammle ihn von Früchten und Blumen. In die Mitte des Teiges legen wir
-das Ei, dann schließen wir das Zimmer mit einem Mäuerlein aus Sägemehl
-zu, das wir mit Speichel anrühren. Auf diese Mauer legen wir einen
-zweiten Brei mit einem andern Ei, schließen auf gleiche Weise auch dies
-Zimmer, und so immerfort, solang der ganze Gang ist, den wir zuletzt
-ebenso verschließen.«
-
-»Und dann?«
-
-»Dann finden die Larven, die sich aus dem Ei entwickeln, ihren Tisch
-gedeckt.«
-
-»Diese Glücklichen!« murmelte Großzang.
-
-»Die Larven wachsen und füllen mit ihrem Körper zuletzt die ganze
-Zelle aus. Sie verwandeln sich in Puppen, und endlich, wenn die Zeit
-vollendet ist, werden sie vollkommene Insekten, wie ich jetzt eines bin
--- und --«
-
-»Und?«
-
-Im Baume hörte man eine Stimme rufen:
-
-»He, Schwesterchen! Was machst du denn? Willst du, daß ich hier im
-Dunkeln bleibe?«
-
-Die Biene unterbrach deshalb ihre Rede, und mit rascher Bewegung
-schlüpfte sie vollends aus dem Löchlein; sofort erschien hinter ihr
-ein neuer Kopf. Zuletzt kam auch noch die andere heraus, und alle drei
-machten eine artige Verbeugung und riefen froh:
-
-»Es lebe die Sonne!«
-
-Und weg flogen sie.
-
-»Jetzt nehmen wir Besitz vom Hause«, sprach Max.
-
-Gefolgt von Großzang schlüpfte er ins Haus hinein, während die
-Holzwespe ihm nachrief:
-
-»Ich bin zu groß, um hineinzukommen, ich erwarte dich hier außen.«
-
-Nun war ja der Gang einer Holzbiene gerade nicht dazu angetan, einem
-Kaiser wie Max zur Residenz zu dienen, aber es war doch wenigstens für
-ihn ein bequemes Unterkommen; fünf saubere und nette Zimmerchen standen
-ihm zur Verfügung.
-
-Durch die Wand, die jede der fünf Holzbienenschwestern hatte durchnagen
-müssen, um aus ihrer verschlossenen Zelle zu kommen, konnte man jetzt
-herrlich aus- und eingehen.
-
-Jede dieser Holzbienen hatte die Sägemehlmauer durchbohrt, die ihre
-Zimmerdecke gewesen war. Die erste von ihnen hatte den Ausgang aus dem
-Baumstamm gebohrt, die zweite öffnete die Türe, die sie in das bereits
-leere Kämmerchen führte, und so fort bis zur letzten, die den Ausgang
-durch die Kammern aller Schwestern fand.
-
-»Das sind einmal gescheite Insekten! Alle Anerkennung!« rief Max, »die
-stehen ja sogar uns Ameisen nicht nach. Das will was heißen. Denn man
-darf nicht vergessen, daß unter uns sehr geschickte Holzarbeiter sind,
-die kunstvolle Wohnungen in die Baumstämme graben, teurer Großzang!«
-
-Dieser aber hörte wieder einmal recht zerstreut zu und durchsuchte
-dafür um so angelegentlicher alle Zimmer bis ins hinterste. Wißt ihr,
-nach was? Unzufrieden brummte er:
-
-»Alles aufgegessen!«
-
-»Was suchst du nur?« fragte Max.
-
-»Ach, nichts! Ich schaute nur, ob nicht irgendwo noch eine Spur von dem
-Honigbrei zurückgeblieben sei. Aber nicht eine Spur. Diese verwünschten
-Bienen haben alles aufgeräumt, ohne zu bedenken, daß eines schönen
-Tages dieses Haus von einem kaiserlichen Hof bewohnt werde, der die
-glänzendsten Aussichten für die Zukunft und den riesigsten Appetit in
-der Gegenwart hat!«
-
-Wie er aber merkte, daß Max ihm wieder tüchtig den Kopf waschen wollte,
-kauerte er sich in eine Zimmerecke und rief in hoffnungslosem Tone:
-
-»Es ist unnütz, mir Vorwürfe zu machen. Wenn ich Hunger habe, hört
-meine Vernunft auf. Augenblicklich ist er so groß, daß ich fürchte, vor
-dir den Respekt zu verlieren. Ich will mich nun nicht mehr rühren und
-erwarte hier den Tod. Kommt er, so will ich ihn mit dem Ruf begrüßen:
-
-›Es lebe Kaiser Max Butziwackel der Erste!‹«
-
-Bei diesen Worten legte sich sofort des Kaisers Zorn. Er war bewegt
-durch so viel selbstlose Zuneigung und so todesmutige Ergebenheit für
-seine Person. Er begriff um so besser die Größe des Opfers, das sein
-Adjutant für ihn brachte, als er selber mächtig Appetit verspürte.
-
-Darum stieg er langsam zum Eingang hinaus und sagte zur Holzwespe, die
-auf ihn gewartet hatte:
-
-»Liebe Freundin, ich finde keine Worte, um dir für das schöne Haus zu
-danken, das du mir verschafft hast.«
-
-»Was fällt dir ein!« antwortete diese. »Ich bleibe doch stets deine
-Schuldnerin; wenn du noch etwas brauchen solltest, sage es ohne
-Umstände.«
-
-»Für jetzt vielen Dank«, sprach Max, »jedoch hoffe ich, daß du mich oft
-besuchst und wir uns dann stets gut zusammen unterhalten.«
-
-Bei diesen Worten reichte er ihr zum Abschied sein rechtes
-Vorderbeinchen und begann den Abstieg am Eichenstamm. Die Wespe flog
-davon. Als unser Held am Erdboden angelangt war, lief er hierhin und
-dorthin, um etwas Eßbares zu suchen. Schon nach kurzer Zeit stieß er
-auf eine geplatzte, reife Pflaume, deren zuckersüßes Fleisch in der
-Sonne so appetitlich glänzte, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlief.
-
-Aber Max, dies Lob muß man ihm lassen, dachte nicht daran, zu
-verkosten.
-
-Er nahm eine tüchtige Portion, drehte daraus ein Kügelchen, belud sich
-damit, lief seine Straße zurück, die Eiche hinan und trug es in das
-allerletzte Zimmer, wo Großzang immer noch kauerte und nicht einmal
-mehr die Kraft hatte, zu gähnen!
-
-»Frischen Mut!« rief er ihm zu und legte die Gottesgabe neben ihn. »Der
-kaiserliche Hof ist noch imstande, dich mit Götterspeise zu nähren!«
-
-Bei dem Wort Götterspeise hüpfte der Adjutant hoch auf, warf sich über
-die süße Pille her und aß mit einer solchen Gier, daß er gar nicht
-daran dachte, »Danke« zu sagen. Max stieg gleich wieder hinab zur
-Pflaume, sättigte sich dort und sprach dazu für sich:
-
-»Das hatte ich wahrhaftig selber nötig!«
-
-Als er mit seiner Mahlzeit zu Ende war, drehte er eine zweite Kugel und
-wollte sie eben heimtragen, als er Großzang eilends daherkommen sah.
-
-»Warte!« sagte der Adjutant, »ich nehme noch einen Bissen, und dann
-trage auch ich eine Kugel heim.« Nachdem er tüchtig gegessen hatte,
-sprach er mit leuchtenden Augen:
-
-»So, nun kannst du mich bis ans Ende der Welt befehlen, und ich werde
-dir folgen.«
-
-Dabei fertigte er eine große Pille vom Pflaumenfleisch und folgte
-Max. Auf solche Weise machten die beiden noch manchen Gang. Kaiser
-Butziwackel überzeugte sich dabei, daß es in der Welt für alle genug
-zu essen gibt, aber man muß fleißig suchen und es sich verdienen. Nur
-im Schlaraffenland fliegen den Faulenzern die gebratenen Tauben in den
-Mund. Als der Tag zu Ende ging, waren alle Zimmer voll Kügelchen, und
-von der geplatzten Pflaume lag nur noch der ungenießbare Kern auf der
-Erde.
-
-
-
-
-43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena.
-
-
-Nach allen Wechselfällen des Schicksals führte unser entthronter Kaiser
-jetzt ein ruhiges Dasein in der Verbannung. Er war zufrieden mit seiner
-einfachen Wohnung und lebte in Eintracht mit seinem Adjutanten. Die
-einzig drückende Sorge blieb nur die Beschaffung der Lebensmittel; doch
-auch hier fand sich eine Lösung. An den Wurzeln der Eiche stand ein
-Rosenstock. Auf seinen grünen Zweigen lebte eine zahlreiche Herde von
-Blattläusen, die sich willig melken ließen. Nun bestand für die beiden
-Ameisen keine Gefahr mehr, dem Hungertode zu verfallen.
-
-Oft dachte Max über seine Erlebnisse im Ameisendasein nach. Er verglich
-seinen Aufstieg zum General und Kaiser mit dem Geschick Napoleons
-I. und nannte seine Wohnung im Stamme des Eichbaumes St. Helena.
-Lebte nicht auch Butziwackel I., der Ameisenkaiser, fern von seinem
-Volke einsam in der Verbannung? Auf seinen häufigen Spaziergängen
-hatte er überdies Gelegenheit, mit einigen Bienen bekannt zu werden,
-die ihm zufällig begegneten und von denen ihm schon die Holzwespe
-erzählt hatte. Auch von dieser erhielt er öfter Besuch, und er
-unterhielt sich gerne mit ihr auf dem Eichstamme. Sodann schloß er
-sich freundschaftlich an einige Erdbienen an, geschickte Bergleute,
-die im Sandboden ihre Gänge gruben. Sehr nette Bekannte hatte er an
-den Wollbienen und mit einigen Blattschneiderbienen hatte er sogar
-geschäftliche Beziehungen angeknüpft.
-
-Diese bauen ihr Nest in Baumlöcher und fertigen hier fingerhutförmige,
-aneinandergereihte Zellen, welche sie aus den Blättern des
-Rosenstrauches und der Weißbuche und den Blüten des wilden Mohns
-kunstvoll zusammensetzen. Sie verstehen es, die Blätter so geschickt
-mit ihren Kieferzangen auszuschneiden, als ob sie mit einer Schere
-arbeiteten. Weil sie ihr Nest so hübsch auslegen, nennt man die
-Tierchen auch Tapezierbienen. Eine Art lernte er davon kennen, die
-grub ihr Nest in die Erde. Es bestand aus einer einzigen Zelle und war
-mit lauter Blumenblättern ausgefüttert und belegt. Den erweiterten
-Bekanntenkreis benützte Max, mit Hilfe dieser Freunde sein St. Helena
-nach und nach besser auszustatten. Von den Blattschneiderbienen
-hatte er sich eines seiner Zimmer mit Rosenblättern belegen lassen.
-Wie russisches Leder sahen diese Tapeten aus, nachdem die Blätter
-ausgetrocknet waren. Sein Schlafzimmer ließ er sich von einer andern
-Tapezierbiene mit wohlriechenden Blumenblättern belegen und bei den
-Wollbienen hatte er sich ein weiches Bett bestellt. Darin träumte er
-von seiner großen Vergangenheit.
-
-Zu seiner Ehre aber muß man sagen, daß er über aller Bequemlichkeit
-das Notwendige nicht vergaß. Er fertigte selbst eine Haustüre, damit
-kein Unbefugter und keine gefährlichen Gäste eindringen könnten. Es
-gelang ihm mit unerhörter Anstrengung und mit Hilfe seines Adjutanten,
-einen harten Gurkenkern an den Eichenstamm und bis hinauf zu seinem
-Haus zu schleppen. Diesen brachte er auf eine geistvolle Weise als
-Drehtüre am Hauseingang an. War die Türe offen, so stand der Kern mit
-seiner Breitseite halb außen, halb innen am Eingang, der diesen somit
-in zwei Hälften schied, eine als Eingang für den Kaiser, die andere
-für Lieferanten und die Dienerschaft. Was fehlte jetzt noch zu einem
-standesgemäßen Herrschaftshaus? Wollte man die Türe schließen, so
-drehte man einfach den Kern nach links oder rechts, und beide Eingänge
-waren dann zugleich abgeschlossen. Diese Art des Verschlusses wurde
-von allen seinen befreundeten Insekten unendlich bewundert, und die
-Holzwespe verbreitete überall Maxens Ruf als eines unerreichten
-Künstlers.
-
-Als sie dies ihm einmal selbst sagte, erwiderte Max, der gerade Arm in
-Arm mit ihr spazieren ging:
-
-»Ich weiß es wohl!«
-
-Die allgemeine Anerkennung hatte aber wieder alle schlummernden
-Gedanken an Ehre und Ruhm aufgerüttelt. So erzählte er seiner
-vertrauten Freundin von seinen Kriegstaten im Ameisenreich und sprach
-ihr von seinen Plänen, die darauf hinausgingen, eine gesellschaftliche
-Neuordnung bei den Insekten durchzuführen, die dem Geiste der Zeit
-besser entspräche. Die Holzwespe trug in einem starken Körper einen
-kleinen Geist und war deshalb sofort besiegt von des Kaisers warmer
-Beredsamkeit, die einem Volksredner alle Ehre gemacht hätte. Entzückt
-rief sie daher am Schlusse seiner Ausführung aus:
-
-»O, einem Kopfe wie dem deinen muß das alles zum Wohle der Völker
-sicher gelingen!«
-
-»Ich erwähle dich«, sagte Max erkenntlich für dies Lob, »von heute an
-zur Herzogin von St. Helena.«
-
-In der folgenden Zeit saßen der Kaiser Butziwackel I., die Herzogin
-von St. Helena und der Graf aller Hautflügler nur noch zusammen, um
-Luftschlösser zu bauen. Alle Tage wurden diese größer, und sämtliche
-Beratungen endeten gewöhnlich mit rauschendem Beifall für die Pläne
-unseres Volksfreundes.
-
-Und noch etwas! -- Aber soll ich es sagen? Seit Max die Holzwespe
-wieder gefunden hatte, war er öfter daran, sie um Auskunft über die
-Lage seines Landhauses zu fragen, um so näher lag was, als die
-Holzwespe dort geboren war und genügend starke Flügel hatte, um es
-aufzusuchen. Aber wie merkwürdig! -- Er fragte sie nie! Wißt ihr warum?
-
-Kaiser Butziwackel I. fühlte sich behaglich in seiner Verbannung,
-es fehlte ihm nicht am täglichen Brot, sein Adjutant bediente ihn
-vortrefflich, seine Freunde alle bewunderten ihn. Über diesem guten
-Leben hatte Max die Heimat vergessen!
-
-[Illustration]
-
-Wie sollte das weitergehen? Kaiser Butziwackel war auf dem besten Wege,
-im Insektenreiche ein unnützer, gedankenloser Faulenzer zu werden.
-Eines Morgens saß er rittlings auf dem Gurkenkern, seinem Schloßportal,
-schaute vergnüglich in die weite Welt und ließ sich von den warmen
-Sonnenstrahlen bescheinen. Da kam plötzlich ein scharfer Sturmwind,
-rüttelte und schüttelte die Eiche, daß sie in allen Fasern ächzte
-und ihre Äste krachend durcheinanderschlug. Die Haustüre fiel aus
-ihrem Gefüge und stürzte mitsamt dem Kaiser kopfüber in die Tiefe.
-Wäre Max auf einen harten Stein gefallen, so hätte er sterben müssen.
-Glücklicherweise aber wuchs unter dem Baume weiches Moos. Max hatte
-schon im Stürzen vor Schrecken die Besinnung verloren. So lag er jetzt
-im tiefen Schlaf der Ohnmacht im grünen Moos eingebettet.
-
-Da trat mit leisen Schritten aus den Büschen das alte Männlein mit dem
-langschleppenden Rock und der großen Brille. Das blieb lächelnd vor
-Max stehen, griff nach der Riesendose in den tiefen Rocktaschen, nahm
-behäbig eine Prise, nieste und sprach:
-
- »Fauler Bub'! -- Ameislein
- Hast einmal müssen sein!
- Sahest im fremden Land,
- Was dir ganz unbekannt:
- Arbeit mit Müh' und Fleiß
- Leisten in ihrer Weis
- Alle die Tierlein klein. --
- Faulenzer willst du sein?
-
- Jetzt ist der Zauber aus;
- Gehe als Kind nach Haus.
- Sollst wie die Bienen
- Schaffen und dienen.
- Such' in der Arbeit Ruhm
- König- und Kaisertum!
-
- Mit hohem Streben
- Beherrsche dein Leben!«
-
-Max schlug die Augen auf. Er war wieder ein Knabe. Sein altes,
-zerschlissenes Höschen hatte er wieder an, und das Wackelfähnlein
-baumelte heraus wie zuvor. Rasch stopfte er es ins Verborgene.
-
-Wie er, die Augen reibend, um sich schaute, fand er sich bei dem
-moosigen Stein in der Grotte, wo das Brünnlein plätscherte wie immer.
-
-Von dem Männlein im grünen Rock war nichts zu sehen, aber es roch
-nach Tabak, und Max meinte doch eben seine Stimme gehört zu haben.
-So deutlich klang sie noch in seinen Ohren, daß er die Verse genau
-wiederholen konnte. War er denn hier träumend gelegen? War er
-tatsächlich im Ameisenland gewesen?
-
-So rasch er nur konnte, rannte er dem Hause zu, wo er eben Mutter,
-Vater, Onkel Walter, Moritz und Therese bei Tische sitzend fand.
-
-Mit Küssen und Umarmungen drängte er sich stürmisch in ihre Mitte,
-freudig von allen begrüßt und befragt:
-
-»Warst du gerne bei dem wunderlichen Onkel Christian und seinen
-Insektensammlungen?«
-
-»Ach, Mutterchen, ich war doch selber im Ameisenland, und bei den
-Hummeln habe ich übernachtet. Denkt euch, einmal bin ich auf einem
-Wasserläufer über den großen See geritten und beinahe hätte mich der
-Ameisenlöwe gefressen!«
-
-»Ha, ha«, lachte Onkel Walter, »Max fabuliert von Onkels Ungeziefer,
-das er der Wissenschaft zu Ehren züchtet.«
-
-Bei dem geringschätzigen Wort Ungeziefer gab es Max einen Ruck.
-Unwillkürlich schaute er um sich, ob keine Ameise oder Biene in
-Hörweite sei. »Nun«, fuhr Onkel Walter fort, »bald soll sich's zeigen,
-ob der gute Alte, wie er uns versprach, aus dir kleinem Faulpelz einen
-guten Lateiner hervorgezaubert hat.«
-
-»Onkel«, fiel Max in lebhafter Erinnerung ein, »wegen des
-Lateinprofessors bin ich von deinem Hutrand heruntergepurzelt.«
-
-Nein, wie da alle über ihn lachten, und die Mutter wehrte ihnen nicht
-einmal ab. Sie sagte sogar:
-
-»Geschichten erfinden und erzählen, liebes Kind, sollst du erst nach
-deiner bestandenen Prüfung. Von morgen ab wird tüchtig gelernt und
-nicht fabuliert, ehe du fertig bist!«
-
-Betroffen schwieg Max. Ach, niemand schien ihm zu glauben! So setzte
-er sich zu seinen Büchern, und siehe, in kurzer Zeit bestand er seine
-Prüfung mit Note 1 und einem Stern.
-
-Wenn er dann an den Winterabenden viel aus dem wunderbaren Leben der
-Insekten erzählte, hörten alle mit Bewunderung zu und staunten über die
-Anschaulichkeit, mit welcher er zu berichten wußte.
-
-Wie oft sagte dann Onkel Walter:
-
-»Unser Butziwackel hat das Zeug zu einem berühmten Naturforscher
-in sich! Onkel Christian hat ihn wahrhaftig angesteckt, der alte
-Zauberonkel.«
-
-Der Kleine schwieg dazu.
-
-Nie hat er jemand gesagt, daß er einstmals Ameisenkaiser gewesen war
-und einen Flügeladjutanten sein eigen nannte; auch trug er es Franziska
-nicht nach, daß sie ihn für einen Floh gehalten hatte. Mir aber hat
-Onkel Christian alles verraten, und nur darum war es mir möglich, euch,
-liebe Kinder, diese seltsame Geschichte zu erzählen.
-
-Was mag nur aus Großzang, dem Grafen aller Hautflügler, geworden sein?
--- Und aus der Holzwespe, der Herzogin von St. Helena?
-
-Nun, diese legte fleißig Eier und sorgte für nichts anderes als
-für ihre Nachkommen. Freilich Großzang litt schrecklich unter dem
-plötzlichen Verschwinden seines kaiserlichen Herrn. Erst verzweifelte
-er schier, dann allmählich tröstete er sich an den vollen
-Vorratskammern, die er nun allein ausessen konnte. Er aß im Schmerze
-auch alles sauber auf, was im Hause war. Hierauf begab er sich wieder
-auf Reisen, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
-
-[Illustration: Ende.]
-
-
-
-
-In der =Verlagsbuchhandlung Herder & Co. G. m. b. H.= zu =Freiburg im
-Breisgau= sind erschienen und können durch alle Buchhandlungen bezogen
-werden:
-
-
- =Das Paradies auf Erden. Der kleine Zigeuner.= Zwei
- Kindergeschichten von =Xaver Meschko=. Deutsch von Mina
- Conrad-Eybesfeld. Mit einem Titelbild. 8° (154 S.) Geb. M 6.80
-
-»Xaver Meschko weiß wie kein anderer Herz und Phantasie unserer
-9-14jährigen zu erfreuen, denn Liebe zu Kindern, das liest sich aus
-jeder Zeile heraus, hat ihm die Feder geführt. Eine Fülle von Poesie
-und ein schier unerschöpflicher Reichtum an Gemüt verraten die beiden
-Erzählungen ›Das Paradies auf Erden‹ und ›Der kleine Zigeuner‹, und man
-möchte der Übersetzerin Dank sagen, daß sie unsere Jugendliteratur um
-eine wertvolle Gabe bereichert hat.«
-
- (Echo der Gegenwart, Aachen 1920, Nr. 38.)
-
-
- =Großmutters Jugendland.= Die Geschichte von Klein-Nanni. Von
- =Helene Pagés=. Mit 6 Bildern von Rolf Winkler. 8° (150 S.) Geb.
- M 7.80
-
-»Waren Pagés' bisherige Erzählungen vorwiegend erzieherisch betont,
-so erfreut uns ›Die Geschichte von Klein-Nanni‹ als rein dichterisch
-empfundenes Werk. Die äußere Geschichte ist kurz: Klein-Nanni
-zieht mit den Eltern und Geschwistern vom rheinischen Dorf in das
-neue Schulhaus im Westerwald. Der Vater stirbt nach kurzem Wirken,
-Klein-Nanni muß Schulwohnung und sorgenloses Leben mit ärmlicheren
-Verhältnissen tauschen, bis das tätige Leben sie hinausruft in die
-Welt. -- Aber welch seelischen Reichtum umschließt dieser schlichte
-Rahmen und mit welch hellseherischer Liebe ist er von der Dichterin
-erfüllt! Die Elterngestalten sind klar und anschaulich gegeben; vor
-allem ist aber das köstliche Seelchen des Kindes mit feinem inneren
-Auge gesehen und die Entwicklung mit zartester Hand in lebendigen
-Einzelbildchen gezeichnet. Es sind Meisterstücke psychologischer
-Feinkunst, wie hier Heimweh, Kindesliebe, kindliches Spiel, Kindessitte
-und Sittlichkeit, Ahnen und wachsendes Verstehen der kleinen Seele
-dem Leser vorgestellt werden, rein und lauter, ohne jede Zerfaserung.
-Wie alles Gute und Reine, so ist auch das Religiöse in diesem Kreise
-selbstverständlich wie die Luft, die man atmet. Nur eines vermag die
-Verfasserin nicht überzeugend darzustellen: das Böse und Gemeine. Diese
-kleine Einschränkung erhöhte mir aber die seelische Schönheit dieses
-Jugendbuches.«
-
- (Literar. Handweiser, Freiburg 1920, Nr. 3 [F. X. Thalhofer, Pasing
- b. München].)
-
-
- =Fürst und Vaterland.= Eine geschichtliche Erzählung für Jugend
- und Volk. Von =Alois Menghin=. 3., verbesserte Aufl. Mit 9
- Abbildungen. 8° (170 S.) Geb. M 7.20
-
-»Die Erzählung bietet eine mit kulturgeschichtlich interessanten
-Ausführungen durchwobene Episode aus der Geschichte Tirols um den
-Anfang des 15. Jahrhunderts. Es ist ein Buch von deutscher Treue --
-Fürstentreue wie Mannentreue -- und von deutschem Heldenmut, das in
-seiner prächtigen Ausstattung eine wertvolle und schöne Gabe für die
-deutsche Jugend bildet.«
-
- (Literarischer Handweiser, Münster 1913, Nr. 5.)
-
-
- =Tzavellas, der Suliote.= Geschichtliche Erzählung aus der Zeit der
- Freiheitskämpfe in Griechenland. Von =Ad. Joseph Cüppers=. Mit 6
- Bildern von J. Gehrts. 8° (142 S.) Geb. M 6.20
-
-»Was für ein Buch soll ich meinem Buben schenken? Das ist für viele
-Eltern die große Frage. Das Buch soll belehren, Freude bereiten,
-hübsch ausgestattet und dabei möglichst wohlfeil sein. Allen diesen
-Anforderungen wird dieses Büchlein gerecht. Es führt uns eine Episode
-aus dem Heldenkampf des albanesischen Stammes der Sulioten gegen
-Ali, den Pascha von Janina (1803 Statthalter von Albanien), vor. Die
-dramatisch bewegte Erzählung vereint Einfachheit mit psychologischer
-Tiefe. Die Sprache ist einfach, klar, ungekünstelt. Vollstes Lob
-verdienen auch die sechs dem Büchlein beigegebenen Bilder.«
-
- (Österr.-ungar. Heereszeitung, Wien 1911, Nr. 35.)
-
-
- =Gudrun.= Ein alter Roman von Frauentreue. Neu erzählt von =Ad.
- Joseph Cüppers=. 8° (214 S.) Geb. M 9.--
-
-»... Wie viele aus dem Volk lesen oder lasen bisher die ›Gudrun‹? Aber
-in dieser von einem erfahrenen Volksschriftsteller hergerichteten
-Bearbeitung, die durch ihre frische Sprache, straffe Komposition und
-die Ausscheidung aller unnötigen Längen angenehm auffällt, mag Gudrun
-neu aufleben und ihre stärkende Kraft in solchen Volkskreisen zeigen,
-die edle und ernstere Lektüre vorziehen.«
-
- (Augsburger Postzeitung 1920, Nr. 87.)
-
-
-Die Preise erhöhen sich um die im Buchhandel üblichen Zuschläge.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription.
-
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt. Offensichtliche Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde
- vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 35: der → in der
- Max hatte bisher {in der} festen Überzeugung gelebt
-
- S. 80: einer → einer sich
- in voller Flucht, {einer sich} um
-
- S. 88: hätte sie ihn → wäre sie ihm
- {wäre sie ihm} im Mondschein begegnet
-
- S. 148: aus uns von → von uns aus
- Wäre einer {von uns aus} solcher Höhe
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Max Butziwackel der Ameisenkaiser, by
-Luigi Bertelli
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER ***
-
-***** This file should be named 53973-0.txt or 53973-0.zip *****
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-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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- The Project Gutenberg eBook of Max Butziwackel der Ameisenkaiser, by Luigi Bertelli.
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Max Butziwackel der Ameisenkaiser, by Luigi Bertelli
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Max Butziwackel der Ameisenkaiser
- Ein Buch für Kinder und große Leute
-
-Author: Luigi Bertelli
-
-Illustrator: Karl Elleder
-
-Translator: Luise von Koch
-
-Release Date: January 16, 2017 [EBook #53973]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so dargestellt</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich
-<a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Max Butziwackel<br />
-<span class="smaller">der Ameisenkaiser</span></h1>
-
-<p class="center larger">Ein Buch für Kinder und große Leute</p>
-
-<p class="center">Nach</p>
-
-<p class="h2">Luigi Bertelli</p>
-
-<p class="center">deutsch bearbeitet von <em class="gesperrt">Luise von Koch</em></p>
-
-<p class="center">Mit Buchschmuck von Karl Elleder</p>
-
-<p class="center p2">Freiburg im Breisgau 1920<br />
-Herder &amp; Co. G. m. b. H. Verlagsbuchhandlung</p>
-
-<p class="center smaller">Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Wien, London, St. Louis Mo.
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p>
-
-<p class="center">Buchdruckerei von <em class="gesperrt">Herder &amp; Co.</em> G. m. b. H. in Freiburg i. Br.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v">[v]</a></span></p>
-
-<h2><a id="Zum_Geleite">Zum Geleite.</a></h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Bertellis Büchlein, das in der vorliegenden Übertragung
-dem deutschen Leserkreis zugänglich gemacht werden
-soll, ragt weit über den Durchschnitt der Jugendschriften
-empor. Der italienische Verfasser verbindet mit einer gründlichen
-Kenntnis der Insektenwelt eine südländisch reiche
-Phantasie und ein köstliches Erzählertalent. So konnte er
-seinen Landsleuten ein Werk schaffen, das Kindern und
-Erwachsenen eine lautere Quelle der Bildung und ein reicher
-Schatz der Belehrung geworden ist. &ndash; Mit Freude erinnere
-ich mich noch der Zeit, da ich mir von italienischen Kindern
-aus dem Butziwackel erzählen ließ. Angeregt durch das
-Büchlein, betrachteten sie mit geschärften Augen die krabbelnde
-Ameise im Sande, den Wasserkäfer im Tümpel, die summende
-Hummel und Biene auf der blühenden Wiese; für die
-kindliche Vorstellungswelt wuchsen sie zu Gestalten aus
-dem Butziwackel.</p>
-
-<p>Wer die Schöpfung in der Kleinwelt des Insektenreiches
-betrachtet, findet darin einen unerschöpflichen Reichtum von
-Schönheit und eine ungeahnte Fülle von Kraft, die Spuren
-des allmächtigen und allweisen Schöpfers. In der durch
-die Naturgesetze bestimmten Vollkommenheit der unbewußten
-Geschöpfe sah der Mensch allezeit einen Antrieb zur eigenen<span class="pagenum"><a id="Seite_vi">[vi]</a></span>
-sittlichen Vervollkommnung. Ein Führer zu neuen Kenntnissen,
-ein Mahner zu tapferem Vorwärtsstreben ist der
-Butziwackel.</p>
-
-<p>Ich habe an der deutschen Ausgabe ratend und helfend
-mitgearbeitet und kann nur wünschen, daß das Büchlein
-in die Hände vieler Kinder und Kinderfreunde komme. Es
-wird sich neben dem »<em class="gesperrt">Bengele</em>« einen Platz im Kinderherzen
-erobern und wie jener Freude bereiten und Nutzen
-bringen.</p>
-
-<p class="p2">
-<em class="gesperrt">Illenau</em>, August 1920.</p>
-<p class="right">
-<b>A. Grumann.</b>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_vii">[vii]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td colspan="2"></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Zum Geleite</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Zum_Geleite">v</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">1.</td><td>Drei Geschwister in der Sommerfrische</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap01">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">2.</td><td>Max wird ein Ameisenei</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap02">6</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">3.</td><td>Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes
- und Bitteres</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap03">9</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">4.</td><td>Eine Ameisenmutter</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap04">17</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">5.</td><td>Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder
- männlich noch weiblich</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap05">22</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">6.</td><td>Eine Riesenschlange</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap06">28</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">7.</td><td>Ist ein Kind klüger als eine Ameise?</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap07">32</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">8.</td><td>Die Überführung der Schlange</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap08">38</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">9.</td><td>Max, der Soldat</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap09">43</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">10.</td><td>Im Kuhstall der Ameisen</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap10">46</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">11.</td><td>Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap11">52</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">12.</td><td>Butziwackel wird erkannt</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap12">56</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">13.</td><td>Das weiße Fähnlein</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap13">59</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">14.</td><td>Ein feindlicher Angriff</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap14">63</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">15.</td><td>Max wird General auf dem Schlachtfeld</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap15">66</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">16.</td><td>Ein Gasangriff auf General Butziwackel</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap16">71</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">17.</td><td>Kaiser Butziwackel I.</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap17">76</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">18.</td><td>Der Überfall</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap18">82</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">19.</td><td>Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den
- seinen zu hoch getragen</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap19">87</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">20.</td><td>Das Kriegsgericht</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap20">90</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">21.</td><td>Ein hochvornehmer Mordgeselle</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap21">95</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">22.</td><td>Letztes Lebewohl</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap22">101</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">23.</td><td>Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus
- einer Eichengalle herausspaziert</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap23">107</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">24.</td><td>Auf dem Weg zur Mutter</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap24">113</a><span class="pagenum"><a id="Seite_viii">[viii]</a></span></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">25.</td><td>Die geheimnisvolle Barke</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap25">117</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">26.</td><td>Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff
- beginnen und sie zu Pferde beenden kann</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap26">122</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">27.</td><td>Bei den Hummeln</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap27">127</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">28.</td><td>Zwei Insekten finden ihr Haus wieder</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap28">133</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">29.</td><td>Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen,
- wenn man keinen Hausschlüssel hat</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap29">137</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">30.</td><td>Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap30">142</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">31.</td><td>Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser
- gegangen</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap31">146</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">32.</td><td>Die Geheimnisse einer Rosenknospe</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap32">153</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">33.</td><td>Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap33">158</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">34.</td><td>Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines
- Grafen aller Hautflügler</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap34">166</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">35.</td><td>Im Bienenreich</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap35">172</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">36.</td><td>Ein Kaiser spricht mit einer Königin</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap36">179</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">37.</td><td>Das Geheimnis der Muskatellertraube</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap37">184</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">38.</td><td>Die Stadt in Aufruhr</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap38">190</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">39.</td><td>Max verläßt das Bienenreich</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap39">197</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">40.</td><td>Eine Fahrt erster Klasse</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap40">200</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">41.</td><td>Dritter Klasse, Abteil für Raucher</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap41">206</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">42.</td><td>Großzang findet beinahe den Hungertod</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap42">213</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">43.</td><td>Kaiser Butziwackel auf St. Helena</td>
- <td class="tdrb"><a href="#kap43">219</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span>
-
-<h2 id="kap01">1. Drei Geschwister in der Sommerfrische.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Eigentlich, liebe Kinder, sollte ich meine Geschichte mit
-der Beschreibung eines Landhauses beginnen, das an
-einem glühendheißen Sommermittag, so gegen 2 Uhr, mitsamt
-dem ganzen Lande ringsum schläfrig dalag.</p>
-
-<p>So flüsterstill und schweigsam war es um diese Zeit,
-daß nicht einmal die rücksichtslosesten Schreier unter den
-Insekten, die kleinen Grillen, es wagten, die tiefe Ruhe zu
-stören.</p>
-
-<p>Übrigens weiß ich längst, wie unbeliebt Beschreibungen
-bei euch sind. Wo ihr sie immer in Büchern antrefft, überspringt
-ihr sie in einem Hops, nicht wahr? Zudem ist es
-so wie so nicht schwer, sich mitten in einem schönen Garten
-ein weißes Haus mit grünen Läden vorzustellen, umrankt
-von üppigem Weinlaub; denn zwei kräftige Weinstöcke
-waren an jeder Ecke des Hauses gepflanzt und umkränzten
-prächtig alle Fenster mit hellem Grün. Muskatellersorte
-war es, und wer diese kennt, weiß sie zu schätzen! In
-dichten Massen glänzten die Blätter; was aber leider fehlte,
-das waren die süßen Trauben. Nur hier und dort schimmerte
-es goldig zwischen dem Laube, auffallenderweise aber nur
-immer hübsch entfernt vom Fenster. Es kommt nämlich
-beglaubigtermaßen höchst selten vor, daß Muskatellertrauben
-in erreichbarer Fensternähe zu finden sind; wenn Knaben
-in einem solchen Hause wohnen, fast niemals.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p>
-
-<p>Bst! Bst! Seht dorthin an die Haustüre!</p>
-
-<p>Ganz langsam öffnet sie sich und heraus schleichen, eines
-hinter dem andern, drei Kinder. Bedächtig steigen sie die
-Steinstufen herab. Zwei Buben sind's und ein Mädchen.
-Mit schleppenden Schritten gehen sie dahin und aus den
-Augen stiehlt sich trübselige Müdigkeit und Unlust bis zum
-Nasenspitzchen hin.</p>
-
-<p>»Wie ist das möglich?« werdet ihr fragen, »im Sommer,
-zu dreien auf dem Lande, und trübselig, nicht froh und
-lustig sein?«</p>
-
-<p>Ich kann es erklären.</p>
-
-<p>Seht, jedes hält in der Hand ein Buch, aber kein Märchenbuch,
-keine Reiseabenteuer, sondern Schulbücher sind's. Vom
-Hause hört man rufen:</p>
-
-<p>»Fleißig sein, Kinder! Onkel Walter kommt bald heim
-und überhört euch! O weh, wenn ihr dann nichts könnt,
-ist es zu Ende mit der versprochenen Kahnpartie!«</p>
-
-<p>So schleichen die Dreie bekümmert ihres Weges. Ihre
-Bücher halten sie vor sich her, als ob es brennende
-Kerzen wären. Mit ihren traurig gesenkten Nasenspitzen
-erwecken sie den Eindruck, als ob sie zu einem Begräbnis
-gingen.</p>
-
-<p>Sobald sie an einem schattigen Plätzchen im dichten
-Fliederbusch angelangt sind, setzen sie sich auf die Steinbank,
-jedes ein wenig abgerückt vom andern. Vorsichtig öffnen
-sie die Bücher, so vorsichtig, als ob am Ende gar zwischen
-den Blättern ein Kobold säße, der ihnen an den Kopf
-springen könnte.</p>
-
-<p>Das Buch des Kleinsten scheint das gefährlichste zu sein,
-darinnen sitzt sicher der wildeste, kleine Kobold, denn er
-kann sich kaum überwinden, sein Buch aufzuschlagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<p>Das köstlich kühle Plätzchen war den Kindern besonders
-empfohlen worden. Papa, Mama und Onkel Walter behaupteten,
-man könne dort auch an heißen Tagen vortrefflich
-lernen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-003.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Aber, du liebe Zeit! Schon
-nach wenigen Minuten sank dem
-Kleinsten die Hand, die das Buch
-hielt. Er trieb seine Bäckchen zu
-kleinen rosigen Äpfelchen auf und
-versuchte ein quietschendes Jahrmarkttrompetchen
-nachzuahmen,
-indem er blasend die eingezogene Luft ausstieß. Da seine
-Kunst aber keinen Eindruck auf die Geschwister machte,
-bemerkte er tief aufseufzend:</p>
-
-<p>»Ach, es geht wirklich nicht!«</p>
-
-<p>Die beiden andern schienen aber emsig in ihr Studium vertieft
-zu sein, daher stieß er jetzt ungeduldig das Schwesterlein
-mit seinen Ellenbogen an und fragte unwillig:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p>
-
-<p>»Spürst denn du nicht, wie heiß es ist?«</p>
-
-<p>Zürnend hob die Kleine den Kopf.</p>
-
-<p>»Schweig, Max! Ich muß meinen ganzen Verstand zusammennehmen,
-denn meine Rechnungen sind sehr schwer.«</p>
-
-<p>»Ei, kann denn einer noch Verstand haben in solcher
-Hitze?«</p>
-
-<p>Nun mischte sich auch der Älteste in die Rede. Er gab
-sich ein sehr gewichtiges Aussehen, konnte aber seinen eigenen
-Unwillen kaum verbergen, als er sprach:</p>
-
-<p>»Die Wärme spielt hier gar keine Rolle. Im Gegenteil:
-Die Mutter sagt, hier sei es hübsch kühl und die Kühle
-schärfe den Verstand.«</p>
-
-<p>Der Kleinste dachte etwas darüber nach, dann sagte er
-mit größter Ehrlichkeit:</p>
-
-<p>»Jawohl! Aber wenn man keine Lust zum Lernen hat,
-dann hilft auch die beste Kühlung nichts.«</p>
-
-<p>Max hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. All den drei
-Kindern fehlte der Wille zum Lernen, und es wäre sehr schwer
-herauszubringen gewesen, welches von ihnen das faulste war.</p>
-
-<p>Kaum hatte der Kleine die Wahrheit offen ausgesprochen,
-schlossen sie mit einem Klaps ihre Bücher und warfen sie
-geräuschvoll auf die Steinbank. Dabei bekamen die unschuldigen
-Bücher noch nachgerufen:</p>
-
-<p>»Zum Kuckuck mit der Geschichte des Mittelalters!«</p>
-
-<p>»Lebt wohl, ihr greulichen Rechnungen!«</p>
-
-<p>»Gute Nacht, du lateinische Grammatik, du!«</p>
-
-<p>Moritz, der größte, erhob sich jetzt, pflanzte sich mit gespreizten
-Beinen vor dem Brüderchen auf und begann zu
-überlegen:</p>
-
-<p>»Unser ganzes Elend kommt daher, weil ihr eure Prüfung
-nicht bestanden habt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<p>»Bitte«, verbesserte Theresa, die Schwester, »du willst
-wohl sagen, weil <em class="gesperrt">wir</em> sie nicht bestanden haben.«</p>
-
-<p>Da lachte Max vorwitzig: »Daß wir neulich bei der
-Prüfung nicht gut weggekommen sind, wäre nicht so schlimm,
-aber daß wir noch einmal hinein müssen und lernen, lernen,
-lernen sollen, &ndash; puh &ndash; das ist schauderhaft!«</p>
-
-<p>Moritz, der sich vorgenommen hatte, mit der Zeit, &ndash; wenn
-er so gemütlich weiterlernte wie bis jetzt, allerdings mit
-reichlich viel Zeit &ndash;, ein berühmter Rechtsanwalt zu
-werden, fand den Augenblick passend, eine seiner vielen
-Probereden zu halten, und begann sogleich im Rednerton:</p>
-
-<p>»Wie ihr wißt, kann ich die Einrichtung der Prüfungen
-durchaus nicht loben.«</p>
-
-<p>Max fiel ihm lachend ins Wort:</p>
-
-<p>»Und in der Prüfung hat man dich nicht gelobt.«</p>
-
-<p>»Wie kannst du dir erlauben, eine Rede zu unterbrechen,
-du Wicht, du Naseweis! &ndash; Wenn du nicht gleich still bist,
-nenne ich dich <em class="gesperrt">Butziwackel</em>.«</p>
-
-<p>Butziwackel! Schauderhaft. &ndash; Wie war ihm dieses Wort
-verhaßt! &ndash; Was konnte er dafür, daß seine gute Mutter
-ihrem kleinsten Sohne in äußerster Sparsamkeit für den
-Landaufenthalt immer die alten, abgetragenen, fadenscheinigen
-Höschen ihres Moritz zumutete. Dem Wildfang Max wollten
-diese Höschen nie lange halten. So oft auch die Mutter
-den Sitzboden stopfte und flickte, es kam doch immer wieder
-einmal ein verdächtig weißes Zipfelchen zum Vorschein, das
-vorwitzig, einem Fähnlein gleich, hinter dem Kleinen herbammelte.
-Und darum schimpften sie Butziwackel.</p>
-
-<p>Für andere Leute mochte das Fähnlein ja recht putzig
-und lustig aussehen, für Max aber war es nur ärgerlich
-und entfachte seinen Zorn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Kaum hatte auch jetzt wieder sein älterer Bruder das
-verdrießliche Wort ausgesprochen, so griff Max nach dem
-Boden seines Höschens. Wahrlich! auch heute hing schon
-wieder frech ein Fähnlein heraus. Rasch stopfte er es ins
-Verborgene und ging grollend weg von seinen Geschwistern.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap02">2. Max wird ein Ameisenei.</h2>
-</div>
-
-<p>Mit Tränen in den Augen und zornrotem Gesichte lief
-unser kleiner Max durch den Garten und kam zu einer
-Felsgrotte, aus der ein Brünnlein plätschernd hervorsprang.
-Dort setzte er sich auf einen moosigen Stein, stützte den
-Kopf auf beide Arme und starrte vor sich auf den Boden.
-Siehe, da lief eine Ameisenschar wie eine lange Prozession
-geschäftig ihre Straße hin und her. Max schaute ihnen
-eine Zeitlang zu und dachte: »Wie schön haben's doch die
-Ameisen! Sie gehen den ganzen Tag spazieren, freuen sich
-des Lebens, müssen nicht lernen und kennen keine Prüfungen.
-Wenn ich doch nur auch eine Ameise wäre!«</p>
-
-<p>Er mußte seine Gedanken laut ausgesprochen haben; denn
-plötzlich hörte er neben sich eine Stimme:</p>
-
-<p>»Willst du, kleiner Faulpelz, wirklich eine Ameise werden?«</p>
-
-<p>Erschrocken wandte Max sich um und gewahrte einen
-sonderbaren Alten langsam auf sich zutreten. Gott, wie
-sah der Mann so merkwürdig aus! Woher war er nur
-gekommen? Auf seiner roten, spitzen Nase saß eine Riesenbrille,
-um den Hals schlang sich eine dicke, schwarze
-Binde, und ein grüner altmodischer Rock schleifte hinter
-seinen Fersen her. Dieser Mann beschaute lächelnd den
-verblüfften Kleinen mit Augen, die aus buschigen, fuchsroten
-Brauen hinter der funkelnden Brille wie Laternen
-leuchteten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-007.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Es war alles so unheimlich, und der tapfere Max hatte
-Mühe, seine Furcht zu verbergen. Er hätte nicht gewagt,
-den Alten zu befragen, wer er sei, und wie er in Vaters
-Garten hereinkäme. Eine Weile betrachtete der Fremde
-unsern Butziwackel, der schüchtern und gar nicht keck wie
-sonst, aber neugierig wie immer auch seinerseits den Unbekannten
-musterte. Der holte jetzt kopfschüttelnd aus einer
-tiefen Rocktasche eine großmächtige Dose hervor, öffnete sie
-sachte, stopfte sich eine ausgiebige Prise in die Abgründe<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-seiner großen Nase, nieste dreimal und brummte dann mit
-näselnder Stimme die sonderbaren Worte:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Ameis!<br /></span>
-<span class="i0">Mit Fleiß!<br /></span>
-<span class="i0">So sei's!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Leise vor sich hinlachend, schlürfte er dann in seinen
-grasgrünen Pantoffeln und dem langen Schlepprock den
-Kiesweg entlang, der zum Gartentürchen gegen den Wald
-zu führte.</p>
-
-<p>Mit seinem roten Schnupftuch winkte er noch spöttisch
-Max zu, der ihm verwirrt nachschaute. Er bemerkte noch,
-wie der sonderbare Mann belustigt und kichernd seinen Kopf
-schüttelte und sodann geheimnisvoll hinter den Büschen am
-Wege verschwand. Starr vor Staunen und Verwirrung
-hatte Max die sonderlichen und unerklärlichen Worte vernommen.
-Wenn er sie leise nachsprach, so wurde ihm so
-furchtsam, so bang zu Mute, daß er am liebsten hätte fortlaufen
-mögen zu Therese und Moritz, die ihn vielleicht
-schon suchten. Allein, merkwürdig! Er konnte nicht vom
-Stein aufstehen, es war, wie wenn er festgeleimt wäre. Er
-wollte den Geschwistern rufen, die er von ferne auf dem
-Gartenwege sah, aber seine Stimme versagte. Er wollte
-ihnen zuwinken, aber er fühlte sich so bleiern müde, seine
-Augenlider waren schwer, sie fielen zu, und es wurde dunkel
-um ihn. Nein, wie sonderbar ward ihm doch zu Mute!
-Wurde er nicht klein und immer kleiner? War er nicht
-jetzt ganz weich und ein rundes Ding geworden? Er
-wollte die Arme heben, mit den Beinen zappeln, er hätte
-schreien mögen, weinen, fortlaufen, Widerstand leisten gegen
-die geheimnisvolle Kraft, die ihn zusehends veränderte und
-die, wenn sie noch länger über ihn Gewalt hatte, ihn zu<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-einem spurlosen Nichts zusammenschrumpfen ließ. Er war
-wie eingeschnürt von allen Seiten, und deutlich spürte er,
-daß er die Form eines winzigen Eies annehme.</p>
-
-<p>In diesem unglücklichen Augenblick dachte er noch an
-das weiße Wackelfähnlein. Er machte den verzweifelten
-Versuch, dieses beschämende Fetzchen zu verstecken, umsonst,
-umsonst!</p>
-
-<p>Schon war Max am Ende seiner Verwandlung angelangt;
-er fühlte, wie seine Sinne sich verwirrten und umnebelten.
-Zwei schwarze Schatten tauchten noch vor seinen Blicken
-auf. O Gott, das waren vielleicht zwei Totengräber, die
-ihn holten! Gewiß, er täuschte sich nicht, sie hoben ihn
-sachte empor, und nun machte er den letzten angestrengten
-Versuch zu schreien:</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, ich bin Max, helft mir doch das
-Zipfelchen verstecken!«</p>
-
-<p>Die vergebliche Mühe brachte ihn aber nur um die letzten
-Kräfte. Willenlos überließ er sich jetzt dem Schicksal und
-verlor das Bewußtsein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap03">3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes
-und Bitteres.</h2>
-</div>
-
-<p>Wie lange blieb Max in Ohnmacht? Er konnte es nicht
-ermessen; aber wahrscheinlich währte der Zustand im Vergleich
-zu den großen Veränderungen, die mit ihm vorgingen,
-nicht lange.</p>
-
-<p>Als er zu sich kam, hatte er ein merkwürdiges Gefühl.
-Hatte ihn jemand für einen Garnwickel gehalten und Fäden
-über ihn gewunden? Er spürte es doch, er saß oder lag
-inmitten eines Fadenknäuels, aus dem herauszuschlüpfen er
-sich tapfer abmühte. Niemals hätte er das Kunststück fertig<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-gebracht, wäre ihm nicht glücklicherweise jemand zu Hilfe
-gekommen, der sorgsam die Wirrnis der Fäden weitete und
-ihm Luft machte. Endlich konnte er den Kopf herausstrecken,
-gottlob folgten die befreiten Arme, und</p>
-
-<p>»Nur Mut«, hörte er jetzt eine Stimme ihm zureden.</p>
-
-<p>Mit einem letzten, gewaltigen Ruck gelang es ihm schließlich,
-den ganzen Körper frei zu bekommen, und zugleich fühlte er,
-wie man ihn zärtlich liebkoste und wunderlich beleckte.</p>
-
-<p>»Na«, meinte er überrascht, »was soll das?«</p>
-
-<p>»Ich wasche dich sauber, Kindchen.«</p>
-
-<p>»Wie, mit der Zunge? Bin ich ein Kätzchen geworden?
-Darf ich bitten, wo bin ich, wer sind Sie, und was ist mit
-mir geschehen?«</p>
-
-<p>Das hilfreiche Wesen antwortete:</p>
-
-<p>»Still, Kleines! Wie bist du doch so neugierig! Jetzt,
-wo du eben erst aus deinem Gespinst geschlüpft bist, kannst
-du noch nichts verstehen. Gedulde dich, bald wird dir alles
-klar werden, du kleiner Naseweis.«</p>
-
-<p>Naseweis hatte sie gesagt. Er war also schon erkannt
-und hütete sich, jetzt noch mehr wissen zu wollen. Aber
-bei der gütigen Ruhe, mit der er von allen Seiten gestriegelt
-wurde, erwachte sein Denken; seine Gedanken ordneten
-sich, und er wollte sich selbst Rechenschaft geben von seinem
-neuen Zustande. Gottlob, die letzten Wundererlebnisse hatten
-seinem Gedächtnis nicht weiter geschadet. Zunächst aber
-gab es leider, leider keinen Zweifel. Er befand sich in der
-ägyptischen Finsternis, von der er in der Schule einst gehört
-hatte, oder was ganz entsetzlich wäre, er war blind!
-Wie konnte er aber dann wissen, wo er sich jetzt aufhielt?
-Jawohl, Blinde haben ja solch feines Gefühl für den Raum,
-in dem sie sich befinden. Und er, er war in einem unterirdischen<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-Zimmer, er wußte es, ohne herumzutasten. Ringsum
-beobachtete er mit feinstem Sinn ein emsiges Arbeiten
-von vielen geschäftigen Wesen, ohne solche zu sehen. Hatte
-er einen neuen Sinn bekommen? Er beantwortete sich jetzt
-von selbst die vorhin gestellten Fragen. Er war eine Ameise;
-das Wesen, das vor ihm stand, war auch eine Ameise, und
-sie beide befanden sich in einem Ameisenhaus. Soviel begriff
-er einstweilen, so wunderbar es auch war. Verworrene
-Bilder aus der letzten Vergangenheit tauchten in
-seinem Gedächtnis auf wie ein halbvergessener Traum.
-War nicht ein merkwürdiger, alter Herr dagewesen mit
-einem langen, grünen Rock und rotem Schnupftuch, mit
-Brille und Tabaksdose, der unversehens in dem Augenblick
-auf ihn zugetreten war, als er sich gewünscht hatte, eine
-Ameise zu sein, ohne Prüfungsnot und Bücherqual? Moritz,
-Therese? Wo werden sie sein? Zu Hause bei Vater und
-Mutter!</p>
-
-<p>Dieser Gedanke bewegte Max schmerzlich, allein er beruhigte
-sich nach und nach. Es war nun einmal nichts
-zu ändern. Weil er nicht lernen wollte, hatte er sich das
-gewünscht, was er jetzt war. Onkel Walter sagte stets:
-»Ein Mann muß die Folgen seines Handelns auf sich
-nehmen.« In der Schule hatte er ein Sprichwort gelernt:
-»Wie man sich bettet, so liegt man.« Mit vernünftiger
-Überlegung schloß er seine Betrachtung:</p>
-
-<p>»Ich bin jetzt eine Ameise, und es geht mir nicht schlecht.
-Aber Max bin ich doch auch noch. Wenn es nicht so wäre,
-kämen mir diese Fragen und Gedanken gar nicht in den
-Sinn. Folglich bin ich jedenfalls etwas viel Besseres als
-diese Insekten um mich, und ich werde immer tun können,
-was mir gefällt und was ich will.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p>
-
-<p>Die pflegliche Ameise, die noch vor ihm verweilte und
-ihn auf den noch schwachen Füßen gehalten hatte, befragte
-jetzt Max:</p>
-
-<p>»Liebes Püppchen, du wirst wohl Hunger haben?«</p>
-
-<p>»Nicht wenig«, erwiderte Max erfreut, der längst schon
-Appetit verspürte.</p>
-
-<p>»Da, nimm«, sprach die Ameise und streifte ihm eine
-vorzügliche Süßspeise in den Mund. Mit gespitzten Lippen
-kostend und leckend wollte Max wissen:</p>
-
-<p>»Ach, was ist das Gutes?«</p>
-
-<p>»Blattlaushonig, junges Ameislein. Schmeckt er?«</p>
-
-<p>»Ausgezeichnet! Ich habe nie Besseres gegessen.«</p>
-
-<p>Erwartungsvoll öffnete er noch einmal den Mund, um
-ein zweites Honigschlückchen zu bekommen. Dabei machte
-er eine neue Beobachtung.</p>
-
-<p>Wie war doch nur sein Mund geworden? Sonderbar,
-ganz anders als sein Menschenmund! Er besaß zwei große,
-starke Unterkiefer, die man Mandibeln nennt. Ihre inneren
-Ränder waren gezackt wie eine Säge, und sie schlossen sich
-zusammen wie eine Zange. Doch dienten sie nicht zum
-Essen. Er spürte die Speise zuerst auf dem unteren Teil
-des Oberkiefers, der über den Unterkieferzangen lag und
-eine Art Lippe bildete. Auf dieser fühlte er, wie wir es
-mit der Zunge machen, den süßen Geschmack des Honigs,
-den er so behaglich einschlürfte.</p>
-
-<p>Durch die feine Speise gekräftigt, fragte er sehr bescheiden,
-um nicht wieder Naseweis genannt zu werden,
-seine liebevolle Pflegemutter:</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie meine Neugierde! &ndash; Was für gute Sachen
-werde ich mit meinen großen, starken Kieferzangen kauen,
-da ich sie zum Honigessen nicht gebrauchte?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<p>»Gute Sachen? liebes Kind, gar keine; denn zum Kauen
-dienen deine kräftigen Zangen durchaus nicht.«</p>
-
-<p>»Wie, was? Nicht? Ja, wofür sind sie dann da?«
-fragte Max enttäuscht.</p>
-
-<p>»Wir gebrauchen sie als Waffe zu unserer Verteidigung
-und hauptsächlich zum Arbeiten.«</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Zum Ar &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Arbei &ndash; ten?«</p>
-
-<p>Vor Schreck fiel Max platt auf den Rücken und wäre
-liegen geblieben, wenn ihm nicht seine Pflegemama wieder
-auf die Beine geholfen hätte.</p>
-
-<p>»Ja, zum Arbeiten«, wiederholte deutlich die Ameise, »du
-wirst es gewiß recht bald lernen und üben.«</p>
-
-<p>Max sperrte seinen sonderbaren Mund mit den eingesägten
-Kieferzangen vor schmerzlicher Überraschung weit
-auf, während die Pflegerin ihn von neuem fleißig beleckte.
