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-The Project Gutenberg EBook of Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee, by
-Bartholomäus von Werner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee
-
-Author: Bartholomäus von Werner
-
-Release Date: January 11, 2017 [EBook #53946]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DEUTSCHES KRIEGSSCHIFF ***
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-
-Produced by Franz L Kuhlmann and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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- | |
- | Die Schreibweise im Text (wie z. B. Ae statt Ä) sowie die |
- | "Vor Duden" Orthographie sind beibehalten. |
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- Ein deutsches Kriegsschiff
- in der Südsee.
-
-
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-
- Ein deutsches Kriegsschiff
- in der Südsee.
-
- Von
-
- B. von Werner,
- Contreadmiral a. D.
-
- Mit über 100 Abbildungen und 5 Karten.
-
- Zweite Auflage.
-
-
- Leipzig:
- F. A. Brockhaus.
-
- 1889.
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- Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.
-
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-
-Vorwort.
-
-
-Die nachfolgenden Reisebriefe, welche ich hiermit der Oeffentlichkeit
-übergebe, wurden ursprünglich nicht zu diesem Zweck geschrieben, sondern
-sollten nur meinen Angehörigen dasjenige im Bilde vorführen, was ich
-selbst gesehen und erlebt hatte. Ich hielt mich weder für dazu berufen,
-die große Menge der vorhandenen Reisebeschreibungen vermehren zu helfen,
-noch hielt ich eine derartige literarische Thätigkeit vereinbar mit
-meiner Dienststellung als Schiffscommandant, sodaß ich schon aus diesem
-Grunde dahin zielende Vorschläge zurückweisen mußte, wenn ich auch fand,
-daß die vorhandenen Berichte über die Südsee nicht ausreichten, um sich
-ein einigermaßen getreues Bild von den dortigen Verhältnissen machen zu
-können. Denn die Südsee mit ihren Bewohnern war nicht nur mir vielfach in
-ganz anderer Gestalt entgegengetreten, als ich sie mir vorgestellt hatte:
-auch in Australien und Neu-Seeland, beim Anlaufen neuer Häfen während
-der Heimfahrt und schließlich auch in Deutschland wurden in Bezug auf die
-Südsee Fragen an mich gerichtet, die ich vordem ebenfalls gestellt haben
-würde und welche bewiesen, daß auch in weitern Kreisen die Vorstellung
-von jenen fernen Inseln und ihren Bewohnern eine unrichtige war.
-
-Hatte ich somit nicht die Absicht, meine Aufzeichnungen einem größern
-Kreise zugänglich zu machen, so stellte ich sie doch denjenigen Personen
-gern zur Verfügung, welche sie zu lesen wünschten. Und als ich dann fast
-stets, und oft von competenter Seite, die Aufforderung erhielt, meine
-Briefe zu veröffentlichen, machte ich mich mit dem Gedanken vertrauter,
-wenigstens die auf die Südsee Bezug habenden Theile, als einen Beitrag
-zur Kenntniß derselben, der Oeffentlichkeit zu übergeben, wenn auch zu
-der Zeit meine dienstliche Stellung immer noch ein kaum zu umgehendes
-Hinderniß blieb.
-
-Als dann nach Verlauf von nahezu zehn Jahren einer etwaigen
-Veröffentlichung nichts mehr im Wege stand, mußte ich mich fragen, ob
-nunmehr, nachdem neuere Werke über die Südsee oder Theile derselben
-erschienen waren, meine Aufzeichnungen noch etwas Neues zu bringen
-vermöchten, und kam zu dem Schluß, daß meine Beobachtungen und Erlebnisse,
-welche sich vorzugsweise auf dem rein menschlichen Gebiet bewegen,
-gerade geeignet sein würden, jene vornehmlich das wissenschaftliche
-Gebiet berührenden Werke in erwünschter Weise zu ergänzen. Denn jene
-beschäftigen sich, sofern sie nicht Sammelwerke sind, immer nur mit einer
-bestimmten Inselgruppe, ergänzen und berichtigen die Angaben älterer
-Berichterstatter, bringen werthvolle Nachrichten für den Anthropologen,
-Ethnographen, für den Geologen, Zoologen und Botaniker, aber nur wenig
-für den Menschenfreund. Sie führen uns nicht in das Volksleben jener
-Stämme ein, und zwar wol deshalb nicht, weil die Berichterstatter keine
-Gelegenheit fanden, so tief in dasselbe einzudringen, wie sie so leicht
-einem Kriegsschiffscommandanten geboten wird, wenn er Interesse für die
-Menschen hat, ihnen wohlwollend entgegenkommt und außerdem noch durch
-glückliche Nebenumstände begünstigt wird, wie sie mir in so reichem Maße
-zutheil wurden. Meine Aufzeichnungen dürften daher sowol von diesem
-Gesichtspunkt aus demjenigen Leserkreis, welcher sich für die Südsee
-interessirt, willkommen sein, wie auch um deshalb, weil sie einen Einblick
-in die Vorgeschichte unserer dortigen Colonialerwerbungen gestatten.
-
-So übergebe ich denn dem Leser meine Aufzeichnungen mit der Bitte, sie
-wohlwollend zu beurtheilen. Sind dieselben, soweit sie die politischen
-Verhältnisse in der Südsee berühren, theilweise auch schon durch die in
-den letzten fünf Jahren auf diesem Gebiet stattgefundenen Veränderungen
-überholt, so wird durch diese Thatsachen andererseits doch bewiesen, daß
-die seiner Zeit von der „Ariadne“ getroffenen Maßnahmen die richtigen
-waren und somit die Männer, welche mich belehrten und mir rathend
-zur Seite standen, die Lage richtig beurtheilt hatten. Derjenige
-Leser, welchem ein kurzer Ueberblick über die in der Südsee seitdem
-stattgefundenen Machtverschiebungen erwünscht sein sollte, wird einen
-solchen im Anhang finden, wo auch einige allgemeine Bemerkungen über die
-Bewohner der Südseeinseln, sowie Angaben über die am 10. Juni 1886 im
-Geysir-Gebiet von Neu-Seeland stattgehabte Katastrophe eingefügt sind.
-Die Briefe, welche nur wahre und selbsterlebte Begebenheiten behandeln,
-auch sich streng an die wirklichen Zeiten und Oertlichkeiten halten, jede
-Uebertreibung und poetische Ausschmückung vermeiden, sind, soweit sie die
-Magelhaens-Straße und die eigentliche Südsee betreffen, an Ort und Stelle,
-unter dem frischen Eindrucke des eben Erlebten geschrieben und später nur
-abgerundet und theilweise gekürzt worden, so namentlich auf dem Gebiet der
-Naturalia, welche bei Naturmenschen ja eine so große Rolle spielen. Und
-doch fürchte ich, gelegentlich dem Vorwurf zu begegnen, daß ich in dieser
-Richtung nicht genug gethan hätte, wenngleich nach mir auch Andere noch
-den Blaustift gebraucht haben. Was aber schließlich davon übriggeblieben
-ist, scheint mir für die Charakterisirung jener Menschen und zur Gewinnung
-eines richtigen Urtheils so nothwendig, daß ich mich mit weitern Kürzungen
-nicht einverstanden erklären konnte.
-
-Die Berichte über die Küste Amerikas, über Australien, Neu-Seeland und
-die Heimfahrt sind entweder nur Auszüge aus Briefen, oder nachträglich
-aus Tagebuchnotizen unter Zuhülfenahme des Gedächtnisses zusammengestellt.
-Die hier berührten, den europäischen Verhältnissen größtentheils so nahe
-verwandten Ländergebiete sind aber so vielfach und eingehend geschildert,
-daß ich nicht gewagt habe, meine nur auf ganz oberflächlicher Kenntniß
-beruhenden Beobachtungen zum Gegenstand einer Veröffentlichung zu machen.
-Daß sie trotzdem in der Form von Skizzen hier erscheinen, findet seine
-natürliche Erklärung darin, daß dem Leser, welcher im Geiste doch die
-ganze Reise mitmachen will, Gelegenheit gegeben werden muß, dem Schiffe
-dauernd folgen zu können; andererseits es aber auch wünschenswerth
-erschien, ihm ab und zu durch Vorführung von Bildern aus andern
-Himmelsstrichen eine Erholung zu gönnen.
-
-Sollte ich nun durch meine Schilderungen ein klein wenig mit dazu
-beitragen können, daß die Südsee-Insulaner von uns Europäern geschont und
-in ihrer Eigenart erhalten werden, daß man ihnen nur das nimmt, was die
-christliche Religion, den dortigen Verhältnissen angepaßt, fordern muß,
-dann würde mir dies der schönste Lohn für meine vorliegende Arbeit sein.
-
- =Wiesbaden=, im Juni 1889.
-
- $B. von Werner.$
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichniß.
-
-
- Seite
-
- Vorwort. v
-
-
- 1. Die Magelhaens-Straße.
-
- Ziel und Zweck des Schiffes. Warum ich Reisebriefe 1
- schreiben will. Von Wilhelmshaven über Madeira und Rio de
- Janeiro nach der Magelhaens-Straße.
-
- Eintritt in die Straße. Ebbe und Flut. Scenerie des 3
- östlichen Theils. Die Wetterverhältnisse.
-
- Wechsel der Scenerie. Etwas über die Eingeborenen. Die 5
- chilenische Colonie Punta-Arenas. Das Feuerland.
- Kannibalismus bei den Eingeborenen. Punta-Arenas.
- Soldatenemeute. Lage des Ortes. Fisch- und Holzreichthum.
- Schweizercolonie.
-
- Von Punta Arenas nach Port Angosto. Die Seefahrt in der 11
- Straße. Wasserpflanzen und Fische. Wald und Schneefelder.
- Famine-Kanal. Schweres Gewölk. Walfische. Cap Froward.
- Froward-Kanal. Alpen und Gletscher. Papagaien und
- Kolibris. Krummer und Langer Kanal. Eingeborene
- Feuerländer auf dem Wasser.
-
- Port Angosto. Schwere Pflichterfüllung. Die Straße bei 15
- Nacht. Der anbrechende Tag. Smyth-Kanal. Mount Burney. Die
- Collingwood-Straße. Sarmiento-Cordilleren.
-
- Puerto-Bueno. Fischreichthum. Eine Indianerfamilie. 18
- Tauschgeschäft. Die Indianer in europäischer Kleidung.
-
- Von Puerto-Bueno nach dem Gray-Hafen. Der Treppenberg. 24
- Wechsel in der Scenerie. Seehunde. Dampfschiffsenten und
- andere Wasservögel. Begegnung mit fremden Schiffen.
- Wide-Kanal. Wechsel in der Scenerie. Kleine Eisberge. Der
- Eiskanal. Der Seehund in der Freiheit. Wie die Seehunde
- hier gejagt werden. Die 'English narrows'. Ein
- bedenklicher Augenblick.
-
- Gray-Hafen. Ein kleiner Ausflug. Waldbrand. Halt-Bay. 32
- Reicher Fischzug. Verirrte Boote. Schwierige Nachtfahrt in
- den Hafen Connor-Cove. Inselhafen. Austritt aus der Straße
- und Einfahrt in den Stillen Ocean.
-
-
- 2. Von Valparaiso nach Panama und Nicaragua.
-
- Valparaiso. Vorsichtsmaßregeln gegen Erdbeben. Ein 41
- Ausflug. Pappelpflanzungen.
-
- Callao. Alligator-Birne. Tropische Hitze auf See. 44
- Temperatur des Meerwassers. Vereinfachter
- Gesellschaftsanzug.
-
- Panama. Zusammentreffen mehrerer deutscher Kriegsschiffe 46
- zu einem Kriegszug nach Nicaragua. Schlechte Fußbekleidung
- zum Marschiren in den Tropen. Westküste von
- Centralamerika. Realejo. Corinto. Nicaragua hat Muth. Die
- deutschen Forderungen. Fahrt in den Urwald. Amapala.
- Nicaragua wird nachgiebig und erfüllt schließlich alle
- Forderungen.
-
-
- 3. Von Panama nach den Marquesas-Inseln.
-
- Abfahrt von Centralamerika. Austausch von Grüßen zwischen 54
- passirenden Kriegsschiffen. Was versprechen die Berichte
- über die Südseeinseln? Wind und Wärme. Schildkrötenfang.
- Der Malpelo-Fels. Die Temperatur sinkt. Die
- Galapagos-Inseln. Zuthunliche Thiere. Auf See. Etwas über
- die Thätigkeit des Commandanten und der Besatzung eines
- Kriegsschiffes.
-
-
- 4. Die Marquesas-Inseln.
-
- Auszüge aus alten Reiseberichten. Zweck unsers Anlaufens 67
- der Inseln. Die politischen Verhältnisse. Werth der Inseln
- als Colonie. Postverbindung. Der Gouverneur. Steuern.
- Erwerbung der Inseln durch die Franzosen. Verkehr zwischen
- den neuen Herren und den Eingeborenen. Die Bodengestaltung
- der Inseln. Ihr äußeres Bild. Wetterverhältnisse.
- Ertragfähigkeit. Der beste Standort für die Kokospalme.
- Handel. Bevölkerung. Tätowirung der Männer. Schamgefühl.
- Abnahme der Bevölkerung. Vielmännerei. Kriege. Trunksucht.
- Wie dem Aussterben der Bevölkerung am besten zu steuern
- wäre. Krankheiten.
-
- Ankunft vor Omoa auf Fatu-hiva. Ansicht des Landes. Cap 82
- Venus. Ein Kanu kommt vom Lande. Der Häuptling von Omoa
- kommt zum Schiff. Aeußere Erscheinung der Marquesaner. Das
- Kanu. Speisung der zum Schiff gekommenen Eingeborenen.
- Deren angeborene Würde. Das Schiff ankert. Die Wilden vor
- einigen Statuetten und Bildern in meiner Kajüte.
-
- Das Landen mit Booten und Kanus. Beschwerlicher Weg nach 91
- Omoa. Sorgsamkeit unserer Führer. Empfang am Lande.
- Brennender Durst. Die Wohnung des Häuptlings. Schöne
- Menschen. Schmuck. Verkehr der Eingeborenen untereinander.
- Kindesliebe. Geschenke. Die Wohnungen der Eingeborenen.
- Fliegenplage. Die Frauen. Tätowirung der Frauen. Die
- Ausführung der Tätowirung bei beiden Geschlechtern. Die
- Ohrläppchen als Blumenhalter. Ehrliche Träger. Die große
- Branntweinflasche. Der Rückweg zum Schiff. Etwas über
- Sitten. Warum die Frauen nicht aufs Schiff kommen wollen.
-
- Bootfahrt nach Hanavava. Vergleich zwischen Hanavava und 103
- Omoa. Deutscher Missionar. Französische und deutsche
- Missionare. Ihr vergebliches Wirken. Der Häuptling von
- Hanavava. Köstliches Landschaftsbild. Naturandacht. Der
- heidnische Tempel- und Opferplatz. Frühere Menschenopfer.
- Rückkehr nach Omoa.
-
- Besuch der Eingeborenen an Bord. Sie nehmen für ihre 110
- Waaren nur alte Kleidungsstücke an Zahlungsstatt.
- Eingeborene Frauen in meiner Kajüte. Schönheitssinn der
- Eingeborenen. Die Insulanerinnen in der Offiziersmesse.
- Spucknäpfe als Beruhigungsmittel. Tanz. Meine Ansicht über
- die Sitten der Eingeborenen. Das Leben auf dem
- Schiffsdeck. Ein halbwüchsiger Junge in meiner Kajüte. Die
- Eingeborenen verlassen das Schiff. Das Landen der
- Eingeborenen. Arbeit, Mahlzeiten, Trunksucht, Tödtung
- unliebsamer Genossen. Sittenlosigkeit oder Freiheit der
- Sitten? Sünden der Europäer. Abfahrt von Omoa nach Port
- Anna-Maria auf Nuka-hiva.
-
-
- 5. Von den Marquesas-Inseln nach Tahiti.
-
- Die Südküste von Nuka-hiva. Wasserfall bei Port 122
- Tschitschakoff. Der Archipel der Niedrigen Inseln.
- Laguneninseln oder Atolle. Die Seefahrt zwischen
- Koralleninseln. Die wahrscheinliche Entstehungsart der
- Koralleninseln. Ein Landschaftsbild derselben. Die
- Kokospalme hat stets reife Früchte. Südwest-Dünung. Auslug
- nach Tahiti. Insichtkommen des obersten Berggipfels. Das
- Mittagsbesteck verursacht Enttäuschung. Rein Schiff. Werth
- des Süßwassers auf See. Schiffsleben. Haifischfang.
- Allgemeines Matrosenbad auf dem Schiff. Abendruhe.
- Träumereien.
-
-
- 6. Tahiti.
-
- Das Leuchtfeuer von Point Venus kommt in Sicht. 137
- Ortsbestimmung des Schiffes nach einem Leuchtfeuer. Etwas
- über Seefahrt. Das Schiff wird für kurze Zeit beigedreht.
- Die Fahrt wird wieder aufgenommen. Der anbrechende Tag
- enthüllt unsern Blicken Tahiti. Unbewußte Morgenandacht.
- Kampf zwischen Fischen und Vögeln. Die Sonne steigt
- schnell. Tahiti hüllt sich in Wolken.
-
- Entdeckungsgeschichte von Tahiti. Die ersten Missionare. 142
- Französische Missionare auf dem Eroberungswege.
- Vergewaltigung Tahitis durch französische Kriegsschiffe.
- Beschreibung von Tahiti. Der Hafen und die Stadt Papeete.
- Die Bodengestalt. Productionsfähigkeit des Landes.
- Gefälschtes Speiseöl. Früchte und Thiere. Die Bevölkerung.
- Die politischen Verhältnisse. Der König von Tahiti.
- Gütergemeinschaft unter Verwandten. Die Grenzen des
- französischen Protectorats. Wunderliche Gesetze. Etwas
- über Ein- und Ausfuhr. Die Zölle. Der Gouverneur. Der
- französische Admiral des Südseegeschwaders als Oberregent
- aus eigener Machtfülle. Der Gouverneur im Arrest.
- Französische Beamte. Handhabung der Gesetze.
- Straßenfegerinnen. Etwas über das Missionswesen. Der
- Bischof von Tahiti als Handelsherr. Noch einmal der König
- von Tahiti. Die Hauptstadt. Die Europäer in Papeete.
- Einheimisches und europäisches Leben.
-
- Ausflug von Papeete nach dem See Waihiria. Der Fahrweg an 165
- der Küste entlang. Noch etwas über den besten Standort der
- Kokospalme. Tabu. Befestigungswerke der Franzosen auf
- Tahiti. Vanillepflanzungen. „Das schnell über das Land
- laufende Schwein.“ Klimatischer Kurort. Vorzügliches
- Frühstück. Die Tahitierin als Dienerin und als Gast.
- Fröhliche Gesellschaft in zeitweiser Verbannung. Ein
- Strandbild. Süßwasserquellen in der See. Wie der
- Eingeborene von der Kokospalme die Nüsse herunterholt.
- Unser Mittagessen. Französische Aufpasser. Unsere Führer
- und Träger. Beschwerliche Wanderung durch das Thal eines
- Bergflusses. Wir werden müde. Das letzte Stück des Weges.
-
- Der Waihira. Allgemeine Ermattung. Bewundernswerthe 178
- Ausdauer der Tahitier. Einige Eingeborene schwimmen über
- den See auf den Aalfang. Bad im See. Ein großer Aal. Wie
- die Eingeborenen kochen. Der Proviant trifft zu rechter
- Zeit ein. Vortreffliches Mahl. Verschiedenartigster
- Wechsel in unserer Stimmung. Abend am See. Gesang der
- Eingeborenen. Die tahitische Nationalhymne. Unser
- Nachtlager. Nacht am See. Träume. Der anbrechende Morgen
- sieht uns in trauriger Verfassung. Rückkehr nach Papeete.
-
- Die Königin von Tahiti. Französische Intriguen. Besuch der 187
- Königin auf der „Ariadne“. Abfahrt von Papeete.
-
-
- 7. Die Gesellschafts-Inseln.
-
- Die Insel Morea oder Eimeo. Taloo-Hafen oder Papetoaï. Das 192
- Dorf Oponu. Die Insel Huheine. Der Owharre-Hafen.
- Anmeldung bei der Königin. Eine Bootfahrt. Volksansammlung
- am Lande. Besuch bei der Königin. Die Königin und ihre
- Familie. Die Eingeborenen bei uns an Bord. Huttausch.
-
- Von Huheine nach Bora-Bora. Sturm an der Küste von 198
- Bora-Bora. Gefährliche Fahrt. Die kleine Königin von
- Bora-Bora. Förmlicher Besuch bei der Königin. Begrüßung
- mit dem Volk. Die kleine Königin bei uns. Das polynesische
- Königsthum. Ein kleiner Zwischenfall. Eigene Sitten.
-
- Von Bora-Bora nach Raiatea. Raiatea und Tahaa. 205
- Formenübereinstimmung zwischen den verschiedenen Inseln
- der Gruppe. Der Hafen Uturua. Die Königin von Huheine läßt
- ihren Hut zurückfordern. Beschwerden des deutschen Agenten
- gegen das im Hafen liegende französische Kriegsschiff. Die
- deutsche Faktorei. Unser Besuch bei dem König. Stürmische
- Verhandlung. Die Eingeborenen auf unserm Schiff. Die
- Töchter des Königs. Etwas über Perlen und Perlenfischerei.
- Sociale und religiöse Verhältnisse. Die Stellung der
- Missionare auf diesen Inseln. Abfahrt von Raiatea nach
- Papeete und von da nach den Samoa-Inseln.
-
-
- 8. Samoa. I.
-
- Die Nordküste von Upolu und Ansicht des Landes. Ankunft im 214
- Hafen von Apia. Die Samoa-Gruppe. Lebensweise unserer
- Landsleute. Consul Weber. Entwickelung des deutschen
- Südsee-Geschäfts. Die ersten deutschen Plantagen. Die
- Kopra. Die Regierung von Samoa. Alte Geschichten. Die
- deutschen Interessen. Deutsche Klagesachen gegen die
- samoanische Regierung. Besuch bei den
- Regierungsmitgliedern. Kawabereitung. Der Kawatrunk.
- Theilweise Erledigung der Klagesachen. Ankunft der
- Amerikaner in Apia. Amerikanische Landcompagnie.
- Samoanisch-amerikanischer Freundschaftsvertrag. Die
- Regierungsmitglieder erwidern meinen Besuch. Niederbrennen
- eines Dorfes. Amerikanische Intriguen. Erledigung der
- letzten Klagesache. Ratificirung des
- samoanisch-amerikanischen Vertrags. Alte Rechte
- Deutschlands. Beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an
- die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Einladung zu
- einem samoanischen Fest und Ablehnung.
-
- Nach Saluafata. Kampfesmuth der Samoaner. Ein weiser 238
- Häuptling. Unsere armen Halbweißen. Das Schiff ist
- gefechtsklar. Der Consul und ich gehen allein an Land.
- Beschlagnahme von Saluafata. Von da nach Falealili. Wir
- werden am Lande nur von Damen empfangen. Die Beschlagnahme
- dieses Hafens geht ohne weitere Umstände vor sich. Die
- Damen werden handgreiflich und verschenken ihre Blumen.
- Zurück nach Apia. Große Aufregung unter den Samoanern. Am
- Lande wird auf mich geschossen, ich antworte mit
- Stockschlägen. Die Aufregung legt sich.
-
- Amerikanische Geldforderungen. Noch einmal die 246
- amerikanische Landcompagnie. Amerikanische Bewerber um die
- Regierungsgewalt in Samoa. Auf Manono.
-
- Die Samoaner als Menschen. Ihre Formen. Die 248
- Häuptlingsfamilien. Kleidung. Tätowirung. Hautfarbe.
- Schmuck. Körperpflege. Fischfang. Schwimmkunst.
- Mahlzeiten. Eintheilung des Landes in Districte. Abgaben.
- Gastfreiheit. Reiselust. Dörfer bezw. Städte. Der
- Berathungs- und Festplatz. Die älteste Tochter des
- Häuptlings. Bauart der Häuser und deren innere
- Einrichtung. Hausrath. Kanu. Der Samoaner auf dem Wasser.
- Das häusliche Leben. Selbständigkeit junger Mädchen.
- Sitten. Die ehelichen Verhältnisse. Die Eingeborenen als
- Christen. Besitz. Alte Matten. Künstliche Erzeugnisse.
- Waffen. Krankheiten. Wirkliche und sagenhafte
- Wasserthiere. Tauchkunst. Tanz. Toë als Tänzerin.
-
- Ausflug nach der Plantage Vaitele. Beliebter Badeplatz. 269
- Tonganischer Talolo. Deutsch sprechender Samoaner.
-
-
- 9. Sydney.
-
- Port Jackson. Nach langer Zeit einmal wieder in 273
- civilisirten Verhältnissen. Beförderung der Post durch
- Kriegsschiffe und Kauffahrer. Schwere Bö. Walfische.
- Einfahrt in den Hafen. Der Hafen. Sydney. Der Gouverneur
- von Neusüdwales. Geld macht nicht immer frei. Bei dem
- Gouverneur zu Tisch. Selbständigkeit der australischen
- Colonien. Die Stadt. Der botanische Garten. Vergnügungen.
- Der Rennsport. Das Klima. Wohnungen außerhalb der Stadt.
- Gastfreundschaft. Merkwürdige Vögel. Die Blue-Mountains.
- Eukalyptenwälder. Geselligkeit.
-
-
- 10. Samoa. II.
-
- Vergebliches Suchen nach einem Korallenriff. Tod meines 290
- frühern Dolmetschers. Die politische Lage. Thätigkeit der
- Amerikaner während unserer Abwesenheit. Stand unserer
- Vertragsangelegenheit. Der Palolo. Seine Aufsteigezeit vom
- Meeresboden. Ausfahrt zum Fang. Der Fang selbst.
- Abendbesuch bei Toë. Wir stören sie in ihrer Nachtruhe.
- Gemeinsamer Schlafraum. Betrachtungen über den Werth der
- Südseeinseln als Colonialbesitz. Nothwendigkeit, die
- einheimische Bevölkerung zu schonen und zu erhalten. Ein
- Lebensretter.
-
-
- 11. Von Apia nach den Marshall-Inseln.
-
- (Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)
-
- Abfahrt von Apia nach den Tonga-Inseln. Einige Angaben 299
- über die vor uns liegende Reise. Das Ansteuern von
- Nukualofa. Die Stadt. Ihr äußerer Eindruck. Ausflug nach
- einem Baumriesen ('Ficus indica'). Besuch bei dem König
- von Tonga. Er selbst und die Prinzen Davita Uga und
- Wellington Gu. Aus der Heidenzeit stammende Trauerzeichen.
- Tonganisches Zeichen der größten Ehrerbietung. Unsere
- Musik spielt am Lande. Ein Blick auf das Volk. Hunde und
- Schweine.
-
- Von Nukualofa nach Levuka. Einfahrt in den Hafen von 305
- Levuka während der Geisterstunde. Ein deutscher Gruß.
- Gefährlicher Ankerplatz. Levuka. Entwickelung einer
- englischen Colonialstadt. Wir müssen doch auch einmal in
- den Besitz von Colonien kommen. Die Wohnung des
- Gouverneurs. Beweglichkeit der englischen Beamten. Von
- Levuka nach Taviuni. Vor Soma-Soma. Besuch bei dem
- Häuptling. Seine Frau und sein Haus. Glück bringende
- Menschenleiber. Das Innere der Häuptlingswohnung.
- Merkwürdiges Gemisch an Hausrath. Frau Tui-Kakao mit ihrem
- Diener. Polynesische Sitte. Wasser holende Mädchen. Ein
- großes Doppelkanu. Besichtigung einer Kaffeepflanzung. Der
- Besitzer. Etwas über Kaffeeplantagen. Zu Gast bei dem
- Besitzer der Pflanzung.
-
- Abfahrt von den Fidji-Inseln nach Fotuna. Das Anlaufen von 314
- Fotuna aufgegeben. Funafuti. Einfahrt in eine
- Laguneninsel. Eingeborene als Lootsen. In der Lagune zu
- Anker. Bedeutung der Laguneninseln für den Handel und
- Werth der Verträge mit solchen Inseln. Handel und
- Plantagenbau müssen sich gegenseitig ergänzen. Etwas über
- Plantagenbau und den derzeitigen Ertrag desselben.
- Nothwendigkeit der Arbeiterzufuhr nach den Samoa-Inseln.
- Grundriß von Funafuti. Poesie und Prosa. Bootfahrt durch
- die Lagune. Das Leben auf dem Meeresboden. Biche-le-mare,
- Trepang oder 'Holothuria'. Ich freue mich, daß ich kein
- Naturforscher bin. Bevölkerungszahl der Insel. Peruanische
- Sklavenjäger. Die Kirche und die Hütten. Unsauberkeit.
- Hautkrankheiten. Kleidung der Eingeborenen.
- Ertragfähigkeit der Insel. Träge Menschen. Fliegenplage.
- Ein Bad. Im Innern der Insel. An dem äußern Ufer. Etwas
- über die Entstehung der Koralleninseln. Contrast zwischen
- dem äußern und innern Ufer. Kanakerkinder. Schweine,
- Hühner, Schmetterlinge und Fliegen. Versuchter und
- misglückter Schildkrötenfang. Der König an Bord. Abschluß
- einer Uebereinkunft. Die Eingeborenen beschließen ihr
- Tagewerk mit geistlichen Liedern.
-
- Von Funafuti nach Baitupu. Starke Nervenerschütterung. Vor 326
- Baitupu. Beschwerliche Landung. Ein kleines
- Kanakermädchen. Deutsche Beschwerden. Besuch bei dem
- König. Ich erkenne den mit der Absetzung Bedrohten als
- König an und damit werden seine Widersacher machtlos.
- Verhandlungen mit dem König. Baitupu, eine volle
- Koralleninsel ohne Lagune. Das Dorf, die Eingeborenen und
- ihre Wohnungen. Die Ohrläppchen als Taschen.
- Bevölkerungszahl. Besuch bei dem eingeborenen
- Missionslehrer. Geschenke. Der König auf dem Schiff.
-
- Von Baitupu nach Tapituwea. Meeresströmungen. Tapituwea. 331
- Die Art der Anwerbung von Plantagenarbeitern. Werth der
- Insel als Arbeiterquelle. Wildheit der Eingeborenen.
- Narben auf den nackten Leibern. Haifischzahnwaffen.
- Vorsichtsmaßregeln im Verkehr mit den Eingeborenen. Fahrt
- an Land. Nur wenige Menschen zeigen sich, wo sind die
- andern? Die Eingeborenen in Kleidung, Hautfarbe,
- Haartracht, Gesichtstypus und Körperformen. Wozu die
- Kokosnuß nicht gut ist. Besuch der Wohnstätten. Betragen
- der Eingeborenen. Die Wohnungen. Ueberraschende Sauberkeit
- und Ordnung allenthalben. Das Hauptberathungshaus mit dem
- Allerheiligsten. Baukunst der Eingeborenen. Erwerbung
- einiger Waffen. Taback als Geld. Ein wunderlicher Tänzer.
- Ein gekentertes Kanu wird von den Eingeborenen ohne
- weiteres preisgegeben. Gefährliche Meeresströmung.
-
- Von Tapituwea nach Apamama. Unzuverlässigkeit der Karten. 340
- Warum wir nach Apamama gehen. Vergeblicher Versuch, mit
- Booten das Haus eines Deutschen zu erreichen. Schöne
- Bootfahrt. Im Hause des deutschen Agenten. Die Fahrt zum
- König ein Märchen. Der König von Apamama. Sein Kanu. Seine
- Residenz. Sein Vater. Die Eingeborenen. Tätowirung der
- Frauen. Die Mutter und die Schwester des Königs. Großer
- Tanz. Ein Albino. Die Töchter des Königs. Die mir
- gemachten Geschenke. Einschiffung des Königs. Sein Besuch
- auf der „Ariadne“. Wirkung eines Scheingefechts auf ihn
- und auf die Eingeborenen überhaupt. Der König als
- Herrscher.
-
- Von Apamama nach Taritari. Ankunft daselbst. Zweck des 355
- Anlaufens. Besuch an Land. Die Eingeborenen und ihre
- Wohnungen. Allgemeine Trunkenheit. Wasser tragende
- Mädchen. Der König von Taritari. Lange Fingernägel.
-
-
- 12. Die Marshall-Inseln.
-
- Jaluit kommt in Sicht. Herr Franz Hernsheim kommt dem 360
- Schiff entgegen. Ankunft in Jaluit. Die deutsche
- Ansiedelung. Die Wohnungen. Die Eingeborenen. Haartracht.
- Ohrlappenring. Tätowirung. Körperbildung. Kleidung.
- Körperpflege. Sauberkeit. Sociale Verhältnisse. Die
- Stellung der Frauen. Der König Lebon in seinem Hause.
- Kriegstanz. Unser Landungscorps landet und exerciert im
- Feuer. Wirkung auf die Insulaner. Die Eingeborenen bei uns
- an Bord. Eine Uebereinkunft wird unterzeichnet und der
- Hafen von Jaluit wird deutsche Kohlenstation. Wir
- salutiren die neue Landesflagge der Marshall-Inseln.
- Abfahrt nach Ebon. Bedeutung dieser Insel. Den Häuptlingen
- wird ihr Standpunkt klar gemacht. Abfahrt von Ebon.
-
-
- 13. Im Bismarck-Archipel.
-
- Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap 379
- von Neu-Irland. Die Inseln Bougainville und Sir Charles
- Hardy werden passirt. Die Süd- und Westküste von
- Neu-Irland. Heißes Wetter. Eingeborene von Neu-Irland. Die
- Blanche-Bai und die Duke of York-Inseln. Allgemeines über
- die letztern Inseln. Die deutschen Kaufleute als
- Geschäftsleute und als Menschen. Etwas über frühere Kämpfe
- mit den Eingeborenen. Die englischen Missionare. Besondere
- Geschmacksrichtung der Menschenfresser. Schwierige Lage
- eines Missionars.
-
- Aeußere Erscheinung der Duke of York-Inseln. Die Inseln 391
- Meoko, Muarlin und Amakada. Zwischen Korallen. Ankunft vor
- Meoko. Die Reize der Landschaft. Klarheit des Meerwassers.
- Echte Menschenfresser in harmloser Gestalt. Die deutsche
- Faktorei. Ein braver alter Mann. Widerstandsfähigkeit der
- Europäer in den Tropen. Ich sehe mir die Wilden an.
- Erwerbung einiger Waffen. Besichtigung und Prüfung des
- Hafens in Bezug auf seinen Werth als deutsche
- Kohlenstation. Morgenspaziergang auf Meoko. Die
- Eingeborenen bei Tagesanbruch. Ihre Bewaffnung.
-
- Abfahrt von Meoko nach Makada. Etwas über Korallen. Noch 398
- einmal Klarheit des Meerwassers. Ankunft in Makada. Herr
- Eduard Hernsheim. Gründung von Handelsstationen durch
- Deutsche. Der deutsche Kaufmann. Herr Robertson. Kapitän
- Levison. Deutsches Wohnhaus auf Makada. Deutsche Faktorei.
- Topulu oder King Dick. Politische Verhältnisse. Wie Topulu
- König wird. Achtung vor fremdem Eigenthum. Topulu’s Haus.
- Seine Frauen. Paradiesische Kleidung und paradiesische
- Ungenirtheit. Die Schatzkammer. Geld. Topulu’s
- Dug-Dug-Masken und Fischereianlagen. Der englische
- Missionar Herr Brown. Erledigung einer Klagesache. Auf dem
- Hafen von Makada. Ich entschließe mich, den Hafen für das
- Reich zu kaufen. Besuch bei Herrn und Frau Brown. Des
- Königs Dug-Dug-Kanu. Torragud, das Urbild eines
- Menschenfressers und Menschenjägers. Menschenjagd. Die
- Eingeborenen. Mästung von Mädchen auf Neu-Irland.
- Menschenfleisch. Hautzierathe. Halsbänder. Das Armband als
- Tasche. Körperpflege. Die Waffen und die Kampfweise.
- Werkzeuge. Musikinstrumente. Künstliche Erzeugnisse.
- Tanzstöcke. Schädelmasken. Dug-Dug-Masken. Nahrungsmittel.
- Noch einmal Menschenfleisch. Topulu schickt mir eine
- Einladung zu einem Tanz. Im Urwald bei Urakukua. Edles
- Wild. Bei Torragud. Verkauf der Mädchen. Entwickelung der
- Gemeinwesen. Ein seltenes Schmuckstück. Tanz. Deutsche
- Klagen gegen Eingeborene. Der Dug-Dug und sein
- wahrscheinlicher Zweck.
-
- Abfahrt von Makada nach Ruluana. Das Schiff läuft auf 434
- einen Korallenblock. Vorbereitungen zur Landung. Landung
- in Ruluana. Wirkung unserer Musik auf die Eingeborenen.
- Die Eingeborenen geben ein Geldpfand. Verängstigte
- Eingeborene. Tanz. Aeußere Trauer der Frauen. Gestrafte
- Frau. Neu entstandene Insel. Port Weber. Ein Handelsagent.
- Waffen-Attrape.
-
- Wieder in Makada. Erwerbung des Hafens für das Reich. Der 443
- Kaufbrief. Ein großer Dug-Dug. Die Dug-Dugs auf dem Wasser
- und im Walde. Der eigentliche Dug-Dug. Scheingefecht
- unserer Landungstruppe. Abschied von der Familie des
- Missionars und den deutschen Herren. Abfahrt nach Meoko.
- Kauf des Hafens. Besuch bei einem kranken Häuptling.
- Abfahrt von Meoko.
-
-
- 14. Samoa. III.
-
- Im Heizraum eines Kriegsschiffes. Ungeziefer. Verschiedene 452
- Inseln der Salomons-Gruppe. Savo. Ein Engländer. Die
- Eingeborenen. Das Ei des Buschhuhns. Künstliche
- Erzeugnisse. Folgen eines Tabu-Bruches.
- Wetterverhältnisse. Rührei von Buschhuhneiern. Apolima als
- natürliche Festung. Durchfahrt zwischen Apolima und einer
- Felsenklippe. In Apia finden wir unser Kanonenboot
- „Albatros“ vor. Die politischen Verhältnisse. Die beiden
- samoanischen Königsparteien. Wirkung unserer Durchfahrt
- bei Apolima auf die Samoaner. Vertragsverhandlungen.
- Abschluß des Freundschaftsvertrages. Voraussichtliche
- Wirkung des Vertrages auf andere Inselgruppen. Landverkauf
- der Samoaner bei Kriegswirren.
-
-
- 15. Neu-Seeland.
-
- Auckland. Geselligkeit. Ausflug nach dem Seen- und 468
- Geysir-Gebiet. Kosten des Ausflugs. Die Ueberfahrt nach
- Tauranga. Tauranga. Landbesitz der Eingeborenen und
- Landtage. Maoris im Rausche. Abfahrt nach Ohinemutu.
- Urwald auf Neu-Seeland. Ein Blick auf die Seen. Der
- Roto-rua. Ohinemutu. Heiße Quellen. Alte Schnitzereien.
- Abfahrt nach Wairoa. Der Whakarewarewa. Wieder heiße
- Quellen. Durch den Tikitapu-Wald nach dem Tikitapu-See.
- See und Berg Tarawera. Wairoa. Nach dem Roto-mahana.
- Unsere Führerin. Der Roto-mahana. Die weiße
- Sinterterrasse. Verschiedene Wärme des Wassers. Das
- Teufelsloch. Fahrt über den See. Die rosafarbene
- Sinterterrasse. Bad in einem Becken der Rosa-Terrasse. Von
- Wairoa zurück nach Ohinemutu. Erwerbung einiger alter
- Schnitzereien. Zurück nach Tauranga. Begegnung mit der
- Postkutsche. Rückkehr nach Auckland.
-
-
- 16. Die Tonga-Inseln.
-
- Hohe Dünung als Vorbote eines heranziehenden Cyklons. 483
- Erwägung der Möglichkeit, ob dem Orkanfeld noch
- auszuweichen ist. Gewöhnlicher Weg der bei den
- Tonga-Inseln auftretenden Cyklone. Das Orkancentrum nähert
- sich uns. Im Orkan und Flucht vor ihm.
-
- Ankunft in Nukualofa. Zusammentreffen mit dem „Albatros“. 486
- Durch den Orkan verursachte Verwüstungen am Lande.
- Gefährliche Lage des „Albatros“ während des Orkans.
- Ueberreichung der dem Könige von Tonga und den beiden
- Prinzen verliehenen preußischen Orden. Der König beehrt
- unser Schiff mit seinem Besuch. Zu Gast bei dem englischen
- Missionar. Raubanfall auf einen unserer Unteroffiziere
- durch Tonganer. Forderung der Bestrafung der Thäter.
- Schwierigkeiten von Seiten der tonganischen Regierung.
- Entdeckung der Räuber und Bestrafung des einen. Tod eines
- unserer Matrosen. Prinz Gu macht als mein Gast die Reise
- nach Vavau mit. Ankunft in Vavau. Beerdigung des
- verstorbenen Matrosen.
-
- Neiafo. Prinz Gu als tonganischer Häuptling. Des Prinzen 490
- Wohnhaus in Neiafo. Seine Dienerschaft. Zu Gast bei dem
- Prinzen. Tonganische Häuptlingstöchter. Kawa auf
- tonganische Art. Gesang. Eigenthümliche Sitten. Prinz Gu’s
- Liebe. Tonganische Rechtspflege, Denunciantenthum und
- Folter. Tonganische Damen in meiner Kajüte. Ein Tanz und
- seine Folgen. Unerwarteter Morgenbesuch. In großer
- Versuchung. Besuch der blauen Grotte bei Neiafo unter
- Führung des Prinzen Gu. Die Tonganerinnen zeigen sich in
- neuem Reiz. Laubkränze.
-
-
- 17. Samoa IV.
-
- Ankunft in Apia. Kaisers Geburtstag. Samoanische 500
- Regierungsangelegenheiten. Saluafata. Verkehr mit den
- Eingeborenen. Sangapolutele und Loau. Gegenseitige
- Freundschaft. Der Hafen. Spottlieder. Einladung zu einem
- Talolo. Empfang am Lande. Auftreten der Buschmänner, der
- Häuptlinge und sonstigen Festtheilnehmer. Loau als
- commandirender Häuptling. Der Redner. Das Volk. Der
- Festplatz. Die äußere Erscheinung Loau’s, der andern
- Häuptlinge, des Volks und des Redners. Ansprache und
- Antwort. Ueberreichung der Geschenke. Tanz. Kawatrunk.
- Ceremoniell bei solch feierlichem Trunk.
-
- Meine Abendbesuche am Lande. Etwas über die politischen 506
- Verhältnisse. Verkehr der Samoaner unter sich. Häusliche
- Spiele. Samoanische Kriegführung. Meine mittäglichen
- Besuche im Faletele. Lolle als Kopfkissen. Badeplatz bei
- Lufi-lufi. Die Fahrt dahin. Ein Höhlenfluß.
-
- Ein samoanisches Festmahl. Die Vorbereitungen dazu. Die 512
- Kleidung der Häuptlinge und ihrer Damen. Das Faletele als
- Festhalle. Die Speisen und ihre Anordnung auf dem
- Fußboden. Sitzordnung. Schwierigkeiten beim Essen. Die
- Häuptlingstöchter als Kinderfrauen. Lebende Raupen als
- besondere Delikatesse. Die Speisung der Damen und des
- Volks. Samoanische Spiele. Festessen auf der „Ariadne“ für
- unsere samoanischen Freunde.
-
- Ausflug in das Innere. Führer und Gepäckträger. Der 517
- Dolmetscher schützt Fieber vor und schickt Sa, hat aber
- nur Katzenjammer und muß doch mit. Die schließliche
- Reisegesellschaft. Das Gepäck. Abmarsch. Erste Rast.
- Menschen, Katzen, Hunde, Hühner und Ferkel.
- Kokosnußfleisch als Viehfutter. Verschiedenartiger Nutzen
- der Hausthiere. Durch den Wald. Fliegende Hunde und
- fehlende Vögel. Brennnesselbaum. Ein Klippensprung. Zweite
- Rast in Sanga. Die beste Kleidung für den Europäer in den
- Tropen. Bad im Fluß. Sa macht sich nützlich. Besichtigung
- einer Höhle. Mittagsmahl. Passiren einer dritten Stadt.
- Dritte Rast. Bad im Fluß. Sa spielt Aal. Abendandacht der
- Eingeborenen. Die Häuptlinge trinken zu viel. Einsamer
- Spaziergang. Ein Naturkind. Durchtriebene Mädchen. Der Weg
- nach Falifa. Reizvolle Scenerie und Wasserfall. Bad unter
- weiblicher Aufsicht. Ein Albino. Sa begrüßt ihren Onkel
- mit Nasenreiben. Rückkehr nach Saluafata. Kosten des
- Ausflugs.
-
- Tanz. Tanzschmuck. Die Hütte. Allgemeines über den Tanz. 525
- Die Mitwirkenden. Die Gruppirung. Der Tanz selbst. Ein
- Festtanz nach altem Brauch. Kanufahrt. Das Kanu kentert.
- Im Wasser. Wieder am Lande. Geisterfurcht.
-
- Abfahrt von Saluafata nach Safune. Der Häuptling Mulitalo. 533
- Kawarausch. Wie der Häuptling Recht spricht. Safune. Bei
- Mulitalo zu Gast. Besuch bei einigen Häuptlingen. Savai’i
- hält am zähesten an den alten Gebräuchen fest.
- Schmackhafte Speisen. Noch ein Talolo. Schöne Gruppen- und
- Einzeltänze. Drei schöne Mädchen. Ich verzichte auf eine
- mir zugedachte Ehre. Ende meiner Schilderungen
- samoanischer Art und was ich mit denselben bezwecke.
- Besuch des See Lauto.
-
-
- 18. Die Heimfahrt.
-
- Ankunft der Fregatte „Bismarck“. Der Heimatswimpel. 541
- Abschied von den Samoa-Inseln. Bei den Neu-Hebriden. Die
- Fahrt von hier bis zur Torres-Straße. Segelpressen. Die
- Besatzung wittert die Heimat. Auf hoher See. Etwas über
- die Seefahrt.
-
- Eintritt in die Torres-Straße. Fahrt durch dieselbe. Die 545
- Scenerie der Straße. Mount-Ernest-Insel. Vergeblicher
- Landungsversuch. Prince of Wales-Kanal. Ausfahrt aus der
- Straße.
-
- Die Arafura-See. Die Booby-Insel als selbstthätiges 548
- Postamt. An Timor, Sumba und Sombawa vorbei. Durch die
- Lombock-Straße. Ankunft vor Batavia. Die Stadt. Die
- Europäer in Batavia. Der Gecko. Lebende Bäume als
- Telegraphenstangen. Buitenzorg. Ein Ausflug in die
- Umgebung. Fuhrwerk und Läufer. Eingeborene. Ihre Gier nach
- dem Besitz von Brillanten. Ein schöner Badeplatz.
- Skorpione.
-
- Von der Sunda-Straße nach der afrikanischen Küste. Die 552
- Somali-Küste. Ein hehrer Morgen auf dem Meere. Ansteuerung
- der Küste mit Hülfe des Thermometers. Große
- Temperaturschwankungen. Starke Meeresströmung. Auf dem
- Auslug nach dem Lande. Die Küste kommt in Sicht.
-
- Ankunft vor Aden. Die Stadt und ihre Umgebung. Großes 556
- Wasserwerk. Etwas über Kamele. Das Rothe Meer. Hitze.
- Gesundheitliche Vorsichtsmaßregeln.
-
- Ankunft vor Djidda. Ansicht des Landes. Die Stadt. 559
- Mekkapilger. Beduinen. Besuch bei dem türkischen Pascha.
- Arabische Frauen. Ein Fall von Hitzschlag. Wieder in der
- Heimat.
-
-
- Anhang.
-
- 1. Die in den letzten fünf Jahren in der Südsee 563
- vorgekommenen Machtverschiebungen.
-
- 2. Allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der 567
- Südseeinseln.
-
- 3. Die Katastrophe im Geysir-Gebiet Neu-Seelands. 576
-
- 4. Erklärung einiger seemännischer Ausdrücke. 579
-
- 5. Aussprache polynesischer Namen. 583
-
- 6. Namen- und Sachregister. 584
-
-
-
-
-Abbildungen im Texte.
-
-
- Seite
-
- Hütte der Feuerländer 7
-
- Alte Feuerländerin 21
-
- Kreuzerfregatte „Leipzig“ 53
-
- Malpelo-Fels (Vorderansicht) 56
-
- Malpelo-Fels (Seitenansicht) 57
-
- Nordküste der Insel Albemarle (Galapagos-Inseln) 59
-
- Grundriß einer Marquesas-Insel 73
-
- Marquesas-Insulaner 87
-
- Boot mit Auslieger, Bootsriemen, Querschnitt des Bootes 89
-
- Tätowirungsmuster 100
-
- Tätowirungsmuster 101
-
- Koralleninseln (Atoll, Volle runde Insel, Langgestreckte 125
- Insel)
-
- Allmähliches Auftauchen einer Koralleninsel über dem 127
- Horizont
-
- Laguneninsel (Atoll) 129
-
- Ortsbestimmung durch Leuchtfeuer 138
-
- Junge Tahitier, Feuer anmachend 151
-
- Taloo-Hafen auf der Insel Morea oder Eimeo 193
-
- Königshaus in Huheine 195
-
- Prinzessinnen von Huheine 197
-
- König und Prinz von Raiatea 207
-
- Haus eines Europäers (das jetzige deutsche Consulat) 215
-
- Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft in Apia 219
-
- Katholische Kirche in Apia 221
-
- Altes Häuptlingsgrab 241
-
- Samoaner, dienende Klasse 250
-
- Samoaner, dienende Klasse 251
-
- Samoanerin mit gekalktem Kopfhaar 252
-
- Samoanische Häuser 255
-
- Einfahrt zum Hafen von Sydney 277
-
- Die Universität in Sydney 283
-
- Im Botanischen Garten von Sydney 285
-
- 'Ficus indica' oder 'religiosa' 301
-
- George, König von Tonga 302
-
- Prinz Wellington Gu 303
-
- Grundriß der Insel Funafuti 319
-
- Der Hafen von Jaluit 361
-
- Marshall-Insulaner 364
-
- Lebon (Kabua), König der Marshall-Insulaner 367
-
- Trommel der Marshall-Insulaner 369
-
- Kanu der Marshall-Insulaner im Wasser 374
-
- Im Hafen von Jaluit 375
-
- Matte der Marshall-Insulaner 378
-
- Blanche-Bai, Mutter und Südtochter 381
-
- Eingeborener von Meoko 397
-
- Tellerartiger Halsschmuck 413
-
- Armbänder 415
-
- Speerschmuck 417
-
- Keulen und Kriegsaxt 419
-
- Steinaxt. Pfeife. Trommel 420
-
- Tanzstock. Schädelmasken. Oberste Spitzen der 421
- Dug-Dug-Masken
-
- Dug-Dug-Tänzer 445
-
- Die Kraterinsel Apolima 461
-
- Auckland vom Süden, von Mount Eden aus gesehen 469
-
- Baumfarrn auf Neu-Seeland 471
-
- Ohinemutu am Roto-rua 473
-
- Berathungshaus der Maori bei Wairoa 475
-
- Maori-Weib 477
-
- Die rosafarbene Sinterterrasse am Roto-mahana 481
-
- Landschaft auf Tongatabu 491
-
- Haus in Vavau 492
-
- Tonganerin 493
-
- Küstenbild zwischen Apia und Falifa 502
-
- Samoanischer Häuptling mit Familie 505
-
- Sitzende Samoanerinnen mit nach vorn durchbogenen Armen 526
-
- Eingeborenen-Dorf unter Palmen 540
-
- Fregatte „Bismarck“ 542
-
-
-
-
-Separatbilder.
-
-
- Seite
-
- Die Corvette „Ariadne“ unter Segel vor der Passage von Titelbild
- Jaluit.
-
- Küste des Feuerlandes in der Magelhaens-Straße 7
-
- Der Berg Sarmiento auf dem Feuerland, Magelhaens-Straße 14
-
- Cap Venus mit Thal Omoa auf Fatu-hiva 85
- (Marquesas-Inseln)
-
- Mit dem Speer fischende Eingeborene von Tahiti 152
-
- Der Waihiria (Bergsee auf Tahiti) 179
-
- Die Corvette „Ariadne“ unter Dampf vor dem Hafen 199
- Otea-Banua
-
- Otea-Banua auf Bora-Bora (Gesellschafts-Inseln) 202
-
- Haus des Königs von Raiatea in Uturua 207
-
- Arbeiterhäuser der deutschen Plantage Vaitele auf Samoa 270
-
- Ovalau und Nachbarinseln, von Viti-Levu aus gesehen 305
-
- Deutsche Kokospalmen-Plantage Vailele bei Apia 318
-
- Waffen aus Apamama und aus Tapituwea 332
-
- Kingsmill-Insulaner 353
-
- Kingsmill-Insulanerinnen 357
-
- Die Kraterinsel Apolima 460
-
- Ansicht von Apia. Die Corvette „Ariadne“ die 466
- Samoaflagge salutirend nach erfolgter Ratificirung des
- Vertrags durch die Regierung von Samoa
-
- An den heißen Seen auf Neu-Seeland 474
-
- Die weiße Sinter-Terrasse am Roto-mahana (Neu-Seeland) 479
-
- Samoanische Mädchen vor Beginn des Tanzes 529
-
-
-
-
-Karten.
-
-
- Uebersichtskarte der Magelhaens-Straße 39
-
- Karte der Gesellschafts-Inseln 149
-
- Karte der Duke of York-Inseln und Gazelle-Halbinsel auf 383
- Neu-Britannien.
-
- Karte der Samoa- oder Schiffer-Inseln.
-
- Uebersichtskarte der Fahrten der „Ariadne“ in der Südsee.
-
-
-
-
-1.
-
-Die Magelhaens-Straße.
-
-
- An Bord S. M. S. „Ariadne“, 14. Januar 1878.
-
-
-Die Südsee ist das Ziel unsers Schiffes. Dort von der Hauptstation,
-den Samoa-Inseln aus, soll ich als Commandant des Schiffes mit diesem
-die weitverzweigten, sich über ein schier endloses Gebiet erstreckenden
-deutschen Handelsinteressen schützen und fördern, unsern dort wirkenden
-tapfern Landsleuten Schutz und Schirm geben. Ich kann mir allerdings noch
-kein Urtheil darüber bilden, was ich dort finden werde, wie ich die mir
-gestellte Aufgabe lösen kann und lösen werde, denn die Südsee ist mir
-trotz der Vorstudien, welche ich bisher gemacht habe, noch immer ein so
-unbekanntes Gebiet voller Räthsel, daß ich das Grübeln aufgegeben habe
-und geduldig der Zeit warten will, wo ich mit eigenen Augen sehen und nach
-Selbsterlebtem urtheilen kann.
-
-Die sich so häufig widersprechenden Berichte über jene fernen Inseln
-haben aber in mir den Entschluß zur Reife gebracht, auf dieser Reise
-von meiner Abneigung, Reiseschilderungen zu verfassen, abzusehen und
-meinen Angehörigen über meine eigenen Erlebnisse getreulich Bericht zu
-erstatten, damit sie Gelegenheit finden, ihre Kenntniß von Land und Leuten
-zu erweitern. Und so will ich denn schon mit der Magelhaens-Straße, der
-Pforte zu dem südlichen Theil des Stillen Oceans oder der Südsee, in
-die ich noch heute einzulaufen hoffe, den Anfang machen und vorher der
-rückliegenden Zeit nur soweit gedenken als nothwendig, daß der Kreis
-unserer Erdumsegelung am Schluß der Reise auch wirklich geschlossen ist.
-
-Am 3. November v. J. haben wir den heimatlichen Strand verlassen, durch
-Sturm und Regen, Kälte und Nebel unsern Weg durch die unwirthliche Nordsee
-und späterhin auch durch die nicht minder unfreundliche Bai von Biscaya
-gesucht und gefunden.
-
-Am 20. morgens 8 Uhr passirten wir das östliche Cap von Madeira und
-hielten damit gewissermaßen unsern Einzug in die Tropen. Der nordische
-Spätherbst mit all seinen Unannehmlichkeiten lag hinter uns; wie durch
-Zauberschlag waren wir in eine andere Welt versetzt. Ein weicher, warmer,
-mit Blumen- und Waldesduft gesättigter Hauch umfing uns; das Meer mit
-seiner wunderbaren blauen Farbe war ein anderes; statt der niedrigen,
-in Nebel und Regen gehüllten deutschen und englischen Küsten lag, von
-den Strahlen der niedrig stehenden Sonne goldig überhaucht, die hohe,
-mit ihren Berggipfeln in den Wolken verschwindende Südküste Madeiras vor
-unsern entzückten Blicken, so schön wie nur diese Perle unter den Inseln
-es sein kann. Am 21. abends 10 Uhr, nach Einnahme von Kohlen und Proviant
-in Funchal waren wir wieder unter Segel, auf dem Wege nach Rio de Janeiro.
-
-Die schöne Fahrt unter Segel durch die berauschende Passatzone des
-Atlantischen Oceans nahm auch ihr Ende. Am 16. December morgens mit
-Tagesanbruch lag der Schlafende Riese, jener das Wahrzeichen von Rio de
-Janeiro bildende mächtige Gebirgszug, vor unsern Blicken, und um 12 Uhr
-mittags ankerten wir in der herrlichen Bai zu Füßen der großen Stadt.
-
-Unser Aufenthalt in Rio, welcher auf 4 bis 5 Tage berechnet gewesen war,
-dehnte sich infolge besonderer Verhältnisse zu einem elftägigen aus,
-wodurch ich Gelegenheit fand, von der liebenswürdigen Gastfreundschaft
-unsers Consuls Gebrauch zu machen und unter seiner Führung auch die großen
-Naturschönheiten der Umgebung der Stadt kennen zu lernen und mit Entzücken
-zu genießen.
-
-Am 27. December verließen wir Rio und damit die heiße Zone wieder, denn
-schon am 30. fing es an zu wettern und zu stürmen, und am 1. Januar schon
-trugen wir wieder warme Kleider, obschon wir uns im Sommer der südlichen
-Halbkugel befanden.
-
-Nach mancherlei Fährlichkeiten sind wir nun hier an der südlichsten
-Spitze Südamerikas angelangt, und die Besatzung ist damit beschäftigt,
-die Takelage unsers Schiffes für die Fahrt durch die Magelhaens-Straße
-zu erleichtern, um dem Wind, welcher uns nach allen Erfahrungen
-wahrscheinlich während der ganzen Fahrt mit Sturmesstärke entgegenwehen
-wird, möglichst wenig Widerstand zu bieten.
-
-
- Magelhaens-Straße, 23. Januar 1878.
-
-Da wir jetzt am Ende unserer Fahrt durch die Magelhaens-Straße stehen,
-will ich einen Rückblick auf dieselbe werfen.
-
- * * * * *
-
-Am 14. Januar abends liefen wir von dem Atlantischen Ocean aus in die
-Magelhaens-Straße ein, mußten aber wegen der eingetretenen Dunkelheit
-und der unberechenbaren starken Strömungen (der Unterschied zwischen
-Hoch- und Niedrigwasser beträgt hier 13 m) dicht an deren Eingang ankern
-und konnten erst am 15. morgens 2½ Uhr mit dem ersten Morgengrauen die
-Fahrt fortsetzen. Der Morgen war klar und schön, wenn auch kalt, denn wir
-hatten, da der hiesige Januar unserm Juli entspricht, im Hochsommer auf
-einer gleichen Breite wie Leipzig nur 6-7° C. Das in Sicht befindliche
-Land ist ohne Reiz, niedriges Sandland ohne Baum und Strauch, eine
-endlose Wüste, welche nicht eine Spur von Menschen aufweist und nur an der
-Meeresküste von unzähligen Scharen der verschiedensten Arten Wasservögel
-bewohnt wird. So reizlos die ganze Umgebung für das menschliche Auge
-ist, so interessant wird die Fahrt als solche für den Seemann. Jeder
-Augenblick bringt Abwechselung, weil die Straße nicht nur fortgesetzt ihre
-Richtung ändert, sondern auch noch viele Untiefen eine öftere Cursänderung
-nothwendig machen, sodaß die gespannteste Aufmerksamkeit erforderlich
-ist, zumal wenn das Schiff mit einer Geschwindigkeit von 12 Knoten
-oder 3 deutschen Meilen in der Stunde durch das Wasser eilt. Zeitweise
-befindet es sich auf einer großen Wasserfläche; nach einer halben Stunde
-steuert es durch einen engen Kanal von nur 500 m Breite; dann wieder
-zwischen dicht beieinander liegenden Inseln hindurch, geht danach mit
-einem scharfen Bogen dicht unter die Küste des Festlandes und verläßt
-nach einer kurzen Weile diese Seite wieder, um eine Insel anzusteuern,
-unter deren Küste der Curs so nahe vorbeiführt, daß man ohne Anstrengung
-einen Stein ans Land werfen könnte; und so geht es stunden-, in der Folge
-gar tagelang fort. Der Seemann muß hier auf dem Platze sein, er findet
-aber ein so reiches Feld vollster Thätigkeit und Aufregung, daß die mit
-einer solchen Fahrt verbundenen Strapazen in den Hintergrund gedrängt
-und nicht weiter beachtet werden. Denn eine Strapaze ist es wahrlich,
-wenn man morgens um 2½ Uhr bei noch kaum durchbrechendem Tageslicht den
-Ankerplatz verläßt und mit schneller Fahrt in ein unbekanntes Fahrwasser
-hineinsteuert, welches mit dem Vorschreiten des Tages immer schwierigere
-Passagen bringt, die dem Commandanten verbieten, die Commandobrücke
-auch nur auf Augenblicke zu verlassen, und ihn zwingen, dort bis zum
-Einbruch der Nacht, wo in irgendeinem kleinen Hafen geankert wird,
-auszuharren. So steht man, ohne sich von der Stelle zu rühren, viele
-Stunden ununterbrochen in ungewohnt frischer Luft, welche den in den
-Tropen verweichlichten Körper stark angreift; die Augen ruhen entweder auf
-dem fortwährend wechselnden Landpanorama oder auf der in einem Glaskasten
-sicher untergebrachten Karte; alle Sinne sind in Thätigkeit, um den
-richtigen Curs zu wählen, der Maschine den zweckmäßigsten Gang anzuweisen
-und dem Ruder die richtige Lage zu geben. Die Mahlzeiten müssen auch auf
-der Commandobrücke eingenommen werden, schmecken allerdings vortrefflich,
-wenngleich man hierbei erst bemerkt, daß die Lippen von der scharfen Luft
-schon aufgerissen sind, ohne dabei indeß zu ahnen, daß das ganze Gesicht
-bereits halb wund ist. Ein scharfer Sturm weht uns entgegen und peitscht
-uns den von dem Schiffe aufgeworfenen Salzwassergischt in das Gesicht;
-glücklicherweise regnet es aber nicht, trotzdem es in dieser Gegend immer
-regnen soll. Doch dies ist nicht richtig, es regnet allerdings vor uns,
-hinter uns, links und rechts; nur wo die „Ariadne“ fährt, lacht die Sonne,
-als ob sie wie bisher uns auch in dieser verrufenen Gegend nicht verlassen
-wolle.
-
-Um zu zeigen, daß das Wetter es wirklich gut mit uns meint, will ich hier
-einige Stellen aus den Segelanweisungen, welche alle bisher gesammelten
-Erfahrungen enthalten, ausziehen und einfügen; ein Vergleich zwischen
-diesen Notizen und dem weitern Verlauf unserer Reise wird dann am besten
-die Richtigkeit meiner Behauptung beweisen.
-
-1. „August, September und October sind die kältesten Monate; westliche
-Winde, Regen, Hagel und Schnee sind dann vorherrschend. December, Januar
-und Februar sind die wärmsten Monate, die Tage sind lang und es kommt
-zuweilen etwas gutes Wetter vor; aber westliche Winde, welche häufig
-zu starken Stürmen anschwellen, mit heftigem Regen sind selbst während
-dieser Jahreszeit vorherrschend, welche weniger Sommer mit sich führt wie
-irgendein anderer Theil unserer Erde.
-
-2. „Der Gipfel dieses ausgezeichneten Berges (Mount Burney), welcher gegen
-1850 m hoch und mit ewigem Schnee bedeckt ist, ist selten sichtbar; sollte
-aber ein Vorbeireisender glücklich genug sein, einen klaren Tag zu finden,
-so wird er schwerlich je die Pracht dieses Panoramas vergessen.
-
-3. „Das Charakteristische in dem Wetter dieser Kanäle ist weniger die
-Stärke des Windes, als der fast unaufhörliche Regen. Tag um Tag, wenn der
-Seemann unglücklicherweise länger hier verweilen sollte, wird er diesen
-stetigen Niederfall zu erdulden haben, es sei denn, daß er so glücklich
-ist, in einem jener seltenen Durchbrüche von lieblichem Wetter anzukommen,
-welches zuweilen vorkommt. Dann allerdings wird er die interessanteste
-Fahrt finden mit ruhigem Wasser, guten Ankerplätzen, umgeben von der
-großartigsten ('most glorious') Scenerie; doch diese Fälle sind gar
-selten, und er wird schon glücklich zu nennen sein, wenn er überhaupt
-einmal den Regenrock ablegen kann, welchen er anzog, als er um Cap Tres
-Montes ging. Eine Jahreszeit ist so gut, oder besser gesagt so schlecht
-wie die andere, immerhin aber ist der Sommer wegen seiner geringern Kälte
-und der längern Tage für diese Passagen vorzuziehen.“
-
-Diese Schilderung verspricht gewiß viel, und ebenso läßt die „Vineta“,
-welche vor zwei Jahren dieselbe Tour in beschränkterer Ausdehnung machte,
-sich vernehmen und klagt über das anhaltend schlechte Wetter, das sie
-zu erdulden hatte. Ein Vergleich dieser beiden Reisen zeigt auch in
-eclatanter Weise, von welchem Einfluß das Wetter auf derartige Reisen
-ist; denn zu derselben Strecke, welche die „Ariadne“ unter den günstigsten
-Wetterverhältnissen in 6 Tagen zurücklegte, gebrauchte die „Vineta“ mühsam
-gegen Wind und Wetter anringend 21 Tage. Doch zu unserer Reise.
-
-Nachdem am 15. Januar etwa 80 Seemeilen zurückgelegt waren, vollzog
-sich allmählich ein Wechsel in der Scenerie. Wir waren den Ausläufern
-der Anden, des mächtigen Gebirgszuges, welcher mit seinen 7000 m hoch
-gelegenen Felsen- und Schneerücken das platte Land Patagonien von Chile
-und Peru trennt, näher gekommen und zeitweise entwickelten sich schon
-aus den vorbeijagenden Wolkenfeldern einzelne schneebedeckte Gipfel.
-Das untere Land zeigt jetzt auch einen andern Charakter: einzelne mit
-grünem Gestrüpp bewachsene Hügel und Felsen werden sichtbar, das Land
-hebt sich immer mehr und wächst langsam zunehmend bis zu 300 m hohen
-Bergen an, welche mit dichtem Wald bedeckt sind. Auffallend ist, daß
-in diesen frisch-grünen Wäldern kaum 150 m über dem Meeresspiegel
-große Schneefelder verstreut liegen, und daß trotz der geringen Kraft,
-welche die Sonne demnach im Hochsommer hier nur hat, große Scharen von
-Papagaien und Kolibris in den Sommermonaten ihren Wohnsitz in dieser
-Gegend aufschlagen. In Punta Arenas fanden wir diese Vögel allerdings noch
-nicht, da sie erst 14 Tage später erwartet wurden, in einem der nächsten
-Häfen trafen wir sie aber schon an. Würde man nur nach den hier lebenden
-Eingeborenen, ohne Rücksichtnahme auf die herrschende rauhe Witterung zu
-urtheilen haben, so wäre das Räthsel, wie diese buntgefiederten Bewohner
-der brasilianischen Urwälder hierherkommen, leicht gelöst, denn diese
-Menschen gehen ohne jede Kleidung vollkommen nackt, besitzen kein Heim,
-leben in einem elenden offenen Boot oder tragen sich an dem Fleck, wo sie
-gerade landen, aus Reisern eine Hütte in der Größe eines runden Tisches
-von etwa 1½ m Durchmesser zusammen, wo Mann, Frau oder Frauen (es herrscht
-Vielweiberei), große und kleine Kinder, oft 10-12 Personen, Unterkommen
-für die Nacht finden, wie ein Rudel Thiere zusammengeschachtelt und sich
-mit ihren Körpern gegenseitig erwärmend. Kälte, Wind und Regen machen
-keinen Eindruck auf ihre Nerven, eine wunderbare Menschenrasse in ihrer
-Art, da alle sonst in kalten Klimaten wohnenden Menschenstämme stets
-warm bekleidet sind. Ich werde später noch Gelegenheit finden, auf diese
-Eingeborenen zurückzukommen.
-
-Bald nachdem das flache Land hinter uns lag, näherten wir uns der
-chilenischen Colonie =Punta Arenas=, welche, früher als Verbrechercolonie
-gegründet, in der Neuzeit durch den regern Dampfschiffsverkehr eine andere
-Bedeutung erlangt hat. Die an der Küste steil aufsteigenden niedrigern
-Gebirgszüge von 300-400 m Höhe versagen dem Auge zwar noch den Blick
-auf die dahinter liegende mächtige Alpenwelt des Festlandes, das Auge
-kann nun aber frei über die düstern, unfruchtbaren, bis zu 2000 m Höhe
-aufsteigenden schwarzen Felsmassen des Insellandes Feuerland, welches
-sich auf der andern Seite der Wasserstraße unheimlich aus der See erhebt,
-schweifen: schwarzes, kaltes, zerklüftetes Gestein ohne eine Spur von
-Leben und Pflanzenwuchs, welches dem Auge nirgends Ruhe gönnt, da keine
-Linie zu finden ist, welche man festhalten könnte. Ein Pic steigt neben
-dem andern empor, erhebt seinen Gipfel immer noch wilder und trotziger wie
-sein Nachbar und erweist dem menschlichen Auge dann eine wahre Wohlthat,
-wenn er mit Schnee bedeckt ist. So frostig der Anblick des Schnees
-sonst macht, hier, inmitten dieses schwarzen Höllengesteins, um welches
-unermeßliche schwere Wolkenbänke von tiefgrauer Farbe sich lagern und,
-von dem heulenden Sturme getrieben, ihre Wasserballen in die unzähligen
-tiefen Schluchten hineinzwängen, hier ist der Schnee erwärmend. Hätte
-Dante dieses Stück Erde gekannt, seine Hölle wäre nach diesem Feuerland
-gebildet worden, welches ja auch richtige Teufel in sich birgt. Der Name
-„Feuerland“ ist allerdings nicht von vulkanischem Feuer hergeleitet,
-sondern hat einen harmlosen Ursprung; er ist dem Umstande zuzuschreiben,
-daß die ersten Entdecker überall am Lande kleine Rauchsäulen sahen, welche
-nie erloschen. Die Eingeborenen dieses nassen Landes, wo die Erzeugung des
-Feuers so sehr schwer ist, sind gezwungen, wo sie gehen und stehen, stets
-ein Feuer zu unterhalten, wenn sie dieses wichtige Element nicht zeitweise
-verlieren wollen; es wird also immer da, wo Menschen sich aufhalten, auch
-die unentbehrliche Rauchsäule zu sehen sein. Daß hier, wie ich vorhin
-sagte, auch wirkliche Teufel in Menschengestalt hausen, dürfte vielleicht
-aus dem nachfolgenden Auszuge aus Darwin’s Reise um die Erde hervorgehen:
-
-„Die verschiedenen Stämme sind Kannibalen, sobald sie miteinander in Fehde
-leben. Dies beweist auch die Aussage Jemmy Button’s (ein Junge, welcher
-während zweier Jahre auf Kosten eines englischen Seeoffiziers in England
-erzogen und mit dem Schiffe, auf welchem Darwin war, dann zurückgebracht
-wurde), wonach die Eingeborenen im Winter, wenn sie sehr unter dem Hunger
-leiden, erst die alten Frauen schlachten und verschlingen, bevor die
-Hunde an die Reihe kommen, denn die Hunde fangen Ottern, alte Frauen aber
-nichts. Die Frauen werden derart getödtet, daß sie über Rauch gehalten
-werden, bis sie erstickt sind. Der Junge ahmte auch mit sichtlichem
-Vergnügen in spaßhafter Weise das Geschrei der Opfer nach und beschrieb
-die Körpertheile, welche am besten schmecken. Oft sollen die alten
-Frauen, sobald sie den Zeitpunkt gekommen wähnen, in die Berge flüchten,
-sie werden aber von den Männern dann gejagt, um in ihre Hütte gebracht
-und geschlachtet zu werden. -- Schrecklich, wie solch ein Tod durch
-die Hand der Freunde und Verwandten sein muß; schmerzlicher noch ist es
-daran zu denken, was diese Frauen empfinden müssen, wenn der Hunger sich
-einzustellen beginnt.“
-
-Nachmittags 3 Uhr am 15. Januar, nach Zurücklegung von 120 Seemeilen
-an diesem Tage, ankerten wir vor Punta Arenas, dessen kleine Holzhäuser
-kurz vorher als erste Zeichen menschlichen Lebens hinter einer kleinen
-Landzunge zum Vorschein gekommen waren. Dieser weit vorgeschobene Posten
-menschlichen Unternehmungsgeistes zeigte allerdings ein anderes Bild, als
-wir nach den vorhandenen Beschreibungen erwarten konnten. Eine vor wenig
-Wochen stattgehabte Soldatenemeute hatte traurige Spuren hinterlassen.
-Die aus 100 Soldaten gebildete Garnison soll von ihrem Commandanten
-so barbarisch behandelt worden sein, daß sie schließlich zum Aufstand
-getrieben wurde. Sie tödteten und verstümmelten den Commandanten, rissen
-ihm Augen und Zunge aus, schnitten Nasen und Ohren ab und zerstückten
-den ganzen Körper. Darauf befreiten sie die Gefangenen (der Platz ist
-noch Strafcolonie), etwa 80 an der Zahl, und fingen dann an zu brennen
-und zu morden. Alle größern Gebäude wurden eingeäschert und etwa 80
-Personen verloren ihr Leben. Nachdem die Meuterer auf diese Weise zwei
-Tage gehaust hatten, wurden sie unsicher, da täglich ein in der Nähe
-befindliches chilenisches Kanonenboot eintreffen konnte, und verließen
-den verwüsteten Platz. Vorher aber bemächtigten sie sich aller Frauen und
-Mädchen, deren sie habhaft werden konnten, und schleppten diese mit Gewalt
-mit sich in die Pampas Patagoniens, wo ihnen mit den dortigen Indianern
-jedenfalls ein Krieg bis aufs Messer bevorsteht. -- Wenige Tage vor unserm
-Eintreffen hatte ein chilenisches Kriegsschiff die neue Garnison und eine
-Untersuchungscommission gebracht.
-
-Der kleine Ort liegt recht hübsch dicht am Ufer des hier stets wellenlosen
-Meeres, lehnt sich im Rücken an den Fuß eines Berges an und ist umsäumt
-von jungfräulichem Urwalde. Die in den Gebirgen lagernden großen
-Schneemassen führen in kleinen Flüssen vorzügliches Wasser zum Strande,
-wo in den geringern Tiefen des Meeres ein unerschöpflicher Reichthum
-an wohlschmeckenden Fischen herrscht. Rindvieh und Schafe gedeihen
-vortrefflich und finden auf dem herrenlosen Lande die saftigste Nahrung
-im Ueberfluß. Auch Pferde sind fast mehr wie Menschen vorhanden, denn
-hier in diesem kleinen Dorfe ist sogar der Bäckerjunge zu faul, das Brot
-zu Fuße auszutragen, er setzt sich dazu aufs Pferd. Der Wald liefert
-ein vorzügliches Holz, das vorläufig noch als werthlos betrachtet wird.
-Die mächtigen Stämme -- ich habe solche von 4 Fuß Durchmesser gesehen
--- haben einen vollständigen Eisenkern; schwere Schmiedehämmer, welche
-als Keile zum Auseinandertreiben des Holzes benutzt wurden, zersprangen
-unter den wuchtigen Hieben eines noch schwerern Hammers in dem Holze,
-ohne es zu spalten. Jeder kann sich soviel Holz nehmen wie er will; wir
-haben an einem Tage 40 cbm Kernholz gefällt und an Bord geschafft, ohne
-Zahlung dafür zu leisten, weil den Ansiedlern auf diese Weise das Land
-ohne eigene Mühe urbar gemacht wird. Die Häuser, oder besser Holzhütten
-bestehen selten aus mehr als zwei kleinen Zimmern; Comfort ist nirgends
-zu finden. Ackerbau und Gartencultur fehlen vorläufig noch ganz, die
-Leute leben nur von den durchkommenden Schiffen, denen sie vornehmlich
-Fleisch verkaufen. Einige Meilen von diesem Ort entfernt ist noch eine
-kleine Schweizercolonie, welche sich mit Landwirthschaft beschäftigt und
-ihre Erzeugnisse hierher abliefert. Von diesen Producten erhielten wir
-recht gute Butter und namentlich ganz vorzüglichen Kopfsalat. Für die
-übrigen Erzeugnisse der Schweizercolonie, Gemüse und Kartoffeln, war die
-Zeit der Reife noch nicht gekommen, sodaß wir uns von ihrer gerühmten
-Vortrefflichkeit nicht selbst überzeugen konnten.
-
-Der Totaleindruck dieses Ortes ist, von innen gesehen, ein öder,
-schmutziger und wüster. Die Straßen sind allerdings regelmäßig und
-breit, ja so großartig angelegt, daß sie einer großen Stadt Ehre machen
-würden, die menschlichen Wohnungen zeigen aber sofort, daß nur mittellose
-Abenteurer, welche kein anderes Streben als ihr Leben zu fristen kennen,
-ihr zeitweiliges Heim hier aufgeschlagen haben. Natürlich sind die
-Deutschen wie überall auch hier vertreten, bilden aber das beste Element.
-
-In Punta Arenas wurde mir die große Enttäuschung zutheil, daß ich keine
-Kohlen, auf die ich sicher gerechnet hatte, erhalten konnte. Es ist
-eine Kohlengrube, welche sich in soliden englischen Händen befindet, in
-nächster Nähe, die Meuterei hatte aber auch hier störend eingegriffen,
-da die Soldaten, die mit Genehmigung der Regierung die Grubenarbeiter
-gewesen waren, jetzt fehlten. So blieb mir nur übrig, mit meinen Kohlen
-hauszuhalten und das Brennmaterial durch Holz zu ergänzen. Auch meine
-Reisedisposition für die Straße erhielt dadurch eine Abänderung; ich
-hatte vorher auf einen drei- bis viertägigen Aufenthalt in Punta Arenas
-gerechnet, ließ mich aber jetzt nicht länger aufhalten, da ich in dem
-herrenlosen Lande, durch welches ich noch 600 Seemeilen zurückzulegen
-hatte, überall Holz schlagen konnte. Ich blieb daher nur noch den 16. in
-Punta Arenas und benutzte diesen Tag zum Holzschlagen. Nachts 12 Uhr war
-das Holz an Bord, am 17. morgens 2 Uhr war das Schiff fertig und weiter
-ging die Reise aus der Nacht zum Tage.
-
-Ich hatte einige Stunden geschlafen und stand nun in der rauhen Nachtluft
-mit der Gewißheit auf der Commandobrücke, dieselbe vor 9 Uhr abends
-nicht wieder verlassen zu können. Die Aufgabe, welche ich mir gestellt
-hatte, war, bis zum Eintritt der Dunkelheit einen Hafen zu erreichen,
-welcher von unserm Ausgangspunkt 170 Seemeilen entfernt lag. Der Weg
-dahin führte durch eine enge Felsenstraße, in welcher der Sturm stets
-mit der Gewalt eines Orkans wüthen soll; die in ihrer Großartigkeit
-auf dieser Welt einzig dastehende Gebirgswelt soll fast immer bis zum
-Wasserspiegel herunter in dichtes grauschwarzes Gewölk gehüllt sein,
-aus welchem der Regen in Strömen herniederfällt; die Navigirung soll
-nur dadurch möglich werden, daß der Sturm ab und zu das Gewölk auf
-Augenblicke zertheilt und so dem Auge Gelegenheit gibt, den Curs bis
-zur nächsten Zertheilung der Wolken festzustellen. Dies war der vor mir
-liegende Tag mit seinen Aussichten. Fand ich wirklich solches Wetter,
-dann war die Erfüllung meiner Aufgabe unmöglich und ich konnte höchstens
-zwei Drittel des vorgenommenen Weges zurücklegen, mußte dann aber auch
-für die ganze Passage etwa die doppelte der in Ansatz gebrachten Zeit
-rechnen. Einigermaßen gruselig war mir zu Muthe, als ich meine Fahrt in
-der dunkeln Nacht mit 10 Seemeilen Geschwindigkeit und mit der Aussicht
-begann, nun während etwa 10 Tagen, wenn auch in sicherm Fahrwasser,
-täglich 12-15 Stunden dem Regen und Sturm voll ausgesetzt auf der
-Commandobrücke zuzubringen. Immerhin vertraute ich aber meinem guten Glück
-und gab zunächst keinem Zweifel an dem Gelingen des festgesetzten Planes
-Raum. Allerdings hatte ich noch einen vertrauenerweckenden Führer zur
-Seite, nämlich den Bericht unserer Corvette „Vineta“, welche als erstes
-deutsches Kriegsschiff die Passage durch die Magelhaens-Straße gemacht
-hat. Wenn auch dieser Bericht die vorzüglichen englischen Segelanweisungen
-als durchaus zuverlässig anerkennt, so vertraut man dem, was Kameraden
-gesehen und erfahren haben, doch immer mehr; man fühlt sich dort, wo ein
-Bruderschiff schon gewesen ist, eher heimisch.
-
-Bis gegen 8 Uhr morgens bleibt der Curs in offenem Fahrwasser südlich und
-durch die an der Westseite liegenden Berge gegen den erwarteten Weststurm
-geschützt. Der Morgen läßt sich gut an, der Sonnenaufgang war zwar nicht
-sehr vertrauenerweckend gewesen, die Sonne zeigt aber doch wenigstens ab
-und zu ihr erwärmendes Gesicht. Zu unserer Rechten liegen weich geformte
-Berge mit dichtem frischen Wald bestanden, aus dessen grünem Laub hier und
-dort verstreut blendend weiße Schneefelder hervorlugen. Die Berge steigen
-direct aus dem Wasser auf, bilden aber doch hin und wieder freundliche
-kleine Einbuchtungen, welche den vorbeifahrenden Schiffen gute Ankerplätze
-bieten, aber auch einen grell in die Augen springenden Beweis liefern, wie
-alles Lebende, was die Natur hervorbringt, dazu dient, von dem Stärkern
-wieder vernichtet zu werden. Hier in diesen geschützten lieblichen Baien
-steigen die der Magelhaens-Straße eigenthümlichen mächtigen Wasserpflanzen
-tief von dem Meeresgrunde bis zu einer Höhe von 10 m hoch aus und geben
-mit ihren 6-7 dcm langen und 2 dcm breiten Blättern den kleinen niedern
-Wasserthieren Schutz und Nahrung. In diesem Wasserpflanzenwald lebt
-aber auch die junge Fischbrut, welche ihr Leben mit den kleinern Thieren
-erhält, dieses aber auch sofort hingibt, sobald sie das schützende Dach
-verläßt, denn außerhalb der Pflanzen stehen Scharen von Raubfischen,
-welche jeden kleinen Wasserbewohner ihresgleichen erbarmungslos
-verschlingen, sobald er sich aus seinem Versteck hinauswagt. Wieviel Mord
-und Vernichtung spielt sich nicht an einem Tage in einem solch kleinen
-Stück Wasser ab?
-
-Zu unserer Linken liegt eine weite Wasserfläche, begrenzt durch in
-blauen Dunst gehülltes Bergland, durch dessen weite Schluchten die noch
-hinter den Bergen niedrig stehende Sonne ihre Strahlen wirft und das wild
-geklüftete Alpenland magisch beleuchtet. Vor uns haben wir den Eingang zu
-der berüchtigten Felsenpassage mit einem Aussehen, welches einen schlimmen
-Tag verspricht. Das aus dem Wasser steil aufsteigende nackte Gestein
-ist infolge des ewigen Regens von tiefschwarzer Farbe, welche nur selten
-durch einige hellere Flecke unterbrochen wird. Sichtbar ist das Land dort
-überhaupt nur bis etwa 100 m über dem Wasser, von da ab ist alles in dicht
-übereinander geschichtete feste Wolkenmassen von tief blaugrauer Färbung
-gehüllt, in Wolkenbänke, welche so tief liegen, daß man sie mit den
-Mastenspitzen zu berühren glaubt und damit ihre Entladung herbeizuführen
-befürchtet. Regen erwartet man von ihnen aber nicht, sondern das schärfste
-Schneegestöber. Das Gewölk eines schweren Schneesturmes unserer Gegenden
-ins Vielfache übertragen gibt ein ungefähres Bild von der vor uns
-liegenden Wolkengestaltung und dem Aussehen der Luft. In diesen Sturm- und
-Regenkessel muß man hinein. Was hilft’s! Mehr wie naß werden kann man ja
-nicht, also frisch drauf los.
-
-Einige mächtige Walfische von 14 bis 18 m Länge -- ich sehe im ganzen
-vier -- spielen so harmlos in der Nähe des Schiffes, daß das Behagen,
-welches sie athmen, sich unwillkürlich dem Menschen mittheilt und sein
-Gemüth beruhigt. Hoch werfen sie aus ihren Spritzlöchern das Wasser in
-die Luft, strecken ihren mächtigen Kopf aus dem Wasser oder heben ihren
-kolossalen Rücken wie eine kleine Insel über die Wasserfläche, tauchen
-dann in die Tiefe und schnellen dabei den riesigen Schwanz aus dem Wasser,
-daß das hinterste Drittheil des Fisches für einen Augenblick senkrecht
-in die Luft ragt. Solch ein harmloses Spiel übt eine beruhigende Wirkung
-auf uns Zuschauer aus, die Gegend vor uns sieht sich schon gar nicht
-mehr so erschreckend an. Ein tüchtiges warmes Frühstück war oben in der
-frischen Luft mit köstlichem Appetit eingenommen; der kurze Rock, unter
-welchem eine warme wollene Weste sitzt, wird fest zugeknöpft, die Mütze
-fest in die Stirn gedrückt, der Kneifer auf der Nase zurechtgerückt und
-dann um 8 Uhr um das verschriene Cap Froward herumgejagt. Jetzt soll
-es kommen, Sturm und peitschender Regen! Ein frischer Sturm, welcher in
-diese 100 Seemeilen lange unabsehbare Felsenstraße eingekeilt an Stärke
-gewinnt, weht uns zwar in die Zähne, die Wolken über uns bilden eine feste
-undurchdringliche Decke; unten aber ist es schön klar, kein Hagel und kein
-Regen, kalte frische Luft und überall viel zu schauen. Was es zu sehen
-gibt läßt sich aber nur schwer schildern.
-
-Die Gestaltung des Landes ändert unausgesetzt. Hier springt ein hohes,
-steiles Cap trotzig in die Straße vor und deckt die hinter ihm liegende
-tiefe Bucht; dort läuft das Land in eine weit vorgeschobene flache
-Spitze aus; an jener Stelle brechen aus den vorbeijagenden Wolken für
-Augenblicke scharf gezackte Bergkämme hervor; hier steigt senkrecht
-aus dem Wasser eine Felsenwand von dem Aussehen einer von Menschenhand
-sorgsam aufgebauten Riesenmauer auf; dort ziehen sich mächtige Kanäle,
-welche große Wasserstraßen nach einem andern Theil des Weltmeeres bilden,
-hin; hier liegen kleine, in frischem Laub prangende Inseln oder einzelne
-nur mit ihrer Spitze aus dem Wasser hervorragende Klippen, dort mehrere
-Quadratmeilen umfassende Inseln. Das alles vermag das Auge wol für Stunden
-und Tage, ja Wochen unausgesetzt zu fesseln, da es in seiner natürlichen
-Großartigkeit immer Neues und Interessantes bietet, in der Beschreibung
-wird es aber immer nur ein sehr verblaßtes Bild geben.
-
-Ab und zu fegt der Sturm das Gewölk stellenweise fort und gestattet
-dann einen Blick in dieses eigenartige Gebirgsland, das noch im
-Hochsommer seine ewig starren Gletscher bis zum Meeresrand hinabsendet
-und gleichzeitig den an die Tropensonne gewöhnten Zugvögeln ein
-begehrenswerthes Asyl gewährt. Der Grundton des sich entrollenden Bildes
-ist Grau in Grau: eine grau erscheinende Wasserfläche als Vordergrund,
-graues Gewölk als Hintergrund. Aus diesem unbestimmbaren, farblosen
-und doch auf das Auge so mächtig wirkenden Grundton treten riesige
-Steinmassen, tiefschwarz gefärbte oder mit einer blendenden Schneedecke
-überzogene hohe Berge mit ihren entschiedenen und wilden Contouren scharf
-heraus. Das massige Unterland entsendet ungezählte scharfgeschnittene
-Pics in die Lüfte, welche bei annähernd gleicher Höhe scheinbar ganz
-willkürlich theilweise mit ewigem Schnee überzogen sind, theilweise mit
-vollkommenster Nacktheit prahlen und ebenso allen Unbilden des Wetters
-trotzen, wie die an ihrem Fuß lebenden Eingeborenen, mit welchen sie so
-große Charakterähnlichkeit haben. Zwischen jenen blendend weißen, zart
-überhauchten Berggipfeln und diesen schwarzen rauhen Gesellen liegen
-in tiefen unheimlichen Schluchten große, in ihrer ganzen Ausdehnung wol
-noch von keinem Menschenauge berührte Schneefelder, welche sich bis zum
-Meeresspiegel, bis dicht an die vorbeipassirenden Schiffe hinabsenken
-und auf ihrer Wanderung dahin sich allmählich aus duftiger Schneedecke
-von dem reinsten Weiß in starrende zerklüftete Gletscher von heller,
-bläulich-grüner Farbe umbilden, deren Mächtigkeit nach unserer Schätzung
-5-8 m beträgt. Und neben diesen Gletschern findet das Auge an geschützten
-Stellen die üppigste Vegetation, den Urwald in seiner ganzen Schönheit
-mit seinen herrlichen Laubkronen, seinen Schlinggewächsen, Parasiten,
-elastischen Moosdecken und farbenprächtigen Blumen, über welchen in
-denselben Sommermonaten, die den nebenliegenden Schnee nicht zu schmelzen
-vermögen, nach glaubwürdigen Berichten die Kolibris über den Blumenkelchen
-schwirrend ihr Vernichtungswerk gegen die Insekten betreiben. Weiterhin
-öffnet sich die Wasserstraße, das Land tritt zurück, und man glaubt auf
-einem großen Binnensee zu sein, welcher keinen Ausgang zeigt. Einige
-Inseln vor uns scheinen den Abschluß zu bilden, auf diese ist der Bug des
-Schiffes gerichtet. Dort angekommen geht das Schiff in scharfem Bogen um
-eine derselben herum und läuft in einen von hohen Felswänden gebildeten
-Hohlweg ein. Der größte Theil der Straße behält jetzt den Charakter eines
-Hohlwegs von vorherrschend enormen Dimensionen.
-
-Während der Fahrt versucht ein Boot mit Feuerländern das Schiff zu
-erreichen, jedenfalls um gegen Bogen, Pfeile und Felle andere Sachen,
-Taback und Eßwaaren einzutauschen. Da es die ersten Eingeborenen sind,
-welche wir zu Gesicht bekommen, so entsteht eine allgemeine Aufregung in
-dem Schiffe; die Offiziere drängen mich, auf das Boot zu warten, ich kann
-ihnen aber, so groß auch meine eigene Neugierde ist, nicht willfahren,
-da das Reiseprogramm in so enge Grenzen gezogen ist, daß ein kleiner
-Aufenthalt das ganze Gebäude umwerfen kann. Ich lasse indeß das Schiff an
-das Boot heranscheeren, um es dicht zu passiren und so einen flüchtigen
-Blick zu erhalten. Zwei junge nackte Männer führen die Ruder, eine nackte
-Frau das Steuer, die übrigen Insassen, mehrere Erwachsene und eine größere
-Zahl kleiner Kinder sitzen oder vielmehr kauern in der Mitte des Bootes,
-wo auch auf Steinen das nie fehlende Feuer unterhalten wird. Alle zusammen
-schreien und heulen, mit den Armen gestikulirend, aus Leibeskräften, um
-das Schiff zum Anhalten zu bewegen, aber wie schon erwähnt ohne Erfolg.
-
-Abends 8 Uhr scheint es mir doch zweifelhaft, daß wir vor Eintritt der
-Nacht den als Ziel gesetzten Hafen noch erreichen können; die Entfernung
-ist zwar nicht zu groß, aber vor uns sieht es so dick und drohend aus
-und der Seegang nimmt in der nun nach dem Stillen Ocean hin offenen
-Straße so merklich zu, daß ich mich entschließe, nach dem kleinen
-Hafen Port Angosto, welchen wir vor einer Viertelstunde passirt haben,
-zurückzulaufen. Der Eingang, keine 40 m breit, ist bald gefunden, und
-die „Ariadne“ geht, oft nur wenige Fuß von den Klippen entfernt, durch
-eine schmale Gasse in einen Kessel, welcher gerade genug Platz bietet,
-daß das Schiff ohne den Grund zu berühren sich vor dem Anker drehen
-kann. Die steilen Bergwände sind dicht bewaldet, einige kleine und ein
-größerer Wasserfall ergießen mit anheimelndem Geplätscher das geschmolzene
-Schneewasser von den Höhen hinab. Der Abend ist schön und ruhig, aber ohne
-Anziehungskraft für einen Mann, welcher 19 Stunden auf der Commandobrücke
-zugebracht hat und nach Verlauf von 5 Stunden Ruhe wieder dahin berufen
-wird, um das eben überstandene Tagewerk noch einmal durchzumachen.
-
-Abends ging ich gleich, nachdem ich schnell einige Bissen zu mir genommen
-hatte, zu Bett, um sofort in einen tiefen traum- und bewußtlosen Schlaf zu
-verfallen. Um 2½ Uhr morgens wurde ich wieder geweckt -- ein kritischer
-Moment. Niemand kann mich hier zur Eile treiben, mir vorschreiben, an
-diesem Tage weiter zu gehen oder eine so große Distanz abzulaufen, wie
-ich sie mir gesteckt habe; auch zwingen mich die natürlichen Verhältnisse
-nicht zu einem so großen Pensum, da in den vor uns liegenden Kanälen alle
-20-30 Meilen Häfen zu finden sind. Durch das Wetter begünstigt habe ich
-an dem gestrigen Tage ein besonders großes Stück Weg zurückgelegt, ich
-bin über alle Begriffe müde -- ein Wort und der Aufbruch wird verschoben
-oder ganz aufgehoben. Der Gedanke „beschleunigte Segelordre“ durchzuckt
-traumhaft mein Hirn und -- „Reveille und Ankerlichten“ ist die Antwort
-auf den vielleicht schon mehrmals wiederholten Weckruf. Ich verlasse
-mein Lager, mache unter Absehung von dem gewohnten kalten Bade die den
-Verhältnissen entsprechende Toilette, nehme schnell ein warmes Frühstück
-ein, welches mein vortrefflicher, aber im Punkte des Schlafens sonst
-unverbesserlicher Diener heute ausnahmsweise schon bereit hat, und stehe
-nach 15 Minuten auf der Brücke, um in dem Dunkel der noch herrschenden
-Nacht die meinem Ruf willig gehorchende „Ariadne“ aus diesem kleinen
-Felsenlabyrinth hinaus in ein 500 Meilen langes hineinzuführen. Die
-Nachtluft ist kalt; die todten Bergmassen, von welchen her kein Ton
-eines lebenden Wesens zu hören ist, werfen tiefe Schatten auf die unter
-Windstille regungslos daliegende schwarze Flut und machen es unmöglich,
-die schwarze Wasserfläche von dem schwarzen Lande zu unterscheiden.
-Nichts ist zu hören als das dumpf nach oben schallende Arbeiten der
-rastlosen mächtigen Schiffsmaschine und das monotone Rauschen des von dem
-Schiffsbug aufgeworfenen Wassers, nur ab und zu unterbrochen von einem
-kurzen Rudercommando aus meinem Munde, welches von den Leuten am Ruder
-ebenso kurz erwidert wird. Die durchbrechende Tagesdämmerung nimmt dieser
-Fahrt bald das Geisterhafte des Anfangs. Zur Linken liegt die jetzt schon
-breite westliche Oeffnung der dort ihr Wasser mit dem des Stillen Oceans
-bereits mischenden Magelhaens-Straße; vor uns öffnet sich der Smyth-Kanal,
-in welchen unser Weg uns führt, theilweise noch versteckt im Morgendunst,
-welcher auch das umliegende Land verhüllt. Eine halbe Stunde später --
-die Sonne bricht mit einzelnen Strahlen durch die Wolken, gewinnt immer
-mehr an Macht, hat bald die Nacht- und Morgennebel verzehrt und beschert
-uns einen selten schönen Tag. Der über 1800 m hohe Mount Burney erhebt
-sich als regelmäßiger Kegel mit abgestumpfter Spitze, welche jedoch
-mit mehrern kleinen Pics geziert ist, majestätisch aus einer Ebene, die
-halbkreisförmig von einem hohen Gebirgszuge umrahmt ist, dessen Gipfel in
-ungezählte schneebedeckte Pics auslaufen. Die jetzt durch den wolkenlosen
-Aether ungehindert durchstrahlende, noch tiefstehende Sonne übergießt das
-vor uns liegende Bild mit einem seltenen Duft. Die in goldigem Schimmer
-erglänzenden Lichtseiten der untern Partien heben sich nur unmerklich von
-den Schattenseiten ab, da die Sonne kurz nach ihrem Aufgange nur zarte
-Schatten zu erzeugen vermag. Die von ihrer erhabenen Höhe aus weithin
-strahlenden jungfräulichen Gipfel spiegeln die Färbung des Aethers wieder
-und schimmern in einem fast ins Weiße übergehenden duftig zarten Grün.
-Die höher steigende Sonne bringt uns einen prachtvollen, windstillen und
-wolkenlosen Sommertag, wie er für eine Vergnügungsreise nicht schöner
-gewünscht werden könnte. Die Fahrt geht rastlos weiter, immer neue Bilder
-vor uns aufrollend, enge Hohlwege, Klippenstraßen, mit Inseln gezierte
-Alpenseen, freiere Passagen, welche den Blick weiter schweifen lassen
--- nur eins bleibt bis gegen Abend unverändert, das ist der herrliche
-Mount Burney, welcher über alles hinwegragend in fortwährend wechselnder
-und immer erhebend schöner Umgebung uns den Anblick seiner edeln Gestalt
-gönnt.
-
-Es ist zwecklos, auf die Fahrt dieses Tages näher einzugehen, da jede neue
-Schilderung doch nur eine Wiederholung sein würde; aber ein uns an diesem
-Tage in der Collingwood-Straße und dem Sarmiento-Kanal noch gebotener
-Blick auf diese große Natur verdient doch besondere Beachtung. Das Bild
-war das schönste unserer ganzen bisherigen Reise und von so großartig
-wilder Schönheit, wie sie schwerlich in irgendeinem Theil unsers Erdballs
-wiedergefunden wird. Obwol meiner Schwäche bewußt, will ich dennoch
-versuchen, eine oberflächliche Skizze dieses erhabenen Naturbildes zu
-entwerfen.
-
-Vor uns und zu unserer Rechten liegen die Sarmiento-Cordilleren, zwei
-regelmäßig hintereinander gereihte Gebirgsketten von etwa 25 Seemeilen
-Länge und 1000-1500 m Höhe. Die uns zugekehrte vordere Kette steigt direct
-aus dem Wasser auf, die zweite liegt so weit verschoben hinter der ersten,
-daß man einen ziemlich weiten Blick in das von den beiden Bergzügen
-gebildete Thal erhält. Die vielen Gipfel dieser mächtigen malerischen
-Bergreihen streben in schönen und edeln Formen zu dem reinen Blau des
-Himmelsgewölbes empor und sind mit ewigem, tadellos weißen Schnee bedeckt,
-welcher nach unten hin unmerklich sich verändernd allmählich Gestalt und
-Farbe eines Gletschers annimmt, sich auf den Thalseiten bis zur Thalsohle
-hinabsenkt und dort ein ebenso unwegsames Eisfeld bildet, als die mit
-Wasser angefüllten Thäler der tieferliegenden Bergketten dem Menschen
-nutzbare Wasserstraßen bieten. Zu unserer Linken liegen niedrigere, steile
-und nackte Felswände, und vor denselben dicht bewaldete Inselgruppen
-mit saftigen, frischgrünen Bäumen, zwischen denen farbenreiche Blumen
-hervorlugen. Dieses von der warmen Sonne mit einem eigenen Reiz
-übergossene Bild erhält seinen würdigen Abschluß durch den Mount Burney,
-welcher, seine Umgebung weit überragend, sich in unserm Rücken aus der von
-ihm beherrschten Ebene, die mit Ausnahme der uns zugekehrten Seite jetzt
-vollständig von hohen schneebedeckten Gebirgszügen umrahmt ist, gigantisch
-emporhebt und in seiner majestätischen Größe das um ihn liegende gezackte,
-mit unendlich vielen kleinen Pics gekrönte Berggewirre verspottet. Dieser
-ausgezeichnete Berg, welcher nur ein riesengroßer Kegel ist, aber durch
-seine einfachen edeln Linien alles Plumpe von sich weist und voll Grazie
-nach dem unendlichen Weltall zeigt, muß auf dieser Erde einzig in seiner
-Art sein und kann wol als ein würdiges Denkmal der urkräftigen Allgewalt
-der Weltenschöpfung angesehen werden. Der in Japan auf der Insel Nipon
-liegende und als heilig verehrte Berg Fusijama, welcher wegen seiner
-reinen Formen einen hohen ihm auch gebührenden Ruf genießt, kann sich
-in Bezug aus großartige Schönheit mit diesem Mount Burney nicht messen
-und muß nach meinem Geschmack, trotz seiner doppelten Höhe, vor seinem
-hiesigen Rivalen zurücktreten.
-
-Abends gegen 9 Uhr, nach einem herrlichen, an Naturgenuß so reichen
-Tage ankern wir in Puerto-Bueno, dem Hafen, welcher bei Aufstellung des
-Reiseprogramms als Ziel des zweiten Tages in Aussicht genommen war;
-wir haben somit die am gestrigen Tage verlorenen 20 Seemeilen wieder
-eingeholt. Der kreisförmige kleine Hafen Puerto-Bueno, in welchen man
-durch eine schmale Oeffnung einsteuert, bietet gerade ausreichenden Platz
-für ein großes Schiff und ist rundherum von niedrigem Land eingeschlossen.
-Er weist einen außerordentlichen Fischreichthum auf; auch kommt eine
-eßbare sehr schmackhafte Muschel, welche wol mit der Kieler Mießmuschel
-verwandt ist, häufig vor und kann bei Niedrigwasser ohne weitere Mühe in
-großen Massen eingesammelt werden. So brachten vier Mann in einer halben
-Stunde ein ausreichendes Gericht für die 200 Köpfe zählende Besatzung des
-Schiffes zusammen. In zwei dicht aufeinander folgenden Fischzügen in einer
-kleinen Bucht von etwa 12 m Breite und 10 m Tiefe des Hafens wurden mit
-jedem Zuge in dem Netze je 120 Fische im Totalgewicht von 105 resp. 108 kg
-gefangen. Die große Mehrzahl der Fische bestand aus vorzüglichen fetten,
-bis zu 1¾ kg schweren Makrelen, der Rest aus einer Lachsforellenart bis
-zu 2¾ kg Schwere. An der einen Seite des Hafens mündet cascadenartig
-über Felsblöcke hinwegspringend ein Wasserlauf, welcher sich aus einem
-dicht dahinter liegenden Süßwassersee ergießt. Leider ist das Wasser aber
-wegen des moorigen Bodens im See schlecht und zum Trinken nicht recht
-geeignet. Eine Recognoscirung des Sees, welche mit einem beschwerlichen
-Wege durch den Urwald, über umgefallene Baumstämme und große Felsblöcke,
-über Moosdecken, in die man oft bis unter die Arme einsinkt, durch dichtes
-Gestrüpp u. s. w. verbunden ist, ließ uns auch die Spuren und die Losung
-von Guanacos auffinden. Natürlich wurde in der nächsten Nacht von den
-Jägern ein Jagdzug unternommen, um womöglich eins dieser seltenen Thiere,
-welche zwischen dem Kamel und dem Lama liegen und ein vielbegehrtes
-schönes Fell haben, zu erlegen, doch verlief die Jagd resultatlos.
-
-Dieser Tag verschaffte uns auch die interessante Bekanntschaft mit einer
-Indianerfamilie. Einer der hier gebräuchlichen großen, aus drei Bretern
-zusammengesetzten Kähne kam in der gewöhnlichen Weise längsseit des
-Schiffes, d. h. zwei Männer ruderten, eine Frau steuerte und die übrigen
-Personen hockten in der Mitte. Der ganze Inhalt des Boots bestand aus
-folgenden Personen: ein älterer Mann, durch ein weißbemaltes Gesicht als
-Familienhaupt gekennzeichnet; zwei ältere Frauen, jedenfalls die Gattinnen
-des Häuptlings; ein Mann von etwa 25 Jahren; ein halbwüchsiger auffallend
-hübscher Bursche von 16-17 Jahren; ein ebenso hübsches gleichalteriges
-Mädchen oder junge Frau, dem Burschen wie aus dem Gesicht geschnitten;
-ein Junge von 12-13 Jahren; 5 oder 6 Kinder zwischen 5 und 10 Jahren.
-Sämmtliche Personen waren von dunkler Kupferfarbe, mit einer dicken
-Schmutzkruste überzogen, hatten hübsche regelmäßige Gesichter, schöne
-sanfte dunkle Augen, großen Mund und waren von guter Mittelgröße. Die
-Körperformen der Männer waren gut; die Frauen hatten schöne Nacken und
-Schultern, schöne Arme, Hände und Fingernägel, und wußten Arme und Hände
-mit Grazie zu gebrauchen. Der Leib der Frauen war stark, die Hüften
-traten nicht hervor, waren daher ohne jede Taille, die Oberschenkel
-waren auffallend schwach, Unterschenkel und Füße jedoch wohlgeformt. Die
-Brüste der ältern Frauen hingen lang und schlaff herab, die des jungen
-Frauenzimmers dagegen waren sehr üppig, aber doch nicht so fest wie es
-ihrem Alter zukam. Der Leib des jungen Frauenzimmers war sehr stark, es
-blieb aber fraglich, ob dies ein Zeichen noch großer Jugend war, da der
-Leib aller Kinder infolge der mangelhaften Ernährung (die Leute leben
-nur von Fisch, Kräutern und einer bestimmten Erdart) stark aufgetrieben
-war. Die tiefschwarzen Haare waren nicht gepflegt, struppig, reich mit
-Ungeziefer bevölkert und bei beiden Geschlechtern gleich lang bis auf
-die Schultern herabreichend; Bartwuchs fehlte bei den Männern ganz. Der
-Häuptling trug ein Seehundsfell auf dem Rücken und eins um die Hüften
-geschlungen, die andern Personen hatten gleichmäßig nur ein Fell auf dem
-Rücken und waren sonst ganz nackt, den kleinsten Kindern fehlte auch das
-Rückenfell.
-
-Gleich nach ihrer Ankunft begann das Tauschgeschäft. Für eine Cigarre,
-etwas Taback, ein Stück Brot oder eine Schachtel Zündhölzer wurde aus dem
-Boot eine aus Seehundsknochen gefertigte Lanzenspitze, ein ebensolcher
-Dolch oder ein Albatros-Schnabel hinaufgereicht. Geschenkt nehmen diese
-Leute, solange sie noch etwas zu geben haben, nichts, sondern reichen
-für jede Gabe, wenn sie auch als Geschenk bezeichnet wird, einen Ersatz
-hinauf und ruhen nicht eher, als bis ihnen der Gegenstand abgenommen ist.
-Nach Erschöpfung des Vorraths der Indianer richtete sich der Sinn unserer
-Offiziere auf die Seehundsfelle, und nun entwickelte sich eine höchst
-lächerliche Scene. Mit Ausnahme des Häuptlings, welcher seine Kleidung
-nicht hergab, haben die Männer ihre Kleidung bald gewechselt. Der Eine
-trägt an Stelle seines Fells zwei alte Civilröcke übereinandergezogen,
-ist unten aber nackt; der halbwüchsige Bursche hat eine Hose an und eine
-zweite als Mantille über die Schultern gehängt; der dreizehnjährige Junge
-prangt in einer alten blauen Cadettenjacke, unter welcher der braune
-Unterkörper sich komisch ausnimmt. Das Verlangen nach Seehundsfellen
-ist aber noch nicht gestillt, ein Offizier hat noch einen alten
-Unterlieutenants-Frack zur Hand und will für diesen ein Fell haben. Das
-europäische Schicklichkeitsgefühl verbietet ihm, eins der Frauenfelle
-zu begehren, wenngleich diese gerade das nicht bedecken, was bei uns
-als bedeckungswürdig angesehen wird, er zeigt daher auf ein mit noch
-einem Fell versehenes Kind. Der Alte, welcher unmöglich glauben kann,
-daß für den schönen Frack nur ein elendes Fell verlangt wird, nimmt den
-von der Mutter bereits weggestoßenen Jungen am Wickel, macht ihm mit
-einer Holzkohle einen schwarzen Strich quer über Backen und Nase und
-stellt ihn zum Tausch. Als nun der Offizier, um sich verständlicher zu
-machen, auf das Fell des jungen Frauenzimmers und dann wieder auf das
-des Jungen zeigt, glaubt der Alte, er wolle beide haben, packt sie daher
-auch am Genick, macht ihr auch einen schwarzen Strich über Backen und
-Nase und stellt sie für den Frack ebenfalls zur Verfügung. Während dieser
-Manipulation ist in den Gesichtern der Betheiligten keinerlei Erregung
-zu bemerken; so wie alle gleichzeitig zu dem Schiff hinaufschwatzten,
-plappert auch das junge Frauenzimmer, während der Alte sie zeichnet, ohne
-Unterbrechung weiter fort und scheint mit demselben Gleichmuth in den
-Besitz eines neuen Herrn übergehen zu wollen, mit dem sie vorher die ihr
-zugeworfenen Brosamen auffing, und kokettirt mit ihren schönen sanften
-Augen ohne wechselnden Ausdruck nach wie vor zu dem jungen Lieutenant
-hinauf. Endlich fangen die Wilden an zu verstehen, um was es sich handelt,
-und nun muß das Mädchen ihr Fell hergeben. Höchst lächerlich ist es
-zu sehen, wie nun auf einmal ein gewisses Schamgefühl bei der Person
-durchbricht. Da das Schamgefühl wol in dem Körpertheil sitzt, welcher
-gewöhnlich bedeckt getragen wird, wie es ja bei den türkischen Frauen
-z. B. im Gesicht liegen soll, so wird das Ding plötzlich unruhig, zieht
-sich mit verängstigtem Gesicht hinter die andern im Boot befindlichen
-Personen zurück und läßt sich erst dort ganz zusammengekauert das Fell von
-ihrem uns abgewandten Rücken abnehmen. Das Fell kommt nach oben, der Frack
-geht hinunter; nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt das Anziehen
-dieses fremden Kleidungsstücks endlich, und nun haben wir das seltene
-und prächtige Vergnügen, diese junge, nunmehr wieder vergnügte Schönheit
-der Wildniß mit nur einem offenen Unterlieutenants-Frack bekleidet vor
-uns stehen zu sehen. Die Erscheinung wird aber noch lächerlicher, als
-die Kinder die für sie höchst merkwürdigen Taschen in den Frackschößen
-entdecken; sie graben ihre Arme tief hinein, strecken beide Frackschöße
-nach oben und seitwärts hoch hinaus und die Person steht vor uns wie ein
-Pfau mit ausgespreiztem Rad.
-
-Alle Gegenstände, welche von dem Schiffe aus in das Boot gelangten, wurden
-mit Ausnahme der Kleidungsstücke, ohne lange betrachtet zu werden, gleich
-der am Steuer sitzenden Frau zugereicht, welche sie in Verwahrung nahm.
-Nur etwas Hartbrot und Zucker behielt die zweite ältere Frau für sich,
-um ab und zu daran zu naschen. Eine Handvoll Rosinen, welche ich in das
-Boot warf, wurde aufgesammelt, die Kinder naschten wol eine, den Rest aber
-gaben sie ab. Das junge Frauenzimmer biß eine Rosine an, gab die zweite
-Hälfte ab, griff in ihre Haare und verzehrte an Stelle der Rosine einen
-ihrer Kopfbewohner, welchen sie wie ein Affe vorher genau betrachtete und
-wol für essenswerther hielt. Ein als Geschenk hinuntergereichter kleiner
-Spiegel ließ jeden, der hineinsah, ein so urkomisch dummes Gesicht machen,
-daß man annehmen muß, daß Spiegel etwas bisher Unbekanntes waren. Die
-zwei jungen Männer mußten auf Deck antreten; es wurde ihnen ein Cognak
-vorgetrunken, worauf sie es nachmachen mußten. Der Cognak wurde getrunken
-und beide standen gleichmäßig wie Statuen vor uns mit offenen Mäulern,
-gehobenen Nasenflügeln und so sprechend lachenden Augen, daß wir uns
-Gewalt anthun mußten, um nicht jedem eine derbe Ohrfeige zu geben und sie
-damit aus ihrer Verzauberung zu reißen. Sie erhielten den zweiten Cognak
--- dieselbe Wirkung, den dritten Cognak -- der gleiche Erfolg; dann ließen
-wir es genug sein.
-
-Gleich zu Anfang während des Tauschgeschäfts kroch ein etwa 6 Jahre alter
-Junge an seine Mutter heran, nahm die eine Brust, saugte daran, warf
-sie aber zur Seite und nahm die zweite, welche ihm das Gesuchte zu geben
-schien. Die Mutter, deren Gedanken nur nach dem Schiffe gerichtet waren,
-schien diesen Vorgang gar nicht zu bemerken; ohne nur den Kopf zu drehen
-oder ihre erhobenen Arme zu senken, schrie sie in derselben Weise nach dem
-Schiff hinauf. Wir sehen doch unwillkürlich nach der Stelle hin, wo eine
-Fliege uns belästigt, geschweige denn wenn ein Kind uns unerwartet auf
-den Leib rückt, hier aber scheint fast jedes Gefühl am Körper zu fehlen.
-
-Als ich abends in meinem Boote noch etwas segelte und zu der Hütte unserer
-Indianerfamilie kam, sah ich die beiden jungen Männer auf einem Steine
-sitzend in das Wasser stieren, der eine immer noch mit seinen zwei Röcken,
-der andere mit seinen zwei Hosen; der dreizehnjährige Junge stolzirte
-in seiner Jacke auf einem im Wasser liegenden großen Stein umher, beide
-Hände in den Seitentaschen und damit die Jacke so knapp an den Rücken
-holend, daß die untere nackte Partie um so besser hervortrat. Das Mädchen
-stand am Ufer, aber wieder mit einem Fell auf dem Rücken; der Frack ziert
-jedenfalls schon den alten Häuptling, welcher sich in diesem Staatskleid
-in seinem Wigwam wol von seinen Frauen bewundern läßt.
-
-Als Curiosum führe ich noch an, daß auf der „Leipzig“ in der eigentlichen
-Magelhaens-Straße ein Besuch der Wilden den Matrosen Veranlassung gab, ein
-junges Frauenzimmer in eine große Bütte mit Wasser zu setzen und sie mit
-Bürsten und Seife gründlich zu waschen. Sie soll nach Schluß der Wäsche
-ordentlich hell gewesen sein und ganz appetitlich ausgesehen haben.
-
-Morgens 3½ Uhr setzen wir die Reise nördlich fort, mit der Absicht gegen
-Abend in dem 150 Seemeilen entfernten Gray-Hafen zu ankern. Der vor uns
-liegende Tag schließt den schwierigsten Theil der ganzen Fahrt durch die
-Straßen in sich, da gerade hier zusammengedrängt die engsten Stellen
-liegen und ein Theil der Straße noch dazu mit sehr vielen blinden wie
-sichtbaren Klippen übersäet ist. Auch führt der vor uns liegende Weg durch
-einen langen Kanal, welcher oft mit Treibeis, welches die Navigirung
-erschwert, angefüllt sein soll. Die Morgenluft sieht gut aus und wir
-dürfen wieder auf einen schönen Tag rechnen. Schon gegen 6 Uhr morgens
-stehen wir vor einer der hervorragendsten Engen und sind von einer
-Scenerie umgeben, welche lebhaft an die der schönen norwegischen Fjorde
-erinnert. Das Schiff befindet sich bereits in einem ziemlich engen Kanal;
-vor uns liegt eine Insel, welche sich in ihrer Grundform als regelmäßiger
-Kegel aus dem Wasser erhebt, deren kahles Gestein nach oben zu aber
-stufenförmig einfällt, sodaß der Berg den Namen Treppenberg erhalten hat.
-Dieser mächtige Felsblock scheint den Weg zu verschließen, denn er lehnt
-sich von unserm Standpunkt aus gesehen direct an die hinter ihm liegenden
-800-1000 m hohen Felswände an. Das Schiff macht einen Bogen nach rechts
-und läuft dann zurückdrehend um den Treppenberg in die sich links öffnende
-und immer mehr verengende Straße ein, erreicht nach Zurücklegung von etwa
-3 Seemeilen die engste Stelle und steuert dann nach Passirung derselben
-in ein weites Wasserbecken von etwa 20 Seemeilen Breite. Hiermit ändert
-sich auch ganz plötzlich der Charakter unserer Umgebung. Während wir
-vorher zwischen hohen dunkeln Felswänden, welche mit ihren Schatten die
-ganze Straße beherrschten, eingekeilt waren, befinden wir uns jetzt auf
-freiem, von der Sonne hell beschienenen Wasser. Die Berge sind in weite
-Ferne gerückt, das Land in unserer Nähe wird nur durch kleine niedrige,
-mit dichtem Wald bewachsene Inseln repräsentirt. Das Wasser, welches
-vorher keine Bewohner zu haben schien, ist auf einmal reich bevölkert,
-die ganze Flut lebt. Große Scharen von Möven, Tauchern und Enten der
-verschiedensten Gattungen schweben und fliegen kreuz und quer über das
-Wasser hin oder sonnen sich, ruhig auf demselben schwimmend, um nur dann
-aufzufliegen, wenn das Schiff nahe an sie herankommt. Große Heerden von
-Seehunden folgen, wie in unsern Meeren die Delphine, hoch aus dem Wasser
-herausspringend mit eleganten Sätzen dem Schiffe. Und trotz dieses Lebens
--- welche Grabesstille! Bei der herrschenden Windstille kann die Takelage
-ihren uns so wohlbekannten Gesang nicht anstimmen; die spiegelglatte
-Flut ist frei von dem Geräusch sich überstürzender Wellen, welches uns
-sonst fast immer begleitet; alle Thiere gehen, ohne einen Laut von sich
-zu geben, stumm ihrer Beschäftigung nach; alles ist stumm, denn auch vom
-Lande her lassen weder Vögel noch anderes Gethier ihre Stimme vernehmen.
-Diese sonntägliche Stille wird nur unterbrochen, wenn das Schiff in
-zu große Nähe von Dampfschiffs-Enten kommt, welche in diesem Falle mit
-geräuschvollem Geplätscher das Weite suchen.
-
-Dieser Vogel kommt meines Wissens nur in den Gewässern der
-Magelhaens-Straße vor; er gehört zu den Enten, ist klein, von sehr
-zierlichem Bau und hat einen reizenden Kopf. Die Thierchen nehmen auf dem
-Wasser dieselbe Stufe wie der Strauß auf dem Lande ein, d. h. sie können
-nicht fliegen, sondern sind nur vorzügliche Schwimmer und Taucher. Wie
-der Strauß beim schnellen Lauf seine kurzen Flügel mit benutzt, so thut
-diese Ente dasselbe beim schnellen Schwimmen; wie die Schaufelräder eines
-Schiffes schlagen die kleinen unentwickelten Flügel auf und in das Wasser.
-Es sieht höchst possirlich aus, wenn sich eine Heerde dieser zierlichen
-Thiere in schnelle Bewegung setzt. Die Köpfchen sind weit aus dem Wasser
-gestreckt, die Flügel schlagen immer abwechselnd so schnell und kräftig
-auf das Wasser, daß es hoch aufspritzt, von dem Arbeiten der Füße wird
-das Wasser hinten ebenso wie von einer Schiffsschraube aufgeworfen. Sowol
-aus diesem Grunde, wie auch wol wegen ihrer Schnelligkeit, hat man ihnen
-ihren Namen gegeben; trotzdem wir mit 10 Knoten Geschwindigkeit gingen,
-liefen uns diese kleinen plätschernden Dinger doch in ziemlich raschem
-Tempo vorbei.
-
-Hier will ich auch noch eines absonderlichen Vogels erwähnen, den wir
-am 17. Januar an einer Stelle in der Magelhaens-Straße in großen Scharen
-sahen. Es ist ein ganz kleiner Wasservogel von der Größe eines Sperlings
-oder vielleicht besser gesagt der eines Reisvogels, weil er auch dessen
-Farbe hat. Da man nicht gewohnt ist, so kleine Wasservögel zu sehen, so
-kamen diese Thiere uns vollständig märchenhaft vor. Wir hatten uns kurz
-vorher mit den riesigen Walfischen beschäftigt, hatten große Möven in
-der Nähe, waren von mächtigen Gebirgszügen umgeben und sahen uns inmitten
-dieser großartigen Natur, wo alles sich in großen Dimensionen hält, nun
-plötzlich bei dem Einlaufen in einen großen Kessel von diesem kleinen
-Volk umgeben, das wie die Heinzelmännchen in zauberartiger Schnelligkeit
-das ganze Wasserfeld bedeckte und an der nächsten Ecke ebenso plötzlich
-wieder verschwand. Höchst putzig sah es aus, wenn dieses winzige Gethier
-von dem Schiffe aufgescheucht sich scharenweise gleichzeitig erhob, in
-geschlossener Truppe einen großen Bogen abflog und dann plumps! wieder
-regungslos auf dem Wasser saß, geradeso wie eine Heerde frecher Sperlinge,
-welche von einem Kirschbaum aufgescheucht schnell und ohne weiteres
-Besinnen sich auf dem nächsten niederläßt.
-
-Als wir in das freiere Wasser einsteuern, steht vor uns fern am Horizont
-dickes Gewölk, welches wol zu der Sorge berechtigt, ob uns das gute Wetter
-erhalten bleibt. Bald wird in der verdächtigen Wolkenbank ein großes uns
-entgegensteuerndes Schiff entdeckt, was mir zu der übermüthigen Bemerkung
-Veranlassung gab, daß jetzt in Betreff des Wetters nichts mehr zu
-befürchten sei, da es ja genug sei, wenn =ein= Schiff den Regen zu tragen
-habe; denn ich konnte gar nicht daran glauben, daß das hier so seltene
-herrliche Wetter nun auf einmal ein Ende haben sollte. Merkwürdig genug,
-daß es wirklich so kommt. Um 7 Uhr morgens passiren wir unter trübem
-Himmel dicht aneinander vorbei, um 8 Uhr schwimmen wir bereits wieder
-unter wolkenlosem Himmel und erfreuen uns eines prächtigen, windstillen
-Tages, während die amerikanische Corvette, mit welcher wir die übliche
-Höflichkeitsform des Flaggenzeigens ausgetauscht hatten, in dickem Regen
-hinter uns verschwindet. Da sich zur selben Zeit in unserer Nähe noch
-ein kleines Segelschiff, welches wahrscheinlich auf Seehundsjagd ist,
-befindet, so feiern wir ein gewiß seltenes Zusammentreffen in einer
-Gegend, wo oft monatelang kein Schiff passirt. Gegen 10 Uhr vormittags,
-nach Zurücklegung von etwa 30 Seemeilen seit dem Verlassen der Enge, rückt
-das Land allmählich wieder zusammen, und bereits um 11 Uhr steuern wir in
-den Wide-Kanal ein. Es ist dies ein 25 Seemeilen langer und 2-2½ Seemeilen
-breiter Hohlweg, welcher durch fast senkrecht aus dem Wasser aufsteigende
-nackte Felswände von etwa 300 m Höhe gebildet wird. Wie die ganze
-Magelhaens-Straße mit ihren angrenzenden Kanälen reich an Ueberraschungen
-ist, so stand uns auch hier eine bevor.
-
-Mit dem Einlaufen in diesen Kanal kamen wir plötzlich in eine ganz andere
-Welt. Die Landschaft, durch welche während der letzten Tage unser Weg
-führte, hatte gewiß einen winterlichen Anstrich, die Temperatur war
-verhältnißmäßig niedrig, so niedrig, daß wir trotz Sonne und Windstille
-Winterkleider trugen; der empfangene Eindruck mahnte aber nicht an den
-Winter, wir waren vielmehr uns dessen wohl bewußt, daß wir in dem Sommer
-einer hohen Breite waren. Jetzt treten die schneebedeckten Gipfel zurück,
-wir sehen nur die Felswände des Hohlwegs, welche ebenso wie die unter
-Windstille liegende Flut von der vor und über uns im Mittag stehenden
-Sonne warm beschienen werden; die Temperatur ist höher als während der
-letzten Tage und hält sich auf 14° R.; wir befinden uns im Hochsommer
-auf einer Breite, welche Heidelberg entspricht, sind heute auch leichter
-bekleidet und trotzdem ist der Eindruck auf Auge und Gefühl eines jeden
-von uns der eines schönen, sonnigen Wintertages. Die Umgebung bietet
-nur wenig Abwechselung, und nur hin und wieder gestattet eine Schlucht
-einen Blick auf die ferner liegenden Schneeberge. Wie im Schiffe so
-herrscht überall sonntägliche Ruhe; einzelne hervortretende Punkte,
-welche das Schiff in seinem gleichmäßigen raschen Laufe passirt, werden
-zur Ortsbestimmung benutzt, die übrige Zeit gehört den Gedanken. Wo meine
-Gedanken weilen ist nicht schwer zu errathen: in der Heimat bei Weib und
-Kindern, welche nach ihrem Tageswerk jetzt wol beim Abendbrot sitzen.
-Meine Augen ruhen ohne zu sehen und ohne sehen zu wollen auf dem vor uns
-liegenden Bilde, das in seiner melancholischen Eintönigkeit den Menschen
-abstößt und ihn auf seine Gedanken allein verweist. Ein schnurgerader
-Hohlweg von solcher Länge, daß der Wasserhorizont noch vor den in weiter
-Ferne für das Auge zusammenstoßenden Seitenwänden liegt, unter uns ein
-schmaler Streifen blau-grauen spiegelglatten Wassers, zu beiden Seiten
-nackte und düster gefärbte Felswände von gleicher Höhe, über uns ein
-schmaler Streifen des wolkenlosen Himmels und in diesem die heißstrahlende
-Sonne. Auf solcher Scenerie kann das Auge wol ruhen ohne zu sehen, und
-doch ist plötzlich der Blick gefesselt, meine Gedanken kehren zum Schiffe
-zurück. An der Wassergrenze vor uns tauchen weiße Flecken auf, welche in
-grellem Contrast zu der hinter dem Horizont liegenden dunkeln Felsenwand
-stehen; wir sind in dem Kanal, welcher häufig Treibeis haben soll, und die
-neue Erscheinung kann nur Eis sein. Mit unserm Vorschreiten verwandeln
-sich denn auch die Flecken in Eisschollen, und bald läuft das Schiff
-in ein großes Eisfeld hinein, wirft die kleinen Schollen zur Seite,
-geht den großen aber vorsichtig aus dem Wege. Der ganze Kanal ist hier
-mit Treibeis der verschiedensten Formation bedeckt; einige Stücke sind
-krystallklar, andere milchig; die große Mehrzahl allerdings hat die schöne
-hellgrün-blaue Farbe der Gletscher. Einzelne dieser in phantastische
-Formen zusammengeballten Eisschollen sind kleine Eisberge von 6-10 m Dicke
-und wahre Prachtstücke in Bezug auf Formen und Schönheit ihrer Farben; ja
-sie suchen mit dem Glanz eines Edelsteins zu wetteifern, sobald sie von
-den Strahlen der Sonne getroffen werden.
-
-Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das uns umgebende Eis sich von
-einem in der Nähe befindlichen Gletscher losgelöst hat; wir finden diesen
-auch bald in einer großen Bucht, welche er von den Bergen herunterkommend
-ganz mit Eis angefüllt und dieses in einer gewiß 5 m dicken Lage bis an
-den Hauptkanal vorgeschoben hat. Da wir nach Passirung dieses Gletschers
-kein Eis mehr im Wasser finden, so muß er naturgemäß auch die Quelle der
-treibenden Eisfelder gewesen sein.
-
-Um 2½ Uhr nachmittags läuft das Schiff rechts in den Eiskanal ein und um
-3½ Uhr mit einer scharfen Wendung nach links in den von hohen Felsen eng
-eingeschlossenen Grappler-Kanal. In den Eiskanal mündet ein 40 Seemeilen
-langer Sund, welcher, von ausgedehnten Gletschern umgeben, jedenfalls
-infolge der dort lagernden kolossalen Eismassen die Ursache ist, daß in
-dem Eiskanal eine von dem Sund herkommende regelmäßige kalte Luftströmung
-beobachtet wird, wegen welcher er seinen Namen erhalten hat. Als wir in
-den Eiskanal einsteuern, kommt uns ein leichter kalter Wind entgegen, die
-Temperatur fällt um 1,2° und steigt sofort wieder um 1,5°, sobald wir von
-hier in den Grappler-Kanal einlaufen.
-
-Kurz nach 5 Uhr dampft die „Ariadne“ in eine Straße ein, die so voll
-sichtbarer und blinder Klippen ist, daß die größte Vorsicht nothwendig
-wird; die Fahrt des Schiffes wird daher sehr vermindert, um ein
-eventuelles Auflaufen auf eine Klippe nach Möglichkeit unschädlich zu
-machen. Hier im Indian-Kanal strandete auch vor Jahresfrist ein deutscher
-Dampfer.
-
-Endlich finden wir auch Gelegenheit, den Seehund dieser Gewässer, welcher
-wegen seiner Größe gewöhnlich wol Seelöwe oder richtiger Seebär genannt
-wird, aus nächster Nähe in seiner Freiheit zu beobachten. Zwischen
-den vielen über Wasser liegenden Klippen, an welchen wir jetzt dicht
-vorbeidampfen, hausen ganze Heerden dieser Thiere, zeigen keinerlei
-Scheu vor dem Schiffe und lassen sich durch dasselbe nicht in ihrer
-Beschäftigung stören. Etwa 200 Schritt von uns entfernt wälzt sich im
-wahren Sinne des Wortes eine große Heerde in dem flachen Wasser, welches
-die Klippen umgibt, während ein kleineres Rudel, neugierig nach dem
-Schiffe hinsehend, unbeholfen auf den Klippen herumkriecht und kleine
-Trupps sich in tiefem Wasser und auch dicht beim Schiffe herumtummeln.
-Die in dem flachen Wasser spielenden Thiere bilden einen großen Knäuel
-von Köpfen und Schwänzen, da sie wegen der zu geringen Wassertiefe immer
-mit einem Theil ihres Körpers aus dem Wasser hervorschnellen müssen;
-die in dem tiefen Wasser befindlichen Thiere wetteifern, wie schon
-früher beschrieben, mit der Kunstfertigkeit der Tümmler; mit gekrümmten
-Rücken springen sie hoch aus dem Wasser hinaus und in elegantem Bogen
-wieder hinein. Waren wir vorher über die Identität dieser Thiere noch
-im Zweifel, trotzdem wir den Seehundskopf mit dem Fernrohr deutlich
-erkannt hatten, so mußten jetzt alle Zweifel schwinden; diese gelenkigen
-und eleganten Wasserbewohner sind dieselben Seehunde, welche auf den
-Klippen so grenzenlos plump und ungeschickt sind. Hier will ich noch
-anführen, daß der Seehund der Magelhaens-Straße, welcher den unsrigen so
-sehr an Körpergröße übertrifft, sich von diesem noch dadurch wesentlich
-unterscheidet, daß er ebenso neugierig wie dieser scheu ist. Auf
-diese stark ausgebildete Neugierde haben auch die Robbenschläger ihr
-eigenthümliches Jagdsystem gegründet. Sie betreiben die Jagd nur in
-kleinen Fahrzeugen, mit welchen sie dicht an und zwischen die Klippen
-kommen können. Werden sie nun einer Seehundsheerde ansichtig, dann steuern
-sie direct auf dieselbe los und machen dabei mit Pauken und Gongs so
-starken Lärm als sie überhaupt hervorbringen können, während ein Theil
-der Besatzung mit Repetirgewehren zum Schuß bereit steht. Der Seehund
-läßt sich merkwürdigerweise von dem ankommenden lärmenden Fahrzeuge
-nicht verjagen, sondern die ganze Heerde sammelt sich auf den Klippen,
-um das kuriose Ding, was da ankommt, anzuschauen, und gibt den Jägern so
-Gelegenheit, aus nächster Nähe so viele von ihnen niederzuschießen, als
-Patronen in den Gewehren vorhanden sind.
-
-Um 7 Uhr abends langt das Schiff vor dem schwierigsten Theil unserer
-ganzen Kanalfahrt an. Wir stehen dicht vor der berüchtigten Enge ('English
-narrows'), welche allein viele Schiffe abhält diese Kanäle zu benutzen
-und in jedem Neuling ein wahres Grauen hervorbringen muß, da alle
-Bücher Vorsicht über Vorsicht empfehlen und mündliche Nachrichten mit
-Achselzucken begleitet werden, als ob der Berichterstatter sagen wolle:
-„Versuchen Sie es, es geht, ich übernehme aber keine Verantwortung.“
-Mit einem chilenischen Corvetten-Kapitän und dem deutschen Kapitän eines
-chilenischen Dampfers, welch letzterer erst vor wenigen Tagen dort mitten
-zwischen Klippen gelegen hatte und es nur einem glücklichen Zufall
-zuschrieb, daß er ohne Schaden wieder freikam, hatte ich gesprochen.
-Beide führten nur kleine Schiffe und hielten die Passage schon für
-sehr bedenklich. Neuerdings ist sie auch den Postdampfern von ihren
-betreffenden Gesellschaften verboten worden, und doch kann es nicht so
-schlimm sein, da sie von englischen, französischen und amerikanischen
-Kriegsschiffen jeder Größe schon benutzt worden ist und noch benutzt wird.
-
-Hier tritt nun einer jener Momente ein, welche im Seeleben häufiger
-vorkommen, als man vielleicht gemeinhin annimmt. Ein Moment, in welchem
-der Commandant eines Kriegsschiffes etwas wagen muß, was ihn in Conflict
-mit dem Strafgesetz bringt, sobald das unternommene Manöver unglücklich
-ausfällt. Die mit der Stellung verknüpften Pflichten sind aber höhere
-und verlangen die Uebernahme einer Verantwortung, welche man ablehnen
-könnte. Denn wie sollen die Offiziere die wirkliche Leistungsfähigkeit
-des Schiffes kennen lernen, wenn sie nicht Proben von derselben gesehen?
-Wie soll die Mannschaft das für den Moment der wirklichen Gefahr durchaus
-nothwendige Vertrauen zu ihrem Commandanten und ihren Offizieren erhalten,
-wenn sie nicht vorher schon gesehen hat, daß ihre Befehlshaber auch in
-schwierigen Lagen ihrer Aufgabe gewachsen sind?
-
-Vor uns liegen durch eine kleine Insel getrennt zwei Passagen, die linke
-nahezu 300 m breit und frei von Untiefen, die rechte nur 70 m breit und
-durch eine unter Wasser liegende Sandbank so eng gemacht; mithin doppelt
-gefährlich, weil man den Feind nicht sehen kann. Auch liegen jenseit der
-engern rechten Passage Klippen in so geringer Entfernung, daß das Schiff
-gleich hinter der Passage fast auf der Stelle drehen muß, während die
-linke Seite einen bequemen Bogen gestattet. So sollte man meinen, daß
-zweifellos die linke Passage zu wählen ist, und doch neigt sich aus den
-vorher angegebenen die Wagschale nach der rechten Seite.
-
-Mir ist höchst unbehaglich zu Muthe, denn es ist ein eigen Ding mit der
-Verantwortung über ein Kriegsschiff. Mein Herz pulsirt schneller -- jetzt
-muß es kommen. Mit einem kleinen Bogen sind wir plötzlich vor einem aus
-vielen kleinen Inseln bestehenden Inselgewirre, welche sich an hohe,
-die Natur hier abschließende Bergketten anlehnt. Die Sonne steht schon
-so tief, daß sie die Schatten der Berge auf die Fluten wirft, wodurch
-alles vor uns Liegende, die Inseln, der auf den Klippen wachsende Seetang
-und das Wasser, eine übereinstimmende dunkelgrüne Farbe erhält: eine
-Beleuchtung, welche jede Distanzschätzung außerordentlich erschwert.
-Das Schiff dringt ganz langsam vorwärts; alles was gehen kann, ist auf
-Deck und lugt über die Brustwehr, um die Fahrt durch dieses Labyrinth
-mitanzusehen; die Offiziere schauen mehr nach der Commandobrücke als
-nach der Umgebung; ich blicke nach der noch 1½ Seemeilen entfernten
-kleinen Insel aus, welche als Wegweiser dient, und suche sie weit ab.
-Die Beleuchtung mahnt zur Vorsicht, die Insel ist in der Ferne nicht zu
-sehen, der scheinbar vor uns liegende kleine Humpel kann sie nur sein.
-Hier heißt es schnell und entschieden handeln; die kleinste Verzögerung
-kann die bedenklichsten Folgen haben. Der Mann, welcher eine Secunde
-vorher mit gebeugtem Kopfe unruhig und sorgenvoll auf der Commandobrücke
-hin- und hertrippelte, ängstlich nach der Karte schaute und dann wieder
-das umliegende Land studierte, fühlt jetzt seinen Herzschlag nicht mehr,
-die Beklemmungen sind geschwunden, er steht mit gehobenem Kopfe, gibt
-ein kurzes Commando nach dem Ruder, ein Avertissement nach der Maschine
-und ruft sorglos lachend den Offizieren zu: „Meine Herren, passen Sie
-auf, wie das Schiff sich durchzwängen wird!“ Das Ruder wird gedreht,
-der Bug wendet sich nach rechts, nach dem Fahrwasser, wo die Besatzung
-sehen kann, was ein gutes Schiff zu leisten vermag. Wir laufen so dicht
-an der kleinen Insel vorbei, daß die Raaen über dem Lande hängen; die
-Schiffsseite ist nur 3-4 m von der steinigen Küste entfernt, die Zweige
-der überhängenden Bäume können fast von dem Schiffe aus erreicht werden.
-Die Insel ist nur klein, viel Zeit zum Nachdenken ist nicht gegeben; noch
-während das Schiff an der Insel liegt, muß das Ruder schon gedreht werden,
-um sobald das Hinterschiff frei von der Küste ist, seine volle Kraft zur
-Geltung bringen zu können. Alles geht schnell und concentrirt sich auf
-Augenblicke; die Maschine erhält den Befehl, mit voller Kraft zu gehen,
-noch ehe das Schiff frei ist, hier müssen aber die Secunden, welche bis
-zur Ausführung des Befehls verstreichen, mit in Berechnung gezogen werden.
-Die Maschine schlägt mit voller Kraft an, das Schiff dreht sich wie ein
-Kreisel, das Ruder wird zurückgelegt und das Schiff schießt an den Klippen
-vorbei, um nach wenigen Minuten einen gleich scharfen Bogen zurückzumachen
-und dann in freiem Fahrwasser nach dem naheliegenden Hafen zu dampfen.
-Freies Fahrwasser? Unter gewöhnlichen Umständen würde man hier stets
-einen Lootsen nehmen, wenn man einen bekommen könnte, und würde nur mit
-langsamer Fahrt gehen. Nach dem, was heute hinter uns liegt, ist jedoch
-das vor uns liegende Fahrwasser so frei, daß es mit Volldampf nach dem
-Gray-Hafen geht, wo um 8½ Uhr abends unter einer dicht bewaldeten 6-700 m
-hohen Felsenwand geankert wird.
-
-Es ist ein wahrhaft poetischer Abend. Vor uns liegt die mit dichtem Urwald
-bestandene hohe Felsenwand, welche das Himmelsgewölbe zu berühren scheint,
-sie sendet uns lange nicht mehr genossenen Blumenduft entgegen. Eulen
-lassen ihr geisterhaftes Geschrei vernehmen; mehrere über Felsen steil
-herabfallende Bergbäche ergießen sich mit einschläferndem Gemurmel in
-den Hafen, welcher, trotz der noch hellen Dämmerung, von der sich in den
-Fluten spiegelnden Felsenwand schon in dunkle Schatten gelegt ist. Zur
-Rechten öffnen sich die Berge und gestatten einen Blick auf einen weit
-abliegenden schneebedeckten hohen Vulkan, dessen Gipfelgestalt deutlich
-einen Krater erkennen läßt und dessen Schneedecke, wol durch übergestreute
-Asche, grau gefärbt ist. Hinter uns wird der Hafen durch eine niedrige
-dicht bewaldete Landzunge abgeschlossen, und über diese hinweg blickt
-das Auge auf einen von hohen Bergen eingeschlossenen, in tiefem Schlaf
-liegenden Alpensee, in welchem mit Genugthuung die Stelle erkannt wird,
-welche vor einer Stunde mit so banger Sorge passirt werden sollte und mit
-so frohem Gleichmuth passirt worden ist. Köstlicher Friede lagert über
-diesem anziehenden, in großartiger Ruhe daliegenden Bilde. Wir wissen, daß
-wir Hunderte von Meilen von menschlichen Ansiedelungen entfernt sind, daß
-wir, ebenso wie während der letzten Tage, uns in vollkommenster Einsamkeit
-befinden, und doch ist es hier anders -- die Natur lebt, Blumenduft,
-Vogelstimmen und plätschernde Waldbäche athmen ein Leben aus, welches
-dem Menschen das Gefühl des vollständigen Verlassenseins benimmt und
-der Umgebung einen Zauberreiz verleiht, welcher sich wol empfinden aber
-nicht beschreiben läßt. Dieser kleine Hafen, welcher mit seinen Reizen
-zum Bleiben einladet, soll der letzte Halteplatz in diesen Straßen sein
-und ich habe für denselben einen Aufenthalt von drei Tagen in Aussicht
-genommen. Das noch vor uns liegende Fahrwasser bis zur freien See ist
-einfach und klar, alle schwierigen Stellen liegen hinter uns, die Distanz
-bis zum Ocean ist so gering, daß ein überfrühes Aufstehen nicht mehr
-nöthig wird; so kann ich also mit dem Bewußtsein zu Bett gehen, daß die
-Strapazen ihr Ende erreicht haben und einige Tage wohlthätiger Ruhe vor
-mir liegen.
-
-Schon früh am Tage am 21. geht ein Theil der Mannschaft zum Holzfällen
-an Land. Ich beabsichtigte nach dem Frühstück auf den nächstgelegenen
-höchsten Berggipfel zu steigen, um von dort einen freiern Ueberblick
-über dieses noch so wenig erforschte, eigenthümlich wilde Land zu
-erhalten. Eine nähere Untersuchung ließ indeß alle Hoffnung schwinden.
-Die Bergwände sind so steil, daß sie nur mit Lebensgefahr und dann
-auch erst nach mehrtägiger Anstrengung zu erklimmen sind; daneben sind
-sie mit so dichtem Urwald, Gestrüpp und Schlingpflanzen bedeckt, daß
-ein Versuch, ohne Gebrauch der Axt nur wenige Schritte vorzudringen,
-als unausführbar aufgegeben werden muß. Ich entschließe mich daher,
-einen andern in Aussicht genommenen kleinen Ausflug zur Ausführung zu
-bringen. Einige Offiziere schließen sich an und bald sind wir in zwei
-Booten unterwegs. Von dem Hafen aus gelangen wir in einen Süßwassersee
-von einer Seemeile Ausdehnung, welcher sein Wasser von einem kleinen
-Fluß erhält, der wiederum von einem großen Wasserfall gespeist wird,
-welcher das Schneewasser von den Bergen in das Thal führt. Der See ist
-in Uebereinstimmung mit dem Charakter des ganzen Landes mit kleinen
-bewaldeten Inseln angefüllt, zwischen welchen einige Taucher hin-
-und herfliegen. Bald gelangen wir in den kleinen Fluß, wo auf den mit
-saftigem Laub bedeckten Ufern sich über hochrothen Blumen Schmetterlinge
-wiegen, ein vereinzelter Kolibri umherschwirrt und aus dem Gebüsch einige
-Papagaien ihre heisere Stimme vernehmen lassen. Auch finden sich hier
-die gemeine Pferdefliege sowie eine kleine schwarze Stechfliege ein und
-lechzen nach unserm Blute. Nach einer weitern Viertelstunde langen wir
-an dem schönen, zwischen Felsen aus dichtem Baumgewirre sich ergießenden
-Wasserfalle und damit an dem Ende unserer Fahrt an, da der Urwald ein
-weiteres Vordringen unmöglich macht. Eine leere Sardinenbüchse und
-ebensolche Mixed-Pickles-Flasche sind die einzigen menschlichen Spuren in
-dieser Wildniß.
-
-Unsere Rückkehr bringt mir eine sehr unangenehme Ueberraschung. Einer
-der beim Holzfällen beschäftigten Leute hatte seine brennende Pfeife
-ausgeklopft und damit einen Waldbrand angefacht, welchen wir nicht
-mehr löschen konnten, diese Arbeit daher dem nächsten mitleidigen Regen
-überlassen mußten. Das Moos und Gestrüpp, sowie die aus früherer Zeit
-vom Holzfällen zurückgelassenen Astreste sind von einer solchen Dürre,
-daß, nachdem der brennende Taback das Moos erst entzündet hatte, ein
-Löschen schon nicht mehr möglich war. Das Feuer war zwar an der ersten
-Stelle gleich gelöscht worden, hatte sich aber in der 1-2 m dicken dürren
-Moosschicht so schnell fortgepflanzt, daß es gleichzeitig an zehn andern
-Stellen hervorbrach. Jetzt, eine halbe Stunde nach der ersten Entzündung,
-stand bei unserer Rückkehr zum Schiffe schon die ganze Landzunge in
-hellen Flammen. Die noch am Lande befindlichen Leute wurden sogleich
-zurückbeordert; eine kurze Ueberlegung sagt mir, daß das Schiff hier nicht
-bleiben darf. Springt der Wind um, was jeden Augenblick geschehen kann,
-dann wird der Aufenthalt hier wegen des Rauches nicht nur unleidlich,
-sondern bei der geringen Entfernung des Ankerplatzes von dem Herd des
-Feuers kann auch die größte Gefahr für das Schiff entstehen. Ich lasse
-daher Dampf machen, um nach dem nächsten nur drei Seemeilen entfernten
-Hafen zu gehen. Was ist aus der gestern erträumten dreitägigen Ruhe
-geworden?
-
-Die Dampfpinasse wird mit einem andern Boot im Schlepptau vorausgeschickt,
-läuft zwar an dem ihr bezeichneten Eingange vorbei, hört die Signalschüsse
-nicht mehr und verschwindet um die nächste Ecke, sie wird aber
-zurückkehren, wenn sie das Schiff nicht folgen sieht, da dem Führer die
-erhaltenen Ordres ja bald sagen müssen, daß er zu weit gegangen ist. Um 4
-Uhr nachmittags wird in dem nächsten, „Halt-Bay“ genannten Hafen geankert
-und dort gleich wieder mit Holzfällen und Wassereinnehmen begonnen. Dieser
-Hafen ist auch wieder eine köstliche kleine Idylle, das Ausbleiben der
-Dampfpinasse macht mir aber so viel Sorge, daß die Naturschönheiten jetzt
-ohne Reiz für mich sind. Das Holz ist gut, das Trinkwasser vorzüglich,
-ein Fischzug ergibt 146 Stück großer fetter Makrelen. Die Nacht bricht
-herein, der Himmel über dem Gray-Hafen ist von dem mächtigen Waldbrande
-blutroth gefärbt, und die Sorge um die verirrten Boote raubt mir den
-Schlaf. Das Schiff ist so mit Signallaternen behängt, daß es von außerhalb
-des Hafens gesehen werden muß, zum Ueberfluß lassen wir noch in gewissen
-Zwischenräumen eine Rakete steigen.
-
-Beim ersten Tagesgrauen wird mir die Meldung gemacht, daß die Boote nicht
-zurückgekehrt seien; ich muß also mit dem Schiffe sie suchen gehen, da
-sie ohne Waffen und ohne Proviant zweifellos in Gefahr sind. Ich bin
-in sehr großer Sorge. Es ist zu häufig schon vorgekommen, daß in diesen
-Gegenden einzelne Boote von Indianern angegriffen, die Insassen ermordet
-und die Boote dann, um alle Spuren zu verwischen, vollständig vernichtet
-wurden; dies konnte also auch unsern Booten passiren. Um 4 Uhr morgens
-verläßt das Schiff den Hafen wieder und befindet sich in einer Stunde
-vor der nächsten tiefen Bucht, von welcher keine Karten existiren, in
-die ich daher ohne großen Zeitverlust und mögliche Gefahr für das Schiff
-auch nicht einlaufen kann. Der erste Offizier erhält daher den Auftrag,
-mit zwei bewaffneten Booten die Bucht abzusuchen, und das Schiff geht,
-nachdem Zeit und Ort der Wiedervereinigung angeordnet ist, weiter, um
-an der nächstgelegenen Küste nach den Verirrten zu suchen. Ich bin in
-wirklich ernster Sorge; sechs Menschen und zwei Boote auf solche Weise zu
-verlieren ist wahrlich keine Kleinigkeit. Das Schiff läuft kreuz und quer,
-alle Ferngläser sind in Thätigkeit, die obersten Sitze auf den Masten
-sind mit zuverlässigen und wegen ihrer scharfen Augen bekannten Männern
-besetzt, halbstündlich wird ein Signalschuß abgefeuert; doch alles ist
-vergebens, um 10 Uhr sind wir wieder ohne Resultat vor der erstgenannten
-Bucht, aus welcher auch bald die dahin entsandten Boote zurückkehren, ohne
-eine Spur von den Vermißten gefunden zu haben. Es waren zwar Fußspuren
-und verlassene Hütten von Indianern gefunden, die Fußspuren auch in das
-Innere verfolgt worden, doch wurden keinerlei Anzeichen gefunden, welche
-auf unsere Boote oder auf einen stattgehabten Kampf hätten deuten können.
-So blieb denn kein Zweifel, daß unsere verlorenen Boote hier und in
-dem Umkreis von 10 Seemeilen, welche das Schiff durchsucht hatte, nicht
-waren. Nun kam eine neue Sorge, nämlich die, daß, wenn die Boote weiter
-gegangen waren, sie leicht in ein 25 Seemeilen von Halt-Bay entferntes
-Labyrinth von unerforschten Kanälen eingelaufen sein konnten, weil von
-unserm Standort aus die Küste bis dahin keine Buchten mehr aufwies, die
-Boote also nur dort einen Liegeplatz finden konnten. Waren sie wirklich
-bis dahin gekommen und in jene unbekannten Straßen eingelaufen, dann waren
-sie meiner Ansicht nach verloren und mir blieb dann nur die Alternative,
-entweder mit großer Vergeudung von Zeit ein hoffnungsloses Suchen
-fortzusetzen, oder aber Menschen und Boote im Stich und ihrem Schicksal
-zu überlassen, weil ihnen meiner Ueberzeugung nach keine Rettung mehr
-zu bringen war. Nur eine Hoffnung war übrig. Der in der Dampfpinasse
-gewesene Kohlenvorrath konnte nach der Berechnung und unter Zugrundelegung
-der günstigsten Stromverhältnisse nur bis zum Eingang jenes Labyrinths
-gereicht haben, Holzfeuerung ist für diese Art Dampfkessel nicht
-geeignet; hat also nicht etwa ein tückischer Zufall die Geschwindigkeit
-der Boote beschleunigt, dann müssen sie noch vor der gefürchteten Stelle
-bewegungslos geworden sein und in irgendeinem kleinen Winkel an der Küste
-liegen.
-
-Zu meiner Stimmung, welche ich wol nicht näher zu schildern brauche,
-paßt auch das Wetter. Im Laufe des Vormittags hat sich die ortsübliche
-Witterung eingestellt, es weht ein Sturm. Die ganze Straße ist in
-Wasserdampf eingehüllt; die vor dem Sturm hinjagenden Wolken legen sich
-schwer bis aufs Wasser und hüllen alles in dichten Nebel. Der Wind fegt
-die Straße allerdings so oft auf Augenblicke rein, daß man mit dem Schiffe
-sicher vorwärts gehen kann, immerhin ist solches Wetter aber schlecht
-geeignet, um weite Strecken, in welche das Schiff nicht eindringen kann,
-durch Boote absuchen zu lassen. Endlich um 12 Uhr mittags bin ich an der
-Stelle angelangt, wo es sich entscheiden soll, ob die verlorenen Boote
-gefunden oder aufgegeben werden. Die beiden Kutter werden fertig gemacht,
-mit Proviant und Waffen versehen und sollen eben von dem Schiffe absetzen,
-als aus der Takelage ein Boot unter Land in Sicht gemeldet wird und zwar
-in der Richtung zum Eingang in die unerforschten Kanäle. Das Schiff dampft
-gleich, soweit die Sicherheit dies erlaubt, näher heran und bald wird in
-dem Boot unsere Jolle recognoscirt, welche mit aller Anstrengung aber ohne
-Erfolg gegen Wind, Wellen und Strom anrudert. Hier waren also richtig die
-Boote festgelegt! Es ist keine Möglichkeit, daß die Jolle auf diese Weise
-zum Schiff herankommen kann; die Manöver des Schiffes, um das Boot zum
-Abhalten zu bewegen, werden auch nicht verstanden; so muß denn ein Kutter
-unter Segel hin, um das Boot zu holen und mit ihm, der empfangenen Weisung
-gemäß, mit dem Wind und dem Strom hinter eine Insel in ruhiges Wasser zu
-laufen, wo das Schiff sie aufnehmen wird.
-
-Ich enthalte mich einer nähern Beschreibung der Mühen mit welchen die
-Herbeischaffung der Boote bei dem schlechten Wetter verknüpft war; der
-Umstand, daß die Jolle erst um 3 Uhr und die Dampfpinasse erst abends um 6
-Uhr im Schlepptau eines Kutters zum Schiff zurückkehrte, sagt wol genug.
-Boote und Leute habe ich also gottlob! unversehrt wieder, nach dem in
-Aussicht genommenen Hafen kann ich aber wegen der vorgerückten Tageszeit
-nicht mehr kommen. Vielleicht ist es möglich, vor vollständiger Dunkelheit
-noch einen näher gelegenen Ankerplatz (Connor-Cove) zu erreichen. Also
-vorwärts mit dem Schiffe!
-
-Bei Dämmerung wird noch die Stelle festgestellt, wo der Eingang zu dem
-kleinen Hafen liegen muß, und mit Volldampf geht es darauf los. In dunkler
-Nacht stehen wir vor einer hohen Wand, weder ein Eingang ist zu sehen,
-noch die am Eingang liegende, noch die in dem Hafen liegende kleine
-Insel. Soll ich umdrehen? Eine im Fahrwasser verborgene blinde Klippe
-macht den Aufenthalt dort bei Nacht gefährlich; noch ein Blick auf die
-dunkle Wand läßt eine leichte Senkung in den obern Contouren erkennen,
-darunter wird der Eingang wol liegen. Der Navigationsoffizier sitzt auf
-dem Bugspriet, um zu melden, wenn dieses die vor uns liegende Felsenwand
-berühren will. Das Schiff geht langsam vorwärts, immer dunkler wird
-es, das Vordertheil des Schiffes scheint sich schon in die Felsenwand
-einzubohren, zu beiden Seiten haben wir schon feste schwarze Massen: da
-meldet der Navigationsoffizier die kleine Insel am Eingang dicht voraus.
-Ich schaue mich um und sehe hinter uns in der Dunkelheit einen dunkler
-schattirten kleinen Fleck, welcher die Insel am Eingang, mithin die vorn
-gemeldete die im Hafen liegende sein muß. Ein Rundblick sagt mir, daß
-die Dunkelheit rund um uns her gleich tief ist, daß wir also nach allen
-Seiten hin annähernd gleich weit vom Lande abliegen -- Fallen Anker!
-Der Navigationsoffizier mißt noch in einem Boote mit einer Leine die
-Entfernung nach vorn, hinten und beiden Seiten aus und bestätigt, daß
-das Schiff ohne Gefahr so liegen bleiben kann, da es sich ziemlich in der
-Mitte des Hafens befindet. -- Die Seefahrt in der Magelhaens-Straße hat
-doch ihre ganz eigene Seite!
-
-
- Stiller Ocean, 24. Januar.
-
-Gestern morgens 5 Uhr verließen wir Connor-Cove wieder und ankerten nach
-drei Stunden im Inselhafen, um dort noch etwas Holz zu fällen und unsern
-Wasservorrath zu ergänzen. Heute nachmittags 3 Uhr war das Schiff nach
-Beendigung der Arbeiten wieder seeklar, verließ den letzten Hafen in der
-Magelhaens-Straße und steuerte abends 6 Uhr in den Stillen Ocean ein. Die
-große Wasserfläche vor mir berührt mich fremdartig, es ist mir als gewänne
-ich nach langer Einschließung die Freiheit wieder. Vor uns und zu beiden
-Seiten freies Wasser, keine Aufregung, keine besondere Anstrengung mehr,
-und hinter uns verschwindet in der hereinbrechenden Nacht allmählich das
-mächtige Felsenthor, aus welchem wir vor wenig Stunden wieder in das freie
-Leben eintraten.
-
-Ein steifer Südwind treibt uns unter Segel mit 12 Seemeilen
-Geschwindigkeit in der Stunde unserm nächsten Ziele entgegen; aber weder
-diese schöne Fahrt, noch die auf ihren riesigen Schwingen hinter uns
-herschwebenden Albatrosse haben mich an den Schreibtisch geführt, sondern
-ein eigenthümlicher Wahn, welchem ich Ausdruck geben muß. Die Fahrt
-durch die Magelhaens-Straße hat die fixe Idee in mir hinterlassen, daß
-wir uns nunmehr schon auf dem Heimwege befinden. Die acht Tage, welche
-ich in jenen Straßen zubrachte, fassen eine solche Fülle von Anstrengung
-und Aufregung in sich, haben den für Erinnerung bestimmten Theil des
-Gehirns mit so viel großartigen Naturschönheiten und interessanten
-kleinen Zufällen angefüllt, daß es sorgsam vertheilt für ein ganzes Jahr
-ausreichen würde. So nahe die Zeit noch liegt, so fern ist sie mir schon
-gerückt; sie erscheint mir wie ein langes Ringen, nach welchem die Ruhe
-folgen muß. Ich habe 11000 Seemeilen oder nahezu 3000 deutsche Meilen
-jetzt schon zurückgelegt, der Weg durch den Stillen Ocean über Australien,
-Indien, Suezkanal, durch das Mittelmeer, weist nur noch 18000 Seemeilen
-auf, auf meiner eigentlichen Station werde ich höchstens sechs Monate
-sein: so macht das vor mir Liegende auch fast nur den Eindruck einer
-ununterbrochenen Reise nach der Heimat zu.
-
-
-
-
-2.
-
-Von Valparaiso nach Panama und Nicaragua.
-
-
- Stiller Ocean, 9. Februar 1878.
-
-Seit heute Mittag liegt auch Valparaiso hinter uns und damit eine
-ununterbrochene Kette von Festlichkeiten und Vergnügungen, welche uns
-dort während unsers neuntägigen Aufenthalts geboten wurden. Am letzten
-Januar hatten wir vormittags im Hafen geankert. Schon mit Tagesanbruch
-war das hohe, die Bai von Valparaiso umrahmende Bergland zu sehen,
-welches allerdings im Vergleiche zu den im Hintergrunde liegenden Anden
-so ziemlich verschwindet, obgleich wir diese nicht einmal in ihrer ganzen
-Größe und Majestät zu Gesicht bekommen haben, da sowol auf dem 7000 m
-hohen Aconcagua wie den übrigen Bergriesen während der ganzen Dauer unsers
-Aufenthalts Wolken lagen, welche die Kuppen und Gipfel dieses mächtigen
-Gebirgszugs unsern Augen entzogen.
-
-Valparaiso bedeutet bekanntlich „das paradiesische Thal“, eine Benennung,
-welche schwer zu verstehen ist, da die Stadt weder in einem Thale liegt,
-noch der kahle Bergrücken, auf welchem sie erbaut ist, den Vergleich mit
-einem Paradies beanspruchen kann. Allerdings soll in der Regenzeit das
-ganze Land um die Stadt herum, der ganze Berg bis zu seinem Kamm, von
-einer dichten Decke frischer saftiger Gräser, Moose und Kräuter überzogen
-sein, welche die Feuchtigkeit aus der Erde hervorzaubert; jetzt aber war
-alles kahl und dürr, da Wälder ganz fehlen. Deshalb verdankt der Name
-seinen Ursprung wahrscheinlich den verschiedenen in der nächsten Umgebung
-der Stadt gelegenen schönen und fruchtbaren Thälern, wenngleich auch sie
-eine so überschwengliche Bezeichnung kaum verdienen.
-
-Die Stadt ist am Fuße eines 400 m hohen, steilen Gebirgszuges, welcher,
-wie schon angeführt, die Bai von Valparaiso umschließt, angelegt und
-zwar auf Hügelwellen, welche dicht nebeneinander und rechtwinkelig zum
-Ufer liegend nach oben zu allmählich mit der Hauptwand des Bergrückens
-verlaufen. Die Stadt kann, wenngleich sie unten am Strande einige schöne
-breite Straßen und einen großstädtischen Verkehr hat, doch nie den
-vollen Eindruck einer Großstadt machen, weil die dazu erforderlichen
-Gebäude fehlen. Denn Valparaiso steht auf einem so unsichern Boden, daß
-die Regierungsgebäude, Kirchen und Privatpaläste niedrig gehalten und,
-in der Regel nur aus einem Erdgeschoß bestehend, leicht gebaut sind, um
-den häufigen Erdbeben besser widerstehen zu können oder beim Einsturz
-möglichst wenig Schaden anzurichten. Einige stets vorhandene Häusertrümmer
-und klaffende Risse in einzelnen Straßen zeigen, daß eigentlich
-ununterbrochen solch kleinere Katastrophen eintreten. Die Menschen sind
-sich der sie stets bedrohenden Gefahr auch wohl bewußt, gehen allabendlich
-nur mit Sorge zu Bett, weil sie nicht wissen, was die Nacht ihnen
-bringen wird. Wie der Soldat sich im Felde, ehe er zur Ruhe geht, stets
-versichert, daß seine Waffe in Ordnung und ihm zur Hand ist, so geht in
-Valparaiso niemand zu Bett, ohne sich vorher sein eigens für den Zweck
-angefertigtes Erdbebengewand, in welches er nur hineinzuschlüpfen braucht,
-an seinem Lager zurechtgelegt zu haben, um bei dem ersten Alarm gleich
-auf den vor dem Schlafzimmer liegenden freien Hof eilen zu können. Diese
-Umstände machen die Wohnungsverhältnisse trotz der leichten Bauart der
-Häuser äußerst kostspielig, weil die vielen reichen Leute sich in der Zahl
-ihrer Wohnräume nicht beschränken wollen und daher sehr viel Baugrund
-für ihre Häuser beanspruchen. Oft ist ein solches Wohnhaus ein kleines
-Stadtviertel für sich, und selten liegen mehr als vier Häuser, je von
-einer Familie bewohnt, in einem von vier Straßen begrenzten Viertel.
-
-Solche Wohnungen haben nun zwar den großen Vortheil, daß man innerhalb
-seines Hauses keine Treppen zu steigen braucht, derselbe wird aber
-dadurch aufgehoben, daß man bei dem Verkehr mit der Stadt fast immer
-treppauf und treppab muß. Die untern am Strande gelegenen Straßen haben
-allerdings gute Pferdebahn und auch eine Ringeisenbahn für den innern
-Personenverkehr; da aber in diesen Straßen vorzugsweise nur öffentliche
-Gebäude und Geschäftshäuser stehen und die Privatwohnungen höher hinauf
-auf den Hügelwellen liegen, so kann man die Bahnen wol benutzen, um zu
-dem Fuß der verschiedenen Hügel zu gelangen, muß aber von der Bahn bis
-zur Wohnung, oder umgekehrt, Straßen passiren, die so steil sind, daß sie
-vielfach in Treppen umgewandelt wurden, weil sie sonst überhaupt nicht
-begangen werden könnten.
-
-Einen durchaus großartigen Anblick bietet dagegen der Verkehr auf dem
-Hafen, da Valparaiso wol mit zu den bedeutendsten Handelsplätzen der Erde
-gerechnet werden muß. Die großen einheimischen und fremden Kriegsschiffe,
-die vielen fast täglich hier ankommenden und abgehenden Passagier- und
-Fracht-Dampfer, die große Zahl der Segelschiffe, welche noch immer den
-Weg um das gefürchtete Cap Horn nehmen müssen und daher nur aus großen und
-guten Schiffen bestehen, die vielen an der Landungsbrücke sich drängenden
-Boote, der durch die dort versammelten Menschen verursachte Lärm, die
-vorbeipassirenden Pferdebahnwagen und Eisenbahnzüge geben hier das Bild
-des Getriebes einer Weltstadt.
-
-Von der Stadt und ihren Bewohnern weiß ich sonst nichts zu erzählen, weil
-ich von beiden zu wenig gesehen habe. Dienstgeschäfte am Tage und die
-nicht zu umgehende Geselligkeit an den Abenden nahmen meine Zeit ganz in
-Anspruch. Reizend waren die kleinen Feste in dem gastfreien Hause unsers
-Generalconsuls, welches den geselligen Mittelpunkt für die deutschen
-Familien bildet.
-
-Eine Partie nach einem beliebten Ausflugsort, zu welcher unser
-Generalconsul mich eingeladen hatte, führte uns in die Ebene, welche
-zwischen dem Höhenzug an der Küste und dem Fuß der Anden liegt. Erst
-hat man etwa eine Stunde mit der Eisenbahn zu fahren und dann noch ein
-größeres Stück Weg zu Pferde oder Wagen zurückzulegen. Ein sehr geräumiges
-gutes Gasthaus mit schönen Gartenanlagen bietet vielen Fremden Unterkunft,
-und zur Zeit war das Haus gut besucht. Den Hauptanziehungspunkt
-bildet wol die Bade- und Schwimmanstalt in dem kleinen Flusse, denn da
-Valparaiso nur See- und keine Frischwasserbäder hat, der Mensch aber immer
-dasjenige begehrt, was er nicht täglich haben kann, so geht jeder, der es
-ermöglichen kann, auf einige Zeit hierher um zu baden.
-
-Als eine Eigenthümlichkeit der Landschaft außerhalb der Stadt möchte ich
-noch die vielen Pappelpflanzungen bezeichnen. Der Baum, welcher bei uns in
-Acht und Bann gethan ist, gilt hier als eine gute Kapitalanlage und wird
-daher mit Vorliebe in ganzen Wäldern angepflanzt.
-
-Es war eine schöne, Körper und Geist erfrischende Zeit, die der letzten
-vier Wochen, da wir auch in Valparaiso nur eine Temperatur fanden, welche
-unserm deutschen Sommer entspricht, am Tage in den heißesten Stunden
-zwischen 18 und 27° C. im Schatten und nachts stets nur zwischen 15 und
-17°. In zwei bis drei Tagen allerdings werden wir uns wieder in den Tropen
-und zwar in dem tropischen Hochsommer befinden, welcher an dieser Küste
-unleidlich heiß ist, sodaß die inzwischen gewonnenen Kräfte bald wieder
-dahingeschwunden sein werden.
-
-Vor unserer Abreise von Valparaiso hatten wir übrigens noch die Freude,
-unsere Fregatte „Leipzig“, welche ebenso wie wir nach Panama geht, zu
-begrüßen.
-
-
- Bai von Panama, 7. März 1878.
-
-Das ganze Südamerika haben wir nun umschifft. Eine weite, von bewaldeten
-Höhen umrahmte Wasserfläche liegt vor uns; heiß brennt die Sonne auf
-die große Bai von Panama, welche, wie fast immer so auch heute, unter
-vollständiger Windstille liegt. Die Hitze ist kaum zu ertragen und
-doch muß dies geschehen; es ist unbeschreiblich, was wir in den letzten
-vierzehn Tagen in dieser Beziehung auszustehen hatten. Am 14. Februar
-traten wir mit einer Tageswärme von 27°-29° und einer Nachttemperatur
-nicht unter 23° wieder in die Tropen ein und hatten, was das unangenehmste
-war, anhaltend Windstille oder nur ganz leichten südlichen Wind, welchem
-wir unter Dampf wegliefen, sodaß kein Lufthauch das Schiff durchstreichen
-konnte. Eine kleine Erfrischung fanden wir allerdings in Callao, welches
-wir anliefen, um frischen Proviant einzunehmen. Am 18. März nachmittags
-kamen wir dort an, setzten aber schon am 21. morgens die Reise wieder
-fort. Die kurze Zeit habe ich benutzt, um unserm Consul in Callao und dem
-Ministerresidenten in Lima Besuche abzustatten. Da der letztere eben in
-seine Villa in Miraflores am Meeresstrand übersiedelte, habe ich von Lima
-nur wenig gesehen.
-
-Eine wunderbare Frucht, von den Engländern „Alligator-Birne“ genannt,
-von welcher ich schon viel gehört und die ich auch schon in Valparaiso
-gegessen hatte, lernte ich hier recht schätzen. Nachdem man mit einem
-Löffel das weiche gelbe Fleisch aus der kürbisartigen Hülle herausgeschält
-und stark mit Pfeffer und Salz gewürzt hat, erinnert der Geschmack sehr
-an gequirlte, ebenfalls mit Pfeffer und Salz gewürzte rohe Eier. Ich zog
-diese Früchte bald allen andern hiesigen vor und bedauerte nur, daß sie
-sich nicht lange genug halten, um in größern Mengen mitgenommen werden zu
-können.
-
-Die auf Callao folgenden Tage brachten uns das schlimmste an tropischer
-Hitze, was ich je erlebt habe. Der gefürchtete trockene heiße Nordwestwind
-an der brasilianischen Küste, welcher das Thermometer auf 34° treibt,
-ist weniger angreifend als die feuchte Wärme, in welcher wir uns vom 23.
-Februar bis zum 2. März befunden haben. In der Luft hatten wir während
-der Tagesstunden durchschnittlich 33° und während der Nacht nicht unter
-27°, während das Thermometer die Meereswärme Tag und Nacht dauernd zu 31°
-angab. Schweres bleiernes Gewölk, das nach meiner Schätzung höchstens
-200 m über dem Wasserspiegel lag, hing als feste Decke, welche keinen
-Sonnenstrahl durchließ, über uns und verhinderte auch eine stärkere
-Abkühlung während der Nächte. Die Luft war so mit Feuchtigkeit gesättigt,
-daß der unaufhörlich aus unsern Poren strömende Schweiß nicht verdunsten
-konnte, sodaß Haut und Kleidungsstücke während der ganzen Zeit triefend
-naß blieben. Der erträglichste Platz war eigentlich im Heizraum vor den
-Feuern. War die Hitze dort auch sehr viel größer als oben, so bewirkte
-das Feuer doch eine Verdunstung und erfrischte in gewisser Beziehung den
-Körper, und diesem Umstand schreibe ich es zu, daß die Heizer in diesen
-Tagen nicht mehr und sogar vielleicht weniger litten als die übrige
-Besatzung. Ich ließ den Leuten in dieser Zeit in Betreff ihrer Kleidung
-volle Freiheit, da ich ihnen keine andere Erleichterung verschaffen
-konnte, denn die Dampfspritzen konnten auch keine Erfrischung mehr
-gewähren. Das 31° warme Wasser floß in der warmen Dunstatmosphäre über den
-Körper hin, ohne irgendeine erfrischende Wirkung auf die Haut auszuüben,
-und der Salzgehalt desselben reizte nur den Rothen Hund, welchen wir alle
-hatten, bis zur Unerträglichkeit. Ich trug in meiner Kajüte bei offenen
-Thüren und Fenstern auch nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen, weil
-ich kein Kleidungsstück auf dem Körper vertragen konnte. Auch nicht einmal
-der ab und zu leicht niederrieselnde Regen brachte uns Erfrischung, weil
-die auf den Körper fallenden Tropfen, deren Wärmegrad ich leider nicht
-gemessen habe, im Vergleich zu der sonstigen Hitze so kalt erschienen,
-daß sie auf der gereizten Haut die Wirkung von leichten Peitschenschlägen
-hatten. Ich habe es wiederholt versucht, ein solches Regenbad zu nehmen,
-mußte mich aber immer sogleich wieder zurückziehen, weil der Schmerz auf
-der Haut zu groß war.
-
-Am ersten Tage dieser fürchterlichen Zeit hatte ich auch noch einige
-Offiziere, welche ich schon vorher geladen hatte, zu Tisch. Ich wollte den
-Herren anfänglich absagen lassen, bedachte aber doch noch, daß es in ihrer
-Messe noch schlimmer sei als in meiner an und für sich luftigen Kajüte,
-und sodann hatte mein Eisschrank für den Tag auch noch so viel Vorrath
-an Eis, daß ich wenigstens kalte Getränke anbieten konnte. Doch bat ich
-die Herren, ehe wir uns zu Tisch setzten, um die Erlaubniß, uns aller
-überflüssigen Kleidungsstücke entledigen zu dürfen, welchem Vorschlag sie
-freudig zustimmten. So ging es mit Hülfe von Fächern einigermaßen.
-
-
- 7. März abends.
-
-Bei unserer um 4 Uhr nachmittags erfolgten Ankunft fanden wir schon
-unsere von Japan gekommene Fregatte „Elisabeth“ hier vor. Der Commandant
-dieses Schiffes wird den Oberbefehl über ein hier zusammentretendes
-deutsches Geschwader, zu welchem auch wir gehören, übernehmen, um von
-dem Freistaat Nicaragua eine Genugthuung für die dem deutschen Consul
-in der Stadt Leon vor einiger Zeit zugefügte Gewaltthat zu erzwingen, da
-Nicaragua die Gewährung der von unserer Regierung geforderten Genugthuung
-verweigert hat. Außer „Elisabeth“ und uns wird noch die „Leipzig“ hier
-erwartet, während unsere Corvetten „Freya“ und „Medusa“, von denen die
-letztere auch schon in Colon anwesend ist, von der atlantischen Seite
-aus gegen Nicaragua operiren sollen. Da nun der Zweck unsers Hierseins
-schon am Lande bekannt ist oder doch soweit vermuthet wird, daß unserm
-Geschwaderchef bereits die Warnung vor einigen Abenteurern, welche im
-Auftrage Nicaraguas unsere Schiffe hier mit Torpedos angreifen sollen,
-zugehen konnte, so ist die Geheimhaltung unserer eigentlichen Mission
-nicht mehr geboten, zumal wir uns jetzt schon zur Abwehr eines etwaigen
-feindlichen Handstreichs in Kriegszustand befinden.
-
-
- 12. März.
-
-Das Geschwader ist nach erfolgter Ankunft der „Leipzig“ beisammen.
-Kohlen und Proviant sind eingenommen, ein Dampfer mit Kohlen und
-Proviantvorräthen ist gemiethet und alle militärischen Vorbereitungen
-sind beendet, sodaß wir gleich nach Ankunft unsers Ministerresidenten
-aus Guatemala, welcher von dort aus noch den letzten Versuch macht, die
-Streitfrage auf diplomatischem Wege zu lösen, vorgehen können.
-
-Unter den obwaltenden Umständen haben wir von dem hiesigen Aufenthalt
-wenig oder nichts gehabt, aber auch nichts verloren. Bei einem Gang durch
-die Stadt sieht man wol alles, was zu sehen ist. Die Stadt, welche zur
-Zeit der spanischen Herrschaft blühend, mächtig und reich war, wie noch
-die imposanten Straßen mit den übriggebliebenen palastartigen Gebäuden
-zeigen, glänzt jetzt nur noch durch großartige Ruinen. Die einheimische
-Bevölkerung besteht aus alten spanischen Familien, Mischlingen und Negern;
-dazu kommen die wenigen Fremden, von welchen die Engländer (die Besitzer
-der großartigen Kohlenlager, die Directoren der Eisenbahn und Agenten
-der Dampfschifflinien) wol die erste Stelle einnehmen. Unser Consul und
-der Photograph, ein früherer bairischer Unteroffizier, sind die einzigen
-Deutschen; das Gasthaus ist in französischen Händen.
-
-Sollte Nicaragua nicht doch noch im letzten Augenblicke nachgeben,
-dann sehe ich übrigens mit einiger Sorge der Entwickelung der Dinge
-entgegen, weil es mir sehr fraglich erscheint, ob unsere Leute wegen ihrer
-ungeeigneten Fußbekleidung im Stande sein werden, den weiten Marsch nach
-der Hauptstadt von Nicaragua zu machen, wenn sie nicht etwa schließlich
-den Weg barfüßig zurücklegen können. Die uns zugegangenen Warnungen vor
-Giftschlangen und Sandflöhen und die damit verbundenen Rathschläge haben
-zur Folge gehabt, daß für den Marsch das Tragen hoher Stiefeln angeordnet
-wurde. Da nun aber unsere Leute gewohnt sind, auf dem Schiff barfuß zu
-gehen, und die Stiefel, wie alles Lederzeug auf den Schiffen, so von
-Salzwasser durchzogen sind, daß sie trotz aller Bemühungen hart bleiben,
-so ist ein weiter Marsch in ihnen, und zwar in diesem Klima, meiner
-Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit. Mein Vorschlag, Segeltuchschuhe
-zu beschaffen oder doch wenigstens die leichten Lederschuhe zu wählen,
-ist zurückgewiesen worden, und so müssen die Leute, um sich an die Stiefel
-zu gewöhnen, dieselben jetzt schon über eingefetteten Füßen und wollenen
-Strümpfen tragen. Ein gegen die Natur laufender ärztlicher Rath ist aber
-auch nicht immer der beste, und das vorläufige Resultat ist, daß nach
-dreitägiger Probe nahezu ein Viertel des ganzen Landungscorps mit kranken
-Füßen im Lazareth liegt. Ich sollte meinen, daß man von den hiesigen
-einheimischen Truppen auch etwas lernen kann, und da diese Leute, bei
-möglichst leichter Bekleidung, nur Sandalen unter den Füßen tragen, so
-kann die Gefahr vor den Schlangen und Flöhen keine so große sein, zumal
-wenn eine Truppe von nahezu 1000 Mann zusammen ist. Schließlich würden
-aber auch Segeltuchgamaschen die Flöhe abhalten, und die Schlangen werden
-schwerlich ein so großes Lager, wie wir es während der Nacht bilden
-würden, aufsuchen.
-
-
- 16. März.
-
-Vorgestern haben wir mit dem Geschwader Panama verlassen und dampfen
-seitdem mit Nordcurs in Sicht des Landes an der Küste von Centralamerika
-entlang. Gestern haben wir die Grenze zwischen Columbien und Costa-Rica
-passirt, morgen werden wir die Küste von Nicaragua sehen.
-
-Welch märchenhafte Erinnerungen aus der Jugend tauchen bei diesen Namen
-auf und wie prosaisch ist doch die Gegenwart! Großartig zwar ist die
-Umgebung, die von der hoch oben im Zenith stehenden Sonne beschienene
-weite Meeresfläche und das mit unendlichen Wäldern dicht bedeckte hohe
-gebirgige Land; aber Land und Wasser sind ohne Leben und ohne besondern
-Reiz. 32° haben wir in der Luft und 31° im Wasser; keine Stadt, kein Dorf,
-keine Hütte ist zu sehen, nur Wald, Strand und Brandung. Kein fremdes
-Schiff ist in Sicht -- die diese Länder begrenzenden Fluten werden nur
-von den drei mächtigen deutschen Kriegsmaschinen durchfurcht, welche in
-eiligem Laufe dem Haupthafen Nicaraguas zustreben, um dieses Land mit
-Schrecken zu überziehen. Uebermorgen, Montag den 18., sollen wir auf
-der Rhede von Realejo eintreffen, die nächsten vier Tage werden also die
-Entwickelung bringen.
-
-
- 8. April.
-
-Nicaragua hat nachgegeben, das Geschwader ist aufgelöst und unsere Schiffe
-haben ihren Curs nach den verschiedensten Himmelsrichtungen gesetzt. Von
-den im Atlantischen Ocean befindlichen bleibt „Medusa“ noch in Westindien,
-während „Freya“ um das Cap der Guten Hoffnung nach China geht; wir
-sind auf dem Wege nach Panama, um die Geschwaderpost dort abzugeben und
-dann nach den Samoa-Inseln zu gehen. Die „Leipzig“ hat die Reise nach
-Japan angetreten, und die „Elisabeth“ wird nach einem kurzen Aufenthalt
-in Guatemala, wohin sie den Ministerresidenten bringt, nach Europa
-zurückkehren.
-
-Am 18. März vormittags kam das Geschwader auf der Rhede von Realejo an
-und lief, nachdem die Einfahrt zum Hafen von Corinto und der Hafen selbst
-daraufhin untersucht waren, daß sich keine künstlichen unterseeischen
-Hindernisse und Minen dort befanden, am 19. vormittags in den Hafen
-ein. Derselbe ist groß und gut, während der Ort nur unbedeutend ist und
-eigentlich nur eine Zollstation darstellt. Zwei deutsche Kauffahrer
-befanden sich dort, welche edle Nutzhölzer, vorläufig noch der
-Hauptausfuhrartikel, luden.
-
-Es wurden der Regierung von Nicaragua sogleich noch einmal, und zwar
-jetzt mit dem Nachdruck von fünf Kriegsschiffen, die deutschen Forderungen
-zugestellt, welche in Folgendem bestanden:
-
-1. Die Regierung von Nicaragua spricht ihr Bedauern über den Vorfall aus;
-
-2. Nicaragua zahlt an den Consul für die ihm widerfahrenen Unbilden ein
-Sühnegeld von 30000 Dollars;
-
-3. Nicaragua salutirt in noch näher festzusetzender Form die deutsche
-Flagge;
-
-4. die an dem Vorfall schuldigen Beamten und Civilpersonen werden bestraft.
-
-Wenn bisher der Freistaat die deutschen Forderungen in der überhebendsten
-Weise zurückgewiesen hatte und die uns anfänglich zugehenden Nachrichten
-auch anzudeuten schienen, daß Regierung und Volk entschlossen seien,
-es zum Kampf kommen zu lassen, weil sie vertrauensvoll auf leichten
-Sieg hofften, so änderte sich die Lage doch sehr bald. Nachdem nach
-drei Tagen keine Antwort eingegangen war, überbrachte ein Offizier von
-uns das deutsche Ultimatum nach Leon und alle Vorbereitungen für die
-Eröffnung der Feindseligkeiten wurden getroffen. Hierzu gehörte auch
-die Recognoscirung des in Aussicht genommenen Marschweges, welche der
-Geschwaderchef mit uns Commandanten vornahm. Wir fuhren morgens, von einer
-Dampfpinasse geschleppt, zunächst einen Fluß hinauf, bis wir ziemlich
-weit oben mitten im Urwald an die Landestelle kamen, wo der Weg seinen
-Anfang nimmt. Anfänglich ist der Fluß, oder hier wol richtiger Meeresarm
-genannt, ziemlich breit, an beiden Ufern mit dichtem Mangrovegebüsch
-bestanden, über welches die mächtigen Laubkronen der Baumriesen des
-Urwaldes hervorragen. Taucher und Möven beleben das Wasser, Scharen
-krächzender Papagaien, von denen ab und zu ein Geschwader mit lautem
-Geschrei über unsern Köpfen von Ufer zu Ufer fliegt, den Wald. Zwischen
-den Wurzeln der Mangroven nach Würmern suchende Schnepfen und in kleinen
-Einbuchtungen fischende Reiher, sowie andere uns unbekannte hochbeinige
-große weiße Vögel werden aufgescheucht und suchen fliegend das Weite. Ein
-üppiges, echt tropisches Bild umgibt uns. Der Fluß wird enger, niedrige
-Sträucher, Wasser- und Schlingpflanzen treten an Stelle der Mangroven und
-zeigen an, daß wir die Scheide, bis zu welcher das Seewasser vordringt,
-überschritten haben. Die Laubkronen rücken zusammen und bilden schließlich
-einen hohen, prächtigen, grünen Dom, unter dessen Decke wir hinfahren,
-begleitet von dem Leben des Waldes, zu welchem sich hier ab und zu auch
-schon ein kleiner vorwitziger Affe gesellt.
-
-Endlich sind wir am Ziele angelangt und betreten das Ufer. Die
-beiden andern Herren, von welchen der eine bis zu den Knien reichende
-Ledergamaschen, der andere hohe Wasserstiefel trägt, betrachten mitleidig
-meine leichten Segeltuchschuhe und freuen sich auf den Augenblick, wo ich,
-von Insekten zerstochen und vielleicht auch von einer Schlange gebissen,
-zugeben muß, daß nichts über hohe Lederstiefel geht.
-
-Der Weg ist breit und gut, der Spaziergang in dem herrlichen Urwald
-köstlich und einzig in seiner Art. Nach einer halben Stunde stießen wir
-auf eine kleine Lichtung, wo wir eine kurze Rast machten und danach den
-Rückweg antraten, weil die Straße sich bis hierher als brauchbar erwiesen
-hatte und nach zuverlässigen Nachrichten der Weg in seiner ganzen Folge
-von gleicher Güte ist. Aus der Rast wurde allerdings nicht viel, weil die
-beiden andern Herren leidenschaftliche Jäger sind und die mitgenommenen
-Jagdgewehre doch benutzen wollten. So verschwand unser Commodore sehr bald
-im Walde, während der andere Herr von der Lichtung aus einen Papagai nach
-dem andern aus den hohen Bäumen herunterholte und nur gelegentlich zu mir
-kam, um etwas mit zu frühstücken. Ich hatte es mir auf einem umgestürzten
-Baum bequem gemacht und verfolgte von hier aus bei dem Duft einer guten
-Cigarre die Jagderfolge meines Freundes. Unser Commodore brachte uns
-schon in einige Unruhe, weil wir fürchteten, daß er sich verirrt habe,
-doch schließlich kam er auch wieder zurück mit zerrissenen Kleidern
-und verschiedenen kleinen blutenden Rißwunden. Er hatte eine Tigerkatze
-angeschossen und sie dann vergeblich in das Dickicht verfolgt.
-
-Zum Boot zurückgekehrt, nahm ich noch im Fluß ein Bad, weil der Staub auf
-dem trockenen Wege doch ziemlich lästig gewesen war, und dies wurde von
-den beiden andern Herren dazu benutzt, ihr Müthchen an mir zu kühlen, da
-ich trotz meiner leichten Schuhe weder gestochen noch gebissen worden war.
-Sie suchten nun wenigstens die Nothwendigkeit des Bades auf meine Schuhe
-zurückzuführen und gingen dann dazu über, mir mit Krokodilen Angst zu
-machen, was mich allerdings bald veranlaßte, zu allgemeiner Heiterkeit das
-Baden aufzugeben. Denn wenn man auch an der afrikanischen Küste behauptet,
-daß der Haifisch keinen Neger und das Krokodil keinen Weißen angreift, so
-bleibt es doch fraglich, ob die Krokodile auch hier einen so ausgebildeten
-Geschmack haben. Nachmittags waren wir wieder in Corinto.
-
-Das Ultimatum brachte die Regierung von Nicaragua zur Besinnung und
-zur Nachgiebigkeit. Am 26. vormittags waren zwar erst die Forderungen
-1 und 2 erfüllt, und das in guten mexicanischen Silberdollars richtig
-eingezahlte Geld wurde zunächst in unsern Kassen deponirt, die Erfüllung
-der beiden andern Forderungen, wegen welcher noch Schwierigkeiten gemacht
-wurden, durfte danach aber auch zuversichtlich erwartet werden. Der
-sprichwörtliche Stolz des Spaniers bäumte sich eben noch etwas auf. So
-konnte mein Schiff am 27. für einige Tage nach Amapala, dem einzigen Hafen
-der Republik Honduras an der Küste des Stillen Oceans, geschickt werden,
-um dort lagernde von uns gekaufte Kohlen einzunehmen.
-
-Interessant war es mir, auch diesen reizlosen Platz kennen zu lernen,
-aber nur um dagewesen zu sein. Amapala ist ein kleiner Ort, wo als
-einziger Europäer nur ein Deutscher, ein Kaufmann aus Hamburg, wohnt,
-welcher nicht einmal unter den Einheimischen einen passenden Umgang finden
-kann und in dieser Beziehung allein auf die hier anlaufenden englischen
-Passagierdampfer angewiesen ist, mit welchen er als englischer Viceconsul
-auch geschäftliche Beziehungen hat. Sogar die nähere Umgebung Amapalas
-bildet noch eine solche Wildniß, daß auch Spaziergänge außerhalb der
-Stadt, wie dieser kleine Häusercomplex sich nennt, ausgeschlossen sind.
-Verhältnißmäßig großartig ist die am Ufer erbaute hölzerne Halle, wo
-die von andern Küstenpunkten kommenden Boote anlegen und ihre Früchte
-u. s. w. zum Verkauf stellen. Der Beobachtung werth ist hierbei die
-Grandezza, mit welcher sich die braunen Insassen der Boote bewegen und
-wie sie in ihrem Wesen das bischen „spanisches Blut“, welches vielleicht
-in ihren Adern rollt, zur Geltung bringen wollen. So war namentlich das
-Landen mit besonderer Würde verbunden, denn da die Boote wegen des zu
-flachen Wassers am Ufer nicht direct am Quai anlegen können, ließen sich
-die weiblichen Insassen von den Männern ans Land tragen. Diese bildeten
-dazu aus ihren Armen in der Weise einen Sessel, daß der rechte wagerecht
-gehaltene Unterarm als Sitz und der linke Arm als Rückenlehne diente. Mit
-einer Verbeugung trat der im Wasser stehende Mann zu der im Boot stehenden
-Dame, welche mit Würde ihr Kleid ordnete, sich vorsichtig und zimperlich
-auf den einen Arm setzte, sich gegen den andern lehnte und sich so, ohne
-den Träger zu umfassen, wie eine Glaspuppe vorsichtig ans Land tragen und
-dort absetzen ließ.
-
-Am 31. nachmittags waren wir wieder in Corinto, und am 4. April erklärte
-endlich Nicaragua, auch die Forderungen 3 und 4 erfüllen zu wollen. Am 6.
-vormittags fand dann, nachdem vorher die erfolgte Erledigung der Forderung
-4 angezeigt worden war, im Beisein einer nicaraguensischen Truppenmacht
-und unsers Landungscorps auf einem großen Platz am Lande angesichts
-unserer Schiffe die feierliche Hissung der deutschen Flagge statt.
-Nicaragua feuerte den Salut von 21 Schüssen, die Flagge wurde wieder
-niedergeholt, von unserer Seite wurde die Flagge von Nicaragua salutirt,
-der Salut vom Lande erwidert, und nach einem Vorbeimarsch unserer Truppen
-kehrten wir auf unsere Schiffe zurück, um am 7. morgens Corinto wieder zu
-verlassen.
-
-Erwähnt sei noch, daß der beleidigte Consul die Annahme des Sühnegeldes
-abgelehnt und dasselbe einer Wohlthätigkeitsanstalt geschenkt hat.
-
-
-
-
-3.
-
-Von Panama nach den Marquesas-Inseln.
-
-
- „Ariadne“, 17. April 1878.
-
-Vor wenigen Stunden hat unser Anker sich 12 Uhr mittags von dem Boden
-Panamas gelöst, um sich während dieser Reise hoffentlich nicht mehr in
-denselben einzugraben. Panama und die ganze Küste Centralamerikas sind, um
-einen Volksausdruck zu gebrauchen, eine von Gott verlassene Gegend. Weder
-Natur noch Menschen vermögen dem Fremdling etwas zu bieten; das Land ist
-am schönsten, wenn man es aus möglichst weiter Ferne beschauen kann, die
-Leute, wenn sie dem Auge erst wieder entschwunden sind. Wie Land und Leute
-hier unerträglich sind, so ist es auch die Sonne. Tag für Tag sendet sie
-ihre versengenden Strahlen fast senkrecht auf die Schädel der Bewohner
-dieser Länderstrecken herab mit einer Glut, daß man darüber wahnsinnig
-werden könnte. Doch wozu jetzt noch der Aerger! Lacht uns doch aus weiter
-Ferne das Paradies der Seeleute entgegen; das Land, wo nach dem Urtheil
-mancher Reisenden die schönsten und besten Menschen unsers Erdballs wohnen
-sollen.
-
-Panama mit seinen Ruinen verschwindet langsam unsern Blicken. Vor
-dem Verlassen der Rhede hatten wir mit den dort liegenden englischen
-Kriegsschiffen noch durch Austausch von drei Hurrahs einen letzten
-Gruß gewechselt und eine Stunde später erkannten wir in einem uns
-entgegenkommenden Kriegsschiff unsere „Elisabeth“, welche von Guatemala
-kommend nach Panama ging, um von dort aus die Heimreise anzutreten. Wir
-passirten uns auf Spruchweite, tauschten einige Grüße aus, wechselten
-drei Hurrahs, und die „Elisabeth“ ging dahin, wo wir herkommen, während
-wir frohen Muthes den schönen Inseln der Südsee entgegensteuern, wo
-sich prächtige Natur mit herrlichem Klima vereinigt, um dem Seefahrer
-die liebenswürdigen und schönen Bewohnerinnen jener Inselperlen noch
-anziehender erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind. So sagen
-wenigstens die über die Südsee-Inseln erschienenen Bücher.
-
-Ich habe die Absicht, auf unserm Wege nach den Samoa-Inseln einen
-Abstecher nach den Marquesas-Inseln und Tahiti zu machen, um dort die dann
-jedenfalls schon sehr zusammengeschmolzenen Vorräthe an Proviant, Wasser
-und Kohlen zu ergänzen. Ob ich dort wol so viel Interessantes finden
-werde, wie andere gefunden haben?
-
-Die Marquesas-Inseln sind von allen Reisenden so sehr gepriesen
-worden, daß man sich fast scheuen muß hinzugehen, um nicht zu sehr
-enttäuscht zu werden. Ueber die Pracht der Natur und die Schönheit
-der dortigen Eingeborenen sind fast alle einer Ansicht, nur bestehen
-Meinungsverschiedenheiten über den Grad der Schönheit der Frauen; denn
-während einige ihnen die Palme der Schönheit und Grazie zuerkennen,
-behaupten andere, daß sie nur auf der Höhe der Rasse stehen und sich vor
-den Männern nicht auszeichnen. Auch im Urtheil über den Charakter dieser
-Eingeborenen stimmen die Reisenden darin überein, daß Zügellosigkeit
-der Hauptzug sei, was auch für Tahiti gelten soll, obwol sich dort schon
-civilisirtere Zustände eingebürgert haben.
-
-
- Im Stillen Ocean, 18. April 1878.
-
-Panama liegt zwar schon weit hinter uns, die Küste oder vielmehr die
-Gebirge Centralamerikas sind aber immer noch in unserm Gesichtskreise.
-Wir haben heute einen bösen heißen Tag, kein erfrischender Lufthauch,
-32,5° C. in der Luft im Schatten, 33° C. in dem spiegelglatten Wasser. Mit
-Dampf muß hier gefahren werden, denn mit Segel allein hier durchzukommen
-ist oft eine Unmöglichkeit, wenigstens ist thatsächlich festgestellt,
-daß Schiffe, welche dieses Stück Meer zu durchsegeln versuchten, nach 2½
-Monaten wieder in der Bai von Panama ankerten, weil es sich als unmöglich
-herausstellte, weiter zu kommen. Das von uns zu durchdampfende Stück Weges
-beträgt 700-800 Seemeilen; keine angenehme Aussicht bei dieser Hitze!
-Man muß aber immer suchen, das Beste aus dem zu machen, was Einem geboten
-wird; so legten wir uns denn heute auf den Schildkrötenfang.
-
-Diese Thiere sind hier sehr häufig, schwimmen, wenn sie ruhen, an der
-Oberfläche und zwar mit etwa ein Drittel des Schildes über Wasser, sodaß
-sie schon von weitem zu erkennen sind. Sehr häufig dienen sie auch den
-Wasservögeln als Ruhestätte und geben diesen wol auch Nahrung, da die
-Schildkröten an ihrem Schilde gewöhnlich Saugefische und Muscheln, beides
-Nahrungsmittel der Vögel, tragen. Schildkröten wie Vögel lassen sich
-durch das ankommende Schiff in ihrer Ruhe sehr wenig stören; die Vögel
-fliegen auf, wenn das Schiff auf etwa fünf Schritte herangekommen ist, die
-Schildkröte dreht dann dem Schiffe den Kopf zu, entweder um es neugierig
-zu betrachten oder dem Feinde muthig in die Augen zu sehen, denn die
-Thiere lassen sich außerordentlich leicht fangen. Das spiegelglatte Wasser
-gestattete, ein Boot neben dem Schiffe zu schleppen, und so wurde auf jede
-Schildkröte, welche in dem Curs des Schiffes in Sicht kam, hingehalten,
-die Maschine einen Augenblick gestoppt und von dem Boote aus das Thier
-an einer Flosse gepackt und aus dem Wasser herausgehoben. In Zeit von
-zwei Stunden waren acht Schildkröten im Gewicht von je 25-35 kg an Bord,
-genügend, um der ganzen Mannschaft morgen eine schmackhafte Mahlzeit zu
-bereiten. Mit diesem Fang gaben wir uns zufrieden, heißten das Boot wieder
-und dampfen nun einem einsamen Felsen zu, um an demselben unser Besteck
-zu corrigiren und von da aus dann unsern Curs nach den Galapagos-Inseln
-zu nehmen.
-
-
- 25. April 1878.
-
-Der einsame Fels, Malpelo-Insel genannt, ein mächtiger 400 m hoher
-Felsblock ohne irgendwelche Vegetation, von derjenigen Seite aus gesehen,
-welche sich uns zuerst darbot, in Form und Farbe einer alten Burgruine
-ähnlich, wurde am Charfreitag passirt und die Reise bei anhaltender
-Windstille in derselben Weise unter Dampf fortgesetzt. Allmählich fing
-die Wassertemperatur an zu sinken, leichte südliche Winde brachten ab und
-zu etwas Kühlung und seit zwei Tagen haben wir sogar ordentlich frisches
-Wetter, trotzdem wir uns noch immer unter dem Aequator befinden. Am Tage
-kann man schon eine Jacke aus ganz leichtem Tuch vertragen, während dies
-vorher kaum möglich war; es kommt sogar vor, daß man während eines ganzen
-Tages keinen Tropfen Schweiß verliert. Wenn auch infolge der starken
-Abkühlung -- die Temperatur hält sich am Tage in der Luft im Schatten
-zwischen 27 und 28° und in der Nacht zwischen 25 und 26° C. -- viele
-Erkältungen (Darmkatarrh mit Fieber, Schnupfen u. s. w.) zum Ausbruch
-gekommen sind, so macht sich doch im ganzen ein anderes Leben im Schiffe
-breit. Eine gewisse Elasticität durchdringt den Körper, die Lust zur
-Bewegung und zur Arbeit bricht wieder hervor. Diese Temperatur werden wir
-nun wol für den Rest der Reise ziemlich gleichmäßig behalten und sie wird
-nur dann sich noch einmal bis zur Unerträglichkeit steigern, wenn wir, wie
-es vorläufig von uns angenommen wird, auf der Rückreise durch das Rothe
-Meer fahren. Da läßt sich aber schon manches ertragen, lacht uns doch dann
-ein neues, altgewohntes und langentbehrtes Leben entgegen, welches schon
-werth ist, daß man vorher einige Unbequemlichkeiten überwindet.
-
-Gestern und heute haben wir die Gruppe der Galapagos-Inseln durchschnitten
-und sind heute vier Stunden lang dicht an der größten Insel der Gruppe
-vorbeigefahren, sodaß wir einen oberflächlichen Einblick in dieses
-merkwürdige Land bekamen. Ich hatte ursprünglich die Absicht, hier einen
-mehrtägigen Aufenthalt zu nehmen, die letzte Segelordre empfahl mir aber
-wieder so sehr Eile, daß ich Verzicht leisten mußte.
-
-Dieses Inselland, bei dessen Schilderung ich auch Darwin benutze, ist
-deshalb so interessant, weil es in seiner ganzen Erscheinung, in seinem
-Thier- und Pflanzenleben von der übrigen Erde wesentlich abweicht und
-ganz für sich dasteht. Auch sind wieder Thiere und Pflanzen auf den
-verschiedenen dicht nebeneinander liegenden Inseln durchaus voneinander
-abweichend, wenngleich sie derselben Gattung angehören. Außer Insekten
-ist das Thierreich vertreten durch Landschildkröten von riesigen
-Körperverhältnissen, welche bis zu 400 kg schwer werden sollen, durch
-eine Art Landeidechsen und eine Art Wassereidechsen von 1-1½ m Länge,
-26 Vogelarten; das Pflanzenreich durch eine größere Anzahl von Pflanzen;
-Bäume sind ursprünglich nicht vorhanden.
-
-Früher waren diese Inseln gar nicht von Menschen bewohnt, seit einigen
-Jahren sind auf zwei derselben Ansiedelungen gegründet worden. Im vorigen
-Jahrhundert dienten sie den Seeräubern (Buccaniere) als Schlupfwinkel, in
-diesem Jahrhundert sind sie vielfach von Walfischfängern besucht worden,
-welche auch auf die Schildkröten Jagd machten, aus denen sie ein sehr
-feines Fett gewannen. Immerhin müssen Menschen aber sehr seltene Gäste
-gewesen sein, da die Thiere noch jetzt auf diesen Inseln untereinander
-in dem glücklichsten Frieden leben und keine Scheu vor Menschen kennen.
