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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Max Butziwackel der Ameisenkaiser - Ein Buch für Kinder und große Leute - -Author: Luigi Bertelli - -Illustrator: Karl Elleder - -Translator: Luise von Koch - -Release Date: January 16, 2017 [EBook #53973] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist +so dargestellt+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so - markiert~. Im Original fetter oder in größerer Schrift gesetzter - Text ist =so ausgezeichnet=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - Max Butziwackel - - der Ameisenkaiser - - Ein Buch für Kinder und große Leute - - Nach - - Luigi Bertelli - - deutsch bearbeitet von +Luise von Koch+ - - Mit Buchschmuck von Karl Elleder - - Freiburg im Breisgau 1920 - Herder & Co. G. m. b. H. Verlagsbuchhandlung - - Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Wien, London, St. Louis Mo. - - - - -Alle Rechte vorbehalten - - -Buchdruckerei von +Herder & Co.+ G. m. b. H. in Freiburg i. Br. - - - - -Zum Geleite. - - -Bertellis Büchlein, das in der vorliegenden Übertragung dem deutschen -Leserkreis zugänglich gemacht werden soll, ragt weit über den -Durchschnitt der Jugendschriften empor. Der italienische Verfasser -verbindet mit einer gründlichen Kenntnis der Insektenwelt eine -südländisch reiche Phantasie und ein köstliches Erzählertalent. So -konnte er seinen Landsleuten ein Werk schaffen, das Kindern und -Erwachsenen eine lautere Quelle der Bildung und ein reicher Schatz -der Belehrung geworden ist. -- Mit Freude erinnere ich mich noch der -Zeit, da ich mir von italienischen Kindern aus dem Butziwackel erzählen -ließ. Angeregt durch das Büchlein, betrachteten sie mit geschärften -Augen die krabbelnde Ameise im Sande, den Wasserkäfer im Tümpel, die -summende Hummel und Biene auf der blühenden Wiese; für die kindliche -Vorstellungswelt wuchsen sie zu Gestalten aus dem Butziwackel. - -Wer die Schöpfung in der Kleinwelt des Insektenreiches betrachtet, -findet darin einen unerschöpflichen Reichtum von Schönheit und eine -ungeahnte Fülle von Kraft, die Spuren des allmächtigen und allweisen -Schöpfers. In der durch die Naturgesetze bestimmten Vollkommenheit der -unbewußten Geschöpfe sah der Mensch allezeit einen Antrieb zur eigenen -sittlichen Vervollkommnung. Ein Führer zu neuen Kenntnissen, ein Mahner -zu tapferem Vorwärtsstreben ist der Butziwackel. - -Ich habe an der deutschen Ausgabe ratend und helfend mitgearbeitet und -kann nur wünschen, daß das Büchlein in die Hände vieler Kinder und -Kinderfreunde komme. Es wird sich neben dem »+Bengele+« einen Platz im -Kinderherzen erobern und wie jener Freude bereiten und Nutzen bringen. - - +Illenau+, August 1920. - - =A. Grumann.= - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Zum Geleite v - - 1. Drei Geschwister in der Sommerfrische 1 - - 2. Max wird ein Ameisenei 6 - - 3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes - und Bitteres 9 - - 4. Eine Ameisenmutter 17 - - 5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder - männlich noch weiblich 22 - - 6. Eine Riesenschlange 28 - - 7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise? 32 - - 8. Die Überführung der Schlange 38 - - 9. Max, der Soldat 43 - - 10. Im Kuhstall der Ameisen 46 - - 11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht 52 - - 12. Butziwackel wird erkannt 56 - - 13. Das weiße Fähnlein 59 - - 14. Ein feindlicher Angriff 63 - - 15. Max wird General auf dem Schlachtfeld 66 - - 16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel 71 - - 17. Kaiser Butziwackel I. 76 - - 18. Der Überfall 82 - - 19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den - seinen zu hoch getragen 87 - - 20. Das Kriegsgericht 90 - - 21. Ein hochvornehmer Mordgeselle 95 - - 22. Letztes Lebewohl 101 - - 23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus - einer Eichengalle herausspaziert 107 - - 24. Auf dem Weg zur Mutter 113 - - 25. Die geheimnisvolle Barke 117 - - 26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff - beginnen und sie zu Pferde beenden kann 122 - - 27. Bei den Hummeln 127 - - 28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder 133 - - 29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, - wenn man keinen Hausschlüssel hat 137 - - 30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt 142 - - 31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser - gegangen 146 - - 32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe 153 - - 33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen 158 - - 34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines - Grafen aller Hautflügler 166 - - 35. Im Bienenreich 172 - - 36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin 179 - - 37. Das Geheimnis der Muskatellertraube 184 - - 38. Die Stadt in Aufruhr 190 - - 39. Max verläßt das Bienenreich 197 - - 40. Eine Fahrt erster Klasse 200 - - 41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher 206 - - 42. Großzang findet beinahe den Hungertod 213 - - 43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena 219 - - - - -1. Drei Geschwister in der Sommerfrische. - - -Eigentlich, liebe Kinder, sollte ich meine Geschichte mit der -Beschreibung eines Landhauses beginnen, das an einem glühendheißen -Sommermittag, so gegen 2 Uhr, mitsamt dem ganzen Lande ringsum -schläfrig dalag. - -So flüsterstill und schweigsam war es um diese Zeit, daß nicht einmal -die rücksichtslosesten Schreier unter den Insekten, die kleinen -Grillen, es wagten, die tiefe Ruhe zu stören. - -Übrigens weiß ich längst, wie unbeliebt Beschreibungen bei euch sind. -Wo ihr sie immer in Büchern antrefft, überspringt ihr sie in einem -Hops, nicht wahr? Zudem ist es so wie so nicht schwer, sich mitten in -einem schönen Garten ein weißes Haus mit grünen Läden vorzustellen, -umrankt von üppigem Weinlaub; denn zwei kräftige Weinstöcke waren an -jeder Ecke des Hauses gepflanzt und umkränzten prächtig alle Fenster -mit hellem Grün. Muskatellersorte war es, und wer diese kennt, weiß sie -zu schätzen! In dichten Massen glänzten die Blätter; was aber leider -fehlte, das waren die süßen Trauben. Nur hier und dort schimmerte es -goldig zwischen dem Laube, auffallenderweise aber nur immer hübsch -entfernt vom Fenster. Es kommt nämlich beglaubigtermaßen höchst selten -vor, daß Muskatellertrauben in erreichbarer Fensternähe zu finden sind; -wenn Knaben in einem solchen Hause wohnen, fast niemals. - -Bst! Bst! Seht dorthin an die Haustüre! - -Ganz langsam öffnet sie sich und heraus schleichen, eines hinter dem -andern, drei Kinder. Bedächtig steigen sie die Steinstufen herab. Zwei -Buben sind's und ein Mädchen. Mit schleppenden Schritten gehen sie -dahin und aus den Augen stiehlt sich trübselige Müdigkeit und Unlust -bis zum Nasenspitzchen hin. - -»Wie ist das möglich?« werdet ihr fragen, »im Sommer, zu dreien auf dem -Lande, und trübselig, nicht froh und lustig sein?« - -Ich kann es erklären. - -Seht, jedes hält in der Hand ein Buch, aber kein Märchenbuch, keine -Reiseabenteuer, sondern Schulbücher sind's. Vom Hause hört man rufen: - -»Fleißig sein, Kinder! Onkel Walter kommt bald heim und überhört euch! -O weh, wenn ihr dann nichts könnt, ist es zu Ende mit der versprochenen -Kahnpartie!« - -So schleichen die Dreie bekümmert ihres Weges. Ihre Bücher halten sie -vor sich her, als ob es brennende Kerzen wären. Mit ihren traurig -gesenkten Nasenspitzen erwecken sie den Eindruck, als ob sie zu einem -Begräbnis gingen. - -Sobald sie an einem schattigen Plätzchen im dichten Fliederbusch -angelangt sind, setzen sie sich auf die Steinbank, jedes ein wenig -abgerückt vom andern. Vorsichtig öffnen sie die Bücher, so vorsichtig, -als ob am Ende gar zwischen den Blättern ein Kobold säße, der ihnen an -den Kopf springen könnte. - -Das Buch des Kleinsten scheint das gefährlichste zu sein, darinnen -sitzt sicher der wildeste, kleine Kobold, denn er kann sich kaum -überwinden, sein Buch aufzuschlagen. - -Das köstlich kühle Plätzchen war den Kindern besonders empfohlen -worden. Papa, Mama und Onkel Walter behaupteten, man könne dort auch an -heißen Tagen vortrefflich lernen. - -[Illustration] - -Aber, du liebe Zeit! Schon nach wenigen Minuten sank dem Kleinsten die -Hand, die das Buch hielt. Er trieb seine Bäckchen zu kleinen rosigen -Äpfelchen auf und versuchte ein quietschendes Jahrmarkttrompetchen -nachzuahmen, indem er blasend die eingezogene Luft ausstieß. Da seine -Kunst aber keinen Eindruck auf die Geschwister machte, bemerkte er tief -aufseufzend: - -»Ach, es geht wirklich nicht!« - -Die beiden andern schienen aber emsig in ihr Studium vertieft zu sein, -daher stieß er jetzt ungeduldig das Schwesterlein mit seinen Ellenbogen -an und fragte unwillig: - -»Spürst denn du nicht, wie heiß es ist?« - -Zürnend hob die Kleine den Kopf. - -»Schweig, Max! Ich muß meinen ganzen Verstand zusammennehmen, denn -meine Rechnungen sind sehr schwer.« - -»Ei, kann denn einer noch Verstand haben in solcher Hitze?« - -Nun mischte sich auch der Älteste in die Rede. Er gab sich ein sehr -gewichtiges Aussehen, konnte aber seinen eigenen Unwillen kaum -verbergen, als er sprach: - -»Die Wärme spielt hier gar keine Rolle. Im Gegenteil: Die Mutter sagt, -hier sei es hübsch kühl und die Kühle schärfe den Verstand.« - -Der Kleinste dachte etwas darüber nach, dann sagte er mit größter -Ehrlichkeit: - -»Jawohl! Aber wenn man keine Lust zum Lernen hat, dann hilft auch die -beste Kühlung nichts.« - -Max hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. All den drei Kindern fehlte -der Wille zum Lernen, und es wäre sehr schwer herauszubringen gewesen, -welches von ihnen das faulste war. - -Kaum hatte der Kleine die Wahrheit offen ausgesprochen, schlossen -sie mit einem Klaps ihre Bücher und warfen sie geräuschvoll auf die -Steinbank. Dabei bekamen die unschuldigen Bücher noch nachgerufen: - -»Zum Kuckuck mit der Geschichte des Mittelalters!« - -»Lebt wohl, ihr greulichen Rechnungen!« - -»Gute Nacht, du lateinische Grammatik, du!« - -Moritz, der größte, erhob sich jetzt, pflanzte sich mit gespreizten -Beinen vor dem Brüderchen auf und begann zu überlegen: - -»Unser ganzes Elend kommt daher, weil ihr eure Prüfung nicht bestanden -habt.« - -»Bitte«, verbesserte Theresa, die Schwester, »du willst wohl sagen, -weil +wir+ sie nicht bestanden haben.« - -Da lachte Max vorwitzig: »Daß wir neulich bei der Prüfung nicht gut -weggekommen sind, wäre nicht so schlimm, aber daß wir noch einmal -hinein müssen und lernen, lernen, lernen sollen, -- puh -- das ist -schauderhaft!« - -Moritz, der sich vorgenommen hatte, mit der Zeit, -- wenn er so -gemütlich weiterlernte wie bis jetzt, allerdings mit reichlich viel -Zeit --, ein berühmter Rechtsanwalt zu werden, fand den Augenblick -passend, eine seiner vielen Probereden zu halten, und begann sogleich -im Rednerton: - -»Wie ihr wißt, kann ich die Einrichtung der Prüfungen durchaus nicht -loben.« - -Max fiel ihm lachend ins Wort: - -»Und in der Prüfung hat man dich nicht gelobt.« - -»Wie kannst du dir erlauben, eine Rede zu unterbrechen, du Wicht, -du Naseweis! -- Wenn du nicht gleich still bist, nenne ich dich -+Butziwackel+.« - -Butziwackel! Schauderhaft. -- Wie war ihm dieses Wort verhaßt! -- -Was konnte er dafür, daß seine gute Mutter ihrem kleinsten Sohne -in äußerster Sparsamkeit für den Landaufenthalt immer die alten, -abgetragenen, fadenscheinigen Höschen ihres Moritz zumutete. Dem -Wildfang Max wollten diese Höschen nie lange halten. So oft auch die -Mutter den Sitzboden stopfte und flickte, es kam doch immer wieder -einmal ein verdächtig weißes Zipfelchen zum Vorschein, das vorwitzig, -einem Fähnlein gleich, hinter dem Kleinen herbammelte. Und darum -schimpften sie Butziwackel. - -Für andere Leute mochte das Fähnlein ja recht putzig und lustig -aussehen, für Max aber war es nur ärgerlich und entfachte seinen Zorn. - -Kaum hatte auch jetzt wieder sein älterer Bruder das verdrießliche Wort -ausgesprochen, so griff Max nach dem Boden seines Höschens. Wahrlich! -auch heute hing schon wieder frech ein Fähnlein heraus. Rasch stopfte -er es ins Verborgene und ging grollend weg von seinen Geschwistern. - - - - -2. Max wird ein Ameisenei. - - -Mit Tränen in den Augen und zornrotem Gesichte lief unser kleiner Max -durch den Garten und kam zu einer Felsgrotte, aus der ein Brünnlein -plätschernd hervorsprang. Dort setzte er sich auf einen moosigen Stein, -stützte den Kopf auf beide Arme und starrte vor sich auf den Boden. -Siehe, da lief eine Ameisenschar wie eine lange Prozession geschäftig -ihre Straße hin und her. Max schaute ihnen eine Zeitlang zu und -dachte: »Wie schön haben's doch die Ameisen! Sie gehen den ganzen Tag -spazieren, freuen sich des Lebens, müssen nicht lernen und kennen keine -Prüfungen. Wenn ich doch nur auch eine Ameise wäre!« - -Er mußte seine Gedanken laut ausgesprochen haben; denn plötzlich hörte -er neben sich eine Stimme: - -»Willst du, kleiner Faulpelz, wirklich eine Ameise werden?« - -Erschrocken wandte Max sich um und gewahrte einen sonderbaren Alten -langsam auf sich zutreten. Gott, wie sah der Mann so merkwürdig aus! -Woher war er nur gekommen? Auf seiner roten, spitzen Nase saß eine -Riesenbrille, um den Hals schlang sich eine dicke, schwarze Binde, und -ein grüner altmodischer Rock schleifte hinter seinen Fersen her. Dieser -Mann beschaute lächelnd den verblüfften Kleinen mit Augen, die aus -buschigen, fuchsroten Brauen hinter der funkelnden Brille wie Laternen -leuchteten. - -[Illustration] - -Es war alles so unheimlich, und der tapfere Max hatte Mühe, seine -Furcht zu verbergen. Er hätte nicht gewagt, den Alten zu befragen, wer -er sei, und wie er in Vaters Garten hereinkäme. Eine Weile betrachtete -der Fremde unsern Butziwackel, der schüchtern und gar nicht keck wie -sonst, aber neugierig wie immer auch seinerseits den Unbekannten -musterte. Der holte jetzt kopfschüttelnd aus einer tiefen Rocktasche -eine großmächtige Dose hervor, öffnete sie sachte, stopfte sich eine -ausgiebige Prise in die Abgründe seiner großen Nase, nieste dreimal -und brummte dann mit näselnder Stimme die sonderbaren Worte: - - »Ameis! - Mit Fleiß! - So sei's!« - -Leise vor sich hinlachend, schlürfte er dann in seinen grasgrünen -Pantoffeln und dem langen Schlepprock den Kiesweg entlang, der zum -Gartentürchen gegen den Wald zu führte. - -Mit seinem roten Schnupftuch winkte er noch spöttisch Max zu, der -ihm verwirrt nachschaute. Er bemerkte noch, wie der sonderbare Mann -belustigt und kichernd seinen Kopf schüttelte und sodann geheimnisvoll -hinter den Büschen am Wege verschwand. Starr vor Staunen und Verwirrung -hatte Max die sonderlichen und unerklärlichen Worte vernommen. Wenn -er sie leise nachsprach, so wurde ihm so furchtsam, so bang zu Mute, -daß er am liebsten hätte fortlaufen mögen zu Therese und Moritz, die -ihn vielleicht schon suchten. Allein, merkwürdig! Er konnte nicht vom -Stein aufstehen, es war, wie wenn er festgeleimt wäre. Er wollte den -Geschwistern rufen, die er von ferne auf dem Gartenwege sah, aber -seine Stimme versagte. Er wollte ihnen zuwinken, aber er fühlte sich -so bleiern müde, seine Augenlider waren schwer, sie fielen zu, und es -wurde dunkel um ihn. Nein, wie sonderbar ward ihm doch zu Mute! Wurde -er nicht klein und immer kleiner? War er nicht jetzt ganz weich und ein -rundes Ding geworden? Er wollte die Arme heben, mit den Beinen zappeln, -er hätte schreien mögen, weinen, fortlaufen, Widerstand leisten gegen -die geheimnisvolle Kraft, die ihn zusehends veränderte und die, wenn -sie noch länger über ihn Gewalt hatte, ihn zu einem spurlosen Nichts -zusammenschrumpfen ließ. Er war wie eingeschnürt von allen Seiten, und -deutlich spürte er, daß er die Form eines winzigen Eies annehme. - -In diesem unglücklichen Augenblick dachte er noch an das weiße -Wackelfähnlein. Er machte den verzweifelten Versuch, dieses beschämende -Fetzchen zu verstecken, umsonst, umsonst! - -Schon war Max am Ende seiner Verwandlung angelangt; er fühlte, wie -seine Sinne sich verwirrten und umnebelten. Zwei schwarze Schatten -tauchten noch vor seinen Blicken auf. O Gott, das waren vielleicht zwei -Totengräber, die ihn holten! Gewiß, er täuschte sich nicht, sie hoben -ihn sachte empor, und nun machte er den letzten angestrengten Versuch -zu schreien: - -»Um Gottes willen, ich bin Max, helft mir doch das Zipfelchen -verstecken!« - -Die vergebliche Mühe brachte ihn aber nur um die letzten Kräfte. -Willenlos überließ er sich jetzt dem Schicksal und verlor das -Bewußtsein. - - - - -3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes und Bitteres. - - -Wie lange blieb Max in Ohnmacht? Er konnte es nicht ermessen; -aber wahrscheinlich währte der Zustand im Vergleich zu den großen -Veränderungen, die mit ihm vorgingen, nicht lange. - -Als er zu sich kam, hatte er ein merkwürdiges Gefühl. Hatte ihn -jemand für einen Garnwickel gehalten und Fäden über ihn gewunden? -Er spürte es doch, er saß oder lag inmitten eines Fadenknäuels, aus -dem herauszuschlüpfen er sich tapfer abmühte. Niemals hätte er das -Kunststück fertig gebracht, wäre ihm nicht glücklicherweise jemand zu -Hilfe gekommen, der sorgsam die Wirrnis der Fäden weitete und ihm Luft -machte. Endlich konnte er den Kopf herausstrecken, gottlob folgten die -befreiten Arme, und - -»Nur Mut«, hörte er jetzt eine Stimme ihm zureden. - -Mit einem letzten, gewaltigen Ruck gelang es ihm schließlich, den -ganzen Körper frei zu bekommen, und zugleich fühlte er, wie man ihn -zärtlich liebkoste und wunderlich beleckte. - -»Na«, meinte er überrascht, »was soll das?« - -»Ich wasche dich sauber, Kindchen.« - -»Wie, mit der Zunge? Bin ich ein Kätzchen geworden? Darf ich bitten, wo -bin ich, wer sind Sie, und was ist mit mir geschehen?« - -Das hilfreiche Wesen antwortete: - -»Still, Kleines! Wie bist du doch so neugierig! Jetzt, wo du eben erst -aus deinem Gespinst geschlüpft bist, kannst du noch nichts verstehen. -Gedulde dich, bald wird dir alles klar werden, du kleiner Naseweis.« - -Naseweis hatte sie gesagt. Er war also schon erkannt und hütete sich, -jetzt noch mehr wissen zu wollen. Aber bei der gütigen Ruhe, mit der -er von allen Seiten gestriegelt wurde, erwachte sein Denken; seine -Gedanken ordneten sich, und er wollte sich selbst Rechenschaft geben -von seinem neuen Zustande. Gottlob, die letzten Wundererlebnisse hatten -seinem Gedächtnis nicht weiter geschadet. Zunächst aber gab es leider, -leider keinen Zweifel. Er befand sich in der ägyptischen Finsternis, -von der er in der Schule einst gehört hatte, oder was ganz entsetzlich -wäre, er war blind! Wie konnte er aber dann wissen, wo er sich jetzt -aufhielt? Jawohl, Blinde haben ja solch feines Gefühl für den Raum, in -dem sie sich befinden. Und er, er war in einem unterirdischen Zimmer, -er wußte es, ohne herumzutasten. Ringsum beobachtete er mit feinstem -Sinn ein emsiges Arbeiten von vielen geschäftigen Wesen, ohne solche -zu sehen. Hatte er einen neuen Sinn bekommen? Er beantwortete sich -jetzt von selbst die vorhin gestellten Fragen. Er war eine Ameise; das -Wesen, das vor ihm stand, war auch eine Ameise, und sie beide befanden -sich in einem Ameisenhaus. Soviel begriff er einstweilen, so wunderbar -es auch war. Verworrene Bilder aus der letzten Vergangenheit tauchten -in seinem Gedächtnis auf wie ein halbvergessener Traum. War nicht ein -merkwürdiger, alter Herr dagewesen mit einem langen, grünen Rock und -rotem Schnupftuch, mit Brille und Tabaksdose, der unversehens in dem -Augenblick auf ihn zugetreten war, als er sich gewünscht hatte, eine -Ameise zu sein, ohne Prüfungsnot und Bücherqual? Moritz, Therese? Wo -werden sie sein? Zu Hause bei Vater und Mutter! - -Dieser Gedanke bewegte Max schmerzlich, allein er beruhigte sich nach -und nach. Es war nun einmal nichts zu ändern. Weil er nicht lernen -wollte, hatte er sich das gewünscht, was er jetzt war. Onkel Walter -sagte stets: »Ein Mann muß die Folgen seines Handelns auf sich nehmen.« -In der Schule hatte er ein Sprichwort gelernt: »Wie man sich bettet, so -liegt man.« Mit vernünftiger Überlegung schloß er seine Betrachtung: - -»Ich bin jetzt eine Ameise, und es geht mir nicht schlecht. Aber Max -bin ich doch auch noch. Wenn es nicht so wäre, kämen mir diese Fragen -und Gedanken gar nicht in den Sinn. Folglich bin ich jedenfalls etwas -viel Besseres als diese Insekten um mich, und ich werde immer tun -können, was mir gefällt und was ich will.« - -Die pflegliche Ameise, die noch vor ihm verweilte und ihn auf den noch -schwachen Füßen gehalten hatte, befragte jetzt Max: - -»Liebes Püppchen, du wirst wohl Hunger haben?« - -»Nicht wenig«, erwiderte Max erfreut, der längst schon Appetit -verspürte. - -»Da, nimm«, sprach die Ameise und streifte ihm eine vorzügliche -Süßspeise in den Mund. Mit gespitzten Lippen kostend und leckend wollte -Max wissen: - -»Ach, was ist das Gutes?« - -»Blattlaushonig, junges Ameislein. Schmeckt er?« - -»Ausgezeichnet! Ich habe nie Besseres gegessen.« - -Erwartungsvoll öffnete er noch einmal den Mund, um ein zweites -Honigschlückchen zu bekommen. Dabei machte er eine neue Beobachtung. - -Wie war doch nur sein Mund geworden? Sonderbar, ganz anders als -sein Menschenmund! Er besaß zwei große, starke Unterkiefer, die man -Mandibeln nennt. Ihre inneren Ränder waren gezackt wie eine Säge, -und sie schlossen sich zusammen wie eine Zange. Doch dienten sie -nicht zum Essen. Er spürte die Speise zuerst auf dem unteren Teil des -Oberkiefers, der über den Unterkieferzangen lag und eine Art Lippe -bildete. Auf dieser fühlte er, wie wir es mit der Zunge machen, den -süßen Geschmack des Honigs, den er so behaglich einschlürfte. - -Durch die feine Speise gekräftigt, fragte er sehr bescheiden, um nicht -wieder Naseweis genannt zu werden, seine liebevolle Pflegemutter: - -»Verzeihen Sie meine Neugierde! -- Was für gute Sachen werde ich mit -meinen großen, starken Kieferzangen kauen, da ich sie zum Honigessen -nicht gebrauchte?« - -»Gute Sachen? liebes Kind, gar keine; denn zum Kauen dienen deine -kräftigen Zangen durchaus nicht.« - -»Wie, was? Nicht? Ja, wofür sind sie dann da?« fragte Max enttäuscht. - -»Wir gebrauchen sie als Waffe zu unserer Verteidigung und hauptsächlich -zum Arbeiten.« - -»-- -- -- Zum Ar -- -- -- Arbei -- ten?« - -Vor Schreck fiel Max platt auf den Rücken und wäre liegen geblieben, -wenn ihm nicht seine Pflegemama wieder auf die Beine geholfen hätte. - -»Ja, zum Arbeiten«, wiederholte deutlich die Ameise, »du wirst es gewiß -recht bald lernen und üben.« - -Max sperrte seinen sonderbaren Mund mit den eingesägten Kieferzangen -vor schmerzlicher Überraschung weit auf, während die Pflegerin ihn von -neuem fleißig beleckte. Über diese Art von Reinlichkeitspflege wurde er -wieder lustig. Er schüttelte und drehte sich vor Lachen und rief: - -»Hören Sie doch auf, das kitzelt ja unbändig.« - -Da mußte die Ameise selber lachen und erklärte ihm: - -»Ich glätte jetzt deine Fühler, sie sind der empfindlichste Teil deines -Körpers.« - -»Fühler? Hm, hm, Fühler habe ich?« - -»Fühler nennen wir die feinen Stengelchen, die du oben auf deinem Kopfe -trägst; greife nur mit deinen Beinchen danach, dann kannst du sie -deutlich betasten«; zugleich half sie ihm diese Bewegung ausführen. - -Er fuhr sich mit den Vorderbeinchen, die wahrhaftig so geschickt wie -Arme und Hände waren, über den Kopf, befühlte und betastete sich und -behauptete: »Solche Dinger nennt man +Hörner+!« - -Wie gerne hätte er sich in einem Spiegel besehen, aber wo wäre ein -solcher zu finden gewesen? - -»Nenne sie, wie du willst«, sagte freundlich die Ameise, »aber Hörner -sind es sicher nicht, denn sie sind aus zartestem Stoff beschaffen, -was man von Hörnern nicht behaupten kann. Wehe uns, hätten wir keine -Fühler! Durch ihren Gebrauch finden wir unsere oft schwierigen Wege, -vermeiden Hindernisse und geben uns gegenseitig damit Zeichen.« - -»Herrje, das ist viel auf einmal.« - -»Aber lange nicht alles. In den äußersten Enden der Fühler sitzt unser -Geruchsinn.« - -»An der Spitze der Fühlhörner ist also die Nase?« - -Die Ameise lächelte über seine ungewohnte Art zu fragen und fügte der -Belehrung hinzu, daß in den Fühlern nicht nur der Geruch, sondern auch -das Gehör seinen Sitz habe. - -Nun, die Vorstellung, so lange Ohren zu haben, war etwas demütigend, -und Max wollte schon ein bißchen beleidigt tun. Aber davon merkte die -Sprecherin nichts und belehrte weiter: - -»Ohne Fühler könnten wir im Finstern uns nie zurechtfinden.« - -Max wurde es nach diesen Worten verständlich, wie er trotz der -Dunkelheit Verschiedenes ganz gut wahrnehmen konnte. Das geschah eben -durch den wunderbar feinen und vielfältigen Sinn in den Fühlern. -Beruhigt war er aber trotzdem nicht, und er äußerte tief besorgt: - -»Wie traurig ist es trotzdem, keine Augen zu besitzen!« - -Jetzt mußte die Ameise herzlich lachen. Dabei streichelte sie den -Kleinen und liebkoste ihn. - -Max, der immer ein wohlerzogener Junge gewesen war, erinnerte sich -endlich, daß er für alle erwiesene Liebesmühe noch mit keinem -Sterbenswörtchen gedankt habe. So begann er etwas verlegen: - -»Liebe Frau Ameise, wie heißen Sie eigentlich?« - -»Man nennt mich in meiner Familie Fuska. Gelehrte Leute aus meinem -Stamme wissen, daß der Name lateinisch ist und soviel bedeutet wie ›die -Dunkle‹.« - -»Verzeihen Sie, Frau Fuska, ich dachte noch nicht daran ›Danke schön‹ -zu sagen für Ihre große Güte, mit der Sie mich aus dem abscheulichen -Garnwickel befreit, und für die vielen Belehrungen, die Sie mir erteilt -haben.« - -»Kind, was fällt dir ein, ich habe nur meine Pflicht erfüllt.« - -»-- Pflicht? -- Wieso?« -- - -»Ja, ich tat, was du den Ameisen, die nach dir geboren werden, auch tun -wirst.« - -»Nun, das verstehe ich nicht; ich sollte auch ...?« - -»Wie könntest du jetzt schon etwas von bürgerlichen Pflichten -verstehen! -- Wenn du später dem Unterricht beiwohnst, wirst du das -Nötige schon darüber erfahren.« - -Bei dem Worte Unterricht machte Max mit seinen sämtlichen sechs Beinen -einen Sprung nach rückwärts und wäre vor Schrecken fast ohnmächtig -geworden. - -Was! er war ausgerechnet eine Ameise geworden, um dem Lernen zu -entgehen, und nun hörte er hier vom Unterricht reden? Das war ein -unerhörter Reinfall! Zitternd vor Schrecken stammelte Max: - -»Ich habe nicht gut verstanden, was sagten Sie, liebe Frau Fuska?« - -»Morgen ist die erste Unterrichtsstunde für die Neugeborenen. Man -lernt dort alles, was eine rechte Ameise wissen und kennen muß, um ein -nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden.« - -Versteinert stand der gute Max: - -»Wissen« ... »Kennen« hatte sie gesagt. Also lernen! -- Auch bei den -Ameisen! - -[Illustration] - -Hatte sie das gemeint? Vor Entrüstung bebend stieß er die Frage hervor: - -»Gibt es bei den Ameisen vielleicht auch eine Sprachlehre, eine -lateinische Grammatik?« - -Diese Frage verstand und beachtete Fuska gar nicht, sie wendete -sich vielmehr an vorübereilende Genossinnen, um mit ihnen Zeichen -auszutauschen. - -Max aber war es, als ob ihm ein Brocken im Halse steckte und ihn -würgte; er war den Tränen nahe. - -Da er aber ein sehr geschickter Bursche war, besann er sich und -sagte sich, wie unnütz das Weinen sei, besonders wenn man doch keine -Augen hat. Er kletterte tief betrübt und niedergeschlagen auf das -leere Fadenknäulchen, aus dem er vor kurzem mühsam und neugierig -herausgekrochen war, setzte sich rittlings darauf und trommelte unmutig -mit seinen Vorderbeinchen an die hohlen Wände, daß es widerhallte. - - - - -4. Eine Ameisenmutter. - - -Schon wendete sich seine Pflegerin Max wieder zu und sagte freundlich: - -»Komme mit mir!« - -Folgsam stieg Max von seiner großen Trommel herunter und bemerkte, wie -gut er auf seinen Hinterbeinchen aufrecht stehen und gehen konnte. -Wahrscheinlich waren ihm außer seinem Gedächtnis und seinem Verstande -noch mehr menschliche Eigenschaften verblieben, und das konnte immerhin -ein starker Trost für ihn sein in mancher Bitternis. - -So folgte er mit neuem Mute Fuska. Warum stieß er nur plötzlich einen -jubelnden Freudenschrei aus? Was war geschehen? O Jubel! Er war nicht -blind! Nein, er konnte sehen, großer Gott, wie gut konnte er sehen! - -In den weiten Saal, in den Fuska ihn eintreten ließ, drang von oben -durch eine winzige Öffnung ein Lichtstrahl herein. Befand er sich -vielleicht im Wohnzimmer oder gar im Speisesaale des Ameisenhauses? -Aber wie eigenartig neu war sein Schauen! Er hatte einen viel -übersichtlicheren Blick bekommen für alles, was ihn umgab. Ohne Kopf -und Augen zu wenden, übersah er, was über ihm, vor ihm, hinter ihm -und seitwärts geschah. Der Saal glich einer Grotte, die von Säulen -gestützt wurde. Wände, Boden, alles war sauber geglättet und regelmäßig -angeordnet. Rechts und links waren Ameisen emsig beschäftigt, und -einige schauten ihn wohlwollend und freundlich an, lächelten auch wohl -über seine staunende Miene. Alles dies konnte er sozusagen mit einem -einzigen Blick beobachten. - -»Worüber bist du froh erregt?«, fragte ihn Fuska. - -»O wie glücklich bin ich«, rief Max freudestrahlend, »ich habe ja -die besten Augen der Welt! Aber wie geht es wohl zu, daß ich so -Verschiedenes zu gleicher Zeit sehen kann? Ich bewege weder Kopf noch -Augen und trotzdem --« - -»Das kannst du ja auch gar nicht«, fiel Fuska belehrend ein. »Weißt -du, liebes Ameislein, weil wir unsere Augen nicht bewegen können, hat -uns die Natur anders geholfen. Unsere Augen sind so gebaut, daß wir -durch ihre Form und Stellung ein weites Gesichtsfeld haben. Ja, ja, -alle Geschöpfe sind von der großen Mutter Natur so ausgestattet, daß -zu ihrem Leben und Dasein alles bereit ist, was sie zu ihrem Dasein -brauchen. Wir Ameisen haben zwei zusammengesetzte Augen.« - -»Zusammengesetzte Augen! -- Kann man sie auch auseinandernehmen?« - -Fuska erklärte mit unerschöpflicher Geduld: - -»Die Oberfläche der beiden Augen, die links und rechts an unserem Kopfe -liegen, ist aus kleinen sechseckigen Feldern zusammengesetzt. Jedes -dieser Sechsecke zeigt nach oben eine Wölbung wie ein Brennglas, und -jedes Feld ist ein vollkommenes Auge. Begreifst du nun, daß wir deshalb -in jedem Augenblick nach allen Richtungen schauen können?« - -Max ging voll Neugier auf seine mütterliche Lehrerin zu, schaute ihr in -die Augen und rief: - -»Mein Gott, das sieht ja aus wie ein feines Netz!« - -»Ganz richtig, unser Auge, aus vielen kleinen sechseckigen Augen -zusammengesetzt, heißt darum auch Netzauge; Gelehrte nennen es -Facettenauge. Doch sollst du dich über die Menge der Felder in meinem -Auge nicht zu sehr wundern. Wir haben nicht viele, nicht einmal -hundert.« - -»Wie, das heißt wenig?« - -»Im Vergleiche zu andern Insekten wohl. Solche Insekten, die in der -Luft leben, würden mit hundert kaum zufrieden sein. Fliegenaugen haben -etwa viertausend solcher Facettenaugen.« - -»Viertausend!« - -»Libellen haben mehr als zwölftausend.« - -Es ist kein Wunder, daß Max mit seiner Vorstellungskraft Fuskas -Belehrung kaum mehr folgen konnte, als sie noch weiter erzählte: - -»Ein Insekt gibt es, das heißt Dolchwespe. Die Augen dieser Dolchwespe -sind genau genommen fünfundzwanzigtausend Äuglein. -- Gelt, da staunst -du?« - -Max fand tatsächlich keine Worte, um sein Erstaunen auszudrücken. »Wenn -diese Dolchwespe kurzsichtig würde«, dachte er, »dann bräuchte sie alle -Brillen der Welt für sich allein.« Fuska würde seinen witzigen Gedanken -doch nicht verstehen; er verschwieg ihn mit halbem Bedauern und fragte -weiter: - -»Wieviele Augen habe ich also?« - -»Komm her, ich zähle sie. -- Eins, zwei, drei ... So jetzt. -- Das eine -von deinen beiden zusammengesetzten Augen hat sechzig Felder.« - -»Da hätte ich im ganzen hundertzwanzig Augen?« - -»Nein, du zählst deine einfachen Augen nicht mit.« - -»Ich habe auch noch einfache zu den zusammengesetzten? Genügen die -hundertzwanzig nicht?« - -»Keineswegs; mit den hundertzwanzig bist du wohl imstande, mit einem -Blick alles ringsum wahrzunehmen, aber die nächsten Gegenstände kannst -du mit ihnen nicht klar unterscheiden. Wenn du mich ansiehst, tust du -es mit den einfachen Augen.« - -Man denke sich, mit welchem Forscherblick jetzt Max Fuska aufs neue -betrachtete. Richtig, auf Fuskas Scheitel entdeckte er im Dreieck -gestellt drei helle, sanfte Äuglein, die in Perlmutterglanz leuchteten. - -»Rechnet man alles in allem«, zählte Max tief aufatmend, »so besitzen -wir hundertdreiundzwanzig Augen.« - -»Es ist so, ganz richtig!« - -»Nun muß ich mich ein paar Minuten verschnaufen, ich kann es ja kaum -glauben. Sollte man so etwas für möglich halten! Erst wollte ich -glauben, ich sei blind, und nun entdecke ich an mir mehr als hundert -Augen!« - -Die Sache gab Max gehörig zu denken. Still wiederholte er für sich: - -»Hundertdreiundzwanzig Augen! Hätte ich sie auch als Kind gehabt, so -hätte ich mit hundertdreiundzwanzig in meine Bücher gucken müssen.« - -Wie er noch schaudernd bei solch ungeheuerlichem Bilde verweilte, hörte -er ein Schreien im Saal: - -»Obacht! Holla! Platz gemacht!« - -Eine geflügelte Ameise kroch herein, gefolgt von einigen Gefährten. -Mühselig und erschöpft bewegte sie sich vorwärts, von den Gefährten -beinahe getragen und geschoben. Bei jedem ihrer Schritte hinterließ -sie ein ovales Kügelchen, das vom Gefolge sorgfältig mit dem Munde -aufgehoben wurde. - -»Das ist ein schöner Skandal«, entfuhr es Max, der kaum hinzusehen -wagte. - -»Wo ist ein Skandal?« fragte Fuska verwundert. - -»Hm«, meinte Max, »ich finde das, was ich sehe, gerade nicht sehr -anständig.« - -Fuska wies ihn unwillig zurecht und sprach: - -»Ach, so reden die Leute immer, wenn sie eine Sache nicht verstehen! -Diese geflügelte Ameise, von der du weiß Gott was für unpassende Dinge -zu sehen vermeinst, ist ein braves Ameisenweibchen, das hereingeführt -wird, um uns seine Eierchen zu schenken.« - -Da schämte sich Max seiner voreiligen Anschuldigung und fragte dafür um -so wißbegieriger: - -»Was machen die Ameisen mit den Eierchen?« - -»Sie befeuchten sie mit der Zunge, damit sie wachsen und gedeihen, und -dann werden sie in ihre Stube gebracht.« - -»Das ist ja sehr nett. Bin ich auch so zu euch gekommen?« - -»Nein, das Ei, in dem du stecktest, fanden zwei unserer Schwestern auf -einem moosigen Stein in der Nähe unseres Hauses; sie brachten es uns -heim.« - -»Aha«, dachte Max, »das waren die zwei vermeintlichen Totengräber!« - -Aber er hütete sich, seine Geschichte zu erzählen. Wer hätte sie ihm -geglaubt!? - -»Komme, damit ich dir zeige, wie wir Eier und Kinderchen pflegen«, -sprach Fuska und zog Max mit sich fort, bis sie in einem Saal -anlangten, der vermutlich die Kinderstube vorstellte. Wie gelbliches -Korn lagen hier Eier aufgehäuft. Fuska wies darauf hin und sagte: - -»Sieh hier, der erste Zustand in unserer Entwicklung.« - -»Wie ist das zu meinen?« - -»Insekten kommen als Eier zur Welt. Das lebendige Eichen krümmt sich -nach und nach, wird durchscheinend und verwandelt sich in eine +Larve+.« - -»Eine Larve«, rief Max, »ums Himmels willen! So spielen die Ameisen -erst Fastnacht, bevor sie richtige Tierchen werden? Als ich mich einmal -maskierte, setzte ich eine Larve vors Gesicht, um mich unkenntlich zu -machen.« - -Fuska verstand nicht alles, was er redete, aber sie erklärte ihm -liebenswürdig: - -»Gewiß, im Larvenzustand ist unsere eigentliche Lebensform zunächst -vollständig vermummt. Wir liegen als hilflose Würmchen auf der Erde; -aber dann, wenn wir die Verhüllung ablegen ... Doch das sollst du jetzt -alles selbst sehen; komm!« - - - - -5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder männlich noch weiblich. - - -Fuska führte Max zu einer Saalecke, wo in langen Reihen höchst -eigenartige Geschöpfe standen. Nein, wie sie doch aussahen! Oben waren -sie dünn wie ein Fädchen, schwollen nach unten langsam an wie eine -dicke Träne, die aus dem Auge rollt. Im Fallen wird sie dicker, und -wenn sie über ein ungewaschenes Kindergesichtlein rinnt, nimmt sie eine -schmutziggraue Farbe an. Gerade solche Färbung wiesen diese Wesen auf. -Wie in einer Schule waren sie in Reihen nach der Größe aufgestellt. -Beim Nähertreten bemerkte Max, daß die Dinger winzig kleine Köpfchen, -aber weder Augen noch Füße hatten. Fast sahen sie aus wie eine Reihe -von Zipfelmützen, die mit Lumpen ausgestopft und unten zugenäht sind. -Max mußte bei diesem ungewohnten Anblick unbändig lachen. - -»Sehr geehrte Larven«, so redete er sie an und hob dabei seine Fühler -hoch, »wieviel Hörner strecke ich?« - -Einige erwachsene Ameisen sahen ihn verweisend an. - -»Wie magst du dich über unsere Kleinen lustig machen?« sprach Fuska. -»Hast du doch selbst vor kurzer Zeit nicht anders ausgesehen!« - -»Wie«, erwiderte Max, »bin ich auch so häßlich, so lächerlich gewesen?« - -»Und nur unserer Hilfe hast du es zu verdanken, daß du in diesem -Zustande nicht elendiglich zugrunde gingst!« - -In der Tat konnte Max zusehen, wie die großen Ameisen sich mühten, -diese Larven zu päppeln und sie mit zärtlicher Pflege zu umgeben. - -Nun war er ganz kleinlaut geworden, der übermütige Max. - -»Wie lange bleibt man denn in diesem Zustande?« - -»Je nachdem. Manche sind in vier Wochen fertig, andere brauchen zu -ihrer Entwicklung neun Monate.« - -»Und ich? Habe ich so lange gebraucht?« - -»Nun du hattest es eilig. In zwanzig Tagen warst du schon aus der Larve -eine Puppe geworden.« - -»Herrje! Eine Puppe!« - -Nun drängte Fuska ihn zu den hintersten Reihen, damit er genau die -Tierchen in ihrer zweiten Verwandlung sehen könne. Wie entsetzlich -schwer es aber für Max war, vor Fuska zu verbergen, daß ein neuer -Lachkrampf bei ihm auszubrechen drohte, ist nicht zu sagen. - -»Das heißt man Puppen!?« kicherte Max mit mühsamer Zurückhaltung, denn -er mußte sich fest auf die Lippen beißen und ein Füßchen vor den Mund -drücken, um nicht herauszuplatzen vor Lachen. Diese trottelhaften -Dinger reizten wirklich dazu. - -Waren denn das Ameisen? An den weichen, weißlich gelben Körper hatten -sie Beine und Fühler eng angezogen, und so lahm lagen sie da, als hätte -man sie eben durchs Öl gezogen. - -»Also, so soll ich ausgesehen haben?« sagte Max, der sich endlich zu -einem artigen Ton gefaßt hatte. - -»So sahst du aus. Und wie sie, hast auch du eines Tages aufgehört zu -essen, und obwohl es nicht alle Puppen so machen, hast du dich selber -in ein Knäulchen eingesponnen und versteckt, und als du zu dem vierten -Grad deines Lebens reif geworden warst, hast du angefangen zu nagen in -deinem Knäulchen, und ich habe dir geholfen herauszukommen.« - -Max starrte Fuska mit seinen sämtlichen Augen an und rief: »Ich -glaubte, Ameisen kämen zur Welt als richtige und fertige Ameisen.« - -»Wir Insekten sind allen jenen Verwandlungen unterworfen, die dir -so wunderbar scheinen. Du wirst im Leben noch deren andere, viel -merkwürdigere sehen.« - -»So bin ich also Ei gewesen, habe mich in eine Larve verwandelt, bin -Puppe geworden und habe als solche ein Knäulchen gesponnen.« - -»Und dies Knäulchen«, so sagte Fuska überlegen, »das nennen die -Menschen irrtümlich ein Ameisenei.« - -»Kann schon sein«, sagte Max. »Wie ist es nur möglich, daß ich mich gar -nicht daran erinnere, das alles getan zu haben!« - -»Das glaube ich gerne, in jener Zeit war dein Körper unentwickelt und -dein Verstand erst im Werden.« - -Diese Begründung leuchtete Max wohl ein. - -Eigentlich, so dachte er sich, machen auch die Menschen eine Reihe von -Verwandlungen durch, von der Zeit an, wo sie als kleine Wickelkinder -mit rotem Köpfchen und dickem Bäuchlein zur Welt kommen und gepäppelt -werden müssen, bis zu ihrem vollkommenen Zustand, wo sie Schnurrbart -und Backenbart tragen. In diesem Augenblick gab es eine neue -Überraschung. - -[Illustration] - -Jene geflügelte Ameise war inzwischen mit Eierlegen fertig geworden. -Nun sah man sie im Winkel dort mit einer, wie es schien, schmerzhaften -Arbeit beschäftigt, denn sie strich sich gewaltsam heftig mit den -Beinen über den Rücken und stöhnte laut dabei: - -»Ach, ach, ach!« Mit den Beinen stieß und drängte sie ihre vier -geöffneten Flügel, bis es schließlich gelang, sie abzureißen. Dann -seufzte sie tief auf und stöhnte erleichtert: - -»Gottlob, das hätten wir hinter uns!« - -Alle im Saale Anwesenden riefen ihr im Chore zu: »All Heil!« und -»Hurra!« und »Wir gratulieren dir!« - -»Hörst du«, sagte Max neugierig, »sie gratulieren. Hat sie Geburtstag?« --- Dabei schaute er mit seinen drei einfachen Augen voll Verwunderung -und mit den hundertzwanzig zusammengesetzten fragend und neugierig um -sich. - -Bereitwillig erklärte Fuska weiter: - -»Dies ist eine weibliche Ameise, wie ich dir schon sagte. Die meisten -unserer jungen Ameisenmädchen suchen sich in der Luft einen Bräutigam, -um Hochzeit zu halten. Diese hat aber ihr Fest in der Nähe des Hauses -unter unserer Aufsicht in Gras und Blumen gehalten. Wir haben sie -dann nach Hause zurückbegleitet, und weil sie eine kluge Frau ist, -entledigte sie sich eben ihrer Flügel. So kann sie nicht mehr in -Versuchung fallen, eines Tages fortzufliegen, bleibt dafür hübsch gut -versorgt bei uns und schenkt uns ihre Eier, um unsere Familie groß und -stark zu machen.« - -Verwirrt von soviel Neuem mußte Max ein bißchen ausruhen und darüber -nachdenken. Nun wandte er sich wieder an Fuska: - -»Wie kann und mag man denn in der Luft Hochzeit halten? Das verstehe -ich nicht.« - -»Es ist eben so.« - -»Liebe Fuska, ich habe ja keine Flügel, wie soll dann ich um Himmels -willen einmal in der Luft meine Hochzeit halten?« - -»Was kümmert dich das? Männlein und Weiblein haben ja ihre Flügel.« - -Nun glaubte Max aber wirklich verrückt zu werden. »Weibchen haben -Flügel. Gut. Männchen haben Flügel. Noch besser. Aber, darf ich -fragen, was sind dann wir beide eigentlich? Ich und Sie, wir haben -keine Flügel, ich begreife nicht ...« - -»Das ist sehr einfach: wir sind weder männlich noch weiblich.« - -»Waaaas???« - -»Wir sind geschlechtlose Wesen.« - -Wenn Max nicht eine so dunkle Hautfarbe gehabt hätte, hätte Fuska sehen -müssen, wie er erblaßte. Wie ein frischgewaschenes Leintuch, so weiß, -hätte er wohl ausgesehen. Es fuhr ihm durch alle Glieder. Bis jetzt -hatte er für einen tüchtigen Buben gegolten, der ein großer Mann werden -konnte. Wäre er als Ameisenmädchen geboren worden, er hätte sich in -Gottes Namen darein gefügt. Aber nichts zu sein, weder Mann noch Frau, -das war ja nicht zu ertragen. Im Ausbruch einer wilden Verzweiflung -schrie er Fuska an: - -»Ich will nicht geschlechtlos sein! Ich will nicht, ich mag nicht. -Ich bin ein Mann und will einer bleiben. Der Alte mit dem grauen -Rock hatte kein Recht, aus mir zu machen, was ihm beliebte! Wenn er -ein gerechter Mann gewesen wäre, hätte er mich erst fragen müssen.« -Weinerlich bettelte er jetzt: »Ich will ein Mann sein, liebe Fuska, ich -will Flügel haben! Kannst du mir nicht die Flügel ankleben, die von dem -Weibchen dort abgeworfen wurden?« - -Fuska tröstete ihn liebevoll. - -»Dein kindliches Verlangen ist zu verstehen; leicht beneidet man -diejenigen, die uns glücklicher scheinen, als wir es sind. Aber glaube -mir, wenn man solche Leute oft näher kennenlernte, würde man froh sein -um das, was man ist, und Gott dafür danken.« - -Allein Fuska hatte gut reden. Max traf dieser Schlag zu schwer. Wie -vorhin, als er vom Beginn eines Unterrichts hörte, spürte er eine -angstvolle Bangigkeit, die ihm den Hals zuschnürte. Tiefunglücklich -schlug er sich mit dem rechten Vorderbeinchen vor die Stirne und -stützte so seinen Kopf. Das Weinen war ihm näher als je. - -Aber auch diesmal bezwang er den ungeheuren Schmerz mit seiner -Vernunft; er besann sich eines Bessern. Tränen weinen aus -hundertdreiundzwanzig Augen, nein! Das hätte eine schöne Überschwemmung -gegeben. - - - - -6. Eine Riesenschlange. - - -Schmeichelnd zog Fuska den nicht länger Widerstrebenden mit sich und -sagte dazu: »Du möchtest ein Männlein sein, komm mit vor die Haustüre.« - -Sorglich führte sie ihn an der Hand, vielmehr am Füßchen und stieg zum -Haupteingang empor, der zugleich den Saal mit Tageslicht versorgte. - -Draußen fiel Max von einem Staunen ins andere. Was sah er? Drei -geflügelte Ameisen mit etwas kleineren Köpfen warfen sich wiederholt -auf die Erde, wobei sie von einer Seite auf die andere fielen und die -tollsten Purzelbäume schlugen. - -»Habt ihr Leibschmerzen?« wendete Max sich voll Mitleid zu den -unglücklichen Insekten. Stammelnd stieß eines hervor: - -»Uh -- uh! Ach, ah! Oh! oh! oh! ...« - -»E--s--e--l!« rief Max. - -Das war gerade nicht sehr teilnahmvoll und artig, aber er meinte, nie -dümmere Geschöpfe gesehen zu haben. - -»Siehst du wohl, das sind unsere Männchen.« - -»Ist so etwas möglich?« - -»Ja, sie sind weder besonders vernünftig noch sonst mit wertvollen -Eigenschaften begabt.« - -»Das sehe ich; weder laufen, noch stehen, noch stillsitzen können sie.« - -»Ihre Lebensaufgabe ist erfüllt; sie sind mit der Braut zur Hochzeit -geflogen, dann ermüdet herabgestürzt, und gleich werden sie sterben.« - -Starr und steif lagen bereits zwei, die Beinchen in die Luft gestreckt, -auf dem Rücken da, ein drittes machte noch einige unfrohe Purzelbäume -und stöhnte sein »Ach, Oh, Uh!« dazu. - -»Möchtest du mit diesen Armen tauschen?« fragte Fuska. - -»Mit solchen Dummköpfen? Nein, wahrhaftig nicht!« -- - -»Habe ich es dir nicht gesagt? -- Die Männchen leben nur wenige Tage, -während wir den Vorzug haben, ein, zwei, sogar bis neun Jahre zu leben, -wenn uns kein Unglück zustößt.« - -»Da wollte ich schon lieber noch ein Weibchen sein«, sagte Max, der -schaudernd den letzten Zuckungen des sterbenden Männchens zusah, »als -solch eine Art von Mann!« - -»Gewinn hättest du auch davon keinen. Wie für Männchen, bestehen auch -große Gefahren für Weibchen. Hungrige Vögel erschnappen sie im Fluge, -und das Traurigste ist, daß sie auch nach glücklich vollendetem Flug -niemals mehr ihr altes Heim finden.« - -»Nun, sie werden dann wohl in ein anderes Ameisenhaus gehen?« - -»Davor werden sie sich hüten! Fremde Ameisen werden nirgendwo -eingelassen.« - -»Dann bekommt aber die Ameisenfamilie die Eier des verirrten Weibchens -nicht«, eiferte Max, »wo keine Eier sind, ist es gleich zu Ende mit -Larven, Puppen und Ameisen; zuletzt steht dann das Ameisenhaus leer!« - -»Was du sagst, wäre richtig, wenn wir geschlechtlose Ameisen nicht -wüßten, was unsere Pflicht ist. Da wir das aber sehr genau wissen, -geben wir stets Obacht und tragen die zu Boden gesunkenen Weibchen ins -Haus herein, wo sie ihre Eier gerne ablegen, wie du selbst gesehen -hast.« - -»Wie entstehen denn Männchen und Weibchen?« - -»Wie eben alle Ameisen entstehen. Aus dem Ei.« - -»Wie aber kam ich zu euch?« - -»Du weißt es ja. Dein Ei fand man auf einem moosigen Stein in der Nähe -unseres Hauses. Wir erkannten, daß es zu uns gehörte.« - -Beide schwiegen. Maxens Herz war voll der verschiedensten Empfindungen. -Über eine Weile fuhr Fuska fort: - -»Merke dir also: Mann sein, heißt bei uns soviel als einen einzigen, -herrlich schönen Flug über Blumen zur Sonne machen, dann erschöpft -zur Erde stürzen und in Betäubung sein Leben aushauchen. Um als -Weibchen zu leben, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Flügel zu -gebrauchen, um den schönen Sonnenflug mit einem Bräutigam zu feiern -- -wie oft aber geht dies Unternehmen übel aus! -- oder, trotz Flügel, -auf der Erde bleiben und sich selber die Flügel auszureißen, um ihrer -Versuchung nicht zu unterliegen. Wer bei uns Flügel besitzt, ist nicht -zu beneiden. Wir geschlechtlose Ameisen aber sind recht die Herren des -Hauses. Wir arbeiten ehrlich und unverdrossen, und die ganze Welt ehrt -uns mit dem ruhmvollen Titel: ›Arbeiter‹.« - -Der Gedanke, unverdrossen zu arbeiten, war für Max durchaus nicht -bestrickend, aber daß Fuska grundgescheit und hoch achtbar war, das sah -er ein. - -»Wohlan«, sagte er, »ich will mich ferner nicht mehr über mein -Schicksal beklagen.« - -Fuska liebte es, ein wenig zu predigen; jetzt legte sie ihm ihre -Vorderbeinchen auf die Schultern, schaute ihn bewegt und ernst an und -sprach: - -»Eine Ameise, die still ihrer Arbeit lebt, hat keine Ursache, irgend -jemand zu beneiden. Du hast gesehen, wie der Schein trügt, und daß -Flügel nicht verhindern können, sich auf der Erde den Hals zu brechen.« - -»Ja, ja«, sagte Max altklug, »es ist nicht alles Gold, was glänzt!« - -Inzwischen waren aus dem Hause Gruppen von Ameisen ausmarschiert, die -eine Menge neu ausgeschlüpfter Ameislein führten, um sie an die Luft -zu bringen. Mit Interesse folgte Max, und gerne hätte er mit ihnen ein -wenig plaudern mögen. Aber alle horchten hoch auf, denn eine Stimme -ließ sich hören: »Hierher! Schwestern! Hilfe ist nötig!« - -Eine kräftige Ameise krabbelte keuchend heran und berichtete: - -»Es gilt eine große Beute hereinzubringen. Wir sind kaum unserer zwölf -und werden allein nicht mit ihr fertig.« - -Sofort nahm sich Fuska umsichtig der wichtigen Angelegenheit an, -indem sie zunächst alle Anwesenden aufmunterte, mitzuhelfen. »Auch -die Kleinen sollen mitkommen. Das Beispiel unserer Arbeit ist für die -Kinder die beste Erziehung.« So befahl sie. - -Der Tag war herrlich und die Arbeit begann jedenfalls mit einem -Spaziergang; das fand Max nicht übel. Auch war es ihm von jeher -vergnüglich, einer Arbeit zuzusehen. Wie oft hatte er früher zu Therese -gesagt: - -»Wenn ich einmal groß bin, will ich gerne die Menschen mit Arbeit -versorgen, auch wenn keine für mich übrig bleibt.« - -Man zog gemeinsam einen hügeligen Weg entlang, voran als Wegweiserin -die Ameise, die den Fund gemacht hatte. - -Wie man, um Atem zu schöpfen, einmal stehen blieb, meinte nachdenklich -die Führerin: - -»Ich müßte mich sehr täuschen, aber auf diesem Weg brauchen wir mehr -als tausend Leute, um unsere Beute heimzubringen.« - -Nach kurzer Weile des Weitermarsches rief sie: »Gleich sind wir am -Orte, hinter dem Hügel stehen die andern.« - -In Wirklichkeit war der bezeichnete Hügel nur ein Maulwurfshaufen, aber -man mußte tüchtig klettern, um ihn zu ersteigen. Max war als erster -oben, und vor Überraschung schlug er seine Vorderbeinchen zusammen und -richtete seine Fühler hoch auf. - -Am Fuße des Hügels lag vor seinem erstaunten Blicke eine riesige -Schlange mit rosiger Haut. Zwanzig Ameisen hatten an dem Ungetüm -bereits furchtlos Hand angelegt. - -Wie mag diese gefährliche Sache enden? - - - - -7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise? - - -Die Schlange war entsetzlich groß, und noch erkannte man nicht einmal -ihre wahre Länge. Warum? Sie steckte, weiß Gott wie tief, mit dem -Leibesende in der Erde, wo sich ihr Körper mit aller Kraft einstemmte. -Mit verwegener Kühnheit wurde von den Ameisen der Versuch gemacht, das -Untier aus seiner Erdhöhle herauszuzerren. - -Max wendete sich erregt zu Fuska. - -[Illustration] - -»Die sind wohl verrückt«, deutete er auf die Arbeiter. »Die Schlange -ist tausendmal größer als wir, wenn sie den Rachen aufreißt, -verschlingt sie uns alle zusammen.« - -Stolz erwiderte ihm Fuska: - -»Wir Ameisen sind mutige Leute und fürchten uns nicht leicht. Ferner -erinnere dich, was ich dir vom trügerischen Schein sagte. Diese -Schlange ist nichts weiter als ein fetter Wurm und heißt ~Lumbricus -agricola~.« - -Vorsichtig näherte sich der kleine Max dem großen Ungeheuer, -betrachtete es forschend und rief enttäuscht: - -»O, welch ein Aufwand von Fremdwörtern! Ein gewöhnlicher Regenwurm ist -es, nichts weiter. Regenwurm sagt man, das versteht jeder sofort.« - -»Es ist aber höchst wichtig, daß wir Ameisen die Tiere, die um uns -leben, nach der Art ihres Baues und ihrer Gewohnheiten kennen«, -erwiderte Fuska. - -Max hatte mit seinem Kinderverstand freilich erfaßt, daß es sich hier -um einen unschuldigen Regenwurm handelte; mit seinen Ameisenaugen -erkannte er trotzdem den Ernst des Kampfes. - -Seinen Angreifern gegenüber blieb der Wurm immerhin eine Riesenschlange. - -Alle alten und jungen Ameisen hatten sich jetzt rings um das Ungeheuer -aufgestellt, und Max war ehrgeizig genug, nicht zurückbleiben zu -wollen. Er begann wie diese fleißig mit seinen Beinchen zu arbeiten. -Der Körper des Wurmes überzog sich nach und nach mit einer säuerlichen -Flüssigkeit. Max schnupperte daran. - -»Was ist das?« fragte er, den Mund verziehend. - -»Das ist unser Gift, das wir gegen Feinde benützen«, sagte seine -Nachbarin. - -Es war Ameisensäure. Sie wird von den Ameisen erzeugt und am Hinterleib -ausgespritzt. - -Das Ungetüm lag jetzt da, ohne sich vor- oder rückwärts zu bewegen. - -Da kam Max ein prächtiger Gedanke, den er ohne Zaudern zum besten gab. - -»Wißt ihr was? Wir zerschneiden den langen Kerl mit unsern Kieferzangen -in zwei Teile«, rief er. - -Aber wie mit einer Stimme hielten alle ihm entgegen: »Das wäre eine -unverzeihliche Dummheit. Sie käme dem Herrn schön zustatten; da könnte -er die Hälfte, die im Boden steckt, bequem in Sicherheit bringen.« - -Max wußte eben nicht, daß es einem Regenwurm gar nicht einfällt zu -sterben, wenn man ihn entzweischneidet. Max hatte bisher in der -festen Überzeugung gelebt, daß ein Kinderverstand jedenfalls einem -Ameisenhirnchen überlegen sei. Über das eben Erlebte wurde er sehr -bescheiden. O weh, von einer Ameise mußte er sich so bekannte Dinge -sagen lassen! - -Heldenhaft zogen die Ameisen, dehnten und streckten den Wurm, aber ohne -jeden Erfolg. Er steckte wie eingemauert in seiner Höhle. Max entdeckte -am Bauche des Tieres eine Art Borsten, mittels welcher es sich fest am -Boden anklammerte, und bei solcher Gegenwehr ließ sich denken, daß alle -Ameisenkraft nichts nützte. Ein Augenblick allgemeiner Ratlosigkeit -folgte der äußersten Anstrengung. Die Klügste stieg nun auf den Rücken -der Schlange und befahl den andern, sie festzuhalten, damit sie nicht -vollends im Erdboden verschwände. - -»Hört mich an«, sprach sie eifrig, »dieser Starrkopf will sich nicht -loslösen lassen. Wir werden ihm den Boden unter dem Leibe wegziehen!« - -Max verstand nicht, wie man dies machen könne, während alle andern -flugs begriffen. Zum zweiten Male fühlte er sich gedemütigt. - -Unverweilt begaben sich alle Arbeiter bis auf etwa zehn, die die -Schlange festhalten mußten, zum Rande der Höhle, in der sie mit -einem Teile ihres Leibes versenkt war. Entschlossen arbeitete Max -hier mit, und Fuskas Befehl: »Zangen gebrauchen!« war für ihn fast -überflüssig. Alles schaufelte und grub, und die Kieferzangen, die er -zur Aufnahme der süßen, flüssigen Sirupnahrung nicht hatte gebrauchen -können, waren prachtvoll passende Werkzeuge. Mit ihnen ließ sich -spielend packen, graben, heben und schaufeln. Im Nu war der Rand des -Loches, in dem der Wurm steckte, abgebaut; tiefer und weiter gruben -die fleißigen Arbeiter, und bald lag der ganze Leib der Schlange -freigelegt in einer fast wagrechten Furche, in der das Tier sich mit -seinen Borstenfüßen nicht mehr festhalten und die Spannkraft seiner -Leibesringe nicht wie bisher ausnutzen konnte. Solange nämlich ein -Teil des Wurmes wagrecht auf dem Boden lag und der andere senkrecht in -der Höhle steckte, bildete der ganze Körper einen rechtwinkligen Haken -und leistete einen fast nicht zu überwältigenden Widerstand. Jetzt -hingegen lag der Wurm seiner ganzen Länge nach ausgestreckt in einem -schiefen Graben und konnte mit einiger Mühe fortgeschafft werden. Max -berechnete nachdenklich, daß das Tier mindestens fünfzehn Zentimeter -lang war; im Verhältnis zur Größe einer Ameise war das ungeheuer viel. -In Anbetracht seines eigenen Mutes, seiner herrlichen Waffen, die er -an seinen Kieferzangen besaß, und der unglaublichen Geschicklichkeit -seiner Gefährten kam aber keine Spur von Angst in Max auf. »Das werden -wir schon schaffen«, so ging es wiederholt mitten in schwersten -Anstrengungen von Mund zu Munde, und es lag nichts Großsprecherisches -darin. Nun mußte der lange, schwere Körper nach Hause gezogen werden. -Das war eine ganz besonders mühsame Aufgabe. Trotz geschickter -Verteilung der Arbeitskräfte am Kopf, in der Mitte und am Ende der -Schlange ging es nur langsam vorwärts. Der Wurm sträubte sich nach -allen Seiten. - -Max half wacker mit. - -»Wenn mir früher jemand gesagt hätte, wie stark und mutig Ameisen -sind«, dachte er, »ich hätte es nicht geglaubt! Wie oft mag ich achtlos -über sie weggeschritten sein, ahnungslos, wie klug und geschäftig sie -zu meinen Füßen arbeiteten!« - -Leider stieß das Unternehmen doch auf ein unüberwindliches Hindernis. -Der Boden war mit Rasen bedeckt, und es ging nicht an, die Beute -durch den dichten Wald der Halme und Blätter zu schleppen. Unsicher -rutschte man, und haltlos verlor der Körper einen Teil seiner Kraft -zum Schieben, Tragen und Stoßen. So kam der Zug zum Stehen. Endlich -eine passende Gelegenheit für Max, seine Weisheit aufs neue leuchten zu -lassen! - -»Nun muß die Schlange eben doch zerschnitten werden«, sagte er so -bestimmten Tones, daß es wie ein Befehl klang. - -Die eifrige Jugend glaubte schon folgen zu müssen, als Fuska schnell -»Halt« gebot. - -»Wir können unsere Beute ungeteilt nach Hause bringen«, entschied sie -mit Ruhe und Nachdruck. - -»Aber wie denn?« rief Max ärgerlich. Galt denn sein Kinderverstand so -wenig bei den Ameisen? Es war unausstehlich, wie man ihn mißachtete. - -Fuska ordnete in aller Ruhe an, daß eine gewisse Anzahl als Wächter -bleiben sollten. »Die andern«, befahl sie, »gehen mit mir. Laßt euch -indessen die Zeit nicht lange werden«, wendete sie sich noch freundlich -zur befohlenen Wache, »die Arbeit wird lange währen, aber den Wurm -bekommen wir ganz nach Hause.« - -So ging sie, gefolgt von den übrigen zum Ameisenhaus zurück und nahm -dabei einen auffallend taktmäßigen Schritt an, als ob sie Bedenken -trüge, ordentlich aufzutreten. - -»Weshalb geht sie denn so tolpatschig?« fragte Max seine Nachbarin. - -Ja er spottete sogar über seine gute Pflegerin und sprach: - -»Ei! ei! Frau Fuska hat, scheint's, Hühneraugen an den Füßen oder gar -Frostbeulen im hohen Sommer, so zaghaft trippelt sie dahin.« - - - - -8. Die Überführung der Schlange. - - -An der Haustüre hielt Fuska an und berechnete laut: »Die Entfernung vom -Wurm bis hierher beträgt nach meiner Schätzung hundertzwanzigmal meine -Körperlänge.« - -In Max dämmerte mit Beschämung das Verständnis auf, warum Fuskas Art zu -schreiten so eigentümlich gewesen war. - -»Wenn ich gut achtgebe, wie tief ich jetzt abwärts steige, wird es -nicht schwer sein, die genaue Richtung zu finden. Frisch ans Werk«, so -schloß sie jetzt mit aufmunterndem Wink. Nun schritt man vorsichtig -abwärts, bis Fuska bestimmte: »Hier an dieser Stelle beginnen wir den -Schacht. Während ich mit der Hälfte von euch grabe, schafft ihr andern -sofort das abgegrabene Erdreich weg.« - -Max verstand genau, um was es sich handelte. - -»Ihr hofft einen Gang zu bauen, der an einen bestimmten Punkt führen -soll«, bemerkte er. - -»Selbstverständlich, das tun wir«, so riefen alle durcheinander. Er -aber, der siebenmal gescheite Vorwitz, sprach gelassen: - -»Ihr habt wohl alle den Verstand verloren?« - -Von Onkel Walter wußte er, welche Schwierigkeiten es zu überwinden -kostete, bis der Gotthardtunnel gebaut war. Nach den verwickeltsten -Berechnungen hatte man Jahre der Arbeit gebraucht, bis die Arbeiter, -die an den entgegengesetzten Punkten die Bohrungen begonnen hatten, -sich unter der Erde endlich begegneten und ein großes Freudenfest -feiern konnten. - -»Ha«, lachte er in sich hinein, »so etwas wollen Ameisen fertigbringen! -Lächerlich.« - -»Vorwärts, vorwärts«, stieß ihn Fuska derb an, daß er aus seinen -Zweifeln jäh emporfuhr, »stehe nicht müßig! Wer immer grübelt und -zögert, erreicht kein Ziel«, brummte sie, als ob sie seine Gedanken -gelesen hätte. - -Welch mühsame Arbeit! Eine Stunde schon grub und schaufelte man, und -noch war kein Ende abzusehen. Etwas boshaft, wie Max heute aufgelegt -war, wendete er sich an Fuska: »Große Ingenieurin, ich möchte mir eine -Bemerkung erlauben.« - -»Nur keck heraus damit«, sagte sie, die Anrede gutmütig belächelnd. - -»Mir will scheinen«, belehrte Max, »der Gang, den wir graben, führt -mehr und mehr abwärts. Wir arbeiten ein Loch durch die Erdkugel!« - -»Sprich nur weiter«, drängte lachend Fuska. - -»Wenn wir das Leben haben, werden wir in ungefähr tausend Jahren in -Amerika die Sonne wieder sehen!« - -Fuska ließ ihn sprechen, da er fleißig dazu weiterschaffte und grub. -Die Tatsachen, so dachte sie, werden es ja lehren, ob er recht behielt. -Mit sachlicher Ruhe wurde emsig gearbeitet, und man fühlte es bereits, --- die Erdschicht, die noch zu durchbrechen war, war nur mehr eine -dünne Wand. Eine letzte Weisung noch gab die geistvolle Leiterin, und --- ein Lichtstrahl drang durch die erlangte Öffnung. Alle sprangen und -sangen mit fröhlichem »Hurra!« ins Freie. Da lag er, der Regenwurm, -kaum einen Ameisenschritt entfernt, umgeben von den treuen Wächtern, -die, ihrer Ablösung froh, vergnügt mitjubelten. - -Max aber stand neuerdings überwältigt vor Staunen mit aufgesperrten -Kieferzangen da und überlegte das Erlebnis! Kaum aus dem Gespinst -geschlüpft, hatte er gesehen, welch umsichtige Hausfrauen und treue -Wärterinnen die Ameisen sind. In langen Arbeitsstunden hatte er jetzt -erfahren, welch kühne Schachtgräber sie sein können, und jetzt eben -erlebte er den glänzenden Beweis ihrer Tiefbaukunst. Was war mehr zu -bewundern, der Geist des großen Planes oder die Genauigkeit seiner -Ausführung? - -»Wie ich mich mit euch freue«, sagte er bewegt zu den Gefährten, »ich -hätte nie geglaubt, daß ihr dermaßen geschickt seid!« - -»Manchmal«, redete ihn Fuska an und blickte ihm wie Gedanken lesend in -die Augen, »manchmal ist das Mißtrauen in anderer Leute Können nur ein -versteckter und unfruchtbarer Hochmut. Weil man sich selber zu etwas -unfähig fühlt, denkt man, andere werden auch nichts können!« - -Dabei räusperte sie sich mit auffallender Langsamkeit, während Max sich -mit den Vorderbeinchen verlegen hinter den Fühlern kratzte, denn Fuska -sah ihn ein wenig von der Seite an, als ob er ein auf der Tat ertappter -Schelm wäre. Aber sie war doch zum Umarmen lieb und gut. - -»Na, na«, fuhr sie freundlich fort, »zweifle nur nicht an dir selbst. -Heute bist du noch jung, aber in zwei, drei Tagen hast du dieselbe -Ausdauer und Berechnungskunst wie wir alle, und du wirst gewiß eine -Ameise werden, die unserer Familie würdig ist!« - -[Illustration] - -Da die Sonne sich bereits zum Untergange neigte, beeilten sich die -Ameisen, den Regenwurm, der im Nu in den neugegrabenen Gang gezogen -war, zu bergen. Der Eingang wurde gleich mit Blättchen, Erdkrumen -und Hälmchen fest verbaut. Aus Vorsicht vor nächtlichen Einbrechern -und andern Überraschungen schlossen sie sorgfältig das neue Tor zur -Wohnung. Die Schlange aber lag in einer Kammer des Hauses wohlgeborgen. - -Wie sie ausgestreckt dalag, erinnerte sich Max jener Schulaufgabe, -die von der Klugheit der Ameisen handelte. Es war die Fabel von der -sorglosen Grille und der fleißigen Ameise, die er gelernt hatte und -als Aufsatz niederschreiben sollte. Darum urteilte er jetzt nach -dem Gelernten und sagte in frohlockendem Tone: »Ein prachtvoller -Wintervorrat! Das gibt einen herrlichen Sonntagsbraten!« - -»Vorrat für den Winter?« Fuska sah Max verwundert dazu an. - -»Gelt«, erwiderte Max stolz auf sein Wissen, »gelt, du meinst, ich weiß -es nicht, wie fleißig wir im Sommer arbeiten, damit wir auch im Winter -etwas Gutes zu essen haben, wenn wir wegen der Kälte nicht ausgehen -können.« - -Da lachten alle Umstehenden aus vollem Halse. - -»Nein, wie er töricht plaudert«, riefen sie, »wer wird denn im Winter -essen?« - -»Nicht essen? -- Den ganzen Winter nichts essen?« - -»Im Winter schlafen wir doch!« - -»Liebe Fuska, höre doch, was sie sagen!« - -»Freilich«, bestätigte sie schmunzelnd über sein enttäuschtes Gesicht, -»was sollten wir den ganzen unfreundlichen, kalten Winter über Besseres -tun?« - -»Da schlafen wir immerfort, einen einzigen, guten, langen Schlaf?« - -»Ja, so ist es, Lieber.« - -»Wie können denn nur die Menschen«, so dachte jetzt Max, »ihren Kindern -solche Geschichten erzählen von Tieren, die sie gar nicht ordentlich -kennen!« Er war ganz müde vom Denken und den vielen neuen Eindrücken -und fragte nun gähnend: - -»Und jetzt? Heute gehen wir gewiß recht bald schlafen?« - -»Was denkst du? Nachts verrichten wir unsere Hausarbeit!« - -»Immer arbeiten!« brummte Max. »Aber der lange Schlaf im Winter ist -nicht übel. Was hat man doch als Kind für eine Schererei, sich abends -auszuziehen, ins Bett zu legen, dann wieder alle Morgen aufstehen, -anziehen, waschen, kämmen und so fort, bis abends dieselbe Leier wieder -beginnt, und alle Tage so weiter, ein ewiges Einerlei!« - -Dies sagte er aber nur still zu sich selber. - - - - -9. Max, der Soldat. - - -»Du hast immer noch keine richtige Vorstellung«, sagte Fuska zu Max, -»wie es in unserem Hause eigentlich aussieht. Reinige dich jetzt, ehe -ich dich in die Kellerräume führe.« - -»Ich mich reinigen?« wunderte sich Max. - -»Das versteht sich! Wir haben uns beim Graben tüchtig bestaubt, und -ich will nicht hoffen, daß du dich im Schmutze wohl fühlst wie eine -Kotwanze.« - -Dieses Insekt mit dem häßlichen Namen, auf das Fuska anspielte und das -bei den reinlichen Ameisen nicht gerade als Kosename gebraucht wird, -heißt lateinisch ~Reduvius~, was Max trotz seiner Studien im Latein -nicht wußte. Es lebt in den Häusern bei den Menschen. Die Larve hüllt -sich in Wollstaub und allerlei Kehricht, wie man ihn in den Ecken -unreinlicher Wohnungen antrifft. Vermummt in einen Staubmantel, fällt -sie nun aus dem Hinterhalt arglose Mücken an und verspeist sie. Ist -aber das Insekt ausgewachsen, dann gibt es seine ungehörige Hinterlist -und niedrige Verschlagenheit auf und jagt nach Beute im offenen Kampfe. - -Fuska hatte recht, wenn sie die Lehre anknüpfte: »Reinlichkeit ist -der erste und vornehmste Beweis eines gebildeten Geschöpfes, das -Selbstachtung besitzt. Wir Ameisen halten sehr viel auf uns!« - -»Wie in aller Welt soll ich mich aber reinigen? Wo ist Wasser, Seife, -Handtuch?« Fuska begriff durchaus nicht, was er meinte. - -»Nur rasch«, sagte sie, »mache dich sauber. Gebrauche flink deine -Beinchen!« - -Max stellte sich ungeschickt genug an. Am Ende seiner Füße befand sich -eine Art Kämmchen mit scharfen Zähnen; damit konnte er, wenn er die -Füße hob und beugte, seine Fühler bürsten; kreuzte er die Beinchen, so -ließen sich Kopf und Rücken kämmen und die feinen Härchen glätten und -striegeln, die an den Fußspitzen wuchsen. - -»Wenn mir einer gesagt hätte, daß mir der Haarschopf an den Füßen -wüchse!« witzelte er. - -Plötzlich hielt er laut jammernd inne. - -»Au weh, au weh!« - -»Was hast du, Kindchen?« - -»Ich armer Kerl! Ich blute! Blut läuft aus meinen Haaren!« - -»O du Dummerchen«, lachte Fuska, »du bist beim Kämmen an eine Drüse -geraten.« - -»Drüse?« - -»Aus diesen Drüsen quillt ein Saft, mit dem wir unsere Staubhärchen -befeuchten können.« - -»Wozu tun wir dies?« - -»O zu allerlei! Womit könntest du dich auf einer senkrechten, glatten -Fläche halten, die bestiegen werden soll? In solchem Falle drückt man -geschwind ein wenig Drüsensaft heraus; dieser klebt gerade so viel, daß -er uns beim Gehen an der glatten Wand den festen Halt gibt.« - -Mit den Beinen hatte Max vorher gegraben, und mit ihnen hatte er -geschickt die Erde fortgeschleudert, die ihm im Wege war. Jetzt rief -er begeistert: »Was habe ich doch für kunstvolle Füße! Krallen sind -daran, Staubhaare und Kämmchen. Fehlt nur noch Zahnbürste, Mundwasser -und ein Spiegel, dann hätte ich die feinste Waschtischeinrichtung -beisammen!« - -»Komm, komm!« eilte Fuska. - -Um ihn rannte alles so geschäftig durcheinander, daß er mit seinen -neugierig vorgestreckten Fühlern unsanft an beschäftigte Ameisen -anstieß. - -»Was laufen diese so? Was bedeutet dies Hin und Her?« fragte er. - -»Larven und Puppen werden herumgetragen. Sie sind sehr empfindlich -gegen Kälte und Hitze.« - -»Sie erkälten sich wohl leicht und bekommen den Schnupfen?« - -»Wir bauen für unsere Kleinen hochgelegene und tiefe Stuben, wohin wir -sie je nach Sonne und Regen tragen.« - -Max dachte mit Rührung daran, daß man auch ihn so treu herumgetragen -hatte, und tiefbewegt sprach er: - -»Wie gerne mag ich die Ameisen leiden, diese guten Tierchen! Ich finde -kaum Worte, um zu sagen, wie dankbar ich Ihnen, liebe Frau Fuska bin, -für alles Liebe, was Sie mir schon getan haben.« - -»Du liebe Zeit, mache keine Redensarten! Ich habe an dir nur getan, was -einst mir geschah und was du den nachkommenden Geschlechtern tun wirst. -Bei uns Ameisen werden schon die Kinder angehalten, andern das zu tun, -was wir selbst wünschen, daß es uns geschähe. Man muß Gutes tun, weil -man Gutes empfangen hat, wie man eben jede Schuld bezahlt, wenn man -ehrlich ist.« - -Unsere Beiden waren übrigens wieder innerhalb des wohlverrammelten -Tores angelangt. Im Hausgang schritten einige Ameisen hin und her. - -»Was tun diese hier, Frau Fuska?« - -»Sie hüten als Schildwachen unser Haus und rufen sofort im Falle der -Gefahr diejenigen an, die bei der Arbeit sind.« - -»Ich will auch eine Schildwache werden!« - -»Ohne Zweifel kannst du das, denn du scheinst eine kräftige, gesunde -Ameise zu werden und hast alle Eigenschaften eines guten Soldaten in -dir.« - -»Soldat! Soldaten gibt es auch bei den Ameisen? Juhe! -- Hurra!« - -»Im Notfalle kämpfen wir wohl alle, aber in unserer Familie sind die -kräftigsten Arbeiter mit starkem Kopf und den mächtigen Kieferzangen -besonders zum Kriegsdienst geeignet.« - -»Beim ersten Kampfe«, rief Max voll Begeisterung, »schwöre ich, daß -ich es zum General bringen will!« Indem er dies sagte, hob er sein -rechtes Vorderbeinchen zur Stirne empor und grüßte die Wachen stramm -militärisch. - - - - -10. Im Kuhstall der Ameisen. - - -Während sie beide die entlegensten Winkel des Hauses besuchten, konnte -sich Max von der Weitläufigkeit des Baues überzeugen. Es gab weite -Gemächer, die mittels Gängen und Gräben in Verbindung standen. Alle -mündeten sie in einen großen Saal im Mittelpunkt des Hauses. Wenn die -Tageshitze am größten war, vereinigten sich hier in ihren Ruhestunden -die Bewohner. In den weiten, dunklen, von Säulen und Pfeilern -gestützten Gewölben tastete Max sich mit seinen feinen Fühlern sicher -vorwärts und bewunderte überall die geistreiche Anlage des schönen -Baues. - -Die Ameisen, das sah er klar, sind nicht bloß gute Pfleger, starke -Arbeiter, schlaue, kluge Tunnelgräber, sie sind auch große Baumeister. -Er stand nicht an, dies laut preisend Fuska als Artigkeit zu sagen. - -»Es wäre eine falsche Bescheidenheit«, erwiderte diese mit würdigem -Stolze, »dein Lob abzulehnen. Aber ich muß auch gestehen, daß wir -Ameisen zwar alle großes Geschick im Bauen haben, trotzdem besitzen wir -aber keine bestimmte Bauart, wie z. B. die Bienen. Jeder arbeitet bei -uns sozusagen nach eigenem Geschmack und eigener Laune. Auf diese Weise -bekommen wir Häuser von unglaublicher Vielseitigkeit, die alle etwas -Persönliches an sich haben.« - -»Es müßte sehr schwer sein«, bemerkte Max altklug, »eine Geschichte des -Ameisenstiles zu schreiben.« - -»Riesig schwer! Denke, es gibt außer den verschiedensten Arten unserer -unterirdischen Nester auch solche in freier Luft.« - -»In freier Luft? Schwebend? Wie merkwürdig!« - -»Jawohl! Es gibt Ameisenarten, die bauen ihr Häuschen auf -Pflanzenzweige, sie kleben Blätter zusammen als Dach; andere wohnen in -Eichengallen, in Felsenspalten, Mauerritzen, sogar im Holz der Bäume.« - -»Also Holzschnitzer, nicht wahr?« - -»Vollendete!« - -»So sind die Ameisen auch Bildhauer«, murmelte Max, und jetzt dachte -er erst mit Verständnis an Namen, die ihm einst in der Schule recht -langweilig schienen. Da war im Lesebuch von einem berühmten Mann die -Rede, der Dante hieß; dieser war zugleich ein Staatsmann, ein Dichter -und Gelehrter. Ein anderer hieß Michelangelo Buonarroti; von diesem -gab es eine ganze Litanei zu merken: Bildhauer, Maler, Baumeister, -Ingenieur, Dichter und Soldat sollte er einst gewesen sein! Und alles -mit Note eins! Er hatte es nie recht glauben können, aber jetzt schien -es ihm doch eher möglich, nachdem er bei den Ameisen auch so vielerlei -Kunst vereinigt sah. Es war nicht ohne Grund, wenn er auf einen -drolligen Einfall geriet: - -»Es kommt mir vor«, dachte er, »als ob ich, seit ich Ameise bin, ein -großer Mann geworden sei.« - -Er fand übrigens, daß dies, was die Ameisen ihr Haus hießen, viel eher -eine kunstvoll befestigte Stadt genannt werden durfte. Max, der von -Fuska bereits gelernt hatte, Entfernungen abzuschätzen, berechnete -die Tiefe und Höhe des Baues auf mindestens dreihundert Ameisenlängen -und dachte mitleidig an das größte Menschenbauwerk, die berühmten -ägyptischen Pyramiden. Ihr Bild hing in Onkel Walters Zimmer, und Onkel -erzählte von ihnen, daß sie neunzigmal die Höhe eines Menschen hätten. - -Trotz aufrichtiger Bewunderung und Staunen für die kleinen Insekten, -denen er jetzt selbst angehörte, spürte er nach und nach eine ihm von -jeher wohlbekannte Regung seines Magens. - -Ohne Umstände sagte er daher: - -»Alles ist wunderschön, alles ist vorhanden, was eine Ameise sich -wünschen kann, aber darf ich fragen, ob nicht irgendwo etwas Eßbares zu -finden ist?« - -»Du kleiner Hungerleider«, lächelte Fuska. »Bisher bist du von mir -gespeist worden, es ist aber jetzt an der Zeit, daß du allein essen -lernst.« - -»O da mache ich sicher die schönsten Fortschritte, ich will es gerne -versprechen!« - -»So komm, du sollst jetzt unsere Ställe kennenlernen.« - -Eine neue Überraschung! Ställe! - -»Ställe? Wirkliche, wahrhaftige Ställe?« - -»Komm nur, wir werden unsere Kühe melken.« - -Ziemlich einfältig blickte Max um sich. - -[Illustration] - -»Kühe? Wo? Melken? Wie?« -- Kopfschüttelnd ging er hinter Fuska -her, die ihn in einen schiefen, aufwärts strebenden Gang führte, -der bis zur Erdoberfläche reichte. Er fühlte die Luft freier und -kühler wehen und bemerkte, daß der Gang oberhalb des Erdbodens weiter -senkrecht emporstieg. Im Hohlraum des Ganges stand aus dem Erdboden -herauswachsend der Stengel einer Pflanze. Es war ersichtlich, daß der -röhrenförmige Bau errichtet war, um diese Pflanze zu schützen. Sie -kletterten in die Höhe und gelangten schließlich in einen erweiterten -Raum. Dieser glich einer hohlen Kugel. Hier lebten Insekten, die -Max nicht gleich erkannte. Durch ein kleines Fensterchen drang ein -Lichtstrahl ein, und Max sah, daß es Tierchen waren, wie er solche oft -herdenweise an den Rosenzweigen in seinem Garten beobachtet hatte und -die Onkel Walter Blattläuse nannte. - -»Hier hast du zwei Arten von Milchkühen«, lud Fuska ein, »wähle und laß -es dir tüchtig schmecken.« - -Max stand verblüfft vor den Blattläusen und den Gallenläuschen, die -Fuska Kühe genannt hatte. - -»Melken? Ja, wie denn? -- wo denn?« - -»Nun hinten!« ermunterte ihn Fuska. - -Max war verblüffter als zuvor. Wahrhaftig, für eine saubere Ameise, die -sogar an den Füßen ihre Kämmchen mitführte, war dies eine schmutzige -Geschichte. Allerdings hatte seine Mutter einmal in der Küche Brötchen -mit einer gewissen Schnepfensache bestrichen, die dem Namen nach auch -nichts Schönes versprach, die sich aber als Leckerbissen herausstellte. -Ohne länger zimperlich zu zaudern, ahmte er Fuskas Beispiel nach, fing -sich eine fette Kuh aus der Herde und begann tüchtig zu melken und zu -schlucken, was sich die Blattlaus ohne Widerrede gefallen ließ. Es -war natürlich keine Milch, was ihm da so gut mundete, sondern der ihm -bereits bekannte vorzügliche Sirup. In mächtigen Zügen trank er sein -Bäuchlein so rundlich voll, daß er zur Verdauung an die frische Luft zu -gehen wünschte. - -Durch das Fenster stieg er mit Fuska ins Freie und kletterte längs der -Außenwand zur Erde hinab. Nun lag das anmutige Bauwerk im Mondlicht vor -seinen Blicken, dessen Äußeres er sich vorher nicht gut vorzustellen -vermochte. - -Vom Erdboden aus erhob sich der Röhrenbau in Gestalt einer -wohlgeformten, fast senkrecht stehenden Walze und schloß zu oberst -in einer kugeligen Ausbuchtung ab. In diesem erweiterten Raume lebten -die Blattläuse und Gallenläuse. Eine zierliche Krönung fand das hübsch -gebaute Türmchen durch die langen, grünen Blätter der Pflanze, die aus -der Dachöffnung herauswuchsen. - -»Beim Anblick dieses Bauwerkes steht mir ja der Verstand still«, meinte -Max. - -»Und doch ist es gar nicht schwer, das alles zu begreifen«, sprach -Fuska. -- »Die Blattläuse saugen ihre Nahrung aus der saftigen Rinde -der Pflanzen. Wir verzehren mit Vorliebe den Honigseim, den sie in -ihrem Körper bereiten und nach außen abgeben. Darum holen wir uns diese -Insekten herbei, halten sie als Haustiere und melken sie, wie du es -eben selbst getan hast.« - -»Ja, ja!« unterbrach Max schmunzelnd die Belehrung, »ich habe heute -melken gelernt, und es hat mir geschmeckt wie noch nie im Leben.« - -»Gewiß! -- Allein, damit die Tierchen ihre süße Flüssigkeit von sich -geben können, müssen sie auch zu essen haben. Darum haben wir ihnen -den Stall um eine lebende Pflanze gebaut; auf dieser finden sie ihre -Nahrung. Für gewöhnlich halten wir unsere Kühe in einem Raume innerhalb -des Hauses. Das erspart viel Arbeit und ist viel bequemer. Aber wenn -wir beim Ausheben unserer unterirdischen Höhlenwohnungen nicht auf -die Wurzeln einer lebenden, saftigen Pflanze stoßen, dann müssen wir -außerhalb des Hauses solche Bauten aufführen.« - -Wenn die Ameisen, wie es manchmal Menschen zustößt, sich hinterdenken -könnten, dann hätte Max vor Verwunderung seinen Verstand verloren. -- -Unglaublich! -- Die Ameisen hatten, geradeso wie die Menschen, ihre -melkbaren Kühe, sie bauten für diese Ställe, und diese Ställe waren in -allem der Lebensweise ihrer Bewohner angepaßt. Die Kühe fanden darin, -ohne daß man es ihnen hätte hintragen müssen, ein gutes Futter und -gaben dafür ihre süße Milch. Was Max bis jetzt vom Ameisenleben gelernt -hatte, war fast zuviel für seinen kleinen Kopf. - -Er mußte immer noch darüber nachdenken, als sie den Turm wieder -hinaufkletterten, durch das Fenster einstiegen und durch die Röhre in -das Ameisenhaus zurückkamen. Was er gelernt hatte, erregte seine helle -Begeisterung: Die kleinen Ameisen sind Kindergärtnerinnen, Lehrer, -Bergmänner, Soldaten, Maurer, Baumeister, Bildhauer und schließlich gar -noch Viehzüchter. - -Doch als sich Max an Fuskas Belehrungen über die Natur der Blattläuse -erinnerte, kam auch ein banges Gefühl der Besorgnis über ihn, und er -sprach zu sich selber: - -»Gott soll mich davor bewahren! Aber ich habe eine Ahnung und bringe -sie nicht los. -- Am Ende hat die Gesellschaft auch noch einen -Lateinprofessor, und ich muß wieder Grammatik studieren. -- +O je, o -je!!+« - - - - -11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht. - - -Max war wieder in das Innere des Hauses zurückgekommen. Bald sollte er -erfahren, daß Ameisen nicht an Verdauungsbeschwerden leiden. - -Drunten arbeiteten die Gefährten immer noch glättend, befestigend und -erweiternd an dem neu gegrabenen Gang. Als drei dieser Fleißigen unsere -Ankömmlinge bemerkten, eilten sie auf diese zu und begannen: - -»Wir haben Hunger, wollt ihr uns zu essen geben?« - -»Du hast für viere gegessen«, wendete sich Fuska zu Max, »sättige die -drei!« - -Ehe Max begriff, was sie wohl meinte, hielt eine Arbeiterin ihren Mund -an den seinen und saugte ihm eine gehörige Portion vom genossenen Sirup -aus dem Leibe. - -Er konnte nur ganz einfältig dabei stillhalten. - -»Aber das sind dumme Witze!« rief er, als sie fertig war. - -Fuska erklärte: »In deinem Kröpfchen hast du einen Teil deiner -genossenen Nahrung aufgespeichert. Das ist dein Vorratskämmerchen, aus -dem du Larven und hungrige Arbeitsschwestern speisen kannst, wenn diese -letzten vor Eifer keine Zeit finden, selber Nahrung zu suchen.« - -»Ach«, dachte Max, »bei den Menschen ist das nicht so einfach! -Diejenigen Leute, die so viele Zeit, Mühe und Geld anwenden, sich alle -Tage toll und voll zu essen, würden sich bedanken, wenn hungrige Leute -sie um solche Unterstützung anriefen. Fleißige Ameisen finden also -Kameraden, die ihnen das Essen in den Mund stecken, während es genug -fleißige Menschen gibt, die manchmal weder Arbeit noch Essen finden, -selbst wenn sie mit der Laterne danach suchten! Alle Ameisen haben, so -sehe ich, einen unwiderstehlichen Trieb zur Arbeit, was man von den -meisten Menschen gewiß nicht behaupten kann!« - -Seine Erlebnisse gaben Max einen großen, schönen Begriff von dem -weisen, hilfsbereiten, brüderlichen Zusammenleben des Ameisenvolkes, -das er als Kind so oberflächlich beachtet hatte. Als er zum ersten -Male das Ameisenhaus betrat, hatte er sich mit seinem Verstande den -kleinen Insekten hoch überlegen gedünkt. Jetzt aber begriff er, daß die -Menschen ihnen kaum etwas voraushatten. Nicht einmal den Honig! Der -Zuckersaft, den er verspeist hatte, war ja herrlich! - -In einem einzigen Tage hatte er eine neue Welt entdeckt, von der er -sich nie hätte träumen lassen. - -Leider gibt es aber neben dem Guten auch Schlimmes in jeder Welt. - -Das erlebte Max schon am nächsten Morgen, als Fuska zu ihm sprach: - -»Heute ist schönes Wetter; da wird die Schule im Freien gehalten. Gehe -mit den jungen Ameisen jetzt hinaus.« - -Bei diesen Worten verging Max alle Begeisterung. Schlechtgelaunt, -verstimmt und ohne Lust schlich er hinaus hinter den andern her. Unter -einem großen, schattigen Kürbisblatt hielt man an. Dort stand schon mit -ernsten Mienen eine alte, würdevolle Ameise auf einem Kieselsteinchen. -Dieses sollte jedenfalls den Tisch des Lehrers bedeuten. - -Die Ameislein wisperten und flüsterten sich zu, daß dies die älteste -Ameise der Stadt sei, die schon viel von der Welt gesehen und erlebt -habe und unendlich viel wisse. - -»Meine lieben Ameisen«, so begann der Professor, »es wird euch gut tun, -wenn ihr kleinen, vor kurzem geborenen Leute etwas von der Geschichte -und der Lebensweise des Ameisenvolkes erfahrt.« - -Hier räusperte sich der Professor und fuhr fort: - -»Wir gehören zur vornehmsten Ordnung der Insekten, zu jener der -Hautflügler; diese darf sich rühmen, daß ihr zwei Insektenfamilien -angehören, die durch Klugheit, Fleiß und geordnetes Zusammenleben vor -andern sich auszeichnen: die Ameisen und die Bienen. Tausenderlei -Sippen gibt es bei uns, über die ganze Welt sind wir verbreitet, -von der kleinen, arbeitsfrohen braunen Ameise angefangen bis zur -riesig großen, räuberischen Eciton, die in kleinen Kolonnen den -Wald durchziehen, um Ameisennester zu plündern, die ihnen besonders -gefallen. Von der häuslichen, rührigen gelben Schwester bis zur frechen -südamerikanischen Raubameise, die des Nachts in die Wohnungen der -Menschen einbricht und ihnen das Brot stiehlt. Wir leben in geordneten -Volksstaaten. Jeder arbeitet, jeder hat dieselben Pflichten, dieselben -Rechte, einer achtet und liebt den andern, und alle sind Brüder einer -Familie.« Max sah die Sache ins Breite gehen, und weil er meinte, in -der Ameisenschule gälten dieselben Zeichen wie bei den Menschenkindern, -hob er schlau sein rechtes Vorderbeinchen in die Höhe, um eilig -hinausgehen zu dürfen. Allein der Professor schien ihn nicht zu -verstehen. - -Er fuhr, ohne Max zu beachten, in seiner Rede fort: - -»Ich bin eine alte Ameise, und nach vielen und ernsten Erfahrungen -glaube ich, daß in weiten, fernen Tagen unser Volk einer leuchtenden, -sonnigen Zukunft entgegengeht. Heute sind wir ja noch durch falsche -Überlieferungen, irrige Meinungen und kleinliche Selbstsucht in viele -Stämme geschieden und zu gegenseitigem Kampf und Krieg verdammt. Wir -kennen heute noch nicht einmal die edle Freude der Gastfreundschaft, -und jede fremde Ameise, die unserem Herde in Zutrauen naht, wird -von uns grausam ermordet. Allein wer weiß es, ob nicht doch der Tag -erstehe, an dem alle Ameisen der Erde ihre Irrtümer einsehen und ihren -gegenseitigen Nutzen richtiger erkennen? Sie werden dann ihre sinnlose -Feindschaft begraben und alle ihre Kräfte vereinigend das erste Volk -der Insekten werden! Dann werden alle Rassen und Stämme von der -~Mutilla europaea~ bis zur ~Oecodoma cephalotes~ --« - -»Au, au, o weh, o weh!« - -Die fremden Namen der ~Mutilla~ und der noch schlimmere ~cephalotes~ -waren Max so auf die Nerven gegangen, daß er sich vor grimmigem Leibweh -nach allen Seiten wand. - - - - -12. Butziwackel wird erkannt. - - -Beängstigt unterbrach der Professor seine Lektion, trat vom Steinpult -zu Max herab und fragte besorgt: - -»Wo fehlt es dir?« - -»Au, au, mir ist so übel! Es tut mir überall weh, hier oben, dort -unten, in den Beinen, am Kopf -- au weh! au weh!« - -Der Professor war ein tüchtiger Kinderarzt und begann sogleich eine -gründliche Untersuchung. - -»Verletzungen finde ich keine«, sagte er dann, »dein Körper ist -tadellos gewachsen. Du hast Kopf, Brust, Hinterleib und sechs Beine. -Hm, hm! Tut dir's hier weh? dort? da?« und dabei klopfte und horchte er -an Brust und Kopf des Patienten. - -»Jawohl, hier und dort und da tut's weh!« wimmerte Max. - -»Merkwürdig! Dein Muskelsystem ist gut, und du kannst wie jede andere -Ameise ein Gewicht ziehen, das dreißigmal schwerer ist als du selbst, -während der Herr der Schöpfung, der Mensch, oft nicht so viel heben -kann, als er selbst wiegt. Hier -- was fühlst du hier?« - -»O, es tut weh ... unten, hinten, vorne -- und oben auch!« - -»Aber dein Blut fließt regelrecht durch die Adern, Magen und Darm -arbeiten, wie sich's gehört, hm, hm! Atme mal recht tief! Auch die -Atmung ist gut. Sind's vielleicht die Nerven?« - -»Ach ja, die Nerven sind's vielleicht, Herr Professor. Ich spürte einen -Stoß in allen Nerven, als ich vorhin die abscheulichen Fremdwörter -hörte.« - -»Untersuchen wir also deine Nerven. -- Ich kann auch hier nichts -Krankes finden! Die Nervenstränge sind in bestem Zustand, in den -Nervenzentren liegen keine Störungen vor; du hast deren mehrere, und -jedes arbeitet unabhängig vom andern. Würde man dich in zwei Stücke -schneiden, könntest du einige Zeit in zwei getrennten Teilen leben. -Untersuchen wir noch das Gehirn!« - -Zerknirscht lispelte Max: - -»Ich habe vielleicht recht wenig?« - -»Nichts dergleichen, genug hast du. Wie bei jeder richtigen Ameise ist -das Gehirn der zweihundertachtzigste Teil deines Körpers, das heißt, -es hat ungefähr dasselbe Größenverhältnis wie bei den entwickelten -Säugetieren. Daher unsere hohe Geisteskraft«, fügte der Professor -belehrend bei. - -Auf einmal wurde der Professor stutzig. Ganz sorgfältig betrachtete er -mit seinen drei einfachen Augen den Hinterleib des Patienten und sagte: - -»Sapperlott! Da ist doch was nicht in Ordnung!« - -»Was ist's?« wollte Max erschrocken wissen. - -»Dreh dich herum! Ein ganz merkwürdiger Fall! So etwas habe ich mein -Lebtag nicht gesehen!« - -Max fühlte, daß der Professor an etwas zerrte, und fragte kläglich, was -er denn so Seltsames hätte. - -»Wer weiß, ob es nicht ein Gewächs ist«, meinte der Professor. - -»Ein Gewächs! O Gott, o Gott!« - -»Es ist biegsam, ein Gewebe, das ich nicht erklären kann.« - -Alle Ameisen kamen jetzt neugierig näher heran, so daß Max mitten in -einem Kreise stand, und alle riefen: - -»Wie seltsam! Was mag das für ein weißes Zipfelchen sein?« - -»Zipfelchen!« schrie Max, am ganzen Körper zitternd vor Aufregung. - -Ein gräßlicher Gedanke durchfuhr blitzgeschwind sein Hirn. Wild blickte -er um sich, stürzte sich auf einen Grashalm, der sich nebenan über eine -Wasserpfütze neigte, kletterte an ihm empor und ließ sich, mit zwei -Beinchen daran festgeklammert, frei über dem Wasser schweben. So konnte -er sein Hinterteil im Spiegel betrachten. Es blieb kein Zweifel mehr. - -Klar widerspiegelte das Wasser seinen Körper, und genau sah er am -obern Ende seines Hinterleibes das weiße Fähnchen. Es hätte nicht viel -gefehlt, so wäre er vor Schreck ins Wasser gefallen. - -Mühsam zappelte er mit den Beinen, schwang sich wieder auf den Halm und -kletterte zum Ufer hinab; er wollte seinem eigenen Bilde entfliehen. - -Am Ufer erwarteten ihn erregt die andern Ameisen und sprachen -durcheinander: - -»Dieses weiße Ding ist verdächtig!« - -»Diese Ameise gehört nicht zu unserer Familie.« - -»Es ist eine Fremde!« - -»Ein Eindringling!« - -»Bringen wir sie um!« - -»Reißen wir ihr den Kopf ab!« - -Der arme Max aber war von seiner Entdeckung so erschüttert, daß er gar -nicht daran dachte, sich zu wehren, obwohl er größer und stärker war -als seine Gegner. Diese folgten ihrem Instinkt, und trotz der Lehren -ihres weisen Professors umzingelten sie unsern Helden und wollten sich -wie die Wilden mit aufgesperrten Kieferzangen auf ihn losstürzen. - -»Da habe ich viel Erfolg erzielt mit meinem Unterricht!« sprach traurig -der Professor und überschaute ungehalten den Tumult. - - - - -13. Das weiße Fähnlein. - - -In dieses Getobe mischte sich mit lautem Angstschrei eine Stimme: - -»Ruhig! Was fällt euch ein!« Fuska war es. Beschützend trat sie -zwischen Max und seine Feinde. Mit zitternden Fühlern und drohend -aufgesperrten Kieferzangen stellte sie sich den Angreifern entgegen, -die sofort einige Schritte zurückwichen. - -»Schämt euch!« rief Fuska empört. »Wie könnt ihr euch unterstehen, euch -das Recht über Leben und Tod eines Gefährten anzumaßen? Ihr, die ihr -kaum einen Tag alt und noch nicht trocken hinter den Ohren seid!« - -»Er gehört nicht zu unserem Stamm!