-Über diese Art von Reinlichkeitspflege wurde er
-wieder lustig. Er schüttelte und drehte sich vor Lachen
-und rief:</p>
-
-<p>»Hören Sie doch auf, das kitzelt ja unbändig.«</p>
-
-<p>Da mußte die Ameise selber lachen und erklärte ihm:</p>
-
-<p>»Ich glätte jetzt deine Fühler, sie sind der empfindlichste
-Teil deines Körpers.«</p>
-
-<p>»Fühler? Hm, hm, Fühler habe ich?«</p>
-
-<p>»Fühler nennen wir die feinen Stengelchen, die du oben
-auf deinem Kopfe trägst; greife nur mit deinen Beinchen
-danach, dann kannst du sie deutlich betasten«; zugleich half
-sie ihm diese Bewegung ausführen.</p>
-
-<p>Er fuhr sich mit den Vorderbeinchen, die wahrhaftig so
-geschickt wie Arme und Hände waren, über den Kopf, befühlte
-und betastete sich und behauptete: »Solche Dinger nennt
-man <em class="gesperrt">Hörner</em>!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>Wie gerne hätte er sich in einem Spiegel besehen, aber
-wo wäre ein solcher zu finden gewesen?</p>
-
-<p>»Nenne sie, wie du willst«, sagte freundlich die Ameise,
-»aber Hörner sind es sicher nicht, denn sie sind aus zartestem
-Stoff beschaffen, was man von Hörnern nicht behaupten
-kann. Wehe uns, hätten wir keine Fühler! Durch ihren
-Gebrauch finden wir unsere oft schwierigen Wege, vermeiden
-Hindernisse und geben uns gegenseitig damit Zeichen.«</p>
-
-<p>»Herrje, das ist viel auf einmal.«</p>
-
-<p>»Aber lange nicht alles. In den äußersten Enden der
-Fühler sitzt unser Geruchsinn.«</p>
-
-<p>»An der Spitze der Fühlhörner ist also die Nase?«</p>
-
-<p>Die Ameise lächelte über seine ungewohnte Art zu fragen
-und fügte der Belehrung hinzu, daß in den Fühlern nicht
-nur der Geruch, sondern auch das Gehör seinen Sitz habe.</p>
-
-<p>Nun, die Vorstellung, so lange Ohren zu haben, war
-etwas demütigend, und Max wollte schon ein bißchen beleidigt
-tun. Aber davon merkte die Sprecherin nichts und
-belehrte weiter:</p>
-
-<p>»Ohne Fühler könnten wir im Finstern uns nie zurechtfinden.«</p>
-
-<p>Max wurde es nach diesen Worten verständlich, wie er
-trotz der Dunkelheit Verschiedenes ganz gut wahrnehmen
-konnte. Das geschah eben durch den wunderbar feinen und
-vielfältigen Sinn in den Fühlern. Beruhigt war er aber
-trotzdem nicht, und er äußerte tief besorgt:</p>
-
-<p>»Wie traurig ist es trotzdem, keine Augen zu besitzen!«</p>
-
-<p>Jetzt mußte die Ameise herzlich lachen. Dabei streichelte
-sie den Kleinen und liebkoste ihn.</p>
-
-<p>Max, der immer ein wohlerzogener Junge gewesen war,
-erinnerte sich endlich, daß er für alle erwiesene Liebesmühe<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-noch mit keinem Sterbenswörtchen gedankt habe. So begann
-er etwas verlegen:</p>
-
-<p>»Liebe Frau Ameise, wie heißen Sie eigentlich?«</p>
-
-<p>»Man nennt mich in meiner Familie Fuska. Gelehrte
-Leute aus meinem Stamme wissen, daß der Name lateinisch
-ist und soviel bedeutet wie ›die Dunkle‹.«</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie, Frau Fuska, ich dachte noch nicht daran
-›Danke schön‹ zu sagen für Ihre große Güte, mit der Sie
-mich aus dem abscheulichen Garnwickel befreit, und für die
-vielen Belehrungen, die Sie mir erteilt haben.«</p>
-
-<p>»Kind, was fällt dir ein, ich habe nur meine Pflicht erfüllt.«</p>
-
-<p>»&ndash; Pflicht? &ndash; Wieso?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja, ich tat, was du den Ameisen, die nach dir geboren
-werden, auch tun wirst.«</p>
-
-<p>»Nun, das verstehe ich nicht; ich sollte auch&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Wie könntest du jetzt schon etwas von bürgerlichen
-Pflichten verstehen! &ndash; Wenn du später dem Unterricht
-beiwohnst, wirst du das Nötige schon darüber erfahren.«</p>
-
-<p>Bei dem Worte Unterricht machte Max mit seinen sämtlichen
-sechs Beinen einen Sprung nach rückwärts und wäre
-vor Schrecken fast ohnmächtig geworden.</p>
-
-<p>Was! er war ausgerechnet eine Ameise geworden, um
-dem Lernen zu entgehen, und nun hörte er hier vom Unterricht
-reden? Das war ein unerhörter Reinfall! Zitternd
-vor Schrecken stammelte Max:</p>
-
-<p>»Ich habe nicht gut verstanden, was sagten Sie, liebe
-Frau Fuska?«</p>
-
-<p>»Morgen ist die erste Unterrichtsstunde für die Neugeborenen.
-Man lernt dort alles, was eine rechte Ameise
-wissen und kennen muß, um ein nützliches Mitglied der
-Gesellschaft zu werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>Versteinert stand der gute Max:</p>
-
-<p>»Wissen« … »Kennen« hatte sie gesagt. Also lernen! &ndash;
-Auch bei den Ameisen!</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-016.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Hatte sie das gemeint? Vor Entrüstung bebend stieß er
-die Frage hervor:</p>
-
-<p>»Gibt es bei den Ameisen vielleicht auch eine Sprachlehre,
-eine lateinische Grammatik?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>Diese Frage verstand und beachtete Fuska gar nicht, sie
-wendete sich vielmehr an vorübereilende Genossinnen, um mit
-ihnen Zeichen auszutauschen.</p>
-
-<p>Max aber war es, als ob ihm ein Brocken im Halse
-steckte und ihn würgte; er war den Tränen nahe.</p>
-
-<p>Da er aber ein sehr geschickter Bursche war, besann er
-sich und sagte sich, wie unnütz das Weinen sei, besonders
-wenn man doch keine Augen hat. Er kletterte tief betrübt
-und niedergeschlagen auf das leere Fadenknäulchen, aus dem
-er vor kurzem mühsam und neugierig herausgekrochen war,
-setzte sich rittlings darauf und trommelte unmutig mit seinen
-Vorderbeinchen an die hohlen Wände, daß es widerhallte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap04">4. Eine Ameisenmutter.</h2>
-</div>
-
-<p>Schon wendete sich seine Pflegerin Max wieder zu und
-sagte freundlich:</p>
-
-<p>»Komme mit mir!«</p>
-
-<p>Folgsam stieg Max von seiner großen Trommel herunter
-und bemerkte, wie gut er auf seinen Hinterbeinchen aufrecht
-stehen und gehen konnte. Wahrscheinlich waren ihm außer
-seinem Gedächtnis und seinem Verstande noch mehr menschliche
-Eigenschaften verblieben, und das konnte immerhin ein
-starker Trost für ihn sein in mancher Bitternis.</p>
-
-<p>So folgte er mit neuem Mute Fuska. Warum stieß er
-nur plötzlich einen jubelnden Freudenschrei aus? Was war
-geschehen? O Jubel! Er war nicht blind! Nein, er
-konnte sehen, großer Gott, wie gut konnte er sehen!</p>
-
-<p>In den weiten Saal, in den Fuska ihn eintreten ließ,
-drang von oben durch eine winzige Öffnung ein Lichtstrahl
-herein. Befand er sich vielleicht im Wohnzimmer oder gar<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-im Speisesaale des Ameisenhauses? Aber wie eigenartig
-neu war sein Schauen! Er hatte einen viel übersichtlicheren
-Blick bekommen für alles, was ihn umgab. Ohne Kopf
-und Augen zu wenden, übersah er, was über ihm, vor ihm,
-hinter ihm und seitwärts geschah. Der Saal glich einer
-Grotte, die von Säulen gestützt wurde. Wände, Boden,
-alles war sauber geglättet und regelmäßig angeordnet. Rechts
-und links waren Ameisen emsig beschäftigt, und einige schauten
-ihn wohlwollend und freundlich an, lächelten auch wohl
-über seine staunende Miene. Alles dies konnte er sozusagen
-mit einem einzigen Blick beobachten.</p>
-
-<p>»Worüber bist du froh erregt?«, fragte ihn Fuska.</p>
-
-<p>»O wie glücklich bin ich«, rief Max freudestrahlend, »ich
-habe ja die besten Augen der Welt! Aber wie geht es
-wohl zu, daß ich so Verschiedenes zu gleicher Zeit sehen
-kann? Ich bewege weder Kopf noch Augen und trotzdem&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das kannst du ja auch gar nicht«, fiel Fuska belehrend
-ein. »Weißt du, liebes Ameislein, weil wir unsere Augen
-nicht bewegen können, hat uns die Natur anders geholfen.
-Unsere Augen sind so gebaut, daß wir durch ihre Form
-und Stellung ein weites Gesichtsfeld haben. Ja, ja, alle
-Geschöpfe sind von der großen Mutter Natur so ausgestattet,
-daß zu ihrem Leben und Dasein alles bereit ist, was sie
-zu ihrem Dasein brauchen. Wir Ameisen haben zwei zusammengesetzte
-Augen.«</p>
-
-<p>»Zusammengesetzte Augen! &ndash; Kann man sie auch auseinandernehmen?«</p>
-
-<p>Fuska erklärte mit unerschöpflicher Geduld:</p>
-
-<p>»Die Oberfläche der beiden Augen, die links und rechts
-an unserem Kopfe liegen, ist aus kleinen sechseckigen Feldern
-zusammengesetzt. Jedes dieser Sechsecke zeigt nach oben<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-eine Wölbung wie ein Brennglas, und jedes Feld ist ein
-vollkommenes Auge. Begreifst du nun, daß wir deshalb
-in jedem Augenblick nach allen Richtungen schauen können?«</p>
-
-<p>Max ging voll Neugier auf seine mütterliche Lehrerin
-zu, schaute ihr in die Augen und rief:</p>
-
-<p>»Mein Gott, das sieht ja aus wie ein feines Netz!«</p>
-
-<p>»Ganz richtig, unser Auge, aus vielen kleinen sechseckigen
-Augen zusammengesetzt, heißt darum auch Netzauge; Gelehrte
-nennen es Facettenauge. Doch sollst du dich über die
-Menge der Felder in meinem Auge nicht zu sehr wundern.
-Wir haben nicht viele, nicht einmal hundert.«</p>
-
-<p>»Wie, das heißt wenig?«</p>
-
-<p>»Im Vergleiche zu andern Insekten wohl. Solche Insekten,
-die in der Luft leben, würden mit hundert kaum
-zufrieden sein. Fliegenaugen haben etwa viertausend solcher
-Facettenaugen.«</p>
-
-<p>»Viertausend!«</p>
-
-<p>»Libellen haben mehr als zwölftausend.«</p>
-
-<p>Es ist kein Wunder, daß Max mit seiner Vorstellungskraft
-Fuskas Belehrung kaum mehr folgen konnte, als sie
-noch weiter erzählte:</p>
-
-<p>»Ein Insekt gibt es, das heißt Dolchwespe. Die Augen
-dieser Dolchwespe sind genau genommen fünfundzwanzigtausend
-Äuglein. &ndash; Gelt, da staunst du?«</p>
-
-<p>Max fand tatsächlich keine Worte, um sein Erstaunen
-auszudrücken. »Wenn diese Dolchwespe kurzsichtig würde«,
-dachte er, »dann bräuchte sie alle Brillen der Welt für
-sich allein.« Fuska würde seinen witzigen Gedanken doch
-nicht verstehen; er verschwieg ihn mit halbem Bedauern
-und fragte weiter:</p>
-
-<p>»Wieviele Augen habe ich also?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<p>»Komm her, ich zähle sie. &ndash; Eins, zwei, drei … So
-jetzt. &ndash; Das eine von deinen beiden zusammengesetzten
-Augen hat sechzig Felder.«</p>
-
-<p>»Da hätte ich im ganzen hundertzwanzig Augen?«</p>
-
-<p>»Nein, du zählst deine einfachen Augen nicht mit.«</p>
-
-<p>»Ich habe auch noch einfache zu den zusammengesetzten?
-Genügen die hundertzwanzig nicht?«</p>
-
-<p>»Keineswegs; mit den hundertzwanzig bist du wohl imstande,
-mit einem Blick alles ringsum wahrzunehmen, aber
-die nächsten Gegenstände kannst du mit ihnen nicht klar
-unterscheiden. Wenn du mich ansiehst, tust du es mit den
-einfachen Augen.«</p>
-
-<p>Man denke sich, mit welchem Forscherblick jetzt Max
-Fuska aufs neue betrachtete. Richtig, auf Fuskas Scheitel
-entdeckte er im Dreieck gestellt drei helle, sanfte Äuglein,
-die in Perlmutterglanz leuchteten.</p>
-
-<p>»Rechnet man alles in allem«, zählte Max tief aufatmend,
-»so besitzen wir hundertdreiundzwanzig Augen.«</p>
-
-<p>»Es ist so, ganz richtig!«</p>
-
-<p>»Nun muß ich mich ein paar Minuten verschnaufen, ich
-kann es ja kaum glauben. Sollte man so etwas für möglich
-halten! Erst wollte ich glauben, ich sei blind, und nun
-entdecke ich an mir mehr als hundert Augen!«</p>
-
-<p>Die Sache gab Max gehörig zu denken. Still wiederholte
-er für sich:</p>
-
-<p>»Hundertdreiundzwanzig Augen! Hätte ich sie auch als
-Kind gehabt, so hätte ich mit hundertdreiundzwanzig in
-meine Bücher gucken müssen.«</p>
-
-<p>Wie er noch schaudernd bei solch ungeheuerlichem Bilde
-verweilte, hörte er ein Schreien im Saal:</p>
-
-<p>»Obacht! Holla! Platz gemacht!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>Eine geflügelte Ameise kroch herein, gefolgt von einigen
-Gefährten. Mühselig und erschöpft bewegte sie sich vorwärts,
-von den Gefährten beinahe getragen und geschoben.
-Bei jedem ihrer Schritte hinterließ sie ein ovales Kügelchen,
-das vom Gefolge sorgfältig mit dem Munde aufgehoben
-wurde.</p>
-
-<p>»Das ist ein schöner Skandal«, entfuhr es Max, der
-kaum hinzusehen wagte.</p>
-
-<p>»Wo ist ein Skandal?« fragte Fuska verwundert.</p>
-
-<p>»Hm«, meinte Max, »ich finde das, was ich sehe, gerade
-nicht sehr anständig.«</p>
-
-<p>Fuska wies ihn unwillig zurecht und sprach:</p>
-
-<p>»Ach, so reden die Leute immer, wenn sie eine Sache
-nicht verstehen! Diese geflügelte Ameise, von der du weiß
-Gott was für unpassende Dinge zu sehen vermeinst, ist ein
-braves Ameisenweibchen, das hereingeführt wird, um uns
-seine Eierchen zu schenken.«</p>
-
-<p>Da schämte sich Max seiner voreiligen Anschuldigung und
-fragte dafür um so wißbegieriger:</p>
-
-<p>»Was machen die Ameisen mit den Eierchen?«</p>
-
-<p>»Sie befeuchten sie mit der Zunge, damit sie wachsen
-und gedeihen, und dann werden sie in ihre Stube gebracht.«</p>
-
-<p>»Das ist ja sehr nett. Bin ich auch so zu euch gekommen?«</p>
-
-<p>»Nein, das Ei, in dem du stecktest, fanden zwei unserer
-Schwestern auf einem moosigen Stein in der Nähe unseres
-Hauses; sie brachten es uns heim.«</p>
-
-<p>»Aha«, dachte Max, »das waren die zwei vermeintlichen
-Totengräber!«</p>
-
-<p>Aber er hütete sich, seine Geschichte zu erzählen. Wer
-hätte sie ihm geglaubt!?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>»Komme, damit ich dir zeige, wie wir Eier und Kinderchen
-pflegen«, sprach Fuska und zog Max mit sich fort, bis sie
-in einem Saal anlangten, der vermutlich die Kinderstube
-vorstellte. Wie gelbliches Korn lagen hier Eier aufgehäuft.
-Fuska wies darauf hin und sagte:</p>
-
-<p>»Sieh hier, der erste Zustand in unserer Entwicklung.«</p>
-
-<p>»Wie ist das zu meinen?«</p>
-
-<p>»Insekten kommen als Eier zur Welt. Das lebendige
-Eichen krümmt sich nach und nach, wird durchscheinend und
-verwandelt sich in eine <em class="gesperrt">Larve</em>.«</p>
-
-<p>»Eine Larve«, rief Max, »ums Himmels willen! So
-spielen die Ameisen erst Fastnacht, bevor sie richtige Tierchen
-werden? Als ich mich einmal maskierte, setzte ich eine Larve
-vors Gesicht, um mich unkenntlich zu machen.«</p>
-
-<p>Fuska verstand nicht alles, was er redete, aber sie erklärte
-ihm liebenswürdig:</p>
-
-<p>»Gewiß, im Larvenzustand ist unsere eigentliche Lebensform
-zunächst vollständig vermummt. Wir liegen als hilflose
-Würmchen auf der Erde; aber dann, wenn wir die
-Verhüllung ablegen … Doch das sollst du jetzt alles selbst
-sehen; komm!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap05">5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder
-männlich noch weiblich.</h2>
-</div>
-
-<p>Fuska führte Max zu einer Saalecke, wo in langen Reihen
-höchst eigenartige Geschöpfe standen. Nein, wie sie doch
-aussahen! Oben waren sie dünn wie ein Fädchen, schwollen
-nach unten langsam an wie eine dicke Träne, die aus dem
-Auge rollt. Im Fallen wird sie dicker, und wenn sie über
-ein ungewaschenes Kindergesichtlein rinnt, nimmt sie eine
-schmutziggraue Farbe an. Gerade solche Färbung wiesen<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-diese Wesen auf. Wie in einer Schule waren sie in Reihen
-nach der Größe aufgestellt. Beim Nähertreten bemerkte
-Max, daß die Dinger winzig kleine Köpfchen, aber weder
-Augen noch Füße hatten. Fast sahen sie aus wie eine Reihe
-von Zipfelmützen, die mit Lumpen ausgestopft und unten
-zugenäht sind. Max mußte bei diesem ungewohnten Anblick
-unbändig lachen.</p>
-
-<p>»Sehr geehrte Larven«, so redete er sie an und hob dabei
-seine Fühler hoch, »wieviel Hörner strecke ich?«</p>
-
-<p>Einige erwachsene Ameisen sahen ihn verweisend an.</p>
-
-<p>»Wie magst du dich über unsere Kleinen lustig machen?«
-sprach Fuska. »Hast du doch selbst vor kurzer Zeit nicht
-anders ausgesehen!«</p>
-
-<p>»Wie«, erwiderte Max, »bin ich auch so häßlich, so lächerlich
-gewesen?«</p>
-
-<p>»Und nur unserer Hilfe hast du es zu verdanken, daß
-du in diesem Zustande nicht elendiglich zugrunde gingst!«</p>
-
-<p>In der Tat konnte Max zusehen, wie die großen Ameisen
-sich mühten, diese Larven zu päppeln und sie mit zärtlicher
-Pflege zu umgeben.</p>
-
-<p>Nun war er ganz kleinlaut geworden, der übermütige
-Max.</p>
-
-<p>»Wie lange bleibt man denn in diesem Zustande?«</p>
-
-<p>»Je nachdem. Manche sind in vier Wochen fertig, andere
-brauchen zu ihrer Entwicklung neun Monate.«</p>
-
-<p>»Und ich? Habe ich so lange gebraucht?«</p>
-
-<p>»Nun du hattest es eilig. In zwanzig Tagen warst du
-schon aus der Larve eine Puppe geworden.«</p>
-
-<p>»Herrje! Eine Puppe!«</p>
-
-<p>Nun drängte Fuska ihn zu den hintersten Reihen, damit
-er genau die Tierchen in ihrer zweiten Verwandlung sehen<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-könne. Wie entsetzlich schwer es aber für Max war, vor
-Fuska zu verbergen, daß ein neuer Lachkrampf bei ihm auszubrechen
-drohte, ist nicht zu sagen.</p>
-
-<p>»Das heißt man Puppen!?« kicherte Max mit mühsamer
-Zurückhaltung, denn er mußte sich fest auf die Lippen beißen
-und ein Füßchen vor den Mund drücken, um nicht herauszuplatzen
-vor Lachen. Diese trottelhaften Dinger reizten
-wirklich dazu.</p>
-
-<p>Waren denn das Ameisen? An den weichen, weißlich
-gelben Körper hatten sie Beine und Fühler eng angezogen,
-und so lahm lagen sie da, als hätte man sie eben durchs
-Öl gezogen.</p>
-
-<p>»Also, so soll ich ausgesehen haben?« sagte Max, der
-sich endlich zu einem artigen Ton gefaßt hatte.</p>
-
-<p>»So sahst du aus. Und wie sie, hast auch du eines
-Tages aufgehört zu essen, und obwohl es nicht alle Puppen
-so machen, hast du dich selber in ein Knäulchen eingesponnen
-und versteckt, und als du zu dem vierten Grad deines Lebens
-reif geworden warst, hast du angefangen zu nagen in deinem
-Knäulchen, und ich habe dir geholfen herauszukommen.«</p>
-
-<p>Max starrte Fuska mit seinen sämtlichen Augen an und
-rief: »Ich glaubte, Ameisen kämen zur Welt als richtige
-und fertige Ameisen.«</p>
-
-<p>»Wir Insekten sind allen jenen Verwandlungen unterworfen,
-die dir so wunderbar scheinen. Du wirst im Leben
-noch deren andere, viel merkwürdigere sehen.«</p>
-
-<p>»So bin ich also Ei gewesen, habe mich in eine Larve
-verwandelt, bin Puppe geworden und habe als solche ein
-Knäulchen gesponnen.«</p>
-
-<p>»Und dies Knäulchen«, so sagte Fuska überlegen, »das
-nennen die Menschen irrtümlich ein Ameisenei.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>»Kann schon sein«, sagte Max. »Wie ist es nur möglich, daß
-ich mich gar nicht daran erinnere, das alles getan zu haben!«</p>
-
-<p>»Das glaube ich gerne, in jener Zeit war dein Körper
-unentwickelt und dein Verstand erst im Werden.«</p>
-
-<p>Diese Begründung leuchtete Max wohl ein.</p>
-
-<p>Eigentlich, so dachte er sich, machen auch die Menschen
-eine Reihe von Verwandlungen durch, von der Zeit an,
-wo sie als kleine Wickelkinder mit rotem Köpfchen und dickem
-Bäuchlein zur Welt kommen und gepäppelt werden müssen,
-bis zu ihrem vollkommenen Zustand, wo sie Schnurrbart
-und Backenbart tragen. In diesem Augenblick gab es eine
-neue Überraschung.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-025.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Jene geflügelte Ameise war inzwischen mit Eierlegen fertig
-geworden. Nun sah man sie im Winkel dort mit einer,
-wie es schien, schmerzhaften Arbeit beschäftigt, denn sie strich
-sich gewaltsam heftig mit den Beinen über den Rücken und
-stöhnte laut dabei:</p>
-
-<p>»Ach, ach, ach!« Mit den Beinen stieß und drängte sie
-ihre vier geöffneten Flügel, bis es schließlich gelang, sie
-abzureißen. Dann seufzte sie tief auf und stöhnte erleichtert:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>»Gottlob, das hätten wir hinter uns!«</p>
-
-<p>Alle im Saale Anwesenden riefen ihr im Chore zu: »All
-Heil!« und »Hurra!« und »Wir gratulieren dir!«</p>
-
-<p>»Hörst du«, sagte Max neugierig, »sie gratulieren. Hat
-sie Geburtstag?« &ndash; Dabei schaute er mit seinen drei einfachen
-Augen voll Verwunderung und mit den hundertzwanzig
-zusammengesetzten fragend und neugierig um sich.</p>
-
-<p>Bereitwillig erklärte Fuska weiter:</p>
-
-<p>»Dies ist eine weibliche Ameise, wie ich dir schon sagte.
-Die meisten unserer jungen Ameisenmädchen suchen sich in
-der Luft einen Bräutigam, um Hochzeit zu halten. Diese
-hat aber ihr Fest in der Nähe des Hauses unter unserer
-Aufsicht in Gras und Blumen gehalten. Wir haben sie
-dann nach Hause zurückbegleitet, und weil sie eine kluge
-Frau ist, entledigte sie sich eben ihrer Flügel. So kann
-sie nicht mehr in Versuchung fallen, eines Tages fortzufliegen,
-bleibt dafür hübsch gut versorgt bei uns und schenkt
-uns ihre Eier, um unsere Familie groß und stark zu machen.«</p>
-
-<p>Verwirrt von soviel Neuem mußte Max ein bißchen ausruhen
-und darüber nachdenken. Nun wandte er sich wieder
-an Fuska:</p>
-
-<p>»Wie kann und mag man denn in der Luft Hochzeit
-halten? Das verstehe ich nicht.«</p>
-
-<p>»Es ist eben so.«</p>
-
-<p>»Liebe Fuska, ich habe ja keine Flügel, wie soll dann
-ich um Himmels willen einmal in der Luft meine Hochzeit
-halten?«</p>
-
-<p>»Was kümmert dich das? Männlein und Weiblein haben
-ja ihre Flügel.«</p>
-
-<p>Nun glaubte Max aber wirklich verrückt zu werden.
-»Weibchen haben Flügel. Gut. Männchen haben Flügel.<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-Noch besser. Aber, darf ich fragen, was sind dann wir
-beide eigentlich? Ich und Sie, wir haben keine Flügel,
-ich begreife nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das ist sehr einfach: wir sind weder männlich noch
-weiblich.«</p>
-
-<p>»Waaaas???«</p>
-
-<p>»Wir sind geschlechtlose Wesen.«</p>
-
-<p>Wenn Max nicht eine so dunkle Hautfarbe gehabt hätte,
-hätte Fuska sehen müssen, wie er erblaßte. Wie ein frischgewaschenes
-Leintuch, so weiß, hätte er wohl ausgesehen.
-Es fuhr ihm durch alle Glieder. Bis jetzt hatte er für
-einen tüchtigen Buben gegolten, der ein großer Mann werden
-konnte. Wäre er als Ameisenmädchen geboren worden,
-er hätte sich in Gottes Namen darein gefügt. Aber nichts
-zu sein, weder Mann noch Frau, das war ja nicht zu ertragen.
-Im Ausbruch einer wilden Verzweiflung schrie er
-Fuska an:</p>
-
-<p>»Ich will nicht geschlechtlos sein! Ich will nicht, ich
-mag nicht. Ich bin ein Mann und will einer bleiben. Der
-Alte mit dem grauen Rock hatte kein Recht, aus mir zu
-machen, was ihm beliebte! Wenn er ein gerechter Mann
-gewesen wäre, hätte er mich erst fragen müssen.« Weinerlich
-bettelte er jetzt: »Ich will ein Mann sein, liebe Fuska,
-ich will Flügel haben! Kannst du mir nicht die Flügel
-ankleben, die von dem Weibchen dort abgeworfen wurden?«</p>
-
-<p>Fuska tröstete ihn liebevoll.</p>
-
-<p>»Dein kindliches Verlangen ist zu verstehen; leicht beneidet
-man diejenigen, die uns glücklicher scheinen, als wir
-es sind. Aber glaube mir, wenn man solche Leute oft näher
-kennenlernte, würde man froh sein um das, was man ist,
-und Gott dafür danken.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Allein Fuska hatte gut reden. Max traf dieser Schlag
-zu schwer. Wie vorhin, als er vom Beginn eines Unterrichts
-hörte, spürte er eine angstvolle Bangigkeit, die ihm
-den Hals zuschnürte. Tiefunglücklich schlug er sich mit dem
-rechten Vorderbeinchen vor die Stirne und stützte so seinen
-Kopf. Das Weinen war ihm näher als je.</p>
-
-<p>Aber auch diesmal bezwang er den ungeheuren Schmerz
-mit seiner Vernunft; er besann sich eines Bessern. Tränen
-weinen aus hundertdreiundzwanzig Augen, nein! Das hätte
-eine schöne Überschwemmung gegeben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap06">6. Eine Riesenschlange.</h2>
-</div>
-
-<p>Schmeichelnd zog Fuska den nicht länger Widerstrebenden
-mit sich und sagte dazu: »Du möchtest ein Männlein
-sein, komm mit vor die Haustüre.«</p>
-
-<p>Sorglich führte sie ihn an der Hand, vielmehr am Füßchen
-und stieg zum Haupteingang empor, der zugleich den Saal
-mit Tageslicht versorgte.</p>
-
-<p>Draußen fiel Max von einem Staunen ins andere. Was
-sah er? Drei geflügelte Ameisen mit etwas kleineren Köpfen
-warfen sich wiederholt auf die Erde, wobei sie von einer
-Seite auf die andere fielen und die tollsten Purzelbäume
-schlugen.</p>
-
-<p>»Habt ihr Leibschmerzen?« wendete Max sich voll Mitleid
-zu den unglücklichen Insekten. Stammelnd stieß eines
-hervor:</p>
-
-<p>»Uh &ndash; uh! Ach, ah! Oh! oh! oh!&nbsp;…«</p>
-
-<p>»E&ndash;s&ndash;e&ndash;l!« rief Max.</p>
-
-<p>Das war gerade nicht sehr teilnahmvoll und artig, aber
-er meinte, nie dümmere Geschöpfe gesehen zu haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>»Siehst du wohl, das sind unsere Männchen.«</p>
-
-<p>»Ist so etwas möglich?«</p>
-
-<p>»Ja, sie sind weder besonders vernünftig noch sonst mit
-wertvollen Eigenschaften begabt.«</p>
-
-<p>»Das sehe ich; weder laufen, noch stehen, noch stillsitzen
-können sie.«</p>
-
-<p>»Ihre Lebensaufgabe ist erfüllt; sie sind mit der Braut
-zur Hochzeit geflogen, dann ermüdet herabgestürzt, und gleich
-werden sie sterben.«</p>
-
-<p>Starr und steif lagen bereits zwei, die Beinchen in die
-Luft gestreckt, auf dem Rücken da, ein drittes machte noch
-einige unfrohe Purzelbäume und stöhnte sein »Ach, Oh, Uh!«
-dazu.</p>
-
-<p>»Möchtest du mit diesen Armen tauschen?« fragte Fuska.</p>
-
-<p>»Mit solchen Dummköpfen? Nein, wahrhaftig nicht!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Habe ich es dir nicht gesagt? &ndash; Die Männchen leben
-nur wenige Tage, während wir den Vorzug haben, ein,
-zwei, sogar bis neun Jahre zu leben, wenn uns kein Unglück
-zustößt.«</p>
-
-<p>»Da wollte ich schon lieber noch ein Weibchen sein«,
-sagte Max, der schaudernd den letzten Zuckungen des sterbenden
-Männchens zusah, »als solch eine Art von Mann!«</p>
-
-<p>»Gewinn hättest du auch davon keinen. Wie für Männchen,
-bestehen auch große Gefahren für Weibchen. Hungrige
-Vögel erschnappen sie im Fluge, und das Traurigste ist,
-daß sie auch nach glücklich vollendetem Flug niemals mehr
-ihr altes Heim finden.«</p>
-
-<p>»Nun, sie werden dann wohl in ein anderes Ameisenhaus
-gehen?«</p>
-
-<p>»Davor werden sie sich hüten! Fremde Ameisen werden
-nirgendwo eingelassen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Dann bekommt aber die Ameisenfamilie die Eier des
-verirrten Weibchens nicht«, eiferte Max, »wo keine Eier
-sind, ist es gleich zu Ende mit Larven, Puppen und Ameisen;
-zuletzt steht dann das Ameisenhaus leer!«</p>
-
-<p>»Was du sagst, wäre richtig, wenn wir geschlechtlose
-Ameisen nicht wüßten, was unsere Pflicht ist. Da
-wir das aber sehr genau wissen, geben wir stets Obacht
-und tragen die zu Boden gesunkenen Weibchen ins Haus
-herein, wo sie ihre Eier gerne ablegen, wie du selbst gesehen
-hast.«</p>
-
-<p>»Wie entstehen denn Männchen und Weibchen?«</p>
-
-<p>»Wie eben alle Ameisen entstehen. Aus dem Ei.«</p>
-
-<p>»Wie aber kam ich zu euch?«</p>
-
-<p>»Du weißt es ja. Dein Ei fand man auf einem moosigen
-Stein in der Nähe unseres Hauses. Wir erkannten, daß
-es zu uns gehörte.«</p>
-
-<p>Beide schwiegen. Maxens Herz war voll der verschiedensten
-Empfindungen. Über eine Weile fuhr Fuska fort:</p>
-
-<p>»Merke dir also: Mann sein, heißt bei uns soviel als
-einen einzigen, herrlich schönen Flug über Blumen zur Sonne
-machen, dann erschöpft zur Erde stürzen und in Betäubung
-sein Leben aushauchen. Um als Weibchen zu leben, gibt
-es zwei Möglichkeiten: Entweder die Flügel zu gebrauchen,
-um den schönen Sonnenflug mit einem Bräutigam zu feiern
-&ndash; wie oft aber geht dies Unternehmen übel aus! &ndash; oder,
-trotz Flügel, auf der Erde bleiben und sich selber die Flügel
-auszureißen, um ihrer Versuchung nicht zu unterliegen.
-Wer bei uns Flügel besitzt, ist nicht zu beneiden. Wir geschlechtlose
-Ameisen aber sind recht die Herren des Hauses.
-Wir arbeiten ehrlich und unverdrossen, und die ganze Welt
-ehrt uns mit dem ruhmvollen Titel: ›Arbeiter‹.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p>
-
-<p>Der Gedanke, unverdrossen zu arbeiten, war für Max
-durchaus nicht bestrickend, aber daß Fuska grundgescheit und
-hoch achtbar war, das sah er ein.</p>
-
-<p>»Wohlan«, sagte er, »ich will mich ferner nicht mehr
-über mein Schicksal beklagen.«</p>
-
-<p>Fuska liebte es, ein wenig zu predigen; jetzt legte sie
-ihm ihre Vorderbeinchen auf die Schultern, schaute ihn bewegt
-und ernst an und sprach:</p>
-
-<p>»Eine Ameise, die still ihrer Arbeit lebt, hat keine Ursache,
-irgend jemand zu beneiden. Du hast gesehen, wie
-der Schein trügt, und daß Flügel nicht verhindern können,
-sich auf der Erde den Hals zu brechen.«</p>
-
-<p>»Ja, ja«, sagte Max altklug, »es ist nicht alles Gold,
-was glänzt!«</p>
-
-<p>Inzwischen waren aus dem Hause Gruppen von Ameisen
-ausmarschiert, die eine Menge neu ausgeschlüpfter Ameislein
-führten, um sie an die Luft zu bringen. Mit Interesse
-folgte Max, und gerne hätte er mit ihnen ein wenig plaudern
-mögen. Aber alle horchten hoch auf, denn eine Stimme
-ließ sich hören: »Hierher! Schwestern! Hilfe ist nötig!«</p>
-
-<p>Eine kräftige Ameise krabbelte keuchend heran und berichtete:</p>
-
-<p>»Es gilt eine große Beute hereinzubringen. Wir sind
-kaum unserer zwölf und werden allein nicht mit ihr fertig.«</p>
-
-<p>Sofort nahm sich Fuska umsichtig der wichtigen Angelegenheit
-an, indem sie zunächst alle Anwesenden aufmunterte,
-mitzuhelfen. »Auch die Kleinen sollen mitkommen.
-Das Beispiel unserer Arbeit ist für die Kinder die beste
-Erziehung.« So befahl sie.</p>
-
-<p>Der Tag war herrlich und die Arbeit begann jedenfalls
-mit einem Spaziergang; das fand Max nicht übel. Auch<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-war es ihm von jeher vergnüglich, einer Arbeit zuzusehen.
-Wie oft hatte er früher zu Therese gesagt:</p>
-
-<p>»Wenn ich einmal groß bin, will ich gerne die Menschen
-mit Arbeit versorgen, auch wenn keine für mich übrig bleibt.«</p>
-
-<p>Man zog gemeinsam einen hügeligen Weg entlang, voran
-als Wegweiserin die Ameise, die den Fund gemacht hatte.</p>
-
-<p>Wie man, um Atem zu schöpfen, einmal stehen blieb,
-meinte nachdenklich die Führerin:</p>
-
-<p>»Ich müßte mich sehr täuschen, aber auf diesem Weg
-brauchen wir mehr als tausend Leute, um unsere Beute
-heimzubringen.«</p>
-
-<p>Nach kurzer Weile des Weitermarsches rief sie: »Gleich
-sind wir am Orte, hinter dem Hügel stehen die andern.«</p>
-
-<p>In Wirklichkeit war der bezeichnete Hügel nur ein Maulwurfshaufen,
-aber man mußte tüchtig klettern, um ihn zu
-ersteigen. Max war als erster oben, und vor Überraschung
-schlug er seine Vorderbeinchen zusammen und richtete seine
-Fühler hoch auf.</p>
-
-<p>Am Fuße des Hügels lag vor seinem erstaunten Blicke
-eine riesige Schlange mit rosiger Haut. Zwanzig Ameisen
-hatten an dem Ungetüm bereits furchtlos Hand angelegt.</p>
-
-<p>Wie mag diese gefährliche Sache enden?</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap07">7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise?</h2>
-</div>
-
-<p>Die Schlange war entsetzlich groß, und noch erkannte man
-nicht einmal ihre wahre Länge. Warum? Sie steckte, weiß
-Gott wie tief, mit dem Leibesende in der Erde, wo sich
-ihr Körper mit aller Kraft einstemmte. Mit verwegener
-Kühnheit wurde von den Ameisen der Versuch gemacht,
-das Untier aus seiner Erdhöhle herauszuzerren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p>
-
-<p>Max wendete sich erregt zu Fuska.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-033.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Die sind wohl verrückt«, deutete er auf die Arbeiter.
-»Die Schlange ist tausendmal größer als wir, wenn sie
-den Rachen aufreißt, verschlingt sie uns alle zusammen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<p>Stolz erwiderte ihm Fuska:</p>
-
-<p>»Wir Ameisen sind mutige Leute und fürchten uns nicht
-leicht. Ferner erinnere dich, was ich dir vom trügerischen
-Schein sagte. Diese Schlange ist nichts weiter als ein
-fetter Wurm und heißt <em class="antiqua">Lumbricus agricola</em>.«</p>
-
-<p>Vorsichtig näherte sich der kleine Max dem großen Ungeheuer,
-betrachtete es forschend und rief enttäuscht:</p>
-
-<p>»O, welch ein Aufwand von Fremdwörtern! Ein gewöhnlicher
-Regenwurm ist es, nichts weiter. Regenwurm
-sagt man, das versteht jeder sofort.«</p>
-
-<p>»Es ist aber höchst wichtig, daß wir Ameisen die Tiere,
-die um uns leben, nach der Art ihres Baues und ihrer
-Gewohnheiten kennen«, erwiderte Fuska.</p>
-
-<p>Max hatte mit seinem Kinderverstand freilich erfaßt, daß es
-sich hier um einen unschuldigen Regenwurm handelte; mit seinen
-Ameisenaugen erkannte er trotzdem den Ernst des Kampfes.</p>
-
-<p>Seinen Angreifern gegenüber blieb der Wurm immerhin
-eine Riesenschlange.</p>
-
-<p>Alle alten und jungen Ameisen hatten sich jetzt rings um
-das Ungeheuer aufgestellt, und Max war ehrgeizig genug,
-nicht zurückbleiben zu wollen. Er begann wie diese fleißig
-mit seinen Beinchen zu arbeiten. Der Körper des Wurmes
-überzog sich nach und nach mit einer säuerlichen Flüssigkeit.
-Max schnupperte daran.</p>
-
-<p>»Was ist das?« fragte er, den Mund verziehend.</p>
-
-<p>»Das ist unser Gift, das wir gegen Feinde benützen«,
-sagte seine Nachbarin.</p>
-
-<p>Es war Ameisensäure. Sie wird von den Ameisen erzeugt
-und am Hinterleib ausgespritzt.</p>
-
-<p>Das Ungetüm lag jetzt da, ohne sich vor- oder rückwärts
-zu bewegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>Da kam Max ein prächtiger Gedanke, den er ohne Zaudern
-zum besten gab.</p>
-
-<p>»Wißt ihr was? Wir zerschneiden den langen Kerl mit
-unsern Kieferzangen in zwei Teile«, rief er.</p>
-
-<p>Aber wie mit einer Stimme hielten alle ihm entgegen:
-»Das wäre eine unverzeihliche Dummheit. Sie käme dem
-Herrn schön zustatten; da könnte er die Hälfte, die im
-Boden steckt, bequem in Sicherheit bringen.«</p>
-
-<p>Max wußte eben nicht, daß es einem Regenwurm gar
-nicht einfällt zu sterben, wenn man ihn entzweischneidet.
-Max hatte bisher <span id="corr035">in der</span> festen Überzeugung gelebt, daß ein
-Kinderverstand jedenfalls einem Ameisenhirnchen überlegen
-sei. Über das eben Erlebte wurde er sehr bescheiden.
-O weh, von einer Ameise mußte er sich so bekannte Dinge
-sagen lassen!</p>
-
-<p>Heldenhaft zogen die Ameisen, dehnten und streckten den
-Wurm, aber ohne jeden Erfolg. Er steckte wie eingemauert
-in seiner Höhle. Max entdeckte am Bauche des Tieres eine
-Art Borsten, mittels welcher es sich fest am Boden anklammerte,
-und bei solcher Gegenwehr ließ sich denken, daß
-alle Ameisenkraft nichts nützte. Ein Augenblick allgemeiner
-Ratlosigkeit folgte der äußersten Anstrengung. Die Klügste
-stieg nun auf den Rücken der Schlange und befahl den
-andern, sie festzuhalten, damit sie nicht vollends im Erdboden
-verschwände.</p>
-
-<p>»Hört mich an«, sprach sie eifrig, »dieser Starrkopf will
-sich nicht loslösen lassen. Wir werden ihm den Boden
-unter dem Leibe wegziehen!«</p>
-
-<p>Max verstand nicht, wie man dies machen könne, während
-alle andern flugs begriffen. Zum zweiten Male fühlte
-er sich gedemütigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p>
-
-<p>Unverweilt begaben sich alle Arbeiter bis auf etwa zehn,
-die die Schlange festhalten mußten, zum Rande der Höhle,
-in der sie mit einem Teile ihres Leibes versenkt war. Entschlossen
-arbeitete Max hier mit, und Fuskas Befehl: »Zangen
-gebrauchen!« war für ihn fast überflüssig. Alles schaufelte
-und grub, und die Kieferzangen, die er zur Aufnahme der
-süßen, flüssigen Sirupnahrung nicht hatte gebrauchen können,
-waren prachtvoll passende Werkzeuge. Mit ihnen ließ sich
-spielend packen, graben, heben und schaufeln. Im Nu war der
-Rand des Loches, in dem der Wurm steckte, abgebaut; tiefer
-und weiter gruben die fleißigen Arbeiter, und bald lag der
-ganze Leib der Schlange freigelegt in einer fast wagrechten
-Furche, in der das Tier sich mit seinen Borstenfüßen nicht
-mehr festhalten und die Spannkraft seiner Leibesringe nicht
-wie bisher ausnutzen konnte. Solange nämlich ein Teil
-des Wurmes wagrecht auf dem Boden lag und der andere
-senkrecht in der Höhle steckte, bildete der ganze Körper einen
-rechtwinkligen Haken und leistete einen fast nicht zu überwältigenden
-Widerstand. Jetzt hingegen lag der Wurm
-seiner ganzen Länge nach ausgestreckt in einem schiefen
-Graben und konnte mit einiger Mühe fortgeschafft werden.
-Max berechnete nachdenklich, daß das Tier mindestens fünfzehn
-Zentimeter lang war; im Verhältnis zur Größe einer
-Ameise war das ungeheuer viel. In Anbetracht seines
-eigenen Mutes, seiner herrlichen Waffen, die er an seinen
-Kieferzangen besaß, und der unglaublichen Geschicklichkeit
-seiner Gefährten kam aber keine Spur von Angst in Max
-auf. »Das werden wir schon schaffen«, so ging es wiederholt
-mitten in schwersten Anstrengungen von Mund zu
-Munde, und es lag nichts Großsprecherisches darin. Nun
-mußte der lange, schwere Körper nach Hause gezogen werden.<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-Das war eine ganz besonders mühsame Aufgabe. Trotz
-geschickter Verteilung der Arbeitskräfte am Kopf, in der
-Mitte und am Ende der Schlange ging es nur langsam
-vorwärts. Der Wurm sträubte sich nach allen Seiten.</p>
-
-<p>Max half wacker mit.</p>
-
-<p>»Wenn mir früher jemand gesagt hätte, wie stark und
-mutig Ameisen sind«, dachte er, »ich hätte es nicht geglaubt!
-Wie oft mag ich achtlos über sie weggeschritten sein,
-ahnungslos, wie klug und geschäftig sie zu meinen Füßen
-arbeiteten!«</p>
-
-<p>Leider stieß das Unternehmen doch auf ein unüberwindliches
-Hindernis. Der Boden war mit Rasen bedeckt, und
-es ging nicht an, die Beute durch den dichten Wald der
-Halme und Blätter zu schleppen. Unsicher rutschte man,
-und haltlos verlor der Körper einen Teil seiner Kraft zum
-Schieben, Tragen und Stoßen. So kam der Zug zum
-Stehen. Endlich eine passende Gelegenheit für Max, seine
-Weisheit aufs neue leuchten zu lassen!</p>
-
-<p>»Nun muß die Schlange eben doch zerschnitten werden«,
-sagte er so bestimmten Tones, daß es wie ein Befehl klang.</p>
-
-<p>Die eifrige Jugend glaubte schon folgen zu müssen, als
-Fuska schnell »Halt« gebot.</p>
-
-<p>»Wir können unsere Beute ungeteilt nach Hause bringen«,
-entschied sie mit Ruhe und Nachdruck.</p>
-
-<p>»Aber wie denn?« rief Max ärgerlich. Galt denn sein
-Kinderverstand so wenig bei den Ameisen? Es war unausstehlich,
-wie man ihn mißachtete.</p>
-
-<p>Fuska ordnete in aller Ruhe an, daß eine gewisse Anzahl
-als Wächter bleiben sollten. »Die andern«, befahl sie,
-»gehen mit mir. Laßt euch indessen die Zeit nicht lange
-werden«, wendete sie sich noch freundlich zur befohlenen<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-Wache, »die Arbeit wird lange währen, aber den Wurm
-bekommen wir ganz nach Hause.«</p>
-
-<p>So ging sie, gefolgt von den übrigen zum Ameisenhaus
-zurück und nahm dabei einen auffallend taktmäßigen Schritt
-an, als ob sie Bedenken trüge, ordentlich aufzutreten.</p>
-
-<p>»Weshalb geht sie denn so tolpatschig?« fragte Max
-seine Nachbarin.</p>
-
-<p>Ja er spottete sogar über seine gute Pflegerin und sprach:</p>
-
-<p>»Ei! ei! Frau Fuska hat, scheint's, Hühneraugen an den
-Füßen oder gar Frostbeulen im hohen Sommer, so zaghaft
-trippelt sie dahin.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap08">8. Die Überführung der Schlange.</h2>
-</div>
-
-<p>An der Haustüre hielt Fuska an und berechnete laut:
-»Die Entfernung vom Wurm bis hierher beträgt nach
-meiner Schätzung hundertzwanzigmal meine Körperlänge.«</p>
-
-<p>In Max dämmerte mit Beschämung das Verständnis auf,
-warum Fuskas Art zu schreiten so eigentümlich gewesen war.</p>
-
-<p>»Wenn ich gut achtgebe, wie tief ich jetzt abwärts steige,
-wird es nicht schwer sein, die genaue Richtung zu finden.
-Frisch ans Werk«, so schloß sie jetzt mit aufmunterndem
-Wink. Nun schritt man vorsichtig abwärts, bis Fuska bestimmte:
-»Hier an dieser Stelle beginnen wir den Schacht.
-Während ich mit der Hälfte von euch grabe, schafft ihr
-andern sofort das abgegrabene Erdreich weg.«</p>
-
-<p>Max verstand genau, um was es sich handelte.</p>
-
-<p>»Ihr hofft einen Gang zu bauen, der an einen bestimmten
-Punkt führen soll«, bemerkte er.</p>
-
-<p>»Selbstverständlich, das tun wir«, so riefen alle durcheinander.
-Er aber, der siebenmal gescheite Vorwitz, sprach
-gelassen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>»Ihr habt wohl alle den Verstand verloren?«</p>
-
-<p>Von Onkel Walter wußte er, welche Schwierigkeiten
-es zu überwinden kostete, bis der Gotthardtunnel gebaut
-war. Nach den verwickeltsten Berechnungen hatte man
-Jahre der Arbeit gebraucht, bis die Arbeiter, die an den
-entgegengesetzten Punkten die Bohrungen begonnen hatten,
-sich unter der Erde endlich begegneten und ein großes
-Freudenfest feiern konnten.</p>
-
-<p>»Ha«, lachte er in sich hinein, »so etwas wollen Ameisen
-fertigbringen! Lächerlich.«</p>
-
-<p>»Vorwärts, vorwärts«, stieß ihn Fuska derb an, daß
-er aus seinen Zweifeln jäh emporfuhr, »stehe nicht müßig!
-Wer immer grübelt und zögert, erreicht kein Ziel«, brummte
-sie, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte.</p>
-
-<p>Welch mühsame Arbeit! Eine Stunde schon grub und
-schaufelte man, und noch war kein Ende abzusehen. Etwas
-boshaft, wie Max heute aufgelegt war, wendete er sich an
-Fuska: »Große Ingenieurin, ich möchte mir eine Bemerkung
-erlauben.«</p>
-
-<p>»Nur keck heraus damit«, sagte sie, die Anrede gutmütig
-belächelnd.</p>
-
-<p>»Mir will scheinen«, belehrte Max, »der Gang, den wir
-graben, führt mehr und mehr abwärts. Wir arbeiten ein
-Loch durch die Erdkugel!«</p>
-
-<p>»Sprich nur weiter«, drängte lachend Fuska.</p>
-
-<p>»Wenn wir das Leben haben, werden wir in ungefähr
-tausend Jahren in Amerika die Sonne wieder sehen!«</p>
-
-<p>Fuska ließ ihn sprechen, da er fleißig dazu weiterschaffte
-und grub. Die Tatsachen, so dachte sie, werden es ja
-lehren, ob er recht behielt. Mit sachlicher Ruhe wurde
-emsig gearbeitet, und man fühlte es bereits, &ndash; die Erdschicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-die noch zu durchbrechen war, war nur mehr eine
-dünne Wand. Eine letzte Weisung noch gab die geistvolle
-Leiterin, und &ndash; ein Lichtstrahl drang durch die erlangte
-Öffnung. Alle sprangen und sangen mit fröhlichem »Hurra!«
-ins Freie. Da lag er, der Regenwurm, kaum einen Ameisenschritt
-entfernt, umgeben von den treuen Wächtern, die, ihrer
-Ablösung froh, vergnügt mitjubelten.</p>
-
-<p>Max aber stand neuerdings überwältigt vor Staunen
-mit aufgesperrten Kieferzangen da und überlegte das Erlebnis!
-Kaum aus dem Gespinst geschlüpft, hatte er gesehen,
-welch umsichtige Hausfrauen und treue Wärterinnen
-die Ameisen sind. In langen Arbeitsstunden hatte er jetzt
-erfahren, welch kühne Schachtgräber sie sein können, und
-jetzt eben erlebte er den glänzenden Beweis ihrer Tiefbaukunst.
-Was war mehr zu bewundern, der Geist des großen
-Planes oder die Genauigkeit seiner Ausführung?</p>
-
-<p>»Wie ich mich mit euch freue«, sagte er bewegt zu den
-Gefährten, »ich hätte nie geglaubt, daß ihr dermaßen geschickt
-seid!«</p>
-
-<p>»Manchmal«, redete ihn Fuska an und blickte ihm wie
-Gedanken lesend in die Augen, »manchmal ist das Mißtrauen
-in anderer Leute Können nur ein versteckter und unfruchtbarer
-Hochmut. Weil man sich selber zu etwas unfähig
-fühlt, denkt man, andere werden auch nichts können!«</p>
-
-<p>Dabei räusperte sie sich mit auffallender Langsamkeit,
-während Max sich mit den Vorderbeinchen verlegen hinter
-den Fühlern kratzte, denn Fuska sah ihn ein wenig von
-der Seite an, als ob er ein auf der Tat ertappter Schelm
-wäre. Aber sie war doch zum Umarmen lieb und gut.</p>
-
-<p>»Na, na«, fuhr sie freundlich fort, »zweifle nur nicht an
-dir selbst. Heute bist du noch jung, aber in zwei, drei<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Tagen hast du dieselbe Ausdauer und Berechnungskunst
-wie wir alle, und du wirst gewiß eine Ameise werden, die
-unserer Familie würdig ist!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-041.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Da die Sonne sich bereits zum Untergange neigte, beeilten
-sich die Ameisen, den Regenwurm, der im Nu in den
-neugegrabenen Gang gezogen war, zu bergen. Der Eingang
-wurde gleich mit Blättchen, Erdkrumen und Hälmchen fest
-verbaut. Aus Vorsicht vor nächtlichen Einbrechern und
-andern Überraschungen schlossen sie sorgfältig das neue Tor
-zur Wohnung. Die Schlange aber lag in einer Kammer
-des Hauses wohlgeborgen.</p>
-
-<p>Wie sie ausgestreckt dalag, erinnerte sich Max jener
-Schulaufgabe, die von der Klugheit der Ameisen handelte.
-Es war die Fabel von der sorglosen Grille und der
-fleißigen Ameise, die er gelernt hatte und als Aufsatz
-niederschreiben sollte. Darum urteilte er jetzt nach dem
-Gelernten und sagte in frohlockendem Tone: »Ein prachtvoller<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-Wintervorrat! Das gibt einen herrlichen Sonntagsbraten!«</p>
-
-<p>»Vorrat für den Winter?« Fuska sah Max verwundert
-dazu an.</p>
-
-<p>»Gelt«, erwiderte Max stolz auf sein Wissen, »gelt, du
-meinst, ich weiß es nicht, wie fleißig wir im Sommer arbeiten,
-damit wir auch im Winter etwas Gutes zu essen
-haben, wenn wir wegen der Kälte nicht ausgehen können.«</p>
-
-<p>Da lachten alle Umstehenden aus vollem Halse.</p>
-
-<p>»Nein, wie er töricht plaudert«, riefen sie, »wer wird
-denn im Winter essen?«</p>
-
-<p>»Nicht essen? &ndash; Den ganzen Winter nichts essen?«</p>
-
-<p>»Im Winter schlafen wir doch!«</p>
-
-<p>»Liebe Fuska, höre doch, was sie sagen!«</p>
-
-<p>»Freilich«, bestätigte sie schmunzelnd über sein enttäuschtes
-Gesicht, »was sollten wir den ganzen unfreundlichen, kalten
-Winter über Besseres tun?«</p>
-
-<p>»Da schlafen wir immerfort, einen einzigen, guten, langen
-Schlaf?«</p>
-
-<p>»Ja, so ist es, Lieber.«</p>
-
-<p>»Wie können denn nur die Menschen«, so dachte jetzt
-Max, »ihren Kindern solche Geschichten erzählen von Tieren,
-die sie gar nicht ordentlich kennen!« Er war ganz müde
-vom Denken und den vielen neuen Eindrücken und fragte
-nun gähnend:</p>
-
-<p>»Und jetzt? Heute gehen wir gewiß recht bald schlafen?«</p>
-
-<p>»Was denkst du? Nachts verrichten wir unsere Hausarbeit!«</p>
-
-<p>»Immer arbeiten!« brummte Max. »Aber der lange
-Schlaf im Winter ist nicht übel. Was hat man doch als
-Kind für eine Schererei, sich abends auszuziehen, ins Bett zu<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-legen, dann wieder alle Morgen aufstehen, anziehen, waschen,
-kämmen und so fort, bis abends dieselbe Leier wieder beginnt,
-und alle Tage so weiter, ein ewiges Einerlei!«</p>
-
-<p>Dies sagte er aber nur still zu sich selber.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap09">9. Max, der Soldat.</h2>
-</div>
-
-<p>»Du hast immer noch keine richtige Vorstellung«, sagte
-Fuska zu Max, »wie es in unserem Hause eigentlich aussieht.
-Reinige dich jetzt, ehe ich dich in die Kellerräume
-führe.«</p>
-
-<p>»Ich mich reinigen?« wunderte sich Max.</p>
-
-<p>»Das versteht sich! Wir haben uns beim Graben tüchtig
-bestaubt, und ich will nicht hoffen, daß du dich im Schmutze
-wohl fühlst wie eine Kotwanze.«</p>
-
-<p>Dieses Insekt mit dem häßlichen Namen, auf das Fuska
-anspielte und das bei den reinlichen Ameisen nicht gerade
-als Kosename gebraucht wird, heißt lateinisch <em class="antiqua">Reduvius</em>,
-was Max trotz seiner Studien im Latein nicht wußte. Es
-lebt in den Häusern bei den Menschen. Die Larve hüllt
-sich in Wollstaub und allerlei Kehricht, wie man ihn in
-den Ecken unreinlicher Wohnungen antrifft. Vermummt in
-einen Staubmantel, fällt sie nun aus dem Hinterhalt arglose
-Mücken an und verspeist sie. Ist aber das Insekt ausgewachsen,
-dann gibt es seine ungehörige Hinterlist und
-niedrige Verschlagenheit auf und jagt nach Beute im offenen
-Kampfe.</p>
-
-<p>Fuska hatte recht, wenn sie die Lehre anknüpfte: »Reinlichkeit
-ist der erste und vornehmste Beweis eines gebildeten
-Geschöpfes, das Selbstachtung besitzt. Wir Ameisen halten
-sehr viel auf uns!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>»Wie in aller Welt soll ich mich aber reinigen? Wo
-ist Wasser, Seife, Handtuch?« Fuska begriff durchaus nicht,
-was er meinte.</p>
-
-<p>»Nur rasch«, sagte sie, »mache dich sauber. Gebrauche
-flink deine Beinchen!«</p>
-
-<p>Max stellte sich ungeschickt genug an. Am Ende seiner
-Füße befand sich eine Art Kämmchen mit scharfen Zähnen;
-damit konnte er, wenn er die Füße hob und beugte, seine
-Fühler bürsten; kreuzte er die Beinchen, so ließen sich Kopf
-und Rücken kämmen und die feinen Härchen glätten und
-striegeln, die an den Fußspitzen wuchsen.</p>
-
-<p>»Wenn mir einer gesagt hätte, daß mir der Haarschopf
-an den Füßen wüchse!« witzelte er.</p>
-
-<p>Plötzlich hielt er laut jammernd inne.</p>
-
-<p>»Au weh, au weh!«</p>
-
-<p>»Was hast du, Kindchen?«</p>
-
-<p>»Ich armer Kerl! Ich blute! Blut läuft aus meinen
-Haaren!«</p>
-
-<p>»O du Dummerchen«, lachte Fuska, »du bist beim Kämmen
-an eine Drüse geraten.«</p>
-
-<p>»Drüse?«</p>
-
-<p>»Aus diesen Drüsen quillt ein Saft, mit dem wir unsere
-Staubhärchen befeuchten können.«</p>
-
-<p>»Wozu tun wir dies?«</p>
-
-<p>»O zu allerlei! Womit könntest du dich auf einer senkrechten,
-glatten Fläche halten, die bestiegen werden soll?
-In solchem Falle drückt man geschwind ein wenig Drüsensaft
-heraus; dieser klebt gerade so viel, daß er uns beim
-Gehen an der glatten Wand den festen Halt gibt.«</p>
-
-<p>Mit den Beinen hatte Max vorher gegraben, und mit
-ihnen hatte er geschickt die Erde fortgeschleudert, die ihm im<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-Wege war. Jetzt rief er begeistert: »Was habe ich doch für kunstvolle
-Füße! Krallen sind daran, Staubhaare und Kämmchen.