-Schildkröten, Eidechsen, Vögel fressen von demselben Blatt, ohne daß ein
-Thier nach dem andern hackt, eins das andere verdrängt. Alle Thiere lassen
-sich mit Leichtigkeit fangen, die Vögel fliegen dem Menschen auf den
-Finger und picken ihn verwundert in die Nase, welche sie wahrscheinlich
-für eine edle Frucht halten. Alle Thiere sind oder waren doch in großen
-Massen vorhanden, wie z. B. daraus zu ersehen ist, daß die Mannschaft
-eines englischen Kriegsschiffs in der nächsten Umgebung des Ankerplatzes
-an einem Tage über 200 große Schildkröten an Bord schaffte. Wozu?
-ist mir allerdings unklar, da das Schild werthlos ist, die Mannschaft
-höchstens 1/10 von dem Fleisch essen konnte und Kriegsschiffe sich mit
-Thrangewinnung nicht abgeben.
-
-Beim Vorbeilaufen an jenen Inseln glaubte ich den Mond vor mir zu
-haben; ich denke mir seine Oberfläche so und vermuthe, daß vor vielen
-Jahrtausenden die Erdoberfläche das Aussehen der jetzigen Galapagos
-hatte. Die Inseln bestehen eigentlich nur aus Vulkanen, welche sich bis
-zu 1430 m über das Meer erheben. Die Wände dieser Riesen bestehen wieder
-aus lauter kleinen Vulkanen. Von der Ferne gesehen hält man das Land für
-mit Lehmhütten übersäet; in der Nähe findet man, daß diese Hütten kleine
-Krater sind, welche in ihrem braunen Kleid auf Lavageröll stehen. Man
-kann sich in eine weit ausgedehnte Ziegelei oder Räucheranstalt versetzt
-wähnen, da diese Krater durchschnittlich nicht größer wie ordentliche
-Back- oder Räucheröfen sind. Ich habe an einer Strecke von ½ deutschen
-Meilen auf dem Kamme eines ganz niedrigen Höhenzugs über 40 solcher
-Kraterchen gezählt. In der Außenwand eines großen Kraters, welcher den
-vorgenannten Höhenzug abschließt, sahen wir eine andere Art Krater, vier
-dicht nebeneinander liegende runde Löcher von 5-7 m Durchmesser, welche
-wieder selbständige Krater sind, wie die von ihnen auslaufenden Lavaströme
-deutlich zeigen.
-
-Ich will versuchen, das vor uns vorüberziehende merkwürdige Bild etwas
-näher zu schildern.
-
-Aus dem tiefblauen, von Delphinen (wir prosaischen Seeleute nennen
-diese Fische nur Tümmler oder Schweinsfische) reich bevölkerten Meere
-erheben sich in sanften Linien aufsteigend große Ländermassen, deren
-1430 m hohe Gipfel sich in den Wolken verlieren. Nichts läßt zunächst
-den vulkanischen Ursprung erkennen; erst in größerer Nähe fängt das Land
-an sich zu zergliedern, um bald dem menschlichen Auge zu offenbaren,
-mit welcher Kraft das allgewaltige innerirdische Feuer hier gewirkt hat.
-Die sanften Linien verschwinden, man sieht nur noch eine wildzerklüftete
-nackte Erdrinde, welche in den höhern Regionen allerdings größtentheils
-einen grünen Ueberzug von Gras, niedrigem Gestrüpp und Cacteen hat. Hohe
-Berge wechseln mit niedrigen Hügeln ab, die Wände der hohen Berge tragen
-ebenso wie die der kleinern Hügel wieder ganz kleine Berge, welche genau
-dieselben Formen haben wie diejenigen, auf welchen sie scheinbar erwachsen
-sind. Von dem größten Naturgebilde bis zu dem kleinsten, alles zeigt
-dieselbe Form, denselben Ursprung. Der brodelnde Feuerherd, welcher die
-Erdrinde hier in fast senkrechten Wänden bis zu 1430 m hohen Bergen über
-das Meer erhob, entsendete gleichzeitig unzählige schwächere Strahlen,
-welche wiederum die Bergriesen durchbrachen, um kleine niedrige Krater zu
-bilden, die ihren scharf geränderten Kamm mit ebenso viel Zierlichkeit
-tragen, wie ihre colossalen Genossen mit Majestät. Eine Abwechselung in
-diesen Gebilden tritt nur dadurch ein, daß der eine Theil unergründliche
-Oeffnungen zeigt, während der andere seine ehemaligen Feuerschlünde
-bereits mit Lava ausgefüllt hat und dem Auge an Stelle des unheimlichen
-Schlundes den Anblick einer grünbematteten Grube bietet. Nur einige wenige
-der Hauptkrater sollen noch thätig sein; die Krater, welche wir sehen,
-sind bereits mehr oder weniger zerstört. Die Kämme sind im Zerfallen
-begriffen, viele der kleinen Krater sind nur noch schwer zu erkennen,
-mit der Zeit werden diese ganz verschwinden und ihr verwittertes Gestein
-wird zu fruchtbarem Land geworden sein. Es ist interessant zu sehen,
-wie die Lavaströme sich von den Krateröffnungen aus ihren Weg gebahnt
-haben. An den grünen Bergwänden sieht man oben an ihrem Kamm feine
-braunrothe Striche, welche, sich nach unten immer mehr verbreiternd und
-noch deutliche Flußlinien zeigend, schließlich als mächtige Ströme in
-das Meer fließen. Der ganze Strand besteht nur aus Lavamassen, und alle
-Thäler sind damit angefüllt. Das Land macht den Eindruck, als ob auf
-einem enormen Lavahaufen große Gebirge aufgebaut seien. Trotz des großen
-Gegensatzes der Farben weiß ich für die vor mir liegende Landschaft
-kein passenderes Bild zu finden, als ein in tiefem Schnee liegendes
-Gebirgsland. Der Schnee wird hier durch die abgelagerte Lava vertreten,
-die Gletscher durch die Lavaströme, die nackten schwarzen Felswände
-durch die grünbewachsenen Berge. Wie sich aus einem großen Schneefeld die
-nackten Gebirge erheben, deren Wände nur in ihren Gruben ewigen Schnee
-beherbergen, wie aus den tiefen Schluchten Gletscher zu Thal fließen,
-aus deren Strombett Steinoasen sich erheben, so erheben sich hier auf
-dunkelm Steingeröll grüne Bergmassen mit Lavagruben und dunkeln Kratern,
-mit mächtigen Lavaströmen, aus denen hier und da freundliche grüne Flecken
-hervorleuchten. Im Laufe der Jahrhunderte werden all die scharfen Kämme
-vor der Einwirkung von Wind und Wetter verschwinden, um das Land zu einem
-sanftwelligen Gebirgs- und Hügelland zu machen, der Fels wird verwittern,
-der Mensch wird urbares Land finden und kann dann hier Hütten bauen.
-
-
- 8. Mai 1878.
-
-Seit dem Passiren der Galapagos haben wir 1855 Seemeilen zurückgelegt,
-1130 liegen bis zu den Marquesas noch vor uns. Der steife Passat bläst mit
-vollen Backen in unsere Segel und zwar häufig so stark, daß die leichteren
-Segel geborgen und die Marssegel gereeft werden müssen, obgleich ich kein
-Freund vom Reefen bin, denn wer segeln will, muß Segel führen, sagt ein
-alter weiser Seemannsspruch. Die schweren Böen bringen in der Regel auch
-Regen mit, etwas ganz Ueberflüssiges auf dem Meere, wenn man den Regen
-nicht gerade nach langem Dampfen zum Abwaschen der Takelage gebraucht.
-Dazu pfeift der Wind immer aus derselben Richtung in das Schiff; eine
-nicht zu umgehende Naturnothwendigkeit, wenn man eine Strecke von 2000
-Seemeilen mit geradem Curs im Passat zurückzulegen hat. Die See geht
-hoch, thut uns aber nicht viel, weil Wind wie Wellen fast quer von der
-Seite kommen, mithin die Wellen uns in unserm Lauf nicht aufhalten und
-der Wind das Schiff gegen schweres Rollen stützt. Unaufhaltsam geht es
-vorwärts. Leicht sich hin- und herwälzend, zertheilt das brave Schiff
-mit seinem scharfen Bug das Wasser, steigt vorn höher aus seinem Bette
-heraus und senkt sich dann wieder so tief ein, daß man hinten von der
-Commandobrücke aus sieht, wie der breite Schaumgürtel des Bugwassers weit
-nach vorn und zur Seite geworfen wird. Das Schiff wird in seiner ganzen
-Masse von den es unterlaufenden mächtigen Wellen auf ihren breiten Rücken
-gehoben, indem es beim ersten Anprall 5-6° mehr nach Lee übergedrückt
-wird als die Segel dies schon thun, und neigt sich ein klein wenig nach
-der Luvseite, wenn es wieder in das Wellenthal hinabgleitet. Der vom
-Schiffsbug aufgewühlte Meeresschaum treibt als breites Band von Schaum-
-und Wasserblasen wie geschlagener Rahm auf der weder durch Farben noch
-Beschreibung wiederzugebenden Meeresflut unaufhörlich an dem Schiffe
-vorbei; sein Spiel hat den Seemann auf seinen vielen und langen Seefahrten
-schon hunderte mal entzückt und will ihn doch jedes neue mal glauben
-machen, ihm etwas noch nie Gesehenes zu bieten. Das Wasser rauscht,
-das Tauwerk singt, die Spieren ächzen, die Decksbalken knarren. Posten
-stehen an den Haupttauen der Segel bereit, um jedem unerwarteten Zufall
-begegnen zu können. Der Wachoffizier hält sorgsame Wacht auf Wind, Wetter
-und Schiff, faßt den ganzen Horizont und das ganze Schiff ins Auge, ist
-ständig auf der Brücke, geht aber auch zuweilen nach dem Vorschiff, um
-zu sehen, ob bei dem starken Segeldruck, unter welchem das Schiff liegt,
-dort auch noch alles in Ordnung ist. Der erste Offizier ist, wie immer,
-überall. Einzelne Abtheilungen der Wachmannschaft haben Dienstinstruction
-und stehen unter der Luvreling; andere bessern unter der Leitung des
-Bootsmanns kleine Schäden an der Takelage aus; die Zimmerleute repariren
-eine kürzlich gebrochene Raa, die Segelmacher schadhaft gewordene und
-ausgewechselte Segel; aus der Maschine klingt Eisen- und Metallarbeit
-nach oben. Unteroffiziere revidiren vor dem Schluß der Wache die ganze
-Takelage, um etwaige kleine Schäden an dieser wie an den Segeln gleich
-zur Anzeige zu bringen. In der Vorbramsaling, 40 m über dem Wasser, sitzt
-auf schmalem Stück Holz, angeklammert an ein Tau, der Ausguckposten, um
-nach Brandung und Felsen auszusehen, weil dieses spärlich befahrene Meer
-noch sehr wenig erforscht ist und man überall eine Gefahr finden kann,
-welche, wenn zu spät entdeckt, uns allen sichern Tod bringen muß. Aber
-auch der Commandant, welcher nach der Ansicht so vieler Leute nichts zu
-thun hat, steht auf der Commandobrücke und thut -- nichts. Er sieht nur
-ins Wasser, nach den Wolken, ins Schiff, nach der Takelage. Seine ganze
-Beschäftigung ist ja nur die Verantwortung für Schiff und Mannschaft, und
-diese Verantwortung verläßt ihn keine Secunde. Er muß jedem einzelnen
-Mann im Schiff, vom ältesten Offizier bis zum letzten Matrosen von der
-Frucht seiner größern Erfahrung zu kosten geben, muß fortwährend belehrend
-eingreifen und zeigen, daß von den vielen hundert Tauen dies oder jenes
-nicht straff genug gespannt ist und dadurch Gefahr entstehen kann; daß die
-Segel nicht mehr richtig stehen, die Zurrung eines schweren Gegenstandes
-sich zu lockern beginnt u. s. w. Er beobachtet wie die Leute am Ruder
-steuern; wie die andern instruirt werden und wie sie antworten; wie die
-Leute in der Takelage sich bewegen und ob sie dabei den Vorschriften
-entsprechen, denn jeder Fehltritt dieses leichtsinnigen, übermüthigen
-Matrosenvolks kann ein Menschenleben kosten und der Commandant hat in
-seiner langen Dienstzeit schon viele mit zerschmetterten Gliedern auf dem
-Deck liegen und im Wasser mit dem Tod ringen, aber nur wenige von ihnen
-retten sehen, und jeder durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit Verlorene
-fordert sein Leben von seinem Commandanten zurück. Er beobachtet den
-Posten in der Vorbramsaling, denn wenn das Schiff unten einen Bogen von
-nur 10-15° hin- und herschlingert, beschreibt der Mann oben einen sehr
-großen Bogen, und das in sehr kurzer Zeit, was selbst manch alter Seebär
-nicht vertragen kann. Er sieht neugierig mit dem Fernrohr -- denn er kann
-auch neugierig sein -- nach dem Horizont vor dem Schiff und überzeugt sich
-doch nur davon, daß ein blendender Schein auf dem Wasser keine Brandung,
-sondern nur ein Sonnenreflex ist. Er beobachtet wie der Wachoffizier
-seine Befehle gibt, denn dieser ist erst ein Anfänger und weiß noch
-nicht, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen Befehlen und Befehlen,
-wie zwischen Gehorchen und Gehorchen ist, er meint Befehl sei Befehl
-und damit basta. Der Commandant kann ihn mit Worten nicht überzeugen, da
-muß die Probe gemacht werden. Es wird ein Manöver ausgeführt, dasselbe
-mit wirkungsloser Stimme commandirt, und darauf noch einmal mit einem
-Ausdruck, welcher zeigt, daß der Befehlende den Befehl am liebsten
-selbst ausführen möchte. In dem ersten Falle kommen die Leute nur langsam
-vorwärts, in dem zweiten sind sie wie elektrisirt und fliegen. Mancher
-versteht auch das nicht und ist dann eben nicht im Stande zu begreifen,
-wie der Offizier sich nur nach der Art seines Auftretens den Grad seines
-Erfolgs sichert. -- Eine Bö ist im Anzuge, der Wachoffizier will Segel
-bergen; der Commandant hat ein erfahreneres Auge; er sieht, daß das
-Schiff sie vertragen kann und verweigert seine Zustimmung zum Segelbergen.
-Die Bö setzt ein, das Schiff legt sich ächzend auf die Seite, schüttelt
-sich, bäumt sich auf, hält durch und die Bö ist abgewettert. Der nächste
-Wachoffizier will das nachmachen, obgleich er weiß, daß er nach den
-Bestimmungen den durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit verursachten Schaden
-bezahlen muß, aber sein Commandant liebt das Segelbergen nicht und freut
-sich, wenn die Offiziere Selbstvertrauen zeigen. Er hat sich in der Bö
-verrechnet, der Commandant hört in seiner Kajüte, daß die Bramstängen
-knacken, springt schnell auf die Commandobrücke und sieht sein Schiff
-oben rasirt, Bramstängen mit den Bram- und Oberbram-Raaen und -Segeln
-baumeln an dem Tauwerk vor den Marssegeln herunter. Der Wachoffizier
-sieht seinen Commandanten entsetzt an und dieser sagt lächelnd: „Das habe
-ich nicht gut gemacht, ich hätte Ihnen doch sagen sollen, die Bramsegel
-zu bergen; ich habe nämlich hinter Ihnen gestanden. Es ist mein Fehler,
-und dem ist in dem Verlustprotokoll Ausdruck zu geben, damit ich für den
-Schaden aufkommen kann.“ Der Wachoffizier versteht nicht recht, muß seinem
-Commandanten aber doch Glauben schenken. -- So hat der Commandant eines
-Kriegsschiffes keine ruhige Minute; das Gefühl der Verantwortlichkeit
-beherrscht jeden deutschen Offizier ununterbrochen bei Tag und bei Nacht,
-und der Commandant eines Kriegsschiffes hat eine gar große Verantwortung
-zu tragen.
-
-Die Nacht bricht schon um 6 Uhr abends an, der Ausguck oben im Mast kann
-von dort aus nichts mehr sehen, dafür treten zwei Mann auf die Back des
-Schiffes und zwei in die Fallreeps, werden aber, wenn sie auch zu Vieren
-sind, von ihrem Standpunkt aus keine Brandung so rechtzeitig sehen, daß
-das in schneller Fahrt befindliche Schiff ihr noch ausweichen kann, wenn
-sie recht im Curse des Schiffes liegt und von einem größern Korallenriff
-herrührt. Am Tage würde sich bei einem etwaigen Verlust des Schiffes durch
-irgendwelche Ursache ein Theil der Mannschaft zunächst vielleicht in den
-Booten retten können, um nachher zu verhungern und zu verdursten, denn auf
-vorbeipassirende Schiffe ist hier nicht zu rechnen und die Entfernung vom
-nächsten Lande ist zu groß, um dasselbe vor dem eintretenden Hungertod
-erreichen zu können. Bei Nacht aber ist die Sache für alle schnell zu
-Ende: beim nächsten Morgengrauen bedeckt die See mitleidig alles, was sie
-verschlungen hat. Der Commandant sieht noch einmal die Karte an, ob nicht
-irgendeine auf seiner Curslinie eingezeichnete Tiefenangabe andeutet, daß
-schon einmal ein Schiff denselben Weg genommen hat. Nichts -- eine weiße
-Fläche und weiter nichts in der Karte. Er bleibt auf der Commandobrücke,
-anscheinend um die Abendkühle zu genießen, so glauben wenigstens alle,
-denn niemand, der nicht diesen Posten schon bekleidet hat, kann sich in
-seine Lage hineindenken; er bleibt aber, um im Falle der Gefahr, auf seine
-Geistesgegenwart bauend, sogleich den richtigen Entschluß zu fassen. Er
-ist voll Sorgen und um ihn herum alles voll Jubel. Die Musik spielt, die
-Mannschaft singt und lacht in den Pausen und treibt ihre Späße; aus der
-Offiziermesse klingt Gläserklang und frohes Lachen herauf, und nur der
-Commandant ist allein, allein mit seinen Gedanken und Sorgen. Sein Diener
-ruft ihn zum Abendbrot; dasselbe ist in wenig Minuten eingenommen und der
-einsame Mann steht wieder auf der Brücke, die freie Wache geht zur Koje,
-in der Offiziermesse wird es still, und man hört nur noch das Rauschen des
-Wassers, das Singen der Takelage, das Aechzen der Spieren, das Knarren der
-Decksbalken und jede halbe Stunde den geisterhaften Ruf der vier Posten,
-daß sie wach und wachsam sind. Nach 11 Uhr geht der Commandant zu Bett,
-weil er doch nicht wochenlang Nacht für Nacht aufbleiben kann und der
-Tag doch auch so vielerlei Pflichten verlangt, doch läßt er sich um 12
-und um 4 Uhr von dem abgelösten Wachoffizier Meldung über Wind und Wetter
-machen, wird auch geweckt, wenn der Wind stärker wird oder sich ändert,
-um wegen der Segelführung oder Cursänderung Bestimmung zu treffen. Weiß
-er aber einen Offizier auf Wache, auf dessen Geistesgegenwart er nicht
-fest zu bauen vermag, dann bleibt er auch einmal die ganze Nacht auf, um
-Berichte oder Briefe zu schreiben, oder wegen erheuchelter Schlaflosigkeit
-dem Offizier Gesellschaft zu leisten.
-
-
-
-
-4.
-
-Die Marquesas-Inseln.
-
-
-
- 18. Mai 1887.
-
-Die Marquesas-Inseln liegen hinter uns und haben uns neben viel Schönem
-und Interessantem in der Hauptsache doch das gebracht, was wir erwartet
-hatten, nämlich -- Enttäuschung. Die mit so großer Ueberschwänglichkeit
-geschriebenen Reiseberichte lassen von vornherein einige Uebertreibungen
-vermuthen; hier ist aber zu viel erdichtet, und man kann nicht anders
-annehmen, als daß die Reisenden infolge der fast übermenschlichen
-Entbehrungen, welche zu ihrer Zeit mit diesen langen Reisen in kleinen,
-übermäßig stark bemannten Segelschiffen verknüpft waren, beim Landen an
-diesen Inseln vollständig geblendet waren. Namentlich gilt dies für die
-Beurtheilung des weiblichen Geschlechts, denn man muß selbst monatelang
-von dem schönen Geschlecht abgesperrt gewesen sein, um zu verstehen, daß
-fast jeder Seemann nach jeder langen Seetour zunächst in jeder Schürze
-einen Engel sieht. Meines Erachtens hatten die Reisenden aber trotzdem
-keine Veranlassung mit so grellen Farben zu malen, weil das, was hier
-gefunden wird, immerhin interessant genug ist, um auch ohne Schönfärberei
-zu fesseln.
-
-Ich wollte ursprünglich nur den Haupthafen Port Anna-Maria auf Nuka-hiva
-besuchen, änderte aber meine Disposition, als ich aus den Segelanweisungen
-ersah, daß die Franzosen, denen die Marquesas-Inseln nominell gehören,
-praktisch alle Controle über die Einwohner der Marquesas-Inseln aufgegeben
-haben und nur noch die Insel Nuka-hiva besetzt halten sollen. Da ferner
-die Berichte besagen, daß die Einwohner der Marquesas-Inseln am zähesten
-an ihren alten Gebräuchen festhalten, daß dieselben noch ziemlich auf
-demselben Standpunkte stehen wie vor hundert Jahren, und alle Missionare
-ihr Bekehrungswerk aufgeben mußten, entschloß ich mich, da es mir nur
-darauf ankam, zur Auffrischung unsers Speisezettels Früchte, Eier und
-Hühner einzunehmen, nach Omoa auf Fatu-hiva, der südöstlichsten Insel,
-zu gehen, um dort einen Einblick in die als so interessant geschilderten
-Verhältnisse zu erhalten und dann nur in Port Anna-Maria dem dortigen
-Gouverneur meinen Besuch zu machen, um seinen Machtbereich nicht besucht
-zu haben, ohne der Höflichkeit zu genügen. Erst hatte ich daran gedacht,
-auch die mittlere Insel Tahu-ata oder Santa-Cristina anzulaufen, weil
-sie früher von den Franzosen für der Befestigung werth gehalten worden
-war, gab diese Absicht aber auf, weil der Besuch doch zu viel Zeit
-gekostet hätte; ebenso verzichtete ich auf Dominica, weil dort nach den
-Segelanweisungen nichts zu holen ist, wogegen ich in Nuka-hiva allerdings
-erfuhr, daß die einzige größere Plantage in der ganzen Gruppe gerade auf
-dieser Insel liegt und -- merkwürdig genug -- in deutschen Händen ist.
-
-In Bezug auf die politischen Verhältnisse ist zu bemerken, daß, wie
-schon gesagt, die Marquesas-Gruppe nominell französische Colonie ist,
-doch bekümmern sich die Franzosen mit Ausnahme von Nuka-hiva und ganz
-neuerdings auch Dominica aber so gut wie gar nicht um Land und Leute.
-Die Hoheitsrechte erwarb Frankreich im Jahre 1842 durch Ablösung, indem
-es Besitz von den Inseln nahm und dem ersten Häuptling von Nuka-hiva und
-dessen Erben eine monatliche Leibrente von 50 Frs. aussetzte, womit indeß
-ein Besitzrecht auf die andern Inseln nicht erworben werden konnte, weil
-nicht nur die einzelnen Inseln, sondern auch die verschiedenen Stämme auf
-jeder Insel ganz unabhängig voneinander sind. So kam es denn wol auch,
-daß die Franzosen überhaupt nicht versuchten, auf den verschiedenen Inseln
-festen Fuß zu fassen, sondern sich damit begnügten, nur auf Nuka-hiva eine
-Art von Regierung zu errichten und sich auf Tahu-ata zu befestigen, weil
-sie fürchten mußten, von dort ebenso vertrieben zu werden, wie sie von
-Huheine (eine der Gesellschafts-Inseln) durch die Eingeborenen vertrieben
-worden sind. An die andern Inseln haben sie sich wol zunächst überhaupt
-nicht herangewagt, denn wenn Dominica z. B. die bei weitem wichtigste und
-größte ist, so ist sie aber auch die am stärksten bevölkerte und zwar mit
-einem schwer regierbaren Menschenschlag.
-
-Warum Frankreich diese Colonie überhaupt erworben hat, ist mir
-unverständlich geblieben. Wie aus der noch folgenden Beschreibung
-des Landes ersichtlich werden dürfte, war auf die Gewinnung von
-Landesproducten nicht zu rechnen, auch konnte bei der schwachen und
-namentlich armen Bevölkerung hier kein Absatzgebiet für französische
-Waaren vermuthet werden; somit bleibt der militärisch-politische
-Gesichtspunkt übrig. Die Inselgruppe ist aber geographisch so ungünstig
-gelegen, daß sie auch für militärische Operationen nie eine Basis abgeben
-kann, weil von hier bis zu dem nächsten Lande Distanzen zu durchlaufen
-sind, welche alle Dispositionen über den Haufen werfen müssen. Auch können
-die Inseln zu derartigen Zwecken schon deshalb keine Verwendung finden,
-weil für eine größere Zahl von Schiffen die Häfen fehlen; aber wären
-auch Häfen für große Flotten vorhanden, so bliebe immer noch die Frage
-zu beantworten, was die Flotten hier sollen, da in diesem unermeßlichen
-Wasserbecken, dessen Mittelpunkt die Marquesas-Inseln bilden, alle
-Angriffsobjecte fehlen. Die Inseln sind wegen ihrer abgeschiedenen Lage
-allerdings gut für Kaperschiffe gelegen, doch gibt es wiederum hier nichts
-zu kapern, weil dieses Meer so gut wie gar nicht befahren wird. Es bleibt
-daher für die Erwerbung dieser Colonie nur die Wahrscheinlichkeit übrig,
-daß es in jener Zeit für die großen Seemächte zum guten Ton gehörte,
-möglichst viele Colonien zu besitzen.
-
-Die Marquesas-Inseln haben den Franzosen denn auch keinerlei Nutzen
-gebracht. Schiffahrt existirt hier nicht, weil die französischen Gesetze
-die Walfischfänger, welche nur allein und allerdings häufig hier anliefen,
-vertrieben haben. Diese Schiffe wurden mit so hohen Lootsengebühren
-belegt, daß sie das Anlaufen dieser Häfen aufgeben mußten. Dieses Ziel
-lag wol in der Absicht der Colonialregierung, denn es wurden französische
-Walfischfänger subventionirt, der Fang wurde auch mit schönen und
-guten Schiffen begonnen, bald aber wieder aufgegeben, wol weil dieser
-Erwerbszweig dem französischen Naturell nicht zusagt. Es gibt jetzt keine
-französischen Walfischfänger mehr, und diejenigen anderer Nationalität,
-welche wenigstens etwas Handel und Wandel brachten, sind verscheucht.
-Der einzige Schiffsverkehr wird zur Zeit durch den monatlich einmal hier
-anlaufenden Postschooner (Segelschiff), welcher zwischen San-Francisco und
-Tahiti fährt, hergestellt. Derselbe wird von Frankreich subventionirt und
-läuft die Marquesas nur auf dem Wege von Amerika nach Tahiti an; Briefe
-nach Europa müssen daher den großen Umweg über Tahiti machen und bleiben
-außerdem noch 14 Tage dort liegen, bis der Schooner wieder befrachtet ist.
-Die großen Geldzuschüsse, welche Frankreich an diese Colonie gezahlt haben
-soll, sind vermuthlich die Ursache einer später erfolgten Einschränkung
-gewesen. Die Regierung in Nuka-hiva wurde soweit vereinfacht, daß als
-Gouverneur nur ein 'lieutenant de vaisseau' übrigblieb. Die Befestigungen
-auf Tahu-ata wurden verlassen und die Truppen zurückgezogen. Das
-Personal, welches jetzt übrig ist, wohnt auf Nuka-hiva und besteht aus
-dem genannten Gouverneur, einem untergeordneten Verwaltungsbeamten, einem
-frühern Bombardier als Wegebaumeister, einem gleichzeitig Lootsendienste
-versehenden Hafenmeister und vier Gensdarmen, welche zur Zeit auf Dominica
-sind, um die mit Chinesen bearbeitete deutsche Plantage zu beschützen,
-wie sie sagen. Da sie sich aber früher auf diese Insel nicht wagten,
-so glaube ich nicht an die gute Absicht, sondern eher daran, daß die
-Deutschen beaufsichtigt werden sollen, oder daß man ihnen eine hohe Steuer
-auferlegen und, durch den breiten deutschen Rücken gedeckt, auf der Insel
-sich überhaupt festsetzen will.
-
-Der Gouverneur der Marquesas-Inseln steht unter dem Gouverneur von Tahiti,
-einem Stabsoffizier der französischen Marine, obgleich hier und dort
-ganz verschiedene Rechtszustände bestehen. Tahiti mit der Paumotu-Gruppe
-steht unter französischem Protectorat, während, wie erwähnt, die
-Marquesas-Inseln französische Colonie sind.
-
-Der Unterschied besteht darin, daß der Gouverneur von Tahiti absoluter
-Herrscher ist, Gesetze nach augenblicklicher Laune erläßt und aufhebt,
-sofern nicht der etwa gerade anwesende Admiral des Südsee-Geschwaders ihm
-ins Handwerk pfuscht, während in der Colonie französisches Gesetz waltet.
-
-Auf Nuka-hiva wird, um die Kosten der Verwaltung zu verringern, eine
-Kopfsteuer erhoben, von welcher die andern Inseln befreit sind, weil
-auf ihnen keine Autorität besteht, welche sie erheben könnte. Diese
-Kopfsteuer ist außerordentlich hoch und beträgt für jeden Mann 20 Frs. und
-für jeden Hund, obgleich derselbe seinem Herrn keinerlei Nutzen bringt,
-sondern nur aus alter Gewohnheit als Hausgefährte gehalten wird, 10 Frs.
-Ganz abgesehen davon, daß diese letztere Steuer die Eingeborenen sehr
-verbittert, werden sie aber dauernd noch durch die Art der Eintreibung
-der Steuer gereizt, durch welche der Gewinn der Steuer fast zu einem
-Nichts wird. Da der Eingeborene in der Regel kein Geld besitzt, muß er
-die Steuer abarbeiten, und wir sehen so die alten Frondienste hier wieder
-aufleben. Die Eingeborenen werden zum Straßen- und Brückenbau beordert
-und wird ihnen das Tagewerk zu 2 Frs. angerechnet; arbeiten müssen sie
-dann solange bis der Betrag ihrer Steuer und auch der ihres Hundes gedeckt
-ist. Die Arbeit wird von dem vorhergenannten Bombardier geleitet, welcher,
-wol infolge seines Unvermögens, die Arbeit richtig zu beurtheilen,
-keinerlei Autorität über die Eingeborenen zu haben scheint, und so kommt
-es, daß wenig gearbeitet und viel geschwatzt wird. Ich habe längere
-Zeit dem Wiederaufbau einer sehr nothwendigen, durch den starken Regen
-weggeschwemmten Brücke, bei welchem 10 Mann beschäftigt waren, zugesehen
-und konnte keinen Fortschritt der Arbeit wahrnehmen. Die Leute saßen
-zusammen, rauchten und unterhielten sich, während der Bombardier (ein
-Elsässer) mit uns eine deutsche Unterhaltung anfing. Ab und zu gingen 2
-oder 3 Mann nach einem Stein, welchen bequem ein Mann hätte tragen können,
-und legten ihn behutsam mit viel Zeitaufwand in den Bergbach, anstatt ihn
-an seine Stelle zu werfen, und nahmen dann ihren alten Platz wieder ein.
-Ich bin der Ueberzeugung, daß dies auf 20 Frs. zu veranschlagende Tagewerk
-von einem fleißigen Arbeiter in einem halben Tage geschafft worden wäre.
-
-Tahu-ata ist, wie schon erwähnt, seit vielen Jahren von den Franzosen
-wieder aufgegeben worden; von den Befestigungen und Blockhäusern konnte
-ich beim Passiren nichts mehr entdecken. Die Bauwerke sollen von den
-Eingeborenen längst abgetragen und das Material von ihnen zum Bau ihrer
-Hütten verwendet worden sein.
-
-Das Besitzrecht auf diese, wie auf die andern thatsächlich unabhängigen
-Inseln wird dadurch aufrecht erhalten, daß alljährlich einmal ein
-französisches Kriegsschiff die verschiedenen Ankerplätze für ein bis
-zwei Tage anläuft. Eine Verbindung mit den Eingeborenen scheint aber
-auch dann nicht stattzufinden, wenigstens gehen in Fatu-hiva, nach
-Aussage der Eingeborenen, die französischen Offiziere und Mannschaften
-weder an Land, noch kommen die Eingeborenen auf das Schiff. Ein englisch
-sprechender Eingeborener in Omoa gab mir als Grund die Unmöglichkeit einer
-Verständigung an, weil auf den französischen Schiffen niemand englisch und
-von den Eingeborenen keiner französisch verstände; die Ursache liegt aber
-tiefer, da die französischen Seeoffiziere größtentheils so viel englisch
-verstehen, um sich verständlich machen zu können. Der Grund liegt einfach
-in dem ausgeprägten Haß, welchen die Insulaner gegen die Franzosen hegen
-und welchem sie auf den andern Inseln auch ungescheut Ausdruck geben.
-Der Sohn der sogenannten Königin von Nuka-hiva, ein Mann von etwa 25
-Jahren, welcher in Paris erzogen worden ist, sprach sich einigen unserer
-Offiziere gegenüber dahin aus, daß sie das französische Joch sofort
-abwerfen würden, sobald sie auswärtiger Hülfe gewiß seien. Auch bestätigte
-ein dort lebender Däne, welcher wol nationaler Ueberlieferung gemäß
-mit französischem Wesen sympathisiren muß, das Vorhandensein einer sehr
-feindlichen Stimmung gegen die Franzosen; des abfälligen Urtheils eines
-Engländers will ich hierbei gar nicht Erwähnung thun.
-
-Die Bodengestaltung der Inseln ist eine ganz merkwürdige und bei allen
-eine auffallend übereinstimmende. Die Marquesas-Inseln erheben sich nicht,
-wie dies in der Regel bei derartigen Inseln der Fall ist, kegelförmig aus
-dem Meere, sondern auf einer länglichen, nach den Enden spitz zulaufenden
-Basis steigt ziemlich genau in der Mittellinie ein Gebirgsrücken von 1000
-bis 1250 m Höhe mit scharf gezacktem steilen Kamm an, welcher die Insel
-ihrer ganzen Länge nach in zwei voneinander vollkommen abgeschiedene
-Hälften theilt, da ein Uebersteigen dieses an seinen Endpunkten fast
-senkrecht nach dem Meere abfallenden Bergrückens unmöglich scheint
-und wol auch unmöglich ist. Nimmt man an, daß der Fuß des eigentlichen
-Bergrückens da beginnt, wo zwischen den nachher genannten Rippen, welche
-sich rechtwinkelig an den die Insel durchschneidenden Bergrücken anlehnen,
-das ebene Gebiet der kleinen Thäler aufhört, dann erhält man für diese
-obere Felsenwand eine Basis, welche an den schmäleren Stellen der Insel
-etwa gleich der Höhe ist, an den äußersten Enden die Höhe des Bergrückens
-lange nicht erreicht. Dies gibt der Insel das äußere Ansehen eines
-langgestreckten Keils, der für das Auge so scharf erscheint, daß man ihn
-unwillkürlich mit einer auf dem Rücken liegenden Messerklinge vergleicht,
-zumal der obere Kamm eine so geringe Dicke zu haben scheint, daß man nicht
-versteht, wie dieses Gestein Jahrtausenden trotzen konnte. Man hat das
-Gefühl, als ob ein Geschoß diese Felsenwand durchschlagen müßte, und wird
-in dieser Anschauung dadurch noch bestärkt, daß an verschiedenen Punkten
-nahe dem Gipfel sich dem Auge in der Felsenwand Durchbrüche oder Löcher
-bieten, an welchen man keine für das Auge meßbare Dicke des Gesteins
-feststellen kann. Selbst die Natur scheint sich dessen bewußt gewesen zu
-sein, wie künstlich das von ihr hier aufgeführte Bauwerk ist, denn sie
-hat den Mittelrücken mit rippenähnlichen Strebepfeilern versehen, wie der
-Baumeister große Steinwände abstrebt. Diese Seitenrippen lehnen sich an
-den schmalen Enden der Insel unter sehr steilem Winkel an das Hauptgebirge
-an und reichen hier, wo der Mittelkamm eine geringere Höhe hat, bis zu
-dessen Gipfel hinan. Im allgemeinen indeß zweigen sie sich von der halben
-Höhe aus ab und laufen dann unter einem Winkel von etwa 45° nach dem
-Meere zu aus, wo sie kleine Buchten mit fruchtbaren Thälern bilden, wenn
-sie sich, allmählich abfallend, in das Wasser senken, aber sich in steile
-Klippen umwandeln, wenn sie plötzlich, wie absichtlich jäh unterbrochen,
-eine senkrecht nach dem Wasser abfallende Wand als Abschluß erhalten.
-In diesem letztern Falle hat man dann das äußere Bild der Giebelwände
-einer Reihe dicht nebeneinander gestellter Schuppen, da die Oberfläche
-der Rippen fast überall wellenartig gebildet ist, und die einzelnen
-Wellen fast gleiche Form und Höhe mit spitzem Winkel sowol am Kamme wie
-im Thale zeigen. Dieser Wechsel gibt der Landschaft großen Reiz, welcher
-noch dadurch erhöht wird, daß aus den Einschnitten der oft hoch über der
-Meeresfläche liegenden Giebel häufig sich kleine Bäche oder Wasserfälle
-ergießen und ihr Wasser direct in das Meer hinabstürzen lassen, ohne die
-senkrechten Felswände zu berühren.
-
-Das Bild, welches sich dem Beschauer an der Leeseite der Inseln als Ganzes
-bietet, ist etwa das folgende.
-
-An eine mächtige Felsenwand, welche in der Höhe nur mit Gräsern und
-kleinen Sträuchern bewachsen ist, zwischen denen hier und da eine
-vereinzelte Kokospalme, von welcher man nicht weiß wie sie dorthin kommt,
-sich erhebt, lehnen sich Bergabhänge, welche auf ihrem Rücken in der
-Regel keinerlei Cultur zeigen, daher auch wol nicht culturfähig sind,
-wahrscheinlich aus Mangel an Erde und Wasser, sowie wegen Ueberfluß an
-Sonne. Die zwischen den Abhängen liegenden Thäler, welche selten eine
-große Tiefe haben, zeigten zu unserer Zeit eine Ueppigkeit der Vegetation,
-wie sie nicht reicher gedacht werden kann. Die Thäler waren mit solchen
-Laubmassen angefüllt, daß man hätte wähnen können, die hohen Bergwände
-seien eines reichen Laubschmucks entkleidet worden und das ganze abrasirte
-Laub habe sich in dicken Wolken in den Thälern abgelagert. Auch am Lande
-konnte dieser Eindruck keine wesentliche Aenderung erfahren, weil der
-aus Brotfruchtbäumen, Kokospalmen, Orangen- und andern Fruchtbäumen
-verschiedener Art gebildete Wald ein so dichtes Laubdach hatte, daß
-die Sonnenstrahlen nur sehr vereinzelt Durchgang fanden. Immer wird
-hier die Vegetation jedoch nicht in so überreicher Fülle prangen --
-glücklicherweise, darf man sagen, denn die letzten zehn Monate waren eine
-ununterbrochene scharfe Regenzeit, welche das Laub zu seltener Kraft
-und Schönheit getrieben, die Früchte aber vom Reifen abgehalten hatte.
-So haben wir, die wir zur richtigen Reifezeit hier waren, nur halbreife
-Früchte erhalten können. In der Regel sollen die Marquesas-Inseln
-vorzugsweise an Dürre, welche oft einen an Hungersnoth grenzenden Zustand
-erzeugt, leiden, doch sollen geregelte Jahreszeiten überhaupt selten sein.
-Entweder herrschen unaufhörliche schwere Niederschläge, oder das Wasser
-fehlt ganz.
-
-Ich kehre zu meinem Bilde zurück. Von den höhern Regionen des
-Mittelgebirges stürzen Wasserfälle in die Thäler hinab, welche während der
-wolkenbruchartigen Regengüsse oft von großer Schönheit sind, ihre Kraft
-und ihr ganzes Ansehen aber sofort verlieren, sobald der Regen aufgehört
-hat. An der Südküste von Nuka-hiva, welche ich in ihrer ganzen Länge
-passirte, habe ich mit Ausnahme des einen besonders großen Wasserfalls
-keinen der von Krusenstern enthusiastisch geschilderten Wasserfälle
-entdecken können, obgleich wir in der stärksten Regenzeit dort waren.
-
-Die schmalen Enden der Inseln werden durch steilabfallende Felswände
-gebildet und man sieht hier häufig schroffe, dunkelgefärbte Steingebilde,
-welche, von dem Hauptlande abgelöst, der Landschaft an diesen Stellen ein
-wildzerrissenes Ansehen geben, während die Inseln im allgemeinen und für
-die Hauptmasse des Landes diese Bezeichnung nicht verdienen.
-
-Ueber die Ertragfähigkeit des Landes glaube ich mich erschöpfend dahin
-aussprechen zu können, daß das Land wol im Stande wäre, viele Kokosnüsse
-zu liefern, weil der Baum insofern sehr genügsam ist, als er eigentlich
-nur Seeluft beansprucht. Je näher am Strande, desto besser für ihn; ob
-er dort fetten Boden oder magern Sand findet, ist ihm gleichgültig;
-ja es wird sogar behauptet, daß der unvermischte Korallensand ihm am
-zuträglichsten sei. Die Eingeborenen arbeiten aber nicht und so bleibt
-diese Ertragsquelle unausgenutzt. Baumwolle wird auch in guter Qualität
-gewonnen, es ist aber mit Ausnahme von Dominica und in beschränkterm
-Maße auch Nuka-hiva nicht genügend Land verfügbar, um nutzbringende
-Baumwollpflanzungen anlegen zu können, weil das vorhandene Land ganz für
-die den Lebensunterhalt der Eingeborenen bildenden Früchte in Anspruch
-genommen wird.
-
-Handel wird zur Zeit eigentlich nicht getrieben, weil man die jährlich
-nur aus einigen kleinen Schoonerladungen bestehenden Producte wol nicht
-als solchen rechnen kann.
-
-Die Bevölkerung der Marquesas-Inseln zeigt keinen einheitlichen Typus,
-man findet vielmehr auf jeder Insel, ja sogar in jedem Thal einen andern
-Menschenschlag, und wenn der Unterschied zuweilen auch nur gering ist,
-so ist er immerhin doch in die Augen fallend. Ich selbst kann allerdings
-nur von den Eingeborenen von Nuka-hiva und Fatu-hiva sprechen, doch wurde
-mir berichtet, daß die Eingeborenen von Dominica einer ganz andern Rasse
-angehören. Auf Fatu-hiva habe ich die beiden Hauptthäler besucht, auf
-Nuka-hiva nur oberflächlich die Bewohner von Port Anna-Maria gesehen,
-wie denn ja meine Beobachtungen überhaupt nur ganz oberflächliche sind
-und keinen Anspruch auf wissenschaftlichen Werth erheben können. Wäre
-die Annahme richtig, daß die Inseln der Südsee, wie von verschiedenen
-Seiten behauptet wird, Ueberreste eines versunkenen Continents und die
-Bevölkerungen der verschiedenen Inseln die Nachkommen derjenigen sind,
-welche sich bei der Katastrophe auf die Berggipfel gerettet haben, dann
-könnte man behaupten, daß in altersgrauer Zeit ein fremder Volksstamm
-einen Einfall in das jetzige Gebiet der Marquesas-Inseln gemacht habe, von
-der Katastrophe überrascht worden sei und sich mit den Einheimischen auf
-die Berge rettete, um sich später mit ihnen in die übriggebliebenen Inseln
-zu theilen. Andernfalls bleibt nur die Annahme übrig, daß die Ursache
-der Verschiedenheiten in vielfachen Kreuzungen mit hierher verschlagenen
-Bewohnern anderer Inseln, sowie mit den früher hier verkehrenden
-Walfischfängern liegt, weil Frauen wie Mädchen dieser Inseln dem Fremden
-als ein Gebot der Gastfreundschaft zur Verfügung gestellt werden.
-
-Was das Aeußere betrifft, so haben mir die Bewohner von Omoa am besten
-gefallen; ich bemerkte unter diesen einige wirklich schöne Menschen, doch
-fand ich im Widerspruch mit den frühern Berichten die Männer schöner wie
-die Frauen. Unter ihnen waren viele wirklich auffallend hübsche Gestalten
-mit schön geformten und muskelkräftigen Gliedern. Die Gesichter zeigten
-auch schöne Züge, und so wild und verwegen diese Leute infolge ihrer
-reichen Tätowirung auch aussahen, so entdeckte man doch, wenn man sie
-schärfer betrachtete, die gutmüthigsten Züge. Auf die Tätowirung wird
-hier außerordentlich viel Werth gelegt, und ich muß gestehen, daß diese
-fast ganz nackten Menschen durch ihre eingeäzte reiche Malerei eigentlich
-anständig angezogen sind. Ich hatte das Gefühl, daß diese Leute in ihrer
-Nationaltracht sich in jeder europäischen Stadt auf der Straße zeigen
-könnten, ohne daß der Mangel an Kleidung auffallen würde; jedenfalls
-verhüllt diese musterreiche Malerei mehr, wie ein einfarbiges Tricot dies
-zu thun vermag. Ich kann nicht leugnen, daß diese tätowirten Menschen
-einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben und ich es bedauern würde,
-wenn diese Sitte abkäme; ich kann daher auch nicht verstehen, wie der
-Commodore Powell diese Leute als durch Tätowirung entstellt bezeichnen
-kann, doch dies ist Geschmackssache. Ich kann mir wol denken, daß man
-mit diesen bunten, wild aussehenden Gesichtern unsere Kinder schrecken
-kann, scheußlich sehen die Köpfe deshalb aber noch nicht aus. Daß die
-hier lebenden Europäer gegen das Tätowiren eifern, hat den einfachen
-praktischen Grund, daß mit dem Aufhören dieser Sitte die Sitte des
-Kleidertragens einzieht und die Kleider nur von den Weißen bezogen
-werden können. Die englischen Missionare und die Kaufleute ziehen hier
-an demselben Strang, denn beide leben vom Handel. Der Eingeborene hat
-keine Verwendung für Geld; Taback und gleichartige Genußmittel schaffen
-zu wenig, Eisenwaaren haben einen zu langen Bestand, Branntwein geht
-gegen die eigenen Interessen, weil man den Eingeborenen arbeiten sehen
-will, um die Früchte seines Fleißes einzuheimsen. Da sind nun Kleider das
-beste Tauschobjekt. Für wenig Geld erhält man von Europa ein großes Stück
-leichten Stoffes, und ist die Sitte der Bekleidung allgemein eingeführt,
-dann bringt diese durch die Masse den Gewinn, weil Männer, Frauen und
-Kinder dieser bald sehr strengen Sitte gleichmäßig unterworfen sind.
-Soll ein Handelsartikel gefunden werden, welcher den Europäern Gewinn
-bringt und die Eingeborenen gleichzeitig zur Arbeit erzieht, dann ist der
-eingeschlagene Weg wol richtig; aber eine religiöse Nothwendigkeit zum
-Kleidertragen liegt für diese Menschen nicht vor, weil das Schamgefühl in
-so hohem Grade ausgebildet ist, daß es uns Europäern geradezu lächerlich
-vorkommt. Denn es werden z. B. zwei gleichalterige Männer, wenn sie auch
-ganz allein unter sich sind, nie beim Baden sich ganz entkleiden, wie es
-bei uns doch sehr häufig vorkommt. Ich beobachtete einmal in Omoa zwei
-Männer, welche in ihrem Kanu vom Fischfang kamen und in ziemlich großer
-Entfernung von dem Dorfe, wo ich mich befand, mit der Brandung auf den
-Strand liefen, um das leichte Fahrzeug nach dem ersten Auflaufen auf den
-Strand schnell vor der Rückkehr der Brandung ganz aufs Trockene zu ziehen.
-Da die Brandung fortwährend über das Kanu und dessen Insassen hinwegbrach,
-so hatten die beiden Männer sich ihrer dürftigen Kleidungsstücke auch noch
-entledigt und dieselben um den Kopf gewunden. Der hinten im Boot sitzende
-Mann hatte sich aber einen Lappen vorgebunden und der vorn Sitzende
-kehrte dem andern während der ganzen Landung stets den Rücken zu, sofern
-er nicht anderweit gedeckt war, bis sie ihre Kleidung wieder angelegt
-hatten. Wenn somit aus moralischen Gründen die Sitte des Kleidertragens
-nicht erforderlich ist, so würde es doch ein gutes Werk sein, wenn man die
-Eingeborenen hierfür gewinnen könnte, weil meiner Ansicht nach der Mangel
-an Kleidung die Hauptursache des Aussterbens dieses Menschenstammes ist.
-Ich will dies zu beweisen versuchen.
-
-Es wird behauptet, daß an der rapiden Abnahme der Bevölkerung der
-Marquesas-Inseln die folgenden Ursachen Schuld tragen:
-
-1. Die Sitte der Vielmännerei bei den Frauen. Dieselbe ist nicht in der
-Weise vorhanden, wie nach Berichten angenommen werden muß. Die Leute
-leben vielmehr in unserer Ehe ähnlichen Verhältnissen, d. h. ein Mann
-und eine Frau leben in der Regel zusammen und sorgen für ihre oder für
-fremde Kinder. Die Ehe wird indeß nicht auf Lebenszeit geschlossen,
-sondern kann jederzeit dadurch gelöst werden, daß entweder der Mann
-seine Frau wegschickt oder die Frau ihren Mann verläßt. Beide Theile
-sind in dieser Beziehung frei und ganz gleichberechtigt. Die Frau
-kann sich weder der Ausweisung widersetzen, noch kann der Mann seine
-weggegangene Frau zurückfordern oder mit Gewalt zurückholen. Eheliche
-Treue ist keine Tugend, weil das Verhältniß jederzeit gelöst werden
-kann, wenn der eine Theil dies wünscht. Die Kinder scheinen, sobald
-sie ein gewisses Alter erreicht haben, Gemeingut zu sein, jedenfalls
-werden sie von jedermann gut behandelt und beschützt. Die Leute eines
-Dorfes oder Thales bilden somit gewissermaßen eine große Familie, in
-welcher die einzelnen Glieder gewohnheitsmäßig paarweise zusammenleben,
-solange Neigung sie zusammenhält. Vielmännerei kommt zwar insofern vor,
-als die nicht verheiratheten Männer zeitweise mit der Frau eines Andern
-und zwar mit dessen Einwilligung für eine bestimmt verabredete Zeit
-zusammenleben, aber nur dann, wenn keine Mädchen vorhanden sind, welche
-mit diesen Junggesellen die Probe machen, wie es im Ehestande hergeht. Ob
-diese Freiheit der Sitten nun wirklich von nachtheiligem Einfluß auf das
-Wachsthum der Bevölkerung ist, wird schwer zu entscheiden sein, da die
-Zahl der prächtig aussehenden Kinder zur Zeit eine recht große ist. Muß
-der nachtheilige Einfluß aber nach unumstößlichem Naturgesetz vorliegen,
-dann wird eben von der bestehenden Freiheit sehr wenig Gebrauch gemacht,
-und ich glaube das letztere. Es ist allerdings eine Thatsache, daß die
-Männer ihre Frauen auf die früher hier häufiger zu Anker kommenden
-Walfischfänger geschickt und sie zwei bis drei Tage auf dem Schiff
-belassen haben, weil sie dann manches Werthvolle für die Gemeinde mit ans
-Land gebracht haben, die Schiffe kamen aber doch immerhin so selten und
-sind so schwach bemannt, daß dieser Einfluß kein einschneidender gewesen
-sein kann.
-
-2. Die fast ununterbrochenen Kriege zwischen den benachbarten Thälern.
-Wie mir ein deutscher katholischer Missionar und ein englisch sprechender
-Eingeborener übereinstimmend versicherten, kommen diese sogenannten
-Kriege, wenn auch nicht häufig, zwar immer noch vor, verlaufen aber
-stets unblutig. Die ursprünglichen Waffen existiren gar nicht mehr und
-es werden nur noch Feuerwaffen gebraucht, zu denen aber entweder die
-Munition fehlt, oder die Waffen sind in so verkommenem Zustande, daß sie
-kaum noch gebrauchsfähig sind. Die Kriege entstehen gewöhnlich durch
-Landstreitigkeiten und werden in der Weise durch Verrath entschieden,
-daß die eine Partei die andere überrascht und Sieger wird, mithin die
-Bedingungen stellen kann, welche die unterliegende Partei annehmen
-muß. Diese Kriege können daher unmöglich die Ursache der allmählichen
-Entvölkerung sein.
-
-3. Der übermäßige Genuß von Branntwein. Der Trunk scheint hier allerdings
-das alles beherrschende Laster zu sein, welchem vorzugsweise die rasche
-Abnahme der Bevölkerung zugeschrieben werden muß, wenn eine Abnahme
-wirklich stattfindet; letzteres kann noch angezweifelt werden, da der
-deutsche Missionar, dessen Angaben ich vollen Glauben schenke, vor sechs
-Monaten auf Fatu-hiva über 700 Seelen gezählt hat, während der englische
-Commodore Powell im Jahre 1867 nur 500 als die Einwohnerzahl dieser
-Insel angibt. Aber wirklich angenommen, daß die stets sich wiederholenden
-Klagen über das Aussterben dieser Eingeborenen begründet sind, so liegt
-die Ursache hier nicht in den directen Folgen der Trunksucht, sondern
-der Trunk tödtet meiner Ansicht nach nur auf indirectem Wege. Vor allen
-Dingen muß hervorgehoben werden, daß die Leute auf diesen Inseln, wo
-keine Europäer leben, sich ihren Rausch nicht in europäischem oder
-amerikanischem Schnaps, von welchem in Port Anna-Maria die ganze Flasche
-nur 10 Pfennig kostet, antrinken, sondern in einem selbstbereiteten
-berauschenden Getränk, welches aus gegorener Kokosmilch gewonnen wird
-und wegen fehlender Beimischungen der Gesundheit sehr viel weniger
-schädlich ist, als die billigen, von den klugen Weißen zusammengebrauten
-Höllentropfen es sind. Erwägt man, daß die Männer sich allabendlich
-gemeinsam bis zur vollsten Besinnungslosigkeit betrinken, so müßte man
-nach unsern Erfahrungen über Säufer jedenfalls annehmen, daß die große
-Mehrzahl der Männer die äußern Merkmale des Säufers tragen müßte, daß sie
-nicht nur des Abends sondern auch am Tage trinken würden, und schließlich,
-daß jede Nachkommenschaft ausgeschlossen wäre. Von alledem ist hier
-aber nichts zu merken. Die äußerlichen Merkmale des Säufers habe ich
-bei keinem entdecken können, wenngleich mein Gewährsmann, der englisch
-sprechende Eingeborene, mir sagte, daß er arbeite und dies nur könne,
-weil er sich nicht betrinke, obgleich er auch ganz gern trinke, aber
-stets Maß halte, während die andern so viel tränken, daß sie am andern
-Tage nicht arbeiten könnten. Ferner trinken die Leute nur des Abends und
-bleiben am Tage der Flasche fern, können aber auch am Abend enthaltsam
-sein, wie sie es während unsers Aufenthalts in Omoa durchgeführt haben,
-und zwar aus einem gewissen Schamgefühl vor uns, wie zwei zu verschiedenen
-Zeiten befragte Eingeborene übereinstimmend versicherten. Sei es nun,
-daß wirklich Scham sie vom Trinken abgehalten, oder daß die Ankunft des
-Schiffes die Geister so angeregt hatte, daß sie auf das gewohnte Gelage
-verzichteten, Thatsache bleibt es, daß das Trinken noch nicht die Form
-des gewohnheitsmäßigen Betrinkens angenommen hat. Ich glaube überhaupt
-nicht, daß die Leute trinken um zu trinken, sondern nur um den langen
-Abend zu verkürzen und einen Schlaftrunk zu nehmen -- sie trinken aus
-Langeweile. Man muß bedenken, daß hier tagaus tagein die Nacht um 6 Uhr
-abends und der Tag erst 6 Uhr morgens beginnt, also Tag für Tag 12 Stunden
-Nacht. Da nun Arbeit unbekannt ist und die Leute den ganzen Tag träge im
-Nichtsthun hinbringen, so fehlt ihnen am Abend die körperliche Abspannung,
-um 12 Stunden schlafen zu können. Da ferner die Eingeborenen jedes Thales
-auf sich angewiesen sind, Schiffe hier nicht anlaufen, Kindererziehung
-überflüssig ist, keine Person etwas thun kann, was nicht jeder sieht,
-so fehlt aller Unterhaltungsstoff, nicht einmal klatschen können sie.
-Schließlich fehlt ihnen auch noch der Taback, um die Zeit mit Rauchen zu
-vertreiben, und so bleibt diesen bedauernswerthen Menschen, solange die
-französische Regierung nicht für Handel und Wandel sorgt, weiter nichts
-übrig als das Trinken. Daß der Abendtrunk nur als Schlafmittel gebraucht
-wird, kann vielleicht auch daraus gefolgert werden, daß das Getränk nahezu
-geschmacklos ist, also auch der Kitzel der Geschmacksnerven nicht in
-Rechnung zu ziehen ist.
-
-Das Getränk wird gleich für das ganze Gemeinwesen bereitet und in einem
-großen Bambusrohr aufbewahrt, welches am Strande liegt und jedermann
-zugänglich ist. Das Herausziehen eines Stöpsels genügt, um sich die neben
-der großen Flasche liegende Kokosnußschale füllen zu können. Abends nach
-Sonnenuntergang versammeln die Männer sich um ein Feuer, und auch die
-Frauen kommen, um ihnen für einige Zeit Gesellschaft zu leisten; die
-Männer trinken solange bis sie liegen bleiben, während die Frauen Maß
-halten und sich nach einiger Zeit zurückziehen, um die Nacht in ihren
-Hütten zu verbringen. Hierbei wird nun meines Erachtens der Keim zu vielen
-unheilbaren Krankheiten gelegt. Das Klima, welches in der trockenen
-Jahreszeit ja so heiß ist, daß man froh sein muß, wenn man möglichst
-leicht bekleidet herumlaufen kann, ist in der Regenzeit frisch und während
-der Nacht viel zu rauh, um unbekleidet schlafen zu können. Die Leute
-müssen bei dem Mangel an Kleidung und dem Fehlen aller schützenden Hüllen,
-wie Decken oder Matten, daher des Nachts schon in ihren Hütten unter der
-Kälte leiden, und müssen geradezu frieren, wenn der Rausch sie verhindert,
-das wenigstens etwas schützende Dach aufzusuchen, und sie statt dessen
-unter freiem Himmel liegen bleiben, wo ihre nackten Körper nicht nur dem
-kalten Regen, sondern auch der rauhen Nachtluft voll ausgesetzt sind.
-So wird der innere Organismus dieser Menschen nicht direct durch den
-Trunk zerstört, sondern dadurch, daß durch häufige Erkältungen und danach
-durch mangelnde Pflege lebensgefährliche Krankheiten und in erster Reihe
-viele Fälle von Lungenschwindsucht entstehen. Zu unserer Zeit war die
-ganze Bevölkerung erkältet, Weiber und Kinder hatten den Schnupfen, die
-Männer husteten stark, und der Schiffsarzt will aus dem von allen Seiten
-ertönenden Husten vornehmlich Schwindsuchtshusten herausgehört haben. Nach
-allen Berichten soll Lungenschwindsucht hier auch sehr verbreitet sein.
-
-Alte Männer habe ich in den beiden von mir besuchten Thälern auf Fatu-hiva
-nur drei gesehen, alte Frauen mehrere; ich glaube daher, daß die Weiber,
-welche mehr bekleidet sind und sich nachts in ihren Hütten aufhalten, den
-schädlichen Witterungseinflüssen weniger unterworfen sind und aus diesem
-Grunde ein höheres Alter erreichen. So wird aller Voraussicht nach dieser
-in sich abgeschlossene Menschenstamm in nicht zu langer Zeit infolge
-der Erblichkeit der Lungenschwindsucht ausgestorben sein. Wie sehr diese
-Menschen zeitweise unter der rauhen Witterung leiden, dürfte auch daraus
-hervorgehen, daß diese Leute, welchen die größte Gleichgültigkeit gegen
-das Tragen von Kleidern nacherzählt wird, während unserer Anwesenheit
-nur danach trachteten, alte Kleider zu erwerben. Für Geld war nichts,
-für alte Kleider alles zu haben. Ein nackter Eingeborener kam mit seinem
-ganzen, aus nahezu 100 Dollars bestehenden Vermögen an Bord, um dafür alte
-Kleider zu erwerben, und daß er gleich eine so große Summe mitbrachte,
-zeigt jedenfalls, welch geringen Werth er auf das Geld und welch hohen
-er auf Kleidungsstücke legte. So könnte eine wohlwollende Regierung oder
-Missionsgesellschaft gewiß leicht die Sitte der Bekleidung einführen, wenn
-zur richtigen Zeit eine verhältnißmäßig unbedeutende Summe gespendet und
-versucht würde, die Eingeborenen zunächst zur Arbeit zu erziehen, anstatt
-sie mit Lesen und Schreiben zu belästigen, was sie nicht gebrauchen, und
-ihnen christliche Lehren zu predigen, welche sie noch nicht verstehen.
-Da aber voraussichtlich aus dieser Insel Fatu-hiva, von welcher ich
-hauptsächlich spreche, nie ein Gewinn zu ziehen sein wird, läßt man die
-Eingeborenen verkommen, anstatt ihnen aus christlicher Liebe zu helfen. --
-
-Ich will nun zu meinen eigenen Erlebnissen übergehen, bei deren Erzählung
-noch mancherlei zu Tage treten wird, was das Vorstehende ergänzt.
-
-Nach ziemlich vierwöchentlicher Fahrt waren wir am 13. Mai abends der
-südlichsten der Marquesas-Inseln so nahe gekommen, daß es nöthig wurde,
-während der Nacht mit kleinen Segeln zu laufen, um das Land nicht vor
-Tagesanbruch zu erreichen. Vorsicht war um so mehr geboten, als es
-stürmisch war, die See hoch ging und der Mond durch dickes Gewölk verdeckt
-wurde. Mit Tagesanbruch am 14. wurden die Segel wieder gesetzt, und gegen
-8 Uhr vormittags traten aus dickem Regengewölk die Umrisse der Insel
-hervor. Unsere Position war genau richtig, was bei einer Reise von 3000
-Seemeilen, ohne Land gesehen zu haben, immer etwas zweifelhaft ist, weil
-die Chronometer doch auch zuweilen ihre Mucken haben und man so ziemlich
-auf diese allein angewiesen ist, wenn es sich um die Richtigkeit der Länge
-handelt. Wir waren zunächst an der Wetterseite der Insel, welche mit ihren
-1200 m hohen Bergwänden die von dem Passatwind angetriebenen Wolkenmassen
-auffängt und hierdurch an dieser Seite fast bis zum Wasserspiegel in
-dichtes Gewölk eingehüllt ist, eine Erscheinung, welche sich bei allen in
-der Passatregion liegenden hohen Inseln während der Regenzeit wiederholt.
-Mit dem Näherkommen wird der Wolkenschleier allerdings durchsichtiger,
-doch nicht genügend, um eine Totalansicht der Insel erhalten zu können.
-Immerhin löst sich wenigstens die Südspitze der Insel aus dem Gewölk
-heraus und bietet uns einen schönen Blick. Wie die Ansicht der Südspitze
-von Fatu-hiva mit dem Thal Omoa zeigt, erhebt sich hier der Mittelkamm der
-Insel nahezu senkrecht aus dem Wasser, steigt in seltsam gezackter Linie
-beinahe 700 m hoch und zieht sich, allmählich bis zu einer Höhe von 1200 m
-anwachsend, durch die ganze Insel hindurch. Es ist ein außerordentlich
-fesselndes Bild.
-
-Aus den schönen blauen Fluten, welche in hohen Wogen mit mächtigen weißen
-Schaumköpfen gegen das Land heranrollen, erhebt sich in majestätischer
-Ruhe diese wunderlich geformte Klippenwand. An ihrem Fuße bricht sich
-die Kraft der Wogen, welche zu weißem dampfenden Gischt gepeitscht an
-diesem ehernen Wunderwerk hinauflecken und brodelnd und schäumend den Fuß
-zu unterwühlen suchen. Unten ewige Unruhe, fortwährendes Anstürmen der
-Meeresgewalten, oben feierliche Ruhe. Hier steht diese Felsenwand, wie
-sie schon seit Jahrtausenden dagestanden hat, überall, wo überhaupt nur
-etwas wachsen kann, mit grünem Gras und Moos bewachsen, und nur dort kahl
-und finster, wo von den vorspringenden Steinrücken der jahraus jahrein
-wehende Passatwind jedes Stückchen Erde, jedes Samenkorn wegfegt und
-sie in die geschützteren Schluchten schleudert, wo die Erdkrumen Ruhe,
-die Samenkörner Gedeihen finden. So kommt es, daß die Steinpfeiler sich
-besonders scharf aus dem Landschaftsbilde herausheben, weil ihre Rücken
-schwarz sind, die umliegenden Wände aber ein grünes Kleid haben. Oben
-auf den einzelnen Zacken der Felsenwand stehen Sträucher, auf dem Kamm
-einige Kokospalmen, welche sich scharf von dem blauen Himmelshintergrunde
-abheben und ihre großen Blätter in dem frischen Winde spielen lassen.
-Dieses an saftigen frischen Farben, sowie an schönen und kühnen Linien
-so reiche Bild wird noch anziehender durch den Contrast, welchen es mit
-seiner nächsten Umgebung zeigt. Denn während dieses Stück Land von der
-Sonne hell beschienen wird, der blaue Himmel sich über ihm wölbt, wird
-das dicht daneben liegende Land von Regenwolken vollkommen eingehüllt und
-der ganze Horizont ist mit festen Wolkenmassen, welche an verschiedenen
-Stellen wolkenbruchartige Regengüsse entsenden, umlagert.
-
-Der Passat weht frisch, unser Schiff hat schnellen Lauf, das Land rückt
-rasch näher, es ist nicht mehr weit bis zu der Cap Venus genannten
-Südspitze der Insel, und der Ankerplatz liegt gleich auf der andern Seite
-des Caps, unsern Augen fast bis zu dem Augenblick des Ankerns verborgen.
-Von Menschen ist vorläufig noch nichts zu sehen, weil dieselben die
-Wetterseite der Inseln nicht bewohnen und Cap Venus die ganze Südseite
-von Fatu-hiva nach der Seite, von welcher wir kommen, abschließt, sonst
-auch kein Weg und Steg um dieses Cap herumführt, weil die Natur hier
-die Anlage eines Weges verbietet. Den Bewohnern bleibt daher auch die
-Ankunft eines von Osten kommenden Schiffes bis zum letzten Augenblick
-verborgen. Ich hätte dem Schiff vorher so viel Fahrt geben können, um
-von dem Cap an ohne Segel bis auf den Ankerplatz zu schießen; die Karten
-sind aber noch nicht ganz zuverlässig, auch ist es nicht gerathen, ohne
-Lootsen einen ganz fremden Platz anzulaufen, ohne ihn zuerst aus gewisser
-Entfernung zu besichtigen und sich zu orientiren. So ging ich nicht dicht
-unter das Land, sondern blieb weiter ab und versuchte mit kleinen Segeln
-den noch auf tiefem Wasser liegenden Ankerplatz zu erreichen. Ich lief
-damit Gefahr, nicht sofort zu Anker zu kommen, da man an der Leeseite
-solch hoher Inseln gewöhnlich unstete Winde trifft, doch blieb mir
-mit Rücksicht auf die Sicherheit des Schiffes keine Wahl. Das Cap wird
-umschifft, ein köstliches Thal öffnet sich vor unsern Blicken, dessen
-genauere Besichtigung mir aber noch nicht erlaubt ist, weil die Führung
-des Schiffes mich ganz in Anspruch nimmt. Langsam geht es dem Ankerplatz
-zu, die Segel sind schon weggenommen, da stößt der Wind von vorn und
-drängt uns wieder hinaus. Es ist gerade 12 Uhr mittags und keine Aussicht
-bleibt, unter Segel allein den Ankerplatz vor dem Abend zu erreichen.
-Ich lasse daher in einem Kessel Dampf machen, das Schiff wird unter den
-wieder gesetzten kleinen Segeln beigedreht und die Mannschaft zum Essen
-geschickt. Nun wird mir Gelegenheit, das Thal Omoa oder Bon Repos-Bai,
-wie die Franzosen es nennen, mit Muße zu betrachten.
-
-Die das Cap Venus bildende Klippe fällt an dieser Seite ebenso steil
-ab wie an der andern, zeigt auch dieselben Umrisse, zieht sich aber
-halbkreisförmig zurück und bildet einen Kessel, welcher durch malerisch
-gruppirte Höhenzüge, schöne Thäler und überreiche Vegetation ausgefüllt,
-ein Bild abgibt, welches jeden packen muß. Besonders malerisch treten auf
-einem Höhenzuge einige Felsnadeln hervor, welche in ihrer Form so sehr den
-Pappeln ähneln, daß man sie für riesige Bäume dieser Art halten könnte,
-zumal das auf ihnen wachsende Gras und Moos ihnen auch das grüne Kleid
-gibt. Unten im Thal öffnet sich der Strand, einige Hütten leuchten aus dem
-überreichen Pflanzenwerk hervor, mit dem Fernrohr sind auch Eingeborene
-am Strande zu erkennen, sie können indeß das vor uns liegende Bild nicht
-beleben, weil unsere Entfernung von ihnen zu groß ist.
-
-Während wir angesichts des Ankerplatzes liegen und darauf warten müssen,
-daß die Maschine Dampf bekommt, stößt ein Kanu vom Lande ab und kommt
-auf uns zu. In demselben befinden sich sechs Personen, welche alle
-hintereinander sitzen, weil das Fahrzeug so schmal ist, daß in der
-Breite nur ein Mensch Platz findet. Das Fahrzeug nähert sich schnell, die
-muskulösen Ruderer geben ihm durch das Arbeiten mit den kurzen Rudern,
-welche mit beiden Händen gefaßt senkrecht in das Wasser eingetaucht und
-dicht an dem Bootskörper entlang durch das Wasser gezogen werden, eine
-große Geschwindigkeit. Wie ein Seevogel schießt das zierliche elegante
-Fahrzeug über die hohen Wellen hinweg. Die vordere Hälfte liegt in der
-Luft, wenn es oben über den Wellenkamm klettert, kippt dann nach vorn
-herunter, und bergab schießt das gebrechliche Ding, um für kurze Zeit im
-Wellenthal zu verschwinden. Die Ruderer bücken sich mit kurzer schneller
-Bewegung weit nach vorn, die Ruder senken sich ins Wasser, die Männer
-heben sich wieder und das von den Rudern nach hinten geworfene Wasser
-spritzt hoch auf; der Vordertheil des Fahrzeugs ist in Wasserstaub
-eingehüllt, wenn er aus der Luft in das Wasser zurückfällt, sonst sieht
-man an dem Bug nur eine leicht gekräuselte, nach hinten verlaufende Linie,
-an welcher der Kenner sieht, daß das Fahrzeug sich außerordentlich schnell
-durch das Wasser bewegt und wol eine Geschwindigkeit von 1½ deutschen
-Meilen und mehr in der Stunde hat. Die in demselben befindlichen Personen
-sind anscheinend vier Europäer und zwei Eingeborene, denn vier sind
-bekleidet und zwei sind nackt.
-
-Mit den Europäern hatte ich mich indeß getäuscht. Das Kanu kommt längsseit
-und wir sehen schon an den Gesichtszügen, daß alle Insassen Polynesier
-sind. Ein Mann steigt als erster aus und kommt an Bord, eine große
-kräftige Gestalt in dunkeln Hosen, darüber flatternd ein reines, mit
-braunen Blumen besprenkeltes weißes Hemd, ein schwarzer Filzhut auf dem
-Kopf und unten barfüßig. Er hat angenehme Gesichtszüge, sein Nasenschnitt
-erinnert an denjenigen der nordamerikanischen Indianer, sein langes Haar
-ist sehr voll und leicht gekräuselt, das Gesicht bartlos, die Hautfarbe
-braungelb und ziemlich hell, und vor allem ist der Mann sauber. Ein
-zweiter folgt, ist ähnlich gekleidet, hat kürzeres Kopfhaar, etwas Bart,
-einen schwermüthigen Zug im Gesicht, gebogene schmale Nase, spricht
-englisch und gibt sich als geborener Tonganer zu erkennen, welcher längere
-Zeit in San-Francisco gewesen ist und die deutsche Flagge kennt. Diesem
-haben wir wol den freundlichen Empfang zu verdanken, welcher uns später
-wurde. Er stellt den zuerst aufs Schiff Gekommenen als den Häuptling
-von Omoa vor. Der dritte ist ein kleiner, pfiffig aussehender Geselle,
-welcher sein Hemd schon in die Hosen eingesteckt trägt. Er ist Kajütsjunge
-auf einem amerikanischen Walfischfänger gewesen und spricht ebenfalls
-englisch. Der vierte, etwas reducirt in seiner Kleidung, schon älter an
-Jahren, mit intelligentem Gesicht, ist ein Sandwich-Insulaner und spricht
-auch englisch. Der fünfte und sechste sind prächtige nackte Kerle, nur mit
-dem Maro bekleidet, einem Kleidungsstück, welches auch von den japanischen
-Kulis getragen wird. Ein als Gürtel zusammengedrehtes Stück Zeug ist um
-die Hüften geschlungen und dient zur Befestigung eines zweiten Zeugstücks,
-das vom Nabel ausgehend, zwischen den Beinen durchgenommen und hinten an
-dem Gürtel wieder befestigt wird. Bei diesen Leuten, welche die richtigen
-Repräsentanten des hiesigen Menschenschlags sind und zwei ausgesucht
-schöne Exemplare zu sein scheinen, muß ich etwas länger verweilen.
-
-Die Haare sind seitlich gescheitelt und werden, mit Ausnahme zweier Zöpfe,
-welche von den Ohren aus herabhängen, lang und weit abstehend getragen.
-Der ganze Körper ist tätowirt und theilweise mit wirklich künstlerischen
-Mustern versehen, welche dem Menschen ein ganz eigenartiges Aussehen
-geben. Namentlich tritt dies grell bei dem Gesicht hervor, weil die
-Malerei hier ganz unsymmetrisch angeordnet ist. Scheinbar zwischen den
-Haaren herauskommend, bedeckt ein blaues Dreieck die eine Seite der
-Stirn; unter diesem Dreieck läuft ein blaues Band horizontal über die
-Augen, welches oberhalb der Augenbrauen beginnt und sich bis zum halben
-Nasenrücken erstreckt. Innerhalb dieses Bandes ist mit Ausnahme der
-gelblich-weißen Hornhaut des Auges kein heller Fleck zu finden, weil
-sogar die Augenlider mit großer Sorgfalt ganz blau gebeizt sind. Daß
-die aus solch blauer Umgebung keck und frisch hervorleuchtenden großen
-schwarzen Augensterne beim ersten Anschauen einen wilden Ausdruck zu
-haben scheinen, liegt auf der Hand; das erste Befremden schwindet aber,
-sobald man sich erst gewissermaßen eine geistige Brille aufgesetzt hat,
-um die eigentlichen Augen herauszufinden, und hat man sie gefunden,
-dann lacht einem ein gutmüthiger Schalk entgegen. Etwas oberhalb der
-Nasenspitze beginnt ein zweites Band, welches bis unter die Unterlippe
-reicht. Dieses ist jedoch nicht ganz blau, sondern hat willkürlich offen
-gelassene helle Flecken, welche kleinere Muster in sich tragen, wie denn
-auch das in der Mitte des Gesichts quer über die Nase laufende helle Band
-mit kleinen Mustern verschiedener Art ohne bestimmte Ordnung ausgefüllt
-ist. Die Malerei des Gesichts erhält ihren Abschluß am Kinn durch ein
-dem Stirndreieck diametral gegenüberliegendes kleines Dreieck. Es liegt
-auf der Hand, daß ein solches Gesicht, welches durch seine natürliche
-hellbraune Farbe, durch frisch-rothe Lippen und schöne weiße Zähne noch
-bunter wird, das äußerste Befremden erregt, zumal wenn der Eigenthümer
-einer solch bunten Musterkarte dieselbe noch zum Lachen verzieht und seine
-Augen fröhlich hin- und herlaufen läßt. Das Auge des Beschauers findet
-in solchem Gesicht nirgends Ruhe, alles ist darin unregelmäßig und daher
-sowol scheinbar, wie auch in Wirklichkeit in fortwährender Bewegung.
-Während in einem natürlich gefärbten Gesicht Muskelbewegungen schon
-stärker sein müssen, um einen andern Ausdruck hervorbringen zu können,
-genügt hier die geringste Bewegung, um die Malerei zu verändern und das
-Gesicht zu einem andern werden zu lassen. Ueber die Tätowirung des übrigen
-Körpers ist nur zu sagen, daß sie mit großer Sorgfalt durchgeführt ist
-und manch schönes Muster enthält. Besonders bevorzugt sind dabei Arme und
-Hände, Unterschenkel und Füße; auf den Armen findet man in der Regel auch
-noch den eigenen Namen, sowie solche naher Freunde.
-
-Das Kanu, in welchem die Leute gekommen sind, ist ein außerordentlich
-zierliches, leichtes Fahrzeug. Es ist aus zwei Stämmen des
-Brotfruchtbaumes zusammengesetzt; der eine Stamm gibt den Boden, der
-andere auseinandergeschnitten die Seitenwände. Da dieses lange, schmale
-und flache Fahrzeug nun aber gar keine Stabilität hat und daher auf
-See stets umschlagen würde, so haben diese Naturvölker sich eine sehr
-sinnreiche Sicherung angebracht. Auf ein Viertel der Länge von vorn und
-ein Viertel von hinten ist je ein leichter Baumstamm quer über dem Boot
-befestigt, welcher an der einen Seite etwa 1 m über das Boot hinausreicht,
-an der andern mit der Seitenwand des Fahrzeuges abschneidet. An den Enden
-der über das Boot hinausreichenden Arme sind (meistens senkrecht) nach
-unten Stäbe befestigt, welche ebenso lang wie das Boot hoch sind und an
-ihren untern Enden einen mit dem Boot nahezu parallel laufenden, nach
-vorn etwas divergirenden Balken von ungefähr zwei Drittel der Bootslänge
-tragen. Die Schwimmkraft dieses Balkens ist so groß, daß das Boot nach der
-Seite, welche den Schwimmer trägt, nicht umschlagen kann, andererseits
-ist das Gewicht des Schwimmers ausreichend, um das Umschlagen desselben
-nach der andern Seite zu verhindern, solange es nicht gar zu ungeschickt
-behandelt wird und die Befestigung des Hebelbalkens hält. Die Arbeit
-an dem Kanu ist roh, alle die schönen Zierathen, welche man häufig auf
-Bildern findet, fehlen hier, die Formen des 10 m langen und 1 m breiten
-Fahrzeuges sind aber sehr gefällig und das ganze Kanu sieht aus einiger
-Entfernung zierlich und elegant aus.
-
-Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, gingen die Eingeborenen
-zunächst durch das ganze Schiff, um sich dasselbe anzusehen, und bekamen
-dann, als sie auf das Deck zurückgekehrt waren, etwas zu essen. Eine
-große Schüssel voll Bohnen wurde auf eine auf dem Deck ausgebreitete
-Presenning gesetzt, Corned-beef und Brot dazu gethan, die Insulaner
-herbeigeholt und jedem von ihnen ein Löffel in die Hand gegeben, nachdem
-vorher einige Aufpasser bestellt waren, welche diese als diebisch
-bezeichneten Menschen stets unter Aufsicht halten sollten. Hätte ich
-bei dieser Gelegenheit schon, wie wenige Stunden später, gewußt, welch
-großen Werth die Leute auf äußere Formen legen, ich hätte ihnen zu dem
-Zweck einen abgeschlossenen Raum angewiesen, so aber stand ich noch unter
-dem Eindrucke der Reiseberichte und glaubte, diese Leute dementsprechend
-behandeln zu müssen. Sie gruppirten sich hockend um die Schüssel, ließen
-dem Häuptling ziemlich viel Platz, indem die andern dicht zusammenrückten,
-und schienen sich an dem Gericht recht zu erlaben. Ohne Gier, mit Würde
-und Anstand aßen sie die für zehn Mann berechnete Portion ziemlich schnell
-auf, ließen aber doch von jeder Speise etwas zurück, legten dann die
-Löffel, welche sie mit Geschick gebraucht hatten, ordentlich zusammen und
-verließen den Speiseplatz. Die vier bekleideten Honoratioren kamen auf die
-Commandobrücke, um sich zu bedanken; die beiden andern kletterten wieder
-in ihr Kanu.
-
-Gegen 1½ Uhr hatte die Maschine Dampf, die Segel wurden festgemacht, und
-unter Annahme der Lootsendienste, welche die Eingeborenen anboten, ging
-es nach dem Ankerplatz, wo wir gegen 2 Uhr ankerten. Ich entschloß mich,
-sogleich an Land zu gehen, um den Ort zu besichtigen und namentlich zu
-versuchen, für meine Mannschaften einigen frischen Proviant zu erhalten.
-Vorher wollte ich dem Häuptling noch eine Freude machen und rief ihn in
-die Kajüte, um ihm ein wollenes Hemd zu schenken. Die drei andern kamen
-natürlich mit und ich mußte nun, ehe ich mein Geschenk los werden konnte,
-Zeuge einer sehr komischen und doch zu ernstem Nachdenken anregenden Scene
-sein.
-
-In der Vorkajüte stehen an einer Wand auf Sockeln drei Statuetten
-nebeneinander, in der Mitte die Ariadne von Dannecker, in ein Drittel
-Lebensgröße, rechts die Venus Kallipygos, links die Mediceische Venus,
-beide in ein Viertel Lebensgröße. Die Blicke der Insulaner schweifen an
-den Wänden entlang, über die dort hängenden Bilder hinweg und bleiben
-dann beim Umwenden plötzlich an diesen Statuetten hängen. Mit offenem
-Mund und weit geöffneten Augen stehen die Leute stumm da, sehen mich
-einen Augenblick an, richten aber ihre Blicke wieder schnell auf die
-Bildwerke und stoßen, mit halberstickter Stimme nach Athem ringend, nur
-den Staunensruf „'Ai! A-i!'“ aus. Die einzige Frage, welche sie noch zu
-stellen wagen, ist die, ob das Thier, auf welchem die Ariadne sitzt,
-wirklich ein Bär sei. Von den Männern wilder oder halbcivilisirter
-Völkerschaften darf man ja nie äußere Zeichen des Staunens erwarten,
-weil es bei ihnen zum guten Ton gehört, gegen Fremdes Gleichgültigkeit
-zu heucheln; die Sinne dieser Männer mußten daher sehr gefesselt sein,
-wenn sie sich soweit vergaßen, wie sie es gethan haben. Ich war nun aber
-nicht sicher, ob das Erstaunen nur der künstlerischen Arbeit oder den
-schönen classischen Formen galt, wollte jedoch Gewißheit haben. Ich rufe
-die Leute daher in mein Arbeitszimmer, wo zwei colorirte Bilder hängen,
-welche zwei duftige leichtbekleidete Mädchengestalten mit bunten Bändern
-im Haar darstellen. Auf den Zehenspitzen folgen sie mir, das ganze Gesicht
-nur Staunen und Verwunderung. Ich fordere sie auf sich umzudrehen, und in
-stiller Andacht bleiben sie vor diesen zarten Mädchenblumen stehen, welche
-durch weiter nichts als durch ihre feinen Farben zur Geltung kommen. Kein
-Auge wenden sie von den Bildern, als ob sie dieselben sich für immer
-einprägen wollten, und ich muß sie schließlich hinausdrängen. Nur mit
-Widerstreben folgen sie, und ihre etwas verdüsterten Mienen hellen sich
-erst wieder auf, als sie in der Vorkajüte die Puppen wiederfinden und
-ich sie auffordere, dort solange Platz zu nehmen, bis ich meinen Anzug
-für den Landgang in Ordnung gebracht habe. Ich unterließ aber nicht, die
-Thüre zwischen uns offen zu halten, um diese angeblich diebischen Menschen
-beobachten zu können, obgleich die offenen, ehrlichen Gesichter eigentlich
-jeden Verdacht beseitigen müssen. Die Statuetten haben es den Naturkindern
-aber so sehr angethan, daß sie heute keine Zeit zum Stehlen finden,
-wenn sie auch sonst Neigung dazu verspüren sollten -- nur diese ziehen
-magnetisch ihren Blick an, alles andere ist für sie nicht vorhanden.
-
-Als ich fertig war, rüttelte ich meine Gäste auf, gab dem Häuptling das
-ihm zugedachte Hemd, welches er kurzer Hand über sein anderes zog, und nun
-ging es in mein Boot, nachdem die Eingeborenen jede Vergütung für die dem
-Schiffe geleisteten Lootsendienste entschieden abgelehnt hatten. Einige
-Offiziere schlossen sich dem Landgange noch an und wir mußten eilen, wenn
-wir noch etwas am Lande sehen wollten, weil der Weg zum Dorfe weit war und
-bei Dunkelheit unpassirbar sein soll, wir aber jedenfalls vor Abend wieder
-auf dem Schiff sein mußten, wollten wir nicht mit einem sehr unbequemen
-Nachtlager vorlieb nehmen. Das Landen mit schweren Schiffsbooten ist hier
-stets sehr beschwerlich, weil man nur an einer Klippe landen kann und
-hier die See immer hoch geht. Die leichten Kanus laufen einfach auf den
-beim Dorfe liegenden Sandstrand, lassen sich von den hoch auflaufenden
-Wellen wie eine Blase auf den Sand werfen und werden dann schnell ganz
-aufs Trockene gezogen; die Leute sind dabei aber auch gewöhnlich ganz
-im Wasser, weil die Brandung so stark ist, daß das Fahrzeug, ehe es
-das Land erreicht, durch den Gischt der Brandung hindurch muß. Mit den
-Schiffsbooten kann man eine solche Landung nicht wagen und für diese liegt
-die Landungsstelle weitab vom Dorfe an den Felsen, wo an der am weitest
-vorspringenden Stelle ein platter Stein aus dem Wasser hervorragt. Die See
-bricht merkwürdigerweise nur sehr selten über diesen Stein weg, sondern
-zertheilt sich vor demselben und läuft an beiden Seiten vorbei. Diese
-Eigenthümlichkeit gestattet den Booten so dicht heranzugehen, daß man
-vom Boot aus auf den Stein springen kann, doch ist auch hierbei Vorsicht
-nöthig, weil das Auf- und Niederwogen des Wassers immerhin so stark ist,
-daß das Boot, wenn es durch eine ungeschickte Bewegung an den Felsen
-geworfen wird, auch an ihm zerschellt. Ohne die Hülfe der Eingeborenen
-hätten wir an diesem Tage, weil der Seegang infolge des starken Windes
-der letzten Tage sehr hoch war, überhaupt nicht landen und auch kaum
-den Weg nach dem Dorfe machen können, denn wahrscheinlich wären wir sehr
-bald durch die Brandung von den Felsen heruntergerissen worden. Die Leute
-waren wirklich rührend sorgsam mit uns und führten und leiteten uns, wie
-die Mutter ihr Kind, wobei man es ihren Gesichtern ordentlich ansah, wie
-besorgt sie waren, daß wir nicht zu Schaden kämen.
-
-An der Landungsstelle angekommen, sahen wir wol, daß mit einem geschickten
-Sprung ans Land zu kommen ist, wir fanden aber auch, daß ein Fehlsprung
-sicher ins Wasser führt und daß man bei dem Sprung auf den glatten Stein
-auch nicht das Gleichgewicht verlieren darf, denn sonst schlägt man auf
-die scharfen Felsen und kann sicherlich auf eine erhebliche Verwundung
-rechnen. Unsere Freunde wissen das auch zu beurtheilen, denn als ich von
-dem bei solchen Gelegenheiten etwas zweifelhaften Vorrecht des Aeltesten,
-als erster den Vortritt zu nehmen, Gebrauch machen will, werde ich
-festgehalten und neben mir springt der Sandwich-Insulaner zwar nicht auf
-den Stein, aber mit seinem einzigen Anzug auf dem Körper in das Wasser und
-schwimmt wassertretend wie ein Frosch vor dem Felsen. Ich verstand nicht,
-was der Mann beabsichtigte, der Stein hat vollkommen senkrechte glatte
-Wände und das Niveau des Wassers liegt etwa 1½ m unter der Plattform des
-Steins, sodaß ein Erreichen des Steins vom Wasser aus unmöglich erscheint.
-Der Mann kennt die Situation aber besser. Nach kurzer Frist steigt das
-Wasser plötzlich 2-3 m, flutet über den Stein weg, fließt ab und unser
-Insulaner steht auf dem Stein, um uns nunmehr die Hand zu reichen. Nach
-und nach, je nachdem das Auflaufen der Wellen das Boot zum Abrudern zwingt
-oder ihm gestattet nahe heranzukommen, werden alle Personen glücklich
-gelandet und wir betreten einen Weg, wie man ihn nicht oft in seinem
-Leben geht. Da die Bergwände zu steil sind, um auf ihnen ohne gebahnten
-Pfad gehen zu können, die Eingeborenen in einem solchen Weg aber keinen
-Nutzen sehen, weil die vorhandenen ihnen genügen, so war für uns auch nur
-der eine Weg am Strande entlang über die Klippen vorhanden. Das Stück,
-welches wir auf diese Weise zurückzulegen hatten, betrug etwa 40 Minuten,
-weit genug, um ohne Zaudern loszumarschiren, wenn wir vor Eintritt der
-Dunkelheit zurück sein wollten.
-
-Ein solcher Klippenweg hat die Eigenthümlichkeit, daß man nicht eben
-weggehen kann, sondern unausgesetzt die Richtung ändern muß. Einmal muß
-man sich nach links wenden, dann nach rechts, wie die vorspringenden
-Steinspitzen gerade am bequemsten liegen, oft muß man mehrere Fuß tief
-hinunterspringen und dabei gut darauf achten, den richtigen Stein zu
-treffen, dann muß man das wieder mühsam hinaufklettern, was man vorher
-hinuntergesprungen ist. Hat man nun hierbei nur auf den Weg zu achten,
-dann geht es noch, hier heißt es aber noch unausgesetzt die Brandung
-im Auge zu behalten. Dieses Zusammentreffen der ruhelos auflaufenden
-Brandung mit einem an sich schon beschwerlichen Wege macht diesen geradezu
-gefahrvoll, und hier erwiesen sich die Eingeborenen in so sorgsamer Weise
-nützlich. An diesen Weg gewohnt und mit ihren nackten Füßen sehr viel
-sicherer auf den Beinen, sind sie mehr befähigt, auf Weg und Brandung
-zugleich zu achten, und verstehen auch zu beurtheilen, wie weit das Wasser
-jedesmal steigt. So lassen sie uns zeitweise plötzlich halten, und dicht
-vor uns werden höher liegende Felsen als diejenigen, auf welchen wir
-stehen, von der hellen klaren See überspült; dann wieder lassen sie uns
-auf einen andern Stein springen oder gar in eine Vertiefung, und um uns
-herum steht alles in voller Brandung, während wir trocken bleiben, müssen
-dann aber schnell auf einen der eben erst bespülten Steine flüchten, weil
-das abfließende Wasser nun unsern letzten Zufluchtsort ausfüllt. So kommen
-wir endlich zu dem Dorfe, zwar ohne von dem Seewasser durchnäßt zu sein,
-trocken sind wir aber nicht, denn die Anstrengung des Weges hat allen
-Schweiß aus unserm Körper herausgepreßt, den er überhaupt abgeben konnte.
-Trotz des einsetzenden starken Regens benutzen wir unsere Regenschirme
-nicht, weil wir ja doch schon durch und durch naß sind. Das Anerbieten
-unserer Führer, uns durch einen ein Fuß tiefen Fluß zu tragen, lehnen wir
-auch ab, weil es für unsere brennenden Füße eine Wohlthat ist, dieselben
-in dem kühlern Wasser zu erfrischen. Von dem Dorf und seinen Bewohnern
-sehen wir zunächst nichts, weil ein wüthend brennender Durst erst nach
-irgendwelchem Getränk verlangt.
-
-Der Häuptling führt uns zunächst in seine Wohnung, wo seine Frau uns
-empfängt. Um uns herum kribbelt und krabbelt es, mit der Gesellschaft
-in Ordnung kommen können wir aber erst, nachdem wir mit großer Gier
-die Milch einiger frischer Kokosnüsse getrunken haben. Endlich sind
-wir wieder Menschen und können nun Umschau halten. Wir sind in einem
-Holzhäuschen, welches aus einem Flur mit zwei daranstoßenden Zimmern
-besteht; die drei obersten von uns sitzen auf Stühlen, ein Holztisch ist
-vorhanden, an der Wand hängt ein Crucifix. Auf unsere Verwunderung über
-dieses behagliche Häuschen wird uns die Antwort, daß es das Haus des
-frühern Missionars ist und nach dessen Abgang mit sämmtlichem Inventar
-in den Besitz des Häuptlings übergegangen ist. Der Häuptling sitzt, nur
-mit Hosen bekleidet, auf einer Kiste, die beiden Hemden hat er also
-inzwischen schon ausgezogen; sein Oberkörper ist nur wenig tätowirt.
-Des Häuptlings Frau sitzt neben mir; sie ist von mittlerer Statur, hat
-eine schmale gebogene Nase, brennende Augen, bis zur Schulter reichendes
-schlichtes Haar und eine hellbraune Hautfarbe; ihr angenehmes und hübsches
-Gesicht hat einen schmerzlichen Zug. Ihre Kleidung besteht aus einem
-langen, bis zu den Knöcheln reichenden und mit Aermeln versehenen rothen
-Gewand, unter welchem sie noch ein gelbes, hemdartiges Kleidungsstück
-und darunter den Maro hat, welchen die Frauen ebenso wie die Männer,
-Mädchen und Kinder tragen. Ihre Beine und Arme sind tätowirt; Arm und
-Schulter zeigt sie uns auf Verlangen und würde uns wol auch ihr Bein
-gezeigt haben, wenn wir danach verlangt hätten. Als Begrüßung reicht
-sie uns die Hand, nickt graziös mit dem Kopf und verzieht das Gesicht
-zu einem angenehmen Lächeln; die ganze Begrüßung ist nach europäischem
-Geschmack so vornehm und fein, daß manche europäische Dame sich ein
-Beispiel daran nehmen könnte. Ich biete meiner freundlichen Nachbarin
-meinen ganzen Cigarrenvorrath an, welches Geschenk sie aber erst nach
-erfolgter Aufforderung ihres Mannes annimmt; sie zündet sich eine an
-und vertheilt die übrigen an die Anwesenden, welche nur aus Männern und
-Jungen bestehen, aber was für Männer und Jungen! Ein Maler würde in dieser
-Modellsammlung schwelgen. Die Erwachsenen sind durchweg kräftige, aber
-elegante schlanke Gestalten von über Mittelgröße, alle Glieder schön
-und ebenmäßig; die Gesichtszüge sind wegen der Tätowirung schwer zu
-erkennen, doch sieht man so viel, daß dieselben im Durchschnitt hübsch
-sind und Intelligenz verrathen, jedenfalls in der letztern Beziehung hoch
-über dem Ausdruck der Gesichter unserer niedern Volksklassen stehen,
-obgleich die Leute keine Schulzeit durchgemacht haben. Die Tätowirung
-des Körpers ist so stilvoll durchgeführt, daß man, wie früher schon
-erwähnt, die mangelnde Kleidung nicht vermißt; die Leute sind entschieden,
-so wie sie sind, anständig angezogen. Die Männer tragen auch noch
-Schmuck, entgegengesetzt unserer Sitte, während die Frauen sich hier
-nur mit Blumen zieren. Der Schmuck besteht aus Halsketten von bunten
-geschliffenen Glasperlen, nachgeahmten Korallen, auch zusammengereihten
-bunten Früchten, aus goldenen Ringen und Ohrringen, Blumen im Haar und in
-den an 1 cm großen Löchern der Ohrläppchen; als besonderer Schmuck wird
-auch noch ein Schlüssel angesehen, der um den Hals gehängt wird. Einige
-tragen Matrosenmesser; Waffen sind sonst nicht zu sehen, weil sie, wie
-schon erwähnt, einheimische Waffen nicht mehr besitzen. Die anwesenden
-Jungen im Alter von 6-14 Jahren sind wahre Prachtbengel, nur mit dem Maro
-bekleidet, daher ziemlich nackt, weil sie noch nicht tätowirt sind. Sie
-sind von heller braun-gelber Hautfarbe und haben offene, freundliche und
-hübsche Gesichter, in welchen sich schon ein gewisses Selbstbewußtsein
-ausspricht, denn sie dürfen mit den Männern zusammen sein, zu denen sie
-gehören und mit welchen sie schon alles theilen. Man sieht es diesen
-Jungen an, daß sie gut behandelt werden; unsere Dolmetscher bestätigen
-auch, daß die hiesigen Eingeborenen viel auf Kinder halten und sie gern
-haben. Ich stelle sie auf die Probe und frage, ob ich nicht einen Jungen
-kaufen oder eintauschen könne, erhalte aber nur eine freundliche, jedoch
-ganz bestimmte Abweisung. Da sich unter den Knaben auch einer mit hellerer
-Hautfarbe und blondem Haar befindet, welcher nach Angabe des Dolmetschers
-einen Weißen zum Vater hat, so frage ich, ob ich denn nicht diesen
-Bastard einhandeln könne. Die Antwort war, daß schon der Kapitän eines
-Walfischfängers sich alle erdenkliche Mühe gegeben habe, dieses Kind zu
-erhalten, der Adoptivvater (augenblicklicher Mann der Mutter) wolle es
-aber nicht hergeben und halte mehr von ihm wie von seinen eigenen Kindern.
-
-Im allgemeinen fällt mir der nette, liebenswürdige Verkehr unter diesen
-Eingeborenen auf. Man sieht nur freundliche Gesichter; eine freundlich
-gestellte Bitte von einem Erwachsenen an einen andern, von einem
-Erwachsenen an einen Jungen, oder umgekehrt, wird sofort ohne Zaudern
-mit freundlichem Gesicht gewährt. So stehen und hocken die Männer und die
-Jungen an den Wänden, verhalten sich anständig und im ganzen ruhig, weil
-wir ja ihr Interesse vornehmlich erwecken.
-
-Während wir hier im Hause des Häuptlings sitzen, werden Geschenke für mich
-herbeigebracht. Der Häuptling und der Tonganer schenken mir jeder einen
-Strauch Bananen; von dem kleinen Pfiffigen erhalte ich zwei Hühner, fünf
-Eier und einige Apfelsinen. Auf meine Frage, welches Gegengeschenk ich zu
-geben habe, wird mir die Antwort, daß sie kein solches erwarten; wolle ich
-ihnen aber etwas schenken, dann würde alles, was ich nicht mehr gebrauchen
-könne, dankbar angenommen. Ich schenkte später den Leuten ein Messer, eine
-Flasche Rum, einen Sack Hartbrot, Cigarren, Streichhölzer und noch einige
-Kleinigkeiten.
-
-In dem Hause war es mittlerweile unerträglich warm geworden, und da wir
-auch noch etwas sehen wollen, entschließen wir uns zum Aufbruch und werden
-nun, infolge des anhaltenden Regens, vorläufig in ein anderes Haus, eine
-unverfälschte ortsübliche Hütte geführt, wo wir auch Damengesellschaft
-finden. Die Hütten sind alle gleich, und so genügt es eine zu beschreiben.
-
-Auf eingegrabenen Pfählen ruht ein Dach, dessen Sparren aus Bambusstäben
-bestehen und dessen Decke durch eine aus Palmblättern geflochtene Matte
-gebildet wird, welche ziemlich regendicht ist und 5-6 Jahre vorhalten
-soll. Mit ebensolchen Matten sind die Längswände der Hütte geschlossen,
-die Schmalseiten sind offen. Die Hütte ist ungefähr 10 m lang, 3 m
-breit und in der Mittellinie 4 m hoch. Der Fußboden der Hütte liegt
-etwas mehr als 1 m über dem ihn umgebenden Erdboden und wird in der
-Weise hergestellt, daß der innerhalb der Pfähle liegende Raum bis zu der
-genannten Höhe mit großen glatten Steinen ausgefüllt wird, sodaß das etwa
-durch das Dach sickernde Wasser zwischen den Steinen ablaufen kann; auch
-wird das Ungeziefer, wie Ameisen u. s. w., wol die glatten Steine meiden.
-In solcher Hütte sitzt man luftig, kann aber die andachtvolle Ruhe und die
-herrliche Scenerie nicht genießen, denn der Schöpfer hat dafür gesorgt,
-daß diese Menschen, welche sonst in paradiesischer Trägheit ihr Leben
-verbringen, auch Bewegung finden. Denn wie bei uns die Thiere im Walde und
-auf der Weide durch allerlei Geschmeiß zu fortwährender Bewegung getrieben
-werden, so peinigen hier ungezählte Massen von Fliegen die Menschen. Sie
-sind eine wahre Landplage, und alles Fächeln unserer braunen Freunde hält
-sie von ihren eigensinnig wiederholten Angriffen nicht ab. So begrüßen
-wir es als eine wahrhafte Erlösung, als es endlich aufhört zu regnen.
-Das Anerbieten des Tonganers, mich auf die nächste Höhe zu führen, um von
-dort aus einen Ueberblick über das ganze landschaftliche Bild zu erhalten,
-mußte ich der vorgerückten Zeit wegen ablehnen und wir gehen statt dessen
-an den Strand zu den dort liegenden Hütten und der dort in größerer
-Zahl versammelten Damenwelt. Wir werden überall freundlich empfangen,
-die Verständigung erfolgt durch Zeichen und Lachen, und die so geführte
-Unterhaltung hält sich in den Grenzen feinen Anstandes; die berichtete
-Schamlosigkeit und Gemeinheit können wir hier nicht entdecken.
-
-Der Anzug der Frauen besteht theilweise, und wol nur bei den
-Wohlhabenderen, aus dem bei der Häuptlingsfrau schon beschriebenen
-langen Hemde, in der Regel aber nur aus einem Stück Zeug aus Baumwolle
-oder selbstfabricirtem Stoff, welcher aus der Rinde des Maulbeerbaumes
-gefertigt wird. Der Anzug wird mit diesem in der Weise hergestellt, daß
-das Zeug unter den Armen um den Leib geschlungen wird und dann bis zur
-Erde reicht, beim Sitzen aber bis zu den Hüften heruntergleitet.
-
-Ich unterscheide unter den hier versammelten Frauen vier verschiedene
-Typen, welche wahrscheinlich durch wiederholte Kreuzung entstanden sind.
-Die große Mehrzahl hat stark krauses schwarzes Haar, welches bis zur
-Schulter reicht und nach allen Seiten ungefähr 15 cm weit absteht, große
-schwarze brennende Augen, breite aber wohlgeformte Nase, großen Mund und
-hellbraune Hautfarbe. Eine zweite Klasse hat dasselbe Haar, jedoch mit
-röthlichen Strähnen durchzogen, kleinere Augen und Nase und ist kleiner
-an Körper. Die dritte Klasse hat schlichtes schwarzes Haar, welches
-auch nur bis zur Schulter reicht und wol der Mode halber abgeschnitten
-ist, eine schmale schöne Nase, stimmt jedoch sonst mit der ersten Klasse
-überein. Die vierte Klasse hat nur einige wenige Vertreterinnen; sie haben
-schlichtes schwarzes Haar, große schwarze sinnende Augen, feine leicht
-gebogene Nase, kleinen Mund und eine ganz hellgelbe Hautfarbe. Bis auf
-die zweite Klasse sind alle über Mittelgröße, einige sind sehr groß. Die
-Körperformen sind bei allen ebenmäßig und schön; alle sind gut gewachsen
-und haben volles üppiges Fleisch. Die der Insel ursprünglich angehörige
-Rasse glaube ich in der ersten Klasse zu finden, wogegen die vierte
-Klasse, welche man für Südeuropäer halten kann, wahrscheinlich viel weißes
-Blut hat. Ehe ich zu beweisen suche, weshalb man bei den Männern nicht
-so scharf ausgeprägte Typen unterscheiden kann, muß ich noch einer Frau
-der vierten Klasse Erwähnung thun. Auf dem hochgelegenen Fußboden eines
-Hauses saß halb mit dem rechten Bein, das linke auf dem Erdboden, an dem
-äußern Rand eine lichte Gestalt in unnachahmlicher Grazie, den rechten
-gekrümmten Arm gegen einen Pfahl lehnend, den schön tätowirten linken Arm
-mit der Hand im Schoß, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Der obere Theil
-ihres Gewandes ruhte auf den Hüften. Sie war eine vollendete Schönheit
-und sollte, soweit die Eingeborenen rechnen können, 35 Jahre alt sein. Ich
-konnte dem von ihr ausgehenden Zauber nicht widerstehen und trat mit dem
-Dolmetscher näher heran, zumal ich auch nicht glauben konnte, daß dieses
-zarte feine Gesicht und der jugendlich üppige Körper in diesem Klima
-schon 35 Sommer gesehen haben sollen. Trotz ihrer freundlichen Begrüßung
-lag im Auge der Frau so viel Abweisendes, als ob sie sagen wollte: „Rühre
-mich ja nicht an!“ Ich ließ ihr durch den Dolmetscher sagen, daß ich mir
-gern ihren tätowirten Arm ansehen möchte, worauf sie mir mit zufriedener
-Miene ihre kleine, schön geformte Hand reichte, damit ich mir das Muster,
-welches ich weiter unten beschreiben werde, genau ansehen konnte.
-
-Daß man in dem Aussehen der Männer so wenig Verschiedenheit findet, liegt
-wol hauptsächlich in der Tätowirung. Die früher genannten vier Insulaner
-in europäischer Kleidung, welche sämmtlich nicht im Gesicht tätowirt sind,
-haben dagegen ganz verschiedene Gesichtszüge, doch gehören nur zwei von
-ihnen dieser Insel an, und von diesen ist der Häuptling groß mit breiter
-gebogener Nase, der Pfiffige klein mit langer schmaler Nase. Dies beweist
-aber auch noch nichts, weil auf den Südsee-Inseln die Häuptlinge immer
-größer an Gestalt sind und andere Gesichtszüge haben, als ob sie einer
-andern Rasse angehörten. Als besonders auffällig erschien mir bei unserm
-kurzen Besuch, daß sowol die nackten tätowirten Männer als auch die Jungen
-unter sich alle gleich aussehen. Die Männer haben durchgehends krauses
-schwarzes Haar, dunkle Augen, theilweise gebogene, theilweise breite
-Nasen, und man muß sehr genau hinsehen, um aus diesen bunten Gesichtern
-überhaupt bestimmte Formen herausfinden zu können. Die Jungen haben
-schlichtes kurzes Haar, große Augen, großen Mund und ebenfalls theilweise
-gebogene, theilweise breite Nasen.
-
-Noch einmal auf die Frauen zurückkommend muß ich erwähnen, daß sie das
-Haar in der Mitte gescheitelt tragen und anscheinend in guter Pflege
-halten, denn bei ihnen waren ebenso wenig wie bei den Männern Spuren
-von Ungeziefer zu entdecken. Die Frauen tätowiren sich in die Lippen
-senkrechte blaue Striche ein, welche so unmotivirt sind und mit keinerlei
-Gesichtszügen in Verbindung stehen, daß sie das Gesicht entschieden
-verunstalten. Während die frühern Reisebeschreibungen sagen, daß die
-Frauen nur auf den Lippen tätowirt sind, haben wir diese Sitte bei ihnen
-auch auf andere Körpertheile ausgedehnt gefunden. Wie ich schon erzählt
-habe, hat die Frau des Häuptlings Arme und Beine tätowirt, wir finden
-dasselbe hier am Strande noch bei mehrern andern Frauen. Die Tätowirung
-des Armes reicht in der Regel von den Mittelgelenken der Finger bis zu
-dem halben Unterarm, besteht aus sich kreuzenden feinen Linien, welche
-ziemlich dicht zusammenliegen, auf dem Rücken der Hand und vor dem
-Abschluß am Arm aber ein offenes spitzenähnliches breites Band bilden,
-sodaß es aussieht, als ob die betreffende Person fein gewirkte lange
-Filethandschuhe anhabe; bei der Häuptlingsfrau geht das Muster bis zur
-Schulter. Die Tätowirung des Beines erstreckt sich von den Zehen über den
-Fuß und das ganze Bein bis zu den Hüftgelenken, bei einzelnen jedoch nur
-bis etwas über das Knie, und hier konnte man wähnen, feine Filetstrümpfe
-nach französischem Modell vor sich zu haben. Als wir den Wunsch äußern,
-ein solches Bein zu sehen, zaudert das betreffende Mädchen erst, schlägt
-aber nach Aufforderung der umstehenden Männer sichtlich verschämt das Tuch
-so weit zurück, daß man das Bein sehen kann. Es hat schöne Formen, reiche
-und schöne Muster, die Haut ist zart und weich.
-
-Das Tätowiren der Männer nimmt viele Jahre in Anspruch, denn es
-beginnt mit dem 14. Lebensjahr und wird so ziemlich bis zum Lebensende
-fortgesetzt. Eine solche Procedur auf einmal ohne Unterbrechung ausgeführt
-würde vielleicht ebenso den Tod nach sich ziehen, als wenn ein Mensch
-bis zu zwei Drittel seiner Hautfläche verbrüht wird. Die ersten Linien
-werden im Gesicht, an Händen und Füßen angelegt, und die Arbeit, welche
-nach meiner Schätzung mehr als 30 Jahre in Anspruch nimmt, wird mit dem
-vorschreitenden Alter weiter durchgeführt; wenigstens habe ich nur einen
-Mann gesehen, welcher in dieser Beziehung als fertig angenommen werden
-konnte, und dieser war etwa 50 Jahre alt.
-
-Bei den Mädchen ist es wegen der geringern in Betracht kommenden
-Hautfläche angängig, die ganze Procedur auf einmal auszuführen und diese
-soll auch nach dem 14. Lebensjahr bei Gelegenheit von Festen in einem Act
-ausgeführt werden. Ob es für die Mädchen wirklich ein Fest? Ich habe es
-in meinen jungen Jahren auch gekostet, wie das Tätowiren thut, und kann
-nur sagen, daß ein ganz kleines Stück schon schmerzhaft genug ist.
-
-Die Füße und Hände der Frauen sind klein und gut geformt. Die Ohrläppchen
-haben sehr große Löcher, dieselben sind aber nicht für Ohrringe bestimmt,
-sondern nehmen Blumen und kleine Sträuße auf. Das Gebiß ist, soweit ich
-sehen konnte, durchweg gesund, schneeweiß und wird sauber gehalten.
-
-Mit zwei oder drei Ausnahmen habe ich keine kleinen Mädchen gesehen.
-Meine Frage, ob sie die Mädchen als überflüssig gleich nach der Geburt
-erwürgten, wurde mit Entrüstung verneint und behauptet, daß diese alle
-weiter oben in dem sich durch das ganze Thal erstreckenden Dorf seien, wo
-noch 400 Menschen wohnten. Leider konnte ich mich nicht lange genug auf
-dieser Insel aufhalten, um noch Zeit für einen Ausflug nach dem obern Dorf
-zu finden.
-
-Allmählich wird es Zeit, an den Rückweg zu denken, und ich schaue mich
-nach meinen Sachen um, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte. Zu meiner
-Ueberraschung sehe ich einen ganzen Trupp Männer und Jungen, welche
-mir dieselben nachtragen. Einer hat meinen Rock, welchen ich der Hitze
-wegen ausgezogen hatte, ein anderer meinen Schirm, wieder einer meine
-Bananen u. s. f. Wir nahmen nun Abschied von den Damen, ich ziehe meinen
-Rock an und entdecke zu meiner Verwunderung, daß kein Stück der in den
-Taschen vertheilten Kleinigkeiten fehlt, nicht einmal die Schachtel mit
-Zündhölzern, welche in der jetzigen Regenzeit fast der begehrteste Artikel
-ist. Die andern Sachen lasse ich den Trägern noch und wir begeben uns nun,
-nachdem wir der großen Branntweinflasche noch einen Besuch abgestattet
-hatten, zurück auf den bedenklichen Klippenweg, wo es uns diesmal nicht so
-gut gehen sollte wie auf dem Herweg, denn als ich an einer Stelle, welche
-mir durchaus sicher erschien, einen Augenblick stehen blieb, um mit dem
-mir nachfolgenden Offizier einige Worte zu wechseln, hörten wir beide den
-Warnungsruf unsers Führers zu spät, standen plötzlich bis unter die Arme
-im Wasser und lagen dann zwischen den Klippen; dasselbe passirte auch dem
-größten Theil der Offiziere, weil alle auf dem Rückweg zu unaufmerksam
-waren. Glücklicherweise nahm indeß keiner größern Schaden; einige Risse
-in den Hosen und in der Haut waren das ganze Opfer.
-
-Ehe wir das Dorf verließen, fragte mich der kleine Pfiffige, ob ich denn
-vorher nicht noch eine Frau haben wolle? Als ich darauf die Gegenfrage
-stelle, ob dies denn angängig sei, sagte er, ich solle mir nur eine
-aussuchen, denn mit Ausnahme der Häuptlingsfrau ständen alle Frauen und
-Mädchen des Dorfes zu meiner Verfügung. Um den Mann nicht zu verletzen und
-die Sache doch kurz abzubrechen, gab ich ihm zur Antwort, daß es dafür
-heute schon zu spät sei, weil ich auf das Schiff zurück müsse. „Gut“,
-sagte mein Freund, „ich werde dann zu morgen die Schönsten aussuchen.“
-Diese kurze Unterhaltung brachte mich auf den Gedanken, mit den uns
-begleitenden Männern einige Frauen mit an Bord zu nehmen, damit sie sich
-das Schiff ansehen und etwas Musik hören könnten. Kaum ausgesprochen --
-und mein Führer ist schon auf dem Wege, die Einladung weiter zu befördern.
-Wir gingen weiter nach dem Boot, wo ich den eben wieder eintreffenden
-Eingeborenen frage, wie es denn mit den Frauen sei, da ich noch keine
-auf dem Wege sähe. Er sagt nun kleinlaut, daß sie nicht kommen wollten,
-da sie sich nicht auf ein so großes Schiff trauten. Als ich eine nähere
-Erklärung dieser mir unverständlichen Rede forderte, erzählte er, daß vor
-mehrern Jahren einmal alle Frauen auf einem französischen Kriegsschiff
-gewesen und dort so mishandelt worden seien, daß sie auf kein Kriegsschiff
-mehr gingen. Da es heute zu spät geworden war, in der Sache noch etwas
-zu thun, wiederholte ich meine Einladung für morgen mit dem Bemerken, daß
-alle Eingeborenen, Männer, Frauen, wie Kinder meine Gäste seien, und diese
-Einladung wurde mit Freuden angenommen.
-
-Die Einschiffung in das Boot ging ohne weitere Beschwerden vor sich, weil
-es leichter war, von dem Stein in das tiefer liegende Boot zu springen,
-doch galt es auch hier gut aufzupassen und den Sprung dicht vor dem Moment
-zu machen, wo das von einer Welle gehobene Boot einen Augenblick ruhte.
-Gegen 6 Uhr abends waren wir wieder an Bord.
-
-Den nächsten Vormittag benutzte ich dazu, in meiner Gig nach einer andern
-kleinen Bai, welche drei Seemeilen von uns entfernt lag, zu fahren, um
-mir den dortigen Ankerplatz anzusehen und das Dorf, in welchem sich seit
-kurzem ein deutscher Missionar angesiedelt haben soll, zu besuchen. Bei
-schönem Wetter erreichen wir bald diese Bai, Hanavava- oder Vierges-Bai
-genannt. Den Hintergrund derselben bildet ein schönes zerklüftetes Thal,
-welches, von hohen Bergwänden eingeschlossen, in üppigster Vegetation
-prangt; wunderlich geformte alleinstehende steile Felsen wachsen scheinbar
-aus dem dichten Laubdach heraus. Nach der See zu öffnet sich das Thal;
-schöner Sandstrand, welcher bequemes Landen erlaubt, verbindet Land
-und See; an den Strand schließen sich schroffe Felsmassen an, welche
-halbkreisförmig nach der See auslaufen und so nahe aneinander rücken, daß
-sie hier gewissermaßen ein Felsenthor für den von ihnen eingeschlossenen
-kleinen Hafen bilden. Das Auge ist entzückt von dem vor ihm liegenden
-Bilde, findet an Land gekommen aber nichts mehr. Die schönen Bilder,
-welche durch Berg, Thal und Laub, durch Fels und Meer gebildet werden,
-entschwinden; ein undurchdringliches grünes Laubdach verwehrt dem Auge
-jede Fernsicht und zwingt es, zwischen den Hütten der Eingeborenen zu
-bleiben, welche, ebenso wie ihre Bewohner, im Vergleich zu Omoa einen
-recht reducirten Eindruck machen; Hütten und Menschen können sich mit
-denen von Omoa nicht messen. Traurige Fußsteige, welche jetzt, bei dem
-herrschenden Regen, kaum zu benutzen sind, stellen die Verbindung in dem
-untern Theil des Dorfes her; weiter hinauf in das schöne Thal, auf die
-einladenden Berge ist wahrscheinlich gar nicht zu kommen.
-
-In Hanavava angekommen begrüßte uns -- ein Offizier hatte mich begleitet
--- der Missionar in französischer Sprache, welchen Gruß ich ebenso
-erwiderte, weil ich nicht an das Deutschthum dieses Mannes glaubte.
-Als mein Kamerad aber den Gruß deutsch erwiderte, war das Erstaunen
-des Missionars groß; mein Erstaunen aber noch größer darüber, daß der
-deutsche Priester, welcher schon sechs Jahre in überseeischen Ländern
-gelebt hat, die deutsche Flagge noch nicht kannte. Der Pater war ein
-geborener Westphale, etwa 30 Jahre alt und der einzige Weiße auf der
-ganzen Insel. Der Einladung, in sein Haus einzutreten, leisten wir
-Folge, finden dort ein übermäßig bescheidenes Wohngelaß, in welchem
-geniale Junggesellenunordnung herrscht. Nur ein Stuhl ist vorhanden,
-die Schubladen des Tisches beherbergen in trauter Gemeinschaft die
-verschiedenartigsten Dinge; die wenigen Bücher scheinen hier noch nicht
-benutzt worden zu sein, einzelne Koffer stehen noch unausgepackt mitten
-in der Stube. Man sieht an allem, daß der Mann nicht weiß, was er soll
-und was er will; er ist in eine fremde Welt versetzt, in welcher er nicht
-zurechtkommt, wahrscheinlich nicht einmal etwas Ordentliches zu essen
-findet, weil er selbst nicht kochen kann und die Eingeborenen sich von
-ihm fernhalten. Da er nach dem Inhalt seiner Schubladen nur von Hartbrot
-zu leben scheint, sein Taback auch verdorben aussieht, so bieten wir ihm
-das als Theil unsers Frühstücks mitgebrachte frisch gebackene Brot, einige
-Cigarren und etwas Taback an, damit er doch einmal eine, wenn auch sehr
-bescheidene Abwechselung habe. Dieses in entsprechender Form gemachte
-Anerbieten wird auch in freimüthiger, verständiger Weise aufgefaßt und
-angenommen und durch frische Kokosmilch erwidert.
-
-Der Pater gehört, soweit wir haben herausbekommen können, zu der
-französischen katholischen Missionsgesellschaft, welche ihren Hauptsitz
-in Papeete auf Tahiti hat. Die französischen Geistlichen bleiben, wie
-ich namentlich von anderer Seite gehört und auch selbst beobachtet
-habe, in Papeete und Port Anna-Maria in bequemen Wohnungen und durchaus
-civilisirten Verhältnissen, während die ziemlich zahlreich vorhandenen
-und noch immer nicht klug gewordenen Deutschen auf die verlorenen Posten
-geschickt werden. Der Pater in Papeete ist der vornehme feine Mann in
-eleganter Kleidung, der Pater hier ein Tagelöhner im Arbeitskittel.
-Märtyrerthum ist hier nicht mehr zu holen; kein Eingeborener krümmt
-irgendeinem weißen Manne mehr ein Haar; aber schlechte Nahrung, weil
-die Patres von ihren in Papeete im Wohlleben schwelgenden Amtsbrüdern
-vollständig vergessen werden, schlechte Betten, Mangel einer jeden
-Geselligkeit und das niederdrückende Gefühl, nichts leisten zu können,
-sondern eine Null im Weltall zu sein, sind im Ueberfluß vorhanden. Denn
-ebenso wie die französischen Geistlichen auf Tahiti und Nuka-hiva nichts
-thun, dafür aber gut leben, thun die deutschen auf den andern Inseln auch
-nichts, weil die Eingeborenen sich dem Einfluß der Missionare durchaus
-entziehen, leben aber recht schlecht. Früher war auf dieser Insel ein
-englischer Missionar, welcher, da er keinen Einfluß auf die Eingeborenen
-ausüben konnte, seine Missionsarbeit aufgab und sich mit Erfolg auf die
-Cultur der Baumwolle legte, bis er auch dessen überdrüssig wurde. Er
-verkaufte sein Besitzthum an die französische Missionsgesellschaft und
-fuhr nach Hause; jetzt seit sechs Monaten sitzt unser Westphale hier,
-versucht Unterricht zu geben und sammelt für die Herren in Papeete
-die Baumwolle ein, weil er keine Eingeborenen dazu bekommen kann. Mit
-den Erwachsenen hat er allen Verkehr aufgegeben, weil mit diesen doch
-nichts mehr anzufangen ist, und bei den Kindern, mit welchen er sich
-noch beschäftigt, hat er auch wenig Hoffnung, weil die Eingeborenen
-den Nutzen von Lesen und Schreiben durchaus nicht einsehen wollen, im
-übrigen sich jedem Zwang bis zum äußersten entgegenbäumen. Der Pater will
-eine Abtheilung Soldaten haben, um gewissermaßen mit dem französischen
-Bajonette zu taufen, anders sieht er keinen Erfolg. Solch ein Missionar
-sieht in der Phantasie in Europa ganz anders aus, als hier an Ort und
-Stelle in der Wirklichkeit. Alle die überspannten, dem Menschenwohl
-gewidmeten Ideen, welche den Mann in die Fremde getrieben haben,
-gehen sehr schnell verloren; er findet das alltägliche Leben in der
-trübsten Gestalt, ohne helfen zu können, und hat dafür einen dankbaren
-Wirkungskreis aufgegeben. Er sieht, daß sein Wort, seine Begeisterung
-an der Indolenz dieser Leute wirkungslos abprallen, findet nirgends
-Befriedigung, wird mismuthig und geht geistiger Umnachtung entgegen,
-wenn er nicht Lust an der Landwirthschaft findet. Nur einmal noch kommt
-er wieder zum Aufleben, wenn es ihm gelingt, sich hier loszureißen und
-nach Hause zurückzukehren. Dort wird er dann als ein Märtyrer betrachtet,
-welcher die größten Gefahren überstanden hat, und wenn der ehrliche Mann
-die Verblendeten aufzuklären sucht, wird ihm dies als Bescheidenheit
-ausgelegt und ihm nicht geglaubt.
-
-Als wir in das Haus des Missionars eintreten, folgen uns, wie das ja auch
-nicht anders sein kann, so viele Eingeborene -- aber wieder nur Männer und
-Jungen -- wie nur überhaupt in den Flur des kleinen Hauses hineingehen,
-ohne indeß das Zimmer, in welchem wir sitzen, zu betreten. Im Laufe
-der Unterhaltung lenkt der Pater unsere Aufmerksamkeit nach der Thür
-des Zimmers, in welcher ein alter Herr in europäischer Kleidung steht,
-den der Pater uns als den Häuptling des Ortes vorstellt und welchem wir
-die Hand schütteln. Er ist jedenfalls erst so spät gekommen, weil seine
-Toilette ihn so lange in Anspruch genommen hat, dafür ist dieselbe aber
-auch so wohl gelungen, daß ich sie näher zeichnen muß. Wo aber anfangen,
-beim Hut oder bei den bloßen Füßen? Ich werde den Hut wählen. Unter einem
-alten und altmodischen, anscheinend öfters eingetriebenen schwarzen
-Cylinderhut steckt ein altes, runzeliges, von einem kurzgeschnittenen
-weißen Bart eingerahmtes Gesicht voll blauer Malerei. An den Kopf schließt
-sich ein fest zugeknöpfter, langer, blauer Marine-Offiziersrock an,
-welcher jedenfalls direct auf die bloße Haut übergezogen ist, weil bei
-dem Vorhandensein eines Hemdes der Schluß nicht so hermetisch zu sein
-brauchte. Der Rock ist alt, sehr alt, vielleicht so alt wie sein jetziger
-Besitzer, obgleich dieser ihn noch nicht sehr lange hat. Als besondere
-Zierde hat dieses Galakleidungsstück vier Reihen Knöpfe erhalten,
-zwei Reihen Civilknöpfe und zwei Reihen englische Marineknöpfe, alle
-vier Reihen sind indeß stark gelichtet, kaum die Hälfte der Knöpfe ist
-noch vorhanden, man sieht aber wenigstens noch wo die fehlenden einst
-gesessen haben. Aus den Rockärmeln sehen zwei große Hände hervor, welche
-in gewirkten weißbaumwollenen Handschuhen stecken; die Handschuhe sind
-nicht sehr rein, vielleicht aus Furcht, daß ein zu häufiges Waschen ihnen
-schaden würde. Unter dem Rock kommen die in schmutzigen weißen Hosen
-steckenden Beine hervor, die Füße sind bloß. So steht der Gebieter über
-dieses schöne Thal in der Thür vor uns, den Hut auf dem Kopf, die Hände
-in fortwährender Bewegung, weil er nicht weiß, wo er mit ihnen bleiben
-soll, und mit einem Gesichtsausdruck, welcher nichts anderes bedeuten kann
-als den Zuruf an uns: „Seht hier einen, welcher euch stolzen Europäern
-ebenbürtig ist, welcher weiß, was sich schickt, und zeigen kann, was
-er besitzt!“ Der arme Mann, welcher nackt in seinem bemalten Körper
-jedenfalls ein ehrwürdiger Greis ist, gibt so das Bild eines europäischen
-Bettlers, eine Jammergestalt; doch er ist glücklich, er wähnt sich
-würdevoll und uns gleichstehend, weil nach seiner Ansicht wol auch die
-Kleider oder überhaupt Kleider die Leute machen. Der Pater erzählt uns,
-daß dieser Häuptling auch der Oberpriester des Thales und somit sein
-größter Widersacher sei, daß er aber im allgemeinen gut mit ihm stehe.
-
-Die für den Besuch dieses Thales bemessene Frist ging ihrem Ende entgegen;
-es wurde daher Zeit aufzubrechen, wenn wir noch etwas sehen wollten. Die
-Wege sind zwar schlecht, weil der schon monatelang währende Regen den
-fetten Lehmboden in einen wahren Schlammpfuhl umgewandelt hat, allein
-dies kann uns doch nicht abhalten. Als wir aus dem Hause treten, finden
-wir den ganzen Weg mit Menschengruppen besetzt, welche uns sehen wollen
-und uns dadurch die beste Gelegenheit geben, sie zu sehen. Wir finden
-hier ziemlich denselben Menschenschlag wie in Omoa, nur sind die Leute
-weniger schön. Unser Weg hält sich anfangs unter dicht belaubten Bäumen,
-meist Brotfruchtbäumen; bald wird es lichter und wir kommen an eine
-etwas verwilderte, mit Unkraut durchsetzte Baumwollpflanzung, welche der
-Missionsgesellschaft gehört. Es fehlen aber die Arbeitskräfte, weil der
-Eingeborene nicht arbeitet und sich nur gegen Zahlung von Kleidungsstücken
-zuweilen bewegen läßt, die reife Baumwolle zu pflücken.
-
-Die ganze Landschaft um uns herum prangt im saftigsten Grün, über
-uns wölbt sich das tiefblaue Himmelszelt, da es ausnahmsweise nicht
-regnet. Von jedem Blatt, jedem Halm strahlen die Regentropfen wie die
-schönsten Diamanten, auf den duftigen hellgelben großen Blüten mit
-dunkelm rothbraunen tiefen Kelch der in voller Blüte stehenden Baumwolle
-wiegen sich in graziösen lautlosen Schwingungen schöne dunkelgefärbte
-Schmetterlinge. Die feierliche Ruhe, der stille Friede, welche auf diesem
-anziehenden Bilde ruhen, stimmen zur Andacht. Wir bleiben unwillkürlich
-stehen, um mit den Augen, mit allen Sinnen das ganze Bild in seiner
-großartigen Schönheit zu erfassen. Hohe, wunderlich geformte und selten
-schöne Felsen umgeben uns; sie erheben sich von der Thalsohle wie
-künstliche Bauwerke, weil sie mit den das Thal begrenzenden Bergwänden
-nicht zusammenhängen und ihre Oberfläche auch auffallend von derjenigen
-der andern Berge abweicht. Denn während diese dicht bewachsen sind, zeigen
-jene malerische Figuren in allen Nüancen der dem Auge so wohlthuenden
-grünen Farbe und in so reichen und verschiedenartigen Mustern, daß
-man Gebilde von Künstlerhand vor sich zu sehen wähnt. Zwischen diesen
-herrlichen Naturwerken hindurch verfolgt das Auge den Lauf des fruchtbaren
-Thales, wie es zwischen hohen Bergen eingeengt sich allmählich zur Höhe
-hinaufzieht, um urplötzlich und doch wieder unmerklich in einer steilen
-Bergwand sein Ende zu finden. Das Auge kehrt zurück. Dort liegen unter
-hohen Bäumen, theilweise in dichtem Laub versteckt die Hütten, dazwischen
-heben sich von dem weichen grünen Hintergrund effektvoll die regungslosen
-Gruppen der Eingeborenen ab, die Frauen größtentheils in grellbunten
-Gewändern auf der Erde hockend, die nackten bunten Körper der Männer
-leicht und in gefälliger Stellung an Baumstämme gelehnt. Dazwischendurch
-sieht man an einzelnen Stellen auch den Strand mit den auf ihm stehenden
-Kanus hindurchschimmern und dahinter das in ewiger Bewegung befindliche
-Meer, auf dessen Wellen man auch meine Gig sich wiegen sieht. Die
-Bewegungen dieses Bootes sind aber so sanft, die Musik der bis hierher
-vernehmbaren rauschenden Brandung ist so weich und stimmungsvoll, daß
-dieses sichtbare und hörbare Leben keine Dissonanzen in die Naturandacht,
-in dieses Bild paradiesischen Friedens zu bringen vermag. Die köstliche
-Ruhe, welche auf dieser wahrhaft schönen und seltenen Scenerie liegt,
-der herrliche Blumen- und Blütenduft, das Rauschen der sanft auflaufenden
-Brandung, die Gruppen der trägen Menschen, welche leblos erscheinen, das
-Fehlen aller Vogelstimmen und überhaupt aller Laute, welche die Sinne
-beschäftigen können, geben zusammen ein Ganzes, welches einen von einer
-langen Reise und dazu noch von einem geräuschvollen Kriegsschiff kommenden
-Seemann vollständig gefangen nehmen muß. Doch für diesen gibt es nirgends
-ein Bleiben, und so müssen auch wir heute nach kurzer Rast wieder weiter.
-Schade nur, daß ich nicht die Kraft besitze, dieses herrliche ergreifende
-Bild auf der geduldigen Leinwand in wahrheitsgetreuer Wiedergabe mit nach
-Europa zu bringen, wo es gewiß allgemeines Aufsehen erregen würde.
-
-Wir gehen weiter nach dem heidnischen Opfer- und Tempelplatz, wo vor
-sechs Jahren der letzte Mensch geopfert, gebraten und verzehrt wurde, und
-wo der Häuptlingpriester noch jetzt zeitweise seinen harmlos gewordenen
-Hokuspokus treibt. Der Platz ist viereckig und von einer niedrigen
-Steinmauer umgeben, der Fußboden ist ebenso wie in den Hütten mit
-großen Steinen belegt. Zwei große Bäume, von denen einer an dem einen
-Ende, der andere am andern Ende innerhalb des Platzes steht, beschatten
-diesen vollkommen, und in der Mitte zwischen ihnen sind die Steine zu
-einer Feuerstelle hoch aufgeschichtet. Ein ausgehöhltes Stück Baumstamm,
-welches nach Angabe des Paters die Festtrommel ist, liegt an der Erde. Die
-Benutzung dieses Platzes bei der Vornahme von Menschenopfern geschah in
-der Weise, daß die Männer sich um den einen Baum gruppirten und das Opfer
-an dem andern Baum aufgehängt wurde. Im weitern Verlauf wurden dann von
-dem Opfer einzelne Stücke abgeschnitten, in dem in der Mitte befindlichen
-Feuer gebraten, gegessen und dies so lange fortgesetzt, bis das Opfer in
-dem Magen der Menge lag. Die Weiber durften den Opferplatz nicht betreten,
-es war ihnen aber erlaubt, außerhalb der Mauer stehend zuzusehen, wohin
-ihnen auch einige Stücke des heidnischen Mahles gereicht wurden.
-
-Wir besehen uns noch die ganz in der Nähe liegende Hütte des Häuptlings,
-welche genau den andern gleicht und als einziges Ausstattungsstück die
-große Alarmmuschel des Häuptlings in sich birgt. Durch ein in die Spitze
-eingebohrtes Loch wird es möglich, einen hellen durchdringenden Ton auf
-der Muschel zu erzeugen.
-
-Wir hatten nun alles gesehen und kehrten zu meinem Boot zurück. Auf dem
-Wege wurde mir von einer alten Frau noch ein altes, auf ein Stück Knochen
-geschnitztes Idol zum Kauf angeboten. Gegen Mittag sind wir wieder an
-Bord und finden auf dem Schiffe bereits reges Leben. Wie es scheint, ist
-die ganze männliche Bevölkerung von Omoa zum Theil auf dem Schiff, zum
-Theil in den vielen Kanus neben demselben. Das ganze Schiff ist von Kanus
-umschwärmt, deren Insassen lachen und schwatzen und durch geschickte
-Wendungen den spaßhaft gemeinten Angriffen anderer Kanus ausweichen; alles
-ist in fortwährender, freudetrunkener Bewegung. Auf dem Deck des Schiffes,
-in der Takelage, in den untern Räumen sieht man eingeborene bunte Männer
-und Jungen, welche eine Verständigung mit unsern Leuten versuchen; viele
-haben Früchte, Hühner, Eier und Muscheln, für welche sie alte Kleider
-einzuhandeln suchen. Während ich auf der Commandobrücke stehe, um mir von
-erhöhtem Standpunkt aus dieses buntbewegte Treiben anzusehen, klettert
-dicht bei mir an der Schiffswand ein älterer Mann herauf, klammert sich an
-der Takelage an, nickt mir einen freundlichen Gruß zu und nimmt dann zwei
-ihm aus seinem Kanu gereichte kleine Beutel in Empfang, welche er, mich
-lachend ansehend, zärtlich streichelt und dann im Schiffe verschwindet.
-Wie ich nachher hörte, hatte der Mann in diesen Beuteln 100 Dollars, für
-welche er sich auf dem Schiff alte Kleidungsstücke kaufen wollte. All
-die andern Sachen, welche die Leute mitgebracht hatten, wurden auch nicht
-gegen Geld verkauft, sondern gegen alte Kleider ausgehandelt. So kam es,
-daß am Abend, als die Leute wieder an Land geschickt wurden, Omoa eine
-ganz andere Physiognomie erhielt, weil kaum noch ein ganz nackter Mann
-zu sehen war, denn wenn auch nur wenige einen vollständigen Anzug erlangt
-hatten, so hatte doch jeder irgendein Stück, wodurch die Gesellschaft noch
-bunter wurde, als sie vorher gewesen war. Bei meiner Rückkehr zum Schiff
-waren auch schon einige Damen an Bord und zwar in der Offiziermesse, wo
-sie unter männlicher Begleitung mit den Herren frühstückten; es waren die
-Häuptlingsfrau mit ihren drei Schwestern. Ich erfrischte mich zunächst
-auch mit Speise und Trank und forderte dann die Herren auf, mit den vier
-Frauen so lange in meine Kajüte zu kommen, bis ihre Messe für das uns
-zugesagte Tanzfest hergerichtet sei.
-
-Die vier Insulanerinnen in meiner Kajüte zu sehen, war wirklich ein
-seltenes Vergnügen. Ehe sie überhaupt eintreten, stellen sie sich
-hintereinander in einer Reihe auf, eine hält sich am Kleid der andern
-fest, in den Gesichtern liegt theils Entsetzen über das was jetzt nun wol
-kommen wird, theils Neugierde. Im Gänsemarsch treten sie ein, um sich
-in der Kajüte selbst auch in derselben Ordnung zu bewegen. Die Sonne
-scheint hell durch die Fenster und beleuchtet grell die bunten Farben
-des Teppichs, des rothen Plüschsophas und der rothen Fenstervorhänge. Von
-dieser Pracht geblendet, bleiben unsere Freundinnen zunächst stehen, um
-in den wiederholten Ruf: „'A--i! A--i!'“ auszubrechen. Die vorher etwa
-dagewesene Angst ist verschwunden, die Sinne concentriren sich in den
-Augen, um mit diesen alles zu erfassen, und es ist doch so viel zu sehen.
-Der Teppich, das Sopha, der schwere blankpolirte Tisch, die vielen Stühle,
-die goldglänzende große Hängelampe, die kleinen polirten Eckspinde, die
-vielen Bilder. Plötzlich stößt die eine ein mehrmals schnell wiederholtes
-„'Ai!'“ aus, reißt die andern an den Kleidern herum, daß sie ordentlich
-herumwirbeln, und alle vier stehen vor den Statuetten, die Hände hinter
-den Ohren, Mund und Augen weit aufgerissen. Ich weiß nicht, ob dieses
-Erstaunen den Bildwerken oder ihren eigenen dummen Gesichtern gilt,
-welche sie in dem hinter den Puppen hängenden Spiegel sehen, doch ein
-Blick überzeugt mich, daß ihre Augen auf die Puppen gerichtet sind. Wir
-sind für die vier Frauen nicht mehr vorhanden, denn bald ist alle Scheu
-geschwunden und sie fangen an sich zu unterhalten, als ob sie allein
-bei sich zu Hause wären. Die eine ruft die andern, hält den Rücken ihrer
-rechten Hand unter ihre Nase und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger
-und verschmitztem Blick auf die Figuren. Eine andere zeigt auf die aus dem
-Spiegel zurückgeworfene Rückseite der Venus und kann nicht widerstehen,
-die Puppe an der Originalseite zart zu streicheln; dann kommt sie aber
-plötzlich zur Erkenntniß, wo sie eigentlich ist, denn sie zieht entsetzt
-ihre Hand zurück, steckt sie schnell in den Mund und sieht mich mit einem
-wahrhaft rührenden, halb entsetzten halb bittenden Blick an, was ich zu
-dieser Kühnheit wol sagen werde. Als ich ihr dann lachend zunicke, sind
-alle wie von einem Alp befreit und beginnen nun sämmtlich zu streicheln,
-dabei fortwährend schwadronirend und kichernd; nur eine bleibt ernst,
-sie steht mit geneigtem Kopf vor der Ariadne und streichelt mit ganz
-besonderer Andacht deren Büste, auch die andern streicheln nicht die
-Masse, aus der die Puppen gebildet sind, sondern suchen sich ihre Stellen
-aus.
-
-Da es noch mehr zu sehen gibt, fordere ich sie nun auf, mir in die
-Achterkajüte zu folgen; sie rangiren sich wieder eine hinter die andere
-und betreten, auf den Zehenspitzen gehend, diesen Raum. Doch kaum haben
-sie einen Blick um sich geworfen, so fahren sie auseinander wie eine
-Heerde aufgescheuchter Schwaben. Eine steht vor dem Bild meiner Frau,
-eine andere vor der „Büßenden Magdalena“, die andere vor den früher schon
-genannten Mädchenbildern, doch ohne Ruhe, weil keine sich schlüssig machen
-kann, welches Bild eigentlich das schönste ist. So fahren sie fortwährend
-herum, vertauschen ihre Plätze und vollführen dabei einen Heidenlärm. Sie
-müssen sich sehr viel zu erzählen haben, weil sie mit ernsten Gesichtern
-laut und in sichtlicher Erregung sprechen. Platzen wir dann einmal mit
-einem tüchtigen Lachen dazwischen, dann sehen sie uns einen Augenblick
-vorwurfsvoll fragend an, lachen auch einmal auf, setzen dann aber gleich
-wieder ihr Gespräch mit ernsten Gesichtern fort. Um sie noch verwirrter
-zu machen, lasse ich meine Spieluhr spielen; das geht ihnen aber doch
-über den Spaß, wie der hübsche Kasten anfängt zu singen, und noch größer
-wird ihr Staunen, als sie das Werk so selbstthätig arbeiten sehen. Ich
-lasse sie dann auf meinem Schreibtisch und in dessen Schublade etwas
-herumkramen, wo die verschiedensten Sachen ihre Aufmerksamkeit fesseln
-und ihre aufgeregten Nerven doch etwas beruhigen: Uhren, Ringe, Messer,
-Schere, Tintenfaß, Cigarrentaschen, silberne Becher, loses Geld und was
-sonst noch für den ersten Griff bereit liegt. Hierbei bezeichneten sie
-alle goldenen und silbernen Gegenstände mit dem Ausdruck „'money'“.
-Diese Ablenkung hatte die beabsichtigte Wirkung, daß die Ruhe wieder
-über sie kam und daß die Richtung ihrer Augen zeigte, was für sie das
-schönste war, nämlich die beiden Mädchen, welche es am Tage vorher auch
-den Männern angethan hatten. Ihre Frage, ob diese Bilder meine beiden
-Töchter vorstellen, welche sie auf dem Schreibtisch als vier und sechs
-Jahre alte Kinder gesehen haben, bejahe ich belustigt. Die zum Essen
-angebotenen Rosinen finden keinen Anklang, dagegen scheinen die Mandeln
-ihnen außerordentlich gut zu schmecken, wenigstens schmatzen sie beim
-Essen wie eine Heerde kleiner Schweinchen, auch nimmt die eine sich mit
-meiner Erlaubniß einige mit, um sie an Land zu pflanzen.
-
-Wenige Tage vor meiner Ankunft in Omoa hatte ich mich, um neben den ältern
-Reiseberichten auch ein wissenschaftlich begründetes Urtheil zu hören,
-durch Waitz’ „Anthropologie“ belehren lassen. Da steht geschrieben,
-daß diese Naturvölker die von den Kaukasiern als ideal anerkannten
-Körperformen und Hautfarben den ihrigen nachstellen und namentlich die
-weiße Haut für krankhaft halten. Ich bin jetzt gar nicht geneigt, dies
-zu glauben. Die bildlich dargestellten beiden Mädchengestalten gefielen
-besser als die Statuetten, weil ihnen ein außerordentlich zarter Teint
-gegeben ist; an den Statuetten wurden die classischen Formen bewundert.
-Bei den Männern zeigte kein Blick, keine Bewegung das Auftauchen von
-Begierden, sie waren eben nur von der Schönheit hingerissen und müssen
-dieselben Empfindungen gehabt haben, welche uns beim Anblick der
-classischen Gebilde des Alterthums beherrschen. Ich halte mich daher
-zu dem Schluß berechtigt, daß die Reisenden sich bisher nicht die Mühe
-gegeben haben, diese Eingeborenen eingehend zu studiren, oder sie hatten
-die zu diesem Studium erforderlichen Hülfsmittel nicht an der Hand.
-
-Wir verlassen meine Kajüte wieder, weil inzwischen zwei Bootsladungen
-mit Frauen und Mädchen angekommen sind, welche nach Versicherung der
-Dolmetscher uns auch einen Tanz vorführen werden. Die neuangekommenen
-Vertreterinnen des schönen Geschlechts, 14 an der Zahl, stehen scheu in
-einer Ecke der Messe, sich wie eine Heerde Schafe ineinander verkriechend,
-während die Offiziere im Verein mit den mitgekommenen Männern sie
-umgeben und ihnen gut zureden. Der Versuch, diese leicht bekleideten
-Nymphen in dem Raum zu vertheilen und bunte Reihe herzustellen, misglückt
-aber, trotzdem sie sehen, daß die vier vorher genannten Damen sich ganz
-frei unter uns bewegen. Es scheint, daß eine gewisse Zeit dazu gehört,
-die erste Scheu zu überwinden. Wird eine an der Hand aus dem Knäuel
-herausgeführt, so kommt sie ängstlich und zagend mit, schießt aber
-sofort wieder in den Knäuel hinein, sobald ihre Hand losgelassen wird.
-Es bleibt daher nichts anderes übrig als sie zusammen zu lassen, und nun
-gelingt es auch, sie wenigstens zum Sitzen zu bewegen. Ein Theil setzt
-sich auf die gepolsterte Bank, ein anderer Theil auf Stühle, die meisten
-ziehen den Fußboden vor, und nun beginnt ein ohrenzerreißendes Concert.
-Wol infolge des seit zehn Monaten ununterbrochen währenden Regens und
-der damit verbundenen rauhen Witterung haben die Leute fast alle den
-Schnupfen, und da sie Taschentücher nicht kennen, helfen sie sich damit,
-daß sie den Schleim mit großem Getöse einziehen und ihn dann ausspucken.
-Bisher hatten sie sich noch beherrscht; jetzt aber behaglich gruppirt,
-glaubten sie, sich diese Erleichterung auch gönnen zu dürfen, nachdem
-ihnen einige Spucknäpfe, deren Nothwendigkeit bei dem vorhergegangenen
-Besuch von den Offizieren schon erkannt worden war, hingeschoben worden
-sind. Spucknäpfe sind allerdings nur zwei in der Messe vorhanden, und
-ich wollte schon bitten, noch einige herbeibringen zu lassen, als die
-sich entwickelnde Scene mich davon abhält. Mit großer Sorgfalt werden
-diese beiden Näpfe zur gefälligen Benutzung von Hand zu Hand gereicht
-und so gewissenhaft benutzt, daß weitere Zufuhr überflüssig erscheint.
-Nachdem so für den nothwendigsten Comfort Sorge getragen ist, wird an die
-Bewirthung gegangen, welche in Liqueur, Kakes und Cigarren besteht. Dies
-hebt bald die Stimmung, die Scheu schwindet mehr und mehr, eine allgemeine
-Unterhaltung bricht sich Bahn und bald fühlen sich unsere Gäste sichtlich
-wohl. Jetzt kann auch die Aufforderung zum Tanzen erlassen werden, doch
-finden wir noch keine Gegenliebe. Alle Aufforderungen der Dolmetscher
-scheitern an einem starren Eigensinn, und dieselben wiederholen uns
-immer wieder, daß die Nymphen sich zu sehr schämen. Da endlich schreiten
-mit Energie die drei Schwestern der Häuptlingsfrau ein, die Tänzerinnen
-stellen sich in einen Kreis, uns ihren sehr knapp in das Umschlagetuch
-eingehüllten Rücken zuwendend. Na -- nun endlich geht es los. Ja, Prosit!
--- Die Mädchen sind hier gerade so wie bei uns, in richtigem Alter eine
-richtige Gänseheerde. Anstatt zu tanzen, stecken sie die Köpfe zusammen
-und kichern, schmiegen sich aneinander an und laufen wieder auseinander,
-wie dies bei uns Mädchen im reifern Backfischalter thun, wenn sie nicht
-recht wissen, wie sie sich benehmen sollen. Der einzige Unterschied
-liegt nur darin, daß man in solchem Falle bei uns bei dem dabei stets
-stattfindenden Bücken des Körpers faltenreiche, wogende Roben sieht,
-während man hier bei jedem Bücken mit Entsetzen das Unglaubliche sich
-zu vollziehen wähnt, daß der keineswegs zähe aber überstraff gespannte
-Stoff platzen wird. Ich sehe mich besorgt nach irgendetwas um, womit man
-den etwaigen Schaden schnell repariren könnte, das Unglaubliche passirt
-aber nicht, der Stoff hält die Anstrengung aus. Dieses kindische Benehmen
-wiederholt sich mehrere male, endlich reißt allen Zuschauern die Geduld,
-eine der drei Schwestern geht als Vortänzerin mit in den Kreis, wir alle
-klatschen mit den Händen und endlich -- erst zag, dann aber energisch
-kommt der Tanz zu seiner Vollendung.
-
-Unter dem Händeklatschen der Zuschauer setzt sich der Kreis in Bewegung,
-und die Tänzerinnen beginnen einen grabesstimmenähnlichen Gesang mit
-folgenden Worten:
-
- 'Wat taë de hi a oë
- Tutu a u
- A ne nikke-he nikke-he hé
- A nu rukke-hu rukke-hu hú.'
-
-Der Tanz selbst liegt nur in den Hüftgelenken. Oberkörper und Beine
-bleiben in Ruhe, während der Mittelkörper Bewegungen macht, welche
-an den spanischen Tanz Habanero, wie er von dem niedern Volke getanzt
-wird, erinnern und bei uns kurzweg unanständig genannt werden würden.
-Um den Kreis der Tänzerinnen herum tanzt ganz niedrig auf dem Boden
-mit weit ausgespreizten Beinen der Sandwich-Insulaner, macht mit seinem
-Mittelkörper die wunderlichsten Verrenkungen und mit seinen Armen und
-Händen verständliche Gesten, Bewegungen, welche alle in dasselbe Gebiet
-fallen, wie diejenigen der Weiber.
-
-Da ich gelesen hatte, daß die Frauen bei diesen Tänzen gewöhnlich das
-bischen Kleidung, was sie haben, auch noch abwerfen sollen, und die
-Marquesaner sowieso wegen ihrer Sittenlosigkeit berüchtigt sind, auch
-der Pater in Hanavava mir gegenüber das erstere behauptet hatte, was er
-übrigens nicht aus eigener Anschauung, sondern nur von Hörensagen wissen
-konnte, so fragte ich den Dolmetscher, ob dies auch noch kommen würde, um
-die Sache vorher zum Abschluß bringen zu können. Die Antwort, welche ich
-bekam, war recht beschämend für die Europäer überhaupt und namentlich für
-diejenigen, welche den schlechten Ruf dieses Völkchens begründet haben und
-zwar zweifellos auf die oberflächlichsten Beobachtungen oder zweifelhafte
-Berichte hin. Ich will den englisch redenden Marquesaner selbst sprechen
-lassen:
-
-„Bei uns an Land wird stets die Sitte gewahrt, und die Frauen sind auch
-bei den Tänzen stets theilweise bekleidet; nur im directen Verkehr
-zwischen Mann und Frau schämt sich die letztere nicht und ist es
-dabei gleichgültig, ob der Mann ihr Gatte oder ein Fremder ist. Es ist
-allerdings richtig, daß Frauen von uns auf den Walfischfängern nackt
-getanzt haben und es vielleicht auch wieder thun, aber nie, solange noch
-ein Mann des Dorfes auf dem Schiffe war oder dort sein wird, weil sie
-sich viel zu sehr schämen. Auch thun sie es dann nur, weil sie von den
-weißen Männern dazu gezwungen werden und glauben, daß das bei diesen Sitte
-('fashion') ist.“
-
-Als ich von dem Tanz genug gesehen hatte, was sehr bald der Fall
-war, ging ich wieder nach oben, um mir das dort herrschende Leben
-und Treiben zwischen den eingeborenen Männern und Jungen einerseits
-und unsern Matrosen andererseits anzusehen. Die Insulaner sind in
-dem Schiffe schon vollständig zu Hause und bewegen sich so frei, als
-ob sie an Bord gehörten, mit vielen ist auch schon eine äußerliche
-Veränderung vorgegangen, da sie die erhandelten oder geschenkt erhaltenen
-Kleidungsstücke gleich angezogen haben.
-
-Es ist ein buntbewegtes interessantes Bild, was von meinem Standpunkte
-auf der Commandobrücke aus da vor mir sich entfaltet. Zu meinen Füßen
-liegt das blinkend weiße Deck mit seinen blanken Kanonen und all den
-schön geputzten, in der Sonne glitzernden Messing- und Eisentheilen. Auf
-dem Deck, wo an 400 Menschen sich bewegen, ist ein Leben wie auf einem
-Jahrmarkt: Matrosen, halb angezogene und nackte bunt bemalte Eingeborene,
-diese theilweise mit Früchten und andern Handelsartikeln beladen, schieben
-sich hin und her, dazwischen treiben die nackten gelben Jungen ihr Spiel;
-die ganze Reling ist mit Menschen beider Hemisphären besetzt, welche
-theils dem Treiben zusehend dort sitzen, theils unter Lachen versuchen,
-sich miteinander zu verständigen. Die Takelage des leicht hin- und
-herwiegenden Schiffes beschreibt regelmäßige Bogen auf dem feenhaften
-Hintergrunde, und das Wasser ist durch die vielen fortwährend in Bewegung
-befindlichen Kanus belebt. -- Stundenlang hätte ich dort stehen können,
-um diesem interessanten, wechselvollen und harmlosen Leben und Treiben
-zuzuschauen.
-
-Unter den sich umhertreibenden Jungen fiel mir ein besonders hübscher,
-etwa 12 Jahre alter Bengel auf; ich rief ihn heran, um ihm in der
-Kajüte etwas Naschwerk zu geben. Freimüthig, ohne Zaudern folgt er
-meinem Wink; das Innere der Vorkajüte fesselt ihn aber mehr als die
-Mandeln es thun. Als er sich genügend umgesehen hat, bittet er um die
-Erlaubniß, auch die Achterkajüte betreten zu dürfen, was ich ihm erlaube.
-Da er nicht wiederkommt und es hinten mäuschenstill ist, muß ich doch
-nachsehen, was er dort eigentlich thut; ich trete in die Thüre und
-finde nun die Bescherung. Da steht, zwei Schritte von mir entfernt, der
-halbwüchsige Junge mir gegenüber vor den hier schon so oft genannten
-beiden Mädchenbildern, mit offenem Munde, stieren Blickes. Er hört
-mich nicht und sieht mich nicht, trotzdem seine Blicke mehreremal über
-mich hinweggleiten, wenn er mit jähen Bewegungen seinen Kopf nach der
-Seite wirft, um etwa noch schönere Bilder zu entdecken, was aber nicht
-zuzutreffen scheint, da seine Augen stets schnell wieder nach den erstern
-Bildern zurückkehren. Nach einiger Zeit trete ich an ihn heran, fasse
-ihn leicht am Ohrläppchen, und nun kommt er erst wieder zur Besinnung.
-Er scheint aus einem tiefen Traum zu erwachen, sieht noch einmal nach
-den Bildern hin und läßt sich, verschämt lächelnd, am Ohr hinausführen.
-So hatte ich, im Gegensatz zu Waitz, in der Zeit von 24 Stunden alte und
-junge Männer, ältere und jüngere Frauen und ein Kind in meiner Kajüte,
-welche als das Schönste alles Sehenswerthen die zarte Hautfarbe der
-Kaukasierin betrachteten.
-
-Es war inzwischen 5 Uhr nachmittags geworden, die Zeit, welche für das
-Wegschicken der Insulaner festgesetzt worden war, weil ich am nächsten
-Morgen mit Tagesanbruch weiter gehen wollte und das Schiff am Abend vorher
-seeklar gemacht werden sollte. Vor meiner Kajüte sitzt der weibliche
-Theil unsers Besuchs auf Deck, bereit in die Boote geschickt zu werden,
-jedenfalls verwundert darüber, daß sie in ihrem Leben zum erstenmal ein
-Schiff ohne weitere Abenteuer verlassen werden. Ich begleite sie noch zum
-Fallreep, um der Häuptlingsfrau und den Dolmetschern Adieu zu sagen, und
-finde bei meiner Rückkehr den Raum des schönen weißen Decks vor meiner
-Kajüte, wo die Frauen gesessen hatten, ganz schwarz aussehend; bei meinem
-Näherkommen fliegen Tausende von Fliegen auf und das Deck ist wieder weiß
-wie vorher. Eine höchst merkwürdige Erscheinung, da diese Leute keine
-andere Körperausdünstung haben als wir. Hätten Neger dagesessen, dann wäre
-mir die Sache erklärlich gewesen, so aber fehlt mir jede Erklärung dafür.
-
-Da mein Interesse für das ganze Treiben um uns herum, sowie für das
-schöne Landschaftsbild mich noch einmal auf die Commandobrücke trieb,
-wurde ich noch Zeuge einer höchst putzigen Scene, nämlich wie die Jungen
-landen, wenn sie nicht bei dem Aufschleppen der Kanus helfen müssen,
-und diesmal wurden sie größtentheils mit unsern Booten, welche nach dem
-früher genannten Stein fuhren, an Land befördert. Sobald die Boote in
-die Nähe des Landes kamen, ging es hops aus den Booten heraus; all die
-Knirpse, an die 50 Kinder zwischen 4 und 12 Jahren, sprangen in das
-Wasser und schwammen, unbekümmert um die Brandung und ohne Rücksicht
-auf den bevorzugten Stein zu nehmen, nach den ihnen zunächst gelegenen
-Steinen und schwammen so lange vor denselben, bis eine Welle hoch
-auflief. Dann tauchten sie schnell unter, um aus dem überbrechenden
-Wellenkamm herauszukommen, und als das Wasser ablief, lagen die kleinen
-gelben Gestalten wie die Frösche, mit allen Vieren sich anklammernd,
-auf den Steinen, sprangen dann schnell auf, schüttelten das Wasser ab
-und waren mit einigen leichten Sprüngen aus dem Wasser. -- Es ist doch
-beneidenswerth, solche Körpergewandtheit und auch den zu solchen Späßen
-wol erforderlichen Muth zu besitzen.
-
-Ehe ich das liebliche Thal Omoa verlasse, will ich noch einige, den
-vorstehenden Bericht ergänzende Bemerkungen beifügen.
-
-Wie ich schon angeführt habe, ist Arbeit eigentlich nicht bekannt und
-erstreckt sich nur auf das fürs Leben durchaus Nothwendigste. Dieses
-beschränkt sich auf den Hüttenbau, die Herstellung des Baumrindenstoffs,
-den Fischfang nebst dem Bau der dazu erforderlichen Kanus, auf das
-Abpflücken der reifen Früchte und auf das Kochen, schließlich auch noch
-auf das Tätowiren, wenn man dies eine Arbeit nennen will.
-
-Bestimmte Mahlzeiten haben diese Menschen nicht, sie essen vielmehr sobald
-der Sinn ihnen danach steht.
-
-Jedes Stück Land, jeder Fruchtbaum hat seinen Besitzer, und dieser Besitz
-vererbt sich von dem Vater auf die Söhne, beziehentlich die von ihm als
-solche anerkannten Kinder. Diebstahl soll nach übereinstimmender Aussage
-des Missionars und unserer Dolmetscher nur äußerst selten vorkommen, weil
-Stehlen als ein schweres Verbrechen betrachtet wird. Mit Bezug hierauf
-hatten wir auch Gelegenheit, ein gleiches eigenes Urtheil zu gewinnen,
-denn trotz der vielen Eingeborenen, welche bei uns an Bord gewesen waren,
-ist nichts abhanden gekommen, wie die ganze Mannschaft auf Befragen
-versichert hat; sogar all die Kleinigkeiten, welche den Weibern für
-ihren Tanz geschenkt worden waren, fanden sich nach ihrem Abgange auf dem
-Schiffe wieder vor.
-
-Während unsers Aufenthalts ist, wie ich dies auch schon angedeutet habe,
-kein Fall von Trunkenheit bei den Eingeborenen beobachtet worden, und
-ich führe dies nur noch einmal an, um daran anknüpfend zu erwähnen, daß
-die Trinkgelage zuweilen mit der Ermordung eines Mannes enden sollen. Da
-diese Fälle aber stets dieselbe Entwickelung und denselben Verlauf haben
-sollen, so bin ich der Ansicht, daß das Trinkgelage in solchem Falle
-nur Mittel zum Zweck und eine Art Vehmgericht ist, daß die Ermordung
-zu einer Zeit erfolgt, wo die Leute noch nüchtern sind, und zwar mit
-der bestimmten Absicht, das Gemeinwesen auf einfachste Art von einer
-allgemein misliebigen Persönlichkeit zu befreien. Die Sache fängt stets
-damit an, daß während des Gelages zwei Männer in Streit kommen, dann aber
-sofort die ganze Gesellschaft ohne jedes Besinnen für den einen Streiter
-Partei nimmt, über den andern herfällt und ihn mit Messern und Aexten
-zerfleischt. Ein derartige Lynchjustiz muß ein abgekartetes Spiel sein,
-weil Trunkene sich wol in eine Schlägerei mischen, sich aber nicht sofort
-gegen eine Person vereinen können.
-
-Bei dem Kapitel „Sittenlosigkeit“ oder „Freiheit der Sitten“ bleibt
-noch festzustellen, welches eigentlich die richtigste Bezeichnung ist.
-Der obenerwähnte kleine Pfiffige (ich muß schon bei dieser Bezeichnung
-bleiben) erzählte mir, daß er sich keine Frau nähme, weil er ja doch
-immer eine auf Zeit haben könne, wenn er Lust dazu habe, und das käme ihm
-billiger wie fortgesetzt eine Frau mit deren Kindern zu unterhalten. Dafür
-wird er allerdings in seinem Alter keine Söhne zu seiner Unterstützung
-haben, wenn es ihm nicht gelingen sollte, vorher ein größeres Besitzthum
-zu erwerben und dann darauf lüsterne junge Männer zu adoptiren. Dieser
-Zustand ist ja nach unsern Begriffen entschieden unmoralisch, demnach
-eine Sittenlosigkeit. Dieselbe wird aber dadurch sehr gemildert, daß die
-Kinder nicht darunter leiden, sondern in jedem Manne einen Vater, in jedem
-Jüngling einen sie schützenden Bruder finden. Was ist Liebe der Aeltern zu
-ihren Kindern? fragt man sich unwillkürlich, wenn man diese paradiesischen
-Zustände sieht. Die Kinder finden hier entschieden ebenso viel Liebe wie
-bei uns, obgleich oft nicht einmal die Mütter deren Vater zu bezeichnen
-wissen. Hier wird die Kinderliebe also nicht durch die Stimme der Natur
-bedingt, sondern einfach durch Gewöhnung.
-
-Das aber, was sonst in den Reiseberichten als Sittenlosigkeit hingestellt
-wird, kann ich nicht als solche bezeichnen. Der Satz ist wol nicht
-anzugreifen, daß bei uncivilisirten Menschen, welche so abgeschieden von
-aller Welt und sich selbst überlassen leben, wie die Marquesaner, die
-Sittenlosigkeit und die davon gar nicht zu trennende Schamlosigkeit immer
-mehr um sich greifen müssen, wenn sie überhaupt einmal bestanden haben.
-Da die Leute nun aber nach dem früher Gesagten nur im Verkehr mit solchen
-Weißen, welche sie zur Abwerfung jedes Schamgefühls zwingen, sich nach
-unsern Begriffen sittenlos zeigen, bei ihrer Rückkehr an Land aber sofort
-wieder relativ strenge Sitten beobachten, so kann ich dem harten Urtheil,
-welches über diese Leute gefällt worden ist, nicht beipflichten, sondern
-kann nur das Bestehen einer großen Freiheit der Sitten anerkennen. Man
-wird nach all dem Gesagten sogar zu der Vermuthung verleitet, daß jene
-Berichterstatter womöglich mit dazu beigetragen haben, den schlechten Ruf
-der Marquesaner mit zu begründen. Nach langer Seereise kamen sie zu diesen
-Menschen, welche ihnen nach landesüblicher Sitte ihre hübschen Weiber
-anboten. Nahmen sie das Anerbieten an, dann suchten die Weiber natürlich
-sich so angenehm wie möglich zu machen und glaubten das Beste zu thun,
-wenn sie das von den rüden Gesellen der Walfischfänger (denn diese waren
-vor allen andern hier) Erlernte von sich gaben, weil die weißen Männer des
-einen Schiffes doch denselben Geschmack haben mußten, wie diejenigen des
-andern. Ihrem Gefühl nach lag den Weibern aber nach meiner Ueberzeugung
-ein solches Benehmen unendlich fern, weil ich sonst doch irgendeinen
-Anhalt dafür hätte finden müssen, und daß ich fleißig gesucht habe, dürfte
-aus der ganzen Darstellung hervorgehen. Und so komme ich zu dem Schluß,
-daß die Missionen auf den andern Inseln sich glücklich schätzen müssen,
-wenn sie dort je so moralische Zustände erreichen, wie sie auf dieser
-Insel zur Zeit herrschen, wo bisher kein Missionar sich auf die Dauer
-halten konnte, und daß europäische und amerikanische Hafenstädte froh
-sein dürften, wenn ihr niederes Volk so anständig wäre, wie diese Leute
-es sind.
-
-Nebenbei sei bemerkt, daß Eifersucht hier eine unbekannte Leidenschaft
-ist. Doch auch ein echt paradiesischer Zustand.
-
- * * * * *
-
-Am 16. Mai morgens verließ ich Omoa wieder und langte nach einer
-schönen Fahrt an den schönen Inseln dieser Gruppe vorbei gestern Mittag
-in Port Anna-Maria auf Nuka-hiva, der nördlichst gelegenen Insel der
-Marquesas-Gruppe, an. Ich machte dem Gouverneur meinen Besuch, einen
-Spaziergang durch den Ort, trotz des anhaltend strömenden Regens, fand
-aber nichts Besonderes, weil dieser Platz wegen der hier lebenden Europäer
-seinen ursprünglichen Charakter schon verloren hat. Heute Nachmittag,
-nach Einnahme von frischem Fleisch für die Mannschaft, geht es weiter nach
-Tahiti.
-
-
-
-
-5.
-
-Von den Marquesas-Inseln nach Tahiti.
-
-
- 18. Mai 1878.
-
-Heute Nachmittag haben wir Port Anna-Maria wieder verlassen und damit
-von den Marquesas-Inseln Abschied genommen. Der Regen hatte für heute
-seine Herrschaft verloren und war von der Sonne und einem lachenden Abend
-verdrängt worden, wodurch es uns, dicht unter der Südküste von Nuka-hiva
-entlang segelnd, vergönnt wurde, das schöne Bild zu genießen, an welchem
-wir langsam vorüberzogen. Auf einzelnen Spitzen der Berge und in einigen
-Thälern lagerten zwar noch bleifarbene, dicht geballte Wolken, sie konnten
-dem Lande aber nicht mehr ihre Regenphysiognomie aufdrücken, sondern
-ließen die von hellem Sonnenschein überhauchten, mit üppigster Vegetation
-bedeckten Bergrücken und Thalgelände nur in um so prächtigern Farben
-erscheinen. Das vor uns liegende Panorama war schön und von demjenigen
-Zauber umgeben, welcher auf allen Inseln vulkanischen Ursprungs ruht. Es
-würde mich zu weit führen, wollte ich hier eine nähere Beschreibung des
-Landes geben, doch glaube ich trotzdem eines schönen Punktes besonders
-erwähnen zu müssen.
-
-Von dem Ausgang des Hafens von Port Anna-Maria nach Westen segelnd,
-befanden wir uns bald vor dem kleinen, von hohen steilen Bergen
-und Felsmassen eingeschlossen in einem Gebirgskessel liegenden Port
-Tschitschakoff. Vor der schmalen Einfahrt stehend, übersieht man den
-ganzen wildromantischen, malerischen Hafen, dessen Hintergrund durch seine
-düstere Großartigkeit jeden Beobachter unwillkürlich fesseln muß. Hier
-inmitten des üppigsten Tropenbildes liegt, rechts und links eingerahmt
-von der ganzen Fülle tropischer Vegetation, ein Stück Magelhaens-Straße
-der südlichsten Breite. In grünem Rahmen steigt eine von dem Regen schwarz
-gefärbte, wild zerklüftete Felsenwand fast senkrecht bis zu einer Höhe von
-700 m empor, ein ebenbürtiges Bett für den prächtigen Wasserfall, welcher
-über den obersten Felsenkamm hinwegschäumt. Dort oben, in schwindelnder
-Höhe, steigt die 7 m breite, mächtige Wassermasse mit berauschender
-Gewalt über den scharfen Gebirgskamm hinweg, ohne daß man von unserm
-doch immerhin weit abliegenden Standpunkte die höher liegenden Berge, von
-welchen das Wasser kommen muß, sehen kann. Senkrecht stürzt die wilde Flut
-in einen düstern, im Verhältniß zu seiner Höhe engen Felsenschlund hinab,
-welcher unten durch Verschiebung des Gesteins für das Auge geschlossen
-wird, während er sich von der halben Höhe ab nach oben hin callakelchartig
-öffnet. Die in eiliger Hast sich überstürzenden gelben, schmutzigen
-Wassermassen verlieren bald ihr festes Gefüge, ein gelblicher Staubregen
-von großer Dichtigkeit, dessen auf- und abwogende Dunstmassen mit ihrem
-Spiel das Auge fesseln, füllen den ganzen tiefen Schlund aus und müssen
-einem untenstehenden Beschauer ein noch großartigeres Schauspiel gewähren.
-Leider konnte ich Port Tschitschakoff nicht anlaufen und daher diese
-Naturschönheit, welche erst in größerer Nähe zur vollen Entfaltung kommen
-kann, nicht eingehender besichtigen.
-
-Nuka-hiva lag bald hinter uns. Zu unserer Linken hoben sich, von der
-Abendsonne goldig überhaucht, einige andere Inseln der Gruppe scharf
-von dem blauen Himmelshintergrunde ab und tauchten allmählich unter den
-Horizont. Die anbrechende Dämmerung verhüllte dieses langsam sich senkende
-Bild. Jetzt ist der Tag ganz entschwunden, wir sind wieder allein und
-eilen mit frischem Winde und vollen Segeln einem Theil unserer Erde zu,
-welcher noch vor wenig Jahren von den Seeleuten allgemein gefürchtet
-wurde, jetzt aber, infolge sorgsamer Vermessungen der letzten Jahre,
-nicht mehr zu schrecken vermag. Es ist dies der Archipel der „Niedrigen
-Inseln“, von den Eingeborenen sehr bezeichnend Paumotu oder „Inselgewölk“
-genannt. Dieses Inselgewölk erstreckt sich in der Richtung von Südost
-nach Nordwest von 22° bis zu 14° Südbreite, also über einen Flächenraum
-von etwa 1500 Seemeilen, und zählt nahezu 100 Koralleninseln, die so
-dicht zusammenliegen, daß die eine immer in Sicht der andern liegt.
-Keine dieser Inseln erhebt sich mit ihrem festen Rücken mehr als 3 m
-über den Wasserspiegel, die meisten überragen denselben nur mit einem
-Theil ihrer Peripherie, während der andere Theil sich noch unter Wasser
-befindet und für die Schiffahrt gefährliche Riffe bildet. Denn wenn
-auch bei Tage und klarem Wetter die Brandung auf diesen Riffen weithin
-sichtbar ist, so weit, daß für ein Schiff keine Gefahr entstehen kann,
-so ist eine solche bei Nacht, wo das Auge den Dienst verweigert und
-man auf das Gehör allein angewiesen ist, doch vorhanden, da das Ohr
-ein sehr unvollkommener und namentlich ein trügerischer Führer ist. Die
-Inseln dieses Archipels sind durchweg sogenannte Laguneninseln (von den
-Engländern mit dem indischen Ausdruck „Atoll“ benannt), Steinringe, welche
-einen See (Lagune) umschließen, der fast stets durch eine oder mehrere
-Einfahrten von geringer Breite mit dem Meere in Verbindung steht. Die
-Größe dieser Atolls ist nach der Karte sehr verschieden, ihr Durchmesser
-schwankt zwischen 5 und 30 Seemeilen. Früher war man auch noch der
-Ansicht, daß die verschiedenen Inseln unter sich durch unterseeische
-Korallenriffe miteinander verbunden seien, weshalb die Schiffe es
-vermieden, diese Gruppe zu durchschneiden, und in der Regel einen großen
-Umweg wählten. Da indeß die neuesten Vermessungen ergeben haben, daß
-derartige Verbindungsriffe nicht vorhanden sind, sondern zwischen diesen
-Korallengebilden freies tiefes Wasser liegt, so kann die Passage durch
-den Archipel als eine relativ sichere gelten. Die einzig zu beachtende
-Vorsicht ist nur die, daß man den Curs zwischen solche Inseln legt,
-welche an der Passage sich über das Wasser erheben, und daß man sorgsame
-Rücksicht auf die hier herrschenden starken und unregelmäßigen Strömungen
-nimmt.
-
-Ueber die Entstehung der Koralleninseln schwanken die Ansichten noch
-insofern, als die einen behaupten, daß die Korallenthierchen, welche nur
-bis zu einer gewissen Wassertiefe bauen, ihre Bauten auf allmählich sich
-senkendes Land errichten und sich so immer mit ihrem obern Kamm in dem
-Wasserniveau halten, während andere dies verneinen und die Entstehung
-dieser Inseln vulkanischen Erhebungen zuschreiben. Es ist wol zweifellos,
-daß die erstere Ansicht da zutrifft, wo das Kalkgemäuer sich bis zu einer
-Wassertiefe erstreckt, in welcher die Korallenthierchen nicht mehr zu
-leben vermögen, während bei den bewohnten Koralleninseln nur die letztere
-Auffassung zutreffen dürfte.
-
-Ich will hier eine kurze Erklärung über die Entstehung dieses merkwürdigen
-künstlichen Landes folgen lassen und zum bessern Verständniß die
-nebenstehende Skizze beifügen. Vulkanische Erhebungen des Meeresbodens
-bilden das Fundament. Vereinzelte Koralleninseln findet man sehr selten
-und dann auch nur umgeben von ausgedehnten Korallenriffen; meistentheils
-liegen sie gruppenweise zusammen, ebenso wie die in der Nähe liegenden
-Gruppen hoher vulkanischer Inseln. Ja, sie geben in ihren Contouren und
-ihrer äußern Erscheinung das Bild der Gipfel einer hohen Inselgruppe
-wieder. Die Laguneninsel mit tiefem Wasser in dem Innensee zeigt uns
-das Bild eines noch actionsfähigen Kraters; diejenige, deren Lagune nur
-seichtes Wasser hat, sagt uns, daß der Krater verschüttet ist und in
-demselben Schlamm und fließender Sand liegt, worauf die Korallen keinen
-festen Fuß fassen können, wenn nicht etwa, wie in ausgebrannten Kratern,
-auch hier Schwefeldämpfe die Korallenthierchen abhalten. Die vollen, in
-der Mitte höher sich hebenden Koralleninseln lassen keinen Zweifel, daß
-ihr Fundament ein fester Berggipfel ist. Wie schon angedeutet, vermögen
-die Korallen nicht über eine bestimmte Wassertiefe hinabzugehen (ich
-glaube, die äußerste Grenze ist 60 m von der Oberfläche entfernt). Sobald
-die Thierchen mit ihrem kunstvollen Bauwerk die Wasseroberfläche erreicht
-haben, sind sie an ihrem Ziele angelangt, sterben, da sie ohne Seewasser
-nicht mehr leben können, auf dem Kamme ab, und nun ist es nur eine
-Frage der Zeit und günstiger Umstände, daß das Riff sich zu einem Körper
-bildet, welcher Pflanzen und Menschen zu leben gestattet. Korallenriffe,
-welche auf fallendem Lande erbaut sind, könnten sich daher nur durch
-Ablagerungen und Anschwemmungen unendlich vieler kleiner, fester Körper
-aus dem Meere zu einer Insel entwickeln, und zu solch einer Entwickelung
-würden Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gehören. Daß aber eine solche
-Entwickelung überhaupt nicht möglich ist, zeigen die vor hohen Inseln und
-überhaupt festem Lande liegenden Korallenriffe, welche, wie im Rothen
-Meere und Indischen Ocean, schon seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen
-Jahrtausenden, immer dieselbe Gestalt zeigen. Der in der Meeresoberfläche
-liegende Rücken der Korallenbank wird ununterbrochen so stark von der
-Brandung gepeitscht, daß nichts dort festen Fuß fassen kann, was nicht
-direct aus den Korallen herauswächst und das wieder kann nicht an der
-Luft leben. So können nur diejenigen Korallenriffe, welche durch Hebung
-ihres Fundaments über das Meeresniveau gestiegen sind, nach erfolgter
-Verwitterung des Korallengesteins oder nach erfolgter Anschwemmung in
-verhältnißmäßig kurzer Zeit culturfähig werden, wenigstens culturfähig für
-die Kokosnußpalme und eine Art Eisenholz, welche zu ihrem Gedeihen gerade
-den Korallensand und keinen Humus verlangen. Ich muß übrigens an dieser
-Stelle darauf verzichten, eine nähere Beschreibung dieser Inseln zu geben,
-da die Verhältnisse mir nicht gestatten, auf dieser Tour eine derselben
-anzulaufen; ich werde indeß im weitern Verlauf der Reise im westlichen
-Theil der Südsee noch in vielfache Berührung mit ihresgleichen kommen,
-dann also competenter zu solcher Aufgabe sein. Hier will ich nur noch
-einmal auf die umstehende Skizze hinweisen, um durch dieselbe zu zeigen,
-warum außerhalb der von den stets senkrecht bauenden Korallen errichteten
-Inseln in der Regel tiefes Wasser ist.
-
-
- 24. Mai.
-
-Gestern vormittags 11½ Uhr kamen einige der Koralleninseln in Sicht, d. h.
-nur die auf ihnen wachsenden Kokospalmen, welche ihre Wurzeln scheinbar
-in den Ocean geschlagen haben, da das niedrige Land erst sichtbar wird,
-nachdem das Schiff sich der Insel einige Seemeilen mehr genähert hat.
-Da ich bisher noch keine Koralleninseln gesehen hatte, so lief ich
-dicht heran, um, an der niedrigen Küste entlang segelnd, einen Einblick
-zu erhalten. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, diese schmalen
-Landstreifen zu sehen, welche, dicht mit schattigen Bäumen bewachsen,
-hier in dem unendlichen Weltmeere wie Oasen unter dem farbenprächtigen
-Tropenhimmel liegen und, von der hier ewig heißen Sonne beschienen, von
-einem merkwürdig sonntägig melancholischen Hauch umweht sind. Hier und da
-sieht man zwischen den Bäumen einige Hütten hervorlugen, Menschen gewahrt
-man aber nicht. Wozu sollten diese Leute auch in der heißen Mittagszeit
-ihre Hütten verlassen? Was sie zum Leben gebrauchen, geben ihnen die
-Kokosnüsse und die in den Morgenstunden unternommenen Fischzüge; andere
-Nahrung kennen sie nicht, sogar das Wasser fehlt ihnen. Kokosnußkerne
-und Fische bilden die Speise, Kokosnußmilch das Getränk. Das Leben auf
-diesen Inseln würde daher unmöglich sein, wenn die Kokosnußpalme nicht
-ununterbrochen, unabhängig von der Jahreszeit, stets Blüten und Früchte
-jeden Alters, von der ersten Anlage bis zur vollkommenen Reife, trüge.
-Arbeit bringt den Leuten keinen Nutzen, ihr ganzer Lebenszweck besteht
-daher in Essen, Trinken, Schlafen und in der Sorge für ihre Fortpflanzung.
-
-Da die hohen Bäume einen Blick auf die andere Seite des schmalen
-Landstreifens von dem Deck aus nicht zulassen und nur ab und zu dem
-Auge erlauben, für Momente die schöne, hellgrüne Farbe des Inselsees
-zu erhaschen, so stieg ich mit einigen Offizieren, denen sich sogar der
-Schiffsarzt anschloß, in die Takelage, um von diesem erhöhten Standpunkte
-aus einen freien Ueberblick zu erhalten. Jetzt liegt die ganze Insel
-vor uns -- zu unsern Füßen der schmale, mit saftigem Laub bedeckte
-Landstreifen, an den sich in der Ferne die noch im Wasserspiegel liegenden
-Riffe anschließen, welche sich wol nie zu fruchtbarem Boden entwickeln
-können, da die jahraus jahrein von derselben Richtung auflaufenden Wogen
-das Riff mit einer so gewaltigen Brandung überspülen, daß die kleinen
-Keimchen, welche sonst unter Umständen eine so starke Brustwehr zu bilden
-vermögen, hier doch keinen festen Fuß fassen können. Merkwürdigerweise
-müssen hier in der Südsee die von dem Passat aufgewühlten Wellen in
-Bezug auf Höhe und Kraft vor einem Nebenbuhler zurücktreten, welcher
-in einer Entfernung von etwa 2000 Seemeilen von den in den südlichen
-Breiten herrschenden schweren Südweststürmen erzeugt ist und in Form einer
-gewaltigen Dünung seinen Weg bis zu unserm augenblicklichen Standpunkt zu
-finden weiß.
-
-Die Insel würde ein lohnendes, aber sehr schwieriges Thema für einen
-geschickten Maler abgeben; schwierig, weil nur die vollendetste Kunst
-die großen Contraste, welche sich hier dem Auge bieten, im Bilde wird
-wiedergeben können. Die tiefblaue Meeresflut, welche hier in Lee der
-Insel von der vorher genannten Südwestdünung nicht beunruhigt wird,
-ist nur leicht bewegt von dem kühlenden Passat, dessen kosendes Spiel
-die Wasserfläche mit unzähligen Schaumköpfen bedeckt. Sanfte niedrige
-Brandung bespült weich diesen blendend weißen Streifen Landes, auf dem
-die Kokospalmen mit ihren schlanken, graugrünen Stämmen gen Himmel streben
-und ihre duftigen saftig-grünen Laubkronen in dem frischen Winde spielen
-lassen. Niedriges Buschwerk und Gräser bedecken den Rücken des Landes
-und überziehen den grellen Korallensand mit einer dem Auge wohlthuenden
-Farbe. Auf der andern Seite des Landes liegt die smaragdfarbene Lagune,
-welche regungslos, von dem Winde unberührt, der Sonne wie ein riesiger
-Edelstein entgegenstrahlt, während dieses erhabene Gestirn glänzend in
-dem durchsichtigen Aether steht und seine warmen Strahlen auf dieses in
-stillem Frieden daliegende Stück Erde hinabsendet. Doch welche Veränderung
-sieht das Auge, sobald es weiter schweift! Zur Linken und Rechten verläuft
-das Land in Riffe, über welche die schweren Südwestwogen brüllend
-hinwegbrechen und ihren Gischt bis zu 15 m Höhe hinaufschleudern. Der
-ganze See ist in der Ferne von einer dichten Dunstmasse umrahmt, denn
-jenseit der Lagune sieht man nur noch den Wasserstaub der sich brechenden
-Wogen, da die Brandung selbst schon weit unter dem Horizonte liegt.
-Dieser Dunstkreis gibt dem Himmel an jener Seite eine graue Färbung und
-ein stürmisches Aussehen; man glaubt dort an einem rauhen Herbsttage die
-entfesselten Elemente kämpfen zu sehen, während hier das Schiff im schönen
-Hochsommer sanft die Wogen des majestätischen Weltmeers durchschneidet.
-
-Im Laufe des gestrigen Nachmittags wurden noch einige dieser Inseln
-passirt, welche indeß ein trauriges Bild wüster Zerstörung zeigten. Vor
-einigen Monaten hat ein schwerer Orkan seinen Vernichtungsweg über einen
-Theil dieser Inselgruppe genommen, dort, wo er einkehrte, fast alle Bäume
-entwurzelt und die Menschen in die salzige Flut geschleudert, wo Hunderte
-ihren Tod fanden. Nur wenige, welche sich an Baumstämme angeklammert
-hatten, wurden gerettet.
-
-Während der letzten Nacht befand sich das Schiff inmitten dieses
-Inselgewölks, wurde mit großer Sorgfalt in freiem Wasser gehalten,
-passirte heute Morgen die letzten Inseln und hat nun, den Curs nach dem
-schönen Tahiti gerichtet, diese doch immerhin unbehagliche Gegend hinter
-sich.
-
-Der heutige Tag sollte uns nach Papeete, der Hauptstadt von Tahiti,
-bringen. So durfte es wenigstens angenommen werden, wenn die
-Meeresströmungen das Schiff seit gestern Mittag nicht zu sehr aufgehalten
-hatten. Die Insel ist so hoch (etwa 2240 m), daß die höchste Spitze bei
-klarem Wetter auf 90 Seemeilen Entfernung sichtbar ist; es wurde daher
-schon mit dem anbrechenden Tage nach dem ersehnten Lande ausgesehen, um
-seine schwachen Umrisse möglichst früh zu erspähen. Die höher steigende
-Sonne schichtete aber dort, wo die schöne Insel liegen mußte, Wolken
-auf, gab dem Lande das feuchte Tagesgewand, welches dem Erdreich Segen,
-dem Seefahrer aber so bittere Enttäuschung bringt. Wenn nun auch wenig
-Hoffnung war, das Land vorläufig zu sichten, so ging es hier doch wieder
-wie immer. Die Ferngläser wichen nicht von jener Wolkenbank, jeder wollte
-Tahiti zuerst sehen, wollte seinem erfahrenen Auge den Triumph gönnen,
-in dem Wolkenschleier einige schwache Contouren zu entdecken, welche
-zweifellos dem Lande gehörten und nicht die Ränder einer Wolke bildeten.
-Es mag auffällig erscheinen, daß ältere Leute sich so abquälen und ihre
-Augen so unnütz anstrengen, da sie doch den Stand des Schiffes genau
-kennen und wissen, was jenes Gewölk in sich birgt. Wer aber weiß, wie
-oft das geübteste Auge durch Wolkenbildungen, die fernem Lande täuschend
-ähneln, angeführt wird, der wird auch den Reiz verstehen, welcher in
-solcher Augenübung liegt. Stunden vergingen, und erst 11½ Uhr vormittags
-brach hoch über dem Horizont aus dem Gewölk der höchste Pic von Tahiti
-hervor. Noch war die Möglichkeit, den Hafen vor Einbruch der Nacht zu
-erreichen, vorhanden; das eine Stunde später festgelegte Mittagsbesteck
-ergab aber noch eine Entfernung von 70 Seemeilen, ein Stück Weges,
-das unter den obwaltenden Verhältnissen in sechs Stunden nicht mehr
-zurückgelegt werden konnte.
-
-Der Tag war herrlich und so recht geeignet, das Schiff nach der langen
-Seereise von Panama aus, vor Ankunft in dem fremden Hafen wieder in einen
-Zustand der Ordnung und Reinlichkeit zu bringen, wie man im Auslande die
-deutschen Kriegsschiffe zu sehen gewohnt ist. Während in dem gewöhnlichen
-Alltagsdienst auf See nur die Wache, also die Hälfte der Mannschaft, zum
-Dienst herangezogen wird, müssen heute alle Mann heran, da nur auf diese
-Weise die umfangreiche Arbeit bewältigt werden kann. Denn es gilt, die
-ganze Außenseite des großen Schiffes bis zum Wasserspiegel und die ganze
-Takelage bis zum Blitzableiter zu waschen, zu säubern und mit frischer
-Farbe zu versehen. Diese Theile des Schiffes lassen sich auf hoher See
-nicht so parademäßig halten, wie sie im Hafen sein müssen. Die Wellen,
-welche die Außenseite des Schiffsrumpfes fortgesetzt bespülen, lösen die
-Farbe mit der Zeit ab; ihr Wasser überzieht die Schiffswände, ihr Gischt
-die untern Theile der Takelage mit einer festen Salzkruste; der aus
-dem Schornstein entströmende Rauch schwärzt Masten, Segel und Tauwerk;
-es würde daher ein vergebliches Beginnen sein, die vorgenannten Theile
-des Schiffes auf hoher See in der gewünschten Sauberkeit erhalten zu
-wollen. Den Wellen läßt sich ebenso wenig gebieten Ruhe zu halten, wie
-der Windstille, ihre Ruhe aufzugeben; die Wellen treiben unaufhörlich
-ihr Versalzungswerk, die Stille verlangt den Dampf, wenn, wie es bei
-uns der Fall war, das Schiff beschleunigte Segelordre hat. Könnte aber
-auch zeitweise mit Sicherheit auf ruhiges Wasser und auf leichten Wind
-gerechnet werden, so würde doch zur Reinigung das Wasser fehlen, auf dem
-endlosen Meere -- das Wasser. Soll die neue Farbe auf den Schiffswänden
-haften, soll das Tauwerk geschmeidig bleiben, dann darf zu dem Waschen nur
-süßes Wasser verwendet werden, ein Artikel, welcher in dem heißen Klima
-den durstigen Menschen wegen ungenügenden Vorraths nur so knapp zugewendet
-werden darf, daß an eine Vergeudung in der vorher angedeuteten Weise auf
-hoher See nicht gedacht werden kann. Erst in nächster Nähe des Hafens,
-und auch nur vor einem solchen Hafen, wo mit Sicherheit gutes Trinkwasser
-erwartet werden kann, darf die Verschleuderung dieser meistentheils so
-gering geachteten und doch so edeln Flüssigkeit erlaubt werden.
-
-Die Befehle waren ertheilt, und die Mannschaft eilte, sich für den halben
-Festtag zweckmäßig zu kleiden. Eine solche Generalreinigung ist für
-den Matrosen gewissermaßen ein Fest, denn es gehört zu seinen liebsten
-Beschäftigungen, bei gutem Wetter mit dem Farbenquast hantieren zu können;
-auch ist ihm bei solcher Arbeit eine leise Unterhaltung mit seinem Nachbar
-erlaubt, was den Reiz noch erhöht. In kurzer Zeit ist die Toilette, welche
-aus dem schlechtesten Zeuge und umgekrempelter, mit dem Futter nach außen
-gekehrter Mütze besteht, beendet, das Deck füllt sich wieder mit Menschen,
-welche Stellagen für die äußern Schiffswände und Fahrstühle für die Masten
-herrichten, Eimer, Schwämme und die zum Malen erforderlichen Requisiten
-herbeischaffen. Der Erste Offizier, erfreut, endlich sein Schiff wieder
-durchweg schmuck machen zu können, ist überall, wird gewissermaßen zur
-selben Zeit aller Orten, hinten und vorn, oben und unten, außenbords
-und in der Takelage gesehen. Die Takelage belebt sich mit Menschen; vom
-obersten Flaggenknopf bis zum Fuß des Mastes, auf den Raaen, überall ist
-reges Treiben. Die Stellagen werden an der Schiffsseite herabgelassen,
-so weit, daß die auf ihnen sitzenden Leute mit ihren Füßen eben frei
-von der Wasseroberfläche bleiben; die zu diesem Dienst beorderten Leute
-schlingen jeder sich ein Sicherheitstau um den Leib, welches, obgleich
-oben am Schiff befestigt, doch außerdem noch in der Hand eines als
-Wächter postirten Matrosen ruht. Die Vorbereitungen sind, da jedermann
-seinen Dienst genau kennt, in wenigen Minuten beendet, und spätestens
-eine halbe Stunde nach dem ersten Befehl ist die Arbeit in vollem Gange.
-Schwanengleich gleitet das Schiff bei dem leichten Winde unter vollen
-Raasegeln durch das nur wenig bewegte Wasser; von dem Vorschiff dringt
-das leise Rauschen des von dem Schiffsbug aufgewühlten Wassers eintönig
-und doch so melodisch nach hinten; leises Summen durchweht die Takelage,
-scheinbar aus der Tiefe des Meeres kommend klingt das Gemurmel der
-außerhalb beschäftigten Leute auf das Schiff herauf. Eine auffallende
-Ruhe ist über das Schiff gebreitet, und doch ist das ganze Schiffsvolk in
-emsiger Thätigkeit. Die Matrosen hängen in der Takelage wie Bienen, die
-eine blühende Linde umschwärmen; die Schanzkleidung ist rundherum garnirt
-mit den Wächtern der Sicherheitstaue, welche, träumerisch in die Ferne
-schauend, nur ab und zu einen Blick auf ihre Schützlinge werfen.
-
-So steuert das Schiff, ein Bild innern Friedens, dem jetzt schon deutlich
-sichtbaren Lande zu. Da plötzlich ertönt hinten von der Außenseite des
-Schiffes her der Ruf: „Hai achterraus!“ Das Schiff ist sofort ein anderes.
-Das Commando des wachthabenden Offiziers: „Alle Mann innenbords!“ gibt
-dem Ersten Offizier einen Stich ins Herz, da er nun keine besonderen
-Vorbereitungen für den Empfang der mit schwarzer Farbe beschmierten
-Malkünstler treffen kann. Anstatt auf sorgsam ausgebreitete Matten zu
-treten, springen diese Leute mit ihren bemalten Füßen auf das schneeweiße
-Deck, um dasselbe fast ebenso schwarz wie die Schiffswand zu machen; es
-gilt ja aber nicht blos, den eben empfangenen Befehl zu befolgen, sondern
-auch theilzunehmen an dem Haifischfang. Der Ruf: „Hai achterraus!“ ist für
-alle zur Zeit nicht beschäftigten Leute eine unausgesprochene Erlaubniß
-für die Theilnahme an dem Fang, da 20-30 Mann zu einem glatten Aufziehen
-des Fisches gehören und die andern zusehen dürfen. Es kann wol als Regel
-gelten, daß jedes Schiff versucht, jeden in die Nähe kommenden Hai zu
-fangen, da kaum ein anderes Thier so aufrichtig gehaßt wird, wie dieser
-Fisch von dem Seemanne; deswegen springen auch immer einige Leute gleich
-zu, um die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Im Umsehen sind der
-Haken und ein 1 kg schweres Stück Speck zur Stelle, die Taue für den
-Haken und für die Schlinge, welche dem Hai, sobald er angebissen hat,
-übergeworfen wird, bereit. Ich will hier einfügen, daß jeder Hai, welcher
-sich bei mäßigem Winde einem unter Segel befindlichen Schiffe nähert, in
-der Regel seinem sichern Verderben entgegengeht, wenn der Fang richtig
-geleitet wird. Diese Wasserhyäne ist so gefräßig, daß sie stets auf den
-zugeworfenen Köder beißt. Auch wenn sie schon ein- oder zweimal von der
-Angel losgekommen ist, beißt sie mit zerrissenen Kiefern zum dritten mal
-an, wenn noch ein ganzer Angelhaken für den dritten Wurf vorhanden ist.
-Das Thier ist so stark, daß es fast immer, wenn es nur an der Angel aus
-dem Wasser gezogen wird, mit seinen heftigen Schlägen den stärksten Haken
-oder dessen Kette bricht; ein sicherer Fang wird daher nur gewährleistet,
-wenn man eine Tauschlinge an dem Angeltau herabgleiten läßt, die Schlinge
-dann über den an kurzer Leine gehaltenen Fisch bis zur Schwanzflosse
-streift und den Fisch nun mit dem Schwanz zu oberst aufhißt, um ihn
-schließlich an Kopf und Schwanz gefesselt auf das Schiff zu holen. So
-konnten wir also auch darauf rechnen, das signalisirte Raubthier bald
-auf dem Schiffe zu haben. Doch stellte sich inzwischen heraus, daß heute
-die Hauptsache fehlte, nämlich der Haken. Vor kurzem waren bei ähnlicher
-Gelegenheit die beiden Haihaken des Schiffes unbrauchbar geworden; wir
-fürchteten daher schon, unserm Feinde die Freiheit lassen zu müssen,
-als der Erste Offizier lächelnd das Deck verließ, um kurze Zeit darauf
-wieder mit einem in seinem Privatbesitz befindlichen wahren Prachthaken zu
-erscheinen. Während nun die Angel zurechtgemacht wurde, folgte der Fisch
-uns in einer Entfernung von dreißig Schritten mit bewunderungswürdiger
-Gleichgültigkeit.
-
-Das Wasser ist hier so klar, daß das dicht unter der Oberfläche
-befindliche Thier in Krystall zu schwimmen schien, und wäre das Schiff
-nicht in Fahrt gewesen, dann hätte man dem Thier jede Bewegung absprechen
-müssen. Der Körper war deutlich zu sehen, keine Flosse schien sich zu
-bewegen, nur das bei scharfem Hinsehen erkennbare leichte Aufkräuseln des
-Wassers an der über die Oberfläche hervorragenden Rückenflosse zeigte,
-daß der Fisch in Bewegung war. Die Angel plumpste ins Wasser -- sie wird
-absichtlich stets mit möglichst großem Geräusch geworfen -- und sofort
-schwenkten die beiden Lootsen, denen der Hai gehorsam folgte, nach dem
-Schiffe hin. Diese Lootsen sind kleine Fische, von denen stets zwei
-den Hai begleiten, um, vor ihm schwimmend, ihn zur Beute zu führen, und
-aus deren Vorhandensein man schließt, daß ihr Herr mit sehr schwachen
-Gesichts- und Geruchsorganen ausgestattet ist. In geringer Entfernung von
-dem Köder ließ das plötzlich entschiedene Vorgehen des Haies erkennen,
-daß er nunmehr die Witterung hatte; die Lootsen nahmen jetzt ihren
-Standort zu beiden Seiten ihres Herrn, welcher noch etwas vorschoß,
-sich halb auf die Seite legte und dann mit seinem auf der Bauchseite
-befindlichen und mit zwölf Reihen Zähnen bespickten mächtigen Rachen
-zuschnappte. Gleichzeitig wurde so kräftig an der Angelleine gezogen,
-daß der scharfe Haken tief in den Kiefer eindrang, und unser Opfer war
-vorläufig an die Kette gelegt. Mächtige Schläge des Schwanzes wühlten das
-Wasser auf und sagten den Lootsen, daß ihr Beschützer verloren war, denn
-als das Thier mit dem Nachlassen der Leine wieder ruhig wurde, waren sie
-verschwunden. Sobald die Ueberzeugung gewonnen war, daß die Angel gefaßt
-hatte, wurde die Leine soweit nachgelassen, daß der Fisch wieder ohne
-Schmerz schwimmen konnte, und nun folgte er geduldig dicht am Schiffe,
-bis die Schlinge richtig placirt war. Dann wurde kräftig angezogen und
-im nächsten Augenblick wand sich der Fisch -- zappeln kann man hier nicht
-sagen -- mit dem Kopf nach unten hängend, in kräftigen Zuckungen über der
-Schanzkleidung des Schiffes; noch einige Augenblicke und er lag, wüthend
-um sich schlagend, auf dem Deck, wo jeder ängstlich dem Schwanze auswich,
-während der Matador, ein mit einer Handspake bewaffneter Unteroffizier,
-an seinem Kopfe zum Stoß bereit stehend auf den Augenblick wartete, wo
-das Opfer nach Luft schnappen würde. Der Rachen öffnete sich, hinein fuhr
-die Spake bis zum Magen und machte den Fisch steif. Nun war der Schwanz
-unschädlich gemacht, die Matrosen sprangen zu und mit Hurrah ging es nach
-dem Vorschiff, wo die Schlachtbank bereits bereitet war. Erst wurde der
-Schwanz vom Körper getrennt, da zum Ablösen des Kopfes vorher die Spake
-entfernt werden muß, das Thier aber ohne Kopf noch lange Zeit kräftige
-Muskelzuckungen behält, mit welchen es schlimme Verletzungen schlagen
-kann, wenn die Schwanzflosse noch am Körper ist. Dann wurde der Magen
-untersucht, welcher nichts Auffälliges enthielt, und danach ging es an
-die weitere Zerlegung, welcher ich aber nicht folgen, sondern nur kurz
-anführen will, was aus den einzelnen Theilen wird. Die Schwanzflosse
-wird an den äußersten Punkt des Bugspriets angenagelt, weil sie nach
-einem Matrosenaberglauben an jener Stelle angebracht dem Schiffe Glück
-bringt; die Schwanzstücke werden von der Mannschaft gekocht oder gebraten
-gegessen; das Rückgrat und das Gebiß werden sorgsam gereinigt und als
-Raritäten mit nach Hause gebracht.
-
-Sobald der Hai auf dem Schiffe war, gingen die Leute, bis auf wenige,
-welche den Fisch zerlegten, wieder an die Arbeit, doch die Stimmung,
-welche vorher auf dem Schiffe gelegen, kehrte nicht wieder. Die Aufregung
-der Jagd hatte alle unruhig gemacht und dies theilte sich dem ganzen
-Schiffe mit. Diese Unruhe äußerte sich nicht in größerm Geräusch, denn
-es war fast noch lautloser wie vorher, sondern zeigte sich in den Mienen
-und Bewegungen der Leute. Die Arbeit wurde beendet, das beschmutzte Deck
-mit Messern, Schrapern, Sand und Steinen wieder gereinigt, und erst dann
-trat mit der Selbstreinigung der Mannschaft wieder die alte Stimmung ein.
-Schon vor Beendigung der Arbeit ist das Verdeck für die große Waschung
-vorbereitet worden. Das Tauwerk ist aufgehängt, etwa dreißig große,
-mit süßem Wasser gefüllte Bütten stehen bereit, die Spritzenschläuche
-sind an die Pumpen angeschraubt. Die Mannschaft strömt herbei und hat,
-da wir auf dem Kriegsschiffe ja immer unter uns Männern sind, schnell
-sich aller Kleider entledigt. Die Gelegenheit wird ausgiebig benutzt, da
-ein solches Süßwasserbad nicht oft geboten wird; in kurzer Zeit ist die
-ganze Mannschaft in Seifenschaum gehüllt. Dort steht ein Kranz Matrosen
-in gebückter Stellung um ihre Bütte; die nächste Gruppe ist schon weiter
-vorgeschritten, indem die Leute aufrecht stehen und einer dem andern
-den Rücken abseift; weiterhin ragt aus der Mitte eines Kranzes über
-die gebeugten Rücken die zusammengekauerte Gestalt eines Mannes hervor,
-welcher in dem Waschfaß sitzt; daneben sitzen in einem größern Gefäß sogar
-zwei sich gegenüber, welche sich gegenseitig abseifen, aber bald mitsammt
-ihrer Wanne von den Kameraden umgeworfen werden, weil sie sich zu unnütz
-machen. Kleine Scherze der verschiedensten Art beleben und erheitern das
-Bild, die allgemeinste Lustigkeit bricht aber durch, sobald die Spritzen
-zu spielen beginnen. Alles strömt herzu und ballt sich zu einem lebenden
-Knäuel zusammen, auf welchen von erhöhtem Standpunkte aus die kräftigen
-Wasserstrahlen fallen. Da wogen 200 kräftige, muskulöse Gestalten als
-ein Bild der üppigsten Kraftfülle unter Lachen und Gejauchze hin und her,
-sich gegenseitig verdrängend und verschiebend; in der Mitte die größere
-Masse aufrecht stehend, und um diesen Kern herum ein Kranz theils auf
-dem Gesicht, theils auf dem Rücken liegender Gestalten, welche das Bad
-in dem langsam abfließenden Wasser dem kräftigen Strahl vorziehen. Die
-Abendbrotzeit nahte, dem Baden mußte ein Ende gemacht werden, und eine
-Stunde später saß die Mannschaft wieder auf dem Vordeck, um die Freizeit
-nach dem Abendbrot zu genießen und, auf dem vom Monde hell beschienenen
-Deck behaglich ausgestreckt, rauchend den Klängen der Musik zu lauschen,
-welche mit ihren deutschen Weisen uns der Heimat näher rückte.