« wagte jemand zu widersprechen. - -»Er hat ein weißes Zipfelchen hinten!« fügte ein anderer keck hinzu. - -Immer zorniger entgegnete Fuska: - -»Zipfel hin, Zipfel her! Erfahrene Ameisen haben das Ei als eines der -Unseren erkannt und heimgebracht. Ich muß mich höchlich wundern, daß -ihr, die ihr sozusagen noch die Eierschalen auf dem Rücken habt, daß -ihr euch ein Urteil über einen solchen Fall anmaßt! Gelbschnäbel seid -ihr! Nasenweise Rangen!« - -Alte Ameisen kamen in Eile herbeigerannt und halfen treu zu Fuska, -während der Professor, die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, das -Haupt bekümmert schüttelte. - -»Immer das gleiche«, murmelte er tief verstimmt, »werden denn -die Ameisen niemals ihre törichten Vorurteile ablegen lernen? -- -Dieses ewige Mißtrauen ist die alleinige Ursache ihrer grausamen -Unverträglichkeit. Schrecklich! Ich habe meine kostbare Zeit mit diesen -Unverbesserlichen vergeudet!« - -Übrigens, der Wahrheit die Ehre, die kleinen Ameisen standen beschämt -vor Fuska, die jetzt Max bei einem Vorderbeinchen nahm und ihn den -andern vorstellte. - -»Seht ihn an«, sprach sie würdevoll, »und erkennt euer Unrecht. Sein -Rücken ist schwärzlich, Brust und Kopf rötlich. Sind das nicht die -hauptsächlichen Merkmale unserer Familie? Wer leugnet, daß er eine -Rasenameise ist wie wir alle?« - -Bei diesen Feststellungen schwand in Maxens Feinden jedes Gefühl der -Abneigung. Zum Zeichen ihrer Freundschaft umringten sie ihn alle, und -jeder drängte herzu, ihn zu umarmen. - -Fuska nahm darauf Max mit sich und redete ihm in ihrer liebevollen -Weise zu: - -»Komm ins Haus, du mußt dich von dem ausgestandenen Schrecken erholen.« -In einem abseits gelegenen Kämmerlein angelangt, ließ Max seinem Kummer -freien Lauf, und er klagte: - -»O liebe Fuska, ich bin ja gewiß dankbar. Aber wenn du wüßtest, wie -unglücklich ich bin!« - -»Nicht doch, beruhige dich nur, liebes Kind.« - -»Das ist leicht gesagt, sich beruhigen«, klagte er. - -»Wer befreit mich von dem unseligen weißen Wackelfähnlein!« - -»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte es längst -bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht es dir ganz nett an.« - -»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich jetzt deutlich, -wie er bei seiner Verwandlung mit letzter Kraft versucht hatte, das -heillose Zipfelchen zu verstecken. - -»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann kam es zum -Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du größer geworden und das -Dingelchen ist mit dir gewachsen, doch wie gesagt, es fiel mir gar -nicht weiter auf.« - -»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in neuer Bestürzung. - -»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe dich nur, eine -brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst du sehen, wie geehrt du mit -dem weißen Fähnlein sein wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska -das Zimmer. Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter -anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses Schamgefühl -abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam ihn Schmerz und Kummer -über das herbe Geschick, welches ihn für immer zum Tragen dieser -verhaßten Fahne zwang. - -»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten Stück -meines Hemdes befreien können«, rief er wütend aus. »Als Kind bin ich -von Schwester und Bruder ausgelacht worden, und nun werde ich auch den -Ameisen zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte ich -wenigstens mit einer Handbewegung das Zipfelchen verstecken, aber nun? -Was tun? Jetzt ist es festgewachsen, und ich muß es immer, immerfort -tragen. Wie oft habe ich mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen, -aber Mutter wollte nicht hören, und ...« - -Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise geworden, plötzlich -zum zweiten Male gekommen und beschäftigte ihn derart, daß er alles -andere darüber vergaß. - -»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer. »Armes Mütterlein, -wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen, und du weinst jetzt um -deinen kleinen Max. Doch sei ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir, -daß ich dir beinahe Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe -Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so will ich doch -immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich habe dich so lieb und möchte -dich so gerne sehen und dir Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir -hätte, das immer bei mir bliebe! - -[Illustration] - -Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das mir jetzt -festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen. Um ihr sparen zu helfen, -trug ich die alten Höschen, die immer von neuem zerrissen, und so -trage ich jetzt zum Andenken an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie -bin ich froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt es -mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch wenn man's nicht -begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.« Lachend und weinend zog -er jetzt lustig an dem Wackelendchen, das ihm hinten herunterbaumelte -und das dem kleinen Schelm den Namen Butziwackel verschafft hatte. -Zuletzt erleichterte er sein Herz und weinte Freudentränen aus allen -seinen hundertdreiundzwanzig Augen. - - - - -14. Ein feindlicher Angriff. - - -Nach wenigen Tagen war aus Max eine stattliche Ameise geworden. - -Sein Körper war kräftig entwickelt, seine Lehrzeit erfolgreich -vollendet. Fuska entließ ihn aus ihrer Pflege und sagte: - -»Du hast von mir nichts mehr nötig!« - -»Sprich nicht so«, erwiderte Max, »deine Liebe habe ich immer nötig.« --- Er wußte jetzt auch, daß man bei den Ameisen alle Leute mit »Du« -anspricht, und deshalb ließ er das steife »Sie« fallen. Im täglichen, -lustigen Ringkampfe mit seinen Gefährten war Max sehr kräftig geworden -und in den Turnstunden -- die Ameisen treiben alle gern körperliche -Übungen -- bekam er immer die erste Note. Es ist daher nicht zu -verwundern, wenn die ganze Ameisenfamilie in ihm einen der tüchtigsten -Soldaten sah. - -Wenn es galt, gewagte Unternehmungen zu veranstalten oder gefürchtete -Wachtposten zu stehen, wurde stets Max dazu gewählt. Max bildete sich -etwas darauf ein. Eines Tages fand er ein Hanfkörnlein und machte sich -erfinderisch einen Panzer daraus. Er biß oben und unten sowie an jeder -Seite ein Loch hinein, höhlte es aus und schlüpfte wie in einen Küraß -hinein. Die Vorderbeinchen streckte er zu den Armlöchern heraus, und im -Innern des Panzers hielt er das mittlere Beinpaar versteckt. - -So sah er, auf den Hinterfüßen stehend, wie ein stolzer Krieger aus. -Eine derartige Uniform hatten die Ameisen nie gesehen, zuerst staunten -sie ihn an; aber bald schenkten sie der Neuheit keine Beachtung mehr. -Gab es doch viel Wichtigeres zu denken. - -Ernste Besorgnisse regten sie auf und störten das friedliche Leben des -ruhigen, fleißigen Volkes. - -Seit einigen Tagen konnte man in der Nähe öfter fremde Ameisen -bemerken, die sich sehr verdächtig benahmen und schleunigst die Flucht -ergriffen, sobald sie sich beobachtet wußten. Ihr auffallendes Benehmen -konnte nichts Gutes bedeuten. Und wirklich, eines heißen Mittags, als -alle ermüdet im Mittelraum Kühlung suchten, erscholl plötzlich der -Schreckensruf: - -»Die Roten Ameisen kommen!« - -Es waren die Wachen, die Lärm schlugen. -- Auf diesen Ruf stürzten -viele Ameisen, Max an der Spitze, in den vordersten Gang, während ein -unbeschreibliches Gewimmel im Kinderzimmer losbrach. In höchster Eile -schleppten Hunderte von Pflegeschwestern Eier, Larven und Puppen in die -untersten Räume, um sie der Gefahr zu entreißen. An der engsten Stelle -des Ganges stießen die Kämpfer bereits auf eine eindringende Schar. -Sofort erfaßte Max den Vorteil der Stellung gegenüber dem angreifenden -Feinde. Dieser suchte denn auch vergeblich, sich den Durchbruch zu -erzwingen, denn die Hausgenossen leisteten grimmigen Widerstand. - -»Einen Augenblick später«, behauptete Fuska, »und die Feinde wären in -unsere ganze Stadt eingedrungen.« - -»Wir stehen wie eine feste Mauer«, schwor Max, indem er einen der -Hauptangreifer zurückdrängte, »hier kommt keiner durch!« - -[Illustration] - -Trotzdem war er von dem Fortgang des Kampfes unbefriedigt. Festgehalten -konnten in diesem Engpaß die Feinde wohl werden, allein sie wichen auch -nicht wesentlich zurück, und da es in dieser Lage unmöglich war, eine -Entscheidungsschlacht zu liefern, drohte die Sache gefährlich zu werden. - -»Es müssen ihrer viele sein«, meinte düster Fuska; »denn wenn sie nicht -von rückwärts Unterstützung hätten, wären sie sicher schon geflohen.« - -Max überlegte eine Weile in schweren Gedanken versunken. - -»Fuska«, sagte er dann, »willst du die Verteidigung des Ganges -übernehmen?« - -»Das ist nicht schwer«, erwiderte sie, »aber so, wie es jetzt ist, kann -der Kampf ein Jahr dauern. Keiner wird nachgeben!« - -»Das wollen wir sehen!« rief Max. -- »Genügen dir zwanzig Leute, um den -Feind hier festzuhalten?« - -»Das ist mehr als genug!« - -»Dann verlaß dich nur auf mich!« - -Max befahl zwanzig Ameisen, bei Fuska auszuhalten, und ganz leise, ohne -daß der Feind etwas merkte, führte er ein ganzes Regiment rückwärts zu -dem Gange, den wir von dem Einbringen des Regenwurmes kennen. - -Maxens Plan war eines großen Feldherrn würdig. Er fühlte sich bereits -als ein Hindenburg der Ameisen. Am Ausgang des Ganges ließ er seine -Schar, es waren etwa hundert Soldaten, lauter auserlesene Mannschaften, -Halt machen. Er selbst bestieg einen Hügel, von dem aus man zum Haustor -hinsehen konnte. Fuska hatte recht. Dort stand in langen Marschkolonnen -das feindliche Heer vor den Toren und drängte den Vordersten nach, -die bereits zum Angriffe eingedrungen waren. Max kam zu seiner Truppe -zurück und befahl: - -»So ruhig wie möglich muß vorgerückt werden! Vorwärts! Marsch!« - - - - -15. Max wird General auf dem Schlachtfeld. - - -Ihr wißt, liebe Kinder, daß es unter den Menschen Faulenzer gibt. -Obwohl sie gesund und kräftig genug sind, auch Arbeit genug fänden, -geben sie den Menschen vor, krank und elend zu sein, betteln sie an -und verdienen sich ihr Brot mit Lüge und Heuchelei. Andere Faulpelze -werden frech und stehlen oder rauben dem arbeitsamen Mitbürger, was -sie zum Leben brauchen. Bisweilen rotten sie sich zu einer Räuberbande -zusammen, holen den fleißigen Landwirten die Früchte vom Felde und von -den Bäumen, dringen in die Häuser der Leute ein und rauben den Bauern -das Vieh aus dem Stalle, dem Kaufmann das Geld aus der Kasse. Wenn -sich jemand den Räubern widersetzen will, werden sie frech, mißhandeln -die Guten und schlagen sie tot. So macht die Trägheit aus den Menschen -Diebe und Räuber. Ganz ähnliche Verhältnisse findet man auch bei den -Insekten. Eine schlimme Diebs- und Räuberbande sind die Roten Ameisen. -Wild, roh, zur Arbeit unfähig, haben sie allen ordentlichen Ameisen -den Krieg erklärt, sich zu richtigen Räuberhorden vereinigt, greifen -ruhige Arbeiterfamilien an, dringen in ihr Haus ein, rauben alles, was -sie finden, sogar das Vieh, die Blatt- und Gallenläuse, und tragen -alles fort in ihre Höhlen. Ganz unerhört aber ist es, daß sie auch -Eier und Larven der Arbeiterameisen wegschleppen. Wißt ihr warum? -Sie lassen diese Arbeiter bei sich zu Hause ausschlüpfen und halten -sie als Sklaven. Diese als Kinder geraubten Ameisen müssen, wenn sie -groß geworden sind, den Räubern alle häuslichen Geschäfte besorgen, -ihnen dienen und sie sogar waschen und kämmen. Daher sagt man von -den blutroten Raubameisen, sie seien ein gemischtes Volk. Außer der -eigenen Sippe findet man bei ihnen eine fremde Art als Sklaven. Die -Roten selbst sind Krieger. Als Sklaven suchen sie sich mit Vorliebe die -dunklen Rasenameisen, weil diese sehr geschickt und fleißig sind. - -Ihr könnt euch vorstellen, mit welch wilder Gier sie vor dem -Ameisenstaat standen, in dem Max und Fuska die Verteidigung leiteten. -Sie konnten kaum den Augenblick erwarten, in den Bau einzudringen. -Dann wollten sie als Sieger die Einwohner vernichten und ihre Habe an -sich reißen. Aber urplötzlich ertönte über ihnen das Kriegsgeschrei: -»Schlagt sie tot, die Räuber!« Mit seiner ganzen Schar brach Max -seitlich in die feindlichen Marschreihen ein. Die Roten, die eine -derartige Überrumpelung keineswegs erwartet hatten, stoben auseinander. -Vergeblich versuchten sie sich wieder zu sammeln. Max mit seinen -Getreuen zögerte nicht, den Feind in zwei Haufen zu trennen; so -verhinderte er sie, geordneten Widerstand zu leisten. Wo immer er -erschien, brachen Schrecken und Verwirrung los bei den Roten. So -vorzüglich gelang der Überfall, daß der Feind an nichts anderes als an -Flucht denken konnte. - -»Verfolgt die verfluchten Räuber! Schont mir keinen!« so feuerte Max -die Seinen an. - -Während das siegreiche Regiment die Flüchtigen verfolgte, sprang er -selbst rasch zu dem Eingang des Hauses und verdeckte ihn sorgfältig -mit einem dürren Blatt, so daß nur eine winzige Öffnung blieb, durch -die mit Mühe eine einzelne Ameise sich durchzwingen konnte. Denn die -Feinde, die in den Gang eingedrungen waren, befanden sich noch immer -drinnen. Sie hatten noch nicht bemerkt, daß ihr draußenstehendes -Volk bereits eine schwere Niederlage erlitten hatte, und suchten den -Durchbruch zu erkämpfen. - -»Diese Schufte«, so überlegte Max, »haben den Eingang und einen Teil -unseres Hauses kennen gelernt. Es wäre gefährlich für uns, wenn -sie am Leben blieben, denn sie hätten für ein zweites Mal unsern -Festungsplan!« Er setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf das -vorgeschobene Blatt, belauerte mit gezückten Kieferzangen die kleine -Öffnung und schrie mit mächtiger Stimme hinein: - -»Hier stehe ich, Fuska, jage die Halunken heraus!« - -[Illustration] - -Im Innern des Ganges entstand sofort eine grenzenlose Verwirrung. Die -Roten, entsetzt, eine feindliche Stimme von dorther zu vernehmen, wo -sie ihre eigenen Leute zur Rückendeckung glaubten, machten in nie -gesehener Eile kehrt und stürzten dem Ausgange zu, verfolgt von Fuska -und ihren Tapfern. Geschoben und gedrängt, drückten sie sich am -Eingang zu einem Knäuel zusammen, bis sie mit Not und Mühe die winzige -Öffnung fanden, die Max für sie offen gelassen hatte. Einer nach dem -andern mußten sie sich herausdrücken. Das war es gerade, was Max -beabsichtigte. Lauernd stand er schon bereit. Mit offener Zange stürzte -er sich auf jede herauskrabbelnde Rote und zwickte ihr ohne Umstände -blitzschnell den Kopf ab. Bei dem blutigen Handwerk erfaßte ihn eine -berauschte Stimmung. Er kam sich vor wie ein Rasierer, in dessen Stube -die Leute auf Behandlung warten, und wie jener rief er jedesmal, wenn -ein feindlicher Kopf in den Sand rollte: - -»Fertig! Der nächste Herr!« Elf Feinde waren schon auf diese Weise -erledigt, und eben schickte er sich an, das Dutzend vollzumachen, da -tönte es ihm entgegen: - -»Halt, oho, was fällt dir ein!?« - -Es war Fuska. - -»Ums Himmels willen!« rief Max zum Tode erschrocken, -- grauenhaft! --- er mochte es gar nicht ausdenken, welch schauerliches Unheil er in -seinem wilden Eifer beinahe angerichtet hätte. - -»Ach, verzeihe«, stammelte er entschuldigend, »ich war so im Zuge, und -schau dich hier nur mal um!« Mit Staunen und Grauen betrachtete sie die -Köpfe der Feinde. Nicht einer war entkommen. - -»Laß mich nur machen«, fuhr Max eifrig fort; dann lief er suchend umher -und sammelte vor dem Eingang elf feste Tannennadeln. Auf jede spießte -er einen abgebissenen Kopf und pflanzte sie wie Pfähle nebeneinander -vor dem Tore auf. - -»Künftighin«, meinte er, »werden sich's die Raubritter überlegen, uns -anzugreifen, wenn sie diesen Gartenzaun vor unserem Hause betrachten.« - -»Sie werden trotzdem wiederkommen«, sagte ernst Fuska, »die Roten sind -unversöhnliche Feinde. Morgen erleben wir einen neuen Angriff.« - -Aus der Ferne hörte man schon seit einiger Zeit Rufe. Sie kamen näher -und wurden immer lauter. Es war Maxens siegreiches Heer, das von -der Verfolgung zurückkam. Als diese Tapfern ihren Führer neben den -aufgespießten Feindesköpfen sahen, brachen sie in hellen Siegesjubel -aus, der kein Ende nehmen wollte. - -»Hurra! Hurra! Es lebe der Held mit der weißen Fahne! Butziwackel lebe -hoch! Unser General Butziwackel dreimal hoch!« - -Wie ein Donner rollte das Freudengeschrei der Sieger über das -Schlachtfeld. Max legte heute zum erstenmal mit hoher Genugtuung sein -rechtes Vorderbeinchen an seine Fahne, dachte dabei an seine Mutter und -murmelte leise und tiefbewegt: - -»Gutes, liebes Mütterlein! Wie glücklich wärest du wohl, wenn du es -wüßtest: - -Heute ist dein Max bei den Ameisen General geworden!« - - - - -16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel. - - -Noch jubelte das begeisterte Ameisenheer seinem siegreichen Feldherrn -zu, als sich mitten im Volk die ernste Stimme des greisen Professors -vernehmen ließ. Alles wurde plötzlich still, er aber sprach gelassen: - -»Eure Tat war gut, da ihr unsere Heimat verteidigt habt. Der Krieg -aber ist an sich ein Verbrechen. Selbst wenn er aus gerechten -Ursachen geführt werden muß, kann man ihn doch nur als eine traurige, -beklagenswerte Notwendigkeit bezeichnen. Darum solltet ihr euch -jetzt nicht der ungezügelten Siegerfreude hingeben, sondern vielmehr -die Tatsache betrauern, daß unsere friedliche Arbeit durch den -Gewaltstreich einer Räuberbande unterbrochen wurde. Allein die Arbeit -und nichts anderes bringt einem kultivierten Volke Ruhm und Ehre.« - -Max wollte gegen die Auffassung des gelehrten Mannes Einwände -vorbringen, dieser aber fuhr unbeirrt weiter: - -»Der Krieg bleibt immer ein Unglück, auch für den Sieger. Seht nur her; -ihr erblickt tot und verwundet viele eurer Gefährten; den Larven und -Puppen sind die Pflegeschwestern entrissen, viele starke Kieferzangen, -die der Arbeit unseres Staates geweiht waren, sind für immer verloren!« - -Fuska, die Weise, gab dem Professor vollkommen recht. »Es ist so«, -sprach sie. »Wir müssen daran denken, mit doppeltem Fleiße die Toten zu -ersetzen. Jetzt heißt es zunächst, unser Haus von allem Ungesunden zu -reinigen. Die Leichname unserer Helden und der gefallenen Feinde müssen -fortgeschafft werden.« - -Alsbald nahm dieses vernünftige Volk die Arbeit mit Kraft und Mut -wieder auf. Die Toten wurden weggeschafft, sofort begann im Hause die -alte Friedenstätigkeit. - -Max gelüstete es, den Kriegsschauplatz noch einmal zu besichtigen. Ganz -allein mit seinen hohen Gedanken schlenderte er durch die Umgebung. -Nach dem errungenen Siege spürte er in sich eine stille Befriedigung. -Sein Herz pochte stolz, wenn er alle Einzelheiten des vergangenen Tages -betrachtete. Schon stieg ihm der Ehrgeiz zu Kopfe. - -Träume von kühnen Schlachten und herrlichen Triumphen erfüllten seine -Seele. An einen Grashalm gelehnt, ließ er seinen siegestrunkenen -Phantasien freien Lauf. - -»Mag der Professor predigen, was er will«, dachte er, »ich fühle mich -als Ameise zu großen Dingen berufen. Der erste Schritt auf dem Wege des -Ruhmes ist getan; ohne Frage bin ich der größte Schlachtenlenker, der -bei einem Ameisenvolke lebte. Morgen werden uns die Roten, wie Fuska -sagt, wieder angreifen. Das soll für mich ein neuer, glänzender Sieg -werden. Und hernach -- was könnte mich dann noch hindern, in unserem -Staate regierender Fürst und später König aller Ameisen zu werden!« - -[Illustration] - -In diesem Augenblicke vernahm er in der Nähe ein sonderbares Geräusch, -das hörte sich an, als ob ihn jemand ob seiner ehrgeizigen Träume -auslachen wollte. Aber schon war er eingehüllt in eine Nebelwolke, die -einen unerträglichen Gestank verbreitete. Max sprang entsetzt zur Seite -und gewahrte ein unbekanntes Insekt. Sein Rücken war schwarz, Hals und -Beine ziegelrot. Rücksichtslos kehrte es ihm das Hinterteil entgegen. - -»Wer hat dich solche Unanständigkeit gelehrt?« rief Max wütend. - -Statt jeder Antwort schickte ihm das Insekt mit demselben Geräusch eine -zweite Ladung entgegen. Eine übelriechende Gaswolke hüllte Max ein, so -daß er nahe daran war, zu ersticken. - -Der Zorn stieg ihm aber jetzt so hoch, daß er die Kraft fand, sich auf -diesen schlechterzogenen Frechling loszustürzen. Er sprang ihm auf den -Rücken und packte ihn mit den Vorderbeinen fest beim Schopfe. Schon -ging er daran, ihn mit seinen starken Kieferzangen zu köpfen, wie er es -vor kurzem mit seinen Feinden gemacht hatte. - -»Um Gottes willen«, winselte das Tier, »töte mich nicht!« - -»Tut mir leid, ich kann nicht anders. Was glaubst du eigentlich? Einem -General so etwas anzutun!« - -»Ach, ich glaubte, du wolltest mich angreifen, und ich suchte nur mich -zu verteidigen.« - -»Papperlapapp! Das nennst du verteidigen? Machen es vielleicht alle so -aus deiner Verwandtschaft?« - -»Ja, so machen wir es alle.« - -»Dann seid ihr alle abscheuliche Leute. Wie heißt ihr euch?« - -»Wir sind Bombardiere.« - -»Na, ausgezeichnet. Aber diese Art von Schießerei mißfällt mir -gründlich.« - -Und geschwind öffnete er die Zangen, um diesem Herrn Bombardier den -Kopf abzuzwicken. Aber zu guter Letzt kam ihm ein besserer Gedanke. Er -beugte sich zu dem Insekt herab und schrie es ordentlich an: - -»Sage mal, Bombardier, wenn ich dir das Leben schenke, willst du dann -versprechen, mich nie mehr zu beschießen?« - -»Darauf gebe ich dir das Wort eines ehrlichen Käfers.« - -»So bist du also ein Käfer?« - -»Freilich, siehst du es nicht? Schau mal her!« - -Der Bombardier spannte die Flügel aus und machte Max aufmerksam auf -die besondern Merkmale seiner Gattung. Er besaß zwei außerordentlich -feine Hautflügel zum Fliegen; diese lagen unter einem andern Flügelpaar -von kräftiger Hornmasse wohl beschützt, wenn er sie nicht zum Fliegen -brauchte. - -»Diese Anordnung der Flügel«, erklärte der Bombardier, »findest du -fast bei allen Käfern. Ich selber heiße ~Brachinus crepitans~, aber -die wenigsten Leute nennen mich bei meinem ehrlichen Namen, und sie -schelten mich schlechthin Bombardier. Ich gehöre zur Familie der -Laufkäfer. Wir haben unter unsern Brüdern die schönsten Deckflügel und -glänzen schillernd in allen Farben.« - -»Ihr könnt so schön sein, als ihr wollt«, bemerkte Max, »aber Erziehung -habt ihr keine!!« - -»Du spielst wohl auf den Dampf mit scharfem Geruch an, den wir aus -unserem Hinterleib ausstoßen können?« - -»Ein schöner Dampf!« rief Max, »schön scharf, ich danke!« - -»Je nun, das ist meine Waffe! Sie schützt mich vor Angriffen und hilft -mir, kleine Insekten zu erjagen.« - -»Elender! Du wolltest mich also verspeisen?« - -»Ich will es nicht leugnen. Aber du bist meiner Waffe nicht unterlegen. -Das ist mir noch nie vorgekommen.« - -»Gott sei gedankt! So höre, was ich dir sage: Kannst du mir ein Dutzend -Bombardiere, wie du einer bist, verschaffen?« - -»Ich kann es. Fünf wohnen mit mir unter einem Stein, andere haben ihre -Wohnung in meiner Nachbarschaft.« - -»Sehr gut. Wie gefiele es euch, wenn ich euch hundert und mehr Ameisen -zu einem Mittagessen besorgte?« - -»Ei, potztausend!« - -»So höre. Morgen in aller Frühe findest du dich mit deinen Leuten unter -jenem Kürbisblatt ein. Du siehst dort das große Blatt?« - -»Zweifle nicht, wir sind zur Stelle.« - -»Dann werde ich morgen die nötigen Anweisungen geben. Lebe wohl, -Freund! Bringe alle deine Leute und hebt mir eure Kanonenschüsse gut -auf, wir werden die ganze Munition nötig haben.« - -Nach dieser Verabredung entfernte sich Max, in Gedanken und Plänen -versunken. Die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, murmelte er -befriedigt von seinem Erlebnis in sich hinein: »Die Weltgeschichte wird -einst zu schreiben haben von den Taten des Generals Max Butziwackel. -Wenn mich jetzt der große Napoleon sähe, wie klein müßte er sich -vorkommen vor mir!« - - - - -17. Kaiser Butziwackel I. - - -Am folgenden Tag beim Morgengrauen versammelte Max alle erwachsenen -Ameisen im großen Saale, und mit dem schnarrenden Befehlston eines -Offiziers, der das Kommandieren längst gewöhnt ist, sagte er ohne -Umschweife: - -»Ich teile euch mit, daß ich heute morgen einen Angriff auf die Roten -Ameisen beabsichtige und ihnen eine Feldschlacht liefern will.« - -Der Professor schüttelte höchst mißbilligend den Kopf und sprach ernst: - -»Auf solche Weise verlassen wir das gute Recht und stellen uns auf die -Seite des Unrechts. Gestern handelten wir in gerechter Notwehr, heute -dagegen wollen wir bösartige Angreifer werden.« - -Eifrig hielt Max eine Gegenrede: - -»Wir müssen entschieden dem Handel ein kurzes Ende machen, sonst kann -aus dem glorreichen Siege, den ich euch gestern erstritten habe, keine -Gewähr für eine sichere Zukunft erstehen.« - -»O weh!« warnte der gute, weise Lehrer. - -»Du beginnst bereits, uns deine geleisteten Dienste vorzuzählen und zu -prahlen, weil du deine Pflicht erfülltest!« - -»Ach was, Pflicht«, versetzte Max unwirsch, »hätte ich nicht meinen -Mann gestellt, weiß Gott, wie es heute um euch stünde! Kurzum, meine -Anordnungen sind gegeben, ich werde mich in kurzer Frist mit meinem -Heer in Bewegung setzen.« - -Nun sprang der Professor aber zornbebend auf. - -»Dein Heer? Dein Heer! Wer gibt dir, Unsinniger, ein Recht, über Leib -und Leben deiner Kameraden wie über dein Eigentum zu verfügen? Hast du -denn ganz vergessen, daß in unserem Staate alle gleich sind und jeder -dieselben Rechte und Pflichten hat?« - -»Wenn alle gleich sind«, antwortete Max hochmütig, »warum hat dann -nicht ein anderer getan, was ich tat?« - -Ohne weitere Einwände anzuhören, ohne selbst auf Fuskas entschiedenen -Rat zu achten, verließ er den Saal und rief mit erhobenem rechten -Vorderbein: - -»Ob es euch zusagt oder nicht, -- die Soldaten, die mich gestern -kämpfen sahen, haben Vertrauen zu mir und werden mir folgen!« - -Und unglaublich! Der größte Teil der Ameisen, berauscht vom Siege -und der Aufregung des vorigen Tages, folgte mit Begeisterung Maxens -Anordnungen. - -Schnurstracks marschierte er mit seiner Streiterschar zum Tore hinaus -und dachte: »Kein Zweifel, das Heer ist mir zugetan. Ich kann sicher -auf dessen Treue zählen, und nach der siegreichen Rückkehr ist ein -Staatsstreich unausbleiblich.« - -An nicht allzu ferner Stelle kommandierte er »Halt!« Seine Soldaten -stellte er in Reihen auf und verteilte Ämter und Würden. Dies wollte -er tun, um ihren Ehrgeiz zu spornen, dann aber auch, um die einzelnen -an sich zu fesseln, schließlich aber auch, um folgende Rede halten zu -können: - -»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ihr habt bereits Beweise -eures Mutes gegeben, ich werde mit eurer Hilfe auch heute den Feind -vernichten.« - -»Hoch der General mit der weißen Fahne, hoch, hoch, hoch!« so schrien -sie alle im Chor, und Max fuhr fort: - -»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Heute kann ich euch die -besten Hoffnungen machen. Durch eine Überraschung wird uns der Sieg -über die Feinde sicher sein. Bleibt hier in Bereitschaft und erwartet -mich! Sobald ich zurückkomme, werden wir gegen den Feind anmarschieren!« - -Nach dieser Rede übertrug er das Kommando an Dickkopf und Großzang, -zwei verdiente Krieger, die er zu seinen Adjutanten erhoben hatte und -in die er volles Vertrauen setzte. Dickkopf gehörte zwar nicht zu den -Gescheitesten, besaß aber eine außerordentliche Kraft und Ausdauer. -Großzang war mit zwei schrecklichen Kieferzangen bewaffnet. Er hatte -nur einen Fehler, und zwar den, daß er nie satt werden konnte. Tag und -Nacht quälte ihn der Appetit. Diese beiden tapferen Streiter hatten -ihrem Führer Max schon derartige Beweise ihrer Ergebenheit geliefert, -daß er sich unbedingt auf sie verlassen konnte. - -Max begab sich zu dem bekannten Kürbisblatt, in dessen kühlem Schatten -der gute Professor seinerzeit so warm für den Ameisenvölkerfrieden -eingetreten war. Hier gerade traf General Butziwackel mit dem Käfer -zusammen, mit dem er tags zuvor ein Bündnis für den Krieg geschlossen -hatte. - -»Gut, daß du da bist!« sagte er ihm. »Wo sind die andern Bombardiere?« - -»Hier sind sie«, sprach der Käfer. - -Max sah unter einem Blatt die Kameraden seines Verbündeten versammelt, -überzählte sie und rief erfreut: - -»Ihr seid ein volles Dutzend! Gut! Die andern stehen alle -selbstverständlich unter deinem Kommando, nicht wahr?« - -»Jawohl!« - -»So passe jetzt mal gut auf! Ich bin der General, vorderhand -wenigstens, später hoffe ich es noch weiter zu bringen; ich bin der -General der Ameisen und Höchstkommandierender. Mein Heer ist ganz in -der Nähe bereitgestellt, und ich werde es an den Feind heranführen! -Sobald wir mit ihm in Fühlung geraten sind, üben wir einen Druck -auf ihn aus, nach dieser Seite hin, verstanden? Sobald er in euern -Feuerbereich kommt, kommandierst du sofort ›Feuer!‹ und bum! bum! bum! -schießt ihr alles ohne Gnade und Erbarmen über den Haufen!« - -»Verlaß dich auf uns!« sprach der Herr Oberbombardier, -- »sie sollen -schwimmen in ihrem Blute!« - -»Nun, guten Morgen und guten Appetit zur rechten Stunde!« rief Max und -eilte zu seinem Heer zurück. - -»Nichts Neues?« fragte er Großzang und Dickkopf. - -»Zu Befehl, Herr General«, meldete Großzang, »in kurzer Entfernung von -uns machte sich ein Fähnlein Roter bemerkbar, das gegen uns anzurücken -schien. Als sie uns sahen, sind sie fluchtartig entwischt.« - -»Vorwärts also! Wir spüren sie auf, umzingeln sie und drängen den Feind -dorthin zu jenem Kürbisblatt.« -- Er zeigte mit wichtiger Miene die -genaue Stelle. -- »Dort steht meine Artillerie. Bataillon! Vorwärts, -marsch!« - -Das Heer ging vor. Neben Max marschierte als Führer eine Ameise, die -von der gestrigen Verfolgung her die Straßen genau kannte. Von dieser -kundigen Ameise geführt, gelang es in kürzester Zeit, das Feindesheer -zu entdecken, das bereits den Kampf zu erwarten schien. - -Mittels eines schlauen Manövers umging Max den Feind derart, daß er -ihn im Rücken fassen und leicht nach der gewünschten Richtung drängen -konnte. Der Gegner schien keine Ahnung von den Plänen des Feindes zu -haben. - -»Welch einfältige Kerle!« murmelte Max. »Sie haben keinen Begriff von -Kriegskunst.« - -Im geeigneten Augenblick ging er zum Angriff über. Die Roten versuchten -keinen Widerstand, da sie höchstens zu fünfzig waren. - -»Drängt sie vorwärts!« rief Max seinen Soldaten zu. - -Doch es war unnötig. Als ob die Roten gar nichts Besseres wünschten, so -ließen sie sich zum Kürbisblatt hintreiben. Nur hie und da schaute, in -voller Flucht, einer sich um, ob man ihnen auch wirklich noch auf den -Fersen sei. - -Im selben Augenblick, als sie an dem Kürbisblatt ankamen, hörte man das -laute Kommando: - -»Feuer!« - -Ein donnernder Schuß mit einer wohlgezielten Ladung folgte dem -Kommando. Die Roten waren plötzlich in eine Rauchwolke gehüllt, deren -ekler und scharfer Geruch ihnen den Atem raubte. Nochmal wiederholte -sich das Kommando, und nochmal, dichter und heftiger, verbreitete sich -der Dampf. Max hielt sein Heer an, zeigte seinen Leuten die dichten -Gaswolken und rief: - -»Dort stehen meine Bombardiere, die den Feind mit Kanonendonner -empfangen!« - -Jetzt begriffen alle, welch frohe Überraschung ihnen Max zum -glücklichen Ausgang des Kampfes bereitet hatte; in unbändiger -Begeisterung toste es durch das Heer: - -»Hurra! Hurra! Hurra!« - -Indessen drang aber der üble Dampf der Geschosse bis zu den eigenen -Reihen. Max ließ darum eine Schwenkung nach links machen, und während -die erstickten Roten im letzten Todeskampf zuckten, führte er seine -Leute hinter einen Steindamm in Sicherheit, stellte sie in Reih und -Glied auf und hielt folgende Ansprache: - -»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ehe wir zu dieser Schlacht -ausrückten, wollten sich einige alte Ameisen mit allen möglichen -Behauptungen meinen Plänen widersetzen. -- Und nun seht! Ein schöner, -großer Erfolg krönt mein Werk. Dank den mächtigen Verbündeten, welche -ich für unsere Sache zu erwerben wußte, ist unser Haus gerettet vor -seinem unerbittlichen Erbfeinde!« - -»Jawohl, jawohl!« riefen die Soldaten. - -»Längst schon habe ich beobachtet«, fuhr Max mit sorgenschwerer Miene -fort, »daß die Regierung unseres Staates eine recht mangelhafte und -einseitige ist! Viel zu wenig persönliche Freiheit gewährt sie, viel -zu wenig Fortschritt ist von ihr zu erhoffen. Fortschritt und Freiheit -aber sind die zwei notwendigsten Dinge für eine moderne Ameise. Wenn -die Gleichberechtigung aller Ameisen weiter besteht, dann werden wir -auch ferner mit Altweibergeschwätz, mit veralteten Anschauungen und mit -Kinderängsten zu kämpfen haben. - -Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ich schlage daher vor, daß -ihr aus euren eigenen Reihen eine Ameise von Geist und Mut erwählt, -eine Ameise, zu der ihr volles Vertrauen habt; daß ihr diese Ameise zu -eurem Oberhaupte ernennt, zu eurem König oder, wenn ihr wollt, zu eurem -Kaiser!« - -»Jawohl, jawohl!« riefen alle zusammen. - -»Kurz, es müßte eine Ameise sein von hervorragenden Gaben des Geistes -und des Herzens wie zum Beispiel ich; eine Ameise, welche die -Kriegskunst kennt, wie ich sie kenne; eine Ameise, die gegebenenfalls -eine Schlacht zu gewinnen verstünde wie ich! Eine Ameise braucht ihr, -die euch zum Ruhm zu führen weiß, wie ich es tat! Doch ich selbst -mische mich nicht in eure Wahl. Ihr seid frei, zu wählen, wen ihr wollt -und wer euch gefällt.« - -Nach diesen Worten zog sich Max mit unglaublicher Bescheidenheit und -edlem Anstand zurück. - -Aber das Heer brach einstimmig in den Ruf aus: - -»Max wollen wir wählen! Unsern Butziwackel mit dem weißen Fähnlein.« - -Das ließ sich unser Held nicht zweimal sagen. - -Würdevoll trat er vor seine Soldaten, grüßte, alle Reihen abschreitend, -vornehm seine Truppen und erklärte feierlich: - -»So nenne ich mich denn: - - ›Butziwackel I., - Kaiser aller Ameisen.‹« - -Und alles Volk rief: - -»Hoch Kaiser Butziwackel I., hoch, hoch, hoch!« - - - - -18. Der Überfall. - - -So war also Maxens Traum verwirklicht. - -Seinen Ehrgeiz wußte er vor sich selbst glänzend zu rechtfertigen, und -er sprach still vor sich hin: - -»Obwohl ich im Grunde nie große Lust zum Lernen hatte, bin ich doch -stets ein gescheites Kind gewesen. Da ich Ameise geworden bin, finde -ich es nur natürlich, daß ich es bei diesen kleinen Ameisen so bald -schon zum Kaiser brachte.« - -Wenn aber einer ein ehrgeiziger Streber ist, so trifft ihn todsicher -die gerechte Strafe dafür. Der Ehrgeiz läßt sich nämlich niemals -befriedigen. Sobald der Streber ein Ziel erreicht hat, steckt er sich -gleich ein anderes, noch höheres. So kam auch unser Max nicht mehr -zur Ruhe. Der Traum einer neuen, größeren Stellung lockte ihn; hinter -dieser winkte eine noch größere Würde, und so immer weiter. Niemals -würde er sagen können: »Jetzt ist mir's wohl! Ich bin froh und habe ein -zufriedenes Gemüt.« - -»Kaiser der Ameisen«, dachte Max eben bei sich, »das ist durchaus nicht -mehr als ein Titel, der mir gebührt. Ich muß noch viel mehr werden! -Die Ameisen sind nur ein Teil der großen Ordnung der Hautflügler. Wie -wäre es, wenn ich das Oberhaupt der ganzen Ordnung würde? Und dann, -nachdem ich schon ein Bündnis mit den Bombardieren geschlossen habe, -könnte ich ja meine Macht über die Ordnung der Käfer auch ausdehnen. -Und wer könnte in weiterer Folge etwas dagegen haben, wenn ich Kaiser -über sämtliche Insekten der Welt würde? Ist vielleicht der Mensch nicht -der Beherrscher der Tiere? Wenn schon also ein Menschenkind sich in ein -Insekt verwandelt, so muß es zum mindesten danach streben, Kaiser aller -Insekten zu werden!« - -Vorderhand freilich mußte er sich begnügen, auf der immerhin sehr -erhabenen Sprosse in der Leiter seines Ruhmes zu stehen; der Ehrgeiz -aber riß seine Gedanken und ausschweifenden Wünsche zur schwindelnden -Höhe aller Ehren und Würden empor. Im Tone gnädiger Herablassung -sprach er zu seinen Leuten: - -»Gut, gut! Ich will den Titel eures Kaisers annehmen; doch wird es der -Form halber gut sein, in mein Reich mit euch zurückzukehren, um dort in -aller Feierlichkeit von meinem erhabenen Amte Besitz zu nehmen.« - -Ganz leise fügte er für sich hinzu: »Was für ein Gesicht wird wohl -der einfältige Professor mit seinem unnötigen Latein dazu machen? Der -wird sich hübsch ärgern!« Mit kühnem Blick überflog er noch einmal -das Schlachtfeld. Dort vergnügten sich die Bombardiere daran, die -Roten Ameisen, welche im Gasdampf erstickt waren, laut schmatzend -aufzufressen. Max aber verlor für solchen ekelhaften Anblick keine -Zeit; er stellte sich an die Spitze seines Heeres und führte es zum -Ameisenhaus zurück. Vor dem Eingang blieb er wie angewurzelt stehen. -Ein kalter Schrecken überfiel ihn. - -»Was ist hier los!« rief er bestürzt. - -Es mußte etwas Schlimmes geschehen sein. Schon das Äußere machte -einen unordentlichen Eindruck. Der ringsum aufgeführte Schutzdamm war -teilweise zerstört, der Gang ins Innere da und dort schwer beschädigt. -Max stürmte voll böser Ahnungen mit seinem Generalstab ins Innere. -Im großen Saal befand er sich zu seinem maßlosen Staunen von einer -Menge Ameisen umringt, die er im ersten Schrecken gar nicht erkannte. -Deutlich vernahm er sofort eine scharfe Stimme: - -»Auf, ihr Leute! Sorgt, daß dies Heer nicht mehr hereinkommt!« - -Diese Worte und verschiedene andere gefährliche Zeichen entschleierten -plötzlich dem armen Max die entsetzliche Lage, in welcher er sich mit -den Gefährten befand. Sein Reich, sein eigenes Reich war bereits von -den Roten Ameisen besetzt! Er konnte weder das Wie noch das Woher -verstehen, aber der Fall war so klar, daß kein Zweifel blieb. Während -er in seiner Aufregung vergeblich nach einer Erklärung suchte, spürte -er zwei fremde Fühler, die ihn zudringlich betasteten. Auf einmal -schrie's mit höhnender Stimme: - -[Illustration] - -»Aha, da haben wir ihn, den General mit dem Hanfküraß. Das ist der -Held, der die großen Feldschlachten liefert!« - -Voll Zorn schrie Max: »Das geht mir denn doch zu weit. Was soll das -heißen?« - -»Gleich erkläre ich es dir, hochberühmter Schlachtenlenker! Du dachtest -uns daranzukriegen, und inzwischen haben wir dir ein Schnippchen -geschlagen. Nach unserer gestrigen Niederlage hätten wir kaum mehr -einen Angriff gewagt. Aber du bist mit deinem Heere ausgerückt, um -die große Schlacht zu schlagen. Du wolltest uns angreifen. Wir waren -durch unsere Spione über deine Absichten wohlunterrichtet und haben dir -inzwischen hier im Hause einen schönen Empfang bereitet!« - -Richtig. Max erinnerte sich, daß Adjutant Großzang ihm ein Fähnlein -Roter Ameisen gemeldet hatte, die in der Nähe umhergeschlichen waren. - -»Nachdem wir«, fuhr der andere fort, »unsere Erkundigungen durch Spione -eingezogen hatten, schickten wir dir fünfzig Leute entgegen mit dem -Befehl, dich um jeden Preis aufzuhalten und irgendwie zu beschäftigen. -Das geschah. Während du die Fünfzig verfolgen ließest, sind wir mit -ganzer Heeresmacht hierher marschiert, haben dein Reich, das du ohne -Verteidigung zurückließest, überfallen, und jetzt ..., nun, du wirst ja -hören und sehen, was weiter geschieht.« - -Der Sprecher befahl nun in völlig verändertem Tone: - -»Bewacht diesen Gefangenen! Ich werde ihm zeigen, was wir Roten aus -seiner Kriegskunst gelernt haben!« - -Max stand wehrlos der Übermacht gegenüber. Den Sinn der letzten Worte -verstand er bald nur zu gut. Aus den Bewegungen rings umher und -aus den Kommandorufen, die er hörte, konnte er schließen, daß die -Roten dasselbe Spiel wiederholten, das er selbst gegen sie gestern -angewendet hatte. Während eine Abteilung Roter den Eingang verteidigte, -marschierte eine andere durch den berühmten Regenwurmtunnel, um von -hinten her in Maxens Regiment einzufallen und es zu vernichten. -Einen Augenblick hoffte er, daß seine wackeren Soldaten dem Angriff -widerstehen würden, und er verharrte in atemloser, gespannter Angst um -die Seinen. Die Minuten schienen zur Ewigkeit zu werden. Da hörte er -die Stimme von vorhin von der Höhe des Haupteinganges herunterschreien: - -»Sieg, Sieg!« - -Nun blieb dem armen Max keine Hoffnung mehr. Sein gutes Heer war -geschlagen, alles war verloren. Geknickt beugte er sein Haupt, und so -leise, daß niemand es verstehen konnte, flüsterte er: - -»Jetzt ist's vorbei mit Kaiser Butziwackel I.!« - - - - -19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den seinen zu hoch -getragen. - - -Die Roten hielten jetzt Kriegsrat. Jene Ameise, die, wie es Max schien, -Generalsrang bei den Roten besaß, ließ sich neuerdings hören: - -»Wir haben den Krieg gewonnen«, so sagte sie, »der Feind ist -niedergerungen, und wir haben von seinem Reich Besitz genommen. Es ist -unnötig, seine Eier, Larven und Puppen in unsern Bezirk zu bringen. Wir -sind hier die Herren und werden unsere Macht in diesem Reich ausüben -durch eine Besatzungstruppe, die hier bleibt. Im Kampfe hat jeder von -euch auf seinem Posten seine Pflicht getan. Darum gelten die Rechte -des Sieges für alle in gleicher Weise. Die Ameisen, die sich hier aus -Eiern, Larven und Puppen entwickeln und der Rasse des besiegten Volkes -angehören, sollen Sklaven unseres Reiches sein, zum Nutzen aller ohne -Ausnahme.« - -Während die Roten den Worten ihres Generals lauten Beifall -zollten, konnte Max nicht umhin, sein eigenes Vorgehen mit dem des -Räuberhauptmanns zu vergleichen. Zum ersten Male bedrückte ihn -zentnerschwer die ungeheure Last seiner Verantwortung. Entgegen den -Ratschlägen seiner vielerfahrenen Kameraden, der eigenen Ehrsucht -zuliebe, hatte er den Feind herausgefordert. Vom blutigen Kriege -hatte er den Vorteil gezogen, Kaiser zu werden. Er war allein die -Ursache des Zusammenbruches, er allein hatte das namenlose Unglück -über dieses gute, bescheidene und fleißige Volk gebracht, welches -nichts anderes begehrte, als in Frieden zu arbeiten und zu leben. -Rauh wurde er aus seinen herzbeklemmenden Betrachtungen aufgeschreckt -durch des siegreichen Generals Stimme: »Kriegsgefangene vor das Haus! -Hinrichtungen werden im Freien vollzogen! Dies erspart uns die Mühe, -die Leichen der Verurteilten wegzubringen.« - -Könnten einer Ameise die Haare zu Berge stehen und könnte schwarze Haut -erblassen, Max wäre kreideweiß geworden, und er hätte am ganzen Körper -eine Gänsehaut bekommen -- wäre er noch ein Kind gewesen. - -Zwei Soldaten führten ihn hinaus, und hier konnte er den feindlichen -General beim Tageslicht betrachten. - -Es war eine Ameise mit kräftigem Körperbau und wohlgeformten Gliedern. -Auf seinem Gesichte lag ein so wildverwegener Ausdruck, daß eine -ehrliche Ameise zu Tode erschrocken wäre, wäre sie ihm im Mondschein -begegnet. - -»Wie schade«, sagte Max, dem beim Tageslicht der Mut wieder wuchs, -»hätten wir Schutzleute und Gendarmen, dies wäre der erste Galgenvogel, -den ich einsperren ließe!« - -Der Rote General verstand ihn nicht. Er wandte sich an seine Schergen -und befahl: - -»Beginnt die Hinrichtungen mit dem Ältesten.« - -Max wandte sich um und sah den Professor, der in Sinnen vertieft -zwischen seinen Wächtern stand. Als dieser den Befehl des Roten -vernahm, erhob er seinen geistvollen Kopf mit Ernst und Würde und -sprach: - -»Ehe ich sterbe, wende ich mich noch einmal an alle Ameisen der Welt, -von welchem Stamme sie auch sein mögen. Alle frage ich, wielange noch -soll die unvernünftige Feindschaft herrschen zwischen Völkern, die -die Natur zu Brüdern schuf? Gibt es nicht genug gemeinsame Feinde zu -bekämpfen unter Insekten der fremden Ordnungen und vor allem unter -den Vögeln? -- Durch den inneren Aufbau unserer Staaten ragt ihr über -alle andern Insekten hervor. Ihr seid ihnen an Geist überlegen, eure -Arbeitsfreudigkeit steht einzig da in der Welt. Vereinigt eure Staaten -zum großen Völkerbunde! Ihr Ameisen der ganzen Welt, vereinigt euch! -Dies ist der letzte Wunsch eines Sterbenden, der lange genug gelebt hat -und der euch nun für immer verläßt. Ich nenne euch alle zum Abschied -Brüder und Schwestern, und dieser Name soll euch bedeuten: Friede und -Verzeihung!« - -Max war erschüttert von den aus tiefster Seele gesprochenen Worten -dieses ehrwürdigen Ameisengreises, dieses wahrhaften Volksfreundes. -Wer weiß, ob nicht auch unter den Roten etliche waren, die von der -tiefernsten Rede ergriffen und überzeugt wurden? - -Aber, hatte vielleicht er sich überzeugen lassen damals, als man ihm -Vernunft und Einsicht predigte? Wenn uns jemand auf künftige Gefahren -und düstere Möglichkeiten aufmerksam macht, die ein eitles Streben nach -vermeintlich großen Dingen in sich schließen, spricht er zu tauben -Ohren, und blind rennt der Tor seinen nichtigen Wünschen nach. Kommt -dann das große Unglück als Folge seiner Handlungen, dann, ja leider -erst dann dämmert ihm die Wahrheit, und er gibt dem weisen Ratgeber -recht. - -Glaubt ihr also, daß die Roten, die die Schlacht gewonnen hatten und -im Siegestaumel ihrer Erfolge waren, den Reden des Professors Gehör -schenkten? - -Der General gab ein Zeichen, und der erste Kopf, der fiel, war dieses -unersetzbare Haupt, abgebissen von den Kieferzangen eines rohen -Henkers. In gleicher Weise erging es allen Kriegsgefangenen. Wie -entsetzlich, wie schauderhaft aber war für Max der Augenblick, als er -unter den Verurteilten seine liebe Pflegemutter erkannte. - -»Fuska!« schrie er auf im wütenden Schmerze. - -»Gib dich zufrieden meinetwegen«, sprach die Gute, »was wirklich wehe -tut, ist der Gedanke, daß unsere Kinder in Sklaverei geraten.« - -Max konnte sich nicht mehr länger halten, er sprang vor und rief: - -»Nein, nein, schont meine Fuska! Ich selbst, ich bin allein schuld an -allem, ich ganz allein! Ich schwöre euch, sie wollte keinen Krieg, ich -aber war böse und ungehorsam und wollte ihren Rat nicht hören ...« - -Weiter kam er nicht. Einige Rote hielten den Erregten fest, und der -Kopf der braven Fuska fiel. Max, beinahe wahnsinnig vor Schmerz und -gequält von Gewissensbissen, schrie: - -»Tötet mich, tötet mich!« - -»Halt!« rief da jemand. Alle drehten sich, um zu sehen, wer da komme. -Eine Rote Ameise hinkte staubbedeckt heran auf fünf Beinen; das sechste -fehlte ihr. - - - - -20. Das Kriegsgericht. - - -Die fünfbeinige Ameise schüttelte sich stöhnend den Staub ab, stellte -sich inmitten der Versammlung und rief mit zornbebender Stimme: - -»Es wäre gut«, so sage ich euch, »diesem General mit dem Hanfpanzer den -Prozeß zu machen, ehe man ihn tötet.« - -Max hatte im ersten Augenblick Hoffnung geschöpft, seine Lage könnte -sich verbessern, jedoch seine Täuschung währte nicht lange. - -»Wie ihr seht«, so fuhr die Ameise fort, »bin ich eine von denen, die -dem Feind entgegengeschickt wurden, um ihn von unserem Heer abzulenken.« - -»Vortrefflich!« rief der Rote General, »was bringst du Neues? Wie kommt -es, daß du allein bist?« - -»Ach«, sagte mit bitterer Miene die Ameise, »die sind alle gestorben -und verdorben und längst verdaut.« - -»Verdaut? Was soll das heißen?« - -»Fragt den Hanfgeneral! Er weiß es.« - -Max hielt es für klug, zu schweigen. - -»Stellt euch vor«, begann die Klägerin und diesmal mit verächtlichem -Ausdruck, »daß dieser Tropf sich mit einem Dutzend Bombardieren -verbündet hatte. Verräterisch standen sie an der großen Kürbishalle, -und kaum hatten wir uns dorthin gewendet, beschossen sie uns dermaßen -mit Gas, daß die ganze Kolonne sofort betäubt niederstürzte. Ich selbst -bin wie durch ein Wunder entkommen, zwar nicht heil, aber doch lebend. -Diese elenden Bombardiere stürzten sich sofort auf die Gefallenen, um -sie zu fressen. Sie waren bereits gesättigt, bis sie an mich kamen, und -rissen mir nur noch ein Bein aus.« - -Ein Schrei der Entrüstung ging nach diesem Berichte durch den -versammelten Rat der Roten. - -»Was!« rief der General zu Max gewendet. »Das hast du getan? Du, der -du zu einer Ameisenart gehörst, die uns Barbaren und Räuber schimpft! -Anstatt offen und ehrlich zu kämpfen, hast du zu der gemeinsten und -unwürdigsten List gegriffen! Hast dich nicht entblödet, mit den Käfern, -diesen Kannibalen, ein Bündnis zu schließen!« - -Max wollte erwidern: - -»Auch die Menschen schließen im Kriegsfall Bündnisse mit andern, die -nicht zu ihrer gleichen Rasse gehören.« - -Allein er wußte ja bereits, daß das Beispiel menschlicher Sitten und -Gebräuche auf die Ameisen keinerlei Eindruck macht. - -»Wir sind ein Räubervolk«, rief der Rote General, »aber zu solchen -Gemeinheiten verstehen wir uns niemals!« - -Die hinkende Ameise nahm jetzt wieder das Wort: - -»Das ist noch gar nichts!« rief sie. »Ihr müßt wissen, daß ich auf der -Flucht aus jenem Gemetzel diesem Schlingel mit seinem Heer begegnet -bin. Ich versteckte mich hinter einem Stein, und ich habe gehört, daß -er sich zum Oberhaupt aller Ameisen ausrufen ließ mit dem Namen: Kaiser -Butziwackel der Erste!« - -»Ausgezeichnet! Butziwackel der Erste!« rief hohnlachend der General -der Roten. - -»Du hast also versucht, unsere gesellschaftliche Ordnung aufzuheben, in -der alle gleich sind mit denselben Rechten und Pflichten?« - -Die Ameisen, die Max im Kreise umstanden, waren bei dieser Mitteilung -vollständig fassungslos. Max begriff jetzt, daß es unmöglich sei, mit -menschlichen Gedanken und Vorstellungen unter Ameisen auszukommen und -zu leben. - -Allein für ihn war sowieso keine Rettung mehr vom Tode! - -Was lag ihm auch noch daran, nachdem er mit Grauen das Unglück -überschaute, das sein Ehrgeiz angerichtet hatte! Was bot ihm das -Leben, nachdem seine liebe Fuska enthauptet war und der beste, größte -Lehrer der Ameisen seine letzten Worte gesprochen hatte! - -Er war bereit, zu sterben. Doch seine mutige Ergebung wurde durch den -Roten General schwer erschüttert, der also anhub: - -»Hört es alle an! -- Dieser Wahnsinnige hat sich unbeschreiblicher -Verbrechen schuldig gemacht, darum sei auch seine Strafe eine -unerhörte. Ergreift ihn, zwickt ihm nach und nach alle Beine ab, dann -die Fühler; sein Kopf soll zuletzt fallen, damit er noch mit eigenen -Augen seiner Strafe zusehen kann!« - -Max war bei der Vorstellung einer solchen Tortur nahe daran, ohnmächtig -zu werden. - -Mühsam erhob er sich auf seine Hinterbeine und rief flehend: - -»Jawohl, ich bin schuldig; ich erkenne alle meine Fehler. Tötet mich, -aber laßt mich nicht so grausam leiden!« - -Helles Hohngelächter gellte von allen Seiten. Man warf ihn zur Erde. -Zwei Henker ergriffen seine Hinterbeine; sie zogen aus Leibeskräften, -aber die Beine saßen fest und ließen sich nicht ausreißen. Zwei andere -zerrten an dem mittleren Beinpaar, das ohne Schwierigkeit vom Leibe -brach. Max aber schrie seine Henker in dieser unerhörten Lage an: - -»Mörder! ... Diebe! ... Schurken!« ... - -Doch merkwürdig. Der Verlust der beiden Beine hatte Max gar nicht -wehe getan, und auch nach dieser Verstümmelung fühlte er sich noch -im Vollbesitz seiner Kräfte. Sodann wollten die beiden Henker seine -Vorderbeine abreißen, aber diese saßen sehr fest, so daß der Rote -General, als er die unnütze Anstrengung seiner Diener sah, ganz wütend -wurde und ausrief: - -[Illustration] - -»Ihr Trottel seid zu nichts zu gebrauchen! Fort, laßt mich selber -machen! Ich will doch sehen, ob ich diesem Teufel nicht mit einem -einzigen Biß den Kopf abtrenne!« - -Verwegen näherte er sich Max. Noch aber hatte er keine drei Schritte -getan, als er wankend ausrief: - -»O weh! Das ist mein Tod!« - -Wie Max das hörte, glaubte er, den General hätte ein Schlaganfall -getroffen, und er wollte schon der göttlichen Vorsehung dafür danken; -jedoch es war nicht dieses. Eine fremde Person erschien plötzlich, die, -wie es schien, auch ihrerseits an dem gräßlichen Werke der Hinrichtung -teilnehmen wollte und blitzschnell über den Roten General hergefallen -war. Mit verdüsterter Miene murmelte Max: - -»Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen!« - - - - -21. Ein hochvornehmer Mordgeselle. - - -Der neue Ankömmling war ein Insekt von der Familie der Grab- oder -Mordwespen. Sie stelzte auf hohen Beinen daher, besonders das hintere -Paar war unglaublich lang. An den Außenrändern der Unterschenkel saßen -so viel Stacheln und Zähne, daß sie wie Sägen aussahen. - -Dieses kecke Tier war mir nichts, dir nichts in den hohen -Kriegsgerichtshof hereingeplatzt und fing ohne Umstände an, einem nach -dem andern mit seinem schrecklichen Stachel den Leib zu durchbohren. -Zwischen Richtern und Verurteilten gab es jetzt nicht mehr den -mindesten Unterschied. - -In der Verwirrung, die entstanden war, konnten sich wohl einige Ameisen -retten, indem sie sich kopfüber in den nächsten Gang des Hauses -stürzten; aber mit einem fürchterlichen Satz war die Wespe schon auf -Max losgesprungen: - -»So weit ist es mit mir gekommen!« seufzte schwerbedrückt der -unglückliche Kaiser Butziwackel der Erste. - -Sobald er aber die Wespe winseln hörte: »Au weh, wie hart bist du -doch!« da wuchs schnell sein Mut. Er fühlte sich aufs beste geschützt -in seinem guten Hanfpanzer. Erleichtert aufatmend flüsterte er: - -»Gesegnet sei mein Hanfküraß!« - -Die Wespe stand jetzt mit hochgezogenen Beinen und forschendem Blick -vor ihm, betrachtete ihn mißtrauisch von allen Seiten und brummte -unverständliche Worte. Dabei ließ sie ihren Stachel prüfend in der -Scheide aus und ein gleiten, denn sie dachte nicht anders, als daß die -feine Spitze desselben schon beschädigt sei. - -Aber die Waffe war noch in bestem Zustande und besaß nicht eine einzige -Scharte. Halb und halb begütigt über diese Entdeckung, halb zornig -noch über Max, fragte sie ihn: - -»Sage mir auf der Stelle, warum du so harthäutig bist!« -- - -Max hatte jetzt seinen ganzen Mut wieder gefunden und antwortete nicht -ohne einen Anflug von Humor: - -»Ei, so bin ich schon lange. Als ich noch zur Schule ging, meinte der -Lehrer, ich hätte einen harten Kopf. Aber seit einiger Zeit habe ich -eine harte Haut. Doch wer bist du?« - -»Ich bin eine Mordwespe.« - -»Heilige Zeit!« - -»Jawohl, ich heiße ~Ammophila sabulosa~, zu deutsch: Sandwespe. Aber -man nennt uns Mörder, weil wir auf Fliegen, Spinnen, Raupen und Ameisen -Jagd machen. Gott sei Lob und Dank, daß nicht alle so hart sind wie du!« - -»Höre«, sagte Max entrüstet, »was Spinnen, Raupen, Fliegen betrifft, -will ich nichts dagegen sagen; aber daß du Ameisen angreifst, ich sage -dir, für eine anständige Wespe finde ich das eine Spitzbüberei. Oder -weißt du nicht, daß wir verwandt sind?« - -Er erinnerte sich nämlich, daß ihm die verstorbene Fuska einmal gesagt -hatte, daß alle Wespen, Bienen, Hummeln zur gleichen Ordnung wie die -Ameisen gehören und somit zum großen, ruhmreichen Volk der Immen und -Hautflügler, das wunderbar stark und klug ist. - -Es entstand nun eine Pause im Gespräch, während der die beiden -Personen, die sich bisher in Verteidigungsstellung drohend -gegenübergestanden waren, sich gegenseitig mit etwas mehr Höflichkeit -betrachteten. Max zeigte eine aufrichtige Bewunderung in seinem Blicke, -als er den schrecklichen Angreifer von allen Seiten besah, und er kam -zu dem Schlußurteil: - -»Ein Mörder mag sie sein, aber fein tritt sie auf. Sie muß aus guter -Familie stammen.« - -Die Wespe hatte wirklich ein prachtvolles Kleid von lebhaft gelber -Farbe; sie war schlank, anmutig in ihren Bewegungen, höchst lebhaft und -viel schöner als alle andern Wespen, die Max als Kind beobachtet hatte. - -»Welche Taille!« dachte der entthronte Kaiser. - -»Jetzt verstehe ich erst, warum man scherzte, Mutterchen habe eine -Wespentaille!« - -Da war er beim Gedanken an die Mutter den Tränen bereits wieder nahe, -und zu gleicher Zeit fühlte er im Herzen den unwiderstehlichen Wunsch, -sein Mütterlein wieder zu sehen, und um dieses Gedankens willen, den -diesmal die Wespe angeregt hatte, schenkte er dem schönen Tier seine -Liebe. Auch die Wespe schien jetzt besänftigt und unterbrach die Pause: - -»Schau, schau, da sind wir also verwandt? Dann reiche mir das Bein, -damit wir Frieden schließen.« - -Weil Max ein wenig unschlüssig dastand, fuhr sie lebhaft fort: - -»Na, na, bist du vielleicht noch empört über meine Jagd auf Ameisen? -Wenn ich nicht irre, waret ihr bei meiner Ankunft damit beschäftigt, -euch recht brüderlich gegenseitig den Garaus zu machen. Mir scheint, -daß Mord unter Geschwistern ein ruchloseres Geschäft ist als unter -weitläufigen Verwandten!« - -Gegen diese Rede ließ sich wirklich nichts einwenden, darum entgegnete -Max sanft und mild: - -»Ja, ja, du hast recht. Durch dich wurde ich aus den Zangen meiner -Ameisenbrüder errettet, wenn du das auch nicht beabsichtigt hattest. -Aber trotzdem darfst du doch nicht vergessen, daß wir Ameisen unter den -Hautflüglern das stärkste, das klügste und das, das, das -- -- --« - -[Illustration] - -Max fand keine Zeit mehr, ein drittes lobendes Eigenschaftswort -für sein Volk zu finden, denn die Wespe ließ den Redner plötzlich -mit einer unerwarteten und raschen Bewegung im Stich, um über eine -ansehnlich große Raupe herzufallen, welche das Unglück hatte, in der -Nähe vorbeizukriechen. Es war das Werk eines Augenblicks. Die Wespe -ließ ihren Stachel aus der Scheide gleiten und versetzte die Raupe mit -ein paar Stichen in einen Zustand, der es ihr unmöglich machte, ihren -Spaziergang fortzusetzen. - -»Hast du sie totgestochen?« schrie Max und lief herbei. - -Die Wespe schüttelte den Kopf und murmelte auf geheimnisvolle Art: - -»Was glaubst du wohl? Ich bin doch nicht so einfältig!« - -Dann setzte sie sich vergnüglich singend rittlings auf ihr Opfer, -ergriff es mit ihren Zangen und begann den Körper, der zehnmal schwerer -war als sie selbst, gegen einen kleinen, sandigen Graben zu schleifen, -an dessen Abhang sich ein rundes Loch befand, mit Kieselsteinchen, -Hälmchen und Erdkügelchen wohl bedeckt und versteckt. Max war -erstaunt, ein so vornehmes Insekt zugleich so stark, so kühn und -geistesgegenwärtig zu finden; er folgte der Wespe Schritt für Schritt, -bis er ganz nahe am Grabenrande war. Hier sah er, wie sie sich mitsamt -der Raupe vollends hinunterstürzte, immer rittlings auf ihr sitzend. - -Auf dem Grunde des Grabens angelangt, ließ die Wespe ihre Beute los, -schüttelte sich den Staub von den Flügeln und kehrte sich zu Max, der -noch oben am Grabenrand stand. Er hatte gefürchtet, daß die Wespe -drunten vom Gewicht ihres Opfers erdrückt werden könnte. - -»Hast du dir wehe getan?« fragte er sie. - -»Nicht die Spur«, antwortete lachend die Wespe. - -»Diese Rutschpartie war der leichtere Teil meiner Arbeit. Schwerer -ist's, die Raupe in das Haus hineinzutragen!« - -Dabei wies sie auf ihren Hauseingang, der an der Seite des Abhanges zu -sehen war. Max stieg vorsichtig hinab, und mit schlecht versteckter -Gönnermiene sprach er: - -»Ich werde dir helfen.« - -Aber die Wespe lehnte mit einer würdevollen Bewegung ab. - -»Bah!« sagte sie spöttisch, »wir sind an andere Strapazen gewöhnt und -haben es nicht nötig, daß das stärkste und intelligenteste Volk der -Hautflügler sich für uns bemühe.« - -Max kämpfte bei diesen Worten gegen seinen schwer getroffenen Hochmut. - -»Es wäre mir übrigens lieb«, fügte die Wespe hinzu, »wenn du auf -das Raupenwürmlein ein bißchen aufpaßtest, während ich im Haus erst -nachsehen muß, ob alles zu ihrem Empfang bereit ist.« - -»O, hast du vielleicht Angst, daß es entwische?« - -»Das nicht, aber du sollst achtgeben, daß sich niemand der Raupe -nähert. Kann ich mich auf dich verlassen?« - -»Aber natürlich!« - -Mit fröhlichem Gesumse schlüpfte die Wespe in ihre Höhle hinein, und -Max blieb als Wachtposten bei der Raupe stehen. - -Kaum war die Wespe verschwunden, als sich eine kleine, graue Fliege auf -den Körper der Schmetterlingsraupe niederließ, wie angepappt darauf -sitzen blieb und eifrig mit einer Arbeit beschäftigt war, für die Max -keine Erklärung fand. Er schrie: - -»Mach, daß du weiter fliegst! Dieser Wurm gehört nicht dir!« Die Fliege -flog darauf hohnlachend davon und zischelte boshaft: - -»Wenn auch nicht mir, so gehört er doch meinen Kindern!« - -Als die Wespe gleich darauf wieder erschien, sagte Max, die Raupe -forschend betrachtend: - -»Es fehlt kein Härchen an ihr! Sage mir nur, liebe Wespe, ißt du sie -denn ganz allein auf?« - -»Aufessen! Gott, wie kommst du auf diesen Gedanken?« - -»Ja, warum hast du sie denn ermordet?« - -»Ich habe sie doch gar nicht ermordet! Sie ist nur gelähmt. -Verstehst du nicht, wenn sie tot wäre, und ich müßte sie in mein -Haus nehmen, würde sie in kurzer Zeit in Fäulnis übergehen, was sehr -gesundheitsschädlich wäre.« - -»Du behältst sie im Hause? Was machst du nur mit solchen Sachen?« - -»Ach, sie ist doch für meine Kinder!« - -»O«, rief Max bestürzt, »dasselbe hat ja vorhin die graue Fliege auch -gesagt!« - -Die Wespe fuhr mit einem Sprung zurück und schrie voll Zorn: - -»Die graue Fliege sagst du? Ach, das Gesindel! Eine graue Fliege hat -sich am Ende wohl gar auf meine Raupe gesetzt? Antworte sofort!« - -»Aber ... ja ...«, stammelte Max, der nicht verstand, wie man sich -wegen einer solchen Kleinigkeit so aufregen konnte. -- »Einen einzigen -Augenblick nur ist sie auf der Raupe gesessen, ich jagte sie ja gleich -weg!« - -»Ach, diese Diebin, das hat sie mir angetan!« so heulte jetzt die Wespe -und untersuchte dabei die Raupe. »Da haben wir's schon! Da sind ihre -Spuren! Und ich hatte mich so geplagt! Meine Arbeit war nun für das -Lumpengesindel! Miserables Schmarotzerpack! Ah, sie hoffte am Ende -noch, daß ich die Raupe im eigenen Hause beschütze! Haha, der schönen -Augen ihrer Kinder zuliebe! O, die Elende!« - -Die Wespe war jetzt derart gereizt, daß Max sich nicht getraute, -noch etwas zu sagen. Er duckte sich in seinen Hanfküraß zusammen und -murmelte: - -»Gott bewahre mich! Wenn sie jetzt mit mir Streit anfinge, dann wäre -ich verloren, auch wenn ich mich in einen Zwetschgenkern verkröche!« - - - - -22. Letztes Lebewohl. - - -Nach und nach beruhigte sich die Wespe ein wenig, aber sie hörte nicht -auf zu brummen: - -»Alle Mühe umsonst! Alle Arbeit weggeworfen! Nun muß ich wieder von -vorn anfangen!« - -»Verzeihe!« sagte Max, dessen Neugier über die Furcht Meister wurde, -»erkläre mir doch, was haben denn deine Kinder und die Kinder der -grauen Fliege zusammen mit der armen Raupe zu tun, die so friedlich -schlummert, als ob ihr nichts geschehen wäre?« - -»Wie, was! Ich habe doch diese Raupe einzig meiner eigenen Kinder wegen -erobert!« - -»Warum bringst du sie dann nicht endlich in dein Haus?« - -»Weil die graue Fliege sie jetzt für ihre Kinder weggenommen hat.« - -»Langsam, langsam, mir schwindelt im Kopf! Wie kann sie dir genommen -worden sein? Die Raupe liegt ja noch hier!« - -»Du weißt doch gar nichts! ... Nun wohl, so höre, ob ich nicht recht -habe, gegen dieses elende Fliegenweib aufgebracht zu sein. Wir -Wespen erjagen gewisse Tiere, lähmen sie und tragen sie heim, einzig -deswegen, um in ihren Körper unsere Eier abzulegen; nach einiger Zeit -kommen aus den Eiern die Larven -- unsere Kinder, verstehst du? Diese -finden sogleich ihre Nahrung bereit, indem sie das Innere des Tieres -aufessen, in das ihre Mutter sie vorsorglich hineingelegt hat. Die -Speise reicht so lange, bis die Larven ein Knäulchen spinnen und sich -in Puppen verwandeln, aus denen sie dann als vollkommene Insekten -hervorgehen, um im Lichte der Sonne zu leben. Einige Wespen meiner Art -erjagen sich Spinnen, andere Grillen, ich ziehe Raupen vor, weil sie -mehr Fleisch besitzen. So weit wäre alles gut! Allein da gibt es auch -in der Insektenwelt herumziehende Stromer, wie diese graue Mücke, die -das Leben ihrer Kinder auf dieselbe Art sichern müssen; doch haben -diese Feiglinge weder die Kraft noch den Mut, Spinnen und Raupen zu -jagen, wie wir es machen. Was tun sie also? Diese Gauner schleichen -um unsere Häuser herum, spitzeln alles aus, und sobald sie sehen, daß -wir die Mitgift für unsere Kinder heimbringen, leise, leise -- hast du -nicht gesehen, siehst du nimmer -- legen diese Diebe geschwind ihre -Eier in unsere Beute! Begreifst du es jetzt? Hättest du mich nicht -benachrichtigt, so hätte ich jetzt mein gutes Ei in die Raupe gelegt, -in der Meinung, für das Fortkommen eines meiner Kinder gesorgt zu -haben. Und was wäre statt dessen erfolgt? Die Eier der grauen Fliege -hätten sich rascher entwickelt als meines, und ihre Larven hätten die -ganze Raupe aufgegessen, während meine an den leeren Tisch gekommen -wäre und elend hätte verhungern müssen. -- Nun, sage, ist das nicht -eine gemeine Schurkerei von diesen schmarotzenden Insekten, die ihren -Kindern mühelos die Früchte unserer Arbeit zukommen lassen? Siehst du, -jetzt kann ich die ganze Geschichte von vorn anfangen; ich muß eine -andere Raupe erjagen und sie hierher schleppen. Aber in Gottes Namen! -Was tut eine Mutter nicht für ihre Kinder! -- Arbeiten und nur den Mut -nicht verlieren!« - -Bei diesen letzten Worten schien es, als ob aller Zorn bei ihr -verraucht wäre. - -»Auf Wiedersehen«, sagte sie in entschiedenem Tone. »Jetzt gibt es kein -besseres Mittel, als die verlorene Zeit wieder einholen.« - -Sofort breitete sie ihre Flügel aus und summte in ihrer fröhlichen -Weise davon. - -Max rief ihr noch nach: »Auf Wiedersehen, liebe Sandwespe!« - -Er fühlte wirklich etwas wie Freundschaft für dies Tierchen. Es war -wohl eine Mordwespe, und ihre Jagdgebräuche waren geradezu grausam. -Aber nicht die Bosheit machte sie mordsüchtig und blutgierig. Sie tat -alles nur für das Leben ihrer Kinder, wie auch die graue Fliege nur -ihren Kindern zuliebe eine Diebin wurde. Die eine, stark und kühn, nahm -andern Tieren das Leben, um es ihren Kindern zu geben; die andere, -unfähig zum Raube, stahl zu dem gleichen Zweck dem Räuber seine Beute. - -Max begann zu verstehen, daß alle Sorge und Arbeit der Insekten ohne -Ausnahme auf ein hohes, edles Ziel hinstrebt. Mochten sie es erreichen, -wie sie wollten, auch durch List und Mord, suchten sie einzig -ihrer Nachkommenschaft das Leben zu sichern. Alles Streben dieser -Tierchen ging darauf hinaus, daß das Ei befruchtet wurde, daß der -ausgeschlüpften Larve ihre Nahrung zur Verfügung stand, daß die Jungen -noch beschützt seien gegen alle Feinde, bis sie in ihrer Vollendung als -fertige Tiere auftreten konnten. Dann fängt das wunderbare Spiel von -vorn an. Das neue Geschlecht sorgt mit gleicher Fürsicht und mühender -Liebe, wie sie ihm selbst zuteil geworden war, für seine Nachkommen. - -Max erinnerte sich von neuem an die Herzlichkeit, mit der ihn die gute -Fuska einst aufgenommen und in das Leben eingeführt hatte, als er -aus seinem Knäulchen schlüpfte. Fuska, die liebevolle Pflegerin, die -seinetwegen hatte sterben müssen! - -In so traurigen Gedanken vertieft, war er wieder auf den Grabenrand -hinaufgeklettert. Nun wandte er sich gegen sein einstiges trautes -Ameisenhaus, das für ihn Heimat, leider auch der Schauplatz großen -Unglücks gewesen war. Da sah Max zwei Untertanen seines einstigen -Reiches, die mühsam einen Kürbiskern schleppten, und sein Herz wurde -ihm weit. - -»Freunde!« rief er sie tiefbewegt an, »kennt ihr mich nicht mehr?« - -»Da schau!« sagten sie ohne jegliche Gemütsbewegung und hielten ein -wenig an, »was und wo arbeitest denn du jetzt?« - -»Ach, ich führe das Leben eines Verbannten«, klagte er bitter. »Wie -geht es euch? Wohin tragt ihr den Kürbissamen?« - -»O du liebe Zeit! In unser Dorf, wo unsere Herren wohnen.« - -»Wie? Eure Herren? Und nennt es doch noch euer Dorf?« - -»Warum denn nicht? Wir sind ihre Knechte, so wollte es das Schicksal. -Wir arbeiten und quälen uns für sie, aber wir dürfen dort wohnen -bleiben.« - -Max war empört über den Stumpfsinn, mit welchem die Brüder ihre -schmähliche Knechtschaft ertrugen. Er mußte sie verachten und rief -ihnen nach: - -»Schmutzige Sklavenseelen, pfui!« - -Dann setzte er seinen Weg fort und dachte nicht im geringsten daran, -daß die einzige Ursache ihrer traurigen und unverschuldeten Sklaverei -sein ungezügelter, unvernünftiger und herzloser Ehrgeiz gewesen war. -Was half es, wenn er auch jetzt gerade von einem guten Gedanken erfüllt -war? Er schaute hin und her, als ob er etwas suche. Wenige Schritte -vom Ameisenhaus entfernt blieb er lauschend stehen, denn er hörte -ein Geräusch, wie wenn ein Hund Knochen zerbisse. Max wandte sich -dem Lärm zu und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Vor ihm lagen -die traurigen Überreste seiner verstümmelten Mitgefangenen, die, -unglücklicher als er, ihr Leben lassen mußten. Die Köpfe vom Rumpfe -abgerissen, lagen sie da, und inmitten dieses jammervollen Haufens -zerrissener Körper saßen drei Ameisen -- es ist entsetzlich zu sagen -- -beim Mahl. Sie verschlangen mit lustigen Scherzen die Überreste ihrer -Schwestern und Brüder. - -»Ihr Elenden«, schrie Max, »so fehlt es denn auch unter Ameisen nicht -an schändlichen Hyänen und Schakalen!?« - -Wirklich gibt es einige Ameisenarten, die so tief gesunken sind, -Leichen zu verzehren. Beispiele solcher Schande sind ja zum Glück -äußerst selten, aber sie genügen, um den guten Namen des ganzen Volkes -zu schänden, den es sich durch seine vielen Vorzüge und Tugenden unter -allen Insekten erworben hat. - -So tragen die Schlechten, abgesehen von dem Schaden, den sie durch -ihre Missetaten den Guten zufügen, sehr oft die schwere Schuld, den -unbefleckten Namen einer ganzen Familie, ja selbst des ganzen Landes zu -beschmutzen, das diese Schädlinge hervorbrachte. Deshalb tat Max gut -daran, auf die drei kannibalischen Schwelger so grimmig loszugehen, -daß sie keine Zeit hatten, sich von ihrer Überraschung zu erholen und -Widerstand zu leisten. Alle drei fielen unter seinen Streichen. - -Nun erst beschaute er genauer die Überreste der tapfern Gefährten. Vor -dem schauerlichen Bilde krampfte sich sein Herz zusammen. - -Weinend warf er sich inmitten dieser Ärmsten auf die Knie, und in -tiefem Schmerze rief er: - -»Verzeihung! Verzeihung! Hätte ich doch auf die Mahnungen des -Professors gehört! Wäre ich bescheiden und fleißig geblieben wie ihr -Teuren! Wieviel Unglück habe ich über euch gebracht! Fuska, liebe -Mutter und Lehrerin, auch du bist tot! Wäre es bei den Ameisen üblich, -so würde ich dir das schönste Denkmal aufstellen, daß alle Welt es -bewundern müßte. Darauf ließe ich mit goldenen Buchstaben die Inschrift -setzen: - - +Fuska+. - Seiner guten Ameisenmutter - der entthronte Kaiser - Butziwackel I.« - - - - -23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus einer Eichengalle -herausspaziert. - - -»Und nun was jetzt?« - -Das war die Frage, die Max beschäftigte, als er seinen Weg wieder -aufnahm, und auf die er vorderhand keine Antwort wußte. Ganz allein, -verloren in der weiten Welt, ohne Familie, ohne Freunde! Dies war -die traurige Lage des armen Insektleins, das vor wenigen Stunden zum -ersten Kaiser der Ameisen erwählt worden war. »Was verschlägt's«, so -dachte Max, »auch Napoleon der Erste mußte es erleben, nach St. Helena -verbannt zu werden!« - -Doch dieser geschichtliche Vergleich war ein magerer Trost für ihn. -Während er den Graben, in dem die Sandwespe ihr Nest hatte, von neuem -durchquerte, betrachtete er schwermütig das Haus seiner Freundin, das -schon verschlossen war, und er flüsterte: - -»Ach, ein jeder hat sein Haus! Ich allein finde kein Loch, wo ich die -Nacht zubringen könnte!« - -Bei diesem Gedankengang kam ihm eine Erinnerung, die ihn mit Trost und -frohen Hoffnungen erfüllte. - -»Hab' ich denn nicht doch ein Haus? Und in diesem Haus wohnt ja meine -Mutter und Onkel Walter. O wenn ich das finden könnte!« - -Der Gedanke war gut; jawohl! Aber kaum hatte Max mit ihm zu spielen -begonnen, erhob sich auch schon schroff und steil die größte -Schwierigkeit, so daß er bitter ausrief: - -»Der reinste Wahnsinn! Wie könnte ich armes, kleines Ameislein, für -das jeder Grashalm ein Baum, jeder Busch ein Wald, jeder Kiesel ein -Felsen, jede Scholle ein Berg ist, wie könnte ich einen Ort finden, den -ich nicht sehen kann, von dem ich nicht weiß, in welcher Richtung er -liegt!?« -- -- -- - -So schlich er entmutigt seines Weges, wohin ihn eben seine müden Beine -trugen, und kam dabei am Fuße einer großen Eiche an. »Wenn ich auf -ihren Gipfel stiege«, dachte er, »wer weiß, ob ich von dort oben nicht -mein Haus entdecken könnte?!« - -Mutig kletterte er am Stamme empor. Nur der Gedanke an die Heimat -machte ihn zu dieser Anstrengung fähig. Kurz zuvor hatte er sich sehr -matt gefühlt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß er seit geraumer Zeit -nichts gegessen hatte. - -In einiger Höhe hielt er an und schaute ringsumher: Nichts! Er stieg -weiter bis ins oberste Gezweige. Ringsumher schaute er nur eine wirre -Welt. Jetzt begriff er, daß es mit den Augen einer Ameise unmöglich -sei, deutlich in die Ferne zu sehen. - -Aus der traurigen Stimmung, in die ihn diese Erfahrung versetzte, wurde -er durch ein eigenartige Geräusch aufgestört. Es kam ganz aus der Nähe, -es mußte auf demselben Blatt sein, auf dem er stand. Er schaute sich -um und erkannte, daß er sich neben einer Eichengalle befand, einer von -jenen rötlichen Kugeln, die man häufig auf Eichenblättern sieht, und -mit denen er früher oft gespielt hatte. - -[Illustration] - -Max krabbelte auf diese Galle hinauf und war nicht wenig erstaunt, als -er merkte, daß das Geräusch aus dem Innern der Kugel drang. Als ob ein -feiner Bohrer durch hartes Holz seinen Weg suchte, so knirschte und -raschelte es da drinnen. Max lief rings um die Kugel und untersuchte -sie aufs genaueste. Da er auf der Oberfläche nicht die geringste -Öffnung fand, fragte er sich, welches Geheimnis wohl im Innern -eingeschlossen sein könnte. Plötzlich hörte er hinter sich ein feines -Stimmchen, das piepste etwas müde: - -»Endlich bin ich so weit!« - -Max drehte sich flugs um. Ein winziges Köpfchen guckte aus einem -Löchlein der Galle heraus, drehte sich hin und her und betrachtete -alles ringsum mit lebhafter Neugier. - -»Ei, wie schön ist die Welt!« sagte das Stimmchen, bebend vor Vergnügen. - -»Sei mir gegrüßt!« rief Max, »und komme doch ganz hervor!« - -Aus dem Löchlein schoben sich zwei kleine Beinchen, die sich am Rande -anklammerten, dann folgte sogleich das ganze Tierlein. Es war kaum ein -paar Millimeter lang, schwarz, mit fadenförmigen, nicht geknickten -Fühlern und mit zwei allerfeinsten, durchsichtigen Flügelchen -ausgestattet. - -»Oho«, rief Max, »eine kleine Fliege!« - -»Entschuldige«, erwiderte das kleine Geschöpfchen, »ich bin keine -Fliege, ich bin eine Gallwespe; die Gelehrten nennen mich ~Cynips -gemmae~.« - -»Eine Gallwespe?« - -»Ganz richtig, ich gehöre zur Ordnung der Immen oder Hautflügler.« - -»Dann bist du eine weitläufige Verwandte von mir. Als mein Bäschen -wirst du mir wohl erklären, wie du es fertig brachtest, in diese Kugel -einzudringen?« - -»Eindringen? Ich bin nicht eingedrungen, du willst wohl sagen: -herauszuschlüpfen.« - -Max betrachtete sie verwundert. »Das ist mir neu! Kann einer aus einer -Kugel herausschlüpfen, ohne erst hineingekommen zu sein?« - -»So höre! Bei uns Gallwespen ist folgender Brauch: Unsere Mutter -- -ich kann dir das sagen, weil ich es selber durch meine natürliche -Veranlagung weiß -- legt das Ei auf ein Eichenblatt, indem sie es mit -dem Legestachel ansticht. Aus diesem Legestachel tritt zugleich das Ei -heraus. Der Stich verursacht auf dem Blatt eine Wunde, und die Wunde -läßt das Blatt anschwellen, so daß sich eine kleine Kugel bildet. Diese -wächst durch den Saft der Pflanze. Inzwischen entwickelt sich aus dem -darinliegenden Ei die Larve. Diese findet in der Kugel ihre Nahrung -und ihr Häuschen. Hier bleiben wir ein Jährchen ungestört und essen, -verwandeln uns zur Puppe und werden danach ein vollkommenes Insekt. -Jetzt müssen wir von innen heraus die Kugel durchbohren, langsam, -langsam, bis sich eine Straße bildet, auf der wir endlich herauskommen, -wie ich es gemacht habe. -- Aber du kannst mir's glauben, da heißt es -kräftig drauflosnagen!« - -»Ist es wohl so hart, dein Kugelhäuschen?« - -»Geh mal herein und überzeuge dich selbst davon!« - -Er schlüpfte zum Türchen hinein, das die Gallwespe gebohrt hatte, und -nun konnte er sich einen genauen Begriff von der Arbeit machen, die -seine neue Freundin fertig gebracht hatte. Im Innern der holzartigen -Galle war eine Art Kammer, die aus einem noch viel festeren Stoffe als -die äußere Kugel bestand. Die Wand dieser Kammer war so hart wie ein -Kirschkern. - -»Und du«, rief Max erstaunt, »du hast so harte Mauern durchbrechen -können? Da gratuliere ich!« - -»Ich danke dir. Wenn du wüßtest, wie froh ich jetzt bin! Verstehst du -das? Da drinnen eingesperrt sein ist kein Vergnügen; doch man weiß, -eines Tages wird man herauskommen, die Flügel ausspannen und in freier -Luft leben.« - -»Ah!« atmete sie tief auf, »nun ist die große Stunde, die ersehnte -Belohnung für die lange Gefangenschaft gekommen!« - -»Du Glückliche!« seufzte Max traurig. »Wenn ich doch auch Flügel hätte!« - -Sein Wunsch brachte ihn auf einen Gedanken, der wie ein Hoffnungsstrahl -in sein düsteres Dasein leuchtete. Dringlich wandte er sich zur jungen -Gallwespe und sprach: - -»Höre, liebe Freundin, ich hätte eine große Bitte ... wirst du so -freundlich sein ... Du bist zwar kaum geboren ... nun wohl: mit einer -guten Handlung kannst du dein Leben beginnen. Ich verspreche dir, daß -ich es dir nie vergessen werde! Willst du?« - -»Du plauderst zuviel; bitte, laß mich hören, um was es sich handelt?« - -»Richtig! Es handelt sich darum, daß ich ein menschliches Wohnhaus mit -einem Weinstock an der Wand finden möchte. Auf einem Rundflug könntest -du es vielleicht erspähen.« - -»Aber Lieber, wie soll ich denn ein Menschenhaus erkennen? Ich bin doch -eben erst auf die Welt gekommen!« - -Diese Bemerkung war richtig, und Max kostete es Anstrengung genug, um -dem jungen Insekt zu beschreiben, wie sein Haus aussähe. Endlich schien -die Gallwespe begriffen zu haben, und er brauchte ihr nur noch zu sagen: - -»Du kannst mit deinen Flügeln nach allen Richtungen herumstreifen; dann -kehrst du zu mir zurück, mir zu sagen, ob es dir gelungen ist, mein -Haus zu entdecken, das ich so gern sehen möchte. Willst du mir diesen -großen Gefallen erweisen?« - -»Ich will es versuchen! Es gelüstet mich sowieso, meine Flügel zu -erproben« -- -- -- und eins -- zwei -- drei -- -- -- erhob sich das -junge Gallwespchen vom Sitze und flog in die schöne Welt hinein. - -Kaiser Butziwackel aber rief ihm noch zu: - -»Wenn du es fertigbringst, schwöre ich dir ewige Freundschaft!« - - - - -24. Auf dem Weg zur Mutter. - - -Wie lange wartete Max auf seinem Blatt! Er wäre in Verlegenheit -gekommen, es uns genau zu sagen; denn er hatte keine Uhr bei sich. Aber -es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Endlich konnte er der zurückkehrenden -Gallwespe zurufen: - -»Na, und?!« - -»Nun«, erwiderte diese und setzte sich zu ihm auf das Blatt, »ich -glaube etwas entdeckt zu haben, das deiner Beschreibung ähnlich ist.« - -»O, wirklich? Ist's weit von hier? Ist es dorthin oder hierhin? Wo -ist's?« - -»Bei meiner Galle! Gönne mir nur eine Minute zum Ausschnaufen! -- Höre, -das Haus, das ich sah, liegt in derselben Richtung wie das Blatt, auf -dem wir sitzen.« - -»So, so, also dorthinaus!« deutete Max mit seinem rechten -Vorderbeinchen. - -Max merkte sich genau die Richtung, besann sich und rief: - -»Jetzt gehe ich ... Liebe Gallwespe, wie bin ich dir dankbar! ... Aber -wir werden uns wiedersehen, gelt!« - -Er umarmte sie, empfahl sich höflich und stieg langsam den Weg, den er -auf die Eiche hinaufgeklettert war, wieder hinab. - -»Langsam?« werden sofort alle kleinen Leser fragen. »Wie, er sehnte -sich so sehr heimzukommen, und er ging langsam?« - -Gerade deshalb. Er ging langsam, weil er Eile hatte. - -Ihr wißt es selbst, es gibt Kinder, die voll guten Willens sind. Sagt -man ihnen: »Geh mir rasch da- oder dorthin«, so laufen sie auch schon -und rufen: »Ich bin gleich dort.« - -Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren; denn im Eifer -haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin sie eigentlich gehen -sollten. Zu große Eile macht oft, daß man erst recht zu spät kommt. Max -hatte als Kind immer alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als -Ameise aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also von -der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt für Schritt, -schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll des Weges und berechnete -die zurückgelegte Strecke. Auch überschätzte er die vor ihm liegende -mit einer Genauigkeit und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese -kleinen Geschöpfe kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens -blieb nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem Gesichte -genau in der Richtung, die das Blatt oben auf dem Baume hatte. Er -konnte daher seinen Weg sofort geradeaus in der Richtung verfolgen, die -ihm die Gallwespe angegeben hatte. - -Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar ausgebildeten -Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm war er imstande, auf -die unbedeutendsten Zeichen zu achten und sich nach solch feinen -Wahrnehmungen zurechtzufinden, die für Menschen unfaßbar sind. -Gleichwohl bedauerte Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche -hatte aufwenden müssen. - -»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser auf ihren Straßen -haben!« - -Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er nicht doch noch -dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere Bildung und Fortschritt zu -bringen. Allein er ließ bald von seinen Träumen ab und verfolgte mit -Eifer das eigentliche Ziel seiner Reise und sprach: - -»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur Mutter.« - -Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum bemerkte Max -allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei Insekten, die alle -nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde. - -»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach Hause.« Diese -Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue seine müden Beinchen, und -seine Reise schien ihm nicht mehr so unsicher und gefährlich. Auch den -Hunger spürte er nicht mehr so quälend. - -Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein nahes Getöse -aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten und den gewalttätigen -Drohungen nach zu urteilen, gab es da einen entsetzlichen Kampf auf -Leben und Tod. - -Eine Wespe, von der Art der Sandwespe -- Max hatte nun schon eine ganz -nette Insektenkenntnis --, drückte mit aller Kraft eine Grille auf den -Boden nieder. Diese wehrte sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die -Wespe der besiegten Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib -bohren, als sie plötzlich davon abstand. - -»Halt ein!« - -Das war Max, der sie anschrie. Er kam zur guten Stunde für die Grille. -Die Angreiferin war überrascht, ließ ein wenig locker, und es gelang -der zu Tode Geängstigten, ihrem Feinde zu entschlüpfen. Mit einem Hupf -war sie in ihrem Loche. Dafür fiel die Wespe wütend vor Zorn über Max -her. Aber es ging ihr wie einstens der Sandwespe. Der tötende Stachel -glitt auf dem Hanfpanzer ab, und Max sagte lachend: - -»Verehrteste Frau Mörderin, diesmal sind Sie schön ausgerutscht!« - -»Was mischest du dich in meine Angelegenheiten, du hergelaufener -Fremdling! Drei Grillen habe ich bereits zu Hause eingebracht, und eine -fehlt mir noch; endlich hatte ich sie glücklich, und du bist schuld, -daß sie mir entwischte.« - -»Genügen die dreie dir nicht?« - -»Keineswegs! Ich brauche vier Stück für meine Eier. Habe ich keine -viere, so bekommen meine Kinder nicht genug zu essen. Nun kann ich -deines Vorwitzes halber von neuem die Jagd beginnen.« - -»Verzeihung, Frau Mordwespe, die arme Grille tat mir leid. Mit deiner -wilden Kraft wirst du gewiß bald eine andere bekommen. Lebe wohl und -entschuldige vielmals!« - -Max nahm seinen Weg wieder auf. Der Zweikampf zwischen Wespe und Grille -und seine Unterhaltung mit dem betrogenen Sieger hatte ihn nicht im -geringsten in der Richtung des Weitermarsches beirrt. - -»Ohne mein Eingreifen«, sprach er für sich, »wäre die Grille schön -eingegangen! Diese Mordwespen besitzen eine verteufelte Kraft. Man -sieht es ihnen gar nicht an. Gleichwohl muß ich meine Freundin -Gallwespe noch mehr bewundern. Sie ist viel kleiner und war doch -imstande, sich einen Weg durch ihre steinharte Kugel zu bahnen!« - -Max wanderte und wanderte unermüdlich weiter. Ihn drängte die -Sehnsucht, ans Ziel zu gelangen, und der Weg zur Mutter war gar so -weit. - -Bald nachher bemerkte er ein anderes Geschöpf, das den gleichen Weg -verfolgte wie er, aber auf eine bequemere und schnellere Weise. Es -war ein äußerst fein gebautes Insekt mit langem, dunkelgrauem, dünnem -Körper, mattgelb am Kopf, an der Brust gefleckt und mit vier leichten, -ja allerleichtesten Flügeln versehen. Damit bewegte es sich von einem -Strauch zum andern und tat, als ob es etwas suchte und durchaus nicht -finden könne. - -»Ach, liebe Libelle«, sprach Max emporschauend, »was würde ich nicht -bezahlen, wenn ich jetzt Flügel hätte wie du!« - -Das geflügelte Insekt schaute ihn mit seinen hervorstehenden Augen an -und lachte laut: - -»Ich bin keine Libelle.« - -»Was bist du dann?« fragte Max und blieb stehen. - -»Wenn du's wissen willst, -- ich habe viele Beziehungen zu -deinesgleichen.« - -»Das freut mich zu hören; dann können wir ja in Freundschaft verkehren!« - -»Meinetwegen«, antwortete das Insekt nicht sehr höflich. Dabei setzte -es sich, unbekümmert um Max bedächtig umherspähend, auf einen Grashalm. -Max näherte sich, er wollte wissen, was es denn eigentlich zu tun -vorhabe. - - - - -25. Die geheimnisvolle Barke. - - -Nach einigen heftigen Anstrengungen schien das geflügelte Insekt -sich wieder zu erholen. Es streckte den Körper, drehte sich um sich -selbst und betrachtete mit Liebe ein Häufchen Eier, die am Grashalm -festgeklebt waren. Sie waren etwas über drei Millimeter lang, gelblich -und an dem dickeren Ende rot gefärbt. - -»So, das hätten wir«, sagte das rätselhafte Geschöpf und beschaute -sichtlich befriedigt sein Werk. »Man lebt so kurz; aber wenn man für -die Nachkommenschaft gesorgt hat, kann man getrost sterben. Meine -Kinder werden weiterleben.« - -Max, der unterdessen stumm vor Staunen dabeigestanden war, konnte sich -jetzt nicht länger halten und rief: - -»Aber du bist einmal eine brave Mutter!« - -»Hm, freilich«, erwiderte ganz verschmitzt das Insekt, »vielleicht käme -es dir besser zu statten, wenn ich es nicht wäre!« - -»Ich begreife dich nicht. Doch da du keine Libelle sein willst, darf -man vielleicht fragen, wer du bist?« - -»So viel kann ich dir sagen, ich bin eine große Verehrerin der Ameisen, -aber ich weiß nicht, ob sie mich ebenso lieben wie ich sie.« Dann fuhr -sie, Max spöttisch musternd, fort: »Gehe du nur einstweilen deiner -Straße; ich verweile hier, um meine Kinder in Sicherheit zu bringen, -denen ich wünsche, sie möchten in ihrem Leben recht vielen Ameisen -begegnen, die so gut sind wie du; du scheinst mir eine ausgezeichnete -Ameise zu sein.« - -Die sonderbare Betonung der letzten Worte gaben dem Satz einen -unheimlichen Sinn. Oder sollten sie eine besondere Artigkeit bedeuten? -Max rannte, von einer innerlichen Stimme gemahnt, eiligst weiter, ohne -sich für eine solche Artigkeit mit diesem Beigeschmack zu bedanken. -In schweren Gedanken und mit einigem Herzklopfen zog er in langen -Schritten fürbaß und grübelte vergebens, in den verborgenen Sinn jener -Worte einzudringen. Nach einem guten Stück Weges hörte er hinter sich -sprechen: - -»Willst du wirklich wissen, wer ich bin?« - -Max schnellte erschrocken rasch herum. Auf einem Grashalm, der über ihm -schwankte, saß das Insekt, das er Libelle genannt hatte. - -»Da wir weit genug von meinen Eiern sind und du sie vergeblich suchen -würdest, will ich es dir sagen: Zittere! Ich bin der Ameisenlöwe.« - -Diesmal war es Max, der hellauf lachte. Der grausige Name, die -schreckliche Betonung, die theatralische Feierlichkeit, mit der das -Insekt ihn aussprach, versetzten unsern Helden in beste Laune. Mit -tiefer Verneigung nahm er die Vorstellung entgegen und ahmte antwortend -die herausfordernde Sprechweise dieses Löwen nach. - -[Illustration] - -»Entschuldigen Sie vielmals, Herr Ameisentiger, wenn ich Sie nicht -gleich erkannt habe! Auf Wiedersehen, Herr Ameisenleopard! Herr -Ameisennilpferd, ich empfehle mich Ihnen als Wärter für Ihre jungen -Löwen, die aus Ihren Eiern schlüpfen. Wenn Sie nur nicht mit ihren -Löwenkrallen die Eierschalen zu früh zerbrechen!« - -Trotz aller schlechten Witze war sich Max nur zu sehr des unangenehmen -Eindrucks bewußt, den der Name auf ihn gemacht hatte. Er erinnerte -sich dunkel, während seines Lebens im Ameisenheim gehört zu haben, der -Herr Professor wolle eine Vorlesung über Ameisenlöwen halten. Fuska -sagte damals zu ihm, er möge recht aufpassen dabei; denn man müsse -sich arg vor diesen Geschöpfen in acht nehmen. Viel später erst sollte -unser verbannter, armer Kaiser mit eigener, entsetzlicher Lebensgefahr -die Erklärung des Geheimnisses finden, das in den Worten seines -unheimlichen Reisegefährten versteckt lag. - -Ohne von der Richtung seines Hauses abzuirren, schritt er rüstig -vorwärts. Lange war er schon gegangen, als sich unversehens vor ihm -ein Hindernis einstellte, das mit einem Schlage alle frohen Hoffnungen -vernichtete, die er während des langen Marsches genährt hatte. Vor -seinen Füßen dehnte sich ein für eine Ameise unendlich großer See -aus. Man bedenke nur, daß ihn ein Mann kaum mit einem Satze hätte -überspringen können. Was tun? Wie ans jenseitige Ufer gelangen, ohne -die Richtung zu verlieren? Richtung verloren, alles verloren! Wo könnte -er je die Straße wiederfinden, die ihm seine Freundin Gallwespe gezeigt -hatte? - -Das einzige wäre gewesen, den See in liniengerader Richtung zu -überqueren. Aber wie? Er konnte das jenseitige Ufer nicht einmal sehen. -Mit verzweifelnden Blicken schaute Max hierhin und dorthin und ließ -sie über den See gleiten, der blutrot gefärbt in der Abendsonne lag. -Vergebens wartete er auf eine gute Eingebung, und endlich erfaßte ihn -der Mut der Verzweiflung. - -»Ich weiß nicht einmal«, jammerte er laut, »ob eine Ameise schwimmen -kann! Doch was liegt daran. Entweder werde ich meine Mutter -wiederfinden oder im Gedanken an sie ertrinken und sterben.