-Fehlt nur noch Zahnbürste, Mundwasser und ein Spiegel,
-dann hätte ich die feinste Waschtischeinrichtung beisammen!«</p>
-
-<p>»Komm, komm!« eilte Fuska.</p>
-
-<p>Um ihn rannte alles so geschäftig durcheinander, daß er
-mit seinen neugierig vorgestreckten Fühlern unsanft an beschäftigte
-Ameisen anstieß.</p>
-
-<p>»Was laufen diese so? Was bedeutet dies Hin und Her?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Larven und Puppen werden herumgetragen. Sie sind
-sehr empfindlich gegen Kälte und Hitze.«</p>
-
-<p>»Sie erkälten sich wohl leicht und bekommen den Schnupfen?«</p>
-
-<p>»Wir bauen für unsere Kleinen hochgelegene und tiefe
-Stuben, wohin wir sie je nach Sonne und Regen tragen.«</p>
-
-<p>Max dachte mit Rührung daran, daß man auch ihn so
-treu herumgetragen hatte, und tiefbewegt sprach er:</p>
-
-<p>»Wie gerne mag ich die Ameisen leiden, diese guten Tierchen!
-Ich finde kaum Worte, um zu sagen, wie dankbar
-ich Ihnen, liebe Frau Fuska bin, für alles Liebe, was Sie
-mir schon getan haben.«</p>
-
-<p>»Du liebe Zeit, mache keine Redensarten! Ich habe an
-dir nur getan, was einst mir geschah und was du den
-nachkommenden Geschlechtern tun wirst. Bei uns Ameisen
-werden schon die Kinder angehalten, andern das zu tun,
-was wir selbst wünschen, daß es uns geschähe. Man muß
-Gutes tun, weil man Gutes empfangen hat, wie man eben
-jede Schuld bezahlt, wenn man ehrlich ist.«</p>
-
-<p>Unsere Beiden waren übrigens wieder innerhalb des wohlverrammelten
-Tores angelangt. Im Hausgang schritten
-einige Ameisen hin und her.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>»Was tun diese hier, Frau Fuska?«</p>
-
-<p>»Sie hüten als Schildwachen unser Haus und rufen sofort
-im Falle der Gefahr diejenigen an, die bei der Arbeit
-sind.«</p>
-
-<p>»Ich will auch eine Schildwache werden!«</p>
-
-<p>»Ohne Zweifel kannst du das, denn du scheinst eine kräftige,
-gesunde Ameise zu werden und hast alle Eigenschaften
-eines guten Soldaten in dir.«</p>
-
-<p>»Soldat! Soldaten gibt es auch bei den Ameisen?
-Juhe! &ndash; Hurra!«</p>
-
-<p>»Im Notfalle kämpfen wir wohl alle, aber in unserer
-Familie sind die kräftigsten Arbeiter mit starkem Kopf und
-den mächtigen Kieferzangen besonders zum Kriegsdienst geeignet.«</p>
-
-<p>»Beim ersten Kampfe«, rief Max voll Begeisterung, »schwöre
-ich, daß ich es zum General bringen will!« Indem er
-dies sagte, hob er sein rechtes Vorderbeinchen zur Stirne
-empor und grüßte die Wachen stramm militärisch.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap10">10. Im Kuhstall der Ameisen.</h2>
-</div>
-
-<p>Während sie beide die entlegensten Winkel des Hauses
-besuchten, konnte sich Max von der Weitläufigkeit des Baues
-überzeugen. Es gab weite Gemächer, die mittels Gängen
-und Gräben in Verbindung standen. Alle mündeten sie in
-einen großen Saal im Mittelpunkt des Hauses. Wenn die
-Tageshitze am größten war, vereinigten sich hier in ihren
-Ruhestunden die Bewohner. In den weiten, dunklen, von
-Säulen und Pfeilern gestützten Gewölben tastete Max sich
-mit seinen feinen Fühlern sicher vorwärts und bewunderte
-überall die geistreiche Anlage des schönen Baues.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p>
-
-<p>Die Ameisen, das sah er klar, sind nicht bloß gute Pfleger,
-starke Arbeiter, schlaue, kluge Tunnelgräber, sie sind auch
-große Baumeister. Er stand nicht an, dies laut preisend
-Fuska als Artigkeit zu sagen.</p>
-
-<p>»Es wäre eine falsche Bescheidenheit«, erwiderte diese mit
-würdigem Stolze, »dein Lob abzulehnen. Aber ich muß
-auch gestehen, daß wir Ameisen zwar alle großes Geschick
-im Bauen haben, trotzdem besitzen wir aber keine bestimmte
-Bauart, wie z. B. die Bienen. Jeder arbeitet bei uns sozusagen
-nach eigenem Geschmack und eigener Laune. Auf
-diese Weise bekommen wir Häuser von unglaublicher Vielseitigkeit,
-die alle etwas Persönliches an sich haben.«</p>
-
-<p>»Es müßte sehr schwer sein«, bemerkte Max altklug, »eine
-Geschichte des Ameisenstiles zu schreiben.«</p>
-
-<p>»Riesig schwer! Denke, es gibt außer den verschiedensten
-Arten unserer unterirdischen Nester auch solche in freier
-Luft.«</p>
-
-<p>»In freier Luft? Schwebend? Wie merkwürdig!«</p>
-
-<p>»Jawohl! Es gibt Ameisenarten, die bauen ihr Häuschen
-auf Pflanzenzweige, sie kleben Blätter zusammen als
-Dach; andere wohnen in Eichengallen, in Felsenspalten,
-Mauerritzen, sogar im Holz der Bäume.«</p>
-
-<p>»Also Holzschnitzer, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Vollendete!«</p>
-
-<p>»So sind die Ameisen auch Bildhauer«, murmelte Max,
-und jetzt dachte er erst mit Verständnis an Namen, die ihm
-einst in der Schule recht langweilig schienen. Da war im
-Lesebuch von einem berühmten Mann die Rede, der Dante
-hieß; dieser war zugleich ein Staatsmann, ein Dichter und
-Gelehrter. Ein anderer hieß Michelangelo Buonarroti;
-von diesem gab es eine ganze Litanei zu merken: Bildhauer,<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Maler, Baumeister, Ingenieur, Dichter und Soldat sollte
-er einst gewesen sein! Und alles mit Note eins! Er hatte
-es nie recht glauben können, aber jetzt schien es ihm doch
-eher möglich, nachdem er bei den Ameisen auch so vielerlei
-Kunst vereinigt sah. Es war nicht ohne Grund, wenn er
-auf einen drolligen Einfall geriet:</p>
-
-<p>»Es kommt mir vor«, dachte er, »als ob ich, seit ich
-Ameise bin, ein großer Mann geworden sei.«</p>
-
-<p>Er fand übrigens, daß dies, was die Ameisen ihr Haus
-hießen, viel eher eine kunstvoll befestigte Stadt genannt
-werden durfte. Max, der von Fuska bereits gelernt hatte,
-Entfernungen abzuschätzen, berechnete die Tiefe und Höhe
-des Baues auf mindestens dreihundert Ameisenlängen und
-dachte mitleidig an das größte Menschenbauwerk, die berühmten
-ägyptischen Pyramiden. Ihr Bild hing in Onkel
-Walters Zimmer, und Onkel erzählte von ihnen, daß sie
-neunzigmal die Höhe eines Menschen hätten.</p>
-
-<p>Trotz aufrichtiger Bewunderung und Staunen für die
-kleinen Insekten, denen er jetzt selbst angehörte, spürte er
-nach und nach eine ihm von jeher wohlbekannte Regung
-seines Magens.</p>
-
-<p>Ohne Umstände sagte er daher:</p>
-
-<p>»Alles ist wunderschön, alles ist vorhanden, was eine
-Ameise sich wünschen kann, aber darf ich fragen, ob nicht
-irgendwo etwas Eßbares zu finden ist?«</p>
-
-<p>»Du kleiner Hungerleider«, lächelte Fuska. »Bisher bist
-du von mir gespeist worden, es ist aber jetzt an der Zeit,
-daß du allein essen lernst.«</p>
-
-<p>»O da mache ich sicher die schönsten Fortschritte, ich will
-es gerne versprechen!«</p>
-
-<p>»So komm, du sollst jetzt unsere Ställe kennenlernen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>Eine neue Überraschung! Ställe!</p>
-
-<p>»Ställe? Wirkliche, wahrhaftige Ställe?«</p>
-
-<p>»Komm nur, wir werden unsere Kühe melken.«</p>
-
-<p>Ziemlich einfältig blickte Max um sich.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-049.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Kühe? Wo? Melken? Wie?« &ndash; Kopfschüttelnd ging
-er hinter Fuska her, die ihn in einen schiefen, aufwärts
-strebenden Gang führte, der bis zur Erdoberfläche reichte.
-Er fühlte die Luft freier und kühler wehen und bemerkte,
-daß der Gang oberhalb des Erdbodens weiter senkrecht emporstieg.
-Im Hohlraum des Ganges stand aus dem Erdboden
-herauswachsend der Stengel einer Pflanze. Es war ersichtlich,
-daß der röhrenförmige Bau errichtet war, um diese
-Pflanze zu schützen. Sie kletterten in die Höhe und gelangten
-schließlich in einen erweiterten Raum. Dieser glich
-einer hohlen Kugel. Hier lebten Insekten, die Max nicht
-gleich erkannte. Durch ein kleines Fensterchen drang ein<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-Lichtstrahl ein, und Max sah, daß es Tierchen waren, wie
-er solche oft herdenweise an den Rosenzweigen in seinem
-Garten beobachtet hatte und die Onkel Walter Blattläuse
-nannte.</p>
-
-<p>»Hier hast du zwei Arten von Milchkühen«, lud Fuska
-ein, »wähle und laß es dir tüchtig schmecken.«</p>
-
-<p>Max stand verblüfft vor den Blattläusen und den Gallenläuschen,
-die Fuska Kühe genannt hatte.</p>
-
-<p>»Melken? Ja, wie denn? &ndash; wo denn?«</p>
-
-<p>»Nun hinten!« ermunterte ihn Fuska.</p>
-
-<p>Max war verblüffter als zuvor. Wahrhaftig, für eine
-saubere Ameise, die sogar an den Füßen ihre Kämmchen
-mitführte, war dies eine schmutzige Geschichte. Allerdings
-hatte seine Mutter einmal in der Küche Brötchen mit einer
-gewissen Schnepfensache bestrichen, die dem Namen nach
-auch nichts Schönes versprach, die sich aber als Leckerbissen
-herausstellte. Ohne länger zimperlich zu zaudern,
-ahmte er Fuskas Beispiel nach, fing sich eine fette Kuh aus
-der Herde und begann tüchtig zu melken und zu schlucken,
-was sich die Blattlaus ohne Widerrede gefallen ließ. Es
-war natürlich keine Milch, was ihm da so gut mundete,
-sondern der ihm bereits bekannte vorzügliche Sirup. In
-mächtigen Zügen trank er sein Bäuchlein so rundlich voll,
-daß er zur Verdauung an die frische Luft zu gehen wünschte.</p>
-
-<p>Durch das Fenster stieg er mit Fuska ins Freie und
-kletterte längs der Außenwand zur Erde hinab. Nun lag
-das anmutige Bauwerk im Mondlicht vor seinen Blicken,
-dessen Äußeres er sich vorher nicht gut vorzustellen vermochte.</p>
-
-<p>Vom Erdboden aus erhob sich der Röhrenbau in Gestalt
-einer wohlgeformten, fast senkrecht stehenden Walze und<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-schloß zu oberst in einer kugeligen Ausbuchtung ab. In diesem
-erweiterten Raume lebten die Blattläuse und Gallenläuse.
-Eine zierliche Krönung fand das hübsch gebaute Türmchen
-durch die langen, grünen Blätter der Pflanze, die aus der
-Dachöffnung herauswuchsen.</p>
-
-<p>»Beim Anblick dieses Bauwerkes steht mir ja der Verstand
-still«, meinte Max.</p>
-
-<p>»Und doch ist es gar nicht schwer, das alles zu begreifen«,
-sprach Fuska. &ndash; »Die Blattläuse saugen ihre
-Nahrung aus der saftigen Rinde der Pflanzen. Wir verzehren
-mit Vorliebe den Honigseim, den sie in ihrem Körper
-bereiten und nach außen abgeben. Darum holen wir uns
-diese Insekten herbei, halten sie als Haustiere und melken sie,
-wie du es eben selbst getan hast.«</p>
-
-<p>»Ja, ja!« unterbrach Max schmunzelnd die Belehrung,
-»ich habe heute melken gelernt, und es hat mir geschmeckt
-wie noch nie im Leben.«</p>
-
-<p>»Gewiß! &ndash; Allein, damit die Tierchen ihre süße Flüssigkeit
-von sich geben können, müssen sie auch zu essen haben.
-Darum haben wir ihnen den Stall um eine lebende Pflanze
-gebaut; auf dieser finden sie ihre Nahrung. Für gewöhnlich
-halten wir unsere Kühe in einem Raume innerhalb des
-Hauses. Das erspart viel Arbeit und ist viel bequemer.
-Aber wenn wir beim Ausheben unserer unterirdischen Höhlenwohnungen
-nicht auf die Wurzeln einer lebenden, saftigen
-Pflanze stoßen, dann müssen wir außerhalb des Hauses
-solche Bauten aufführen.«</p>
-
-<p>Wenn die Ameisen, wie es manchmal Menschen zustößt,
-sich hinterdenken könnten, dann hätte Max vor Verwunderung
-seinen Verstand verloren. &ndash; Unglaublich! &ndash; Die
-Ameisen hatten, geradeso wie die Menschen, ihre melkbaren<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Kühe, sie bauten für diese Ställe, und diese Ställe waren
-in allem der Lebensweise ihrer Bewohner angepaßt. Die
-Kühe fanden darin, ohne daß man es ihnen hätte hintragen
-müssen, ein gutes Futter und gaben dafür ihre süße Milch.
-Was Max bis jetzt vom Ameisenleben gelernt hatte, war
-fast zuviel für seinen kleinen Kopf.</p>
-
-<p>Er mußte immer noch darüber nachdenken, als sie den
-Turm wieder hinaufkletterten, durch das Fenster einstiegen
-und durch die Röhre in das Ameisenhaus zurückkamen.
-Was er gelernt hatte, erregte seine helle Begeisterung: Die
-kleinen Ameisen sind Kindergärtnerinnen, Lehrer, Bergmänner,
-Soldaten, Maurer, Baumeister, Bildhauer und schließlich
-gar noch Viehzüchter.</p>
-
-<p>Doch als sich Max an Fuskas Belehrungen über die
-Natur der Blattläuse erinnerte, kam auch ein banges Gefühl
-der Besorgnis über ihn, und er sprach zu sich selber:</p>
-
-<p>»Gott soll mich davor bewahren! Aber ich habe eine
-Ahnung und bringe sie nicht los. &ndash; Am Ende hat die
-Gesellschaft auch noch einen Lateinprofessor, und ich muß
-wieder Grammatik studieren. &ndash; <em class="gesperrt">O je, o je!!</em>«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap11">11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht.</h2>
-</div>
-
-<p>Max war wieder in das Innere des Hauses zurückgekommen.
-Bald sollte er erfahren, daß Ameisen nicht an
-Verdauungsbeschwerden leiden.</p>
-
-<p>Drunten arbeiteten die Gefährten immer noch glättend,
-befestigend und erweiternd an dem neu gegrabenen Gang.
-Als drei dieser Fleißigen unsere Ankömmlinge bemerkten,
-eilten sie auf diese zu und begannen:</p>
-
-<p>»Wir haben Hunger, wollt ihr uns zu essen geben?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Du hast für viere gegessen«, wendete sich Fuska zu Max,
-»sättige die drei!«</p>
-
-<p>Ehe Max begriff, was sie wohl meinte, hielt eine Arbeiterin
-ihren Mund an den seinen und saugte ihm eine
-gehörige Portion vom genossenen Sirup aus dem Leibe.</p>
-
-<p>Er konnte nur ganz einfältig dabei stillhalten.</p>
-
-<p>»Aber das sind dumme Witze!« rief er, als sie fertig war.</p>
-
-<p>Fuska erklärte: »In deinem Kröpfchen hast du einen Teil
-deiner genossenen Nahrung aufgespeichert. Das ist dein
-Vorratskämmerchen, aus dem du Larven und hungrige
-Arbeitsschwestern speisen kannst, wenn diese letzten vor Eifer
-keine Zeit finden, selber Nahrung zu suchen.«</p>
-
-<p>»Ach«, dachte Max, »bei den Menschen ist das nicht so
-einfach! Diejenigen Leute, die so viele Zeit, Mühe und
-Geld anwenden, sich alle Tage toll und voll zu essen,
-würden sich bedanken, wenn hungrige Leute sie um solche
-Unterstützung anriefen. Fleißige Ameisen finden also Kameraden,
-die ihnen das Essen in den Mund stecken, während
-es genug fleißige Menschen gibt, die manchmal weder Arbeit
-noch Essen finden, selbst wenn sie mit der Laterne danach
-suchten! Alle Ameisen haben, so sehe ich, einen unwiderstehlichen
-Trieb zur Arbeit, was man von den meisten
-Menschen gewiß nicht behaupten kann!«</p>
-
-<p>Seine Erlebnisse gaben Max einen großen, schönen Begriff
-von dem weisen, hilfsbereiten, brüderlichen Zusammenleben
-des Ameisenvolkes, das er als Kind so oberflächlich
-beachtet hatte. Als er zum ersten Male das Ameisenhaus
-betrat, hatte er sich mit seinem Verstande den kleinen Insekten
-hoch überlegen gedünkt. Jetzt aber begriff er, daß die
-Menschen ihnen kaum etwas voraushatten. Nicht einmal den
-Honig! Der Zuckersaft, den er verspeist hatte, war ja herrlich!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>In einem einzigen Tage hatte er eine neue Welt entdeckt,
-von der er sich nie hätte träumen lassen.</p>
-
-<p>Leider gibt es aber neben dem Guten auch Schlimmes
-in jeder Welt.</p>
-
-<p>Das erlebte Max schon am nächsten Morgen, als Fuska
-zu ihm sprach:</p>
-
-<p>»Heute ist schönes Wetter; da wird die Schule im Freien
-gehalten. Gehe mit den jungen Ameisen jetzt hinaus.«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten verging Max alle Begeisterung.
-Schlechtgelaunt, verstimmt und ohne Lust schlich er hinaus
-hinter den andern her. Unter einem großen, schattigen
-Kürbisblatt hielt man an. Dort stand schon mit ernsten
-Mienen eine alte, würdevolle Ameise auf einem Kieselsteinchen.
-Dieses sollte jedenfalls den Tisch des Lehrers
-bedeuten.</p>
-
-<p>Die Ameislein wisperten und flüsterten sich zu, daß dies
-die älteste Ameise der Stadt sei, die schon viel von der
-Welt gesehen und erlebt habe und unendlich viel wisse.</p>
-
-<p>»Meine lieben Ameisen«, so begann der Professor, »es
-wird euch gut tun, wenn ihr kleinen, vor kurzem geborenen
-Leute etwas von der Geschichte und der Lebensweise des
-Ameisenvolkes erfahrt.«</p>
-
-<p>Hier räusperte sich der Professor und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Wir gehören zur vornehmsten Ordnung der Insekten, zu
-jener der Hautflügler; diese darf sich rühmen, daß ihr zwei
-Insektenfamilien angehören, die durch Klugheit, Fleiß und
-geordnetes Zusammenleben vor andern sich auszeichnen:
-die Ameisen und die Bienen. Tausenderlei Sippen gibt
-es bei uns, über die ganze Welt sind wir verbreitet, von
-der kleinen, arbeitsfrohen braunen Ameise angefangen bis
-zur riesig großen, räuberischen Eciton, die in kleinen Kolonnen<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-den Wald durchziehen, um Ameisennester zu plündern,
-die ihnen besonders gefallen. Von der häuslichen, rührigen
-gelben Schwester bis zur frechen südamerikanischen Raubameise,
-die des Nachts in die Wohnungen der Menschen
-einbricht und ihnen das Brot stiehlt. Wir leben in geordneten
-Volksstaaten. Jeder arbeitet, jeder hat dieselben
-Pflichten, dieselben Rechte, einer achtet und liebt den andern,
-und alle sind Brüder einer Familie.« Max sah die Sache
-ins Breite gehen, und weil er meinte, in der Ameisenschule
-gälten dieselben Zeichen wie bei den Menschenkindern, hob
-er schlau sein rechtes Vorderbeinchen in die Höhe, um eilig
-hinausgehen zu dürfen. Allein der Professor schien ihn
-nicht zu verstehen.</p>
-
-<p>Er fuhr, ohne Max zu beachten, in seiner Rede fort:</p>
-
-<p>»Ich bin eine alte Ameise, und nach vielen und ernsten
-Erfahrungen glaube ich, daß in weiten, fernen Tagen unser
-Volk einer leuchtenden, sonnigen Zukunft entgegengeht.
-Heute sind wir ja noch durch falsche Überlieferungen, irrige
-Meinungen und kleinliche Selbstsucht in viele Stämme geschieden
-und zu gegenseitigem Kampf und Krieg verdammt.
-Wir kennen heute noch nicht einmal die edle Freude der
-Gastfreundschaft, und jede fremde Ameise, die unserem Herde
-in Zutrauen naht, wird von uns grausam ermordet. Allein
-wer weiß es, ob nicht doch der Tag erstehe, an dem alle
-Ameisen der Erde ihre Irrtümer einsehen und ihren gegenseitigen
-Nutzen richtiger erkennen? Sie werden dann ihre
-sinnlose Feindschaft begraben und alle ihre Kräfte vereinigend
-das erste Volk der Insekten werden! Dann werden alle
-Rassen und Stämme von der <em class="antiqua">Mutilla europaea</em> bis zur
-<em class="antiqua">Oecodoma cephalotes</em>&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Au, au, o weh, o weh!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p>
-
-<p>Die fremden Namen der <em class="antiqua">Mutilla</em> und der noch schlimmere
-<em class="antiqua">cephalotes</em> waren Max so auf die Nerven gegangen, daß
-er sich vor grimmigem Leibweh nach allen Seiten wand.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap12">12. Butziwackel wird erkannt.</h2>
-</div>
-
-<p>Beängstigt unterbrach der Professor seine Lektion, trat
-vom Steinpult zu Max herab und fragte besorgt:</p>
-
-<p>»Wo fehlt es dir?«</p>
-
-<p>»Au, au, mir ist so übel! Es tut mir überall weh, hier
-oben, dort unten, in den Beinen, am Kopf &ndash; au weh!
-au weh!«</p>
-
-<p>Der Professor war ein tüchtiger Kinderarzt und begann
-sogleich eine gründliche Untersuchung.</p>
-
-<p>»Verletzungen finde ich keine«, sagte er dann, »dein
-Körper ist tadellos gewachsen. Du hast Kopf, Brust, Hinterleib
-und sechs Beine. Hm, hm! Tut dir's hier weh?
-dort? da?« und dabei klopfte und horchte er an Brust
-und Kopf des Patienten.</p>
-
-<p>»Jawohl, hier und dort und da tut's weh!« wimmerte Max.</p>
-
-<p>»Merkwürdig! Dein Muskelsystem ist gut, und du kannst
-wie jede andere Ameise ein Gewicht ziehen, das dreißigmal
-schwerer ist als du selbst, während der Herr der Schöpfung,
-der Mensch, oft nicht so viel heben kann, als er selbst wiegt.
-Hier &ndash; was fühlst du hier?«</p>
-
-<p>»O, es tut weh … unten, hinten, vorne &ndash; und oben
-auch!«</p>
-
-<p>»Aber dein Blut fließt regelrecht durch die Adern, Magen
-und Darm arbeiten, wie sich's gehört, hm, hm! Atme
-mal recht tief! Auch die Atmung ist gut. Sind's vielleicht
-die Nerven?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>»Ach ja, die Nerven sind's vielleicht, Herr Professor. Ich
-spürte einen Stoß in allen Nerven, als ich vorhin die abscheulichen
-Fremdwörter hörte.«</p>
-
-<p>»Untersuchen wir also deine Nerven. &ndash; Ich kann auch
-hier nichts Krankes finden! Die Nervenstränge sind in bestem
-Zustand, in den Nervenzentren liegen keine Störungen vor;
-du hast deren mehrere, und jedes arbeitet unabhängig vom
-andern. Würde man dich in zwei Stücke schneiden, könntest
-du einige Zeit in zwei getrennten Teilen leben. Untersuchen
-wir noch das Gehirn!«</p>
-
-<p>Zerknirscht lispelte Max:</p>
-
-<p>»Ich habe vielleicht recht wenig?«</p>
-
-<p>»Nichts dergleichen, genug hast du. Wie bei jeder richtigen
-Ameise ist das Gehirn der zweihundertachtzigste Teil
-deines Körpers, das heißt, es hat ungefähr dasselbe Größenverhältnis
-wie bei den entwickelten Säugetieren. Daher
-unsere hohe Geisteskraft«, fügte der Professor belehrend bei.</p>
-
-<p>Auf einmal wurde der Professor stutzig. Ganz sorgfältig
-betrachtete er mit seinen drei einfachen Augen den Hinterleib
-des Patienten und sagte:</p>
-
-<p>»Sapperlott! Da ist doch was nicht in Ordnung!«</p>
-
-<p>»Was ist's?« wollte Max erschrocken wissen.</p>
-
-<p>»Dreh dich herum! Ein ganz merkwürdiger Fall! So
-etwas habe ich mein Lebtag nicht gesehen!«</p>
-
-<p>Max fühlte, daß der Professor an etwas zerrte, und fragte
-kläglich, was er denn so Seltsames hätte.</p>
-
-<p>»Wer weiß, ob es nicht ein Gewächs ist«, meinte der
-Professor.</p>
-
-<p>»Ein Gewächs! O Gott, o Gott!«</p>
-
-<p>»Es ist biegsam, ein Gewebe, das ich nicht erklären
-kann.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>Alle Ameisen kamen jetzt neugierig näher heran, so daß
-Max mitten in einem Kreise stand, und alle riefen:</p>
-
-<p>»Wie seltsam! Was mag das für ein weißes Zipfelchen
-sein?«</p>
-
-<p>»Zipfelchen!« schrie Max, am ganzen Körper zitternd vor
-Aufregung.</p>
-
-<p>Ein gräßlicher Gedanke durchfuhr blitzgeschwind sein Hirn.
-Wild blickte er um sich, stürzte sich auf einen Grashalm,
-der sich nebenan über eine Wasserpfütze neigte, kletterte an
-ihm empor und ließ sich, mit zwei Beinchen daran festgeklammert,
-frei über dem Wasser schweben. So konnte
-er sein Hinterteil im Spiegel betrachten. Es blieb kein
-Zweifel mehr.</p>
-
-<p>Klar widerspiegelte das Wasser seinen Körper, und genau
-sah er am obern Ende seines Hinterleibes das weiße Fähnchen.
-Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er vor Schreck ins
-Wasser gefallen.</p>
-
-<p>Mühsam zappelte er mit den Beinen, schwang sich wieder
-auf den Halm und kletterte zum Ufer hinab; er wollte
-seinem eigenen Bilde entfliehen.</p>
-
-<p>Am Ufer erwarteten ihn erregt die andern Ameisen und
-sprachen durcheinander:</p>
-
-<p>»Dieses weiße Ding ist verdächtig!«</p>
-
-<p>»Diese Ameise gehört nicht zu unserer Familie.«</p>
-
-<p>»Es ist eine Fremde!«</p>
-
-<p>»Ein Eindringling!«</p>
-
-<p>»Bringen wir sie um!«</p>
-
-<p>»Reißen wir ihr den Kopf ab!«</p>
-
-<p>Der arme Max aber war von seiner Entdeckung so erschüttert,
-daß er gar nicht daran dachte, sich zu wehren, obwohl
-er größer und stärker war als seine Gegner. Diese<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-folgten ihrem Instinkt, und trotz der Lehren ihres weisen
-Professors umzingelten sie unsern Helden und wollten sich
-wie die Wilden mit aufgesperrten Kieferzangen auf ihn
-losstürzen.</p>
-
-<p>»Da habe ich viel Erfolg erzielt mit meinem Unterricht!«
-sprach traurig der Professor und überschaute ungehalten den
-Tumult.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap13">13. Das weiße Fähnlein.</h2>
-</div>
-
-<p>In dieses Getobe mischte sich mit lautem Angstschrei eine
-Stimme:</p>
-
-<p>»Ruhig! Was fällt euch ein!« Fuska war es. Beschützend
-trat sie zwischen Max und seine Feinde. Mit
-zitternden Fühlern und drohend aufgesperrten Kieferzangen
-stellte sie sich den Angreifern entgegen, die sofort einige
-Schritte zurückwichen.</p>
-
-<p>»Schämt euch!« rief Fuska empört. »Wie könnt ihr euch
-unterstehen, euch das Recht über Leben und Tod eines Gefährten
-anzumaßen? Ihr, die ihr kaum einen Tag alt und
-noch nicht trocken hinter den Ohren seid!«</p>
-
-<p>»Er gehört nicht zu unserem Stamm!« wagte jemand zu
-widersprechen.</p>
-
-<p>»Er hat ein weißes Zipfelchen hinten!« fügte ein anderer
-keck hinzu.</p>
-
-<p>Immer zorniger entgegnete Fuska:</p>
-
-<p>»Zipfel hin, Zipfel her! Erfahrene Ameisen haben das
-Ei als eines der Unseren erkannt und heimgebracht. Ich
-muß mich höchlich wundern, daß ihr, die ihr sozusagen noch
-die Eierschalen auf dem Rücken habt, daß ihr euch ein Urteil
-über einen solchen Fall anmaßt! Gelbschnäbel seid ihr!
-Nasenweise Rangen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>Alte Ameisen kamen in Eile herbeigerannt und halfen
-treu zu Fuska, während der Professor, die Vorderbeine auf
-dem Rücken verschränkt, das Haupt bekümmert schüttelte.</p>
-
-<p>»Immer das gleiche«, murmelte er tief verstimmt, »werden
-denn die Ameisen niemals ihre törichten Vorurteile ablegen
-lernen? &ndash; Dieses ewige Mißtrauen ist die alleinige Ursache
-ihrer grausamen Unverträglichkeit. Schrecklich! Ich
-habe meine kostbare Zeit mit diesen Unverbesserlichen vergeudet!«</p>
-
-<p>Übrigens, der Wahrheit die Ehre, die kleinen Ameisen
-standen beschämt vor Fuska, die jetzt Max bei einem Vorderbeinchen
-nahm und ihn den andern vorstellte.</p>
-
-<p>»Seht ihn an«, sprach sie würdevoll, »und erkennt euer
-Unrecht. Sein Rücken ist schwärzlich, Brust und Kopf rötlich.
-Sind das nicht die hauptsächlichen Merkmale unserer
-Familie? Wer leugnet, daß er eine Rasenameise ist wie
-wir alle?«</p>
-
-<p>Bei diesen Feststellungen schwand in Maxens Feinden
-jedes Gefühl der Abneigung. Zum Zeichen ihrer Freundschaft
-umringten sie ihn alle, und jeder drängte herzu, ihn
-zu umarmen.</p>
-
-<p>Fuska nahm darauf Max mit sich und redete ihm in
-ihrer liebevollen Weise zu:</p>
-
-<p>»Komm ins Haus, du mußt dich von dem ausgestandenen
-Schrecken erholen.« In einem abseits gelegenen Kämmerlein
-angelangt, ließ Max seinem Kummer freien Lauf, und
-er klagte:</p>
-
-<p>»O liebe Fuska, ich bin ja gewiß dankbar. Aber wenn
-du wüßtest, wie unglücklich ich bin!«</p>
-
-<p>»Nicht doch, beruhige dich nur, liebes Kind.«</p>
-
-<p>»Das ist leicht gesagt, sich beruhigen«, klagte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p>
-
-<p>»Wer befreit mich von dem unseligen weißen Wackelfähnlein!«</p>
-
-<p>»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte
-es längst bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht
-es dir ganz nett an.«</p>
-
-<p>»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich
-jetzt deutlich, wie er bei seiner Verwandlung mit letzter
-Kraft versucht hatte, das heillose Zipfelchen zu verstecken.</p>
-
-<p>»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann
-kam es zum Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du
-größer geworden und das Dingelchen ist mit dir gewachsen,
-doch wie gesagt, es fiel mir gar nicht weiter auf.«</p>
-
-<p>»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in
-neuer Bestürzung.</p>
-
-<p>»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe
-dich nur, eine brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst
-du sehen, wie geehrt du mit dem weißen Fähnlein sein
-wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska das Zimmer.
-Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter
-anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses
-Schamgefühl abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam
-ihn Schmerz und Kummer über das herbe Geschick, welches
-ihn für immer zum Tragen dieser verhaßten Fahne zwang.</p>
-
-<p>»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten
-Stück meines Hemdes befreien können«, rief er
-wütend aus. »Als Kind bin ich von Schwester und Bruder
-ausgelacht worden, und nun werde ich auch den Ameisen
-zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte
-ich wenigstens mit einer Handbewegung das Zipfelchen verstecken,
-aber nun? Was tun? Jetzt ist es festgewachsen,
-und ich muß es immer, immerfort tragen. Wie oft habe ich<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen, aber Mutter
-wollte nicht hören, und&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise
-geworden, plötzlich zum zweiten Male gekommen und beschäftigte
-ihn derart, daß er alles andere darüber vergaß.</p>
-
-<p>»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer.
-»Armes Mütterlein, wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen,
-und du weinst jetzt um deinen kleinen Max. Doch sei
-ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir, daß ich dir beinahe
-Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe
-Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so
-will ich doch immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich
-habe dich so lieb und möchte dich so gerne sehen und dir
-Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir hätte, das
-immer bei mir bliebe!</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-062.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das
-mir jetzt festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen.
-Um ihr sparen zu helfen, trug ich die alten Höschen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-immer von neuem zerrissen, und so trage ich jetzt zum Andenken
-an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie bin ich
-froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt
-es mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch
-wenn man's nicht begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.«
-Lachend und weinend zog er jetzt lustig an dem Wackelendchen,
-das ihm hinten herunterbaumelte und das dem
-kleinen Schelm den Namen Butziwackel verschafft hatte.
-Zuletzt erleichterte er sein Herz und weinte Freudentränen
-aus allen seinen hundertdreiundzwanzig Augen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap14">14. Ein feindlicher Angriff.</h2>
-</div>
-
-<p>Nach wenigen Tagen war aus Max eine stattliche Ameise
-geworden.</p>
-
-<p>Sein Körper war kräftig entwickelt, seine Lehrzeit erfolgreich
-vollendet. Fuska entließ ihn aus ihrer Pflege und
-sagte:</p>
-
-<p>»Du hast von mir nichts mehr nötig!«</p>
-
-<p>»Sprich nicht so«, erwiderte Max, »deine Liebe habe ich
-immer nötig.« &ndash; Er wußte jetzt auch, daß man bei den
-Ameisen alle Leute mit »Du« anspricht, und deshalb ließ er
-das steife »Sie« fallen. Im täglichen, lustigen Ringkampfe
-mit seinen Gefährten war Max sehr kräftig geworden und
-in den Turnstunden &ndash; die Ameisen treiben alle gern körperliche
-Übungen &ndash; bekam er immer die erste Note. Es ist
-daher nicht zu verwundern, wenn die ganze Ameisenfamilie
-in ihm einen der tüchtigsten Soldaten sah.</p>
-
-<p>Wenn es galt, gewagte Unternehmungen zu veranstalten
-oder gefürchtete Wachtposten zu stehen, wurde stets Max
-dazu gewählt. Max bildete sich etwas darauf ein. Eines<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Tages fand er ein Hanfkörnlein und machte sich erfinderisch
-einen Panzer daraus. Er biß oben und unten sowie an
-jeder Seite ein Loch hinein, höhlte es aus und schlüpfte
-wie in einen Küraß hinein. Die Vorderbeinchen streckte er
-zu den Armlöchern heraus, und im Innern des Panzers
-hielt er das mittlere Beinpaar versteckt.</p>
-
-<p>So sah er, auf den Hinterfüßen stehend, wie ein stolzer
-Krieger aus. Eine derartige Uniform hatten die Ameisen
-nie gesehen, zuerst staunten sie ihn an; aber bald schenkten
-sie der Neuheit keine Beachtung mehr. Gab es doch viel
-Wichtigeres zu denken.</p>
-
-<p>Ernste Besorgnisse regten sie auf und störten das friedliche
-Leben des ruhigen, fleißigen Volkes.</p>
-
-<p>Seit einigen Tagen konnte man in der Nähe öfter fremde
-Ameisen bemerken, die sich sehr verdächtig benahmen und
-schleunigst die Flucht ergriffen, sobald sie sich beobachtet
-wußten. Ihr auffallendes Benehmen konnte nichts Gutes
-bedeuten. Und wirklich, eines heißen Mittags, als alle ermüdet
-im Mittelraum Kühlung suchten, erscholl plötzlich der
-Schreckensruf:</p>
-
-<p>»Die Roten Ameisen kommen!«</p>
-
-<p>Es waren die Wachen, die Lärm schlugen. &ndash; Auf diesen
-Ruf stürzten viele Ameisen, Max an der Spitze, in den
-vordersten Gang, während ein unbeschreibliches Gewimmel
-im Kinderzimmer losbrach. In höchster Eile schleppten
-Hunderte von Pflegeschwestern Eier, Larven und Puppen
-in die untersten Räume, um sie der Gefahr zu entreißen.
-An der engsten Stelle des Ganges stießen die Kämpfer bereits
-auf eine eindringende Schar. Sofort erfaßte Max
-den Vorteil der Stellung gegenüber dem angreifenden Feinde.
-Dieser suchte denn auch vergeblich, sich den Durchbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-zu erzwingen, denn die Hausgenossen leisteten grimmigen
-Widerstand.</p>
-
-<p>»Einen Augenblick später«, behauptete Fuska, »und die
-Feinde wären in unsere ganze Stadt eingedrungen.«</p>
-
-<p>»Wir stehen wie eine feste Mauer«, schwor Max, indem
-er einen der
-Hauptangreifer
-zurückdrängte,
-»hier kommt
-keiner durch!«</p>
-
-<div class="figright">
-<img src="images/illu-065.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Trotzdem war
-er von dem Fortgang
-des Kampfes
-unbefriedigt.
-Festgehalten
-konnten in diesem
-Engpaß die
-Feinde wohl
-werden, allein
-sie wichen auch
-nicht wesentlich
-zurück, und da es in dieser Lage unmöglich war, eine
-Entscheidungsschlacht zu liefern, drohte die Sache gefährlich
-zu werden.</p>
-
-<p>»Es müssen ihrer viele sein«, meinte düster Fuska; »denn
-wenn sie nicht von rückwärts Unterstützung hätten, wären
-sie sicher schon geflohen.«</p>
-
-<p>Max überlegte eine Weile in schweren Gedanken versunken.</p>
-
-<p>»Fuska«, sagte er dann, »willst du die Verteidigung des
-Ganges übernehmen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist nicht schwer«, erwiderte sie, »aber so, wie es
-jetzt ist, kann der Kampf ein Jahr dauern. Keiner wird
-nachgeben!«</p>
-
-<p>»Das wollen wir sehen!« rief Max. &ndash; »Genügen dir
-zwanzig Leute, um den Feind hier festzuhalten?«</p>
-
-<p>»Das ist mehr als genug!«</p>
-
-<p>»Dann verlaß dich nur auf mich!«</p>
-
-<p>Max befahl zwanzig Ameisen, bei Fuska auszuhalten, und
-ganz leise, ohne daß der Feind etwas merkte, führte er ein
-ganzes Regiment rückwärts zu dem Gange, den wir von
-dem Einbringen des Regenwurmes kennen.</p>
-
-<p>Maxens Plan war eines großen Feldherrn würdig. Er
-fühlte sich bereits als ein Hindenburg der Ameisen. Am
-Ausgang des Ganges ließ er seine Schar, es waren etwa
-hundert Soldaten, lauter auserlesene Mannschaften, Halt
-machen. Er selbst bestieg einen Hügel, von dem aus man
-zum Haustor hinsehen konnte. Fuska hatte recht. Dort
-stand in langen Marschkolonnen das feindliche Heer vor den
-Toren und drängte den Vordersten nach, die bereits zum
-Angriffe eingedrungen waren. Max kam zu seiner Truppe
-zurück und befahl:</p>
-
-<p>»So ruhig wie möglich muß vorgerückt werden! Vorwärts!
-Marsch!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap15">15. Max wird General auf dem Schlachtfeld.</h2>
-</div>
-
-<p>Ihr wißt, liebe Kinder, daß es unter den Menschen
-Faulenzer gibt. Obwohl sie gesund und kräftig genug sind,
-auch Arbeit genug fänden, geben sie den Menschen vor,
-krank und elend zu sein, betteln sie an und verdienen
-sich ihr Brot mit Lüge und Heuchelei. Andere Faulpelze<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-werden frech und stehlen oder rauben dem arbeitsamen Mitbürger,
-was sie zum Leben brauchen. Bisweilen rotten sie
-sich zu einer Räuberbande zusammen, holen den fleißigen
-Landwirten die Früchte vom Felde und von den Bäumen,
-dringen in die Häuser der Leute ein und rauben den Bauern
-das Vieh aus dem Stalle, dem Kaufmann das Geld aus
-der Kasse. Wenn sich jemand den Räubern widersetzen will,
-werden sie frech, mißhandeln die Guten und schlagen sie tot.
-So macht die Trägheit aus den Menschen Diebe und Räuber.
-Ganz ähnliche Verhältnisse findet man auch bei den Insekten.
-Eine schlimme Diebs- und Räuberbande sind die Roten
-Ameisen. Wild, roh, zur Arbeit unfähig, haben sie allen
-ordentlichen Ameisen den Krieg erklärt, sich zu richtigen
-Räuberhorden vereinigt, greifen ruhige Arbeiterfamilien an,
-dringen in ihr Haus ein, rauben alles, was sie finden, sogar
-das Vieh, die Blatt- und Gallenläuse, und tragen alles
-fort in ihre Höhlen. Ganz unerhört aber ist es, daß sie
-auch Eier und Larven der Arbeiterameisen wegschleppen.
-Wißt ihr warum? Sie lassen diese Arbeiter bei sich zu
-Hause ausschlüpfen und halten sie als Sklaven. Diese als
-Kinder geraubten Ameisen müssen, wenn sie groß geworden
-sind, den Räubern alle häuslichen Geschäfte besorgen, ihnen
-dienen und sie sogar waschen und kämmen. Daher sagt
-man von den blutroten Raubameisen, sie seien ein gemischtes
-Volk. Außer der eigenen Sippe findet man bei ihnen eine
-fremde Art als Sklaven. Die Roten selbst sind Krieger.
-Als Sklaven suchen sie sich mit Vorliebe die dunklen Rasenameisen,
-weil diese sehr geschickt und fleißig sind.</p>
-
-<p>Ihr könnt euch vorstellen, mit welch wilder Gier sie vor
-dem Ameisenstaat standen, in dem Max und Fuska die Verteidigung
-leiteten. Sie konnten kaum den Augenblick erwarten,<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-in den Bau einzudringen. Dann wollten sie als Sieger
-die Einwohner vernichten und ihre Habe an sich reißen.
-Aber urplötzlich ertönte über ihnen das Kriegsgeschrei:
-»Schlagt sie tot, die Räuber!« Mit seiner ganzen Schar
-brach Max seitlich in die feindlichen Marschreihen ein. Die
-Roten, die eine derartige Überrumpelung keineswegs erwartet
-hatten, stoben auseinander. Vergeblich versuchten sie sich
-wieder zu sammeln. Max mit seinen Getreuen zögerte nicht,
-den Feind in zwei Haufen zu trennen; so verhinderte er
-sie, geordneten Widerstand zu leisten. Wo immer er erschien,
-brachen Schrecken und Verwirrung los bei den Roten.
-So vorzüglich gelang der Überfall, daß der Feind an nichts
-anderes als an Flucht denken konnte.</p>
-
-<p>»Verfolgt die verfluchten Räuber! Schont mir keinen!«
-so feuerte Max die Seinen an.</p>
-
-<p>Während das siegreiche Regiment die Flüchtigen verfolgte,
-sprang er selbst rasch zu dem Eingang des Hauses und verdeckte
-ihn sorgfältig mit einem dürren Blatt, so daß nur
-eine winzige Öffnung blieb, durch die mit Mühe eine einzelne
-Ameise sich durchzwingen konnte. Denn die Feinde,
-die in den Gang eingedrungen waren, befanden sich noch
-immer drinnen. Sie hatten noch nicht bemerkt, daß ihr
-draußenstehendes Volk bereits eine schwere Niederlage erlitten
-hatte, und suchten den Durchbruch zu erkämpfen.</p>
-
-<p>»Diese Schufte«, so überlegte Max, »haben den Eingang
-und einen Teil unseres Hauses kennen gelernt. Es wäre
-gefährlich für uns, wenn sie am Leben blieben, denn sie
-hätten für ein zweites Mal unsern Festungsplan!« Er setzte
-sich mit seinem ganzen Gewicht auf das vorgeschobene Blatt,
-belauerte mit gezückten Kieferzangen die kleine Öffnung und
-schrie mit mächtiger Stimme hinein:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p>
-
-<p>»Hier stehe ich, Fuska, jage die Halunken heraus!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-069.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Im Innern des Ganges entstand sofort eine grenzenlose
-Verwirrung. Die Roten, entsetzt, eine feindliche Stimme
-von dorther zu vernehmen, wo sie ihre eigenen Leute zur
-Rückendeckung glaubten, machten in nie gesehener Eile kehrt
-und stürzten dem Ausgange zu, verfolgt von Fuska und
-ihren Tapfern. Geschoben und gedrängt, drückten sie sich<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-am Eingang zu einem Knäuel zusammen, bis sie mit Not
-und Mühe die winzige Öffnung fanden, die Max für sie
-offen gelassen hatte. Einer nach dem andern mußten sie
-sich herausdrücken. Das war es gerade, was Max beabsichtigte.
-Lauernd stand er schon bereit. Mit offener Zange stürzte
-er sich auf jede herauskrabbelnde Rote und zwickte ihr ohne
-Umstände blitzschnell den Kopf ab. Bei dem blutigen Handwerk
-erfaßte ihn eine berauschte Stimmung. Er kam sich
-vor wie ein Rasierer, in dessen Stube die Leute auf Behandlung
-warten, und wie jener rief er jedesmal, wenn
-ein feindlicher Kopf in den Sand rollte:</p>
-
-<p>»Fertig! Der nächste Herr!« Elf Feinde waren schon
-auf diese Weise erledigt, und eben schickte er sich an, das
-Dutzend vollzumachen, da tönte es ihm entgegen:</p>
-
-<p>»Halt, oho, was fällt dir ein!?«</p>
-
-<p>Es war Fuska.</p>
-
-<p>»Ums Himmels willen!« rief Max zum Tode erschrocken,
-&ndash; grauenhaft! &ndash; er mochte es gar nicht ausdenken, welch
-schauerliches Unheil er in seinem wilden Eifer beinahe angerichtet
-hätte.</p>
-
-<p>»Ach, verzeihe«, stammelte er entschuldigend, »ich war
-so im Zuge, und schau dich hier nur mal um!« Mit
-Staunen und Grauen betrachtete sie die Köpfe der Feinde.
-Nicht einer war entkommen.</p>
-
-<p>»Laß mich nur machen«, fuhr Max eifrig fort; dann lief
-er suchend umher und sammelte vor dem Eingang elf feste
-Tannennadeln. Auf jede spießte er einen abgebissenen Kopf
-und pflanzte sie wie Pfähle nebeneinander vor dem Tore auf.</p>
-
-<p>»Künftighin«, meinte er, »werden sich's die Raubritter
-überlegen, uns anzugreifen, wenn sie diesen Gartenzaun vor
-unserem Hause betrachten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>»Sie werden trotzdem wiederkommen«, sagte ernst Fuska,
-»die Roten sind unversöhnliche Feinde. Morgen erleben
-wir einen neuen Angriff.«</p>
-
-<p>Aus der Ferne hörte man schon seit einiger Zeit Rufe.
-Sie kamen näher und wurden immer lauter. Es war
-Maxens siegreiches Heer, das von der Verfolgung zurückkam.
-Als diese Tapfern ihren Führer neben den aufgespießten
-Feindesköpfen sahen, brachen sie in hellen Siegesjubel
-aus, der kein Ende nehmen wollte.</p>
-
-<p>»Hurra! Hurra! Es lebe der Held mit der weißen Fahne!
-Butziwackel lebe hoch! Unser General Butziwackel dreimal
-hoch!«</p>
-
-<p>Wie ein Donner rollte das Freudengeschrei der Sieger
-über das Schlachtfeld. Max legte heute zum erstenmal mit
-hoher Genugtuung sein rechtes Vorderbeinchen an seine Fahne,
-dachte dabei an seine Mutter und murmelte leise und tiefbewegt:</p>
-
-<p>»Gutes, liebes Mütterlein! Wie glücklich wärest du wohl,
-wenn du es wüßtest:</p>
-
-<p>Heute ist dein Max bei den Ameisen General geworden!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap16">16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel.</h2>
-</div>
-
-<p>Noch jubelte das begeisterte Ameisenheer seinem siegreichen
-Feldherrn zu, als sich mitten im Volk die ernste Stimme
-des greisen Professors vernehmen ließ. Alles wurde plötzlich
-still, er aber sprach gelassen:</p>
-
-<p>»Eure Tat war gut, da ihr unsere Heimat verteidigt
-habt. Der Krieg aber ist an sich ein Verbrechen. Selbst
-wenn er aus gerechten Ursachen geführt werden muß, kann
-man ihn doch nur als eine traurige, beklagenswerte Notwendigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-bezeichnen. Darum solltet ihr euch jetzt nicht der
-ungezügelten Siegerfreude hingeben, sondern vielmehr die
-Tatsache betrauern, daß unsere friedliche Arbeit durch den
-Gewaltstreich einer Räuberbande unterbrochen wurde. Allein
-die Arbeit und nichts anderes bringt einem kultivierten Volke
-Ruhm und Ehre.«</p>
-
-<p>Max wollte gegen die Auffassung des gelehrten Mannes
-Einwände vorbringen, dieser aber fuhr unbeirrt weiter:</p>
-
-<p>»Der Krieg bleibt immer ein Unglück, auch für den Sieger.
-Seht nur her; ihr erblickt tot und verwundet viele eurer
-Gefährten; den Larven und Puppen sind die Pflegeschwestern
-entrissen, viele starke Kieferzangen, die der Arbeit unseres
-Staates geweiht waren, sind für immer verloren!«</p>
-
-<p>Fuska, die Weise, gab dem Professor vollkommen recht.
-»Es ist so«, sprach sie. »Wir müssen daran denken, mit
-doppeltem Fleiße die Toten zu ersetzen. Jetzt heißt es zunächst,
-unser Haus von allem Ungesunden zu reinigen. Die
-Leichname unserer Helden und der gefallenen Feinde müssen
-fortgeschafft werden.«</p>
-
-<p>Alsbald nahm dieses vernünftige Volk die Arbeit mit
-Kraft und Mut wieder auf. Die Toten wurden weggeschafft,
-sofort begann im Hause die alte Friedenstätigkeit.</p>
-
-<p>Max gelüstete es, den Kriegsschauplatz noch einmal zu
-besichtigen. Ganz allein mit seinen hohen Gedanken schlenderte
-er durch die Umgebung. Nach dem errungenen Siege spürte
-er in sich eine stille Befriedigung. Sein Herz pochte stolz,
-wenn er alle Einzelheiten des vergangenen Tages betrachtete.
-Schon stieg ihm der Ehrgeiz zu Kopfe.</p>
-
-<p>Träume von kühnen Schlachten und herrlichen Triumphen
-erfüllten seine Seele. An einen Grashalm gelehnt, ließ er
-seinen siegestrunkenen Phantasien freien Lauf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<p>»Mag der Professor predigen, was er will«, dachte
-er, »ich fühle mich als Ameise zu großen Dingen berufen.
-Der erste Schritt auf dem Wege des Ruhmes ist getan;
-ohne Frage bin ich der größte Schlachtenlenker, der
-bei einem Ameisenvolke lebte. Morgen werden uns die
-Roten, wie Fuska sagt, wieder angreifen. Das soll
-für mich ein neuer, glänzender Sieg werden. Und hernach
-&ndash; was könnte
-mich dann noch
-hindern, in unserem
-Staate regierender
-Fürst
-und später König
-aller Ameisen zu
-werden!«</p>
-
-<div class="figright">
-<img src="images/illu-073.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>In diesem Augenblicke
-vernahm
-er in der Nähe ein
-sonderbares Geräusch,
-das hörte
-sich an, als ob
-ihn jemand ob
-seiner ehrgeizigen
-Träume auslachen wollte. Aber schon war er eingehüllt
-in eine Nebelwolke, die einen unerträglichen Gestank verbreitete.
-Max sprang entsetzt zur Seite und gewahrte
-ein unbekanntes Insekt. Sein Rücken war schwarz, Hals
-und Beine ziegelrot. Rücksichtslos kehrte es ihm das
-Hinterteil entgegen.</p>
-
-<p>»Wer hat dich solche Unanständigkeit gelehrt?« rief Max
-wütend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>Statt jeder Antwort schickte ihm das Insekt mit demselben
-Geräusch eine zweite Ladung entgegen. Eine übelriechende
-Gaswolke hüllte Max ein, so daß er nahe daran
-war, zu ersticken.</p>
-
-<p>Der Zorn stieg ihm aber jetzt so hoch, daß er die Kraft
-fand, sich auf diesen schlechterzogenen Frechling loszustürzen.
-Er sprang ihm auf den Rücken und packte ihn mit den
-Vorderbeinen fest beim Schopfe. Schon ging er daran, ihn
-mit seinen starken Kieferzangen zu köpfen, wie er es vor
-kurzem mit seinen Feinden gemacht hatte.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen«, winselte das Tier, »töte mich nicht!«</p>
-
-<p>»Tut mir leid, ich kann nicht anders. Was glaubst du
-eigentlich? Einem General so etwas anzutun!«</p>
-
-<p>»Ach, ich glaubte, du wolltest mich angreifen, und ich
-suchte nur mich zu verteidigen.«</p>
-
-<p>»Papperlapapp! Das nennst du verteidigen? Machen
-es vielleicht alle so aus deiner Verwandtschaft?«</p>
-
-<p>»Ja, so machen wir es alle.«</p>
-
-<p>»Dann seid ihr alle abscheuliche Leute. Wie heißt ihr
-euch?«</p>
-
-<p>»Wir sind Bombardiere.«</p>
-
-<p>»Na, ausgezeichnet. Aber diese Art von Schießerei mißfällt
-mir gründlich.«</p>
-
-<p>Und geschwind öffnete er die Zangen, um diesem Herrn
-Bombardier den Kopf abzuzwicken. Aber zu guter Letzt kam
-ihm ein besserer Gedanke. Er beugte sich zu dem Insekt
-herab und schrie es ordentlich an:</p>
-
-<p>»Sage mal, Bombardier, wenn ich dir das Leben schenke,
-willst du dann versprechen, mich nie mehr zu beschießen?«</p>
-
-<p>»Darauf gebe ich dir das Wort eines ehrlichen Käfers.«</p>
-
-<p>»So bist du also ein Käfer?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>»Freilich, siehst du es nicht? Schau mal her!«</p>
-
-<p>Der Bombardier spannte die Flügel aus und machte
-Max aufmerksam auf die besondern Merkmale seiner Gattung.
-Er besaß zwei außerordentlich feine Hautflügel zum
-Fliegen; diese lagen unter einem andern Flügelpaar von
-kräftiger Hornmasse wohl beschützt, wenn er sie nicht zum
-Fliegen brauchte.</p>
-
-<p>»Diese Anordnung der Flügel«, erklärte der Bombardier,
-»findest du fast bei allen Käfern. Ich selber heiße <em class="antiqua">Brachinus
-crepitans</em>, aber die wenigsten Leute nennen mich bei meinem
-ehrlichen Namen, und sie schelten mich schlechthin Bombardier.
-Ich gehöre zur Familie der Laufkäfer. Wir haben unter
-unsern Brüdern die schönsten Deckflügel und glänzen schillernd
-in allen Farben.«</p>
-
-<p>»Ihr könnt so schön sein, als ihr wollt«, bemerkte Max,
-»aber Erziehung habt ihr keine!!«</p>
-
-<p>»Du spielst wohl auf den Dampf mit scharfem Geruch
-an, den wir aus unserem Hinterleib ausstoßen können?«</p>
-
-<p>»Ein schöner Dampf!« rief Max, »schön scharf, ich danke!«</p>
-
-<p>»Je nun, das ist meine Waffe! Sie schützt mich vor
-Angriffen und hilft mir, kleine Insekten zu erjagen.«</p>
-
-<p>»Elender! Du wolltest mich also verspeisen?«</p>
-
-<p>»Ich will es nicht leugnen. Aber du bist meiner Waffe
-nicht unterlegen. Das ist mir noch nie vorgekommen.«</p>
-
-<p>»Gott sei gedankt! So höre, was ich dir sage: Kannst
-du mir ein Dutzend Bombardiere, wie du einer bist, verschaffen?«</p>
-
-<p>»Ich kann es. Fünf wohnen mit mir unter einem Stein,
-andere haben ihre Wohnung in meiner Nachbarschaft.«</p>
-
-<p>»Sehr gut. Wie gefiele es euch, wenn ich euch hundert
-und mehr Ameisen zu einem Mittagessen besorgte?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p>
-
-<p>»Ei, potztausend!«</p>
-
-<p>»So höre. Morgen in aller Frühe findest du dich mit
-deinen Leuten unter jenem Kürbisblatt ein. Du siehst dort
-das große Blatt?«</p>
-
-<p>»Zweifle nicht, wir sind zur Stelle.«</p>
-
-<p>»Dann werde ich morgen die nötigen Anweisungen geben.