-
-Das köstliche Wetter, der schöne Sonnenuntergang, bei welchem wir vor
-drei Stunden für heute den letzten Blick auf das in weiter Ferne sich von
-dem Himmel abhebende Inselland warfen, welches sein aus Wolken gewebtes
-Tageskleid wieder abgelegt hatte, das magische Bild des von dem Monde
-silbern überhauchten Schiffes, rufen in mir die märchenhaften Erinnerungen
-wieder wach, welche mein Gemüth so mächtig bewegten, als ich vor 22 Jahren
-als Knabe zum ersten mal Madeira in weiter Ferne sah und auf der längst
-verschollenen „Amazone“ in einer ähnlichen Zaubernacht mit leichtem Winde
-dieser schönsten aller Inseln entgegensegelte. Damals der vierzehnjährige
-Knabe als preußischer Cadet auf seiner ersten Seereise, jetzt der Mann
-als Commandant eines deutschen Schiffes vor einer ähnlichen Inselperle,
-welche 15000 Seemeilen weiter von der Heimat entfernt ist. Was liegt nicht
-alles in dieser verhältnißmäßig kurzen Spanne Zeit? Welche großartigen
-politischen Umwälzungen haben sich nicht vollzogen, wie hat mein eigenes
-Leben sich gestaltet? -- Es ist Zeit für mich, das Bett aufzusuchen,
-weil ich um 3 Uhr morgens wieder auf dem Posten sein muß, da nach der
-dem Schiffe gegebenen Segelführung dann das Land angesteuert wird, um bei
-guter Zeit in Papeete eintreffen zu können.
-
-
-
-
-6.
-
-Tahiti.
-
-
- Tahiti, 25. Mai.
-
-Nach kurzer Ruhe wurde ich heute Nacht 1 Uhr wieder geweckt mit der
-Meldung, daß das Leuchtfeuer von Tahiti in Sicht gekommen sei. Der Thurm
-dieses Feuers ist auf derjenigen Landspitze erbaut, wo der berühmte
-englische Seefahrer und Entdecker Cook im Jahre 1769 den Durchgang der
-Venus beobachtet und danach diese Landspitze „Point Venus“ benannt hat.
-
-Das Auftauchen eines Leuchtfeuers über den Horizont gibt die schnellste
-und eine absolut sichere Ortsbestimmung für ein Schiff, spielt daher bei
-der Navigirung eine große Rolle und erfordert stets die Anwesenheit des
-Commandanten auf dem Deck, damit er sich persönlich von der Richtigkeit
-aller Umstände überzeugen, den Ort des Schiffes in der Karte festlegen und
-danach den neuen Curs bestimmen kann. Hier in diesem Theil der Südsee, wo
-es mit Ausnahme dieses einen Punktes keine Leuchtthürme gibt, lernt man
-so recht erkennen, welcher Unterschied zwischen der Seefahrt an den Küsten
-civilisirter Staaten und den Küstenstrichen wilder Völkerschaften besteht.
-
-Auf der See liegen vornehmlich alle Gefahren in der Nacht und im Nebel
-verborgen, weil die meisten Collisionen, Strandungen, Kenterungen u. s. w.
-dem Umstande zuzuschreiben sind, daß die Gefahr nicht früh genug erkannt,
-daher nicht mehr vermieden werden konnte. Deswegen muß man sich bei Nacht
-von solcher Küste, welche keine Leuchtfeuer zeigt, fernhalten; muß um
-einsame Klippen, welche man bei Tage auf Steinwurfweite passiren könnte,
-meilenweite Umwege machen. Ist die Küste aber mit Leuchtfeuern versehen,
-trägt der einsame Fels einen Leuchtthurm oder ist auf der gefährlichen
-Sandbank ein Leuchtschiff verankert, dann werden diese Punkte, welche
-vordem der Schrecken der Seefahrer waren, auch bei Nacht aufgesucht,
-werden zu sichern, gern gesehenen Führern, weil, wie ich nachher zeigen
-will, das Feuer bei Nacht den Ort des Schiffes leichter bestimmen läßt,
-als es bei Tage an dem Thurm, dem Träger des Feuers möglich ist.
-
-Auf hoher See allerdings ist es auch den civilisirten Staaten versagt,
-der Schiffahrt derartige Erleichterungen und Sicherheitsmaßregeln
-zu schaffen. Da heißt es in seligem Gottvertrauen drauf los fahren;
-trifft das Schiff bei hohem Seegang oder schneller Fahrt auf eine noch
-unbekannte Klippe, auf das treibende Wrack eines verunglückten Schiffes,
-oder wird es unvorbereitet von einer schweren Bö erfaßt, dann wird es in
-den erstern Fällen in der Regel, in dem letztern Falle häufig mit Mann
-und Maus verloren sein. Das sind eben die Chancen des Seelebens, welche
-man mitnehmen muß, weil es unmöglich ist, während der Nacht still zu
-liegen, denn sonst würde man mehr als die doppelte Zeit für die Reisen
-gebrauchen, würde, ganz abgesehen von der verlorenen kostbaren Zeit, so
-große Quantitäten an Proviant und Wasser mitnehmen müssen, daß die Schiffe
-der Jetztzeit sie nicht zu fassen vermöchten.
-
-Um die Ortsbestimmung durch ein Leuchtfeuer leichter verständlich zu
-machen, muß ich auf die bekannte Thatsache zurückgreifen, daß infolge der
-Kugelgestalt der Erde die Sehweite eines Gegenstandes von seiner Höhe über
-dem Meeresniveau abhängt, und daß es bei zwei sich nähernden Gegenständen
-einen Punkt gibt, wo sie sich in dem Horizont zuerst treffen und sich
-gleichzeitig zu Gesicht bekommen. Daher werden die in der obenstehenden
-Figur mit 'a' und 'b' bezeichneten Gegenstände in den gegenseitigen
-Gesichtskreis kommen, wenn sie z. B. mit ihrer obersten Spitze die Linie
-'A--B' berühren, und in diesem Falle wird der Treffpunkt in 'C' liegen.
-Es ist hierbei natürlich gleichgültig, ob beide Gegenstände in Bewegung
-sind oder nur einer, da, wenn 'a' einen bei 'x' errichteten Leuchtthurm
-vorstellen soll, seine Sehweite bis 'C' reicht, seine oberste Spitze oder
-sein Feuer also von dem Schiffe 'b' gesehen werden kann, sobald dieses
-bei 'y' angekommen ist.
-
-Zur Bestimmung der Sehweite eines Gegenstandes gibt es eine einfache
-Formel, welche für die praktische Seefahrt ein hinreichend genaues
-Resultat liefert. Es wird die in Fuß bekannte Höhe des Gegenstandes (diese
-Formel ist nur anzuwenden, wenn die Höhe bekannt ist und dies ist bei
-allen Leuchtfeuern natürlich der Fall) mit 4 multiplicirt, das Product
-durch 3 dividirt und aus dem Quotienten die Quadratwurzel gezogen; das
-Endresultat ergibt die Sehweite in Seemeilen. Beträgt also z. B. die Höhe
-eines Leuchtfeuers über der Meeresoberfläche 108 Fuß, dann wird es von
-einem im Wasserniveau befindlichen Beobachter auf Wurzel aus 4/3 x 108
-also 12 Seemeilen gesehen werden; steht aber der Beobachter auf einem
-Schiffe 19 Fuß über dem Meere, dann wird seine eigene Sehweite Wurzel aus
-4/3 x 19 oder 5 Seemeilen betragen, er wird also in dem Moment, wo sein
-Auge bei 'C' das über den Horizont hervorbrechende Licht sieht, 12 + 5
-oder 17 Seemeilen von dem Standort des Leuchtthurmes entfernt sein. Peilt
-der Beobachter nun gleichzeitig das Feuer mit dem Kompaß, d. h. stellt
-er beim Insichtkommen die Himmelsrichtung, in welcher es zum Schiffe
-steht, genau fest, dann ist er in der Lage, mit Hülfe eines Zirkels und
-eines Lineals in wenig Augenblicken auf der Karte den Punkt zu bestimmen,
-wo das Schiff sich befindet. Man sollte nun meinen, daß ein solches
-Verfahren ebenso gut bei Tage möglich wäre, dies ist aber nicht der Fall.
-Es kann als Regel angenommen werden, daß die Luft nie so klar ist, um das
-Hervorbrechen der Spitze eines Thurmes über den Horizont genau feststellen
-zu können, vielmehr wird ein im Lande stehender Thurm auch mit Hülfe eines
-guten Fernrohres erst gesichtet werden, wenn er ganz oder doch zum größern
-Theil über dem Horizont steht, während in einer mäßig klaren Nacht das
-Feuer sich so scharf markirt, daß man es im Augenblick des Auftauchens
-sogar durch ein Einziehen des Kopfes zwischen die Schultern wieder unter
-den Horizont verschwinden lassen kann.
-
-Nachdem der Stand des Schiffes bestimmt war, wurde beigedreht, d. h.
-das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde gelegt, daß es sich nur
-unbedeutend von seinem Platze fortbewegte, weil es wegen der nur noch
-geringen Entfernung bis Papeete nutzlos war, vor Tagesanbruch den Curs
-fortzusetzen. Ich konnte mir daher noch zwei Stunden Schlaf gönnen, stand
-um 4 Uhr wieder auf der Commandobrücke und ließ nun dem Schiffe volle
-Segel geben, um mit Tagesanbruch dicht unter der Küste zu sein.
-
-Kurz nach 6 Uhr -- die Tropen kennen ja keine Dämmerung -- bricht
-der volle Tag in seiner ganzen Glorie aus der Nacht hervor, die Sonne
-steigt als rothglühender Ball aus den Fluten und wirft ihr noch mattes
-tiefrosiges Licht auf das ziemlich plötzlich und schnell aus der
-Dunkelheit hervortretende, hoch zum Himmel strebende Tahiti. Ein aus
-dünnem Nebel gewobenes Nachtgewand umhüllt das Land und schmiegt sich
-weich wie ein Schleier seinen Formen an, ist durchsichtig, wo es auf
-den Bergrücken glatt aufliegt, verdichtet sich zu fester Hülle, wo in
-den Thälern Falte auf Falte geschichtet liegt. Eigenthümlich! Das Land
-scheint beim Erwachen des Tages sich zu beleben. Schlaftrunken und leblos
-wird es in seinen höhern Regionen von den ersten Strahlen der für uns
-noch unter dem Horizont stehenden Sonne getroffen, während das Unterland
-noch in tiefem Schatten liegt. Schnell überläuft das Licht mit dem
-Höhersteigen der Sonne das Land von dem obersten Berggipfel herunter bis
-zum Strande; die Insel bewegt und reckt sich, ermannt sich und blickt
-fest auf den Füßen stehend dem jungen Tage mit klarem Blick entgegen,
-sobald die warmen Strahlen des mächtigen Tagesgestirns den untersten
-Saum des Landes erreicht haben. Aus dem duftigen Nachtgewand, welches
-unter den Sonnenstrahlen langsam verdunstet, tritt der schöne unverhüllte
-Leib hervor, um sich im frischen Morgenthau zu baden, läßt sich von den
-Licht- und Wärmestrahlen tosend umarmen, um von ihnen Nahrung für sein
-animalisches und vegetabilisches Leben zu empfangen. Frei von jeder Hülle
-steht das aus einem blau und weißen Rahmen heraustretende hohe Bergland
-dicht vor uns in dem Meere. Die Brandung auf dem Korallenriff, welches
-die Insel umrahmt, gleicht einem blendend weißen Schaumkranz, hinter
-welchem bis zum Strande ein Gürtel spiegelglatten azurblauen Wassers
-liegt. Am Lande steigen dünne Rauchsäulen auf, einzelne Kanus stoßen vom
-Strande ab, um auf den Fischfang zu gehen, Vögel ziehen lautlos über die
-Wasserfläche hin, und lautlos wie ein Riesenvogel segelt die „Ariadne“
-mit aufgeblähten Segeln dicht an der Riffbrandung entlang. Der aus
-blauem Krystall und Schneeschaum gewundene Gürtel, die duftigen Palmen
-am Strande, das rothe, braune, graue und schwarze Gestein der felsigen
-Bergrücken, die saftigen Thäler und die üppigen Wälder auf den fruchtbaren
-Bergabhängen, die langen tiefen Schluchten und die mächtigen Bergkegel:
-dies alles scharf heraustretend aus dem durchsichtig blauen Hintergrunde,
-von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erwärmt und durch die
-erwachende Natur belebt, gibt ein wahrhaft ergreifendes Bild von der Größe
-der Schöpfung. Unbewußt zieht tiefe Andacht in das Herz des Menschen ein,
-seine Seele will sich von dieser Erde lösen und einen Flug beginnen, der
-ihr versagt bleiben muß. Ein Blick nach der offenen See -- und die tiefe
-Andacht, welche den Menschen erfaßt hatte und durch die mit ihr verbundene
-Unachtsamkeit dem Schiffe unter Umständen hätte Gefahr bringen können,
-ist dahin, der Mensch denkt nur wieder allein an seine Pflicht, läßt zwar
-ab und zu noch mit Wohlgefallen seine Blicke über das köstliche Bild
-schweifen, ist aber doch gegen nochmalige Verzauberung gefeit. Und was
-brachte diesen plötzlichen Umschwung? Ein erbitterter Kampf um das Dasein
-zwischen Fischen und Vögeln, ein Kampf, wie er sich dem aufmerksamen
-Beobachter in dem Thierreich zu jeder Zeit und an jedem Ort bietet, wenn
-auch nur selten in so häßlicher Form wie in diesem Falle. Ein lautes
-Gekreisch und Geplätscher lenkt unsere Blicke nach der offenen See hin,
-dort, nicht weit von uns, ist ein kleiner Fleck im Wasser im vollsten
-Aufruhr. Armlange Fische springen scharenweise aus dem hochaufspritzenden
-Wasser, um einem größern Raubfisch zeitweise zu entgehen, doch über ihnen,
-dicht über dem Wasser, flattern Scharen von kleinen weißen krächzenden
-Seevögeln, welche heißhungerig sich auf die aus dem Wasser springenden
-Fische stürzen und diesen mit ihren kleinen scharfen Schnäbeln große
-Stücke Fleisch aus dem lebenden Körper reißen. Vernichtung unter der
-Wasseroberfläche, Verstümmelung über derselben: das ist das Los der so
-oft als die glücklichsten Thiere gepriesenen Fische, welche erst dann
-wieder Ruhe finden, wenn der Feind aus dem eigenen Geschlecht gesättigt
-ist und ihnen gestattet, in tieferm Wasser Schutz gegen die unbarmherzigen
-Bewohner der Lüfte zu suchen.
-
-Inzwischen ist der Tag weiter vorgeschritten; die Sonne, welche hier in
-sechs Stunden fast bis zum Zenith steigen muß, hat um 8 Uhr schon eine
-solche Höhe erreicht, daß ihre Strahlen das Land zu versengen drohen
-und es zwingen, wieder unter dem Wolkenkleid, welches am vorhergehenden
-Abend nach Sonnenuntergang abgelegt wurde, Schutz zu suchen. Kleine
-Wölkchen lehnen sich an die Bergspitzen an, verdichten sich und schwellen
-an, umlagern dann die obern Bergkuppen und wachsen so lange, bis sie,
-allmählich sich senkend, die ganze obere Hälfte der Insel mit einer
-dichten Wolkenhaube bedecken, welche das nach Feuchtigkeit lechzende Land
-in so ergiebiger Weise mit Wasser versieht, daß trotz des in jetziger
-Jahreszeit seltenen Regens die Vegetation in köstlichster Frische
-prangt und die in den Thalschluchten von den Höhen nach unten eilenden
-Bergflüsse nie versiegen. Hier unten bei uns ist es aber heiß, sehr heiß;
-der kühlende Landwind ist wieder abgestorben, die Seebrise noch nicht
-erwacht. An Stelle der Segel ist vor kurzem die Schraube getreten, und in
-einer halben Stunde, gegen 9 Uhr, werden wir in Papeete ankern, um das
-Schiff schnell auszurüsten und in zwei bis drei Tagen dann nach unserm
-eigentlichen Bestimmungsort weiterzugehen.
-
-
- 11. Juni.
-
-Seit einigen Stunden befinden wir uns nun endlich auf dem Wege nach den
-Samoa-Inseln.
-
-Ehe ich die Ereignisse der letzten vierzehn Tage bespreche, will ich in
-kurzen Umrissen ein Bild des Landes und der Bewohner von Tahiti geben,
-zuvor aber einen kurzen Abriß der Entdeckungsgeschichte dieser Insel, wie
-sie in den englischen Segelanweisungen von A. G. Findlay enthalten ist,
-einfügen. Diese Entdeckungsgeschichte wird gleichzeitig auch zeigen, warum
-so viele Inseln des Stillen Oceans so verschiedene Namen tragen und wie
-schließlich doch die Bezeichnungen der Eingeborenen wieder in ihr Recht
-treten.
-
-Tahiti ist zweifellos zuerst von einem Spanier Pedro Fernandez de Quiros
-am 10. Februar 1606 entdeckt und von ihm La Sagittaria genannt worden,
-ohne daß in damaliger Zeit diese Entdeckung weiter verfolgt oder in
-weitern Kreisen bekannt geworden wäre, denn Thatsache ist es, daß eine 160
-Jahre später von dem König Georg III. von England zu Entdeckungen nach der
-Südsee ausgeschickte Expedition von dem Vorhandensein dieser Insel nichts
-wußte. So konnte Wallis, der Führer dieser Expedition, sich auch das
-Verdienst zuschreiben, Tahiti am 19. Juni 1767 entdeckt zu haben und das
-Recht in Anspruch nehmen, einem bis dahin unbekannten Lande einen Namen
-zu geben. Er nannte es King George-Island und nahm es durch Aufhissen der
-englischen Flagge für seinen König in Besitz. Doch die Eingeborenen holten
-die Flagge bald wieder herunter und benutzten sie in spätern Jahren als
-ein Zeichen ihrer eigenen Unabhängigkeit.
-
-Noch ehe diese zweite Entdeckung bekannt wurde, erfuhr Tahiti im folgenden
-Jahre am 2. April 1768 diese Ehre zum dritten mal und zwar durch den
-rühmlich bekannten französischen Seefahrer de Bougainville in dem Schiffe
-„Boudeuse“, welcher die Insel 'Nouvelle Cythère' benannte. Am 12. April
-1769 langte Cook in Tahiti an, um von hier aus den Durchgang der Venus
-durch die Sonne zu beobachten. Das Gelingen der Beobachtung am 3. Juni
-desselben Jahres, die in derselben Zeit erfolgte Aufnahme des Landes und
-der Häfen, welche bislang noch immer unübertroffen dasteht und die noch
-jetzt maßgebende Karte lieferte, sowie die gleichzeitige Entdeckung der
-nordwestlich gelegenen Gesellschafts-Inseln haben diese Reise zu einer
-besonders werthvollen für die Wissenschaft gemacht. Cook war auch der
-erste, welcher der Insel ihren einheimischen Namen wiedergab, nachdem
-sie vorher drei Namen erhalten hatte, die heutzutage so gut wie vergessen
-sind. In derselben Zeit fürchteten die Spanier, daß der englische Einfluß
-in der Südsee zu sehr wachsen könne; der Vicekönig von Lima erhielt
-daher den Befehl, von Tahiti Besitz ergreifen zu lassen, woraufhin eine
-spanische Expedition unter Don Domingo Bonecheo entsandt wurde, welche am
-10. November 1772 in Tahiti anlangte und es Amat oder Tagiti benannte.
-Der Bericht Bonecheo’s nach seiner Rückkehr hatte zur Folge, daß er im
-September 1774 wieder dahin geschickt wurde, um nunmehr von der Insel
-Besitz zu ergreifen. Er durchforschte zunächst das Land, starb aber schon
-am 26. Januar 1775, worauf die spanischen Schiffe unverrichteter Sache
-nach Lima zurückkehrten. Im August 1777 besuchte Cook noch einmal Tahiti
-als das letzte europäische Schiff für den Zeitraum von 11 Jahren.
-
-Im Jahre 1788 schickte König Georg III. von England das Schiff „Bounty“
-unter dem Commando eines Lieutenant Bligh, welcher schon mit Cook Tahiti
-besucht hatte, dahin, um den werthvollen Brotfruchtbaum der Südseeinseln
-nach Westindien zu verpflanzen. Die Geschichte dieses Schiffes ist so
-abenteuerlich, daß sie kurzer Erwähnung verdient. Die „Bounty“ langte
-am 26. October 1788 in Tahiti an, kehrte aber nicht mehr nach England
-zurück, sondern blieb in den Händen einer meuterischen Mannschaft und fand
-in der Südsee ihr Ende. Als das Schiff mit den Brotfruchtbäumen Tahiti
-verlassen hatte, brach eine Meuterei auf demselben aus; nach einzelnen
-Angaben, weil der größte Theil der Mannschaft die in Tahiti angeknüpften
-Liebesverhältnisse nicht aufgeben wollte, nach der wahrscheinlichern
-Angabe aber, weil der Commandant die Mannschaft zu hart behandelte.
-Thatsache ist, daß das Schiff in den Händen der meuterischen Mannschaft
-blieb und die Führung einem mit Gewalt zurückbehaltenen Seecadetten
-übertragen wurde. Der Commandant, die Offiziere und ein kleiner Theil der
-Mannschaft, welcher treu zu den Offizieren gestanden hatte, wurden dann
-am 26. April 1789 auf hoher See in Schiffsbooten ausgesetzt und ihrem
-Schicksal überlassen; sie landeten nach langen Irrfahrten und infolge der
-erlittenen Entbehrungen sehr zusammengeschmolzen auf Timor und fanden
-von dort ihren Rückweg nach England, um Kunde von ihrem Schicksal zu
-geben. Die Meuterer kehrten mit dem Schiffe „Bounty“ nach Tahiti zurück,
-welches sie, wenn auch auf Umwegen, wohlbehalten wieder erreichten.
-Sie versicherten sich dort wieder ihrer Frauen, flüchteten unter
-Zurücklassung von 14 Mann weiter und galten lange Zeit als verschollen.
-Als die Nachricht von der Meuterei nach England gedrungen war, wurde die
-Fregatte „Pandora“ ausgeschickt, um die „Bounty“ zu jagen, langte am 23.
-März 1791 in Tahiti an, nahm die dort zurückgebliebenen 14 Mann gefangen
-und kehrte dann nach erfolglosem Suchen nach dem Meutererschiff nach
-England zurück, woselbst drei der 14 Gefangenen hingerichtet wurden. Die
-„Bounty“ mit ihrer Mannschaft war längst vergessen, als im Jahre 1808 ein
-Walfischfänger nach Pitcairn-Island (südöstlich der Paumotu-Inseln) kam
-und dort auf der bis dahin für unbewohnt gehaltenen Insel die Meuterer
-fand. Ehe diese Nachricht nach England kam, hatte auch das englische
-Kriegsschiff „Briton“ Pitcairn angelaufen und einen Bericht über die
-aus der weißen Mannschaft der „Bounty“, ihren braunen polynesischen
-Frauen und Mischlingskindern bestehende Bevölkerung dieser kleinen
-Insel nach England gesandt, welcher das allgemeinste Interesse erweckte.
-Die Schilderung von dem Glück, der Reinheit der Sitten, der harmlosen
-Einfachheit und den nahezu paradiesischen Zuständen auf dieser kleinen
-Insel wirkte so mildernd auf die englische Regierung, daß dieselbe unter
-Zulassung der Verjährung nicht nur volle Verzeihung gewährte, sondern
-auch die Leute unter ihren besondern Schutz nahm und so weit ging, daß
-sie im Jahre 1856, als Pitcairn für die Bevölkerung zu klein geworden
-war, ihnen die bei Australien gelegene schöne Insel Norfolk, welche bis
-dahin Verbrechercolonie gewesen war, mit allen Gebäuden, 2000 Schafen,
-300 Pferden, Schweinen, Federvieh u. s. w. als freies Eigenthum schenkte.
-Die ganze aus 194 Personen (92 männlichen, 102 weiblichen Geschlechts)
-bestehende Bevölkerung wurde auch auf Regierungsschiffen kostenfrei nach
-der neuen Heimat übergeführt.
-
-Die von England aus im vorigen Jahrhundert nach der Südsee unternommenen
-Reisen hatten die öffentliche Meinung so in Anspruch genommen, daß sich
-in London eine Missionsgesellschaft bildete, um durch die Verkündigung
-des wahren Glaubens in Polynesien festen Fuß zu fassen. Schon am 10.
-August 1796 segelte das Schiff „Duff“ von London ab und langte am 5. März
-1797 in Tahiti an, wo die Missionare zunächst viel Gutes stifteten und
-in verhältnißmäßig kurzer Zeit ganz Tahiti dem Christenthume gewannen.
-Zu diesem Erfolg soll namentlich der Umstand wesentlich beigetragen
-haben, daß die Männer, welche zuerst hierher kamen, in den bestehenden
-freien Sitten nicht gleich Sittenlosigkeit vermutheten, sondern mit
-Geduld prüfend bald erkannten, daß diese Freiheit nicht eines gewissen
-moralischen Haltes ermangele, welchen mit der neuen Religion in Einklang
-zu bringen diesen erleuchteten Männern wol gelungen sein soll, wenngleich
-jetzt nach 35jähriger französischer Herrschaft von Sittenreinheit
-auf Tahiti wol nicht mehr gesprochen werden kann. Wenn auch von einer
-Seite behauptet wird, daß die Unduldsamkeit der englischen Missionare
-die Ursache gewesen, daß Tahiti unter französisches Protectorat
-gekommen sei, weil sie zu Anfang der vierziger Jahre zwei französische
-katholische Priester mit Gewalt von der Insel hätten vertreiben lassen
-und diese gezwungen worden wären, sich in einem kaum seefähigen kleinen
-Fahrzeug nach der 2000 Seemeilen westlich von Tahiti liegenden Insel
-Uea (Wallis-Island) zu flüchten, so gibt eine andere, und zwar meines
-Erachtens durchaus competente Quelle den Verlauf dieser Vergewaltigung
-anders an.
-
-Als Ende der dreißiger Jahre die auf den südöstlich von Tahiti liegenden
-Gambier-Inseln ansässigen französischen Missionare dort festen Fuß gefaßt
-hatten, schickten sie zwei ihrer Mitglieder nach Tahiti ab, um diese
-werthvolle Insel für ihre Interessen zu gewinnen. Da nun Tahiti bereits
-lange dem Christenthum und zwar dem protestantischen Glauben gewonnen
-war und die Bevölkerung, wie es bei halbcivilisirten Völkern so leicht
-der Fall ist, außerordentlich orthodox war, so sah die Königin Pomare
-in der Ankunft dieser beiden Priester eine große Gefahr für ihr Land und
-erklärte den Herren, weder das Bedürfniß zu einem erneuten Glaubenswechsel
-zu empfinden, noch die Macht zu haben, sie vor etwaiger Unbill seitens
-ihrer Unterthanen zu schützen, weshalb sie sie ersuchen müsse, die Insel
-wieder zu verlassen. Aber die Priester befolgten diesen Rath erst, nachdem
-die von ihnen bewohnte Hütte durch einige Eingeborene zerstört worden
-war, und gingen freiwillig, aber wol nur, um diese Gewaltthat, auf welche
-sie wahrscheinlich gewartet hatten, wenn sie dieselbe nicht, wie es nach
-anderer Lesart heißt, provocirt hatten, als Handhabe für eine Einmischung
-der französischen Regierung zu benutzen. Die französische Regierung fand
-denn auch hierin eine erwünschte Gelegenheit, ihre Hand auf Tahiti zu
-legen, und im Jahre 1842 langte der französische Admiral Du Petit Thouars
-mit der Fregatte „La Venus“ in Tahiti an, um Satisfaction zu fordern.
-Er verlangte 2000 Dollars Schadenersatz, eine Summe, welche die Königin
-nicht bezahlen konnte, sodaß sie nun darauf einging, das französische
-Protectorat anzunehmen, nachdem die englische Regierung, unter deren
-Schutz sie sich gestellt hatte, sie preisgegeben hatte. Die Verhandlungen
-fanden im September 1842 ihren Abschluß, und seit dieser Zeit kann Tahiti
-als französische Colonie betrachtet werden.
-
-Naturgemäß verloren die englischen Missionare unter der französischen
-Herrschaft ihren Einfluß vollkommen und trotz der vielfach aufgestellten
-Behauptung, daß sie noch viele Anhänger haben, besagen die mir gewordenen
-Mittheilungen, daß es auf Tahiti keine protestantischen Eingeborenen
-mehr gibt und die dort noch ansässigen englischen Missionare nur die
-Seelsorger der dort lebenden Europäer sind. Auch diese letztern müssen
-ihre Kinder, wenn sie dieselben nicht schon im zartesten Alter zur
-Erziehung nach Europa, Amerika oder Australien schicken wollen, der Obhut
-der französischen Priester und Nonnen anvertrauen, weil die Schulen sich
-in deren Händen befinden.
-
-Tahiti besteht aus zwei nahezu kreisrunden kegelförmigen Inseln, welche
-durch einen Isthmus von 2000 m Breite und 14 m höchster Höhe über dem
-Meere verbunden sind. Die größere wird Tahiti-Nui (Groß-Tahiti) oder
-kurzweg Tahiti, die kleinere Tahiti-Iti (Klein-Tahiti) oder gewöhnlich
-Taiarabu genannt. Tahiti hat einen Durchmesser von 18, Taiarabu einen
-solchen von 9 Seemeilen, die größte Höhe des erstern beträgt 2240, die
-des letztern 1140 m. Diese beiden durch den genannten Isthmus verbundenen
-Inseln sind sich in jeder Beziehung so gleich, daß die folgenden Angaben
-über Tahiti auch auf Taiarabu passen.
-
-Tahiti, von den Eingeborenen mit Lauten benannt, die zwischen T’aeiti
-und T’eiiti liegen (bei der Bezeichnung Otaheiti bildet O den
-Artikel), erhebt sich als flacher ziemlich regelmäßiger Kegel aus dem
-Meere. Die Basis an der Wasseroberfläche bildet nahezu einen Kreis, in
-dessen Mittelpunkt die höchste Erhebung der Insel liegt. Die Insel ist
-vulkanischen Ursprungs und kranzförmig von einem Korallenriff umgeben,
-welches ihr eine große Zahl guter und sicherer Häfen gibt, da hinter dem
-Riff in mäßiger Wassertiefe mit gutem Ankergrund ein Schiff so sicher
-wie in dem besten künstlichen Dockbassin liegt. Der Haupthafen und
-hauptsächlichste Wohnort der Europäer ist das an der Nordseite gelegene
-Papeete (sprich: Pape-ete, auf deutsch: „Wasserkorb“). Der Hafen ist
-vortrefflich und bietet einer großen Zahl der größten Schiffe genügenden
-Raum, gestattet auch den großen Kauffahrern, dicht an Land zu legen, hat
-aber den großen Nachtheil, daß er an der Leeseite der Insel liegt, sich
-daher während des größten Theiles des Jahres unter Windstille befindet,
-wodurch die Segelschiffahrt sehr erschwert wird und die Temperatur sehr
-viel höher steigt, als wie an den von dem Passat bestrichenen Theilen
-der Insel. Es muß auffallen, daß die Franzosen Papeete zu dem Haupthafen
-gemacht haben, da an der Südostseite von Tahiti in der von Groß- und
-Klein-Tahiti gebildeten Bai bei den Flüssen Vaiurin und Umiti ein
-ebenfalls vortrefflicher und geräumiger Hafen liegt, welcher, stets von
-dem Passat bestrichen, ein verhältnißmäßig kühles und so gesundes Klima
-hat, daß der dort liegende Küstenstrich von kranken Europäern vielfach
-als klimatischer Kurort benutzt wird. Zieht man dazu noch in Betracht,
-daß dieser letztere Hafen wegen seiner bessern Vertheidigungsfähigkeit als
-Kriegshafen große Vortheile vor Papeete haben würde, so kann die Erklärung
-für die Wahl des Hafens nur darin zu suchen sein, daß Papeete der Wohnort
-der tahitischen Königsfamilie war, politische Gründe bei der Uebernahme
-des Protectorats für die Wahl der Residenz damals maßgebend waren und die
-Stadt inzwischen so angewachsen ist, daß jetzt an eine Uebersiedelung ohne
-Schädigung großer materieller Interessen nicht mehr gedacht werden kann.
-
-Die Bodengestalt sichert dem Ackerbauer leichten und reichen Erwerb,
-da große Flächen Landes vorhanden sind, welche bei dem Reichthum an
-vortrefflichen Gebirgsflüssen leicht cultivirt werden können und durch
-vorzügliche Straßen verbunden sind. Nicht allein die sanft ansteigenden
-Abhänge liefern große Flächen fruchtbaren Landes, sondern Tahiti hat auch
-noch den seltenen Vorzug, rund um den eigentlichen Inselkern einen breiten
-Gürtel ebenern Landes zu besitzen, welcher auch ermöglichte, um die Insel
-herum eine vorzügliche Ringchaussee zu legen, welche alle Küstenpunkte
-mit der Hauptstadt verbindet.
-
-Tahiti producirt alles, was ein tropisches Land nur hervorbringen kann.
-Die vielen in üppigster Vegetation prangenden Flußthäler sind wahre
-Obstgärten, welche ohne Pflege in überreicher Fülle die Eingeborenen
-mit Früchten aller Art versorgen und nebenbei noch reichen Gewinn
-durch den sehr bedeutenden Orangenhandel mit San-Francisco bringen.
-Tahiti ist nämlich bisjetzt der einzige Platz, welcher gerade zu dem
-Unabhängigkeitsfest der Vereinigten Staaten von Nordamerika seine
-vortrefflichen Orangen reif nach San-Francisco liefern kann, weil in
-Amerika wie in Europa die Erntezeit erst in den Winter der nördlichen
-Halbkugel fällt. In den sich öffnenden Ausläufern der Thäler, auf
-der Gürtelebene und auf den Bergabhängen wird, ganz abgesehen von der
-dankbaren Kokosnuß, mit gutem Erfolg Baumwolle, Zuckerrohr und Kaffee
-gebaut, doch vorzugsweise nur von Engländern und Amerikanern, während
-der Franzose sich mit Bienenzucht und der Cultur der Vanille befaßt.
-Die letztere erfordert hier große Geduld, weil auf der Insel diejenigen
-Insekten fehlen, welche die männlichen Samenstäubchen der weiblichen
-Blüte zutragen, und daher jede Blüte durch Menschenhand befruchtet werden
-muß. Der Eingeborene arbeitet überhaupt nicht, weshalb auf den Plantagen
-Chinesen Verwendung finden.
-
-Hierbei möchte ich auch eines Exportartikels erwähnen, welcher mir
-bisjetzt als Handelsartikel unbekannt war, es ist dies die Baumwollsaat
-(Samenkörner der Baumwollfrucht). Dieser Artikel geht vorzugsweise nach
-den Olivendistricten Südfrankreichs, wird dort ausgepreßt und kommt dann
-als Olivenöl in den Handel, während die Rückstände zu Kuchen gepreßt ein
-hochbezahltes Viehfutter geben. Nachdem ich dies erfahren und auch gehört
-habe, daß sehr viel Kokosöl als Olivenöl verkauft wird, ist mir klar,
-warum das Speiseöl oft so schlecht ist.
-
-Die in Tahiti vorkommenden Nahrungsmittel sind vorzugsweise die folgenden:
-Früchte und zwar Kokosnüsse, Brotfrucht, verschiedene Arten Bananen,
-Guaven, Orangen, Limonen und viele der sonst in den Tropen vorkommenden
-Früchte, welche nach und nach hierher verpflanzt worden sind; einige
-Arten Erdfrüchte und Wurzeln, namentlich Yam, süße Kartoffeln und der
-vortreffliche Taro.
-
-Schweine und Federvieh, vorzügliche Salz- und Süßwasserfische, Hummern,
-Austern, große Krabben und in den Bergflüssen Süßwasser-Schrimse oder
-Garnelen, Crevettes, Krabben, wie diese Thiere auch genannt werden. Den
-vortrefflichen Wasserthieren werde ich noch bei Besprechung eines von uns
-unternommenen Ausflugs Gerechtigkeit widerfahren lassen.
-
-Rindvieh und Schafe werden meines Wissens auf Tahiti nicht gezüchtet; das
-erstere kommt vorzugsweise von Honolulu, die Schafe von der Osterinsel
-und Neuseeland. Jagd ist, wie auf all diesen Inseln, so gut wie nicht
-vorhanden; nur wilde Tauben und Enten können als eigentliches Wild
-betrachtet werden, da die auf einzelnen Inseln wild vorkommenden Rinder,
-Ziegen und Schweine früher eingeführte und im Laufe der Zeit verwilderte
-Hausthiere sind.
-
-Merkwürdig ist, daß Tahiti kein Nutzholz producirt, sondern dieses von
-Californien bezieht, während andererseits Tahiti wieder Brennholz nach
-Californien ausführt.
-
-Ueber die eingeborene Bevölkerung von Tahiti kann ich aus eigener
-Anschauung leider nur verhältnißmäßig wenig berichten, weil meine Stellung
-mir in Papeete versagte, einen tiefern Einblick in ihr Leben und Treiben
-zu erhalten, doch will ich das Wenige, was ich erfahren, hier wiedergeben,
-glaube allerdings, daß ich, wenn ich die Bewohner der Gesellschafts-Inseln
-gleich mit bespreche, ein ziemlich getreues Bild gebe. Die Tahitier
-gehören der polynesischen Rasse an, welche wegen ihrer angenehmen
-Gesichtszüge und schönen Körperbildung nach europäischen Begriffen eine
-bevorzugte Stellung unter den sogenannten wilden Völkerschaften einnimmt.
-Im besondern sind die Bewohner dieses Theils der Südsee (Tahiti mit den
-umliegenden Inselgruppen) durch auffallende Körpergröße ausgezeichnet, was
-namentlich von den Frauen gilt, da diese durchschnittlich die Größe der
-an sich großen Männer erreichen, ja vielfach diese noch überschreiten.
-Ueber die Körperbildung läßt sich nur sagen, daß sie äußerlich der der
-kaukasischen Rasse vollkommen entspricht und abgesehen von den großen
-Füßen (die Leute gehen alle barfuß) von großer Formenschönheit ist.
-Man sieht fast nur schön gebaute Menschen und wird versucht, diese
-schöne Gottesgabe dem freien und urwüchsigen Leben dieses Volksstammes
-zuzuschreiben, wie ja auch wol theilweise angenommen wird, daß die alten
-Griechen und Römer infolge der freiern Tracht durchschnittlich schöner
-gebildet waren, als die spätern Geschlechter. Als besonders merkwürdig
-ist mir noch aufgefallen, daß die Mischlinge beiderlei Geschlechts von
-weißen Vätern und braunen Müttern eigentlich durchgehends schöne und
-feine Gesichtszüge haben, wenn auch die Aeltern eher häßlich als schön
-sind, ja man findet unter diesen Mischlingen sogar wirklich auffallende
-Schönheiten.
-
-Meine oberflächlichen Wahrnehmungen über die Charaktereigenschaften der
-Tahitier lassen sich wie folgt zusammenfassen. Von der Verschlagenheit,
-welche nach einzelnen Berichten dieser Rasse innewohnen soll, habe
-ich nichts bemerkt, im Gegentheil habe ich diese Menschen freundlich,
-zuthunlich und zuvorkommend gefunden. Ohne Launen lebt dieses Volk
-ein glückliches Leben und scheint nur zur Freude geboren; die Männer
-behandeln ihre Frauen und beide ihre Kinder gut. Die Frauen scheinen die
-geistig Begabtern zu sein und im allgemeinen die erste Rolle zu spielen,
-denn wenn sie auch nicht äußerlich herrschen, so führen sie doch im
-häuslichen Leben das Regiment, wie dies ja auch bei uns Europäern oft
-der Fall ist. Die Sitte der Bekleidung ist in Tahiti in der Hauptstadt
-Papeete allgemein durchgeführt, d. h. von oben herab befohlen, wenngleich
-eine Nothwendigkeit dafür nicht vorzuliegen scheint, da die Oberkleider
-hier etwa so angesehen werden, wie in civilisirten Ländern der Hut
-und die Handschuhe; denn ebenso leicht wie die europäische Dame diese
-Luxusartikel ablegt, entledigt die Tahitierin sich außerhalb der Stadt
-am öffentlichen Strande, wenn sie baden will, ihres Oberkleides und
-entblößt damit Oberkörper und Unterschenkel. Das Hauptkleidungsstück
-bei beiden Geschlechtern und früher das einzige, ist der Pareo, ein
-Stück Zeug, welches um die Hüften geschlungen bis zu den Knien reicht.
-Die Männer tragen daneben in der Regel noch ein Hemd, welches über dem
-Pareo glatt herunterhängt, die Weiber ein langes bis zur Erde reichendes
-weites Gewand, welches die ganze Gestalt bedeckt, und die Wohlhabendern
-zwischen Pareo und Obergewand auch noch ein Hemd. Das Obergewand verhüllt
-allerdings sehr wenig, da der leichte fast durchsichtige Stoff sich bei
-jeder Bewegung des Körpers und bei jedem Lufthauch so fest anschmiegt,
-daß die kleinste Erhebung der Haut zu plastischer Entwickelung kommt. Die
-früher von den englischen Missionaren eingeführt gewesenen geschmacklosen
-Hauben sind glücklicherweise wieder verschwunden; die Frauen tragen jetzt
-nur ihr Haar als natürlichen, und Strohhüte oder turbanähnlich um den
-Kopf geschlungene Tücher oder wohlriechende Blumenkränze als künstlichen
-Kopfputz. Namentlich der letztere ist vorzugsweise beliebt und verleiht
-diesen junonischen Gestalten einen besondern Reiz. Schuhzeug wird nicht
-getragen und wird sich auch wol schwerlich einbürgern. Bis hierher ist
-alles schön, nun aber kommt die häßliche Kehrseite. Die Sittenlosigkeit
-in Papeete übertrifft in Masse und Oeffentlichkeit alles bisher von mir
-Gesehene, und die Thatsache, daß in der Südsee die Sittenlosigkeit an
-den Plätzen, wo die Missionsgesellschaften ihren Centralpunkt haben, am
-schlimmsten ist, zwingt wol zu ernstem Nachdenken.
-
-Die politischen Verhältnisse von Tahiti lassen sich kurz dahin
-zusammenfassen, daß Tahiti unter französischem Protectorat und somit unter
-französischer Oberhoheit steht. Frankreich verwaltet die Inselgruppe, und
-alle Europäer wie Fremde stehen unter dem Einflusse der französischen
-Regierung, während die Eingeborenen der Form nach von ihrem eigenen
-König regiert werden. Der französische Gouverneur veröffentlicht in dem
-Amtsblatt die für die Europäer und Fremden erlassenen Verordnungen,
-der König diejenigen für die eingeborenen Tahitier; französische
-Polizeibeamte haben die Ordnung unter den Europäern aufrecht zu erhalten
-und dürfen nur allein Hand an die letztern legen, während Eingeborene
-nur von eingeborenen Polizisten arretirt werden dürfen. Natürlich ist
-diese äußerliche Aufrechterhaltung der Autorität des Königs nur ein
-Spiel, da es ja thatsächlich unmöglich sein würde, wenn zwei derartige
-Regierungen nebeneinander bestehen wollten. Es ist daher natürlich, daß
-der König von Tahiti nur solche Verordnungen erläßt, zu welchen er von dem
-französischen Gouverneur autorisirt wird, resp. welche der Gouverneur ihm
-zur Unterschrift zuschickt; ebenso natürlich ist es, daß die eingeborene
-Polizei in Wirklichkeit ebenso direct unter dem Befehl des französischen
-Polizeidirectors steht, wie die französischen Polizeibeamten. Der
-jetzige König von Tahiti, Sohn der Ende 1877 verstorbenen Pomare IV.,
-übt somit keine Regierungsthätigkeit mehr aus, sondern bezieht nur von
-der französischen Regierung eine für die hiesigen Verhältnisse sehr
-anständige Apanage, von welcher er allerdings dem polynesischen Brauche
-gemäß auch seine sämmtlichen Verwandten mit unterhalten muß, deren
-Zahl nicht gering ist. Nach diesem polynesischen Brauch gibt es unter
-Verwandten keinen sichern Besitz, denn alles was ein Polynesier erworben
-oder geschenkt erhalten hat, muß er ganz oder theilweise hergeben, sobald
-seine Verwandten ihn darum angehen; hier besteht also in dem Bereich
-einer Gemeinschaft von Blutsverwandten die reinste Gütergemeinschaft.
-Diesem Brauch ist es wol auch zuzuschreiben, daß man unter den Polynesiern
-keinen hervorragenden Besitz findet, da es zwecklos ist, etwas zu
-erwerben; einzig und allein diesem Brauch muß meiner Ansicht nach auch
-die notorische Arbeitsscheu der Polynesier zugeschrieben werden, und es
-müssen daher alle Versuche, diese Menschen auf den Weg der Arbeitsamkeit
-zu bringen, so lange fruchtlos bleiben, als es nicht gelingt, durch
-Beseitigung der alten Sitte den Besitz des Erworbenen zu sichern.
-
-In Bezug auf die politischen Verhältnisse ist zu bemerken, daß, während
-die Marquesas-Inseln französische Colonie sind, die andern von den
-Franzosen in diesem Theil der Südsee besetzten Inseln unter französischem
-Protectorat stehen. Der Unterschied liegt, wie bereits angegeben,
-vorzugsweise darin, daß die Einwohner der Colonie französische Unterthanen
-sind, als solche die Rechte französischer Bürger haben oder doch haben
-sollen und unter französischem Gesetz stehen, während die Bewohner des
-unter französischem Protectorat stehenden Territoriums mit Frankreich
-nichts gemein haben, sondern nur das Staatsoberhaupt Frankreichs
-gleichzeitig auch als das ihrige zu betrachten haben. Diese Stellung
-ermöglicht es der französischen Regierung, den unter Protectorat stehenden
-Inseln willkürliche, dem Augenblick angepaßte Steuern und Gesetze
-aufzuerlegen, was sie in den Colonien nicht kann. Um dieses Verhältniß
-auch äußerlich klar zu stellen, hat das Protectorats-Territorium eine
-besondere Flagge erhalten, welche nur in der obern Ecke die französischen
-Farben führt. Von den Franzosen werden nun als unter Protectorat stehend
-die folgenden Inseln angesehen:
-
-1. Tahiti und Morea mit einigen kleinern zu dieser Gruppe gehörigen Inseln;
-
-2. die Paumotugruppe oder englisch Low-Archipelago, von den Franzosen
-„Archipel Tuamotu“ oder „'Les Iles Basses'“ genannt;
-
-3. die Gambier- oder Mangareva-Inseln.
-
-Ehe ich mit der Besprechung dieser Verhältnisse fortfahre, will ich
-noch erwähnen, daß die gesammelten Angaben aus einem von mir in Tahiti
-im Buchhandel gekauften Buche „'Annuaire de Tahiti pour 1877'“ und aus
-den Nachrichten stammen, welche ich von in Papeete lebenden Deutschen
-und Engländern erhalten habe. Meine amtliche Stellung hat mir keinerlei
-Einblick in die hiesigen Verhältnisse verschafft. Das vorgenannte Buch
-enthält natürlich nur das, was man der Oeffentlichkeit übergeben will,
-und bringt namentlich für das französische Publikum bestimmte Angaben,
-welche, ohne es bestimmt auszusprechen, den französischen Einfluß in der
-Südsee viel größer darstellen, als er in Wirklichkeit ist. So lassen die
-auf Seite 40-46 enthaltenen Angaben, welche alle die unter französischem
-Einfluß stehenden Inselgruppen namentlich aufführen, vermuthen, daß
-die Gesellschafts-Inseln ('Iles-sous-le-vent'), die Cook-Inseln, sowie
-die 'Sporades océaniennes' zu Frankreich gehören, während diese Inseln
-thatsächlich unabhängig sind. Auch soll dieses Buch andererseits wol auch
-die fremden Regierungen täuschen, da nach ihm auf Tahiti immer noch das
-Vertragsverhältniß der Jahre 1842 und 1843 (Seite 47-51) besteht, während
-in Wirklichkeit der König von Tahiti im Laufe der Zeit zu einer Null
-herabgedrückt worden ist.
-
-So ist auch das Verhältniß der Gambier-Inseln zu Frankreich ein höchst
-merkwürdiges und zweifelhaftes. Das auf S. 52 abgedruckte Schriftstück
-der Mangareva-Häuptlinge vom 16. Februar 1844 verlangt das französische
-Protectorat und gleichzeitig als Zeichen der Vereinigung mit Frankreich
-die Flagge der Grande Nation. Diese Inseln führen denn auch nicht
-die Protectorats-, sondern die französische Flagge und werden von den
-Kaufleuten daher als französische Colonie angesehen, was die Franzosen
-indessen nicht gelten lassen wollen. Die Bedeutung der Sache liegt in
-Folgendem. Die Franzosen sind nicht in der Lage, die aus ungefähr 80
-Inseln bestehende Paumotu- und Gambiergruppe so mit Beamten zu besetzen,
-daß eine Erhebung der Steuern an Ort und Stelle erfolgen könnte. Sie
-haben daher ein Gesetz erlassen, welches alle Schiffe, die innerhalb der
-Protectoratsgrenzen Handel treiben wollen, verpflichtet:
-
-1. die Protectoratsflagge zu führen, und
-
-2. stets von Papeete aus ihre Fahrt anzutreten und zur Erlegung der
-Steuern wieder dahin zurückzukehren.
-
-Sind die Gambier-Inseln nun Colonie, dann fallen diese sehr lästigen
-Beschränkungen fort und nebenbei werden keine Steuern bezahlt, weil
-niemand dort ist, der eine Steuer erheben könnte. Was nun die Franzosen
-dazu veranlaßt, die Gambier-Inseln als zum Protectorat gehörig zu
-bezeichnen, ist der Umstand, daß von dort viele und namentlich häufig
-sehr große Perlen, sowie große Massen von Perlschalen (Perlmuscheln)
-kommen, beide Artikel aber innerhalb der Protectoratsgrenzen mit einer
-außerordentlich hohen Ausfuhrsteuer belegt sind.
-
-Der Regierungssitz für die sämmtlichen vorgenannten Inseln, zu welchen
-auch die Marquesas-Inseln gehören, liegt in Papeete auf Tahiti, und
-diese Stadt muß somit als die Residenz angesehen werden. Ueber die
-Zusammensetzung der Regierung gibt das „'Annuaire'“ auf den Seiten 55-106
-Aufschluß und zeigt, welch starkes Beamtenthum für diese Inseln für
-erforderlich gehalten wird. Allerdings kommen dieselben Namen häufig bei
-den verschiedensten Dienstzweigen vor, weil jedem Beamten, wol um sein
-Einkommen zu erhöhen, stets mehrere Aemter zugewiesen sind; ihre Zahl
-bleibt aber trotzdem noch eine sehr große. Dieses zahlreiche Beamtenthum,
-welches eine große Regierung mit allen Zweigen einer großen Staatsmaschine
-bildet, leistet für Frankreich nichts Nutzbringendes, weil die aus dem
-durchweg in fremden Händen befindlichen Handel gewonnenen Steuern keinen
-Ueberschuß ergeben. Nach den Tabellen auf S. 110-115 des „'Annuaire'“
-decken sich zwar Einnahmen und Ausgaben, doch wird der Ausgleich nur
-dadurch erzielt, daß das Mutterland eine hohe Subvention zahlt. Dieselbe
-besteht einestheils in baarem Gelde, anderntheils darin, daß die Colonie
-weder die dort stationirten Schiffe noch das Militär bezahlt, denn
-diese Ausgaben sind in den 'Dépenses' nicht zu finden. Trotzdem die
-'Caisse agricole' nur solchen Pflanzern Vorschüsse leistet, welche sich
-verpflichten, ihre Producte allein nach Frankreich zu exportiren, besteht
-nach S. 130 die Ausfuhr dahin in nicht mehr als rund 247500 Frcs., während
-nach S. 131 diejenige nach dem Auslande rund 2,366000 Frcs. beträgt.
-Hierbei ist indeß in Betracht zu ziehen, daß die im Ganzen mit 2,600000
-Frcs. angegebene Ausfuhr nicht allein von den Protectoratsinseln herrührt,
-sondern in dieser Summe auch all diejenigen Producte mit enthalten sind,
-welche von den umliegenden nichtfranzösischen Inseln in kleinen Fahrzeugen
-nach Papeete kommen, um hier in große Schiffe übergeladen zu werden. Aus
-den Tabellen S. 132 und 133 geht hervor, daß die von Frankreich kommenden,
-bezw. dahingehenden Schiffe, eine so geringe Zahl aufweisen, daß diese
-Schiffe für den allgemeinen Handel kaum in Betracht gezogen werden können.
-Allerdings führen diese Tabellen eine große Zahl unter Protectoratsflagge
-fahrender Schiffe auf, diese Zahl erleidet aber dadurch eine wesentliche
-Herabminderung, daß die hier genannten kleinen Fahrzeuge mindestens
-viermal im Jahre in Papeete ein- und auslaufen, diese Handelsflotille
-in Wirklichkeit also nur aus vielleicht 20 Fahrzeugen besteht, und
-diese gehören obenein fast ausschließlich deutschen, englischen und
-amerikanischen Handelshäusern. Auch sind die in den Tabellen als nach
-dem Auslande abgegangen verzeichneten französischen Handelsschiffe von
-Deutschen und Engländern befrachtet worden, und die zwei nach Brest
-abgegangenen Schiffe waren französische Marine-Transportschiffe, welche
-leer von Neu-Caledonien kommend zu ermäßigten Preisen Fracht mitnahmen und
-die ganze nach Frankreich mit 247500 Frcs. angegebene Ausfuhr besorgten,
-damit doch wenigstens etwas nach dem Mutterlande exportirt wurde. Die
-über Import und Export gegebenen Zahlen erfahren auch noch eine weitere
-Richtigstellung durch eine auf S. 136 befindliche Tabelle. Aus dieser
-scheint mir deutlich hervorzugehen, daß die Angaben dieses Buches darauf
-berechnet sind, dem großen Publikum in Frankreich Sand in die Augen zu
-streuen, denn die dort als wieder ausgeführt angegebenen Werthe sind
-in den S. 132 und 133 aufgeführten Zahlen als wirklicher Import und
-Export angegeben, während aller Wahrscheinlichkeit nach die Waaren das
-durchpassirende Schiff nie verlassen oder doch das Land nicht betreten
-haben. Dies dürfte z. B. aus der Bemerkung hervorgehen, daß Tahiti
-Guano ein- und ausführt. Guano wird weder in Tahiti gewonnen noch dort
-gebraucht, er kommt aber in englischen Schiffen von der unabhängigen Insel
-Flint nach Papeete, weil diese Schiffe hier ihre Ladung vervollständigen.
-
-Ueber die Höhe der Zölle geben die Seiten 115-120 weitern Aufschluß
-und danach trägt das Ausland bei der außerordentlich hohen Taxe von 12
-Proc. auf Factura einen Einfuhrzoll von ungefähr 300000 Frcs., während
-Frankreich sich nur mit ungefähr 50000 Frcs. daran betheiligt (S. 132 und
-133). Von den auf das Ausland entfallenden 300000 Frcs. hat die deutsche
-'Société commerciale de l’Océanie' mindestens zwei Drittel zu tragen,
-und hieraus ist ersichtlich, welchen Ausfall die Einnahmen der Franzosen
-erleiden müssen, wenn die genannte Gesellschaft ihre Absicht, nach Raiatea
-überzusiedeln, zur Ausführung bringt.
-
-Der Gouverneur, welcher die Charge eines 'capitaine de frégate'
-(Corvetten-Kapitän) bekleidet, ist nach seiner Ansicht jedenfalls ein
-sehr bedeutender Mann, doch steht er trotzdem auf sehr schwachen Füßen,
-weil der die maritimen Streitkräfte commandirende Admiral nach Belieben
-mit ihm verfährt. So soll es wiederholt vorgekommen sein, daß der von
-einer Reise zurückkehrende Admiral mit der Thätigkeit des Gouverneurs
-unzufrieden war, ihn in Arrest schickte und ihm als äußeres Zeichen auch
-noch einen Sicherheitsposten vor die Thüre stellen ließ. Dann setzte
-er den Gouverneur ab, machte sich selbst dazu, hob nach Herzenslust
-Gesetze auf und erließ neue, bis er der Sache überdrüssig wurde und nun
-einen Offizier seines Geschwaders zum Gouverneur ernannte. Die heimische
-Regierung beseitigte allerdings diesen neuen Gouverneur wieder, scheint
-aber dem Admiral seine Einmischungsthätigkeit nicht untersagt zu haben,
-weil dieser auch fürder in derselben Weise weiter wirkte.
-
-Die Beamten benehmen sich wie übermüthige Sieger den Besiegten gegenüber,
-sie treten als die unumschränkten Herren auf. Werden sie zuerst gegrüßt,
-dann danken sie wol verbindlich und höflich, wissen sonst aber den Weg zu
-ihrem Hut nicht zu finden, sondern lassen denjenigen ungekannt passiren,
-mit welchem sie eine halbe Stunde vorher in freundschaftlichster Weise
-verkehrt haben. Mir ist auch der Vorzug nicht zutheil geworden, von einem
-jüngern französischen Offizier gegrüßt zu werden, und hierin machte selbst
-der Adjutant des Gouverneurs, mit welchem ich vielfach dienstlich zu thun
-hatte, keine Ausnahme. Nur die Unteroffiziere und Gemeinen grüßten mich
-immer, ob ich in Uniform oder Civil war, und zwar stets in so militärisch
-strammer Weise, daß es den hier lebenden Ausländern auffiel. Diese
-behaupteten, nie gesehen zu haben, daß die französischen Offiziere von
-ihren eigenen Untergebenen in ähnlich strammer Weise gegrüßt worden seien.
-
-Wie das Gesetz hier gehandhabt wird, ist vielleicht am besten aus den
-nachfolgenden Angaben zu ersehen.
-
-1. Der Admiral befiehlt, daß die am Hafenquai vor den dortigen Häusern
-stehenden schönen schattigen Bäume, welche Eigenthum der Hausbesitzer
-sind, aus „Gesundheitsrücksichten“ weggeschlagen werden sollen, ohne
-Entschädigung dafür zu gewähren. Die Eigenthümer remonstriren vergebens
-dagegen und es wird vor dem mitten in der Flucht liegenden Hause der
-deutschen 'Société commerciale', in welchem sich gleichzeitig das deutsche
-Consulat befindet, der Anfang gemacht. Sobald die zu diesem Besitzthum
-gehörigen Bäume gefällt sind, wird das Gesetz wieder aufgehoben und die
-andern Bäume bleiben stehen. So hat das deutsche Haus seine schattigen
-Bäume verloren, das Consulat aber unbeabsichtigt den Vorzug erhalten, daß
-die deutsche Flagge als einzige von dem ganzen Hafen aus gesehen werden
-kann.
-
-2. Die 'Société commerciale' erhält eine große Quantität Dauerproviant,
-welcher nach den andern Inseln verkauft werden soll. Sobald der Admiral
-dies erfährt, erläßt er ein bezügliches Ausfuhrverbot wegen auf Tahiti
-herrschender Hungersnoth. Das deutsche Haus verlangt darauf, daß der von
-ihm eingeführte Proviant von der Regierung übernommen oder doch für die
-Lagerung eine Entschädigung gezahlt werden soll. Die Regierung entnimmt
-aber weder etwas von dem Proviant, noch zahlt sie eine Entschädigung,
-sondern hebt nach zwei Monaten das Ausfuhrverbot einfach wieder auf.
-Da zu jener Zeit keine andere Firma Dauerproviant auf Lager hatte und
-auch keinerlei Anzeichen für eine Hungersnoth in den gesegneten Gefilden
-Tahitis vorlagen, so kann dieser Act nur als eine Chikane gegen das
-deutsche Haus angesehen werden.
-
-3. Die Regierung requirirt den der englischen Firma Brander gehörigen
-Schleppdampfer „Scotia“ zum Schleppen, ohne auch nur die Kohlen und
-sonstigen Auslagen zu bezahlen.
-
-4. Die Regierung requirirt die dem deutschen Hause gehörigen
-Leichter-Prähme, ohne dafür Zahlung zu leisten. In einem Fall wurden
-die Fahrzeuge stark beschädigt abgeliefert; ein Antrag auf Schadenersatz
-oder Reparatur auf der Regierungswerft wurde zurückgewiesen und keinerlei
-Ersatz geleistet. Diese Beispiele mögen genügen.
-
-Ein Gesetz, welches wol nur Tahiti eigenthümlich ist, möchte ich hier
-auch erwähnen, nämlich daß nach S. 120 des „'Annuaire'“ betrunkene
-Frauenzimmer 5 Frs. Strafe zu zahlen oder im Unvermögensfalle die
-Straßen zu kehren haben. Für das Kehren der Straßen werden ihnen dann
-pro Tag 2 Frs. angerechnet, von welchen sie aber bei freier Beköstigung
-noch 1 Fr. baar erhalten; es will mir fast so scheinen, daß man ihnen
-absichtlich die Mittel gibt, sich wieder zu betrinken, um auf diese Weise
-stets ein reichhaltiges Straßenkehrercorps zu haben, welcher Zweck denn
-auch erreicht wird. Die Straßen werden allerdings wenig gekehrt, und der
-Fiscus zahlt viel Geld dafür. Es machte mir stets neues großes Vergnügen,
-jeden Morgen diese schön gewachsenen frischen, von einem eingeborenen
-Polizisten geführten Straßenkehrerinnen ankommen zu sehen. Laut lachend
-und singend zogen sie truppweise durch die Straßen, den Besen hinter sich
-her schleppend und mit diesem und der fliegenden Schleppe ihrer langen
-bunten Gewänder eine riesige Staubwolke aufwühlend, welche nur deshalb
-nicht allgemein lästig wurde, weil die fröhlichen Urheberinnen alle paar
-Schritte Bekannte trafen und dann natürlich ein Schwätzchen hielten, ehe
-es weiter ging.
-
-Ueber das Missionswesen, welches auch eine politische Rolle spielt,
-glaube ich die folgenden Angaben machen zu können. Der französische
-katholische Priester hat innerhalb der Protectoratsgrenzen den englischen
-Missionar vertrieben, aber eben nur da, wo er die Hülfe seiner Regierung
-hat, denn die unabhängigen benachbarten Inseln werden nach wie vor von
-der englischen Mission behauptet. Eine Erklärung für diese auffallende
-Thatsache wage ich nicht zu geben, doch drängen sich mir zwei Fragen auf,
-welche ich, ohne sie zu beantworten, hier niederlegen will:
-
-1. Haben die Franzosen die Uebereinkunft vom 9. Sept. 1842, Pos. 4 und 5,
-nach welcher Gewissensfreiheit garantirt und den englischen Missionaren
-all und jeder Schutz versprochen wird, gebrochen, oder haben die Engländer
-Tahiti verlassen, weil mit dem Einzug der Europäer die Pfründe zu schlecht
-wurde?
-
-2. Fühlen die französischen Priester sich noch nicht stark genug, auf die
-Nachbarinseln überzugehen, oder fehlen ihnen noch die passenden Leute
-für schlechte Plätze, z. B. Deutsche? Die letztere Vermuthung scheint
-mir am Platze zu sein, weil, wie ich bereits früher ausgeführt habe, die
-französischen Priester nur auf den guten Plätzen zu finden sind und die
-deutschen nur auf den schlechten. So suchten mich auch während meines
-kurzen Aufenthalts in Morea die dort stationirten zwei Missionare (beide
-Deutsche) am Lande auf, um über ihre Stellung zu klagen und vorsichtige
-Andeutungen zu machen, ob ich ihnen nicht Schutz und Hülfe verschaffen
-könne. Sie behaupteten, von den französischen Brüdern gehaßt und verfolgt
-zu werden und schilderten ihre Stellung als eine nahezu unerträgliche. Ihr
-verbittertes Aussehen und die harte Sprache, welche sie führten, bezeugten
-die Richtigkeit ihrer Behauptungen. Ich konnte ihnen selbstverständlich
-keinen andern Rath geben als den, sich von den Franzosen zu trennen.
-
-Der Bischof von Tahiti kann in dieser Gegend als der erste französische
-Handelsmann bezeichnet werden. Das Missionsschiff besorgt den Handel,
-welcher hauptsächlich in Baumwolle, Perlschalen und Perlen besteht.
-Namentlich der Perlenhandel ist vorzugsweise in den Händen der Priester.
-
-Der König von Tahiti, welchem nach den Verträgen noch vielfache Rechte
-zur Seite stehen sollen, hat in Wirklichkeit nichts mehr zu sagen. Er
-folgte seiner Ende 1877 verstorbenen Mutter Pomare IV. als Pomare V.
-in der Königswürde. Er ist vermählt mit Miß Marau Salmon, Tochter eines
-verstorbenen Engländers und der mit diesem vermählt gewesenen Schwester
-der verstorbenen Königin. Der König erhält von Frankreich eine jährliche
-Apanage von 25000 Frs., wovon aber die sämmtlichen Verwandten seiner
-Familie, von welcher die weiblichen den Hofstaat der Königin bilden,
-mitleben. Die königliche Familie wird von den Franzosen einerseits
-recht schlecht behandelt, andererseits aber doch mit großer Sorgfalt und
-Eifersucht gehütet, weil der Einfluß derselben unter den Eingeborenen
-immer noch ein sehr großer ist und ein Wort des Königs genügen würde,
-das ganze Land zum Aufstand zu bringen. Und was das bedeutet, haben die
-Franzosen in frühern Jahren zu ihrem Schaden genugsam erfahren. Namentlich
-wird der Umgang der Königin mit den Deutschen sorgsam überwacht, weil
-zwei ihrer Nichten, welche von den Eingeborenen als Prinzessinnen von
-Geblüt verehrt werden, an deutsche Herren verheirathet sind. Welche
-Schwierigkeiten mir gemacht worden sind, mit der königlichen Familie in
-Verbindung zu treten, entzieht sich der Besprechung an diesem Platze.
-
-Die Hauptstadt Papeete, welche auf dem flachen Lande der Gürtelebene
-an dem nach ihr benannten Hafen liegt und sich im Rücken an die
-hochaufstrebenden Berge anlehnt, hat den Charakter der Residenz eines
-Naturvolkes vollständig verloren. Der Kokospalmenwald ist mit den in
-ihm verstreut liegenden Hütten der Eingeborenen verschwunden und an
-seine Stelle sind regelmäßige Straßen mit Häusern nach südamerikanischer
-Bauart getreten. Die ganze Physiognomie der Stadt deutet an, daß sie
-vornehmlich von Europäern und deren Bedienung bewohnt wird, wie dies auch
-die officielle Bevölkerungsziffer angibt. Nach derselben befinden sich
-unter den 3000 Einwohnern mehr als 1000 Europäer, und da von diesen ein
-großer Theil chinesische Diener und Köche hat, so kann man annehmen, daß
-kaum 1000 Eingeborene übrig bleiben.
-
-Zunächst dem Hafen zieht sich an dessen Ufer ein breiter, theilweise
-durch hohe Bäume beschatteter Quai hin, welcher, vom Wasser aus
-gesehen, zur Linken durch die französische Kriegswerft, zur Rechten von
-einer Strandbatterie begrenzt wird und weiterhin nach beiden Seiten
-in die früher erwähnte Ringchaussee ausläuft. An dem Quai liegen die
-Geschäftshäuser und einzelne stattliche Wohnhäuser, auf denen hier und
-da die Flagge eines Consulats weht. Zwischen diesen Gebäuden liegen
-auch, von hoher Mauer umgeben, die von den französischen Priestern und
-Nonnen unterhaltenen Schulen, nebst den hierzu erforderlichen Wohnungen
-und Wirthschaftsgebäuden. Ferner sieht man eine schöne kleine Kirche,
-einige Regierungsgebäude und das von der französischen Regierung dem König
-von Tahiti neuerbaute Palais, ein im Villenstil gehaltenes ansehnliches
-Haus. Von dem Quai aus ziehen sich Querstraßen nach den mit ihm parallel
-laufenden hinteren Straßen, von welchen aber nur die mit zwei Reihen
-schöner alter Bäume bepflanzte erste Parallelstraße von gleicher Länge
-der Quaistraße ist, während die andern mit ihrer Entfernung vom Wasser
-zusammenschrumpfen und sich schließlich zwischen den verstreut liegenden
-Hütten der Eingeborenen auflösen. Die Häuser, welche mit Ausnahme
-der Regierungsgebäude alle aus Holz gebaut sind, werden auch mit der
-Entfernung vom Wasser kleiner; die Regierungsgebäude sind Steinbauten. In
-der ersten Parallelstraße schon liegt nur ein größeres Gebäude, und zwar
-in einem schönen großen Garten das für hiesige Verhältnisse stattliche
-Palais des Gouverneurs. Diesem gegenüber befindet sich ein öffentlicher
-Platz, auf welchem abends die aus Eingeborenen zusammengesetzte
-Musikkapelle spielt. Hier finden sich dann die vergnügungssüchtigen
-Eingeborenen und namentlich die leichte Welt ein, auch sollen die
-französischen Offiziere mit ihrem Gouverneur nie fehlen. Das Treiben
-bei diesen Concerten soll derart sein, daß den europäischen Familien der
-Besuch abgeschnitten ist. Diesem Umstande wird es auch zuzuschreiben sein,
-daß diese Concerte für die Dauer unsers Aufenthalts von dem Gouverneur
-untersagt worden waren, und die ansässigen Deutschen und Engländer
-behaupteten, daß es entschieden schicklich gedacht gewesen sei, uns diesen
-wenig erfreulichen Anblick zu ersparen. Aus eigener Beobachtung kann ich
-also über das Straßenleben der Eingeborenen nichts berichten, zumal auch
-sonst die Polizei die Straßen außerordentlich scharf überwachte und die
-leichte Welt für die Dauer unsers Aufenthalts sogar aus der Stadt verbannt
-und auf die umliegenden Dörfer gebracht hatte, wo sie durch mitgeschickte
-eingeborene Polizeidiener im Zaume gehalten wurde. Was doch ein schlechtes
-Gewissen für absonderliche Blüten zu treiben vermag!
-
-Die besser situirten Europäer wohnen außerhalb der eigentlichen Stadt
-in bequemen, luftigen, nur aus Parterreräumlichkeiten bestehenden
-Landhäusern, die inmitten großer Gärten liegend wol als gesunde und
-angenehme Wohnungen betrachtet werden dürfen. Dort findet man auch die
-französischen Restaurants, welche auch hier, wie überall im Auslande,
-sich durch gut gehaltene Gärten, vortreffliche Küche und Getränke,
-aufmerksame Bedienung und mäßige Preise auszeichnen. Europäische Damen
-von ganz reinem Blut trifft man hier eigentlich nur in den französischen
-Beamten- und englischen Missionarfamilien, die andern, größtentheils
-mütterlicher-, groß- oder urgroßmütterlicherseits von Tahitiern
-herstammend, haben wenigstens ein klein wenig tahitisches Blut in ihren
-Adern. Dieses tahitische Blut thut aber weder ihrer Schönheit, noch ihrer
-Liebenswürdigkeit, noch ihrer theilweise vortrefflichen und vornehmlich
-in England oder Australien genossenen Geistesbildung irgendwelchen
-Abbruch, im Gegentheil. Ich hatte den Vorzug, zwei dieser Damen kennen zu
-lernen, welche nicht nur durchaus feingebildete Weltdamen, sondern auch
-in jeder Beziehung vortreffliche Hausfrauen sind, und schwerlich wird
-jemand, da auch ihr Teint wol noch heller als der der Italienerinnen ist,
-auf den Gedanken kommen, sie nicht als Europäerinnen der besten Kreise
-anzusehen, wenn er nicht ihren Stammbaum kennen sollte. Es hatte für mich
-einen eigenen Reiz, eine dieser an deutsche Herren verheiratheten Damen,
-welche fließend tahitisch, englisch, französisch und spanisch spricht,
-auch das reinste Deutsch sprechen zu hören und zu beobachten, wie ihre
-Unterhaltung mit ihren kleinen Kindern sich in Ausdrücken bewegte, wie
-sie nur die deutscheste Mutter in der zärtlichsten Stimmung zu finden
-weiß. Und sollten Junggesellen diesen Zauber nicht verstehen, dann würden
-sie sicher durch die feinen Umgangsformen der liebenswürdigen Wirthin
-gewonnen werden, wenn ihnen der Vorzug zutheil würde, in ihr gastfreies
-Haus Eingang zu finden.
-
-Eingeborene sieht man in der Stadt, mit Ausnahme der stets heitern
-herrlichen Mädchengestalten, welche mit duftenden Blumen bekränzt
-durch die Straßen wandeln und dabei mit ihren fliegenden Gewändern den
-Staub aufwirbeln, nur solche, welche träge in und vor den Häusern ihrer
-reichen, an Europäer verheiratheten Verwandtinnen herumlungern. Diese
-Belästigung geht soweit, daß die Hausfrau in der Regel einen ganzen Kreis
-von Hofdamen zwischen 16 und 30 Jahren aus der Zahl ihrer weiblichen
-Verwandten hat, welche oft dem Hausherrn das Leben recht sauer machen,
-weil sie bei kleinen Differenzen stets auf der Seite der Hausfrau stehen,
-unter Berücksichtigung ihres liebenswerthen Aeußern auch wol häufig genug
-Veranlassung zu Eifersuchtsscenen geben. Aber auch sonst machen sie sich
-unbequem, weil sie überall im Hause Zutritt haben. Denn wenn sie z. B. den
-Hausherrn nicht zu Hause vermuthen, stürmen sie plötzlich in sein Zimmer,
-während er beim Umkleiden ist; andererseits, wenn er beim Nachhausekommen
-seine Frau aufsuchen will, wird er von einem halben Dutzend Mädchen wieder
-zur Thür hinausspedirt, weil seine Anwesenheit gerade zur Zeit überflüssig
-ist.
-
-Ebenso wenig wie in der Stadt sieht man auch auf dem Hafen wirklich
-einheimisches Leben; das bequemere europäische Boot hat hier das
-zierliche Kanu fast ganz verdrängt. Die Männer, welche die Wäsche von
-den Schiffen holen und diejenigen, welche Früchte zum Verkauf bringen,
-sind meistentheils im Besitz irgendeines alten Bootes. Würde nicht ab
-und zu ein Kanu zum Fischfang auf das Riff fahren, und sähe man nicht
-zuweilen am Strande einige Mädchen ihre langen Gewänder abwerfen, um,
-nur mit dem Pareo bekleidet, ein Bad zu nehmen, man käme hier in Papeete
-nicht auf den Gedanken, auf einer polynesischen Insel zu sein. Im Hafen
-Kriegs- und Kauffahrteischiffe, deren hin- und herfahrende Boote und nur
-selten dazwischen ein Kanu; in der Stadt Beamte, Kaufleute, Soldaten und
-Matrosen, und allerdings häufig genug lustige, lachende Mädchen, aber
-keine eingeborenen Männer.
-
-Ein flüchtiger Spaziergang durch die Stadt zeigte mir alles, was ich
-hier überhaupt zu sehen bekam, und das war nicht viel. Um so dankbarer
-muß ich es anerkennen, daß unser Consul, Mitdirector der 'Société
-commerciale', mich mit den dienstfreien Offizieren zu einer Partie nach
-dem Bergsee Waihiria einlud. An diesen Ausflug, zu welchem von Papeete
-aus gewöhnlich mehrere Tage gerechnet werden, konnte ich bei unserm nur
-kurzen Aufenthalte nicht denken, weil es mir unmöglich schien, denselben
-ohne Schädigung anderer Interessen zur Ausführung zu bringen; der
-liebenswürdige Herr hatte aber alles so vortrefflich arrangirt, daß wir
-die Partie in anderthalb Tagen machen sollten, und dadurch wurde mir die
-Zusage möglich.
-
-Um von Papeete aus zu dem 500 m über dem Meere in den Bergen liegenden
-See gelangen zu können, muß man zunächst auf der Ringstraße einen Weg
-von 8 deutschen Meilen oder 60 km um die ganze Westküste der Insel
-nach ihrer Südostseite bis zu dem Groß- und Klein-Tahiti verbindenden
-Isthmus zurücklegen und dann von hier aus in dem Thal eines Bergflusses
-den Aufstieg nehmen. Wir waren zusammen acht Personen und verließen
-Papeete an einem schönen Morgen in zwei offenen, mit Sonnendächern
-versehenen leichten Wagen; ein dritter mit Proviant, Wein und Eis war
-schon voraufgegangen. Die flinken Pferde griffen gut aus, die Fahrt in
-der großartigen Natur, bei dem prächtigen Wetter, war herrlich. Eine
-vorzügliche, zu beiden Seiten mit Palmen und andern Bäumen besetzte
-Straße; zur Linken die steilen, mächtigen, rothbraunen Bergmassen, welche
-in der Regel nur in ihrem untern Theil mit Laub und Holz bestanden
-sind, häufig aber von fruchtbaren, überaus üppigen, bis zu 700 m Höhe
-ansteigenden Thälern, auf deren Sohlen Bergflüsse dem Meere zueilen,
-durchschnitten werden; zur Rechten das weite Meer mit seinen eilig
-hastenden Wogen, welches uns angenehme Kühlung brachte. Ueber einzelne
-Flüsse -- wir haben im ganzen acht passirt -- führen Brücken, andere haben
-dieselben bei Gelegenheit eines Wolkenbruchs zerstört und wir mußten hier
-durch das Flußbett fahren. Der Weg führt an Landhäusern und Plantagen
-vorbei, an Gärten und an Vanillepflanzungen, und alle anderthalb Stunden
-fanden wir ein unter schattigen Bäumen gelegenes gutes Wirthshaus, wo wir
-einen kleinen vorher für uns bereit gestellten Imbiß einnahmen und unsere
-Glieder etwas streckten, bis die frischen Pferde, welche schon auf unsere
-Ankunft warteten, eingespannt waren.
-
-Daß es auf diesem langen Wege viel zu sehen gab, ist natürlich, doch
-will ich von Naturschilderungen absehen und nur das anführen, was mich
-besonders interessirt hat.
-
-Zunächst erfuhr ich, als ich mein Befremden darüber aussprach, daß die
-Kokospalmen nur am Strande und theilweise sogar in Sandboden zu finden
-seien, daß dieser Baum nur in unmittelbarer Nähe der See Früchte trägt
-und es noch nicht erwiesen sei, wo die Ertragfähigkeit größer ist, ob in
-fettem Boden oder im Korallensand. Thatsache soll es sein, daß die Bäume
-um so reicher Früchte tragen, je näher sie am Strande stehen, und zwar
-ganz unabhängig von dem Boden, in welchem sie wachsen. Hieraus hat man,
-da dicht am Strande gewöhnlich nur Korallensand gefunden wird, einerseits
-gefolgert, daß dieser Boden der Kokospalme am zuträglichsten sei, während
-andererseits behauptet wird, daß der größere Ertrag nur durch den größern
-Salzgehalt der Luft, sowie den des Bodens dicht am Strande bedingt ist.
-
-Bei vielen Kokospalmen fiel mir ein aus Rinde oder Bast bestehendes und
-stets in gleicher Art um den Baumstamm gewundenes Band auf. Dies soll
-bedeuten, daß der Baum von seinem Besitzer „Tabu“ erklärt worden ist.
-„Tabu“ ist ein heidnisch religiöses Gesetz, welches merkwürdigerweise
-über die ganze Südsee, über ein Gebiet von 6000 Seemeilen in der
-geographischen Länge und 4000 Seemeilen in der geographischen Breite
-gleichmäßig verbreitet ist und, was am auffälligsten erscheinen muß,
-überall mit demselben Namen genannt wird, obgleich bei der jetzigen
-Figuration des Landes eine Verbindung zwischen vielen der Inselgruppen nie
-stattgefunden haben kann. Das Gesetz bedeutet, daß jeder Tabu erklärte
-Gegenstand heilig und unantastbar geworden ist und jedermann, welcher
-sich trotzdem an dem Gegenstand vergreift, dem Tode verfallen ist, ganz
-gleich ob die Tabu-Erklärung von dem Häuptling, von dem ganzen Gemeinwesen
-oder von einem einzelnen Individuum ausgegangen ist. Wenn auch dieses
-Gesetz, welches auf den von europäischem Einfluß unberührten Inseln noch
-in seiner ganzen Härte besteht, hier auf Tahiti und wol auch auf den
-mit Europa oder europäischen Colonien in Verbindung stehenden Inseln
-seine eigentliche Bedeutung verloren hat, so wird es von den inzwischen
-zu Christen gewordenen Eingeborenen doch noch immer heilig gehalten und
-dementsprechend geachtet, obgleich der Bruch des Gesetzes, z. B. hier auf
-Tahiti, nicht mehr bestraft werden kann. So versieht ein Eingeborener,
-welcher durch irgendwelche Umstände gezwungen wird, sein Besitzthum
-zeitweise zu verlassen, dieses mit dem Tabu-Zeichen und er kann sicher
-sein, bei seiner Rückkehr sein Eigenthum unversehrt wieder vorzufinden.
-
-Auf unserm Wege kamen wir auch an mehrern großen, viereckigen, sturmfreien
-Thürmen vorbei, welche die ersten Befestigungswerke der Franzosen gegen
-die Eingeborenen gebildet haben. Denn nachdem die französischen Truppen
-von Huheine durch die dortigen tapfern Eingeborenen vertrieben worden
-waren und auch ein Aufstand hier auf Tahiti ihnen viel zu schaffen
-gemacht hatte, hielten sie es für nothwendig, rund um die Insel diese
-Wachthürme zu erbauen, welche wol genügenden Raum für je 20 Mann nebst
-dem erforderlichen mehrwöchentlichen Proviant bieten.
-
-Einen sehr netten Eindruck machten die Vanillepflanzungen. Die Vanille ist
-ja, wie bekannt, ein zur Klasse der Orchideen gehöriges rankendes Gewächs,
-gedeiht daher nur auf Bäumen und zwar nur auf solchen einiger bestimmter
-Gattungen. Zu ihrer Cultur ist mithin in erster Reihe die Anpflanzung
-geeigneter Bäume erforderlich, und so kommt es, daß man dann reizende
-an der Straße gelegene Haine aus etwa 3 m hohen und 2 m von einander
-entfernt stehenden Bäumchen findet, zwischen welchen die kostbaren
-Ranken mit ihren Luftwurzeln sich von Stamm zu Stamm schlingen. Das Ganze
-sieht so zierlich, sauber und duftig aus, daß man es für ein japanisches
-Zwerggartenkunstwerk halten könnte.
-
-Etwa auf dem halben Wege zwischen Papeete und unserer Endstation an
-der Küste fanden wir in einer steil abfallenden nackten Felsenwand von
-vielleicht 60 m Höhe eine ziemlich kreisrunde Höhle mit einer Wasserlache.
-Da ihr Durchmesser höchstens 10 m beträgt, so würde ich sie ihrer
-Unbedeutendheit wegen nicht erwähnen, wenn sie nicht durch ihren äußern
-Anblick auffiele. An dem Fuße und in der Mitte der grauen, von der Sonne
-hell beschienenen Felsenwand wölbt sich ein 10 m breites und 8 m hohes,
-von der Natur regelmäßig geformtes rundbogiges Thor über dem glänzenden
-regungslosen Wasserspiegel, welcher zu ein Drittel außerhalb der Höhle
-liegend grell aus seiner dunkeln Umgebung hervorleuchtet und vorn zu
-beiden Seiten von dichtem grünen Laub eingerahmt wird. Wol jeder, der Sinn
-für Naturschönheit und Kunst hat, wird beim Vorbeigehen hier eine Rast
-von einigen Minuten machen.
-
-Gelegentlich erkundigte ich mich danach, mit welchem Ausdruck das Pferd,
-welches erst seit 60-70 Jahren auf Tahiti bekannt ist, eigentlich benannt
-wird, und erhielt als Antwort einen so unendlich langen Namen, daß ich
-um nähere Uebersetzung bat. Es dürfte schwerlich jemand errathen, wie
-die Eingeborenen sich in dieser Sache geholfen haben. Zunächst waren sie
-rathlos, dann nahmen sie den größten bekannten Vierfüßler zum Vergleich
-und nun hatten sie einen Namen und zwar: „das schnell über das Land
-laufende Schwein“!
-
-Gegen 2 Uhr nachmittags langten wir am Ziel des Tages an und fanden ein
-bequem eingerichtetes, mit einer großen Veranda umgebenes englisches
-Gasthaus, welches zwischen schattigen Bäumen liegend nach der einen
-Seite einen freien Ausblick nach dem Meer und Klein-Tahiti bietet und
-an der andern Seite sich an einen großen freien Platz anlehnt, hinter
-welchem die Bergwände der Hauptinsel das Bild abschließen. Das Haus wird
-vorzugsweise von Kranken als klimatischer Curort benutzt und wir fanden
-zwei solcher Gäste vor, Herren, welche hier Linderung für ihre kranken
-Lungen erhofften. Für uns war nicht mehr hinreichend Platz vorhanden
-und wir mußten daher zu je zwei ein Zimmer theilen, fanden aber sonst
-alle Bequemlichkeiten, und namentlich erhielt jeder ein großes, gutes
-Bett für sich allein. Auf die Tafel hatte die Einschränkung indeß keine
-Rückwirkung, denn wir fanden ein vorzügliches kaltes Frühstück vor, sowie
-eine mustergültige, lautlose, aus sechs eingeborenen Frauen und Mädchen
-bestehende Bedienung. Diese war allerdings von Papeete aus besonders für
-uns hierher gekommen, weil der Wirth einerseits für gewöhnlich so großer
-Bedienung nicht bedarf und er andererseits uns am zweiten Tage nach
-unserer Rückkehr von dem See mit einem tahitischen Festmahl überraschen
-wollte, zu welchem die Tahitierinnen durchaus nothwendig waren. Aus
-der eigenthümlichen Stellung dieser Eingeborenen, welche den einen Tag
-die Diener machen, den nächsten Tag als mit dem Gast gleichberechtigt
-auftreten, bin ich nicht klug geworden. So war die schöne, vielleicht 30
-Jahr alte Halbblut-Frau, welche vorzugsweise den Consul und mich bei Tisch
-bediente, die Witwe eines wohlsituirt gewesenen Engländers und soll in
-ganz guten Verhältnissen leben.
-
-Außer diesen Dienerinnen sahen wir auch noch auffallend viele Weiber in
-der nächsten Umgebung des Gasthauses und hörten zu unserer Ueberraschung,
-daß diese fast sämmtlich nach Papeete gehörten und durch die Polizei mit
-dem Bedeuten hierhergebracht worden seien, daß sie erst nach der Abreise
-des deutschen Kriegsschiffes die Erlaubniß zur Rückkehr erhalten würden.
-Dieses leichtlebige und leichtsinnige Volk war daher voll Jubel, als
-wir ankamen; eine kleine Schadenfreude konnten wir allerdings auch nicht
-unterdrücken. Die Bemühungen des eingeborenen Polizeidieners, welcher zur
-Ueberwachung dieser lustigen Gesellschaft mitgeschickt war, seine Heerde
-zusammen- und von der Annäherung an uns abzuhalten, blieben erfolglos, und
-ich glaube, daß er von den ihm anvertrauten Vertreterinnen des schönen
-Geschlechts, hier fernab von der Hauptstadt, höchst unangenehme Prügel
-bekommen hätte, wenn er nicht klug und nachgiebig geworden wäre.
-
-Nachdem wir den Reisestaub abgeschüttelt und uns an der reichen Tafel
-erquickt hatten, was eigentlich nicht nöthig gewesen wäre, weil wir
-auf dem ganzen Wege bis hierher ja kaum etwas anderes gethan hatten,
-als uns zu erquicken, trennten wir uns, um erst abends 6 Uhr bei der
-Hauptmahlzeit wieder zusammenzutreffen. Der Consul und ich gingen nach
-einer Zuckerplantage, welche der genannte Herr hier besitzt und die er
-bei dieser Gelegenheit auch besuchen wollte; wir begingen das Terrain und
-besichtigten die Einrichtungen zur Gewinnung des Rohzuckers, welche mir
-noch unbekannt waren. Von den andern Herren wollte keiner mit, dem jungen
-Volk erschienen die fröhlichen, blumenbekränzten Töchter des Landes wol
-anziehender, wenigstens vermuthe ich dies und verarge es ihnen auch nicht,
-denn Zuckerplantagen sieht man auch anderswo.
-
-Von der Plantage gingen wir zum Strande, wo ich noch ein Bad nehmen
-wollte. Ein schönerer und einladenderer Badeplatz ist nicht leicht
-zu finden, wenn man den Körper eben nur für kurze Zeit erfrischen
-und im Anschluß daran einige Stunden in süßem Nichtsthun verbringen
-will. Bis dicht an den schönen weißen Strand reicht der üppige Wald
-von Fruchtbäumen, deren Zweige unter der Last der reifen Orangen und
-Brotfrüchte zu brechen drohen, und tritt man aus dem Laubdach heraus,
-dann liegt ein Bild von so großartiger Schönheit vor uns, daß unsere
-Augen nicht wissen, wo sie sich hinwenden sollen. Dicht vor unsern Füßen
-liegt die smaragd- und saphyrfarbene regungslose Flut, welche sich bis
-zu dem dreiviertel Seemeilen von uns abliegenden Barriere-Korallenriff
-erstreckt. Auf diesem Riff sieht man, wie einen Wall, die auf- und
-abwogenden Schneeschaummassen der nicht besonders hohen Brandung und
-hinter dieser das von dem frischen Passatwind aufgewühlte tiefblaue Meer
-mit seinen Wogen und deren Schaumkämmen. Zu unserer Rechten und vor uns
-liegen innerhalb des Riffs in dem klaren Wasserspiegel zwei kleine dicht
-bewaldete Inseln, welche einen solchen Frieden ausathmen, daß man wähnt,
-keinen schönern Wohnplatz finden zu können, und zu unserer Linken, in
-einer Entfernung von 5 Seemeilen, steigt vor uns Taiarabu (Klein-Tahiti)
-mit seinen steilen Felswänden bis zu einer Höhe von 1130 m aus dem
-Meere empor. Die zu unserer Rechten schon ziemlich tief stehende Sonne
-vergoldet das ganze Bild und beleuchtet es für uns um so wirkungsvoller,
-als unser Standort und ein schmaler Streifen des davor liegenden Wassers
-beschattet sind. Das leise Rauschen in den Baumwipfeln und das von dem
-Riff herüberdröhnende Grollen der Brandung vervollständigen die Stimmung.
-Still setzen wir uns zu Füßen eines großen Baumes auf den weißen Sand und
-lange schauen wir in die Ferne, ohne zu wissen was uns am meisten fesselt,
-und doch ist es das ewig ruhelose und doch sich immer gleichbleibende
-Meer. Wie oft habe ich träumerisch und sehnsuchtsvoll dem Spiel dieser
-gewaltigen, Segen und Verderben bringenden Wassermassen zugesehen, wie
-bekannt scheint mir das Weben und Treiben dieser geheimnißvollen Kräfte,
-wie viel Schöneres liegt zu meinen Füßen, zur Rechten und zur Linken, und
-doch wie groß ist die magnetische Kraft der unergründlichen Flut, welche
-wie die Nixe der Loreley nur für sich allein den Menschen fordert. Mein
-Nachbar weckt mich aus meinem Sinnen und macht mich auf eine Stelle im
-Wasser aufmerksam, wo ein leichtes Sprudeln, wie das einer kleinen Quelle,
-und die von dem Sprudel auslaufenden, sich immer weiter dehnenden Ringe
-zu sehen sind. Er sagt mir, daß dies eine der Tahiti eigenthümlichen
-Süßwasserquellen im Meere ist, von welchen ich auch schon gelesen hatte
-und die noch ziemlich weit von der Küste ab zu finden sein sollen. Die
-Eingeborenen sollen sich an ihnen, wenn sie draußen beim Fischfang sind,
-in der Weise den Durst stillen, daß sie schwimmend soweit tauchen, bis sie
-die Stelle finden, wo das Quellwasser noch unvermischt mit dem Seewasser
-ist. Da das süße Wasser sehr viel leichter wie das Meerwasser ist und
-deshalb kräftig nach oben steigt, so muß an solcher Quelle allerdings in
-relativ nicht zu großer Tiefe schon reines Süßwasser gefunden werden.
-
-Probiren geht über Studiren, und wenn ich auch den Eingeborenen das
-Taucherkunststück nicht nachmachen konnte, so konnte ich mich doch an
-der Wasseroberfläche davon überzeugen, ob der Quell weniger Salzgehalt
-wie das übrige Wasser habe. Bald war ich in der See und schwamm nach dem
-nicht weit entfernten Sprudel, wo ich das Wasser wirklich nur brack fand.
-Wieder am Lande bekam ich großes Verlangen nach der Milch einer frischen
-Kokosnuß; aber wie eine solche von den hohen Bäumen herunterbekommen?
-„Nichts leichter als das, da gerade ein Eingeborener dort des Weges
-kommt“, sagte der Consul. Der Mann wurde angerufen und schnell hatte er
-sich einen Riemen um seine Knöchel geschnallt, welcher einen Zwischenraum
-von etwa 5 cm zwischen den Füßen ließ. Dann griff er mit den Händen um
-den Stamm einer Palme, schnellte mit den Füßen soweit in die Höhe, daß
-die Beine möglichst wagerecht standen und die Füße jetzt gegen den Stamm
-gestemmt waren, wo durch das Gewicht des eigenen Körpers die Füße auf der
-einen und die Hände auf der andern Seite des Stammes so fest an die rauhe
-Rinde gepreßt wurden, daß der Körper nicht nach unten gleiten konnte.
-Mit ununterbrochenen kleinen Sprüngen hatte der Mann den hohen Baum bald
-erstiegen, löste den Riemen von seinen Füßen, warf einige Nüsse herunter
-und ließ sich in ähnlicher Weise wieder hinuntergleiten, wie wir es thun.
-
-Als die Essensstunde heranrückte, begaben wir uns wieder in das Gasthaus,
-legten ein etwas förmlicheres Kleid an und fanden ein ganz vorzügliches
-Mahl, welches durch die mitgebrachten eigenen Weine, unter denen sich auch
-gute Marken deutschen Wachsthums befanden, noch wesentlich verbessert
-wurde. Besondere Anerkennung muß ich den vortrefflichen hiesigen
-Wasserthieren zollen, welche neben guten Austern und Fischen aus besonders
-feinschmeckenden großen, scherenlosen Hummern und den früher schon
-genannten Süßwasser-Schrimsen bestanden. Diese letztern hatten die Größe
-von ausgesuchten Oderkrebsen, welche sie indeß an Feinheit des Geschmacks
-nicht ganz erreichen, während die Hummern entschieden den europäischen
-weit vorzuziehen sind. Die Hummern waren auf dem nächsten Korallenriff
-gefangen, die Schrimse in dem Bergfluß, an dessen Ufer wir am nächsten
-Morgen den Weg zum See zurücklegen sollten.
-
-Während des Essens entstand noch eine kleine Aufregung dadurch, daß eine
-der Dienerinnen in großer Erregung in das Zimmer trat und erzählte, daß
-in dem wenige Minuten entfernten Dorfe zwei Eingeborene von Papeete mit
-dem Auftrage angekommen seien, mich zu beobachten. Die Nachricht erstaunte
-mich weiter nicht, da ich schon gehört hatte, daß jedem unserer Offiziere
-an Land stets ein Aufpasser folge, weil die Franzosen in dem Wahne
-befangen waren, daß das Schiff den Auftrag habe, von den nahegelegenen
-unabhängigen Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen, und man wol
-glaubte, daß auch Tahiti in den Bereich der deutschen Begehrlichkeit
-gezogen würde. Immerhin schickte unser Wirth einen Vertrauten ab, welcher
-bald die Richtigkeit der Nachricht bestätigte. Dies veranlaßte denn auch
-den Consul und mich, die jüngern Herren unserer Gesellschaft, welche
-gleich nach dem Essen aufbrachen, um einer Einladung der eingeborenen
-Damen zu einem Abendfest in dem nahegelegenen Dorfe zu entsprechen, nicht
-zu begleiten, obgleich wir ursprünglich die Absicht hatten, uns die Sache
-für kurze Zeit anzusehen. Statt dessen begaben wir uns bald zur Ruhe.
-
-Am nächsten Morgen um 6 Uhr wurden wir geweckt und waren um 7 Uhr zum
-Abmarsch bereit. Als wir aus dem Hause auf den freien Platz traten,
-fanden wir ein reges Treiben. An zwanzig Eingeborene waren zur Stelle,
-theilweise schon beladen mit Kisten und Körben, welche unser zweites
-Frühstück enthielten. Andere waren mit großen Schlagmessern und Aexten
-versehen, um etwaige Hindernisse aus unserm Wege zu räumen, wieder andere
-hatten nur Bergstöcke und kleines Fischgeräth in den Händen. Auch eine
-kleine zierliche Frauensperson war in dem Gefolge, sowie ein Pferd, das
-einzige, welches für uns hatte aufgetrieben werden können und mir zur
-Verfügung gestellt wurde. Da ich vor den andern Herren von der Partie
-indeß nichts voraus haben und nicht allein reiten wollte, so ging das
-Pferd vorläufig unbenutzt mit, um, falls einen der Herren die Kräfte
-verlassen sollten, für diesen zur Stelle zu sein. Ich mußte daher auch
-mit einem der Eingeborenen vorlieb nehmen, welche uns als Reitthiere mit
-dem Bemerken vorgeführt wurden, daß wir mehr wie achtzig mal den Fluß zu
-durchschreiten hätten und die Eingeborenen uns hinübertragen sollten. Es
-entwickelte sich nun eine harmlose nette Scene, denn die aufgeweckten,
-selbstbewußten Tahitier wollten nicht nur gewählt sein, sondern wollten
-auch selbst wählen und drängten sich zunächst alle an den Consul und
-mich, vielleicht weniger, weil wir für die Hauptpersonen gehalten wurden,
-als darum, weil wir die leichtesten waren. Immerhin stellte sich bald
-heraus, daß diese kräftigen, zähen Natursöhne sich aus einer ziemlich
-großen Gewichtsdifferenz nichts machten. Bald hatten Herr und Diener sich
-zusammengefunden und nun zogen wir aus, jeder von uns von seinem braunen
-Schatten begleitet. Die kleine junge Frau übernahm die Führung und schritt
-mit einem Strohhut auf dem Kopf, mit einer kurzen Bluse und einem Hüfttuch
-(Pareo) angethan, ihren langen Stock in der Hand, mit ihren bloßen Füßen
-zierlich und schnell aus. Ihr folgten die Leute mit dem Proviant, dann
-kamen die Wegebahner, dann wir mit unsern Schatten, und schließlich das
-Pferd.
-
-Der Weg führt die erste halbe Stunde auf einem schattigen Pfade durch eine
-sanft ansteigende Ebene, dann nähern wir uns den schroffer aufsteigenden
-Bergwänden, und nach einer weitern Viertelstunde treten wir in eine
-großartige Felsenschlucht, welche das Bett für den reißenden Bergfluß
-bildet. Zu beiden Seiten haben wir Felswände von über 100 m, wenn nicht
-gar 200 m Höhe, welche uns in der schmalen nur 15-20 m breiten Schlucht
-senkrecht aufsteigend erscheinen. Das Gestein ist aber trotzdem nicht
-kahl, sondern aus allen großen und kleinen Felsspalten und Ritzen wachsen
-Gräser, Sträucher und Bäume von oft beträchtlicher Größe, sodaß das
-Laub stellenweise die Steinschlucht für das Auge in ein liebliches Thal
-verwandelt. Der Fluß nimmt die ganze Thalsohle ein und es finden sich
-immer nur auf einer Seite, je nach den Krümmungen des Thales und des
-Wasserlaufes auf dem rechten oder linken Ufer, etwas erhöhte, schmale und
-dicht mit wilden Bananen- und Bambussträuchern bestandene Böschungen,
-auf welchen man gehen kann, wenn vorher ein schmaler Pfad durch das
-wie Unkraut wuchernde Pflanzengewirre durchgeschlagen ist, was stets
-vor dem Begehen geschehen muß, weil der See nur selten besucht wird und
-sonst keine Veranlassung zum Beschreiten dieses Weges vorliegt, denn die
-Eingeborenen benutzen, wenn sie einmal zum Fischen oder Einsammeln von
-Früchten hierher wollen, das Flußbett als solchen. Im übrigen schäumt das
-wilde, schön klare Wasser über Steinblöcke hinweg an den steil abfallenden
-Felsen vorbei, wo jede Möglichkeit eines Weges ausgeschlossen ist. Und
-kommt man an die ziemlich häufigen Stellen, wo die Felswände an beiden
-Seiten den Fluß eindämmen, dann bleibt kein anderer Weg als das Flußbett
-selbst.
-
-Gleich beim Betreten der Schlucht schon bekommen wir einen Vorgeschmack,
-was unserer wartet. Der in den letzten zwei Tagen nur für uns ausgehauene
-Pfad ist so schmal, daß wir, einer hinter dem andern gehend, stets an
-beiden Seiten das von dem Nachtthau triefende Laub, welches über unsern
-Köpfen in der Regel auch noch zusammenschlägt, streifen und so nach
-wenigen Minuten schon unsere nur aus dünner Leinwand bestehende Kleidung
-von dem abtropfenden Wasser durchnäßt ist. Glücklicherweise habe ich
-einen wasserdichten Panamahut auf, sodaß ich unter diesem wenigstens mein
-Taschentuch und meine Cigarrentasche trocken erhalten kann. Der Boden ist
-auch nicht besser und besteht aus ganz durchweichtem schweren gelben Lehm,
-weshalb ich mich glücklich schätzen darf, Segeltuchschuhe an den Füßen zu
-haben, welche ja in der Nässe nur wenig einlaufen und daher nicht drücken
-können. Außer mir hat nur noch der Consul solche Schuhe, unsere Herren
-wollen von diesem besten aller Fußbekleidungsmittel noch immer nichts
-wissen, und wegen ihres Vorurtheils hatten sie auf dieser Partie wahre
-Folterqualen auszustehen. Die von uns unabhängigen Eingeborenen, nämlich
-die Träger unsers Frühstücks sowie das Frauenzimmer, wissen jedenfalls
-auch die Beschwerlichkeit des Weges zu würdigen, denn sie machen gar nicht
-erst den Versuch ihn zu benutzen, sondern gehen gleich in den Fluß, dessen
-Wasser ihnen oft bis unter die Arme reicht und wo die kleine Frau sich
-dann von ihrem langen Mann durchziehen lassen muß, wobei sie schwimmend
-nachhilft. Trotz der stellenweise reißenden Strömung kommen sie unter
-Zuhülfenahme ihrer Stöcke doch viel schneller vorwärts als wir, sodaß sie
-bald unsern Augen entschwunden sind.
-
-Wir treten in den Pfad ein und sind in dem dichten Laub von einem
-Halbdunkel umgeben. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern, als uns
-das kalte Wasser hinten in den Hals tröpfelt; stecken die Hände in die
-Hosentaschen, um uns möglichst dünn zu machen und gleichzeitig unsere
-dort untergebrachten Uhren trocken zu erhalten; die Cigarre ist schon nach
-wenigen Minuten so naß, daß sie nicht mehr brennt; der Stabsarzt und ich
-stöhnen darüber, daß unsere Kneifer immer blind werden, ich aber kann den
-meinigen wenigstens an den lichten Stellen mit meinem aus dem Panamahut
-hervorgeholten Taschentuch abtrocknen; vor uns hören wir die Messer-
-und Axtschläge der Eingeborenen, welche den Weg noch freier zu machen
-suchen, und unter uns geht es quatsch-quatsch, wenn wir mit unsern Füßen
-in den nassen Lehm hineinstampfen, denn wir haben sehr bald erkannt, daß
-es hier „Durch“ heißt und das Aussuchen trockener Stellen zwecklos ist.
-Ein solches Bananenblatt macht sich sehr hübsch, wenn Paul seine Virginie
-damit gegen die Sonne schützt; wenn die Blätter aber in solchen Massen
-auftreten, wie hier, und dabei noch naß sind, dann werden sie höchst
-unangenehm.
-
-Bald treten wir wieder ins Freie und stehen vor einer steilen nackten
-Felswand, um welche das Wasser herumgurgelt und die ein weiteres
-Vordringen an dieser Seite unmöglich macht. Uns gegenüber liegt eine
-grünbehangene hohe Wand, an deren Fuß das graziöse Laub der Bananen mit
-seinen köstlichen sammetartigen Farbentönen und die duftigen Zweige der
-Bambussträucher den in ihnen verborgenen beschwerlichen Weg, welcher
-einen Theil unserer Vorhut schon wieder aufgenommen hat, wie wir an den
-Schlägen hören, mildherzig bedecken. Der Rest der Vorhut durchkreuzt
-eben den Fluß, von denen einzelne bis zu den Hüften im Wasser sind,
-während andere zeitweise auf über Wasser liegenden Steinen stehen, um
-gleich darauf wieder tieferes Wasser zu durchschreiten. Rechts und links
-schöne landschaftliche Bilder und über uns die Sonne, welche warm in
-diesen schönen Kessel hineinscheint. Unsere Träger ducken sich, um uns
-auf ihre Rücken zu nehmen, doch wir rütteln sie wieder auf, und springen
-leicht auf die Leute, denn wir fühlen uns noch außerordentlich frisch und
-geschmeidig. So durchschreiten wir den Fluß und gleiten auf der andern
-Seite wieder zur Erde, um uns bis zum nächsten Uebergang auf unsere
-eigenen Füße zu verlassen.
-
-Während der folgenden zwei Stunden hatten wir den Fluß auf diese Weise
-sechsundachtzig mal zu durchschreiten, beziehungsweise so oft auf den
-Eingeborenen reitend in den Fluß zu gehen, denn an den Stellen, wo der
-Weg an beiden Ufern fehlt, mußten wir ja ein längeres oder kürzeres
-Stück in dem Flußbett selbst zurücklegen, um dann vielleicht an derselben
-Seite wieder zu landen. Auf dem Hinweg haben wir die einzelnen Uebergänge
-allerdings nicht gezählt, aber auf dem Rückweg, nachdem wir die Strapazen
-dieser eigenartigen Wanderung vorher gekostet hatten.
-
-Zunächst war noch alles herrlich und die ganze Gesellschaft in der
-ausgelassensten Stimmung, fehlte es uns doch an nichts, selbst nicht an
-komischen kleinen Zwischenfällen.
-
-Umgeben von der wundervollen Natur, welche sich uns bei jedem neuen
-Flußübergang in stets wechselnden, immer schöneren Bildern zeigt, und
-beschienen von der heißen Sonne, welche uns hier nicht lästig wird,
-sondern durch unsere nassen Kleider hindurch höchst wohlthuend unsere
-Körper wieder aufwärmt, werden wir durch das schöne Bergwasser getragen.
-Die am Oberkörper nackten, braunen Eingeborenen gehen vorsichtig durch
-das Wasser und wenden kein Auge von dem Flußbett, um die besten Steine
-zum Auftreten zu benutzen, finden dabei aber doch Zeit miteinander zu
-sprechen und zu lachen. Auf den braunen Gestalten hängen und hocken
-die weiß gekleideten Europäer, welche theilweise die schöne Umgebung
-betrachten, theilweise mit Vergnügen das unter ihnen eilig laufende
-Wasser beobachten, das sich bald zwischen großen Steinen durchzwängt,
-bald über andere hinwegschießt oder aber ruhig über ebeneres Steingeröll
-fließt. Alle erfreuen sich daran, wie sicher unsere Träger mit ihrer
-schweren Last in dem nur aus ganz unregelmäßig geschichteten, großen,
-platten Steinen bestehenden Flußbett von Stein zu Stein vorschreiten.
-Einzelne allerdings sehen zeitweise auch ängstlich in das Wasser, weil
-sie an den schwierigeren Passagen erwarten, mitsammt ihrem Träger ein
-unfreiwilliges Bad zu nehmen, und lassen geduldig die Neckereien ihrer
-Kameraden über sich ergehen. Wol ist gelegentlich der eine oder andere
-mit seinem Träger nahe am Fallen, aber nur dann, wenn er unbedacht seine
-Arme um dessen Hals geschlungen hat und ihn dann halb erwürgt, anstatt
-sich mit den Händen an den Schultern oder an der Stirn des Mannes zu
-halten, doch wird das Unglück jedesmal noch rechtzeitig verhütet. Die
-Träger benutzen ihren Stock nur an den Stromschnellen; wird das Wasser zu
-tief, dann werfen sie uns wie einen Federball höher auf ihre Schultern
-hinauf, um uns trocken zu erhalten. Selten setzen sie uns, obgleich
-einige ganz gewichtige Herren unter uns sind, gleich am jenseitigen Ufer
-ab, sondern bringen uns im Trabe die gewöhnlich steile Böschung hinauf,
-allerdings nur ein kurzes Stück Weg, aber ein solches, welches wir auf
-dem schlüpfrigen Boden in unsern Schuhen nur mit Hülfe eines Stockes
-zurücklegen könnten. Ist der nächste Uebergang nur 10-20 Schritte von
-unserm letzten Landeplatz entfernt, dann behalten sie uns gleich auf ihren
-Rücken und nun entwickelt sich unter lautem Hallo ein Wettlaufen. Nicht
-lange dauert es, so kommt allerdings die Nachricht, daß der Stabsarzt, ein
-besonders großer und schwerer Herr, mit seinem Träger zusammengebrochen
-sei, und er erhält nun das vorsorglicherweise mitgenommene Pferd. Er will
-aber auch durchaus nichts vor uns voraus haben und benutzt das Thier nur
-an den Flußübergängen, wodurch er schließlich durch das häufige Auf- und
-Absteigen noch lahmer wurde als wir andern.
-
-An einer geeigneten Stelle machen sich einige Eingeborene die Gelegenheit
-zu Nutze und fangen mit kleinen Handnetzen in kurzer Zeit zwei große Körbe
-voll der früher genannten vortrefflichen Süßwasser-Schrimse, wasserhelle,
-fast durchsichtige Thiere, welche später gekocht uns noch gute Dienste
-thaten.
-
-Wir wurden immer steifer und stiller, sprangen bald schon nicht
-mehr auf die Rücken unserer Träger, sondern krochen langsam auf die
-niedergeduckten, gutmüthigen Leute hinauf, welche immer eifriger und
-lustiger wurden. Als wir nach zwei Stunden Flußweg, im ganzen also nach
-drei Stunden, endlich an einer steilen Wand ankamen, welche wir mit
-eigenen Kräften zu erklettern hatten, waren wir ganz still, unsere Träger
-dagegen außerordentlich laut und befriedigt.
-
-Hier ist auf einer kleinen Anhöhe der Platz, wo diejenigen Besucher des
-Sees in der Regel übernachten, welche die Partie zu Pferde machen und in
-solchem Fall erst nachmittags von der Küste aufbrechen. Sie gehen dann am
-nächsten Morgen mit dem ersten Tagesgrauen unter Zurücklassung der Pferde
-zum See und reiten nachmittags wieder zurück.
-
-Wir machen zunächst eine kurze Rast, um die etwas auseinander gekommene
-Gesellschaft sich wieder sammeln zu lassen, betrachten noch einmal
-die vor uns liegende etwa 200 m hohe Wand, welche in einem Winkel von
-60-70° zur Ebene steht, mithin uns ziemlich senkrecht erscheint, reiben
-mit den Händen unsere zerschlagenen steifen Beine und dann geht es
-weiter, hinauf auf die Wand, nachdem ein Eingeborener angewiesen war,
-mit dem Pferd hier unsere Rückkunft zu erwarten. Unser Weg ist in der
-untern Hälfte das trockene Felsenbett eines Gebirgsbaches und in der
-obern das eines Wasserfalles, welcher bei lang anhaltendem Regen hier
-herniederstürzt. Diesem Umstand ist es wol auch zuzuschreiben, daß wir
-überall ausgewaschene Stellen finden, wo wir festen Fuß fassen können,
-und daß hier kein Steingeröll vorhanden ist, sondern die vorspringenden
-Steine alle mit dem Felsenkern verwachsen sind und somit zuverlässige
-Stütz- und Haltepunkte bieten. Die untere Hälfte können wir noch mit Hülfe
-eines Stockes langsam ersteigen, stillen an den reifen Früchten eines auf
-halber Höhe in einer seitlichen Einbuchtung stehenden großen Orangenbaumes
-unsern Durst und dann müssen wir mit Händen und Füßen mühsam von Stein zu
-Stein klettern.
-
-Endlich nach dreiviertel Stunde sind die ersten von uns oben, wir
-erblicken aber noch nicht den See, sondern finden zu unserer Enttäuschung
-vor uns einen mit wilden Bananen dicht bestandenen kleinen Bergrücken.
-Auch dieser wird erstiegen und wir finden einen ebensolchen zweiten,
-auf dessen Höhe wir, als ob die Bananen gar kein Ende nehmen wollten,
-noch einen dritten vor uns sehen. Doch hören wir hier wenigstens schon
-die Antwort der bereits am See befindlichen Gepäckträger auf die Zurufe
-unserer Führer. Endlich auf der Höhe des dritten Rückens treten wir aus
-den nassen Bananen heraus und unter uns liegt der schöne, von hohen
-stolzen Berggipfeln umgebene Alpensee. Noch hundert Schritte und wir
-können uns in einer von den Gepäckträgern bereits errichteten Hütte auf
-dem trockenen Grase ausstrecken, nachdem ich mir vorher aus meinem mit
-heraufgenommenen kleinen Koffer trockene Wäsche und Kleider angezogen
-hatte. Hier im Schatten ruht es sich gut nach einem mehr als vierstündigen
-anstrengenden Wege, dessen größte Strapaze das Getragenwerden war, weil
-man, ganz abgesehen von dem Auf- und Absteigen auch noch, um den Trägern
-die Arme frei zu lassen, sich stets mit Schenkeldruck an ihre Rücken hatte
-anklammern müssen. Die 10 m lange und 3 m tiefe Hütte ist aus Bambusstäben
-aufgebaut und oben, zu beiden Seiten, sowie an der Rückwand gegen Regen
-und Sonne mit Bananenblättern sicher eingedeckt, die ganze Langseite nach
-dem See zu ist offen.
-
-Wir befinden uns an der einen Schmalseite des 1000 m langen und 600 m
-breiten Sees. Das klare hellgrüne Wasser ist spiegelglatt und wirft aus
-seiner Tiefe das Spiegelbild der den See umgebenden Berge zurück. Diese
-sind hoch und niedrig, die hohen kahl, die niedrigen grün bewachsen;
-einer tritt als steiles Cap in den See vor, die andern liegen mehr oder
-weniger weit zurück und die Ufer sind hier mit hohem Gras und dichtem Laub
-bestanden. Ein Ausfluß des in der Mitte 30 m tiefen Sees, in welchen sich
-viele Gebirgsbäche ergießen, ist nirgends zu sehen, doch soll ein solcher
-und zwar ein unterirdischer nicht weit von unserm Lagerplatz vorhanden
-sein, weil die in den See geworfenen Schwimmkörper dort sich alle sammeln
-und in die Tiefe gezogen werden sollen, um von einem kräftigen Quell,
-welcher an der Küste in der Nähe unsers Gasthauses aus einer Felswand
-hervorsprudelt, wieder ausgestoßen zu werden, wie man an gezeichneten
-Gegenständen sicher wahrgenommen hat. Es ist mir auch gesagt worden, wie
-lange die Reise eines solchen Gegenstandes dauern soll, doch habe ich dies
-leider wieder vergessen.
-
-Als ich die Absicht aussprach, in einer Stunde den Rückweg antreten zu
-wollen, um einer Einladung des Consuls und seiner Gattin zum nächsten
-Abend in Papeete sicher entsprechen zu können, stieß ich auf entschiedenen
-Widerspruch. Die anwesenden Herren, mit Ausnahme des Consuls und eines
-jungen Offiziers, erklärten dies für ein Ding der Unmöglichkeit, weil
-sie nicht im Stande seien, heute auch nur einen Schritt noch zu gehen.
-Der eine Stunde später eintreffende Rest unserer Gesellschaft behauptete
-natürlich erst recht, vollständig fertig und unfähig zu weiterm Marschiren
-zu sein. Als der Consul dann auch noch zugab, daß wir wol rechtzeitig in
-Papeete würden eintreffen können, wenn wir am nächsten Tage mit dem ersten
-Morgengrauen aufbrächen, er auch versprach, für alle Fälle einen Boten mit
-der Nachricht zur Stadt schicken zu wollen, daß wir uns vielleicht etwas
-verspäten würden, fügte ich mich, um kein Spielverderber zu sein.
-
-Nun blieb aber noch die große Frage, wie Proviant heraufbekommen? Nach
-dem ursprünglichen Programm sollten wir um 5 Uhr abends wieder in dem
-Gasthaus sein, um dort das für uns arrangirte tahitische Nationalmahl, auf
-welches wir nunmehr verzichten mußten, einzunehmen; unsere mitgebrachten
-Provisionen waren daher nur für ein zweites Frühstück berechnet,
-welches nach den hinter uns liegenden Anstrengungen vielleicht nicht
-einmal für diesen Zweck ganz genügte. Während der Verhandlungen war es
-inzwischen auch schon 1 Uhr geworden und dunkel wurde es schon um 5½
-Uhr; bei Dunkelheit war aber der Weg schlechterdings nicht zu machen.
-Die abzusendenden Leute hätten daher in 4½ Stunden denjenigen Weg hin
-und zurück machen müssen, zu welchem die schnellsten von uns auf dem
-Hinweg allein 4 Stunden gebraucht hatten, und dies schien auch unter
-Berücksichtigung des Umstandes, daß die Eingeborenen den directen
-Weg im Flußbett wählen würden, unmöglich. Trotzdem wurde der Versuch
-gemacht, nachdem die Tahitier es als wahrscheinlich erklärt hatten,
-rechtzeitig wieder oben sein zu können. Es hatten sich schnell zehn
-Leute zusammengefunden, welche frischen Muthes in fröhlicher Stimmung den
-beschwerlichen Weg antraten, nachdem einem von ihnen die erforderlichen
-Instructionen für den Gastwirth mitgetheilt worden waren, denn zum
-Schreiben hatten wir nichts.
-
-Unser Lagerplatz hatte inzwischen ein etwas buntes Ansehen erhalten.
-Unsere Herren hatten bei ihrer Ankunft natürlich nichts Eiligeres zu thun,
-als sich ihrer zusammengeschrumpften Stiefel und nassen Oberkleider zu
-entledigen, und saßen nun, da sie keine Wäsche zum Wechseln mitgebracht
-hatten, trübselig in der Sonne, um sich selbst und ihre um sie herum
-liegenden Sachen trocknen zu lassen. Doch bald brachten die bei uns
-zurückgebliebenen Eingeborenen wieder Leben in die Gesellschaft, indem
-sie das ausgepackte Frühstück herantrugen, welches durch geröstete
-Yam, Brotfrucht und die am Morgen im Fluß gefangenen Krebse, welche die
-kleine Frau vortrefflich gekocht hatte, noch vervollständigt worden war.
-Inzwischen waren die Nachzügler von uns auch aufgetrocknet, wir gruppirten
-uns in der leichtesten Kleidung und barfüßig in der kühlen Hütte, Essen
-und Getränke schmeckten vorzüglich, und so war es natürlich, daß die ganze
-Gesellschaft sich sehr schnell wieder in der allerbesten Laune befand,
-zumal sich bei dem Gepäck auch trockene Cigarren vorgefunden hatten.
-Nach dem Essen wurde geruht, d. h. geschlafen, denn erst um 3 Uhr wurde
-es in der Hütte wieder munter. Das erste allgemeine Bedürfniß war nun,
-ein Bad in dem schönen See zu nehmen, der Consul dachte aber vorher noch
-an das Praktische und veranlaßte einige Eingeborene auf den Fischfang zu
-gehen, damit wir doch für den wahrscheinlichern Fall, daß die abgesandten
-Leute nicht mehr denselben Abend zu uns zurückkehren würden, wenigstens
-etwas zu essen hätten. Vier Eingeborene kamen mit den Angelhaken, um
-sich ein Stück Fleisch als Köder zu holen, und ich war überrascht Haken
-zu sehen, welche eine Eisenstärke von etwa 8 mm und eine Spannweite
-von 5-6 cm hatten und von welchen die Eingeborenen behaupteten, daß sie
-eigentlich noch zu schwach seien. Dann band jeder sich ein kleines Floß
-aus Bambusstäben zusammen und kurze Zeit darauf sahen wir die Männer mit
-diesen unter gegenseitigem jauchzenden Zuruf über den See schwimmen. Sie
-mußten nach einer etwa 500 m von uns entfernt liegenden Stelle, wo ein
-größerer Gebirgsbach in den See mündet, hin und nahmen trotz ihrer großen
-Leistungsfähigkeit im Schwimmen die Flöße mit, weil das Wasser für die
-Eingeborenen etwas zu kalt ist und dies zuweilen die Ursache sein soll,
-daß ihnen während des Schwimmens die Glieder erstarren und dann das Floß
-sie tragen muß. Es ist daher Regel, daß kein Eingeborener in diesem See
-größere Strecken ohne Floß durchschwimmt.
-
-Unser Bad war nicht so schön, wie wir es uns gedacht hatten, denn da das
-Wasser am Ufer ziemlich seicht ist, so mußten wir in demselben erst eine
-Strecke gehen, ehe wir genügende Tiefe zum Schwimmen fanden, und das
-war kein Vergnügen. Sobald wir das feste Ufer verlassen hatten, sanken
-wir bis zu den halben Knien in den weichen Schlamm ein und machten uns
-dadurch auch noch das Wasser trübe. Hinein ging es wol noch, aber beim
-Herauskommen sahen wir aus, als ob wir ein Schlammbad genommen hätten, und
-es kostete uns viel Mühe, mit Gläsern und Flaschen so viel reines Wasser
-herbeizuschaffen, um uns wieder rein waschen zu können. So kamen wir
-nicht zu dem Genuß, welchen uns das Bad in dem frischkühlen Wasser sonst
-bereitet hätte. Bei dieser Gelegenheit machten wir auch die Entdeckung,
-daß die Innenseiten unserer Beine von dem scharfen Anklammern an die
-Rücken unserer Träger braun und blau geworden waren, und hatten damit die
-Erklärung gefunden für die Schmerzen, welche wir empfanden.
-
-Um 5 Uhr kamen unsere Fischer zurück und brachten einen mächtigen Aal
-mit. Zwei Angelhaken waren, wie die Leute es vorher befürchtet hatten,
-von den Thieren abgebrochen worden. Das mitgebrachte Exemplar, von
-schwärzlicher Farbe auf dem Rücken und weißlich-grüner auf dem Bauch,
-mit zwei großen Ohren am Kopfe, war 1½ m lang und etwa 15 cm dick, hatte
-mithin einen Umfang von über 40 cm. Da dieser Fang voraussichtlich das
-Einzige blieb, aus welchem unsere Hauptmahlzeit hergestellt werden sollte,
-so interessirten wir uns auch für dessen Zubereitung. Wenige Schritte
-von unserer Hütte, auf dem Lagerplatz der Eingeborenen, brannte bereits
-seit einiger Zeit ein großes Feuer, und beim Herantreten sahen wir in der
-Glut einen kleinen Haufen größerer Steine, welche auf diese Weise erhitzt
-wurden. Dann wurden die brennenden Holzscheite zur Seite geworfen, die
-heißen Steine mit nassem frischen Laub vorsichtig gereinigt und hierauf
-wieder so zusammengeschichtet, daß in der Mitte ein Loch blieb. In dieses
-wurde der in Stücke geschnittene Aal, nachdem jedes Stück von vielleicht
-½ kg Gewicht in den Theil eines Bananenblattes eingewickelt worden war,
-hineingelegt und dann das Loch oben mit dem Rest der Steine zugedeckt.
-Dies ist übrigens die Art, wie die Eingeborenen alles kochen. Für das
-Garwerden beanspruchte die kleine Frau eine Stunde, und so zogen wir uns
-mit knurrendem Magen wieder in unsere Hütte zurück, wenig erbaut von der
-Aussicht, wegen Mangel an Licht schon um 6 Uhr ziemlich hungerig schlafen
-gehen zu müssen, denn ein ausgeschickter Kundschafter war um 5½ Uhr mit
-der Nachricht zurückgekommen, daß von den abgesandten Leuten noch nichts
-zu sehen sei.
-
-Die Sonne ging unter, der Mond stand weder am Himmel, noch war er zu
-erwarten, die Schatten der Nacht legten sich über die Berge und auf
-den See, dunkle Wolken umsponnen die Berggipfel und senkten sich, immer
-dichter werdend, fast bis auf den See hinab. Kein Laut rings um uns herum
-und kein anderes für das Auge wahrnehmbare Leben, als ein großes Feuer,
-welches seine schwarzen Rauchwolken nach oben sandte und die in seiner
-Nähe gelagerten Eingeborenen, wie einen kleinen Theil des Sees und unsere
-nächste Umgebung geisterhaft beleuchtete. Es war 6 Uhr geworden, keine
-Aussicht auf eine ausreichende Mahlzeit und auf die nothwendigen Decken,
-deren wir dringend bedurften, um unsere nur sehr leicht bekleideten Körper
-gegen die rauhe Nachtluft zu schützen. Die Eingeborenen machten sich
-schon daran, unser frugales Mahl aus dem Ofen hervorzuholen, da klingt
-ein heller Ruf an unser Ohr, welchen jene aus voller Kehle erwidern und
-der von uns mit einem kräftigen Hurrah -- es mögen auch mehrere gewesen
-sein -- beantwortet wird. Wie lebendig war auf einmal die versteinerte
-Gesellschaft geworden und welcher Jubel brach erst aus, als eine
-Viertelstunde später die braven Tahitier mit schweren Proviantkörben und
-Weinkisten, mit Bettzeug und Windlichtern wohlbehalten bei uns anlangten.
-Nicht einmal mein kleines Kopfkissen hatten sie vergessen, ohne welches
-ich mit meinen verschiedenen Schädelbruchnarben wahrscheinlich eine
-schlaflose Nacht verbracht hätte.
-
-Es war dies eine erstaunliche Leistung von den Leuten, wenn man bedenkt,
-daß sie denselben Weg, zu welchem wir 4-5 Stunden gebraucht hatten, in
-ebenfalls 5 Stunden, und zwar schwer beladen hin und her zurückgelegt
-hatten, und das, nachdem sie vorher schon den Weg, welcher uns vollständig
-niederwarf, als Gepäck- oder unsere Träger mit uns gemacht und dazwischen
-wol kaum eine Ruhepause gefunden hatten. Ich würde es für unmöglich
-gehalten haben, wenn die zurückgekehrten Leute nicht sämmtlich als zu
-unserer Partie gehörig recognoscirt worden wären.
-
-Was nun folgte, war wahrhaft herzerquickend für uns. Erst wurden die
-Windlichter in Ordnung gebracht und angesteckt und dann ging es ans
-Auspacken: Schüsseln, Teller, Gläser, Messer und Gabeln, Servietten; ein
-feister Hammelrücken, ein Roastbeef, gebratene Tauben und Hühner, Hummer,
-gekochte Eier, Brot, gemahlener Kaffee, condensirte Milch und Früchte;
-Sherry, Portwein, leichter Roth- und Moselwein, sowie einige Flaschen
-Champagner, welche in dem auch mitgekommenen Eis gleich kalt gestellt
-wurden.
-
-Trotz unserer steifen Glieder halfen wir alle an der Herrichtung unserer
-Tafel und begannen das Mahl mit dem Aal, dessen Stücke uns auf frischen
-Bananenblättern gebracht wurden. Das Fleisch war außerordentlich
-wohlschmeckend und zart, nur für unsere Gaumen etwas zu fett, sodaß wir in
-Ansehung der Genüsse, welche uns noch bevorstanden, gern auf den größern
-Theil zu Gunsten der Eingeborenen verzichteten.
-
-Wie schon den ganzen Tag über unsere Stimmung auf- und abwogte zwischen
-himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübt, so waren wir jetzt wieder auf
-dem Gipfelpunkt froher Stimmung angelangt. Gesättigt läßt es sich schon
-des Nachts am See Waihiria aushalten, namentlich wenn die Reste unsers
-Mahles ausreichen, auch noch den ganzen Troß zu sättigen und in frohe
-Stimmung zu versetzen.
-
-Wir liegen in und vor der Hütte behaglich ausgestreckt mit einer guten
-Cigarre und einem Glas kalten Champagner, all die Fährlichkeiten des
-verflossenen Tages erörternd und belachend. Die Eingeborenen sitzen um
-ein großes Feuer und sind ebenfalls in bester Stimmung. Vor uns und um
-uns ist alles in Nacht gehüllt und zwischen den auf den Bergen lagernden
-Wolken steht ein Stück des wolkenlosen dunkeln Himmelsdomes mit seinen
-flimmernden Sternen, deren Spiegelbilder aus dem vor uns liegenden
-schwarzen See herausstrahlen und woran wir dessen Wasserfläche zu erkennen
-vermögen. Der Consul verlangt von den Eingeborenen ein Lied, welches sie
-anfänglich verweigern wollen, weil ihnen die nothwendigen Frauenstimmen
-fehlten, doch lassen sie sich unter dem Hinweis, daß doch wenigstens eine
-Frau unter ihnen sei, schließlich erweichen und in die Nacht erschallt ein
-gewaltiger Gesang, ein geistliches Lied so weihe- und stimmungsvoll, ein
-Gesang von so packender Wirkung in der eigenartigen Umgebung, wie ich noch
-keinen gehört hatte. Es war ein wunderbares Orchester aus menschlichen
-Stimmen, jede Stimme sang ihre eigenen Töne und alle vermischten sich zu
-einem vollendeten Ganzen, welches ich nur mit dem Klang einer mächtigen
-Orgel, deren sämmtliche Register geöffnet sind, vergleichen kann. Der
-Gesang verhallt, und erst nach einer Weile finden wir uns zu rauschendem
-Beifall zusammen. Ein zweites Lied wird verlangt und gewährt. Schon die
-ersten Töne kommen uns so bekannt vor, und bald hat einer von uns die
-richtigen Worte für den Refrain gefunden, in welchen wir alle jubelnd
-einstimmen: „Vive la, vive la, vive la va! vive la, vive la, hopsasa!
-vive la Compagneia!“ Die gehobene Stimmung war dahin, die Eingeborenen
-stutzten einen Augenblick und unter allgemeinem Lachen wurde dann das Lied
-in dem von uns angegebenen schnellern Tempo beendet. Der Consul fragte
-danach ganz erstaunt, woher wir die tahitische Nationalhymne kennten.
-Nun kam es heraus! Ein hoher Herr, welcher vor einigen Jahren hier war,
-soll den Tahitiern dieses alte deutsche Studentenlied als Nationalhymne
-geschenkt haben und die Eingeborenen haben sich dann einen passenden Text
-zu der Composition gemacht. Wahr ist jedenfalls, daß dieses Lied auch
-von den Franzosen als tahitische Nationalhymne anerkannt wird, denn wir
-hörten es nachher allabendlich sowol in Papeete wie in Raiatea von einem
-französischen Kriegsschiff als Zapfenstreich blasen und hatten unsere
-Freude daran, daß die Franzosen ein so prächtiges deutsches Lied in so
-hohen Ehren halten.
-
-Doch die Woge unserer Stimmung senkte sich auch wieder. Gegessen hatten
-wir, getrunken auch, auch geraucht und manches Lied gesungen, auch waren
-wir müde, und da es 10 Uhr geworden war, so durften wir wol an unsere
-Nachtruhe denken. Dieselbe zu finden war aber nicht so leicht. Zunächst
-mußten unsere Kleidungsstücke in die Hütte geschafft werden, um sie gegen
-den starken Nachtthau zu schützen; die Hütte war aber eben nur so groß,
-daß wir dicht nebeneinander liegend, die Füße gegen die offene Seite
-gekehrt, gerade Platz fanden. Außerdem war sie aber auch nur so hoch,
-daß die oben aufgehängten längern Kleidungsstücke beinahe bis auf unsere
-Gesichter herunterreichten. Nun ging es ans Aufhängen. Die Röcke wurden
-als Kopfkissen zusammengerollt, die harten Stiefel, die Uhren, Strümpfe
-und sonstigen Kleidungsstücke an- und aufgehängt. Ich zog mir vorsorglich
-als Schutz gegen Mosquitostiche meine Segeltuchschuhe wieder an, und als
-alles fertig war, krochen wir vorsichtig auf unser hartes Lager unter die
-ausgebreiteten Decken und unter die hängende Garderobe, von welcher im
-Laufe der Nacht noch manches Stück herunterfiel, das dann von einem zum
-andern geworfen wurde, bis es in irgendeinem Winkel Ruhe fand. Zu beiden
-Seiten unserer Hütte am Seeufer loderte je ein großes Feuer, um welche
-die Eingeborenen sich gelagert hatten und die sie während der ganzen Nacht
-unterhielten, um sich daran zu wärmen.
-
-Flußübergänge und braune Eingeborene mit müden Europäern auf ihren Rücken;
-lodernde Feuer und zerschlagene Glieder; von den Feuern beschienen
-kriechen ungeheuerliche Aale aus dem schwarzen See und verschlingen
-das für uns bereitete Mahl, während ihnen nachfolgende rothe Hummer und
-Krebse sich am Strande ordnen und einen Reigen tanzen, vive la, vive la,
-hopsasa; einer aus unserer Reihe dreht sich im Schlafe um und bringt alle
-in Bewegung, sodaß mancher wähnt, den steilen Wasserfall hinuntergestoßen
-zu werden; Mosquitostiche und herunterfallende Stiefel; festgehalten im
-tiefen Schlamm; wunderbar großartige Nachtscenerie vor unsern Augen!
-
-Was ist Wahrheit, was ist Traum? Alles vermischt sich, bis auch diese
-Bilder schwinden und ein fester Schlaf uns bis zum ersten Tagesgrauen
-umfangen hält.
-
-Fröstelnd suchen wir unsere steifen Glieder zusammen und greifen nach
-unserm Eigenthum. Doch das ist leichter gesagt wie gethan. Schon am Abend
-wurden die Sachen wol größtentheils vertauscht und alles, was während
-der Nacht heruntergefallen ist, muß aus den verschiedenen Winkeln oder
-außerhalb zusammengesucht werden. Die Stiefel sind in einem Zustande,
-daß sie kaum über gesunde Füße zu ziehen sind, sie aber über die von
-Mosquitostichen verschwollenen Füße zu ziehen, muß nach den Gesichtern
-der Aermsten fürchterlich sein. Unsere weißen Kleidungsstücke sind braun
-vom Lehm, braun und grün vom Pflanzensaft, hier und da auch zerrissen.
-Alle Sachen natürlich ohne Stärke und zerknittert. Wir sehen geradezu
-fürchterlich aus, doch es hilft uns nichts, zurück müssen wir doch.
-
-Nach einem kurzen, die Lebensgeister auffrischenden Frühstück nahmen
-wir Abschied von dem von den ersten Sonnenstrahlen beschienenen, ernst
-dreinschauenden See Waihiria und seiner großartigen Umgebung und machten
-uns gegen 7 Uhr auf den Rückweg, von dem ich nicht viel erzählen will. Die
-ganze Gesellschaft hielt jetzt zusammen, auch die Gepäckträger blieben bei
-uns. Der Stabsarzt stieg nicht mehr nach jedem Flußübergang von seinem
-Pferde ab, sondern blieb bis zum Gasthaus gemächlich im Sattel sitzen.
-Der Consul und ich zogen es vor, da unser Schuhzeug dies erlaubte, auf
-unsern eigenen Füßen durch den Fluß zu gehen und bedienten uns nur an den
-gefährlichern Stellen der Hand unserer Führer. Die kleine Frau, welche
-wieder die Führung übernommen hatte, schien sich für verpflichtet zu
-halten, die müden Europäer an den lichteren Stellen etwas aufzumuntern,
-wenigstens sah sie sich dann immer nach uns um und nickte uns freundlich
-zu. In verhältnißmäßig schnellem Schritt wurde der Weg zurückgelegt,
-sodaß wir schon gegen 9½ Uhr in dem Gasthaus anlangten. Dort wuschen
-wir uns, zogen frische Kleider an, frühstückten, nahmen Abschied von
-den reichbeschenkten braven Tahitiern und fanden in den bequemen Wagen
-unsere gute Laune wieder, welche an diesem Tage noch nicht zum Durchbruch
-gekommen war. Der Rückweg wurde ebenso wie der Hinweg gemacht, und um 5
-Uhr abends waren wir wieder auf unserm Schiff.
-
-Um 7 Uhr fand ich mich im Hause unsers Consuls ein, wo bereits die junge
-Königin von Tahiti, deren Bekanntschaft ich hier machen sollte, anwesend
-war. Sonst war niemand geladen.
-
-Die Königin, welcher nach Bestimmung der französischen Regierung das
-Prädicat „Majestät“ zusteht, ist eine stattliche, imponirende Gestalt,
-über 1,80 m groß und zählt zur Zeit 18 Lebensjahre. Sie wurde, noch nicht
-15 Jahre alt, im Januar 1875 mit dem damaligen Erbprinzen, jetzigen König
-von Tahiti, vermählt; doch dürfte diese Verbindung nur eine leere Form
-geblieben sein, da der Gemahl, welcher ein wunderlicher Herr zu sein
-scheint, sich gleich nach der Trauung auf eine seiner Besitzungen auf das
-Land zurückgezogen haben soll, um dort in sehr zweifelhafter Gesellschaft
-sein bisheriges Leben fortzusetzen. Er kommt nur zur Stadt, wenn er sich
-aus Repräsentationsrücksichten mit der Königin zusammen zeigen muß. Die
-letztere bewohnt daher, nur von ihrem weiblichen Hofstaat umgeben, das
-Stadtpalais allein. Die Königin hat ihre Erziehung in Sydney genossen,
-spricht englisch und französisch, ist ziemlich belesen, gewandt in der
-Unterhaltung und scheint eine liebenswürdige Dame von heiterm Gemüth zu
-sein.
-
-Der Abend verlief sehr angenehm und fand uns alle in so behaglicher
-Stimmung, daß ich auch einigen Stadtklatsch zu hören bekam und dabei
-gleichzeitig erfuhr, wie die hiesigen Damen sich für die fehlende Zeitung
-Ersatz zu schaffen wissen. Für diese tritt der mündliche Bericht ein,
-und die Börse hierfür ist der allmorgendlich stattfindende Markt. Die
-Damen schicken ihre eingeborenen Verwandtinnen oder Vertraute dorthin,
-alle Begebenheiten von Bedeutung werden ausgetauscht und jede Familie
-erfährt beim ersten Frühstück schon, was sich in der Stadt und auf dem
-Lande in den letzten 24 Stunden zugetragen hat. Dies geht so weit, daß
-mir aus dieser Quelle auch für mich wichtige politische Nachrichten
-aus dem Hause des Gouverneurs zuflossen, welche von Einfluß auf meinen
-Besuch der Gesellschafts-Inseln wurden. Der Markt soll aus diesem Grunde
-das bewegteste Bild in Papeete bieten, und ich bedauerte es sehr, dies
-nicht früher gewußt zu haben, weil ich zu einem derartigen Besuch keine
-Gelegenheit mehr fand. Ich hatte es mir bei meinen frühern Reisen stets
-zum Grundsatz gemacht, den Markt nie zu versäumen, weil man hier immer
-Interessantes sieht, hier in Papeete hatte ich aber nichts erwartet.
-
-Ehe wir uns trennten, sprach die Königin noch den Wunsch aus, unser
-Schiff zu sehen, machte aber zur Bedingung, daß sie nur als Tante unserer
-liebenswürdigen Wirthin empfangen würde, daß ferner der Besuch in die
-Abendzeit fallen müsse und über denselben vorher nicht gesprochen werden
-dürfe, weil der französische Gouverneur ihr sonst auf irgendeine Weise
-die Ausführung dieses Wunsches unmöglich machen würde. Was der Gouverneur
-nachher etwa zu sagen beliebte, sei ihr gleichgültig. Da unsere Abreise
-für den 1. Juni morgens festgesetzt war, so blieb nur der nächste Abend
-zur Verfügung, und ich versprach der Dame, sie 7 Uhr abends mit ihren
-Verwandten vom Lande abzuholen.
-
-Der heutige Tag, 31. Mai, gehört den Geschäften.
-
-Wie ich schon angedeutet habe, beabsichtigt die 'Société commerciale de
-l’Océanie' ihren Wohnsitz nach der unabhängigen Insel Raiatea zu verlegen,
-sowol um den übermäßigen Steuern, Zöllen und Hafenabgaben in Papeete, wie
-namentlich den unwürdigen Plackereien durch die französischen Machthaber
-zu entgehen. Diese Absicht ist nicht nur den Franzosen, sondern auch
-weitern Kreisen bekannt, da mir schon in Panama der Commandant eines
-amerikanischen Kriegsschiffs erzählt hatte, daß die bisher auf Tahiti
-ansässig gewesenen Deutschen wegen der seitens der Franzosen gegen die
-dort lebenden Ausländer getroffenen Maßregeln ihren Wohnsitz nach den
-unabhängigen Inseln der Gesellschafts-Gruppe verlegt hätten. Im übrigen
-hat das deutsche Haus seine Absicht auch schon zum Theil ausgeführt,
-die Waarenlager bereits nach Raiatea verlegt und hofft innerhalb einiger
-Monate seine ganze Geschäftsthätigkeit dort concentriren zu können. Die
-unter deutscher Flagge zwischen den Inseln fahrenden kleinern Schiffe
-löschen und laden bereits auf Raiatea, ebenso laufen die zwischen Hamburg
-und hier fahrenden großen Schiffe diesen Hafen und nicht mehr Papeete an.
-Erwähnt sei hier noch, daß die Gesellschafts-Inseln, von welchen Raiatea,
-Huheine und Bora-Bora (auch Bola-Bola genannt) die bedeutendsten sind
-und gesonderte selbständige Staatswesen bilden, in unmittelbarer Nähe
-von Tahiti, d. h. nur etwas über 100 Seemeilen davon entfernt, liegen
-und die Franzosen früher versucht haben, auch diese in ihre Machtsphäre
-einzuschließen. Als sie indeß durch Waffengewalt von Huheine vertrieben
-wurden, legte sich England ins Mittel, und es kam dann zwischen England
-und Frankreich ein Vertrag zu Stande, welcher den Gesellschafts-Inseln
-ihre Unabhängigkeit garantirte.
-
-Die Franzosen brachten nun jedenfalls die Anwesenheit der zufällig
-hierhergekommenen „Ariadne“ mit den Maßnahmen des deutschen Hauses in
-Zusammenhang und befürchteten zweifellos, daß Deutschland sich in ihrer
-unmittelbaren Nähe festsetzen wolle, daß unser Schiff den Auftrag habe,
-von den Gesellschafts-Inseln Besitz zu ergreifen. In Papeete konnte
-man wenigstens aus jedem Munde hören, daß das deutsche Kriegsschiff zu
-diesem Zwecke hierhergekommen sei. Der Gouverneur hielt sich nun wol für
-verpflichtet, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, welche mich wieder zwangen,
-gerade das zu thun, was den Franzosen unbequem war und woran ich vorher
-gar nicht hatte denken können, weil ich nur das Streben hatte, möglichst
-schnell nach Apia zu kommen und daher auch die Forderung der deutschen
-Gesellschaft, zu ihrem Schutze die Gesellschafts-Inseln anzulaufen,
-anfänglich abgeschlagen hatte. Als ich aber durch die Marktzeitung
-erfuhr, daß das hier stationirende französische Kriegsschiff den Auftrag
-erhalten habe, zwei Tage vor meiner bereits bekannten Abreise von Papeete
-nach den Gesellschafts-Inseln zu gehen, um die Eingeborenen gegen die
-Deutschen aufzuwiegeln und ihnen mitzutheilen, daß in den nächsten Tagen
-ein deutsches Kriegsschiff kommen würde, um ihnen ihr Land wegzunehmen,
-daß die Franzosen ihnen aber beistehen und im Verein mit England und
-Nordamerika die Deutschen wieder vertreiben würden, wurde ich unschlüssig.
-Nachdem nun das französische Kriegsschiff gestern wirklich Papeete
-verlassen hat und heute von Huheine auch bereits durch ein besonders
-abgeschicktes Segelschiff an das deutsche Haus die verbürgte Nachricht
-gelangt ist, daß der Franzose dort war und die ganze Insel in Aufruhr sei,
-um sich mit Waffengewalt unserm Eindringen zu widersetzen, blieb mir keine
-Wahl. Ich mußte nun die Inseln anlaufen, sowol um die böswilligen Gerüchte
-zu zerstreuen, wie auch um durch Machtentfaltung die herrschende Aufregung
-zu bändigen und die heißblütigen Eingeborenen vor Gewaltthätigkeiten gegen
-Deutsche zu bewahren.
-
-Da ferner Herr und Frau G. sich bereit erklärt hatten, die auf acht
-Tage veranschlagte Reise als meine Gäste auf der „Ariadne“ mitzumachen,
-so konnte ich, da die genannte Dame mit den regierenden Familien nahe
-verwandt ist und als tahitische Prinzessin mit dem Titel einer „Prinzessin
-der Bienen“ unter den Eingeborenen der ganzen Gruppe ein hohes Ansehen
-genießt, dieselbe auch im Stande war, die etwas zweifelhaften Dolmetscher
-zu controliren, darauf rechnen, die gestellte Aufgabe in glatter Weise zu
-lösen. Schließlich war es mir noch gelungen, den deutschen Capitän eines
-kleinen in Papeete liegenden Schiffes, welcher schon seit vielen Jahren
-zwischen diesen Inseln fährt, als Lootsen zu erhalten.
-
-Während des Nachmittags wurde auf der „Ariadne“ für den Besuch der
-Königin ein Zelt aufgeschlagen und dasselbe mit Flaggen, Laub, sowie allen
-verfügbaren Lampen und Laternen decorirt. Nach dem Vorschiff zu blieb es
-offen, um unserer Mannschaft auch Gelegenheit zu geben, die Königin von
-Tahiti zu sehen.
-
-Abends 7 Uhr, nach Eintritt vollkommener Dunkelheit, wurden die Königin,
-Herr und Frau G. nebst deren Gepäck und Diener, da diese Herrschaften
-wegen unsers frühen Aufbruchs am nächsten Tage schon diese Nacht an Bord
-bleiben sollten, abgeholt. Auf dem Deck waren bequeme Sitzgelegenheiten
-geschaffen und die Offiziere hatten, da ich mich um das Arrangement nicht
-hatte bekümmern können, für die Bewirthung gesorgt. Die Königin trug die
-wenig kleidsame tahitische Nationaltracht, ein langes, faltenreiches,
-gürtelloses Gewand von schwerem schwarzen Atlas und einige Blumen im
-Haar. Das Kleid wurde vorn durch eine reiche Brillantbrosche, welche ein
-Hochzeitsgeschenk des damaligen Präsidenten der französischen Republik
-sein soll, geschlossen. Als die Dame, uns alle überragend, in der Mitte
-des bunten Zelts im vollen Lichtschein stehend, wohlgefällig Umschau
-hielt, um das zu ihren Ehren getroffene Arrangement zu betrachten, war
-sie in ihrer einfachen schwarzen schillernden Kleidung eine entschieden
-hoheitsvolle Erscheinung.
-
-Es wurden verschiedene Erfrischungen gereicht, die Musik spielte einige
-Stücke und gegen 9 Uhr geleitete ich im Verein mit Herrn und Frau G.
-die Königin wieder ans Land, wo sie von einigen Dienerinnen und Dienern
-erwartet wurde. Herr und Frau G. machten es sich in meiner Kajüte bequem,
-während ich ein anderweites Unterkommen für die Zeit gefunden hatte.
-
-Am 1. Juni morgens mit Tagesanbruch verließ unser Schiff Papeete wieder
-und zwar hoffentlich auf Nimmerwiedersehen, da das Anlaufen französischer
-Häfen für ein deutsches Kriegsschiff sogar in der Südsee eine wenig
-angenehme Sache ist.
-
-
-
-
-7.
-
-Die Gesellschafts-Inseln.
-
-
-Unser Weg führte uns zunächst nach der Insel Morea, auch Eimeo genannt,
-wo ich einen nur kurzen Aufenthalt von wenigen Stunden nehmen wollte, um
-im Anschluß daran während der Nacht nach Huheine zu laufen.
-
-Wegen der Erregung in den Gemüthern der Eingeborenen von Huheine hielt
-ich es für zweckmäßig, nicht abends, sondern erst am nächsten Vormittag
-bei guter Zeit dort einzutreffen, und so konnte ich den heutigen Tag gar
-nicht besser zubringen, als unter Segel nach Morea zu laufen und es der
-Gunst des Windes zu überlassen, wie lange unser Aufenthalt dort währen
-solle. Unser Ziel war Taloo-Hafen, von den Franzosen jetzt Papetoaï
-genannt, wo bei dem Dorfe Oponu die einzige auf dieser Insel befindliche
-und Herrn G. gehörige Plantage liegt. Nebenbei wünschte der Herr auch
-meiner Mannschaft einige Tausend Apfelsinen, welche dort gerade geerntet
-waren und nach San-Francisco verschifft werden sollten, zu schenken, ein
-Geschenk, welches ich gern annahm.
-
-Um 9½ Uhr waren wir vor der Hafeneinfahrt angelangt und hatten von hier
-aus einen außerordentlich schönen Blick auf die eigenartig gestaltete
-Insel. Die beiden geradlinig und annähernd parallel nach dem Innern
-laufenden, mäßig hohen Ufer fallen ziemlich steil nach dem Wasser ab,
-sind dicht belaubt und wirken mit ihren tiefen Farbentönen, im Gegensatz
-zu dem hellen Hintergrund, wie die Seitencoulissen auf der Bühne. Den
-Hintergrund bildet eine im vollen Sonnenschein liegende, sanft ansteigende
-und sich weit nach rückwärts erstreckende Ebene, welche durch eine
-hellgrau schimmernde und heiß flimmernde, 900 m hohe, felsige Gebirgswand
-von merkwürdig zerrissenen und gekünstelten Linien begrenzt wird. Am Fuße
-dieser Wand liegt links das Dorf Opuno, in der Mitte vor seinem Anker ein
-großes Segelschiff mit der deutschen Flagge an der Gaffel, und zur Rechten
-sieht man die Plantage mit ihren Gebäuden.
-
-Als wir unter Dampf in dieses Bühnenbild hineinfuhren, hatte ich die
-Empfindung, als ob ich mich nach den Zuschauern unserer Gastvorstellung
-umsehen müsse.
-
-Kurz nach 10 Uhr vormittags kamen wir zu Anker und setzten 5 Uhr abends
-unsere Reise weiter fort.
-
-Morea gehört zu dem tahitischen Königreich und steht somit ebenfalls
-unter französischem Protectorat, obgleich seitens der Franzosen zur
-Zeit keinerlei Controle über die Insel ausgeübt wird, welche wegen ihres
-vorherrschend steinigen Bodens wol auch nie besondere Bedeutung erlangen
-wird. Sie liefert vorläufig nur Orangen und soll reich an verwilderten
-Rindern und Ziegen sein, deren Jagd aber nicht als lohnend betrachtet
-wird, weil die Thiere nur auf kaum gangbaren Pfaden zu erreichen sind und
-ihnen nur mit der Kugel beizukommen ist. Daneben gilt es als unmöglich,
-das erlegte Wild auf den Felsenpfaden bis zu den Wohnstätten der Menschen
-zu schaffen, und es muß daher da liegen bleiben, wo es gefallen ist. Da
-ferner die Rinder in der Regel auch selbst zum Angriff vorgehen sollen
-und namentlich die heerdenlosen Stiere sehr gefürchtet werden, so kann
-diese Jagd nur als ein Sport betrachtet werden, welchem in frühern Zeiten
-wol englische Marineoffiziere gehuldigt haben sollen, zu welchem sich in
-neuerer Zeit aber keine Jünger mehr gefunden haben.
-
-Unser Aufenthalt am Lande beschränkte sich darauf, die Plantage zu
-begehen, die Unmassen der ein großes Schiff füllenden Orangen anzustaunen,
-im Schatten der Veranda des Wohnhauses zu ruhen und dabei das schöne
-Landschaftsbild zu genießen.
-
-Am 2. Juni morgens langten wir vor Huheine an, ankerten im Laufe des
-Vormittags im Owharre-Hafen und zwar so dicht unter Land, daß das Schiff
-außerdem auch noch mit Tauen an Bäumen festgebunden werden konnte. Der
-Hafen ist zu eng, um großen Schiffen ein freies Schwingen um ihren Anker
-zu gestatten, man muß sich daher auf die angegebene Weise helfen.
-
-Auf dem zwischen dem Ufer des Hafens und dem Königshaus liegenden
-großen freien Platz lagerten so große Menschenmassen, Männer, Frauen und
-Kinder, daß die gesammte Bevölkerung der Insel hier zusammengeströmt zu
-sein schien, wie es auch thatsächlich der Fall war. Ein von Frau G. an
-die Königin geschriebener Brief, in welchem die Dame unsern Besuch zum
-nächsten Vormittag anmeldete, wurde gleich an Land geschickt; die umgebend
-erfolgende Antwort lautete, daß wir zu der von mir in Vorschlag gebrachten
-Stunde, 9 Uhr vormittags, erwartet werden würden.
-
-Da ich es nicht für angezeigt hielt, vor diesem Besuch schon eine
-Verbindung mit dem Lande herzustellen, benutzte ich den heutigen
-Nachmittag zu einer Bootsfahrt. Wir umsegelten innerhalb des Korallenriffs
-einen großen Theil der Insel und bekamen landschaftlich viel Schönes zu
-sehen. Die von uns befahrene Wasserfläche wird nach der See hin begrenzt
-durch das Korallenriff, nach der andern Seite durch die Insel, welche
-ähnlich wie Tahiti nur an der Küste einen mehr oder minder breiten Gürtel
-fruchtbaren Landes hat und deren Kern als 700 m hoher nackter Fels in
-diesem grünen Rahmen steht. Die Ansiedelungen der Eingeborenen, welche in
-der Regel unter schattigen Bäumen am Fuße des Berges liegen und freien
-Ausblick über das vor ihnen liegende bebaute Land und über das ruhige
-Wasser innerhalb des Riffs hinweg auf die offene See und die Insel Raiatea
-haben, machen einen außerordentlich behaglichen, friedlichen Eindruck,
-welcher durch die Abwesenheit alles menschlichen Lebens, denn alle Hütten
-sind zur Zeit verlassen, allerdings etwas abgeschwächt wird.
-
-An einer besonders einladenden Stelle, wo an einer kleinen Einbuchtung
-dicht am Strande, unter hohen schattigen Bäumen, ein besseres Haus mit
-gepflegtem Garten stand, legten wir an einer kleinen Brücke an, um den
-dort wohnenden und meinen Gästen näher bekannten Häuptling zu besuchen.
-Doch auch dieses Haus war verlassen. Wir erfrischten uns an einigen
-Apfelsinen und Bananen, setzten dann unsere Fahrt fort und dehnten
-dieselbe bis zu einer bis unter den Meeresspiegel reichenden Einsenkung
-aus, welche Huheine eigentlich zu zwei Inseln macht, obgleich die
-auf diese Weise gebildete Wasserrinne nur sehr schmal ist und eine so
-geringe Tiefe hat, daß sie nur bei Hochwasser befahren werden kann. Vor
-Sonnenuntergang waren wir wieder an Bord und bereuten nicht, den schönen,
-genußreichen und erfrischenden Ausflug gemacht zu haben.
-
-Am Morgen des 3. Juni hatte ich der Königin durch unsere Musik ein
-Ständchen bringen lassen, und um 9 Uhr vormittags fand in ihrem Hause
-die verabredete Zusammenkunft statt. Unser Weg dahin führte uns durch das
-ganze Volk von Huheine, welches hier versammelt uns mit theils drohenden,
-theils besorgten Mienen musterte.
-
-Bei der Königin befanden sich ihr ältester Sohn, dessen Frau und die
-den Staatsrath bildenden vornehmsten Häuptlinge. Die Königin, eine
-ältere Frau, trug ein Waschkleid nach tahitischem Schnitt und einen
-breitberandeten italienischen Strohhut mit flatterndem grünseidenen Band;
-ihre Schwiegertochter war ebenso gekleidet, doch ohne Hut; der Sohn und
-Thronfolger sowie die Häuptlinge waren in Hosen und Hemden. Die Damen
-hatten Schuhe an, die Herren waren barfuß.
-
-Unser Empfang war ein sehr kühler, alle Gesichter drückten ernste
-Sorge aus. Der von uns mitgebrachte Dolmetscher, Sohn eines englischen
-Missionars, übersetzte meine Ansprache, in welcher ich sagte, daß ich
-gekommen sei, um der Königin meinen Besuch zu machen, und daß das Schiff
-die Aufgabe habe, die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen den
-Deutschen und der Regierung des Landes bisher bestanden hätten, nicht nur
-fernerhin zu unterhalten, sondern auch noch fester zu knüpfen, aber auch
-die Interessen der erstern wahrzunehmen, wenn dies nothwendig sein sollte.
-
-Der Sprecher der Königin dankte darauf für den ihr gewordenen Besuch
-und für die Vertrauen erweckenden Worte, betonte dann aber, daß das
-Volk von Huheine voller Sorge sei, weil sie von Papeete die bestimmte
-Nachricht erhalten hätten, daß wir diese Inselgruppe mit Gewalt zu nehmen
-beabsichtigten. Meine Antwort konnte nur dahin lauten, daß Deutschland
-vorab nicht an die Erwerbung von Colonien dächte, aber auch nicht wünschen
-könne, die noch unabhängigen Inseln sich in Colonien anderer europäischer
-Staaten umwandeln zu sehen, und daher nur als Beschützer solcher
-Inselgruppen betrachtet werden könne, wie ihnen das Beispiel Tongas zeige,
-mit welchem das Deutsche Reich einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen
-habe, wodurch das kleine Inselland vor fremder Willkür gesichert sei.
-Solange daher die deutschen Unterthanen auf den unabhängigen Inseln unter
-dem Schutz der Landesgesetze sicher leben und Handel treiben könnten,
-müßten die deutschen Kriegsschiffe immer als die Freunde des Landes
-angesehen werden, denn ihre Aufgabe sei nur, deutsches Leben und Eigenthum
-zu schützen.
-
-Nach diesen Worten und einigen ergänzenden freundlichen Bemerkungen der
-Frau G. an die Königin änderte sich die Scene urplötzlich. Sichtliche
-Freude strahlte auf allen Gesichtern und der Sprecher hielt eine freudig
-bewegte Ansprache, worin er erklärte, daß nunmehr die Sorgen von ihnen
-genommen seien, und wie groß diese gewesen wären, könnten wir daraus
-ersehen, daß sie alle die drei letzten Nächte schlaflos zugebracht
-hätten und das ganze Volk während dieser Zeit um seine Königin geschart
-gewesen sei. Dann trat der Sprecher in die offene Thüre auf die Veranda
-des Hauses und hielt eine längere Ansprache an das Volk, nach deren
-Schluß die Leute wegeilten und bald darauf reich beladen mit Geschenken,
-welche in Schweinen und Früchten bestanden, zurückkehrten und diese vor
-mir niederlegten. Als die Geschenke in unsere Boote gebracht waren, um
-meiner Mannschaft mit ihnen einen guten Tag zu machen, lud Frau G. in
-meinem Namen die Königin mit ihrer Familie, die Häuptlinge und das ganze
-Volk zum Nachmittag auf unser Schiff ein. Die Einladung wurde mit großer
-Freude angenommen, und der Nachmittag gestaltete sich zu einem wahren
-Volksfeste, da alles, was kommen konnte, auch zu uns kam, Jung und Alt,
-Männer, Frauen und Kinder. Die Vornehmern wurden in meiner Kajüte mit
-Schaumwein, Fruchtsäften, Kuchen und Marmeladen bewirthet, das Volk in
-der Offiziermesse mit Punschbowle. Unsere Musik wechselte ab mit den
-Gesängen und Tänzen der Eingeborenen, Freude und Lust beherrschten das
-Fest und jede Furcht der Eingeborenen war verschwunden, als sie um 5 Uhr
-sehr befriedigt das Schiff wieder verließen.
-
-Die Königin, ihre Familienmitglieder und die Häuptlinge wurden von Herrn
-und Frau G. noch mit Kleiderstoffen beschenkt, worauf die Königin in
-ihrem Freudenrausch auch noch bat, mit Frau G. die Hüte austauschen zu
-dürfen, wodurch ich in den Besitz des königlichen Hutes kam, da Frau G.
-mir denselben als Andenken verehrte. Wie sich später zeigen wird, war mir
-derselbe aber nicht lange beschieden. Bei den Gesängen der Eingeborenen
-hatte ich gehofft, etwas Aehnliches zu hören wie am See Waihiria auf
-Tahiti, aber ich täuschte mich, wenngleich der Gesang auch gut geschult
-und melodiös war. Von dem Tanz läßt sich auch nicht viel sagen. Die
-Darsteller waren Frauen, welche einzeln sich zeigten und ohne Grazie
-jähe Bewegungen mit dem Mittelkörper machten. Ich vermuthe, daß diese
-Schaustellungen einen etwas wüsten Charakter angenommen hätten, wenn nicht
-die Königin, welche ein strenges Regiment führen soll, zugegen gewesen
-wäre.
-
-Am 4. Juni verließen wir mit Tagesanbruch Huheine wieder und gedachten
-im Laufe des Vormittags in dem Hafen Otea-Vanua auf Bora-Bora ankern zu
-können. Doch der Wind war wieder einmal anderer Ansicht wie wir, wehte
-fest aus Südwest statt aus Südost, und entwickelte sich zu einem mäßigen
-Sturm mit hohem Seegang. So kamen wir unter Dampf nur langsam vorwärts.
-Schon vom Morgen an lag die nur noch 36 Seemeilen von uns entfernte Insel
-Bora-Bora scheinbar nahe vor uns, ein 700 m hoher, dräuender, mächtiger
-Felsblock auf sonst niedrigem, größtentheils üppig belaubten Unterlande,
-und doch wurde es 3 Uhr nachmittags, ehe wir zum Hafeneingang, und 4 Uhr,
-bis wir zu Anker kamen. Als wir endlich die Nordspitze der rundum von
-einem Korallenriff umgebenen Insel, welches abweichend von der sonstigen
-Regel ziemlich hoch über Wasser liegt und größtentheils mit Kokospalmen
-bestanden ist, umschifft hatten und dicht an der Küste entlang südlich
-nach dem Hafeneingang steuerten, bot sich dem Auge wieder ein wunderbares
-Bild der merkwürdigsten Contraste.
-
-Wir selbst auf der wild aufgeregten, schäumenden See, unser Schiff
-tief einstampfend, rollend und ächzend. Ueber uns die schnell ziehenden
-dickgeballten Wolken. Unwirsch mahlt die mit 2000 Pferdekräften arbeitende
-Schraube im Wasser, weil das Schiff ihrem Druck nicht folgen will, und
-hochauf spritzt der Gischt, wenn sich das Heck schüttelnd und in allen
-Verbänden knarrend aus dem Wasser hebt und die Schraube theilweise frei
-von diesem, in fast doppelten Umdrehungszahlen mit den obern Flügelspitzen
-durch die Luft schlägt. Tief gräbt der Bug sich dann in die von vorn
-andrängenden Wellen, sodaß die helle See über die Back bricht und die
-von dem mächtigen Anprall in Wasserstaub aufgelösten Wogenkämme über das
-ganze Schiff hinwegstürmen, welches in seinem Lauf plötzlich gehemmt, bis
-in die obersten Mastspitzen erzittert. Hastend quillt als dicke Wolke der
-schwarze Rauch aus dem großen Schlot und bildet nach hinten eine breite
-dunkle Straße, über welcher oben am Hauptmast der lange weiße Wimpel in
-schlangenähnlichen Windungen flattert. Der Rauch schwärzt alles, was er
-erreichen kann, und der Seewasserstaub überzieht Schiff, Takelage und
-Menschen mit glitzernden weißen Salzkristallen. Zur Linken von uns das von
-der Brandung ganz in blendenden Schaum gehüllte Korallenriff mit seiner
-Kette belaubter kleiner Inseln, deren Palmen sich widerwillig unter dem
-Druck des starken Windes zur Seite neigen und dahinter -- hellgrünes
-Wasser, welches, von dem Winde unberührt, wie ein Spiegel sich unter der
-Sonne ausbreitet und an dessen anderm Ufer die Hauptinsel fern von dem
-Toben des Sturmes und des Meeres in erhabener Ruhe emporragt, scheinbar
-beschützt von dem gigantischen, die ganze Insel beherrschenden Felsblock.
-
-An der Hafeneinfahrt trafen wir mit einem kleinen Schooner zusammen,
-welcher, mit vollen Segeln vor dem Winde herlaufend, dem schützenden
-Hafen mit fliegender Fahrt zueilte. Unser Schiff drehte und jagte auch,
-nun ebenfalls vor dem Winde, mit 12 Seemeilen Geschwindigkeit in die
-schmale Einfahrt. Was sich meinem Blick darbot, war zum Entsetzen. Unser
-Lootse, ein durchaus verständiger Mann, hatte sich die zu erwartende
-Situation vorher jedenfalls nicht klar gemacht, denn sonst hätte er mir
-vom Einlaufen unter diesen Verhältnissen abrathen und jede Verantwortung
-für das Wagniß ablehnen müssen. Jetzt war es zu spät, denn an Umdrehen
-war wegen mangelnden Raumes nicht mehr zu denken, der Lootse war ebenso
-versteinert wie ich es im ersten Augenblick war, aber zu langem Ueberlegen
-blieb keine Zeit; wir mußten uns zu helfen suchen, so gut es ging.
-
-Von dem Fahrwasser und den Riffen, welche sonst durch die auf ihnen
-stehende Brandung oder durch die hellere Wasserfarbe zu erkennen sind, war
-nichts zu sehen, der vor uns liegende Raum war ein Auf- und Niederwogen
-wild kämpfender Wasserberge, welche nur aus weißem Gischt bestanden. Die
-in die 900 m breite und drei Seemeilen lange Einfahrt hineindrängenden
-hohen Wellen wurden von den seitlichen Riffen zurückgeworfen, prallten
-gegen die nachstürmenden zurück und erzeugten einen Aufruhr im Wasser,
-welcher jeder Beschreibung spottet. Es war ein Wallen, Tosen, Sieden und
-Branden, daß man sein kaltes Blut verlieren konnte. Wir waren mitten in
-der Brandung und niemand konnte wissen, ob nicht im nächsten Augenblick
-ein markerschütternder Stoß uns sagen würde, daß das Schiff verloren
-sei, und daß die durch den Anprall herniederbrechende schwere Takelage
-den größten Theil der auf Deck befindlichen Personen erschlagen würde.
-Nach Peilung des Kompasses zu steuern, war auch ausgeschlossen, weil das
-Schiff in der tobenden See so jähe Bewegungen machte, daß die Kompaßrose
-in ihrem Gehäuse wild hin- und herlief. So blieb keine andere Wahl, als
-weiter zu laufen, nach dem Auge den wahrscheinlich richtigen Curs zu
-halten und es der Vorsehung zu überlassen, ob wir glücklich durchkommen
-oder das Schiff verlieren sollten. Das Ernsteste war der Entschluß, die
-Maschine mit Volldampf weiter arbeiten zu lassen, da ein Stoppen derselben
-die Fahrt nicht genügend verringern konnte, andererseits aber das Schiff
-bei der größern Geschwindigkeit besser zu steuern war. Hier hieß es Zähne
-zusammenbeißen, sich gut festhalten, um nicht über Bord geschleudert zu
-werden, und -- Vorwärts!
-
-Bäumend und sich wälzend, bis zu 30° nach jeder Seite schlingernd, vorn,
-links und rechts Wasser schöpfend, schnitt das Schiff, nachdem alle
-entbehrlichen Leute zur Sicherung gegen die etwa fallenden Masten unter
-Deck geschickt worden waren, durch das brandende Meer neben dem kleinen
-Schooner her, welcher unter seinen vollen Segeln mit uns die gleiche
-Geschwindigkeit hielt und entweder hoch oben auf einem Wellenkamm thronend
-über uns stand, oder im Wellenthal soweit verschwand, daß nur die obersten
-Spitzen seiner 20 m hohen Masten für uns sichtbar waren. Nach Verlauf von
-15 Minuten, welche mir eine Ewigkeit dünkten, liefen wir mit einem Bogen
-hinter das Riff in ruhiges Wasser und in eine andere Welt. Das Schiff lag
-plötzlich ruhig -- ich athmete tief auf, stoppte die Maschine und gab den
-Befehl zum Ankern.
-
-Gleich nach unserer Ankunft wurde, ebenso wie es in Huheine geschehen
-war, an die Königin ein Brief mit der Anmeldung unsers Besuchs für den
-nächsten Morgen geschickt. Die unserm Boten mitgegebene Antwort lautete,
-daß wir willkommen seien, von Geschäften aber nicht gesprochen werden
-dürfe, weil wegen vieler auf der Insel stattgefundener Todesfälle der
-nächste Tag als allgemeiner Buß- und Bettag festgesetzt worden sei. Da
-ich nun keinen ganzen Tag verlieren wollte, so übernahm es Frau G. noch
-an diesem Abend den Räthen der sieben Jahre alten Königin über den Zweck
-unsers Hierseins Aufschluß zu geben, damit etwaige Unklarheiten unter
-der Hand beseitigt werden könnten. Wir fuhren daher an Land und die Dame
-ging in das Königshaus, während Herr G. und ich einen kleinen Spaziergang
-machten. Als wir von diesem zurückkehrten, kam Frau G. uns schon entgegen,
-an der Hand die kleine Königin, welche uns in ergötzlicher Weise auf ihrer
-Insel begrüßte und mir sagen ließ, daß ihre Räthe zu den Deutschen volles
-Vertrauen hätten. Die kleine braune Herrscherin, ein hübsches freundliches
-Kind, trug ein kurzes Kattunkleidchen, hatte hohe weiße Strümpfe an und
-ging in ihren unförmlichen hohen Schnürstiefeln aus schwarzem Lackleder
-wie auf Stelzen. Als ich auf ihre Frage, wie es mir auf der Insel gefiele,
-antwortete, daß ich alles sehr schön fände, mein Diener aber klage, für
-Geld und gute Worte keine Eier bekommen zu können, meinte sie, daß sie da
-bald Abhülfe schaffen wolle. Sie lief nun so schnell als die unbequemen
-Stiefel es erlaubten in ihr Haus zurück, kam bald mit einem Körbchen in
-der Hand barfuß wieder herausgesprungen, ging in die zunächstgelegenen
-Hütten, brachte mir dann das inzwischen mit Eiern gefüllte Körbchen und
-sagte, als ich den Leuten das Geld für die Eier schicken wollte, stolz:
-„Die Königin kauft von ihren Unterthanen nichts, sondern nimmt denselben
-das für sie Nothwendige weg.“
-
-Am nächsten Morgen war feierlicher Empfang. Bei unserm Landen fanden
-wir so große Menschenmengen vor dem Königshause, daß wir wol die
-Bevölkerung der ganzen Insel hier versammelt annehmen durften. Die für
-mich bestimmten Geschenke waren auch schon zusammengetragen und lagen
-geordnet vor dem Hause zu beiden Seiten der Verandatreppe, auf welcher
-wir von einem braunen Herrn empfangen und in das Empfangszimmer geführt
-wurden. Hier befand sich bereits die Königin im Kreise der den Staatsrath
-bildenden Häuptlinge, von welchen einer, ihr Onkel, die Regentschaft
-führt. Eingeborene Damen waren nicht anwesend. Die vor uns befindliche
-Gesellschaft machte im Vergleich zu Huheine einen sehr civilisirten
-Eindruck, denn die Herren waren sämmtlich in guten schwarzen Anzügen
-und hatten Lackstiefel an den Füßen. Ueber dem zugeknöpften Frack trugen
-sie eine rothseidene Schärpe um den Leib geschlungen und in der linken
-Hand einen in Blech- bezw. Lederscheide steckenden Säbel oder Degen,
-Waffen, welche ihrer alterthümlichen Form nach jedenfalls aus dem vorigen
-Jahrhundert stammten und den verschiedensten Völkern angehört hatten. Daß
-die Säbel in der Hand getragen wurden, mag seinen Grund darin haben, daß
-die zum Anhängen nothwendigen Säbelkoppeln fehlen. Die Königin, welche ein
-rothseidenes Kleidchen anhatte und deren Kopf mit einem aus künstlichen
-Strohblumen gefertigten Diadem geschmückt war, kam uns entgegen, bot
-uns die Hand und lud dann zum Sitzen ein. Das alles machte sie so nett
-und natürlich, daß ich von der Fertigkeit dieser kleinen Person ganz
-überrascht war. Frau G. setzte sich auf das vorhandene Sofa und nahm
-die Königin von Bora-Bora auf ihren Schos, während wir Herren uns der im
-Kreise aufgestellten Stühle bedienten.
-
-Nachdem einige Höflichkeitsphrasen ausgetauscht waren, wobei Frau G. die
-Dienste des fehlenden Dolmetschers versah, mußten wir auf die Veranda
-treten und mit dem Volke Hände schütteln, was in der Weise geschah, daß
-die Eingeborenen (Männer, Frauen und Kinder) truppweise und in guter
-Ordnung mit gebeugtem Oberkörper auf die Veranda kamen, uns die Hand
-gaben und dann ebenso wieder zurücktraten. Ein junger Mann fiel mir dabei
-dadurch auf, daß er zu diesem Zweck dreimal die Veranda betrat; die den
-Leuten gewordene Ehre muß also wol sehr groß gewesen sein. Auch dieses
-Händeschütteln, welches ungefähr eine Stunde währte, nahm sein Ende; die
-vielen, wieder für meine ganze Besatzung ausreichenden Geschenke, wurden
-mir übergeben, und dann kehrten wir zum Schiffe zurück.
-
-Am 6. Juni vormittags wurden die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt,
-deren Ergebniß darin bestand, daß die Machthaber von Bora-Bora den
-deutschen Unterthanen jeden Schutz und volle Handelsfreiheit zusicherten
-und ich dagegen anerkannte, daß die Deutschen sich den zur Zeit
-bestehenden Landesgesetzen, von welchen ich vorher Einsicht genommen
-hatte, unterzuordnen hätten.
-
-Für den Nachmittag wurde auch hier die Bevölkerung auf die „Ariadne“
-eingeladen und das Fest nahm denselben Verlauf wie in Huheine. Die
-kleine Königin schwelgte namentlich in Wonne, nachdem sie sich auf meine
-Aufforderung hin mit Genehmigung ihres Oheims ihrer Stiefel und Strümpfe
-entledigt hatte, welche dieser Herr ihr in meiner Kajüte auszog.
-
-Hier kann ich nicht umhin, der wunderbaren Thatsache zu gedenken, daß
-dieses kleine Mädchen sich nur unter der Obhut von Männern befindet und
-keine eigentliche weibliche Pflegerin hat, wenn sich in ihrem Hause
-vielleicht auch einige Dienerinnen befinden mögen, und wie sich dem
-Beobachter hier bei diesem Kinde, wenn es nicht schon bei dem Besuch
-der andern Inseln geschehen sein sollte, der Gedanke aufdrängen muß,
-daß diese Insulaner das Vorbild für ihre Staatsform bei den Ameisen und
-Bienen gefunden haben. Daß sie die weibliche Erbfolge an der Krone für
-die natürlichere und richtigere halten, ist ja allbekannt; ebenso sind es
-die Gründe hierfür, nämlich, daß das Kind immer Blut von der Mutter haben
-muß, der Gatte der Mutter dem Kinde aber sehr fern stehen kann, ja bei der
-Ungebundenheit der herrschenden Sitten die Mutter vielleicht selbst nicht
-einmal im Stande ist, den Vater zu bezeichnen. Weniger bekannt dürfte
-es aber sein, eine wie hohe, fast göttliche Verehrung alle Polynesier
-dem edlen Blut ihrer alten Häuptlingsfamilien zollen und wie sie trotz
-aller Unterwürfigkeit unter jede Laune ihrer Machthaber ängstlich darüber
-wachen, daß kein ihrer Ansicht nach unedles Blut zur Herrschaft über
-sie gelangt, daß sie aber dem edlen Blut jede Ausschreitung und jedes
-Laster verzeihen. Sieht man nun, wie diese kleine Königin in ihrem Hause
-nur von Männern umgeben lebt, von diesen sonst nichts thuenden und von
-dem Besitz des Volkes sich nährenden Häuptlingen oder Drohnen bedient,
-gepflegt und mit ängstlicher Sorgfalt großgezogen wird, und sieht man
-ferner, wie das Kind sich andererseits wieder in seinem kleinen Reich frei
-und ungebunden bewegen kann, von jedermann als das schätzbarste Gut des
-ganzen Staatswesens betrachtet und behandelt wird, und von jedem seiner
-Unterthanen ohne Murren das erhält, was es für sich verlangt, dann kann
-sich meines Erachtens bei dem Beobachter der obige Gedanke nur befestigen.
-
-Um 4 Uhr nachmittags verließen die Eingeborenen das Schiff wieder, nachdem
-die Häuptlinge auch hier mit Geschenken bedacht worden waren. Die kleine
-Königin schenkte mir beim Abschied ihr Strohblumendiadem als Andenken.
-
-Ein kleiner Zwischenfall hatte sich noch kurz vor Schluß des Festes
-zugetragen, indem einer unserer Matrosen, welcher zu den an Land
-Beurlaubten gehörte, von zwei eingeborenen Polizeidienern an Bord gebracht
-und eines Vergehens gegen die Hafenordnung angeklagt wurde. Da der Mann,
-ein als ordentlich bekannter Mensch, die Thatsache aber bestritt, auch
-keine Zeugen herbeigebracht werden konnten, so mußte die Sache fallen
-gelassen werden. Sie gab mir indeß Veranlassung, den etwas Englisch
-sprechenden Häuptling, welcher die kurze Verhandlung in Abwesenheit eines
-Dolmetschers geleitet hatte, zu meiner Belehrung zu fragen, ob diese
-Polizeiverordnung wirklich streng durchgeführt würde, da man auf den
-andern Inseln in diesem Punkte doch die weitgehendste Freiheit gestatte
-und es mir so scheinen wolle, als ob man den Mann nur aufgegriffen hätte,
-um uns zu zeigen, wie streng man bei ihnen auf gute Sitte hielte. Seine
-Antwort war, daß das Gesetz nur Geltung für das niedere Schiffsvolk
-habe und auch nur für solche, welche sich fangen ließen. Er mache sich
-gar nichts aus dem Gesetz und lade mich in sein Haus ein, wenn ich aber
-wirklich mit dem Schiff in einer Stunde schon fortgehen wolle, dann würde
-er einer seiner Frauen den Auftrag geben, auf dem Schiff zu bleiben und
-ich möchte sie dann später nur mit dem Boot, welches er mit einigen Leuten
-auch bei mir zurücklassen wolle, von See aus wieder nach Hause schicken,
-sie würden den Rückweg zur Insel schon finden. Er gab dann auf meine
-Fragen noch zu, mehrere Frauen zu haben und Christ zu sein und setzte
-hinzu, daß sie das Christenthum nur soweit angenommen hätten, wie es ihnen
-gefiele. Nachdem ich sein Anerbieten trotz wiederholten Drängens abgelehnt
-hatte, schenkte er mir als Ersatz, um mir doch eine Freude zu machen,
-seine aus Strohblumen gefertigte Halskette.
-
-Um 5 Uhr verließen wir Bora-Bora wieder, um während der Nacht nach Raiatea
-zu segeln, wo wir denn auch am nächsten Vormittag im Hafen von Uturua
-eintrafen.
-
-Raiatea mit der Nachbarinsel Tahaa hat denselben landschaftlichen
-Charakter wie Huheine und Bora-Bora -- der merkwürdige 800 m
-hohe Felsblock inmitten fruchtbaren Landes, die Insel umgeben
-von Korallenriffen und kleinen Inseln, hinter welchen gute Häfen
-liegen. Die äußere, namentlich in dem Mittelkamm zu Tage tretende
-Formenübereinstimmung in den vier Inseln, von welchen die beiden
-äußersten 45 Seemeilen auseinander liegen, berührt ganz eigenartig, denn
-sie entstammen zweifellos einem Guß und man fragt sich staunend, welch
-ungeheuerer plötzlichen Katastrophe sie ihr Dasein verdanken mögen.
-
-Gleich nachdem wir in nächster Nähe der deutschen Niederlassung, vor
-welcher drei deutsche Handelsschiffe lagen, geankert hatten, kam ein
-Boot mit Eingeborenen längsseit, und einer der Leute betrat mit einem
-Damenstrohhut in der Hand das Schiff, nach Frau G. fragend. Sehr belustigt
-waren wir zu hören, daß die Königin von Huheine ein Boot den weiten Weg
-nach Raiatea geschickt hatte, um den früher erzählten Huttausch rückgängig
-zu machen. Die braune Fürstin war wahrscheinlich der Ansicht, daß ihr
-früherer Hut doch schöner und werthvoller sei, und so mußte ich die in
-meinen Händen befindliche königliche Kopfbedeckung wieder herausgeben.
-Frau G. war zwar entrüstet und wollte von diesem Handel nichts hören,
-ich hatte aber Wichtigeres zu thun, als um den Besitz eines Strohhutes zu
-streiten.
-
-Ein Offizier des französischen Aviso, welchen wir hier endlich
-antrafen, begrüßte das Schiff im Namen seines Commandanten, und dann
-kam der Vorsteher der deutschen Niederlassung, um Beschwerde gegen die
-Eingeborenen und indirect gegen das französische Kriegsschiff zu führen.
-Der Einfachheit halber will ich den Herrn selbst sprechen lassen:
-
-„Der französische Aviso erkundigte sich nach seiner am 1. Juni erfolgten
-Ankunft gleich bei dem König, ob nicht Zwistigkeiten mit Ausländern
-vorlägen, bei welchen er ihm seine Dienste leihen könne, und danach erst
-kam er mit der Sache zum Vorschein, wegen welcher er hergekommen sein muß.
-Denn ich weiß aus sicherer Quelle, daß er den Eingeborenen sagte, es würde
-in den nächsten Tagen ein deutsches Kriegsschiff kommen, um ihnen ihre
-Insel wegzunehmen und er sei zu ihrem Schutze hier. Dann gab er ihnen den
-Rath, sobald die deutsche Flagge auf unserer Niederlassung gehißt würde,
-gleich die Forderung an uns zu stellen, dieselbe wieder niederzuholen,
-und die Forderung zu wiederholen, wenn ihr nicht nachgekommen würde,
-und wenn auch dies fruchtlos bleiben sollte, den Flaggenmast mit Gewalt
-niederzureißen. Er fügte noch hinzu, daß die Eingeborenen sich vor den
-Deutschen nicht zu fürchten brauchten, denn nicht nur er würde sie gegen
-deutsche Gewalt schützen, sondern auch die Engländer und Amerikaner würden
-dies thun. Als nun die «Ariadne» in Sicht kam, hißten wir vor einer Stunde
-zum ersten mal seit unserer Ansiedelung hierselbst unsere deutsche Flagge
-(Handelsflagge), und richtig kamen einige Abgesandte vom König mit der
-Forderung, dieselbe wieder niederzuholen, welchem Ansinnen ich indeß nicht
-entsprach, mich aber erbot, ihnen die Axt zu verkaufen, mit welcher sie
-etwa Gewalt an dem Mast gebrauchen wollten. Inzwischen war die «Ariadne»
-näher gekommen, die Eingeborenen verglichen mit ängstlichen Blicken den
-kleinen Franzosen mit Ihrem mächtigen Schiff, sahen auch keine Engländer
-und Amerikaner, murmelten etwas von König Wilhelm und Bismarck und zogen
-ziemlich still wieder ab, ohne bisjetzt ihre Forderung wiederholt zu
-haben.“
-
-Soweit der Berichterstatter.
-
-Dem König (Raiatea hat ein männliches Oberhaupt) wurde, nachdem etwas
-Ruhe eingetreten war, unser Besuch zum nächsten Vormittag angemeldet,
-welcher zu 8 Uhr angenommen wurde. Unsere Bemühungen, einen Dolmetscher
-zu erhalten, blieben erfolglos, da die beiden ortsanwesenden Engländer,
-welche allein geeignet gewesen wären, unter nichtigen Vorwänden ablehnten;
-so mußte denn Frau G. wieder als solcher eintreten. Den Nachmittag
-verbrachten wir am Lande in dem geräumigen, luftigen deutschen Hause,
-welches auf direct aus der See aufsteigenden niedrigen Felsen erbaut
-ist. Unsere Musik spielte auf dem Hofe, wo außerhalb des Zaunes viele
-Eingeborene zusammengeströmt waren, und wir saßen an einem schönen Platz
-am Wasser und sahen zu, wie zu unsern Füßen einige eingeborene Diener des
-Hauses für uns Hummern fingen und Austern von den Felsen abbrachen.
-
-Unser Besuch beim König hatte ein wesentlich anderes Gepräge, als
-wie seiner Zeit in Huheine und Bora-Bora. Nicht nur, daß wir im
-Gegensatz zu den dortigen, auf schönen geebneten Plätzen liegenden,
-wohnlichen und schmucken Königshäusern hier eine von Gestrüpp umgebene
-schmutzige, baufällige Hütte ohne eigentliches Mobiliar fanden, daß
-das zusammengeströmte Volk einen unsaubern Eindruck machte und sich
-ebenso unbotmäßig wie dreist gegen seine Häuptlinge benahm, auch die
-Verhandlungen, an welchen soviel Volk, als die Hütte fassen konnte,
-theilnahm, hatten einen ziemlich stürmischen Verlauf und endeten mit der
-Androhung von Gewaltmaßregeln von meiner Seite. Die Hauptsache blieb,
-daß der Sprecher des Königs öffentlich zugeben mußte, daß sie an dieser
-selben Stelle die früher angeführten Mittheilungen über unsere Absichten
-und die damit zusammenhängenden Rathschläge erhalten hätten. Nachdem
-den Leuten dann noch von mir die nothwendigen Folgen etwaiger thörichter
-Gewaltstreiche von ihrer Seite auseinandergesetzt worden waren, ersuchte
-der Sprecher den König, alles was wir gesagt, genau zu erwägen und zum
-Besten seines Volkes nach unsern Rathschlägen zu handeln.
-
-Aus Rücksicht für die deutschen Handelsinteressen mußte ich auch hier, so
-sehr es mir widerstrebte, die Eingeborenen auf das Schiff einladen, und
-ich bekam dabei einen ungefähren Begriff von dem tahitischen Volksleben,
-da Tahiti und Raiatea sich hierin ziemlich gleich sein sollen, wenngleich
-die Tahitier äußerlich einen sehr viel angenehmern Eindruck machen. Schon
-gewarnt, unterließ ich jede Aufmunterung zu Tänzen, und als ein solcher
-unter der Leitung eines eingeborenen Missionslehrers doch zu Stande kam,
-sorgte ich für baldigen Abschluß, da das Gebotene sich so wüst gestaltete
-und namentlich das Gebahren des Missionslehrers so ausartete, daß es
-unmöglich auf dem Schiff geduldet werden konnte.
-
-Als ein kleines Beispiel, wie weit die Sittenverderbniß hier geht, möge
-das Folgende dienen. Als die beiden erwachsenen Töchter des Königs sich in
-die untern Schiffsräume begaben, folgte ich, einige Schritte hinter ihnen
-gehend, um sie vor etwaigen Zudringlichkeiten meiner Leute zu schützen.
-Gleich darauf gesellte sich deren ältester Bruder, welcher etwas Englisch
-spricht, zu mir, um mich vor seinen eigenen wüsten Schwestern zu warnen.
-Als ich erwiderte, daß ich sie nur schützen wolle, meinte er, daß sie
-dessen nicht bedürften, ich aber gut thäte, meine Leute vor ihnen zu
-schützen.
-
-Gern hätte ich Raiatea noch denselben Abend verlassen, doch bewog mich
-das Pfingstfest, die beiden Feiertage noch zu Anker zu bleiben, um
-meinen Leuten während derselben Ruhe zu gönnen, was schließlich auch mir
-insofern zugute kam, als ich doch noch mancherlei mir Neues hörte und
-sah. In diese Tage fiel auch die Ankunft eines mit Perlschalen beladenen
-deutschen Schooners, welcher von den Mangareva- oder Gambier-Inseln kam
-und auch eine kleine Schachtel mit Perlen mitbrachte, in welcher jede
-Perle in einem kleinen Fach in Watte lag mit einem beigefügten Zettel des
-für dieselbe gezahlten Preises. Bei dieser Gelegenheit konnte ich an der
-Hand von Thatsachen sehen, welche Vortheile dem deutschen Hause aus der
-Uebersiedelung nach Raiatea erwachsen, denn die aus 80 Tonnen Perlschalen
-bestehende Ladung hätte in Tahiti neben den hohen Lootsengebühren und
-Hafenabgaben einen Durchgangszoll von 2560 Mark tragen müssen, während
-das Schiff hier nur eine geringe Hafenabgabe von im ganzen 25 Mark zu
-entrichten hatte.
-
-Sehr interessant war es mir, etwas über Perlen und die Perlenfischerei zu
-hören.
-
-Zunächst wurde ich dahin belehrt, daß die Perlen sich nicht, wie ich
-bisher annahm, in der Schale bilden, sondern in dem Thier selbst, und daß
-sie als eine Krankheit desselben betrachtet werden müssen, denn Perlen
-werden nur in verkümmerten Schalen gefunden und kommen in der eigentlichen
-Südsee nur in Mangareva häufiger vor, während die Perlmuschel sonst
-bei fast allen Inseln gefischt werden kann. Man folgert daraus, daß die
-örtliche Beschaffenheit sowol für die Verkümmerung der Muschel, wie für
-die Bildung der Perle maßgebend ist. Es werden zwar auch sogenannte Perlen
-(namentlich sind dies besonders große etwas flache Stücke) in den Handel
-gebracht, welche aus der Schale ausgelöst oder geschnitten sind und sich
-dort als Auswüchse und Unebenheiten zeigen, diese sind aber werthlos.[A]
-Die richtige Perle ist stets abgerundet und auf ihrer ganzen Fläche von
-dem charakteristischen Schmelz überzogen; sie ist eine feste homogene
-Masse ohne Hohlraum in ihrer Mitte, hat dort auch keinen fremden Körper
-gelagert, wie man gewöhnlich annimmt, denn die Perle wird nicht, wie schon
-angedeutet, dadurch gebildet, daß das Thier einen fremden Körper umspinnt.
-Sie ist um so werthvoller, je größer ihr specifisches Gewicht und je
-reiner ihr Wasser ist, das man richtiger mit scheinbarer Durchsichtigkeit
-bezeichnen könnte. Eine wirklich werthvolle Perle, mag sie noch so klein
-sein, muß ein so reines Wasser haben, daß man beim Beschauen derselben
-in ihrer Mitte in weiter Ferne einen kaum festzuhaltenden Punkt zu sehen
-wähnt, und eine linsengroße Perle von dieser Eigenschaft ist werthvoller,
-als eine haselnußgroße, welche undurchsichtig scheint. Natürlich ist
-die äußere Form auch mitbestimmend, ebenso wie die Zahl der in gleicher
-Größe, Form und Farbe zusammengebrachten Perlen, denn zwei ganz gleiche
-Perlen haben etwa den vierfachen Werth jeder einzelnen, und zwanzig
-kosten vielleicht schon das Hundertfache jeder einzelnen, sodaß, wenn eine
-Perle 5 Mark kostet, der Preis für zwei gleiche 20 Mark und für zwanzig
-gleiche 500 Mark beträgt. Es wurden mir auch einige der von Mangareva
-mitgekommenen Perlen zu dem hamburger Marktpreis, welcher etwa 100 % höher
-wie der hier gezahlte ist, überlassen und ich gab für eine erbsengroße
-nicht besonders vollkommene 3 Mark, hätte aber für funfzig gleiche, welche
-ich gern gehabt hätte, etwa 500 Mark zahlen müssen, wenn sie dagewesen
-wären. Für eine schön geformte graue Perle von reinem Wasser und etwa
-1 cm Durchmesser mußte ich 240 Mark geben. Einzelne Prachtstücke, für
-welche ich allerdings weder Verwendung noch den Kaufpreis gehabt hätte,
-waren hier unverkäuflich, weil sie einen Liebhaberwerth haben, der hier
-nicht bestimmt werden konnte und jedenfalls in die Tausende geht, da
-für eine derselben schon der Taucher an 800 Mark erhalten hatte. Die
-Perlenfischerei wird in Mangareva übrigens nicht als Geschäft betrieben,
-sondern die Eingeborenen tauchen nach den Muscheln zur Gewinnung der
-werthvollen Perlmutterschalen, und etwa gefundene Perlen bedeuten soviel
-wie einen Lotteriegewinn. Sobald nun der Taucher mit der Muschel wieder
-nach oben kommt, bricht er sie auf, reißt das Thier heraus und fühlt
-sofort durch einen Druck auf die weiche Masse, ob ein fester Körper, eine
-Perle, in ihr enthalten ist oder nicht.
-
- [A] Ich habe im Jahre 1880 in der berliner
- Fischerei-Ausstellung einen derartigen Schmuck gesehen, welcher
- von Nichtkennern wegen der Größe und eigenthümlichen Form der
- gefaßten sogenannten Perlen als besonders werthvoll angestaunt
- wurde.
-
- * * * * *
-
-Ich lasse noch einige Bemerkungen über die socialen und religiösen
-Verhältnisse der Gesellschafts-Inseln folgen, nicht, um ein System
-abfällig zu beurtheilen, sondern um zu zeigen, wie leicht der Mensch
-Irrungen unterworfen ist und wie die übereilte und mit ungenügenden
-Mitteln ins Werk gesetzte Durchführung des besten Systems zu Schaden
-führt.
-
-Wie in Tahiti muß auch auf den Gesellschafts-Inseln jeder Eingeborene
-das von ihm Erworbene mit seinen Verwandten theilen, wenn sie ihn darum
-angehen. Der Häuptling erwirbt überhaupt nichts, sondern läßt sich von
-seinen Unterthanen nur ernähren, auf welche Leistung sich die Lasten
-dieser so ziemlich beschränken. Jeder dauernde Erwerb wird hierdurch
-unmöglich gemacht, die eigene Arbeit wird zur Thorheit, und die Thätigkeit
-der Missionare hat in dieser Richtung noch nicht nach unsern Begriffen
-bessernd und veredelnd wirken können.
-
-Auf Tahiti und Raiatea kann es als Regel gelten, daß die Männer trinken
-und die Weiber Prostituirte sind, während auf Huheine und Bora-Bora
-Nüchternheit und, wenigstens äußerlich, strenge Sitten herrschen. Tahiti
-steht am längsten unter dem Einfluß der Missionare und seit Mitte der
-vierziger Jahre nur unter dem der französischen Geistlichkeit; Raiatea
-und Huheine werden noch von der englischen Mission behauptet, während
-in Bora-Bora, wo ich die geordnetsten Verhältnisse, die besten Wege und
-Wohnungen fand, bis vor kurzem ein deutscher protestantischer Missionar
-wirkte und jetzt nur noch einheimische Missionslehrer thätig sind.
-
-Alle Eingeborenen der Gesellschafts-Inseln sind getaufte Christen,
-beobachten die vorgeschriebenen kirchlichen Gebräuche, wirkliche
-Christen sind sie aber wol nicht und werden es nie werden, solange sie
-nicht unter das Scepter einer europäischen Macht kommen, welche sich
-der systematischen Erziehung dieser Menschen annimmt, und das wird nie
-eintreten, weil einerseits keine Macht die Mittel wird aufwenden wollen,
-welche zur Colonisirung dieser verstreut liegenden Inseln erforderlich
-sein würden, andererseits die Eingeborenen nach ihrer ganzen Veranlagung
-ausgestorben sein würden, ehe das Erziehungswerk vollendet wäre. Diese
-Inseln sind so klein, daß eine einzelne nicht im Stande ist, die Kosten
-eines europäischen Regierungsapparates mit Kirche und Schule zu tragen,
-andererseits liegen sie räumlich so weit auseinander, daß sie nicht
-zusammengefaßt werden können. Die ganzen Kosten müßte also das Mutterland
-allein tragen, denn der Handel wirft zur Zeit nur dadurch großen Gewinn
-ab, daß er keine Steuern und Zölle zu tragen hat; er müßte aber zu Grunde
-gehen, wenn ihm nur ein nennenswerther Theil der Kosten auferlegt würde.
-Die Eingeborenen sind eine so weiche und an unbedingte Freiheit gewöhnte
-Rasse, daß sie sich vor den eindringenden Europäern zurückziehen und
-allmählich hinsiechen würden. Der Zwang der Kleidung, welche sie, einmal
-auf den Körper genommen, nicht mehr ablegen, entfremdet sie dem Wasser und
-macht sie unreinlich; der Verlust ihrer Ländereien, welcher mit dem Einzug
-der Europäer zweifellos verbunden ist, treibt sie dem Hungertod entgegen,
-die Vorliebe für berauschende Getränke beschleunigt dann das Siechthum.
-
-Der einzige Weg, diese Insulaner geordneten und einigermaßen gesitteten
-Verhältnissen entgegenzuführen, würde sich daher mit den Interessen des
-Handels decken und liegt in der Uebernahme der Schutzherrschaft seitens
-einer europäischen Macht, welche den Eingeborenen ihre Gewohnheiten und
-überkommene Regierungsform beläßt und diese letztere nur durch einen
-Commissar in die richtigen Bahnen leiten läßt; in diesem Falle aber
-werden die Eingeborenen wie bisher nur Christen der Form nach sein, da
-die christliche Lehre nur in der Schule erworben werden kann und der
-Polynesier sich ebenso wenig an diese gewöhnen wird, wie die Schwalbe an
-den Käfig.
-
-Die Missionare gewannen da, wo sie überhaupt festen Fuß fassen konnten,
-bald die unumschränkte Gewalt über die Eingeborenen und erwiesen sich
-später als die Gegner der eindringenden Kaufleute, ob aus Fürsorge für
-die Eingeborenen oder aus andern Gründen mag dahingestellt bleiben.
-Die Thätigkeit des Missionars nahm, sobald er erst auf der noch von
-keinem andern Europäer bewohnten Insel heimisch geworden war, einen
-eigenthümlichen Verlauf. Aus dem Lehrer wurde der Herr, welcher die
-Regierung leitete und durch Auferlegung harter Geld- und Körperstrafen
-für die kleinsten Vergehen gegen die kirchlichen Gebräuche bald die
-Zügel allein in der Hand hatte. Die Schule wurde von den herangebildeten
-einheimischen Missionslehrern übernommen und beschränkte sich auf
-Lesen, etwas Schreiben und das Absingen geistlicher Lieder. Zu bekehren
-war auf der Insel sehr bald nichts mehr und der Missionar übernahm
-das Handelsmonopol, welches ihm genügende Mittel abwarf, um seine
-heranwachsenden Kinder zur Erziehung nach Europa schicken zu können.
-Als nun der Kaufmann kam und höhere Preise an die Eingeborenen zahlte,
-begann auf Huheine und Raiatea ein stiller Kampf, welcher zunächst in
-der Einführung von Zwangs-Lootsengebühren für die fremden Schiffe seinen
-Ausdruck fand, dann folgte ein Gesetz über die Erlegung von weitern
-Hafenabgaben, und hierauf ein solches, welches den Eingeborenen den
-Verkauf von Land an Europäer verbietet. Diese Gesetze sind gewiß von Werth
-für die Eingeborenen, aber von Nachtheil für den Kaufmann, welcher sie dem
-Einfluß der Missionare zuschreibt, sich aber doch gegen das Landkaufverbot
-dadurch einigermaßen zu schützen gewußt hat, daß er in neuerer Zeit, wo
-die alte Macht der Missionare doch so ziemlich gebrochen ist, das für ihn
-nothwendige Land auf 99 Jahre pachtet.
-
-Man darf nun nicht vergessen, daß die oben geschilderten Zustände sich
-nach meinen Gewährsleuten nur auf einige bestimmte Inseln beziehen,
-daß ferner die Missionare auch nur Menschen sind, und sich die obere
-Missionsbehörde bei der Auswahl der zu entsendenden Persönlichkeiten
-täuschen kann, sowie daß das Inspectionsschiff der Mission die verstreut
-und zum Theil Tausende von Seemeilen auseinanderliegenden Inseln
-alljährlich vielleicht nur einmal besuchen kann und dann schwerlich einen
-richtigen Einblick erhält, wenn der ansässige Missionar ihn nicht geben
-will.
-
-Im großen und ganzen bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die
-Mission hier nicht viel Gutes gestiftet hat und das Christenthum hier
-weder aufrichtige Bekenner gefunden, noch veredelnd auf die Eingeborenen
-gewirkt hat; im Gegentheil, ich möchte behaupten, daß die Leute jetzt
-mit Bewußtsein mehr sündigen wie ehedem ohne Bewußtsein. Eine Erklärung
-für diese Thatsache dürfte schwer zu finden sein, wenn sie nicht etwa
-darin zu suchen ist, daß entweder die Polynesier in religiöser Beziehung
-überhaupt nicht erziehungsfähig sind, oder aber daß ihre Lehrer der ihnen
-gewordenen Machtfülle nicht gewachsen waren und vielleicht beides zusammen
-dazu beigetragen hat, mehr zu schaden wie zu nützen.
-
- * * * * *
-
-Am 10. morgens verließen wir Raiatea wieder, setzten am 11. morgens an
-der Einfahrt von Papeete, wohin uns ein Boot des Deutschen Consulats
-entgegengekommen war, unsere Gäste wieder ab und setzten nach kurzem
-Abschied unsern Curs westlich nach den Samoa-Inseln.