« - -So durchschritt er das letzte Grasbüschlein, das ihn vom Wasserrand -trennte, näherte sich entschlossen der Flut und wollte sich eben -hineinstürzen, als er mit einem Freudenschrei plötzlich zurückwich. - -Unmittelbar vor ihm schwamm eine vornehme Barke mit sechs Rudern. Max -glaubte sogar, eine bequeme, gelbe Sitzbank darin zu sehen. Diese Barke -schien eigens auf ihn gewartet zu haben, mit keinem andern Zweck, als -ihn aus grausamer Verlegenheit zu retten. - -Begreiflicherweise überlegte Max nicht zweimal. Da die Barke ein klein -wenig vom Ufer abstand, fand er sofort einen geistvollen Ausweg, um -einsteigen zu können, ohne zu ertrinken oder mindestens pudelnaß zu -werden. Er kletterte flugs auf einen langen Grashalm, der sich vom -Ufer über das Wasser neigte. An der Spitze angelangt, schaute er -sich genau um, brachte den Halm durch die Schwere seines Körpers in -Schaukelbewegung, und wie er gerade über das Schifflein zu pendeln -kam, sprang er ab und kam in der Barke vor die Bank zu stehen, die er -gesehen hatte. - -»Jetzt aber tüchtig gerudert!« rief Max und versuchte die Ruder zu -ergreifen. - -Aber das war gar nicht nötig. Als ob die geheimnisvolle Barke nichts -anderes erwartet hätte als seinen Befehl, streckte sich das letzte -Ruderpaar mit Zauberkraft weit aus, schlug mit kräftigem Schlag ins -Wasser und führte die Barke mit größter Schnelligkeit vom Ufer weg auf -hohe See. - - - - -26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff beginnen und sie zu -Pferde beenden kann. - - -»Ach, das ist ja ein Dampfschiff!« rief Max aus, als er mit -außerordentlicher Schnelligkeit in den See hinaustrieb. - -Wie von unsichtbarer Hand bewegt, glitten die Ruder in gleichmäßigen -Schlägen auf und nieder, und Max dachte nicht anders, als daß die -Kraft durch einen Dampfkessel irgendwo im Innern des Schiffes erzeugt -würde, das die schlanke Form eines Kahnes hatte. Während Max auf -seinem Schnelldampfer stand, sah er eine Menge anderer Schiffe -seltsamster Bauart vorüberfahren. Sie erschienen oft plötzlich an -der Oberfläche und verschwanden rätselhaft in die Tiefe, so daß Max -in hellem Vergnügen glaubte, er befinde sich mitten im Manöver einer -Unterseebootflottille. Für einen Augenblick vergaß er vor Glück über -diesen herrlichen Anblick, den der Zufall ihm schenkte, sein ersehntes -Ziel. Sofort auch beschäftigten ehrgeizige Träume seinen erregten Sinn. - -»Wie wäre es«, dachte er hochstrebend, »wenn ich hier als gefürchteter -Admiral einige feindliche Schiffe in den Grund bohrte?« - -Erfüllt von neuen kriegerischen Plänen, spazierte er sinnend und wie -ein echter Seebär mit breitspurig schwankendem Gang auf dem Deck seines -Schiffes hin und her. An einer Stelle bemerkte er eine Reihe von -Röhrchen, eines dicht neben dem andern. Aufmerksam verweilte er hier -und sagte schlau: - -»Aha, da haben wir die Sprachrohre!« - -Er beugte seinen Kopf über eines der Röhrchen, und da es offen war, -rief er hinab ins Innere des Dampfers: - -[Illustration] - -»Hallo! Maschinisten, Heizer, Achtung!« - -Eine Stimme antwortete: - -»Hallo! Wer da?« - -»Hier Admiral Max Butziwackel! Alle Mann an Bord! Rasch herauf!« - -Einen Augenblick war es still, dann ertönte die Antwort: - -»Hinaufkommen? Ich finde es gescheiter, hinunterzutauchen!« - -Mit einem gewaltigen Ruck und Schlag streckten die zwei Ruder sich aus. -Das Schiff bäumte sich erst auf, dann fuhr es kopfüber in die Tiefe. -Max wurde mit hinuntergerissen, und schwindelnd dachte er: - -»Aha, ein Tauchboot!« Dabei umklammerte er voll Geistesgegenwart das -Rohr, das ihm als Sprachrohr nicht besondere Dienste geleistet hatte. -Zugleich begriff er mit Schrecken, daß die Unterwasserreise für ihn auf -offenem Deck nicht lange dauern müsse, um ihn dem Tode des Ertrinkens -zu weihen. Deshalb ließ er seine Stütze lieber los und zappelte wie -rasend, bis es ihm gelang, an die Oberfläche emporzukommen. Doch das -Wasserschlucken, der Schrecken und die Überanstrengung hatten seine -Kräfte so erschöpft, daß er sich zu elend fühlte, um noch weiter zu -kommen. Er glaubte sich verloren, und einer Ohnmacht nahe, stammelte er -als letzten Stoßseufzer: - -»O du meine liebe Mutter!« - -Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Max streckte seine Arme aus, faßte -etwas und klammerte sich so fest daran, wie es nur ein Ertrinkender -fertigbringt. Von oben aber rief's: - -»Oho, wer zieht an meinem Bein?« - -Der arme Schiffbrüchige nahm seine letzten, sinkenden Kräfte und seinen -ganzen Mut zusammen, denn er sagte sich: - -»Habe ich ein Bein erwischt, so gehört es wohl einer Person, die auf -dem Wasser spazieren kann. Eine solche kann ich aber gerade brauchen, -also Mut!« - -Er kletterte an dem langen, schwarzen Bein hoch, und mit dem Erfolg -wuchsen Kraft und Mut. Wie durch ein Wunder gelangte er über Wasser -und schwang sich gewandt auf den Rücken des fremden Beinbesitzers, der -abwehrend ausrief: - -»Wer steigt mir auf den Rücken?!« - -»Ich bin es«, sagte Max, indem er sich rittlings zurechtsetzte. - -»Eine Ameise bin ich, mit zwei vorzüglich scharfen Zangen bewaffnet, -kraft deren ich dich höflichst ersuche, mich schleunigst ans Ufer zu -befördern.« - -Der Ton, in dem Max sprach, ließ seinen Träger vermuten, daß die -Ameise zu allem eher als zum Ertrinken entschlossen war und keinen -Widerspruch duldete. Deshalb nahm das merkwürdige Geschöpf den Weg auf -dem Wasser gutwillig wieder unter seine Beine. Inzwischen betrachtete -Max sein Wasserpferd genauer. Es war ein dunkles Insekt mit langem, -dünnem Körper und einem Kopf, der allein ein Drittel seiner Gesamtlänge -ausmachte und der mit außerordentlich langen Fühlern versehen war. -Sechs gleichlange Beine standen weit vom Körper ab und waren ebenfalls -ungewöhnlich lang. - -»Gesegnet seien deine Beine!« sagte Max bedeutend freundlicher als -vorhin, »sei du nur froh, daß du nicht auch auf ein Unterseeboot zur -Überfahrt angewiesen bist. Doch bitte, wer bist du?« - -»Ich bin ein Wasserläufer«, erwiderte das Insekt mit Freimut. »Wir -Wasserläufer haben zwar Flügel, doch macht es uns keinen Spaß, sie -oft zu benützen. Höchstens, wenn wir einmal über Land zu einem andern -Gewässer wollen.« - -So sprechend, öffnete das Tierchen zierlich die hornigen schwarzen -Flügeldecken, die auf seinem Rücken lagen. Unter ihnen kamen zwei ganz -dünne, dunkle Hautflügel zum Vorschein, denen Max mit einem gewandten -Ruck auswich. - -»Ich will nicht prahlen«, fuhr der Wassertreter fort, »aber in meiner -Familie gibt es Leute, die noch tüchtiger sind als ich. Diese können -gegen die Strömung reißender Flüsse laufen, andere spielen auf den -gefährlichen Wassern tropischer Meere.« - -Max merkte längst, daß er es mit einem fein gebildeten Herrn zu tun -hatte, und er fühlte die Verpflichtung, sich wegen der unverfroren -kecken Art zu entschuldigen, mit der er einen Freiplatz auf seinem -Rücken beansprucht hatte. So entspann sich zwischen Roß und Reiter -eine artige Unterhaltung. Max erzählte haarklein sein Abenteuer auf -dem verzauberten Schiff, das ihn mit sich in die Tiefe gerissen hatte. -Der Wasserläufer nickte verständig mit seinen Fühlern und sagte -nachdenklich: »Das wird jedenfalls der Rückenschwimmer gewesen sein, -die ~Notonecta glauca~.« - -»Was, so heißt das Schiff?« - -»Nein, nein, so heißt das Insekt. Es gehört zu meiner Ordnung und -lebt wie ich im stehenden Wasser. Aber während ich nur auf der -Wasserfläche schreite, taucht dieses auch in die Tiefe, um drunten auf -dem Schlammgrunde kleine Wassertiere zu fischen, die es mit seinem -giftigen Schnabel tötet. Kommt es an die Oberfläche, so bleibt es mit -dem Unterleib nach oben liegen. Dann sieht man seine gelbe Brust, -seinen behaarten Bauch und seine sechs ausgestreckten Beine, von denen -das hinterste, längste Paar zum Rudern dient. Es kommt eigentlich nur -herauf, um Luft zu schnappen, denn die vermeintlichen Sprachrohre, die -Haarröhrchen, dienen ihm, um Luft damit zu sammeln.« - -»Was sagst du mir da!« entsetzte sich Max, der seinen ungeheuerlichen -Irrtum mit Beschämung einsah. - -»Es ist so, wie ich sage, und du wirst dich noch mehr wundern. Der -Rückenschwimmer hat auch Flügel, stärkere als ich, und er versteht -vortrefflich zu fliegen.« - -»Ei, ei, welch bevorzugtes Geschöpf, mit vielseitiger Begabung! Es -fährt als Unterseeboot und ist zugleich Wasserflugzeug. Diese Erfindung -haben die Menschen im großen Kriege noch nicht gemacht!« - -So plauderten sie höchst unterhaltend, bis der Wasserläufer mit seinem -Reiter am Ufer anlangte. Voll freudigen Dankes sprang Max von seinem -Wasserpferd ans Land und rief: - -»Teurer Wasserläufer, in tausend Jahren könnte ich dir deinen -liebenswürdigen Dienst nicht vergessen. Nenne mir doch die Ordnung, der -du zugehörst.« - -»Ich gehöre zur vornehmen Ordnung der Schnabelkerfe und Halbdecker. Wir -Wasserläufer bilden eine eigene Familie, wie auch die Rückenschwimmer.« - -»Wohlan, gesegnet seien alle Wasserläufer. Begegnest du aber dem -Rückenschwimmer, so sage ihm, daß es eine Ungezogenheit ist, wie er -ahnungslose Reisende, die sich ihm anvertrauen, behandelt!« - -Der Wasserläufer lächelte still vor sich hin, drehte sich elegant -um und entfernte sich in langen, raschen Schritten vom Ufer. Max -folgte mit feuchten Blicken dem schattenhaften Wesen, dessen dünne -Beine lautlos über die Fläche glitten. Als längst nichts mehr von -ihm zu sehen war, blickte Max einsam um sich und rief in großer -Niedergeschlagenheit aus: - -»Was nun!« - - - - -27. Bei den Hummeln. - - -Was sollte nun der arme Verbannte beginnen so ganz allein, bei dunkler -Nacht, verlassen auf unbekannter Erde? Er kannte die Richtung seines -Weges nicht, er wußte nicht einmal, ob er nach seiner Seefahrt auch -tatsächlich an jener Küste gelandet war, die er erreichen wollte, oder -ob er gar wieder dahin zurückgekommen war, von wo er sich eingeschifft -hatte. - -»Könnte ich wenigstens einen Unterschlupf zum Übernachten finden«, -seufzte Max. - -Lange suchte er die Umgebung ab. Endlich fand er auf einem Hügelchen -ein Loch und schlüpfte ganz leise hinein. Dabei tastete er sich -vorsichtig mit den Fühlern voran und hielt für alle Fälle seine Zangen -bereit. - -Es war ein vielfach gewundener, breiter und tiefer Schacht. Als Max bei -einer bestimmten Wendung dieses unterirdischen Ganges angelangt war, -hörte er einen langgezogenen, tiefen Ton, der in ihm alte Erinnerungen -weckte und seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. - -»Es ist kein Zweifel«, sprach er zu sich selbst, »da herinnen wohnt -ganz gewiß ein Musiker, der ein wahrer Künstler ist auf seiner -Baßgeige.« - -Neben dem ersten Spieler ließ sich bald ein zweiter, ein dritter, dann -ein vierter und fünfter vernehmen, und durch die geräumigen Gewölbe der -finstern Höhle klang eine feierliche Harmonie von Tönen im tiefsten -Baß, so daß Max meinte: - -»Das ist mehr als ein Künstler! Das ist offenbar die hohe Schule für -Baßmusik.« - -Max war entzückt über die schönen Töne und rief gleich nach der ersten -Pause: - -»Bravo! Bravo! ~Da capo!~« - -Nach diesem Beifall trat eine große Stille ein. - -Dann aber gaben sich die trefflichen Musiker gegenseitig einige Töne -an, als ob sie ihre Instrumente stimmen wollten, und endlich spielten -sie mit stets wachsender Stärke die Melodie zu dem Liedchen: - - »Rumpidibum, Rumpidibum, - Wer geht um, wer geht um? - Ist's ein Feind, so bleib' er fern, - Doch den Freund empfang' ich gern! - Wer steht vorm Tor, - Rumpidibum, - Der tret' hervor!« - -Max, der das Lied vorzüglich verstand, näherte sich und sagte mit -einschmeichelnder Stimme: - -»Ich bin ein armes, kleines Insektlein, welches bei den Herrschaften -für diese Nacht um Aufnahme bittet.« - -[Illustration] - -Da wiederholte ein einzelner Geiger den letzten Satz: - - »Brüderlein fein, tritt herein! Rumpidibum!« - -Unser Verbannter trat mit ausgestreckten Fühlern ein. Die Bewohner -kamen ihm in derselben Haltung entgegen. Sie betrachteten ihn genau mit -ihren Fühlern, um ihn kennenzulernen, und offenbar fanden sie an dem -Fremdling nichts auszusetzen, denn dieselbe Stimme, die ihn eingeladen -hatte einzutreten, redete ihn an: - -»Ruhe bei uns aus, wie es dir gefällt, und fürchte nichts. Das -gastliche Haus der Hummeln birgt keinen Verrat!« - -Max dankte tief bewegt. Er kroch in ein Winkelchen und streckte mit -Wonne die armen, müden Glieder aus, die so viel geleistet hatten. - -Während der Nacht konnte unser Held verschiedene Konzerte von Baßgeigen -hören. Er bemerkte auch, daß die Bewohner der Höhle stets mit schweren -Schritten hin und her gingen und dabei unablässig brummten. - -Stellt euch vor, mit welcher Neugier er den Morgen erwartete, um diese -merkwürdigen Musikanten bei Licht zu besehen. Da erblickte er denn -eine Anzahl wohlbeleibter, kugelrunder Tiere vor sich. Sie waren dicht -behaart vom Kopfe bis zum Abschluß des Hinterleibes. Die Behaarung -glänzte tiefschwarz und wurde nur unterbrochen von einer gelben -Halskrause, einer gleichfarbigen Schärpe über den Rücken und ging am -abgerundeten Ende des Körpers über in ein zartes Weiß. Am Bruststück -trugen die Tiere zwei Paar Flügel, ähnlich denen der Wespen. - -»Was für reizende kleine Bären!« lobte Max. - -Sie hatten ja wirklich etwas Bärenartiges an sich, und doch waren es -Insekten von milden, höflichen Sitten, voll Eifer für ihre Kinder, voll -Zuneigung für ihre Familie, unermüdliche Arbeiter, die vom Morgen bis -Abend beschäftigt waren, aus Blumen den Honigsaft für ihre junge Brut -heimzuholen. - -Baukünstler sind die Hummeln nicht, das sah Max sofort. Ein verlassenes -Mausloch, einen von Ameisen noch nicht in Anspruch genommenen -Maulwurfshaufen, einen schlangenförmigen Gang desselben Tieres oder -sonstige Hohlräume im Erdboden und Steingeröll wählen die in der Erde -nistenden Arten. Andere bauen ihr Nest zwischen Moos und Gras. Aber -wenn auch am Hummelneste die Kunst fehlt, so herrscht drinnen dafür -eine friedliche Eintracht. Im Hummelstaate arbeiten alle. Männer und -Frauen führen das gleiche einfache, ehrliche Leben. - -Die guten Hummeln! Immer leben sie zusammen in Frieden, immer brummen -sie, und immer sind sie gegen alle Gutgesinnten lieb und artig, obschon -sie ein so bärenhaftes Äußeres haben. Ein jeder mag daraus ersehen, -daß man die Leute nicht nach dem Äußern abschätzen und beurteilen -darf. Auch bei den Menschen birgt sich recht oft unter rauher und -unansehnlicher Hülle ein edles, vornehmes Gemüt, wie auch im Gegensatz -die Schönheit oft durch ihren inneren Unwert schwer enttäuscht. - -Max, der rasch Freundschaft mit seinen Wirten geschlossen, fand bald -Gelegenheit, alle ihre guten Eigenschaften kennenzulernen, von denen -die Mildtätigkeit gegen Arme nicht die letzte ist. - -Gerade als er seine Dankbarkeit für die gewährte Aufnahme äußern -wollte, erschien am Eingang der Wohnung ein haariges, schwarzes, -geflügeltes Insekt, welches einer Hummel glich, aber dessen Sprache -doch die Zugehörigkeit zu einer andern Sippe verriet. Es bettelte -bescheiden: - -»Gebt doch einer armen, erwerbslosen Maurerbiene eine kleine -Unterstützung!« - -Dann erzählte das Tierchen seine Jammergeschichte. - -»Ich bin eine Mörtel- oder Maurerbiene. Seit zwei Tagen arbeite ich -an meinem Nest, das ich an der äußeren Wand einer Menschenwohnung -anlegte. Da kam eine Schwesterbiene von jener berüchtigten Art, die man -ja leider kennt, und reizte mich durch ihre unverschämten Ansprüche -an meinen mühsam erworbenen Besitz. In einem wilden Kampf um meine -Rechte zog ich den kürzern, und die Freche bemächtigte sich meines fast -fertigen Nestes. Übel zugerichtet, mußte ich fliehen und finde jetzt -nicht einmal mehr die Kraft, ein wenig Honig zu sammeln; darum wende -ich mich an euch, ihr guten Hummeln, daß ihr mir ein wenig zu essen -gebt.« - -Von ihrer Darstellung ergriffen, bereiteten ihr die braven Leute sofort -ein ausgiebiges Frühstück, an dem auch Max sehr gern teilnahm, denn -sein Magen brummte bereits, als ob er selber eine Hummelgeige geworden -wäre. Nach dem Essen flogen die Hummeln alle weg, um draußen Honig zu -sammeln. Die Maurerbiene hatte sich herzlich bedankt und wollte auch -fortgehen. Da trat Max, auf den ihre Geschichte tiefen Eindruck gemacht -hatte, zu ihr hin und sprach: - -»Höre, dir ist ein Unrecht geschehen, das ich wieder gutmachen möchte.« - -Max hatte von seiner Mutter oft gehört, daß es Pflicht eines jeden -Ehrenmannes sei, sich für den Schwachen zu verwenden, wenn er der rohen -Gewalt ausgesetzt ist, und daß es sich gehört, das gute Recht gegen -jeden Unterdrücker zu verteidigen. - -»Wo ist dein geraubtes Nest?« fragte Max. - -Die Biene schüttelte traurig den Kopf und sprach: - -»Wenn ich selbst es nicht verteidigen konnte mit meinem spitzen -Stachel, so bleibt wenig Hoffnung, liebe Ameise, daß du mir helfen -könntest, es zurückzuerobern. Doch will ich es dir für alle Fälle -weisen. Mein Nest ist an der Vorderseite eines Hauses, das in gerader -Richtung vor uns liegt. Es ist ziemlich weit von hier; man erkennt -es an einer großen Rebe, die sich an seinen Mauern bis unters Dach -emporrankt.« - -Damit flog die Maurerbiene mit einem Seufzer fort und hörte nicht mehr -auf Max, der vor Aufregung kaum fragen konnte: - -»Ist es eine Muskatellerrebe?« - - - - -28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder. - - -Es mußte sicher die Muskatellerrebe sein. Das Haus, an dem die Biene -ihr Nest gemauert hatte, mußte seine Heimat sein. - -Weshalb denn? Nun deshalb, weil Max sich nach dem Nest der Maurerbiene -erkundigt hatte, um ein gutes Werk zu tun. Gute Taten aber lohnen -sich immer. Und noch ein anderer Grund: Max hatte an seine Mutter -gedacht, sich ihrer Mahnungen erinnert und war jetzt voll Eifer, sie zu -befolgen. Wenn ein Kind sich so gut benimmt, kommt immer etwas Rechtes -dabei heraus. - -»Ich scheide nun«, sagte Max zu den Hummeln, »mit einem Herzen voll -Dankbarkeit gegen euch. Ihr seid liebe Geschöpfe, und eure Güte ist so -groß, daß ihr selbst nicht wißt, wie vielen Unglücklichen ihr mit euren -Wohltaten Trost spendet. Denn seht, die Barmherzigkeit, die ihr an der -armen Maurerbiene übtet, bringt mir das unnennbare Glück, meine Heimat -wiederzufinden. Darum muß ich euch doppelt dankbar sein!« - -Max hatte recht. Das ist die wunderbare Kraft der Nächstenliebe, daß -ihre Wirkungen weiter gehen, als jene ahnen, die Gutes tun. Darum -erntet auch ein Mensch, der seine Mitmenschen wirklich liebt und dem -Bedürftigen Wohltaten spendet, so vielen Dank, und der Segen der Armen -und Notleidenden strömt ihm zu und beglückt ihn wie den Wanderer der -Duft der Blüten, ohne daß er selbst wüßte, wie er so viel innere Freude -verdient hätte. Voll Mut und Vertrauen folgte also Max dem Weg, den ihm -die Biene angewiesen hatte. Er ging, ohne sich zu verweilen, rüstig -vorwärts. Die Straße war gut, und kein Hindernis stellte sich ihm -diesmal in den Weg. Als er fast den ganzen Tag marschiert war, befand -er sich endlich vor seinem Hause. - -Es war wirklich sein Haus. Wer könnte beschreiben, liebe Kinder, mit -welchen Gefühlen Max die zwei Stufen emporkletterte, die er an jenem -denkwürdigen Julimittag, mit der lateinischen Grammatik in der Hand, in -Gesellschaft der Geschwister herabgestiegen war! - -»Was ist aus Moritz und Therese geworden?« - -Das war eine brennende Frage, auf die er keine Antwort wußte. - -Erfährt er etwas darüber, wenn er ins Haus eintritt? Aber so groß auch -sein Verlangen war, erst wollte er der Biene, die ihm unverhofft so -unendlich nützlich gewesen war, sein Versprechen einlösen. - -Es war ihm wie ein Gelübde, das er zu erfüllen hatte. Er krabbelte -an der geschlossenen Haustüre hinauf, lief kreuz und quer an -der Vorderwand des Hauses herum, um das Nest zu finden, das er -wiedererobern wollte. Ganz oben, unter dem Dache, sah er ein solches, -das sicher von einer geschickten und starken Maurerbiene gebaut worden -war. Es bestand aus Tonerde und sah sich von außen an wie ein schwach -gebogenes Rohr, das aus der Mauer herauswächst. Eben schlüpfte eilig -ein geflügeltes Insekt hinein, das eine arme Raupe mit den Vorderbeinen -an seine Räuberbrust drückte und mithineinschleppte. So rasch er -konnte, rannte Max zum Eingang der Röhre und rief hinein: - -»Ist jemand zu Hause?« - -Sofort ließ sich im Innern ein zorniges Kreischen und Schelten hören. -Gleich darauf erschien die rechtmäßige Besitzerin an der Schwelle des -wohlgebauten Häuschens. - -Wäre unser Held nicht rasch beiseitegetreten, das Insekt, blind vor -Zorn, hätte ihn über den Haufen gerannt. Das Nest, an das Max geraten -war, gehörte einer Mauer-Lehmwespe. Diese ist ein kräftiges Insekt, -dabei aber mißtrauisch und zornwütig im höchsten Grade. Nur wenig -entfernt von dieser Stelle erblickte Max ein anderes Gebäude, das von -außen genau aussah wie eine Handvoll Schlamm, der an die Mauer gepappt -war. Als er es aber näher betrachtete und sich dabei der Beschreibung -erinnerte, die die Biene ihm von ihrem Haus gemacht hatte, erkannte er, -daß er jetzt gefunden hatte, was er suchte. Er entdeckte den Eingang, -näherte sich ihm und hörte jemand drinnen summen. Mit Geduld bewaffnet -und seine scharfen Zangen in Bereitschaft, stellte er sich hier auf und -wartete. Die Sonne war schon untergegangen, und Max stand seinem Worte -getreu noch da, um den Dieb, sobald er herauskäme, zu fassen. Endlich -kam das Gesumme näher, die Biene zeigte sich an der Türe des geraubten -Hauses. Mit sicherem Sprung saß er ihr auch schon auf dem Rücken, -ergriff sie mit den Kieferzangen beim Kopf, umschlang mit vier Beinen -ihre Flügel und den Leib, und wie er sie so kräftig unter sich gebracht -hatte, daß sie sich nicht mehr rühren konnte, sagte er spöttisch: - -»Sie entschuldigen wohl gütigst, ich komme nur, um den Mietzins für das -Haus einzutreiben.« - -Die Biene drohte mit ihrem Stachel. Aber Max biß ihn schnell mit seinen -Zangen ab und rief dazu: - -»Tut mir leid, aber es muß sein. Sie haben keine Erlaubnis, Waffen zu -tragen!« - -Auf diese Weise hatte er sie unschädlich gemacht; jetzt ließ er sie los -und sagte ihr verächtlich: - -»Mach', daß du schleunigst fortkommst, und lasse dich hier nicht mehr -sehen. Sei froh, daß ich dir nur den Stachel nehme. Ohne ihn wirst du -deine frechen Räubereien in Zukunft wohl unterlassen.« - -Die freche Landstreicherin verlangte nichts mehr und flog davon. Max -aber vernahm eine Stimme: - -»Du liebe Ameise, laß dich umarmen!« Sie kam von der rechtmäßigen -Nestbesitzerin. Diese war von den Hummeln weggeflogen und hatte schon -wieder angefangen, sich in der Nähe ein neues Nest zu bauen. Aufmerksam -geworden durch die laute Zänkerei, war sie zufällig Zeugin des ganzen -Vorfalls zwischen Max und der bösen Biene gewesen. - -»Siehst du, daß ich fähig war, mein Versprechen zu halten?« sagte Max. -»Jetzt kannst du wieder dein Haus beziehen ohne Furcht und Bangen, und -deine Feindin wird dir die Arbeit nie mehr vereiteln.« - -Hierauf krabbelte unsere brave Ameise die Mauer hinab und ging der -Haustüre zu. -- - -»Und die Muskatellertrauben?« so werden die Leser mit wässerigem Mund -fragen. - -Nun, die bleiben, wo sie waren. - -Maxens Sinnen und Trachten war ganz darin aufgegangen, der armen -Maurerbiene zu ihrem Rechte zu verhelfen. Als er das getan hatte, -fühlte er nur den einen Drang, in sein Haus hineinzukommen. Darum fiel -es ihm heute auch gar nicht ein, die Muskatellertrauben zu versuchen, -an denen er früher als Kind tagtäglich genascht hatte. - - - - -29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, wenn man keinen -Hausschlüssel hat. - - -»Endlich!« stöhnte der entthronte Kaiser Butziwackel I. bewegt, -»endlich kann ich sagen: Zu Hause!« - -Aber wie ihr wohl schon längst bemerkt habt, hatte unser Freund den -Fehler, die Dinge immer zu leicht zu nehmen. Auch diesmal mußte er -leider bald erfahren, daß es nicht so einfach ist, in ein geschlossenes -Haus einzudringen, auch wenn man ein winzig kleines Tierchen geworden -ist. - -Es sei zunächst gesagt, daß der Schreiner die Haustüre so genau -eingepaßt hatte, daß weder an den Pfosten noch auf der Schwelle ein -Spältlein zu finden war. Und Max suchte doch mit unendlichem Fleiß. - -Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu kommen, aber auch hier ging es -nicht, denn innen am Schlüsselloch war ein Messingschildchen, und er -mußte wohl oder übel wieder umkehren, nachdem er vergebens im Schloß -herumgekrabbelt war. - -Da kam ihm der Gedanke, wieder an den Mauern hinaufzuklettern, um zu -sehen, ob er vielleicht durch ein Fenster hineinkäme; doch gab er den -Plan gleich wieder auf. - -»Auch die Fenster werden fest verschlossen sein«, dachte er, »denn in -dieser Stunde schläft alles in meinem Hause.« - -Ganz trostlos lief unser Butziwackel vor der Türe hin und her. Er, der -einst so viel von künftiger Größe geträumt hatte, wünschte jetzt zum -ersten Male, noch viel kleiner zu sein, als er schon war. Da gewahrte -er beim Mondlicht ein ganz kleines Löchlein in der Haustüre, wie es ein -Holzwurm ins Holz zu bohren pflegt. - -»Ha, am Ende kann ich auf diesem Wege in mein Haus gelangen«, sagte er -für sich und machte gleich den Versuch. - -Weil das Löchlein schrecklich eng war, nagte er am Rande mit seinen -Kieferzangen so lange, bis er durchschlüpfen konnte. Je weiter er -vorwärts kam, desto breiter und bequemer wurde der Weg. Es war ein -vielgewundener, dunkler Gang, der manchmal anstieg, manchmal abfiel und -voll Sägemehl lag, das jedenfalls von dem unbekannten Bewohner dieses -Ortes hier angehäuft worden war. - -»Wer weiß«, dachte Max, »was für ein Kauz das sein mag, der sich damit -vergnügt, meine Haustüre durchzunagen!« - -So schritt er, immer vorsichtig mit den Fühlern tastend, voran, um -allenfalsigen Überraschungen zuvorzukommen. Nach einem guten Stück -Weges hielt er an. Vor ihm lag etwas Weiches, Zartes, das die Straße -versperrte. - -Zugleich ließ sich im Finstern eine Stimme hören, die sprach: - -»Oho! Wer kratzt mich denn dahinten?« - -So unglaublich das bei Maxens Veranlagung erscheint, diesmal machte er -zunächst eine weise Überlegung. - -»Dieser Herr«, so sagte er sich, »ist also hinten sehr zart; aber sein -Kopf muß erschrecklich hart sein, sonst könnte er nicht Haustüren -durchnagen. Darum wird es sich empfehlen, mit ihm zu verhandeln, ehe er -sich gegen mich umdrehen kann.« - -Er faßte mit den vier Beinen, die er noch hatte, den weichen, zarten -Körper, zwickte ihn ein ganz klein wenig mit seinen Zangen und sagte -listig: - -»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe.« - -»Au, au, du bringst mich ja um!« - -»Das könnte schon geschehen; aber glaube mir nur, gerne täte ich es -nicht.« - -»Gestatte doch wenigstens, daß ich mich umdrehe!« - -»Das ist gar nicht nötig, wir können auch so ein paar Worte zusammen -plaudern.« - -»Aber wer bist du denn, was willst du?« - -»Sehen Sie, verehrter Herr, ich bin eine bescheidene, kleine Ameise, -aber wie Sie bemerkt haben, bin ich wohl imstande, Sie mit einem -einzigen Biß in zwei gleiche Teile zu zerlegen.« - -[Illustration] - -»Um Gottes willen.« - -»Nur nicht erschrecken! Was ich von Ihnen wissen will, ist fürs erste -dies: Wenn ich Ihnen nichts zuleide tue, darf ich dann hoffen, daß auch -Sie Ihre Waffen nicht gegen mich gebrauchen? Nebenbei gesagt, ich habe -hohe Achtung vor Ihrem Handwerkszeug und beglückwünsche Sie.« - -»Ich verspreche, daß ich dir nichts Böses tue.« - -»Auf Insektenehrenwort?« - -»Ich beschwöre es dir bei der Ordnung der Hautflügler, zu denen ich -mich rechne.« - -»Ah, da schau!« rief Max überrascht aus, »dann können wir im vollsten -Vertrauen miteinander reden, denn ich gehöre auch zu deiner Familie.« - -Sowie sich der Unbekannte frei fühlte, wendete er sich um, und Max -fühlte statt des weichen Körpers einen Kopf vor sich, der in eine -hornharte Spitze ausging. - -»Jetzt könnte ich dich zu Mehl zerreiben«, sagte der Besitzer dieses -Kopfes, »aber ich gab mein Ehrenwort. Auch stehe ich gerade vor einem -neuen, bedeutsamen Abschnitt meines Lebens und will das gegebene Wort -nicht brechen.« - -»Das ist ein sehr guter Entschluß.« - -»Aber erkläre mir, wie bist du in meine Wohnung eingedrungen?« - -»Ich bin in dein Haus eingedrungen, um in das meine zu gelangen. Mit -einem Wort, ich muß durch diese Türe hindurchkommen.« - -»Für jetzt ist das unmöglich. Der Gang ist hier zu Ende.« - -»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du bist doch so -geschickt!« - -»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer näher rückt die -feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles gut geht!« - -Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch finsterem Ort -erweckten in Max eine Riesenneugierde; er konnte nicht länger schweigen -und fragte: - -»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu tun habe, und -erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend aufgibst, seit ich mit dir -rede.« - -Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann er feierlich: - -»Ich bin der ~Sirex juvencus~, die Kiefernholzwespe. Durch den -Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich, daß die Stunde -meiner Verwandlung gekommen ist. Ich weiß, daß ich in kurzer Zeit ein -großes, schönes Insekt sein werde, das in der Luft fliegen kann. Seit -mehr als einem Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei in -dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem Ei entschlüpft, -bohren und graben müssen, bohren und bohren immerzu. Je größer ich -wuchs, desto breiter mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit -bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu genießen. In -kurzem werde ich einschlafen, werde mich in eine Puppe verwandeln, -um aus ihr als vollkommenes Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie -zu kommen, muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht -zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als ich noch kleiner -war, ist jetzt, da ich groß geworden bin, viel zu eng für mich. Du -siehst, wie richtig ich sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick -meines Lebens stehe.« - -Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer nicht -verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen eines weitgereisten Insektes -geben, deshalb sagte er: - -»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch stärkeren Nagern -begegnet bin als dir. Ich habe sogar eine Freundin, die Gallwespe, die -versteht es, Kugeln auf Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind -als ein Zwetschgenkern.« - -Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann von neuem -zu nagen. Das von dem starken Werkzeug des Insektes erfaßte Holz -stäubte wie ein Sägemehlregen umher, während sich der Gang rasch -verbreiterte und verlängerte. - -Auf einmal unterbrach die Larve ihre Arbeit, und es war Max, als ob sie -murmelte: »Nein, das wäre doch niederträchtig!« - -Dann bohrte sie wieder wütend weiter, aber plötzlich rief sie: - -»O ich Unglückselige!« - -Max drängte sich zu ihr. - -Die arme Larve war an der Grenze der Holzschicht angekommen und -murmelte unverständliche Worte. - -»Was ist geschehen?« fragte Max besorgt. - -Die andere ließ den Kopf sinken und sprach mit schwacher Stimme: - -»Das ist kein Holz, was mir den Ausgang verschließt.« - -Max untersuchte die Wand. Das Ergebnis brachte ihn zur Verzweiflung. - -Er stand mit seinem Holzbohrer vor dem inneren Eisenbeschlag der Türe. - - - - -30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt. - - -Das war eine traurige Lage. - -Diese arme Larve hatte mehr als ein Jahr gearbeitet, um sich für die -Stunde ihrer Verwandlung einen Ausweg zu verschaffen; und jetzt, wo es -gerade am schönsten geworden wäre, war sie vor eine Metallwand geraten. - -»Was tun?« fragte der ängstlich zuschauende Max mit Herzklopfen. Die -Wespenlarve aber schüttelte mit aller Seelenkraft ihren Ärger ab, nahm -sich fest zusammen und rief sich selber Mut zu: - -»Nur nicht nachlassen, nicht verzagen! Ich muß durchkommen, ich fühle, -daß ich keine Zeit zu verlieren habe.« - -»Wirst du umkehren? Einen neuen Weg suchen?« - -»Umkehren? Was fällt dir ein! Ich nage das Metall durch«, so sprach sie -in stolzem Trotz. - -Max schaute recht verblüfft darein. Sein Staunen wurde immer größer, -als er auch schon ein Geräusch hörte, wie wenn eine Feile rasch -und gleichmäßig über Metall raspelte. Wahrhaftiger Gott, die Larve -durchbohrte das Eisen! Wenn unser Freund gewußt hätte, daß berühmte -Naturforscher beobachteten, wie diese Insekten drei Zentimeter dicke -Bleiwände durchlöcherten, hätte er sich nicht so maßlos gewundert. - -»Diese Holzwespe kann noch mehr wie meine Freundin, die Gallwespe«, -rief Max, »dieser Leistung gegenüber bedeuten die Holzkugeln nicht -viel. Lieber Freund«, scherzte er, »du könntest wirklich mit dem Kopf -die dicksten Mauern einrennen, ohne dir den Schädel zu zertrümmern.« - -»Spaß beiseite«, erwiderte fast außer Atem die abgearbeitete Larve, -»für mich handelt es sich jetzt um Leben oder Tod. Hier sterben, im -Dunkeln, in dem Augenblick, der mich frei in den Lüften finden sollte, -das will mir nicht in den Sinn!« - -»Willst du deine Verwandlung hier abwarten?« - -»Ja, ich habe dazu Ruhe nötig; denn in kurzer Zeit bin ich Puppe, um -aus ihr schön und vollkommen zu erstehen. Aber der Durchgang ist offen, -willst du nicht ins Haus eintreten?« Sie wies mit artiger Bewegung an -das Löchlein, das ihr das Tor zum Leben bedeutete. - -Max dankte mit innigen Worten: - -»Wenn ich dir irgendwie einmal nützlich sein kann«, sagte er, »so soll -mir das eine Freude sein!« - -»Danke, gönne mir jetzt Ruhe!« - -Max kroch durch die Öffnung im Beschlag und lief an der inneren -Türseite hinab, bis er sich auf der Diele des Hauses befand. Sobald er -den Fußboden erreicht hatte, fing er vor Befriedigung zu tanzen an und -sang dazu: - -»Ich bin daheim, ganz nahe bei lieb Mütterlein!« - -Wie trieb ihn die Sehnsucht, sie wiederzusehen! Er rannte in der -Finsternis nach allen Enden herum, um die Türe zum Zimmer zu suchen. -Ein Hindernis im Wege hemmte seinen Lauf. Es lag da ein Apfelbutzen, -der durch irgendeine Unachtsamkeit am Boden liegengeblieben war. Mit -seinen Beinen hätte Max leicht darüber wegkommen können, aber wer -mit dem Vorbeilaufen nicht einverstanden war, das war der Magen. Der -brummte so heftig, als wollte er das Baßgeigenkonzert wiederholen, -das seit dem schönen Frühstück bei den guten Hummeln verstummt war. -So machte sich denn das hungrige Ameislein ohne viel Federlesens -ans Essen, wobei alte, schöne Erinnerungen erwachten. Mit innigem -Wohlbehagen sprach er kauend vor sich hin: - -»Äpfel waren immer meine Leibspeise, aber erst jetzt weiß ich, daß -sogar der Butzen noch ganz vorzüglich schmeckt.« - -Geraume Weile speiste er und ließ sich's wohl sein; hatte er doch seit -frühem Morgen nichts mehr gegessen, und nachdem er den Versuchungen -der Muskatellertraube so männlich widerstanden hatte, war ihm der -Genuß, besonders nach den Gemütsaufregungen im finstern Wespengang, -schon recht zu gönnen. Zu all dem brauchte er jetzt keine Angst mehr -auszustehen, die Richtung zu verlieren, deshalb entschloß er sich, sich -mit Seelenruhe die ganze Nacht dem süßen Apfelbutzen zu widmen. Bei -Tage wollte er dann die Zimmer besuchen. - -Endlich brach ein schwacher Lichtschein durch den herzförmigen -Ausschnitt des geschlossenen Fensterladens, und beim Klappern eines -nahenden Trittes ließ Max geschwind die Reste seiner Mahlzeit im -Stiche. Franziska, das Zimmermädchen, kam, um wie an jedem Morgen die -Fenster zu öffnen. Da hörte Max ein eigenartiges Geräusch und gleich -dazu einen Schreckensschrei. Was war denn geschehen? Das konnte keiner -erraten. Durch ein Löchlein im Türbeschlag war ein großes Insekt -herausgeflogen. Sein Körper glänzte wie aus blauem Stahl, es hatte -rötliche Schenkel, gelbe Flügel und ungebrochene Fühler, die nach vorne -gerichtet waren und sich mit der Spitze ein wenig in die Höhe bogen. - -Franziska hatte bei dieser überraschenden Erscheinung einen Schrei -ausgestoßen. Jetzt ergriff sie den Wischlappen, den sie an die Schürze -gesteckt hatte, und machte mit diesem eine unbarmherzige Jagd auf -den seltenen Eindringling, der in Todesangst einen Ausweg suchte. -Max erkannte sofort seine neu ausgeschlüpfte Holzwespe und hörte sie -verzweifelt rufen: - -»O Ameise, hilf mir doch!« - -Sofort wußte Max, was zu tun war. Er kletterte wie der Blitz über -Franziskas Schuh empor bis zum Strumpf, drang mit dem Kopf zwischen -zwei Maschen hindurch und zwickte, so kräftig er nur konnte, Franziska -gerade in dem Augenblick in die Haut, als sie mit dem Staubtuch das -arme Insekt erschlagen wollte. Sie stieß einen lauten Schrei aus und -ließ das Tuch fallen. Indessen flog das geängstigte Tier zum Fenster -hinaus und rief: - -»Ameise, du hast mir das schöne Leben gerettet! Nie werde ich dich -vergessen!« - -Max hatte sich rasch auf den Boden fallen lassen und lief eiligst -davon. Franziska aber juckte heftig an ihrem Bein und rief: - -»Diese verwünschten Flöhe!« - - - - -31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser gegangen! - - -Max war recht froh, der guten Holzwespe seine Dankesschuld abgestattet -zu haben. Er hatte dabei Geistesgegenwart gezeigt und war jetzt stolz -und zufrieden mit sich selber. Aber Menschenfüße flößten ihm wenig -Zutrauen ein, und da man im Hause nach und nach verschiedene Schritte -hörte, verkroch er sich vor Angst, zertreten zu werden. Lieber -kletterte er eine Wand hinauf, als noch länger einer solchen Gefahr -ausgesetzt zu sein. - -»Nein«, dachte er, »wenn der Mensch, dieses Untier, wüßte, welche -wunderbaren Formen und Lebenskräfte in uns kleinen Wesen verborgen -sind, wäre er beim Gehen gewiß vorsichtiger, um uns nicht zu -zerdrücken.« - -Im anstoßenden Zimmer ließen sich jetzt Stimmen vernehmen. Um besser -sehen zu können, stieg Max an der Wand empor auf den Kleiderrechen. -Hier nahm er auf dem Rand eines großen Filzhutes Platz und sagte leise -und fröhlich vor sich hin: - -»Von hier aus beherrsche ich das ganze Zimmer. Gleich werden sie alle -zum Frühstück erscheinen, ich werde sie sehen und hören, was meine -Lieben sprechen!« Gleich darauf trat sein Onkel Walter ein. Wie bewegt -betrachtete ihn Max, aber seine Bewegung kehrte sich in Schrecken, als -er ihn sagen hörte: - -»Franziska, den Hut abbürsten, ich will in die Stadt gehen!« - -Max erschauderte. Der Hut wurde abgenommen; die Krempe erzitterte unter -seinen Füßen. Bei jedem Bürstenstrich erwartete er, mitsamt dem Staub -weiß Gott wohin geschleudert zu werden. Ach, vielleicht wäre es so -besser gewesen! Glücklicherweise aber nehmen es Zimmermädchen meistens -nicht besonders genau mit dem Ausbürsten der Kleider ihrer Herrschaft. -Franziska fand den Hut halb gebürstet sauber genug. - -So war Max wieder einmal gerettet; allein er lebte jetzt von der Gnade -eines Hutes, und dieser wieder war abhängig von Onkel Walter. Ging -dieser spazieren, so mußte Max unbedingt mit ihm ausgehen. - -»Einerlei«, dachte er ohne weitere Sorge. »Zwingt er mich jetzt zum -Spaziergang, so muß er mich auch wieder heimtragen.« Leichtfüßig und -leichtherzig spazierte er inzwischen den Hutrand entlang. - -Leider aber machte Max die Rechnung ohne seinen Lateinprofessor. Dieser -Spielverderber mußte ihm jetzt sogar noch sein Ameisenleben verpfuschen! - -Nicht weit entfernt vom Landhaus wurde Max durch einen Schwung vom -Hutrand unsanft im Bogen zur Erde geschleudert. Onkel Walter hatte vor -dem Lateinprofessor, der des Weges kam, in größter Hochachtung seinen -Hut tief gezogen. Er konnte ja nicht ahnen, daß er dabei seinem lieben -Neffen einen solchen Schabernack spielte. - -Max erholte sich leichter von seinem Fall als von dem Schrecken über -sein Mißgeschick und rief zornbebend aus: - -»Dieser greuliche Professor! Wenn ich meine Holzwespe treffe, sage ich -ihr, sie möge ihm ein Loch in seinen Kopf bohren.« - -Unser Held war ganz außer sich, sonst hätte er so etwas Böses -keinesfalls gesagt. Man muß aber gerecht sein, diesmal hatte er -wirklich großes Unglück. - -Nach harten Mühen, gefährlichen Abenteuern, nach so vielen -überstandenen Gefahren war er endlich in seinem Hause angelangt. Nun -sah er sich durch einen unglücklichen Zufall vom schwer erreichten -Ziel weiter als je entfernt. Er lag mit den Beinen in der Luft auf dem -Erdboden eines unbekannten Ortes; allem nach wird es ihm unmöglich -sein, sich zurechtzufinden. Da vernahm er eine Stimme in der Nähe: - -»Noch nie in meinem Leben habe ich ein Insekt ohne Flügel so kühne -Purzelbäume schlagen sehen! Wäre einer von uns aus solcher Höhe -abgestürzt, mit den Beinen nach oben, der hätte nicht so leicht wieder -krabbeln können!« - -Das waren sonderbare Geschöpfe, die mit solchen Bemerkungen das -Unglück unseres Freundes besprachen. Max konnte ein lautes Oho! der -Verwunderung nicht unterdrücken, als er ihrer ansichtig wurde. Es waren -Ameisen, ganz sicher, aber so merkwürdige, wie Max sich solche nicht -im Traume vorgestellt hätte. Ganz gelb, mit mächtigem Hinterleib und -schauderhaft dickem Bauch. - -»Woher kommt ihr, dickbäuchige Schwestern?« rief Max sie an. - -»Weither wie du«, sagte eine lachend. »Du kommst aus schwindelnder -Höhe, wir aus weiter Ferne.« - -»Ei, woher denn?« - -»Aus Mexiko.« - -Max glaubte, die Ameisen wollten ihn zum besten haben, und schon wollte -er entsprechend erwidern, als eine sagte: - -»Schwestern, macht weiter, es ist Zeit zur Heimkehr, die Sonne kommt!« - -Die fremden Ameisen trotteten ihres Weges. Langsam schleppten sie sich -mit ihren dicken, gelben Bäuchen vorwärts, und unser Freund folgte -ihnen ohne Bedenken, er hätte gar nicht anders gekonnt; erstens wollte -er zu gern Näheres über sie erfahren, und dann wußte er im Augenblick -nichts Besseres anzufangen. Langsam erkletterte er mit den Gelben eine -Anhöhe, auf deren Gipfel sich ein kleiner, sandiger Erdhaufen erhob, -wahrscheinlich ihr Nest. Und richtig standen am Eingange des Sandhügels -drei Ameisen Wache, doch waren diese schlank und ohne jenen unförmigen -Bauch. - -Die Wachen begrüßten die Ankommenden mit freundlichem Zuruf: - -»Willkommen, Schwestern! Wie seid ihr schwerbeladen!« - -Sogleich bemerkten sie auch Max, der heimlich hinter ihnen herschlich, -und riefen ihn scharf an: - -»Wer ist der Fremde? Woher kommt er? Ausweis zeigen!« - -Max trat sofort offen vor, grüßte militärisch die drei Schildwachen und -sagte würdig: - -»Ich bitte euch, erkennt mich als zu euch gehörig an, ohne euch an -meiner schwarzen Farbe zu stoßen. Gestattet meine Anwesenheit in eurem -Hause, in Anbetracht dessen, daß ich keine feindlichen Absichten hege.« - -Diese feine Rede, namentlich die Wendung »in Anbetracht dessen«, machte -großen Eindruck auf die Schildwachen, und in gemildertem Ton erwiderten -sie: - -»Was hast du dann für Absichten?« - -»Vernehmt also«, nahm Max seine Rede sprachgewandt wieder auf, »ich bin -so, wie ihr mich seht, eine arme Ameise, die ihres Landes verbannt ist -infolge eines traurigen Krieges. Ich bin allein, und ihr habt nichts -zu befürchten. Mein einziger Wunsch ist zu wissen, wer ihr seid, woher -ihr kommt, und welche Gebräuche ihr übt, daß ich sie nach ihrem Werte -schätzen lerne.« - -Diese schmeichelhafte Rede verfehlte ihren Eindruck nicht. Die Wachen -zogen sich zu einer kurzen Beratung zurück, in der beschlossen wurde, -dem Fremdling zwar die Erlaubnis zum Eintritt und einer Besichtigung -zu geben, doch ihm vorsichtshalber eine einheimische Ameise zur -Begleitung beizugesellen. So stieg Max in den trichterförmigen Eingang -des Sandhügels hinab, der in der Mitte des Baues gelegen war. Von der -weiten Öffnung führte die Trichterröhre senkrecht zum ersten Stockwerk -des Baues. Max sagte seiner Führerin viel Schönes über die kunstvollen -Anlagen des geräumigen Hauses, dessen Herstellung von großer Mühe und -Sorgfalt zeugte; denn die bröselige Erde erschwerte das Ausheben von -Höhlen und Gängen, weil sie gar zu leicht nachrutschte. Durch einen -senkrecht geführten Schacht ging es zum unteren Stockwerk, das aus zehn -großen Kammern bestand, deren Wände nicht mehr so schön glatt waren wie -oben. Max hatte aber kaum mehr ein Auge für so etwas Nebensächliches, -denn in diesen nur schwach beleuchteten Zimmern befand er sich vor -einem derartig befremdenden Schauspiel, daß er unwillkürlich ausrief: - -»Ja -- träume ich denn?« - -»Träumen?« meinte verwundert die Führerin. »Unsere vollen Honigtöpfe -sind gottlob keine Träume!« - -Festgeklammert an der Wand jedes Raumes saßen da oder hingen vielmehr -etliche dreißig Ameisen. Ihr ungeheurer Bauch glänzte durchscheinend -gelb wie ein dicker Öltropfen. - -»Volle Honigtöpfe?« stammelte erstaunt Max, der die Augen nicht davon -abwenden konnte. - -»Freilich, deine große Verwunderung verrät deine Unkenntnis! Ihr -andern Ameisen habt eben keine Ahnung von der gediegenen Einrichtung -unseres Ernährungsamtes und unserer wirtschaftlichen Umsicht. Wir sind -mexikanische Ameisen«, sagte sie ein wenig hochmütig, »und befinden -uns nur zufällig in diesem Lande. Weißt du, in einem jener Ungeheuer, -in denen die Menschen über die großen Wasser fahren« -- sie meinte -natürlich Ozeandampfer und Kauffahrteischiffe -- »wurden einmal bei uns -in Mexiko Pflanzen verladen, in deren erdigen Wurzeln einige Insekten -unbeachtet mit hieher reisten. Unter diesen war auch eine Mutter -unseres Stammes, und diese begründete unser heute lebendes Volk und -errichtete mit ihm dies Haus.« - -[Illustration] - -»O!« rief Max, »kamen die fremden Ameisen vielleicht mit der -mexikanischen Eiche an, die in einem Garten hierzulande steht?« - -»Ganz richtig; mit einer wellblätterigen Eiche.« - -Vor zwei Jahren hatte tatsächlich Onkel Walter eine solche Eiche -geschickt bekommen und im Garten der Eltern gepflanzt. Welche -Hoffnungen erwachten bei dieser Feststellung! Er war sicher nicht allzu -weit entfernt von seinem Hause, in das zurückzugelangen sein heißes -Sehnen war. - -»Die wellblätterige Eiche«, fuhr die Führerin wie zur Bestätigung der -hoffnungsfrohen Vermutung fort, »liefert uns unser tägliches Brot. Aus -ihren Gallen, die ihr eine Gallwespe beibringt, sammeln die Ameisen, -denen du nächtlicherweile begegnet bist, einen köstlichen Saft. So -mächtig füllen sie sich davon an, daß sie den unförmig dicken Bauch -bekommen und nur mühsam wieder heimziehen können. Hier angekommen, -steigen sie an den Wänden empor, wo dann andere Kameraden sie bis -zur äußersten Möglichkeit weiter füttern. So werden sie bis zum Rand -gefüllte Töpfe.« - -»Und bleiben sie immer so hängen?« fragte Max mitleidig. - -»Versteht sich. Sie können sich nicht mehr rühren und haben auch -weiter nichts zu tun, als die Nahrung für die Arbeiter aufzubewahren. -Sie melden sich übrigens freiwillig zu ihrem Dienst, zu dem man eben -berufen sein muß; ja, ja, schwer ist er schon!« - -Max war in der Seele tief bewegt. Es gab also Ameisen, die -Honigbehälter werden! Honig, nicht zum Selberessen, nein! Voll -Entsagung stellen sie ihren eigenen Körper zur Verfügung; zum Wohle der -Brüder sind sie lebende Vorratskammern. - -Vielesserei ist also bei diesen Tieren wahrhaftig etwas anderes als -bei den Menschen, die sich so zahlreich in garstiger Weise den Magen -überfüllen. - -Während er so dachte, konnte er selbst sehen, wie die gelben Ameisen, -denen er begegnet war, sich anschickten, die bereits hängenden Genossen -vollzustopfen. Sie päppelten ihnen einen Teil der gesammelten Nahrung -ein und sagten dazu sich einander lustig zublinzelnd: - -»Heute dir, morgen mir!« - -»Willst du ein wenig von unserem Honig versuchen?« fragte die Führerin. - -Das brauchte man Max nicht zweimal fragen. Mit Vergnügen ließ er -sich von einer Ameise, die sich noch bewegen konnte, den süßen Saft -einflößen. Wie schleckig er war! Ein wenig säuerlich von der darin -enthaltenen Ameisensäure, aber dafür desto schmackhafter. - -»Welche Wunder vollbringt die Schöpfung! Nun sah ich sogar lebendige -Honigtöpfe.« So dachte Max, als er den Rückweg antrat. Er bedankte -sich aufs herzlichste bei den drei Schildwachen und allen, die er -kennengelernt hatte. Eben, als er sich verabschieden wollte, gellte der -Schreckensruf von allen Seiten: - -»Der Wendehals!« - -Im selben Augenblick fühlte sich Max am Genick erfaßt, und mit drei -Unglücksgenossen von Mexikanern wurde er durch die Lüfte getragen. - - - - -32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe. - - -Eine Tatsache muß zunächst festgestellt werden: - -Wenn Maximilian Butziwackel I., Kaiser des Einzelstaates der -Rasenameisen und Thronanwärter des allgemeinen Ameisenweltreiches, -sein ehrgeiziges Ziel nicht erreichen konnte, geschah es nicht -aus Mangel an hervorragender Geisteskraft oder entschlossener -Willensrichtung. Sogar jetzt, wo er schon auf der Zunge eines -Vogels klebte und gefangen saß im Schnabel eines unbarmherzigen -Ameisenwürgers, kam ihm ein rettender Gedanke. Er kauerte sich, so -klein er konnte, in seinen Hanfpanzer zusammen, und der Vogel, der -statt Max nur mehr das Hanfkörnlein spürte, spuckte dies mißachtend -aus, ahnungslos, welch eine gute Ameise da drinnen steckte. Der -Wendehals begnügte sich also mit drei statt mit vier Opfern. Max -fiel zur Erde, und diesmal segnete er seinen Absturz. Der Wendehals -schüttelte gewohnheitsmäßig seinen Kopf und flog weiter, aber Max rief -ihm voll heiligen Zornes nach: - -»Elender Vernichter unseres edlen Volkes! Mögen die drei Mexikaner dir -lebenslang schwer im Magen liegen bleiben!« - -Er wandte sich hierhin und dorthin, um die Gegend zu besichtigen -und sich zurechtzufinden. Wo war er? Das wußte er, vom Hause der -ausländischen Ameisen war er noch nicht weit entfernt, und dies lag -ja nahe bei der wellblättrigen Eiche. Diese wieder war dem Hause -benachbart, von dem er losgerissen war, und in das er sich unendlich -zurücksehnte. Trotz aller dieser richtigen Schlußfolgerungen gelang -es ihm doch nicht zu bestimmen, wohin er sich zu wenden habe, um sein -Ziel zu erreichen. So lief denn Max ratlos hin und her und kam zu einer -Hecke wilder Rosen. - -»Da hinauf will ich klimmen, denn von solch hohem Standpunkt aus läßt -es sich weit ins Land schauen.« - -Gesagt, getan. Er stieg und stieg, schaute von Zeit zu Zeit genau -umher, ohne aber irgend etwas Genaues auszukundschaften. Als er die -höchststehende Rose erreicht hatte, hielt er an und atmete den süßen -Duft ein, der seine Seele mit lindem Trost erfüllte. - -Doch was spielte sich denn da im Innern der Rose ab? Max vergaß die -Lust am Dufte, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde von einer schönen -Biene gefesselt, die im Schoße der Blume mit geschäftiger Emsigkeit -arbeitete. - -Die Biene leckte mit sichtlichem Vergnügen an den Staubfäden der Blume -und steckte dabei ihren Kopf tief in den duftenden Kelch. Dann sammelte -sie den Blütenstaub und sang eine fröhliche Weise dazu: - - »Summ, summ, summ, summ! - So treu wie Gold, - Ein Blümchen klein, - So rein und hold, - Läßt grüßen fein. - - Summ, summ, summ, summ! - Sei du ihm gut! - Dein Herz allein - Gefallen tut - Dem Blümelein. - - Summ, summ, summ, summ! - Ich trag' davon - Den Gruß von dir, - Als Botenlohn - Gib Honig mir! - Summ, summ, summ, summ!« - -Bei diesem fröhlichen Liedchen erzitterte die Rose leise, und freigebig -reichte sie dem goldigen Insekt gerne ihre Staubfäden dar. Als ein -schöner Vorrat gesammelt war, stieg die Biene aus dem Blumenkelch -heraus und widmete sich, auf einem Rosenblatt stehend, mit höchster -Sorgfalt einer Arbeit, der Max mit Verwunderung zusah. Geschickt -streifte sie mit den zwei Vorderbeinchen den Blütenstaub ab, der sich -an den dichten Härchen ihres Körpers eingepudert hatte, nahm ihn mit -den beiden mittleren Beinen auf, um ihn von diesen auf das dritte und -hinterste Beinpaar zu befördern. Diese waren ein Wunder an Feinheit und -Zweckmäßigkeit des Baues. Sie waren dicht behaart und gestalteten sich -in ihrer Mitte zu einem kleinen Körbchen. Darein sammelte das emsige -Tierchen die ganze Ernte des Blütenstaubes und trug ihn nach Hause. Der -entzückte Beobachter rief nun laut aus: - -»Frau Biene, Sie haben wunderbare Beine! Wissen Sie das?« - -Die Biene aber wandte sich dem Störenfried ärgerlich zu und herrschte -ihn an: - -»Hast du sonst nichts zu tun als zu gaffen?« - -Bei dieser Zurechtweisung fühlte Max, wie sein Blut kochte. Er vergaß -allen Anstand und erwiderte gereizt: - -»Ich tue, was ich will. Und du? Was machst du?« - -»Ich tue jedenfalls Besseres, ich tue meine Pflicht. Ich bin -übrigens erstaunt, daß eine Ameise sich erkühnt, auf zarten Blumen -herumzutrampeln. Blumen sind unser Bereich!« - -Bei solchen Verweisen konnte Max nicht mehr ruhig bleiben. Er schrie -die Biene an: - -»Dein Bereich? Ich möchte doch sehen, ob du andern Insekten verbieten -kannst, an den Rosen zu riechen! Herumtrampeln! Da hört sich doch -alles auf. Wie? Ich stehe da und bin niemand im Weg und soll Blüten -zertrampeln? Und du? Du kommst her, um alles aufzulecken und -auszusaugen, schleppst fort, was du schleppen kannst, noch dazu in -verborgenen Körben an den Hinterbeinen! Eine schöne Geschichte! Du -Hamsterer du!« - -Die Biene hatte während dieses Zornausbruches ihren Stachel mehrmals -in der Scheide spielen lassen und leicht zu verstehende Zeichen damit -gemacht. Schließlich aber bemeisterte sie ihren Verdruß und bemerkte -kühl: - -»Eine so einfältige Ameise habe ich noch nirgends getroffen, wie du -bist.« - -Ehe unser Freund antworten konnte, fuhr sie fort: - -»Schwätzen hat keinen Sinn. Beweise will ich dir geben. Weißt denn du, -was eine Blume eigentlich ist? Kennst du ihr geheimes Leben? Weißt du, -daß sie atmet, schläft, leidet, sich freut, liebt und lebt wie wir?« - -In seinem Ameisendasein hatte Max viele Wahrnehmungen gemacht, die -ihm als Kind ferne lagen. Er hatte längst in den Kräutern, über die -er lief, ein gewisses Leben und Bewegung entdeckt, die ein Mensch nie -erfaßt; Lebenszeichen, für Menschenaugen allzu fein. Max hatte sich -überdies nie gerne mit Pflanzen abgegeben. Darum war auch er an den -feinen Äußerungen des Pflanzenlebens achtlos vorübergegangen. Die Worte -der Biene eröffneten ihm eine neue Welt. - -»Siehst du«, fuhr die Biene fort, »nun stehst du so einfältig da wie -zuvor. Du weißt nicht einmal, daß die Blumen, wie du, Vater und Mutter -haben; daß die Blumeneltern sich Blumenkinder wünschen, die so schön -und duftend sind wie sie selbst. Aber die Blumen stehen festgewurzelt. -Sie lieben sich und möchten einander viel erzählen und können es nicht. -Wer trägt nun zum einen und andern die liebevollen Gedanken von Duft -und die süßen Botschaften von Nektar, die reinen Küsse aus Blütenstaub? --- Wir geflügelten Insekten sind es, wir Bienen. Wir kennen sie alle, -wir wissen ihre Geheimnisse, und wir sind die Liebesboten der verlobten -Blumenpaare. Und sie sind froh und öffnen uns für diesen Liebesdienst -ihre Blumenkelche, empfangen uns in ihrem Schoß und geben uns ihren -Honig, den wir unsern Angehörigen heimbringen.« - -Die geschäftige Biene summte von neuem ihr Liedchen, die Rose aber -erbebte in froher Lust: - - »Summ, summ, summ, summ! - So treu wie Gold - Ein Blümchen klein, - So rein und hold, - Läßt grüßen fein. - - Summ, summ, summ, summ! - Du, sei ihm gut, - Dein Herz allein - Gefallen tut - Dem Blümelein. - - Summ, summ, summ, summ! - Ich trag' davon - Den Gruß von dir, - Als Botenlohn - Gib Honig mir! - Summ, summ, summ, summ!« - - - - -33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen. - - -Max stand bewegt und ergriffen da. Die Worte der Biene, die beim Beginn -der Darlegungen herb und spottlustig klangen, wurden im Laufe ihrer -Rede liebenswürdig und sogar herzlich. Der aufgeregte Ton, der zu -Anfang des Gespräches geherrscht hatte, war einer artigen und zarten -Stimmung gewichen. - -»Nein, wieviel des Schönen hast du erzählt!« nickte Max beifällig ihr -zu. - -Es zog ihn mächtig zu der lieben Biene, und er fragte sie: - -»Wollen wir miteinander gut sein?« - -»Gerne«, antwortete schlicht die Biene. - -»Das ist lieb von dir! Um dir zu beweisen, wie sehr ich deine -Freundschaft schätze, werde ich sofort die Rose verlassen, aber nicht -wahr, du weihst mich noch in das Geheimnis ein, wie du Honig und Wachs -bereitest?« - -»Das ist nicht schwer für mich. Mit meinem Rüssel sauge ich die -Honigdrüse aus, die meist am Fuße der Staubfäden zu finden ist. Dieser -Saft fließt in meinen Honigmagen und wird hier zum fertigen Honig. -Was das Wachs betrifft, so schwitzen wir es in unserem Hause an der -Unterseite des Hinterleibes aus.« - -»Noch eine Frage«, bat Max wißbegierig. - -»Aber schnell, bitte. Die Sonne geht bald unter, und wir haben strenge -Hausordnung in unserem Stock.« - -»Was ist denn das, euer Stock?« - -»Wie, das weißt du auch nicht? Der Stock ist unser Dorf, unsere -Gemeinde. Nun? Was noch?« - -»Ach, deinen Namen möchte ich gar gerne wissen.« - -»Ich heiße Süßchen.« - -Die Biene mit dem reizenden Namen flog davon, und Max mochte die -Augen nicht von ihr wenden, bis er sie hinter einem Baume entschweben -sah. Dann stieg unser Held vom Rosenstrauch herab, um seinen Weg -wieder zu suchen. Er war aber nicht der einzige gewesen, der den Flug -Schönsüßchens verfolgt hatte. In der Nähe schrillte eine kreischende -Stimme, die von einem Rosenzweig zu kommen schien. - -»Ha, ha«, so verstand Max, »endlich habe ich herausgekriegt, wo du, -teure Frau Biene, wohnst! Heute abend werde ich mich einmal gütlich tun -an deinem Honig!« - -Bestürzt, ja entsetzt sah Max um sich. Angeklammert am Rosenzweig sah -er vor sich ein schwarzes Ungetüm von düsterem Aussehen. Es hatte einen -dicken, behaarten, braunen Rücken und mitten drauf -- ein schauriger -Anblick -- war in gelber Farbe ein Totenkopf gemalt. Als Max das -fürchterliche Insekt gewahrte, erschrak er heftig. Das Ungetier aber -fuhr mit seiner schrillen Stimme fort: - -»Vortrefflich! Donner und Doria! Wenn's dunkel wird, werde ich mir, so -wahr ich Atropos heiße, das Leben versüßen.« - -Es war wahrhaftig ein Acheronte, einer jener großen Schmetterlinge, -welche man Totenkopf nennt wegen der düstern, gelben Zeichnung auf -ihrem Rücken, und die, wenn sie gereizt werden, einen pfeifenden, -schrillen Ton ausstoßen, der bisweilen so unheimlich wie das Bild -wirkt. Die düstere Färbung, die unheimliche Zeichnung, die Größe des -Schmetterlings und sein Erscheinen im Dunkeln sind die Ursache, daß -dumme, abergläubische Menschen sie für Unglückstiere halten, wie es -auch mit Eulen und Käuzchen geschieht. Die Angst solcher einfältigen -Leute ist unsinnig, aber andere Geschöpfe können sich mit gutem Recht -vor diesem Schmetterling fürchten. Wie die Vöglein gut tun, sich vor -der Eule zu verstecken, welche sie nur allzusehr liebt und sie recht -wohlschmeckend findet, so müssen die Bienen vor dem Totenkopf auf der -Hut sein, da er nach ihrem Honig lüstern ist. - -Max hatte die bösen Absichten des Insektes wohl verstanden, und da er -für Bienen im allgemeinen und für Süßchen im besondern eine warme -Zuneigung verspürte, so sagte er jetzt für sich: - -»Der Stock ist in der Nähe, ein günstiger Zufall hat mich eingeweiht in -die Einbruchspläne des schwarzen Diebes, wie wäre es, wenn ich eilte, -Süßchen zu warnen?« - -Er warf einen Blick auf den Baum, dem die Biene zugeflogen war, und -richtete seine Schritte gegen Süßchens Wohnung. Er rannte, was er -konnte, achtete kein Hindernis und sagte sich: Das Untier ist ein -gerissener Dieb; es will erst einbrechen, wenn es finster ist. Wenn ich -auch keine Flügel habe wie dieser Gauner, so werde ich trotzdem vor ihm -dort anklopfen können. Da -- was war das? Er hielt überrascht im Laufe -inne. Hatte er nicht rufen hören: - -»Hurra! Es lebe der Kaiser!« - -Er spähte und konnte niemand entdecken. Schon wollte er weiterwandern, -im Glauben, daß er sich getäuscht habe, als er den Ruf ein zweites Mal -hörte, und diesmal konnte es gewiß keine Sinnestäuschung sein. - -»Max Butziwackel! Hoch!« - -Zwischen Schreck und Freude verlor er schier die Besinnung. Zu seiner -linken Seite lag ein dichter Graswald, aus dem hervor keuchend zwei -Ameisen auf ihn zustürzten, in denen er sofort seine zwei Adjutanten -erkannte. Ein gemeinsamer Freudenschrei: - -»Unser Kaiser!« - -»Dickkopf! Großzang!« - -Ein unbeschreibliches Bild! Die drei Ameisen fielen sich gegenseitig -in die Arme. Eine Sintflut von Fragen folgte der zärtlichen Umarmung; -Erklärungen, Berichte und Erzählungen regnete es nur so, und nach der -ersten Pause ging es von neuem los: - -»Unser Kaiser! Er ist's! Hier steht er vor uns! Wer kann es glauben!« -so rief Großzang, und Dickkopf setzte hinzu: - -»Wir beweinten ihn als tot!« - -»Eure Teilnahme ehrt mich«, sprach Max gerührt, »und ich kann euch -versichern, jetzt fühle ich mich wie neu geboren durch euern Anblick. -Wie kommt ihr hierher? Wie ist es euch ergangen?« - -»Ach, wir sind nur durch ein Wunder gerettet worden. Kaum weiß -ich's, wie wir entwischt sind. Eine Schar Roter verfolgte uns mit -aufgesperrten Zangen und schimpfte unglaublich roh hinter uns drein. --- Welche Schlacht! Ist es möglich, daß wir sie verlieren konnten, -trotz deines erhabenen Einfalles, unser Heer durch die Bombardiere zu -verstärken!« - -Feierlich sprach Max: - -»Was wollt ihr? Das Glück ist nicht immer die Freundin großer -Geister. Genug! Ihr stellt euch nicht vor, wie ich mich freue, euch -wiederzusehen!« - -»Wie froh sind erst wir! Wir wollen bis ans Ende unserer Tage bei dir -bleiben.« - -»So begleitet mich«, sprach Max väterlich zu den beiden. »Während -wir raschen Schrittes gehen, könnt ihr eure Geschichte erzählen.« So -schritten sie alle drei dem Bienenstock zu. - -»Denke dir nur«, fing Dickkopf an. - -»Stelle dir vor«, sprudelte zu gleicher Zeit Großzang. - -»Einer nach dem andern«, entschied Max. - -»Großzang, dir erteile ich zuerst das Wort.« - -»Stelle dir also vor«, fing dieser an, »daß wir bis jetzt ein -Landstreicherleben führen mußten, umlauert von tausend Gefahren!« - -»Wie auch ich!« - -»Ohne je zu wissen, wo man nachts sein müdes Haupt hinlegen könne!« - -»Wie ich!« - -»Keine Ahnung, wo eine Mahlzeit hernehmen!« - -»Euer Kaiser aß nichts mehr seit heute früh!« - -»Kurz, wir haben das elendeste Leben geführt, das man sich denken kann. -Aber jetzt, wo wir dich wiedergefunden haben, wo wir bei dir bleiben -können, jetzt fürchten wir nichts mehr. Nicht wahr, Dickkopf?« - -»Jawohl!« - -Max frohlockte, und die zwei Adjutanten schrien: - -»Es lebe Kaiser Butziwackel I.!« - -Da hagelte wie eine Antwort auf diesen Ruf ein Steinregen hernieder -und hüllte den Kaiser samt seinem Gefolge ein. Unser Held, der die -Erde unter seinen Füßen wanken fühlte, hatte kaum Zeit, sich an einen -Grashalm festzuklammern, während Großzang ihm um den Hals fiel und rief: - -»Halte mich, ich falle!« - -Es war das Werk eines Augenblickes. Wie durch Zauberschlag hörte der -Steinregen auf, und Max und Großzang hörten eine schwache Stimme, die -unter der Erde um Hilfe zu rufen schien. Fest umschlungen blickten sie -unwillkürlich unter sich und erschauderten. Ein schreckliches Bild bot -sich ihren Blicken. - -Sie befanden sich auf dem Rande eines trichterförmigen Loches, auf -dessen Grunde der arme Dickkopf vergeblich kämpfte, gepackt von den -riesigen Zangen eines furchtbaren Tieres, das den Unglücklichen -aussaugte und dazwischen hin und wieder ausrief: - -»Hm, die schmeckt fein!« - -[Illustration] - -»Ein Ameisenlöwe!« stammelte Großzang zitternd. - -»Ameisenlöwe!« wiederholte Max, und er erinnerte sich seines Abenteuers -mit dem libellenähnlichen Insekt. -- »Ah, nun verstehe ich dessen -Worte! Ich sah das vollkommene Insekt, und hier unten sehe ich die -Larve. Also deshalb wünschte mein damaliger Gefährte seinen Kindern, -sie sollten vielen Ameisen begegnen, die so gut sind wie ich!« - -Das Scheusal saugte unterdes sein Opfer aus und warf dann die Hülle -über seinen Sandtrichter hinaus. Als ob es auf Maxens Betrachtungen -antworten wollte, rief es befriedigt aus: - -»Die war ausgezeichnet!« - -Jetzt erst konnte Max den blutdürstigen Löwen in all seinen -Schrecknissen genauer betrachten. Aus dem Grunde des Loches, wo er -sich fast bis zur Hälfte des Körpers eingegraben hatte, ragte das -entsetzliche Tier heraus. Es hatte ein schwarzes, bedrohliches Maul, -sieben Augen auf jeder Seite und war mit mächtigen Zangen bewaffnet. -Sein Leib war mit schwarzen borstigen Haaren besetzt. Die zwei mit -Krallen bewaffneten Beine krabbelten neben dem Kopfe aus dem Abgrund -hervor. Es wandte seine vierzehn Augen auf die zwei entsetzten Ameisen -und sprach mit Grabesstimme: - -»Jetzt werdet ihr beide da oben bald herunterkommen, wie ich hoffe! -Heute hätte ich bei so später Stunde nicht mehr an eine so saftige -Abendmahlzeit gedacht. Ich jage sonst nur, wenn die Sonne scheint.« - -Wie es so sprach, krallte es die Tatzen ein, und mit außerordentlicher -Kraft und Gewandtheit schleuderte es die sandige Erde, in der es saß, -wie eine Flut von Steinregen auf die zwei erschrockenen Zuschauer. Max -fühlte sich schon durch die fallenden und rutschenden Sandkörnchen in -den Schlund des Trichters hinabgezogen; mit der äußersten Anstrengung -hielt er Großzang an sich gepreßt, und mit ihm klammerte er sich -verzweifelt an den Grashalm, der beide bis jetzt getragen hatte, und es -gelang ihm, sich zitternd vor Aufregung daran emporzuziehen. - -Die beiden Ameisen waren gerettet. - -»O je, o je!« rief Großzang, »das war eine böse Sache. Dir allein, mein -Kaiser, danke ich das Leben!« - -»Und ich verdanke dir einen steifen Hals, so hast du dich an mir -festgeklammert! Aber das macht nichts. -- Dem da ist es schlimmer -ergangen!« - -Er deutete dabei auf die Hülle Dickkopfs, die mit den Beinen in der -Luft neben ihnen lag. - -»Der Ärmste!« rief Großzang tiefbewegt. »Von ihm ist nichts geblieben -als die Schale. Das Untier hat ihn ausgesaugt ohne jede Rücksicht. -Jetzt freut es mich doch, daß wir seit zwei Tagen nichts gegessen -hatten, sein Körper muß hübsch trocken gewesen sein. Aber, daß der arme -Freund so wie ein ausgeblasenes Ei werden könnte, das hätte ich doch -nie geglaubt!« - -Beim Weitergehen wandte sich der Kaiser Butziwackel sehr ernst zu -seinem Gefährten und sprach: - -»Adjutant, hast du den Straßenräuber da drunten in seinem Trichter -gesehen?« - -»Leider! Es ist eine für uns Ameisen schreckliche Larve.« - -»Sehr wohl! Sobald wir einem zweiten von dieser Sorte begegnen, befehle -ich dir, ihn mir fünf Minuten vorher zu melden! Gehen wir! -- Vorwärts, -marsch!« - - - - -34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines Grafen aller -Hautflügler. - - -Das schauerliche Abenteuer mit dem Ameisenlöwen und vorher das -Wiederfinden und die Begrüßung der beiden Adjutanten hatte Max kostbare -Zeit gekostet. Als er endlich in der Nähe des Bienenstockes ankam, war -es bereits dunkel geworden. - -»Wie ich fürchte, bin ich zu spät gekommen«, murmelte in Sorge der -entthronte Kaiser, während er den Baum erkletterte. - -»Aber wohin gehen wir denn?« wagte Großzang zu fragen, der wohl sah, -wie gedankenvoll Max geworden war. - -»Wir wollen ein Bienendorf retten, das von einem schwarzen Dieb bedroht -ist.« - -»O wie fein! Da kann man vielleicht ein bißchen Honig bekommen?« - -Mit strengem Blick aber rügte Max: - -»Adjutant! Es handelt sich jetzt um ein ruhmreiches Abenteuer zu edlem -Zwecke; und du denkst ans Essen!« - -»Es ist wahr; aber daran ist mein knurrender Magen schuld; er ist so -leer, als ob er -- Gott behüte uns davor -- von einem Ameisenlöwen -ausgesaugt worden wäre.« - -Die beiden Ameisen standen endlich vor dem Eingang zum Bienenstock. - -Mit verzweifelten Gebärden stürzten eben einige Bienen daraus hervor -und summten in höchster Aufregung: - -»Der Totenkopf! Der Totenkopf!« - -Man sah sogleich, daß es im ganzen Bienendorf entsetzlich toll zuging. -Gefolgt von seinem Adjutanten stürmte Max hinein. Die verwirrten und -erschreckten Schildwachen beachteten ihn nicht, und bald stand er an -der Stelle, wo sich eben das bedrohlichste Schauspiel abwickelte. - -Der entsetzliche Totenkopf war in den Stock eingedrungen. Da saß er -mit seinem großen plumpen Leib, bebend vor Gier, die riesigen Flügel -zitterten, sein Rüssel zuckte, und vergebens versuchte das Bienenvolk, -das ihn umgab, sein verderbliches Vordringen zu verhindern. - -Vergebens bemühten sich die Überfallenen, den elastischen Panzer zu -durchstechen, von dem der dicke Körper des Tieres weich und nachgiebig -wie von einem Gummimantel umschlossen war. Angstvolle Stimmen schrien -in all diese Verwirrung hinein: - -»Er wird alle unsere Lagerräume plündern!« - -»Er frißt unsere Kinder!« - -»Er wird die Königin töten!« - -Max wandte sich zu seinem Adjutanten und sagte leise zu ihm: - -»Hörst du, um eine Königin handelt es sich! Um jeden Preis muß diese -gerettet werden!« - -»Aber wie? Wenn schon die Bienen mit ihrem Stachel nichts vermögen?« -fragte Großzang ratlos. - -[Illustration] - -»Dummkopf! Was der Stachel nicht kann, tut die Zange.« - -Unbekümmert und rücksichtslos schlürfte inzwischen der Totenkopf -so viel Honig, als er nur konnte, trotz des lauten Protestes des -Bienenvolkes. Da gellte plötzlich ein Schrei aus dem vollen Munde des -Räubers: - -»Au, mein Bein!« - -Ein zweiter ungeduldiger Schmerzensruf folgte: - -»Zum Kuckuck, wer schneidet mir denn meine Fühler ab?« - -Zu gleicher Zeit rief Max, der sich rittlings auf den Totenkopf gesetzt -hatte: - -»Großzang, wenn du ihm nur ein einziges Glied am Körper läßt, bist du -nicht länger mein Adjutant!« - -Bei diesem ebenso unerwarteten als heftigen Angriff der Ameisen -versuchte der abscheuliche Totenkopf sich nach Kräften zu wehren. Er -schlug um sich und schleuderte dabei die armen Bienen umher, daß sie -mit den Beinchen nach oben herumwirbelten. - -Der Kampfplatz war eng, und die gespreizten Flügel des Totenkopfes -versperrten den Weg. Aber schon hatte jemand an Abhilfe gedacht; denn -siehe, einer der Flügel fiel ab, und gleich löste der zweite, dritte -und vierte sich los. Das hatte Großzang mit seinen scharfen Zangen -wahrlich gut gemacht. - -Ohne Flügel und ohne Fühler wollte sich der Totenkopf auf dem einzigen -Bein, das ihm geblieben war, aufrichten. Doch auch dieses zwickte -Großzang unbarmherzig ab. Der verstümmelte Rumpf des Untiers lag -nun da, ohne sich bewegen zu können. Im Nu hatte sich die Nachricht -davon in alle Ecken und Winkel des Bienenstockes verbreitet, und ein -hellstimmiger, unbeschreiblicher Siegesjubel brach los: - - Viktoria! Viktoria! - -Allen Lärm übertönend rief eine Stimme: - -»Wer hat diesen Dieb auf solche Weise unschädlich machen können?« - -Max erkannte die Stimme und rief: - -»Süßchen, Süßchen! Bist du's?« - -»Ei, ei!« sagte die Biene erstaunt und setzte sich zu Max auf den -Rücken des Totenkopfes, »das ist ja die Ameise, der ich auf dem -Rosenstock begegnet bin! Wie kommst denn du hierher zu uns?« - -»Ich kannte die Absichten dieses schwarzen Herrn und bin herbeigeeilt, -das Bienendorf zu retten.« - -»Du!« rief Süßchen und sah ihn gerührt an. »Schwestern«, rief sie, -»verneigt euch vor dieser Ameise. Ihr verdanken wir unsere Rettung!« - -Ein schallendes »Hurra« folgte dieser Bekanntgabe. - -Max dankte tief bewegt und sprach: - -»Haltet ein! Nicht ich allein habe ein Recht auf euern Beifall. -- -Großzang, Großzang, tritt vor!« - -Aber Großzang antwortete nicht. - -»Dieser Vielfraß«, dachte Max, »wird schon in eine Honigkammer -eingefallen sein. Aber er soll was hören, wenn er zurückkommt!« - -Inzwischen hatte Süßchen mit der zärtlichen und liebevollen Stimme, die -sie sich im Umgang mit den Blumen angewöhnt hatte, gesagt: - -»Du bleibst doch bei uns, nicht? Es ist zu spät geworden, um -heimzukehren!« - -»O wie gerne!« beeilte sich Max zu antworten, »um so lieber, als ich -zurzeit keine Wohnung besitze.« - -Süßchen schien sehr erstaunt über diese Erklärung und war nahe daran -zu fragen wie und warum; denn sie war neugierig, über ihren Befreier -Näheres zu erfahren; aber da sie eine höchst taktvolle Biene war, -überwand sie sich und sagte nur: - -»Wie gerne hörte ich deine Geschichte; morgen erzählst du sie mir -vielleicht? Selbstverständlich bleibst du und jene Ameise, der du -eben gerufen hast, hier, d. h. wenn sie noch bei uns herinnen ist. -Ich selbst muß jetzt den Schwestern helfen, das Haus von diesem -Eindringling zu säubern.« - -Max stieg mit ihr vom Rücken des Totenkopfes herunter. Süßchen aber -gesellte sich zu den andern Bienen, die mit vereinten Kräften den -Körper des Untiers fortzuschaffen versuchten. - -Aber dessen Gewicht und Umfang war derart, daß es keine leichte Sache -war, ihn zu bewegen. Schließlich rief eine Biene: - -»Hört mich an, ihr Lieben! Diesen greulichen Wicht aus dem Stock -hinauszuschaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, ich schlage vor, -ihn auf die Seite des Ganges zu schleppen und ihn dort luftdicht -abzuschließen.« - -Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Alle Bienen stellten sich an der -einen Seite des schweren, häßlichen Körpers auf, hoben und schoben mit -verdoppelten Kräften den Dieb, bis es ihnen schließlich gelang, den -Koloß von der Stelle zu rücken. Nach dem ersten Ruck ließ sich unter -dem Tier eine schwache Stimme vernehmen: - -»Gottlob! Länger hätte es nicht mehr dauern dürfen, sonst wäre ich -unter dieser Schuttmasse erstickt!« - -Der mutige Großzang war unglücklicherweise unter den mächtigen -Schmetterling zu liegen gekommen, als er ihm das letzte Bein abgezwickt -hatte. Max half ihm hervor und rief mit feierlicher Gebärde: - -»Adjutant! Du bist ein tapferer Soldat!« - -»Ich folgte deinem Befehl; du hattest mich ja mit dem Verluste meiner -Stellung bedroht, wenn ich diesem Frechling ein einziges Bein lassen -würde.« - -»Du hast männlich deine Pflicht getan; zum Lohne ernenne ich dich in -Gegenwart dieses edlen Volkes zum erlauchten Grafen aller Hautflügler.« - -Großzang verstand kaum die volle Bedeutung dieser Auszeichnung; so viel -aber war klar für ihn, daß sein Kaiser ihm eine hervorragende Stellung -im Reiche der Insekten zugedacht hatte. Untertänig stammelte er mit -tiefer Verneigung: - -»Majestät, ich danke!« - -Der Körper des Totenkopfes war jetzt auf die Seite gerollt. Max setzte -im Triumphgefühl seinen rechten Fuß auf des Tieres Kopf, wies auf die -düstere, gelbe Schädelzeichnung über dem Rücken des Tieres und machte -dabei die Bemerkung: - -»Der ehrsame Herr -- Gott hab' ihn selig! -- hat allem Anschein nach -bei Lebzeiten schon an seinen Tod gedacht; um uns die Kosten zu -ersparen für einen Grabstein, ließ er sich die Inschrift auf den Buckel -malen!« - - - - -35. Im Bienenreich. - - -Am nächsten Morgen erwachte Max, dem die dankbaren Bienen ein hübsches -Schlafkämmerlein angewiesen hatten, sehr schlecht gelaunt. - -»Dieser greuliche Totenkopf«, sagte er, »hat mir die ganze Nacht -verdorben. Ich hatte gräßliche Träume über ihn. -- Großzang! Hallo, -Großzang! Großzang!« - -Der gräfliche Adjutant schreckte aus seinem tiefen Schlummer auf. - -»Na endlich!« rief Max, »was für eine Art zu schlafen! Ein kaiserlicher -Adjutant, das merke dir, schläft nur mit dem einen Auge, mit dem andern -hat er stets zu wachen.« - -»Ich habe Hunger«, gähnte verschlafen der Herr Graf. - -»Du bist unersättlich, mein Lieber! Gestern abend hast du bei dem -Schmaus, den uns die Bienen gaben, für Viere gegessen. Es ist unbedingt -nötig, daß du dich änderst; denn meine Einkünfte erlauben mir -vorderhand nicht, einen solchen Vielfraß von Adjutanten zu halten.« - -Mit gnädigem Ton fuhr er dann fort: - -»Etwas anderes! -- Heute morgen müssen wir den Palast der Bienen -besuchen, und wir werden der Königin vorgestellt werden. Verstehst du, -der Königin! Benimm dich deiner Stellung entsprechend und blamiere mich -nicht!« - -Der Gedanke, der Königin vorgestellt zu werden, genügte, um Max wieder -in beste Laune zu versetzen. - -Seinem Adjutanten gab er eine Menge Anweisungen über die höfischen -Sitten und Gebräuche und schärfte ihm ein, sich genau daran zu halten. - -Gerade wollte er ihm noch einen schönen Vers beibringen, mit dem der -Adjutant den Kaiser der Königin vorstellen sollte, als jemand an der -Türe klopfte und fragte: - -»Darf ich eintreten, liebe Freundin?« - -Es war Süßchen. - -Max ging ihr entgegen und sagte: - -»Meine Teure, vor allen Dingen muß ich dir erklären, daß ich keine -Freundin bin.« - -»Wie? Keine Freundin?« - -»Nein, aber dein Freund; denn ich bin ein Mann.« - -»Und diese andere Ameise?« - -»Ein Freund, gleich mir: beide gehören wir dem männlichen Geschlechte -an.« - -»Ihr habt doch keine Flügel; deshalb dachte ich, ihr seiet -geschlechtslose Ameisen, und hielt euch für tüchtige Arbeiter, wie ich -eine Arbeitsbiene bin.« - -Max mußte lachen und schaute Großzang an. - -»Arbeiter! Hörst du, Adjutant? -- Süßchen meint, wir wären zwei -Arbeiter. Sie hat keine Ahnung, was wir sind. Und wenn sie erst hört, -wer ich bin! Jetzt ist es Zeit, das Inkognito fallen zu lassen. -Großzang, stelle mich vor!« - -Großzang verneigte sich tief, zeigte auf Max und sprach würdevoll: - -»Max Butziwackel I., Kaiser der Ameisen.« - -Max deutete auf Großzang und sprach: - -»Mein Adjutant Großzang, Graf aller Hautflügler, des Kaisers -Butziwackel erster und einziger Offizier. Dickkopf, der zweite -Adjutant, wurde gestern von einem Ameisenlöwen ausgesaugt.« - -Süßchen blieb unglaublich überrascht bei dieser Doppelvorstellung. - -Max bemerkte, wie verständnislos sie seiner Größe gegenüberstand, und -erachtete es deshalb für nötig, eine Erklärung folgen zu lassen. Er -erzählte ihr vertraulich die Geschichte seines Aufstiegs zu fürstlicher -Höhe und den jähen Sturz von seinem Throne. - -Die Biene hörte aufmerksam zu, und als er geendet hatte, sagte sie: - -»Höre mal, ich habe nie einen Thron verloren und strebe nach keiner -Krone. Ich kenne nur den freudigen Drang zur vergnüglichen Arbeit. Hast -du, Unglücklicher, auch diesen verloren? Bitte, beeile dich, wenn du -jetzt unser Haus besichtigen willst.« - -Diese Worte verdrossen Max ungeheuer, aber seinen Zorn schüttete er -über den unschuldigen Großzang aus, den er barsch anfuhr: - -»Na, Adjutant, was tust du denn? Erhebe dich endlich! Hörst du nicht? -Wir gehen jetzt, den Palast zu besichtigen. Komme sofort. Wie lange -braucht es noch, bis du dich rührst?« - -Dann verließ er majestätisch das Zimmer, Süßchen zur Seite, der -Adjutant hinterdrein. - -Zunächst ging es zum Eingang, an dem Max eine Veränderung gegen gestern -wahrnahm. Die Toröffnung war viel niedriger und schmäler geworden. An -beiden Innenseiten des Ganges waren neue Mauern aufgeführt, die aus -einer braunen, klebrigen Masse bestanden. - -»Ei«, bemerkte Max, »hier sah es doch anders aus, als ich eintrat.« - -»Freilich«, erwiderte Süßchen, »das ist ein Neubau. In Zukunft wird -ein Totenkopf sich besinnen, hier einzutreten. Wir haben unser Haustor -verbessert.« - -»Wie ist es möglich, in einer Nacht so gewaltige Mauern aufzuführen?« - -»Bei uns geht alles flink«, scherzte Süßchen. »Wir sammeln, wie du -vielleicht weißt, bei den Pflanzen Harz, und dieses verarbeiten wir -zu einer klebrigen Masse, dem Kittwachs. Damit streichen wir im Hause -Ritzen und Löcher aus. Mit diesem Baumaterial haben wir den Eingang -verengert; wir kitten damit auch unsere Waben an der Decke und an den -Seitenwänden fest.« - -»Welch großartige Leistung!« rief Großzang, der doch auch etwas sagen -wollte, bewundernd aus. »Und mit welcher Genauigkeit und Schnelligkeit -diese Veränderung ins Werk gesetzt wurde!« - -»O, die Fixigkeit, die verstehen wir«, bemerkte Süßchen gutgelaunt. -»Bis man sich umschaut, errichten wir Mauern, vor denen sich einer -fürchten kann!« - -Die Drei schritten in ihrer Besichtigung weiter. Max überzeugte sich -mehr und mehr, daß es sich keineswegs um ein Haus handelte, wie -Süßchen es nannte, noch um einen Palast, wie er glaubte, sondern um -eine wirkliche und wahrhaft große Stadt, erbaut nach allen Regeln der -Baukunst, der Gesundheitslehre und der Bequemlichkeit. - -Die zwei Hauptmerkmale ihrer Bauart waren Harmonie der Linien und weise -Ausnützung des Raumes. - -Das ganze Innere dieser weiten Stadt bestand aus einer Unmenge von -Zimmern, die alle in genau sechseckiger Form erbaut waren. An jeder -Seite des Sechsecks stieß ein benachbartes Zimmer an. - -»Ihr werdet wohl verstehen«, sprach Süßchen zu den beiden Ameisen, »daß -das Sechseck die einzige Form ist, die uns gestattet, im gegebenen Raum -die größtmögliche Anzahl von Zimmern oder, wie wir sagen, Zellen zu -bauen. Jede andere Form würde für uns einen größeren Verlust an Raum -bedeuten.« - -»Das ist klar«, erwiderte rasch überzeugt Max, »ihr habt die Raumfrage -in geistvoller Weise gelöst! Aber wie ist es möglich, diese Zellen so -regelmäßig und so genau zu machen?« - -»Das geht so zu! Sobald wir den Platz für unsere Wohnung bestimmt -haben, sei es in einem Mauerloch oder in einem hohlen Baum, wie dieser -hier, bauen wir zuerst die inneren Wände der Zellen. Unser Baustoff ist -das Wachs, das wir an der Unterseite des Hinterleibes ausschwitzen. -Dieses befeuchten, kneten und formen wir mit dem Munde und fügen -Stückchen an Stückchen zusammen. Und weil wir viele sind und immerfort -einander ablösen, geht die Arbeit rasch voran. Bald entsteht aus einer -größeren Anzahl von fertiggebauten inneren Zellenwänden ein fester -Streifen Wachs. Man nennt ihn die Mittelwand, weil er die beiderseits -anzubauenden Zellen trennt. Von der Mittelwand aus ziehen unsere -gewandtesten und tüchtigsten Bauleute die Seitenwände unserer Zellen. -Wollt ihr das sehen?« - -Süßchen führte die zwei Gäste an eine Stelle, wo gerade neue -Wachszellen gebaut wurden. Da wurde gehobelt, gemauert und poliert, bis -die sechs Seitenwände die nötige Länge erreicht hatten und ein bequemes -und sauberes Kämmerlein einschlossen. - -»Wie schnell hier gearbeitet wird!« rief Großzang erstaunt. - -»Und dabei gut!« fügte Max mit Kennermiene bei. - -Er wunderte sich um so mehr, da er schon wußte, daß bei den Menschen -Schnellarbeiter und Schlechtarbeiter meistens das gleiche bedeutet. -Natürlich stimmt das nicht immer und nicht in jedem Fall. - -»Da ist nichts zu verwundern«, erwiderte Süßchen; »wir sind imstande, -in einem Tag und einer Nacht bis zu viertausend Zellen zu bauen.« - -»Welch eine Riesenarbeit!« meinte Max. »Aber ich erlaube mir zu -bemerken, daß die Zellen nicht gleich groß sind.« - -»Das versteht sich!« rief Süßchen; »dies hier sind die Zellen -für solche Eier, aus denen wir Arbeitsbienen herauskommen, wir -Geschlechtslose«, und dabei deutete sie im Kreise herum, auch auf Max -und Großzang. - -»Wir sind nicht geschlechtslos«, sagte Max ärgerlich. »Ich gab dir -bereits zu verstehen, daß wir Männer sind!« - -»Das ist mir entfallen«, sprach Süßchen spöttisch und fuhr fort: »Hier, -diese größeren Zellen sind für jene Eier bestimmt, aus denen männliche -Bienen geboren werden, ... wirkliche Männchen, verstehst du? Und diese -letzteren hier sind die Zellen für die Weibchen; diese sind rund, groß, -prachtvoll, denn unsere Weibchen sind bestimmt, Königinnen zu werden.« - -»Was? Wie?« sagte Max, »Königinnen!« - -Auf dies hin hätte er gerne eine Reihe von Fragen gestellt, aber in -ebendemselben Augenblicke stand man vor einem sonderbaren Hügel, vor -dem Max neugierig anhielt. - -»Süßchen, was ist denn dies?« fragte er voll Interesse. - -»Dies ist der Körper des Totenkopfes, des Schmetterlings, den du -besiegt hast. Da wir ihn nicht hinausbringen konnten, haben wir ihn -einbalsamiert. So kann er nicht verwesen und uns die Luft verpesten.« - -»Einbalsamiert!« rief Max und beguckte den harten Körper, der am Boden -festklebte. - -»Was soll das heißen?« - -»Das heißt, wir haben den Leichnam des Totenkopfes rings mit Wachs -ummauert und mit Kitt am Boden festgeklebt. So ist er luftdicht -abgeschlossen, kann darum nicht verwesen und uns die Luft verderben. -Ich will euch noch ein anderes Tier zeigen, das wir auf diese Art -unschädlich gemacht haben.« - -Damit führte Süßchen die beiden in ein anderes Stockwerk und sprach: - -»Seht ihr die Schnecke da? Sie ist einst in unser Haus gekrochen, und -wir haben mit ihr kurzen Prozeß gemacht. Ein Stich trieb sie in ihr -Schneckenhaus hinein, mit dem Kittwachs haben wir ringsumher am Boden -das Schneckenhaus festgeklebt, und jetzt ist sie in ihrem eigenen Haus -begraben.« - -Max und Großzang waren aufs höchste erstaunt nicht nur über die -Kunst, sondern auch über die Geistesgegenwart der Bienen. Sie wollten -eben ihre Bewunderung ausdrücken, als sich plötzlich ein dreimaliges -taktmäßiges Gesumme wie ein Trompetensignal vernehmen ließ. Süßchen -flüsterte leise: - -»Still, die Königin kommt!« - - - - -36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin. - - -Eine Biene von majestätischer Haltung schritt einher. Sie war umgeben -von einer Anzahl junger Bienen, die ihr tausend Freundlichkeiten -erwiesen und ihr immer wieder den Rüssel boten, um sie mit süßer -Honigspeise zu erquicken. - -»Das sind die Gesellschaftsdamen der Königin!« flüsterte Süßchen. - -Vor jeder Zelle hielt die Königin an und legte ein winziges Ei hinein. -Umstehende sangen dabei begeistert für die fruchtbare Mutter ihres -Volkes das Königslied: - - »Heil unsrer Königin, - Mutter und Herrscherin, - Summ, summ, summ, summ! - Lebensquell! Dienstbereit - Neigen wir allezeit - Dir uns in Ewigkeit. - Summ, summ, summ, summ!« - -Da hielt die Königin in ihrer Beschäftigung ein. - -»Ich hoffe«, sprach sie, »daß mein Volk mit mir zufrieden ist. Mit dem -Ei, das ich eben gelegt habe, sind es heute zweihundert geworden.« - -Max machte einen etwas unkaiserlichen Sprung vor Staunen und rief: - -»Zweihundert Eier an einem Tage! Wie lange geht diese Arbeit so weiter?« - -»Je nachdem«, erwiderte Süßchen, »gewöhnlich dauert es drei Monate, bis -ungefähr fünfzehntausend Eier gelegt sind.« - -»Fünfzehntausend Eier! Liebe Zeit, damit könnte man für alle Leute -Pfannkuchen backen!« - -Während die beiden noch die wunderbare Bienenmutter bestaunten, die so -vielen Jungen Leben gibt, hatte sich Süßchen ehrfürchtig der Königin -genähert. Sie sprach einige Worte mit ihr allein und wandte sich dann -an die beiden Gäste: - -»Die Königin teilt mir mit, daß sie sich freuen würde, euch -kennenzulernen. Sie wünscht eure Vorstellung.« - -Dem Kaiser der Ameisen lief ein Ehrfurchtsschauer über den Rücken. - -»Adjutant!« flüsterte er Großzang zu, »der Augenblick, mich zu melden, -ist gekommen. Denke genau an alle Unterweisungen, die ich dir für diese -große Stunde gegeben habe.« Auf dies trat er etwas in den Hintergrund -zurück. Großzang aber schritt wie ein ritterlicher Schildknappe vor die -Königin und meldete mit Gesang den Herrscher an: - - »Der Kaiser kommt, der Kaiser kommt! - Tralallala! Tralallala! - Gebt alle Ehre, die ihm frommt! - Tralallala! Tralallala!« - -Alles schwieg. Jeder schaute erstaunt auf Max, der mit feierlichem -Schritt vortrat, sich tief vor der Königin neigte und mit bewegter -Stimme sprach: - -»Wir, Maximilian Butziwackel I., Kaiser aller Ameisen, sind erfreut, -der mächtigen, weisen Bienenkönigin Unsere Huldigung darzubringen. -Wir versichern sie Unserer Freundschaft und geben Unserer -Verwandtschaftstreue gebührenden Ausdruck!« - -Die Königin war höchst erstaunt über dieses ihr fremdartige Gebaren der -Gäste. Aber um sich die Unkenntnis der neuen Sitte nicht anmerken zu -lassen, wandte sie sich mit liebenswürdigen Worten an beide Ameisen: - -»Wer immer ihr seid, es ist meine Pflicht, euch vor meinem ganzen Volke -meine Dankbarkeit auszusprechen für die Rettung des Bienenstaates vor -einem seiner schrecklichsten Feinde. Betrachtet dieses Haus als das -eure!« - -Max dankte mit überströmendem Herzen und einer tiefen Verneigung. Als -die Hofdamen um die Königin in respektvoller Entfernung einen Halbkreis -bildeten, gab der Kaiser seinem Adjutanten ein Zeichen, wie diese -zurückzutreten. Die Königin begann die Unterhaltung: - -»Ich bin sehr zufrieden«, sagte sie mit gütigem Lächeln, »daß diese -Gelegenheit die Ameisen und die Bienen, die beiden edelsten und -verständigsten Arten der Hautflügler, einander näher gebracht hat!« - -»Gewiß!« erwiderte Max, »wir haben viele Gewohnheiten und manche -Instinkte gemeinsam. Wie die Bienen leben auch wir in Gesellschaft, -und diese Gesellschaft ist wie die eure aus Weibchen, Männchen und -Geschlechtslosen oder Arbeitern zusammengesetzt. Bei dieser Gelegenheit -möchte ich jedoch feststellen, daß weder mein Adjutant noch ich zu -den Geschlechtslosen gehören, wie es wohl den Anschein hat. Wir sind -vielmehr Männer.