-Lebe wohl, Freund! Bringe alle deine Leute und hebt
-mir eure Kanonenschüsse gut auf, wir werden die ganze
-Munition nötig haben.«</p>
-
-<p>Nach dieser Verabredung entfernte sich Max, in Gedanken
-und Plänen versunken. Die Vorderbeine auf dem Rücken
-verschränkt, murmelte er befriedigt von seinem Erlebnis in
-sich hinein: »Die Weltgeschichte wird einst zu schreiben haben
-von den Taten des Generals Max Butziwackel. Wenn mich
-jetzt der große Napoleon sähe, wie klein müßte er sich vorkommen
-vor mir!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap17">17. Kaiser Butziwackel I.</h2>
-</div>
-
-<p>Am folgenden Tag beim Morgengrauen versammelte Max
-alle erwachsenen Ameisen im großen Saale, und mit dem
-schnarrenden Befehlston eines Offiziers, der das Kommandieren
-längst gewöhnt ist, sagte er ohne Umschweife:</p>
-
-<p>»Ich teile euch mit, daß ich heute morgen einen Angriff
-auf die Roten Ameisen beabsichtige und ihnen eine Feldschlacht
-liefern will.«</p>
-
-<p>Der Professor schüttelte höchst mißbilligend den Kopf und
-sprach ernst:</p>
-
-<p>»Auf solche Weise verlassen wir das gute Recht und
-stellen uns auf die Seite des Unrechts. Gestern handelten
-wir in gerechter Notwehr, heute dagegen wollen wir bösartige
-Angreifer werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Eifrig hielt Max eine Gegenrede:</p>
-
-<p>»Wir müssen entschieden dem Handel ein kurzes Ende
-machen, sonst kann aus dem glorreichen Siege, den ich euch
-gestern erstritten habe, keine Gewähr für eine sichere Zukunft
-erstehen.«</p>
-
-<p>»O weh!« warnte der gute, weise Lehrer.</p>
-
-<p>»Du beginnst bereits, uns deine geleisteten Dienste vorzuzählen
-und zu prahlen, weil du deine Pflicht erfülltest!«</p>
-
-<p>»Ach was, Pflicht«, versetzte Max unwirsch, »hätte ich
-nicht meinen Mann gestellt, weiß Gott, wie es heute um euch
-stünde! Kurzum, meine Anordnungen sind gegeben, ich werde
-mich in kurzer Frist mit meinem Heer in Bewegung setzen.«</p>
-
-<p>Nun sprang der Professor aber zornbebend auf.</p>
-
-<p>»Dein Heer? Dein Heer! Wer gibt dir, Unsinniger, ein
-Recht, über Leib und Leben deiner Kameraden wie über
-dein Eigentum zu verfügen? Hast du denn ganz vergessen,
-daß in unserem Staate alle gleich sind und jeder dieselben
-Rechte und Pflichten hat?«</p>
-
-<p>»Wenn alle gleich sind«, antwortete Max hochmütig,
-»warum hat dann nicht ein anderer getan, was ich tat?«</p>
-
-<p>Ohne weitere Einwände anzuhören, ohne selbst auf Fuskas
-entschiedenen Rat zu achten, verließ er den Saal und rief
-mit erhobenem rechten Vorderbein:</p>
-
-<p>»Ob es euch zusagt oder nicht, &ndash; die Soldaten, die mich
-gestern kämpfen sahen, haben Vertrauen zu mir und werden
-mir folgen!«</p>
-
-<p>Und unglaublich! Der größte Teil der Ameisen, berauscht
-vom Siege und der Aufregung des vorigen Tages, folgte
-mit Begeisterung Maxens Anordnungen.</p>
-
-<p>Schnurstracks marschierte er mit seiner Streiterschar zum
-Tore hinaus und dachte: »Kein Zweifel, das Heer ist mir<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-zugetan. Ich kann sicher auf dessen Treue zählen, und nach
-der siegreichen Rückkehr ist ein Staatsstreich unausbleiblich.«</p>
-
-<p>An nicht allzu ferner Stelle kommandierte er »Halt!«
-Seine Soldaten stellte er in Reihen auf und verteilte Ämter
-und Würden. Dies wollte er tun, um ihren Ehrgeiz zu
-spornen, dann aber auch, um die einzelnen an sich zu fesseln,
-schließlich aber auch, um folgende Rede halten zu können:</p>
-
-<p>»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ihr habt
-bereits Beweise eures Mutes gegeben, ich werde mit eurer
-Hilfe auch heute den Feind vernichten.«</p>
-
-<p>»Hoch der General mit der weißen Fahne, hoch, hoch,
-hoch!« so schrien sie alle im Chor, und Max fuhr fort:</p>
-
-<p>»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Heute kann
-ich euch die besten Hoffnungen machen. Durch eine Überraschung
-wird uns der Sieg über die Feinde sicher sein.
-Bleibt hier in Bereitschaft und erwartet mich! Sobald ich
-zurückkomme, werden wir gegen den Feind anmarschieren!«</p>
-
-<p>Nach dieser Rede übertrug er das Kommando an Dickkopf
-und Großzang, zwei verdiente Krieger, die er zu seinen
-Adjutanten erhoben hatte und in die er volles Vertrauen
-setzte. Dickkopf gehörte zwar nicht zu den Gescheitesten,
-besaß aber eine außerordentliche Kraft und Ausdauer. Großzang
-war mit zwei schrecklichen Kieferzangen bewaffnet. Er
-hatte nur einen Fehler, und zwar den, daß er nie satt werden
-konnte. Tag und Nacht quälte ihn der Appetit. Diese
-beiden tapferen Streiter hatten ihrem Führer Max schon
-derartige Beweise ihrer Ergebenheit geliefert, daß er sich
-unbedingt auf sie verlassen konnte.</p>
-
-<p>Max begab sich zu dem bekannten Kürbisblatt, in dessen
-kühlem Schatten der gute Professor seinerzeit so warm für
-den Ameisenvölkerfrieden eingetreten war. Hier gerade traf<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-General Butziwackel mit dem Käfer zusammen, mit dem er
-tags zuvor ein Bündnis für den Krieg geschlossen hatte.</p>
-
-<p>»Gut, daß du da bist!« sagte er ihm. »Wo sind die
-andern Bombardiere?«</p>
-
-<p>»Hier sind sie«, sprach der Käfer.</p>
-
-<p>Max sah unter einem Blatt die Kameraden seines Verbündeten
-versammelt, überzählte sie und rief erfreut:</p>
-
-<p>»Ihr seid ein volles Dutzend! Gut! Die andern stehen
-alle selbstverständlich unter deinem Kommando, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Jawohl!«</p>
-
-<p>»So passe jetzt mal gut auf! Ich bin der General,
-vorderhand wenigstens, später hoffe ich es noch weiter zu
-bringen; ich bin der General der Ameisen und Höchstkommandierender.
-Mein Heer ist ganz in der Nähe bereitgestellt,
-und ich werde es an den Feind heranführen! Sobald
-wir mit ihm in Fühlung geraten sind, üben wir einen
-Druck auf ihn aus, nach dieser Seite hin, verstanden? Sobald
-er in euern Feuerbereich kommt, kommandierst du sofort
-›Feuer!‹ und bum! bum! bum! schießt ihr alles ohne Gnade
-und Erbarmen über den Haufen!«</p>
-
-<p>»Verlaß dich auf uns!« sprach der Herr Oberbombardier,
-&ndash; »sie sollen schwimmen in ihrem Blute!«</p>
-
-<p>»Nun, guten Morgen und guten Appetit zur rechten
-Stunde!« rief Max und eilte zu seinem Heer zurück.</p>
-
-<p>»Nichts Neues?« fragte er Großzang und Dickkopf.</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr General«, meldete Großzang, »in kurzer
-Entfernung von uns machte sich ein Fähnlein Roter bemerkbar,
-das gegen uns anzurücken schien. Als sie uns
-sahen, sind sie fluchtartig entwischt.«</p>
-
-<p>»Vorwärts also! Wir spüren sie auf, umzingeln sie und
-drängen den Feind dorthin zu jenem Kürbisblatt.« &ndash; Er<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-zeigte mit wichtiger Miene die genaue Stelle. &ndash; »Dort
-steht meine Artillerie. Bataillon! Vorwärts, marsch!«</p>
-
-<p>Das Heer ging vor. Neben Max marschierte als Führer
-eine Ameise, die von der gestrigen Verfolgung her die Straßen
-genau kannte. Von dieser kundigen Ameise geführt, gelang
-es in kürzester Zeit, das Feindesheer zu entdecken, das bereits
-den Kampf zu erwarten schien.</p>
-
-<p>Mittels eines schlauen Manövers umging Max den Feind
-derart, daß er ihn im Rücken fassen und leicht nach der gewünschten
-Richtung drängen konnte. Der Gegner schien keine
-Ahnung von den Plänen des Feindes zu haben.</p>
-
-<p>»Welch einfältige Kerle!« murmelte Max. »Sie haben
-keinen Begriff von Kriegskunst.«</p>
-
-<p>Im geeigneten Augenblick ging er zum Angriff über. Die
-Roten versuchten keinen Widerstand, da sie höchstens zu
-fünfzig waren.</p>
-
-<p>»Drängt sie vorwärts!« rief Max seinen Soldaten zu.</p>
-
-<p>Doch es war unnötig. Als ob die Roten gar nichts
-Besseres wünschten, so ließen sie sich zum Kürbisblatt hintreiben.
-Nur hie und da schaute, in voller Flucht, <span id="corr080">einer sich</span>
-um, ob man ihnen auch wirklich noch auf den Fersen sei.</p>
-
-<p>Im selben Augenblick, als sie an dem Kürbisblatt ankamen,
-hörte man das laute Kommando:</p>
-
-<p>»Feuer!«</p>
-
-<p>Ein donnernder Schuß mit einer wohlgezielten Ladung
-folgte dem Kommando. Die Roten waren plötzlich in eine
-Rauchwolke gehüllt, deren ekler und scharfer Geruch ihnen
-den Atem raubte. Nochmal wiederholte sich das Kommando,
-und nochmal, dichter und heftiger, verbreitete sich der Dampf.
-Max hielt sein Heer an, zeigte seinen Leuten die dichten
-Gaswolken und rief:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>»Dort stehen meine Bombardiere, die den Feind mit
-Kanonendonner empfangen!«</p>
-
-<p>Jetzt begriffen alle, welch frohe Überraschung ihnen Max
-zum glücklichen Ausgang des Kampfes bereitet hatte; in
-unbändiger Begeisterung toste es durch das Heer:</p>
-
-<p>»Hurra! Hurra! Hurra!«</p>
-
-<p>Indessen drang aber der üble Dampf der Geschosse bis zu
-den eigenen Reihen. Max ließ darum eine Schwenkung nach
-links machen, und während die erstickten Roten im letzten
-Todeskampf zuckten, führte er seine Leute hinter einen Steindamm
-in Sicherheit, stellte sie in Reih und Glied auf und
-hielt folgende Ansprache:</p>
-
-<p>»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ehe wir zu
-dieser Schlacht ausrückten, wollten sich einige alte Ameisen
-mit allen möglichen Behauptungen meinen Plänen widersetzen.
-&ndash; Und nun seht! Ein schöner, großer Erfolg krönt
-mein Werk. Dank den mächtigen Verbündeten, welche ich
-für unsere Sache zu erwerben wußte, ist unser Haus gerettet
-vor seinem unerbittlichen Erbfeinde!«</p>
-
-<p>»Jawohl, jawohl!« riefen die Soldaten.</p>
-
-<p>»Längst schon habe ich beobachtet«, fuhr Max mit sorgenschwerer
-Miene fort, »daß die Regierung unseres Staates
-eine recht mangelhafte und einseitige ist! Viel zu wenig
-persönliche Freiheit gewährt sie, viel zu wenig Fortschritt
-ist von ihr zu erhoffen. Fortschritt und Freiheit aber sind
-die zwei notwendigsten Dinge für eine moderne Ameise.
-Wenn die Gleichberechtigung aller Ameisen weiter besteht,
-dann werden wir auch ferner mit Altweibergeschwätz, mit veralteten
-Anschauungen und mit Kinderängsten zu kämpfen haben.</p>
-
-<p>Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ich schlage
-daher vor, daß ihr aus euren eigenen Reihen eine Ameise von<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-Geist und Mut erwählt, eine Ameise, zu der ihr volles Vertrauen
-habt; daß ihr diese Ameise zu eurem Oberhaupte ernennt,
-zu eurem König oder, wenn ihr wollt, zu eurem Kaiser!«</p>
-
-<p>»Jawohl, jawohl!« riefen alle zusammen.</p>
-
-<p>»Kurz, es müßte eine Ameise sein von hervorragenden
-Gaben des Geistes und des Herzens wie zum Beispiel ich;
-eine Ameise, welche die Kriegskunst kennt, wie ich sie kenne;
-eine Ameise, die gegebenenfalls eine Schlacht zu gewinnen
-verstünde wie ich! Eine Ameise braucht ihr, die euch zum
-Ruhm zu führen weiß, wie ich es tat! Doch ich selbst
-mische mich nicht in eure Wahl. Ihr seid frei, zu wählen,
-wen ihr wollt und wer euch gefällt.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten zog sich Max mit unglaublicher Bescheidenheit
-und edlem Anstand zurück.</p>
-
-<p>Aber das Heer brach einstimmig in den Ruf aus:</p>
-
-<p>»Max wollen wir wählen! Unsern Butziwackel mit dem
-weißen Fähnlein.«</p>
-
-<p>Das ließ sich unser Held nicht zweimal sagen.</p>
-
-<p>Würdevoll trat er vor seine Soldaten, grüßte, alle Reihen
-abschreitend, vornehm seine Truppen und erklärte feierlich:</p>
-
-<p>»So nenne ich mich denn:</p>
-
-<p class="center">›Butziwackel I.,<br />
-Kaiser aller Ameisen.‹«
-</p>
-
-<p>Und alles Volk rief:</p>
-
-<p>»Hoch Kaiser Butziwackel I., hoch, hoch, hoch!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap18">18. Der Überfall.</h2>
-</div>
-
-<p>So war also Maxens Traum verwirklicht.</p>
-
-<p>Seinen Ehrgeiz wußte er vor sich selbst glänzend zu rechtfertigen,
-und er sprach still vor sich hin:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p>
-
-<p>»Obwohl ich im Grunde nie große Lust zum Lernen
-hatte, bin ich doch stets ein gescheites Kind gewesen. Da
-ich Ameise geworden bin, finde ich es nur natürlich, daß
-ich es bei diesen kleinen Ameisen so bald schon zum Kaiser
-brachte.«</p>
-
-<p>Wenn aber einer ein ehrgeiziger Streber ist, so trifft ihn
-todsicher die gerechte Strafe dafür. Der Ehrgeiz läßt sich
-nämlich niemals befriedigen. Sobald der Streber ein Ziel
-erreicht hat, steckt er sich gleich ein anderes, noch höheres.
-So kam auch unser Max nicht mehr zur Ruhe. Der Traum
-einer neuen, größeren Stellung lockte ihn; hinter dieser winkte
-eine noch größere Würde, und so immer weiter. Niemals
-würde er sagen können: »Jetzt ist mir's wohl! Ich bin froh
-und habe ein zufriedenes Gemüt.«</p>
-
-<p>»Kaiser der Ameisen«, dachte Max eben bei sich, »das
-ist durchaus nicht mehr als ein Titel, der mir gebührt. Ich
-muß noch viel mehr werden! Die Ameisen sind nur ein
-Teil der großen Ordnung der Hautflügler. Wie wäre es,
-wenn ich das Oberhaupt der ganzen Ordnung würde? Und
-dann, nachdem ich schon ein Bündnis mit den Bombardieren
-geschlossen habe, könnte ich ja meine Macht über die Ordnung
-der Käfer auch ausdehnen. Und wer könnte in weiterer
-Folge etwas dagegen haben, wenn ich Kaiser über sämtliche
-Insekten der Welt würde? Ist vielleicht der Mensch nicht
-der Beherrscher der Tiere? Wenn schon also ein Menschenkind
-sich in ein Insekt verwandelt, so muß es zum mindesten
-danach streben, Kaiser aller Insekten zu werden!«</p>
-
-<p>Vorderhand freilich mußte er sich begnügen, auf der immerhin
-sehr erhabenen Sprosse in der Leiter seines Ruhmes
-zu stehen; der Ehrgeiz aber riß seine Gedanken und ausschweifenden
-Wünsche zur schwindelnden Höhe aller Ehren<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-und Würden empor. Im Tone gnädiger Herablassung sprach
-er zu seinen Leuten:</p>
-
-<p>»Gut, gut! Ich will den Titel eures Kaisers annehmen;
-doch wird es der Form halber gut sein, in mein Reich mit
-euch zurückzukehren, um dort in aller Feierlichkeit von meinem
-erhabenen Amte Besitz zu nehmen.«</p>
-
-<p>Ganz leise fügte er für sich hinzu: »Was für ein Gesicht
-wird wohl der einfältige Professor mit seinem unnötigen
-Latein dazu machen? Der wird sich hübsch ärgern!« Mit
-kühnem Blick überflog er noch einmal das Schlachtfeld.
-Dort vergnügten sich die Bombardiere daran, die Roten
-Ameisen, welche im Gasdampf erstickt waren, laut schmatzend
-aufzufressen. Max aber verlor für solchen ekelhaften Anblick
-keine Zeit; er stellte sich an die Spitze seines Heeres und
-führte es zum Ameisenhaus zurück. Vor dem Eingang blieb
-er wie angewurzelt stehen. Ein kalter Schrecken überfiel ihn.</p>
-
-<p>»Was ist hier los!« rief er bestürzt.</p>
-
-<p>Es mußte etwas Schlimmes geschehen sein. Schon das
-Äußere machte einen unordentlichen Eindruck. Der ringsum
-aufgeführte Schutzdamm war teilweise zerstört, der Gang
-ins Innere da und dort schwer beschädigt. Max stürmte
-voll böser Ahnungen mit seinem Generalstab ins Innere.
-Im großen Saal befand er sich zu seinem maßlosen Staunen
-von einer Menge Ameisen umringt, die er im ersten Schrecken
-gar nicht erkannte. Deutlich vernahm er sofort eine scharfe
-Stimme:</p>
-
-<p>»Auf, ihr Leute! Sorgt, daß dies Heer nicht mehr hereinkommt!«</p>
-
-<p>Diese Worte und verschiedene andere gefährliche Zeichen
-entschleierten plötzlich dem armen Max die entsetzliche Lage,
-in welcher er sich mit den Gefährten befand. Sein Reich,<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-sein eigenes Reich war bereits von den Roten Ameisen besetzt!
-Er konnte weder das Wie noch das Woher verstehen,
-aber der Fall war so klar, daß kein Zweifel blieb. Während
-er in seiner Aufregung vergeblich nach einer Erklärung
-suchte, spürte er zwei fremde Fühler, die ihn zudringlich
-betasteten. Auf einmal schrie's mit höhnender Stimme:</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-085.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Aha, da haben wir ihn, den General mit dem Hanfküraß.
-Das ist der Held, der die großen Feldschlachten
-liefert!«</p>
-
-<p>Voll Zorn schrie Max: »Das geht mir denn doch zu
-weit. Was soll das heißen?«</p>
-
-<p>»Gleich erkläre ich es dir, hochberühmter Schlachtenlenker!
-Du dachtest uns daranzukriegen, und inzwischen haben wir
-dir ein Schnippchen geschlagen. Nach unserer gestrigen
-Niederlage hätten wir kaum mehr einen Angriff gewagt.
-Aber du bist mit deinem Heere ausgerückt, um die große
-Schlacht zu schlagen. Du wolltest uns angreifen. Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-waren durch unsere Spione über deine Absichten wohlunterrichtet
-und haben dir inzwischen hier im Hause einen schönen
-Empfang bereitet!«</p>
-
-<p>Richtig. Max erinnerte sich, daß Adjutant Großzang
-ihm ein Fähnlein Roter Ameisen gemeldet hatte, die in der
-Nähe umhergeschlichen waren.</p>
-
-<p>»Nachdem wir«, fuhr der andere fort, »unsere Erkundigungen
-durch Spione eingezogen hatten, schickten wir dir
-fünfzig Leute entgegen mit dem Befehl, dich um jeden Preis
-aufzuhalten und irgendwie zu beschäftigen. Das geschah.
-Während du die Fünfzig verfolgen ließest, sind wir mit ganzer
-Heeresmacht hierher marschiert, haben dein Reich, das du
-ohne Verteidigung zurückließest, überfallen, und jetzt …,
-nun, du wirst ja hören und sehen, was weiter geschieht.«</p>
-
-<p>Der Sprecher befahl nun in völlig verändertem Tone:</p>
-
-<p>»Bewacht diesen Gefangenen! Ich werde ihm zeigen,
-was wir Roten aus seiner Kriegskunst gelernt haben!«</p>
-
-<p>Max stand wehrlos der Übermacht gegenüber. Den Sinn
-der letzten Worte verstand er bald nur zu gut. Aus den
-Bewegungen rings umher und aus den Kommandorufen,
-die er hörte, konnte er schließen, daß die Roten dasselbe
-Spiel wiederholten, das er selbst gegen sie gestern angewendet
-hatte. Während eine Abteilung Roter den Eingang verteidigte,
-marschierte eine andere durch den berühmten Regenwurmtunnel,
-um von hinten her in Maxens Regiment einzufallen
-und es zu vernichten. Einen Augenblick hoffte er,
-daß seine wackeren Soldaten dem Angriff widerstehen würden,
-und er verharrte in atemloser, gespannter Angst um die
-Seinen. Die Minuten schienen zur Ewigkeit zu werden.
-Da hörte er die Stimme von vorhin von der Höhe des
-Haupteinganges herunterschreien:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>»Sieg, Sieg!«</p>
-
-<p>Nun blieb dem armen Max keine Hoffnung mehr. Sein
-gutes Heer war geschlagen, alles war verloren. Geknickt
-beugte er sein Haupt, und so leise, daß niemand es verstehen
-konnte, flüsterte er:</p>
-
-<p>»Jetzt ist's vorbei mit Kaiser Butziwackel I.!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap19">19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den
-seinen zu hoch getragen.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Roten hielten jetzt Kriegsrat. Jene Ameise, die,
-wie es Max schien, Generalsrang bei den Roten besaß, ließ
-sich neuerdings hören:</p>
-
-<p>»Wir haben den Krieg gewonnen«, so sagte sie, »der
-Feind ist niedergerungen, und wir haben von seinem Reich
-Besitz genommen. Es ist unnötig, seine Eier, Larven und
-Puppen in unsern Bezirk zu bringen. Wir sind hier die
-Herren und werden unsere Macht in diesem Reich ausüben
-durch eine Besatzungstruppe, die hier bleibt. Im Kampfe
-hat jeder von euch auf seinem Posten seine Pflicht getan.
-Darum gelten die Rechte des Sieges für alle in gleicher
-Weise. Die Ameisen, die sich hier aus Eiern, Larven und
-Puppen entwickeln und der Rasse des besiegten Volkes angehören,
-sollen Sklaven unseres Reiches sein, zum Nutzen
-aller ohne Ausnahme.«</p>
-
-<p>Während die Roten den Worten ihres Generals lauten
-Beifall zollten, konnte Max nicht umhin, sein eigenes Vorgehen
-mit dem des Räuberhauptmanns zu vergleichen. Zum
-ersten Male bedrückte ihn zentnerschwer die ungeheure Last
-seiner Verantwortung. Entgegen den Ratschlägen seiner vielerfahrenen
-Kameraden, der eigenen Ehrsucht zuliebe, hatte er<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-den Feind herausgefordert. Vom blutigen Kriege hatte er
-den Vorteil gezogen, Kaiser zu werden. Er war allein die
-Ursache des Zusammenbruches, er allein hatte das namenlose
-Unglück über dieses gute, bescheidene und fleißige Volk
-gebracht, welches nichts anderes begehrte, als in Frieden
-zu arbeiten und zu leben. Rauh wurde er aus seinen herzbeklemmenden
-Betrachtungen aufgeschreckt durch des siegreichen
-Generals Stimme: »Kriegsgefangene vor das Haus! Hinrichtungen
-werden im Freien vollzogen! Dies erspart uns
-die Mühe, die Leichen der Verurteilten wegzubringen.«</p>
-
-<p>Könnten einer Ameise die Haare zu Berge stehen und
-könnte schwarze Haut erblassen, Max wäre kreideweiß geworden,
-und er hätte am ganzen Körper eine Gänsehaut
-bekommen &ndash; wäre er noch ein Kind gewesen.</p>
-
-<p>Zwei Soldaten führten ihn hinaus, und hier konnte er
-den feindlichen General beim Tageslicht betrachten.</p>
-
-<p>Es war eine Ameise mit kräftigem Körperbau und wohlgeformten
-Gliedern. Auf seinem Gesichte lag ein so wildverwegener
-Ausdruck, daß eine ehrliche Ameise zu Tode erschrocken
-wäre, <span id="corr088">wäre sie ihm</span> im Mondschein begegnet.</p>
-
-<p>»Wie schade«, sagte Max, dem beim Tageslicht der
-Mut wieder wuchs, »hätten wir Schutzleute und Gendarmen,
-dies wäre der erste Galgenvogel, den ich einsperren
-ließe!«</p>
-
-<p>Der Rote General verstand ihn nicht. Er wandte sich
-an seine Schergen und befahl:</p>
-
-<p>»Beginnt die Hinrichtungen mit dem Ältesten.«</p>
-
-<p>Max wandte sich um und sah den Professor, der in Sinnen
-vertieft zwischen seinen Wächtern stand. Als dieser den
-Befehl des Roten vernahm, erhob er seinen geistvollen Kopf
-mit Ernst und Würde und sprach:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>»Ehe ich sterbe, wende ich mich noch einmal an alle
-Ameisen der Welt, von welchem Stamme sie auch sein mögen.
-Alle frage ich, wielange noch soll die unvernünftige Feindschaft
-herrschen zwischen Völkern, die die Natur zu Brüdern
-schuf? Gibt es nicht genug gemeinsame Feinde zu bekämpfen
-unter Insekten der fremden Ordnungen und vor
-allem unter den Vögeln? &ndash; Durch den inneren Aufbau
-unserer Staaten ragt ihr über alle andern Insekten hervor.
-Ihr seid ihnen an Geist überlegen, eure Arbeitsfreudigkeit
-steht einzig da in der Welt. Vereinigt eure
-Staaten zum großen Völkerbunde! Ihr Ameisen der ganzen
-Welt, vereinigt euch! Dies ist der letzte Wunsch eines Sterbenden,
-der lange genug gelebt hat und der euch nun für immer
-verläßt. Ich nenne euch alle zum Abschied Brüder und
-Schwestern, und dieser Name soll euch bedeuten: Friede und
-Verzeihung!«</p>
-
-<p>Max war erschüttert von den aus tiefster Seele gesprochenen
-Worten dieses ehrwürdigen Ameisengreises, dieses wahrhaften
-Volksfreundes. Wer weiß, ob nicht auch unter den Roten
-etliche waren, die von der tiefernsten Rede ergriffen und
-überzeugt wurden?</p>
-
-<p>Aber, hatte vielleicht er sich überzeugen lassen damals,
-als man ihm Vernunft und Einsicht predigte? Wenn
-uns jemand auf künftige Gefahren und düstere Möglichkeiten
-aufmerksam macht, die ein eitles Streben nach vermeintlich
-großen Dingen in sich schließen, spricht er zu
-tauben Ohren, und blind rennt der Tor seinen nichtigen
-Wünschen nach. Kommt dann das große Unglück als
-Folge seiner Handlungen, dann, ja leider erst dann
-dämmert ihm die Wahrheit, und er gibt dem weisen Ratgeber
-recht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p>
-
-<p>Glaubt ihr also, daß die Roten, die die Schlacht gewonnen
-hatten und im Siegestaumel ihrer Erfolge waren,
-den Reden des Professors Gehör schenkten?</p>
-
-<p>Der General gab ein Zeichen, und der erste Kopf, der
-fiel, war dieses unersetzbare Haupt, abgebissen von den
-Kieferzangen eines rohen Henkers. In gleicher Weise erging
-es allen Kriegsgefangenen. Wie entsetzlich, wie schauderhaft
-aber war für Max der Augenblick, als er unter den
-Verurteilten seine liebe Pflegemutter erkannte.</p>
-
-<p>»Fuska!« schrie er auf im wütenden Schmerze.</p>
-
-<p>»Gib dich zufrieden meinetwegen«, sprach die Gute, »was
-wirklich wehe tut, ist der Gedanke, daß unsere Kinder in
-Sklaverei geraten.«</p>
-
-<p>Max konnte sich nicht mehr länger halten, er sprang vor
-und rief:</p>
-
-<p>»Nein, nein, schont meine Fuska! Ich selbst, ich bin
-allein schuld an allem, ich ganz allein! Ich schwöre euch,
-sie wollte keinen Krieg, ich aber war böse und ungehorsam
-und wollte ihren Rat nicht hören&nbsp;…«</p>
-
-<p>Weiter kam er nicht. Einige Rote hielten den Erregten fest,
-und der Kopf der braven Fuska fiel. Max, beinahe wahnsinnig
-vor Schmerz und gequält von Gewissensbissen, schrie:</p>
-
-<p>»Tötet mich, tötet mich!«</p>
-
-<p>»Halt!« rief da jemand. Alle drehten sich, um zu sehen,
-wer da komme. Eine Rote Ameise hinkte staubbedeckt heran
-auf fünf Beinen; das sechste fehlte ihr.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap20">20. Das Kriegsgericht.</h2>
-</div>
-
-<p>Die fünfbeinige Ameise schüttelte sich stöhnend den Staub
-ab, stellte sich inmitten der Versammlung und rief mit zornbebender
-Stimme:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>»Es wäre gut«, so sage ich euch, »diesem General mit
-dem Hanfpanzer den Prozeß zu machen, ehe man ihn tötet.«</p>
-
-<p>Max hatte im ersten Augenblick Hoffnung geschöpft, seine
-Lage könnte sich verbessern, jedoch seine Täuschung währte
-nicht lange.</p>
-
-<p>»Wie ihr seht«, so fuhr die Ameise fort, »bin ich eine
-von denen, die dem Feind entgegengeschickt wurden, um ihn
-von unserem Heer abzulenken.«</p>
-
-<p>»Vortrefflich!« rief der Rote General, »was bringst du
-Neues? Wie kommt es, daß du allein bist?«</p>
-
-<p>»Ach«, sagte mit bitterer Miene die Ameise, »die sind
-alle gestorben und verdorben und längst verdaut.«</p>
-
-<p>»Verdaut? Was soll das heißen?«</p>
-
-<p>»Fragt den Hanfgeneral! Er weiß es.«</p>
-
-<p>Max hielt es für klug, zu schweigen.</p>
-
-<p>»Stellt euch vor«, begann die Klägerin und diesmal mit
-verächtlichem Ausdruck, »daß dieser Tropf sich mit einem
-Dutzend Bombardieren verbündet hatte. Verräterisch standen
-sie an der großen Kürbishalle, und kaum hatten wir uns
-dorthin gewendet, beschossen sie uns dermaßen mit Gas, daß
-die ganze Kolonne sofort betäubt niederstürzte. Ich selbst
-bin wie durch ein Wunder entkommen, zwar nicht heil, aber
-doch lebend. Diese elenden Bombardiere stürzten sich sofort
-auf die Gefallenen, um sie zu fressen. Sie waren bereits
-gesättigt, bis sie an mich kamen, und rissen mir nur noch
-ein Bein aus.«</p>
-
-<p>Ein Schrei der Entrüstung ging nach diesem Berichte durch
-den versammelten Rat der Roten.</p>
-
-<p>»Was!« rief der General zu Max gewendet. »Das hast
-du getan? Du, der du zu einer Ameisenart gehörst, die
-uns Barbaren und Räuber schimpft! Anstatt offen und<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-ehrlich zu kämpfen, hast du zu der gemeinsten und unwürdigsten
-List gegriffen! Hast dich nicht entblödet, mit den
-Käfern, diesen Kannibalen, ein Bündnis zu schließen!«</p>
-
-<p>Max wollte erwidern:</p>
-
-<p>»Auch die Menschen schließen im Kriegsfall Bündnisse
-mit andern, die nicht zu ihrer gleichen Rasse gehören.«</p>
-
-<p>Allein er wußte ja bereits, daß das Beispiel menschlicher
-Sitten und Gebräuche auf die Ameisen keinerlei Eindruck
-macht.</p>
-
-<p>»Wir sind ein Räubervolk«, rief der Rote General, »aber
-zu solchen Gemeinheiten verstehen wir uns niemals!«</p>
-
-<p>Die hinkende Ameise nahm jetzt wieder das Wort:</p>
-
-<p>»Das ist noch gar nichts!« rief sie. »Ihr müßt wissen,
-daß ich auf der Flucht aus jenem Gemetzel diesem Schlingel
-mit seinem Heer begegnet bin. Ich versteckte mich hinter
-einem Stein, und ich habe gehört, daß er sich zum Oberhaupt
-aller Ameisen ausrufen ließ mit dem Namen: Kaiser
-Butziwackel der Erste!«</p>
-
-<p>»Ausgezeichnet! Butziwackel der Erste!« rief hohnlachend
-der General der Roten.</p>
-
-<p>»Du hast also versucht, unsere gesellschaftliche Ordnung
-aufzuheben, in der alle gleich sind mit denselben Rechten
-und Pflichten?«</p>
-
-<p>Die Ameisen, die Max im Kreise umstanden, waren bei
-dieser Mitteilung vollständig fassungslos. Max begriff jetzt,
-daß es unmöglich sei, mit menschlichen Gedanken und Vorstellungen
-unter Ameisen auszukommen und zu leben.</p>
-
-<p>Allein für ihn war sowieso keine Rettung mehr vom
-Tode!</p>
-
-<p>Was lag ihm auch noch daran, nachdem er mit Grauen
-das Unglück überschaute, das sein Ehrgeiz angerichtet hatte!<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-Was bot ihm das Leben, nachdem seine liebe Fuska enthauptet
-war und der beste, größte Lehrer der Ameisen
-seine letzten Worte gesprochen hatte!</p>
-
-<p>Er war bereit, zu sterben. Doch seine mutige Ergebung
-wurde durch den Roten General schwer erschüttert, der also
-anhub:</p>
-
-<p>»Hört es alle an! &ndash; Dieser Wahnsinnige hat sich unbeschreiblicher
-Verbrechen schuldig gemacht, darum sei auch
-seine Strafe eine unerhörte. Ergreift ihn, zwickt ihm nach
-und nach alle Beine ab, dann die Fühler; sein Kopf soll
-zuletzt fallen, damit er noch mit eigenen Augen seiner Strafe
-zusehen kann!«</p>
-
-<p>Max war bei der Vorstellung einer solchen Tortur nahe
-daran, ohnmächtig zu werden.</p>
-
-<p>Mühsam erhob er sich auf seine Hinterbeine und rief
-flehend:</p>
-
-<p>»Jawohl, ich bin schuldig; ich erkenne alle meine Fehler.
-Tötet mich, aber laßt mich nicht so grausam leiden!«</p>
-
-<p>Helles Hohngelächter gellte von allen Seiten. Man warf
-ihn zur Erde. Zwei Henker ergriffen seine Hinterbeine;
-sie zogen aus Leibeskräften, aber die Beine saßen fest und
-ließen sich nicht ausreißen. Zwei andere zerrten an dem
-mittleren Beinpaar, das ohne Schwierigkeit vom Leibe
-brach. Max aber schrie seine Henker in dieser unerhörten
-Lage an:</p>
-
-<p>»Mörder! … Diebe! … Schurken!«&nbsp;…</p>
-
-<p>Doch merkwürdig. Der Verlust der beiden Beine hatte
-Max gar nicht wehe getan, und auch nach dieser Verstümmelung
-fühlte er sich noch im Vollbesitz seiner Kräfte. Sodann
-wollten die beiden Henker seine Vorderbeine abreißen,
-aber diese saßen sehr fest, so daß der Rote General, als<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-er die unnütze Anstrengung seiner Diener sah, ganz wütend
-wurde und ausrief:</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-094.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Ihr Trottel seid zu nichts zu gebrauchen! Fort,
-laßt mich selber machen! Ich will doch sehen, ob ich
-diesem Teufel nicht mit einem einzigen Biß den Kopf
-abtrenne!«</p>
-
-<p>Verwegen näherte er sich Max. Noch aber hatte er keine
-drei Schritte getan, als er wankend ausrief:</p>
-
-<p>»O weh! Das ist mein Tod!«</p>
-
-<p>Wie Max das hörte, glaubte er, den General hätte ein
-Schlaganfall getroffen, und er wollte schon der göttlichen
-Vorsehung dafür danken; jedoch es war nicht dieses. Eine
-fremde Person erschien plötzlich, die, wie es schien, auch
-ihrerseits an dem gräßlichen Werke der Hinrichtung teilnehmen
-wollte und blitzschnell über den Roten General hergefallen
-war. Mit verdüsterter Miene murmelte Max:</p>
-
-<p>»Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap21">21. Ein hochvornehmer Mordgeselle.</h2>
-</div>
-
-<p>Der neue Ankömmling war ein Insekt von der Familie
-der Grab- oder Mordwespen. Sie stelzte auf hohen Beinen
-daher, besonders das hintere Paar war unglaublich lang.
-An den Außenrändern der Unterschenkel saßen so viel Stacheln
-und Zähne, daß sie wie Sägen aussahen.</p>
-
-<p>Dieses kecke Tier war mir nichts, dir nichts in den hohen
-Kriegsgerichtshof hereingeplatzt und fing ohne Umstände an,
-einem nach dem andern mit seinem schrecklichen Stachel den
-Leib zu durchbohren. Zwischen Richtern und Verurteilten
-gab es jetzt nicht mehr den mindesten Unterschied.</p>
-
-<p>In der Verwirrung, die entstanden war, konnten sich
-wohl einige Ameisen retten, indem sie sich kopfüber in den
-nächsten Gang des Hauses stürzten; aber mit einem fürchterlichen
-Satz war die Wespe schon auf Max losgesprungen:</p>
-
-<p>»So weit ist es mit mir gekommen!« seufzte schwerbedrückt
-der unglückliche Kaiser Butziwackel der Erste.</p>
-
-<p>Sobald er aber die Wespe winseln hörte: »Au weh, wie
-hart bist du doch!« da wuchs schnell sein Mut. Er fühlte
-sich aufs beste geschützt in seinem guten Hanfpanzer. Erleichtert
-aufatmend flüsterte er:</p>
-
-<p>»Gesegnet sei mein Hanfküraß!«</p>
-
-<p>Die Wespe stand jetzt mit hochgezogenen Beinen und
-forschendem Blick vor ihm, betrachtete ihn mißtrauisch von
-allen Seiten und brummte unverständliche Worte. Dabei
-ließ sie ihren Stachel prüfend in der Scheide aus und ein
-gleiten, denn sie dachte nicht anders, als daß die feine
-Spitze desselben schon beschädigt sei.</p>
-
-<p>Aber die Waffe war noch in bestem Zustande und besaß
-nicht eine einzige Scharte. Halb und halb begütigt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-über diese Entdeckung, halb zornig noch über Max, fragte
-sie ihn:</p>
-
-<p>»Sage mir auf der Stelle, warum du so harthäutig
-bist!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Max hatte jetzt seinen ganzen Mut wieder gefunden und
-antwortete nicht ohne einen Anflug von Humor:</p>
-
-<p>»Ei, so bin ich schon lange. Als ich noch zur Schule
-ging, meinte der Lehrer, ich hätte einen harten Kopf. Aber
-seit einiger Zeit habe ich eine harte Haut. Doch wer
-bist du?«</p>
-
-<p>»Ich bin eine Mordwespe.«</p>
-
-<p>»Heilige Zeit!«</p>
-
-<p>»Jawohl, ich heiße <em class="antiqua">Ammophila sabulosa</em>, zu deutsch:
-Sandwespe. Aber man nennt uns Mörder, weil wir auf
-Fliegen, Spinnen, Raupen und Ameisen Jagd machen. Gott
-sei Lob und Dank, daß nicht alle so hart sind wie du!«</p>
-
-<p>»Höre«, sagte Max entrüstet, »was Spinnen, Raupen,
-Fliegen betrifft, will ich nichts dagegen sagen; aber daß
-du Ameisen angreifst, ich sage dir, für eine anständige Wespe
-finde ich das eine Spitzbüberei. Oder weißt du nicht, daß
-wir verwandt sind?«</p>
-
-<p>Er erinnerte sich nämlich, daß ihm die verstorbene Fuska
-einmal gesagt hatte, daß alle Wespen, Bienen, Hummeln
-zur gleichen Ordnung wie die Ameisen gehören und somit
-zum großen, ruhmreichen Volk der Immen und Hautflügler,
-das wunderbar stark und klug ist.</p>
-
-<p>Es entstand nun eine Pause im Gespräch, während der
-die beiden Personen, die sich bisher in Verteidigungsstellung
-drohend gegenübergestanden waren, sich gegenseitig mit etwas
-mehr Höflichkeit betrachteten. Max zeigte eine aufrichtige
-Bewunderung in seinem Blicke, als er den schrecklichen<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-Angreifer von allen Seiten besah, und er kam zu dem
-Schlußurteil:</p>
-
-<p>»Ein Mörder mag sie sein, aber fein tritt sie auf. Sie
-muß aus guter Familie stammen.«</p>
-
-<p>Die Wespe hatte wirklich ein prachtvolles Kleid von lebhaft
-gelber Farbe; sie war schlank, anmutig in ihren Bewegungen,
-höchst lebhaft und viel schöner als alle andern
-Wespen, die Max als Kind beobachtet hatte.</p>
-
-<p>»Welche Taille!« dachte der entthronte Kaiser.</p>
-
-<p>»Jetzt verstehe ich erst, warum man scherzte, Mutterchen
-habe eine Wespentaille!«</p>
-
-<p>Da war er beim Gedanken an die Mutter den Tränen
-bereits wieder nahe, und zu gleicher Zeit fühlte er im Herzen
-den unwiderstehlichen Wunsch, sein Mütterlein wieder zu sehen,
-und um dieses Gedankens willen, den diesmal die Wespe angeregt
-hatte, schenkte er dem schönen Tier seine Liebe. Auch
-die Wespe schien jetzt besänftigt und unterbrach die Pause:</p>
-
-<p>»Schau, schau, da sind wir also verwandt? Dann reiche
-mir das Bein, damit wir Frieden schließen.«</p>
-
-<p>Weil Max ein wenig unschlüssig dastand, fuhr sie lebhaft
-fort:</p>
-
-<p>»Na, na, bist du vielleicht noch empört über meine Jagd
-auf Ameisen? Wenn ich nicht irre, waret ihr bei meiner
-Ankunft damit beschäftigt, euch recht brüderlich gegenseitig
-den Garaus zu machen. Mir scheint, daß Mord unter
-Geschwistern ein ruchloseres Geschäft ist als unter weitläufigen
-Verwandten!«</p>
-
-<p>Gegen diese Rede ließ sich wirklich nichts einwenden,
-darum entgegnete Max sanft und mild:</p>
-
-<p>»Ja, ja, du hast recht. Durch dich wurde ich aus den
-Zangen meiner Ameisenbrüder errettet, wenn du das auch<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-nicht beabsichtigt hattest. Aber trotzdem darfst du doch nicht
-vergessen, daß wir Ameisen unter den Hautflüglern das
-stärkste, das klügste und das, das, das&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-098.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Max fand keine Zeit mehr, ein drittes lobendes Eigenschaftswort
-für sein Volk zu finden, denn die Wespe ließ
-den Redner plötzlich mit einer unerwarteten und raschen
-Bewegung im Stich, um über eine ansehnlich große Raupe
-herzufallen, welche das Unglück hatte, in der Nähe vorbeizukriechen.
-Es war das Werk eines Augenblicks. Die
-Wespe ließ ihren Stachel aus der Scheide gleiten und versetzte
-die Raupe mit ein paar Stichen in einen Zustand,
-der es ihr unmöglich machte, ihren Spaziergang fortzusetzen.</p>
-
-<p>»Hast du sie totgestochen?« schrie Max und lief herbei.</p>
-
-<p>Die Wespe schüttelte den Kopf und murmelte auf geheimnisvolle
-Art:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p>
-
-<p>»Was glaubst du wohl? Ich bin doch nicht so einfältig!«</p>
-
-<p>Dann setzte sie sich vergnüglich singend rittlings auf ihr
-Opfer, ergriff es mit ihren Zangen und begann den Körper,
-der zehnmal schwerer war als sie selbst, gegen einen kleinen,
-sandigen Graben zu schleifen, an dessen Abhang sich ein
-rundes Loch befand, mit Kieselsteinchen, Hälmchen und Erdkügelchen
-wohl bedeckt und versteckt. Max war erstaunt,
-ein so vornehmes Insekt zugleich so stark, so kühn und
-geistesgegenwärtig zu finden; er folgte der Wespe Schritt
-für Schritt, bis er ganz nahe am Grabenrande war. Hier
-sah er, wie sie sich mitsamt der Raupe vollends hinunterstürzte,
-immer rittlings auf ihr sitzend.</p>
-
-<p>Auf dem Grunde des Grabens angelangt, ließ die Wespe
-ihre Beute los, schüttelte sich den Staub von den Flügeln
-und kehrte sich zu Max, der noch oben am Grabenrand
-stand. Er hatte gefürchtet, daß die Wespe drunten vom
-Gewicht ihres Opfers erdrückt werden könnte.</p>
-
-<p>»Hast du dir wehe getan?« fragte er sie.</p>
-
-<p>»Nicht die Spur«, antwortete lachend die Wespe.</p>
-
-<p>»Diese Rutschpartie war der leichtere Teil meiner Arbeit.
-Schwerer ist's, die Raupe in das Haus hineinzutragen!«</p>
-
-<p>Dabei wies sie auf ihren Hauseingang, der an der Seite
-des Abhanges zu sehen war. Max stieg vorsichtig hinab,
-und mit schlecht versteckter Gönnermiene sprach er:</p>
-
-<p>»Ich werde dir helfen.«</p>
-
-<p>Aber die Wespe lehnte mit einer würdevollen Bewegung ab.</p>
-
-<p>»Bah!« sagte sie spöttisch, »wir sind an andere Strapazen
-gewöhnt und haben es nicht nötig, daß das stärkste und
-intelligenteste Volk der Hautflügler sich für uns bemühe.«</p>
-
-<p>Max kämpfte bei diesen Worten gegen seinen schwer getroffenen
-Hochmut.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-
-<p>»Es wäre mir übrigens lieb«, fügte die Wespe hinzu,
-»wenn du auf das Raupenwürmlein ein bißchen aufpaßtest,
-während ich im Haus erst nachsehen muß, ob alles zu ihrem
-Empfang bereit ist.«</p>
-
-<p>»O, hast du vielleicht Angst, daß es entwische?«</p>
-
-<p>»Das nicht, aber du sollst achtgeben, daß sich niemand
-der Raupe nähert. Kann ich mich auf dich verlassen?«</p>
-
-<p>»Aber natürlich!«</p>
-
-<p>Mit fröhlichem Gesumse schlüpfte die Wespe in ihre Höhle
-hinein, und Max blieb als Wachtposten bei der Raupe stehen.</p>
-
-<p>Kaum war die Wespe verschwunden, als sich eine kleine, graue
-Fliege auf den Körper der Schmetterlingsraupe niederließ,
-wie angepappt darauf sitzen blieb und eifrig mit einer Arbeit
-beschäftigt war, für die Max keine Erklärung fand. Er schrie:</p>
-
-<p>»Mach, daß du weiter fliegst! Dieser Wurm gehört
-nicht dir!« Die Fliege flog darauf hohnlachend davon und
-zischelte boshaft:</p>
-
-<p>»Wenn auch nicht mir, so gehört er doch meinen Kindern!«</p>
-
-<p>Als die Wespe gleich darauf wieder erschien, sagte Max,
-die Raupe forschend betrachtend:</p>
-
-<p>»Es fehlt kein Härchen an ihr! Sage mir nur, liebe
-Wespe, ißt du sie denn ganz allein auf?«</p>
-
-<p>»Aufessen! Gott, wie kommst du auf diesen Gedanken?«</p>
-
-<p>»Ja, warum hast du sie denn ermordet?«</p>
-
-<p>»Ich habe sie doch gar nicht ermordet! Sie ist nur gelähmt.
-Verstehst du nicht, wenn sie tot wäre, und ich müßte
-sie in mein Haus nehmen, würde sie in kurzer Zeit in
-Fäulnis übergehen, was sehr gesundheitsschädlich wäre.«</p>
-
-<p>»Du behältst sie im Hause? Was machst du nur mit
-solchen Sachen?«</p>
-
-<p>»Ach, sie ist doch für meine Kinder!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<p>»O«, rief Max bestürzt, »dasselbe hat ja vorhin die
-graue Fliege auch gesagt!«</p>
-
-<p>Die Wespe fuhr mit einem Sprung zurück und schrie
-voll Zorn:</p>
-
-<p>»Die graue Fliege sagst du? Ach, das Gesindel! Eine
-graue Fliege hat sich am Ende wohl gar auf meine Raupe
-gesetzt? Antworte sofort!«</p>
-
-<p>»Aber … ja …«, stammelte Max, der nicht verstand,
-wie man sich wegen einer solchen Kleinigkeit so aufregen
-konnte. &ndash; »Einen einzigen Augenblick nur ist sie auf der
-Raupe gesessen, ich jagte sie ja gleich weg!«</p>
-
-<p>»Ach, diese Diebin, das hat sie mir angetan!« so heulte
-jetzt die Wespe und untersuchte dabei die Raupe. »Da
-haben wir's schon! Da sind ihre Spuren! Und ich hatte mich
-so geplagt! Meine Arbeit war nun für das Lumpengesindel!
-Miserables Schmarotzerpack! Ah, sie hoffte am Ende noch,
-daß ich die Raupe im eigenen Hause beschütze! Haha, der
-schönen Augen ihrer Kinder zuliebe! O, die Elende!«</p>
-
-<p>Die Wespe war jetzt derart gereizt, daß Max sich nicht
-getraute, noch etwas zu sagen. Er duckte sich in seinen
-Hanfküraß zusammen und murmelte:</p>
-
-<p>»Gott bewahre mich! Wenn sie jetzt mit mir Streit
-anfinge, dann wäre ich verloren, auch wenn ich mich in
-einen Zwetschgenkern verkröche!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap22">22. Letztes Lebewohl.</h2>
-</div>
-
-<p>Nach und nach beruhigte sich die Wespe ein wenig, aber
-sie hörte nicht auf zu brummen:</p>
-
-<p>»Alle Mühe umsonst! Alle Arbeit weggeworfen! Nun
-muß ich wieder von vorn anfangen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>»Verzeihe!« sagte Max, dessen Neugier über die Furcht
-Meister wurde, »erkläre mir doch, was haben denn deine
-Kinder und die Kinder der grauen Fliege zusammen mit
-der armen Raupe zu tun, die so friedlich schlummert, als
-ob ihr nichts geschehen wäre?«</p>
-
-<p>»Wie, was! Ich habe doch diese Raupe einzig meiner
-eigenen Kinder wegen erobert!«</p>
-
-<p>»Warum bringst du sie dann nicht endlich in dein Haus?«</p>
-
-<p>»Weil die graue Fliege sie jetzt für ihre Kinder weggenommen
-hat.«</p>
-
-<p>»Langsam, langsam, mir schwindelt im Kopf! Wie kann
-sie dir genommen worden sein? Die Raupe liegt ja noch
-hier!«</p>
-
-<p>»Du weißt doch gar nichts! … Nun wohl, so höre,
-ob ich nicht recht habe, gegen dieses elende Fliegenweib
-aufgebracht zu sein. Wir Wespen erjagen gewisse Tiere,
-lähmen sie und tragen sie heim, einzig deswegen, um in
-ihren Körper unsere Eier abzulegen; nach einiger Zeit
-kommen aus den Eiern die Larven &ndash; unsere Kinder,
-verstehst du? Diese finden sogleich ihre Nahrung bereit,
-indem sie das Innere des Tieres aufessen, in das ihre
-Mutter sie vorsorglich hineingelegt hat. Die Speise reicht
-so lange, bis die Larven ein Knäulchen spinnen und
-sich in Puppen verwandeln, aus denen sie dann als vollkommene
-Insekten hervorgehen, um im Lichte der Sonne
-zu leben. Einige Wespen meiner Art erjagen sich Spinnen,
-andere Grillen, ich ziehe Raupen vor, weil sie mehr
-Fleisch besitzen. So weit wäre alles gut! Allein da gibt
-es auch in der Insektenwelt herumziehende Stromer, wie
-diese graue Mücke, die das Leben ihrer Kinder auf dieselbe
-Art sichern müssen; doch haben diese Feiglinge weder<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-die Kraft noch den Mut, Spinnen und Raupen zu jagen,
-wie wir es machen. Was tun sie also? Diese Gauner
-schleichen um unsere Häuser herum, spitzeln alles aus, und
-sobald sie sehen, daß wir die Mitgift für unsere Kinder
-heimbringen, leise, leise &ndash; hast du nicht gesehen, siehst
-du nimmer &ndash; legen diese Diebe geschwind ihre Eier in
-unsere Beute! Begreifst du es jetzt? Hättest du mich
-nicht benachrichtigt, so hätte ich jetzt mein gutes Ei in
-die Raupe gelegt, in der Meinung, für das Fortkommen
-eines meiner Kinder gesorgt zu haben. Und was wäre statt
-dessen erfolgt? Die Eier der grauen Fliege hätten sich
-rascher entwickelt als meines, und ihre Larven hätten die
-ganze Raupe aufgegessen, während meine an den leeren
-Tisch gekommen wäre und elend hätte verhungern müssen. &ndash;
-Nun, sage, ist das nicht eine gemeine Schurkerei von
-diesen schmarotzenden Insekten, die ihren Kindern mühelos
-die Früchte unserer Arbeit zukommen lassen? Siehst du,
-jetzt kann ich die ganze Geschichte von vorn anfangen;
-ich muß eine andere Raupe erjagen und sie hierher
-schleppen. Aber in Gottes Namen! Was tut eine Mutter
-nicht für ihre Kinder! &ndash; Arbeiten und nur den Mut nicht
-verlieren!«</p>
-
-<p>Bei diesen letzten Worten schien es, als ob aller Zorn
-bei ihr verraucht wäre.</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen«, sagte sie in entschiedenem Tone. »Jetzt
-gibt es kein besseres Mittel, als die verlorene Zeit wieder
-einholen.«</p>
-
-<p>Sofort breitete sie ihre Flügel aus und summte in ihrer
-fröhlichen Weise davon.</p>
-
-<p>Max rief ihr noch nach: »Auf Wiedersehen, liebe Sandwespe!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p>
-
-<p>Er fühlte wirklich etwas wie Freundschaft für dies Tierchen.
-Es war wohl eine Mordwespe, und ihre Jagdgebräuche
-waren geradezu grausam. Aber nicht die Bosheit
-machte sie mordsüchtig und blutgierig. Sie tat alles
-nur für das Leben ihrer Kinder, wie auch die graue Fliege
-nur ihren Kindern zuliebe eine Diebin wurde. Die eine,
-stark und kühn, nahm andern Tieren das Leben, um es
-ihren Kindern zu geben; die andere, unfähig zum Raube,
-stahl zu dem gleichen Zweck dem Räuber seine Beute.</p>
-
-<p>Max begann zu verstehen, daß alle Sorge und Arbeit
-der Insekten ohne Ausnahme auf ein hohes, edles Ziel hinstrebt.
-Mochten sie es erreichen, wie sie wollten, auch durch
-List und Mord, suchten sie einzig ihrer Nachkommenschaft
-das Leben zu sichern. Alles Streben dieser Tierchen ging
-darauf hinaus, daß das Ei befruchtet wurde, daß der ausgeschlüpften
-Larve ihre Nahrung zur Verfügung stand, daß
-die Jungen noch beschützt seien gegen alle Feinde, bis sie
-in ihrer Vollendung als fertige Tiere auftreten konnten.
-Dann fängt das wunderbare Spiel von vorn an. Das neue
-Geschlecht sorgt mit gleicher Fürsicht und mühender Liebe,
-wie sie ihm selbst zuteil geworden war, für seine Nachkommen.</p>
-
-<p>Max erinnerte sich von neuem an die Herzlichkeit, mit
-der ihn die gute Fuska einst aufgenommen und in das Leben
-eingeführt hatte, als er aus seinem Knäulchen schlüpfte.
-Fuska, die liebevolle Pflegerin, die seinetwegen hatte sterben
-müssen!</p>
-
-<p>In so traurigen Gedanken vertieft, war er wieder auf
-den Grabenrand hinaufgeklettert. Nun wandte er sich gegen
-sein einstiges trautes Ameisenhaus, das für ihn Heimat,
-leider auch der Schauplatz großen Unglücks gewesen war.<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-Da sah Max zwei Untertanen seines einstigen Reiches, die
-mühsam einen Kürbiskern schleppten, und sein Herz wurde
-ihm weit.</p>
-
-<p>»Freunde!« rief er sie tiefbewegt an, »kennt ihr mich
-nicht mehr?«</p>
-
-<p>»Da schau!« sagten sie ohne jegliche Gemütsbewegung und
-hielten ein wenig an, »was und wo arbeitest denn du jetzt?«</p>
-
-<p>»Ach, ich führe das Leben eines Verbannten«, klagte er
-bitter. »Wie geht es euch? Wohin tragt ihr den Kürbissamen?«</p>
-
-<p>»O du liebe Zeit! In unser Dorf, wo unsere Herren
-wohnen.«</p>
-
-<p>»Wie? Eure Herren? Und nennt es doch noch euer
-Dorf?«</p>
-
-<p>»Warum denn nicht? Wir sind ihre Knechte, so wollte
-es das Schicksal. Wir arbeiten und quälen uns für sie,
-aber wir dürfen dort wohnen bleiben.«</p>
-
-<p>Max war empört über den Stumpfsinn, mit welchem die
-Brüder ihre schmähliche Knechtschaft ertrugen. Er mußte
-sie verachten und rief ihnen nach:</p>
-
-<p>»Schmutzige Sklavenseelen, pfui!«</p>
-
-<p>Dann setzte er seinen Weg fort und dachte nicht im geringsten
-daran, daß die einzige Ursache ihrer traurigen und
-unverschuldeten Sklaverei sein ungezügelter, unvernünftiger
-und herzloser Ehrgeiz gewesen war. Was half es, wenn
-er auch jetzt gerade von einem guten Gedanken erfüllt war?