-
-
-
-
-8.
-
-Samoa.
-
-
-I.
-
- 22. Juni 1878.
-
-So sind wir auf mancherlei Umwegen nach siebenmonatlicher Reise endlich
-an unserm eigentlichen Ziele, den Samoa-Inseln, angelangt. In etwa
-zwei Stunden, gegen 4 Uhr nachmittags, werden wir in Apia, dem auf der
-Insel Upolu gelegenen Haupthafen der Samoa-Gruppe, eintreffen. Wind und
-Wetter waren uns von Tahiti bis hierher nicht günstig gewesen, häufige
-Windstillen und ein zwei Tage anhaltender Weststurm haben unsere Reise
-sehr verzögert. Schließlich nach langem Warten auf den Passat, welcher in
-dieser Zone eigentlich die Verpflichtung hat zu wehen, mußte doch für den
-größten Theil des Weges die Dampfkraft zu Hülfe genommen werden, und in
-diesem Augenblick fahren wir mit Dampf und Segel in beschleunigter Gangart
-an der Nordküste von Upolu entlang.
-
-Die Insel ist schön, wie all diese herrlichen Naturgebilde; von einer
-eingehendern Schilderung derselben will ich jedoch hier absehen, es mag
-daher nur eine flüchtige Skizze des vor uns liegenden Bildes folgen.
-
-An eine niedrige Landzunge schließen sich die, die Mitte der Insel
-bildenden Berge an, welche eine Höhe bis zu 1000 m erreichen und derart
-abweichend voneinander geformt sind, daß sie der Insel ein auffallend
-zerrissenes Aussehen geben. Sie zeigen sich sowol in scharf geschnittenen
-Pics wie auch in runden Rücken und sind an einer Stelle von einer so weit
-herunterreichenden Kluft durchschnitten, daß man Upolu aus der Ferne für
-zwei Inseln halten kann. Zunächst der Küste besteht das Land aus weiten
-ebenen Flächen, und dieser Bodengestaltung verdankt die Insel ihren hohen
-Werth für Plantagenbau. Die Küste läuft theils flach nach dem Meere aus,
-theils springt sie in 50-100 m hohe Caps vor, zwischen welchen kleine
-Häfen und Buchten liegen, in die sich Bergflüsse ergießen, von denen
-derjenige bei Falifa sich als schöner Wasserfall in das Meer stürzt.
-Das ganze Land ist dicht mit Bäumen und zwar an der Küste vorherrschend
-mit Kokospalmen bestanden, zwischen und unter welchen in der Nähe des
-Strandes Dorf an Dorf liegt, da die ganze Küste dieser dichtbevölkerten
-Insel bewohnt ist, während auf einzelnen höher gelegenen Punkten sich
-stattlichere Häuser, die Wohnungen von Europäern zeigen. Die der Südsee
-eigenthümlichen Korallenriffe umgeben einen so großen Theil der Insel, daß
-man innerhalb der erstern mit Booten und Kanus fast um die ganze Insel in
-ruhigem und sicherm Wasser fahren kann.
-
-
- 22. Juni, abends 10 Uhr.
-
-Nachdem wir mit Hülfe des Lootsen, eines hier ansässigen Amerikaners,
-nachmittags 4 Uhr zu Anker gekommen waren und der Offizier, welcher das
-Schiff beim Consulat anmelden sollte, die Nachricht gebracht hatte, daß
-die deutschen Herren sämmtlich zu Pferde einen Ausflug gemacht hätten und
-wol erst sehr spät zurückkehren würden, begab ich mich an Land, um mir
-Stadt und Leute anzusehen, auch dem Sonnabend-Scheuerfest, welches die
-durch das Ankermanöver verursachten Schäden wieder beseitigen sollte, aus
-dem Wege zu gehen.
-
-Die Stadt besteht, da der Berg Apia hier fast bis zum Strande herantritt,
-nur aus einer sich rings um den Hafen hinziehenden Straße, in welcher
-größere und kleinere, theilweise in Gärten liegende Häuser der Europäer
-mit den Hütten der Eingeborenen abwechseln. Sie bietet nichts besonders
-Sehenswerthes und befriedigte meine Neugierde um so weniger, als sie
-neben ihrer wenig anziehenden äußern Erscheinung auch noch vollständig
-ausgestorben zu sein schien.
-
-Samoa schien mir überhaupt ein wunderliches Land zu sein. Die ganze Küste
-ist mit menschlichen Wohnungen besiedelt und wir sahen beim Vorbeifahren
-weder am Lande noch auf dem Wasser Menschen, noch bei den Wohnungen den
-sonst nie fehlenden Rauch des häuslichen Herdes; das Consulat mit dem
-ganzen Beamtenpersonal des großen Geschäftshauses macht am Wochenschluß
-einen Ausflug aufs Land; in der Stadt scheint die ganze Bevölkerung am
-hellen Tage zu schlafen. Was blieb mir anders übrig, als auf mein Schiff
-wieder zurückzukehren, wo doch mehr Leben war!
-
-Als ich später, 9 Uhr abends, mich eben an den Schreibtisch gesetzt hatte,
-wird von unsern Posten ein Boot angerufen, welches doch noch die von
-ihrer Partie zurückgekehrten deutschen Herren brachte. Der Consul, ein
-Herr Weber, entschuldigte sich, daß er noch so spät komme, er hätte aber
-heute am Sonntag -- „Was, Sonntag? Heute ist doch Sonnabend!“ unterbrach
-ich seine Rede. „Nein, Sonntag“, war die Antwort, und die Erklärung
-ergab, daß in Samoa, obgleich die Inseln noch auf Westlänge (169½° bis
-173° W. nach Greenwich) liegen, doch die Kalenderrechnung von Australien
-und Neu-Seeland angenommen worden ist, weil alle Beziehungen Samoas mit
-der Außenwelt sich auf diese beiden großen englischen Colonien und die
-zwischen diesen und Europa laufenden Dampferlinien stützen. Nun war mir
-alles klar, der Ausflug der deutschen Herren und die Sonntagsheiligung
-nach der von den englischen Missionaren gegebenen Vorschrift, nach welcher
-am Sonntag nicht einmal gekocht werden darf, während wir uns zu gleicher
-Zeit am Sonnabend abgequält haben, unser Schiff für den nächsten Tag recht
-schön zu machen.
-
-Herr Weber erzählte mir noch so viel über samoanische Verhältnisse und was
-alles meiner warte, daß mir ganz wirr im Kopfe wurde und ich nur so viel
-behalten habe, daß ich gleich am nächsten Tage mitten im Kampfgewühl mit
-den aufsässigen Samoanern sein würde. Dann gingen wir noch für einige Zeit
-zu den Offizieren und jetzt sitze ich am Schreibtisch und habe soeben in
-das Befehlsbuch für morgen den wunderlichen Satz geschrieben: „Der heutige
-Tag ist nicht als Sonntag den 23., sondern als Montag den 24. Juni zu
-rechnen, doch wird der Dienst nach der Sonntagsroutine gehandhabt.“
-
-So ist nun all die Zeit, welche wir von der Heimat an immer mit dem Laufe
-der Sonne nach Westen hin segelnd und dampfend auf unserm langen Wege
-hierher tagtäglich gewonnen haben, mit einem Schlage wie ein Hauch wieder
-hin, indem ein ganzer Kalendertag aus dem noch vor uns liegenden Leben
-hinweggewischt ist.
-
-
- 25. Juli 1878.
-
-Heute Morgen haben wir Apia für einige Zeit wieder verlassen, um der
-Besatzung des Schiffes nach einem nahezu achtmonatlichen Aufenthalt in den
-Tropen in Sydney für wenige Wochen sowol die Wohlthat kräftigerer Luft,
-wie auch die besserer Kost zutheil werden zu lassen. Die Samoa-Inseln
-liegen schon in weiter Ferne hinter uns, das Schiff hat einen klaren
-Seeweg vor sich, und so finde ich endlich Muße, die Begebenheiten der
-letzten vier Wochen, welche für mich eine ununterbrochene Kette großer
-Aufregungen waren, niederzuschreiben. Von Land und Leuten kann ich zwar
-noch nicht viel erzählen, weil ich nur wenig davon gesehen habe, aber
-desto mehr von Streit und Hader. Da ich indeß ja nach den Samoa-Inseln
-zurückkehre, so werde ich dann während eines längern und hoffentlich
-friedlichern Aufenthalts wol Gelegenheit finden, mich mit dem Leben und
-Treiben dieses selbstbewußten Völkchens besser bekannt zu machen. Das
-Wenige, was ich indeß gehört und gesehen habe, mag immerhin schon jetzt
-hier Platz finden.
-
-Zu der Samoa-Gruppe gehören die Inseln Manua, Tutuila, Upolu und Savai’i,
-sowie noch eine Zahl kleinerer Inselchen, welche auf der Karte indeß nur
-als Punkte verzeichnet werden können. Von den erstgenannten ist Manua die
-östlichste und kleinste, Savai’i die westlichste, größte und höchste (bis
-zu 1300 m hoch) dieser Inseln.
-
-Nur Tutuila und Upolu haben Häfen und von diesen kommt für den
-Handelsverkehr wieder nur Apia in Betracht.
-
-Apia muß im Vergleich zu den Städten anderer unabhängiger Inseln ein
-großer und bedeutender Platz genannt werden, ist Sitz der samoanischen
-Regierung und Mittelpunkt des deutschen Handels für den westlichen Theil
-der Südsee. Es erscheint auffällig, daß von den samoanischen Häfen gerade
-Apia der Hauptplatz geworden ist, wenn man erwägt, daß der kleine Hafen
-die anlaufenden Schiffe oft kaum alle aufnehmen kann und nur Schutz gegen
-die gewöhnlich hier allerdings vorherrschenden südlichen Winde gewährt,
-gegen alle nördlichen aber und namentlich gegen den alle 10-12 Jahre
-einmal von Norden her über die Insel wegziehenden Orkan ganz offen ist,
-sodaß die dann von dem Sturm unglücklicherweise im Hafen überraschten
-Schiffe in der Regel verloren sind. Der vorzügliche Hafen von Pago-Pago
-(sprich Pango-Pango) auf Tutuila bietet dagegen ganzen Flotten Raum und
-vollständige Sicherheit gegen alle Winde. Und doch wird die Wahl von
-Apia verständlich, wenn man berücksichtigt, daß Upolu die fruchtbarste
-und bevölkertste der Samoa-Inseln ist, in der Mitte zwischen Tutuila und
-Savai’i liegt, daß hier die einflußreichsten Stämme der Samoaner seßhaft
-sind, daß Apia wiederum so ziemlich im Mittelpunkt von Upolu liegt und
-der Hafen bisher immer noch als der beste dieser Insel galt, denn der sehr
-viel bessere Hafen von Saluafata ist erst seit kürzerer Zeit als solcher
-bekannt und zwar vorläufig auch nur Herrn Weber, seinen Kapitänen und
-neuerdings auch uns.
-
-Die Stadt Apia umschließt, wie schon gesagt, den ganzen Hafen. Von diesem
-aus gesehen rechts, also an dem westlichen Ende, läuft das Land in eine
-schmale, niedrige, mit Kokospalmen bestandene, Mulinu’u genannte Landzunge
-aus, auf deren äußerster Spitze sich der Regierungssitz befindet, nämlich
-einige Hütten und ein kleines Breterhaus, welches früher die Wohnung des
-Ersten Ministers war, solange der amerikanische Colonel Steinberger,
-welcher Apia vor etwa zwei Jahren wieder verlassen hat, dieses Amt
-bekleidete. Jetzt dient das Haus dem derzeitigen amerikanischen Consul
-gelegentlich zum vorübergehenden Aufenthalt, wenn dieser, wie es scheint
-etwas wunderliche Herr sich das Ansehen geben will, die Samoaner gegen
-Gewaltmaßregeln europäischer Kriegsschiffe zu beschützen. Er hißt dann
-an dem bei dem Hause befindlichen Flaggenstock die amerikanische Flagge
-und will die Samoaner glauben machen, daß keine Truppe und keine Kugel
-den Weg zu einem Platz finden könne, in dessen Nähe seine Consulatsflagge
-weht. Einige Tage nach unserer Ankunft hatte der Herr denn auch das Haus
-wieder bezogen, ob mit einer bestimmten Absicht oder nur zufällig, kann
-ich nicht wissen.
-
-An den Regierungssitz schließt sich ein Dorf der Eingeborenen
-an, dann folgt die großartige Anlage der Deutschen Handels- und
-Plantagen-Gesellschaft (früher J. C. Godeffroy u. Sohn) mit ihrem
-stattlichen Wohnhaus, den Lagerräumen, einer Baumwoll-Reinigungsmaschine,
-Schiffs-Reparaturwerkstätte und großen freien Lagerplätzen. Das nächste
-inmitten eines großen Gartens von der Straße etwas zurückliegende
-Gebäude ist ein französisches Nonnenkloster, welches sich der
-Erziehung samoanischer, halbweißer und weißer Mädchen widmet. Dann
-kommt der eigentliche europäische Stadttheil, vielleicht richtiger das
-Fremdenviertel genannt, mit einigen bessern Häusern, zwei fragwürdigen
-Gasthäusern ('Hôtel International' und Gasthaus zur Stadt Hamburg),
-einigen Matrosenkneipen, den wieder weiter von der Straße zurückliegenden,
-aus rothen Backsteinen erbauten Häusern der französischen katholischen
-Priester und einer hübschen kleinen, aus Stein erbauten katholischen
-Kirche. Demnächst folgt wieder ein Eingeborenendorf, das nach der andern
-Seite von einem in den Hafen mündenden ziemlich breiten Fluß begrenzt wird
-und in welchem das Haus der englischen Mission sowie die einer häßlichen
-Scheune ähnelnden evangelische Kirche liegen. Eine lange hölzerne Brücke
-führt über den Fluß an der Anlage des zweiten hier etablirten großen
-deutschen Hauses von Ruge u. Hedemann aus Hamburg vorbei, wieder zu
-einigen von Fremden bewohnten Häusern und schließlich zu einem auf einer
-flach auslaufenden Landspitze liegenden Eingeborenendorf, welches hier im
-Osten die Stadt ebenso abschließt wie Mulinu’u im Westen.
-
-Apia erhält hierdurch ein auffallend symmetrisches Ansehen. An die von der
-Brandung überspülten Korallenriffe schließen sich an den beiden äußersten
-Seiten die niedrigen Landspitzen mit den Dörfern der Eingeborenen an und
-an diese, wie Wachtposten, die beiden hamburger Häuser mit der deutschen
-Flagge, zwischen welchen am Fuße des hohen dicht bewaldeten Berges Apia
-die Fremden wohnen.
-
-Am nächsten Morgen nach unserer Ankunft machte ich unserm Consul meinen
-Besuch und nahm die liebenswürdige Einladung dieses Herrn, vorläufig der
-Gast des deutschen Hauses zu sein, an, um die drängenden Angelegenheiten
-besser besprechen zu können, auch einmal wieder in größerer Gesellschaft
-zu essen und gleichzeitig die Gelegenheit zu benutzen, meiner Kajüte den
-ihr durchaus nothwendigen neuen Farbenanstrich geben zu lassen.
-
-Da es wol von Interesse ist zu erfahren, wie unsere Landsleute als unsere
-Antipoden hier draußen leben, will ich eine kurze Skizze davon geben.
-
-Das stattliche, nur aus einem Parterregeschoß bestehende Wohnhaus
-umschließt im Viereck einen ziemlich großen Blumenhof. Unter dem breiten
-Dach läuft außen wie innen eine sehr geräumige Veranda rund um das Haus,
-welche die Sonnenstrahlen von den Wohnräumen abhält und den Bewohnern
-zu jeder Tageszeit gestattet, sich gegen Sonne und Regen geschützt zu
-ergehen. Topfgewächse und Blumen zieren die innere Veranda, im Freien
-wachsende große Oleander und andere Bäume beschatten die äußere. Bänke und
-die verschiedensten Arten bequemer Stühle laden zum Sitzen ein, und es ist
-ein wahrer Genuß, dort während der fast täglich über die Insel ziehenden
-Regengüsse zu ruhen und die herrliche Natur, Land und Meer zu bewundern.
-
-Die Hauptthür des Hauses liegt in der Mitte der vordern Front und
-durchschneidet dieselbe ganz, sodaß man beim Betreten des Hauses auf den
-schön gehaltenen Blumenhof sieht. Rechts liegen die Geschäftszimmer und
-die Wohnung des Herrn Weber, des Leiters des Geschäftshauses; links ein
-Empfangszimmer, ein großer Saal, zwei Fremdenzimmer und die Zimmer der
-Dame des Hauses, einer ältern Witwe aus Hamburg, welche den Haushalt führt
-und durch ihre Anwesenheit verfeinernd, bezw. erhaltend auf die Sitten
-der jüngern Herren wirkt. Die Rückseite des Hauses wird von einem großen
-Speisesaal eingenommen, von welchem man nach hinten ins Freie tritt und
-zu dem abgesonderten Hause gelangt, in welchem die jüngern Herren, alle
-Deutsche, wohnen.
-
-Vor dem Hause liegt ein mäßig großer, gut gehaltener Garten, hinten und
-zu beiden Seiten je ein großer freier Platz, wo die Pferde und Hühner
-ihr Wesen treiben. An der einen Seite, abgesondert vom Wohnhause, liegt
-auch die Küche, wo eine hamburger Köchin, eine hagere, ältliche Jungfrau,
-das Scepter führt und mit aller Welt in Fehde liegt, nicht nur mit den
-Menschen, sondern auch mit dem Gethier, da Pferde und Hühner gern in die
-Küche kommen, um dort zu naschen, was sie aber nicht dulden will.
-
-Die Dame des Hauses ist eine wahre Perle, hat aber die Schwäche, daß sie
-keine Samoanerin ohne Busentuch in das Haus läßt und dadurch die Herren
-insofern schädigt, als die Verkäuferinnen von Fischen, Schalthieren,
-wilden Tauben, Gemüsen und Früchten das Haus meiden und der sonst
-vorzüglich besetzte Tisch an einer gewissen Einförmigkeit leidet. Immer
-nur Rindfleisch, Schinken, Wurst und eingemachte europäische Gemüse.
-Dagegen hat sie die liebenswürdige Eigenschaft, Spaß zu verstehen, und
-ich entsinne mich mit Vergnügen einer Scene, wo ich ihre Kenntniß der
-Sprachen der verschiedenen Insulaner anzweifelte. Ihr besonderer Liebling
-ist ein alter humpelnder Kingsmill-Insulaner, welcher die Dienste eines
-Gärtners versieht und mit dem sie sich in den halsbrecherischsten Zungen
-verständigt, wo thatsächlich aber wol die Gesten das Verständigungsmittel
-bilden. Ich hatte sie beobachtet, wie sie dem Manne Anweisung gab, die
-Blumen zu begießen, und erklärte am nächsten Tage in einer übermüthigen
-Laune, die Sprache des Mannes auch zu verstehen. Als sie dies bezweifelte,
-rief ich den Mann bei seinem Namen, redete irgendein unsinniges
-Kauderwelsch und machte dazu die nothwendigen Zeichen, worauf der Alte
-lachend weghumpelte; als er aber richtig mit der Gießkanne wiederkam, zog
-ich mich schleunigst zurück, um dem Zorn der alten Dame zu entgehen.
-
-Die Tischgesellschaft des Hauses besteht aus 10-16 Personen, je nachdem
-Herren von den Plantagen oder entferntern Stationen in der Stadt anwesend
-sind oder nicht. Die Mahlzeiten werden stets gemeinsam eingenommen und
-zwar das erste Frühstück um 8 Uhr, das zweite Frühstück um 12½ und die
-Hauptmahlzeit abends 6 Uhr. Die Zeit von morgens 8½ bis abends 5½ Uhr
-gehört, mit Ausschluß einer einstündigen Mittagspause, den Geschäften.
-Abends nach der Hauptmahlzeit wird ein Spaziergang gemacht und der Rest
-des Tages mit Rauchen und Plaudern bei einem Glase Bier verbracht.
-Lesen ist nach Eintritt der Dunkelheit wegen der dann unaufhörlichen
-Angriffe der Mosquitos ausgeschlossen, wenngleich die geschäftlichen
-Angelegenheiten oft die Herren zwingen, auch abends noch einige Stunden
-am Schreibtisch zuzubringen. An den Sonn- und Festtagen werden in der
-Regel Ausflüge zu Pferde nach den Plantagen, oder Picknick-Partien nach
-bekannten schönen Punkten unternommen.
-
- * * * * *
-
-Nach dieser Abschweifung will ich wieder zum 24. Juni zurückkehren. Herr
-Weber schrieb zunächst an die Regierung, um derselben meinen Besuch für
-den Nachmittag desselben Tages anzusagen, und orientirte mich dann noch
-einmal über die hiesigen Verhältnisse und die vorliegenden Streitpunkte.
-Ehe ich auf diese eingehe, muß ich aber dem genannten Herrn einige Worte
-widmen, da sich die ganze Samoafrage, wie sie zur Zeit liegt, um diesen
-thatkräftigen Mann gruppirt und dieser die Säule bildet, welche alles
-überragend das ganze kleinliche Getriebe beherrscht.
-
-Herr Weber kam im Jahre 1862, 18 Jahre alt, nach Samoa. Anderthalb Jahre
-darauf, 1864, ging der damalige Leiter des Südseegeschäfts des Hauses
-Godeffroy auf einer Reise nach den Tonga- und Fidji-Inseln, welche er in
-einem kleinen Schooner unternahm, während eines Orkans mit dem Schiff zu
-Grunde und Herr W. mußte zunächst als der Erste der Angestellten sowol
-die Geschäftsleitung wie auch das Hamburgische Consulat übernehmen und
-zeigte sich hierbei so befähigt, daß ihm das hamburger Haus nicht nur
-die Oberleitung beließ, sondern er auch nach einem weitern Jahre von der
-Freien Hansestadt Hamburg als ihr Consul bestallt wurde. Er wurde dann
-1868 zum Consul des Norddeutschen Bundes und 1872 zu dem des Deutschen
-Reiches für die Samoa- und Tonga-Inseln ernannt. Durch sein selbständiges
-und geschicktes Auftreten bei den verschiedenen Conflicten zwischen
-Samoanern und Europäern, welche fast stets durch die Eifersucht auf die
-fortgesetzt steigende Bedeutung der deutschen Interessen hervorgerufen
-worden waren, hatte er es bald dahin gebracht, daß ihm die führende
-Rolle zufiel und in den meisten Fällen die Entscheidung seinen Absichten
-entsprach. Zur Durchführung dieser Rolle kam es ihm sehr zu statten, daß
-er die saure Arbeit nicht gescheut hatte, sich die Samoasprache soweit
-anzueignen, daß er sie nicht nur sprach, sondern auch schrieb und dadurch
-unabhängig von zweifelhaften Dolmetschern geworden war.
-
-Als Herr W. nach Samoa kam, war das Südseegeschäft des Hauses G. erst im
-Werden begriffen und beschränkte sich auf den Austausch von europäischen
-Waaren gegen Landesproducte. Doch erkannte man bald, daß Plantagenbau
-das zu erstrebende Ziel sein müsse, wozu indeß die Erwerbung von Land
-erforderlich war. Herr W. begab sich kurz entschlossen an das Kaufgeschäft
-und hatte dabei solchen Erfolg, daß das von ihm vertretene Handelshaus
-heute im Besitz von etwa 120000 englischen Acker gleich 50000 Hectaren
-Land ist, wovon inzwischen ungefähr 4000 Acker zu Plantagen umgewandelt
-sind, welche letztere einen Werth von 1,800000 M. darstellen und im Jahre
-1877 schon einen Ertrag von rund 300000 M. ergeben haben, welcher sich
-auf das Doppelte steigern wird, wenn die jungen angepflanzten Kokospalmen
-erst ertragfähig sind.
-
-Es würde mich zu weit führen, wenn ich auseinandersetzen wollte, wie die
-Thatkraft dieses Mannes es fertig gebracht hat, schließlich die Tonga-,
-Ellice-, Kingsmill-Inseln und theilweise auch die Fidjigruppe, deren
-Regierungscontract für Kopra das Haus hat, den deutschen Handelsinteressen
-zu unterwerfen; erwähnt sei aber noch, daß Herr W. die Koprabereitung
-in der Südsee eingeführt hat. Früher wurde das Kokosnußöl schon an Ort
-und Stelle von den Eingeborenen auf rohe Weise gewonnen, wobei etwa die
-Hälfte verloren ging. Dann wurde das schmutzige Oel in Fässern nach Europa
-verschifft, wobei wieder viel durch Leckage verloren ging, und dort mußte
-das Oel sofort umgefüllt und gereinigt werden. Diese außerordentlichen
-Verluste drängten zu dem Versuch, den Kern der Nuß am Gewinnungsort gleich
-zu trocknen und so nach Europa zu verschiffen. Der Versuch gelang, und
-heute kennt man es bereits nicht mehr anders, ohne vielleicht zu wissen,
-wem das Verdienst dafür zukommt. Die Gewinnung ist jetzt an Ort und
-Stelle einfacher, dieselbe Nußzahl gibt in den sachgemäß hergerichteten
-Oelpressen mehr wie den doppelten Ertrag an Oel und zwar reines Oel,
-die Schiffe laden die Kerne ohne Umhüllung und sparen somit die Fässer,
-die Rückstände der ausgepreßten Nuß geben ein in Europa theuerbezahltes
-Viehfutter, die Production auf den Inseln ist durch die einfachere und
-mit weniger Mühe verknüpfte Bereitungsart verfünffacht, und schließlich
-kann das Haus in Europa, die Handelsconjuncturen benutzend, die ganze
-Schiffsladung nach Belieben dirigiren, da die Kopra weder Verlusten noch
-dem Verderben ausgesetzt ist, oder doch nur in verschwindendem Grade.
-
-Die Regierung in Samoa wird zur Zeit aus zwei Körperschaften gebildet,
-der Taimua, welche ungefähr dem Senat, und der Faipule, welche der
-Bürgerschaft der Hansestädte entspricht. Sie ist seit 1874 am Ruder
-und erwählte zu ihrem Berather unter dem Titel eines Ersten Ministers
-den amerikanischen Oberst Steinberger, einen Mann, welcher vielfach ein
-Abenteurer genannt worden ist und dem es unter dem Einflusse der damaligen
-amerikanischen Regierung gelang, die Wahl auf sich zu lenken. Er wurde
-von Fremden wie Eingeborenen in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde,
-endlich einmal geordnete Zustände auf den Samoa-Inseln zu schaffen, gut
-empfangen, verscherzte aber bald seine anfänglich günstige Stellung, da
-er sich nicht nur als unfähig erwies, sondern durch seine Handlungen auch
-noch den Verdacht erweckte, ein falsches Spiel zu treiben und alle übrigen
-Interessen seinen eigenen unterzuordnen. Eine seiner ersten Handlungen
-war, Malietoa den jüngern, einen wankelmüthigen, energielosen Mann, zum
-König erwählen zu lassen, um dadurch den Einfluß der Taimua und Faipule
-lahm zu legen und sich zum eigentlichen Herrn zu machen. Ungefähr zwei
-Jahre lang ging die Sache noch gut, doch dann veranlaßten der englische
-und amerikanische Consul, mit welchen Steinberger sich überworfen hatte,
-im Verein mit dem König Malietoa, der sich die Anmaßungen dieses Mannes
-auch nicht mehr gefallen lassen wollte, den Commandanten des englischen
-Kriegsschiffs „Barracouta“, diesen gewaltsam zu entfernen. Dieser
-Maßregel setzten die Eingeborenen zwar bewaffneten Widerstand entgegen,
-erschossen dabei auch mehrere englische Matrosen, doch konnten sie
-ihre Ausführung nicht verhindern. Das Vorgehen der beiden Consuln, bei
-welchem der deutsche sich nicht betheiligte, wenngleich von deutscher
-Seite die Entfernung Steinberger’s nicht bedauert werden konnte, ist
-vielfach getadelt worden, weil man es auf persönliche Motive zurückführte.
-Richtiger dürfte wol sein, daß beide Consuln eine Entwickelung wünschten,
-welche ihren betreffenden Regierungen die Annectirung der Samoa-Inseln
-ermöglichte oder doch denselben den maßgebenden Einfluß sicherte und beide
-sich in Steinberger getäuscht sahen. Zur Zeit der gewaltsamen Entfernung
-Steinberger’s war der deutsche Consul übrigens zufällig nicht in Apia
-anwesend, sondern befand sich auf den Tonga-Inseln.
-
-Die Entfernung Steinberger’s hatte insofern noch ein Nachspiel, als
-nunmehr die Taimua und Faipule den König Malietoa absetzten, weil er die
-Hand zur Beseitigung des von diesen Körperschaften erwählten Berathers
-geboten hatte, und seit dieser Zeit herrscht auf den Samoa-Inseln in
-gewissem Sinne wieder Anarchie, weil die verschiedenen Stämme ihre
-betreffenden Königscandidaten zur Herrschaft bringen wollen und nur den
-Kampf noch nicht wagen, weil kein Stamm zur Zeit sich zum Losschlagen
-stark genug fühlt und die Taimua und Faipule als die vorläufig einzig
-mögliche Regierungsform die Unterstützung der Consuln für sich haben.
-
-Die deutschen Interessen beherrschen ganz Samoa, der Handel ist
-ausschließlich in deutschen Händen und unsere Kriegsschiffe haben in
-den letzten Jahren nicht nur wesentlich dazu beigetragen, den deutschen
-Häusern den Besitzstand ihrer durch regelrechte Kaufbriefe erworbenen
-großen Ländergebiete zu sichern, sondern auch die Samoaner zu belehren,
-daß das Deutsche Reich auch über seinen Angehörigen in der Südsee wacht
-und sie in ihren Rechten schützt. Trotzdem aber geben die Eingeborenen
-gelegentlich doch immer wieder den Einflüsterungen einiger auf die stetig
-wachsende Bedeutung der deutschen Interessen neidischer Rathgeber Gehör
-und versuchen, sich an unsern Landsleuten zu reiben, bis das Eintreffen
-eines deutschen Kriegsschiffes diesem Treiben wieder ein Ende macht. So
-hatten sich denn auch jetzt in der Zeit, wo keins unserer Schiffe hier
-gewesen war, einige Klagepunkte zusammengefunden, welche mir zu regeln
-blieben, soweit es dem Consul nicht gelang, dies mit dem nunmehrigen
-Rückhalt an unser Schiff allein zu thun.
-
-Die für mich nur in Betracht kommenden Streitpunkte waren die drei
-folgenden:
-
-1. Die samoanische Regierung war noch immer im Rückstande mit der
-vollständigen Begleichung einer alten Schuld, welche von dem letzten
-Bürgerkriege her datirte und den Deutschen Ersatz für den ihnen durch
-die Samoaner zugefügten Schaden geben sollte. Die Regierung hatte die
-Berechtigung und die Höhe der gestellten Forderung anerkannt, hatte in
-verschiedenen Theilzahlungen auch 2700 Mark abgetragen, den kleinen Rest
-von 444 Mark wollte sie nun aber nicht mehr zahlen unter dem Vorwande,
-daß sie kein Geld hätte.
-
-2. Ein seit sechs Jahren in unbestrittenem deutschen Besitze befindliches
-und an eine größere deutsche Pflanzung grenzendes Stück Land an der
-Westspitze der Insel Upolu sollte neuerdings in Bearbeitung genommen
-werden. Als die Arbeiten am 14. Juni begannen, kam ein französischer
-Priester mit 50 bewaffneten Samoanern von der kleinen Insel Manono herüber
-und suchte die Arbeiten mit Gewalt zu hindern, da er behauptete, durch
-einen erst kürzlich abgeschlossenen Kauf der Besitzer des Landes geworden
-zu sein, obgleich er wußte, daß das Land sich bereits lange in deutschem
-Besitze befand. Um Blutvergießen zu vermeiden, hatten die Deutschen die
-Arbeit zunächst eingestellt und die Regierung um Schutz ersucht.
-
-3. Ein Häuptling hatte dem hamburger Hause Godeffroy vor acht Jahren
-ein größeres Stück Land verkauft, auf welchem sich später auch einige
-Eingeborene niederließen, denen vom Käufer das Verbleiben in ihren Hütten
-und die Nutznießung der in der Nähe befindlichen Fruchtbäume bis zu dem
-Zeitpunkte stillschweigend gestattet wurde, wo das deutsche Haus die
-Bearbeitung des Landes in Angriff nehmen würde. Dieser Zeitpunkt war jetzt
-gekommen, und nun behauptete der Verkäufer, daß das kleine Stück Land mit
-der Niederlassung der Eingeborenen damals von dem Kauf ausgeschlossen
-worden sei, obgleich der Kaufbrief das Kaufobject genau angibt und das
-fragliche Stück Land innerhalb dieser Grenzen liegt.
-
-Nachdem ich mich in allen drei Punkten von dem unzweifelhaften Rechte der
-Deutschen überzeugt hatte, sagte ich meine Unterstützung zur Regelung zu
-und ersuchte den Consul nur, zunächst noch einmal ohne meine Mitwirkung
-eine Verständigung zu versuchen. Daß dieser Versuch nur theilweisen Erfolg
-hatte, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.
-
-Am Nachmittag machte ich den Regierungsmitgliedern meinen Besuch, wobei
-der Consul mich begleitete und auch einen Dolmetscher mitnahm, weil
-er den Grundsatz festhält, bei allen förmlichen und geschäftlichen
-Angelegenheiten einen solchen mit heranzuziehen, da die Samoaner in
-derartigen Angelegenheiten ein etwas weites Gewissen haben und dazu
-neigen, die getroffenen Vereinbarungen abzuleugnen oder zu verdrehen. Die
-Mitglieder der Taimua und Faipule waren in der Regierungshütte bereits
-anwesend und in dem täglichen Anzug der Häuptlinge, d. h. sie hatten
-ein weißes Hemd an und über dieses das Hüfttuch, hier Lava-lava genannt,
-gebunden; in der Hand trugen sie das Abzeichen der Häuptlinge, einen aus
-den Rindenfasern der Kokospalme gefertigten Fliegenwedel. Wir setzten
-uns mit untergeschlagenen Beinen auf die ausgebreiteten Matten so hin,
-daß unsere Rücken der offenen Seite der Hütte und unsere Gesichter der
-Mitte derselben zugekehrt waren. Uns gegenüber nahm eine Gruppe Platz,
-welche mich vorzugsweise interessirte, nämlich die Kawa-Bereiterinnen.
-Es waren fünf junge nur mit dem Lava-lava bekleidete Leute, drei Mädchen
-und zwei Männer, welche ein so fremdartiges Bild abgaben, daß ich ihnen
-mehr Aufmerksamkeit zuwandte, wie den nichtssagenden Phrasen, die mit den
-Machthabern ausgetauscht wurden.
-
-In der Mitte zwischen den beiden Männern sitzen mit untergeschlagenen
-Beinen die Mädchen, vor sich die aus einem einzigen Stück Holz
-geschnittene Kawa-Bowle, eine mit vier kräftigen Füßen versehene runde
-Schüssel von etwa 50 cm Durchmesser. Ehe die Männer Platz nehmen, reichen
-sie noch den Mädchen in Kokosnußschalen frisches Wasser, mit welchem
-diese sich, dabei ihre schönen weißen Zähne zeigend, den Mund ausspülen
-und die Hände waschen. Dann schneiden die Männer mit einem Messer kleine
-Stücke von einer weißlichen Wurzel ('Piper methysticum') ab, welche von
-den bequem und etwas in sich gesunken dasitzenden Mädchen in den Mund
-gesteckt und gekaut werden. Anfänglich ist die Arbeit des Kauens kaum zu
-bemerken, die kleinen Stücke mehren sich aber und die Unterkiefer müssen
-einen immer größern Bogen beschreiben, bis der Mund die Masse nicht mehr
-bewältigen kann, die während des Kauens geschlossen gehaltenen Lippen sich
-öffnen, ein breiiger Kloß von über Wallnußgröße in die untergehaltene
-Hand und von dieser in die Schüssel fällt. Sobald eine genügende Zahl
-solcher Klöße beisammen ist, waschen die Mädchen sich wieder Mund und
-Hände, den Mund jedenfalls, um den beißend bittern Geschmack der Wurzel
-einigermaßen zu beseitigen, und nun beginnt die in der Mitte Sitzende aus
-dem Brei das Getränk zu bereiten. Nachdem einige Kokosnußschalen Wasser
-dazugegossen, wird das Ganze mit den Händen solange durchgearbeitet, bis
-eine vollkommene Vermischung erreicht ist und das Getränk eine hellgraue
-Farbe angenommen hat. Dann wird ein Bündel zusammengereihter Baststreifen
-zur Hand genommen und mit diesem, ähnlich wie mit einem Schwamm, die
-Flüssigkeit in der Weise durchgeseiht, daß die Baststreifen an beiden
-Enden gefaßt, vorsichtig durch dieselbe gezogen, dann zusammengelegt und
-ausgerungen werden, und zwar dies letztere mit einer ganz eigenthümlich
-unnachahmlichen Hand- und Armbewegung. Nach dem Ausringen wird das
-Bastbündel mit einigen kräftigen Schlägen ausgeschüttelt, um die darin
-zurückgebliebenen kleinen festen Bestandtheile zu beseitigen, und diese
-Manipulation wird so oft wiederholt, bis sich keine Rückstände mehr
-zeigen. Ist dies erreicht, dann ist der Trank, welcher in Samoa für die
-größte Delicatesse gehalten wird, fertig.
-
-Als der Consul den Samoanern andeutete, daß unsere Zeit abgelaufen
-sei, wurde den Mädchen ein Zeichen gegeben, worauf die beiden seitlich
-Sitzenden sich erhoben und der mittlern eine Kokosnußschale hinhielten, um
-dieselbe füllen zu lassen. Dies wurde auch mit dem Bast bewerkstelligt,
-indem er eingetaucht und mit einer schnellen Bewegung über die Schale
-gehalten wurde, sodaß die Flüssigkeit in diese hineinlief. Die ersten
-Schalen wurden den Gästen, dem Consul und mir, gebracht, dann erst kamen
-die Samoaner an die Reihe, und ich mußte den Anstand bewundern, welcher
-bei dieser Bewirthung beobachtet wurde. Die Mädchen kamen nicht direct
-auf uns zu, sondern durchschritten den leeren Raum der Hütte, verließen
-dieselbe neben dem letzten unsern Halbkreis bildenden Samoaner, gingen
-hinter unsern Rücken herum und traten erst bei denjenigen, für welche der
-Trunk bestimmt war, wieder in die Hütte, beugten vor diesen ein Knie,
-reichten die Schale und traten dann zur Seite. Als dem Consul und mir
-die Kawa gereicht wurde, sagte mir der Herr, daß ich nicht zu trinken
-brauche, wenn ich nicht wolle, ich müsse nur die Schale in Empfang nehmen
-und sie dann wieder zurückgeben. Als ich aber sah, wie er selbst, an den
-Genuß schon gewöhnt, die Schale austrank und sie dann als Zeichen, daß
-sie geleert sei, mit einem besondern Handgriff nach der Mitte der Hütte
-zu von sich schleuderte, sodaß sie sich mit der Oeffnung nach oben wie
-ein Kreisel drehte, nahm ich wenigstens einen herzhaften Schluck, ehe ich
-die Schale der braunen Hebe wieder einhändigte. Da für alle Anwesenden
-nur zwei Schalen in Gebrauch genommen wurden, so mußten sie immer wieder
-gefüllt werden und wurden in dem Falle, wo sie nicht ausgetrunken waren,
-nur nachgefüllt. Die Portionen wurden immer kleiner, da die Personenzahl
-zu groß war, und für die letzten wurde der Bast schon ausgerungen, um
-alles herauszupressen. Vor diesem Besuch war mir die Art der Kawabereitung
-erklärt und die Nothwendigkeit des Trinkens auseinandergesetzt worden,
-und ich schauderte bei dem Gedanken an diesen ungewohnten Genuß, doch
-wurde es mir nachher ziemlich leicht, da das ganze Drum und Dran, die
-würdevolle Haltung der Samoaner, das gedämpfte Sprechen, die graziösen
-Bewegungen der zierlichen Hände und die prächtigen Zähne der jugendlich
-frischen, anmuthigen und hübschen Mädchen, die Sauberkeit und Ordnung in
-der Hütte, die beobachtete Etikette, einen so tiefen Eindruck auf mich
-gemacht hatte, daß ich an die eigentliche Bereitung gar nicht mehr dachte,
-als die hübsche, freundliche Spenderin mir mit ermunterndem, einladendem
-Blick den Trank reichte, sondern mich nur durch den beißenden Geschmack
-des Getränks abhalten ließ, die ganze Schale zu leeren.
-
-Die nächsten Tage brachten viel Unruhe für den Consul und mich, die wir
-für die deutschen Interessen verantwortlich waren, mancherlei Sorge und
-sogar Aufregung, da auch noch ein amerikanisches Kriegsschiff anfing,
-sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, oder die Anwesenheit desselben
-doch den auf amerikanischen Schutz rechnenden Samoanern Veranlassung
-gab, uns Schwierigkeiten zu bereiten. Jedenfalls haben, zunächst absehend
-von den officiellen Persönlichkeiten, die ortsanwesenden Amerikaner die
-Samoaner zum Widerstand gegen uns aufgereizt, und diese waren zweifellos
-der Ansicht, daß ihre Rathgeber nicht ohne Wissen und Zustimmung des
-amerikanischen Consulatsbeamten und Schiffscommandanten handelten. So kam
-es, daß nur der zweite Klagepunkt eine glatte Erledigung fand, indem der
-Plantagenverwaltung der Befehl zuging, die Arbeiten auf dem bestrittenen
-Stück Land wieder aufzunehmen, und der Regierung mitgetheilt wurde,
-daß ein fernerer Angriff nicht geduldet werden würde. Der französische
-Priester stellte sich danach zwar persönlich im Consulat ein, um einen
-Vergleich zu versuchen, mußte aber abgewiesen werden, da er füglich vor
-seinem thätlichen Angriffe eine Verständigung hätte versuchen müssen,
-andererseits ja aber das durch die samoanische Regierung anerkannte
-deutsche Recht klar zu Tage lag.
-
-In dem Punkte 1, Zahlung der noch ausstehenden 444 Mark, war schließlich,
-da die Samoaner ohne stichhaltige Gründe dieselbe verweigerten, von dem
-Consul eine letzte Frist gestellt worden, welche auch nicht eingehalten
-wurde, worauf die Sache in meine Hände überging. In dem Punkt 3 hatte die
-samoanische Regierung am 26. Juni dem deutschen Hause das Eigenthumsrecht
-an dem in Frage stehenden Stück Land erneut zuerkannt, bestritt dasselbe
-jedoch wieder und forderte für diesen Fall den Rechtsspruch eines
-amerikanischen Consulatsbeamten, welcher mit dem für die nächsten Tage
-erwarteten amerikanischen Kriegsschiffe kommen sollte. Diese Zumuthung
-wurde von uns selbstverständlich zurückgewiesen, worauf die Hütten am 1.
-Juli zwar geräumt, am 2. aber wieder bezogen wurden.
-
-Am 27. Juni hatte der zwischen San-Francisco und Australien laufende
-Postdampfer außerhalb des Hafens von Apia und ohne zu ankern mehrere
-Personen, Amerikaner, abgesetzt, welche aus früherer Zeit in Apia
-wohlgekannt waren und deren plötzliches Erscheinen von deutscher Seite
-mit berechtigtem Mistrauen und von einem großen Theil der Samoaner mit
-Sorge betrachtet werden mußte. Es gab denn auch gleich Unruhe genug, da
-bald die verschiedensten Gerüchte die Stadt durchschwirrten, welche alle
-darin gipfelten, daß es nunmehr mit der deutschen Herrlichkeit auf den
-Samoa-Inseln ein Ende habe, da in den nächsten Tagen ein amerikanisches
-Kriegsschiff einen zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und
-den Samoa-Inseln abgeschlossenen Vertrag brächte, nach welchem Amerika
-das Protectorat über die Inseln übernehmen und die Eingeborenen dann all
-das an die Deutschen verkaufte Land unentgeltlich wieder zurückerhalten
-würden. Welchen Eindruck diese Gerüchte auf die in Rechtsfragen
-kindlich denkenden Samoaner machten, sahen wir an dem Auftreten der
-Regierungsmitglieder, welche sich plötzlich auf das hohe Roß setzten und
-anfingen, eine gewisse Anmaßung zur Schau zu tragen.
-
-Am 29. traf denn auch schon das amerikanische Kriegsschiff ein und
-brachte neben einem höhern amerikanischen Consulatsbeamten noch einen
-Samoaner, Namens Mamea, und einen frühern amerikanischen General mit
-Namen Bartlett mit. Mamea war ein Abgesandter der samoanischen Regierung,
-welcher den Auftrag gehabt hatte, mit der amerikanischen Regierung einen
-Freundschaftsvertrag abzuschließen, und Bartlett war der von Mamea für
-24000 Mark jährlichen Gehalt gewonnene neue Berather und erste Minister
-der Samoa-Regierung. Die Personen, welche für die Zeit der nächsten drei
-Wochen in Apia nahezu alles auf den Kopf stellen sollten, waren beisammen,
-und der Tanz, welcher für die Deutschen den Abschluß eines Lustspiels
-fand, konnte beginnen.
-
-Ehe ich nun auf die Ereignisse selbst eingehe, muß ich dasjenige noch
-anführen, was in Apia über die Vorgeschichte des amerikanisch-samoanischen
-Vertrages erzählt wird. Ich sage „erzählt wird“, weil ich selbst ja keinen
-Einblick in die wirklichen Verhältnisse erhalten konnte.
-
-Es hatte sich in frühern Jahren in Apia eine von Amerikanern, denselben
-Leuten, welche am 27. Juni von dem Postdampfer gelandet wurden, gegründete
-Landcompagnie gebildet, welche mit wenig Geld große Ländereien in der
-Weise ankaufte, daß sie nur kleine Anzahlungen machte, für welche die
-Verkäufer Interimsquittungen ausstellten, ihr Land aber bis zur Zahlung
-des ganzen Kaufpreises behielten. Die Gesellschaft hatte sich aber
-verrechnet, fallirte und die zwei Hauptunternehmer erboten sich später,
-den Samoanern einen Freundschaftsvertrag mit den Vereinigten Staaten zu
-erwirken, dessen Hauptzweck sein sollte, den Samoanern ihre Unabhängigkeit
-zu sichern und sie in der Weise vor fremder Willkür zu schützen, daß
-dauernd ein amerikanisches Kriegsschiff in Apia stationiren solle. Um
-dies zu erreichen, sollte Amerika das Protectorat übernehmen. Ein solcher
-Vertrag, bei dem von einer Gegenleistung seitens der Beschützten keine
-Rede war, leuchtete den kindlichen Samoanern ein, und sie erwählten zu
-ihrem Abgesandten den Schreiber Mamea, welcher sich bald darauf mit den
-beiden Amerikanern, die auch alle seine Ausgaben bestreiten wollten,
-auf den Weg nach San-Francisco machte. Sehr verdacht wurde es zwar der
-Regierung, daß sie einen niedrig geborenen Mann zum Gesandten erwählt
-hatte, doch begründete sie die Wahl mit der Thatsache, daß nur er genügend
-mit der englischen Sprache vertraut sei, um ohne Dolmetscher durchkommen
-zu können.
-
-Am Tage nach der Ankunft der amerikanischen Corvette wußte ganz Apia,
-daß Mamea zwar seine Aufgabe gelöst habe, aber keineswegs nach dem Sinne
-seiner Auftraggeber, denn das, was diese gewünscht hatten, sollte in
-dem Vertrage nicht enthalten sein, dafür aber sollten die Samoaner eine
-Menge Verpflichtungen übernommen und auch ihren Hafen Pago-Pago an die
-Vereinigten Staaten abgetreten haben, ohne als Gegenleistung irgendwelche
-Rechte zu erhalten. Von allen Seiten stürmten nun Vorwürfe auf die
-Regierung ein, welche sich zunächst dadurch deckte, daß sie versprach, den
-Vertrag nicht ratificiren zu wollen, während von anderer Seite behauptet
-wurde, daß der von Mamea namens der samoanischen Regierung abgeschlossene
-Vertrag von der washingtoner Regierung bereits ratificirt sei und den
-Samoanern daher keine andere Wahl bliebe, als ebenfalls zu ratificiren.
-Inzwischen schien das sichere und selbstbewußte Auftreten aller Amerikaner
-allerdings anzudeuten, daß sie die Samoa-Inseln bereits in ihrer Tasche
-wähnten, und wir Deutsche wurden in den ersten Tagen von den Samoanern
-kaum noch der Beachtung werth befunden.
-
-Zum 2. Juli nachmittags hatten die Taimua und Faipule mir ihren
-Gegenbesuch angesagt und ich hatte mich am Vormittag dieses Tages, nachdem
-mir die Mittheilung geworden war, daß die Hütten auf dem bestrittenen
-Stück Land (Klagepunkt 3) wieder bezogen worden seien, damit einverstanden
-erklärt, daß diese Frage zu derselben Stunde, wo die Eingeborenen mich
-besuchen würden, in der mir vorgeschlagenen Weise ihre Erledigung fände.
-Die Samoaner kamen in den ihnen von mir zur Verfügung gestellten Booten
-an Bord, ich bewirthete sie, und während wir bei einer Cigarre oben auf
-Deck unter dem Sonnenzelt saßen, machte der Dolmetscher mich auf einen
-großen Feuerschein am Lande, auf ein brennendes kleines Dorf aufmerksam.
-Als meine Gäste dann unruhig wurden, ließ ich ihnen sagen, daß sie sich
-nicht zu beunruhigen brauchten, weil das Feuer auf einer deutschen
-Plantage sei und ich den Auftrag zu der Brandlegung gegeben habe, um
-damit die mit den Häusern zusammenhängende Streitfrage auf die einfachste
-Weise zu erledigen. Ich hatte meinen Zweck wol erreicht, denn die
-Blicke der Eingeborenen, welche von mir zu der dicht neben uns liegenden
-amerikanischen Corvette und von dieser wieder zu dem brennenden Dorfe
-wanderten, schienen mir zu sagen, daß die Leute doch zu der Erkenntniß
-gekommen seien, daß mit den Siamanis (Siamani, aus dem englischen
-„'German'“ hervorgegangen, ist die samoanische Bezeichnung für Deutscher)
-nicht zu spaßen sei. Daß das deutsche Haus den geschädigten Eingeborenen,
-welche von ihrem Häuptling keine Entschädigung zu erwarten hatten, den
-vollen Werth der niedergebrannten Hütten in Geld ersetzen würde, obgleich
-es nicht dazu verpflichtet war, brauchten die Machthaber vorläufig noch
-nicht zu wissen.
-
-Dieser Gewaltmaßregel folgte gleich am Vormittag des 3. Juli die zweite,
-indem ich der Taimua schrieb, daß ich, wenn die rückständigen 444 Mark
-bis zum 5. Juli 10 Uhr vormittags nicht bezahlt seien, das Geld mit
-Gewalt eintreiben würde. Aus bestimmten Gründen wählte ich nicht den
-nächsten Tag, sondern ließ ihnen zwei Tage Bedenkzeit. Am 5. morgens
-mit Tagesanbruch wurde ich geweckt und erhielt die Mittheilung, daß
-auffallend viele bewaffnete Eingeborene, es müßten schon über 300 sein,
-von ferner gelegenen Küstenpunkten kommend, das Schiff passirt hätten und
-in Mulinu’u gelandet wären, mithin dort wol etwas im Werke sein müsse.
-Im Schiff wußte nämlich niemand etwas davon, daß heute möglicherweise
-eine ernste Entscheidung fallen sollte, nur waren am Tage vorher vom
-Lande aus Gerüchte zu uns gedrungen, daß die amerikanische Corvette
-sich verpflichtet habe, die Samoaner gegen etwaige Gewaltmaßregeln von
-unserer Seite zu schützen, welchen Gerüchten ich indeß aus nahe liegenden
-Gründen keine Bedeutung beimessen konnte, wenngleich ich auch diese
-unwahrscheinliche Möglichkeit mit in meine Berechnung ziehen mußte. Da
-ich den Samoanern bis 10 Uhr Frist gegeben hatte, konnte die Thatsache
-der Zusammenziehung ihrer Streitkräfte an meinen Dispositionen übrigens
-nichts ändern.
-
-Der Verabredung gemäß kam der Consul kurz nach 10 Uhr an Bord und brachte
-die Nachricht, daß das Geld bis zur gestellten Frist nicht gezahlt
-worden sei und die Samoaner zum äußersten Widerstand entschlossen zu sein
-schienen. Er betrachte die Lage als ernst, da die Samoaner eine uns an
-Zahl weit überlegene Streitmacht zusammengezogen und eine ziemlich starke
-Vertheidigungsstellung eingenommen hätten, auch mit guten Hinterladern
-versehen seien. Zehn Minuten später waren unsere Boote bewaffnet und das
-Schiff lag gefechtsklar, nach weitern zehn Minuten waren die Signale für
-das etwa nothwendige Eingreifen unserer Schiffsartillerie verabredet
-und kurz vor 11 Uhr wollte ich eben mit dem Consul, welcher sich
-durchaus nicht zum Zurückbleiben bewegen ließ, sondern darauf bestand,
-den Waffengang mitzumachen, mein Boot besteigen, um vorzugehen, als an
-der andern Schiffsseite ein Kanu anlegte und ein in größter Aufregung
-befindliches Regierungsmitglied an Bord kam, um uns anzuzeigen, daß eine
-Deputation in dem deutschen Consulat auf uns warte, um den Restbetrag
-der Schuld zu tilgen. Gleichzeitig bat der Mann uns inständigst, doch ja
-von Gewalt abzusehen, da sie ja alles thun wollten, was wir wünschten,
-und sie nur von den Amerikanern zum Widerstand gereizt worden wären,
-weil diese ihnen Hülfe von der amerikanischen Corvette versprochen
-hätten. Wir konnten mit diesem Abschlusse ja zufrieden sein und nur die
-armen Samoaner bedauern, welche, den Vorspiegelungen einiger Abenteurer
-Glauben schenkend, sich zwischen zwei Feuer begeben hatten. Vorläufig
-noch in dem Wahne lebend, daß die kleinere amerikanische Corvette unserm
-Schiff überlegen sei und der amerikanische Commandant uns bei nächster
-Gelegenheit ohne weiteres aus dem Hafen weisen würde, womit dann die
-Rückerstattung des den Deutschen früher verkauften Landes verknüpft
-wäre, warfen diese großen Kinder sich den Amerikanern ganz in die Arme.
-Bei dieser Gelegenheit wie für das Folgende betone ich übrigens, daß ich
-die officiellen amerikanischen Persönlichkeiten von meiner Darstellung
-ausgeschlossen sehen will, sofern ich sie nicht jedesmal ausdrücklich
-nenne. Inwieweit und ob überhaupt die Haltung dieser Herren auf den ganzen
-Verlauf der fernern Ereignisse von Einfluß gewesen ist, entzieht sich
-der Besprechung durch mich; nur so viel kann ich sagen, daß sie nichts
-gethan haben, um der durch ihre Landsleute hervorgerufenen und fortgesetzt
-geschürten feindlichen Stimmung gegen Deutschland zu steuern, weshalb man
-in Apia allgemein annahm, daß das amerikanische Kriegsschiff die Aufgabe
-habe, von den Samoa-Inseln Besitz zu ergreifen. Wegen meiner amtlichen
-Stellung enthalte ich mich daher mit Bezug auf die Amerikaner jeder
-Ansichtsäußerung und gebe nur das, was man sich auf den Straßen erzählte.
-
-Durch den friedlichen Abschluß dieser Angelegenheit und die
-entgegenkommenden Versicherungen der Samoaner ließen wir uns
-indeß nicht einschläfern, denn die uns am Abend vorher durch ein
-Regierungsmitglied zugegangene Nachricht, daß die Taimua und Faipule
-den amerikanisch-samoanischen Vertrag bereits am 3. Juli im geheimen
-ratificirt habe, sagte uns, daß die Hauptarbeit für uns nun erst beginnen
-würde. Daß der Vertrag überhaupt ratificirt werden würde, hatten wir
-nie bezweifelt; daß dieser Act aber von der augenblicklichen Regierung
-allein und nicht dem samoanischen Brauche gemäß unter Mitwirkung der
-verschiedenen Landesbezirke ausgeführt worden war, mußte unsere Bedenken
-erregen, weil bei den zerfahrenen politischen Verhältnissen auf den
-Inseln innere Unruhen zu befürchten waren. Auch trat an den deutschen
-Consul nunmehr die Nothwendigkeit heran, auf Grund einer in seinen Händen
-befindlichen schriftlichen Verpflichtung der jetzigen Regierung vom
-Jahre 1877, daß dem Deutschen Reiche stets dieselben Rechte zuzugestehen
-seien, welche einer andern Macht etwa gewährt würden, für Deutschland
-einen gleichen Vertrag zu fordern, wie er mit den Vereinigten Staaten
-von Nordamerika abgeschlossen worden war. Diese Forderung konnte aber
-nicht eher gestellt werden, bis die erfolgte Ratificirung auf legalem
-Wege bekannt geworden war, und dies geschah erst am 8. Juli, worauf noch
-an demselben Tage die entsprechende deutsche Forderung der samoanischen
-Regierung zugestellt wurde. Mündliche Angaben einiger Regierungsmitglieder
-besagten dann, daß der von unserm Consul geforderte Vertrag in den
-nächsten Tagen abgeschlossen werden könne, die schriftliche Antwort
-lautete aber nicht nur ausweichend, sondern auch noch herausfordernd,
-indem die Samoaner die frühere Abmachung für nicht bindend erklärten und
-die Meinung äußerten, daß sie allein zu bestimmen hätten, mit wem sie
-Verträge abschließen wollten. Wer hinter dieser kühnen, den Samoanern gar
-nicht ähnlichen Sprache steckte, war uns nicht zweifelhaft.
-
-Die nächsten Tage brachten nun viel Verwirrung in Apia, viel Lug und
-Trug, wobei sich nur eins klar herausstellte, daß die Taimua und Faipule
-eine durchaus würdelose Gesellschaft waren, von deren Mitgliedern ein
-Theil abends spät im deutschen Consulat vorsprach, Mittheilungen über
-das Treiben der Amerikaner brachte, einer den andern verdächtigend und
-alle versichernd, daß sie nur deutschen Einfluß auf den Samoa-Inseln
-wünschten und von den Amerikanern bald wieder befreit zu werden hofften.
-Die amerikanische Corvette wollte nach Ratificirung des Vertrages
-gleich wieder nach San-Francisco zurückkehren, während von anderer Seite
-behauptet wurde, daß das Schiff noch Monate lang hier bliebe, um erst nach
-unserm Weggange seine eigentliche Aufgabe zu lösen; hatten die Amerikaner
-wirklich besondere Absichten, dann waren sie jedenfalls unklug gewesen,
-sich mit ihren abenteuernden Landsleuten so weit einzulassen, wie sie es
-gethan haben, denn diese konnten nicht schweigen. Der General Bartlett
-wurde von den Samoanern als erster Minister nicht anerkannt, schrieb
-dies dem Einfluß seiner eigenen Landsleute zu und fing an, gegen diese
-zu wühlen. Einer der von den Amerikanern angenommenen Dolmetscher stand
-unter deutschem Einflusse und brachte uns die bedenklichsten Nachrichten.
-Der amerikanische Consulatsbeamte, welcher dem bisherigen hiesigen
-amerikanischen Consul seine Versetzung nach den Fidji-Inseln, anzutreten
-nach Eintreffen seines Nachfolgers, mitgebracht hatte, trat als Herr
-der Lage auf. Die Engländer fanden, da keins ihrer Schiffe anwesend war,
-Anlehnung an uns. Und die Samoaner wußten weder ein noch aus, waren an
-dem einen Tage unsere Feinde und suchten am nächsten unsere Freundschaft.
-
-Endlich am 14. Juli fing die Lage an sich zu klären. Die Samoaner hatten
-ihre Vorbereitungen beendet und für die Tage des 17., 18. und 19. Juli
-ein großes Fest ausgeschrieben, an welchem die Abgesandten aller Bezirke
-der Samoa-Inseln theilzunehmen hatten und welches den Amerikanern und
-uns zu Ehren gegeben werden sollte. Doch war es außer Zweifel, daß das
-Fest nur für die Amerikaner bestimmt war und bei dieser Gelegenheit die
-feierliche Bekanntgabe des zwischen Samoa und Amerika abgeschlossenen
-Vertrages erfolgen sollte; außerdem aber sollte, nach uns zugegangenen
-und von uns für durchaus zuverlässig gehaltenen Nachrichten, den von den
-Tänzen und der Aufregung der Festlichkeiten berauschten Samoanern von
-ihrer Regierung der Vorschlag gemacht werden, sich unter den Schutz der
-amerikanischen Regierung zu stellen, worauf die Taimua und Faipule dann
-den amerikanischen Consulatsbeamten bitten sollten, von den Samoa-Inseln
-namens seiner Regierung Besitz zu ergreifen. Gründete dieses Gerücht
-sich wirklich auf Thatsachen und ließen die Samoaner sich im Rausche
-zu dem geplanten Schritte verleiten, dann hing es nur von dem Gutdünken
-des genannten Herrn ab, ob er den Staatsstreich wagen wolle oder nicht.
-Jedenfalls lag in diesem Falle die Befürchtung nahe, daß die ganze
-Regierungsgewalt unter äußerlicher samoanischer Hoheit in amerikanische
-Hände übergehen und der deutsche Handel dann bald vernichtet sein
-würde. Die Sandwich-Inseln geben ja ein ziemlich klares Bild von den
-wahrscheinlichen Folgen einer eingeborenen Regierung unter amerikanischen
-Ministern. Es war daher durch einen Gewaltstreich der angedeuteten Art
-für die Deutschen so viel zu verlieren, daß wir möglichem Unheil vorbeugen
-mußten.
-
-Unter solchen Verhältnissen war eine Betheiligung an den Festen von
-unserer Seite ausgeschlossen, und wir würden denselben auch in dem Falle,
-daß unsere Forderungen erfüllt worden wären, fern geblieben sein, da wir
-nach der Vorgeschichte dieser Veranstaltungen dabei nur eine zweifelhafte
-Rolle hätten spielen können. Am 14. Juli traf auf dem deutschen Consulat
-die förmliche Einladung der Samoa-Regierung zu den Festen für uns ein,
-und damit war uns die Handhabe zur Erneuerung unserer Forderungen gegeben.
-Unsere Antwort lautete, daß wir die Einladung nur dann annehmen könnten,
-wenn dem Deutschen Reiche vorher ein Vertrag mit denselben Rechten, wie
-sie der amerikanischen Regierung zuerkannt seien, zugesichert und bis zum
-nächsten Vormittag der Zeitpunkt für die Vertragsverhandlungen genau und
-schriftlich bezeichnet würde. Als nun im Laufe des Nachmittags des 14.
-dem Consul das vorstehend erwähnte Gerücht über die von den Samoanern
-beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an Amerika zuging, hielt dieser
-Herr es für nothwendig, unsererseits sichernde und vorbeugende Maßregeln
-zu ergreifen, und machte den kühnen Vorschlag, zwei samoanische Häfen mit
-Beschlag zu belegen und als Faustpfand zu behalten, bis die Samoaner ihre
-Verpflichtungen gegen Deutschland erfüllt hätten. Nach kurzer Bedenkzeit,
-welche ich mir erbeten hatte, stimmte ich dem Vorschlage zu, weil ich
-ihn für gut und wahrscheinlich ausführbar hielt, und in der erfolgten
-Ausführung die deutschen Interessen vorläufig geborgen sah.
-
-Am 15. Juli, mittags 12 Uhr, war von den Samoanern noch keine Antwort
-eingetroffen; um 1 Uhr fing unser Schlot an zu rauchen; das Schiff wurde
-seeklar gemacht; der Consul, sowie zwei Halbweiße, ein Dolmetscher und
-ein Lootse für die als Faustpfand in Aussicht genommenen Häfen Saluafata
-und Falealili, kamen an Bord, und um 3 Uhr dampften wir in See. Um 5
-Uhr ankerten wir vor Saluafata in einem vorzüglichen, gegen alle Winde
-geschützten Hafen; einige Eingeborene kamen noch an Bord, Früchte zum Kauf
-anzubieten, und kurz vor Eintritt der Dunkelheit wurden unser Dolmetscher
-und Lootse an Land geschickt, um den Häuptling auf das vorzubereiten, was
-er am nächsten Morgen zu erwarten habe. Einerseits mußte, um nach unserer
-Ansicht die Beschlagnahme rechtsverbindlich zu machen, der Besitzer des
-Hafens bei dem Acte zugegen sein, oder aber den Platz, nachdem er vorher
-von allem unterrichtet worden war, verlassen haben, andererseits war
-die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, bewaffneten Widerstand zu finden,
-sobald wir eine bewaffnete Truppe ohne vorherige Ankündigung landeten.
-Der Dolmetscher hatte den Auftrag, dem Häuptling mitzutheilen, daß die
-Samoa-Regierung sich neuerdings weigere, alte, den Deutschen früher
-zugestandene Rechte anzuerkennen, und wir daher gezwungen seien, vorläufig
-und so lange den Hafen von Saluafata für die deutsche Regierung in Besitz
-zu nehmen, bis diese Rechte anerkannt seien. Ich hätte nicht die Absicht,
-sonst irgendwelche Gewalt zu brauchen, und hoffe, daß sein Benehmen so
-verständig sein würde, daß ich an meiner Absicht festhalten könne. Im
-übrigen würde die Rückerstattung des Hafens seinerzeit sicher erfolgen
-und irgendein Schaden könne daraus für ihn nicht erwachsen.
-
-Bald nach dem Landen unserer Abgesandten wurde es in Saluafata lebendig
-und sehr geräuschvoll, mehrere Trommeln wurden unermüdlich bis um 2 Uhr
-nachts geschlagen und viel Geschrei drang bis zu uns herüber. Nach Ansicht
-des Consuls bedeutete dies eine Alarmirung aller streitbaren Männer;
-er vermuthete, daß eine große Zahl bewaffneter Eingeborener, welche
-auf dem Wege nach Apia zur Theilnahme an den geplanten Festlichkeiten
-seien, sich hier zusammengefunden und Nachtquartier genommen hätten. Um
-gegen einen etwaigen Ueberfall gesichert zu sein, ließ ich das Schiff
-in Vertheidigungszustand setzen, und die halbe Mannschaft war während
-der Nacht stets gefechtsbereit auf Deck. Als es um 2 Uhr an Land ruhig
-geworden war und sich dann bis 4 Uhr nichts Verdächtiges zeigte, legte
-ich mich noch etwas hin, wurde aber schon um 6 Uhr wieder geweckt, da
-unser Dolmetscher und der Lootse in einem Kanu von Land gekommen waren
-und mich augenblicklich zu sprechen forderten. Ich ließ die Leute in die
-Kajüte kommen und wir hörten -- der Consul hatte auch sein Bett verlassen
---, daß, wie letzterer richtig vermuthet hatte, an 1000 mit Hinterladern
-bewaffnete Eingeborene in Saluafata anwesend und entschlossen seien, uns
-nicht an Land zu lassen. Sie selbst wären während der Nacht in größter
-Lebensgefahr gewesen, trotzdem ihre Mütter und Frauen Häuptlingstöchter
-seien, und hätten noch vor Tagesanbruch das Land heimlich verlassen. Der
-größte Theil der Eingeborenen hätte schon während der Nacht einen Angriff
-auf das Schiff machen wollen, weil ihre Spione, die am Abend vorher als
-Fruchtverkäufer an Bord gewesenen Leute, die Nachricht an Land gebracht
-hätten, daß das Schiff keine Kanonen habe. Diese waren nämlich für die
-Nacht mit ihren Bezügen zugedeckt gewesen und wurden deshalb von den
-Eingeborenen nicht als solche erkannt. Nach langen Verhandlungen wäre
-dieser Plan aber fallen gelassen worden, weil ein alter weiser Häuptling
-den Ausspruch gethan habe, daß sie vollkommen recht hätten, wenn sie die
-Wegnahme unsers Schiffes als eine Kleinigkeit betrachteten; er wisse aber
-noch etwas Leichteres und schlüge vor, gleich damit vorzugehen, nämlich
-den Hafen erst auszuschöpfen und das Schiff zu nehmen, wenn es auf dem
-Trocknen läge. Nach diesem Vorschlage sei ernüchternde Ruhe eingetreten
-und der Plan eines nächtlichen Angriffes aufgegeben worden.
-
-Inzwischen hatte der Dolmetscher, welcher äußerlich ein bejammernswerthes
-Bild abgab und sich kaum auf den Füßen halten konnte, erklärt, daß er
-gleich zum Arzt müsse, weil der während der Nacht ausgestandene Schreck
-ihn so krank gemacht habe, daß er sterben würde. Nachdem ich den Mann
-dem Schiffsarzt überwiesen hatte, verhandelten wir mit dem Lootsen,
-welcher seine Fassung einigermaßen bewahrt hatte, weiter und kamen zu
-dem Schlusse, daß Saluafata möglicherweise nicht ohne Blutvergießen zu
-nehmen sein würde. Besonders ernst stimmten uns der Zustand unserer beiden
-Halbweißen und ihre Auffassung der Lage, denn da sie in samoanischen
-Verhältnissen aufgewachsen und mit angesehenen Häuptlingsfamilien verwandt
-waren, vermochten sie wohl zu beurtheilen, wie weit die Eingeborenen
-gehen würden, andererseits waren gerade diese beiden Leute als muthige,
-unerschrockene Männer bekannt und hatten diese Charaktereigenschaften
-schon in verschiedenen Lagen bewiesen.
-
-Da wir uns erst zu 9 Uhr vormittags bei dem Häuptling angesagt hatten,
-blieben mir noch zwei Stunden Zeit zur Ueberlegung, wie die Landung
-am besten auszuführen sei. Soviel ich auch hin und her dachte, alle
-Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten erwog, ich kam immer wieder zu
-dem Schlusse, daß es am besten sei, wenn der Consul und ich zunächst nur
-allein das Land beträten und die zu dem feierlichen Acte der Beschlagnahme
-erforderliche Truppe erst nachfolge, wenn unsere mündlichen Verhandlungen
-mit dem Häuptling zum Abschluß gekommen seien. Wir durften nicht einmal
-eine kleine Bedeckung mitnehmen, da diese die Samoaner zum Angriff
-reizen konnte. Der Consul stimmte mir darin bei, daß, da wir den einmal
-betretenen Weg einhalten müßten, ein ernstlicher Zusammenstoß auf diese
-Weise am ehesten vermieden werden könne und unser eigenes Leben in diesem
-Falle nicht mehr gefährdet sei, als wenn wir an der Spitze unsers ganzen
-aus 120 Mann bestehenden Landungscorps das Land beträten, und erklärte
-sich bereit, mit mir allein zu gehen. Im übrigen mußte die Beschlagnahme
-ja noch heute ausgeführt werden, da der morgende Tag, an welchem in Apia
-die Feste begannen, schon eine für uns ungünstige Entscheidung bringen
-konnte. Es blieb mir also keine Zeit zur regelrechten Belagerung und
-Säuberung des Platzes.
-
-Der Schauplatz an Land war so, daß wir einen etwa 100 Schritt breiten und
-200 Schritt tiefen Platz betreten und ganz durchmessen mußten, um bis zu
-dem im Hintergrunde sich an den Wald anlehnenden Hause des Häuptlings zu
-gelangen. Der Platz wird mit Ausnahme eines kleinen Stücks am Strande
-von dichtem Wald und Busch umrahmt, durch welchen nur schmale Fußpfade
-gehen. Hinter der Häuptlingswohnung im Walde öffnet sich eine enge
-Schlucht, auf welche mehrere in das Innere führende Fußpfade münden. Auf
-dem Platze selbst liegt in der Mitte noch ein der ältesten Tochter des
-Häuptlings gehörendes Haus und an der einen Seite am Waldesrande befinden
-sich zwei alte Häuptlingsgräber, denen die Samoaner eine große Verehrung
-zollen und welcher Umstand den Consul bestimmt hatte, gerade Saluafata
-als Beschlagsobject zu wählen. Landeten wir nun gleich mit einer größern
-Truppe, so war anzunehmen, daß die Samoaner, in der Befürchtung eines
-Angriffs von unserer Seite, aus ihrem Hinterhalte auf 50-100 Schritt
-Entfernung mit ihren Schnellladern ein verheerendes Feuer auf uns
-richteten, welches etwa die Hälfte unserer Leute hinraffen mußte, worauf
-die Angreifer ohne einen Schuß zu erhalten, auf gedeckten Pfaden nach den
-verschiedensten Richtungen in das Innere entfliehen konnten, ohne daß es
-uns möglich gewesen wäre, ihnen zu folgen, weil wir nicht wissen konnten,
-wohin uns zu wenden. Von unserer Seite den ersten Angriff zu machen, war
-ausgeschlossen, da uns jede Veranlassung dazu vorläufig noch fehlte, im
-übrigen wir ja auch kein Angriffsobject gefunden haben würden. So blieb
-bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit nur der von uns gefaßte
-Plan als einziger Ausweg möglich, indem wir hofften, daß die moralische
-Wirkung unsers Auftretens uns den gewünschten Erfolg bringen würde. Wenn
-wir uns auch mit Revolvern versahen, so setzten wir für den Fall eines
-Angriffs unsere einzige Hoffnung doch nur auf die blanke Waffe, weshalb
-der Consul meinen zweiten Säbel nahm. Denn wenn auf uns geschossen wurde,
-konnte unsere Erwiderung der Schüsse in den dichten Wald hinein keinerlei
-Erfolg haben, und wir nahmen uns für diesen Fall vor, wenn wir nicht
-getroffen werden sollten, mit blankem Säbel unsern Angreifern in den Wald
-entgegenzustürmen, darauf rechnend, daß die Eingeborenen dann vor uns
-fliehen würden.
-
-Nachdem ich für alle Fälle dem ersten Offizier des Schiffes Aufschluß über
-die ganze Lage gegeben hatte, wurden gegen 8½ Uhr die Boote gerüstet. Der
-Befehlshaber des Landungscorps hatte den Auftrag, 400 Schritt vom Lande
-die Boote aufmarschiren zu lassen und nach den verabredeten Signalen zu
-handeln. Kurz vor 9 Uhr lief mein Boot knirschend auf den Sand, und der
-Consul und ich traten unsern ernsten Weg an. Den Dolmetscher, welchen
-der Arzt für befähigt erklärt hatte uns für eine Stunde zu begleiten,
-mußten wir in meiner Gig zurücklassen, da der Mann unser Vorhaben als
-sichern Tod bezeichnete und nicht zum Mitgehen bewogen werden konnte.
-Zwei Leute meiner Bootsbesatzung sollten, nachdem wir einen Vorsprung
-gewonnen hatten, uns vorsichtig in Sicht- und Rufweite nachfolgen, um
-einen etwaigen Ueberfall sofort an das Landungscorps melden zu können,
-da ja auch nicht ausgeschlossen war, daß die Samoaner versuchen würden,
-sich unserer Personen zu bemächtigen, um uns vorläufig als Geiseln zu
-behalten. Wir durchschritten eine Palmenlichtung und fanden die dort
-zerstreut liegenden Hütten, soweit wir sehen konnten, sämmtlich verlassen,
-was kein gutes Zeichen war. Wir betraten den Platz und gingen, ohne eine
-Menschenspur zu entdecken, die Hand an dem gelockerten Säbel, etwa zwei
-Schritte voneinander entfernt, in ruhigem festen Schritt vor, jeden
-Augenblick den ersten verhängnißvollen Schuß erwartend. Denn wenn nur
-ein aufgeregter unbedachter Samoaner losdrückte, so war dies zweifellos
-das Signal für eine mörderische Salve auf uns. Es war eine eigenthümlich
-ernste Lage, welche den Mund verstummen machte und den Gedanken den
-weitesten Spielraum ließ. Was wurde, wenn das tödliche Blei uns traf,
-oder wir lebend überwältigt den unberechenbaren Mishandlungen einer
-fanatisirten Menge preisgegeben waren?
-
-Erst als wir die Hütte der Häuptlingstochter umgangen hatten, änderte sich
-das Bild. Geputzte und mit Blumen geschmückte Menschen, Männer, Frauen und
-Kinder kamen uns entgegen und geleiteten uns zu dem Hause des Häuptlings,
-wo wir von sämmtlichen Häuptlingen des Bezirks, denen sich ihre Familien
-theilweise angeschlossen hatten, empfangen wurden. Nachdem wir die uns
-gereichte Kawa getrunken hatten, wurde der Dolmetscher herbeigerufen und
-der Zweck unserer Anwesenheit kundgethan, worauf Sangapolutele, der erste
-Häuptling und Besitzer von Saluafata, erklärte, der Gewalt weichen und
-uns vertrauen zu wollen. Nachdem dann die Ehrenwache heransignalisirt war
-und vor dem Hause Aufstellung genommen hatte, wurde die deutsche Flagge
-mit den entsprechenden militärischen Ehrenbezeugungen aufgepflanzt,
-von dem Consul die in samoanischer Sprache verfaßte, die Beschlagnahme
-aussprechende Proclamation verlesen und Sangapolutele darauf eingehändigt;
-die Flagge wurde wieder gesenkt, unsere Truppe marschirte mit klingendem
-Spiel ab und wir verweilten noch einige Minuten, um die vorher fertig
-gemachten Briefe, welche der Samoa-Regierung und den fremden Consuln
-die erfolgte Beschlagnahme von Saluafata anzeigten, durch einen Boten
-abzusenden. Während dieser Zeit erfuhren wir auch noch, daß wirklich
-600 Samoaner um den Platz herum auf uns im Anschlag gelegen hatten,
-aber zurückgezogen wurden, als wir nur allein den Platz betraten und das
-Stoppen unserer Boote weiter außerhalb ihnen die Gewißheit gab, daß wir
-keinen gewaltthätigen Angriff beabsichtigten. Wir kehrten zum Schiffe
-zurück und waren schon um 10 Uhr wieder unter Dampf auf dem Wege nach
-Falealili.
-
-Gegen Abend langten wir dort an und der Lootse wurde an Stelle des
-Dolmetschers, welcher wirklich ernstlich erkrankt war, an Land geschickt,
-um die Häuptlinge des Platzes ebenso vorzubereiten, wie es in Saluafata
-geschehen war. Er brachte am 17. morgens indeß die Nachricht, daß der Ort
-von Menschen entblößt sei und die wenigen Zurückgebliebenen nicht wagten,
-in Abwesenheit ihrer Häuptlinge mit uns zu verhandeln, daher vor unserer
-Landung den Ort verlassen würden. Da es somit wahrscheinlich war, daß der
-Act der Beschlagnahme in einer verlassenen Stadt erfolgen würde, so nahmen
-wir einen Zimmermann mit, um die Proclamation in der Hütte des Häuptlings
-annageln zu lassen. Um 7½ Uhr morgens landeten wir mit der Ehrenwache,
-nachdem, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen, die bewaffneten Boote
-ebenso wie in Saluafata in einiger Entfernung vom Lande Aufstellung
-genommen hatten; wir fanden aber, entgegen unserer Annahme, den Platz
-nicht verlassen, sondern voller Menschen, welche sich zum Theil in der
-uns vom Lootsen als solche bezeichneten Hütte des Häuptlings, zum größern
-Theil in deren nächster Umgebung befanden. Beim Näherkommen erkannten
-wir allerdings, daß wir nur geputzte Frauenzimmer vor uns hatten,
-in deren Mitte sich ein eingeborener Missionslehrer befand, welchen
-sie wol zur Wahrung des Anstandes bewogen hatten, an unserm Empfang
-theilzunehmen. Die munter aussehende Schar benahm sich sehr artig und
-schien sich der Würde, die Männer zu vertreten, wohlbewußt zu sein. Wir
-mußten zunächst mit den im Hause befindlichen Häuptlingsdamen die Hände
-schütteln, der Consul wechselte mit dem Lehrer einige Worte, und dann
-erfolgte die Beschlagnahme, welche mit der Annagelung der Proclamation im
-Häuptlingshause abschloß.
-
-Die Damen verhielten sich still und zurückhaltend, bis unsere Wache bei
-ihrem Abmarsch ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, dann
-ging ihnen jedoch ihr Temperament durch, die in dem Hause befindlichen
-traten aus demselben heraus und liefen, von den andern gefolgt, unsern
-Leuten nach, um sie bis zum Strande zu begleiten. Dort erfolgte sogar,
-nachdem die Wache in ihren Booten abgesetzt hatte und das Boot für die
-Musik herankam, schließlich unter großem Jubel und fröhlichem Gelächter
-seitens der jungen Mädchen, ein regelrechter Angriff auf die Musiker. Denn
-während diese, um ihr Schuhzeug nicht naß zu machen, auf andern Matrosen
-reitend durch das seichte Wasser zum Boote getragen wurden, folgten ihnen
-die Mädchen, von den ältern Frauen angespornt, in das Wasser nach, kniffen
-die Reiter in die Beine, theilten zarte Schläge aus und schenkten den
-Geschlagenen dann ihre Blumen. Doch damit nicht genug, versuchten sie
-noch den Paukenschläger zu entführen und benutzten dazu den Moment, wo er,
-nachdem er seine Pauke untergebracht hatte, mit dem Leib auf dem Bootsrand
-liegend, versuchte, in dasselbe sich hineinzuarbeiten. Einige Mädchen
-packten ihn an den Beinen, zogen ihn wieder aus dem Boot und hoben ihn auf
-ihre Schultern, doch machte der Offizier des Bootes diesem liebenswürdigen
-Unfug ein Ende, als sie versuchten, den Mann an Land zu tragen. So endete
-die Wegnahme von Falealili als ein Festtag für seine Bewohnerinnen.
-
-An Bord zurückgekehrt, ließ ich gleich Anker lichten, um unter Segel und
-Dampf schleunigst nach Apia zurückzukehren und dort noch vor Dunkelwerden
-einzutreffen, da ich doch nicht sicher war, ob die aufgeregten
-Samoaner nicht etwa Feindseligkeiten gegen die Deutschen unternehmen
-würden. Kurz vor Sonnenuntergang langten wir in Apia an und erfuhren
-von dem uns entgegengekommenen Lootsen, daß in der Stadt zwar eine
-hochgradige Aufregung herrsche, weil das Gerücht, wir hätten die beiden
-beschlagnahmten Plätze dem Erdboden gleichgemacht, im Umlauf sei, unsere
-Landsleute seien aber bisjetzt unbehelligt geblieben; dagegen habe die
-amerikanische Corvette seeklar gemacht, um uns am nächsten Tage zu folgen.
-Der Consul fuhr gleich an Land und ich folgte etwas später, um den Abend
-in dem gastlichen deutschen Hause zu verbringen und mich über die Lage in
-Apia zu unterrichten. Auf meinem Wege dorthin kam mir gerade der ganze
-Zug der von Mulinu’u zurückkehrenden lärmenden und bunt herausgeputzten
-Festtheilnehmer entgegen, sodaß ich mich zur Seite stellte, um die Leute
-vorüber zu lassen, da ich mich nicht dem Menschenstrom entgegendrängen
-wollte. Doch schon nach kurzer Zeit fielen mehrere Schüsse und eine Kugel
-sauste dicht an meinem Kopfe vorbei. Nun mußte ich meinen Platz verlassen
-und schaffte mir mit einigen kräftigen Stockschlägen auf die Köpfe der
-Eingeborenen freie Bahn, sodaß mir Raum gemacht wurde und ich bis zum
-Consulat gelangen konnte. Nicht lange darauf kam auch noch eine Botschaft
-von meinem Schiffe, daß auf unsere Boote geschossen worden sei, und nun
-schickte ich noch an demselben Abend eine Beschwerde an die Regierung
-mit der gleichzeitigen Androhung, für jeden getödteten oder verwundeten
-Deutschen zwei Samoaner aufhängen zu lassen. Aehnliche Ausschreitungen
-kamen indeß nicht mehr vor. An diesem Abend erfuhren wir noch über die
-politische Lage, daß bei den Festen, zu welchen ungefähr 3000 Theilnehmer
-erschienen waren, der größte Theil der Bezirke Upolus vertreten war und
-somit angenommen werden darf, daß diese Insel den Vertrag zwischen Samoa
-und den Vereinigten Staaten anerkannt hat, während Savai’i ferngeblieben
-ist und erklärt hat, den Vertrag nicht anerkennen zu wollen. Tutuila
-dagegen war wieder durch einige Abgesandte vertreten, aber nur um
-gegen die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an eine fremde Macht zu
-protestiren. Da die samoanischen Häfen Privateigenthum der betreffenden
-Häuptlinge sind, so konnte seinerzeit Mamea nicht bevollmächtigt werden,
-einen Hafen abzutreten, und hatte diese Vollmacht auch nicht erhalten.
-Immerhin hat die jetzige samoanische Regierung den Vertrag mit der
-Ueberweisung Pago-Pagos als Kohlenstation ratificirt.
-
-Die Aufregung unter den Samoanern schwand am nächsten Tage, als unsere
-getroffenen Maßnahmen der Wahrheit gemäß bekannt wurden; unter den
-Amerikanern aber wuchs sie und führte zur vollständigen Veruneinigung
-aller Betheiligten, welche nach wenigen Tagen zum größten Theil ebenso
-schnell aus Apia verschwanden, wie sie meteorartig dahingekommen
-waren. Zunächst versuchten die Amerikaner zu retten, was noch zu retten
-war, wobei die wunderlichsten Sachen zu Tage kamen. Als sie alle ihre
-Bemühungen, festen Fuß zu fassen, scheitern sahen, vereinigten sie sich
-noch einmal zu einem großen Schlage, indem sie der Samoa-Regierung eine
-Rechnung zur Begleichung vorlegten, welche die Höhe von 105800 Dollars
-oder 423200 Mark erreichte.
-
-Die kurze Geschichte dieser Rechnung ist, wie sie in Apia erzählt wird,
-die folgende.
-
-Die beiden zur frühern Landcompagnie gehörigen Amerikaner, welche
-den samoanischen Abgesandten Mamea nach Amerika bringen wollten,
-erklärten diesem gleich nach der Ankunft in San-Francisco, daß sie
-ihn ohne Geldmittel in Stich lassen würden, wenn er nicht namens der
-Samoa-Regierung Schatzbons im Betrage von 100000 Doll. ausschriebe
-und ihnen aushändige, wogegen sie dann auf ihre Landansprüche in Samoa
-verzichten würden. Mamea, welcher übrigens die Tragweite einer solchen
-Maßregel gar nicht ermessen konnte, zumal ihm, wie jedem Samoaner, das
-Verständniß dafür fehlte, was eine solche Summe überhaupt zu bedeuten
-hat, fertigte die Schatzbons nach einigem Sträuben aus. Die Sache wurde
-vorläufig geheim gehalten und erblickte das Tageslicht erst am 20. Juli,
-nachdem durch die Feste in Mulinu’u der Vertrag mit den Vereinigten
-Staaten öffentliche Anerkennung gefunden hatte; die Leute stellen jetzt
-die Behauptung auf, daß Mamea zur Ausgabe der Schatzbons berechtigt
-gewesen wäre, weil er vollgültige Vollmacht zur Abschließung des Vertrags
-gehabt habe. Die Samoaner aber wollen diese Beweisführung nicht gelten
-lassen und weigern sich zu zahlen. Ferner sollen die erwähnten beiden
-Herren eine Rechnung von 4800 Doll. für den Unterhalt des Mamea während
-seines sechsmonatlichen Aufenthalts in Amerika vorgelegt haben. Mamea sagt
-aber, daß er schlecht verpflegt worden sei, nie baares Geld gesehen habe
-und San-Francisco überhaupt nicht hätte verlassen können, wenn nicht der
-von ihm angeworbene Bartlett ihn aus dem Gasthof ausgelöst hätte, worüber
-dieser Herr eine Rechnung von 1000 Doll. vorgelegt haben soll, sodaß
-hiernach die für Mamea’s Reise geforderten Gesammtausgaben 5800 Doll.
-betragen würden. Die Samoaner, welche in dem Glauben leben durften, daß
-die Entsendung Mamea’s ihnen überhaupt nichts kosten würde, verweigern
-auch hier die Zahlung der ganzen Summe und wollen nur von ihnen in aller
-Eile gesammelte 1000 Doll. geben.
-
-Die Weigerung der armen Samoaner, welche überhaupt kein baares Geld in
-größern Summen besitzen, soll nun veranlaßt haben, daß dem amerikanischen
-Commandanten die Sache übergeben worden ist, welcher aber auch schwerlich
-die Zahlung wird erzwingen können, wenn er wirklich diese etwas
-zweifelhafte Angelegenheit sollte weiter verfolgen wollen. Und vor einer
-Vergewaltigung, wie Tahiti sie seinerzeit durch die Franzosen erfahren
-hat, sind die Samoaner ja gesichert, seitdem Saluafata und Falealili schon
-in fremden Händen sind, sodaß sie unter Umständen für diesen Gewaltstreich
-noch dankbar sein müßten, welche Auffassung sich in dem größten Theile
-des Landes und bei der Minderheit der Regierungsgewalten übrigens auch
-schon Bahn brechen soll. Um dem Wirrwarr die Krone aufzusetzen, soll nun
-auch noch der mehrerwähnte Consulatsbeamte sich ebenfalls um die Stelle
-eines ersten Ministers der Samoa-Regierung beworben und zu diesem Zwecke
-einen vom 24. Mai datirten Empfehlungsbrief Steinberger’s vorgelegt haben.
-Diesen Brief will einer der Herren von der Landcompagnie, welcher seine
-Sache hier verloren gibt und mich um eine Passage nach den Fidji-Inseln
-bat, gesehen haben. Die Folge davon ist, daß Bartlett nun sucht, mit uns
-Fühlung zu bekommen, um mit deutscher Hülfe den ihm in Aussicht gestellten
-Posten zu erlangen. Das kurze Ende der langen Geschichte ist, daß wir
-meines Erachtens das Spiel gewonnen haben und ich, trotzdem die Samoaner
-vorläufig noch abgelehnt haben, zur Wiedererlangung ihrer beiden Häfen
-mit uns den Deutschland verbrieften Vertrag abzuschließen, glaube ruhig
-die Reise nach Sydney wagen zu können, da der Consul allen Schwierigkeiten
-allein gewachsen sein dürfte, solange die erfolgte Beschlagnahme der Häfen
-zu Recht besteht und sofern sie von zuständiger Stelle gebilligt werden
-sollte.
-
-So habe ich heute Morgen Apia verlassen und vor Antritt der Reise auf
-Wunsch des Consuls nur noch einen Abstecher nach der kleinen Insel Manono
-gemacht, da noch immer keine Nachricht von der erfolgten Bestrafung der
-Leute, welche mit dem französischen Priester den Angriff auf die deutsche
-Plantage gemacht hatten, eingetroffen war und der Consul vermuthete, daß
-die Regierung zu schwach sei, eine solche von der trotzigen Bevölkerung
-von Manono zu erzwingen. Nachdem der Gouverneur der Insel, um den
-angedrohten Maßregeln von unserer Seite zu entgehen, die Bestrafung
-zugesagt und versprochen hatte, darüber dem Consul zu berichten, kehrte
-dieser Herr in einem mitgenommenen offenen Boot nach Apia zurück, während
-wir die weite See aufsuchten, deren Wesen uns nach der langen Hafenzeit
-von fünf Wochen und der Ungewohntheit so langen Stillliegens beinahe fremd
-geworden ist.
-
-Die Samoaner sind ein schöner Menschenschlag, die Männer groß und
-stattlich, die Frauen zierlich und fein gestaltet, von nur Mittelgröße.
-Aber nicht nur der Unterschied in der Körpergröße der beiden Geschlechter,
-welcher dem unserer kaukasischen Rasse entspricht, fällt auf, wenn
-man von Tahiti und den Gesellschafts-Inseln kommt, sondern auch die
-Aehnlichkeit der Charakterveranlagung mit unserer Rasse. Denn die Männer
-besitzen im allgemeinen die Tugenden, welche wir als männliche bezeichnen,
-und die Frauen sind, abweichend von ihren Schwestern auf den von mir
-bisjetzt besuchten polynesischen Inseln, sanft, einschmeichelnd und
-aufopferungsfähig, haben eine weiche Stimme und können in der Regel als
-häuslich veranlagt gelten. Wie mir erzählt wurde und was ich selbst schon
-erkannt zu haben glaube, halten die Samoaner auch streng auf Formen,
-beobachten in ihrem Verkehr feine Sitte und Anstand, sind außerordentlich
-gastfrei, reinlich an ihrem Körper wie in ihren Wohnungen und können in
-gewissem Sinne als ein Culturvolk betrachtet werden. So soll auch ihre
-Sprache der reinste und ausgebildetste der verschiedenen polynesischen
-Dialekte sein, sodaß man die Samoaner als die Aristokratie Polynesiens
-bezeichnet und aus den angeführten Gründen vielfach auch für das
-Stammvolk der Polynesier hält. Diese höhere Stufe soll ihnen auch von den
-Eingeborenen der Tonga- und Fidji-Inseln zuerkannt werden, gilt doch auch
-den letztern die Redewendung „Sie ist so schön wie eine Frau von Manono“
-als Bezeichnung der höchsten Vollendung des Weibes, und streben doch die
-Häuptlingsfamilien beider Inselgruppen danach, für ihre Söhne Töchter aus
-vornehmer samoanischer Familie als Gattinnen zu erhalten. Auch sollen die
-jungen Männer Tongas es als höchstes zu erstrebendes Ziel betrachten, sich
-auf samoanische Art tätowiren zu lassen und oft dazu für einige Zeit nach
-den Samoa-Inseln übersiedeln, weil der König von Tonga auf seinen Inseln
-das Tätowiren verboten hat.
-
-Vor dem niedern Volk zeichnen sich äußerlich die männlichen Mitglieder der
-Häuptlingsfamilien durch größere Gestalt aus und beide Geschlechter thun
-dies durch bessere Körperhaltung, denn wenn auch der gewöhnliche Mann sich
-im allgemeinen gut hält, so kann man dies doch nicht immer von den Frauen
-sagen, während die Häuptlingsdamen stets eine tadellose Haltung zur Schau
-tragen und einen auffallend stattlichen Gang haben. Schon nach wenigen
-Tagen konnte ich an diesen Merkmalen ziemlich sicher die Mitglieder
-der Häuptlingsfamilien erkennen. In die Augen fallend ist ferner, daß
-die Samoaner noch ziemlich streng an ihrer alten Lebensweise und ganz
-an ihrer alten Kleidung festhalten. Die einzige inzwischen eingeführte
-Aenderung der letztern besteht darin, daß an Stelle des alten für das
-Kleid verwendeten Stoffes europäische Baumwollgewebe getreten sind, doch
-tragen die Häuptlinge der obersten Klasse, wenn sie sich in Apia zeigen,
-auch neben dem nationalen Lava-lava noch ein weißes europäisches Hemd, und
-die wenigen wirklich zum Christenthum übergetretenen Frauen befleißigen
-sich, in der Stadt ein Stück Zeug, welches über den Kopf gestreift Brust
-und Rücken bis zu den Hüften bedeckt, umzuhängen. Doch legen die Leute
-diese ihnen immerhin fremden Kleidungsstücke ab, wenn sie bei festlichen
-Gelegenheiten ihre alten Staatskleider anlegen. Lange Frauenkleider, wie
-sie in Tahiti und auf den Gesellschafts-Inseln gebräuchlich sind, werden
-hier nur von den an Weiße oder Halbweiße verheiratheten Samoanerinnen und
-von den Dirnen, welche sich mit der Einwanderung der Europäer auch in
-Apia eingefunden haben, getragen, doch kann dies nicht als Fortschritt
-bezeichnet werden, da die Kleider meistentheils unsauber sind und die
-Unsauberkeit der Kleidung sich auch auf das Haus und den Körper überträgt.
-Diejenigen Eingeborenen, welche sich den Luxus eines Lava-lava aus
-Baumwollstoff noch nicht gestatten können, tragen solche aus Tapa, dem
-aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellten Stoff, oder begnügen sich
-mit einem bis zu den Knien reichenden Grasschurz. Eine Eigenthümlichkeit,
-welche mit der Kleidung in ursächlichem Zusammenhang zu stehen scheint,
-ist die Sitte, den Körper nur soweit zu tätowiren, als er in der Regel
-bekleidet getragen wird, nämlich von den Hüften bis etwas unter die Knie,
-und ich bringe dies mit dem scharf ausgeprägten Schamgefühl der Samoaner
-in Verbindung. Denn da bei den großen Festen die jungen Männer unbekleidet
-erscheinen und nur eine kleine Blätterschürze von etwa 25 cm Durchmesser
-haben, so wollen sie für diese Gelegenheiten die sonst bekleideten
-Körperflächen doch wenigstens durch Malerei bedeckt haben. Hierfür scheint
-auch der Umstand zu sprechen, daß nur die Männer regelrecht tätowirt sind
-und die Frauen sich mit einem kleinen Muster in der Form einer Brosche
-in der Kniekehle und einigen kleinen Sternen und dergleichen Zierstücken
-an den Lenden, einem Namen auf dem Arm und blau eingeätzten Ringen auf
-einzelnen Fingern begnügen.
-
-Die Hautfarbe der Samoaner ist die der übrigen Polynesier, das Haar ist
-schwarz, dick und starr. Zwar findet man häufig auch röthliches und sehr
-oft gekräuseltes Haar, doch ist beides Kunst und eine Folge des beliebten
-Kalkens desselben. Ob dies geschieht, um das Haar zu färben und zu
-kräuseln, oder nur um es von Ungeziefer zu reinigen und die Veränderung
-dann nur eine nothwendige Folge des Kalkens ist, oder ob es den dreifachen
-Zweck bewirken soll, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sehen die
-braunen jungen Gesichter sehr putzig aus, wenn sie mit frisch gekalktem
-weißen Haar erscheinen. Das Haar wird von beiden Geschlechtern in der
-Regel ziemlich kurzgeschnitten getragen, doch sieht man auch längeres, und
-vereinzelt bei den Frauen sogar lange schwarze Zöpfe. Als Schmuck lieben
-beide Geschlechter große rothe Blumen im Haar oder mit dem Kelch nach vorn
-gekehrt über den Ohren. Die Frauen haben vielfach auch Ketten von rothen
-erbsenartigen Früchten um den Hals und an den Handgelenken, sowie auch aus
-Blumen und Laub gewundene Kränze um Hals und Taille; auch kleine schmale
-Ringe aus Schildkrot, welche oft mit kleinen Silberstückchen eingelegt
-und mit eingeschnittenen Namen versehen sind, tragen sie an den Fingern
-und benutzen dieselben zu gelegentlichen Geschenken, wenigstens habe ich
-einige auf diese Weise erhalten.
-
-Die Samoaner sind, wie ich schon angegeben habe, sehr reinlich und halten
-auf gute Körperpflege, ob aus natürlichem Trieb oder ob dies nur eine
-Folge ihrer Lebensweise ist, wird heutzutage schwer zu entscheiden sein.
-Sie waschen und baden sich zwar nicht, entsprechend unserer Gewöhnung,
-gleich frühmorgens, sondern erst etwas später und verbinden dies mit den
-häuslichen Verrichtungen. So reiben sie sich, bevor sie ihre Hütte zur
-Beschaffung des Lebensunterhaltes verlassen, den Oberkörper mit Kokosöl,
-das häufig noch mit wohlriechendem Baumharz durchmengt ist, ein, und dann
-gehen sie in das Wasser und auf die Korallenriffe auf den Fischfang, wobei
-sie ihr Morgenbad nehmen. An diesem Fang betheiligen sich Männer, Frauen
-und Kinder, da auch die letzteren vom zartesten Alter an wassergewohnt
-sind, ja oft eher schwimmen als gehen können. Ich habe dies nicht glauben
-wollen, bis ich mich einmal durch den Augenschein überzeugte, daß ein
-am Strande niedergelegtes, vielleicht 1½ Jahre altes Kind, welches noch
-nicht gehen konnte, auf Händen und Füßen in das Wasser kroch und sich
-dort schwimmend ziemlich sicher bewegte. Die Sitte, den Oberkörper mit Oel
-einzureiben, was oft je nach Bedarf täglich mehrere mal erfolgt, bezweckt
-wol, die Haut gegen die Sonnenstrahlen widerstandsfähiger zu machen. Nach
-dem Fischfang wird in den Wald oder nach den Anpflanzungen gegangen, um
-Baum- und Erdfrüchte zu holen, und beides, wenn nöthig, am Nachmittag
-oder Abend wiederholt. Bestimmte Mahlzeiten kennen auch die Samoaner, wie
-alle diese Insulaner, nicht, sondern sie essen, wenn ihnen der Sinn danach
-steht.
-
-Das Land zerfällt in mehrere größere Districte; Upolu hat deren drei,
-nämlich Atua, Tuamasaga und Aana, und innerhalb dieser Districte leben
-die großen Häuptlinge mit ihrem Anhang in Dörfern in fast vollständiger
-Unabhängigkeit von der Regierung, welche sie sich dadurch zu erhalten
-wissen, daß diejenigen eines Districts gewöhnlich zusammenstehen.
-
-Die Abgaben des gewöhnlichen Mannes bestehen darin, daß er hilft, seine
-Häuptlingsfamilie mit zu ernähren, doch liefert er nicht das dazu Nöthige
-ab, sondern der Herr erwartet die vom Fischfang oder von der Fruchtlese
-Heimkehrenden und sucht sich das für ihn Wünschenswerthe aus. Nur in dem
-Falle, daß der Häuptling ein Gastmahl geben will, befiehlt er, was sein
-Volk dazu herbeizuschaffen hat. Die Frauen des Hauses besorgen dann die
-Ausschmückung desselben und holen aus dem Wald das dazu erforderliche Laub
-und die Blumen.
-
-Eine Folge der ausgedehnten Gastfreiheit ist, daß die Samoaner eigentlich
-immer auf Reisen sind, oder aber diese Reiselust ist die Ursache der
-Gastfreiheit, welche den Gastgebern übrigens nicht viel Mühe macht, da im
-Wasser und im Walde genügende Nahrungsmittel vorhanden sind. Vielleicht
-daß beides mit örtlichen Verhältnissen und der sonderbaren Thatsache
-zusammenhängt, daß auf den Samoa-Inseln an den verschiedenen Küstenpunkten
-die Reifezeit der Brotfrucht nicht zusammenfällt und die Eingeborenen,
-welche den Genuß dieses schmackhaften Nahrungsmittels nicht entbehren
-wollen, dadurch dazu gekommen sind, die Gastfreundschaft derjenigen ihrer
-Bekannten in Anspruch zu nehmen, welche die reife Frucht bieten können.
-Dann ziehen sie in ihren großen Reisebooten von Insel zu Insel, von Ort zu
-Ort, die genossene Gastfreundschaft damit erwidernd, daß die Männer beim
-Fischfang u. s. w. helfen und die Frauen unter fröhlichem Geplauder mit
-fleißiger Hand behülflich sind, den Mattenreichthum ihrer Gastgeber zu
-vergrößern. Es machte auf mich stets einen außerordentlich anheimelnden
-Eindruck, wenn solch ein Boot von etwa 20 Männern gerudert an unserm
-Schiff vorbeifuhr. Vorn im Bug sitzt mit untergeschlagenen Beinen ein
-Mädchen und erleichtert den Ruderern ihre Arbeit durch weichen Gesang,
-hinten auf dem mitgeführten Hausrath sitzt oder liegt bequem hingestreckt
-die Häuptlingsfamilie, ein junger Häuptling führt das Steuer. Phantastisch
-sehen oft die Männer aus, wenn sie große Stücke Tapa, die sie wol während
-der Nacht als Decken benutzen und deren Hauptfarbe fast immer weiß ist,
-turbanartig als unförmig großen Aufbau auf dem Kopfe tragen.
-
-Die Dörfer oder Städte, wie man die Ansiedelungen nun nennen will,
-liegen, da der Samoaner ohne die See nicht leben zu können scheint,
-vorzugsweise an der Küste, die Häuser verstreut unter Kokospalmen und
-zwar in solcher Entfernung von einander, daß kein Besitzer von seinem
-Nachbar belästigt wird. Und die ganze Ansiedelung umfaßt entweder den
-nie fehlenden Berathungs- bezw. Festplatz oder lehnt sich an denselben
-an. Auf diesem Platz befinden sich stets das Haus des Häuptlings und das
-„Fale-tele“ genannte Berathungshaus, in welchem auch Fremde und Gäste
-empfangen werden. Die Honneurs macht hier gewöhnlich die älteste Tochter
-des Häuptlings, welche aus diesem Grunde für seinen Hausstand eine so
-nothwendige Persönlichkeit ist, daß, wenn der Hausherr überhaupt keine
-erwachsene Tochter hat, er oft der Landessitte gemäß ein erwachsenes
-Mädchen für immer oder auf Zeit als Tochter adoptiren wird.
-
-Die Bauart der Häuser ist einfach und durchaus zweckmäßig. Ihre Grundform
-ist oval mit einem größern Durchmesser von 12-14 m und einem kleinern
-von 10 m, das Dach, dessen First 8-9 m über dem Erdboden liegt, ist
-halbkugelförmig. Die Hauptbestandtheile des Baues sind das Dach, die
-seitlichen Dachstützen und ein in der Mitte der Hütte befindliches
-kräftiges Balkengerüst, welches die Mittelstütze für das schwere Dach
-bildet und gleichzeitig als Aufbewahrungsort für den Hausrath von
-Matten u. s. w. dient. Die seitlichen Dachstützen, welche ebenso wie das
-Mittelgerüst aus Kokospalmenholz bestehen und etwa 3 m über den Erdboden
-reichen, sind so eingegraben, daß die obern Enden etwas nach außen geneigt
-sind, wodurch der Durchmesser des Daches größer wird als derjenige des
-Fußbodens. Die seitliche Entfernung der Stützen untereinander beträgt
-ungefähr 2 m, sodaß aus Laub gefertigte Vorhänge bequem zwischen je
-zweien angebracht werden können und am Tage gegen Sonne und Wind, sowie
-des Nachts überhaupt heruntergelassen werden. Auf den Seitenstützen ruht
-eine horizontale Balkenlage aus dem biegsamen Holz des Brotfruchtbaums
-und auf diese baut sich das gewölbte Dachgerippe aus demselben Holze auf.
-Die Dachbedeckung besteht aus getrocknetem Laub und zwar vorzugsweise aus
-Zuckerrohr-, daneben aber auch Palmenblättern. Die innere Bodenfläche der
-Hütte wird schließlich mit einer etwa 1 m hohen Steinschicht ausgefüllt
-und dadurch der Raum zwischen Dachrand und Fußboden auf 2 m verringert.
-In dieser Steinschicht befinden sich dicht neben dem Mittelgerüst zwei
-vertiefte Feuerstellen, welche am Tage als Kochherd und abends zur
-Beleuchtung der Hütte, welche nur aus dem einen freien Raum besteht,
-dienen. Wenn auch die Häuser stets dieselbe Form und meistentheils
-die gleiche Größe haben, so sieht man vereinzelt doch auch schon etwas
-europäisirte Häuptlingshäuser mit viereckigem Grundriß, festen Wänden,
-abgeschlagenen kleinen Zimmern und harten hölzernen Bettstellen; eine
-Verbesserung in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse sind diese Häuser aber
-ebensowenig, wie die langen Gewänder der Frauen es in Betreff der Kleidung
-sind. Diese geschlossenen Häuser sind dumpf, weniger sauber und in der
-Regel voll Ungeziefer, unter welchem die Wanzen nicht fehlen, sodaß die
-Besitzer, welche glauben zu ihrem äußern Ansehen ein solch stattlicheres
-Haus besitzen zu müssen, gewöhnlich den Aufenthalt in dem saubern und
-luftigen Fale-tele vorziehen und ihr eigentliches Haus nur zur sichern
-Aufbewahrung des mit der neuern Zeit sich mehrenden kleinen Besitzthums
-benutzen.
-
-An der innern Einrichtung der Hütten ist das Merkwürdigste eine durch den
-ganzen Raum laufende etwa fußhohe Schicht kleiner runder glatter Steine,
-welche nicht größer wie Hühnereier und nicht kleiner wie Taubeneier
-und so beweglich sind, daß sie sich durch die vorstehenden Körperformen
-des sich setzenden oder hinlegenden Menschen verdrängen lassen und so
-bewerkstelligen, daß der Körper überall gleichmäßig unterstützt und
-nirgends gedrückt wird. Auf diese Weise ist mit Hülfe einer ausgebreiteten
-Matte, welche die directe Berührung mit den Steinen verhindert, ein
-vorzügliches, verhältnißmäßig weiches, kühles und gesundes Lager
-geschaffen, welches trotz des harten Materials unsern Polsterlagerstätten
-kaum nachsteht, in diesem Klima demselben sogar vorzuziehen ist.
-
-Der gewöhnliche Hausrath besteht nur aus Matten, welche auf dem Fußboden
-über die Steine gebreitet werden, aus Tapa-Vorhängen, welche nachts
-zum Schutz gegen die Mosquitos und zur Abtrennung der verschiedenen
-Schlafstätten dienen, und den allerdings sehr harten Kopfkissen. Diese
-nähern sich dem japanischen Modell und bestehen aus einem wagerecht
-liegenden Stück Bambusrohr von 6-10 cm Dicke, das durch kleine Füße auf
-eine Höhe von etwa 16 cm gebracht ist. Von diesen Kopfkissen gibt es
-kurze einschläferige und bis zu 1½ m lange, welche für mehrere Personen
-bestimmt sind. Kochgeschirr ist nur selten vorhanden und dann auch nur
-solches europäischen Ursprungs, da die Samoaner die Speisen ebenso wie die
-Tahitier zwischen erhitzten Steinen bereiten und die dazu erforderlichen
-Gefäße in grünen Blättern bestehen.
-
-Neben dem Haus beansprucht das Kanu fast gleiche Rechte als Wohnstätte
-des Samoaners, da dieser während der Tagesstunden wol ebenso viel auf
-dem Wasser wie auf dem Lande lebt. Daher mag es auch kommen, daß der
-Bootsbau hier besonders ausgebildet ist und dieses Gewerk ebenso wie
-das des Häuserbaues sich in den Händen von Häuptlingsfamilien befindet.
-Die Samoaner haben drei Arten von Fahrzeugen, das große zu Kriegs- und
-Reisezwecken dienende Boot ohne Ausleger und zweierlei Kanus, ein großes
-etwa 10 m langes, welches vorzugsweise zum Fischfang auf offener See
-benutzt wird, und das kleine in verschiedenen Größen auftretende, welches
-nur der Küstenfahrt dient. Die Formen der großen wie kleinen Kanus sind
-hier besonders gefällige, und die Arbeit ist sehr viel sauberer, als ich
-sie bisher gesehen habe.
-
-Einen besondern Reiz bot es mir, die Eingeborenen in ihren zierlichen
-leichten Fahrzeugen zu beobachten, wenn sie in größerer Zahl um unser
-Schiff versammelt den Zeitpunkt abwarteten, wo ihnen mit Eintritt der
-Freizeit für die Mannschaft gestattet wurde, das Schiff zu betreten, um
-dasselbe zu besichtigen, Früchte zum Kauf anzubieten oder nur zu ihrem
-Zeitvertreib uns einen Besuch abzustatten. Einzelne Kanus tragen so viele
-Menschen, als sie nur fassen können, andere sind nur mit einer oder, wie
-es meistens der Fall ist, mit zwei Personen besetzt; ein allein ruderndes,
-ernst dreinschauendes Mädchen, ein einzelner Mann mit Früchten oder
-einem Korb abzuliefernder Wäsche, zwei junge singende Mädchen, oder gar
-zwei sieben- bis achtjährige Kinder, gleichgültig welchen Geschlechts,
-die kaum die Ruder zu heben vermögen -- alle sorglos und ohne Furcht vor
-irgendeiner Gefahr, mit ihren Fahrzeugen auf der auf- und niederwogenden
-Wasserfläche sich hebend und senkend. Da kommen zwei Kanus, deren Insassen
-unaufmerksam waren, zu nahe aneinander, ein Ruck und der Ausleger des
-einen löst sich von seinen Haltern, das Fahrzeug kentert, gleichzeitig
-aber springen die beiden jungen Mädchen lachend ins Wasser. Ich will
-helfen lassen, sehe aber, ehe unser Boot absetzen kann, daß unsere
-Hülfe überflüssig ist und die erheiterte Umgebung auch nicht hilft.
-Wassertretend verbinden die beiden kleinen Personen den Ausleger wieder
-mit den Haltern, dann schwimmen sie auf die andere Seite, fassen das
-mit Wasser gefüllte Kanu an der äußern Wand, ein durch Zuruf begleiteter
-kräftiger Ruck nach der rechten Seite läßt ziemlich viel Wasser aus der
-linken Spitze des Fahrzeuges herausstürzen, ein ebensolcher Ruck nach
-links hat denselben Erfolg an der andern Spitze und das Kanu ist soweit
-entleert, daß es wieder genügende Schwimmkraft hat, um eine Person zu
-tragen, welche dann auch gleich mit gewandtem Schwung in demselben sitzt
-und es mit den stets vorhandenen Kokosnußschalen ausschöpft, worauf das
-andere Mädchen auch nachfolgt. Mit einigen Handgriffen ist das Wasser
-aus Gesicht und Haar entfernt, dann ducken sie sich in den Raum, um
-ihr Lava-lava abnehmen zu können und es auszuwinden, und erst nachdem
-dies geschehen und sie wieder ordnungsmäßig bekleidet sind, drohen sie
-dem Urheber des Misgeschicks mit den Händen und blitzenden lachenden
-Augen. Als die Leute unser Interesse an dem ganzen Vorfall bemerkten,
-hielt ein Samoaner sich für verpflichtet, uns noch ein ähnliches kleines
-Schauspiel zu geben, rief ein Kanu mit zwei kleinen Kindern an und begann
-gleichzeitig mit kräftigen Schlägen auf dasselbe zuzurudern. Die Kinder,
-sichtlich gleich ganz bei der Sache, kniffen den Mund zusammen und legten
-sich mit leuchtenden Augen auch ins Zeug, doch ihr Angreifer war schneller
-und bald lagen auch sie im Wasser unter dem fröhlichen Gelächter der
-Umgebung, welche Platz gemacht hatte. Hier aber half der Mann, indem er
-ins Wasser sprang und sein Kanu so lange in Stich ließ, bis er das der
-Kinder wieder zurechtgemacht hatte.
-
-Von dem häuslichen Leben der Samoaner habe ich bisjetzt noch wenig kennen
-gelernt, nur ist mir aufgefallen, daß man am Tage, mit Ausnahme der
-Häuptlinge, selten in den Hütten Männer antrifft und nur Frauen findet,
-welche mit Mattenflechten und Anfertigung des Tapastoffes beschäftigt
-sind. Eigentliches Volksleben zeigt sich nur an Mondscheinabenden, wo
-größere Gesellschaften im Freien zusammenkommen und sich durch Gesang und
-Tanz ergötzen, bis Ermüdung sie in ihre Hütten treibt. Diese Vergnügungen
-sind stets harmloser Natur, wie das ganze Leben und Treiben des Volks
-es sein soll. Zank und Streit kommen nur selten vor und sind von mir
-überhaupt nicht beobachtet worden. Thätlichkeiten sollen eigentlich nur
-gelegentlich zwischen den sonst so sanften Frauen vorkommen, und zwar
-wenn Eifersucht im Spiele ist. Unter dieser soll der eigentlich schuldige
-Mann nie leiden, sondern er kann unbehelligt zusehen, wie die beiden um
-ihn kämpfenden Frauenzimmer sich schlagen und puffen, muß es sich aber
-gefallen lassen, daß die Besiegte sich später nicht mehr blicken läßt.
-Gardinenpredigten gibt es also wol in Samoa nicht.
-
-Ueberhaupt haben die Frauenzimmer und schon die ganz jungen Mädchen eine
-seltene Selbständigkeit, welche nur dadurch möglich sein kann, daß die
-strenge Sitte, welche dem ganzen Volk in Fleisch und Blut übergegangen
-sein muß, das Weib stets und allerorten vor jeder Unbill schützt. So wird
-es erklärlich, daß junge Mädchen allein weit über Land wandern, am Tage
-nach ihrem Gutdünken gehen wohin sie wollen, und die schönen, nur mit
-dem kleinen Lava-lava bekleideten Gestalten sich ohne Arg auf die fremden
-Kriegsschiffe und unter das Schiffsvolk wagen, wo sie mit überraschendem
-Takt jede Zudringlichkeit zurückzuweisen verstehen. Dieser Selbständigkeit
-der jungen Mädchen im Verein mit den streng beobachteten guten Formen
-wird es zuzuschreiben sein, daß in Samoa trotz der nach unsern Begriffen
-immerhin freien Sitten eigentliche Sittenlosigkeit nicht vorkommt und die
-weiche, anschmiegende Samoanerin nur wirklicher Liebe zugänglich ist,
-in diesem Fall dann aber auch keine Schranke anerkennt. Allerdings ist
-sie in der Regel doch berechnend genug, sich auch gesetzmäßig trauen zu
-lassen; sei es auch nur für kurze Zeit, so ist doch der Anstand gewahrt.
-Es kommen zwar auch genug Fälle vor, wo die Aeltern nach ihrem Gutdünken
-ihre Töchter verheirathen, und wo die Häuptlinge über die Töchter ihrer
-Unterthanen verfügen, doch ist dies dann ein Zwang, dem die Mädchen
-folgen müssen, wenn sie sich auch nur widerwillig fügen. So besteht in
-Samoa, wenigstens auf der Insel Savai’i, welche sich bisjetzt von fremdem
-Wesen am reinsten erhalten hat, noch die alte Sitte, einem vornehmen
-Fremden, wenn er bei einem Häuptling die Nacht zu Gast bleibt, eine
-Gesellschafterin anzubieten, doch wird es gern gesehen, wenn er dieses
-Anerbieten nicht annimmt; einen Makel erhält solch ein Mädchen dadurch
-aber nicht, sondern es kehrt nach gehorsamer Duldung der über seine Person
-getroffenen Verfügung in das Aelternhaus zurück.
-
-Die ehelichen Verhältnisse sind ziemlich geordnete und die Regel ist, daß
-die Ehe auf Lebenszeit geschlossen wird, obgleich ihre Wiederauflösung
-den Samoanern sehr leicht gemacht ist. Hiervon machen aber eigentlich
-nur die Häuptlinge öftern Gebrauch und wol auch nur in dem Falle, wenn
-sie ein Mädchen von niederm Stande geheirathet haben und später eine
-standesgemäßere Ehe eingehen wollen. Die Eheschließung selbst soll
-zwar nach dem neuen Gesetz vor einem Regierungsbeamten gegen Erlegung
-einer Taxe erfolgen, die Samoaner aber betrachten die Ehe nach ihrem
-alten Brauch auch als rechtsgültig und halten nur darauf, daß bei der
-Verheirathung ihrer Töchter mit Weißen jene Form beobachtet wird, wie denn
-diese Civilehe wol auch nur durch die Europäer eingeführt worden ist, weil
-es ihnen nicht gelingen wollte, hier, ebenso wie auf andern Südsee-Inseln,
-intimere Beziehungen mit den Töchtern des Landes anzuknüpfen, und die
-Samoaner bald erkannten, daß die nur nach samoanischem Brauch vollzogene
-Trauung mit einem Weißen von den andern Europäern nicht als vollgültig
-angesehen wurde. Die klugen Weißen wußten sich aber auch hier zu helfen
-und sich das Recht, ihre Frauen und Kinder beim Verlassen der Inseln
-zurückzulassen, dadurch zu sichern, daß sie gegen Erlegung der doppelten
-Taxe die Einführung der Ehe auf bestimmte Zeit, z. B. auf zwei Jahre,
-durchsetzten, welcher Unfug zur Zeit noch besteht. Daß die Mutter nachher
-die Kinder behält und für ihren Unterhalt sorgt, betrachtet die Samoanerin
-als so selbstverständlich, daß dies auch kein Hinderniß für diese Art der
-Eheschließung abgab.
-
-Nach dem neuen Gesetz ist, abweichend von dem Samoabrauch, dem Mann nur
-eine Frau erlaubt, doch halten die Häuptlinge dasselbe für sich nicht
-bindend, wenngleich sie sich in der Regel mit nur einer begnügen, von
-welcher Regel allerdings, wenn ich recht unterrichtet bin, der jetzige
-Standesbeamte von Upolu eine Ausnahme macht. Derselbe hat sich mehrere
-Frauen angetraut, aber zur Erhaltung des häuslichen Friedens die Vorsicht
-geübt, daß er sie an verschiedenen Orten wohnen läßt, wodurch er wiederum
-den Vortheil hat, bei seinen Reisen überall eine eigene Häuslichkeit
-vorzufinden.
-
-Jungfräuliche Reinheit seitens der Braut ist für den Abschluß eines
-Ehebündnisses keine Nothwendigkeit; daß aber der Samoaner auf diese
-Tugend dennoch großen Werth legt, geht daraus hervor, daß der Beweis der
-Reinheit bei einer jungfräulichen Braut, namentlich bei der Heirath eines
-Häuptlings, früher stets öffentlich erbracht wurde, was jetzt nur noch im
-engern Familienkreise, vereinzelt aber, wenn auch abweichend von dem alten
-Brauch, heute noch öffentlich geschieht, denn ich habe in den Straßen von
-Apia das Lava-lava einer jungfräulichen Braut am Morgen nach der Hochzeit
-vor dem Hause als solch einen öffentlichen Beweis hängen sehen.
-
-Daß die vorgeschilderten, verhältnißmäßig guten moralischen Zustände
-dem Wirken der englischen Missionare zuzuschreiben sind, glaube ich
-nicht, aber es darf wol als sicher anzunehmen sein, daß sich seit der
-Ansiedelung der Missionare die sittlichen Zustände auf den Samoa-Inseln
-nicht verschlechtert haben, mithin der neue Glaube auf die wohlgefügten
-alten socialen Verhältnisse nicht zersetzend gewirkt hat. Die geistlichen
-Herren, welche sich hier nicht in den Vordergrund drängen und keine
-politische Rolle, wie z. B. auf den Gesellschafts-Inseln, spielen wollen,
-scheinen mit weiser Mäßigung vorgegangen zu sein und dadurch, wenn
-auch nur langsam, Aussicht auf dauernden Erfolg zu haben. Immerhin darf
-nicht vergessen werden, daß die Missionare in Samoa durchaus geordnete
-Verhältnisse vorfanden, welche ihnen einen schnellen Erfolg unmöglich
-machten und sie andererseits davor bewahrten, den ihnen eigentlich
-zufallenden Wirkungskreis zu überschreiten. Daß die sittlichen Zustände
-sich auch in Apia trotz der vielen dort verkehrenden Europäer im Gegensatz
-zu den Städten anderer polynesischen Inseln noch so gut erhalten haben,
-wird vorzugsweise als ein Verdienst der in Apia tonangebenden deutschen
-Häuser anzusehen sein, welche schon ihrer ganzen Stellung nach gezwungen
-waren, die guten Formen hochzuhalten und dadurch maßgebend für das
-Auftreten der übrigen Europäer wurden.
-
-Zur Zeit nennen sich wol die meisten Samoaner Christen, wenn auch ihr
-Glaube sich vorläufig noch auf die Sonntagsheiligung und die Beobachtung
-einiger äußerer Gebräuche beschränken dürfte.
-
-Der Besitz des Samoaners besteht vornehmlich nur in seinem Hause, dem
-Kanu, der Feuerwaffe und in Land, welches immer der ganzen Familie
-und nicht einzelnen Mitgliedern gehört. Hieraus sind früher bei den
-Landverkäufen häufig Streitigkeiten entstanden, weil der kaufende
-Europäer, mit diesen Verhältnissen unbekannt, den Kauf mit nur einem
-Mitglied der Familie abschloß und diesem den Kaufpreis zahlte, worauf die
-andern Theilhaber dann die Rechtsgültigkeit des Vertrags bestritten, doch
-wird jetzt schon seit langer Zeit kein Landkauf mehr abgeschlossen, ohne
-daß die Samoaner vollzählig den Kaufbrief unterschrieben haben. Neben
-den vorstehend genannten Besitzthümern gibt es aber noch ein Werthobject,
-welches nur einen idealen Werth hat und oft höher geschätzt wird wie all
-die andern. Es ist die als Staatskleid benutzte Matte, welche aus einem
-besonders feinem Geflecht bestehend und am Rande mit kleinen rothen Federn
-verziert, ihren Werth durch ihr Alter und ihre frühern Besitzer erhält,
-wodurch die wirklich alten und von berühmten Familien herstammenden in
-gewissem Sinne die Ueberlieferinnen der alten samoanischen Geschichte
-geworden sind, da diese überhaupt nur in mündlicher Ueberlieferung
-besteht, weil die Kunst des Schreibens den Samoanern erst in allerneuester
-Zeit bekannt geworden ist. Von diesen besonders werthvollen Matten,
-deren Ursprung und Geschichte jeder Samoaner kennt, sind allerdings nur
-wenige vorhanden, diese aber verehrt er wie Heiligthümer und es gibt für
-ihn keinen größern Wunsch, als eine solche Matte besitzen zu können. Als
-einstmals das Haus Godeffroy ein werthvolles Stück Land erwerben wollte
-und der Besitzer auf kein Gebot einging, wurde ihm solch eine Matte auch
-vorgelegt, von welcher er wie jeder Samoaner wußte, daß sie im Besitz des
-Herrn Weber war. Sofort griff der Mann zu und war überrascht, außer der
-Matte auch noch den ihm vorher angebotenen Kaufpreis zu erhalten, denn die
-Matte allein erschien ihm als überreiche Bezahlung. Das Land wird übrigens
-in nicht zu ferner Zeit zum größten Theil in den Händen der Weißen sein,
-da der Samoaner, seinem polynesischen Charakterzug folgend, durchaus nicht
-arbeiten will und sein Land für ihn daher werthlos ist, sofern es nicht
-schon mit Kokosnuß- und Brotfruchtbäumen bestanden ist oder er es als
-Bauplatz benutzen kann.
-
-Neben dem Haus und dem Kanu bestehen die künstlichen Erzeugnisse der
-Samoaner aus Kleidungsstücken der verschiedensten Art, aus Matten zum
-Belegen der Fußböden, Tapavorhängen, Kawabowlen, Fischereigeräthen,
-Fliegenwedel, Fächern, geschnitzten und mit allerlei Zierath versehenen
-Holzkämmen, kleinen Körbchen und Taschen und schließlich aus alten
-Holzwaffen, welche aber nur noch als Schaustücke Verwendung finden. Es
-kommen auch noch einzelne Schmuckgegenstände vor, doch habe ich von diesen
-noch nichts gesehen, kann also auch noch nicht darüber berichten.
-
-Die Kleidungsstücke, welche immer als Lava-lava zu denken sind,
-unterscheiden sich voneinander nur durch das zur Verwendung kommende
-Material. Das tägliche Lava-lava, wenn es nicht aus europäischem Stoff
-besteht, ist entweder aus Baststreifen bezw. langen Gräsern gefertigt,
-oder es wird durch ein Stück Tapa gebildet. Als Staatskleider dienen die
-bereits genannten feinen Matten, für welche die Blätter des Pandanusbaumes
-das Material liefern, oder Gewebe aus blendend weißem Bast mit Zotteln
-von 10-20 cm Länge, sodaß das ganze Stück bei oberflächlicher Betrachtung
-häufig für ein Fell der Angoraziege gehalten wird. Dann kommt noch ein
-ganz eigenartig gewebtes oder geflochtenes kleines Lava-lava aus demselben
-weißen Bast vor, welches nur im Hause von der Braut an ihrem Hochzeitstage
-getragen wird und das sie ihrem Manne am nächsten Morgen, indem sie
-sich auf eine Knie niederläßt, mit den Worten: „Herr, hier hast du mein
-Geschenk“, überreicht. Dieses Lava-lava hat somit wol eine ähnliche
-Bedeutung wie bei uns Gürtel und Schleier der Braut es haben?
-
-Die Matten für die Fußböden sind von ziemlich grobem Geflecht und von
-verschiedener Größe.
-
-Die Tapavorhänge unterscheiden sich von dem Lava-lava aus gleichem
-Material nur durch die Größe und zuweilen auch durch die Malerei, da sie
-mehr Farbe vertragen können, wie die für den Körper bestimmten Stoffe,
-welche doch weicher und geschmeidiger bleiben müssen. Der Grundstoff
-des Tapa ist die Zellenschicht, welche zwischen Rinde und Stamm des
-Maulbeerbaumes liegt und durch Klopfen mit Holz oder Steinen zu einem
-festen papierartigen Stoffe wird. Zunächst werden die Zellenschichten
-je eines Baumes zu Streifen von etwa 20 cm Breite verarbeitet und die
-Streifen später dann nach vorheriger Wiederanfeuchtung durch Klopfen
-miteinander verbunden. Auf diese Weise kann jede gewünschte Form und Größe
-hergestellt werden.
-
-Die größern Kawabowlen, zu welchen die Fidji-Inseln das Holz liefern, weil
-auf Samoa keine Bäume von hierzu genügendem Stammdurchmesser vorkommen,
-sind aus diesem Grunde werthvolle Stücke, welche nur im Besitz der
-Häuptlinge gefunden werden.
-
-Das Fischereigeräth besteht aus Angelhaken, Speeren und Netzen. Die
-Haken, soweit hierfür nicht auch schon europäische Waare verwendet wird,
-sind aus Perlmutter und Bast gefertigt und setzen sich aus drei Theilen
-zusammen, einem in Fischform geschnittenen Stück Perlschale und einem
-fischschwanzförmigen Bastbündel, beide Theile von gewöhnlich je 5 cm Länge
-und etwa 3 cm Breite, sowie dem ebenfalls aus der Perlschale geschnittenen
-Widerhaken von etwa 3 cm Länge. Die drei Theile sind an einem Punkte
-und zwar am untern Ende des den Fisch darstellenden Muschelstücks durch
-Bindfaden miteinander verbunden. Diese Haken, auf welche die Fische
-ganz vorzüglich beißen, werden zum Fangen größerer Fische wol immer in
-Verwendung bleiben und nie durch andere verdrängt werden. Die Netze werden
-gewöhnlich in drei Arten hergestellt, den großen hauptsächlich von den
-Männern bedienten Zugnetzen und zweierlei Handnetzen, die vorzugsweise
-von den Frauen zum Fischfang in seichtem Wasser benutzt werden. Das eine
-der Handnetze entspricht der Form unserer Schmetterlingsnetze, das andere
-wird aus vier Stöcken gebildet, von denen zwei etwas über 1 m lang und
-durch zwei rechtwinkelig zu ihnen stehende etwa 60 cm lange Querstöcke so
-verbunden sind, daß sich ein viereckiger Rahmen von 80 cm Höhe und 60 cm
-Breite bildet, welcher durch ein nur wenig sackartiges Netz ausgefüllt
-wird.
-
-Der Fliegenwedel ist ein Büschel Fasern aus der Rinde der Kokospalmen
-von 30-40 cm Länge und 10 cm Durchmesser, welcher in Form eines
-Pferdeschwanzes an einem kurzen Stöckchen befestigt ist. Vereinzelt werden
-an Stelle der Fasern auch Roßhaare verwendet.
-
-Die Kämme sind nur Zierstücke und werden von beiden Geschlechtern am
-Hinterkopfe getragen.
-
-Die Körbchen und Taschen, welche wol nur als Luxusgegenstände zu
-betrachten sind, werden aus Bast oder Stroh geflochten.
-
-Die Holzwaffen, Speere und Keulen, geben den Samoanern Gelegenheit,
-ihre Kunstfertigkeit in Schnitzarbeit darzuthun, und finden praktische
-Verwendung bei ihren festlichen Schaustellungen und Tänzen. Zu den Speeren
-wird gewöhnlich Kokospalmenholz und zu den Keulen Eisenholz verwendet;
-beide sind reich mit Schnitzarbeit versehen. Die Keulen, welche selten
-länger als 60 cm sind, werden in den verschiedensten Formen hergestellt;
-so besitze ich verschiedene, von denen eine dem Schwert des Schwertfisches
-nachgebildet ist, eine zweite an die Form des mittelalterlichen
-Morgensterns erinnert und eine dritte auf dünnem Stiel eine Kugel von
-12 cm Durchmesser trägt.
-
-Trotz des wunderbar milden Klimas und der vorzüglichen gesundheitlichen
-Verhältnisse auf den Samoa-Inseln, welche dem menschlichen Organismus so
-sehr zusagen, wie man auch an verschiedenen Europäern, die fast schon ein
-ganzes Menschenalter dort zugebracht haben, sehen kann, kommt hier, wenn
-auch nicht in so ausgedehntem Maße wie auf den Marquesas-Inseln, doch
-unter den Eingeborenen ziemlich häufig Lungenschwindsucht vor, was hier
-wol ebenso wie dort eine Folge der ungenügenden Bekleidung des Körpers
-während der rauhern Regenzeit ist. Von sonstigen Krankheiten lassen sich
-eigentlich nur Elephantiasis und eine Hautkrankheit, welche als Ringwurm
-bezeichnet wird, nennen. Während die letztere selten ist, sieht man
-Elephantiasis ziemlich häufig. Die Krankheit tritt vorzugsweise in den
-untern Extremitäten und zuerst an nur einem Beine auf, sodaß in dem Falle,
-wenn beide Beine ergriffen sind, das eine einen höhern Grad der Krankheit
-zeigt als das andere. Uebrigens werden auch Europäer, die viele Jahre
-ununterbrochen auf den Samoa-Inseln gelebt haben, von ihr heimgesucht,
-und ich habe einen solchen Fall bei einem über 70 Jahre alten Engländer,
-welcher seit nahezu 50 Jahren als Zimmermann auf Upolu lebt, gesehen.
-Der rüstige Mann, welcher trotz seiner geschwollenen Beine noch immer
-gut zu Fuße ist, scheint äußerlich wenig darunter zu leiden; dies gilt
-übrigens auch von den Samoanern. Vielfach wird behauptet, daß dem Mangel
-an ausreichender Fleischnahrung die Entstehung der Krankheit zuzuschreiben
-ist, doch wird dies von andern Seiten wieder bestritten. Thatsache ist
-ja, daß die Samoaner hauptsächlich von vegetabilischer Kost und in erster
-Linie von jungen Kokosnüssen und der Brotfrucht leben, andererseits findet
-man aber die Elephantiasis vorzugsweise bei den Häuptlingen, die sich
-doch mehr Abwechselung in ihrer Ernährung gestatten, und auch Europäer,
-welche regelmäßige Fleischnahrung zu sich nehmen, wollen nach längerm
-ununterbrochenen Aufenthalt in Apia die Anfänge dieser Krankheit an sich
-beobachtet und der Weiterentwickelung nur durch einen längern Aufenthalt
-in Australien, Neu-Seeland oder Europa vorgebeugt haben.
-
-Giftige oder den Menschen sonst gefährliche Thiere gibt es auf den
-Samoa-Inseln am Lande nicht, dagegen soll im Wasser neben dem Haifisch
-noch ein großer Tintenfisch vorkommen, welcher sich zuweilen in den äußern
-Korallenriffen einnistet und dort mit seinen Saugarmen den Fuß oder die
-in das Wasser greifende Hand des Menschen packen und so festhalten soll,
-daß der Ergriffene für verloren gilt, wenn er nicht den Muth findet,
-das gefaßte Glied sich selbst abzuhauen, da der unter Wasser befindliche
-Arm des Thieres gewöhnlich nicht zu erreichen sein soll. Wie mir erzählt
-wurde, sollen die Samoaner, welche auf die äußern Riffe fischen gehen,
-aus diesem Grunde stets ein schweres Schlagmesser bei sich führen, und
-es sollen verbürgte Fälle von solcher Selbstverstümmelung zur Rettung
-des Lebens bekannt sein. Neben diesem Unthier gibt es in den Köpfen der
-Samoaner aber noch ein Ungeheuer, welches wol mit unserm sagenhaften
-Lindwurm verglichen werden kann. Es sollen jahrhundertealte ungeheuerliche
-Aale sein, welche den Menschen mit Haut und Haar verschlingen können
-und ihr Hauptstandquartier in dem flachen Wasser zwischen der Westspitze
-der Insel Upolu und der kleinen Insel Manono haben. Doch sollen sie sich
-zuweilen auch in Höhlen, welche den Ausfluß unterirdischer Flüsse bilden
-und von denen sich eine in der Nähe von Saluafata befindet, aufhalten.
-
-Erwähnt sei hier noch ein Beispiel von der vorzüglichen Tauchkunst der
-Eingeborenen. Nachdem unser Taucher mehrere mal unter Wasser gegangen
-war, um ein Tau an einen uns verloren gegangenen auf 10 m Tiefe liegenden
-Anker, dessen Lage wir genau kannten, zu stecken und jedesmal die Meldung
-brachte, daß er ihn nicht finden könne, versuchte ich es, ehe ich den
-Anker ganz aufgab, noch einmal mit einem samoanischen Naturtaucher. Der
-Mann ging hinunter und meldete gleich beim ersten Wiederauftauchen,
-daß er das verlorene Stück gefunden habe, ging dann mit dem Ende
-eines Taues wieder hinunter und nach weitern 10 Minuten hatten wir
-den Anker geborgen. Der für hiesige Verhältnisse hohe Bergelohn von
-20 Mark wird dadurch erklärt, daß das Tauchen auf so große Tiefen ohne
-Taucheranzug außerordentlich angreifend sein soll, wie denn auch der erst
-vierzigjährige Mann bereits weiße Haare hatte, eine große Seltenheit bei
-den Samoanern.
-
-Wenn ich auch zu meinem großen Verdruß von den großartigen, den
-Amerikanern zu Ehren veranstalteten Festlichkeiten nichts gesehen habe,
-so hatte die Liebenswürdigkeit unsers Consuls doch dafür gesorgt, daß
-wir schon vorher einen kleinen Einblick in die samoanischen Vergnügungen
-bekamen, welche zwar nicht als mustergültige anzusehen sein sollen,
-zumal der Tanz eine bezahlte Schaustellung war, immerhin aber doch einen
-ungefähren Begriff bis dahin geben, wo uns Besseres geboten werden wird.
-
-Ein Halbweißer, welcher an der östlichen Spitze von Apia ein Wirthshaus
-unterhält, hatte es übernommen, einen Tanz zusammenzubringen, und glaubte
-seine Aufgabe jedenfalls sehr schön gelöst zu haben, während ich beim
-Betreten des dafür in Aussicht genommenen Raumes einigermaßen enttäuscht
-war. Ein großer viereckiger, mit Laub geschmückter Saal war gewissermaßen
-als Theater hergerichtet, und die in Reihen aufgestellten Stühle waren
-bis auf die für mich und unsere Offiziere reservirten Plätze bereits
-alle mit Neugierigen besetzt, welche gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes
-das in der Stadt Apia jedenfalls seltene Schauspiel mitgenießen wollten.
-Ein kleiner Theil des Saales war an der einen Schmalseite als Bühne
-hergerichtet. Die amerikanischen Offiziere -- es war in den ersten Tagen
-ihrer Anwesenheit -- hatten sich auch eingefunden und der Commandant nahm
-an der einen Seite von mir Platz, während an der andern sich eine junge,
-auffallend hübsche und stattliche Samoanerin, welche ihren Oberkörper
-verhüllt trug, niederließ und von dem hinter mir sitzenden Wirth vor
-unserm Platznehmen als Toë, Tochter des Häuptlings Patiole, welchem
-der Theil der Stadt, wo wir uns befanden, gehört, vorgestellt wurde.
-Sie benahm sich hierbei nach unsern Begriffen ganz correct, lächelte
-verbindlich, reichte mir die Hand und setzte sich, während sie sich mit
-ihrer Kleidung zu schaffen machte, auf ihren Stuhl, als ob sie nie eine
-andere Sitzart kennen gelernt hätte. Sehr komisch kam es mir vor, daß
-sie zu dem Hinsetzen sich mit ihrem außerordentlich dürftigen Kleidchen
-beschäftigen mußte und dieser Handgriff gehört wol mit zur weiblichen
-Grazie. Die handelnden Personen gruppirten sich; sieben welke Weiber
-nahmen die Hauptplätze in der Mitte ein, indem sie sich in zwei Reihen mit
-gekreuzten Beinen so hinsetzten, daß vorn drei und in der zweiten Reihe,
-die Lücken der ersten ausfüllend, vier saßen. Der Oberkörper war nackt
-und glänzte von Kokosöl; als Lava-lava dienten grüne Grasschurze und als
-Schmuck hatten sie starkduftende dicke Kränze aus allem möglichen Laub um
-Hals und Hüften. Hinter diesen Hauptpersonen, den ganzen Raum bis zu den
-Seitenwänden ausfüllend, standen Eingeborene jeden Geschlechts und Alters,
-welche durch Händeklatschen den Gesang der Tänzerinnen begleiteten. Der
-Tanz besteht in der Hauptsache nur in graziösen Bewegungen der Arme,
-Hände, des Kopfes und Oberkörpers, ohne irgendetwas Bestimmtes damit
-darstellen zu wollen. Sehr begeistert war ich von dem Gebotenen nicht,
-glaube aber, daß in diesen Tänzen sowol Besseres geleistet werden kann,
-wie es auch zur richtigen Beurtheilung ihres Werthes nothwendig ist, sie
-öfter gesehen und etwas studirt zu haben, denn man wird sich erst an den
-Körperbewegungen erfreuen können, wenn man gelernt hat, die fürchterliche
-Gesangsbegleitung nicht mehr zu hören. Bei dem zweiten Tanz, um bei der
-einmal gewählten Bezeichnung der Schaustellung zu bleiben, waren die Leute
-schon warm geworden und die Händeklatscher ließen kurze Zurufe hören,
-auf welche hin die drei vordersten Tänzerinnen dann aufstanden, um mit
-Arm- und Beinbewegungen hin und her zu tänzeln. Doch traten bald zwei
-von ihnen wieder zurück und die ursprünglich mittelste blieb allein auf
-dem Plan, um sich mit geschickten Wendungen der Angriffe einiger Kinder
-zu erwehren, welche vorgestürzt waren und versuchten, ihr das Lava-lava
-herunterzureißen, womit sie schließlich auch Erfolg hatten. Doch als sich
-nun zeigte, daß sie unter dem Lava-lava noch ein kleines Zeugkleidchen
-anhatte, entstand ein ungeheures Lärmen unter den Eingeborenen, neue
-Angreifer stürmten hervor, bis die Gehetzte endlich ganz außer Athem
-sich auch dieses wegnehmen lassen mußte, wobei sie sich aber hinfallen
-ließ, um sich dann in geschickter Weise gleich wieder mit dem ihr sofort
-zurückgestellten Lava-lava zu bekleiden. Es mag sein, daß diese ganze
-Art der Darstellung von einem gewissen Reiz umgeben ist, wenn sie in
-ihrer Urwüchsigkeit im samoanischen Hause aus Liebe zur Sache und von
-frischen jungen Mädchen ausgeübt wird; hier aber von bezahlten Dirnen
-dargestellt, war es nicht besonders schön und ich ließ dies auch meiner
-Nachbarin, welche mein Urtheil hören wollte, mittheilen. Sie nickte
-dazu, wie mir schien mit strahlenden Augen und aufgeblähten Nasenflügeln,
-besann sich noch einen Augenblick, tauschte mit dem Wirth einige Worte
-aus und verließ dann den Saal. Ich wollte auch schon aufbrechen, weil ich
-von dem Vergnügen genug hatte, wurde aber von dem Wirth mit dem Bemerken
-zurückgehalten, daß Toë mir noch etwas vortanzen wolle, und wenige Minuten
-später erschien sie, nun mit nacktem und ebenfalls eingeöltem Oberkörper,
-eine rothe Beerenkette um den Hals, ein schmales grünes Laubband um jeden
-Ober- und halben Unterarm und ein ebensolches über und unter der Wade,
-umgeben von vier ähnlich geschmückten Männern. Die Zuschauer waren ganz
-geblendet, wie ein allgemeiner Ausruf der Ueberraschung andeutete, als
-dieses wundervoll gewachsene und in erster jungfräulicher Entwickelung
-befindliche Weib plötzlich so vor uns stand, in der Mitte der sie im
-Viereck umgebenden Männer und diese an Größe noch etwas überragend. Was
-uns aber noch größern Genuß gewährte, war der in ziemlich raschem Tempo
-mit kräftigen und geschmeidigen Bewegungen ausgeführte Tanz, bei welchem
-alle fünf Personen wirklich etwas Gutes und Schönes zeigten und der auf
-jeder großstädtischen europäischen Bühne, natürlich unter der Annahme
-einer etwas vollständigern Bekleidung, verdienten Beifall geerntet hätte.
-Ich war von Toë’s Einfall so entzückt, daß ich ihr am nächsten Tage einen
-goldenen Ring als Andenken schickte, wofür sie mir dann zwei Körbchen, ein
-Stück Tapa und einen Schildkrotring persönlich brachte. Da sie sowol, wie
-die mit ihr gekommenen Gesellschaftsdamen sämmtlich Busentücher trugen,
-wurden sie in das deutsche Consulat zwar hineingelassen, die Dame des
-Hauses betrachtete sie aber doch mit einem gewissen Mistrauen, weil sie
-alle jung und sehr hübsch waren. Herr Weber machte auch den jungen Mädchen
-dadurch noch eine besondere Freude, daß er sie von einem Diener durch das
-ganze Haus führen ließ, damit sie sich dasselbe ansehen konnten.
-
-Eine andere Festlichkeit der Eingeborenen sahen wir bei Gelegenheit einer
-herrlichen Partie, zu welcher Herr Weber unsere dienstfreien Offiziere,
-den Commandanten des amerikanischen Kriegsschiffes nebst einigen
-Offizieren und die Herren seines Hauses eingeladen hatte.
-
-An einem Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr verließen wir Apia zu Pferde
-und trafen nach etwa 1½ Stunden auf der deutschen Plantage Vaitele ein,
-wo wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Mittagsmahl einnahmen und
-zwar auf dem vor dem Hause liegenden saubern mit Blumen eingerahmten
-Platz, mit einem schönen Blick auf die Berge und das Meer. Als es dunkel
-geworden war und wir erwartungsvoll der uns in Aussicht gestellten
-Waldmeisterbowle entgegensahen, obgleich wir eigentlich schon genug der
-guten Weine getrunken hatten, wurden unsere Blicke durch aus dem Walde
-ertönenden eigenartigen Gesang dorthin gelenkt, und unter den Bäumen
-hervor traten, umgeben von Fackelträgern, singende Weiber und Männer,
-welche in mit der getragenen Melodie übereinstimmendem langsamen Schritt
-auf uns zu kamen. Wir hatten uns inzwischen auch erhoben, um den Zug,
-welcher ein tonganisches Talolo darstellte, d. h. die Begrüßung von Gästen
-durch Ueberreichung von Geschenken, an uns vorbei passiren zu lassen. Die
-Leute waren eingewanderte Tonganer, welche sich hier in der nächsten Nähe
-der Plantage mit ihrem Häuptling niedergelassen haben und durch Herrn
-Weber veranlaßt worden waren, uns dieses seltene Schauspiel vorzuführen.
-Es war ein wunderbares traumhaftes Bild, welches sich uns bot, als
-unsere heitere Unterhaltung so plötzlich durch diese ernsten braunen
-Gestalten unterbrochen wurde, welche in der lauen Luft eines herrlichen
-Tropenabends aus dem dunkeln Waldesrand herausschwebten, mit ihrem Gesang
-uns verstummen machten, sich vor uns auf ein Knie niederließen, ihre
-Geschenke niederlegten und singend weiterzogen, bis sie, den Garten im
-Bogen umschreitend, im Walde wieder verschwanden. Nachdem die Geschenke,
-welche in Kokosnüssen, Früchten und Zuckerrohr bestanden, weggeräumt
-waren, nahmen wir unsere Plätze wieder ein und thaten beim Schein der
-Windlichter und umschwirrt von allerlei fliegendem Gethier dem wirklich
-vortrefflichen, mit getrocknetem Waldmeister hergestellten Getränk alle
-Ehre an, bis wir gegen 10 Uhr unser Nachtlager aufsuchten, d. h. in den
-zur Verfügung stehenden Räumen es uns auf dem Fußboden auf Decken so
-bequem machten, wie es nur möglich war. Am nächsten Morgen besichtigten
-wir die erst seit einem Jahre in Bearbeitung genommene Plantage, die
-Wohnungen der von den Kingsmill-Inseln stammenden Arbeiter, statteten
-dem tonganischen Dorf einen Besuch ab, und um 10 Uhr waren wir wieder zu
-Pferde, um das eigentliche Ziel unserer Partie, einen berühmten Badeplatz,
-zu besuchen. Nach einstündigem Ritt auf schlechtem und stark steigendem
-Wege durch dichten Wald, sodaß wir fast die Hälfte des Weges zum Schutz
-gegen die herunterhängenden Baumzweige auf dem Pferde liegen mußten,
-stießen wir auf einen rauschenden Fluß, welcher in einer hohen bewaldeten
-Schlucht über terrassenförmig gelagerte mächtige Felsblöcke herabstürzt.
-An der Stelle, wo wir aus dem Walde heraustraten, sind die Seitenwände
-der Schlucht etwas zurückgeschoben, sodaß wir einen schönen Lagerplatz
-für uns und genügenden Raum für die Pferde fanden. Hier sollte gebadet,
-gefrühstückt, gerastet und, nachdem die Sonne nicht mehr so hoch stand,
-von hier aus auch der Fluß überschritten und auf anderm Wege nach Apia
-zurückgekehrt werden. Die Umgebung ist ganz eigenartig, und ich kann mir
-wol denken, daß dieser Platz ein beliebter Ausflugsort der Samoaner und
-namentlich der Halbweißen ist, da die jungen Mädchen dieser Mischlinge
-hier in geschlossener Gesellschaft den Durst nach Schwimmkünsten, welcher
-nun einmal in dem samoanischen Theil ihres Blutes steckt, nach Herzenslust
-befriedigen können.
-
-Von oben fällt aus der Schlucht, welche dort durch hohe Bäume
-abgeschlossen wird, das wilde Wasser als etwa 10 m hoher und 6-8 m breiter
-Wasserfall herunter in ein tiefes, vom Wasser ausgehöhltes Steinbecken,
-wo es sich schäumend und brodelnd austoben muß, da die Sohle des
-steinernen Bettes sich wieder hebt und dem Wildling nur eine Mächtigkeit
-von vielleicht ½ m gestattet. So fließt er denn an unserm Lagerplatz,
-welcher ungefähr 20 m von dem Fuß des Wasserfalls entfernt ist, schon
-wieder als klare, spiegelblanke, hellgrüne Masse eilig vorbei und über
-einen glatten, die ganze Breite des Flusses einnehmenden Felsrücken von
-50-60° Neigung hinweg wieder in ein 8-10 m tiefer liegendes Becken und
-nach weitern 20 m noch einmal über solch einen gleichen Felsrücken, um
-dann wieder im Waldesdunkel zu verschwinden. Das Hauptvergnügen des Bades
-besteht nun darin, daß man aus dem obern tiefen Wasserbecken schwimmend
-so zu dem Felsrücken gelangt, daß man sitzend von dem schnellfließenden
-Wasser geschoben auf der glatten Steinfläche herunterrutscht, in dem
-untern Becken durch das eigene Gewicht tief untertaucht und dort dann
-dasselbe Kunststück mit dem zweiten Absatz macht. Zurück muß man natürlich
-auf dem Landwege und dann kann das Spiel von neuem beginnen, wenn man
-Lust dazu hat. Von uns hat keiner das Kunststück gewagt, mit Ausnahme
-eines deutschen Herrn aus Apia, welcher sich mit Viehzucht beschäftigt
-und die Stadt mit Butter versorgt und den Kniff aus seinen jüngern Jahren
-her kennt. So leicht und elegant auch der dicke Herr in seiner rothen
-Badehose mit fliegender Fahrt auf dem Steinrücken heruntersauste, unten
-im brodelnden Wasser verschwand, prustend wieder zum Vorschein kam und
-sich mit einigen geschickten Schwimmschlägen wieder in die richtige Lage
-brachte, um auch den zweiten Abrutsch zu nehmen, fand er unter uns doch
-keinen Nachfolger, als er keuchend den steilen Landweg wieder heraufkam
-und die Schwimmfahrt zum zweiten mal ausführte.
-
-Wir begnügten uns mit dem Bad in dem obern Becken unter dem Wasserfall,
-frühstückten danach und machten uns um 3 Uhr auf den Heimweg durch den
-Wald und zwei schön gehaltene samoanische Städte, in deren einer wir
-auch einen Samoaner antrafen, welcher uns in gutem hamburger Plattdeutsch
-ansprach, das er auf einem deutschen Schiff gelernt hatte. Uns kam dies
-im ersten Augenblick höchst komisch vor, denn es wirkt immer frappirend,
-wenn man einen Fremdling eine Abart der eigenen Sprache sprechen hört.
-Wir langten zu guter Zeit in Apia an, sodaß wir uns vor dem Essen
-noch umziehen und etwas ausruhen konnten, und hiermit will ich in der
-Erinnerung an diesen schönen Ausflug meinen ersten Besuch der Samoa-Inseln
-abschließen.
-
-
-
-
-9.
-
-Sydney.
-
-
- Sydney, 19. August 1878.
-
-Seit heute Nachmittag befinden wir uns im Hafen von Sydney oder wol
-richtiger im Port Jackson, wie die Engländer ihn ohne Rücksicht auf
-den Namen der dazu gehörigen Stadt nennen. Die ganze Umgebung mit dem
-summenden Geräusch, welches einem großen Handelsplatz immer eigenthümlich
-ist, kommt mir wie eine neue ungewohnte Welt vor, da wir seit sechs
-Monaten nichts Derartiges mehr gesehen und gehört haben, denn mit dem
-Verlassen von Valparaiso hatten wir von europäischer Civilisation Abschied
-genommen, und nun liegen wir ohne einen ähnlichen vermittelnden Uebergang,
-wie wir ihn auf dem Wege =nach= den Südsee-Inseln doch in Panama und
-Nicaragua gefunden, plötzlich nicht mehr vor einer vom Passatwind
-umwehten und von Palmen umrauschten tropischen Insel, sondern inmitten
-eines Häusermeeres, vor dessen Steinmassen alle Naturgebilde zurücktreten
-müssen. Hier werden wir nun nach langer Zeit der Entbehrungen mancherlei
-Zerstreuung und all die Annehmlichkeiten wiederfinden, welche eine große,
-reiche und nur von Europäern bewohnte Stadt zu bieten vermag; aber neu
-wird es uns wieder sein, ganz unter der Menge zu verschwinden, nachdem
-wir so lange Zeit hindurch überall den Mittelpunkt gebildet haben. Und
-an den Vorzug, sich wieder einmal ungezwungen und ungekannt in neuer
-Umgebung frei bewegen zu können, muß man sich auch erst gewöhnen. Eins
-erinnerte mich übrigens bei unserer Ankunft hierselbst doch daran, daß
-wir uns noch in der fernen Südsee befinden: der englische Postbeamte,
-welcher sich bei mir nach mitgekommenen Postsachen erkundigte. In diesen
-Gewässern übernehmen noch Kriegs- wie Kauffahrteischiffe unentgeltlich
-die Beförderung der Post zwischen den Plätzen, welche noch keine
-Postdampferverbindung haben, und so hatten auch wir von dem Herausgeber
-der Samoa-Zeitung in Apia, welcher dort die Briefe für die australischen
-und neuseeländischen Postämter in Empfang nimmt, einen Briefbeutel
-mitgebracht, welchen ich dem Beamten nach Prüfung des unverletzten
-Verschlusses aushändigen ließ.
-
-Das war eine lange Reise von Apia bis hierher. 25 Tage für nur 2400
-Seemeilen macht im Durchschnitt nicht einmal eine deutsche Meile für
-die Stunde, und an der Unbeständigkeit der Witterung konnten wir wol
-merken, daß wir uns hier jetzt im südlichen Winter befinden. Seit der
-Zeit, wo wir die Passatzone verlassen haben -- am 30. Juli -- haben
-wir viel stürmisches Wetter angetroffen und ungünstigerweise immer nur
-Weststürme, welche uns keinen Nutzen brachten. Manches Segel ist uns
-bei den Böen weggeflogen, kleine Havarien in der Takelage fehlten auch
-nicht, und am ärgerlichsten war dabei immer noch, daß das Wetter sich
-diese schlechten Scherze vorzugsweise für die Nacht aufhob und so die
-Wache an Deck fast stets volle Arbeit für die Nächte bekam. Als ein
-großes Glück muß ich es indeß betrachten, daß wenigstens eine Bö, welche
-vorgestern das Schiff überfiel, uns am Tage und zu einer Zeit traf, wo
-wir gerade keine Segel führten, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand
-oder wo die „Ariadne“ sich sonst jetzt befände. Wir standen am Vormittag
-des erwähnten Tages nur noch 200 Seemeilen von Sydney ab und der Wind
-war so unbeständig, daß ich Dampf machen ließ, um aus dieser Gegend
-herauszukommen, was uns allerdings nicht viel half, da schon im Laufe
-des Nachmittags ein Weststurm einsetzte, welcher uns zwang, bis gestern
-Mittag mit Sturmsegeln beizudrehen. Die Feuer unter den Kesseln waren also
-angesteckt und es konnte sich nur noch um eine Viertelstunde handeln,
-bis wir genügenden Dampfdruck hatten, um die Maschine in Gang setzen zu
-können, als von Süden her eine weiße Wolke mit stärkerm Wind heraufzog,
-welche zwar nicht besonders drohend aussah, mich aber doch veranlaßte,
-schon vor ihrem Eintreffen die Segel festmachen zu lassen, weil diese
-Arbeit während der Bö ja sehr viel schwerer sein mußte. Die Mannschaft war
-an Deck gerufen, die Segel wurden gegeit, die Marsraaen liefen herunter,
-die Matrosen enterten auf, die Segel verschwanden unter ihren Händen und
-in dem Augenblicke, wo die Leute die Takelage wieder verließen, setzte
-die Bö hell pfeifend von der Seite ein und gleich derart urplötzlich
-mit ihrer ganzen Kraft, daß das Schiff, obgleich keine Segel standen,
-mit einem Ruck 23° übergeneigt wurde und unter dem riesigen Winddruck so
-liegen blieb, bis die Wolke über uns weggezogen war, was etwa eine Minute
-währte. Da das Schiff zur Zeit ziemlich leicht war, weil Proviant, Kohlen
-und Wasser nahezu aufgezehrt waren, so lag die Gefahr nahe, daß es bei
-der Plötzlichkeit und Heftigkeit des ganzen Vorganges gekentert worden
-wäre, wenn es sich noch unter Segel befunden hätte. Denn wenn die Mars-
-und Untersegel nicht mehr rechtzeitig von ihren Fesseln hätten befreit
-und wirkungslos gemacht werden können, so würden diese starken Segel und
-die schwere Takelage bei dem verhältnißmäßig geringen Gegengewicht des
-Schiffsrumpfes wahrscheinlich den ersten Anprall ausgehalten haben ohne
-zu reißen und zu brechen und dann hätte die Korvette ein Ende gefunden,
-wie es in dieser Gegend schon manchem Schiff bereitet worden ist. Bei Tage
-schon wurde die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe vorher erkannt, aber es
-lag doch die Möglichkeit vor, im letzten Augenblicke noch durch Loswerfen
-aller Taue die Segel und einen Theil der Takelage preiszugeben und so
-das Schiff zu retten, bei Nacht aber wäre dies wahrscheinlich nicht mehr
-möglich gewesen, wenn die Wolke nicht etwa in der Dunkelheit sehr viel
-drohender ausgesehen und so zu größern Vorsichtsmaßregeln Veranlassung
-gegeben hätte.
-
-Eines Tages begegneten wir einer Heerde kleiner Walfische, welche mit
-hohen Bogensprüngen aus dem Wasser heraus auf uns zueilten, etwa eine
-Stunde bei dem Schiff blieben, gleichen Curs mit ihm haltend, und dann
-wieder im weiten Meere verschwanden. Als die plumpen Thiere sich scheinbar
-so übermüthig in und über dem Wasser tummelten, kam mir der wunderliche
-Gedanke, daß das von ihnen empfundene Wohlbehagen und Vergnügen sich
-eigentlich auch in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegeln müsse, und ich
-nahm unwillkürlich das Fernrohr zur Hand, um mir die schwarzen Gesellen
-genauer zu betrachten. Was ich an den Thieren aber fand, war nicht schön,
-denn an mehrern entdeckte ich frische Wunden, Stellen, wo 20-30 cm große
-Stücke Fleisch aus dem Körper herausgerissen waren und woraus ich glaube
-folgern zu müssen, daß die Fische nicht nur zum Vergnügen aus dem Wasser
-heraussprangen und an unser Schiff sich herandrängten, sondern dies
-thaten, um großen Raubfischen zu entgehen, da die Wunden wol auf den Biß
-eines Haifisches zurückgeführt werden mußten. Das Wasser war leider zur
-Zeit so bewegt, daß man mit dem Auge nicht unter die Oberfläche dringen
-konnte, denn sonst wäre es vielleicht möglich gewesen, den Räuber zu
-entdecken.
-
-Das Beste und Schönste der Reise hierher war die Einfahrt in den hiesigen
-Hafen, wenngleich sich uns heute Vormittag, als wir bei schönem Wetter
-Land ansteuerten, Australien nicht von der vortheilhaftesten Seite zeigte,
-da die durch die 'Blue Mountains' gebildeten hohen Bergketten, deren
-obere Spitzen bei klarem Wetter von See aus zu sehen sein müssen, sich
-wie gewöhnlich in ihren bläulichen Dunst gehüllt hatten, daher für uns
-unsichtbar blieben und das erste australische Land, welches in unsern
-Gesichtskreis trat, die durchschnittlich nur 100 m hohe, kahle und öde
-Küste bei Sydney war, auf deren Kamm sich Leuchtthürme, Signal- und
-Flaggenmasten, sowie einige kleine Gebäude für die Küstenwache in klaren
-Umrissen von dem bläulichen Dunstkleid der weiter im Lande liegenden
-Berge abhoben. Mit unserm Vorschreiten entwickelt sich die Küste als eine
-steile graue Wand, welche nach den Angaben der Karte so jäh abfällt, daß
-an ihrem Fuß die Meerestiefe immer noch 14-20 m beträgt. Nördlich von
-den Leuchtthürmen, da, wo der Bug unsers Schiffes hingerichtet ist, wird
-ein Einschnitt, die 1800 m breite Einfahrt zum Port Jackson sichtbar, in
-welcher jetzt auch das Hinterland kenntlich wird und immer deutlichere
-Zeichnung annimmt. Wir dampfen in die Einfahrt, schlagen einen rechten
-Winkel nach links, steuern zwischen schwimmenden Seezeichen hindurch
-und an einem Feuerschiff vorbei über eine schmale Bank oder Barre von
-nur 7 m Wassertiefe, drehen nach einigen Minuten wieder nach rechts, und
-vor uns liegt eins der schönsten Hafenbilder einer geschäftigen großen
-Handelsstadt.
-
-Eine Wasserstraße, welche durch Verschiebung des Landes von unserm
-Standpunkt aus allerdings nur auf eine Länge von drei Seemeilen zu sehen
-ist, zieht sich in gerader Linie zwischen coulissenartig vorspringenden
-Landzungen hin, welche beide Seiten der Wasserfläche einfassen und
-deren mittlere freie Bahn in der äußern uns zunächst gelegenen Hälfte
-auf 1800 m und später auf nur 600 m verringern. Hinter den Landzungen
-zeigen sich aber zurücktretende Wasserbuchten von 600-2000 m Tiefe und
-durchschnittlich 500 m Breite, welche zu unserer Linken von Häusern
-und ganzen Stadttheilen, zu unserer Rechten von Villencolonien und
-grünbelaubten Abhängen umschlossen werden. Hinter den Buchten links die
-amphitheatralisch aufsteigende Stadt mit großen Steinbauten, breiten
-Straßen und großen parkähnlichen freien Plätzen, rechts die bewaldeten
-Höhen mit den vor ihnen liegenden und von großen Gärten umgebenen schönen
-Wohnhäusern, Villen und Flaggenmasten. Links fast nur Menschenwerk, rechts
-vorherrschend Naturgebilde. Die Wasserfläche ist belebt mit Ruder- und
-Segelbooten, zu Anker liegenden und in Bewegung befindlichen großen Segel-
-und Dampfschiffen, auf den hohen Ufern am Lande zeigen sich Erholung
-suchende Menschen, welche das einlaufende fremde Kriegsschiff durch
-Tücherschwenken begrüßen; mehrere kleine belaubte Inseln mit stattlichen
-Gebäuden liegen inmitten der großen Straße; von der Stadt her dringen
-lange nicht mehr gehörte Laute, wie sie die Vielgeschäftigkeit einer
-großen, nach Gelderwerb strebenden Menschenmasse erzeugt, an unser Ohr:
-Dampfpfeifen, Hämmern und Schlagen, und das Gesumme und Gewoge, welches
-sich aus tausenderlei vielen kleinen Tönen zu einem unbestimmbaren
-Geräusch zusammenfindet. Gelderwerb ist wol das Schlagwort, welches hier
-alles beherrscht und sich auch dem einlaufenden fremden Schiff gleich
-aufdrängt, denn als wir die Stadt noch nicht sehen konnten und ihr
-mit 11 Knoten Geschwindigkeit entgegeneilten, warf sich ein zierliches
-leichtes Boot, wie sie nur in Sydney gebaut werden, mit großem Geschick
-an unsere Seite, hakte sich am Schiffe fest und ließ sich mitschleppen.
-Ich glaubte zwar, daß das Boot bei unserer großen Fahrgeschwindigkeit
-gleich unter Wasser schneiden würde, aber nichts von dem, der Junge,
-welcher den Haken geworfen hatte, paßte auf die Leine auf, ein behäbiger
-Herr saß am Steuer und nickte uns vertraulich seinen Gruß zu, war aber
-kein Hafenbeamter oder Lootse, wie ich angenommen hatte, sondern ein
-ehrsamer wasserkundiger Schlächtermeister, welcher, rechtzeitig von unserm
-Einlaufen unterrichtet, dem Schiff gleich entgegengefahren war und durch
-sein meisterhaftes Manövriren mit dem Boot zunächst erreichte, daß man
-ihn überhaupt herankommen ließ, weil man ihn für etwas anderes hielt,
-als er war, und er nachher dann als Erster das Schiff bestieg, um seine
-Waare anzupreisen. In einer der kleinen Buchten, Farm-Cove, welche als
-Liegeplatz für die Kriegsschiffe reservirt ist, ankerten wir zu Füßen des
-zum Gouverneur-Palast gehörigen Parks, über dessen Baumwipfel das vornehme
-Gebäude hinwegsieht und einen Rundblick über den ganzen Hafen hat.
-
-Port Jackson könnte vielleicht der beste Handelshafen der Welt genannt
-werden, wenn nicht der Hauptarm der Bucht, an welchem auch die Stadt
-liegt, durch die vorher schon genannte Barre, welche Schiffen von über 7 m
-Tiefgang das Einlaufen verwehrt, von dem Meere getrennt würde. Sonst hat
-der Hafen überall genügende Wassertiefe für die größten Schiffe und, was
-als geradezu unschätzbar angesehen werden muß, eine Uferlinie, welche in
-Schlangenwindungen sich um die ganze Bucht hinziehend, eine fortlaufende
-Kette der schon genannten kleinen Einbuchtungen mit großen Wassertiefen
-darstellt.
-
-So scheint es fast, als ob die Natur selbst diesen Hafen als großen
-Handelsplatz geplant habe, da er in seiner Gestaltung als Muster für
-moderne künstliche Hafenanlagen dienen könnte, denn der Theil des Landes,
-welcher zur Zeit von der eigentlichen Stadt in Anspruch genommen wird,
-hat durch diese natürlichen Seitenhäfen eine dreifach größere Uferstrecke
-erhalten, als er haben würde, wenn das Ufer geradlinig verliefe, und
-was dies bedeutet, zeigt die Zahlenangabe, daß die jetzige Stadt Sydney
-infolge dieser Ufergestaltung allein an der Südseite der Bucht, wo die
-Geschäftsstadt liegt, eine Uferlinie von zehn Seemeilen Ausdehnung hat,
-während dieselbe sonst nur drei Seemeilen betragen würde. Aber nicht nur
-für die bequeme Befrachtung der Schiffe mit ungefährlichen Frachtgütern
-hat die Natur gesorgt, sondern sie hat auch noch die kleinen Inseln als
-Pulver-, Petroleum- u. dgl. Niederlagen in den Hafen gebaut. Durch diese
-natürlichen Vorzüge mußten auch die Verkehrsverhältnisse aus der innern
-Stadt nach dem Hafen außerordentlich bequeme werden und man konnte bei
-ihrer Anlage von einer ungebührlichen Ausdehnung in die Länge absehen. Ob
-Sydney auch mit einem weniger vorzüglichen Hafen das geworden wäre, was
-es jetzt schon ist, muß bezweifelt werden. Wahrhaft betäubend wirkt es,
-wenn man hört, daß während die Stadt im Jahre 1840 24000 Einwohner hatte,
-die Bevölkerung jetzt schon über 200000 Seelen beträgt und vorläufig noch
-in demselben Verhältniß weiter wächst.
-
-
- 15. September 1878.
-
-Unsere Zeit ist nun auch hier abgelaufen und morgen werden wir Sydney
-wieder verlassen, um nach der uns gewordenen Erholung von neuem unsern
-Dienstpflichten nachzugehen. Vier Wochen in solcher Stadt zu leben ist
-genügende Zeit, um viel sehen und lernen zu können, aber nur, wenn man
-frei über sich verfügen darf und es einem auch gestattet ist, ungekannt
-die Eigenthümlichkeiten der Tag- und Nachtbilder zu studiren. Dieser
-Vorzug wurde mir aber nicht zutheil, denn vom ersten Tage an mußte ich
-mich zu der Gesellschaft des Gouverneurs, zu welcher auch unser Consul
-gehört, rechnen und war dadurch gleich infolge der verschiedenartigsten
-Einladungen derart gebannt, daß ich an interessante Entdeckungsfahrten in
-das Volksleben nicht denken konnte, sondern mich in dieser Beziehung mit
-dem begnügen mußte, was die jüngern Herren mir darüber erzählten.
-
-Am Morgen nach meiner Ankunft, nachdem ich den Besuch unsers Consuls
-empfangen hatte, machte ich mit diesem Herrn zusammen dem hier
-residirenden Gouverneur von Neusüdwales meine Aufwartung, durfte mich
-auch seinen Damen vorstellen und erhielt gleich zum Abend desselben
-Tages eine Einladung zum Diner. Im Laufe des Nachmittags erwiderte der
-militärische Adjutant des Gouverneurs in dessen Namen meinen Besuch und
-übergab mir auch im Auftrage der liebenswürdigen Dame des Hauses einen
-Schlüssel zu einem quer ab von unserm Ankerplatz liegenden Thor zu dem
-Gouvernements-Park, damit ich bei meinen Besuchen im Government-House
-stets auf dem kürzesten und zweifellos angenehmsten Wege dahin gelangen
-könne. Der Gouverneur ist Civilbeamter und gehört zu der bevorzugten
-Menschenklasse, aus welcher die englische Regierung die Personen für diese
-wichtigen Posten auswählt, wenngleich die Herren, welche hierzu berufen
-werden, oft ihre eigentliche Heimat nicht mehr wiedersehen, da sie das
-höchste Amt eines Gouverneurs in der Regel in einer Colonie nur abgeben,
-um es in einer andern wieder zu übernehmen. Der Gouverneur von Neusüdwales
-hat einen fürstlichen Sitz, bezieht ein Jahresgehalt von 7000 Pfd. St. und
-erfreut sich daneben noch mancherlei anderer diesen Aemtern zukommenden
-Gerechtsame. So hat er das Recht der Wahl seines Adjutanten und Secretärs,
-was für sein Familienleben zuweilen von großer Bedeutung ist, wie z. B. in
-dem vorliegenden Falle der Gouverneur den Gatten seiner ältesten Tochter,
-einen Armeeofficier, sich als Adjutanten hat commandiren lassen, sodaß die
-Aeltern nun den Vorzug genießen, wenigstens diese Tochter nebst Gatten
-und Kind stets mit unter ihrem Dache zu haben, da Adjutant und Secretär
-ihrem Gouverneur von Platz zu Platz folgen und im Government-House
-Dienstwohnung finden. Andererseits müssen die Aeltern allerdings auch oft
-auf vielleicht Nimmerwiedersehen von ihren Kindern Abschied nehmen, denn
-wenn der hiesige Gouverneur Australien verlassen sollte, dann muß er sich
-wol für immer von seiner zweiten Tochter trennen, da diese während unsers
-Aufenthalts hierselbst einen Herrn geheirathet hat, der als Besitzer
-großer Viehstationen sich schwerlich wieder von Australien wird losreißen
-können, denn je größer der Besitz ist, um so stärker ist ja der Besitzer
-an die Scholle gefesselt. Ein mir als reich bezeichneter älterer Herr,
-welchen ich kennen lernte, sprach sich sehr wehmüthig und entsagungsvoll
-darüber aus, daß er nicht mehr nach Alt-England zurückkehren könne, und
-als ich dies in Rücksicht auf seine gute finanzielle Lage nicht verstehen
-wollte, gab er mir die Erklärung, daß er nie einen Käufer finden würde,
-welcher im Stande sei, ihm einen nur einigermaßen annehmbaren Preis
-für seine Liegenschaften zu zahlen, da große Kapitalisten als Käufer in
-diese entfernten Colonien nie kämen, sondern nur Leute mit bescheidenern
-Mitteln, welche erst erwerben wollen; und wer hier überhaupt verkaufe,
-wolle auch den ganzen Kaufpreis ausgezahlt erhalten. Dies letztere wurde
-mir erst in den jüngsten Tagen verständlich, als wieder einmal infolge der
-im Innern anhaltenden Dürre so viel Vieh auf den hiesigen Markt getrieben
-wurde, daß das Pfund Rind- und Hammelfleisch nur wenige Pfennige kostete.
-Tritt ein solcher Fall ein, dann ist derjenige Besitzer, welcher nur eine
-kleinere Anzahlung machen konnte, gewöhnlich wol bankrott und der frühere
-Besitzer hat natürlich das Nachsehen, namentlich wenn er in England wohnt.
-
-Abends beim Gouverneur traf ich eine ziemlich große Gesellschaft an, die
-Damen in kostbaren Toiletten, zu welchen die drei Töchter des Hauses
-reizend geschmackvollen und reichen Blumenschmuck angelegt hatten. Im
-großen und ganzen läßt sich von den anwesenden Damen und Herren nur
-sagen, daß mir die Familie des Gastgebers in diesen Gesellschaftsrahmen
-nicht recht hineinzupassen schien. Zwischen Ministern, die aus der
-Bevölkerung der Colonie gewählt sind, Besitzern großer Viehstationen,
-Sportsmen und Kaufleuten, welche durch ihren Reichthum und wol auch ihre
-politische Stellung eine Rolle spielen, erschienen mir der Gouverneur
-und seine Familienmitglieder, bei welchen jede Bewegung und jedes
-gesprochene Wort an die vornehme Herkunft und die hohe Stellung, welche
-sie einnehmen, erinnerte, als ganz fremdartige Erscheinungen, welche wol
-am richtigsten mit fürstlichen Personen zu vergleichen sind, denen von
-einer mit republikanischen Gewohnheiten prahlenden Umgebung doch willig
-die höhere gesellschaftliche Stellung eingeräumt wird. So war bei einem
-Ball, welchen die Junggesellen der guten Gesellschaft den verheiratheten
-Familien gaben und wozu wir auch Einladungen erhalten hatten, für den
-Gouverneur und seine Familie eine Art Thron mit mehrern Stufen errichtet,
-wohin nur diejenigen Personen Zutritt erhielten, welche dahin befohlen
-wurden. Im Gegensatz hierzu steht wieder die schwierige Stellung, welche
-der Gouverneur bei seinen Ministern und dem Parlament, wo es häufig
-amerikanisch derb hergehen soll, findet; doch wird dem jetzigen Gouverneur
-nachgerühmt, daß er in sehr sicherer und taktvoller Weise die Klippen
-zu umschiffen weiß, mit welchen sein schwieriges Amt übersät ist, denn
-die einzelnen australischen Colonien, welche bekanntlich voneinander
-ganz unabhängig sind, sind dies praktisch auch von dem Mutterlande,
-von welchem sie nur den von der Königin ernannten Gouverneur annehmen
-müssen, und dadurch wol unwillkürlich zu dem Versuch gedrängt werden,
-diesen unabhängigen Mann in ein Abhängigkeitsverhältniß zur Colonie zu
-bringen. Diese hat auch ihre eigenen Miliztruppen und Befestigungsanlagen,
-die englischen Kriegsschiffe sind hier ebenfalls nur Gäste, und das
-von der Colonie von Neusüdwales dem jeweiligen Befehlshaber des in der
-Südsee stationirten englischen Geschwaders und seiner Familie hier
-in Sydney zu freier Benutzung überwiesene vollständig ausgestattete
-große Wohnhaus ist ein freiwilliges Geschenk der Colonie an die Flotte
-des Mutterlandes. Wie rücksichtslos in anderer Beziehung die Colonie
-auf ihre Selbständigkeit pocht, dürfte daraus hervorgehen, daß es den
-englischen Kriegsschiffen ebensowenig wie fremden Schiffen möglich ist,
-ihre Deserteure wiederzuerhalten, da die Polizei jede Mitwirkung hierzu
-ablehnt unter dem Vorwand, daß ihre Macht sich nur auf die innere Stadt
-beschränke und die Häuser, wo die weggelaufenen Matrosen Unterschlupf
-finden, in den Vorstädten liegen. So waren einem englischen Kanonenboot
-mit einer Besatzung von 120 Mann, 85 Mann weggelaufen; der Commandant
-des Schiffes und die Polizei wußten, wo die Leute frei umhergingen,
-aber nicht einmal die Einwirkung des Gouverneurs konnte erreichen, dem
-wehrlos gewordenen Schiffe seine Besatzung wieder zuzuführen. Böse Zungen
-behaupten, daß die Colonie, welche für jeden arbeitskräftigen Einwanderer
-eine Prämie von 45 Pfd. St. zahlt, hieraus ein Geldgeschäft macht, weil
-sie für diese Einwanderer keine Prämie zu zahlen brauche. Die Hauptaufgabe
-des Vertreters der heimischen Regierung wird hier vorzugsweise darin
-bestehen, die Einflüsse unschädlich zu machen, welche die schon sichtlich
-amerikanisch-republikanisch angehauchten Neigungen der Colonisten zu
-stärken geeignet sind, um so den Zeitpunkt der doch über kurz oder lang
-eintretenden Losreißung des großen australischen Staates von dem kleinen
-Mutterlande möglichst lange hinauszuschieben.
-
-Die Stadt genießt die Vorzüge ihrer Jugend: gerade, breite, systematisch
-angelegte Straßen, große öffentliche Parks inmitten der Stadt und
-zueinander passender Baustil der öffentlichen Gebäude, an denen Sydney
-außerordentlich reich ist. Unter den öffentlichen Bauten führe ich an:
-Das Government-House, das Parlament, der Gerichtshof, das Schatzamt,
-die Münze, das Rathhaus, die Universität, 2 große Kathedralen, ein
-großes Hospital, das Museum, die Volksbibliothek, die Börse, das Post-
-und Telegraphenamt, die Ausstellungsgebäude, 13 Banken, 3 Theater und 6
-größere Clubhäuser. Rechnet man dazu die vielen großartigen Verkaufsläden,
-so begreift man, daß Sydney eine wirkliche Großstadt zu nennen ist. Von
-den öffentlichen Parks sind in erster Reihe die Domäne und Hydepark zu
-nennen, beide mit hohen Bäumen bestanden und von schattigen Fußwegen,
-sowie breiten Fahr- und Reitwegen, durchschnitten. Eine wahre Perle ist
-die Domäne, welche Farm-Cove umfassend und die beiden die Bucht bildenden
-Landzungen in sich schließend eine Fläche von etwa 1400 m Länge und 700 m
-Breite einnimmt. Innerhalb der Domäne liegen auf der einen Landzunge das
-Government-House und der weitläufige, im großartigsten Stil angelegte
-Botanische Garten; die andere Landzunge, an deren Fuß sich Seebäder
-befinden, ist öffentlicher Park. Der Botanische Garten, für welchen
-die Colonie eine besondere Zärtlichkeit zu besitzen scheint, enthält an
-Bäumen, Sträuchern und Blumen wol so ziemlich alles, was man in der heißen
-und gemäßigten Zone unserer Erde an bedeutendern Pflanzen finden kann.
-Mich interessirten besonders die Nadelhölzer und hier wieder vorzugsweise
-die durch ihre feinen Nadeln, schönen Formen und Farben berühmten Tannen
-der kleinen Insel Norfolk. Natürlich hat Sydney auch seinen Rennplatz
-und große 'Criquet-' und 'Lawn tennis-grounds'. Hier, wie an entfernter
-liegenden Fischplätzen und auf dem Hafen kann man sich an der Lebendigkeit
-der Bewohner sowie daran erfreuen, daß die Menschen, trotz ihres Hastens
-nach Gelderwerb, die Freude an unschuldigen Vergnügungen und am Sport
-nicht verloren haben; ja, ich möchte behaupten, daß ich bisjetzt noch
-keinen Platz kennen gelernt habe, wo die Bevölkerung sich nach Schluß
-der Geschäftsstunden so allgemein der körperlichen Erholung widmet.
-Dampfer und Eisenbahn bringen die nach Abwechselung und Zerstreuung
-lüsternen Städter nach beliebten Ausflugspunkten; mit erstern fahren
-sie den Fluß hinauf oder über See, vermittelst der letztern kommen sie
-in die Berge; Fuhrwerke aller Art, eigene und Miethswagen, eilen zu den
-Spielplätzen, und Lustjachten wie kleinere Segel- und Ruderboote beleben
-den Hafen. Namentlich an den Sonntagnachmittagen sind bei gutem Wetter
-die sämmtlichen kleinen Segelboote in Bewegung nach der Hafenmündung
-zu, und ich habe noch bei jeder solchen Gelegenheit eins oder zwei der
-Boote kentern sehen, weil sich bei diesen Ausflügen stets Wettfahrten
-entwickeln, da der Engländer davon nun einmal nicht lassen kann, und die
-Leute, von denen viele nichts von dem Segeln verstehen, dann übermäßig
-Segel führen. Ein weiteres Unglück, als daß die Gekenterten naß wurden,
-passirte dabei indeß nicht. Der Sport spielt hier überhaupt in gewissen
-Grenzen vielleicht noch eine größere Rolle als im Mutterlande, löst doch
-ein Wettrennen das andere ab, und bereisen doch die Criquetspieler nicht
-nur die australischen und neuseeländischen Städte, sondern sogar England,
-um andere derartige Gesellschaften zum Preiskampf herauszufordern. Während
-unsers hiesigen Aufenthalts wurden in Sydney zwei Rennen abgehalten
-und von mehrern in andern Städten war noch die Rede. Der Gouverneur ist
-selbst großer Sportliebhaber, hat acht Rennpferde im Stalle stehen und
-fuhr als richtiger Sportsman zu einem Rennen, das in unmittelbarer Nähe
-der Stadt abgehalten wurde, selbst 'four in hands' seine große 'Coach',
-in welcher seine ganze Familie sowie die von ihm Geladenen, zu denen auch
-ich gehörte, Platz fanden. Die Damen saßen in dem Wagen, wir Herren oben
-auf dem Verdeck.
-
-Das Klima, welches annähernd dem von Süditalien mit dem Vorzug eines
-kühlern Winters entspricht, scheint dem menschlichen Organismus ebenso
-zuträglich zu sein wie den Kindern der Pflanzenwelt, unter welchen auch
-die Früchte eine hervorragende Rolle spielen, denn es sollen z. B. in den
-Anpflanzungen bei Sydney und Paramatta mehr Orangenarten zu finden sein
-als auf dem ganzen übrigen Erdball. Man hat durch Kreuzung und Veredelung
-neue Arten und von bekannten Arten andere Größen gewonnen, und von den
-letztern werden kleine, nur wallnußgroße Mandarinen wegen ihres feinen
-Geschmacks und Saftreichthums besonders geschätzt.
-
-Die wohlhabendern Klassen halten vielfach daran fest, außerhalb der
-Stadt zu wohnen. Die meisten dieser Wohnungen findet man nach der
-Seeseite zu und auf dem nördlichen Ufer des Hafens, wo schöne Häuser
-in herrlichen Gärten liegen, doch fängt man seit der Fertigstellung
-der Eisenbahn nach den 'Blue Mountains' auch an, sich dort an höher
-gelegenen Punkten anzusiedeln. Die große Entfernung der Privatwohnungen
-von den Geschäftsräumen und der Umstand, daß sich in einer aufstrebenden
-Colonie in der bessern Gesellschaft immer eine unverhältnißmäßig große
-Zahl unverheiratheter jüngerer Männer vorfinden, erklärt wol die vielen
-Clubhäuser und deren starke Benutzung zur Frühstückszeit.
-
-Wie in allen englischen Hafenstädten und namentlich in denjenigen der
-Colonien fremde Kriegsschiffe auf das liebenswürdigste aufgenommen
-werden und ihnen nicht nur von den Offiziercorps und geschlossenen
-Gesellschaften, sondern auch von einzelnen amtlichen und Privatpersonen
-der erste Besuch gemacht wird, um den Offizieren die Anbahnung eines
-geselligen Verkehrs zu erleichtern, so erging es uns auch hier. Gleich in
-den ersten Tagen waren wir in die Clubs und in viele Familien eingeführt,
-und es durfte mich nicht überraschen, als der Consul mich auf den
-Spielplatz der guten Gesellschaft führte, dort bereits unsere Offiziere im
-Kreise junger Damen vorzufinden. Die Aufmerksamkeit der Behörden ging so
-weit, daß jeder Offizier eine in zierlichem Lederumschlag mit Goldschnitt
-befindliche Freikarte zu beliebiger Benutzung sämmtlicher Eisenbahnlinien
-der Colonie für die Dauer unsers Aufenthalts erhielt.
-
-Daß Australien die merkwürdigsten Vögel und solche von außerordentlich
-schönem Gefieder, sowie eine auffallend große Zahl verschiedener Kakadu-
-und Sitticharten hat, ist bekannt, aber überraschend wirkt es doch, wenn
-man solche Thiere in großen Wagen zum Verkauf herumfahren sieht und sowol
-die Farbenpracht der einen, wie die zarten, unscheinbaren und doch so
-feinen Farben anderer und die merkwürdigste Farbenzusammenstellung in dem
-Gefieder wieder anderer bewundern muß. Von allen Vögeln, welche ich hier
-zu Gesicht bekam, interessirte mich am meisten der Jägerliest, hier wegen
-seines, lautem Lachen täuschend ähnelnden Geschreis allgemein „'laughing
-Jack'“ genannt, von welchen unser Consul einige gezähmte in seinem Garten
-herumlaufen hat. Dieser Vogel, welcher in seinem unscheinbaren Gefieder
-und sonstigem Aeußern einer Eule gleicht, bei näherer Betrachtung aber in
-seinem Bau an den Eisvogel erinnert, etwa 40 cm hoch ist und einen Kopf
-hat, welcher fast ein Drittel des ganzen Körpers einnimmt, kommt mir wie
-ein vorsintflutliches Geschöpf vor.
-
-Von allem Möglichen habe ich nun schon erzählt und noch nicht unserer
-deutschen Landsleute gedacht, doch liegt dies daran, daß dieselben in
-diesem Theil Australiens wenig zur Geltung kommen, weil sie mit ganz
-verschwindenden Ausnahmen, welche in der englischen guten Gesellschaft
-aufgehen, nur dem kleinern Kaufmanns- und dem Handwerkerstande angehören
-und sich durch Heirathen mit den englischen Einwohnern schon stark
-vermischt haben. Doch halten sie unter sich noch immer zusammen und nahmen
-uns in der zuvorkommendsten Weise auf, stellten uns ihr Vereinslocal zur
-Verfügung und gaben uns einen Ball, welchen wir mit einem Tanzfest auf
-unserm Schiff erwiderten. In nähere gesellige Berührung bin ich mit nur
-einigen wenigen gekommen.
-
-Ich habe natürlich auch nicht versäumt, die 'Blue Mountains' zu besuchen,
-wohin unser Consul mich zweimal führte. Das erste mal waren wir allein,
-fuhren mit der Bahn bis Blackheath und gingen von dort aus zu einem
-Felsenthal „'the Grose'“ und zu einem Wasserfall, „'Govett’s Leap'“
-genannt; das zweite mal hatte der genannte Herr unsere dienstfreien
-Offiziere nach dem jenseit der Blauen Berge gelegenen Städtchen
-Bathurst eingeladen, um uns bei der Rückfahrt einen Ueberblick über
-die Gebirgslandschaft zu verschaffen und uns auch Gelegenheit zu geben,
-während der Fahrt das großartige Menschenwerk zu bewundern, durch welches
-es erst möglich wurde, nicht nur mit der Bahn, sondern überhaupt diesen
-Bergrücken zu überschreiten, welcher vorher sogar für einzelne Menschen
-und Saumthiere unpassirbar war.
-
-Bei der Station Blackheath fanden wir ein recht gutes Wirthshaus, ein
-zwar einfaches aber innen gut ausgestattetes hölzernes Gebäude mit
-guter Verpflegung. Von hier aus gelangten wir auf schmalen Pfaden durch
-Gestrüpp und Steingeröll nach dem Grosethal und nach 'Govett’s Leap'. Das
-Charakteristische dieser Thäler und Schluchten liegt in den mächtigen
-Felswänden, welche, altem Gemäuer gleichend, senkrecht abfallen, sowie
-in dem üppigen Pflanzenwuchs der feuchten Thalsohle, welche mit dichtem
-Wald bestanden ist. 'Govett’s Leap' ist ein großer, von hohen Felswänden
-umschlossener Kessel, in welchen sich von der einen Seite von einer 170 m
-hohen Wand ein kleiner Wasserarm ergießt, der von oben als dünner Strahl
-herunterfällt ohne das Gestein zu berühren.
-
-Nach Bathurst fuhren wir des Abends, trafen dort nach vierstündiger Fahrt
-nachts 11 Uhr ein und traten am nächsten Morgen die Rückfahrt an. Der
-Rundblick, welchen man auf das Gebirge erhält, ist großartig; weithin
-schweift das Auge über Berg und Thal und ist entzückt von dem weichen
-blauen Farbenton, welcher auf der Landschaft liegt, doch die Natur tritt
-zurück, sobald der Zug die Westseite der hohen Scheidewand erreicht, wo
-er in Zickzacklinien heraufklettern muß, um den Gebirgskamm zu erreichen.
-Diese Wand ist so steil und zerklüftet, daß die Ingenieure, welche mit der
-Untersuchung des Terrains und mit den Vorarbeiten des Bahnbaues beauftragt
-waren, sich an langen Seilen herunterlassen mußten, um die Punkte für den
-Schienenweg bestimmen zu können. Man begreift kaum, wie es möglich ist,
-daß ein Eisenbahnzug diese steile Wand überwinden kann, und staunt die
-Bauten an, welche nöthig waren, um die Schluchten zu überbrücken, denn
-drei Viadukte, jeder von 7-8 Bogen mit je 30 Fuß engl. Spannweite und
-größter Pfeilerhöhe von 46 Fuß, und ein Tunnel von 70 m Länge nehmen einen
-großen Theil des ganzen Schienenweges in Anspruch oder erscheinen dem Auge
-doch so. Der eigentliche Bahnkörper ist natürlich nur eine schmale Straße
-mit einfachem Gleise; für Kurven und Drehscheiben blieb kein Platz, und
-so kam man auf den Gedanken der Zickzacklinie, wo die Lokomotive den Zug
-auf der einen Strecke zieht und auf der andern schiebt. Für eine Höhe von
-687 Fuß engl. waren allein 7,5 km Schienenweg erforderlich und je 1,5 km
-erforderten einen Kostenaufwand von 4-500000 Mark, sodaß der von den
-Engländern Zig-Zag genannte Theil allein über 2 Millionen Mark gekostet
-hat.
-
-Bei den vorgenannten Fahrten kamen wir auch durch Eukalypten-Waldungen
-und durch weite, nur mit niedrigem Gestrüpp bedeckte Flächen, wie sie
-Australien eigenthümlich sind, in den höhern Regionen auch durch solche,
-wo nur Gräser die Erde bedecken. All dieses bietet wenig Anziehendes;
-die Eukalypten mit ihren schmutzig-grauen Stämmen und ähnlich gefärbten
-kleinen Blättern erinnerten mich an Olivenbäume, die kahlen farblosen
-Wälder ohne Buschwerk zwischen den weit auseinander stehenden und nur
-an ihrem Wipfel mit einer Laubkrone versehenen Stämmen an verstaubte,
-halb verdorrte Waldgehege innerhalb großer Städte, wenn in heißem Sommer
-lange Zeit kein Regen gefallen ist. Warum dieser Baum „'gum-tree'“, von
-den Deutschen „Gummibaum“ (mit welchem er weder in Gestalt noch in seinen
-Eigenschaften irgendeine Gemeinschaft hat) genannt wird, ist mir unklar
-geblieben. Vielleicht daß die Eingeborenen ihn mit dem Laut „Göm“, aus
-welchem die ersten Colonisten „'gum'“ machten, bezeichnet haben. Diese
-farblose kalte Pflanzenwelt, das weiter oben in den Bergen vorherrschende
-Knieholz und niedrige Gestrüpp, sowie die kleinen als Stationsgebäude
-dienenden Blockhäuser ließen mich die Scenerie in den Blauen Bergen schon
-auf einer Höhe von nur 500 m über dem Meere trotz der warmen Luft mit den
-Gefilden unsers Riesengebirgskammes auf 1500 m Höhe vergleichen.
-
-Ich glaube mit Sydney abschließen zu können, nachdem ich noch gesagt
-habe, daß unser geselliger Verkehr hierselbst, dank der vollendeten
-Gastfreundschaft unsers Consuls und der englischen Gesellschaft ein sehr
-reger war und uns Genüsse der verschiedensten Art geboten wurden. Die
-wöchentlichen Nachmittags-Gartenfeste beim Gouverneur verdienen in erster
-Reihe genannt zu werden, weil man hier in dem schönen Park bei Musik
-alles traf, was zur guten Gesellschaft gehört, und die zwanglose Form des
-Verkehrs ein Magnet war, welchem niemand so leicht widerstehen konnte.
-Neben dem bereits erwähnten Junggesellen-Ball fand noch ein von der Gattin
-des Gouverneurs zu Wohlthätigkeitszwecken veranstalteter Costümball statt,
-zu welchem die Theilnehmer nur in Kattunstoffen erscheinen durften;
-Privatbälle, Mittags- und Abendgesellschaften schlossen die Kette der
-Feste.
-
-
-
-
-10.
-
-Samoa.
-
-II.
-
-
- Angesichts Upolu, 7. October 1878.
-
-Das schöne Upolu liegt nun auch wieder in unserm Gesichtskreis und zwar
-als ein in Gewitterwolken eingehülltes und von den letzten Strahlen
-der untergehenden Sonne beleuchtetes kleines Stück Bergland auf weitem
-Meere. Windstille liegt über der träge auf- und niederwogenden See,
-laue Tropenluft umfängt uns und Blitze zucken durch das auf dem Lande
-lagernde schwarze Gewölk; der Tag schwindet schnell, die Nacht breitet
-ihre Schatten aus, und kaum daß die Sonne zur Rüste gegangen ist,
-flimmern und blinken auch schon die Sterne oben in der Höhe an dem
-dunkeln, in unendliche Fernen reichenden Himmelsdom; in gleichmäßigem
-Takt schlägt die Schraube durch das Wasser, treibt unser Schiff dicht
-unter der Küste entlang dem Hafen zu und die Nähe des Landes zwingt
-mich, die Nacht zum Tage zu machen. So finde ich in später Abendstunde
-Muße zum Schreiben, welche ich benutzen will, da ja möglicherweise sich
-uns morgen in Apia schon eine Postgelegenheit bieten kann. Schwer wird
-es mir, in meiner Kajüte zu bleiben, da eine Nacht wie die heutige mich
-mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Deck zieht. Was es ist, kann ich
-nicht sagen. Ob der von dem Lande ausströmende Duft und geheimnißvolle
-Zauber; ob das bleierne Gewölk, welches die Insel so innig umfängt, daß
-man glaubt, kein heimlicheres Plätzchen finden zu können; ob die tiefe
-andachtsvolle Stille, welche nur durch ein leises Rauschen der Brandung
-unter der Küste und das gleichmäßige Arbeiten der Maschine unterbrochen
-wird; ob die weite Sternenwelt oder ob Alles zusammen? Ja, wer kann es
-sagen und wer ist wol im Stande zu beschreiben, was die Seele des Menschen
-in solcher Umgebung eigentlich durchzieht und bewegt?
-
-Beim Durchblättern meines Tagebuches finde ich übrigens zu meiner
-Befriedigung, daß mir infolge der Einförmigkeit unserer letzten Reise
-kaum etwas niederzuschreiben bleibt. Das Einzige, was vielleicht von
-allgemeinerm Interesse sein könnte, ist, daß wir die von dem französischen
-Transportschiff „'La Rance'“ im Jahre 1873 entdeckten und nach ihm
-benannten großen Korallenriffe, welche ein Feld von 10 Seemeilen
-Durchmesser einnehmen sollen, ebenso wenig gefunden haben, wie das
-englische Kriegsschiff „'Pearl'“ sie im vorigen Jahre finden konnte, und
-daher nur anzunehmen ist, daß dieses Riff inzwischen wieder verschwunden
-ist oder aber nie bestanden hat. Der Franzose will bei starkem Wind
-plötzlich entfärbtes Wasser gesehen haben und hat dann ein Boot zu Wasser
-gelassen, welches dort mit dem Loth als geringste Wassertiefe nur 6½ m
-gefunden haben will, während der Ausguckposten des Schiffes vom Mast aus
-nach der Brandung, welche er gesehen haben will, die ungefähre Ausdehnung
-des Riffs festgestellt hat, wobei nur unerklärlich bleibt, weshalb zu
-dieser wichtigen Messung und überhaupt zur Richtigstellung der ganzen
-für die Schiffahrt so bedeutungsvollen Sachlage nicht der Commandant
-selbst oder doch wenigstens ein Offizier in die Takelage gegangen ist.
-Thatsache ist, daß wir unter den denkbar günstigsten Umständen den
-Platz der fraglichen Bank unter Dampf angesteuert haben, bei klarem
-sehr sichtigen Wetter, Windstille und hoher Dünung, sodaß wir, wenn in
-einem Umkreis von 16 Seemeilen von unserm jeweiligen Standort während
-der Zeit, wo wir suchten, Riffe gewesen wären, die Brandung auf ihnen
-unter allen Umständen hätten sehen müssen und keine durch Wind erzeugten
-Wellenbrecher uns hätten täuschen können. Außerdem hatten wir aber auch
-eine durchaus zuverlässige Ortsbestimmung, fanden mit dem gewöhnlichen
-großen Loth keinen Grund und zuverlässige Posten wie ein Offizier mit
-Fernrohr konnten aus der Takelage keine Brandung entdecken. Nachdem wir
-bis 5 Uhr nachmittags vergeblich gesucht hatten, kamen wir zu demselben
-Schluß wie die englische Korvette „'Pearl'“, daß die Korallenbank nicht
-oder aber nicht mehr existirt.
-
-
- 8. October 1878.
-
-Als wir heute Morgen mit Tagesanbruch in Apia einliefen, erhielt ich von
-dem Lootsen gleich die befriedigende Nachricht, daß die amerikanischen
-Abenteurer bis auf einen, welcher noch immer versuche, die Geldansprüche
-der frühern Landcompagnie geltend zu machen, die Samoa-Inseln für immer
-verlassen hätten, daß ebenso das amerikanische Kriegsschiff schon lange
-nach seiner Heimat zurückgekehrt sei und im Lande Ruhe herrsche. Dagegen
-brachte er mir die traurige Kunde, daß der Halbweiße, welcher bei der
-Beschlagnahme von Saluafata als unser Dolmetscher gewirkt hatte, durch die
-Folgen jener Nacht richtig seinen Tod gefunden habe, denn er habe sich von
-dem ausgestandenen Schreck nicht mehr erholen können und sei einige Wochen
-darauf gestorben. Dasselbe bestätigte mir die Frau des armen Teufels,
-welche ich heute Nachmittag auf ihren Wunsch hin besuchte und die mir ein
-für mich bestimmtes kleines Vermächtniß des Todten einhändigte, welches in
-einer alten werthvollen, aus der Familie seiner Mutter stammenden Matte,
-einigen Stücken Tapa und andern Kleinigkeiten bestand.
-
-Die hiesige politische Lage scheint zur Zeit für uns günstig zu sein.
-Im Lande herrscht wirklich Ruhe, denn die Regierungsmitglieder haben
-sich Ferien gegeben, um die heimatlichen Districte zu besuchen und
-sich im Kreise ihrer Verwandten zu erholen. Nur drei Mitglieder sind
-als Repräsentanten der Regierung hier zurückgeblieben und diese nahmen
-aus unserer Ankunft Veranlassung, gleich heute Vormittag den Consul zu
-bitten, mich von allen Gewaltmaßregeln abzuhalten, da sie zum Abschluß
-eines Vertrages mit uns bereit seien und dies nur jetzt noch nicht zur
-Ausführung bringen könnten, weil die Regierung nicht beisammen sei; sie
-würden indeß gleich Schritte thun, um die Abwesenden zurückzurufen.
-
-Ueber die Amerikaner hörte ich noch, daß der früher mehrgenannte
-höhere Consulatsbeamte, welcher sich vor einiger Zeit von hier nach den
-Fidji-Inseln begeben hat, die Zeit seines hiesigen Aufenthalts vornehmlich
-dazu benutzt haben soll, die Samoaner immer wieder vor den Deutschen zu
-warnen und ihnen zu empfehlen, mit diesen ja keinen Freundschafts- und
-Handelsvertrag abzuschließen. Wenn ich nun an dieser Stelle auch noch
-einmal auf die Angelegenheiten der amerikanischen Landcompagnie, welche
-für uns keinerlei Interesse mehr haben, mit wenig Worten zurückkomme, so
-geschieht dies nur, um die frühern Angaben zu vervollständigen.