« - -»Wie sonderbar«, erwiderte ihm die Königin, »ich dachte, die Ameisen -töten wie wir ihre Männchen?« - -Max hielt es nun für nützlich, dem Gespräch eine Wendung zu geben. Ohne -auf die Bemerkung der Königin einzugehen, sprach er: - -»Majestät, ich hatte das Vergnügen, Ihr Reich zu besuchen ... Ich war -erstaunt, ein Reich von außergewöhnlicher Größe zu finden.« - -»Jawohl! Aber auch ihr Ameisen bildet große Staaten. Ist euer Reich -vielleicht kleiner als meines?« - -»O viel kleiner!« erwiderte Max ein wenig verlegen. »Und wie zahlreich -müssen erst Ihre Untertanen sein?« beeilte er sich, weiter zu fragen. - -»Es sind ungefähr dreißigtausend Einwohner.« - -»Dreißigtausend Bienen! Das ist eine überwältigende Zahl!« - -»Wie groß ist euer Ameisenvolk?« - -»Ach, Majestät!« antwortete Max immer verlegener, »meine Untertanen! -... Da stehen sie alle.« Er wies auf seinen Adjutanten und rief: - -»Großzang, Graf aller Hautflügler, mein letzter Untertan und -Flügeladjutant.« - -Großzang verneigte sich tief. - -Max bemerkte, daß die Königin ihn nicht recht verstand. Er hielt es -also für nötig, ihr die bemerkenswertesten Taten seines Lebens zu -erzählen; so fing er denn an: - -»Teuerste Majestät! Unter uns können wir ja ohne Umstände reden. Ich -bin ein armer, entthronter Kaiser, ein Fürst ohne Volk und Land, und -ich kann nicht umhin, dich in der glücklichen Lage einer wahren Königin -zu beneiden. Bedient, geachtet und angebetet lebst du inmitten deines -Volkes!« - -Bei diesen Worten verzog die Königin den Mund, neigte sich zu Max und -sagte ganz vertraulich: - -»Königin? Ich bin es und bin es nicht!« - -»Du bist es! Ich wollte, ich könnte so wie du regieren!« - -»So, so? Was würdest du dazu sagen, wenn du den lieben, langen Tag Eier -legen müßtest?« - -Bei dieser Bemerkung wurde Max trotz seiner schwarzen Haut ganz rot vor -Entrüstung. - -»Bedenke doch«, fuhr die Biene fort, »daß ich in meinem Reich zugleich -etwas mehr und etwas weniger bin als Königin. Ich bin die gemeinsame -Mutter, die Lebensquelle des Volkes. Ich sichere ihm den Bestand, weil -ich allein für die Nachkommenschaft sorge. Dies Volk ist mein, weil -ich es schuf, es zur Welt brachte; es ist mein Kind und ich bin seine -Mutter. Aber glaubst du, daß ich zu meinem Vergnügen Königin geworden -sei? Ich bin Königin, damit ich Eier lege, viele Eier! Bin es nur unter -der Bedingung, daß ich das Volk erhalte, und Königin bin ich nur, -solange ich dem Volk Mutter sein kann. An dem Tage, an dem ich mein -Reich nicht mehr vergrößere, höre ich auf, Königin zu sein. Wie du -siehst, ist meine Stellung sehr hoch von einem hohen Gesichtspunkt aus -betrachtet, sehr erbärmlich von einem niederen aus gesehen.« - -An Maxens langgezogenem Gesicht konnte man nicht ergründen, welchen -der beiden Gesichtspunkte er vertrat und welche Auffassung von der -Würde einer Bienenkönigin er bekommen hatte, aber jedenfalls machten -die edle Sprache und das würdevolle Auftreten der hohen Frau einen -tiefen Eindruck auf ihn. So viel erfaßte er sicher, daß man, um bei den -Insekten etwas zu gelten, erst etwas Ordentliches leisten mußte. - -Mit wehmütigem Ton setzte die Königin ihr Gespräch fort. - -»Wenn ich wenigstens nach all meiner Sorge und Mühe ruhig altern -könnte! Aber im Handumdrehen kann es geschehen, daß ... nun, ich will -nicht weiter davon reden!« - -Max hätte gern auf der weiteren Aussprache dieses begonnenen Gedankens -bestanden, allein er fürchtete, als taktlos zu gelten, und sagte nur: - -»Hoffentlich erlaubst du mir, manchmal zu kommen, um mit einer -Ebenbürtigen zu plaudern.« - -»Mit Vergnügen, mein Lieber!« - -Max verneigte sich, küßte der Königin ritterlich das Vorderbeinchen -und verabschiedete sich von ihr, während ringsum lauter Jubel über das -festliche und noch nie erlebte Ereignis widerhallte: - -»Hoch die Königin!« - -»Es lebe die Ameise mit dem Wackelfähnlein!« - -Freudestrahlend wandte sich Max an seinen Adjutanten: - -»Dieser Freundschaftsbund berechtigt zu großen Hoffnungen! Wer weiß, ob -nicht doch noch meine Stunde schlägt!« - -»Ach, alles recht!« flüsterte Großzang ihm zu, »aber mein Magen brummt, -und ich hoffe nur auf die Stunde, in der es was zu essen gibt!« - - - - -37. Das Geheimnis der Muskatellertraube. - - -In der schönen, großen Bienenstadt, wo es an nichts fehlte, inmitten -eines lieben, bescheidenen Volkes, führten die zwei Ameisen ein -stilles, süßes Leben. - -»Ein Dasein, so süß wie Honig«, verglich Großzang; denn für Honig hatte -er ein ganz außerordentliches Verständnis. Dankbar für die erwiesenen -Wohltaten hatten die Bienen den beiden Gästen eine leere Kammer -zur Verfügung gestellt, wo auf einem Tischchen, das Max aus einem -Kürbiskern gefertigt hatte, dreimal des Tages ein Mahl aufgetragen -wurde, das wirklich eines Kaisers würdig war. Einmal bereitete Süßchen -für die beiden Gäste einen Königinnenbrei, ein ausgezeichnetes Gericht, -das noch viel besser schmeckte als der gewöhnliche Honig. Kaum hatte -der schleckige Adjutant davon gekostet, so rief er schon: - -»Das bestelle ich für alle Tage.« - -»Das geht nicht«, wehrte Süßchen. »Diese Speise enthält mehr Zucker -und andere kostbare Nährstoffe. Sie ist durch ihren hohen Nährwert -bestimmt, die ausschließliche Nahrung solcher Larven zu sein, die -Königinnen werden sollen.« - -»Aha«, begriff Max, »der Brei hat ganz besondere Kraft?« - -»Gewiß. Die Art der Nahrung ist von großem Einfluß auf die Entwicklung -der Larven. In gewöhnlichen Zellen speisen die Larven die alltägliche -Mahlzeit, und es kommt eine Arbeitsbiene hervor. In den königlichen -Gemächern wird der besondere Futterbrei aufgetragen, und dabei -entwickelt sich eine Königin, die wegen der kraftvollen Speise größer -wächst wie wir und in ihrer größeren Zelle auch Platz zum Größerwerden -hat. Gäben wir den Arbeiterlarven nur diese Speise, bekämen wir lauter -Königinnen.« - -Max sperrte den Mund und alle hundertdreiundzwanzig Augen auf. Es wurde -ihm furchtbar unbehaglich zumute, und er fragte vorsichtig ängstlich: - -»Süßchen, könnte es am Ende dahin kommen, daß ich eines Tages Hunderte -von Eiern legen müßte, weil ich von der Wunderspeise gegessen habe?« - -Süßchen lächelte bloß über einen so sonderbaren Einfall. - -»Süßchen, um des Himmels willen, antworte! Ich fühle schon etwas -Ungewöhnliches in mir vorgehen. Heiliger Gott, hilf! schnell! Ach, ein -solcher Verrat wäre gräßlich!« - -Als Süßchen sah, daß Max ganz außer sich kam vor Angst und Unruhe, -sagte sie tröstend: - -»Was du dir einbildest! Diese Speise kann doch bei Ameisen nicht die -gleiche Wirkung haben wie bei Bienenlarven.« - -Max, der sich schon verurteilt gesehen hatte, bis zum Ende des Sommers -fünfzehntausend Eier legen zu müssen, holte einen tiefen Seufzer -der Erleichterung aus seiner Brust. Dann bat er, lieber doch keinen -Königinnenbrei mehr zu bringen, -- man könnte doch nicht sicher wissen, -wie er wirke. Das war aber nicht nach dem Wunsche des hungrigen Herrn -Grafen Großzang. - -»O wie schade«, rief er mit aufrichtigstem Bedauern, »für jeden -Mundvoll dieser Götterspeise verpflichte ich mich, von früh bis abends -Eier zu legen!« - -Da strafte ihn Max mit einem strengen Blick und rief: - -»Schäme dich! Ein kaiserlicher Flügeladjutant und solche Pläne! Das -müßte sich gut ausnehmen! Dich muß ich einmal ordentlich vornehmen und -einige neue militärische Übungen machen lassen!« - -Seit sich Kaiser Butziwackel im Bienenhaus befand, inmitten eines -Volkes, das seiner Königin treu ergeben war, seitdem er gar das -Vertrauen dieser hohen Frau besaß, war aller kindischer Ehrgeiz -in seinem Ameisenkopf aufs neue erwacht. Es reiften daraus die -wunderlichsten Pläne zukünftiger militärischer Abenteuer, von -glorreichen Unternehmungen, Eroberungen und Verbesserungen im Reiche -der gesamten Insektenwelt; Süßchen, die sich zwar all diesen geäußerten -Träumen gegenüber kühl und ablehnend verhielt, fühlte sich trotzdem -geschmeichelt durch Maxens Anspielung, daß sie eines Tages zur Herzogin -erhoben werden solle, um die oberste Verwaltung über sämtliche -kaiserliche Vorratskammern zu führen. Um Max zufriedenzustellen, hatte -sie ihm aus gelbem Wachs und braunem Kittwachs nach seinen Anweisungen -eine schöne Kaiserkrone verfertigt sowie auch zwei prachtvolle -Harnische. Einen für Max, den anderen für seinen Adjutanten. - -[Illustration] - -In dieser kriegerischen Rüstung wurde täglich feierliche Heerschau -gehalten, wobei Max seinem einzigen Offizier und Soldaten befahl: - -»Abzählen! zu zwei!« - -Und Großzang zählte: - -»Eins!« - -Rings um die zwei kampflustigen Krieger arbeitete mit fieberhafter -Lust das Bienenvolk, um das Leben des heranwachsenden Geschlechtes -sicherzustellen. Unter den scharfen Augen der spähenden Schildwachen -flogen am Eingang des Stockes die Arbeiterinnen. Sie trugen Futter für -die Larven ein und füllten die Vorratskammern mit Lebensmitteln für -die schlechte Jahreszeit. In jeder Minute kamen mindestens hundert -Arbeits- oder Trachtbienen schwerbeladen am Eingang an, und Max, der -oft dabeistand, um zuzusehen, beobachtete, daß jede Biene vier Flüge -täglich machte. Da nun das Volk dreißigtausend Bürger zählte, so -waren's zusammen hundertzwanzigtausend Ausflüge. Jeder Ausflug aber -bedeutete: Ernte. Dabei hatte sich Max aber doch verrechnet, denn von -den Dreißigtausend blieb ein Drittel zur Hausarbeit daheim. Es kamen -also in Wirklichkeit achtzigtausend honig- und blütenstaubbeladene -Bienen eingeflogen. Dieses emsige Aus und Ein gab einem oberflächlichen -Zuschauer allerdings den Eindruck von Unordnung und Verwirrung, -aber Max sah tiefer in dies Leben und konnte sich nicht genugtun im -Bewundern seiner fabelhaften Regelmäßigkeit. Jeder erfüllte pünktlich -seine eigene Aufgabe. Während die Sammlerinnen den Blütenstaub -ordnungsgemäß in die entsprechenden Vorratszellen einlegten, widmeten -sich andere der Reinigung des Gemeinwesens, andere sah er eine tote -Biene fortschaffen, und wieder andere beförderten einen fremden -Störenfried an die Luft. Mit liebenswürdiger Sorge verpflegt, wuchsen -die jungen Larven augensichtlich, und unser Max vergnügte sich damit, -sie in ihren Zellen zu besuchen, wo sie mit ihren fußlosen, weichen -Körperchen still lagen. Eines Morgens sah er befremdet, wie diejenigen -Bienen, die sonst Nahrung für die Larven herbeitrugen, sorgfältig die -Zellchen mit einer Wachsdecke schlossen. - -»Nun müssen die Kinder ersticken!« rief Max besorgt. - -»Ei, warum nicht gar!« beeilte sich eine Biene zu erwidern. »Diese -Larven sind nun genügend entwickelt, sie sollen sich jetzt verpuppen, -um danach vollkommene Bienen zu werden. Es wird ihnen nicht allzuviel -Mühe kosten, das Wachstürchen selbst durchzubrechen.« - -Wißbegierig folgte Max solcher Arbeit, und er sah, wie unter andern -auch eine Königinnenzelle verschlossen wurde. Ihre Wachsdecke wurde -kuppelförmig geformt. - -»Potztausend«, rief Max, »wie viele Vorrechte haben doch die Damen!« - -Da kam gerade Großzang daher und meldete eifrig, daß die Mahlzeit -aufgetragen sei. Max folgte seinem Adjutanten in sein Zimmer, wo eine -von Süßchen beauftragte Biene ein leckeres Mahl auftischte. Max kostete -und prüfte gedankenvoll den herrlichen Bissen im Munde. - -»Das kenne ich doch! Der Geschmack ist mir doch nicht neu! Wo in aller -Welt habe ich nur das schon gegessen?« - -Plötzlich sprang er erfreut auf: - -»Ich hab's! Meine Muskatellertrauben! Es schmeckt nach der Traube an -unserem Landhaus!« - -Und zur aufhorchenden Biene gewandt, fuhr er in Erregung fort: - -»Liebste Freundin, woher ist der edle Saft zu dieser Speise geholt? O -sage es mir, du hast keine Ahnung, wie notwendig ich das wissen muß!« - -»Ja, der Saft ist gut. Wir holen ihn von einer hübschen Rebe, die sich -um ein Menschenhaus rankt.« - -»Sie ist's, sie ist's! Mein Weinstock ist es! Sage, sage schnell, ist's -weit von hier?« - -»Na, ziemlich weit!« - -»Höre, liebstes Bienchen, sage mir eines«, bettelte Max dringlich, -»könntest du mich nicht auf deinem Rücken hintragen? O tue es, ich will -mich ganz leicht machen, und du bist mein Luftschiff, nicht?« - -»Heute ist es auf keinen Fall mehr möglich, es gibt zuviel zu tun!« - -»Morgen dann?!« - -»Vielleicht morgen; kann sein!« - -»Also abgemacht, morgen früh«, jubelte Max. - -Er sprang und sang vor Freude, wie es sich für einen Kaiser eigentlich -gar nicht geziemt. Aber über der Hoffnung, sein Mütterlein zu sehen, -vergaß er allen Ehrgeiz und alle Träume der Zukunft mit einem Schlag. -Er hätte dem Tag die Geschwindigkeit eines Blitzes gewünscht. Morgen -wollte er nach seinem Hause zurückkehren, von dem er auf gröbliche -Weise durch Onkel Walter weggeschleppt worden war. Sicher genügte -jedesmal schon die Erinnerung an die Heimat, alle bösen Verstimmungen -zu verscheuchen. - -Es bleibt eben ewig wahr, daß der Gedanke an eine gute Mutter alle -schlimmen Pläne aus dem Kopfe verjagt. - - - - -38. Die Stadt in Aufruhr. - - -Leider verging der Tag nicht mit Blitzesschnelle, sondern wie keiner -noch schlich er langsam dahin. Übrigens brachte er schwere schreckliche -Ereignisse. Max bemerkte schon in aller Frühe, als er der Königin -begegnete, eine unbegreifliche Veränderung. Sie war merkwürdig unruhig -und nicht so würdevoll gelassen wie sonst. Er hatte sich zu ihr -begeben wollen, um sein Scheiden aus ihrem Reiche zu melden. Sein -Adjutant, der ihn bei dem Abschiedsbesuch begleitete, wollte gleich -ihm sich bedanken für die große Gastfreundschaft, die beide empfangen -hatten. - -Voller Erregung und mit rauher Stimme redete die Königin ihn zuerst an: - -»Du kommst eben recht! Du hast mich vor kurzem um meine Macht und mein -Ansehen beneidet. Ist es nicht so?« - -»Gewiß!« erwiderte Max, »ich wüßte niemand, der so mächtig, so -verehrt -- --« - -»Mächtig? Verehrt?« fiel ihm die Königin in seine beginnende Lobrede, -»willst du erleben, wie groß meine Macht ist, wie mich meine Untertanen -ehren?« - -Sie wandte sich an eine vorübereilende Gruppe von Bienen und rief ihnen -zu: - -»Heda! Bringt mir das Frühstück!« - -Bestürzt sah Max, wie die eiligen Bienen den Kopf schüttelten und sich -nicht weiter um den Befehl kümmerten. - -»Ha, siehst Du, wie gehorsam meine Untertanen sind! Und warum? Man -erwartet die Geburt einer neuen Königin, der ich selbst das Leben gab.« - -»Wie!« rief Max, »diese großen Zellen dort im Hintergrunde enthalten -also Königinnen, die dich stürzen wollen?« Die Königin antwortete -nicht, sondern sah gespannt nach der Richtung, die Max bezeichnet -hatte. Mit einem Wutschrei stürzte sie unversehens dorthin: - -»Ah, da sind sie ja schon, diese neuen Königinnen!« rief sie gellend. - -Max folgte ihr erschrocken. Aber bei den Königinzellen war ein dichter -Schwarm von Arbeiterinnen, die ersichtlich Wache standen. Sie hatten -die Ankunft der alten Königin im voraus erwartet, warfen sich ihr -entgegen, trieben sie zurück und schrien sie an: - -»Hier kommt niemand durch!« - -Max war außer sich über eine solche Frechheit. Er hatte seit seinem -Eintritt ins Bienenhaus so viele Beweise von Ergebenheit gesehen, -die dieses Volk seiner Herrscherin zollte, und konnte darum nicht -glauben, daß alles plötzlich anders geworden sei und heller Aufruhr -herrsche. Nun geschah doch das Unbegreifliche; es blieb nicht mehr zu -zweifeln: eine Umwälzung begann. An diesem Tag waren nur ganz wenig -Bienen ausgeflogen, die Stadt steckte voll von erregten Arbeiterinnen, -welche da und dort in Gruppen herumstanden und hastig hin und her -redeten. Im Vorübergehen hörte Max eine Biene, die mitten in einem -beifallspendenden Schwarm eine Rede hielt: - -»Es sind zuviel hier bei uns!« schrie sie, »seit zwei Tagen sind -fünftausend neue Bürger geboren. Wenn wir nicht alle ersticken wollen, -müssen wir einen Entschluß fassen!« - -Max begriff nichts. Aber gewiß handelte es sich um große Dinge im -Staat. Er suchte daher Süßchen auf, um es zu befragen; aber in der -wirren Menge konnte er sie nicht finden. Er verlangte Auskunft von -andern Bienen, aber sie antworteten ihm nicht. Sie waren alle zu -erregt, zu beschäftigt mit eigenen Gedanken, um auf ihn zu achten. - -Max ging jetzt auf sein Zimmer und blieb dort in schweren Gedanken. -Hier traf er mit Unwillen Großzang, der, aller höheren Interessen bar, -die Reste des Muskatellerhonigs verzehrte. - -»Unglückseliger!« rief er, »wie kannst du jetzt noch deinem -unersättlichen Magen dienen, wo draußen das ganze Volk in hellem -Aufruhr tobt!« - -Der Adjutant stand mit offenem Munde vor Staunen da. Dann gab er sich -einer letzten Versuchung hin und rief: - -»Majestät, noch einen Mundvoll, dann komme ich sofort!« - -Max aber, auf dem Gipfel seines Zornes, ergriff ihn an der Gurgel, -schüttelte ihn heftig und schrie: - -»Wenn du diesen Mundvoll hinunterschluckst, dann sollst du mich -kennenlernen!« - -Er ließ ihn nicht eher los, bis er den schönen Mundvoll herausgegeben -hatte. - -»Was gibt's denn?« stammelte Großzang, sobald er wieder Atem bekam. -»Sind denn alle verrückt geworden in dieser Stadt?« - -Die Gärung hatte indessen zugenommen. Jetzt summten und brummten alle -Bienen, schlugen mit den Flügeln und gebärdeten sich so aufgeregt, als -ob sie wirklich alle den Kopf verloren hätten. Da näherte sich die alte -Königin. Erhaben und bewundernswert in ihrer Majestät sprach sie: - -»Mein Volk! Bis jetzt glaube ich meine Pflicht als gemeinsame Mutter -peinlich genau erfüllt zu haben. Die ungeheure Zahl der jungen Bienen -beweist es, die ich unter euch sehe, lauter Kinder, die seit kurzem -geboren sind und denen ich das Leben gab.« - -»Wahr ist's! Es lebe die Königin!« riefen viele. - -»Danke!« erwiderte sie kühl das Haupt neigend. »Ich sehe, meine Sendung -ist erfüllt; die Nachkommenschaft, die ich geschaffen und für die ihr -alle gearbeitet habt, braucht Platz. Sie muß ihre eigene Tätigkeit -hier beginnen, muß ein neues und junges Reich gründen.« - -Schon öffnet sich die Zelle einer neuen Königin. - -»Es lebe die neue Königin!« riefen andere. - -»Sie lebe!« fuhr die alte Königin fort, »und sei glücklich in eurer -Mitte! Doch ihr wißt, daß in einem geordneten Bienenstaat nicht -zugleich zwei Königinnen, zwei Mütter, leben dürfen. Unverbrüchlichen -Gehorsam, zarte Sorge und unteilbare Liebe bringt ihr der einen Mutter -des Volkes entgegen. Nie werden diese Gefühle für zwei bestehen können. -So bleibe denn die junge Königin hier. Möge sie neue, starke und mutige -Geschlechter erzeugen! Ich habe meine Lebensaufgabe noch nicht ganz -erfüllt; viele neue Wesen fühle ich noch an meinem Herzen schlagen, -viele junge Leben haben das meine noch nötig. Ich scheide daher und -gehe, um ein neues Reich zu gründen, neuen Kindern Mutter zu sein. Ich -danke der Natur, die mir die Kraft gegeben hat, zwei Völker zu gründen -und zu beherrschen. Wer mich liebt, der folge mir nach!« - -Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, ging sie dem Ausgang zu. - -In der Volksmenge entstand jetzt eine unbeschreibliche Verwirrung, ein -schreckliches Gedränge. Eine große Anzahl von Bienen folgte der alten -Königin zum Ausgang. Auf ein Zeichen von ihr nahmen sie in raschester -Bewegung ihren Flug hinaus zum Bienenstock. Mitten aus dieser dichten -Wolke von summenden Bienen hörten die beiden Ameisen eine Stimme rufen: - -»Lebe wohl, lieber Max!« - -Schnell lief er dem Ausgang zu, wo er Süßchen sah, die, ihrer alten -Königin treu, dem ausziehenden Schwarm folgte. Die zwei Ameisen -kehrten wehmütig in die Stadt zurück und waren untröstlich über die -Veränderungen. Sie wurden noch schmerzlicher bewegt, als sie sahen, daß -die Erregung im Hause immer noch wuchs. Die zurückgebliebenen Bienen -zogen in unordentlichen Reihen zu den Königszellen, wo immer noch der -dichte Bienenschwarm Wache hielt, der die alte Königin abgewiesen -hatte. Jetzt widerhallte im Stock ein Schreien und Rufen: - -»Obacht! Hier ist sie schon!« - -Eine junge Biene hatte eben die Wachsdecke ihres Geburtszimmerchens -durchbrochen. An dem längeren Körper sowie an den kürzeren Flügeln -konnte man gleich sehen, daß es ein Weibchen war. Sie schaute rings -umher. Als sie neben sich die königlichen Zellen bemerkte, geriet sie -in so schlechte Laune, daß sie sich plötzlich mit gezücktem Stachel -wuchtig auf die nächste Zelle warf. Sie war schon im Begriffe, deren -Decke mit ihrem spitzen Degen zu durchbohren und schrie: - -»Was sollen diese andern? Weg mit ihnen!« - -Die stets bereiten Wachen aber verhinderten die rasende Biene an einer -solchen Freveltat. Schnell wurde sie vom Volke umringt, fortgezogen, -und nicht nur an den Flügeln, sondern auch an den Beinen festgehalten. -Unmöglich konnte sie daher einen zweiten Versuch erneuern. Vergebens -suchte sie sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Ermüdet und nach -überwundenem Zorn einsichtig genug, blieb sie schließlich sitzen. Man -sah aber, es ging in ihrem Innern etwas vor; denn ohne die Flügel -auszubreiten, bewegte sie diese leise bebend. In dieser Stellung sang -sie erst ganz leise, dann immer lauter das Morgenlied ihres Daseins: - - »Stunde des Werdens, gegrüßet sei mir! - Leben zu geben, - Ordnung und Heil, - Ward mir das Leben - Heute zuteil. - Schöpfer des Lebens, wie danke ich dir! - - Kommende Völker umschließet mein Schoß, - Mächtig entfaltet - Sich euer Reich. - Einig erhaltet, - Kinderlein, euch! - Ehret die Mutter, sie machet euch groß.« - -Alle Bienen hielten still in der Arbeit ein. In Ehrfurcht neigten sie -das Haupt. Unwiderstehlich erfaßte sie das Lied der Mutter und Königin. -Alle gelobten Liebe und Treue. - -Nach einigen Tagen erhob sich die Königin und sprach: - -»Ich habe meinen hohen Beruf erfaßt und kenne meine Bestimmung. -Nun gehe ich hin, sie zu erfüllen. Wer begleitet mich zum frohen -Hochzeitsfluge?« - -Eine Anzahl Bienen summte mit ihr lustig ins Freie. Drinnen aber rief -man ihnen nach: - -»Heil unserer Königin! Sie kehre glücklich und gesegnet wieder!« - -Max, der dabeistand, hörte noch eben zurückrufen: - -»Leb' wohl, Kaiser Butziwackel!« - -Es war die Stimme seiner Freundin, die er als Luftschiff sich erkoren -hatte. - -»Ach Gott«, seufzte er traurig, »wie lange wird es jetzt wohl dauern, -bis ich mein Haus wiedersehe!« - - - - -39. Max verläßt das Bienenreich. - - -Max hatte als Kind schon vom Schwärmen der Bienen vernommen, aber jetzt -erst, wo er selbst als Ameise am Insektenleben teilnahm, erfaßte er die -Ursache, warum ein Bienenschwarm den Mutterstock verläßt. - -Die Bevölkerung war durch den jungen Nachwuchs so zahlreich -geworden, daß sie sich mehr als verdoppelt hatte. Der Stock wurde -daher zu eng, er konnte die Tausende von Insekten nicht mehr -fassen. Gesundheitspflege, Reinlichkeit, geregelte Arbeit konnten -in so beengtem Zusammenleben des Volkes nicht mehr bestehen; die -gesellschaftliche Ordnung wurde in dieser ungeheuren Masse unmöglich; -die Verwirrung war auf den Gipfel getrieben, die weisen Einrichtungen -drohten durch Übervölkerung zu entarten. Was tun? Man brauchte -ein Mittel und zwar ein rasches, um eine Verminderung des Volkes -zu erreichen; es war nötig, daß ein Teil der Bevölkerung aus dem -Vaterlande auswanderte, damit es nicht als Ganzes zugrunde gehe. Und -siehe! Die alte Königin, die Mutter des Volkes, die Gründerin des -Staates, liefert den höchsten Beweis ihrer Hingebung und Sorge. Sie -geht zuerst. Sie wandert freiwillig aus und verläßt alles, was sie -geliebt hat. In höchster Aufopferung verbannt sie sich vom Vaterland, -um es zu retten. Sie geht, um irgendwo in der Fremde mit denen, die -ihr freien Willens folgen, einen neuen Staat zu gründen. Sie gibt -allen jungen Bienenmüttern das edle Beispiel, wie man erziehend auf -den Gemeinsinn der Nachkommen wirkt. Alles das geschieht, um künftigen -Geschlechtern ein gesundes Dasein zu sichern! Wenn so Hohes erreicht -werden soll, was liegt daran, daß viele den Ort verlassen müssen, an -dem sie geboren sind? Sie dienen künftigem Leben und erfüllen damit -die von Gott gegebene Aufgabe. - -Max, der auch bisweilen auf einen klugen Gedanken kam, fand für das -Schwärmen der Bienen einen Vergleich in der Geschichte der Menschheit. -Da war es zur Zeit der Völkerwanderung auch geschehen, daß ganze Stämme -wegen Übervölkerung neue Wohnsitze suchen mußten. - -Die Umwälzungen im Bienenstaate und die neugeschaffenen Verhältnisse -machten Max nach und nach das Leben bei seinen Gastfreunden -unbehaglich. Er vermißte die alte Königin; seine Freundin Süßchen war -fort. Fast alle Bienen, die vom Raubzug des Totenkopfes wußten, und -bei denen Max nebst Großzang aus Dankbarkeit für die Errettung in -einem gewissen Ansehen standen, hatten sich dem Schwarm beim Ausflug -angeschlossen. Das Volk war ein anderes geworden, es hatte sich -verjüngt und erneut, und die Zeit der Verwirrung war jetzt beendet. -Während dieser hatte keiner sich um die beiden Ameisen gekümmert, aber -nun passierte es manchmal, daß man im Vorbeigehen scheele Blicke sah -und gehässige Bemerkungen hörte. Es stand sehr zu befürchten, daß die -Bienen bald eine ganze Flut von Fragen an sie richteten: »Wer seid ihr? -Was tut ihr da? Mit welchem Rechte lebt ihr bei einem Volke, das nicht -das eure ist?« Dann quälte den armen Kaiser noch ein anderes schweres -Bedenken: - -»Wenn sie mich für einen Feind halten, kann es geschehen, daß sie -mich eines schönen Tages einbalsamieren, wie sie es mit dem Totenkopf -gemacht haben.« - -Die Furcht, eine Mumie zu werden, reifte einen großen Entschluß. - -»Adjutant«, sagte er zu Großzang, »wir müssen uns zum Abmarsch -vorbereiten.« - -»Wieso?« - -»Wir müssen fort, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, daß diese neuen -Bürger uns mit Kittwachs einhüllen, um zwei Mumien aus uns zu machen.« - -Großzang hörte sehr niedergeschlagen zu: - -»Muß denn das sein? Es war so angenehm hier!« grollte er. »Wer wird uns -künftig Honig geben? Wie köstlich war das Muskatellergericht! Und den -Königinnenbrei bekomme ich nirgends wieder!« - -»Ich werde dir Honig geben! Ich bereite dir auch ein -Muskatellergericht!« so drohte ihm erzürnt Max. »Mach', daß wir -fortkommen von hier!« - -Großzang fügte sich mit wehem Herzen. Am Ausgang des Bienenstockes -standen sie noch ein Weilchen, überschauten Abschied nehmend nochmals -die gastliche Stätte und sagten still ein herzliches Lebewohl. - -Hatten sie hier doch soviel Gastfreundschaft genossen, und bis jetzt -war ihnen nur Gutes widerfahren. Kaum hatten sie drei Schritte gemacht, -als sie im Hause hinter sich festliches Gesumse hörten, das sich dem -Ausgang näherte. Es erschien eine stattliche Bienenschar, die junge -Königin inmitten. Singend und tanzend flogen sie vorm Haustor auf und -nieder. Diese jungen Bienen hielten scharf Umschau und prägten sich -die Lage ihrer Wohnung und deren Eingang genau ein. Dann unternahm -die Königin einen Flug um den Stock, worauf sie zu den Genossen -zurückkehrte. Ein zweites und drittes Mal wiederholte sie dies -gefällige Spiel, bis sie endlich fröhlich ausrief: - -»Nun finde ich meinen Weg sicher wieder allein zurück!« - -Beifall summend rief die Menge: - -»Es lebe die Königin! Es lebe die Braut!« - -Hoch in die blauen, sonnigen Lüfte ging der Flug. Unter freiem -Himmel, inmitten des Wohlgeruches aller Blumen jubelten die Männchen -summend ihr nach. Sie erwählte sich einen Bräutigam, mit dem sie sich -vermählte. Dieser starb gleich nach der Hochzeit draußen auf blumiger -Flur. Die Königin aber kehrte als fruchtbare Mutter zurück zu ihrem -Volke und sang ihr Lied: - - »Kommende Völker umschließet mein Schoß. - Mächtig entfaltet - Sich euer Reich. - Einig erhaltet, - Kinderlein, euch! - Ehret die Mutter, sie machet euch groß!« - - - - -40. Eine Fahrt erster Klasse. - - -Die zwei Ameisen kamen am Fuße des Baumes an, der in seinem hohlen -Innern das Bienenvolk beherbergte, als die Sonne im höchsten -Mittagglanze stand. Das von ihren Strahlen liebkoste Land leuchtete vor -Freude und Behagen im goldenen Lichte. - -Max sah noch einmal empor zur Höhe, um dem gastlichen Bienenstock -einen letzten Gruß zuzuwerfen, da bemerkte er, daß um ihn und Großzang -ein dichter Regen von geflügelten Insekten herniederging, wobei ein -kläglicher Chor von Seufzern ertönte: - -»O weh, o weh! Hilfe! Ich sterbe. -- Ich sterbe.« - -Am Fuß der Eiche war der Boden bedeckt von dickleibigen Bienen mit -wahren Glotzaugen. - -»Aha, ich merke was!« murmelte Max. »Das sind die armen Männchen!« - -[Illustration] - -Es waren in der Tat die Drohnen. Die Hochzeit mußte beendet sein. Die -Arbeitsbienen durchbohrten mit ihrem furchtbaren Speer die wehrlosen -Männchen und warfen sie aus der Stadt hinaus; denn sie wollten darin -nur die geschickten und fleißigen Arbeiterinnen behalten. - -»Gewissenlose Unterdrücker der Wehrlosen!« rief Max empört aus und -wendete sich zornig ab. - -Wir wollen die Sache mit Ruhe erwägen. -- Dieses wilde Gemetzel ist -zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung der Bienen nötig. Die -Männchen, die den Namen Drohnen haben, stellten jetzt nichts weiter vor -als eine Anzahl von Herumstehern, Nichtstuern, Schmarotzern, die von -den Mühen anderer leben wollen. - -Die Arbeiterinnen sind weise genug, die unnützen Faulenzer aus ihrem -Staate zu verjagen, wo jeder von der Arbeit lebt. - -Dieser Auftritt war allerdings nicht geeignet, in den beiden -Ameisen frohe Gedanken zu erwecken; sie verfolgten ihren Weg mit -niedergeschlagenen Augen, schwermütig, ohne Ziel, ohne Hoffnung in -eine unsichere, dunkle Zukunft hinein. Max glaubte nicht mehr an eine -Möglichkeit, heimzukehren; er dachte sich verurteilt, das Leben eines -unsteten, ewig herumirrenden Insektes zu führen; er wagte nicht mehr -zu hoffen, daß es ihm in diesem Leben je beschieden sei, als Herrscher -eines großen Reiches seine ehrgeizigen Träume zu verwirklichen. - -Großzang war bescheidener, erinnerte sich mit Wehmut an die drei -täglichen Mahlzeiten, von denen eine süßer geschmeckt hatte als die -andere. Nun waren die schönen Tage vorüber! Von jetzt ab hieß es wieder -gegen den Appetit ankämpfen, Großzangs wildesten und unüberwindbarsten -Feind. So wanderten die beiden geraume Zeit, als sie über sich in den -Zweigen eines weitästigen Baumes lautes Gesumme hörten. - -Sie blieben stehen und lauschten. - -An dem äußersten Zweige eines der untersten Äste hing eine Riesentraube -von Bienen. Eine klammerte mit den Vorderbeinen fest an der andern, -und aus dieser lebenden Traube drangen tausend Stimmen, die deutlich -die Worte summten: - -»Jetzt hängen wir lange genug hier. Wir müssen einen Ort finden, wo -wir uns einrichten, aber in der Nähe! Die Königin hat den Leib voll -Eier und kann nicht mehr weit fliegen. Schnell, dorthin! Nein, lieber -dahin! ...« - -Max brach in einen hellen Freudenschrei aus, denn mitten aus dem -Gesumme hatte er seine Freundin Süßchen herausgehört. Zu gleicher Zeit -rief er auch schon Großzang warnend zu: - -»Obacht! Hier ist der Fuß eines großen Tieres.« - -In Wirklichkeit war es eines Mannes Fuß. Aber die kleinen Insekten -machen keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem Menschenfuß -und dem eines Ochsen; sie wissen nur, daß beide mit der nämlichen -Gedankenlosigkeit stets bereit sind, sie zu zertreten. Max konnte -sich gerade noch retten und sah vor sich einen Mann mit einer -Drahtmaske über dem Gesicht. In den Händen hielt er, die Öffnung nach -oben gerichtet, einen glockenförmigen Strohkorb und näherte diesen -vorsichtig dem Zweig, von dem die Bienentraube herabhing. Max hatte -kaum Zeit zu rufen: - -»Süßchen, gib acht, er fängt dich!« - -Da hatte der Mann dem Zweig schon einen heftigen Stoß gegeben, so -daß die ganze aneinanderhängende Bienenschar in den Korb fiel. -Geschwind deckte der Mann den Korb mit einem Brettchen zu und ging -mit dem Bienenvolke freudig grinsend fort. Kurz entschlossen sagte -Max zu Großzang: »Rasch! Mir nach!« und kletterte auf den Stiefel des -Mannes, dann stieg er weiter empor und rastete erst auf dem Rande des -Stiefelrohres. - -»Bist du da, Adjutant?« fragte Max besorgt. - -»Zu Befehl! Aber wozu diese Kletterpartie?« - -»Aus zwei Gründen, lieber Adjutant! Erstens sparen wir uns die Mühe, zu -Fuß zu wandern, und zweitens lassen wir uns sicher und bequem an den -Ort tragen, wo unsere Freunde ihre neue Stadt bauen werden.« - -»Wohin trägt sie denn dieser Mensch?« - -»Ich vermute, in einen Bienenkasten, den Menschen gebaut haben, um den -Honig ernten zu können.« - -»Spitzbuben!« schrie Großzang, der die Sache vom Ameisenstandpunkt aus -betrachtete. »Schämen diese großen, dicken Menschen sich denn nicht, -von der Arbeit winzig kleiner Geschöpfe zu leben? Solche Schmarotzer -sollte es nicht geben!« - -Max schwieg betroffen. Auch war die Reise zu unbequem zum Plaudern. So -oft der Fuß, auf dem sie saßen, auf die Erde stapfte, gab es beiden -einen solchen Ruck, daß sie sich kaum im Gleichgewicht halten konnten, -um nicht herunterzupurzeln. - -»Wir müssen einen sicherern Platz suchen«, entschied Max. »Hier ist -scheint's dritter Klasse; wir wollen sehen, ob es uns nicht gelingt, in -ein Abteil erster Klasse zu gelangen.« - -Gefolgt von Großzang hielt er sich an den Hosen des Mannes fest, -überschritt sodann kühn wie ein Seiltänzer ihren unteren Saum, -kletterte außen empor bis zur Jacke und stieg an dieser hoch, bis er -den Rockkragen erreicht hatte. - -»Hier sitzt man gut«, rief er. »Es ist zwar ein bißchen schmierig; -für erste Klasse dürfte es sauberer sein. Der Mann, der diesen Kragen -trägt, hält nicht viel auf Reinlichkeit!« - -Er hatte kaum diese Betrachtung angestellt, als er ganz nahe über -sich, mitten in einem Walde von roten Haaren, ein graues Tier sah, das -neugierig auf die beiden Ameisen herunterschaute. - -»Heda!« bemerkte es mit bissigem Ausdruck, »was wollt ihr hier oben? -Das ist mein Feld. Wißt ihr, wer ich bin?« - -»Um Gottes willen, sag' es lieber nicht!« sprach Max mit Ekel, »es ist -zwar das erste Mal, daß ich dich sehe, allein ich erkenne dich nach dem -Orte, wo du wohnst!« - -»Oje! du brauchst dich nicht so zu zieren«, sagte die Sprecherin, -streckte ihren Leib aus dem zerrauften roten Wald heraus und klammerte -sich dabei mit scharfen Krallen am Ende eines Haares an; »ich gehöre zu -einer Insektenart, die geradesoviel gilt wie die deine!« - -»Sag's nochmal, so will ich es glauben«, spöttelte Max. - -»Jawohl! Was bildest du dir ein? Ich bin eine brave Laus, und in meiner -Ordnung gibt es berühmte Gesangskünstler, die Zikaden, kühne Seefahrer, -die auf dem Wasser gehen können, wie der Wasserläufer, berühmte -Maler, die das Geheimnis einer herrlichen Farbenbereitung besitzen, -die Kochenille; auch schimmernde Sterne gibt es bei uns, die Licht -verbreiten -- die Laternenträger!« - -»Kann sein«, erwiderte Max unwirsch; »ich kann mir denken, wie diese -guten Leute sich schämen, mit dir verwandt zu sein!« - -»Oho! Ihr Ameisen schämt euch aber nicht, soviel ich weiß, meine -Verwandten, die Blattläuse auszusaugen, die ihrerseits den Pflanzen den -gleichen Dienst erweisen wie wir den Menschen.« - -»Saubere Dienste!« höhnte Max. - -»Sauber oder nicht! Ich sage dir nur, wenn du noch weiter da -heraufspazierst, rufe ich meine sämtlichen Kinder herbei, dann kannst -du etwas erleben.« - -»Ha, ha, Kinder hast du auch?« - -»Das wollte ich meinen«, sagte das graue Weiblein stolz; »ich kann -fünfzig Eier legen in einem Tage.« - -»Glückauf! Möchten sie alle fünfzig noch jung geknickt werden!« - -Max wandte sich gern ab, lief vom Kragen eilfertig über die linke -Schulter des Mannes herab und versteckte sich tief in einer Ärmelfalte, -nur um das greuliche Tier nicht länger zu sehen. - -»Eine merkwürdige Sache«, bemerkte Großzang, der Max auf Schritt und -Tritt nachlief, »dieser Mensch raubt den Bienen ihren Honig, und das -Insekt da droben saugt dem Menschen das Blut aus.« - -»Na, an Steuern und Abgaben kommt keiner vorbei«, schloß Max die für -Großzang merkwürdig kluge Beobachtung. »Aber es muß einer schon ein arg -schmutziger Kerl sein, wenn er den Läusen freiwillig einen Blutzoll -entrichtet!« - - - - -41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher. - - -Schon geraume Weile reisten Max und sein Adjutant auf dem Ärmel, -als der Mann anhielt. Max sah zwischen den Bäumen künstliche -Bienenwohnungen und erkannte, daß er sich im Besitztum des -Bienenzüchters befand, der mit seinem Vater wohl bekannt war, und -der ungefähr tausend Schritte von seinem Haus entfernt wohnte: -für ein Kind eine kleine Entfernung, aber ein ungeheurer Weg für -Ameisenbeinchen! Der Mann, auf dem Max reiste, beugte sich nieder -und stülpte mit rascher Bewegung die Strohglocke über ein zu ihr -passendes, walzenförmiges Unterteil. Jetzt war die neue Familie in -einem kuppelförmigen Bienenhäuschen untergebracht, in dem sie sich sehr -wohl befand, denn die fleißigen Arbeitsbienen machten sich sogleich an -ihre Geschäfte. Max gab Großzang ein Zeichen und rief: - -»Schleunig absteigen!« - -Zunächst liefen die beiden am Ärmel empor, gegen die Schulter hin, um -dann über den Rücken der Joppe den Abstieg zu nehmen. Der Mann hatte -sich inzwischen die Drahtmaske abgenommen und beguckte sorgfältig -seine Bienenvölker. Eines davon schien verdächtig unruhig. Er mußte, -um nachzusehen, was da vorgehe, den Deckel heben. Die Bienen waren -schlecht gelaunt und sehr erregt. So stürzte im Nu ein wütendes Heer -aus dem Stocke auf den Mann los und hüllte ihn wie eine Wolke ein, -brummend und summend sein Gesicht bedrohend. Schnell lief er davon; -doch die zornigen Bienen verfolgten ihn und zerstachen ihm jämmerlich -Gesicht und Hände. Endlich ließen sie von dem Gepeinigten ab, der sich -fluchend an einem Grabenrand niederließ, den Kittel auszog und sich -mit ihm das schmerzhaft anschwellende Gesicht rieb. Dann legte er das -Kleidungsstück neben sich ins Gras. - -Das war alles so schnell vor sich gegangen, daß die beiden Reisenden -todsicher auf unbekanntes Gebiet gestürzt wären, hätten sie nicht das -unglaubliche Glück gehabt, in die Rocktasche zu fallen. Freilich war -es trotzdem ein zweifelhaftes Vergnügen, denn Max und sein Adjutant -befanden sich jetzt mitten in einem Gekrümmel von Tabakresten und -Zigarrenstummeln. Um dem greulichen Gestank zu entgehen, blieb nichts -anderes übrig, als in die Tabakpfeife zu flüchten, wo es durchaus -nicht besser roch. Als der Kittel bewegungslos lag, sagte Max: - -»Nur geschwind heraus! Wir ersticken hier!« - -[Illustration] - -Nicht ohne Mühe fanden sie den Ausgang und liefen im Eiltrab davon, dem -Graben entlang, an dessen Rand der Verletzte jammernd die Bienenstachel -sich aus den Händen entfernte. Der arme, gehetzte Kaiser rannte mit -seinem Adjutanten so schnell, als gelte es einen Wettlauf an ein -bestimmtes Ziel. Es war aber die innere Unruhe über die Ungewißheit -seiner Lage, die ihn so dahinjagte. Die Hoffnung, bei den befreundeten -Bienen wieder anzukommen, war vernichtet. Vielleicht war er ihnen nahe, -wer weiß es? Aber die Reise in der finstern Tasche und die Kreuz- -und Quersprünge des zerstochenen Bienenvaters waren schuld, daß sie -beide aus dem verlässigen Ortssinn der Insekten keinen Nutzen ziehen -konnten. Sie rannten also aufs Geratewohl vorwärts, und Max hätte gern -sein Kaiserreich, das er nicht besaß, hingegeben für ein sicheres -Nachtquartier. Großzang hätte für einen Imbiß der bescheidensten Art -seinen Grafentitel geopfert. - -Die zwei Wanderer waren bereits ein gut Stück Weges dahingezogen, als -Großzang, seinen Kaiser betrachtend, plötzlich erschrocken ausrief: - -»Majestät! Die Krone!« - -Max betastete eilig sein Haupt. Die Krone, die kaiserliche Krone, sie -war nicht mehr da! -- Ach Gott! die lag in der Joppentasche, bei den -Stummeln und der Tabakspfeife, als klägliches Beispiel, wie man aus -den höchsten Ehren dieser Welt jäh in den Staub stürzen könne. Das war -für unsern Helden ein harter Schlag! Er blieb erst stumm stehen, dann -übermannte ihn der Schmerz; er fiel zur Erde und brach in Wehklagen aus: - -»Teuerster Adjutant! Es ist unnütz, noch weiter zu gehen. Wohin? Wozu? -Es ist gescheiter, wir erwarten hier den Tod -- alle beide.« Ohne auf -Großzang zu hören, der ihn trösten wollte, murmelte er: - -»O Mutter, meine liebe, gute Mutter!« - -Der Gedanke an die Mutter hatte ihn noch jedesmal gestärkt, so auch -diesmal. Als er den Blick erhob, bemerkte er ein schönes Insekt, das -auf ihn zuflog. Dies Insekt kannte er. Es erinnerte ihn an sein teures -Haus, seine liebe Familie. War es doch auch in jenem Haus geboren wie -er selbst. - -»Frau Holzwespe!« rief Max ihm zu. - -»Ei«, sprach die Holzwespe erfreut, »bist du es denn wirklich, lieber -Freund?« - -Es war richtig jener stahlblau leuchtende Hautflüger, der damals als -Larve für sich und Max den Weg durch den metallenen Türbeschlag gebohrt -hatte. - -»Ja, ich bin es! O liebe Holzwespe, wenn du wüßtest, welcher Trost, -welche Freude es für mich ist, dich zu sehen!« - -»Für mich keine geringere!« sagte das Insekt artig und setzte sich -neben die zwei Ameisen. »Niemals vergesse ich dir den Dienst, den du -mir erwiesen hast! Du hast mich aus der Gefahr gerettet, von jener -Menschenfrau zerdrückt zu werden! -- Aber wie kommst du denn hierher?« - -»Ach, das Unglück hat mich so verfolgt, daß ich nicht mehr weiß, wo ich -mein müdes Haupt hinlegen soll!« - -»O du Ärmster!« - -Die Holzwespe dachte ein wenig nach, dann sagte sie: - -»Warte! Vielleicht kann ich dir eine Wohnung verraten, wo du, wenn mich -nicht alles täuscht, gut aufgehoben wärst. -- Siehst du die Eiche dort?« - -»Jawohl, ich sehe sie!« - -»Also gut! Als ich vorhin auf ihren Zweigen saß, hörte ich in ihrem -Innern ein schwaches Geräusch, wie wenn jemand drinnen Holz zersägte. -Du weißt, in solchen Dingen habe ich ein wenig Erfahrung. Irre ich -nicht, so handelt es sich um ein Insekt, das seine letzte Verwandlung -erreicht hat und jetzt versucht, herauszukommen. Willst du, daß wir -zusammen die Wohnung besichtigen?« - -»Ja, natürlich!« willigte Max freudig ein. - -So gingen sie zusammen zur Eiche, und nachdem Max der Holzwespe seinen -Adjutanten vorgestellt hatte, sprach er zu ihm: - -»Teurer Adjutant, dieser zarte Freund beißt sogar Eisen durch; ich habe -es selbst gesehen!« - -Jedoch Großzang war nicht einmal so arg verwundert darüber, wie es Max -erwartet hatte. Er hatte selbst so sehr Hunger, um in ein Eisen zu -beißen, und sagte kühl: - -»Ich glaub's gern!« - -Die Holzwespe stieg an der Eiche empor, gefolgt von den beiden Ameisen. -An einer gewissen Stelle hielt sie inne: - -»Hört ihr's!« fragte sie hinhorchend. - -Man vernahm ein ganz leises Geräusch aus dem Innern des Baumes. - -»Wir müssen etwas warten«, sagte sie weiter, »aber es dauert sicher -nicht mehr lange. Der Freund da drinnen arbeitet wie rasend.« - -Richtig, gleich darauf, unmittelbar vor Max, öffnete sich ein winziges -Löchlein, und es erschien ein drollig lebhaftes Köpfchen, das sich nach -allen Seiten hin bewegte und zugleich große Freude und großes Staunen -ausdrückte. - -Man hörte ein süßes, feines Gesumse, das lautete: - -»Endlich atme ich dich, du gesegnete Luft!« - -Aus dem Löchlein kamen jetzt zwei reizende Pfötchen hervor, die sich -fest am Rande anklammerten, und nach und nach erschien ein prächtiges -Insekt mit Flügeln und einer herrlich metallisch violetten Färbung. - -»Eine Biene!« rief Max, der eine Flut von Fragen in Bereitschaft hatte. -Doch das Insekt breitete mit Wonne die Flügel aus, streckte und putzte -die Beinchen, wiegte den Kopf hin und her, machte sodann eine artige -Verbeugung, flog fort und rief: - -»Wie wunderschön ist das Leben!« - -»Sie hat recht«, sagte die Holzwespe zu Max, der über diese rasche -Flucht ein wenig beleidigt dastand; »glaube mir, Lieber, für ein -Geschöpf, das so lange im Finstern eingeschlossen war, das als -Larve nur in einer einzigen Hoffnung lebte, für den einzigen Zweck -arbeitete, endlich als vollkommenes Insekt an das Licht zu kommen, ist -dieser Augenblick, wenn er endlich da ist, zu wichtig, als daß man sich -mit neugierigen Leuten ins Plaudern einließe. Ich kann das sagen, ich -habe es selbst erlebt.« - -»Ich kann es begreifen«, sagte Max beschwichtigt. - -Aber die Gleichgültigkeit Großzangs der erstaunlichen Nagekunst seiner -Wespenfreundin gegenüber, konnte er noch nicht verwinden. Es drängte -ihn daher, seinem stumpfsinnigen Adjutanten den Vorgang näher zu -beschreiben: - -»Verstehst du denn auch, diese Dame hat Eisen, richtiges Eisen zernagt, -um aus ihrem Gefängnis auszubrechen!« - -»Ach ja«, sagte Großzang gelangweilt. »Meinst du denn, ich sei taub? -Übrigens, um ein solches Meisterstück auszuführen, kommt es nur auf den -Zustand an, in dem sich einer gerade befindet!« - -»Wie meinst du das?« - -»Nun, ich zum Beispiel, ich würde gegenwärtig Eisen nicht nur zernagen, -sondern sogar aufessen.« - -Max betrachtete ihn kopfschüttelnd und hätte ihm gern einiges erwidert, -wenn nicht im selben Augenblicke aus dem Löchlein ein zweites Köpfchen -hervorgeschaut hätte, dem ersten gleich in jeder Hinsicht. - -Mit süßem Gesumme sprach das Bienchen: - -»Gelobtes Land, endlich sehe ich dich!« - -Und wie seine Schwester breitete es die Flügel aus, machte eine -Verneigung und flog davon, ohne daß Max nur ein Wort mit ihm hätte -sprechen können. Da verlor er die Geduld und sagte entschlossen: - -»So, nun ist die Reihe an mir; ich trete jetzt in das Haus ein.« - -Wie bestürzt blieb er aber stehen, als er drinnen immer noch wütend -bohren und sägen hörte! Nicht lange, so erschien abermals ein zartes -Köpfchen und rief: - -»Endlich!« - -»Endlich möchte ich doch auch wissen«, unterbrach sofort unwillig Max -die begonnene frohe Rede, und griff fest zu. »Jetzt habe ich satt mit -der unanständigen Eile. Endlich! Wer bist du? Wie heißt du? Woher -kommst du? Was willst du tun? Wohin gehst du? Ich sage dir, wenn du -mir nicht Rede stehst, so lasse ich dich nicht fliegen, und du kannst -zusehen, wie du deine Geschäfte ohne Kopf besorgst!« - - - - -42. Großzang findet beinahe den Hungertod. - - -Bei der Drohung, den Kopf zu verlieren, erschrak das arme Geschöpf -dermaßen, daß es kein Wort herausbrachte. Max bereute schnell seine -grobe Heftigkeit und sagte lächelnd: - -»Sei doch nicht so! Es war nur Scherz. Ich tue dir gewiß nichts.« - -»Danke!« sprach gerührt die Biene. »Es wäre gräßlich, wenn man sterben -müßte, wo man eben zu leben anfängt.« - -»Fürchte dich nicht! Ich bin ein großer Bienenfreund, und du bist doch -eine Biene, nicht wahr?« - -»Ja, ich bin eine Holzbiene.« - -»Eine Holzbiene? -- Du arbeitest also wie ein Schreiner? Ich hätte dich -eher für einen Tapezier gehalten.« - -Max glaubte, eine gute Bemerkung zu machen, und war daher enttäuscht -über den ernsten Ton, mit dem die Holzbiene erklärte: - -»Die Tapezierbienen bauen ihr Nest etwas anders.« - -»Was? Es gibt wirklich solche?« - -»Natürlich; wie es Maurerbienen, Wollbienen und Erdbienen unter uns -gibt.« - -Die Holzbiene gab jetzt ihre Ungeduld zu erkennen. Max bemerkte es und -sagte: - -»Ich sehe, du hast es eilig, und ich halte dich mit meinem Geplauder -auf. Sage mir nur noch schnell: Ist dies hier dein Haus?« - -»Es war bis jetzt mein Haus«, erwiderte die Biene, »aber von heute an -habe ich ein größeres, schöneres, helleres, meine Wohnung ist jetzt die -weite Welt!« - -»Dann bleibt dies Haus leer, und man braucht keine Miete zu bezahlen, -wenn man hier wohnen will?« - -»Nein, aber es sind noch meine zwei Schwestern in ihren Zimmern da -drinnen. Sie arbeiten schon an ihrer Türe. Hörst du sie?« - -Man vernahm in der Tat jetzt wieder das bekannte Geräusch, als ob -jemand immerzu Holz sägte. - -»Unser Haus ist von meiner Mutter erbaut worden, so wie ich eines für -meine Kinder machen will. Darum kann ich dir sagen, wie es gemacht -wird. Man gräbt einen schönen Gang in einen Baumstamm, am Ende -desselben legt man einen Brei aus Honig und Blütenstaub hinein.« - -Da schrie Großzang gierig dazwischen: - -»Laß mich sehen, wie du den Teig bereitest!« - -»Seinerzeit werde ich ihn schon machen«, fuhr die Biene fort, »ich -sammle ihn von Früchten und Blumen. In die Mitte des Teiges legen wir -das Ei, dann schließen wir das Zimmer mit einem Mäuerlein aus Sägemehl -zu, das wir mit Speichel anrühren. Auf diese Mauer legen wir einen -zweiten Brei mit einem andern Ei, schließen auf gleiche Weise auch dies -Zimmer, und so immerfort, solang der ganze Gang ist, den wir zuletzt -ebenso verschließen.« - -»Und dann?« - -»Dann finden die Larven, die sich aus dem Ei entwickeln, ihren Tisch -gedeckt.« - -»Diese Glücklichen!« murmelte Großzang. - -»Die Larven wachsen und füllen mit ihrem Körper zuletzt die ganze -Zelle aus. Sie verwandeln sich in Puppen, und endlich, wenn die Zeit -vollendet ist, werden sie vollkommene Insekten, wie ich jetzt eines bin --- und --« - -»Und?« - -Im Baume hörte man eine Stimme rufen: - -»He, Schwesterchen! Was machst du denn? Willst du, daß ich hier im -Dunkeln bleibe?« - -Die Biene unterbrach deshalb ihre Rede, und mit rascher Bewegung -schlüpfte sie vollends aus dem Löchlein; sofort erschien hinter ihr -ein neuer Kopf. Zuletzt kam auch noch die andere heraus, und alle drei -machten eine artige Verbeugung und riefen froh: - -»Es lebe die Sonne!« - -Und weg flogen sie. - -»Jetzt nehmen wir Besitz vom Hause«, sprach Max. - -Gefolgt von Großzang schlüpfte er ins Haus hinein, während die -Holzwespe ihm nachrief: - -»Ich bin zu groß, um hineinzukommen, ich erwarte dich hier außen.« - -Nun war ja der Gang einer Holzbiene gerade nicht dazu angetan, einem -Kaiser wie Max zur Residenz zu dienen, aber es war doch wenigstens für -ihn ein bequemes Unterkommen; fünf saubere und nette Zimmerchen standen -ihm zur Verfügung. - -Durch die Wand, die jede der fünf Holzbienenschwestern hatte durchnagen -müssen, um aus ihrer verschlossenen Zelle zu kommen, konnte man jetzt -herrlich aus- und eingehen. - -Jede dieser Holzbienen hatte die Sägemehlmauer durchbohrt, die ihre -Zimmerdecke gewesen war. Die erste von ihnen hatte den Ausgang aus dem -Baumstamm gebohrt, die zweite öffnete die Türe, die sie in das bereits -leere Kämmerchen führte, und so fort bis zur letzten, die den Ausgang -durch die Kammern aller Schwestern fand. - -»Das sind einmal gescheite Insekten! Alle Anerkennung!« rief Max, »die -stehen ja sogar uns Ameisen nicht nach. Das will was heißen. Denn man -darf nicht vergessen, daß unter uns sehr geschickte Holzarbeiter sind, -die kunstvolle Wohnungen in die Baumstämme graben, teurer Großzang!« - -Dieser aber hörte wieder einmal recht zerstreut zu und durchsuchte -dafür um so angelegentlicher alle Zimmer bis ins hinterste. Wißt ihr, -nach was? Unzufrieden brummte er: - -»Alles aufgegessen!« - -»Was suchst du nur?« fragte Max. - -»Ach, nichts! Ich schaute nur, ob nicht irgendwo noch eine Spur von dem -Honigbrei zurückgeblieben sei. Aber nicht eine Spur. Diese verwünschten -Bienen haben alles aufgeräumt, ohne zu bedenken, daß eines schönen -Tages dieses Haus von einem kaiserlichen Hof bewohnt werde, der die -glänzendsten Aussichten für die Zukunft und den riesigsten Appetit in -der Gegenwart hat!« - -Wie er aber merkte, daß Max ihm wieder tüchtig den Kopf waschen wollte, -kauerte er sich in eine Zimmerecke und rief in hoffnungslosem Tone: - -»Es ist unnütz, mir Vorwürfe zu machen. Wenn ich Hunger habe, hört -meine Vernunft auf. Augenblicklich ist er so groß, daß ich fürchte, vor -dir den Respekt zu verlieren. Ich will mich nun nicht mehr rühren und -erwarte hier den Tod. Kommt er, so will ich ihn mit dem Ruf begrüßen: - -›Es lebe Kaiser Max Butziwackel der Erste!‹« - -Bei diesen Worten legte sich sofort des Kaisers Zorn. Er war bewegt -durch so viel selbstlose Zuneigung und so todesmutige Ergebenheit für -seine Person. Er begriff um so besser die Größe des Opfers, das sein -Adjutant für ihn brachte, als er selber mächtig Appetit verspürte. - -Darum stieg er langsam zum Eingang hinaus und sagte zur Holzwespe, die -auf ihn gewartet hatte: - -»Liebe Freundin, ich finde keine Worte, um dir für das schöne Haus zu -danken, das du mir verschafft hast.« - -»Was fällt dir ein!« antwortete diese. »Ich bleibe doch stets deine -Schuldnerin; wenn du noch etwas brauchen solltest, sage es ohne -Umstände.« - -»Für jetzt vielen Dank«, sprach Max, »jedoch hoffe ich, daß du mich oft -besuchst und wir uns dann stets gut zusammen unterhalten.« - -Bei diesen Worten reichte er ihr zum Abschied sein rechtes -Vorderbeinchen und begann den Abstieg am Eichenstamm. Die Wespe flog -davon. Als unser Held am Erdboden angelangt war, lief er hierhin und -dorthin, um etwas Eßbares zu suchen. Schon nach kurzer Zeit stieß er -auf eine geplatzte, reife Pflaume, deren zuckersüßes Fleisch in der -Sonne so appetitlich glänzte, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlief. - -Aber Max, dies Lob muß man ihm lassen, dachte nicht daran, zu -verkosten. - -Er nahm eine tüchtige Portion, drehte daraus ein Kügelchen, belud sich -damit, lief seine Straße zurück, die Eiche hinan und trug es in das -allerletzte Zimmer, wo Großzang immer noch kauerte und nicht einmal -mehr die Kraft hatte, zu gähnen! - -»Frischen Mut!« rief er ihm zu und legte die Gottesgabe neben ihn. »Der -kaiserliche Hof ist noch imstande, dich mit Götterspeise zu nähren!« - -Bei dem Wort Götterspeise hüpfte der Adjutant hoch auf, warf sich über -die süße Pille her und aß mit einer solchen Gier, daß er gar nicht -daran dachte, »Danke« zu sagen. Max stieg gleich wieder hinab zur -Pflaume, sättigte sich dort und sprach dazu für sich: - -»Das hatte ich wahrhaftig selber nötig!« - -Als er mit seiner Mahlzeit zu Ende war, drehte er eine zweite Kugel und -wollte sie eben heimtragen, als er Großzang eilends daherkommen sah. - -»Warte!« sagte der Adjutant, »ich nehme noch einen Bissen, und dann -trage auch ich eine Kugel heim.« Nachdem er tüchtig gegessen hatte, -sprach er mit leuchtenden Augen: - -»So, nun kannst du mich bis ans Ende der Welt befehlen, und ich werde -dir folgen.« - -Dabei fertigte er eine große Pille vom Pflaumenfleisch und folgte -Max. Auf solche Weise machten die beiden noch manchen Gang. Kaiser -Butziwackel überzeugte sich dabei, daß es in der Welt für alle genug -zu essen gibt, aber man muß fleißig suchen und es sich verdienen. Nur -im Schlaraffenland fliegen den Faulenzern die gebratenen Tauben in den -Mund. Als der Tag zu Ende ging, waren alle Zimmer voll Kügelchen, und -von der geplatzten Pflaume lag nur noch der ungenießbare Kern auf der -Erde. - - - - -43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena. - - -Nach allen Wechselfällen des Schicksals führte unser entthronter Kaiser -jetzt ein ruhiges Dasein in der Verbannung. Er war zufrieden mit seiner -einfachen Wohnung und lebte in Eintracht mit seinem Adjutanten. Die -einzig drückende Sorge blieb nur die Beschaffung der Lebensmittel; doch -auch hier fand sich eine Lösung. An den Wurzeln der Eiche stand ein -Rosenstock. Auf seinen grünen Zweigen lebte eine zahlreiche Herde von -Blattläusen, die sich willig melken ließen. Nun bestand für die beiden -Ameisen keine Gefahr mehr, dem Hungertode zu verfallen. - -Oft dachte Max über seine Erlebnisse im Ameisendasein nach. Er verglich -seinen Aufstieg zum General und Kaiser mit dem Geschick Napoleons -I. und nannte seine Wohnung im Stamme des Eichbaumes St. Helena. -Lebte nicht auch Butziwackel I., der Ameisenkaiser, fern von seinem -Volke einsam in der Verbannung? Auf seinen häufigen Spaziergängen -hatte er überdies Gelegenheit, mit einigen Bienen bekannt zu werden, -die ihm zufällig begegneten und von denen ihm schon die Holzwespe -erzählt hatte. Auch von dieser erhielt er öfter Besuch, und er -unterhielt sich gerne mit ihr auf dem Eichstamme. Sodann schloß er -sich freundschaftlich an einige Erdbienen an, geschickte Bergleute, -die im Sandboden ihre Gänge gruben. Sehr nette Bekannte hatte er an -den Wollbienen und mit einigen Blattschneiderbienen hatte er sogar -geschäftliche Beziehungen angeknüpft. - -Diese bauen ihr Nest in Baumlöcher und fertigen hier fingerhutförmige, -aneinandergereihte Zellen, welche sie aus den Blättern des -Rosenstrauches und der Weißbuche und den Blüten des wilden Mohns -kunstvoll zusammensetzen. Sie verstehen es, die Blätter so geschickt -mit ihren Kieferzangen auszuschneiden, als ob sie mit einer Schere -arbeiteten. Weil sie ihr Nest so hübsch auslegen, nennt man die -Tierchen auch Tapezierbienen. Eine Art lernte er davon kennen, die -grub ihr Nest in die Erde. Es bestand aus einer einzigen Zelle und war -mit lauter Blumenblättern ausgefüttert und belegt. Den erweiterten -Bekanntenkreis benützte Max, mit Hilfe dieser Freunde sein St. Helena -nach und nach besser auszustatten. Von den Blattschneiderbienen -hatte er sich eines seiner Zimmer mit Rosenblättern belegen lassen. -Wie russisches Leder sahen diese Tapeten aus, nachdem die Blätter -ausgetrocknet waren. Sein Schlafzimmer ließ er sich von einer andern -Tapezierbiene mit wohlriechenden Blumenblättern belegen und bei den -Wollbienen hatte er sich ein weiches Bett bestellt. Darin träumte er -von seiner großen Vergangenheit. - -Zu seiner Ehre aber muß man sagen, daß er über aller Bequemlichkeit -das Notwendige nicht vergaß. Er fertigte selbst eine Haustüre, damit -kein Unbefugter und keine gefährlichen Gäste eindringen könnten. Es -gelang ihm mit unerhörter Anstrengung und mit Hilfe seines Adjutanten, -einen harten Gurkenkern an den Eichenstamm und bis hinauf zu seinem -Haus zu schleppen. Diesen brachte er auf eine geistvolle Weise als -Drehtüre am Hauseingang an. War die Türe offen, so stand der Kern mit -seiner Breitseite halb außen, halb innen am Eingang, der diesen somit -in zwei Hälften schied, eine als Eingang für den Kaiser, die andere -für Lieferanten und die Dienerschaft. Was fehlte jetzt noch zu einem -standesgemäßen Herrschaftshaus? Wollte man die Türe schließen, so -drehte man einfach den Kern nach links oder rechts, und beide Eingänge -waren dann zugleich abgeschlossen. Diese Art des Verschlusses wurde -von allen seinen befreundeten Insekten unendlich bewundert, und die -Holzwespe verbreitete überall Maxens Ruf als eines unerreichten -Künstlers. - -Als sie dies ihm einmal selbst sagte, erwiderte Max, der gerade Arm in -Arm mit ihr spazieren ging: - -»Ich weiß es wohl!« - -Die allgemeine Anerkennung hatte aber wieder alle schlummernden -Gedanken an Ehre und Ruhm aufgerüttelt. So erzählte er seiner -vertrauten Freundin von seinen Kriegstaten im Ameisenreich und sprach -ihr von seinen Plänen, die darauf hinausgingen, eine gesellschaftliche -Neuordnung bei den Insekten durchzuführen, die dem Geiste der Zeit -besser entspräche. Die Holzwespe trug in einem starken Körper einen -kleinen Geist und war deshalb sofort besiegt von des Kaisers warmer -Beredsamkeit, die einem Volksredner alle Ehre gemacht hätte. Entzückt -rief sie daher am Schlusse seiner Ausführung aus: - -»O, einem Kopfe wie dem deinen muß das alles zum Wohle der Völker -sicher gelingen!« - -»Ich erwähle dich«, sagte Max erkenntlich für dies Lob, »von heute an -zur Herzogin von St. Helena.« - -In der folgenden Zeit saßen der Kaiser Butziwackel I., die Herzogin -von St. Helena und der Graf aller Hautflügler nur noch zusammen, um -Luftschlösser zu bauen. Alle Tage wurden diese größer, und sämtliche -Beratungen endeten gewöhnlich mit rauschendem Beifall für die Pläne -unseres Volksfreundes. - -Und noch etwas! -- Aber soll ich es sagen? Seit Max die Holzwespe -wieder gefunden hatte, war er öfter daran, sie um Auskunft über die -Lage seines Landhauses zu fragen, um so näher lag was, als die -Holzwespe dort geboren war und genügend starke Flügel hatte, um es -aufzusuchen. Aber wie merkwürdig! -- Er fragte sie nie! Wißt ihr warum? - -Kaiser Butziwackel I. fühlte sich behaglich in seiner Verbannung, -es fehlte ihm nicht am täglichen Brot, sein Adjutant bediente ihn -vortrefflich, seine Freunde alle bewunderten ihn. Über diesem guten -Leben hatte Max die Heimat vergessen! - -[Illustration] - -Wie sollte das weitergehen? Kaiser Butziwackel war auf dem besten Wege, -im Insektenreiche ein unnützer, gedankenloser Faulenzer zu werden. -Eines Morgens saß er rittlings auf dem Gurkenkern, seinem Schloßportal, -schaute vergnüglich in die weite Welt und ließ sich von den warmen -Sonnenstrahlen bescheinen. Da kam plötzlich ein scharfer Sturmwind, -rüttelte und schüttelte die Eiche, daß sie in allen Fasern ächzte -und ihre Äste krachend durcheinanderschlug. Die Haustüre fiel aus -ihrem Gefüge und stürzte mitsamt dem Kaiser kopfüber in die Tiefe. -Wäre Max auf einen harten Stein gefallen, so hätte er sterben müssen. -Glücklicherweise aber wuchs unter dem Baume weiches Moos. Max hatte -schon im Stürzen vor Schrecken die Besinnung verloren. So lag er jetzt -im tiefen Schlaf der Ohnmacht im grünen Moos eingebettet. - -Da trat mit leisen Schritten aus den Büschen das alte Männlein mit dem -langschleppenden Rock und der großen Brille. Das blieb lächelnd vor -Max stehen, griff nach der Riesendose in den tiefen Rocktaschen, nahm -behäbig eine Prise, nieste und sprach: - - »Fauler Bub'! -- Ameislein - Hast einmal müssen sein! - Sahest im fremden Land, - Was dir ganz unbekannt: - Arbeit mit Müh' und Fleiß - Leisten in ihrer Weis - Alle die Tierlein klein. -- - Faulenzer willst du sein? - - Jetzt ist der Zauber aus; - Gehe als Kind nach Haus. - Sollst wie die Bienen - Schaffen und dienen. - Such' in der Arbeit Ruhm - König- und Kaisertum! - - Mit hohem Streben - Beherrsche dein Leben!« - -Max schlug die Augen auf. Er war wieder ein Knabe. Sein altes, -zerschlissenes Höschen hatte er wieder an, und das Wackelfähnlein -baumelte heraus wie zuvor. Rasch stopfte er es ins Verborgene. - -Wie er, die Augen reibend, um sich schaute, fand er sich bei dem -moosigen Stein in der Grotte, wo das Brünnlein plätscherte wie immer. - -Von dem Männlein im grünen Rock war nichts zu sehen, aber es roch -nach Tabak, und Max meinte doch eben seine Stimme gehört zu haben. -So deutlich klang sie noch in seinen Ohren, daß er die Verse genau -wiederholen konnte. War er denn hier träumend gelegen? War er -tatsächlich im Ameisenland gewesen? - -So rasch er nur konnte, rannte er dem Hause zu, wo er eben Mutter, -Vater, Onkel Walter, Moritz und Therese bei Tische sitzend fand. - -Mit Küssen und Umarmungen drängte er sich stürmisch in ihre Mitte, -freudig von allen begrüßt und befragt: - -»Warst du gerne bei dem wunderlichen Onkel Christian und seinen -Insektensammlungen?« - -»Ach, Mutterchen, ich war doch selber im Ameisenland, und bei den -Hummeln habe ich übernachtet. Denkt euch, einmal bin ich auf einem -Wasserläufer über den großen See geritten und beinahe hätte mich der -Ameisenlöwe gefressen!« - -»Ha, ha«, lachte Onkel Walter, »Max fabuliert von Onkels Ungeziefer, -das er der Wissenschaft zu Ehren züchtet.« - -Bei dem geringschätzigen Wort Ungeziefer gab es Max einen Ruck. -Unwillkürlich schaute er um sich, ob keine Ameise oder Biene in -Hörweite sei. »Nun«, fuhr Onkel Walter fort, »bald soll sich's zeigen, -ob der gute Alte, wie er uns versprach, aus dir kleinem Faulpelz einen -guten Lateiner hervorgezaubert hat.« - -»Onkel«, fiel Max in lebhafter Erinnerung ein, »wegen des -Lateinprofessors bin ich von deinem Hutrand heruntergepurzelt.« - -Nein, wie da alle über ihn lachten, und die Mutter wehrte ihnen nicht -einmal ab. Sie sagte sogar: - -»Geschichten erfinden und erzählen, liebes Kind, sollst du erst nach -deiner bestandenen Prüfung. Von morgen ab wird tüchtig gelernt und -nicht fabuliert, ehe du fertig bist!« - -Betroffen schwieg Max. Ach, niemand schien ihm zu glauben! So setzte -er sich zu seinen Büchern, und siehe, in kurzer Zeit bestand er seine -Prüfung mit Note 1 und einem Stern. - -Wenn er dann an den Winterabenden viel aus dem wunderbaren Leben der -Insekten erzählte, hörten alle mit Bewunderung zu und staunten über die -Anschaulichkeit, mit welcher er zu berichten wußte. - -Wie oft sagte dann Onkel Walter: - -»Unser Butziwackel hat das Zeug zu einem berühmten Naturforscher -in sich! Onkel Christian hat ihn wahrhaftig angesteckt, der alte -Zauberonkel.« - -Der Kleine schwieg dazu. - -Nie hat er jemand gesagt, daß er einstmals Ameisenkaiser gewesen war -und einen Flügeladjutanten sein eigen nannte; auch trug er es Franziska -nicht nach, daß sie ihn für einen Floh gehalten hatte. Mir aber hat -Onkel Christian alles verraten, und nur darum war es mir möglich, euch, -liebe Kinder, diese seltsame Geschichte zu erzählen. - -Was mag nur aus Großzang, dem Grafen aller Hautflügler, geworden sein? --- Und aus der Holzwespe, der Herzogin von St. Helena? - -Nun, diese legte fleißig Eier und sorgte für nichts anderes als -für ihre Nachkommen. Freilich Großzang litt schrecklich unter dem -plötzlichen Verschwinden seines kaiserlichen Herrn. Erst verzweifelte -er schier, dann allmählich tröstete er sich an den vollen -Vorratskammern, die er nun allein ausessen konnte. Er aß im Schmerze -auch alles sauber auf, was im Hause war. Hierauf begab er sich wieder -auf Reisen, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. - -[Illustration: Ende.] - - - - -In der =Verlagsbuchhandlung Herder & Co. G. m. b. H.= zu =Freiburg im -Breisgau= sind erschienen und können durch alle Buchhandlungen bezogen -werden: - - - =Das Paradies auf Erden. Der kleine Zigeuner.= Zwei - Kindergeschichten von =Xaver Meschko=. Deutsch von Mina - Conrad-Eybesfeld. Mit einem Titelbild. 8° (154 S.) Geb. M 6.80 - -»Xaver Meschko weiß wie kein anderer Herz und Phantasie unserer -9-14jährigen zu erfreuen, denn Liebe zu Kindern, das liest sich aus -jeder Zeile heraus, hat ihm die Feder geführt. Eine Fülle von Poesie -und ein schier unerschöpflicher Reichtum an Gemüt verraten die beiden -Erzählungen ›Das Paradies auf Erden‹ und ›Der kleine Zigeuner‹, und man -möchte der Übersetzerin Dank sagen, daß sie unsere Jugendliteratur um -eine wertvolle Gabe bereichert hat.« - - (Echo der Gegenwart, Aachen 1920, Nr. 38.) - - - =Großmutters Jugendland.= Die Geschichte von Klein-Nanni. Von - =Helene Pagés=. Mit 6 Bildern von Rolf Winkler. 8° (150 S.) Geb. - M 7.80 - -»Waren Pagés' bisherige Erzählungen vorwiegend erzieherisch betont, -so erfreut uns ›Die Geschichte von Klein-Nanni‹ als rein dichterisch -empfundenes Werk. Die äußere Geschichte ist kurz: Klein-Nanni -zieht mit den Eltern und Geschwistern vom rheinischen Dorf in das -neue Schulhaus im Westerwald. Der Vater stirbt nach kurzem Wirken, -Klein-Nanni muß Schulwohnung und sorgenloses Leben mit ärmlicheren -Verhältnissen tauschen, bis das tätige Leben sie hinausruft in die -Welt. -- Aber welch seelischen Reichtum umschließt dieser schlichte -Rahmen und mit welch hellseherischer Liebe ist er von der Dichterin -erfüllt! Die Elterngestalten sind klar und anschaulich gegeben; vor -allem ist aber das köstliche Seelchen des Kindes mit feinem inneren -Auge gesehen und die Entwicklung mit zartester Hand in lebendigen -Einzelbildchen gezeichnet. Es sind Meisterstücke psychologischer -Feinkunst, wie hier Heimweh, Kindesliebe, kindliches Spiel, Kindessitte -und Sittlichkeit, Ahnen und wachsendes Verstehen der kleinen Seele -dem Leser vorgestellt werden, rein und lauter, ohne jede Zerfaserung. -Wie alles Gute und Reine, so ist auch das Religiöse in diesem Kreise -selbstverständlich wie die Luft, die man atmet. Nur eines vermag die -Verfasserin nicht überzeugend darzustellen: das Böse und Gemeine. Diese -kleine Einschränkung erhöhte mir aber die seelische Schönheit dieses -Jugendbuches.« - - (Literar. Handweiser, Freiburg 1920, Nr. 3 [F. X. Thalhofer, Pasing - b. München].) - - - =Fürst und Vaterland.= Eine geschichtliche Erzählung für Jugend - und Volk. Von =Alois Menghin=. 3., verbesserte Aufl. Mit 9 - Abbildungen. 8° (170 S.) Geb. M 7.20 - -»Die Erzählung bietet eine mit kulturgeschichtlich interessanten -Ausführungen durchwobene Episode aus der Geschichte Tirols um den -Anfang des 15. Jahrhunderts. Es ist ein Buch von deutscher Treue -- -Fürstentreue wie Mannentreue -- und von deutschem Heldenmut, das in -seiner prächtigen Ausstattung eine wertvolle und schöne Gabe für die -deutsche Jugend bildet.« - - (Literarischer Handweiser, Münster 1913, Nr. 5.) - - - =Tzavellas, der Suliote.= Geschichtliche Erzählung aus der Zeit der - Freiheitskämpfe in Griechenland. Von =Ad. Joseph Cüppers=. Mit 6 - Bildern von J. Gehrts. 8° (142 S.) Geb. M 6.20 - -»Was für ein Buch soll ich meinem Buben schenken? Das ist für viele -Eltern die große Frage. Das Buch soll belehren, Freude bereiten, -hübsch ausgestattet und dabei möglichst wohlfeil sein. Allen diesen -Anforderungen wird dieses Büchlein gerecht. Es führt uns eine Episode -aus dem Heldenkampf des albanesischen Stammes der Sulioten gegen -Ali, den Pascha von Janina (1803 Statthalter von Albanien), vor. Die -dramatisch bewegte Erzählung vereint Einfachheit mit psychologischer -Tiefe. Die Sprache ist einfach, klar, ungekünstelt. Vollstes Lob -verdienen auch die sechs dem Büchlein beigegebenen Bilder.« - - (Österr.-ungar. Heereszeitung, Wien 1911, Nr. 35.) - - - =Gudrun.= Ein alter Roman von Frauentreue. Neu erzählt von =Ad. - Joseph Cüppers=. 8° (214 S.) Geb. M 9.-- - -»... Wie viele aus dem Volk lesen oder lasen bisher die ›Gudrun‹? Aber -in dieser von einem erfahrenen Volksschriftsteller hergerichteten -Bearbeitung, die durch ihre frische Sprache, straffe Komposition und -die Ausscheidung aller unnötigen Längen angenehm auffällt, mag Gudrun -neu aufleben und ihre stärkende Kraft in solchen Volkskreisen zeigen, -die edle und ernstere Lektüre vorziehen.« - - (Augsburger Postzeitung 1920, Nr. 87.) - - -Die Preise erhöhen sich um die im Buchhandel üblichen Zuschläge. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription. - - - Der Schmutztitel wurde entfernt. Offensichtliche Fehler wurden - stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde - vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 35: der → in der - Max hatte bisher {in der} festen Überzeugung gelebt - - S. 80: einer → einer sich - in voller Flucht, {einer sich} um - - S. 88: hätte sie ihn → wäre sie ihm - {wäre sie ihm} im Mondschein begegnet - - S. 148: aus uns von → von uns aus - Wäre einer {von uns aus} solcher Höhe - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Max Butziwackel der Ameisenkaiser, by -Luigi Bertelli - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER *** - -***** This file should be named 53973-0.txt or 53973-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/9/7/53973/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Max Butziwackel der Ameisenkaiser - Ein Buch für Kinder und große Leute - -Author: Luigi Bertelli - -Illustrator: Karl Elleder - -Translator: Luise von Koch - -Release Date: January 16, 2017 [EBook #53973] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so dargestellt</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>. -</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich -<a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Max Butziwackel<br /> -<span class="smaller">der Ameisenkaiser</span></h1> - -<p class="center larger">Ein Buch für Kinder und große Leute</p> - -<p class="center">Nach</p> - -<p class="h2">Luigi Bertelli</p> - -<p class="center">deutsch bearbeitet von <em class="gesperrt">Luise von Koch</em></p> - -<p class="center">Mit Buchschmuck von Karl Elleder</p> - -<p class="center p2">Freiburg im Breisgau 1920<br /> -Herder & Co. G. m. b. H. Verlagsbuchhandlung</p> - -<p class="center smaller">Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Wien, London, St. Louis Mo. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p> - -<p class="center">Buchdruckerei von <em class="gesperrt">Herder & Co.</em> G. m. b. H. in Freiburg i. Br.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v">[v]</a></span></p> - -<h2><a id="Zum_Geleite">Zum Geleite.</a></h2> -</div> - -<p class="drop">Bertellis Büchlein, das in der vorliegenden Übertragung -dem deutschen Leserkreis zugänglich gemacht werden -soll, ragt weit über den Durchschnitt der Jugendschriften -empor. Der italienische Verfasser verbindet mit einer gründlichen -Kenntnis der Insektenwelt eine südländisch reiche -Phantasie und ein köstliches Erzählertalent. So konnte er -seinen Landsleuten ein Werk schaffen, das Kindern und -Erwachsenen eine lautere Quelle der Bildung und ein reicher -Schatz der Belehrung geworden ist. – Mit Freude erinnere -ich mich noch der Zeit, da ich mir von italienischen Kindern -aus dem Butziwackel erzählen ließ. Angeregt durch das -Büchlein, betrachteten sie mit geschärften Augen die krabbelnde -Ameise im Sande, den Wasserkäfer im Tümpel, die summende -Hummel und Biene auf der blühenden Wiese; für die -kindliche Vorstellungswelt wuchsen sie zu Gestalten aus -dem Butziwackel.</p> - -<p>Wer die Schöpfung in der Kleinwelt des Insektenreiches -betrachtet, findet darin einen unerschöpflichen Reichtum von -Schönheit und eine ungeahnte Fülle von Kraft, die Spuren -des allmächtigen und allweisen Schöpfers. In der durch -die Naturgesetze bestimmten Vollkommenheit der unbewußten -Geschöpfe sah der Mensch allezeit einen Antrieb zur eigenen<span class="pagenum"><a id="Seite_vi">[vi]</a></span> -sittlichen Vervollkommnung. Ein Führer zu neuen Kenntnissen, -ein Mahner zu tapferem Vorwärtsstreben ist der -Butziwackel.</p> - -<p>Ich habe an der deutschen Ausgabe ratend und helfend -mitgearbeitet und kann nur wünschen, daß das Büchlein -in die Hände vieler Kinder und Kinderfreunde komme. Es -wird sich neben dem »<em class="gesperrt">Bengele</em>« einen Platz im Kinderherzen -erobern und wie jener Freude bereiten und Nutzen -bringen.</p> - -<p class="p2"> -<em class="gesperrt">Illenau</em>, August 1920.</p> -<p class="right"> -<b>A. Grumann.</b> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_vii">[vii]</a></span></p> - -<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td colspan="2"></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Zum Geleite</td> - <td class="tdrb"><a href="#Zum_Geleite">v</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">1.</td><td>Drei Geschwister in der Sommerfrische</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap01">1</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">2.</td><td>Max wird ein Ameisenei</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap02">6</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">3.</td><td>Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes - und Bitteres</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap03">9</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">4.</td><td>Eine Ameisenmutter</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap04">17</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">5.</td><td>Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder - männlich noch weiblich</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap05">22</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">6.</td><td>Eine Riesenschlange</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap06">28</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">7.</td><td>Ist ein Kind klüger als eine Ameise?</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap07">32</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">8.</td><td>Die Überführung der Schlange</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap08">38</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">9.</td><td>Max, der Soldat</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap09">43</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">10.</td><td>Im Kuhstall der Ameisen</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap10">46</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">11.</td><td>Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap11">52</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">12.</td><td>Butziwackel wird erkannt</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap12">56</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">13.</td><td>Das weiße Fähnlein</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap13">59</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">14.</td><td>Ein feindlicher Angriff</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap14">63</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">15.</td><td>Max wird General auf dem Schlachtfeld</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap15">66</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">16.</td><td>Ein Gasangriff auf General Butziwackel</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap16">71</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">17.</td><td>Kaiser Butziwackel I.</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap17">76</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">18.</td><td>Der Überfall</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap18">82</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">19.</td><td>Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den - seinen zu hoch getragen</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap19">87</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">20.</td><td>Das Kriegsgericht</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap20">90</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">21.</td><td>Ein hochvornehmer Mordgeselle</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap21">95</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">22.</td><td>Letztes Lebewohl</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap22">101</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">23.</td><td>Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus - einer Eichengalle herausspaziert</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap23">107</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">24.</td><td>Auf dem Weg zur Mutter</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap24">113</a><span class="pagenum"><a id="Seite_viii">[viii]</a></span></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">25.</td><td>Die geheimnisvolle Barke</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap25">117</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">26.</td><td>Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff - beginnen und sie zu Pferde beenden kann</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap26">122</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">27.</td><td>Bei den Hummeln</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap27">127</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">28.</td><td>Zwei Insekten finden ihr Haus wieder</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap28">133</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">29.</td><td>Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, - wenn man keinen Hausschlüssel hat</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap29">137</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">30.</td><td>Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap30">142</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">31.</td><td>Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser - gegangen</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap31">146</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">32.</td><td>Die Geheimnisse einer Rosenknospe</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap32">153</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">33.</td><td>Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap33">158</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">34.</td><td>Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines - Grafen aller Hautflügler</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap34">166</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">35.</td><td>Im Bienenreich</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap35">172</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">36.</td><td>Ein Kaiser spricht mit einer Königin</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap36">179</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">37.</td><td>Das Geheimnis der Muskatellertraube</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap37">184</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">38.</td><td>Die Stadt in Aufruhr</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap38">190</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">39.</td><td>Max verläßt das Bienenreich</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap39">197</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">40.</td><td>Eine Fahrt erster Klasse</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap40">200</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">41.</td><td>Dritter Klasse, Abteil für Raucher</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap41">206</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">42.</td><td>Großzang findet beinahe den Hungertod</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap42">213</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">43.</td><td>Kaiser Butziwackel auf St. Helena</td> - <td class="tdrb"><a href="#kap43">219</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span> - -<h2 id="kap01">1. Drei Geschwister in der Sommerfrische.</h2> -</div> - -<p class="drop">Eigentlich, liebe Kinder, sollte ich meine Geschichte mit -der Beschreibung eines Landhauses beginnen, das an -einem glühendheißen Sommermittag, so gegen 2 Uhr, mitsamt -dem ganzen Lande ringsum schläfrig dalag.</p> - -<p>So flüsterstill und schweigsam war es um diese Zeit, -daß nicht einmal die rücksichtslosesten Schreier unter den -Insekten, die kleinen Grillen, es wagten, die tiefe Ruhe zu -stören.</p> - -<p>Übrigens weiß ich längst, wie unbeliebt Beschreibungen -bei euch sind. Wo ihr sie immer in Büchern antrefft, überspringt -ihr sie in einem Hops, nicht wahr? Zudem ist es -so wie so nicht schwer, sich mitten in einem schönen Garten -ein weißes Haus mit grünen Läden vorzustellen, umrankt -von üppigem Weinlaub; denn zwei kräftige Weinstöcke -waren an jeder Ecke des Hauses gepflanzt und umkränzten -prächtig alle Fenster mit hellem Grün. Muskatellersorte -war es, und wer diese kennt, weiß sie zu schätzen! In -dichten Massen glänzten die Blätter; was aber leider fehlte, -das waren die süßen Trauben. Nur hier und dort schimmerte -es goldig zwischen dem Laube, auffallenderweise aber nur -immer hübsch entfernt vom Fenster. Es kommt nämlich -beglaubigtermaßen höchst selten vor, daß Muskatellertrauben -in erreichbarer Fensternähe zu finden sind; wenn Knaben -in einem solchen Hause wohnen, fast niemals.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p> - -<p>Bst! Bst! Seht dorthin an die Haustüre!</p> - -<p>Ganz langsam öffnet sie sich und heraus schleichen, eines -hinter dem andern, drei Kinder. Bedächtig steigen sie die -Steinstufen herab. Zwei Buben sind's und ein Mädchen. -Mit schleppenden Schritten gehen sie dahin und aus den -Augen stiehlt sich trübselige Müdigkeit und Unlust bis zum -Nasenspitzchen hin.</p> - -<p>»Wie ist das möglich?« werdet ihr fragen, »im Sommer, -zu dreien auf dem Lande, und trübselig, nicht froh und -lustig sein?«</p> - -<p>Ich kann es erklären.</p> - -<p>Seht, jedes hält in der Hand ein Buch, aber kein Märchenbuch, -keine Reiseabenteuer, sondern Schulbücher sind's. Vom -Hause hört man rufen:</p> - -<p>»Fleißig sein, Kinder! Onkel Walter kommt bald heim -und überhört euch! O weh, wenn ihr dann nichts könnt, -ist es zu Ende mit der versprochenen Kahnpartie!«</p> - -<p>So schleichen die Dreie bekümmert ihres Weges. Ihre -Bücher halten sie vor sich her, als ob es brennende -Kerzen wären. Mit ihren traurig gesenkten Nasenspitzen -erwecken sie den Eindruck, als ob sie zu einem Begräbnis -gingen.</p> - -<p>Sobald sie an einem schattigen Plätzchen im dichten -Fliederbusch angelangt sind, setzen sie sich auf die Steinbank, -jedes ein wenig abgerückt vom andern. Vorsichtig öffnen -sie die Bücher, so vorsichtig, als ob am Ende gar zwischen -den Blättern ein Kobold säße, der ihnen an den Kopf -springen könnte.</p> - -<p>Das Buch des Kleinsten scheint das gefährlichste zu sein, -darinnen sitzt sicher der wildeste, kleine Kobold, denn er -kann sich kaum überwinden, sein Buch aufzuschlagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<p>Das köstlich kühle Plätzchen war den Kindern besonders -empfohlen worden. Papa, Mama und Onkel Walter behaupteten, -man könne dort auch an heißen Tagen vortrefflich -lernen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-003.png" alt="" /> -</div> - -<p>Aber, du liebe Zeit! Schon -nach wenigen Minuten sank dem -Kleinsten die Hand, die das Buch -hielt. Er trieb seine Bäckchen zu -kleinen rosigen Äpfelchen auf und -versuchte ein quietschendes Jahrmarkttrompetchen -nachzuahmen, -indem er blasend die eingezogene Luft ausstieß. Da seine -Kunst aber keinen Eindruck auf die Geschwister machte, -bemerkte er tief aufseufzend:</p> - -<p>»Ach, es geht wirklich nicht!«</p> - -<p>Die beiden andern schienen aber emsig in ihr Studium vertieft -zu sein, daher stieß er jetzt ungeduldig das Schwesterlein -mit seinen Ellenbogen an und fragte unwillig:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p> - -<p>»Spürst denn du nicht, wie heiß es ist?«</p> - -<p>Zürnend hob die Kleine den Kopf.</p> - -<p>»Schweig, Max! Ich muß meinen ganzen Verstand zusammennehmen, -denn meine Rechnungen sind sehr schwer.«</p> - -<p>»Ei, kann denn einer noch Verstand haben in solcher -Hitze?«</p> - -<p>Nun mischte sich auch der Älteste in die Rede. Er gab -sich ein sehr gewichtiges Aussehen, konnte aber seinen eigenen -Unwillen kaum verbergen, als er sprach:</p> - -<p>»Die Wärme spielt hier gar keine Rolle. Im Gegenteil: -Die Mutter sagt, hier sei es hübsch kühl und die Kühle -schärfe den Verstand.«</p> - -<p>Der Kleinste dachte etwas darüber nach, dann sagte er -mit größter Ehrlichkeit:</p> - -<p>»Jawohl! Aber wenn man keine Lust zum Lernen hat, -dann hilft auch die beste Kühlung nichts.«</p> - -<p>Max hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. All den drei -Kindern fehlte der Wille zum Lernen, und es wäre sehr schwer -herauszubringen gewesen, welches von ihnen das faulste war.</p> - -<p>Kaum hatte der Kleine die Wahrheit offen ausgesprochen, -schlossen sie mit einem Klaps ihre Bücher und warfen sie -geräuschvoll auf die Steinbank. Dabei bekamen die unschuldigen -Bücher noch nachgerufen:</p> - -<p>»Zum Kuckuck mit der Geschichte des Mittelalters!«</p> - -<p>»Lebt wohl, ihr greulichen Rechnungen!«</p> - -<p>»Gute Nacht, du lateinische Grammatik, du!«</p> - -<p>Moritz, der größte, erhob sich jetzt, pflanzte sich mit gespreizten -Beinen vor dem Brüderchen auf und begann zu -überlegen:</p> - -<p>»Unser ganzes Elend kommt daher, weil ihr eure Prüfung -nicht bestanden habt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p>»Bitte«, verbesserte Theresa, die Schwester, »du willst -wohl sagen, weil <em class="gesperrt">wir</em> sie nicht bestanden haben.«</p> - -<p>Da lachte Max vorwitzig: »Daß wir neulich bei der -Prüfung nicht gut weggekommen sind, wäre nicht so schlimm, -aber daß wir noch einmal hinein müssen und lernen, lernen, -lernen sollen, – puh – das ist schauderhaft!«</p> - -<p>Moritz, der sich vorgenommen hatte, mit der Zeit, – wenn -er so gemütlich weiterlernte wie bis jetzt, allerdings mit -reichlich viel Zeit –, ein berühmter Rechtsanwalt zu -werden, fand den Augenblick passend, eine seiner vielen -Probereden zu halten, und begann sogleich im Rednerton:</p> - -<p>»Wie ihr wißt, kann ich die Einrichtung der Prüfungen -durchaus nicht loben.«</p> - -<p>Max fiel ihm lachend ins Wort:</p> - -<p>»Und in der Prüfung hat man dich nicht gelobt.«</p> - -<p>»Wie kannst du dir erlauben, eine Rede zu unterbrechen, -du Wicht, du Naseweis! – Wenn du nicht gleich still bist, -nenne ich dich <em class="gesperrt">Butziwackel</em>.«</p> - -<p>Butziwackel! Schauderhaft. – Wie war ihm dieses Wort -verhaßt! – Was konnte er dafür, daß seine gute Mutter -ihrem kleinsten Sohne in äußerster Sparsamkeit für den -Landaufenthalt immer die alten, abgetragenen, fadenscheinigen -Höschen ihres Moritz zumutete. Dem Wildfang Max wollten -diese Höschen nie lange halten. So oft auch die Mutter -den Sitzboden stopfte und flickte, es kam doch immer wieder -einmal ein verdächtig weißes Zipfelchen zum Vorschein, das -vorwitzig, einem Fähnlein gleich, hinter dem Kleinen herbammelte. -Und darum schimpften sie Butziwackel.</p> - -<p>Für andere Leute mochte das Fähnlein ja recht putzig -und lustig aussehen, für Max aber war es nur ärgerlich -und entfachte seinen Zorn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p>Kaum hatte auch jetzt wieder sein älterer Bruder das -verdrießliche Wort ausgesprochen, so griff Max nach dem -Boden seines Höschens. Wahrlich! auch heute hing schon -wieder frech ein Fähnlein heraus. Rasch stopfte er es ins -Verborgene und ging grollend weg von seinen Geschwistern.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap02">2. Max wird ein Ameisenei.</h2> -</div> - -<p>Mit Tränen in den Augen und zornrotem Gesichte lief -unser kleiner Max durch den Garten und kam zu einer -Felsgrotte, aus der ein Brünnlein plätschernd hervorsprang. -Dort setzte er sich auf einen moosigen Stein, stützte den -Kopf auf beide Arme und starrte vor sich auf den Boden. -Siehe, da lief eine Ameisenschar wie eine lange Prozession -geschäftig ihre Straße hin und her. Max schaute ihnen -eine Zeitlang zu und dachte: »Wie schön haben's doch die -Ameisen! Sie gehen den ganzen Tag spazieren, freuen sich -des Lebens, müssen nicht lernen und kennen keine Prüfungen. -Wenn ich doch nur auch eine Ameise wäre!