-Er schaute hin und her, als ob er etwas suche. Wenige
-Schritte vom Ameisenhaus entfernt blieb er lauschend stehen,
-denn er hörte ein Geräusch, wie wenn ein Hund Knochen
-zerbisse. Max wandte sich dem Lärm zu und stieß einen
-Schrei des Entsetzens aus. Vor ihm lagen die traurigen<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-Überreste seiner verstümmelten Mitgefangenen, die, unglücklicher
-als er, ihr Leben lassen mußten. Die Köpfe vom
-Rumpfe abgerissen, lagen sie da, und inmitten dieses jammervollen
-Haufens zerrissener Körper saßen drei Ameisen &ndash; es
-ist entsetzlich zu sagen &ndash; beim Mahl. Sie verschlangen
-mit lustigen Scherzen die Überreste ihrer Schwestern und
-Brüder.</p>
-
-<p>»Ihr Elenden«, schrie Max, »so fehlt es denn auch unter
-Ameisen nicht an schändlichen Hyänen und Schakalen!?«</p>
-
-<p>Wirklich gibt es einige Ameisenarten, die so tief gesunken
-sind, Leichen zu verzehren. Beispiele solcher Schande sind
-ja zum Glück äußerst selten, aber sie genügen, um den
-guten Namen des ganzen Volkes zu schänden, den es sich
-durch seine vielen Vorzüge und Tugenden unter allen Insekten
-erworben hat.</p>
-
-<p>So tragen die Schlechten, abgesehen von dem Schaden,
-den sie durch ihre Missetaten den Guten zufügen, sehr oft
-die schwere Schuld, den unbefleckten Namen einer ganzen
-Familie, ja selbst des ganzen Landes zu beschmutzen, das
-diese Schädlinge hervorbrachte. Deshalb tat Max gut daran,
-auf die drei kannibalischen Schwelger so grimmig loszugehen,
-daß sie keine Zeit hatten, sich von ihrer Überraschung
-zu erholen und Widerstand zu leisten. Alle drei fielen unter
-seinen Streichen.</p>
-
-<p>Nun erst beschaute er genauer die Überreste der tapfern
-Gefährten. Vor dem schauerlichen Bilde krampfte sich sein
-Herz zusammen.</p>
-
-<p>Weinend warf er sich inmitten dieser Ärmsten auf die
-Knie, und in tiefem Schmerze rief er:</p>
-
-<p>»Verzeihung! Verzeihung! Hätte ich doch auf die Mahnungen
-des Professors gehört! Wäre ich bescheiden und<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-fleißig geblieben wie ihr Teuren! Wieviel Unglück habe
-ich über euch gebracht! Fuska, liebe Mutter und Lehrerin,
-auch du bist tot! Wäre es bei den Ameisen üblich, so würde
-ich dir das schönste Denkmal aufstellen, daß alle Welt es
-bewundern müßte. Darauf ließe ich mit goldenen Buchstaben
-die Inschrift setzen:</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Fuska</em>.<br />
-Seiner guten Ameisenmutter<br />
-der entthronte Kaiser<br />
-Butziwackel I.«
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap23">23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus
-einer Eichengalle herausspaziert.</h2>
-</div>
-
-<p>»Und nun was jetzt?«</p>
-
-<p>Das war die Frage, die Max beschäftigte, als er seinen
-Weg wieder aufnahm, und auf die er vorderhand keine Antwort
-wußte. Ganz allein, verloren in der weiten Welt,
-ohne Familie, ohne Freunde! Dies war die traurige Lage
-des armen Insektleins, das vor wenigen Stunden zum ersten
-Kaiser der Ameisen erwählt worden war. »Was verschlägt's«,
-so dachte Max, »auch Napoleon der Erste mußte es erleben,
-nach St. Helena verbannt zu werden!«</p>
-
-<p>Doch dieser geschichtliche Vergleich war ein magerer Trost
-für ihn. Während er den Graben, in dem die Sandwespe
-ihr Nest hatte, von neuem durchquerte, betrachtete er schwermütig
-das Haus seiner Freundin, das schon verschlossen war,
-und er flüsterte:</p>
-
-<p>»Ach, ein jeder hat sein Haus! Ich allein finde kein
-Loch, wo ich die Nacht zubringen könnte!«</p>
-
-<p>Bei diesem Gedankengang kam ihm eine Erinnerung, die
-ihn mit Trost und frohen Hoffnungen erfüllte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Hab' ich denn nicht doch ein Haus? Und in diesem
-Haus wohnt ja meine Mutter und Onkel Walter. O wenn
-ich das finden könnte!«</p>
-
-<p>Der Gedanke war gut; jawohl! Aber kaum hatte Max
-mit ihm zu spielen begonnen, erhob sich auch schon schroff
-und steil die größte Schwierigkeit, so daß er bitter ausrief:</p>
-
-<p>»Der reinste Wahnsinn! Wie könnte ich armes, kleines
-Ameislein, für das jeder Grashalm ein Baum, jeder Busch
-ein Wald, jeder Kiesel ein Felsen, jede Scholle ein Berg
-ist, wie könnte ich einen Ort finden, den ich nicht sehen
-kann, von dem ich nicht weiß, in welcher Richtung er
-liegt!?«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So schlich er entmutigt seines Weges, wohin ihn eben
-seine müden Beine trugen, und kam dabei am Fuße einer
-großen Eiche an. »Wenn ich auf ihren Gipfel stiege«,
-dachte er, »wer weiß, ob ich von dort oben nicht mein Haus
-entdecken könnte?!«</p>
-
-<p>Mutig kletterte er am Stamme empor. Nur der Gedanke
-an die Heimat machte ihn zu dieser Anstrengung fähig.
-Kurz zuvor hatte er sich sehr matt gefühlt. Kein Wunder,
-wenn man bedenkt, daß er seit geraumer Zeit nichts gegessen
-hatte.</p>
-
-<p>In einiger Höhe hielt er an und schaute ringsumher:
-Nichts! Er stieg weiter bis ins oberste Gezweige. Ringsumher
-schaute er nur eine wirre Welt. Jetzt begriff er,
-daß es mit den Augen einer Ameise unmöglich sei, deutlich
-in die Ferne zu sehen.</p>
-
-<p>Aus der traurigen Stimmung, in die ihn diese Erfahrung
-versetzte, wurde er durch ein eigenartige Geräusch aufgestört.
-Es kam ganz aus der Nähe, es mußte auf demselben
-Blatt sein, auf dem er stand. Er schaute sich um<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-und erkannte, daß er sich neben einer Eichengalle befand,
-einer von jenen rötlichen Kugeln, die man häufig auf Eichenblättern
-sieht, und mit denen er früher oft gespielt hatte.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-109.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Max krabbelte auf diese Galle hinauf und war nicht
-wenig erstaunt, als er merkte, daß das Geräusch aus dem
-Innern der Kugel drang. Als ob ein feiner Bohrer durch
-hartes Holz seinen Weg suchte, so knirschte und raschelte
-es da drinnen. Max lief rings um die Kugel und untersuchte
-sie aufs genaueste. Da er auf der Oberfläche nicht
-die geringste Öffnung fand, fragte er sich, welches Geheimnis
-wohl im Innern eingeschlossen sein könnte. Plötzlich
-hörte er hinter sich ein feines Stimmchen, das piepste
-etwas müde:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p>
-
-<p>»Endlich bin ich so weit!«</p>
-
-<p>Max drehte sich flugs um. Ein winziges Köpfchen
-guckte aus einem Löchlein der Galle heraus, drehte sich
-hin und her und betrachtete alles ringsum mit lebhafter
-Neugier.</p>
-
-<p>»Ei, wie schön ist die Welt!« sagte das Stimmchen,
-bebend vor Vergnügen.</p>
-
-<p>»Sei mir gegrüßt!« rief Max, »und komme doch ganz
-hervor!«</p>
-
-<p>Aus dem Löchlein schoben sich zwei kleine Beinchen, die
-sich am Rande anklammerten, dann folgte sogleich das ganze
-Tierlein. Es war kaum ein paar Millimeter lang, schwarz,
-mit fadenförmigen, nicht geknickten Fühlern und mit zwei
-allerfeinsten, durchsichtigen Flügelchen ausgestattet.</p>
-
-<p>»Oho«, rief Max, »eine kleine Fliege!«</p>
-
-<p>»Entschuldige«, erwiderte das kleine Geschöpfchen, »ich
-bin keine Fliege, ich bin eine Gallwespe; die Gelehrten
-nennen mich <em class="antiqua">Cynips gemmae</em>.«</p>
-
-<p>»Eine Gallwespe?«</p>
-
-<p>»Ganz richtig, ich gehöre zur Ordnung der Immen oder
-Hautflügler.«</p>
-
-<p>»Dann bist du eine weitläufige Verwandte von mir. Als
-mein Bäschen wirst du mir wohl erklären, wie du es fertig
-brachtest, in diese Kugel einzudringen?«</p>
-
-<p>»Eindringen? Ich bin nicht eingedrungen, du willst wohl
-sagen: herauszuschlüpfen.«</p>
-
-<p>Max betrachtete sie verwundert. »Das ist mir neu!
-Kann einer aus einer Kugel herausschlüpfen, ohne erst
-hineingekommen zu sein?«</p>
-
-<p>»So höre! Bei uns Gallwespen ist folgender Brauch:
-Unsere Mutter &ndash; ich kann dir das sagen, weil ich es selber<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-durch meine natürliche Veranlagung weiß &ndash; legt das Ei
-auf ein Eichenblatt, indem sie es mit dem Legestachel ansticht.
-Aus diesem Legestachel tritt zugleich das Ei heraus.
-Der Stich verursacht auf dem Blatt eine Wunde, und die
-Wunde läßt das Blatt anschwellen, so daß sich eine kleine
-Kugel bildet. Diese wächst durch den Saft der Pflanze.
-Inzwischen entwickelt sich aus dem darinliegenden Ei die
-Larve. Diese findet in der Kugel ihre Nahrung und ihr
-Häuschen. Hier bleiben wir ein Jährchen ungestört und
-essen, verwandeln uns zur Puppe und werden danach ein
-vollkommenes Insekt. Jetzt müssen wir von innen heraus
-die Kugel durchbohren, langsam, langsam, bis sich eine
-Straße bildet, auf der wir endlich herauskommen, wie ich
-es gemacht habe. &ndash; Aber du kannst mir's glauben, da heißt
-es kräftig drauflosnagen!«</p>
-
-<p>»Ist es wohl so hart, dein Kugelhäuschen?«</p>
-
-<p>»Geh mal herein und überzeuge dich selbst davon!«</p>
-
-<p>Er schlüpfte zum Türchen hinein, das die Gallwespe
-gebohrt hatte, und nun konnte er sich einen genauen Begriff
-von der Arbeit machen, die seine neue Freundin fertig gebracht
-hatte. Im Innern der holzartigen Galle war eine
-Art Kammer, die aus einem noch viel festeren Stoffe als
-die äußere Kugel bestand. Die Wand dieser Kammer war
-so hart wie ein Kirschkern.</p>
-
-<p>»Und du«, rief Max erstaunt, »du hast so harte Mauern
-durchbrechen können? Da gratuliere ich!«</p>
-
-<p>»Ich danke dir. Wenn du wüßtest, wie froh ich jetzt
-bin! Verstehst du das? Da drinnen eingesperrt sein ist
-kein Vergnügen; doch man weiß, eines Tages wird man
-herauskommen, die Flügel ausspannen und in freier Luft
-leben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p>
-
-<p>»Ah!« atmete sie tief auf, »nun ist die große Stunde, die
-ersehnte Belohnung für die lange Gefangenschaft gekommen!«</p>
-
-<p>»Du Glückliche!« seufzte Max traurig. »Wenn ich doch
-auch Flügel hätte!«</p>
-
-<p>Sein Wunsch brachte ihn auf einen Gedanken, der wie
-ein Hoffnungsstrahl in sein düsteres Dasein leuchtete. Dringlich
-wandte er sich zur jungen Gallwespe und sprach:</p>
-
-<p>»Höre, liebe Freundin, ich hätte eine große Bitte …
-wirst du so freundlich sein … Du bist zwar kaum geboren
-… nun wohl: mit einer guten Handlung kannst du
-dein Leben beginnen. Ich verspreche dir, daß ich es dir nie
-vergessen werde! Willst du?«</p>
-
-<p>»Du plauderst zuviel; bitte, laß mich hören, um was es
-sich handelt?«</p>
-
-<p>»Richtig! Es handelt sich darum, daß ich ein menschliches
-Wohnhaus mit einem Weinstock an der Wand finden
-möchte. Auf einem Rundflug könntest du es vielleicht erspähen.«</p>
-
-<p>»Aber Lieber, wie soll ich denn ein Menschenhaus erkennen?
-Ich bin doch eben erst auf die Welt gekommen!«</p>
-
-<p>Diese Bemerkung war richtig, und Max kostete es Anstrengung
-genug, um dem jungen Insekt zu beschreiben, wie
-sein Haus aussähe. Endlich schien die Gallwespe begriffen
-zu haben, und er brauchte ihr nur noch zu sagen:</p>
-
-<p>»Du kannst mit deinen Flügeln nach allen Richtungen
-herumstreifen; dann kehrst du zu mir zurück, mir zu sagen,
-ob es dir gelungen ist, mein Haus zu entdecken, das ich
-so gern sehen möchte. Willst du mir diesen großen Gefallen
-erweisen?«</p>
-
-<p>»Ich will es versuchen! Es gelüstet mich sowieso, meine
-Flügel zu erproben« &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; und eins &ndash; zwei &ndash; drei &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-erhob sich das junge Gallwespchen vom Sitze und flog in
-die schöne Welt hinein.</p>
-
-<p>Kaiser Butziwackel aber rief ihm noch zu:</p>
-
-<p>»Wenn du es fertigbringst, schwöre ich dir ewige Freundschaft!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap24">24. Auf dem Weg zur Mutter.</h2>
-</div>
-
-<p>Wie lange wartete Max auf seinem Blatt! Er wäre
-in Verlegenheit gekommen, es uns genau zu sagen; denn
-er hatte keine Uhr bei sich. Aber es kam ihm wie eine
-Ewigkeit vor. Endlich konnte er der zurückkehrenden Gallwespe
-zurufen:</p>
-
-<p>»Na, und?!«</p>
-
-<p>»Nun«, erwiderte diese und setzte sich zu ihm auf das
-Blatt, »ich glaube etwas entdeckt zu haben, das deiner Beschreibung
-ähnlich ist.«</p>
-
-<p>»O, wirklich? Ist's weit von hier? Ist es dorthin
-oder hierhin? Wo ist's?«</p>
-
-<p>»Bei meiner Galle! Gönne mir nur eine Minute zum
-Ausschnaufen! &ndash; Höre, das Haus, das ich sah, liegt in
-derselben Richtung wie das Blatt, auf dem wir sitzen.«</p>
-
-<p>»So, so, also dorthinaus!« deutete Max mit seinem
-rechten Vorderbeinchen.</p>
-
-<p>Max merkte sich genau die Richtung, besann sich und rief:</p>
-
-<p>»Jetzt gehe ich … Liebe Gallwespe, wie bin ich dir dankbar!
-… Aber wir werden uns wiedersehen, gelt!«</p>
-
-<p>Er umarmte sie, empfahl sich höflich und stieg langsam
-den Weg, den er auf die Eiche hinaufgeklettert war, wieder
-hinab.</p>
-
-<p>»Langsam?« werden sofort alle kleinen Leser fragen. »Wie,
-er sehnte sich so sehr heimzukommen, und er ging langsam?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p>
-
-<p>Gerade deshalb. Er ging langsam, weil er Eile hatte.</p>
-
-<p>Ihr wißt es selbst, es gibt Kinder, die voll guten
-Willens sind. Sagt man ihnen: »Geh mir rasch da- oder
-dorthin«, so laufen sie auch schon und rufen: »Ich bin
-gleich dort.«</p>
-
-<p>Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren;
-denn im Eifer haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin
-sie eigentlich gehen sollten. Zu große Eile macht oft, daß
-man erst recht zu spät kommt. Max hatte als Kind immer
-alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als Ameise
-aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also
-von der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt
-für Schritt, schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll
-des Weges und berechnete die zurückgelegte Strecke. Auch
-überschätzte er die vor ihm liegende mit einer Genauigkeit
-und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese kleinen Geschöpfe
-kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens blieb
-nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem
-Gesichte genau in der Richtung, die das Blatt oben auf
-dem Baume hatte. Er konnte daher seinen Weg sofort
-geradeaus in der Richtung verfolgen, die ihm die Gallwespe
-angegeben hatte.</p>
-
-<p>Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar
-ausgebildeten Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm
-war er imstande, auf die unbedeutendsten Zeichen zu achten
-und sich nach solch feinen Wahrnehmungen zurechtzufinden,
-die für Menschen unfaßbar sind. Gleichwohl bedauerte
-Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche hatte
-aufwenden müssen.</p>
-
-<p>»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser
-auf ihren Straßen haben!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p>
-
-<p>Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er
-nicht doch noch dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere
-Bildung und Fortschritt zu bringen. Allein er ließ bald
-von seinen Träumen ab und verfolgte mit Eifer das eigentliche
-Ziel seiner Reise und sprach:</p>
-
-<p>»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur
-Mutter.«</p>
-
-<p>Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum
-bemerkte Max allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei
-Insekten, die alle nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde.</p>
-
-<p>»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach
-Hause.« Diese Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue
-seine müden Beinchen, und seine Reise schien ihm nicht mehr
-so unsicher und gefährlich. Auch den Hunger spürte er nicht
-mehr so quälend.</p>
-
-<p>Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein
-nahes Getöse aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten
-und den gewalttätigen Drohungen nach zu urteilen, gab es
-da einen entsetzlichen Kampf auf Leben und Tod.</p>
-
-<p>Eine Wespe, von der Art der Sandwespe &ndash; Max hatte
-nun schon eine ganz nette Insektenkenntnis &ndash;, drückte mit
-aller Kraft eine Grille auf den Boden nieder. Diese wehrte
-sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die Wespe der besiegten
-Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib
-bohren, als sie plötzlich davon abstand.</p>
-
-<p>»Halt ein!«</p>
-
-<p>Das war Max, der sie anschrie. Er kam zur guten
-Stunde für die Grille. Die Angreiferin war überrascht,
-ließ ein wenig locker, und es gelang der zu Tode Geängstigten,
-ihrem Feinde zu entschlüpfen. Mit einem Hupf war sie in
-ihrem Loche. Dafür fiel die Wespe wütend vor Zorn über<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-Max her. Aber es ging ihr wie einstens der Sandwespe.
-Der tötende Stachel glitt auf dem Hanfpanzer ab, und Max
-sagte lachend:</p>
-
-<p>»Verehrteste Frau Mörderin, diesmal sind Sie schön ausgerutscht!«</p>
-
-<p>»Was mischest du dich in meine Angelegenheiten, du
-hergelaufener Fremdling! Drei Grillen habe ich bereits
-zu Hause eingebracht, und eine fehlt mir noch; endlich
-hatte ich sie glücklich, und du bist schuld, daß sie mir
-entwischte.«</p>
-
-<p>»Genügen die dreie dir nicht?«</p>
-
-<p>»Keineswegs! Ich brauche vier Stück für meine Eier.
-Habe ich keine viere, so bekommen meine Kinder nicht genug
-zu essen. Nun kann ich deines Vorwitzes halber von neuem
-die Jagd beginnen.«</p>
-
-<p>»Verzeihung, Frau Mordwespe, die arme Grille tat mir
-leid. Mit deiner wilden Kraft wirst du gewiß bald eine
-andere bekommen. Lebe wohl und entschuldige vielmals!«</p>
-
-<p>Max nahm seinen Weg wieder auf. Der Zweikampf
-zwischen Wespe und Grille und seine Unterhaltung mit dem
-betrogenen Sieger hatte ihn nicht im geringsten in der
-Richtung des Weitermarsches beirrt.</p>
-
-<p>»Ohne mein Eingreifen«, sprach er für sich, »wäre die
-Grille schön eingegangen! Diese Mordwespen besitzen eine
-verteufelte Kraft. Man sieht es ihnen gar nicht an. Gleichwohl
-muß ich meine Freundin Gallwespe noch mehr bewundern.
-Sie ist viel kleiner und war doch imstande, sich
-einen Weg durch ihre steinharte Kugel zu bahnen!«</p>
-
-<p>Max wanderte und wanderte unermüdlich weiter. Ihn
-drängte die Sehnsucht, ans Ziel zu gelangen, und der Weg
-zur Mutter war gar so weit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<p>Bald nachher bemerkte er ein anderes Geschöpf, das den
-gleichen Weg verfolgte wie er, aber auf eine bequemere und
-schnellere Weise. Es war ein äußerst fein gebautes Insekt
-mit langem, dunkelgrauem, dünnem Körper, mattgelb am
-Kopf, an der Brust gefleckt und mit vier leichten, ja allerleichtesten
-Flügeln versehen. Damit bewegte es sich von
-einem Strauch zum andern und tat, als ob es etwas suchte
-und durchaus nicht finden könne.</p>
-
-<p>»Ach, liebe Libelle«, sprach Max emporschauend, »was
-würde ich nicht bezahlen, wenn ich jetzt Flügel hätte wie du!«</p>
-
-<p>Das geflügelte Insekt schaute ihn mit seinen hervorstehenden
-Augen an und lachte laut:</p>
-
-<p>»Ich bin keine Libelle.«</p>
-
-<p>»Was bist du dann?« fragte Max und blieb stehen.</p>
-
-<p>»Wenn du's wissen willst, &ndash; ich habe viele Beziehungen
-zu deinesgleichen.«</p>
-
-<p>»Das freut mich zu hören; dann können wir ja in Freundschaft
-verkehren!«</p>
-
-<p>»Meinetwegen«, antwortete das Insekt nicht sehr höflich.
-Dabei setzte es sich, unbekümmert um Max bedächtig umherspähend,
-auf einen Grashalm. Max näherte sich, er wollte
-wissen, was es denn eigentlich zu tun vorhabe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap25">25. Die geheimnisvolle Barke.</h2>
-</div>
-
-<p>Nach einigen heftigen Anstrengungen schien das geflügelte
-Insekt sich wieder zu erholen. Es streckte den Körper, drehte
-sich um sich selbst und betrachtete mit Liebe ein Häufchen
-Eier, die am Grashalm festgeklebt waren. Sie waren etwas
-über drei Millimeter lang, gelblich und an dem dickeren
-Ende rot gefärbt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p>
-
-<p>»So, das hätten wir«, sagte das rätselhafte Geschöpf
-und beschaute sichtlich befriedigt sein Werk. »Man lebt so
-kurz; aber wenn man für die Nachkommenschaft gesorgt hat,
-kann man getrost sterben. Meine Kinder werden weiterleben.«</p>
-
-<p>Max, der unterdessen stumm vor Staunen dabeigestanden
-war, konnte sich jetzt nicht länger halten und rief:</p>
-
-<p>»Aber du bist einmal eine brave Mutter!«</p>
-
-<p>»Hm, freilich«, erwiderte ganz verschmitzt das Insekt,
-»vielleicht käme es dir besser zu statten, wenn ich es nicht
-wäre!«</p>
-
-<p>»Ich begreife dich nicht. Doch da du keine Libelle sein
-willst, darf man vielleicht fragen, wer du bist?«</p>
-
-<p>»So viel kann ich dir sagen, ich bin eine große Verehrerin
-der Ameisen, aber ich weiß nicht, ob sie mich ebenso lieben
-wie ich sie.« Dann fuhr sie, Max spöttisch musternd, fort:
-»Gehe du nur einstweilen deiner Straße; ich verweile hier,
-um meine Kinder in Sicherheit zu bringen, denen ich wünsche,
-sie möchten in ihrem Leben recht vielen Ameisen begegnen,
-die so gut sind wie du; du scheinst mir eine ausgezeichnete
-Ameise zu sein.«</p>
-
-<p>Die sonderbare Betonung der letzten Worte gaben dem
-Satz einen unheimlichen Sinn. Oder sollten sie eine besondere
-Artigkeit bedeuten? Max rannte, von einer innerlichen
-Stimme gemahnt, eiligst weiter, ohne sich für eine
-solche Artigkeit mit diesem Beigeschmack zu bedanken. In
-schweren Gedanken und mit einigem Herzklopfen zog er in
-langen Schritten fürbaß und grübelte vergebens, in den
-verborgenen Sinn jener Worte einzudringen. Nach einem
-guten Stück Weges hörte er hinter sich sprechen:</p>
-
-<p>»Willst du wirklich wissen, wer ich bin?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Max schnellte erschrocken rasch herum. Auf einem Grashalm,
-der über ihm schwankte, saß das Insekt, das er Libelle
-genannt hatte.</p>
-
-<p>»Da wir weit genug von meinen Eiern sind und
-du sie vergeblich suchen würdest, will ich es dir sagen:
-Zittere! Ich bin
-der Ameisenlöwe.«</p>
-
-<p>Diesmal war
-es Max, der hellauf
-lachte. Der
-grausige Name,
-die schreckliche Betonung,
-die theatralische
-Feierlichkeit,
-mit der das
-Insekt ihn aussprach,
-versetzten
-unsern Helden in
-beste Laune. Mit
-tiefer Verneigung
-nahm er die Vorstellung
-entgegen
-und ahmte antwortend
-die herausfordernde Sprechweise dieses Löwen nach.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-119.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Entschuldigen Sie vielmals, Herr Ameisentiger, wenn
-ich Sie nicht gleich erkannt habe! Auf Wiedersehen,
-Herr Ameisenleopard! Herr Ameisennilpferd, ich empfehle
-mich Ihnen als Wärter für Ihre jungen Löwen,
-die aus Ihren Eiern schlüpfen. Wenn Sie nur nicht
-mit ihren Löwenkrallen die Eierschalen zu früh zerbrechen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>Trotz aller schlechten Witze war sich Max nur zu sehr
-des unangenehmen Eindrucks bewußt, den der Name auf ihn
-gemacht hatte. Er erinnerte sich dunkel, während seines Lebens
-im Ameisenheim gehört zu haben, der Herr Professor wolle
-eine Vorlesung über Ameisenlöwen halten. Fuska sagte
-damals zu ihm, er möge recht aufpassen dabei; denn man
-müsse sich arg vor diesen Geschöpfen in acht nehmen.
-Viel später erst sollte unser verbannter, armer Kaiser mit
-eigener, entsetzlicher Lebensgefahr die Erklärung des Geheimnisses
-finden, das in den Worten seines unheimlichen Reisegefährten
-versteckt lag.</p>
-
-<p>Ohne von der Richtung seines Hauses abzuirren, schritt
-er rüstig vorwärts. Lange war er schon gegangen, als sich
-unversehens vor ihm ein Hindernis einstellte, das mit einem
-Schlage alle frohen Hoffnungen vernichtete, die er während
-des langen Marsches genährt hatte. Vor seinen Füßen
-dehnte sich ein für eine Ameise unendlich großer See aus.
-Man bedenke nur, daß ihn ein Mann kaum mit einem
-Satze hätte überspringen können. Was tun? Wie ans
-jenseitige Ufer gelangen, ohne die Richtung zu verlieren?
-Richtung verloren, alles verloren! Wo könnte er je die
-Straße wiederfinden, die ihm seine Freundin Gallwespe gezeigt
-hatte?</p>
-
-<p>Das einzige wäre gewesen, den See in liniengerader
-Richtung zu überqueren. Aber wie? Er konnte das
-jenseitige Ufer nicht einmal sehen. Mit verzweifelnden
-Blicken schaute Max hierhin und dorthin und ließ sie
-über den See gleiten, der blutrot gefärbt in der Abendsonne
-lag. Vergebens wartete er auf eine gute Eingebung,
-und endlich erfaßte ihn der Mut der Verzweiflung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß nicht einmal«, jammerte er laut, »ob eine
-Ameise schwimmen kann! Doch was liegt daran. Entweder
-werde ich meine Mutter wiederfinden oder im Gedanken an
-sie ertrinken und sterben.«</p>
-
-<p>So durchschritt er das letzte Grasbüschlein, das ihn vom
-Wasserrand trennte, näherte sich entschlossen der Flut und
-wollte sich eben hineinstürzen, als er mit einem Freudenschrei
-plötzlich zurückwich.</p>
-
-<p>Unmittelbar vor ihm schwamm eine vornehme Barke mit
-sechs Rudern. Max glaubte sogar, eine bequeme, gelbe
-Sitzbank darin zu sehen. Diese Barke schien eigens auf ihn
-gewartet zu haben, mit keinem andern Zweck, als ihn aus
-grausamer Verlegenheit zu retten.</p>
-
-<p>Begreiflicherweise überlegte Max nicht zweimal. Da die
-Barke ein klein wenig vom Ufer abstand, fand er sofort
-einen geistvollen Ausweg, um einsteigen zu können, ohne
-zu ertrinken oder mindestens pudelnaß zu werden. Er
-kletterte flugs auf einen langen Grashalm, der sich vom
-Ufer über das Wasser neigte. An der Spitze angelangt,
-schaute er sich genau um, brachte den Halm durch die Schwere
-seines Körpers in Schaukelbewegung, und wie er gerade
-über das Schifflein zu pendeln kam, sprang er ab und kam
-in der Barke vor die Bank zu stehen, die er gesehen hatte.</p>
-
-<p>»Jetzt aber tüchtig gerudert!« rief Max und versuchte die
-Ruder zu ergreifen.</p>
-
-<p>Aber das war gar nicht nötig. Als ob die geheimnisvolle
-Barke nichts anderes erwartet hätte als seinen Befehl,
-streckte sich das letzte Ruderpaar mit Zauberkraft weit
-aus, schlug mit kräftigem Schlag ins Wasser und führte
-die Barke mit größter Schnelligkeit vom Ufer weg auf
-hohe See.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap26">26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff
-beginnen und sie zu Pferde beenden kann.</h2>
-</div>
-
-<p>»Ach, das ist ja ein Dampfschiff!« rief Max aus, als
-er mit außerordentlicher Schnelligkeit in den See hinaustrieb.</p>
-
-<p>Wie von unsichtbarer Hand bewegt, glitten die Ruder in
-gleichmäßigen Schlägen auf und nieder, und Max dachte
-nicht anders, als daß die Kraft durch einen Dampfkessel
-irgendwo im Innern des Schiffes erzeugt würde, das die
-schlanke Form eines Kahnes hatte. Während Max auf
-seinem Schnelldampfer stand, sah er eine Menge anderer
-Schiffe seltsamster Bauart vorüberfahren. Sie erschienen
-oft plötzlich an der Oberfläche und verschwanden rätselhaft
-in die Tiefe, so daß Max in hellem Vergnügen glaubte, er
-befinde sich mitten im Manöver einer Unterseebootflottille.
-Für einen Augenblick vergaß er vor Glück über diesen herrlichen
-Anblick, den der Zufall ihm schenkte, sein ersehntes
-Ziel. Sofort auch beschäftigten ehrgeizige Träume seinen
-erregten Sinn.</p>
-
-<p>»Wie wäre es«, dachte er hochstrebend, »wenn ich hier
-als gefürchteter Admiral einige feindliche Schiffe in den
-Grund bohrte?«</p>
-
-<p>Erfüllt von neuen kriegerischen Plänen, spazierte er sinnend
-und wie ein echter Seebär mit breitspurig schwankendem
-Gang auf dem Deck seines Schiffes hin und her. An einer
-Stelle bemerkte er eine Reihe von Röhrchen, eines dicht
-neben dem andern. Aufmerksam verweilte er hier und
-sagte schlau:</p>
-
-<p>»Aha, da haben wir die Sprachrohre!«</p>
-
-<p>Er beugte seinen Kopf über eines der Röhrchen, und da
-es offen war, rief er hinab ins Innere des Dampfers:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-123.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Hallo! Maschinisten, Heizer, Achtung!«</p>
-
-<p>Eine Stimme antwortete:</p>
-
-<p>»Hallo! Wer da?«</p>
-
-<p>»Hier Admiral Max Butziwackel! Alle Mann an Bord!
-Rasch herauf!«</p>
-
-<p>Einen Augenblick war es still, dann ertönte die Antwort:</p>
-
-<p>»Hinaufkommen? Ich finde es gescheiter, hinunterzutauchen!«</p>
-
-<p>Mit einem gewaltigen Ruck und Schlag streckten die zwei
-Ruder sich aus. Das Schiff bäumte sich erst auf, dann
-fuhr es kopfüber in die Tiefe. Max wurde mit hinuntergerissen,
-und schwindelnd dachte er:</p>
-
-<p>»Aha, ein Tauchboot!« Dabei umklammerte er voll
-Geistesgegenwart das Rohr, das ihm als Sprachrohr nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-besondere Dienste geleistet hatte. Zugleich begriff er mit
-Schrecken, daß die Unterwasserreise für ihn auf offenem
-Deck nicht lange dauern müsse, um ihn dem Tode des Ertrinkens
-zu weihen. Deshalb ließ er seine Stütze lieber
-los und zappelte wie rasend, bis es ihm gelang, an die
-Oberfläche emporzukommen. Doch das Wasserschlucken, der
-Schrecken und die Überanstrengung hatten seine Kräfte so
-erschöpft, daß er sich zu elend fühlte, um noch weiter zu
-kommen. Er glaubte sich verloren, und einer Ohnmacht
-nahe, stammelte er als letzten Stoßseufzer:</p>
-
-<p>»O du meine liebe Mutter!«</p>
-
-<p>Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Max streckte seine
-Arme aus, faßte etwas und klammerte sich so fest daran,
-wie es nur ein Ertrinkender fertigbringt. Von oben
-aber rief's:</p>
-
-<p>»Oho, wer zieht an meinem Bein?«</p>
-
-<p>Der arme Schiffbrüchige nahm seine letzten, sinkenden
-Kräfte und seinen ganzen Mut zusammen, denn er sagte sich:</p>
-
-<p>»Habe ich ein Bein erwischt, so gehört es wohl einer
-Person, die auf dem Wasser spazieren kann. Eine solche
-kann ich aber gerade brauchen, also Mut!«</p>
-
-<p>Er kletterte an dem langen, schwarzen Bein hoch, und mit
-dem Erfolg wuchsen Kraft und Mut. Wie durch ein Wunder
-gelangte er über Wasser und schwang sich gewandt auf den
-Rücken des fremden Beinbesitzers, der abwehrend ausrief:</p>
-
-<p>»Wer steigt mir auf den Rücken?!«</p>
-
-<p>»Ich bin es«, sagte Max, indem er sich rittlings zurechtsetzte.</p>
-
-<p>»Eine Ameise bin ich, mit zwei vorzüglich scharfen Zangen
-bewaffnet, kraft deren ich dich höflichst ersuche, mich schleunigst
-ans Ufer zu befördern.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<p>Der Ton, in dem Max sprach, ließ seinen Träger vermuten,
-daß die Ameise zu allem eher als zum Ertrinken
-entschlossen war und keinen Widerspruch duldete. Deshalb
-nahm das merkwürdige Geschöpf den Weg auf dem Wasser
-gutwillig wieder unter seine Beine. Inzwischen betrachtete
-Max sein Wasserpferd genauer. Es war ein dunkles Insekt
-mit langem, dünnem Körper und einem Kopf, der allein
-ein Drittel seiner Gesamtlänge ausmachte und der mit
-außerordentlich langen Fühlern versehen war. Sechs gleichlange
-Beine standen weit vom Körper ab und waren ebenfalls
-ungewöhnlich lang.</p>
-
-<p>»Gesegnet seien deine Beine!« sagte Max bedeutend
-freundlicher als vorhin, »sei du nur froh, daß du nicht
-auch auf ein Unterseeboot zur Überfahrt angewiesen bist.
-Doch bitte, wer bist du?«</p>
-
-<p>»Ich bin ein Wasserläufer«, erwiderte das Insekt mit
-Freimut. »Wir Wasserläufer haben zwar Flügel, doch macht
-es uns keinen Spaß, sie oft zu benützen. Höchstens, wenn
-wir einmal über Land zu einem andern Gewässer wollen.«</p>
-
-<p>So sprechend, öffnete das Tierchen zierlich die hornigen
-schwarzen Flügeldecken, die auf seinem Rücken lagen. Unter
-ihnen kamen zwei ganz dünne, dunkle Hautflügel zum Vorschein,
-denen Max mit einem gewandten Ruck auswich.</p>
-
-<p>»Ich will nicht prahlen«, fuhr der Wassertreter fort, »aber
-in meiner Familie gibt es Leute, die noch tüchtiger sind als ich.
-Diese können gegen die Strömung reißender Flüsse laufen,
-andere spielen auf den gefährlichen Wassern tropischer Meere.«</p>
-
-<p>Max merkte längst, daß er es mit einem fein gebildeten
-Herrn zu tun hatte, und er fühlte die Verpflichtung, sich
-wegen der unverfroren kecken Art zu entschuldigen, mit der
-er einen Freiplatz auf seinem Rücken beansprucht hatte. So<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-entspann sich zwischen Roß und Reiter eine artige Unterhaltung.
-Max erzählte haarklein sein Abenteuer auf dem
-verzauberten Schiff, das ihn mit sich in die Tiefe gerissen
-hatte. Der Wasserläufer nickte verständig mit seinen Fühlern
-und sagte nachdenklich: »Das wird jedenfalls der Rückenschwimmer
-gewesen sein, die <em class="antiqua">Notonecta glauca</em>.«</p>
-
-<p>»Was, so heißt das Schiff?«</p>
-
-<p>»Nein, nein, so heißt das Insekt. Es gehört zu meiner
-Ordnung und lebt wie ich im stehenden Wasser. Aber
-während ich nur auf der Wasserfläche schreite, taucht dieses
-auch in die Tiefe, um drunten auf dem Schlammgrunde
-kleine Wassertiere zu fischen, die es mit seinem giftigen
-Schnabel tötet. Kommt es an die Oberfläche, so bleibt es
-mit dem Unterleib nach oben liegen. Dann sieht man seine
-gelbe Brust, seinen behaarten Bauch und seine sechs ausgestreckten
-Beine, von denen das hinterste, längste Paar
-zum Rudern dient. Es kommt eigentlich nur herauf, um
-Luft zu schnappen, denn die vermeintlichen Sprachrohre,
-die Haarröhrchen, dienen ihm, um Luft damit zu sammeln.«</p>
-
-<p>»Was sagst du mir da!« entsetzte sich Max, der seinen
-ungeheuerlichen Irrtum mit Beschämung einsah.</p>
-
-<p>»Es ist so, wie ich sage, und du wirst dich noch mehr
-wundern. Der Rückenschwimmer hat auch Flügel, stärkere
-als ich, und er versteht vortrefflich zu fliegen.«</p>
-
-<p>»Ei, ei, welch bevorzugtes Geschöpf, mit vielseitiger Begabung!
-Es fährt als Unterseeboot und ist zugleich Wasserflugzeug.
-Diese Erfindung haben die Menschen im großen
-Kriege noch nicht gemacht!«</p>
-
-<p>So plauderten sie höchst unterhaltend, bis der Wasserläufer
-mit seinem Reiter am Ufer anlangte. Voll freudigen Dankes
-sprang Max von seinem Wasserpferd ans Land und rief:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>»Teurer Wasserläufer, in tausend Jahren könnte ich dir
-deinen liebenswürdigen Dienst nicht vergessen. Nenne mir
-doch die Ordnung, der du zugehörst.«</p>
-
-<p>»Ich gehöre zur vornehmen Ordnung der Schnabelkerfe
-und Halbdecker. Wir Wasserläufer bilden eine eigene
-Familie, wie auch die Rückenschwimmer.«</p>
-
-<p>»Wohlan, gesegnet seien alle Wasserläufer. Begegnest
-du aber dem Rückenschwimmer, so sage ihm, daß es eine
-Ungezogenheit ist, wie er ahnungslose Reisende, die sich ihm
-anvertrauen, behandelt!«</p>
-
-<p>Der Wasserläufer lächelte still vor sich hin, drehte sich
-elegant um und entfernte sich in langen, raschen Schritten
-vom Ufer. Max folgte mit feuchten Blicken dem schattenhaften
-Wesen, dessen dünne Beine lautlos über die Fläche
-glitten. Als längst nichts mehr von ihm zu sehen war,
-blickte Max einsam um sich und rief in großer Niedergeschlagenheit
-aus:</p>
-
-<p>»Was nun!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap27">27. Bei den Hummeln.</h2>
-</div>
-
-<p>Was sollte nun der arme Verbannte beginnen so ganz
-allein, bei dunkler Nacht, verlassen auf unbekannter Erde?
-Er kannte die Richtung seines Weges nicht, er wußte nicht
-einmal, ob er nach seiner Seefahrt auch tatsächlich an jener
-Küste gelandet war, die er erreichen wollte, oder ob er gar
-wieder dahin zurückgekommen war, von wo er sich eingeschifft
-hatte.</p>
-
-<p>»Könnte ich wenigstens einen Unterschlupf zum Übernachten
-finden«, seufzte Max.</p>
-
-<p>Lange suchte er die Umgebung ab. Endlich fand er auf
-einem Hügelchen ein Loch und schlüpfte ganz leise hinein.<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-Dabei tastete er sich vorsichtig mit den Fühlern voran und
-hielt für alle Fälle seine Zangen bereit.</p>
-
-<p>Es war ein vielfach gewundener, breiter und tiefer Schacht.
-Als Max bei einer bestimmten Wendung dieses unterirdischen
-Ganges angelangt war, hörte er einen langgezogenen, tiefen
-Ton, der in ihm alte Erinnerungen weckte und seine ganze
-Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.</p>
-
-<p>»Es ist kein Zweifel«, sprach er zu sich selbst, »da herinnen
-wohnt ganz gewiß ein Musiker, der ein wahrer Künstler
-ist auf seiner Baßgeige.«</p>
-
-<p>Neben dem ersten Spieler ließ sich bald ein zweiter, ein
-dritter, dann ein vierter und fünfter vernehmen, und durch
-die geräumigen Gewölbe der finstern Höhle klang eine
-feierliche Harmonie von Tönen im tiefsten Baß, so daß
-Max meinte:</p>
-
-<p>»Das ist mehr als ein Künstler! Das ist offenbar die
-hohe Schule für Baßmusik.«</p>
-
-<p>Max war entzückt über die schönen Töne und rief gleich
-nach der ersten Pause:</p>
-
-<p>»Bravo! Bravo! <em class="antiqua">Da capo!</em>«</p>
-
-<p>Nach diesem Beifall trat eine große Stille ein.</p>
-
-<p>Dann aber gaben sich die trefflichen Musiker gegenseitig
-einige Töne an, als ob sie ihre Instrumente stimmen wollten,
-und endlich spielten sie mit stets wachsender Stärke die
-Melodie zu dem Liedchen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Rumpidibum, Rumpidibum,<br /></span>
-<span class="i0">Wer geht um, wer geht um?<br /></span>
-<span class="i0">Ist's ein Feind, so bleib' er fern,<br /></span>
-<span class="i0">Doch den Freund empfang' ich gern!<br /></span>
-<span class="i0">Wer steht vorm Tor,<br /></span>
-<span class="i0">Rumpidibum,<br /></span>
-<span class="i0">Der tret' hervor!«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-<p>Max, der das Lied vorzüglich verstand, näherte sich und
-sagte mit einschmeichelnder Stimme:</p>
-
-<p>»Ich bin ein armes, kleines Insektlein, welches bei den
-Herrschaften für diese Nacht um Aufnahme bittet.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-129.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Da wiederholte ein einzelner Geiger den letzten Satz:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Brüderlein fein, tritt herein! Rumpidibum!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Unser Verbannter trat mit ausgestreckten Fühlern ein.
-Die Bewohner kamen ihm in derselben Haltung entgegen.
-Sie betrachteten ihn genau mit ihren Fühlern, um ihn
-kennenzulernen, und offenbar fanden sie an dem Fremdling
-nichts auszusetzen, denn dieselbe Stimme, die ihn eingeladen
-hatte einzutreten, redete ihn an:</p>
-
-<p>»Ruhe bei uns aus, wie es dir gefällt, und fürchte nichts.
-Das gastliche Haus der Hummeln birgt keinen Verrat!«</p>
-
-<p>Max dankte tief bewegt. Er kroch in ein Winkelchen
-und streckte mit Wonne die armen, müden Glieder aus,
-die so viel geleistet hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span></p>
-
-<p>Während der Nacht konnte unser Held verschiedene Konzerte
-von Baßgeigen hören. Er bemerkte auch, daß die Bewohner
-der Höhle stets mit schweren Schritten hin und her
-gingen und dabei unablässig brummten.</p>
-
-<p>Stellt euch vor, mit welcher Neugier er den Morgen erwartete,
-um diese merkwürdigen Musikanten bei Licht zu
-besehen. Da erblickte er denn eine Anzahl wohlbeleibter,
-kugelrunder Tiere vor sich. Sie waren dicht behaart vom
-Kopfe bis zum Abschluß des Hinterleibes. Die Behaarung
-glänzte tiefschwarz und wurde nur unterbrochen von einer
-gelben Halskrause, einer gleichfarbigen Schärpe über den
-Rücken und ging am abgerundeten Ende des Körpers über
-in ein zartes Weiß. Am Bruststück trugen die Tiere zwei
-Paar Flügel, ähnlich denen der Wespen.</p>
-
-<p>»Was für reizende kleine Bären!« lobte Max.</p>
-
-<p>Sie hatten ja wirklich etwas Bärenartiges an sich, und
-doch waren es Insekten von milden, höflichen Sitten, voll
-Eifer für ihre Kinder, voll Zuneigung für ihre Familie,
-unermüdliche Arbeiter, die vom Morgen bis Abend beschäftigt
-waren, aus Blumen den Honigsaft für ihre junge
-Brut heimzuholen.</p>
-
-<p>Baukünstler sind die Hummeln nicht, das sah Max sofort.
-Ein verlassenes Mausloch, einen von Ameisen noch
-nicht in Anspruch genommenen Maulwurfshaufen, einen
-schlangenförmigen Gang desselben Tieres oder sonstige Hohlräume
-im Erdboden und Steingeröll wählen die in der Erde
-nistenden Arten. Andere bauen ihr Nest zwischen Moos
-und Gras. Aber wenn auch am Hummelneste die Kunst
-fehlt, so herrscht drinnen dafür eine friedliche Eintracht. Im
-Hummelstaate arbeiten alle. Männer und Frauen führen
-das gleiche einfache, ehrliche Leben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<p>Die guten Hummeln! Immer leben sie zusammen in
-Frieden, immer brummen sie, und immer sind sie gegen alle
-Gutgesinnten lieb und artig, obschon sie ein so bärenhaftes
-Äußeres haben. Ein jeder mag daraus ersehen, daß man
-die Leute nicht nach dem Äußern abschätzen und beurteilen
-darf. Auch bei den Menschen birgt sich recht oft unter
-rauher und unansehnlicher Hülle ein edles, vornehmes Gemüt,
-wie auch im Gegensatz die Schönheit oft durch ihren
-inneren Unwert schwer enttäuscht.</p>
-
-<p>Max, der rasch Freundschaft mit seinen Wirten geschlossen,
-fand bald Gelegenheit, alle ihre guten Eigenschaften kennenzulernen,
-von denen die Mildtätigkeit gegen Arme nicht die
-letzte ist.</p>
-
-<p>Gerade als er seine Dankbarkeit für die gewährte Aufnahme
-äußern wollte, erschien am Eingang der Wohnung
-ein haariges, schwarzes, geflügeltes Insekt, welches einer
-Hummel glich, aber dessen Sprache doch die Zugehörigkeit
-zu einer andern Sippe verriet. Es bettelte bescheiden:</p>
-
-<p>»Gebt doch einer armen, erwerbslosen Maurerbiene eine
-kleine Unterstützung!«</p>
-
-<p>Dann erzählte das Tierchen seine Jammergeschichte.</p>
-
-<p>»Ich bin eine Mörtel- oder Maurerbiene. Seit zwei
-Tagen arbeite ich an meinem Nest, das ich an der äußeren
-Wand einer Menschenwohnung anlegte. Da kam eine
-Schwesterbiene von jener berüchtigten Art, die man ja leider
-kennt, und reizte mich durch ihre unverschämten Ansprüche an
-meinen mühsam erworbenen Besitz. In einem wilden Kampf
-um meine Rechte zog ich den kürzern, und die Freche bemächtigte
-sich meines fast fertigen Nestes. Übel zugerichtet,
-mußte ich fliehen und finde jetzt nicht einmal mehr die
-Kraft, ein wenig Honig zu sammeln; darum wende ich<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-mich an euch, ihr guten Hummeln, daß ihr mir ein wenig
-zu essen gebt.«</p>
-
-<p>Von ihrer Darstellung ergriffen, bereiteten ihr die braven
-Leute sofort ein ausgiebiges Frühstück, an dem auch Max
-sehr gern teilnahm, denn sein Magen brummte bereits, als
-ob er selber eine Hummelgeige geworden wäre. Nach dem
-Essen flogen die Hummeln alle weg, um draußen Honig zu
-sammeln. Die Maurerbiene hatte sich herzlich bedankt und
-wollte auch fortgehen. Da trat Max, auf den ihre Geschichte
-tiefen Eindruck gemacht hatte, zu ihr hin und sprach:</p>
-
-<p>»Höre, dir ist ein Unrecht geschehen, das ich wieder gutmachen
-möchte.«</p>
-
-<p>Max hatte von seiner Mutter oft gehört, daß es Pflicht
-eines jeden Ehrenmannes sei, sich für den Schwachen zu
-verwenden, wenn er der rohen Gewalt ausgesetzt ist, und
-daß es sich gehört, das gute Recht gegen jeden Unterdrücker
-zu verteidigen.</p>
-
-<p>»Wo ist dein geraubtes Nest?« fragte Max.</p>
-
-<p>Die Biene schüttelte traurig den Kopf und sprach:</p>
-
-<p>»Wenn ich selbst es nicht verteidigen konnte mit meinem
-spitzen Stachel, so bleibt wenig Hoffnung, liebe Ameise,
-daß du mir helfen könntest, es zurückzuerobern. Doch
-will ich es dir für alle Fälle weisen. Mein Nest ist an
-der Vorderseite eines Hauses, das in gerader Richtung vor
-uns liegt. Es ist ziemlich weit von hier; man erkennt es
-an einer großen Rebe, die sich an seinen Mauern bis unters
-Dach emporrankt.«</p>
-
-<p>Damit flog die Maurerbiene mit einem Seufzer fort und
-hörte nicht mehr auf Max, der vor Aufregung kaum fragen
-konnte:</p>
-
-<p>»Ist es eine Muskatellerrebe?«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap28">28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder.</h2>
-</div>
-
-<p>Es mußte sicher die Muskatellerrebe sein. Das Haus,
-an dem die Biene ihr Nest gemauert hatte, mußte seine
-Heimat sein.</p>
-
-<p>Weshalb denn? Nun deshalb, weil Max sich nach dem
-Nest der Maurerbiene erkundigt hatte, um ein gutes Werk
-zu tun. Gute Taten aber lohnen sich immer. Und noch
-ein anderer Grund: Max hatte an seine Mutter gedacht,
-sich ihrer Mahnungen erinnert und war jetzt voll Eifer, sie
-zu befolgen. Wenn ein Kind sich so gut benimmt, kommt
-immer etwas Rechtes dabei heraus.</p>
-
-<p>»Ich scheide nun«, sagte Max zu den Hummeln, »mit
-einem Herzen voll Dankbarkeit gegen euch. Ihr seid liebe
-Geschöpfe, und eure Güte ist so groß, daß ihr selbst nicht
-wißt, wie vielen Unglücklichen ihr mit euren Wohltaten
-Trost spendet. Denn seht, die Barmherzigkeit, die ihr an
-der armen Maurerbiene übtet, bringt mir das unnennbare
-Glück, meine Heimat wiederzufinden. Darum muß ich euch
-doppelt dankbar sein!«</p>
-
-<p>Max hatte recht. Das ist die wunderbare Kraft der
-Nächstenliebe, daß ihre Wirkungen weiter gehen, als jene
-ahnen, die Gutes tun. Darum erntet auch ein Mensch, der
-seine Mitmenschen wirklich liebt und dem Bedürftigen Wohltaten
-spendet, so vielen Dank, und der Segen der Armen
-und Notleidenden strömt ihm zu und beglückt ihn wie den
-Wanderer der Duft der Blüten, ohne daß er selbst wüßte,
-wie er so viel innere Freude verdient hätte. Voll Mut und
-Vertrauen folgte also Max dem Weg, den ihm die Biene
-angewiesen hatte. Er ging, ohne sich zu verweilen, rüstig
-vorwärts. Die Straße war gut, und kein Hindernis stellte<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-sich ihm diesmal in den Weg. Als er fast den ganzen Tag
-marschiert war, befand er sich endlich vor seinem Hause.</p>
-
-<p>Es war wirklich sein Haus. Wer könnte beschreiben,
-liebe Kinder, mit welchen Gefühlen Max die zwei Stufen
-emporkletterte, die er an jenem denkwürdigen Julimittag,
-mit der lateinischen Grammatik in der Hand, in Gesellschaft
-der Geschwister herabgestiegen war!</p>
-
-<p>»Was ist aus Moritz und Therese geworden?«</p>
-
-<p>Das war eine brennende Frage, auf die er keine Antwort
-wußte.</p>
-
-<p>Erfährt er etwas darüber, wenn er ins Haus eintritt?
-Aber so groß auch sein Verlangen war, erst wollte er der
-Biene, die ihm unverhofft so unendlich nützlich gewesen war,
-sein Versprechen einlösen.</p>
-
-<p>Es war ihm wie ein Gelübde, das er zu erfüllen hatte.
-Er krabbelte an der geschlossenen Haustüre hinauf, lief kreuz
-und quer an der Vorderwand des Hauses herum, um das
-Nest zu finden, das er wiedererobern wollte. Ganz oben,
-unter dem Dache, sah er ein solches, das sicher von einer
-geschickten und starken Maurerbiene gebaut worden war.
-Es bestand aus Tonerde und sah sich von außen an wie
-ein schwach gebogenes Rohr, das aus der Mauer herauswächst.
-Eben schlüpfte eilig ein geflügeltes Insekt hinein,
-das eine arme Raupe mit den Vorderbeinen an seine
-Räuberbrust drückte und mithineinschleppte. So rasch er
-konnte, rannte Max zum Eingang der Röhre und rief
-hinein:</p>
-
-<p>»Ist jemand zu Hause?«</p>
-
-<p>Sofort ließ sich im Innern ein zorniges Kreischen und
-Schelten hören. Gleich darauf erschien die rechtmäßige Besitzerin
-an der Schwelle des wohlgebauten Häuschens.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p>
-
-<p>Wäre unser Held nicht rasch beiseitegetreten, das Insekt,
-blind vor Zorn, hätte ihn über den Haufen gerannt. Das
-Nest, an das Max geraten war, gehörte einer Mauer-Lehmwespe.
-Diese ist ein kräftiges Insekt, dabei aber mißtrauisch
-und zornwütig im höchsten Grade. Nur wenig
-entfernt von dieser Stelle erblickte Max ein anderes Gebäude,
-das von außen genau aussah wie eine Handvoll
-Schlamm, der an die Mauer gepappt war. Als er es aber
-näher betrachtete und sich dabei der Beschreibung erinnerte,
-die die Biene ihm von ihrem Haus gemacht hatte, erkannte
-er, daß er jetzt gefunden hatte, was er suchte. Er entdeckte
-den Eingang, näherte sich ihm und hörte jemand drinnen
-summen. Mit Geduld bewaffnet und seine scharfen Zangen
-in Bereitschaft, stellte er sich hier auf und wartete. Die
-Sonne war schon untergegangen, und Max stand seinem
-Worte getreu noch da, um den Dieb, sobald er herauskäme,
-zu fassen. Endlich kam das Gesumme näher, die Biene
-zeigte sich an der Türe des geraubten Hauses. Mit sicherem
-Sprung saß er ihr auch schon auf dem Rücken, ergriff sie
-mit den Kieferzangen beim Kopf, umschlang mit vier Beinen
-ihre Flügel und den Leib, und wie er sie so kräftig unter
-sich gebracht hatte, daß sie sich nicht mehr rühren konnte,
-sagte er spöttisch:</p>
-
-<p>»Sie entschuldigen wohl gütigst, ich komme nur, um den
-Mietzins für das Haus einzutreiben.«</p>
-
-<p>Die Biene drohte mit ihrem Stachel. Aber Max biß
-ihn schnell mit seinen Zangen ab und rief dazu:</p>
-
-<p>»Tut mir leid, aber es muß sein. Sie haben keine Erlaubnis,
-Waffen zu tragen!«</p>
-
-<p>Auf diese Weise hatte er sie unschädlich gemacht; jetzt
-ließ er sie los und sagte ihr verächtlich:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>»Mach', daß du schleunigst fortkommst, und lasse dich hier
-nicht mehr sehen. Sei froh, daß ich dir nur den Stachel
-nehme. Ohne ihn wirst du deine frechen Räubereien in
-Zukunft wohl unterlassen.«</p>
-
-<p>Die freche Landstreicherin verlangte nichts mehr und flog
-davon. Max aber vernahm eine Stimme:</p>
-
-<p>»Du liebe Ameise, laß dich umarmen!« Sie kam von
-der rechtmäßigen Nestbesitzerin. Diese war von den Hummeln
-weggeflogen und hatte schon wieder angefangen, sich
-in der Nähe ein neues Nest zu bauen. Aufmerksam geworden
-durch die laute Zänkerei, war sie zufällig Zeugin
-des ganzen Vorfalls zwischen Max und der bösen Biene
-gewesen.</p>
-
-<p>»Siehst du, daß ich fähig war, mein Versprechen zu
-halten?« sagte Max. »Jetzt kannst du wieder dein Haus
-beziehen ohne Furcht und Bangen, und deine Feindin wird
-dir die Arbeit nie mehr vereiteln.«</p>
-
-<p>Hierauf krabbelte unsere brave Ameise die Mauer hinab
-und ging der Haustüre zu.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und die Muskatellertrauben?« so werden die Leser mit
-wässerigem Mund fragen.</p>
-
-<p>Nun, die bleiben, wo sie waren.</p>
-
-<p>Maxens Sinnen und Trachten war ganz darin aufgegangen,
-der armen Maurerbiene zu ihrem Rechte zu
-verhelfen. Als er das getan hatte, fühlte er nur den
-einen Drang, in sein Haus hineinzukommen. Darum fiel
-es ihm heute auch gar nicht ein, die Muskatellertrauben
-zu versuchen, an denen er früher als Kind tagtäglich genascht
-hatte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap29">29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen,
-wenn man keinen Hausschlüssel hat.</h2>
-</div>
-
-<p>»Endlich!« stöhnte der entthronte Kaiser Butziwackel I.
-bewegt, »endlich kann ich sagen: Zu Hause!«</p>
-
-<p>Aber wie ihr wohl schon längst bemerkt habt, hatte unser
-Freund den Fehler, die Dinge immer zu leicht zu nehmen.
-Auch diesmal mußte er leider bald erfahren, daß es nicht
-so einfach ist, in ein geschlossenes Haus einzudringen, auch
-wenn man ein winzig kleines Tierchen geworden ist.</p>
-
-<p>Es sei zunächst gesagt, daß der Schreiner die Haustüre
-so genau eingepaßt hatte, daß weder an den Pfosten noch
-auf der Schwelle ein Spältlein zu finden war. Und Max
-suchte doch mit unendlichem Fleiß.</p>
-
-<p>Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu kommen, aber
-auch hier ging es nicht, denn innen am Schlüsselloch war ein
-Messingschildchen, und er mußte wohl oder übel wieder umkehren,
-nachdem er vergebens im Schloß herumgekrabbelt war.</p>
-
-<p>Da kam ihm der Gedanke, wieder an den Mauern hinaufzuklettern,
-um zu sehen, ob er vielleicht durch ein Fenster
-hineinkäme; doch gab er den Plan gleich wieder auf.</p>
-
-<p>»Auch die Fenster werden fest verschlossen sein«, dachte
-er, »denn in dieser Stunde schläft alles in meinem Hause.«</p>
-
-<p>Ganz trostlos lief unser Butziwackel vor der Türe hin
-und her. Er, der einst so viel von künftiger Größe geträumt
-hatte, wünschte jetzt zum ersten Male, noch viel kleiner zu
-sein, als er schon war. Da gewahrte er beim Mondlicht
-ein ganz kleines Löchlein in der Haustüre, wie es ein Holzwurm
-ins Holz zu bohren pflegt.</p>
-
-<p>»Ha, am Ende kann ich auf diesem Wege in mein Haus
-gelangen«, sagte er für sich und machte gleich den Versuch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p>
-
-<p>Weil das Löchlein schrecklich eng war, nagte er am Rande
-mit seinen Kieferzangen so lange, bis er durchschlüpfen konnte.