-
-Als die Samoaner sich beharrlich weigerten, die gemachten Geldansprüche
-anzuerkennen, und daran festhielten, nur die für Mamea’s Reise gesammelten
-1000 Dollars zu bezahlen, gab der amerikanische Commandant die Sache
-wieder an den inzwischen eingetroffenen neuen amerikanischen Consul ab,
-und damit wird die Sache wol im Sande verlaufen.
-
-Daß wir nun während meines jetzigen Aufenthalts hierselbst schon zum
-Abschluß des seit Jahren erstrebten Vertrages kommen werden, glaube
-ich übrigens nicht, da eine dem Schiffe gestellte Aufgabe es nach
-Neu-Britannien ruft, sofern die hiesigen politischen Verhältnisse eine
-längere Abwesenheit gestatten sollten, und dies scheint mir der Fall
-zu sein. Unser Aufenthalt wird daher, wenn nicht etwa Zwischenfälle
-eintreten, nur von kurzer Dauer sein.
-
-
- 18. October 1878.
-
-Natürlich ist der Vertrag bisjetzt noch nicht zu Stande gekommen und
-wird es vorläufig auch noch nicht, da ich übermorgen die geplante
-Reise antreten will. Wir haben aber gestern in einer Sitzung mit der
-Samoa-Regierung wenigstens erreicht, daß dieselbe eine uns zusagende
-Commission für die diesbezüglichen Verhandlungen ernannt und sich
-schriftlich verpflichtet hat, am 1. Januar 1879, bis zu welchem Zeitpunkt
-ich wieder hier zu sein hoffe, in dieselben einzutreten.
-
-Apia bot mir dieses mal einen sehr viel behaglichern, wenn auch
-weniger anregenden Aufenthalt als bei unserm ersten Besuch, weil
-keinerlei Aufregung und Unruhe an mich herangetreten ist; zu den von
-mir beabsichtigt gewesenen weiteren Ausflügen in die Umgebung, um das
-Volksleben kennen zu lernen, bin ich aber doch nicht gekommen, weil ich
-keine Begleiter fand und zur Zeit auch keinen Dolmetscher erhalten konnte,
-ohne welchen ich nichts hätte anfangen können. So mußte ich mich mit dem
-begnügen, was die Stadt selbst mir bot.
-
-Dahin gehört zunächst der Fang eines wurmartigen Wasserthieres, welcher
-den Charakter eines Volksfestes angenommen hat und zu welchem wir gerade
-rechtzeitig hier eingetroffen waren, weil das Aufsteigen der merkwürdigen
-Thierchen vom Meeresboden an die Oberfläche, welches jährlich nur zweimal
-an zwei aufeinander folgenden Tagen und zwar in den Monaten October
-und November am Tage nach Eintritt des dritten Mondviertels erfolgt, am
-zweiten Tage nach unserer Ankunft seinen Anfang nahm. Der Samoaner nennt
-diesen Wurm, dessen regelmäßig wiederkehrende Aufsteigezeit er der Natur
-abgelauscht hat, „Palolo“. Merkwürdig muß ein Geschöpf wol genannt werden,
-welches sich während eines ganzen Jahres auf oder in dem Meeresboden
-aufhält und sich nur in zwei aufeinander folgenden Monaten an je einem
-von dem Mond abhängigen Tage, da an dem zweiten nur Nachzügler kommen,
-des Morgens kurz nach Sonnenaufgang für die Dauer einer Stunde an die
-Wasseroberfläche wagt, um dann wieder für zehn Monate seine Schlupfwinkel
-aufzusuchen, wenn es nicht etwa wie die Eintagsfliege abstirbt, nachdem
-es einmal das Sonnenlicht geschaut hat.
-
-Ich wollte es mir natürlich nicht entgehen lassen, an dem Fang
-theilzunehmen und fuhr daher an dem betreffenden Tage schon vor
-Sonnenaufgang mit meinem Boot durch das Dunkel der Nacht auf stiller
-glatter Flut zu der Stelle, wo die Ankunft der seltenen Gäste erfolgen
-sollte. Einige Eingeborene, deren Kanus in größerer Nähe aus der
-Dunkelheit heraustraten, traf ich schon an, und singend kamen vom Lande
-her neue Zuzügler. Die hohen schwarzen Berglehnen des noch von der Nacht
-umfangenen Landes, der von dunkelm Gewölk umlagerte ferne Horizont und die
-allmählich verblassenden Sterne umschließen in ihrer großartigen Ruhe ein
-Stück Leben eigener Art, wo ein langes schmales, von grollender Brandung
-überspültes Korallenriff die innere schwarze stille Flut mit den lachenden
-und singenden Menschen von der rauschenden ernsten und erbarmungslosen
-See scheidet, deren gierig leckende und in Hast sich überstürzenden
-Wellen alles verschlingen möchten. Mancherlei Kurzweil wird hier innen
-getrieben, da die Augen sich genügend an die Dunkelheit gewöhnt haben
-und auch die kurze Dämmerung schon anbricht. Die verschiedensten für den
-Fang bestimmten Gefäße werden gezeigt und bewundert, gelegentlich auch
-dazu benutzt, um ein anderes Kanu mit einem kleinen Sturzbad zu bedenken.
-Ununterbrochen fahren die leichten Fahrzeuge wie bei einem Corso hin
-und her, um Bekannte zu begrüßen und Neuigkeiten auszutauschen, bis die
-über den Horizont steigende Sonne an den Fang mahnt. Plötzlich sind die
-Sterne verschwunden und es ist Tag; ein kleiner goldiger Bogen zeigt
-sich über dem Horizont und gleich darauf beleuchtet auch schon der ganze
-Sonnenball das urplötzlich veränderte Bild. Die Menschen sind still, die
-Kanus haben sich gegenseitig Raum gegeben, und mit den Schöpfgefäßen in
-der Hand lugen alle in die Tiefe. Hier und da ein Ruf, ein Schöpfen und
-bald ist allgemeine Bewegung in sämmtlichen Fahrzeugen. Ringelnd wie
-die Schlangen steigen aufrechtstehend die 15-20 cm langen, 30 mm dicken,
-matt lila gefärbten Thierchen in großen Scharen aus der Tiefe auf, um an
-der Wasseroberfläche gefangen zu werden und den Eingeborenen später als
-seltenes und geschätztes Mahl zu dienen. Auch wir betheiligen uns an dem
-Fang, jedoch nur um einige dieser Würmer in der Nähe genauer betrachten zu
-können, wobei wir fanden, daß außerhalb des Wassers das mit rauher Haut
-behaftete Thierchen gleich steif wird und beim Anfassen wie ein dünner
-Glasstab in mehrere Stücke bricht.
-
-Einen unserer gewohnten abendlichen Spaziergänge dehnten wir auf Vorschlag
-meines damaligen Begleiters, eines deutschen Herrn, welcher etwas
-samoanisch spricht, bis zu der Hütte der früher schon einmal genannten
-Häuptlingstochter Toë, aus, um dieser Dame einen Abendbesuch zu machen.
-Wir trafen erst gegen 9 Uhr dort ein und fanden die Vorhänge an dem großen
-Hause zwar schon heruntergelassen, sahen aber doch Licht durchschimmern
-und traten daher, nachdem wir einen der Vorhänge zur Seite geschoben
-hatten, ein. Was wir hier sahen, ist für die Lebensart der Samoaner
-so charakteristisch, daß ich aus diesem Grunde die kleine Episode hier
-einfüge.
-
-Der innere Raum, welcher nicht durch Vorhänge abgetheilt war, wurde durch
-eine Petroleumlampe soweit matt erleuchtet, daß man ihn eben noch ganz
-übersehen konnte. In der Mitte auf abgesondertem freierm Platz lag Toë
-mit einigen Mädchen in tiefem Schlaf, und der ganze übrige Raum war mit
-nebeneinander liegenden halbnackten schlafenden Gestalten so ausgefüllt,
-daß es Mühe machte, bis zur Mitte vorzudringen ohne die Leute zu treten.
-Interessant war mir, diese Schlafstätte näher zu betrachten, wie immer
-in einer geraden Linie mehrere lange Kopfkissenhölzer nebeneinander
-aufgestellt waren und in trauter Gemeinschaft ordentlich ausgerichtet
-Männlein und Weiblein vielfach in bunter Reihe nebeneinander lagen. Bei
-unserm Eintreten drehte wol die eine oder andere Gestalt den Kopf zu
-uns hin, ohne indeß weitere Notiz von uns zu nehmen, und die von uns im
-Schlaf gestörte Toë nahm uns, nachdem sie sich aufgesetzt und den Schlaf
-aus den Augen gerieben hatte, freundlich auf, bot uns einige schnell
-zurechtgedrehte samoanische Cigaretten an und erklärte dann ihr volles
-Haus damit, daß ein Theil ihres Stammes, welcher keine eigene Hütte habe,
-hier nächtige und der Rest durchreisende Gäste seien. Nachdem wir die
-Cigaretten geraucht hatten, empfahlen wir uns wieder, ich ganz befriedigt
-über den Einfall meines Begleiters, da ich dadurch zufällig einen Einblick
-in samoanisches Leben thun konnte, den ich sonst wol nicht erhalten hätte.
-
- * * * * *
-
-Die ruhigen Tage der letzten Zeit waren ganz dazu angethan, meine Gedanken
-wieder auf die Frage der Gründung deutscher Colonien zu lenken, welche
-mich, seitdem ich hier in der Südsee bin, auf das lebhafteste beschäftigt.
-Da ich nun glaube, soweit die eigentlichen Südsee-Inseln in Betracht
-kommen, zu einem abschließenden Urtheil gekommen zu sein, so möge dasselbe
-hier Aufnahme finden.
-
-Die einzelnen in der heißen Zone liegenden Inselgruppen sind, mit Ausnahme
-derjenigen der Fidji-Inseln, welche einen bedeutendern Ländercomplex
-darstellen, so klein, daß eine jede Gruppe für sich keinenfalls einen
-europäischen Verwaltungsapparat bezahlen kann, und die Gruppen wieder
-sind unter sich räumlich so weit voneinander entfernt, daß sie sich
-nicht zusammenfassen lassen, mithin eine Regierungsform nach europäischem
-Vorbilde stets finanziell ein Fehler sein würde. Dagegen bieten die Inseln
-im Verhältniß zu ihrer Größe so reiche Hülfsquellen, daß jeder Staat
-bestrebt sein müßte, sich dieselben zu alleiniger Ausbeute zu sichern. Der
-Kernpunkt würde daher darin liegen, wie die Verwaltung einzurichten wäre,
-um allen Anforderungen zu genügen. Hier würde nun als erster Grundsatz
-festzuhalten sein, daß die Eingeborenen nicht wie in Amerika, Australien
-und Neu-Seeland absichtlich und mit allen erlaubten wie unerlaubten
-Mitteln ausgerottet werden, sondern daß dafür Sorge getragen wird, die
-Menschen zu erhalten, sofern die Bevölkerung nicht zu sehr anwächst,
-und das ist hier nicht mehr zu befürchten. Die Eingeborenen sollen nicht
-nur mit der Zeit zweckmäßige Arbeitskräfte abgeben, sondern sollen auch
-belebend wirken und durch ihre Eigenart den Inseln ihren besondern Reiz
-und Zauber erhalten, damit das Leben der Pflanzer nicht zu einförmig
-wird. Namentlich aber sollen sie das Mittel bilden, das Land auf billige
-Art zu regieren und es dauernd an die Macht zu fesseln, welche Besitz von
-ihm ergriffen hat. Ich halte daher ein schutzherrschaftliches Verhältniß
-mit eingeborener Regierung und einem obern Beamten des Schutzherrn,
-welcher die Regierung hinter den Coulissen leitet und thatsächlich, wenn
-auch nicht äußerlich, der Regent ist, für das allein Richtige. Einige
-Unterbeamte, Polizei, Post, Wegebau, Zoll u. s. w. würden, als im Dienst
-der einheimischen Regierung stehend, die Verwaltung zu vervollständigen
-haben. Die eingeborenen Herrscher haben kaum andere Bedürfnisse wie ihre
-Unterthanen, halten die Ordnung ganz schön aufrecht, beanspruchen kein
-Gehalt und bilden mit ihrem Volk eine sichere Schutzwehr gegen gefährliche
-Einwanderung. Würden die Eingeborenen ausgerottet sein, so würden an ihre
-Stelle mismuthige Elemente des europäischen Proletariats treten, weil
-besitzende Europäer auf solcher Insel nur in verhältnißmäßig geringer
-Zahl ihr Fortkommen finden können; jene zweifelhafte Einwanderung und
-die von andern Inseln eingeführten Arbeiter könnten aber nur durch eine
-kostspielige Truppenmacht in Ordnung gehalten werden, da die auf ihren
-großen Plantagen verstreut wohnenden Besitzer sich bei einem allgemeinen
-Aufstand nicht gegenseitig unterstützen könnten und ähnlichen Gefahren
-ausgesetzt sein würden, wie die Franzosen Ende des vorigen Jahrhunderts
-auf der westindischen Insel San-Domingo. Einer solchen Möglichkeit
-ist aber vorgebeugt, solange die Inseln ihre einheimische Bevölkerung
-behalten, denn diese hält den fremden Arbeitern das Gleichgewicht und für
-fremde Einwanderung bleibt kein Raum. Zu einer solchen Schutzherrschaft
-gehört daher nicht viel, nur einige Beamte und das jetzt schon vorhandene
-zum Schutz des Handels hier stationirte Kriegsschiff. Die Franzosen haben
-in ihrer Gier nach Colonien jede kleine Insel, welche ihnen in den Wurf
-kam, annectirt und nach europäischem Muster organisirt, spinnen dabei
-aber keine Seide. Die Engländer dagegen haben mit ihrem praktischen
-Verstand bisjetzt nur solche Gebiete annectirt, die durch ihre Größe eine
-umfangreiche Verwaltung vertragen können, oder deren Lage von politischer
-Bedeutung ist. Daß sie jetzt neuerdings mit dem Gedanken umgehen, auch von
-kleinern Inseln Besitz zu ergreifen, kann nur eine Ausgeburt der Misgunst
-sein, da ihnen die Verhältnisse hier seit langer Zeit genau bekannt sind
-und sie die Inseln trotzdem vollständig ignorirt haben, solange keine
-fremde Macht sie des Besitzes werth hielt, weil Schutzherrschaft nicht in
-den Rahmen ihres Colonialsystems hineinpaßt und dieses, wie schon gesagt,
-für die kleinen Inseln zu theuer wird. Viel ist hier in der eigentlichen
-Südsee ja nicht mehr zu haben, da Engländer und Franzosen sich bereits in
-das meiste getheilt haben, und Neu-Guinea mit Neu-Britannien u. s. w. und
-den Salomons-Inseln würde ein Gebiet sein, welches nach schon bekannten
-Mustern regelrecht zu besetzen sein würde, da die dortige Bevölkerung den
-Colonisten keinen Schutz gewähren kann, sondern eine stete Gefahr für sie
-sein wird.
-
- * * * * *
-
-Vor Abschluß dieses Briefes habe ich noch eines schönen Zuges von Muth
-und Nächstenliebe, welcher sich vor einigen Tagen auf unserm Schiffe
-abspielte, zu gedenken. Ein Matrose fiel morgens während des Deckwaschens
-durch Unvorsichtigkeit aus einer Höhe von über 30 m aus der Takelage
-herunter, hakte mit einem Arm über ein horizontal und straff gespanntes
-Tau und wurde durch dessen elastisches Zurückschlagen in großem Bogen
-in das Wasser geschleudert, wo ein mit Blut gefärbter Fleck die Stelle
-zeigte, wo er untergesunken war. Trotzdem schon während des ganzen Morgens
-drei mittelgroße Haie in der Nähe des Schiffes gewesen waren, sprang mein
-Gigsteurer, Bootsmannsmaat Lange, ohne Besinnen dem Manne nach, holte
-ihn vom Meeresgrund herauf und brachte den ohnmächtigen Verunglückten
-mit Hülfe eines andern Matrosen, welcher auch noch nachgesprungen war,
-glücklich wieder auf das Schiff. Der Mann hat zwar eine schwere Verletzung
-davongetragen, da unter dem linken Arm die Muskeln bis auf den Knochen
-durchschnitten sind und der Arm aus seinem Gelenk herausgebrochen ist,
-doch hofft der Arzt das Beste und hält es für möglich, daß der Arm wieder
-ganz gebrauchsfähig wird.
-
-
-
-
-11.
-
-Von Apia nach den Marshall-Inseln.
-
- (Tonga-, Fidji-, Ellice-, Kingsmill-Inseln.)
-
-
-Am 20. October, an einem schönen Sonntagmorgen, habe ich Apia nach
-vierzehntägigem Aufenthalte daselbst wieder verlassen, um eine Rundreise
-durch den westlichen Theil der Südsee anzutreten. Zu meiner großen Freude
-begleitet mich Herr Consul Weber, welcher sich entschlossen hat, die
-Reise mitzumachen. Ich habe dadurch nicht nur für längere Zeit einen
-liebenswürdigen Gesellschafter gewonnen, sondern habe in diesem Herrn auch
-einen so erfahrenen Kenner aller hiesigen Verhältnisse und namentlich
-der Charaktereigenschaften der Eingeborenen an meiner Seite, daß ich
-von seiner Anwesenheit großen Nutzen für die Sache, wegen welcher die
-Reise unternommen wird, erwarten darf. Außerdem begleiten mich auch zwei
-Dolmetscher.
-
-Unser Weg führt uns zunächst nach Tongatabu und den Fidji-Inseln, also
-nach Plätzen, welche in der neuesten Zeit wesentlich in den Bereich
-der europäischen Civilisation gezogen worden sind; dann aber werden
-wir vornehmlich Inseln und Häfen anlaufen, welche selten besucht werden
-und von denen einzelne noch kein deutsches Kriegsschiff gesehen haben.
-Und hier hoffen wir dann die Südsee-Insulaner noch in ihrer ganzen
-Ursprünglichkeit studiren zu können -- wenn Wind und Wetter uns gestatten,
-das vorgesetzte Programm durchzuführen. Ich bin für diese Reise fast
-allein auf die Segelkraft des Schiffes angewiesen, weil Kohlen auf dem
-vor uns liegenden Wege nur selten und dann auch nur zufällig angetroffen
-werden; denn zwischen diesen Inseln (nur Fidji hat eine Dampferverbindung
-mit Australien) besteht noch kein Dampferverkehr. Da wir nun bis Ende
-December, wo ich wieder in Apia sein will, 6000 Seemeilen zu durchlaufen
-und 10-15 Häfen mit dem nothwendigen Aufenthalt zu besuchen haben, so
-liegt es auf der Hand, daß ich mit den Winden, welche zur Zeit hier wehen
-sollen, also mit dem ortsüblichen Passatwind rechnen muß. Läßt uns dieser
-aber im Stich, wie er es gleich zu Anfang schon an der Südküste Upolus
-gethan hat, zwingt uns ungünstiger Wind schon von vornherein zum Kreuzen,
-dann allerdings kann ich sagen: „wenn Wind und Wetter uns gestatten, das
-ganze Programm durchzuführen“.
-
-Am 26. vormittags mußte das Schiff in Sicht der Insel Tongatabu sein, es
-war aber bei starkem Winde so dicke Luft, daß weder Land noch Brandung
-zu sehen waren. Ein directer Curs mußte indeß in irgendeiner Richtung zur
-Orientirung führen und wurde ein solcher daher so lange eingehalten, bis
-vor uns und gleichzeitig auch zu beiden Seiten die hohe Brandung auf den
-sehr ausgedehnten Riffen der Insel aus dem Dunst hervorbrach. Bald wurden
-auch die kleinen, von der Hauptinsel weit abliegenden Inselchen, welche
-das Fahrwasser markiren, ausgemacht und nun konnte der richtige Curs zum
-Hafen gewählt werden. Wenige Stunden später, nachmittags 2½ Uhr, wurde vor
-Nukualofa, der Hauptstadt des kleinen tonganischen Reiches, geankert. Den
-Eindruck einer Tropenlandschaft machte das vor uns liegende Bild nicht.
-Am Strande entlang stehen kleine Holzhäuser, wie man sie in Norwegen
-findet, unter diesen ein größeres in Villenstil, die Wohnung des Königs.
-Die Häuser sehen kahl aus, da jedes inmitten eines freien Platzes liegt
-und Baum wie Strauch fehlen. Im Hintergrunde lugen zwischen Kokospalmen
-einzelne Hütten der Eingeborenen hervor, dieselben können aber nicht als
-Staffage zur Geltung kommen, weil der kalte Ausdruck der im Vordergrunde
-liegenden weißen Holzhäuser alles beherrscht und der ganzen Gegend einen
-frostigen Stempel aufdrückt. Es ist wol wahrscheinlich, daß bei anderer
-Witterung die Physiognomie des Landes eine ganz andere wird, jetzt aber
-bei dem stürmischen, dunstigen Wetter sieht die Hauptstadt Tongas kalt
-aus, und man wähnt bei ihrem Anblick in einer der Polargrenze nahen Zone
-zu sein.
-
-Am 27., einem Sonntage, wo in diesen von der englischen Mission
-beherrschten Gegenden alles ruht, wo die Eingeborenen nicht einmal für
-ihre Mahlzeiten sorgen dürfen und das absolute Nichtsthun den höchsten
-Grad der Frömmigkeit bedeutet, war in der Stadt nichts anzufangen. Es
-wurde daher ein Ausflug zu Wagen in das Innere des Landes unternommen.
-Vortreffliche Wege erleichtern das Fahren und die flinken Pferde mit
-guten Wagen machen es zu einem großen Vergnügen; ein besonders großer
-Baum ('Ficus indica' oder 'religiosa', von den Engländern auch 'Banyan'
-genannt), war das Ziel. Unser Weg führte mehrere Stunden lang an
-unbebautem, mit Gestrüpp bewachsenem Lande vorbei, wo es ebenso wenig zu
-sehen gab wie in den einzelnen Dörfern, welche wir passirten; das einzige
-Vergnügen war eben das Fahren selbst. Endlich, nach nahezu dreistündiger
-Fahrt waren wir am Ziele angelangt, wo wir leider neben dem sehenswürdigen
-Baume auch ein Dorf mit neugierigen, zudringlichen Eingeborenen fanden,
-welche uns zwangen, unser wohlverdientes Frühstück, wollten wir es
-unbelästigt genießen, noch im Schutze der Wagen zu lassen.
-
-Der Baum ist weniger schön als merkwürdig. An einem tiefen, weit in das
-Land vordringenden Meereseinschnitt steht dieser Koloß, dessen Stamm
-eigentlich nur aus dünnen Stämmen, welche wol nur zahllose Luftwurzeln
-sind, zusammengesetzt ist. Nach Abmessung mit Schritten hat er einen
-Stammdurchmesser von 17 Schritten oder etwa 13 m und demnach einen Umfang
-von nahezu 40 m. Die Höhe des Stammes schätzten wir auf etwa 10 m,
-sie ist also geringer wie der Durchmesser. Die Aeste, welche sich in
-der ungefähren Länge von 10 m nach oben und den Seiten abzweigen, sind
-wieder nur Verlängerungen der dünnen Stämme oder Luftwurzeln, welche den
-Hauptstamm bilden, und vermögen mit ihren dürftig gesäten kleinen Blättern
-keinen Schatten zu geben, sodaß dieses riesige Gewächs in grauer Rinde
-weniger einem lebenden Baume denn einer Baumruine gleicht. Merkwürdig sah
-es aus, als einige Eingeborene in den Stamm eindrangen und dort wie Käfer
-in den Spalten verschwanden. Nach kurzer Rast bestiegen wir wieder unsere
-Wagen, um zunächst an einem schattigen, ruhigen Platze unser Frühstück
-einzunehmen und dann zur Stadt zurückzukehren.
-
-Am 28. October morgens machte ich dem alten Könige in seiner nach
-europäischem Geschmack vornehm eingerichteten Villa meinen Besuch. Der
-Großneffe des Königs und Sohn des Thronfolgers, Prinz Wellington Gu (spr.
-Ngu), empfing uns an der Thüre und führte uns in den Empfangssaal, wo der
-König, umgeben von seinem Neffen und Thronfolger, Prinz Davita Uga, und
-einem Adjutanten, uns erwartete. König und Thronfolger trugen schwarze
-Röcke mit eingewirkten goldenen Kronen auf dem Unterarm, Prinz Wellington
-Gu war in schwarzer, mit Silber durchwirkter Uniform, der Adjutant trug
-eine rothe, den englischen Linientruppen ähnliche Uniform, welche für die
-aus ungefähr 250 Mann bestehende tonganische Armee eingeführt ist.
-
-Der König nahm auf dem Thronsessel Platz. Diesem gegenüber standen
-zwei gleiche, etwas kleinere mit der Königskrone geschmückte Sessel für
-den Consul und mich; die Prinzen und der Adjutant setzten sich auf im
-Kreis aufgestellte Polsterlehnstühle. Der König ist ein Greis von 72
-Jahren, der seinen mächtigen Körper noch mit jugendlicher Frische trägt.
-Seine Gesichtszüge sind die etwas veredelten der Eingeborenen und ohne
-hervorragende Bedeutung. Sein Neffe, der Thronfolger, ein Mann von etwa 50
-Jahren von großer und kräftiger Gestalt hat ein ausdrucksloses Gesicht,
-in welchem ein Auge fehlt. Prinz Wellington Gu ist 24 Jahre alt, hat
-schöne intelligente Gesichtszüge und den Körper eines Riesen. Dieser junge
-Prinz, welcher ein durchaus ehrlicher und anständiger Charakter sein soll,
-schon eine bessere Erziehung genossen hat und fließend englisch spricht,
-ist vorzugsweise dem deutschen Wesen zugethan und daher in politischer
-Beziehung die Hauptstütze des Königs, da dieser in dem Handels- und
-Freundschaftsvertrage mit dem Deutschen Reiche die sicherste Gewähr für
-den Fortbestand seines kleinen Reiches sieht.
-
-Es fiel mir noch auf, daß dem König an seinen beiden kleinen Fingern
-und dem Thronfolger an einem kleinen Finger zwei Gelenke fehlten, und
-ich wurde dahin belehrt, daß diese Verstümmelung noch aus der Zeit des
-Heidenthums stamme, wo es Sitte war, sich bei Todesfällen naher Verwandter
-als Zeichen der Trauer einzelne Fingergelenke abzutrennen. Nach einigen
-Begrüßungsworten von meiner Seite, welche Prinz Gu verdolmetschte, stand
-der König mit seinem Gefolge auf, um durch Auflegen des Unterarms auf die
-Stirn, was nach tonganischer Sitte das Zeichen der größten Ehrerbietung
-ist, seinem Dank für die Liebe, welche der Deutsche Kaiser dem kleinen
-tonganischen Reiche entgegentrage, den höchsten Ausdruck zu geben. Damit
-war der förmliche Theil meines Besuches erledigt. Wir gingen nun nach dem
-Eßsaal, um dort einige Erfrischungen einzunehmen und den Klängen unserer
-Schiffskapelle, welche ich zur freudigen Ueberraschung der Anwesenden aus
-dem Boot heraufholen ließ, zu lauschen.
-
-Auf dem großen Hofe hatten sich inzwischen mehrere hundert Eingeborene
-versammelt, welche auf der Erde sitzend dem Concert andächtig zuhörten;
-auch die mit ihren Herren und Herrinnen mitgekommenen Hunde und
-Schweine betrugen sich anständig. Nur ein Hund schien der Spaßmacher
-der Gesellschaft zu sein und ein gewisses Vorrecht zu genießen. Er hatte
-sich einer leeren Kokosnußschale bemächtigt und warf dieselbe, solange
-die Musik spielte, mit der Schnauze in die Höhe, um sie geschickt wieder
-aufzufangen und danach mit seinem Spiel von neuem zu beginnen; daß er
-dabei zwischen den Eingeborenen und zuweilen auch über dieselben hinweg
-sprang, um sein Spielzeug rechtzeitig zu fassen, wurde ihm von niemand
-verargt, wenigstens wurde er nicht zur Ruhe verwiesen. Das Volk hatte
-sich Sonntags- oder doch reingewaschene Kleider angezogen und den schön
-gewachsenen Frauen standen die kurzen blusenartigen, nur bis zu den Hüften
-reichenden, weit ausgeschnittenen weißen Hemdchen besonders gut, da die
-wohlgeformten braunen Schultern und Büsten sich aus ihrem schneeigen
-Rahmen so vortheilhaft wie nur möglich heraushoben. Sobald die Musik
-einige Stücke gespielt hatte, empfahlen wir uns bei den tonganischen
-Herrschaften und kehrten zum Schiffe zurück. Beim Verlassen des Hauses
-fand ich noch Gelegenheit, der Königin die Hand zu drücken, denn als mir
-auf dem Hausflur eine der dort auf dem Boden kauernden Frauen ihre Hand
-entgegenstreckte, wurde mir bedeutet, daß diese sehr gut aussehende und
-gut gekleidete ältere braune Dame die Frau des Königs sei.
-
-Bei einem spätern Besuch Tongas hoffe ich bessern Einblick in das Leben
-dieser Insulaner zu erhalten.
-
-Am 29. October früh 8½ Uhr habe ich Nukualofa wieder verlassen.
-
-Nach einer schnellen Reise langten wir am 31. October gegen 10 Uhr abends
-vor Levuka an, mit der Absicht, während der Nacht unter kleinen Segeln
-vor dem Hafen zu bleiben, da der Mond das Land so grell beleuchtete,
-daß die Einfahrt nicht genügend zu erkennen war, denn der Mond ist
-unter solchen Verhältnissen ein sehr unzuverlässiger und trügerischer
-Freund und hat schon manchem Schiffe den Untergang gebracht. Als er
-aber gegen 11 Uhr hinter der hohen Bergwand verschwunden war, traten
-die Richtfeuer für die Hafeneinfahrt so scharf hervor, daß ich mich doch
-noch zum Einlaufen entschloß, um am nächsten Tage bei frischen Kräften
-zu sein. Die Segel wurden daher geborgen und die Maschine, welche vorher
-schon Dampf gemacht hatte, in Gang gesetzt. Mit langsamer Fahrt ging
-es vorwärts, und als wir so nahe an die Hafeneinfahrt gekommen waren,
-daß man unsere Lichter von Land aus sehen mußte, ließ ich verschiedene
-Fackelfeuer abbrennen, um einen Lootsen heranzusignalisiren, mußte aber
-schließlich auf diese Hülfe verzichten, weil meine Signale unbeantwortet
-blieben. So ließ ich nur noch, da der Hafen von Levuka von einem bis zur
-Meeresoberfläche reichenden Korallenriff umgeben ist, auf welchem immer
-eine starke Brandung steht, vom Vorschiff aus nach beiden Seiten hin
-Fackelfeuer abbrennen, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen und mit
-Hülfe dieses grellen Lichtes zu versuchen, die Brandung zu beleuchten, in
-der Hoffnung, dadurch das ruhige Wasser in der schmalen dunkeln Einfahrt
-gut erkennen zu können. Dieses Hülfsmittel gab zwar ein schönes Bild,
-erwies sich sonst aber als ganz unzureichend. Wie mit elektrischem Licht
-übergossen tritt das hochgetakelte, aus seinem mächtigen Schlot dicke
-Rauchwolken werfende Schiff in der Mitternachtsstunde aus dem Dunkel der
-Nacht hervor und spendet so viel Licht, daß das Wasser vorn und zu beiden
-Seiten gleichmäßig hell beleuchtet wird; aber keine Brandung ist zu sehen,
-nur plötzlich hören wir zu beiden Seiten ihr grollendes Rauschen und
-wenige Sekunden darauf liegt sie auch schon hinter uns. Nur einen kurzen
-Blick werfen wir dahin, ein Commandoruf und die Fackelfeuer zischen ihr
-Leben im Meere aus. Licht und Schiff sind verschwunden, stockfinstere
-Nacht überall. Noch einige scharfe Wendungen um verschiedene plötzlich
-vor uns auftauchende große Schiffe und der Anker fällt kurz nach 12 Uhr
-in den Grund. Als liebliches Echo auf die deutschen Commandoworte flog
-uns aus weiblichem Munde ein „Grüß Gott, ihr Brüder!“ entgegen, ein
-Gruß, welcher, wie sich nachträglich herausstellte, von einem deutschen
-Dienstmädchen kam, das nach Erfüllung ihres Contracts mit einem in
-unserer Nähe liegenden deutschen Schiffe die Heimreise macht. Nachdem wir
-geankert hatten, kam auch noch ein Boot der Hafenpolizei längsseit, um
-nach dem Zweck unserer Fackelfeuer zu fragen. Von der erhaltenen Antwort
-jedenfalls wenig befriedigt kehrte es zum Lande zurück, denn man sagte
-uns nicht, daß wir an gefährlicher Stelle lägen. So blieb es dem wackern
-Navigationsoffizier, welcher stets treue Wacht hält, vorbehalten, auch
-diese Gefahr zu entdecken. Schon mit dem ersten Morgengrauen war er an
-meinem Bett, um mir zu melden, daß dicht hinter dem Schiffe, nur wenige
-Fuß unter Wasser ein Felsen sei, welcher dem Schiffe schaden müsse,
-sobald dieses bei aufkommendem Winde nur die lose liegende Kette steif
-durchhole. So mußten wir gleich am frühen Morgen wieder an die Arbeit
--- eine halbe Stunde später lag das Schiff an sicherm Ankerplatze. Wie
-mir ein deutscher hier ansässiger Herr versicherte, ist dieser Felsen
-auffälligerweise erst vor ganz kurzer Zeit entdeckt worden und daher noch
-in keiner Karte verzeichnet. Großes Erstaunen erregt es übrigens hier am
-Lande, daß wir mit einem so großen Schiffe während der Nacht ohne Lootsen
-eingelaufen sein sollen, während doch die englischen Kriegsschiffe auch
-am Tage stets einen solchen nehmen. Man sucht nach dem Lootsen, welcher
-uns hereingebracht haben muß, kann ihn aber natürlich nicht finden.
-
-Ueber Levuka läßt sich nicht viel sagen. Die kleine Stadt, welche am
-Fuße der hohen malerischen Berge liegt, hat ein südeuropäisches Gepräge,
-kleine in Gärten liegende Häuser mit großen Veranden, Restaurationen und
-Läden. Von den Eingeborenen sieht man so gut wie gar nichts; Levuka ist
-zur Zeit die Hauptstadt der Fidji-Inseln und ist daher vorzugsweise von
-Europäern, in erster Reihe natürlich von den englischen Beamten mit ihren
-Familien bewohnt. So ist es bei der bekannten über alles Lob erhabenen
-Gastfreundschaft der Engländer im Auslande selbstverständlich, daß unsere
-Offiziere gleich am ersten Tage so viele Einladungen erhalten haben, daß
-sie denselben bei unserm kurzen Aufenthalt gar nicht nachkommen können.
-
-Es ist ein eigenes Ding um eine neu gegründete englische Colonie. Der
-neu ernannte Gouverneur begibt sich mit seiner Familie und seinem Stabe
-an Ort und Stelle, hohe und niedere Beamte folgen bald, bringen aber
-auch ihre Familien gleich mit. Bequeme und gesunde Häuser wachsen aus
-der Erde, Gärten und Spielplätze umgeben die Wohnungen; Wagen, Pferde,
-Boote und alles was sonst zur Zerstreuung dienen kann, ist in kürzester
-Zeit beschafft und wir finden urplötzlich eine kleine englische Stadt,
-wo jeder Bewohner an gleichgesinnten Menschen Stütze und Rückhalt findet,
-sich sicher, behaglich und wie zu Hause fühlt. Ob wir auch einmal so etwas
-werden schaffen können? Wie ich früher schon andeutete, dient ja meine
-jetzige Reise dem Zweck, den dereinstigen deutschen Colonialerwerbungen
-die Wege zu ebnen, denn die Zeit muß kommen, wo unser Vaterland nach
-Colonien verlangt, und Colonien sind meines Erachtens nur von nachhaltigem
-Werth, wenn sie in tropischem Klima liegen. Hier ist aber, abgesehen von
-Afrika, nur noch in der Südsee etwas zu holen, wenngleich auch dies nur
-mehr wenig ist. Allerdings sind mir insofern die Hände gebunden, als ich
-keine darauf zielenden Aufträge habe und auch keine mehr erhalten kann;
-nach dem, was ich in der letzten Zeit erfahren habe, thut aber die größte
-Eile noth, wenn nicht alles für uns verloren sein soll. So muß ich auf
-eigene Verantwortung hin handeln und zunächst wenigstens auf den noch
-unabhängigen Inselgruppen Verträge zu schließen suchen, welche sie vor der
-Annexion durch andere Nationen schützen. Damit übernimmt unsere Regierung
-keinerlei Verpflichtungen, hat es aber doch vielleicht später in der Hand,
-die deutsche Flagge auf diesen Inseln nachträglich aufzuhissen.
-
-Ganz interessant ist hier in Levuka die im Stil der ortsüblichen Hütten
-aus sechs bis sieben Häusern bestehende Wohnung des Gouverneurs mit all
-ihren Kuriositäten aus der frühern Fidji-Zeit. Das Ganze bildet übrigens
-nur ein Provisorium, da man noch nicht weiß, welcher der beste Platz für
-den Sitz des Gouvernements ist und man bis dahin ein möglichst billiges
-Wohngelaß für den Gouverneur schaffen wollte. Ich habe diesem Herrn
-sogleich meinen Besuch gemacht, welchen er am Nachmittag erwiderte,
-und war abends bei ihm zu Tisch. Er selbst ist nur für wenige Monate in
-Stellvertretung des beurlaubten Gouverneurs hier und kommt aus Westindien,
-um später auch wieder dahin zurückzukehren. Aber trotz der kurzen Zeit
-seines hiesigen Aufenthalts und trotz der weiten Reise hat ihn als ganz
-selbstverständlich seine Familie hierher begleitet.
-
-Am 2. November nachmittags 2 Uhr verlassen wir Levuka wieder, um noch
-einen kurzen Besuch auf Taviuni, einer andern der Fidji-Inseln, zu machen
-und dort eine neu angelegte Kaffeeplantage zu besichtigen; dann nehmen
-wir den Curs nach den Ellice-Inseln.
-
-Am 4. November morgens, nachdem wir in der vorangegangenen Nacht zwischen
-mehrern Inseln und Korallenriffen durchgegangen waren, wodurch meine stete
-Anwesenheit auf der Commandobrücke bedingt wurde, standen wir vor Taviuni
-und vor einer wenig befahrenen Gegend, über welche die Seekarten noch sehr
-ungenau sind. Die vielen Korallenriffe machen es hier nöthig, das Schiff
-von dem Mast aus zu navigiren, denn aus solcher Höhe kann man die Untiefen
-leicht an der hellern Farbe des über ihnen stehenden Wassers erkennen
-und aus dem Ton der Farbe bestimmen, ob die Wassertiefe für das Schiff
-ausreicht oder nicht. Die einige Stunden währende Fahrt zwischen schönen
-hohen Inseln hindurch war recht genußreich, doch nach der schlaflos
-verbrachten letzten Nacht war es für mich genußreicher, nachmittags vor
-einem größern Dorfe mit Namen Soma-Soma in ganz ruhigem Wasser dicht unter
-Land, wo die köstlichste Ruhe herrschte, zu ankern und damit die Gewißheit
-auf eine ungestörte Nacht zu erhalten. Vor Dunkelwerden machten wir noch
-einen kleinen Spaziergang durch das Dorf, besuchten den hier lebenden
-Häuptling, einen der ersten und einflußreichsten der ganzen Fidji-Gruppe,
-ohne ihn indeß zu treffen, fanden aber seine Frau zu Hause, eine Schwester
-Cakobau’s (das 'C' wird wie das englische 'th' ausgesprochen), des
-frühern Königs der Fidji-Inseln. Das Haus gleicht von außen einem großen
-Haufen verwelkten Laubes. Es ist eine Hütte von etwa 16 m Länge, 10 m
-Breite und 10 m Höhe; 3 m hohe Seitenwände tragen das riesige Dach. Das
-Gerippe dieses Bauwerks besteht aus starken Pfählen, Balken und Sparren,
-auf welche Laub auf Laub geschichtet ist, bis Seitenwände und Dach eine
-Dicke von etwa 1 m erhalten haben und damit sichern Schutz gegen Wind und
-Regen gewähren. Ob die Pfähle auf Menschenleibern ruhen, konnte ich nicht
-erfahren, möchte es aber annehmen, da das Haus wol noch aus der Zeit vor
-der englischen Herrschaft stammt und damals hier beim Bau von Häusern für
-Häuptlinge, um diesen Glück zu bringen, in jedes für einen Pfahl gegrabene
-Loch ein lebender Eingeborener (gewöhnlich Kriegsgefangene, wenn solche
-vorhanden waren) geworfen und auf diesen dann der Pfahl eingerammt wurde.
-Aus demselben Grunde wurden auch beim Ablauf neu gebauter großer Kanus
-gewöhnlich acht lebende Eingeborene, über welche das Fahrzeug hinweglaufen
-mußte, geopfert. -- Die innern Wände des Hauses sind austapeziert und
-zwar mit Tapa, dem schon öfter genannten Maulbeerbaumrindenstoff,
-welchen die eingeborenen Frauen selbst anfertigen und mit reicher
-bunter Malerei verzieren. Das Handwerkszeug zum Malen besteht aus einer
-Kokosnußschale mit Farbstoff und einem kleinen Stück Holz, mit welchem
-auf dem Stoff mit unendlicher Geduld so lange herumgefahren wird, bis
-die mit demselben Hölzchen vorher mit dünnen Linien vorgezeichneten
-Muster mit Farbe ausgefüllt sind. Eine fußhohe Schicht theilweise mit
-Matten überdeckter kleiner runder schwarzer Steine, welche vor Sauberkeit
-strahlen, bedeckt den Fußboden und dient denselben Zwecken wie in den
-samoanischen Häusern. Ein Tapa-Vorhang schließt ein Sechstel des Raumes
-als Schlafgemach ab, dessen Einrichtung ziemlich einfach ist; Matten
-dienen als Betten, kleine auf Füßen stehende, bis zu 10 cm dicke Stücke
-Bambusrohr bilden wie in Samoa die Kopfkissen. Vor dem Vorhang liegen an
-einer Seite große Haufen Matten und zusammengerollte Tapa-Stücke, welche
-das einzige alte Besitzthum bilden und nach deren Masse der Reichthum
-eines Mannes noch jetzt abgeschätzt wird. -- Soweit entspricht die Hütte
-dem frühern Comfort und Luxus der Eingeborenen; was nun kommt, ist eine
-Folge der vorschreitenden Cultur. An den Wänden entlang stehen Gewehre,
-die Waffen des ganzen Stammes und Eigenthum des Häuptlings, wie vor der
-Besitzergreifung durch England auch die Menschen des Stammes dem Häuptling
-gehörten. Der übrige Raum ist mit allen möglichen Sachen ausgefüllt,
-welche größtentheils schon sehr verkommen aussehen. Auf einem Tisch finden
-wir buntbemalte Petroleumlampen, eine Spieluhr und Kochtöpfe, Messer,
-Gabel, Nähzeug und noch verschiedenerlei Sachen. An der Wand hängen
-einige Uhren, welche nicht mehr gehen. Dort steht ein Waschbecken, hier
-ein alter Zinkeimer als Gefäß für Trinkwasser, Teller, Kleidungsstücke,
-alles bunt durcheinander. Der Häuptling ist ein reicher Mann und könnte
-nach unsern Begriffen sehr angenehm leben, der Sinn für Comfort fehlt
-hier aber noch vollständig. Diesem Manne gehörte früher ganz Taviuni,
-mit der Besitzergreifung hat die englische Regierung ihn aber mit einem
-Jahresgehalt von 600 Pfd. St. oder 12000 Mark abgefunden, ihm außerdem
-auch noch große Länderstrecken belassen. Für seinen Lebensunterhalt
-gebraucht er eigentlich nichts, da die Leute seines Stammes ihn mit dem
-Nothwendigen versehen und für ihn arbeiten müssen; sonst könnte auch ein
-kleiner Theil seines Landes ihn mit allem im Ueberfluß versorgen.
-
-Wie schon erwähnt, trafen wir den Häuptling selbst nicht, sondern nur
-seine Gattin, Frau Tui-Kakao. Diese in den mittleren Jahren stehende
-braune Dame und Prinzessin, gekleidet wie die vornehmen Tonga-Frauen,
-saß einige Schritte von der Hauptthür entfernt in ihrem großen Salon mit
-Näharbeit beschäftigt auf einer Matte, ihr gegenüber ein Mann, welcher
-jedenfalls Diener und Gesellschafter in seiner Person vereinigte. Es
-herrscht hier, wie überall in Polynesien, die Sitte, daß der gemeine Mann
-vor einem Vornehmen nie steht, sondern sich ihm nur in gebückter Stellung
-nähert, sich dann mit gekreuzten Beinen dicht neben ihn auf die Erde
-setzt, einen Augenblick wartet und nun mit lauter Stimme ohne Scheu frei
-von der Leber weg redet. Die Häuptlingsfrau und Königsschwester unterhält
-sich mit ihrem Diener wie mit ihresgleichen, der Diener benimmt sich so
-frei, als ob er mit seiner Herrin auf gleicher Stufe stände, doch nur
-so lange als er sitzt. Sobald er einen Auftrag erhält, erhebt er sich
-vorsichtig, um dabei ja nicht seinen Körper ganz auszustrecken, bewegt
-sich dann in gebückter Stellung vorsichtig auftretend weiter, bis er
-eine gewisse Entfernung erreicht hat, um dann seinen Körper zu strecken,
-den Kopf aufzuwerfen und mit einer Würde zum Wassereimer zu gehen,
-als ob er dort eine Handlung vornehmen wolle, von welcher das Wohl und
-Wehe Tausender abhinge. Er füllt das Glas und nähert sich uns mit einem
-Anstande, daß wir uns fragen, ob wir die Dienstleistung annehmen können.
-Doch die Würde schwindet in gewisser Entfernung von uns, das Feuer der
-Augen erlischt, der Kopf senkt sich, der Körper nähert sich der Erde und
-angekrochen kommt ein unterwürfiger Sklave.
-
-Nach Befriedigung meiner Neugier hatte ich bei Frau Tui-Kakao nichts mehr
-zu suchen; ich empfahl mich daher, nachdem ich noch ein schönes Stück
-Tapa von ihr als Geschenk angenommen hatte, und ging nach meinem Boot,
-um an Bord zurückzukehren. Eine Schar munterer Mädchen, gutgewachsene
-junge Dirnen, welche ihren schönen nackten Oberkörper mit einer reizenden
-Koketterie tragen, lenken meine Schritte indeß für kurze Zeit noch ab. Wo
-ziehen diese lachenden, singenden Kinder, auf der Schulter einen Stock
-mit daranhängenden Kokosnußschalen und Flaschen tragend, im Gänsemarsch
-hin? Sie gehen nach dem Strande und füllen dort ihre Gefäße mit Seewasser;
-manch eine wird dabei durch den Uebermuth der andern in das Wasser
-geworfen und nimmt so ein unfreiwilliges Bad. Nach kurzer Zeit kehren alle
-wieder zum Dorfe und zu ihren Hütten zurück.
-
-Bei späterer Nachfrage erfuhr ich, daß die hiesigen Eingeborenen, welche
-wie alle Südsee-Insulaner das Salz nicht kennen und es beim Kochen nicht
-verwerthen können, das Seewasser zum Kochen einzelner Speisen benutzen
-und die Frauen und Mädchen abends stets den Vorrath für den nächsten Tag
-holen. Diese Gelegenheit wird dann auch als Conversationsstunde benutzt,
-da die Weiber stets zusammen zum Strande gehen. Die entferntest wohnende
-macht wol den Anfang und geht bei ihrer nächsten Nachbarin vor, worauf
-beide zum nächsten Hause und so fort weiter gehen, bis die ganze muntere
-Gesellschaft beisammen ist.
-
-Diese Ablenkung brachte mich auch noch zu einem Schuppen, wo ein Kanu
-gebaut wurde und wo ich Gelegenheit fand, zu bewundern, mit welch
-unvollkommenen Handwerkszeugen diese Leute ihre zierlichen Fahrzeuge
-herstellen. Ehe ich in mein Boot stieg, sah ich mir auch noch zwei in der
-Nähe auf dem Strande liegende große Doppelkanus an, die für eine Reise des
-Häuptlings in Ordnung gebracht wurden und wobei viele Männer beschäftigt
-waren, um den Proviant für die bevorstehende Reise zurecht zu machen und
-auf dem Feuer die Brotfrucht und den Yams zu bereiten. Diese interessanten
-leichten Fahrzeuge, mit welchen die Polynesier oft große Reisen über See
-machen und die nur durch fortwährendes Ausschöpfen über Wasser gehalten
-werden, bestehen aus dem eigentlichen Schiffe, welches gewöhnlich 30 m
-lang, 3 m breit ist und einen 5 m tiefen Schiffsraum hat, sowie einem
-15-16 m langen ganz gedeckten kleinern Fahrzeug, das als Ausleger dient.
-Ob dieses letztere auch als Wohn- oder Lastraum benutzt wird, habe ich
-nicht erfahren, ich glaube es indeß nicht, sondern bin der Ansicht, daß
-die für das große Kanu nothwendige Größe und Schwere des Auslegers dazu
-geführt hat, diesen in Bootsform herzustellen, um ihm die erforderliche
-Schwimmfähigkeit zu geben. Auf den die beiden Fahrzeuge verbindenden
-Balken befindet sich eine mit einer Hütte versehene Plattform von etwa
-6 m im Geviert, von welcher aus das Segel bedient und das Schiff gesteuert
-wird. Das Hauptfahrzeug ist an beiden Enden auf ungefähr ein Viertel der
-Länge mit einem leichten Deck versehen, der übrige Raum ist, soweit er
-nicht durch die Plattform gedeckt wird, offen. Zur Fortbewegung dient ein
-für die Verhältnisse des Fahrzeugs riesiges Mattensegel, welches demselben
-bei entsprechender Windstärke eine außerordentlich große Geschwindigkeit
-geben soll. Das vollausgerüstete Doppelkanu soll bis zu 200 Mann mit den
-erforderlichen Proviantvorräthen für 8-10 Tage aufnehmen können. Als eine
-besondere Eigenthümlichkeit möchte ich noch anführen, daß die Spitze des
-Mastes hier in Fidji wie in Tonga mit einer halbmondförmigen Verzierung
-versehen ist, ich weiß indeß nicht, ob diesem Halbmond eine besondere
-Bedeutung beizumessen ist.
-
-Am nächsten Morgen fuhren wir mit meiner Gig nach einer vier Seemeilen
-entfernt liegenden Plantage, um uns dieselbe anzusehen. Der Besitzer, ein
-wohlerzogener, gebildeter junger Engländer, nahm uns liebenswürdig auf
-und führte uns selbst nach seiner Kaffeepflanzung, welche uns in Levuka
-sehr gerühmt worden war. Ein strammer Marsch von 1½ Stunden, anfänglich
-durch eine Baumwollpflanzung hindurch, dann aber, und zwar den größten
-Theil des Weges, auf engem Pfade durch Urwald, brachte uns zu der 500 m
-über dem Meeresspiegel gelegenen Kaffeepflanzung. Sehr ermattet langten
-wir dort an, wurden aber bald durch das viele Interessante, was wir zu
-sehen bekamen, entschädigt. Zuerst kamen wir an ein geschützt liegendes
-Terrain, wo lange, schmale und wohlgepflegte Beete zeigten, daß hier
-schon Menschenhände der Natur nachgeholfen hatten. Hier werden aus
-den Samenkörnern die ersten Pflänzchen gezogen, um später dann in die
-eigentlichen Plantagen versetzt zu werden. Alle Beete prangen im schönsten
-Grün und die ersten Schößlinge des Kaffees, Thees und des Chinarindenbaums
-zeigen ihre saftigen Köpfchen. Ein kühler Quell unter schattigen Bäumen,
-welcher sich weiterhin zu einem kleinen Murmelbach ausbreitet, gibt etwas
-Leben und namentlich uns Erfrischung. Wir gingen dann zu der eigentlichen
-Kaffeeplantage und waren überrascht, eine so sorgsam gehaltene Anpflanzung
-zu finden. Gewöhnlich bieten die tropischen Plantagen dem Auge kein
-anziehendes Bild, da alles wächst, wie es wachsen will, und nur die
-allernothwendigsten Wege offen gehalten werden. Hier aber ist es anders.
-Die Kaffeebäume, in Form und Größe kleinen Tannenbäumen ähnlich, sind so
-regelmäßig gepflanzt wie in einer Baumschule. Von jedem Baum aus laufen
-die andern Bäume in geraden Linien strahlenförmig nach allen Richtungen
-aus, sodaß jedes Bäumchen denselben freien Raum und zwar einen Kreis von
-4 m Durchmesser erhält. Zwischen den Bäumen sind Gestrüpp und Unkraut
-entfernt, die reichlich angelegten Wege sind schön gehalten und mit
-buntfarbigen Blumen und Blattpflanzen eingefaßt. Die sorgsame Anlage
-scheint den Besitzer aber auch für die große darauf verwandte Mühe
-zu belohnen, denn die kleinen Kaffeebäume sind so reich mit Früchten
-behangen, daß eine gute Ernte erwartet werden darf. Sehr lehrreich war es
-für mich, hier einiges über die für den Kaffeebau nothwendigen Bedingungen
-zu erfahren. In diesem Klima gedeiht der Kaffee nur in einer Höhe von
-400-600 m, da das niedriger liegende Land zu heiß, das höher liegende aber
-schon zu rauh ist. Ferner muß von den Kaffeepflanzen jeder Wind abgehalten
-werden, nur ganz leiser Luftzug darf die Pflanzung durchstreifen. Deshalb
-muß die Plantage in einem von höhern Bergen umschlossenen Kessel angelegt
-werden; doch auch dies genügt noch nicht ganz, vielmehr muß ein Terrain
-von gewisser Größe auch noch von einer mehrfachen Baumreihe umstanden
-sein, damit diese durchbrochene Wand die Hauptkraft eines etwa sich über
-die Bergkämme in den Thalkessel hinabwälzenden Windfeldes bricht. -- All
-diese Kenntnisse des Besitzers waren natürlich nicht die Summe seiner
-eigenen Erfahrungen, sondern er hatte sie von seinem Lehrer, seinem
-Oberaufseher, einem alten Indier, welchen er von Ceylon hatte kommen
-lassen. Dieser war auch der Vater der musterhaften Ordnung, welche wir
-hier oben vorfanden.
-
-Nachdem wir alles gesehen hatten, mußten wir auch noch der Einladung
-unsers liebenswürdigen Wirthes folgen und einen Imbiß in seiner Wohnung
-nehmen. Sein Haus besteht aus einer ortsüblichen Hütte, welche innen
-in drei Räume getheilt ist. Der erste Raum dient als Vorzimmer und
-Schlafstätte der drei Dienerinnen, Mädchen von einer der Kingsmill-Inseln,
-welche bei unserm Eintreten damit beschäftigt waren, Ingwerwurzeln zu
-reinigen. Der zweite mit englischem Comfort ausgestattete Raum wird als
-Eß- und Wohnzimmer, der dritte als Schlafzimmer benutzt. Wir tranken ein
-Glas Wein, aßen Biscuit mit Büchsen-Lachs und -Zunge und brachen dann
-auf. Der Besuch hatte uns sehr befriedigt und wir nahmen daher gern noch
-die Strapaze des Rückweges ohne Murren auf unsere Beine. Gegen 3½ Uhr
-nachmittags waren wir an Bord, wo uns das Essen vorzüglich schmeckte und
-starker Regenfall es uns leicht machte, den Abend in Ruhe auf dem Schiffe
-zu verbringen. -- Am nächsten Morgen, 6. November, ging es wieder weiter.
-Während des Tages führte unser Curs zwischen Inseln und Riffen hindurch,
-abends 7 Uhr waren wir in freiem Wasser.
-
-Ich wollte zunächst die Insel Fotuna anlaufen, welche ich bei den
-herrschenden Windverhältnissen am nächsten Mittag erreichen mußte. Die
-Insel hat zwar keinen Ankerplatz, doch genügte es meinen Zwecken, mit
-dem Consul nur für einige Stunden mit dem Boot an Land zu gehen und das
-Schiff während der Zeit unter Segel zu belassen. Der Wind spielte mir
-aber einen seiner launigen Streiche und hätte mich am 7. November erst so
-spät abends an die Insel herankommen lassen, daß ich an demselben Tage
-nicht mehr das Land hätte besuchen können. Die Nacht zu opfern, schien
-mir bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht angebracht;
-ich gab das Anlaufen von Fotuna daher auf und setzte meinen Curs direct
-auf Funafuti, eine der Ellice-Inseln. Am 11. November mittags kam diese
-niedrige Koralleninsel in Sicht und sollte ich nun endlich Gelegenheit
-finden, meine Neugierde zu befriedigen, da diese die erste derartige Insel
-ist, auf welche ich am selben Abend nach dem Ankern meinen Fuß gesetzt
-habe.
-
-Die Karten dieses Theiles der Erde sind noch sehr unvollkommen, so
-dürftig, daß sie eben nur als Anhalt dienen können; mit Sicherheit
-danach navigiren kann man nicht. So zeigt die vor mir liegende Skizze,
-welche die äußern Umrisse dieses niedrigen Landes wiedergibt, nur =eine=
-Einfahrt in die Lagune, während die mir zugegangenen Nachrichten gerade
-besagen, daß dort keine Einfahrt existirt, aber zwei andere vorhanden
-sind. Ich verlasse mich auf meine Gewährsleute und dampfe zwischen
-zwei kleine Inseln, wo eine Einfahrt liegen soll. Aus der Takelage wird
-indeß bald flaches Wasser gemeldet, von dem Schiff aus sieht man schon
-den Meeresboden, und das Loth zeigt eine so geringe Tiefe, daß es nicht
-gerathen erscheint, bei dem hohen Seegange ohne vorherige Recognoscirung
-weiter zu gehen. Drehen kann das Schiff nicht mehr, dazu ist es zu eng,
-voll Dampf geht es rückwärts und nach wenigen Minuten schwimmt das Schiff
-wieder in tiefblauem Wasser, wo man auch ohne Versuch weiß, daß das Loth
-keinen Grund mehr findet. Die beiden Kutter sind bald zu Wasser, um das
-Fahrwasser auszulothen und sich so hinzulegen, daß das Schiff zwischen
-den beiden Booten eine sichere Rinne findet. Inzwischen sind auch schon
-von dem weit entfernten Dorfe zwei Kanus mit Lootsen angekommen, die, wenn
-sie auch nicht ganz zuverlässig sind, doch immer gern als nützliche, mit
-der Gegend bekannte Menschen angenommen werden. Nach einer halben Stunde
-dampft die „Ariadne“ wieder vorwärts, geht zwischen den Kuttern durch
-in die schöne Lagune, nimmt die Boote wieder auf und ankert nach einer
-weitern halben Stunde, nachmittags 4 Uhr, vor dem auf blendendem Sande
-malerisch unter hohen Kokospalmen gelegenen Dorfe.
-
-Es ist ein wahrer Genuß, in dieser regungslosen Flut zu liegen, mit
-dem Bewußtsein, daß der Anker vortrefflichen Grund gefunden hat und dem
-Schiffe hier nichts passiren kann. Jenseit des schmalen Landstreifens
-hört man die hohe Brandung brüllend sich an dem steinernen Fuß der Insel
-brechen. An den Stellen, wo das Korallenriff unter dem Wasserspiegel
-liegt, sieht man die Wogen hoch auflaufen und ihren Gischt gen Himmel
-spritzen. Hier innen aber hat das Wasser Ruhe und auch der auf ihm
-schwimmende Seefahrer. Nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul noch an
-Land, um den obersten Häuptling oder König zu besuchen; weiter umsehen
-konnten wir uns aber nicht, da es schnell dunkel wurde. Wir kehrten daher
-an Bord zurück, wo ich Ruhe fand zur Vervollständigung meiner Berichte.
-
- * * * * *
-
-Ehe ich auf meine weitern Erlebnisse eingehe, will ich hier die Gründe
-niederlegen, welche mich zu dem Versuch veranlaßten, mit den unabhängigen
-Inseln und Inselgruppen Verträge zu schließen oder besser gesagt
-Abmachungen zu treffen.
-
-Die unabhängigen Inseln und Gruppen sind für den in der Südsee
-dominirenden deutschen Handel von großer Bedeutung, weil sie sehr viel
-Copra produciren; für den auf den Samoa-Inseln in großem Maßstabe von
-den Deutschen aufgenommenen Plantagenbau sind sie aber von unermeßlichem
-Werthe, weil sie die Arbeiter für die Plantagen liefern. Und um diesen
-Punkt dreht sich meines Erachtens das Südseegeschäft. Denn wenn der Handel
-mit Copra auch großen Gewinn abwirft, so darf man doch nicht vergessen,
-daß der Handel auch vielen Zufälligkeiten unterworfen ist und für Jahre
-vernichtet werden kann, wenn ein fremdländisches, leistungsfähiges und
-womöglich von seiner Regierung unterstütztes Kaufmannshaus als Concurrent
-auftritt und durch zeitweiliges Zahlen übermäßiger Preise dieses
-Handelsfeld an sich zu reißen sucht. In solchem Falle muß der Kaufmann mit
-durchhalten und für Jahre Verluste tragen, um durch Ausdauer den fremden
-Concurrenten zu verdrängen. Dies ist aber leichter durchführbar, wenn der
-Kaufmann gleichzeitig große Plantagen besitzt, welche mit dem Steigen der
-Coprapreise in demselben Verhältniß an Werth gewinnen, sodaß der Verlust
-an dem Handel durch den Gewinn an den Plantagen ausgeglichen wird.
-
-Dies ist das glückliche Princip, welches von der Deutschen Handels-
-und Plantagengesellschaft in Samoa angenommen worden ist. Der Handel
-in der Südsee kann in der Jetztzeit nur von sehr großen Häusern oder
-Gesellschaften mit bedeutenden Kapitalien unterhalten werden und bringt
-diesen großen Gewinn. Kleine Handlungshäuser mit ungenügenden Mitteln
-müssen hier zu Grunde gehen, wie die Erfahrung bisher gelehrt hat. Die
-Südsee bietet also kein Feld für allgemeine Handelsunternehmungen, hat
-aber in den noch unabhängigen Inseln vorzügliches Plantagenland, welches
-Landwirthen mit einem Kapital von 30-100000 Mark ein interessantes Feld
-der Thätigkeit und leichten Erwerb großer Vermögen sichert. Auswanderer
-ohne Geld (Bauern u. s. w.) hierher zu schicken, würde ein Fehler sein,
-weil die eigene Arbeit keinen Gewinn verspricht. Es müssen, wie gesagt,
-Leute mit einem gewissen Kapital sein, die eine Plantage gleich in
-großem Maßstabe mit Hülfe eingeborener Arbeiter anlegen. Dies ist das
-von den Engländern befolgte Princip, welches durch die sachgemäßeste
-Ausnutzung der Colonien dem Mutterlande so große Reichthümer zugeführt
-hat. Die Engländer schicken keine kleinen Leute in die Colonien, sondern
-die jüngern Söhne der Aristokratie, und solche junge Leute, welche sich
-für diese Art Leben interessiren oder in der Heimat kein ausreichendes
-Fortkommen für ihre Bedürfnisse sehen, werden mit einem Kapital von
-3-5000 Pfd. St. dahin entsandt und erwerben sich durch Plantagenbau
-oder, wie in Australien, durch Viehstationen, in 10-20 Jahren oft sehr
-bedeutende Vermögen. Ich habe in Australien bei noch jungen Leuten schon
-die goldenen Früchte gesehen, während wir in Soma-Soma, wie vorher
-erzählt, solch einen wohlerzogenen jungen Anfänger den Grundstein zu
-spätern Reichthümern haben legen sehen. Wenn man nun erwägt, daß die
-Handels- und Plantagengesellschaft allein auf den Samoa-Inseln zur
-Zeit an 120000 Acker Land besitzt, davon aber selbst nur 10-15000 Acker
-bearbeiten kann, so liegt es auf der Hand, daß unter Zugrundelegung der
-nachstehend gegebenen Zahlen der Plantagenbau außerordentlich rentiren
-muß, wenn die Arbeiterzufuhr gesichert ist, da die Südsee-Insulaner auf
-ihren heimatlichen Inseln nicht arbeiten. Alle übrigen dazu erforderlichen
-Bedingungen sind vorhanden. Große nationale Handelshäuser sind sowol im
-Süden wie im Norden und Westen an Ort und Stelle. Sie sind nicht wie
-bei andern Nationen der Flagge gefolgt, sondern ihr voraufgegangen.
-Weitsichtige, muthige und energische Männer, deren Namen schon
-vielfach genannt sind und in deren Händen noch jetzt die Leitung an den
-verschiedenen Stellen ist, haben ihren großartigen Geschäftsbetrieben
-durch eigene Kraft eine durchaus gesicherte Stellung geschaffen, welche
-unantastbar sein dürfte, sobald die deutsche Flagge diesen Pionnieren
-folgen sollte. Diese Handelshäuser können jetzt schon als Bankhäuser
-eintreten, ihr eigenes Land abtreten oder neue Landkäufe vermitteln, mit
-ihren Schiffen und durch ihre Verbindungen die Arbeiter heranschaffen,
-die Plantagen mit den europäischen Artikeln versehen und den Pflanzern an
-Ort und Stelle ihre Producte abnehmen, auch diesen infolge ihrer reichen
-Erfahrung überall mit Rath und That zur Hand gehen.
-
-Um zu zeigen, wie der Plantagenbau sich zur Zeit auf den Samoa-Inseln
-rentirt und sich daher auch auf andern etwa zu erwerbenden Inseln rentiren
-dürfte, will ich die zur Zeit auf Samoa maßgebenden Zahlen sprechen
-lassen:
-
- Kostenpreis eines Acker Landes Mark 20--
-
- Erste Cultivirungskosten und Bepflanzung mit
- Baumwolle " 92--
- __________
- Investirtes Kapital im Lande ohne Gebäude Mark 112--
-
- Die Erfahrung lehrt, daß bei der Baumwollcultur
- durchschnittlich 3½ Acker von einem Arbeiter,
- Arbeiterin oder halbwüchsigen Kind bearbeitet
- werden können, welche Person jährlich an Lohn,
- Unterhalt u. s. w. kostet Mark 240-260
-
- Demnach stellen sich die Betriebskosten für
- Arbeitslohn (260 M. für 3½ Acker) für =einen=
- Acker auf höchstens Mark 76--
-
- Gehalt eines Verwalters und eines Aufsehers,
- Zinsen auf Kapital investirt für Gebäude,
- Amortisation für Gebäude, Abnutzung von Geräth
- u. s. w. per Acker " 16--
-
- Daher jährliche Betriebskosten per Acker hoch
- gerechnet " 92--
-
- Dieselben sollen im Durchschnitt nicht
- übersteigen " 80--
-
- Jährlicher Ertrag eines Ackers Baumwolle ist
- durchschnittlich 1000 Pfd. in Saat gewöhnlicher
- Sorte zum Werthe von " 120--
-
- oder bessere Sorte mit 800 Pfd. in Saat zum " 148--
- Werthe von
-
- Daraus ergibt sich eine Rente von dem im Lande
- investirten Kapital von 25 Proc. im
- ungünstigsten, aber von circa 60 Proc. im
- günstigsten Falle, oder 36-50 Proc. im
- Durchschnitt.
-
-Wenn nun die Baumwollpflanzungen allmählich in Kokosnußpflanzungen
-verwandelt werden, dürfte das Resultat des jährlichen Ertrages sich noch
-günstiger gestalten, sobald dieselben erst vollen Ertrag liefern. Es sind
-hier von einem Arbeiter gut fünf Acker zu bewältigen und werden auch alle
-andern Unkosten geringer. Die Berechnung stellt sich dann wie folgt:
-
- Arbeitslohn per Jahr und Acker Mark 48--
-
- Verschiedene Unkosten " 12--
- _________
- Jährliche Betriebskosten und Auslagen Mark 60--
-
- Jährlicher Ertrag eines Ackers Mark 120-160
-
-gibt einen jährlichen Ueberschuß von 60-100 Mark, ganz abgesehen von dem
-Nutzen der Viehzucht, welche sich mit Kokosnußplantagen vereinen läßt.
-
-Ein englischer Acker ist gleich 40,468 Ar.
-
-Soll nun aber nur das auf den Samoa-Inseln liegende in deutschen Händen
-befindliche Land voll ertragsfähig gemacht werden, dann müssen allein
-dahin 30000 Arbeiter herangezogen werden, und als Arbeiterquellen können
-nur die Kingsmill-, Marshall-, Salomons-Inseln und Neu-Hebriden in
-Betracht kommen. Es fällt zur Zeit nicht schwer, die jetzt erforderlichen
-Arbeiter zu engagiren und wird dies auch fernerhin leicht durchzuführen
-sein, sofern die genannten Inselgruppen unabhängig bleiben. Und daß dies
-erreicht werde, dazu will ich zunächst meinen Einfluß geltend machen,
-weil keine Zeit zu verlieren ist. Denn die Fidji-Inseln verlangen schon
-so große Arbeitermassen, daß die Colonialregierung versucht, Kulis von
-Indien einzuführen, und einen Theil der Unkosten trägt, um die Pflanzer zu
-unterstützen. Diese sind indeß mit dieser Maßnahme nicht ganz zufrieden,
-weil wegen des langen Seewegs die Arbeiterzufuhr nicht genügend gesichert
-erscheint und drängen nach Annectirung zunächst der Neu-Hebriden und
-Salomons-Inseln. Hiermit würde aber jede fremde Arbeiterausfuhr dort
-ausgeschlossen sein, weil England den Eingeborenen seiner Colonien nur
-die Auswanderung nach den eigenen Colonien gestattet.
-
- * * * * *
-
-Doch nun zurück nach Funafuti.
-
-Die nebenstehende Skizze gibt den Grundriß der Insel. Die doppelt
-punktirte Linie ist das Korallenriff, welches in beinahe viereckiger Form
-die Lagune einschließt; die zwischen den punktirten Linien liegenden
-schwarzen Körper sind die Inseln, welche über dem Meeresspiegel liegen
-und mit Bäumen und Strauchwerk bestanden sind; da wo die punktirte Linie
-unterbrochen ist, soll sehr tiefes Wasser sein, ist aber in Wirklichkeit
-nicht vorhanden. Die mit Pfeilspitzen versehene ausgezogene Linie ist
-der Weg des Schiffes in die Lagune und wieder aus derselben heraus,
-der eingezeichnete kleine Anker gibt den Ankerplatz des Schiffes. Der
-große Durchmesser der Lagune beträgt acht Seemeilen oder zwei deutsche
-Meilen, der kleine 4½ Seemeilen; die Länge der großen Insel beträgt fünf
-Seemeilen, die Breite ¼ Meile oder ungefähr 500 m. Die Tiefe des Wassers
-in der Lagune ist mit Ausnahme einiger in ihr liegenden Korallenbänke fast
-durchweg über 30 m; bequemen Ankergrund findet man nur ganz in der Nähe
-des Landes.
-
-Unser Aufenthalt in Funafuti war nur auf zwei bis drei Tage veranschlagt.
-Denn wenn ich auch mit der Absicht hingegangen war, mit dem sogenannten
-König zur Sicherung des deutschen Handels und der deutschen Interessen
-eine Uebereinkunft abzuschließen, so wollte ich, um mein Reiseprogramm
-einzuhalten, bei der Unbedeutendheit des Platzes als Arbeiterquelle doch
-lieber meine Absicht aufgeben, wenn es uns nicht gelingen sollte, in
-der festgesetzten Zeit zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Dies
-geschah aber und so konnten wir Funafuti schon am 13. mittags wieder
-verlassen. Bei meiner Ankunft hatte zwar der Zauber, mit welchem diese
-Oasen des Weltmeeres den Fremdling umstricken, auch mich gefangen genommen
-und den Wunsch in mir rege werden lassen, den Aufenthalt auf eine längere
-Zeit auszudehnen, doch die Pflicht, welche mich nach andern Plätzen rief,
-ließ dies nicht zu und ich hatte es schließlich auch nicht zu bereuen. Ein
-zweitägiger Aufenthalt genügte vollkommen, mich in die Prosa des Lebens
-zurückzuversetzen.
-
-Am Morgen nach unserer Ankunft fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang
-wieder an Land, um an dem schönen Strande ein Bad zu nehmen und danach in
-der Morgenfrische einen Spaziergang zu machen. Noch weit ab vom Lande,
-als mein Boot in etwa 8 m tiefes Wasser kam, verwandelt die Flut ihre
-tiefblaue Farbe in ein helles Grün, das Wasser wird zu Krystall und
-gestattet dem Auge bis zu dem offen daliegenden Meeresgrunde vorzudringen,
-wo auf dem grün angehauchten Sande die fleißigen Maurer des Meeres ihre
-wunderlich und schön geformten Gebilde unregelmäßig angebaut haben. Kleine
-zarte Korallenstauden mit unzähligen Aesten wechseln ab mit riesigen
-Korallenblöcken, welche ihr Haupt schon bis nahe an die Wasseroberfläche
-erhoben haben und das Boot zum Ausweichen zwingen, wenn es nicht an den
-scharfen Zacken des mächtigen unterseeischen Thurmes schweren Schaden
-nehmen will. Zwischen und auf den Korallen liegen Muscheln, unter welchen
-namentlich eine Art sich dem Auge entgegendrängt. In weit klaffender
-unscheinbarer Hülle von der Größe eines Tellers spreizt sich das im
-reinsten Indigo schimmernde Thier und läßt seine schöne blendende Farbe
-nach oben strahlen, wie der Pfau sein Rad der Sonne entgegenbreitet.
-Auf dem Sande liegen blutegelartige Thiere von 20 cm Länge und 5 cm
-Dicke, welche einen bedeutenden Handelsartikel nach China bilden. Diese
-von den Chinesen als große Leckerbissen geschätzten Mollusken werden
-in getrocknetem Zustande verschifft und später als gallertartige Suppe
-gegessen; im Handel führen sie die Bezeichnung 'biche-le-mare' oder
-'Trepang', der zoologische Name ist 'Holothuria'. Viel gibt es hier
-auf dem Meeresboden zu sehen, so viel, daß man es in kurzer Zeit nicht
-zergliedern kann, wie dazu ja auch überhaupt ein vieljähriges Studium
-gehören dürfte. Heute bin ich froh, kein Naturforscher zu sein, weil ich
-dadurch der Nothwendigkeit enthoben bin, meine Sinne wissenschaftlichen
-Beobachtungen zu widmen und daher, in schnellem Lauf über diese
-eigenartige Welt hinsegelnd, mein Auge mit Entzücken über die kleinen
-Wunderwerke hingleiten lassen kann, wie über ein schönes Bild.
-
-Die Gig läuft hoch auf den weichen Sandstrand und ein Sprung bringt
-uns auf das Trockene. Das kleine Dorf ist schon voller Leben, da die
-Eingeborenen mit den Vögeln aufstehen. Unser Weg führt uns an einer dicht
-am Strande liegenden Hütte vorbei, welche uns dadurch auffällt, daß die
-Seitenwände nicht mit Matten behängt sind. Ein Blick in das Innere zeigt
-uns eine kleine beschriebene Tafel, an welche wir herantreten, da der
-Consul die Landessprache spricht und schreibt. Sie enthält die Angaben
-über die Bevölkerungszahl der Insel, welche 156 Seelen beträgt; doch
-gewiß ein stattliches unabhängiges Königreich. Die Insel war allerdings
-früher sehr viel stärker bevölkert und vermag auch die zehnfache Zahl
-gut zu ernähren, sie hat aber den größten Theil ihrer Bewohner Mitte der
-sechziger Jahre durch einen Schurkenstreich peruanischer Sklavenjäger
-verloren.
-
-Ein peruanisches Schiff ankerte derzeit in der Lagune von Funafuti
-und führte sich als Missionsschiff ein. (Die Missionsgesellschaften
-unterhalten hier eigene Schiffe, um die Verbindung zwischen den von ihnen
-besetzten Inseln aufrecht zu erhalten und neue Plätze ihrem Wirken zu
-eröffnen.) Die Funafutier hatten schon von den Missionaren auf den andern
-Inseln gehört und hegten den Wunsch, auch so etwas Besonderes zu besitzen.
-Der im Talar mit der Bibel in der Hand an Land kommende Scheinmissionar
-wurde daher gut aufgenommen und fand es leicht, die Leute zu veranlassen,
-am nächsten Tage mit Frauen und Kindern an Bord zu kommen, um dort die
-neue Lehre zu vernehmen. Als das Schiff mit Menschen gefüllt war, wurden
-sie in das Zwischendeck geführt, wo der Mann im Talar ihrer wartete, sie
-aber schnell verließ, sobald alle im Raum versammelt waren. Dann wurden
-plötzlich alle Luken geschlossen, das Schiff ging unter Segel und die
-schwer getäuschten harmlosen Insulaner blieben für immer verschollen. Das
-Gerücht sagt, daß nur wenige von ihnen Peru erreicht haben und diese dort
-auch schnell hingestorben sein sollen, weil die weichlichen Polynesier,
-wie die Schwalben an ungebundene Freiheit gewöhnt, kein Sklavenleben
-ertragen können.
-
-Dicht neben der vorhergenannten, als öffentliches Berathungshaus benutzten
-Hütte, steht die Kirche mit der Wohnung des Missionars, eines als Lehrer
-ausgebildeten Eingeborenen. Die Kirche sieht ebenso aus, wie alle Kirchen
-auf diesen Inseln: eine lange breite Hütte mit hohem Dach nach dem Modell
-der Hütten der Eingeborenen und nur mit dem Unterschied, daß sie sehr
-viel größer ist und feste, aus Korallenblöcken aufgebaute Seitenwände mit
-kleinen viereckigen, durch Holzläden verschließbare Fenster hat; außerdem
-ist sie noch abweichend von den Hütten mit einem weißen Kalkanstrich
-versehen, wodurch sie weithin sichtbar wird und den Schiffen als Wegweiser
-zum Ankerplatz dient. Der Missionar oder richtiger Missionslehrer ist
-nicht anwesend, sondern nach einer im Norden gelegenen Insel gereist, um
-eine Anklage gegen einen Collegen zu untersuchen, welchem vorgeworfen
-wird, sich neben seiner Frau noch einen kleinen Harem eingerichtet zu
-haben.
-
-Einige Schritte bringen uns zu den Hütten der Eingeborenen, welche ohne
-Plan verstreut unter den Kokosnußbäumen liegen. Es ist auffällig, hier
-so schlechte und schmutzige Wohnungen zu finden, da die Eingeborenen
-reiner samoanischer Rasse sind und die Samoaner doch großen Werth auf
-ihre Wohnungen und die Körperpflege legen. Die Hütten sind eigentlich nur
-zusammengetragene Reiser, welche von Schmutz starren. Der Fußboden besteht
-nur aus Erdstaub, welcher Menschen und Sachen mit einer Schmutzkruste
-überzieht; saubere Steine und Matten sind nicht vorhanden. Die Menschen
-sind fast durchweg mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet,
-der Körper scheint mit kleinen Schuppen bedeckt, die Haut hat sich
-überall gelöst und macht die Körperoberfläche rauh, die kleinen Ritzen
-sind mit Schmutz angefüllt. Ob die Hautkrankheit von der allgemeinen
-Unsauberkeit herkommt oder andern Ursachen zuzuschreiben ist, ist wol
-noch nicht aufgeklärt. Die Männer sind im Durchschnitt mehr bekleidet
-wie die Samoaner, die Weiber tragen meistens den Blätterschurz, welcher
-von den Hüften bis zu den halben Oberschenkeln reicht. So führen diese
-Menschen in thierischer Trägheit ein klägliches Leben, ohne die großen
-Hülfsquellen auszunutzen, welche die Natur in den Kokosnußbäumen ihnen
-gegeben hat. Diese doch immerhin kleine Insel liefert jetzt jährlich
-50 Tonnen Copra (getrockneter Kokosnußkern) und nimmt dafür 10000 Mark
-ein. 2-300 Tonnen Nußkerne lassen die Leute verfaulen, weil sie zu träge
-sind, die abgefallenen Nüsse aufzusammeln, und lassen somit jährlich ein
-Kapital von 40-60000 Mark verkommen. Bei sachgemäßer Bearbeitung könnte
-diese Insel nach Ansicht des sachverständigen Consuls jährlich sogar 5-600
-Tonnen Copra produciren und dafür nach dem jetzigen Preise 100-120000
-Mark erlösen. Diese Menschen haben aber keine Bedürfnisse und sind deshalb
-vielleicht gerade glücklich.
-
-Von dem Dorf und seinen Bewohnern haben wir genug gesehen; die Aussicht
-auf ein schönes Bad lockt uns mehr, und bald haben wir eine passende
-Stelle gefunden, wo wir uns in der krystallklaren Flut erfrischen
-und wenigstens für kurze Zeit den lästigen Angriffen der unzähligen
-Fliegen entgehen. Die schnell steigende Sonne mahnt uns indeß an den
-beabsichtigten Spaziergang, und nach kurzer Zeit stehen wir vor dem
-Kokosnußwald ohne jedoch eindringen zu können. Der schöne Rasen, welchen
-man aus der Ferne um den Fuß der Palmenstämme zu sehen wähnt, ist ein
-dichtes mannshohes Gebüsch aus einer Art Eisenholz, welches zwar den
-Kanakers[B] ein Durchkommen gestattet, dem Europäer aber den Weg doch zu
-mühsam macht. Wir gehen daher an dem Waldessaum entlang dem Dorfe wieder
-zu und finden dann auch bald einen der vielen Pfade, welche quer durch
-die Insel nach dem entgegengesetzten Ufer führen. Nach wenigen Schritten
-ist die Lagune mit ihren sandigen Ufern unsern Blicken entschwunden und
-wir sind auf einem Wege, wo wir doch mehr Leben finden, als wir erwartet
-hatten. In einer Lichtung stoßen wir auf eine schmutzige Pfütze, welche
-auf der ganzen Insel das einzige süße Wasser enthält. Ein altes Weib
-sitzt in dem Wasser, auf einem andern Pfade kommt, nach ihrem Anzug zu
-urtheilen, eine vornehmere Dame mit mehrern Dienerinnen, um ebenfalls ihr
-Morgenbad zu nehmen. Demnach scheint bei diesem schmutzigen Stamme die
-Vorliebe der sonst reinlichen Polynesier für das Baden doch noch nicht
-erloschen zu sein, sofern es sich um ein Bad in süßem Wasser handelt.
-In einer zweiten Lichtung finden wir von fernen Inseln hergebrachte
-gute Erde in regelmäßige Beete eingetheilt, um in derselben Bananen zu
-ziehen. Weiterhin treten wir aus dem Walde und kommen an einen mit dem
-Meere in Verbindung stehenden kleinen Salzwassersee, an dessen Ufern
-Strandschnepfen in ungestörter Ruhe Würmer suchen. Noch einmal treten
-wir in den Wald und sind nach wenigen Schritten an dem jenseitigen Ufer
-angelangt. Hohe Brandung überspült hier den felsigen Fuß der Insel und
-hält einen breiten Gürtel frei von allem vegetabilischen Leben. An dem
-Saum der auflaufenden Wogen ist das Ufer eine feste Steinmasse, weiter
-oben hin ein wüstes Durcheinander von Korallensteingeröll, welches
-das Gehen sehr erschwert. Das unruhige und gewaltthätige Treiben der
-Brandung, das graue, zackige, rauhe Steinufer, große Steinblöcke mit dem
-Geröll zerbröckelter Steine, das Brausen des kräftigen Windes und die
-düstere Färbung der weiter abliegenden, eine feste Wand bildenden grauen
-Palmenstämme, deren Kronen sich in eintönigem Rauschen nach der ruhigern
-Seite neigen, geben zusammen der Insel auf dieser Seite einen wesentlich
-andern Charakter, als man ihn beim Einlaufen in die Lagune gefunden hat.
-
- [B] Kanaker oder Kanaka ist die polynesische Bezeichnung für
- „Mann“.
-
-Die auffallende Höhe des obersten Kammes der Insel über Wasser (etwa 3 m)
-und der Umstand, daß der ganze über Wasser liegende Theil aus einem fest
-zusammengefügten Korallengebilde besteht, verleitet uns zu oberflächlichen
-Untersuchungen über die wahrscheinliche Entstehungsart dieser Insel.
-Es ist ausgeschlossen, daß die Korallen selbst so hoch gebaut haben,
-weil sie bekanntlich an der Wasseroberfläche absterben; ebenso ist es
-ausgeschlossen, daß angeschwemmte fremde Körper diesen hohen Rücken
-gebildet haben, denn das Land ist eine geschlossene Korallensteinmasse,
-auf welcher nur lose Steine liegen und wo jede Erdschicht fehlt; diese
-Korallenbank kann also nur durch wachsendes Land über Wasser gehoben
-worden sein, die Insel muß daher ihr Dasein vulkanischen Einflüssen
-verdanken. Beim Suchen von Muscheln und kleinem Gethier finden wir an
-der Wassergrenze eine dicke Schicht von angeschwemmtem Bimsstein. Schon
-mehrere Tage vorher hatte das Schiff auf hoher See große Bimssteinfelder
-durchschnitten, welche jedenfalls von den zu Anfang dieses Jahres in
-Neu-Britannien stattgehabten starken Kraterausbrüchen herrühren und durch
-die Meeresströmungen bis hierher geführt worden sind. Dieser Bimsstein
-wird in wenig Jahren verwittert guten Boden abgeben, und so zeigte uns
-ein Zufall, wie wahrscheinlich die Koralleninseln die Erdschicht erhalten
-haben, welche den Menschen die Anpflanzung der für ihr Leben nothwendigen
-Früchte möglich gemacht hat.
-
-Derselbe Weg, welchen wir gekommen, führt uns in kurzer Zeit von der
-eben beschriebenen herbstlichen Scenerie nach dem innern Ufer zurück,
-wo die heiße Sonne über der schönen ruhigen Lagune steht, von deren
-blendender Wasserfläche die schwarze kriegstüchtige „Ariadne“ sich
-scharf abhebt. Die Kokospalmen entfalten ungehindert ihr duftiges, von
-dem Winde unberührtes Laub in dem Sonnenschein, die Eingeborenen sitzen
-träge vor und in ihren Hütten, zwischen welchen Schweine und Hühner
-ebenso munter umherlaufen, wie die kleinen nackten braunen Kanakerkinder
-ihre rohen selbstverfertigten Drachen auf dem weißen Sande des Strandes
-in der leichten Brise steigen lassen und durch schnellen Lauf dem Winde
-nachhelfen. Einige Schmetterlinge schweben über den dürftigen Blumen,
-welche zwischen den Gräsern stehen, und ungezählte Massen von Fliegen
-peinigen Menschen und Thiere.
-
-Wir fuhren an Bord zurück, nahmen unser Frühstück ein und segelten
-dann in der Gig quer durch die Lagune nach einer sieben Seemeilen
-entfernten kleinen Insel, um dort nach Schildkröten zu suchen. Unsere
-Absicht erreichten wir indessen nicht. Die kleine Insel war von einem
-so weitauslaufenden Riffe umgeben, daß wir viel Zeit gebraucht hätten
-um durchzuwaten, Mittag war auch schon nahe und der Rückweg weit. Wir
-traten daher gleich die Rückfahrt wieder an und kehrten eben zeitig genug
-an Bord zurück, um noch etwas zu essen und dann den an Bord bestellten
-König mit seinen Räthen zu empfangen. Der König trug heute die Hose,
-welche gestern der eine der Lootsen, und das Hemd, welches der andere
-anhatte. Nachdem der Besuch das Schiff besichtigt hatte, wurden die
-Herrschaften in die Kajüte geführt, bekamen je eine Cigarre und ein
-Glas Aepfelwein, und es wurde ihnen dann erklärt, daß die zeitweise
-gegen Deutsche und deutsche Schiffe vorgekommenen Unordnungen sich nicht
-mehr ereignen dürften. Das beste Mittel, solchen Unannehmlichkeiten
-auf friedlichem Wege vorzubeugen, sei der Abschluß einer Uebereinkunft,
-welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten scharf begrenze. Darauf
-las der Consul ihnen die vorher fertiggemachte Uebereinkunft in ihrer
-eigenen Sprache vor, die Sache wurde berathen und nach einer Stunde waren
-die beiden in Deutsch und Samoanisch ausgefertigten Originale von dem
-König von Funafuti und seinen Räthen, sowie von mir unterzeichnet und
-abgeschlossen. Das Wesentliche der Uebereinkunft besteht darin, daß die
-Deutschen vollständige Handelsfreiheit haben, Land kaufen und miethen
-können; daß gescheiterten deutschen Schiffen jeder Beistand geleistet
-und Leben wie Eigenthum gewährleistet wird; daß Deserteure von deutschen
-Schiffen auszuliefern sind; daß Gesetze, welche Fremde berühren, nur dann
-für Deutsche Geltung haben, wenn sie vorher mit dem deutschen Consulat
-vereinbart sind; Anordnung, wie Streitigkeiten zwischen Eingeborenen und
-Deutschen zu schlichten sind; sowie schließlich die Verpflichtung, daß die
-Deutschen auf Funafuti stets dieselben Vorrechte genießen sollen, welche
-später etwa andern Nationen gewährt werden sollten.
-
-Abends nach dem Essen gingen wir noch einmal an Land, um dem König
-Lebewohl zu sagen. Während wir zum Boot zurückkehrten, wurde an Land
-die Trommel geschlagen als Zeichen, daß nunmehr (7 Uhr abends) alle
-Eingeborenen ihre Hütten aufzusuchen hätten. In diesen wurde es hell,
-um das in der Mitte angezündete Feuer saß die Familie und beschloß das
-Tageswerk durch Absingen einiger geistlicher Lieder. Wir kehrten an Bord
-zurück und schlossen auch mit Funafuti ab.
-
-Am nächsten Tage, am 13. nachmittags 2 Uhr, lichteten wir den Anker,
-dampften durch die Lagune und verließen dieselbe durch die nördliche
-Einfahrt, unsern Curs nach Vaitupu, einer andern Insel der Ellice-Gruppe,
-nehmend. Bei dieser Gelegenheit hatte ich übrigens noch eine starke
-Nervenerschütterung zu ertragen. Als wir zur Durchfahrt, welche nach
-Angabe der Lootsen 15 m Wassertiefe haben sollte, und dort in die
-hochgehende See kamen, wurden plötzlich nur 8 m Tiefe gemeldet und bei
-dieser Wassertiefe lag ein Durchstoßen des Schiffes nahe. Ein Zurückgehen
-war nicht mehr möglich; das Herz stand mir momentan still, dann aber gab
-ich der langsam gehenden Maschine den Befehl, mit Volldampf vorwärts zu
-gehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, das Schiff vor dem tiefen
-Einstampfen zu bewahren. Es mag sein, daß keine Gefahr für das Schiff
-vorlag, hätte es aber in diesem hohen Seegang auf das Korallengestein
-aufgestoßen, dann wäre es wahrscheinlich verloren gewesen, und mit dieser
-Gefahr mußte ich in dem Moment rechnen. Was solche Augenblicke bedeuten,
-kann nur derjenige ermessen, welcher die Verantwortung für ein Schiff
-und so viel Menschenleben zu tragen gehabt hat. Wenige Minuten, während
-welcher die anstürmenden Wellen über den Bug des mit voller Dampfkraft
-arbeitenden Schiffes hinwegbrachen, brachten uns in freies Wasser, die
-Feuer in der Maschine wurden gelöscht und das Schiff setzte die Reise
-unter Segel fort.
-
-Am nächsten Tage, am 14. nachmittags 3 Uhr, drehte ich dicht unter der
-Insel Vaitupu bei dem Hauptdorfe bei und fuhr an Land, um dem König meinen
-Besuch zu machen und dort ebenfalls den Abschluß einer Uebereinkunft
-vorzubereiten, da bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit der
-wirkliche Abschluß nicht erfolgen konnte, denn ich wollte vor Anbruch
-der Dunkelheit schon wieder auf dem Wege nach einer andern Insel sein.
-Das Landen war beschwerlich, weil das Riff der Insel hier nicht steil
-abfällt, sondern sich nur wenige Fuß unter Wasser weit hinaus erstreckt
-und so eine große Bank bildet, auf welcher die Wellen überbrechen und als
-Brandung nach dem Ufer zulaufen. Da keine andere Landungsstelle vorhanden
-ist, so mußten wir hier durch, ob wir nun naß wurden oder nicht. Es ging
-besser als ich dachte; die Brandung schäumte an beiden Seiten des langen
-Bootes vorbei und bedachte uns nur ab und zu mit einem kleinen Spritzer,
-sodaß wir trocken so weit an das Ufer herankamen, um auf dem Rücken
-eines Matrosen an Land reiten zu können. Der erste Gruß an Land wurde
-mir von einem kleinen reizenden, 4-5 Jahre alten Kanakermädchen zutheil.
-Als ich von dem Rücken des Matrosen herabsprang, stand das Kind in einem
-saubern Waschkleidchen neben mir, streckte mir seine kleine Hand entgegen
-und ließ aus seinen schönen großen Augen ein so herzliches Willkommen
-entgegenleuchten, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde. Ein Schatten
-fiel allerdings gleich auf das Kind, denn die Umstehenden erzählten
-sofort, daß es das Kind des verklagten Missionslehrers sei, von dem
-ich vorher erzählt habe, und sich nur zufällig hier aufhalte. Natürlich
-verstand das kleine barfüßige Mädchen davon nichts, kümmerte sich auch
-nicht weiter um die andern, sondern sah, meine Hand festhaltend, nur mich
-an. Ich behielt das kleine süße Ding während meines Aufenthalts am Lande
-bei mir und schenkte ihr nachher einen blanken halben Dollar, um ihn als
-Andenken um den Hals zu tragen, da Geldstücke in dieser Weise als Schmuck
-verwendet werden.
-
-Eine große Menschenmenge stand am Ufer, um uns ankommen zu sehen, darunter
-ein samoanischer Missionslehrer und ein Deutscher, Agent der Handels-
-und Plantagengesellschaft in Apia. Diese beiden waren unsere Leute, mit
-welchen wir zunächst zu verhandeln hatten, und von ihnen hörten wir auch
-gleich, daß große Aufregung auf der Insel herrsche, weil eine starke
-Partei den jetzigen König in den nächsten Tagen stürzen wolle. Auch
-klagte der Deutsche, welcher mit einer Vaitupu-Eingeborenen verheirathet
-ist, daß ihm verwehrt würde auf einem Grundstück seiner Frau ein Haus zu
-bauen, weil diese durch ihre Heirath mit einem Fremden alle Ansprüche
-auf das Land verloren habe. Ferner wurde mir ein Brief eines deutschen
-Schiffskapitäns übergeben, worin derselbe darüber Beschwerde führt, daß
-die Eingeborenen die Desertionen von Schiffsmannschaften begünstigen und
-er dadurch bei seinem letzten Aufenthalte hierselbst wieder einen Mann
-seiner Besatzung verloren habe. Die am Ufer befindliche Menschenmenge
-war in sichtlicher Aufregung und schien sehr besorgt zu werden, als
-sie aus dem in Samoanisch geführten Gespräch hörte, wovon die Rede war.
-Wir waren nun orientirt und ich sah von neuem ein, wie nöthig es ist,
-zwischen diesen außer der Welt liegenden Inseln Ordnung zu schaffen, und
-wie die in Funafuti abgeschlossene Uebereinkunft den Interessen der auf
-diesen Inseln lebenden Deutschen entspricht. Ich kann dieses Lob ohne
-Anmaßung aussprechen, weil jene Uebereinkunft nicht von mir entworfen
-ist, sondern von einem Herrn, welchen ich hier ja nicht weiter zu nennen
-brauche, und ich nur meinen Namen darunter zu setzen hatte. Wir gingen
-demnächst zu dem Hause des in der Nähe wohnenden Königs, um ihm unsern
-Besuch zu machen, wodurch allein nach Ansicht des Missionslehrers sein
-Ansehen schon so weit gekräftigt wurde, daß die Umsturzpartei alle Chancen
-verlor. Der König empfing uns, umgeben von seinen Räthen, in seinem
-Hause, das Volk gruppirte sich um die offene Hütte, die Frauen besetzten
-die zunächst gelegenen Hütten und mein kleines Mädchen kauerte sich
-neben mich. Es wurde nun von uns zunächst erwähnt, daß wir zwar von den
-beabsichtigten Unruhen gehört hätten, dieselben aber jetzt gegenstandslos
-geworden seien, weil ich hierdurch den König als solchen anerkenne. Das
-Resultat einer kurzen Berathung der Eingeborenen war, daß die anwesenden
-Führer der Umsturzpartei erklärten, von jeder Gewaltthätigkeit absehen
-zu wollen, weil nach meiner Anerkennung des Königs ihr Plan aussichtslos
-geworden sei. Demnächst wurde dem Deutschen das Besitzrecht des seiner
-Frau gehörigen Landes zugesichert und ferner feierlich versprochen, alles
-aufzubieten, um in der Folge Desertionen von den Schiffen zu steuern.
-Hiernach erklärte der König, daß er am nächsten Tage alle Häuptlinge
-zu einer Berathung zusammenrufen wolle und daß dann von ihnen eine
-Uebereinkunft unterschrieben werden würde, sobald ihnen dieselbe von mir
-zugegangen sei.
-
-Da es Zeit wurde an Bord zurückzukehren, zumal ich auch dem König erlaubt
-hatte, noch das Schiff für kurze Zeit zu besuchen, so machten wir uns
-auf den Weg und besichtigten dabei noch das Dorf. Die Insel Vaitupu
-ist, wenngleich von Korallen aufgebaut, keine Laguneninsel, sondern wie
-Tongatabu eine über Wasser gehobene, fest zusammenhängende Korallenbank
-und bietet so eine größere Grundfläche, mithin den Bewohnern mehr Raum.
-Diesem Umstande ist es wol zuzuschreiben, daß das Dorf einen städtischeren
-Eindruck macht und man hier, abweichend von der sonst üblichen Anlage
-derartiger Dörfer, breite Straßen findet, an welchen die geräumigen und
-saubern Hütten in regelmäßigen Abständen aufgebaut sind. Die Frauen sind
-fast alle mit langen Gewändern bekleidet, die Männer tragen europäische
-Kleidung oder doch Hüfttücher aus europäischen Stoffen und das Ganze
-macht den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Tätowirte Leute sieht man
-nur ganz vereinzelt, hier ist aber wie auf all den nördlicher gelegenen
-Inseln und auch schon in Funafuti die Sitte vorhanden, die Ohrläppchen zu
-durchbohren und dann das untere Fleisch so lange nach unten zu ziehen,
-bis der Lappen als großer Ring bis fast auf die Schulter herabhängt,
-wenn er nicht vorher schon gerissen ist und dann nur aus zwei Zipfeln
-besteht. Diese Verunzierung des Ohres hat sich jedenfalls aus der noch
-nicht fernliegenden Zeit erhalten, wo die Leute noch nackt gingen und kein
-Mittel hatten, kleine Gegenstände auf bequeme Art bei sich zu führen. Sie
-richteten daher das Ohr als Tasche ein, indem der lange Ohrlappenring zu
-einer 8 geschlungen die Pfeife oder sonst einen kleinen Gegenstand aufnahm
-und der Eigenthümer seine Hände frei behielt. Daß diese Sitte, welche
-wol bald verschwinden wird, jetzt noch so allgemein besteht, kann nicht
-verwundern, wenn man bedenkt, daß diese Eingeborenen vor zwölf Jahren den
-Gebrauch von Kleidern irgendwelcher Art noch nicht kannten.
-
-Die Bevölkerung von Vaitupu beträgt zur Zeit 490 Seelen, eine große Zahl
-für eine der Ellice-Inseln, weshalb sie auch die wichtigste für den Handel
-in der Gruppe ist. Die Bewohner stammen von den Samoanern ab, sprechen
-deren Sprache und gleichen ihnen in Körperbildung und Hautfarbe, haben
-aber vielfach andere Sitten angenommen, welche sich äußerlich auch darin
-zeigen, daß die Männer das Haar kurz, die Frauen es lang tragen und beide
-Geschlechter das Färben des Haares vermeiden. Die bei Funafuti erwähnte
-Hautkrankheit kommt, wenn auch nur vereinzelt, hier ebenfalls vor.
-
-Zwischen dem Dorfe und der Landungsstelle liegt ein großer freier Platz,
-in dessen Mitte sich eine große mit Korallensteinen ausgemauerte Grube
-befindet, welche zum Auffangen des Regenwassers dient und die Stelle eines
-öffentlichen Marktbrunnens versieht, wenn überhaupt dieser Himmelsstrich
-durch Regen beglückt wird. Dies kommt nicht allzu häufig vor und die
-Cisterne war auch jetzt leer und trocken. Auf demselben Platze befinden
-sich auch die Kirche und die Wohnung des Missionslehrers, in welch
-letztere wir nach erhaltener Aufforderung eintreten mußten, wollten
-wir nicht unhöflich sein. Ein Besuch von solchen Persönlichkeiten, wie
-sie der Commandant eines Schiffes und der Consul vorstellen, gilt hier
-sehr viel und es ist daher begreiflich, daß die Leute sich nach solcher
-Auszeichnung drängen. Für den nur wenige Minuten währenden Besuch wurde
-ich übrigens dadurch belohnt, daß die Frau des Lehrers mir der Landessitte
-entsprechend zwei schöne Matten und einige Fächer schenkte, welche ich
-natürlich annehmen mußte. Beim Besteigen meines Bootes fand ich auch noch
-weitere Geschenke von dem König vor, nämlich ein lebendes Schwein und ein
-halbes Hundert frischer Kokosnüsse. Beim Passiren der Brandung hatten wir
-wieder ebenso viel Glück wie auf dem Hinwege und waren nach weitern 15
-Minuten, ohne naß geworden zu sein, wieder auf unserm Schiff, wo ich den
-kurz nach uns eintreffenden König bewirthete. Mit Dunkelwerden schickte
-ich ihn nebst Gefolge wieder an Land und trat dann die Weiterreise durch
-dieses unbehagliche Inselgebiet an.
-
-Jetzt (16. November) haben wir zwar die Ellice-Inseln hinter uns, und
-vor uns bis zu der Gruppe der Kingsmill-Inseln 150 Seemeilen freies
-Fahrwasser, es ist aber sehr die Frage, ob dieses freie Wasser nicht
-noch schlimmer ist wie die Inselpassagen, da zwischen den Inseln doch
-schon viel gefahren wurde und daher die Untiefen bekannt sind, während
-die Karten in diesen noch wenig durchforschten Meeren hier außerhalb der
-Inselgruppen nur große blanke Stellen aufweisen. Unser nächstes Ziel ist
-Tapituwea (in der Karte Taputeouea oder Drummond-Insel genannt), wo ich
-wegen der dort herrschenden anarchischen Zustände mich zwar auf keinerlei
-Verhandlungen werde einlassen können, aber doch dadurch Gutes stiften
-kann, daß dieser wilden und zu Gewaltthätigkeiten stets aufgelegten
-Bevölkerung das Vorhandensein deutscher Kriegsschiffe vor Augen geführt
-wird und dadurch die hier anlaufenden deutschen Schiffe Schutz für Leben
-und Eigenthum erhalten.
-
-
- 20. November 1878.
-
-Am 17. traten wir in die Gruppe der niedrigen Kingsmill- oder
-Gilbert-Inseln ein, von welchen ich drei anlaufen will und zwar Tapituwea,
-demnächst Apamama und Taritari.
-
-Ich hatte gehofft, gestern Morgen schon mit Tagesanbruch Tapituwea zu
-sehen und gegen 8 Uhr dort zu Anker zu sein, hier schlagen aber alle
-Berechnungen fehl. Die Karten sind vielfach falsch und die Strömungen
-zwischen diesen Inseln so stark und unberechenbar, daß man sich während
-der Nacht nicht zu nahe an die Stelle heranwagen darf, wo das Land liegen
-soll, weil man sonst durch Auflaufen auf die weitausgedehnten Riffe leicht
-sehr viel früher als man erwartet unangenehme Bekanntschaft mit diesen
-Inseln, welche gestrandete Schiffe von ihren Riffen nicht mehr freigeben,
-machen kann. Anstatt uns Tapituwea zu zeigen, brachte die aufsteigende
-Sonne nur steifen Wind mit dickem Wetter. Erst gegen 10 Uhr sichteten wir
-das Land -- so weit hatte der Strom das Schiff versetzt -- und kurz vor
-12 Uhr ankerten wir vor Uturoa, der Hauptstadt der Insel. Da hier weiter
-nichts zu thun war, als die Flagge zu zeigen, hatte ich den Besuch nur
-auf wenige Stunden angesetzt.
-
-Tapituwea ist von langgestreckter Form ohne Lagune, ziemlich groß und
-sehr stark bevölkert. Wenn der Rücken des bewohnbaren Landes auch nur
-schmal ist, so beträgt die Länge desselben doch 30 Seemeilen, und dieser
-lange schmale Landstreifen ernährt nach zuverlässiger Schätzung über
-6000 Menschen. Allerdings werden die Nahrungsmittel, welche hauptsächlich
-in Kokosnüssen bestehen, häufig und namentlich bei anhaltender Dürre so
-knapp, daß die Leute dann zum Theil versuchen müssen, auf andere Inseln
-zu gelangen, um nicht zu verhungern. Dies ist dann die günstige Zeit
-für die Anwerbung von Arbeitern für die Plantagen auf den Samoa-Inseln,
-weil sich zu dieser Zeit ganze Familien, ja ganze Verwandtschaften und
-namentlich solche, welche auf den deutschen Plantagen in Samoa schon
-waren, zum Schiffe drängen, um sich gegen leichte Arbeit satt essen zu
-können und noch geringen Lohn obendrein zu erhalten. Auch nur aus diesem
-Grunde hat die Insel Bedeutung für die deutschen Interessen, weil sie als
-Handelsobject nicht in Betracht kommt, da sie alles, was sie producirt,
-zur Ernährung der eigenen starken Bevölkerung gebraucht. Trotzdem nun
-die Eingeborenen von Tapituwea die anlaufenden Schiffe eigentlich immer
-als die Erretter aus bitterer Noth ansehen müssen, zeigen sie sich doch
-häufig so feindlich, daß die Fremden stets bereit sein müssen, für ihr
-Leben einzustehen. Diese Eingeborenen sind ganz wilde Gesellen, welche
-keinerlei Oberhaupt anerkennen und im ausgeprägtesten Communismus leben.
-Alles Eigenthum auf der Insel ist Gemeingut, jeder Streit wird von den
-Betheiligten sofort mit der Waffe ausgefochten, und daß solche Kämpfe
-häufig vorkommen, zeigen die vielen Narben auf den nackten Körpern dieser
-Leute. Dieselben werden ihren Ursprung zwar größtentheils den häufigen
-Trinkgelagen zu verdanken haben, bei welchen die ihrer Sinne nicht mehr
-mächtigen Männer wol mit ihren Haifischzahnwaffen wüst um sich schlagen
-und jeden verwunden, der in den Bereich der gefährlichen Waffe kommt.
-Anders kann ich es mir nicht erklären, daß so viele Weiber und kleine
-Kinder die Spuren solcher Wunden auf ihren Körpern tragen; ja, ich habe
-bei einem kleinen Kinde, das noch getragen wurde, eine solche Narbe
-von 10 cm Länge und 3 cm Breite über den Rücken und die Seite hinlaufen
-gesehen. Ich denke mir, daß die Weiber häufig versuchen, ihre tobenden
-Männer von dem Gelage wegzuholen, und daß dabei dann zuweilen sie selbst,
-wie die von ihnen auf der Hüfte getragenen kleinen Kinder Wunden erhalten,
-welche ihnen nicht zugedacht waren. Das Getränk bereiten diese Leute
-sich selbst aus dem Saft der Kokospalme, ebenso wie die Marquesaner es
-thun. Da nun die Eingeborenen ebenso leicht wie gegen sich selbst zu
-Gewaltthätigkeiten gegen Fremde neigen, sah ich mich veranlaßt, diese
-Insel anzulaufen, weil häufig deutsche Schiffe hierher kommen, um Arbeiter
-nach Ablauf ihres Contracts von Samoa zurückzubringen und neue anzuwerben.
-Bei solchen Gelegenheiten soll es immer bunt hergehen, weil dann stets
-solche Massen von Eingeborenen zum Schiffe kommen, daß sie leicht die
-kleine Mannschaft überwältigen und ermorden könnten, um sich des Schiffes
-zu bemächtigen. Es ist daher bei solchen Gelegenheiten geboten, nicht zu
-viel auf einmal auf das Schiff zu lassen, und dies wird dadurch erreicht,
-daß die Mannschaft des Schiffes die Kanus mit geladenen Feuerwaffen
-in respectvoller Entfernung hält. Das Weggehen von ihrer heimatlichen
-Scholle wird diesen Menschen leicht, weil sie nichts besitzen. Wie sie
-gehen und stehen, kommen ganze Familien, Mann, Frau und Kinder, und
-häufig noch Aeltern und Verwandte auf das Schiff, um den Contract durch
-ihr Handzeichen zu vollziehen und dann auf mehrere Jahre in die Fremde
-zu gehen. Der Contract lautet gewöhnlich auf drei Jahre; Männer, Frauen
-und größere Kinder erhalten gleichen Lohn, Kinder unter sieben Jahren die
-Hälfte, und alle freie Rückfahrt nach Ablauf der contractlichen Zeit.
-
-Gleich nach dem Ankern fuhr ich mit dem Consul an Land, um die kurze
-Zeit möglichst auszunutzen; ein Boot mit beurlaubten Offizieren folgte.
-Die weit vom Ufer abliegenden großen Korallenbänke, auf welchen die
-hochgehende See bricht, zwingen zu großer Vorsicht, weil ein Aufstoßen
-auf einen der vielen Korallenblöcke gleichbedeutend mit dem Verlust des
-Bootes ist, da dieses sofort zertrümmert werden würde. Hat man diese
-Bänke aber erst passirt, dann findet man wieder tiefes und von den Riffen
-geschütztes, ruhiges Wasser bis zum Strande hin. Obgleich unter den Bäumen
-Hütte neben Hütte liegt und am Morgen in noch weiter Ferne ungezählte
-Rauchsäulen uns gesagt hatten, daß all diese Hütten bewohnt sein müssen,
-zeigen sich bei unserer Annäherung doch nur wenig Leute, welche zum
-Strande herunter kommen, sobald wir landen. Die Hütten sind fast sämmtlich
-leer. Die uns begleitende Schar wächst zwar im Laufe der Zeit bis zu
-etwa 40 Personen an, doch wo sind die andern? Entweder rotten sie sich zu
-einem Angriff, resp. zur Gegenwehr zusammen oder sie haben nur die Flucht
-ergriffen. Ich glaube das letztere, denn ein Kriegsschiff ist für diese
-Wilden, welche häufig ein böses Gewissen haben, ein sehr unbehagliches
-Ding.
-
-Wir steigen an Land und die mit scharfer Munition versehenen Boote werden
-in tiefem Wasser verankert, damit während unserer Abwesenheit zwischen
-den Bootsmannschaften und den Eingeborenen kein Streit entstehen kann. Wir
-selbst (sieben Personen) sind mit Säbel und geladenem Revolver bewaffnet.
-Die uns am Strande empfangenden Menschen sind nur Männer und Jungen,
-alle vollständig nackt, da man den aus Glasperlen und Muschelstücken
-bestehenden Halsschmuck wol nicht als Kleidungsstück gelten lassen
-kann; etwas weiter ab und in nächster Nähe ihrer Hütten stehen einige
-Weiber. Diese tragen nur einen schmalen, etwa 20 cm breiten Gürtel aus
-Blättern oder Gräsern, welcher in besonders charakteristischer Weise
-umgebunden wird. Männer und Weiber sind schöne Menschen von dunkelbrauner
-Hautfarbe, und die Männer zeichnen sich namentlich vor denjenigen
-Polynesiern, welche ich gesehen habe, dadurch aus, daß ihr Gesichtstypus
-nicht so gleichartig ist, sondern daß man mehr charakteristische Köpfe
-mit vorzugsweise schmalen Nasen sieht. Diese Gesichter sind allerdings
-nicht so ansprechend, wie die geistig durchgebildetern der Polynesier,
-denn in den Zügen dieser Mikronesier kann man deutlich lesen, wie die
-Leidenschaften des Urmenschen hier noch ungezügelt arbeiten und dadurch
-dem oft wirklich schönen Gesichtsschnitt das abgeht, was die Züge des
-veredelten Menschen wirklich schön macht. Die Körperformen sind fast
-durchgehends tadellos, die Männer groß und schlank, die Weiber mittelgroß
-mit zierlichen eleganten Formen. Die glänzend schwarzen, schlichten Haare
-werden von beiden Geschlechtern gleich getragen; vorn auf der halben
-Stirn kurz abgeschnitten, an den Seiten und hinten bis auf die Schulter
-herabhängend; das Haar wird nicht gefärbt, sondern nur mit Kokosnußöl
-eingerieben.
-
-Die Kokosnuß ist hier überhaupt alles, wie sie es ja auch auf allen
-niedrigen Inseln der Südsee ist. Die junge grüne Nuß gibt mit ihrer Milch
-das einzige Getränk, da Wasser fehlt; der weiche Kern der halbreifen
-und der harte Kern der alten Nuß gibt die Nahrung; das aus dem Kern
-gepreßte Oel wird als Hautsalbe, Haaröl und als Leuchtstoff benutzt,
-da die primitiven Lampen auch mit diesem Oel gespeist werden; die
-innere harte Schale der alten Nuß gibt Trink- und sonstige Gefäße, wie
-z. B. die Becken für die Lampen; die äußere Faserschale gibt den Stoff
-zur Anfertigung von Bindfaden, aus welchem wieder Kriegsrüstungen und
-vielerlei andere Gegenstände geflochten werden, so auch den Docht für die
-Lampe. Vorzugsweise findet der so gewonnene Bindfaden bei Herstellung der
-nachfolgenden Gegenstände Verwendung. Die einzelnen Pfähle und Dachsparren
-des Hüttengerüstes werden zusammengebunden und auf dieselbe Art wird auch
-das Laubdach auf dem Gerüst befestigt. Die schönen, scharfen und sehr
-tiefgehenden Kanus, mit welchen die Eingeborenen große Reisen über See
-machen, können, weil hier die dazu erforderlichen dickstämmigen Bäume
-fehlen, nicht aus großen Stücken zusammengesetzt werden, sondern müssen
-nach unserer Art aus schmalen Planken über Spanten gebaut werden, und
-da den Leuten Nägel fehlen, müssen sie die einzelnen Planken mühsam mit
-Bindfaden aneinander nähen. Die Takelagen der großen Segelkanus sind
-ebenfalls aus diesem Bindfaden gefertigt, und derselbe wird auch als
-Angelschnur benutzt. Das schwere harte Holz des Stammes der Kokospalme
-gibt Brennholz, das Material für die Kriegsspeere und theilweise auch
-für die Hauptpfähle der Hütten. Die Blätter werden zu Körben, Dächern
-und Matten zusammengeflochten. Der dem jungen Stamm entquellende Saft,
-wenn die Blattkeime oben abgeschnitten worden sind, gibt Branntwein, doch
-stirbt ein so mishandeltes Bäumchen dann ab.
-
-Dies zeigt in kurzen Umrissen, daß ohne die Kokospalme auf diesen Inseln
-das Leben für Menschen nahezu unmöglich wäre. Wie dieses Leben, welches
-sich neben Fischen und Schalthieren nur auf die Kokosnuß stützt, für die
-Menschen sich gestaltet, mag jeder sich selbst ausmalen.
-
-Ich lasse durch den von Apia mitgebrachten Dolmetscher unsere Absicht
-kundgeben, das Dorf zu besehen, worauf der ganze Trupp sich in Bewegung
-setzt, um uns zu führen und zu begleiten. Die Leute betragen sich
-anständig, wie das einem so großen Kriegsschiffe gegenüber nicht anders zu
-erwarten ist, sind sehr gefällig im Wegräumen von in den Wegen liegenden
-Hindernissen und im Durchbrechen einiger Zäune, um uns bei der großen
-Hitze unnöthige Umwege zu ersparen. Bei alledem sieht man aber doch an
-ihren schnellen und jähen Bewegungen, an der Art zu sprechen, zu lachen
-und zu beobachten, daß viel Tigernaturell in ihrem Blute liegt und es wol
-nicht gerathen ist, wehrlos in ihre Hände zu fallen.
-
-Der schmale, wohlgehaltene Pfad führt von Ansiedelung zu Ansiedelung,
-denn von einem Dorf oder einer Stadt kann man nicht sprechen, da das
-ganze Land an der Leeseite der Insel mit Hütten, bezw. Ansiedelungen,
-übersäet ist. Der die Insel der Länge nach durchschneidende Pfad liegt
-etwa in der Mitte des schmalen Landstreifens; an der Luvseite des Pfades
-stehen nur Kokosnußbäume, während die Niederlassungen sämmtlich an der
-Leeseite liegen. Ich spreche hier von Ansiedelungen, weil immer innerhalb
-eines aus Aesten und Reisern hergestellten Zaunes mehrere Hütten liegen,
-welche jedenfalls zusammengehören. Ich habe mich leider nicht danach
-erkundigt, ob solch eine Hüttengruppe eine bestimmte Gemeinschaft bildet
-oder innerhalb der Grenzen eines jeden Zaunes eine zusammengehörige
-Familie wohnt; nach der geringen Zahl der jeweiligen Hütten möchte ich das
-letztere annehmen. Auffallend ist die Sauberkeit und Ordnung, welche hier
-herrscht und leicht zu der Annahme verleiten kann, daß in diesem Theil der
-Erde die Menschen um so reinlicher werden, je tiefer sie stehen, denn es
-ist z. B. kein Zweifel, daß die Leute auf Funafuti schon seit 10-12 Jahren
-einen ununterbrochenen Verkehr mit Europäern unterhalten, während diese
-nur sehr selten hierher kommen und dann auch immer auf ihren Schiffen
-bleiben.
-
-Zunächst am Strande stehen die zur Aufnahme der Kanus bestimmten
-Hütten, welche ebenso sorgfältig gebaut und sauber gehalten sind wie die
-Wohnungen der Menschen und nur darin von den Wohnhäusern abweichen, daß
-die Stirnwände offen sind, um die Fahrzeuge leicht ein- und ausbringen
-zu können. Jedes Kanu, ob groß oder klein, hat sein eigenes Haus. Weiter
-zurück unter Bäumen, welche hier allerdings gelichtet stehen, liegen die
-vorher genannten Ansiedelungen. Die Hütten selbst, wenngleich vielfach
-von verschiedener Größe, sind in ihrer Bauart ganz gleich. Auf kurzen,
-zwei Fuß hohen Pfählen oder blendend weißen Korallensteinen liegen die
-Hauptbalken und Träger für die Dachsparren, welche ihre obere Stütze
-auf einem durch die Mittellinie der Hütte laufenden Kammbalken finden,
-der auf 10-15 Fuß hohen Pfählen ruht; auf die Sparren ist so viel Laub
-geschichtet, bis das Dach sicher gegen Regen geworden ist. Die Hütte ist
-an allen vier Seiten geschlossen, und das Dach reicht so weit über den
-eigentlichen Wohnraum hinaus, daß schräg einfallender Regen bis zu diesem
-nicht vordringen kann, wodurch die Seitenwände überflüssig werden und auch
-fehlen. Das Eintreten in die Hütte wird durch diese Bauart allerdings
-etwas unbequem, weil man sich fast auf den Bauch legen muß, um zwischen
-Unterrand des Daches und dem Fußboden hindurchzukommen. Der Grundriß der
-Hütte ist ein längliches Viereck, bei welchem die Länge etwa doppelt so
-groß ist wie die Breite, das Dach fällt nach allen vier Seiten schräg
-ab. Der zwischen den einzelnen Hütten einer Ansiedelung liegende Raum ist
-sorgfältig mit kleinen weißen Korallensteinen bestreut, zwischen welchen
-kein Gras, kein Unkraut zu finden ist, sodaß diese Stellen den Eindruck
-sorgfältig gepflegter Straßen und Plätze machen und dadurch den saubern
-Eindruck der Wohnungen noch mehr heben. Die Hütten sind zur Zeit fast alle
-leer, nur hin und wieder sitzt in einer derselben ein alter Mann oder eine
-Frau mit einem kleinen Kinde.
-
-Endlich nach einem langen Marsche, welcher uns auch an Gruben mit
-besserer feuchter Erde vorbeiführte, in welcher Taro (eine Erdfrucht)
-wächst, kommen wir zu einer sehr großen, ganz besonders sauber und schön
-gehaltenen Hütte. Der große freie Platz, auf welchem sie steht, ist
-ebenfalls mit kleinen weißen Steinen bestreut. Die Hütte selbst erhebt
-sich auf einer etwa zwei Fuß hohen, aufgeschütteten Plattform. Sie stellt
-das Hauptberathungshaus der ganzen Insel vor und beherbergt in ihrer
-Mitte das Allerheiligste. Trotzdem dieses Gebäude eine Länge von etwa
-40 m, eine Breite von 16 m hat und der Mittelkamm des Daches 13-16 m über
-dem Fußboden liegt, sind die Seitenpfähle, welche das Dach tragen, doch
-nicht höher als bei den gewöhnlichen kleinen Hütten, weshalb das Dach
-ebenfalls fast bis zum Fußboden reicht und man auch nur hineinkriechen
-kann. Wir werden aufgefordert einzutreten, und man konnte in den
-Gesichtern unserer wilden Freunde, denen sich hier noch einige Dutzend
-Eingeborene beiderlei Geschlechts zugesellt hatten, lesen, wie stolz
-sie auf dieses Staatsgebäude sind und wie sie auf den Ausbruch unserer
-Verwunderung über dieses Bauwerk warten. Natürlich treten wir ein, sowol
-aus Neugierde als auch um wenigstens eine kurze Rast in einem schattigen
-Raume zu halten. Das Haus ist wirklich sehenswerth und man muß staunen,
-in welch sinnreicher Weise diese Naturmenschen das riesige Dach nahezu
-freitragend aufgerichtet haben, denn in der Mittellinie stehen nur drei
-in die Erde gerammte schwache Dachträger. Mit derselben Akuratesse, wie
-bei uns freitragende Dächer (welche nicht auf Säulen ruhen, sondern durch
-seitwärts geneigte Träger ihren Stützpunkt in den Seitenwänden erhalten)
-durch studirte Baumeister construirt werden, haben diese Eingeborenen
-ihre Dächer angeordnet. Von den Seitenwänden nach den gegenüberliegenden
-Dachsparren laufende Balken, welche in ihrer ganzen Länge mit schwarzen
-Figuren sorgsam und geschmackvoll verziert sind, tragen das schön
-geflochtene dicke Laubdach. Von den in der Mittellinie stehenden drei
-Dachträgern trägt der mittelste den Götzen, oder richtiger gesagt das
-Allerheiligste. Es ist dies eine aus Holzstäben gefertigte Pyramide von
-5-6 Fuß Höhe und 3-4 Fuß unterm Durchmesser, deren horizontal laufende
-Verbindungsstäbe 1½-2 Fuß auseinander liegen. Die Bedeutung dieses
-merkwürdigen Götzenbildes muß in der Form und Zusammensetzung liegen, da
-der Schmuck, welchen es trägt, nur aus Opfergaben besteht, und zwar nur
-aus Hühner- und Hahnenfedern, unter welchen schwarze Hahnenfedern die
-besonders bevorzugten zu sein scheinen. Soviel ich herausbekommen konnte,
-werden diese Spenden nur von solchen gegeben, welche längere Zeit von
-der Heimatsinsel entfernt waren und glücklich zu derselben zurückgekehrt
-sind. Wir setzen uns auf die hier sauber ausgebreiteten Matten, unsere
-Freunde sich an dem andern Ende der Hütte uns gegenüber; wir betrachten
-die innere Einrichtung, die Eingeborenen uns. Nach kurzer Rast lassen wir
-unsern Wirthen sagen, daß wir dieses Berathungshaus außerordentlich schön
-fänden, und machen uns dann, befriedigt von dem Gesehenen, wieder auf den
-Rückweg. Unsere braunen Freunde wollen uns zwar noch immer weiter führen,
-doch sind wir schon so weit von unsern Booten entfernt, daß mir die Sache
-nicht ganz geheuer scheint und ich daher ein weiteres Vordringen nicht
-zugebe, sondern unsere Herren veranlasse, mit mir zurückzukehren.
-
-Bei den Booten wieder angelangt und damit im Bereich unsers Geldes, sprach
-ich noch den Wunsch aus, einige Waffen zu erwerben, worauf bald einige
-mit Haifischzähnen versehene alte Speere zur Stelle gebracht wurden. Da
-nichts Besseres zur Zeit zu haben war, so entschloß ich mich diese wenig
-schönen Waffen dennoch für einige Stücke Taback einzutauschen, weil
-sie immerhin doch besser wie nichts sind. Da die Eingeborenen von den
-Weißen bisjetzt nur Taback beziehen und noch alles andere verschmähen,
-so versieht dieser hier die Stelle des Geldes. Ein Stück von etwa 15 cm
-Länge und 1½ cm Dicke bildet die Einheitsmünze, nach welcher gerechnet
-wird. Ich bezahlte für beide Speere zusammen acht solcher Stangen Taback
-und für einen Halsschmuck, wie die Männer ihn tragen, eine Stange.
-
-Bei den Booten entwickelte sich übrigens jetzt ein regeres Leben, denn
-sobald dieselben zum Strande kamen, um uns aufzunehmen, liefen die
-eingeborenen Männer ihnen in das Wasser entgegen und hingen sich wie
-Kletten an dieselben an, wahrscheinlich hoffend, irgendetwas erhaschen
-zu können. Zwischen den mit braunem nackten Fleisch dicht behangenen
-Booten trieb ein drolliger Kerl sein wunderbares Spiel. Bis an die Hüften
-im Wasser stehend tanzte er dort herum als ob sonst niemand in seiner
-Nähe wäre. Mit den Beinen machte er das Wasser hoch aufspritzen, mit den
-Armen gesticulirte er wild in der Luft, den Kopf aber, und in diesem die
-räthselhaften Augen, hielt er unbeweglich, während die Gesichtsmuskeln das
-Gesicht in die merkwürdigsten Verzerrungen versetzten. Die Augen waren
-das Merkwürdigste an dem Manne. Die Lider hatten sich so weit geöffnet,
-daß die Augenhöhlen in der Größe eines Zweimarkstücks rund erschienen; die
-Hornhaut des Augapfels schien durchsichtig zu sein, ohne einen Hintergrund
-sehen zu lassen, und in diesen scheinbar durchsichtigen Kreisen schwebten
-die dunkeln Augensterne, in deren Mitte wieder die Pupillen einen Blick
-in eine unergründliche Tiefe gestatteten. Es machte den Eindruck, als ob
-der Kopf nur eine Ebene, d. h. das Gesicht nur eine Maske sei und man
-durch die offenen Augenhöhlen und Pupillen die hinterliegende farblose
-Luft sähe. Der dicht neben mir befindliche Mann war so mit seinem Tanz
-beschäftigt, daß er den sonst so begehrten Taback, welchen ich ihm
-als Belohnung hinhielt, gar nicht sah. Erst von andern gestoßen und
-aufmerksam gemacht, kam er zu mir, nahm mit angenehm freundlichem und
-ganz natürlichem Gesicht meine Gabe in Empfang, sprang aber dann wie
-eine Tigerkatze aus dem Wasser nach dem Lande zu, weil andere ihm den
-Taback wieder rauben wollten. Wir waren fertig mit dem Lande. Um die
-Eingeborenen auf gute Art loszuwerden, warfen wir einige Hände voll Taback
-auf das Land, worauf die meisten sich dorthin stürzten und in einem wüsten
-Knäuel um den Besitz sich balgten; die Zurückgebliebenen, welche bei den
-Booten mehr zu erhalten hofften, wurden weggewiesen und, als sie nicht
-gingen, mit den Füßen weggestoßen, worauf wir dann den Rückweg durch die
-hohe Brandung über das unbehagliche Riff antraten. Eine große Zahl vom
-Schiffe kommender Kanus der großen Sorte (wol 20-30) sagte uns, daß wir
-schon gesehen und die Eingeborenen daher schon weggeschickt waren. Um 3
-Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord und sahen dort noch, wie in der
-Nähe unsers Schiffes ein großes werthvolles Kanu kenterte, aber niemand
-den Versuch machte, dieses Fahrzeug zu retten, nachdem dessen Insassen
-von einem andern Kanu aufgenommen worden waren. Wahrscheinlich würden
-sie bei einem solchen Bergungsversuch infolge des starken Stromes so
-weit weggetrieben worden sein, daß sie die heimatliche Insel vielleicht
-überhaupt nicht mehr erreicht hätten, und gaben deshalb das verunglückte
-Fahrzeug gleich auf. Dies erinnert mich daran, daß vor Jahresfrist ein
-Boot eines deutschen Schiffes mit sechs Personen hier abends von Land
-absetzte, aber das Schiff nicht erreichte und Boot wie Insassen seitdem
-verschollen sind. Jedenfalls hat der starke Strom das Boot in die offene
-See getrieben.
-
-Eine Viertelstunde nach unserer Rückkehr zum Schiffe waren wir wieder
-unter Segel und auf dem Wege nach Apamama. Hinter uns senken die
-Kokospalmen sich allmählich unter den Horizont, vor uns steigen die
-Laubkronen einer andern Insel auf und rufen uns eine ernste Warnung zu,
-denn das so frühe Insichtkommen sagt uns, daß diese Insel in der Karte um
-etwa 20 Seemeilen falsch niedergelegt ist. Die Nacht verhüllt auch dieses
-Bild wieder, und die „Ariadne“ ist in dieser unsichern Gegend bei steifem
-Winde wieder allein.
-
-Den Entschluß, nach Apamama zu gehen, hatte ich bei meinem letzten
-Aufenthalt in Sydney gefaßt. Dortige Zeitungen hatten die Nachricht
-gebracht, daß der König von Apamama einen auf seiner Insel lebenden
-Deutschen habe ermorden lassen, und da diese Insel in meinem
-Stationsbereich liegt, so fiel mir von selbst die Aufgabe zu, die Sache
-zu untersuchen bezw. zu ahnden. Es war eine eigene Sache, denn da nach
-dem Gerücht der König der Hauptschuldige war, so konnte ich nicht von
-ihm die Bestrafung der Schuldigen fordern, sondern mußte mich an seine
-Person halten, wenn das Gerücht sich bewahrheiten sollte. Hier liegt nun
-die Schwierigkeit, daß einem Schiffscommandanten selbstverständlich keine
-Strafbefugnisse über Leben und Tod zustehen, wenngleich er unter Umständen
-aus solcher Veranlassung einen Kampf aufnehmen muß, bei welchem vielleicht
-Hunderte von Menschen ihr Leben lassen müssen. Ich hatte mich schließlich
-für den Fall, daß die australische Zeitung wahr gesprochen haben sollte
-und mir auf Apamama kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt würde,
-entschlossen, den König zu fangen und ihn später in Neu-Irland, von wo
-aus er den Rückweg keinenfalls finden konnte, an Land zu setzen.
-
-So segelte ich in ernster Stimmung auf Apamama zu und ließ dort am 20.
-November in der Einfahrt zur Lagune den Anker fallen. Ein als Lootse
-dienender, vom König uns entgegengeschickter eingeborener Missionslehrer
-erzählte gleich, daß das über die Ermordung des Deutschen in Umlauf
-befindliche Gerücht falsch sei; doch erzählte er auch, daß der betreffende
-Deutsche zur Zeit nicht anwesend sei, sondern sich vorübergehend auf einer
-andern Insel aufhalte. Dies letztere war nun allerdings verdächtig und
-mußte auch die Erinnerung, daß der noch lebende frühere König und Vater
-des jetzigen vor sechs Jahren die ganze Mannschaft eines gestrandeten
-englischen Schiffes hatte ermorden lassen, diesen Verdacht nur bestärken.
-Der König von Apamama hat sich bisher dem Eindringen der Europäer
-so entschieden widersetzt und ist ein so despotischer und absoluter
-Herrscher, daß man ihm solchen Mord schon zutrauen kann. Schnelles Handeln
-war jedenfalls nothwendig, und ich mußte daher auch suchen, möglichst
-rasch die Wahrheit zu erfahren, welche mir nur die acht Seemeilen von
-unserm Ankerplatz entfernt wohnende Frau des Deutschen (eine Samoanerin)
-geben konnte. Ich richtete mich daher so ein, daß ich um 4 Uhr nach
-meinem Mittagessen abfahren konnte, hoffte dann vor Dunkelwerden dort
-einzutreffen und machte die weitern Dispositionen von den daselbst zu
-empfangenden Nachrichten abhängig. War unser Landsmann wirklich ermordet,
-dann wollte ich noch während der Nacht an Bord zurückkehren, um mit
-dem ersten Tagesgrauen den geplanten Kriegszug zu unternehmen; beruhte
-die ganze Sache auf Erfindung, dann wollte ich während der Nacht in dem
-Hause des Deutschen bleiben und gleich am nächsten Morgen dem noch sechs
-Seemeilen weiter entfernt wohnenden König meinen Besuch machen. Ich hatte
-für die Fahrt auf die Dampfpinnasse als Schlepper gerechnet, sie hatte
-indeß nicht genügende Dampfkraft, um uns gegen den Strom zu schleppen, und
-ich mußte daher, als wir nach See hinaustrieben, die Gig vor das Dampfboot
-spannen und uns mit dem kräftigen Ruderschlag meiner sechs Gigsgäste zum
-Schiff zurückbringen. Ich versuchte nun, die Reise mit der Gig allein
-unter Segel zu machen, doch blieben uns bei Sonnenuntergang noch sechs
-Seemeilen aufzukreuzen, wozu ich vier Stunden rechnen mußte. Mondschein
-hatten wir nicht, das Land war nicht zu sehen und daher die Fahrt ein
-solches Wagniß, daß ich dieselbe trotz Widerstrebens für heute aufgeben
-mußte und an Bord zurückkehrte.
-
-Am 21. morgens gleich nach dem Frühstück machten wir uns wieder auf die
-Reise und konnte die Dampfpinnasse, da der Strom zur Zeit schwach war,
-die Gig heute schleppen. Offiziere und Mannschaften waren bewaffnet,
-mit Proviant, Wasser, wollenen Decken und Kleidern so versehen, daß
-wir mehrere Tage in den Booten aushalten konnten. So fuhren wir, durch
-Sonnensegel gegen die Sonne geschützt, in die schöne Lagune und in
-den lachenden Morgen hinein. Es war eine köstliche Fahrt. Die Boote
-durchfurchen einen großen, nur leicht gekräuselten See, dessen je nach
-der Tiefe abwechselnd azurblaues und smaragdgrünes Wasser von solcher
-Klarheit und Durchsichtigkeit ist, daß das Auge, solange die Wassertiefe
-nicht 10-14 m übersteigt, bis zum Meeresgrunde dringen und dort alles
-klar erkennen kann. Das große Wasserbecken ist von einem niedrigen
-schmalen Landstreifen umrahmt, der allerdings größtentheils unter
-unserm Horizonte liegt und sich nur durch den weiten Kranz von Palmen,
-welche für uns direct aus dem Wasser aufsteigend die Lagune begrenzen,
-markirt. An denjenigen Stellen, wo die Palmen gelichtet stehen, sieht man
-zwischen ihnen den Gischt der von außen an das Korallenland anprallenden
-Brandung, und dieser sagt deutlich, daß der frische Passat, welcher unsere
-Schläfen umfächelt, die Temperatur zu einer sehr angenehmen macht und die
-geschützte Lagune nicht aufwühlen kann, mit den unendlichen Wassermassen
-des Großen Oceans nach seinem Belieben spielt. Wie vortrefflich schmeckt
-unter solchen Verhältnissen die Cigarre, namentlich wenn sie gut ist
-und man vorher lange nichts Ordentliches mehr zu rauchen gehabt hat. Mit
-heiterm und ernstem Geplauder verkürzten wir uns die Zeit und erreichten
-endlich um 11 Uhr vormittags in bester Laune unser nächstes Ziel, das
-Haus des Deutschen. Nach der langen Fahrt war es eine wahre Wohlthat,
-die Beine wieder rühren zu können. Mit einem Sprung waren wir aus dem
-Boot und nach wenigen Schritten in dem Hause, einem Mittelding zwischen
-europäischem Schuppen und Eingeborenenhaus, wo die liebenswürdige Wirthin
-uns mit sichtlicher Freude empfing. Unsere Wirthin ist, wie vorher schon
-bemerkt, eine Samoanerin und damit ist ja eigentlich schon gesagt, daß
-sie ein liebenswürdiges Geschöpf sein muß. In dem Hause ist es kühl und
-vor allen Dingen tadellos sauber, der Boden ist mit reinen Matten belegt,
-Bänke und Tische sind mit ebensolchen Matten oder mit Decken aus Tapa
-bedeckt; bequeme Lehnstühle gestatten uns, unsere Glieder nach Herzenslust
-auszustrecken und so kann ja nun das Verhör beginnen. Es bewahrheitet
-sich, daß der Mann noch am Leben ist, überhaupt niemand versucht hat,
-ihm ein Leid zuzufügen, und daß er wie seine Frau mit dem König und
-allen Eingeborenen in guter Freundschaft leben. Der Consul und ich sehen
-uns einen Augenblick an, lachen dann hell auf über das klägliche Ende
-unsers Kriegszuges, ich schnalle Säbel und Revolver ab, vertausche meinen
-Waffenrock mit einer weißen Jacke und lasse durch meine Bootsgäste unsern
-Proviant heraufbringen, da wir gar keinen bessern Frühstücksplatz, als
-ihn dieses kühle Haus uns bietet, finden können. Wir laden unsere Wirthin
-ein, an unserm Frühstück theilzunehmen, erhalten aber eine abschlägige
-Antwort, weil die echte Samoanerin immer erst nach den Häuptlingen speist,
-wenn sie auch wie diese hier eine Königstochter ist. Wir lassen es uns gut
-schmecken, sehen nachher zu, wie unsere Wirthin und mein Dolmetscher das,
-was wir übriggelassen, verzehren, und berathen dann, was nunmehr am besten
-zu thun ist. Unsere Wirthin theilt uns mit, daß der König sich auf einem
-in der Nähe zu Anker liegenden englischen Schooner befinde und eine seiner
-Töchter gerade in dem nächsten Dorfe anwesend sei, um die dortigen Frauen
-und Mädchen tanzen zu lassen und sich über ihre erlangte Fertigkeit zu
-informiren. Dem Vorschlage unserer Wirthin, den König ebenfalls nach dem
-Dorfe kommen zu lassen und dann gleichzeitig einen großen Tanz zu sehen,
-stimmen wir zu, sind aber gezwungen unsern Entschluß zu ändern, als wir
-nach einer halben Stunde sehen, daß der von uns zum König geschickte Bote
-eben erst anfängt, sein Kanu zur Fahrt zurecht zu machen. Um unsere Zeit
-möglichst auszunutzen, machen wir uns daher selbst auf die Reise, denn
-da kein Krieg hier zu machen war, wollte ich noch an demselben Abend mit
-dem Schiffe die Weiterreise antreten. Nachdem ich verschiedene Geschenke,
-Matten und bunte Korallen, von unserer Samoanerin angenommen und diese
-ihr Haus versorgt hatte, bestiegen wir alle meine Gig, die Dampfpinnasse
-spannte sich vor, und weiter ging es nach dem einige Seemeilen von uns
-abliegenden Schooner, bei welchem noch des Königs Kanu lag, wie wir mit
-dem Fernrohr erkennen konnten.
-
-Die Fahrt selbst würde in ein Märchen hineinpassen. Gleich einem Schwan,
-der von einem Kobold geführt die Fremdlinge auf seinem gefiederten Rücken
-über den Zaubersee trägt, bringt uns die von der schwarzen, dampfspeienden
-Pinnasse geschleppte, leicht über das Wasser weggleitende weiße Gig
-zu dem Beherrscher dieses Feenlandes hin. Der unter der Mittagssonne
-liegende spiegelglatte See wird zur Linken von dem Horizont begrenzt, zur
-Rechten von einem Gürtel blendend weißen Sandes umrahmt. An diesen weißen
-Rahmen schließt sich nach oben eine grüne Matte an, über welcher ein
-Wald schlanker, graziöser Palmen steht, der in seinem Schatten die Hütten
-der Eingeborenen birgt. Um uns herum sucht die Natur ihre prachtvollsten
-Farbeneffecte zur Geltung zu bringen. Der Himmel strahlt im schönsten,
-reinsten Blau, welches dadurch noch brillanter hervortritt, daß hin und
-wieder kleine festgeballte Wölkchen wie Himmelskörper am Firmament stehen
-und mit ihrem reinen Weiß der Himmelsfarbe erst ihren richtigen Ton geben.
-Die Verbindung zwischen Himmelszelt und der Lagune würde, da diese in
-der Ferne genau die Farbe des Himmels hat, unkenntlich sein, wenn nicht
-der Horizont sich durch einen feinen dunklern Streifen markirte. Da, wo
-wir das Wasser durchfurchen (wir halten uns auf geringeren Wassertiefen),
-hat der See bereits andere Schattirungen angenommen und wetteifert hier
-mit den schönsten Farben des Saphir und näher dem Lande mit denen des
-Smaragd. Diese schönen matten Farben werden dann plötzlich von dem weißen
-Sandgürtel unterbrochen, auf dessen anderer Seite alle Nüancen zwischen
-Grau und Grün zu finden sind. Die Mittagssonne hat alles Leben in die
-Hütten und in die Schatten der Bäume getrieben, wir wähnen das einzig
-Lebende zu sein -- da plötzlich beginnen die Nixen ihr Spiel. Die Boote
-durchschneiden die Zufluchtsstätte junger Fischbrut und die fingerlangen
-jungen Fische springen heerdenweise aus dem Wasser, um sich vor dem
-vermeintlichen Feind, welchen sie in den Booten wittern, zu retten.
-Zu beiden Seiten von uns schnellen fortwährend in hohen Bogensätzen
-diese silberschillernden Thierchen in großen Heerden bis zu vier Fuß
-hoch aus dem Wasser hervor und geben das Bild eines auf- und abwogenden
-Aehrenfeldes. Und kann eine Nixe wol einen schönern Acker haben, wie
-solche farbenreiche krystallklare Furchen mit solchen silbernen Garben?
-Der Zauber schwindet, die Wirklichkeit tritt in ihr Recht -- wir sind bei
-dem Schiffe angelangt. Ich lege an und schicke unsere Samoanerin hinauf,
-um den König zu rufen. Gleich darauf wälzt sich eine unförmliche Masse
-in schwarzem europäischen Anzuge mit Lackstiefeln und grauem Cylinderhut
-das Fallreep hinunter. Zunächst sehe ich von unten aus über mir an zwei
-kurzen Beinen nur ein ganz ungeheueres Gesäß, welches den ganzen übrigen
-Menschen verdeckt und für dessen enorme Fleischmassen mir kein Raum in
-der Gig zu sein scheint. Doch der dicke Herr findet wirklich Platz in
-dem Boote, setzt sich neben mich, zeigt ein sehr verängstigtes Gesicht
-und wartet schweigend, bis auch unsere Samoanerin bei uns ist und ihn als
-König von Apamama vorstellt. Der Mann ist noch jung, Anfang der Zwanziger,
-hat kluge Augen, eine etwas gebogene fleischige Nase und herunterhängende
-Unterlippe. Er hat kaum Mittelgröße, aber einen mächtigen Umfang; Hände
-und Füße sind klein, das Haar trägt er nach europäischem Schnitt; sein
-Anzug ist gut und sauber.
-
-Die Schnelligkeit, mit welcher der Mann in das Boot gekommen war, sagt
-deutlich, wie sehr er trotz seines guten Gewissens uns fürchtet; ich
-mache die Sache daher kurz und lasse ihm sagen, daß ich mit der Absicht
-hergekommen sei, ihn wegen der Ermordung eines Deutschen zur Rechenschaft
-zu ziehen, mich aber freue zu hören, daß die betreffende Nachricht
-falsch gewesen sei und ich ihn daher jetzt nur aufsuche, um ihm meinen
-Besuch zu machen. Die ihm gewordene Mittheilung veränderte schnell seinen
-Gesichtsausdruck, die Angst schwand und machte lachender Heiterkeit Platz,
-indem er mir gleichzeitig in gebrochenem Englisch sagte, daß ich ein gutes
-Kriegsschiff sei, weil ich nach meinen Landsleuten sähe. Danach ließ er
-mir durch den Dolmetscher mittheilen, daß der Urheber jenes Gerüchts
-ein wegen Unfug von der Insel gewiesener Samoaner sei, und ließ mich
-noch bitten, denselben einzufangen und ihm zu überliefern, damit er ihn
-todtschlagen lassen könne. Wir fuhren nun in meinem Boote zur nächsten
-Stadt, damit der König mich in einem seiner Häuser empfangen könne.
-Sein großes Segelkanu, welches in der Takelage als besonderes Abzeichen
-dieselben schwarzen Hahnenfedern wie das Allerheiligste in Tapituwea
-trägt, folgte uns. Nach kurzer Zeit waren wir an unserm nächsten Ziel
-angelangt und wurden dort von dem in ein langes Frauengewand gekleideten
-Vater[C] des Königs empfangen. Dieser führte uns in eine große Hütte,
-wo wir uns auf Matten lagerten. Die Bauart der Häuser hier ist dieselbe
-wie in Tapituwea, doch liegen dieselben nicht einzeln verstreut, sondern
-sind in Reihen und Viertel regelmäßig aufgebaut, sodaß zwischen den
-Häuserreihen sich gerade und gutgehaltene Straßen hinziehen. Man sieht
-gleich, daß hier Ordnung herrscht, daß nur Ein Wille regiert, welcher die
-Bewohner zur Ordnung zwingt. Die Hütten sehen durchweg ebenso ordentlich
-und sauber aus wie die Menschen. Wunderbar wirkt der Contrast zwischen
-der nicht weit abliegenden Insel Tapituwea und dieser Insel, dort die
-schrankenloseste Anarchie, hier Gesetz und Ordnung. Die Frauen, oder doch
-wenigstens die Mädchen scheinen von den Männern getrennt zu wohnen, denn
-als meine Bootsgäste nach einem bestimmten Stadtviertel hingingen, wurde
-ich gebeten, sie von dort wegzurufen, weil jenes Viertel die Wohnung der
-Frauen sei.
-
- [C] Der Vater des Königs ist ein Mann von etwa 45 Jahren und
- hat auf die Königswürde verzichtet, sobald sein Sohn erwachsen
- war. Genügender Grund für diese Abdankung war, daß die Mutter
- seines Sohnes, also seine eigene Frau, edleres Blut hat wie
- seine Mutter hatte.
-
-Die Männer tragen als Kleidung eine um den Körper geschlungene steife
-Matte, welche von dem Magen bis zu den Knien reicht und über den Hüften
-mit einer umgelegten Schnur zusammengehalten wird. Die Frauen tragen
-denselben schmalen Gürtel von schwarzem Gras, wie ihre Schwestern in
-Tapituwea. Die Hautfarbe ist ein schönes Braun, zwar sehr viel dunkler
-als das der Samoaner, als Farbe aber schöner, auch sieht die Haut dieser
-Menschen weicher und sammetartiger aus als diejenige der hellergefärbten
-Polynesier. Das glänzend schwarze, schlichte Kopfhaar wird auch, ebenso
-wie in Tapituwea, von beiden Geschlechtern gleich lang getragen, nach
-altdeutscher Art vorn an der Stirn kurz abgeschnitten und an den Seiten
-wie hinten bis zur Schulter herabhängend, doch haben die Männer hier das
-Haar vielfach noch in der Mitte gescheitelt. Schmuck wird nur von den
-Männern in der Form von Halsketten getragen. Tätowirt sind vorzugsweise
-die Frauen und zwar merkwürdigerweise ausschließlich auf dem Rücken.
-Dieser ist von dem Hals bis zu den Hüften mit einem Muster versehen,
-welches demjenigen einer mit Holznadeln gestrickten blauen Jacke
-täuschend ähnelt; das Muster schneidet an beiden Seiten in einer geraden
-Linie von der Achselhöhle bis zum Hüftknochen ab, sodaß genau der halbe
-Oberkörper auf seiner Rückseite tätowirt ist und auf seiner Vorderseite
-die natürliche Hautfarbe zeigt. Außer dieser Malerei haben die Frauen
-noch auf beiden Armen einen ½ cm breiten blauen Strich eingeätzt, welcher
-genau in der Mitte auf dem halben Oberarm und zwar an der Außenseite
-beginnt, sich nach innen über das innere Ellenbogengelenk hinzieht und
-auf der Innenseite in der Mitte des halben Unterarms abschneidet. Dieser
-Strich ist beim Tanzen von großem Effect und hebt die graziösen Bewegungen
-des Armes besonders hervor, weil er hierbei fortwährend seine Zeichnung
-verändert und dadurch die Stellung des Armes schärfer hervortreten läßt.
-Ich glaube, daß ein solcher Armstrich bei unsern Damen modern werden
-würde, wenn sie den Reiz, welcher in ihm liegt, kennen würden. Zur
-Vervollständigung des Vorstehenden sei noch bemerkt, daß die vornehmen
-Frauen eine sehr viel hellergefärbte Haut als das niedere Volk haben,
-weil sie zur Erhaltung der als schöner geschätzten hellen Hautfarbe sich
-nie den Sonnenstrahlen aussetzen und am Tage eigentlich immer im Hause
-bleiben.
-
-In dem Hause des Königs fanden wir noch seine aus einem alten
-Thonpfeifenstummel rauchende Mutter und seine Schwester. Die letztere
-hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem König und war, wenn auch
-nicht ganz so stark wie er, doch eine gehörig schwere Person, deren
-Fleischmassen wol nur deshalb nicht so auffielen, weil sie eben so
-ziemlich unbekleidet war. Bei dieser Gelegenheit, wie auch nachher bei
-dem großen Tanz, lernte ich kennen, mit welcher Geschicklichkeit die
-Weiber mit dem dünnen, fast durchsichtigen Grasgürtel stets decent bedeckt
-bleiben. Beim Gehen schweben die Gräser so schnell hin und her, daß sie
-undurchsichtig bleiben, beim Hinsetzen werden mit großer Geschicklichkeit
-die Grashalme von den Seiten weg gleichmäßig nach hinten und vorn
-gestreift, sodaß die mit gekreuzten Beinen sitzenden Frauen eigentlich
-nackter wie vorher, aber dennoch schicklich verhüllt sind.
-
-Während wir in der schattigen kühlen Hütte lagen, rauchten und die
-Königsfamilie mit Aepfelwein tractirten, entfernte sich der König auf
-kurze Zeit, um Befehle für einen Tanz zu geben und sich schön zu machen,
-denn bald kam er schmunzelnd in einem ganz neuen feinen grauen Tuchanzug
-wieder. Um uns herum wurde es in den Hütten lebendig, die Vorbereitungen
-für den Tanz nahmen ihren Anfang. Nach einer Stunde wurden wir nach einem
-andern Theil der Stadt in das dort liegende große Berathungshaus geführt.
-Dasselbe hat ungefähr dieselben Dimensionen und dieselbe Einrichtung wie
-das auf Tapituwea, nur daß hier an den Seiten unter dem Dach mehrere
-Todtenschädel in gleichmäßigen Abständen aufgestellt sind; dieselben
-sollen von erschlagenen Feinden herrühren, doch vermuthe ich, daß es
-die Schädel der vor sechs Jahren erschlagenen Schiffsmannschaft sind.
-In und bei dem Hause ist die ganze Bevölkerung des Platzes anwesend: die
-Tänzer und Tänzerinnen in dem Hause, die Zuschauer außerhalb desselben.
-Die tanzenden Männer stehen auf der einen schmalen Seite des Hauses,
-das Gesicht dem Allerheiligsten zugekehrt, die tanzenden Frauen ihnen
-gegenüber auf der andern Seite, sodaß sie sich gegenseitig ansehen. Beide
-Parteien sind in der Front je 16 Köpfe stark, in der Tiefe jedoch haben
-die Weiber neun Glieder, die Männer dagegen nur fünf. Es sind demnach
-bei dem Tanz etwa 140 Weiber und 80 Männer betheiligt. Der König lagert
-sich, mit dem Gesicht den Frauen zugekehrt, vor dem Allerheiligsten, wir
-nehmen mit dem Vater des Königs in der Mitte zwischen beiden Parteien an
-der einen Langseite des Hauses Platz. Weder der König noch wir werden bei
-unserm Eintreffen begrüßt, die Tänzer stehen in bequemer Haltung auf ihren
-Plätzen, verhalten sich ruhig und betrachten nur neugierig uns Fremdlinge.
-Ehe der Tanz beginnt verstreichen einige Minuten, welche uns gestatten,
-die vor uns stehenden Menschenreihen in Ruhe oberflächlich zu mustern.
-Die Männer unter sich, wie die Weiber sind ganz uniform bekleidet; die
-Männer tragen reine hellgelbe Matten, wie vorher schon beschrieben, die
-Weiber haben um den Hals und über ihrem schwarzen Grasgürtel einen grünen
-Blätterschmuck angelegt, welcher ihnen gut steht. Dieser Schmuck ist in
-der Weise aus dem Blatt der Kokospalme gewonnen, daß das Blatt in der
-Mitte seiner Rippe der Länge nach getheilt wird und je ein halbes Blatt
-als Gürtel oder als Halsband dient, indem die langen schmalen Blätter
-strahlenförmig herabhängen. In beiden Lagern sind die ältern Mitglieder
-in den ersten Reihen, die jungen und hübschen stehen hinten, wol weil
-sie noch nicht sicher genug sind, und ganz hinten stehen die Kinder, für
-welche eine derartige Aufführung gleichzeitig eine Unterrichtsstunde ist.
-
-In den Reihen der Männer fällt mir, noch mehr als dies in Tapituwea
-der Fall war, die große Verschiedenheit in den Gesichtszügen auf. Da
-stehen gerade vor mir drei Männer mit so charakteristischen Köpfen, daß
-ich nicht umhin kann, sie mit europäischen Männern und zwar mit solchen
-ganz bestimmter Berufsklassen zu vergleichen. Der eine ist ein großer,
-stattlicher, starker Mann, 40-50 Jahre alt, mit kurzer dicker Nase,
-langem bis unter die Ohren reichenden Haupthaar und kurz geschnittenem
-Bart, welcher, als schmale Krause von den Ohren unter das Kinn laufend,
-das sonst sorgfältig rasirte breite Gesicht einrahmt. Der Mann gibt das
-getreue Abbild eines in guten Verhältnissen lebenden Pädagogen. Neben
-diesem steht in gebückter Haltung ein altes dürres Männchen mit schmalem
-Gesicht, feiner, schmaler, schön geformter Nase und stechenden Augen,
-welcher das dünne graue Haar von der hohen Stirn und aus den Schläfen nach
-hinten gestrichen hat, ein langer grauer Bart fällt bis auf die Brust
-herab. Bei uns würde der Mann als tiefer Denker und Gelehrter passiren.
-Der dritte ist eine merkwürdige Erscheinung, wie sie im Leben nur selten
-angetroffen wird und die man dann als etwas Räthselhaftes betrachtet.
-Auf Bildern aus der Biblischen Geschichte figuriren solche Gestalten
-als Apostel oder als Märtyrer aus der ersten Christenzeit. Der Mann ist
-über sechs Fuß groß mit auffallend schmalen Schultern, das in der Mitte
-gescheitelte und bis auf die Schulter herabfallende Haar umrahmt ein
-schmales feines Gesicht, die tiefliegenden Augen strahlen ein fanatisches
-Feuer aus, eine auffallend feine, etwas gebogene Nase veredelt das nur mit
-einem kleinen dünnen Schnurrbart versehene Gesicht, aus welchem über den
-eingefallenen fleischlosen Backen die Backenknochen scharf hervortreten.
-Der ganze Körper, welchem jede Rundung fehlt, zeigt nur Muskeln und Sehnen
-und gibt so das Bild eines zähen, widerstandsfähigen Menschen, dessen
-Gesichtsausdruck zu sagen scheint, daß die in dieser zähen Hülle wohnende
-Seele auch den Körper zu jeder That zu zwingen weiß, wenn es gilt, einen
-gefaßten Entschluß durchzuführen.
-
-Wenn es mich nicht zu weit führte, könnte ich noch ein halbes Dutzend
-solcher charakteristisch aussehender Menschen beschreiben, doch genügen
-wol diese drei Beispiele allein zum Verständniß der merkwürdigen
-Empfindung, welche mich beschlich, als ich bedachte, daß diese Männer nun
-vor uns einen sinnlosen Tanz aufführen sollten.
-
-Die Reihen der Weiber zeigen auf den ersten Blick, daß hier die ganze
-Stadt zu dem Tanze aufgeboten ist, denn in denselben ist nicht nur jedes
-Alter vertreten, sondern auch die alte Mutter und die Schwester des Königs
-füllen ihren Platz unter den Tänzerinnen aus.
-
-Die Weiber beginnen den Tanz, ihnen folgen nachher die Männer, und
-so geht es abwechselnd eine Stunde lang fort, indem immer eine Partei
-tanzt und die andere währenddessen ruht. Hätten wir die Zeit, Geduld
-und Lust gehabt, dem Tanze länger zuzusehen, dann würden die Leute wol
-mehrere Stunden mit diesem Vergnügen ausgefüllt haben, welches keine
-Abwechselung bietet, da der Tanz auf beiden Seiten immer in denselben
-Bewegungen besteht und die kleinen Abweichungen, welche durch den Sinn
-des Darzustellenden bedingt werden, kaum in die Augen fallen oder doch
-von uns nicht verstanden wurden. Zu jedem Tanz werden einige sich stets
-wiederholende Strophen gesungen, deren Worte die Erklärung des Tanzes,
-die Töne die erforderliche monotone Musik geben. Die Durchführung des
-Tanzes ist im ganzen tadellos, Gesang und Bewegungen halten sich in so
-vollkommenem Rhythmus, daß die ganze Masse nur von =einem= Willen geleitet
-zu sein scheint und sich in Bezug auf Gleichmäßigkeit der ganzen Handlung
-mit dem besten europäischen Ballet messen kann. Die Darstellungen beziehen
-sich natürlich nur auf Episoden, welche in dem Leben dieser Insulaner
-vorkommen. Der Tanz der Männer soll vorzugsweise den Krieg, Walfisch-
-und Haifischfang u. dgl. vorstellen; der der Weiber gibt im Bilde die
-Begrüßung von Gästen, Fischfang, Nachhut im Kriege, Bootsfahrten u. s. w.
-wieder. Der Tanz der Männer besteht hauptsächlich darin, daß sie auf ihrem
-Platze ein Bein nach dem andern schnell aufheben, sich jäh von einer
-Seite zur andern drehen und dabei mit der flachen linken Hand auf die
-steife Matte, mit der hohlen rechten sich unter die linke Brust schlagen
-und so den Lärm des Gesanges noch durch ein geräuschvolles Geklapper und
-Geklatsche unterstützen. Ein oder zwei Vorsänger, welche nur mit den Armen
-gesticuliren, singen erst eine Strophe, auf welche dann die ganze Masse
-mit den obengenannten Bewegungen, mit Gesang, Geklapper und Geklatsche
-einfällt. Beim Walfischfang treten noch Bewegungen des Oberkörpers hinzu,
-welche das angestrengte Ziehen verbildlichen sollen, das zum Aufschleppen
-des Fisches auf das Land erforderlich ist. Beim Kriege werfen sich
-plötzlich alle bis auf zwei Führer als todt nieder, bis sie von diesen
-wieder zum Leben zurückgerufen werden. Der Haupteindruck eines solchen
-Tanzes auf den Europäer ist der eines ganz ungeheuern Lärmens.
-
-Der Tanz der Weiber unterscheidet sich insofern auffallend von demjenigen
-der Männer, als er in sanften und ruhigen Bewegungen besteht, während
-dieser einen durchaus jähen und wilden Charakter hat. Dies ist deshalb
-merkwürdig, weil auf den Südsee-Inseln sonst die Weiber nicht nur die
-Männer in feuriger und leidenschaftlicher Ausführung des Tanzes zu
-übertreffen suchen, sondern sie auch wirklich übertreffen, wenigstens
-ist dies auf den Gesellschafts- und Samoa-Inseln der Fall. Der Tanz der
-Frauen besteht hier eigentlich nur in graziösen Armbewegungen und die
-Beine treten nur in Action, um den Körper in gemessenem Tempo nach rechts
-und links zu drehen, einige Schritte zurückzugehen und dann wieder den
-alten Platz einzunehmen, wobei das Ganze ohne Commando so exact arbeitet,
-wie es eine gut einexerzirte Truppe auf dem Paradeplatz nicht besser
-machen kann. Zuweilen allerdings wird auch der Plan insofern verändert,
-als die vordern Reihen nach hinten gehen und die hinten stehenden nach
-vorn durchpassiren lassen, und dies ist dann der Zeitpunkt, wo man einen
-Blick auf die jugendlichen Gestalten werfen kann. Der Gesang, welcher mit
-vollen Lungen und so kräftig wie möglich gegeben wird, erhält auch noch
-eine Verstärkung durch Klatschen, doch lassen die Frauen ihre linke Hand
-nur leicht auf den raschelnden Grasschurz fallen, was ein leises Rauschen
-verursacht; mit der hohlen rechten Hand schlagen sie sich aber auch ganz
-kräftig unter die linke Brust, doch immerhin etwas zarter als die Männer
-dies thun. Eine Darstellung, welche für uns wahrhaft ohrenzerreißend
-war, scheint in besonderm Ansehen zu stehen; bei dieser bemüht sich
-jedes Frauenzimmer, von dem ältesten Mütterchen bis zum kleinen Kinde,
-im höchsten Discant so laut wie möglich zu kreischen, und was das in
-solch geschlossenem Hause von über 140 kräftigen Lungen ausgeführt zu
-bedeuten hat, kann jeder sich gewiß denken. In grellem Gegensatz zu diesem
-Höllenlärm, welcher wahrscheinlich im Kampfe den Gegner schrecken und
-die streitenden Männer der eigenen Partei unterstützen soll, steht die
-Schilderung einer Bootsfahrt. Mit leisem Gesang und ganz leisem Geklatsche
-beginnt die Gruppe sich nach rechts und links, vorwärts und rückwärts
-zu bewegen; das Ganze wogt in schönster Gleichmäßigkeit auf und ab und
-die Intervalle zwischen den einzelnen Personen sind mit schönen Armen
-ausgefüllt, welche die Ruderbewegungen nachahmen. Gesang und Klatschen
-werden immer leiser, nur ein leises Summen ist noch zu hören, auch dieses
-verstummt, und der Zuschauer, welcher vorher durch den Lärm zu sehr in
-Anspruch genommen wurde, findet jetzt erst Gelegenheit, die schönen hin-
-und herschwebenden Gestalten zu bewundern und sich an dem vortrefflichen
-Beinwerk zu erfreuen, welches die Natur diesen Menschen geschenkt hat. Es
-ist wirklich ein Genuß, dieses leichte Spiel der schönen Glieder zu sehen.
-
-Als abweichend von den Tänzen anderer Inselvölker, wo die ganze
-Leidenschaft sich in den Gesichtszügen abspiegelt, fiel mir hier auf, daß
-Männer wie Frauen ihren Gesichtsausdruck an dem Tanze nicht theilnehmen
-ließen und diesem nach unsern Begriffen somit einen höhern Kunstwerth
-verleihen, indem der Zuschauer sich eben ganz in die mimische Darstellung
-der durch die Körperbewegungen angedeuteten Bilder vertiefen kann.
-
-Der König zeigte anscheinend, ebenso wie die andern Zuschauer, wenig
-Interesse an dem Tanz und beschäftigte sich während der ganzen Zeit mit
-einem etwa sieben Jahre alten weißen Kinde, welches ihm kurz nach dem
-Beginn des Tanzes gebracht worden war. Auf meine erstaunte Frage, wie das
-weiße Kind hierher käme, wurde mir geantwortet, daß es ein Kind einer
-Schwester des Königs und ein Albino sei, welche hier wie in Polynesien
-häufig vorkommen. Sobald man erst darauf aufmerksam gemacht war, konnte
-man aus dem scheuen Wesen des Kindes auch schon aus der Entfernung den
-Albino erkennen. Der König selbst ist kinderlos und hat nur adoptirte
-Töchter, da hier wie auch bei den Samoanern jeder hohe Häuptling zur
-Aufrechterhaltung seiner Stellung eine erwachsene Tochter haben muß.
-Dieselbe ist gewissermaßen eine unentbehrliche Hofcharge.
-
-Als wir genug gesehen hatten, ließ ich dem König mittheilen, daß ich jetzt
-auf mein Schiff zurückfahren würde, und lud ihn gleichzeitig ein, mit mir
-zu kommen, um sich das Schiff anzusehen. Er nahm die Einladung an, wir
-gingen zu meinem Boot, wurden dort indeß noch etwas zurückgehalten, weil
-der König mir als Geschenk Waffen und Kokosnüsse zugedacht hatte, welche
-noch nicht zur Stelle waren. Ich erhielt einige sehr schön gearbeitete
-Speere, eine kurze dolchähnliche Waffe, einen Panzer aus Kokosnußfasern
-und mehrere hundert Kokosnüsse, im ganzen so viel, daß in der Gig für
-uns kaum Platz übrigblieb und wir für die lange Fahrt nur sehr unbequeme
-und harte Sitze fanden. Endlich gegen 4 Uhr kamen wir fort, nachdem die
-Einschiffung des Königs noch einige Schwierigkeiten gemacht hatte. Er
-erwies sich als zu schwer, um von zwei Matrosen durch das Wasser bis
-zum Boot getragen zu werden, der Versuch wurde daher aufgegeben und auf
-Zuruf kamen dann aus seinem Kanu vier Eingeborene mit einer Art tragbarer
-Brücke, auf welcher der König stehend bis zum Boot getragen wurde. Die
-Dampfpinnasse spannte sich vor mein Boot, wir dampften ab, des Königs Kanu
-folgte unter Segel; so kamen wir kurz nach 5 Uhr auf der „Ariadne“ an.
-Der dicke König war durch die Seefahrt, durch das unbequeme Sitzen und
-schließlich durch die Angst bei dem nicht ganz gefahrlosen Aussteigen,
-das für einen so beleibten Herrn bei dem hohen Seegang und dem starken
-Strom äußerst schwierig war, so angegriffen, daß ich ihn vor allen
-Dingen speisen und tränken mußte. Ein kaltes gebratenes Huhn beschrieb,
-von seinen Händen gefaßt, vor seinem Gesicht die wunderlichsten Linien
-und wurde zusehends dünner, die halbe Flasche Champagner war so schnell
-leer, daß der königliche Herr mit strahlendem Gesicht um eine zweite
-bat. Die Befriedigung, welche Essen und Trinken hervorgebracht, hielt
-allerdings nicht lange an, denn die dem König vorgemachten Exercitien
-mit blindem Schießen und Kleingewehr-Schnellfeuer waren bei ihm von so
-durchschlagender Wirkung, daß der arme Mann bleich und zitternd sich kaum
-zu halten vermochte und sich so scheu nach allen Seiten umsah, daß ich es
-für räthlich hielt, ihn schleunigst in ein geheimes Cabinet zu führen.
-Was er da gemacht, weiß ich nicht, nur so viel weiß ich, daß er nach
-einiger Zeit, wenn auch noch bleich, doch mit beruhigten Mienen wieder
-zum Vorschein kam. So viel steht aber fest, daß er an die Freude, welche
-er vorher beim Essen und Trinken empfunden hatte, nicht mehr dachte.
-
-Wenn ich es wegen der vorgerückten Tageszeit auch schon aufgegeben hatte,
-noch an demselben Tage die Weiterreise anzutreten, so wollte ich doch den
-König nicht länger an Bord behalten, weil ich ihn wegen der in Ansehung
-des starken Stromes gefährlichen Passage noch vor Dunkelwerden sicher an
-Land sehen wollte. Der dicke Herr erhielt daher seine Geschenke, eine von
-dem Consul zu dem Zweck mitgebrachte Wanduhr, sowie sechs halbe Flaschen
-Champagner, und wurde dann in sein Kanu befördert.
-
-Unsere samoanische Dolmetscherin, welche mit ihrem schneeweißen Bündelchen
-in der Hand dem König an Land folgte, hatte ein Kistchen Cigaretten
-erhalten. Beim Weggehen sagte noch der König, sich scheu umsehend, daß
-solch ein Schiff denn doch zu stark wäre, um dagegen kämpfen zu können;
-der Zweck, ihm Furcht vor den überlegenen Waffen der Europäer zu machen,
-war somit erreicht. Solche militärische Schaustellungen versehen den
-Eingeborenen gegenüber denselben Zweck wie ihre Tänze und werden von
-den Kriegsschiffen daher benutzt, um die von den Eingeborenen gegebenen
-Festlichkeiten zu erwidern, dabei gleichzeitig aber auch den Wilden
-die Macht einer solchen Kriegsmaschine zu zeigen und sie dadurch von
-Gewaltthätigkeiten gegen Angehörige derselben Flagge abzuhalten. Häufig
-allerdings begehen die Kriegsschiffe den Fehler, diesen Wilden mit den
-großen Kanonen etwas vorzuknallen, was verhältnißmäßig wenig Eindruck
-macht, weil sie dies schon oft gehört haben. Ein Schnellfeuer mit den
-Gewehren ist das, was die Wilden erzittern und erbeben macht, denn dieses
-fortwährende Geknatter ohne Aufhören, benimmt ihnen vollständig die
-Besinnung.
-
-Während der Fahrt von der Stadt nach der „Ariadne“ zurück hatte der
-König mich wiederholt um eine Bescheinigung gebeten, daß ich auf seiner
-Insel alles in der besten Ordnung vorgefunden habe. Ich konnte ihm
-der Wahrheit gemäß antworten, daß ich, soweit die kurze Zeit mir einen
-Einblick gestattet habe, allerdings die beste Ordnung anerkennen müsse,
-ich aber trotzdem zur Ausstellung eines derartigen Zeugnisses mich nicht
-für befugt hielte. Würde er indeß in ein ähnliches Vertragsverhältniß
-wie der König von Funafuti zu uns treten, dann läge die Sache anders
-und ich würde dann gern seiner Bitte entsprechen. Ich wollte hierdurch
-den Boden für den Abschluß einer ähnlichen Uebereinkunft ebnen, weil der
-Mangel eines der Apamama-Schriftsprache mächtigen Dolmetschers mir nicht
-gestattete, schon jetzt in der Sache vorzugehen. Der König ließ sich
-erklären, um was es sich bei solcher Uebereinkunft handle, und war dann
-gleich zu dem Abschluß einer solchen bereit. Ich hätte nun im Beisein von
-Zeugen ihn eine in deutscher Sprache ausgefertigte Verhandlung mit seinem
-Handzeichen versehen lassen können, doch werden derartige Abmachungen so
-oft von böswilliger Seite als erschwindelt bezeichnet, daß ich ablehnte,
-unter dem Vorwande, er müsse selbst erst lesen und schreiben lernen, damit
-er auch selbst den Inhalt der niedergeschriebenen Abmachung beurtheilen
-könne. Hierbei kam denn nun heraus, daß der König schon mit dem Studium
-des Lesens und Schreibens begonnen hat und zwar, um den Unterricht seiner
-Unterthanen zu ermöglichen. Er will nicht zugeben, daß seine Unterthanen
-mehr wissen wie er selbst, und hat sich als tüchtiger Landesvater daher
-dazu entschlossen, selbst sofort das Nothwendige zu lernen, um der
-Fortbildung seiner Unterthanen nicht im Wege zu stehen. Nach allem,
-was ich hier gesehen habe, komme ich zu dem Schluß, daß der König von
-Apamama in seiner Sphäre ein hervorragender Mann ist und entschiedene
-Herrschertugenden besitzt.
-
-Am nächsten Morgen, am 22., verließ ich Apamama wieder und langte am
-23. nachmittags vor der Insel Taritari an, welche im Verein mit Makin
-das nördlichste Königreich der Kingsmill- (Gilbert-)Inseln bildet.
-Ich hatte die Absicht in die Lagune einzulaufen, fand aber die Karte
-so falsch, daß ich mich an die Einfahrt mit dem Loth erst hinanfühlen
-mußte und das kostet viel Zeit. Da wir außerdem auch noch vielfach durch
-Gewitterböen, welche alles in dichten Regen hüllten und somit jedes
-Erkennen des Landes und der Untiefen unmöglich machten, belästigt wurden,
-so rückte der Abend heran, die Dunkelheit überraschte uns in der Einfahrt
-und ich mußte gezwungenermaßen da, wo ich mich gerade befand, ankern,
-weil wir andererseits wieder zu weit vorgedrungen waren, um noch bei
-Tageslicht die offene See zurückgewinnen zu können. Unser Zweck war hier
-nur eine Recognoscirung, ob diesem Platze oder Apamama der Vorzug als
-Centralstation für den Handel zwischen diesen Inseln zu geben sei, um
-danach beurtheilen zu können, welches die bessere Kohlenstation sei, für
-den Fall, daß unsere Regierung eine solche hier zu erwerben wünsche; ich
-hatte daher unsern Aufenthalt hierselbst auf nur 24 Stunden angesetzt.
-
-Zu guter Zeit machten wir uns am nächsten Tage bei trübem Wetter mit
-den Booten auf den Weg nach dem mehrere Seemeilen entfernten Wohnort
-des Königs. Nach einer zweistündigen Fahrt, während welcher auch das
-Fahrwasser daraufhin untersucht wurde, ob es brauchbar für größere
-Schiffe sei, langten wir endlich bei der sogenannten Stadt an und
-hatten, da es gerade Niedrigwasser war, einen weiten Weg durch nassen
-Sand zu machen. Der erste Eindruck, welchen wir beim Landen empfingen,
-war grundverschieden von dem, welchen wir von den letztbesuchten Inseln
-mitgebracht hatten. Obgleich diese Insel von derselben Formation und
-Bodenbeschaffenheit wie Apamama ist, von derselben Menschenrasse bewohnt
-wird und nur eine Tagereise von dieser entfernt liegt, ist hier doch alles
-anders und findet sich die einzige Uebereinstimmung nur in der Tracht der
-Frauen.
-
-Die Wohnungen bestehen entweder in kleinen Hütten mit geschlossenen
-Seitenwänden, welche auf Pfählen ruhen und bei Hochwasser von der See
-unterspült werden, oder aus Hütten nach Art der Samoahäuser, d. h. aus
-hohen Laubdächern, die von vier Fuß hohen Pfählen getragen werden.
-Die erstere Art soll jedenfalls Schutz gegen die hier wie auf allen
-Südseeinseln herrschende Rattenplage gewähren. Die Frauen tragen, wie
-schon bemerkt, als Kleidung einen schmalen Grasschurz, die Männer ein
-Hüfttuch aus buntem Baumwollstoff, die Kinder beiderlei Geschlechts gehen
-bis zu einem ziemlich reifen Alter ganz nackt. Die Frauen tragen das Haar
-hinten länger, die Männer kürzer als auf den südlicher gelegenen Inseln.
-Tätowirung habe ich nicht wahrgenommen. Bei unserer Ankunft fanden wir so
-ziemlich die ganze männliche Bevölkerung betrunken und damit beschäftigt,
-der Branntweinflasche noch weiter zuzusprechen. Ob ein vor wenigen Tagen
-hier gewesener englischer Schooner die empfangenen Waaren mit diesem Gift
-bezahlt hatte oder ob das Getränk von hier wohnenden Chinesen gekauft war,
-um ein Fest zu feiern, weiß ich nicht; ich vermuthe aber das erstere. Um
-zum König zu gelangen, mußten wir einen Weg von etwa drei Viertelstunden
-zurücklegen, wobei wir ununterbrochen zur Rechten und Linken an Gruppen
-betrunkener Männer vorbeikamen. Hier und da versuchten zwei oder drei
-Weiber einen Mann wegzuschaffen; es werden wol seine Frauen gewesen sein.
-Trotzdem auf diesen Inseln ein Mangel an weiblicher Bevölkerung vorhanden
-ist, herrscht doch Vielweiberei. Nur die höhere Kaste darf sich den Luxus
-einer oder mehrerer Frauen gestatten, die Männer der niedern Kaste gelten
-als Sklaven und sind zur Ehelosigkeit verurtheilt.
-
-Als wir etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, trafen wir bei
-einer Frischwassercisterne, deren es viele auf der Insel gibt und welche
-wahre Brutstätten der Mosquitos sind, zwei Frauen, welche hier in Flaschen
-und Kokosnußschalen Wasser geholt hatten und eben den dicken Stock, in
-dessen Mitte der Korb mit dem Wasser hing, auf ihre nackten Schultern
-hoben. Auf unsere Frage, ob wir auf dem richtigen Weg zum König seien,
-erhielten wir eine bejahende Antwort und wurden bedeutet, ihnen nur zu
-folgen, da sie auch dorthin gingen. Dann gesellte sich auch noch ein
-nüchterner Mann zu uns, mit dem Anerbieten, uns zu führen. Ich erwähne
-die vorgenannten beiden Frauen hier, weil ich die eine näher beschreiben
-muß, da sie sowol durch ihr ungewöhnliches Gesicht, wie ihren feinen
-elastischen Körper jedem auffallen mußte. Da sie ferner das hintere Ende
-des Stockes trug, so ging sie gerade vor mir und ich hatte auf diese Weise
-genügende Zeit, sie zu beobachten. In dem feinen ovalen Gesicht, welches
-sich nach dem Kinn hin in schönen Linien verjüngt, fesseln unwillkürlich
-die großen mandelförmigen Augen, deren tiefschwarze Augensterne ein
-mildes Feuer ausstrahlen. Die von der schönen feinen Stirn auslaufende
-feine, etwas scharf gebogene Nase macht durch ihre Größe das Gesicht
-interessant. Der kleine Mund mit seinen frischen schwellenden Lippen,
-welche dem scharfgeschnittenen Gesicht wieder etwas außerordentlich
-Kindliches gaben, sowie zwei Reihen schöner Perlenzähne passen zu dem
-feinen schmalen Kinn. Einige dunkle Leberflecke von der Größe einer Linse
-heben sich von den braunen Wangen scharf ab und passen so vollkommen in
-dieses Gesicht 'à la' Marie-Antoinette, daß man sich dasselbe ohne sie gar
-nicht denken kann. Auch das starke Haar gibt dem Kopf noch etwas Apartes,
-denn dasselbe ist nicht, wie sonst hier, schlicht, sondern fällt in
-scharf gekräuselten Wellen wie eine Mähne bis auf den halben Rücken herab.
-Der Hals ist schlank und sitzt tadellos auf den vollen nicht zu breiten
-Schultern; die übrigen Körperlinien sind von zweifelloser Schönheit, wie
-auch Arme, Hände und Füße. Der ganze Körper zeigt die reizende Fülle und
-Rundung der eben vollaufgeblühten Jungfrau; das reizende Geschöpf ist mit
-einer aufbrechenden Knospe zu vergleichen, welche mit unwiderstehlicher
-Jugendfrische dem Leben entgegenquillt. Die kleine zierliche, dicht
-vor mir gehende Person trägt ihre schwere Last mit beneidenswerther
-Leichtigkeit. Der elastische Oberkörper paralysirt das auf die Schultern
-drückende schwere Gewicht durch schlangenartige Bewegungen, in den runden
-Hüften findet man den Abschluß der über ihnen liegenden Anstrengung,
-darunter schreiten die zierlichen Beine so leicht aus, als ob sie gar
-nichts zu tragen hätten. Hiermit harmonirt auch das Gesicht, welches
-die kleine Insulanerin jedesmal nach Zurücklegung einiger Schritte uns
-zuwendet, um sich sorglos lachend nach uns umzusehen.
-
-Der Weg ist mir trotz der drückenden Hitze außerordentlich kurz geworden,
-ein vor uns liegendes Haus wird uns als die Wohnung des Königs bezeichnet,
-der Eintritt aber noch verwehrt mit dem Ersuchen, etwa 20 Schritte davon
-entfernt noch etwas zu warten. Das offene Haus gestattet uns zu sehen,
-daß mehrere Weiber damit beschäftigt sind, dem König ein Hemd anzuziehen,
-und darin finden wir die Erklärung der Verzögerung. Nach Beendigung der
-Toilette werden wir ersucht näher zu treten und nehmen auf ausgebreiteten
-Matten neben dem jungen, auf dem Todtenbette liegenden Manne Platz. Der
-König liegt auf Matten, ist durch Kissen unterstützt und durch leichte
-Vorhänge gegen die Sonne geschützt. Sechs seiner Frauen sind fortwährend
-um ihn beschäftigt, ihm kleine Handreichungen zu leisten, Kühlung
-zuzufächeln und die lästigen Fliegen und Mosquitos von ihm fern zu halten.
-Er muß früher ein schöner Mann gewesen sein, liegt jetzt an einer von den
-Europäern hierher verpflanzten, hier nicht näher zu nennenden Krankheit
-hoffnungslos darnieder und sieht in einem Alter von 35 Jahren täglich
-seiner Auflösung entgegen. An ihm fiel mir als merkwürdig auf, daß seine
-Fingernägel etwa 5 cm lang waren. Ich war bisher in dem Glauben befangen,
-daß diese Sitte nur in China zu Hause sei, mußte aber hier hören, daß auf
-Taritari und Makin schon seit alters her und jedenfalls seit länger als
-man hier Kenntniß von China hat, von den Vornehmen dieses Abzeichen der
-Herren, welche nicht zu arbeiten brauchen, getragen wird.
-
-Bei dem körperlichen Zustand des Königs war weder daran zu denken,
-irgendwelche Abmachungen zu treffen, noch konnten die wüste Wirthschaft
-hier und auch nicht die örtlichen Verhältnisse diesen Platz als geeignet
-für eine Centralhandelsstation erscheinen lassen. Ich beschränkte
-mich daher darauf, dem König eine anständige Behandlung der etwa hier
-verkehrenden Deutschen zur Pflicht zu machen. Eine halbe Stunde nach
-unserm Eintreffen waren wir wieder auf dem Rückwege zu unsern Booten,
-trafen kurz nach 12 Uhr nachmittags auf der seeklarliegenden „Ariadne“
-ein und suchten gegen 1 Uhr wieder die offene See auf, unsern Curs nach
-den Marshall-Inseln nehmend.
-
-
-
-
-12.
-
-Die Marshall-Inseln.
-
-
- 4. December 1878.
-
-Nun liegen auch die Marshall-Inseln wieder hinter mir und mit diesen eine
-ereignißreiche kurze Zeit. Die deutschen Handelsinteressen sind hier so
-bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor der Begehrlichkeit anderer
-Nationen zu schützen, zu weitergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich
-ursprünglich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, dereinst dazu
-führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt werden können.
-
-Am 26. November kam mit Tagesanbruch Jaluit (spr. Dschalúit), die
-Hauptinsel der westlichen Marshall-Gruppe, welche die Ralickkette
-genannt wird, in Sicht. Eine kräftige Regenbö brachte das unter schwerem
-Segeldruck sich schüttelnde Schiff bald vor die schmale Einfahrt zu der
-Lagune dieser großen Koralleninsel, wo ihm die weißen Fittiche genommen
-wurden und an deren Stelle der rauchende Schlot trat, um die enge Passage
-nach dem Ankerplatze unter Dampf zu machen. Dicht vor der Einfahrt kam
-ein europäisches Boot heran und in diesem der Chef eines der beiden
-hiesigen deutschen Häuser, Herr Hernsheim, um uns zu begrüßen und mir
-einen seiner Schiffsführer als Lootsen zur Verfügung zu stellen, was
-ich dankbar annahm. Gegen 10 Uhr vormittags fiel der Anker, und es war
-meine Absicht, einen ungewohnt langen Aufenthalt hier zu nehmen, um mir
-selbst, wie der ganzen Besatzung nach langer Zeit wieder einmal etwas
-Ruhe zu gönnen. Denn wenn der Aufenthalt auch nur auf vier Tage, woraus
-nachher fünf wurden, angesetzt war, so bedeutete dies nach den hinter uns
-liegenden fünf Wochen doch immerhin eine langentbehrte Erholung, welche
-für das ganze Schiff eine große Wohlthat wurde. Kaum zu Anker mußte ich
-selbst allerdings gleich an die Erledigung meiner Geschäfte und an deren
-Ausführung denken. Der Consul nahm mir zwar die Hauptarbeit ab, indem er
-die endgültige Redaction der in Aussicht genommenen Uebereinkunft, welche
-vorher besprochen und durchberathen war, übernahm und deren Uebersetzung
-in die Landessprache beaufsichtigte. Trotzdem blieb aber für mich noch
-genug zu thun übrig, um meine Zeit mit Besuchen, mündlichen Verhandlungen,
-Versorgung des Schiffes mit Proviant, Wasser und Kohlen, Anordnungen von
-Festlichkeiten, Einziehung von Nachrichten über die hiesigen Verhältnisse
-u. s. w. auszufüllen.
-
-Jaluit ist eine große Laguneninsel, also ein schmaler Ring niedrigen
-Korallenlandes, welches einen großen See umschließt. Das den Deutschen
-(andere besitzende Europäer sind nicht auf der Insel) gehörige Land
-trägt eine reiche Auswahl von Früchten, Gemüsen und Blumen, was
-dadurch ermöglicht wurde, daß mit großen Kosten von andern Inseln
-guter Mutterboden hierher gebracht und das Korallenland damit bedeckt
-worden ist. Das Land der Eingeborenen trägt nur Kokosnußbäume und hier
-und da kleine Anpflanzungen von kartoffelähnlichen Erdfrüchten. Die
-deutsche Ansiedelung macht mit ihren bequemen Wohnhäusern und großen
-Vorrathsmagazinen, mit ihren herrschaftlichen Umzäunungen, gut gehaltenen
-Wegen und weithin sichtbaren mastenartigen Flaggenstangen einen sehr
-stattlichen Eindruck; die Dörfer der Eingeborenen, aus elenden schmutzigen
-Hütten bestehend, liegen verstreut unter den Kokosnußbäumen. Nur der
-König hat ein ganz nettes kleines, hölzernes Haus, welches luftig und
-sauber gehalten ist. Es besteht aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer,
-die Dielen sind mit Matten belegt, die Wände mit einer Uhr und einigen
-einfachen Bildern verziert; ein hölzernes Bett, ein ebensolcher Tisch und
-einige Stühle bilden das Mobiliar. Die Küche liegt neben dem Hause in
-einer ortsüblichen Hütte. Die Hütten der Eingeborenen bilden einen mit
-einem niedrigen Laubdach bedeckten und rundherum mit trockenen Blättern
-und Reisern geschlossenen Raum, welcher eben Platz genug bietet, daß die
-Familie auf dem unbedeckten Boden liegen kann. Die Küche befindet sich
-hier ebenfalls in einem Nebenraume. Die Häuser der Weißen sowol wie die
-Hütten der Eingeborenen liegen alle an der gegen den vorherrschend starken
-Passat geschützten Innenseite der Insel, an der Lagune, wo die Ankerplätze
-der Schiffe sich befinden, wo gegen den Wind geschützt überhaupt nur
-Pflanzen gedeihen, die Eingeborenen fischen und von wo aus sie mit ihren
-leichten Kanus ohne Gefahr Reisen nach einem andern Theile der Insel
-machen können. Allerdings findet man auch an der Windseite der Insel
-noch Wohngelasse, doch nur solche zu ganz besondern Zwecken. Die beiden
-deutschen Häuser haben jedes dort ein kleines Lusthäuschen mit regenfestem
-Dach und durchbrochenen gitterähnlichen Wänden, von wo aus man einen
-freien großartigen Ueberblick auf das weite unbegrenzte Weltmeer und auf
-die am Strande wenige Schritte vom Beschauer hochauflaufende majestätische
-Brandung hat. Hier ist es, wo man zu jeder Tageszeit und namentlich des
-Abends, wenn der abgeflaute Wind nicht mehr die Kraft besitzt bis zu den
-Wohnhäusern vorzudringen und sie zu durchstreichen, Ruhe und Erfrischung
-findet, wo man gegen die Mosquitos, welche sich dann in den Wohnhäusern
-sehr unangenehm bemerkbar machen, geschützt ist.
-
-Die an der Windseite gelegenen Hütten der Eingeborenen bieten nur Platz
-für je eine Person und werden nur von Frauenzimmern bezogen. Jede Familie
-hat dort, je nach ihrem Bedürfniß, ein oder mehrere solch kleiner Hütten,
-wo die erwachsenen weiblichen Familienmitglieder allmonatlich einige Tage
-absitzen, woraus wol gefolgert werden darf, daß die Frau während dieser
-Zeit für unrein gehalten wird und deshalb fern von der eigentlichen
-Wohnung, dem Winde ausgesetzt, den Abschluß dieses Zustandes abwarten muß.
-Es mag hier eingefügt werden, daß auf den Marshall-Inseln Vielweiberei
-besteht und das Christenthum nach dieser Richtung noch keinen Wandel
-geschaffen hat.
-
-Der hiesige Menschenschlag ist sehr verschieden von demjenigen der südlich
-vom Aequator liegenden Inseln. Mit wenigen Ausnahmen sind die Männer
-durchweg klein, die Frauen sehr klein. Besonders auffallend sind die
-winzigen Köpfe dieser Insulaner, deren lange schmale Gesichter sich von
-den runden der Bewohner der Kingsmill- und andern Inseln vornehmlich durch
-eine sehr schmale Stirn und geschlitzte Augen unterscheiden, mithin dem
-Malaientypus näher kommen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurzgeschnitten
-oder 'à la Chinois', flechten den Schopf aber nicht in einen Zopf, sondern
-binden das Haar nur kurz ab, sodaß es über dem Band wie ein Roßschweif
-lose nach hinten oder als ein kurzer Stummel nach oben wegsteht. Das
-Haar der Frauen ist in der Mitte gescheitelt und hängt schlicht bis auf
-die Schultern herab. Hier tritt auch die in der Ellice-Gruppe gefundene
-Sitte, die Ohrlappen zu durchbohren und zu einem großen Ring zu erweitern,
-welche wir in der Kingsmill-Gruppe nicht beobachtet haben, wieder auf.
-Die Männer sind in der Regel im Gesicht und auf dem Oberkörper in der
-Weise tätowirt, daß gezackte Linien in gleichen Abständen horizontal
-quer über Gesicht und Brust laufen und der Haut ein Ansehen geben, als
-ob sie damascirt sei; die Frauen sollen sich auch tätowiren, doch habe
-ich es nicht gesehen. Die Körperbildung ist bei beiden Geschlechtern
-schmächtig, wohlgenährte runde Glieder ohne auffallende Formenschönheit.
-Ganz eigenartig ist die Kleidung, denn wenn die Frauen hier in der
-Hauptstadt, infolge des Einflusses der hier lebenden Europäer, vielfach
-auch lange Gewänder tragen, so ist dies doch nur eine Zugabe zu ihrer
-eigentlichen nationalen Tracht, welche sich stets noch unter diesem
-Gewand auf dem Körper befindet. Als das Hauptstück der Kleidung, welches
-das kunstreichste ist und von beiden Geschlechtern gleich getragen wird,
-möchte ich den Gürtel bezeichnen, an welchem die eigentliche Kleidung
-befestigt wird. Dieser Gürtel, welcher nur zum Baden, sonst nie von dem
-Körper gelöst wird, ist eine Schnur, ¾ cm dick, und so lang, daß sie 10-12
-mal um den Leib geschlungen dort eine Wulst von der Stärke eines dünnen
-Armes bildet. Um die Seele von Bast ist aus feinen schwarz und weißen
-Fäden desselben Materials ein kunstvolles Gewebe gelegt. Das Kleid der
-Männer ist ein aus ½ cm breiten, gewöhnlich weißen, zuweilen aber auch
-schwarzen Baststreifen zusammengesetzter Rock, welcher durch die Masse der
-verwendeten dünnen Streifen eine erhebliche Dicke und Fülle erhält. Der
-Rock ist so lang, daß er von der Taille bis zum Fußboden reicht, bedeckt
-aber in der ortsüblichen Weise auf den Körper gelegt unterrockartig
-nur den Theil vom Magen bis zu den Knien und gibt diesen Leuten nach
-meinem Geschmack ein ebenso unschönes weibisches Aussehen, wie die so
-vielgefeierten Nationalunterröcke der modernen Griechen es diesen Männern
-geben.
-
-Die Befestigung dieses Bastrockes auf dem Körper geschieht in der Weise,
-daß zwei von dem Leibband des Rockes auslaufende Tragebänder von oben
-durch den vorher beschriebenen Gürtel nach unten durchgesteckt und
-zwischen die Beine genommen werden, dann der Rock bis auf die richtige
-Höhe nach oben gezogen und nun unter denselben ein zweiter dicker Gürtel
-gelegt wird, welcher den Rock in seiner richtigen Lage hält und ihm ein
-tischartiges Aussehen gibt. Dieser Rock bildet die ganze Bekleidung, da
-Kopf wie die übrigen Körpertheile unbedeckt bleiben.
-
-Die Kleidung der Weiber, welche nur ebensoviel bedeckt wie die der Männer,
-besteht aus zwei schmalen Matten, von welchen eine vorn, die andere
-hinten getragen wird. Diese feingelegten weißen Matten mit eingewebten
-rothbraunen Figuren, gewöhnlich in Form einer breiten Borte um den
-weißen Grund, werden in einfacher Weise nur von oben und außen in den
-mehrgenannten Gürtel eingesteckt, sodaß dieser unter den Matten liegt
-und nicht sichtbar ist. Auffällig war mir, daß die hintere Matte zuerst
-aufgelegt wird und die vordere daher die erstere zum großen Theil bedeckt,
-sodaß zum Abnehmen des Kleides auch stets die vordere zuerst abgelegt
-werden muß. Dies ist eine merkwürdige Sitte, denn da die Matten ziemlich
-steif sind, so müssen die Frauen zu gewissen körperlichen Verrichtungen
-sich stets ganz entkleiden.
-
-Die Nahrung auf diesen Inseln besteht in dem, was Boden und Meer liefern,
-mithin, wie auf allen Koralleninseln, vornehmlich aus Kokosnuß und
-Fischen, Krebsen und Muscheln.
-
-So unsauber die Wohnungen aussehen, so reinlich sind die Leute doch an
-ihrem Körper, und es muß namentlich hervorgehoben werden, daß keinerlei
-Auswurf des menschlichen Körpers in der Nähe der Hütten geduldet wird.
-Aborte existiren hier nicht, ihre Stelle vertritt der Strand. Des Morgens,
-und wenn der Wasserstand es irgend erlaubt bei Niedrigwasser, gehen
-die Leute nach dem Strande und verrichten dort eins der natürlichsten
-menschlichen Geschäfte in der ungenirtesten Weise. Da hockt groß und
-klein, jung und alt unbekümmert um das Geschlecht nebeneinander. Das
-steigende Wasser der Flut übernimmt die Abfuhr und gibt dem Strande die
-frühere Reinheit wieder. Die Reinlichkeit wird in diesem Punkte auf das
-strengste beachtet, wie ich zu sehen Gelegenheit hatte. Als ich eines
-Abends spät gegen 1 Uhr einen der deutschen Herren verließ, um zum
-Schiffe zurückzukehren, wurde ich bei dem Dorfe durch ganz jämmerliches
-Kindergeschrei aufmerksam gemacht. Ich ging zu der Stelle hin und sah
-einen Mann mit einem Kinde auf dem Arm aus einer Hütte treten und nach
-dem Strande zu gehen. Das Kind schrie, als ob es ertränkt werden sollte,
-und ich folgte daher in einiger Entfernung. Am Strande angelangt setzte
-der Mann das Kind auf den Sand und blieb neben ihm stehen, bis dieses
-allmählich verstummend Erleichterung gefunden hatte, nahm es dann wieder
-auf den Arm und kehrte zu seiner Hütte zurück.
-
-Wie schon erwähnt, besteht hier Vielweiberei, doch können nur solche sich
-diesen Luxus gestatten, welche mehrere Frauen zu ernähren im Stande sind.
-Eine besondere Gerechtsame der Vornehmen ist auch, daß der Höhere dem
-Niedern seine Frau wegnehmen und diese seinem Hausstande zuführen kann.
-So hat der frühere König einem kleinen Häuptling dessen Frau weggenommen
-und sie zu seiner Hauptfrau gemacht. Nach dem Tode des Königs ging die
-Frau aber zu ihrem frühern Mann, einem hübschen Kerl, zurück und hierdurch
-wurde der kleine Häuptling nun so gehoben, daß ihm die Königswürde zufiel
-und er jetzt der König Lebon (oder Kabua wie er auch genannt wird) ist.
-
-Die Stellung der Frauen auf den Südseeinseln ist eine ganz eigenthümliche,
-denn wenn sie auch auf vielen Inseln nicht für voll angesehen werden, so
-spielen sie doch überall durch die Ehe eine hervorragende Rolle, ja es
-geht so weit, daß ein König zu Gunsten seines Sohnes zurücktritt, sobald
-dieser eine Frau heirathet, welche edleres Blut hat wie seine Mutter. So
-war auch hier die Frau des Lebon durch die Ehe mit dem frühern König so
-geadelt worden, daß nach dessen Tode nicht ihr mit diesem gezeugter Sohn
-Letabalin, sondern ihr neuer Mann die Königswürde erhielt. Andererseits
-wird nun wieder nach dem Tode Lebon’s nicht sein Sohn, sondern sein
-Stiefsohn Letabalin in die Rechte seines früher verstorbenen Vaters
-eintreten. Spaß machten mir die ehelichen Verhältnisse dieses jungen
-siebzehnjährigen Königssohnes, welcher schon zwei Frauen hat, vorläufig
-aber nur die ältere als solche ansieht und die jüngere, obgleich er schon
-seit einem Jahre mit ihr verheirathet ist, in ihrem jungfräulichen Stande
-gewissermaßen als Reserve behandelt. Er kommt mir vor wie ein Kind,
-welches sich ein besonders schönes Stück Zuckerzeug aufhebt, um beim Genuß
-weniger guter Sachen sich durch die Aussicht auf Besseres zu entschädigen.
-
-Der König Lebon kleidet sich sonst auch in die landesübliche Tracht,
-in welcher er auf unserm Bilde erscheint, doch hatte er sich uns zu
-Ehren einen neuen schwarzen Anzug gekauft und trug zum ersten mal in
-seinem Leben Schuh und Strümpfe. Er empfing mich, als ich ihm meinen
-Besuch machte, an der Thüre seines Hauses; in dem Zimmer saßen seine
-fünf Frauen in ihren besten Kleidern halbkreisförmig um unsere Stühle
-gruppirt. Lebon sah sehr verängstigt aus, weil er fürchtete, daß ich wegen
-verschiedener rückständiger Schulden über ihn zu Gericht sitzen würde;
-da die Gläubiger aber keine Reclamationen vorgebracht hatten, so blieb
-mir die Berührung dieser Sache erspart. Lebon thaute daher am nächsten
-Tage, nachdem die deutschen Herren ihm gesagt hatten, daß sie mir von
-ihren Forderungen keine Kenntniß gegeben hätten, auf und zeigte sich als
-ein ganz umgänglicher Mensch von verhältnißmäßig guten Umgangsformen.
-Der Landessitte gemäß erhielt ich von Lebon bei meinem ersten Besuch
-verschiedene Geschenke, einige schöne Matten und einen umsponnenen Speer;
-seine Frauen schenkten mir etwas von ihrem Schmuck, welcher als Halskette
-oder Stirnband getragen wird und aus Korallen- oder Schildpattstücken
-besteht, welche sorgsam bearbeitet durch Schnüre sauber und nett
-zusammengefügt sind.
-
-Nach diesen allgemeinen Bemerkungen glaube ich zu meinen eigenen
-Erlebnissen zurückkehren zu können. Die Vormittage waren den Geschäften,
-die Nachmittage Festlichkeiten und die Abende zwanglosen Zusammenkünften
-in einem der deutschen Häuser oder an Bord der „Ariadne“ gewidmet. Hierbei
-spielte auch ein Kalb, welches ich von Apia aus mitgebracht und den Herren
-an Land zur Verfügung gestellt hatte, insofern eine Rolle, als die hier
-lebenden Deutschen seit langer Zeit kein ordentliches Stück frisches
-Fleisch zu Gesicht bekommen hatten. Die Geschäfte brauche ich hier nicht
-weiter zu berühren, kann daher gleich zu den Festlichkeiten übergehen.
-
-Am Tage unserer Ankunft wurden von Lebon gleich die Vorbereitungen
-für einen am nächsten Tage abzuhaltenden Kriegstanz getroffen, welcher
-programmmäßig am 27. nachmittags stattfand. Nachdem wir uns an einem
-schönen schattigen Platze unter Kokospalmen versammelt und Platz genommen
-hatten, setzten sich die mit Trommeln und ihren Naturstimmen das Orchester
-bildenden Frauenzimmer in zwei Gliedern neben uns auf die Erde, während
-das Volk in respectvoller Entfernung unter den Bäumen Aufstellung nahm.
-Dann erschienen die tanzenden Krieger, etwa 18 an der Zahl, sämmtlich
-Häuptlinge. Dieselben waren in dem eingangs beschriebenen Nationalcostüm
-und hatten demselben als Festschmuck noch mancherlei hinzugefügt.
-Hahnenfedern im Haarschopf, aus einzelnen Blättern zusammengefügte
-Laubketten um den Hals, Stirnbänder aus Korallenstücken oder getrocknetem
-Zuckerrohrblatt, Band von Zuckerrohrblatt mit Federn um Oberarm und
-Knöchel und ein etwa 15 cm langes aufgerolltes Blatt in den Ohrlappen; der
-Oberkörper war mit Kokosnußöl gesalbt, glänzend blank, die Waffe vertrat
-ein armlanger Stock. Besonders auffallend sah Lebon aus, welcher zuletzt,
-nachdem alle versammelt waren, erschien und allein auf den Kampfplatz
-trat. Er hatte einen besonders reichen Federschmuck aus schwarzen
-Hahnenfedern, welcher sich gut ausnahm; dicke Federbüschel auf Ober-
-und Unterarm, kleine Büschel auf den Rücken der beiden Mittelfinger und
-einen Federkranz um die Knöchel, welche muffähnlich dem Bein einen guten
-Abschluß gaben.