«</p> - -<p>Er mußte seine Gedanken laut ausgesprochen haben; denn -plötzlich hörte er neben sich eine Stimme:</p> - -<p>»Willst du, kleiner Faulpelz, wirklich eine Ameise werden?«</p> - -<p>Erschrocken wandte Max sich um und gewahrte einen -sonderbaren Alten langsam auf sich zutreten. Gott, wie -sah der Mann so merkwürdig aus! Woher war er nur -gekommen? Auf seiner roten, spitzen Nase saß eine Riesenbrille, -um den Hals schlang sich eine dicke, schwarze -Binde, und ein grüner altmodischer Rock schleifte hinter -seinen Fersen her. Dieser Mann beschaute lächelnd den -verblüfften Kleinen mit Augen, die aus buschigen, fuchsroten -Brauen hinter der funkelnden Brille wie Laternen -leuchteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-007.png" alt="" /> -</div> - -<p>Es war alles so unheimlich, und der tapfere Max hatte -Mühe, seine Furcht zu verbergen. Er hätte nicht gewagt, -den Alten zu befragen, wer er sei, und wie er in Vaters -Garten hereinkäme. Eine Weile betrachtete der Fremde -unsern Butziwackel, der schüchtern und gar nicht keck wie -sonst, aber neugierig wie immer auch seinerseits den Unbekannten -musterte. Der holte jetzt kopfschüttelnd aus einer -tiefen Rocktasche eine großmächtige Dose hervor, öffnete sie -sachte, stopfte sich eine ausgiebige Prise in die Abgründe<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -seiner großen Nase, nieste dreimal und brummte dann mit -näselnder Stimme die sonderbaren Worte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ameis!<br /></span> -<span class="i0">Mit Fleiß!<br /></span> -<span class="i0">So sei's!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Leise vor sich hinlachend, schlürfte er dann in seinen -grasgrünen Pantoffeln und dem langen Schlepprock den -Kiesweg entlang, der zum Gartentürchen gegen den Wald -zu führte.</p> - -<p>Mit seinem roten Schnupftuch winkte er noch spöttisch -Max zu, der ihm verwirrt nachschaute. Er bemerkte noch, -wie der sonderbare Mann belustigt und kichernd seinen Kopf -schüttelte und sodann geheimnisvoll hinter den Büschen am -Wege verschwand. Starr vor Staunen und Verwirrung -hatte Max die sonderlichen und unerklärlichen Worte vernommen. -Wenn er sie leise nachsprach, so wurde ihm so -furchtsam, so bang zu Mute, daß er am liebsten hätte fortlaufen -mögen zu Therese und Moritz, die ihn vielleicht -schon suchten. Allein, merkwürdig! Er konnte nicht vom -Stein aufstehen, es war, wie wenn er festgeleimt wäre. Er -wollte den Geschwistern rufen, die er von ferne auf dem -Gartenwege sah, aber seine Stimme versagte. Er wollte -ihnen zuwinken, aber er fühlte sich so bleiern müde, seine -Augenlider waren schwer, sie fielen zu, und es wurde dunkel -um ihn. Nein, wie sonderbar ward ihm doch zu Mute! -Wurde er nicht klein und immer kleiner? War er nicht -jetzt ganz weich und ein rundes Ding geworden? Er -wollte die Arme heben, mit den Beinen zappeln, er hätte -schreien mögen, weinen, fortlaufen, Widerstand leisten gegen -die geheimnisvolle Kraft, die ihn zusehends veränderte und -die, wenn sie noch länger über ihn Gewalt hatte, ihn zu<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -einem spurlosen Nichts zusammenschrumpfen ließ. Er war -wie eingeschnürt von allen Seiten, und deutlich spürte er, -daß er die Form eines winzigen Eies annehme.</p> - -<p>In diesem unglücklichen Augenblick dachte er noch an -das weiße Wackelfähnlein. Er machte den verzweifelten -Versuch, dieses beschämende Fetzchen zu verstecken, umsonst, -umsonst!</p> - -<p>Schon war Max am Ende seiner Verwandlung angelangt; -er fühlte, wie seine Sinne sich verwirrten und umnebelten. -Zwei schwarze Schatten tauchten noch vor seinen Blicken -auf. O Gott, das waren vielleicht zwei Totengräber, die -ihn holten! Gewiß, er täuschte sich nicht, sie hoben ihn -sachte empor, und nun machte er den letzten angestrengten -Versuch zu schreien:</p> - -<p>»Um Gottes willen, ich bin Max, helft mir doch das -Zipfelchen verstecken!«</p> - -<p>Die vergebliche Mühe brachte ihn aber nur um die letzten -Kräfte. Willenlos überließ er sich jetzt dem Schicksal und -verlor das Bewußtsein.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap03">3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes -und Bitteres.</h2> -</div> - -<p>Wie lange blieb Max in Ohnmacht? Er konnte es nicht -ermessen; aber wahrscheinlich währte der Zustand im Vergleich -zu den großen Veränderungen, die mit ihm vorgingen, -nicht lange.</p> - -<p>Als er zu sich kam, hatte er ein merkwürdiges Gefühl. -Hatte ihn jemand für einen Garnwickel gehalten und Fäden -über ihn gewunden? Er spürte es doch, er saß oder lag -inmitten eines Fadenknäuels, aus dem herauszuschlüpfen er -sich tapfer abmühte. Niemals hätte er das Kunststück fertig<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -gebracht, wäre ihm nicht glücklicherweise jemand zu Hilfe -gekommen, der sorgsam die Wirrnis der Fäden weitete und -ihm Luft machte. Endlich konnte er den Kopf herausstrecken, -gottlob folgten die befreiten Arme, und</p> - -<p>»Nur Mut«, hörte er jetzt eine Stimme ihm zureden.</p> - -<p>Mit einem letzten, gewaltigen Ruck gelang es ihm schließlich, -den ganzen Körper frei zu bekommen, und zugleich fühlte er, -wie man ihn zärtlich liebkoste und wunderlich beleckte.</p> - -<p>»Na«, meinte er überrascht, »was soll das?«</p> - -<p>»Ich wasche dich sauber, Kindchen.«</p> - -<p>»Wie, mit der Zunge? Bin ich ein Kätzchen geworden? -Darf ich bitten, wo bin ich, wer sind Sie, und was ist mit -mir geschehen?«</p> - -<p>Das hilfreiche Wesen antwortete:</p> - -<p>»Still, Kleines! Wie bist du doch so neugierig! Jetzt, -wo du eben erst aus deinem Gespinst geschlüpft bist, kannst -du noch nichts verstehen. Gedulde dich, bald wird dir alles -klar werden, du kleiner Naseweis.«</p> - -<p>Naseweis hatte sie gesagt. Er war also schon erkannt -und hütete sich, jetzt noch mehr wissen zu wollen. Aber -bei der gütigen Ruhe, mit der er von allen Seiten gestriegelt -wurde, erwachte sein Denken; seine Gedanken ordneten -sich, und er wollte sich selbst Rechenschaft geben von seinem -neuen Zustande. Gottlob, die letzten Wundererlebnisse hatten -seinem Gedächtnis nicht weiter geschadet. Zunächst aber -gab es leider, leider keinen Zweifel. Er befand sich in der -ägyptischen Finsternis, von der er in der Schule einst gehört -hatte, oder was ganz entsetzlich wäre, er war blind! -Wie konnte er aber dann wissen, wo er sich jetzt aufhielt? -Jawohl, Blinde haben ja solch feines Gefühl für den Raum, -in dem sie sich befinden. Und er, er war in einem unterirdischen<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -Zimmer, er wußte es, ohne herumzutasten. Ringsum -beobachtete er mit feinstem Sinn ein emsiges Arbeiten -von vielen geschäftigen Wesen, ohne solche zu sehen. Hatte -er einen neuen Sinn bekommen? Er beantwortete sich jetzt -von selbst die vorhin gestellten Fragen. Er war eine Ameise; -das Wesen, das vor ihm stand, war auch eine Ameise, und -sie beide befanden sich in einem Ameisenhaus. Soviel begriff -er einstweilen, so wunderbar es auch war. Verworrene -Bilder aus der letzten Vergangenheit tauchten in -seinem Gedächtnis auf wie ein halbvergessener Traum. -War nicht ein merkwürdiger, alter Herr dagewesen mit -einem langen, grünen Rock und rotem Schnupftuch, mit -Brille und Tabaksdose, der unversehens in dem Augenblick -auf ihn zugetreten war, als er sich gewünscht hatte, eine -Ameise zu sein, ohne Prüfungsnot und Bücherqual? Moritz, -Therese? Wo werden sie sein? Zu Hause bei Vater und -Mutter!</p> - -<p>Dieser Gedanke bewegte Max schmerzlich, allein er beruhigte -sich nach und nach. Es war nun einmal nichts -zu ändern. Weil er nicht lernen wollte, hatte er sich das -gewünscht, was er jetzt war. Onkel Walter sagte stets: -»Ein Mann muß die Folgen seines Handelns auf sich -nehmen.« In der Schule hatte er ein Sprichwort gelernt: -»Wie man sich bettet, so liegt man.« Mit vernünftiger -Überlegung schloß er seine Betrachtung:</p> - -<p>»Ich bin jetzt eine Ameise, und es geht mir nicht schlecht. -Aber Max bin ich doch auch noch. Wenn es nicht so wäre, -kämen mir diese Fragen und Gedanken gar nicht in den -Sinn. Folglich bin ich jedenfalls etwas viel Besseres als -diese Insekten um mich, und ich werde immer tun können, -was mir gefällt und was ich will.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p> - -<p>Die pflegliche Ameise, die noch vor ihm verweilte und -ihn auf den noch schwachen Füßen gehalten hatte, befragte -jetzt Max:</p> - -<p>»Liebes Püppchen, du wirst wohl Hunger haben?«</p> - -<p>»Nicht wenig«, erwiderte Max erfreut, der längst schon -Appetit verspürte.</p> - -<p>»Da, nimm«, sprach die Ameise und streifte ihm eine -vorzügliche Süßspeise in den Mund. Mit gespitzten Lippen -kostend und leckend wollte Max wissen:</p> - -<p>»Ach, was ist das Gutes?«</p> - -<p>»Blattlaushonig, junges Ameislein. Schmeckt er?«</p> - -<p>»Ausgezeichnet! Ich habe nie Besseres gegessen.«</p> - -<p>Erwartungsvoll öffnete er noch einmal den Mund, um -ein zweites Honigschlückchen zu bekommen. Dabei machte -er eine neue Beobachtung.</p> - -<p>Wie war doch nur sein Mund geworden? Sonderbar, -ganz anders als sein Menschenmund! Er besaß zwei große, -starke Unterkiefer, die man Mandibeln nennt. Ihre inneren -Ränder waren gezackt wie eine Säge, und sie schlossen sich -zusammen wie eine Zange. Doch dienten sie nicht zum -Essen. Er spürte die Speise zuerst auf dem unteren Teil -des Oberkiefers, der über den Unterkieferzangen lag und -eine Art Lippe bildete. Auf dieser fühlte er, wie wir es -mit der Zunge machen, den süßen Geschmack des Honigs, -den er so behaglich einschlürfte.</p> - -<p>Durch die feine Speise gekräftigt, fragte er sehr bescheiden, -um nicht wieder Naseweis genannt zu werden, -seine liebevolle Pflegemutter:</p> - -<p>»Verzeihen Sie meine Neugierde! – Was für gute Sachen -werde ich mit meinen großen, starken Kieferzangen kauen, -da ich sie zum Honigessen nicht gebrauchte?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<p>»Gute Sachen? liebes Kind, gar keine; denn zum Kauen -dienen deine kräftigen Zangen durchaus nicht.«</p> - -<p>»Wie, was? Nicht? Ja, wofür sind sie dann da?« -fragte Max enttäuscht.</p> - -<p>»Wir gebrauchen sie als Waffe zu unserer Verteidigung -und hauptsächlich zum Arbeiten.«</p> - -<p>»– – – Zum Ar – – – Arbei – ten?«</p> - -<p>Vor Schreck fiel Max platt auf den Rücken und wäre -liegen geblieben, wenn ihm nicht seine Pflegemama wieder -auf die Beine geholfen hätte.</p> - -<p>»Ja, zum Arbeiten«, wiederholte deutlich die Ameise, »du -wirst es gewiß recht bald lernen und üben.«</p> - -<p>Max sperrte seinen sonderbaren Mund mit den eingesägten -Kieferzangen vor schmerzlicher Überraschung weit -auf, während die Pflegerin ihn von neuem fleißig beleckte. -Über diese Art von Reinlichkeitspflege wurde er -wieder lustig. Er schüttelte und drehte sich vor Lachen -und rief:</p> - -<p>»Hören Sie doch auf, das kitzelt ja unbändig.«</p> - -<p>Da mußte die Ameise selber lachen und erklärte ihm:</p> - -<p>»Ich glätte jetzt deine Fühler, sie sind der empfindlichste -Teil deines Körpers.«</p> - -<p>»Fühler? Hm, hm, Fühler habe ich?«</p> - -<p>»Fühler nennen wir die feinen Stengelchen, die du oben -auf deinem Kopfe trägst; greife nur mit deinen Beinchen -danach, dann kannst du sie deutlich betasten«; zugleich half -sie ihm diese Bewegung ausführen.</p> - -<p>Er fuhr sich mit den Vorderbeinchen, die wahrhaftig so -geschickt wie Arme und Hände waren, über den Kopf, befühlte -und betastete sich und behauptete: »Solche Dinger nennt -man <em class="gesperrt">Hörner</em>!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<p>Wie gerne hätte er sich in einem Spiegel besehen, aber -wo wäre ein solcher zu finden gewesen?</p> - -<p>»Nenne sie, wie du willst«, sagte freundlich die Ameise, -»aber Hörner sind es sicher nicht, denn sie sind aus zartestem -Stoff beschaffen, was man von Hörnern nicht behaupten -kann. Wehe uns, hätten wir keine Fühler! Durch ihren -Gebrauch finden wir unsere oft schwierigen Wege, vermeiden -Hindernisse und geben uns gegenseitig damit Zeichen.«</p> - -<p>»Herrje, das ist viel auf einmal.«</p> - -<p>»Aber lange nicht alles. In den äußersten Enden der -Fühler sitzt unser Geruchsinn.«</p> - -<p>»An der Spitze der Fühlhörner ist also die Nase?«</p> - -<p>Die Ameise lächelte über seine ungewohnte Art zu fragen -und fügte der Belehrung hinzu, daß in den Fühlern nicht -nur der Geruch, sondern auch das Gehör seinen Sitz habe.</p> - -<p>Nun, die Vorstellung, so lange Ohren zu haben, war -etwas demütigend, und Max wollte schon ein bißchen beleidigt -tun. Aber davon merkte die Sprecherin nichts und -belehrte weiter:</p> - -<p>»Ohne Fühler könnten wir im Finstern uns nie zurechtfinden.«</p> - -<p>Max wurde es nach diesen Worten verständlich, wie er -trotz der Dunkelheit Verschiedenes ganz gut wahrnehmen -konnte. Das geschah eben durch den wunderbar feinen und -vielfältigen Sinn in den Fühlern. Beruhigt war er aber -trotzdem nicht, und er äußerte tief besorgt:</p> - -<p>»Wie traurig ist es trotzdem, keine Augen zu besitzen!«</p> - -<p>Jetzt mußte die Ameise herzlich lachen. Dabei streichelte -sie den Kleinen und liebkoste ihn.</p> - -<p>Max, der immer ein wohlerzogener Junge gewesen war, -erinnerte sich endlich, daß er für alle erwiesene Liebesmühe<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -noch mit keinem Sterbenswörtchen gedankt habe. So begann -er etwas verlegen:</p> - -<p>»Liebe Frau Ameise, wie heißen Sie eigentlich?«</p> - -<p>»Man nennt mich in meiner Familie Fuska. Gelehrte -Leute aus meinem Stamme wissen, daß der Name lateinisch -ist und soviel bedeutet wie ›die Dunkle‹.«</p> - -<p>»Verzeihen Sie, Frau Fuska, ich dachte noch nicht daran -›Danke schön‹ zu sagen für Ihre große Güte, mit der Sie -mich aus dem abscheulichen Garnwickel befreit, und für die -vielen Belehrungen, die Sie mir erteilt haben.«</p> - -<p>»Kind, was fällt dir ein, ich habe nur meine Pflicht erfüllt.«</p> - -<p>»– Pflicht? – Wieso?« –</p> - -<p>»Ja, ich tat, was du den Ameisen, die nach dir geboren -werden, auch tun wirst.«</p> - -<p>»Nun, das verstehe ich nicht; ich sollte auch …?«</p> - -<p>»Wie könntest du jetzt schon etwas von bürgerlichen -Pflichten verstehen! – Wenn du später dem Unterricht -beiwohnst, wirst du das Nötige schon darüber erfahren.«</p> - -<p>Bei dem Worte Unterricht machte Max mit seinen sämtlichen -sechs Beinen einen Sprung nach rückwärts und wäre -vor Schrecken fast ohnmächtig geworden.</p> - -<p>Was! er war ausgerechnet eine Ameise geworden, um -dem Lernen zu entgehen, und nun hörte er hier vom Unterricht -reden? Das war ein unerhörter Reinfall! Zitternd -vor Schrecken stammelte Max:</p> - -<p>»Ich habe nicht gut verstanden, was sagten Sie, liebe -Frau Fuska?«</p> - -<p>»Morgen ist die erste Unterrichtsstunde für die Neugeborenen. -Man lernt dort alles, was eine rechte Ameise -wissen und kennen muß, um ein nützliches Mitglied der -Gesellschaft zu werden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p> - -<p>Versteinert stand der gute Max:</p> - -<p>»Wissen« … »Kennen« hatte sie gesagt. Also lernen! – -Auch bei den Ameisen!</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-016.png" alt="" /> -</div> - -<p>Hatte sie das gemeint? Vor Entrüstung bebend stieß er -die Frage hervor:</p> - -<p>»Gibt es bei den Ameisen vielleicht auch eine Sprachlehre, -eine lateinische Grammatik?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<p>Diese Frage verstand und beachtete Fuska gar nicht, sie -wendete sich vielmehr an vorübereilende Genossinnen, um mit -ihnen Zeichen auszutauschen.</p> - -<p>Max aber war es, als ob ihm ein Brocken im Halse -steckte und ihn würgte; er war den Tränen nahe.</p> - -<p>Da er aber ein sehr geschickter Bursche war, besann er -sich und sagte sich, wie unnütz das Weinen sei, besonders -wenn man doch keine Augen hat. Er kletterte tief betrübt -und niedergeschlagen auf das leere Fadenknäulchen, aus dem -er vor kurzem mühsam und neugierig herausgekrochen war, -setzte sich rittlings darauf und trommelte unmutig mit seinen -Vorderbeinchen an die hohlen Wände, daß es widerhallte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap04">4. Eine Ameisenmutter.</h2> -</div> - -<p>Schon wendete sich seine Pflegerin Max wieder zu und -sagte freundlich:</p> - -<p>»Komme mit mir!«</p> - -<p>Folgsam stieg Max von seiner großen Trommel herunter -und bemerkte, wie gut er auf seinen Hinterbeinchen aufrecht -stehen und gehen konnte. Wahrscheinlich waren ihm außer -seinem Gedächtnis und seinem Verstande noch mehr menschliche -Eigenschaften verblieben, und das konnte immerhin ein -starker Trost für ihn sein in mancher Bitternis.</p> - -<p>So folgte er mit neuem Mute Fuska. Warum stieß er -nur plötzlich einen jubelnden Freudenschrei aus? Was war -geschehen? O Jubel! Er war nicht blind! Nein, er -konnte sehen, großer Gott, wie gut konnte er sehen!</p> - -<p>In den weiten Saal, in den Fuska ihn eintreten ließ, -drang von oben durch eine winzige Öffnung ein Lichtstrahl -herein. Befand er sich vielleicht im Wohnzimmer oder gar<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -im Speisesaale des Ameisenhauses? Aber wie eigenartig -neu war sein Schauen! Er hatte einen viel übersichtlicheren -Blick bekommen für alles, was ihn umgab. Ohne Kopf -und Augen zu wenden, übersah er, was über ihm, vor ihm, -hinter ihm und seitwärts geschah. Der Saal glich einer -Grotte, die von Säulen gestützt wurde. Wände, Boden, -alles war sauber geglättet und regelmäßig angeordnet. Rechts -und links waren Ameisen emsig beschäftigt, und einige schauten -ihn wohlwollend und freundlich an, lächelten auch wohl -über seine staunende Miene. Alles dies konnte er sozusagen -mit einem einzigen Blick beobachten.</p> - -<p>»Worüber bist du froh erregt?«, fragte ihn Fuska.</p> - -<p>»O wie glücklich bin ich«, rief Max freudestrahlend, »ich -habe ja die besten Augen der Welt! Aber wie geht es -wohl zu, daß ich so Verschiedenes zu gleicher Zeit sehen -kann? Ich bewege weder Kopf noch Augen und trotzdem –«</p> - -<p>»Das kannst du ja auch gar nicht«, fiel Fuska belehrend -ein. »Weißt du, liebes Ameislein, weil wir unsere Augen -nicht bewegen können, hat uns die Natur anders geholfen. -Unsere Augen sind so gebaut, daß wir durch ihre Form -und Stellung ein weites Gesichtsfeld haben. Ja, ja, alle -Geschöpfe sind von der großen Mutter Natur so ausgestattet, -daß zu ihrem Leben und Dasein alles bereit ist, was sie -zu ihrem Dasein brauchen. Wir Ameisen haben zwei zusammengesetzte -Augen.«</p> - -<p>»Zusammengesetzte Augen! – Kann man sie auch auseinandernehmen?«</p> - -<p>Fuska erklärte mit unerschöpflicher Geduld:</p> - -<p>»Die Oberfläche der beiden Augen, die links und rechts -an unserem Kopfe liegen, ist aus kleinen sechseckigen Feldern -zusammengesetzt. Jedes dieser Sechsecke zeigt nach oben<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -eine Wölbung wie ein Brennglas, und jedes Feld ist ein -vollkommenes Auge. Begreifst du nun, daß wir deshalb -in jedem Augenblick nach allen Richtungen schauen können?«</p> - -<p>Max ging voll Neugier auf seine mütterliche Lehrerin -zu, schaute ihr in die Augen und rief:</p> - -<p>»Mein Gott, das sieht ja aus wie ein feines Netz!«</p> - -<p>»Ganz richtig, unser Auge, aus vielen kleinen sechseckigen -Augen zusammengesetzt, heißt darum auch Netzauge; Gelehrte -nennen es Facettenauge. Doch sollst du dich über die -Menge der Felder in meinem Auge nicht zu sehr wundern. -Wir haben nicht viele, nicht einmal hundert.«</p> - -<p>»Wie, das heißt wenig?«</p> - -<p>»Im Vergleiche zu andern Insekten wohl. Solche Insekten, -die in der Luft leben, würden mit hundert kaum -zufrieden sein. Fliegenaugen haben etwa viertausend solcher -Facettenaugen.«</p> - -<p>»Viertausend!«</p> - -<p>»Libellen haben mehr als zwölftausend.«</p> - -<p>Es ist kein Wunder, daß Max mit seiner Vorstellungskraft -Fuskas Belehrung kaum mehr folgen konnte, als sie -noch weiter erzählte:</p> - -<p>»Ein Insekt gibt es, das heißt Dolchwespe. Die Augen -dieser Dolchwespe sind genau genommen fünfundzwanzigtausend -Äuglein. – Gelt, da staunst du?«</p> - -<p>Max fand tatsächlich keine Worte, um sein Erstaunen -auszudrücken. »Wenn diese Dolchwespe kurzsichtig würde«, -dachte er, »dann bräuchte sie alle Brillen der Welt für -sich allein.« Fuska würde seinen witzigen Gedanken doch -nicht verstehen; er verschwieg ihn mit halbem Bedauern -und fragte weiter:</p> - -<p>»Wieviele Augen habe ich also?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<p>»Komm her, ich zähle sie. – Eins, zwei, drei … So -jetzt. – Das eine von deinen beiden zusammengesetzten -Augen hat sechzig Felder.«</p> - -<p>»Da hätte ich im ganzen hundertzwanzig Augen?«</p> - -<p>»Nein, du zählst deine einfachen Augen nicht mit.«</p> - -<p>»Ich habe auch noch einfache zu den zusammengesetzten? -Genügen die hundertzwanzig nicht?«</p> - -<p>»Keineswegs; mit den hundertzwanzig bist du wohl imstande, -mit einem Blick alles ringsum wahrzunehmen, aber -die nächsten Gegenstände kannst du mit ihnen nicht klar -unterscheiden. Wenn du mich ansiehst, tust du es mit den -einfachen Augen.«</p> - -<p>Man denke sich, mit welchem Forscherblick jetzt Max -Fuska aufs neue betrachtete. Richtig, auf Fuskas Scheitel -entdeckte er im Dreieck gestellt drei helle, sanfte Äuglein, -die in Perlmutterglanz leuchteten.</p> - -<p>»Rechnet man alles in allem«, zählte Max tief aufatmend, -»so besitzen wir hundertdreiundzwanzig Augen.«</p> - -<p>»Es ist so, ganz richtig!«</p> - -<p>»Nun muß ich mich ein paar Minuten verschnaufen, ich -kann es ja kaum glauben. Sollte man so etwas für möglich -halten! Erst wollte ich glauben, ich sei blind, und nun -entdecke ich an mir mehr als hundert Augen!«</p> - -<p>Die Sache gab Max gehörig zu denken. Still wiederholte -er für sich:</p> - -<p>»Hundertdreiundzwanzig Augen! Hätte ich sie auch als -Kind gehabt, so hätte ich mit hundertdreiundzwanzig in -meine Bücher gucken müssen.«</p> - -<p>Wie er noch schaudernd bei solch ungeheuerlichem Bilde -verweilte, hörte er ein Schreien im Saal:</p> - -<p>»Obacht! Holla! Platz gemacht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>Eine geflügelte Ameise kroch herein, gefolgt von einigen -Gefährten. Mühselig und erschöpft bewegte sie sich vorwärts, -von den Gefährten beinahe getragen und geschoben. -Bei jedem ihrer Schritte hinterließ sie ein ovales Kügelchen, -das vom Gefolge sorgfältig mit dem Munde aufgehoben -wurde.</p> - -<p>»Das ist ein schöner Skandal«, entfuhr es Max, der -kaum hinzusehen wagte.</p> - -<p>»Wo ist ein Skandal?« fragte Fuska verwundert.</p> - -<p>»Hm«, meinte Max, »ich finde das, was ich sehe, gerade -nicht sehr anständig.«</p> - -<p>Fuska wies ihn unwillig zurecht und sprach:</p> - -<p>»Ach, so reden die Leute immer, wenn sie eine Sache -nicht verstehen! Diese geflügelte Ameise, von der du weiß -Gott was für unpassende Dinge zu sehen vermeinst, ist ein -braves Ameisenweibchen, das hereingeführt wird, um uns -seine Eierchen zu schenken.«</p> - -<p>Da schämte sich Max seiner voreiligen Anschuldigung und -fragte dafür um so wißbegieriger:</p> - -<p>»Was machen die Ameisen mit den Eierchen?«</p> - -<p>»Sie befeuchten sie mit der Zunge, damit sie wachsen -und gedeihen, und dann werden sie in ihre Stube gebracht.«</p> - -<p>»Das ist ja sehr nett. Bin ich auch so zu euch gekommen?«</p> - -<p>»Nein, das Ei, in dem du stecktest, fanden zwei unserer -Schwestern auf einem moosigen Stein in der Nähe unseres -Hauses; sie brachten es uns heim.«</p> - -<p>»Aha«, dachte Max, »das waren die zwei vermeintlichen -Totengräber!«</p> - -<p>Aber er hütete sich, seine Geschichte zu erzählen. Wer -hätte sie ihm geglaubt!?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>»Komme, damit ich dir zeige, wie wir Eier und Kinderchen -pflegen«, sprach Fuska und zog Max mit sich fort, bis sie -in einem Saal anlangten, der vermutlich die Kinderstube -vorstellte. Wie gelbliches Korn lagen hier Eier aufgehäuft. -Fuska wies darauf hin und sagte:</p> - -<p>»Sieh hier, der erste Zustand in unserer Entwicklung.«</p> - -<p>»Wie ist das zu meinen?«</p> - -<p>»Insekten kommen als Eier zur Welt. Das lebendige -Eichen krümmt sich nach und nach, wird durchscheinend und -verwandelt sich in eine <em class="gesperrt">Larve</em>.«</p> - -<p>»Eine Larve«, rief Max, »ums Himmels willen! So -spielen die Ameisen erst Fastnacht, bevor sie richtige Tierchen -werden? Als ich mich einmal maskierte, setzte ich eine Larve -vors Gesicht, um mich unkenntlich zu machen.«</p> - -<p>Fuska verstand nicht alles, was er redete, aber sie erklärte -ihm liebenswürdig:</p> - -<p>»Gewiß, im Larvenzustand ist unsere eigentliche Lebensform -zunächst vollständig vermummt. Wir liegen als hilflose -Würmchen auf der Erde; aber dann, wenn wir die -Verhüllung ablegen … Doch das sollst du jetzt alles selbst -sehen; komm!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap05">5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder -männlich noch weiblich.</h2> -</div> - -<p>Fuska führte Max zu einer Saalecke, wo in langen Reihen -höchst eigenartige Geschöpfe standen. Nein, wie sie doch -aussahen! Oben waren sie dünn wie ein Fädchen, schwollen -nach unten langsam an wie eine dicke Träne, die aus dem -Auge rollt. Im Fallen wird sie dicker, und wenn sie über -ein ungewaschenes Kindergesichtlein rinnt, nimmt sie eine -schmutziggraue Farbe an. Gerade solche Färbung wiesen<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -diese Wesen auf. Wie in einer Schule waren sie in Reihen -nach der Größe aufgestellt. Beim Nähertreten bemerkte -Max, daß die Dinger winzig kleine Köpfchen, aber weder -Augen noch Füße hatten. Fast sahen sie aus wie eine Reihe -von Zipfelmützen, die mit Lumpen ausgestopft und unten -zugenäht sind. Max mußte bei diesem ungewohnten Anblick -unbändig lachen.</p> - -<p>»Sehr geehrte Larven«, so redete er sie an und hob dabei -seine Fühler hoch, »wieviel Hörner strecke ich?«</p> - -<p>Einige erwachsene Ameisen sahen ihn verweisend an.</p> - -<p>»Wie magst du dich über unsere Kleinen lustig machen?« -sprach Fuska. »Hast du doch selbst vor kurzer Zeit nicht -anders ausgesehen!«</p> - -<p>»Wie«, erwiderte Max, »bin ich auch so häßlich, so lächerlich -gewesen?«</p> - -<p>»Und nur unserer Hilfe hast du es zu verdanken, daß -du in diesem Zustande nicht elendiglich zugrunde gingst!«</p> - -<p>In der Tat konnte Max zusehen, wie die großen Ameisen -sich mühten, diese Larven zu päppeln und sie mit zärtlicher -Pflege zu umgeben.</p> - -<p>Nun war er ganz kleinlaut geworden, der übermütige -Max.</p> - -<p>»Wie lange bleibt man denn in diesem Zustande?«</p> - -<p>»Je nachdem. Manche sind in vier Wochen fertig, andere -brauchen zu ihrer Entwicklung neun Monate.«</p> - -<p>»Und ich? Habe ich so lange gebraucht?«</p> - -<p>»Nun du hattest es eilig. In zwanzig Tagen warst du -schon aus der Larve eine Puppe geworden.«</p> - -<p>»Herrje! Eine Puppe!«</p> - -<p>Nun drängte Fuska ihn zu den hintersten Reihen, damit -er genau die Tierchen in ihrer zweiten Verwandlung sehen<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -könne. Wie entsetzlich schwer es aber für Max war, vor -Fuska zu verbergen, daß ein neuer Lachkrampf bei ihm auszubrechen -drohte, ist nicht zu sagen.</p> - -<p>»Das heißt man Puppen!?« kicherte Max mit mühsamer -Zurückhaltung, denn er mußte sich fest auf die Lippen beißen -und ein Füßchen vor den Mund drücken, um nicht herauszuplatzen -vor Lachen. Diese trottelhaften Dinger reizten -wirklich dazu.</p> - -<p>Waren denn das Ameisen? An den weichen, weißlich -gelben Körper hatten sie Beine und Fühler eng angezogen, -und so lahm lagen sie da, als hätte man sie eben durchs -Öl gezogen.</p> - -<p>»Also, so soll ich ausgesehen haben?« sagte Max, der -sich endlich zu einem artigen Ton gefaßt hatte.</p> - -<p>»So sahst du aus. Und wie sie, hast auch du eines -Tages aufgehört zu essen, und obwohl es nicht alle Puppen -so machen, hast du dich selber in ein Knäulchen eingesponnen -und versteckt, und als du zu dem vierten Grad deines Lebens -reif geworden warst, hast du angefangen zu nagen in deinem -Knäulchen, und ich habe dir geholfen herauszukommen.«</p> - -<p>Max starrte Fuska mit seinen sämtlichen Augen an und -rief: »Ich glaubte, Ameisen kämen zur Welt als richtige -und fertige Ameisen.«</p> - -<p>»Wir Insekten sind allen jenen Verwandlungen unterworfen, -die dir so wunderbar scheinen. Du wirst im Leben -noch deren andere, viel merkwürdigere sehen.«</p> - -<p>»So bin ich also Ei gewesen, habe mich in eine Larve -verwandelt, bin Puppe geworden und habe als solche ein -Knäulchen gesponnen.«</p> - -<p>»Und dies Knäulchen«, so sagte Fuska überlegen, »das -nennen die Menschen irrtümlich ein Ameisenei.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>»Kann schon sein«, sagte Max. »Wie ist es nur möglich, daß -ich mich gar nicht daran erinnere, das alles getan zu haben!«</p> - -<p>»Das glaube ich gerne, in jener Zeit war dein Körper -unentwickelt und dein Verstand erst im Werden.«</p> - -<p>Diese Begründung leuchtete Max wohl ein.</p> - -<p>Eigentlich, so dachte er sich, machen auch die Menschen -eine Reihe von Verwandlungen durch, von der Zeit an, -wo sie als kleine Wickelkinder mit rotem Köpfchen und dickem -Bäuchlein zur Welt kommen und gepäppelt werden müssen, -bis zu ihrem vollkommenen Zustand, wo sie Schnurrbart -und Backenbart tragen. In diesem Augenblick gab es eine -neue Überraschung.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-025.png" alt="" /> -</div> - -<p>Jene geflügelte Ameise war inzwischen mit Eierlegen fertig -geworden. Nun sah man sie im Winkel dort mit einer, -wie es schien, schmerzhaften Arbeit beschäftigt, denn sie strich -sich gewaltsam heftig mit den Beinen über den Rücken und -stöhnte laut dabei:</p> - -<p>»Ach, ach, ach!« Mit den Beinen stieß und drängte sie -ihre vier geöffneten Flügel, bis es schließlich gelang, sie -abzureißen. Dann seufzte sie tief auf und stöhnte erleichtert:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p> - -<p>»Gottlob, das hätten wir hinter uns!«</p> - -<p>Alle im Saale Anwesenden riefen ihr im Chore zu: »All -Heil!« und »Hurra!« und »Wir gratulieren dir!«</p> - -<p>»Hörst du«, sagte Max neugierig, »sie gratulieren. Hat -sie Geburtstag?« – Dabei schaute er mit seinen drei einfachen -Augen voll Verwunderung und mit den hundertzwanzig -zusammengesetzten fragend und neugierig um sich.</p> - -<p>Bereitwillig erklärte Fuska weiter:</p> - -<p>»Dies ist eine weibliche Ameise, wie ich dir schon sagte. -Die meisten unserer jungen Ameisenmädchen suchen sich in -der Luft einen Bräutigam, um Hochzeit zu halten. Diese -hat aber ihr Fest in der Nähe des Hauses unter unserer -Aufsicht in Gras und Blumen gehalten. Wir haben sie -dann nach Hause zurückbegleitet, und weil sie eine kluge -Frau ist, entledigte sie sich eben ihrer Flügel. So kann -sie nicht mehr in Versuchung fallen, eines Tages fortzufliegen, -bleibt dafür hübsch gut versorgt bei uns und schenkt -uns ihre Eier, um unsere Familie groß und stark zu machen.«</p> - -<p>Verwirrt von soviel Neuem mußte Max ein bißchen ausruhen -und darüber nachdenken. Nun wandte er sich wieder -an Fuska:</p> - -<p>»Wie kann und mag man denn in der Luft Hochzeit -halten? Das verstehe ich nicht.«</p> - -<p>»Es ist eben so.«</p> - -<p>»Liebe Fuska, ich habe ja keine Flügel, wie soll dann -ich um Himmels willen einmal in der Luft meine Hochzeit -halten?«</p> - -<p>»Was kümmert dich das? Männlein und Weiblein haben -ja ihre Flügel.«</p> - -<p>Nun glaubte Max aber wirklich verrückt zu werden. -»Weibchen haben Flügel. Gut. Männchen haben Flügel.<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -Noch besser. Aber, darf ich fragen, was sind dann wir -beide eigentlich? Ich und Sie, wir haben keine Flügel, -ich begreife nicht …«</p> - -<p>»Das ist sehr einfach: wir sind weder männlich noch -weiblich.«</p> - -<p>»Waaaas???«</p> - -<p>»Wir sind geschlechtlose Wesen.«</p> - -<p>Wenn Max nicht eine so dunkle Hautfarbe gehabt hätte, -hätte Fuska sehen müssen, wie er erblaßte. Wie ein frischgewaschenes -Leintuch, so weiß, hätte er wohl ausgesehen. -Es fuhr ihm durch alle Glieder. Bis jetzt hatte er für -einen tüchtigen Buben gegolten, der ein großer Mann werden -konnte. Wäre er als Ameisenmädchen geboren worden, -er hätte sich in Gottes Namen darein gefügt. Aber nichts -zu sein, weder Mann noch Frau, das war ja nicht zu ertragen. -Im Ausbruch einer wilden Verzweiflung schrie er -Fuska an:</p> - -<p>»Ich will nicht geschlechtlos sein! Ich will nicht, ich -mag nicht. Ich bin ein Mann und will einer bleiben. Der -Alte mit dem grauen Rock hatte kein Recht, aus mir zu -machen, was ihm beliebte! Wenn er ein gerechter Mann -gewesen wäre, hätte er mich erst fragen müssen.« Weinerlich -bettelte er jetzt: »Ich will ein Mann sein, liebe Fuska, -ich will Flügel haben! Kannst du mir nicht die Flügel -ankleben, die von dem Weibchen dort abgeworfen wurden?«</p> - -<p>Fuska tröstete ihn liebevoll.</p> - -<p>»Dein kindliches Verlangen ist zu verstehen; leicht beneidet -man diejenigen, die uns glücklicher scheinen, als wir -es sind. Aber glaube mir, wenn man solche Leute oft näher -kennenlernte, würde man froh sein um das, was man ist, -und Gott dafür danken.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Allein Fuska hatte gut reden. Max traf dieser Schlag -zu schwer. Wie vorhin, als er vom Beginn eines Unterrichts -hörte, spürte er eine angstvolle Bangigkeit, die ihm -den Hals zuschnürte. Tiefunglücklich schlug er sich mit dem -rechten Vorderbeinchen vor die Stirne und stützte so seinen -Kopf. Das Weinen war ihm näher als je.</p> - -<p>Aber auch diesmal bezwang er den ungeheuren Schmerz -mit seiner Vernunft; er besann sich eines Bessern. Tränen -weinen aus hundertdreiundzwanzig Augen, nein! Das hätte -eine schöne Überschwemmung gegeben.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap06">6. Eine Riesenschlange.</h2> -</div> - -<p>Schmeichelnd zog Fuska den nicht länger Widerstrebenden -mit sich und sagte dazu: »Du möchtest ein Männlein -sein, komm mit vor die Haustüre.«</p> - -<p>Sorglich führte sie ihn an der Hand, vielmehr am Füßchen -und stieg zum Haupteingang empor, der zugleich den Saal -mit Tageslicht versorgte.</p> - -<p>Draußen fiel Max von einem Staunen ins andere. Was -sah er? Drei geflügelte Ameisen mit etwas kleineren Köpfen -warfen sich wiederholt auf die Erde, wobei sie von einer -Seite auf die andere fielen und die tollsten Purzelbäume -schlugen.</p> - -<p>»Habt ihr Leibschmerzen?« wendete Max sich voll Mitleid -zu den unglücklichen Insekten. Stammelnd stieß eines -hervor:</p> - -<p>»Uh – uh! Ach, ah! Oh! oh! oh! …«</p> - -<p>»E–s–e–l!« rief Max.</p> - -<p>Das war gerade nicht sehr teilnahmvoll und artig, aber -er meinte, nie dümmere Geschöpfe gesehen zu haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p>»Siehst du wohl, das sind unsere Männchen.«</p> - -<p>»Ist so etwas möglich?«</p> - -<p>»Ja, sie sind weder besonders vernünftig noch sonst mit -wertvollen Eigenschaften begabt.«</p> - -<p>»Das sehe ich; weder laufen, noch stehen, noch stillsitzen -können sie.«</p> - -<p>»Ihre Lebensaufgabe ist erfüllt; sie sind mit der Braut -zur Hochzeit geflogen, dann ermüdet herabgestürzt, und gleich -werden sie sterben.«</p> - -<p>Starr und steif lagen bereits zwei, die Beinchen in die -Luft gestreckt, auf dem Rücken da, ein drittes machte noch -einige unfrohe Purzelbäume und stöhnte sein »Ach, Oh, Uh!« -dazu.</p> - -<p>»Möchtest du mit diesen Armen tauschen?« fragte Fuska.</p> - -<p>»Mit solchen Dummköpfen? Nein, wahrhaftig nicht!« –</p> - -<p>»Habe ich es dir nicht gesagt? – Die Männchen leben -nur wenige Tage, während wir den Vorzug haben, ein, -zwei, sogar bis neun Jahre zu leben, wenn uns kein Unglück -zustößt.«</p> - -<p>»Da wollte ich schon lieber noch ein Weibchen sein«, -sagte Max, der schaudernd den letzten Zuckungen des sterbenden -Männchens zusah, »als solch eine Art von Mann!«</p> - -<p>»Gewinn hättest du auch davon keinen. Wie für Männchen, -bestehen auch große Gefahren für Weibchen. Hungrige -Vögel erschnappen sie im Fluge, und das Traurigste ist, -daß sie auch nach glücklich vollendetem Flug niemals mehr -ihr altes Heim finden.«</p> - -<p>»Nun, sie werden dann wohl in ein anderes Ameisenhaus -gehen?«</p> - -<p>»Davor werden sie sich hüten! Fremde Ameisen werden -nirgendwo eingelassen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Dann bekommt aber die Ameisenfamilie die Eier des -verirrten Weibchens nicht«, eiferte Max, »wo keine Eier -sind, ist es gleich zu Ende mit Larven, Puppen und Ameisen; -zuletzt steht dann das Ameisenhaus leer!«</p> - -<p>»Was du sagst, wäre richtig, wenn wir geschlechtlose -Ameisen nicht wüßten, was unsere Pflicht ist. Da -wir das aber sehr genau wissen, geben wir stets Obacht -und tragen die zu Boden gesunkenen Weibchen ins Haus -herein, wo sie ihre Eier gerne ablegen, wie du selbst gesehen -hast.«</p> - -<p>»Wie entstehen denn Männchen und Weibchen?«</p> - -<p>»Wie eben alle Ameisen entstehen. Aus dem Ei.«</p> - -<p>»Wie aber kam ich zu euch?«</p> - -<p>»Du weißt es ja. Dein Ei fand man auf einem moosigen -Stein in der Nähe unseres Hauses. Wir erkannten, daß -es zu uns gehörte.«</p> - -<p>Beide schwiegen. Maxens Herz war voll der verschiedensten -Empfindungen. Über eine Weile fuhr Fuska fort:</p> - -<p>»Merke dir also: Mann sein, heißt bei uns soviel als -einen einzigen, herrlich schönen Flug über Blumen zur Sonne -machen, dann erschöpft zur Erde stürzen und in Betäubung -sein Leben aushauchen. Um als Weibchen zu leben, gibt -es zwei Möglichkeiten: Entweder die Flügel zu gebrauchen, -um den schönen Sonnenflug mit einem Bräutigam zu feiern -– wie oft aber geht dies Unternehmen übel aus! – oder, -trotz Flügel, auf der Erde bleiben und sich selber die Flügel -auszureißen, um ihrer Versuchung nicht zu unterliegen. -Wer bei uns Flügel besitzt, ist nicht zu beneiden. Wir geschlechtlose -Ameisen aber sind recht die Herren des Hauses. -Wir arbeiten ehrlich und unverdrossen, und die ganze Welt -ehrt uns mit dem ruhmvollen Titel: ›Arbeiter‹.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p> - -<p>Der Gedanke, unverdrossen zu arbeiten, war für Max -durchaus nicht bestrickend, aber daß Fuska grundgescheit und -hoch achtbar war, das sah er ein.</p> - -<p>»Wohlan«, sagte er, »ich will mich ferner nicht mehr -über mein Schicksal beklagen.«</p> - -<p>Fuska liebte es, ein wenig zu predigen; jetzt legte sie -ihm ihre Vorderbeinchen auf die Schultern, schaute ihn bewegt -und ernst an und sprach:</p> - -<p>»Eine Ameise, die still ihrer Arbeit lebt, hat keine Ursache, -irgend jemand zu beneiden. Du hast gesehen, wie -der Schein trügt, und daß Flügel nicht verhindern können, -sich auf der Erde den Hals zu brechen.«</p> - -<p>»Ja, ja«, sagte Max altklug, »es ist nicht alles Gold, -was glänzt!«</p> - -<p>Inzwischen waren aus dem Hause Gruppen von Ameisen -ausmarschiert, die eine Menge neu ausgeschlüpfter Ameislein -führten, um sie an die Luft zu bringen. Mit Interesse -folgte Max, und gerne hätte er mit ihnen ein wenig plaudern -mögen. Aber alle horchten hoch auf, denn eine Stimme -ließ sich hören: »Hierher! Schwestern! Hilfe ist nötig!«</p> - -<p>Eine kräftige Ameise krabbelte keuchend heran und berichtete:</p> - -<p>»Es gilt eine große Beute hereinzubringen. Wir sind -kaum unserer zwölf und werden allein nicht mit ihr fertig.«</p> - -<p>Sofort nahm sich Fuska umsichtig der wichtigen Angelegenheit -an, indem sie zunächst alle Anwesenden aufmunterte, -mitzuhelfen. »Auch die Kleinen sollen mitkommen. -Das Beispiel unserer Arbeit ist für die Kinder die beste -Erziehung.« So befahl sie.</p> - -<p>Der Tag war herrlich und die Arbeit begann jedenfalls -mit einem Spaziergang; das fand Max nicht übel. Auch<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -war es ihm von jeher vergnüglich, einer Arbeit zuzusehen. -Wie oft hatte er früher zu Therese gesagt:</p> - -<p>»Wenn ich einmal groß bin, will ich gerne die Menschen -mit Arbeit versorgen, auch wenn keine für mich übrig bleibt.«</p> - -<p>Man zog gemeinsam einen hügeligen Weg entlang, voran -als Wegweiserin die Ameise, die den Fund gemacht hatte.</p> - -<p>Wie man, um Atem zu schöpfen, einmal stehen blieb, -meinte nachdenklich die Führerin:</p> - -<p>»Ich müßte mich sehr täuschen, aber auf diesem Weg -brauchen wir mehr als tausend Leute, um unsere Beute -heimzubringen.«</p> - -<p>Nach kurzer Weile des Weitermarsches rief sie: »Gleich -sind wir am Orte, hinter dem Hügel stehen die andern.«</p> - -<p>In Wirklichkeit war der bezeichnete Hügel nur ein Maulwurfshaufen, -aber man mußte tüchtig klettern, um ihn zu -ersteigen. Max war als erster oben, und vor Überraschung -schlug er seine Vorderbeinchen zusammen und richtete seine -Fühler hoch auf.</p> - -<p>Am Fuße des Hügels lag vor seinem erstaunten Blicke -eine riesige Schlange mit rosiger Haut. Zwanzig Ameisen -hatten an dem Ungetüm bereits furchtlos Hand angelegt.</p> - -<p>Wie mag diese gefährliche Sache enden?</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap07">7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise?</h2> -</div> - -<p>Die Schlange war entsetzlich groß, und noch erkannte man -nicht einmal ihre wahre Länge. Warum? Sie steckte, weiß -Gott wie tief, mit dem Leibesende in der Erde, wo sich -ihr Körper mit aller Kraft einstemmte. Mit verwegener -Kühnheit wurde von den Ameisen der Versuch gemacht, -das Untier aus seiner Erdhöhle herauszuzerren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p> - -<p>Max wendete sich erregt zu Fuska.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-033.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Die sind wohl verrückt«, deutete er auf die Arbeiter. -»Die Schlange ist tausendmal größer als wir, wenn sie -den Rachen aufreißt, verschlingt sie uns alle zusammen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p> - -<p>Stolz erwiderte ihm Fuska:</p> - -<p>»Wir Ameisen sind mutige Leute und fürchten uns nicht -leicht. Ferner erinnere dich, was ich dir vom trügerischen -Schein sagte. Diese Schlange ist nichts weiter als ein -fetter Wurm und heißt <em class="antiqua">Lumbricus agricola</em>.«</p> - -<p>Vorsichtig näherte sich der kleine Max dem großen Ungeheuer, -betrachtete es forschend und rief enttäuscht:</p> - -<p>»O, welch ein Aufwand von Fremdwörtern! Ein gewöhnlicher -Regenwurm ist es, nichts weiter. Regenwurm -sagt man, das versteht jeder sofort.«</p> - -<p>»Es ist aber höchst wichtig, daß wir Ameisen die Tiere, -die um uns leben, nach der Art ihres Baues und ihrer -Gewohnheiten kennen«, erwiderte Fuska.</p> - -<p>Max hatte mit seinem Kinderverstand freilich erfaßt, daß es -sich hier um einen unschuldigen Regenwurm handelte; mit seinen -Ameisenaugen erkannte er trotzdem den Ernst des Kampfes.</p> - -<p>Seinen Angreifern gegenüber blieb der Wurm immerhin -eine Riesenschlange.</p> - -<p>Alle alten und jungen Ameisen hatten sich jetzt rings um -das Ungeheuer aufgestellt, und Max war ehrgeizig genug, -nicht zurückbleiben zu wollen. Er begann wie diese fleißig -mit seinen Beinchen zu arbeiten. Der Körper des Wurmes -überzog sich nach und nach mit einer säuerlichen Flüssigkeit. -Max schnupperte daran.</p> - -<p>»Was ist das?« fragte er, den Mund verziehend.</p> - -<p>»Das ist unser Gift, das wir gegen Feinde benützen«, -sagte seine Nachbarin.</p> - -<p>Es war Ameisensäure. Sie wird von den Ameisen erzeugt -und am Hinterleib ausgespritzt.</p> - -<p>Das Ungetüm lag jetzt da, ohne sich vor- oder rückwärts -zu bewegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>Da kam Max ein prächtiger Gedanke, den er ohne Zaudern -zum besten gab.</p> - -<p>»Wißt ihr was? Wir zerschneiden den langen Kerl mit -unsern Kieferzangen in zwei Teile«, rief er.</p> - -<p>Aber wie mit einer Stimme hielten alle ihm entgegen: -»Das wäre eine unverzeihliche Dummheit. Sie käme dem -Herrn schön zustatten; da könnte er die Hälfte, die im -Boden steckt, bequem in Sicherheit bringen.«</p> - -<p>Max wußte eben nicht, daß es einem Regenwurm gar -nicht einfällt zu sterben, wenn man ihn entzweischneidet. -Max hatte bisher <span id="corr035">in der</span> festen Überzeugung gelebt, daß ein -Kinderverstand jedenfalls einem Ameisenhirnchen überlegen -sei. Über das eben Erlebte wurde er sehr bescheiden. -O weh, von einer Ameise mußte er sich so bekannte Dinge -sagen lassen!</p> - -<p>Heldenhaft zogen die Ameisen, dehnten und streckten den -Wurm, aber ohne jeden Erfolg. Er steckte wie eingemauert -in seiner Höhle. Max entdeckte am Bauche des Tieres eine -Art Borsten, mittels welcher es sich fest am Boden anklammerte, -und bei solcher Gegenwehr ließ sich denken, daß -alle Ameisenkraft nichts nützte. Ein Augenblick allgemeiner -Ratlosigkeit folgte der äußersten Anstrengung. Die Klügste -stieg nun auf den Rücken der Schlange und befahl den -andern, sie festzuhalten, damit sie nicht vollends im Erdboden -verschwände.</p> - -<p>»Hört mich an«, sprach sie eifrig, »dieser Starrkopf will -sich nicht loslösen lassen. Wir werden ihm den Boden -unter dem Leibe wegziehen!«</p> - -<p>Max verstand nicht, wie man dies machen könne, während -alle andern flugs begriffen. Zum zweiten Male fühlte -er sich gedemütigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p> - -<p>Unverweilt begaben sich alle Arbeiter bis auf etwa zehn, -die die Schlange festhalten mußten, zum Rande der Höhle, -in der sie mit einem Teile ihres Leibes versenkt war. Entschlossen -arbeitete Max hier mit, und Fuskas Befehl: »Zangen -gebrauchen!« war für ihn fast überflüssig. Alles schaufelte -und grub, und die Kieferzangen, die er zur Aufnahme der -süßen, flüssigen Sirupnahrung nicht hatte gebrauchen können, -waren prachtvoll passende Werkzeuge. Mit ihnen ließ sich -spielend packen, graben, heben und schaufeln. Im Nu war der -Rand des Loches, in dem der Wurm steckte, abgebaut; tiefer -und weiter gruben die fleißigen Arbeiter, und bald lag der -ganze Leib der Schlange freigelegt in einer fast wagrechten -Furche, in der das Tier sich mit seinen Borstenfüßen nicht -mehr festhalten und die Spannkraft seiner Leibesringe nicht -wie bisher ausnutzen konnte. Solange nämlich ein Teil -des Wurmes wagrecht auf dem Boden lag und der andere -senkrecht in der Höhle steckte, bildete der ganze Körper einen -rechtwinkligen Haken und leistete einen fast nicht zu überwältigenden -Widerstand. Jetzt hingegen lag der Wurm -seiner ganzen Länge nach ausgestreckt in einem schiefen -Graben und konnte mit einiger Mühe fortgeschafft werden. -Max berechnete nachdenklich, daß das Tier mindestens fünfzehn -Zentimeter lang war; im Verhältnis zur Größe einer -Ameise war das ungeheuer viel. In Anbetracht seines -eigenen Mutes, seiner herrlichen Waffen, die er an seinen -Kieferzangen besaß, und der unglaublichen Geschicklichkeit -seiner Gefährten kam aber keine Spur von Angst in Max -auf. »Das werden wir schon schaffen«, so ging es wiederholt -mitten in schwersten Anstrengungen von Mund zu -Munde, und es lag nichts Großsprecherisches darin. Nun -mußte der lange, schwere Körper nach Hause gezogen werden.<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -Das war eine ganz besonders mühsame Aufgabe. Trotz -geschickter Verteilung der Arbeitskräfte am Kopf, in der -Mitte und am Ende der Schlange ging es nur langsam -vorwärts. Der Wurm sträubte sich nach allen Seiten.</p> - -<p>Max half wacker mit.</p> - -<p>»Wenn mir früher jemand gesagt hätte, wie stark und -mutig Ameisen sind«, dachte er, »ich hätte es nicht geglaubt! -Wie oft mag ich achtlos über sie weggeschritten sein, -ahnungslos, wie klug und geschäftig sie zu meinen Füßen -arbeiteten!«</p> - -<p>Leider stieß das Unternehmen doch auf ein unüberwindliches -Hindernis. Der Boden war mit Rasen bedeckt, und -es ging nicht an, die Beute durch den dichten Wald der -Halme und Blätter zu schleppen. Unsicher rutschte man, -und haltlos verlor der Körper einen Teil seiner Kraft zum -Schieben, Tragen und Stoßen. So kam der Zug zum -Stehen. Endlich eine passende Gelegenheit für Max, seine -Weisheit aufs neue leuchten zu lassen!</p> - -<p>»Nun muß die Schlange eben doch zerschnitten werden«, -sagte er so bestimmten Tones, daß es wie ein Befehl klang.</p> - -<p>Die eifrige Jugend glaubte schon folgen zu müssen, als -Fuska schnell »Halt« gebot.</p> - -<p>»Wir können unsere Beute ungeteilt nach Hause bringen«, -entschied sie mit Ruhe und Nachdruck.</p> - -<p>»Aber wie denn?« rief Max ärgerlich. Galt denn sein -Kinderverstand so wenig bei den Ameisen? Es war unausstehlich, -wie man ihn mißachtete.</p> - -<p>Fuska ordnete in aller Ruhe an, daß eine gewisse Anzahl -als Wächter bleiben sollten. »Die andern«, befahl sie, -»gehen mit mir. Laßt euch indessen die Zeit nicht lange -werden«, wendete sie sich noch freundlich zur befohlenen<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -Wache, »die Arbeit wird lange währen, aber den Wurm -bekommen wir ganz nach Hause.«</p> - -<p>So ging sie, gefolgt von den übrigen zum Ameisenhaus -zurück und nahm dabei einen auffallend taktmäßigen Schritt -an, als ob sie Bedenken trüge, ordentlich aufzutreten.</p> - -<p>»Weshalb geht sie denn so tolpatschig?« fragte Max -seine Nachbarin.</p> - -<p>Ja er spottete sogar über seine gute Pflegerin und sprach:</p> - -<p>»Ei! ei! Frau Fuska hat, scheint's, Hühneraugen an den -Füßen oder gar Frostbeulen im hohen Sommer, so zaghaft -trippelt sie dahin.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap08">8. Die Überführung der Schlange.</h2> -</div> - -<p>An der Haustüre hielt Fuska an und berechnete laut: -»Die Entfernung vom Wurm bis hierher beträgt nach -meiner Schätzung hundertzwanzigmal meine Körperlänge.«</p> - -<p>In Max dämmerte mit Beschämung das Verständnis auf, -warum Fuskas Art zu schreiten so eigentümlich gewesen war.</p> - -<p>»Wenn ich gut achtgebe, wie tief ich jetzt abwärts steige, -wird es nicht schwer sein, die genaue Richtung zu finden. -Frisch ans Werk«, so schloß sie jetzt mit aufmunterndem -Wink. Nun schritt man vorsichtig abwärts, bis Fuska bestimmte: -»Hier an dieser Stelle beginnen wir den Schacht. -Während ich mit der Hälfte von euch grabe, schafft ihr -andern sofort das abgegrabene Erdreich weg.«</p> - -<p>Max verstand genau, um was es sich handelte.</p> - -<p>»Ihr hofft einen Gang zu bauen, der an einen bestimmten -Punkt führen soll«, bemerkte er.</p> - -<p>»Selbstverständlich, das tun wir«, so riefen alle durcheinander. -Er aber, der siebenmal gescheite Vorwitz, sprach -gelassen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>»Ihr habt wohl alle den Verstand verloren?«</p> - -<p>Von Onkel Walter wußte er, welche Schwierigkeiten -es zu überwinden kostete, bis der Gotthardtunnel gebaut -war. Nach den verwickeltsten Berechnungen hatte man -Jahre der Arbeit gebraucht, bis die Arbeiter, die an den -entgegengesetzten Punkten die Bohrungen begonnen hatten, -sich unter der Erde endlich begegneten und ein großes -Freudenfest feiern konnten.</p> - -<p>»Ha«, lachte er in sich hinein, »so etwas wollen Ameisen -fertigbringen! Lächerlich.«</p> - -<p>»Vorwärts, vorwärts«, stieß ihn Fuska derb an, daß -er aus seinen Zweifeln jäh emporfuhr, »stehe nicht müßig! -Wer immer grübelt und zögert, erreicht kein Ziel«, brummte -sie, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte.</p> - -<p>Welch mühsame Arbeit! Eine Stunde schon grub und -schaufelte man, und noch war kein Ende abzusehen. Etwas -boshaft, wie Max heute aufgelegt war, wendete er sich an -Fuska: »Große Ingenieurin, ich möchte mir eine Bemerkung -erlauben.«</p> - -<p>»Nur keck heraus damit«, sagte sie, die Anrede gutmütig -belächelnd.</p> - -<p>»Mir will scheinen«, belehrte Max, »der Gang, den wir -graben, führt mehr und mehr abwärts. Wir arbeiten ein -Loch durch die Erdkugel!«</p> - -<p>»Sprich nur weiter«, drängte lachend Fuska.</p> - -<p>»Wenn wir das Leben haben, werden wir in ungefähr -tausend Jahren in Amerika die Sonne wieder sehen!«</p> - -<p>Fuska ließ ihn sprechen, da er fleißig dazu weiterschaffte -und grub. Die Tatsachen, so dachte sie, werden es ja -lehren, ob er recht behielt. Mit sachlicher Ruhe wurde -emsig gearbeitet, und man fühlte es bereits, – die Erdschicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -die noch zu durchbrechen war, war nur mehr eine -dünne Wand. Eine letzte Weisung noch gab die geistvolle -Leiterin, und – ein Lichtstrahl drang durch die erlangte -Öffnung. Alle sprangen und sangen mit fröhlichem »Hurra!« -ins Freie. Da lag er, der Regenwurm, kaum einen Ameisenschritt -entfernt, umgeben von den treuen Wächtern, die, ihrer -Ablösung froh, vergnügt mitjubelten.</p> - -<p>Max aber stand neuerdings überwältigt vor Staunen -mit aufgesperrten Kieferzangen da und überlegte das Erlebnis! -Kaum aus dem Gespinst geschlüpft, hatte er gesehen, -welch umsichtige Hausfrauen und treue Wärterinnen -die Ameisen sind. In langen Arbeitsstunden hatte er jetzt -erfahren, welch kühne Schachtgräber sie sein können, und -jetzt eben erlebte er den glänzenden Beweis ihrer Tiefbaukunst. -Was war mehr zu bewundern, der Geist des großen -Planes oder die Genauigkeit seiner Ausführung?</p> - -<p>»Wie ich mich mit euch freue«, sagte er bewegt zu den -Gefährten, »ich hätte nie geglaubt, daß ihr dermaßen geschickt -seid!«</p> - -<p>»Manchmal«, redete ihn Fuska an und blickte ihm wie -Gedanken lesend in die Augen, »manchmal ist das Mißtrauen -in anderer Leute Können nur ein versteckter und unfruchtbarer -Hochmut. Weil man sich selber zu etwas unfähig -fühlt, denkt man, andere werden auch nichts können!«</p> - -<p>Dabei räusperte sie sich mit auffallender Langsamkeit, -während Max sich mit den Vorderbeinchen verlegen hinter -den Fühlern kratzte, denn Fuska sah ihn ein wenig von -der Seite an, als ob er ein auf der Tat ertappter Schelm -wäre. Aber sie war doch zum Umarmen lieb und gut.</p> - -<p>»Na, na«, fuhr sie freundlich fort, »zweifle nur nicht an -dir selbst. Heute bist du noch jung, aber in zwei, drei<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Tagen hast du dieselbe Ausdauer und Berechnungskunst -wie wir alle, und du wirst gewiß eine Ameise werden, die -unserer Familie würdig ist!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-041.png" alt="" /> -</div> - -<p>Da die Sonne sich bereits zum Untergange neigte, beeilten -sich die Ameisen, den Regenwurm, der im Nu in den -neugegrabenen Gang gezogen war, zu bergen. Der Eingang -wurde gleich mit Blättchen, Erdkrumen und Hälmchen fest -verbaut. Aus Vorsicht vor nächtlichen Einbrechern und -andern Überraschungen schlossen sie sorgfältig das neue Tor -zur Wohnung. Die Schlange aber lag in einer Kammer -des Hauses wohlgeborgen.</p> - -<p>Wie sie ausgestreckt dalag, erinnerte sich Max jener -Schulaufgabe, die von der Klugheit der Ameisen handelte. -Es war die Fabel von der sorglosen Grille und der -fleißigen Ameise, die er gelernt hatte und als Aufsatz -niederschreiben sollte. Darum urteilte er jetzt nach dem -Gelernten und sagte in frohlockendem Tone: »Ein prachtvoller<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -Wintervorrat! Das gibt einen herrlichen Sonntagsbraten!«</p> - -<p>»Vorrat für den Winter?« Fuska sah Max verwundert -dazu an.</p> - -<p>»Gelt«, erwiderte Max stolz auf sein Wissen, »gelt, du -meinst, ich weiß es nicht, wie fleißig wir im Sommer arbeiten, -damit wir auch im Winter etwas Gutes zu essen -haben, wenn wir wegen der Kälte nicht ausgehen können.«</p> - -<p>Da lachten alle Umstehenden aus vollem Halse.</p> - -<p>»Nein, wie er töricht plaudert«, riefen sie, »wer wird -denn im Winter essen?«</p> - -<p>»Nicht essen? – Den ganzen Winter nichts essen?«</p> - -<p>»Im Winter schlafen wir doch!«</p> - -<p>»Liebe Fuska, höre doch, was sie sagen!«</p> - -<p>»Freilich«, bestätigte sie schmunzelnd über sein enttäuschtes -Gesicht, »was sollten wir den ganzen unfreundlichen, kalten -Winter über Besseres tun?«</p> - -<p>»Da schlafen wir immerfort, einen einzigen, guten, langen -Schlaf?«</p> - -<p>»Ja, so ist es, Lieber.«</p> - -<p>»Wie können denn nur die Menschen«, so dachte jetzt -Max, »ihren Kindern solche Geschichten erzählen von Tieren, -die sie gar nicht ordentlich kennen!« Er war ganz müde -vom Denken und den vielen neuen Eindrücken und fragte -nun gähnend:</p> - -<p>»Und jetzt? Heute gehen wir gewiß recht bald schlafen?«</p> - -<p>»Was denkst du? Nachts verrichten wir unsere Hausarbeit!«</p> - -<p>»Immer arbeiten!« brummte Max. »Aber der lange -Schlaf im Winter ist nicht übel. Was hat man doch als -Kind für eine Schererei, sich abends auszuziehen, ins Bett zu<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -legen, dann wieder alle Morgen aufstehen, anziehen, waschen, -kämmen und so fort, bis abends dieselbe Leier wieder beginnt, -und alle Tage so weiter, ein ewiges Einerlei!«</p> - -<p>Dies sagte er aber nur still zu sich selber.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap09">9. Max, der Soldat.</h2> -</div> - -<p>»Du hast immer noch keine richtige Vorstellung«, sagte -Fuska zu Max, »wie es in unserem Hause eigentlich aussieht. -Reinige dich jetzt, ehe ich dich in die Kellerräume -führe.«</p> - -<p>»Ich mich reinigen?« wunderte sich Max.</p> - -<p>»Das versteht sich! Wir haben uns beim Graben tüchtig -bestaubt, und ich will nicht hoffen, daß du dich im Schmutze -wohl fühlst wie eine Kotwanze.«</p> - -<p>Dieses Insekt mit dem häßlichen Namen, auf das Fuska -anspielte und das bei den reinlichen Ameisen nicht gerade -als Kosename gebraucht wird, heißt lateinisch <em class="antiqua">Reduvius</em>, -was Max trotz seiner Studien im Latein nicht wußte. Es -lebt in den Häusern bei den Menschen. Die Larve hüllt -sich in Wollstaub und allerlei Kehricht, wie man ihn in -den Ecken unreinlicher Wohnungen antrifft. Vermummt in -einen Staubmantel, fällt sie nun aus dem Hinterhalt arglose -Mücken an und verspeist sie. Ist aber das Insekt ausgewachsen, -dann gibt es seine ungehörige Hinterlist und -niedrige Verschlagenheit auf und jagt nach Beute im offenen -Kampfe.</p> - -<p>Fuska hatte recht, wenn sie die Lehre anknüpfte: »Reinlichkeit -ist der erste und vornehmste Beweis eines gebildeten -Geschöpfes, das Selbstachtung besitzt. Wir Ameisen halten -sehr viel auf uns!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p> - -<p>»Wie in aller Welt soll ich mich aber reinigen? Wo -ist Wasser, Seife, Handtuch?« Fuska begriff durchaus nicht, -was er meinte.</p> - -<p>»Nur rasch«, sagte sie, »mache dich sauber. Gebrauche -flink deine Beinchen!«</p> - -<p>Max stellte sich ungeschickt genug an. Am Ende seiner -Füße befand sich eine Art Kämmchen mit scharfen Zähnen; -damit konnte er, wenn er die Füße hob und beugte, seine -Fühler bürsten; kreuzte er die Beinchen, so ließen sich Kopf -und Rücken kämmen und die feinen Härchen glätten und -striegeln, die an den Fußspitzen wuchsen.</p> - -<p>»Wenn mir einer gesagt hätte, daß mir der Haarschopf -an den Füßen wüchse!« witzelte er.</p> - -<p>Plötzlich hielt er laut jammernd inne.</p> - -<p>»Au weh, au weh!«</p> - -<p>»Was hast du, Kindchen?«</p> - -<p>»Ich armer Kerl! Ich blute! Blut läuft aus meinen -Haaren!«</p> - -<p>»O du Dummerchen«, lachte Fuska, »du bist beim Kämmen -an eine Drüse geraten.«</p> - -<p>»Drüse?«</p> - -<p>»Aus diesen Drüsen quillt ein Saft, mit dem wir unsere -Staubhärchen befeuchten können.«</p> - -<p>»Wozu tun wir dies?«</p> - -<p>»O zu allerlei! Womit könntest du dich auf einer senkrechten, -glatten Fläche halten, die bestiegen werden soll? -In solchem Falle drückt man geschwind ein wenig Drüsensaft -heraus; dieser klebt gerade so viel, daß er uns beim -Gehen an der glatten Wand den festen Halt gibt.«</p> - -<p>Mit den Beinen hatte Max vorher gegraben, und mit -ihnen hatte er geschickt die Erde fortgeschleudert, die ihm im<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -Wege war. Jetzt rief er begeistert: »Was habe ich doch für kunstvolle -Füße! Krallen sind daran, Staubhaare und Kämmchen. -Fehlt nur noch Zahnbürste, Mundwasser und ein Spiegel, -dann hätte ich die feinste Waschtischeinrichtung beisammen!«</p> - -<p>»Komm, komm!« eilte Fuska.</p> - -<p>Um ihn rannte alles so geschäftig durcheinander, daß er -mit seinen neugierig vorgestreckten Fühlern unsanft an beschäftigte -Ameisen anstieß.</p> - -<p>»Was laufen diese so? Was bedeutet dies Hin und Her?« -fragte er.</p> - -<p>»Larven und Puppen werden herumgetragen. Sie sind -sehr empfindlich gegen Kälte und Hitze.«</p> - -<p>»Sie erkälten sich wohl leicht und bekommen den Schnupfen?«</p> - -<p>»Wir bauen für unsere Kleinen hochgelegene und tiefe -Stuben, wohin wir sie je nach Sonne und Regen tragen.«</p> - -<p>Max dachte mit Rührung daran, daß man auch ihn so -treu herumgetragen hatte, und tiefbewegt sprach er:</p> - -<p>»Wie gerne mag ich die Ameisen leiden, diese guten Tierchen! -Ich finde kaum Worte, um zu sagen, wie dankbar -ich Ihnen, liebe Frau Fuska bin, für alles Liebe, was Sie -mir schon getan haben.«</p> - -<p>»Du liebe Zeit, mache keine Redensarten! Ich habe an -dir nur getan, was einst mir geschah und was du den -nachkommenden Geschlechtern tun wirst. Bei uns Ameisen -werden schon die Kinder angehalten, andern das zu tun, -was wir selbst wünschen, daß es uns geschähe. Man muß -Gutes tun, weil man Gutes empfangen hat, wie man eben -jede Schuld bezahlt, wenn man ehrlich ist.«</p> - -<p>Unsere Beiden waren übrigens wieder innerhalb des wohlverrammelten -Tores angelangt. Im Hausgang schritten -einige Ameisen hin und her.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p> - -<p>»Was tun diese hier, Frau Fuska?«</p> - -<p>»Sie hüten als Schildwachen unser Haus und rufen sofort -im Falle der Gefahr diejenigen an, die bei der Arbeit -sind.«</p> - -<p>»Ich will auch eine Schildwache werden!«</p> - -<p>»Ohne Zweifel kannst du das, denn du scheinst eine kräftige, -gesunde Ameise zu werden und hast alle Eigenschaften -eines guten Soldaten in dir.«</p> - -<p>»Soldat! Soldaten gibt es auch bei den Ameisen? -Juhe! – Hurra!«</p> - -<p>»Im Notfalle kämpfen wir wohl alle, aber in unserer -Familie sind die kräftigsten Arbeiter mit starkem Kopf und -den mächtigen Kieferzangen besonders zum Kriegsdienst geeignet.«</p> - -<p>»Beim ersten Kampfe«, rief Max voll Begeisterung, »schwöre -ich, daß ich es zum General bringen will!« Indem er -dies sagte, hob er sein rechtes Vorderbeinchen zur Stirne -empor und grüßte die Wachen stramm militärisch.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap10">10. Im Kuhstall der Ameisen.</h2> -</div> - -<p>Während sie beide die entlegensten Winkel des Hauses -besuchten, konnte sich Max von der Weitläufigkeit des Baues -überzeugen. Es gab weite Gemächer, die mittels Gängen -und Gräben in Verbindung standen. Alle mündeten sie in -einen großen Saal im Mittelpunkt des Hauses. Wenn die -Tageshitze am größten war, vereinigten sich hier in ihren -Ruhestunden die Bewohner. In den weiten, dunklen, von -Säulen und Pfeilern gestützten Gewölben tastete Max sich -mit seinen feinen Fühlern sicher vorwärts und bewunderte -überall die geistreiche Anlage des schönen Baues.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p> - -<p>Die Ameisen, das sah er klar, sind nicht bloß gute Pfleger, -starke Arbeiter, schlaue, kluge Tunnelgräber, sie sind auch -große Baumeister. Er stand nicht an, dies laut preisend -Fuska als Artigkeit zu sagen.</p> - -<p>»Es wäre eine falsche Bescheidenheit«, erwiderte diese mit -würdigem Stolze, »dein Lob abzulehnen. Aber ich muß -auch gestehen, daß wir Ameisen zwar alle großes Geschick -im Bauen haben, trotzdem besitzen wir aber keine bestimmte -Bauart, wie z. B. die Bienen. Jeder arbeitet bei uns sozusagen -nach eigenem Geschmack und eigener Laune. Auf -diese Weise bekommen wir Häuser von unglaublicher Vielseitigkeit, -die alle etwas Persönliches an sich haben.«</p> - -<p>»Es müßte sehr schwer sein«, bemerkte Max altklug, »eine -Geschichte des Ameisenstiles zu schreiben.«</p> - -<p>»Riesig schwer! Denke, es gibt außer den verschiedensten -Arten unserer unterirdischen Nester auch solche in freier -Luft.«</p> - -<p>»In freier Luft? Schwebend? Wie merkwürdig!«</p> - -<p>»Jawohl! Es gibt Ameisenarten, die bauen ihr Häuschen -auf Pflanzenzweige, sie kleben Blätter zusammen als -Dach; andere wohnen in Eichengallen, in Felsenspalten, -Mauerritzen, sogar im Holz der Bäume.«</p> - -<p>»Also Holzschnitzer, nicht wahr?«</p> - -<p>»Vollendete!«</p> - -<p>»So sind die Ameisen auch Bildhauer«, murmelte Max, -und jetzt dachte er erst mit Verständnis an Namen, die ihm -einst in der Schule recht langweilig schienen. Da war im -Lesebuch von einem berühmten Mann die Rede, der Dante -hieß; dieser war zugleich ein Staatsmann, ein Dichter und -Gelehrter. Ein anderer hieß Michelangelo Buonarroti; -von diesem gab es eine ganze Litanei zu merken: Bildhauer,<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Maler, Baumeister, Ingenieur, Dichter und Soldat sollte -er einst gewesen sein! Und alles mit Note eins! Er hatte -es nie recht glauben können, aber jetzt schien es ihm doch -eher möglich, nachdem er bei den Ameisen auch so vielerlei -Kunst vereinigt sah. Es war nicht ohne Grund, wenn er -auf einen drolligen Einfall geriet:</p> - -<p>»Es kommt mir vor«, dachte er, »als ob ich, seit ich -Ameise bin, ein großer Mann geworden sei.«</p> - -<p>Er fand übrigens, daß dies, was die Ameisen ihr Haus -hießen, viel eher eine kunstvoll befestigte Stadt genannt -werden durfte. Max, der von Fuska bereits gelernt hatte, -Entfernungen abzuschätzen, berechnete die Tiefe und Höhe -des Baues auf mindestens dreihundert Ameisenlängen und -dachte mitleidig an das größte Menschenbauwerk, die berühmten -ägyptischen Pyramiden. Ihr Bild hing in Onkel -Walters Zimmer, und Onkel erzählte von ihnen, daß sie -neunzigmal die Höhe eines Menschen hätten.</p> - -<p>Trotz aufrichtiger Bewunderung und Staunen für die -kleinen Insekten, denen er jetzt selbst angehörte, spürte er -nach und nach eine ihm von jeher wohlbekannte Regung -seines Magens.</p> - -<p>Ohne Umstände sagte er daher:</p> - -<p>»Alles ist wunderschön, alles ist vorhanden, was eine -Ameise sich wünschen kann, aber darf ich fragen, ob nicht -irgendwo etwas Eßbares zu finden ist?«</p> - -<p>»Du kleiner Hungerleider«, lächelte Fuska. »Bisher bist -du von mir gespeist worden, es ist aber jetzt an der Zeit, -daß du allein essen lernst.«</p> - -<p>»O da mache ich sicher die schönsten Fortschritte, ich will -es gerne versprechen!«</p> - -<p>»So komm, du sollst jetzt unsere Ställe kennenlernen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<p>Eine neue Überraschung! Ställe!</p> - -<p>»Ställe? Wirkliche, wahrhaftige Ställe?«</p> - -<p>»Komm nur, wir werden unsere Kühe melken.«</p> - -<p>Ziemlich einfältig blickte Max um sich.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-049.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Kühe? Wo? Melken? Wie?« – Kopfschüttelnd ging -er hinter Fuska her, die ihn in einen schiefen, aufwärts -strebenden Gang führte, der bis zur Erdoberfläche reichte. -Er fühlte die Luft freier und kühler wehen und bemerkte, -daß der Gang oberhalb des Erdbodens weiter senkrecht emporstieg. -Im Hohlraum des Ganges stand aus dem Erdboden -herauswachsend der Stengel einer Pflanze. Es war ersichtlich, -daß der röhrenförmige Bau errichtet war, um diese -Pflanze zu schützen. Sie kletterten in die Höhe und gelangten -schließlich in einen erweiterten Raum. Dieser glich -einer hohlen Kugel. Hier lebten Insekten, die Max nicht -gleich erkannte. Durch ein kleines Fensterchen drang ein<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -Lichtstrahl ein, und Max sah, daß es Tierchen waren, wie -er solche oft herdenweise an den Rosenzweigen in seinem -Garten beobachtet hatte und die Onkel Walter Blattläuse -nannte.</p> - -<p>»Hier hast du zwei Arten von Milchkühen«, lud Fuska -ein, »wähle und laß es dir tüchtig schmecken.«</p> - -<p>Max stand verblüfft vor den Blattläusen und den Gallenläuschen, -die Fuska Kühe genannt hatte.</p> - -<p>»Melken? Ja, wie denn? – wo denn?«</p> - -<p>»Nun hinten!« ermunterte ihn Fuska.</p> - -<p>Max war verblüffter als zuvor. Wahrhaftig, für eine -saubere Ameise, die sogar an den Füßen ihre Kämmchen -mitführte, war dies eine schmutzige Geschichte. Allerdings -hatte seine Mutter einmal in der Küche Brötchen mit einer -gewissen Schnepfensache bestrichen, die dem Namen nach -auch nichts Schönes versprach, die sich aber als Leckerbissen -herausstellte. Ohne länger zimperlich zu zaudern, -ahmte er Fuskas Beispiel nach, fing sich eine fette Kuh aus -der Herde und begann tüchtig zu melken und zu schlucken, -was sich die Blattlaus ohne Widerrede gefallen ließ. Es -war natürlich keine Milch, was ihm da so gut mundete, -sondern der ihm bereits bekannte vorzügliche Sirup. In -mächtigen Zügen trank er sein Bäuchlein so rundlich voll, -daß er zur Verdauung an die frische Luft zu gehen wünschte.</p> - -<p>Durch das Fenster stieg er mit Fuska ins Freie und -kletterte längs der Außenwand zur Erde hinab. Nun lag -das anmutige Bauwerk im Mondlicht vor seinen Blicken, -dessen Äußeres er sich vorher nicht gut vorzustellen vermochte.</p> - -<p>Vom Erdboden aus erhob sich der Röhrenbau in Gestalt -einer wohlgeformten, fast senkrecht stehenden Walze und<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -schloß zu oberst in einer kugeligen Ausbuchtung ab. In diesem -erweiterten Raume lebten die Blattläuse und Gallenläuse. -Eine zierliche Krönung fand das hübsch gebaute Türmchen -durch die langen, grünen Blätter der Pflanze, die aus der -Dachöffnung herauswuchsen.</p> - -<p>»Beim Anblick dieses Bauwerkes steht mir ja der Verstand -still«, meinte Max.</p> - -<p>»Und doch ist es gar nicht schwer, das alles zu begreifen«, -sprach Fuska. – »Die Blattläuse saugen ihre -Nahrung aus der saftigen Rinde der Pflanzen. Wir verzehren -mit Vorliebe den Honigseim, den sie in ihrem Körper -bereiten und nach außen abgeben. Darum holen wir uns -diese Insekten herbei, halten sie als Haustiere und melken sie, -wie du es eben selbst getan hast.«</p> - -<p>»Ja, ja!« unterbrach Max schmunzelnd die Belehrung, -»ich habe heute melken gelernt, und es hat mir geschmeckt -wie noch nie im Leben.«</p> - -<p>»Gewiß! – Allein, damit die Tierchen ihre süße Flüssigkeit -von sich geben können, müssen sie auch zu essen haben. -Darum haben wir ihnen den Stall um eine lebende Pflanze -gebaut; auf dieser finden sie ihre Nahrung. Für gewöhnlich -halten wir unsere Kühe in einem Raume innerhalb des -Hauses. Das erspart viel Arbeit und ist viel bequemer. -Aber wenn wir beim Ausheben unserer unterirdischen Höhlenwohnungen -nicht auf die Wurzeln einer lebenden, saftigen -Pflanze stoßen, dann müssen wir außerhalb des Hauses -solche Bauten aufführen.«</p> - -<p>Wenn die Ameisen, wie es manchmal Menschen zustößt, -sich hinterdenken könnten, dann hätte Max vor Verwunderung -seinen Verstand verloren. – Unglaublich! – Die -Ameisen hatten, geradeso wie die Menschen, ihre melkbaren<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -Kühe, sie bauten für diese Ställe, und diese Ställe waren -in allem der Lebensweise ihrer Bewohner angepaßt. Die -Kühe fanden darin, ohne daß man es ihnen hätte hintragen -müssen, ein gutes Futter und gaben dafür ihre süße Milch. -Was Max bis jetzt vom Ameisenleben gelernt hatte, war -fast zuviel für seinen kleinen Kopf.</p> - -<p>Er mußte immer noch darüber nachdenken, als sie den -Turm wieder hinaufkletterten, durch das Fenster einstiegen -und durch die Röhre in das Ameisenhaus zurückkamen. -Was er gelernt hatte, erregte seine helle Begeisterung: Die -kleinen Ameisen sind Kindergärtnerinnen, Lehrer, Bergmänner, -Soldaten, Maurer, Baumeister, Bildhauer und schließlich -gar noch Viehzüchter.</p> - -<p>Doch als sich Max an Fuskas Belehrungen über die -Natur der Blattläuse erinnerte, kam auch ein banges Gefühl -der Besorgnis über ihn, und er sprach zu sich selber:</p> - -<p>»Gott soll mich davor bewahren! Aber ich habe eine -Ahnung und bringe sie nicht los. – Am Ende hat die -Gesellschaft auch noch einen Lateinprofessor, und ich muß -wieder Grammatik studieren. – <em class="gesperrt">O je, o je!!</em>«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap11">11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht.</h2> -</div> - -<p>Max war wieder in das Innere des Hauses zurückgekommen. -Bald sollte er erfahren, daß Ameisen nicht an -Verdauungsbeschwerden leiden.</p> - -<p>Drunten arbeiteten die Gefährten immer noch glättend, -befestigend und erweiternd an dem neu gegrabenen Gang. -Als drei dieser Fleißigen unsere Ankömmlinge bemerkten, -eilten sie auf diese zu und begannen:</p> - -<p>»Wir haben Hunger, wollt ihr uns zu essen geben?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Du hast für viere gegessen«, wendete sich Fuska zu Max, -»sättige die drei!«</p> - -<p>Ehe Max begriff, was sie wohl meinte, hielt eine Arbeiterin -ihren Mund an den seinen und saugte ihm eine -gehörige Portion vom genossenen Sirup aus dem Leibe.</p> - -<p>Er konnte nur ganz einfältig dabei stillhalten.</p> - -<p>»Aber das sind dumme Witze!« rief er, als sie fertig war.</p> - -<p>Fuska erklärte: »In deinem Kröpfchen hast du einen Teil -deiner genossenen Nahrung aufgespeichert. Das ist dein -Vorratskämmerchen, aus dem du Larven und hungrige -Arbeitsschwestern speisen kannst, wenn diese letzten vor Eifer -keine Zeit finden, selber Nahrung zu suchen.«</p> - -<p>»Ach«, dachte Max, »bei den Menschen ist das nicht so -einfach! Diejenigen Leute, die so viele Zeit, Mühe und -Geld anwenden, sich alle Tage toll und voll zu essen, -würden sich bedanken, wenn hungrige Leute sie um solche -Unterstützung anriefen. Fleißige Ameisen finden also Kameraden, -die ihnen das Essen in den Mund stecken, während -es genug fleißige Menschen gibt, die manchmal weder Arbeit -noch Essen finden, selbst wenn sie mit der Laterne danach -suchten! Alle Ameisen haben, so sehe ich, einen unwiderstehlichen -Trieb zur Arbeit, was man von den meisten -Menschen gewiß nicht behaupten kann!«</p> - -<p>Seine Erlebnisse gaben Max einen großen, schönen Begriff -von dem weisen, hilfsbereiten, brüderlichen Zusammenleben -des Ameisenvolkes, das er als Kind so oberflächlich -beachtet hatte. Als er zum ersten Male das Ameisenhaus -betrat, hatte er sich mit seinem Verstande den kleinen Insekten -hoch überlegen gedünkt. Jetzt aber begriff er, daß die -Menschen ihnen kaum etwas voraushatten. Nicht einmal den -Honig! Der Zuckersaft, den er verspeist hatte, war ja herrlich!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<p>In einem einzigen Tage hatte er eine neue Welt entdeckt, -von der er sich nie hätte träumen lassen.</p> - -<p>Leider gibt es aber neben dem Guten auch Schlimmes -in jeder Welt.</p> - -<p>Das erlebte Max schon am nächsten Morgen, als Fuska -zu ihm sprach:</p> - -<p>»Heute ist schönes Wetter; da wird die Schule im Freien -gehalten. Gehe mit den jungen Ameisen jetzt hinaus.«</p> - -<p>Bei diesen Worten verging Max alle Begeisterung. -Schlechtgelaunt, verstimmt und ohne Lust schlich er hinaus -hinter den andern her. Unter einem großen, schattigen -Kürbisblatt hielt man an. Dort stand schon mit ernsten -Mienen eine alte, würdevolle Ameise auf einem Kieselsteinchen. -Dieses sollte jedenfalls den Tisch des Lehrers -bedeuten.</p> - -<p>Die Ameislein wisperten und flüsterten sich zu, daß dies -die älteste Ameise der Stadt sei, die schon viel von der -Welt gesehen und erlebt habe und unendlich viel wisse.</p> - -<p>»Meine lieben Ameisen«, so begann der Professor, »es -wird euch gut tun, wenn ihr kleinen, vor kurzem geborenen -Leute etwas von der Geschichte und der Lebensweise des -Ameisenvolkes erfahrt.«</p> - -<p>Hier räusperte sich der Professor und fuhr fort:</p> - -<p>»Wir gehören zur vornehmsten Ordnung der Insekten, zu -jener der Hautflügler; diese darf sich rühmen, daß ihr zwei -Insektenfamilien angehören, die durch Klugheit, Fleiß und -geordnetes Zusammenleben vor andern sich auszeichnen: -die Ameisen und die Bienen. Tausenderlei Sippen gibt -es bei uns, über die ganze Welt sind wir verbreitet, von -der kleinen, arbeitsfrohen braunen Ameise angefangen bis -zur riesig großen, räuberischen Eciton, die in kleinen Kolonnen<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -den Wald durchziehen, um Ameisennester zu plündern, -die ihnen besonders gefallen. Von der häuslichen, rührigen -gelben Schwester bis zur frechen südamerikanischen Raubameise, -die des Nachts in die Wohnungen der Menschen -einbricht und ihnen das Brot stiehlt. Wir leben in geordneten -Volksstaaten. Jeder arbeitet, jeder hat dieselben -Pflichten, dieselben Rechte, einer achtet und liebt den andern, -und alle sind Brüder einer Familie.« Max sah die Sache -ins Breite gehen, und weil er meinte, in der Ameisenschule -gälten dieselben Zeichen wie bei den Menschenkindern, hob -er schlau sein rechtes Vorderbeinchen in die Höhe, um eilig -hinausgehen zu dürfen. Allein der Professor schien ihn -nicht zu verstehen.</p> - -<p>Er fuhr, ohne Max zu beachten, in seiner Rede fort:</p> - -<p>»Ich bin eine alte Ameise, und nach vielen und ernsten -Erfahrungen glaube ich, daß in weiten, fernen Tagen unser -Volk einer leuchtenden, sonnigen Zukunft entgegengeht. -Heute sind wir ja noch durch falsche Überlieferungen, irrige -Meinungen und kleinliche Selbstsucht in viele Stämme geschieden -und zu gegenseitigem Kampf und Krieg verdammt. -Wir kennen heute noch nicht einmal die edle Freude der -Gastfreundschaft, und jede fremde Ameise, die unserem Herde -in Zutrauen naht, wird von uns grausam ermordet. Allein -wer weiß es, ob nicht doch der Tag erstehe, an dem alle -Ameisen der Erde ihre Irrtümer einsehen und ihren gegenseitigen -Nutzen richtiger erkennen? Sie werden dann ihre -sinnlose Feindschaft begraben und alle ihre Kräfte vereinigend -das erste Volk der Insekten werden! Dann werden alle -Rassen und Stämme von der <em class="antiqua">Mutilla europaea</em> bis zur -<em class="antiqua">Oecodoma cephalotes</em> –«</p> - -<p>»Au, au, o weh, o weh!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p> - -<p>Die fremden Namen der <em class="antiqua">Mutilla</em> und der noch schlimmere -<em class="antiqua">cephalotes</em> waren Max so auf die Nerven gegangen, daß -er sich vor grimmigem Leibweh nach allen Seiten wand.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap12">12. Butziwackel wird erkannt.</h2> -</div> - -<p>Beängstigt unterbrach der Professor seine Lektion, trat -vom Steinpult zu Max herab und fragte besorgt:</p> - -<p>»Wo fehlt es dir?«</p> - -<p>»Au, au, mir ist so übel! Es tut mir überall weh, hier -oben, dort unten, in den Beinen, am Kopf – au weh! -au weh!«</p> - -<p>Der Professor war ein tüchtiger Kinderarzt und begann -sogleich eine gründliche Untersuchung.</p> - -<p>»Verletzungen finde ich keine«, sagte er dann, »dein -Körper ist tadellos gewachsen. Du hast Kopf, Brust, Hinterleib -und sechs Beine. Hm, hm! Tut dir's hier weh? -dort? da?« und dabei klopfte und horchte er an Brust -und Kopf des Patienten.</p> - -<p>»Jawohl, hier und dort und da tut's weh!« wimmerte Max.</p> - -<p>»Merkwürdig! Dein Muskelsystem ist gut, und du kannst -wie jede andere Ameise ein Gewicht ziehen, das dreißigmal -schwerer ist als du selbst, während der Herr der Schöpfung, -der Mensch, oft nicht so viel heben kann, als er selbst wiegt. -Hier – was fühlst du hier?«</p> - -<p>»O, es tut weh … unten, hinten, vorne – und oben -auch!«</p> - -<p>»Aber dein Blut fließt regelrecht durch die Adern, Magen -und Darm arbeiten, wie sich's gehört, hm, hm! Atme -mal recht tief! Auch die Atmung ist gut. Sind's vielleicht -die Nerven?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>»Ach ja, die Nerven sind's vielleicht, Herr Professor. Ich -spürte einen Stoß in allen Nerven, als ich vorhin die abscheulichen -Fremdwörter hörte.«</p> - -<p>»Untersuchen wir also deine Nerven. – Ich kann auch -hier nichts Krankes finden! Die Nervenstränge sind in bestem -Zustand, in den Nervenzentren liegen keine Störungen vor; -du hast deren mehrere, und jedes arbeitet unabhängig vom -andern. Würde man dich in zwei Stücke schneiden, könntest -du einige Zeit in zwei getrennten Teilen leben. Untersuchen -wir noch das Gehirn!«</p> - -<p>Zerknirscht lispelte Max:</p> - -<p>»Ich habe vielleicht recht wenig?«</p> - -<p>»Nichts dergleichen, genug hast du. Wie bei jeder richtigen -Ameise ist das Gehirn der zweihundertachtzigste Teil -deines Körpers, das heißt, es hat ungefähr dasselbe Größenverhältnis -wie bei den entwickelten Säugetieren. Daher -unsere hohe Geisteskraft«, fügte der Professor belehrend bei.</p> - -<p>Auf einmal wurde der Professor stutzig. Ganz sorgfältig -betrachtete er mit seinen drei einfachen Augen den Hinterleib -des Patienten und sagte:</p> - -<p>»Sapperlott! Da ist doch was nicht in Ordnung!«</p> - -<p>»Was ist's?« wollte Max erschrocken wissen.</p> - -<p>»Dreh dich herum! Ein ganz merkwürdiger Fall! So -etwas habe ich mein Lebtag nicht gesehen!«</p> - -<p>Max fühlte, daß der Professor an etwas zerrte, und fragte -kläglich, was er denn so Seltsames hätte.</p> - -<p>»Wer weiß, ob es nicht ein Gewächs ist«, meinte der -Professor.</p> - -<p>»Ein Gewächs! O Gott, o Gott!«</p> - -<p>»Es ist biegsam, ein Gewebe, das ich nicht erklären -kann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>Alle Ameisen kamen jetzt neugierig näher heran, so daß -Max mitten in einem Kreise stand, und alle riefen:</p> - -<p>»Wie seltsam! Was mag das für ein weißes Zipfelchen -sein?«</p> - -<p>»Zipfelchen!« schrie Max, am ganzen Körper zitternd vor -Aufregung.</p> - -<p>Ein gräßlicher Gedanke durchfuhr blitzgeschwind sein Hirn. -Wild blickte er um sich, stürzte sich auf einen Grashalm, -der sich nebenan über eine Wasserpfütze neigte, kletterte an -ihm empor und ließ sich, mit zwei Beinchen daran festgeklammert, -frei über dem Wasser schweben. So konnte -er sein Hinterteil im Spiegel betrachten. Es blieb kein -Zweifel mehr.</p> - -<p>Klar widerspiegelte das Wasser seinen Körper, und genau -sah er am obern Ende seines Hinterleibes das weiße Fähnchen. -Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er vor Schreck ins -Wasser gefallen.</p> - -<p>Mühsam zappelte er mit den Beinen, schwang sich wieder -auf den Halm und kletterte zum Ufer hinab; er wollte -seinem eigenen Bilde entfliehen.</p> - -<p>Am Ufer erwarteten ihn erregt die andern Ameisen und -sprachen durcheinander:</p> - -<p>»Dieses weiße Ding ist verdächtig!«</p> - -<p>»Diese Ameise gehört nicht zu unserer Familie.«</p> - -<p>»Es ist eine Fremde!«</p> - -<p>»Ein Eindringling!«</p> - -<p>»Bringen wir sie um!«</p> - -<p>»Reißen wir ihr den Kopf ab!«</p> - -<p>Der arme Max aber war von seiner Entdeckung so erschüttert, -daß er gar nicht daran dachte, sich zu wehren, obwohl -er größer und stärker war als seine Gegner. Diese<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -folgten ihrem Instinkt, und trotz der Lehren ihres weisen -Professors umzingelten sie unsern Helden und wollten sich -wie die Wilden mit aufgesperrten Kieferzangen auf ihn -losstürzen.</p> - -<p>»Da habe ich viel Erfolg erzielt mit meinem Unterricht!« -sprach traurig der Professor und überschaute ungehalten den -Tumult.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap13">13. Das weiße Fähnlein.</h2> -</div> - -<p>In dieses Getobe mischte sich mit lautem Angstschrei eine -Stimme:</p> - -<p>»Ruhig! Was fällt euch ein!« Fuska war es. Beschützend -trat sie zwischen Max und seine Feinde. Mit -zitternden Fühlern und drohend aufgesperrten Kieferzangen -stellte sie sich den Angreifern entgegen, die sofort einige -Schritte zurückwichen.</p> - -<p>»Schämt euch!« rief Fuska empört. »Wie könnt ihr euch -unterstehen, euch das Recht über Leben und Tod eines Gefährten -anzumaßen? Ihr, die ihr kaum einen Tag alt und -noch nicht trocken hinter den Ohren seid!«</p> - -<p>»Er gehört nicht zu unserem Stamm!« wagte jemand zu -widersprechen.</p> - -<p>»Er hat ein weißes Zipfelchen hinten!« fügte ein anderer -keck hinzu.</p> - -<p>Immer zorniger entgegnete Fuska:</p> - -<p>»Zipfel hin, Zipfel her! Erfahrene Ameisen haben das -Ei als eines der Unseren erkannt und heimgebracht. Ich -muß mich höchlich wundern, daß ihr, die ihr sozusagen noch -die Eierschalen auf dem Rücken habt, daß ihr euch ein Urteil -über einen solchen Fall anmaßt! Gelbschnäbel seid ihr! -Nasenweise Rangen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p> - -<p>Alte Ameisen kamen in Eile herbeigerannt und halfen -treu zu Fuska, während der Professor, die Vorderbeine auf -dem Rücken verschränkt, das Haupt bekümmert schüttelte.</p> - -<p>»Immer das gleiche«, murmelte er tief verstimmt, »werden -denn die Ameisen niemals ihre törichten Vorurteile ablegen -lernen? – Dieses ewige Mißtrauen ist die alleinige Ursache -ihrer grausamen Unverträglichkeit. Schrecklich! Ich -habe meine kostbare Zeit mit diesen Unverbesserlichen vergeudet!«</p> - -<p>Übrigens, der Wahrheit die Ehre, die kleinen Ameisen -standen beschämt vor Fuska, die jetzt Max bei einem Vorderbeinchen -nahm und ihn den andern vorstellte.</p> - -<p>»Seht ihn an«, sprach sie würdevoll, »und erkennt euer -Unrecht. Sein Rücken ist schwärzlich, Brust und Kopf rötlich. -Sind das nicht die hauptsächlichen Merkmale unserer -Familie? Wer leugnet, daß er eine Rasenameise ist wie -wir alle?«</p> - -<p>Bei diesen Feststellungen schwand in Maxens Feinden -jedes Gefühl der Abneigung. Zum Zeichen ihrer Freundschaft -umringten sie ihn alle, und jeder drängte herzu, ihn -zu umarmen.</p> - -<p>Fuska nahm darauf Max mit sich und redete ihm in -ihrer liebevollen Weise zu:</p> - -<p>»Komm ins Haus, du mußt dich von dem ausgestandenen -Schrecken erholen.« In einem abseits gelegenen Kämmerlein -angelangt, ließ Max seinem Kummer freien Lauf, und -er klagte:</p> - -<p>»O liebe Fuska, ich bin ja gewiß dankbar. Aber wenn -du wüßtest, wie unglücklich ich bin!«</p> - -<p>»Nicht doch, beruhige dich nur, liebes Kind.«</p> - -<p>»Das ist leicht gesagt, sich beruhigen«, klagte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p> - -<p>»Wer befreit mich von dem unseligen weißen Wackelfähnlein!«</p> - -<p>»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte -es längst bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht -es dir ganz nett an.«</p> - -<p>»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich -jetzt deutlich, wie er bei seiner Verwandlung mit letzter -Kraft versucht hatte, das heillose Zipfelchen zu verstecken.</p> - -<p>»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann -kam es zum Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du -größer geworden und das Dingelchen ist mit dir gewachsen, -doch wie gesagt, es fiel mir gar nicht weiter auf.«</p> - -<p>»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in -neuer Bestürzung.</p> - -<p>»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe -dich nur, eine brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst -du sehen, wie geehrt du mit dem weißen Fähnlein sein -wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska das Zimmer. -Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter -anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses -Schamgefühl abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam -ihn Schmerz und Kummer über das herbe Geschick, welches -ihn für immer zum Tragen dieser verhaßten Fahne zwang.</p> - -<p>»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten -Stück meines Hemdes befreien können«, rief er -wütend aus. »Als Kind bin ich von Schwester und Bruder -ausgelacht worden, und nun werde ich auch den Ameisen -zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte -ich wenigstens mit einer Handbewegung das Zipfelchen verstecken, -aber nun? Was tun? Jetzt ist es festgewachsen, -und ich muß es immer, immerfort tragen. Wie oft habe ich<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen, aber Mutter -wollte nicht hören, und …«</p> - -<p>Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise -geworden, plötzlich zum zweiten Male gekommen und beschäftigte -ihn derart, daß er alles andere darüber vergaß.</p> - -<p>»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer. -»Armes Mütterlein, wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen, -und du weinst jetzt um deinen kleinen Max. Doch sei -ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir, daß ich dir beinahe -Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe -Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so -will ich doch immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich -habe dich so lieb und möchte dich so gerne sehen und dir -Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir hätte, das -immer bei mir bliebe!</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-062.png" alt="" /> -</div> - -<p>Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das -mir jetzt festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen. -Um ihr sparen zu helfen, trug ich die alten Höschen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -immer von neuem zerrissen, und so trage ich jetzt zum Andenken -an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie bin ich -froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt -es mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch -wenn man's nicht begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.