-Je weiter er vorwärts kam, desto breiter und bequemer
-wurde der Weg. Es war ein vielgewundener, dunkler Gang,
-der manchmal anstieg, manchmal abfiel und voll Sägemehl
-lag, das jedenfalls von dem unbekannten Bewohner dieses
-Ortes hier angehäuft worden war.</p>
-
-<p>»Wer weiß«, dachte Max, »was für ein Kauz das sein
-mag, der sich damit vergnügt, meine Haustüre durchzunagen!«</p>
-
-<p>So schritt er, immer vorsichtig mit den Fühlern tastend,
-voran, um allenfalsigen Überraschungen zuvorzukommen.
-Nach einem guten Stück Weges hielt er an. Vor ihm lag
-etwas Weiches, Zartes, das die Straße versperrte.</p>
-
-<p>Zugleich ließ sich im Finstern eine Stimme hören, die
-sprach:</p>
-
-<p>»Oho! Wer kratzt mich denn dahinten?«</p>
-
-<p>So unglaublich das bei Maxens Veranlagung erscheint,
-diesmal machte er zunächst eine weise Überlegung.</p>
-
-<p>»Dieser Herr«, so sagte er sich, »ist also hinten sehr zart;
-aber sein Kopf muß erschrecklich hart sein, sonst könnte er
-nicht Haustüren durchnagen. Darum wird es sich empfehlen,
-mit ihm zu verhandeln, ehe er sich gegen mich umdrehen
-kann.«</p>
-
-<p>Er faßte mit den vier Beinen, die er noch hatte, den
-weichen, zarten Körper, zwickte ihn ein ganz klein wenig
-mit seinen Zangen und sagte listig:</p>
-
-<p>»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe.«</p>
-
-<p>»Au, au, du bringst mich ja um!«</p>
-
-<p>»Das könnte schon geschehen; aber glaube mir nur, gerne
-täte ich es nicht.«</p>
-
-<p>»Gestatte doch wenigstens, daß ich mich umdrehe!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist gar nicht nötig, wir können auch so ein paar
-Worte zusammen plaudern.«</p>
-
-<p>»Aber wer bist du denn, was willst du?«</p>
-
-<p>»Sehen Sie, verehrter Herr, ich bin eine bescheidene,
-kleine Ameise, aber wie Sie bemerkt haben, bin ich wohl
-imstande, Sie mit einem einzigen Biß in zwei gleiche
-Teile zu zerlegen.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-139.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Um Gottes willen.«</p>
-
-<p>»Nur nicht erschrecken! Was ich von Ihnen wissen will,
-ist fürs erste dies: Wenn ich Ihnen nichts zuleide tue,
-darf ich dann hoffen, daß auch Sie Ihre Waffen nicht gegen
-mich gebrauchen? Nebenbei gesagt, ich habe hohe Achtung
-vor Ihrem Handwerkszeug und beglückwünsche Sie.«</p>
-
-<p>»Ich verspreche, daß ich dir nichts Böses tue.«</p>
-
-<p>»Auf Insektenehrenwort?«</p>
-
-<p>»Ich beschwöre es dir bei der Ordnung der Hautflügler,
-zu denen ich mich rechne.«</p>
-
-<p>»Ah, da schau!« rief Max überrascht aus, »dann können
-wir im vollsten Vertrauen miteinander reden, denn ich gehöre
-auch zu deiner Familie.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Sowie sich der Unbekannte frei fühlte, wendete er sich
-um, und Max fühlte statt des weichen Körpers einen Kopf
-vor sich, der in eine hornharte Spitze ausging.</p>
-
-<p>»Jetzt könnte ich dich zu Mehl zerreiben«, sagte der
-Besitzer dieses Kopfes, »aber ich gab mein Ehrenwort.
-Auch stehe ich gerade vor einem neuen, bedeutsamen Abschnitt
-meines Lebens und will das gegebene Wort nicht
-brechen.«</p>
-
-<p>»Das ist ein sehr guter Entschluß.«</p>
-
-<p>»Aber erkläre mir, wie bist du in meine Wohnung eingedrungen?«</p>
-
-<p>»Ich bin in dein Haus eingedrungen, um in das meine
-zu gelangen. Mit einem Wort, ich muß durch diese Türe
-hindurchkommen.«</p>
-
-<p>»Für jetzt ist das unmöglich. Der Gang ist hier zu
-Ende.«</p>
-
-<p>»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du
-bist doch so geschickt!«</p>
-
-<p>»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer
-näher rückt die feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles
-gut geht!«</p>
-
-<p>Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch
-finsterem Ort erweckten in Max eine Riesenneugierde; er
-konnte nicht länger schweigen und fragte:</p>
-
-<p>»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu
-tun habe, und erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend
-aufgibst, seit ich mit dir rede.«</p>
-
-<p>Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann
-er feierlich:</p>
-
-<p>»Ich bin der <em class="antiqua">Sirex juvencus</em>, die Kiefernholzwespe.
-Durch den Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich,<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-daß die Stunde meiner Verwandlung gekommen ist. Ich
-weiß, daß ich in kurzer Zeit ein großes, schönes Insekt sein
-werde, das in der Luft fliegen kann. Seit mehr als einem
-Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei
-in dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem
-Ei entschlüpft, bohren und graben müssen, bohren und
-bohren immerzu. Je größer ich wuchs, desto breiter
-mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit
-bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu
-genießen. In kurzem werde ich einschlafen, werde mich
-in eine Puppe verwandeln, um aus ihr als vollkommenes
-Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie zu kommen,
-muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht
-zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als
-ich noch kleiner war, ist jetzt, da ich groß geworden
-bin, viel zu eng für mich. Du siehst, wie richtig ich
-sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick meines
-Lebens stehe.«</p>
-
-<p>Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer
-nicht verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen
-eines weitgereisten Insektes geben, deshalb sagte er:</p>
-
-<p>»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch
-stärkeren Nagern begegnet bin als dir. Ich habe sogar
-eine Freundin, die Gallwespe, die versteht es, Kugeln auf
-Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind als ein
-Zwetschgenkern.«</p>
-
-<p>Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann
-von neuem zu nagen. Das von dem starken Werkzeug
-des Insektes erfaßte Holz stäubte wie ein Sägemehlregen
-umher, während sich der Gang rasch verbreiterte und
-verlängerte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p>
-
-<p>Auf einmal unterbrach die Larve ihre Arbeit, und es war
-Max, als ob sie murmelte: »Nein, das wäre doch niederträchtig!«</p>
-
-<p>Dann bohrte sie wieder wütend weiter, aber plötzlich rief sie:</p>
-
-<p>»O ich Unglückselige!«</p>
-
-<p>Max drängte sich zu ihr.</p>
-
-<p>Die arme Larve war an der Grenze der Holzschicht angekommen
-und murmelte unverständliche Worte.</p>
-
-<p>»Was ist geschehen?« fragte Max besorgt.</p>
-
-<p>Die andere ließ den Kopf sinken und sprach mit schwacher
-Stimme:</p>
-
-<p>»Das ist kein Holz, was mir den Ausgang verschließt.«</p>
-
-<p>Max untersuchte die Wand. Das Ergebnis brachte ihn
-zur Verzweiflung.</p>
-
-<p>Er stand mit seinem Holzbohrer vor dem inneren Eisenbeschlag
-der Türe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap30">30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh
-verwechselt.</h2>
-</div>
-
-<p>Das war eine traurige Lage.</p>
-
-<p>Diese arme Larve hatte mehr als ein Jahr gearbeitet,
-um sich für die Stunde ihrer Verwandlung einen Ausweg
-zu verschaffen; und jetzt, wo es gerade am schönsten geworden
-wäre, war sie vor eine Metallwand geraten.</p>
-
-<p>»Was tun?« fragte der ängstlich zuschauende Max mit
-Herzklopfen. Die Wespenlarve aber schüttelte mit aller
-Seelenkraft ihren Ärger ab, nahm sich fest zusammen und
-rief sich selber Mut zu:</p>
-
-<p>»Nur nicht nachlassen, nicht verzagen! Ich muß durchkommen,
-ich fühle, daß ich keine Zeit zu verlieren habe.«</p>
-
-<p>»Wirst du umkehren? Einen neuen Weg suchen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>»Umkehren? Was fällt dir ein! Ich nage das Metall
-durch«, so sprach sie in stolzem Trotz.</p>
-
-<p>Max schaute recht verblüfft darein. Sein Staunen wurde
-immer größer, als er auch schon ein Geräusch hörte, wie
-wenn eine Feile rasch und gleichmäßig über Metall raspelte.
-Wahrhaftiger Gott, die Larve durchbohrte das Eisen! Wenn
-unser Freund gewußt hätte, daß berühmte Naturforscher
-beobachteten, wie diese Insekten drei Zentimeter dicke Bleiwände
-durchlöcherten, hätte er sich nicht so maßlos gewundert.</p>
-
-<p>»Diese Holzwespe kann noch mehr wie meine Freundin,
-die Gallwespe«, rief Max, »dieser Leistung gegenüber bedeuten
-die Holzkugeln nicht viel. Lieber Freund«, scherzte
-er, »du könntest wirklich mit dem Kopf die dicksten Mauern
-einrennen, ohne dir den Schädel zu zertrümmern.«</p>
-
-<p>»Spaß beiseite«, erwiderte fast außer Atem die abgearbeitete
-Larve, »für mich handelt es sich jetzt um Leben oder Tod.
-Hier sterben, im Dunkeln, in dem Augenblick, der mich frei
-in den Lüften finden sollte, das will mir nicht in den Sinn!«</p>
-
-<p>»Willst du deine Verwandlung hier abwarten?«</p>
-
-<p>»Ja, ich habe dazu Ruhe nötig; denn in kurzer Zeit bin
-ich Puppe, um aus ihr schön und vollkommen zu erstehen.
-Aber der Durchgang ist offen, willst du nicht ins Haus
-eintreten?« Sie wies mit artiger Bewegung an das Löchlein,
-das ihr das Tor zum Leben bedeutete.</p>
-
-<p>Max dankte mit innigen Worten:</p>
-
-<p>»Wenn ich dir irgendwie einmal nützlich sein kann«, sagte
-er, »so soll mir das eine Freude sein!«</p>
-
-<p>»Danke, gönne mir jetzt Ruhe!«</p>
-
-<p>Max kroch durch die Öffnung im Beschlag und lief an
-der inneren Türseite hinab, bis er sich auf der Diele des<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-Hauses befand. Sobald er den Fußboden erreicht hatte,
-fing er vor Befriedigung zu tanzen an und sang dazu:</p>
-
-<p>»Ich bin daheim, ganz nahe bei lieb Mütterlein!«</p>
-
-<p>Wie trieb ihn die Sehnsucht, sie wiederzusehen! Er
-rannte in der Finsternis nach allen Enden herum, um die
-Türe zum Zimmer zu suchen. Ein Hindernis im Wege
-hemmte seinen Lauf. Es lag da ein Apfelbutzen, der durch
-irgendeine Unachtsamkeit am Boden liegengeblieben war.
-Mit seinen Beinen hätte Max leicht darüber wegkommen
-können, aber wer mit dem Vorbeilaufen nicht einverstanden
-war, das war der Magen. Der brummte so heftig, als
-wollte er das Baßgeigenkonzert wiederholen, das seit dem
-schönen Frühstück bei den guten Hummeln verstummt war. So
-machte sich denn das hungrige Ameislein ohne viel Federlesens
-ans Essen, wobei alte, schöne Erinnerungen erwachten.
-Mit innigem Wohlbehagen sprach er kauend vor sich hin:</p>
-
-<p>»Äpfel waren immer meine Leibspeise, aber erst jetzt weiß
-ich, daß sogar der Butzen noch ganz vorzüglich schmeckt.«</p>
-
-<p>Geraume Weile speiste er und ließ sich's wohl sein; hatte
-er doch seit frühem Morgen nichts mehr gegessen, und nachdem
-er den Versuchungen der Muskatellertraube so männlich
-widerstanden hatte, war ihm der Genuß, besonders nach den
-Gemütsaufregungen im finstern Wespengang, schon recht
-zu gönnen. Zu all dem brauchte er jetzt keine Angst mehr
-auszustehen, die Richtung zu verlieren, deshalb entschloß er
-sich, sich mit Seelenruhe die ganze Nacht dem süßen Apfelbutzen
-zu widmen. Bei Tage wollte er dann die Zimmer
-besuchen.</p>
-
-<p>Endlich brach ein schwacher Lichtschein durch den herzförmigen
-Ausschnitt des geschlossenen Fensterladens, und
-beim Klappern eines nahenden Trittes ließ Max geschwind<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-die Reste seiner Mahlzeit im Stiche. Franziska, das Zimmermädchen,
-kam, um wie an jedem Morgen die Fenster zu
-öffnen. Da hörte Max ein eigenartiges Geräusch und gleich
-dazu einen Schreckensschrei. Was war denn geschehen? Das
-konnte keiner erraten. Durch ein Löchlein im Türbeschlag
-war ein großes Insekt herausgeflogen. Sein Körper glänzte
-wie aus blauem Stahl, es hatte rötliche Schenkel, gelbe
-Flügel und ungebrochene Fühler, die nach vorne gerichtet
-waren und sich mit der Spitze ein wenig in die Höhe bogen.</p>
-
-<p>Franziska hatte bei dieser überraschenden Erscheinung
-einen Schrei ausgestoßen. Jetzt ergriff sie den Wischlappen,
-den sie an die Schürze gesteckt hatte, und machte mit diesem
-eine unbarmherzige Jagd auf den seltenen Eindringling,
-der in Todesangst einen Ausweg suchte. Max erkannte
-sofort seine neu ausgeschlüpfte Holzwespe und hörte sie verzweifelt
-rufen:</p>
-
-<p>»O Ameise, hilf mir doch!«</p>
-
-<p>Sofort wußte Max, was zu tun war. Er kletterte wie
-der Blitz über Franziskas Schuh empor bis zum Strumpf,
-drang mit dem Kopf zwischen zwei Maschen hindurch und
-zwickte, so kräftig er nur konnte, Franziska gerade in dem
-Augenblick in die Haut, als sie mit dem Staubtuch das
-arme Insekt erschlagen wollte. Sie stieß einen lauten Schrei
-aus und ließ das Tuch fallen. Indessen flog das geängstigte
-Tier zum Fenster hinaus und rief:</p>
-
-<p>»Ameise, du hast mir das schöne Leben gerettet! Nie
-werde ich dich vergessen!«</p>
-
-<p>Max hatte sich rasch auf den Boden fallen lassen und
-lief eiligst davon. Franziska aber juckte heftig an ihrem
-Bein und rief:</p>
-
-<p>»Diese verwünschten Flöhe!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap31">31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser
-gegangen!</h2>
-</div>
-
-<p>Max war recht froh, der guten Holzwespe seine Dankesschuld
-abgestattet zu haben. Er hatte dabei Geistesgegenwart
-gezeigt und war jetzt stolz und zufrieden mit sich selber.
-Aber Menschenfüße flößten ihm wenig Zutrauen ein, und
-da man im Hause nach und nach verschiedene Schritte hörte,
-verkroch er sich vor Angst, zertreten zu werden. Lieber
-kletterte er eine Wand hinauf, als noch länger einer solchen
-Gefahr ausgesetzt zu sein.</p>
-
-<p>»Nein«, dachte er, »wenn der Mensch, dieses Untier,
-wüßte, welche wunderbaren Formen und Lebenskräfte in
-uns kleinen Wesen verborgen sind, wäre er beim Gehen gewiß
-vorsichtiger, um uns nicht zu zerdrücken.«</p>
-
-<p>Im anstoßenden Zimmer ließen sich jetzt Stimmen vernehmen.
-Um besser sehen zu können, stieg Max an der Wand
-empor auf den Kleiderrechen. Hier nahm er auf dem Rand
-eines großen Filzhutes Platz und sagte leise und fröhlich
-vor sich hin:</p>
-
-<p>»Von hier aus beherrsche ich das ganze Zimmer. Gleich
-werden sie alle zum Frühstück erscheinen, ich werde sie sehen
-und hören, was meine Lieben sprechen!« Gleich darauf
-trat sein Onkel Walter ein. Wie bewegt betrachtete ihn
-Max, aber seine Bewegung kehrte sich in Schrecken, als er
-ihn sagen hörte:</p>
-
-<p>»Franziska, den Hut abbürsten, ich will in die Stadt gehen!«</p>
-
-<p>Max erschauderte. Der Hut wurde abgenommen; die
-Krempe erzitterte unter seinen Füßen. Bei jedem Bürstenstrich
-erwartete er, mitsamt dem Staub weiß Gott wohin
-geschleudert zu werden. Ach, vielleicht wäre es so besser<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-gewesen! Glücklicherweise aber nehmen es Zimmermädchen
-meistens nicht besonders genau mit dem Ausbürsten der
-Kleider ihrer Herrschaft. Franziska fand den Hut halb
-gebürstet sauber genug.</p>
-
-<p>So war Max wieder einmal gerettet; allein er lebte jetzt
-von der Gnade eines Hutes, und dieser wieder war abhängig
-von Onkel Walter. Ging dieser spazieren, so mußte
-Max unbedingt mit ihm ausgehen.</p>
-
-<p>»Einerlei«, dachte er ohne weitere Sorge. »Zwingt er
-mich jetzt zum Spaziergang, so muß er mich auch wieder
-heimtragen.« Leichtfüßig und leichtherzig spazierte er inzwischen
-den Hutrand entlang.</p>
-
-<p>Leider aber machte Max die Rechnung ohne seinen Lateinprofessor.
-Dieser Spielverderber mußte ihm jetzt sogar noch
-sein Ameisenleben verpfuschen!</p>
-
-<p>Nicht weit entfernt vom Landhaus wurde Max durch
-einen Schwung vom Hutrand unsanft im Bogen zur Erde
-geschleudert. Onkel Walter hatte vor dem Lateinprofessor,
-der des Weges kam, in größter Hochachtung seinen Hut
-tief gezogen. Er konnte ja nicht ahnen, daß er dabei seinem
-lieben Neffen einen solchen Schabernack spielte.</p>
-
-<p>Max erholte sich leichter von seinem Fall als von dem
-Schrecken über sein Mißgeschick und rief zornbebend aus:</p>
-
-<p>»Dieser greuliche Professor! Wenn ich meine Holzwespe
-treffe, sage ich ihr, sie möge ihm ein Loch in seinen Kopf
-bohren.«</p>
-
-<p>Unser Held war ganz außer sich, sonst hätte er so etwas
-Böses keinesfalls gesagt. Man muß aber gerecht sein, diesmal
-hatte er wirklich großes Unglück.</p>
-
-<p>Nach harten Mühen, gefährlichen Abenteuern, nach so
-vielen überstandenen Gefahren war er endlich in seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Hause angelangt. Nun sah er sich durch einen unglücklichen
-Zufall vom schwer erreichten Ziel weiter als je entfernt.
-Er lag mit den Beinen in der Luft auf dem Erdboden eines
-unbekannten Ortes; allem nach wird es ihm unmöglich sein,
-sich zurechtzufinden. Da vernahm er eine Stimme in der
-Nähe:</p>
-
-<p>»Noch nie in meinem Leben habe ich ein Insekt ohne
-Flügel so kühne Purzelbäume schlagen sehen! Wäre einer
-<span id="corr148">von uns aus</span> solcher Höhe abgestürzt, mit den Beinen nach
-oben, der hätte nicht so leicht wieder krabbeln können!«</p>
-
-<p>Das waren sonderbare Geschöpfe, die mit solchen Bemerkungen
-das Unglück unseres Freundes besprachen. Max
-konnte ein lautes Oho! der Verwunderung nicht unterdrücken,
-als er ihrer ansichtig wurde. Es waren Ameisen, ganz
-sicher, aber so merkwürdige, wie Max sich solche nicht im
-Traume vorgestellt hätte. Ganz gelb, mit mächtigem Hinterleib
-und schauderhaft dickem Bauch.</p>
-
-<p>»Woher kommt ihr, dickbäuchige Schwestern?« rief Max
-sie an.</p>
-
-<p>»Weither wie du«, sagte eine lachend. »Du kommst aus
-schwindelnder Höhe, wir aus weiter Ferne.«</p>
-
-<p>»Ei, woher denn?«</p>
-
-<p>»Aus Mexiko.«</p>
-
-<p>Max glaubte, die Ameisen wollten ihn zum besten haben,
-und schon wollte er entsprechend erwidern, als eine sagte:</p>
-
-<p>»Schwestern, macht weiter, es ist Zeit zur Heimkehr, die
-Sonne kommt!«</p>
-
-<p>Die fremden Ameisen trotteten ihres Weges. Langsam
-schleppten sie sich mit ihren dicken, gelben Bäuchen vorwärts,
-und unser Freund folgte ihnen ohne Bedenken, er hätte
-gar nicht anders gekonnt; erstens wollte er zu gern Näheres<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-über sie erfahren, und dann wußte er im Augenblick
-nichts Besseres anzufangen. Langsam erkletterte er mit
-den Gelben eine Anhöhe, auf deren Gipfel sich ein kleiner,
-sandiger Erdhaufen erhob, wahrscheinlich ihr Nest. Und
-richtig standen am Eingange des Sandhügels drei Ameisen
-Wache, doch waren diese schlank und ohne jenen unförmigen
-Bauch.</p>
-
-<p>Die Wachen begrüßten die Ankommenden mit freundlichem
-Zuruf:</p>
-
-<p>»Willkommen, Schwestern! Wie seid ihr schwerbeladen!«</p>
-
-<p>Sogleich bemerkten sie auch Max, der heimlich hinter
-ihnen herschlich, und riefen ihn scharf an:</p>
-
-<p>»Wer ist der Fremde? Woher kommt er? Ausweis
-zeigen!«</p>
-
-<p>Max trat sofort offen vor, grüßte militärisch die drei
-Schildwachen und sagte würdig:</p>
-
-<p>»Ich bitte euch, erkennt mich als zu euch gehörig an,
-ohne euch an meiner schwarzen Farbe zu stoßen. Gestattet
-meine Anwesenheit in eurem Hause, in Anbetracht dessen,
-daß ich keine feindlichen Absichten hege.«</p>
-
-<p>Diese feine Rede, namentlich die Wendung »in Anbetracht
-dessen«, machte großen Eindruck auf die Schildwachen, und
-in gemildertem Ton erwiderten sie:</p>
-
-<p>»Was hast du dann für Absichten?«</p>
-
-<p>»Vernehmt also«, nahm Max seine Rede sprachgewandt
-wieder auf, »ich bin so, wie ihr mich seht, eine arme Ameise,
-die ihres Landes verbannt ist infolge eines traurigen Krieges.
-Ich bin allein, und ihr habt nichts zu befürchten. Mein
-einziger Wunsch ist zu wissen, wer ihr seid, woher ihr
-kommt, und welche Gebräuche ihr übt, daß ich sie nach ihrem
-Werte schätzen lerne.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p>
-
-<p>Diese schmeichelhafte Rede verfehlte ihren Eindruck nicht.
-Die Wachen zogen sich zu einer kurzen Beratung zurück,
-in der beschlossen wurde, dem Fremdling zwar die Erlaubnis
-zum Eintritt und einer Besichtigung zu geben, doch ihm
-vorsichtshalber eine einheimische Ameise zur Begleitung beizugesellen.
-So stieg Max in den trichterförmigen Eingang
-des Sandhügels hinab, der in der Mitte des Baues gelegen
-war. Von der weiten Öffnung führte die Trichterröhre
-senkrecht zum ersten Stockwerk des Baues. Max sagte
-seiner Führerin viel Schönes über die kunstvollen Anlagen
-des geräumigen Hauses, dessen Herstellung von großer Mühe
-und Sorgfalt zeugte; denn die bröselige Erde erschwerte
-das Ausheben von Höhlen und Gängen, weil sie gar zu
-leicht nachrutschte. Durch einen senkrecht geführten Schacht
-ging es zum unteren Stockwerk, das aus zehn großen Kammern
-bestand, deren Wände nicht mehr so schön glatt waren
-wie oben. Max hatte aber kaum mehr ein Auge für so
-etwas Nebensächliches, denn in diesen nur schwach beleuchteten
-Zimmern befand er sich vor einem derartig befremdenden
-Schauspiel, daß er unwillkürlich ausrief:</p>
-
-<p>»Ja &ndash; träume ich denn?«</p>
-
-<p>»Träumen?« meinte verwundert die Führerin. »Unsere
-vollen Honigtöpfe sind gottlob keine Träume!«</p>
-
-<p>Festgeklammert an der Wand jedes Raumes saßen da
-oder hingen vielmehr etliche dreißig Ameisen. Ihr ungeheurer
-Bauch glänzte durchscheinend gelb wie ein dicker
-Öltropfen.</p>
-
-<p>»Volle Honigtöpfe?« stammelte erstaunt Max, der die
-Augen nicht davon abwenden konnte.</p>
-
-<p>»Freilich, deine große Verwunderung verrät deine Unkenntnis!
-Ihr andern Ameisen habt eben keine Ahnung<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-von der gediegenen Einrichtung unseres Ernährungsamtes
-und unserer wirtschaftlichen Umsicht. Wir sind mexikanische
-Ameisen«, sagte sie ein wenig hochmütig, »und befinden uns
-nur zufällig in diesem Lande. Weißt du, in einem jener
-Ungeheuer, in denen die Menschen über die großen Wasser
-fahren« &ndash; sie meinte natürlich Ozeandampfer und Kauffahrteischiffe
-&ndash; »wurden einmal bei uns in Mexiko Pflanzen
-verladen, in deren erdigen Wurzeln einige Insekten unbeachtet
-mit hieher reisten. Unter diesen war auch eine
-Mutter unseres Stammes, und diese begründete unser heute
-lebendes Volk und errichtete mit ihm dies Haus.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-151.png" alt="" />
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>»O!« rief Max, »kamen die fremden Ameisen vielleicht
-mit der mexikanischen Eiche an, die in einem Garten hierzulande
-steht?«</p>
-
-<p>»Ganz richtig; mit einer wellblätterigen Eiche.«</p>
-
-<p>Vor zwei Jahren hatte tatsächlich Onkel Walter eine
-solche Eiche geschickt bekommen und im Garten der Eltern
-gepflanzt. Welche Hoffnungen erwachten bei dieser Feststellung!
-Er war sicher nicht allzu weit entfernt von seinem
-Hause, in das zurückzugelangen sein heißes Sehnen war.</p>
-
-<p>»Die wellblätterige Eiche«, fuhr die Führerin wie zur
-Bestätigung der hoffnungsfrohen Vermutung fort, »liefert
-uns unser tägliches Brot. Aus ihren Gallen, die ihr eine
-Gallwespe beibringt, sammeln die Ameisen, denen du nächtlicherweile
-begegnet bist, einen köstlichen Saft. So mächtig
-füllen sie sich davon an, daß sie den unförmig dicken Bauch
-bekommen und nur mühsam wieder heimziehen können. Hier
-angekommen, steigen sie an den Wänden empor, wo dann
-andere Kameraden sie bis zur äußersten Möglichkeit weiter
-füttern. So werden sie bis zum Rand gefüllte Töpfe.«</p>
-
-<p>»Und bleiben sie immer so hängen?« fragte Max mitleidig.</p>
-
-<p>»Versteht sich. Sie können sich nicht mehr rühren und
-haben auch weiter nichts zu tun, als die Nahrung für die
-Arbeiter aufzubewahren. Sie melden sich übrigens freiwillig
-zu ihrem Dienst, zu dem man eben berufen sein muß; ja,
-ja, schwer ist er schon!«</p>
-
-<p>Max war in der Seele tief bewegt. Es gab also Ameisen,
-die Honigbehälter werden! Honig, nicht zum Selberessen,
-nein! Voll Entsagung stellen sie ihren eigenen Körper zur
-Verfügung; zum Wohle der Brüder sind sie lebende Vorratskammern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>Vielesserei ist also bei diesen Tieren wahrhaftig etwas
-anderes als bei den Menschen, die sich so zahlreich in
-garstiger Weise den Magen überfüllen.</p>
-
-<p>Während er so dachte, konnte er selbst sehen, wie die
-gelben Ameisen, denen er begegnet war, sich anschickten, die
-bereits hängenden Genossen vollzustopfen. Sie päppelten
-ihnen einen Teil der gesammelten Nahrung ein und sagten
-dazu sich einander lustig zublinzelnd:</p>
-
-<p>»Heute dir, morgen mir!«</p>
-
-<p>»Willst du ein wenig von unserem Honig versuchen?«
-fragte die Führerin.</p>
-
-<p>Das brauchte man Max nicht zweimal fragen. Mit Vergnügen
-ließ er sich von einer Ameise, die sich noch bewegen
-konnte, den süßen Saft einflößen. Wie schleckig er war!
-Ein wenig säuerlich von der darin enthaltenen Ameisensäure,
-aber dafür desto schmackhafter.</p>
-
-<p>»Welche Wunder vollbringt die Schöpfung! Nun sah
-ich sogar lebendige Honigtöpfe.« So dachte Max, als er
-den Rückweg antrat. Er bedankte sich aufs herzlichste bei
-den drei Schildwachen und allen, die er kennengelernt hatte.
-Eben, als er sich verabschieden wollte, gellte der Schreckensruf
-von allen Seiten:</p>
-
-<p>»Der Wendehals!«</p>
-
-<p>Im selben Augenblick fühlte sich Max am Genick erfaßt,
-und mit drei Unglücksgenossen von Mexikanern wurde er
-durch die Lüfte getragen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap32">32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe.</h2>
-</div>
-
-<p>Eine Tatsache muß zunächst festgestellt werden:</p>
-
-<p>Wenn Maximilian Butziwackel I., Kaiser des Einzelstaates
-der Rasenameisen und Thronanwärter des allgemeinen<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Ameisenweltreiches, sein ehrgeiziges Ziel nicht erreichen konnte,
-geschah es nicht aus Mangel an hervorragender Geisteskraft
-oder entschlossener Willensrichtung. Sogar jetzt, wo
-er schon auf der Zunge eines Vogels klebte und gefangen
-saß im Schnabel eines unbarmherzigen Ameisenwürgers,
-kam ihm ein rettender Gedanke. Er kauerte sich, so klein
-er konnte, in seinen Hanfpanzer zusammen, und der Vogel,
-der statt Max nur mehr das Hanfkörnlein spürte, spuckte
-dies mißachtend aus, ahnungslos, welch eine gute Ameise da
-drinnen steckte. Der Wendehals begnügte sich also mit drei
-statt mit vier Opfern. Max fiel zur Erde, und diesmal
-segnete er seinen Absturz. Der Wendehals schüttelte gewohnheitsmäßig
-seinen Kopf und flog weiter, aber Max
-rief ihm voll heiligen Zornes nach:</p>
-
-<p>»Elender Vernichter unseres edlen Volkes! Mögen die
-drei Mexikaner dir lebenslang schwer im Magen liegen
-bleiben!«</p>
-
-<p>Er wandte sich hierhin und dorthin, um die Gegend zu
-besichtigen und sich zurechtzufinden. Wo war er? Das
-wußte er, vom Hause der ausländischen Ameisen war er
-noch nicht weit entfernt, und dies lag ja nahe bei der wellblättrigen
-Eiche. Diese wieder war dem Hause benachbart,
-von dem er losgerissen war, und in das er sich unendlich
-zurücksehnte. Trotz aller dieser richtigen Schlußfolgerungen
-gelang es ihm doch nicht zu bestimmen, wohin er sich zu
-wenden habe, um sein Ziel zu erreichen. So lief denn Max
-ratlos hin und her und kam zu einer Hecke wilder Rosen.</p>
-
-<p>»Da hinauf will ich klimmen, denn von solch hohem
-Standpunkt aus läßt es sich weit ins Land schauen.«</p>
-
-<p>Gesagt, getan. Er stieg und stieg, schaute von Zeit zu
-Zeit genau umher, ohne aber irgend etwas Genaues auszukundschaften.<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Als er die höchststehende Rose erreicht hatte,
-hielt er an und atmete den süßen Duft ein, der seine Seele
-mit lindem Trost erfüllte.</p>
-
-<p>Doch was spielte sich denn da im Innern der Rose ab?
-Max vergaß die Lust am Dufte, denn seine ganze Aufmerksamkeit
-wurde von einer schönen Biene gefesselt, die
-im Schoße der Blume mit geschäftiger Emsigkeit arbeitete.</p>
-
-<p>Die Biene leckte mit sichtlichem Vergnügen an den Staubfäden
-der Blume und steckte dabei ihren Kopf tief in den
-duftenden Kelch. Dann sammelte sie den Blütenstaub und
-sang eine fröhliche Weise dazu:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Summ, summ, summ, summ!<br /></span>
-<span class="i0">So treu wie Gold,<br /></span>
-<span class="i0">Ein Blümchen klein,<br /></span>
-<span class="i0">So rein und hold,<br /></span>
-<span class="i0">Läßt grüßen fein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span>
-<span class="i0">Sei du ihm gut!<br /></span>
-<span class="i0">Dein Herz allein<br /></span>
-<span class="i0">Gefallen tut<br /></span>
-<span class="i0">Dem Blümelein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span>
-<span class="i0">Ich trag' davon<br /></span>
-<span class="i0">Den Gruß von dir,<br /></span>
-<span class="i0">Als Botenlohn<br /></span>
-<span class="i0">Gib Honig mir!<br /></span>
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Bei diesem fröhlichen Liedchen erzitterte die Rose leise,
-und freigebig reichte sie dem goldigen Insekt gerne ihre
-Staubfäden dar. Als ein schöner Vorrat gesammelt war,
-stieg die Biene aus dem Blumenkelch heraus und widmete
-sich, auf einem Rosenblatt stehend, mit höchster Sorgfalt<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-einer Arbeit, der Max mit Verwunderung zusah. Geschickt
-streifte sie mit den zwei Vorderbeinchen den Blütenstaub
-ab, der sich an den dichten Härchen ihres Körpers eingepudert
-hatte, nahm ihn mit den beiden mittleren Beinen
-auf, um ihn von diesen auf das dritte und hinterste Beinpaar
-zu befördern. Diese waren ein Wunder an Feinheit
-und Zweckmäßigkeit des Baues. Sie waren dicht behaart
-und gestalteten sich in ihrer Mitte zu einem kleinen Körbchen.
-Darein sammelte das emsige Tierchen die ganze Ernte des
-Blütenstaubes und trug ihn nach Hause. Der entzückte
-Beobachter rief nun laut aus:</p>
-
-<p>»Frau Biene, Sie haben wunderbare Beine! Wissen
-Sie das?«</p>
-
-<p>Die Biene aber wandte sich dem Störenfried ärgerlich
-zu und herrschte ihn an:</p>
-
-<p>»Hast du sonst nichts zu tun als zu gaffen?«</p>
-
-<p>Bei dieser Zurechtweisung fühlte Max, wie sein Blut
-kochte. Er vergaß allen Anstand und erwiderte gereizt:</p>
-
-<p>»Ich tue, was ich will. Und du? Was machst du?«</p>
-
-<p>»Ich tue jedenfalls Besseres, ich tue meine Pflicht.
-Ich bin übrigens erstaunt, daß eine Ameise sich erkühnt,
-auf zarten Blumen herumzutrampeln. Blumen sind unser
-Bereich!«</p>
-
-<p>Bei solchen Verweisen konnte Max nicht mehr ruhig
-bleiben. Er schrie die Biene an:</p>
-
-<p>»Dein Bereich? Ich möchte doch sehen, ob du andern
-Insekten verbieten kannst, an den Rosen zu riechen! Herumtrampeln!
-Da hört sich doch alles auf. Wie? Ich stehe
-da und bin niemand im Weg und soll Blüten zertrampeln?
-Und du? Du kommst her, um alles aufzulecken und auszusaugen,
-schleppst fort, was du schleppen kannst, noch dazu<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-in verborgenen Körben an den Hinterbeinen! Eine schöne
-Geschichte! Du Hamsterer du!«</p>
-
-<p>Die Biene hatte während dieses Zornausbruches ihren
-Stachel mehrmals in der Scheide spielen lassen und leicht
-zu verstehende Zeichen damit gemacht. Schließlich aber bemeisterte
-sie ihren Verdruß und bemerkte kühl:</p>
-
-<p>»Eine so einfältige Ameise habe ich noch nirgends getroffen,
-wie du bist.«</p>
-
-<p>Ehe unser Freund antworten konnte, fuhr sie fort:</p>
-
-<p>»Schwätzen hat keinen Sinn. Beweise will ich dir geben.
-Weißt denn du, was eine Blume eigentlich ist? Kennst du
-ihr geheimes Leben? Weißt du, daß sie atmet, schläft,
-leidet, sich freut, liebt und lebt wie wir?«</p>
-
-<p>In seinem Ameisendasein hatte Max viele Wahrnehmungen
-gemacht, die ihm als Kind ferne lagen. Er hatte längst
-in den Kräutern, über die er lief, ein gewisses Leben und
-Bewegung entdeckt, die ein Mensch nie erfaßt; Lebenszeichen,
-für Menschenaugen allzu fein. Max hatte sich überdies
-nie gerne mit Pflanzen abgegeben. Darum war auch er
-an den feinen Äußerungen des Pflanzenlebens achtlos vorübergegangen.
-Die Worte der Biene eröffneten ihm eine
-neue Welt.</p>
-
-<p>»Siehst du«, fuhr die Biene fort, »nun stehst du so einfältig
-da wie zuvor. Du weißt nicht einmal, daß die
-Blumen, wie du, Vater und Mutter haben; daß die Blumeneltern
-sich Blumenkinder wünschen, die so schön und duftend
-sind wie sie selbst. Aber die Blumen stehen festgewurzelt.
-Sie lieben sich und möchten einander viel erzählen und
-können es nicht. Wer trägt nun zum einen und andern
-die liebevollen Gedanken von Duft und die süßen Botschaften
-von Nektar, die reinen Küsse aus Blütenstaub? &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Wir geflügelten Insekten sind es, wir Bienen. Wir kennen
-sie alle, wir wissen ihre Geheimnisse, und wir sind die Liebesboten
-der verlobten Blumenpaare. Und sie sind froh und
-öffnen uns für diesen Liebesdienst ihre Blumenkelche, empfangen
-uns in ihrem Schoß und geben uns ihren Honig,
-den wir unsern Angehörigen heimbringen.«</p>
-
-<p>Die geschäftige Biene summte von neuem ihr Liedchen,
-die Rose aber erbebte in froher Lust:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Summ, summ, summ, summ!<br /></span>
-<span class="i0">So treu wie Gold<br /></span>
-<span class="i0">Ein Blümchen klein,<br /></span>
-<span class="i0">So rein und hold,<br /></span>
-<span class="i0">Läßt grüßen fein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span>
-<span class="i0">Du, sei ihm gut,<br /></span>
-<span class="i0">Dein Herz allein<br /></span>
-<span class="i0">Gefallen tut<br /></span>
-<span class="i0">Dem Blümelein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span>
-<span class="i0">Ich trag' davon<br /></span>
-<span class="i0">Den Gruß von dir,<br /></span>
-<span class="i0">Als Botenlohn<br /></span>
-<span class="i0">Gib Honig mir!<br /></span>
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap33">33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen.</h2>
-</div>
-
-<p>Max stand bewegt und ergriffen da. Die Worte der
-Biene, die beim Beginn der Darlegungen herb und spottlustig
-klangen, wurden im Laufe ihrer Rede liebenswürdig
-und sogar herzlich. Der aufgeregte Ton, der zu Anfang
-des Gespräches geherrscht hatte, war einer artigen und
-zarten Stimmung gewichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p>
-
-<p>»Nein, wieviel des Schönen hast du erzählt!« nickte
-Max beifällig ihr zu.</p>
-
-<p>Es zog ihn mächtig zu der lieben Biene, und er fragte sie:</p>
-
-<p>»Wollen wir miteinander gut sein?«</p>
-
-<p>»Gerne«, antwortete schlicht die Biene.</p>
-
-<p>»Das ist lieb von dir! Um dir zu beweisen, wie sehr
-ich deine Freundschaft schätze, werde ich sofort die Rose
-verlassen, aber nicht wahr, du weihst mich noch in das
-Geheimnis ein, wie du Honig und Wachs bereitest?«</p>
-
-<p>»Das ist nicht schwer für mich. Mit meinem Rüssel
-sauge ich die Honigdrüse aus, die meist am Fuße der Staubfäden
-zu finden ist. Dieser Saft fließt in meinen Honigmagen
-und wird hier zum fertigen Honig. Was das Wachs
-betrifft, so schwitzen wir es in unserem Hause an der Unterseite
-des Hinterleibes aus.«</p>
-
-<p>»Noch eine Frage«, bat Max wißbegierig.</p>
-
-<p>»Aber schnell, bitte. Die Sonne geht bald unter, und
-wir haben strenge Hausordnung in unserem Stock.«</p>
-
-<p>»Was ist denn das, euer Stock?«</p>
-
-<p>»Wie, das weißt du auch nicht? Der Stock ist unser
-Dorf, unsere Gemeinde. Nun? Was noch?«</p>
-
-<p>»Ach, deinen Namen möchte ich gar gerne wissen.«</p>
-
-<p>»Ich heiße Süßchen.«</p>
-
-<p>Die Biene mit dem reizenden Namen flog davon, und
-Max mochte die Augen nicht von ihr wenden, bis er sie
-hinter einem Baume entschweben sah. Dann stieg unser
-Held vom Rosenstrauch herab, um seinen Weg wieder zu
-suchen. Er war aber nicht der einzige gewesen, der den
-Flug Schönsüßchens verfolgt hatte. In der Nähe schrillte
-eine kreischende Stimme, die von einem Rosenzweig zu
-kommen schien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p>
-
-<p>»Ha, ha«, so verstand Max, »endlich habe ich herausgekriegt,
-wo du, teure Frau Biene, wohnst! Heute abend
-werde ich mich einmal gütlich tun an deinem Honig!«</p>
-
-<p>Bestürzt, ja entsetzt sah Max um sich. Angeklammert
-am Rosenzweig sah er vor sich ein schwarzes Ungetüm von
-düsterem Aussehen. Es hatte einen dicken, behaarten, braunen
-Rücken und mitten drauf &ndash; ein schauriger Anblick &ndash; war
-in gelber Farbe ein Totenkopf gemalt. Als Max das
-fürchterliche Insekt gewahrte, erschrak er heftig. Das Ungetier
-aber fuhr mit seiner schrillen Stimme fort:</p>
-
-<p>»Vortrefflich! Donner und Doria! Wenn's dunkel wird,
-werde ich mir, so wahr ich Atropos heiße, das Leben versüßen.«</p>
-
-<p>Es war wahrhaftig ein Acheronte, einer jener großen
-Schmetterlinge, welche man Totenkopf nennt wegen der
-düstern, gelben Zeichnung auf ihrem Rücken, und die, wenn
-sie gereizt werden, einen pfeifenden, schrillen Ton ausstoßen,
-der bisweilen so unheimlich wie das Bild wirkt. Die
-düstere Färbung, die unheimliche Zeichnung, die Größe des
-Schmetterlings und sein Erscheinen im Dunkeln sind die
-Ursache, daß dumme, abergläubische Menschen sie für Unglückstiere
-halten, wie es auch mit Eulen und Käuzchen
-geschieht. Die Angst solcher einfältigen Leute ist unsinnig,
-aber andere Geschöpfe können sich mit gutem Recht vor
-diesem Schmetterling fürchten. Wie die Vöglein gut tun,
-sich vor der Eule zu verstecken, welche sie nur allzusehr
-liebt und sie recht wohlschmeckend findet, so müssen die
-Bienen vor dem Totenkopf auf der Hut sein, da er nach
-ihrem Honig lüstern ist.</p>
-
-<p>Max hatte die bösen Absichten des Insektes wohl verstanden,
-und da er für Bienen im allgemeinen und für<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Süßchen im besondern eine warme Zuneigung verspürte, so
-sagte er jetzt für sich:</p>
-
-<p>»Der Stock ist in der Nähe, ein günstiger Zufall hat
-mich eingeweiht in die Einbruchspläne des schwarzen Diebes,
-wie wäre es, wenn ich eilte, Süßchen zu warnen?«</p>
-
-<p>Er warf einen Blick auf den Baum, dem die Biene zugeflogen
-war, und richtete seine Schritte gegen Süßchens
-Wohnung. Er rannte, was er konnte, achtete kein Hindernis
-und sagte sich: Das Untier ist ein gerissener Dieb; es will
-erst einbrechen, wenn es finster ist. Wenn ich auch keine
-Flügel habe wie dieser Gauner, so werde ich trotzdem vor
-ihm dort anklopfen können. Da &ndash; was war das? Er
-hielt überrascht im Laufe inne. Hatte er nicht rufen hören:</p>
-
-<p>»Hurra! Es lebe der Kaiser!«</p>
-
-<p>Er spähte und konnte niemand entdecken. Schon wollte
-er weiterwandern, im Glauben, daß er sich getäuscht habe,
-als er den Ruf ein zweites Mal hörte, und diesmal konnte
-es gewiß keine Sinnestäuschung sein.</p>
-
-<p>»Max Butziwackel! Hoch!«</p>
-
-<p>Zwischen Schreck und Freude verlor er schier die Besinnung.
-Zu seiner linken Seite lag ein dichter Graswald,
-aus dem hervor keuchend zwei Ameisen auf ihn zustürzten,
-in denen er sofort seine zwei Adjutanten erkannte. Ein
-gemeinsamer Freudenschrei:</p>
-
-<p>»Unser Kaiser!«</p>
-
-<p>»Dickkopf! Großzang!«</p>
-
-<p>Ein unbeschreibliches Bild! Die drei Ameisen fielen sich
-gegenseitig in die Arme. Eine Sintflut von Fragen folgte
-der zärtlichen Umarmung; Erklärungen, Berichte und Erzählungen
-regnete es nur so, und nach der ersten Pause
-ging es von neuem los:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>»Unser Kaiser! Er ist's! Hier steht er vor uns! Wer
-kann es glauben!« so rief Großzang, und Dickkopf setzte
-hinzu:</p>
-
-<p>»Wir beweinten ihn als tot!«</p>
-
-<p>»Eure Teilnahme ehrt mich«, sprach Max gerührt, »und
-ich kann euch versichern, jetzt fühle ich mich wie neu geboren
-durch euern Anblick. Wie kommt ihr hierher? Wie ist es
-euch ergangen?«</p>
-
-<p>»Ach, wir sind nur durch ein Wunder gerettet worden.
-Kaum weiß ich's, wie wir entwischt sind. Eine Schar Roter
-verfolgte uns mit aufgesperrten Zangen und schimpfte unglaublich
-roh hinter uns drein. &ndash; Welche Schlacht! Ist es
-möglich, daß wir sie verlieren konnten, trotz deines erhabenen
-Einfalles, unser Heer durch die Bombardiere zu verstärken!«</p>
-
-<p>Feierlich sprach Max:</p>
-
-<p>»Was wollt ihr? Das Glück ist nicht immer die Freundin
-großer Geister. Genug! Ihr stellt euch nicht vor, wie ich
-mich freue, euch wiederzusehen!«</p>
-
-<p>»Wie froh sind erst wir! Wir wollen bis ans Ende
-unserer Tage bei dir bleiben.«</p>
-
-<p>»So begleitet mich«, sprach Max väterlich zu den beiden.
-»Während wir raschen Schrittes gehen, könnt ihr eure
-Geschichte erzählen.« So schritten sie alle drei dem Bienenstock
-zu.</p>
-
-<p>»Denke dir nur«, fing Dickkopf an.</p>
-
-<p>»Stelle dir vor«, sprudelte zu gleicher Zeit Großzang.</p>
-
-<p>»Einer nach dem andern«, entschied Max.</p>
-
-<p>»Großzang, dir erteile ich zuerst das Wort.«</p>
-
-<p>»Stelle dir also vor«, fing dieser an, »daß wir bis jetzt
-ein Landstreicherleben führen mußten, umlauert von tausend
-Gefahren!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p>
-
-<p>»Wie auch ich!«</p>
-
-<p>»Ohne je zu wissen, wo man nachts sein müdes Haupt
-hinlegen könne!«</p>
-
-<p>»Wie ich!«</p>
-
-<p>»Keine Ahnung, wo eine Mahlzeit hernehmen!«</p>
-
-<p>»Euer Kaiser aß nichts mehr seit heute früh!«</p>
-
-<p>»Kurz, wir haben das elendeste Leben geführt, das man
-sich denken kann. Aber jetzt, wo wir dich wiedergefunden
-haben, wo wir bei dir bleiben können, jetzt fürchten wir
-nichts mehr. Nicht wahr, Dickkopf?«</p>
-
-<p>»Jawohl!«</p>
-
-<p>Max frohlockte, und die zwei Adjutanten schrien:</p>
-
-<p>»Es lebe Kaiser Butziwackel I.!«</p>
-
-<p>Da hagelte wie eine Antwort auf diesen Ruf ein Steinregen
-hernieder und hüllte den Kaiser samt seinem Gefolge
-ein. Unser Held, der die Erde unter seinen Füßen wanken
-fühlte, hatte kaum Zeit, sich an einen Grashalm festzuklammern,
-während Großzang ihm um den Hals fiel und rief:</p>
-
-<p>»Halte mich, ich falle!«</p>
-
-<p>Es war das Werk eines Augenblickes. Wie durch Zauberschlag
-hörte der Steinregen auf, und Max und Großzang
-hörten eine schwache Stimme, die unter der Erde um Hilfe
-zu rufen schien. Fest umschlungen blickten sie unwillkürlich
-unter sich und erschauderten. Ein schreckliches Bild bot sich
-ihren Blicken.</p>
-
-<p>Sie befanden sich auf dem Rande eines trichterförmigen
-Loches, auf dessen Grunde der arme Dickkopf vergeblich
-kämpfte, gepackt von den riesigen Zangen eines furchtbaren
-Tieres, das den Unglücklichen aussaugte und dazwischen
-hin und wieder ausrief:</p>
-
-<p>»Hm, die schmeckt fein!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-164.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Ein Ameisenlöwe!« stammelte Großzang zitternd.</p>
-
-<p>»Ameisenlöwe!« wiederholte Max, und er erinnerte sich
-seines Abenteuers mit dem libellenähnlichen Insekt. &ndash; »Ah,
-nun verstehe ich dessen Worte! Ich sah das vollkommene
-Insekt, und hier unten sehe ich die Larve. Also deshalb
-wünschte mein damaliger Gefährte seinen Kindern, sie sollten
-vielen Ameisen begegnen, die so gut sind wie ich!«</p>
-
-<p>Das Scheusal saugte unterdes sein Opfer aus und warf
-dann die Hülle über seinen Sandtrichter hinaus. Als ob
-es auf Maxens Betrachtungen antworten wollte, rief es
-befriedigt aus:</p>
-
-<p>»Die war ausgezeichnet!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt erst konnte Max den blutdürstigen Löwen in all
-seinen Schrecknissen genauer betrachten. Aus dem Grunde
-des Loches, wo er sich fast bis zur Hälfte des Körpers
-eingegraben hatte, ragte das entsetzliche Tier heraus. Es
-hatte ein schwarzes, bedrohliches Maul, sieben Augen auf
-jeder Seite und war mit mächtigen Zangen bewaffnet. Sein
-Leib war mit schwarzen borstigen Haaren besetzt. Die zwei
-mit Krallen bewaffneten Beine krabbelten neben dem Kopfe
-aus dem Abgrund hervor. Es wandte seine vierzehn Augen
-auf die zwei entsetzten Ameisen und sprach mit Grabesstimme:</p>
-
-<p>»Jetzt werdet ihr beide da oben bald herunterkommen,
-wie ich hoffe! Heute hätte ich bei so später Stunde nicht
-mehr an eine so saftige Abendmahlzeit gedacht. Ich jage
-sonst nur, wenn die Sonne scheint.«</p>
-
-<p>Wie es so sprach, krallte es die Tatzen ein, und mit
-außerordentlicher Kraft und Gewandtheit schleuderte es die
-sandige Erde, in der es saß, wie eine Flut von Steinregen
-auf die zwei erschrockenen Zuschauer. Max fühlte sich schon
-durch die fallenden und rutschenden Sandkörnchen in den
-Schlund des Trichters hinabgezogen; mit der äußersten
-Anstrengung hielt er Großzang an sich gepreßt, und mit
-ihm klammerte er sich verzweifelt an den Grashalm, der
-beide bis jetzt getragen hatte, und es gelang ihm, sich zitternd
-vor Aufregung daran emporzuziehen.</p>
-
-<p>Die beiden Ameisen waren gerettet.</p>
-
-<p>»O je, o je!« rief Großzang, »das war eine böse Sache.
-Dir allein, mein Kaiser, danke ich das Leben!«</p>
-
-<p>»Und ich verdanke dir einen steifen Hals, so hast du
-dich an mir festgeklammert! Aber das macht nichts. &ndash;
-Dem da ist es schlimmer ergangen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p>
-
-<p>Er deutete dabei auf die Hülle Dickkopfs, die mit den
-Beinen in der Luft neben ihnen lag.</p>
-
-<p>»Der Ärmste!« rief Großzang tiefbewegt. »Von ihm
-ist nichts geblieben als die Schale. Das Untier hat ihn
-ausgesaugt ohne jede Rücksicht. Jetzt freut es mich doch,
-daß wir seit zwei Tagen nichts gegessen hatten, sein Körper
-muß hübsch trocken gewesen sein. Aber, daß der arme
-Freund so wie ein ausgeblasenes Ei werden könnte, das
-hätte ich doch nie geglaubt!«</p>
-
-<p>Beim Weitergehen wandte sich der Kaiser Butziwackel
-sehr ernst zu seinem Gefährten und sprach:</p>
-
-<p>»Adjutant, hast du den Straßenräuber da drunten in
-seinem Trichter gesehen?«</p>
-
-<p>»Leider! Es ist eine für uns Ameisen schreckliche Larve.«</p>
-
-<p>»Sehr wohl! Sobald wir einem zweiten von dieser
-Sorte begegnen, befehle ich dir, ihn mir fünf Minuten
-vorher zu melden! Gehen wir! &ndash; Vorwärts, marsch!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap34">34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines
-Grafen aller Hautflügler.</h2>
-</div>
-
-<p>Das schauerliche Abenteuer mit dem Ameisenlöwen und
-vorher das Wiederfinden und die Begrüßung der beiden
-Adjutanten hatte Max kostbare Zeit gekostet. Als er endlich
-in der Nähe des Bienenstockes ankam, war es bereits
-dunkel geworden.</p>
-
-<p>»Wie ich fürchte, bin ich zu spät gekommen«, murmelte
-in Sorge der entthronte Kaiser, während er den Baum
-erkletterte.</p>
-
-<p>»Aber wohin gehen wir denn?« wagte Großzang zu
-fragen, der wohl sah, wie gedankenvoll Max geworden war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p>
-
-<p>»Wir wollen ein Bienendorf retten, das von einem
-schwarzen Dieb bedroht ist.«</p>
-
-<p>»O wie fein! Da kann man vielleicht ein bißchen Honig
-bekommen?«</p>
-
-<p>Mit strengem Blick aber rügte Max:</p>
-
-<p>»Adjutant! Es handelt sich jetzt um ein ruhmreiches Abenteuer
-zu edlem Zwecke; und du denkst ans Essen!«</p>
-
-<p>»Es ist wahr; aber daran ist mein knurrender Magen
-schuld; er ist so leer, als ob er &ndash; Gott behüte uns davor &ndash;
-von einem Ameisenlöwen ausgesaugt worden wäre.«</p>
-
-<p>Die beiden Ameisen standen endlich vor dem Eingang
-zum Bienenstock.</p>
-
-<p>Mit verzweifelten Gebärden stürzten eben einige Bienen
-daraus hervor und summten in höchster Aufregung:</p>
-
-<p>»Der Totenkopf! Der Totenkopf!«</p>
-
-<p>Man sah sogleich, daß es im ganzen Bienendorf entsetzlich
-toll zuging. Gefolgt von seinem Adjutanten stürmte
-Max hinein. Die verwirrten und erschreckten Schildwachen
-beachteten ihn nicht, und bald stand er an der Stelle, wo
-sich eben das bedrohlichste Schauspiel abwickelte.</p>
-
-<p>Der entsetzliche Totenkopf war in den Stock eingedrungen.
-Da saß er mit seinem großen plumpen Leib, bebend vor
-Gier, die riesigen Flügel zitterten, sein Rüssel zuckte, und
-vergebens versuchte das Bienenvolk, das ihn umgab, sein
-verderbliches Vordringen zu verhindern.</p>
-
-<p>Vergebens bemühten sich die Überfallenen, den elastischen
-Panzer zu durchstechen, von dem der dicke Körper des Tieres
-weich und nachgiebig wie von einem Gummimantel umschlossen
-war. Angstvolle Stimmen schrien in all diese Verwirrung
-hinein:</p>
-
-<p>»Er wird alle unsere Lagerräume plündern!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>»Er frißt unsere Kinder!«</p>
-
-<p>»Er wird die Königin töten!«</p>
-
-<p>Max wandte sich zu seinem Adjutanten und sagte leise
-zu ihm:</p>
-
-<p>»Hörst du, um eine Königin handelt es sich! Um jeden
-Preis muß diese gerettet werden!«</p>
-
-<p>»Aber wie? Wenn schon die Bienen mit ihrem Stachel
-nichts vermögen?« fragte Großzang ratlos.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-168.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>»Dummkopf! Was der Stachel nicht kann, tut die Zange.«</p>
-
-<p>Unbekümmert und rücksichtslos schlürfte inzwischen der
-Totenkopf so viel Honig, als er nur konnte, trotz des lauten
-Protestes des Bienenvolkes. Da gellte plötzlich ein Schrei
-aus dem vollen Munde des Räubers:</p>
-
-<p>»Au, mein Bein!«</p>
-
-<p>Ein zweiter ungeduldiger Schmerzensruf folgte:</p>
-
-<p>»Zum Kuckuck, wer schneidet mir denn meine Fühler ab?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p>
-
-<p>Zu gleicher Zeit rief Max, der sich rittlings auf den
-Totenkopf gesetzt hatte:</p>
-
-<p>»Großzang, wenn du ihm nur ein einziges Glied am
-Körper läßt, bist du nicht länger mein Adjutant!«</p>
-
-<p>Bei diesem ebenso unerwarteten als heftigen Angriff der
-Ameisen versuchte der abscheuliche Totenkopf sich nach Kräften
-zu wehren. Er schlug um sich und schleuderte dabei die
-armen Bienen umher, daß sie mit den Beinchen nach oben
-herumwirbelten.</p>
-
-<p>Der Kampfplatz war eng, und die gespreizten Flügel des
-Totenkopfes versperrten den Weg. Aber schon hatte jemand
-an Abhilfe gedacht; denn siehe, einer der Flügel fiel ab, und
-gleich löste der zweite, dritte und vierte sich los. Das hatte
-Großzang mit seinen scharfen Zangen wahrlich gut gemacht.</p>
-
-<p>Ohne Flügel und ohne Fühler wollte sich der Totenkopf
-auf dem einzigen Bein, das ihm geblieben war, aufrichten.