-
-Das Erscheinen Lebon’s ist das Signal für den Beginn des Tanzes. Die
-Frauenzimmer stimmen, sobald Lebon sich ihnen bis auf etwa 20 Schritte
-genähert hat, begleitet von dem einförmigen Tam-Tam ihrer Trommeln einen
-monotonen Gesang an; die Trommel, ein ausgehöhltes Stück Holz in Form
-eines Stundenglases, auf der einen Seite mit Fischhaut überspannt, auf
-der andern offen, wird mit der einen Hand auf dem Schos gehalten und
-mit der flachen andern Hand geschlagen; der Gesang enthält nur wenige
-sich stets wiederholende Strophen, welche auf den König Bezug haben. Der
-König kommt in raschem Schritt und guter Haltung würdevoll angegangen,
-hält in der Mitte vor den Reihen der singenden Frauenzimmer, sieht sich
-mit muthigem Blick nach allen Seiten um, als ob er den Feind suche,
-nimmt ihn in dem Orchester an, wendet sich diesem zu, stößt einen Schrei
-aus, welcher furchtbar sein soll und nur mit dem Quitschen eines in den
-Schwanz gekniffenen Schweines verglichen werden kann, und beginnt nun
-seine Darstellung, welche ihn in seinem ganzen Grimm und seiner ganzen
-Furchtbarkeit zeigen soll. Die Augen rollen in dem alle möglichen Linien
-beschreibenden Kopfe hin und her, das Gesicht wird verzerrt, wobei Mund
-und Unterkiefer in krampfhafter Thätigkeit sind und dem Gesicht einen
-kläglichen Ausdruck geben, welcher schreckenerregend sein soll, in
-Wirklichkeit aber jeden Augenblick den Ausbruch ganz jämmerlichen Weinens
-erwarten läßt und lebhaft an die japanischen Abbildungen grimmer Krieger
-erinnert. Mit dem Stock werden Stoß- und Wurfbewegungen des Speeres
-angedeutet, der ganze Körper windet sich in krampfhaften Bewegungen,
-welche ein lebendiges Bild von kraftvollem Ringen geben. Lebon macht seine
-Sache sehr schön, das zeigen die Gesichter der Zuschauer, aber er weiß
-auch, vor wem er sich als Krieger zu zeigen hat, gibt daher sein Bestes
-und tritt gewissermaßen als Schauspieler auf. Nicht so die singenden
-Frauenzimmer, welche der Zuschauer nicht gedenken, sondern den ersten und
-tapfersten Mann ihres Stammes vor sich sehen, in seinem Anschauen ganz
-aufgehen und sich geben wie sie sind, nicht wie sie scheinen wollen. Diese
-interessirten mich daher mehr, obgleich sie nur das Beiwerk bildeten.
-Da sitzen sie in Reih und Glied mit steifem Körper, schlagen mit der
-rechten Hand die Trommel und singen mit gewöhnlicher Stimme ihren Gesang.
-Doch währt dies nicht lange, ein schnelleres Tempo zwingt den Tänzer zu
-raschern Bewegungen, der Gesang wird lauter, die Reihen werden unruhig,
-die Köpfe schwanken hin und her, die Körper bewegen sich und nähern sich
-rutschend, ohne es zu wollen, dem köstlichen Krieger, die Augen treten
-weit hervor, stieren nur nach dem Gesicht des gefeierten Mannes und
-erhalten einen ganz eigenthümlichen Glanz. Die Körper, dem Tänzer nahe
-genug, fassen wieder festen Fuß, die Stirn fällt zurück, damit der die
-Thaten des mit dem Feinde ringenden Beschützers besingende Mund diesem
-näher ist, die Köpfe mit ihren gläsernen Augen wackeln jetzt gleichmäßig
-nach dem Takte der Musik hin und her, die ganze Gruppe sieht aus wie ein
-Haufen chinesischer Porzellanpuppen mit langsam hin- und herwiegenden
-Köpfen. Da glaubt Lebon genug gethan zu haben, er wirft seinen Stock
-weit weg, welcher von einem Häuptling aufgehoben und ihm nachher wieder
-zugestellt wird, wendet sich von dem Orchester ab und geht auf die ihn
-respectvoll erwartenden Häuptlinge zu. Die Frauenzimmer verstummen,
-scheinen aus einem Traum in das Leben zurückzufallen, erholen sich aber
-schnell genug, um rechtzeitig mit der Ankunft des Königs vor seinen
-Häuptlingen diese zu einem ähnlichen Tanze zu begleiten, welchen sie
-nunmehr vor ihrem König aufführen.
-
-Nach diesem Tanz kommt eine balletartige Schaustellung zur Aufführung,
-welche mit einem Kriegertanz nichts gemein hat und durch die
-Gleichmäßigkeit der complicirten und vielfach schwierigen Figuren,
-durch die tadellose Durchführung des Ganzen das Interesse des Zuschauers
-erweckt. Die Darsteller treten in zwei Reihen an, von welchen Lebon die
-eine, der nächst angesehenste Häuptling die andere führt. Die monotone
-Musik beginnt, das Hin- und Herschwanken der dicken Baströcke zeigt, daß
-die Reihen in Bewegung kommen, die Stöcke der einen Partei schlagen gegen
-die der andern und sollen wol ein Fechten vorstellen, ohne es indeß zu
-thun, weil die Tänzer, um keine Fehler zu machen, so angestrengt aufpassen
-müssen, daß die Verbildlichung der Kraft und des Kampfes diesem Spiel
-versagt bleibt. Die Reihen wandern mit tänzelndem menuetartigen Schritt
-aneinander vorbei, passiren durcheinander durch, immer die Stöcke mit
-dem Gegner kreuzend; die Bewegungen werden schneller, das Geklapper wird
-stärker, die Stöcke werden durch die Beine, über den Kopf, von einer
-Hand zur andern geworfen, vor der Brust und hinter dem Rücken gekreuzt;
-von den beiden Reihen brechen so viele ab, um eine dritte zu bilden und
-hiermit das Spiel verwickelter zu machen. Kein Fehler kommt vor, die ganze
-Gruppe bewegt sich nach dem Takte der Musik wie ein kunstvoll gearbeitetes
-Räderwerk, bückt sich und streckt sich, geht vor- und rückwärts, schiebt
-sich durcheinander durch, füllt wie mit einem Schlage die Zwischenräume
-mit den Armen und Stöcken aus und macht sie ebenso plötzlich wieder frei.
-Unser Beifall, welcher mit ungetheilter Anerkennung gegeben wurde, war
-der Lohn für dieses schöne Spiel. Das Orchester hatte sich, obgleich es
-durch die Frauen der Tänzer gebildet wird, bei diesem wie bei dem vorher
-aufgeführten allgemeinen Tanz merkwürdigerweise ziemlich theilnahmlos
-verhalten und kam erst wieder in die größte Aufregung bei den nachher
-folgenden Einzeltänzen. Ich vermuthe, daß die Aufmerksamkeit auf ihre
-eigenen Männer die einzelnen Frauen zu sehr beschäftigte und die Gruppe
-davon abhielt, in gleichmäßige Ekstase zu kommen.
-
-Im Anschluß an diese Tänze wurde uns eine große Ehre dadurch erwiesen,
-daß nunmehr Lebon, seinen Stock schwingend, in raschem Laufe auf uns
-zurannte, dicht vor uns stutzte, dann den zuerst aufgeführten Tanz in
-wilderem Tempo noch einmal wiederholte und mit demselben das Orchester
-in wahre Begeisterung brachte; ja ein Frauenzimmer warf ihre Trommel weg,
-um in wilden Sprüngen sein Spiel zu begleiten. Als Beendigung des Tanzes
-drehte Lebon uns mit einer jähen Bewegung den Rücken zu und entfernte
-sich schnellen Laufes von dem Festplatze. Nach ihm producirten sich vor
-uns noch in derselben Weise sein Stiefsohn Letabalin und sein eigener
-zehnjähriger Sohn, welcher, in diesem Kriegsspiel schon wohlbewandert, bei
-allen Tänzen überhaupt als volle Person mitgewirkt hatte; dann noch zwei
-der bedeutendsten Häuptlinge, womit das Fest seinen Schluß erreicht hatte
-und die Bevölkerung befriedigt über den seltenen Festtag, da durch den
-Einfluß der Missionare die Tänze immer mehr abkommen, den Platz verließ.
-Die Tänze der Frauen sollen infolge dieses Einflusses, wenigstens als
-öffentliche, schon ganz der Vergangenheit angehören, und es war mir in der
-kurzen Zeit nicht möglich, einen solchen zusammenbringen zu lassen. Die
-Missionare bezeichnen diese Tänze als heidnisch und benehmen mit denselben
-den Eingeborenen all und jedes Vergnügen, womit sie in religiöser
-Beziehung eine Gefahr heraufbeschwören, welche diese Herren entweder
-nicht vermuthen oder für unbedeutend halten. Anstatt das in den Tänzen
-etwa gegen die christliche Moral Laufende vorsichtig und allmählich zu
-entfernen, verbieten sie dieselben ganz und können sicher darauf rechnen,
-daß diese Tänze bei dem nicht zu besiegenden Drang nach Lustbarkeiten erst
-im geheimen wieder entstehen und dann schließlich in wüsterer Form denn je
-an die Oeffentlichkeit treten, um sich nicht wieder verbannen zu lassen.
-
-Am 28. landete ich meine Mannschaft, um dieselbe im Feuer manövriren und
-danach das Eingeborenendorf im Sturm nehmen zu lassen. Dieses Manöver
-sollte sowol eine Revanche für den uns gegebenen Kriegstanz sein, wie
-auch den Insulanern, welche Derartiges noch nicht gesehen hatten, die
-Macht der Europäer zeigen. Um einem falschen Alarm vorzubeugen, war
-vorher an Land bekannt gegeben worden, daß auch geschossen werden würde,
-jedoch nur mit blinden Patronen, sodaß nichts zu fürchten sei. Bei
-unserer Landung war alles, was nur irgend konnte, auf den Beinen, um
-der mit Musik abmarschirenden geschlossenen Truppe zu folgen und sich
-nachher neugierig die Gefechtsaufstellung zu beschauen. Als aber das
-Landungsgeschütz aus einem Hinterhalt und gewissermaßen zwischen ihnen
-anfing zu brummen, wurden die Leute unruhig, und als nun gar das Geknatter
-der Tirailleure begann, zogen sie sich schnell nach den Seiten und dann
-hinter die zuschauenden Weißen zurück, ängstlich sich umsehend, ob dies
-Ernst oder wirklich nur Spaß sei. Nun rückt die Sturmcolonne an, macht
-halt, gibt einige Salven Schnellfeuer und das Publikum ergreift theilweise
-die Flucht; eine allgemeine Panik bricht aber aus, als die Colonne
-mit gefälltem Bajonette angestürmt kommt mit Marsch-Marsch-Hurrah! Der
-Platz ist gesäubert; ich sehe mich nach Lebon um und finde, daß dieser
-tapfere Mann ausgehalten hat -- aber wie? Bleich steht er hinter einem
-der deutschen Herren und hält sich an dessen Rockschoß fest; sprechen
-kann er nicht mehr, sondern findet seine Sprache erst wieder, nachdem
-er in dem in der Nähe gelegenen Hause des Herrn Hernsheim ein Glas Wein
-getrunken hat. Lebon, wie der größte Theil der Bevölkerung sind krank; die
-mit klingendem Spiel abmarschirende Truppe kann den Schreck, welchen sie
-verursacht, nicht so schnell wieder verwischen, wird vielmehr mistrauisch
-betrachtet. Lebon folgt daher auch nicht der Einladung zum Essen zu Herrn
-Hernsheim, sondern kommt erst nach Tisch, setzt sich still in eine Ecke
-und entschuldigt sich damit, daß das Schießen ihn krank gemacht habe.
-Meiner Einladung zum nächsten Tage folgte er zwar, doch rührte er die
-Speisen, welchen er sonst bei den deutschen Herren tapfer zuspricht, kaum
-an und erklärte, von dem gestrigen Schießen noch immer einen kranken Magen
-zu haben.
-
-Dieser Kriegstanz des deutschen Kriegsschiffes, welcher somit unsern
-Gästen nicht gut bekommen ist und zu den andern Inseln jedenfalls in noch
-übertriebenen Schilderungen hinwandert, wird wahrscheinlich für Jahrzehnte
-Früchte tragen und einen sichern Schutz für deutsches Leben und Eigenthum
-gewährleisten.
-
-Am 29. November war die in Aussicht genommene Uebereinkunft soweit
-vorbereitet, daß die Unterzeichnung erfolgen konnte; Lebon, wie sein
-Nachfolger Letabalin, hatten alle unsere Forderungen, welche vorzugsweise
-Maßnahmen zum Schutze der deutschen Reichsangehörigen und des deutschen
-Handels enthielten, erfüllt und sich auch bereit erklärt, den Hafen von
-Jaluit als deutsche Kohlenstation abzutreten. Mehr konnten wir nicht
-verlangen. Ich setzte daher die Unterzeichnung der Uebereinkunft für
-den Nachmittag dieses Tages fest und lud sämmtliche Weiße wie das ganze
-Volk dieses Platzes zur Beiwohnung der Feierlichkeit auf die „Ariadne“
-ein. Nachdem das Volk an Bord versammelt war, setzte Lebon mit seinen
-Frauen und seiner nähern Verwandtschaft in zweien unserer Schiffsboote
-vom Lande ab, indem gleichzeitig die neue von ihm adoptirte Landesflagge,
-welche nach erfolgter Unterzeichnung des Vertrages durch einen Salut
-anerkannt werden sollte, gehißt wurde. Lebon mit seiner Familie und
-die Chefs der beiden deutschen Häuser wurden in der Kajüte, die andern
-Weißen und die Häuptlinge in der Offiziersmesse bewirthet, das Volk
-trieb sich im Schiffe umher. Ein Bruder Lebon’s, mit Namen Lagadjimi, war
-an Land zurückgeblieben, um den Erwiderungssalut aus einigen von einem
-deutschen Hause erborgten Böllern zu feuern; zum Laden hatten wir einige
-Mannschaften zur Verfügung gestellt.
-
-Der Text der Uebereinkunft wurde noch einmal sorgsam durchgenommen und
-diese dann gegenseitig in zwei Exemplaren unterzeichnet. Darauf traten
-wir auf das Deck, um dem nunmehr für die Landesflagge der Ralick-Inseln
-zu feiernden Salut beizuwohnen, von welchem Lebon den ersten, Letabalin
-den zweiten Schuß vor ihren versammelten Unterthanen abfeuerten. Der Salut
-wurde von Land aus Schuß für Schuß erwidert. Die Eingeborenen verließen
-mit anrückender Dunkelheit in ihren Kanus scharenweise das Schiff, die
-deutschen Herren und Lebon blieben am Abend noch bei mir zu Tisch und der
-geschäftliche Theil meiner Anwesenheit in Jaluit hatte seinen Abschluß
-gefunden.
-
-Am 1. December verließ ich Jaluit wieder. Die am Lande und auf den
-Kauffahrteischiffen wehenden Flaggen senkten sich langsam zum Gruß,
-die am Strande in Festkleidern versammelte Bevölkerung stimmte unter
-Tücherschwenken ein mehrfaches Hurrah an, während die den Flaggengruß und
-die Hurrahs erwidernde imposante „Ariadne“ sich unter den Klängen eines
-flotten Marsches langsam drehte, dann schnell von der ruhigen Lagune in
-die schmale Einfahrt und von dieser in die bewegte See steuerte, um bald
-unter neuen Eindrücken den schönen sonnigen letzten Nachmittag bei unsern
-gastfreien Landsleuten in Jaluit vorläufig wieder zu vergessen.
-
-Ich hatte ursprünglich die Absicht, von Jaluit aus direct nach
-Neu-Britannien zu segeln; veränderte Verhältnisse bringen aber auch
-andere Dispositionen. Die durch die abgeschlossene Uebereinkunft mit
-den Ralick-Inseln angeknüpften Verbindungen machten es mir zur Pflicht,
-auch noch Ebon anzulaufen, weil diese Insel bislang immer der Königssitz
-gewesen war und von den Eingeborenen, wie auch von den amerikanischen
-Missionaren auch noch jetzt vielfach als die Hauptinsel betrachtet
-wird. Dies und noch einige andere Rücksichten ließen es mir nicht
-nur zweckmäßig, sondern auch nothwendig erscheinen, mit den dortigen
-Häuptlingen eine Aussprache zu halten.
-
-Ebon ist Hauptsitz der in diesem Theil des Stillen Oceans thätigen
-amerikanischen Missionsgesellschaft. Diese Missionare säen hier
-vornehmlich nur Unfrieden, um ihre eigene Macht zu verstärken, suchen
-das Ansehen der Häuptlinge zu erschüttern und verlangen nur Gehorsam
-für sich. Auch sollen sie daran arbeiten, diese Inseln zu einer Republik
-zu machen, um sie dann ganz in ihre Hände zu bekommen und demnächst dem
-Protectorat der Vereinigten Staaten zu unterstellen. Sollte dieser Versuch
-glücken, dann wäre all die bisher auf diese Insel verwendete deutsche
-Arbeit verloren. An der Hand unserer Uebereinkunft mußte ich demnach
-versuchen, diesen Bestrebungen ein Ziel zu setzen. In Uebereinstimmung
-mit dem Vorstehenden war mir auch mitgetheilt worden, daß die Häuptlinge
-Ebons danach strebten, sich von der Oberhoheit Lebon’s und Letabalin’s
-loszumachen. Schließlich schuldeten einige Häuptlinge den Deutschen
-größere Summen, können bezahlen, wollen aber nicht, auch hat ein dortiger
-Häuptling einen deutschen Agenten zweimal mit dem Tode bedroht. Das alles
-klingt nun so, als ob man viel Zeit zur Erledigung gebrauche, hier in der
-Südsee werden derartige Sachen aber auf so einfache Weise erledigt, daß
-ich von vornherein nur wenige Stunden für diese Geschäfte ansetzte und von
-einem Verankern des Schiffes absah. Allerdings gehört zu derartigem kurzen
-Verfahren, daß man die richtigen Leute zur Hand hat; ich hatte deshalb von
-Jaluit aus Letabalin, welcher als der größte Grundbesitzer auf Ebon und
-Sohn des frühern hier residirt habenden Königs der angesehenste Häuptling
-dieser Insel ist, mit einigen Dienern mitgenommen; ferner begleitete
-mich von Jaluit aus ein in deutschen Diensten stehender Engländer als
-Dolmetscher, welcher, schon lange auf diesen Inseln wohnhaft, als der
-beste Sprachkenner gilt und die Häuptlinge sämmtlich von Person kennt.
-
-Am 2. December vormittags 11 Uhr drehte ich das Schiff vor der Einfahrt
-zur Lagune von Ebon bei und fuhr mit dem Consul und Letabalin an Land;
-zwei armirte Boote folgten uns. Auf dem Wege dahin passirte uns ein
-nach dem Schiffe fahrender Missionar, welcher sich uns nicht anschloß,
-sondern seinen Weg fortsetzte, wahrscheinlich in dem Wahn, daß wir ohne
-ihn als Uebersetzer doch nichts anfangen könnten. An Land gekommen,
-lagerten wir uns in dem Schatten der Bäume, die Bootsmannschaften bei
-ihren zusammengestellten Gewehren, um die Ankunft der Häuptlinge, nach
-welchen der Dolmetscher geschickt hatte, abzuwarten. Die Leute waren
-auffallend schnell zusammengerufen, denn nach einer halben Stunde schon
-wurde gemeldet, daß sie vollzählig versammelt seien; es waren 15-20
-meistentheils junge Männer in Hosen und bunten Hemden, welche dicht bei
-uns stehend uns sowol, wie ihren in feinem schwarzen Anzug steckenden
-Stammesgenossen Letabalin scheu und mit unsteten Blicken musterten. Daß
-es etwas geben würde, konnte ihnen umsoweniger zweifelhaft erscheinen,
-als inzwischen auch der mehrfach mit dem Tode bedrohte deutsche Agent
-angekommen war und der alte Mann denjenigen, welcher ihn bedroht
-hatte, nicht aus den Augen ließ. Die Häuptlinge mußten sich nun vor
-uns aufstellen; ihnen gegenüber traten, uns in die Mitte nehmend, die
-Bootsmannschaften mit Gewehr bei Fuß und aufgepflanztem Bajonett an.
-Zunächst wurde bekannt gegeben, daß jeder Mord an einem Deutschen dem
-Thäter den Kopf kosten, wie jeder Mordversuch und darauf hinzielende
-Drohung streng bestraft würde. Als dann der betreffende Häuptling
-vortreten mußte, riefen mehrere aus der Versammlung, daß sie nicht kämpfen
-wollten, was in der wortarmen Sprache gleichbedeutend mit Unterwerfung
-ist. Demnächst wurde den Schuldnern nach Aufruf ihrer Namen aufgegeben,
-baldigst ihre Schulden zu bezahlen. Den Schluß unserer Ansprache bildete
-die Mittheilung von der in Jaluit abgeschlossenen Uebereinkunft; dieselbe
-wurde im Beisein des inzwischen auch hinzugekommenen amerikanischen
-Missionars vorgelesen und mit dem Bedeuten erklärt, daß die Leute von
-Ebon nunmehr ebenfalls nach derselben zu handeln hätten. Die Mannschaften
-präsentirten das Gewehr; der Missionar wußte, nach seinem Gesicht zu
-urtheilen, nicht, ob er wache oder träume; die Eingeborenen, vorläufig
-unfähig all das zu begreifen, was ihnen in der kurzen Zeit mitgetheilt
-worden war, sahen sich gegenseitig dumm an, und wir gingen für kurze
-Zeit nach dem in der Nähe befindlichen Hause des deutschen Agenten, wo
-sich auch der Missionar, welchem wir eine langentbehrte Post mitgebracht
-hatten, gute Miene zum bösen Spiel machend, einstellte. Nachdem ich noch
-einige hundert Kokosnüsse für meine Mannschaft gekauft hatte, verließen
-wir wieder den Strand von Ebon unter den freundlichen Grimassen seiner
-Bewohner, welche auf alle erdenkliche Weise versuchten, ihrer Freundschaft
-für uns Ausdruck zu geben. Wir hatten natürlich die von Jaluit aus
-mitgenommenen Personen in Ebon zurückgelassen und kehrten so früh zum
-Schiffe zurück, daß die „Ariadne“ um 1½ Uhr schon ihren Curs nach dem
-Westen weiter verfolgen konnte.
-
-So sind wir denn jetzt auf dem Wege nach Neu-Britannien und zu den
-Menschenfressern, wo ich in etwa sechs Tagen einzutreffen hoffe.
-
-
-
-
-13.
-
-Im Bismarck-Archipel.[D]
-
-
- 22. December 1878.
-
-Nicht drei Wochen liegen zwischen heute und dem vorstehenden Bericht
-über meinen Besuch der Marshall-Inseln und was hat sich in diese kurze
-Spanne Zeit nicht zusammengedrängt? Wenn ich diese letzten Wochen an
-meinem Geiste vorüberziehen lasse, dann scheint es mir kaum faßlich,
-daß diese Zeit so vielerlei in sich bergen kann, theilweise selbst
-heraufbeschworene Ereignisse, welche den Fernerstehenden kaum berühren,
-für den verantwortlichen Commandanten eines Kriegsschiffes aber doch von
-Bedeutung sind.
-
- [D] Die Bezeichnung „Bismarck-Archipel“ ist erst nach der
- Zeit, wo die hier geschilderte Reise stattfand, eingeführt
- worden; da der Name aber officiell angenommen, so wähle ich
- denselben für diese Ueberschrift. Die Namen der in diesem
- Kapitel genannten Inseln sind seitdem auch verändert, und
- zwar: Neu-Irland = Neu-Mecklenburg; Duke of York-Gruppe =
- Neu-Lauenburg; Neu-Britannien = Neu-Pommern.
-
-Die Fahrt von den Marshall-Inseln bis zum südlichsten Cap von Neu-Irland
-ist charakteristisch durch Windstillen und sonniges heißes Wetter, sodaß
-trotz des mir gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths und trotz der
-herrschenden Hitze häufig die Maschinenkraft des Schiffes herangezogen
-werden mußte, um das Reiseprogramm einhalten zu können. Das wenig
-befahrene Fahrwasser scheint zwar frei von Untiefen zu sein, der Schein
-allein kann aber natürlich die Sorgen eines Commandanten nicht bannen,
-welche gewissermaßen ihre Berechtigung finden, als die ersten in Sicht
-kommenden, zur Salomons-Gruppe gehörigen kleinen Inseln sich als in der
-Karte falsch liegend erweisen.
-
-Am 9. December wird die in Sicht befindliche Insel Bougainville (die
-nördlichste der Salomons-Gruppe) auf 28 Seemeilen Distanz, auf geringere
-Entfernung die östlich von Neu-Irland liegende kleine Insel Sir Charles
-Hardy passirt; am 10. December morgens gegen 8 Uhr kommt die Südküste der
-Insel Neu-Irland mit dem südlichsten Cap St.-George in Sicht. Soll das
-Schiff noch vor Dunkelwerden den nächsten Bestimmungsort erreichen, dann
-muß die Fahrgeschwindigkeit wesentlich erhöht werden; ein Ueberschlag
-des noch vorhandenen Kohlenvorraths ergibt, daß derselbe bei einer
-Geschwindigkeit von 9 Knoten noch für 15 Stunden ausreicht, es wird daher
-zu den beiden im Betrieb befindlichen Kesseln ein dritter hinzugenommen,
-um diese Geschwindigkeit aufnehmen zu können.
-
-Das hohe, dichtbewaldete Gebirgsland tritt bald aus dem leichten
-Nebelschleier, von welchem es umgeben ist, hervor; die tiefer liegenden
-Gebirgsrücken und Thalsenkungen heben sich plastisch von dem Hauptlande
-ab; neues, theilweise wild zerrissenes Land mit malerischen Vorsprüngen
-und tiefen Einbuchtungen, sowie kleine vor dem Hauptlande liegende
-wunderlich geformte Inseln steigen langsam über den Horizont, um das
-dem schnell vorwärts strebenden Schiffe näher rückende Panorama zu einem
-Bilde zu vervollständigen, welches in Bezug auf Farbeneffecte und reichen
-Wechsel der Scenerie den Anspruch auf große und seltene Schönheit erheben
-darf.
-
-Die auf die Süd- und die Westküste Neu-Irlands Bezug habende Karte kann
-als gut und ziemlich genau angenommen werden; die dort verzeichneten
-Wassertiefen gestatten dicht unter dem Lande vorbeizulaufen, der Curs
-wird daher so gesetzt, daß „Ariadne“, das Cap auf eine halbe Seemeile
-Entfernung passirend, um 11 Uhr vormittags in den St.-George-Kanal, die
-zwischen Neu-Irland und Neu-Britannien liegende Wasserstraße, einsteuert
-und uns damit den ersten Blick auf das letztgenannte Inselland, welches
-nebelgrau gefärbt noch in weiter Ferne liegt, eröffnet. Die jetzt
-vor uns liegende Westküste Neu-Irlands bietet dem Auge ebenso viel
-Schönheiten, wie die eben verlassene andere Seite es that, und da die
-Richtung der Uferlinie für längere Zeit mit der Cursrichtung des Schiffes
-übereinstimmt, so liegt es auf der Hand, daß das Schiff dicht unter
-dem Lande gehalten wird, um unserer Neugierde Befriedigung und unsern
-Augen einen wohlthuenden Ruhepunkt zu verschaffen, denn die von uns nun
-befahrene große Wasserstraße ist zur Zeit geradezu fürchterlich. Ueber uns
-steht eine schillernde Dunstmasse, wie sie sehr heißer Luft eigen ist,
-welche dem wolkenlosen Himmelsgewölbe eine ebensolche graublaue Färbung
-gibt, wie die unter Windstille liegende wellenlose, ganz spiegelglatte
-Flut sie nach oben ausstrahlt. Die Luft blendet, das Wasser blendet; das
-Auge findet nach vorn und nach links überall dieselbe Farbe, denselben
-grellen Schein, überall gleich grobe Zurückweisung bei einer Temperatur
-von 29° C. im Schatten. Da ist nun die zu unserer Rechten liegende, in
-saftigem Grün prangende hohe Bergwand mit ihren reichen Naturschönheiten
-eine wahre Erquickung für den Beobachter, welcher vielleicht, während
-seine Augen hier auf einem von der Natur überreich beschenkten und von den
-passionirtesten Menschenfressern bewohnten Lande ruhen, in Wirklichkeit
-mit seinen Gedanken in der fernen Heimat weilt auf traurigen Sanddünen,
-die durch die Erinnerung an die Kindheit und die dort zurückgelassenen
-lieben Menschen doch von süßem Zauber umweht werden. Solche Träumereien
-passen vortrefflich zu der herrschenden Stille, zu dem unter der heißen
-Mittagssonne liegenden scheinbar schlafenden Lande, wo weder menschliches
-Leben, noch solches in der Natur sich regt, wo nicht einmal die Steine
-des Strandes von dem sie berührenden Wasser umspielt werden.
-
-Um 1 Uhr ist das Schiff nicht mehr weit von demjenigen Cap entfernt, von
-welchem aus der Curs nach der Mitte der Straße gerichtet werden muß, und
-wir glauben schon diese Küste wieder verlassen zu müssen, ohne etwas von
-ihren Bewohnern gesehen zu haben. Da treten in der letzten, dicht vor
-jenem Cap liegenden kleinen Bucht aus dem Gebüsch am Strande einige Hütten
-hervor und zwei Kanus setzen vom Lande ab, um dem Schiff entgegenzufahren.
-Die „Ariadne“ geht näher heran, passirt kurze Zeit darauf die beiden
-Fahrzeuge, deren nackte Insassen durch lautes Geschrei und Vorzeigung
-eines Stücks Papier (wahrscheinlich die Bescheinigung eines früher hier
-gewesenen Schiffes, daß die Leute den Ankerplatz zu zeigen wissen) das
-Schiff zum Stoppen zu bewegen suchen. Dicht am Lande wird die Maschine für
-kurze Zeit zum Stillstand gebracht, um die wenigen am Strande befindlichen
-Menschen durch das Fernrohr zu mustern, und dann geht es weiter nach Duke
-of York. Da die Leute hier demselben Menschenschlag wie auf dieser Insel
-und Neu-Britannien angehören, so sehe ich vorläufig von ihrer Beschreibung
-noch ab, nur sei erwähnt, daß die Weiber hier nicht, wie sonst berichtet
-wird, ganz nackt gehen, sondern einen handgroßen Laubbüschel als Schürze
-tragen.
-
-Im Laufe des Nachmittags treten in erst schwachen, dann schärfern Umrissen
-die schön geformten Vulkane, welche, dicht bei den Duke of York-Inseln
-liegend, die zu Neu-Britannien gehörige Blanche-Bai im Norden begrenzen,
-aus dem Dunst hervor. Sichtbar sind nur die Mutter und eine Tochter.
-Die zweite Tochter, welche mit ihren kräftigen Ausbrüchen im Februar
-1878 die ganze Umgegend in Unruhe versetzte und lange Zeit in Unruhe
-hielt, eine neue Insel über das Wasser hob und stellenweise durch Hebung
-des Meeresbodens die Wassertiefen verringerte, welche mit dem von ihr
-ausgespieenen Bimsstein den St.-George-Kanal mit einer mehrere Fuß dicken
-Schicht bedeckte, zu deren Beseitigung Wochen und Monate gehörten, bis
-die Meeresströmungen diese Massen vertheilt und weit weggeführt hatten,
-wie wir ja auch bei den Ellice-Inseln sahen -- diese interessante zweite
-Tochter ist wegen ihrer geringen Höhe und versteckten Lage noch nicht
-zu sehen. In der Mitte der Straße steigen Laubkronen über den Horizont,
-welche das baldige Insichtkommen der nur 100 m hohen York-Inseln anmelden.
-
-Hier ist nun vielleicht der Platz, wo zum spätern bessern Verständniß
-einige allgemein gehaltene Bemerkungen über die Inselgruppe angebracht
-sind.
-
-Soweit bekannt, ist ein englischer Seefahrer Carteret (1767) der
-Entdecker, welcher die Gruppe für nur eine Insel ansah und ihr den Namen
-Duke of York-Island beilegte, ein Name, welcher sich zwar bisjetzt
-erhalten hat, in der Folge aber jedenfalls wieder der Vergessenheit
-anheimfallen wird, da die Eingeborenen eigene Bezeichnungen haben, welche
-naturgemäß wieder in ihr Recht eintreten müssen. Die nächste Nachricht
-stammt von einem Engländer Hunter vom Jahre 1791, welcher eine kleine
-Bucht vermessen und nach sich benannt hat, auch eine längere Beschreibung
-der Insel gab. Auffallend ist, daß dieser Mann, welcher längere Zeit in
-Port-Hunter gelegen haben muß, sich keine eingehendere Kenntniß von dem
-trefflichen Makada-Hafen, von welchem er nur durch einen etwa 200 Schritt
-breiten Landstreifen getrennt war, verschafft hat, da er eine Karte
-von der Insel gibt, in welcher er die Ufer dieses letztern Hafens genau
-bestimmt haben will, die aber ganz unrichtig sind. Hiernach läßt sich denn
-auch der Werth seiner übrigen Angaben ermessen. Hier verweise ich nun auf
-die umstehende Uebersichtskarte, welche nach den Aufnahmen von deutschen
-Schiffskapitänen aus den letzten Jahren entworfen ein ziemlich richtiges
-Bild gibt, unter der aber auch zur Vergleichung eine Darstellung des
-St.-George-Kanals nach der neuesten englischen Admiralitätskarte beigefügt
-ist, welche die Inselgruppe noch als eine Insel und wahrscheinlich in den
-von Hunter mitgetheilten Umrissen wiedergibt. Ein oberflächlicher Blick
-auf diese beiden Karten ist eine Erzählung für sich, welche berichtet,
-wie selten fremde Schiffe hierhergekommen und wie oberflächlich deren
-Besuch gewesen sein muß, wie abgeschlossen die Eingeborenen von fremdem
-Wesen geblieben sind. Neu-Irland und Neu-Britannien wurden besucht und
-theilweise vermessen, Duke of York aber nicht.
-
-Auch unsere „Gazelle“, welche vor wenigen Jahren zur Rechten und zur
-Linken sich um die Vermessung der Küsten Neu-Irlands und Neu-Britanniens
-so verdient gemacht hat, mied das inmitten der Straße liegende Kleinod,
-welches mit zwei vorzüglichen Häfen den Schlüssel zur Straße bildet und
-der gegebene Platz für die Residenz dieses großen Inselreichs ist, wenn
-die großen Nachbarinseln im Laufe der Zeiten einmal zu einem einzigen
-Reiche verschmolzen werden sollten. (Die beiden Häfen waren von Engländern
-vor wenigen Jahren Fergusson-Harbour und Port-Wesley getauft worden,
-ich habe ihnen indeß ihre richtigen Namen wieder zurückgegeben; wodurch
-ich das Recht dazu erhielt, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung
-ergeben.)
-
-Die Duke of York-Gruppe ist schon jetzt der Centralpunkt des Handels,
-welcher sich in den letzten Jahren hier entwickelt hat. Derselbe befindet
-sich in den Händen zweier deutscher Häuser, diese sind die Handels- und
-Plantagengesellschaft auf Samoa, vormals J. C. Godeffroy, und die Brüder
-Hernsheim, welche mit großer Energie und Ausdauer Verbindungen mit diesem
-gefürchteten Menschenschlage anknüpften, sich durch immer wiederkehrende
-Brandlegungen und Ermordung eines Handelsagenten nicht abschrecken
-ließen, sondern ausdauerten und jetzt, soweit eine richtige Beurtheilung
-möglich ist, endgültig gesiegt haben, allerdings schließlich mit Hülfe
-der Kriegsmarine, deren Unterstützung ihnen vorher gefehlt hatte. Die
-deutschen Kaufleute haben auch hier, wie schon an manch anderm Platze,
-den Missionaren den Weg geebnet und diesen das Eindringen überhaupt
-erst möglich gemacht. Nicht die Missionare sind in diesen Gegenden die
-Mauerbrecher, wie sie mit ihren pomphaften Veröffentlichungen das Publikum
-glauben machen, sondern der Handel ist es, welcher zur Fernhaltung der
-Concurrenz in aller Stille arbeiten muß. Ehe die Verhältnisse auf dieser
-Gruppe, wie auf der großen Nachbarinsel Neu-Britannien, den jetzigen
-verhältnißmäßig geordneten Stand erreichen konnten, ist allerdings manches
-Blut geflossen. Die hiesigen Handelsagenten sind keine schmächtigen
-Jünglinge, welche den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen,
-sondern wetterfeste und verwegene Männer, die, zum größten Theil aus dem
-Seemannsstande hervorgegangen, besser mit dem Revolver und dem Messer,
-als wie mit der Feder umzugehen wissen -- Leute, die selten im Hause sind
-und auf beschwerlicher Reise von einem Platz zum andern, von einer Insel
-zur andern den größten Theil des Jahres in kleinen Fahrzeugen und offenen
-Booten zubringen -- Leute, die ihre persönliche Sicherheit in der eigenen
-Hand halten und daher, wenn es gilt, nicht nur ihr Leben zu vertheidigen
-haben, sondern zur Sicherung ihrer Stellung auch unter Umständen zum
-Angriff übergehen müssen, da keine Behörde zur Stelle ist, welche ihnen
-Schutz gewähren könnte; sie müssen leben wie der Volksstamm, auf dessen
-Grund und Boden sie sich befinden, d. h. jeder hat für sich selbst zu
-sorgen und darf nie ohne Waffe sein; wer sich nicht selbst schützen kann,
-wird von dem andern vernichtet. Einige Beispiele aus dem hiesigen Leben
-werden das Vorstehende am besten illustriren.
-
-An der Nordküste Neu-Britanniens erschießt vor zwei Jahren ein Engländer,
-Agent eines deutschen Hauses, den Hund eines Eingeborenen, wofür die
-Eingeborenen ihm sein Haus anstecken und dann ihn selbst erschlagen.
-Der Kapitän eines in der Nähe befindlichen zu demselben Hause gehörigen
-deutschen Kauffahrteischiffes verbindet sich darauf mit einem an derselben
-Küste seßhaften ihm befreundeten Stamme und unternimmt gegen die Mörder
-einen Kriegszug, welcher mit der Besiegung derselben endet, nachdem auf
-beiden Seiten mehrere Eingeborene gefallen waren. Der Schiffskapitän
-konnte allerdings seinen Sieg nicht zu einer exemplarischen Bestrafung
-der Mörder ausnutzen, da seine Macht dafür zu gering war, sondern mußte
-sich mit dem ihm gebotenen Strafgelde von einigen hundert Faden (je 6 Fuß)
-Muschelgeld und der Genugthuung begnügen, daß der seitdem an derselben
-Stelle wieder eingesetzte neue Agent unbehelligt gelassen wird. Aus diesem
-Kriegszuge stammen auch die mir von demselben Kapitän gemachten, später
-noch anzuführenden Angaben über die Zubereitung von Menschenfleisch, da
-die Gefallenen nicht begraben, sondern gegessen wurden.
-
-Ein zweiter Fall. Ende vorigen Jahres schloß der Steuermann eines im
-Meokohafen liegenden deutschen Schiffes mit einem Häuptling der kleinen
-Insel Meoko ein Kaufgeschäft ab und entrichtete den Kaufpreis im voraus.
-Als er dann das Kaufobject fordert, wird ihm dasselbe vorenthalten
-und hieraus entspinnt sich ein Streit, welcher in einen allgemeinen
-ernsten Conflict ausartet. Die Eingeborenen machen von ihren Waffen
-Gebrauch, die Europäer (darunter ein deutscher Naturforscher mit Frau)
-begaben sich alle auf das Schiff, die Eingeborenen machen einen Angriff
-auf dasselbe, werden blutig zurückgewiesen, an Land verfolgt und dort
-besiegt. Der Kriegszustand währte mehrere Tage, während welcher vielfach
-unterhandelt wurde, ohne zu einem Resultat kommen zu können. Der Kapitän
-hatte diese Zeit auch dazu benutzt, um den in Port-Hunter residirenden
-englischen Missionar, welcher über eine große Zahl Männer (samoanische
-und fidjianische Missionslehrer) verfügt, um Beistand zu bitten, wurde
-indeß mit der Antwort zurückgewiesen, daß die Waffen des Missionars nur
-geistige seien. Denselben Standpunkt nahm auch die in Sydney befindliche
-oberste Missionsbehörde der Wesleyaner ein und äußerte sich nach
-Empfang der Berichte von der Station in Port-Hunter in einer keineswegs
-anerkennenden Weise über die deutschen Barbaren. Hätte der englische
-Missionar in Port-Hunter allerdings damals geahnt, welche Schritte er
-wenige Wochen später ergreifen und wie er den zurückgewiesenen deutschen
-Kapitän nun selbst um Beistand anrufen würde, dann hätte er jedenfalls
-anders gehandelt und anders berichtet; hätte die Missionsgesellschaft
-in Sydney geahnt, welche Berichte ihr wenige Wochen später von ihrer
-Station in Port-Hunter in Aussicht standen, dann hätte sie gewiß klug
-geschwiegen. Eigene Schicksalsfügung war es, daß gerade derselbe,
-von den englischen Missionaren so hart angegriffene deutsche Kapitän
-während meiner Anwesenheit in Sydney dahin die erste Nachricht von dem
-Kriegszug des englischen Missionars Brown gegen die Eingeborenen von
-Neu-Britannien bringen mußte, und zwar die eigenen Berichte des genannten
-Missionars, nach welchen über 150 Eingeborene gefallen waren, während in
-dem Scharmützel des deutschen Schiffes nur 5 oder 6 Eingeborene das Leben
-verloren hatten. Nun war natürlich die Noth groß, denn da die Missionare
-die Handlungsweise des deutschen Kapitäns so hart verdammt hatten, konnten
-sie ihren Bruder nicht in Schutz nehmen, sondern mußten über ihn in
-derselbe Weise abfällig urtheilen, was sie denn auch mit solchem Erfolg
-gethan haben, daß der Gouverneur von Fidji die Sache in die Hand nehmen
-mußte, und nach allgemeiner Ansicht in Levuka wird der Missionar Brown mit
-mindestens fünf Jahren Gefängniß bestraft werden. Eigene Schicksalsfügung
-ist es wiederum, daß der Commandant eines deutschen Kriegsschiffes trotz
-der allgemein gegen Brown sprechenden öffentlichen Meinung der Erste ist,
-welcher diesem braven Manne die rettende Hand reicht, denn ich hoffe
-sicher, daß die von mir zu seinem Schutz ergriffenen Maßnahmen ihn vor
-der drohenden Schande bewahren werden.
-
-Dieser letzte und bedeutendste blutige Conflict fand im Februar 1878
-statt. Die Entwickelung der Sache war die folgende.
-
-Die englische Mission ward damals gebildet von dem Missionar Mr. Brown
-und etwa 80 Samoanern und Fidji-Leuten, welche, in den Missionsschulen
-als Lehrer ausgebildet, vorzugsweise dazu bestimmt sind, die vorbereitende
-Arbeit des Missionars zu übernehmen, d. h. die Heiden mit dem Inhalt der
-Bibel bekannt zu machen und später dann den Schulunterricht der Kinder
-zu überwachen. Ohne diese Leute würde in diesen Gegenden überhaupt
-nichts zu machen sein, da die Entsendungs- und Unterhaltungskosten für
-europäische Geistliche ungeheuere Summen verschlingen würden, wenn solche
-Persönlichkeiten überhaupt in genügender Zahl gefunden würden, während
-die polynesischen sogenannten Missionslehrer wie die Eingeborenen leben,
-mit einer kleinen Hütte und derjenigen Nahrung zufrieden sind, welche
-sie sich selbst von den Bäumen oder aus dem Wasser holen. Von diesen
-Missionslehrern, deren größter Theil sich bei Mr. Brown aufhält und
-gewissermaßen dessen Leibgarde bildet, war ein Theil in verschiedenen
-Plätzen der Duke of York-Gruppe untergebracht, vier derselben waren
-nach Neu-Britannien geschickt, um dort die ersten Bekehrungsversuche zu
-machen. Ob nun die Leute mit den Eingeborenen Neu-Britanniens in Streit
-gerathen sind, oder ob die letztern den Anblick so vortrefflichen Wildes
-nicht länger ertragen und schließlich ihre Gier nach dem begehrten
-Menschenfleisch nicht mehr zügeln konnten, ist wol nicht aufgeklärt.
-Thatsache ist, daß eines Tages die Nachricht von der erfolgten Verspeisung
-der vier Missionslehrer durch neubritannische Eingeborene auf Duke of York
-anlangte.
-
-Hier will ich gleich einschalten, daß nach allen mir zugegangenen
-Nachrichten die Menschenfresser in diesem Theil der Erde sich aus weißem
-Menschenfleisch nichts machen, sondern nur braunes Fleisch gern essen.
-Sie sagen, daß das Fleisch der Weißen zu salzig sei, und dies legt die
-Vermuthung nahe, daß die großen Quantitäten Salz, welche wir fortwährend
-verzehren, sich dem Blut und Fleisch so sehr mittheilen, daß wir
-gewissermaßen lebendig gepökelt sind. Da nun die Wilden das Salz gar nicht
-kennen, so erscheint es erklärlich, daß sie ihre süßen braunen Brüder den
-salzigen weißen Fremdlingen vorziehen.
-
-Die Nachricht von dem traurigen und schmählichen Ende der vier Polynesier
-versetzte naturgemäß die ganze Fremdencolonie in die größte Aufregung;
-die braunen Mitglieder riefen nach Rache und verlangten harte Züchtigung
-der entmenschten Mörder; die Weißen mußten sich sagen, daß diesem blutigen
-Vorspiel in kürzester Zeit eine allgemeine Niedermetzelung folgen würde,
-wenn nicht der Schandthat eine gehörige Züchtigung auf dem Fuße folge,
-welche mit ihren Schrecken den ganzen Volksstamm in die größte Furcht vor
-den Fremden versetze. Es herrschte daher nur die eine Ansicht, daß alle
-Fremden einen Kriegszug gegen die Menschenfresser unternehmen mußten, und
-an Mr. Brown wurde die Forderung gestellt, die Führung zu übernehmen. Der
-Geistliche glaubte mit Rücksicht auf seinen Stand von einem derartigen
-Beginnen abrathen und die Führerschaft ablehnen zu müssen, ob aus
-Ueberzeugung, oder nur um sich zu der Führerschaft zwingen zu lassen, ist
-allerdings eine offene Frage. Jedenfalls stimmte dieser Herr in einer
-Unterhaltung mit mir darin überein, daß diese Wilden nur durch blutige
-Rache zu züchtigen und in dem erforderlichen Respect zu erhalten seien,
-und daß unzureichende Maßregeln, wie Tödtung einiger Wenigen, wie dies so
-vielfach für das Richtige gehalten wird, eher schade wie nütze. Ergreift
-man erst die Waffen, dann müssen bei dem ersten Zusammenstoß so viele wie
-möglich fallen, da nur dadurch der klare Beweis der wirklichen Stärke
-und Macht nachhaltig bewiesen wird. Auch muß man hier mit in Betracht
-ziehen, wie wenig bei diesen Leuten ein Menschenleben gilt und daß nur die
-Masse der Opfer einen tiefern Eindruck macht. Bei der Auseinandersetzung,
-welche ich mit Herrn Brown über diesen Fall hatte, gab er mir nun folgende
-Rechtfertigung über sein damaliges Verhalten und will ich ihn selbst
-sprechen lassen:
-
-„Als von mir die Führung des Unternehmens gefordert wurde, war ich in
-einer verzweifelten Lage. Meine innerste Ueberzeugung sagte mir, daß
-unser aller Leben nur noch auf wenige Tage zu veranschlagen war, wenn der
-geplante Rachezug unterblieb; mein geistlicher Stand zwang mich, nicht
-nur die Führung abzulehnen, sondern auch mit meinem ganzen Einfluß gegen
-das Unternehmen aufzutreten. Doch ich mußte mir sagen, daß an die hiesigen
-Verhältnisse ein besonderer Maßstab anzulegen sei, und so gab ich zunächst
-meinen Widerstand gegen das Unternehmen selbst auf. Bei Erwägung der
-Frage, inwieweit ich mich persönlich betheiligen solle, traten nun Momente
-auf, welche mir keine Wahl ließen. Es war zweifellos, daß ich der einzige
-Mann war, welcher von allen Betheiligten Gehorsam erwarten, daher auch
-der einzige war, welcher die nothwendige Ordnung aufrecht erhalten konnte.
-Ferner war als sicher anzunehmen, daß sämmtliche Betheiligte den Charakter
-von Würgengeln annehmen und kein Ende im Morden und Brennen finden würden,
-und daß sie dadurch den Nutzen des ersten Erfolgs wieder aufs Spiel setzen
-und das ganze Volk zum Aufstand bringen und uns allen sichern Untergang
-bereiten würden. Auch durfte ich nicht außer Betracht lassen, daß mein
-Zurückbleiben mir als persönliche Feigheit vorgeworfen würde, womit der
-Verlust meiner eigenen Position und der der ganzen Mission verbunden war.
-So entschloß ich mich denn mit schwerem Herzen das mir angetragene Amt
-zu übernehmen, aber nur um die Leidenschaften der kaum zu bändigenden
-Truppe zu zügeln und unnöthigem Blutvergießen vorzubeugen. Wenn nachher
-auch für die vier Missionslehrer etwa 150 Neubritannier ihr Leben haben
-lassen müssen, so bleibt mir doch die Genugthuung, daß ich schließlich dem
-Blutvergießen Einhalt thun konnte und damit ermöglichte, daß neben der
-Sicherheit, welche wir für unser Leben und Gut erkämpft haben, wir auch
-jetzt mit unsern damaligen Feinden in bester Freundschaft leben.“
-
-Wie aus dem Vorstehenden schon erhellt, wurde der geplante Zug nach
-Neu-Britannien unternommen und zwar mit etwa 80 Mann unter der Führung
-von Mr. Brown, während ungefähr 20 Männer in Duke of York zurückblieben,
-um die dort zurückgelassenen Frauen und Kinder zu beschützen. In
-Neu-Britannien angelangt, wurde sofort der Kampf begonnen, die
-Eingeborenen wurden weit in das Innere verfolgt und vollständig besiegt,
-nachdem sie etwa 150 Mann verloren hatten; auch wurde ihnen die noch
-in ihrer Gewalt und am Leben befindliche Frau eines aufgefressenen
-samoanischen Missionslehrers wieder abgejagt. Für dieses arme Geschöpf
-wäre es auch besser gewesen, sie hätte vorher den Tod gefunden, denn die
-wenigen Tage hatten sie wahnsinnig gemacht.
-
-Dies waren die drei in der letzten Zeit vorgekommenen blutigen Conflicte,
-welche nach Ansicht der dort lebenden Weißen zunächst Sicherheit für
-Leben und Eigenthum geschaffen hatten. Meine Aufgabe war es nun, die
-bereits errungenen Erfolge nach Möglichkeit zu sichern, den Eingeborenen
-die Macht eines Kriegsschiffes vor Augen zu führen und ihnen damit
-den Beweis zu liefern, auf welch mächtigen Schutz die Weißen unter
-allen Umständen rechnen können. Hierzu war es aber nöthig, daß ich mit
-den Menschenfressern in nähere Berührung trat, daß ich sie in ihren
-Niederlassungen aufsuchte, sie an Bord des Schiffes empfing, alle
-vorliegenden Klagesachen durch Auferlegung von Strafen erledigte und durch
-Feste einen engern Verkehr herbeiführte. Diesem Zwang muß ich es jetzt
-nachträglich dankbar zuerkennen, daß ich mehr gesehen und gehört habe, als
-ich vorher ahnte, und daß ich wol einen tiefern Einblick in die hiesigen
-Verhältnisse erhalten habe, als irgendein Seefahrer vor mir. Es kam mir
-allerdings zu statten, daß ich mir Herrn Brown verpflichtet hatte, sowie
-daß mir zwei deutsche Herren zur Seite standen, welche durch jahrelangen
-Aufenthalt hierselbst mit den Verhältnissen ebenso vertraut sind wie
-Herr Brown. Ohne diese drei Herren würde ich wol sehr wenig erfahren und
-dieses interessante Land mit seinen Leuten nicht kennen gelernt haben,
-und wie nothwendig der directe Verkehr mit diesen Eingeborenen ist, wird
-vielleicht das folgende Beispiel ergeben.
-
-Die „Gazelle“ war drei Jahre vor mir in Matupi (Neu-Britannien), hat dort
-einige Tage gelegen und den Hafen vermessen. Das Eine, was die Leute von
-ihr wußten, war, daß sie sich der Anwesenheit eines großen Schiffes mit
-vielen Leuten entsannen, welches auch furchtbare Thiere an Bord hatte,
-auf denen einzelne Leute ab und zu an Land kamen. An diesen furchtbaren
-Thieren wurde von uns die „Gazelle“ erkannt, da sie von Timor einige
-kleine Ponies mitgebracht hatte, welche zuweilen ausgeschifft und dann
-auch zum Reiten benutzt wurden. Die Nationalität der „Gazelle“ kannten sie
-ebenso wenig, wie das Erscheinen dieses Schiffes sie davon abhielt, einige
-Zeit später in nächster Nähe eine deutsche Niederlassung niederzubrennen.
-Die „Ariadne“ war nur einen Nachmittag in Matupi, wird aber sobald nicht
-vergessen werden, da das Schiff vorher angemeldet war, sein Name wie seine
-Nationalität bekannt ist und die sämmtlichen Einwohner von Matupi vor den
-Offizieren und Mannschaften des Schiffes einen Tanz aufführten, zu welchem
-schon vorher die Vorbereitungen getroffen waren; auch kam das Schiff
-direct von dem vorhergenannten, nur wenige Seemeilen entfernten Platze,
-wo die Eingeborenen wegen jener Brandlegung mit Erfolg zur Verantwortung
-gezogen worden waren und ein nach dortigen Verhältnissen hohes Strafgeld
-hatten erlegen müssen, welch letzteres von der „Ariadne“ in Matupi in dem
-Hause eines deutschen Agenten deponirt wurde.
-
-Nach dieser Abschweifung will ich jetzt zu unsern eigenen Erlebnissen
-zurückkehren und auf die S. 383 enthaltene Kartenskizze der Duke of
-York-Inseln hinweisen. Schon im Laufe des Nachmittags wurde festgestellt,
-daß das Schiff nicht mehr vor Eintritt der Dunkelheit das Reiseziel,
-den Hafen von Makada (spr. Makadá), erreichen konnte; es wurde daher
-beschlossen, für die Nacht den im Süden liegenden Hafen von Meoko
-anzulaufen und dadurch das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.
-Wie vorher erwähnt, war dieser Hafen vor kurzem der Schauplatz eines
-blutigen Conflicts zwischen Deutschen und Eingeborenen gewesen, es
-war daher auf alle Fälle nothwendig diesen Platz zu besuchen; dann
-war hier der Centralpunkt eines der beiden hier vertretenen deutschen
-Kaufmannshäuser und nur von hier aus konnte ich mich mit einem deutschen
-Schiffskapitän, dessen Gegenwart für die volle Ausnutzung der Anwesenheit
-des Kriegsschiffes durchaus nothwendig war, in Verbindung setzen.
-Schließlich hätte ein Verbleiben des Schiffes außerhalb des Hafens während
-der Nacht mich gezwungen, die Nacht schlaflos zuzubringen, und es würde
-mir dann am nächsten Tage die nothwendige Frische für die in Aussicht
-stehenden Dienstgeschäfte gefehlt haben. So war es nicht schwer, den
-Entschluß zu fassen, die Nacht in einem sichern Hafen vor dem Anker zu
-verbringen. Kurz vor Sonnenuntergang stand das Schiff vor der Südküste
-der York-Inseln, welche sich auch von hier aus dem Beobachter noch als
-eine zusammenhängende Ländermasse zeigt. Für den Kenner dieses Landes
-heben sich allerdings die im Süden liegenden schmalen und langgestreckten
-niedrigen Inseln, welche unter sich wieder durch Korallenriffe verbunden
-sind, scharf von der Hauptinsel Amakada (spr. Amakáda) ab, der Neuling
-glaubt aber hier an der Südküste nur allmählich abfallendes Land zu sehen,
-während die Ostküste der Hauptinsel senkrecht und steil aus dem Wasser
-aufsteigt.
-
-Das vor uns liegende Bild ist, trotzdem ihm wirkliche Effecte fehlen,
-dennoch schön. Die ein niedriges Hochplateau bildende Inselgruppe, welche
-die Höhe von 100 m nicht übersteigt, macht, wie dies auch von frühern
-Reisenden behauptet wird, unwillkürlich den Eindruck eines schönen
-Gartens, trotzdem sie auf ihrem Rücken nur undurchdringlichen Urwald
-trägt. Die zu unserer Rechten liegende steil aufsteigende Ostküste ist von
-der niedrig stehenden Sonne schon in tiefe Schatten gelegt, zu unserer
-Linken glänzt die Flut noch in dem prächtigsten Blau und sendet ihre
-kleinen von der leichten Brise aufgewühlten Wellen gegen die Ufer der
-Inseln, um dort auf den Korallenriffen zu überstürzen, als blendend weiße
-Brandung nach der andern Seite hinüberzulaufen und dort Ruhe zu finden.
-Innerhalb der Riffe segelt ein europäisches Boot und verschwindet bald
-in dem Landeinschnitt zwischen Meoko und Utuan (spr. Utuán), wie wir
-vermuthen um uns durch die eigentliche Hafeneinfahrt zur Leistung von
-Lootsendiensten entgegenzukommen, da dies der kürzeste Weg ist.
-
-Der schmale Strand der niedrigen Insel Meoko wird von dem üppigen Laub
-dichter Büsche und hochstämmiger mächtiger Bäume überschattet, Baumäste
-und Schlingpflanzen neigen sich bis zum Wasserspiegel und bilden über dem
-Strande einen natürlichen Laubengang. Hier und da zeigt sich eine Höhle
-oder eine kleine malerische Schlucht, welche Kanus beherbergen und damit
-anzeigen, daß die Insel bewohnt ist, wenngleich Menschen noch nicht zu
-sehen sind; dieselben sind jedenfalls schon in ihren nach der andern Seite
-zu gelegenen Hütten.
-
-Wir stehen dicht vor der Einfahrt; links liegt die niedrige Insel Meoko,
-rechts die kleine hohe, steil abfallende Felseninsel Muarlin vor dem
-Festlande, wie man hier wol die große Insel Amakada nennen kann. Bei der
-vorgerückten Tageszeit scheint es mir nicht räthlich, auf die Ankunft des
-Lootsen zu warten, auch haben wir eine anscheinend gute, erst im vorigen
-Jahre von einem deutschen Schiffskapitän aufgenommene Karte in Händen,
-welche ein tiefes klares Fahrwasser gerade in die Mitte der Einfahrt
-legt. Ich neige mich allerdings dahin, das Schiff dicht an die hohe Insel
-Muarlin zu steuern, weil das Wasser an felsigem Ufer in der Regel tiefer
-ist, lasse mich aber von meinem Berather bewegen, die Karte als richtig
-anzusehen und die Mitte des Fahrwassers zu halten, gebe indeß dem Schiffe
-doch die geringst mögliche Fahrt. Nur wenige Minuten und von beiden Seiten
-des Schiffes melden die Matrosen am Loth nur 4½ m Wasser. Das Schiff geht
-5½ m tief und hat noch Vorwärtsbewegung, kann den Grund also noch nicht
-berührt haben, ein Blick auf die frisch ausgeworfene Lothleine zeigt, daß
-die Lothgänger die richtige Tiefe angegeben haben, wir befinden uns mitten
-zwischen den Korallen. Was thun? „Zaudern“ ist ein Wort im Sprachschatze
-der Seeleute, welches, wenn auch nicht immer, doch häufig gleichbedeutend
-mit „Unfall“ und durch Zwang wie Gewöhnung dem Seemann abhanden gekommen
-ist, der Entschluß ist daher schnell gefaßt. Das Schiff muß weiter gehen,
-entweder um sich wie bis hierher zwischen den Untiefen durchzuschlängeln
-oder vorn mit dem Steven auf dem Meeresgrund einen Stützpunkt zu finden
-und dann schnell hinten durch einen Anker festgelegt zu werden, damit
-die Strömung es nicht seitwärts auf die Korallen wirft und dadurch das
-spätere Abbringen wesentlich erschwert wird. Ist das Schiff dann so erst
-fixirt, dann kann man es wenigstens mit Hülfe von Ankern denselben Weg
-wieder zurückholen, den es gekommen ist. Das Glück bleibt uns aber auch
-hier wie bisher hold, das Wasser wird tiefer, die unheimlich dicht unter
-der Wasseroberfläche uns anstarrenden Korallen verschwinden und wir können
-in tiefem Wasser nahe an Muarlin heranlaufen, dort einen scharfen Bogen
-schlagen und nach weitern wenigen Minuten vor der deutschen Factorei in
-dem Augenblick ankern, wo das vorhergenannte Boot auch dort eintrifft.
-
-Unser Ankerplatz mit seiner Umgebung ist ein kleines Stück Paradies.
-Rund eingeschlossen von hohem und dicht belaubtem Lande ist der schöne
-sichere Hafen mit seinem wunderbar klaren Wasser, welches die Täuschung
-hervorruft, als ob der Meeresboden handbreit unter dem Wasserspiegel
-läge. Die Ufer des Landes werden stellenweise durch vorspringendes
-Felsengestein und zurücktretende Meeresbuchten unterbrochen; hier
-schiebt sich das Land dichter an uns heran, dort gestattet eine lange
-Wasserstraße nach dem westlichen Ausgang eine größere Fernsicht. Auf
-dem Lande stehen nicht nur Kokosnußbäume, sondern endlich auch einmal
-wieder Laubhölzer, darunter mächtige Baumriesen mit bis zu 2 m dicken
-Stämmen und diesen entsprechenden, nach unsern heimischen Begriffen
-proportionalen Laubkronen. Die großen Blätter der Bananenstauden, die
-saft- und kraftstrotzenden Sträucher, Schlingpflanzen, Gräser und Blumen,
-die Vögel, summenden und zirpenden Insekten geben uns die Erinnerung
-zurück, daß es auf der Erde auch noch etwas anderes gibt, als nur
-Kokospalmen und immer wieder Kokospalmen. Die Wasseroberfläche im Hafen
-ist spiegelglatt; draußen rauscht leise die schwache Brandung, als
-ob sie mit der untergehenden Sonne, welche tiefer sinkend das vor uns
-liegende Bild in die Schatten der Nacht legt, auch schlafen gehen wolle.
-Wohnungen der Eingeborenen sind nicht zu sehen, aber einzelne Vertreter
-dieser Rasse zeigen sich in ihrer classischen Nationaltracht, welche
-nur im Färben der Kopf- und Körperhaare besteht, mit Speeren und Keulen
-bewaffnet am Strande. Dicht vor uns, nur etwa 100 Schritte ab, führt
-vom Strande ein sauber gehaltener und mit kleinen Steinen bestreuter
-gerader Weg zu der deutschen Factorei, einem kleinen Holzbau mit daran
-stoßendem steinernen Waarenhaus, das Ganze von einer steinernen Mauer
-umwehrt. Der deutsche Agent kam an Bord, um sich vorzustellen und uns die
-wenig angenehme Nachricht zu bringen, daß der in Diensten der Handels-
-und Plantagengesellschaft stehende deutsche Schiffskapitän Levison, den
-wir zur Ausführung unserer Pläne als Kenner der Landessprache und aller
-einschlagenden Verhältnisse nicht entbehren konnten, mit seinem Schiff in
-einem 30 Seemeilen entfernten Hafen läge und vorläufig nicht herzukommen
-beabsichtige. Da andererseits ich ihn jetzt nicht aufsuchen konnte,
-weil ganz bestimmte Aufträge mich nach Makada führten, wo ich einige
-Eingeborene wegen Niederbrennung einer deutschen Station zur Verantwortung
-ziehen sollte, so sprach ich den Entschluß aus, gleich am nächsten
-Morgen nach Makada weiter zu gehen und die dortigen Geschäfte zuerst
-zu erledigen. Bei der Besprechung, auf welche Weise Levison am besten
-herzurufen sei, warf sich ein ebenfalls in deutschen Diensten stehender 60
-Jahre alter Engländer ins Mittel und erbot sich, obgleich er eben erst mit
-seinem Boot von dem in Rede stehenden Hafen gekommen war, sofort wieder
-abzufahren, mit seinen beiden Leuten (Eingeborenen) bei dem stillen Wetter
-die 30 Seemeilen während der Nacht abzurudern und den Kapitän am nächsten
-Vormittag mit frischen, von dessen Schiff genommenen Leuten zu uns nach
-Makada zu bringen. Meinen Einwand, daß er dies bei seinem Alter, nachdem
-er bereits den ganzen Tag der heißen Tropensonne ohne Sonnensegel und
-Schirm ausgesetzt gewesen sei, wol nicht aushalten würde, wies er lächelnd
-von der Hand, und so ließ ich ihn ziehen in der Ueberzeugung, daß er die
-Aufgabe nicht lösen könne; aber er hat sie gelöst. Dieser Mann gab mir
-auch wieder den Beweis, welchen ich nicht nur an verschiedenen Beispielen
-hier in der Südsee, sondern auch an mir selbst wiederholt gefunden habe,
-daß auch der Europäer außerordentlich widerstandsfähig gegen das Klima
-ist, sofern er nur immer mäßig lebt.
-
-Obgleich es inzwischen dunkel geworden war und es vermuthlich an
-Land auch nichts zu sehen gab, konnte ich dem Drang dahin doch nicht
-widerstehen. Die Eingeborenen hatten es mir angethan, längst vergangene
-Zeiten machten sich geltend und Anklänge an die Empfindungen, welche ich
-als Kind beim Lesen der Indianer- und Wildengeschichten hatte, brachen
-aus meinem Erinnerungsschatz hervor, als ich bei unserer Ankunft diese
-chokoladenbraunen urwüchsigen Gestalten mit ihren phantastischen Waffen
-am Strande sah. Ich fuhr daher noch für kurze Zeit an Land, um mir
-wirkliche und leibhaftige Wilde und Menschenfresser aus nächster Nähe zu
-betrachten, bei welcher Gelegenheit ich mir auch gleich durch Vermittelung
-des deutschen Agenten einige Waffen direct aus den Händen der Wilden
-eintauschte. Sehr verwundert war ich, nachher das Gewicht einer erworbenen
-Streitaxt federleicht zu finden und zu erkennen, daß nicht nur der Stiel,
-sondern auch die Axt selbst aus dem leichtesten Holz verfertigt war.
-Später erst lernte ich die Bedeutung dieser Täuschung erkennen.
-
-Am folgenden Morgen fuhr ich mit Tagesanbruch an Land, um die Situation
-des Hafens und des daran stoßenden Terrains in Ruhe zu besichtigen und
-auf seinen Werth zu prüfen. Herr Weber, welcher sich bisher gewissermaßen
-als unfehlbar erwiesen hatte, war mit dem Vorschlage hervorgetreten,
-kurzer Hand die hier liegenden wichtigsten Häfen auf die eine oder
-andere Weise für das Reich zu erwerben, weil ich nur dadurch meine
-Absicht, die deutschen Interessen dauernd zu sichern, erreichen könne.
-Ich hatte im Laufe der letzten Monate ja viel und reiflich über diese
-Sache nachgedacht, mich aber noch nicht schlüssig gemacht; jetzt auf
-diesem einsamen Spaziergang wollte ich zu einem Ende kommen. Bei meiner
-Anwesenheit in Sydney, wie auch später in Levuka, hatte ich sowol aus dem
-energischen Drängen aller Zeitungen, wie aus Gesprächen mit maßgebenden
-und einflußreichen Personen ersehen, daß die Annectirung Neu-Guineas
-durch England nur eine Frage der Zeit sein könne, und daß muthmaßlich
-der Tag der Einverleibung sehr nahe liege. Weht aber erst die Flagge
-Großbritanniens auf diesem Erdtheil, dann breitet sie sich wie unter
-dem Einfluß des Windes auch über die großen Nachbarinseln Neu-Britannien
-und Neu-Irland aus, um mit diesen werthvollen Ländermassen gleichzeitig
-die Herrschaft über den St.-George-Kanal zu erhalten, welcher meines
-Erachtens dermaleinst die Straße für den Dampferverkehr zwischen
-Australien und China werden wird. Und dieser Möglichkeit mußte ich auf
-alle Fälle zuvorzukommen suchen, damit das Deutsche Reich bei der nahe
-bevorstehenden Theilung der Südsee unter die europäischen Staaten auch
-ein Wort mitzureden hätte.
-
-Meine Gig fährt auf den Strand, ich springe, in der Hand einen Stock und
-in der Tasche einen Revolver, an Land und das Boot geht in tieferes Wasser
-zurück, um mir mit leichtem Ruderschlag auf Rufweite zu folgen. Lang
-entbehrter Genuß, auf festem Boden ordentlich ausschreiten zu können und
-noch dazu in so herrlicher Umgebung, an solch thaufrischem Morgen!
-
-Mein Weg führt dicht am Waldessaum entlang, auf schönem festen Sand,
-nur wenige Schritte von dem Meeresufer entfernt. Eine leichte Brise
-bringt angenehme Kühlung und spielt in dem leisen Rauschen der Blätter
-das Präludium zu dem Concert, welches bald die erwachende Thierwelt
-anstimmt. Hier und da treten eingeborene bewaffnete Männer einzeln oder
-paarweise aus dem Busch, welche mich einsamen Wanderer neugierig und,
-wie mir scheinen will, lüstern betrachten und dann weiter gehen, um, wie
-das Gethier, am neuen Morgen ihrer Nahrung nachzugehen oder nur, ihren
-dumpfigen Hütten entfliehend, unbewußt das köstliche Geschenk einzuathmen,
-welches Gottes Gnade ihnen in dieser wunderherrlichen Natur beschert
-hat. Unser Schiff liegt von hier aus versteckt; ob sie mich vielleicht
-als jagdbares Wild ansehen und nur mein mit sechs Matrosen bemanntes
-Boot sie zur Enthaltsamkeit veranlaßt? Vielleicht werden sie auch durch
-hier am Strande liegende Brunnen -- in den Sand gegrabene Löcher, welche
-süßes Wasser enthalten -- angelockt. Diesen Menschen kann man es beinahe
-verzeihen, Menschenfresser zu sein, wenn man sie so in der Freiheit
-sieht. Wenigstens auf mich machen sie den Eindruck von bewehrtem Edelwild,
-obgleich ich kein Jäger bin. Liegt es in dem Gesichtsausdruck oder in der
-Hautfarbe des nackten Körpers? In der scheuen Vorsicht ihrer Bewegungen
-oder in der nie fehlenden Waffe, weil keiner dem andern traut, jeder
-bereit ist, einem andern das Leben ebenso leicht zu nehmen, wie es ihm
-genommen werden kann? Ich weiß es nicht, aber wahr ist es, daß man hier
-verlernen kann, in dem „Mord aus Vergnügen“ noch ein Verbrechen zu sehen.
-Wie gesagt, bewaffnet ist jeder, und hat er keinen Speer, keine Keule,
-keine Axt, so hat er doch die wurffertige Steinschleuder in der Hand,
-mit welcher er auf 30 Schritte und weiter seinen Gegner oder sein Opfer
-sicher tödtet, oder durch einen Knochenbruch, bezw. eine lebensgefährliche
-Verwundung in den Weichtheilen kampfunfähig macht.
-
-Ich umschreite eine kleine Meeresbucht, welche so tiefes Wasser hat,
-daß große Schiffe hineinholen und direct an Land anlegen können, die
-daher nach etwaiger Anlage einiger Werkstätten einen guten natürlichen
-Platz für Schiffsreparaturen abgibt. Etwas weiter komme ich zu der am
-Strande gelegenen Hütte eines samoanischen Missionslehrers, welcher mit
-seiner auffallend hübschen Frau damit beschäftigt ist, in seinem Hause
-Tag zu machen. Es war inzwischen, nachdem ich einen dreiviertelstündigen
-Spaziergang hinter mir hatte, Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, und
-ich bestieg mein herangerufenes Boot mit dem Entschluß, nach Erledigung
-meiner übrigen Geschäfte hierher zurückzukehren, um den Hafen auf
-irgendeine Weise für uns zu sichern.
-
-Um 9½ Uhr waren wir wieder unter Dampf, um durch die westliche Passage auf
-dem kürzesten Wege nach Makada zu gelangen. Die Karte gibt zwar für das
-äußere Fahrwasser keine nähern Tiefenangaben, sondern sagt nur, daß alles
-voller Korallenriffe mit genügend tiefen Rinnen zwischen den Korallen sei,
-indeß war mir mitgetheilt worden, daß die Passage mit gutem Ausguck von
-dem Mast aus vollständig sicher ist. Da wir nun an diese Art Seefahrt mit
-der Zeit gewöhnt sind und die Meeresfläche infolge andauernder Windstille
-auch spiegelglatt war, so wählte ich der erheblichen Zeitersparniß wegen
-diese Straße. Die vier Seemeilen lange Fahrt bis zum Ausgang des Hafens
-an dieser Seite machte den Eindruck, als ob wir über Land führen, denn
-da, wie schon erwähnt, bei der außerordentlichen Klarheit des Wassers
-der ganze ebene und nur mit feinem weißen Korallensand ganz gleichmäßig
-bedeckte Meeresboden scheinbar wie die Silberunterlage eines Spiegels
-dicht unter der Meeresoberfläche liegt, so sah es aus, als ob wir uns
-auf dem Sande fortbewegten. Bei jedem neuen Lothwurfe fürchtete ich eine
-erhebliche Abnahme der Wassertiefe ausrufen zu hören, dieselbe blieb aber
-gleichmäßig zwischen 10 und 12 m. Es mag auffallen, daß der Meeresboden
-hier innerhalb des Hafens ganz frei von Korallen ist, dies wird aber
-dadurch zu erklären sein, daß jetzt die dicke Schicht fließenden Sandes
-den Korallen verwehrt festen Fuß zu fassen, wie es vordem der zweifellos
-unter dem Sande liegende weiche Mudboden gethan.
-
-Nach zwei Stunden, welche wenigstens für mich ziemlich anregend, um nicht
-zu sagen aufregend waren, da das Schiff fortgesetzt seine Richtung ändern
-mußte, um im Zickzack seinen Weg durch dieses ausgedehnte Korallenfeld
-zu finden, langten wir gegen 11½ Uhr vormittags vor Makada an. Wir waren
-lange durch vorspringendes Land verdeckt gewesen und wurden daher erst
-bemerkt, als wir unserm Ankerplatz schon ziemlich nahe gerückt waren,
-deshalb traf uns das entgegenkommende europäische Boot auch erst kurz vor
-dem Hafen. Der in demselben befindliche Europäer stellte sich mir als Herr
-Hernsheim, Bruder des in Jaluit lebenden Herrn gleichen Namens vor, was
-mir große Befriedigung gewährte, weil ich nun infolge seiner Anwesenheit
-meine dienstlichen Geschäfte hier am Platze ohne Zeitversäumniß gleich
-erledigen konnte. Er war mit seinem kleinen Dampfer von Australien kommend
-erst am Tage vorher hier eingetroffen und brachte mir auch die angenehme
-Nachricht, daß der von mir bei meiner letzten Anwesenheit in Sydney
-nach hier bestellte Proviant für die Korvette bereits angekommen sei und
-jederzeit zu meiner Verfügung stehe. Dagegen mußte ich allerdings leider
-hören, daß das seinerzeit als hier lagernd angemeldete Kohlenquantum
-inzwischen erheblich herabgeschmolzen sei, wodurch ich gezwungen wurde,
-zum Theil wieder auf Holzfeuerung zurückzugreifen, welche ich mit dem
-Verlassen der Magelhaens-Straße für die fernere Dauer meiner Reise als
-abgethan betrachtet hatte.
-
-Hier will ich einschalten, daß dieser Herr Hernsheim es ist, welcher in
-diesem Theile der Südsee die ersten Niederlassungen errichtet hat. Er
-hat als Seemann vor Jahren mit einem eigenen kleinen Schiffe diese Gegend
-befahren und erforscht und dann seinen Bruder, welcher in überseeischen
-Ländern Kaufmann war, bewogen, mit ihm zusammen dieses große Gebiet
-kaufmännisch ebenso auszubeuten, wie das Haus J. C. Godeffroy die weiter
-östlich belegenen Inseln vornehmlich dem Handel erschlossen hatte. Dem
-Kaufmann fiel naturgemäß anheim, auf den Marshall- und Carolinen-Inseln,
-wo das Haus Godeffroy bereits Anfänge gemacht hatte, Factoreien zu gründen
-und dieselben in directen Verkehr mit dem Mutterlande zu bringen, während
-der Seemann Neu-Irland und Neu-Britannien übernahm, weil hier zunächst nur
-unter dem Schutze eines oder mehrerer Schiffe am Lande fester Fuß gefaßt
-werden konnte. So werden, wenn der noch unabhängige Theil der Südsee
-dermaleinst an Deutschland fallen sollte, die Namen Weber, welchem Herrn
-das Hauptverdienst an den Erfolgen des Hauses Godeffroy zuzuschreiben ist,
-und Gebrüder Hernsheim wol verdienen, einen hervorragenden Platz in der
-Geschichte der Colonialbestrebungen des Deutschen Reiches einzunehmen.
-
-An Land gekommen, hatte ich die Freude, einem jungen Herrn Robertson
-die Hand drücken zu können, einem Kaufmann aus Hamburg, welchen ich
-in Sydney kennen gelernt hatte. Dieser Herr hat, in der Absicht, sich
-mit seinen beiden Vettern Hernsheim zu associiren, die Reise von
-Deutschland hierher gemacht, um sich vorher einen Einblick in die
-hiesigen Verhältnisse zu verschaffen. Wenn man solche junge Herren
-sieht, die, im Wohlleben aufgewachsen, sich hier in den engen kleinen
-und keineswegs besonders seetüchtigen Fahrzeugen, mit welchen sie ihre
-großen Reisen zwischen den oft über 1000 Seemeilen auseinanderliegenden
-Inseln machen müssen, den größten Entbehrungen, Strapazen und vielfachen
-Gefahren auf See wie am Lande aussetzen, dann muß man hohe Achtung vor
-dem Großkaufmannsstand der Hansestädte und namentlich Hamburgs erhalten,
-ein Stand, dessen Angehörige, jeder Verweichlichung fern, mit Muth und
-Energie unter Daransetzung ihres eigenen Lebens ihrem Beruf nachgehen,
-dessen eigentlichstes Wesen im Innern des Deutschen Reiches häufig kaum
-verstanden wird.
-
-Kurze Zeit nach unserer Ankunft war richtig Kapitän Levison auch
-eingetroffen, der alte Engländer hatte also Wort gehalten.
-
-Als Wohnplatz der Herren fand ich am Lande eine höchst dürftige hölzerne
-Hütte mit einem Wohn- und zwei Schlafzimmern; das Beste an ihr war
-eine große gedeckte Veranda. Die Einrichtung beschränkte sich auf die
-allernothwendigsten Möbel, die zur Vertheidigung erforderlichen Waffen
-und die zum Leben nöthigen Nahrungsmittel und Getränke. Mit den beiden
-letztern sah es zur Zeit aber so kläglich aus, daß ich die Herren für
-die Dauer unsers Aufenthalts als meine Gäste verpflichtete. Hinter dem
-Hause war ein großes Waarenlager und ein Schweinestall mit zwei Thieren
-von solcher Größe, daß sie von den Besitzern nicht geschlachtet werden
-konnten, weil sie nicht gewußt hätten, wo mit dem vielen Fleisch zu
-bleiben, weshalb es am besten war, daß ich sie als Geschenk für meine
-Mannschaft übernahm. Die ganze Anlage war von einem Zaun umgeben und
-weiterhin von großartigem Urwald, aus welchem der Platz für die Factorei
-herausgehauen war.
-
-Auf der Veranda saß ein schmächtiges eingetrocknetes Männchen in grauer
-Hose und gleichem Hemde, welches mir als Herr Topulu oder King Dick,
-Oberhäuptling und Hoherpriester der Duke of York-Gruppe vorgestellt
-wurde. Dieser Mann verdient wegen seiner eigenartigen socialen Stellung
-besondere Erwähnung und muß ich hierbei auch auf seinen verstorbenen Vater
-zurückgreifen.
-
-Während in diesem ganzen Archipel all die verschiedenen Stämme, ja
-eigentlich die einzelnen Familien selbständig und voneinander unabhängig
-sind, hat sich hier im Norden von Duke of York, und nur hier, ein
-politisches Gemeinwesen dadurch gebildet, daß der Vater des Topulu früher
-allein den Handel zwischen den Weißen einerseits und Neu-Britannien und
-Neu-Irland andererseits vermittelte, dadurch viel Geld verdiente und
-infolge seines Reichthums ein so hohes Ansehen gewann, daß er als der
-einzige ungefährdet die früher höchst gefährlichen Gebiete der großen
-Nachbarinseln bereisen konnte. Geld ist hier alles; für Geld werden Weiber
-und Kinder wie Vasallen gekauft; nur für Geld gibt der eine dem andern,
-der Bruder dem Bruder Feuer zum Anzünden seiner Pfeife; mit Geld wird ein
-Höflichkeitsbesuch bezahlt; sogar der Mann muß der von ihm gekauften Frau,
-deren unumschränkter Herr er ist, eine geforderte Liebkosung bezahlen.
-Da nun das meiste Geld dem Besitzer auch die Würde des Hohenpriesters
-verleiht und er in dieser als gefeit gegen die Angriffe seiner Feinde
-angesehen wird, so war es dem klugen Vater des Topulu leicht, sich alle in
-seiner Nähe liegenden Stämme zu unterwerfen und botmäßig zu machen, was er
-denn auch ausführte. Als er starb, war Topulu von drei Brüdern der erste,
-welcher seine Hand auf das Geld des Vaters legte und damit der Besitzer
-wurde, denn in diesem gesetzlosen Lande steht die Achtung vor fremdem
-Eigenthum so hoch, daß die beiden andern Brüder es nicht wagten, den
-Topulu zu erschlagen und sich dadurch in den Besitz der Hinterlassenschaft
-ihres Vaters zu setzen. So wurde Topulu der anerkannte Erbe seines Vaters
-und von dessen Ansehen, sowie Besitzer des Handelsmonopols. Sein schon
-hohes Ansehen wird aber immer mehr wachsen, da er mit Verschlagenheit
-schon einen gewissen Schliff verbindet und den Werth freundschaftlichen
-Verkehrs mit den Weißen wohl zu beurtheilen vermag, zumal wenn dieser
-Verkehr sich vorzugsweise auf seine Person stützt. So wird, wenn nicht
-vorher ein europäischer Staat seine Hand auf diese gesegneten Gefilde
-legt, nur von hier aus Duke of York allmählich unterworfen werden können.
-Dies war ausreichender Grund für mich, den Versuch zu machen, auch diesen
-Hafen in meine Hände zu bekommen.
-
-Im Laufe des Nachmittags fuhr ich mit Herrn Hernsheim und Topulu in
-meinem Boote dicht am Ufer entlang zu des letztern Wohnstätte, um mir
-dieselbe anzusehen. Der Wald tritt an unserm Wege bis dicht an den Saum
-des steilabfallenden 4-5 m hohen Ufers, und die weit überhängenden Aeste
-und Zweige der Bäume geben uns Schatten; an einer Einsenkung mit einem
-kleinen Wassereinschnitt in das Land sind wir an dem Landungsplatz King
-Dick’s angelangt und verlassen hier das Boot. Wenige Schritte auf einem
-engen, oben durch Laub dicht geschlossenen Fußpfade bringen uns zu einer
-Lichtung, wo sich vor meinen erst geblendeten Augen ein eigenartiges Bild
-entrollt. Vor zwei großen, an den Wald sich anlehnenden Hütten liegt
-ein freier bis zum Ufer reichender Platz mit einer wunderherrlichen
-Fernsicht. Inmitten des Platzes sind mehrere Frauen und einige Kinder
-damit beschäftigt, aus großen Stücken eines heute erst gefangenen
-Haifisches ein Mahl zu bereiten und einzelne Theile wol auch zu dörren,
-da der Haifisch hier wie auch sonst in der Südsee als große Delikatesse
-betrachtet wird. Das Eigenartigste für mich aber sind die Frauen, denn
-wenn ich in dem letzten Jahre auch viel Nacktes gesehen habe, so treten
-mir doch hier, abgesehen von der Magelhaens-Straße, deren Bewohner kaum
-einen menschlichen Eindruck machen, zum ersten mal ganz unbekleidete
-Frauen entgegen; nicht die Nacktheit ist aber das Frappirende, sondern die
-paradiesische Ungenirtheit, mit welcher die Frauen sich bewegen und der
-sittige Hauch, welcher trotz alledem über ihnen liegt. Die eine Person,
-eine jugendliche anmuthig gerundete Gestalt mit einem verhältnißmäßig
-hübschen Kindergesicht, mit eingeschnittenen wunderlichen Figuren auf
-allen möglichen und unmöglichen Körpertheilen, ist mit ihrem bunten
-Glasperlenhalsband trotz ihrer Häßlichkeit geradezu zum Küssen, wie sie
-mit den Händen auf dem Rücken so vor uns steht und mit zur Seite geneigtem
-Kopf zuhört, was eine ihrer Mitfrauen dem gemeinschaftlichen Eheherrn
-erzählt. Hier sieht man keine Nacktheit mehr, sondern nur Menschen,
-welche, von dem ersten Sündenfall unberührt, noch nicht das Bedürfniß nach
-Feigenblättern empfinden. Schamhaftigkeit ist in Uebereinstimmung mit dem
-vorher Gesagten auch diesen Frauen eigen, denn während die Weiber überall
-da, wo sie Hüfttücher oder Blätterschurze tragen, sich wie die Türken mit
-gekreuzten Beinen hinsetzen, beim Bücken und Tanzen die Beine spreizen
-oder sonst gelegentlich breitbeinig stehen, sind bei diesen Wildinnen
-die Beine immer dicht zusammen, beim Gehen, Stehen, Sitzen und sogar beim
-Tanzen, obgleich sie hierbei eine kleine Schürze tragen. Das Merkwürdigste
-aber bleibt die Sitzstellung; mit geschlossenen Oberschenkeln ducken
-sie sich, heben dann einen Unterschenkel nach hinten und setzen sich
-auf den platt hingelegten Fuß, während der andere Unterschenkel je nach
-Bequemlichkeit untergebracht wird, aber immer so, daß die Knie dicht
-aneinander bleiben. Dieser Gewohnheit mag es auch zuzuschreiben sein,
-daß die Frauen eine so wunderliche Beinstellung haben, welche gemeinhin
-„negerartig“ genannt wird, während doch die gute Form des Beines an den
-Negertypus nicht erinnert.
-
-Der Hausherr forderte mich auf, einen Blick in seine Wohnung zu werfen,
-wir treten daher in die erste, als Wohn- und Schlafraum benutzte Hütte
-ein. Dieselbe ist groß und geräumig und innen durch einen eingelegten
-Boden in zwei durch eine Leiter verbundene Etagen getheilt, deren jede
-nur in je einem vollständig leeren Raum besteht. Der Fußboden des untern
-Raumes ist bedeckt mit feinem schwarzen, abfärbenden Sand, welchen ich
-erst für Eisenfeilenspähne hielt. Die zweite Hütte, von gleicher Größe und
-Bauart wie die erste, dient als Schatzkammer und birgt die Schätze des
-reichsten Mannes der ganzen Gegend. Neben mancherlei von den Europäern
-neu erworbenen Sachen sind beide Etagen mit Diwarra, dem landesüblichen
-Muschelgeld, angefüllt. Dasselbe, kleine auf Bambusreisern aufgereihte
-Muscheln, bedeckt nicht nur in Haufen zusammengeschichtet und abgezählt
-die Fußböden, sondern hängt auch, immer in eine ganz bestimmte Form
-zusammengebunden, in großer Zahl an den Wänden und bezeichnet umso mehr
-den Reichthum des Eigenthümers, als es gerade in dieser Form erheblich
-an imaginärem Werth gewinnt. Es bedeutet in dieser Gestalt nicht nur
-Geld, sondern einen Schatz, welcher nicht allein dem Besitzer selbst,
-sondern seiner Familie und auch dem ganzen Stamme ein Ansehen verleiht,
-welches verloren geht, sobald die Form des Schatzes zerstört und derselbe
-zerkleinert wird. Es ist ein Ring von etwa 90 cm Durchmesser und 20 cm
-Dicke in Form der auf den Schiffen gebräuchlichen Kork-Rettungsbojen,
-welcher 80 Faden Muschelgeld, den Faden zu 6 Fuß englisch gerechnet,
-enthält. Er gilt gewissermaßen als größtes Geldstück, während einzelnes
-Diwarra als Scheidemünze dient, und wird, wie bei uns das Gold, stets als
-vollwerthig gerechnet und daher immer zu 80 Faden angenommen. Ich möchte
-diese Ringe mit den wenigen großen Banknoten, welche die Bank von England
-ausgegeben hat und von denen jede ein großes Vermögen repräsentirt,
-vergleichen, um so mehr als z. B. schon drei solcher Ringe das ganze
-bewegliche Besitzthum eines Länderstriches von mehrern Quadratmeilen
-bilden. Gegen Diebstahl ist die Hütte weiter nicht versichert, ein solcher
-muß also, wie ich vorher schon gesagt habe, nicht befürchtet werden.
-
-Demnächst gingen wir ein kleines Stück in den Wald und kamen dort zu
-einem versteckten Platz, wo in einer langen schmalen Hütte acht sehr schön
-geschnitzte Dug-Dug-Masken mit den zugehörigen Laubkleidern aufbewahrt und
-Tag und Nacht von einem Mann bewacht werden, dessen Hauptaufgabe es ist,
-die Weiber von dem Platze fern zu halten, weil diese von dem Vorhandensein
-der Masken nichts wissen dürfen, sondern in dem Glauben erhalten werden,
-daß die Dug-Dugs Geister seien, welche sich nur an bestimmten Tagen den
-Augen der Menschen zeigen. Daß die Weiber heutzutage noch daran glauben,
-bezweifle ich, doch wird wenigstens der Schein gewahrt.
-
-Hiernach mußten wir dem eifrigen, auf seinen großen Besitz stolzen Topulu
-auch noch zu seinen Fischereianlagen folgen, welche etwa zehn Minuten
-weiter am Ufer auf einem freien Platz mit Sandstrand liegen. Eine große
-offene Hütte mit Fußboden, welcher auch mit dem schwarzen Sande bestreut
-ist, schien mir eine Art Festhalle und Berathungshaus zu sein; in einer
-andern gleichfalls offenen noch größern Hütte hing ein außerordentlich
-sauber gearbeitetes, sehr großes, kunstgerecht geknüpftes und auch nach
-unsern Begriffen werthvolles Fischernetz; ferner waren da Fischreuse und
-Angelleinen mit aus Perlmutter oder Schildkrot gefertigten Angelhaken.
-Die ganze Anlage machte einen höchst saubern und netten Eindruck. Die
-Fischereigeräthe stehen durchaus auf der Höhe der Zeit, da wir Europäer
-auch nichts Besseres liefern können.
-
-Es war für mich inzwischen Zeit geworden, an Bord zurückzukehren, da der
-englische Missionar Mr. Brown mir seinen Besuch zu 5 Uhr hatte ansagen
-lassen und ich den Herrn doch gern persönlich empfangen wollte. Unsere
-erste Unterhaltung ist in der Hauptsache am Anfange dieses Berichts
-wiedergegeben und drehte sich vorzugsweise um die Person meines Gastes,
-welchem ich leider auch nur ernste Nachrichten überbringen konnte.
-Ich hielt es für meine Pflicht, ihm zu sagen, daß der Oberrichter der
-Fidjigruppe, zu welcher alle in diesen herrenlosen Ländern lebenden
-englischen Unterthanen gehören, mir mitgetheilt habe, daß er persönlich
-Anfang Januar mit einem englischen Kriegsschiff hier eintreffen würde,
-um ihn (Mr. Brown) vorläufig in Haft zu nehmen und zur Aburtheilung nach
-Levuka zu bringen, und wie die dortige öffentliche Meinung dahin ginge,
-daß das Urtheil auf mindestens fünf Jahre Gefängniß wegen Todtschlags
-lauten würde. Des weitern bot ich dem bedrängten Manne meine Hülfe nach
-jeder Richtung hin an und machte ihn mit Maßregeln bekannt, welche ich in
-Anerkennung seiner um die deutschen Unterthanen erworbenen Verdienste zu
-seiner Entlastung bereits getroffen hatte. Diese scheinen ihm zu seiner
-Sicherung so ausreichend zu sein, daß er mir unter Verzichtleistung auf
-jede fernere Unterstützung tief bewegt und um vieles erleichtert dankte.
-Auf die Klagesache des Herrn Hernsheim wegen der niedergebrannten Station
-übergehend, trat er der von diesem Herrn ausgesprochenen Ansicht dahin
-bei, daß bei dem geringen Geldwerth des in Frage stehenden Objects und
-bei dem augenblicklich bestehenden guten Einvernehmen zwischen Weißen
-und Eingeborenen es politisch sei, auf eine ernste Sühne dieser vor
-Jahresfrist stattgehabten Brandstiftung zu verzichten. Ich schloß mich
-dieser Auffassung nach Erörterung aller einschlagenden Punkte auch an,
-mußte aber immerhin auf dem äußern Zeichen einer Strafe bestehen und bat
-daher Herrn Brown, am nächsten Vormittag 9 Uhr ebenfalls wieder an Bord
-zu kommen, um bei der zu dieser Stunde anberaumten Verhandlung mit den
-Brandstiftern als Dolmetscher einzutreten.
-
-Der 12. December sah zu der vorgenannten Zeit die Betheiligten bei mir
-versammelt. Die mit Herrn Brown gekommenen beiden angeklagten Häuptlinge,
-welche nicht gewagt hatten allein zu kommen, betraten zitternd und
-kaum der Sprache mächtig meine Kajüte, um hier wenigstens den Versuch
-zu machen, die Urheberschaft von sich abzuwälzen, was ihnen jedoch
-nicht gelang. Das für die Missethäter sehr glimpfliche und sie sichtbar
-befriedigende Resultat der langwierigen Verhandlung war, daß jedem von
-ihnen aufgegeben wurde, auf dem Platze des Herrn Hernsheim ein Haus in
-Form und Größe der niedergebrannten aufzubauen, mit der Bedingung, daß
-beide Häuser bis zum 19. d. M. fertig sein müßten, damit ich sie noch
-vor meiner Abreise sehen könne. Die Häuser oder besser Hütten haben an
-sich keinen Werth und werden vielleicht bald, ohne benutzt worden zu
-sein, wieder eingerissen; der zwangsweise Bau im Angesicht der ganzen
-Bevölkerung wird aber einen großen moralischen Eindruck machen und sich
-somit als nutzbringend erweisen.
-
-Nach Erledigung dieser Sache fuhr ich mit Herrn Brown über den Hafen, um
-ihm und seiner Gattin meinen Besuch in seinem Hause zu machen. Der Hafen
-hat heute ein anderes Gesicht als gestern. Die sonntägige Ruhe hat einer
-herzerquickenden Rührigkeit Platz gemacht, überall in unserer nächsten
-Umgebung sind die Menschen in voller Arbeit.
-
-Bei der deutschen Factorei liegen meine Boote mit etwa 60 Matrosen, um
-die an Land lagernden für uns bestimmten großen Massen von Proviant zu
-holen, dicht daneben sind 50 Eingeborene damit beschäftigt, Kohlen in
-große Prähme zu bringen, und von allen Seiten hallt die Luft wider von
-den dröhnenden Axtschlägen der Eingeborenen, welche in der Zahl von mehr
-denn hundert für mich Holz schlagen. Unsere Dampfpinasse fährt fortgesetzt
-zwischen Schiff und Land hin und her, um Boote oder Kohlenprähme zu
-schleppen, Offiziere und Aufsichtspersonal zum Lande zu bringen oder
-von dort abzuholen. Auch auf dem Schiffe selbst ist die ganze Besatzung
-in voller Thätigkeit, um die ankommenden Sachen in Empfang zu nehmen,
-die Takelage auszubessern und für die fernere Seereise wieder bereit
-zu machen, die einzelnen Maschinentheile nachzusehen und hier und da
-im ganzen Schiffe kleine Schäden zu beseitigen. Kanus mit Eingeborenen,
-aber immer nur mit Männern, kreuzen den Hafen nach allen Richtungen, um
-sich aus größerer Entfernung oder mehr aus der Nähe das mächtige Schiff
-anzusehen, welches dieses ungewohnte Leben verursacht und es fertig
-gebracht hat, so viele ihrer Stammesgenossen für sich arbeiten zu lassen;
-einzelne Kanus wagen sich auch bis zum Schiffe, einzelne Männer sogar bis
-auf dasselbe.
-
-Großes Wohlbehagen durchzieht mich während der Bootfahrt in dieser
-herrlichen Natur unter dem eigenartig melodischen Geräusch eifriger
-Thätigkeit bei dem Gedanken, daß dieser schöne Hafen wahrscheinlich in
-wenig Tagen in meinem Besitz, oder wenn das Deutsche Reich ihn haben
-will, in den Händen Deutschlands sein wird. Denn da es keinem Zweifel
-mehr unterliegt, daß bei den Rechtsbegriffen der hiesigen Eingeborenen
-nur die Uebertragung durch Kauf verstanden und als rechtsgültig angenommen
-wird, so habe ich mich zum Kauf entschlossen und werde den Hafen, soweit
-sich bisjetzt übersehen läßt, wol auch erhalten. Wie das kaum Erhoffte so
-schnell und leicht gekommen ist, möchte der Leser vielleicht gern wissen,
-doch gehört das nicht hierher.
-
-Nach Zurücklegung von 2½ Seemeilen landeten wir an der Westseite der
-nördlichen Halbinsel von Amakada, gingen etwa 20 Minuten auf schmalem
-Fußpfade durch herrlichen Urwald bis zum jenseitigen Ufer, wo in einer
-größern Ansiedelung die sogenannten Missionslehrer mit ihren Familien in
-saubern Häusern leben, und stiegen dann auf ziemlich steilem breitern
-Wege bis zu dem nahezu 30 m hochliegenden Rücken einer zum östlichen
-Ufer steil abfallenden Klippe, wo das geräumige und bequem eingerichtete
-Holzhaus der Mission mit einer großartigen Fernsicht auf das Meer und
-die gegenüberliegende bergige Insel Neu-Irland liegt. Frau Brown, eine
-mittelgroße, etwas hagere Dame von vielleicht 40 Jahren, welche schon
-viele Jahre der Entbehrung und mancherlei Gefahren mit ihrem Gatten tapfer
-getheilt und bisher glücklich überstanden hat, empfängt uns. In ihrer
-Gesellschaft finden wir meinen Schiffskameraden, den nimmer rastenden
-Herrn Weber, welcher auch hier mancherlei zum Nutz und Frommen seiner
-Landsleute zu thun hat, sowie noch einen jüngern Geistlichen mit seiner
-ihm vor wenigen Monaten angetrauten jungen Frau, einer 20 Jahre alten
-Engländerin. Dieses junge Ehepaar ist erst seit wenigen Wochen hier, um
-demnächst nach Neu-Britannien überzusiedeln und die dortige Mission unter
-der Oberleitung von Herrn Brown zu übernehmen. Zwei kleine Browns, Kinder
-zwischen 6 und 10 Jahren, und ein noch ganz kleiner Brown vervollständigen
-das Familienbild. Die größern vier Kinder befinden sich bei Verwandten in
-Auckland zu ihrer Ausbildung und um sie den hiesigen urwüchsigen Zuständen
-zu entrücken. Frau Brown macht einen sehr gedrückten Eindruck, weil sie
-voll Sorgen der Zukunft entgegensieht und die Hoffnungsfreudigkeit ihres
-Mannes nicht theilen kann. Gebe Gott, daß diese schwergeprüfte Frau bald
-von dem Alp, welcher auf ihrer Familie lastet, befreit sein möge![E]
-
- [E] Gegen Mr. Brown ist, wie ich später erfahren habe, die
- Anklage nicht erhoben worden, vielmehr hat er, wenn auch spät,
- von competenter Stelle eine Anerkennung für sein braves und
- richtiges Auftreten erhalten.
-
-Auf dem Rückwege nahm ich noch Gelegenheit, mit Herrn Hernsheim in den am
-Wege liegenden Häusern der beiden Häuptlinge, mit welchen wir am Morgen
-bei mir an Bord zu thun hatten, vorzusprechen, um diesen Leuten zu zeigen,
-daß ich ihren Schlupfwinkel kenne. Sie versicherten gleich, daß schon alle
-Anordnungen für den Häuserbau getroffen seien, und sie mit der Arbeit
-sofort vorgehen würden, sobald ihre Leute, welche jetzt für mich Holz
-schlügen, frei geworden wären. Weiter unten dicht am Strande besichtigte
-ich dann noch das in einem verschlossenen Hause aufbewahrte Staatskanu
-von Topulu, welches merkwürdigerweise nicht im Wasser, sondern nur auf
-dem Lande Verwendung findet. Dieses Fahrzeug ist ein wahres Meisterstück
-der Holzschnitzerei und um so mehr des Anstaunens werth, als die ganze
-Schnitzarbeit mit den unvollkommensten Werkzeugen, mit Muschelscherben
-und geschärften Steinen, hergestellt ist. Ich nenne es ein Meisterwerk,
-denn wenn die rund um das Fahrzeug auf dem Dollbord dicht aneinander
-stehenden und aus einem Stück Holz herausgeschnittenen 60 cm hohen
-Figuren, welche Menschen und Thiere darstellen, auch keinen Anspruch auf
-richtiges Ebenmaß der einzelnen Körpertheile machen können, sondern nur
-als Caricaturen zu betrachten sind, so ist die Arbeit doch eine so saubere
-und in ihrer Art vollendet künstlerische, daß ich nur die vorstehende
-Bezeichnung gebrauchen kann. Dieses zerbrechliche, buntbemalte, wie aus
-Filigran hergestellte, an 5 m lange Boot wird nur zu dem einmal jährlich
-stattfindenden großen Dug-Dug-Fest hervorgeholt und dient dann, von
-mehrern Männern getragen, dem in ihm sitzenden Topulu gewissermaßen als
-Thron.
-
-Zur deutschen Niederlassung zurückgekehrt, um mich dort von dem Stand
-der Arbeiten zu unterrichten, fand ich auf der Veranda des Hauses ein
-wahres Prachtexemplar von einem Eingeborenen, eine athletische Gestalt
-von solchem Ebenmaß der Glieder, daß ich mit wahrem Entzücken dieses
-Wunderwerk der Natur betrachten mußte und zum ersten mal in meinem Leben
-von der Wahrheit der classischen Darstellung des Hercules durch das
-griechische Alterthum wirklich überzeugt wurde. Leider trug der Mann eine
-wollene, eng anschließende himmelblaue Unterjacke ohne Aermel, welche,
-vom Hals bis zu den Hüften reichend, im Verein mit den dunkelbraunen
-unbedeckten Körpertheilen ein so merkwürdiges Bild abgab, daß man zum
-Lachen gereizt worden wäre, hätte der Kerl nicht so ideal schöne Formen
-gehabt. Er ist nach Topulu der angesehenste und reichste Häuptling
-der Duke of York-Inseln, heißt Torragud und war bis vor kurzem der
-gefürchtetste Menschenjäger und Menschenfresser. Das letztere hat er,
-beeinflußt von der Mission und den hier lebenden Europäern aufgegeben, das
-erstere aber konnte ihm bisher nicht abgewöhnt werden, und allem Anschein
-nach wird er dieser Forderung auch fernerhin energischen Widerstand
-leisten. Er macht auf die im Innern von Amakada lebenden Eingeborenen,
-welche von den Küstenbewohnern durchgängig als jagdbares Wild angesehen
-werden, regelmäßige Treibjagden und verkauft die erlegten Menschen
-nach Neu-Irland, wo der Kannibalismus am ausgebreitetsten sein soll. Am
-liebsten tauscht er für die seltene Waare Weiber oder Kinder beiderlei
-Geschlechts ein -- weshalb? werde ich weiterhin auseinandersetzen.
-Torragud ist, wie er kraftstrotzend mit dem Speer in der kernigen Hand
-so vor uns steht, mit dem mächtigen Kopfe und dem großen Mund, mit den
-zwischen den wulstigen Lippen vorleuchtenden, vom Betelkauen schwarz
-gefärbten gesunden Zähnen der wahre Typus eines Menschenfressers, wie man
-ihn sich in Europa vorstellt. Der angenehm freundliche Zug, welcher sein
-häßliches Gesicht bei unserer Begrüßung verschönt, kann diesen Eindruck
-ebenso wenig verwischen, wie sein eigenartiges herrisches Lachen, denn
-in dem ganzen Gesicht zeigt sich doch ein Ausdruck von solch überlegener
-Hoheit, daß er immer der über Leben und Tod gebietende Herr bleibt.
-
-Es würde ermüden, wollte ich meine weitern hiesigen Erlebnisse den
-Tagen und Stunden folgend niederschreiben, ich werde sie daher in sich
-zusammengefaßt wiedergeben.
-
-Die Männer, welche ich gesehen habe, sind durchweg sehnige, kräftige
-Gestalten von ebenmäßigen Formen, ohne viel Fleisch, eher etwas schmächtig
-und über Mittelgröße, durchschnittlich 1,65-1,70 m groß. Die Frauen sind
-ebenfalls von gutem Körperbau, voller in den Formen als die Männer und
-vorwiegend klein, etwa 1,45 m groß, doch findet man hin und wieder auch
-einzelne hohe, schlanke Gestalten, welche aber, soweit mir aufgefallen
-ist, feinere Nasen, kleinern Mund und hellere Hautfarbe haben. Die Farbe
-der Männer habe ich ziemlich gleichmäßig chocoladenbraun gefunden, während
-die der Frauen von hellem Braun bis zu tiefem Schwarz wechselt. Dies mag
-daher kommen, daß die Frauen als lebende Waare vielfach von andern Inseln
-eingehandelt werden. So wurde mir auch von glaubwürdiger Seite versichert,
-daß in Neu-Irland die Mädchen, um sie im Preise steigen zu lassen,
-künstlich gemästet und gebleicht werden. Dazu werden sie in einen kleinen
-dunkeln, nur für eine Person bestimmten und als Käfig zu bezeichnenden
-Raum gebracht, welcher nur eben so groß ist, daß die Person stehen und
-liegen kann. Täglich mehrere mal wird sie dann, um das Bauer nicht zu
-verunreinigen, von zwei Männern herausgetragen und, ohne ihr irgendwelche
-körperliche Bewegung zu gestatten, gleich wieder zurückgebracht; im
-übrigen bekommt sie gute Nahrung und wird sorgfältig gepflegt, um, sobald
-sie genügend fett geworden und gebleicht ist, zum Verkauf gestellt zu
-werden. Zur Verwendung als Nahrungsmittel werden sie aber nicht gemästet,
-weil in diesem ganzen Archipel Frauen als viel zu nützliche Geschöpfe
-überhaupt nie gegessen werden sollen, wie denn auch getödtete Männer nur
-dann Käufer finden sollen, wenn der Verkäufer an dem Körper eine frische
-Speerwunde vorweisen, also die weidgerechte Erlegung nachweisen kann.
-
-Ich muß hier einflechten, daß meine Quellen für all das, was ich nicht
-selbst gesehen habe, die Herren Brown, Hernsheim und Kapitän Levison
-sind, ernste Männer, denen ich rückhaltslos vertraue. Aber auch weniger
-glaubwürdige Männer würden in Anbetracht des durchweg ernsten Verkehrs
-zwischen uns, wie in Rücksicht auf die Stellung, welche ich gerade in
-dieser gewitterschwülen Zeit hier einnahm, sich jeder launigen Aufbinderei
-enthalten haben, wenn sie vielleicht auch sonst dazu Neigung gehabt
-hätten. Auch lag es ja, da die Herren meine weitern Dispositionen nicht
-kannten und auch aus verschiedenen Gründen nicht zu erfahren brauchten,
-daß der in Aussicht stehende Vertragsschluß mit den Samoa-Inseln mich
-dahin zurückdrängte, ganz in meiner Hand, mich durch einen kleinen
-Abstecher von der Richtigkeit der mir gewordenen Mittheilungen zu
-überzeugen. Nach Neu-Irland war sogar eine kleine Reise zur Besichtigung
-der dortigen Eigenthümlichkeiten geplant und der Tag der Abreise dahin
-festgesetzt worden.
-
-Die besondern Merkmale des Gesichts sind: dicht zusammenstehende Augen,
-breite fleischige, platte Nase, sehr großer Mund mit vom Betelkauen
-schwarz gefärbten Zähnen und wulstige, vom Betel ziegelroth gefärbte
-Lippen. Das wollige Haar wird von den Frauen kurz geschnitten und von
-den Männern in ungefähr 10 cm langen den Pudelhaaren ähnelnden Zotteln
-getragen. Der Bart der Männer rahmt das Gesicht als schmale, ebenfalls
-zottige Krause ein, der übrige Bart ist gewöhnlich wegrasirt.
-
-Verzierungen in oder auf der Haut, wie man es nun nennen mag, haben nur
-die Frauen, doch sind dieselben nicht durch Tätowirung eingeäzt, sondern
-bestehen in dicken, bis zu 1 cm breiten und ½ cm hohen Narben, welche
-künstlich in Gestalt verschiedenartiger Figuren durch Einschnitte in
-die Haut vermittelst geschliffener Lavaschlacke oder Muschelscherben
-hergestellt werden. Schmuck wird im alltäglichen Leben von beiden
-Geschlechtern übereinstimmend getragen und besteht zunächst im Färben
-der Kopf- und Körperhaare. Die gewöhnliche Farbe hierfür ist die rothe,
-doch sieht man zuweilen auch weiße Köpfe; ob dies nun eine höhere Zierde
-darstellt oder nur, wie auch in Samoa und Tonga, dazu dient, den Kopf von
-Ungeziefer zu reinigen, mag dahingestellt bleiben, da ich es nicht weiß.
-Dann haben beide Geschlechter am untern Rande der beiden Nasenflügel je
-ein oder zwei kleine Löcher von nahezu 2 mm Durchmesser und die Männer
-vielfach auch noch ein Loch durch die Nasenscheidewand. Diese Löcher,
-welche zur Aufnahme von mancherlei Zierath bei festlichen Gelegenheiten
-dienen, sind mit kleinen Holzstückchen ausgefüllt, damit sie in der
-Zwischenzeit nicht zuwachsen oder sich verengern. Mit einem Halsband
-schließt dann der Schmuck und die Bekleidung des Körpers ab, da das von
-den Männern getragene Armband, wie ich weiter unten auseinandersetzen
-werde, wol nicht als Schmuck bezeichnet werden kann.
-
-Auf das Halsband, in welchem sich so ziemlich der ganze Kunst- und
-Schönheitssinn dieser Menschen wiedergibt, wird so viel Mühe und
-Sorgfalt verwendet, daß dasselbe eine nähere Beschreibung verdient.
-Bei den Männern besteht es vorzugsweise aus dicht aneinander gereihten
-Schweins- oder Walfischzähnen, doch tragen Häuptlinge auch gern einen
-tellerartigen Halsschmuck, welcher in Größe, Form und auch Farbe wohl am
-besten mit einem Pichel, wie er bei uns den Säuglingen vorgebunden wird,
-zu vergleichen ist und aus einem steifen Bastgewebe besteht, auf welches
-dicht aneinander Diwarra aufgenäht ist, wodurch das Stück auch einen
-reellen Werth erhält.
-
-Das Halsband der Frauen ist in der Hauptsache aus kleinen böhmischen
-Glasperlen und Opossumzähnen zusammengesetzt und hat an herunterhängenden
-kurzen Schnüren vielerlei kleine Zierstücke. Je nach dem Reichthum
-des Mannes wachsen auch diese Frauenhalsbänder von einer einfachen
-Perlenschnur bis zu 6 cm breiten Bändern mit einem Mittelstück aus
-Opossumzähnen, welch letzteres hauptsächlich dem Schmuck Werth verleiht
-und zwar deshalb, weil jedes Opossum nur zwei der hierzu verwendbaren
-Zähne besitzt, mithin zur Herstellung eines solchen Stücks oft 50
-dieser Thiere erforderlich sind. Ein besonders schönes Band, welches
-die mit so reichen Narbenmustern gezierte Lieblingsfrau King Dick’s
-trug und die es von ihrem Hals lösend mir schenkte, besteht aus einem
-gewissermaßen das Schloß bildenden 6 cm hohen und 4 cm breiten Mittelstück
-von über 100 Opossumzähnen. An dieses schließen sich nach beiden
-Seiten je 12 Perlenschnüre an, welche durch je zwei senkrecht stehende
-feine Schildkrotstäbchen geführt sind, wodurch sie in der Bandform
-erhalten werden. Vorn an dem Schloß hängen 12, und hinten an den beiden
-Bindeschnüren vier und acht 6-10 cm lange einfache Perlenschnüre, an
-welchen je eine kleine Muschel, ein Stück geschnittenes Perlmutter (die
-Halbmondform ist sehr beliebt), ein alter Knopf, eine ausgehöhlte halbe
-Bohne mit daraus hervorstehendem Schweinezahn, ein Stückchen spiralförmig
-gedrehter Rinde, eine große bunte Perle u. a. m. befestigt ist. Einzelne
-Schnüre sind mit solchem Zierath noch nicht versehen und ich vermuthe,
-daß diese noch auf die Geschenke warten, welche der Gatte gelegentlich zu
-geben hat. Bei einem zweiten, mir von einer andern Frau Dick’s geschenkten
-Halsband, schließt sich an das Mittelstück statt der 12 Schnüre ein aus
-Perlen gewebtes breites Band mit zierlichen Mustern an, auch sind die
-nach unten hängenden einzelnen Schnüre nicht direct am Schloß befestigt,
-sondern es hängt an diesem zunächst ein 10 cm langes und 3 cm breites
-Perlenband, dessen Verlängerung die einzelnen Schnüre erst bilden. Die
-Halsbänder mit ihren weißen, blauen und rothen Farben, stehen, fest um
-den Hals gelegt, den braunen Gestalten entschieden gut. Hier mag angeführt
-werden, daß diese Eingeborenen eigentlich nur drei Farben kennen: das aus
-einer Erdart gewonnene Roth, das aus Ruß und Palmöl hergestellte Schwarz
-und das aus gebrannten Korallen hervorgehende Weiß. Blau kommt allerdings
-auch vor, doch ist dies jedenfalls von den Europäern eingeführtes
-Indigo. Andere Farben habe ich auf Duke of York und in Neu-Britannien
-nicht angewendet gesehen. In Neu-Irland muß nach der Bemalung der dort
-gefertigten Masken auch Gelb bekannt sein. Die weiße Farbe scheint die
-beliebteste und geschätzteste zu sein, weil beim Tauschhandel die weißen
-Glasperlen am höchsten im Preise stehen.
-
-Auf den Schmuck, welcher bei Festen getragen wird, werde ich bei der
-Beschreibung der Tänze zurückkommen.
-
-Das von den Männern auf dem linken Oberarm getragene Armband ist
-ursprünglich kein Schmuckstück und kann auch jetzt wol noch nicht als
-solches gelten, weil es nur sehr vereinzelt in einer andern als der
-ursprünglichen Form vorkommt und dann doch auch immer seinem eigentlichen
-Zwecke dient. Das gewöhnlichste Armband ist ein einfaches Stück Bast,
-welches so fest um die Mitte des Oberarms gebunden ist, daß es in
-das Fleisch einschneidet und so in ähnlicher Weise als Tasche dient,
-wie die Ohrlappen der Ellice-Insulaner, denn in Blätter gewickelte
-Betelnuß, ein Stück Taback, die Pfeife und andere kleine Gegenstände
-sind, zwischen Band und Fleisch geschoben, sicher untergebracht. An
-Stelle des einfachen Baststreifens findet man auch, aber wie gesagt nur
-vereinzelt, breitere aus ganz feinen Bast- und Rohrstreifen sauber und
-theilweise mit eingefügten Figuren geflochtene Bänder, welche an den
-Rändern wol auch mit Diwarra eingefaßt sind; dieselben bilden aber nie
-einen Ring, sondern sind stets zum Binden eingerichtet. Ein in meinem
-Besitz befindliches derartiges Band ist 5 cm breit. In Uebereinstimmung
-mit Vorstehendem sind auch die aus Muscheln hergestellten Armbänder zum
-Binden eingerichtet und bestehen daher aus drei bis vier charnierartig
-mit Bindfaden zusammengefügten schmalen Stücken. Die auf andern und
-namentlich den Salomons-Inseln vorkommende Sitte, aus einem einzigen
-Muschelstück geschnittene geschlossene Armbänder in größerer Zahl über den
-Arm gestreift als Schmuck zu tragen, besteht daher hier nicht, wenngleich
-solche Armbänder bei den Weißen hier zu haben sind. Danach, ob dieselben
-durch die weißen Händler von andern Inseln hierher gebracht werden, oder
-ob die Eingeborenen sie als Tauschobject selbst anfertigen, habe ich mich
-nicht erkundigt. Gegen die Verwendung der hiesigen Armbänder als Schmuck
-spricht übrigens auch noch der Umstand, daß sie nur auf dem linken Arm
-getragen werden, weil der Arm infolge des starken Drucks auf den obern
-Muskel an der Entfaltung seiner vollen Kraft gehindert wird und diese
-Wilden für ihre Waffen (Speer, Schleuder und Keule) der ganzen Kraft des
-rechten Armes bedürfen, sie also hier nur ein lose sitzendes Schmuckstück
-verwenden könnten.
-
-Eine bewußte Pflege des Körpers ist wol kaum bekannt, da Reinlichkeit
-kein Bedürfniß, sondern nur eine natürliche Folge der Lebensweise ist. So
-habe ich die Frauen, welche allein die Arbeiten auf dem Lande verrichten,
-durchweg schmutzig gefunden, während die viel im Wasser lebenden Männer
-naturgemäß ziemlich rein sein müssen, denn sie gehen beim Fischfang
-nicht nur bis an die Brust ins Wasser, sondern holen tauchend für sie
-nützliches Gethier und Muscheln auch von dem Meeresboden herauf, wobei
-ihnen die mehrerwähnte Klarheit des Wassers hülfreich zur Hand geht.
-Dieselbe ist hier so groß, daß man auf 13 m Wassertiefe jeden kleinen
-Stein auf dem Meeresboden unterscheiden kann, und daß ein Eingeborener,
-dessen Taucherkunst wir prüfen wollten, uns aus dieser Tiefe eine ihm vom
-Schiffe aus bezeichnete, nur 4 cm im Durchmesser messende Muschel ohne
-Zaudern und schnell vom Meeresgrund heraufbrachte. Ja, das Wasser ist so
-klar, daß wir sogar 10 Uhr abends bei allerdings hellem Mondschein bis zu
-10 m Wassertiefe größere Steine und Muscheln deutlich erkennen konnten.
-
-Die Waffen sind vorläufig noch die ursprünglichen und bestehen in Speeren,
-Steinschleudern und Keulen, da die Europäer aus gewichtigen Gründen
-mit dem Verkauf von Feuerwaffen sehr zurückhaltend sind und in den
-einzelnen Fällen, wo sie die Forderung eines einflußreichen Häuptlings
-nicht gut zurückweisen konnten, das Gewehr ohne oder nur mit für wenige
-Schuß reichender Munition abgegeben haben. Weshalb die Leute sich mit
-einer solchen doch werthlosen Waffe begnügen, werde ich weiterhin noch
-auseinandersetzen.
-
-Der Speer ist die verbreitetste Waffe und kann wol als die nationale
-bezeichnet werden. Der gewöhnliche Mann trägt nur den eigentlichen 2½ m
-langen Kriegsspeer, welcher im Kampf allein zur Anwendung kommt. Er ist
-aus dem schweren, fast unelastischen Kokospalmenholz gefertigt, hat eine
-40-50 cm lange rothgefärbte Spitze, welche an ihrem untern Ende in den
-dicksten Theil des Holzes ausläuft. Von hier ab wird das Holz wieder
-schwächer und endet in einem an der untern Fläche platten Knopf von 30 cm
-Dicke. Dieser Speer wird mit der scharfen Spitze nach oben getragen und
-gehalten. Die beiden andern vorkommenden Arten, bis zu 3 m lang, sind
-nur Luxuswaffen und werden aus einem röthlichschwarzen, ebenholzartigen
-Holze gefertigt. Als Zierde trägt die eine Art an dem untern Ende, wenn
-die Spitze als oberes gelten soll, einen kunstvoll gefertigten Strauß
-von bunten Vogelfedern, deren diese Ländergebiete ja eine große Auswahl
-besitzen. Die Manschette, wenn ich so sagen darf, ist dicht mit kleinen
-Federn umhüllt, der eigentliche Strauß besteht aus längern Federn,
-von welchen die mittelsten am meisten hervorstehen. Bei der Anordnung
-dieses Federschmucks entwickeln die Eingeborenen zuweilen einen auch
-nach unsern Begriffen feinen Geschmack, denn ein von einem Häuptling
-an der Nordküste von Neu-Britannien mir als ein besonders schönes Stück
-geschenkter Speer hat an der Manschette nur matt gefärbte Federn, während
-der eigentliche Strauß aus tiefschwarzen mit einzeln dazwischengestreuten
-gelblichbraunen Federn besteht; diese Zusammenstellung ist von ganz
-ausgezeichneter Farbenwirkung. Die andere Speerart trägt am untern Ende
-als Schmuck einen Knochen, aber nicht, wie so vielfach behauptet wird,
-einen Menschenknochen, sondern den Oberschenkelknochen des Kasuar,
-ein schlankes, feines, schneeweißes Bein. Unser Stabsarzt hat sich auf
-meine Bitte hin der Mühe unterzogen und alle die uns unter die Augen
-gekommenen vielen alten und neuen Waffen dieser Art, welche wir in den
-Händen der Eingeborenen, der Händler, im Privatbesitz hier wie an vielen
-andern Plätzen sahen, untersucht und festgestellt, daß der Knochen stets
-vom Kasuar stammt, oder doch jedenfalls kein Menschenknochen war. Die
-Eingeborenen bestreiten auch entschieden, andere als Kasuarknochen zu
-ihrem Speerschmuck zu verwenden. An der Stelle, wo der Knochen mit dem
-Holz zusammenstößt, ist in der Regel ein rothes, mit Diwarra eingefaßtes
-Stück Baumrinde umgelegt, an welchem häufig auch noch kleiner Zierath,
-wie ihn die Halsbänder der Frauen haben, hängt. Diese Luxusspeere werden
-stets mit der Spitze nach unten getragen, wodurch diese natürlich sehr
-bald stumpf wird und den Gebrauch des Speers als eigentliche Waffe an sich
-ausschließt.
-
-Die Steinschleuder ist die nächst wichtige Waffe. Sie besteht aus einem
-6 cm langen, 4 cm breiten und 3 cm tiefen bootförmigen Körper aus Bast,
-an dessen beiden spitzen Enden zwei gleiche, etwas mehr als 1 m lange
-zweidrähtige Schnüre befestigt sind. Die eine Schnur endet in eine
-Schleife, die andere in einen konischen, nach oben breiter werdenden,
-zierlich aus Bast geflochtenen Knopf von 1½ cm Dicke. Der abgerundete
-Stein wiegt zwischen 100 und 150 gr. Beim Gebrauch wird die Schleife der
-einen Schnur um den Daumen, der Knopf der andern zwischen Mittel- und
-Ringfinger genommen und dieser Knopf dann von den ihn haltenden Fingern
-losgelassen, sobald der Schleuderer sein Ziel zu haben glaubt. Wie
-gefährlich diese Waffe in den Händen der Eingeborenen ist, habe ich früher
-schon gesagt; ich habe sie zwar nicht anwenden sehen, habe aber zwei
-Leute gesehen, von denen der eine durch die Schleuder einen Knochenbruch
-am Oberschenkel erlitten, der andere in der Hüfte ein verwachsenes 2 cm
-breites und tiefes Loch hatte.
-
-Die Keule vertritt in gewissem Sinne die Stelle unsers Seitengewehrs,
-wird im Massenkampf wol kaum benutzt und dient im alltäglichen Leben als
-Vertheidigungswaffe, hauptsächlich aber wol als Schutzwehr, da jeder
-waffenlose Mann als vogelfrei gilt und von jedem, welcher Lust dazu
-verspürt, erschlagen werden kann. Mit der Bildung von größern Gemeinwesen
-indeß, mit dem Zusammenfassen ganzer Stämme unter die Gewalt eines
-Häuptlings ist die Waffe innerhalb der eigenen Grenzen als Schutzwehr
-überflüssig geworden und dient, wenn sie nicht zur Jagd gebraucht wird,
-nur noch als Symbol, ist das Abzeichen des freien Mannes. So ist es
-möglich geworden, daß an Stelle der Waffe die Attrape treten konnte, ein
-der Waffe nachgebildetes, als solche unbrauchbares Stück Holz, oder das
-Gewehr ohne Munition, denn der Träger genügt der Landessitte, hat das
-äußere Abzeichen und kann mit diesem sogar andern Stämmen ungefährdet
-entgegentreten. Die Keulen wurden vor dem Verkehr mit den Europäern nur
-in zwei Mustern hergestellt, entweder aus hartem, gewöhnlich Eisenholz
-allein, oder aus solchem Holz in Verbindung mit Stein. Die Holzkeule hat
-unten einen, das Abgleiten der Hand verhindernden Griff und oben eine
-Verstärkung, welche nach den Seiten in eine scharfe Kante und nach oben
-in eine Spitze ausläuft. Sie ist gewöhnlich roth bemalt und hat am Griff
-mancherlei eingeschnittenen und lose hängenden Zierath. Die Steinkeule
-besteht aus einem glatten Holzstock, über welchem oben ein bis zu 15 cm
-dicker, ausgehöhlter Stein gestreift und mit einer Pechart, in welches
-häufig noch Diwarra eingedrückt wird, befestigt ist. Das dritte Muster ist
-erst entstanden, nachdem die Eingeborenen durch die Europäer in den Besitz
-von Beilen gekommen waren. Diese Keule ist mit mehr Sorgfalt angefertigt
-und kann wol auch nur als Luxuswaffe bezeichnet werden. Das Beil sitzt
-auf einem flachen, mit eingelegtem Perlmutter verzierten Stiel, dessen
-unteres Ende die Form der von den Eingeborenen gebrauchten Ruder annimmt
-und hier reich geschnitzt, bemalt und mit einer großen Zahl angebundener
-Berloques schön gemacht ist. Dieses Keulenmuster wird vorzugsweise als
-Attrape benutzt.
-
-Die Kampfweise entspricht selbstverständlich den vorhandenen Waffen.
-Die Steinschleuderer bilden das erste Treffen und beginnen den Kampf in
-größerer Entfernung, wo ihre Waffe zwar noch nicht zur vollen Geltung
-kommt, aber immerhin doch den einen oder andern Mann außer Gefecht setzen
-kann. Sobald nun die eine Partei ihren Steinhagel entsendet, dreht sich
-die angegriffene Colonne für einen Augenblick schnell um, neigt den
-Oberkörper zur Erde und streckt den ankommenden Steinen den fleischigsten
-Theil des Körpers entgegen, weil hier auftreffende Steine aus der großen
-Entfernung nur quetschen, aber keinen Knochenbruch erzeugen können. Dieses
-Manöver, welches auf den Unbetheiligten einen höchst lächerlichen Eindruck
-machen muß, sollen sie auch bei dem ersten ernstem Zusammenstoß mit den
-Weißen gegen deren Flintenkugeln angewendet haben, ergriffen dann aber,
-als die Kugeln schlank durchgingen, die Flucht, ohne ihr Gesicht wieder zu
-zeigen, und versuchten diesen Kniff später gegen Feuerwaffen nicht mehr.
-Sobald die feindlichen Colonnen in langsamem Schritt auf Speerwurfweite
-aneinander gekommen sind, ziehen die Schleuderer sich zur Seite, das erste
-Glied des Haupttreffens wirft seine Speere und eilt hinter die Front,
-um dem zweiten Gliede Platz zu machen oder aber sämmtlich die Flucht zu
-ergreifen. Denn bis zum Aufbrauch sämmtlicher Waffen soll es nie kommen,
-weil eine Partei gewöhnlich den Kampf aufgibt, sobald zwei bis drei von
-ihnen gefallen sind, und dies ist in der Regel schon nach dem ersten
-Speerwurf der Fall.
-
-An Werkzeugen findet man die Steinaxt, ein Stück Knieholz, dessen
-langer Schenkel den Stiel bildet, während an dem kürzern ein harter,
-grünlicher, geschärfter Stein angebunden ist; dann, wie schon angegeben,
-Muschelscherben und Lavaschlacke. Eisen war vor dem Eindringen der
-Europäer nicht bekannt und in der ersten Zeit des Verkehrs wurden für
-kleine Stücke von alten Fässern gewonnenem Bandeisen die werthvollsten
-Producte eingehandelt. Nachdem aber, und zwar erst in der allerneuesten
-Zeit, Beile und Messer zum Kauf gestellt werden, hat das Bandeisen,
-welches doch nur mangelhafte Geräthe liefert, sehr an Werth verloren,
-obgleich Beile und Messer noch so hoch im Preise stehen, daß nur
-Häuptlinge sie erwerben können.
-
-An Musikinstrumenten habe ich nur eine aus Bambus hergestellte Pfeife,
-die Trommel und die Maultrommel gefunden.
-
-Die Pfeife, etwa 40 cm lang und mit eingebrannten Mustern verziert, ist
-am Mundstück einfach offen mit einem kleinen halbrunden Ausschnitt und
-unten geschlossen mit zwei oder drei Tonlöchern vor dem Abschluß.
-
-Die Trommel, welche mit der Hand geschlagen wird, ist ein Cylinder von
-Bambus oder anderm Holz, unten offen, oben mit Fisch- oder Schlangenhaut
-bezogen, mit Schnitzwerk und Berloques verziert.
-
-Die Maultrommel, in deren obere Seite zierliche Muster eingeschnitten
-sind, ist aus einem Stück Bambus gefertigt, 20 cm lang, 6 cm breit und
-wie eine große zweischneidige Messerklinge geformt. In dem 18 cm langen
-und ¾ cm breiten Schlitz liegt die aus dem ganzen Stück herausgeschnittene
-Tonzunge.
-
-An künstlichen Erzeugnissen habe ich außer den bereits genannten
-Fischereigeräthen, Kanus, Dug-Dug-Masken, Schmuckgegenständen, Waffen,
-Werkzeugen und Musikinstrumenten nur noch sehr schön aus feinem Rohr
-geflochtene Körbchen, Tanzstöcke und Schädelmasken gefunden.
-
-Die Tanzstöcke bestehen aus einem flachen Stock, welcher unten einen Griff
-bildet, an welchem sich zwei nach oben zeigende und in einen Winkel von
-30° nach beiden Seiten neigende, mit der flachen Seite des Stocks in einer
-Ebene liegende und mit bunten Federn verzierte kürzere Stöcke anschließen;
-unten am Griff ist außerdem noch ein kleiner Federstrauß angebracht. Die
-bessern Stöcke sind bis 1½ m lang, aus schwarzem glänzenden Holz gefertigt
-und haben an den Außenrändern schön gewundene Linien.
-
-Die Schädelmasken haben diesen Namen von den Europäern erhalten, weil
-die vordere Hälfte eines Menschenschädels den Kern der Maske bildet.
-Auf diesen Kern ist mit Lehm die treue Maske der hiesigen Eingeborenen
-geformt. Die Oberkiefer sind innerhalb durch ein fingerdickes Stück
-Holz verbunden, welches der Träger in den Mund nimmt und so sein eigenes
-Gesicht verdeckt.
-
-Von den Dug-Dug-Masken kann ich keine eingehendere Beschreibung geben,
-weil ich keine Gelegenheit mehr fand, mir dieselben näher anzusehen, doch
-wird das Nachfolgende vielleicht auch genügen. Den untern Theil bildet
-ein dicker, aus langen schmalen getrockneten Blättern hergestellter
-Rock, welcher von der Brust bis fast zu den Knien reicht. Auf diesen
-Rock legt sich ein ebensolcher Laubkranz bis zum Hals hinauf, sodaß der
-Träger des Anzugs zwischen diesem Kranz und dem Rock seine Hände und
-Arme hindurchstecken kann, sowol um dieselben, wenn nöthig, überhaupt
-gebrauchen, wie auch Geschenke in Empfang nehmen zu können; Hände und Arme
-dürfen aber eigentlich nie gezeigt werden, weshalb man bei der Darreichung
-eines Geschenks dicht an die Maske herantreten muß und die Gabe dann dahin
-reicht, wo zwischen dem Laub die dunkeln Finger sich bemerkbar machen. Auf
-den Kranz endlich kommt der oft über 2 m hohe thurm- oder pyramidenartige
-Oberkörper mit Kopf. Derselbe ist ein Gitterwerk von ganz leichten
-Rohrstäben und so mit Federn, Laub und schwarz-weiß-rother Malerei
-verziert, daß man nicht in das Innere sehen kann. Ganz oben auf der Spitze
-ist das eigentliche, scharf karikirte Gesicht angebracht, dessen Augen
-aus den unter dem Namen „Katzenaugen“ bekannten Verschlußstücken einer
-bestimmten Muschelart bestehen. Das Merkwürdigste an dieser Figur sind
-die durch die Vermummung hervorgebrachten wunderlichen Körpermaße. Ganz
-oben, 3-4 m über dem Erdboden, der kleine spitze Kopf, an welchen sich
-der schmale armlose Oberkörper anschließt, dann die riesige Hüftenpartie,
-welche bei dem Hals des Trägers anfängt und bis zu dessen Knien reicht,
-und schließlich die kurzen Beinchen von den Knien bis zu den Füßen.
-
-Die Nahrungsmittel der Eingeborenen bestehen in der Kokosnuß, Bananen,
-Erdfrüchten (Yam, Taro, süße Kartoffeln), Fischen und Seethieren,
-Vogeleiern (Hühner sind nicht bekannt), Menschen- und schließlich seit
-zwei Jahren auch Schweinefleisch. Der Genuß des Schweinefleisch war
-vordem, obwol das Schwein wild vorkommt, nicht bekannt und ist wol diesem
-Umstand allein der Brauch der Menschenfresserei zuzuschreiben, da die
-menschliche Natur doch nun einmal Fleischnahrung verlangt. Seitdem die
-Weißen den Eingeborenen gebratenes Schweinefleisch vorgesetzt hatten,
-welches sie für Menschenfleisch aßen, und nachdem dann vor ihren Augen ein
-Schwein geschlachtet war und sie dieses Fleisch ebenso gut wie das vorher
-genossene fanden, greift die Verwendung der Schweine als Nahrungsmittel
-immer mehr um sich und die Menschenfresserei nimmt zwar langsam aber
-stetig ab. Sind die Verhältnisse aber erst so geordnet, daß die Weißen
-daran denken können, Rindvieh einzuführen und zu züchten, dann wird die
-Menschenfresserei sicher bald ganz der Vergangenheit angehören.
-
-Bei dem Kapitel Menschenfleisch werde ich mich nun, fürchte ich,
-theilweise in unlösbaren Widerspruch mit den Angaben früherer Berichte
-setzen, ich halte aber meine Gewährsleute für zuverlässig. Wie ich früher
-schon gesagt habe, werden nicht nur erschlagene Feinde verzehrt, sondern
-das menschliche Wild wird auch regelrecht gejagt. Die Zubereitung ist
-eine höchst einfache; der stets vorher getödtete Mann wird in zwei große
-trockene Bananenblätter ganz eingewickelt, dann mit dem Kopf nach oben an
-einen Baum gehängt, die Blätter werden angesteckt und das Mahl ist fertig,
-sobald die Blätter abgebrannt sind. Der Körper wird nun heruntergenommen
-und mit den Händen das rohe Fleisch heruntergerissen und von den Männern
-gegessen, während die im Hintergrunde sitzenden Frauen die Eingeweide
-erhalten. Aehnlich wird das Schwein zubereitet, doch wird das gebundene
-lebende und in trockene Blätter eingewickelte Thier, welchem auch noch die
-Schnauze zugebunden ist, damit es nicht schreien kann, mit den Beinen nach
-oben aufgehängt und erhält, ehe die Blätter angesteckt werden, mit der
-Keule einen Schlag auf den Kopf. Nach Abbrennung der Blätter wird es dann
-ebenso, wie vorher angegeben, verzehrt. Kapitän Levison war Augenzeuge
-eines solchen Mahles, als er mit vier seiner Leute unter dem Beistand
-eines befreundeten Stammes den bereits erwähnten erfolgreichen Kriegszug
-gegen die Mörder eines deutschen Agenten unternahm. In ihrem Siegesrausch
-warfen die Wilden ihre sonstige Zurückhaltung ab und gaben sich in seinem
-Beisein dem Genusse hin, welchen sie sonst vor den Weißen ängstlich
-verbergen. Hiernach kann ich die Berichte, welche von sorgsam zerlegten
-Gliedern und nach unsern Begriffen hergerichtetem saftigen Menschenbraten
-erzählen, nur als Phantasiegebilde betrachten, zumal die Eingeborenen
-bisher überhaupt noch keine Werkzeuge besitzen, um einen Körper in dieser
-Weise zu zerlegen, denn die wenigen erst seit kurzem in ihrem Besitz
-befindlichen Messer und Beile können bei der weiten Verbreitung der
-Menschenfresserei noch gar nicht in Betracht kommen. Doch schöner liest
-es sich entschieden, wenn der Leser bei der Schilderung der einzelnen
-Manipulationen ein gewisses Gruseln empfindet. Das Menschenfleisch
-wird aber roh gegessen und dazu bedarf es keiner Zerlegung, denn das
-Abbrennen der Blätter auf dem Körper der Menschen wie dem der Schweine
-hat nur den Zweck, die Haare und Borsten abzusengen und die Haut mürbe
-zu machen. Dem Einwand, daß es eine noch größere Ungeheuerlichkeit sei,
-rohes Menschenfleisch zu essen, begegne ich damit, daß es wenigstens nach
-meinem Gefühl weniger scheußlich ist, dem thierischen Trieb folgend das
-Opfer einfach zu zerreißen, als mit bewußter Wollust mit den einzelnen
-Gliedern zu liebäugeln und stundenlang vor dem allmählich gar werdenden
-und brodelnden leckern Mahl zu hocken. Im übrigen sind die Leute an
-diese Art der Nahrung von Kindesbeinen an ebenso gewöhnt, wie wir an den
-Genuß von rohen und lebenden Austern, Land- und Wasserschnecken, an rohes
-Rindfleisch 'à la tartare', wie die Samoaner an den Genuß lebender Raupen
-und die samoanischen Katzen an den von Kokosnußkern, was doch wahrlich
-gegen die Natur der Katze geht.
-
-Daß hier allmählich Wandel geschaffen wird, ist hauptsächlich dem
-Einflusse der Mission zuzuschreiben, da die Kaufleute bisher keine Zeit
-hatten, sich der Verbesserung der Sitten zuzuwenden, sondern zunächst
-nur daran denken konnten, festen Fuß zu fassen und ihr eigenes Leben zu
-sichern; andererseits aber konnte die Mission, welche noch keine weitern
-Erfolge zu verzeichnen hat, ihr Werk überhaupt nur unter dem Schutze
-der Kaufleute, und zwar hier nur unter dem Schutze deutscher Kaufleute
-beginnen.
-
-An einem Vormittag überbrachte mir Herr Hernsheim eine Einladung
-Topulu’s, auf seinem Fischereiplatze einen Tanz entgegenzunehmen, welchen
-er auf mein Ersuchen arrangirt hätte, ich möchte aber sonst niemand
-mitbringen. Wir fuhren daher zu seinem Wohnplatze, um zunächst hier unsern
-Zahlmeister-Aspiranten, welcher mir mit Genehmigung des Eheherrn die
-Narbenmuster auf der Haut der einen Frau abzeichnen wollte, abzusetzen
-und auch mein Boot hier zurückzulassen. Am Ziel angelangt, fanden wir
-in der großen offenen Hütte unsern Freund Topulu mit zwei seiner Frauen,
-allerdings nicht gerade den ältesten, aber auch nicht den hübschesten. Die
-eine ist ein murksiges ältliches Geschöpf von ziemlich heller Farbe, die
-andere ebenfalls sehr klein, noch jung, wohlgenährt, aber tief schwarz;
-sie hat eine Nase, welche so ziemlich die ganze Breite des Gesichts
-einnimmt, dazu ist sie noch auf einem Auge blind, was in dem schwarzen
-Gesicht noch mehr zur Geltung kommt. Beide sind schön geputzt, aber nicht
-gewaschen. Die Haare sind frisch roth gefärbt, auf dem Kopfe sitzt eine
-große bunte Feder, die Halskette ist fest und ordentlich umgebunden, und
-beide haben in jedem Nasenflügel zwei, also jede vier 5 cm lange, nach
-oben und trotzig aus dem Gesicht herausstehende dunkelbraune Stacheln.
-Als wir zur Hütte kommen und uns verwundert umsehen, wo denn die andern
-sind, raunt King Dick Herrn Hernsheim in seinem Kauderwelsch etwas zu und
-ist verschwunden. Auf meine Frage: „Was nun?“ bekomme ich die Antwort:
-„Topulu stellt Ihnen diese beiden seiner Frauen zur Verfügung.“ Auf
-die Frage: „Was soll ich denn mit ihnen?“ die Antwort: „Sie können mit
-ihnen machen was Sie wollen; nur dürfen Sie sie nicht essen.“ Lachend
-gaben wir den ängstlich aneinandergeschmiegten Gestalten, welche uns wie
-scheue Rehe anblicken, die von Herrn Hernsheim vorsorglich mitgebrachten
-weißen Perlenschnüre und machen uns, befriedigt über die beabsichtigte
-Freigebigkeit Dick’s, welche in diesem Lande wirklich etwas bedeuten will,
-auf den Rückweg.
-
-An einem Nachmittag holte mich Herr Hernsheim ab, um einen Besuch bei
-Torragud zu machen. Ein schon längere Zeit auf einem Hernsheim’schen
-Schiffe in Diensten stehender hiesiger Eingeborener dient uns als Führer.
-Wir legen den 2½ Seemeilen langen Wasserweg bis Urakukua auf Amakada in
-meiner Gig zurück und betreten dann den Wald. Bewaffnet sind wir nur
-mit einem Stock, weil Herr Hernsheim Waffen für überflüssig hält und
-ich nach meinen bisherigen Erfahrungen dem auch beistimme. Der sanft
-ansteigende Weg in dem herrlichen, schönen Wald ist so breit, daß wir
-bequem nebeneinander gehen können, in der Unterhaltung also nicht gestört
-sind. Ungefähr auf dem halben Wege stoßen wir auf eine Lichtung, wo
-unter hohen mächtigen Bäumen eine große Hütte liegt, auf deren geräumigem
-Vorplatz zwei große, schwere Schweine sich ergehen; Menschen sind nicht zu
-sehen. An diesen Platz schließt sich ein großes umzäuntes und sorgfältig
-gepflegtes Stück Land, welches mit Erdfrüchten bestanden ist. Etwas
-weiter bei einer Krümmung des Weges stehen plötzlich wenige Schritte
-vor uns zwei prächtige, rehfarbene Mädchen, jugendlich üppige, schöne
-hohe schlanke Gestalten, welche frei von allem Tand nur eine lange bunte
-Feder im Haar haben. Einen Augenblick stutzen sie wie wir, dann mit einem
-hellen Jauchzer brechen sie wie leichtfüßiges Wild mit leichten Sprüngen
-in das Dickicht und machen erst in größerer Entfernung halt, wo wir nur
-über dem Laub ihre Köpfe sehen und von wo sie mit ihren klaren Augen uns
-beobachten und passiren lassen. Unwillkürlich entschlüpft mir, wie sie
-so dahin eilen, der Ausruf: „Schade, daß wir kein Gewehr haben, um ihnen
-eins aufzubrennen!“ und wieder zur Besinnung gekommen füge ich hinzu: „Es
-ist gut, daß ich nicht länger hier bleibe, ich könnte sonst bei diesem
-edlen Wild vielleicht noch selbst Geschmack an der Menschenjagd finden.“
-Nach drei Viertelstunden Gehens sind wir auf der Höhe und bei dem groß
-angelegten Besitz Torragud’s angelangt. Er empfängt uns, umgeben von
-seiner Familie und einigen Ferkeln. Er selbst in seinem Naturkleid schön
-wie immer, doch leider wieder mit der blauen Unterjacke, welche er auf
-meinen Wunsch allerdings nachher für kurze Zeit ablegt. Einige Frauen,
-darunter eine alte, häßliche, schwarze und spindeldürre Gestalt, die sich
-uns grinsend nähert und auf der Brust einen Schmuck trägt, welcher sofort
-meine Begierde erweckt. Noch ein Mann und mehrere Kinder, von denen ein
-11-12 Jahre altes ziemlich dunkles mageres Mädchen von allen Personen
-allein ein Hüfttuch trägt. Sie ist eine muntere, durchtriebene kleine
-Person, welche mit ihrem neckischen Wesen das ganze Haus zu beherrschen
-scheint und entschieden der allgemeine Vorzug ist. Torragud nimmt sie
-an der Hand und sich in die Brust werfend stellt er sie vor: „'Tintamon,
-Missi Brown he make him.'“ Sehr belustigt war ich, als wir herausbekamen,
-daß Tintamon „King Salomon“ bedeuten solle. Welcher Witzbold aber dem
-Mädchen diesen Namen gegeben hat, konnten wir nicht erfahren. Die Worte,
-daß Mr. Brown ihn gemacht hätte, konnte nur dieser Herr mir erklären, was
-er später auf einfache Weise mit der Erklärung that, daß er das Kind vor
-kurzem getauft habe. Tintamon wird, wie ich noch herausgebracht habe, so
-gehätschelt und gepflegt, weil sie schon an einen andern großen Häuptling
-verkauft ist, aber nicht eher an den Käufer übergeht, bis sie die volle
-Reife zur Frau erlangt hat, denn die Erhaltung bis zu diesem Zeitpunkt
-ist Sache des Verkäufers. Aus dieser Sitte werden in Reisebeschreibungen
-nun wol häufig Verlobungs- und Heirathsceremonien gemacht, welche
-aber meines Wissens nicht existiren. Verlobung und Heirath kennt man
-hier nicht, sondern nur den einfachen Kauf, bei welchem allerdings
-Zweckmäßigkeitsgründe in der Weise unterlaufen, daß ein Häuptling die
-Tochter eines andern, um sich mit diesem näher zu verbinden, schon im
-frühesten Alter kauft und je nach dem Werth der Verbindung einen höhern
-oder niedrigern Preis zahlt. Das Kaufobject ist hierbei nur der Strohmann,
-um dem gezahlten Preise den Sinn des Tributs zu nehmen.
-
-Nachdem wir Torragud’s Wohnhaus besichtigt haben, treten wir auch noch
-in die Schatzkammer, welche, wenn sie auch nicht so große Reichthümer wie
-die des King Dick aufweist, doch nach hiesigen Begriffen ein stattliches
-Vermögen in sich birgt. Zur Familie zurückgekehrt äußere ich den Wunsch,
-den Schmuck der Alten zu besitzen, doch diese rückt mir drohend auf den
-Leib, schreit und keift und schützt das Kleinod mit ihren magern Armen.
-Torragud bringt sie zur Ruhe, sieht sie mit ernstem prüfenden Blick an,
-nickt einmal bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als ob ihm ein guter Gedanke
-gekommen sei, und wendet sich wieder uns zu. Nachdem wir noch aus einer
-uns dargebotenen frischen Kokosnuß die Milch getrunken und verschiedene
-kleine Geschenke vertheilt haben, verließen wir diese Waldidylle wieder.
-
-Bei dem Besuche Torragud’s konnte ich beobachten, wie heutzutage noch
-Gemein- und Staatswesen entstehen und sich entwickeln. Der Mann erwirbt
-Geld oder ähnliches Gut und wirft sich, wenn er überhaupt das Zeug dazu
-hat, durch das damit verbundene Ansehen zum Häuptling auf, vergrößert
-seinen Hausstand durch Ankauf von Frauen, welche gleichzeitig auch für
-ihn arbeiten müssen, siedelt dann seine erwachsenen Söhne, nachdem er
-ihnen eine Frau geschenkt hat, in seiner Nähe an, ergänzt den Abgang in
-seinem Hause wieder durch Ankauf von Knaben, sowie auch Mädchen, welch
-letztere wiederum später als Frauen an die gekauften männlichen Mitglieder
-abgegeben oder anderweit veräußert und namentlich gegen andere Kinder
-ausgetauscht werden. So bildet sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein
-Stamm, welcher durch Verkauf der Mädchen aus eigenem Blut und vielleicht
-auch durch einmalige Zahlung einer gewissen Summe eine andere Familie
-oder einen kleinern Stamm in sich aufnimmt und mit sich verschmelzt.
-Ist der Stamm nun stark genug, dann breitet er sich leicht weiter aus,
-indem er die Nachbarfamilien und Stämme nicht mehr kauft, sondern mit
-Gewalt unterwirft und so allmählich immer mehr wächst, wenn er neben der
-Gewalt auch noch Staatskunst zur Anwendung bringt, wie wol der Vater des
-Topulu dies dadurch gethan hat, daß er den läppischen Dug-Dug in seinem
-Interesse umgebildet und zu einer Ceremonie gemacht hat, mit welcher er
-seine Unterthanen an Gehorsam und an seine Macht gewöhnte. Denn in ältern
-Reisebeschreibungen findet man den Dug-Dug nur als hüpfenden Popanz und
-nicht in der Form, wie er hier jetzt und zwar alljährlich nur einmal
-abgehalten wird.
-
-An dem auf den Besuch bei Torragud folgenden Vormittag brachte
-Herr Hernsheim mir den seltenen Schmuck der Alten und bat mich,
-denselben als ein Andenken an die gemeinsam unter den Menschenfressern
-verbrachte Zeit anzunehmen. Obwol es gerade nicht höflich war, mir die
-Erwerbungsgeschichte des Schmuckes erzählen zu lassen, konnte ich dem
-Reiz nicht widerstehen, zu erfahren, wie er es möglich gemacht hatte,
-das Stück zu erhalten, und ich stellte daher die Bitte, welche mir
-auch gewährt wurde. Das von mir „bedeutungsvoll“ genannte Kopfnicken
-Torragud’s hatte also wirklich einen tiefern Sinn und besagte, daß er,
-Torragud, nun wisse, wie er in Besitz eines Hinterladers gelangen könne.
-Was diesem schlauen Heiden dabei durch den Sinn ging, kann ich natürlich
-nicht wissen, doch läßt es sich meines Erachtens leicht combiniren. Es
-war schon seit lange sein Wunsch, ein Gewehr zu besitzen, er wurde aber
-stets, wenn er am Schluß seines jedesmaligen Besuches mit dem betreffenden
-Wunsche zum Vorschein kam, abgewiesen. Hier kam ihm nun endlich der
-Zufall zu Hülfe. Der mächtige Häuptling (nämlich ich), welcher ein so
-großes Schiff mit so vielen Männern, so großen Kanonen und so vielen
-Gewehren besitzt (in den Augen dieser Leute gehört mir das Kriegsschiff,
-wie die Kauffahrteischiffe das Eigenthum der Kaufleute sind), welcher
-über die eingeborenen Häuptlinge zu Gericht sitzt, welcher unter den
-Weißen eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie alles thun, was er
-haben will, und der überhaupt die ganze Umgebung in Unruhe versetzt,
-wünscht etwas zu besitzen, was nur er, Torragud, geben kann. Dem Missi
-Hernsheim muß es daher eine wahre Freude sein, dem Schiffscommandanten
-diesen Wunsch erfüllen zu können, und er wird nun das von Torragud
-ersehnte Gewehr gewiß gern geben, wenn er von diesem dafür den Schmuck
-erhalten kann. So macht Freund Torragud sich am nächsten Morgen mit dem
-Schmuck auf den Weg nach der deutschen Niederlassung. Er hat sich nicht
-getäuscht, er erhält schließlich das Gewehr, welches ihm nach Lage der
-augenblicklichen Verhältnisse doch nicht mehr lange vorenthalten werden
-konnte, aber allerdings ohne Munition. Auf die Frage, ob die Alte denn
-den Schmuck gutwillig hergegeben habe, antwortet er lachend: „Nein,
-sie hat erst ordentlich Prügel bekommen müssen.“ So hat die arme Alte
-ihr Kleinod verloren, noch obendrein eine Tracht Prügel erhalten und
-kann nicht einmal von dem Erlös etwas abbekommen. Und ich habe ein sehr
-seltenes, vielleicht einziges, an sich werthloses Schmuckstück, welches
-nach dem hiesigen Preis des Hinterladers mit 200 Mark bezahlt worden
-ist. Es hat die Form einer der Länge nach getheilten halben Melone,
-ist 20 cm lang, 9 cm breit und hat am untern Rand der langen Seite zwei
-bäffchenartige Lappen von 12 cm Länge und 6 cm Breite. Das Hauptstück
-wird aus einem Holzreifen gebildet, auf welchen ein festes Gewebe
-aus Opossumzähnen so übergespannt ist, daß es ohne weitere Unterlage
-in kräftiger Wölbung die Form der Melone annimmt. Auf den Bindfaden,
-welcher die Zähne im Innern der Wölbung zusammenhält, sind noch kleine
-perlenartige Muschelstückchen in regelmäßigen Abständen aufgereiht, sodaß
-die Arbeit auch auf ihrer Kehrseite Sinn für Ordnung zeigt. Die sich an
-das Hauptstück anschließenden Bäffchen sind an ihren Rändern mit einem
-Kranz von Opossumzähnen und einem schmalen Band aus rother Baumrinde
-eingefaßt; innen laufen wie die Saiten einer Harfe von oben nach unten
-Schnüre aus Glasperlen und kleinen selbstverfertigten Perlen, welche
-aus einem wie Schildkrot aussehenden Gemenge von balsamischem Harz und
-Thonerde hergestellt sind. Oben auf diesen Schnüren sind noch je zwei
-nebeneinanderliegende kleine Ringe aus weißen Glasperlen aufgenäht und
-schließlich an der obern Langseite des Hauptstücks zwei Schnüre aus
-dickern Glasperlen befestigt, welche über den Hals gestreift so lang sind,
-daß der Schmuck gerade auf den Brüsten ruht. Der Werth dieses eigenartigen
-Kunstwerks für die Eingeborenen ergibt sich daraus, daß an demselben
-nach oberflächlicher Schätzung (zählen kann man die Zähne nicht ohne sie
-auseinanderzureihen) an 1500 Opossumzähne und an 1000 mühsam mit der Hand
-gearbeitete kleine Harzperlen sind.
-
-Ehe Torragud mit seinem Gewehr die deutsche Niederlassung verlassen hatte,
-hatte er noch gesagt, daß nachmittags 4 Uhr bei Urakukua ein Tanz für uns
-bereit sei.
-
-Dort angekommen finden wir einige Frauen und, wenn ich nicht irre, 17
-Männer uns erwartend vor. Von den Frauen hat eine ein unsauberes Tuch um
-die Hüften gebunden, die andern haben nur einen Bindfaden um den Leib,
-an welchem vorn und hinten in der Mitte des Körpers ein kurzer Faden
-mit einem ganz kleinen Laubbüschel am untern Ende herunterhängt und
-welcher, wie ich früher schon gesagt habe, wol die Stelle einer Schürze
-vertreten soll. Im übrigen sind sie nur mit Halsbändern und Nasenstacheln
-geschmückt, im Gesicht und auf dem Oberkörper weiß angestrichen, jedoch
-so dünn, daß die natürliche Hautfarbe durchschimmert. Die Männer sind
-mit mehr Sorgfalt herausgeputzt und haben zunächst Gesicht, Oberkörper
-und die Innenseite der Oberschenkel weiß, roth und schwarz bemalt,
-das Kopfhaar ist weiß gefärbt. In den Nasenflügeln sind Stacheln und
-Opossumzähne, in der Nasenscheidewand kleine Ringe aus Schildkrot,
-Perlmutter oder aufgereihten Glasperlen, um den Hals die pichelartigen
-Teller oder andere Halsbänder, um den linken Oberarm das Armband und um
-den Leib haben sie ebenso wie die Weiber den Bindfaden, welcher hinten
-ein untergeschobenes mit dem Stil nach oben gekehrtes großes Blatt, das
-von dem Rücken bis unter das Gesäß reicht, hält, vorn hängt ein Faden mit
-einem etwas größern Laubbüschel als bei den Frauen; ein Laubband um die
-Knöchel vervollständigt den Anzug. Männer wie Frauen haben in jeder Hand
-einen frischen Baumzweig mit Blättern, der Vortänzer der Männer hält in
-jeder Hand einen Tanzstock. Die Kerle sehen bunt und unternehmend aus und
-würden einen harmlosen Europäer, welcher unvorbereitet ihnen hier im Walde
-begegnet, sicherlich erschrecken.
-
-Die Frauen beginnen zuerst mit dem Tanze, stellen sich hintereinander in
-einer Reihe auf und machen dieselben Bewegungen wie nachher die Männer,
-aber mit einwärts gedrehten Füßen, geschlossenen Knien und eingeknickten
-Beinen, so täppisch und unschön, daß wir schon nach wenigen Minuten genug
-davon hatten. Die Männer stellen sich darauf in zwei Reihen nebeneinander
-auf, und zwar die Reihen so weit voneinander ab, daß der Vortänzer,
-welcher in der Mitte zwischen den beiden Reihen steht, bequemen Platz
-zwischen ihnen findet. Alle nehmen eine ziemlich stramme Haltung an,
-der Vortänzer hebt seine Stöcke, die andern folgen sofort mit derselben
-Bewegung, stimmen einen einförmigen Gesang an und setzen ihre Beine in
-Bewegung. Der Gesang besteht aus mehrern mit tiefer Stimme in demselben
-Tone laut gesprochenen Worten, welchen dann einige in höherm Ton folgen.
-Die Beinbewegungen sind leicht und tänzelnd und erinnern an das Traben
-auf der Stelle, die Füße sind dabei auswärts gekehrt, die Knie geöffnet
-und biegsam. Alle Bewegungen des Vortänzers werden von den andern
-sofort aufgenommen und mitgemacht, die Stöcke und Zweige werden nach
-oben gekehrt vor die Brust gehalten und die Köpfe liegen zurückgebogen
-zwischen den Schultern, als ob die Leute krähen möchten; die Stöcke werden
-nach oben gestreckt, die Köpfe gereckt und dabei im Gesang der höhere
-Ton angenommen; die Stöcke gehen zur Brust zurück, wobei der Gesang den
-alten Ton wieder aufnimmt, neigen sich nach vorn, der Kopf folgt, auch
-der Oberkörper etwas, und es sieht aus, als ob die Tänzer ihre eigenen
-Füße und deren Bewegungen betrachteten. Und so geht es auf- und abwärts,
-wobei die Tänzer sich auch zuweilen durch einen Blick nach ihrem Nebenmann
-vergewissern, daß sie noch gut ausgerichtet sind. Der Vortänzer tänzelt
-vor, bis er zwischen den ersten Tänzern steht, schiebt sich in der
-schmalen Gasse rückwärts bis zum Ende, die Führer der Reihen schwenken
-nach beiden Seiten ab und alle schlagen im Gänsemarsch einen Bogen, bis
-die Spitzen wieder bei dem Vortänzer angelangt sind, worauf das Ganze
-in der alten Ordnung in gleichmäßigem Takt und gut ausgerichtet mit den
-borstigen Nasen und den vor dem Leib hin und her wedelnden Laubbüscheln
-auf uns zutrabt, bis es den alten Platz wieder erreicht hat. Die großen
-Mäuler klappen auch gleichmäßig auf und zu, öffnen sich bei den höhern
-Tönen mehr und werden dann so entschieden zugeklappt, als ob sie eine
-gebratene Taube gefangen hätten.
-
-Da es keine weitere Abwechselung gab, so hatten wir bald genug von dem
-Vergnügen, vertheilten ein Geschenk an Taback und Glasperlen und machten
-uns wieder auf den Heimweg.
-
- * * * * *
-
-Am 15. December nachmittags waren Kohlen, Proviant und Wasser
-übernommen, auch die Vorbesprechungen wegen Ankauf des Hafens von Makada
-abgeschlossen, das Schiff war seeklar, es wurde daher der nächste Morgen
-zur Abfahrt nach Neu-Britannien, wo ich mich zwei Tage aufzuhalten
-gedachte, festgesetzt. Mein Besuch dort diente hauptsächlich der
-Erledigung von zwei Klagesachen, welche ich zum Abschluß bringen wollte.
-In dem einen Falle hatten die Eingeborenen des Districts Ruluana (spr.
-Ruluánna) vor etwa zehn Monaten die dort gelegene Station der Firma
-Hernsheim u. Comp. ohne Veranlassung niedergebrannt, kamen aber gleich
-nach Ausführung der That zu dem Bewußtsein, daß sie ihnen doch schlecht
-bekommen könne, und erboten sich freiwillig den Schaden zu ersetzen. Um
-die dargebotene Hand nicht zurückzuweisen, erklärte sich die geschädigte
-Firma, welche bei dem Brand Haus und Waaren im Verkaufswerth von 2800
-Mark verloren hatte, bereit, das Gebot, welches in 300 Sack Copra im
-Ankaufswerth von etwa 1200 Mark bestand, anzunehmen. Es erfolgte indeß
-trotz des freiwilligen Anerbietens keine Copralieferung und die Mahnungen
-wurden von den Eingeborenen durch verschiedene Ausflüchte und schließlich
-damit erwidert, daß sie keine Säcke hätten, um die Copra hineinzupacken.
-Zuletzt, etwa vor zwei Monaten, hatten sie wiederholt versprochen zu
-liefern, die Lieferung war aber, trotzdem ihnen Säcke gegeben worden
-waren, bis zum heutigen Tage immer noch nicht erfolgt. Ich erklärte mich
-bereit, für die Sache einzutreten, aber nur unter der Bedingung, daß die
-Herren sich mit einer ausgiebigen Verwüstung des Terrains bei Ruluana
-einverstanden erklärten für den Fall, daß ich der betreffenden Häuptlinge
-nicht habhaft werden könne. Ich glaubte mich dieses Einverständnisses
-versichern zu müssen, weil der deutsche Handel durch das Niederhauen der
-Kokosnußbäume eine sehr empfindliche Einbuße an seinen Einnahmen erleiden
-mußte, gegen welche das vorliegende Streitobject in gar keinem Verhältniß
-stand. Absehen konnte ich von dieser Forderung aber nicht, weil es
-undenkbar war, daß ein Kriegsschiff, wenn es die Sache überhaupt aufnahm,
-ganz unverrichteter Sache wieder abziehen sollte, um die Eingeborenen
-dadurch auch noch in ihrer Anschauung, daß die Schiffe ihnen auf dem
-Lande nichts anhaben könnten, zu bestärken. Herr Hernsheim war mit allem
-einverstanden, und so sollte unser nächstes Ziel Ruluana sein.
-
-Der zweite Fall betraf eine Bedrohung des in Port-Weber stationirten
-Agenten der Handels- und Plantagengesellschaft und zwar eine
-Todesandrohung durch denselben Häuptling, welcher früher als Rache für
-seinen erschossenen Hund an demselben Orte den deutschen Agenten getödtet
-hatte und dafür von Kapitän Levison gezüchtigt worden war. Ob hier etwas
-zu erreichen sei, war mir sehr zweifelhaft, doch wollte ich wenigstens
-den guten Willen zeigen und für den Fall, daß ich keinen Erfolg haben
-sollte, den Eingeborenen wenigstens das Vorhandensein von deutschen
-Kriegsschiffen, welche hier noch nicht gewesen waren, vor Augen führen.
-
-So war also alles zur Abfahrt bereit, ohne daß ich es während meines
-mehrtägigen Aufenthalts hatte durchsetzen können, einen Dug-Dug zu
-sehen. Auf mein wiederholtes Drängen bekam ich immer dieselbe Antwort,
-daß es nicht angängig sei, und zwar aus dem Grunde, weil der alljährlich
-nur einmal hier stattfindende Dug-Dug erst vor sechs Wochen abgehalten
-worden sei. Mit demselben ist aber eine sechswöchentliche Fastenzeit in
-der Weise verbunden, daß im Anschluß an das Fest weder Mann, Frau noch
-Kind irgendetwas von der Kokosnuß genießen darf, weder die Milch, noch
-das Fleisch; und was das bedeutet, kann nur der ermessen, welcher weiß,
-welch große Rolle die Kokosnuß hier überall in der Ernährungsweise spielt
-und welch erfrischendes Getränk die kühle Milch aus der frischen Nuß
-ist. Die Kokosnuß ist während dieser Zeit Tabu, und wer die Hand nach
-ihr ausstreckt, ist unrettbar dem Tode verfallen, weil überall Wächter
-aufgestellt sind, welche die Innehaltung des Gebotes überwachen und an
-jedem Uebertreter ohne Urtheilsspruch auf der Stelle das Todesurtheil
-vollziehen. So war es auch uns in den ersten zwei Tagen unsers Aufenthalts
-unmöglich, eine Kokosnuß zu erhalten, weil diese Tage noch in die Tabuzeit
-fielen. Es wäre unter diesen Verhältnissen daher grausam von mir gewesen,
-noch fernerhin auf meinem Willen zu beharren, da die Befriedigung meiner
-Neugierde eine wahre Marter für die Eingeborenen werden mußte, weil
-sie jedenfalls eine neue sechswöchentliche Fastenzeit hätten auf sich
-nehmen müssen. Daneben aber würde es auch für die Kaufleute einen großen
-Verlust bedeutet haben, weil mit dem Dug-Dug eine neue sechswöchentliche
-Handelsstockung in dem Nordtheile der Duke of York-Gruppe verbunden
-gewesen wäre. So mußte ich mich bescheiden, ohne zu ahnen, daß schließlich
-Topulu mit seinen Häuptlingen mir aus eigenem freien Willen doch noch den
-Dug-Dug anbieten würde.
-
-Hier will ich gleich anschließen, daß meiner Ansicht nach der Dug-Dug
-jedes religiösen Untergrundes entbehrt, weil diese Wilden überhaupt den
-Begriff der Religion nicht kennen, und daher die auch von mir gebrauchte
-Bezeichnung „Hoherpriester“ für den Herrn des Dug-Dug eine von den
-Europäern erfundene willkürliche ist. Würde der Dug-Dug etwa kurz vor
-die Reifezeit der Kokosnuß fallen, dann würde ich ihm einen praktischen
-Werth beimessen, um durch die sechswöchentliche Tabuzeit die Frucht zur
-vollen Reife kommen zu lassen, wie ja bei uns auch die Weinberge einige
-Zeit vor der Lese sogar für den eigenen Besitzer Tabu erklärt werden; da
-aber, wie schon früher erwähnt, die Kokospalme jahraus, jahrein stets
-gleichzeitig alles, von der Blüte bis zur reifen Frucht trägt, so kann
-hier nur ein politisches Motiv gesucht werden und ich finde nur =eine=
-Erklärung für sein Bestehen. Hier in diesem Lande, wo weder Gesetz noch
-Religion zu finden sind, steht jeder Mann in erster Reihe nur auf sich
-selbst angewiesen und ist nur das werth, was er mit der Kraft seines Armes
-erreichen kann. Um aber unabhängig von der körperlichen Kraft das Ansehen
-der Häuptlinge zu wahren und ihre Stellung zu sichern, haben sie den
-Dug-Dug und namentlich die sechswöchentliche Fastenzeit erfunden. Diesem
-Gebote fügt sich jeder, jeder muß sich daher fügen, und da die Häuptlinge
-das Gebot sowol erlassen, wie auch auf dessen Befolgung achten, so sind
-sie die Herren und werden daher auch als solche angesehen.
-
- * * * * *
-
-Am 16. morgens 6 Uhr, nachdem noch die verschiedensten für die Reise
-nothwendigen Passagiere an Bord gekommen waren, wurde Anker gelichtet
-und dieselbe Ausfahrt gewählt, durch welche wir hergekommen waren. Ich
-wollte eigentlich einen andern Weg nehmen, weil ich bei der Herfahrt
-doch zur Erkenntniß gekommen war, daß bei den vielen Korallenriffen eine
-Grundberührung sehr leicht möglich sei; da indeß drei unserer Passagiere
-erklärten, mit dem Fahrwasser so vertraut zu sein, daß keinerlei Gefahr
-für das Schiff vorläge, gab ich nach. Zwei dieser freiwilligen Lootsen
-begaben sich in den Vormars, um aus der Höhe das Fahrwasser besser
-erkennen zu können, und der dritte blieb bei mir auf der Commandobrücke.
-Aber trotz dieser drei Lootsen saßen wir schon um 7 Uhr fest. Rings um
-das Schiff war tiefes Wasser, wir mußten daher mit dem Kiel auf einem
-einzelnen Korallenblock sitzen, und so war es auch, wie ich mich von
-einem schnell zu Wasser gelassenen Boot aus überzeugte; das Schiff saß
-gerade unter dem Großmast mit dem Kiel auf einem Blocke von höchstens
-1 m Durchmesser. Der Versuch, durch Rückwärtsschlagen der Maschine und
-künstlich erzeugte Schlingerbewegungen loszukommen, blieb erfolglos;
-zum Ausbringen eines Ankers blieb keine Zeit, weil bei dem fallenden
-Wasser (es war Ebbe) das Schiff schon anfing, sich etwas auf die Seite
-zu neigen und somit die ernsteste Gefahr für ein Umfallen des Schiffes
-vorlag. So blieb nur übrig, mit Verlust eines Stückes Kiel das Schiff
-mit Gewalt loszubrechen; es wurde daher das Ruder hart zu Bord gelegt und
-die Maschine mit voller Dampfkraft vorwärts in Gang gebracht. Das starke
-Schiff erzittert in seinen Grundfesten, neigt sich mehr zur Seite, fängt
-an zu drehen, dreht schneller, ein Ruck und wir schießen den Weg zurück,
-welchen wir gekommen sind, um den allerdings weitern aber sichern Weg
-nördlich um Makada zu nehmen. Schaden hatten wir merkwürdigerweise nicht
-genommen, denn der nachmittags heruntergeschickte Taucher fand nur, daß
-einige Kupferplatten fehlten, der Kiel selbst aber unversehrt war.
-
-Auf dem Wege nach Ruluana wurden die erforderlichen Vorbereitungen
-getroffen, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Von dem Landungscorps
-wurden die 60 kräftigsten und zuverlässigsten Leute ausgewählt, weil
-darauf gerechnet werden mußte, daß jeder selbständig zu handeln hätte.
-Scharfe Munition für Gewehr und Revolver, sowie Zündmaterial zum Anbrennen
-der Häuser wurde ausgegeben, ebenso wurden alle im Schiffe vorhandenen
-Aexte, Beile, Eisenkeile, schwere Hämmer und Sägen vertheilt, nachdem
-die Zimmerleute versorgt waren. Den Offizieren und Unteroffizieren
-wurden bestimmte Leute zugetheilt, und diese wieder so eingetheilt, daß
-stets zwei Mann zusammen zu operiren hatten. Um 10½ Uhr vormittags wurde
-das Schiff vor Ruluana beigedreht und ein in Hernsheim’schen Diensten
-stehender Deutscher, welcher von den hiesigen Europäern am besten in
-diesem Districte bekannt und mit der Landessprache einigermaßen vertraut
-ist, wird allein mit einem Boot an Land geschickt. Es war dies die einzige
-Möglichkeit, an die Eingeborenen überhaupt heranzukommen, weil sie bei
-der Landung bewaffneter Mannschaften zweifellos sofort die Flucht ins
-Innere ergriffen hätten. Ich wollte aber gern eine directe Verständigung
-erreichen, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben und somit vor
-unnöthigen Gewaltmaßregeln bewahrt zu bleiben. Unser Unterhändler hatte
-den Auftrag, die 300 Sack Copra oder ein gleichwerthiges Geldpfand zu
-fordern und den Eingeborenen von den beabsichtigten Maßnahmen Kenntniß
-zu geben, welche im Falle der Ablehnung unserer Forderung zur Ausführung
-kommen sollten. Das Boot kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß unser
-Abgesandter mit einigen Häuptlingen nach einer drei englische Meilen im
-Innern gelegenen Stadt gegangen sei, um das angebotene, in Muschelgeld
-bestehende Pfand zu holen. Ich landete darauf mit den vorgenannten 60 Mann
-und dem Musikcorps gegen 12 Uhr mittags an dem mit einem hohen dichten
-Bambuszaun eingefriedigten Hernsheim’schen Platze, um durch eine gewisse
-Machtentfaltung die Eingeborenen zu schrecken. Da bei unserer Annäherung
-an das Land die uns von dort beobachtenden Wilden sich schnell zurückzogen
-und im Waldesdickicht verschwanden, fürchtete ich, daß auch die Häuptlinge
-vielleicht vorziehen würden, das Geldpfand nicht persönlich abzuliefern,
-wodurch aber die eigentliche Absicht meiner Landung vereitelt worden wäre.
-So bat ich Herrn Hernsheim, welcher den Weg ebenfalls kannte, seinem
-Angestellten entgegenzugehen und alles aufzubieten, daß die Häuptlinge
-persönlich kämen, oder aber die Annahme des Geldes sonst zu verweigern.
-Hierauf machten wir es uns innerhalb des Zaunes bequem, nachdem noch
-Doppelposten weit vorgeschoben und Verbindungspatrouillen aufgestellt
-waren; die Gewehre wurden zusammengestellt, die Leute lagerten sich und
-die Musik spielte einige Stücke. Gegen 1 Uhr meldeten die Posten die
-Annäherung von Menschen und gleich darauf, daß Herr Hernsheim, sein Agent
-und einige Eingeborene angehalten seien, worauf dieselben innerhalb des
-Zaunes geleitet wurden. Herr Hernsheim erzählte mir dann gleich, daß ohne
-sein Eingreifen wahrscheinlich keiner der Eingeborenen hier sei, weil
-sie, als die unbekannte Musik zu ihnen drang, sofort fliehen wollten und
-von ihm nur wegen des dichten Gestrüpps zu beiden Seiten des schmalen,
-nur mannsbreiten Pfades hätten festgehalten werden können. Und was wäre
-geworden, wenn sie nicht gekommen wären? Unter Voraussetzung böswilliger
-Absicht wäre der Platz verwüstet worden, obgleich die Eingeborenen
-thatsächlich unschuldig waren, und das alles wegen der Musik, deren
-Wirkung auf die Naturmenschen von mir nicht in Berechnung gezogen worden
-war. Aus ähnlichen Ursachen mag schon manches Unrecht von den Europäern
-verübt worden sein.
-
-An Eingeborenen erschienen drei Häuptlinge, ein älterer und zwei jüngere
-Männer, sowie einige Träger, welche drei Ringe Muschelgeld zu je 80
-Faden, das ganze bewegliche Besitzthum des Districts, trugen; auch einige
-Neugierige folgten nach, welchen der Eintritt ebenfalls gestattet wurde.
-Die zitternden Häuptlinge legten ihren Schatz vor mir nieder und schienen,
-ängstlich um sich blickend und die vielen bewaffneten Männer musternd,
-noch weitere Unannehmlichkeiten zu erwarten. Wenn diese 240 Faden Diwarra
-nach dem augenblicklichen Stand des Geldes auch nur den halben Werth
-der 300 Sack Copra hatten, so bedeuteten sie nach der früher gegebenen
-Erklärung in ihrer Form doch mehr und waren nach den Angaben des deutschen
-Agenten thatsächlich der ganze bewegliche Schatz des Districts Ruluana.
-Ich konnte das Pfand daher um so mehr annehmen, als alle Eingeweihten
-mir versicherten, daß die Leute schon denselben Tag mit dem Einsammeln
-der Copra beginnen würden, weil sie mit dem Verlust ihres Schatzes jeden
-Einfluß an der ganzen Küste verloren hätten und dieser Einfluß auf Matupi
-übergehen würde, wo das Geld in der dortigen Hernsheim’schen Niederlassung
-vorläufig aufbewahrt werden sollte. Denn Matupi brauche das Geld gar
-nicht zu besitzen, vielmehr genüge die einfache Thatsache der Lagerung
-daselbst, um für die Dauer derselben der Insel ein besonderes Ansehen zu
-verleihen. Unter solchen Umständen war die möglichst schnelle Ablieferung
-der Copra ja gesichert, da es im Interesse sämmtlicher Bewohner von
-Ruluana lag, ihren Schatz in kürzester Zeit zurückzuerhalten. Das Pfand
-wurde also mit der Gegenversicherung angenommen, daß die Rückgabe bei
-der Ablieferung des letzten Sackes Copra erfolgen würde, wobei natürlich
-auch ernste Mahnworte, in Zukunft deutsches Eigenthum stets als Tabu zu
-betrachten, gesprochen wurden. Nach Erledigung dieser Sache und nachdem
-noch einer der Häuptlinge mir ein besonders schönes Exemplar einer
-Keule mit Beil angeboten hatte, wofür er ein anderes Beil und noch ein
-entsprechendes Geschenk erhielt, waren wir fertig und ich gab, froh
-über den durchschlagenden Erfolg, den Befehl zum Abmarsch. Als nun das
-Signalhorn sein „Sammeln“ in den Wald schmetterte, um die Vorposten und
-Patrouillen zurückzurufen, wurden die Menschenfresser schon ganz scheu,
-als aber auf das Commando „An die Gewehre“ die Mannschaften aufsprangen
-und zu ihren Waffen eilten, gab es kein Halten mehr, mit Blitzesschnelle
-war der ganze Platz von Eingeborenen gesäubert; einzelne verschwanden,
-große Löcher in den Zaun brechend, wie ein Schattenbild durch denselben,
-als ob er nur aus Papier bestände; andere braune Gestalten gewahrte man
-einen Augenblick oben auf dem 4 m hohen Zaun, um sie gleichzeitig nach der
-andern Seite hin verschwinden zu sehen, nur der alte Häuptling, welchen
-ich am Arm schnell festhielt, mußte zurückbleiben und brach zitternd und
-laut keuchend in die Knie und konnte sich während unsers noch kurzen
-Aufenthalts trotz allen guten Zuspruchs von seinem Todesschreck nicht
-erholen. Daß diese nackten Menschen in ihrer Todesangst nur mit dem
-Gewicht ihres Körpers durch den dicht zusammengefügten, starken und für
-einbruchsicher gehaltenen Zaun durchgebrochen sind und namentlich, daß
-sie an dem glatten Bambusholz, wo sie keine Handhabe für Hände und Füße
-fanden, hinauf und über den Zaun gekommen sind, erscheint mir nur darum
-glaublich, weil ich es selbst gesehen habe. So konnte ich diesen Strand
-mit dem Bewußtsein verlassen, für die Folge deutschem Leben und Eigenthum
-einen sichern Schutz hier zurückgelassen zu haben.
-
-Um 2 Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord, wenige Minuten später die
-Boote eingesetzt und weiter ging es nach Matupi, wo wir um 3 Uhr ankerten.
-Den hiesigen Verhältnissen Rechnung tragend, ging ich nicht gleich ans
-Land, sondern es wurde erst dem hiesigen Hernsheim’schen Agenten von der
-in Aussicht stehenden Ueberführung der drei Muschelgeld-Ringe Kenntniß
-gegeben, um dies einigen Eingeborenen mitzutheilen in der Voraussicht,
-daß sich diese wichtige Nachricht wie ein Lauffeuer über die ganze Insel
-verbreiten würde, und so war es auch. Als wir um 4 Uhr mit dem Schatz
-an Land kamen, fanden wir die ganze Bevölkerung zu unserm, oder wol
-richtiger zum Empfang des Geldes am Landungsplatze auf den Beinen. Ueber
-uns stand Leib an Leib, als wir die steile Treppe, welche auf den Rücken
-der kleinen Insel führt, hinanstiegen; eine schmale Gasse öffnete sich
-vor uns, aber nur wenige Blicke fielen auf die Fremdlinge, dagegen alle
-auf den Schatz. Wir hatten der ganzen Insel einen Festtag bereitet, was
-dadurch noch deutlicher hervortrat, daß wir nach einer halben Stunde zu
-einem freien Platz gebeten wurden, wo über 30 Frauen zum Tanz angetreten
-standen. Anzug und der Tanz selbst waren wie in Urakukua, daher nicht
-weiter erwähnenswerth, doch spielten sich abseits für mein Auge zwei
-kleine Scenen ab, welche ich erwähnen möchte.
-
-Nicht weit von mir, an einer Stelle, wo der um uns gebildete Kreis der
-Eingeborenen etwas gelichtet war, stand ein kleiner, vollentwickelter,
-reizender Backfisch mit den Händen auf dem Rücken und schaute so
-unverwandt nach mir hin, daß ich zu ihm trat, um ihm ein kleines Geschenk
-zu geben. Bei meiner Annäherung blieb das nackte Mädchen ruhig stehen, bis
-ich dicht vor ihm war, dann aber drehte es sich schnell um und nahm die
-Arme so geschwind nach vorn, als ob es Angst hätte, mit denselben etwas zu
-verdecken, lief rasch einige Schritte, blieb dann wieder stehen, um sich
-zurückzuwenden und ihre Hände schnell wieder auf dem Rücken zu verbergen.
-Lag bei ihr das Schamgefühl in den Händen? Ich mußte lachen und kehrte
-auf meinen Platz zurück.
-
-Den Mittelpunkt des andern Bildes gaben zwei junge Burschen ab, Jünglinge
-in gleichem Alter, welche Arm in Arm untergefaßt und in der freien Hand
-den Speer tragend auf einem seitlich von uns freigebliebenen Raume mit
-ernsten Mienen in eifrigem Gespräch auf- und abgingen, ohne uns aus den
-Augen zu lassen. Ich glaube in ihren Gesichtern lesen zu können und zu
-errathen, was ihre Seele bewegt. Sie bauen, wie wir es in gleichem Alter
-gethan haben, Luftschlösser, in welchem sie die Helden sind und sich
-zu Herren meines Schiffes machen, wenn zwei Voraussetzungen zutreffen,
-nämlich wenn sie einen engen Hohlweg mit einer großen Fallgrube am Ende
-finden und es ihnen gelingt, uns Fremdlinge hineinzulocken. Sie stehen
-gedeckt am Ende des Weges und warten auf unser Kommen, um jeden aus dem
-Wege Heraustretenden mit sicherm Stoß so ins Herz zu treffen, daß er
-lautlos und von den Nachfolgenden ungesehen in die Grube stürzt. Ihr Arm
-erlahmt nie, einer nach dem andern von uns fällt, und nur die zwei letzten
-werden als lebende Trophäen und ihre nunmehrigen Sklaven von ihnen zum
-Heimatsdorfe gebracht. Mit dem jetzt ihnen gehörenden Schiffe machen sie
-sich dann zu Königen von Neu-Britannien und von noch viel anderm Land,
-welches sie erreichen können.
-
-Nach dem Tanz machten wir noch einen Spaziergang durch den Ort, in
-welchem es laut herging, da meine beurlaubten Mannschaften alle Straßen
-belebten und in dem Wunsche, auch ein Andenken an ihren Besuch bei den
-Menschenfressern mit nach Hause zu bringen, die Ursache eines regen
-Tauschhandels geworden waren. Durch die Freigebigkeit des Herrn Weber,
-welcher mir für meine Mannschaft einen großen Ballen Taback geschenkt
-hatte, war es mir möglich geworden, die Leute auch mit gangbarer Münze
-(einige Stangen Taback) zu versehen und ihnen so die Möglichkeit zur
-Erwerbung eines Andenkens zu geben.
-
-Ganz Matupi ist eigentlich nur ein großes Dorf mit vielen Straßen.
-Jeder selbständige Eingeborene hat sein Haus nebst daran gelegenem Land
-mit einem Zaun umgeben, und da das Land gut bebaut und bepflanzt ist,
-so macht das Ganze den Eindruck vieler ordentlich gehaltener Gehöfte
-mit dazwischenliegenden Straßen. Vor einem Hause sahen wir Frauen in
-Trauerkleidung, die darin besteht, daß das Gesicht mit einem aus Ruß
-und Oel hergestellten schwarzen Anstrich bedeckt ist, welcher über den
-Augenbrauen beginnt, beinahe bis zu den Ohren reicht und unter dem Munde
-abschneidet. Bei Männern habe ich ein solches oder ähnliches äußeres
-Zeichen der Trauer nicht gesehen. Vor einem andern Hause fanden wir
-zwischen mehrern Frauen eine, welche laut schrie, aber verstummte, als
-wir vor ihr stehen blieben, und ihr Geheul wieder anstimmte, sobald
-wir zurücktraten. Ich bat einen Herrn, sich zu erkundigen, was dies
-bedeute, und wir erhielten die Antwort, daß die Frau von ihrem Manne
-Prügel bekommen habe. Da sie keine Thränen vergoß und die Execution wol
-auch schon vor einiger Zeit stattgefunden hatte, so bleiben nur zwei
-Möglichkeiten für diese Schmerzäußerung bestehen. Entweder gehört es
-mit zur Strafe, daß sie der ganzen Nachbarschaft durch ihr Geheul die
-Thatsache persönlich mittheilen muß, oder aber sie will Aufsehen erregen
-und sich zum Gegenstand der Neugierde und Bemitleidung machen.
-
-Am nächsten Morgen fuhr ich in aller Frühe in meinem Boote noch nach
-der in der Nähe liegenden kleinen Insel, welche ihren Ursprung dem am
-9. Februar 1878 stattgehabten vulkanischen Ausbruch der einen Tochter
-verdankt. Sie bildet einen schmalen, fast kreisrunden Sandring von 10 m
-Höhe und einem ganzen Durchmesser von etwa 90 m; hat innen eine Lagune
-mit noch heißem, sehr schwefelhaltigem Wasser, welche durch einen kleinen
-Durchbruch mit dem Meere in Verbindung steht. Die Insel hat also genau die
-Gestalt der mit Atoll bezeichneten Koralleninseln und würde eine solche
-geworden sein, wenn der obere Rand des Ringes unter der Wasseroberfläche
-geblieben und später noch einmal der ganze Meeresboden ebenso gehoben
-worden wäre, wie es bei dem jetzigen Kraterausbruch der Fall war. Die
-im Innern aufsteigenden Schwefeldämpfe vernichten die sich hierher
-verirrenden Korallenthierchen, wenn der Boden innerhalb der Lagune ihnen
-sonst den Anbau gestatten sollte, und ich komme hiernach immer mehr zu
-der Ueberzeugung, daß die von mir gegebene Erklärung der Entstehung der
-Koralleninseln den größten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.
-
-Um 8½ Uhr vormittags verließ ich Matupi wieder, ging um die
-Gazelle-Halbinsel und steuerte an der Nordküste Neu-Britanniens entlang,
-wo ich für kurze Zeit auch an einer deutschen Station stoppte, um einen
-zum Schiffe gekommenen Häuptling zu empfangen, welcher frische Kokosnüsse
-als Geschenk brachte und mir persönlich auch noch seinen schönen, mit
-einem Strauß aus schwarzen Federn gezierten Speer schenkte. Um 2½ Uhr
-nachmittags ankerten wir in Port-Weber, wo der Consul sein Pathenkind,
-den nach ihm benannten Hafen, zum ersten mal sehen sollte. Der deutsche
-Agent kam an Bord und erzählte, daß kurz vor unserer Ankunft dicht bei
-seinem Hause ein größerer Kampf zwischen Eingeborenen stattgefunden habe
-und etwa 100 Schritte entfernt im Busch noch zwei Leichen lägen, welche
-die Eingeborenen jedenfalls aus Furcht vor dem ankommenden großen Schiffe
-zurückgelassen hätten. Unser Zweck war hier, wie schon erwähnt, denjenigen
-Häuptling, welcher den Agenten bedroht hatte, zur Vernunft zu bringen;
-es wurde deshalb ein in Diensten des Agenten stehender Eingeborener
-abgeschickt, ihn zum Schiffe zu bestellen. Der Mann war infolge der
-Aufregung des kürzlich erst beendeten Kampfes nicht geneigt, den Auftrag
-auszuführen, seine Bedenken schwanden aber, als der Agent seine eigene
-Büchse ihm zum Schutze mitgab. Nun war er bereit, nahm das ungeladene
-Gewehr mit dem Kolben nach oben über die Schulter und zog stolzen
-Schrittes ab. Auf meine Frage, was das Gewehr ihm nützen solle, wurde mir
-die Antwort, daß das Gewehr an sich ihm ausreichenden Schutz gebe, mithin
-die Attrape also genügend war. Ich rechnete übrigens nicht darauf, daß der
-Mann kommen würde, und wollte mich daher mit der Thatsache, hier gewesen
-zu sein, begnügen.
-
-Ich bekam hier einen Einblick in das Leben dieser Agenten und verstehe
-danach kaum, wie sich zu solchem Leben überhaupt noch Männer finden.
-Diese Station ist vorläufig die am weitest vorgeschobene, ist auf dem
-Seewege 40 Seemeilen sowol von Matupi wie von Makada entfernt, und nur auf
-diesen Weg ist zu rechnen, da der Landweg den Europäern vorläufig noch
-verschlossen ist. Allerdings hat die Handels- und Plantagengesellschaft
-ein größeres Segelschiff zum Schutze ihrer Agenten an der Küste dauernd
-stationirt. Hier lebt nun der Mann fern von Menschen, umgeben von dichtem
-Urwald in einem kleinen Blockhaus mit einem Eingeborenen als Diener,
-auf dessen Zuverlässigkeit er auch keineswegs bauen kann, ganz allein,
-fortwährend von den in der Nähe wohnenden Stämmen bedroht. Von hier aus
-macht er in steter Lebensgefahr seine kleinen Geschäftsreisen in das
-Innere, hier empfängt er die Eingeborenen, welche gegen Copra, Schildpatt
-u. dgl. europäische Waaren eintauschen wollen, und hier im eigenen Hause
-muß er noch vorsichtiger sein als außerhalb desselben, weil der Anblick
-der begehrten Artikel so leicht zum Mord reizen kann. Allein muß er sein
-Haus und Leben bewachen und vertheidigen; seine Nahrung besteht nur in
-Conserven, wenn ihm sein Diener nicht ab und zu Fische fängt oder Früchte
-bringt. Diese Wohnstätte machte auf mich einen so trübseligen Eindruck,
-wie ich nur je einen gehabt habe, und dies um so mehr, als der Mann auch
-noch häufig am Fieber leiden soll und dann keinerlei Pflege hat.
-
-Da es inzwischen Abend geworden war und wir die nächste Umgebung und den
-Kampfplatz nicht mehr besichtigen konnten, kehrten wir an Bord zurück,
-um hier bei einem Glase guten Weins das Abendconcert unserer Kapelle
-zu genießen und dabei zu finden, daß ein Kriegsschiff doch nicht der
-schlechteste Aufenthaltsort ist, wenn man auch schon seit Wochen keinen
-frischen Proviant mehr gesehen, sondern nur von Conserven gelebt hat.
-In Matupi war es mir allerdings gelungen, dem dortigen Hernsheim’schen
-Agenten zwei sorgsam gehütete magere Enten, welche er Gott weiß woher
-erlangt hatte, abzujagen, da man hier sagen kann: „Noth bricht Eisen“,
-aber diese reichen eben nur für meinen Gast und mich, und die armen
-Offiziere gehen auch hier leer aus, während die Mannschaft ja kürzlich
-durch die geschenkten zwei Schweine einmal wieder frisches Fleisch zu
-essen bekommen hatte.
-
-Der Morgen des 18. fand uns wieder reisefertig, doch entschloß ich mich
-auf die Mittheilung des Agenten hin, daß der hierherbefohlene Häuptling
-kommen wolle, noch bis 9 Uhr zu warten. Als sich zu dieser Stunde noch
-nichts sehen ließ, gab ich den Befehl zum Ankerlichten und gerade, als
-der Anker eben aus dem Grund gebrochen werden sollte, stieß ein Kanu vom
-Lande ab. Ich ließ daher halten und sah bald zu meiner Befriedigung den
-gesuchten Mann bei mir an Bord. Es war viel, daß er gekommen war, und
-dies zeigte sowol, daß er Vertrauen zu uns hatte, wie auch, daß seine
-Drohungen nicht ernst gemeint oder falsch verstanden waren. Wir schieden
-als gute Freunde und nun wurde unter Segel und Dampf die Rückfahrt nach
-Makada angetreten, wo wir um 4 Uhr nachmittags eintrafen und gleich
-mit dem Uebernehmen des inzwischen geschlagenen Holzes begannen. Von
-Herrn Hernsheim, welcher direct von Matupi in einem offenen Boot hierher
-zurückgekehrt war, erfuhr ich mancherlei Angenehmes. Zunächst, daß die
-Leute in Ruluana fleißig beim Copraeinsammeln seien und der heute von
-dort hierher zurückgekehrte Agent versichert habe, wie ihm seit seinem
-Hiersein noch nie von den Eingeborenen eine so zuvorkommende Behandlung
-zutheil geworden sei, als in Ruluana nach unserer Landung daselbst.
-Ferner bat er, von einer weitern Verfolgung der Häuserbauangelegenheit
-abzusehen, weil alle Leute der betreffenden Häuptlinge für mich hätten
-Holz schlagen müssen. Mit dem Bau sei aber begonnen und derselbe nur noch
-nicht fertiggestellt. Ich erklärte mich damit einverstanden und konnte von
-dem beabsichtigten nächtlichen Streifzug, bei welchem ich die Häuptlinge
-im Falle der Nichterfüllung ihres Versprechens aufheben wollte, absehen.
-Weiter, und dies war die Hauptsache, theilte er mir mit, daß am nächsten
-Morgen die neun Häuptlinge, welchen der Hafen von Makada gehörte, zu mir
-kommen wollten, um mir ihren Hafen zu verkaufen, und schließlich hörte ich
-noch zu meiner Freude, daß King Dick uns zu Ehren doch noch einen Dug-Dug
-für den nächsten Nachmittag angeordnet habe und er mir dies am nächsten
-Morgen selbst mittheilen wolle.
-
-Am 19. morgens 9 Uhr war meine Kajüte zum Empfang der Häuptlinge bereit.
-Unparteiische, Zeugen und Dolmetscher waren anwesend, die in Englisch und
-Deutsch ausgefertigten Kaufbriefe lagen auf dem Tische. Wir brauchten
-nicht lange zu warten, denn bald erschienen neun Eingeborene, an ihrer
-Spitze King Dick mit einer schwarz-weiß-roth angestrichenen Blechkrone
-auf dem Kopfe, welche, wie ich nachher erfuhr, die Offiziere hatten
-anfertigen lassen und ihm beim Betreten des Schiffes aufgesetzt hatten.
-Mit Ausnahme von King Dick und Torragud, welcher wieder seine blaue Jacke
-trug, waren alle in ihrer Nationaltracht, nackt mit dem Speer in der
-Hand. Nach kurzer Begrüßung nahmen die Häuptlinge in der landesüblichen
-Weise auf meinem Teppich in einem Halbkreise um uns Platz, d. h. halb
-hockten sie und halb saßen sie. Die Füße bleiben dabei dicht am Körper,
-die Knie stehen hoch und sind soweit geöffnet, daß der Kopf zwischen
-ihnen liegt. Das Geschäftliche war bald erledigt. Nach nochmaliger Frage
-erklärten die Häuptlinge genau zu wissen, um was es sich handele und daß
-sie bereit seien, gegen den verabredeten Kaufpreis ihren Hafen an mich zu
-verkaufen, baten aber, daß es ihnen doch erlaubt werden möge, in dem Hafen
-fernerhin zu fischen, solange ich nicht fischen wolle. Dieser Punkt war
-von uns übrigens vorher schon erwogen und in den Kaufbrief aufgenommen
-worden, weil der Besitzer des Hafens nach hiesigen Rechtsbegriffen auch
-nur allein das Recht zum Fischen hat und es mir fern lag, die Leute in
-dieser Beziehung beschränken zu wollen. Als ihnen daher der Kaufbrief
-vorgelesen und übersetzt worden war, nach welchem sie nur das Wasser
-und den Strand verkaufen, das Fischereirecht dagegen behalten und ferner
-auch den Schiffen anderer Nationen das Anlaufen des Hafens freigestellt
-bleibt, sprangen sie sofort auf, um den Brief durch ihr Handzeichen zu
-vollziehen und demnächst ihr Theil an dem Kaufgeld, welches vornehmlich
-in Kleidungsstücken, Beilen, und Messern bestand, zu empfangen. Topulu
-brachte danach noch seine Dug-Dug-Einladung an und dann trennten wir
-uns bis zum Nachmittag, bis zu welcher Zeit auch das Holz übernommen und
-verstaut sein mußte, sodaß ich meiner Besatzung dieses seltene Schauspiel
-auch zugängig machen konnte. Unten im Schiff waren schon alle disponiblen
-Räume mit Holz ausgefüllt und das Oberdeck war vorn bis auf einen
-offengehaltenen schmalen Weg auch schon bis zur Reling vollgepackt.
-
-Nach dem Mittagessen der Mannschaft wurden die großen Boote ausgesetzt und
-das aus 130 Mann bestehende Landungscorps machte sich zur Ausschiffung
-bereit. Noch ehe wir vom Schiffe absetzen, wird es auf dem Hafen schon
-lebendig, von allen Seiten strömen Kanus nach dem Nordende von Amakada,
-weil der Dug-Dug bei dem Hause des Herrn Brown stattfinden soll. Auch
-zeigen sich schon einzelne Dug-Dug-Tänzer, welche immer einer mitten in
-einem von mehrern Männern geruderten Kanu stehen und unter dem Singen der
-Ruderer und Schlagen der Trommel fortwährend in Bewegung sind, weil sie
-nie stehen, im Boot aber auch nicht sitzen dürfen. Unter fortwährendem
-Hopsen wiegen die Masken auf und nieder, nach vorn und hinten. Wir sind
-auch bald an unserer Haltestelle angelangt, einer kleinen, von reicher
-Vegetation eingerahmten Bucht, wo alle Boote gleichzeitig anlegen können
-und wo auf dem Strande eben Platz genug ist, daß die Mannschaften antreten
-und sich ordnen können. Der dort einmündende Pfad ist aber so schmal,
-daß wir auf ihm zu zwei und zwei hintereinander marschiren müssen. Diesen
-Marsch auf dem weichen, mit saftigem Gras bewachsenen Pfad werde ich nie
-vergessen. Ueber uns das dichte Laub der mächtigen Baumriesen, welche nur
-hier und da den Sonnenstrahlen ein zeitweises Durchflimmern gestatten,
-zur Rechten und Linken den Blick in den herrlichen, majestätischen Ur-
-und Hochwald, welcher nur unten mit 1 m hohem Gestrüpp bestanden ist, und
-dabei rund um uns, vorn, hinten, rechts und links ein unsichtbares Leben
-von gar eigenartiger Wirkung, welches uns unwillkürlich verstummen macht.
-Der ganze Wald scheint mit Waldgeistern bevölkert, welche laute Jauchzer,
-dumpfe Trommelschläge und merkwürdig metallische, durch Blasen auf grünen
-Blättern erzeugte Töne zu uns herübersenden, ohne daß wir deren Urheber
-sehen. Es sind alle die, welche zum Dug-Dug eilen, um ihn zum Festplatz
-zu geleiten.
-
-Oben beim Hause des Herrn Brown angelangt finden wir eine Reihe Stühle
-aufgestellt, mit den Lehnen dem freien Platze vor dem Hause zugekehrt.
-Die Stühle sehen daher nach dem Platze, auf welchen der Hohlweg, den
-wir gekommen, mündet und welcher an einer steil abfallenden Felsenwand
-vorbeiziehend rechts wieder als tiefer Hohlweg weiter nach oben steigt.
-Meine Mannschaften nehmen hinter der Stuhlreihe Aufstellung; wir
-eigentlichen Gäste werden gebeten auf den Stühlen Platz zu nehmen, und
-ich erhalte den Ehrenplatz in der Mitte, zu meiner Rechten Frau Brown, zu
-meiner Linken die junge Missionarsfrau. Im Walde ist es inzwischen still
-geworden, von Eingeborenen sind nur drei mit Hüfttüchern bekleidete Frauen
-bei uns, darunter auch die einäugige von Topulu. Es waren nämlich von Frau
-Brown nur solche Frauen zugelassen worden, welche im Stande waren, sich
-etwas zu bekleiden; auf die Männer aber erstreckte sich, wie wir nachher
-sahen, ihr Einfluß nicht. Kurze Zeit nachdem wir Platz genommen, hören wir
-rechts aus dem Hohlweg von der Höhe ein dumpf grollendes Brüllen, wie das
-eines Löwen, welches links aus dem Hohlweg aus der Tiefe beantwortet wird
-und nun ununterbrochen Schlag auf Schlag folgt; es ist ein von mehrern
-hundert Kehlen gleichzeitig ausgestoßener, tiefer, langgezogener Ton,
-welcher mit einem in der Quint liegenden kurz herausgestoßenen höhern Ton
-jäh abschließt. Das Brüllen wird stärker und stärker, in den Hohlwegen
-werden Menschen sichtbar, braune dicht aneinandergedrängte nackte Männer,
-den Kopf zwischen die Schultern gezogen, in der erhobenen Rechten den
-wurffertigen Speer. Wie der Heerwurm wälzen und schieben sich diese
-Menschenströme langsamen Schrittes in dem Takte des Brüllens nach dem vor
-uns liegenden Platze zu, quellen wie gestautes Wasser aus den schmalen
-Gassen heraus und überfluten schließlich den ganzen Platz. An 1000 Krieger
-dringen mit erhobenen Speeren aufeinander ein, für das Auge wie ein
-träger, aber alles vor sich niederwerfender Lavastrom, bleiben aber wie
-angewurzelt stehen und verstummen, als die Reihen der linken Partei sich
-öffnen und aus ihrer Mitte das schöne Dug-Dug-Kanu herausgetragen wird
-und neben diesem auf den Schultern zweier Männer King Dick mit seiner
-Blechkrone auf dem Kopfe erscheint. Daß Topulu nicht in dem Kanu sitzt,
-sondern sich nebenhertragen läßt, ist die einzige Abweichung von dem
-wirklichen Dug-Dug. Topulu läßt sich neben dem Kanu einmal die Reihen
-auf- und abtragen, dann treten die Eingeborenen zurück und stellen sich
-an der uns gegenüberliegenden Felsenwand auf. Das Kanu wird zur Seite
-hingestellt und die Führer der beiden Parteien, Topulu und Torragud,
-kommen zu uns. Kaum ist der Platz frei, so brechen aus dem umliegenden
-Buschwerk die Dug-Dugs einzeln hervor, vereinigen sich hüpfend in der
-Mitte des Platzes, schweben wie Irrlichter richtungslos hin und her und
-sinken zu beiden Seiten ihrer Krieger wie ein eingeschobenes Fernrohr
-zusammen. Sie haben sich nur gesetzt, da aber jetzt der Laubrock noch so
-unverhältnismäßig hoch ist, sieht es aus, als ob sie bis über die Knie
-in die Erde eingesunken wären, und sie geben so einen noch wunderlichern
-Anblick als vorher. Jetzt ist die Zeit für die Haupthandlung gekommen.