« -Lachend und weinend zog er jetzt lustig an dem Wackelendchen, -das ihm hinten herunterbaumelte und das dem -kleinen Schelm den Namen Butziwackel verschafft hatte. -Zuletzt erleichterte er sein Herz und weinte Freudentränen -aus allen seinen hundertdreiundzwanzig Augen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap14">14. Ein feindlicher Angriff.</h2> -</div> - -<p>Nach wenigen Tagen war aus Max eine stattliche Ameise -geworden.</p> - -<p>Sein Körper war kräftig entwickelt, seine Lehrzeit erfolgreich -vollendet. Fuska entließ ihn aus ihrer Pflege und -sagte:</p> - -<p>»Du hast von mir nichts mehr nötig!«</p> - -<p>»Sprich nicht so«, erwiderte Max, »deine Liebe habe ich -immer nötig.« – Er wußte jetzt auch, daß man bei den -Ameisen alle Leute mit »Du« anspricht, und deshalb ließ er -das steife »Sie« fallen. Im täglichen, lustigen Ringkampfe -mit seinen Gefährten war Max sehr kräftig geworden und -in den Turnstunden – die Ameisen treiben alle gern körperliche -Übungen – bekam er immer die erste Note. Es ist -daher nicht zu verwundern, wenn die ganze Ameisenfamilie -in ihm einen der tüchtigsten Soldaten sah.</p> - -<p>Wenn es galt, gewagte Unternehmungen zu veranstalten -oder gefürchtete Wachtposten zu stehen, wurde stets Max -dazu gewählt. Max bildete sich etwas darauf ein. Eines<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -Tages fand er ein Hanfkörnlein und machte sich erfinderisch -einen Panzer daraus. Er biß oben und unten sowie an -jeder Seite ein Loch hinein, höhlte es aus und schlüpfte -wie in einen Küraß hinein. Die Vorderbeinchen streckte er -zu den Armlöchern heraus, und im Innern des Panzers -hielt er das mittlere Beinpaar versteckt.</p> - -<p>So sah er, auf den Hinterfüßen stehend, wie ein stolzer -Krieger aus. Eine derartige Uniform hatten die Ameisen -nie gesehen, zuerst staunten sie ihn an; aber bald schenkten -sie der Neuheit keine Beachtung mehr. Gab es doch viel -Wichtigeres zu denken.</p> - -<p>Ernste Besorgnisse regten sie auf und störten das friedliche -Leben des ruhigen, fleißigen Volkes.</p> - -<p>Seit einigen Tagen konnte man in der Nähe öfter fremde -Ameisen bemerken, die sich sehr verdächtig benahmen und -schleunigst die Flucht ergriffen, sobald sie sich beobachtet -wußten. Ihr auffallendes Benehmen konnte nichts Gutes -bedeuten. Und wirklich, eines heißen Mittags, als alle ermüdet -im Mittelraum Kühlung suchten, erscholl plötzlich der -Schreckensruf:</p> - -<p>»Die Roten Ameisen kommen!«</p> - -<p>Es waren die Wachen, die Lärm schlugen. – Auf diesen -Ruf stürzten viele Ameisen, Max an der Spitze, in den -vordersten Gang, während ein unbeschreibliches Gewimmel -im Kinderzimmer losbrach. In höchster Eile schleppten -Hunderte von Pflegeschwestern Eier, Larven und Puppen -in die untersten Räume, um sie der Gefahr zu entreißen. -An der engsten Stelle des Ganges stießen die Kämpfer bereits -auf eine eindringende Schar. Sofort erfaßte Max -den Vorteil der Stellung gegenüber dem angreifenden Feinde. -Dieser suchte denn auch vergeblich, sich den Durchbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -zu erzwingen, denn die Hausgenossen leisteten grimmigen -Widerstand.</p> - -<p>»Einen Augenblick später«, behauptete Fuska, »und die -Feinde wären in unsere ganze Stadt eingedrungen.«</p> - -<p>»Wir stehen wie eine feste Mauer«, schwor Max, indem -er einen der -Hauptangreifer -zurückdrängte, -»hier kommt -keiner durch!«</p> - -<div class="figright"> -<img src="images/illu-065.png" alt="" /> -</div> - -<p>Trotzdem war -er von dem Fortgang -des Kampfes -unbefriedigt. -Festgehalten -konnten in diesem -Engpaß die -Feinde wohl -werden, allein -sie wichen auch -nicht wesentlich -zurück, und da es in dieser Lage unmöglich war, eine -Entscheidungsschlacht zu liefern, drohte die Sache gefährlich -zu werden.</p> - -<p>»Es müssen ihrer viele sein«, meinte düster Fuska; »denn -wenn sie nicht von rückwärts Unterstützung hätten, wären -sie sicher schon geflohen.«</p> - -<p>Max überlegte eine Weile in schweren Gedanken versunken.</p> - -<p>»Fuska«, sagte er dann, »willst du die Verteidigung des -Ganges übernehmen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p> - -<p>»Das ist nicht schwer«, erwiderte sie, »aber so, wie es -jetzt ist, kann der Kampf ein Jahr dauern. Keiner wird -nachgeben!«</p> - -<p>»Das wollen wir sehen!« rief Max. – »Genügen dir -zwanzig Leute, um den Feind hier festzuhalten?«</p> - -<p>»Das ist mehr als genug!«</p> - -<p>»Dann verlaß dich nur auf mich!«</p> - -<p>Max befahl zwanzig Ameisen, bei Fuska auszuhalten, und -ganz leise, ohne daß der Feind etwas merkte, führte er ein -ganzes Regiment rückwärts zu dem Gange, den wir von -dem Einbringen des Regenwurmes kennen.</p> - -<p>Maxens Plan war eines großen Feldherrn würdig. Er -fühlte sich bereits als ein Hindenburg der Ameisen. Am -Ausgang des Ganges ließ er seine Schar, es waren etwa -hundert Soldaten, lauter auserlesene Mannschaften, Halt -machen. Er selbst bestieg einen Hügel, von dem aus man -zum Haustor hinsehen konnte. Fuska hatte recht. Dort -stand in langen Marschkolonnen das feindliche Heer vor den -Toren und drängte den Vordersten nach, die bereits zum -Angriffe eingedrungen waren. Max kam zu seiner Truppe -zurück und befahl:</p> - -<p>»So ruhig wie möglich muß vorgerückt werden! Vorwärts! -Marsch!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap15">15. Max wird General auf dem Schlachtfeld.</h2> -</div> - -<p>Ihr wißt, liebe Kinder, daß es unter den Menschen -Faulenzer gibt. Obwohl sie gesund und kräftig genug sind, -auch Arbeit genug fänden, geben sie den Menschen vor, -krank und elend zu sein, betteln sie an und verdienen -sich ihr Brot mit Lüge und Heuchelei. Andere Faulpelze<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -werden frech und stehlen oder rauben dem arbeitsamen Mitbürger, -was sie zum Leben brauchen. Bisweilen rotten sie -sich zu einer Räuberbande zusammen, holen den fleißigen -Landwirten die Früchte vom Felde und von den Bäumen, -dringen in die Häuser der Leute ein und rauben den Bauern -das Vieh aus dem Stalle, dem Kaufmann das Geld aus -der Kasse. Wenn sich jemand den Räubern widersetzen will, -werden sie frech, mißhandeln die Guten und schlagen sie tot. -So macht die Trägheit aus den Menschen Diebe und Räuber. -Ganz ähnliche Verhältnisse findet man auch bei den Insekten. -Eine schlimme Diebs- und Räuberbande sind die Roten -Ameisen. Wild, roh, zur Arbeit unfähig, haben sie allen -ordentlichen Ameisen den Krieg erklärt, sich zu richtigen -Räuberhorden vereinigt, greifen ruhige Arbeiterfamilien an, -dringen in ihr Haus ein, rauben alles, was sie finden, sogar -das Vieh, die Blatt- und Gallenläuse, und tragen alles -fort in ihre Höhlen. Ganz unerhört aber ist es, daß sie -auch Eier und Larven der Arbeiterameisen wegschleppen. -Wißt ihr warum? Sie lassen diese Arbeiter bei sich zu -Hause ausschlüpfen und halten sie als Sklaven. Diese als -Kinder geraubten Ameisen müssen, wenn sie groß geworden -sind, den Räubern alle häuslichen Geschäfte besorgen, ihnen -dienen und sie sogar waschen und kämmen. Daher sagt -man von den blutroten Raubameisen, sie seien ein gemischtes -Volk. Außer der eigenen Sippe findet man bei ihnen eine -fremde Art als Sklaven. Die Roten selbst sind Krieger. -Als Sklaven suchen sie sich mit Vorliebe die dunklen Rasenameisen, -weil diese sehr geschickt und fleißig sind.</p> - -<p>Ihr könnt euch vorstellen, mit welch wilder Gier sie vor -dem Ameisenstaat standen, in dem Max und Fuska die Verteidigung -leiteten. Sie konnten kaum den Augenblick erwarten,<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -in den Bau einzudringen. Dann wollten sie als Sieger -die Einwohner vernichten und ihre Habe an sich reißen. -Aber urplötzlich ertönte über ihnen das Kriegsgeschrei: -»Schlagt sie tot, die Räuber!« Mit seiner ganzen Schar -brach Max seitlich in die feindlichen Marschreihen ein. Die -Roten, die eine derartige Überrumpelung keineswegs erwartet -hatten, stoben auseinander. Vergeblich versuchten sie sich -wieder zu sammeln. Max mit seinen Getreuen zögerte nicht, -den Feind in zwei Haufen zu trennen; so verhinderte er -sie, geordneten Widerstand zu leisten. Wo immer er erschien, -brachen Schrecken und Verwirrung los bei den Roten. -So vorzüglich gelang der Überfall, daß der Feind an nichts -anderes als an Flucht denken konnte.</p> - -<p>»Verfolgt die verfluchten Räuber! Schont mir keinen!« -so feuerte Max die Seinen an.</p> - -<p>Während das siegreiche Regiment die Flüchtigen verfolgte, -sprang er selbst rasch zu dem Eingang des Hauses und verdeckte -ihn sorgfältig mit einem dürren Blatt, so daß nur -eine winzige Öffnung blieb, durch die mit Mühe eine einzelne -Ameise sich durchzwingen konnte. Denn die Feinde, -die in den Gang eingedrungen waren, befanden sich noch -immer drinnen. Sie hatten noch nicht bemerkt, daß ihr -draußenstehendes Volk bereits eine schwere Niederlage erlitten -hatte, und suchten den Durchbruch zu erkämpfen.</p> - -<p>»Diese Schufte«, so überlegte Max, »haben den Eingang -und einen Teil unseres Hauses kennen gelernt. Es wäre -gefährlich für uns, wenn sie am Leben blieben, denn sie -hätten für ein zweites Mal unsern Festungsplan!« Er setzte -sich mit seinem ganzen Gewicht auf das vorgeschobene Blatt, -belauerte mit gezückten Kieferzangen die kleine Öffnung und -schrie mit mächtiger Stimme hinein:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p> - -<p>»Hier stehe ich, Fuska, jage die Halunken heraus!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-069.png" alt="" /> -</div> - -<p>Im Innern des Ganges entstand sofort eine grenzenlose -Verwirrung. Die Roten, entsetzt, eine feindliche Stimme -von dorther zu vernehmen, wo sie ihre eigenen Leute zur -Rückendeckung glaubten, machten in nie gesehener Eile kehrt -und stürzten dem Ausgange zu, verfolgt von Fuska und -ihren Tapfern. Geschoben und gedrängt, drückten sie sich<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -am Eingang zu einem Knäuel zusammen, bis sie mit Not -und Mühe die winzige Öffnung fanden, die Max für sie -offen gelassen hatte. Einer nach dem andern mußten sie -sich herausdrücken. Das war es gerade, was Max beabsichtigte. -Lauernd stand er schon bereit. Mit offener Zange stürzte -er sich auf jede herauskrabbelnde Rote und zwickte ihr ohne -Umstände blitzschnell den Kopf ab. Bei dem blutigen Handwerk -erfaßte ihn eine berauschte Stimmung. Er kam sich -vor wie ein Rasierer, in dessen Stube die Leute auf Behandlung -warten, und wie jener rief er jedesmal, wenn -ein feindlicher Kopf in den Sand rollte:</p> - -<p>»Fertig! Der nächste Herr!« Elf Feinde waren schon -auf diese Weise erledigt, und eben schickte er sich an, das -Dutzend vollzumachen, da tönte es ihm entgegen:</p> - -<p>»Halt, oho, was fällt dir ein!?«</p> - -<p>Es war Fuska.</p> - -<p>»Ums Himmels willen!« rief Max zum Tode erschrocken, -– grauenhaft! – er mochte es gar nicht ausdenken, welch -schauerliches Unheil er in seinem wilden Eifer beinahe angerichtet -hätte.</p> - -<p>»Ach, verzeihe«, stammelte er entschuldigend, »ich war -so im Zuge, und schau dich hier nur mal um!« Mit -Staunen und Grauen betrachtete sie die Köpfe der Feinde. -Nicht einer war entkommen.</p> - -<p>»Laß mich nur machen«, fuhr Max eifrig fort; dann lief -er suchend umher und sammelte vor dem Eingang elf feste -Tannennadeln. Auf jede spießte er einen abgebissenen Kopf -und pflanzte sie wie Pfähle nebeneinander vor dem Tore auf.</p> - -<p>»Künftighin«, meinte er, »werden sich's die Raubritter -überlegen, uns anzugreifen, wenn sie diesen Gartenzaun vor -unserem Hause betrachten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Sie werden trotzdem wiederkommen«, sagte ernst Fuska, -»die Roten sind unversöhnliche Feinde. Morgen erleben -wir einen neuen Angriff.«</p> - -<p>Aus der Ferne hörte man schon seit einiger Zeit Rufe. -Sie kamen näher und wurden immer lauter. Es war -Maxens siegreiches Heer, das von der Verfolgung zurückkam. -Als diese Tapfern ihren Führer neben den aufgespießten -Feindesköpfen sahen, brachen sie in hellen Siegesjubel -aus, der kein Ende nehmen wollte.</p> - -<p>»Hurra! Hurra! Es lebe der Held mit der weißen Fahne! -Butziwackel lebe hoch! Unser General Butziwackel dreimal -hoch!«</p> - -<p>Wie ein Donner rollte das Freudengeschrei der Sieger -über das Schlachtfeld. Max legte heute zum erstenmal mit -hoher Genugtuung sein rechtes Vorderbeinchen an seine Fahne, -dachte dabei an seine Mutter und murmelte leise und tiefbewegt:</p> - -<p>»Gutes, liebes Mütterlein! Wie glücklich wärest du wohl, -wenn du es wüßtest:</p> - -<p>Heute ist dein Max bei den Ameisen General geworden!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap16">16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel.</h2> -</div> - -<p>Noch jubelte das begeisterte Ameisenheer seinem siegreichen -Feldherrn zu, als sich mitten im Volk die ernste Stimme -des greisen Professors vernehmen ließ. Alles wurde plötzlich -still, er aber sprach gelassen:</p> - -<p>»Eure Tat war gut, da ihr unsere Heimat verteidigt -habt. Der Krieg aber ist an sich ein Verbrechen. Selbst -wenn er aus gerechten Ursachen geführt werden muß, kann -man ihn doch nur als eine traurige, beklagenswerte Notwendigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -bezeichnen. Darum solltet ihr euch jetzt nicht der -ungezügelten Siegerfreude hingeben, sondern vielmehr die -Tatsache betrauern, daß unsere friedliche Arbeit durch den -Gewaltstreich einer Räuberbande unterbrochen wurde. Allein -die Arbeit und nichts anderes bringt einem kultivierten Volke -Ruhm und Ehre.«</p> - -<p>Max wollte gegen die Auffassung des gelehrten Mannes -Einwände vorbringen, dieser aber fuhr unbeirrt weiter:</p> - -<p>»Der Krieg bleibt immer ein Unglück, auch für den Sieger. -Seht nur her; ihr erblickt tot und verwundet viele eurer -Gefährten; den Larven und Puppen sind die Pflegeschwestern -entrissen, viele starke Kieferzangen, die der Arbeit unseres -Staates geweiht waren, sind für immer verloren!«</p> - -<p>Fuska, die Weise, gab dem Professor vollkommen recht. -»Es ist so«, sprach sie. »Wir müssen daran denken, mit -doppeltem Fleiße die Toten zu ersetzen. Jetzt heißt es zunächst, -unser Haus von allem Ungesunden zu reinigen. Die -Leichname unserer Helden und der gefallenen Feinde müssen -fortgeschafft werden.«</p> - -<p>Alsbald nahm dieses vernünftige Volk die Arbeit mit -Kraft und Mut wieder auf. Die Toten wurden weggeschafft, -sofort begann im Hause die alte Friedenstätigkeit.</p> - -<p>Max gelüstete es, den Kriegsschauplatz noch einmal zu -besichtigen. Ganz allein mit seinen hohen Gedanken schlenderte -er durch die Umgebung. Nach dem errungenen Siege spürte -er in sich eine stille Befriedigung. Sein Herz pochte stolz, -wenn er alle Einzelheiten des vergangenen Tages betrachtete. -Schon stieg ihm der Ehrgeiz zu Kopfe.</p> - -<p>Träume von kühnen Schlachten und herrlichen Triumphen -erfüllten seine Seele. An einen Grashalm gelehnt, ließ er -seinen siegestrunkenen Phantasien freien Lauf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>»Mag der Professor predigen, was er will«, dachte -er, »ich fühle mich als Ameise zu großen Dingen berufen. -Der erste Schritt auf dem Wege des Ruhmes ist getan; -ohne Frage bin ich der größte Schlachtenlenker, der -bei einem Ameisenvolke lebte. Morgen werden uns die -Roten, wie Fuska sagt, wieder angreifen. Das soll -für mich ein neuer, glänzender Sieg werden. Und hernach -– was könnte -mich dann noch -hindern, in unserem -Staate regierender -Fürst -und später König -aller Ameisen zu -werden!«</p> - -<div class="figright"> -<img src="images/illu-073.png" alt="" /> -</div> - -<p>In diesem Augenblicke -vernahm -er in der Nähe ein -sonderbares Geräusch, -das hörte -sich an, als ob -ihn jemand ob -seiner ehrgeizigen -Träume auslachen wollte. Aber schon war er eingehüllt -in eine Nebelwolke, die einen unerträglichen Gestank verbreitete. -Max sprang entsetzt zur Seite und gewahrte -ein unbekanntes Insekt. Sein Rücken war schwarz, Hals -und Beine ziegelrot. Rücksichtslos kehrte es ihm das -Hinterteil entgegen.</p> - -<p>»Wer hat dich solche Unanständigkeit gelehrt?« rief Max -wütend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p> - -<p>Statt jeder Antwort schickte ihm das Insekt mit demselben -Geräusch eine zweite Ladung entgegen. Eine übelriechende -Gaswolke hüllte Max ein, so daß er nahe daran -war, zu ersticken.</p> - -<p>Der Zorn stieg ihm aber jetzt so hoch, daß er die Kraft -fand, sich auf diesen schlechterzogenen Frechling loszustürzen. -Er sprang ihm auf den Rücken und packte ihn mit den -Vorderbeinen fest beim Schopfe. Schon ging er daran, ihn -mit seinen starken Kieferzangen zu köpfen, wie er es vor -kurzem mit seinen Feinden gemacht hatte.</p> - -<p>»Um Gottes willen«, winselte das Tier, »töte mich nicht!«</p> - -<p>»Tut mir leid, ich kann nicht anders. Was glaubst du -eigentlich? Einem General so etwas anzutun!«</p> - -<p>»Ach, ich glaubte, du wolltest mich angreifen, und ich -suchte nur mich zu verteidigen.«</p> - -<p>»Papperlapapp! Das nennst du verteidigen? Machen -es vielleicht alle so aus deiner Verwandtschaft?«</p> - -<p>»Ja, so machen wir es alle.«</p> - -<p>»Dann seid ihr alle abscheuliche Leute. Wie heißt ihr -euch?«</p> - -<p>»Wir sind Bombardiere.«</p> - -<p>»Na, ausgezeichnet. Aber diese Art von Schießerei mißfällt -mir gründlich.«</p> - -<p>Und geschwind öffnete er die Zangen, um diesem Herrn -Bombardier den Kopf abzuzwicken. Aber zu guter Letzt kam -ihm ein besserer Gedanke. Er beugte sich zu dem Insekt -herab und schrie es ordentlich an:</p> - -<p>»Sage mal, Bombardier, wenn ich dir das Leben schenke, -willst du dann versprechen, mich nie mehr zu beschießen?«</p> - -<p>»Darauf gebe ich dir das Wort eines ehrlichen Käfers.«</p> - -<p>»So bist du also ein Käfer?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<p>»Freilich, siehst du es nicht? Schau mal her!«</p> - -<p>Der Bombardier spannte die Flügel aus und machte -Max aufmerksam auf die besondern Merkmale seiner Gattung. -Er besaß zwei außerordentlich feine Hautflügel zum -Fliegen; diese lagen unter einem andern Flügelpaar von -kräftiger Hornmasse wohl beschützt, wenn er sie nicht zum -Fliegen brauchte.</p> - -<p>»Diese Anordnung der Flügel«, erklärte der Bombardier, -»findest du fast bei allen Käfern. Ich selber heiße <em class="antiqua">Brachinus -crepitans</em>, aber die wenigsten Leute nennen mich bei meinem -ehrlichen Namen, und sie schelten mich schlechthin Bombardier. -Ich gehöre zur Familie der Laufkäfer. Wir haben unter -unsern Brüdern die schönsten Deckflügel und glänzen schillernd -in allen Farben.«</p> - -<p>»Ihr könnt so schön sein, als ihr wollt«, bemerkte Max, -»aber Erziehung habt ihr keine!!«</p> - -<p>»Du spielst wohl auf den Dampf mit scharfem Geruch -an, den wir aus unserem Hinterleib ausstoßen können?«</p> - -<p>»Ein schöner Dampf!« rief Max, »schön scharf, ich danke!«</p> - -<p>»Je nun, das ist meine Waffe! Sie schützt mich vor -Angriffen und hilft mir, kleine Insekten zu erjagen.«</p> - -<p>»Elender! Du wolltest mich also verspeisen?«</p> - -<p>»Ich will es nicht leugnen. Aber du bist meiner Waffe -nicht unterlegen. Das ist mir noch nie vorgekommen.«</p> - -<p>»Gott sei gedankt! So höre, was ich dir sage: Kannst -du mir ein Dutzend Bombardiere, wie du einer bist, verschaffen?«</p> - -<p>»Ich kann es. Fünf wohnen mit mir unter einem Stein, -andere haben ihre Wohnung in meiner Nachbarschaft.«</p> - -<p>»Sehr gut. Wie gefiele es euch, wenn ich euch hundert -und mehr Ameisen zu einem Mittagessen besorgte?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p> - -<p>»Ei, potztausend!«</p> - -<p>»So höre. Morgen in aller Frühe findest du dich mit -deinen Leuten unter jenem Kürbisblatt ein. Du siehst dort -das große Blatt?«</p> - -<p>»Zweifle nicht, wir sind zur Stelle.«</p> - -<p>»Dann werde ich morgen die nötigen Anweisungen geben. -Lebe wohl, Freund! Bringe alle deine Leute und hebt -mir eure Kanonenschüsse gut auf, wir werden die ganze -Munition nötig haben.«</p> - -<p>Nach dieser Verabredung entfernte sich Max, in Gedanken -und Plänen versunken. Die Vorderbeine auf dem Rücken -verschränkt, murmelte er befriedigt von seinem Erlebnis in -sich hinein: »Die Weltgeschichte wird einst zu schreiben haben -von den Taten des Generals Max Butziwackel. Wenn mich -jetzt der große Napoleon sähe, wie klein müßte er sich vorkommen -vor mir!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap17">17. Kaiser Butziwackel I.</h2> -</div> - -<p>Am folgenden Tag beim Morgengrauen versammelte Max -alle erwachsenen Ameisen im großen Saale, und mit dem -schnarrenden Befehlston eines Offiziers, der das Kommandieren -längst gewöhnt ist, sagte er ohne Umschweife:</p> - -<p>»Ich teile euch mit, daß ich heute morgen einen Angriff -auf die Roten Ameisen beabsichtige und ihnen eine Feldschlacht -liefern will.«</p> - -<p>Der Professor schüttelte höchst mißbilligend den Kopf und -sprach ernst:</p> - -<p>»Auf solche Weise verlassen wir das gute Recht und -stellen uns auf die Seite des Unrechts. Gestern handelten -wir in gerechter Notwehr, heute dagegen wollen wir bösartige -Angreifer werden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>Eifrig hielt Max eine Gegenrede:</p> - -<p>»Wir müssen entschieden dem Handel ein kurzes Ende -machen, sonst kann aus dem glorreichen Siege, den ich euch -gestern erstritten habe, keine Gewähr für eine sichere Zukunft -erstehen.«</p> - -<p>»O weh!« warnte der gute, weise Lehrer.</p> - -<p>»Du beginnst bereits, uns deine geleisteten Dienste vorzuzählen -und zu prahlen, weil du deine Pflicht erfülltest!«</p> - -<p>»Ach was, Pflicht«, versetzte Max unwirsch, »hätte ich -nicht meinen Mann gestellt, weiß Gott, wie es heute um euch -stünde! Kurzum, meine Anordnungen sind gegeben, ich werde -mich in kurzer Frist mit meinem Heer in Bewegung setzen.«</p> - -<p>Nun sprang der Professor aber zornbebend auf.</p> - -<p>»Dein Heer? Dein Heer! Wer gibt dir, Unsinniger, ein -Recht, über Leib und Leben deiner Kameraden wie über -dein Eigentum zu verfügen? Hast du denn ganz vergessen, -daß in unserem Staate alle gleich sind und jeder dieselben -Rechte und Pflichten hat?«</p> - -<p>»Wenn alle gleich sind«, antwortete Max hochmütig, -»warum hat dann nicht ein anderer getan, was ich tat?«</p> - -<p>Ohne weitere Einwände anzuhören, ohne selbst auf Fuskas -entschiedenen Rat zu achten, verließ er den Saal und rief -mit erhobenem rechten Vorderbein:</p> - -<p>»Ob es euch zusagt oder nicht, – die Soldaten, die mich -gestern kämpfen sahen, haben Vertrauen zu mir und werden -mir folgen!«</p> - -<p>Und unglaublich! Der größte Teil der Ameisen, berauscht -vom Siege und der Aufregung des vorigen Tages, folgte -mit Begeisterung Maxens Anordnungen.</p> - -<p>Schnurstracks marschierte er mit seiner Streiterschar zum -Tore hinaus und dachte: »Kein Zweifel, das Heer ist mir<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -zugetan. Ich kann sicher auf dessen Treue zählen, und nach -der siegreichen Rückkehr ist ein Staatsstreich unausbleiblich.«</p> - -<p>An nicht allzu ferner Stelle kommandierte er »Halt!« -Seine Soldaten stellte er in Reihen auf und verteilte Ämter -und Würden. Dies wollte er tun, um ihren Ehrgeiz zu -spornen, dann aber auch, um die einzelnen an sich zu fesseln, -schließlich aber auch, um folgende Rede halten zu können:</p> - -<p>»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ihr habt -bereits Beweise eures Mutes gegeben, ich werde mit eurer -Hilfe auch heute den Feind vernichten.«</p> - -<p>»Hoch der General mit der weißen Fahne, hoch, hoch, -hoch!« so schrien sie alle im Chor, und Max fuhr fort:</p> - -<p>»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Heute kann -ich euch die besten Hoffnungen machen. Durch eine Überraschung -wird uns der Sieg über die Feinde sicher sein. -Bleibt hier in Bereitschaft und erwartet mich! Sobald ich -zurückkomme, werden wir gegen den Feind anmarschieren!«</p> - -<p>Nach dieser Rede übertrug er das Kommando an Dickkopf -und Großzang, zwei verdiente Krieger, die er zu seinen -Adjutanten erhoben hatte und in die er volles Vertrauen -setzte. Dickkopf gehörte zwar nicht zu den Gescheitesten, -besaß aber eine außerordentliche Kraft und Ausdauer. Großzang -war mit zwei schrecklichen Kieferzangen bewaffnet. Er -hatte nur einen Fehler, und zwar den, daß er nie satt werden -konnte. Tag und Nacht quälte ihn der Appetit. Diese -beiden tapferen Streiter hatten ihrem Führer Max schon -derartige Beweise ihrer Ergebenheit geliefert, daß er sich -unbedingt auf sie verlassen konnte.</p> - -<p>Max begab sich zu dem bekannten Kürbisblatt, in dessen -kühlem Schatten der gute Professor seinerzeit so warm für -den Ameisenvölkerfrieden eingetreten war. Hier gerade traf<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -General Butziwackel mit dem Käfer zusammen, mit dem er -tags zuvor ein Bündnis für den Krieg geschlossen hatte.</p> - -<p>»Gut, daß du da bist!« sagte er ihm. »Wo sind die -andern Bombardiere?«</p> - -<p>»Hier sind sie«, sprach der Käfer.</p> - -<p>Max sah unter einem Blatt die Kameraden seines Verbündeten -versammelt, überzählte sie und rief erfreut:</p> - -<p>»Ihr seid ein volles Dutzend! Gut! Die andern stehen -alle selbstverständlich unter deinem Kommando, nicht wahr?«</p> - -<p>»Jawohl!«</p> - -<p>»So passe jetzt mal gut auf! Ich bin der General, -vorderhand wenigstens, später hoffe ich es noch weiter zu -bringen; ich bin der General der Ameisen und Höchstkommandierender. -Mein Heer ist ganz in der Nähe bereitgestellt, -und ich werde es an den Feind heranführen! Sobald -wir mit ihm in Fühlung geraten sind, üben wir einen -Druck auf ihn aus, nach dieser Seite hin, verstanden? Sobald -er in euern Feuerbereich kommt, kommandierst du sofort -›Feuer!‹ und bum! bum! bum! schießt ihr alles ohne Gnade -und Erbarmen über den Haufen!«</p> - -<p>»Verlaß dich auf uns!« sprach der Herr Oberbombardier, -– »sie sollen schwimmen in ihrem Blute!«</p> - -<p>»Nun, guten Morgen und guten Appetit zur rechten -Stunde!« rief Max und eilte zu seinem Heer zurück.</p> - -<p>»Nichts Neues?« fragte er Großzang und Dickkopf.</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr General«, meldete Großzang, »in kurzer -Entfernung von uns machte sich ein Fähnlein Roter bemerkbar, -das gegen uns anzurücken schien. Als sie uns -sahen, sind sie fluchtartig entwischt.«</p> - -<p>»Vorwärts also! Wir spüren sie auf, umzingeln sie und -drängen den Feind dorthin zu jenem Kürbisblatt.« – Er<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -zeigte mit wichtiger Miene die genaue Stelle. – »Dort -steht meine Artillerie. Bataillon! Vorwärts, marsch!«</p> - -<p>Das Heer ging vor. Neben Max marschierte als Führer -eine Ameise, die von der gestrigen Verfolgung her die Straßen -genau kannte. Von dieser kundigen Ameise geführt, gelang -es in kürzester Zeit, das Feindesheer zu entdecken, das bereits -den Kampf zu erwarten schien.</p> - -<p>Mittels eines schlauen Manövers umging Max den Feind -derart, daß er ihn im Rücken fassen und leicht nach der gewünschten -Richtung drängen konnte. Der Gegner schien keine -Ahnung von den Plänen des Feindes zu haben.</p> - -<p>»Welch einfältige Kerle!« murmelte Max. »Sie haben -keinen Begriff von Kriegskunst.«</p> - -<p>Im geeigneten Augenblick ging er zum Angriff über. Die -Roten versuchten keinen Widerstand, da sie höchstens zu -fünfzig waren.</p> - -<p>»Drängt sie vorwärts!« rief Max seinen Soldaten zu.</p> - -<p>Doch es war unnötig. Als ob die Roten gar nichts -Besseres wünschten, so ließen sie sich zum Kürbisblatt hintreiben. -Nur hie und da schaute, in voller Flucht, <span id="corr080">einer sich</span> -um, ob man ihnen auch wirklich noch auf den Fersen sei.</p> - -<p>Im selben Augenblick, als sie an dem Kürbisblatt ankamen, -hörte man das laute Kommando:</p> - -<p>»Feuer!«</p> - -<p>Ein donnernder Schuß mit einer wohlgezielten Ladung -folgte dem Kommando. Die Roten waren plötzlich in eine -Rauchwolke gehüllt, deren ekler und scharfer Geruch ihnen -den Atem raubte. Nochmal wiederholte sich das Kommando, -und nochmal, dichter und heftiger, verbreitete sich der Dampf. -Max hielt sein Heer an, zeigte seinen Leuten die dichten -Gaswolken und rief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>»Dort stehen meine Bombardiere, die den Feind mit -Kanonendonner empfangen!«</p> - -<p>Jetzt begriffen alle, welch frohe Überraschung ihnen Max -zum glücklichen Ausgang des Kampfes bereitet hatte; in -unbändiger Begeisterung toste es durch das Heer:</p> - -<p>»Hurra! Hurra! Hurra!«</p> - -<p>Indessen drang aber der üble Dampf der Geschosse bis zu -den eigenen Reihen. Max ließ darum eine Schwenkung nach -links machen, und während die erstickten Roten im letzten -Todeskampf zuckten, führte er seine Leute hinter einen Steindamm -in Sicherheit, stellte sie in Reih und Glied auf und -hielt folgende Ansprache:</p> - -<p>»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ehe wir zu -dieser Schlacht ausrückten, wollten sich einige alte Ameisen -mit allen möglichen Behauptungen meinen Plänen widersetzen. -– Und nun seht! Ein schöner, großer Erfolg krönt -mein Werk. Dank den mächtigen Verbündeten, welche ich -für unsere Sache zu erwerben wußte, ist unser Haus gerettet -vor seinem unerbittlichen Erbfeinde!«</p> - -<p>»Jawohl, jawohl!« riefen die Soldaten.</p> - -<p>»Längst schon habe ich beobachtet«, fuhr Max mit sorgenschwerer -Miene fort, »daß die Regierung unseres Staates -eine recht mangelhafte und einseitige ist! Viel zu wenig -persönliche Freiheit gewährt sie, viel zu wenig Fortschritt -ist von ihr zu erhoffen. Fortschritt und Freiheit aber sind -die zwei notwendigsten Dinge für eine moderne Ameise. -Wenn die Gleichberechtigung aller Ameisen weiter besteht, -dann werden wir auch ferner mit Altweibergeschwätz, mit veralteten -Anschauungen und mit Kinderängsten zu kämpfen haben.</p> - -<p>Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ich schlage -daher vor, daß ihr aus euren eigenen Reihen eine Ameise von<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -Geist und Mut erwählt, eine Ameise, zu der ihr volles Vertrauen -habt; daß ihr diese Ameise zu eurem Oberhaupte ernennt, -zu eurem König oder, wenn ihr wollt, zu eurem Kaiser!«</p> - -<p>»Jawohl, jawohl!« riefen alle zusammen.</p> - -<p>»Kurz, es müßte eine Ameise sein von hervorragenden -Gaben des Geistes und des Herzens wie zum Beispiel ich; -eine Ameise, welche die Kriegskunst kennt, wie ich sie kenne; -eine Ameise, die gegebenenfalls eine Schlacht zu gewinnen -verstünde wie ich! Eine Ameise braucht ihr, die euch zum -Ruhm zu führen weiß, wie ich es tat! Doch ich selbst -mische mich nicht in eure Wahl. Ihr seid frei, zu wählen, -wen ihr wollt und wer euch gefällt.«</p> - -<p>Nach diesen Worten zog sich Max mit unglaublicher Bescheidenheit -und edlem Anstand zurück.</p> - -<p>Aber das Heer brach einstimmig in den Ruf aus:</p> - -<p>»Max wollen wir wählen! Unsern Butziwackel mit dem -weißen Fähnlein.«</p> - -<p>Das ließ sich unser Held nicht zweimal sagen.</p> - -<p>Würdevoll trat er vor seine Soldaten, grüßte, alle Reihen -abschreitend, vornehm seine Truppen und erklärte feierlich:</p> - -<p>»So nenne ich mich denn:</p> - -<p class="center">›Butziwackel I.,<br /> -Kaiser aller Ameisen.‹« -</p> - -<p>Und alles Volk rief:</p> - -<p>»Hoch Kaiser Butziwackel I., hoch, hoch, hoch!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap18">18. Der Überfall.</h2> -</div> - -<p>So war also Maxens Traum verwirklicht.</p> - -<p>Seinen Ehrgeiz wußte er vor sich selbst glänzend zu rechtfertigen, -und er sprach still vor sich hin:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p> - -<p>»Obwohl ich im Grunde nie große Lust zum Lernen -hatte, bin ich doch stets ein gescheites Kind gewesen. Da -ich Ameise geworden bin, finde ich es nur natürlich, daß -ich es bei diesen kleinen Ameisen so bald schon zum Kaiser -brachte.«</p> - -<p>Wenn aber einer ein ehrgeiziger Streber ist, so trifft ihn -todsicher die gerechte Strafe dafür. Der Ehrgeiz läßt sich -nämlich niemals befriedigen. Sobald der Streber ein Ziel -erreicht hat, steckt er sich gleich ein anderes, noch höheres. -So kam auch unser Max nicht mehr zur Ruhe. Der Traum -einer neuen, größeren Stellung lockte ihn; hinter dieser winkte -eine noch größere Würde, und so immer weiter. Niemals -würde er sagen können: »Jetzt ist mir's wohl! Ich bin froh -und habe ein zufriedenes Gemüt.«</p> - -<p>»Kaiser der Ameisen«, dachte Max eben bei sich, »das -ist durchaus nicht mehr als ein Titel, der mir gebührt. Ich -muß noch viel mehr werden! Die Ameisen sind nur ein -Teil der großen Ordnung der Hautflügler. Wie wäre es, -wenn ich das Oberhaupt der ganzen Ordnung würde? Und -dann, nachdem ich schon ein Bündnis mit den Bombardieren -geschlossen habe, könnte ich ja meine Macht über die Ordnung -der Käfer auch ausdehnen. Und wer könnte in weiterer -Folge etwas dagegen haben, wenn ich Kaiser über sämtliche -Insekten der Welt würde? Ist vielleicht der Mensch nicht -der Beherrscher der Tiere? Wenn schon also ein Menschenkind -sich in ein Insekt verwandelt, so muß es zum mindesten -danach streben, Kaiser aller Insekten zu werden!«</p> - -<p>Vorderhand freilich mußte er sich begnügen, auf der immerhin -sehr erhabenen Sprosse in der Leiter seines Ruhmes -zu stehen; der Ehrgeiz aber riß seine Gedanken und ausschweifenden -Wünsche zur schwindelnden Höhe aller Ehren<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -und Würden empor. Im Tone gnädiger Herablassung sprach -er zu seinen Leuten:</p> - -<p>»Gut, gut! Ich will den Titel eures Kaisers annehmen; -doch wird es der Form halber gut sein, in mein Reich mit -euch zurückzukehren, um dort in aller Feierlichkeit von meinem -erhabenen Amte Besitz zu nehmen.«</p> - -<p>Ganz leise fügte er für sich hinzu: »Was für ein Gesicht -wird wohl der einfältige Professor mit seinem unnötigen -Latein dazu machen? Der wird sich hübsch ärgern!« Mit -kühnem Blick überflog er noch einmal das Schlachtfeld. -Dort vergnügten sich die Bombardiere daran, die Roten -Ameisen, welche im Gasdampf erstickt waren, laut schmatzend -aufzufressen. Max aber verlor für solchen ekelhaften Anblick -keine Zeit; er stellte sich an die Spitze seines Heeres und -führte es zum Ameisenhaus zurück. Vor dem Eingang blieb -er wie angewurzelt stehen. Ein kalter Schrecken überfiel ihn.</p> - -<p>»Was ist hier los!« rief er bestürzt.</p> - -<p>Es mußte etwas Schlimmes geschehen sein. Schon das -Äußere machte einen unordentlichen Eindruck. Der ringsum -aufgeführte Schutzdamm war teilweise zerstört, der Gang -ins Innere da und dort schwer beschädigt. Max stürmte -voll böser Ahnungen mit seinem Generalstab ins Innere. -Im großen Saal befand er sich zu seinem maßlosen Staunen -von einer Menge Ameisen umringt, die er im ersten Schrecken -gar nicht erkannte. Deutlich vernahm er sofort eine scharfe -Stimme:</p> - -<p>»Auf, ihr Leute! Sorgt, daß dies Heer nicht mehr hereinkommt!«</p> - -<p>Diese Worte und verschiedene andere gefährliche Zeichen -entschleierten plötzlich dem armen Max die entsetzliche Lage, -in welcher er sich mit den Gefährten befand. Sein Reich,<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -sein eigenes Reich war bereits von den Roten Ameisen besetzt! -Er konnte weder das Wie noch das Woher verstehen, -aber der Fall war so klar, daß kein Zweifel blieb. Während -er in seiner Aufregung vergeblich nach einer Erklärung -suchte, spürte er zwei fremde Fühler, die ihn zudringlich -betasteten. Auf einmal schrie's mit höhnender Stimme:</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-085.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Aha, da haben wir ihn, den General mit dem Hanfküraß. -Das ist der Held, der die großen Feldschlachten -liefert!«</p> - -<p>Voll Zorn schrie Max: »Das geht mir denn doch zu -weit. Was soll das heißen?«</p> - -<p>»Gleich erkläre ich es dir, hochberühmter Schlachtenlenker! -Du dachtest uns daranzukriegen, und inzwischen haben wir -dir ein Schnippchen geschlagen. Nach unserer gestrigen -Niederlage hätten wir kaum mehr einen Angriff gewagt. -Aber du bist mit deinem Heere ausgerückt, um die große -Schlacht zu schlagen. Du wolltest uns angreifen. Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -waren durch unsere Spione über deine Absichten wohlunterrichtet -und haben dir inzwischen hier im Hause einen schönen -Empfang bereitet!«</p> - -<p>Richtig. Max erinnerte sich, daß Adjutant Großzang -ihm ein Fähnlein Roter Ameisen gemeldet hatte, die in der -Nähe umhergeschlichen waren.</p> - -<p>»Nachdem wir«, fuhr der andere fort, »unsere Erkundigungen -durch Spione eingezogen hatten, schickten wir dir -fünfzig Leute entgegen mit dem Befehl, dich um jeden Preis -aufzuhalten und irgendwie zu beschäftigen. Das geschah. -Während du die Fünfzig verfolgen ließest, sind wir mit ganzer -Heeresmacht hierher marschiert, haben dein Reich, das du -ohne Verteidigung zurückließest, überfallen, und jetzt …, -nun, du wirst ja hören und sehen, was weiter geschieht.«</p> - -<p>Der Sprecher befahl nun in völlig verändertem Tone:</p> - -<p>»Bewacht diesen Gefangenen! Ich werde ihm zeigen, -was wir Roten aus seiner Kriegskunst gelernt haben!«</p> - -<p>Max stand wehrlos der Übermacht gegenüber. Den Sinn -der letzten Worte verstand er bald nur zu gut. Aus den -Bewegungen rings umher und aus den Kommandorufen, -die er hörte, konnte er schließen, daß die Roten dasselbe -Spiel wiederholten, das er selbst gegen sie gestern angewendet -hatte. Während eine Abteilung Roter den Eingang verteidigte, -marschierte eine andere durch den berühmten Regenwurmtunnel, -um von hinten her in Maxens Regiment einzufallen -und es zu vernichten. Einen Augenblick hoffte er, -daß seine wackeren Soldaten dem Angriff widerstehen würden, -und er verharrte in atemloser, gespannter Angst um die -Seinen. Die Minuten schienen zur Ewigkeit zu werden. -Da hörte er die Stimme von vorhin von der Höhe des -Haupteinganges herunterschreien:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<p>»Sieg, Sieg!«</p> - -<p>Nun blieb dem armen Max keine Hoffnung mehr. Sein -gutes Heer war geschlagen, alles war verloren. Geknickt -beugte er sein Haupt, und so leise, daß niemand es verstehen -konnte, flüsterte er:</p> - -<p>»Jetzt ist's vorbei mit Kaiser Butziwackel I.!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap19">19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den -seinen zu hoch getragen.</h2> -</div> - -<p>Die Roten hielten jetzt Kriegsrat. Jene Ameise, die, -wie es Max schien, Generalsrang bei den Roten besaß, ließ -sich neuerdings hören:</p> - -<p>»Wir haben den Krieg gewonnen«, so sagte sie, »der -Feind ist niedergerungen, und wir haben von seinem Reich -Besitz genommen. Es ist unnötig, seine Eier, Larven und -Puppen in unsern Bezirk zu bringen. Wir sind hier die -Herren und werden unsere Macht in diesem Reich ausüben -durch eine Besatzungstruppe, die hier bleibt. Im Kampfe -hat jeder von euch auf seinem Posten seine Pflicht getan. -Darum gelten die Rechte des Sieges für alle in gleicher -Weise. Die Ameisen, die sich hier aus Eiern, Larven und -Puppen entwickeln und der Rasse des besiegten Volkes angehören, -sollen Sklaven unseres Reiches sein, zum Nutzen -aller ohne Ausnahme.«</p> - -<p>Während die Roten den Worten ihres Generals lauten -Beifall zollten, konnte Max nicht umhin, sein eigenes Vorgehen -mit dem des Räuberhauptmanns zu vergleichen. Zum -ersten Male bedrückte ihn zentnerschwer die ungeheure Last -seiner Verantwortung. Entgegen den Ratschlägen seiner vielerfahrenen -Kameraden, der eigenen Ehrsucht zuliebe, hatte er<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -den Feind herausgefordert. Vom blutigen Kriege hatte er -den Vorteil gezogen, Kaiser zu werden. Er war allein die -Ursache des Zusammenbruches, er allein hatte das namenlose -Unglück über dieses gute, bescheidene und fleißige Volk -gebracht, welches nichts anderes begehrte, als in Frieden -zu arbeiten und zu leben. Rauh wurde er aus seinen herzbeklemmenden -Betrachtungen aufgeschreckt durch des siegreichen -Generals Stimme: »Kriegsgefangene vor das Haus! Hinrichtungen -werden im Freien vollzogen! Dies erspart uns -die Mühe, die Leichen der Verurteilten wegzubringen.«</p> - -<p>Könnten einer Ameise die Haare zu Berge stehen und -könnte schwarze Haut erblassen, Max wäre kreideweiß geworden, -und er hätte am ganzen Körper eine Gänsehaut -bekommen – wäre er noch ein Kind gewesen.</p> - -<p>Zwei Soldaten führten ihn hinaus, und hier konnte er -den feindlichen General beim Tageslicht betrachten.</p> - -<p>Es war eine Ameise mit kräftigem Körperbau und wohlgeformten -Gliedern. Auf seinem Gesichte lag ein so wildverwegener -Ausdruck, daß eine ehrliche Ameise zu Tode erschrocken -wäre, <span id="corr088">wäre sie ihm</span> im Mondschein begegnet.</p> - -<p>»Wie schade«, sagte Max, dem beim Tageslicht der -Mut wieder wuchs, »hätten wir Schutzleute und Gendarmen, -dies wäre der erste Galgenvogel, den ich einsperren -ließe!«</p> - -<p>Der Rote General verstand ihn nicht. Er wandte sich -an seine Schergen und befahl:</p> - -<p>»Beginnt die Hinrichtungen mit dem Ältesten.«</p> - -<p>Max wandte sich um und sah den Professor, der in Sinnen -vertieft zwischen seinen Wächtern stand. Als dieser den -Befehl des Roten vernahm, erhob er seinen geistvollen Kopf -mit Ernst und Würde und sprach:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p> - -<p>»Ehe ich sterbe, wende ich mich noch einmal an alle -Ameisen der Welt, von welchem Stamme sie auch sein mögen. -Alle frage ich, wielange noch soll die unvernünftige Feindschaft -herrschen zwischen Völkern, die die Natur zu Brüdern -schuf? Gibt es nicht genug gemeinsame Feinde zu bekämpfen -unter Insekten der fremden Ordnungen und vor -allem unter den Vögeln? – Durch den inneren Aufbau -unserer Staaten ragt ihr über alle andern Insekten hervor. -Ihr seid ihnen an Geist überlegen, eure Arbeitsfreudigkeit -steht einzig da in der Welt. Vereinigt eure -Staaten zum großen Völkerbunde! Ihr Ameisen der ganzen -Welt, vereinigt euch! Dies ist der letzte Wunsch eines Sterbenden, -der lange genug gelebt hat und der euch nun für immer -verläßt. Ich nenne euch alle zum Abschied Brüder und -Schwestern, und dieser Name soll euch bedeuten: Friede und -Verzeihung!«</p> - -<p>Max war erschüttert von den aus tiefster Seele gesprochenen -Worten dieses ehrwürdigen Ameisengreises, dieses wahrhaften -Volksfreundes. Wer weiß, ob nicht auch unter den Roten -etliche waren, die von der tiefernsten Rede ergriffen und -überzeugt wurden?</p> - -<p>Aber, hatte vielleicht er sich überzeugen lassen damals, -als man ihm Vernunft und Einsicht predigte? Wenn -uns jemand auf künftige Gefahren und düstere Möglichkeiten -aufmerksam macht, die ein eitles Streben nach vermeintlich -großen Dingen in sich schließen, spricht er zu -tauben Ohren, und blind rennt der Tor seinen nichtigen -Wünschen nach. Kommt dann das große Unglück als -Folge seiner Handlungen, dann, ja leider erst dann -dämmert ihm die Wahrheit, und er gibt dem weisen Ratgeber -recht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p> - -<p>Glaubt ihr also, daß die Roten, die die Schlacht gewonnen -hatten und im Siegestaumel ihrer Erfolge waren, -den Reden des Professors Gehör schenkten?</p> - -<p>Der General gab ein Zeichen, und der erste Kopf, der -fiel, war dieses unersetzbare Haupt, abgebissen von den -Kieferzangen eines rohen Henkers. In gleicher Weise erging -es allen Kriegsgefangenen. Wie entsetzlich, wie schauderhaft -aber war für Max der Augenblick, als er unter den -Verurteilten seine liebe Pflegemutter erkannte.</p> - -<p>»Fuska!« schrie er auf im wütenden Schmerze.</p> - -<p>»Gib dich zufrieden meinetwegen«, sprach die Gute, »was -wirklich wehe tut, ist der Gedanke, daß unsere Kinder in -Sklaverei geraten.«</p> - -<p>Max konnte sich nicht mehr länger halten, er sprang vor -und rief:</p> - -<p>»Nein, nein, schont meine Fuska! Ich selbst, ich bin -allein schuld an allem, ich ganz allein! Ich schwöre euch, -sie wollte keinen Krieg, ich aber war böse und ungehorsam -und wollte ihren Rat nicht hören …«</p> - -<p>Weiter kam er nicht. Einige Rote hielten den Erregten fest, -und der Kopf der braven Fuska fiel. Max, beinahe wahnsinnig -vor Schmerz und gequält von Gewissensbissen, schrie:</p> - -<p>»Tötet mich, tötet mich!«</p> - -<p>»Halt!« rief da jemand. Alle drehten sich, um zu sehen, -wer da komme. Eine Rote Ameise hinkte staubbedeckt heran -auf fünf Beinen; das sechste fehlte ihr.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap20">20. Das Kriegsgericht.</h2> -</div> - -<p>Die fünfbeinige Ameise schüttelte sich stöhnend den Staub -ab, stellte sich inmitten der Versammlung und rief mit zornbebender -Stimme:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p> - -<p>»Es wäre gut«, so sage ich euch, »diesem General mit -dem Hanfpanzer den Prozeß zu machen, ehe man ihn tötet.«</p> - -<p>Max hatte im ersten Augenblick Hoffnung geschöpft, seine -Lage könnte sich verbessern, jedoch seine Täuschung währte -nicht lange.</p> - -<p>»Wie ihr seht«, so fuhr die Ameise fort, »bin ich eine -von denen, die dem Feind entgegengeschickt wurden, um ihn -von unserem Heer abzulenken.«</p> - -<p>»Vortrefflich!« rief der Rote General, »was bringst du -Neues? Wie kommt es, daß du allein bist?«</p> - -<p>»Ach«, sagte mit bitterer Miene die Ameise, »die sind -alle gestorben und verdorben und längst verdaut.«</p> - -<p>»Verdaut? Was soll das heißen?«</p> - -<p>»Fragt den Hanfgeneral! Er weiß es.«</p> - -<p>Max hielt es für klug, zu schweigen.</p> - -<p>»Stellt euch vor«, begann die Klägerin und diesmal mit -verächtlichem Ausdruck, »daß dieser Tropf sich mit einem -Dutzend Bombardieren verbündet hatte. Verräterisch standen -sie an der großen Kürbishalle, und kaum hatten wir uns -dorthin gewendet, beschossen sie uns dermaßen mit Gas, daß -die ganze Kolonne sofort betäubt niederstürzte. Ich selbst -bin wie durch ein Wunder entkommen, zwar nicht heil, aber -doch lebend. Diese elenden Bombardiere stürzten sich sofort -auf die Gefallenen, um sie zu fressen. Sie waren bereits -gesättigt, bis sie an mich kamen, und rissen mir nur noch -ein Bein aus.«</p> - -<p>Ein Schrei der Entrüstung ging nach diesem Berichte durch -den versammelten Rat der Roten.</p> - -<p>»Was!« rief der General zu Max gewendet. »Das hast -du getan? Du, der du zu einer Ameisenart gehörst, die -uns Barbaren und Räuber schimpft! Anstatt offen und<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -ehrlich zu kämpfen, hast du zu der gemeinsten und unwürdigsten -List gegriffen! Hast dich nicht entblödet, mit den -Käfern, diesen Kannibalen, ein Bündnis zu schließen!«</p> - -<p>Max wollte erwidern:</p> - -<p>»Auch die Menschen schließen im Kriegsfall Bündnisse -mit andern, die nicht zu ihrer gleichen Rasse gehören.«</p> - -<p>Allein er wußte ja bereits, daß das Beispiel menschlicher -Sitten und Gebräuche auf die Ameisen keinerlei Eindruck -macht.</p> - -<p>»Wir sind ein Räubervolk«, rief der Rote General, »aber -zu solchen Gemeinheiten verstehen wir uns niemals!«</p> - -<p>Die hinkende Ameise nahm jetzt wieder das Wort:</p> - -<p>»Das ist noch gar nichts!« rief sie. »Ihr müßt wissen, -daß ich auf der Flucht aus jenem Gemetzel diesem Schlingel -mit seinem Heer begegnet bin. Ich versteckte mich hinter -einem Stein, und ich habe gehört, daß er sich zum Oberhaupt -aller Ameisen ausrufen ließ mit dem Namen: Kaiser -Butziwackel der Erste!«</p> - -<p>»Ausgezeichnet! Butziwackel der Erste!« rief hohnlachend -der General der Roten.</p> - -<p>»Du hast also versucht, unsere gesellschaftliche Ordnung -aufzuheben, in der alle gleich sind mit denselben Rechten -und Pflichten?«</p> - -<p>Die Ameisen, die Max im Kreise umstanden, waren bei -dieser Mitteilung vollständig fassungslos. Max begriff jetzt, -daß es unmöglich sei, mit menschlichen Gedanken und Vorstellungen -unter Ameisen auszukommen und zu leben.</p> - -<p>Allein für ihn war sowieso keine Rettung mehr vom -Tode!</p> - -<p>Was lag ihm auch noch daran, nachdem er mit Grauen -das Unglück überschaute, das sein Ehrgeiz angerichtet hatte!<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -Was bot ihm das Leben, nachdem seine liebe Fuska enthauptet -war und der beste, größte Lehrer der Ameisen -seine letzten Worte gesprochen hatte!</p> - -<p>Er war bereit, zu sterben. Doch seine mutige Ergebung -wurde durch den Roten General schwer erschüttert, der also -anhub:</p> - -<p>»Hört es alle an! – Dieser Wahnsinnige hat sich unbeschreiblicher -Verbrechen schuldig gemacht, darum sei auch -seine Strafe eine unerhörte. Ergreift ihn, zwickt ihm nach -und nach alle Beine ab, dann die Fühler; sein Kopf soll -zuletzt fallen, damit er noch mit eigenen Augen seiner Strafe -zusehen kann!«</p> - -<p>Max war bei der Vorstellung einer solchen Tortur nahe -daran, ohnmächtig zu werden.</p> - -<p>Mühsam erhob er sich auf seine Hinterbeine und rief -flehend:</p> - -<p>»Jawohl, ich bin schuldig; ich erkenne alle meine Fehler. -Tötet mich, aber laßt mich nicht so grausam leiden!«</p> - -<p>Helles Hohngelächter gellte von allen Seiten. Man warf -ihn zur Erde. Zwei Henker ergriffen seine Hinterbeine; -sie zogen aus Leibeskräften, aber die Beine saßen fest und -ließen sich nicht ausreißen. Zwei andere zerrten an dem -mittleren Beinpaar, das ohne Schwierigkeit vom Leibe -brach. Max aber schrie seine Henker in dieser unerhörten -Lage an:</p> - -<p>»Mörder! … Diebe! … Schurken!« …</p> - -<p>Doch merkwürdig. Der Verlust der beiden Beine hatte -Max gar nicht wehe getan, und auch nach dieser Verstümmelung -fühlte er sich noch im Vollbesitz seiner Kräfte. Sodann -wollten die beiden Henker seine Vorderbeine abreißen, -aber diese saßen sehr fest, so daß der Rote General, als<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -er die unnütze Anstrengung seiner Diener sah, ganz wütend -wurde und ausrief:</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-094.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Ihr Trottel seid zu nichts zu gebrauchen! Fort, -laßt mich selber machen! Ich will doch sehen, ob ich -diesem Teufel nicht mit einem einzigen Biß den Kopf -abtrenne!«</p> - -<p>Verwegen näherte er sich Max. Noch aber hatte er keine -drei Schritte getan, als er wankend ausrief:</p> - -<p>»O weh! Das ist mein Tod!«</p> - -<p>Wie Max das hörte, glaubte er, den General hätte ein -Schlaganfall getroffen, und er wollte schon der göttlichen -Vorsehung dafür danken; jedoch es war nicht dieses. Eine -fremde Person erschien plötzlich, die, wie es schien, auch -ihrerseits an dem gräßlichen Werke der Hinrichtung teilnehmen -wollte und blitzschnell über den Roten General hergefallen -war. Mit verdüsterter Miene murmelte Max:</p> - -<p>»Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p> - -<h2 id="kap21">21. Ein hochvornehmer Mordgeselle.</h2> -</div> - -<p>Der neue Ankömmling war ein Insekt von der Familie -der Grab- oder Mordwespen. Sie stelzte auf hohen Beinen -daher, besonders das hintere Paar war unglaublich lang. -An den Außenrändern der Unterschenkel saßen so viel Stacheln -und Zähne, daß sie wie Sägen aussahen.</p> - -<p>Dieses kecke Tier war mir nichts, dir nichts in den hohen -Kriegsgerichtshof hereingeplatzt und fing ohne Umstände an, -einem nach dem andern mit seinem schrecklichen Stachel den -Leib zu durchbohren. Zwischen Richtern und Verurteilten -gab es jetzt nicht mehr den mindesten Unterschied.</p> - -<p>In der Verwirrung, die entstanden war, konnten sich -wohl einige Ameisen retten, indem sie sich kopfüber in den -nächsten Gang des Hauses stürzten; aber mit einem fürchterlichen -Satz war die Wespe schon auf Max losgesprungen:</p> - -<p>»So weit ist es mit mir gekommen!« seufzte schwerbedrückt -der unglückliche Kaiser Butziwackel der Erste.</p> - -<p>Sobald er aber die Wespe winseln hörte: »Au weh, wie -hart bist du doch!« da wuchs schnell sein Mut. Er fühlte -sich aufs beste geschützt in seinem guten Hanfpanzer. Erleichtert -aufatmend flüsterte er:</p> - -<p>»Gesegnet sei mein Hanfküraß!«</p> - -<p>Die Wespe stand jetzt mit hochgezogenen Beinen und -forschendem Blick vor ihm, betrachtete ihn mißtrauisch von -allen Seiten und brummte unverständliche Worte. Dabei -ließ sie ihren Stachel prüfend in der Scheide aus und ein -gleiten, denn sie dachte nicht anders, als daß die feine -Spitze desselben schon beschädigt sei.</p> - -<p>Aber die Waffe war noch in bestem Zustande und besaß -nicht eine einzige Scharte. Halb und halb begütigt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -über diese Entdeckung, halb zornig noch über Max, fragte -sie ihn:</p> - -<p>»Sage mir auf der Stelle, warum du so harthäutig -bist!« –</p> - -<p>Max hatte jetzt seinen ganzen Mut wieder gefunden und -antwortete nicht ohne einen Anflug von Humor:</p> - -<p>»Ei, so bin ich schon lange. Als ich noch zur Schule -ging, meinte der Lehrer, ich hätte einen harten Kopf. Aber -seit einiger Zeit habe ich eine harte Haut. Doch wer -bist du?«</p> - -<p>»Ich bin eine Mordwespe.«</p> - -<p>»Heilige Zeit!«</p> - -<p>»Jawohl, ich heiße <em class="antiqua">Ammophila sabulosa</em>, zu deutsch: -Sandwespe. Aber man nennt uns Mörder, weil wir auf -Fliegen, Spinnen, Raupen und Ameisen Jagd machen. Gott -sei Lob und Dank, daß nicht alle so hart sind wie du!«</p> - -<p>»Höre«, sagte Max entrüstet, »was Spinnen, Raupen, -Fliegen betrifft, will ich nichts dagegen sagen; aber daß -du Ameisen angreifst, ich sage dir, für eine anständige Wespe -finde ich das eine Spitzbüberei. Oder weißt du nicht, daß -wir verwandt sind?«</p> - -<p>Er erinnerte sich nämlich, daß ihm die verstorbene Fuska -einmal gesagt hatte, daß alle Wespen, Bienen, Hummeln -zur gleichen Ordnung wie die Ameisen gehören und somit -zum großen, ruhmreichen Volk der Immen und Hautflügler, -das wunderbar stark und klug ist.</p> - -<p>Es entstand nun eine Pause im Gespräch, während der -die beiden Personen, die sich bisher in Verteidigungsstellung -drohend gegenübergestanden waren, sich gegenseitig mit etwas -mehr Höflichkeit betrachteten. Max zeigte eine aufrichtige -Bewunderung in seinem Blicke, als er den schrecklichen<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -Angreifer von allen Seiten besah, und er kam zu dem -Schlußurteil:</p> - -<p>»Ein Mörder mag sie sein, aber fein tritt sie auf. Sie -muß aus guter Familie stammen.«</p> - -<p>Die Wespe hatte wirklich ein prachtvolles Kleid von lebhaft -gelber Farbe; sie war schlank, anmutig in ihren Bewegungen, -höchst lebhaft und viel schöner als alle andern -Wespen, die Max als Kind beobachtet hatte.</p> - -<p>»Welche Taille!« dachte der entthronte Kaiser.</p> - -<p>»Jetzt verstehe ich erst, warum man scherzte, Mutterchen -habe eine Wespentaille!«</p> - -<p>Da war er beim Gedanken an die Mutter den Tränen -bereits wieder nahe, und zu gleicher Zeit fühlte er im Herzen -den unwiderstehlichen Wunsch, sein Mütterlein wieder zu sehen, -und um dieses Gedankens willen, den diesmal die Wespe angeregt -hatte, schenkte er dem schönen Tier seine Liebe. Auch -die Wespe schien jetzt besänftigt und unterbrach die Pause:</p> - -<p>»Schau, schau, da sind wir also verwandt? Dann reiche -mir das Bein, damit wir Frieden schließen.«</p> - -<p>Weil Max ein wenig unschlüssig dastand, fuhr sie lebhaft -fort:</p> - -<p>»Na, na, bist du vielleicht noch empört über meine Jagd -auf Ameisen? Wenn ich nicht irre, waret ihr bei meiner -Ankunft damit beschäftigt, euch recht brüderlich gegenseitig -den Garaus zu machen. Mir scheint, daß Mord unter -Geschwistern ein ruchloseres Geschäft ist als unter weitläufigen -Verwandten!«</p> - -<p>Gegen diese Rede ließ sich wirklich nichts einwenden, -darum entgegnete Max sanft und mild:</p> - -<p>»Ja, ja, du hast recht. Durch dich wurde ich aus den -Zangen meiner Ameisenbrüder errettet, wenn du das auch<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -nicht beabsichtigt hattest. Aber trotzdem darfst du doch nicht -vergessen, daß wir Ameisen unter den Hautflüglern das -stärkste, das klügste und das, das, das – – –«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-098.png" alt="" /> -</div> - -<p>Max fand keine Zeit mehr, ein drittes lobendes Eigenschaftswort -für sein Volk zu finden, denn die Wespe ließ -den Redner plötzlich mit einer unerwarteten und raschen -Bewegung im Stich, um über eine ansehnlich große Raupe -herzufallen, welche das Unglück hatte, in der Nähe vorbeizukriechen. -Es war das Werk eines Augenblicks. Die -Wespe ließ ihren Stachel aus der Scheide gleiten und versetzte -die Raupe mit ein paar Stichen in einen Zustand, -der es ihr unmöglich machte, ihren Spaziergang fortzusetzen.</p> - -<p>»Hast du sie totgestochen?« schrie Max und lief herbei.</p> - -<p>Die Wespe schüttelte den Kopf und murmelte auf geheimnisvolle -Art:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p> - -<p>»Was glaubst du wohl? Ich bin doch nicht so einfältig!«</p> - -<p>Dann setzte sie sich vergnüglich singend rittlings auf ihr -Opfer, ergriff es mit ihren Zangen und begann den Körper, -der zehnmal schwerer war als sie selbst, gegen einen kleinen, -sandigen Graben zu schleifen, an dessen Abhang sich ein -rundes Loch befand, mit Kieselsteinchen, Hälmchen und Erdkügelchen -wohl bedeckt und versteckt. Max war erstaunt, -ein so vornehmes Insekt zugleich so stark, so kühn und -geistesgegenwärtig zu finden; er folgte der Wespe Schritt -für Schritt, bis er ganz nahe am Grabenrande war. Hier -sah er, wie sie sich mitsamt der Raupe vollends hinunterstürzte, -immer rittlings auf ihr sitzend.</p> - -<p>Auf dem Grunde des Grabens angelangt, ließ die Wespe -ihre Beute los, schüttelte sich den Staub von den Flügeln -und kehrte sich zu Max, der noch oben am Grabenrand -stand. Er hatte gefürchtet, daß die Wespe drunten vom -Gewicht ihres Opfers erdrückt werden könnte.</p> - -<p>»Hast du dir wehe getan?« fragte er sie.</p> - -<p>»Nicht die Spur«, antwortete lachend die Wespe.</p> - -<p>»Diese Rutschpartie war der leichtere Teil meiner Arbeit. -Schwerer ist's, die Raupe in das Haus hineinzutragen!«</p> - -<p>Dabei wies sie auf ihren Hauseingang, der an der Seite -des Abhanges zu sehen war. Max stieg vorsichtig hinab, -und mit schlecht versteckter Gönnermiene sprach er:</p> - -<p>»Ich werde dir helfen.«</p> - -<p>Aber die Wespe lehnte mit einer würdevollen Bewegung ab.</p> - -<p>»Bah!« sagte sie spöttisch, »wir sind an andere Strapazen -gewöhnt und haben es nicht nötig, daß das stärkste und -intelligenteste Volk der Hautflügler sich für uns bemühe.«</p> - -<p>Max kämpfte bei diesen Worten gegen seinen schwer getroffenen -Hochmut.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p>»Es wäre mir übrigens lieb«, fügte die Wespe hinzu, -»wenn du auf das Raupenwürmlein ein bißchen aufpaßtest, -während ich im Haus erst nachsehen muß, ob alles zu ihrem -Empfang bereit ist.«</p> - -<p>»O, hast du vielleicht Angst, daß es entwische?«</p> - -<p>»Das nicht, aber du sollst achtgeben, daß sich niemand -der Raupe nähert. Kann ich mich auf dich verlassen?«</p> - -<p>»Aber natürlich!«</p> - -<p>Mit fröhlichem Gesumse schlüpfte die Wespe in ihre Höhle -hinein, und Max blieb als Wachtposten bei der Raupe stehen.</p> - -<p>Kaum war die Wespe verschwunden, als sich eine kleine, graue -Fliege auf den Körper der Schmetterlingsraupe niederließ, -wie angepappt darauf sitzen blieb und eifrig mit einer Arbeit -beschäftigt war, für die Max keine Erklärung fand. Er schrie:</p> - -<p>»Mach, daß du weiter fliegst! Dieser Wurm gehört -nicht dir!« Die Fliege flog darauf hohnlachend davon und -zischelte boshaft:</p> - -<p>»Wenn auch nicht mir, so gehört er doch meinen Kindern!«</p> - -<p>Als die Wespe gleich darauf wieder erschien, sagte Max, -die Raupe forschend betrachtend:</p> - -<p>»Es fehlt kein Härchen an ihr! Sage mir nur, liebe -Wespe, ißt du sie denn ganz allein auf?«</p> - -<p>»Aufessen! Gott, wie kommst du auf diesen Gedanken?«</p> - -<p>»Ja, warum hast du sie denn ermordet?«</p> - -<p>»Ich habe sie doch gar nicht ermordet! Sie ist nur gelähmt. -Verstehst du nicht, wenn sie tot wäre, und ich müßte -sie in mein Haus nehmen, würde sie in kurzer Zeit in -Fäulnis übergehen, was sehr gesundheitsschädlich wäre.«</p> - -<p>»Du behältst sie im Hause? Was machst du nur mit -solchen Sachen?«</p> - -<p>»Ach, sie ist doch für meine Kinder!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<p>»O«, rief Max bestürzt, »dasselbe hat ja vorhin die -graue Fliege auch gesagt!«</p> - -<p>Die Wespe fuhr mit einem Sprung zurück und schrie -voll Zorn:</p> - -<p>»Die graue Fliege sagst du? Ach, das Gesindel! Eine -graue Fliege hat sich am Ende wohl gar auf meine Raupe -gesetzt? Antworte sofort!«</p> - -<p>»Aber … ja …«, stammelte Max, der nicht verstand, -wie man sich wegen einer solchen Kleinigkeit so aufregen -konnte. – »Einen einzigen Augenblick nur ist sie auf der -Raupe gesessen, ich jagte sie ja gleich weg!«</p> - -<p>»Ach, diese Diebin, das hat sie mir angetan!« so heulte -jetzt die Wespe und untersuchte dabei die Raupe. »Da -haben wir's schon! Da sind ihre Spuren! Und ich hatte mich -so geplagt! Meine Arbeit war nun für das Lumpengesindel! -Miserables Schmarotzerpack! Ah, sie hoffte am Ende noch, -daß ich die Raupe im eigenen Hause beschütze! Haha, der -schönen Augen ihrer Kinder zuliebe! O, die Elende!«</p> - -<p>Die Wespe war jetzt derart gereizt, daß Max sich nicht -getraute, noch etwas zu sagen. Er duckte sich in seinen -Hanfküraß zusammen und murmelte:</p> - -<p>»Gott bewahre mich! Wenn sie jetzt mit mir Streit -anfinge, dann wäre ich verloren, auch wenn ich mich in -einen Zwetschgenkern verkröche!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap22">22. Letztes Lebewohl.</h2> -</div> - -<p>Nach und nach beruhigte sich die Wespe ein wenig, aber -sie hörte nicht auf zu brummen:</p> - -<p>»Alle Mühe umsonst! Alle Arbeit weggeworfen! Nun -muß ich wieder von vorn anfangen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<p>»Verzeihe!« sagte Max, dessen Neugier über die Furcht -Meister wurde, »erkläre mir doch, was haben denn deine -Kinder und die Kinder der grauen Fliege zusammen mit -der armen Raupe zu tun, die so friedlich schlummert, als -ob ihr nichts geschehen wäre?«</p> - -<p>»Wie, was! Ich habe doch diese Raupe einzig meiner -eigenen Kinder wegen erobert!«</p> - -<p>»Warum bringst du sie dann nicht endlich in dein Haus?«</p> - -<p>»Weil die graue Fliege sie jetzt für ihre Kinder weggenommen -hat.«</p> - -<p>»Langsam, langsam, mir schwindelt im Kopf! Wie kann -sie dir genommen worden sein? Die Raupe liegt ja noch -hier!«</p> - -<p>»Du weißt doch gar nichts! … Nun wohl, so höre, -ob ich nicht recht habe, gegen dieses elende Fliegenweib -aufgebracht zu sein. Wir Wespen erjagen gewisse Tiere, -lähmen sie und tragen sie heim, einzig deswegen, um in -ihren Körper unsere Eier abzulegen; nach einiger Zeit -kommen aus den Eiern die Larven – unsere Kinder, -verstehst du? Diese finden sogleich ihre Nahrung bereit, -indem sie das Innere des Tieres aufessen, in das ihre -Mutter sie vorsorglich hineingelegt hat. Die Speise reicht -so lange, bis die Larven ein Knäulchen spinnen und -sich in Puppen verwandeln, aus denen sie dann als vollkommene -Insekten hervorgehen, um im Lichte der Sonne -zu leben. Einige Wespen meiner Art erjagen sich Spinnen, -andere Grillen, ich ziehe Raupen vor, weil sie mehr -Fleisch besitzen. So weit wäre alles gut! Allein da gibt -es auch in der Insektenwelt herumziehende Stromer, wie -diese graue Mücke, die das Leben ihrer Kinder auf dieselbe -Art sichern müssen; doch haben diese Feiglinge weder<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -die Kraft noch den Mut, Spinnen und Raupen zu jagen, -wie wir es machen. Was tun sie also? Diese Gauner -schleichen um unsere Häuser herum, spitzeln alles aus, und -sobald sie sehen, daß wir die Mitgift für unsere Kinder -heimbringen, leise, leise – hast du nicht gesehen, siehst -du nimmer – legen diese Diebe geschwind ihre Eier in -unsere Beute! Begreifst du es jetzt? Hättest du mich -nicht benachrichtigt, so hätte ich jetzt mein gutes Ei in -die Raupe gelegt, in der Meinung, für das Fortkommen -eines meiner Kinder gesorgt zu haben. Und was wäre statt -dessen erfolgt? Die Eier der grauen Fliege hätten sich -rascher entwickelt als meines, und ihre Larven hätten die -ganze Raupe aufgegessen, während meine an den leeren -Tisch gekommen wäre und elend hätte verhungern müssen. – -Nun, sage, ist das nicht eine gemeine Schurkerei von -diesen schmarotzenden Insekten, die ihren Kindern mühelos -die Früchte unserer Arbeit zukommen lassen? Siehst du, -jetzt kann ich die ganze Geschichte von vorn anfangen; -ich muß eine andere Raupe erjagen und sie hierher -schleppen. Aber in Gottes Namen! Was tut eine Mutter -nicht für ihre Kinder! – Arbeiten und nur den Mut nicht -verlieren!«</p> - -<p>Bei diesen letzten Worten schien es, als ob aller Zorn -bei ihr verraucht wäre.</p> - -<p>»Auf Wiedersehen«, sagte sie in entschiedenem Tone. »Jetzt -gibt es kein besseres Mittel, als die verlorene Zeit wieder -einholen.«</p> - -<p>Sofort breitete sie ihre Flügel aus und summte in ihrer -fröhlichen Weise davon.</p> - -<p>Max rief ihr noch nach: »Auf Wiedersehen, liebe Sandwespe!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p> - -<p>Er fühlte wirklich etwas wie Freundschaft für dies Tierchen. -Es war wohl eine Mordwespe, und ihre Jagdgebräuche -waren geradezu grausam. Aber nicht die Bosheit -machte sie mordsüchtig und blutgierig. Sie tat alles -nur für das Leben ihrer Kinder, wie auch die graue Fliege -nur ihren Kindern zuliebe eine Diebin wurde. Die eine, -stark und kühn, nahm andern Tieren das Leben, um es -ihren Kindern zu geben; die andere, unfähig zum Raube, -stahl zu dem gleichen Zweck dem Räuber seine Beute.</p> - -<p>Max begann zu verstehen, daß alle Sorge und Arbeit -der Insekten ohne Ausnahme auf ein hohes, edles Ziel hinstrebt. -Mochten sie es erreichen, wie sie wollten, auch durch -List und Mord, suchten sie einzig ihrer Nachkommenschaft -das Leben zu sichern. Alles Streben dieser Tierchen ging -darauf hinaus, daß das Ei befruchtet wurde, daß der ausgeschlüpften -Larve ihre Nahrung zur Verfügung stand, daß -die Jungen noch beschützt seien gegen alle Feinde, bis sie -in ihrer Vollendung als fertige Tiere auftreten konnten. -Dann fängt das wunderbare Spiel von vorn an. Das neue -Geschlecht sorgt mit gleicher Fürsicht und mühender Liebe, -wie sie ihm selbst zuteil geworden war, für seine Nachkommen.</p> - -<p>Max erinnerte sich von neuem an die Herzlichkeit, mit -der ihn die gute Fuska einst aufgenommen und in das Leben -eingeführt hatte, als er aus seinem Knäulchen schlüpfte. -Fuska, die liebevolle Pflegerin, die seinetwegen hatte sterben -müssen!</p> - -<p>In so traurigen Gedanken vertieft, war er wieder auf -den Grabenrand hinaufgeklettert. Nun wandte er sich gegen -sein einstiges trautes Ameisenhaus, das für ihn Heimat, -leider auch der Schauplatz großen Unglücks gewesen war.<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -Da sah Max zwei Untertanen seines einstigen Reiches, die -mühsam einen Kürbiskern schleppten, und sein Herz wurde -ihm weit.</p> - -<p>»Freunde!« rief er sie tiefbewegt an, »kennt ihr mich -nicht mehr?«</p> - -<p>»Da schau!« sagten sie ohne jegliche Gemütsbewegung und -hielten ein wenig an, »was und wo arbeitest denn du jetzt?«</p> - -<p>»Ach, ich führe das Leben eines Verbannten«, klagte er -bitter. »Wie geht es euch? Wohin tragt ihr den Kürbissamen?«</p> - -<p>»O du liebe Zeit! In unser Dorf, wo unsere Herren -wohnen.«</p> - -<p>»Wie? Eure Herren? Und nennt es doch noch euer -Dorf?«</p> - -<p>»Warum denn nicht? Wir sind ihre Knechte, so wollte -es das Schicksal. Wir arbeiten und quälen uns für sie, -aber wir dürfen dort wohnen bleiben.«</p> - -<p>Max war empört über den Stumpfsinn, mit welchem die -Brüder ihre schmähliche Knechtschaft ertrugen. Er mußte -sie verachten und rief ihnen nach:</p> - -<p>»Schmutzige Sklavenseelen, pfui!«</p> - -<p>Dann setzte er seinen Weg fort und dachte nicht im geringsten -daran, daß die einzige Ursache ihrer traurigen und -unverschuldeten Sklaverei sein ungezügelter, unvernünftiger -und herzloser Ehrgeiz gewesen war. Was half es, wenn -er auch jetzt gerade von einem guten Gedanken erfüllt war? -Er schaute hin und her, als ob er etwas suche. Wenige -Schritte vom Ameisenhaus entfernt blieb er lauschend stehen, -denn er hörte ein Geräusch, wie wenn ein Hund Knochen -zerbisse. Max wandte sich dem Lärm zu und stieß einen -Schrei des Entsetzens aus. Vor ihm lagen die traurigen<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -Überreste seiner verstümmelten Mitgefangenen, die, unglücklicher -als er, ihr Leben lassen mußten. Die Köpfe vom -Rumpfe abgerissen, lagen sie da, und inmitten dieses jammervollen -Haufens zerrissener Körper saßen drei Ameisen – es -ist entsetzlich zu sagen – beim Mahl. Sie verschlangen -mit lustigen Scherzen die Überreste ihrer Schwestern und -Brüder.</p> - -<p>»Ihr Elenden«, schrie Max, »so fehlt es denn auch unter -Ameisen nicht an schändlichen Hyänen und Schakalen!?«</p> - -<p>Wirklich gibt es einige Ameisenarten, die so tief gesunken -sind, Leichen zu verzehren. Beispiele solcher Schande sind -ja zum Glück äußerst selten, aber sie genügen, um den -guten Namen des ganzen Volkes zu schänden, den es sich -durch seine vielen Vorzüge und Tugenden unter allen Insekten -erworben hat.</p> - -<p>So tragen die Schlechten, abgesehen von dem Schaden, -den sie durch ihre Missetaten den Guten zufügen, sehr oft -die schwere Schuld, den unbefleckten Namen einer ganzen -Familie, ja selbst des ganzen Landes zu beschmutzen, das -diese Schädlinge hervorbrachte. Deshalb tat Max gut daran, -auf die drei kannibalischen Schwelger so grimmig loszugehen, -daß sie keine Zeit hatten, sich von ihrer Überraschung -zu erholen und Widerstand zu leisten. Alle drei fielen unter -seinen Streichen.</p> - -<p>Nun erst beschaute er genauer die Überreste der tapfern -Gefährten. Vor dem schauerlichen Bilde krampfte sich sein -Herz zusammen.</p> - -<p>Weinend warf er sich inmitten dieser Ärmsten auf die -Knie, und in tiefem Schmerze rief er:</p> - -<p>»Verzeihung! Verzeihung! Hätte ich doch auf die Mahnungen -des Professors gehört! Wäre ich bescheiden und<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -fleißig geblieben wie ihr Teuren! Wieviel Unglück habe -ich über euch gebracht! Fuska, liebe Mutter und Lehrerin, -auch du bist tot! Wäre es bei den Ameisen üblich, so würde -ich dir das schönste Denkmal aufstellen, daß alle Welt es -bewundern müßte. Darauf ließe ich mit goldenen Buchstaben -die Inschrift setzen:</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Fuska</em>.<br /> -Seiner guten Ameisenmutter<br /> -der entthronte Kaiser<br /> -Butziwackel I.« -</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap23">23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus -einer Eichengalle herausspaziert.</h2> -</div> - -<p>»Und nun was jetzt?«</p> - -<p>Das war die Frage, die Max beschäftigte, als er seinen -Weg wieder aufnahm, und auf die er vorderhand keine Antwort -wußte. Ganz allein, verloren in der weiten Welt, -ohne Familie, ohne Freunde! Dies war die traurige Lage -des armen Insektleins, das vor wenigen Stunden zum ersten -Kaiser der Ameisen erwählt worden war. »Was verschlägt's«, -so dachte Max, »auch Napoleon der Erste mußte es erleben, -nach St. Helena verbannt zu werden!«</p> - -<p>Doch dieser geschichtliche Vergleich war ein magerer Trost -für ihn. Während er den Graben, in dem die Sandwespe -ihr Nest hatte, von neuem durchquerte, betrachtete er schwermütig -das Haus seiner Freundin, das schon verschlossen war, -und er flüsterte:</p> - -<p>»Ach, ein jeder hat sein Haus! Ich allein finde kein -Loch, wo ich die Nacht zubringen könnte!«</p> - -<p>Bei diesem Gedankengang kam ihm eine Erinnerung, die -ihn mit Trost und frohen Hoffnungen erfüllte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Hab' ich denn nicht doch ein Haus? Und in diesem -Haus wohnt ja meine Mutter und Onkel Walter. O wenn -ich das finden könnte!«</p> - -<p>Der Gedanke war gut; jawohl! Aber kaum hatte Max -mit ihm zu spielen begonnen, erhob sich auch schon schroff -und steil die größte Schwierigkeit, so daß er bitter ausrief:</p> - -<p>»Der reinste Wahnsinn! Wie könnte ich armes, kleines -Ameislein, für das jeder Grashalm ein Baum, jeder Busch -ein Wald, jeder Kiesel ein Felsen, jede Scholle ein Berg -ist, wie könnte ich einen Ort finden, den ich nicht sehen -kann, von dem ich nicht weiß, in welcher Richtung er -liegt!?« – – –</p> - -<p>So schlich er entmutigt seines Weges, wohin ihn eben -seine müden Beine trugen, und kam dabei am Fuße einer -großen Eiche an. »Wenn ich auf ihren Gipfel stiege«, -dachte er, »wer weiß, ob ich von dort oben nicht mein Haus -entdecken könnte?!«</p> - -<p>Mutig kletterte er am Stamme empor. Nur der Gedanke -an die Heimat machte ihn zu dieser Anstrengung fähig. -Kurz zuvor hatte er sich sehr matt gefühlt. Kein Wunder, -wenn man bedenkt, daß er seit geraumer Zeit nichts gegessen -hatte.</p> - -<p>In einiger Höhe hielt er an und schaute ringsumher: -Nichts! Er stieg weiter bis ins oberste Gezweige. Ringsumher -schaute er nur eine wirre Welt. Jetzt begriff er, -daß es mit den Augen einer Ameise unmöglich sei, deutlich -in die Ferne zu sehen.</p> - -<p>Aus der traurigen Stimmung, in die ihn diese Erfahrung -versetzte, wurde er durch ein eigenartige Geräusch aufgestört. -Es kam ganz aus der Nähe, es mußte auf demselben -Blatt sein, auf dem er stand. Er schaute sich um<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -und erkannte, daß er sich neben einer Eichengalle befand, -einer von jenen rötlichen Kugeln, die man häufig auf Eichenblättern -sieht, und mit denen er früher oft gespielt hatte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-109.png" alt="" /> -</div> - -<p>Max krabbelte auf diese Galle hinauf und war nicht -wenig erstaunt, als er merkte, daß das Geräusch aus dem -Innern der Kugel drang. Als ob ein feiner Bohrer durch -hartes Holz seinen Weg suchte, so knirschte und raschelte -es da drinnen. Max lief rings um die Kugel und untersuchte -sie aufs genaueste. Da er auf der Oberfläche nicht -die geringste Öffnung fand, fragte er sich, welches Geheimnis -wohl im Innern eingeschlossen sein könnte. Plötzlich -hörte er hinter sich ein feines Stimmchen, das piepste -etwas müde:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p> - -<p>»Endlich bin ich so weit!«</p> - -<p>Max drehte sich flugs um. Ein winziges Köpfchen -guckte aus einem Löchlein der Galle heraus, drehte sich -hin und her und betrachtete alles ringsum mit lebhafter -Neugier.</p> - -<p>»Ei, wie schön ist die Welt!« sagte das Stimmchen, -bebend vor Vergnügen.</p> - -<p>»Sei mir gegrüßt!« rief Max, »und komme doch ganz -hervor!«</p> - -<p>Aus dem Löchlein schoben sich zwei kleine Beinchen, die -sich am Rande anklammerten, dann folgte sogleich das ganze -Tierlein. Es war kaum ein paar Millimeter lang, schwarz, -mit fadenförmigen, nicht geknickten Fühlern und mit zwei -allerfeinsten, durchsichtigen Flügelchen ausgestattet.</p> - -<p>»Oho«, rief Max, »eine kleine Fliege!«</p> - -<p>»Entschuldige«, erwiderte das kleine Geschöpfchen, »ich -bin keine Fliege, ich bin eine Gallwespe; die Gelehrten -nennen mich <em class="antiqua">Cynips gemmae</em>.«</p> - -<p>»Eine Gallwespe?«</p> - -<p>»Ganz richtig, ich gehöre zur Ordnung der Immen oder -Hautflügler.«</p> - -<p>»Dann bist du eine weitläufige Verwandte von mir. Als -mein Bäschen wirst du mir wohl erklären, wie du es fertig -brachtest, in diese Kugel einzudringen?«</p> - -<p>»Eindringen? Ich bin nicht eingedrungen, du willst wohl -sagen: herauszuschlüpfen.«</p> - -<p>Max betrachtete sie verwundert. »Das ist mir neu! -Kann einer aus einer Kugel herausschlüpfen, ohne erst -hineingekommen zu sein?«</p> - -<p>»So höre! Bei uns Gallwespen ist folgender Brauch: -Unsere Mutter – ich kann dir das sagen, weil ich es selber<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -durch meine natürliche Veranlagung weiß – legt das Ei -auf ein Eichenblatt, indem sie es mit dem Legestachel ansticht. -Aus diesem Legestachel tritt zugleich das Ei heraus. -Der Stich verursacht auf dem Blatt eine Wunde, und die -Wunde läßt das Blatt anschwellen, so daß sich eine kleine -Kugel bildet. Diese wächst durch den Saft der Pflanze. -Inzwischen entwickelt sich aus dem darinliegenden Ei die -Larve. Diese findet in der Kugel ihre Nahrung und ihr -Häuschen. Hier bleiben wir ein Jährchen ungestört und -essen, verwandeln uns zur Puppe und werden danach ein -vollkommenes Insekt. Jetzt müssen wir von innen heraus -die Kugel durchbohren, langsam, langsam, bis sich eine -Straße bildet, auf der wir endlich herauskommen, wie ich -es gemacht habe. – Aber du kannst mir's glauben, da heißt -es kräftig drauflosnagen!«</p> - -<p>»Ist es wohl so hart, dein Kugelhäuschen?«</p> - -<p>»Geh mal herein und überzeuge dich selbst davon!«</p> - -<p>Er schlüpfte zum Türchen hinein, das die Gallwespe -gebohrt hatte, und nun konnte er sich einen genauen Begriff -von der Arbeit machen, die seine neue Freundin fertig gebracht -hatte. Im Innern der holzartigen Galle war eine -Art Kammer, die aus einem noch viel festeren Stoffe als -die äußere Kugel bestand. Die Wand dieser Kammer war -so hart wie ein Kirschkern.</p> - -<p>»Und du«, rief Max erstaunt, »du hast so harte Mauern -durchbrechen können? Da gratuliere ich!«</p> - -<p>»Ich danke dir. Wenn du wüßtest, wie froh ich jetzt -bin! Verstehst du das? Da drinnen eingesperrt sein ist -kein Vergnügen; doch man weiß, eines Tages wird man -herauskommen, die Flügel ausspannen und in freier Luft -leben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p> - -<p>»Ah!« atmete sie tief auf, »nun ist die große Stunde, die -ersehnte Belohnung für die lange Gefangenschaft gekommen!«</p> - -<p>»Du Glückliche!« seufzte Max traurig. »Wenn ich doch -auch Flügel hätte!«</p> - -<p>Sein Wunsch brachte ihn auf einen Gedanken, der wie -ein Hoffnungsstrahl in sein düsteres Dasein leuchtete. Dringlich -wandte er sich zur jungen Gallwespe und sprach:</p> - -<p>»Höre, liebe Freundin, ich hätte eine große Bitte … -wirst du so freundlich sein … Du bist zwar kaum geboren -… nun wohl: mit einer guten Handlung kannst du -dein Leben beginnen. Ich verspreche dir, daß ich es dir nie -vergessen werde! Willst du?«</p> - -<p>»Du plauderst zuviel; bitte, laß mich hören, um was es -sich handelt?«</p> - -<p>»Richtig! Es handelt sich darum, daß ich ein menschliches -Wohnhaus mit einem Weinstock an der Wand finden -möchte. Auf einem Rundflug könntest du es vielleicht erspähen.«</p> - -<p>»Aber Lieber, wie soll ich denn ein Menschenhaus erkennen? -Ich bin doch eben erst auf die Welt gekommen!«</p> - -<p>Diese Bemerkung war richtig, und Max kostete es Anstrengung -genug, um dem jungen Insekt zu beschreiben, wie -sein Haus aussähe. Endlich schien die Gallwespe begriffen -zu haben, und er brauchte ihr nur noch zu sagen:</p> - -<p>»Du kannst mit deinen Flügeln nach allen Richtungen -herumstreifen; dann kehrst du zu mir zurück, mir zu sagen, -ob es dir gelungen ist, mein Haus zu entdecken, das ich -so gern sehen möchte. Willst du mir diesen großen Gefallen -erweisen?«</p> - -<p>»Ich will es versuchen! Es gelüstet mich sowieso, meine -Flügel zu erproben« – – – und eins – zwei – drei – – –<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -erhob sich das junge Gallwespchen vom Sitze und flog in -die schöne Welt hinein.</p> - -<p>Kaiser Butziwackel aber rief ihm noch zu:</p> - -<p>»Wenn du es fertigbringst, schwöre ich dir ewige Freundschaft!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap24">24. Auf dem Weg zur Mutter.</h2> -</div> - -<p>Wie lange wartete Max auf seinem Blatt! Er wäre -in Verlegenheit gekommen, es uns genau zu sagen; denn -er hatte keine Uhr bei sich. Aber es kam ihm wie eine -Ewigkeit vor. Endlich konnte er der zurückkehrenden Gallwespe -zurufen:</p> - -<p>»Na, und?!«</p> - -<p>»Nun«, erwiderte diese und setzte sich zu ihm auf das -Blatt, »ich glaube etwas entdeckt zu haben, das deiner Beschreibung -ähnlich ist.«</p> - -<p>»O, wirklich? Ist's weit von hier? Ist es dorthin -oder hierhin? Wo ist's?«</p> - -<p>»Bei meiner Galle! Gönne mir nur eine Minute zum -Ausschnaufen! – Höre, das Haus, das ich sah, liegt in -derselben Richtung wie das Blatt, auf dem wir sitzen.«</p> - -<p>»So, so, also dorthinaus!« deutete Max mit seinem -rechten Vorderbeinchen.</p> - -<p>Max merkte sich genau die Richtung, besann sich und rief:</p> - -<p>»Jetzt gehe ich … Liebe Gallwespe, wie bin ich dir dankbar! -… Aber wir werden uns wiedersehen, gelt!«</p> - -<p>Er umarmte sie, empfahl sich höflich und stieg langsam -den Weg, den er auf die Eiche hinaufgeklettert war, wieder -hinab.</p> - -<p>»Langsam?« werden sofort alle kleinen Leser fragen. »Wie, -er sehnte sich so sehr heimzukommen, und er ging langsam?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p> - -<p>Gerade deshalb. Er ging langsam, weil er Eile hatte.</p> - -<p>Ihr wißt es selbst, es gibt Kinder, die voll guten -Willens sind. Sagt man ihnen: »Geh mir rasch da- oder -dorthin«, so laufen sie auch schon und rufen: »Ich bin -gleich dort.«</p> - -<p>Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren; -denn im Eifer haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin -sie eigentlich gehen sollten. Zu große Eile macht oft, daß -man erst recht zu spät kommt. Max hatte als Kind immer -alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als Ameise -aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also -von der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt -für Schritt, schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll -des Weges und berechnete die zurückgelegte Strecke. Auch -überschätzte er die vor ihm liegende mit einer Genauigkeit -und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese kleinen Geschöpfe -kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens blieb -nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem -Gesichte genau in der Richtung, die das Blatt oben auf -dem Baume hatte. Er konnte daher seinen Weg sofort -geradeaus in der Richtung verfolgen, die ihm die Gallwespe -angegeben hatte.</p> - -<p>Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar -ausgebildeten Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm -war er imstande, auf die unbedeutendsten Zeichen zu achten -und sich nach solch feinen Wahrnehmungen zurechtzufinden, -die für Menschen unfaßbar sind. Gleichwohl bedauerte -Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche hatte -aufwenden müssen.</p> - -<p>»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser -auf ihren Straßen haben!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p> - -<p>Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er -nicht doch noch dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere -Bildung und Fortschritt zu bringen. Allein er ließ bald -von seinen Träumen ab und verfolgte mit Eifer das eigentliche -Ziel seiner Reise und sprach:</p> - -<p>»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur -Mutter.«</p> - -<p>Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum -bemerkte Max allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei -Insekten, die alle nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde.</p> - -<p>»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach -Hause.« Diese Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue -seine müden Beinchen, und seine Reise schien ihm nicht mehr -so unsicher und gefährlich. Auch den Hunger spürte er nicht -mehr so quälend.</p> - -<p>Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein -nahes Getöse aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten -und den gewalttätigen Drohungen nach zu urteilen, gab es -da einen entsetzlichen Kampf auf Leben und Tod.</p> - -<p>Eine Wespe, von der Art der Sandwespe – Max hatte -nun schon eine ganz nette Insektenkenntnis –, drückte mit -aller Kraft eine Grille auf den Boden nieder. Diese wehrte -sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die Wespe der besiegten -Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib -bohren, als sie plötzlich davon abstand.</p> - -<p>»Halt ein!«</p> - -<p>Das war Max, der sie anschrie. Er kam zur guten -Stunde für die Grille. Die Angreiferin war überrascht, -ließ ein wenig locker, und es gelang der zu Tode Geängstigten, -ihrem Feinde zu entschlüpfen. Mit einem Hupf war sie in -ihrem Loche. Dafür fiel die Wespe wütend vor Zorn über<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -Max her. Aber es ging ihr wie einstens der Sandwespe. -Der tötende Stachel glitt auf dem Hanfpanzer ab, und Max -sagte lachend:</p> - -<p>»Verehrteste Frau Mörderin, diesmal sind Sie schön ausgerutscht!«</p> - -<p>»Was mischest du dich in meine Angelegenheiten, du -hergelaufener Fremdling! Drei Grillen habe ich bereits -zu Hause eingebracht, und eine fehlt mir noch; endlich -hatte ich sie glücklich, und du bist schuld, daß sie mir -entwischte.«</p> - -<p>»Genügen die dreie dir nicht?«</p> - -<p>»Keineswegs! Ich brauche vier Stück für meine Eier. -Habe ich keine viere, so bekommen meine Kinder nicht genug -zu essen. Nun kann ich deines Vorwitzes halber von neuem -die Jagd beginnen.«</p> - -<p>»Verzeihung, Frau Mordwespe, die arme Grille tat mir -leid. Mit deiner wilden Kraft wirst du gewiß bald eine -andere bekommen. Lebe wohl und entschuldige vielmals!«</p> - -<p>Max nahm seinen Weg wieder auf. Der Zweikampf -zwischen Wespe und Grille und seine Unterhaltung mit dem -betrogenen Sieger hatte ihn nicht im geringsten in der -Richtung des Weitermarsches beirrt.</p> - -<p>»Ohne mein Eingreifen«, sprach er für sich, »wäre die -Grille schön eingegangen! Diese Mordwespen besitzen eine -verteufelte Kraft. Man sieht es ihnen gar nicht an. Gleichwohl -muß ich meine Freundin Gallwespe noch mehr bewundern. -Sie ist viel kleiner und war doch imstande, sich -einen Weg durch ihre steinharte Kugel zu bahnen!«</p> - -<p>Max wanderte und wanderte unermüdlich weiter. Ihn -drängte die Sehnsucht, ans Ziel zu gelangen, und der Weg -zur Mutter war gar so weit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<p>Bald nachher bemerkte er ein anderes Geschöpf, das den -gleichen Weg verfolgte wie er, aber auf eine bequemere und -schnellere Weise. Es war ein äußerst fein gebautes Insekt -mit langem, dunkelgrauem, dünnem Körper, mattgelb am -Kopf, an der Brust gefleckt und mit vier leichten, ja allerleichtesten -Flügeln versehen. Damit bewegte es sich von -einem Strauch zum andern und tat, als ob es etwas suchte -und durchaus nicht finden könne.</p> - -<p>»Ach, liebe Libelle«, sprach Max emporschauend, »was -würde ich nicht bezahlen, wenn ich jetzt Flügel hätte wie du!«</p> - -<p>Das geflügelte Insekt schaute ihn mit seinen hervorstehenden -Augen an und lachte laut:</p> - -<p>»Ich bin keine Libelle.«</p> - -<p>»Was bist du dann?« fragte Max und blieb stehen.</p> - -<p>»Wenn du's wissen willst, – ich habe viele Beziehungen -zu deinesgleichen.«</p> - -<p>»Das freut mich zu hören; dann können wir ja in Freundschaft -verkehren!«</p> - -<p>»Meinetwegen«, antwortete das Insekt nicht sehr höflich. -Dabei setzte es sich, unbekümmert um Max bedächtig umherspähend, -auf einen Grashalm. Max näherte sich, er wollte -wissen, was es denn eigentlich zu tun vorhabe.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap25">25. Die geheimnisvolle Barke.</h2> -</div> - -<p>Nach einigen heftigen Anstrengungen schien das geflügelte -Insekt sich wieder zu erholen. Es streckte den Körper, drehte -sich um sich selbst und betrachtete mit Liebe ein Häufchen -Eier, die am Grashalm festgeklebt waren. Sie waren etwas -über drei Millimeter lang, gelblich und an dem dickeren -Ende rot gefärbt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p> - -<p>»So, das hätten wir«, sagte das rätselhafte Geschöpf -und beschaute sichtlich befriedigt sein Werk. »Man lebt so -kurz; aber wenn man für die Nachkommenschaft gesorgt hat, -kann man getrost sterben. Meine Kinder werden weiterleben.«</p> - -<p>Max, der unterdessen stumm vor Staunen dabeigestanden -war, konnte sich jetzt nicht länger halten und rief:</p> - -<p>»Aber du bist einmal eine brave Mutter!«</p> - -<p>»Hm, freilich«, erwiderte ganz verschmitzt das Insekt, -»vielleicht käme es dir besser zu statten, wenn ich es nicht -wäre!«</p> - -<p>»Ich begreife dich nicht. Doch da du keine Libelle sein -willst, darf man vielleicht fragen, wer du bist?«</p> - -<p>»So viel kann ich dir sagen, ich bin eine große Verehrerin -der Ameisen, aber ich weiß nicht, ob sie mich ebenso lieben -wie ich sie.« Dann fuhr sie, Max spöttisch musternd, fort: -»Gehe du nur einstweilen deiner Straße; ich verweile hier, -um meine Kinder in Sicherheit zu bringen, denen ich wünsche, -sie möchten in ihrem Leben recht vielen Ameisen begegnen, -die so gut sind wie du; du scheinst mir eine ausgezeichnete -Ameise zu sein.«</p> - -<p>Die sonderbare Betonung der letzten Worte gaben dem -Satz einen unheimlichen Sinn. Oder sollten sie eine besondere -Artigkeit bedeuten? Max rannte, von einer innerlichen -Stimme gemahnt, eiligst weiter, ohne sich für eine -solche Artigkeit mit diesem Beigeschmack zu bedanken. In -schweren Gedanken und mit einigem Herzklopfen zog er in -langen Schritten fürbaß und grübelte vergebens, in den -verborgenen Sinn jener Worte einzudringen. Nach einem -guten Stück Weges hörte er hinter sich sprechen:</p> - -<p>»Willst du wirklich wissen, wer ich bin?