-Doch auch dieses zwickte Großzang unbarmherzig ab. Der
-verstümmelte Rumpf des Untiers lag nun da, ohne sich bewegen
-zu können. Im Nu hatte sich die Nachricht davon
-in alle Ecken und Winkel des Bienenstockes verbreitet, und
-ein hellstimmiger, unbeschreiblicher Siegesjubel brach los:</p>
-
-<p class="center">Viktoria! Viktoria!
-</p>
-
-<p>Allen Lärm übertönend rief eine Stimme:</p>
-
-<p>»Wer hat diesen Dieb auf solche Weise unschädlich machen
-können?«</p>
-
-<p>Max erkannte die Stimme und rief:</p>
-
-<p>»Süßchen, Süßchen! Bist du's?«</p>
-
-<p>»Ei, ei!« sagte die Biene erstaunt und setzte sich zu Max
-auf den Rücken des Totenkopfes, »das ist ja die Ameise,
-der ich auf dem Rosenstock begegnet bin! Wie kommst denn
-du hierher zu uns?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>»Ich kannte die Absichten dieses schwarzen Herrn und
-bin herbeigeeilt, das Bienendorf zu retten.«</p>
-
-<p>»Du!« rief Süßchen und sah ihn gerührt an. »Schwestern«,
-rief sie, »verneigt euch vor dieser Ameise. Ihr verdanken
-wir unsere Rettung!«</p>
-
-<p>Ein schallendes »Hurra« folgte dieser Bekanntgabe.</p>
-
-<p>Max dankte tief bewegt und sprach:</p>
-
-<p>»Haltet ein! Nicht ich allein habe ein Recht auf euern
-Beifall. &ndash; Großzang, Großzang, tritt vor!«</p>
-
-<p>Aber Großzang antwortete nicht.</p>
-
-<p>»Dieser Vielfraß«, dachte Max, »wird schon in eine
-Honigkammer eingefallen sein. Aber er soll was hören,
-wenn er zurückkommt!«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte Süßchen mit der zärtlichen und liebevollen
-Stimme, die sie sich im Umgang mit den Blumen
-angewöhnt hatte, gesagt:</p>
-
-<p>»Du bleibst doch bei uns, nicht? Es ist zu spät geworden,
-um heimzukehren!«</p>
-
-<p>»O wie gerne!« beeilte sich Max zu antworten, »um so
-lieber, als ich zurzeit keine Wohnung besitze.«</p>
-
-<p>Süßchen schien sehr erstaunt über diese Erklärung und war
-nahe daran zu fragen wie und warum; denn sie war neugierig,
-über ihren Befreier Näheres zu erfahren; aber da sie eine
-höchst taktvolle Biene war, überwand sie sich und sagte nur:</p>
-
-<p>»Wie gerne hörte ich deine Geschichte; morgen erzählst
-du sie mir vielleicht? Selbstverständlich bleibst du und jene
-Ameise, der du eben gerufen hast, hier, d. h. wenn sie noch
-bei uns herinnen ist. Ich selbst muß jetzt den Schwestern
-helfen, das Haus von diesem Eindringling zu säubern.«</p>
-
-<p>Max stieg mit ihr vom Rücken des Totenkopfes herunter.
-Süßchen aber gesellte sich zu den andern Bienen, die mit<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-vereinten Kräften den Körper des Untiers fortzuschaffen
-versuchten.</p>
-
-<p>Aber dessen Gewicht und Umfang war derart, daß es
-keine leichte Sache war, ihn zu bewegen. Schließlich rief
-eine Biene:</p>
-
-<p>»Hört mich an, ihr Lieben! Diesen greulichen Wicht aus
-dem Stock hinauszuschaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit,
-ich schlage vor, ihn auf die Seite des Ganges zu schleppen
-und ihn dort luftdicht abzuschließen.«</p>
-
-<p>Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Alle Bienen
-stellten sich an der einen Seite des schweren, häßlichen Körpers
-auf, hoben und schoben mit verdoppelten Kräften den Dieb,
-bis es ihnen schließlich gelang, den Koloß von der Stelle
-zu rücken. Nach dem ersten Ruck ließ sich unter dem Tier
-eine schwache Stimme vernehmen:</p>
-
-<p>»Gottlob! Länger hätte es nicht mehr dauern dürfen,
-sonst wäre ich unter dieser Schuttmasse erstickt!«</p>
-
-<p>Der mutige Großzang war unglücklicherweise unter den
-mächtigen Schmetterling zu liegen gekommen, als er ihm
-das letzte Bein abgezwickt hatte. Max half ihm hervor
-und rief mit feierlicher Gebärde:</p>
-
-<p>»Adjutant! Du bist ein tapferer Soldat!«</p>
-
-<p>»Ich folgte deinem Befehl; du hattest mich ja mit dem
-Verluste meiner Stellung bedroht, wenn ich diesem Frechling
-ein einziges Bein lassen würde.«</p>
-
-<p>»Du hast männlich deine Pflicht getan; zum Lohne ernenne
-ich dich in Gegenwart dieses edlen Volkes zum erlauchten
-Grafen aller Hautflügler.«</p>
-
-<p>Großzang verstand kaum die volle Bedeutung dieser Auszeichnung;
-so viel aber war klar für ihn, daß sein Kaiser
-ihm eine hervorragende Stellung im Reiche der Insekten<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-zugedacht hatte. Untertänig stammelte er mit tiefer Verneigung:</p>
-
-<p>»Majestät, ich danke!«</p>
-
-<p>Der Körper des Totenkopfes war jetzt auf die Seite
-gerollt. Max setzte im Triumphgefühl seinen rechten Fuß
-auf des Tieres Kopf, wies auf die düstere, gelbe Schädelzeichnung
-über dem Rücken des Tieres und machte dabei
-die Bemerkung:</p>
-
-<p>»Der ehrsame Herr &ndash; Gott hab' ihn selig! &ndash; hat allem
-Anschein nach bei Lebzeiten schon an seinen Tod gedacht; um
-uns die Kosten zu ersparen für einen Grabstein, ließ er sich
-die Inschrift auf den Buckel malen!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap35">35. Im Bienenreich.</h2>
-</div>
-
-<p>Am nächsten Morgen erwachte Max, dem die dankbaren
-Bienen ein hübsches Schlafkämmerlein angewiesen hatten,
-sehr schlecht gelaunt.</p>
-
-<p>»Dieser greuliche Totenkopf«, sagte er, »hat mir die ganze
-Nacht verdorben. Ich hatte gräßliche Träume über ihn. &ndash;
-Großzang! Hallo, Großzang! Großzang!«</p>
-
-<p>Der gräfliche Adjutant schreckte aus seinem tiefen Schlummer
-auf.</p>
-
-<p>»Na endlich!« rief Max, »was für eine Art zu schlafen!
-Ein kaiserlicher Adjutant, das merke dir, schläft nur mit
-dem einen Auge, mit dem andern hat er stets zu wachen.«</p>
-
-<p>»Ich habe Hunger«, gähnte verschlafen der Herr Graf.</p>
-
-<p>»Du bist unersättlich, mein Lieber! Gestern abend hast
-du bei dem Schmaus, den uns die Bienen gaben, für Viere
-gegessen. Es ist unbedingt nötig, daß du dich änderst; denn
-meine Einkünfte erlauben mir vorderhand nicht, einen solchen
-Vielfraß von Adjutanten zu halten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p>
-
-<p>Mit gnädigem Ton fuhr er dann fort:</p>
-
-<p>»Etwas anderes! &ndash; Heute morgen müssen wir den Palast
-der Bienen besuchen, und wir werden der Königin vorgestellt
-werden. Verstehst du, der Königin! Benimm dich
-deiner Stellung entsprechend und blamiere mich nicht!«</p>
-
-<p>Der Gedanke, der Königin vorgestellt zu werden, genügte,
-um Max wieder in beste Laune zu versetzen.</p>
-
-<p>Seinem Adjutanten gab er eine Menge Anweisungen
-über die höfischen Sitten und Gebräuche und schärfte ihm
-ein, sich genau daran zu halten.</p>
-
-<p>Gerade wollte er ihm noch einen schönen Vers beibringen,
-mit dem der Adjutant den Kaiser der Königin vorstellen
-sollte, als jemand an der Türe klopfte und fragte:</p>
-
-<p>»Darf ich eintreten, liebe Freundin?«</p>
-
-<p>Es war Süßchen.</p>
-
-<p>Max ging ihr entgegen und sagte:</p>
-
-<p>»Meine Teure, vor allen Dingen muß ich dir erklären,
-daß ich keine Freundin bin.«</p>
-
-<p>»Wie? Keine Freundin?«</p>
-
-<p>»Nein, aber dein Freund; denn ich bin ein Mann.«</p>
-
-<p>»Und diese andere Ameise?«</p>
-
-<p>»Ein Freund, gleich mir: beide gehören wir dem männlichen
-Geschlechte an.«</p>
-
-<p>»Ihr habt doch keine Flügel; deshalb dachte ich, ihr seiet
-geschlechtslose Ameisen, und hielt euch für tüchtige Arbeiter,
-wie ich eine Arbeitsbiene bin.«</p>
-
-<p>Max mußte lachen und schaute Großzang an.</p>
-
-<p>»Arbeiter! Hörst du, Adjutant? &ndash; Süßchen meint, wir
-wären zwei Arbeiter. Sie hat keine Ahnung, was wir sind.
-Und wenn sie erst hört, wer ich bin! Jetzt ist es Zeit,
-das Inkognito fallen zu lassen. Großzang, stelle mich vor!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p>
-
-<p>Großzang verneigte sich tief, zeigte auf Max und sprach
-würdevoll:</p>
-
-<p>»Max Butziwackel I., Kaiser der Ameisen.«</p>
-
-<p>Max deutete auf Großzang und sprach:</p>
-
-<p>»Mein Adjutant Großzang, Graf aller Hautflügler, des
-Kaisers Butziwackel erster und einziger Offizier. Dickkopf,
-der zweite Adjutant, wurde gestern von einem Ameisenlöwen
-ausgesaugt.«</p>
-
-<p>Süßchen blieb unglaublich überrascht bei dieser Doppelvorstellung.</p>
-
-<p>Max bemerkte, wie verständnislos sie seiner Größe gegenüberstand,
-und erachtete es deshalb für nötig, eine Erklärung
-folgen zu lassen. Er erzählte ihr vertraulich die Geschichte
-seines Aufstiegs zu fürstlicher Höhe und den jähen Sturz
-von seinem Throne.</p>
-
-<p>Die Biene hörte aufmerksam zu, und als er geendet hatte,
-sagte sie:</p>
-
-<p>»Höre mal, ich habe nie einen Thron verloren und strebe
-nach keiner Krone. Ich kenne nur den freudigen Drang
-zur vergnüglichen Arbeit. Hast du, Unglücklicher, auch diesen
-verloren? Bitte, beeile dich, wenn du jetzt unser Haus besichtigen
-willst.«</p>
-
-<p>Diese Worte verdrossen Max ungeheuer, aber seinen Zorn
-schüttete er über den unschuldigen Großzang aus, den er
-barsch anfuhr:</p>
-
-<p>»Na, Adjutant, was tust du denn? Erhebe dich endlich!
-Hörst du nicht? Wir gehen jetzt, den Palast zu besichtigen.
-Komme sofort. Wie lange braucht es noch, bis du dich
-rührst?«</p>
-
-<p>Dann verließ er majestätisch das Zimmer, Süßchen zur
-Seite, der Adjutant hinterdrein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p>
-
-<p>Zunächst ging es zum Eingang, an dem Max eine Veränderung
-gegen gestern wahrnahm. Die Toröffnung war
-viel niedriger und schmäler geworden. An beiden Innenseiten
-des Ganges waren neue Mauern aufgeführt, die aus
-einer braunen, klebrigen Masse bestanden.</p>
-
-<p>»Ei«, bemerkte Max, »hier sah es doch anders aus,
-als ich eintrat.«</p>
-
-<p>»Freilich«, erwiderte Süßchen, »das ist ein Neubau. In
-Zukunft wird ein Totenkopf sich besinnen, hier einzutreten.
-Wir haben unser Haustor verbessert.«</p>
-
-<p>»Wie ist es möglich, in einer Nacht so gewaltige Mauern
-aufzuführen?«</p>
-
-<p>»Bei uns geht alles flink«, scherzte Süßchen. »Wir sammeln,
-wie du vielleicht weißt, bei den Pflanzen Harz, und dieses verarbeiten
-wir zu einer klebrigen Masse, dem Kittwachs. Damit
-streichen wir im Hause Ritzen und Löcher aus. Mit diesem Baumaterial
-haben wir den Eingang verengert; wir kitten damit
-auch unsere Waben an der Decke und an den Seitenwänden fest.«</p>
-
-<p>»Welch großartige Leistung!« rief Großzang, der doch
-auch etwas sagen wollte, bewundernd aus. »Und mit welcher
-Genauigkeit und Schnelligkeit diese Veränderung ins Werk
-gesetzt wurde!«</p>
-
-<p>»O, die Fixigkeit, die verstehen wir«, bemerkte Süßchen
-gutgelaunt. »Bis man sich umschaut, errichten wir Mauern,
-vor denen sich einer fürchten kann!«</p>
-
-<p>Die Drei schritten in ihrer Besichtigung weiter. Max überzeugte
-sich mehr und mehr, daß es sich keineswegs um ein
-Haus handelte, wie Süßchen es nannte, noch um einen
-Palast, wie er glaubte, sondern um eine wirkliche und
-wahrhaft große Stadt, erbaut nach allen Regeln der Baukunst,
-der Gesundheitslehre und der Bequemlichkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p>
-
-<p>Die zwei Hauptmerkmale ihrer Bauart waren Harmonie
-der Linien und weise Ausnützung des Raumes.</p>
-
-<p>Das ganze Innere dieser weiten Stadt bestand aus einer
-Unmenge von Zimmern, die alle in genau sechseckiger Form
-erbaut waren. An jeder Seite des Sechsecks stieß ein benachbartes
-Zimmer an.</p>
-
-<p>»Ihr werdet wohl verstehen«, sprach Süßchen zu den
-beiden Ameisen, »daß das Sechseck die einzige Form ist,
-die uns gestattet, im gegebenen Raum die größtmögliche
-Anzahl von Zimmern oder, wie wir sagen, Zellen zu bauen.
-Jede andere Form würde für uns einen größeren Verlust
-an Raum bedeuten.«</p>
-
-<p>»Das ist klar«, erwiderte rasch überzeugt Max, »ihr habt
-die Raumfrage in geistvoller Weise gelöst! Aber wie ist
-es möglich, diese Zellen so regelmäßig und so genau zu
-machen?«</p>
-
-<p>»Das geht so zu! Sobald wir den Platz für unsere
-Wohnung bestimmt haben, sei es in einem Mauerloch oder
-in einem hohlen Baum, wie dieser hier, bauen wir zuerst
-die inneren Wände der Zellen. Unser Baustoff ist das
-Wachs, das wir an der Unterseite des Hinterleibes ausschwitzen.
-Dieses befeuchten, kneten und formen wir mit
-dem Munde und fügen Stückchen an Stückchen zusammen.
-Und weil wir viele sind und immerfort einander ablösen,
-geht die Arbeit rasch voran. Bald entsteht aus einer größeren
-Anzahl von fertiggebauten inneren Zellenwänden ein fester
-Streifen Wachs. Man nennt ihn die Mittelwand, weil
-er die beiderseits anzubauenden Zellen trennt. Von der
-Mittelwand aus ziehen unsere gewandtesten und tüchtigsten
-Bauleute die Seitenwände unserer Zellen. Wollt ihr das
-sehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p>
-
-<p>Süßchen führte die zwei Gäste an eine Stelle, wo gerade
-neue Wachszellen gebaut wurden. Da wurde gehobelt, gemauert
-und poliert, bis die sechs Seitenwände die nötige
-Länge erreicht hatten und ein bequemes und sauberes Kämmerlein
-einschlossen.</p>
-
-<p>»Wie schnell hier gearbeitet wird!« rief Großzang erstaunt.</p>
-
-<p>»Und dabei gut!« fügte Max mit Kennermiene bei.</p>
-
-<p>Er wunderte sich um so mehr, da er schon wußte, daß bei
-den Menschen Schnellarbeiter und Schlechtarbeiter meistens
-das gleiche bedeutet. Natürlich stimmt das nicht immer und
-nicht in jedem Fall.</p>
-
-<p>»Da ist nichts zu verwundern«, erwiderte Süßchen; »wir
-sind imstande, in einem Tag und einer Nacht bis zu viertausend
-Zellen zu bauen.«</p>
-
-<p>»Welch eine Riesenarbeit!« meinte Max. »Aber ich erlaube
-mir zu bemerken, daß die Zellen nicht gleich groß sind.«</p>
-
-<p>»Das versteht sich!« rief Süßchen; »dies hier sind die
-Zellen für solche Eier, aus denen wir Arbeitsbienen herauskommen,
-wir Geschlechtslose«, und dabei deutete sie im Kreise
-herum, auch auf Max und Großzang.</p>
-
-<p>»Wir sind nicht geschlechtslos«, sagte Max ärgerlich.
-»Ich gab dir bereits zu verstehen, daß wir Männer
-sind!«</p>
-
-<p>»Das ist mir entfallen«, sprach Süßchen spöttisch und
-fuhr fort: »Hier, diese größeren Zellen sind für jene Eier
-bestimmt, aus denen männliche Bienen geboren werden, …
-wirkliche Männchen, verstehst du? Und diese letzteren hier
-sind die Zellen für die Weibchen; diese sind rund, groß,
-prachtvoll, denn unsere Weibchen sind bestimmt, Königinnen
-zu werden.«</p>
-
-<p>»Was? Wie?« sagte Max, »Königinnen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span></p>
-
-<p>Auf dies hin hätte er gerne eine Reihe von Fragen gestellt,
-aber in ebendemselben Augenblicke stand man vor
-einem sonderbaren Hügel, vor dem Max neugierig anhielt.</p>
-
-<p>»Süßchen, was ist denn dies?« fragte er voll Interesse.</p>
-
-<p>»Dies ist der Körper des Totenkopfes, des Schmetterlings,
-den du besiegt hast. Da wir ihn nicht hinausbringen
-konnten, haben wir ihn einbalsamiert. So kann er nicht
-verwesen und uns die Luft verpesten.«</p>
-
-<p>»Einbalsamiert!« rief Max und beguckte den harten
-Körper, der am Boden festklebte.</p>
-
-<p>»Was soll das heißen?«</p>
-
-<p>»Das heißt, wir haben den Leichnam des Totenkopfes
-rings mit Wachs ummauert und mit Kitt am Boden festgeklebt.
-So ist er luftdicht abgeschlossen, kann darum nicht
-verwesen und uns die Luft verderben. Ich will euch noch
-ein anderes Tier zeigen, das wir auf diese Art unschädlich
-gemacht haben.«</p>
-
-<p>Damit führte Süßchen die beiden in ein anderes Stockwerk
-und sprach:</p>
-
-<p>»Seht ihr die Schnecke da? Sie ist einst in unser Haus
-gekrochen, und wir haben mit ihr kurzen Prozeß gemacht. Ein
-Stich trieb sie in ihr Schneckenhaus hinein, mit dem Kittwachs
-haben wir ringsumher am Boden das Schneckenhaus festgeklebt,
-und jetzt ist sie in ihrem eigenen Haus begraben.«</p>
-
-<p>Max und Großzang waren aufs höchste erstaunt nicht
-nur über die Kunst, sondern auch über die Geistesgegenwart
-der Bienen. Sie wollten eben ihre Bewunderung ausdrücken,
-als sich plötzlich ein dreimaliges taktmäßiges Gesumme
-wie ein Trompetensignal vernehmen ließ. Süßchen
-flüsterte leise:</p>
-
-<p>»Still, die Königin kommt!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap36">36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin.</h2>
-</div>
-
-<p>Eine Biene von majestätischer Haltung schritt einher.
-Sie war umgeben von einer Anzahl junger Bienen, die
-ihr tausend Freundlichkeiten erwiesen und ihr immer wieder
-den Rüssel boten, um sie mit süßer Honigspeise zu erquicken.</p>
-
-<p>»Das sind die Gesellschaftsdamen der Königin!« flüsterte
-Süßchen.</p>
-
-<p>Vor jeder Zelle hielt die Königin an und legte ein winziges
-Ei hinein. Umstehende sangen dabei begeistert für die fruchtbare
-Mutter ihres Volkes das Königslied:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Heil unsrer Königin,<br /></span>
-<span class="i0">Mutter und Herrscherin,<br /></span>
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span>
-<span class="i0">Lebensquell! Dienstbereit<br /></span>
-<span class="i0">Neigen wir allezeit<br /></span>
-<span class="i0">Dir uns in Ewigkeit.<br /></span>
-<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Da hielt die Königin in ihrer Beschäftigung ein.</p>
-
-<p>»Ich hoffe«, sprach sie, »daß mein Volk mit mir zufrieden
-ist. Mit dem Ei, das ich eben gelegt habe, sind
-es heute zweihundert geworden.«</p>
-
-<p>Max machte einen etwas unkaiserlichen Sprung vor Staunen
-und rief:</p>
-
-<p>»Zweihundert Eier an einem Tage! Wie lange geht diese
-Arbeit so weiter?«</p>
-
-<p>»Je nachdem«, erwiderte Süßchen, »gewöhnlich dauert
-es drei Monate, bis ungefähr fünfzehntausend Eier gelegt
-sind.«</p>
-
-<p>»Fünfzehntausend Eier! Liebe Zeit, damit könnte man
-für alle Leute Pfannkuchen backen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>Während die beiden noch die wunderbare Bienenmutter
-bestaunten, die so vielen Jungen Leben gibt, hatte sich
-Süßchen ehrfürchtig der Königin genähert. Sie sprach einige
-Worte mit ihr allein und wandte sich dann an die beiden
-Gäste:</p>
-
-<p>»Die Königin teilt mir mit, daß sie sich freuen würde,
-euch kennenzulernen. Sie wünscht eure Vorstellung.«</p>
-
-<p>Dem Kaiser der Ameisen lief ein Ehrfurchtsschauer über
-den Rücken.</p>
-
-<p>»Adjutant!« flüsterte er Großzang zu, »der Augenblick,
-mich zu melden, ist gekommen. Denke genau an alle Unterweisungen,
-die ich dir für diese große Stunde gegeben habe.«
-Auf dies trat er etwas in den Hintergrund zurück. Großzang
-aber schritt wie ein ritterlicher Schildknappe vor die
-Königin und meldete mit Gesang den Herrscher an:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Kaiser kommt, der Kaiser kommt!<br /></span>
-<span class="i0">Tralallala! Tralallala!<br /></span>
-<span class="i0">Gebt alle Ehre, die ihm frommt!<br /></span>
-<span class="i0">Tralallala! Tralallala!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Alles schwieg. Jeder schaute erstaunt auf Max, der mit
-feierlichem Schritt vortrat, sich tief vor der Königin neigte
-und mit bewegter Stimme sprach:</p>
-
-<p>»Wir, Maximilian Butziwackel I., Kaiser aller Ameisen,
-sind erfreut, der mächtigen, weisen Bienenkönigin Unsere
-Huldigung darzubringen. Wir versichern sie Unserer Freundschaft
-und geben Unserer Verwandtschaftstreue gebührenden
-Ausdruck!«</p>
-
-<p>Die Königin war höchst erstaunt über dieses ihr fremdartige
-Gebaren der Gäste. Aber um sich die Unkenntnis
-der neuen Sitte nicht anmerken zu lassen, wandte sie sich
-mit liebenswürdigen Worten an beide Ameisen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span></p>
-
-<p>»Wer immer ihr seid, es ist meine Pflicht, euch vor meinem
-ganzen Volke meine Dankbarkeit auszusprechen für die Rettung
-des Bienenstaates vor einem seiner schrecklichsten Feinde.
-Betrachtet dieses Haus als das eure!«</p>
-
-<p>Max dankte mit überströmendem Herzen und einer tiefen
-Verneigung. Als die Hofdamen um die Königin in respektvoller
-Entfernung einen Halbkreis bildeten, gab der Kaiser
-seinem Adjutanten ein Zeichen, wie diese zurückzutreten. Die
-Königin begann die Unterhaltung:</p>
-
-<p>»Ich bin sehr zufrieden«, sagte sie mit gütigem Lächeln,
-»daß diese Gelegenheit die Ameisen und die Bienen, die
-beiden edelsten und verständigsten Arten der Hautflügler,
-einander näher gebracht hat!«</p>
-
-<p>»Gewiß!« erwiderte Max, »wir haben viele Gewohnheiten
-und manche Instinkte gemeinsam. Wie die Bienen leben
-auch wir in Gesellschaft, und diese Gesellschaft ist wie die
-eure aus Weibchen, Männchen und Geschlechtslosen oder
-Arbeitern zusammengesetzt. Bei dieser Gelegenheit möchte
-ich jedoch feststellen, daß weder mein Adjutant noch ich zu
-den Geschlechtslosen gehören, wie es wohl den Anschein hat.
-Wir sind vielmehr Männer.«</p>
-
-<p>»Wie sonderbar«, erwiderte ihm die Königin, »ich dachte,
-die Ameisen töten wie wir ihre Männchen?«</p>
-
-<p>Max hielt es nun für nützlich, dem Gespräch eine Wendung
-zu geben. Ohne auf die Bemerkung der Königin einzugehen,
-sprach er:</p>
-
-<p>»Majestät, ich hatte das Vergnügen, Ihr Reich zu besuchen …
-Ich war erstaunt, ein Reich von außergewöhnlicher
-Größe zu finden.«</p>
-
-<p>»Jawohl! Aber auch ihr Ameisen bildet große Staaten.
-Ist euer Reich vielleicht kleiner als meines?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p>
-
-<p>»O viel kleiner!« erwiderte Max ein wenig verlegen.
-»Und wie zahlreich müssen erst Ihre Untertanen sein?« beeilte
-er sich, weiter zu fragen.</p>
-
-<p>»Es sind ungefähr dreißigtausend Einwohner.«</p>
-
-<p>»Dreißigtausend Bienen! Das ist eine überwältigende
-Zahl!«</p>
-
-<p>»Wie groß ist euer Ameisenvolk?«</p>
-
-<p>»Ach, Majestät!« antwortete Max immer verlegener,
-»meine Untertanen! … Da stehen sie alle.« Er wies auf
-seinen Adjutanten und rief:</p>
-
-<p>»Großzang, Graf aller Hautflügler, mein letzter Untertan
-und Flügeladjutant.«</p>
-
-<p>Großzang verneigte sich tief.</p>
-
-<p>Max bemerkte, daß die Königin ihn nicht recht verstand.
-Er hielt es also für nötig, ihr die bemerkenswertesten Taten
-seines Lebens zu erzählen; so fing er denn an:</p>
-
-<p>»Teuerste Majestät! Unter uns können wir ja ohne
-Umstände reden. Ich bin ein armer, entthronter Kaiser,
-ein Fürst ohne Volk und Land, und ich kann nicht umhin,
-dich in der glücklichen Lage einer wahren Königin zu beneiden.
-Bedient, geachtet und angebetet lebst du inmitten
-deines Volkes!«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten verzog die Königin den Mund, neigte
-sich zu Max und sagte ganz vertraulich:</p>
-
-<p>»Königin? Ich bin es und bin es nicht!«</p>
-
-<p>»Du bist es! Ich wollte, ich könnte so wie du regieren!«</p>
-
-<p>»So, so? Was würdest du dazu sagen, wenn du den
-lieben, langen Tag Eier legen müßtest?«</p>
-
-<p>Bei dieser Bemerkung wurde Max trotz seiner schwarzen
-Haut ganz rot vor Entrüstung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>»Bedenke doch«, fuhr die Biene fort, »daß ich in meinem
-Reich zugleich etwas mehr und etwas weniger bin als
-Königin. Ich bin die gemeinsame Mutter, die Lebensquelle
-des Volkes. Ich sichere ihm den Bestand, weil ich allein
-für die Nachkommenschaft sorge. Dies Volk ist mein, weil
-ich es schuf, es zur Welt brachte; es ist mein Kind und
-ich bin seine Mutter. Aber glaubst du, daß ich zu meinem
-Vergnügen Königin geworden sei? Ich bin Königin, damit
-ich Eier lege, viele Eier! Bin es nur unter der Bedingung,
-daß ich das Volk erhalte, und Königin bin ich
-nur, solange ich dem Volk Mutter sein kann. An dem
-Tage, an dem ich mein Reich nicht mehr vergrößere, höre
-ich auf, Königin zu sein. Wie du siehst, ist meine Stellung
-sehr hoch von einem hohen Gesichtspunkt aus betrachtet,
-sehr erbärmlich von einem niederen aus gesehen.«</p>
-
-<p>An Maxens langgezogenem Gesicht konnte man nicht ergründen,
-welchen der beiden Gesichtspunkte er vertrat und
-welche Auffassung von der Würde einer Bienenkönigin er
-bekommen hatte, aber jedenfalls machten die edle Sprache
-und das würdevolle Auftreten der hohen Frau einen tiefen
-Eindruck auf ihn. So viel erfaßte er sicher, daß man, um
-bei den Insekten etwas zu gelten, erst etwas Ordentliches
-leisten mußte.</p>
-
-<p>Mit wehmütigem Ton setzte die Königin ihr Gespräch fort.</p>
-
-<p>»Wenn ich wenigstens nach all meiner Sorge und
-Mühe ruhig altern könnte! Aber im Handumdrehen kann
-es geschehen, daß … nun, ich will nicht weiter davon
-reden!«</p>
-
-<p>Max hätte gern auf der weiteren Aussprache dieses begonnenen
-Gedankens bestanden, allein er fürchtete, als taktlos
-zu gelten, und sagte nur:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<p>»Hoffentlich erlaubst du mir, manchmal zu kommen, um
-mit einer Ebenbürtigen zu plaudern.«</p>
-
-<p>»Mit Vergnügen, mein Lieber!«</p>
-
-<p>Max verneigte sich, küßte der Königin ritterlich das Vorderbeinchen
-und verabschiedete sich von ihr, während ringsum
-lauter Jubel über das festliche und noch nie erlebte Ereignis
-widerhallte:</p>
-
-<p>»Hoch die Königin!«</p>
-
-<p>»Es lebe die Ameise mit dem Wackelfähnlein!«</p>
-
-<p>Freudestrahlend wandte sich Max an seinen Adjutanten:</p>
-
-<p>»Dieser Freundschaftsbund berechtigt zu großen Hoffnungen!
-Wer weiß, ob nicht doch noch meine Stunde
-schlägt!«</p>
-
-<p>»Ach, alles recht!« flüsterte Großzang ihm zu, »aber mein
-Magen brummt, und ich hoffe nur auf die Stunde, in der
-es was zu essen gibt!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap37">37. Das Geheimnis der Muskatellertraube.</h2>
-</div>
-
-<p>In der schönen, großen Bienenstadt, wo es an nichts
-fehlte, inmitten eines lieben, bescheidenen Volkes, führten
-die zwei Ameisen ein stilles, süßes Leben.</p>
-
-<p>»Ein Dasein, so süß wie Honig«, verglich Großzang;
-denn für Honig hatte er ein ganz außerordentliches Verständnis.
-Dankbar für die erwiesenen Wohltaten hatten
-die Bienen den beiden Gästen eine leere Kammer zur Verfügung
-gestellt, wo auf einem Tischchen, das Max aus
-einem Kürbiskern gefertigt hatte, dreimal des Tages ein
-Mahl aufgetragen wurde, das wirklich eines Kaisers würdig
-war. Einmal bereitete Süßchen für die beiden Gäste einen
-Königinnenbrei, ein ausgezeichnetes Gericht, das noch viel<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-besser schmeckte als der gewöhnliche Honig. Kaum hatte
-der schleckige Adjutant davon gekostet, so rief er schon:</p>
-
-<p>»Das bestelle ich für alle Tage.«</p>
-
-<p>»Das geht nicht«, wehrte Süßchen. »Diese Speise enthält
-mehr Zucker und andere kostbare Nährstoffe. Sie ist
-durch ihren hohen Nährwert bestimmt, die ausschließliche
-Nahrung solcher Larven zu sein, die Königinnen werden
-sollen.«</p>
-
-<p>»Aha«, begriff Max, »der Brei hat ganz besondere
-Kraft?«</p>
-
-<p>»Gewiß. Die Art der Nahrung ist von großem Einfluß
-auf die Entwicklung der Larven. In gewöhnlichen Zellen
-speisen die Larven die alltägliche Mahlzeit, und es kommt
-eine Arbeitsbiene hervor. In den königlichen Gemächern
-wird der besondere Futterbrei aufgetragen, und dabei entwickelt
-sich eine Königin, die wegen der kraftvollen Speise
-größer wächst wie wir und in ihrer größeren Zelle auch
-Platz zum Größerwerden hat. Gäben wir den Arbeiterlarven
-nur diese Speise, bekämen wir lauter Königinnen.«</p>
-
-<p>Max sperrte den Mund und alle hundertdreiundzwanzig
-Augen auf. Es wurde ihm furchtbar unbehaglich zumute,
-und er fragte vorsichtig ängstlich:</p>
-
-<p>»Süßchen, könnte es am Ende dahin kommen, daß ich
-eines Tages Hunderte von Eiern legen müßte, weil ich von
-der Wunderspeise gegessen habe?«</p>
-
-<p>Süßchen lächelte bloß über einen so sonderbaren Einfall.</p>
-
-<p>»Süßchen, um des Himmels willen, antworte! Ich fühle
-schon etwas Ungewöhnliches in mir vorgehen. Heiliger Gott,
-hilf! schnell! Ach, ein solcher Verrat wäre gräßlich!«</p>
-
-<p>Als Süßchen sah, daß Max ganz außer sich kam vor
-Angst und Unruhe, sagte sie tröstend:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span></p>
-
-<p>»Was du dir einbildest! Diese Speise kann doch bei
-Ameisen nicht die gleiche Wirkung haben wie bei Bienenlarven.«</p>
-
-<p>Max, der sich schon verurteilt gesehen hatte, bis zum
-Ende des Sommers fünfzehntausend Eier legen zu müssen,
-holte einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus seiner Brust.
-Dann bat er, lieber doch keinen Königinnenbrei mehr zu
-bringen, &ndash; man könnte doch nicht sicher wissen, wie er wirke.
-Das war aber nicht nach dem Wunsche des hungrigen
-Herrn Grafen Großzang.</p>
-
-<p>»O wie schade«, rief er mit aufrichtigstem Bedauern, »für
-jeden Mundvoll dieser Götterspeise verpflichte ich mich, von
-früh bis abends Eier zu legen!«</p>
-
-<p>Da strafte ihn Max mit einem strengen Blick und rief:</p>
-
-<p>»Schäme dich! Ein kaiserlicher Flügeladjutant und solche
-Pläne! Das müßte sich gut ausnehmen! Dich muß ich
-einmal ordentlich vornehmen und einige neue militärische
-Übungen machen lassen!«</p>
-
-<p>Seit sich Kaiser Butziwackel im Bienenhaus befand, inmitten
-eines Volkes, das seiner Königin treu ergeben war,
-seitdem er gar das Vertrauen dieser hohen Frau besaß, war
-aller kindischer Ehrgeiz in seinem Ameisenkopf aufs neue
-erwacht. Es reiften daraus die wunderlichsten Pläne zukünftiger
-militärischer Abenteuer, von glorreichen Unternehmungen,
-Eroberungen und Verbesserungen im Reiche der
-gesamten Insektenwelt; Süßchen, die sich zwar all diesen
-geäußerten Träumen gegenüber kühl und ablehnend verhielt,
-fühlte sich trotzdem geschmeichelt durch Maxens Anspielung,
-daß sie eines Tages zur Herzogin erhoben werden solle, um
-die oberste Verwaltung über sämtliche kaiserliche Vorratskammern
-zu führen. Um Max zufriedenzustellen, hatte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-ihm aus gelbem Wachs und braunem Kittwachs nach seinen
-Anweisungen eine schöne Kaiserkrone verfertigt sowie auch
-zwei prachtvolle Harnische. Einen für Max, den anderen
-für seinen Adjutanten.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-187.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>In dieser kriegerischen Rüstung wurde täglich feierliche
-Heerschau gehalten, wobei Max seinem einzigen Offizier und
-Soldaten befahl:</p>
-
-<p>»Abzählen! zu zwei!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>Und Großzang zählte:</p>
-
-<p>»Eins!«</p>
-
-<p>Rings um die zwei kampflustigen Krieger arbeitete mit
-fieberhafter Lust das Bienenvolk, um das Leben des heranwachsenden
-Geschlechtes sicherzustellen. Unter den scharfen
-Augen der spähenden Schildwachen flogen am Eingang des
-Stockes die Arbeiterinnen. Sie trugen Futter für die Larven
-ein und füllten die Vorratskammern mit Lebensmitteln für
-die schlechte Jahreszeit. In jeder Minute kamen mindestens
-hundert Arbeits- oder Trachtbienen schwerbeladen am Eingang
-an, und Max, der oft dabeistand, um zuzusehen, beobachtete,
-daß jede Biene vier Flüge täglich machte. Da
-nun das Volk dreißigtausend Bürger zählte, so waren's zusammen
-hundertzwanzigtausend Ausflüge. Jeder Ausflug
-aber bedeutete: Ernte. Dabei hatte sich Max aber doch
-verrechnet, denn von den Dreißigtausend blieb ein Drittel
-zur Hausarbeit daheim. Es kamen also in Wirklichkeit
-achtzigtausend honig- und blütenstaubbeladene Bienen eingeflogen.
-Dieses emsige Aus und Ein gab einem oberflächlichen
-Zuschauer allerdings den Eindruck von Unordnung
-und Verwirrung, aber Max sah tiefer in dies Leben und
-konnte sich nicht genugtun im Bewundern seiner fabelhaften
-Regelmäßigkeit. Jeder erfüllte pünktlich seine eigene Aufgabe.
-Während die Sammlerinnen den Blütenstaub ordnungsgemäß
-in die entsprechenden Vorratszellen einlegten,
-widmeten sich andere der Reinigung des Gemeinwesens,
-andere sah er eine tote Biene fortschaffen, und wieder andere
-beförderten einen fremden Störenfried an die Luft. Mit
-liebenswürdiger Sorge verpflegt, wuchsen die jungen Larven
-augensichtlich, und unser Max vergnügte sich damit, sie in
-ihren Zellen zu besuchen, wo sie mit ihren fußlosen, weichen<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-Körperchen still lagen. Eines Morgens sah er befremdet, wie
-diejenigen Bienen, die sonst Nahrung für die Larven herbeitrugen,
-sorgfältig die Zellchen mit einer Wachsdecke schlossen.</p>
-
-<p>»Nun müssen die Kinder ersticken!« rief Max besorgt.</p>
-
-<p>»Ei, warum nicht gar!« beeilte sich eine Biene zu erwidern.
-»Diese Larven sind nun genügend entwickelt, sie
-sollen sich jetzt verpuppen, um danach vollkommene Bienen
-zu werden. Es wird ihnen nicht allzuviel Mühe kosten,
-das Wachstürchen selbst durchzubrechen.«</p>
-
-<p>Wißbegierig folgte Max solcher Arbeit, und er sah, wie
-unter andern auch eine Königinnenzelle verschlossen wurde.
-Ihre Wachsdecke wurde kuppelförmig geformt.</p>
-
-<p>»Potztausend«, rief Max, »wie viele Vorrechte haben doch
-die Damen!«</p>
-
-<p>Da kam gerade Großzang daher und meldete eifrig, daß
-die Mahlzeit aufgetragen sei. Max folgte seinem Adjutanten
-in sein Zimmer, wo eine von Süßchen beauftragte Biene
-ein leckeres Mahl auftischte. Max kostete und prüfte gedankenvoll
-den herrlichen Bissen im Munde.</p>
-
-<p>»Das kenne ich doch! Der Geschmack ist mir doch nicht
-neu! Wo in aller Welt habe ich nur das schon gegessen?«</p>
-
-<p>Plötzlich sprang er erfreut auf:</p>
-
-<p>»Ich hab's! Meine Muskatellertrauben! Es schmeckt
-nach der Traube an unserem Landhaus!«</p>
-
-<p>Und zur aufhorchenden Biene gewandt, fuhr er in Erregung
-fort:</p>
-
-<p>»Liebste Freundin, woher ist der edle Saft zu dieser
-Speise geholt? O sage es mir, du hast keine Ahnung, wie
-notwendig ich das wissen muß!«</p>
-
-<p>»Ja, der Saft ist gut. Wir holen ihn von einer hübschen
-Rebe, die sich um ein Menschenhaus rankt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p>
-
-<p>»Sie ist's, sie ist's! Mein Weinstock ist es! Sage,
-sage schnell, ist's weit von hier?«</p>
-
-<p>»Na, ziemlich weit!«</p>
-
-<p>»Höre, liebstes Bienchen, sage mir eines«, bettelte Max
-dringlich, »könntest du mich nicht auf deinem Rücken hintragen?
-O tue es, ich will mich ganz leicht machen, und
-du bist mein Luftschiff, nicht?«</p>
-
-<p>»Heute ist es auf keinen Fall mehr möglich, es gibt zuviel
-zu tun!«</p>
-
-<p>»Morgen dann?!«</p>
-
-<p>»Vielleicht morgen; kann sein!«</p>
-
-<p>»Also abgemacht, morgen früh«, jubelte Max.</p>
-
-<p>Er sprang und sang vor Freude, wie es sich für einen
-Kaiser eigentlich gar nicht geziemt. Aber über der Hoffnung,
-sein Mütterlein zu sehen, vergaß er allen Ehrgeiz
-und alle Träume der Zukunft mit einem Schlag. Er hätte
-dem Tag die Geschwindigkeit eines Blitzes gewünscht. Morgen
-wollte er nach seinem Hause zurückkehren, von dem er auf
-gröbliche Weise durch Onkel Walter weggeschleppt worden
-war. Sicher genügte jedesmal schon die Erinnerung an die
-Heimat, alle bösen Verstimmungen zu verscheuchen.</p>
-
-<p>Es bleibt eben ewig wahr, daß der Gedanke an eine
-gute Mutter alle schlimmen Pläne aus dem Kopfe verjagt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap38">38. Die Stadt in Aufruhr.</h2>
-</div>
-
-<p>Leider verging der Tag nicht mit Blitzesschnelle, sondern
-wie keiner noch schlich er langsam dahin. Übrigens brachte
-er schwere schreckliche Ereignisse. Max bemerkte schon in
-aller Frühe, als er der Königin begegnete, eine unbegreifliche
-Veränderung. Sie war merkwürdig unruhig und nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-so würdevoll gelassen wie sonst. Er hatte sich zu ihr begeben
-wollen, um sein Scheiden aus ihrem Reiche zu melden.
-Sein Adjutant, der ihn bei dem Abschiedsbesuch begleitete,
-wollte gleich ihm sich bedanken für die große Gastfreundschaft,
-die beide empfangen hatten.</p>
-
-<p>Voller Erregung und mit rauher Stimme redete die
-Königin ihn zuerst an:</p>
-
-<p>»Du kommst eben recht! Du hast mich vor kurzem um
-meine Macht und mein Ansehen beneidet. Ist es nicht so?«</p>
-
-<p>»Gewiß!« erwiderte Max, »ich wüßte niemand, der so
-mächtig, so verehrt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mächtig? Verehrt?« fiel ihm die Königin in seine beginnende
-Lobrede, »willst du erleben, wie groß meine Macht
-ist, wie mich meine Untertanen ehren?«</p>
-
-<p>Sie wandte sich an eine vorübereilende Gruppe von Bienen
-und rief ihnen zu:</p>
-
-<p>»Heda! Bringt mir das Frühstück!«</p>
-
-<p>Bestürzt sah Max, wie die eiligen Bienen den Kopf
-schüttelten und sich nicht weiter um den Befehl kümmerten.</p>
-
-<p>»Ha, siehst Du, wie gehorsam meine Untertanen sind!
-Und warum? Man erwartet die Geburt einer neuen Königin,
-der ich selbst das Leben gab.«</p>
-
-<p>»Wie!« rief Max, »diese großen Zellen dort im Hintergrunde
-enthalten also Königinnen, die dich stürzen wollen?«
-Die Königin antwortete nicht, sondern sah gespannt nach
-der Richtung, die Max bezeichnet hatte. Mit einem Wutschrei
-stürzte sie unversehens dorthin:</p>
-
-<p>»Ah, da sind sie ja schon, diese neuen Königinnen!« rief
-sie gellend.</p>
-
-<p>Max folgte ihr erschrocken. Aber bei den Königinzellen
-war ein dichter Schwarm von Arbeiterinnen, die ersichtlich<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-Wache standen. Sie hatten die Ankunft der alten Königin
-im voraus erwartet, warfen sich ihr entgegen, trieben sie
-zurück und schrien sie an:</p>
-
-<p>»Hier kommt niemand durch!«</p>
-
-<p>Max war außer sich über eine solche Frechheit. Er hatte
-seit seinem Eintritt ins Bienenhaus so viele Beweise von
-Ergebenheit gesehen, die dieses Volk seiner Herrscherin zollte,
-und konnte darum nicht glauben, daß alles plötzlich anders
-geworden sei und heller Aufruhr herrsche. Nun geschah doch
-das Unbegreifliche; es blieb nicht mehr zu zweifeln: eine
-Umwälzung begann. An diesem Tag waren nur ganz wenig
-Bienen ausgeflogen, die Stadt steckte voll von erregten
-Arbeiterinnen, welche da und dort in Gruppen herumstanden
-und hastig hin und her redeten. Im Vorübergehen hörte
-Max eine Biene, die mitten in einem beifallspendenden
-Schwarm eine Rede hielt:</p>
-
-<p>»Es sind zuviel hier bei uns!« schrie sie, »seit zwei
-Tagen sind fünftausend neue Bürger geboren. Wenn
-wir nicht alle ersticken wollen, müssen wir einen Entschluß
-fassen!«</p>
-
-<p>Max begriff nichts. Aber gewiß handelte es sich um
-große Dinge im Staat. Er suchte daher Süßchen auf,
-um es zu befragen; aber in der wirren Menge konnte
-er sie nicht finden. Er verlangte Auskunft von andern
-Bienen, aber sie antworteten ihm nicht. Sie waren alle
-zu erregt, zu beschäftigt mit eigenen Gedanken, um auf ihn
-zu achten.</p>
-
-<p>Max ging jetzt auf sein Zimmer und blieb dort in schweren
-Gedanken. Hier traf er mit Unwillen Großzang, der, aller
-höheren Interessen bar, die Reste des Muskatellerhonigs
-verzehrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p>
-
-<p>»Unglückseliger!« rief er, »wie kannst du jetzt noch deinem
-unersättlichen Magen dienen, wo draußen das ganze Volk
-in hellem Aufruhr tobt!«</p>
-
-<p>Der Adjutant stand mit offenem Munde vor Staunen
-da. Dann gab er sich einer letzten Versuchung hin und rief:</p>
-
-<p>»Majestät, noch einen Mundvoll, dann komme ich
-sofort!«</p>
-
-<p>Max aber, auf dem Gipfel seines Zornes, ergriff ihn an
-der Gurgel, schüttelte ihn heftig und schrie:</p>
-
-<p>»Wenn du diesen Mundvoll hinunterschluckst, dann sollst
-du mich kennenlernen!«</p>
-
-<p>Er ließ ihn nicht eher los, bis er den schönen Mundvoll
-herausgegeben hatte.</p>
-
-<p>»Was gibt's denn?« stammelte Großzang, sobald er wieder
-Atem bekam. »Sind denn alle verrückt geworden in dieser
-Stadt?«</p>
-
-<p>Die Gärung hatte indessen zugenommen. Jetzt summten
-und brummten alle Bienen, schlugen mit den Flügeln
-und gebärdeten sich so aufgeregt, als ob sie wirklich alle
-den Kopf verloren hätten. Da näherte sich die alte
-Königin. Erhaben und bewundernswert in ihrer Majestät
-sprach sie:</p>
-
-<p>»Mein Volk! Bis jetzt glaube ich meine Pflicht als gemeinsame
-Mutter peinlich genau erfüllt zu haben. Die ungeheure
-Zahl der jungen Bienen beweist es, die ich unter
-euch sehe, lauter Kinder, die seit kurzem geboren sind und
-denen ich das Leben gab.«</p>
-
-<p>»Wahr ist's! Es lebe die Königin!« riefen viele.</p>
-
-<p>»Danke!« erwiderte sie kühl das Haupt neigend. »Ich
-sehe, meine Sendung ist erfüllt; die Nachkommenschaft, die
-ich geschaffen und für die ihr alle gearbeitet habt, braucht<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-Platz. Sie muß ihre eigene Tätigkeit hier beginnen, muß
-ein neues und junges Reich gründen.«</p>
-
-<p>Schon öffnet sich die Zelle einer neuen Königin.</p>
-
-<p>»Es lebe die neue Königin!« riefen andere.</p>
-
-<p>»Sie lebe!« fuhr die alte Königin fort, »und sei glücklich
-in eurer Mitte! Doch ihr wißt, daß in einem geordneten
-Bienenstaat nicht zugleich zwei Königinnen, zwei Mütter,
-leben dürfen. Unverbrüchlichen Gehorsam, zarte Sorge und
-unteilbare Liebe bringt ihr der einen Mutter des Volkes
-entgegen. Nie werden diese Gefühle für zwei bestehen können.
-So bleibe denn die junge Königin hier. Möge sie neue,
-starke und mutige Geschlechter erzeugen! Ich habe meine
-Lebensaufgabe noch nicht ganz erfüllt; viele neue Wesen
-fühle ich noch an meinem Herzen schlagen, viele junge Leben
-haben das meine noch nötig. Ich scheide daher und gehe,
-um ein neues Reich zu gründen, neuen Kindern Mutter zu
-sein. Ich danke der Natur, die mir die Kraft gegeben hat,
-zwei Völker zu gründen und zu beherrschen. Wer mich liebt,
-der folge mir nach!«</p>
-
-<p>Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, ging sie dem
-Ausgang zu.</p>
-
-<p>In der Volksmenge entstand jetzt eine unbeschreibliche
-Verwirrung, ein schreckliches Gedränge. Eine große Anzahl
-von Bienen folgte der alten Königin zum Ausgang. Auf
-ein Zeichen von ihr nahmen sie in raschester Bewegung
-ihren Flug hinaus zum Bienenstock. Mitten aus dieser
-dichten Wolke von summenden Bienen hörten die beiden
-Ameisen eine Stimme rufen:</p>
-
-<p>»Lebe wohl, lieber Max!«</p>
-
-<p>Schnell lief er dem Ausgang zu, wo er Süßchen sah,
-die, ihrer alten Königin treu, dem ausziehenden Schwarm<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-folgte. Die zwei Ameisen kehrten wehmütig in die Stadt
-zurück und waren untröstlich über die Veränderungen. Sie
-wurden noch schmerzlicher bewegt, als sie sahen, daß die
-Erregung im Hause immer noch wuchs. Die zurückgebliebenen
-Bienen zogen in unordentlichen Reihen zu den Königszellen,
-wo immer noch der dichte Bienenschwarm Wache hielt,
-der die alte Königin abgewiesen hatte. Jetzt widerhallte
-im Stock ein Schreien und Rufen:</p>
-
-<p>»Obacht! Hier ist sie schon!«</p>
-
-<p>Eine junge Biene hatte eben die Wachsdecke ihres Geburtszimmerchens
-durchbrochen. An dem längeren Körper sowie
-an den kürzeren Flügeln konnte man gleich sehen, daß es
-ein Weibchen war. Sie schaute rings umher. Als sie neben
-sich die königlichen Zellen bemerkte, geriet sie in so schlechte
-Laune, daß sie sich plötzlich mit gezücktem Stachel wuchtig
-auf die nächste Zelle warf. Sie war schon im Begriffe,
-deren Decke mit ihrem spitzen Degen zu durchbohren
-und schrie:</p>
-
-<p>»Was sollen diese andern? Weg mit ihnen!«</p>
-
-<p>Die stets bereiten Wachen aber verhinderten die rasende
-Biene an einer solchen Freveltat. Schnell wurde sie vom
-Volke umringt, fortgezogen, und nicht nur an den Flügeln,
-sondern auch an den Beinen festgehalten. Unmöglich konnte
-sie daher einen zweiten Versuch erneuern. Vergebens suchte
-sie sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Ermüdet und
-nach überwundenem Zorn einsichtig genug, blieb sie schließlich
-sitzen. Man sah aber, es ging in ihrem Innern
-etwas vor; denn ohne die Flügel auszubreiten, bewegte
-sie diese leise bebend. In dieser Stellung sang
-sie erst ganz leise, dann immer lauter das Morgenlied
-ihres Daseins:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Stunde des Werdens, gegrüßet sei mir!<br /></span>
-<span class="i0">Leben zu geben,<br /></span>
-<span class="i0">Ordnung und Heil,<br /></span>
-<span class="i0">Ward mir das Leben<br /></span>
-<span class="i0">Heute zuteil.<br /></span>
-<span class="i0">Schöpfer des Lebens, wie danke ich dir!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Kommende Völker umschließet mein Schoß,<br /></span>
-<span class="i0">Mächtig entfaltet<br /></span>
-<span class="i0">Sich euer Reich.<br /></span>
-<span class="i0">Einig erhaltet,<br /></span>
-<span class="i0">Kinderlein, euch!<br /></span>
-<span class="i0">Ehret die Mutter, sie machet euch groß.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Alle Bienen hielten still in der Arbeit ein. In Ehrfurcht
-neigten sie das Haupt. Unwiderstehlich erfaßte sie
-das Lied der Mutter und Königin. Alle gelobten Liebe
-und Treue.</p>
-
-<p>Nach einigen Tagen erhob sich die Königin und sprach:</p>
-
-<p>»Ich habe meinen hohen Beruf erfaßt und kenne meine
-Bestimmung. Nun gehe ich hin, sie zu erfüllen. Wer begleitet
-mich zum frohen Hochzeitsfluge?«</p>
-
-<p>Eine Anzahl Bienen summte mit ihr lustig ins Freie.
-Drinnen aber rief man ihnen nach:</p>
-
-<p>»Heil unserer Königin! Sie kehre glücklich und gesegnet
-wieder!«</p>
-
-<p>Max, der dabeistand, hörte noch eben zurückrufen:</p>
-
-<p>»Leb' wohl, Kaiser Butziwackel!«</p>
-
-<p>Es war die Stimme seiner Freundin, die er als Luftschiff
-sich erkoren hatte.</p>
-
-<p>»Ach Gott«, seufzte er traurig, »wie lange wird es jetzt
-wohl dauern, bis ich mein Haus wiedersehe!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap39">39. Max verläßt das Bienenreich.</h2>
-</div>
-
-<p>Max hatte als Kind schon vom Schwärmen der Bienen
-vernommen, aber jetzt erst, wo er selbst als Ameise am
-Insektenleben teilnahm, erfaßte er die Ursache, warum ein
-Bienenschwarm den Mutterstock verläßt.</p>
-
-<p>Die Bevölkerung war durch den jungen Nachwuchs so
-zahlreich geworden, daß sie sich mehr als verdoppelt hatte.
-Der Stock wurde daher zu eng, er konnte die Tausende
-von Insekten nicht mehr fassen. Gesundheitspflege, Reinlichkeit,
-geregelte Arbeit konnten in so beengtem Zusammenleben
-des Volkes nicht mehr bestehen; die gesellschaftliche Ordnung
-wurde in dieser ungeheuren Masse unmöglich; die Verwirrung
-war auf den Gipfel getrieben, die weisen Einrichtungen
-drohten durch Übervölkerung zu entarten. Was tun?
-Man brauchte ein Mittel und zwar ein rasches, um eine
-Verminderung des Volkes zu erreichen; es war nötig, daß
-ein Teil der Bevölkerung aus dem Vaterlande auswanderte,
-damit es nicht als Ganzes zugrunde gehe. Und siehe! Die
-alte Königin, die Mutter des Volkes, die Gründerin des
-Staates, liefert den höchsten Beweis ihrer Hingebung und
-Sorge. Sie geht zuerst. Sie wandert freiwillig aus und
-verläßt alles, was sie geliebt hat. In höchster Aufopferung
-verbannt sie sich vom Vaterland, um es zu retten. Sie
-geht, um irgendwo in der Fremde mit denen, die ihr freien
-Willens folgen, einen neuen Staat zu gründen. Sie gibt
-allen jungen Bienenmüttern das edle Beispiel, wie man
-erziehend auf den Gemeinsinn der Nachkommen wirkt. Alles
-das geschieht, um künftigen Geschlechtern ein gesundes Dasein
-zu sichern! Wenn so Hohes erreicht werden soll, was
-liegt daran, daß viele den Ort verlassen müssen, an dem<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-sie geboren sind? Sie dienen künftigem Leben und erfüllen
-damit die von Gott gegebene Aufgabe.</p>
-
-<p>Max, der auch bisweilen auf einen klugen Gedanken kam,
-fand für das Schwärmen der Bienen einen Vergleich in
-der Geschichte der Menschheit. Da war es zur Zeit der
-Völkerwanderung auch geschehen, daß ganze Stämme wegen
-Übervölkerung neue Wohnsitze suchen mußten.</p>
-
-<p>Die Umwälzungen im Bienenstaate und die neugeschaffenen
-Verhältnisse machten Max nach und nach das Leben bei
-seinen Gastfreunden unbehaglich. Er vermißte die alte
-Königin; seine Freundin Süßchen war fort. Fast alle Bienen,
-die vom Raubzug des Totenkopfes wußten, und bei denen
-Max nebst Großzang aus Dankbarkeit für die Errettung in
-einem gewissen Ansehen standen, hatten sich dem Schwarm
-beim Ausflug angeschlossen. Das Volk war ein anderes geworden,
-es hatte sich verjüngt und erneut, und die Zeit der
-Verwirrung war jetzt beendet. Während dieser hatte keiner
-sich um die beiden Ameisen gekümmert, aber nun passierte
-es manchmal, daß man im Vorbeigehen scheele Blicke sah und
-gehässige Bemerkungen hörte. Es stand sehr zu befürchten, daß
-die Bienen bald eine ganze Flut von Fragen an sie richteten:
-»Wer seid ihr? Was tut ihr da? Mit welchem Rechte lebt
-ihr bei einem Volke, das nicht das eure ist?« Dann quälte
-den armen Kaiser noch ein anderes schweres Bedenken:</p>
-
-<p>»Wenn sie mich für einen Feind halten, kann es geschehen,
-daß sie mich eines schönen Tages einbalsamieren,
-wie sie es mit dem Totenkopf gemacht haben.«</p>
-
-<p>Die Furcht, eine Mumie zu werden, reifte einen großen
-Entschluß.</p>
-
-<p>»Adjutant«, sagte er zu Großzang, »wir müssen uns
-zum Abmarsch vorbereiten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Wir müssen fort, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen,
-daß diese neuen Bürger uns mit Kittwachs einhüllen, um
-zwei Mumien aus uns zu machen.«</p>
-
-<p>Großzang hörte sehr niedergeschlagen zu:</p>
-
-<p>»Muß denn das sein? Es war so angenehm hier!«
-grollte er. »Wer wird uns künftig Honig geben? Wie
-köstlich war das Muskatellergericht! Und den Königinnenbrei
-bekomme ich nirgends wieder!«</p>
-
-<p>»Ich werde dir Honig geben! Ich bereite dir auch ein
-Muskatellergericht!« so drohte ihm erzürnt Max. »Mach',
-daß wir fortkommen von hier!«</p>
-
-<p>Großzang fügte sich mit wehem Herzen. Am Ausgang
-des Bienenstockes standen sie noch ein Weilchen, überschauten
-Abschied nehmend nochmals die gastliche Stätte und sagten
-still ein herzliches Lebewohl.</p>
-
-<p>Hatten sie hier doch soviel Gastfreundschaft genossen, und
-bis jetzt war ihnen nur Gutes widerfahren. Kaum hatten sie
-drei Schritte gemacht, als sie im Hause hinter sich festliches
-Gesumse hörten, das sich dem Ausgang näherte. Es erschien
-eine stattliche Bienenschar, die junge Königin inmitten.