-Topulu tritt mit einem sogenannten Ziegenhainer, einem 3 cm dicken Stock
-vor, ruft einen Namen, ein Häuptling springt vor, stellt sich, uns den
-Rücken zukehrend, drei Schritte vor uns auf; Topulu holt aus und zieht
-dem Manne einen Hieb über den Rücken, daß wir die Knochen knacken zu
-hören glauben und der Mann halb zusammenbricht, wendet sich dann zu uns,
-zeigt mit der rechten Hand nach seinen Leuten, ruft mit grinsendem Gesicht
-aus: „'me look out!'“ und verschwindet dann mit einigen Sprüngen wieder
-in dem Menschenknäuel. Darauf ruft Torragud einen Häuptling aus seiner
-Partei und dieselbe Scene wiederholt sich. Der Sinn dieser drastischen
-Schaustellung ist, daß die beiden Häuptlinge berufen sind, die Innehaltung
-des Tabu-Gesetzes zu überwachen, und der Schlag soll sie stets an ihre
-Pflicht erinnern. Damit ist der Dug-Dug für heute, oder doch wenigstens
-für uns beendet, ich kann aber mit demselben noch nicht abschließen,
-ohne der merkwürdigen Thatsache, daß die beiden Missionsdamen dieser
-Schaustellung in unserer Mitte beigewohnt haben, einige Worte zu widmen.
-Diese Thatsache gibt mir eben den Beweis, wie wenig das moralische Gefühl
-durch die Kleidung bedingt wird, und wie schon eine Gewöhnung von wenig
-Wochen ausreicht, sogar dem Auge einer der sonst als ziemlich prüde
-bekannten Engländerinnen der bessern Stände das vertraut zu machen, was
-die Natur geschaffen hat, sofern wir es in ungekünstelten Verhältnissen
-sehen.
-
-Als Erwiderung des uns von den Eingeborenen gegebenen Festes ordnete ich
-an, daß unsere Mannschaften einen Scheinangriff auf das Missionshaus
-machen und den Platz im Sturm nehmen sollen. Unsere Truppe marschirte
-ab und während dessen werden die Stühle weggeräumt. Die Damen und die
-Herren vom Civil werden gebeten, auf der Veranda des Hauses Aufstellung
-zu nehmen, wo sich dann auch noch die Brown’schen Kinder einfinden. Die
-Eingeborenen werden da aufgestellt, wo die Stühle gestanden hatten, und
-die nicht beim Manöver betheiligten Offiziere stellen sich mit mir vor
-die Eingeborenen, um sie vor der Furcht zu bewahren, daß der Angriff etwa
-ernst gemeint sein könne. Hornsignale belehren uns, daß die Truppe im
-Anzuge ist, bald hören wir Gewehrfeuer und sehen an den Pulverwölkchen,
-daß die Teufelskerle von Tirailleuren theilweise wahrhaftig die steile
-Klippe genommen haben und eben mit ihren Köpfen über deren Rand zum
-Vorschein kommen, um den ganzen Platz einzuschließen. Huschende und wieder
-im hohen Gras verschwindende Gestalten, langsames und bedachtsames Feuer
-von zwei Seiten, dann tritt die Sturmcolonne aus dem Waldessaum, ordnet
-sich schnell vor demselben, eine Salve, kurzes Avanciren, noch eine Salve,
-dann Gewehr zur Attake rechts, die Tamboure schlagen an, die Sturmcolonne
-geht vor und unter den rauschenden Klangwellen des Avancirmarsches stürmt
-sie, eine feste Wand in der Sonne glitzernder Bajonette, mit Hurrah
-auf das Haus. Ein Hornsignal! und wie vom Blitz getroffen stehen unsere
-Matrosen in Reih und Glied vor dem Hause, weitere Befehle erwartend. Ein
-Schauer durchrieselt den Körper wol eines jeden Zuschauers bei diesem
-schönen militärischen Spiel, welches durch sein lebendiges Tempo, durch
-die entwickelte muthige Kraft und die Schnelligkeit der ganzen Aktion
-in so lebhaftem Gegensatz zu dem furchtsamen, bedächtigen Vorschreiten
-der Eingeborenen steht. Diese scheinen verzaubert, mit starren Blicken
-und offenem Munde stehen sie da wie aus Stein gehauen. Unsere Truppen
-marschiren ab, die Eingeborenengruppen lösen sich auf, und wir nehmen noch
-eine kleine Erfrischung im Hause ein, während unsere Musik vor demselben
-einige Stücke spielt.
-
-Da ich am nächsten Vormittag Makada für immer verlassen wollte, so mußten
-wir heute von der Familie Brown Abschied nehmen, und dies veranlaßte mich
-bald aufzubrechen, da man sah, wie plötzlich allen der Trennungsschmerz
-in den Gliedern lag. Es mag sonderbar scheinen, daß diese wenigen Tage
-des Beisammenseins solche Gefühle erzeugen konnten, aber wenn Menschen
-von annähernd gleicher Gesinnung sich an solch isolirtem Punkte der Erde
-begegnen, dann arbeiten die Gefühle anders als in einer unter dem Segen
-der Civilisation liegenden Stadt. Mir wurde der Abschied von diesen
-guten Menschen schon schwer, wie viel schwerer mußte ihnen derselbe sein,
-die mit unserm Weggehen wieder alles verloren, was sie in körperlicher
-Gestalt für kurze Zeit an die ferne Heimat, an das Vorhandensein
-gleichgesinnter Menschen erinnert hatte. Ich machte die Sache kurz; die
-Art des letzten Händedrucks und die in den Augen der Damen schimmernden
-Thränen sagten uns allen, daß es nach menschlicher Berechnung ein Scheiden
-auf Nimmerwiedersehen war. Auf dem Rückweg lagen wir so sehr unter dem
-Bann des Abschieds, daß wir keinen Sinn hatten für das Leben im Walde,
-welches die heimkehrenden Dug-Dugs begleitete. Den Strand fand ich auch
-vereinsamt, da unsere Boote ja längst zum Schiffe zurückgekehrt waren
-und meine vereinsamte Gig sich im Gegensatz zu dem Leben und Treiben bei
-unserer Landung fast trübselig ausnahm. Auf dem Wasser allerdings fanden
-wir wieder Leben, da wir während des Rückweges zu unserm schwimmenden Heim
-von Kanus und heimkehrenden wiegenden Dug-Dugs umschwärmt waren. Der Abend
-fand alle deutschen Herren bei mir an Bord, um den letzten Abend an diesem
-weit vorgeschobenen Posten deutschen Unternehmungsgeistes noch gemeinsam
-zu verbringen, denn am nächsten Morgen sollten wir ja auch voneinander
-Abschied nehmen; wenn auch nicht für immer, so doch sicher für viele
-Jahre.
-
-Am 20. vormittags 10 Uhr, nachdem Herr Brown mir noch einige Andenken
-geschickt hatte, schlossen wir mit dem Lande ab; die deutschen Herren
-verließen das deutsche Kriegsschiff, als der Anker gelichtet war.
-Tiefbewegt war ich, als die „Ariadne“ den ersten deutschen Hafen in diesem
-Theil der Erde -- da ich hoffe, ihn schon jetzt so nennen zu dürfen --
-verließ. Wenn man vorwärts eilt, bieten sich dem Auge stets neue Bilder,
-dem Geiste andere Eindrücke, und so wurden auch gar schnell meine Sinne
-anderweit gefesselt. Oben auf der Klippe weht die englische Flagge an
-Herrn Brown’s Flaggenmast, um den Fuß desselben und am Rande der Klippe
-ist alles, was in der Nähe lebt, versammelt. Ich halte nach dem Lande ab
-und laufe mit langsam gehender Maschine so dicht an der steilabfallenden
-Küste entlang, daß man von oben in das Schiff hineinsehen kann. Die Flagge
-oben senkt sich zum Gruße, unsere erwidert den Gruß, Tücher und Hände
-winken uns ein letztes Lebewohl, unsere Matrosen entern in die Wanten und
-antworten mit drei jauchzenden Hurrahs, in welchen keine Trauer liegt,
-sondern nur reine Freude, denn mit dem Verlassen dieses Himmelsstriches
-rücken wir der Heimat wieder eine Etappe näher, wenngleich wir uns
-räumlich mehr von ihr entfernen. Die Musik stimmt einen fröhlichen Marsch
-an, die Maschine arbeitet mit voller Kraft und nach zehn Minuten biegen
-wir um eine Ecke und sind gegenseitig unsern Blicken entrückt.
-
-Um 1 Uhr mittags lagen wir wieder im Hafen von Meoko, wo sofort die
-ganze Bevölkerung zusammengetrommelt wurde, um noch, Tag und Nacht
-durcharbeitend, soviel Holz wie möglich für mich zu schlagen. Herr
-Weber begab sich sogleich an die Arbeit, um mit den durch Agenten darauf
-vorbereiteten Häuptlingen das Kaufgeschäft über den Hafen endgültig zu
-vereinbaren, während ich mit einem hier bekannten Herrn einen Spaziergang
-in das Innere der Insel machte. Hierbei kamen wir auch an eine schmutzige
-Hütte, in welcher, wie mein Begleiter mir sagte, einer der ersten
-Häuptlinge von Meoko schwer krank darniederlag. Ich wollte den Mann gern
-sehen, ihm aber auch durch unsern Arzt womöglich Hülfe oder Linderung
-bringen lassen. Wir klopfen daher an, ein altes häßliches Weib öffnet uns,
-springt uns aber dann laut kreischend mit solchem Geifer entgegen, daß
-wir scheu zurücktreten. Mein Begleiter gibt mir gleich die Aufklärung,
-daß jeder unerbetene Besuch eines Häuptlings, zu welchen alle Weißen
-rechnen, mit Diwarra bezahlt werden muß und daß diese Sitte schon manchem
-harmlosen Europäer das Leben gekostet habe. Denn da der Eingeborene
-diese Sitte nicht umgehen könne, so bleibe ihm nur die Wahl, entweder zu
-zahlen oder zu tödten, und bei der allgemein verbreiteten Geldgier zöge
-er, wenn irgendmöglich, lieber das letztere vor, als ein fingerlanges
-Stück Diwarra herzugeben. Und aus solchem Todtschlag wird dann gar häufig
-die Blutdürstigkeit des Menschenfressers gefolgert, während er sich
-selbst als in der Nothwehr befindlich betrachtet. In Wirklichkeit sind
-diese Eingeborenen, wenn man sie unbehelligt läßt, arbeitsame und im
-allgemeinen harmlose Geschöpfe. Die Alte war übrigens bald beruhigt, als
-mein Begleiter ihr Taback versprach, welchen sie sich von der Factorei
-holen könne. Sie schenkte mir nun ein 20 cm langes Stück Diwarra,
-während sie mir erst ein 50 cm langes zugedacht hatte. Aber ehe es in
-meine Hand gelangte, zog sie es schnell zurück, sah mich an und schnitt
-gierig noch ein kleines Stück ab und wiederholte dieses Manöver so lange,
-bis wir ungeduldig wurden und mein Begleiter ihr das schon auf 20 cm
-eingeschrumpfte Stück entriß. Jetzt ließ sie uns eintreten und in einem
-Winkel fanden wir den weiß angestrichenen armen alten Teufel, welchem
-ich nach dem Rath meines Begleiters leider nicht helfen durfte, denn wenn
-unser Arzt ihm etwas gäbe und der Mann stürbe doch, dann würden wir der
-Vergiftung bezichtigt und die Folge würde wahrscheinlich die Ermordung
-eines Weißen sein; ja, schon der Besuch des weißen Medicinmannes würde
-im Falle des eintretenden Todes als Zauberei hingestellt werden. So mußte
-ich den armen Kerl seinem Schicksal überlassen.
-
-Gestern Morgen, am 21. December, habe ich den Hafen von Meoko in derselben
-Weise wie den von Makada gekauft, und da um 10 Uhr auch das Holz an
-Bord war, konnten wir um 10½, Uhr den zweiten deutschen Hafen verlassen
-und streben jetzt mit Macht den Samoa-Inseln wieder zu, weil es für die
-dortigen Interessen die höchste Zeit ist, daß der Consul und ich dahin
-zurückkehren. Deshalb habe ich auch das beabsichtigt gewesene Anlaufen
-einiger Inseln der Salomons-Gruppe aufgegeben und will mich mit nur einem
-zwei- bis dreistündigen Aufenthalt auf Savo begnügen.
-
-
-
-
-14.
-
-Samoa.
-
-III.
-
-
- 15. Januar 1879.
-
-Die Samoa-Inseln sind wieder einmal in Sicht. Schon heute Morgen 8
-Uhr sahen wir für kurze Zeit Savai’i, als wir noch 70 Seemeilen davon
-abstanden, doch es verschwand bald wieder hinter Wolken und ist erst
-vor zwei Stunden, um 4 Uhr nachmittags, wieder zum Vorschein gekommen.
-Wir werden wol morgen Vormittag in Apia eintreffen und wenn dies auch
-nicht am 1. Januar, wie ursprünglich geplant, geschehen ist, so wird die
-Verzögerung doch nicht viel ausmachen, da Herr Weber während der Reise
-genügende Muße gefunden hat, das Vertragsinstrument soweit auszuarbeiten
-und in Deutsch, Samoanisch und Englisch (das letztere Exemplar für den
-zu den Verhandlungen mit heranzuziehenden Dolmetscher bestimmt) fertig
-zu stellen, daß es von den beiderseitigen Bevollmächtigten nach einer nur
-kurzen Prüfung unterschrieben werden kann.
-
-Die Reise hierher ging durch den tropischen Hochsommer, welcher durch
-windstilles schwüles Wetter und häufige Regenfälle gekennzeichnet ist.
-Die Folge der Windstillen war, daß wir den größten Theil unter Dampf
-zurücklegen mußten und das Maschinenpersonal somit die Hauptarbeit zu
-tragen hatte, welche namentlich für die Heizer vor dem Feuer sehr schwer
-war, aber auch von dem Commandanten empfunden wurde, da dieser bei
-solchen Gelegenheiten gewöhnlich mit viel Unverstand zu kämpfen hat. So
-wurde mir eines Tages, bald nach unserer Abfahrt von Meoko, die Meldung
-gemacht, daß die Heizer vor den Feuern umfielen, und die Forderung an
-mich gestellt, diesen Leuten regelmäßige Branntweinrationen verabfolgen
-zu lassen, trotzdem man wußte, daß ich ein entschiedener Gegner dieses
-Genußmittels während regelmäßiger Arbeit bin und ich auch die Gründe für
-meine Auffassung oft genug auseinandergesetzt hatte. Anstatt die Forderung
-zu erfüllen, ging ich mit den betheiligten Personen in den Heizraum, um
-ihnen an Ort und Stelle zu zeigen, daß die Hitze dort nicht viel höher wie
-unter andern Verhältnissen war, mithin die Ursache der Schwächezustände
-anderweit und zwar darin zu suchen sei, daß die Leute bereits geschwächt
-zum Dienst erschienen waren. Meine Vermuthung war gleich, daß die von
-mir für das körperliche Wohl dieser Leute getroffenen Anordnungen, welche
-darin bestehen, daß die von Wache kommenden Heizer sofort ein Bad nehmen
-müssen und im Anschluß daran gezwungen werden, sich auf dem Deck in
-frischer Luft aufzuhalten, an möglichst kühlen Plätzen zu schlafen und
-ihren eigentlichen Wohnraum, welcher über dem Kesselraum liegt, nur zur
-Aufbewahrung ihrer Sachen zu benutzen, nicht streng genug befolgt würden.
-Ich ging daher von dem Heizraum in das genannte Wohngelaß und fand die
-Leute, wie ich befürchtet hatte, berußt wie sie von den Feuern gekommen
-waren, in dem heißen schwülen Raum auf der Erde liegend. Daß sie in
-solcher achtstündigen Ruhe nicht die Kräfte finden konnten, um nachher
-wieder vier Stunden vor den Feuern aushalten zu können, liegt auf der
-Hand; aber den Leuten selbst, welche nach ihrem Dienst aller Willenskraft
-bar sich an dem ersten Ort, wo sie sich ungestört wähnen, hinwerfen
-und in einen halb ohnmächtigen Zustand verfallen, konnte ich deshalb
-nicht zürnen, sondern nur dem Aufsichtspersonal, welches die ertheilten
-Befehle auszuführen hatte. Ich trug natürlich Sorge, daß die getroffenen
-Anordnungen nunmehr auch Beachtung fanden, die Leute gebadet, frisch
-gekleidet und an luftigen Orten untergebracht wurden, worauf, trotzdem die
-Heizer keinen Branntwein, sondern nur den vorgeschriebenen Haferschleim-
-und Theeaufguß erhielten, keine der vorerwähnten Schwächezustände mehr
-vorkamen. Es ist doch eine wunderbare Thatsache, daß immer und immer
-wieder von dem „Schnaps“ alles Heil erwartet wird.
-
-Die ersten Tage dieser Reise waren auch noch in anderer Beziehung sehr
-unbehaglich, da das als Feuerungsmaterial mitgenommene Holz, welches
-ja alle freien Theile des Schiffes ausfüllte, uns so viel Ungeziefer
-mitgebracht hatte, daß wir uns desselben in den ersten Tagen gar nicht
-erwehren konnten. Namentlich die Ameisen und 10 cm lange, 1 cm dicke
-Tausendfüßler, welche eine sehr schmerzhafte Bißwunde hinterlassen, waren
-uns höchst unangenehm und wir hatten nach dem Aufbrauch des Holzes noch
-mehrere Tage einen eifrigen Vernichtungskrieg zu führen gehabt, ehe wir
-von diesen lästigen Gästen wieder befreit waren.
-
-Am 22. December morgens mit Tagesanbruch lag Bougainville, die über 3000 m
-hohe nördlichste Insel der Salomons-Gruppe vor uns und blieb auch während
-des ganzen Tages in Sicht, da unser südöstlicher Curs in einer Entfernung
-von etwa 30 Seemeilen an der langgestreckten in nordwestlich-südöstlicher
-Richtung laufenden, 130 Seemeilen langen Insel vorbeiführte.
-
-Am 23. morgens sahen wir die kleine Insel Treasury-Island, welche
-ihren Namen nach einem hier früher von Seeräubern vergrabenen großen
-Schatz, der immer noch seiner Hebung wartet, führen soll. Sie hat einen
-ziemlich guten Hafen, liegt selbst an der großen Straße und kann daher
-von vorbeisegelnden Schiffen leicht als Nothhafen benutzt werden. Dies
-bestimmte mich, in den Hafen einzulaufen, weil den dortigen noch wirklich
-wilden Eingeborenen nie oft genug das Vorhandensein von Kriegsschiffen als
-Warnung vor Augen geführt werden kann, um sie vor feindlichen Angriffen
-auf Kauffahrteischiffe abzuhalten.
-
-Die gegenüber der Südküste von Treasury-Island liegende kleine Insel
-Stirling bildet mit dieser eine schöne, 1800 m lange und 600 m breite
-Bucht, in welcher bei einer kleinen, „Watson“ genannten Insel der
-Ankerplatz liegt. Um 9½ Uhr vormittags liefen wir in die Bucht ein
-und fanden dort ein außerordentlich malerisches landschaftliches Bild,
-zwar wieder nur Wasser, Höhen, Wald, Wolken und Menschen, aber doch so
-verschieden von anderm, was wir bisher gesehen. Die Natur weiß auch mit
-diesen geringen Mitteln ebenso wunderbar verschiedene Effecte zu erzielen,
-wie mit den wenigen Linien im menschlichen Angesicht.
-
-Auf graublauem, von dickem Regengewölk gebildeten Hintergrund liegen
-zu beiden Seiten die die Bucht bildenden, bis etwa 120 m ansteigenden
-bewaldeten Höhen, deren saftiges dunkles Grün die tiefblaue Wasserfläche
-umschließt. Das Land zur Linken, die Südküste von Treasury-Island, bildet
-eine geradlinig laufende Wand, an deren Ende Watson liegt; das Land zur
-Rechten bildet eine gezackte Linie, vor welcher kleine bewaldete Inseln
-als grüne Hügel aus der blauen Grundfläche hervortreten und in Verbindung
-mit den zwischen ihnen liegenden kleinen Meeresarmen besonders malerisch
-wirken. Als wir bis zur Mitte der Bucht gekommen waren, fanden sich auch
-die Eingeborenen, sämmtlich mit Speeren oder Pfeilen und Bogen bewaffnet,
-in großen Massen bei dem Schiffe als belebendes Element ein, obgleich man
-an der ganzen Küste keine Hütten sehen konnte. Unserer Aufforderung, an
-Bord zu kommen, wagten sie nicht zu entsprechen, würden aber bei einem
-Kauffahrer eine derartige Aufforderung wol gar nicht erst abgewartet,
-sondern versucht haben, sich einen solchen Besuch zu erzwingen. Ich halte
-diese Eingeborenen noch für außerordentlich gefährliche Gäste und glaube,
-daß Handelsschiffe gut thun, diese Häfen nur unter Beobachtung größter
-Vorsichtsmaßregeln für kurze Zeit und zwar mit den Waffen in der Hand
-anzulaufen.
-
-Nach einstündigem Aufenthalt dampften wir wieder aus der Bucht, trafen
-am 25. December vormittags bei der Insel Russell ein, liefen zwischen
-dieser und Guadalcanar durch und drehten nachmittags 1½ Uhr vor der
-kleinen Insel Savo bei. Der Besuch der Insel galt nur kaufmännischen
-Interessen, weil hier ein Engländer, einer der wenigen Europäer,
-welche es überhaupt bisjetzt gewagt haben sich auf den Salomons-Inseln
-niederzulassen, leben sollte, und es Herrn Weber darauf ankam, etwas über
-die hiesigen Handelsverhältnisse und die Möglichkeit der Gewinnung von
-Plantagenarbeitern zu erfahren. Die Insel ist eirund, 6 Seemeilen lang,
-3½ Seemeilen breit, 600 m hoch und dicht bewaldet; Hütten waren nur am
-Strande zu sehen und wird wol auch nur dieser bewohnt.
-
-Ich fuhr gleich mit dem Consul in meiner Gig an Land, einige beurlaubte
-Offiziere u. s. w. folgten in den beiden bewaffneten Kuttern, sämmtliche
-Bootsgasten waren mit scharfen Patronen versehen. Am Strande hatte sich
-schon während unserer Annährung eine große Menschenmenge, Männer, welche
-Bekleidung noch für etwas Ueberflüssiges hielten, angesammelt, unter
-welcher wir auch bald den gesuchten Engländer entdeckten. Das Schiff lag
-so nahe am Lande, daß wir nur wenige Minuten bis dahin zu rudern hatten,
-und bei unserer Landung trat der Engländer gleich an mich heran, um
-seine Dienste anzubieten. Da wir vorerst nur mit ihm zu thun hatten, so
-gingen der Consul und ich mit zu seiner von dem Dorfe weit abliegenden
-Behausung, nachdem ich vorher den Beurlaubten noch die größte Vorsicht für
-den Verkehr mit den Eingeborenen anempfohlen hatte. Unser Weg führte am
-Strande entlang, wo wir auch an mehrern Hütten vorbeikamen, welche bei der
-flüchtigen Besichtigung, die wir ihnen nur widmen konnten, einen peinlich
-saubern Eindruck machten, wie auch die in den Hütten befindlichen, mit
-Grasschurz bekleideten Frauen, welche angenehme Gesichtszüge und eine
-hellbraune Hautfarbe hatten, einen reinen gepflegten Körper zu haben
-schienen. Als ich während unsers Marsches den Wunsch äußerte, Hühnereier
-zu kaufen, wurde mir der Bescheid, daß solche nicht zu haben seien, ich
-aber die Eier eines Vogels, welcher dieselben in den Sand legt und dort
-von der Sonne ausbrüten läßt, erhalten könne. Ein entsprechender Auftrag
-an einige der uns begleitenden Eingeborenen hatte zur Folge, daß mir
-schon nach einer halben Stunde ein ziemlich großer Korb voll braunrother,
-hell ziegelfarbener Eier von 9 cm Länge und 6 cm Dicke gebracht wurde,
-von welchen behauptet wird, daß der Leib des Vogels, welcher diese Eier
-legt, nicht viel größer wie das Ei selbst sei. Thatsächlich ist der
-Vogel, welcher zur Klasse der Megapodien, Großfußhühner oder Wallnister
-gehört und hier gemeinhin Buschhuhn genannt wird, nicht größer wie
-eine Fasanenhenne, das Verhältniß des Eies zum Vogel muß also ein ganz
-ungewöhnliches genannt werden.
-
-Bei dem Hause des Engländers angekommen, fanden wir eine scheunenartige
-große Hütte, in welcher mehrere Frauen damit beschäftigt waren, Kokosnüsse
-handelsfertig zu machen. In einer Ecke lagen die faserigen Nußhüllen,
-in einer andern fertige Copra, in einer dritten wurden die frischen
-Nußkerne geschnitten und zum Trocknen vorbereitet. Was wir hier über
-die Handelsverhältnisse erfuhren, war nicht sehr verlockend, weil die
-Sicherheit des Lebens der Fremden vorläufig noch eine sehr zweifelhafte
-ist. Die Eingeborenen sind passionirte Menschenfresser und stets auf
-Raubzügen begriffen, um sich das begehrte Menschenfleisch, Siegestrophäen
-und Sklaven zu verschaffen. Wenn nun auch ein fremder Händler, solange er
-nicht gegen die Gebräuche des Landes verstößt, was er unbewußt sehr leicht
-thun kann, im allgemeinen sein Leben für gesichert halten kann, weil die
-Eingeborenen gern handeln und lüstern nach europäischen Handelsartikeln
-sind, so ist sein Leben doch keinen Pfifferling werth, sobald einem andern
-Stamm ein Ueberfall auf das Dorf, in welchem er lebt, gelingen sollte,
-und dies kann jederzeit geschehen. Bewundernswerth ist es daher, daß sich
-immer wieder Leute finden, die verhältnißmäßig geringen Gelderwerbs wegen
-ihr Leben derart in die Schanze schlagen. Ob es mit der Zeit gelingen
-wird, hier für die Samoa-Inseln Plantagenarbeiter zu gewinnen, muß die
-Erfahrung lehren, eine schwierige Sache dabei bleibt aber immer die
-große Entfernung zwischen den beiden Inselgruppen und für Segelschiffe
-namentlich die ungünstigen Windverhältnisse.
-
-Wir machten uns bald wieder auf den Rückweg, um auch noch einen Blick in
-das Dorf zu werfen, doch fanden wir an unserer Landungsstelle die Brandung
-so hoch geworden und das Einsteigen in die Boote bereits so gefährdet,
-daß ich mich zum sofortigen Verlassen des Landes entschloß, weil eine
-Zunahme des Seegangs noch zu erwarten war und bei weiter auffrischendem
-Winde auch die Lage des Schiffes mir gefährdet schien. Zwar hätte ich mich
-gern noch überzeugt, was die Ansammlung von vielleicht 200 bewaffneten
-Eingeborenen bei unsern andern Booten zu bedeuten habe, ließ mich aber
-durch die gefährliche Lage meiner Gig bestimmen, davon abzusehen, weil
-sich an den Booten selbst nichts Auffälliges zeigte und unser Schiff auch
-so nahe bei denselben lag, daß man von dessen erhöhtem Standpunkt aus
-mußte übersehen können, was an Land vorging. Der Consul und ich kamen mit
-etwas geschundenen Schienbeinen in das Boot, der Diener des Consuls aber,
-ein Marshall-Insulaner, kam schon nicht mehr hinein, sondern verschwand
-unter demselben und mußte schwimmend außerhalb der Brandung aufgenommen
-werden. Dem Offizier, welcher die beiden Kutter befehligte, rief ich dann
-zu, die Beurlaubten zu sofortiger Einschiffung zu veranlassen, was denn
-auch kurze Zeit darauf geschah, sodaß wir um 3½ Uhr schon wieder auf der
-Weiterreise waren, aber doch noch einmal stoppten, als von dem Punkt aus,
-wo die Hütte des Engländers liegen mußte, ein Kanu, in welchem sich zwei
-Leute befanden, von denen einer, wie durch das Fernrohr zu erkennen war,
-mit Hemd und schwarzem Filzhut bekleidet war, mit aller Macht auf uns
-zuruderte. Ich hielt es nicht für unmöglich, daß der Engländer vielleicht
-durch irgendeinen Umstand gefährdet worden sei und bei uns Schutz suchen
-wollte, hielt daher auf das Fahrzeug ab, sah aber bald, daß der Bekleidete
-auch ein Eingeborener war. Die Leute wollten nur einige Sachen zum Verkauf
-stellen, und da sie einmal den weiten Weg gemacht hatten, wartete ich so
-lange, bis sie ihre Sachen losgeworden waren. Ich erstand mir auch etwas,
-eine mit gelbem und rothem Stroh außerordentlich schön umflochtene Keule,
-einen in ähnlicher Arbeit ausgeführten kleinen Holzkamm, sowie einen
-reizenden kleinen Kakadu, wie sie nur auf den Salomons-Inseln vorkommen.
-
-Die Salomons-Insulaner sind dafür bekannt, besonders feine Handarbeiten
-auszuführen, und die von mir gekauften Sachen bestätigten diesen Ruf.
-Speere, Pfeile, Armbänder aus Muscheln, und ein aus einer Muschel mit
-Schildkrotverzierung hergestelltes Stirnschild, welche sämmtlich von der
-Geschicklichkeit und dem guten Geschmack dieser Eingeborenen Zeugniß
-ablegten, besaß ich schon, die hier erworbenen Sachen übertrafen aber
-die letztgenannten noch an zierlicher, geschmackvoller und sauberer
-Ausführung. Der Kakadu ist dadurch merkwürdig, daß er wesentlich von den
-sonst vorkommenden Arten abweicht, einen besonders geformten Schopf,
-kleinen, scharf gebogenen weißen Schnabel, weiße Füße und auffallend
-weite Schwingen hat. Sein Gefieder ist außen schneeweiß, unter dem Schopf
-dagegen orangefarben und unter den Flügeln hellgelb. Die Augen sind tief
-braunroth und die feine Haut um die Augen hat eine hell-wasserblaue Farbe.
-
-An dem auf unsern Besuch Savos folgenden Tage hörte ich, daß die
-Ansammlung der Eingeborenen bei unsern Booten doch eine ernstere Bedeutung
-gehabt hatte und ohne das entschlossene Eingreifen eines jungen Offiziers
-wahrscheinlich zu einem ernsten Conflict geführt haben würde. Einige der
-von unsern Schiffen an Land gegangenen Personen hatten auch das Tabu-Haus
-des Dorfes besucht und die dort ausgestellten Sachen besichtigt, von
-welchen einem der Unserigen ein besonders schöner Speer so gut gefiel,
-daß er ihn durchaus haben wollte. Als der Hüter des Hauses jedes Gebot
-unter dem Hinweis darauf, daß der Speer „Tabu“ sei, zurückwies, nahm der
-Mann trotz der ausdrücklichen Warnung seiner Begleiter dennoch den Speer
-an sich, indem er einige Stücke Taback als Gegenleistung auf den Boden
-warf, da der anwesende Eingeborene sich standhaft weigerte, irgendetwas
-entgegenzunehmen. Als die Unserigen sich nun mit dem Speer auf der Straße
-zeigten, gesellten sich gleich Eingeborene zu ihnen, welche wiederholt das
-Wort „Tabu“ hören ließen. Die Zahl der Eingeborenen wuchs und ihre Haltung
-wurde bald so drohend, daß der Speerträger es nunmehr doch gerathen fand,
-das Streitobject an seinen ursprünglichen Platz zurückzubringen und im
-Anschluß daran gleich unsere in der Nähe befindlichen Boote aufzusuchen,
-wo die andern Beurlaubten sich bereits zu deren Besteigung anschickten.
-Doch ehe sie dies ausführen konnten, waren sie plötzlich von bewaffneten
-Eingeborenen eingeschlossen, von denen einer in gebrochenem Englisch
-sagte: „Wir wollen den Mann haben, welcher den Speer gestohlen hat; wir
-müssen ihn tödten, weil er Tabu gebrochen hat.“ Gleichzeitig trat er vor
-und legte die Hand an den, welcher so unvorsichtig gewesen war, doch in
-demselben Augenblick sprang auch ein junger Offizier hinzu und versetzte
-dem Angreifer einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daß er taumelnd
-zur Seite fiel und die andern Eingeborenen im ersten Augenblick der
-Ueberraschung so weit zurückwichen, daß die Unserigen Gelegenheit fanden
-in die Boote zu springen, worauf die Eingeborenen keinen weitern Angriff
-wagten, sondern sich zurückzogen.
-
-Daß mir von diesem Vorfall, welcher zeigt, wie streng die Eingeborenen
-an der Heiligkeit ihres Tabu festhalten und wie sie in ihrem Drang nach
-Rache weder unserer bewaffneten Boote noch des in allernächster Nähe
-liegenden Schiffes achteten, so spät erst Kenntniß gegeben wurde, bedaure
-ich deshalb lebhaft, weil ich sonst gleich dem Engländer anheimgegeben
-hätte, mit auf unser Schiff zu kommen und die Insel zu verlassen, da ich
-es nicht für unmöglich halte, daß die Eingeborenen, um den Bruch des Tabu
-zu sühnen, auf ihn als Opfer zurückgreifen, wenngleich andererseits aus
-dem Umstande, daß sie nur die Ueberlassung des Schuldigen forderten und
-keinen allgemeinen Angriff ausführten, gefolgert werden dürfte, daß sie
-einen Unschuldigen nicht zur Verantwortung ziehen werden. Nachträglich
-nach Savo zurückzukehren, hatte aber keinen Zweck, da die Gewaltthat, wenn
-sie überhaupt geschehen sein sollte, sich jedenfalls gleich nach unserer
-Abreise abgespielt hat und es mir unmöglich gewesen wäre, in der mir zur
-Verfügung stehenden Zeit die Wahrheit zu erfahren. Ist der Mord geschehen,
-dann würde ich bei unserer Rückkehr das Dorf verlassen gefunden haben und
-hätte bei einem Streifzug durch die dichtbewaldete Insel wahrscheinlich
-keinen andern Erfolg gehabt, als noch einige Menschenleben auf das Spiel
-zu setzen ohne etwas Wesentliches zu erreichen.
-
-Die weitere Reise bis hierher zeichnete sich durch Einförmigkeit des
-regnerischen windstillen Wetters aus; nur unser Tisch fand eine kleine
-Abwechselung durch die mitgenommenen Buschhuhneier, wenn dieselben auch
-gerade keine besondere Delicatesse waren. Hart oder weich gekocht sind
-sie für unsern Gaumen überhaupt ungenießbar, und die einzige Form, in
-welcher das Gericht angenommen wurde, war die eines stark gepfefferten
-Rührei, aber auch in dieser genügten wenige Bissen der tiefrothen Speise
-zur vorläufigen Sättigung.
-
-
- 16. Januar vormittags.
-
-Wegen des uns gebliebenen nur geringen Kohlenvorraths habe ich während
-der Nacht einen Umweg gemacht und bin an der Südküste von Savai’i entlang
-gesegelt, um den dort stehenden Passatwind zu benutzen; derselbe brachte
-uns auch bis zur Ostspitze der Insel, starb aber dann in der Nähe des
-Landes ab, sodaß wir seit heute Morgen 5½ Uhr wieder unter Dampf sind.
-Dieser Umweg führte mich übrigens heute Morgen dicht an die kleine Insel
-Apolima, welche auch einer kurzen Erwähnung werth ist.
-
-Sie ist ein erloschener Krater, dessen Sohle noch etwas unter der
-Meeresoberfläche liegt und dessen Ränder sich 100-150 m über dieselbe
-erheben, jedoch an der Nordseite an einer Stelle einen Einschnitt bilden,
-durch welchen bei ruhiger See und Hochwasser auch größere Boote in den
-Krater und in die dort gebildete Lagune fahren können. Die Ufer der
-Lagune sind mit so üppigem Pflanzenwuchs bedeckt, daß eine große Zahl
-von Eingeborenen hier alles für sie zum Leben Nothwendige finden kann,
-wenn auch in der Regel hier nur etwa 100 Menschen leben. Die Insel hat
-nun für die hiesigen Verhältnisse insofern eine besondere Bedeutung, als
-die Samoaner sie für eine unüberwindliche Festung halten und ihr Besitz
-die Eingeborenen gegen fremde Forderungen oft trotziger macht, als sie es
-sonst wol sein würden. Sie gehört eigentlich zu der kleinen Insel Manono
-und hat diesem District von jeher in allen politischen Fragen ein gewisses
-Uebergewicht verliehen. Die Annahme ihrer Unüberwindlichkeit stützt sich
-darauf, daß Boote oder Kanus an den Außenrändern überhaupt nicht anlegen
-können, mit Ausnahme einer kleinen Stelle, wo dies aber auch nur bei ganz
-ruhiger See, welche sich in solcher Gestalt jährlich vielleicht einigemale
-zeigt, erfolgen kann. Eine Landung hier sichert aber auch noch keinen
-Erfolg, weil von dem Landungsplatz aus nur ein schmaler Fußpfad nach oben
-führt und so steil ansteigt, daß einige von oben heruntergeworfene große
-Steine genügen müssen, den Weg zu säubern oder frei zu halten.
-
-Der Wasserweg durch den Felseinschnitt in die Lagune ist für gewöhnlich
-nur den leichten Kanus offen, da, wie schon erwähnt, größere Boote
-hier auch nur bei ganz ruhiger See die Einfahrt wagen können und zum
-Ueberfluß der Kanal so schmal ist, daß zur Zeit nur ein Boot einlaufen
-kann und dieses von den hinter den Felsen in sicherer Deckung liegenden
-Schützen auf kürzeste Entfernungen ein so scharfes Feuer erhalten kann,
-daß kaum ein Mann den Versuch überstehen dürfte. Schließlich wird der
-Einschnitt noch durch einen im Meere liegenden Felsen derart gedeckt, daß
-dieser sich für ein außerhalb vorbeifahrendes Schiff als Schild vor den
-Einschnitt schiebt und das Schiff daher auch von dort aus keinen Gebrauch
-von seiner Artillerie machen kann; und hierauf sind die Samoaner ganz
-besonders stolz, weil bisher noch kein Schiff zwischen Insel und Fels
-hindurchgefahren ist und sie daher glauben, daß dies nicht möglich ist.
-
-Dies alles war mir bekannt, als ich heute Morgen um die Ostspitze von
-Savai’i herumdampfend auf Apolima zulief, und deswegen kam mir wol der
-Gedanke, einmal zwischen Fels und Krater durchzusteuern, um den Samoanern
-den Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Festung zu nehmen und mir
-damit vielleicht ein Druckmittel zur Beschleunigung des Vertragsschlusses
-zu verschaffen. Die Karte zeigt zwar eine genügende Wassertiefe, ich holte
-aber doch noch den Rath meines halbweißen Lootsen ein, auf dessen Angaben
-ich hier sicher bauen konnte. Er erklärte das Fahrwasser als ganz rein von
-Untiefen, und da die Entfernung zwischen Fels und Apolima auch ausreichend
-ist, um mit einem gut steuernden Schiff hindurchzufahren, so ließ ich
-die „Ariadne“ als erstes Schiff diesen Weg nehmen. Die hohe Dünung war
-mir allerdings etwas hinderlich und die Enden unserer Raaen kamen beim
-Schlingern des Schiffes in so bedenkliche Nähe der Kraterwände, daß ich
-nach der andern Seite hin dicht an den Fels bis auf 8 m Wassertiefe
-herandrehen mußte; doch war dies natürlich nur für einen Augenblick.
-Um sicher zu gehen, mußte ich das Schiff mit großer Geschwindigkeit
-durch die Enge laufen lassen, sodaß mir keine Zeit blieb, das Innere
-des Kraters genauer zu betrachten. Ich sah zur Seite und oben nur eine
-schwarze Felswand, unten starke Brandung; ein Lichtblick, wo sich dem Auge
-die ruhige Lagune mit Kokospalmen und Brotfruchtbäumen, Hütten, Kanus,
-Menschen und blauem Himmel zeigte; wieder eine dunkle schwarze Felswand
-und das Augenblicksbild lag hinter uns.
-
-Noch heute Vormittag werden wir in Apia sein und ich bin sehr gespannt,
-wie sich unsere Angelegenheiten dort nun abwickeln werden; aber
-entschlossen bin ich, die Sache nunmehr zu einem Ende zu führen, sollte
-ich auch den gordischen Knoten mit dem Schwert durchhauen müssen.
-
-
- Abends.
-
-Bei unserer Ankunft hierselbst wurden mir zwei Ueberraschungen
-zutheil, eine sehr angenehme, nämlich unser Kanonenboot „Albatros“ hier
-vorzufinden, welches zur Verstärkung der Station vor zwei Tagen von
-Japan aus hier eingetroffen ist und uns die Freude macht, einmal wieder
-liebe altbekannte Gesichter sehen zu können, mir auch die Möglichkeit
-gibt, unsere Post von Levuka abholen zu lassen, da ich mit der „Ariadne“
-zur Zeit Apia nicht verlassen kann, und wir doch seit vier Monaten ohne
-alle Nachrichten von der Heimat und Europa überhaupt sind. Die zweite
-Ueberraschung ist weniger angenehmer Natur und bedeutet wieder einmal
-innere Unruhen im Samoa-Reich. Die Tuamasanga (mittlerer District von
-Upolu) hat während unserer Abwesenheit im Verein mit Manono, und heimlich
-von dem größten Theil von Savai’i unterstützt, Malietoa den Aeltern,
-Oheim des letzten Königs gleichen Namens, nach Mulinu’u gebracht, ihn
-dort vor der versammelten Taimua als König ausgerufen und ihn trotz des
-Widerspruchs der Regierungsgewalten in Mulinu’u eingesetzt, wo er jetzt
-unter dem Schutz der Regierung lebt, da die Taimua sich nicht stark genug
-fühlt, den ihr von der Tuamasanga für den Fall der Ausweisung Malietoa’s
-angedrohten Krieg aufzunehmen, obgleich sie sich auf die im letzten Krieg
-siegreiche und den Malietoas feindlich gesinnte Partei der Tupuas stützt.
-
-Es bestehen nämlich hier zwei große sogenannte Königsparteien: die
-Anhänger der Familie Malietoa und die der Familie Tupua. Die letztere ist
-nach den Ueberlieferungen die ältere (tupu ist der samoanische Begriff für
-„König“) und glaubt das größere Anrecht an den Thron zu haben, wogegen die
-Familie Malietoa ihn während der letzten zwei Jahrhunderte, soweit eine
-derartige Zeitrechnung nach den mündlichen samoanischen Ueberlieferungen
-überhaupt möglich ist, im Besitz hatte. Die Malietoas entstammen übrigens
-auch der Familie Tupua. In alten Zeiten hat ein jüngerer Sproß dieser
-Familie die Samoa-Inseln von der Fremdherrschaft der Tonganer befreit,
-dafür von dem Volk den Namen „'malietoa'“, welcher gleichbedeutend mit
-„großer Held“ oder „starker Hort“ ist, erhalten und ihn von da ab als
-Familiennamen angenommen. Man sollte nun meinen, daß es gleichgültig sei,
-aus welcher der beiden Familien der König gewählt wird, wenn nur überhaupt
-eine Wahl dem Hader endlich ein Ende macht, dem ist aber nicht so, denn
-der Tupuas gibt es so viele, daß fast jedes Dorf den Thron für seinen
-Tupua in Anspruch nimmt. Dagegen haben die Malietoas den großen Vorzug,
-daß deren männliche Nachkommen nur noch in zwei Vertretern bestehen und
-diese sich geeinigt haben, da der frühere König die jetzige Wahl seines
-Oheims ebenfalls billigt. Doch ich will nicht weiter auf die innern
-samoanischen Verhältnisse eingehen, die für uns nur soweit Interesse
-haben, als sie unsere Vertragsangelegenheit berühren, in welcher Beziehung
-ein neuer König uns allerdings neue Schwierigkeiten machen könnte. Doch
-sind der Consul und ich dahin übereingekommen, daß wir die alte Regierung,
-welche immer noch am Ruder ist und den Malietoa nur als Scheinkönig unter
-sich duldet, als noch zu Recht bestehend ansehen und uns an die von ihr
-gegebenen bindenden Versprechungen halten.
-
-Zu meiner großen Freude habe ich heute Abend noch gehört, daß hier am
-Lande unter den Eingeborenen eine hochgradige Aufregung darüber herrscht,
-daß unser Schiff durch die Enge bei Apolima gegangen ist. Die Samoaner
-sind deshalb sehr niedergeschlagen und sollen das Stichwort gegeben haben,
-daß ihre Festung durch uns ihre jungfräuliche Reinheit verloren hat. Ich
-denke, daß sich dies für unsere Angelegenheiten als nützlich erweisen
-wird.
-
-
- 26. Januar, morgens 2 Uhr.
-
-Seit einigen Stunden sind wir auf dem Wege nach Auckland, um den mit
-den Samoa-Inseln abgeschlossenen Freundschafts- und Handelsvertrag noch
-mit der am 5. Februar von dort abgehenden Post nach Europa senden zu
-können. Diese für das Reich scheinbar so kleine unbedeutende Sache hat
-den näher dabei Betheiligten so viel Kopfzerbrechen gemacht, daß es mir
-ein Bedürfniß ist, der Befriedigung über den schließlichen Erfolg hier
-schriftlichen Ausdruck zu geben und sogar die Nacht dazu zu benutzen, da
-ich nur nach Erledigung dieser Arbeit eine Beruhigung meiner aufgeregten
-Nerven erwarten darf. Leicht wurde es uns nicht gemacht, alle diese
-Gegenströmungen, welche sich unsern Forderungen entgegenstellten, zu
-überwinden, aber unser fester Entschluß, die Sache nunmehr zu einem
-Abschluß zu bringen, und die Gewißheit für die Samoaner, bei fernern
-Winkelzügen von mir in der Folge noch härter als bisher angefaßt zu
-werden, ließ sie schließlich, und noch schneller als wir hoffen durften,
-all unsere Forderungen erfüllen. Da der Verlauf der Angelegenheit einen
-ganz interessanten Einblick in die Art und Weise der Eingeborenen bei
-solchen Verhandlungen gewährt, so mag derselbe hier in allgemeinen
-Umrissen Aufnahme finden.
-
-Als die Taimua am 17. Januar sich bereit erklärt hatte, am 22. in die
-Verhandlungen über den Abschluß des Vertrags einzutreten, suchten unsere
-Gegner dies auf alle Weise zu vereiteln, und hierbei spielten der früher
-genannte Herr Bartlett, welcher noch immer auf seine Ernennung zum Ersten
-Minister wartet, sowie die französischen Priester eine hervorragende
-Rolle. Als eine Folge dieser Einflüsse durften wir wol die Mittheilung
-der Taimua, daß der Herr Bartlett in die samoanische Regierung eintreten
-und dann als ihr Bevollmächtigter an unsern Verhandlungen theilnehmen
-würde, betrachten. Wir beantworteten diese Mittheilung mit der Erklärung,
-daß, solange die Verhandlungen mit uns nicht zu einem Ergebniß geführt
-hätten oder abgebrochen seien, an der Regierungsform nichts geändert
-werden dürfe, und fügten die Anzeige hinzu, daß ich am 25. nachmittags
-Apia verlassen würde, bis dahin also der Vertrag abgeschlossen sein müsse,
-widrigenfalls die Samoa-Regierung die Verantwortung für die Folgen des
-stattgehabten Bruchs zu tragen haben würde. Wir waren zu der Erkenntniß
-gekommen, daß wir nunmehr schnell zum Ziele kommen mußten, wenn wir
-überhaupt noch auf einen Erfolg rechnen wollten, und setzten daher den
-kurzen Termin, nachdem die Samoaner sechs Monate Zeit gehabt hatten, sich
-mit der Sache eingehend zu beschäftigen. Der Herr Bartlett kam nicht in
-die Regierung, aber die Samoaner wollten auch nicht nachgeben, trotzdem
-sie uns fürchteten und deshalb nicht mit uns brechen wollten. Eine gewisse
-Schwüle lag wieder einmal über Apia, Regierungsmitglieder suchten den
-Consul wie mich auf, sprachen über den Vertrag, fragten, ob wir sie mit
-Krieg überziehen würden, wenn der Vertrag nicht zu Stande käme, und was
-sonst noch Ueberflüssiges gefragt und beantwortet werden konnte. Als einen
-weitern Druck benutzte ich auch einen Besuch von Saluafata, bei welchem
-mich auf meine Einladung hin zwei Mitglieder der Taimua begleiteten, um
-den Leuten unser noch bestehendes Besitzrecht an diesen Platz vor Augen
-zu führen.
-
-Am 22. mittags 1 Uhr sollten die Verhandlungen beginnen, da zu dieser
-Zeit die erste Zusammenkunft der beiderseitigen Bevollmächtigten im
-deutschen Consulat anberaumt war, und wir waren einigermaßen überrascht,
-die Herren Samoaner pünktlich erscheinen zu sehen. Nach zweistündiger
-Verhandlung baten sie, allein gelassen zu werden, um den Vertragsentwurf
-noch einmal unter sich durchberathen zu können, und verließen erst
-gegen Abend das Consulatsgebäude, wobei sie so vorsichtig waren, sich in
-keiner Weise über das Ergebniß ihrer Berathungen auszusprechen. Als am
-23. morgens die Lage wieder für uns bedenklich schien, forderten wir von
-unsern samoanischen Collegen noch für denselben Tag bis spätestens 5 Uhr
-nachmittags eine bestimmte Antwort, ob sie den Vertrag annehmen würden
-oder nicht, oder welche Aenderungen sie vorzuschlagen beabsichtigten, da
-ich meine auf den 25. angesetzte Reise nicht hinausschieben könne, der
-Vertrag daher bis dahin angenommen oder abgelehnt sein müsse. Nachmittags
-4 Uhr erklärten die samoanischen Bevollmächtigten, keine Aenderungen zu
-unserm Vertragsentwurf vorschlagen zu können und daß sie denselben in der
-ihnen vorgelegten Fassung annähmen. Und als ich darauf die Zurückgabe von
-Saluafata und Falealili noch vor meiner Abreise für den Fall zusagte, daß
-die in dem Vertragsentwurf vorgesehene gleich zu erfolgende Ratificirung
-des Vertrags durch die Samoa-Regierung erfolge, auch versprach, die
-samoanische Flagge zu salutiren, was bisher noch nicht geschehen war
-und worauf die Bevollmächtigten großen Werth legten, schwanden auch
-die anfänglich gegen eine vorzeitige einseitige Ratificirung geltend
-gemachten Bedenken. Am 24. nachmittags 2 Uhr wurden die beiden Originale
-des Vertrages unterschrieben, am 25. zu gleicher Stunde waren dieselben,
-von der Taimua und Faipule ratificirt, wieder im Consulat, in der
-Zeit von 2-4 Uhr wurden die von der deutschen Factorei zur Erwiderung
-unsers Saluts entliehenen Kanonen nach Mulinu’u geschafft, um 5 Uhr
-salutirte ich die samoanische Flagge und verließ um 6½ Uhr, nachdem
-der letzte Erwiderungsschuß vom Lande gefallen war und ich vorher noch
-den Commandanten des „Albatros“ beauftragt hatte, die Beschlagnahme von
-Saluafata und Falealili wieder aufzuheben, Apia mit dem Bewußtsein, daß
-das von deutschem Fleiß und deutscher Energie bisher auf den Samoa-Inseln
-Erworbene unsern Landsleuten nunmehr gesichert ist und diese keine fremden
-Abenteurer mehr zu fürchten haben, da der Vertrag sie gegen die Willkür
-einer jeden Eingeborenen-Regierung schützt und eine fremde Macht jetzt
-auch nicht mehr ohne die Zustimmung Deutschlands ihre Hand auf diese
-schönen Inseln legen kann. Vor allem aber ist ein sicherer Wall gegen
-das Vordringen der ausdehnungslustigen Colonisten von Neu-Seeland nach
-dem Norden geschaffen und hierin liegt meines Erachtens der Hauptwerth
-dieses Vertrages. Nachdem Deutschland durch einen Freundschaftsvertrag
-mit den Tonga-Inseln diese gegen fremde Besitzergreifung gesichert
-hatte, mußte es das Streben der Neuseeländer sein, Samoa zu gewinnen, um
-dieses als Zwischenstation für den Handel mit den nördlicher gelegenen
-Inseln zu benutzen, da diese von Neu-Seeland zu weit abliegen. Wäre
-ihnen dies rechtzeitig gelungen, dann würden sie die Deutschen mit der
-Zeit wieder verdrängt haben, was ihnen jetzt nicht mehr möglich ist. Die
-Bedeutung dieses Vertrages erstreckt sich daher bis zu den Kingsmill-
-und Marshall-Inseln. Die Ueberlassung des Hafens von Pago-Pago an
-Amerika zwang uns auch noch, zur Aufrechterhaltung des Princips der
-Gleichberechtigung für Deutschland ebenfalls eine Kohlenstation zu
-fordern, und diesem Umstande verdanken wir die Gewinnung von Saluafata,
-des besten Hafens in der Samoa-Gruppe, da er bei ebenfalls vollständiger
-Sicherheit gegen alle Winde noch Vortheile besitzt, welche Pago-Pago nicht
-hat, und außerdem, was von großer Bedeutung ist, in allernächster Nähe
-von Apia liegt.
-
-So können wir nun mit vollständiger Ruhe den auf den Inseln sich
-vorbereitenden Unruhen entgegensehen, da es außer Zweifel ist, daß die
-vorläufige Einsetzung Malietoa’s noch zu weitern Conflicten führen wird.
-Wir erhoffen nur von der Anerkennung Malietoa’s als König durch ganz Samoa
-geordnete Zustände auf den Inseln, glauben aber nicht, daß sich diese
-Anerkennung auf friedlichem Wege vollziehen wird, weil die beiden sich
-gegenüberstehenden Parteien zu gleich an Kräften sind und jede den Krieg
-einer freiwilligen Unterwerfung vorziehen wird. Das Bedauerlichste hierbei
-ist nur, daß die Samoaner durch ihre Art der Kriegführung wirthschaftlich
-immer mehr herunterkommen, da sie nur durch den Verkauf ihrer Ländereien
-sich das Geld für Waffen und Munition verschaffen können, und dann kein
-Zureden zur Festhaltung ihres Landes hilft. Sie geben es um jeden Preis
-weg und dann müssen natürlich die großen Häuser, obgleich sie schon
-übergenug besitzen, doch in erster Reihe das angebotene Land zu erwerben
-suchen, da, wenn das gute Geschäft überhaupt gemacht werden muß, jeder es
-zu machen suchen wird. Andere Folgen hat der Krieg für die Samoaner nicht,
-da derselbe während einer mehrmonatlichen Dauer selten mehr als zwei oder
-drei Menschenopfer fordert.
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-15.
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-Neu-Seeland.
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- 2. März 1879.
-
-Gestern Nachmittag haben wir nach vierwöchentlichem Aufenthalt Auckland
-wieder verlassen und manch schöne Erinnerung mitgenommen. Von dem
-herrlichsten Wetter und einer verhältnißmäßig niedrigen Temperatur
-begünstigt, konnten wir die uns von dem deutschen Consul und verschiedenen
-englischen Familien in so reichem Maße gebotene Gastfreundschaft in vollen
-Zügen genießen. Segelpartien auf dem herrlichen Hauraki-Golf, Spaziergänge
-nach dem nur 200 m hohen Mount Eden, wo man von dem Rand des erloschenen
-Kraters aus eine wunderbare Fernsicht genießt, Nachmittags-Gartenfeste,
-Tanzfestlichkeiten u. dergl. m. ließen uns die Zeit wie einen Traum
-dahinschwinden. Und da Auckland oder doch die Gesellschaft, in der wir
-uns bewegten, außerordentlich reich an schönen und liebenswürdigen jungen
-Damen ist, bei den veranstalteten Tagesfestlichkeiten in der Regel auch
-die englischen Herren, welche wol geschäftlich verhindert waren, durch
-Abwesenheit glänzten, so fanden unsere Herren in dem harmlosen Verkehr
-mit den prächtigen jungen Auckländerinnen keine Nebenbuhler. Heute wäre
-dies für die meisten vielleicht besser gewesen, denn wenn der Schein nicht
-trügt, dann sind sie so ziemlich alle bis über die Ohren verliebt, ohne
-die Hoffnung auf ein Wiedersehen, da die Post in Auckland uns als Bestes
-den Rückberufungsbefehl gebracht hat. Nach demselben haben wir gleich nach
-Eintreffen der Fregatte „Bismarck“ in Apia, deren Ankunft für Mitte April
-in Aussicht gestellt ist, die Heimreise anzutreten.
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-Auckland hat das Gepräge einer erst neu entstandenen, aufstrebenden
-Colonie, erinnert noch vielfach an die früher aus den Goldminen
-geflossenen, jetzt größtentheils wol wieder verschwundenen Reichthümer
-und zeigt eine damit zusammenhängende Entwickelung: große breite Straßen,
-niedrige Holzhäuser, viele Banken und nur Geschäftsleute als Einwohner.
-Die Umgebung der Stadt bietet landschaftlich durch Berg und Wasser sehr
-viel Schönes, wenn auch der Wald fehlt.
-
-Durch die Bereitwilligkeit unsers liebenswürdigen Consuls, mich in das
-Gebiet der heißen Seen, welche er ebenfalls noch nicht kannte, begleiten
-zu wollen, wurde es mir möglich, auch dieses Weltwunder zu besuchen.
-Denn allein hätte ich mich zu diesem Ausflug nicht entschlossen und von
-unsern Herren wollte keiner mitkommen, weil der Kostenpunkt doch immer
-ein ziemlich bedeutender ist und die Strapazen der Reise auch kaum im
-Verhältniß zu dem Vergnügen stehen.
-
-Man hat von Auckland aus bis zum Taurangahafen zunächst auf dem Seewege
-140 Seemeilen zurückzulegen und von hier aus muß man noch 70 km auf
-dem Landwege machen, wozu das Annehmen eines eigenen leichten Wagens
-erforderlich ist. Es geht zwar auch eine Fahrpost, mit welcher man
-den größten Theil des Weges zurücklegen und die kleinern Ausflüge dann
-von einem Centralpunkt aus zu Fuß machen kann, doch fährt die Post bei
-dem geringen Verkehr nach dem Innern so selten und ihre Fahrzeit ist
-eine so große, daß ihre Benutzung für mich ausgeschlossen war, weil
-ich mich nur auf sechs Tage freimachen konnte. Der Wagen allein kostet
-aber für vier Tage schon 200 Mark, sodaß die kleine sechstägige Reise
-mit den unvermeidlichen Nebenkosten auf 350-400 Mark für die Person zu
-veranschlagen ist.
-
-Um den Ausflug in den Grenzen der mir zur Verfügung stehenden sechs
-Tage machen zu können, mußten wir für die Hinfahrt nach Tauranga einen
-Küstenfrachtdampfer benutzen, weil wir nur so den Passagierdampfer für die
-Rückfahrt erreichen konnten. Wir fuhren am 14. Februar abends 8 Uhr von
-Auckland ab und trafen glücklicherweise so gutes Wetter, eine so schöne
-laue Mondscheinnacht, daß wir die ganze Zeit an Deck verbringen konnten,
-denn unten in der sogenannten Kajüte war es fürchterlich. Auch verhinderte
-die spiegelglatte See einige weibliche Passagiere daran, seekrank zu
-werden, was von uns auch als eine große Annehmlichkeit geschätzt wurde.
-Wir hüllten uns in mitgenommene Decken ein, schliefen gut und ließen uns
-erst von der aufgehenden Sonne wecken.
-
-Am 15. mittags waren wir in Tauranga und blieben dort bis zum nächsten
-Morgen in einem behaglichen guten Gasthaus, wo der Consul auch einige mit
-den Verhältnissen vertraute Bekannte traf, welche uns gute Rathschläge
-gaben. Nachdem wir uns noch von dem Posthalter des Districts einen
-Wagen gesichert hatten, machten wir einen Rundgang durch die kleine
-Stadt, welche ziemlich belebt war, da die Eingeborenen von außerhalb
-herzuströmten, um die jährlich wiederkehrende Frage des Landbesitzes
-in Neu-Seeland auf einem dazu ausgeschriebenen Landtage zu erörtern. Um
-diese Frage dreht sich zur Zeit, nachdem das Goldfieber keine Berechtigung
-mehr hat, so ziemlich alles, weil die Eingeborenen noch im Besitz sehr
-bedeutender Länderstrecken sind und diesen ihren Besitz zähe vertheidigen.
-Der letzte blutige Krieg zwischen den Engländern und den Maoris ist aus
-dieser Frage entstanden und nur dadurch beendigt worden, daß die englische
-Regierung den Eingeborenen das Besitzrecht ihres Landes zugestanden
-hat. Hiermit sind die englischen Ansiedler aber nicht einverstanden und
-versuchen nun auf anderm Wege in den Besitz des begehrten werthvollen
-Gutes zu gelangen, und dazu sollen die jährlichen sogenannten Landtage
-dienen. Wie die in Anwendung gebrachten Mittel beschaffen sind, ergibt ein
-Blick auf die Straßen. Es ist der Branntwein. Bei unserm ersten Rundgang
-durch die Stadt, wie später bei unserer Rückkehr nach Tauranga, sah ich
-die in großer Zahl anwesenden Eingeborenen nur im Rausche, zu welchem
-der Branntwein ihnen unentgeltlich geliefert werden soll. Ob die Maoris
-nun in diesem Zustand leichter ihre Rechte aufgeben, oder ob sie, an den
-Genuß erst einmal gewöhnt, dem Branntweinteufel verfallen und schneller
-aussterben, wird im Grunde auf den gleichen Erfolg hinauslaufen.
-
-Am 16. morgens in aller Frühe machten wir uns auf die Reise. Unser
-Fuhrwerk war ein mit zwei kräftigen jungen Pferden bespannter Jagdwagen;
-der Sohn des Posthalters kutschierte selbst und benutzte die Fahrt wol
-mit zur Inspicirung der verschiedenen Pferdestationen.
-
-Die ersten 12 km führt der Weg durch eine Ebene, dann schneidet er in
-den schönen alten, jungfräulichen Wald ein, geht über Berg und Thal,
-durch Schluchten und über Brücken und bietet dem Reisenden genußreiche
-Stunden. Die neu angelegte Straße ist vorzüglich. Die alten Kaurifichten,
-riesigen Baumfarrn und was sonst alles in der genialsten Unordnung
-und Vielseitigkeit in dem seitwärts der Straße von Menschenhand noch
-unberührten Walde wächst, die malerischen Schluchten, Felspartien und
-kleinen Wasserfälle bieten dem Auge so viel Anziehendes, daß die Zeit
-unbemerkt dahinfliegt. Immer nach Verlauf von etwa zwei Stunden kommen wir
-an eine Pferdestation, wo die Pferde gewechselt werden und wir eine kleine
-Erfrischung finden. So geht es ununterbrochen ohne Peitschengeknall in
-schlankem Trabe vorwärts durch den schönen Wald bei prächtigstem Wetter.
-Nach sechsstündiger Fahrt treten wir wieder aus dem Walde heraus und
-unter uns vor unsern Augen liegt in einer weiten Ebene der im Durchmesser
-etwa 9 km große Roto-rua (roto ist die Maori-Bezeichnung für See), eine
-weite blaue Wasserfläche, umrahmt von niedrigen Hügeln. Der Blick umfaßt
-beinahe das ganze, 350 m über dem Meeresspiegel liegende Seengebiet.
-Wasser, Hügel und Wald sind zu sehen, aber die uns gerühmte und von uns
-erwartete Großartigkeit der Scenerie vermögen wir nicht zu finden und zu
-erfassen. Eine große Ebene ohne Menschen und Städte, nur hier und dort
-sieht man ein einzelnes Farmerhaus, große Wasserflächen ohne Rahmen und
-ohne Leben. Kalt und todt sieht alles aus und erinnert mich lebhaft an die
-ebenfalls von so vielen Seiten gerühmten ostholsteinischen Seen, welche
-mit Ausnahme einiger kleinern Partien eigentlich durchaus keine besondern
-landschaftlichen Reize bieten.
-
-Gleich außerhalb des Waldes treffen wir ein einzelnes Haus als erste
-menschliche Ansiedelung, die Schule für die weitere Umgebung, deren
-Bewohner freudestrahlend herausstürzen, um einmal wieder andere Menschen
-zu sehen und Zeitungen zu erhalten, welche unser Rosselenker ihnen
-mitgebracht hat. Hier scheinen auch die Privatwagen ebenso die Post
-mitzubefördern, wie die Schiffe es zwischen Australien bezw. Neu-Seeland
-und den polynesischen Inseln thun.
-
-Noch eine Viertelstunde bergab und wir traben an dem Ufer des Roto-rua
-entlang nach dem Städtchen Ohinemutu, wo wir nach 1½ Stunden eintreffen.
-Es war uns zwar empfohlen worden, noch denselben Tag weiter bis nach
-Wairoa zu gehen, weil wir dadurch einen Tag gewonnen hätten, wir waren
-nach der nahezu achtstündigen Fahrt aber so durchgerüttelt, daß wir
-vorzogen, in dem sehr einfachen aber guten Gasthaus zu rasten und über
-Nacht zu bleiben. Unsere freie Zeit benutzten wir zu einem Besuch des
-Eingeborenendorfes, wo wir die ersten Zeichen fanden, daß wir uns bereits
-auf vulkanischem Boden befanden. Dicht am Ufer des Sees kocht und brodelt
-es überall aus der Erde heraus; vorsichtig muß man sich zwischen den
-heißen Tümpeln hindurchbewegen, um nicht einmal unversehens in einen
-solchen zu treten; an einzelnen hocken Eingeborene, welche sich in dem
-heißen Wasser in eingetauchten Töpfen Fische, Krebse und Kartoffeln
-kochen. Nur an dieser Stelle des Roto-rua sollen heiße Quellen vorkommen
-und diese sind wol auch bestimmend für die Wahl des Ansiedelungsplatzes
-gewesen. Das Dorf selbst macht einen verfallenen unsaubern Eindruck und
-steht in grellem Gegensatz zu dem schönen großen Berathungshaus, welches
-mit höchst phantastischen aber erst in neuester Zeit angefertigten
-Schnitzereien reich geschmückt ist. Der uns führende Polizeidirector des
-Districts, an welchen wir empfohlen waren, beantwortete meinen Wunsch
-auf Erwerbung einiger alter Schnitzereien damit, daß nichts mehr zu
-haben sei, weil seine Landsleute so außergewöhnliche Preise für diese
-Sachen gezahlt hätten, daß die Maoris bereits alle Zierathe ihrer Häuser
-heruntergerissen und verkauft hätten, und dies wird wol auch die Ursache
-des jämmerlichen Zustandes der Behausungen sein. Immerhin gab ich meine
-Absicht noch nicht auf und versuchte ein altes im Staub liegendes Idol in
-natürlicher Menschengröße zu erwerben, trotz seiner nach unsern Begriffen
-etwas gar zu natürlichen Auffassung, doch ohne Erfolg. Lag das Götzenbild
-auch neben seinem eigentlichen Standort im Schmutz, es blieb doch immer
-die Dorfgöttin und war unverkäuflich. Auffallend ist an diesen Bildwerken
-die merkwürdige Aehnlichkeit in der Wiedergabe der menschlichen Formen
-mit der in Neu-Irland gebräuchlichen.
-
-Am nächsten Vormittag bei guter Zeit setzten wir die Fahrt nach
-Wairoa fort. Der Weg führt anfänglich durch das interessante
-Whakarewarewa-Gebiet, welches wir nach dem ursprünglichen Plan erst auf
-der Rückfahrt besichtigen wollten, aber doch jetzt schon mitnahmen,
-weil wir durch den Aufenthalt in Ohinemutu Zeit verloren hatten und
-während des Nachmittags in Wairoa doch nichts hätten vornehmen können.
-Ein mitgenommener Führer erwies sich hierbei als unentbehrlich, denn
-der Unkundige kann die sichern schmalen Wege von den gleich zuverlässig
-aussehenden unsichern nicht unterscheiden. Rund um uns kocht und
-dampft es in kleinen und größern Wasserlachen, aus kleinen und größern
-Löchern heraus. Der ganze Boden ist so heiß, daß man die Wärme durch
-die Doppelsohlen unserer Stiefel spürt. An einzelnen Lachen und Löchern
-sind die in der Nähe liegenden Gegenstände mit Sinter, an andern mit
-feinen Schwefelkrystallen überzogen, und an einem Tümpel fanden wir
-große Sinterblöcke, welche, als wir Stücke von ihnen abschlugen, im
-Innern lauter kleine Zellen mit eingekapselten Fliegen zeigten, die
-hier wol ihren Tod finden und dann gleich zu Tausenden, wenn nicht
-Millionen eingesargt werden. Der Whakarewarewa, ein mächtiger Geysir,
-welcher dem großen auf Island an Stärke gleichkommen soll, war uns
-nicht gnädig gesinnt und zeigte sich nicht in seiner ganzen Größe,
-bei zeitweisem Aufsprudeln stieg er nur einen Meter hoch auf. Als das
-Merkwürdigste erschien mir ein Wassertümpel von etwa 2 m Durchmesser,
-dessen dunkelgrüne, tief durchsichtige Wasserfläche wie ein Spiegel vor
-uns lag und der von den Eingeborenen am meisten gefürchtet werden soll.
-Trotzdem das Wasser weder wallt noch Siededämpfe von ihm aufsteigen, soll
-es einen so hohen Hitzegrad haben, daß es sofort alles verbrennt. Als vor
-noch nicht langer Zeit ein Eingeborener in diesen Brunnen fiel, soll man
-nach wenigen Stunden nur noch sein Knochengerippe herausgefischt haben,
-da alles Fleisch bereits abgekocht gewesen sei. Ob es wahr ist, kann ich
-nicht verbürgen, einen Versuch mit einem meiner Finger habe ich nicht
-gemacht.
-
-Ich war im ganzen froh, als wir diesen unsichern Boden verlassen hatten
-und wieder in unserm Wagen saßen. Nach einstündiger Fahrt kamen wir
-noch einmal in einen schönen Wald, stießen, als wir denselben nach einer
-halben Stunde wieder verließen, auf den kleinen See Tikitapu und hatten
-gleichzeitig einen schönen Blick auf den Roto-kakahi, fuhren zwischen
-diesem und dem Saum eines andern Waldes hin, bogen dann um den letztern
-nach links und hatten vor unsern Augen den großen See Tarawera, dessen
-jenseitiges Ufer durch den Gipfel des Mount Edgecombe und durch die
-300 m über dem Seespiegel liegenden Krater des Tarawera-Gebirges einen
-malerischen Abschluß findet. Noch wenige Minuten und wir waren in Wairoa
-angelangt.
-
-Nachdem wir uns erfrischt hatten, war unsere erste Sorge, uns einen Führer
-und ein Boot für den nächsten Tag nach dem Roto-mahana zu sichern, da
-noch einige Fremde hier waren, welche ebenfalls an demselben Tage den See
-besuchen wollten. Wir konnten indeß nur noch eine Führerin, eine halbweiße
-junge Frau, erhalten, weil die beiden männlichen Führer bereits vergriffen
-waren, hatten dies aber nicht zu bereuen, da die Person sich als durchaus
-zuverlässig und ihrer Aufgabe gewachsen erwies.
-
-Der Reiz von Wairoa liegt vorzugsweise in seiner Abgeschiedenheit und der
-erhabenen Ruhe der ganzen Umgebung. Am Fuße einer niedrigen bewaldeten
-Hügelkette gelegen, hat man von der Ansiedelung aus einen freien
-Ueberblick über den Tarawera-See und kann, auf der Veranda des Gasthauses
-sitzend, ungestört das allmähliche Schwinden des Tages genießen und nach
-Herzenslust träumen. Der südliche Sternenhimmel schaut auf uns hernieder
-und gemahnt uns an die Nachtruhe, um am nächsten Morgen in aller Frühe
-frisch den neuen Strapazen entgegengehen zu können. Doch da entsendet über
-uns aus einem offenen Fenster ein Flötenbläser seine seltsamen Weisen in
-die stille Nacht hinaus und bannt uns noch für eine Weile an unsern Platz.
-Ein merkwürdiger Zauber liegt in diesen Tönen in dieser Umgebung, und von
-wahrhaft ergreifender Wirkung müßten die über die Seefläche hinlaufenden
-Töne eines Hornes sein. Hätte ich vorher an diesen Umstand gedacht,
-dann hätte ich sicher unsern Kapellmeister, welcher ein vorzüglicher
-Cornettbläser ist, mitgenommen, um mir diesen zwar etwas kostspieligen
-aber einzigen Genuß zu verschaffen.
-
-Morgens 6 Uhr verließen wir das Gasthaus und hatten etwa 10 Minuten bis
-zu der Stelle zu gehen, wo am Seeufer die Boote untergebracht sind. Die
-Partie wird nämlich so gemacht, daß man von Wairoa aus mit einem Boot
-einen großen Theil des Tarawera durchfährt, dann in einen flußähnlichen
-Wasserlauf, welcher den Tarawera-See mit dem Roto-mahana verbindet,
-einbiegt und in diesem bis zu den dicht am Roto-mahana liegenden
-Stromschnellen, welche ein weiteres Vordringen verbieten, fährt. Von hier
-aus muß man zu Fuß gehen.
-
-Unsere Führerin, welche ich noch nicht gesehen hatte, da sie von dem
-Consul angenommen worden war, machte einen guten Eindruck. Es war eine
-etwa zwanzigjährige hübsche junge Frau mit schönen großen, fragenden
-Augen, von hellbrauner Hautfarbe und vollen Formen, welcher der kurze nur
-eben über die Knie reichende schottische Rock und die bloßen Füße gut
-standen. Ebenso wie ihre Tracht derjenigen der Eingeborenen entsprach,
-hatte sie auch ihr Kinn nach Art der eingeborenen Frauen tätowirt, auch
-zierte ein schönes Schmuckstück aus dem nur auf Neu-Seeland vorkommenden
-halbdurchsichtigen grasgrünen Halbedelstein ihren bloßen Hals. Ein Plaid
-umschloß ihre Schultern, wie die hiesigen Eingeborenen es überhaupt
-lieben, sich als Bergschotten zu kleiden. Ihre gute Herkunft von
-väterlicher Seite gab die Erklärung für ihr gewähltes Englisch und ihre
-guten Umgangsformen, ohne daß sie etwas anderes sein wollte als die
-bezahlte Führerin. Das für uns bestimmte Boot wurde von vier eingeborenen
-Männern gerudert; der Consul, ich und unsere Führerin nahmen hinten
-Platz. Wir hatten zunächst dicht an dem Seeufer entlang ungefähr 6 km
-in östlicher Richtung zurückzulegen, bogen dann um ein vorspringendes
-Cap nach Süden und befanden uns nun in einer etwa 4 km langen und 1-2 km
-breiten, von hohen Ufern eingerahmten Straße. War es vorher schon frisch
-gewesen, so wurde es hier geradezu kalt und zwar so empfindlich, daß
-ich in meiner leichten Kleidung, welche ich für das spätere Marschiren
-angelegt hatte, ganz jämmerlich fror. Dies merkte auch Frau Margarate,
-wie ich unsere Führerin nennen will, denn sie sagte kurz zu mir: „Sie
-frieren!“ rückte, dem polynesischen Theil ihres Blutes folgend, dicht
-neben mich, nahm ihren Plaid von den Schultern und ehe ich ahnte, was sie
-eigentlich wollte, hatte sie ihren linken Arm um meinen Hals geschlungen,
-meinen Kopf an ihre warme Schulter gebettet und uns beide in den Plaid
-wieder eingehüllt. Behaglich warm war es an der Seite dieser sauber und
-nett angezogenen jungen Person, von der Umgebung bekam ich aber nicht
-mehr viel zu sehen, denn Margarate erzählte mir nun so vielerlei, daß
-ich mehr auf dieses und unwillkürlich auch auf das Pochen ihres Herzens,
-welches in regelmäßigen Schlägen an mein rechtes Ohr klopfte, achten
-mußte. (Ich führe dies übrigens nur als Beitrag zur Charakteristik der
-Südsee-Insulaner an.) Sie erzählte mir unter anderm, was mir auch sonst
-bestätigt wurde, daß ihr Vater ein reicher Mann sei, der Aufenthalt im
-elterlichen Hause für sie aber nach dem Tode ihrer Mutter und nachdem
-ihr Vater in zweiter Ehe eine Weiße geheirathet habe, unerträglich
-geworden sei, sodaß sie dem Drang ihres polynesischen Blutes nach Freiheit
-nachgebend das elterliche Haus mit Einwilligung ihres Vaters verlassen
-habe, um sich dem Stamme ihrer Mutter wieder anzuschließen. Sie lebe nun
-wieder als Maori-Frau, habe einen halbweißen Mann geheirathet und würde
-ganz glücklich sein, wenn ihre Ehe mit Kindern gesegnet wäre; auf dieses
-Glück müsse sie aber verzichten, weil die Ehen zwischen zwei Halbweißen
-stets kinderlos blieben.
-
-Die Straße verlief in eine enge Schlucht, wo wir in den zwischen
-Felswänden eingekeilten Fluß einfuhren und nach Verlauf einer weitern
-Viertelstunde an dessen Ostufer landeten, um uns nunmehr auf unsere
-eigenen Füße zu verlassen. Wir hatten nicht weit zu gehen. Schon nach
-kurzer Zeit deuteten weiße Dämpfe auf halber Höhe der vor uns liegenden
-Hügel an, daß wir am Ziele seien, und gleich darauf lag auch der 1 km
-lange und ½ km breite Roto-mahana (der warme See) vor unsern Augen,
-klein und unscheinbar, mit trübem schmutzig-grünen Wasser und umgeben von
-niedrigen, theils nackten, theils nur mit niedrigem Buschwerk bedeckten
-Hügeln, von welchen allenthalben weiße Dämpfe emporstiegen. Dieses wenig
-anziehende Stück Erde birgt also das Sehenswertheste von Neu-Seeland,
-Wunder, zu welchen die Menschen jahraus jahrein hinströmen und sogar von
-Sydney aus hinkommen. Auch wir stehen jetzt vor einem solchen Wunder.
-Vorsichtig Frau Margarate folgend, gehen wir an dampfenden Pfützen von
-klarem Wasser und kleinen Gruben, in denen eine kalkartige Masse auf-
-und niederwallt, vorbei, überschreiten feuchte, durch Eisenoxyd geröthete
-Stellen, winden uns durch hohes, halbverdorrtes Gras und kommen endlich,
-nachdem wir (wie später festgestellt) 25 m hoch gestiegen waren, an einen
-brodelnden, über seinen Rand überlaufenden Brunnen. Wir wenden uns um und
--- ja die Landschaft ist reizlos, aber das, was zu unsern Füßen liegt,
-die weiße Sinterterrasse, ist großartig schön.
-
-In vielleicht zwanzig größern und gewiß ebenso viel oder mehr kleinern
-Terrassen erstreckt sich in einem Neigungswinkel von etwa 45° und bis zu
-einer Breite von über 50 m sich ausdehnend ein gar wunderbares Bauwerk
-bis zu dem Seeufer hin. Aus schneeigem Marmor scheint es geschaffen und
-von geübter Künstlerhand ausgearbeitet zu sein. Die einzelnen Terrassen
-bilden kurze und lange, breite und schmale, geradlinig, halbkreisförmig
-und oval geformte Becken mit breiten wulstigen Rändern und angefüllt
-mit köstlich blau gefärbtem Wasser. Und was dem Ganzen einen Hauptreiz
-verleiht, ist der matte weiche Farbenton der Sintergebilde, welcher so
-wunderbar absticht von dem glänzenden Spiegel der blauen Wasserfläche, den
-mit frischem Laub grün umsponnenen kleinen Felsrücken, welche an einzelnen
-Stellen zwischen die Terrassen geschoben sind, und dem theilweise roth
-gefärbten Boden der äußern Ränder. Die Sintergebilde erscheinen wie
-feine Filigranarbeit, und man kann es kaum fassen, wie es möglich ist,
-daß dieses riesige Bauwerk, diese 1 m dicken, oft 2 m hohen und bis zu
-6 und 8 m langen Ränder und Wände der einzelnen Becken sich nur aus den
-kleinen Sintertropfen und Stäbchen zusammensetzen. Der vorher genannte
-Brunnen ist der eigentliche Bildner dieses Wunderwerks. Ein Geysir, wirft
-er unausgesetzt das von unten nachströmende dunkelgrüne Wasser aus, in
-welchem die zur Sinterbildung erforderlichen Kalksalze und nach Dr. von
-Hochstetter hier vornehmlich Kieselsäure enthalten sind. Siedend heiß
-strömt es über, füllt, himmelblaue Farbe annehmend, die obern Becken,
-läuft aus diesen über in die weiter unten gelegenen und kommt, sich
-allmählich abkühlend, unten im See mit einer Temperatur von vielleicht nur
-20° C. an. So hat jedes Becken, von denen einzelne die Größe und Tiefe
-einer Badewanne haben, andere genügend groß sind, um mehrern Personen
-gleichzeitig ein Schwimmbad zu gestatten, einen verschiedenen Wärmegrad;
-oben hat man Siedehitze, in der Mitte ist es noch heiß und weiter unten
-lauwarm. Sehr verführerisch war es, in diesen schönen Becken und in
-dem durchsichtig blauen Wasser, für dessen Färbung ich keine Erklärung
-erhalten und finden konnte, ein Bad zu nehmen; mir wurde aber gesagt, daß
-das Bad in den Becken der andern Terrasse vorzuziehen sei und so beschied
-ich mich bis dahin.
-
-Wir wanderten weiter, an verschiedenen merkwürdigen Quellen und
-Löchern vorbei, und kamen auch an das sogenannte Teufelsloch, eine
-unschuldig aussehende kleine dunkle Oeffnung im Erdboden, in welcher der
-hinterlistigste und verderblichste Ueberfall lauern soll, weshalb uns
-auch nicht gestattet wurde, zu nahe an das Loch heranzutreten. Stets
-ohne vorherige Warnung irgendeiner Art soll dieser Pfuhl plötzlich so
-große Massen kochend heißen Wassers und Schlammes ausspeien, daß alles in
-nächster Nähe befindliche Leben verbrüht, versengt und vernichtet wird.
-Wir machten, daß das Teufelsloch bald weit hinter uns lag, und bestiegen
-in der Mitte des östlichen Seeufers ein Kanu, das uns nach der andern
-Seite und nach der dort gelegenen rosafarbenen Sinterterasse bringen
-sollte. Sehr merkwürdig ist auf dieser kurzen Fahrt die häufig wechselnde
-Temperatur des Wassers, welche in dem ganzen See, je nachdem vom Boden aus
-heiße Quellen aufsteigen oder nicht, zwischen 15 und 40° schwanken soll.
-Wir umfuhren eine kleine Insel und vor uns lag in glitzerndem Sonnenschein
-unter dem blauen Himmel, oben und zu beiden Seiten eingerahmt von saftig
-grünen Hügeln, die 20 m hohe und etwa 30 m breite so duftig hellrosa
-überhauchte Terrasse, daß ich die Empfindung hatte, kaum je etwas Zarteres
-und dabei doch Großartigeres gesehen zu haben. Wir landeten am Fuß der
-Terrasse und hatten hier in der Nähe gleich wieder denselben unangenehmen
-Anblick wie bei der weißen Terrasse, daß kaum ein Fleck zu finden war, wo
-nicht die eitlen Besucher ihren höchst unnützen Namen mit Blei auf die
-zarten Wände gekritzelt hatten. Allerdings gab die unendliche Namenzahl
-einen Maßstab dafür, wie stark diese weit entlegenen Wunderwerke trotz
-der Kostspieligkeit der Reise doch besucht werden. Nachdem wir bis zu dem
-Brunnen, welcher die Terrasse speist, vorgedrungen waren und von dort den
-merkwürdigen Farbeneffect, welchen das blaue Wasser mit den rosafarbenen
-Umwandungen bildet, bewundert hatten, stiegen wir wieder hinab, der
-barfüßigen Frau Margarate folgend, welche leicht von Absatz zu Absatz
-sprang und ungefähr in halbe Höhe ein geeignetes Becken mit lauwarmem
-Wasser für unser Bad auswählte. Sie begab sich dann ganz hinunter zum
-Ufer, sodaß wir uns ungenirt entkleiden und ein höchst eigenartiges und
-schönes Schwimmbad nehmen konnten, nach welchem wir den Rückweg antraten,
-durch einen niedrigen Wald oder Busch zu unserm Boot und mit diesem
-nach Wairoa gelangten, von wo aus wir noch im Laufe des Nachmittags
-nach Ohinemutu zurückkehrten. Hier gelang es mir noch in dem Dorf der
-Eingeborenen aus einem Schutthaufen einige alte Schnitzereien auszugraben
-und zu erwerben, für welche ich dem Besitzer aber einen so hohen Preis
-zahlen mußte, daß ich denselben lieber verschweigen will.
-
-Am 19. morgens verließen wir Ohinemutu und fanden den Wald nicht ganz so
-schön wie auf der Hinfahrt, weil stellenweise, wo wir den frischen Wind
-im Rücken hatten, der von unserm Wagen aufgewühlte Staub so fürchterlich
-war, daß wir vorzogen, den Wagen vorzuschicken und ein großes Stück zu Fuß
-zu gehen. Bei dieser Gelegenheit, nachdem wir etwa eine Stunde gegangen
-waren, begegneten wir auch der Postkutsche, welche sich schwerfällig
-bergauf bewegte und deren Insassen nebenhergingen, um den Thieren die
-Arbeit zu erleichtern. Die Kutsche und die Reisenden waren schon weit
-hinter uns, wir hatten schon mehrere Wegebiegungen passirt, da sahen wir
-noch zwei jedenfalls zur Post gehörige junge Damen am Waldesrand Blumen
-suchen. Leichtsinnig wie solche junge Damen sind, waren sie so weit
-zurückgeblieben, daß ihr Ruf hier mitten im Urwald weder die Mitreisenden,
-noch sonst irgendein menschliches Ohr hätte erreichen können. Wir sahen
-auch auf die Entfernung hin keineswegs vertrauenerweckend aus, waren
-so verstaubt, daß weder an unserer Kleidung noch an unsern schmutzigen
-Gesichtern jemand unsern Stand hätte errathen können; unser Wagen, welcher
-an der nächsten Pferdestation auf uns warten sollte, war uns so weit
-voraus, daß wir auch mit diesem nicht mehr in Verbindung gebracht werden
-konnten. Als die Damen uns erblickten, mußte ihnen daher die Gefahr klar
-werden, in welcher sie sich möglicherweise befanden, und sie wurde ihnen
-auch anscheinend klar. Sie gaben das Blumenpflücken auf und schienen
-anfänglich in dem Wald Schutz suchen zu wollen, wendeten sich aber doch
-wieder zur Straße und nahmen eine möglichst harmlose, furchtlose Haltung
-an. Als sie aber dicht bei uns waren und wir sie grüßten, weil der Consul
-in der einen eine Dame aus Auckland erkannte, welche erst nach diesem
-Gruß meinen Begleiter erkennen konnte, da half keine Heuchelei mehr. Die
-vorbrechende Freude in den Gesichtern der Damen war eine so ungekünstelte,
-daß diese klar zeigte, welche Angst sie vorher ausgestanden hatten.
-
-Ohne weitere Abenteuer war ich nach Auckland heimgekehrt und stand am 20.
-nachmittags wohlbehalten wieder auf meinem Schiff.
-
- Die vorstehenden Schilderungen über das Geysir-Gebiet in
-Neu-Seeland treffen zur Zeit nur noch in beschränktem Maße zu, weil
-der vulkanische Ausbruch des Berges Tarawera am 10. Juni 1886 sehr
-bedeutende Veränderungen in landschaftlicher Beziehung im Gefolge
-gehabt hat. Näheres siehe im Anhang S. 576.
-
-
-
-
-16.
-
-Die Tonga-Inseln.
-
-
- 8. März 1879, vormittags.
-
-Schön ist das Wetter, normal der Barometerstand und leicht der Passatwind,
-welcher unser Schiff den Tonga-Inseln entgegenführt, und doch will es
-scheinen, daß wir trotz dieser guten Zeichen heute noch, vielleicht
-schon in wenigen Stunden von einem verheerenden Orkan überfallen werden.
-Denn vor einer Stunde kam uns ganz plötzlich, wie von dem Meeresgrund an
-die Oberfläche gestoßen, ein Sturmbote entgegen, welcher die ernsteste
-Beachtung verdient -- hohe Dünung aus Nordost, Wellen, welche jetzt schon
-eine Höhe von etwa 10 m haben und diejenigen des Passatwindes vollständig
-niederdrücken. Diese Dünung kann nur von einem Nordoststurm herrühren und
-ein solcher kann wiederum in diesen Regionen nur ein Theil eines Cyklons
-sein, welcher zur Zeit im Norden von uns bei den Tonga-Inseln stehen muß
-und dessen Centrum demnach etwa 150 Seemeilen von uns entfernt ist. Es
-ist allerdings wunderbar, daß Wind, Wetter und namentlich Barometer die
-Nähe des Orkanfeldes so gar nicht andeuten, sodaß man versucht wird, die
-Dünung andern Ursachen zuzuschreiben; die Gleichmäßigkeit aber, womit
-immer wieder in ununterbrochener Folge neue Wellen heranlaufen, sowie
-deren wachsende Höhe lassen mich das Schlimmste befürchten.
-
-Hätten wir freien Seeraum nach allen Seiten, dann könnte ich die
-Entwickelung der Dinge vorläufig noch mit einiger Ruhe abwarten, weil
-ich dann mit Segel und Dampf dem verheerendsten Theil des Cyklons, seinem
-Centrum, ausweichen könnte; da wir uns aber jetzt schon in unheimlicher
-Nähe einzelner Korallenriffe befinden und, wenn wir mit unserm jetzigen
-Curs und der bisherigen Geschwindigkeit weiterlaufen, um 2 Uhr schon
-in weitem Umkreis so von Korallenriffen umgeben sein werden, daß wir
-nicht mehr nach unserm Belieben manövriren können, sondern auf dem
-eingeschlagenen Wege bleiben müssen, so liegt es auf der Hand, daß ich
-dem Kommenden nur mit großer Sorge entgegensehen kann.
-
-Ich könnte jetzt noch mit einem Umweg von etwa 100 Seemeilen um das
-Gebiet der Korallenriffe herum allen Gefahren entgehen, wenn der Orkan
-seinen Weg von den Tonga-Inseln aus südlich oder südöstlich nähme, und
-wenn ich dies wüßte. Geht er aber, was ebenso möglich ist, etwas über die
-genannten Inseln westlich hinaus, ehe er seinen südlichen Curs aufnimmt,
-dann würde ich mich gerade auf jenem Wege in die Gefahr begeben. Sollte
-das Sturmfeld uns treffen, ehe ich einen genügenden Vorsprung nach Westen
-gewonnen hätte, so wäre die Gefahr noch viel größer, weil wir uns dann in
-sehr viel größerer Nähe einiger Riffe befänden, als wir es im Laufe des
-Nachmittags sein werden, wenn wir mit unserm jetzigen Curse weiterlaufen.
-
-Es ist infolge langjähriger Beobachtungen bekannt, daß die bei den
-Tonga-Inseln auftretenden und immer von Osten kommenden Cyklone in der
-Regel nur bis zu diesen Inseln laufen und dann von dort aus in einer
-schärfern oder flachern Kurve nach Süden oder Südosten ziehen, auch
-kann man aus dem Fallen und Steigen des Barometers in Verbindung mit der
-Aenderung der Windrichtung von dem Schiff aus den Weg bestimmen, welchen
-der Orkan nehmen wird, aber dies letztere nur, wenn Barometer und Wind
-überhaupt sprechen, und dies ist bisher noch nicht geschehen. Nach der
-Stetigkeit, mit welcher der Wind aus Südost weht, könnte man zwar folgern,
-daß das Sturmcentrum sich gerade auf uns zu bewegt; da aber der Barometer
-unverrückt seinen hohen Stand behält, so ist dies andererseits auch nicht
-anzunehmen und nur zu vermuthen, daß wir uns noch nicht im Sturmfeld
-befinden. So bleibt mir zur Zeit nichts anderes übrig, als zunächst zu
-suchen, das Schiff möglichst schnell aus der unangenehmen Nähe der uns
-gerade zur Zeit umgebenden Riffe zu bringen, wozu die erforderlichen
-Anordnungen getroffen sind. Es bleibt mir nach allem keine andere Wahl,
-als auszuharren und zu hoffen, daß ein gütiges Geschick über uns walten
-werde.
-
-Ich habe vor vielen Jahren zwei Orkane mit erlebt und jetzt treten
-die Ereignisse des einen, bei welchem am 2. September 1860 in einem
-Umkreis von wenigen Meilen nicht nur unser Kriegsschooner „Frauenlob“,
-sondern auch noch ein englisches Kriegsschiff und zwei englische
-Pferde-Transportschiffe mit Mann und Maus zu Grunde gingen, auch unsere
-Fregatte „Arkona“, auf welcher ich mich befand, dem Untergang nahe war,
-in erschreckender Deutlichkeit wieder vor mein geistiges Auge. Nur Gott
-weiß, was uns beschieden sein wird!
-
-1 Uhr. Der Wind hat inzwischen die Stärke eines mäßigen Sturms angenommen,
-der Barometer ist aber nur so unwesentlich gefallen, daß ich mir noch
-immer kein Bild davon machen kann, was werden wird. Um 10 Uhr stand er
-761,75 mm und jetzt hat er noch einen Stand von 760,00 mm.
-
-2 Uhr. Es weht ein voller Sturm aus Südost mit hohem Seegang, während die
-hohe Dünung aus Nordost gleichzeitig sich noch immer in ihrer bedeutenden
-Höhe behauptet. Der Barometer steht 759,65 mm.
-
-4 Uhr. Barometerstand noch immer hoch, 758,00 mm (in der Nähe des Centrums
-eines Orkans fällt er bis auf 700,00) und trotzdem kann es keinem Zweifel
-mehr unterliegen, daß wir uns bereits innerhalb des Orkanfeldes befinden.
-Der Wind, welcher dauernd an Stärke zunimmt, bleibt unverändert auf Südost
-stehen, das Centrum des Orkans rückt also gerade auf uns zu. Ausweichen
-können wir nicht mehr.
-
-5 Uhr. Ein kleiner Hoffnungsschimmer zeigt sich uns, der Wind ist auf
-Südsüdost gegangen -- ein Zeichen, daß das Orkanfeld anfängt nach Osten
-abzudrehen. Das Schiff arbeitet schwer, hält sich aber sonst vorzüglich
-in der hohen durcheinanderlaufenden See. Schreiben ist nicht mehr möglich.
-
-
- 9. März, vormittags.
-
-Das war eine bange, sorgenvolle Nacht, aber jetzt lacht wieder die Sonne;
-Wind und Seegang nehmen schnell ab, wenn wir uns auch noch immer in
-der äußern Peripherie des jetzt südlich von uns stehenden Sturmfeldes
-befinden.
-
-Gestern Abend 9 Uhr hatte der Wind nahezu die Stärke eines Orkans
-erreicht, sodaß ich jeden Augenblick das Wegfliegen unserer Sturmsegel
-befürchtete. Wir mußten in der Nähe des Centrums sein, weil die
-Windrichtung schnell wechselte, denn um 8½ Uhr hatten wir noch
-Südsüdost-Wind, um 9 Uhr war er aber schon Süd und um 10 Uhr Südsüdwest,
-womit das Centrum bereits an uns vorbeigezogen war.
-
-Um 9 Uhr war das Schiff, welches bis dahin noch immer Curs gelegen hatte,
-beigedreht worden, um das Sturmcentrum an uns vorbeiziehen zu lassen und
-in dieser Lage den uns drohenden Gefahren besser begegnen zu können; als
-aber um 11½ Uhr der Wind noch immer auf Südsüdwest stand, ohne an Stärke
-abzunehmen, und der Barometer, welcher um 6 Uhr seinen niedrigsten Stand
-mit 757,00 mm erreicht hatte, um 10 Uhr auf 758,40 mm gestiegen war, hielt
-ich, da ich nun im Norden wieder freie Bahn vor mir hatte, mit dem Schiff
-wieder ab und ließ es mit so viel Sturmsegeln, als es tragen konnte, einen
-nördlichen Curs laufen, um unter Hintansetzung jeder andern Rücksicht
-einen möglichst weiten Raum zwischen uns und unsern Gegner zu bringen. Es
-war eine tolle Fahrt in der dunkeln Nacht auf der wildtobenden See, deren
-Wellen von allen Seiten laufend das große Schiff wie einen Spielball hin
-und her warfen. Jeden Augenblick mußte ich darauf gefaßt sein zu sehen,
-wie ein Theil der Takelage über Bord geschleudert würde, daß sich die
-schweren Boote oder Geschütze losreißen oder sonstige Havarien eintreten
-würden; doch es ging alles gut. Kurz nach Mitternacht schon nahm der Wind
-etwas ab und nachdem er um 4 Uhr morgens auf Südwest gesprungen war, wurde
-es schnell flauer. Vor einer Stunde fing auch die See an sich zu glätten,
-da die gegeneinander laufenden Wellen sich selbst zerstören, und jetzt
-ist es schon wieder so, daß ich bei ruhig liegendem Schiff schreiben kann.
-
-
- 19. März 1879.
-
-Am 10. d. M. langten wir in Nukualofa auf Tongatabu an und heute Vormittag
-haben wir Vavau, den nördlichsten Hafen der Tongagruppe, verlassen. Der
-Zweck unsers Anlaufens der Tonga-Inseln war, dem König und den beiden
-Prinzen die ihnen verliehenen preußischen Orden zu überreichen, wozu auch
-der „Albatros“ von Apia aus nach Nukualofa gekommen war und dort schon
-einige Tage auf uns gewartet hatte.
-
-In Nukualofa sah es traurig aus. Der Orkan, in welchem wir uns in der
-Nacht vom 8. zum 9. befunden hatten, war in derselben Nacht mit seinem
-Centrum, wie es auffälligerweise die hier auftretenden Drehstürme in
-der Regel thun, mit verheerender Gewalt über Tongatabu weggezogen und
-hatte eine fürchterliche Verwüstung angerichtet, die Kirche abgedeckt,
-die Hütten weggefegt, Zäune niedergelegt und eine erschreckend große
-Zahl Kokospalmen wie andere Bäume umgebrochen. Der angerichtete Schaden
-ist so groß, daß die ganze Bevölkerung vollständig betäubt war und man
-nur ernste und besorgte Gesichter zu sehen bekam. Der „Albatros“ hatte
-ebenfalls schlimme Stunden durchgemacht, denn wenn auch am Abend des 8.
-der König noch einen Lootsen mit der Mittheilung, daß ein Orkan im Anzuge
-sei, geschickt und dieser das Kanonenboot an einem bessern und wie es
-schien vollständig sichern Ankerplatz verankert hatte, wo der Commandant
-drei Anker mit der ganzen Kette ausbringen und die Takelage an Deck nehmen
-ließ, war die Wucht des Windes doch eine so mächtige gewesen, daß das
-Schiff, obgleich es außerdem noch mit voller Maschinenkraft gegen den Wind
-anarbeitete, langsam dem Strande zugetrieben wurde und sicher gescheitert
-wäre, wenn der Sturm eine halbe Stunde länger angedauert hätte. Die durch
-die Verwüstungen am Lande hervorgerufene Unordnung war im übrigen so groß,
-daß ich mit der feierlichen Ueberreichung der Orden nothgedrungen warten
-mußte, bis wieder einigermaßen Ordnung geschaffen war und dies war erst
-am Vormittag des 12. März der Fall.
-
-Nach Ueberreichung der Orden folgten der König und die Prinzen einer
-Einladung zum Frühstück bei mir auf der „Ariadne“ und damit war die Feier
-beendet, da der König gebeten hatte, unter dem Eindruck der vorliegenden
-Verwüstungen von einer Festlichkeit absehen zu dürfen. Statt dessen mußten
-der Commandant des „Albatros“ und ich abends die Gäste des englischen
-Missionars, welcher eine große Vertrauensstellung bei dem König einnimmt,
-sein und dort war auch der ebenfalls geladene Prinz Wellington Gu
-anwesend.
-
-Im Hause des geistlichen Herrn fanden wir zwei liebenswürdige
-feingebildete Damen, Gattin und älteste Tochter des Hausherrn, welche die
-an sich behagliche Häuslichkeit nur noch reizvoller machten. Der Tisch
-war gut, ebenso waren es die Weine, unter denen vorzugsweise einige zum
-Schluß gebrachte Flaschen wirklich guten edeln Rheinweins unsere volle
-Anerkennung fanden. Nach einem angenehm verlebten Abend trennten wir uns
-erst gegen 10 Uhr, nachdem ich vorher noch dem Prinzen Gu versprochen
-hatte, ihn mit seiner Dienerschaft am nächsten Vormittag nach Vavau
-mitzunehmen, da ich diesen Platz im Vorbeilaufen sowieso für ein oder zwei
-Tage besuchen wollte.
-
-Am nächsten Morgen, nachdem „Albatros“ bereits nach Auckland in See
-gegangen war, trat indeß unserer Weiterfahrt ein Hinderniß entgegen. Der
-Schiffsarzt meldete mir, daß der Steuerer meiner Gig sich wegen heftiger
-Kopfschmerzen in ärztliche Behandlung gegeben habe und er wahrscheinlich
-am vorhergehenden Abend der Gegenstand eines Raubanfalls gewesen sei.
-Die Untersuchung ergab, daß der Bootsmannsmaat, während er mit dem Boot
-auf mich wartete, dort in der Dunkelheit zwei Eingeborenen begegnete
-und gleich darauf bewußtlos war. Später wurde er von den ihn suchenden
-Bootsgasten nicht weit vom Boot entfernt am Strande liegend gefunden und
-zum Bewußtsein zurückgebracht, worauf dann festgestellt wurde, daß sein
-Messer und seine Pfeife fehlten. Da er ein nüchterner, sehr ruhiger Mensch
-ist, die Bootsgasten weder Wortwechsel noch überhaupt einen Laut gehört
-haben, obgleich die Sache sich bei der Dunkelheit in nächster Nähe des
-Bootes abgespielt haben muß, auch die Kleidung des Angefallenen keine
-Spuren eines Kampfes oder Ringens zeigten, so bleibt eben keine andere
-Erklärung übrig, als die eines beabsichtigten Raubanfalls und daß die
-Angreifer ihr Opfer gleich mit dem von hinten geführten ersten Schlag
-bewußtlos zu Boden gestreckt haben. Der Arzt hatte vor dieser Untersuchung
-schon festgestellt, daß der Unteroffizier einen schweren Schlag auf den
-Hinterkopf erhalten hatte, welcher ein mehrtägiges Krankenlager zur Folge
-hatte, einen gleichen das ganze Gesicht zeitweise entstellenden Schlag von
-vorn, und daß er außerdem noch ziemlich stark gedrosselt worden sein muß.
-
-Diese Sache durfte ich nicht mit Stillschweigen übergehen, und da nach
-meiner Kenntniß des Charakters dieser Südseemenschen die That gewiß schon
-der halben Bevölkerung bekannt war, so mußte ich auch die Ermittelung und
-Bestrafung der Thäter fordern. Ich ließ daher gleich der tonganischen
-Regierung von dem Vorfall Kenntniß geben mit der Forderung, die Thäter
-innerhalb drei Stunden zu ermitteln und zu bestrafen, da ich meine auf 9
-Uhr angesetzt gewesene Abreise nur um diese Zeit hinausschieben könne.
-
-Nach einer halben Stunde kam Prinz Gu zu mir, um dem Bedauern des Königs
-über diesen Vorfall Ausdruck zu geben und zu erklären, daß es wol kaum
-möglich sein würde, die Schuldigen in dieser kurzen Zeit zu ermitteln.
-Ich konnte dem nicht zustimmen und nur betonen, daß dies nach meiner
-Ueberzeugung ein Leichtes sei, wenn man nur den guten Willen habe und
-ich daher auf meiner Forderung bestehen müsse. Der Prinz fuhr wieder
-an Land, wo sich am Strande bereits eine große und anscheinend erregte
-Menschenmenge zusammengefunden hatte. Durch das Fernrohr konnte ich sehen,
-wie gleich beim Landen des Bootes ein gebundener Mensch in dasselbe
-gehoben wurde und dieses darauf wieder zu uns kam. Prinz Gu erzählte
-nun, daß der König bereits einen Verdacht gehabt habe, in die Hütte des
-Betreffenden gegangen sei und dort in einer verschlossenen Kiste, welche
-er habe erbrechen lassen, die geraubten Sachen gefunden habe. Die mir
-dann übergebenen beiden Gegenstände schlossen jeden weitern Zweifel aus,
-da sie mit dem Namen des Beraubten versehen waren. Gleichzeitig wurde mir
-auch der Räuber mit dem Bemerken zur Verfügung gestellt, daß derselbe
-ein früherer Gefangener sei, ich ihn nach Belieben bestrafen könne und
-nicht mehr zurückzuliefern brauche. Dieses Anerbieten glaubte ich indeß
-ablehnen zu müssen, wie ich andererseits der Behauptung, daß der zweite
-Mann als unschuldig befunden worden sei, Glauben schenken mußte. Ich
-verlangte daher die Bestrafung des Verbrechers nach tonganischem Recht
-auf öffentlichem Platze und forderte, als ich um Bemessung der Strafe
-gebeten wurde und nachdem mir das gesetzmäßige Bestehen der Prügelstrafe
-versichert worden war, 25 Hiebe und das Recht, einen Offizier sowie
-den mishandelten Unteroffizier als Zeugen zu dem Strafvollzug senden
-zu dürfen. Nachdem mir dies zugestanden worden war, wurde der an Händen
-und Füßen gebundene neben mir liegende Missethäter, dessen Körper schon
-die verschiedensten Spuren bereits erlittener Mishandlungen aufwies,
-wieder in das Boot und an Land gebracht, wohin unsere Zeugen kurze Zeit
-darauf nachfolgten. Trommelwirbel riefen bald die Bevölkerung nach dem
-Königshaus, wo in dem hintern Hof die Strafe vollzogen wurde und zwar
-nach der mir später gewordenen Meldung in der Weise, daß der Delinquent
-gebunden auf die Erde gesetzt wurde und dann zwei Männer, der eine mit
-einer schweren Rippe eines grünen Kokospalmenblattes, der andere mit einem
-dreifach zusammengedrehten dicken Strick erbarmungslos und ohne Schonung
-irgendeines Körpertheils auf ihn einhieben. Erst nachdem über 30 Hiebe
-gefallen waren, wurde es unserm Offizier möglich, dieser barbarischen
-Strafe Einhalt zu thun, worauf der Verbrecher, dessen Körper nur eine
-große blutrünstige Schwiele gewesen sein soll, nach dem Gefängniß getragen
-wurde, da er selbst zum Gehen nicht fähig war. Ich ließ darauf dem König
-für die prompte Justiz danken, der Prinz Gu nebst Dienerschaft schifften
-sich auf der „Ariadne“ ein und um 12 Uhr mittags verließ ich ziemlich
-verstimmt durch die Eindrücke des Vormittags wieder Nukualofa. Im Laufe
-des Nachmittags traf uns auch noch das Unglück, daß ein Matrose, während
-er schlief, am Herzschlag verstarb und zwar, wie sich bei der am nächsten
-Morgen vorgenommenen Obduction ergab, an einem unheilbaren, schon weit
-vorgeschrittenen Herzfehler.
-
-Mein Gast, welcher die Stelle eines Gouverneurs der Vavau-Gruppe
-bekleidet und als solcher vielfache Seereisen machen muß, leidet stets
-so sehr an der Seekrankheit, daß er sich bei mir auch gleich in meine
-ihm zur Verfügung gestellte Achterkajüte zurückzog und sich dort unter
-Zurückweisung aller ihm gebotenen Bequemlichkeiten auf eine Matte auf das
-platte Deck bettete. Die sanften Bewegungen des Schiffes indeß, welche ein
-besonderer Vorzug der „Ariadne“ sind, ließen keine Seekrankheit aufkommen
-und so kam der Prinz bald wieder mit der Erklärung zum Vorschein, daß
-diese Seereise die erste in seinem Leben sei, welche ihm Genuß gewähre.
-
-Am 14. abends trafen wir in dem von niedrigen Höhen umschlossenen Hafen
-von Vavau ein, wo wir vor dem unbedeutenden Dorfe Neiafo ankerten.
-Wir waren leider gezwungen, den Verstorbenen noch an diesem Abend
-zu beerdigen, weil der Verwesungsproceß der Leiche schon so weit
-vorgeschritten war, daß wir dieselbe nicht mehr über Nacht an Bord
-behalten konnten. Eigentlich hätten wir dieselbe schon im Laufe des
-Nachmittags auf offener See bestatten müssen, da aber die Ankunft in Vavau
-gesichert war, so wollte ich dem Manne doch ein ordentliches Grab zukommen
-lassen. Ehe indeß die erforderlichen Vorbereitungen am Lande getroffen
-werden konnten, war es Nacht geworden und so konnte der Leichenzug erst
-gegen 9 Uhr das Schiff verlassen. Am Lande zog sich eine durch Laternen
-gebildete Schlangenlinie langsam die dunkle Höhe hinauf, die getragene
-Musik eines Trauermarsches kam wie ein Gebet über die stille Flut zu
-uns herüber und wir gedachten des armen Kameraden, welcher kurz vor
-der Heimreise dort drüben auf Bergeshöhe in fremder Erde seine letzte
-Ruhestätte fand. Die Musik verstummte, ein Choral erzitterte durch die
-stille Nacht, die Musik verstummte wieder und dann schlängelte sich in
-raschem Tempo nach den Klängen eines heitern Marsches die flimmernde
-Schlange wieder den Berg hinunter. Den Lebenden gehört nun einmal das
-Leben.
-
-In Neiafo war wenig zu sehen, da neben dem umfangreichen mit großer
-Raumverschwendung erbauten hölzernen Wohnhaus des Gouverneurs die Hütten
-der Eingeborenen und die kleinen Häuser der wenigen hier lebenden Europäer
-um so mehr verschwinden, als alle diese Wohnungen sehr verstreut an dem
-Abhang eines Berges unter Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäumen
-versteckt liegen und man nicht den Eindruck gewinnt, eine Stadt oder
-ein zusammengehöriges Dorf zu betreten. Doch macht dafür jedes einzelne
-Wohnhaus an sich einen sehr behaglichen und bei der herrschenden Hitze
-auch einladenden Eindruck, da die Häuser sowol, wie deren nächste Umgebung
-angenehm beschattet sind.
-
-Den Gouverneur traf ich am Morgen nach unserer Ankunft, bei Gelegenheit
-meines ihm gemachten Besuches, vor seinem Hause sitzend als tonganischen
-Häuptling an, d. h. nur im Lava-lava mit dem Fliegenwedel in der Hand. Ob
-er dadurch unangenehm berührt wurde, weiß ich nicht, jedenfalls hat er es
-sich dann nicht merken lassen, da er ebenso unbefangen liebenswürdig wie
-immer war, mir sein Haus zeigte und sich dann erst umkleidete, um mich
-in die nächste Umgebung zu fahren und mir dort seine Kaffee-, Baumwoll-
-und Kokosnußpflanzungen zu zeigen. In seiner Nationaltracht habe ich ihn
-später allerdings nicht mehr zu sehen bekommen.
-
-Das Haus, nur ein Geschoß zu ebener Erde, scheint vorzugsweise mit
-Rücksicht auf Repräsentationszwecke erbaut zu sein, da es neben andern
-Wohnräumen einen besonders großen Speisesaal mit daran stoßendem
-Anrichtezimmer und dahinter liegender geräumiger Küche hat, auch große
-Vorräthe an Tischwäsche, Porzellan, Glas und sonstigem Tischzubehör
-vorhanden sind.
-
-Die Dienerschaft des innern Hauses wird durch jüngere Häuptlingstöchter,
-welche sich regelmäßig ablösen, und die Küche durch ältere weibliche
-Personen gebildet. Im Stall sind natürlich Männer.
-
-Ein großes Mittagessen, welches der prinzliche Gouverneur uns gab,
-unterschied sich von den uns gewohnten nur durch die Bedienung. Denn
-da wir auf Stühlen an einem mit weißem Damast gedeckten Tisch saßen,
-wo wir neben Tellern, Gläsern, Messern und Gabeln auch europäische
-Tafelaufsätze fanden, mit Speisen und Getränken bewirthet wurden,
-wie der Europäer sie in den Tropen genießt, die eigentliche Bedienung
-mit uns gewohnter Sauberkeit und Ordnung erfolgte, so blieben nur die
-bedienenden Personen als etwas Absonderliches übrig, und zwar als etwas
-so reizend Absonderliches, daß diese uns mehr wie das Mahl fesselten.
-Neben zierlichen jungen Mädchen, welche unter Aufsicht einer ältern
-braunen Dame mit großer Sicherheit und Ruhe die Speisen anboten, Teller,
-Messer und Gabel wechselten, standen hinter uns noch die vornehmern
-Häuptlingstöchter in ihrem schönsten Staat mit Blumen und Laub geschmückt,
-um uns Kühlung zuzufächeln und mit ihren Fächern auch die Fliegen und
-Mosquitos fern zu halten. Während des Essens hatte allerdings mein
-Gegenüber den besten Platz, weil das schönste der jungen Mädchen nur um
-meine Person beschäftigt war und daher hinter mir stand, wohin ich nur
-ab und zu einen verstohlenen Blick werfen konnte. Nach dem Essen änderte
-sich dies allerdings, da wir uns nun auf dem Fußboden als Gruppe auf
-Matten niederließen und die Mädchen zu unsern Füßen zwischen uns Platz
-nahmen, um ihres Amtes walten zu können. Mir schien es kaum möglich, daß
-die armen Geschöpfe überhaupt noch im Stande waren ihre Arme zu bewegen,
-aber trotz aller Bitten sich zu schonen, fuhren sie unverdrossen mit dem
-freundlichsten Gesicht in ihrer anstrengenden Arbeit fort, wofür ich
-meinem Mädchen wenigstens am nächsten Tage ein schönes Stück Sammt zu
-einem neuen Leibchen schenkte, worüber sie außerordentlich erfreut war.
-Sehr bedauert haben wir, daß wir diese Gruppe nicht in einem Bild fixiren
-konnten, denn wenn auch nicht gerade wir des Anschauens so werth sind, so
-waren es doch die zierlichen Tonganerinnen in ihren knappen, nur etwas bis
-über die Knie reichenden leichten Kleidchen aus bunter Seide und buntem
-Sammt, mit ihren Blumen und Laubgewinden und den frischen, heitern und
-hübschen Gesichtern. Die Frauen hier in Vavau erinnern in ihrer Gestalt
-mehr an die Samoanerin als an die große starkknochige Tonganerin, und vor
-beiden haben sie noch den Vorzug schönerer Gesichtszüge.
-
-Während wir so behaglich hingestreckt lagen und bei einer Tasse Kaffee
-eine gute Cigarre rauchten, an denen es in diesem gastfreien Hause auch
-nicht fehlte, traten eine größere Zahl Männer in den Raum, um Kawa zu
-bereiten, welche hier, abweichend von dem Samoabrauch, durch Männer
-zubereitet wird, nachdem sie die Wurzel zwischen Steinen zerrieben haben.
-Dann folgten einige gut einstudirte Gesangsvorträge, in denen die Tonganer
-einen weitverbreiteten Ruf haben, welche mich aber nicht besonders
-ansprachen. Tänze sind hier durch die Missionare verboten und werden daher
-nur im geheimen geübt, dann aber, wie es wol nicht gut anders sein kann,
-als verbotene Frucht mit den dazugehörigen Ausschreitungen.
-
-Zur Hebung der Moral haben die Missionare hier die schärfsten Bestimmungen
-durchgesetzt und dadurch die wunderlichsten Auswüchse im Volksleben
-hervorgebracht. So haben sie, um die sittlichen Zustände zu heben,
-verboten, daß die hier ansässigen Weißen ihren Hausstand durch eingeborene
-Frauenzimmer besorgen lassen. Da die Weißen nun keine Männer zur Bedienung
-erhalten können, so verfielen sie auf das Mittel der Adoption, gegen
-welchen althergebrachten Brauch die Missionare trotz ihrer sonstigen Macht
-bisjetzt noch nichts haben ausrichten können. Die Weißen adoptiren also
-ein junges Mädchen als Tante, Schwester, Tochter oder gar als Mutter,
-müssen dieselbe dann aber ganz in ihr Haus nehmen. Während nun früher die
-weibliche Bedienung nur am Tage den Hausstand ihres Herrn versorgte, muß
-sie jetzt ganz mit ihm zusammenleben, und es belustigte mich sehr, bei
-einem jungen Deutschen eine blutjunge Tonganerin als seine gesetzliche
-Tante vorzufinden.
-
-Nicht ganz in Uebereinstimmung mit dieser Verordnung dürfte sich
-allerdings die weibliche Bedienung des Prinzen Gu befinden, dies hat
-jedoch zur Zeit keine große Gefahr, da der Prinz, wie man zu sagen
-pflegt, bis über die Ohren verliebt ist, und zwar in eine ihm an Geburt
-und Körpergröße ebenbürtige Dame, aber dennoch vorläufig ohne Hoffnung
-auf eine baldige Verbindung. Der Prinz zeigte mir mit allen äußern
-Zeichen eines unglücklich Liebenden die Photographie seiner Erwählten und
-erzählte mir dabei, daß der König bisher seine Einwilligung zu dieser
-Verbindung versagt habe, weil die Verwandtschaft (wenn ich nicht irre
-Geschwisterkinder) eine zu nahe sei. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich
-auch, daß die Tonganer von altersher Ehen unter Blutsverwandten nicht
-billigen.
-
-Eine merkwürdige Mittheilung wurde mir hier noch gemacht, welche ich
-anfänglich nicht glauben konnte, aber doch glauben mußte, als der
-Gouverneur mir die Richtigkeit bestätigte. Die von den Missionaren
-eingeführten Strafen sind hier, ebenso wie auf den Gesellschafts-Inseln,
-Geldstrafen, von welchen der Angeber einen Theil als Angeberlohn erhält.
-Die besonders in Betracht kommenden Vergehen sind Uebertretung der
-Sonntagsheiligung, Diebstahl und unsittlicher Lebenswandel. Wird nun
-jemand eines solchen Vergehens angeklagt, dann ist die Beibringung von
-Zeugen nicht erforderlich, in den meisten Fällen auch nicht möglich, weil
-die Denuncianten oft aus Rachsucht oder Geldgier eine falsche Anklage
-erheben sollen, in diesen Fällen also schon das Vorhandensein von Zeugen
-ausgeschlossen ist. Hier sind nun die Angaben des Angeschuldigten und
-des Anklägers nicht gleichwerthig, sondern der Angeschuldigte erhält,
-sofern er nicht Zeugen für seine Schuldlosigkeit beibringen kann, wenn er
-nicht gleich gesteht, ohne Ansehung des Geschlechts 25 Hiebe und wenn er
-dann noch nicht gesteht, weitere 10 Hiebe. Darauf wird er entlassen und
-zum nächsten Tage bestellt, um dann derselben Mishandlung unterworfen zu
-werden, wenn er nicht vorzieht, die Geldstrafe auf alle Fälle zu zahlen
-und sich dadurch schuldig zu bekennen. Ein Zeichen der Unschuld gibt es
-übrigens, und zwar wenn bei der mishandelten Person während der Folter
-eine Blasenentleerung stattfindet. Der Angeber geht in allen Fällen
-straflos aus, jedenfalls um diesen Leuten das unsaubere Handwerk nicht
-zu verleiden. Wie mir versichert wurde, soll diese Art der Justiz auf den
-Einfluß der Missionare zurückzuführen sein, was mir indeß nicht bewiesen
-werden konnte. Aber soviel weiß ich, daß die Mission in Tonga, welche
-einen so bedeutenden Einfluß hat, dieser unwürdigen Rechtspflege in Vavau
-ein Ende machen könnte, wenn sie wollte und -- wenn sie durch ihre Station
-in Vavau von diesen Zuständen überhaupt Kenntniß erhalten hat.
-
-Zu gestern war, ebenso wie früher auf andern Inseln, die Bevölkerung
-zum Besuch des Schiffes eingeladen. Hierbei machte es sich eine
-ziemlich große Zahl reichgeputzter Frauen, welche ohne Begleitung ihrer
-männlichen Verwandten auf das Schiff kamen, unter der Führung einer
-ältern wohlbeleibten Dame in meiner Kajüte bequem. Die ältere Dame,
-welche neben ihrer reichen Kleidung noch viel werthvollen Schmuck an sich
-trug, hatte einen jüngern Eingeborenen bei sich, der wol als Dolmetscher
-mitgenommen war und mir in Englisch seine Herrin als eine der vornehmsten
-Häuptlingsfrauen, von welcher ich auch schon gehört hatte, vorstellte. Die
-braune Dame war außerordentlich gesprächig, erkundigte sich nach allem
-Möglichen, nahm in einem Lehnsessel Platz und beförderte nach einiger
-Zeit alle Eindringlinge ihres Stammes, welche nicht zu ihrer nähern
-Umgebung gehörten, in energischer Weise zur Thür hinaus, richtete dann
-mit den entsprechenden Gesten und dem freundlichsten Gesicht einige Worte
-an mich, welche ich dahin deuten mußte, daß sie die Thüren geschlossen
-haben wolle. Dies traf auch zu, denn ehe der Dolmetscher zu Worte kommen
-konnte, wurde er beauftragt dies auszuführen unter Zuhülfenahme einiger
-Armbewegungen, welche nur besagen konnten: „Der Herr hat das Schließen der
-Thüren erlaubt, mach’ sie daher zu!“ Nach diesen Vorbereitungen setzte
-sie sich noch einmal bequem in dem Sessel zurecht, ordnete ihre Kleider
-etwas, gab den mit ihr gekommenen Mädchen, von welchen ich einige schon
-vom Hause des Gouverneurs her kannte, Anweisung, etwas zurückzutreten,
-sodaß der Platz vor ihr frei war, faßte dann dem Mann, welcher sich
-inzwischen vor ihr auf die Erde gesetzt hatte, zärtlich in die Haare und
-sagte etwas zu ihm, worauf derselbe anfing in halb hockender Stellung
-einen Tanz zu Füßen seiner Gebieterin aufzuführen, welcher an diejenigen
-der Gesellschafts-Inseln erinnerte. Während mich der Tanz nicht ansprach,
-waren die versammelten Damen, welche hier ohne Gefahr die verbotene
-Frucht genießen konnten, ganz entzückt davon, und die dicke Angeberin
-des jedenfalls vorher geplanten Vergnügens war so außer sich vor Freude,
-daß sie den Mann ab und zu unterbrechen mußte, indem sie ihn mit der
-einen Hand an den Haaren faßte, sich schüttelnd vor Lachen in den Stuhl
-zurückwarf, mit der andern Hand auf den Tänzer wies und mit nach hinten
-übergebogenem Kopfe -- ich stand ihr zur Seite -- mir etwas zurief, was
-nur bedeuten konnte: „Ist er nicht köstlich, himmlisch?“ Die Freude
-der Dame war so urwüchsig und ansteckend, daß ich aus vollem Herzen
-mitlachen mußte. Nach Beendigung der Vorstellung wurde der Mann zur Thür
-hinausgeschoben und nun wurde die Gesellschaft erst recht ausgelassen,
-die dicke Tante nahm ihre sehr hübsche und zierliche Nichte an der Hand
-und legte sie mir mit einer energischen Bewegung in den Arm. Da war ich
-nun umringt von einer ausgelassenen fröhlichen Mädchenschar und in meinem
-Arm lag ein schönes junges Menschenkind, welches mit zurückgebogenem Kopf
-und halbgeöffneten Lippen mich so glückselig über das hier Erlebte ansah,
-daß ich ordentlich an mich halten mußte, ihr nicht die frischen Lippen mit
-einem Kuß zu schließen. Ich schob sie der Tante aber wieder sanft zu und
-erhielt dann von ihr als Andenken einen schön geschnitzten Kamm, welchen
-sie aus ihrem Haar nahm.
-
-Zu heute Vormittag 8 Uhr war unsere Abreise festgesetzt und Gouverneur
-Gu wollte mich ein Stück Weges begleiten, um mir eine an der Wasserstraße
-liegende Höhle oder Felsengrotte, welche einen weiten Ruf hat, zu zeigen.
-
-Als ich heute Morgen die Augen aufschlug, wußte ich anfangs nicht ob ich
-träume oder wache; ein starker, eigenartiger, mir übrigens angenehmer
-Duft, wie ihn die hier und in Samoa von den Eingeborenen getragenen
-Kränze ausströmen, erfüllte meine Kajüte und vor meinem Bett standen
-vier geschmückte Mädchen mit Blumen im Haar und Blumen- und Laubketten
-um Hals und Hüften, unter denen sich auch meine beiden Freundinnen
-befanden, sowol die, welche beim Gouverneur um mich war, wie die Nichte
-der dicken Häuptlingsdame, welche am gestrigen Nachmittag das Schiff
-besucht hatte. Jede trug einen kleinen Korb mit Früchten in der Hand,
-Bananen, Ananas, Limonen und Orangen, sie zeigten mir die Körbchen,
-stellten sie dann auf den Tisch und legten ihre Kränze dazu. Als sie zu
-meinem Bett zurückgekehrt waren, schüttelte ich einer jeden die Hand, in
-der Erwartung, daß sie nun gehen würden und mich aufstehen ließen. Nach
-kurzer Zwiesprache gingen sie wol, aber nur drei von ihnen, denn eine
-blieb bei mir zurück; auch diese ging, aber erst nachdem eine andere
-hereingekommen war, und als die vierte nicht mehr weichen wollte und
-meine Zeichen nur dahin verstand, die Verbindungsthür nach der Vorkajüte
-zu schließen, machte ich kurzen Prozeß und stieg in mein Bad, worauf sie
-sich dann allerdings lachend entfernte. Aber nur für kurze Zeit. Denn kaum
-war ich wieder einigermaßen bekleidet, so waren sie alle vier auch wieder
-da, setzten sich um mich und leisteten mir sowol hier, wie nachher in der
-Vorkajüte bei meinem Frühstück Gesellschaft.
-
-Um 8 Uhr kam der Gouverneur mit seinem Boot an Bord und war keineswegs
-erstaunt, die vier Töchter seines Landes hier vorzufinden, sondern
-hatte zweifellos von dem frühen Besuch Kenntniß gehabt, wie ich aus
-seiner Andeutung, daß die gesandten Früchte wol bis Apia reichen würden,
-entnehmen mußte. Er sagte auch, daß die Mädchen mit meiner Erlaubniß die
-Fahrt nach der Grotte mitmachen und mit ihm dann zurückkehren würden.
-Nach einer Stunde waren wir an dem Platz angelangt und fuhren in meinem
-Boot nach einem in der Felswand sich zeigenden kleinen Höhleneingang.
-Der Gouverneur, welcher eigentlich neben mir sitzen sollte, fand in dem
-hintern Ende des schmalen Bootes, wo ich des Steuers wegen bleiben mußte,
-keinen genügenden Raum für seinen mächtigen Körper und mußte daher weiter
-vorn sitzen, dadurch bekam ich zwei der Mädchen als Nachbarinnen. Bald
-hatten wir den 4 m breiten Eingang erreicht und mußten uns dort bücken, um
-nicht mit den Köpfen an die Felsdecke zu stoßen. Noch einige Augenblicke
-und wir befanden uns in einer wahrhaften Märchenwelt.
-
-Scheinbar im blauen Aether schwebend sind wir in einem Raum, von dem wir
-nicht wissen, ob er groß ist oder klein. In der Mitte ruht mein weißes
-Boot und dieses wie die darin befindlichen weißgekleideten Männer und
-die in buntfarbige leichte Stoffe gehüllten braunen Frauen sind von
-dem wunderbarsten blauen Farbenhauch umflossen. Zu den Seiten, über
-uns, im Spiegelbild neben uns und unter uns wölbt sich in blauen Fernen
-das Gestein, von welchem phantastische Tropfsteingebilde in den Raum
-hineinragen. Wir wissen nicht was Wasser ist und was Luft, der ganze Raum
-erglänzt gleichmäßig in der wunderbaren tiefblauen Farbe des tropischen
-Meeres, denn da keine directen Lichtstrahlen in ihn fallen, so hat die
-ruhige glatte Wasserfläche keinen Spiegelglanz, sondern verschmilzt
-unmerklich mit dem Blau der über ihr stehenden Luft. Kein Wort fällt von
-unsern Lippen. Wir alle staunen andachtsvoll die uns umgebende Pracht an,
-auch die Leute an den Rudern sitzen lässig da, ohne sich zu rühren. Als
-ich mich nach meinen Nachbarinnen umsah, merkte ich erst, daß sie sich
-dicht an mich angeschmiegt hatten und mit strahlenden Augen und stummen
-Lippen fragten, ob ich dies auch so schön fände wie sie. Ja, es ist
-wunderbar schön in diesem heiligen Raum, wo man die ganze Welt in Liebe
-umfassen möchte. Erst das mit den Offizieren uns nachgefolgte Boot brachte
-wieder Leben, da die Herren nach der ersten Ueberraschung, welcher auch
-sie ihren Tribut zahlen mußten, im Verein mit mir die Grotte ausmaßen.
-
-Wir fanden die folgenden Zahlen: Länge 14 m, Breite 11 m, Höhe der Wölbung
-über der Wasserfläche 8 m, Wassertiefe zwischen 10 und 16 m.
-
-Die hauptsächliche Lichtquelle, jedenfalls die, welche der Grotte ihren
-Zauber verleiht, fanden wir an dem dem schmalen Eingang entgegengesetzten
-Ende in dem engen obern Durchbruch einer seitlichen schmalen und tiefen
-Felsspalte.
-
-Nicht weit von dieser Grotte entfernt soll eine noch schönere sein, deren
-Eingang aber unter der Wasseroberfläche liegt, sodaß man nur tauchend in
-dieselbe gelangen kann. Also nichts für unsereinen.
-
-Heute Vormittag 11 Uhr hatte ich von Prinz Gu, welcher in seinem Boot
-nach Neiafo zurückkehrte, Abschied genommen und begab mich dann an
-die Besichtigung der mir zurückgelassenen Laubkränze. Es ist schade,
-daß sich dieselben nicht aufheben lassen, denn sie sind wirklich ganz
-außerordentlich geschmackvoll zusammengestellt, sowol in den Farben, wie
-in den Formen der dazu verwendeten Blumen, Blätter, Gräser, Früchte und
-Beeren. Vom tiefsten bis zum hellsten Grün, Roth, Braun, Gelb und Blau;
-breite und schmale, schlichte und gezackte, weiche und dornige Formen;
-man möchte glauben, daß von jeder vorkommenden Pflanze in Blüte, Blatt
-oder Frucht ein Theilchen in dem armdicken und 1½ m im Umfang messenden
-Gewinde enthalten ist.
-
-
-
-
-17.
-
-Samoa.
-
-IV.
-
-
- Apia, 18. April 1879.
-
-Am 21. März abends ging ich in Saluafata zu Anker, weil ich vor
-Dunkelwerden Apia nicht mehr erreichen konnte, brachte aber das
-Schiff gleich am nächsten Morgen hierher, um den Geburtstag unsers
-Allergnädigsten Kaisers und Kriegsherrn hier feiern und im Schmuck der
-Flaggen und Wimpel den Bewohnern durch den ehernen Mund unserer Kanonen
-die hohe Bedeutung des Tages kundgeben zu können.
-
-Hier fand ich so ziemlich den alten Stand der Dinge vor. Die Taimua und
-Faipule besitzen noch die Regierungsgewalt und berathschlagen weiter über
-eine Königswahl, während Malietoa ruhig unter ihnen sitzt. Die einzige
-Neuerung ist, daß der Amerikaner Bartlett nun doch noch eine Anstellung
-bei der Regierung gefunden hat, wenn auch nur vorläufig auf zwei Monate
-als Lehrer der Rechte.
-
-Am 28. März ging ich mit dem Schiff zu einem längern Aufenthalt nach
-Saluafata, um dort die Schießübungen mit den Kanonen und Gewehren
-abzuhalten, sonstige Exercitien vorzunehmen, welche uns nach den
-anstrengenden Reisen, bei denen die militärische Ausbildung etwas
-zurückstehen mußte, sehr noththaten, und um freundschaftliche Beziehungen
-mit den Bewohnern unserer neuen Kohlenstation anzuknüpfen, was uns über
-Erwarten gut gelang.
-
-Saluafata hat mir mancherlei geboten und etwas, was bei dem Interesse,
-welches ich diesen Naturmenschen entgegenbringe, für mich von besonderm
-Werth ist: einen Einblick in ihr häusliches Leben. Hierbei kam mir
-wesentlich der Umstand zu Hülfe, daß dem Halbweißen, welcher mir
-wiederholt als Lootse gedient und auch die Reise nach Neu-Britannien
-mitgemacht hatte, von der Handels- und Plantagen-Gesellschaft neuerdings
-die Handelsstation von Saluafata überwiesen worden war und derselbe mir
-dadurch gegen ein Geschenk, welches ich ihm später machte, als Dolmetscher
-zur Verfügung stand. Dies erleichterte mir naturgemäß sehr den Verkehr
-mit den Eingeborenen, welcher bald ein so freundschaftlicher geworden
-war, daß die Leute mir volles Vertrauen zeigten und sich so gaben wie sie
-sind. Dies blieb aber nicht nur auf meine Person beschränkt, sondern schon
-nach kurzer Zeit war das ganze Schiff, und zwar ohne die Vermittelung
-eines Dolmetschers, in ein inniges Freundschaftsverhältniß mit dem
-Lande gekommen, und die Eingeborenen zeigten geradezu rührende Beweise
-ihrer Liebe zu den neugewonnenen Freunden, wobei das Merkwürdige zu Tage
-trat, daß jeder Matrose seinen bestimmten Samoaner als Freund hatte und
-im gegenseitigen Verkehr dann immer diese beiden zusammenhielten. Mein
-Verkehr beschränkte sich, wie dies nicht anders sein konnte, auf die am
-Orte ansässigen Häuptlingsfamilien und fand eigentlich nur am Lande statt,
-während die Besatzung regelmäßig zur Mittagsfreizeit ihre samoanischen
-Freunde an Bord empfing und den Gegenbesuch am Lande an ihren Urlaubstagen
-machte. Die Samoaner kamen dann mit ihren vollbeladenen Kanus an Bord
-und trugen ihren Freunden Früchte und andere Nahrungsmittel, Korallen,
-Muscheln, zierliche Kanumodelle, Speere, Tapastücke, Keulen und zuweilen
-auch alte ganz seltene Stücke zu, wogegen unsere Leute ihr Essen mit
-ihnen theilten. In der ersten Zeit, als ich den Zweck noch nicht kannte,
-versuchte ich verschiedene male, wenn ich die Samoaner mit den Sachen
-ankommen sah, etwas davon zu erwerben, wurde aber stets mit dem Bemerken
-abgewiesen, daß die Sachen für den Freund bestimmt seien. Als ich einmal
-den Versucher machen wollte und einen ganz übermäßig hohen Preis bot,
-half es mir auch nichts, der Mann blieb standhaft, so schwer es ihm auch
-zu werden schien. Wie weit die freundschaftlichen Gesinnungen unserer
-braunen Freunde gingen, werden am besten meine Erlebnisse zeigen. Ehe ich
-auf diese aber eingehe, will ich noch eine kleine Skizze von Saluafata
-entwerfen, weil dadurch das Nachfolgende wol leichter verständlich wird.
-
-Der Hafen wird durch eine halbkreisförmige Einbuchtung der Küste gebildet
-und durch Korallenriffe gegen die See geschützt. Schmale Korallenriffe
-liegen auch noch in dem Hafen vor dem Strande, wodurch die vor diesem
-befindliche Wasserfläche stets ruhig ist und den Anwohnern einen um so
-bequemern Fischgrund bietet, als bei Ebbe die geringe Wassertiefe das
-Fischen ohne Kanu gestattet. Auch Boote, wenn sie durch die vorhandenen
-schmalen Einfahrten hinter die Riffe gekommen sind, können von hier aus
-hinter die Küstenriffe gelangen und in behaglicher Fahrt weite Strecken
-zurücklegen und unbehindert von dem draußen stehenden Seegang die nächsten
-Städte, Apia, Lufi-lufi und Falifa erreichen. An den Strand schließt sich
-ein schmaler Streifen ebenes Land an und dahinter umschließen mäßig hohe
-Berge die Bucht, sodaß das Auge überall angenehme Ruhepunkte findet. Der
-Strand ist schöner weißer Korallensand, dahinter stehen Kokospalmen,
-Brotfrucht- und Orangenbäume, unter welchen die Hütten, Taro- und
-Yampflanzungen liegen. An der Ostseite der Bucht liegt die Stadt Saluafata
-mit freiem Blick über das Meer; südlich davon, der nach uns benannten
-Ariadne-Huk gegenüber, die kleine, hohe, dichtbelaubte Albatros-Insel,
-nach unserm Kanonenboot so benannt. An der Südseite liegt noch ein
-Dorf, welches ebenfalls dem Häuptling von Saluafata gehört. Hinter der
-Stadt befindet sich ein großes Süßwasserbecken, welches einen angenehmen
-Badeplatz gewährt und eine große Wohlthat für unsere Besatzung wurde; auch
-beschattete, in das Innere führende Fußwege sind für Liebhaber vorhanden.
-Ueber die Lage des Berathungs- und Festplatzes habe ich das Erforderliche
-bereits bei meinem ersten Besuch der Samoa-Inseln und zwar gelegentlich
-der Beschlagnahme von Saluafata angegeben.
-
-Als erstes Zeichen, daß das Eis gebrochen war und die auf mich wegen der
-frühern gewaltthätigen Wegnahme ihres Hafens verfaßten Spottlieder[F]
-hier keinen hohen Werth mehr hatten, diente eine mir von Loau, dem
-zweitangesehensten Häuptling, im Namen Sangapolutele’s übermittelte
-Einladung, am nächsten Nachmittag auf dem Festplatz einige Geschenke
-entgegennehmen zu wollen. Ich fand mich mit einigen Offizieren pünktlich
-am Lande ein und bedauerte nachher lebhaft, nicht vorher eine Ahnung von
-der mir zugedachten Ueberraschung gehabt zu haben, weil ich sonst die
-entbehrlichen Mannschaften mitgebracht hätte, um auch diesen den Anblick
-des großartigen Talolo, welches uns geboten wurde, zukommen zu lassen.
-
- [F] Derartige Lieder werden von jungen Mädchen
- zusammengestellt, irgendeiner alten oder neu erfundenen Melodie
- angepaßt und bilden einen Haupttheil der geschichtlichen
- Ueberlieferungen.
-
-Bei meinem Landen wurde ich von dem in eine alte feine Matte gehüllten
-Sangapolutele am Strande empfangen und zu dem Faletele geleitet, wo
-seine Frau, die beiden Töchter, sein kleiner Sohn und noch einige
-Häuptlingsdamen anwesend waren. Um den Platz herum stand viel Volk, aber
-nur Frauen und Kinder, Geschenke waren nicht zu sehen.
-
-Nachdem wir uns mit Hülfe des Dolmetschers in dem kühlen Hause einige Zeit
-unterhalten und an frischer Kokosmilch erquickt hatten, wurde ich durch
-ein fernes Getöse aufmerksam, dasselbe schwoll mehr an und von Süden her,
-zur Seite der alten Gräber, brachen aus einem Waldweg ganz wunderliche,
-springende, tanzende und heulende Gestalten hervor, welche mir als des
-Häuptlings Narren, auch Buschmänner genannt, bezeichnet wurden. Die
-Kerle, man gestatte mir bei dieser Gelegenheit den Ausdruck, konnten einem
-gruseln machen. Theilweise sind sie ganz schwarz bemalt mit thalergroßen
-weißen und rothen Flecken über den ganzen Körper, theilweise sind sie
-unbemalt, aber alle haben weiße Nasen, Ohren und Augenhöhlen und sind nur
-mit einer handgroßen Blätterschürze bekleidet. Hinter diesen erscheint
-Loau, welcher mit eleganten weiten Sprüngen und in geradezu wundervoller
-Körperhaltung in Zickzacklinien auf den Platz fliegt, dann folgen die
-andern Häuptlinge und die ganze männliche Bevölkerung, welche auf die
-reichste Weise und vorzugsweise mit Laub geschmückt, Geschenke tragend aus
-dem Wald hervortreten und sich an der einen Seite des Platzes aufstellen.
-
-Loau steht auf der dem Volk gegenüberliegenden Seite des Platzes auf einem
-großen Stein; dicht bei uns ein alter Mann mit den aus einem großen Stab
-und Fliegenwedel bestehenden Attributen des Redners, sein Gesicht Loau
-zugekehrt.
-
-Die uns umgebenden einzelnen Personen und Gruppen bieten dem Auge
-eine solche Fülle des Neuen, Ungewohnten, solchen Farbenreichthum,
-so viel Leben, Urwüchsigkeit und Ordnung, daß ich fast geblendet von
-dem Schauspiel nur schauen und staunen, staunen und schauen kann. Die
-Samoa-Sitte, welche jeder Ueberstürzung abhold ist und bei feierlichen
-Handlungen gewisse Pausen und würdevolle Langsamkeit erfordert, ließ mir
-genügende Zeit, das Bild zu erfassen, ehe die Anrede erfolgte.
-
-Der vor uns liegende, mit blendendem Korallensand bestreute viereckige
-Platz wird an drei Seiten von Waldlehnen, an der vierten von dem Faletele,
-in welchem wir uns befanden, begrenzt. Aus dem grünen Rahmen der uns
-gegenüberliegenden Waldlehne tritt das Haus Sangapolutele’s heraus; aus
-dem zu unserer Linken der Häuptling Loau in der stolzen Haltung einer
-Minerva; aus dem zur Rechten die andern Häuptlinge und das geschmückte
-Volk, welches sich um die beiden dort liegenden alten ehrwürdigen
-Grabstätten gruppirt hat. Ueber dem Platz steht die heiße Sonne an dem
-wolkenlosen Himmel.
-
-Loau’s Kopf ist mit einem hohen Haarhelm bedeckt, dessen blonde Haarwellen
-roßschweifartig nach unten fallen und ihn in Verbindung mit mancherlei
-Zierath zu einem schönen Schmuckstück machen. Ein vorn in der Mitte
-angebrachter beweglicher kleiner runder Spiegel wirft das aufgenommene
-Sonnenlicht in weiten Strahlen zurück. Ein Band mit zwei Reihen kleiner
-Muscheln, deren Schmelz mit dem der Perlen wetteifert, ziert Loau’s Stirn,
-ein gleiches seinen linken Oberarm. Eine Kette von Schweinszähnen und
-feinen Gräsern umschließt den Hals; eine feine, hell-braungelbe Matte mit
-darüber liegendem Gürtel aus langen, schmalen, schwarzrothen Blättern
-(etwa 20 cm lang, 5 cm breit) die Hüften; feine Grasringe umfassen die
-Knöchel. Es ist eine edle Gestalt, welche in dem eigenartigen bunten
-und doch vornehm wirkenden Schmuck gehobenen Hauptes herausfordernd dort
-steht, mit der rechten Hand den auf den Boden gestützten Speer wie einen
-Heroldsstab hält und die Linke leicht am Körper herunterhängen läßt.
-
-Aehnlich sind die übrigen Häuptlinge gekleidet, doch haben sie an Stelle
-des Helms rothe Blumen im Haar und an Stelle der Muschelbänder um Stirn
-und Oberarm ein schmales rothes Blatt, oder ein rothes Band mit einem
-Aufputz aus eigenem Haar. Das Volk hat grüne Kränze aus frischem Laub um
-Kopf und Hals, rothe Blumen im Haar, Lava-lavas von frischen Blättern.
-Der bei mir stehende Redner ist schlicht gekleidet und gehört eigentlich
-nicht zu dem Talolo, sondern hat nur die Aufgabe, die an uns gerichtete
-Ansprache zu erwidern.
-
-Nachdem Loau eine Weile gewartet hat, wir aus dem Hause hinausgetreten
-sind und lautlose Stille eingetreten ist, ruft er seine Ansprache
-mit lauter Stimme in kurzen Sätzen zu uns herüber, welche einzeln
-gleich durch den Redner beantwortet werden. Die Ansprache dauert nicht
-lange, sie enthält nur die Begrüßung der Fremdlinge und die Bitte um
-Annahme der Geschenke, wofür der Redner in meinem Namen dankt. Darauf
-werden die Geschenke gebracht und bei uns niedergelegt; das Volk tritt
-wieder zurück und Loau führt einen Kriegstanz auf, welcher in hohen,
-gewagten, kraftvollen Sprüngen besteht und mich an die Solotänze
-unserer Ballettänzer erinnert. Nach ihm führen die andern Häuptlinge
-noch einen gemeinsamen Tanz auf, dann begeben wir uns wieder in die
-Hütte und das Volk zerstreut sich zum Theil, zum Theil bleibt es aus
-der Ferne Zuschauer, während wir Kawa trinken. Denn wir nehmen mit
-sämmtlichen Häuptlingen im Kreise Platz und die Mädchen beginnen mit der
-Kawabereitung. Vor diesem Getränk fürchte ich mich übrigens nicht mehr,
-ich habe es vielmehr durch die Gewöhnung so schätzen gelernt, daß ich
-mich auf den Genuß freue und ohne Abscheu der Bereitung zusehen kann.
-Bei dieser Gelegenheit lernte ich zum ersten mal das Ceremoniell kennen,
-welches der Samoaner bei solch festlichem Kawatrunk beobachtet. Sobald
-die Schale gefüllt ist, klatscht die von mir als „Redner“ bezeichnete
-Person, welche wol auch die Stelle eines Ceremonienmeisters versieht, in
-die Hände, um Ruhe zu fordern, steht auf, ruft den Namen derjenigen Person
-auf, welcher nach der Rangordnung der Trunk zukommt, und setzt sich dann
-wieder, um dasselbe jedesmal zu wiederholen, bis der letzte Anwesende
-seinen Trunk erhalten hat. Bei den Vornehmern wird immer nur eine Schale
-zur Zeit gereicht, nachher aber werden gleichzeitig zwei und drei Schalen
-ausgetragen. Mit welchem Anstand die Mädchen die Schalen anbieten, habe
-ich früher schon erzählt.
-
-Meine Beziehungen zu den Häuptlingen waren bald so vertraute geworden,
-daß wir uns abends in dem außerhalb der Stadt auf einer kleinen Anhöhe
-liegenden Hause des Halbweißen trafen, wo ich die Leute mit Taback
-und Getränken bewirthete und von ihnen mancherlei erfuhr, was mich
-interessirte. Die erste derartige Zusammenkunft war aus politischen
-Rücksichten erfolgt, weil ich mich mit diesen Dingen mehr befassen mußte
-und noch befassen muß, als mir lieb ist, denn als ich vor vier Wochen hier
-ankam, hatte unser Consul die Samoa-Inseln für mehrere Wochen verlassen,
-und so war es, da es hier im Lande fortwährend gährt, meine Pflicht mich
-über die Vorgänge auf dem Laufenden zu erhalten, um nicht einem etwaigen
-Aufstande unvorbereitet gegenüberzustehen. Es kam mir hierbei zu statten,
-daß der hiesige District zu den Malietoas hält und wir, wenn wir auch
-den jüngern Malietoa keineswegs als eine wünschenswerthe Persönlichkeit
-betrachten können, doch den ältern, welcher zur Zeit der Erwählte seiner
-Partei ist, als den einzig möglichen König ansehen. So gestalteten sich
-diese abendlichen Zusammenkünfte gewissermaßen zu einem politischen
-Stelldichein, wo die am Abend von außerhalb eintreffenden Boten zuerst
-vorsprachen und die neuesten Nachrichten hinbrachten. Hier erfuhr ich
-denn auch, was ich allerdings nicht verbürgen kann, mir aber glaubwürdig
-erscheint, daß der in Apia residirende französische Bischof vor einigen
-Monaten nach Europa gereist ist, um die französische Regierung zur
-Erwerbung alles auf den Inseln verkäuflichen Landes zu bewegen, weil nur
-dadurch dem stetig wachsenden deutschen Einfluß wirksam begegnet werden
-könne; daß ferner die französischen Priester von den vier vornehmlich
-in Betracht kommenden Candidaten der Tupua-Partei einen unterstützen und
-für diesen auch den pp. Bartlett gewonnen haben, wofür dieser von ihnen
-in das Amt, welches er jetzt innehat, gebracht wurde. Bartlett soll denn
-auch, wenn er äußerlich auch nur als Lehrer der Rechte angestellt ist,
-thatsächlich die Regierung leiten, und unter anderm hat er, wol um seine
-Befähigung für dieses Amt darzuthun, den erstaunten Bewohnern von Apia
-das überraschende Schauspiel geboten, unter seiner Leitung die Herren
-von der Taimua und Faipule die Straßen Apias ausbessern zu lassen, von
-welcher Arbeit sich nur wenige Mitglieder ausgeschlossen haben sollen.
-Unter solchen Verhältnissen war mein Verbleiben in Saluafata von größerm
-Nutzen, als wenn ich die Zeit in Apia zugebracht hätte, denn hier würde
-ich von diesen Dingen wahrscheinlich nichts erfahren haben. Im übrigen
-war ich auch nahe genug, um in die Ereignisse eingreifen zu können, wenn
-es erforderlich geworden wäre.
-
-Diese abendlichen Zusammenkünfte waren mir bald zum Bedürfniß geworden,
-sodaß ich fast täglich, wenn ich keine andere Abhaltung hatte, abends nach
-8 Uhr an Land fuhr und bis gegen 10 Uhr dort blieb. Neben den Nachrichten,
-welche ich dort empfing, waren diese Abende für mich auch insofern
-lehrreich, als ich dort einiges von dem häuslichen Leben der Samoaner
-kennen lernte, da naturgemäß auch sociale Fragen, Familienverhältnisse und
-dergleichen mehr zur Besprechung kamen. Gewöhnlich fand ich schon Besuch
-vor, welcher mit der Familie des Halbweißen in der Mitte des Wohnraumes
-auf Matten unter der Hängelampe saß; dann kam weiterer Zuzug, Häuptlinge
-mit ihren Frauen und Töchtern erschienen. Die Männer bildeten eine Gruppe,
-die Frauen die zweite und die jungen Mädchen die dritte. Ich setzte mich
-gewöhnlich so zur Seite hin, daß ich den ganzen Raum übersehen und mich
-an dem behaglichen Zusammensein der Leute erfreuen konnte. Der Halbweiße,
-seine Frau (Samoanerin) oder eine junge ebenfalls zum Hausstand gehörige
-Samoanerin, welche beide auch etwas englisch sprechen, nahm an meiner
-Seite Platz, um mir das, was ich wissen wollte, verdolmetschen zu können.
-Die Männer besprachen dies und jenes und schlugen mit der flachen Hand
-klatschend auf ihren Körper, wenn ein Mosquito sie stach, was oft genug
-vorkam. Die Frauen unterhielten sich nach ihrem Geschmack und die Mädchen
-vergnügten sich mit Spielen. Einige spielten Karten und legten Gewinn
-und Verlust mit Streichhölzern an, andere machten Fingerverrenkungen,
-schlugen mit den flachen Händen gegeneinander, versuchten mit den Fingern
-und Händen Schattenbilder zu formen, machten Figuren aus Bindfaden durch
-Abheben von den Fingern und trieben auch ein Spiel, welches mich sehr
-überraschte, da es unser in das Samoanische übertragene Zwirnessen ist,
-welches zuweilen bei Pfänderspielen geübt wird. Wie bei uns das Zwirnessen
-in einem Kuß endigt, so mußte dieses Spiel sein Ende im Nasenreiben
-finden, welches hier noch die Stelle unsers Kusses vertritt. Die eine
-Person legt ein feines Stäbchen wagerecht so zwischen Oberlippe und Nase,
-daß ein längeres Ende nach einer Seite vorsteht. Die andere muß nun, ohne
-die Hände zu gebrauchen, mit Oberlippe und Nase das Stäbchen fassen und
-es der erstern zu entreißen suchen, oder es aber bei diesem Versuch so
-weit nach der andern Seite durchschieben, daß sie es schließlich nicht
-mehr fassen kann, ohne mit ihrer Nasenspitze die des Gegners zu reiben.
-Da sitzen nun beide mit untergeschlagenen Beinen und aufgestützten Händen
-einander gegenüber und wackeln mit den Köpfen hin und her, wobei die
-Besitzerin des Stäbchens durch ein gebrummtes Hm! die andere zum Angriff
-reizt. Diese hmt wieder und Hm! Hm! geht es, bis schließlich die Zuschauer
-durch den komischen Anblick der ernsten kämpfenden Gesichter in Lachen
-ausbrechen, womit das Spiel gewöhnlich sein Ende findet, da die Kämpfenden
-mitlachen müssen und dann das Stäbchen nicht mehr festhalten können. Die
-Theilhaber des Spiels sollen eigentlich wol verschiedenen Geschlechts
-sein, denn die eine oder andere forderte mich gelegentlich auch zum Kampf
-heraus, welchen ich aber, da mir die erforderliche Gelenkigkeit in Nase
-und Oberlippe fehlen, gewöhnlich damit endigte, daß ich meine Nasenspitze
-in die meiner Gegnerin einbohrte, wenn nicht vorher mein Schnurrbart
-sie zum Niesen gebracht hatte. Der Verkehr der Leute unter sich war auch
-sonst ein sehr netter, die Unterhaltung spielte oft von einer Gruppe zur
-andern hinüber, Fragen wurden stets freundlich beantwortet, und beim
-Aufbruch fanden sich die Familien zusammen und gingen gemeinsam nach
-Hause, nachdem vorher durch freundlichen Gruß und Händedruck voneinander
-Abschied genommen war.
-
-Bei diesen Besuchen erfuhr ich auch einiges über die samoanische Art der
-Kriegführung, was der Wiedergabe werth ist.
-
-Der Krieg erstreckt sich gewöhnlich nicht auf Angriff und Vertheidigung
-der Städte, sondern beide Parteien ziehen in den Wald, bauen sich aus
-gefällten Bäumen Festungen oder besser Verhaue, in welchen sich die
-Krieger mit Frauen und Kindern sammeln. Am Tage ist Ruhe, weil die
-vorgeschobenen Posten jeden Ueberfall rechtzeitig melden können und die
-Taktik nur auf dem geschickt auszuführenden Ueberfall beruht, welcher am
-häufigsten wol durch Verrath ermöglicht wird. Sobald aber die Dunkelheit
-eintritt, ziehen die Vorposten sich zurück und beide Parteien unterhalten
-nun während der ganzen Nacht ein heftiges Feuer in den Wald hinein, um
-sich gegenseitig vor dem gefürchteten Ueberfall zu sichern. Am Morgen
-tritt wieder Ruhe ein und so geht es fort, bis einer Partei der stets
-unblutige Ueberfall gelingt oder aber beide Parteien durch Mangel an
-Munition zu einem Vergleich gezwungen werden. Und daß in der Regel wol
-beide Theile gleichzeitig mit ihrer Munition fertig werden, dürfte aus
-einem mir verbürgten Beispiel aus dem letzten Krieg hervorgehen. Als die
-eine Partei eines Tages mit dem dämmernden Morgen ihre letzte Patrone
-verschossen hatte, schickte ein Häuptling seine Frau mit noch einigen
-Weibern zu ihrem Bruder, welcher die Gegenpartei befehligte, um von diesem
-sich Munition zu erbitten, weil sie die ihrige verschossen hätten. Anstatt
-die Unterhändlerin als Geisel zu behalten und nun den Ueberfall zu wagen,
-sah der Bruder das Gerechte des Verlangens seiner Schwester ein, ließ die
-ganze Munition herbeibringen und theilte ehrlich mit ihr. Die Weiber zogen
-dann mit ihrer werthvollen Last wieder ab und der Krieg konnte am Abend
-seinen Fortgang nehmen.
-
-Diese harmlose Art der Kriegführung findet ihre natürliche Erklärung
-wol in den Verwandtschaften und daher in der Anwesenheit der Frauen und
-Kinder, denn bei einem ernsten Zusammenstoß wären diese allen Gefahren
-mit ausgesetzt, und der Samoaner scheut sich bei der verhältnismäßig
-hohen Bildungsstufe, welche er einnimmt, verwandtes Blut zu vergießen. Das
-Hauptvergnügen bei diesen Bruderkriegen ist demnach jedenfalls nur das mit
-großem Geräusch erfolgende Aufbauen der Festungen und das Schießen während
-der Nacht. Damit ist aber nicht gesagt, daß der Samoaner keinen Muth hat,
-denn er hat in Kämpfen mit Fremden bewiesen, daß er solchen besitzt.
-
-Ebenso wie des Abends, war es mir auch während der Mittagszeit zur
-Gewohnheit geworden, ein bis zwei Stunden am Lande zuzubringen. Als eines
-Tages die Hitze in meiner Kajüte so unerträglich war, daß ich versuchte am
-Lande auf einem Spaziergang durch den Wald mir Erfrischung zu schaffen,
-fand ich im Vorbeigehen den Aufenthalt in dem Faletele so angenehm, daß
-ich es vorzog dort zu bleiben und in dem luftigen Hause, auf den kühlen
-kleinen Steinen liegend, dem Rauch meiner Cigarre zuzuschauen, dem
-Rauschen des in den Baumwipfeln spielenden Windes zu lauschen und an die
-bevorstehende Heimfahrt zu denken, während gleichzeitig meine Sinne von
-See-, Strand- und Waldesduft, den von frischem und getrocknetem Laub,
-Blumen und Harzen ausströmenden Gerüchen, welche in ihrer Vermischung
-charakteristisch für Samoa sind und einen wunderbaren Reiz auf die
-Geruchsnerven ausüben, so umstrickt wurden, daß ich bald in tiefen
-Schlaf verfiel. Als ich wieder erwachte, saß Toëtele neben mir, welche
-wol jede Störung von mir ferngehalten hatte. Die Ruhe, die schöne Lage
-der Hütte und vor allem die so sehr viel erträglichere Temperatur, als
-wie die auf dem Schiffe, ließ mich von nun an täglich mit einem Buch
-oder Papier und Bleistift dahin gehen, um die Zeit von 12-2 Uhr dort
-zu verbringen. Doch fürderhin wurde ich stets von Toëtele, in Erfüllung
-ihrer Pflichten, schon erwartet und fand für mich ausgebreitete Matten
-vor. Zuweilen kam auch Sangapolutele, mit oder ohne Frau, hin. Als
-eines Tages an Stelle von Toëtele, welche wol eine Reise unternommen
-hatte, Lolle mich empfing, änderte sich das Bild in etwas. Nachdem die
-kleine, trotz ihrer nur 17 Lebensjahre äußerst energische Person eine
-Weile zugesehen hatte, wie ich versuchte, das Kratzen der als Kopfkissen
-untergeschobenen zusammengerollten Matte durch das Zwischenlegen meines
-Taschentuchs zu mildern, und mich mit den Händen der Angriffe der Fliegen
-und Mosquitos erwehrte, runzelte sie die Stirn, kam zu mir heran, nahm
-mir die zusammengerollte Matte weg und setzte ihre Person dafür hin, indem
-sie ihr Kleidchen zurückschob und meinen Kopf auf ihr kühles Knie legte.
-Dann nahm sie ihren Fächer zur Hand, verscheuchte das Geschmeiß und hielt
-geduldig ein bis zwei Stunden in dieser Stellung aus. Meine Bemühungen,
-mich von ihr freizumachen, scheiterten an dem eisernen Willen dieses sonst
-liebenswürdigen Mädchens und für die Folge blieb mir nichts übrig, als
-mich diesem ihrem Willen zu fügen, oder aber auf den Besuch des Faletele
-zu verzichten. Als das kleinere Uebel wählte ich das erstere und ließ
-mir das etwas absonderliche Kopfkissen gefallen, was ich schließlich thun
-durfte, weil die Hütte stets rund herum offen war und jeder Vorbeigehende
-sehen konnte, was darin vorging.
-
-Noch einen dritten regelmäßigen Besuch, bei welchem mich gewöhnlich
-einige unserer Herren begleiteten, stattete ich dem Lande ab, und zwar
-nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr, um an einem köstlichen Platz, welcher
-auf halbem Wege zwischen Saluafata und Lufi-lufi liegt, ein erfrischendes
-Bad zu nehmen. Die Fahrt war an sich schon stets ein neuer Genuß, ebenso
-war es der Aufenthalt an dem Platze, wo man stundenlang hätte sitzen
-können, sodaß ich eigentlich nicht recht wußte, ob das Bad oder aber das
-Drum und Dran eine größere Anziehungskraft ausübe. Die Fahrt dahin geht
-dicht unter der belaubten Küste innerhalb der Riffe unter Segel, und da um
-diese Stunde stets ein frischer Wind weht und die Sonne in unserm Rücken
-steht, so athmet man ordentlich auf, wenn man das heiße Schiff verlassen
-hat und erst in dem Boot sitzt. Lange dauert die Fahrt allerdings nicht,
-da der Platz nur etwa zwei Seemeilen von Saluafata entfernt an der Küste
-liegt, wo aus einer Höhle ein unterirdischer Fluß heraustritt, sich zu
-einem Becken von vielleicht 10 m Breite und 15 m Länge erweitert und
-dann durch eine schmale Rinne in das Meer fließt. Das Wasser ist so
-durchsichtig klar, daß, obgleich die Tiefe nahezu 2 m beträgt, der feine
-Sand des Grundes dicht unter der Oberfläche zu liegen scheint, und so
-kühl, daß man nicht lange darin bleiben kann. Das Wasserbecken, welches
-nach der See zu offen ist, wird hinten von dem schwarzen Höhlenschlund mit
-der darüber liegenden hohen Bergwand und zu beiden Seiten von niedrigen
-Hügeln begrenzt, welche mit Kokospalmen bestanden sind, unter deren
-Schatten Sangapolutele für uns eine leichte Hütte zum Aus- und Ankleiden
-hatte errichten lassen. Zur Vervollständigung des Reizes steht auch zu
-der von uns zum Besuch gewählten Zeit die Sonne schon so weit hinter
-den Bergen, daß der ganze Platz beschattet ist. Während des Schwimmens
-trat oft die Versuchung an uns heran, in die Höhle, an deren Rand die
-Wassertiefe noch gleich groß war, vorzudringen; die Samoaner hatten uns
-mit ihren Erzählungen von den dort hausenden großen Aalen aber so scheu
-gemacht, daß wir am Eingang der Höhle stets kitzlich in den Beinen wurden
-und wieder umkehrten.
-
-Sangapolutele hatte sich, um uns zu feiern, nicht mit dem uns gegebenen
-Talolo allein begnügt, sondern gab uns auch noch ein großes Essen. Die
-Einladung hierzu erfolgte mehrere Tage vorher, weil die Vorbereitungen
-viel Zeit in Anspruch nahmen und die verschiedenen Gerichte erst durch
-die Bevölkerung beschafft werden mußten. Sobald wir zugesagt hatten, war
-ganz Saluafata in der größten Aufregung und Geschäftigkeit. Die vornehmen
-Frauen gingen in den Wald, um Laub für die Ausschmückung des Faletele,
-für die Guirlanden und Kränze zu holen. Die Männer gingen mit Frauen und
-Kindern auf Jagd und Fischfang, holten Früchte und Gemüse, und suchten
-aus Wald, Feld und Meer alles, was überhaupt genießbar war, für dieses
-Fest zusammen. Tagelang wurde allenthalben nur gearbeitet und gekocht,
-sodaß die allgemeine Emsigkeit unsere Erwartungen mit jedem Tage wachsen
-ließ. Endlich war der Tag da, an dessen Vormittag wir noch gebeten wurden,
-in möglichst leichter Kleidung zu kommen, weil von den jungen Mädchen
-unsere Theilnahme an einigen Spielen erwartet würde. Nachmittags 2 Uhr
-betraten wir das Land, wo Sangapolutele und die andern Häuptlinge mit
-ihren Familien uns am Strande erwarteten und begrüßten. Sie trugen heute
-sämmtlich andere Kleidung als bei sonstigen festlichen Gelegenheiten. Die
-Männer hatten Muscheln oder einen frischen Laubkranz um die Stirn, rothe
-Blumen im Haar und über den Ohren, und als Lava-lava ein weitbauschiges
-schleppendes Kleid aus Tapa, welches ihnen eine würdevolle Erscheinung gab
-und ihnen gut stand. Die Frauen trugen feine Matten als Lava-lava mit um
-die Hüften geschlungenen Laubgewinden, Blumen im Haar, dicke wohlriechende
-Kränze, wie ich sie bei Tonga beschrieben habe, und andere kleine um Hals
-und Schultern.
-
-Als wir den Festplatz betraten, fanden wir ihn umstellt mit der ganzen
-Bevölkerung und waren überrascht, die große Veränderung zu sehen, welche
-über Nacht mit dem Faletele vor sich gegangen war. Alle seitlichen
-Dachstützen und das Mittelgerüst waren zu Blumen- und Laubpfeilern
-geworden, von dem Dachrand hingen in gefälligen Bogen Laubgewinde herunter
-und in gleicher Weise war der innere Dachraum geschmückt. Im innern
-Raum umschlossen hohe Blumenterrassen den Fuß des Mittelgerüsts. Der
-Fußboden war mit Matten belegt und in drei concentrische Theile getheilt.
-Der äußere, ein an die Dachträger sich anschließender 1 m breiter Ring
-diente als Sitz für die Gäste, der nächste gleich breite Streifen gab
-den Tisch für die Speisen ab, und in dem innern Raum befanden sich
-Männer mit Messern zum Vorlegen der Speisen, sowie verschiedene kleine
-Pyramiden aus grünen Kokosnüssen, bei welchen auch je ein Mann mit einem
-Messer stand, um die Kokosmilch ganz frisch als Getränk anzubieten,
-wenn sie verlangt werden sollte. Die Speisen waren nicht nur appetitlich
-angerichtet, sondern erfreuten auch das Auge. Große, frische, saftiggrüne
-Bananenblätter bildeten die Unterlage, auf welcher sich die Genüsse der
-heißen Zone aufbauten: ganze Schweine, große und kleine Fische, Hummern,
-Tauben, Hühner, kleine Krebse, Muscheln, Taro, Yam, Brotfrucht, Gemüse
-aus Palmenkeimen, jungem Kokosnußkern und was sonst die Leute noch
-zusammengekocht hatten. Jede Speise lag auf einem grünen Blatt, die
-breiigen waren in grüne Blätter eingebunden, und zwischen diesen grünen
-Blättern, weißen Schweinen, Tauben und Hühnern, bläulichen und grauen
-Fischen, rothen Hummern und Krebsen und schillernden Muscheln leuchteten
-die goldenen Orangen hervor, gaben die gelben Bananen und schneeigen
-gekeimten Kokosnüsse, welche mit ihrem sehr feinen Geschmack als besondere
-Leckerbissen gelten, sowie die zwischengestreuten bunten Blumen dem ganzen
-Arrangement einen geschmackvollen Abschluß.
-
-Wir nahmen mit den Häuptlingen, die Rücken der Außenseite zugekehrt, in
-bunter Reihe Platz. Die Frauen durften der Samoasitte gemäß an dem Mahl
-nicht theilnehmen, stellten sich aber hinter uns auf, um uns Kühlung
-zuzufächeln. Das Volk nahm um das Haus herum Aufstellung und sah zu.
-Soweit war alles gut, aber nun beim Essen kam die Schwierigkeit fremder
-Sitte, denn wenn auch Sangapolutele ganz gut mit Messer und Gabel
-umzugehen weiß, was er verschiedentlich an meinem Tisch bewiesen hatte,
-so mußten wir hier doch auf diese nützlichen Gegenstände verzichten,
-weil der alte Herr uns gerade ein echt samoanisches Mahl hatte vorsetzen
-wollen und dabei die Finger die Stelle der Gabeln und die Zähne die
-der Messer versehen müssen. Bei dem Kokosmilchtrinken ging dies wol,
-auch bei den Hummern und Krebsen, als uns aber der Schinken eines
-ausgewachsenen Schweines vorgelegt wurde, da war unsere Wissenschaft zu
-Ende. Wir stellten uns zunächst so dumm an, daß innen und außen allgemeine
-Heiterkeit entstand. Die energische Lolle aber, und auch Loautele,
-welche hinter mir standen, konnten dies nicht mehr länger mitansehen
-und setzten sich ganz gegen die Festordnung zu beiden Seiten neben mich
-hin und fingen an mich zu füttern, was solchen Anklang fand, daß gleich
-darauf jeder von uns solch eine Kinderfrau hatte; die andern Herren aber
-waren besser daran als ich, denn sie hatten nur eine und ich zwei, deren
-ich mich kaum erwehren konnte. Loautele schälte mir ein Stück Fisch
-heraus und steckte es mir zierlich in den Mund, Lolle gab mir ein Stück
-Schweinebraten, Loautele bot mir einen Hummerschwanz und legte den Rest,
-welchen ich nicht mehr nehmen wollte, weg, Lolle bot mir eine halbe Taube,
-betrachtete sich den Rest, fand, daß ich davon noch mehr essen könnte, und
-schob ihn mir wieder in den Mund, Loautele gab mir eine Banane und Lolle
-schmierte mir gleichzeitig mit dem ernstesten Gesicht einen Finger voll
-Gemüsebrei in den Mund. Was ich da alles zusammengegessen habe, in welcher
-Zusammenstellung und in welchen Mengen, das mögen die Götter wissen, ich
-weiß es nicht. Schließlich aber setzte ich doch meinen Willen durch, nur
-das zu essen, was ich wollte, worauf Lolle kopfschüttelnd gehorchte.
-
-Als etwas ganz Besonderes wurden mir von einem Manne während des Mahls auf
-einem Blatt auch vier milchweiße lebende Raupen von der Größe und Dicke
-eines kleinen Fingers angeboten, welche in hohlen Bäumen gefunden werden
-und sehr selten sein sollen. Als ich mich schüttelnd gegen den Genuß
-verwahrte, aß der Mann mir auf Befehl Sangapolutele’s eine vor. Trotzdem
-sein Gesicht nur Entzücken verrieth, als er das sich windende Thier
-mit den Fingern zum Mund führte und so herzhaft hineinbiß, daß der Saft
-herumspritzte, konnte ich mich doch nicht zur Nachahmung verstehen, und
-da unsere Herren sämmtlich ablehnten, so verblieben sie den Häuptlingen.
-
-Die einzelnen Gerichte waren, wenn auch für unsern Geschmack vielfach das
-Salz fehlte, durchweg schmackhaft zubereitet, nur für unsere Gaumen etwas
-zu fett.
-
-Nach uns setzten sich die Häuptlingsdamen zu Tisch, und nach diesen
-kam das Volk an die Reihe, unter dessen Händen die Speisen schnell
-verschwanden.
-
-Nachdem das Faletele ausgeräumt war und das Volk sich zerstreut hatte,
-begannen die Spiele vor Sangapolutele’s Haus, wohin sich die Aeltern
-der mitwirkenden Mädchen als Zuschauer zurückgezogen hatten. Diese
-Spiele, für die urwüchsigen Veranstalterinnen berechnet, überschritten
-schließlich doch etwas unsere Kräfte. Merkwürdigerweise betheiligten
-sich außer uns keine Männer an denselben, und es ist mir zweifelhaft
-geblieben, ob dies gegen die samoanische Sitte verstößt, oder ob man bei
-der beschränkten Zahl der jungen Mädchen, welche ihrer Geburt nach hier
-zugelassen werden konnten, uns dieselben allein überlassen wollte, oder
-aber ob die Häuptlingssöhne, die man in den Städten auffälligerweise
-nur selten sieht und die nur bei Gelegenheit von Festlichkeiten auf der
-Bildfläche erscheinen, mit den Fremdlingen nichts zu thun haben wollten.
-Das erstere ist wol das Wahrscheinlichere, da bei den Tänzen in der Regel
-auch die Geschlechter unter sich bleiben. Ob die Spiele selbst, welche
-an die unserer Landpartien erinnern, samoanischen Ursprungs oder von
-den Weißen eingeführt sind, habe ich nicht erfahren; ist das letztere
-der Fall, dann sind sie jedenfalls durch Einfügung samoanischen Humors
-nationalisirt worden. Neben Kraft- und Ringproben wurde auch eine Schlange
-gebildet. Toëtele als das vornehmste der anwesenden Mädchen stellte sich
-auf, ich mußte hinter sie treten und sie umfassen; hinter mir kam wieder
-eine Samoanerin, dann wieder einer von uns und so fort in bunter Reihe,
-bis der Schwanz von einigen Mädchen gebildet wurde, da dieselben in der
-Mehrzahl waren. Wie ich mich an meinem Vordermann bei ihrer nur dürftigen
-Kleidung festhalten sollte, war mir nicht recht klar, denn hielt ich mich
-an dem Lava-lava fest, so mußte dies bei der ersten heftigern Bewegung
-in meinen Händen bleiben; ich legte meine Hände daher um den Leib vor
-ihren Magen. Hiermit war sie aber nicht einverstanden, löste vielmehr
-meine Hände wieder und legte sie unter ihre Brüste, dieselben einmal
-fest dagegen drückend, als Zeichen, daß sie dort bleiben sollen. Dann
-ging es in Schlangenwindungen hin und her, bis ein samoanischer, nach
-europäischen Begriffen sehr derber Scherz das Spiel schloß. Es wurde eine
-große Stange herbeigebracht, die Mädchen erfaßten das eine Ende, wir das
-andere, und nun sollte festgestellt werden, auf welcher Seite die größte
-Kraft sei. Dieses Spiel endete mit einem europäischen Scherz, denn als
-wir eine Weile hin- und hergezogen hatten, machte aus dem Hintergrunde
-ein Witzbold von uns den Vorschlag, die Stange plötzlich loszulassen.
-Auf das leisegesprochene „Los“ entsprachen wir diesem Vorschlag, unsere
-Gegenpartei fiel hinten über und wir hielten uns verschämt die Augen zu.
-Der Scherz, von dem ich anfänglich annahm, daß er doch zu derb ausgefallen
-sei, fand übrigens Anklang, unsere Gegnerinnen lachten, waren schnell
-wieder auf den Füßen, brachten ihre Kleidung in Ordnung und forderten
-Fortsetzung. Was die Mädchen planten, sprachen ihre blitzenden Augen aus,
-wir blieben daher auf unserer Hut. Von beiden Seiten wurde wieder kräftig
-gezogen, unsere Gegnerinnen ließen los, wir gleichzeitig aber auch, und
-sie standen mit seitwärts weggestreckten Händen verblüfft und sprachlos
-da, während wir sie auslachten. Sie kamen aber schnell wieder zu sich,
-lachten mit, schoben die Stange zur Seite und schlugen ein Spiel vor,
-welches wol unserm Räuber und Gendarm entspricht. Sie wollten die Räuber
-sein und wir sollten sie fangen. Von diesem Spiele schloß ich mich aber
-aus und setzte mich als Zuschauer mit zu Sangapolutele hin. Schnell waren
-die bar- und leichtfüßigen Räuber in dem Walde verschwunden, die Unserigen
-folgten. Der Fang gelang aber erst bei der Rückkehr und zwar auch nur
-theilweise, da er nicht leicht war. Denn da die eingeölten aalglatten
-Körper nicht zu fassen waren, blieb kein anderer Angriffspunkt als das
-Haar übrig.
-
-Als Erwiderung hatten die Offiziere und ich die Häuptlingsfamilien zu
-einem europäischen Essen auf das Schiff eingeladen, zu welchem indeß nur
-die Frauen und Töchter erschienen, weil die Männer auch auf fremdem Boden
-an ihrer Sitte, nicht mit den Frauen zusammen zu speisen, festhielten.
-Hier mußten die Damen nun auf Stühlen sitzen und mit Messer und Gabel
-hantiren. Mit dem Sitzen ging es, mit Messer und Gabel aber durchaus
-nicht, sodaß wir unsern Gästen anheimgeben mußten, ihre Finger zu Hülfe
-zu nehmen, nachdem sie die Suppe mit dem Löffel gegessen hatten, was ihnen
-auch genug Mühe gemacht hatte. Nun ging es besser, aber geschmeckt hat es
-ihnen trotzdem wol nicht, da Naturmenschen sich doch schwerer in fremde
-Kost hineinfinden können, als die Europäer dies thun.
-
-Das in Saluafata vorgefundene samoanische Leben, welches schon so
-erheblich von demjenigen in Apia abweicht, ließ in mir den Wunsch
-rege werden, auch noch einige der weiter im Innern liegenden Städte zu
-besuchen. Der Halbweiße sagte mir seine Begleitung als Dolmetscher zu und
-Sangapolutele versprach mir einen Führer nebst einigen Gepäckträgern.
-Als Führer meldete sich der bescheidene Loau mit noch einem kleinern
-Häuptling, und diese waren an dem festgesetzten Tage mit noch zwei
-Gepäckträgern bereit, als ich morgens 6 Uhr mit meinem Gigsteurer (nennen
-wir ihn Lange), welchem ich diesen Ausflug zukommen lassen wollte und
-der gleichzeitig auch das ziemlich umfangreiche Gepäck mit beaufsichtigen
-sollte, an Land kam. Von unsern Herren wollte sich mir keiner anschließen,
-weil die Erinnerung an die Fußtour in Tahiti ihnen noch zu frisch im
-Gedächtniß war.
-
-Die kleine Reise war von den Samoanern und dem Dolmetscher auf drei Tage
-veranschlagt worden, wobei der letztere sagte, daß er den beschwerlichen
-Marsch überhaupt nur mit mir wage, weil er meine Leistungsfähigkeit im
-Gehen bei einem Aufstieg auf den Berg Apia, bei welchem er mein Führer
-gewesen war, kennen gelernt hätte. Uebrigens war bei meiner Ankunft der
-Herr Dolmetscher noch nicht anwesend und ließ auch ziemlich lange auf sich
-warten. Endlich gegen 6½ Uhr kam die zu seinem Hausstand gehörige junge
-Samoanerin, um mir zu sagen, daß er nicht kommen könne, weil er Fieber
-habe, und daher sie schicke, um als Dolmetscher mitzugehen. Das Fieber
-schätzte ich indeß auf Katzenjammer und machte mich auf den Weg, ihn
-selbst zu holen. Wie ich vermuthet hatte so war es; Bill (der Vorname des
-Mannes, womit ich ihn fernerhin bezeichnen will) mußte heraus aus dem Bett
-und trotz alles Sträubens mit, und als Sa (der Name der jungen Samoanerin)
-nun sehr traurig wurde, daß sie zurückbleiben müsse, nahm ich sie auch
-noch mit, da es bei der großen Zahl meines Gefolges nun auf eine Person
-mehr oder weniger nicht mehr ankam. Uebrigens machte Sa sich nachher
-vielfach nützlich. Neben meiner Person bestand die Reisegesellschaft
-also aus Lange, Loau, Bill, dem andern Häuptling, Sa, zwei samoanischen
-Gepäckträgern und Bill’s Diener, einem Eingeborenen von den Neu-Hebriden,
-zusammen also aus neun Personen.
-
-Das Gepäck setzte sich zusammen aus meinem Koffer mit reichlicher Wäsche,
-einem Kopfkissen, Mosquitonetz, Handtüchern u. s. w.; einem kleinen
-Koffer mit Lange’s Sachen; einem Ballen Stoffe und einer kleinen Kiste
-Wachholder-Branntwein, als Gegengeschenke für die mir zu erweisende
-Gastfreundschaft.
-
-Um 7 Uhr waren wir marschbereit. Der Weg führte zunächst hinter
-Sangapolutele’s Haus in den Wald und in ein enges Thal, auf so schmalem
-Pfade, daß der auf dem Laub liegende Thau meine leichte Kleidung schon
-nach den ersten Schritten durchnäßt hatte. Gegen 9 Uhr, nach fortwährendem
-Steigen, traten wir aus dem Wald auf eine kleine Ebene und in ein dort
-liegendes Dorf, wo wir in dem Faletele eine kurze Rast machten und von den
-herzugekommenen Bewohnern mit frischer Kokosmilch bewirthet wurden. Mit
-den Menschen kamen auch zwei Katzen, ein Hund, einige Ferkel und Hühner
-mit, welche in dem Faletele ebenfalls ganz zu Hause zu sein schienen und
-mit dem jungen, opalfarbenen, gallertartigen Fleisch, welches sich in
-den grünen Nüssen an dem innern Rand der Schale befindet und die erste
-Entwickelungsstufe des Kerns aus der Milch bildet, gefüttert werden.
-So ist die Kokosnuß also nicht nur ein Universalnahrungsmittel für die
-Menschen, sondern auch für das verschiedenartigste Gethier, und mein
-Erstaunen war wol ein berechtigtes, daß Katzen und Hunde diese Speise
-nicht nur überhaupt, sondern gern nahmen. Was doch die Gewöhnung nicht
-alles thut! Zufällig sah ich hier auch, wie nützlich sich die Hühner,
-außer ihrem Beruf Eier zu legen und als Braten zu dienen, machen,
-denn als eine große Spinne sich zeigte, war sie auch sofort von einem
-herzugeflogenen Huhn verzehrt. Die Katzen halten die Wohnungen von Ratten
-frei, die Hunde werden wol hauptsächlich groß gezogen, um später gegessen
-zu werden. Die saubern kleinen Ferkel sind vielfach die Lieblinge der
-Frauen und werden von diesen an die Brust genommen, allerdings nicht aus
-Liebe, sondern als Schutzmittel gegen zu großen Kindersegen, und während
-dieser Zeit werden sie wie ein Schoshündchen verhätschelt, trennen sich
-weder Tag noch Nacht von ihrer Herrin.
-
-Der Weg bis zur nächsten Stadt zieht sich durch den Wald, durch Schluchten
-und an steilen Abhängen vorbei, und führt schließlich an dem Ufer eines
-Flusses zu einer Lichtung, wo die Stadt liegt. Der Wald ist todt, da
-außer kleinen Insekten nichts Lebendes an den Wanderer herantritt, denn
-die schönen, grünbefiederten Tauben werden in neuerer Zeit von den
-jagdlustigen Eingeborenen so sehr verfolgt, daß sie bereits zu einer
-Seltenheit geworden sind, und die schönen kleinen Vögel sind, um in
-Europa die Damenhüte zu schmücken, auch nahezu ausgerottet, was aber
-nicht den Eingeborenen, sondern den Weißen zur Last zu legen ist. Nur
-ab und zu sieht man an einem Baumast, mit dem Kopf nach unten gekehrt,
-einen schlafenden, über 40 cm langen fliegenden Hund hängen. Und doch
-wirkt der Wald belebend durch die reiche Pflanzenwelt, welche zwischen
-den hochstämmigen Bäumen den Boden bedeckt, durch die hohen Baumfarrn
-und Bambusbüsche, durch die Schlingpflanzen, welche sich von Laubkrone zu
-Laubkrone winden, durch vereinzelte Kokospalmen und Orangenbäume, welche
-mit ihren Früchten dem Wanderer Labung bieten. Auch wildes Zuckerrohr
-findet man an lichten Stellen, im Walde aber auch Bäume, deren herzförmige
-Blätter von der Größe einer Hand bei der Berührung große schmerzhafte
-Blasen auf der Haut erzeugen und wegen dieser Eigenschaft sehr gefürchtet
-sind. Als ich mir gelegentlich solch ein schönes sammtartiges Blatt
-brechen wollte, wurde ich von einem Samoaner schnell zurückgerissen.
-Nach etwa einstündigem Gehen traten wir aus dem Wald auf eine kleine
-vorspringende Lichtung, welche wie eine Kanzel auf steiler Klippe liegt,
-an deren Fuß man ein Wasser rauschen hört, das man aber nur als schmalen
-Streifen sehen kann, wenn man sich weit über den Rand des Abhangs
-vorbeugt. Auf der andern Seite steigt eine nahezu gleich steile Wand auf,
-welche dicht belaubt die auf unserer Seite an Höhe weit überragt, und
-beide Wände bilden an dieser Stelle einen Hohlweg in Zickzackform, auf
-dessen Sohle der Bergfluß sich zwischen den engen Felsmauern durchzwängt.
-Unser Standort bildet den einen vorspringenden Winkel, und thalwärts zu
-unserer Linken, vielleicht hundert Schritte von uns entfernt, springt von
-der andern Seite ein gleich scharfer Winkel hervor, um welchen der Fluß
-dann rechts wieder abbiegt. Hier an der Stelle, wo wir stehen, soll nach
-Angabe der Samoaner die über 15 m hohe Klippe so steil abfallen, daß man
-den Sprung in den tiefen Fluß wagen kann. Loau erklärt sich auch zu dem
-Sprung bereit, vertauscht sein Lava-lava mit einem Palmenblatt und geht
-an den Rand; er springt aber nicht, sondern tritt wieder zurück, sieht
-noch einmal hinunter und erklärt, den Muth verloren zu haben. Nun soll
-das kleine Geschöpf Sa springen; sie geht auch muthig vor, sagt dann aber
-mit so kläglichem Gesicht: „'Au weh weh, ka féhfe'“ (etwa: „Ach Gott, ich
-habe solche Angst“), daß ihr der Sprung erlassen bleibt und der andere
-Häuptling vortritt, hinter dem Klippenrand verschwindet und durch seinen
-dumpfen Fall in das Wasser, dessen Schall nach einigen Augenblicken
-athemloser Spannung nach oben dringt, uns sagt, daß er im Fluß angekommen
-ist. Da unser Weg durch einen engen abschüssigen Hohlweg auch zum Flusse
-führt, so eilen wir hinunter, und dort, am Fuße eines zur Zeit trockenen
-Wasserfallbettes, umgeben von hohen Felswänden und dichtem Laub, vor uns
-das von geisterhaftem Zauber umwehte wilde Bergwasser, erwarten wir unsern
-Freund, welcher bereits angeschwommen kommt und unversehrt das Ufer wieder
-betritt. Zu solchem Sprung gehört Muth.
-
-Kurz vor 12 Uhr waren wir in der Stadt, wurden von dem Häuptling und
-seiner Familie empfangen, erfrischten uns an Kokosmilch, und dann empfand
-ich zunächst das Bedürfniß, mich trocken und rein zu kleiden, weil ich bis
-3 Uhr hier rasten wollte. Ich nahm mir aus meinem Koffer frische Wäsche
-und Kleider und ging mit Lange zu dem nahegelegenen Fluß, um dort ein Bad
-zu nehmen, meine Segeltuchschuhe selbst zu waschen, da unsere Träger sich
-bereits zu ihren Bekannten verflüchtigt hatten, und mich im Anschluß daran
-wieder in einen anständigen Menschen umzuwandeln, denn mein weißer Anzug
-sah von dem Marsch durch den feuchten Wald auf schlüpfrigem lehmigen Boden
-höchst bedenklich aus. Hier möchte ich erwähnen, daß nach meiner Erfahrung
-die einzig richtige Kleidung in den Tropen leichte Baumwollstoffe sind,
-und nichts der Gesundheit nachtheiliger ist und erschlaffender wirkt als
-wollene Unterkleider. Unter gewissen Verhältnissen ist man allerdings
-gezwungen, um die Stärkwäsche in ansehnlichem Zustand zu erhalten, ein
-wollenes Unterkleid, welches den Schweiß aufsaugt, anzulegen, dann aber
-bleibt der Körper dauernd feucht, was naturgemäß nachtheilig auf die
-Haut wirken muß. Geht man aber nicht in Damengesellschaft, sondern in
-den Wald und über Land, dann sollte man sich von Wolle freihalten. Naß
-wird die Wäsche ja, sie trocknet aber auch wieder schnell in der heißen
-Sonne, und kleidet man sich dann an jedem Ruhepunkt frisch, so merkt man
-bald das Behagen, welches der Körper empfindet. Dazu gehört allerdings
-die Mitnahme größerer Vorräthe und der zum Tragen erforderlichen Leute.
-Nur dieser Praxis schreibe ich es zu, daß ich, trotzdem ich unter der
-Hitze mehr leide wie vielleicht irgendein anderer von unserm Schiff, die
-anstrengendsten Märsche ohne Ermüdung zurückgelegt habe und sogar den
-Eingeborenen, welche mir den Beinamen „mit den eisernen Beinen“ gegeben,
-im Marschiren überlegen war.
-
-Der Fluß ist hier ziemlich breit und tief, weil gerade an dieser Stelle
-wieder eins der den samoanischen Flüssen eigenthümlichen Felsenbecken
-liegt, von welchem das Wasser als schöner Fall in ein tiefer liegendes
-hinabstürzt. An dem andern Ufer steigt eine steile Bergwand empor, in
-welcher eine große tunnelartige Oeffnung den Eingang zu einer Höhle
-bildet. Als ich zunächst meine Schuhe waschen wollte, um sie während des
-Bades wieder trocknen zu lassen, nahm Lange mir diese Arbeit ab und diesem
-wiederum Sa, welche inzwischen auch herangekommen war. Sie beschränkte
-sich aber nicht nur auf meine Schuhe, sondern nahm auch Wäsche und Kleider
-vor, welche sie dann zum Trocknen ausbreitete. Dies war mir sehr angenehm,
-weil ich nun diese Sachen später zu dem Weitermarsch wieder anlegen und
-meinen Vorrath schonen konnte. Kaum war die Samoanerin mit ihrer Arbeit
-fertig, so nahm sie mit einem schnellen Griff ihr Lava-lava ab und sprang
-ins Wasser, um zwischen uns herumschwimmend ebenfalls ihr Bad zu nehmen,
-achtete aber darauf, vor uns wieder an Land zu kommen und zur Stadt
-zurückzukehren, ehe wir das Wasser verließen.
-
-Im Faletele mußte ich nun zunächst einen Kawatrunk nehmen und dann
-durchschritt ich mit Loau und Bill den Fluß an einer seichten Stelle,
-um die Höhle zu besichtigen. Dieselbe ist ein tunnelartig natürlich
-gewölbter Gang von etwa 300 m Länge, 5 m Breite und 2½ m Höhe und ist an
-beiden Endpunkten offen. Eine kleine Wasserlache war das einzige Wasser in
-der Höhle, welche sonst den Schwalben als Brutstätte dient, denn an den
-Wänden befindet sich Nest neben Nest und der Boden ist mit einer starken
-Guanoschicht bedeckt.
-
-Gegen 1 Uhr nahmen wir ein sehr reichhaltiges Essen ein (Schwein, Huhn,
-Tauben, Süßwasserkrebse und einige Gemüse), ruhten dann etwas, um 2½ Uhr
-nahm ich noch einmal ein Bad, danach wurden die Geschenke vertheilt und
-um 3 Uhr befanden wir uns wieder auf dem Weitermarsch. Nach einer Stunde
-passirten wir die dritte Stadt, wo ich aber zum Leidwesen der Bewohner und
-meiner Begleitung keine Rast machte, sondern durchging, um vor Einbruch
-der Nacht noch den nächsten Platz zu erreichen, wo wir auch kurz nach 5
-Uhr eintrafen. Auch hier nahm ich als erste Erfrischung wieder ein Bad,
-wobei ich mir einige auf dem hohen Ufer stehende Zuschauer gefallen lassen
-mußte, da die Stadt dicht am Wasser liegt und der Fluß hier von so steilen
-Abhängen umschlossen wird, daß man nur an einer Stelle bequem zum Ufer
-kommen kann. Die ganze Umgebung ist so romantisch, daß es mir ordentlich
-unbehaglich wurde, nachdem die Sonne hinter die Berge gegangen war und
-die Eingeborenen sich wieder zurückgezogen hatten. Rund umschlossen von
-nackten Felsen oder belaubten Höhen nahm das tiefe Wasser schwarze Färbung
-an, keine Menschenseele zu sehen, kein Thier zu hören -- da kam mir
-wieder das Ammenmärchen von den Aalen in den Sinn, und richtig, da packt
-mich einer am Fuß, sodaß mir ganz heiß wird und ich erst wieder zur Ruhe
-komme, als Sa’s lachendes Gesicht neben mir auftaucht, welche sich den
-hinterlistigen Scherz gemacht hatte, mir heimlich nachzugehen. Sie schwamm
-nun aber so schnell an Land, daß ich sie nicht mehr erreichen konnte, um
-sie für den schlechten Spaß etwas zu zausen. Mir war das Baden durch den
-Schreck verleidet und so machte ich auch, daß ich an Land kam, zumal mein
-Magen sich meldete.
-
-Nach einem kräftigen Essen mußte ich erst der Abendandacht beiwohnen, zu
-welcher die Bewohner durch Trommelschlag herbeigerufen wurden. Ein Mann
-las ein längeres Gebet vor, dann zerstreuten sich die Einwohner wieder;
-wir tranken Kawa, einige Mädchen führten einen mittelmäßigen Tanz auf,
-und dann begaben wir uns zur Ruhe, nachdem die Häuptlinge dem von mir
-mitgebrachten Getränk doch etwas zu viel zugesprochen und sich still
-zurückgezogen hatten. Das Faletele war nur für mich und Lange bestimmt,
-die übrigen von uns waren anderweit untergebracht. Endlich war ich
-einmal allein und konnte mich nun ohne Aufsehen nach einem stillen Platz
-zurückziehen. Doch ich hatte eine schlechte Wahl getroffen, denn gleich
-darauf raschelt es im Gras und neben mir befindet sich eine Samoanerin,
-welche mir dazu noch einen guten Abend wünscht. Obgleich ich nun schon
-ziemlich vertraut mit dem samoanischen Leben war, hatte ich mich in diese
-Natürlichkeit doch noch nicht hineingefunden und wollte entsetzt fliehen,
-ließ mich aber doch durch den Gedanken, eine lächerliche Figur abzugeben,
-davon abhalten. Meine Nachbarin verschwand indeß ebenso schnell wieder
-wie sie gekommen war.
-
-Im Faletele hatte ich mir mein Mosquitonetz sorgsam aufgehängt und fand
-unter demselben ein gutes Lager, sodaß ich bald entschlummert war. Da
-kriecht etwas bei mir herum, ich greife zu und vermuthe nach dem Gefühl,
-daß ein Ferkel sich zu mir verirrt hat, ich fasse mit der andern Hand mit
-zu und merke nun, daß es doch etwas anderes ist; ehe ich aber zu einem
-Entschluß kommen kann was zu thun, werden gleichzeitig die sämmtlichen
-Vorhänge in die Höhe gerissen, an zwanzig Mädchen stürzen mit Fackeln
-in den Raum hinein, durchkreuzen ihn wie Feuerwerksfrösche, mein Besuch
-ist wieder unter ihnen verschwunden, Lange und ich sehen uns verdutzt
-an und im nächsten Augenblick sind die Vorhänge wieder unten und wir
-wieder in vollkommener Dunkelheit. Ob das ein samoanischer Scherz oder
-was sonst war, weiß ich nicht. Erst wollte ich nach, um mir einen dieser
-ausgelassenen Irrwische zu fangen, aber mein Adamcostüm und die Gewißheit,
-doch keinen fassen zu können, ließen mich klugerweise von einem derartigen
-Beginnen absehen. Eine weitere Störung fand nicht statt und auch diese
-war wol nur dadurch möglich gewesen, daß die Herren Väter heute nicht
-zurechnungsfähig waren.
-
-Am nächsten Morgen badete ich wieder und fand den nun von der Sonne warm
-beschienenen Platz entzückend. Dann Geschenkvertheilung und um 7 Uhr nach
-einem guten Frühstück Abmarsch nach Falifa. Der Weg dahin geht nur das
-erste Drittheil durch den Wald, dann trifft man einen Fluß, an dessen
-Ufer man bleibt. Der Weg ist gut und die landschaftlichen Bilder sind
-schön. Um 9 Uhr waren wir in Falifa, wo natürlich als erstes wieder das
-unvermeidliche Bad genommen wurde, welches hier besondere Reize bietet.
-Der breite Fluß wird an beiden Seiten von bewaldeten Höhen begrenzt und
-stürzt als mächtiger Wasserfall direct in die See, welche hier mit einer
-schmalen Bucht tief in das Land vordringt. Die Wassertiefe des Flusses
-gestattet nur dicht oberhalb des Absturzes ein Schwimmen und auch dort
-ragen vielfach Felsen aus dem Strombett hervor. Flußauf öffnet sich dem
-Auge eine weite Ebene, in deren Mitte der silberne Wasserlauf eilig und
-brodelnd über Felsengeröll zu Thal fließt. Stromab sieht das Auge das
-Meer und den fernen Horizont, welche von den bewaldeten Ufern der Bucht
-eingerahmt werden; ein Schnitt von Ufer zu Ufer am untern Rand des Bildes
-endet den Lauf des Flusses, dessen Wasser einen letzten dumpf grollenden
-Gruß aus der Tiefe nach oben sendet, ehe es sich für immer mit dem Meer
-verbindet.
-
-Die Stadt liegt hier dicht am Ufer des Flusses und dies mag wol mit dazu
-beigetragen haben, daß gleich nach mir noch drei junge Samoanerinnen
-ebenfalls ins Wasser kamen und schwimmend mich in ihrer Mitte hielten. Da
-die Samoaner uns Weißen keine besondere Fertigkeit im Schwimmen zutrauen,
-so wird die eigentliche Absicht wol die gewesen sein, mir gegebenenfalls
-zu Hülfe eilen zu können, wenn ich mich etwa zu nahe an dem Wasserfall in
-eine der zwischen den Felsen befindlichen Stromschnellen wagen sollte, da
-dies sichern Absturz und Tod bedeutet haben würde. In Falifa selbst, wo
-wir etwas frühstückten, hielten wir uns nur kurze Zeit auf. Ein Albino,
-ein Frauenzimmer, erregte hier dadurch mein Interesse, daß der Rücken eine
-rosa Farbe hatte, welche, durch kleine Bläschen hervorgebracht, jedenfalls
-die Folge von Sonnenbrand war. Die Haut der Albinos wird also wol ebenso
-wenig widerstandsfähig gegen die Sonne sein wie die unsrige.
-
-Demnächst berührten wir eine kleinere Stadt, welche ich nur deshalb
-erwähne, weil Sa hier in dem obersten Häuptling ihren alten Onkel begrüßte
-und diese Begrüßung die einzige auf altsamoanische Art geblieben ist,
-welche ich zu sehen bekommen habe. Der alte Mann saß mit untergeschlagenen
-Beinen in seiner Hütte und schien uns zu erwarten. An der Hütte
-angekommen, trat Sa zuerst ein, ging gebückten Körpers auf den alten
-Herrn zu, rieb mit ihm Nasen, setzte sich neben ihn und machte während
-der darauf folgenden kurzen Unterhaltung ein so ernstes Gesicht, wie ich
-es ihr gar nicht zugetraut hätte. Dann trat sie zurück, worauf erst die
-Begrüßung mit uns erfolgte. Wir nahmen eine kleine Erfrischung an und
-brachen dann bald wieder auf. Durch Lufi-lufi gingen wir ohne Aufenthalt
-durch, nachdem wir einen kurzen Gruß mit dem in seiner Hütte anwesenden
-Häuptling gewechselt hatten, und trafen gegen 2 Uhr zum großen Erstaunen
-der Einwohner, welche uns am nächsten Abend erst erwartet hatten, wieder
-in Saluafata ein. Meine Begleiter, welche auf dem Marsche wiederholt
-angedeutet hatten, daß die Anstrengung für sie wol zu groß werden würde,
-waren jetzt ganz stolz auf ihre Leistung und besonders befriedigt, als
-sie den für drei Tage ausbedungenen Lohn unverkürzt erhielten. Im Verein
-mit den vertheilten Geschenken hatte mich die Partie nahe an 150 Mark
-gekostet, trotzdem ich nichts für die uns gebotenen Mahlzeiten zu bezahlen
-hatte.
-
-An dem einen oder andern Abend, wenn sich einige Mädchen zu einem Tanz
-zusammengefunden hatten, erhielt ich eine Einladung zur Theilnahme.
-Gewöhnlich trat dies ein, wenn Besuch von außerhalb gekommen war. Diese
-Belustigung war stets eine willkommene Abwechselung in dem täglichen
-Einerlei und ganz dazu angethan, einen Abend angenehm verbringen zu
-können. Wenn hierbei auch Männer, Frauen und Kinder durch Händeklatschen
-eine etwas geräuschvolle Musik machten, so war dies in der offenen Hütte
-doch nicht so unangenehm wie früher in dem geschlossenen Saal, und was den
-Reiz wesentlich erhöhte, war die angenehme Temperatur und die beschränkte
-Zahl der Zuschauer.
-
-Die Darstellerinnen sind bei feierlichen Gelegenheiten sehr reich
-geschmückt; bei Gelegenheitstänzen zwar einfacher, aber doch immer für den
-Zweck gekleidet. Solch größere Tänze wurden mir zwei geboten, einer war
-für unsere Offiziere und mich arrangirt, der zweite nur eine Ueberraschung
-für mich, welche Sangapolutele am Vorabend unserer Abreise mir bereitete.
-Der Schmuck ist im wesentlichen ja der früher beschriebene und findet
-nur durch Ausschmückung derjenigen Glieder, welche bei dem Tanz in den
-Vordergrund treten (Arme und Beine) seine Vervollständigung. Das Bekannte
-sind Stirnbänder; Blumen im Haar; lange von der Schulter bis über die
-Brust reichende Ketten aus Beeren, Pandanuszapfen und wohlriechenden
-Kräutern, und Lava-lavas aus Matten oder Gräsern bezw. Zott-Lava-lavas.
-Als bisjetzt noch nicht genannter Schmuck treten hinzu: ein den Hals eng
-umschließendes Band mit daran befestigten perlenartig herunterhängenden
-Beeren und zwar so, daß jede Reihe aus vier bis fünf Beeren besteht, von
-denen zwei übereinander an dem Band selbst befestigt sind und die andern
-dicht aneinander gereiht lose herunterhängen; Armbänder aus Laub oder
-Stoffband, von welchen eins um die Mitte des Oberarms gelegt ist, eins
-auf dem halben Unterarm und ein drittes dicht über dem Handgelenk liegt,
-und zwar alle so fest umgeschnürt, daß das Fleisch etwas vorquillt; Bänder
-aus Schlingpflanzen über und unterhalb der Wade. Diese Arm- und Beinbänder
-heben, wie bekannt, die Formen besonders schön hervor und erhöhen bei den
-Armen außerordentlich die Grazie der Bewegungen. Ueberraschend war mir,
-bei diesen Naturmenschen solch feine Empfindung für das Schöne zu finden,
-denn solch raffinirter Putz kann nur eingehendem Studium seine Entstehung
-verdanken. Der Oberkörper ist natürlich mit Kokosnußöl eingerieben und
-die Haut daher glänzend blank.