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p> - -<p>Max schnellte erschrocken rasch herum. Auf einem Grashalm, -der über ihm schwankte, saß das Insekt, das er Libelle -genannt hatte.</p> - -<p>»Da wir weit genug von meinen Eiern sind und -du sie vergeblich suchen würdest, will ich es dir sagen: -Zittere! Ich bin -der Ameisenlöwe.«</p> - -<p>Diesmal war -es Max, der hellauf -lachte. Der -grausige Name, -die schreckliche Betonung, -die theatralische -Feierlichkeit, -mit der das -Insekt ihn aussprach, -versetzten -unsern Helden in -beste Laune. Mit -tiefer Verneigung -nahm er die Vorstellung -entgegen -und ahmte antwortend -die herausfordernde Sprechweise dieses Löwen nach.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-119.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Entschuldigen Sie vielmals, Herr Ameisentiger, wenn -ich Sie nicht gleich erkannt habe! Auf Wiedersehen, -Herr Ameisenleopard! Herr Ameisennilpferd, ich empfehle -mich Ihnen als Wärter für Ihre jungen Löwen, -die aus Ihren Eiern schlüpfen. Wenn Sie nur nicht -mit ihren Löwenkrallen die Eierschalen zu früh zerbrechen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>Trotz aller schlechten Witze war sich Max nur zu sehr -des unangenehmen Eindrucks bewußt, den der Name auf ihn -gemacht hatte. Er erinnerte sich dunkel, während seines Lebens -im Ameisenheim gehört zu haben, der Herr Professor wolle -eine Vorlesung über Ameisenlöwen halten. Fuska sagte -damals zu ihm, er möge recht aufpassen dabei; denn man -müsse sich arg vor diesen Geschöpfen in acht nehmen. -Viel später erst sollte unser verbannter, armer Kaiser mit -eigener, entsetzlicher Lebensgefahr die Erklärung des Geheimnisses -finden, das in den Worten seines unheimlichen Reisegefährten -versteckt lag.</p> - -<p>Ohne von der Richtung seines Hauses abzuirren, schritt -er rüstig vorwärts. Lange war er schon gegangen, als sich -unversehens vor ihm ein Hindernis einstellte, das mit einem -Schlage alle frohen Hoffnungen vernichtete, die er während -des langen Marsches genährt hatte. Vor seinen Füßen -dehnte sich ein für eine Ameise unendlich großer See aus. -Man bedenke nur, daß ihn ein Mann kaum mit einem -Satze hätte überspringen können. Was tun? Wie ans -jenseitige Ufer gelangen, ohne die Richtung zu verlieren? -Richtung verloren, alles verloren! Wo könnte er je die -Straße wiederfinden, die ihm seine Freundin Gallwespe gezeigt -hatte?</p> - -<p>Das einzige wäre gewesen, den See in liniengerader -Richtung zu überqueren. Aber wie? Er konnte das -jenseitige Ufer nicht einmal sehen. Mit verzweifelnden -Blicken schaute Max hierhin und dorthin und ließ sie -über den See gleiten, der blutrot gefärbt in der Abendsonne -lag. Vergebens wartete er auf eine gute Eingebung, -und endlich erfaßte ihn der Mut der Verzweiflung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß nicht einmal«, jammerte er laut, »ob eine -Ameise schwimmen kann! Doch was liegt daran. Entweder -werde ich meine Mutter wiederfinden oder im Gedanken an -sie ertrinken und sterben.«</p> - -<p>So durchschritt er das letzte Grasbüschlein, das ihn vom -Wasserrand trennte, näherte sich entschlossen der Flut und -wollte sich eben hineinstürzen, als er mit einem Freudenschrei -plötzlich zurückwich.</p> - -<p>Unmittelbar vor ihm schwamm eine vornehme Barke mit -sechs Rudern. Max glaubte sogar, eine bequeme, gelbe -Sitzbank darin zu sehen. Diese Barke schien eigens auf ihn -gewartet zu haben, mit keinem andern Zweck, als ihn aus -grausamer Verlegenheit zu retten.</p> - -<p>Begreiflicherweise überlegte Max nicht zweimal. Da die -Barke ein klein wenig vom Ufer abstand, fand er sofort -einen geistvollen Ausweg, um einsteigen zu können, ohne -zu ertrinken oder mindestens pudelnaß zu werden. Er -kletterte flugs auf einen langen Grashalm, der sich vom -Ufer über das Wasser neigte. An der Spitze angelangt, -schaute er sich genau um, brachte den Halm durch die Schwere -seines Körpers in Schaukelbewegung, und wie er gerade -über das Schifflein zu pendeln kam, sprang er ab und kam -in der Barke vor die Bank zu stehen, die er gesehen hatte.</p> - -<p>»Jetzt aber tüchtig gerudert!« rief Max und versuchte die -Ruder zu ergreifen.</p> - -<p>Aber das war gar nicht nötig. Als ob die geheimnisvolle -Barke nichts anderes erwartet hätte als seinen Befehl, -streckte sich das letzte Ruderpaar mit Zauberkraft weit -aus, schlug mit kräftigem Schlag ins Wasser und führte -die Barke mit größter Schnelligkeit vom Ufer weg auf -hohe See.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<h2 id="kap26">26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff -beginnen und sie zu Pferde beenden kann.</h2> -</div> - -<p>»Ach, das ist ja ein Dampfschiff!« rief Max aus, als -er mit außerordentlicher Schnelligkeit in den See hinaustrieb.</p> - -<p>Wie von unsichtbarer Hand bewegt, glitten die Ruder in -gleichmäßigen Schlägen auf und nieder, und Max dachte -nicht anders, als daß die Kraft durch einen Dampfkessel -irgendwo im Innern des Schiffes erzeugt würde, das die -schlanke Form eines Kahnes hatte. Während Max auf -seinem Schnelldampfer stand, sah er eine Menge anderer -Schiffe seltsamster Bauart vorüberfahren. Sie erschienen -oft plötzlich an der Oberfläche und verschwanden rätselhaft -in die Tiefe, so daß Max in hellem Vergnügen glaubte, er -befinde sich mitten im Manöver einer Unterseebootflottille. -Für einen Augenblick vergaß er vor Glück über diesen herrlichen -Anblick, den der Zufall ihm schenkte, sein ersehntes -Ziel. Sofort auch beschäftigten ehrgeizige Träume seinen -erregten Sinn.</p> - -<p>»Wie wäre es«, dachte er hochstrebend, »wenn ich hier -als gefürchteter Admiral einige feindliche Schiffe in den -Grund bohrte?«</p> - -<p>Erfüllt von neuen kriegerischen Plänen, spazierte er sinnend -und wie ein echter Seebär mit breitspurig schwankendem -Gang auf dem Deck seines Schiffes hin und her. An einer -Stelle bemerkte er eine Reihe von Röhrchen, eines dicht -neben dem andern. Aufmerksam verweilte er hier und -sagte schlau:</p> - -<p>»Aha, da haben wir die Sprachrohre!«</p> - -<p>Er beugte seinen Kopf über eines der Röhrchen, und da -es offen war, rief er hinab ins Innere des Dampfers:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-123.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Hallo! Maschinisten, Heizer, Achtung!«</p> - -<p>Eine Stimme antwortete:</p> - -<p>»Hallo! Wer da?«</p> - -<p>»Hier Admiral Max Butziwackel! Alle Mann an Bord! -Rasch herauf!«</p> - -<p>Einen Augenblick war es still, dann ertönte die Antwort:</p> - -<p>»Hinaufkommen? Ich finde es gescheiter, hinunterzutauchen!«</p> - -<p>Mit einem gewaltigen Ruck und Schlag streckten die zwei -Ruder sich aus. Das Schiff bäumte sich erst auf, dann -fuhr es kopfüber in die Tiefe. Max wurde mit hinuntergerissen, -und schwindelnd dachte er:</p> - -<p>»Aha, ein Tauchboot!« Dabei umklammerte er voll -Geistesgegenwart das Rohr, das ihm als Sprachrohr nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -besondere Dienste geleistet hatte. Zugleich begriff er mit -Schrecken, daß die Unterwasserreise für ihn auf offenem -Deck nicht lange dauern müsse, um ihn dem Tode des Ertrinkens -zu weihen. Deshalb ließ er seine Stütze lieber -los und zappelte wie rasend, bis es ihm gelang, an die -Oberfläche emporzukommen. Doch das Wasserschlucken, der -Schrecken und die Überanstrengung hatten seine Kräfte so -erschöpft, daß er sich zu elend fühlte, um noch weiter zu -kommen. Er glaubte sich verloren, und einer Ohnmacht -nahe, stammelte er als letzten Stoßseufzer:</p> - -<p>»O du meine liebe Mutter!«</p> - -<p>Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Max streckte seine -Arme aus, faßte etwas und klammerte sich so fest daran, -wie es nur ein Ertrinkender fertigbringt. Von oben -aber rief's:</p> - -<p>»Oho, wer zieht an meinem Bein?«</p> - -<p>Der arme Schiffbrüchige nahm seine letzten, sinkenden -Kräfte und seinen ganzen Mut zusammen, denn er sagte sich:</p> - -<p>»Habe ich ein Bein erwischt, so gehört es wohl einer -Person, die auf dem Wasser spazieren kann. Eine solche -kann ich aber gerade brauchen, also Mut!«</p> - -<p>Er kletterte an dem langen, schwarzen Bein hoch, und mit -dem Erfolg wuchsen Kraft und Mut. Wie durch ein Wunder -gelangte er über Wasser und schwang sich gewandt auf den -Rücken des fremden Beinbesitzers, der abwehrend ausrief:</p> - -<p>»Wer steigt mir auf den Rücken?!«</p> - -<p>»Ich bin es«, sagte Max, indem er sich rittlings zurechtsetzte.</p> - -<p>»Eine Ameise bin ich, mit zwei vorzüglich scharfen Zangen -bewaffnet, kraft deren ich dich höflichst ersuche, mich schleunigst -ans Ufer zu befördern.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<p>Der Ton, in dem Max sprach, ließ seinen Träger vermuten, -daß die Ameise zu allem eher als zum Ertrinken -entschlossen war und keinen Widerspruch duldete. Deshalb -nahm das merkwürdige Geschöpf den Weg auf dem Wasser -gutwillig wieder unter seine Beine. Inzwischen betrachtete -Max sein Wasserpferd genauer. Es war ein dunkles Insekt -mit langem, dünnem Körper und einem Kopf, der allein -ein Drittel seiner Gesamtlänge ausmachte und der mit -außerordentlich langen Fühlern versehen war. Sechs gleichlange -Beine standen weit vom Körper ab und waren ebenfalls -ungewöhnlich lang.</p> - -<p>»Gesegnet seien deine Beine!« sagte Max bedeutend -freundlicher als vorhin, »sei du nur froh, daß du nicht -auch auf ein Unterseeboot zur Überfahrt angewiesen bist. -Doch bitte, wer bist du?«</p> - -<p>»Ich bin ein Wasserläufer«, erwiderte das Insekt mit -Freimut. »Wir Wasserläufer haben zwar Flügel, doch macht -es uns keinen Spaß, sie oft zu benützen. Höchstens, wenn -wir einmal über Land zu einem andern Gewässer wollen.«</p> - -<p>So sprechend, öffnete das Tierchen zierlich die hornigen -schwarzen Flügeldecken, die auf seinem Rücken lagen. Unter -ihnen kamen zwei ganz dünne, dunkle Hautflügel zum Vorschein, -denen Max mit einem gewandten Ruck auswich.</p> - -<p>»Ich will nicht prahlen«, fuhr der Wassertreter fort, »aber -in meiner Familie gibt es Leute, die noch tüchtiger sind als ich. -Diese können gegen die Strömung reißender Flüsse laufen, -andere spielen auf den gefährlichen Wassern tropischer Meere.«</p> - -<p>Max merkte längst, daß er es mit einem fein gebildeten -Herrn zu tun hatte, und er fühlte die Verpflichtung, sich -wegen der unverfroren kecken Art zu entschuldigen, mit der -er einen Freiplatz auf seinem Rücken beansprucht hatte. So<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -entspann sich zwischen Roß und Reiter eine artige Unterhaltung. -Max erzählte haarklein sein Abenteuer auf dem -verzauberten Schiff, das ihn mit sich in die Tiefe gerissen -hatte. Der Wasserläufer nickte verständig mit seinen Fühlern -und sagte nachdenklich: »Das wird jedenfalls der Rückenschwimmer -gewesen sein, die <em class="antiqua">Notonecta glauca</em>.«</p> - -<p>»Was, so heißt das Schiff?«</p> - -<p>»Nein, nein, so heißt das Insekt. Es gehört zu meiner -Ordnung und lebt wie ich im stehenden Wasser. Aber -während ich nur auf der Wasserfläche schreite, taucht dieses -auch in die Tiefe, um drunten auf dem Schlammgrunde -kleine Wassertiere zu fischen, die es mit seinem giftigen -Schnabel tötet. Kommt es an die Oberfläche, so bleibt es -mit dem Unterleib nach oben liegen. Dann sieht man seine -gelbe Brust, seinen behaarten Bauch und seine sechs ausgestreckten -Beine, von denen das hinterste, längste Paar -zum Rudern dient. Es kommt eigentlich nur herauf, um -Luft zu schnappen, denn die vermeintlichen Sprachrohre, -die Haarröhrchen, dienen ihm, um Luft damit zu sammeln.«</p> - -<p>»Was sagst du mir da!« entsetzte sich Max, der seinen -ungeheuerlichen Irrtum mit Beschämung einsah.</p> - -<p>»Es ist so, wie ich sage, und du wirst dich noch mehr -wundern. Der Rückenschwimmer hat auch Flügel, stärkere -als ich, und er versteht vortrefflich zu fliegen.«</p> - -<p>»Ei, ei, welch bevorzugtes Geschöpf, mit vielseitiger Begabung! -Es fährt als Unterseeboot und ist zugleich Wasserflugzeug. -Diese Erfindung haben die Menschen im großen -Kriege noch nicht gemacht!«</p> - -<p>So plauderten sie höchst unterhaltend, bis der Wasserläufer -mit seinem Reiter am Ufer anlangte. Voll freudigen Dankes -sprang Max von seinem Wasserpferd ans Land und rief:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>»Teurer Wasserläufer, in tausend Jahren könnte ich dir -deinen liebenswürdigen Dienst nicht vergessen. Nenne mir -doch die Ordnung, der du zugehörst.«</p> - -<p>»Ich gehöre zur vornehmen Ordnung der Schnabelkerfe -und Halbdecker. Wir Wasserläufer bilden eine eigene -Familie, wie auch die Rückenschwimmer.«</p> - -<p>»Wohlan, gesegnet seien alle Wasserläufer. Begegnest -du aber dem Rückenschwimmer, so sage ihm, daß es eine -Ungezogenheit ist, wie er ahnungslose Reisende, die sich ihm -anvertrauen, behandelt!«</p> - -<p>Der Wasserläufer lächelte still vor sich hin, drehte sich -elegant um und entfernte sich in langen, raschen Schritten -vom Ufer. Max folgte mit feuchten Blicken dem schattenhaften -Wesen, dessen dünne Beine lautlos über die Fläche -glitten. Als längst nichts mehr von ihm zu sehen war, -blickte Max einsam um sich und rief in großer Niedergeschlagenheit -aus:</p> - -<p>»Was nun!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap27">27. Bei den Hummeln.</h2> -</div> - -<p>Was sollte nun der arme Verbannte beginnen so ganz -allein, bei dunkler Nacht, verlassen auf unbekannter Erde? -Er kannte die Richtung seines Weges nicht, er wußte nicht -einmal, ob er nach seiner Seefahrt auch tatsächlich an jener -Küste gelandet war, die er erreichen wollte, oder ob er gar -wieder dahin zurückgekommen war, von wo er sich eingeschifft -hatte.</p> - -<p>»Könnte ich wenigstens einen Unterschlupf zum Übernachten -finden«, seufzte Max.</p> - -<p>Lange suchte er die Umgebung ab. Endlich fand er auf -einem Hügelchen ein Loch und schlüpfte ganz leise hinein.<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -Dabei tastete er sich vorsichtig mit den Fühlern voran und -hielt für alle Fälle seine Zangen bereit.</p> - -<p>Es war ein vielfach gewundener, breiter und tiefer Schacht. -Als Max bei einer bestimmten Wendung dieses unterirdischen -Ganges angelangt war, hörte er einen langgezogenen, tiefen -Ton, der in ihm alte Erinnerungen weckte und seine ganze -Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.</p> - -<p>»Es ist kein Zweifel«, sprach er zu sich selbst, »da herinnen -wohnt ganz gewiß ein Musiker, der ein wahrer Künstler -ist auf seiner Baßgeige.«</p> - -<p>Neben dem ersten Spieler ließ sich bald ein zweiter, ein -dritter, dann ein vierter und fünfter vernehmen, und durch -die geräumigen Gewölbe der finstern Höhle klang eine -feierliche Harmonie von Tönen im tiefsten Baß, so daß -Max meinte:</p> - -<p>»Das ist mehr als ein Künstler! Das ist offenbar die -hohe Schule für Baßmusik.«</p> - -<p>Max war entzückt über die schönen Töne und rief gleich -nach der ersten Pause:</p> - -<p>»Bravo! Bravo! <em class="antiqua">Da capo!</em>«</p> - -<p>Nach diesem Beifall trat eine große Stille ein.</p> - -<p>Dann aber gaben sich die trefflichen Musiker gegenseitig -einige Töne an, als ob sie ihre Instrumente stimmen wollten, -und endlich spielten sie mit stets wachsender Stärke die -Melodie zu dem Liedchen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Rumpidibum, Rumpidibum,<br /></span> -<span class="i0">Wer geht um, wer geht um?<br /></span> -<span class="i0">Ist's ein Feind, so bleib' er fern,<br /></span> -<span class="i0">Doch den Freund empfang' ich gern!<br /></span> -<span class="i0">Wer steht vorm Tor,<br /></span> -<span class="i0">Rumpidibum,<br /></span> -<span class="i0">Der tret' hervor!«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p> -<p>Max, der das Lied vorzüglich verstand, näherte sich und -sagte mit einschmeichelnder Stimme:</p> - -<p>»Ich bin ein armes, kleines Insektlein, welches bei den -Herrschaften für diese Nacht um Aufnahme bittet.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-129.png" alt="" /> -</div> - -<p>Da wiederholte ein einzelner Geiger den letzten Satz:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Brüderlein fein, tritt herein! Rumpidibum!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Unser Verbannter trat mit ausgestreckten Fühlern ein. -Die Bewohner kamen ihm in derselben Haltung entgegen. -Sie betrachteten ihn genau mit ihren Fühlern, um ihn -kennenzulernen, und offenbar fanden sie an dem Fremdling -nichts auszusetzen, denn dieselbe Stimme, die ihn eingeladen -hatte einzutreten, redete ihn an:</p> - -<p>»Ruhe bei uns aus, wie es dir gefällt, und fürchte nichts. -Das gastliche Haus der Hummeln birgt keinen Verrat!«</p> - -<p>Max dankte tief bewegt. Er kroch in ein Winkelchen -und streckte mit Wonne die armen, müden Glieder aus, -die so viel geleistet hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span></p> - -<p>Während der Nacht konnte unser Held verschiedene Konzerte -von Baßgeigen hören. Er bemerkte auch, daß die Bewohner -der Höhle stets mit schweren Schritten hin und her -gingen und dabei unablässig brummten.</p> - -<p>Stellt euch vor, mit welcher Neugier er den Morgen erwartete, -um diese merkwürdigen Musikanten bei Licht zu -besehen. Da erblickte er denn eine Anzahl wohlbeleibter, -kugelrunder Tiere vor sich. Sie waren dicht behaart vom -Kopfe bis zum Abschluß des Hinterleibes. Die Behaarung -glänzte tiefschwarz und wurde nur unterbrochen von einer -gelben Halskrause, einer gleichfarbigen Schärpe über den -Rücken und ging am abgerundeten Ende des Körpers über -in ein zartes Weiß. Am Bruststück trugen die Tiere zwei -Paar Flügel, ähnlich denen der Wespen.</p> - -<p>»Was für reizende kleine Bären!« lobte Max.</p> - -<p>Sie hatten ja wirklich etwas Bärenartiges an sich, und -doch waren es Insekten von milden, höflichen Sitten, voll -Eifer für ihre Kinder, voll Zuneigung für ihre Familie, -unermüdliche Arbeiter, die vom Morgen bis Abend beschäftigt -waren, aus Blumen den Honigsaft für ihre junge -Brut heimzuholen.</p> - -<p>Baukünstler sind die Hummeln nicht, das sah Max sofort. -Ein verlassenes Mausloch, einen von Ameisen noch -nicht in Anspruch genommenen Maulwurfshaufen, einen -schlangenförmigen Gang desselben Tieres oder sonstige Hohlräume -im Erdboden und Steingeröll wählen die in der Erde -nistenden Arten. Andere bauen ihr Nest zwischen Moos -und Gras. Aber wenn auch am Hummelneste die Kunst -fehlt, so herrscht drinnen dafür eine friedliche Eintracht. Im -Hummelstaate arbeiten alle. Männer und Frauen führen -das gleiche einfache, ehrliche Leben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<p>Die guten Hummeln! Immer leben sie zusammen in -Frieden, immer brummen sie, und immer sind sie gegen alle -Gutgesinnten lieb und artig, obschon sie ein so bärenhaftes -Äußeres haben. Ein jeder mag daraus ersehen, daß man -die Leute nicht nach dem Äußern abschätzen und beurteilen -darf. Auch bei den Menschen birgt sich recht oft unter -rauher und unansehnlicher Hülle ein edles, vornehmes Gemüt, -wie auch im Gegensatz die Schönheit oft durch ihren -inneren Unwert schwer enttäuscht.</p> - -<p>Max, der rasch Freundschaft mit seinen Wirten geschlossen, -fand bald Gelegenheit, alle ihre guten Eigenschaften kennenzulernen, -von denen die Mildtätigkeit gegen Arme nicht die -letzte ist.</p> - -<p>Gerade als er seine Dankbarkeit für die gewährte Aufnahme -äußern wollte, erschien am Eingang der Wohnung -ein haariges, schwarzes, geflügeltes Insekt, welches einer -Hummel glich, aber dessen Sprache doch die Zugehörigkeit -zu einer andern Sippe verriet. Es bettelte bescheiden:</p> - -<p>»Gebt doch einer armen, erwerbslosen Maurerbiene eine -kleine Unterstützung!«</p> - -<p>Dann erzählte das Tierchen seine Jammergeschichte.</p> - -<p>»Ich bin eine Mörtel- oder Maurerbiene. Seit zwei -Tagen arbeite ich an meinem Nest, das ich an der äußeren -Wand einer Menschenwohnung anlegte. Da kam eine -Schwesterbiene von jener berüchtigten Art, die man ja leider -kennt, und reizte mich durch ihre unverschämten Ansprüche an -meinen mühsam erworbenen Besitz. In einem wilden Kampf -um meine Rechte zog ich den kürzern, und die Freche bemächtigte -sich meines fast fertigen Nestes. Übel zugerichtet, -mußte ich fliehen und finde jetzt nicht einmal mehr die -Kraft, ein wenig Honig zu sammeln; darum wende ich<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -mich an euch, ihr guten Hummeln, daß ihr mir ein wenig -zu essen gebt.«</p> - -<p>Von ihrer Darstellung ergriffen, bereiteten ihr die braven -Leute sofort ein ausgiebiges Frühstück, an dem auch Max -sehr gern teilnahm, denn sein Magen brummte bereits, als -ob er selber eine Hummelgeige geworden wäre. Nach dem -Essen flogen die Hummeln alle weg, um draußen Honig zu -sammeln. Die Maurerbiene hatte sich herzlich bedankt und -wollte auch fortgehen. Da trat Max, auf den ihre Geschichte -tiefen Eindruck gemacht hatte, zu ihr hin und sprach:</p> - -<p>»Höre, dir ist ein Unrecht geschehen, das ich wieder gutmachen -möchte.«</p> - -<p>Max hatte von seiner Mutter oft gehört, daß es Pflicht -eines jeden Ehrenmannes sei, sich für den Schwachen zu -verwenden, wenn er der rohen Gewalt ausgesetzt ist, und -daß es sich gehört, das gute Recht gegen jeden Unterdrücker -zu verteidigen.</p> - -<p>»Wo ist dein geraubtes Nest?« fragte Max.</p> - -<p>Die Biene schüttelte traurig den Kopf und sprach:</p> - -<p>»Wenn ich selbst es nicht verteidigen konnte mit meinem -spitzen Stachel, so bleibt wenig Hoffnung, liebe Ameise, -daß du mir helfen könntest, es zurückzuerobern. Doch -will ich es dir für alle Fälle weisen. Mein Nest ist an -der Vorderseite eines Hauses, das in gerader Richtung vor -uns liegt. Es ist ziemlich weit von hier; man erkennt es -an einer großen Rebe, die sich an seinen Mauern bis unters -Dach emporrankt.«</p> - -<p>Damit flog die Maurerbiene mit einem Seufzer fort und -hörte nicht mehr auf Max, der vor Aufregung kaum fragen -konnte:</p> - -<p>»Ist es eine Muskatellerrebe?«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<h2 id="kap28">28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder.</h2> -</div> - -<p>Es mußte sicher die Muskatellerrebe sein. Das Haus, -an dem die Biene ihr Nest gemauert hatte, mußte seine -Heimat sein.</p> - -<p>Weshalb denn? Nun deshalb, weil Max sich nach dem -Nest der Maurerbiene erkundigt hatte, um ein gutes Werk -zu tun. Gute Taten aber lohnen sich immer. Und noch -ein anderer Grund: Max hatte an seine Mutter gedacht, -sich ihrer Mahnungen erinnert und war jetzt voll Eifer, sie -zu befolgen. Wenn ein Kind sich so gut benimmt, kommt -immer etwas Rechtes dabei heraus.</p> - -<p>»Ich scheide nun«, sagte Max zu den Hummeln, »mit -einem Herzen voll Dankbarkeit gegen euch. Ihr seid liebe -Geschöpfe, und eure Güte ist so groß, daß ihr selbst nicht -wißt, wie vielen Unglücklichen ihr mit euren Wohltaten -Trost spendet. Denn seht, die Barmherzigkeit, die ihr an -der armen Maurerbiene übtet, bringt mir das unnennbare -Glück, meine Heimat wiederzufinden. Darum muß ich euch -doppelt dankbar sein!«</p> - -<p>Max hatte recht. Das ist die wunderbare Kraft der -Nächstenliebe, daß ihre Wirkungen weiter gehen, als jene -ahnen, die Gutes tun. Darum erntet auch ein Mensch, der -seine Mitmenschen wirklich liebt und dem Bedürftigen Wohltaten -spendet, so vielen Dank, und der Segen der Armen -und Notleidenden strömt ihm zu und beglückt ihn wie den -Wanderer der Duft der Blüten, ohne daß er selbst wüßte, -wie er so viel innere Freude verdient hätte. Voll Mut und -Vertrauen folgte also Max dem Weg, den ihm die Biene -angewiesen hatte. Er ging, ohne sich zu verweilen, rüstig -vorwärts. Die Straße war gut, und kein Hindernis stellte<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -sich ihm diesmal in den Weg. Als er fast den ganzen Tag -marschiert war, befand er sich endlich vor seinem Hause.</p> - -<p>Es war wirklich sein Haus. Wer könnte beschreiben, -liebe Kinder, mit welchen Gefühlen Max die zwei Stufen -emporkletterte, die er an jenem denkwürdigen Julimittag, -mit der lateinischen Grammatik in der Hand, in Gesellschaft -der Geschwister herabgestiegen war!</p> - -<p>»Was ist aus Moritz und Therese geworden?«</p> - -<p>Das war eine brennende Frage, auf die er keine Antwort -wußte.</p> - -<p>Erfährt er etwas darüber, wenn er ins Haus eintritt? -Aber so groß auch sein Verlangen war, erst wollte er der -Biene, die ihm unverhofft so unendlich nützlich gewesen war, -sein Versprechen einlösen.</p> - -<p>Es war ihm wie ein Gelübde, das er zu erfüllen hatte. -Er krabbelte an der geschlossenen Haustüre hinauf, lief kreuz -und quer an der Vorderwand des Hauses herum, um das -Nest zu finden, das er wiedererobern wollte. Ganz oben, -unter dem Dache, sah er ein solches, das sicher von einer -geschickten und starken Maurerbiene gebaut worden war. -Es bestand aus Tonerde und sah sich von außen an wie -ein schwach gebogenes Rohr, das aus der Mauer herauswächst. -Eben schlüpfte eilig ein geflügeltes Insekt hinein, -das eine arme Raupe mit den Vorderbeinen an seine -Räuberbrust drückte und mithineinschleppte. So rasch er -konnte, rannte Max zum Eingang der Röhre und rief -hinein:</p> - -<p>»Ist jemand zu Hause?«</p> - -<p>Sofort ließ sich im Innern ein zorniges Kreischen und -Schelten hören. Gleich darauf erschien die rechtmäßige Besitzerin -an der Schwelle des wohlgebauten Häuschens.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p> - -<p>Wäre unser Held nicht rasch beiseitegetreten, das Insekt, -blind vor Zorn, hätte ihn über den Haufen gerannt. Das -Nest, an das Max geraten war, gehörte einer Mauer-Lehmwespe. -Diese ist ein kräftiges Insekt, dabei aber mißtrauisch -und zornwütig im höchsten Grade. Nur wenig -entfernt von dieser Stelle erblickte Max ein anderes Gebäude, -das von außen genau aussah wie eine Handvoll -Schlamm, der an die Mauer gepappt war. Als er es aber -näher betrachtete und sich dabei der Beschreibung erinnerte, -die die Biene ihm von ihrem Haus gemacht hatte, erkannte -er, daß er jetzt gefunden hatte, was er suchte. Er entdeckte -den Eingang, näherte sich ihm und hörte jemand drinnen -summen. Mit Geduld bewaffnet und seine scharfen Zangen -in Bereitschaft, stellte er sich hier auf und wartete. Die -Sonne war schon untergegangen, und Max stand seinem -Worte getreu noch da, um den Dieb, sobald er herauskäme, -zu fassen. Endlich kam das Gesumme näher, die Biene -zeigte sich an der Türe des geraubten Hauses. Mit sicherem -Sprung saß er ihr auch schon auf dem Rücken, ergriff sie -mit den Kieferzangen beim Kopf, umschlang mit vier Beinen -ihre Flügel und den Leib, und wie er sie so kräftig unter -sich gebracht hatte, daß sie sich nicht mehr rühren konnte, -sagte er spöttisch:</p> - -<p>»Sie entschuldigen wohl gütigst, ich komme nur, um den -Mietzins für das Haus einzutreiben.«</p> - -<p>Die Biene drohte mit ihrem Stachel. Aber Max biß -ihn schnell mit seinen Zangen ab und rief dazu:</p> - -<p>»Tut mir leid, aber es muß sein. Sie haben keine Erlaubnis, -Waffen zu tragen!«</p> - -<p>Auf diese Weise hatte er sie unschädlich gemacht; jetzt -ließ er sie los und sagte ihr verächtlich:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>»Mach', daß du schleunigst fortkommst, und lasse dich hier -nicht mehr sehen. Sei froh, daß ich dir nur den Stachel -nehme. Ohne ihn wirst du deine frechen Räubereien in -Zukunft wohl unterlassen.«</p> - -<p>Die freche Landstreicherin verlangte nichts mehr und flog -davon. Max aber vernahm eine Stimme:</p> - -<p>»Du liebe Ameise, laß dich umarmen!« Sie kam von -der rechtmäßigen Nestbesitzerin. Diese war von den Hummeln -weggeflogen und hatte schon wieder angefangen, sich -in der Nähe ein neues Nest zu bauen. Aufmerksam geworden -durch die laute Zänkerei, war sie zufällig Zeugin -des ganzen Vorfalls zwischen Max und der bösen Biene -gewesen.</p> - -<p>»Siehst du, daß ich fähig war, mein Versprechen zu -halten?« sagte Max. »Jetzt kannst du wieder dein Haus -beziehen ohne Furcht und Bangen, und deine Feindin wird -dir die Arbeit nie mehr vereiteln.«</p> - -<p>Hierauf krabbelte unsere brave Ameise die Mauer hinab -und ging der Haustüre zu. –</p> - -<p>»Und die Muskatellertrauben?« so werden die Leser mit -wässerigem Mund fragen.</p> - -<p>Nun, die bleiben, wo sie waren.</p> - -<p>Maxens Sinnen und Trachten war ganz darin aufgegangen, -der armen Maurerbiene zu ihrem Rechte zu -verhelfen. Als er das getan hatte, fühlte er nur den -einen Drang, in sein Haus hineinzukommen. Darum fiel -es ihm heute auch gar nicht ein, die Muskatellertrauben -zu versuchen, an denen er früher als Kind tagtäglich genascht -hatte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p> - -<h2 id="kap29">29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, -wenn man keinen Hausschlüssel hat.</h2> -</div> - -<p>»Endlich!« stöhnte der entthronte Kaiser Butziwackel I. -bewegt, »endlich kann ich sagen: Zu Hause!«</p> - -<p>Aber wie ihr wohl schon längst bemerkt habt, hatte unser -Freund den Fehler, die Dinge immer zu leicht zu nehmen. -Auch diesmal mußte er leider bald erfahren, daß es nicht -so einfach ist, in ein geschlossenes Haus einzudringen, auch -wenn man ein winzig kleines Tierchen geworden ist.</p> - -<p>Es sei zunächst gesagt, daß der Schreiner die Haustüre -so genau eingepaßt hatte, daß weder an den Pfosten noch -auf der Schwelle ein Spältlein zu finden war. Und Max -suchte doch mit unendlichem Fleiß.</p> - -<p>Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu kommen, aber -auch hier ging es nicht, denn innen am Schlüsselloch war ein -Messingschildchen, und er mußte wohl oder übel wieder umkehren, -nachdem er vergebens im Schloß herumgekrabbelt war.</p> - -<p>Da kam ihm der Gedanke, wieder an den Mauern hinaufzuklettern, -um zu sehen, ob er vielleicht durch ein Fenster -hineinkäme; doch gab er den Plan gleich wieder auf.</p> - -<p>»Auch die Fenster werden fest verschlossen sein«, dachte -er, »denn in dieser Stunde schläft alles in meinem Hause.«</p> - -<p>Ganz trostlos lief unser Butziwackel vor der Türe hin -und her. Er, der einst so viel von künftiger Größe geträumt -hatte, wünschte jetzt zum ersten Male, noch viel kleiner zu -sein, als er schon war. Da gewahrte er beim Mondlicht -ein ganz kleines Löchlein in der Haustüre, wie es ein Holzwurm -ins Holz zu bohren pflegt.</p> - -<p>»Ha, am Ende kann ich auf diesem Wege in mein Haus -gelangen«, sagte er für sich und machte gleich den Versuch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p> - -<p>Weil das Löchlein schrecklich eng war, nagte er am Rande -mit seinen Kieferzangen so lange, bis er durchschlüpfen konnte. -Je weiter er vorwärts kam, desto breiter und bequemer -wurde der Weg. Es war ein vielgewundener, dunkler Gang, -der manchmal anstieg, manchmal abfiel und voll Sägemehl -lag, das jedenfalls von dem unbekannten Bewohner dieses -Ortes hier angehäuft worden war.</p> - -<p>»Wer weiß«, dachte Max, »was für ein Kauz das sein -mag, der sich damit vergnügt, meine Haustüre durchzunagen!«</p> - -<p>So schritt er, immer vorsichtig mit den Fühlern tastend, -voran, um allenfalsigen Überraschungen zuvorzukommen. -Nach einem guten Stück Weges hielt er an. Vor ihm lag -etwas Weiches, Zartes, das die Straße versperrte.</p> - -<p>Zugleich ließ sich im Finstern eine Stimme hören, die -sprach:</p> - -<p>»Oho! Wer kratzt mich denn dahinten?«</p> - -<p>So unglaublich das bei Maxens Veranlagung erscheint, -diesmal machte er zunächst eine weise Überlegung.</p> - -<p>»Dieser Herr«, so sagte er sich, »ist also hinten sehr zart; -aber sein Kopf muß erschrecklich hart sein, sonst könnte er -nicht Haustüren durchnagen. Darum wird es sich empfehlen, -mit ihm zu verhandeln, ehe er sich gegen mich umdrehen -kann.«</p> - -<p>Er faßte mit den vier Beinen, die er noch hatte, den -weichen, zarten Körper, zwickte ihn ein ganz klein wenig -mit seinen Zangen und sagte listig:</p> - -<p>»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe.«</p> - -<p>»Au, au, du bringst mich ja um!«</p> - -<p>»Das könnte schon geschehen; aber glaube mir nur, gerne -täte ich es nicht.«</p> - -<p>»Gestatte doch wenigstens, daß ich mich umdrehe!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span></p> - -<p>»Das ist gar nicht nötig, wir können auch so ein paar -Worte zusammen plaudern.«</p> - -<p>»Aber wer bist du denn, was willst du?«</p> - -<p>»Sehen Sie, verehrter Herr, ich bin eine bescheidene, -kleine Ameise, aber wie Sie bemerkt haben, bin ich wohl -imstande, Sie mit einem einzigen Biß in zwei gleiche -Teile zu zerlegen.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-139.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Um Gottes willen.«</p> - -<p>»Nur nicht erschrecken! Was ich von Ihnen wissen will, -ist fürs erste dies: Wenn ich Ihnen nichts zuleide tue, -darf ich dann hoffen, daß auch Sie Ihre Waffen nicht gegen -mich gebrauchen? Nebenbei gesagt, ich habe hohe Achtung -vor Ihrem Handwerkszeug und beglückwünsche Sie.«</p> - -<p>»Ich verspreche, daß ich dir nichts Böses tue.«</p> - -<p>»Auf Insektenehrenwort?«</p> - -<p>»Ich beschwöre es dir bei der Ordnung der Hautflügler, -zu denen ich mich rechne.«</p> - -<p>»Ah, da schau!« rief Max überrascht aus, »dann können -wir im vollsten Vertrauen miteinander reden, denn ich gehöre -auch zu deiner Familie.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Sowie sich der Unbekannte frei fühlte, wendete er sich -um, und Max fühlte statt des weichen Körpers einen Kopf -vor sich, der in eine hornharte Spitze ausging.</p> - -<p>»Jetzt könnte ich dich zu Mehl zerreiben«, sagte der -Besitzer dieses Kopfes, »aber ich gab mein Ehrenwort. -Auch stehe ich gerade vor einem neuen, bedeutsamen Abschnitt -meines Lebens und will das gegebene Wort nicht -brechen.«</p> - -<p>»Das ist ein sehr guter Entschluß.«</p> - -<p>»Aber erkläre mir, wie bist du in meine Wohnung eingedrungen?«</p> - -<p>»Ich bin in dein Haus eingedrungen, um in das meine -zu gelangen. Mit einem Wort, ich muß durch diese Türe -hindurchkommen.«</p> - -<p>»Für jetzt ist das unmöglich. Der Gang ist hier zu -Ende.«</p> - -<p>»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du -bist doch so geschickt!«</p> - -<p>»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer -näher rückt die feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles -gut geht!«</p> - -<p>Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch -finsterem Ort erweckten in Max eine Riesenneugierde; er -konnte nicht länger schweigen und fragte:</p> - -<p>»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu -tun habe, und erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend -aufgibst, seit ich mit dir rede.«</p> - -<p>Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann -er feierlich:</p> - -<p>»Ich bin der <em class="antiqua">Sirex juvencus</em>, die Kiefernholzwespe. -Durch den Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich,<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -daß die Stunde meiner Verwandlung gekommen ist. Ich -weiß, daß ich in kurzer Zeit ein großes, schönes Insekt sein -werde, das in der Luft fliegen kann. Seit mehr als einem -Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei -in dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem -Ei entschlüpft, bohren und graben müssen, bohren und -bohren immerzu. Je größer ich wuchs, desto breiter -mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit -bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu -genießen. In kurzem werde ich einschlafen, werde mich -in eine Puppe verwandeln, um aus ihr als vollkommenes -Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie zu kommen, -muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht -zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als -ich noch kleiner war, ist jetzt, da ich groß geworden -bin, viel zu eng für mich. Du siehst, wie richtig ich -sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick meines -Lebens stehe.«</p> - -<p>Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer -nicht verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen -eines weitgereisten Insektes geben, deshalb sagte er:</p> - -<p>»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch -stärkeren Nagern begegnet bin als dir. Ich habe sogar -eine Freundin, die Gallwespe, die versteht es, Kugeln auf -Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind als ein -Zwetschgenkern.«</p> - -<p>Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann -von neuem zu nagen. Das von dem starken Werkzeug -des Insektes erfaßte Holz stäubte wie ein Sägemehlregen -umher, während sich der Gang rasch verbreiterte und -verlängerte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span></p> - -<p>Auf einmal unterbrach die Larve ihre Arbeit, und es war -Max, als ob sie murmelte: »Nein, das wäre doch niederträchtig!«</p> - -<p>Dann bohrte sie wieder wütend weiter, aber plötzlich rief sie:</p> - -<p>»O ich Unglückselige!«</p> - -<p>Max drängte sich zu ihr.</p> - -<p>Die arme Larve war an der Grenze der Holzschicht angekommen -und murmelte unverständliche Worte.</p> - -<p>»Was ist geschehen?« fragte Max besorgt.</p> - -<p>Die andere ließ den Kopf sinken und sprach mit schwacher -Stimme:</p> - -<p>»Das ist kein Holz, was mir den Ausgang verschließt.«</p> - -<p>Max untersuchte die Wand. Das Ergebnis brachte ihn -zur Verzweiflung.</p> - -<p>Er stand mit seinem Holzbohrer vor dem inneren Eisenbeschlag -der Türe.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap30">30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh -verwechselt.</h2> -</div> - -<p>Das war eine traurige Lage.</p> - -<p>Diese arme Larve hatte mehr als ein Jahr gearbeitet, -um sich für die Stunde ihrer Verwandlung einen Ausweg -zu verschaffen; und jetzt, wo es gerade am schönsten geworden -wäre, war sie vor eine Metallwand geraten.</p> - -<p>»Was tun?« fragte der ängstlich zuschauende Max mit -Herzklopfen. Die Wespenlarve aber schüttelte mit aller -Seelenkraft ihren Ärger ab, nahm sich fest zusammen und -rief sich selber Mut zu:</p> - -<p>»Nur nicht nachlassen, nicht verzagen! Ich muß durchkommen, -ich fühle, daß ich keine Zeit zu verlieren habe.«</p> - -<p>»Wirst du umkehren? Einen neuen Weg suchen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<p>»Umkehren? Was fällt dir ein! Ich nage das Metall -durch«, so sprach sie in stolzem Trotz.</p> - -<p>Max schaute recht verblüfft darein. Sein Staunen wurde -immer größer, als er auch schon ein Geräusch hörte, wie -wenn eine Feile rasch und gleichmäßig über Metall raspelte. -Wahrhaftiger Gott, die Larve durchbohrte das Eisen! Wenn -unser Freund gewußt hätte, daß berühmte Naturforscher -beobachteten, wie diese Insekten drei Zentimeter dicke Bleiwände -durchlöcherten, hätte er sich nicht so maßlos gewundert.</p> - -<p>»Diese Holzwespe kann noch mehr wie meine Freundin, -die Gallwespe«, rief Max, »dieser Leistung gegenüber bedeuten -die Holzkugeln nicht viel. Lieber Freund«, scherzte -er, »du könntest wirklich mit dem Kopf die dicksten Mauern -einrennen, ohne dir den Schädel zu zertrümmern.«</p> - -<p>»Spaß beiseite«, erwiderte fast außer Atem die abgearbeitete -Larve, »für mich handelt es sich jetzt um Leben oder Tod. -Hier sterben, im Dunkeln, in dem Augenblick, der mich frei -in den Lüften finden sollte, das will mir nicht in den Sinn!«</p> - -<p>»Willst du deine Verwandlung hier abwarten?«</p> - -<p>»Ja, ich habe dazu Ruhe nötig; denn in kurzer Zeit bin -ich Puppe, um aus ihr schön und vollkommen zu erstehen. -Aber der Durchgang ist offen, willst du nicht ins Haus -eintreten?« Sie wies mit artiger Bewegung an das Löchlein, -das ihr das Tor zum Leben bedeutete.</p> - -<p>Max dankte mit innigen Worten:</p> - -<p>»Wenn ich dir irgendwie einmal nützlich sein kann«, sagte -er, »so soll mir das eine Freude sein!«</p> - -<p>»Danke, gönne mir jetzt Ruhe!«</p> - -<p>Max kroch durch die Öffnung im Beschlag und lief an -der inneren Türseite hinab, bis er sich auf der Diele des<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -Hauses befand. Sobald er den Fußboden erreicht hatte, -fing er vor Befriedigung zu tanzen an und sang dazu:</p> - -<p>»Ich bin daheim, ganz nahe bei lieb Mütterlein!«</p> - -<p>Wie trieb ihn die Sehnsucht, sie wiederzusehen! Er -rannte in der Finsternis nach allen Enden herum, um die -Türe zum Zimmer zu suchen. Ein Hindernis im Wege -hemmte seinen Lauf. Es lag da ein Apfelbutzen, der durch -irgendeine Unachtsamkeit am Boden liegengeblieben war. -Mit seinen Beinen hätte Max leicht darüber wegkommen -können, aber wer mit dem Vorbeilaufen nicht einverstanden -war, das war der Magen. Der brummte so heftig, als -wollte er das Baßgeigenkonzert wiederholen, das seit dem -schönen Frühstück bei den guten Hummeln verstummt war. So -machte sich denn das hungrige Ameislein ohne viel Federlesens -ans Essen, wobei alte, schöne Erinnerungen erwachten. -Mit innigem Wohlbehagen sprach er kauend vor sich hin:</p> - -<p>»Äpfel waren immer meine Leibspeise, aber erst jetzt weiß -ich, daß sogar der Butzen noch ganz vorzüglich schmeckt.«</p> - -<p>Geraume Weile speiste er und ließ sich's wohl sein; hatte -er doch seit frühem Morgen nichts mehr gegessen, und nachdem -er den Versuchungen der Muskatellertraube so männlich -widerstanden hatte, war ihm der Genuß, besonders nach den -Gemütsaufregungen im finstern Wespengang, schon recht -zu gönnen. Zu all dem brauchte er jetzt keine Angst mehr -auszustehen, die Richtung zu verlieren, deshalb entschloß er -sich, sich mit Seelenruhe die ganze Nacht dem süßen Apfelbutzen -zu widmen. Bei Tage wollte er dann die Zimmer -besuchen.</p> - -<p>Endlich brach ein schwacher Lichtschein durch den herzförmigen -Ausschnitt des geschlossenen Fensterladens, und -beim Klappern eines nahenden Trittes ließ Max geschwind<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -die Reste seiner Mahlzeit im Stiche. Franziska, das Zimmermädchen, -kam, um wie an jedem Morgen die Fenster zu -öffnen. Da hörte Max ein eigenartiges Geräusch und gleich -dazu einen Schreckensschrei. Was war denn geschehen? Das -konnte keiner erraten. Durch ein Löchlein im Türbeschlag -war ein großes Insekt herausgeflogen. Sein Körper glänzte -wie aus blauem Stahl, es hatte rötliche Schenkel, gelbe -Flügel und ungebrochene Fühler, die nach vorne gerichtet -waren und sich mit der Spitze ein wenig in die Höhe bogen.</p> - -<p>Franziska hatte bei dieser überraschenden Erscheinung -einen Schrei ausgestoßen. Jetzt ergriff sie den Wischlappen, -den sie an die Schürze gesteckt hatte, und machte mit diesem -eine unbarmherzige Jagd auf den seltenen Eindringling, -der in Todesangst einen Ausweg suchte. Max erkannte -sofort seine neu ausgeschlüpfte Holzwespe und hörte sie verzweifelt -rufen:</p> - -<p>»O Ameise, hilf mir doch!«</p> - -<p>Sofort wußte Max, was zu tun war. Er kletterte wie -der Blitz über Franziskas Schuh empor bis zum Strumpf, -drang mit dem Kopf zwischen zwei Maschen hindurch und -zwickte, so kräftig er nur konnte, Franziska gerade in dem -Augenblick in die Haut, als sie mit dem Staubtuch das -arme Insekt erschlagen wollte. Sie stieß einen lauten Schrei -aus und ließ das Tuch fallen. Indessen flog das geängstigte -Tier zum Fenster hinaus und rief:</p> - -<p>»Ameise, du hast mir das schöne Leben gerettet! Nie -werde ich dich vergessen!«</p> - -<p>Max hatte sich rasch auf den Boden fallen lassen und -lief eiligst davon. Franziska aber juckte heftig an ihrem -Bein und rief:</p> - -<p>»Diese verwünschten Flöhe!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<h2 id="kap31">31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser -gegangen!</h2> -</div> - -<p>Max war recht froh, der guten Holzwespe seine Dankesschuld -abgestattet zu haben. Er hatte dabei Geistesgegenwart -gezeigt und war jetzt stolz und zufrieden mit sich selber. -Aber Menschenfüße flößten ihm wenig Zutrauen ein, und -da man im Hause nach und nach verschiedene Schritte hörte, -verkroch er sich vor Angst, zertreten zu werden. Lieber -kletterte er eine Wand hinauf, als noch länger einer solchen -Gefahr ausgesetzt zu sein.</p> - -<p>»Nein«, dachte er, »wenn der Mensch, dieses Untier, -wüßte, welche wunderbaren Formen und Lebenskräfte in -uns kleinen Wesen verborgen sind, wäre er beim Gehen gewiß -vorsichtiger, um uns nicht zu zerdrücken.«</p> - -<p>Im anstoßenden Zimmer ließen sich jetzt Stimmen vernehmen. -Um besser sehen zu können, stieg Max an der Wand -empor auf den Kleiderrechen. Hier nahm er auf dem Rand -eines großen Filzhutes Platz und sagte leise und fröhlich -vor sich hin:</p> - -<p>»Von hier aus beherrsche ich das ganze Zimmer. Gleich -werden sie alle zum Frühstück erscheinen, ich werde sie sehen -und hören, was meine Lieben sprechen!« Gleich darauf -trat sein Onkel Walter ein. Wie bewegt betrachtete ihn -Max, aber seine Bewegung kehrte sich in Schrecken, als er -ihn sagen hörte:</p> - -<p>»Franziska, den Hut abbürsten, ich will in die Stadt gehen!«</p> - -<p>Max erschauderte. Der Hut wurde abgenommen; die -Krempe erzitterte unter seinen Füßen. Bei jedem Bürstenstrich -erwartete er, mitsamt dem Staub weiß Gott wohin -geschleudert zu werden. Ach, vielleicht wäre es so besser<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -gewesen! Glücklicherweise aber nehmen es Zimmermädchen -meistens nicht besonders genau mit dem Ausbürsten der -Kleider ihrer Herrschaft. Franziska fand den Hut halb -gebürstet sauber genug.</p> - -<p>So war Max wieder einmal gerettet; allein er lebte jetzt -von der Gnade eines Hutes, und dieser wieder war abhängig -von Onkel Walter. Ging dieser spazieren, so mußte -Max unbedingt mit ihm ausgehen.</p> - -<p>»Einerlei«, dachte er ohne weitere Sorge. »Zwingt er -mich jetzt zum Spaziergang, so muß er mich auch wieder -heimtragen.« Leichtfüßig und leichtherzig spazierte er inzwischen -den Hutrand entlang.</p> - -<p>Leider aber machte Max die Rechnung ohne seinen Lateinprofessor. -Dieser Spielverderber mußte ihm jetzt sogar noch -sein Ameisenleben verpfuschen!</p> - -<p>Nicht weit entfernt vom Landhaus wurde Max durch -einen Schwung vom Hutrand unsanft im Bogen zur Erde -geschleudert. Onkel Walter hatte vor dem Lateinprofessor, -der des Weges kam, in größter Hochachtung seinen Hut -tief gezogen. Er konnte ja nicht ahnen, daß er dabei seinem -lieben Neffen einen solchen Schabernack spielte.</p> - -<p>Max erholte sich leichter von seinem Fall als von dem -Schrecken über sein Mißgeschick und rief zornbebend aus:</p> - -<p>»Dieser greuliche Professor! Wenn ich meine Holzwespe -treffe, sage ich ihr, sie möge ihm ein Loch in seinen Kopf -bohren.«</p> - -<p>Unser Held war ganz außer sich, sonst hätte er so etwas -Böses keinesfalls gesagt. Man muß aber gerecht sein, diesmal -hatte er wirklich großes Unglück.</p> - -<p>Nach harten Mühen, gefährlichen Abenteuern, nach so -vielen überstandenen Gefahren war er endlich in seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -Hause angelangt. Nun sah er sich durch einen unglücklichen -Zufall vom schwer erreichten Ziel weiter als je entfernt. -Er lag mit den Beinen in der Luft auf dem Erdboden eines -unbekannten Ortes; allem nach wird es ihm unmöglich sein, -sich zurechtzufinden. Da vernahm er eine Stimme in der -Nähe:</p> - -<p>»Noch nie in meinem Leben habe ich ein Insekt ohne -Flügel so kühne Purzelbäume schlagen sehen! Wäre einer -<span id="corr148">von uns aus</span> solcher Höhe abgestürzt, mit den Beinen nach -oben, der hätte nicht so leicht wieder krabbeln können!«</p> - -<p>Das waren sonderbare Geschöpfe, die mit solchen Bemerkungen -das Unglück unseres Freundes besprachen. Max -konnte ein lautes Oho! der Verwunderung nicht unterdrücken, -als er ihrer ansichtig wurde. Es waren Ameisen, ganz -sicher, aber so merkwürdige, wie Max sich solche nicht im -Traume vorgestellt hätte. Ganz gelb, mit mächtigem Hinterleib -und schauderhaft dickem Bauch.</p> - -<p>»Woher kommt ihr, dickbäuchige Schwestern?« rief Max -sie an.</p> - -<p>»Weither wie du«, sagte eine lachend. »Du kommst aus -schwindelnder Höhe, wir aus weiter Ferne.«</p> - -<p>»Ei, woher denn?«</p> - -<p>»Aus Mexiko.«</p> - -<p>Max glaubte, die Ameisen wollten ihn zum besten haben, -und schon wollte er entsprechend erwidern, als eine sagte:</p> - -<p>»Schwestern, macht weiter, es ist Zeit zur Heimkehr, die -Sonne kommt!«</p> - -<p>Die fremden Ameisen trotteten ihres Weges. Langsam -schleppten sie sich mit ihren dicken, gelben Bäuchen vorwärts, -und unser Freund folgte ihnen ohne Bedenken, er hätte -gar nicht anders gekonnt; erstens wollte er zu gern Näheres<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -über sie erfahren, und dann wußte er im Augenblick -nichts Besseres anzufangen. Langsam erkletterte er mit -den Gelben eine Anhöhe, auf deren Gipfel sich ein kleiner, -sandiger Erdhaufen erhob, wahrscheinlich ihr Nest. Und -richtig standen am Eingange des Sandhügels drei Ameisen -Wache, doch waren diese schlank und ohne jenen unförmigen -Bauch.</p> - -<p>Die Wachen begrüßten die Ankommenden mit freundlichem -Zuruf:</p> - -<p>»Willkommen, Schwestern! Wie seid ihr schwerbeladen!«</p> - -<p>Sogleich bemerkten sie auch Max, der heimlich hinter -ihnen herschlich, und riefen ihn scharf an:</p> - -<p>»Wer ist der Fremde? Woher kommt er? Ausweis -zeigen!«</p> - -<p>Max trat sofort offen vor, grüßte militärisch die drei -Schildwachen und sagte würdig:</p> - -<p>»Ich bitte euch, erkennt mich als zu euch gehörig an, -ohne euch an meiner schwarzen Farbe zu stoßen. Gestattet -meine Anwesenheit in eurem Hause, in Anbetracht dessen, -daß ich keine feindlichen Absichten hege.«</p> - -<p>Diese feine Rede, namentlich die Wendung »in Anbetracht -dessen«, machte großen Eindruck auf die Schildwachen, und -in gemildertem Ton erwiderten sie:</p> - -<p>»Was hast du dann für Absichten?«</p> - -<p>»Vernehmt also«, nahm Max seine Rede sprachgewandt -wieder auf, »ich bin so, wie ihr mich seht, eine arme Ameise, -die ihres Landes verbannt ist infolge eines traurigen Krieges. -Ich bin allein, und ihr habt nichts zu befürchten. Mein -einziger Wunsch ist zu wissen, wer ihr seid, woher ihr -kommt, und welche Gebräuche ihr übt, daß ich sie nach ihrem -Werte schätzen lerne.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p> - -<p>Diese schmeichelhafte Rede verfehlte ihren Eindruck nicht. -Die Wachen zogen sich zu einer kurzen Beratung zurück, -in der beschlossen wurde, dem Fremdling zwar die Erlaubnis -zum Eintritt und einer Besichtigung zu geben, doch ihm -vorsichtshalber eine einheimische Ameise zur Begleitung beizugesellen. -So stieg Max in den trichterförmigen Eingang -des Sandhügels hinab, der in der Mitte des Baues gelegen -war. Von der weiten Öffnung führte die Trichterröhre -senkrecht zum ersten Stockwerk des Baues. Max sagte -seiner Führerin viel Schönes über die kunstvollen Anlagen -des geräumigen Hauses, dessen Herstellung von großer Mühe -und Sorgfalt zeugte; denn die bröselige Erde erschwerte -das Ausheben von Höhlen und Gängen, weil sie gar zu -leicht nachrutschte. Durch einen senkrecht geführten Schacht -ging es zum unteren Stockwerk, das aus zehn großen Kammern -bestand, deren Wände nicht mehr so schön glatt waren -wie oben. Max hatte aber kaum mehr ein Auge für so -etwas Nebensächliches, denn in diesen nur schwach beleuchteten -Zimmern befand er sich vor einem derartig befremdenden -Schauspiel, daß er unwillkürlich ausrief:</p> - -<p>»Ja – träume ich denn?«</p> - -<p>»Träumen?« meinte verwundert die Führerin. »Unsere -vollen Honigtöpfe sind gottlob keine Träume!«</p> - -<p>Festgeklammert an der Wand jedes Raumes saßen da -oder hingen vielmehr etliche dreißig Ameisen. Ihr ungeheurer -Bauch glänzte durchscheinend gelb wie ein dicker -Öltropfen.</p> - -<p>»Volle Honigtöpfe?« stammelte erstaunt Max, der die -Augen nicht davon abwenden konnte.</p> - -<p>»Freilich, deine große Verwunderung verrät deine Unkenntnis! -Ihr andern Ameisen habt eben keine Ahnung<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -von der gediegenen Einrichtung unseres Ernährungsamtes -und unserer wirtschaftlichen Umsicht. Wir sind mexikanische -Ameisen«, sagte sie ein wenig hochmütig, »und befinden uns -nur zufällig in diesem Lande. Weißt du, in einem jener -Ungeheuer, in denen die Menschen über die großen Wasser -fahren« – sie meinte natürlich Ozeandampfer und Kauffahrteischiffe -– »wurden einmal bei uns in Mexiko Pflanzen -verladen, in deren erdigen Wurzeln einige Insekten unbeachtet -mit hieher reisten. Unter diesen war auch eine -Mutter unseres Stammes, und diese begründete unser heute -lebendes Volk und errichtete mit ihm dies Haus.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-151.png" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>»O!« rief Max, »kamen die fremden Ameisen vielleicht -mit der mexikanischen Eiche an, die in einem Garten hierzulande -steht?«</p> - -<p>»Ganz richtig; mit einer wellblätterigen Eiche.«</p> - -<p>Vor zwei Jahren hatte tatsächlich Onkel Walter eine -solche Eiche geschickt bekommen und im Garten der Eltern -gepflanzt. Welche Hoffnungen erwachten bei dieser Feststellung! -Er war sicher nicht allzu weit entfernt von seinem -Hause, in das zurückzugelangen sein heißes Sehnen war.</p> - -<p>»Die wellblätterige Eiche«, fuhr die Führerin wie zur -Bestätigung der hoffnungsfrohen Vermutung fort, »liefert -uns unser tägliches Brot. Aus ihren Gallen, die ihr eine -Gallwespe beibringt, sammeln die Ameisen, denen du nächtlicherweile -begegnet bist, einen köstlichen Saft. So mächtig -füllen sie sich davon an, daß sie den unförmig dicken Bauch -bekommen und nur mühsam wieder heimziehen können. Hier -angekommen, steigen sie an den Wänden empor, wo dann -andere Kameraden sie bis zur äußersten Möglichkeit weiter -füttern. So werden sie bis zum Rand gefüllte Töpfe.«</p> - -<p>»Und bleiben sie immer so hängen?« fragte Max mitleidig.</p> - -<p>»Versteht sich. Sie können sich nicht mehr rühren und -haben auch weiter nichts zu tun, als die Nahrung für die -Arbeiter aufzubewahren. Sie melden sich übrigens freiwillig -zu ihrem Dienst, zu dem man eben berufen sein muß; ja, -ja, schwer ist er schon!«</p> - -<p>Max war in der Seele tief bewegt. Es gab also Ameisen, -die Honigbehälter werden! Honig, nicht zum Selberessen, -nein! Voll Entsagung stellen sie ihren eigenen Körper zur -Verfügung; zum Wohle der Brüder sind sie lebende Vorratskammern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>Vielesserei ist also bei diesen Tieren wahrhaftig etwas -anderes als bei den Menschen, die sich so zahlreich in -garstiger Weise den Magen überfüllen.</p> - -<p>Während er so dachte, konnte er selbst sehen, wie die -gelben Ameisen, denen er begegnet war, sich anschickten, die -bereits hängenden Genossen vollzustopfen. Sie päppelten -ihnen einen Teil der gesammelten Nahrung ein und sagten -dazu sich einander lustig zublinzelnd:</p> - -<p>»Heute dir, morgen mir!«</p> - -<p>»Willst du ein wenig von unserem Honig versuchen?« -fragte die Führerin.</p> - -<p>Das brauchte man Max nicht zweimal fragen. Mit Vergnügen -ließ er sich von einer Ameise, die sich noch bewegen -konnte, den süßen Saft einflößen. Wie schleckig er war! -Ein wenig säuerlich von der darin enthaltenen Ameisensäure, -aber dafür desto schmackhafter.</p> - -<p>»Welche Wunder vollbringt die Schöpfung! Nun sah -ich sogar lebendige Honigtöpfe.« So dachte Max, als er -den Rückweg antrat. Er bedankte sich aufs herzlichste bei -den drei Schildwachen und allen, die er kennengelernt hatte. -Eben, als er sich verabschieden wollte, gellte der Schreckensruf -von allen Seiten:</p> - -<p>»Der Wendehals!«</p> - -<p>Im selben Augenblick fühlte sich Max am Genick erfaßt, -und mit drei Unglücksgenossen von Mexikanern wurde er -durch die Lüfte getragen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap32">32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe.</h2> -</div> - -<p>Eine Tatsache muß zunächst festgestellt werden:</p> - -<p>Wenn Maximilian Butziwackel I., Kaiser des Einzelstaates -der Rasenameisen und Thronanwärter des allgemeinen<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Ameisenweltreiches, sein ehrgeiziges Ziel nicht erreichen konnte, -geschah es nicht aus Mangel an hervorragender Geisteskraft -oder entschlossener Willensrichtung. Sogar jetzt, wo -er schon auf der Zunge eines Vogels klebte und gefangen -saß im Schnabel eines unbarmherzigen Ameisenwürgers, -kam ihm ein rettender Gedanke. Er kauerte sich, so klein -er konnte, in seinen Hanfpanzer zusammen, und der Vogel, -der statt Max nur mehr das Hanfkörnlein spürte, spuckte -dies mißachtend aus, ahnungslos, welch eine gute Ameise da -drinnen steckte. Der Wendehals begnügte sich also mit drei -statt mit vier Opfern. Max fiel zur Erde, und diesmal -segnete er seinen Absturz. Der Wendehals schüttelte gewohnheitsmäßig -seinen Kopf und flog weiter, aber Max -rief ihm voll heiligen Zornes nach:</p> - -<p>»Elender Vernichter unseres edlen Volkes! Mögen die -drei Mexikaner dir lebenslang schwer im Magen liegen -bleiben!«</p> - -<p>Er wandte sich hierhin und dorthin, um die Gegend zu -besichtigen und sich zurechtzufinden. Wo war er? Das -wußte er, vom Hause der ausländischen Ameisen war er -noch nicht weit entfernt, und dies lag ja nahe bei der wellblättrigen -Eiche. Diese wieder war dem Hause benachbart, -von dem er losgerissen war, und in das er sich unendlich -zurücksehnte. Trotz aller dieser richtigen Schlußfolgerungen -gelang es ihm doch nicht zu bestimmen, wohin er sich zu -wenden habe, um sein Ziel zu erreichen. So lief denn Max -ratlos hin und her und kam zu einer Hecke wilder Rosen.</p> - -<p>»Da hinauf will ich klimmen, denn von solch hohem -Standpunkt aus läßt es sich weit ins Land schauen.«</p> - -<p>Gesagt, getan. Er stieg und stieg, schaute von Zeit zu -Zeit genau umher, ohne aber irgend etwas Genaues auszukundschaften.<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -Als er die höchststehende Rose erreicht hatte, -hielt er an und atmete den süßen Duft ein, der seine Seele -mit lindem Trost erfüllte.</p> - -<p>Doch was spielte sich denn da im Innern der Rose ab? -Max vergaß die Lust am Dufte, denn seine ganze Aufmerksamkeit -wurde von einer schönen Biene gefesselt, die -im Schoße der Blume mit geschäftiger Emsigkeit arbeitete.</p> - -<p>Die Biene leckte mit sichtlichem Vergnügen an den Staubfäden -der Blume und steckte dabei ihren Kopf tief in den -duftenden Kelch. Dann sammelte sie den Blütenstaub und -sang eine fröhliche Weise dazu:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Summ, summ, summ, summ!<br /></span> -<span class="i0">So treu wie Gold,<br /></span> -<span class="i0">Ein Blümchen klein,<br /></span> -<span class="i0">So rein und hold,<br /></span> -<span class="i0">Läßt grüßen fein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span> -<span class="i0">Sei du ihm gut!<br /></span> -<span class="i0">Dein Herz allein<br /></span> -<span class="i0">Gefallen tut<br /></span> -<span class="i0">Dem Blümelein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span> -<span class="i0">Ich trag' davon<br /></span> -<span class="i0">Den Gruß von dir,<br /></span> -<span class="i0">Als Botenlohn<br /></span> -<span class="i0">Gib Honig mir!<br /></span> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Bei diesem fröhlichen Liedchen erzitterte die Rose leise, -und freigebig reichte sie dem goldigen Insekt gerne ihre -Staubfäden dar. Als ein schöner Vorrat gesammelt war, -stieg die Biene aus dem Blumenkelch heraus und widmete -sich, auf einem Rosenblatt stehend, mit höchster Sorgfalt<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -einer Arbeit, der Max mit Verwunderung zusah. Geschickt -streifte sie mit den zwei Vorderbeinchen den Blütenstaub -ab, der sich an den dichten Härchen ihres Körpers eingepudert -hatte, nahm ihn mit den beiden mittleren Beinen -auf, um ihn von diesen auf das dritte und hinterste Beinpaar -zu befördern. Diese waren ein Wunder an Feinheit -und Zweckmäßigkeit des Baues. Sie waren dicht behaart -und gestalteten sich in ihrer Mitte zu einem kleinen Körbchen. -Darein sammelte das emsige Tierchen die ganze Ernte des -Blütenstaubes und trug ihn nach Hause. Der entzückte -Beobachter rief nun laut aus:</p> - -<p>»Frau Biene, Sie haben wunderbare Beine! Wissen -Sie das?«</p> - -<p>Die Biene aber wandte sich dem Störenfried ärgerlich -zu und herrschte ihn an:</p> - -<p>»Hast du sonst nichts zu tun als zu gaffen?«</p> - -<p>Bei dieser Zurechtweisung fühlte Max, wie sein Blut -kochte. Er vergaß allen Anstand und erwiderte gereizt:</p> - -<p>»Ich tue, was ich will. Und du? Was machst du?«</p> - -<p>»Ich tue jedenfalls Besseres, ich tue meine Pflicht. -Ich bin übrigens erstaunt, daß eine Ameise sich erkühnt, -auf zarten Blumen herumzutrampeln. Blumen sind unser -Bereich!«</p> - -<p>Bei solchen Verweisen konnte Max nicht mehr ruhig -bleiben. Er schrie die Biene an:</p> - -<p>»Dein Bereich? Ich möchte doch sehen, ob du andern -Insekten verbieten kannst, an den Rosen zu riechen! Herumtrampeln! -Da hört sich doch alles auf. Wie? Ich stehe -da und bin niemand im Weg und soll Blüten zertrampeln? -Und du? Du kommst her, um alles aufzulecken und auszusaugen, -schleppst fort, was du schleppen kannst, noch dazu<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -in verborgenen Körben an den Hinterbeinen! Eine schöne -Geschichte! Du Hamsterer du!«</p> - -<p>Die Biene hatte während dieses Zornausbruches ihren -Stachel mehrmals in der Scheide spielen lassen und leicht -zu verstehende Zeichen damit gemacht. Schließlich aber bemeisterte -sie ihren Verdruß und bemerkte kühl:</p> - -<p>»Eine so einfältige Ameise habe ich noch nirgends getroffen, -wie du bist.«</p> - -<p>Ehe unser Freund antworten konnte, fuhr sie fort:</p> - -<p>»Schwätzen hat keinen Sinn. Beweise will ich dir geben. -Weißt denn du, was eine Blume eigentlich ist? Kennst du -ihr geheimes Leben? Weißt du, daß sie atmet, schläft, -leidet, sich freut, liebt und lebt wie wir?«</p> - -<p>In seinem Ameisendasein hatte Max viele Wahrnehmungen -gemacht, die ihm als Kind ferne lagen. Er hatte längst -in den Kräutern, über die er lief, ein gewisses Leben und -Bewegung entdeckt, die ein Mensch nie erfaßt; Lebenszeichen, -für Menschenaugen allzu fein. Max hatte sich überdies -nie gerne mit Pflanzen abgegeben. Darum war auch er -an den feinen Äußerungen des Pflanzenlebens achtlos vorübergegangen. -Die Worte der Biene eröffneten ihm eine -neue Welt.</p> - -<p>»Siehst du«, fuhr die Biene fort, »nun stehst du so einfältig -da wie zuvor. Du weißt nicht einmal, daß die -Blumen, wie du, Vater und Mutter haben; daß die Blumeneltern -sich Blumenkinder wünschen, die so schön und duftend -sind wie sie selbst. Aber die Blumen stehen festgewurzelt. -Sie lieben sich und möchten einander viel erzählen und -können es nicht. Wer trägt nun zum einen und andern -die liebevollen Gedanken von Duft und die süßen Botschaften -von Nektar, die reinen Küsse aus Blütenstaub? –<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Wir geflügelten Insekten sind es, wir Bienen. Wir kennen -sie alle, wir wissen ihre Geheimnisse, und wir sind die Liebesboten -der verlobten Blumenpaare. Und sie sind froh und -öffnen uns für diesen Liebesdienst ihre Blumenkelche, empfangen -uns in ihrem Schoß und geben uns ihren Honig, -den wir unsern Angehörigen heimbringen.«</p> - -<p>Die geschäftige Biene summte von neuem ihr Liedchen, -die Rose aber erbebte in froher Lust:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Summ, summ, summ, summ!<br /></span> -<span class="i0">So treu wie Gold<br /></span> -<span class="i0">Ein Blümchen klein,<br /></span> -<span class="i0">So rein und hold,<br /></span> -<span class="i0">Läßt grüßen fein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span> -<span class="i0">Du, sei ihm gut,<br /></span> -<span class="i0">Dein Herz allein<br /></span> -<span class="i0">Gefallen tut<br /></span> -<span class="i0">Dem Blümelein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span> -<span class="i0">Ich trag' davon<br /></span> -<span class="i0">Den Gruß von dir,<br /></span> -<span class="i0">Als Botenlohn<br /></span> -<span class="i0">Gib Honig mir!<br /></span> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap33">33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen.</h2> -</div> - -<p>Max stand bewegt und ergriffen da. Die Worte der -Biene, die beim Beginn der Darlegungen herb und spottlustig -klangen, wurden im Laufe ihrer Rede liebenswürdig -und sogar herzlich. Der aufgeregte Ton, der zu Anfang -des Gespräches geherrscht hatte, war einer artigen und -zarten Stimmung gewichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<p>»Nein, wieviel des Schönen hast du erzählt!« nickte -Max beifällig ihr zu.</p> - -<p>Es zog ihn mächtig zu der lieben Biene, und er fragte sie:</p> - -<p>»Wollen wir miteinander gut sein?«</p> - -<p>»Gerne«, antwortete schlicht die Biene.</p> - -<p>»Das ist lieb von dir! Um dir zu beweisen, wie sehr -ich deine Freundschaft schätze, werde ich sofort die Rose -verlassen, aber nicht wahr, du weihst mich noch in das -Geheimnis ein, wie du Honig und Wachs bereitest?«</p> - -<p>»Das ist nicht schwer für mich. Mit meinem Rüssel -sauge ich die Honigdrüse aus, die meist am Fuße der Staubfäden -zu finden ist. Dieser Saft fließt in meinen Honigmagen -und wird hier zum fertigen Honig. Was das Wachs -betrifft, so schwitzen wir es in unserem Hause an der Unterseite -des Hinterleibes aus.«</p> - -<p>»Noch eine Frage«, bat Max wißbegierig.</p> - -<p>»Aber schnell, bitte. Die Sonne geht bald unter, und -wir haben strenge Hausordnung in unserem Stock.«</p> - -<p>»Was ist denn das, euer Stock?«</p> - -<p>»Wie, das weißt du auch nicht? Der Stock ist unser -Dorf, unsere Gemeinde. Nun? Was noch?«</p> - -<p>»Ach, deinen Namen möchte ich gar gerne wissen.«</p> - -<p>»Ich heiße Süßchen.«</p> - -<p>Die Biene mit dem reizenden Namen flog davon, und -Max mochte die Augen nicht von ihr wenden, bis er sie -hinter einem Baume entschweben sah. Dann stieg unser -Held vom Rosenstrauch herab, um seinen Weg wieder zu -suchen. Er war aber nicht der einzige gewesen, der den -Flug Schönsüßchens verfolgt hatte. In der Nähe schrillte -eine kreischende Stimme, die von einem Rosenzweig zu -kommen schien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p> - -<p>»Ha, ha«, so verstand Max, »endlich habe ich herausgekriegt, -wo du, teure Frau Biene, wohnst! Heute abend -werde ich mich einmal gütlich tun an deinem Honig!«</p> - -<p>Bestürzt, ja entsetzt sah Max um sich. Angeklammert -am Rosenzweig sah er vor sich ein schwarzes Ungetüm von -düsterem Aussehen. Es hatte einen dicken, behaarten, braunen -Rücken und mitten drauf – ein schauriger Anblick – war -in gelber Farbe ein Totenkopf gemalt. Als Max das -fürchterliche Insekt gewahrte, erschrak er heftig. Das Ungetier -aber fuhr mit seiner schrillen Stimme fort:</p> - -<p>»Vortrefflich! Donner und Doria! Wenn's dunkel wird, -werde ich mir, so wahr ich Atropos heiße, das Leben versüßen.«</p> - -<p>Es war wahrhaftig ein Acheronte, einer jener großen -Schmetterlinge, welche man Totenkopf nennt wegen der -düstern, gelben Zeichnung auf ihrem Rücken, und die, wenn -sie gereizt werden, einen pfeifenden, schrillen Ton ausstoßen, -der bisweilen so unheimlich wie das Bild wirkt. Die -düstere Färbung, die unheimliche Zeichnung, die Größe des -Schmetterlings und sein Erscheinen im Dunkeln sind die -Ursache, daß dumme, abergläubische Menschen sie für Unglückstiere -halten, wie es auch mit Eulen und Käuzchen -geschieht. Die Angst solcher einfältigen Leute ist unsinnig, -aber andere Geschöpfe können sich mit gutem Recht vor -diesem Schmetterling fürchten. Wie die Vöglein gut tun, -sich vor der Eule zu verstecken, welche sie nur allzusehr -liebt und sie recht wohlschmeckend findet, so müssen die -Bienen vor dem Totenkopf auf der Hut sein, da er nach -ihrem Honig lüstern ist.</p> - -<p>Max hatte die bösen Absichten des Insektes wohl verstanden, -und da er für Bienen im allgemeinen und für<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -Süßchen im besondern eine warme Zuneigung verspürte, so -sagte er jetzt für sich:</p> - -<p>»Der Stock ist in der Nähe, ein günstiger Zufall hat -mich eingeweiht in die Einbruchspläne des schwarzen Diebes, -wie wäre es, wenn ich eilte, Süßchen zu warnen?«</p> - -<p>Er warf einen Blick auf den Baum, dem die Biene zugeflogen -war, und richtete seine Schritte gegen Süßchens -Wohnung. Er rannte, was er konnte, achtete kein Hindernis -und sagte sich: Das Untier ist ein gerissener Dieb; es will -erst einbrechen, wenn es finster ist. Wenn ich auch keine -Flügel habe wie dieser Gauner, so werde ich trotzdem vor -ihm dort anklopfen können. Da – was war das? Er -hielt überrascht im Laufe inne. Hatte er nicht rufen hören:</p> - -<p>»Hurra! Es lebe der Kaiser!«</p> - -<p>Er spähte und konnte niemand entdecken. Schon wollte -er weiterwandern, im Glauben, daß er sich getäuscht habe, -als er den Ruf ein zweites Mal hörte, und diesmal konnte -es gewiß keine Sinnestäuschung sein.</p> - -<p>»Max Butziwackel! Hoch!«</p> - -<p>Zwischen Schreck und Freude verlor er schier die Besinnung. -Zu seiner linken Seite lag ein dichter Graswald, -aus dem hervor keuchend zwei Ameisen auf ihn zustürzten, -in denen er sofort seine zwei Adjutanten erkannte. Ein -gemeinsamer Freudenschrei:</p> - -<p>»Unser Kaiser!«</p> - -<p>»Dickkopf! Großzang!«</p> - -<p>Ein unbeschreibliches Bild! Die drei Ameisen fielen sich -gegenseitig in die Arme. Eine Sintflut von Fragen folgte -der zärtlichen Umarmung; Erklärungen, Berichte und Erzählungen -regnete es nur so, und nach der ersten Pause -ging es von neuem los:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>»Unser Kaiser! Er ist's! Hier steht er vor uns! Wer -kann es glauben!« so rief Großzang, und Dickkopf setzte -hinzu:</p> - -<p>»Wir beweinten ihn als tot!«</p> - -<p>»Eure Teilnahme ehrt mich«, sprach Max gerührt, »und -ich kann euch versichern, jetzt fühle ich mich wie neu geboren -durch euern Anblick. Wie kommt ihr hierher? Wie ist es -euch ergangen?«</p> - -<p>»Ach, wir sind nur durch ein Wunder gerettet worden. -Kaum weiß ich's, wie wir entwischt sind. Eine Schar Roter -verfolgte uns mit aufgesperrten Zangen und schimpfte unglaublich -roh hinter uns drein. – Welche Schlacht! Ist es -möglich, daß wir sie verlieren konnten, trotz deines erhabenen -Einfalles, unser Heer durch die Bombardiere zu verstärken!«</p> - -<p>Feierlich sprach Max:</p> - -<p>»Was wollt ihr? Das Glück ist nicht immer die Freundin -großer Geister. Genug! Ihr stellt euch nicht vor, wie ich -mich freue, euch wiederzusehen!«</p> - -<p>»Wie froh sind erst wir! Wir wollen bis ans Ende -unserer Tage bei dir bleiben.«</p> - -<p>»So begleitet mich«, sprach Max väterlich zu den beiden. -»Während wir raschen Schrittes gehen, könnt ihr eure -Geschichte erzählen.« So schritten sie alle drei dem Bienenstock -zu.</p> - -<p>»Denke dir nur«, fing Dickkopf an.</p> - -<p>»Stelle dir vor«, sprudelte zu gleicher Zeit Großzang.</p> - -<p>»Einer nach dem andern«, entschied Max.</p> - -<p>»Großzang, dir erteile ich zuerst das Wort.«</p> - -<p>»Stelle dir also vor«, fing dieser an, »daß wir bis jetzt -ein Landstreicherleben führen mußten, umlauert von tausend -Gefahren!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p> - -<p>»Wie auch ich!«</p> - -<p>»Ohne je zu wissen, wo man nachts sein müdes Haupt -hinlegen könne!«</p> - -<p>»Wie ich!«</p> - -<p>»Keine Ahnung, wo eine Mahlzeit hernehmen!«</p> - -<p>»Euer Kaiser aß nichts mehr seit heute früh!«</p> - -<p>»Kurz, wir haben das elendeste Leben geführt, das man -sich denken kann. Aber jetzt, wo wir dich wiedergefunden -haben, wo wir bei dir bleiben können, jetzt fürchten wir -nichts mehr. Nicht wahr, Dickkopf?«</p> - -<p>»Jawohl!«</p> - -<p>Max frohlockte, und die zwei Adjutanten schrien:</p> - -<p>»Es lebe Kaiser Butziwackel I.!«</p> - -<p>Da hagelte wie eine Antwort auf diesen Ruf ein Steinregen -hernieder und hüllte den Kaiser samt seinem Gefolge -ein. Unser Held, der die Erde unter seinen Füßen wanken -fühlte, hatte kaum Zeit, sich an einen Grashalm festzuklammern, -während Großzang ihm um den Hals fiel und rief:</p> - -<p>»Halte mich, ich falle!«</p> - -<p>Es war das Werk eines Augenblickes. Wie durch Zauberschlag -hörte der Steinregen auf, und Max und Großzang -hörten eine schwache Stimme, die unter der Erde um Hilfe -zu rufen schien. Fest umschlungen blickten sie unwillkürlich -unter sich und erschauderten. Ein schreckliches Bild bot sich -ihren Blicken.</p> - -<p>Sie befanden sich auf dem Rande eines trichterförmigen -Loches, auf dessen Grunde der arme Dickkopf vergeblich -kämpfte, gepackt von den riesigen Zangen eines furchtbaren -Tieres, das den Unglücklichen aussaugte und dazwischen -hin und wieder ausrief:</p> - -<p>»Hm, die schmeckt fein!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-164.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Ein Ameisenlöwe!« stammelte Großzang zitternd.</p> - -<p>»Ameisenlöwe!« wiederholte Max, und er erinnerte sich -seines Abenteuers mit dem libellenähnlichen Insekt. – »Ah, -nun verstehe ich dessen Worte! Ich sah das vollkommene -Insekt, und hier unten sehe ich die Larve. Also deshalb -wünschte mein damaliger Gefährte seinen Kindern, sie sollten -vielen Ameisen begegnen, die so gut sind wie ich!«</p> - -<p>Das Scheusal saugte unterdes sein Opfer aus und warf -dann die Hülle über seinen Sandtrichter hinaus. Als ob -es auf Maxens Betrachtungen antworten wollte, rief es -befriedigt aus:</p> - -<p>»Die war ausgezeichnet!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>Jetzt erst konnte Max den blutdürstigen Löwen in all -seinen Schrecknissen genauer betrachten. Aus dem Grunde -des Loches, wo er sich fast bis zur Hälfte des Körpers -eingegraben hatte, ragte das entsetzliche Tier heraus. Es -hatte ein schwarzes, bedrohliches Maul, sieben Augen auf -jeder Seite und war mit mächtigen Zangen bewaffnet. Sein -Leib war mit schwarzen borstigen Haaren besetzt. Die zwei -mit Krallen bewaffneten Beine krabbelten neben dem Kopfe -aus dem Abgrund hervor. Es wandte seine vierzehn Augen -auf die zwei entsetzten Ameisen und sprach mit Grabesstimme:</p> - -<p>»Jetzt werdet ihr beide da oben bald herunterkommen, -wie ich hoffe! Heute hätte ich bei so später Stunde nicht -mehr an eine so saftige Abendmahlzeit gedacht. Ich jage -sonst nur, wenn die Sonne scheint.«</p> - -<p>Wie es so sprach, krallte es die Tatzen ein, und mit -außerordentlicher Kraft und Gewandtheit schleuderte es die -sandige Erde, in der es saß, wie eine Flut von Steinregen -auf die zwei erschrockenen Zuschauer. Max fühlte sich schon -durch die fallenden und rutschenden Sandkörnchen in den -Schlund des Trichters hinabgezogen; mit der äußersten -Anstrengung hielt er Großzang an sich gepreßt, und mit -ihm klammerte er sich verzweifelt an den Grashalm, der -beide bis jetzt getragen hatte, und es gelang ihm, sich zitternd -vor Aufregung daran emporzuziehen.</p> - -<p>Die beiden Ameisen waren gerettet.</p> - -<p>»O je, o je!« rief Großzang, »das war eine böse Sache. -Dir allein, mein Kaiser, danke ich das Leben!«</p> - -<p>»Und ich verdanke dir einen steifen Hals, so hast du -dich an mir festgeklammert! Aber das macht nichts. – -Dem da ist es schlimmer ergangen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p> - -<p>Er deutete dabei auf die Hülle Dickkopfs, die mit den -Beinen in der Luft neben ihnen lag.</p> - -<p>»Der Ärmste!« rief Großzang tiefbewegt. »Von ihm -ist nichts geblieben als die Schale. Das Untier hat ihn -ausgesaugt ohne jede Rücksicht. Jetzt freut es mich doch, -daß wir seit zwei Tagen nichts gegessen hatten, sein Körper -muß hübsch trocken gewesen sein. Aber, daß der arme -Freund so wie ein ausgeblasenes Ei werden könnte, das -hätte ich doch nie geglaubt!«</p> - -<p>Beim Weitergehen wandte sich der Kaiser Butziwackel -sehr ernst zu seinem Gefährten und sprach:</p> - -<p>»Adjutant, hast du den Straßenräuber da drunten in -seinem Trichter gesehen?«</p> - -<p>»Leider! Es ist eine für uns Ameisen schreckliche Larve.«</p> - -<p>»Sehr wohl! Sobald wir einem zweiten von dieser -Sorte begegnen, befehle ich dir, ihn mir fünf Minuten -vorher zu melden! Gehen wir! – Vorwärts, marsch!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap34">34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines -Grafen aller Hautflügler.</h2> -</div> - -<p>Das schauerliche Abenteuer mit dem Ameisenlöwen und -vorher das Wiederfinden und die Begrüßung der beiden -Adjutanten hatte Max kostbare Zeit gekostet. Als er endlich -in der Nähe des Bienenstockes ankam, war es bereits -dunkel geworden.</p> - -<p>»Wie ich fürchte, bin ich zu spät gekommen«, murmelte -in Sorge der entthronte Kaiser, während er den Baum -erkletterte.</p> - -<p>»Aber wohin gehen wir denn?« wagte Großzang zu -fragen, der wohl sah, wie gedankenvoll Max geworden war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<p>»Wir wollen ein Bienendorf retten, das von einem -schwarzen Dieb bedroht ist.«</p> - -<p>»O wie fein! Da kann man vielleicht ein bißchen Honig -bekommen?«</p> - -<p>Mit strengem Blick aber rügte Max:</p> - -<p>»Adjutant! Es handelt sich jetzt um ein ruhmreiches Abenteuer -zu edlem Zwecke; und du denkst ans Essen!«</p> - -<p>»Es ist wahr; aber daran ist mein knurrender Magen -schuld; er ist so leer, als ob er – Gott behüte uns davor – -von einem Ameisenlöwen ausgesaugt worden wäre.«</p> - -<p>Die beiden Ameisen standen endlich vor dem Eingang -zum Bienenstock.</p> - -<p>Mit verzweifelten Gebärden stürzten eben einige Bienen -daraus hervor und summten in höchster Aufregung:</p> - -<p>»Der Totenkopf! Der Totenkopf!«</p> - -<p>Man sah sogleich, daß es im ganzen Bienendorf entsetzlich -toll zuging. Gefolgt von seinem Adjutanten stürmte -Max hinein. Die verwirrten und erschreckten Schildwachen -beachteten ihn nicht, und bald stand er an der Stelle, wo -sich eben das bedrohlichste Schauspiel abwickelte.</p> - -<p>Der entsetzliche Totenkopf war in den Stock eingedrungen. -Da saß er mit seinem großen plumpen Leib, bebend vor -Gier, die riesigen Flügel zitterten, sein Rüssel zuckte, und -vergebens versuchte das Bienenvolk, das ihn umgab, sein -verderbliches Vordringen zu verhindern.</p> - -<p>Vergebens bemühten sich die Überfallenen, den elastischen -Panzer zu durchstechen, von dem der dicke Körper des Tieres -weich und nachgiebig wie von einem Gummimantel umschlossen -war. Angstvolle Stimmen schrien in all diese Verwirrung -hinein:</p> - -<p>»Er wird alle unsere Lagerräume plündern!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<p>»Er frißt unsere Kinder!«</p> - -<p>»Er wird die Königin töten!«</p> - -<p>Max wandte sich zu seinem Adjutanten und sagte leise -zu ihm:</p> - -<p>»Hörst du, um eine Königin handelt es sich! Um jeden -Preis muß diese gerettet werden!«</p> - -<p>»Aber wie? Wenn schon die Bienen mit ihrem Stachel -nichts vermögen?« fragte Großzang ratlos.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-168.png" alt="" /> -</div> - -<p>»Dummkopf! Was der Stachel nicht kann, tut die Zange.«</p> - -<p>Unbekümmert und rücksichtslos schlürfte inzwischen der -Totenkopf so viel Honig, als er nur konnte, trotz des lauten -Protestes des Bienenvolkes. Da gellte plötzlich ein Schrei -aus dem vollen Munde des Räubers:</p> - -<p>»Au, mein Bein!«</p> - -<p>Ein zweiter ungeduldiger Schmerzensruf folgte:</p> - -<p>»Zum Kuckuck, wer schneidet mir denn meine Fühler ab?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p> - -<p>Zu gleicher Zeit rief Max, der sich rittlings auf den -Totenkopf gesetzt hatte:</p> - -<p>»Großzang, wenn du ihm nur ein einziges Glied am -Körper läßt, bist du nicht länger mein Adjutant!«</p> - -<p>Bei diesem ebenso unerwarteten als heftigen Angriff der -Ameisen versuchte der abscheuliche Totenkopf sich nach Kräften -zu wehren. Er schlug um sich und schleuderte dabei die -armen Bienen umher, daß sie mit den Beinchen nach oben -herumwirbelten.</p> - -<p>Der Kampfplatz war eng, und die gespreizten Flügel des -Totenkopfes versperrten den Weg. Aber schon hatte jemand -an Abhilfe gedacht; denn siehe, einer der Flügel fiel ab, und -gleich löste der zweite, dritte und vierte sich los. Das hatte -Großzang mit seinen scharfen Zangen wahrlich gut gemacht.</p> - -<p>Ohne Flügel und ohne Fühler wollte sich der Totenkopf -auf dem einzigen Bein, das ihm geblieben war, aufrichten. -Doch auch dieses zwickte Großzang unbarmherzig ab. Der -verstümmelte Rumpf des Untiers lag nun da, ohne sich bewegen -zu können. Im Nu hatte sich die Nachricht davon -in alle Ecken und Winkel des Bienenstockes verbreitet, und -ein hellstimmiger, unbeschreiblicher Siegesjubel brach los:</p> - -<p class="center">Viktoria! Viktoria! -</p> - -<p>Allen Lärm übertönend rief eine Stimme:</p> - -<p>»Wer hat diesen Dieb auf solche Weise unschädlich machen -können?«</p> - -<p>Max erkannte die Stimme und rief:</p> - -<p>»Süßchen, Süßchen! Bist du's?«</p> - -<p>»Ei, ei!« sagte die Biene erstaunt und setzte sich zu Max -auf den Rücken des Totenkopfes, »das ist ja die Ameise, -der ich auf dem Rosenstock begegnet bin! Wie kommst denn -du hierher zu uns?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p> - -<p>»Ich kannte die Absichten dieses schwarzen Herrn und -bin herbeigeeilt, das Bienendorf zu retten.«</p> - -<p>»Du!« rief Süßchen und sah ihn gerührt an. »Schwestern«, -rief sie, »verneigt euch vor dieser Ameise. Ihr verdanken -wir unsere Rettung!«</p> - -<p>Ein schallendes »Hurra« folgte dieser Bekanntgabe.</p> - -<p>Max dankte tief bewegt und sprach:</p> - -<p>»Haltet ein! Nicht ich allein habe ein Recht auf euern -Beifall. – Großzang, Großzang, tritt vor!«</p> - -<p>Aber Großzang antwortete nicht.</p> - -<p>»Dieser Vielfraß«, dachte Max, »wird schon in eine -Honigkammer eingefallen sein. Aber er soll was hören, -wenn er zurückkommt!«</p> - -<p>Inzwischen hatte Süßchen mit der zärtlichen und liebevollen -Stimme, die sie sich im Umgang mit den Blumen -angewöhnt hatte, gesagt:</p> - -<p>»Du bleibst doch bei uns, nicht? Es ist zu spät geworden, -um heimzukehren!«</p> - -<p>»O wie gerne!« beeilte sich Max zu antworten, »um so -lieber, als ich zurzeit keine Wohnung besitze.«</p> - -<p>Süßchen schien sehr erstaunt über diese Erklärung und war -nahe daran zu fragen wie und warum; denn sie war neugierig, -über ihren Befreier Näheres zu erfahren; aber da sie eine -höchst taktvolle Biene war, überwand sie sich und sagte nur:</p> - -<p>»Wie gerne hörte ich deine Geschichte; morgen erzählst -du sie mir vielleicht? Selbstverständlich bleibst du und jene -Ameise, der du eben gerufen hast, hier, d. h. wenn sie noch -bei uns herinnen ist. Ich selbst muß jetzt den Schwestern -helfen, das Haus von diesem Eindringling zu säubern.«</p> - -<p>Max stieg mit ihr vom Rücken des Totenkopfes herunter. -Süßchen aber gesellte sich zu den andern Bienen, die mit<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -vereinten Kräften den Körper des Untiers fortzuschaffen -versuchten.</p> - -<p>Aber dessen Gewicht und Umfang war derart, daß es -keine leichte Sache war, ihn zu bewegen. Schließlich rief -eine Biene:</p> - -<p>»Hört mich an, ihr Lieben! Diesen greulichen Wicht aus -dem Stock hinauszuschaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, -ich schlage vor, ihn auf die Seite des Ganges zu schleppen -und ihn dort luftdicht abzuschließen.«</p> - -<p>Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Alle Bienen -stellten sich an der einen Seite des schweren, häßlichen Körpers -auf, hoben und schoben mit verdoppelten Kräften den Dieb, -bis es ihnen schließlich gelang, den Koloß von der Stelle -zu rücken. Nach dem ersten Ruck ließ sich unter dem Tier -eine schwache Stimme vernehmen:</p> - -<p>»Gottlob! Länger hätte es nicht mehr dauern dürfen, -sonst wäre ich unter dieser Schuttmasse erstickt!«</p> - -<p>Der mutige Großzang war unglücklicherweise unter den -mächtigen Schmetterling zu liegen gekommen, als er ihm -das letzte Bein abgezwickt hatte. Max half ihm hervor -und rief mit feierlicher Gebärde:</p> - -<p>»Adjutant! Du bist ein tapferer Soldat!«</p> - -<p>»Ich folgte deinem Befehl; du hattest mich ja mit dem -Verluste meiner Stellung bedroht, wenn ich diesem Frechling -ein einziges Bein lassen würde.«</p> - -<p>»Du hast männlich deine Pflicht getan; zum Lohne ernenne -ich dich in Gegenwart dieses edlen Volkes zum erlauchten -Grafen aller Hautflügler.«</p> - -<p>Großzang verstand kaum die volle Bedeutung dieser Auszeichnung; -so viel aber war klar für ihn, daß sein Kaiser -ihm eine hervorragende Stellung im Reiche der Insekten<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -zugedacht hatte. Untertänig stammelte er mit tiefer Verneigung:</p> - -<p>»Majestät, ich danke!«</p> - -<p>Der Körper des Totenkopfes war jetzt auf die Seite -gerollt. Max setzte im Triumphgefühl seinen rechten Fuß -auf des Tieres Kopf, wies auf die düstere, gelbe Schädelzeichnung -über dem Rücken des Tieres und machte dabei -die Bemerkung:</p> - -<p>»Der ehrsame Herr – Gott hab' ihn selig! – hat allem -Anschein nach bei Lebzeiten schon an seinen Tod gedacht; um -uns die Kosten zu ersparen für einen Grabstein, ließ er sich -die Inschrift auf den Buckel malen!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap35">35. Im Bienenreich.</h2> -</div> - -<p>Am nächsten Morgen erwachte Max, dem die dankbaren -Bienen ein hübsches Schlafkämmerlein angewiesen hatten, -sehr schlecht gelaunt.</p> - -<p>»Dieser greuliche Totenkopf«, sagte er, »hat mir die ganze -Nacht verdorben. Ich hatte gräßliche Träume über ihn. – -Großzang! Hallo, Großzang! Großzang!«</p> - -<p>Der gräfliche Adjutant schreckte aus seinem tiefen Schlummer -auf.</p> - -<p>»Na endlich!« rief Max, »was für eine Art zu schlafen! -Ein kaiserlicher Adjutant, das merke dir, schläft nur mit -dem einen Auge, mit dem andern hat er stets zu wachen.«</p> - -<p>»Ich habe Hunger«, gähnte verschlafen der Herr Graf.</p> - -<p>»Du bist unersättlich, mein Lieber! Gestern abend hast -du bei dem Schmaus, den uns die Bienen gaben, für Viere -gegessen. Es ist unbedingt nötig, daß du dich änderst; denn -meine Einkünfte erlauben mir vorderhand nicht, einen solchen -Vielfraß von Adjutanten zu halten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span></p> - -<p>Mit gnädigem Ton fuhr er dann fort:</p> - -<p>»Etwas anderes! – Heute morgen müssen wir den Palast -der Bienen besuchen, und wir werden der Königin vorgestellt -werden. Verstehst du, der Königin! Benimm dich -deiner Stellung entsprechend und blamiere mich nicht!«</p> - -<p>Der Gedanke, der Königin vorgestellt zu werden, genügte, -um Max wieder in beste Laune zu versetzen.</p> - -<p>Seinem Adjutanten gab er eine Menge Anweisungen -über die höfischen Sitten und Gebräuche und schärfte ihm -ein, sich genau daran zu halten.</p> - -<p>Gerade wollte er ihm noch einen schönen Vers beibringen, -mit dem der Adjutant den Kaiser der Königin vorstellen -sollte, als jemand an der Türe klopfte und fragte:</p> - -<p>»Darf ich eintreten, liebe Freundin?«</p> - -<p>Es war Süßchen.</p> - -<p>Max ging ihr entgegen und sagte:</p> - -<p>»Meine Teure, vor allen Dingen muß ich dir erklären, -daß ich keine Freundin bin.«</p> - -<p>»Wie? Keine Freundin?«</p> - -<p>»Nein, aber dein Freund; denn ich bin ein Mann.«</p> - -<p>»Und diese andere Ameise?«</p> - -<p>»Ein Freund, gleich mir: beide gehören wir dem männlichen -Geschlechte an.«</p> - -<p>»Ihr habt doch keine Flügel; deshalb dachte ich, ihr seiet -geschlechtslose Ameisen, und hielt euch für tüchtige Arbeiter, -wie ich eine Arbeitsbiene bin.«</p> - -<p>Max mußte lachen und schaute Großzang an.</p> - -<p>»Arbeiter! Hörst du, Adjutant? – Süßchen meint, wir -wären zwei Arbeiter. Sie hat keine Ahnung, was wir sind. -Und wenn sie erst hört, wer ich bin! Jetzt ist es Zeit, -das Inkognito fallen zu lassen. Großzang, stelle mich vor!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p> - -<p>Großzang verneigte sich tief, zeigte auf Max und sprach -würdevoll:</p> - -<p>»Max Butziwackel I., Kaiser der Ameisen.«</p> - -<p>Max deutete auf Großzang und sprach:</p> - -<p>»Mein Adjutant Großzang, Graf aller Hautflügler, des -Kaisers Butziwackel erster und einziger Offizier. Dickkopf, -der zweite Adjutant, wurde gestern von einem Ameisenlöwen -ausgesaugt.«</p> - -<p>Süßchen blieb unglaublich überrascht bei dieser Doppelvorstellung.</p> - -<p>Max bemerkte, wie verständnislos sie seiner Größe gegenüberstand, -und erachtete es deshalb für nötig, eine Erklärung -folgen zu lassen. Er erzählte ihr vertraulich die Geschichte -seines Aufstiegs zu fürstlicher Höhe und den jähen Sturz -von seinem Throne.</p> - -<p>Die Biene hörte aufmerksam zu, und als er geendet hatte, -sagte sie:</p> - -<p>»Höre mal, ich habe nie einen Thron verloren und strebe -nach keiner Krone. Ich kenne nur den freudigen Drang -zur vergnüglichen Arbeit. Hast du, Unglücklicher, auch diesen -verloren? Bitte, beeile dich, wenn du jetzt unser Haus besichtigen -willst.«</p> - -<p>Diese Worte verdrossen Max ungeheuer, aber seinen Zorn -schüttete er über den unschuldigen Großzang aus, den er -barsch anfuhr:</p> - -<p>»Na, Adjutant, was tust du denn? Erhebe dich endlich! -Hörst du nicht? Wir gehen jetzt, den Palast zu besichtigen. -Komme sofort. Wie lange braucht es noch, bis du dich -rührst?