-Singend und tanzend flogen sie vorm Haustor auf und
-nieder. Diese jungen Bienen hielten scharf Umschau und
-prägten sich die Lage ihrer Wohnung und deren Eingang
-genau ein. Dann unternahm die Königin einen Flug um
-den Stock, worauf sie zu den Genossen zurückkehrte. Ein
-zweites und drittes Mal wiederholte sie dies gefällige Spiel,
-bis sie endlich fröhlich ausrief:</p>
-
-<p>»Nun finde ich meinen Weg sicher wieder allein zurück!«</p>
-
-<p>Beifall summend rief die Menge:</p>
-
-<p>»Es lebe die Königin! Es lebe die Braut!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p>
-
-<p>Hoch in die blauen, sonnigen Lüfte ging der Flug. Unter
-freiem Himmel, inmitten des Wohlgeruches aller Blumen
-jubelten die Männchen summend ihr nach. Sie erwählte
-sich einen Bräutigam, mit dem sie sich vermählte. Dieser
-starb gleich nach der Hochzeit draußen auf blumiger Flur.
-Die Königin aber kehrte als fruchtbare Mutter zurück zu
-ihrem Volke und sang ihr Lied:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Kommende Völker umschließet mein Schoß.<br /></span>
-<span class="i0">Mächtig entfaltet<br /></span>
-<span class="i0">Sich euer Reich.<br /></span>
-<span class="i0">Einig erhaltet,<br /></span>
-<span class="i0">Kinderlein, euch!<br /></span>
-<span class="i0">Ehret die Mutter, sie machet euch groß!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap40">40. Eine Fahrt erster Klasse.</h2>
-</div>
-
-<p>Die zwei Ameisen kamen am Fuße des Baumes an, der
-in seinem hohlen Innern das Bienenvolk beherbergte, als
-die Sonne im höchsten Mittagglanze stand. Das von ihren
-Strahlen liebkoste Land leuchtete vor Freude und Behagen
-im goldenen Lichte.</p>
-
-<p>Max sah noch einmal empor zur Höhe, um dem gastlichen
-Bienenstock einen letzten Gruß zuzuwerfen, da bemerkte
-er, daß um ihn und Großzang ein dichter Regen von geflügelten
-Insekten herniederging, wobei ein kläglicher Chor
-von Seufzern ertönte:</p>
-
-<p>»O weh, o weh! Hilfe! Ich sterbe. &ndash; Ich sterbe.«</p>
-
-<p>Am Fuß der Eiche war der Boden bedeckt von dickleibigen
-Bienen mit wahren Glotzaugen.</p>
-
-<p>»Aha, ich merke was!« murmelte Max. »Das sind die
-armen Männchen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-201.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Es waren in der Tat die Drohnen. Die Hochzeit mußte
-beendet sein. Die Arbeitsbienen durchbohrten mit ihrem
-furchtbaren Speer die wehrlosen Männchen und warfen sie
-aus der Stadt hinaus; denn sie wollten darin nur die geschickten
-und fleißigen Arbeiterinnen behalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p>
-
-<p>»Gewissenlose Unterdrücker der Wehrlosen!« rief Max
-empört aus und wendete sich zornig ab.</p>
-
-<p>Wir wollen die Sache mit Ruhe erwägen. &ndash; Dieses
-wilde Gemetzel ist zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung
-der Bienen nötig. Die Männchen, die den Namen
-Drohnen haben, stellten jetzt nichts weiter vor als eine Anzahl
-von Herumstehern, Nichtstuern, Schmarotzern, die von
-den Mühen anderer leben wollen.</p>
-
-<p>Die Arbeiterinnen sind weise genug, die unnützen Faulenzer
-aus ihrem Staate zu verjagen, wo jeder von der Arbeit lebt.</p>
-
-<p>Dieser Auftritt war allerdings nicht geeignet, in den beiden
-Ameisen frohe Gedanken zu erwecken; sie verfolgten ihren
-Weg mit niedergeschlagenen Augen, schwermütig, ohne Ziel,
-ohne Hoffnung in eine unsichere, dunkle Zukunft hinein.
-Max glaubte nicht mehr an eine Möglichkeit, heimzukehren;
-er dachte sich verurteilt, das Leben eines unsteten, ewig
-herumirrenden Insektes zu führen; er wagte nicht mehr zu
-hoffen, daß es ihm in diesem Leben je beschieden sei, als
-Herrscher eines großen Reiches seine ehrgeizigen Träume zu
-verwirklichen.</p>
-
-<p>Großzang war bescheidener, erinnerte sich mit Wehmut
-an die drei täglichen Mahlzeiten, von denen eine süßer geschmeckt
-hatte als die andere. Nun waren die schönen Tage
-vorüber! Von jetzt ab hieß es wieder gegen den Appetit
-ankämpfen, Großzangs wildesten und unüberwindbarsten
-Feind. So wanderten die beiden geraume Zeit, als sie
-über sich in den Zweigen eines weitästigen Baumes lautes
-Gesumme hörten.</p>
-
-<p>Sie blieben stehen und lauschten.</p>
-
-<p>An dem äußersten Zweige eines der untersten Äste hing
-eine Riesentraube von Bienen. Eine klammerte mit den<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-Vorderbeinen fest an der andern, und aus dieser lebenden
-Traube drangen tausend Stimmen, die deutlich die Worte
-summten:</p>
-
-<p>»Jetzt hängen wir lange genug hier. Wir müssen einen
-Ort finden, wo wir uns einrichten, aber in der Nähe! Die
-Königin hat den Leib voll Eier und kann nicht mehr weit
-fliegen. Schnell, dorthin! Nein, lieber dahin!&nbsp;…«</p>
-
-<p>Max brach in einen hellen Freudenschrei aus, denn mitten
-aus dem Gesumme hatte er seine Freundin Süßchen herausgehört.
-Zu gleicher Zeit rief er auch schon Großzang
-warnend zu:</p>
-
-<p>»Obacht! Hier ist der Fuß eines großen Tieres.«</p>
-
-<p>In Wirklichkeit war es eines Mannes Fuß. Aber die
-kleinen Insekten machen keinen wesentlichen Unterschied zwischen
-einem Menschenfuß und dem eines Ochsen; sie wissen
-nur, daß beide mit der nämlichen Gedankenlosigkeit stets
-bereit sind, sie zu zertreten. Max konnte sich gerade noch
-retten und sah vor sich einen Mann mit einer Drahtmaske
-über dem Gesicht. In den Händen hielt er, die Öffnung
-nach oben gerichtet, einen glockenförmigen Strohkorb und
-näherte diesen vorsichtig dem Zweig, von dem die Bienentraube
-herabhing. Max hatte kaum Zeit zu rufen:</p>
-
-<p>»Süßchen, gib acht, er fängt dich!«</p>
-
-<p>Da hatte der Mann dem Zweig schon einen heftigen
-Stoß gegeben, so daß die ganze aneinanderhängende Bienenschar
-in den Korb fiel. Geschwind deckte der Mann den
-Korb mit einem Brettchen zu und ging mit dem Bienenvolke
-freudig grinsend fort. Kurz entschlossen sagte Max
-zu Großzang: »Rasch! Mir nach!« und kletterte auf den
-Stiefel des Mannes, dann stieg er weiter empor und rastete
-erst auf dem Rande des Stiefelrohres.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p>
-
-<p>»Bist du da, Adjutant?« fragte Max besorgt.</p>
-
-<p>»Zu Befehl! Aber wozu diese Kletterpartie?«</p>
-
-<p>»Aus zwei Gründen, lieber Adjutant! Erstens sparen
-wir uns die Mühe, zu Fuß zu wandern, und zweitens lassen
-wir uns sicher und bequem an den Ort tragen, wo unsere
-Freunde ihre neue Stadt bauen werden.«</p>
-
-<p>»Wohin trägt sie denn dieser Mensch?«</p>
-
-<p>»Ich vermute, in einen Bienenkasten, den Menschen gebaut
-haben, um den Honig ernten zu können.«</p>
-
-<p>»Spitzbuben!« schrie Großzang, der die Sache vom Ameisenstandpunkt
-aus betrachtete. »Schämen diese großen, dicken
-Menschen sich denn nicht, von der Arbeit winzig kleiner
-Geschöpfe zu leben? Solche Schmarotzer sollte es nicht
-geben!«</p>
-
-<p>Max schwieg betroffen. Auch war die Reise zu unbequem
-zum Plaudern. So oft der Fuß, auf dem sie saßen, auf
-die Erde stapfte, gab es beiden einen solchen Ruck, daß
-sie sich kaum im Gleichgewicht halten konnten, um nicht
-herunterzupurzeln.</p>
-
-<p>»Wir müssen einen sicherern Platz suchen«, entschied Max.
-»Hier ist scheint's dritter Klasse; wir wollen sehen, ob es
-uns nicht gelingt, in ein Abteil erster Klasse zu gelangen.«</p>
-
-<p>Gefolgt von Großzang hielt er sich an den Hosen
-des Mannes fest, überschritt sodann kühn wie ein Seiltänzer
-ihren unteren Saum, kletterte außen empor bis
-zur Jacke und stieg an dieser hoch, bis er den Rockkragen
-erreicht hatte.</p>
-
-<p>»Hier sitzt man gut«, rief er. »Es ist zwar ein bißchen
-schmierig; für erste Klasse dürfte es sauberer sein. Der
-Mann, der diesen Kragen trägt, hält nicht viel auf Reinlichkeit!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte kaum diese Betrachtung angestellt, als er ganz
-nahe über sich, mitten in einem Walde von roten Haaren,
-ein graues Tier sah, das neugierig auf die beiden Ameisen
-herunterschaute.</p>
-
-<p>»Heda!« bemerkte es mit bissigem Ausdruck, »was wollt
-ihr hier oben? Das ist mein Feld. Wißt ihr, wer ich
-bin?«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, sag' es lieber nicht!« sprach Max
-mit Ekel, »es ist zwar das erste Mal, daß ich dich sehe, allein
-ich erkenne dich nach dem Orte, wo du wohnst!«</p>
-
-<p>»Oje! du brauchst dich nicht so zu zieren«, sagte die
-Sprecherin, streckte ihren Leib aus dem zerrauften roten
-Wald heraus und klammerte sich dabei mit scharfen Krallen
-am Ende eines Haares an; »ich gehöre zu einer Insektenart,
-die geradesoviel gilt wie die deine!«</p>
-
-<p>»Sag's nochmal, so will ich es glauben«, spöttelte Max.</p>
-
-<p>»Jawohl! Was bildest du dir ein? Ich bin eine brave
-Laus, und in meiner Ordnung gibt es berühmte Gesangskünstler,
-die Zikaden, kühne Seefahrer, die auf dem Wasser
-gehen können, wie der Wasserläufer, berühmte Maler, die
-das Geheimnis einer herrlichen Farbenbereitung besitzen, die
-Kochenille; auch schimmernde Sterne gibt es bei uns, die
-Licht verbreiten &ndash; die Laternenträger!«</p>
-
-<p>»Kann sein«, erwiderte Max unwirsch; »ich kann mir
-denken, wie diese guten Leute sich schämen, mit dir verwandt
-zu sein!«</p>
-
-<p>»Oho! Ihr Ameisen schämt euch aber nicht, soviel ich
-weiß, meine Verwandten, die Blattläuse auszusaugen, die
-ihrerseits den Pflanzen den gleichen Dienst erweisen wie
-wir den Menschen.«</p>
-
-<p>»Saubere Dienste!« höhnte Max.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span></p>
-
-<p>»Sauber oder nicht! Ich sage dir nur, wenn du noch
-weiter da heraufspazierst, rufe ich meine sämtlichen Kinder
-herbei, dann kannst du etwas erleben.«</p>
-
-<p>»Ha, ha, Kinder hast du auch?«</p>
-
-<p>»Das wollte ich meinen«, sagte das graue Weiblein stolz;
-»ich kann fünfzig Eier legen in einem Tage.«</p>
-
-<p>»Glückauf! Möchten sie alle fünfzig noch jung geknickt
-werden!«</p>
-
-<p>Max wandte sich gern ab, lief vom Kragen eilfertig über
-die linke Schulter des Mannes herab und versteckte sich tief
-in einer Ärmelfalte, nur um das greuliche Tier nicht länger
-zu sehen.</p>
-
-<p>»Eine merkwürdige Sache«, bemerkte Großzang, der Max
-auf Schritt und Tritt nachlief, »dieser Mensch raubt den
-Bienen ihren Honig, und das Insekt da droben saugt dem
-Menschen das Blut aus.«</p>
-
-<p>»Na, an Steuern und Abgaben kommt keiner vorbei«,
-schloß Max die für Großzang merkwürdig kluge Beobachtung.
-»Aber es muß einer schon ein arg schmutziger Kerl sein, wenn
-er den Läusen freiwillig einen Blutzoll entrichtet!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap41">41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher.</h2>
-</div>
-
-<p>Schon geraume Weile reisten Max und sein Adjutant
-auf dem Ärmel, als der Mann anhielt. Max sah zwischen
-den Bäumen künstliche Bienenwohnungen und erkannte, daß
-er sich im Besitztum des Bienenzüchters befand, der mit
-seinem Vater wohl bekannt war, und der ungefähr tausend
-Schritte von seinem Haus entfernt wohnte: für ein Kind
-eine kleine Entfernung, aber ein ungeheurer Weg für Ameisenbeinchen!
-Der Mann, auf dem Max reiste, beugte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-nieder und stülpte mit rascher Bewegung die Strohglocke
-über ein zu ihr passendes, walzenförmiges Unterteil. Jetzt
-war die neue Familie in einem kuppelförmigen Bienenhäuschen
-untergebracht, in dem sie sich sehr wohl befand,
-denn die fleißigen Arbeitsbienen machten sich sogleich an
-ihre Geschäfte. Max gab Großzang ein Zeichen und rief:</p>
-
-<p>»Schleunig absteigen!«</p>
-
-<p>Zunächst liefen die beiden am Ärmel empor, gegen die
-Schulter hin, um dann über den Rücken der Joppe den
-Abstieg zu nehmen. Der Mann hatte sich inzwischen die
-Drahtmaske abgenommen und beguckte sorgfältig seine Bienenvölker.
-Eines davon schien verdächtig unruhig. Er mußte,
-um nachzusehen, was da vorgehe, den Deckel heben. Die
-Bienen waren schlecht gelaunt und sehr erregt. So stürzte
-im Nu ein wütendes Heer aus dem Stocke auf den Mann
-los und hüllte ihn wie eine Wolke ein, brummend und
-summend sein Gesicht bedrohend. Schnell lief er davon;
-doch die zornigen Bienen verfolgten ihn und zerstachen ihm
-jämmerlich Gesicht und Hände. Endlich ließen sie von dem
-Gepeinigten ab, der sich fluchend an einem Grabenrand
-niederließ, den Kittel auszog und sich mit ihm das schmerzhaft
-anschwellende Gesicht rieb. Dann legte er das Kleidungsstück
-neben sich ins Gras.</p>
-
-<p>Das war alles so schnell vor sich gegangen, daß die beiden
-Reisenden todsicher auf unbekanntes Gebiet gestürzt wären,
-hätten sie nicht das unglaubliche Glück gehabt, in die Rocktasche
-zu fallen. Freilich war es trotzdem ein zweifelhaftes
-Vergnügen, denn Max und sein Adjutant befanden sich jetzt
-mitten in einem Gekrümmel von Tabakresten und Zigarrenstummeln.
-Um dem greulichen Gestank zu entgehen, blieb
-nichts anderes übrig, als in die Tabakpfeife zu flüchten,<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-wo es durchaus nicht besser roch. Als der Kittel bewegungslos
-lag, sagte Max:</p>
-
-<p>»Nur geschwind heraus! Wir ersticken hier!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-208.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Nicht ohne Mühe fanden sie den Ausgang und liefen im
-Eiltrab davon, dem Graben entlang, an dessen Rand der
-Verletzte jammernd die Bienenstachel sich aus den Händen
-entfernte. Der arme, gehetzte Kaiser rannte mit seinem
-Adjutanten so schnell, als gelte es einen Wettlauf an ein
-bestimmtes Ziel. Es war aber die innere Unruhe über die
-Ungewißheit seiner Lage, die ihn so dahinjagte. Die Hoffnung,
-bei den befreundeten Bienen wieder anzukommen, war
-vernichtet. Vielleicht war er ihnen nahe, wer weiß es?
-Aber die Reise in der finstern Tasche und die Kreuz- und
-Quersprünge des zerstochenen Bienenvaters waren schuld,
-daß sie beide aus dem verlässigen Ortssinn der Insekten
-keinen Nutzen ziehen konnten. Sie rannten also aufs Geratewohl
-vorwärts, und Max hätte gern sein Kaiserreich,<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-das er nicht besaß, hingegeben für ein sicheres Nachtquartier.
-Großzang hätte für einen Imbiß der bescheidensten Art
-seinen Grafentitel geopfert.</p>
-
-<p>Die zwei Wanderer waren bereits ein gut Stück Weges
-dahingezogen, als Großzang, seinen Kaiser betrachtend, plötzlich
-erschrocken ausrief:</p>
-
-<p>»Majestät! Die Krone!«</p>
-
-<p>Max betastete eilig sein Haupt. Die Krone, die kaiserliche
-Krone, sie war nicht mehr da! &ndash; Ach Gott! die lag
-in der Joppentasche, bei den Stummeln und der Tabakspfeife,
-als klägliches Beispiel, wie man aus den höchsten
-Ehren dieser Welt jäh in den Staub stürzen könne. Das
-war für unsern Helden ein harter Schlag! Er blieb erst
-stumm stehen, dann übermannte ihn der Schmerz; er fiel
-zur Erde und brach in Wehklagen aus:</p>
-
-<p>»Teuerster Adjutant! Es ist unnütz, noch weiter zu gehen.
-Wohin? Wozu? Es ist gescheiter, wir erwarten hier den
-Tod &ndash; alle beide.« Ohne auf Großzang zu hören, der
-ihn trösten wollte, murmelte er:</p>
-
-<p>»O Mutter, meine liebe, gute Mutter!«</p>
-
-<p>Der Gedanke an die Mutter hatte ihn noch jedesmal gestärkt,
-so auch diesmal. Als er den Blick erhob, bemerkte er
-ein schönes Insekt, das auf ihn zuflog. Dies Insekt kannte
-er. Es erinnerte ihn an sein teures Haus, seine liebe Familie.
-War es doch auch in jenem Haus geboren wie er selbst.</p>
-
-<p>»Frau Holzwespe!« rief Max ihm zu.</p>
-
-<p>»Ei«, sprach die Holzwespe erfreut, »bist du es denn wirklich,
-lieber Freund?«</p>
-
-<p>Es war richtig jener stahlblau leuchtende Hautflüger, der
-damals als Larve für sich und Max den Weg durch den
-metallenen Türbeschlag gebohrt hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, ich bin es! O liebe Holzwespe, wenn du wüßtest,
-welcher Trost, welche Freude es für mich ist, dich zu sehen!«</p>
-
-<p>»Für mich keine geringere!« sagte das Insekt artig und
-setzte sich neben die zwei Ameisen. »Niemals vergesse ich
-dir den Dienst, den du mir erwiesen hast! Du hast mich
-aus der Gefahr gerettet, von jener Menschenfrau zerdrückt
-zu werden! &ndash; Aber wie kommst du denn hierher?«</p>
-
-<p>»Ach, das Unglück hat mich so verfolgt, daß ich nicht
-mehr weiß, wo ich mein müdes Haupt hinlegen soll!«</p>
-
-<p>»O du Ärmster!«</p>
-
-<p>Die Holzwespe dachte ein wenig nach, dann sagte sie:</p>
-
-<p>»Warte! Vielleicht kann ich dir eine Wohnung verraten,
-wo du, wenn mich nicht alles täuscht, gut aufgehoben wärst. &ndash;
-Siehst du die Eiche dort?«</p>
-
-<p>»Jawohl, ich sehe sie!«</p>
-
-<p>»Also gut! Als ich vorhin auf ihren Zweigen saß, hörte
-ich in ihrem Innern ein schwaches Geräusch, wie wenn
-jemand drinnen Holz zersägte. Du weißt, in solchen Dingen
-habe ich ein wenig Erfahrung. Irre ich nicht, so handelt
-es sich um ein Insekt, das seine letzte Verwandlung erreicht
-hat und jetzt versucht, herauszukommen. Willst du, daß
-wir zusammen die Wohnung besichtigen?«</p>
-
-<p>»Ja, natürlich!« willigte Max freudig ein.</p>
-
-<p>So gingen sie zusammen zur Eiche, und nachdem Max
-der Holzwespe seinen Adjutanten vorgestellt hatte, sprach er
-zu ihm:</p>
-
-<p>»Teurer Adjutant, dieser zarte Freund beißt sogar Eisen
-durch; ich habe es selbst gesehen!«</p>
-
-<p>Jedoch Großzang war nicht einmal so arg verwundert
-darüber, wie es Max erwartet hatte. Er hatte selbst so
-sehr Hunger, um in ein Eisen zu beißen, und sagte kühl:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p>
-
-<p>»Ich glaub's gern!«</p>
-
-<p>Die Holzwespe stieg an der Eiche empor, gefolgt
-von den beiden Ameisen. An einer gewissen Stelle hielt
-sie inne:</p>
-
-<p>»Hört ihr's!« fragte sie hinhorchend.</p>
-
-<p>Man vernahm ein ganz leises Geräusch aus dem Innern
-des Baumes.</p>
-
-<p>»Wir müssen etwas warten«, sagte sie weiter, »aber es
-dauert sicher nicht mehr lange. Der Freund da drinnen
-arbeitet wie rasend.«</p>
-
-<p>Richtig, gleich darauf, unmittelbar vor Max, öffnete
-sich ein winziges Löchlein, und es erschien ein drollig
-lebhaftes Köpfchen, das sich nach allen Seiten hin bewegte
-und zugleich große Freude und großes Staunen
-ausdrückte.</p>
-
-<p>Man hörte ein süßes, feines Gesumse, das lautete:</p>
-
-<p>»Endlich atme ich dich, du gesegnete Luft!«</p>
-
-<p>Aus dem Löchlein kamen jetzt zwei reizende Pfötchen
-hervor, die sich fest am Rande anklammerten, und nach und
-nach erschien ein prächtiges Insekt mit Flügeln und einer
-herrlich metallisch violetten Färbung.</p>
-
-<p>»Eine Biene!« rief Max, der eine Flut von Fragen in
-Bereitschaft hatte. Doch das Insekt breitete mit Wonne
-die Flügel aus, streckte und putzte die Beinchen, wiegte den
-Kopf hin und her, machte sodann eine artige Verbeugung,
-flog fort und rief:</p>
-
-<p>»Wie wunderschön ist das Leben!«</p>
-
-<p>»Sie hat recht«, sagte die Holzwespe zu Max, der über
-diese rasche Flucht ein wenig beleidigt dastand; »glaube
-mir, Lieber, für ein Geschöpf, das so lange im Finstern
-eingeschlossen war, das als Larve nur in einer einzigen<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-Hoffnung lebte, für den einzigen Zweck arbeitete, endlich als
-vollkommenes Insekt an das Licht zu kommen, ist dieser
-Augenblick, wenn er endlich da ist, zu wichtig, als daß man
-sich mit neugierigen Leuten ins Plaudern einließe. Ich kann
-das sagen, ich habe es selbst erlebt.«</p>
-
-<p>»Ich kann es begreifen«, sagte Max beschwichtigt.</p>
-
-<p>Aber die Gleichgültigkeit Großzangs der erstaunlichen
-Nagekunst seiner Wespenfreundin gegenüber, konnte er noch
-nicht verwinden. Es drängte ihn daher, seinem stumpfsinnigen
-Adjutanten den Vorgang näher zu beschreiben:</p>
-
-<p>»Verstehst du denn auch, diese Dame hat Eisen, richtiges
-Eisen zernagt, um aus ihrem Gefängnis auszubrechen!«</p>
-
-<p>»Ach ja«, sagte Großzang gelangweilt. »Meinst du denn,
-ich sei taub? Übrigens, um ein solches Meisterstück auszuführen,
-kommt es nur auf den Zustand an, in dem sich
-einer gerade befindet!«</p>
-
-<p>»Wie meinst du das?«</p>
-
-<p>»Nun, ich zum Beispiel, ich würde gegenwärtig Eisen
-nicht nur zernagen, sondern sogar aufessen.«</p>
-
-<p>Max betrachtete ihn kopfschüttelnd und hätte ihm gern
-einiges erwidert, wenn nicht im selben Augenblicke aus dem
-Löchlein ein zweites Köpfchen hervorgeschaut hätte, dem
-ersten gleich in jeder Hinsicht.</p>
-
-<p>Mit süßem Gesumme sprach das Bienchen:</p>
-
-<p>»Gelobtes Land, endlich sehe ich dich!«</p>
-
-<p>Und wie seine Schwester breitete es die Flügel aus,
-machte eine Verneigung und flog davon, ohne daß Max
-nur ein Wort mit ihm hätte sprechen können. Da verlor
-er die Geduld und sagte entschlossen:</p>
-
-<p>»So, nun ist die Reihe an mir; ich trete jetzt in das
-Haus ein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<p>Wie bestürzt blieb er aber stehen, als er drinnen immer
-noch wütend bohren und sägen hörte! Nicht lange, so erschien
-abermals ein zartes Köpfchen und rief:</p>
-
-<p>»Endlich!«</p>
-
-<p>»Endlich möchte ich doch auch wissen«, unterbrach sofort
-unwillig Max die begonnene frohe Rede, und griff fest zu.
-»Jetzt habe ich satt mit der unanständigen Eile. Endlich!
-Wer bist du? Wie heißt du? Woher kommst du? Was
-willst du tun? Wohin gehst du? Ich sage dir, wenn du
-mir nicht Rede stehst, so lasse ich dich nicht fliegen, und du
-kannst zusehen, wie du deine Geschäfte ohne Kopf besorgst!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap42">42. Großzang findet beinahe den Hungertod.</h2>
-</div>
-
-<p>Bei der Drohung, den Kopf zu verlieren, erschrak das
-arme Geschöpf dermaßen, daß es kein Wort herausbrachte.
-Max bereute schnell seine grobe Heftigkeit und sagte lächelnd:</p>
-
-<p>»Sei doch nicht so! Es war nur Scherz. Ich tue dir
-gewiß nichts.«</p>
-
-<p>»Danke!« sprach gerührt die Biene. »Es wäre gräßlich,
-wenn man sterben müßte, wo man eben zu leben anfängt.«</p>
-
-<p>»Fürchte dich nicht! Ich bin ein großer Bienenfreund,
-und du bist doch eine Biene, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Ja, ich bin eine Holzbiene.«</p>
-
-<p>»Eine Holzbiene? &ndash; Du arbeitest also wie ein Schreiner?
-Ich hätte dich eher für einen Tapezier gehalten.«</p>
-
-<p>Max glaubte, eine gute Bemerkung zu machen, und war
-daher enttäuscht über den ernsten Ton, mit dem die Holzbiene
-erklärte:</p>
-
-<p>»Die Tapezierbienen bauen ihr Nest etwas anders.«</p>
-
-<p>»Was? Es gibt wirklich solche?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>»Natürlich; wie es Maurerbienen, Wollbienen und Erdbienen
-unter uns gibt.«</p>
-
-<p>Die Holzbiene gab jetzt ihre Ungeduld zu erkennen. Max
-bemerkte es und sagte:</p>
-
-<p>»Ich sehe, du hast es eilig, und ich halte dich mit meinem
-Geplauder auf. Sage mir nur noch schnell: Ist dies hier
-dein Haus?«</p>
-
-<p>»Es war bis jetzt mein Haus«, erwiderte die Biene, »aber
-von heute an habe ich ein größeres, schöneres, helleres,
-meine Wohnung ist jetzt die weite Welt!«</p>
-
-<p>»Dann bleibt dies Haus leer, und man braucht keine
-Miete zu bezahlen, wenn man hier wohnen will?«</p>
-
-<p>»Nein, aber es sind noch meine zwei Schwestern in ihren
-Zimmern da drinnen. Sie arbeiten schon an ihrer Türe.
-Hörst du sie?«</p>
-
-<p>Man vernahm in der Tat jetzt wieder das bekannte
-Geräusch, als ob jemand immerzu Holz sägte.</p>
-
-<p>»Unser Haus ist von meiner Mutter erbaut worden, so
-wie ich eines für meine Kinder machen will. Darum kann
-ich dir sagen, wie es gemacht wird. Man gräbt einen
-schönen Gang in einen Baumstamm, am Ende desselben
-legt man einen Brei aus Honig und Blütenstaub hinein.«</p>
-
-<p>Da schrie Großzang gierig dazwischen:</p>
-
-<p>»Laß mich sehen, wie du den Teig bereitest!«</p>
-
-<p>»Seinerzeit werde ich ihn schon machen«, fuhr die Biene
-fort, »ich sammle ihn von Früchten und Blumen. In die
-Mitte des Teiges legen wir das Ei, dann schließen wir
-das Zimmer mit einem Mäuerlein aus Sägemehl zu,
-das wir mit Speichel anrühren. Auf diese Mauer legen
-wir einen zweiten Brei mit einem andern Ei, schließen
-auf gleiche Weise auch dies Zimmer, und so immerfort,<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-solang der ganze Gang ist, den wir zuletzt ebenso verschließen.«</p>
-
-<p>»Und dann?«</p>
-
-<p>»Dann finden die Larven, die sich aus dem Ei entwickeln,
-ihren Tisch gedeckt.«</p>
-
-<p>»Diese Glücklichen!« murmelte Großzang.</p>
-
-<p>»Die Larven wachsen und füllen mit ihrem Körper zuletzt
-die ganze Zelle aus. Sie verwandeln sich in Puppen, und
-endlich, wenn die Zeit vollendet ist, werden sie vollkommene
-Insekten, wie ich jetzt eines bin &ndash; und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und?«</p>
-
-<p>Im Baume hörte man eine Stimme rufen:</p>
-
-<p>»He, Schwesterchen! Was machst du denn? Willst du,
-daß ich hier im Dunkeln bleibe?«</p>
-
-<p>Die Biene unterbrach deshalb ihre Rede, und mit rascher
-Bewegung schlüpfte sie vollends aus dem Löchlein; sofort
-erschien hinter ihr ein neuer Kopf. Zuletzt kam auch noch
-die andere heraus, und alle drei machten eine artige Verbeugung
-und riefen froh:</p>
-
-<p>»Es lebe die Sonne!«</p>
-
-<p>Und weg flogen sie.</p>
-
-<p>»Jetzt nehmen wir Besitz vom Hause«, sprach Max.</p>
-
-<p>Gefolgt von Großzang schlüpfte er ins Haus hinein,
-während die Holzwespe ihm nachrief:</p>
-
-<p>»Ich bin zu groß, um hineinzukommen, ich erwarte dich
-hier außen.«</p>
-
-<p>Nun war ja der Gang einer Holzbiene gerade nicht dazu
-angetan, einem Kaiser wie Max zur Residenz zu dienen,
-aber es war doch wenigstens für ihn ein bequemes Unterkommen;
-fünf saubere und nette Zimmerchen standen ihm
-zur Verfügung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span></p>
-
-<p>Durch die Wand, die jede der fünf Holzbienenschwestern
-hatte durchnagen müssen, um aus ihrer verschlossenen
-Zelle zu kommen, konnte man jetzt herrlich aus- und eingehen.</p>
-
-<p>Jede dieser Holzbienen hatte die Sägemehlmauer durchbohrt,
-die ihre Zimmerdecke gewesen war. Die erste von
-ihnen hatte den Ausgang aus dem Baumstamm gebohrt,
-die zweite öffnete die Türe, die sie in das bereits leere
-Kämmerchen führte, und so fort bis zur letzten, die den Ausgang
-durch die Kammern aller Schwestern fand.</p>
-
-<p>»Das sind einmal gescheite Insekten! Alle Anerkennung!«
-rief Max, »die stehen ja sogar uns Ameisen nicht nach.
-Das will was heißen. Denn man darf nicht vergessen,
-daß unter uns sehr geschickte Holzarbeiter sind, die kunstvolle
-Wohnungen in die Baumstämme graben, teurer Großzang!«</p>
-
-<p>Dieser aber hörte wieder einmal recht zerstreut zu und
-durchsuchte dafür um so angelegentlicher alle Zimmer bis
-ins hinterste. Wißt ihr, nach was? Unzufrieden brummte er:</p>
-
-<p>»Alles aufgegessen!«</p>
-
-<p>»Was suchst du nur?« fragte Max.</p>
-
-<p>»Ach, nichts! Ich schaute nur, ob nicht irgendwo noch
-eine Spur von dem Honigbrei zurückgeblieben sei. Aber
-nicht eine Spur. Diese verwünschten Bienen haben alles
-aufgeräumt, ohne zu bedenken, daß eines schönen Tages
-dieses Haus von einem kaiserlichen Hof bewohnt werde, der
-die glänzendsten Aussichten für die Zukunft und den riesigsten
-Appetit in der Gegenwart hat!«</p>
-
-<p>Wie er aber merkte, daß Max ihm wieder tüchtig den
-Kopf waschen wollte, kauerte er sich in eine Zimmerecke
-und rief in hoffnungslosem Tone:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist unnütz, mir Vorwürfe zu machen. Wenn ich
-Hunger habe, hört meine Vernunft auf. Augenblicklich ist er
-so groß, daß ich fürchte, vor dir den Respekt zu verlieren.
-Ich will mich nun nicht mehr rühren und erwarte hier den
-Tod. Kommt er, so will ich ihn mit dem Ruf begrüßen:</p>
-
-<p>›Es lebe Kaiser Max Butziwackel der Erste!‹«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten legte sich sofort des Kaisers Zorn.
-Er war bewegt durch so viel selbstlose Zuneigung und so
-todesmutige Ergebenheit für seine Person. Er begriff um
-so besser die Größe des Opfers, das sein Adjutant für ihn
-brachte, als er selber mächtig Appetit verspürte.</p>
-
-<p>Darum stieg er langsam zum Eingang hinaus und sagte
-zur Holzwespe, die auf ihn gewartet hatte:</p>
-
-<p>»Liebe Freundin, ich finde keine Worte, um dir für das
-schöne Haus zu danken, das du mir verschafft hast.«</p>
-
-<p>»Was fällt dir ein!« antwortete diese. »Ich bleibe doch
-stets deine Schuldnerin; wenn du noch etwas brauchen
-solltest, sage es ohne Umstände.«</p>
-
-<p>»Für jetzt vielen Dank«, sprach Max, »jedoch hoffe ich,
-daß du mich oft besuchst und wir uns dann stets gut zusammen
-unterhalten.«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten reichte er ihr zum Abschied sein rechtes
-Vorderbeinchen und begann den Abstieg am Eichenstamm.
-Die Wespe flog davon. Als unser Held am Erdboden angelangt
-war, lief er hierhin und dorthin, um etwas Eßbares
-zu suchen. Schon nach kurzer Zeit stieß er auf eine geplatzte,
-reife Pflaume, deren zuckersüßes Fleisch in der
-Sonne so appetitlich glänzte, daß ihm das Wasser im Munde
-zusammenlief.</p>
-
-<p>Aber Max, dies Lob muß man ihm lassen, dachte nicht
-daran, zu verkosten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>Er nahm eine tüchtige Portion, drehte daraus ein Kügelchen,
-belud sich damit, lief seine Straße zurück, die Eiche hinan
-und trug es in das allerletzte Zimmer, wo Großzang immer
-noch kauerte und nicht einmal mehr die Kraft hatte, zu
-gähnen!</p>
-
-<p>»Frischen Mut!« rief er ihm zu und legte die Gottesgabe
-neben ihn. »Der kaiserliche Hof ist noch imstande,
-dich mit Götterspeise zu nähren!«</p>
-
-<p>Bei dem Wort Götterspeise hüpfte der Adjutant hoch
-auf, warf sich über die süße Pille her und aß mit einer
-solchen Gier, daß er gar nicht daran dachte, »Danke« zu
-sagen. Max stieg gleich wieder hinab zur Pflaume, sättigte
-sich dort und sprach dazu für sich:</p>
-
-<p>»Das hatte ich wahrhaftig selber nötig!«</p>
-
-<p>Als er mit seiner Mahlzeit zu Ende war, drehte er eine
-zweite Kugel und wollte sie eben heimtragen, als er Großzang
-eilends daherkommen sah.</p>
-
-<p>»Warte!« sagte der Adjutant, »ich nehme noch einen
-Bissen, und dann trage auch ich eine Kugel heim.« Nachdem
-er tüchtig gegessen hatte, sprach er mit leuchtenden Augen:</p>
-
-<p>»So, nun kannst du mich bis ans Ende der Welt befehlen,
-und ich werde dir folgen.«</p>
-
-<p>Dabei fertigte er eine große Pille vom Pflaumenfleisch
-und folgte Max. Auf solche Weise machten die beiden noch
-manchen Gang. Kaiser Butziwackel überzeugte sich dabei,
-daß es in der Welt für alle genug zu essen gibt, aber
-man muß fleißig suchen und es sich verdienen. Nur im
-Schlaraffenland fliegen den Faulenzern die gebratenen Tauben
-in den Mund. Als der Tag zu Ende ging, waren alle
-Zimmer voll Kügelchen, und von der geplatzten Pflaume
-lag nur noch der ungenießbare Kern auf der Erde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap43">43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena.</h2>
-</div>
-
-<p>Nach allen Wechselfällen des Schicksals führte unser entthronter
-Kaiser jetzt ein ruhiges Dasein in der Verbannung.
-Er war zufrieden mit seiner einfachen Wohnung und lebte
-in Eintracht mit seinem Adjutanten. Die einzig drückende
-Sorge blieb nur die Beschaffung der Lebensmittel; doch
-auch hier fand sich eine Lösung. An den Wurzeln der Eiche
-stand ein Rosenstock. Auf seinen grünen Zweigen lebte eine
-zahlreiche Herde von Blattläusen, die sich willig melken ließen.
-Nun bestand für die beiden Ameisen keine Gefahr mehr, dem
-Hungertode zu verfallen.</p>
-
-<p>Oft dachte Max über seine Erlebnisse im Ameisendasein
-nach. Er verglich seinen Aufstieg zum General und Kaiser
-mit dem Geschick Napoleons I. und nannte seine Wohnung
-im Stamme des Eichbaumes St. Helena. Lebte nicht auch
-Butziwackel I., der Ameisenkaiser, fern von seinem Volke
-einsam in der Verbannung? Auf seinen häufigen Spaziergängen
-hatte er überdies Gelegenheit, mit einigen Bienen
-bekannt zu werden, die ihm zufällig begegneten und von
-denen ihm schon die Holzwespe erzählt hatte. Auch von
-dieser erhielt er öfter Besuch, und er unterhielt sich gerne
-mit ihr auf dem Eichstamme. Sodann schloß er sich freundschaftlich
-an einige Erdbienen an, geschickte Bergleute, die
-im Sandboden ihre Gänge gruben. Sehr nette Bekannte
-hatte er an den Wollbienen und mit einigen Blattschneiderbienen
-hatte er sogar geschäftliche Beziehungen angeknüpft.</p>
-
-<p>Diese bauen ihr Nest in Baumlöcher und fertigen hier
-fingerhutförmige, aneinandergereihte Zellen, welche sie aus
-den Blättern des Rosenstrauches und der Weißbuche und
-den Blüten des wilden Mohns kunstvoll zusammensetzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-Sie verstehen es, die Blätter so geschickt mit ihren Kieferzangen
-auszuschneiden, als ob sie mit einer Schere arbeiteten.
-Weil sie ihr Nest so hübsch auslegen, nennt man die Tierchen
-auch Tapezierbienen. Eine Art lernte er davon kennen, die
-grub ihr Nest in die Erde. Es bestand aus einer einzigen
-Zelle und war mit lauter Blumenblättern ausgefüttert und
-belegt. Den erweiterten Bekanntenkreis benützte Max,
-mit Hilfe dieser Freunde sein St. Helena nach und nach
-besser auszustatten. Von den Blattschneiderbienen hatte er
-sich eines seiner Zimmer mit Rosenblättern belegen lassen.
-Wie russisches Leder sahen diese Tapeten aus, nachdem die
-Blätter ausgetrocknet waren. Sein Schlafzimmer ließ er
-sich von einer andern Tapezierbiene mit wohlriechenden
-Blumenblättern belegen und bei den Wollbienen hatte er
-sich ein weiches Bett bestellt. Darin träumte er von seiner
-großen Vergangenheit.</p>
-
-<p>Zu seiner Ehre aber muß man sagen, daß er über aller
-Bequemlichkeit das Notwendige nicht vergaß. Er fertigte
-selbst eine Haustüre, damit kein Unbefugter und keine gefährlichen
-Gäste eindringen könnten. Es gelang ihm mit
-unerhörter Anstrengung und mit Hilfe seines Adjutanten,
-einen harten Gurkenkern an den Eichenstamm und bis hinauf
-zu seinem Haus zu schleppen. Diesen brachte er auf eine
-geistvolle Weise als Drehtüre am Hauseingang an. War
-die Türe offen, so stand der Kern mit seiner Breitseite halb
-außen, halb innen am Eingang, der diesen somit in zwei
-Hälften schied, eine als Eingang für den Kaiser, die andere
-für Lieferanten und die Dienerschaft. Was fehlte jetzt noch
-zu einem standesgemäßen Herrschaftshaus? Wollte man
-die Türe schließen, so drehte man einfach den Kern nach
-links oder rechts, und beide Eingänge waren dann zugleich<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-abgeschlossen. Diese Art des Verschlusses wurde von allen
-seinen befreundeten Insekten unendlich bewundert, und die
-Holzwespe verbreitete überall Maxens Ruf als eines unerreichten
-Künstlers.</p>
-
-<p>Als sie dies ihm einmal selbst sagte, erwiderte Max, der
-gerade Arm in Arm mit ihr spazieren ging:</p>
-
-<p>»Ich weiß es wohl!«</p>
-
-<p>Die allgemeine Anerkennung hatte aber wieder alle
-schlummernden Gedanken an Ehre und Ruhm aufgerüttelt.
-So erzählte er seiner vertrauten Freundin von seinen Kriegstaten
-im Ameisenreich und sprach ihr von seinen Plänen,
-die darauf hinausgingen, eine gesellschaftliche Neuordnung
-bei den Insekten durchzuführen, die dem Geiste der Zeit
-besser entspräche. Die Holzwespe trug in einem starken
-Körper einen kleinen Geist und war deshalb sofort besiegt
-von des Kaisers warmer Beredsamkeit, die einem Volksredner
-alle Ehre gemacht hätte. Entzückt rief sie daher am
-Schlusse seiner Ausführung aus:</p>
-
-<p>»O, einem Kopfe wie dem deinen muß das alles zum
-Wohle der Völker sicher gelingen!«</p>
-
-<p>»Ich erwähle dich«, sagte Max erkenntlich für dies Lob,
-»von heute an zur Herzogin von St. Helena.«</p>
-
-<p>In der folgenden Zeit saßen der Kaiser Butziwackel I.,
-die Herzogin von St. Helena und der Graf aller Hautflügler
-nur noch zusammen, um Luftschlösser zu bauen. Alle
-Tage wurden diese größer, und sämtliche Beratungen endeten
-gewöhnlich mit rauschendem Beifall für die Pläne unseres
-Volksfreundes.</p>
-
-<p>Und noch etwas! &ndash; Aber soll ich es sagen? Seit Max
-die Holzwespe wieder gefunden hatte, war er öfter daran,
-sie um Auskunft über die Lage seines Landhauses zu fragen,<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-um so näher lag was, als die Holzwespe dort geboren war
-und genügend starke Flügel hatte, um es aufzusuchen. Aber
-wie merkwürdig! &ndash; Er fragte sie nie! Wißt ihr warum?</p>
-
-<p>Kaiser Butziwackel I. fühlte sich behaglich in seiner Verbannung,
-es fehlte ihm nicht am täglichen Brot, sein Adjutant
-bediente ihn vortrefflich, seine Freunde alle bewunderten
-ihn. Über diesem guten Leben hatte Max die Heimat vergessen!</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-222.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Wie sollte das weitergehen? Kaiser Butziwackel war auf
-dem besten Wege, im Insektenreiche ein unnützer, gedankenloser
-Faulenzer zu werden. Eines Morgens saß er rittlings
-auf dem Gurkenkern, seinem Schloßportal, schaute vergnüglich
-in die weite Welt und ließ sich von den warmen Sonnenstrahlen
-bescheinen. Da kam plötzlich ein scharfer Sturmwind,
-rüttelte und schüttelte die Eiche, daß sie in allen Fasern
-ächzte und ihre Äste krachend durcheinanderschlug. Die Haustüre
-fiel aus ihrem Gefüge und stürzte mitsamt dem Kaiser<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-kopfüber in die Tiefe. Wäre Max auf einen harten Stein gefallen,
-so hätte er sterben müssen. Glücklicherweise aber wuchs
-unter dem Baume weiches Moos. Max hatte schon im Stürzen
-vor Schrecken die Besinnung verloren. So lag er jetzt im
-tiefen Schlaf der Ohnmacht im grünen Moos eingebettet.</p>
-
-<p>Da trat mit leisen Schritten aus den Büschen das alte
-Männlein mit dem langschleppenden Rock und der großen
-Brille. Das blieb lächelnd vor Max stehen, griff nach der
-Riesendose in den tiefen Rocktaschen, nahm behäbig eine
-Prise, nieste und sprach:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Fauler Bub'! &ndash; Ameislein<br /></span>
-<span class="i0">Hast einmal müssen sein!<br /></span>
-<span class="i0">Sahest im fremden Land,<br /></span>
-<span class="i0">Was dir ganz unbekannt:<br /></span>
-<span class="i0">Arbeit mit Müh' und Fleiß<br /></span>
-<span class="i0">Leisten in ihrer Weis<br /></span>
-<span class="i0">Alle die Tierlein klein.&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Faulenzer willst du sein?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Jetzt ist der Zauber aus;<br /></span>
-<span class="i0">Gehe als Kind nach Haus.<br /></span>
-<span class="i0">Sollst wie die Bienen<br /></span>
-<span class="i0">Schaffen und dienen.<br /></span>
-<span class="i0">Such' in der Arbeit Ruhm<br /></span>
-<span class="i0">König- und Kaisertum!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i4">Mit hohem Streben<br /></span>
-<span class="i4">Beherrsche dein Leben!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Max schlug die Augen auf. Er war wieder ein Knabe.
-Sein altes, zerschlissenes Höschen hatte er wieder an, und
-das Wackelfähnlein baumelte heraus wie zuvor. Rasch
-stopfte er es ins Verborgene.</p>
-
-<p>Wie er, die Augen reibend, um sich schaute, fand er sich
-bei dem moosigen Stein in der Grotte, wo das Brünnlein
-plätscherte wie immer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span></p>
-
-<p>Von dem Männlein im grünen Rock war nichts zu sehen,
-aber es roch nach Tabak, und Max meinte doch eben seine
-Stimme gehört zu haben. So deutlich klang sie noch in
-seinen Ohren, daß er die Verse genau wiederholen konnte.
-War er denn hier träumend gelegen? War er tatsächlich
-im Ameisenland gewesen?</p>
-
-<p>So rasch er nur konnte, rannte er dem Hause zu, wo
-er eben Mutter, Vater, Onkel Walter, Moritz und Therese
-bei Tische sitzend fand.</p>
-
-<p>Mit Küssen und Umarmungen drängte er sich stürmisch
-in ihre Mitte, freudig von allen begrüßt und befragt:</p>
-
-<p>»Warst du gerne bei dem wunderlichen Onkel Christian
-und seinen Insektensammlungen?«</p>
-
-<p>»Ach, Mutterchen, ich war doch selber im Ameisenland,
-und bei den Hummeln habe ich übernachtet. Denkt euch,
-einmal bin ich auf einem Wasserläufer über den großen
-See geritten und beinahe hätte mich der Ameisenlöwe gefressen!«</p>
-
-<p>»Ha, ha«, lachte Onkel Walter, »Max fabuliert von
-Onkels Ungeziefer, das er der Wissenschaft zu Ehren züchtet.«</p>
-
-<p>Bei dem geringschätzigen Wort Ungeziefer gab es Max
-einen Ruck. Unwillkürlich schaute er um sich, ob keine Ameise
-oder Biene in Hörweite sei. »Nun«, fuhr Onkel Walter
-fort, »bald soll sich's zeigen, ob der gute Alte, wie er uns
-versprach, aus dir kleinem Faulpelz einen guten Lateiner
-hervorgezaubert hat.«</p>
-
-<p>»Onkel«, fiel Max in lebhafter Erinnerung ein, »wegen
-des Lateinprofessors bin ich von deinem Hutrand heruntergepurzelt.«</p>
-
-<p>Nein, wie da alle über ihn lachten, und die Mutter
-wehrte ihnen nicht einmal ab. Sie sagte sogar:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p>
-
-<p>»Geschichten erfinden und erzählen, liebes Kind, sollst
-du erst nach deiner bestandenen Prüfung. Von morgen
-ab wird tüchtig gelernt und nicht fabuliert, ehe du
-fertig bist!«</p>
-
-<p>Betroffen schwieg Max. Ach, niemand schien ihm zu
-glauben! So setzte er sich zu seinen Büchern, und siehe,
-in kurzer Zeit bestand er seine Prüfung mit Note 1 und
-einem Stern.</p>
-
-<p>Wenn er dann an den Winterabenden viel aus dem
-wunderbaren Leben der Insekten erzählte, hörten alle mit
-Bewunderung zu und staunten über die Anschaulichkeit, mit
-welcher er zu berichten wußte.</p>
-
-<p>Wie oft sagte dann Onkel Walter:</p>
-
-<p>»Unser Butziwackel hat das Zeug zu einem berühmten
-Naturforscher in sich! Onkel Christian hat ihn wahrhaftig
-angesteckt, der alte Zauberonkel.«</p>
-
-<p>Der Kleine schwieg dazu.</p>
-
-<p>Nie hat er jemand gesagt, daß er einstmals Ameisenkaiser
-gewesen war und einen Flügeladjutanten sein eigen
-nannte; auch trug er es Franziska nicht nach, daß sie
-ihn für einen Floh gehalten hatte. Mir aber hat Onkel
-Christian alles verraten, und nur darum war es mir
-möglich, euch, liebe Kinder, diese seltsame Geschichte zu erzählen.</p>
-
-<p>Was mag nur aus Großzang, dem Grafen aller Hautflügler,
-geworden sein? &ndash; Und aus der Holzwespe, der
-Herzogin von St. Helena?</p>
-
-<p>Nun, diese legte fleißig Eier und sorgte für nichts anderes
-als für ihre Nachkommen. Freilich Großzang litt schrecklich
-unter dem plötzlichen Verschwinden seines kaiserlichen Herrn.
-Erst verzweifelte er schier, dann allmählich tröstete er sich an<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-den vollen Vorratskammern, die er nun allein ausessen
-konnte. Er aß im Schmerze auch alles sauber auf, was
-im Hause war. Hierauf begab er sich wieder auf Reisen,
-und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-226.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>In der <b>Verlagsbuchhandlung Herder &amp; Co. G. m. b. H.</b> zu <b>Freiburg
-im Breisgau</b> sind erschienen und können durch alle Buchhandlungen
-bezogen werden:</p>
-</div>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><em class="cap">Das Paradies auf Erden. Der kleine Zigeuner.</em> Zwei
-Kindergeschichten von <b>Xaver Meschko</b>. Deutsch von Mina
-Conrad-Eybesfeld. Mit einem Titelbild. 8° (154 S.)
-Geb. M&nbsp;6.80</p></div>
-
-<p>»Xaver Meschko weiß wie kein anderer Herz und Phantasie unserer
-9–14jährigen zu erfreuen, denn Liebe zu Kindern, das liest sich aus
-jeder Zeile heraus, hat ihm die Feder geführt. Eine Fülle von
-Poesie und ein schier unerschöpflicher Reichtum an Gemüt verraten
-die beiden Erzählungen ›Das Paradies auf Erden‹ und ›Der kleine
-Zigeuner‹, und man möchte der Übersetzerin Dank sagen, daß sie unsere
-Jugendliteratur um eine wertvolle Gabe bereichert hat.«</p>
-
-<p class="right smaller">
-(Echo der Gegenwart, Aachen 1920, Nr. 38.)
-</p>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><em class="cap">Großmutters Jugendland.</em> Die Geschichte von Klein-Nanni.
-Von <b>Helene Pagés</b>. Mit 6 Bildern von Rolf Winkler. 8°
-(150 S.) Geb. M&nbsp;7.80</p></div>
-
-<p>»Waren Pagés' bisherige Erzählungen vorwiegend erzieherisch betont,
-so erfreut uns ›Die Geschichte von Klein-Nanni‹ als rein dichterisch
-empfundenes Werk. Die äußere Geschichte ist kurz: Klein-Nanni zieht
-mit den Eltern und Geschwistern vom rheinischen Dorf in das neue
-Schulhaus im Westerwald. Der Vater stirbt nach kurzem Wirken, Klein-Nanni
-muß Schulwohnung und sorgenloses Leben mit ärmlicheren Verhältnissen
-tauschen, bis das tätige Leben sie hinausruft in die Welt. &ndash;
-Aber welch seelischen Reichtum umschließt dieser schlichte Rahmen und
-mit welch hellseherischer Liebe ist er von der Dichterin erfüllt! Die
-Elterngestalten sind klar und anschaulich gegeben; vor allem ist aber
-das köstliche Seelchen des Kindes mit feinem inneren Auge gesehen
-und die Entwicklung mit zartester Hand in lebendigen Einzelbildchen
-gezeichnet. Es sind Meisterstücke psychologischer Feinkunst, wie hier
-Heimweh, Kindesliebe, kindliches Spiel, Kindessitte und Sittlichkeit,
-Ahnen und wachsendes Verstehen der kleinen Seele dem Leser vorgestellt
-werden, rein und lauter, ohne jede Zerfaserung. Wie alles Gute und
-Reine, so ist auch das Religiöse in diesem Kreise selbstverständlich wie
-die Luft, die man atmet. Nur eines vermag die Verfasserin nicht überzeugend
-darzustellen: das Böse und Gemeine. Diese kleine Einschränkung
-erhöhte mir aber die seelische Schönheit dieses Jugendbuches.«</p>
-
-<p class="smaller right">
-(Literar. Handweiser, Freiburg 1920, Nr. 3 [F. X. Thalhofer, Pasing b. München].)
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p>
-
-<div class="hang p2">
-<p><em class="cap">Fürst und Vaterland.</em> Eine geschichtliche Erzählung für
-Jugend und Volk. Von <b>Alois Menghin</b>. 3., verbesserte Aufl.
-Mit 9 Abbildungen. 8° (170 S.) Geb. M&nbsp;7.20</p></div>
-
-<p>»Die Erzählung bietet eine mit kulturgeschichtlich interessanten Ausführungen
-durchwobene Episode aus der Geschichte Tirols um den Anfang
-des 15. Jahrhunderts. Es ist ein Buch von deutscher Treue &ndash;
-Fürstentreue wie Mannentreue &ndash; und von deutschem Heldenmut, das in
-seiner prächtigen Ausstattung eine wertvolle und schöne Gabe für die
-deutsche Jugend bildet.«</p>
-
-<p class="right smaller">
-(Literarischer Handweiser, Münster 1913, Nr. 5.)
-</p>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><em class="cap">Tzavellas, der Suliote.</em> Geschichtliche Erzählung aus der
-Zeit der Freiheitskämpfe in Griechenland. Von <b>Ad. Joseph
-Cüppers</b>. Mit 6 Bildern von J. Gehrts. 8° (142 S.)
-Geb. M&nbsp;6.20</p></div>
-
-<p>»Was für ein Buch soll ich meinem Buben schenken? Das ist
-für viele Eltern die große Frage. Das Buch soll belehren, Freude
-bereiten, hübsch ausgestattet und dabei möglichst wohlfeil sein. Allen
-diesen Anforderungen wird dieses Büchlein gerecht. Es führt uns
-eine Episode aus dem Heldenkampf des albanesischen Stammes der
-Sulioten gegen Ali, den Pascha von Janina (1803 Statthalter von
-Albanien), vor. Die dramatisch bewegte Erzählung vereint Einfachheit
-mit psychologischer Tiefe. Die Sprache ist einfach, klar, ungekünstelt.
-Vollstes Lob verdienen auch die sechs dem Büchlein beigegebenen
-Bilder.«</p>
-
-<p class="right smaller">
-(Österr.-ungar. Heereszeitung, Wien 1911, Nr. 35.)
-</p>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><em class="cap">Gudrun.</em> Ein alter Roman von Frauentreue. Neu erzählt
-von <b>Ad. Joseph Cüppers</b>. 8° (214 S.) Geb. M&nbsp;9.&ndash;</p></div>
-
-<p>»… Wie viele aus dem Volk lesen oder lasen bisher die ›Gudrun‹?
-Aber in dieser von einem erfahrenen Volksschriftsteller hergerichteten Bearbeitung,
-die durch ihre frische Sprache, straffe Komposition und die Ausscheidung
-aller unnötigen Längen angenehm auffällt, mag Gudrun neu
-aufleben und ihre stärkende Kraft in solchen Volkskreisen zeigen, die edle
-und ernstere Lektüre vorziehen.«</p>
-
-<p class="right smaller">
-(Augsburger Postzeitung 1920, Nr. 87.)
-</p>
-
-<p class="center p2">Die Preise erhöhen sich um die im Buchhandel üblichen Zuschläge.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription.</p>
-
-<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 35: der → in der<br />
-Max hatte bisher <a href="#corr035">in der</a> festen Überzeugung gelebt</p>
-<p>
-S. 80: einer → einer sich<br />
-in voller Flucht, <a href="#corr080">einer sich</a> um</p>
-<p>
-S. 88: hätte sie ihn → wäre sie ihm<br />
-<a href="#corr088">wäre sie ihm</a> im Mondschein begegnet</p>
-<p>
-S. 148: aus uns von → von uns aus<br />
-Wäre einer <a href="#corr148">von uns aus</a> solcher Höhe</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Max Butziwackel der Ameisenkaiser, by
-Luigi Bertelli
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER ***
-
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-Foundation
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-works.
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-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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