-
-Die Darstellerinnen nehmen an dem einen schmalen Ende der Hütte Platz,
-das Gesicht der Mitte zugekehrt, wo die eigentlichen Zuschauer sitzen,
-während das Volk, welchem der Zutritt auch freisteht, die andere Hälfte
-der Hütte ausfüllt oder von außen zusieht. Zwei Holzfeuer zu beiden Seiten
-des Mittelgerüstes und im Rücken der vornehmern Zuschauer erhellen den
-Raum.
-
-Der Tanz, welcher in der Regel nur in sitzender Stellung (mit gekreuzten
-untergeschlagenen Beinen) ausgeführt wird, kann in dieser natürlich auch
-nur in Bewegungen des Kopfes, Oberkörpers und der Arme bestehen und setzt
-sich aus leichten rhythmischen Bewegungen zusammen, die keinerlei mimische
-Darstellung geben sollen, sondern nur den Hang nach Schaustellungen und
-harmlosem Zeitvertreib zu gefälligem Ausdruck bringen. So scheint der
-Tanz auch gewissermaßen ein Vorrecht der nichtarbeitenden Klasse, der
-Häuptlingstöchter, zu sein, welche mit den Vorübungen und der Erfindung
-dazu passender neuer Texte ihre freie Zeit ausfüllen. Ob meine Annahme
-indeß richtig ist, weiß ich nicht, nur ist mir aufgefallen, daß das
-niedere Volk sich an diesen Tänzen nie anders handelnd betheiligt als
-mit Händeklatschen, wenngleich wol alle Mädchen und sogar schon die ganz
-kleinen Kinder, welche „Tanz“ spielen, sich in den Tanzbewegungen üben,
-wenn sie sich unbeachtet glauben, wie ich dies wiederholt hier und in
-Saluafata gesehen habe.
-
-Wenn es mir nun auch nicht möglich ist, erzählend ein getreues Bild einer
-solchen Tanzschaustellung zu geben, die nur durch die dabei entwickelte
-Grazie, welche ja auch noch je nach der Begabung der Handelnden mehr oder
-weniger gefällig ist, fesselnd wirkt, so kann ich doch versuchen, eine
-leichte Skizze davon zu entwerfen.
-
-Wie ich früher schon erzählt habe, bilden die Spieler eine Gruppe. Vorn
-in der Mitte sitzen die eigentlichen Tänzerinnen und zwar in der Regel
-nebeneinander drei Mädchen, von denen die mittelste den schönsten Schmuck
-hat und als Vortänzerin anzusehen ist. Nur bei größern Gelegenheiten und
-gewöhnlich wol bei der Anwesenheit von einheimischen Gästen aus andern
-Städten, deren Töchter auch zur Mitwirkung aufgefordert werden müssen,
-wächst die Zahl. Sind es nur vier oder fünf, dann verbleiben alle in einer
-Reihe, sind es mehr, dann werden zwei Glieder in der Weise gebildet, daß
-das zweite die Lücken des ersten ausfüllt. Das zweite Glied kann dann aber
-nach der ganzen Art der Bewegungen nur in sehr geringem Maße an dem Tanz
-theilnehmen und die Betreffenden wirken mehr als Statisten. Der Rest der
-Gruppe setzt sich aus dem händeklatschenden Orchester zusammen und zwar
-sitzen zur Seite der Tänzerinnen gewöhnlich Kinder, in der zweiten Reihe
-Männer und Frauen, und die übrigen Männer und Frauen stehen dahinter, in
-allen Reihen die größern in der Mitte und die kleinsten an den Seiten,
-sodaß das Ganze die Form eines Halbmondes annimmt.
-
-Zuschauer und Spieler versammeln sich gleichzeitig. Bis der Tanz
-beginnt, verharren die letztern in ungezwungener Haltung, sprechen leise
-miteinander, und die Damen haben mit ihrem Putz und Schmuck zu thun.
-Ein leises Klatschen dient als Vorspiel und kündigt den Anfang an. Die
-Tänzerinnen bleiben noch in ihrer bequemen Haltung, die mittlere setzt
-bald mit einigen leise gesungenen Strophen mit ein, streckt sich dann
-etwas und deutet nun, ihren Gesang mit einigen Armbewegungen begleitend,
-mit den Händen leise das kommende Spiel an, indem sie dieselben in
-wagerechter Haltung bis zur Brust hebt, mit ihnen nach links und rechts
-so spielt, daß die Hände nach dem Takt der Musik leicht gehoben und
-wieder gesenkt werden und zwar im Dreivierteltakt. Geht das Spiel nach
-links, dann ist die rechte Hand an der linken Brust und die linke in
-entsprechender Entfernung weiter nach links, geht das Spiel nach rechts
-ist das Umgekehrte der Fall. Das Klatschen wird stärker, die andern
-Tänzerinnen greifen mit ein, die vorige Ruhe ist abgeschüttelt, alle sind
-voll Feuer und Leben. Der Gesang wird lauter, die Armbewegungen werden
-bestimmter, bleiben aber doch leicht und geschmeidig. Die Hände greifen
-weiter nach links und rechts hinüber, der Oberkörper folgt nach, bis die
-Hände leicht auf den Fußboden aufschlagen, wobei die Tänzerinnen den Kopf
-so weit gehoben halten, daß sie die Zuschauer noch ansehen. Dann richten
-sie sich im Takt auf und gehen in eine andere Figur über, die Arme sind
-so weit gehoben, daß die Ellenbogen in der Höhe der Brust und die Hände
-nach oben gerichtet sind. Die rechte Hand liegt in der Höhe der linken
-Schulter, die linke weiter nach links in der Höhe des Kopfes, dieser ist
-nach rechts gedreht und die Finger laufen geräuschlos und geschmeidig
-langsam an dem Daumen entlang, ähnlich wie wir ein Schnippchen schlagen,
-wobei ein passender Triller gesungen wird. Kopf und Hände wechseln mit
-einer schnellen Bewegung die Stellung, um nach der andern Seite dieselbe
-Figur auszuführen, und nach einmaliger Wiederholung schlagen die Hände
-wieder auf den Boden, sind in halber Höhe des Körpers und so fort.
-
-Aus diesen drei Figuren setzt sich der Tanz zusammen und wirkt anfänglich
-bald ermüdend; weiß man aber erst, daß keine neuen Figuren kommen und
-wartet man daher nicht mehr auf solche, dann fängt man an, dem lebendigen
-Spiel der Glieder zu folgen, wie die Bewegungen ein langsameres oder
-beschleunigteres Tempo annehmen, wie die Haltung des Körpers wechselt und
-die Drehungen und Stellungen dem Auge fortgesetzt neue, schön gerundete
-Linien zeigen, und wird dann ebenso wie die Eingeborenen von dem Feuer der
-Darstellerinnen mit fortgerissen. Ich habe mich erst durch verschiedene
-Tänze durchlangweilen müssen, ehe ich Geschmack an denselben fand und
-verstehen lernte, worin der Reiz liegt, welcher dem Samoaner die Kraft
-gibt, diesem scheinbar einförmigen Spiel ganze Nächte zu opfern.
-
-Zuweilen, wenn Darsteller und Zuschauer erst warm geworden sind, erhebt
-sich auch die Vortänzerin, um mit wenigen Schritten nach links und rechts
-gehend mit den Armen andere Bewegungen als die vorher beschriebenen zu
-machen. Doch sind die Mädchen dann auf fremdem Gebiet, das unförmliche
-Lava-lava paßt nicht zu leichten Bewegungen, sie werden ungraziös. Der
-Tanz im Stehen gehört in Samoa nur den Männern.
-
-Wie schon vorher angedeutet, bereitete Sangapolutele mir am Vorabend
-unserer Abreise von Saluafata noch eine besondere Ueberraschung. Als ich
-abends zu Bill kam, um dort von meinen samoanischen Freunden Abschied
-zu nehmen, wurde mir eine Einladung des Häuptlings übermittelt, zu ihm
-zu kommen, weil er mir vor meiner Abreise noch einen altsamoanischen
-Tanz vorführen lassen wolle. Da sämmtliche Anwesende mitkommen wollten,
-um auch theilzuhaben an dem seltenen Schauspiel, so wurde Bill’s Haus
-zugeschlossen und ich fuhr mit ihm und seiner Frau in einem großen Kanu
-nach Saluafata, um doch auch einmal eine solche Fahrt gemacht zu haben.
-Die andern wählten den Landweg, welcher mir bei der Dunkelheit etwas zu
-unbequem war.
-
-Die Häuptlinge mit ihren Familien waren vollzählig in der für den Tanz
-ausgewählten Hütte (derselbe findet nicht im Faletele statt) anwesend,
-weil ihre Töchter alle mitwirkten; auch Mulitalo, ein hoher Häuptling
-von Savai’i, dessen Bekanntschaft ich in den letzten Tagen in Saluafata
-gemacht und der mir, als Zeichen seiner Freundschaft, ein großes
-ausgewachsenes Schwein geschenkt hatte, war unter den Zuschauern. Daß die
-Bewohner Saluafatas, groß und klein, alle zur Stelle waren, versteht sich
-von selbst. Wie mir gesagt wurde, sollen sich die Mädchen, welche doch
-schon etwas unter dem Einfluß der Missionare stehen, zu denjenigen Tänzen,
-welche zur Darstellung kommen sollten, nur noch bei besonders festlichen
-Gelegenheiten hergeben und auch nur dann, wenn keine Fremden als Zuschauer
-zugegen sind, im übrigen werden nur jungfräuliche Häuptlingstöchter
-zu denselben zugelassen. Unter den Darstellerinnen befanden sich
-Toëtele, Lolle, Loautele und noch zwei Mädchen, Va und Vau, Verwandte
-Sangapolutele’s von außerhalb.
-
-Der Tanz bewegte sich zunächst in dem gewöhnlichen Rahmen, und nach
-Verlauf einer Stunde benutzten die anwesenden Aeltern der Tänzerinnen eine
-Pause, um sich zurückzuziehen, indem Sangapolutele mir verdolmetschen
-ließ, daß die Mädchen beauftragt seien, mir nun noch einen Tanz
-vorzuführen, bei welchem nach der Samoa-Sitte deren Aeltern nicht zugegen
-sein dürften. Einer seiner Leute indeß, einer der von mir bei Beschreibung
-des Talolo als Narren bezeichneten Männer, sei beauftragt, das Ganze zu
-leiten, und dieser trat dann auch vor, um sich neben den Tänzerinnen
-aufzustellen. Nachdem die betreffenden Aeltern sich entfernt hatten,
-nahm der Tanz seinen Fortgang und zwar zunächst in der gewöhnlichen Art;
-dann trat Va, welche mit einem kleinen enganliegenden Zott-Lava-lava
-bekleidet war, vor und führte stehend in gefälligen zierlichen Bewegungen
-einige hübsche Figuren aus. Danach trat Vau, eine hohe, schlanke, wol
-eben erst voll entwickelte jugendliche Gestalt mit etwas verängstigtem
-Gesicht vor. Sie trug nur ein leichtes Kattun-Lava-lava und begann ihren
-Tanz mit ähnlichen Bewegungen wie Va, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder
-natürlicher, ein angenehmer Zug umspielte das unschöne Gesicht, und als
-sie erst ihre Sicherheit wiedergewonnen hatte, blieb sie plötzlich mit
-emporgehobenen leicht gebogenen Armen vor uns stehen. Der Narr trat an sie
-heran, doch sie entschlüpfte ihm wieder mit einer reizenden, eleganten
-Bewegung, bis sie von neuem in der vorangegebenen Stellung stand und
-der Narr gleichzeitig an ihrem Lava-lava nestelte; dann drehte sie sich
-langsam einmal um sich selbst und stand wieder in derselben Haltung
-vor mir, während der Narr mit dem Lava-lava zur Seite trat. Noch einige
-Drehungen und Wendungen, dann erwachte sie scheinbar aus einem Traume
-und verschwand draußen in der Dunkelheit ohne wieder zurückzukehren. Ihr
-folgte Loautele mit einer ähnlichen Vorführung, die damit endigte, daß das
-Mädchen mich vor ihrem Verschwinden plötzlich einmal heiß an sich preßte.
-
-Es war inzwischen sehr spät geworden und Zeit zum Aufbruch.
-
-Ich verließ daher das Land und zwar mit der befriedigenden Gewißheit,
-einen samoanischen Originaltanz gesehen zu haben, welcher von der
-unschönen Nachahmung, die uns bei meinem ersten Besuch hier in Apia mit
-dem bezahlten Tanz vorgeführt worden war, doch sehr wesentlich abstach und
-zwar sowol durch die ruhige, gemessene und im Vergleich zu der Nachahmung
-immerhin geräuschlose Handlung, wie auch durch die edlern Formen, in
-welchen das Ganze geboten wurde.
-
-Wir bestiegen Bill’s Kanu wieder und ich freute mich auf die schöne
-Fahrt bis zu seinem Hause, da der volle Mond, welcher jetzt hoch am
-Himmel stand, den Hafen wunderbar schön beleuchtete. Niedrige Dünung lief
-über das Wasser und gab unserm Fahrzeug leichte wiegende Bewegungen.
-Da bemerkte Bill’s Diener Tom, welcher das Kanu allein ruderte, daß an
-dem Ausleger etwas nicht in Ordnung sei, ehe er aber noch den Fehler
-feststellen konnte, löste sich der Baum bei einer etwas stärkern
-Bewegung des Fahrzeugs auch schon von seinen Haltern, das Kanu kenterte
-und wir lagen sämmtlich im Wasser. Ich tauche wieder an die Oberfläche
-auf und greife zuerst nach Uhr und Cigarrentasche, um diese, in einer
-Hand sie hoch über das Wasser haltend, gegen den verderblichen Einfluß
-des Seewassers zu sichern. Dann schaue ich mich um und sehe eins des
-lächerlichsten Bilder, welche mir je vor die Augen gekommen sind. Dicht
-bei mir sind die Köpfe von Bill und Sa, der erstere seine von mir als
-Geschenk erhaltene schöne Meerschaumpfeife als Werthvollstes und die
-letztere meinen Regenschirm über Wasser haltend. Frau Bill’s Kopf sehe
-ich nur einen Augenblick, dann, wie bei einem Tümmler, ihren weißen Rücken
-(sie trug ein weißes Kleid), einen Augenblick ihre zappelnden Füße und sie
-ist wieder verschwunden; halb auf das gekenterte weiße Kanu geklettert,
-müht der schwarze Tom sich ab, dasselbe auf den Kiel zurückzubringen.
-Dann erscheint der Kopf von Frau Bill wieder, welche ängstlich nach mir
-fragt und nachdem sie mich entdeckt hat noch einmal verschwindet, worauf
-sie, als sie zum dritten mal auftaucht, ihre Schuhe als ihr Werthvollstes
-hoch über Wasser hält, die sie sich auf dem Meeresgrund ausgezogen hatte.
-Die gute Seele hatte mich bei ihrem ersten Auftauchen nicht gesehen, weil
-sie durch einen schweren Schlag, welchen sie von dem einen Halter des
-Auslegers auf den Kopf erhalten hatte, halb betäubt war, dachte daher
-zunächst nur an meine Rettung und tauchte wieder unter, um mich auf dem
-Grund zu suchen. Das Lächerlichste war nun, daß von unsern sämmtlichen
-Sachen nur mein Regenschirm trocken geblieben war, welchen Sa bei der
-Katastrophe gleich gefaßt hatte und mit dem sie so platt aufs Wasser
-gesprungen war, daß der hoch gehaltene Schirm nicht mit eintauchte.
-Andererseits hatte des Schicksals Tücke es gewollt, daß gerade am Tage
-vorher meine zweite Uhr, welche ich bei Ausflügen immer zu mir steckte,
-stehen geblieben war und ich heute meine gute Uhr mitnehmen mußte, welche
-natürlich so viel Seewasser geschluckt hatte, daß sie für den Rest
-der Reise unbrauchbar ist. Um das Kanu wieder in Ordnung zu bringen,
-schleppten wir es schwimmend an den Strand, und es muß ein wunderbares
-Bild gewesen sein, wie wir um das Kanu vertheilt mit der einen Hand
-dieses angefaßt und mit der andern unsere Kleinodien hoch haltend, in dem
-schönen Mondschein mit kräftigen Schwimmstößen dem Strande zusteuerten.
-Dort angelangt machte ich den Vorschlag, den Rest des Weges auf dem
-Lande zurückzulegen, welchem die Frauen und Tom sich nur mit Widerstreben
-fügten, weil sie sich vor dem Geist eines kürzlich auf der Albatros-Insel
-beerdigten Unteroffiziers von unserm Schiff, der an den Folgen eines in
-Auckland erhaltenen Fiebers gestorben war, fürchteten. Das Kanu wurde auf
-den Strand gezogen, um am nächsten Morgen erst wieder in Ordnung gebracht
-zu werden, und bald war ich bei meinem Boot und an Bord.
-
-Am 15. d. M. morgens verließ ich Saluafata, um über Savai’i wieder nach
-Apia zurückzukehren, weil bisher noch keins unserer Schiffe diese Insel
-angelaufen hatte.
-
-Da der Häuptling Mulitalo, welcher in Safune zu Hause ist, mich zu sich
-eingeladen und ich ihm vorher schon versprochen hatte, ihn von Saluafata
-aus mitzunehmen und in seinem Hafen abzusetzen, so wählte ich diesen
-Platz.
-
-Sangapolutele, welcher auch in dieser Zeit nach Safune wollte, folgte
-ebenfalls meiner Einladung, für die Dauer der Ueberfahrt mein Gast zu
-sein, und Bill ging als Lootse und Dolmetscher mit. Sangapolutele, welchem
-ich am Abend vorher einen schönen Revolver als Andenken geschenkt hatte,
-brachte mir bei dieser Gelegenheit noch verschiedene Geschenke mit,
-unter welchen sich auch eine besonders große Kawawurzel befand, weil er
-glaubte, daß ich dieses Geschenk auch würdigen würde. Er hat allerdings
-darin recht, daß ich, wie ich früher auch schon angedeutet habe, das
-aromatische, leichtbittere Getränk, mit dem beißenden Geschmack auf der
-Zunge und dem leichten Brennen im Magen, schätzen gelernt habe, wie denn
-auch zu einem behaglichen Abendbesuch am Lande ein Kawatrunk mit gehörte.
-Erst wenn meine braunen Freundinnen mit der Bowle uns gegenübersaßen und
-das Getränk zurecht machten, zog ein gewisser häuslicher Friede in die
-Hütte ein, welchem sich eine außerordentlich wohlthuende Erschlaffung
-der Beine zugesellte, sobald man erst einige Becher Kawa getrunken
-hatte. Die Wirkung auf den menschlichen Organismus besteht in einer
-leichten, angenehm schmerzhaften Lähmung der Beinmuskeln, wobei man etwa
-dieselben Empfindungen hat, als wenn man nach einem ungewohnten Ritt oder
-anstrengenden Marsch im Bett die schmerzenden Glieder streckt. Es thut
-ja weh, aber so angenehm weh, daß man sich absichtlich immer wieder den
-leichten Schmerz durch erneutes Strecken bereitet. Magen und Kopf werden
-nicht in Mitleidenschaft gezogen, auch bleiben keinerlei Beschwerden
-zurück, wenn der Beinrausch nach ein bis zwei Stunden wieder verflogen
-ist.
-
-An dieser Stelle will ich auch, ehe ich von Sangapolutele Abschied nehme,
-noch kurz erzählen, wie der Häuptling Recht spricht.
-
-Es war einem Matrosen von uns auf dem Schiffe eine kleine hölzerne
-Tabackspfeife gestohlen worden und der Verdacht der Thäterschaft auf
-einen bestimmten Samoaner gefallen. Ich schickte den Bestohlenen mit einem
-Unteroffizier und einem Dolmetscher an Land zu Sangapolutele, welcher sich
-gleich bereit zeigte, den Fall zu untersuchen. Der Mann war bald ausfindig
-gemacht, die Pfeife wurde bei ihm gefunden und er gestand ohne weiteres
-den Diebstahl ein. Ein Faustschlag Sangapolutele’s zwischen die Augen des
-Diebes, sodaß er betäubt zusammenbrach, war der erste Theil der Strafe,
-und nachmittags kam der Dieb von einem Häuptling geführt an Bord, um dem
-Matrosen, welcher seine Pfeife gleich am Vormittag zurückerhalten hatte,
-als Entschädigung ein mittelgroßes Schwein zu bringen. Hiermit aber nicht
-genug, war er auch noch für den Zeitraum von vier Wochen aus Saluafata
-verbannt worden, wie der Häuptling mir mitzutheilen beauftragt war.
-
-Im Laufe des Nachmittags des 15. wurde in Safune geankert und ich
-versprach Mulitalo, ehe er an Land ging, für den folgenden Tag und die
-anschließende Nacht sein Gast zu sein. Dieser Tag brachte mir eine solche
-Fülle interessanter und zum Theil neuer Eindrücke, daß ich dem braven
-Mulitalo für seine Einladung und Gastfreundschaft aufrichtig dankbar bin.
-
-Als ich vormittags an Land kam, mußte ich zunächst einen Rundgang durch
-die drei Districte von Safune machen, um die Häuptlinge zu besuchen.
-Die Stadt setzt sich nämlich aus drei voneinander unabhängigen Plätzen
-zusammen, über welche Mulitalo als Haupt des bedeutendsten aber doch eine
-gewisse Oberhoheit ausübt. Savai’i sucht nun einen gewissen Stolz darin,
-an den alten Gebräuchen festzuhalten, und es ist auch die einzige Insel,
-welche den alten für die Schrift angenommenen Dialekt noch rein spricht,
-dessen Hauptmerkmal darin besteht, daß er kein „'k'“ kennt, während die
-andern Inseln in der gewöhnlichen Umgangssprache kein „'t'“ gebrauchen,
-sondern dafür „'k'“ setzen. So heißt z. B. „Guten Tag“ in Savai’i und
-in der Schriftsprache 'talófa', bei den andern Samoanern 'kalófa';
-„ich danke“ 'fafatéi' bezw. 'fafakéi'. Die alte Samoa-Sitte verlangt
-nun auch, daß der Fremde nicht von selbst einen Besuch macht, sondern
-sich dazu auffordern läßt, wenn er an dem betreffenden Hause, wohin er
-möchte, vorbeigeht. So durfte auch ich nicht zu den Häuptlingen, welche
-mich erwartend und von ihren Familien umgeben in ihrem Faletele saßen,
-herantreten, sondern mußte gleichgültig thuend meines Weges ziehen, bis
-ich angerufen wurde. Als wir nun in die Nähe einer solchen Hütte kamen,
-trat ein Mann mit Rednerstock und Fliegenwedel an den Dachrand vor,
-musterte uns eine Weile und dann erst rief er uns mit lauter Stimme an.
-Wir mußten stehen bleiben, Fragen und Antworten wechselten miteinander ab,
-und als mein Dolmetscher zufriedenstellende Antwort gegeben hatte, wurde
-ich als Gast bewillkommnet, trat zur Hütte heran, während der Häuptling
-mir entgegenkam, und nahm unter den Anwesenden Platz, nachdem ich mit
-allen die Hand geschüttelt hatte. Darauf wurde mir als Erstes ein großer
-gekochter Fisch einer gewissen mir unbekannten Art vorgesetzt, worin die
-höchste Begrüßungsauszeichnung eines Fremden liegen soll, aber natürlich
-nur statthaben kann, wenn der Besuch vorher angemeldet ist, da die Fische
-nicht jeden Augenblick zu haben sind. Nachdem wir von dem Fisch gegessen
-hatten, wurde Kawa getrunken, und nach etwa einstündigem Aufenthalt zog
-ich weiter, um dasselbe bei dem nächsten Häuptling durchzumachen. Bei
-Mulitalo angelangt, wurden keine Umstände gemacht, er empfing mich mit
-seiner stattlichen Frau und zwei auffallend hübschen, elegant gewachsenen
-Töchtern von sehr heller Hautfarbe, die eine 19, die andere 17 Jahre alt,
-an der Thür seines großen, stark europäisirten Hauses und führte mich in
-sein Schlafzimmer, welches er mir abgetreten hatte. Neben einem breiten
-Bett mit Mosquitonetz fand ich noch einen Tisch mit zwei Stühlen und, was
-zunächst für mich das Beste war, ein Waschbecken mit einer Kanne frischen
-Quellwassers vor.
-
-Nachdem ich mich frisch gekleidet hatte, setzten wir uns zum Essen an
-einen leidlich gut gedeckten Tisch. Waren Teller, Löffel, Messer und
-Gabel auch sehr einfach und etwas zusammengewürfelt, so waren sie doch da
-und sauber. Erst gab es Suppe und zwar eine, nach deren Genuß ich mich
-in spätern Jahren wol noch manches mal sehnen werde. Es war eigentlich
-nur zu dünnem Brei gekochtes Fleisch, zur Hälfte vom Schwein, zur andern
-Hälfte aus Tauben bestehend und mit mancherlei Gewürzen so schmackhaft
-gemacht, daß ich mir einen zweiten Teller voll geben ließ und nachher auf
-die andern Genüsse, welche in Tauben- und Schweinefleisch, Brotfrucht und
-Taro bestanden, verzichtete.
-
-Nachmittags fand ein Talolo statt, welcher in seinen Grundzügen, was
-auch von der Kleidung gilt, dasselbe war wie in Saluafata und nur durch
-örtliche Verhältnisse bedingte Abweichungen zeigte. Denn während dort die
-Leute sich auf engen Waldwegen zum Festplatz begeben mußten und erst auf
-diesem sich sammeln konnten, steht ihnen hier eine lange breite Straße
-zur Verfügung, auf welcher der Zug sich in geschlossener, imposanter und
-malerischer Masse fortbewegen kann.
-
-In weiter Ferne ertönt Getöse, eine hin- und herwogende Masse tritt vor
-den im Hintergrund liegenden Häusern in die Erscheinung. Ein Menschenstrom
-füllt die ganze Breite der Straße aus und wächst in der Tiefe immer mehr
-an. Das Getöse verwandelt sich in rhythmischen Gesang, einzelne Figuren
-lösen sich von dem Ganzen ab und erscheinen als Vortrab; die seitlichen
-sind dunkel, die in der Mitte hell; die schwarzen springen und tanzen, die
-hellen tänzeln und einige von ihnen bewegen sich wie Berauschte. Auch aus
-der Masse treten nun Figuren hervor, geputzte festesfreudige Menschen,
-welche nebeneinandergehend etwas zu tragen scheinen. Die Schwarzen sind
-jetzt deutlich zu erkennen, es sind die Buschmänner; die Hellen sind
-Mädchen, von denen die meisten eine feine Matte oder ein blendend weißes
-Zott-Lava-lava umhaben, die scheinbar Berauschten aber von den Hüften bis
-zu den Knöcheln mit vielen feinen Matten behängt sind, welche ihnen ein
-vornehmes Ansehen geben. Diese sind die Vortänzerinnen, sie sind nicht
-berauscht, ihre Bewegungen sehen auch nicht mehr so aus, im Gegentheil,
-mit graziösen Armbewegungen laufen sie, jedenfalls mit ganz schnellen
-kleinen Schritten, hin und her und sind in ihrer ganzen Erscheinung
-geradezu bezaubernd. Der Zug ist bei uns angelangt, der Vortrab schwenkt
-zur Seite ab, die Träger der Geschenke nahen sich mir in geschlossener
-Linie und legen erschreckend große Massen von Nahrungsmitteln, darunter
-viele lebende Schweine, vor mir nieder. Die Leute treten wieder zurück,
-alle setzen sich im Halbkreis auf den Boden, der Redner tritt vor, begrüßt
-mich und dann vertheilt sich das Volk wieder, nachdem ihm noch unter der
-Hand mitgetheilt ist, daß ich den Leuten die Geschenke überlasse und sie
-dieselben wieder abholen können, sobald wir uns zurückgezogen haben.
-
-Am Abend versammelten wir uns in einem großen Hause, wo Tänze nach
-einem sehr reichen Programm zur Darstellung kamen, unter welchen sich
-auch Männertänze befanden, die ich bisher noch nicht gesehen hatte.
-Erst erschien eine Gruppe von Mädchen, dann eine zweite und eine
-dritte, welche alle die auch schon in Saluafata gesehenen Tänze in der
-Sitzstellung ausführten, aber doch in ihrem exacten Zusammenwirken und
-durch einzelne Feinheiten zeigten, daß der Tanz hier auf Savai’i mehr
-noch als eine edle Kunst angesehen und geübt wird. Angenehm fiel hier
-auch auf, daß hinter den tanzenden Mädchen kein anderes Publikum stand,
-welches doch immer störend wirkt. Als vierte Gruppe traten drei Mädchen
-auf, welche eigenartig in ihrem Anzug jedenfalls Waldgeister vorstellen
-wollten. Sie waren ganz in frisches Laub gekleidet und wichen in ihren
-Bewegungen vollständig von dem Gewohnten ab. Die in der Mitte sitzende
-kleine Häuptlingstochter, ein Mädchen von 14 oder 15 Jahren, welche
-ich früher schon in Apia auf unserm Schiffe gesehen hatte, schien die
-Erfinderin dieser neuen Figur zu sein, da sie mit einer außerordentlichen
-Sicherheit den Tanz leitete. Alle Bewegungen waren schnell und voll
-Feuer und bannten durch ihr fortwährend wechselndes Spiel das Auge des
-Zuschauers. Eigentlich hätten, wie mir gesagt wurde, diese Mädchen als
-Halsschmuck auf Savai’i vorkommende lebende rothe Schlangen haben müssen,
-doch hatten sie in der Kürze der Zeit keine mehr fangen können. Auf diese
-Gruppentänze folgten Einzeltänze junger Häuptlinge. Der Anzug derselben
-bestand eigentlich nur in ihrer Tätowirung und einer kleinen Schürze aus
-rothbraunen Blättern. Als Schmuck dienten Blumen oder ein grüner Kranz
-im Haar, ein Stirnband aus den früher genannten kleinen Muscheln oder aus
-Flittergold, ein Band um jeden Oberarm und unterhalb der Knie. Der Tanz,
-welcher in sitzender Stellung beginnt und stehend endet, wo dann noch zwei
-Männer hinzutreten, um das Bild abzurunden, gewährte mir großen Genuß.
-Die kraftvollen, jugendlich schönen Gestalten, der eigenartige Putz in
-Verbindung mit der Hautfarbe und der reichen Tätowirung, das Spiel der
-Muskeln und die lebendigen schönen Bewegungen vereinten sich zu einem
-sehenswerthen Ganzen.
-
-Den Schluß bildeten Einzeltänze von drei Mädchen, die in Darstellung
-und Kleidung wieder ganz Neues boten. Namentlich die Kleidung war etwas
-so Vollendetes an reizendem Geschmack und mit so einfachen Mitteln
-hergestellt, daß ich sie näher beschreiben muß.
-
-Die Tänzerinnen waren die beiden Töchter von Mulitalo, sowie ein
-Mädchen, welches einmal bei unsern frühern Aufenthalten in Apia unser
-Schiff besucht hatte, dann aber wieder spurlos verschwand, ohne daß
-es uns gelingen wollte, ihren Verbleib ausfindig zu machen. Daß wir
-nach ihr forschten, findet seine Erklärung in ihrer Erscheinung,
-welche so auffallend ist, daß jeder von unsern Herren sie gesehen
-hatte und die Bezeichnung „Königin der Nacht“, welche einer ihr gab,
-als zutreffend von allen angenommen wurde. Von mittelgroßem zierlichen
-Körperbau und tiefdunkler Hautfarbe, trug sie langes, bis auf die Hüften
-herunterhängendes schwarzes Haar und hatte zwei Augen im Kopfe, welche
-wie blitzende Sterne aus dem dunkeln Gesicht hervorleuchteten. Diese
-beherrschten auch in Verbindung mit den schönen Zähnen das keineswegs
-ideal geschnittene Gesicht so vollkommen, daß man nur sie sah und kaum den
-Blick von dem strahlenden Leben, welches von ihnen ausströmte, abwenden
-konnte.
-
-Die jüngere Tochter Mulitalo’s, eine Bajaderengestalt mit schmalen Hüften,
-kleinem Kopf und sonst edlen schlanken Körperformen, trat zuerst auf.
-Ihre Stirn umschloß ein schmales rothes Atlasband, das hinten geknüpft
-war und dessen lange Enden bis zu den Kniekehlen herunterreichten. Eine
-fest umgelegte Kette von erbsengroßen weißen Glasperlen umfaßte den
-schlanken Hals, und unter dieser Perlenkette lag eine von gleich großen
-rothen Beeren, welche sich hinten kreuzte, auf den halben Schultern wieder
-nach vorn kam und im Bogen bis auf die halbe Brust herunterreichte.
-Als Lava-lava diente ein sehr kurzer, aus einem schneeigen Handtuch
-gefertigter Schurz, welcher den Körper nur hinten bedeckte und vorn
-offen war, die Lücke vorn wurde durch eine kleine Schürze von rothbraunen
-schmalen Blättern ausgefüllt, welche in der Mitte lang, an den Seiten kurz
-waren und hinten in derselben Anordnung als Gürtel über den weißen Schurz
-fielen. Arme und Beine blieben ohne Schmuck. Der Tanz beschränkte sich auf
-leichte, mit vornehmer Ruhe ausgeführte Bewegungen und diente zweifellos
-nur dazu, die Schönheit der Formen zur Darstellung zu bringen.
-
-Als zweite erschien die ältere Tochter, eine üppigere, aber auch
-durchaus feingegliederte Gestalt. Sie trug ein weißes Tuch um die Stirn
-geschlungen, aus dessen Mitte das eigene Haar kappenartig hervorstand;
-eine dünne Blumen- und Beerenkette umschloß den Hals und als Lava-lava
-diente hinten ein aus bunten kleinen Lappen zusammengeflicktes Stück
-Zeug mit darunter liegendem kleinen weißen Unterröckchen, vorn der kleine
-Blätterschurz. Der Tanz war ähnlich wie der vorhergegangene.
-
-Während bei diesen beiden Mädchen die Kleidung andeutete, daß sie sich für
-den Zweck geputzt hatten, ihre Bewegungen vornehm ruhige waren, stellte
-die Königin der Nacht die unverfälschte Natur dar. Als Schmuck nur ihr
-langes, vorn etwas aufgethürmtes und im Nacken lose zusammengebundenes
-Haar, als Lava-lava hinten eine kleine feine Matte und vorn den kleinen
-Blätterschurz, welche eben nur den Mittelkörper bedecken; in ihren
-Bewegungen wild und leidenschaftlich, aber immer decent.
-
-Als die Königin der Nacht auftrat, kam die jüngste Tochter Mulitalo’s,
-welche auf der andern Seite ihres neben mir sitzenden Vaters gesessen
-hatte, zu mir und raunte mir, jedenfalls im Auftrage ihres Vaters, auf die
-Tänzerin deutend mit einigen englischen Worten etwas zu. Also auf dieses
-Mädchen, welches unserm ganzen Schiff die Köpfe verdreht hatte, war die
-Wahl gefallen. Ich war indeß gut, lehnte nach Beendigung der Festlichkeit
-jede weitere Unterhaltung ab und fand in Mulitalo’s Bett erquickenden
-Schlaf. Am nächsten Morgen sprach Mulitalo mir seinen warmen Dank aus.
-
-Gestern Morgen gaben wir den Samoanern noch ein Kriegsspiel nach
-europäischer Art und heute Morgen verließ ich Safune wieder. Mit der
-Schilderung samoanischer Art und samoanischen Lebens bin ich nun zu Ende.
-Meine Absicht war, ein Bild der merkwürdigen Vermischung von Sitte und
-Natürlichkeit, althergebrachten Formen und Formlosigkeit, Familienleben
-und Freiheit der einzelnen Mitglieder, der Tugenden und Fehler dieser
-Naturmenschen zu geben. Ob es mir gelungen ist, muß der Leser ermessen.
-
-
- 21. Mai 1879.
-
-Gestern endlich ist unser Ablösungsschiff eingetroffen und so werden
-wir nun in den nächsten Tagen, sobald ich die Station meinem Nachfolger
-übergeben habe, die Heimreise antreten. Von Apia habe ich nicht mehr viel
-zu erzählen, Ruhestörungen sind bisjetzt keine vorgekommen und besondere
-Erlebnisse habe ich nicht mehr zu verzeichnen. Ich habe allerdings noch
-den 800 m hoch liegenden See Lauto besucht, die Partie ist aber nicht
-lohnend. Da ich nur einen Tag an dieselbe wenden wollte, so fand ich
-anfänglich keinen Führer; schließlich aber erklärte sich ein Halbweißer,
-der sich vorzugsweise mit Jagd auf verwilderte Schweine beschäftigt und
-von meiner Leistungsfähigkeit im Gehen gehört hatte, bereit, den Versuch
-mit mir zu machen. Diesmal schloß sich mir einer unserer Herren an, von
-dem ich wußte, daß er gut zu Fuß sei. Wir brachen morgens 6 Uhr auf und
-fanden einen sehr mühsamen Weg, da der letzte Orkan vom 8. März mit seiner
-Peripherie auch diesen Theil von Upolu gestreift und viele Baumstämme über
-einen großen Theil des Weges geworfen hatte. So mußten wir vielfach über
-diese vom Thau benäßten Verhaue hinüberklettern, was uns so aufhielt, daß
-wir statt um 12, erst um 2 Uhr oben bei dem See anlangten. Derselbe bietet
-an sich keine besondern landschaftlichen Reize, der Weg bis dorthin gar
-keine, weil er anhaltend unter dichtem Laub hinführt und keine Aussichten
-gewährt. Wir hätten aber doch noch rechtzeitig wieder in Apia eintreffen
-können, wenn unsere Gepäckträger mit uns gleichen Schritt gehalten
-hätten. Die Samoaner sind im Punkte des Marschirens aber keine Tahitier
-und trafen erst um 3 Uhr oben ein, sodaß es 4 Uhr geworden war, ehe wir
-gegessen hatten. Der Weg war bergab natürlich nicht besser wie bergauf,
-und so mußten wir, nachdem wir von 6-7 Uhr wegen der tiefen Dunkelheit
-nur langsam vorwärts gekommen waren, schließlich auf der Plantage eines
-Engländers, welche wir noch erreichten, um Nachtquartier bitten. Der See
-ist sehr viel kleiner als der auf Tahiti, soll 20 m tief sein und bietet
-auch nicht annähernd solche Naturschönheiten wie der Waihiria.
-
-
-
-
-18.
-
-Die Heimfahrt.
-
-
- Apia, 20. Mai 1879.
-
-Endlich ist unsere Fregatte „Bismarck“ hier, lange und sehnsuchtsvoll
-erwartet. Das heute Nachmittag in Sicht gekommene große Kriegsschiff,
-welches dem Hafen unter vollen Segeln zusteuerte, war diesmal kein
-Engländer, wie die vor einiger Zeit hier eingelaufene und anfangs von uns
-für „Bismarck“ gehaltene Corvette, sondern das von der obersten Spitze
-seines Fockmastes zu uns herüberwinkende Signal war ein wirklich deutscher
-Gruß und bedeutete „Bismarck“. Das donnernde Hurrah, welches dem Kameraden
-bei seinem Einbiegen in den Hafen von unsern in die Takelage aufgeenterten
-Mannschaften aus über 200 Kehlen entgegenschallte, kam aus vollem Herzen,
-wenn es auch, als Ausdruck unserer Freude über die endliche Erlösung, wol
-mehr uns selbst galt.
-
-Wir hatten schon befürchtet, daß dem Schiff, welches ja bereits zu Mitte
-April angemeldet gewesen war, ein Unfall zugestoßen sei, und wenn wir
-auch nicht gleich das Schlimmste vermutheten, so konnte doch eine große
-Havarie die Veranlassung werden, daß wir noch Monate hier zurückgehalten
-würden, und das war keine schöne Aussicht, wenn man schon seit Wochen von
-Tag zu Tag gehofft hatte, nach langer Abwesenheit von der Heimat endlich
-die Rückreise antreten zu können.
-
-Daß „Bismarck“ noch vor dem Verlassen des letzten südamerikanischen Hafens
-infolge der Vorarbeiten der „Ariadne“ den Auftrag erhalten hatte, die
-deutschen Interessen auf den Gesellschafts-Inseln und auf Roratonga durch
-Verträge zu sichern, konnten wir nicht ahnen.
-
-Eine große Sorge hat mir mein Nachfolger auch dadurch abgenommen, daß er
-im Stande und bereit ist, meinem Schiff Proviant für etwa sechs Wochen
-abzutreten. Durch unsern langen Aufenthalt hierselbst sind unsere Vorräthe
-schon nahezu aufgezehrt, und da die von den hiesigen Geschäftshäusern
-erwarteten, bereits seit acht Wochen fälligen Proviantschiffe aus
-San-Francisco auch noch nicht eingetroffen sind, so hatte ich schon für
-den 25. d. M. meine Abreise nach Auckland festgesetzt, um das Schiff dort
-neu auszurüsten. So bleibt mir sowol diese Reise wie der große Umweg
-über einen australischen Hafen erspart und ich kann direct durch die
-Torres-Straße nach Batavia laufen.
-
-Der heutige Nachmittag und Abend waren natürlich der gegenseitigen
-Begrüßung gewidmet, die dienstfreien Offiziere und Mannschaften von beiden
-Seiten besuchten das andere Schiff und die nun hinter uns liegenden
-Stunden waren solche reiner Festesfreude. Morgen beginnt die Uebergabe
-der Station an meinen Nachfolger und in wenigen Tagen wird der große
-Augenblick gekommen sein, wo wir unsern Kiel heimwärts richten werden.
-
-
- 28. Mai 1879.
-
-Gestern Abend war ich mit der Abwickelung meiner Geschäfte fertig, unser
-Schiff war seeklar und heute Morgen mit Flaggenparade entfaltete sich von
-der Spitze unsers Großmastes aus der 100 m lange Heimatswimpel, welcher
-symbolisch bis zur Heimat reichen und den dort der fernen Matrosen
-gedenkenden Mädchen Gelegenheit geben soll, durch Ziehen an dem Wimpel
-die Heimfahrt beschleunigen zu helfen. Sobald Flagge und Wimpel lustig
-in dem leichten Winde flatterten, wurde auch unser Anker aus dem Grund
-gebrochen und das Schiff lief, umringt von den den Hafen füllenden Kanus
-der Eingeborenen, mit langsamer Fahrt dicht an die „Bismarck“ heran, um
-mit den Kameraden noch einen letzten Gruß auszutauschen. Beide Besatzungen
-waren in den Takelagen, unsere Musik spielte: „Muß i denn, muß i denn
-zum Städtle hinaus“, Hurrahs und Hurrahs erschütterten die Luft, Grüße
-hinüber und herüber und sämmtliche Mützen unserer Besatzung flogen in
-hohem Bogen als letzter Gruß an die Fremde in den Hafen, wo sie von
-den Eingeborenen als gute Beute aufgefischt wurden. Dann dampften wir
-unter den Klängen der „Wacht am Rhein“, mit welchen die „Bismarck“ uns
-das Geleit gab, in die offene See -- der Heimat zu. Was das Herz des
-Menschen in solchen Augenblicken bewegt, vermag nur der zu verstehen,
-welcher selbst Aehnliches erlebt hat. 15000 Seemeilen haben wir bis zur
-deutschen Nordseeküste noch zu durchmessen -- und doch liegt das heimische
-Gestade im Geiste bereits greifbar vor uns. Ein sonniges Land, wo ich
-manch schöne und manch trübe, aber vorherrschend ernste Stunden durchlebt
-habe, entschwindet allmählich unsern Blicken, für mich wahrscheinlich
-auf Nimmerwiedersehen. Die Stadt Apia liegt zur Zeit schon unter unserm
-Horizont, die hohen Berge der Samoa-Inseln sind aber noch zu sehen, doch
-auch sie werden bald unsern Augen entschwunden sein und Samoa, das ich
-in spätern Jahren wol einmal wieder besuchen möchte, wird wie ein Traum
-hinter uns liegen.
-
-
- 8. Juni 1879.
-
-Abwechselnd dampfend und segelnd sind wir bei den Neu-Hebriden angelangt
-und durchschneiden jetzt unter Segel diese Gruppe zwischen den beiden
-nördlichen Inseln Vanua Lava und Santa-Maria. Ein schöner sonniger Tag
-liegt über dem Meere, auf den bewaldeten hohen Inseln und den in der
-Nähe des Landes über den Meeresspiegel hervorragenden Klippen; für unsere
-Umgebung fehlt mir aber jetzt der Sinn. Meine Gedanken eilen der Gegenwart
-voraus, mit fieberhafter Ungeduld warte ich auf den Passat, welchen wir
-doch einmal antreffen müssen, und weiter, weiter heißt es, um endlich in
-die Windregion zu kommen.
-
-
- 16. Juni abends.
-
-Da man, solange hier in diesen fernen Gegenden noch keine Leuchtfeuer
-errichtet sind, bei Nacht nicht in die Torres-Straße einlaufen kann,
-mußte ich heute Abend Segel kürzen lassen, um erst mit Tagesanbruch an
-den Eingang der Straße zu kommen.
-
-Es war eine anregende tolle Fahrt, die der letzten sieben Tage. Nachdem
-wir die Neu-Hebriden passirt hatten, bezog sich am 8. abends der
-Himmel mit dickem Gewölk, Gewitterböen stürmten während der Nacht von
-verschiedenen Seiten kommend über uns hinweg, und am 9. mittags kam
-endlich der SO-Wind durch, erst schwach, nahm dann aber gleichmäßig
-wachsend an Stärke zu und war am Abend des 10. Juni bereits zu einem
-mäßigen Sturm angeschwollen. Nun hieß es, nachdem die Feuer in der
-Maschine gelöscht worden waren, die Gelegenheit ausnutzen und Segel
-pressen, und es wollte fast scheinen, als ob es dem Schiff selbst
-Freude mache, alles zu tragen, was überhaupt anzubringen war, so leicht
-durchschnitt es unter der übermäßigen Bürde die hochgehenden schäumenden
-Wogen. Immer und immer wieder wurde ihm noch ein Segel aufgequält, wie
-der scherzhafte Ausdruck dafür ist, wenn einem bereits unter vollem
-Segelpreß liegenden Schiffe bei starkem Winde vorsichtig mit allen
-Kniffen der Seemannskunst, damit es nicht zerreißt, noch ein Segel mehr
-gegeben wird. Stand das neue Segel erst, dann sah man die Freude darüber
-von allen Gesichtern im Schiff widerstrahlen. Müde Gesichter gab es
-überhaupt nicht mehr, wenn die Matrosen in ihrer Ruhe gestört wurden,
-um die Fahrt des Schiffes erhöhen zu helfen; ich glaube sogar, daß die
-Leute es vorher ahnten, wenn ich Segel mehren wollte, denn ehe ich eine
-derartige Anordnung gab, standen sie schon erwartungsvoll bereit, die
-Befehle schnell auszuführen. Und wurde es aus bestimmten Gründen, wie ich
-nachher auseinandersetzen werde, nöthig, für die Nacht Segel zu kürzen,
-dann lauerten sie morgens schon vor Tagesanbruch auf mein Erscheinen, um
-der „Ariadne“ die theilweise gefesselten Schwingen wieder zu lösen. Es
-war aber auch eine Freude, die scheinbar wie aus einem Guß hergestellte
-Takelage zu sehen, mit dem Körper den wiegenden Bewegungen des Schiffes
-zu begegnen, dessen eiligen Lauf durch die hohen, sich überstürzenden
-Wogen zu verfolgen und dabei die Segel, Hölzer und Taue zu prüfen, ob
-sie dem Winddruck genügend widerstehen und wo ihnen etwa eine weitere
-Stütze gegeben werden muß. Bei solchen Gelegenheiten lernt man die in den
-Leesegeln liegende Poesie verstehen, wenn man nicht vorher schon Kenner
-war. Mit Ausnahme der beiden letzten Nächte, wo wir nur acht bis neun
-Knoten liefen, machten wir Tag und Nacht zwischen zwölf und vierzehn
-Seemeilen in der Stunde, eine gute Leistung für ein Segelschiff.
-
-Am 13. mittags passirten wir den Meridian von Rossel-Island, der
-östlichsten der Louisiaden-Inseln, und traten damit in die Korallensee
-ein. Je weiter wir hier vordrangen, und das ging bei unserer flotten Fahrt
-sehr schnell, desto höher und steiler wurde die See in dem verhältnißmäßig
-engen Wasserbecken, die Bewegungen des Schiffes nahmen dadurch an
-Heftigkeit sehr zu und verdoppelte Aufmerksamkeit auf die Takelage war
-nothwendig. Aber nicht dies veranlaßte mich, dem Schiff hier für die Nacht
-bequeme Segelführung geben zu lassen, sondern die bekannte Thatsache,
-daß dieses bisjetzt so selten befahrene Meer noch nicht ausreichend
-erforscht ist und man nicht weiß, ob die vielen hier bereits entdeckten
-Korallen-Inseln, -Bänke und -Riffe schon alle unterseeischen Gefahren
-in sich schließen; im Gegentheil ist anzunehmen, daß noch manche Klippe
-ihrer Entdeckung harrt. Da nun bei dem sturmartigen Winde die Kämme
-der hohen Wellen fast alle überbrechen und das Auge bei dunkler Nacht
-wirkliche Brandung von diesem Wogenschaum auf größere Entfernungen nicht
-zu unterscheiden vermag, auch das Getöse des Windes und das Rauschen
-des Wassers die Luft derart erfüllen, daß das dumpfe Rollen der Brandung
-gegen den Wind an nicht gehört werden kann, so gebot die Vorsicht, alles
-zu thun, um einer etwa auftretenden Gefahr begegnen zu können, und dazu
-gehörte in erster Reihe, dem Schiff nur so viel Segel zu belassen, wie es
-in jeder Stellung zum Winde tragen konnte. Es mußte schnell, ohne vorher
-Segel bergen zu brauchen, den Curs ändern können; die am Tage geführten
-Segel konnte es aber bei einem plötzlichen Aufdrehen gegen den Wind nicht
-tragen, es würden vielmehr in solchem Falle die ganze Takelage und damit
-wahrscheinlich auch das Schiff verloren gewesen sein, wenn dieses unter
-vollen Segeln plötzlich vor einer Untiefe gestanden hätte, wo es ohne
-Zeitverlust und ohne Rücksicht auf alle etwa daraus entspringenden Folgen,
-um dem sichern Verderben auszuweichen, noch den Versuch der Cursänderung
-hätte wagen müssen.
-
-
- An der Nordküste von Java, 4. Juli 1879.
-
-Am 17. v. M. morgens 3 Uhr wurde das flache Wasser vor der Torres-Straße
-angelothet, worauf ich wieder alle Segel beisetzen ließ. Gegen 9 Uhr
-vormittags kam Bramble-Cay, eine kleine von Felsen umgebene und mit
-spärlichem Graswuchs überzogene etwa 3 m hohe Sanddüne, welche als Marke
-für die Einfahrt in den Großen Nordost-Kanal der Straße benutzt wird, in
-Sicht und kurze Zeit darauf liefen wir bei steifem Wind in denselben ein.
-
-Nach den unruhigen Bewegungen des Schiffes während der letzten Woche wurde
-es eine große Wohlthat für uns, nun auf einmal wieder gewissermaßen auf
-festem Boden zu stehen. Die ungefähr 140 Seemeilen lange und nahezu ebenso
-breite Straße, in welcher bisjetzt nur erst zwei Passagen ausgelothet
-und bekannt sind, die eine und zwar die am meisten befahrene dicht unter
-der Nordküste Australiens, die andere, „Großer Nordost-Kanal“ genannt,
-ziemlich in der Mitte zwischen den Küsten von Neu-Guinea und Australien,
-ist derart von Land und ringartig von Korallenriffen, hinter welchen
-wieder Hunderte von kleinen Inseln und Korallenbänken liegen, umschlossen,
-daß das nur 20-40 m tiefe Wasser in dem größten Theil und zwar auf eine
-Strecke von nahezu 100 Seemeilen von dem Wind kaum oder nur unbedeutend
-aufgewühlt werden kann. Das hellgrüne, ins Weißliche schimmernde Wasser
-war zwar über und über mit Schaumköpfen bedeckt, eigentlicher Seegang
-konnte aber nicht aufkommen. Die Breite des Nordost-Kanals wechselt
-zwischen 2 und 20 Seemeilen; kleine Inseln, deren man über 30 zählen
-kann und von welchen die meisten bewaldet sind, sowie kahle Sandbänke und
-Korallenriffe liegen zu beiden Seiten der Wasserstraße. Von Eingeborenen
-haben wir, obgleich mehrere der Inseln bewohnt sein sollen und wir
-stellenweise bis auf Steinwurfweite an dieselben herankamen, nichts
-gesehen.
-
-Am Abend des 17. Juni mit Sonnenuntergang mußten wir ankern, da die Fahrt
-bei Nacht hier, ohne das Schiff zu gefährden, nicht möglich ist. Wir
-legten uns hinter die Rennel-Insel, welche sich ungefähr in der Mitte des
-Kanals befindet.
-
-Das erste Tagesgrauen am nächsten Morgen sah uns wieder unter Segel,
-obgleich ein solcher Sturm wehte, daß ein hinter einer andern Insel
-liegendes großes Kauffahrteischiff es wol wegen seiner schwachen
-Besatzung nicht wagte, die vor uns liegende Strecke abzukreuzen. Diese
-Windverhältnisse verschafften uns aber einen interessanten Tag, denn wir
-mußten, um vorwärts zu kommen, so viel Segel führen, daß ich wiederholt
-für unsere Raaen fürchtete, und solches Segeln regt die Nerven an.
-Ueberdies wurde durch den starken Wind die Hitze so gemildert, daß man
-bei der vorwiegend kahlen und farblosen Umgebung -- helles Wasser und
-gelbe Sand- oder Korallenbänke -- kaum die Empfindung hatte, in der
-heißesten Breite unsers Erdballs zu sein. Nachmittags verließen wir den
-Nordost-Kanal, liefen in ein großes Wasserbecken ein, wo schon wieder
-ziemlich hohe See stand, und setzten den Curs auf die kleine etwas
-über 200 m hohe Mount-Ernest-Insel, hinter welcher ich für die Nacht
-ankern wollte. Beim Einlaufen in die von dem Ufer der Insel gebildete
-Bucht meldete unser Posten in der Vorbramsaling, daß auf einem hinter
-Bäumen gelegenen großen, weiß angestrichenen Hause eine Flagge wehe,
-und kurze Zeit darauf, daß die Flagge wieder eingezogen sei. In dem
-Dorf, welches sich dann vor unsern Blicken am Strande ausbreitete, ließ
-sich, trotzdem mehrere Kanus und auch ein größeres europäisches Boot
-auf dem Lande aufgeschleppt lagen, keine Menschenseele sehen. Das Ganze
-war verdächtig und wir hatten hier wahrscheinlich eine unter dem Befehl
-eines Weißen stehende Seeräuberbande, deren es in diesen weit abgelegenen
-Gewässern noch manche geben soll, vor uns. Die aufgezogene Flagge
-sollte uns jedenfalls anlocken, sobald man aber in uns ein Kriegsschiff
-erkannte, wurde die Flagge wieder beseitigt und die sämmtlichen Bewohner
-flüchteten wol in das unwirthliche Innere. Die schnell eintretende
-Dunkelheit verhinderte eine Recognoscirung noch an demselben Abend
-und am nächsten Morgen mußte der Versuch zu einer solchen aufgegeben
-werden, weil es gerade Ebbe und so niedriges Wasser war, daß es ohne
-größere Vorbereitungen, Herbeischaffung von Bretern, um auf diesen über
-die scharfzackigen Korallen und tiefen Wasserlachen an Land zu kommen,
-unmöglich war, auch nur wenige Schritte auf der von dem Ufer weit in die
-See vorspringenden Korallenbank vorzudringen. Bei näherer Ueberlegung
-mußte ich mir auch sagen, daß wenn die Leute sich wirklich in einem
-Schlupfwinkel versteckt hatten, ich mindestens mehrerer Tage zu ihrer
-Auffindung bedürfe, und zu solcher Zeitvergeudung fehlte mir auf eine
-bloße Vermuthung hin die Berechtigung, da ich die Rückreise mit allen mir
-zu Gebote stehenden Mitteln beschleunigen mußte, weil das Schiff gleich
-nach unserer Rückkehr mit anderer Besatzung eine neue Reise antreten
-sollte. So gab ich den Landungsversuch auf und setzte eine halbe Stunde
-später die Reise weiter fort.
-
-Nachmittags 3 Uhr liefen wir in den nur eine Seemeile breiten Prince
-of Wales-Kanal ein, welcher im Norden, also zu unserer Rechten, von
-weit ausgedehnten mächtigen Korallenbänken, im Süden von hohen Inseln,
-Wednesday-, Thursday-, Friday-, Horn- und Goode-Island, sowie der großen
-Prince of Wales-Insel begrenzt wird, und kurz nach 4 Uhr steuerten wir
-mit der stolzen Fahrt von 12 Knoten zwischen den nördlich von Goode-Island
-gelegenen Riffen hindurch aus dem Stillen Ocean in die Arafura-See.
-
-Abends 7 Uhr passirten wir die kleine Booby-Insel, welche dadurch
-interessant ist, daß sie seit vielen Jahren als Herberge für
-Schiffbrüchige dient und für die vorbeipassirenden Schiffe als
-selbstthätig arbeitendes Postamt wirkt. Wie die Engländer seit fast
-einem Jahrhundert in allen die Seefahrt betreffenden Fragen die Führung
-in Händen hatten und, stets auf das Wohl und Wehe der Seefahrer bedacht,
-aller Orten nach Möglichkeit dafür sorgten, diesen ihren schweren Beruf zu
-erleichtern und ihnen jedmögliches Hülfsmittel zur Verfügung zu stellen,
-so erkannte der Commandant des englischen Kriegsschiffes „Bramble“ im
-Jahre 1845, daß die unbewohnte, von dem nächsten bewohnten Lande über
-zwölf Seemeilen weit abliegende und von den Eingeborenen nie besuchte,
-wahrscheinlich auch gar nicht gekannte kleine Booby-Insel sowol ein
-vorzüglich gelegener Rückzugsplatz für schiffbrüchige Seeleute sei,
-wie auch dazu dienen könne, vorbeipassirenden Schiffen die Gelegenheit
-zu geben, von hier aus Briefe oder wichtige Nachrichten befördern zu
-lassen. Er hinterlegte daher in einer Höhle am Strande größere Mengen
-von Dauerproviant und errichtete einen Kasten mit der Aufschrift
-„Post-Office“, in welchem er auch ein Buch und Bleistifte zur Eintragung
-von Nachrichten zurückließ. Die englische Admiralität ließ dann auf
-den Karten bei der Insel die Bezeichnung „Post-Office“ hinzusetzen und
-seit der Zeit schicken die Schiffe, welche bei guter Tageszeit hier
-vorbeilaufen, ein Boot an Land, um unter den angesammelten Briefen und
-Nachrichten das, was sie weiterbefördern können, auszuwählen und die etwa
-inzwischen zusammengeschmolzenen Vorräthe wieder zu ergänzen.
-
-Von Booby-Island aus wählte ich durch die Arafura-See einen Curs, auf
-welchem in der Karte noch keine Tiefenangaben stehen, und ließ alle vier
-Stunden das Loth werfen, um dadurch auch etwas zur Vervollständigung der
-Kenntniß dieses Meeres beizutragen.
-
-Am 27. Juni sahen wir Timor, dessen SW-Spitze wir um Mittag passirten.
-Am 28. abends kam Sumba in Sicht, an welcher Insel wir während des
-29. vorbeisegelten. Am 30. waren wir dicht unter der hohen Küste von
-Sombawa und am 1. d. M. nachmittags liefen wir in die zwischen den
-Inseln Lombock und Bali liegende Lombock-Straße ein, wo wir so starke
-Stromschnellen antrafen, verbunden mit hoher durcheinanderlaufender
-und sich überstürzender See, daß das große Schiff, obgleich wir unter
-Segel 7½ Knoten liefen, zuweilen weit aus seinem Curs geworfen wurde.
-Ich nahm daher die Maschinenkraft noch mit zu Hülfe und brachte unsere
-Geschwindigkeit auf 12 Knoten, um das Schiff besser im Steuer zu
-behalten und möglichst schnell aus dieser wegen ihrer Stromverhältnisse
-berüchtigten Straße hinauszukommen. Noch am Abend desselben Tages liefen
-wir in die Java-See ein und steuern seitdem an der Nordküste Javas entlang
-Batavia zu, wo ich morgen Vormittag einzutreffen hoffe, nachdem wir der
-günstigen Wetterverhältnisse wegen den heutigen Tag zur Abhaltung einer
-gefechtsmäßigen Schießübung benutzt haben.
-
-
- Im Indischen Ocean, 16. Juli.
-
-Jetzt, wo wir der Heimat wieder ein gutes Stück näher gerückt sind und
-mit vollen Segeln der afrikanischen Küste zueilen, will ich in Kürze die
-letzte Zeit hier zusammenfassen, denn viel von Batavia zu erzählen vermag
-ich nicht, da berufenere Federn hierüber schon so erschöpfend berichtet
-haben, daß ich schwerlich etwas Neues bringen könnte.
-
-Am 5. Juli vormittags langten wir auf der Rhede von Batavia an, wo man
-vor dem Mastenwald der dort liegenden Schiffe kaum etwas anderes sieht,
-weil die niedrige sumpfige Küste so wenig Anziehendes bietet, daß man
-den Anblick des regen Verkehrs auf dem Wasser demjenigen auf dem Lande
-vorzieht. Unser Consul, ein Herr S., welcher mir sehr bald seinen Besuch
-machte, nahm mich gleich als seinen Gast mit an Land und wir fuhren in
-seinem Wagen nach der weiter im Innern hoch und gesund gelegenen Stadt
-Batavia. Die in großen Gärten liegenden palastartigen Gebäude, die
-breiten Straßen und schönen großen Plätze, die Fülle von hohen mächtigen
-Bäumen und Pflanzen aller Art, die Verschwendung an Marmor, welcher
-vielfach als Baumaterial benutzt ist, die vielen eleganten Equipagen, die
-kostbaren Toiletten der Damen und die buntfarbige Tracht der männlichen
-Eingeborenen, welche, da für jede Handleistung ein besonderer Diener
-vorhanden ist, in den Häusern scharenweise als solche auftreten, versehen
-den Fremdling in ein wahres Märchenland.
-
-Herr S. unterhält, trotzdem er als Junggeselle allein lebt, der dortigen
-Sitte gemäß einen nach unsern Begriffen fürstlichen Haushalt. Ich habe
-acht Diener gesehen und glaube, daß in dem großen Häusercomplex noch
-einmal so viele, welche für mich unsichtbar geblieben sind, und zwar
-theilweise mit ihren Familien wirkten. Als Wohnung war mir ein ganzer
-Seitenpavillon mit Ausgang in einen herrlichen Garten zugewiesen, und zu
-meiner persönlichen Bedienung hatte ich allein zwei Diener, welche, mich
-auf Schritt und Tritt mit ihren Augen verfolgend, jederzeit zur Stelle
-waren, wenn ich irgend einer Dienstleistung bedurfte.
-
-Eine ähnliche Gastfreundschaft fanden auch unsere übrigen Offiziere bei
-andern deutschen Herren.
-
-Ein von dem Consul unserm Schiff zu Ehren gegebenes Fest versammelte die
-ganze deutsche Colonie in den gastlichen Räumen, wo auch der Gecko ohne
-Scheu vor uns seinen eigenthümlichen Ruf hören ließ und an den Wänden
-und der Decke des Saals nach schädlichen Insekten etc. jagte, während wir
-tafelten.
-
-Daß Herr S. mit mir auch einen Ausflug nach Buitenzorg, der Residenz des
-holländischen Generalgouverneurs und beliebter Erfrischungsaufenthalt
-der europäischen Familien machte, versteht sich eigentlich von selbst.
-Wir fuhren nachmittags mit der Eisenbahn dorthin, wobei mir als das
-Merkwürdigste am Wege die hier wachsenden lebenden Telegraphenstangen
-gezeigt wurden. Da man der Termiten und anderer unnützer Insekten wegen
-keine Stangen aus todtem Holz verwenden konnte, wählte man hierzu lebende
-Bäume, nachdem man eine hierfür geeignete Art gefunden zu haben glaubte.
-Diese Bäume haben aber doch ein so unerwartet rasches Wachsthum gezeigt,
-die Glocken für die Drähte sind schon so hoch gewandert, daß die letztern
-jetzt zu kurz werden, reißen und somit fortgesetzter Reparaturen bedürfen.
-
-In Buitenzorg fand ich einen luxuriösen Platz, schöne Häuser, große
-Parkanlagen und Gärten, elegante Hotels und unter den vielen fröhlichen
-Menschen auch manchen siechen Soldaten, da die im Colonialdienst
-erkrankten Mannschaften von dem Staat zu ihrer Erholung dorthin geschickt
-werden. Zwischen den vorwiegend europäischen Häusern liegen auch einige
-javanische, in denen eingeborene Fürsten mit ihrem Hofstaat leben und
-in deren einem am Abend meiner Anwesenheit in Buitenzorg ein als Musik
-bezeichneter fürchterlicher Lärm bis spät in die Nacht hinein verübt
-wurde.
-
-Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch bestiegen wir einen kleinen
-zweisitzigen, mit vier kleinen Pferden bespannten Wagen, um weiter
-in die Berge zu fahren und einen berühmten Badeplatz zu besuchen. Der
-Kutscher des Gefährts hatte merkwürdigerweise nur die beiden Stangenpferde
-im Zügel, die beiden vordern Thiere waren ohne jede Lenkvorrichtung
-eingeschirrt. Zwei eingeborene Läufer mit kurzer Peitsche in der Hand
-standen, ebenso wie bei den städtischen Wagen, auf dem hinten angebrachten
-Fußbret, mit einer Hand sich am Wagen festhaltend und mit nach außen
-geneigtem Oberkörper die vor uns liegende Straße beobachtend. Die
-Hauptaufgabe dieser Läufer scheint die zu sein, die vordern Pferde zu
-lenken, weil auf den guten Straßen keine Hindernisse eintreten, welche
-ihre Thätigkeit sonst in Anspruch nehmen könnten. Sobald wir im Wagen
-saßen, nahmen auf Zuruf des Kutschers die feurigen Thiere einen fliegenden
-Trab auf und behielten diese Gangart scheinbar ohne Anstrengung auch auf
-der bald ziemlich steil ansteigenden Straße dauernd bei. Staunenswerther
-als dies war es aber, wenn bei Wegebiegungen oder Straßenkreuzungen
-unsere beiden Läufer von dem Fußbret absprangen, den schnellen Lauf
-der Thiere überholend an uns vorbeiflogen, die vorgespannten Pferde,
-sie am Gebiß fassend, auf den richtigen Weg leiteten und dann wieder
-leicht auf das Fußbret sprangen, ohne durch schneller gehenden Athem zu
-verrathen, daß der Lauf ihnen eine Anstrengung verursacht hätte. Und als
-noch staunenswerther möchte ich es bezeichnen, als bei einer javanischen
-Hütte ein kleines, kaum 7 Jahre altes Mädchen uns folgte und mit ihren
-bloßen Füßchen neben dem Wagen herlaufend, gleichen Schritt mit uns hielt
-und lachenden Gesichts ihr guán, guán (Herr, Herr) rief, um eine Gabe
-zu erbetteln. Manche mich interessirende Gestalt begegnete uns, stolze
-Javanesen oder Sundanesen, welche eigentlich nur ihre Waffen spazieren
-trugen; mit dem Hüfttuch bekleidete, sonst nackte Tagelöhner, welche
-kunstvoll gebundene Fruchtpyramiden zu Markte in die Stadt trugen und von
-denen mehr wie einer sich von seiner ärmlich gekleideten Frau begleiten
-ließ, um bei dieser Gelegenheit die in ihren Ohrläppchen sitzenden, oft
-einen Werth von nahezu 1000 Gulden darstellenden Brillanten zur Schau zu
-stellen. Der geradezu krankhafte Trieb des Javanesen nach dem Besitz von
-Diamanten soll ihn allein dazu bringen, auf den Plantagen der Europäer so
-lange zu arbeiten, bis er sich diesen Wunsch erfüllen kann, worauf er sich
-dann an dem Besitz in der Weise erfreut, daß er die Steine seiner Frau
-anhängt, wodurch er sie immer vor Augen hat. Auch durch Dörfer, malerisch
-zwischen üppigem Laub gelegene Niederlassungen, kamen wir, wo die Frauen
-der wohlhabendern Klasse in den saubern offenen Hütten am Webstuhl saßen,
-denn sie weben den Hausbedarf an Stoffen sich selbst.
-
-An unserm eigentlichen Ziele angelangt, fanden wir einen dunkeln,
-geheimnißvollen, kühlen Hain, in welchem unter hohen Bäumen ein großes
-gemauertes Becken liegt, das von einer frischen Waldquelle gespeist wird.
-Eine Hütte zum Aus- und Ankleiden befindet sich an dem Rande des Beckens,
-eine steile steinerne, mit Moos überzogene Treppe führt zum Wasserspiegel,
-wo man unter den rauschenden Kronen altehrwürdiger Bäume im Waldesdunkel
-und umgeben von Waldesstille ein erfrischendes, fast kaltes Schwimmbad
-findet. Als wir beim Verlassen des Bades einigen Eingeborenen begegneten,
-forderte Herr S. dieselben auf, einige Skorpione zu fangen, um mir zu
-zeigen, wie reich der Boden hier an diesem giftigen Gewürm sei. Nur
-einige größere Steine brauchten die Leute aus dem feuchten schlüpfrigen
-Boden herauszuheben und sie hatten schon eine kleine Schale mit diesen
-kampfesmuthigen Thieren, welche sofort gegenseitig übereinander herfielen,
-angefüllt.
-
-Nach Buitenzorg zurückgekehrt fand ich noch Gelegenheit, von einem
-herumziehenden Händler in unserm Gasthaus einige schöne alte sundanesische
-kurze Schwerter zu erwerben, dann frühstückten wir und zur Essenszeit
-waren wir wieder in Batavia.
-
-Am 10. Juli mittags verließen wir den javanischen Strand wieder, liefen
-während der Nacht durch die Sunda-Straße, aus welcher wir am 11. morgens
-4 Uhr in den Indischen Ocean einsteuerten. Ich suchte nun zunächst 9°
-Südbreite auf, um auf dieser die Reise zu machen, steuerte aber, als am
-12. abends der Passatwind immer noch nicht durchgekommen war, südlich bis
-auf 10½° Südbreite, wo ich am 13. nachmittags den gewünschten Wind antraf,
-auf dessen Schwingen wir nun mit einer Durchschnittsfahrt von 10 Knoten,
-welche zuweilen bis auf 13 steigt, nach Aden eilen.
-
-
- Im Golf von Aden, 10. August 1879.
-
-Erhaben ernst schaut die todte rothbraune Nordküste des Somalilandes
-auf uns hernieder, und ernst sind wol die Gedanken der meisten von uns.
-Sind wir doch nicht mehr fern von Aden, wo wir nach fünf Monaten wieder
-die ersten Briefe und jedenfalls solche neuern Datums erhalten werden.
-Wenn dieselben uns hoffentlich auch nur frohe Botschaft bringen, so ist
-doch auch das Gegentheil nicht ausgeschlossen; hat doch wol schon jeder
-von uns bei ähnlicher Gelegenheit vor den Thoren der Heimat Tiefernstes
-selbst erfahren oder an andern miterlebt. Auch die uns umgebende Scenerie
-wirkt in ihrer großartigen Ruhe und wunderbaren Farbenzusammenstellung
-ganz eigenartig auf das Gemüth. Früh ist es noch am Tage, niedrig steht
-die Sonne, deren heiße Strahlen das Land noch nicht in ein flimmerndes
-Dunstkleid hüllen. Selten klar ist die Luft, durchsichtig blau der Aether,
-tiefblau das Meer und rothbraun das Gebirgsland, auf dessen weitem Gelände
-wir nur eine einzige arabische Wohnstätte entdecken können, welche,
-festungsartig von Mauern umgeben, uns in ihrem blendenden weißen Anstrich
-wie ein Edelstein aus der todten Umgebung entgegenleuchtet. Kein Hauch
-bewegt die Luft und das Meer, kein Leben hier und dort, kein Baum, kein
-Strauch am Lande, kein Schiff, kein Vogel auf dem Wasser, Stille rings um
-uns her, soweit das Auge schaut.
-
-Als wir am 6. August nach unsern Berechnungen so nahe an die afrikanische
-Küste gekommen waren, daß wir bald den von Süden, vom Cap der Guten
-Hoffnung kommenden kalten Nordstrom treffen mußten, machte ich den
-Versuch, uns von der Annäherung an die afrikanische Küste in der Weise
-durch den Thermometer zu überzeugen, daß wir durch Messung der Temperatur
-des Wassers den Eintritt in die Stromgrenze festzustellen suchten.
-Die Küste bei Ras-Hafun ist gefährlich und hat schon manches Schiff
-verschlungen, weil sie am Tage in der Regel in Dunst oder leichten Nebel
-gehüllt nur auf 3-4 Seemeilen Entfernung zu sehen ist, das Loth bei
-den großen Wassertiefen nur in allernächster Nähe der Küste wirklich
-von Nutzen ist und die Meeresströmungen hier so unregelmäßige sind,
-daß sie die Sicherheit der Ortsbestimmung des Schiffes in hohem Grade
-beeinträchtigen. Weiß man aber erst, daß man sich überhaupt schon in
-der Nähe der Küste befindet, dann kann man mit einiger Vorsicht jede
-Gefahr ziemlich sicher vermeiden. Die Segelanweisungen deuten allerdings
-nicht an, daß man den kalten Strom zu dem angegebenen Zweck benutzen
-kann, weshalb ich nur geringes Vertrauen zu dem Versuch hatte, um so
-überraschender war der Erfolg.
-
-Im Laufe des Tages, des 7., fiel die Wassertemperatur von 26° C. bis
-auf 24,5°, der kalte Strom machte sich also schon bemerklich; am 8. aber
-fiel sie weiter bis auf 16,7°, wahrlich ein kaum glaublicher Wärmegrad
-auf 10° Nordbreite, nachdem das Wasser bereits von 34° Süd an fast den
-ganzen Tropengürtel, jedenfalls an 2000 Seemeilen innerhalb der Tropen,
-durchlaufen hatte. Sobald wir in der Mitte der breiten Meeresströmung
-angekommen waren, hätten wir allerdings der Messung der Wasserwärme
-nicht mehr bedurft, denn die Abkühlung der Luft war hier eine derartige,
-daß wir warme Kleider anlegen mußten und ich der Mannschaft während
-der Nacht heißen Kaffee geben ließ, um sie vor Erkrankung zu schützen.
-Welchen Temperaturschwankungen wir ausgesetzt waren, wird am besten der
-Thermometer ergeben.
-
-Am 8. d. M. 4 Uhr morgens hatten wir in der Luft 24,9° C. = 19,9° R.
- 8 " vormittags 24,8 " 19,8 "
- 10 " " 24,0 " 19,2 "
- 12 " mittags 21,7 " 17,4 "
- 4 " nachmittags 20,4 " 16,3 "
- 8 " abends 19,7 " 15,8 "
- 12 " Mitternacht 18,5 " 14,8 "
-
-Am 9. d. M. 4 " morgens 21,5 " 17,2 "
- 8 " vormittags 26,0 " 20,8 "
- 12 " mittags 32,1 " 25,7 "
- 12 " Mitternacht 29,5 " 23,6 "
-
-Mit welcher Wucht der kalte Strom sich zeitweise seinen Weg nach Norden
-bahnt, konnten wir auch an seiner Geschwindigkeit erkennen, denn am
-8. d. M. in der Zeit von 8 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags stellten
-wir vermittelst durchaus zuverlässiger Beobachtungen an der Sonne fest,
-daß wir durch ihn in diesen 6 Stunden 30 Seemeilen oder über 56 km allein
-nach Osten versetzt worden waren, sodaß seine Geschwindigkeit mindestens
-9,5 km in der Stunde, wahrscheinlich aber, da wir keine Gelegenheit
-fanden, die Versetzung nach Norden mit zu bestimmen, bis zu 12 km oder
-6-7 Seemeilen stündlich betragen hat.
-
-Während nun der Einfluß des kalten Stroms zweifellos die Veranlassung
-ist, daß am Tage leichte Nebel sich auf die heiße Küste legen, bewirkt er
-in den ersten Nachtstunden einen so starken Thaufall, daß dieser nur mit
-leichtem Regen verglichen werden kann, der späterhin die Luft klar und
-sichtig macht. So haben wir es auch dem Nebel und Gegenstrom jedenfalls
-zuzuschreiben, daß wir die afrikanische Küste nicht schon am 8., wie ich
-sicher erwartet hatte, in Sicht bekamen. Als dann am Abend dieses Tages
-aber der starke Thaufall eintrat, wurde es mir gleich klar, daß ich die
-Nacht zum Ansteuern des Landes benutzen müsse und segelte dann auch unter
-Zuhülfenahme des Loths direct auf die Küste los. Meinen Nachtschlaf mußte
-ich nun allerdings wieder einmal opfern, doch dies war nicht zu ändern.
-
-Gegen Mitternacht wird die Luft durchsichtig klar, die Nacht so hell,
-wie sie es unter dem alleinigen Einfluß der blitzenden Sterne zu werden
-vermag, und eiligen Laufes mit geblähten Segeln durchschneidet das Schiff
-rauschend die Meereswogen. Lautlos, mit geschärften Sinnen aufmerksam
-nach vorn schauend, stehen die in warme Winterkleider gehüllten Menschen
-auf ihren Posten, um mit den Augen das ersehnte Land zu erspähen oder mit
-dem Gehör die Brandung zu erlauschen. Von Stunde zu Stunde wird das Loth
-geworfen, welches um 1½ Uhr nach Mitternacht zum ersten mal den Grund
-erreicht und eine Tiefe von 95 m angibt.
-
-Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, erst um 3 Uhr morgens,
-aber dann auch urplötzlich, von allen zugleich gesehen, steht das
-hohe Bergland scharf gezeichnet und massig vor uns, die Küste zwischen
-Ras-Hafun und Cap Guardafui. Nach der Wassertiefe müssen wir 15 Seemeilen
-vom Lande ab sein, und von diesem als richtig angenommenen Standpunkte aus
-wird der Curs nach dem Cap Guardafui gesetzt, welches um 5½ Uhr in Sicht
-kommt. Um 7 Uhr passiren wir dasselbe und jetzt konnte ich auch daran
-denken, etwas der Ruhe zu pflegen, doch nur für kurze Zeit, denn um 8 Uhr
-schon wurde ich mit der Meldung geweckt, daß Windstille eingetreten sei,
-und ich mußte wieder an Deck das Wetter prüfen, ehe ich den Befehl zum
-Dampfmachen geben konnte.
-
-
- Im Mittelmeer, 3. September 1879.
-
-Im Mittelmeer! Seit über drei Monaten eilen und hasten wir vorwärts, um
-das Endziel unserer zweijährigen Reise zu erreichen, das Ziel, welches
-nun schon so nahe vor uns liegt. Nirgends hatten wir Zeit, keine andere
-Aufgabe war uns mehr gestellt, als die, nach Hause zurückzukehren, und
-ihr, also der Seefahrt allein, galt neben der Erhaltung der Mannschaft in
-kriegstüchtiger Ausbildung und des Schiffes in kriegsbrauchbarem Zustande,
-unsere ganze Thätigkeit.
-
-Am 11. August mittags ankerten wir vor Aden, welches wir schon am
-12. nachmittags 4 Uhr wieder verließen, nachdem wir Kohlen, Proviant
-und Wasser eingenommen hatten. Dort fanden wir zu unserer freudigen
-Ueberraschung auch unser Kanonenboot „Nautilus“, welches sich auf der
-Reise nach den Samoa-Inseln befindet, zu Anker liegend vor. Die Freude
-wurde allerdings bald getrübt, als wir hörten, daß sein Commandant während
-der Fahrt durch das Rothe Meer gestorben war. Die Post brachte uns nur
-gute Nachrichten.
-
-An Kriegsschiffen lag noch ein englisches Kanonenboot im Hafen, welches
-aus dem Rothen Meere hierher geflüchtet war, nachdem es durch Hitzschlag
-1 Offizier und 3 Matrosen verloren hatte. Auch ein französisches
-Truppentransportschiff war 24 Stunden vor uns hier angekommen, dessen
-Commandant mich bei unserm Zusammentreffen gleich fragte, ob ich bei
-Ras-Hafun auch so starken Strom angetroffen hätte, denn er sei in der
-Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags 32 Seemeilen nach Osten
-versetzt worden. Es war mir eine gewisse Beruhigung, die Richtigkeit
-unserer Beobachtungen hierdurch bestätigt zu finden, denn wenn ich
-dieselben auch als zuverlässig betrachten mußte, so wollte mir das
-gefundene Resultat doch kaum glaubhaft erscheinen.
-
-Den Vorschlag des commandirenden Offiziers vom „Nautilus“, die von ihnen
-aus Suez zur Bedienung der Feuer mitgebrachten Neger auch als Heizer für
-die Fahrt durch das Rothe Meer zu benutzen, lehnte ich ab, als er mir
-die allgemeine Ansicht über die geringe Leistungsfähigkeit dieser trägen
-Menschen bestätigen mußte. Ich konnte mich ja auch auf unser braves
-Maschinenpersonal verlassen und fand später die für die Fahrt durch das
-Rothe Meer getroffenen besondern Vorsichtsmaßregeln so ausreichend, daß
-wir sogar alle Kessel in Betrieb nehmen und mit Volldampf fahren konnten.
-
-Ich habe die wenigen freien Stunden, welche mir in Aden blieben, natürlich
-auch dazu benutzt, den Platz oberflächlich zu besichtigen. Schön ist er
-nicht, aber sehenswerth. Ebenso aus fremdem Lande herausgebrochen wie
-Gibraltar, hat Aden auch sonst viel Aehnlichkeit mit diesem. Von ziemlich
-gleicher räumlicher Ausdehnung wie jenes spanische Cap, wird diese
-südlichste Spitze Arabiens ebenfalls durch hohe, hier hauptsächlich aus
-Kalkstein bestehenden Felsen gebildet, welche mit ihren steilen unwegsamen
-Wänden gewissermaßen aus der Ebene, in welcher sie stehen, herauswachsen.
-Die eigentliche Stadt ist von der Hafenstadt etwa 7 km entfernt, der Weg
-dahin liegt in der Ebene und windet sich zwischen den Felsen hindurch,
-deren Wände durch die vielen in ihnen befindlichen Löcher, in denen Affen
-wohnen und Vögel nisten, charakteristisch sind.
-
-Die Stadt liegt in einer kleinen, nach der Landseite von
-Felsen umschlossenen, nach der Seeseite hin offenen Ebene. Ihre
-Hauptmerkwürdigkeit und Sehenswürdigkeit sind die großartigen
-Wasserwerke, welche aus großen Cisternen bestehen, die nebeneinander
-und terrassenförmig übereinander liegend, in den Fels gehauen und
-ausgemauert, das von den höher gelegenen Felswänden ablaufende Regenwasser
-auffangen. Welche Ausdehnung diese Anlage hat, geht vielleicht am besten
-aus der Angabe hervor, daß nur die Wiederherstellung dieser vor noch
-nicht langer Zeit erst entdeckten alten Bauwerke einen Kostenaufwand
-von 600000 Mark erfordert hat. Vordem waren die Einwohner von Aden, da
-Quell- oder Brunnenwasser nicht vorhanden ist, allein auf destillirtes
-Meerwasser angewiesen. Ein großer freier Platz bei der Stadt dient
-Marktzwecken und nimmt die ankommenden Karavanen auf. Er bietet trotz
-der weit vorgeschrittenen Tagesstunde ein geschäftiges, bewegtes Bild,
-aus welchem mich die auf der Erde kauernden, in langer gerader Linie
-schön ausgerichteten Kamele besonders interessiren, hauptsächlich wol,
-weil ich zufällig vor wenigen Tagen in Brehm’s „Thierleben“ das Kapitel
-über diese Thiere gelesen hatte. Sie gehören jedenfalls sämmtlich einer
-Karavane an, welche erst vor kurzem eingetroffen sein muß, weil vor jedem
-Thier unter seinem Kopfe ein unberührtes Bündel Futter liegt und die
-Treiber noch mit den Waaren oder sonstwie beschäftigt sind. Daß diese dort
-kauernden, geduldig wartenden Thiere so gefräßig, bösartig und störrisch
-sein sollen, will mir nach dem sich hier darbietenden Anblick gar nicht in
-den Kopf. Keins von ihnen, die alle mit erhobenem Kopf nach ihren Wärtern
-ausschauen, rührt das jedenfalls wohlverdiente und ersehnte Futter an,
-sondern wartet geduldig, bis sein Wärter kommt und ihm das Futter mit
-den Händen reicht. Diejenigen, welche am längsten warten müssen, drehen
-wol den Kopf nach den bereits fressenden und dann nach ihrem Futterbündel
-zurück, aber keins rührt dieses an, sondern geduldet sich ergebungsvoll,
-bis es auch an die Reihe kommt.
-
-Am 13. August liefen wir durch die Straße von Bab-el-Mandeb in das
-Rothe Meer ein, wo wir auch gleich die gefürchtete Hitze antrafen,
-am Tage 35° im Schatten, in den Nächten 32°, eine Temperatur, vor
-welcher im Interesse des Wohlbefindens der Besatzung alle Schranken
-der Schiffsetiquette fallen mußten. Exercitien und aufschiebbare
-Arbeiten wurden eingestellt, den Offizieren und der Mannschaft wurde
-das ganze mit einem Sonnenzelt geschützte Oberdeck zu freier Verfügung
-überlassen, sowol als Aufenthaltsort am Tage, wie als Schlafraum für
-die Nacht. Den luftigsten Raum, die Back, erhielten die Heizer, wo
-sie von dem leichten Wind umfächelt wurden und während der Nacht durch
-das Sonnenzelt doch auch gegen den Thau genügend geschützt waren. Der
-Dienst des Maschinenpersonals, welcher sonst in 4 Stunden Arbeit und 8
-Stunden Ruhe zerfällt, wurde auf zwei Stunden Dienst und 4 Stunden Pause
-festgesetzt; regelmäßige Bäder nach Ablauf der zwei Dienststunden und
-ebenso regelmäßige Verabreichung von Getränken wurden streng eingehalten.
-Auch für die übrige Besatzung hielt ich die regelmäßige Verabreichung
-von Getränken für das beste Mittel zur Verhütung von Krankheitsanfällen,
-sodaß jedem Mann am Tage zweistündlich, während der Nacht vierstündlich
-je ein Viertelliter Wasser verabreicht wurde, um die durch Schweiß
-erfolgte Abgabe aus dem Blut zu ersetzen. So tyrannisch ein solches
-Verfahren erwachsenen Menschen gegenüber erscheinen mag, so begründet
-ist dasselbe doch durch die Erfahrung. Es gibt in den Tropen kaum
-etwas, was mehr erschlafft und größeres Unbehagen im Gefolge hat, als
-das unmäßige Trinken des lauwarmen Wassers, und trotzdem ist unter den
-jüngern, weniger erfahrenen Männern kaum einer, welcher seinen nagenden
-Durst soweit beherrschen kann, daß er nur mit Maß trinkt. Derjenige
-Arzt, welcher nicht aus langjähriger eigener Erfahrung urtheilen kann,
-und das ist oft der Fall, verordnet dann Limonade aus Wasser und Rum;
-der erfahrene Seeoffizier gibt nur Wasser, aber oft und immer wenig. Ob
-wir den vorzüglichen Gesundheitszustand und die verhältnißmäßige Frische
-der Besatzung während der Fahrt durch das Rothe Meer allein diesen
-Anordnungen zu danken haben, wird allerdings schwer zu entscheiden sein;
-aber Thatsache bleibt es, daß mit einer Ausnahme, welche ich noch anführen
-werde, kein Krankheitsfall oder selbst nur Schwächeanfall vorgekommen ist.
-
-Am 19. August in der Nähe von Djidda angelangt, entschloß ich mich, diesen
-Hafen zur Auffüllung von Kohlen anzulaufen, weil es mir zweifelhaft
-erschien, ob wir mit dem uns verbliebenen Rest bis Port-Said kommen
-würden. Am 20. mittags erhielten wir einen Lootsen, mit dessen Hülfe wir
-durch die vor Djidda liegenden Korallenriffe steuerten und um 2 Uhr in
-dem Hafen ankerten.
-
-Größere Contraste, wie sie sich hier dem Auge bieten, werden sich kaum
-finden lassen. Im Vordergrund innerhalb der Korallenriffe, welche den
-Hafen bilden und das hellgrüne Wasser desselben von dem tiefblauen des
-offenen Meeres scheiden, viele Schiffe, europäische Dampfer und Segler von
-den größten bis zu den kleinsten und eine Unzahl von Booten, welche den
-Hafen beleben. Am Lande die von einem etwa 15 km von der Küste abliegenden
-rothbraunen Höhenzug begrenzte rothbraune Wüste ohne Pflanzenwuchs,
-ohne Wohnstätten und Menschen mit Ausnahme der am Hafen liegenden echt
-arabischen Stadt, welche nur einen viereckigen Raum von weniger als
-1000 m Länge nach jeder Seite hin einnimmt. Eine mit befestigten Thürmen
-verzierte hohe Mauer umschließt eng die Stadt, welcher zierliche Minarets
-und hohe Häuser mit vergitterten Fenstern, vielfachen Zierathen und
-platten Dächern das ihr eigenthümliche Gepräge geben. Ein merkwürdiges,
-von einer langen, niedrigen, weißen Mauer umschlossenes Bauwerk liegt
-außerhalb der Stadtmauer, aber in ihrer unmittelbaren Nähe.
-
-Djidda ist wol der wichtigste der wenigen Häfen an der langen arabischen
-Küste, welcher zumal in seiner Eigenschaft als Hafenstadt von Mekka
-eine hervorragende Bedeutung hat, da die Zahl der jährlich hier
-durchpassirenden Mekka-Pilger, die sogar von Indien, den Sunda-Inseln
-und Borneo kommen, bis an 200000 betragen soll. Aus diesem Grunde haben
-es auch England, Frankreich und Holland für erforderlich erachtet,
-diplomatische Consuln hierher zu setzen, welche wol weniger die Aufgabe
-haben dürften, die Interessen der zu ihren Ländern gehörigen Pilger
-wahrzunehmen, als dieselben zu beaufsichtigen, denn Mekka ist der Ort,
-wo die Mohammedaner aller Himmelsstriche die Mittel und Wege erwägen, wie
-sie das Joch der Christen wieder abschütteln können.
-
-Als die Hauptmerkwürdigkeit von Djidda möchte ich es bezeichnen, daß
-unter den wenigen Europäern, welche sich überhaupt innerhalb seiner
-Mauern befinden, kein Deutscher ist; der einzige Platz dieser Art von
-allen, welche wir während der zweijährigen Reise angelaufen haben. Die
-Stadt selbst hat nur enge Straßen, mit hohen, thurmartigen Gebäuden, von
-welchen die am Hafen liegenden als Gasthäuser für die Pilger dienen und
-fürchterliche Brutstätten von Ungeziefer und Krankheiten sein sollen.
-Der Bazar, welcher die Länge einer Straße einnimmt, bietet nichts
-Hervorragendes, was zur Kauflust anregen könnte. Das Interessanteste sind
-die Passanten und unter diesen die phantastisch gekleideten, übermäßig mit
-Waffen behangenen und stets herausfordernd und frech um sich blickenden
-Beduinen. Einige vornehme Weiber, scheußlich gekleidet und vermummt und
-wie Enten daherwatschelnd, vermögen unsere Blicke nicht zu fesseln.
-
-Zu großem Dank verpflichtet bin ich dem holländischen Consul, welcher Herr
-sich in der liebenswürdigsten Weise meiner annahm, mir bei Erledigung
-meiner Dienstgeschäfte behülflich war, die Sehenswürdigkeiten der Stadt
-zeigte und mir, wie unsern Offizieren, in der gastfreiesten Weise sein
-Haus öffnete. Er wohnt natürlich auch in einem echt arabischen Hause,
-welches aus vier Stockwerken besteht und in jedem Stockwerk nur zwei
-Zimmer hat. Am Tage wohnt man unten, abends und in der Nacht oben.
-
-Djidda hat als Festung natürlich auch eine türkische Besatzung und einen
-türkischen Pascha als Gouverneur. Diesem, einem vornehm aussehenden
-Manne mit hochblondem Haar und Bart, machte ich selbstverständlich
-meinen Besuch, wobei der holländische Consul auch so liebenswürdig war,
-mich zu begleiten. Ich wurde in türkisch gastfreier Weise empfangen,
-mußte Kaffee trinken, mancherlei Süßigkeiten essen, welche der Pascha
-mir mit zierlicher Handbewegung selbst in den Mund stopfte, und eine
-Cigarette rauchen. Bei dem Frühstück, welches der holländische Diplomat
-uns gab, concertirte unsere Kapelle, welche vorher dem Pascha ein
-Ständchen gebracht hatte, und lockte mit ihren Weisen die sämmtlichen
-weiblichen Bewohnerinnen der angrenzenden Häuser auf die Dächer, wodurch
-wir unbeabsichtigt in die Lage kamen, diese Damen durch ein Fernrohr
-betrachten zu können. Die meisten waren Negerinnen und alle häßlich.
-
-Zu dem außerhalb der Stadt liegenden merkwürdigen Bauwerk, welches der
-Ueberlieferung nach das Grab unserer Urmutter Eva sein soll, wurde ich
-auch geführt. Die Dame soll so groß gewesen sein wie die ganze Stätte;
-Kopf und Füße sind durch niedrige querstehende Mauern innerhalb der
-Umfassungsmauer bezeichnet und über dem Schoß befindet sich ein gemauerter
-viereckiger, etwa 3 m im Geviert großer Kasten, über welchem sich ein
-kleiner Tempel wölbt. Die Größenverhältnisse der Eva würden nach diesen
-Angaben die folgenden gewesen sein: vom Kopf bis zum Schoß 120 und
-vom Schoß bis zu den Füßen 80 Schritte; eine etwas vertrackte Gestalt.
-Einer der im Tempel anwesenden Aufseher faßte meine Hand und steckte
-dieselbe durch eine kleine eiserne Thür in den Kasten, womit ich nach der
-Erklärung des Dolmetschers in den Schoß der Eva gefaßt hatte und dafür ein
-entsprechendes Trinkgeld bezahlen mußte. An der bei den Füßen befindlichen
-Mauer fanden wir mehrere Weiber vor, welche den dort bereits angenagelten
-roth gefärbten Läppchen auch ihre Opfergaben beifügten, um den ihnen
-bisher versagten Kindersegen dadurch zu erflehen.
-
-Als wir von Eva’s Grab zurückkehrten, war die Sonne bereits untergegangen
-und wir mußten nun den Weg durch das Mekkathor nehmen, weil die andern
-Thore bereits geschlossen waren. Hier begegneten wir einem Trupp nach
-Mekka ausziehender Pilger, welche ihre Reise stets mit Sonnenuntergang
-beginnen sollen. Es war ein langer bunter Zug, die Pilger auf Kamelen
-und die sie begleitenden Beduinen zu Pferde. Die türkischen und
-indischen Frauen in viereckigen, mit Gardinen verschlossenen Kasten, und
-merkwürdigerweise die sundanesischen Frauen offen und unverschleiert, wie
-sie auch in ihrer Heimat sich tragen.
-
-Die wenigen Europäer in Djidda leben auf einem Vulkan und sind der
-fanatischen Bevölkerung gegenüber nie ihres Lebens sicher, ganz gewiß
-aber würden sie nie wieder zurückkehren, wenn sie bei ihren Spazierritten
-außerhalb der Stadt die ihnen gesteckte Grenze von etwa 5 km überschreiten
-wollten. Jenseit dieser Grenze würde der türkische Pascha sie nicht mehr
-schützen können.
-
-Am 21. nachmittags 5 Uhr verließ ich Djidda wieder. Abends meldete mir
-der Arzt, daß ein Maschinistenmaat am Hitzschlag erkrankt sei, aber nicht
-infolge seines Dienstes an der Maschine, sondern durch Unvorsichtigkeit
-auf dem englischen Kohlendampfer, wo er das Gewicht der für uns verladenen
-Kohlen zu controliren hatte. Anstatt nur in seinem weißen Hemde dahin zu
-gehen, hatte er seine Uniformsjacke aus dickem Tuch angezogen und sich
-außerdem mit schwerem Bier bewirthen lassen. Da blieb es schließlich ein
-Glück, daß er nur mit einem Schreckschuß davonkam und am zweiten Tage
-wieder hergestellt war.
-
-Am 26. morgens, eine Stunde nach Mitternacht, wurde vor Suez geankert und
-um 12 Uhr mittags, nach Erfüllung der erforderlichen Formalitäten, in den
-Suezkanal gedampft. Wir hatten das Glück, nur wenig Verkehr zu finden,
-sodaß wir schon am 27. nachmittags 5½ Uhr in Port-Said anlangten, welchen
-Hafen wir vorgestern Morgen wieder verlassen haben.
-
-
- In der Jade, 30. September 1879 abends.
-
-So sind wir denn am Ziel, in der Heimat. In wenigen Stunden werden wir
-wieder vor Wilhelmshaven liegen, das wir vor 697 Tagen, am 3. November
-1877 verlassen haben. Die Reise von Port-Said bis hierher war ein Gemisch
-von Windstillen und uns ungünstigen Stürmen; Malta, Gibraltar und Plymouth
-haben wir noch angelaufen, aber nur zur Einnahme von Kohlen, sodaß unser
-Aufenthalt sich immer nur auf wenige Stunden, 19, 24 und 10, beschränkte.
-
-Meine Reiseberichte sind zu Ende und ich will nur noch die Angabe
-hinzufügen, daß wir uns während der Reise 401 Tag auf See und 296 im Hafen
-befunden haben, daß die von uns zurückgelegte Seemeilenzahl 52860 und die
-Zahl der angelaufenen Häfen 72 beträgt; den Aequator haben wir sechsmal
-passirt.
-
-
-
-
-Anhang.
-
-
-
-
-1.
-
-Die in den letzten fünf Jahren in der Südsee vorgekommenen
-Machtverschiebungen.
-
-
-Nachdem Frankreich im Jahre 1842 das Protectorat über Tahiti übernommen
-und von den Marquesas-Inseln Besitz ergriffen hatte, versuchte es ein
-Gleiches mit den Gesellschafts-Inseln. Als aber die Eingeborenen von
-Huheine unter der Führung eines Europäers die gelandeten französischen
-Truppen in offenem Kampfe besiegten und wieder von der Insel trieben, trat
-England für die Unabhängigkeit der Gesellschafts-Inseln ein, wodurch ein
-Vertrag zu Stande kam, nach welchem England wie Frankreich beiderseits
-auf eine Besitzergreifung dieser Inseln verzichteten und sich gegenseitig
-deren Unabhängigkeit garantirten.
-
-Bis zum Jahre 1854, in welchem Frankreich Neu-Caledonien besetzte,
-waren dann keine weitern Veränderungen in den Besitzverhältnissen der
-Südseeinseln eingetreten und es muß eigentlich auffallen, daß nunmehr,
-nach dieser neuen französischen Erwerbung in nächster Nähe Australiens,
-die Engländer noch immer keine Anstalten trafen, sich den Besitz der
-noch übrigen unabhängigen Inseln zu sichern. Sie wußten aber wohl, was
-sie thaten. Sie besaßen schon ein so ausgedehntes Colonialgebiet, hatten
-in Neu-Seeland so kostspielige Erfahrungen gemacht, daß sie füglich
-darauf verzichten konnten, Land zu erwerben, welches ihnen keinen Nutzen
-bringen, sondern nur übermäßige Kosten verursachen konnte, wie ja auch
-die französischen Erwerbungen in der Südsee als warnendes Beispiel
-dienen mußten. Der Besitz fremden Landes mit einer großen einheimischen
-Bevölkerung, welche noch nicht durch längern Verkehr mit bereits
-ansässigen Europäern gezähmt worden war, konnte damals nur mit einer
-verhältnißmäßig großen Truppenmacht aufrecht erhalten werden, welche mehr
-Geld kostete, als der Besitz einbrachte; die Eingeborenen waren aber zu
-jener Zeit noch nicht so erleuchtet, um eine europäische Macht um die
-Schutzherrschaft bitten zu können.
-
-Da brachte das Jahr 1872 eine große Wandlung. Die allein von deutschen
-Kaufleuten, in erster Reihe von den Brüdern Hennings, dem Handel
-erschlossenen Fidji-Inseln hatten lange Zeit unter innern Unruhen so sehr
-gelitten, daß der König Cakobau des Regierens müde geworden war und,
-soweit mir bekannt, das Deutsche Reich um die Schutzherrschaft anging,
-welche von diesem aber abgelehnt wurde. Darauf wandte sich Cakobau an die
-englische Regierung, welche sich nicht lange bitten ließ, die 21000 qkm
-große, reiche Inselgruppe ohne irgendein Entgelt zu übernehmen, nachdem
-sie erkannt hatte, daß die Pionnierarbeit der deutschen Kaufleute es ihr
-möglich machte, das Land ohne große Kosten zu verwalten. Dies geschah im
-Jahre 1874.
-
-Inzwischen hatten die deutschen Interessen auf den Samoa- und Tonga-Inseln
-eine solche Ausdehnung gewonnen, daß das Reich ihnen seinen Schutz nicht
-länger vorenthalten konnte und nun regelmäßig Schiffe nach der Südsee
-schickte, ohne dabei indeß an Colonialerwerb zu denken. Das Einzige, was
-ins Auge gefaßt wurde, war, durch Verträge die Tonga- und Samoa-Inseln
-vor fremder Annectirung zu sichern. Ein solcher Vertrag mit Tonga kam im
-Jahre 1876 zu Stande, während damals die deutschen Bevollmächtigten die
-ihnen feindlichen Strömungen auf den Samoa-Inseln, welche vornehmlich auf
-amerikanischen Einfluß zurückzuführen waren, noch nicht zu überwinden
-vermochten. Zu den deutschen Interessen auf den genannten Inseln
-waren übrigens neuerdings auch noch die auf den Ellice-, Kingsmill-,
-Marshall-Inseln, sowie in Neu-Britannien hinzugetreten. Dies war der Stand
-der Dinge, als ich 1878 mit der „Ariadne“ nach Samoa kam.
-
-Zu jener Zeit traten allerdings auch schon Bestrebungen von seiten
-Frankreichs und der australischen Colonien in die Erscheinung, welche
-weitere Veränderungen in den Besitzverhältnissen in der Südsee in
-Aussicht stellten oder doch vermuthen ließen. Auch die Samoaner, oder
-doch ein Theil derselben, hatten sich um das amerikanische Protectorat
-bemüht und es schien, als ob die Amerikaner gewillt seien, hier wie auch
-auf den Marshall-Inseln ähnliche Verhältnisse zu erstreben wie auf den
-Sandwich-Inseln, welche eigentlich als amerikanische Colonie betrachtet
-werden können.
-
-Es waren somit alle seefahrenden Mächte, welche nur ein entferntes
-Interesse an der Südsee hatten, auf dem Plan und in nicht zu ferner Zeit
-mußte die Entscheidung fallen, wem die Inseln gehören sollten, nachdem
-man mit Erstaunen erkannt hatte, was die deutschen Kaufleute aus den von
-ihnen bearbeiteten Inseln gemacht hatten, und da man wol annahm, dasselbe
-leisten zu können.
-
-Samoa war inzwischen durch den samoanisch-amerikanischen Vertrag auch
-schon nicht mehr frei; aber die Ellice-, Kingsmill-, Marshall-Inseln,
-der jetzige Bismarck-Archipel, Neu-Guinea mit Ausnahme des holländischen
-Theils, die Salomons- und Sta.-Cruz-Inseln, die Neu-Hebriden, sowie viele
-einzeln verstreut liegende Inseln, auf denen sämmtlich, mit Ausnahme
-von Neu-Guinea, den Salomons-, Sta.-Cruz-Inseln und Neu-Hebriden,
-eigentlich nur deutsche Interessen in Betracht kamen, waren noch frei.
-Daß die „Ariadne“, soweit es in ihren Kräften lag und die sonstigen
-Umstände es gestatteten, in aller Stille ihr Möglichstes that, die
-deutschen Interessen gegen fremde Vergewaltigung zu sichern, ist früher
-auseinandergesetzt worden, immerhin sei hier aber kurz wiederholt, welche
-Inseln bezw. Gruppen gesichert wurden. Es waren dies: Funafuti, Vaitupu,
-die Marshall-Inseln, der jetzige Bismarck-Archipel, sowie Samoa; ferner
-wurden, als eine Folge der von der „Ariadne“ gemachten Vorarbeiten, im
-Frühjahr 1879 durch die Fregatte „Bismarck“ Verträge mit den Königinnen
-von Huheine, Bora-Bora und Roratonga abgeschlossen.
-
-Für diese Sicherungsmaßregeln war es die höchste Zeit gewesen, denn die
-Begehrlichkeit nach den Südseeinseln wurde in der darauf folgenden Zeit so
-groß, namentlich die australischen und neuseeländischen Colonien drängten
-mit solchem Ungestüm nach weitern Annectirungen in der Südsee, daß die
-Diplomatie sich der Sache annehmen und am grünen Tisch theilen mußte.
-Hierbei nun kam es Deutschland zu statten, daß es im Austausch auch etwas
-bieten und unter Verzichtleistung auf einzelne Rechtstitel neue erwerben
-konnte, denn es darf wol als zweifellos angenommen werden, daß es zu
-Gunsten Frankreichs auf seine Ansprüche an die Gesellschafts-Inseln und zu
-Gunsten Englands auf die an Roratonga und die Ellice-Inseln verzichtete.
-
-So konnte Frankreich, nachdem es bereits im Jahre 1880 Tahiti mit
-der Paumotu-Gruppe zur Colonie gemacht hatte, im December 1885 die
-Gesellschafts-Inseln annectiren, während Deutschland und England sich in
-den Rest des freien Südseegebietes theilten. Sind auch die Neu-Hebriden
-zur Zeit noch unabhängig, so hat Deutschland an dieser Gruppe doch
-kein Interesse mehr, weil dieselbe nach dem Theilungsplan in der
-Interessensphäre Englands liegt. Wahrscheinlich allerdings ist, daß die
-Franzosen jene Inseln erhalten werden, weil diese jetzt mit derjenigen
-Anmaßung zur See auftreten, wie es früher die Engländer gethan haben,
-womit sie diesen entschieden imponiren.
-
-Und wer trägt nun eigentlich die Schuld, daß diese schon seit langer
-Zeit vorhergesehene Theilung, welche im großen und ganzen zum Nachtheil
-Deutschlands ausgefallen ist, so früh zu Stande kam? Unbeabsichtigt der
-muthige und thatkräftige deutsche Kaufmann, welcher sich zwischen den noch
-wilden Eingeborenen niederließ, der Welt zeigte, was für Reichthümer diese
-Inseln in ihrem Schoß bergen und dadurch die Augen der Neider dorthin
-lenkte, während er es doch am wenigsten verdient hat, daß er eines großen
-Theils der Früchte seiner Saat verlustig gegangen ist. Lange Zeit hat er
-im stillen arbeiten und ernten können, aber schließlich zwangen äußere
-Umstände ihn, aus seiner Verborgenheit herauszutreten, und zu seinem
-Schaden mußte dies schon zu einer Zeit geschehen, wo das deutsche Volk
-noch nicht bereit war, dem Vorschlage seiner Regierung, mit ihr nach der
-Südsee zu gehen, zuzustimmen.
-
-Hätte das Deutsche Reich fünf oder auch nur drei Jahre früher energisch
-zugegriffen, zu einer Zeit, wo in Australien und Neu-Seeland die
-Leidenschaften für weitern Colonialerwerb noch nicht so entzündet waren,
-dann hätten wir heute wahrscheinlich den doppelten Landbesitz in der
-Südsee.
-
-
-
-
-2.
-
-Allgemeine Bemerkungen über die Bewohner der Südseeinseln.
-
-
-Nachdem ich ein Jahr in der Südsee zugebracht und den größten Theil
-der südlich des Aequators gelegenen Inselgruppen gesehen hatte, konnte
-ich dasjenige zusammenstellen, was ich aus eigener Beobachtung oder aus
-competentem Munde über die Bevölkerungen der verschiedenen Inselgruppen
-erfahren habe und was ich meinen ersten Südsee-Briefen nicht einfügen
-konnte, weil mir damals diese Erfahrungen eben noch fehlten. Zweifellos
-würde aber manches in diesen verständlicher gewesen sein, wenn ich schon
-dem Besuch der Marquesas-Inseln dasjenige hätte vorausschicken können,
-was ich hier in gedrängter Form niederlegen will. Daß ich dies überhaupt
-thue, ist einzig den nachstehend angegebenen Gründen zuzuschreiben.
-
-Auf der Heimreise wurden mir beim Anlaufen der verschiedenen Häfen so
-wunderliche Fragen über die in der Südsee vermuthete Menschenfresserei
-vorgelegt; es werden nach den verschiedentlich ausgesprochenen Urtheilen
-die dortigen Menschenstämme auf einer so niedrigen Stufe stehend
-angenommen, sie sollen in Bezug auf Rohheit und Wildheit dem Raubthier
-so nahe stehen, daß ich mich fragen mußte, welchen Ursachen eine solche
-Verkennung einer großen Völkerfamilie zuzuschreiben sei. Allerdings mußte
-ich mir nach einigem Nachdenken sagen, daß ich früher die Südsee-Insulaner
-ebenso beurtheilt hatte, weil eben alle Welt sie so beurtheilt; deswegen
-aber halte ich es gerade für meine Pflicht, mein Theil dazu beizutragen
-dieses Urtheil berichtigen zu helfen, damit wenigstens diejenigen Leser,
-welche meinen Reiseberichten gefolgt sind, nochmals besonders darauf
-hingewiesen werden und jener Inselbevölkerung Gerechtigkeit widerfahren
-lassen können.
-
-Bei Beantwortung der Frage, wie jenes ungünstige Urtheil sich erhalten
-konnte, glaube ich den Umstand in den Vordergrund stellen zu müssen, daß
-das große Publikum häufig alle Inselbewohner der Südsee -- Polynesier,
-Mikronesier und Melanesier (Papuaneger) -- zusammenwirft und alle
-Menschenfresser nennt, weil die Melanesier es sind. Zu verwundern ist
-dies aber nicht, denn wo sollte das Publikum die Mittel finden, sich
-über die dortigen Zustände genau zu unterrichten? Die frühern Reisenden
-haben sich bei Beschreibung jener Menschenstämme vielfach versündigt
-und die neuern Berichte stammten zur Zeit meiner Beobachtungen in der
-Mehrzahl von Missionaren, von Herren, welche meines Erachtens in der
-aufgeworfenen Frage nicht ganz competent sind. Sie haben zweifellos
-verdienstvolle Werke geschrieben, die manche wissenschaftliche Frage
-eingehend und erschöpfend behandeln und uns die erste werthvolle Kunde
-aus jenem Welttheile gebracht haben; Werke, die aber ihre Beredsamkeit
-verlieren, sobald sie das alltägliche Leben besprechen und uns ein Bild
-der Vergnügungen und der Sitten jener Naturmenschen bringen sollen. Und
-aus einer wahrheitsgetreuen Schilderung der Sitten und Gebräuche, der
-Vergnügungen und Leidenschaften, läßt sich doch nur ein richtiges Bild
-über den Charakter eines Volkes zusammenstellen. Jene Werke bringen
-allerdings vieles über Sitten und Gebräuche, aber nicht das, was zu
-einer richtigen Beurtheilung unumgänglich nothwendig ist. Gebräuche
-und Leidenschaften jener Naturmenschen stehen eben dem paradiesischen
-Urzustande so nahe, würden mit ihrer dortigen natürlichen Reinheit in
-unsere civilisirten Verhältnisse verpflanzt theilweise so anstößig werden,
-daß der Missionar darüber hinweggehen zu müssen glaubt, wenn er nicht
-etwa schon alles Gefühl für die reinen Naturtriebe verloren hat und aus
-diesem Grunde manches verurtheilt, was als ein Beweis von Sittlichkeit
-und Unschuld hingestellt werden muß. Allerdings bleibt hier noch die
-Frage zu erörtern, ob der Missionar, welcher sein Amt nicht zeitweise
-abstreifen kann, je Gelegenheit findet, jene Menschen so kennen zu lernen,
-wie sie in Wirklichkeit sind, und diese Frage glaube ich verneinen zu
-müssen. Die Missionare verurtheilen die harmlosesten Vergnügungen jener
-Leute mit einer solchen Härte, haben so schwere Geldstrafen für die nach
-unsern Begriffen unschuldigsten Sachen, und überhaupt ein so strenges
-puritanisches Regiment eingeführt, daß der Eingeborene vor ihnen stets ein
-Heuchler sein muß, weil er ohne seine gewohnten Zerstreuungen nicht leben
-kann. Denn diese Leute, welche weder geistige noch körperliche Arbeit
-kennen, müssen, solange sie noch nicht die Wohlthaten eines arbeitsamen
-Lebens empfinden, die Langeweile, den größten Feind aller Moral und
-Sittlichkeit, durch ihre kleinen Feste vertreiben. Der Missionar sieht
-daher leicht den Eingeborenen, wie er ihn sehen möchte und ist mithin
-nach meiner Ansicht nicht in der Lage, uns ein getreues Bild von dem
-Leben und Wirken jener interessanten Naturmenschen geben zu können; sein
-Bericht bespricht nicht diese Welt, ist nicht von dem glühenden Hauch
-des Lebens durchweht und wirkt daher leicht ermüdend, wie er in Wahrheit
-der Wirklichkeit auch nur unvollkommen entspricht. Leider muß ich hier
-aber auch noch einfügen, daß viele der in der Südsee wirkenden Missionare
-meiner Ansicht nach ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind und den dortigen
-harmlosen Heiden nicht die Wohlthaten des Christenthums zuwenden.
-
-An den Hauptplätzen, so auf Tongatabu, in Apia und auf den Duke of
-York-Inseln findet man allerdings Männer von hoher Bildung, welche in
-reiferm Alter stehend ihre Aufgabe in würdiger und wohlwollender Weise
-auffassen; vielfach sind aber nur untergeordnete Persönlichkeiten
-vorhanden, die, vielleicht mit dem wahren Geiste des Christenthums
-unbekannt, ihre Erfolge nur nach der Zahl der Kirchgänger und der Höhe
-ihrer eigenen tyrannischen Macht berechnen. Ihre Heerde ist eine stumpfe
-Menge, welche die von dem Hirten anbefohlenen äußern Gebräuche streng
-befolgt, daneben aber sich heimlicher Laster hingibt, da der Hirt ihr alle
-die altgewohnten, größtentheils harmlosen Vergnügungen unter dem Vorwand,
-daß dieselben heidnisch seien, genommen hat, anstatt allmählich nur das
-zu beseitigen, was etwa mit dem Christenthum nicht in Einklang gebracht
-werden kann.
-
-Ich möchte daher behaupten, daß jene Naturmenschen für das Christenthum
-noch nicht reif sind, wenigstens nicht, solange sie nicht gleichzeitig
-unter die Obhut einer erleuchteten christlichen Regierung treten, welche
-die Härten der orthodoxen Kirche mildert. Hierbei darf auch eine wichtige
-Frage nicht übersehen werden, nämlich die, daß das Christenthum, wie es
-gelehrt worden ist, ohne etwas Besseres dafür zu geben, die glücklichen
-politischen und socialen Verhältnisse, welche früher auf den meisten
-der von Polynesiern bewohnten Inseln bestanden haben, zerrüttet hat. Es
-scheint fast, als ob die Missionare nicht gewußt hätten, daß das Zerstören
-leichter als das Wiederaufbauen ist. Die Polynesier hielten früher die
-Häuptlingsfamilien für unsterblich, für Halbgötter, während der gemeine
-Mann mit seinem Tode vollständig abschloß. Hieraus entsprang die hohe
-Achtung und der unbedingte Gehorsam, welche den Häuptlingen und ihren
-Familien gezollt wurden. Die Häuptlinge gebrauchten ihre Gewalt nur
-soweit, daß sie sich von ihren Unterthanen ernähren ließen, und konnten
-sie nicht mißbrauchen, da sie nicht mehr fordern konnten, als was zu
-ihrer Sättigung nothwendig war. Denn eigentliches Besitzthum war nicht
-vorhanden und Geld nicht bekannt. Die Lasten der Unterthanen waren daher
-außerordentlich geringe, sie lebten glücklich und zufrieden, und der
-Fall, daß ein Häuptling im Jähzorn einen seiner Unterthanen erschlug,
-soll selten vorgekommen sein. Doch all das hat sich mit dem Einzug der
-Missionare geändert. Die Unsterblichkeit der Seele machte den gemeinen
-Mann dem Häuptling gleich und der Missionar trat als der Vertreter Gottes
-an die Stelle der Häuptlinge. Solange er nun das Regiment mit Klugheit
-und Milde führte, war alles gut; war er aber der Fülle der ihm gewordenen
-Macht nicht gewachsen, so wurde er ein Despot, der seine harmlose Heerde
-tyrannisch knechtete. Verließ dann der Missionar die Insel wieder, dann
-gab es, auch wenn er sein wirklich Bestes gethan hatte, Unruhen, weil
-jede Autorität vernichtet war, die Häuptlinge naturgemäß dieselbe aber
-wieder beanspruchten, sie auch erzwangen, aber in der Regel nur durch
-fortgesetzte Kriege sich erhalten konnten.
-
-Da auch leider die Sittenlosigkeit auf den Inseln der Südsee vorläufig
-noch mit dem Vorschreiten des Christenthums wächst und die Inseln, welche
-am längsten unter dem Einfluß der Missionare stehen, d. h. diejenigen,
-welche sich diesem Einfluß wirklich unterworfen haben, die verderbtesten
-sind, so glaube ich kein Unrecht zu begehen, wenn ich die Menschenfresser
-in Neu-Britannien in moralisch-sittlicher Beziehung höher stelle als die
-Tahitier. Wenn auch die Verderbtheit nicht indirect dem Einflusse der
-neuen Lehre oder ihrer Priester, sondern dem Verkehr mit den Europäern
-überhaupt zuzuschreiben sein sollte, da diese sich in neuerer Zeit
-vielfach auf den von Missionaren beherrschten Inseln angesiedelt haben,
-so bleibt doch auch unter dieser Annahme dann noch immer die Thatsache
-bestehen, daß ein 20jähriges ungestörtes Wirken der Missionare nicht im
-Stande war, die Eingeborenen davor zu schützen, daß sie wenige Jahre nach
-der Ansiedelung einiger Europäer auf einen bedauernswerthen Stand der
-Entsittlichung gesunken waren. Es läßt sich jedenfalls nicht wegleugnen,
-daß die Polynesier, welche bisjetzt nur allein als den Missionaren
-unterworfen betrachtet werden können, als Christen schlechtere Menschen
-sind, als sie zur Zeit ihres Heidenthums waren. Und sollten sie wirklich
-früher schon moralisch so niedrig gestanden haben wie jetzt, dann bleibt
-immer doch der Rückschritt bestehen, daß sie jetzt als Christen mit
-Bewußtsein sündigen, während sie früher nur erlaubte Freiheiten genossen.
-Wie schädlich die übereilte Bekehrung in jenen Gegenden gewirkt hat,
-dürfte vielleicht mein Bericht über Vavau am besten ergeben, da dort
-gezeigt ist, wie wenig diese Naturmenschen den Geist des Christenthums zu
-begreifen vermögen oder wie wenig sie diesen Geist begreifen wollen. --
-
-Die Menschen, welche jenes ausgedehnte Inselreich des Stillen Oceans
-bewohnen, zerfallen in drei Hauptgruppen: in Polynesier, Mikronesier und
-Melanesier, sowie in verschiedene Abarten, welche wol durch Kreuzung
-entstanden sind. Für das Auge desjenigen Beobachters, welcher nicht
-als Gelehrter untersucht, sind die Polynesier die der kaukasischen
-Rasse Nächststehenden, während die Melanesier den schönern Stämmen der
-afrikanischen Neger nahe kommen. Die Polynesier bewohnen den Inselstrich,
-welcher sich von Neu-Seeland über Tonga, Samoa, die Cook-, Gesellschafts-
-und Marquesas-Inseln bis zu den nördlich des Aequators gelegenen
-Sandwich-Inseln erstreckt. Die Mikronesier bewohnen vorzugsweise die
-nördlich des Aequators gelegenen Inselgruppen zwischen den Sandwich-Inseln
-und den Philippinen; die Melanesier Australien, Neu-Guinea oder Papua,
-die Salomons-Inseln, Neu-Caledonien und die Neu-Hebriden. Die zwischen
-diesen Gruppen gelegenen Inseln werden von Mischlingen bewohnt, und
-hier verdienen die Fidji-Inseln wegen ihrer großen Ausdehnung und des
-zur Zeit noch dort herrschenden Kannibalismus besondere Erwähnung. Die
-Eingeborenen Fidjis sind keine reinen Polynesier, für welche sie oft
-gehalten werden, sondern eine Mischrasse aus eingewanderten Tonganern und
-dem eigentlichen melanesischen Volksstamm, welch letzterer vor Zeiten
-von den kriegstüchtigen und unternehmenden Tonganern unterjocht wurde.
-Hierin findet sich auch die Erklärung, daß im Innern der Fidji-Inseln
-noch heutzutage Kannibalen gefunden werden, während die reinen Polynesier
-diesem abscheulichen Geschmack nie gehuldigt haben. Denn wenn Polynesier
-auch an einigen Plätzen Menschenfleisch gegessen haben, so geschah
-dies doch nur in Form von Opferfesten, bei welchen Kriegsgefangene
-das Opfer stellen mußten. Wie mir versichert wurde, sollen derartige
-Opfer auch nur auf den Marquesas-Inseln und auf Roratonga vorgekommen
-sein; jedenfalls haben die Tahitier, die Samoaner und die Bewohner der
-Gesellschafts-Inseln, soweit ihre Traditionen reichen, sich von diesem
-Laster frei gehalten, während zu einer Zeit in Tonga von den von den
-Fidji-Inseln zurückgekehrten Eroberern auch der Genuß von Menschenfleisch
-eingeführt gewesen sein soll, ohne sich indeß lange halten zu können.
-Die Fidji-Inseln werden daher wol auch die Quelle sein, von welcher aus
-alle Südsee-Insulaner zu Menschenfressern gestempelt worden sind. Die
-Versuchung, die Eingeborenen Fidjis für reine Polynesier zu halten, liegt
-allerdings nahe, da die Bewohner der Küstenstriche dieser Inseln in ihrer
-äußern Erscheinung dem edelsten Typus der Südsee-Insulaner außerordentlich
-nahe kommen, ihm vielleicht auch vollständig ebenbürtig sind.
-
-Die andern Mischlinge werde ich bei Besprechung der Frage über den
-wahrscheinlichen Ursprung dieser Insulaner berücksichtigen. Diese Frage
-ist von der wissenschaftlichen Welt so eingehend erörtert worden, daß ich
-nicht wagen darf, etwas Neues bringen zu wollen, und doch muß ich mich mit
-ihr beschäftigen, weil kein denkender Mensch jenen sechsten zerrissenen
-Welttheil besuchen wird, ohne sich unwillkürlich mit dieser interessanten
-Frage zu beschäftigen und den Versuch zu machen, zu ergründen, welche der
-verschiedenen Hypothesen den meisten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hat.
-
-Soviel mir bekannt, sind drei Ansichten über die wahrscheinliche Herkunft
-der großen Inselbevölkerung vorhanden. Die erste geht von der Annahme
-aus, daß früher inmitten des Stillen Oceans ein großer Continent lag,
-welcher von drei Menschenrassen bewohnt wurde; im Süden und Osten von
-den Polynesiern, im Westen von den Melanesiern und im Norden von den
-Mikronesiern. Bei einer großen Katastrophe versank dieser Continent
-und nur die höchsten Berggipfel blieben als Inseln zurück, welche
-räumlich außerordentlich weit voneinander geschieden, doch durch
-ihre Menschen, Thiere und Flora im innigsten Zusammenhang standen und
-stehen. Die gleiche Sprache und die gleichen Sitten der polynesischen
-Eingeborenen, wie die gleiche Sprache der Mikronesier und der von
-beiden abstammenden Mischlinge, welche die später wiedererstandenen
-Koralleninseln bevölkerten, sprechen so beredt für diese Annahme, die
-zahllosen Koralleninseln zeigen so deutlich die ausgedehnte Gebirgswelt,
-welche unter der Meeresoberfläche liegt; die vielen noch thätigen
-unterseeischen Vulkane, welche häufige Veränderungen in dem unterseeischen
-Lande verursachen, lassen so wenig Zweifel, daß dort auch jetzt noch
-gewaltige Kräfte in Thätigkeit sind, daß man diese Hypothese wol als eine
-berechtigte anerkennen kann.
-
-Die zweite Ansicht läßt die sämmtlichen Bewohner der Südseeinseln
-vom Westen kommen, nennt sie Abkömmlinge der Malayen, welche schon in
-altersgrauer Zeit im Besitz seetüchtiger Fahrzeuge waren und denen man
-so viel Unternehmungsgeist zuspricht, daß man ihnen die Fähigkeit zur
-Erwerbung so fernliegenden Insellandes glaubt zuerkennen zu müssen.
-Diese Ansicht erschien mir, wie wol auch schon vielen, beim Vergleich der
-verschiedenen Menschenstämme so absurd, daß ich mir gar nicht die Mühe
-nahm, weiter darüber nachzudenken. Zwar fand ich in Neu-Britannien manche
-Anklänge an die samoanische Sprache, doch wurden diese damit erklärt,
-daß erst in allerneuester Zeit einige samoanische Worte Aufnahme in den
-beschränkten Sprachschatz der Menschenfresser gefunden hätten. Als ich
-aber in Batavia mehrere Worte fand, welche in Java und Samoa dieselbe
-Bedeutung haben, da wurde mir doch klar, wie vorschnell der Reisende in
-seinem Urtheil und wie gefährlich es ist, sich eine eigene Ansicht über
-so tiefgehende Fragen auf Grund oberflächlicher Beobachtungen bilden zu
-wollen. Damals dachte ich noch nicht daran, dieses hier niederschreiben
-zu wollen, und habe mir daher die erwähnten Worte ebensowenig gemerkt,
-als ich versuchte, mich eingehender zu unterrichten. Ein Wort wenigstens
-ist aber in meinem Gedächtniß haften geblieben, mit welchem ich die
-vorstehende Behauptung belegen kann. Das Wort „susu“ bedeutet im
-Javanischen „Milch“, im Samoanischen hat es die Doppelbedeutung von
-„Milch“ und „Frauenbrust“.
-
-Die dritte Hypothese läßt Neu-Caledonien, die Salomons-, Fidji-Inseln
-und Neu-Hebriden von Australien und Neu-Guinea aus, die polynesischen
-Inseln von Samoa aus bevölkern. Wo die Mikronesier herkommen sollen,
-ist mir nicht gegenwärtig. Nimmt man die Karte zur Hand und mißt die
-außerordentlich großen Entfernungen aus, welche einzelne Inselgruppen
-voneinander trennen, dann wird man allerdings geneigt, diese Hypothese
-für unhaltbar zu erklären, da es unmöglich erscheint, daß Menschen ohne
-Seekarten und Compaß, ohne Mittel den Ort des Schiffes zu bestimmen, mit
-so zerbrechlichen kleinen Fahrzeugen, über welche die Eingeborenen nur
-verfügten, eine Seereise in das Ungewisse wagen und auf eine Entfernung
-von 2000 Seemeilen mit Erfolg durchführen konnten. Doch nähert sich die
-Unmöglichkeit der Möglichkeit, wenn man die wol unumstößlich feststehende
-Thatsache erwägt, daß das große Neu-Seeland von dem kleinen Roratonga aus
-bevölkert worden ist und wenn man dabei berücksichtigt, daß die Entfernung
-zwischen Neu-Seeland und den Cook-Inseln etwa 1800 Seemeilen beträgt.
-War dies möglich, dann kann man eine Bevölkerung der Sandwich-Inseln
-von den Gesellschafts- oder Marquesas-Inseln aus gerade auch nicht mehr
-für unmöglich halten. Zwar kann hier entgegnet werden, daß eine Reise
-von Roratonga nach Neu-Seeland möglich sei, weil die Leute in der guten
-Jahreszeit mit Hülfe des Südostpassats ohne Schwierigkeit dahin gelangen
-konnten, während auf dem Wege nach den Sandwich-Inseln die Aequator-Calmen
-durchschnitten werden müssen. Doch der Weg nach Neu-Seeland wird auch
-nicht allein auf den Schwingen des Passatwindes gemacht, dort gibt es auch
-Windstillen und vorherrschenden Westwind, welcher häufig zu schwerem Sturm
-anwächst, und ich glaube, daß die Wind- und Wetterverhältnisse von den
-Marquesas-Inseln nach den Sandwich-Inseln für offene Boote thatsächlich
-günstigere sind, als die von Roratonga nach Neu-Seeland.
-
-Ich will indeß auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten nicht weiter
-eingehen; trifft die erste Hypothese nicht zu, dann hat diese letztere
-wol die größere Wahrscheinlichkeit für sich. Thatsache ist, daß auf den
-von Polynesiern bewohnten Inseln die gleiche Sprache mit Abweichungen,
-wie sie auch die verschiedenen romanischen oder germanischen Sprachen
-aufweisen, gesprochen wird, sowie daß die Mikronesier und die von ihnen
-abstammenden Mischlinge eine besondere Sprache haben, welche auf den von
-mir besuchten Inselgruppen Mikronesiens nur so geringe Abweichungen hat,
-daß ein bei mir an Bord befindlicher Marshall-Insulaner der Radack-Kette
-auf den Inseln der Kingsmill-Gruppe sowie der Ralick-Kette als Dolmetscher
-fungiren konnte.
-
-Die Vertreter der Annahme, daß Polynesien von Samoa aus bevölkert worden
-ist, stützen sich meines Wissens darauf, daß die Samoaner den reinsten
-Typus der polynesischen Rasse vertreten, mithin bei ihnen die Wiege des
-ganzen Volksstammes zu suchen sei, weil erfahrungsmäßig die Auswanderer im
-fremden Lande, bei anderer Nahrung, infolge abweichender Lebensweise und
-neuer Sitten sich äußerlich soweit verändern, daß die spätern Geschlechter
-einen ganz neuen Volksstamm zu bilden scheinen. Dies wird in der Südsee
-schlagend auf den Ellice-Inseln bewiesen, wo die von den bergigen
-Samoa-Inseln gekommenen Einwanderer auf den niedrigen Koralleninseln unter
-Beibehaltung ihrer Sprache eine wesentliche Veränderung erfuhren und mit
-der Aufgabe der feinen Sitte des Mutterlandes auch auffallend an ihrer
-körperlichen Schönheit verloren haben.
-
-Andererseits haben wieder die weiter nach dem Norden gewanderten
-Samoaner bei der stattgehabten Kreuzung mit den vom Norden gekommenen
-Mikronesiern einen Menschenschlag geschaffen, welcher in Bezug auf
-körperliche Schönheit fast noch höher wie derjenige der Samoaner steht
-und sich durch saubere Hütten, strenge Sitten, große Förmlichkeit in
-dem gegenseitigen Verkehr und persönlichen Muth sowol vor den im Norden
-seßhaften Mikronesiern, wie vor den im Süden die Ellice-Inseln bewohnenden
-Samoanern auszeichnet.
-
-Ob auf solche Aeußerlichkeiten die Herkunft einer großen Völkerfamilie
-basirt und daraufhin der Stamm der Samoaner für das Stammvolk erklärt
-werden kann, werden übrigens die Gelehrten zu entscheiden haben. Ich
-wollte nur das, was ich in Erfahrung gebracht habe, in möglichst bündiger
-Form hier niederlegen und die liebenswürdigen Polynesier bei meinen
-Freunden davor schützen, daß sie für Wilde und Menschenfresser gehalten
-werden.
-
-
-
-
-3.
-
-Die Katastrophe im Geysir-Gebiet Neu-Seelands.
-
-(Vgl. S. 482.)
-
-
-Soweit die Traditionen der Eingeborenen reichen, welche die Engländer auf
-mehr als 1000 Jahre zurückrechnen, war von einem größern vulkanischen
-Ausbruch und damit zusammenhängenden Veränderungen des Landes auf
-Neu-Seeland nichts bekannt. Die Traditionen besagen vielmehr, daß
-die ersten Einwanderer das Geysir-Gebiet in genau derselben Gestalt
-vorgefunden hatten, wie es bislang war. Namentlich der Berg Tarawera
-hat nie ein Zeichen vulkanischer Thätigkeit gegeben, sodaß der am Fuße
-des Berges lebende Stamm der Maoris schon seit funfzehn Generationen
-gerade den Gipfel desselben als Begräbnißstätte für seine Stammesgenossen
-benutzte, weil in altersgrauer Zeit ein großer Häuptling dort
-bestattet worden ist. Um so interessanter bleibt es, daß der gelehrte
-österreichische Geologe Dr. von Hochstetter schon im Jahre 1859 infolge
-seiner Untersuchungen die Vermuthung aussprach, daß der Tarawera-Berg
-in seinem Innern durch heiße Dämpfe verzehrt sei und in nicht zu ferner
-Zeit voraussichtlich einstürzen würde. Eine Untersuchung des Berggipfels
-wurde ihm von den Maoris nicht erlaubt, weil sie eine Entweihung ihrer
-Grabstätten befürchteten. Ist nun die Vorhersagung von Hochstetter’s auch
-nicht buchstäblich eingetroffen, so zeigt die Thatsache doch, daß er den
-für ganz ungefährlich gehaltenen Berg richtig beurtheilt hatte.
-
-Nach der übereinstimmenden Aussage aller Augenzeugen, und deren waren
-viele, hat sich die Katastrophe, welcher allerdings zwei Warnungen
-vorhergegangen waren, die aber erst nach derselben als solche erkannt
-wurden, ganz unerwartet in der nachfolgend angegebenen Weise entwickelt.
-Die vorhergegangenen merkwürdigen Anzeichen von Störungen im Erdinnern
-hatten darin bestanden, daß im Jahre 1884 plötzlich das bisher kalte
-Wasser des Roto-kakahi sich bis zur Siedehitze erwärmte, dann während
-eines Tages ein starker Abfluß aus dem See durch das Wairoa-Thal nach
-dem Tarawera-See erfolgte und danach die Temperatur des Seewassers wieder
-auf die normale sank. Das zweite Zeichen erfolgte wenige Wochen vor dem
-Ausbruch, indem die heißen Quellen bei Ohinemutu plötzlich sehr bedeutend
-an Wärme verloren.
-
-In der Nacht vom 9. zum 10. Juni 1886, 12 Uhr 40 Minuten morgens wurde in
-Wairoa der erste Erdstoß verspürt, welchem in kurzen Zwischenräumen immer
-stärkere folgten, begleitet von rollendem Getöse und orkanähnlichem Wind.
-Um 2 Uhr erfolgte der erste Ausbruch, nachdem vorher eine riesige schwarze
-Wolke, die von der Stadt Taheke bis zum Päroaberg, mithin über eine
-Strecke von 35-40 km gereicht haben soll, sich über dem Lande gelagert
-hatte, in welcher nie gesehene elektrische Entladungen stattfanden. Für
-das Auge fand der Ausbruch des Tarawera-Berges aus drei großen Kratern,
-welche später als acht kleinere erkannt wurden, statt und die nach oben
-geworfenen Feuergarben wurden auf 300 m Höhe geschätzt. Die an sich
-zunächst großartige Erscheinung wurde für die Bewohner von Wairoa bald
-zu einer furchtbaren, als wenige Minuten später glühende Aschenmassen,
-große Steine und ein wahrer Schlammregen, von dem wehenden Orkan über die
-Landschaft gejagt, niederfielen und alles Erreichbare vernichteten. Die
-Europäer konnten sich unter der Führung eines mit großer Geistesgegenwart
-begabten und kaltblütigen Mannes zum größten Theil retten, weil die
-örtlichen Verhältnisse ihrer Ansiedelung die Flucht begünstigten. Nur
-sechs von ihnen und 95 Eingeborene wurden als vermißt angemeldet.
-
-Am nächsten Morgen war die Ansiedelung Wairoa verschwunden und das
-Land mit einer 1½ m hohen Schlamm-, Stein- und Aschenschicht bedeckt;
-der schöne Tikitapu-Wald war von dem Sturm, den einschlagenden Blitzen
-und dem Aschen- und Schlammregen vernichtet; der Roto-kakahi hatte
-3 m weniger Wasser als vorher; der Roto-mahana war wasserleer und das
-schlammige Bett des frühern Sees war bedeckt mit größern und kleinern
-Kratern, Geysirs und Fumarolen; die berühmten Terrassen waren nicht mehr
-und nichts ließ erkennen, wo sie dereinst gestanden hatten. So haben
-dieselben Naturkräfte, welche im Laufe von Jahrtausenden jene Wunderwerke
-geschaffen hatten, sie in einer einzigen Nacht auch wieder zerstört.
-Unsere Abbildungen dieser Terrassen nehmen demnach gegenwärtig ein
-gewisses historisches Interesse in Anspruch.
-
-Einen ungefähren Begriff von der elementaren Gewalt des Ausbruchs mag
-die Thatsache geben, daß in Auckland, mehr als 200 km von dem Schauplatz
-entfernt, am Morgen des 10. Juni gegen 3 Uhr die Menschen durch laute
-Kanonenschläge, ja ganze Artilleriesalven aus dem Schlafe geweckt
-wurden und dann auch den fernen Feuerschein sahen, sodaß man glaubte,
-ein Kriegsschiff sei in der Nähe in Seenoth, bis man erst gegen 9
-Uhr vormittags durch Telegramme von der wahren schrecklichen Ursache
-unterrichtet wurde.
-
-
-Berichtigungen.
-
-Seite 67, Zeile 2 v. o., statt: 1887, lies: 1878
- " 192, " 1 v. u., st.: Opuno, l.: Oponu
- " 426, " 12 v. o., st.: Vorzug, l.: Verzug
- " 481, " 6 v. o., st.: halbe, l.: halber
-
-
-
-
-4.
-
-Erklärung einiger seemännischer Ausdrücke.
-
-
-=Achterraus=, hinter dem Schiff.
-
-=Ansteuern=, nahe an eine in der Nähe der Curslinie liegende Küste
- oder Insel heranfahren, um das Land, namentlich geographisch genau
- bestimmte Punkte desselben, wie Leuchtthürme, vorspringende Caps,
- Berggipfel, zu Gesicht zu bekommen und danach festzustellen, ob
- der nach den Rechnungen auf der Karte festgelegte Ort des Schiffes
- auch richtig ist. Oder, mit Hülfe von Lothungen und der Karte
- den Ort des Schiffes bestimmen. Derartige Vorsichtsmaßregeln sind
- namentlich bei Nacht unumgänglich nothwendig; aber auch bei Tage,
- wenn Regen und nebeliges Wetter eine Fernsicht nicht gestatten und
- wenn während der letzten Tage oder auch nur während der letzten 24
- Stunden bewölkter Himmel die Vornahme astronomischer Beobachtungen
- unmöglich gemacht hat und man dadurch verhindert wurde, die Wirkung
- der Meeresströmung auf den Curs des Schiffes festzustellen.
-
-=Aufentern=, auf den Strickleitern in die Takelage gehen (vom
- englischen 'to enter').
-
-=Aufkreuzen=, das Schiff durch Segeln nach der einen und der andern
- Seite gegen die Richtung des Windes fortbewegen. Man rechnet, daß
- ein kreuzendes Schiff drei Seemeilen durch das Wasser zurücklegen
- muß, um eine Seemeile in der Windrichtung, d. h. gegen den Wind,
- zu gewinnen.
-
-=Ausmachen=, erkennen. Das Land oder ein Schiff ist ausgemacht,
- sobald man zwischen Wolken oder aus nebeliger Luft heraus die
- richtigen Contouren des Landes oder die Formen des Schiffes sicher
- festgestellt hat.
-
-=Back=, der vordere mit einem besondern leichten Deck versehene Theil
- des Schiffes.
-
-=Beidrehen=, das Schiff mit kleinen Segeln so zum Winde, d. h. in
- einen möglichst spitzen Winkel zur Windrichtung, legen, daß es sich
- nur wenig von der Stelle fortbewegt, aber doch steuerfähig bleibt.
-
-=Besteck=, das Resultat der Ortsbestimmung eines Schiffes durch alle
- vorhandenen Hülfsmittel. Da die astronomischen Berechnungen erst
- zur Mittagszeit, wenn die Sonne durch den Meridian des Beobachters
- geht, ihren Abschluß finden können, so wird diese Zeit auch für
- die Festlegung des Orts des Schiffes in der Karte benutzt. Daher
- versteht man, wenn dem Wort „Besteck“ keine nähere Bezeichnung
- beigefügt ist, unter diesem gewöhnlich das =Mittagsbesteck=.
-
-=Bramstänge=, der oberste Theil des aus drei Theilen hergestellten
- Mastes. Der mittlere heißt „=Stänge=“, der unterste „=Untermast=“.
-
-=Dampfpinasse=, ein kleines, zwischen 8 und 10 m langes Dampfboot,
- welches die Kriegsschiffe mit sich führen.
-
-=Dollbord=, der oberste Theil der Beplankung eines Bootes, in welchem
- sich viereckige Ausschnitte zur Aufnahme der Ruder, oder Löcher
- zum Einstecken der Rudergabeln (Dollen) befinden.
-
-=Dünung=, die Wellenbewegung, welche sich auch nach dem Absterben des
- Windes noch, als eine Folge des Beharrungsvermögens, auf dem Meere
- erhält.
-
-=Fallreep=, der auf jeder Seite des Schiffes, gewöhnlich in der Mitte
- liegende Ausschnitt in der Schiffswand, durch welchen man das
- Schiff von außen betritt oder von innen verläßt.
-
-=Gaffel=, dasjenige Segelholz, welches, an der Hinterseite der
- Untermasten befestigt, dazu dient, den obern Theil solcher Segel zu
- halten, welche an dem Mast selbst befestigt sind. An der hintersten
- Gaffel führen die in Fahrt befindlichen Schiffe gewöhnlich ihre
- Nationalflagge.
-
-=Geien=, das Zusammenziehen der Segel durch Taue, sodaß sie dem Winde
- keine Fläche mehr darbieten.
-
-=Heck=, der hinterste Theil des über Wasser befindlichen
- Schiffskörpers, im Gegensatz zu der Back.
-
-=Heranscheeren=, ein Schiff aus seiner bisherigen Cursrichtung heraus
- vorübergehend an einen bestimmten Platz oder Gegenstand bringen.
- (Von dem englischen 'to sheer' übernommen.)
-
-=Hineinholen= in einen Hafen, in eine kleine Bucht, ein Dock u. s. w.
- bedeutet, mit großer Vorsicht, wenn nöthig mit Hülfe von Tauen,
- ein Schiff an eine bestimmte Stelle leiten.
-
-=Jolle=, ein kleines, etwa 5 m langes, aber verhältnißmäßig breites
- und tiefes Arbeitsboot, welches gewöhnlich von 4 bis 6 Matrosen
- gerudert wird.
-
-=Kette durchholen=, das allmähliche Anspannen der Ankerkette, wenn
- infolge von Strömung oder Wind das Schiff in Bewegung kommt, bis
- die Kette straff gespannt ist.
-
-=Knoten= ist die Bezeichnung für die Geschwindigkeit eines Schiffes
- in einem gegebenen Augenblick, und die durch das Schiff in einer
- Stunde zurückgelegte Seemeilenzahl entspricht dieser Knotenzahl,
- wenn die Fahrt des Schiffes eine gleichmäßige war. In diesem
- Falle legt dann das Schiff in einer Stunde ebenso viele Seemeilen
- zurück, als bei dem Fahrtmessen (Loggen) in dem Zeitraum von 14
- Sekunden Knotenlängen von der Meßleine ausgelaufen waren. So wird
- man von einem Segelschiff, bei welchem die Geschwindigkeit fast
- nie eine ganz gleichmäßige ist, weil die Stärke des Windes sich
- häufig ändert und auch die häufige Aenderung der Windrichtung von
- Einfluß auf die Schiffsgeschwindigkeit ist, nie sagen können, daß
- es x Seemeilen läuft, sondern nur: es hat beim letzten Loggen x
- Knoten gemacht. Aber auch die Geschwindigkeit der Dampfschiffe ist
- Störungen durch Wind und Seegang, durch kleine Unregelmäßigkeiten
- in dem Gang der Maschine unterworfen, sodaß auch bei diesen die
- Bezeichnung der Geschwindigkeit durch Knoten die richtigere ist,
- zumal man bei dieser Bezeichnung stets weiß, daß die Angabe sich
- immer nur auf die in einer Stunde zurückgelegte Strecke oder, wenn
- es sich um die höchste Leistungsfähigkeit eines Schiffes handelt,
- auf diejenige Seemeilenzahl bezieht, welche das Schiff in einer
- Stunde zurücklegen kann. Aber auch in dem Falle, daß sich derartige
- Störungen nicht geltend machen, kann man doch nicht mit Sicherheit
- die Geschwindigkeit eines Schiffes durch ein bestimmtes Längenmaß
- ausdrücken, weil man hierbei nicht die Meeresströmungen mit in
- Ansatz bringen kann, denn ein Schiff kann sehr wohl in einer Stunde
- 16 Seemeilen durch das Wasser, dabei aber bei dem Vorhandensein von
- z. B. 2 Knoten Gegenstrom nur 14 Seemeilen über den Grund gemacht
- haben; die Bezeichnung durch Knoten wird also auch hier immer die
- richtigere sein.
-
-=Kutter=, 7 bis 9 m lange Boote, welche von 10 bis 12 Matrosen
- gerudert werden und die laufende Verbindung zwischen den zu
- Anker liegenden Schiffen und dem Lande unterhalten, auch als
- Offiziersboote benutzt werden. Bei einer Ausschiffung des
- Landungscorps nehmen die Kutter die Vorhut auf und landen demgemäß
- auch als die ersten Boote. Auf See dienen sie als Rettungsboote.
-
-=Lee=, vom Schiffe aus gerechnet diejenige Seite, nach welcher der
- Wind hinweht.
-
-=Leichterprähme=, offene Fahrzeuge, um die Lasten eines Schiffes an
- Land zu bringen oder umgekehrt. Sie erleichtern das Schiff.
-
-=Lothgänger=, Matrosen, welche das Handloth bedienen. Zu diesem Dienst
- sind besonders gewandte und zuverlässige Leute erforderlich.
-
-=Luv=, vom Schiffe aus gerechnet diejenige Seite, von welcher der Wind
- herkommt.
-
-=Marssegel=, die mittelsten und wichtigsten Segel eines jeden
- Mastes. Die untersten Segel werden „Untersegel“ genannt, darüber
- stehen die „Marssegel“, über diesen die „Bram-“ und darüber die
- „Oberbramsegel“.
-
-=Presenning= oder auch Persenning, ein besonders starkes, zuweilen
- auch getheertes oder geöltes Stück Segeltuch, das ebensowohl
- als Unterlage, wie auch zum Bedecken solcher Gegenstände oder
- Schiffstheile, welche geschont werden sollen, benutzt wird.
-
-=Reefen=, Verkleinern der Segel durch Einbinden eines Theiles
- derselben.
-
-=Reling= oder Schanzkleidung, der obere, über dem Oberdeck des
- Schiffes liegende und als Brustwehr dienende Theil der Schiffswand.
-
-=Schlingern=, die seitlichen Bewegungen eines von den Wellen bewegten
- Schiffes.
-
-=Spanten=, die rechtwinkelig zum Kiel stehenden Haupthölzer eines
- Schiffes oder Bootes, auf welcher die wagerecht liegenden Planken
- befestigt werden.
-
-=Stänge=, s. Bramstänge.
-
-=Steven=, die vorn und hinten den Kiel nach oben verlängernden Hölzer
- oder Eisenschienen. Daher Vor- und Hinter-Steven.
-
-=Sturmsegel=, besonders starke und für den Zweck geformte kleinere
- Segel.
-
-=Untermast=, s. Bramstänge.
-
-=Vorbramsaling=, das Stück Holz, welches den Fuß der Bramstänge (s.
- Bramstänge) mit der Stänge verbindet. Dasselbe hat seitliche Arme,
- um einigen Tauen den erforderlichen Halt zu geben, und diese Arme
- dienen dem Ausguckposten als Sitz.
-
-=Wanten= (abgeleitet von Wand, Wände), die große Zahl starker Taue,
- welche den Untermasten seitliche Stütze geben und die Hauptlast des
- Segeldruckes zu tragen haben. Die einzelnen Taue sind unter sich
- durch Quertaue, welche als Strickleitern dienen, verbunden, sodaß
- das Ganze als eine durchbrochene Wand erscheint, welche auf einem
- großen Kriegsschiff an jedem Mast und an jeder Seite eine Fläche
- von bis zu 60 qm einnimmt.
-
-=Zum Winde legen=, s. Beidrehen.
-
-=Zurrung=, feste und straffe Verbindung eines losen Gegenstandes durch
- Tauwerk mit einem festen Theil des Schiffes.
-
-
-
-
-5.
-
-Aussprache polynesischer Namen.
-
-
-Amakada sprich Amakáhda.
-Apamama " Apamáhma.
-Apia " Apía.
-Apolima " Apolíma.
-Atoll " Atóll.
-Bora-Bora " Bórra-bórra oder Bólla-bólla.
-Cakobau " Thákobau (engl. 'th').
-Dug-Dug " Dúgdug.
-Ebon " Ebónn.
-Eimeo " Eiméo.
-Faipule " Faipúhle.
-Falealili " Fah léa-líli.
-Falifa " Fah lifà.
-Fatu-hiva " Fatu-híva.
-Fidji " Fidschì.
-Fotuna " Fotúhna.
-Funafuti " Funafútti.
-Gu " Ngù (E’ngù).
-Hanavava " Hanawáwa.
-Huheine " Juhéine.
-Jaluit " Dschalúit (it kurz).
-Kabua " Kabúa.
-Kanaka " Kanáka.
-Kanu " Kanú.
-Kawa " Káwa.
-Lauto " Láuto.
-Lava-lava " Láva-láva (kurz).
-Lebon " Lebónn.
-Levuka " Lewúka.
-Loau " Lo-áu.
-Loautele " Loáu-téhle.
-Lolle " Lóllé.
-Lufi-lufi " Lúfi-lúfi.
-Makada " Makkadà.
-Malietoa " Ma-líe-tóa.
-Manono " Ma nóno.
-Manua " Ma núa.
-Maori " Ma óri.
-Matupi " Matupí.
-Meoko " Meóko.
-Morea " Moréa.
-Muarlin " Muarlíhn.
-Mulinu’u " Mulinù.
-Mulitalo " Mulitállo.
-Nuka-hiva " Nuka-híva.
-Nukualofa " Núkua-lófa.
-Ohinemutu " O híne-mútú.
-Omoa " O móa.
-Oponu sprich O ponù.
-Otea-Vanua " O téa-vanúa.
-Owharre " O warre.
-Palolo " Pa lólo.
-Pago-Pago " Pángo-Pángo.
-Papeete " Pápe-éte.
-Papetoaï " Pápe-toaï.
-Pareo " Páreo.
-Paumotu " Paumótù.
-Pomare " Pómaré.
-Raiatea " Raiatéa.
-Roto-kakahi " Róto-kakahí.
- " -mahana " " -mahánna.
- " -rua " " -rúa.
-Safune " Safúhne.
-Saluafata " Salúa-fátta.
-Samoa " Sa móa (das ganze [= 'Sa'] Móa).
-Sangapolutele " Sanga pólu-téhle.
-Savai’i " Sa váíj.
-Savo " Sávo (kurz).
-Soma-Soma " Sómma-Sómma.
-Tabu " Tabú.
-Tahaa " Taháa.
-Tahiti " Táhiti (Táiiti).
-Taimua " Taimúa.
-Talolo " Ta lólo.
-Taloo " Ta lú.
-Tapa " Tá pá.
-Tapituwea " Tapituwéa.
-Tarawera " Tarawéra.
-Taritari " Tárritárri.
-Tauranga " Tauránga.
-Taviuni " Taviúni.
-Tikitapu " Tikitápu.
-Toëtele " Toë téhle.
-Tonga " Tónga.
-Tongatabu " Tongatabú.
-Topulu " Topúlù.
-Torragud " Tórragud.
-Tui-Kakao " Túi-Kakáo.
-Tutuila " Tutúila.
-Upolu " Upolù.
-Urakukua " Urakukúa.
-Vaitele " Vai-téhle.
-Vaitupu " Vaitúpú.
-Waihiria " Waihiría.
-Wairoa " Wairóa.
-Whakarewarewa " Wakka-réwa-réwa.
-
-
-
-
-6.
-
-Namen- und Sachregister.
-
-
-Aale auf Samoa 266;
- aus dem Waihiria 182. 183.
-
-Aana, District 253.
-
-Aden, Hafen und Stadt 556. 557;
- Cisternen 557.
-
-Albatros, Kanonenboot 462. 486;
- im Cyklon 487.
-
---, Vogel 39.
-
-Albatros-Insel 502.
-
-Albino 352. 524. 525.
-
-Alligator-Birne 44. 45.
-
-Amakada, Insel 392. 408.
-
-Amapala, Hafen 51. 52;
- Bewohner 52.
-
-Amerikaner in Samoa 225. 230. 231. 234. 235. 236. 237. 246. 247. 248. 292;
- beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln 237. 565.
-
-Amerikanischer Consul in Apia 219.
-
-Amerikanische Landcompagnie 232. 247. 292. 293.
-
-Amerikanisch-samoanischer Vertrag 232. 233. 235. 236. 246.
-
-Andes, Südausläufer 5.
-
-Apamama, Insel 341-355;
- Eingeborene 346. 349, Hautfarbe 346, Kleidung 346, Schmuck 347;
- der König und seine Familie 341. 345. 346. 347. 352. 353. 355;
- Landschaft 342. 344. 345;
- Tanz 348. 349. 350-352;
- Tätowirung 347;
- Vorbereitung eines Vertrags 355;
- Wohnungen 346.
-
-Apia, Hafen und Stadt 214. 216. 218;
- Anlage der Stadt 218. 219. 220;
- Europäerviertel 219;
- Regierungssitz 218.
-
-Apolima, Insel 460-462;
- Bedeutung 460.
-
-Arafura-See 548.
-
-Arbeiter, Anwerbung 316. 319. 332. 333.
-
-Archipel der Niedrigen Inseln s. Paumotu.
-
-Ariadne, Corvette, Abreise 1;
- Abschied von Apia 542. 543;
- bei Apolima 462;
- Einfahrt in Levuka 305. 306, in Otea-Vanua 199-201;
- bei einer Bö 274. 275;
- im Cyklon 483-486;
- Heimkehr 562;
- Heizer 452. 453. 558. 559;
- in Matupi 391;
- Reinschiff 130. 131;
- bei Ruluana 434-436. 443;
- Thätigkeit in der Südsee 565;
- Ueberwachung durch französisches Schiff 189;
- verirrte Boote 35-37.
-
-Ariadne-Huk 502.
-
-Arkona, Fregatte 485.
-
-Armband als Tasche 414.
-
-Atoll, Bau 124;
- Bedeutung des Wortes 124.
-
-Atua, District 253.
-
-Auckland, Stadt 468. 469.
-
-
-Bab-el-Mandeb 558.
-
-Bali, Insel 549.
-
-Bambusflöße als Hülfsmittel b. Schwimmen 181.
-
-Banyan, s. 'Ficus indica'.
-
-Bartlett, amerikanischer General 231. 248. 466. 500. 507.
-
-Batavia, Hafen und Stadt 549;
- Haushalt der Europäer 550.
-
-Bäume, lebende, als Telegraphenstangen 550.
-
-Baumwolle 75. 108;
- Oelgewinnung 150.
-
-Baumwollstoffe zur Kleidung in den Tropen 521.
-
-Biche-le-mare, s. 'Holothuria'.
-
-Bimsstein-Auswürfe 382;
- -Felder 324. 325.
-
-Bismarck-Archipel 379, s. Duke of York-Inseln, Neu-Britannien, Neu-Irland.
-
-Bismarck, Fregatte 541. 565.
-
-Blanche-Bai 382.
-
-Blaue Grotte bei Neiafo (Tonga) 498. 499.
-
-'Blue-Mountains' 276. 287;
- Vegetation 288. 289.
-
-Bola-Bola, s. Bora-Bora.
-
-Bon Repos-Bai, s. Omoa.
-
-Booby-Insel 548.
-
-Bora-Bora, Insel 188. 198. 199;
- Eigenthumsrecht 202;
- Königin 201. 202. 203;
- Sittenlosigkeit 204;
- Staatsrath 202;
- Verordnungen und ihre Beobachtung 204.
-
-Bougainville, Insel 379. 459.
-
---, Seefahrer 143.
-
-Bounty, englisches Schiff 143;
- Meuterei der Mannschaft 144.
-
-Bramble-Cay, Insel 545.
-
-Branntwein 79. 470.
-
-Brennnesselbaum 519. 520.
-
-Brotbaum auf Samoa 254.
-
-Brown, Missionar, Abschied von 449;
- Besuch bei 405. 406;
- Kampf mit Eingeborenen 387. 389. 390.
-
-Buitenzorg 550.
-
-Buschhuhn 456;
- Eier 456. 460.
-
-
-Cakobau, König der Fidji-Inseln 564.
-
-Callao, Hafen 44.
-
-Cap Froward 13.
-
-Cap Guardafui 555.
-
-Cap St.-George 380.
-
-Cap Venus 84. 85.
-
-Carteret, Seefahrer 382.
-
-Central-Amerika, Westküste 48.
-
-Collingwood-Straße 17.
-
-Colonien, in der Südsee 296;
- englische 307;
- Regierungsform 296. 297.
-
-Communismus unter Verwandten 153. 154. 262.
-
-Connor-Cove, Hafen 37. 38.
-
-Cook, Seefahrer 143.
-
-Corinto, Hafen 49.
-
-Cyklon bei den Tonga-Inseln 483-487.
-
-
-Dampfschiffsenten 25. 26.
-
-Darwin über Feuerländer 8.
-
-Datumswechsel 216.
-
-Deutsche in Apamama 340. 343;
- Leben in Apia 221. 222;
- im Bismarck-Archipel 385. 400. 441;
- in Sydney 286. 287;
- in Tahiti 188.
-
-Deutsche Handelshäuser in der Südsee 317, s. auch 'Société commerciale'.
-
-Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft 219. 223. 316. 317;
- Grundbesitz 224.
-
-Deutsche Interessen im Bismarck-Archipel 385. 400;
- auf den Marshall-Inseln 360;
- in Samoa 223. 226,
- Forderungen 226. 227. 236. 238;
- in der Südsee 564,
- Sicherung 564.
-
-Deutsche Kaufleute, im Bismarck-Archipel 385. 400. 401;
- in Tahiti und auf den Gesellschaftsinseln 188. 189;
- Entgang des Lohnes jahrelanger Thätigkeit 566.
-
-Deutsche Kohlenstation in Jaluit 373. 374.
-
-Deutschlands Stellung zu den unabhängigen Südseeinseln 196. 197;
- Ablehnung der Fidji-Inseln 564;
- Erwerbung von Häfen und Kohlenstationen 373. 443. 450;
- Schutz der deutschen Interessen in der Südsee 564;
- Vertrag mit Bora-Bora 203. 565,
- mit Huheine 196. 565,
- mit Roratonga 565,
- mit Tonga 564.
-
-Deutsch-samoanischer Vertrag 464;
- Abschluß 465. 466.
-
-Diwarra, Muschelgeld 404;
- Einfluß auf die Bedeutung eines Orts 437.
-
-Djidda, Hafenstadt 559. 560;
- Eva’s Grab 561;
- Pilgerzug 561;
- türkischer Gouverneur 560. 561.
-
-Dominica, Insel 68. 70;
- Bevölkerung 75.
-
-Drummond-Insel, s. Tapituwea.
-
-Dug-Dug 405. 421. 422;
- Vorbereitungen 432-434;
- Tanz 444-448.
-
-Duke of York-Inseln 379. 382. 392;
- Bedeutung für den Handel 385;
- Bildung von Gemeinwesen 401. 402. 427;
- Dug-Dug s. d.;
- Eingeborene 409,
- Achtung vor Eigenthum 402,
- Armband 414. 415,
- Aeußeres 410,
- Berathungshaus 405,
- Besuch Vornehmer 450. 451,
- Farben 414,
- Fischereianlagen 405,
- Frauen 403. 410,
- Sitzstellung der Frauen 403,
- Geld 404. 437,
- Haartracht 411,
- Halsband 412-414,
- Hautfarbe 410,
- Heirath 426,
- Kampfweise 418. 419,
- Staatskanu 409,
- Kleidung 394. 403,
- König 401,
- königliche Wohnung 402. 403. 404, s. auch Topulu,
- Mästung von Mädchen 410. 411,
- Menschenfresser 388. 409. 411. 412,
- Menschenjagd 409,
- Missionare 387. 405. 408,
- Musikinstrumente 420,
- Nahrungsmittel 422,
- Reinlichkeit 415,
- Schädelmasken 421,
- Schmuck 412. 429,
- Tanz 424. 429. 438,
- Tätowirung 412,
- Trauerzeichen 440,
- Waffen 396. 398. 416. 441,
- Werkzeuge 419,
- Wohnungen 402;
- Entdeckungsgeschichte 382. 384;
- Factorei, deutsche 395. 401;
- Häfen, deutsche, s. Makada und Meoko;
- Kaufleute, deutsche 385. 400. 441.
-
-
-Ebbe und Flut in der Magelhaens-Straße 3.
-
-Ebon, Insel 375. 376.
-
-Eimeo, s. Morea.
-
-Eisberge 28.
-
-Eiskanal 28. 29;
- Temperatur 29.
-
-Eisenholz 126.
-
-Elephantiasis 265.
-
-Elisabeth, Fregatte 46. 49. 54.
-
-Ellice-Inseln 314-331;
- Einwanderung 575.
-
-England, Colonialsystem 297. 316. 317;
- auf Samoa 225;
- in der Südsee 563;
- Folgen einer Festsetzung in Neu-Guinea 396.
-
-'English narrows' 30. 31.
-
-Erdbeben 42.
-
-Ertragfähigkeit des Landes auf einer Laguneninsel 323;
- auf den Marquesas-Inseln 75;
- auf Samoa 316;
- auf Tahiti 148.
-
-Erwerbung von Häfen für Deutschland 373. 396. 467;
- des Hafens von Makada 443;
- des Hafens von Meoko 450.
-
-Etiquette in Polynesien 310.
-
-Eukalyptenwald 288.
-
-Europäer in den Tropen 395;
- beste Kleidung 521.
-
-Eva’s Grab 561.
-
-Expedition, deutsche, gegen Nicaragua 46. 49;
- Ultimatum 49.
-
-
-Factorei, deutsche, auf Jaluit 361;
- auf Meoko 395. 401.
-
-Faipule, Regierungskörperschaft 225.
-
-Falealili, Beschlagnahme 244.
-
-Falifa, Stadt 524.
-
-Famine-Kanal 11.
-
-Fatu-hiva, Insel 68. 82. 83.
-
-Fergusson-Harbour 384.
-
-Festmahl, samoanisches 512.
-
-Feuerland, Eingeborene 15,
- Kleidung 6,
- Wohnung 6;
- Landschaft 7;
- Menschenfresser 8;
- Name 7.
-
-'Ficus indica (religiosa)' 301. 302.
-
-Fidji-Inseln 299. 319. 564;
- Eingeborene 571;
- Kanu 311. 312;
- Menschenfresser 571;
- Menschenopfer 308. 309;
- englische Colonie 564.
-
-Fingernägel, lange 358.
-
-Fische 12. 19. 35. 132. 141. 275.
-
-Fischereigeräthe auf den Duke of York-Inseln 405;
- in Samoa 264.
-
-Fliegen 97. 118.
-
-Flint, Insel 157.
-
-Fotuna, Insel 314.
-
-Frankreich, auf der Gambier-Insel 155;
- auf den Marquesas-Inseln 68. 69. 71,
- Beamte 70,
- Steuern 70. 71;
- auf den Paumotu-Inseln 70;
- auf Tahiti 70. 146. 153,
- Handel 156. 157,
- Ueberwachung der königlichen Familie 161;
- Protectorat über die Marquesas-Inseln und Tahiti 563,
- Unterschied zwischen Colonie und Protectorat 154,
- Umwandlung des Protectorats in Colonie 566;
- Auftreten in der Südsee 563. 566;
- Vertrag mit England zur Garantie der Unabhängigkeit der Gesellschafts-Inseln 563,
- Annexion der Gesellschafts-Inseln 566;
- Chikane und Hetzereien gegen Deutsche 70. 188. 196. 206. 507;
- Ueberwachung der „Ariadne“ 172. 189;
- Behandlung Eingeborener durch ein französisches Kriegsschiff 103.
-
-Frauen, Stellung der, auf den Südseeinseln 366.
-
-Freya, Corvette 46. 49.
-
-Funafuti, Insel 314. 315;
- Bodengestalt 319. 320;
- Dorf 321;
- Eingeborene 321. 323;
- Ertragfähigkeit 323;
- Hütten 322;
- König 325;
- Krankheiten 322;
- Landschaft 324;
- Vertrag 326.
-
-Fusijama, Berg 18.
-
-Fußbekleidung für militärische Expeditionen 47. 48.
-
-
-Galapagos-Inseln 58;
- Bodengestalt 60;
- Landschaft 60. 61;
- Thierleben 58. 59.
-
-Gambier-Insel 154;
- Perlen 155. 209;
- Stellung zu Frankreich 155. 566.
-
-Gazelle, Corvette, in Neu-Britannien 384. 391.
-
-Gemeinwesen, Bildung von, im Bismarck-Archipel 427.
-
-Gesang der Eingeborenen, in Hanavava (Marquesas-Inseln) 115;
- auf Tahiti 184;
- auf Tonga 494.
-
-Gesellschafts-Inseln 188;
- Aussterben der Eingeborenen 211. 212;
- Christenthum 211. 213;
- Communismus 210. 211;
- Kronerbfolge 203;
- englisch-französischer Vertrag 189. 563;
- Annexion durch Frankreich 566.
-
-Geysir, s. Heiße Quellen.
-
-Gilbert-Inseln, s. Kingsmill-Inseln.
-
-Gletscher 14. 28.
-
-Gouverneur, englischer, auf den Fidji-Inseln 307. 308;
- in Sydney 280;
- französischer, in Tahiti 153. 157;
- türkischer, in Djidda 560. 561.
-
-'Govett’s Leap', Wasserfall 287.
-
-Grappler-Kanal 29.
-
-Gray-Hafen 24. 32. 33.
-
-Großer Nordost-Kanal 545. 546.
-
-Großgrundbesitzer in Australien 280. 281.
-
-Gu, Prinz, s. Wellington Gu.
-
-Guanaco 19.
-
-'Gum-tree' (Gummibaum), s. Eukalypten.
-
-
-Haifisch 132;
- Begleiter 133. 134;
- Fang 132-135;
- Flosse 135.
-
-Halt-Bai 35.
-
-Hanavava-Bai 104;
- Häuptling 106. 107;
- Landschaft 104. 108. 109;
- Menschenopfer 109;
- Vegetation 108.
-
-Handelsagenten, Leben 385. 386. 441. 442. 456. 457.
-
-Häuptlinge der Südseevölker 99.
-
-Hautfarbe der Feuerländer 20;
- der Melanesier 410;
- Mikronesier und Mischlinge 334. 346;
- Polynesier 88. 95. 98.
-
-Hautkrankheiten 265. 322.
-
-Heiße Quellen in Neu-Seeland 473. 478. 479-481;
- Rosa-Terrasse 480;
- Weiße Terrasse 479;
- Vernichtung 576.
-
-Hennings, Brüder, Kaufleute 564.
-
-Hernsheim, Brüder 360. 385. 399. 400.
-
-Hitze, 45. 48. 558;
- Schutzmaßregeln 45.
-
-Hochstetter, von 576.
-
-'Holothuria' 321.
-
-Huheine, Insel 188. 194;
- Ansicht des Landes 194. 195;
- Königin 196;
- Tanz 198;
- Vertreibung der Franzosen 563.
-
-Hunter, Seefahrer 384.
-
-
-Indianer 19;
- Aeußeres 20;
- Gefahr durch 35;
- Kleidung 20;
- Tauschhandel 20-22.
-
-Indian-Kanal 29.
-
-Indischer Ocean 552.
-
-Inselgewölk, s. Paumotu.
-
-Insel-Hafen 38.
-
-
-Jägerliest, Vogel 286.
-
-Jaluit, Insel 360. 361;
- deutsche Ansiedelung 361. 362;
- Eingeborene 363;
- Hütten 362;
- Kohlenstation, deutsche 373;
- König 362. 366. 367. 369;
- Kleidung 363-365;
- Reinlichkeit 365;
- Stellung der Frau 366;
- Tanz 368-371;
- Tätowirung 363;
- Vielweiberei 363. 366.
-
-Java, Putzsucht der Eingeborenen 551. 552.
-
-Java-See 549.
-
-
-Kabua, s. Lebon.
-
-Kaffeeplantage 312. 313.
-
-Kakadu, der Salomons-Inseln 458.
-
-Kamele 557. 558.
-
-Kanaka (Kanaker) 323.
-
-Kannibalismus im Bismarck-Archipel 388. 409. 411;
- der Feuerländer 8;
- auf den Fidji-Inseln 571;
- auf den Salomons-Inseln 456;
- Ursprungsgebiet für die Südsee 567;
- Bereitung von Menschenfleisch 422. 424.
-
-Kanu, auf den Fidji-Inseln 311. 312;
- auf den Kingsmill-Inseln 335;
- auf Omoa 88. 89;
- auf Samoa 257. 258.
-
-Katastrophe im Geysir-Gebiet Neu-Seelands, Anzeichen 576. 577;
- Ausbruch 577;
- Folgen 577.
-
-Kawa, Getränk, Bereitung auf Samoa 228;
- auf Tonga 494;
- Geschmack 229. 330;
- Wirkung 533;
- Wurzel 533.
-
-Keule, im Bismarck-Archipel 418;
- Attrape 418.
-
-King Dick, s. Topulu.
-
-King George-Island, s. Tahiti 143.
-
-Kingsmill-Inseln 319. 331-359.
-
-Kleidung für den Europäer in den Tropen 521;
- europäische, für die Südseevölker 77.
-
-Kochherd der Eingeborenen 182.
-
-Kokosnuß, berauschendes Getränk aus 79. 81;
- Nahrungsmittel für Thiere 519;
- Oel 224;
- s. auch Kopra.
-
-Kokospalme 75. 126;
- Bedeutung für Südseevölker 127. 334. 335;
- Boden 75. 166.
-
-Kolibri 6. 34.
-
-König, der, von Apamama 341. 345. 353. 355,
- seine Familie 346. 347. 352;
- der Duke of York-Inseln, s. Topulu;
- der Fidji-Inseln 564;
- von Funafuti 325;
- von Jaluit, s. Lebon;
- von Raiatea 206;
- von Tahiti, s. Pomare V.;
- von Taritari 358;
- von Tonga 302. 303.
-
-Königin von Bora-Bora 201;
- von Huheine 196;
- von Tahiti 187. 190;
- von Tonga 304.
-
-Königsfamilien auf Samoa 463.
-
-Kopra 224. 323.
-
-Korallen 320;
- tiefstes Vorkommen 125.
-
-Koralleninseln 123;
- Ansicht 126;
- Bildung 124-126. 324.
-
-Korallenriff, vergebliches Suchen nach einem 291.
-
-Korallensee 545.
-
-Krebse 171. 172. 177.
-
-Kriegsschiffe, Auftreten gegenüber Eingeborenen 354.
-
-Krusenstern, Seefahrer 74.
-
-
-Laguneninsel (Atoll) 124. 125. 314.
-
-Lagunen-Inseln, s. Ellice-Inseln.
-
-Lange, Bootsmannsmaat 298.
-
-La Sagittaria, s. Tahiti 142.
-
-'Laughing Jack', s. Jägerliest.
-
-Lauto-See 539. 540.
-
-Lava-Lava, Hüfttuch 227. 263.
-
-Lebon, König von Jaluit 366.
-
-Leipzig, Fregatte 44. 49.
-
-Letabalin, Häuptling 366. 376.
-
-Leuchtfeuer, Werth für Schiffahrt 137. 138.
-
-Levison, Kapitän 395.
-
-Levuka, Hafen 305. 306;
- Gouverneur 307.
-
-Lima, Stadt 44.
-
-Loau, Häuptlingstochter 502.
-
-Loautele, Häuptlingstochter 514. 531.
-
-Lolle, Häuptlingstochter 511. 514.
-
-Lombock, Insel 549.
-
-Lombock-Straße 549.
-
-Louisiaden-Inseln 545.
-
-Lufi-lufi 511.
-
-
-Madeira 2.
-
-Magelhaens-Straße, Austritt 38;
- Eintritt 3;
- Eisberge 28;
- Indianer 19;
- Klima 3. 4. 5. 6. 27. 28;
- Landschaft 3. 5. 6. 11. 12. 13. 14. 17. 18. 24. 25. 27. 31. 33. 34. 35;
- Thierleben 12. 13. 25. 29. 34. 35;
- Waldbrand 34.
-
-Makada, Hafen 399;
- Verkauf an Deutschland 443. 444.
-
-Malayen, Stammväter der Südseevölker 573.
-
-Malietoa, Königsfamilie 225. 226. 463. 507.
-
-Malpelo, Insel 57.
-
-Mamea, Gesandter 231. 232. 247.
-
-Mangarewa, Insel, s. Gambier-Insel.
-
-Mangroven 50.
-
-Manono, Insel 460.
-
-Manua, Insel 217. 218.
-
-Maori 470. 473. 477;
- Aussterben 470. 471;
- Mischlinge 476. 477. 478;
- Schmuck 477;
- Schnitzereien 473. 474. 481.
-
-Marquesas-Inseln 67-121;
- Bodengestalt 72. 73;
- Branntwein 79. 81. 102;
- Colonie, französische 68. 69. 70,
- Bedeutung 69,
- Schiffsverkehr 69,
- Steuern 70. 71;
- Eingeborene 55. 67. 75,
- Abnahme der Bevölkerungszahl 78. 79,
- Achtung vor fremdem Eigenthum 89. 119,
- Arbeit 80. 118,
- Besitz 119,
- gesundheitliche Verhältnisse 79. 80,
- Haartracht 88. 95,
- Haß gegen Franzosen 71. 72,
- Hautfarbe 86. 94. 98,
- Häuptlinge 86. 94. 106,
- Kanu 85. 88,
- Kleidung 81. 86. 97,
- Kopfsteuer 70,
- Krankheiten 81,
- Kriege 79,
- Mahlzeiten 119,
- Menschenopfer 109,
- verschiedene Menschentypen 71. 98,
- Ohrläppchen 102,
- Schmuck 95,
- Schönheitssinn 90. 91. 111-113. 117,
- Schwimmkunst 118,
- Sitten 76. 77. 78. 103. 115,
- Tanz 113,
- Tätowirung 76. 87. 94. 98. 100,
- Trunksucht 79. 119,
- Vielmännerei 78,
- Verkehr mit Walfischfängern 78. 79,
- Waffen 95;
- Ertragfähigkeit 75;
- Klima 74. 81;
- Landschaft 72. 74. 75. 83. 85. 104. 108. 122;
- Missionare 67. 104;
- frühere Reiseberichte 67.
-
-Marshall-Inseln 319. 360-378;
- deutsche Ansiedelung 361,
- deutsche Interessen 360;
- Eingeborene 363,
- Frauen 366,
- Haartracht 363,
- Kleidung 363,
- Körperbildung 363,
- Ohrlappenring 363,
- Reinlichkeit 365,
- Schmuck 368,
- sociale Verhältnisse 366,
- Tanz 368,
- Tätowirung 363,
- Wohnungen 362;
- Kohlenstation, deutsche 373;
- König, der, s. Lebon;
- Missionare 376.
-
-Mästung von Mädchen 411.
-
-Matten, auf Jaluit 365;
- auf Samoa 262.
-
-Matupi, Insel 438;
- Dorf 439;
- Eingeborene 438,
- Trauerzeichen 439.
-
-Medusa, Corvette 46. 49.
-
-Meeresströmung 331. 340. 549. 553.
-
-Mekka 560.
-
-Melanesier 571.
-
-Menschenopfer, auf den Fidji-Inseln 308. 309. 572;
- auf den Marquesas-Inseln 109. 110.
-
-Meoko, Insel und Hafen 392. 450;
- Ankauf des Hafens 451;
- deutsche Ansiedelung 395. 401;
- Eingeborene 394. 398;
- Landschaft 393. 394;
- Vegetation 394.
-
-Meuterer von der „Bounty“ auf Pitcairn 144. 145.
-
-Mikronesier 571.
-
-Mischrasse aus Samoanern und Mikronesiern 575.
-
-Missionare, Urtheil und Stellung gegen Eingeborene 568. 569,
- zersetzender Einfluß auf Stammleben 376. 570,
- Gegner der Tänze 372,
- Handelsthätigkeit 161. 212,
- Feindschaft gegen Kaufmann 212. 213,
- Auftreten nach dem Kaufmann 424;
- amerikanische, auf den Marshall-Inseln 376. 377,
- schädliche Wirksamkeit 376;
- deutsche (katholische), auf den Marquesas- und Gesellschafts-Inseln 103. 104. 105. 106. 160,
- (protestantische) auf Bora-Bora 211;
- englische, im Bismarck-Archipel 385. 424,
- auf den Gesellschafts-Inseln 211,
- auf den Marquesas-Inseln 105,
- auf Samoa 261,
- auf Tahiti 145. 146,
- auf den Tonga-Inseln 494,
- Rechtspflege 495;
- französische, auf den Gesellschafts-Inseln 211,
- auf den Marquesas-Inseln 105,
- auf Tahiti 160. 161,
- gehässiges Auftreten gegen Deutsche 105. 160;
- falsche Missionare, s. Seeräuber, peruanische.
-
-Missionslehrer, Polynesier als 208. 387. 388.
-
-Morea, Insel 154. 192. 193;
- Bodenerzeugnisse 193.
-
-Mount Burney 5. 17. 18.
-
-Mount Edgecombe 475.
-
-Mount Ernest-Insel 547;
- Seeräuber 547.
-
-Muarlin, Insel 393.
-
-Mulinu’u, bei Apia 218.
-
-Mulitalo, Häuptling 534. 535.
-
-Muscheln 19. 320.
-
-Muschelgeld, s. Diwarra.
-
-Musik, Einwirkung auf Eingeborene in Ruluana 436.
-
-Musikinstrumente auf den Duke of York-Inseln 420.
-
-Mutter und Töchter, Vulkane 382.
-
-
-Nachtfahrt, Gefahren der 65.
-
-Nationalhymne der Tahitier 184. 185.
-
-Nautilus, Kanonenboot 156.
-
-Neiafo, Dorf 490. 491.
-
-Neu-Britannien 379;
- gefährliche Eingeborene 386;
- vulkanische Ausbrüche 325. 382.
-
-Neu-Caledonien 563.
-
-Neu-Hebriden, Inseln 319. 543.
-
-Neu-Irland, Insel 379;
- Eingeborene 382;
- Küste 380. 381.
-
-Neu-Lauenburg 379, s. Duke of York-Inseln.
-
-Neu-Mecklenburg 379, s. Neu-Irland.
-
-Neu-Pommern 379, s. Neu-Britannien.
-
-Neu-Seeland, Besiedelung 574;
- Colonisten, Auftreten gegen die Eingeborenen 470;
- Eingeborene, s. Maori;
- Geysir, s. Heiße Quellen;
- Landfrage 470.
-
-Neu-Südwales, Stellung zum Mutterland 282;
- Gouverneur 280. 282.
-
-Nicaragua, Beleidigung eines deutschen Consuls 46;
- Hochmuth der Regierung 49;
- deutsches Ultimatum 49;
- Unterwerfung 51. 52.
-
-Norfolk, Insel, Ansiedelung der Bewohner von Pitcairn 145.
-
-'Nouvelle Cythère', s. Tahiti 143.
-
-Nuka-hiva, Insel 67. 74;
- Landschaft 122. 123;
- Sohn der Königin 72.
-
-Nukualofa, Stadt 300. 486.
-
-Nutzholz in Punta Arenas 9;
- auf Tahiti 150.
-
-
-Ohinemutu, Dorf 472. 473.
-
-Ohrläppchen als Tasche 102. 329. 330. 363.
-
-Omoa, Thal 68;
- Dorf 94;
- Eingeborene 76. 85. 86,
- Aeußeres 76. 95. 98. 99. 102,
- Benehmen 90. 96,
- Ehrlichkeit 119,
- Haartracht 86. 87,
- Kinder 95. 96,
- Kleidung 86. 94. 97,
- Schamgefühl 77,
- Schmuck 95,
- Schwimmfertigkeit 118,
- Tätowirung 76. 87. 88. 99. 100,
- Tanz 113. 114,
- Thätigkeit 118;
- Häuptling 86. 94;
- Hütten 96. 97;
- Kanu 88;
- Landschaft 83. 84. 85. 86;
- Lynchjustiz 119;
- Menschenopfer 109.
-
-Oponu, Dorf 192.
-
-Orangen, Arten in Sydney 285;
- Handel 148.
-
-Orkane der Südsee 129. 218, s. auch Cyklon.
-
-Ortsbestimmung eines Schiffs 137-139.
-
-Otea-Vanua, Hafen 198.
-
-Owharre, Hafen 194;
- Königshaus 194.
-
-
-Pago-Pago, Hafen 218;
- Abtretung an Amerika 222.
-
-Palolo, Wasserwurm, Fang 293-295.
-
-Panama, Bai und Stadt 44. 54;
- Bewohner 47. 54;
- Klima 44;
- Ruinen 47.
-
-Panzer aus Kokosnußfasern 353.
-
-Papageien 6. 34.
-
-Papeete, Hafen und Stadt 147. 156;
- Anlage 162;
- Bewohner 161. 162;
- Bedeutung 148;
- Häuser der Europäer 163;
- Lage 161;
- Leben im Hafen 164;
- Markt 187. 188.
-
-Papetoaï, s. Taloo.
-
-Pappelpflanzungen 43.
-
-Pareo, Kleidungsstück 152.
-
-Paumotu, Inselgruppe 70. 123. 154;
- Ansicht einiger Inseln 126. 127. 128;
- Bau 123;
- Bewohner 126;
- französische Colonie 566.
-
-Perlen 156. 161. 209;
- Bildung 209;
- Preise 210.
-
-Perlmutter 156.
-
-Pferd, Bezeichnung in Tahiti 168.
-
-Pilgerzüge, mohammedanische 560. 561.
-
-Pilot, Fisch, Begleiter des Hai 133. 134.
-
-'Piper methysticum' 228.
-
-Pitcairn, Insel, Niederlassung meuterischer Matrosen 144;
- Uebersiedelung der Bewohner nach Norfolk 145.
-
-Plantagenarbeiter 319. 332.
-
-Plantagenbau, Erträgniß 317. 318.
-
-Point Venus 137;
- Leuchtfeuer 137.
-
-Polynesien 571;
- Menschenfresser 571. 572.
-
-Pomare IV., Königin von Tahiti 146.
-
-Pomare V., König von Tahiti 153. 161. 187.
-
-Port Angosto, Hafen 15.
-
-Port Anna Maria 67. 121.
-
-Port Jackson 273. 276. 277-279.
-
-Port Said 562.
-
-Port Tschitschakoff 122. 123.
-
-Port Weber 441.
-
-Port Wesley 384.
-
-Postamt in der Arafura-See 548.
-
-Postbesorgung durch Kriegsschiffe 274.
-
-Prince of Wales-Insel 548;
- -Kanal 547.
-
-Puerto Bueno 18. 19;
- Thierleben 19.
-
-Punta Arenas, Stadt 6;
- Anlage 10;
- Einwohner 10;
- Hausthiere 9;
- Kohlengrube 10;
- Lage 9;
- Nutzholz 9;
- Soldatenemeute 8.
-
-
-Quiroa, Pedro Fernandez de, Entdecker von Tahiti 142.
-
-
-Radack-Kette (Marschall-Inseln) 574.
-
-Raiatea, Insel 188. 205;
- deutsche Factorei 207;
- Eingeborene 207. 208. 211;
- König 206;
- Königshaus 207;
- Tanz 208;
- religiöse und sociale Verhältnisse 209.
-
-Ralick-Kette (Marshall-Inseln) 360.
-
-Ras-Hafun, Vorgebirge 553.
-
-Raupe, eßbare 515.
-
-Realejo, Hafen 49.
-
-Rechtspflege in Saluafata 534;
- in Tonga 489. 495.
-
-Reiseberichte, ältere 67. 568.
-
-Reitthiere, Eingeborene als 173. 176. 177.
-
-Rennel-Insel 546.
-
-Rinder, verwilderte, Jagd auf 193. 194.
-
-Ringwurm, Krankheit 265.
-
-Rio de Janeiro 2.
-
-Robertson, Kaufmann 400.
-
-Roratonga, Insel, Ursprungsland der Maori 574;
- Menschenopfer 572;
- deutscher Vertrag mit 565.
-
-Rossel-Island 545.
-
-Rothes Meer 558;
- Hitze 558. 559.
-
-Roto-mahana, See 478. 479.
-
-Roto-rua, See 472.
-
-Ruluana, Ansiedelung, freche Eingeborene 431. 432;
- Vermögen 436. 437.
-
-
-Safune, Hafen 533. 534.
-
-Salomons-Inseln 319;
- Eingeborene 455. 456;
- künstliche Erzeugnisse 458.
-
-Saluafata, Hafen 218. 238. 501. 502;
- Beschlagnahme 238-243;
- Werth als Kohlenstation 467.
-
-Samoa-Inseln 214-272. 290-298. 452-467. 500-540;
- Beschlagnahme zweier Häfen 238, s. Saluafata und Falealili;
- Bewerbung um das amerikanische Protectorat 565;
- deutscher Einfluß 261;
- deutsche Forderungen 226. 227. 230. 233. 234. 235;
- Dörfer 254;
- Eingeborene, Abgaben 253,
- Aeußeres 248. 249,
- Berathungshaus 254,
- Besitzthümer 262,
- Charakter 249,
- Christenthum 261,
- Communismus 262,
- Ehe 260. 261, Fest 237,
- Fischereigeräthe 264,
- Frauen, Benehmen der 244. 245,
- Selbständigkeit der Frauen 259,
- Gastfreundschaft 254,
- alte Begrüßungsform 525,
- Haartracht 252,
- Häuser 254. 255. 256,
- Hausrath 256,
- Hautfarbe 252,
- Heirath 259,
- Kanu 254. 257. 258,
- Kleidung 250. 263,
- Kopfkissen 257,
- Krankheiten 265,
- Kriegführung 509. 510,
- Folgen der Kriege 467,
- künstliche Erzeugnisse 263,
- Lagerstätte 256,
- Mahl 512,
- Nahrung 506. 535,
- Reinlichkeit 252. 253,
- Reiselust 254,
- Schmuck 252. 256. 527,
- Schwimmfertigkeit 253,
- Sitte bei Besuchen 534. 535,
- Spaßmacher 503,
- Speisebereitung 257,
- Spiele 508. 509. 515-517,
- Spottlieder 503,
- Sprache 249,
- Stellung unter den Polynesiern 249,
- Tagesarbeit 213,
- Talolo 536,
- Tanz 267. 513-515. 525-531. 537-539,
- Tätowirung 251,
- Tauchkunst 266. 267,
- Vielweiberei 260. 261,
- Volksleben 259,
- Waffen 265;
- Häuptlinge 227. 249,
- Aeußeres 249,
- Festkleidung 504. 505,
- Töchter 254. 255;
- Häuptlingsgräber 241;
- Königsfamilien 463;
- Kreuzung mit Mikronesiern 575;
- Matten 262;
- Missionare, Einfluß 261;
- Plantagenbau, Erträgniß 317. 318;
- Rechtspflege 534;
- Regierung 224. 225. 236;
- Thiere 266. 518. 519. 537;
- Ursprungsland, hypothetisches, der Polynesier 573. 575;
- Wald 519;
- Wirkung der amerikanischen Hetzereien 245. 246.
-
-Sangapolutele, Häuptling 243;
- Rechtsprechung 534.
-
-Santa-Christina, Insel, s. Tahu-ata.
-
-Santa-Maria, Insel 543.
-
-Sarmiento-Cordillere 17. 18;
- -Kanal 17.
-
-Savai’i, Insel 217. 218. 534;
- alte Gebräuche 260;
- Sprache 534.
-
-Savo, Insel 455;
- Eingeborene 456.
-
-Schädelmasken 421.
-
-Scheingefecht, Wirkung auf Eingeborene 354. 372. 448.
-
-Scheinwaffen im Bismarck-Archipel 441.
-
-Schildkröten 55. 56. 59.
-
-Schmuck der Eingeborenen auf Apamama 347;
- im Bismarck-Archipel 412. 428. 429;
- der Maori 477;
- auf den Marquesas-Inseln 95;
- auf den Marshall-Inseln 368;
- auf den Samoa-Inseln 252;
- auf den Tonga-Inseln 497.
-
-Schönheitssinn der Eingeborenen von Omoa 90. 91. 111-113. 117.
-
-Schrimse, s. Krebse.
-
-Schweizercolonie bei Punta Arenas 10.
-
-See, auf, 62. 130. 274. 483. 544. 553. 558.
-
-Seefahrt 4. 10. 31. 82. 84. 137. 274. 326. 379. 393. 483. 544. 553. 558.
-
-Seehund (Seebär, Seelöwe) 29. 30;
- Jagd 30.
-
-Seeräuber in der Torres-Straße 547;
- peruanische 321. 322.
-
-Segeltuchschuhe 48. 174.
-
-Siamani, samoanische Bezeichnung für Deutsche 233.
-
-Sinterterrasse, Rosa 480;
- Weiße 479.
-
-Sir Charles Hardy-Insel 380.
-
-Smyth-Kanal 16.
-
-'Société commerciale de l’Océanie' 188.
-
-Soldatenemeute in Punta Arenas 8.
-
-Somali-Küste 553.
-
-Soma-Soma, Dorf 308.
-
-Sombawa, Insel 549.
-
-Speer, auf den Duke of York-Inseln 416.
-
-Sprachverwandtschaften in der Südsee 573. 574.
-
-Staatswesen in Polynesien 203.
-
-Sta.-Cruz-Inseln 565.
-
-Steinberger, Oberst 225.
-
-Steinschleuder, im Bismarck-Archipel 398. 417.
-
-St.-George-Kanal 380.
-
-Stirling, Insel 454;
- Landschaft 454.
-
-Straßenkehrerinnen auf Tahiti 159.
-
-Streitaxt, im Bismarck-Archipel 396.
-
-Strom, kalter, bei Aden 553-555. 556.
-
-Strömung, starke, in der Lombock-Straße 549.
-
-Stromversetzung, starke 331. 340.
-
-Sturm 37. 199. 483.
-
-Südseeinseln, Werth als Colonien 296;
- Bedeutung für den Handel 315;
- Bevölkerung 54,
- Einfluß des Christenthums 569,
- Verehrung für alte Häuptlingsfamilien 203. 204. 570,
- Stellung der Frau 366,
- Ursprung 572;
- freie Gebiete 565,
- Theilung zwischen Deutschland und England 566.
-
-Südsee, östliche, Klima 57. 58;
- Windverhältnisse 55.
-
-Suezkanal 562.
-
-Sumba, Insel 548.
-
-Sunda-Straße 552.
-
-Süßwasserquellen im Meere 170. 171.
-
-Sydney, Stadt 279;
- Anlage 283;
- Besuch beim Gouverneur 280;
- Botanischer Garten 283;
- deutsche Colonie 286. 287;
- gesellschaftliches Leben 281;
- Hafen, s. Port Jackson;
- Klima 285;
- Thierwelt 286;
- Vegetation 285.
-
-
-Tabu, Gesetz 166. 433;
- Folge der Verletzung 458.
-
-Tahaa, Insel 205.
-
-Tahiti, Insel, erster Anblick 130. 140. 141;
- Bodenerzeugnisse 148,
- Bodengestaltung 147;
- Verbreitung des Christenthums 145;
- als französische Colonie 566;
- Eingeborene, Angelhaken 181,
- Arbeitsscheu 148,
- Aeußeres 151,
- Charakter 152,
- Diener 168,
- weiblicher Hofstaat der Frauen 164,
- Stellung der Frau 152,
- Hausthiere 150,
- Jagd 150,
- Kleidung 152,
- Kletterkunst 171,
- Kochkunst 182,
- Mischlinge 151. 152. 163,
- Nahrungsmittel 151,
- Schnellfüßigkeit 183,
- Sittenlosigkeit 145. 162. 211;
- Entdeckungsgeschichte 142. 143;
- Häfen 147. 148;
- Handel 161;
- ein klimatischer Kurort 168;
- König, s. Pomare V.,
- Königin, s. Königin von Tahiti,
- Einfluß der königlichen Familie 170;
- Landschaft zwischen Groß- und Klein-Tahiti 170;
- Missionare 145. 160. 161;
- Nationalhymne 184. 185;
- unter französischem Protectorat 70. 153,
- Beamte 156,
- Benehmen 158,
- Befestigungen 167,
- Bischof 161,
- Ein- und Ausfuhr 157,
- Gouverneur 157. 158,
- Handhabung der Gesetze 158,
- Handel und Haushalt 156. 157,
- Straßenkehrercorps 159. 160,
- Trunksuchtgesetz 159,
- Zölle 157. 209;
- Vanillepflanzungen 167;
- Wasserthiere 171.
-
-Tahiti-Iti (Klein-Tahiti) 147.
-
-Tahiti-Nui (Groß-Tahiti) 147.
-
-Tahu-ata, Insel 68. 71.
-
-Taiarabu (Klein-Tahiti), Halbinsel 147. 170.
-
-Taimua, Regierungskörperschaft 225.
-
-Talolo, samoanisches 536;
- tonganisches 270.
-
-Taloo, Hafen 192. 193.
-
-Tanz auf Apamama 348. 349. 350-352;
- auf den Duke of York-Inseln 429-431, s. auch Dug-Dug;
- auf Huheine 198;
- auf Jaluit 368-371,
- Folgen des Auftretens der Missionare 372;
- auf den Marquesas-Inseln 113-115;
- auf Samoa 267-269. 525-531. 537-539;
- auf Tonga 496.
-
-Tanzstock im Bismarck-Archipel 420.
-
-Tapa, Rindenstoff 97. 251. 263;
- Bemalung auf Taviuni 309.
-
-Tapituwea, Insel 331;
- Berathungshaus 337. 338;
- Bodengestalt 332;
- Eingeborene 332-336;
- Geld 339;
- Getränke 333;
- Götzenbild 338;
- Hütten 336. 337;
- Waffen 332.
-
-Tarawera, Berg und See 415. 576;
- Eruption 577;
- Maori-Gräberstätte 576.
-
-Taritari, Insel 355. 356;
- Eingeborene 356-358;
- Hütten 356;
- König 358;
- Vielweiberei 357.
-
-Tätowirung in Apamama 347;
- im Bismarck-Archipel 412;
- auf den Marquesas-Inseln 76. 87. 94. 98. 100;
- auf den Marshall-Inseln 363;
- auf Samoa 249. 251;
- auf Tonga 249.
-
-Tausendfuß 453.
-
-Taviuni, Insel 308;
- Häuptling 308. 310,
- sein Haus 308. 309.
-
-Timor, Insel 548.
-
-Tintenfisch in Samoa 266.
-
-Tochter, nördliche und südliche, Vulkane 382;
- s. auch Mutter.
-
-Toë, Häuptlingstochter 267. 269;
- Besuch bei 296.
-
-Toëtele, Häuptlingstochter 510.
-
-Tonga-Inseln 300-304. 486-499;
- Adoption 494;
- Eingeborene 304. 492;
- Frau 494;
- Freundschaftsvertrag mit Deutschland 196. 564;
- Gesang 494;
- Gruß 304;
- Kawa 494;
- König 302. 303. 487;
- Königin 304;
- Laubkränze 499;
- Missionare 494;
- Rechtspflege 489. 495;
- Schmuck 497;
- Tanz 496;
- Tätowirung 249;
- Trauerzeichen 303.
-
-Tongatabu, Insel 300.
-
-Topulu, König auf den Duke of York-Inseln 402. 443. 447;
- Frauen 424. 425.
-
-Torragud, Häuptling 409. 410. 447;
- Besuch bei 425. 426;
- Frau T’s. Schmuck 428. 429.
-
-Torres-Straße 545-548.
-
-Treasury-Island 454.
-
-Trepang, s. 'Holothuria'.
-
-Treppenberg 24.
-
-Tuamasanga, District 253. 463.
-
-Tuamotu, s. Paumotu.
-
-Tui-Kakao, Häuptlingsfrau 310.
-
-Tupua, samoanische Königsfamilie 463.
-
-Tutuila, Insel 217. 218.
-
-
-Uea, Insel 145.
-
-Upolu, Insel 217. 218;
- Bodengestalt 214. 215;
- Eintheilung 253.
-
-Urakukua, District 425.
-
-Urwald, im 50. 425. 472;
- Jagd 51.
-
-Utuan, Insel 393.
-
-Uturoa, Stadt 331.
-
-Uturua, Hafen 205.
-
-
-Vaitele, deutsche Plantage 270;
- Badeplatz bei 271.
-
-Vaitupu, Insel 326. 327;
- Bodengestalt 329;
- Dorf 329;
- Eingeborene 329. 330;
- König 328.
-
-Valparaiso, Stadt, Bauart 42;
- Erdbeben 42;
- Hafen 43;
- Lage 41. 42;
- Pappelpflanzungen 43.
-
-Vanillepflanzung 148. 167;
- künstliche Befruchtung 148.
-
-Vanua Lava, Insel 543.
-
-Vavau, Insel 490.
-
-Verträge, Werth der 315.
-
-Vielmännerei 78.
-
-Vielweiberei 260. 261. 357. 363. 366.
-
-Vierges-Bai 104.
-
-Vineta, Corvette 5. 11.
-
-Vulkane der Galapagos-Inseln 60;
- in Neu-Britannien, s. Mutter und Töchter.
-
-Vulkanische Insel in Neu-Britannien 440.
-
-
-Waffen mit Haifischzähnen 332.
-
-Waihiria-See 165. 178. 179;
- Abend am 182. 184;
- Aufstieg zum See 173-178;
- Ausfluß 179;
- Boden 181;
- Fische 181. 182.
-
-Wairoa, Stadt, Lage 476;
- Vernichtung 577.
-
-Waldbrand 34.
-
-Walfische 13. 275. 276.
-
-Wallis, zweiter Entdecker Tahitis 142.
-
-Wallis, Insel, s. Uea.
-
-Wassertrinken in den Tropen 558. 559.
-
-Wasserwurm, s. Palolo.
-
-Wasservogel in der Magelhaens-Straße 26.
-
-Weber, Consul 216. 396. 400;
- Einführung der Koprabereitung 224;
- Laufbahn 223;
- Wohnung 220. 221.
-
-Wellington Gu, Prinz 302. 303. 490. 491;
- Haushalt 492. 495.
-
-Whakarewarewa, Gebiet mit heißen Quellen 474. 475.
-
-Wide-Kanal 27.
-
-Wilhelmshaven, Ankunft in 562.
-
-
-Zeitungsersatz auf Tahiti 187.
-
-Zick-Zack-Bahn 288.
-
- Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
-
- +--------------------------------------------------------------------+
- | |
- | Berichtigungen |
- | |
- | auf Seite steht im Original geändert in jetzt |
- | |
- | ii "Zaluit" "Jaluit" |
- | vi "übergehe" "übergebe" |
- | xi "Weiße" "weiße" |
- | xx "Weiße" "weiße" |
- | 23 "noch" "nach" |
- | 52 "wagrecht" "wagerecht" |
- | 61 "interessant, zu sehen" |
- | "interessant zu sehen," |
- | 84 "zu der, Cap" "zu der Cap" |
- | 85 "schöne Thäler, und" "schöne Thäler und" |
- | 96 "ein Flasche" "eine Flasche" |
- | 117 "in Zeit" "in der Zeit" |
- | 118 "will," "will." |
- | 168 "mustergiltige" "mustergültige" |
- | 190 "Brillantbroche" "Brillantbrosche" |
- | 229 "Kokoßnußschale" "Kokosnußschale" |
- | 235 "aus den Hafen" "aus dem Hafen" |
- | 272 "pustend" "prustend" |
- | 360 "einen seiner," "einen seiner " |
- | 406 "mußte. aber" "mußte aber" |
- | 460 "gestatten " "gestatten," |
- | 499 "ohne sie" "ohne sich" |
- | 517 "an Land kam " "an Land kam." |
- | 569 "Tonga-tabu" "Tongatabu" |
- | 581 "häufig ändert" "sich häufig ändert" |
- | 583 "Amakábda" "Amakáhda" |
- | 584 "Regierungssitz 218;" |
- | "Regierungssitz 218." |
- | 586 "in den Tropen 395," "in den Tropen 395;" |
- | 586 "Kolonie" "Colonie" |
- | 587 "auf Samoa 228," "auf Samoa 228;" |
- | 588 "Marquesas-Inseln," "Marquesas-Inseln " |
- | 591 "Segeltuchschuhe," "Segeltuchschuhe " |
- | 591 "Straßenkehrerkorps" "Straßenkehrercorps" |
- | 591 "Tanz auf Apamama 348. 349. 350-52;" |
- | "Tanz auf Apamama 348. 349. 350-352;" |
- | 592 "Zick-Zack-Babn" "Zick-Zack-Bahn" |
- | |
- +--------------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ein deutsches Kriegsschiff in der
-Südsee, by Bartholomäus von Werner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN DEUTSCHES KRIEGSSCHIFF ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
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-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
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- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
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-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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