«</p> - -<p>Dann verließ er majestätisch das Zimmer, Süßchen zur -Seite, der Adjutant hinterdrein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p> - -<p>Zunächst ging es zum Eingang, an dem Max eine Veränderung -gegen gestern wahrnahm. Die Toröffnung war -viel niedriger und schmäler geworden. An beiden Innenseiten -des Ganges waren neue Mauern aufgeführt, die aus -einer braunen, klebrigen Masse bestanden.</p> - -<p>»Ei«, bemerkte Max, »hier sah es doch anders aus, -als ich eintrat.«</p> - -<p>»Freilich«, erwiderte Süßchen, »das ist ein Neubau. In -Zukunft wird ein Totenkopf sich besinnen, hier einzutreten. -Wir haben unser Haustor verbessert.«</p> - -<p>»Wie ist es möglich, in einer Nacht so gewaltige Mauern -aufzuführen?«</p> - -<p>»Bei uns geht alles flink«, scherzte Süßchen. »Wir sammeln, -wie du vielleicht weißt, bei den Pflanzen Harz, und dieses verarbeiten -wir zu einer klebrigen Masse, dem Kittwachs. Damit -streichen wir im Hause Ritzen und Löcher aus. Mit diesem Baumaterial -haben wir den Eingang verengert; wir kitten damit -auch unsere Waben an der Decke und an den Seitenwänden fest.«</p> - -<p>»Welch großartige Leistung!« rief Großzang, der doch -auch etwas sagen wollte, bewundernd aus. »Und mit welcher -Genauigkeit und Schnelligkeit diese Veränderung ins Werk -gesetzt wurde!«</p> - -<p>»O, die Fixigkeit, die verstehen wir«, bemerkte Süßchen -gutgelaunt. »Bis man sich umschaut, errichten wir Mauern, -vor denen sich einer fürchten kann!«</p> - -<p>Die Drei schritten in ihrer Besichtigung weiter. Max überzeugte -sich mehr und mehr, daß es sich keineswegs um ein -Haus handelte, wie Süßchen es nannte, noch um einen -Palast, wie er glaubte, sondern um eine wirkliche und -wahrhaft große Stadt, erbaut nach allen Regeln der Baukunst, -der Gesundheitslehre und der Bequemlichkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p> - -<p>Die zwei Hauptmerkmale ihrer Bauart waren Harmonie -der Linien und weise Ausnützung des Raumes.</p> - -<p>Das ganze Innere dieser weiten Stadt bestand aus einer -Unmenge von Zimmern, die alle in genau sechseckiger Form -erbaut waren. An jeder Seite des Sechsecks stieß ein benachbartes -Zimmer an.</p> - -<p>»Ihr werdet wohl verstehen«, sprach Süßchen zu den -beiden Ameisen, »daß das Sechseck die einzige Form ist, -die uns gestattet, im gegebenen Raum die größtmögliche -Anzahl von Zimmern oder, wie wir sagen, Zellen zu bauen. -Jede andere Form würde für uns einen größeren Verlust -an Raum bedeuten.«</p> - -<p>»Das ist klar«, erwiderte rasch überzeugt Max, »ihr habt -die Raumfrage in geistvoller Weise gelöst! Aber wie ist -es möglich, diese Zellen so regelmäßig und so genau zu -machen?«</p> - -<p>»Das geht so zu! Sobald wir den Platz für unsere -Wohnung bestimmt haben, sei es in einem Mauerloch oder -in einem hohlen Baum, wie dieser hier, bauen wir zuerst -die inneren Wände der Zellen. Unser Baustoff ist das -Wachs, das wir an der Unterseite des Hinterleibes ausschwitzen. -Dieses befeuchten, kneten und formen wir mit -dem Munde und fügen Stückchen an Stückchen zusammen. -Und weil wir viele sind und immerfort einander ablösen, -geht die Arbeit rasch voran. Bald entsteht aus einer größeren -Anzahl von fertiggebauten inneren Zellenwänden ein fester -Streifen Wachs. Man nennt ihn die Mittelwand, weil -er die beiderseits anzubauenden Zellen trennt. Von der -Mittelwand aus ziehen unsere gewandtesten und tüchtigsten -Bauleute die Seitenwände unserer Zellen. Wollt ihr das -sehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p> - -<p>Süßchen führte die zwei Gäste an eine Stelle, wo gerade -neue Wachszellen gebaut wurden. Da wurde gehobelt, gemauert -und poliert, bis die sechs Seitenwände die nötige -Länge erreicht hatten und ein bequemes und sauberes Kämmerlein -einschlossen.</p> - -<p>»Wie schnell hier gearbeitet wird!« rief Großzang erstaunt.</p> - -<p>»Und dabei gut!« fügte Max mit Kennermiene bei.</p> - -<p>Er wunderte sich um so mehr, da er schon wußte, daß bei -den Menschen Schnellarbeiter und Schlechtarbeiter meistens -das gleiche bedeutet. Natürlich stimmt das nicht immer und -nicht in jedem Fall.</p> - -<p>»Da ist nichts zu verwundern«, erwiderte Süßchen; »wir -sind imstande, in einem Tag und einer Nacht bis zu viertausend -Zellen zu bauen.«</p> - -<p>»Welch eine Riesenarbeit!« meinte Max. »Aber ich erlaube -mir zu bemerken, daß die Zellen nicht gleich groß sind.«</p> - -<p>»Das versteht sich!« rief Süßchen; »dies hier sind die -Zellen für solche Eier, aus denen wir Arbeitsbienen herauskommen, -wir Geschlechtslose«, und dabei deutete sie im Kreise -herum, auch auf Max und Großzang.</p> - -<p>»Wir sind nicht geschlechtslos«, sagte Max ärgerlich. -»Ich gab dir bereits zu verstehen, daß wir Männer -sind!«</p> - -<p>»Das ist mir entfallen«, sprach Süßchen spöttisch und -fuhr fort: »Hier, diese größeren Zellen sind für jene Eier -bestimmt, aus denen männliche Bienen geboren werden, … -wirkliche Männchen, verstehst du? Und diese letzteren hier -sind die Zellen für die Weibchen; diese sind rund, groß, -prachtvoll, denn unsere Weibchen sind bestimmt, Königinnen -zu werden.«</p> - -<p>»Was? Wie?« sagte Max, »Königinnen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span></p> - -<p>Auf dies hin hätte er gerne eine Reihe von Fragen gestellt, -aber in ebendemselben Augenblicke stand man vor -einem sonderbaren Hügel, vor dem Max neugierig anhielt.</p> - -<p>»Süßchen, was ist denn dies?« fragte er voll Interesse.</p> - -<p>»Dies ist der Körper des Totenkopfes, des Schmetterlings, -den du besiegt hast. Da wir ihn nicht hinausbringen -konnten, haben wir ihn einbalsamiert. So kann er nicht -verwesen und uns die Luft verpesten.«</p> - -<p>»Einbalsamiert!« rief Max und beguckte den harten -Körper, der am Boden festklebte.</p> - -<p>»Was soll das heißen?«</p> - -<p>»Das heißt, wir haben den Leichnam des Totenkopfes -rings mit Wachs ummauert und mit Kitt am Boden festgeklebt. -So ist er luftdicht abgeschlossen, kann darum nicht -verwesen und uns die Luft verderben. Ich will euch noch -ein anderes Tier zeigen, das wir auf diese Art unschädlich -gemacht haben.«</p> - -<p>Damit führte Süßchen die beiden in ein anderes Stockwerk -und sprach:</p> - -<p>»Seht ihr die Schnecke da? Sie ist einst in unser Haus -gekrochen, und wir haben mit ihr kurzen Prozeß gemacht. Ein -Stich trieb sie in ihr Schneckenhaus hinein, mit dem Kittwachs -haben wir ringsumher am Boden das Schneckenhaus festgeklebt, -und jetzt ist sie in ihrem eigenen Haus begraben.«</p> - -<p>Max und Großzang waren aufs höchste erstaunt nicht -nur über die Kunst, sondern auch über die Geistesgegenwart -der Bienen. Sie wollten eben ihre Bewunderung ausdrücken, -als sich plötzlich ein dreimaliges taktmäßiges Gesumme -wie ein Trompetensignal vernehmen ließ. Süßchen -flüsterte leise:</p> - -<p>»Still, die Königin kommt!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span></p> - -<h2 id="kap36">36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin.</h2> -</div> - -<p>Eine Biene von majestätischer Haltung schritt einher. -Sie war umgeben von einer Anzahl junger Bienen, die -ihr tausend Freundlichkeiten erwiesen und ihr immer wieder -den Rüssel boten, um sie mit süßer Honigspeise zu erquicken.</p> - -<p>»Das sind die Gesellschaftsdamen der Königin!« flüsterte -Süßchen.</p> - -<p>Vor jeder Zelle hielt die Königin an und legte ein winziges -Ei hinein. Umstehende sangen dabei begeistert für die fruchtbare -Mutter ihres Volkes das Königslied:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Heil unsrer Königin,<br /></span> -<span class="i0">Mutter und Herrscherin,<br /></span> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!<br /></span> -<span class="i0">Lebensquell! Dienstbereit<br /></span> -<span class="i0">Neigen wir allezeit<br /></span> -<span class="i0">Dir uns in Ewigkeit.<br /></span> -<span class="i0">Summ, summ, summ, summ!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Da hielt die Königin in ihrer Beschäftigung ein.</p> - -<p>»Ich hoffe«, sprach sie, »daß mein Volk mit mir zufrieden -ist. Mit dem Ei, das ich eben gelegt habe, sind -es heute zweihundert geworden.«</p> - -<p>Max machte einen etwas unkaiserlichen Sprung vor Staunen -und rief:</p> - -<p>»Zweihundert Eier an einem Tage! Wie lange geht diese -Arbeit so weiter?«</p> - -<p>»Je nachdem«, erwiderte Süßchen, »gewöhnlich dauert -es drei Monate, bis ungefähr fünfzehntausend Eier gelegt -sind.«</p> - -<p>»Fünfzehntausend Eier! Liebe Zeit, damit könnte man -für alle Leute Pfannkuchen backen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>Während die beiden noch die wunderbare Bienenmutter -bestaunten, die so vielen Jungen Leben gibt, hatte sich -Süßchen ehrfürchtig der Königin genähert. Sie sprach einige -Worte mit ihr allein und wandte sich dann an die beiden -Gäste:</p> - -<p>»Die Königin teilt mir mit, daß sie sich freuen würde, -euch kennenzulernen. Sie wünscht eure Vorstellung.«</p> - -<p>Dem Kaiser der Ameisen lief ein Ehrfurchtsschauer über -den Rücken.</p> - -<p>»Adjutant!« flüsterte er Großzang zu, »der Augenblick, -mich zu melden, ist gekommen. Denke genau an alle Unterweisungen, -die ich dir für diese große Stunde gegeben habe.« -Auf dies trat er etwas in den Hintergrund zurück. Großzang -aber schritt wie ein ritterlicher Schildknappe vor die -Königin und meldete mit Gesang den Herrscher an:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Kaiser kommt, der Kaiser kommt!<br /></span> -<span class="i0">Tralallala! Tralallala!<br /></span> -<span class="i0">Gebt alle Ehre, die ihm frommt!<br /></span> -<span class="i0">Tralallala! Tralallala!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Alles schwieg. Jeder schaute erstaunt auf Max, der mit -feierlichem Schritt vortrat, sich tief vor der Königin neigte -und mit bewegter Stimme sprach:</p> - -<p>»Wir, Maximilian Butziwackel I., Kaiser aller Ameisen, -sind erfreut, der mächtigen, weisen Bienenkönigin Unsere -Huldigung darzubringen. Wir versichern sie Unserer Freundschaft -und geben Unserer Verwandtschaftstreue gebührenden -Ausdruck!«</p> - -<p>Die Königin war höchst erstaunt über dieses ihr fremdartige -Gebaren der Gäste. Aber um sich die Unkenntnis -der neuen Sitte nicht anmerken zu lassen, wandte sie sich -mit liebenswürdigen Worten an beide Ameisen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span></p> - -<p>»Wer immer ihr seid, es ist meine Pflicht, euch vor meinem -ganzen Volke meine Dankbarkeit auszusprechen für die Rettung -des Bienenstaates vor einem seiner schrecklichsten Feinde. -Betrachtet dieses Haus als das eure!«</p> - -<p>Max dankte mit überströmendem Herzen und einer tiefen -Verneigung. Als die Hofdamen um die Königin in respektvoller -Entfernung einen Halbkreis bildeten, gab der Kaiser -seinem Adjutanten ein Zeichen, wie diese zurückzutreten. Die -Königin begann die Unterhaltung:</p> - -<p>»Ich bin sehr zufrieden«, sagte sie mit gütigem Lächeln, -»daß diese Gelegenheit die Ameisen und die Bienen, die -beiden edelsten und verständigsten Arten der Hautflügler, -einander näher gebracht hat!«</p> - -<p>»Gewiß!« erwiderte Max, »wir haben viele Gewohnheiten -und manche Instinkte gemeinsam. Wie die Bienen leben -auch wir in Gesellschaft, und diese Gesellschaft ist wie die -eure aus Weibchen, Männchen und Geschlechtslosen oder -Arbeitern zusammengesetzt. Bei dieser Gelegenheit möchte -ich jedoch feststellen, daß weder mein Adjutant noch ich zu -den Geschlechtslosen gehören, wie es wohl den Anschein hat. -Wir sind vielmehr Männer.«</p> - -<p>»Wie sonderbar«, erwiderte ihm die Königin, »ich dachte, -die Ameisen töten wie wir ihre Männchen?«</p> - -<p>Max hielt es nun für nützlich, dem Gespräch eine Wendung -zu geben. Ohne auf die Bemerkung der Königin einzugehen, -sprach er:</p> - -<p>»Majestät, ich hatte das Vergnügen, Ihr Reich zu besuchen … -Ich war erstaunt, ein Reich von außergewöhnlicher -Größe zu finden.«</p> - -<p>»Jawohl! Aber auch ihr Ameisen bildet große Staaten. -Ist euer Reich vielleicht kleiner als meines?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p> - -<p>»O viel kleiner!« erwiderte Max ein wenig verlegen. -»Und wie zahlreich müssen erst Ihre Untertanen sein?« beeilte -er sich, weiter zu fragen.</p> - -<p>»Es sind ungefähr dreißigtausend Einwohner.«</p> - -<p>»Dreißigtausend Bienen! Das ist eine überwältigende -Zahl!«</p> - -<p>»Wie groß ist euer Ameisenvolk?«</p> - -<p>»Ach, Majestät!« antwortete Max immer verlegener, -»meine Untertanen! … Da stehen sie alle.« Er wies auf -seinen Adjutanten und rief:</p> - -<p>»Großzang, Graf aller Hautflügler, mein letzter Untertan -und Flügeladjutant.«</p> - -<p>Großzang verneigte sich tief.</p> - -<p>Max bemerkte, daß die Königin ihn nicht recht verstand. -Er hielt es also für nötig, ihr die bemerkenswertesten Taten -seines Lebens zu erzählen; so fing er denn an:</p> - -<p>»Teuerste Majestät! Unter uns können wir ja ohne -Umstände reden. Ich bin ein armer, entthronter Kaiser, -ein Fürst ohne Volk und Land, und ich kann nicht umhin, -dich in der glücklichen Lage einer wahren Königin zu beneiden. -Bedient, geachtet und angebetet lebst du inmitten -deines Volkes!«</p> - -<p>Bei diesen Worten verzog die Königin den Mund, neigte -sich zu Max und sagte ganz vertraulich:</p> - -<p>»Königin? Ich bin es und bin es nicht!«</p> - -<p>»Du bist es! Ich wollte, ich könnte so wie du regieren!«</p> - -<p>»So, so? Was würdest du dazu sagen, wenn du den -lieben, langen Tag Eier legen müßtest?«</p> - -<p>Bei dieser Bemerkung wurde Max trotz seiner schwarzen -Haut ganz rot vor Entrüstung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p>»Bedenke doch«, fuhr die Biene fort, »daß ich in meinem -Reich zugleich etwas mehr und etwas weniger bin als -Königin. Ich bin die gemeinsame Mutter, die Lebensquelle -des Volkes. Ich sichere ihm den Bestand, weil ich allein -für die Nachkommenschaft sorge. Dies Volk ist mein, weil -ich es schuf, es zur Welt brachte; es ist mein Kind und -ich bin seine Mutter. Aber glaubst du, daß ich zu meinem -Vergnügen Königin geworden sei? Ich bin Königin, damit -ich Eier lege, viele Eier! Bin es nur unter der Bedingung, -daß ich das Volk erhalte, und Königin bin ich -nur, solange ich dem Volk Mutter sein kann. An dem -Tage, an dem ich mein Reich nicht mehr vergrößere, höre -ich auf, Königin zu sein. Wie du siehst, ist meine Stellung -sehr hoch von einem hohen Gesichtspunkt aus betrachtet, -sehr erbärmlich von einem niederen aus gesehen.«</p> - -<p>An Maxens langgezogenem Gesicht konnte man nicht ergründen, -welchen der beiden Gesichtspunkte er vertrat und -welche Auffassung von der Würde einer Bienenkönigin er -bekommen hatte, aber jedenfalls machten die edle Sprache -und das würdevolle Auftreten der hohen Frau einen tiefen -Eindruck auf ihn. So viel erfaßte er sicher, daß man, um -bei den Insekten etwas zu gelten, erst etwas Ordentliches -leisten mußte.</p> - -<p>Mit wehmütigem Ton setzte die Königin ihr Gespräch fort.</p> - -<p>»Wenn ich wenigstens nach all meiner Sorge und -Mühe ruhig altern könnte! Aber im Handumdrehen kann -es geschehen, daß … nun, ich will nicht weiter davon -reden!«</p> - -<p>Max hätte gern auf der weiteren Aussprache dieses begonnenen -Gedankens bestanden, allein er fürchtete, als taktlos -zu gelten, und sagte nur:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<p>»Hoffentlich erlaubst du mir, manchmal zu kommen, um -mit einer Ebenbürtigen zu plaudern.«</p> - -<p>»Mit Vergnügen, mein Lieber!«</p> - -<p>Max verneigte sich, küßte der Königin ritterlich das Vorderbeinchen -und verabschiedete sich von ihr, während ringsum -lauter Jubel über das festliche und noch nie erlebte Ereignis -widerhallte:</p> - -<p>»Hoch die Königin!«</p> - -<p>»Es lebe die Ameise mit dem Wackelfähnlein!«</p> - -<p>Freudestrahlend wandte sich Max an seinen Adjutanten:</p> - -<p>»Dieser Freundschaftsbund berechtigt zu großen Hoffnungen! -Wer weiß, ob nicht doch noch meine Stunde -schlägt!«</p> - -<p>»Ach, alles recht!« flüsterte Großzang ihm zu, »aber mein -Magen brummt, und ich hoffe nur auf die Stunde, in der -es was zu essen gibt!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap37">37. Das Geheimnis der Muskatellertraube.</h2> -</div> - -<p>In der schönen, großen Bienenstadt, wo es an nichts -fehlte, inmitten eines lieben, bescheidenen Volkes, führten -die zwei Ameisen ein stilles, süßes Leben.</p> - -<p>»Ein Dasein, so süß wie Honig«, verglich Großzang; -denn für Honig hatte er ein ganz außerordentliches Verständnis. -Dankbar für die erwiesenen Wohltaten hatten -die Bienen den beiden Gästen eine leere Kammer zur Verfügung -gestellt, wo auf einem Tischchen, das Max aus -einem Kürbiskern gefertigt hatte, dreimal des Tages ein -Mahl aufgetragen wurde, das wirklich eines Kaisers würdig -war. Einmal bereitete Süßchen für die beiden Gäste einen -Königinnenbrei, ein ausgezeichnetes Gericht, das noch viel<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -besser schmeckte als der gewöhnliche Honig. Kaum hatte -der schleckige Adjutant davon gekostet, so rief er schon:</p> - -<p>»Das bestelle ich für alle Tage.«</p> - -<p>»Das geht nicht«, wehrte Süßchen. »Diese Speise enthält -mehr Zucker und andere kostbare Nährstoffe. Sie ist -durch ihren hohen Nährwert bestimmt, die ausschließliche -Nahrung solcher Larven zu sein, die Königinnen werden -sollen.«</p> - -<p>»Aha«, begriff Max, »der Brei hat ganz besondere -Kraft?«</p> - -<p>»Gewiß. Die Art der Nahrung ist von großem Einfluß -auf die Entwicklung der Larven. In gewöhnlichen Zellen -speisen die Larven die alltägliche Mahlzeit, und es kommt -eine Arbeitsbiene hervor. In den königlichen Gemächern -wird der besondere Futterbrei aufgetragen, und dabei entwickelt -sich eine Königin, die wegen der kraftvollen Speise -größer wächst wie wir und in ihrer größeren Zelle auch -Platz zum Größerwerden hat. Gäben wir den Arbeiterlarven -nur diese Speise, bekämen wir lauter Königinnen.«</p> - -<p>Max sperrte den Mund und alle hundertdreiundzwanzig -Augen auf. Es wurde ihm furchtbar unbehaglich zumute, -und er fragte vorsichtig ängstlich:</p> - -<p>»Süßchen, könnte es am Ende dahin kommen, daß ich -eines Tages Hunderte von Eiern legen müßte, weil ich von -der Wunderspeise gegessen habe?«</p> - -<p>Süßchen lächelte bloß über einen so sonderbaren Einfall.</p> - -<p>»Süßchen, um des Himmels willen, antworte! Ich fühle -schon etwas Ungewöhnliches in mir vorgehen. Heiliger Gott, -hilf! schnell! Ach, ein solcher Verrat wäre gräßlich!«</p> - -<p>Als Süßchen sah, daß Max ganz außer sich kam vor -Angst und Unruhe, sagte sie tröstend:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span></p> - -<p>»Was du dir einbildest! Diese Speise kann doch bei -Ameisen nicht die gleiche Wirkung haben wie bei Bienenlarven.«</p> - -<p>Max, der sich schon verurteilt gesehen hatte, bis zum -Ende des Sommers fünfzehntausend Eier legen zu müssen, -holte einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus seiner Brust. -Dann bat er, lieber doch keinen Königinnenbrei mehr zu -bringen, – man könnte doch nicht sicher wissen, wie er wirke. -Das war aber nicht nach dem Wunsche des hungrigen -Herrn Grafen Großzang.</p> - -<p>»O wie schade«, rief er mit aufrichtigstem Bedauern, »für -jeden Mundvoll dieser Götterspeise verpflichte ich mich, von -früh bis abends Eier zu legen!«</p> - -<p>Da strafte ihn Max mit einem strengen Blick und rief:</p> - -<p>»Schäme dich! Ein kaiserlicher Flügeladjutant und solche -Pläne! Das müßte sich gut ausnehmen! Dich muß ich -einmal ordentlich vornehmen und einige neue militärische -Übungen machen lassen!«</p> - -<p>Seit sich Kaiser Butziwackel im Bienenhaus befand, inmitten -eines Volkes, das seiner Königin treu ergeben war, -seitdem er gar das Vertrauen dieser hohen Frau besaß, war -aller kindischer Ehrgeiz in seinem Ameisenkopf aufs neue -erwacht. Es reiften daraus die wunderlichsten Pläne zukünftiger -militärischer Abenteuer, von glorreichen Unternehmungen, -Eroberungen und Verbesserungen im Reiche der -gesamten Insektenwelt; Süßchen, die sich zwar all diesen -geäußerten Träumen gegenüber kühl und ablehnend verhielt, -fühlte sich trotzdem geschmeichelt durch Maxens Anspielung, -daß sie eines Tages zur Herzogin erhoben werden solle, um -die oberste Verwaltung über sämtliche kaiserliche Vorratskammern -zu führen. Um Max zufriedenzustellen, hatte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -ihm aus gelbem Wachs und braunem Kittwachs nach seinen -Anweisungen eine schöne Kaiserkrone verfertigt sowie auch -zwei prachtvolle Harnische. Einen für Max, den anderen -für seinen Adjutanten.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-187.png" alt="" /> -</div> - -<p>In dieser kriegerischen Rüstung wurde täglich feierliche -Heerschau gehalten, wobei Max seinem einzigen Offizier und -Soldaten befahl:</p> - -<p>»Abzählen! zu zwei!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p> - -<p>Und Großzang zählte:</p> - -<p>»Eins!«</p> - -<p>Rings um die zwei kampflustigen Krieger arbeitete mit -fieberhafter Lust das Bienenvolk, um das Leben des heranwachsenden -Geschlechtes sicherzustellen. Unter den scharfen -Augen der spähenden Schildwachen flogen am Eingang des -Stockes die Arbeiterinnen. Sie trugen Futter für die Larven -ein und füllten die Vorratskammern mit Lebensmitteln für -die schlechte Jahreszeit. In jeder Minute kamen mindestens -hundert Arbeits- oder Trachtbienen schwerbeladen am Eingang -an, und Max, der oft dabeistand, um zuzusehen, beobachtete, -daß jede Biene vier Flüge täglich machte. Da -nun das Volk dreißigtausend Bürger zählte, so waren's zusammen -hundertzwanzigtausend Ausflüge. Jeder Ausflug -aber bedeutete: Ernte. Dabei hatte sich Max aber doch -verrechnet, denn von den Dreißigtausend blieb ein Drittel -zur Hausarbeit daheim. Es kamen also in Wirklichkeit -achtzigtausend honig- und blütenstaubbeladene Bienen eingeflogen. -Dieses emsige Aus und Ein gab einem oberflächlichen -Zuschauer allerdings den Eindruck von Unordnung -und Verwirrung, aber Max sah tiefer in dies Leben und -konnte sich nicht genugtun im Bewundern seiner fabelhaften -Regelmäßigkeit. Jeder erfüllte pünktlich seine eigene Aufgabe. -Während die Sammlerinnen den Blütenstaub ordnungsgemäß -in die entsprechenden Vorratszellen einlegten, -widmeten sich andere der Reinigung des Gemeinwesens, -andere sah er eine tote Biene fortschaffen, und wieder andere -beförderten einen fremden Störenfried an die Luft. Mit -liebenswürdiger Sorge verpflegt, wuchsen die jungen Larven -augensichtlich, und unser Max vergnügte sich damit, sie in -ihren Zellen zu besuchen, wo sie mit ihren fußlosen, weichen<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -Körperchen still lagen. Eines Morgens sah er befremdet, wie -diejenigen Bienen, die sonst Nahrung für die Larven herbeitrugen, -sorgfältig die Zellchen mit einer Wachsdecke schlossen.</p> - -<p>»Nun müssen die Kinder ersticken!« rief Max besorgt.</p> - -<p>»Ei, warum nicht gar!« beeilte sich eine Biene zu erwidern. -»Diese Larven sind nun genügend entwickelt, sie -sollen sich jetzt verpuppen, um danach vollkommene Bienen -zu werden. Es wird ihnen nicht allzuviel Mühe kosten, -das Wachstürchen selbst durchzubrechen.«</p> - -<p>Wißbegierig folgte Max solcher Arbeit, und er sah, wie -unter andern auch eine Königinnenzelle verschlossen wurde. -Ihre Wachsdecke wurde kuppelförmig geformt.</p> - -<p>»Potztausend«, rief Max, »wie viele Vorrechte haben doch -die Damen!«</p> - -<p>Da kam gerade Großzang daher und meldete eifrig, daß -die Mahlzeit aufgetragen sei. Max folgte seinem Adjutanten -in sein Zimmer, wo eine von Süßchen beauftragte Biene -ein leckeres Mahl auftischte. Max kostete und prüfte gedankenvoll -den herrlichen Bissen im Munde.</p> - -<p>»Das kenne ich doch! Der Geschmack ist mir doch nicht -neu! Wo in aller Welt habe ich nur das schon gegessen?«</p> - -<p>Plötzlich sprang er erfreut auf:</p> - -<p>»Ich hab's! Meine Muskatellertrauben! Es schmeckt -nach der Traube an unserem Landhaus!«</p> - -<p>Und zur aufhorchenden Biene gewandt, fuhr er in Erregung -fort:</p> - -<p>»Liebste Freundin, woher ist der edle Saft zu dieser -Speise geholt? O sage es mir, du hast keine Ahnung, wie -notwendig ich das wissen muß!«</p> - -<p>»Ja, der Saft ist gut. Wir holen ihn von einer hübschen -Rebe, die sich um ein Menschenhaus rankt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p> - -<p>»Sie ist's, sie ist's! Mein Weinstock ist es! Sage, -sage schnell, ist's weit von hier?«</p> - -<p>»Na, ziemlich weit!«</p> - -<p>»Höre, liebstes Bienchen, sage mir eines«, bettelte Max -dringlich, »könntest du mich nicht auf deinem Rücken hintragen? -O tue es, ich will mich ganz leicht machen, und -du bist mein Luftschiff, nicht?«</p> - -<p>»Heute ist es auf keinen Fall mehr möglich, es gibt zuviel -zu tun!«</p> - -<p>»Morgen dann?!«</p> - -<p>»Vielleicht morgen; kann sein!«</p> - -<p>»Also abgemacht, morgen früh«, jubelte Max.</p> - -<p>Er sprang und sang vor Freude, wie es sich für einen -Kaiser eigentlich gar nicht geziemt. Aber über der Hoffnung, -sein Mütterlein zu sehen, vergaß er allen Ehrgeiz -und alle Träume der Zukunft mit einem Schlag. Er hätte -dem Tag die Geschwindigkeit eines Blitzes gewünscht. Morgen -wollte er nach seinem Hause zurückkehren, von dem er auf -gröbliche Weise durch Onkel Walter weggeschleppt worden -war. Sicher genügte jedesmal schon die Erinnerung an die -Heimat, alle bösen Verstimmungen zu verscheuchen.</p> - -<p>Es bleibt eben ewig wahr, daß der Gedanke an eine -gute Mutter alle schlimmen Pläne aus dem Kopfe verjagt.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap38">38. Die Stadt in Aufruhr.</h2> -</div> - -<p>Leider verging der Tag nicht mit Blitzesschnelle, sondern -wie keiner noch schlich er langsam dahin. Übrigens brachte -er schwere schreckliche Ereignisse. Max bemerkte schon in -aller Frühe, als er der Königin begegnete, eine unbegreifliche -Veränderung. Sie war merkwürdig unruhig und nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -so würdevoll gelassen wie sonst. Er hatte sich zu ihr begeben -wollen, um sein Scheiden aus ihrem Reiche zu melden. -Sein Adjutant, der ihn bei dem Abschiedsbesuch begleitete, -wollte gleich ihm sich bedanken für die große Gastfreundschaft, -die beide empfangen hatten.</p> - -<p>Voller Erregung und mit rauher Stimme redete die -Königin ihn zuerst an:</p> - -<p>»Du kommst eben recht! Du hast mich vor kurzem um -meine Macht und mein Ansehen beneidet. Ist es nicht so?«</p> - -<p>»Gewiß!« erwiderte Max, »ich wüßte niemand, der so -mächtig, so verehrt – –«</p> - -<p>»Mächtig? Verehrt?« fiel ihm die Königin in seine beginnende -Lobrede, »willst du erleben, wie groß meine Macht -ist, wie mich meine Untertanen ehren?«</p> - -<p>Sie wandte sich an eine vorübereilende Gruppe von Bienen -und rief ihnen zu:</p> - -<p>»Heda! Bringt mir das Frühstück!«</p> - -<p>Bestürzt sah Max, wie die eiligen Bienen den Kopf -schüttelten und sich nicht weiter um den Befehl kümmerten.</p> - -<p>»Ha, siehst Du, wie gehorsam meine Untertanen sind! -Und warum? Man erwartet die Geburt einer neuen Königin, -der ich selbst das Leben gab.«</p> - -<p>»Wie!« rief Max, »diese großen Zellen dort im Hintergrunde -enthalten also Königinnen, die dich stürzen wollen?« -Die Königin antwortete nicht, sondern sah gespannt nach -der Richtung, die Max bezeichnet hatte. Mit einem Wutschrei -stürzte sie unversehens dorthin:</p> - -<p>»Ah, da sind sie ja schon, diese neuen Königinnen!« rief -sie gellend.</p> - -<p>Max folgte ihr erschrocken. Aber bei den Königinzellen -war ein dichter Schwarm von Arbeiterinnen, die ersichtlich<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -Wache standen. Sie hatten die Ankunft der alten Königin -im voraus erwartet, warfen sich ihr entgegen, trieben sie -zurück und schrien sie an:</p> - -<p>»Hier kommt niemand durch!«</p> - -<p>Max war außer sich über eine solche Frechheit. Er hatte -seit seinem Eintritt ins Bienenhaus so viele Beweise von -Ergebenheit gesehen, die dieses Volk seiner Herrscherin zollte, -und konnte darum nicht glauben, daß alles plötzlich anders -geworden sei und heller Aufruhr herrsche. Nun geschah doch -das Unbegreifliche; es blieb nicht mehr zu zweifeln: eine -Umwälzung begann. An diesem Tag waren nur ganz wenig -Bienen ausgeflogen, die Stadt steckte voll von erregten -Arbeiterinnen, welche da und dort in Gruppen herumstanden -und hastig hin und her redeten. Im Vorübergehen hörte -Max eine Biene, die mitten in einem beifallspendenden -Schwarm eine Rede hielt:</p> - -<p>»Es sind zuviel hier bei uns!« schrie sie, »seit zwei -Tagen sind fünftausend neue Bürger geboren. Wenn -wir nicht alle ersticken wollen, müssen wir einen Entschluß -fassen!«</p> - -<p>Max begriff nichts. Aber gewiß handelte es sich um -große Dinge im Staat. Er suchte daher Süßchen auf, -um es zu befragen; aber in der wirren Menge konnte -er sie nicht finden. Er verlangte Auskunft von andern -Bienen, aber sie antworteten ihm nicht. Sie waren alle -zu erregt, zu beschäftigt mit eigenen Gedanken, um auf ihn -zu achten.</p> - -<p>Max ging jetzt auf sein Zimmer und blieb dort in schweren -Gedanken. Hier traf er mit Unwillen Großzang, der, aller -höheren Interessen bar, die Reste des Muskatellerhonigs -verzehrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p> - -<p>»Unglückseliger!« rief er, »wie kannst du jetzt noch deinem -unersättlichen Magen dienen, wo draußen das ganze Volk -in hellem Aufruhr tobt!«</p> - -<p>Der Adjutant stand mit offenem Munde vor Staunen -da. Dann gab er sich einer letzten Versuchung hin und rief:</p> - -<p>»Majestät, noch einen Mundvoll, dann komme ich -sofort!«</p> - -<p>Max aber, auf dem Gipfel seines Zornes, ergriff ihn an -der Gurgel, schüttelte ihn heftig und schrie:</p> - -<p>»Wenn du diesen Mundvoll hinunterschluckst, dann sollst -du mich kennenlernen!«</p> - -<p>Er ließ ihn nicht eher los, bis er den schönen Mundvoll -herausgegeben hatte.</p> - -<p>»Was gibt's denn?« stammelte Großzang, sobald er wieder -Atem bekam. »Sind denn alle verrückt geworden in dieser -Stadt?«</p> - -<p>Die Gärung hatte indessen zugenommen. Jetzt summten -und brummten alle Bienen, schlugen mit den Flügeln -und gebärdeten sich so aufgeregt, als ob sie wirklich alle -den Kopf verloren hätten. Da näherte sich die alte -Königin. Erhaben und bewundernswert in ihrer Majestät -sprach sie:</p> - -<p>»Mein Volk! Bis jetzt glaube ich meine Pflicht als gemeinsame -Mutter peinlich genau erfüllt zu haben. Die ungeheure -Zahl der jungen Bienen beweist es, die ich unter -euch sehe, lauter Kinder, die seit kurzem geboren sind und -denen ich das Leben gab.«</p> - -<p>»Wahr ist's! Es lebe die Königin!« riefen viele.</p> - -<p>»Danke!« erwiderte sie kühl das Haupt neigend. »Ich -sehe, meine Sendung ist erfüllt; die Nachkommenschaft, die -ich geschaffen und für die ihr alle gearbeitet habt, braucht<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -Platz. Sie muß ihre eigene Tätigkeit hier beginnen, muß -ein neues und junges Reich gründen.«</p> - -<p>Schon öffnet sich die Zelle einer neuen Königin.</p> - -<p>»Es lebe die neue Königin!« riefen andere.</p> - -<p>»Sie lebe!« fuhr die alte Königin fort, »und sei glücklich -in eurer Mitte! Doch ihr wißt, daß in einem geordneten -Bienenstaat nicht zugleich zwei Königinnen, zwei Mütter, -leben dürfen. Unverbrüchlichen Gehorsam, zarte Sorge und -unteilbare Liebe bringt ihr der einen Mutter des Volkes -entgegen. Nie werden diese Gefühle für zwei bestehen können. -So bleibe denn die junge Königin hier. Möge sie neue, -starke und mutige Geschlechter erzeugen! Ich habe meine -Lebensaufgabe noch nicht ganz erfüllt; viele neue Wesen -fühle ich noch an meinem Herzen schlagen, viele junge Leben -haben das meine noch nötig. Ich scheide daher und gehe, -um ein neues Reich zu gründen, neuen Kindern Mutter zu -sein. Ich danke der Natur, die mir die Kraft gegeben hat, -zwei Völker zu gründen und zu beherrschen. Wer mich liebt, -der folge mir nach!«</p> - -<p>Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, ging sie dem -Ausgang zu.</p> - -<p>In der Volksmenge entstand jetzt eine unbeschreibliche -Verwirrung, ein schreckliches Gedränge. Eine große Anzahl -von Bienen folgte der alten Königin zum Ausgang. Auf -ein Zeichen von ihr nahmen sie in raschester Bewegung -ihren Flug hinaus zum Bienenstock. Mitten aus dieser -dichten Wolke von summenden Bienen hörten die beiden -Ameisen eine Stimme rufen:</p> - -<p>»Lebe wohl, lieber Max!«</p> - -<p>Schnell lief er dem Ausgang zu, wo er Süßchen sah, -die, ihrer alten Königin treu, dem ausziehenden Schwarm<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -folgte. Die zwei Ameisen kehrten wehmütig in die Stadt -zurück und waren untröstlich über die Veränderungen. Sie -wurden noch schmerzlicher bewegt, als sie sahen, daß die -Erregung im Hause immer noch wuchs. Die zurückgebliebenen -Bienen zogen in unordentlichen Reihen zu den Königszellen, -wo immer noch der dichte Bienenschwarm Wache hielt, -der die alte Königin abgewiesen hatte. Jetzt widerhallte -im Stock ein Schreien und Rufen:</p> - -<p>»Obacht! Hier ist sie schon!«</p> - -<p>Eine junge Biene hatte eben die Wachsdecke ihres Geburtszimmerchens -durchbrochen. An dem längeren Körper sowie -an den kürzeren Flügeln konnte man gleich sehen, daß es -ein Weibchen war. Sie schaute rings umher. Als sie neben -sich die königlichen Zellen bemerkte, geriet sie in so schlechte -Laune, daß sie sich plötzlich mit gezücktem Stachel wuchtig -auf die nächste Zelle warf. Sie war schon im Begriffe, -deren Decke mit ihrem spitzen Degen zu durchbohren -und schrie:</p> - -<p>»Was sollen diese andern? Weg mit ihnen!«</p> - -<p>Die stets bereiten Wachen aber verhinderten die rasende -Biene an einer solchen Freveltat. Schnell wurde sie vom -Volke umringt, fortgezogen, und nicht nur an den Flügeln, -sondern auch an den Beinen festgehalten. Unmöglich konnte -sie daher einen zweiten Versuch erneuern. Vergebens suchte -sie sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Ermüdet und -nach überwundenem Zorn einsichtig genug, blieb sie schließlich -sitzen. Man sah aber, es ging in ihrem Innern -etwas vor; denn ohne die Flügel auszubreiten, bewegte -sie diese leise bebend. In dieser Stellung sang -sie erst ganz leise, dann immer lauter das Morgenlied -ihres Daseins:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Stunde des Werdens, gegrüßet sei mir!<br /></span> -<span class="i0">Leben zu geben,<br /></span> -<span class="i0">Ordnung und Heil,<br /></span> -<span class="i0">Ward mir das Leben<br /></span> -<span class="i0">Heute zuteil.<br /></span> -<span class="i0">Schöpfer des Lebens, wie danke ich dir!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Kommende Völker umschließet mein Schoß,<br /></span> -<span class="i0">Mächtig entfaltet<br /></span> -<span class="i0">Sich euer Reich.<br /></span> -<span class="i0">Einig erhaltet,<br /></span> -<span class="i0">Kinderlein, euch!<br /></span> -<span class="i0">Ehret die Mutter, sie machet euch groß.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Alle Bienen hielten still in der Arbeit ein. In Ehrfurcht -neigten sie das Haupt. Unwiderstehlich erfaßte sie -das Lied der Mutter und Königin. Alle gelobten Liebe -und Treue.</p> - -<p>Nach einigen Tagen erhob sich die Königin und sprach:</p> - -<p>»Ich habe meinen hohen Beruf erfaßt und kenne meine -Bestimmung. Nun gehe ich hin, sie zu erfüllen. Wer begleitet -mich zum frohen Hochzeitsfluge?«</p> - -<p>Eine Anzahl Bienen summte mit ihr lustig ins Freie. -Drinnen aber rief man ihnen nach:</p> - -<p>»Heil unserer Königin! Sie kehre glücklich und gesegnet -wieder!«</p> - -<p>Max, der dabeistand, hörte noch eben zurückrufen:</p> - -<p>»Leb' wohl, Kaiser Butziwackel!«</p> - -<p>Es war die Stimme seiner Freundin, die er als Luftschiff -sich erkoren hatte.</p> - -<p>»Ach Gott«, seufzte er traurig, »wie lange wird es jetzt -wohl dauern, bis ich mein Haus wiedersehe!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<h2 id="kap39">39. Max verläßt das Bienenreich.</h2> -</div> - -<p>Max hatte als Kind schon vom Schwärmen der Bienen -vernommen, aber jetzt erst, wo er selbst als Ameise am -Insektenleben teilnahm, erfaßte er die Ursache, warum ein -Bienenschwarm den Mutterstock verläßt.</p> - -<p>Die Bevölkerung war durch den jungen Nachwuchs so -zahlreich geworden, daß sie sich mehr als verdoppelt hatte. -Der Stock wurde daher zu eng, er konnte die Tausende -von Insekten nicht mehr fassen. Gesundheitspflege, Reinlichkeit, -geregelte Arbeit konnten in so beengtem Zusammenleben -des Volkes nicht mehr bestehen; die gesellschaftliche Ordnung -wurde in dieser ungeheuren Masse unmöglich; die Verwirrung -war auf den Gipfel getrieben, die weisen Einrichtungen -drohten durch Übervölkerung zu entarten. Was tun? -Man brauchte ein Mittel und zwar ein rasches, um eine -Verminderung des Volkes zu erreichen; es war nötig, daß -ein Teil der Bevölkerung aus dem Vaterlande auswanderte, -damit es nicht als Ganzes zugrunde gehe. Und siehe! Die -alte Königin, die Mutter des Volkes, die Gründerin des -Staates, liefert den höchsten Beweis ihrer Hingebung und -Sorge. Sie geht zuerst. Sie wandert freiwillig aus und -verläßt alles, was sie geliebt hat. In höchster Aufopferung -verbannt sie sich vom Vaterland, um es zu retten. Sie -geht, um irgendwo in der Fremde mit denen, die ihr freien -Willens folgen, einen neuen Staat zu gründen. Sie gibt -allen jungen Bienenmüttern das edle Beispiel, wie man -erziehend auf den Gemeinsinn der Nachkommen wirkt. Alles -das geschieht, um künftigen Geschlechtern ein gesundes Dasein -zu sichern! Wenn so Hohes erreicht werden soll, was -liegt daran, daß viele den Ort verlassen müssen, an dem<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -sie geboren sind? Sie dienen künftigem Leben und erfüllen -damit die von Gott gegebene Aufgabe.</p> - -<p>Max, der auch bisweilen auf einen klugen Gedanken kam, -fand für das Schwärmen der Bienen einen Vergleich in -der Geschichte der Menschheit. Da war es zur Zeit der -Völkerwanderung auch geschehen, daß ganze Stämme wegen -Übervölkerung neue Wohnsitze suchen mußten.</p> - -<p>Die Umwälzungen im Bienenstaate und die neugeschaffenen -Verhältnisse machten Max nach und nach das Leben bei -seinen Gastfreunden unbehaglich. Er vermißte die alte -Königin; seine Freundin Süßchen war fort. Fast alle Bienen, -die vom Raubzug des Totenkopfes wußten, und bei denen -Max nebst Großzang aus Dankbarkeit für die Errettung in -einem gewissen Ansehen standen, hatten sich dem Schwarm -beim Ausflug angeschlossen. Das Volk war ein anderes geworden, -es hatte sich verjüngt und erneut, und die Zeit der -Verwirrung war jetzt beendet. Während dieser hatte keiner -sich um die beiden Ameisen gekümmert, aber nun passierte -es manchmal, daß man im Vorbeigehen scheele Blicke sah und -gehässige Bemerkungen hörte. Es stand sehr zu befürchten, daß -die Bienen bald eine ganze Flut von Fragen an sie richteten: -»Wer seid ihr? Was tut ihr da? Mit welchem Rechte lebt -ihr bei einem Volke, das nicht das eure ist?« Dann quälte -den armen Kaiser noch ein anderes schweres Bedenken:</p> - -<p>»Wenn sie mich für einen Feind halten, kann es geschehen, -daß sie mich eines schönen Tages einbalsamieren, -wie sie es mit dem Totenkopf gemacht haben.«</p> - -<p>Die Furcht, eine Mumie zu werden, reifte einen großen -Entschluß.</p> - -<p>»Adjutant«, sagte er zu Großzang, »wir müssen uns -zum Abmarsch vorbereiten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<p>»Wieso?«</p> - -<p>»Wir müssen fort, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, -daß diese neuen Bürger uns mit Kittwachs einhüllen, um -zwei Mumien aus uns zu machen.«</p> - -<p>Großzang hörte sehr niedergeschlagen zu:</p> - -<p>»Muß denn das sein? Es war so angenehm hier!« -grollte er. »Wer wird uns künftig Honig geben? Wie -köstlich war das Muskatellergericht! Und den Königinnenbrei -bekomme ich nirgends wieder!«</p> - -<p>»Ich werde dir Honig geben! Ich bereite dir auch ein -Muskatellergericht!« so drohte ihm erzürnt Max. »Mach', -daß wir fortkommen von hier!«</p> - -<p>Großzang fügte sich mit wehem Herzen. Am Ausgang -des Bienenstockes standen sie noch ein Weilchen, überschauten -Abschied nehmend nochmals die gastliche Stätte und sagten -still ein herzliches Lebewohl.</p> - -<p>Hatten sie hier doch soviel Gastfreundschaft genossen, und -bis jetzt war ihnen nur Gutes widerfahren. Kaum hatten sie -drei Schritte gemacht, als sie im Hause hinter sich festliches -Gesumse hörten, das sich dem Ausgang näherte. Es erschien -eine stattliche Bienenschar, die junge Königin inmitten. -Singend und tanzend flogen sie vorm Haustor auf und -nieder. Diese jungen Bienen hielten scharf Umschau und -prägten sich die Lage ihrer Wohnung und deren Eingang -genau ein. Dann unternahm die Königin einen Flug um -den Stock, worauf sie zu den Genossen zurückkehrte. Ein -zweites und drittes Mal wiederholte sie dies gefällige Spiel, -bis sie endlich fröhlich ausrief:</p> - -<p>»Nun finde ich meinen Weg sicher wieder allein zurück!«</p> - -<p>Beifall summend rief die Menge:</p> - -<p>»Es lebe die Königin! Es lebe die Braut!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p> - -<p>Hoch in die blauen, sonnigen Lüfte ging der Flug. Unter -freiem Himmel, inmitten des Wohlgeruches aller Blumen -jubelten die Männchen summend ihr nach. Sie erwählte -sich einen Bräutigam, mit dem sie sich vermählte. Dieser -starb gleich nach der Hochzeit draußen auf blumiger Flur. -Die Königin aber kehrte als fruchtbare Mutter zurück zu -ihrem Volke und sang ihr Lied:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Kommende Völker umschließet mein Schoß.<br /></span> -<span class="i0">Mächtig entfaltet<br /></span> -<span class="i0">Sich euer Reich.<br /></span> -<span class="i0">Einig erhaltet,<br /></span> -<span class="i0">Kinderlein, euch!<br /></span> -<span class="i0">Ehret die Mutter, sie machet euch groß!«<br /></span> -</div></div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap40">40. Eine Fahrt erster Klasse.</h2> -</div> - -<p>Die zwei Ameisen kamen am Fuße des Baumes an, der -in seinem hohlen Innern das Bienenvolk beherbergte, als -die Sonne im höchsten Mittagglanze stand. Das von ihren -Strahlen liebkoste Land leuchtete vor Freude und Behagen -im goldenen Lichte.</p> - -<p>Max sah noch einmal empor zur Höhe, um dem gastlichen -Bienenstock einen letzten Gruß zuzuwerfen, da bemerkte -er, daß um ihn und Großzang ein dichter Regen von geflügelten -Insekten herniederging, wobei ein kläglicher Chor -von Seufzern ertönte:</p> - -<p>»O weh, o weh! Hilfe! Ich sterbe. – Ich sterbe.«</p> - -<p>Am Fuß der Eiche war der Boden bedeckt von dickleibigen -Bienen mit wahren Glotzaugen.</p> - -<p>»Aha, ich merke was!« murmelte Max. »Das sind die -armen Männchen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-201.png" alt="" /> -</div> - -<p>Es waren in der Tat die Drohnen. Die Hochzeit mußte -beendet sein. Die Arbeitsbienen durchbohrten mit ihrem -furchtbaren Speer die wehrlosen Männchen und warfen sie -aus der Stadt hinaus; denn sie wollten darin nur die geschickten -und fleißigen Arbeiterinnen behalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p> - -<p>»Gewissenlose Unterdrücker der Wehrlosen!« rief Max -empört aus und wendete sich zornig ab.</p> - -<p>Wir wollen die Sache mit Ruhe erwägen. – Dieses -wilde Gemetzel ist zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung -der Bienen nötig. Die Männchen, die den Namen -Drohnen haben, stellten jetzt nichts weiter vor als eine Anzahl -von Herumstehern, Nichtstuern, Schmarotzern, die von -den Mühen anderer leben wollen.</p> - -<p>Die Arbeiterinnen sind weise genug, die unnützen Faulenzer -aus ihrem Staate zu verjagen, wo jeder von der Arbeit lebt.</p> - -<p>Dieser Auftritt war allerdings nicht geeignet, in den beiden -Ameisen frohe Gedanken zu erwecken; sie verfolgten ihren -Weg mit niedergeschlagenen Augen, schwermütig, ohne Ziel, -ohne Hoffnung in eine unsichere, dunkle Zukunft hinein. -Max glaubte nicht mehr an eine Möglichkeit, heimzukehren; -er dachte sich verurteilt, das Leben eines unsteten, ewig -herumirrenden Insektes zu führen; er wagte nicht mehr zu -hoffen, daß es ihm in diesem Leben je beschieden sei, als -Herrscher eines großen Reiches seine ehrgeizigen Träume zu -verwirklichen.</p> - -<p>Großzang war bescheidener, erinnerte sich mit Wehmut -an die drei täglichen Mahlzeiten, von denen eine süßer geschmeckt -hatte als die andere. Nun waren die schönen Tage -vorüber! Von jetzt ab hieß es wieder gegen den Appetit -ankämpfen, Großzangs wildesten und unüberwindbarsten -Feind. So wanderten die beiden geraume Zeit, als sie -über sich in den Zweigen eines weitästigen Baumes lautes -Gesumme hörten.</p> - -<p>Sie blieben stehen und lauschten.</p> - -<p>An dem äußersten Zweige eines der untersten Äste hing -eine Riesentraube von Bienen. Eine klammerte mit den<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -Vorderbeinen fest an der andern, und aus dieser lebenden -Traube drangen tausend Stimmen, die deutlich die Worte -summten:</p> - -<p>»Jetzt hängen wir lange genug hier. Wir müssen einen -Ort finden, wo wir uns einrichten, aber in der Nähe! Die -Königin hat den Leib voll Eier und kann nicht mehr weit -fliegen. Schnell, dorthin! Nein, lieber dahin! …«</p> - -<p>Max brach in einen hellen Freudenschrei aus, denn mitten -aus dem Gesumme hatte er seine Freundin Süßchen herausgehört. -Zu gleicher Zeit rief er auch schon Großzang -warnend zu:</p> - -<p>»Obacht! Hier ist der Fuß eines großen Tieres.«</p> - -<p>In Wirklichkeit war es eines Mannes Fuß. Aber die -kleinen Insekten machen keinen wesentlichen Unterschied zwischen -einem Menschenfuß und dem eines Ochsen; sie wissen -nur, daß beide mit der nämlichen Gedankenlosigkeit stets -bereit sind, sie zu zertreten. Max konnte sich gerade noch -retten und sah vor sich einen Mann mit einer Drahtmaske -über dem Gesicht. In den Händen hielt er, die Öffnung -nach oben gerichtet, einen glockenförmigen Strohkorb und -näherte diesen vorsichtig dem Zweig, von dem die Bienentraube -herabhing. Max hatte kaum Zeit zu rufen:</p> - -<p>»Süßchen, gib acht, er fängt dich!«</p> - -<p>Da hatte der Mann dem Zweig schon einen heftigen -Stoß gegeben, so daß die ganze aneinanderhängende Bienenschar -in den Korb fiel. Geschwind deckte der Mann den -Korb mit einem Brettchen zu und ging mit dem Bienenvolke -freudig grinsend fort. Kurz entschlossen sagte Max -zu Großzang: »Rasch! Mir nach!« und kletterte auf den -Stiefel des Mannes, dann stieg er weiter empor und rastete -erst auf dem Rande des Stiefelrohres.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p> - -<p>»Bist du da, Adjutant?« fragte Max besorgt.</p> - -<p>»Zu Befehl! Aber wozu diese Kletterpartie?«</p> - -<p>»Aus zwei Gründen, lieber Adjutant! Erstens sparen -wir uns die Mühe, zu Fuß zu wandern, und zweitens lassen -wir uns sicher und bequem an den Ort tragen, wo unsere -Freunde ihre neue Stadt bauen werden.«</p> - -<p>»Wohin trägt sie denn dieser Mensch?«</p> - -<p>»Ich vermute, in einen Bienenkasten, den Menschen gebaut -haben, um den Honig ernten zu können.«</p> - -<p>»Spitzbuben!« schrie Großzang, der die Sache vom Ameisenstandpunkt -aus betrachtete. »Schämen diese großen, dicken -Menschen sich denn nicht, von der Arbeit winzig kleiner -Geschöpfe zu leben? Solche Schmarotzer sollte es nicht -geben!«</p> - -<p>Max schwieg betroffen. Auch war die Reise zu unbequem -zum Plaudern. So oft der Fuß, auf dem sie saßen, auf -die Erde stapfte, gab es beiden einen solchen Ruck, daß -sie sich kaum im Gleichgewicht halten konnten, um nicht -herunterzupurzeln.</p> - -<p>»Wir müssen einen sicherern Platz suchen«, entschied Max. -»Hier ist scheint's dritter Klasse; wir wollen sehen, ob es -uns nicht gelingt, in ein Abteil erster Klasse zu gelangen.«</p> - -<p>Gefolgt von Großzang hielt er sich an den Hosen -des Mannes fest, überschritt sodann kühn wie ein Seiltänzer -ihren unteren Saum, kletterte außen empor bis -zur Jacke und stieg an dieser hoch, bis er den Rockkragen -erreicht hatte.</p> - -<p>»Hier sitzt man gut«, rief er. »Es ist zwar ein bißchen -schmierig; für erste Klasse dürfte es sauberer sein. Der -Mann, der diesen Kragen trägt, hält nicht viel auf Reinlichkeit!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p> - -<p>Er hatte kaum diese Betrachtung angestellt, als er ganz -nahe über sich, mitten in einem Walde von roten Haaren, -ein graues Tier sah, das neugierig auf die beiden Ameisen -herunterschaute.</p> - -<p>»Heda!« bemerkte es mit bissigem Ausdruck, »was wollt -ihr hier oben? Das ist mein Feld. Wißt ihr, wer ich -bin?«</p> - -<p>»Um Gottes willen, sag' es lieber nicht!« sprach Max -mit Ekel, »es ist zwar das erste Mal, daß ich dich sehe, allein -ich erkenne dich nach dem Orte, wo du wohnst!«</p> - -<p>»Oje! du brauchst dich nicht so zu zieren«, sagte die -Sprecherin, streckte ihren Leib aus dem zerrauften roten -Wald heraus und klammerte sich dabei mit scharfen Krallen -am Ende eines Haares an; »ich gehöre zu einer Insektenart, -die geradesoviel gilt wie die deine!«</p> - -<p>»Sag's nochmal, so will ich es glauben«, spöttelte Max.</p> - -<p>»Jawohl! Was bildest du dir ein? Ich bin eine brave -Laus, und in meiner Ordnung gibt es berühmte Gesangskünstler, -die Zikaden, kühne Seefahrer, die auf dem Wasser -gehen können, wie der Wasserläufer, berühmte Maler, die -das Geheimnis einer herrlichen Farbenbereitung besitzen, die -Kochenille; auch schimmernde Sterne gibt es bei uns, die -Licht verbreiten – die Laternenträger!«</p> - -<p>»Kann sein«, erwiderte Max unwirsch; »ich kann mir -denken, wie diese guten Leute sich schämen, mit dir verwandt -zu sein!«</p> - -<p>»Oho! Ihr Ameisen schämt euch aber nicht, soviel ich -weiß, meine Verwandten, die Blattläuse auszusaugen, die -ihrerseits den Pflanzen den gleichen Dienst erweisen wie -wir den Menschen.«</p> - -<p>»Saubere Dienste!« höhnte Max.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span></p> - -<p>»Sauber oder nicht! Ich sage dir nur, wenn du noch -weiter da heraufspazierst, rufe ich meine sämtlichen Kinder -herbei, dann kannst du etwas erleben.«</p> - -<p>»Ha, ha, Kinder hast du auch?«</p> - -<p>»Das wollte ich meinen«, sagte das graue Weiblein stolz; -»ich kann fünfzig Eier legen in einem Tage.«</p> - -<p>»Glückauf! Möchten sie alle fünfzig noch jung geknickt -werden!«</p> - -<p>Max wandte sich gern ab, lief vom Kragen eilfertig über -die linke Schulter des Mannes herab und versteckte sich tief -in einer Ärmelfalte, nur um das greuliche Tier nicht länger -zu sehen.</p> - -<p>»Eine merkwürdige Sache«, bemerkte Großzang, der Max -auf Schritt und Tritt nachlief, »dieser Mensch raubt den -Bienen ihren Honig, und das Insekt da droben saugt dem -Menschen das Blut aus.«</p> - -<p>»Na, an Steuern und Abgaben kommt keiner vorbei«, -schloß Max die für Großzang merkwürdig kluge Beobachtung. -»Aber es muß einer schon ein arg schmutziger Kerl sein, wenn -er den Läusen freiwillig einen Blutzoll entrichtet!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap41">41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher.</h2> -</div> - -<p>Schon geraume Weile reisten Max und sein Adjutant -auf dem Ärmel, als der Mann anhielt. Max sah zwischen -den Bäumen künstliche Bienenwohnungen und erkannte, daß -er sich im Besitztum des Bienenzüchters befand, der mit -seinem Vater wohl bekannt war, und der ungefähr tausend -Schritte von seinem Haus entfernt wohnte: für ein Kind -eine kleine Entfernung, aber ein ungeheurer Weg für Ameisenbeinchen! -Der Mann, auf dem Max reiste, beugte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -nieder und stülpte mit rascher Bewegung die Strohglocke -über ein zu ihr passendes, walzenförmiges Unterteil. Jetzt -war die neue Familie in einem kuppelförmigen Bienenhäuschen -untergebracht, in dem sie sich sehr wohl befand, -denn die fleißigen Arbeitsbienen machten sich sogleich an -ihre Geschäfte. Max gab Großzang ein Zeichen und rief:</p> - -<p>»Schleunig absteigen!«</p> - -<p>Zunächst liefen die beiden am Ärmel empor, gegen die -Schulter hin, um dann über den Rücken der Joppe den -Abstieg zu nehmen. Der Mann hatte sich inzwischen die -Drahtmaske abgenommen und beguckte sorgfältig seine Bienenvölker. -Eines davon schien verdächtig unruhig. Er mußte, -um nachzusehen, was da vorgehe, den Deckel heben. Die -Bienen waren schlecht gelaunt und sehr erregt. So stürzte -im Nu ein wütendes Heer aus dem Stocke auf den Mann -los und hüllte ihn wie eine Wolke ein, brummend und -summend sein Gesicht bedrohend. Schnell lief er davon; -doch die zornigen Bienen verfolgten ihn und zerstachen ihm -jämmerlich Gesicht und Hände. Endlich ließen sie von dem -Gepeinigten ab, der sich fluchend an einem Grabenrand -niederließ, den Kittel auszog und sich mit ihm das schmerzhaft -anschwellende Gesicht rieb. Dann legte er das Kleidungsstück -neben sich ins Gras.</p> - -<p>Das war alles so schnell vor sich gegangen, daß die beiden -Reisenden todsicher auf unbekanntes Gebiet gestürzt wären, -hätten sie nicht das unglaubliche Glück gehabt, in die Rocktasche -zu fallen. Freilich war es trotzdem ein zweifelhaftes -Vergnügen, denn Max und sein Adjutant befanden sich jetzt -mitten in einem Gekrümmel von Tabakresten und Zigarrenstummeln. -Um dem greulichen Gestank zu entgehen, blieb -nichts anderes übrig, als in die Tabakpfeife zu flüchten,<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -wo es durchaus nicht besser roch. Als der Kittel bewegungslos -lag, sagte Max:</p> - -<p>»Nur geschwind heraus! Wir ersticken hier!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-208.png" alt="" /> -</div> - -<p>Nicht ohne Mühe fanden sie den Ausgang und liefen im -Eiltrab davon, dem Graben entlang, an dessen Rand der -Verletzte jammernd die Bienenstachel sich aus den Händen -entfernte. Der arme, gehetzte Kaiser rannte mit seinem -Adjutanten so schnell, als gelte es einen Wettlauf an ein -bestimmtes Ziel. Es war aber die innere Unruhe über die -Ungewißheit seiner Lage, die ihn so dahinjagte. Die Hoffnung, -bei den befreundeten Bienen wieder anzukommen, war -vernichtet. Vielleicht war er ihnen nahe, wer weiß es? -Aber die Reise in der finstern Tasche und die Kreuz- und -Quersprünge des zerstochenen Bienenvaters waren schuld, -daß sie beide aus dem verlässigen Ortssinn der Insekten -keinen Nutzen ziehen konnten. Sie rannten also aufs Geratewohl -vorwärts, und Max hätte gern sein Kaiserreich,<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -das er nicht besaß, hingegeben für ein sicheres Nachtquartier. -Großzang hätte für einen Imbiß der bescheidensten Art -seinen Grafentitel geopfert.</p> - -<p>Die zwei Wanderer waren bereits ein gut Stück Weges -dahingezogen, als Großzang, seinen Kaiser betrachtend, plötzlich -erschrocken ausrief:</p> - -<p>»Majestät! Die Krone!«</p> - -<p>Max betastete eilig sein Haupt. Die Krone, die kaiserliche -Krone, sie war nicht mehr da! – Ach Gott! die lag -in der Joppentasche, bei den Stummeln und der Tabakspfeife, -als klägliches Beispiel, wie man aus den höchsten -Ehren dieser Welt jäh in den Staub stürzen könne. Das -war für unsern Helden ein harter Schlag! Er blieb erst -stumm stehen, dann übermannte ihn der Schmerz; er fiel -zur Erde und brach in Wehklagen aus:</p> - -<p>»Teuerster Adjutant! Es ist unnütz, noch weiter zu gehen. -Wohin? Wozu? Es ist gescheiter, wir erwarten hier den -Tod – alle beide.« Ohne auf Großzang zu hören, der -ihn trösten wollte, murmelte er:</p> - -<p>»O Mutter, meine liebe, gute Mutter!«</p> - -<p>Der Gedanke an die Mutter hatte ihn noch jedesmal gestärkt, -so auch diesmal. Als er den Blick erhob, bemerkte er -ein schönes Insekt, das auf ihn zuflog. Dies Insekt kannte -er. Es erinnerte ihn an sein teures Haus, seine liebe Familie. -War es doch auch in jenem Haus geboren wie er selbst.</p> - -<p>»Frau Holzwespe!« rief Max ihm zu.</p> - -<p>»Ei«, sprach die Holzwespe erfreut, »bist du es denn wirklich, -lieber Freund?«</p> - -<p>Es war richtig jener stahlblau leuchtende Hautflüger, der -damals als Larve für sich und Max den Weg durch den -metallenen Türbeschlag gebohrt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p> - -<p>»Ja, ich bin es! O liebe Holzwespe, wenn du wüßtest, -welcher Trost, welche Freude es für mich ist, dich zu sehen!«</p> - -<p>»Für mich keine geringere!« sagte das Insekt artig und -setzte sich neben die zwei Ameisen. »Niemals vergesse ich -dir den Dienst, den du mir erwiesen hast! Du hast mich -aus der Gefahr gerettet, von jener Menschenfrau zerdrückt -zu werden! – Aber wie kommst du denn hierher?«</p> - -<p>»Ach, das Unglück hat mich so verfolgt, daß ich nicht -mehr weiß, wo ich mein müdes Haupt hinlegen soll!«</p> - -<p>»O du Ärmster!«</p> - -<p>Die Holzwespe dachte ein wenig nach, dann sagte sie:</p> - -<p>»Warte! Vielleicht kann ich dir eine Wohnung verraten, -wo du, wenn mich nicht alles täuscht, gut aufgehoben wärst. – -Siehst du die Eiche dort?«</p> - -<p>»Jawohl, ich sehe sie!«</p> - -<p>»Also gut! Als ich vorhin auf ihren Zweigen saß, hörte -ich in ihrem Innern ein schwaches Geräusch, wie wenn -jemand drinnen Holz zersägte. Du weißt, in solchen Dingen -habe ich ein wenig Erfahrung. Irre ich nicht, so handelt -es sich um ein Insekt, das seine letzte Verwandlung erreicht -hat und jetzt versucht, herauszukommen. Willst du, daß -wir zusammen die Wohnung besichtigen?«</p> - -<p>»Ja, natürlich!« willigte Max freudig ein.</p> - -<p>So gingen sie zusammen zur Eiche, und nachdem Max -der Holzwespe seinen Adjutanten vorgestellt hatte, sprach er -zu ihm:</p> - -<p>»Teurer Adjutant, dieser zarte Freund beißt sogar Eisen -durch; ich habe es selbst gesehen!«</p> - -<p>Jedoch Großzang war nicht einmal so arg verwundert -darüber, wie es Max erwartet hatte. Er hatte selbst so -sehr Hunger, um in ein Eisen zu beißen, und sagte kühl:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p> - -<p>»Ich glaub's gern!«</p> - -<p>Die Holzwespe stieg an der Eiche empor, gefolgt -von den beiden Ameisen. An einer gewissen Stelle hielt -sie inne:</p> - -<p>»Hört ihr's!« fragte sie hinhorchend.</p> - -<p>Man vernahm ein ganz leises Geräusch aus dem Innern -des Baumes.</p> - -<p>»Wir müssen etwas warten«, sagte sie weiter, »aber es -dauert sicher nicht mehr lange. Der Freund da drinnen -arbeitet wie rasend.«</p> - -<p>Richtig, gleich darauf, unmittelbar vor Max, öffnete -sich ein winziges Löchlein, und es erschien ein drollig -lebhaftes Köpfchen, das sich nach allen Seiten hin bewegte -und zugleich große Freude und großes Staunen -ausdrückte.</p> - -<p>Man hörte ein süßes, feines Gesumse, das lautete:</p> - -<p>»Endlich atme ich dich, du gesegnete Luft!«</p> - -<p>Aus dem Löchlein kamen jetzt zwei reizende Pfötchen -hervor, die sich fest am Rande anklammerten, und nach und -nach erschien ein prächtiges Insekt mit Flügeln und einer -herrlich metallisch violetten Färbung.</p> - -<p>»Eine Biene!« rief Max, der eine Flut von Fragen in -Bereitschaft hatte. Doch das Insekt breitete mit Wonne -die Flügel aus, streckte und putzte die Beinchen, wiegte den -Kopf hin und her, machte sodann eine artige Verbeugung, -flog fort und rief:</p> - -<p>»Wie wunderschön ist das Leben!«</p> - -<p>»Sie hat recht«, sagte die Holzwespe zu Max, der über -diese rasche Flucht ein wenig beleidigt dastand; »glaube -mir, Lieber, für ein Geschöpf, das so lange im Finstern -eingeschlossen war, das als Larve nur in einer einzigen<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -Hoffnung lebte, für den einzigen Zweck arbeitete, endlich als -vollkommenes Insekt an das Licht zu kommen, ist dieser -Augenblick, wenn er endlich da ist, zu wichtig, als daß man -sich mit neugierigen Leuten ins Plaudern einließe. Ich kann -das sagen, ich habe es selbst erlebt.«</p> - -<p>»Ich kann es begreifen«, sagte Max beschwichtigt.</p> - -<p>Aber die Gleichgültigkeit Großzangs der erstaunlichen -Nagekunst seiner Wespenfreundin gegenüber, konnte er noch -nicht verwinden. Es drängte ihn daher, seinem stumpfsinnigen -Adjutanten den Vorgang näher zu beschreiben:</p> - -<p>»Verstehst du denn auch, diese Dame hat Eisen, richtiges -Eisen zernagt, um aus ihrem Gefängnis auszubrechen!«</p> - -<p>»Ach ja«, sagte Großzang gelangweilt. »Meinst du denn, -ich sei taub? Übrigens, um ein solches Meisterstück auszuführen, -kommt es nur auf den Zustand an, in dem sich -einer gerade befindet!«</p> - -<p>»Wie meinst du das?«</p> - -<p>»Nun, ich zum Beispiel, ich würde gegenwärtig Eisen -nicht nur zernagen, sondern sogar aufessen.«</p> - -<p>Max betrachtete ihn kopfschüttelnd und hätte ihm gern -einiges erwidert, wenn nicht im selben Augenblicke aus dem -Löchlein ein zweites Köpfchen hervorgeschaut hätte, dem -ersten gleich in jeder Hinsicht.</p> - -<p>Mit süßem Gesumme sprach das Bienchen:</p> - -<p>»Gelobtes Land, endlich sehe ich dich!«</p> - -<p>Und wie seine Schwester breitete es die Flügel aus, -machte eine Verneigung und flog davon, ohne daß Max -nur ein Wort mit ihm hätte sprechen können. Da verlor -er die Geduld und sagte entschlossen:</p> - -<p>»So, nun ist die Reihe an mir; ich trete jetzt in das -Haus ein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<p>Wie bestürzt blieb er aber stehen, als er drinnen immer -noch wütend bohren und sägen hörte! Nicht lange, so erschien -abermals ein zartes Köpfchen und rief:</p> - -<p>»Endlich!«</p> - -<p>»Endlich möchte ich doch auch wissen«, unterbrach sofort -unwillig Max die begonnene frohe Rede, und griff fest zu. -»Jetzt habe ich satt mit der unanständigen Eile. Endlich! -Wer bist du? Wie heißt du? Woher kommst du? Was -willst du tun? Wohin gehst du? Ich sage dir, wenn du -mir nicht Rede stehst, so lasse ich dich nicht fliegen, und du -kannst zusehen, wie du deine Geschäfte ohne Kopf besorgst!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap42">42. Großzang findet beinahe den Hungertod.</h2> -</div> - -<p>Bei der Drohung, den Kopf zu verlieren, erschrak das -arme Geschöpf dermaßen, daß es kein Wort herausbrachte. -Max bereute schnell seine grobe Heftigkeit und sagte lächelnd:</p> - -<p>»Sei doch nicht so! Es war nur Scherz. Ich tue dir -gewiß nichts.«</p> - -<p>»Danke!« sprach gerührt die Biene. »Es wäre gräßlich, -wenn man sterben müßte, wo man eben zu leben anfängt.«</p> - -<p>»Fürchte dich nicht! Ich bin ein großer Bienenfreund, -und du bist doch eine Biene, nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja, ich bin eine Holzbiene.«</p> - -<p>»Eine Holzbiene? – Du arbeitest also wie ein Schreiner? -Ich hätte dich eher für einen Tapezier gehalten.«</p> - -<p>Max glaubte, eine gute Bemerkung zu machen, und war -daher enttäuscht über den ernsten Ton, mit dem die Holzbiene -erklärte:</p> - -<p>»Die Tapezierbienen bauen ihr Nest etwas anders.«</p> - -<p>»Was? Es gibt wirklich solche?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p> - -<p>»Natürlich; wie es Maurerbienen, Wollbienen und Erdbienen -unter uns gibt.«</p> - -<p>Die Holzbiene gab jetzt ihre Ungeduld zu erkennen. Max -bemerkte es und sagte:</p> - -<p>»Ich sehe, du hast es eilig, und ich halte dich mit meinem -Geplauder auf. Sage mir nur noch schnell: Ist dies hier -dein Haus?«</p> - -<p>»Es war bis jetzt mein Haus«, erwiderte die Biene, »aber -von heute an habe ich ein größeres, schöneres, helleres, -meine Wohnung ist jetzt die weite Welt!«</p> - -<p>»Dann bleibt dies Haus leer, und man braucht keine -Miete zu bezahlen, wenn man hier wohnen will?«</p> - -<p>»Nein, aber es sind noch meine zwei Schwestern in ihren -Zimmern da drinnen. Sie arbeiten schon an ihrer Türe. -Hörst du sie?«</p> - -<p>Man vernahm in der Tat jetzt wieder das bekannte -Geräusch, als ob jemand immerzu Holz sägte.</p> - -<p>»Unser Haus ist von meiner Mutter erbaut worden, so -wie ich eines für meine Kinder machen will. Darum kann -ich dir sagen, wie es gemacht wird. Man gräbt einen -schönen Gang in einen Baumstamm, am Ende desselben -legt man einen Brei aus Honig und Blütenstaub hinein.«</p> - -<p>Da schrie Großzang gierig dazwischen:</p> - -<p>»Laß mich sehen, wie du den Teig bereitest!«</p> - -<p>»Seinerzeit werde ich ihn schon machen«, fuhr die Biene -fort, »ich sammle ihn von Früchten und Blumen. In die -Mitte des Teiges legen wir das Ei, dann schließen wir -das Zimmer mit einem Mäuerlein aus Sägemehl zu, -das wir mit Speichel anrühren. Auf diese Mauer legen -wir einen zweiten Brei mit einem andern Ei, schließen -auf gleiche Weise auch dies Zimmer, und so immerfort,<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -solang der ganze Gang ist, den wir zuletzt ebenso verschließen.«</p> - -<p>»Und dann?«</p> - -<p>»Dann finden die Larven, die sich aus dem Ei entwickeln, -ihren Tisch gedeckt.«</p> - -<p>»Diese Glücklichen!« murmelte Großzang.</p> - -<p>»Die Larven wachsen und füllen mit ihrem Körper zuletzt -die ganze Zelle aus. Sie verwandeln sich in Puppen, und -endlich, wenn die Zeit vollendet ist, werden sie vollkommene -Insekten, wie ich jetzt eines bin – und –«</p> - -<p>»Und?«</p> - -<p>Im Baume hörte man eine Stimme rufen:</p> - -<p>»He, Schwesterchen! Was machst du denn? Willst du, -daß ich hier im Dunkeln bleibe?«</p> - -<p>Die Biene unterbrach deshalb ihre Rede, und mit rascher -Bewegung schlüpfte sie vollends aus dem Löchlein; sofort -erschien hinter ihr ein neuer Kopf. Zuletzt kam auch noch -die andere heraus, und alle drei machten eine artige Verbeugung -und riefen froh:</p> - -<p>»Es lebe die Sonne!«</p> - -<p>Und weg flogen sie.</p> - -<p>»Jetzt nehmen wir Besitz vom Hause«, sprach Max.</p> - -<p>Gefolgt von Großzang schlüpfte er ins Haus hinein, -während die Holzwespe ihm nachrief:</p> - -<p>»Ich bin zu groß, um hineinzukommen, ich erwarte dich -hier außen.«</p> - -<p>Nun war ja der Gang einer Holzbiene gerade nicht dazu -angetan, einem Kaiser wie Max zur Residenz zu dienen, -aber es war doch wenigstens für ihn ein bequemes Unterkommen; -fünf saubere und nette Zimmerchen standen ihm -zur Verfügung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span></p> - -<p>Durch die Wand, die jede der fünf Holzbienenschwestern -hatte durchnagen müssen, um aus ihrer verschlossenen -Zelle zu kommen, konnte man jetzt herrlich aus- und eingehen.</p> - -<p>Jede dieser Holzbienen hatte die Sägemehlmauer durchbohrt, -die ihre Zimmerdecke gewesen war. Die erste von -ihnen hatte den Ausgang aus dem Baumstamm gebohrt, -die zweite öffnete die Türe, die sie in das bereits leere -Kämmerchen führte, und so fort bis zur letzten, die den Ausgang -durch die Kammern aller Schwestern fand.</p> - -<p>»Das sind einmal gescheite Insekten! Alle Anerkennung!« -rief Max, »die stehen ja sogar uns Ameisen nicht nach. -Das will was heißen. Denn man darf nicht vergessen, -daß unter uns sehr geschickte Holzarbeiter sind, die kunstvolle -Wohnungen in die Baumstämme graben, teurer Großzang!«</p> - -<p>Dieser aber hörte wieder einmal recht zerstreut zu und -durchsuchte dafür um so angelegentlicher alle Zimmer bis -ins hinterste. Wißt ihr, nach was? Unzufrieden brummte er:</p> - -<p>»Alles aufgegessen!«</p> - -<p>»Was suchst du nur?« fragte Max.</p> - -<p>»Ach, nichts! Ich schaute nur, ob nicht irgendwo noch -eine Spur von dem Honigbrei zurückgeblieben sei. Aber -nicht eine Spur. Diese verwünschten Bienen haben alles -aufgeräumt, ohne zu bedenken, daß eines schönen Tages -dieses Haus von einem kaiserlichen Hof bewohnt werde, der -die glänzendsten Aussichten für die Zukunft und den riesigsten -Appetit in der Gegenwart hat!«</p> - -<p>Wie er aber merkte, daß Max ihm wieder tüchtig den -Kopf waschen wollte, kauerte er sich in eine Zimmerecke -und rief in hoffnungslosem Tone:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p> - -<p>»Es ist unnütz, mir Vorwürfe zu machen. Wenn ich -Hunger habe, hört meine Vernunft auf. Augenblicklich ist er -so groß, daß ich fürchte, vor dir den Respekt zu verlieren. -Ich will mich nun nicht mehr rühren und erwarte hier den -Tod. Kommt er, so will ich ihn mit dem Ruf begrüßen:</p> - -<p>›Es lebe Kaiser Max Butziwackel der Erste!‹«</p> - -<p>Bei diesen Worten legte sich sofort des Kaisers Zorn. -Er war bewegt durch so viel selbstlose Zuneigung und so -todesmutige Ergebenheit für seine Person. Er begriff um -so besser die Größe des Opfers, das sein Adjutant für ihn -brachte, als er selber mächtig Appetit verspürte.</p> - -<p>Darum stieg er langsam zum Eingang hinaus und sagte -zur Holzwespe, die auf ihn gewartet hatte:</p> - -<p>»Liebe Freundin, ich finde keine Worte, um dir für das -schöne Haus zu danken, das du mir verschafft hast.«</p> - -<p>»Was fällt dir ein!« antwortete diese. »Ich bleibe doch -stets deine Schuldnerin; wenn du noch etwas brauchen -solltest, sage es ohne Umstände.«</p> - -<p>»Für jetzt vielen Dank«, sprach Max, »jedoch hoffe ich, -daß du mich oft besuchst und wir uns dann stets gut zusammen -unterhalten.«</p> - -<p>Bei diesen Worten reichte er ihr zum Abschied sein rechtes -Vorderbeinchen und begann den Abstieg am Eichenstamm. -Die Wespe flog davon. Als unser Held am Erdboden angelangt -war, lief er hierhin und dorthin, um etwas Eßbares -zu suchen. Schon nach kurzer Zeit stieß er auf eine geplatzte, -reife Pflaume, deren zuckersüßes Fleisch in der -Sonne so appetitlich glänzte, daß ihm das Wasser im Munde -zusammenlief.</p> - -<p>Aber Max, dies Lob muß man ihm lassen, dachte nicht -daran, zu verkosten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p> - -<p>Er nahm eine tüchtige Portion, drehte daraus ein Kügelchen, -belud sich damit, lief seine Straße zurück, die Eiche hinan -und trug es in das allerletzte Zimmer, wo Großzang immer -noch kauerte und nicht einmal mehr die Kraft hatte, zu -gähnen!</p> - -<p>»Frischen Mut!« rief er ihm zu und legte die Gottesgabe -neben ihn. »Der kaiserliche Hof ist noch imstande, -dich mit Götterspeise zu nähren!«</p> - -<p>Bei dem Wort Götterspeise hüpfte der Adjutant hoch -auf, warf sich über die süße Pille her und aß mit einer -solchen Gier, daß er gar nicht daran dachte, »Danke« zu -sagen. Max stieg gleich wieder hinab zur Pflaume, sättigte -sich dort und sprach dazu für sich:</p> - -<p>»Das hatte ich wahrhaftig selber nötig!«</p> - -<p>Als er mit seiner Mahlzeit zu Ende war, drehte er eine -zweite Kugel und wollte sie eben heimtragen, als er Großzang -eilends daherkommen sah.</p> - -<p>»Warte!« sagte der Adjutant, »ich nehme noch einen -Bissen, und dann trage auch ich eine Kugel heim.« Nachdem -er tüchtig gegessen hatte, sprach er mit leuchtenden Augen:</p> - -<p>»So, nun kannst du mich bis ans Ende der Welt befehlen, -und ich werde dir folgen.«</p> - -<p>Dabei fertigte er eine große Pille vom Pflaumenfleisch -und folgte Max. Auf solche Weise machten die beiden noch -manchen Gang. Kaiser Butziwackel überzeugte sich dabei, -daß es in der Welt für alle genug zu essen gibt, aber -man muß fleißig suchen und es sich verdienen. Nur im -Schlaraffenland fliegen den Faulenzern die gebratenen Tauben -in den Mund. Als der Tag zu Ende ging, waren alle -Zimmer voll Kügelchen, und von der geplatzten Pflaume -lag nur noch der ungenießbare Kern auf der Erde.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p> - -<h2 id="kap43">43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena.</h2> -</div> - -<p>Nach allen Wechselfällen des Schicksals führte unser entthronter -Kaiser jetzt ein ruhiges Dasein in der Verbannung. -Er war zufrieden mit seiner einfachen Wohnung und lebte -in Eintracht mit seinem Adjutanten. Die einzig drückende -Sorge blieb nur die Beschaffung der Lebensmittel; doch -auch hier fand sich eine Lösung. An den Wurzeln der Eiche -stand ein Rosenstock. Auf seinen grünen Zweigen lebte eine -zahlreiche Herde von Blattläusen, die sich willig melken ließen. -Nun bestand für die beiden Ameisen keine Gefahr mehr, dem -Hungertode zu verfallen.</p> - -<p>Oft dachte Max über seine Erlebnisse im Ameisendasein -nach. Er verglich seinen Aufstieg zum General und Kaiser -mit dem Geschick Napoleons I. und nannte seine Wohnung -im Stamme des Eichbaumes St. Helena. Lebte nicht auch -Butziwackel I., der Ameisenkaiser, fern von seinem Volke -einsam in der Verbannung? Auf seinen häufigen Spaziergängen -hatte er überdies Gelegenheit, mit einigen Bienen -bekannt zu werden, die ihm zufällig begegneten und von -denen ihm schon die Holzwespe erzählt hatte. Auch von -dieser erhielt er öfter Besuch, und er unterhielt sich gerne -mit ihr auf dem Eichstamme. Sodann schloß er sich freundschaftlich -an einige Erdbienen an, geschickte Bergleute, die -im Sandboden ihre Gänge gruben. Sehr nette Bekannte -hatte er an den Wollbienen und mit einigen Blattschneiderbienen -hatte er sogar geschäftliche Beziehungen angeknüpft.</p> - -<p>Diese bauen ihr Nest in Baumlöcher und fertigen hier -fingerhutförmige, aneinandergereihte Zellen, welche sie aus -den Blättern des Rosenstrauches und der Weißbuche und -den Blüten des wilden Mohns kunstvoll zusammensetzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -Sie verstehen es, die Blätter so geschickt mit ihren Kieferzangen -auszuschneiden, als ob sie mit einer Schere arbeiteten. -Weil sie ihr Nest so hübsch auslegen, nennt man die Tierchen -auch Tapezierbienen. Eine Art lernte er davon kennen, die -grub ihr Nest in die Erde. Es bestand aus einer einzigen -Zelle und war mit lauter Blumenblättern ausgefüttert und -belegt. Den erweiterten Bekanntenkreis benützte Max, -mit Hilfe dieser Freunde sein St. Helena nach und nach -besser auszustatten. Von den Blattschneiderbienen hatte er -sich eines seiner Zimmer mit Rosenblättern belegen lassen. -Wie russisches Leder sahen diese Tapeten aus, nachdem die -Blätter ausgetrocknet waren. Sein Schlafzimmer ließ er -sich von einer andern Tapezierbiene mit wohlriechenden -Blumenblättern belegen und bei den Wollbienen hatte er -sich ein weiches Bett bestellt. Darin träumte er von seiner -großen Vergangenheit.</p> - -<p>Zu seiner Ehre aber muß man sagen, daß er über aller -Bequemlichkeit das Notwendige nicht vergaß. Er fertigte -selbst eine Haustüre, damit kein Unbefugter und keine gefährlichen -Gäste eindringen könnten. Es gelang ihm mit -unerhörter Anstrengung und mit Hilfe seines Adjutanten, -einen harten Gurkenkern an den Eichenstamm und bis hinauf -zu seinem Haus zu schleppen. Diesen brachte er auf eine -geistvolle Weise als Drehtüre am Hauseingang an. War -die Türe offen, so stand der Kern mit seiner Breitseite halb -außen, halb innen am Eingang, der diesen somit in zwei -Hälften schied, eine als Eingang für den Kaiser, die andere -für Lieferanten und die Dienerschaft. Was fehlte jetzt noch -zu einem standesgemäßen Herrschaftshaus? Wollte man -die Türe schließen, so drehte man einfach den Kern nach -links oder rechts, und beide Eingänge waren dann zugleich<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -abgeschlossen. Diese Art des Verschlusses wurde von allen -seinen befreundeten Insekten unendlich bewundert, und die -Holzwespe verbreitete überall Maxens Ruf als eines unerreichten -Künstlers.</p> - -<p>Als sie dies ihm einmal selbst sagte, erwiderte Max, der -gerade Arm in Arm mit ihr spazieren ging:</p> - -<p>»Ich weiß es wohl!«</p> - -<p>Die allgemeine Anerkennung hatte aber wieder alle -schlummernden Gedanken an Ehre und Ruhm aufgerüttelt. -So erzählte er seiner vertrauten Freundin von seinen Kriegstaten -im Ameisenreich und sprach ihr von seinen Plänen, -die darauf hinausgingen, eine gesellschaftliche Neuordnung -bei den Insekten durchzuführen, die dem Geiste der Zeit -besser entspräche. Die Holzwespe trug in einem starken -Körper einen kleinen Geist und war deshalb sofort besiegt -von des Kaisers warmer Beredsamkeit, die einem Volksredner -alle Ehre gemacht hätte. Entzückt rief sie daher am -Schlusse seiner Ausführung aus:</p> - -<p>»O, einem Kopfe wie dem deinen muß das alles zum -Wohle der Völker sicher gelingen!«</p> - -<p>»Ich erwähle dich«, sagte Max erkenntlich für dies Lob, -»von heute an zur Herzogin von St. Helena.«</p> - -<p>In der folgenden Zeit saßen der Kaiser Butziwackel I., -die Herzogin von St. Helena und der Graf aller Hautflügler -nur noch zusammen, um Luftschlösser zu bauen. Alle -Tage wurden diese größer, und sämtliche Beratungen endeten -gewöhnlich mit rauschendem Beifall für die Pläne unseres -Volksfreundes.</p> - -<p>Und noch etwas! – Aber soll ich es sagen? Seit Max -die Holzwespe wieder gefunden hatte, war er öfter daran, -sie um Auskunft über die Lage seines Landhauses zu fragen,<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -um so näher lag was, als die Holzwespe dort geboren war -und genügend starke Flügel hatte, um es aufzusuchen. Aber -wie merkwürdig! – Er fragte sie nie! Wißt ihr warum?</p> - -<p>Kaiser Butziwackel I. fühlte sich behaglich in seiner Verbannung, -es fehlte ihm nicht am täglichen Brot, sein Adjutant -bediente ihn vortrefflich, seine Freunde alle bewunderten -ihn. Über diesem guten Leben hatte Max die Heimat vergessen!</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-222.png" alt="" /> -</div> - -<p>Wie sollte das weitergehen? Kaiser Butziwackel war auf -dem besten Wege, im Insektenreiche ein unnützer, gedankenloser -Faulenzer zu werden. Eines Morgens saß er rittlings -auf dem Gurkenkern, seinem Schloßportal, schaute vergnüglich -in die weite Welt und ließ sich von den warmen Sonnenstrahlen -bescheinen. Da kam plötzlich ein scharfer Sturmwind, -rüttelte und schüttelte die Eiche, daß sie in allen Fasern -ächzte und ihre Äste krachend durcheinanderschlug. Die Haustüre -fiel aus ihrem Gefüge und stürzte mitsamt dem Kaiser<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -kopfüber in die Tiefe. Wäre Max auf einen harten Stein gefallen, -so hätte er sterben müssen. Glücklicherweise aber wuchs -unter dem Baume weiches Moos. Max hatte schon im Stürzen -vor Schrecken die Besinnung verloren. So lag er jetzt im -tiefen Schlaf der Ohnmacht im grünen Moos eingebettet.</p> - -<p>Da trat mit leisen Schritten aus den Büschen das alte -Männlein mit dem langschleppenden Rock und der großen -Brille. Das blieb lächelnd vor Max stehen, griff nach der -Riesendose in den tiefen Rocktaschen, nahm behäbig eine -Prise, nieste und sprach:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Fauler Bub'! – Ameislein<br /></span> -<span class="i0">Hast einmal müssen sein!<br /></span> -<span class="i0">Sahest im fremden Land,<br /></span> -<span class="i0">Was dir ganz unbekannt:<br /></span> -<span class="i0">Arbeit mit Müh' und Fleiß<br /></span> -<span class="i0">Leisten in ihrer Weis<br /></span> -<span class="i0">Alle die Tierlein klein. –<br /></span> -<span class="i0">Faulenzer willst du sein?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Jetzt ist der Zauber aus;<br /></span> -<span class="i0">Gehe als Kind nach Haus.<br /></span> -<span class="i0">Sollst wie die Bienen<br /></span> -<span class="i0">Schaffen und dienen.<br /></span> -<span class="i0">Such' in der Arbeit Ruhm<br /></span> -<span class="i0">König- und Kaisertum!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i4">Mit hohem Streben<br /></span> -<span class="i4">Beherrsche dein Leben!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Max schlug die Augen auf. Er war wieder ein Knabe. -Sein altes, zerschlissenes Höschen hatte er wieder an, und -das Wackelfähnlein baumelte heraus wie zuvor. Rasch -stopfte er es ins Verborgene.</p> - -<p>Wie er, die Augen reibend, um sich schaute, fand er sich -bei dem moosigen Stein in der Grotte, wo das Brünnlein -plätscherte wie immer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span></p> - -<p>Von dem Männlein im grünen Rock war nichts zu sehen, -aber es roch nach Tabak, und Max meinte doch eben seine -Stimme gehört zu haben. So deutlich klang sie noch in -seinen Ohren, daß er die Verse genau wiederholen konnte. -War er denn hier träumend gelegen? War er tatsächlich -im Ameisenland gewesen?</p> - -<p>So rasch er nur konnte, rannte er dem Hause zu, wo -er eben Mutter, Vater, Onkel Walter, Moritz und Therese -bei Tische sitzend fand.</p> - -<p>Mit Küssen und Umarmungen drängte er sich stürmisch -in ihre Mitte, freudig von allen begrüßt und befragt:</p> - -<p>»Warst du gerne bei dem wunderlichen Onkel Christian -und seinen Insektensammlungen?«</p> - -<p>»Ach, Mutterchen, ich war doch selber im Ameisenland, -und bei den Hummeln habe ich übernachtet. Denkt euch, -einmal bin ich auf einem Wasserläufer über den großen -See geritten und beinahe hätte mich der Ameisenlöwe gefressen!«</p> - -<p>»Ha, ha«, lachte Onkel Walter, »Max fabuliert von -Onkels Ungeziefer, das er der Wissenschaft zu Ehren züchtet.«</p> - -<p>Bei dem geringschätzigen Wort Ungeziefer gab es Max -einen Ruck. Unwillkürlich schaute er um sich, ob keine Ameise -oder Biene in Hörweite sei. »Nun«, fuhr Onkel Walter -fort, »bald soll sich's zeigen, ob der gute Alte, wie er uns -versprach, aus dir kleinem Faulpelz einen guten Lateiner -hervorgezaubert hat.«</p> - -<p>»Onkel«, fiel Max in lebhafter Erinnerung ein, »wegen -des Lateinprofessors bin ich von deinem Hutrand heruntergepurzelt.«</p> - -<p>Nein, wie da alle über ihn lachten, und die Mutter -wehrte ihnen nicht einmal ab. Sie sagte sogar:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p> - -<p>»Geschichten erfinden und erzählen, liebes Kind, sollst -du erst nach deiner bestandenen Prüfung. Von morgen -ab wird tüchtig gelernt und nicht fabuliert, ehe du -fertig bist!«</p> - -<p>Betroffen schwieg Max. Ach, niemand schien ihm zu -glauben! So setzte er sich zu seinen Büchern, und siehe, -in kurzer Zeit bestand er seine Prüfung mit Note 1 und -einem Stern.</p> - -<p>Wenn er dann an den Winterabenden viel aus dem -wunderbaren Leben der Insekten erzählte, hörten alle mit -Bewunderung zu und staunten über die Anschaulichkeit, mit -welcher er zu berichten wußte.</p> - -<p>Wie oft sagte dann Onkel Walter:</p> - -<p>»Unser Butziwackel hat das Zeug zu einem berühmten -Naturforscher in sich! Onkel Christian hat ihn wahrhaftig -angesteckt, der alte Zauberonkel.«</p> - -<p>Der Kleine schwieg dazu.</p> - -<p>Nie hat er jemand gesagt, daß er einstmals Ameisenkaiser -gewesen war und einen Flügeladjutanten sein eigen -nannte; auch trug er es Franziska nicht nach, daß sie -ihn für einen Floh gehalten hatte. Mir aber hat Onkel -Christian alles verraten, und nur darum war es mir -möglich, euch, liebe Kinder, diese seltsame Geschichte zu erzählen.</p> - -<p>Was mag nur aus Großzang, dem Grafen aller Hautflügler, -geworden sein? – Und aus der Holzwespe, der -Herzogin von St. Helena?</p> - -<p>Nun, diese legte fleißig Eier und sorgte für nichts anderes -als für ihre Nachkommen. Freilich Großzang litt schrecklich -unter dem plötzlichen Verschwinden seines kaiserlichen Herrn. -Erst verzweifelte er schier, dann allmählich tröstete er sich an<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -den vollen Vorratskammern, die er nun allein ausessen -konnte. Er aß im Schmerze auch alles sauber auf, was -im Hause war. Hierauf begab er sich wieder auf Reisen, -und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-226.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p> - -<p>In der <b>Verlagsbuchhandlung Herder & Co. G. m. b. H.</b> zu <b>Freiburg -im Breisgau</b> sind erschienen und können durch alle Buchhandlungen -bezogen werden:</p> -</div> - -<div class="hang p2"> - -<p><em class="cap">Das Paradies auf Erden. Der kleine Zigeuner.</em> Zwei -Kindergeschichten von <b>Xaver Meschko</b>. Deutsch von Mina -Conrad-Eybesfeld. Mit einem Titelbild. 8° (154 S.) -Geb. M 6.80</p></div> - -<p>»Xaver Meschko weiß wie kein anderer Herz und Phantasie unserer -9–14jährigen zu erfreuen, denn Liebe zu Kindern, das liest sich aus -jeder Zeile heraus, hat ihm die Feder geführt. Eine Fülle von -Poesie und ein schier unerschöpflicher Reichtum an Gemüt verraten -die beiden Erzählungen ›Das Paradies auf Erden‹ und ›Der kleine -Zigeuner‹, und man möchte der Übersetzerin Dank sagen, daß sie unsere -Jugendliteratur um eine wertvolle Gabe bereichert hat.«</p> - -<p class="right smaller"> -(Echo der Gegenwart, Aachen 1920, Nr. 38.) -</p> - -<div class="hang p2"> - -<p><em class="cap">Großmutters Jugendland.</em> Die Geschichte von Klein-Nanni. -Von <b>Helene Pagés</b>. Mit 6 Bildern von Rolf Winkler. 8° -(150 S.) Geb. M 7.80</p></div> - -<p>»Waren Pagés' bisherige Erzählungen vorwiegend erzieherisch betont, -so erfreut uns ›Die Geschichte von Klein-Nanni‹ als rein dichterisch -empfundenes Werk. Die äußere Geschichte ist kurz: Klein-Nanni zieht -mit den Eltern und Geschwistern vom rheinischen Dorf in das neue -Schulhaus im Westerwald. Der Vater stirbt nach kurzem Wirken, Klein-Nanni -muß Schulwohnung und sorgenloses Leben mit ärmlicheren Verhältnissen -tauschen, bis das tätige Leben sie hinausruft in die Welt. – -Aber welch seelischen Reichtum umschließt dieser schlichte Rahmen und -mit welch hellseherischer Liebe ist er von der Dichterin erfüllt! Die -Elterngestalten sind klar und anschaulich gegeben; vor allem ist aber -das köstliche Seelchen des Kindes mit feinem inneren Auge gesehen -und die Entwicklung mit zartester Hand in lebendigen Einzelbildchen -gezeichnet. Es sind Meisterstücke psychologischer Feinkunst, wie hier -Heimweh, Kindesliebe, kindliches Spiel, Kindessitte und Sittlichkeit, -Ahnen und wachsendes Verstehen der kleinen Seele dem Leser vorgestellt -werden, rein und lauter, ohne jede Zerfaserung. Wie alles Gute und -Reine, so ist auch das Religiöse in diesem Kreise selbstverständlich wie -die Luft, die man atmet. Nur eines vermag die Verfasserin nicht überzeugend -darzustellen: das Böse und Gemeine. Diese kleine Einschränkung -erhöhte mir aber die seelische Schönheit dieses Jugendbuches.«</p> - -<p class="smaller right"> -(Literar. Handweiser, Freiburg 1920, Nr. 3 [F. X. Thalhofer, Pasing b. München].) -</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<div class="hang p2"> -<p><em class="cap">Fürst und Vaterland.</em> Eine geschichtliche Erzählung für -Jugend und Volk. Von <b>Alois Menghin</b>. 3., verbesserte Aufl. -Mit 9 Abbildungen. 8° (170 S.) Geb. M 7.20</p></div> - -<p>»Die Erzählung bietet eine mit kulturgeschichtlich interessanten Ausführungen -durchwobene Episode aus der Geschichte Tirols um den Anfang -des 15. Jahrhunderts. Es ist ein Buch von deutscher Treue – -Fürstentreue wie Mannentreue – und von deutschem Heldenmut, das in -seiner prächtigen Ausstattung eine wertvolle und schöne Gabe für die -deutsche Jugend bildet.«</p> - -<p class="right smaller"> -(Literarischer Handweiser, Münster 1913, Nr. 5.) -</p> - -<div class="hang p2"> - -<p><em class="cap">Tzavellas, der Suliote.</em> Geschichtliche Erzählung aus der -Zeit der Freiheitskämpfe in Griechenland. Von <b>Ad. Joseph -Cüppers</b>. Mit 6 Bildern von J. Gehrts. 8° (142 S.) -Geb. M 6.20</p></div> - -<p>»Was für ein Buch soll ich meinem Buben schenken? Das ist -für viele Eltern die große Frage. Das Buch soll belehren, Freude -bereiten, hübsch ausgestattet und dabei möglichst wohlfeil sein. Allen -diesen Anforderungen wird dieses Büchlein gerecht. Es führt uns -eine Episode aus dem Heldenkampf des albanesischen Stammes der -Sulioten gegen Ali, den Pascha von Janina (1803 Statthalter von -Albanien), vor. Die dramatisch bewegte Erzählung vereint Einfachheit -mit psychologischer Tiefe. Die Sprache ist einfach, klar, ungekünstelt. -Vollstes Lob verdienen auch die sechs dem Büchlein beigegebenen -Bilder.«</p> - -<p class="right smaller"> -(Österr.-ungar. Heereszeitung, Wien 1911, Nr. 35.) -</p> - -<div class="hang p2"> - -<p><em class="cap">Gudrun.</em> Ein alter Roman von Frauentreue. Neu erzählt -von <b>Ad. Joseph Cüppers</b>. 8° (214 S.) Geb. M 9.–</p></div> - -<p>»… Wie viele aus dem Volk lesen oder lasen bisher die ›Gudrun‹? -Aber in dieser von einem erfahrenen Volksschriftsteller hergerichteten Bearbeitung, -die durch ihre frische Sprache, straffe Komposition und die Ausscheidung -aller unnötigen Längen angenehm auffällt, mag Gudrun neu -aufleben und ihre stärkende Kraft in solchen Volkskreisen zeigen, die edle -und ernstere Lektüre vorziehen.«</p> - -<p class="right smaller"> -(Augsburger Postzeitung 1920, Nr. 87.) -</p> - -<p class="center p2">Die Preise erhöhen sich um die im Buchhandel üblichen Zuschläge.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription.</p> - -<p>Der Schmutztitel wurde entfernt. -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 35: der → in der<br /> -Max hatte bisher <a href="#corr035">in der</a> festen Überzeugung gelebt</p> -<p> -S. 80: einer → einer sich<br /> -in voller Flucht, <a href="#corr080">einer sich</a> um</p> -<p> -S. 88: hätte sie ihn → wäre sie ihm<br /> -<a href="#corr088">wäre sie ihm</a> im Mondschein begegnet</p> -<p> -S. 148: aus uns von → von uns aus<br /> -Wäre einer <a href="#corr148">von uns aus</a> solcher Höhe</p> -</div></div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Max Butziwackel der Ameisenkaiser, by -Luigi Bertelli - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX BUTZIWACKEL DER AMEISENKAISER *** - -***** This file should be named 53973-h.htm or 53973-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/9/7/53973/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/53973-h/images/cover.jpg b/old/53973-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c761ad5..0000000 --- a/old/53973-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/53973-h/images/illu-003.png b/old/53973-h/images/illu-003.png Binary files differdeleted file mode 100644 index b0a8666..0000000 --- a/old/53973-h/images/illu-003.png +++ /dev/null diff --git a/old/53973-h/images/illu-007.png b/old/53973-h/images/illu-007.png Binary files differdeleted file mode 100644 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